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Full text of "Die Kunst : Monatsheft für freie und angewandte Kunst"

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L7NIVERSITY OF TORONTO LIBRARY 

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CANADA COUNCIL SPECIAL GRANT 



FOR 

HISTORy QF ART 



DIE KUNST 



VIERUNDDREISSIGSTER BAND 



DIE KUNST 

MONATSHEFTE FÜR FREIE 
UND ANGEWANDTE KUNST 



VIERUNDDREISSIGSTER BAND 

ANGEWANDTE KUNST 

DER „DEKORATIVEN KUNST" 
'S» >© « 'S XIX. JAHRGANG 's ^ >q 's 




MÜNCHEN 1916 
F. BRUCKMANN A.-G. 







ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



Druck von F. Bruckmann A. G., M&ncheo 



Inhalts-Verzeichnis 



Textbeiträge Seite 

Bahlsen-Ausstellungshaus 196 

Behrendt, Walter Curt. Kleinsiedlungen 205 
Bischoff, Paul. Reißbrett und Beleuch- 
tungskörper 95 

Braungart, Richard. Bruno Heroux* Zy- 
klus „Vae Solls" 188 

Eisler, Max. Ein städtisches Garlen- 
wulinhaus von Josef Hoflfmann ... 1 

— — Die Giasausstellung in VViei. . 55 

— — Otto Prutscher 168 

— — Die Wiener Modeausslellung . . 229 

— — Robert Oerley 317 

— — Ludwig Heinrich Jungnickel . . 331 

— — Von der Wiener Werkstätte . . . 337 

— — Dagobert Peche . 401 

Epstein, Walter. Neue Landhäuser . . 245 

Förster, Karl. Neue Blumengartenge- 
staltung und Pflegeerleichterung durch 
klimageniäße Dauerpflanzen 280 

Gangl, Joseph. Kriegsmedaillcn . . 273 
Gross, K. Die Dresdener Margareten- 
Spiize 92 

Haenel, E. Ein ländlicher Wohnsitz 
von ()swin Henipel 381 

Heilmeyer, Alexander. Neuere Bauten 
von Professor Eugen Honig und Karl 
Söldner 141 

— — Julius Seidler, ein Münchner Haus- 
plastiker 173 

Heyl, Hedwig. Der Blumenschmuck in 
der Kriegszeit 16 

Konrad, Martin. Die Danzigcr Glasma- 
lereien F. A. Pfuhles 298 

Löffler, Melitta. Textilarbeitcn . . . 312 

Mebes,PauI. DieOberreaUchuIe inZeh- 
iendorf 349 

Michel, W. Gläser von Emanuel Josef 
Margold 157 

Moritz, Carl. Das Künstlerheim des Ar- 
chitekten 293 

Münchner Künstler-Kriegspuppen- 
Spiel 37 

Muthesius, Hermann. Ueber die Zu- 
kunft der deutschen Form 52 

— — Heimatkunst und Einheitsform . 159 

— — Die mechanische Seidenweberei 
Michels&Cie. in Nowawes bei Potsdam 190 

Popp, JoseF. Kriegsdenkmal- Entwürfe 
von Richard Berndl 304 

Runge &,Scotland, Zu den Arbeiten von 41 

— — Zwei neue Räume von 285 

Sattler, Karl. Eine Gartcnanlage in Ba- 
den (Schweiz) 73 

Schäfer, K. Der Bildteppich in der Kunst 
der Gegenwart 63 

— — Bildwirkereien von Wanda Bibro- 
wicz-Sclireiberhau 397 

Storck, Dr. W. F. Kriegergrabmal und 
Kriegerdenkmal 357 

IVestheim, Paul. Qualität und Ge- 
schmack 99 

— — Zu den Goldschmiedearbeiten von 
Josef Wilm d.J 135 

— — Von der Gesinnung in Architektur 
und Kunstgewerbe 181 

Wiener Mode 123 

Wolf, Georg Jakob. Neues Nymphen- 
burger Porzellan 25 

— — Ein Wandteppich von Julius Diez 34 

— — Zeitmedaillen von Ludwig Gics . 90 

— — Die Bauten von Ludwig Ruff. , . 105 

— — Oesterreichische Werkkultur . . . 336 

ZoCf, Otto. Künstler als Kriegswtssen- 

schaftler 254 

Zweybrück, Emmy. Textilarbeitcn von 347 



Abbildungen Seite 

Albiker, K. Entwurf zu einem Krieger- 
denkmal 378 

Anstalt für Frauenhausindustrie, Wien. 
Spitzen 238 

Auliczek, Dominik. Porzellan-Figur . 30 

Bahlsen-Ausstellungshaus , . 196-201 
Bartning, O. Reihengräberanlage im 

Felde 366 

Behrens, Peter, rürgriffe und Beschläge 204 
Berndl, Richard. Gedächtniskrenze 306. 307 

Kriegsdenkmale 304.305.308.309. 311 

Denksteine 309. 310 

Bernhuber, Maria. Stickereien . 235. 236 
Bertsch, Karl. Herrenzimmer .... 132 
Bibrowicz, Wanda. Wandbehang ,,l''al* 

ken" 397 

— — Wandteppich „Weihnachten" . . 398 

— — Wandteppich „Märchen" .... 399 

— — Gewebte Handtaschen, Kissen und 
schwarz-weiße Decke 400 

Bing &. Gröndahl. Weihnachtsteller . 98 

Blonder, Leo. Seidenstoff 128 

Bolek, H. Zierglas 58 

Bonatz, P. Entwurf für ein National- 

Denkmal 377 

Botz. Gartenstadt Karlsruhe 226 

Bräck, W. Kriegcrgrabzeichcu .... 358 
Braeuning, F. Einzelgrab für einen 

Krieger 364 

— — Kriegerdenkmal 375 

Brück, Franziska. Aus der Schule lür 

Blumenschmuck .,.,.... 16 — 24 

Bruckmann, Peter &. Söhne. Dose . , 278 

Schalen 278 

Bustelli, Franz. Porzellan-Figuren . . 31 

Charton , Reg. -Baumeister. Arbeiter- 
wohnhäuser am Kaiser Wilhelm-Kanal 214 

— — Dreifamilienhaus für Unterbcamte 

am Kaiser Wilhelm-Kanal 215 

— — Zweifamilienhaus für Unterbcamte 
der Marschbahnverlegung 214 

Czeschka, C. C. Seidenstoff 128 

Dietsch, Friedr. Glasdose 58 

Diez, Julius. Vivatband 243 

— — Wandteppich für H.Bahlsens Keks- 
fabrik 35. 36 

Weihnachtstellcr . . . . • ... 97 

Ebbinghaus, Karl. Plastiken .... 79 
Engelmann, Richard. Bronzefigur . . 242 

— — (Jrabmal Rhcinbaben 241 

Epstein, Walther. Gartenanlage am 

Waldsee in Zehlendorf 261 

Herrenhaus Rehbrücke . . 253-256 

— — Landhaus Fischbach ■ Schlachten- 
see 246—252 

— — Landhaus Kocherihalcr- 

Dahlem 265-269 

— — Landhaus von KÖnig-Schlachten- 

see 245 

— — Landhaus Meier- Gräfe - Nikolas- 

i>ee 262-264 

Landhaus Waltz-Zehlendorf 257-259 

— — Landhaus Zehlendorf- 
West 260. 270-272 

Esch, H. Anlage von Grabhügeln . .367 

— — Entwurf zu einer Grabplatte . . 366 
- — Grabplatte aus Gußeisen .... 380 

— — Kriegerdenkmale 374 

Fachschulen, Gewerbliche, Augsburg. 

Schmiedeeiserne Kassetten 72 

Feldbauer, Max. Vivatband 243 

Fischer , Theodor. Kleinwohnhaus- 
kolonie der Bauhandwerks Gesellschaft 

Neu-Westend in München 211 

Fliegerbauer, Josef. Vivatband . . 244 

Fochler, L. Seidenstoff 129 

Foltin, W, Grabstein 364 

Förster, Kart. Blumen u. Stauden 280-284 
Frick, Kurt. Gartenstadt Hellerau : 

Bebauungsplan 216 

Grundrisse 216 

Ansicht der Straße 9 217 



Seite 
Frick, Kurt. Gartenstadt Hellerau ; 

Fünffamilien-Reihenhaus .... 219 
Zehnfamilien-Reihenhaus . . . 219 

— — Kolonie Gröba b. Riesa: 

Lageplan 218 

Achtfamilienhaus 218 

Gangl, Josef. Anhänger ..... 275 

Medaillen 273—275 

Gies, Ludwig. Kriegs- und Trauer- 
schmuck 89. 91 

Goldberg, Karl. Ziergläser ..... 61 
Göttel, Jakob. Sommerhäuschen . . . 212 
Grässel, Hans. Grabkreuze ... . 359 

— — Soldatenchrengräber im Münchner 
Waldfriedhof 360. 361 

Graumüller, M. Gedenkstein .... 368 

Kleiner Soldatenfriedhof .... 371 

Gropius, Walter. Tafelgerät 279 

Gsell, H. Kriegerdenkmal 372 

Harrachsche Glasfabrik. KrisUllschale 55 

Hartmann, R. Grabkreuz 358 

Hempel, Oswin. Haus Wolf-Cossmanns- 
dorf: 

Votfahrt 381 

Grundrisse . 382 

Straßenseite 383 

Nebengebäude 383 

Versenkter Garten 384 

Vorgarten 385 

Durchblick auf den Garten . . . 386 
Spalierlaube und Naiurbad . . . 387 

Haustür 388 

Halle 389 

Kamin in der Halle 390 

Herrenzimmer 391 

Ecke im Speisezimmer 392 

Speisezimmer 393 

Bad 394 

Garderoberaum 395 

Pergola 396 

H^roux, Bruno. Aus dem Zyklus »Vae 

Solia- 189 

— — Vivatband .... 244 

Hildebrand, A. von. Grabplatte . . 365 
Kamin 80 

Putto . 81 

— — Tumulus zur Bezeichnung eines 
Massengrabs 368 

Hoffmann, Josef. Blumenschale . . . 340 

Fruchtschale 340 

- Haus Skywa 1 — 15 

— — Kaffeegeschirr 341 

Kronleuchter 343 

— - Leinenstoff 330 

Schale 342 

— - Seidenstoffe 128. 129 

— — Tafelaufsatz 341 

— — Tunkenschüssel 342 

Hölscher, Georg. Friedhof für ein in 

Flandern stehendes Jägerbataillon , . 373 
Honig &. Söldner. Geschäftshaus Dall- 
mayr, München 151. 152 

— ■ — Geschäftshaus >Zum schönen 
Turm«, München 141—148 

— — Landhaus der Frau S. von Pritt- 
witz und Gaffron in Tutzing , 153—156 

Weinhaus Kurtz,Münchenl44. 148— 150 

Hugo, M. von. Heldenhügel bei Epoye 
in der Champagne 357 

Isabelle-Hausindustrie-Verein, Preß- 
burg. Ausstellungsschrank 234 

Gestickte Borte . 237 

Stickerei 237 

Jacobson, Fella. Handbeutel . 239. 240 

Junghanns, J. P. Vivatband 244 

Jungnickel, L.H. Farbiger Holzschnitt: 
Löwe 331 

— — Farbiger Holzschnitt: Flamingus . 332 

— — Farbiger Holzschnitt: Marabus . 333 

— — Radierung: Rehe 334 

— — Radierung: Aus Sarajevo . . . .335 

— — Radierung; Junges Reh 336 

Kahlhammer, G. LeinenstoflT .... SSO 



ABBILDUNGEN 



Seite 
Kärner, Theodor. Po"^"^^^ ''^l"'!^ 32 

Kaulitz, Marion. Marionetten zu -De 

Fischer un syne Fru« • • 4U 

Münchner Kriegspuppen . . 37— Ja 

Klatt, Reg.-Baumeister. Zweifamilien- 
haus für Unterbeamte der Marschbahn- 

verleeung ,;••'■' 07 

Klee, Fritz. Weihnachtsteller . . VI 

Klemm, Walter. Vivatband . . . . .244 
KlossDwski, Erich Wandmalerei . . ^b4 
Köhler, Mela. Kleider und Hüte 235. iih 

Kolb, Alois. Vivatbänder 243 

Kolbe, Georg. iJrunnen ^'W 

Gruppe zu einem Krieger Gedenk- 

btunnen 379 

Plastiken ^ob 

- - Reliefs 254 272 

Krüger, Georg. Geschnitzte Bank . 201 
Kunstgewerbeschule, K.K., Wien. Aus- 

stellungsschrank ^•^^ 

Lochstampter, W. Grabkreuz .... 358 
Lock, Josef. Schalen und Leuchter . 277 

— — Teeservice 276 

Löffler, Melitta. Stickereien . 312-314 
Lönholdt, Julius. Türgriffe und Be- 



schläge 



. 204 



LötzWw,. Job. Glaspokal 59 

Loevy, S. A. Bronzearbeiten 204 

Low, Fritzi. Seidenstoff 128 

Maaß, Harry. Gedächtnismal in der 
Heimat 369 

Marcks, Gerhard. Skizze zu einem Krie- 
gerdenkmal 3'n 

Margold, E. J. Bündnisglas 163 

— — Glasschale 62 

— — Kristall-Bowle mit Gläsern . . . 163 

Obstschale 158 

Pokal 164 

Vasen und Dosen 157. 158- 163. 165 

— — Weinservice 161 

Mata, J. Grabsteine für Reihengräber . 367 
Mebes, Paul. Haus Mildner 228 

— — Oberrealschule in Zehlendorf: 

Vorhalle 350 

Hauptfront an derBurggrafenstr.iUe 351 

Sternwarte 352 

Direktoren-Wohnhaus 353 

Blick in den Hauptkorridor des 

ersten Stockwerkes 354 

Vorraum der Haupttreppe zur Aula 354 

Treppenhaus 355 

Turnhalle 356 

Brunnen 356 

— — Reihenhäuser in Zehlendorf. . . 227 
Meltzer &, Co., Carl. Likörflasche aus 

geschliffenem Glas 62 

Mine, J. Porzellan-F'igur 33 

Meyer, Willy. Kleiner Soldatenfiiedhof 371 
Moritz, Carl. Heim des Künstlers: Stra- 

Uenseite 293 

Gartenseile 294-296 

— — Laubengang 297 

Muthesius, Hermann. Fabrikgebäude 

der Seidenweberei Michels Sc Cie., No- 
wawes 190-195 

— — Kleinhäuser in Duisburg .... 213 

— — Kleinhäuser in Helierau .... 2J3 

Naumann, Margarete. Dresdener Mar 

garelen-Spitzen 92-94 

Niemeyer, Adelbert. Speisezimmer . . 133 

Oerley, Robert. Gartenwohnhaus in 

Wien 326. 327 

Diele 328 

Küche 329 

Kinderspielzimmer 329 

— — Landhaus in Kalksburg 323 

Seitenansicht 322 

Grundrisse 322 

Gartenseite 324 

F.ßzimmer 325 

— — Landhaus in Neubruck : 

Straßenseite 317 

Gartenseite 318 

Grundrisse 318 

Eßzimmer 319 

Wohndiele 320. 321 

Oertcl &. Co., Joh. Farbige Gläser . . 60 

- — Geschliffene Glasdose 57 

Ostendort, Fr. Gartenstadt Karlsruhe. 

Einfamilienhäuser 225. 226 

Geschäftshaus 225 



Seile 
Paul, Bruno Ehrenfriedhof Darethen . 370 

Türgriffe und Beschläge .... 204 

Peche, Dagobert. Wiener Modeausstel- 

Inng : . . „,q 

Vitrinenumgang ■ • f^ 

Damenboudoir 230. 231 

Mittelhalle ^3j 

— — Bonbondosen 401 

Kaffeegeschirr 402 

Tafelgeschirr *0i 

Aufsatz 40^ 

Teedose und Aufsatz 403 

— — Fayencen 404 

Bilderraum in der Ausstellung 

Rom ign *0b 

Salon 406 

— — Damensalon 407 

Sitzecke im Damensalon .... 408 

— — Empfangssalon 409 

Schaukasten-Ecke im Vitrinenum- 
gang der Modeausstellune in Wien 410 

Blick in die Haupthalle der Mode- 
ausstellung in Wien 411 

Stoffmuster 412 

— — Eieratrappe aus Pappe 412 

Pfuhle, F. A. Fenster in der Westpreu- 

IJiächen Feuersozietät, Danzig .... 303 

— - Kirchenfenster : Christi Geburt . 298 

— — Kreuzigung 299 

— — Auferstehung 300 

Himmelfahrt 301.302 

Porzellan-Manufaktur, Berlin. Weih- 
nachtsteiler 98 

Meißen. Weihnachtsleller . . 96. 97 

Powolny, M. Glaspokal 56 

Prutscher, Otto. Damenzimmer . 170.171 

Garten ... 167 

Halle 171 

— — Speisezimmer 168 

Villa R. Bienenfeld, Baden . 166.167 

Villa M. Rothberger, Baden 170-172 

— — Vorraum 170 

— — Zimmerecke 172 

Rasche, Adolf. Geschliffener Glaspokal 57 
Riemerschmid, Richard. Wohnzimmer 134 
Rosenberg, Berti. Dekorative Stickerei 130 
Rosipal, Jos. Geschliffene Gläser ... 60 
Ruff, Ludwig. Einfamilienhausgruppc in 
St. jobst-Nürnberg 117 

— — Fortbildungsschul- und Bibliothek- 
gebäude der Maschinenfabrik Augs- 
Imrg-Nürnberg 120. 121 

— — Gartenvorstadt Werdcrau- Nürn- 
berg : 

Volkhammerplatz 108 

Arbeiterhäuser 109. 112 

Meisierhaus 110 

Hoffmannstraße 111 

Gastwirtschaft 113 

Hofpartie 114 

Beamtenhaus 122 

Einfamilienhäuser 109 112. 122. 208 

210 

— — Kleinwohnungsanlage Gibitzenhof 
der Baugesellschaft für Kleinwohnun- 
gen, Nürnberg , 115 

— — Landhaus Endres, Gmünd am Te- 
gernsee 119 

— — Landhaus Engel, Feucht bei Nürn- 
berg 118 

— — Landhaus Löwengart, Fürth , . . 105 
Villa Hahn, Pilsen-Lochotin 106. 107 

— — Wohnungskolonie Angerhausen 
der Maschinenfabrik Augsburg-Nürn- 
berg. Einfamilienhäuser 210 

Runge &. Scotland. Bibliothek Roselius- 
Berlin 286. 288-292 

— — Doppel wohnhaus Prof. Dr. H, und 
Richter Dr. B 53 

— — Empfangszimmer Roselius-Berlin 

285-287 

— — Haus Friese in Bremen .... 47.48 
Haus Herbst .... ... .49.51 

— — Haus Kißling 50 

Haus Windisch . .49.54 

— — Laden der Kaffee-Handels-Gesell- 
schaft in Wien 41—46 

— — Landhaus in Bremen-Vahr . . 51. 52 

Sattler, Karl. Landsitz Boveri, Baden 
(Schweiz) : 

Gartenhaus 73. 75 

Lageplan 74 

Musik- und Festsaal 80 

Schwimmbad 76. 77 



Seite 
Sattler, Karl. Landsitz Boveri, Baden 
(Schweiz) ; ^ 

Terrassenanlage *8 

Treppenanlage 81 

Weganlage '9 

Schmarje, Walther, Relief 349 

Schmitthcnner, Paul. Gartenstadt Staa- 

ken : 

Straße 220 

Reihenhäuser 221 

Vierfamilienhaus 222. 223 

Grundrisse 224 

Kolonie Forstfeld bei Kassel. Be- 
bauungsplan 224 

Schmohl, Baurat. Kolonie Altenhof der 
F. Krupp A. G 209 

— — Kolonie Gewerkschaft Emscher 
Lippe der K. Krupp A.-G 209 

Schramm, Julius. Kircheoschlüssel . . 202 

OberlichlgiUer 202 

Rosette 203 

Schröder, R. A. Speisezimmer .... 264 

Tafelaufsatz des Bremer Rates . . 279 

Schule für Blumenschmuck Franziska 

Brück 16-24 

Schule Margarete Naumann. Dresdener 

Margareten-Spitzen 92—94 

Schulz, Richard L. F. Beleuchiung«- 

körper 99. 102. 103 

Tischlampen 100 101. 104 

Schulze, D. und K. Gewerkschaft Vik- 
toria 205 

Kolonie L. Mannstaedt, Troisdorf: 

Gesamtansicht 206 

Platzanlage 206 

Seeck, F. Erinnerungsmal auf freier Höhe 370 

— — Grabstein in der Heide 363 

— — Kriegerfriedhof 372 

Scidler, Julius. Brunnen 180 

Krkerplaslik . 148. 177 

— — Fenstergewände 174 

Gedenktafeln 173 

— — Geschnitzter Faßbodeii 184 

— — Hausplastiken 175 - 187 

- Hauszeichen 148. 17G 178 183. 185 

.187 

— — Madonna 179 

St. Christoph 179 

— - St. Georg 175. 181 

Siebrecht, Karl. Ausstellungshaus der 

Keksfabrik Hahlsen auf der Kölner 
Werkbund Ausstellung .... 196-201 
Singer, E. Krieger-Gedenkbrunnen , . 375 
Stockar v. Bernkopf, R. Geschliffene 

Glaser 60 

Strnad, O. GrnCcs Kreuz aus Eichenholz 362 
Stübchen-Kirchner, Else. B.itiken 235 236 

Troost, P. L. Beleuchtungskörper . 83. 85 

— — Schlafzimmer 86. 87 

— — Schränkchen 83 

— — Toilettentisch 88 

Vorraum 82. 84 

Vierthaler, Ludwig. Baukeramik 196 — 198 

Wackerle, Josef. Majolika-Figuren 26 27 
Waldschütz, R. Grabkrciz 357 

— — Kriegerdenkmal 372 

— — Kriegergrabmal 364 

Wenz-Vietor, Else. Tcezimmcr .... 131 
Widmer, Hermann. Adresse für Feld- 
marschall von Hindenburg 315 

— — Adressefür Herrn Joh. A. von Wül- 
ling 316 

Wiener Werkstälte. I^esuchs- und Sira- 

ßenkleider 123-127 

LeinenstolTe 330 

Seidenstoffe 128. 129 

Silberarbeiten 337-342 

Wilm, Josef. Anhänger 135-137 

— — Armbänder 135. 136 

— — Broschen 136 

— - Brotkorb 139 

GürtelschlieOen 137 

— — Kaffeeservice 138 

Platte 139 

Zuckerdosen 138. 140 

Wimmer, E. J. Blumenschalen . 338. 339 

— — Blumenvase 338 

Früchtekorb 339 342 

Vase und Dose 337 

Wislicenus, Max. Wandbehänge 63.65 — 67 

71 

Wandteppiche 64.68-70 

Woenne, Paul. Messer 203 



SONDERBEILAGEN - SACH-REGISTER 



Seite 

Zovetti, A. Leinenstoffe 330 

Zumbusch, Ludwig v. Wcilinachtsteller 98 
Zweybrück, Emmy. Decitclien in Weiß- 
stickerei 345 

Handbeiitel 239. 348 

Kissen 348 

Polster 344 

— — Seidendecke 346 

Spitze 345 

— — Umhang 347 



Sonderbeilagen 

vor Seite 
Aus der Scliute für Blumenschmuck 
Franziska Brück 17 

Epstein, Walther. Landhaus Fischbach- 
Schlachtensee : Ansicht von der Ein- 
fahrt aus 245 

— — Herrenhaus Kchbrücke. Parkan- 
sicht 253 

Förster, Karl. Perennen-Farm in der 
Maiblüte 281 

Göttel, Jakob. Sechs-, Vier- und Fünf- 
hausgruppe in der Gartensiedlung Ober- 
eßlingeu bei Stuttgart 213 

Hempcl, Oswin. HausWolf-CoGmanns- 
dorf : Ansicht vom Garten 381 

Haus Wolf-CoDmannsdorf: Halle . 389 

H^rou.x, Bruno. Aus dem Zyklus «Vae 
Solls. 189 

Hcffmann, Josef. Haus Skywa: Vorder- 
ansicht 1 

llönig &■ Söldner. Geschäftshaus 'Zum 
schönen Turm* in München .... 141 

Mebes, Paul. Die Oberrealschule in 
Zehlendorf: Hauptfront an der Uurg- 
grafenstraße .....' 349 

Oerley, Robert. Landhaus in Neubruck 317 

Prutscher, Otto. Speisezimmer . . . 169 

Ruff, Ludwig. Gartenvorstadt Werderau- 
Nürnberg; VoIkhammcTplatz . . . .109 

— — Gartenvorstadt Werderau- Nürn- 
berg Arbeiter - Kinfamilienhäuser . .113 

— — Landhaus Lüwengart, Fürth . . . 205 
Runge &. Scotland. Ladenraum der 

Kaffee-Handels-Gesellschaft in Wien . 41 

— — Fensterecke im Empfangszimmer 
Roselius-Berlin 285 

— — Empfangszimmer Roselius-Berlin . 293 

Sattler, Karl. Landsitz Boveri, Baden 
(Schweiz) : Gartenhaus 73 

Schulze, D. und K. Gewerkschaft Vik- 
toria, Lünen, Marktplatzgruppe . . . 205 

Seidler, Julius. Madonna vom Anger- 
kloster in München 173 

Troost, P. L. Vcrraum der Ausstellung 
der Vereinigten Werksthtten für Kunst 
im Handwerk auf der Werkbund-Aus- 
stellung in Köln 85 

TVackcrle, Josef. Porzcllangruppe: 

Pierrot und Pierrette 25 

Wiener Werkstätte. Straßenkleider . . 125 
Wislicenus, Ma,\. \yandteppich >Diana< 65 

— — Wandteppich »Venus« 65 



Sach-Register 

Seite 

Adressen 315 316 

Anhänger 89. 91. 135. 136. 137 

Anlage von Grabhügeln 367 

Arbeiter-Ilauser . . . 109—115. 205—227 

Armbänder 135. 136 

Ausstellung ,, Kriegergrabmal und 

Kriegerdenkmal" 357-380 

Ausstellung „Wiener Mode" . . 229—240 



Seite 
Ausstellungshaus ..... 196 — 201 
Ausstellungsräume 405. 410/11 

Bad 14 394 

Badehaus 155 

Bahlsen-Ausstellungshaus . . . 196—201 

Balkone 47. 263. 266. 326 

Bänke . . . . • 44. 201. 283 

Batik-Arbeiten 2.35. 236 

Baukeramik 196—198 

Bebauungspläne 216. 218. 224 

Beleuchtungskörper 83. 85. 99. 102. 103 

168. 343 

Beschläge 204 

Besuchskleider 123. 124. 127 

Beutel 239. 240. 348 

Blumenschalen 338—340 

Blumenschmuck 16 — 24 

Blumen und Stauden 280—284 

Borte 237 

Bowlen 163 

Bronzearbeiten 204 

Bronzeflguren 242. 308. 309 

Broschen 89. 91. 13« 

Brotkorb 139 

Brunnen 49. 152. 180. 192. 248. 254. 261 
270. 356. 372. 375. 378 

Brunnenfiguren 379 

Bündnisglas 163 

Decken ... ... . . 345. 346. 400 

Denkmale 304. 305. 308—311. 372. 374 
375-378 

Denksteine 309. 310. 368. 374 

Dielen und Hallen 8. 9. 171. 232. 251 

252. 264. 268. 269. 320. 321. 328. 389 

Dosen 57. 58. 138. 140. 157. 158 163 

165. 278. 337. 401. 403 

Ehrenfriedhof Darethen 370 

Ehrengräber im Münchner Waldfried- 
hof 360. 361 

Eieratrappe . . .... 412 

Eisen-Arbeiten 72. 2Ü2. 203. 358. 364. 380 

Erinnerungsmale 369. 370 

Erkerplastik 148. 177 



Fabrikgebäude 
Faßboden , . . 
Fayencen . . 
Fenstergewände 
Festsaal 



190-195 
... 184 
. . .404 
. . . 174 

80 



Friedhöfe 371—373 

Fruchtkörbe 339. 342 

Fruchtschalen 158. 340 

Garderoberaum .... ... 395 

Gärten 49. 73-79. 81. 167. 248. 261. 281 

384/386 

Gartcnhallen 271. 272. 324 

Gartenhäuser 51. 73. 75 

Gartenplan 74 

Gartenstadt Hellerau 213. 216. 217. 219 
Gartenstadt Karlsruhe .... 225. 226 
Gartenstadt Staaken bei Spandau 220—224 
Gartenvorstadt Werderau bei Nürn- 
berg 108—114. 122. 208. 210 

Gastwirtschaft 113 

Gedächtnismale in der Heimat 369. 370 

Gedenkbrunnen 375. 379 

Gedenktafeln 173 

Geschäftshäuser 141-152. 225 

Gewerkschaft Viktoria, Lünen .... 205 

Giebel 146. 205. 221 

Gitter 202 

Gläser 55—62. 157—165 

Glasmalereien 298—303 

Grabkreuze 357—361 

Grabmale 241 

Grabmal-Figur 242 

Grabplatten . 365. 366. 380 

Grabsteine 363. 364. 367 

Grundrisse 105. 106. 109. 150. 153. 212 

216. 218. 224. 246. 253. 257. 268. 318 

322. 382 

Gürtelschließen 137 

Hallen siehe unter ,, Dielen" 

Handtaschen 400 

Haus Bienenfeld, Baden .... 166. 167 
Haus Dallmayr, München . . . 151. 152 
Haus Fischbach-Schlachtensee . 246—252 

Haus Friese, Bremen 47. 48 

Haus Hahn, Pilsen 106. 107 

Haus Herbst 49. 51 

Haus in Bremcn-Vahr 51. 52 



Seite 

Haus in Kalksburg 322—325 

Haus in Neubruck 317—321 

Haus in Wien-Hietzing . . . 326—329 

Haus Kissling 50 

Haus Kocherthaler-Dahlem . . 265—269 
Haus von König, Schlachtensee . . . 245 
Haus Löwengart, Fürth . . . 105 

Haus Meier-Gräfe-Nikolassee . 262—264 

Haus Mildner, Zehlendorf 228 

Haus Moritz, Köln .... 293—297 
Haus Prof. Dr. H. und Richter Dr. B. 53 
Haus Prittwitz, Tutzing .... 153—156 

Haus Rehbrücke 253—256 

Haus Rothberger, Baden .... 170—172 

Haus Skywa 1—15 

Haus Waltz, Zehlendorf .... 257—259 

Haus Windisch 49. 54 

Haus Wolf-Cossmannsdorf . 381-396 
Haus Zehlendorf-West . 260. 270-272 
Haus ,,Zum schönen Turm", Mün- 
chen 141—148 

Hausplastik . . 145. 146. 148. 174—187 
Hauszeichen 148. 176. 178. 183. 185. 187 

Höfe 114. 209. 256 

llolzarbeiten 309 

Holzkreuze . . 306. 307. 358-360. 362 
Holzschnitte 331-333 

Kaffeewärmer 314 

Kamine 9. 171. 251. 269. 288. 321. 390 

Kannen . . 138 

Kassetten 72 

Keramik . 196—198 

Kirchenfenster 298— 3li2 

Kissen 344. 348. 400 

Kleider 123—127. 233—23« 

Kleinsiedlungen 108-117. 122. 205-228 
Kolonie Altenhof der F. Krupp A.-G. 209 
Kolonie Angerhausen der Maschinen- 
fabrik Augsburg-Nürnberg .... 210 
Kolonie der Bauhandwerks -Gesell- 
schalt Neu-Westend in München . . 211 
Kolonie Forstfeld bei Kassel .... 224 
Kolonie Gewerkschaft Emscher-Lippe 209 

Kolonie Gröba bei Riesa 218 

Kolonie L. Mannstaedt, Troisdorf . . 206 

Kriegerdenkmäler 357—380 

Kriegergrabmäler 357 — 380 

Kriegsdenkmale . . . 304. 305. 308—811 

Kriegsdenksteine 309 

Kriegsmedaillen 273—275 

Kriegspuppen . 37—39 

Kriegsschmuck . .... 89. 91. 275 

Kronleuchter 343 

Küche 329 

Ladenräume 41 — 46. 147. 152 

Lampen, elektrische . . 85. 100. 101. 104 

Landhäuser und Villen 49—54. 106. 107 

117-119. 153. 154. 166. 167. 212. 245 

246-272. 317. 318. 322-324. 381 

Laubengang 297 

Leuchter . . 277 

Likörflasche 62 

Majolika-Figuren 26. 27 

Margareten-Spitzen 92 — 94 

Marionetten 40 

Medaillen 89. 91. 273-275 

Messer 203 

Miethäuser . . 108-117. 122. 205-227 
Mode 123-127. 233-236 

National-Denkmal 377 

Naturbad 387 

Oberrealschule in Zehlendorf . 349-356 
Öfen 156. 325 

Pergola 396 

Pokale 56. 57. 59. 164 

Polster 344 

Porzellan-Arbeiten . . 25. 28—33. 96—98 

Radierungen 189. 334-336 

Reihengräber 366. 367 

Reliefs 254. 272. 349 

Repräsentationshalle 190 

Rosette 203 

Schalen 55. 62. 139. 158. 277. 278. 279 
338-340. 342 

Schaufenster 41. 198 

SchifFshütte 155 

Schließen ... 137 

Schlüssel 202 



SACH-REGISTER- NAMEN-VERZEICHNIS -ORTS-REGISTER - BOCHERBESPRECHUNGEN 



Schmuck 89. 91. 135-137. 

Schnitzereien 184. 201. 286. 290-292 
307. 309 

Schränlie, Bücher- 

„ Kleider- 

,, Spielzeug- 

,, Wand- 170. 

Zier- .... 42. 83. 285. 

Schreibtische 15- 

Schulgebäude ... 120. 121. 349- 

Schwirambad 76. 

Seidenweberei Michels &. Cie., Nowa 

wes 190- 

Service, Kaffee- . . . 138. 139. 341. 

Tafel- 

,, Tee- 

„ Wein- 

Sessel und Stühle 15. 46. 131. 132. 

286 288 

Silberarbeiten 136-139. 276-279! 

338- 

Soldatenehrengräber im Münchner 

Waldtriedhot 360. 

Soldatenfriedhöfe 371- 

Spitzen ..... . 92-94. 238. 

Städtische Wohnhäuser 1—5. 47. 48. 
105-107. 166. 167. 228. 293—297. 

Steinplastik 148. 173—187. 266. 378. 

Sternwarte 

Stickereien . . 130. 234-237. 239- 
312-314. 344- 

Sto«fc 128. 129. 330. 

Straßen und Plätze 108. 111. 143. 

205. 206. 213. 217. 220. 

Straßenkleider 125. 



Seite 

, 275 

. 306 

. 328 

. 290 

. 134 

.329 

, 230 

292 

292 

-356 

77 

-195 
402 

. 402 
276 

. 161 
251 
321 
337 

-342 

361 
-373 
345 
53 
326 
327 
379 
352 
-240 
..348 
412 
144 
226 
126 



Tafelaufsätze 279. 341. 403 

Teppiche 287. 291 

Terrassen 78. 81. 154 

Tierfiguren 25. 28. 29. 32. 33. 309. 372 

Tische .44. 286. 287. 291 

Toilettentisch 88 

Treppenanlagen 81. 154 

Treppenhäuser 7. 147. 171. 195. 264. 320 
321. 328. 355 

Tumulus . , 368 

Tunkenschüssel 342 

Türen und Tore . 170. 262. 263. 266. 285 

388 

Türgriffe 204 

Turnhalle .356 

Umhang 347 

Vasen . 157. 165. 337. 338 

Veranden siehe unter „Gartenhallen*' 
Villen siehe unter „Landhäuser" 

Vivatbänder . 243. 244 

Vorfahrt 381 

Vorhallen .6. 147. 350 

Vorraum 12. 82. 84. 170. 354 

IVandbrunnen 49 

Wandleuchter 83 

Wandteppiche . 35. 36. 63—71. 397—399 

Weihnachtsteller 96—98 

Weinhaus Kurtz, München 144. 149. 150 
Wintergärten 13. 251 

Zimmer, Bibliothek- . . . 286. 288-292 

„ Damen- 170. 171. 230. 231. 406 

407. 408 

„ Empfangs- . . . 285-287. 409 

„ Herren- 132. 391 

„ Kinder- 329 

„ Musik- 80 

„ Schlaf- . . . . 10. 11. 86. 87 

„ Speise- . . . 133. 168. 172. 264 

319. 325 392. 393 

" Spiel- 13. 329 

" J,".- 131 

„ Wohn- 14. 134 



Namen -Verzeichnis 

Seile 

Albertshoter, Gg 153 

Auliczek, Dominikus 32 

Bäuml, Albert 25 

Berndl, Richard 306 

Bernhard, Karl 190 

Beuster, Fritz 207 

Bibrowicz, Wanda 67. 397 

Bonatz, P 380 

Brück, Franziska 16 

Bustelli, Franz 28 

Carsten, A 301 

Charton, Reg.-Baumeister 227 

Diez, Julius 34 

Ebbinghaus, Karl 76 

Eisler, Max 336 



Fischer, Theodor 
Frick, Kurt . . . 



. . . 223 
214. 227 



Gangl, Josef 273 

Georgii, Theodor 76 

Gies, Ludwig . . 90 

Grässel, H 363 

Hanak, Anton 10 

Heinersdorff, G 302 

Hempel, Oswin ... 381 

Hdroux, Bruno 188 

Hildebrand, Adolf von .... 76 374 
Hildebrand, Jacobine von .... 76 

Hoffmann, Josef 1.331 

Moll, Elias 109 

Honig & Söldner 141. 174 

Janssen, U 374 

Jessen. Peter . 130. 238 

Jungnickel, Ludwig Heinrich . . . 331 

Kärner, Theodor 32 

Kaulitz, Marion 37 

Klatt, Reg.-Baumeister 227 

Klinger, Max ip8 

Kolbe, Georg 253 

Krüger, Georg 200 

Lange, Willy 282 

Leisching, Eduard . . 55 

Löffler, Melitta 312 

Margold, E. J 157 

Mebes, Paul 349 

Mene, J 32 

Migge, L 214 

Möhl &. Schnitzlein 78 

Naumann, Margarete 92 

Oerley, Robert 317 

Orlik, Emil 332 

Peche, Dagobert 240. 401 

Pfuhle, F. A 298 

Prutscher, Otto . igg 

Riezler, Walter 238 

Ruff, Ludwig 109. 223 

Runge &Scotland 41. 285 

Sattler, Karl 73 

Schmitthenner, Paul 214.' 227 

Schmutzer, Ferdinand ...... 332 

Schulz, Richard L. F ... 101 

Seidl, Gabriel von 147 179 

Sfidler, J 151. 179 

Siebrecht, Karl i9tj 

Strnad, Oskar 62 



Thyriot^ . 



349 



Seile 

Vetter, Adolf 62. 229. S36 

Vierthaler, Ludwig 196 

Wackerle, Josef . . . 33 

Wilm, Josef . . 135 

Wisliccnus, Max 67 

Zweybrück, Emmy 547 



Orts-Register 

Baden (Schweiz). l..ind!iiz Boveri 73—81 
Berlin. Schule für Blumenschmuck 

Franziska Brück 16—24 

Bremen. Zu den Arbeiten von Runge 

& Scolland 41— M 

Cossmannsdort. Haus Wolf. . 381— S96 

Danzig. Die Glasmiilereien F. A. Pfuh- 
les 298-303 

Dresden. Dresdener Margareten-Spii/en 

92-94 

Köln. AusslellunfTshaus Bahlsen auf der 
WerkbundAusstelliing .... 196-301 

— Kiinstlerheim des Architekten C Mo- 
riu 293-297 

Mannheim. Ausstellung »Krtegergmbmal 
und Kriegerdenkmal* 357—380 

München. Münchner Künstler -Krieits. 
puppen-Spiel 37—39 

Neubruck a. d. ErJaf. I.aDdhiut 317-321 
Nowawes. Fabrikgebäude der Seiden- 
weberei Michels* Cie 190-195 

Ober-Schreibcrhau. Schlesische WerV- 
slälten für Kunstweberei . . . 397— 40O 

WTien. Glasausslellunc . . . .55-62 

— Haus Skywa 115 

— .Modeausslellung 229—240 

— Wiener Mode 123-127 

— Wiener Werkstätle 337-346 

Zehlendorf. Die Oberrealichule 349-356 



Bücherbesprechungen 

Deutsche Form im Kriegsjahr. Jahr- 
buch des Deutschen Werkbundes 1915 130 

Eisler, Max. Oetterreichisch« Werkkul- 
tur 336 

Muthesius, Hermann. Die Zukunft der 
Deutschen Form 52 

Schmitz, Hermann. Berliner Baumei- 
ster vom Ausgang des aclitzehnten 
Jahrhunderts SS 

Soldatengräber und Kriegsdenkmale 59 



Gedanken über Kunst 

Neumann, Karl 195 

Obrist, Hermann 396 

Oesterreicbische Werkkultur 346 

Rembrandt als Erzieher 46 

Streiter, R 78. 201 

Vischer, F. Th 396 

WTielandt, Manuel 396 

Winckelmann 396 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: ZUFAHRT 



EIN STÄDTISCHES GARTENWOHNHAUS 
VON JOSEF HOFFMANN 



Will man den Zustand, in dem sich die 
Kunst Josef HoFFMANNSgegenwärtig be- 
findet, annähernd bezeichnen, dann müßte man 
ihn den der äußersten Selbstentfaltung nennen. 
Das gilt im mehrfachen Sinne: niemals vor- 
her waren die Aufgaben, die ihr gestellt wurden, 
derart mannigfaltig, niemals für sich so um- 
fassend, niemals die Formen ihres Ausdrucks 
so klar und notwendig. In übereinkommender 
Weise finden sich jetzt die reichlichen An- 
sprüche des Auftraggebers und die gereifte 
Fähigkeit des Künstlers, sie zu befriedigen. 
Hält man sich nur an einiges Wesentliche 
der allerletzten Jahre, dann ergibt sich aus 
der baulichen Tätigkeit Hoffmanns die Reihe: 
eine Festhalle (auf der Werkbundausstellung 
in Köln), eine Fabrik (Günther Wagner in 
Wien), ein großindustrielles Bureau (Poldihütte), 
eine Vorstadtkolonie (Kaasgraben in Grinzing), 
ein Landhaus (in Winkelsdorf) und ein städti- 
sches Gartenwohnhaus (in Hietzing). Jedes 



Bauwerk greift auf ein besonderes Gebiet, 
die Summe aller umfaßt nahezu den ganzen 
Kreis moderner Bauaufgaben. 

Man wird schon aus dieser bloßen Auf- 
zählung allerhand von weiterführendem Belang 
entnehmen können. Sie reicht vom äußersten 
Luxus bis zum nüchternsten Zweckbau, von 
der Laune bis zum Bedürfnis, von der ge- 
legentlichen Ausnahme bis zur wiederkehren- 
den Sozialforderung, verschreibt sich keinem 
bestimmten Stande, keinem ständigen Auf- 
gabenkreis, entspricht fast allen Ansprüchen, 
die aus großstädtischer, also modernster Wurzel 
kommen und erhält in diesem lebendigen Aus- 
tausch mit der Reichhaltigkeit des Auftrags 
die eigene Persönlichkeit im stetigen Fluß, 
in andauernder Erneuerung. 

Diesem Oesterreicher zeigt sich die Art der 
Heimat ausnahmsweise günstig gesinnt. Sie 
bewahrt ihn vor dem Schicksal, dem draußen 
im Reiche viele der Guten und Besten zum 



Dekorative Kunst. XIX. i. Oktober 1915 



1 



Opfer werden. Denn dort bemächtigt sich 
der kühnere, stärkere Unternehmergeist schnell 
des Genies, dessen zweckdienliche Eignung 
er erkannt, bindet es an die eindeutige Rich- 
tung seiner Interessen, veranlaßt es eine Fähig- 
keit bis zur Virtuosität auszubilden und ver- 
schuldet damit nicht selten jene Einseitigkeit, 
die wohl immer vollkommener wird. Voll- 
kommeneres gibt, aber sich selber auch immer 
wiederholt. Dort hat der Grundsatz der In- 
dustrie, das Prinzip der Arbeitsteilung, nament- 
lich in den letzten Jahren auch von dem 
Boden der Kunst fortschreitend Besitz ergriffen 
und hat sich durchgesetzt, weil es über den 
stärksten wirtschaftlichen Rückhalt verfügte. 
Die Folge war die Züchtung eines Spezialisten- 
tums, das seither erschreckend überhand ge- 
nommen hat. Dies aber ist dem Wesen des 
Künstlers geradezu feind: denn es führt zu 
einer Verkümmerung des Vollmenschen, der 
im Bezirke der Kunst seit je Heimrecht be- 
sessen. Und doch ist seine Erhaltung heute 
wichtiger geworden als irgendwann. Denn 
schon ist auf allen Gebieten menschlicher 
Tätigkeit, von der Wissenschaft bis zur Ma- 
schine, der Spezialist ins Vorrecht gesetzt, die 
Gefahr der Einseitigkeit im Denken und 
Handeln ganz allgemein geworden. Die Kultur 
mag dabei in ihren Ergebnissen Gewinn ge- 
nug erzielen, aber ihre Träger werden minder- 
wertig, mindervoll und minderfroh, — das 
Werk überwindet und erniedrigt den Menschen, 
der es vollbringt. Die Kunst kann da nicht 
mittun, will sie sich nicht verlieren; denn hier 
ist Werk und Mensch eines nur, hier steigt 
der Wert des Ergebnisses mit der Freiheit 
und Freudigkeit seines Vollbringers. 

In Oesterreich liegen die Dinge zurzeit 
noch anders. Unsere Wirtschaft ist anders 
und nicht zuletzt deshalb ist es auch die 
Kunst. Unsere Wirtschaft ist weniger groß- 
artig, weniger geschlossen in ihren Gattungen, 
weniger robust und eigenmächtig in ihren An- 
sprüchen an die Kunst. Allerdings auch weniger 
willig zum Anschluß an sie. Das kommt un- 
serer Kunst nicht gerade gelegen, aber mit dem 
übrigen zwingt es sie, alle nur erdenklichen 
eigenen Wege zu gehen, — sich selbst über- 
lassen — selbständig und selbsttätig zu bleiben, 
alle Fähigkeiten zu entwickeln, um nur bestehen 
zu können, und in voller Bewegung, in allseitiger 
Fühlung mit dem Lebensganzen zu verharren. 
Haben wir nicht auch deshalb so viele neue 
Künstlergedanken, so viel ursprüngliche, quel- 
lende Erfindung, so wechselreiche Formen, — 
so wenig Uebereinkommendes, der Verallge- 
meinerung Fähiges? So viele und vielseitige 
Persönlichkeiten und so wenig vom Typischen? 



Man vergegenwärtige sich nochmals jene 
letztjährige Werkreihe Josef Hoffmanns. Der 
Künstler kann — oder muß — sich von einem 
Problem dem andern zuwenden, ohne von 
einem spekulativen oder großzügigen Unter- 
nehmer zur Verflachung und Abwandlung 
eines Themas verhalten zu werden. Nach 
einer Fabrik baut er ein Landhaus. Das liegt 
natürlich auch an der Lauheit der nächst- 
stehenden Auftraggeber. Anders als im Reiche, 
wo die Standes- und Interessengemeinschaften 
nach Geist und Bewußtsein enger vergesell- 
schaftet sind, geschlossener organisiert und 
deshalb auch einhelliger in ihrem jeweiligen 
Kunstbedürfnis, lebt man bei uns mehr in 
sich und durcheinander, der Fabrikherr mit 
dem Großgrundbesitzer, dem höheren Beamten 
und dem Künstler. Aus solchen durcheinander- 
gemischten Kreisen kommt dann zuweilen der 
Wunsch nach Kunst, nicht selten nach der 
Kunst desselben Künstlers, der allen der rechte 
scheint. Draußen ist schon das Bedürfnis 
nach Kunst organisiert, bei uns ist es Ge- 
legenheitssache. Und dies Gelegentliche des 
Anlasses bleibt auch das Merkmal des Werk- 
ergebnisses. 

Von der Festhalle Josef Hoflfmanns in Köln, 
von den Gruppenhäusem im Kaasgraben kann 
man Maximen ablesen, grundlegende Erkennt- 
nisse, wie Fragen solcher Art erledigt werden 
können: also das Gesetzliche, die notwendige 
Folge von Voraussetzung und Lösung. Aber 
die Lösungen selber eignen sich nicht zur 
VervielUltigung. Sie verweigern sich schlecht- 
hin jeder Typisierung. Ueber dem allgemein 
Gültigen und Lehrhaften daran behauptet sich 
noch so viel des Originalen und Eigenwilligen, 
daß hier jede Nachahmung, jede Wieder- 
holung widersinnig, wesensverleugnend er- 
schiene. Selbst wenn ein organisiertes Be- 
dürfnis die Vervielfachung dieser Formen zu 
geläufiger Verwendbarkeit verlangte, sie müßten 
erst ihr Bestes und Eigenstes aufgeben, ehe 
sie dazu brauchbar würden. Es ist die be- 
sondere Art österreichischer Werkkunst, die 
sich durch ihren Meister am klarsten aus- 
spricht: hier steht das Persönliche noch vor 
dem Allgemeinen, der Künstler über dem 
Werk, nicht das Werk über ihm. 



Das Hietzinger Viertel, in dem das Haus 
Skywa steht, läßt noch heute deutlich genug 
die Spuren aller Stadien erkennen, die es von 
der ländlichen Siedlung zum städtischen Vor- 
ort und endlich zum 13. Großstadtbezirk 
durchschritten hat. Es ist noch genug Willkür 
und Lässigkeit in seinen Straßenzügen, noch 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: VORDERANSICHT 
1* 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: SEITENANSICHT 




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JOSEF HOFFMANN-TIEN 



HAUS SKYWA: EINGANGSHALLE 



durchbrechen weite Pflanzengründe die Häuser- 
zeilen, die sich hier zuletzt doch wieder mehr 
geschlossen haben als in den „Villenvierteln" 
der Stadt. Die Aufnahme des Gliedes in den 
Körper ist hier teilweise weiter vorgeschritten, 
aber zwei Merkmale geben ihm noch heute 
Besonderheit: die Gärten und die Wohnbe- 
stimmung. 

Das bauliche Einzelbild widerstreitet vielfach 
diesem Stufengang des Siedlungslebens. Vor 
den achtziger Jahren bewahrt es noch die 
Eintracht seiner Erscheinung mit ihrer Be- 
stimmung, vereint ländliche Freizügigkeit mit 
maßvoller städtischer Stattlichkeit, ist noch 
Kultur im Sinne des Lebensausdrucks. Dann 
reißt der Faden. Eine Strecke weit stehen 
schmale, hohe Häuser mit den üblen, üblichen 
Fassadenfanfaren, einander überschreiend, über- 
trumpfend, in geschlossener 
Reihe, — • die Zwitter aus 
der rücksichtslosen Verbin- 
dung von Grund- und Bau- 
spekulation. Mitten drin öff- 
net sich die Kette, läßt statt- 
lichen Parkgrund frei und 
zeigt darin ein weitläufiges 
Gebäude, das alle Allüren 
eines Herrensitzes trägt, 
ohne einem „Herrn" zu ge- 
hören und doch von seinem 
Baumeister daraufhin insze- 
niert. 

Dann lenkt man in einen 
stillen Seitenweg, den Aus- 
lauf der Gloriettegasse. Drü- 
ben stehen freundliche Häu- 
ser, ohne viel Prätention, 
ihnen gegenüber das Haus 
Skywa. 

Hinter dem Gitter liegt 
der Garten. Nur seinen 
hausnahen Teil hat Hoff- 
mann selber gestaltet, der 
zur Linken anschließende 
kam erst später hinzu und 
verschuldete eine Verschie- 
bung der Situation, für die 
der Künstler nicht verant- 
wortlich ist. Vor dem Hause 
läuft ein schmaler Rasen, 
zu beiden Seiten der Ein- 
fahrt stehen Bäume, rechts, 
hinter der Garage, reicht 
eine Zunge mit Beetpflan- 
zungen zum alten Wohn- 
haus. Aber erst linkerhand 
und hinter dem Hauptbau 
lebt sich der Garten freier josef hoffmann-wien 



aus, decken Rasen-, Nutz- und Blumenbeete 
weitere Flächen, liegt zwischen Glashaus und 
Laube das Halbrund des Bassins, zu dem 
man beiderseits über Treppen niedersteigt. In 
die strenge Felderteilung, die klaren Niveau- 
unterschiede, die den Raumsinn beleben, bringt 
überall der stehengebliebene Rest alter, breit- 
kroniger Bäume etwas von der Bewegung ur- 
sprünglicher Ungebundenheit. 

Die hausnächsten dieser Bäume haben auch 
den Umriß des Hauses mitbestimmt, der auf 
ihre Erhaltung Rücksicht nahm und ihnen zu- 
liebe gelegentlich zurückwich oder vorsprang. 
In ihrem tiefgrünen Schutze, im helleren 
Rahmen der Grasbeete bietet sich hinter dem 
schwarzeisernen Gitter die Schauseite des 
Hauses in den warmen Farben seiner Baustoffe, 
dem gelblichen Terranovaputz, dem Altrot der 







HAUS SKYWA: TREPPE 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYTA: HALLE MIT TREPPE 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 

Dekorative Kunst. XIX. t. Oktober 1915 



HAUS SKYWA: HALLE MIT KAMIN 




JOSEF HOFFMANK-WIEN 



HAUS SKYTA: DAMENSCHLAFZIMMER 



Ziegel und dem Kupfer der Dachfenster und 
des Firstes. 

Die beiden Seitenflügel unter Dreieckgiebeln 
treten nur wenig vor den breiten Mittelteil. 
Dort gliedern wenig erhabene Rillenpfeiler 
von wechselnder Breite die Mauerfläche, die 
sich in schmäleren, hohen Fenstern öffnet, 
hier kräftiger vorspringende, gekurvte Halb- 



säulen zwischen den breiteren Fensteröffnun- 
gen. Die spärlich verteilten Ornamente in den 
vermauerten Flächen , der reichere Fries- 
schmuck, die stehenden Figuren an den Halb- 
säulen, die lagernden in den Giebeln (alle 
von Anton Hanak), — das alles läßt dem Bau- 
körper sein herrschendes Recht, schlägt aber 
doch wieder zu der sprossenden Umgebung 



10 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: HERRENSCHLAFZIMMER 



die Brücken leichter Bewegung, bringt beides 
in wohllautenden Einklang, bringt Anmut und 
Strenge zum Ausgleich, Natur und Bauwerk 
auf die Basis der Kunst. Hier ist alles zum 
einmütigen Rhythmus geworden, und dieser 
Rhythmus ist nicht Laune und Spiel, nicht 
Zufälliges, sondern Notwendigkeit. Er wurde 
gewonnen auf den Wegen der Werkform durch 



einen Künstler, der die Fülle der Gegeben- 
heiten auf die Einhelligkeit ihres vereinbarten 
Wesens brachte. 

Dem Aeußern entspricht das Innere, ist 
wie jenes heiter und festlich. Zunächst wirkt 
die klare Anordnung der Räume, offen unter- 
einander, wo eine verwandte Bestimmung vor- 
liegt, streng gesondert, wo die Zwecke aus- 



11 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYVA: VORRAUM 



einanderlaufen. Die Mehrzahl der Einzelräume 
im selben Geschoß kann sich bei gastlicher 
Gelegenheit zum Ganzen verbinden und da- 
mit dem äußersten Zwecke dieser vornehmen 
Häuslichkeit gerecht werden. 

Sonst aber ist gerade auf die Individualisierung, 
auf die Herausarbeitung von räumlichen Beson- 
derheiten volles Gewicht gelegt. Nicht nur daß 
jeder Raum nach seinem besonderen Zwecke 
in sinnfällige Erscheinung tritt, sich durch Ab- 



messungen und Verhältnisse von seinem Nach- 
bar abhebt, in der Art und Farbe des verwende- 
ten Materials einen ihm eigenen Grundton an- 
nimmt, — sondern auch jedes Ding, das den 
Raum füllt, ist für sich behandelt, echt im Stoffe, 
erlesen in der Form. Neben dem Architekten, 
der das Wort führt und die Einheit des Ge- 
samtraumes verbürgt, behauptet sich der Kunst- 
handwerker, dessen Neigung der edlen Einzel- 
arbeit gehört, in seinem beigeordneten Rechte. 



12 




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JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: BAD 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: WOHNZIMMER 



14 



Das alles lassen die Bilder, wenn auch nur 
ungefähr, erkennen, werden es noch deutlicher 
machen, wenn man sie gegen die des Land- 
hauses Primavesi*) hält, das, fast zu gleicher 
Zeit entstanden, an einem andern Orte, für 
andere Zwecke, andere Menschen gebaut ist. 

Beide tragen vor allem darin das Merkmal 
der Reife ihres Urhebers: daß sie aus den 
Bedingungen ihrer Umgebung, der natürlichen 
und verbauten, gerade das heraushoben, was 



*) Siehe unseren Aufsatz im Maiheft 1915. 



wesentlich war, und dies Wesentliche mit dem 
Persönlichen des Künstlers zur überzeugen- 
den Form verbanden. Nicht als lärmende 
Proklamationen, sondern als stille, werbende 
Proteste stehen dieses Landhaus und die 
Gartenwohnung auf Siedlungsböden, in denen 
das zeit- und heimatlose Unwesen des üblichen 
„Villenbaues" bisher Vorrecht hatte und öffnen 
dort dem Rechten und Schönen wieder nicht 
den einen Weg, der allein gilt, aber der Wege 
viele, die sich erfüllen werden, wenn Künstler 
sie beschreiten. max eisler 




JOSEF HOFFMANN-WIEN 



HAUS SKYWA: DAMENSCHREIB- 
TISCH IM WOHNZIMMER D 



15 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK FRANZISKA BRÜCK, BERLIN 
HORTENSIEN UMRAHMUNG 



DER BLUMENSCHMUCK IN DER KRIEGSZEIT 



Mit einiger Besorgnis könnten die Blumen- 
freunde der Winferzeit entgegensehen, 
die es gewohnt sind, Räume und Tische mit 
bunter Blumenaugenweide zu schmücken, da 
die Flora Italiens sich uns meistens versagen 
wird. Wie für viele Dinge Ersatz gefunden 
wurde, so hat das stilsichere Auge der Blumen- 
künstlerin Franziska Brück sorglich Ersatz 
erdacht und gefunden. Viel zu feinfühlig, um 
eine Belebung der sogenannten Makartdeko- 
ration anzustreben, hat sie sich an die Ent- 
deckung von einheimischen Pflanzen gemacht, 
welche sich durch sachgemäße Behandlung 
auch für den Winterschmuck verwenden lassen. 
Dieses anscheinend leblose Material bedarf 



mannigfacher Ordnung und Vorbereitung, er- 
fordert technisches und erlernbares Können; 
deshalb wird eine Beschäftigung für gebildete 
Frauen daraus gestaltet werden, die eines Neben- 
erwerbes bedürfen. Das Kunstwerk selbst zu 
schaffen, wird dem nicht so leicht zu findenden 
Talent vorbehalten bleiben. Aber auch Wissen 
gehört zur Ausgestaltung dieser Kunst, das 
Studium der Pflanzen in ihrer botanischen Be- 
schaffenheit, die Kenntnis ihrer Entwicklung, 
die die verschiedenen Abschnitte derselben be- 
züglich Haltbarkeit, Farbe und Form zu nutzen 
weiß. Nur so erwachsen die künstlerischen 
Gebilde in natürlicher Anmut und Selbstver- 
ständlichkeit, die sowohl dem Aestheten wie 



16 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK FR. BRÜCK, BERLIN D FLACHER RECHTECKIGER KORB, BUNTE GARTENBLUMEN 



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SCHULE fOR 
BLUMEN- 
SCHMUCK 
FRANZISKA 
BRÜCK, 
BERLIN 




GMUNDENER 

KRUG MIT 

RITTERSPORN 

UND 

GRASERN; 

BUNTERANKE 



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SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK F. BRÜCK, BERLIN B HERBSTBLUMEN: GEORGINEN, HELENIUM, WILDER WEIN 



SCHULE FÖR 

BLUMENSCHMUCK 

FRANZISKABRUCK, 

BERLIN 




TRAUERKRANZ, 
LAUB U.KIEFER 



Dekorative Kunst. XIX. i. Oktober 1915 



17 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK FRANZISKA BRÜCK, BERLIN OWEIHNACHTSSTRAUSZ 



den gärtnerisch Gebildeten Befriedigung ge- 
währen. Daß die schmückenden Blumen zu dem 
Raum, Platz, der Kleidung oder dem Gegen- 
stand, für den sie bestimmt sind, in naher er- 
gänzender Beziehung stehen, beweist die feine 
Kunst, die wir in einigen Beispielen im Bild 
zeigen. 

Der herbstliche Garten, der vorwiegend 
frische Farben und größere Blumen in voll- 
kommener Ausbildung bietet, liefert den bun- 
ten Strauß. In einer unkundigen Hand wäre 
es wohl kaum möglich, über fünfzig Blumen 
in der einfach geformten gelben Läugervase 
unterzubringen, die die bunten Töne so glück- 
lich zusammenfaßt. Ueberall ist das Laubwerk 
bis auf wenige Blätter entfernt, die Stiele stehen 
in verschiedener Höhe so im Wasser, daß ihre 



weichen Saugeröhren genügend Wasser auf- 
ziehen können. Deshalb halten sich z. B. die 
Hortensienblüten frisch. Die abschattierten Rit- 
tersporne im grünen Bauerntopf verschränken 
ihre Verzweigungen zu farbenprächtiger Wir- 
kung, ohne den graziösen Bau in der Ausladung 
des Straußes einzubüßen. Leicht klingt in der 
grünen Hafertönung die Farbe der Basis wieder. 
An diesem Feststrauß liegt ein Geburtstags- 
gewinde, das als biegsame Girlande den Platz 
des Festträgers schmücken soll und im bunten 
Blumengewirr doch wieder die Dominanten an 
dem Ende bringt, das Blau in Blumen, das 
Grün in der Bandschleife. Die rote Schattierung 
der Tischunterlage wird fein in der Blumen- 
wahl für den Kranz verwertet. 

Die verklingenden Herbstfreuden könnten 



18 



trübe stimmen, aber wenn man in die Werk- 
statt der Blumenkünstlerin schaut, so sieht man 
Farben- und Formenpracht für den Winter auf- 
gespeichert und Modelle, die, wie die Abbildun- 
gen zeigen, andere aber nicht weniger schöne 
Lösungen ergeben. 

Ein Stück Gewinde ist vom duftigen Reiz 
des doppelten Schleierkrautes umwoben. Seine 
Blüten sind ausdrucksvoller und weißer wie 
die anderer Gipskräuter oder Gypsophila, die 
man ja in vielen Arten meist als ausdauernde 
Pflanzen kennt, wie kriechendes Mauer-Gips- 
kraut, Rispen oder als rosa oder fleischfarbenes 
zierliches Kraut. Die großen Blumen, die rosen- 
roten Acroclinium und deren weiße Abarten, 
deren Hüllschuppen in seidenglänzenden, trok- 
kenhautigen, dünngelben oder grauen Scheiben- 
blüten eingefügt sind, und die diese Farben 
ergänzenden Helichrysum macranthum, die mit 
ihren amarantroten bis ins tiefste Weinrot ge- 
tauchten Farben und ihren stumpferen, ge- 
schlosseneren Blütenköpfen den Grundstrich 
in dieser Dichtung ergeben. 

In dem Blumenkorb modelliert nach altem 
Modell von Prinzessin August Wilhelm, bietet 



sich ein Konzert haltbarer Blumen in fröh- 
lichster Mischung. Gerade der durchbrochene 
Korb der Biedermeierzeit kann gar nicht schöner 
verwendet werden, da es keines Einsatzes be- 
darf, um die in Moos gesteckten haltbaren 
Blüten zu fassen. Die Helichrysum sind darin 
um weiße, gelbe und rostbraune zu den im Ge- 
winde verwendeten hellen Schattierungen ver- 
mehrt. Die leuchtend gelben Humboldt-Stroh- 
blumenwerden durch orangegelbe Sonnenaugen- 
Heliopsis, durch kleine Zweige der verschie- 
denen Staticenarten, wie superba, speciosa, 
elata und eximia in weißen und blauen Schat- 
tierungen unterbrochen. Zuweilen schieben sich 
die Stachis germanica-Blätter mit ihrem Samt- 
grau in die Blumenfülle, in der einmal ein Tuff 
grüner Hortensienblüten oder eine größere Sil- 
berdistel einen Ruhepunkt geben. Zartere Arten 
von Gypsophila sind auch hier angewandt und 
leiten zu dem in früheren Zeiten so häufig auf 
Tischen verwendeten gestrickten Weiß der 
Decke über. 

Für den Schmuck des Speisezimmers gibt 
die tiefblaue Schale ein Beispiel. Auf weichem 
Moos, das sich in Schlangenmoos durch Ranken 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK FRANZISKA BRÜCK, BERLIN 

19 



HUrSCHMUCK AUS NATÜRLICHEN BLUMEN 

3» 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK FR. BRÜCK, BERLIN q LICHTERKRONE 



ausladet, liegen die bizarren Arten einiger Lagen- 
arien, die zu den haltbaren Früchten gehören. 
Ein Bündel schön geformter Mohnköpfe lagert 
sich an die Fruchttraube einer Palme, die mit 
ihrem bläulichen Schein in die Farbe der Schale 
übergeht; darüber spinnt sich das Gezweig der 
mit roten Hagebutten besetzten Hagrose und 
nimmt der Schale die Steifheit, kleine Beeren- 
ranken schmiegen sich zu demselben Zweck 
gleichfalls ein . . . das ganze ein Stilleben von 
bleibendem Reiz. 

Oft begegnet man in den botanischen Gärten 
Früchten oder in den Parks graziösen Schoten 
eigener Form, wie z. B. den Gliditschen. Die 
wuchtige Bronze vase in einer Bibliothek stehend, 
zeigt ihre Verwendung. Die bronzefarbigen Sa- 
mengebilde sind mit Aehren dunkler Moor- 
hirse und einigen Agapantusblättern zu einer 



wundervollen Wirkung in ihrem plastischen Ge- 
fäß gebracht. 

Künftige Zeiten werden bei der Heimkehr 
unserer Krieger manche Gelegenheit zum 
Schmuck im Raum geben. Der Jagdfreund 
findet sein Hauptgeweih mit farbigem, nie ge- 
sehenen Kranz umgeben. In wuchtigen Sträußen 
reiht sich die Fülle haltbarer Blumen, zuweilen 
unterbrochen durch Tuffs von Mohnköpfen, die 
in ihrer Abschattierung und Art eine Farben- 
verbindung mit den Farben des Geweihes her- 
stellen, damit alles ein Ganzes bildet. 

Das Bild einer Mutter oder Frau ist mit dicht 
aneinander gedrängten, ganz reifen und dann 
haltbaren Hortensienblüten im Halbkranz um- 
rahmt. Die grünen, bläulichen, mattrosa Töne 
derselben sind so diskret, daß die frischfar- 
benen, zur Tapete gutstehenden Bänder, welche 



20 




SCHULE FÜR BLUMENSCHMUCK 
FRANZISKA BRÜCK, BERLIN 



KORB MODELLIERT VON PRINZESSIN AUGUST WILHELM VON 
PREUSZEN. FÜLLUNG: VIELFARBIGE BLUMEN UND DISTELN 




SCHULE FOR BLUMENSCHMUCK FRANZISKA BRÜCK, BERLIN 

21 



STILLEBEN: NATURFROCHTE 




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SCHULE FÜR BLUMENKUNST FR. BRÜCK, BERLIN El RANKE AUS SCHLEIERKRAUT MIT BUNTEN STROHBLUMEN 




SCHULE FÜR BLUA\ENSCHMUCK 
FRANZISKA BRÜCK, BERLIN 



GEWEIH UMKRANZUNG AUS HALTBAREN 
FRÜCHTEN UND BLÜTEN 

23 



die Befestigung des Kranzes organisch bedingt, 
eine pikante Lösung zu den Farben geben. 
Ein anderes Bild zeigt den Hutschmuck aus 
natürlichen Blumen. Die zierlichsten Blumen 
sind dafür vorbehalten, jene, die im großen 
Ornament verloren gehen würden und nun 
sorglich ausgesondert wurden zur Weihe eines 
sehr persönlichen Gegenstandes. Die Xeran- 
themum, Santolina, Gnafalien und das Helenium, 
wie die Ammöbien, die Schafgarbe, sie mischen 
sich mit den süßen Agrostis nebulosa und der 
zierlichen Schmirle und sind in unzähligen 
Farbenwirkungen dem Hut in Kranz und Tuff- 



schmuck anzupassen. Blumen, die noch nie der 
Ehre teilhaftig wurden, Frauen zu schmücken, 
erfahren — durch ihre Eigenschaft getrocknet 
Form und Farbe zu behalten — jetzt eine Ver- 
wendung an bevorzugter Stelle. 

Der Krieg und ein verständnisvolles Frauen- 
auge haben sie in ihren Eigenschaften entdeckt 
und mit kunstverständiger Hand dazu erhöht. 

Die Pflege trockener Blumen besteht darin, 
sie alle vier Wochen mit einem Sprenger zu 
befeuchten, besonders an den Stielen, wodurch 
das Abbrechen im warmen Raum verhütet wird. 

Hedwig Heyl 




SCHULE fOR BLUMENSCHMUCK FR. BRÜCK, BERLIN 
ZUR WEIHNACHTSZEIT 



24 




JOSEF WACKERLE 



Kgl. Porzellanmanuraktur Nymphenburg 



PIERROT UND PIERRETTE 




THEODOR KÄRNER 



REH UNO AFFE 



Kgl. Porzellan-ManuFaklur Nymphenburg 



NEUES NYMPHENBURGER PORZELLAN 



Die Königlich Bayerische Porzellan- Manu- 
faktur in Nymphenburg betont in man- 
cherlei Hinsicht gern ihre Tradition. Die Haupt- 
meister Alt-Nymphenburgs, der Italiener Franz 
Bustelli, der Böhme Dominik Auliczek und 
der Deutsche Johann Peter Melchior, leben in 
der künstlerischen Produktion weiter: in man- 
cher Nymphenburger Schöpfung unserer Tage 
verspürt man ihres Geistes einen Hauch, aber 
man kann das Weiterleben auch in wörtlicherem 
Sinne nehmen — ihre Meisterwerke werden 
in vorzüglichen „Neuauflagen" heute noch „aus- 
gebacken" und strahlen wie vor hundertfünfzig 
Jahren in ewiger Jugend. Dem Betrieb der 
Manufaktur, der immer noch im ländlichen 
Grün hinter den Rokoko-Kavalierhäusern im 
nördlichen Schloßrondell seine Stätte hat wie 
im Jahre 1758, da ihm hier Kurfürst Max III. 
Joseph eine Behausung schuf, ist ein patriar- 
chalischer Zug eigen, der in alles Wirken und 
Schaffen eine künstlerisch förderliche Altväter- 
stimmung trägt. Dabei wird einem doch bewußt, 
daß jede der zahlreichen chemischen und tech- 
nischen Erkenntnisse, die bei der modernen 
Porzellanfabrikation das geheimnisvolle Arka- 
num der Alten abgelöst haben, hier praktisch 
verwertet wird und daß die starke, echte Por- 



zellanwirkung Neu-Nymphenburger Arbeiten 
in gleicher Weise das Werk des Künstlers wie 
des Technikers ist . . . 

Als um die Mitte des neunzehnten Jahrhun- 
derts die Manufaktur zurückging und nament- 
lich nach ihrem Verkauf an einen Privatmann 
(1862) die künstlerischen Interessen Neben- 
sache wurden, erfolgte leider auch eine unent- 
schuldbare Verschleuderung der alten Original- 
modelle und -formen; als daher nach Ueber- 
nahme der Manufaktur durch Albert BXuml 
im Jahre 1888 an die „Neuauflage" der alten 
Porzellangruppen herangetreten wurde, konnte 
nur in wenigen Fällen auf die Originalformen 
zurückgegriffen werden. Andererseits schließt 
sich natürlich ein bloßes Abgießen oder Ab- 
formen der alten Porzellanplastik aus, da be- 
kanntlich der Härtungsprozeß im Ofen ein 
Schwinden der Porzellanmasse um ein Siebtel 
bewirkt und solche Verkleinerungen stets eine 
Minderung der Qualität mit sich bringen. Des- 
halb mußten Kopien der alten Plastik unter 
Berücksichtigung dieses Einschrumpfungsver- 
hälfnisses angefertigt werden, von ihnen wurde 
sodann die negative Form gewonnen und all- 
gemach wird solchermaßen Alt-Nymphenburg 
wieder geboren. 



DekorltiTC Kunst. XIX. 



Oktober 1915 



25 




JOSEF WACKERLE 



ZWERG MIT TROMMEL (MAJOLIKA) 
Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg 



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JOSEF WACKERLE 



ZWERG MIT FLÖTE (MA|OLIKA) 

Kgl. Porzellin-Manufiktur Nymphenburg 



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THEODOR KARNER 



WIESEL 



Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg 



Neuerdings sind mehrere Figuren der „Chi- 
nesen-Familie" des Franz Bustelli wieder 
in die Erscheinung getreten. Die Originale 
stammen aus der Frühzeit Nymphenburgs, sie 
dürften um 1760 entstanden sein. Chinesen 
im ethnographisch korrekten Sinn geben die 
Figürchen freilich nicht. Man hat den Eindruck 
einer lustigen Rokoko-Maskerade: das Rokoko 
gefiel sich ja in diesen grotesken Chinoiserien, 
die man natürlich ganz nach modischem Ge- 
schmack aufputzte. So glaubt man, daß jede 



dieser Pseudo-Chinesinnen den Reifrock unter 
dem farbenprächtigen Gewand des fernen Ostens 
trägt und wenn so ein Chinesenpriester oder 
Chinesensänger seinen Habit abstreifte, müßte 
er ganz gewiß in Eskarpins dastehen. Die leb- 
haften und doch geschlossen-runden Bewegun- 
gen der Figürchen, die ihren Zusammenhang 
betonen und die Möglichkeit schöner Gruppie- 
rungen geben, werden auf das glücklichste 
durch die Farbgebung unterstrichen, die kräftig 
und wirkungsvoll ist, ohne irgendwie zu über- 




THEODOR KARNFR 



Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg 

28 



ZWERGSCHNAUZEL 



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DOMINIK AULICZEK 



Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg 

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THEODOR KARNER 



DEUTSCHER SCHÄFERHUND 



Kgl. Porzellin-Manufaktur Nymphenburg 



treiben oder in die kulturlose Buntheit neuer 
Porzellane zu verfallen. 

DoMiNiKUS AuLiczEK, Seit 1765 Modell- 
meister in Nymphenburg, ist schwerer und 
weniger graziös als Bustelli, er ist ein Freund 
massiger Fülle und seine Figuren sind viel 
statuarischer, mehr architektonisch sozusagen, 
als die des malerischen Bustelli. Zu seinen 
Hauptwerken gehören die drei Götter- Figuren: 
Mars, Vulkan und Aeolus, gelegentlich deren 
man an Auliczeks Marmorgruppen im Nymphen- 
burger Schloßpark, den er mit olympischen 
Göttern bevölkern half, denken mag. Die grie- 
chische Mythologie, in ihren heroischen Er- 
scheinungen ins spielerische Porzellan gebannt, 
das mag manchem als sinnwidrig erscheinen, 
und er mag vielleicht befürchten, daß dabei 
so etwas wie ein Offenbachischer Olymp her- 
auskommen müßte. Indessen ist das nicht der 
Fall: Auliczek rettete einen Zug von Größe 
und Heldentum in das zärtliche Material hin- 
über und bewies damit, daß es noch andere 
Porzellan-Möglichkeiten als die der „Amouret- 
und Fürwitz-Stücke" gibt. 

Aus den vierziger und fünfziger Jahren des 
neunzehnten Jahrhunderts stammen einige idyl- 
lische Tierplastiken, liebenswürdige Miniatur- 
gruppen, für die der Münchner Maler und Bild- 
hauer Habenschaden und der Belgier J. MfeNE 
die Modelle lieferten. Diese Arbeiten können 



sich, obwohl sie künstlerisch nicht sonderlich 
bedeutend sind, wenigstens einer schönen Sil- 
houettenwirkung rühmen, technisch interessant 
ist bei Mfenes Gruppe „Schaf und Lamm" die 
Durchbildung der Oberfläche infolge der reali- 
stischen Nachahmung der Schafwolle: das er- 
gab ungeahnte Materialreize und feine Licht- 
reflexe und könnte eigentlich die zeitgenössische 
Porzellankunst zu ähnlichen Versuchen an- 
regen, trotzdem das Losungswort von der ge- 
schlossenen Oberfläche und glatten Haut des 
Porzellans nachgerade ein Evangelium geworden 
zu sein scheint. 

Auch heute bildet die Tierplastik eine Spe- 
zialität der Nymphenburger Manufaktur. Die 
Modelle dazu stammen fast ausschließlich von 
Theodor KXrner, der über diesen Arbeiten 
seinen eigenen Stil fand: ohne sich von der 
Natur und der tatsächlichen Erscheinung der 
nachgebildeten Tiere allzuweit zu entfernen, 
verschmäht er prinzipiell das „Tierporträt"; 
er hat den Naturalismus überwunden, aber 
nicht auf eine gewaltsame Weise, sondern indem 
er die stärkste Materialwirkung zum Ausgangs- 
punkt seiner Schöpfungen machte. Allgemach 
kam durch Kärners Arbeit eine unterhaltsame, 
auf Heiterkeit gestimmte Nymphenburger Me- 
nagerie zustande, in der es Raubtiere und Affen, 
Rehe und Hunde und eine reichbevölkerte „Vo- 
liere" gibt. Das jüngste Prunkstück Kärners 



32 



ist ein majeif 
Format, ein ungemein dekoratives Stück, das 
auch in der farbigen Wirkung restlos gelungen ist. 
Professor Joseph Wackerle, der an dem 
künstlerischen Wiederaufblühen Nymphenburgs 
den Hauptanteil hat, ist auch nach seiner Ueber- 
siedlung nach Berlin mit Nymphenburg in 
Fühlung geblieben und hat sowohl reizvoll be- 
wegte, anmutige und von aller Süßlichkeit weit 
entfernte Porzellangruppen geschaffen („Pierrot 
und Pierrette ") als auch die derberen Majolika- 
Arbeiten, die er gerne ins Groteske hinein- 
steigert. Zwei musizierende Zwerge, die nach 
seinen Modellen für die Bayerische Abteilung 
auf der Kölner Werkbund-Ausstellung von der 
Nymphenburger Manufaktur hergestellt wur- 



den, sind Drolerien im besten Sinn des Rokoko 
und doch undenkbar ohne das zeitgenössische 
Empfinden, das alle Erscheinungen dieser ab- 
geklungenen Epoche mit einem Schimmer von 
ironischer Sentimentalität umgibt. Indem der 
ungestüme Trommler mit seiner komisch weit 
ausholenden Gebärde als Türke, der Flötist 
aber durch die phrygische Mütze und die Haar- 
tracht nach Art des Robespierre als französi- 
scher Revolutionär charakterisiert ist, hat 
Wackerle diesen Arbeiten einen feinen Zug 
von Beziehungsreichtum und Laune eingefügt, 
ohne daß er darüber „literarisch" geworden 
wäre und nur einen Augenblick seine Aufgabe 
plastischen Gestaltens aus den Augen verlo- 
ren hätte. Georg Jacob Wolf 




j. MENE 



SCHAF MIT LAMM 



Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg 



Dekorative Kunst. \IX. i. oktolier 1915 



33 



EIN WANDTEPPICH VON JULIUS DIEZ 



Die Kunst des phantasievollen Münchner 
Malers Julius Diez hat sich schon an 
mancher dekorativen Aufgabe versucht, beson- 
ders die großen Mosaiken, die er entworfen, 
sind in ihrer Art Meisterwerke. Das Gebiet der 
Gobelinzeichnung indessen war Diez bisher 
fremd geblieben, hier betrat er Neuland. Aber 
schon die erste Arbeit wurde ihm „ein großer 
Wurf. Der Auftrag ging von der Firma Bahlsen 
in Hannover aus, die in vorbildlicher Weise ihr 
Geschäftshaus, ihre Fabrikation, ihre Packun- 
gen und ihre ganze Propaganda unter das Ge- 
setz künstlerisch -geschmacklicher Durchbil- 
dung gestellt hat. Für den Sitzungssaal der 
Firma war ein großer Teppich, der von einer 
Galerie frei herabhängen soll, zu beschaffen; 
der Wunsch der Auftraggeber ging dahin, ihn 
mit Figuren und heiteren Schildereien, die zu 
der Produktion der Firma Beziehungen haben 
sollten, auszuzieren. Julius Diez, der „inner- 
lich voller Figur" ist, war der geeignete Mann, 
diesen Auftrag zu erfüllen. Er fand sich 
spielend in die Eigenart des Materials mit 
seinen starken, farbigen Möglichkeiten, mit 
der Notwendigkeit einer streng flächigen Auf- 
formung der Motive und mit dem Vorklang 
der dekorativen Elemente. Der Künstler teilte 
die große Fläche, die ihm zur Verfügung 
stand, energisch durch ein breites Kreuz, in 
dessen Schnittpunkt als Oktogon die Bahlsen- 
sche Fabrikmarke, das „Tet", Platz fand. Die 
Arme des Kreuzes münden in eine breite Um- 
randung, die als dekorative Bordüre ausge- 
bildet ist und eine Fülle origineller Ideen in 
künstlerischen Einfällen und in der Zeichnung 
aufweist. Das ornamentale Muster, das von 
kleinen, reizvoll in den Raum gestellten Tier- 
bildern unterbrochen wird, ist neuartig in der 
Erfindung, von großer Lebendigkeit und im 
besten Sinne „materialgerecht". Die durch den 
ornamentalen Rahmen gewonnenen vier Felder 
sind durch Gestalten belebt, die vorzüglich zu- 
einander abgestimmt sind. Ein Merkurius ist im 
oberen linken Feld zu schauen, es ist Tempo 
und Zug in seiner energischen Bewegung. In der 
Art, wie er seinen Flügelhut keck auf den Flü- 



gelstab gehängt hat, möchte man etwas von 
schalkhafter Ironie vermuten. Sein Gegenüber 
ist ein mittelalterlicher „Rechner", der mit Be- 
dacht Zahl an Zahl reiht in seinem mächtigen 
Hauptbuch; die Katze, die ihn umschnurrt, 
charakterisiert ihn als Stubenhocker. Unter 
dem Merkuriusfeld ist ein zierliches Mädchen 
zu schauen, das Bahlsengebäck abwiegt und 
sozusagen die Allegorisierung des Kleinver- 
kaufs gibt, während die junge Mutter mit 
dem Büblein, das sehnsuchtsvoll die Hände 
nach den leckeren Herrlichkeiten ausstreckt, 
ein Bild des Einkaufs, des Konsums darstellt. 
Das naturalistische Moment ist bei den Ge- 
stalten völlig überwunden; trotzdem sie an- 
nähernd in Lebensgröße erscheinen, empfindet 
man sie nirgends „körperlich", sie bleiben 
durchaus Flächendekoration. So witzig das 
alles ausgedacht und komponiert und so vor- 
züglich es gezeichnet und in den Raum ein- 
geordnet ist: Idee, Komposition und Zeichnung 
sind trotzdem nicht das Entscheidende dieser 
Arbeit und waren nach meinem Gefühl auch 
für Diez nicht die Hauptsache. Denn der 
höchste Reiz und die tiefste Schönheit dieses 
Werkes liegt in der Farbe, in der Zusammen- 
stimmung kräftiger und sanfter farbiger Klänge, 
heller und dunkler Partien, in bewußten Kon- 
trastwirkungen und weichen Harmonien, Da- 
mit ist das Wesen der Teppichkunst erkannt 
und solchermaßen bedeutet Diezens Arbeit eine 
restlose Lösung der Aufgabe, an die er all sein 
reiches Können wandte und die ihm ersicht- 
lich viel Freude bereitete. 

Die schwierige technische Ausführung des 
Wandteppichs war der ausgezeichneten Mün- 
chener Gobelin-Manufaktur übertragen, 
die in viermonatlicher Arbeit den Teppich 
fertigte und dabei allen Intentionen des Künst- 
lers gerecht wurde. Zu den zahlreichen schö- 
nen Arbeiten, die aus dieser Werkstätte schon 
hervorgingen, tritt mit diesem Wandteppich 
eine bedeutungsvolle neue Leistung, die be- 
rufen ist, für die Münchner Kunst und das 
ihr eng verbündete Kunsthandwerk beredtes 
Zeugnis abzulegen. wolf 



34 




JULIUS DIEZ 



WANDTEPPICH FÜR H. BAHLSENS KEKSFABRIK IN HANNOVER 

35 »• 




JULIUS DIEZ 



WANDTEPPICH FOR H. BAHLSENS KEKSFABRIK IN HANNOVER (TEILSTÜCKi 

36 




MARION KAULITZ B MÜNCHNER KRIEGSPUPPEN : MICHEL, JOHN BULL, DES TEUFELS GROSZMUTTER 



MÜNCHNER KÜNSTLER-KRIEGSPUPPEN-SPIEL 



Unter dieser stolzen Flagge hat Marion 
Kaulitz, die bekannte Münchner Puppen- 
künstlerin, eine kleine Gesellschaft vereinigt, 
zu dem Zweck, den Kindern, groß und klein, 
■ im Rahmen eines hochoriginellen Kasperl- 
theaters den Weltkrieg von Kasperls Gnaden 
aus zu veranschaulichen. 

Im Märzheft dieses Jahres hatten wir Ge- 
legenheit, Seite 182—187 neue Kaulitzfiguren 
zu zeigen, in Form handfester, drastischer 
Kaffeetanten, welche, als Getränkwärmer ge- 
dacht, viel Humor in die weihnachtlichen 
Schützengräben des Jahres 1914 brachten. 

Aehnlich in der Technik sind die hier ab- 
gebildeten Kasperlfiguren behandelt. Mit einer 
Verwegenheit sondergleichen hat die Künstlerin 
die Farbenfreudigkeit der verschiedenen Filz- 
arten auszunutzen verstanden, mit Hilfe farbi- 
ger und seidener Wollfäden die aus Filz mo- 
dellierten Köpfe durch Nadelmalerei kräftigst 



unterstützt, so daß dekorative Wirkungen 
kühnster Art erzielt wurden, die den neu- 
artigen Kasperlfiguren markante Fernwirkung 
sichern. 

Neben den, den Weltkrieg behandelnden 
Stücken hat sich das deutsche Märchen auf 
dem Spielplan seinen Platz erobert. Wer kennt 
nicht aus Grimms Märchenschatz die Ge- 
schichte vom Fischer un syner Fru?! 

Leider ist der Raum zu begrenzt, um die 
habgierige, nimmersatte Fischerfrau in allen 
Stadien ihrer Verwandlungen auftreten zu 
lassen, als dasind Gutsbesitzerin, Schloßherrin, 
König, Kaiser, wir beschränken uns darauf, 
sie in ihrem vorletzten Stadium im Papst- 
ornat zu bringen. 

Das wüste Gesicht der „Fru" in seiner ur- 
komischen, drastischen Dummheit läßt sich 
auch durch die Pracht des Papstgewandes 
nicht verwischen. 




37 




MARION KAULITZ 



MÜNCHNER KRIEGSPUPPEN: RUSSE, FRANZOSE, KNÜPPEL AUS DEM SACK 



Jede einzelne Figur des Kasperltheaters ist 
ein kleines, in sich abgeschlossenes Kunst- 
werk, von erstaunlich sicherem Blick und aus- 
gewähltem Geschmack zeugend. 

Mit großer Liebe bis in die kleinste Einzel- 
heit ausgearbeitet, hat Marion Kaulitz zur Be- 
lebung der Kasperlbühne allein 40 Figuren 
geschaffen. 

Die lustige Gesellschaft ist künstlerisch ge- 
geneinander abgestimmt, so daß jedes Bühnen- 
bild eine Augenweide bietet. 

In Leipzig hatte die Akademie der graphi- 
schen Künste ihre Aula den Kasperliaden ge- 
öffnet, in Dresden sicherte sich der Kunstsalon 
E. Richter eine Reihe dieser einzigartigen 
Vorführungen, selbst in Prag bei den öster- 
reichischen Bundesgenossen zog man gelegent- 
lich großer Festvorstellungen zum Besten des 
Landeshilfsvereins des Roten Kreuzes das 
Münchner Künstler -Kriegspuppenspiel zur 
alleinigen Bestreitung des Programms herbei; 
hier stand das Kasperltheater unter dem Pro- 
tektorat des Grafen Erwein Nostiz. 

Umjubelt von groß und klein hat sich die 
kleine Unternehmung in kürzester Zeit Ruf 
und Ansehen verschafft. 



In Berlin öffneten sich während der Theater- 
ferien die Kammerspiele Max Reinhardts den 
künstlerischen Puppenspielen. 



KUNSTLITERATUR 

Schmitz, Hermann. Berliner Baumeister vom 
Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts. Mit 400 Ab- 
bildungen. Verlag für Kunstwissenschaft, Berlinl914. 

Diese schöne und reiche Veröffentlichung, die 
sehr glücklich aus der allgemeinen Baugeschichte 
Deutschlands das Kapitel von der Beteiligung der 
Berliner Baukünstler um die Wende des 18. Jahr- 
hunderts abgrenzt und heraushebt, soll nicht so 
sehr wissenschaftlich-systematischen als praktisch- 
anschaulichen Zwecken dienen. Daher ruht ihr 
Hauptgewicht auf den vielen Tafeln, die in gleicher 
Weise den Baukünstler wie den Bauherrn und 
Liebhaber anregen wollen. Mit ihrer sachkundigen 
Auswahl und der Sorgfalt ihrer Ausführung — 
Verdienste, in die sich der Herausgeber und der 
Verleger zu teilen haben — werden sie diesen Zweck 
auch vollkommen erreichen. In würdigster Weise 
(ausgenommen die etwas allzu nüchterne Einband- 
decke) schließt sich das Werk den trefflichen Bänden 
der von Julius Hoffmann in Stuttgart herausge- 
brachten „Bauformenbibliothek" an. 

Schmitz ist ein genauer Kenner der einschlägigen 
Epoche und weiß die Phasen ihres historischen 



38 



Ablaufs und die Träger ihrer Entwicklung mit 
knappen Worten zu charakterisieren. Die ausführ- 
liche Einleitung räumt zunächst mit einigen leeren 
StilbegrifFen, wie Nachahmung der Antike und 
Klassizismus auf, zeigt, wie den damaligen Bau- 
künstlern, ungeachtet sie sich antiker Bauformen 
bedienten, die sachliche und lebendige Gestaltung 
ihrer Bauten einzig und allein am Herzen lag, und 
wie seit dem 15. Jahrhundert bereits die klassische, 
d. h. auf das Struktursystem gerichtete Bauweise 
neben der barocken, d. h. der jenigen, die das plastische 
Element zu überwiegender Geltung bringt, einher- 
gegangen ist und wie sich beide oft in einer und 
derselben Künstlerpersönlichkeitnachweisen lassen. 
Hierzu gehört bereits Knobelsdorff, der Baumeister 
aus der ersten Regierungshälfte Friedrichs d. Gr., 
hierher auch Gontard und Unger, die bedeutendsten 
Erscheinungen aus der Zeit nach dem Siebenjäh- 
rigen Kriege. 

Das ist der Anfang, das Vorspiel. Unter Fried- 
rich Wilhelm II., der eine neue künstlerische Bau- 
behörde, das Oberhofbauamt, ins Leben ruft, setzt 
die hohe Zeit dieses Stils ein. Langhans, der das 
Brandenburger Tor baut, steht an der Spitze und 
bildet eine glänzende Schule; sie vollendet sich in 
dem jungen Gilly, der früh dahin muß, aber in 
Schinkel den Erben seines Geistes hinterläßt. Kenn- 
zeichen dieser Architektur ist das Vorherrschen 
des bürgerlichen Privatbaus; die Aufgaben der 
früheren Zeit, Kirche, Schloß treten zurück, nur 
im Friedrichs-Denkmal schafft sich die Epoche ihre 



große monumentale Aufgabe. Dieser bürgerlich- 
patrizische Stil bleibt nicht auf Berlin beschränkt, 
in Dessau entwickelt ihn ganz selbständig Erd- 
mannsdorf, in Braunschweig führt ihn, nachdem 
der ältere Gilly dort das Viewegsche Haus errichtet, 
Peter Ludwig Krähe fort. Auch im Kunstgewerbe 
der Zeit macht er sich deutlich fühlbar und prägt 
vor allem dem Mobiliar seinen Stempel von Würde 
und Behagen auf. — 

Der Gedanke, diesen Stil in allen seinen Aeuße- 
rungen im Bilde wieder aufleben zu lassen, hängt 
aufs engste mit der gegenwärtigen Strömung der 
Baukunst zusammen, wie sie sich, im Norden 
wenigstens, zu erkennen gibt. Messel, mit seinem 
feinen Gefühl für alle struktiven Werte griff als 
erster auf die Tradition der älteren Berliner Bau- 
schule, der Vor-Schinkelzeit zurück. Er zeigte, 
welche Entwicklungsmöglichkeiten in diesem Stile 
ruhen, dessen Vorzüge ein Gefühl für Zweckmäßig- 
keit, der Sinn für das elementar Mathematische der 
Form und — nicht zuletzt — eine ausgesprochene 
nationale Eigenart sind. 

In der schicksalsvollen Stunde, zu der — durch 
einen Zufall — das Werk seine Wirkung auszuüben 
beginnt, wird diese nationale Eigenart noch stärker 
empfunden werden als unter den früheren Verhält- 
nissen. Mahnend und beratend soll diese architek- 
tonische Bilderschau für die Zukunft reichen Gewinn 
bringen, aber nie möge sie mißbraucht werden, 
der Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit eine 
modische Atrappe zu liefern. hans Mackowsky 




M. KAULITZ Q MCNCHNERKRIEGSPU.'PEN: MICHEL, ÖSTERREICH, DIE DICKE BERTA L'. DIE FEINDLICHEN MACHTE 

39 




MARION KAULITZ 
MARIONETTEN D 




FISCHER, 

FISCHERSFRAU, 

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ARCII. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



LADEN DER KAFFEE-HANDELS-GESELLSCHAFT 
IN WIEN: SCHAUFENSTER UND EINGANG ■ 



ZU DEN ARBEITEN VON RUNGE & SCOTLAND IN BREMEN 



Daß die Kaflfee-Handels- Aktiengesellschaft in 
Bremen für ihre mannigfachen geschicic- 
ten Werbeunternehmungen gut beraten ist, 
mußte den Kunstfreunden schon längst auf- 
gefallen sein. Die Packungen und Schaufen- 
steranordnungen, die farbigen Werbebilder und 
die Drucksachen, das Sporthaus auf der Hy- 
giene-Ausstellung und in Köln im vergange- 
nen Jahre, der Erfrischungsraum im Bremer 
Hause der Werkbundausstellung sind Proben 
davon gewesen. Dies glückliche, geschmack- 
volle Gewand, in das die Kaffeehag ihre Ge- 
schäftsunternehmungen kleidet, ist das Ergeb- 
nis der alten Beziehungen des Gründers der 
Firma, Roselius, zu den Architekten Runge 
& ScoTLAND, von deren Arbeiten hier die 
Rede sein soll. 

Ein Ladengeschäft, das die Kaffee- Handels- 
Gesellschaft in Wien einrichtete, ist die Auf- 
gabe, aus deren Anlaß diese Raumlösung und 
die Einzelmöbel entstanden. 



Um ihnen gerecht zu werden, ist es nütz- 
lich, sich zu besinnen, was wir heute vom 
Kunsthandwerk dieser Art verlangen können 
und wollen. Das Modernsein um jeden Preis 
und aus Grundsatz hatte in der Zeit um 1900 
dazu geführt, daß man jede Anlehnung an alte 
Formen ablehnte und lieber nüchtern und form- 
los sich gab. 

Der Rückschlag gegen diesen Radikalismus 
blieb nicht aus. Die Neigung zu der äußerlich 
und innerlich unserer Zeit so verwandten guten 
bürgerlichen Kultur aus Goethes Tagen läßt 
sich nun einmal nicht hinwegleugnen. Niemand 
will heute die Ueberlieferung gänzlich negieren. 
Von Behrens bis R. A. Schröder, sogar von 
Riemerschmid kann man ebenso wie von Bruno 
Paul sagen, daß sie mit Naturnotwendigkeit 
zu einer solchen Verarbeitung alter überlieferter 
Formgedanken gelangt sind, die sich von selbst 
ergibt, und die mit Absicht zu vermeiden 
töricht wäre. 



Dekorative Kunst. XI\. 



Noveml>er 1915 



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ARCH. RUNGE 4, SCOTLAND-BREMEN 



Q ZIERSCHRANK AUS DEM LADEN DER 

KAFFEE-HANDELS-GESELLSCHAFT IN WIEN 



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ARCH. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



SOFABANK IM LADENRAUM DER KAFFEE- 
HANDELS-GESELLSCHAFT IN WIEN B 





ARCH. RUNGE IL SCOTLAND-BREMEN D GESCHNITZTER TISCH AUS DEM 

LADEN DER KAFFEE-HANDELS-GESELLSCHAFT IN WIEN. PLATTE GELBER 

MARMOR MIT SCHWARZEM RAND 



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Es bleibt nur zu fordern, daß wie hier die 
Einheit des so Geschaffenen, der gestaltende 
persönliche Geist Herr bleibe über die An- 
regungen, die die Formen einer älteren Kultur 
uns geben und so dazu beitragen, an dem 
Werden des Stils unserer Zeit zu bauen. 

In diesem Sinne ist die persönliche Art zu 
werten, die in den Schöpfungen von Runge 
& Scotland zum Ausdruck kommt, der Ton des 
Ganzen ist durchaus modern und eigen. 

Das ist auch da der Fall, wo in erhöhtem 
Maße, wie bei den hier gezeigten Landhaus- 
bauten, die Bestimmungen und Wünsche des 
Bauherrn im großen und im kleinen mitspre- 
chen. Sei es bei dem Hause Friese mit seinem 
fast romantisch anmutenden Heckengarten, sei 
es bei dem heiter behaglichen Hause Kißling, 
dem der Bauherr das Motto „Zum frohen Leben" 
gegeben hat, oder bei einem Brunnen oder 
Gartenhäuschen, überall zeigt sich der schaf- 
fende und ordnende Geist, der die rein prakti- 
schen Anforderungen des Lebens mit dem Künst- 
lerischen zu einer Einheit verschmolzen hat. 



Nicht oft genug kann es wiederholt werden: an 
die Kunstgesinnung der alten Zeit soll man sich halten, 
nicht an ihre Kunstleistungen ; man soll die letzteren 
niemals im einzelnen nachahmen. Die moderne Zeit 
hat moderne Bedürfnisse und braucht eine moderne 
Kunst. Eine moderne Kunst aber kann nur gedeihen, 
wenn sie zugleich in sich das Gegengewicht des Blei- 
benden, Festen, Notwendigen, Angeborenen, Ewigen 
trägt. Dies ist nicht in etwaigen früheren künstleri- 
schen Erzeugnissen des Volkscharakters — welcheauch 
ihre Zeit hatten, in der sie einmal modern waren — son- 
dern nur in der lebendigen Quelle des heutigen deut- 
schen Volkscharakters zu finden. „Das Lebende hat 
Recht". Man hat nicht zurückzubleiben, sondern um 
sich zu blicken; man hat von innen nach außen, nicht 
von außen nach innen vorzugehen; um neue Kunst- 
formen, die bildsame Schale des Volksgeistes, anzu- 
setzen, hat man nicht auf frühere abgestorbene Scha- 
len zurückzugehen, sondern sich wiederum an den Kern 
selbst zu wenden. Und das kann nur geschehen durch 
ein Eingehen auf den besonderen lokalen Charakter 
der einzelnen Gegenden Deutschlands ; dadurch allein 
kann man wieder zur Verschiedenheit, Mannigfaltig- 
keit, Naivität der künstlerischen Produktion gelangen. 
Den Volkscharakter muß man in seiner lebendigen 
Fauna, nicht in seinen Versteinerungen studieren. 
Die irrende Seele der Deutschen muß sich wieder an 
den heimatlichen Boden binden 

Aus ,,Remhranit alt Eriithtr" 




*''^"pfnM°'' ^ SCOrLAND-ÜRHMEN G. SESSEL AUS DE.M LADEN- 
RAUM DER KAFFEE-HANDELS-GESELLSCHAFT IN WIEN 



46 




ARCll. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



HAUS FRIESE IN BREMEN B 

ANSICHT VOM VORGARTEN AUS 



47 




ARCH. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



HAUS FRIESE IN BREMEN: GARTENSEITE 



48 




ARCII. RUNGE &. SCOTLANDBREMEN 



HAUS WINDISCH 




ARCH. RUNGE & Si.dl lAM) UKl \ll N 

Dekorative Kunst. XIX, a. November 1915 



BRUNNEN AN DER GARTENMAUER DES HAUSES HERBST 

40 7 




ARCH. RUNGE &, SCOTLAND-BREMEN 



HAUS KISSLING 



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ARCH. RUNGL Ä. SCO 1 LAND lilih.MLN o LANDHAUS IN BKhWUN-N AI IR. ROCKSEITE MIT STALL U. GARTENHAUS 




ARCH. RUNGE i SCOTLAND-BREMEN 



51 



HAUS HERBST: GARTENHAUS 
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ARCH. RUNGE &, SCOTLAND-BREMEN 



LANDHAUS IN BREMEN-VAHR: STRASZENSEITE 



HERMANN MUTHESIUS ÜBER DIE ZUKUNFT 
DER DEUTSCHEN FORM 



Was Muthesius auf der Versammlung 
des Deutschen Werkbunds in Köln im 
Juli 1914 über die Exporlfähigkeit des deut- 
schen Kunstgewerbes und über das Typische 
des deutschen Kunstgewerbes sprach, das er- 
fährt in einem soeben vorgelegten Heft „Die 
Zukunft der deutschen Form" (Deutsche Ver- 
lagsanstalt, Stuttgart) eine Erweiterung und Ver- 
tiefung, wird namentlich mehr von der theore- 
tischen Seite her angesehen, nachdem es im 
Augenblick praktisch doch unverwertbar ist, 
und in Zusammenhang gebracht mit unserem 
Kampf und unserer Not in dieser Zeit. Die 
Einleitung holt weit aus, fördert aber auch 
sehr wertvolles Tatsachenmaterial zutage. Na- 
mentlich zwischen der oft gehörten Frage : 
Warum sind die Deutschen so unbeliebt? und 
der anderen Frage: Haben die Deutschen ihre 
eigene „Form", die Form auch in Lebens- 
haltung und täglichem Umgang? werden be- 
ziehungsreiche Fäden geknüpft. So klagt Mu- 
thesius mit Recht darüber, daß Deutschland, 
das sich zu einer ersten Weltmacht empor- 
gearbeitet habe, ohne den äußeren Apparat 



einer Weltmacht geblieben sei, ohne Reprä- 
sentation, ohne Pflege der äußeren Symbole 
der Stellung, ohne weltmännische Formen. 
Das habe sich in den ersten Monaten des 
Krieges bitter gerächt und so könne es künftig- 
hin nicht bleiben. Der Mangel an repräsenta- 
tiver Veranlagung des Deutschen wird durch 
das Beispiel erklärt, daß Deutschland einem 
Manne gleicht, der in übertriebener Arbeitsam- 
keit und mit Anspannung aller Energie sich 
Güter, Stellung und Bedeutung errungen, aber 
seine Aufmerksamkeit nicht in gleicher Weise 
auf das Gefällige, Verbindliche, Anziehende ge- 
richtet hat. Die einseitige Tüchtigkeit, Tüchtig- 
keit ohne Liebenswürdigkeit, Tüchtigkeit ohne 
„Form", hat Deutschland unbeliebt gemacht. 
Alle anderen Völker, die Bedeutung in der Welt- 
entwicklung erlangten, haben einen lebhaften 
Sinn für die Form bekundet . . . Nachdem mit 
viel Ernst und Nachdruck gegen die deutsche 
Fremdländerei Stellung genommen wird, die 
uns in den Augen der Welt verächtlich macht 
und unsere deutsche Form, namentlich auf 
dem Gebiet der bildenden Künste, zerschlägt, 



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wirft Muthesius die Frage auf, ob überhaupt 
eine deutsche Form möglich sei und beant- 
wortet sie damit, daß wir nicht nur in der 
Lage sind, eine deutsche Form zu schaffen, 
sondern daß wir sie bereits auf den aller- 
meisten Betätigungsgebieten besitzen; freilich 
meist noch in den Anfangsstadien, so daß es 
nötig ist, sie weiter zu entwickeln. Auf dem 
Gebiet der bildenden Künste, besonders der 
Architektur und Raumkunst, wird es vor allem 
Pflicht der Auftraggeber sein, die bisherigen 
glücklichen Anfänge einer deutschen Form nicht 
weiterhin als nichtexistierend zu betrachten. 

Was den Begriff der deutschen Form an- 
langt, so wünscht Muthesius, ihn nicht mit 




ARCH. RUNGE & SCOTLANDBREMEN 



dem Begriff der „patriotischen Kunst" ver- 
wechselt zu sehen. „Eine deutsche Kunst durch 
Anwendung vaterländischer Sinnbilder herbei- 
führen zu wollen, wie es tatsächlich in Kriegs- 
zeiten versucht zu werden pflegt, ist eine voll- 
ständige Verkennung. Der bekannte industrielle 
Hurrakitsch ist die natürliche Folge." Trotz- 
dem kann sich die wahre Kunst des völkischen 
Elementes nicht entäußern. Denn dieses Ele- 
ment ist in dem Born, aus dem alles künst- 
lerische Schaffen fließt, in der Seele des Men- 
schen, untrennbar enthalten. Zum deutschen 
Wesen gehört es, das Charakteristische über 
das Normalschöne zu setzen, das Seelischge- 
mütvolle über das Abgeklärte, das Eigenwil- 
lige über das Verallgemei- 
nerte. „Aber alle diese Eigen- 
heiten sind ungewollt. Wollte 
man das Nationale heraus- 
destillieren, um dann eine 
nationale Kunst gleichsam in 
Reinkultur zu züchten, so 
würde man sich an dem ge- 
fährlichen Abgrund bewegen, 
der zu den Niederungen der 
Pseudokunst führt." 

Deutsche Form im guten 
Sinne nimmt Muthesius be- 
sonders auf dem Gebiet der 
Architektur und des Kunst- 
gewerbes wahr und zeigt auf, 
wie sie dem deutschen Volke 
wirtschaftliche und morali- 
sche Frucht bringen muß, 
wenn sie mit Zielbewußtsein 
durchgesetzt wird. Die deut- 
sche Form — meint Muthe- 
sius — hätte es in sich, die 
Weltform zu werden, wie die 
Vorherrschaft der germani- 
schen Völker auf der Erde 
heute besiegelt sei, unter de- 
nen wiederum Deutschland 
die Führung habe. Arbeit gäbe 
es freilich noch genug zu lei- 
sten, aber es käme nur auf 
eine bewußte, geschlossene 
Vorwärtspolitik an. „Es gilt 
mehr als die Welt zu beherr- 
schen, mehr als sie zu finan- 
zieren, sie zu unterrichten, 
sie mit Waren und Gütern zu 
überschwemmen. Es gilt, ihr 
das Gesicht zu geben. Erst das 
Volk, das diese Tat vollbringt, 
steht wahrhaftander Spitze der 
Welt; und Deutschland muß 
dieses Volk werden." 



HAUS WINDISCH: EINGANG 



54 




KRISTALLSCIIALE 



GRAF IIARRACIISCIIE GLASFABRIK NEUWELT IN BÖHMEN 



DIE GLASAUSSTELLUNG IN WIEN 



DieAusstellungimOesterreichischenMuseum 
wollte zunächst der vom Kriege hart be- 
drängten Glasindustrie luhilfe kommen. Wohl 
kein Gebiet unseres Wirtschaftslebens ist in 
seiner Gesamtheit so sehr auf den Export an- 
gewiesen, keines reicht so weit, umfaßt in des 
Wortes vollerer Bedeutung den Weltmarkt. 
Hier mußte der Krieg zum plötzlichen Still- 
stande führen; und ihn, wenigstens teilweise, 
wieder in Bewegung zu setzen, die Kontinui- 
tät der Arbeit, wenn auch im verminderten 
Maße, aufrecht zu erhalten, wurde die zeit- 
notwendige Pflicht der Nächstbeteiligten, in 
erster Reihe des Verbandes der nordböhmi- 
schen Glasindustriellen, der die Anregung gab, 
in zweiter des Museums, das sie bereitwillig 
aufnahm und mit vielseitigem Verständnis 
durchführte. Die Art der Verarbeitung dieses 
aktuellen Anlasses durch Direktor Hofrat Dr. 
Eduard Leischino hat die Notstandsaktion 
zu einem Ereignis von künstlerischem und, 
darüber hinaus, von kulturellem Gewicht wer- 
den lassen. 

Bei dem eingreifenden Belang, der dem Glas- 
betrieb für Kunst und Industrie in Oesterreich 
zukommt, haben ihm die Schaubietungen des 
Museums, die regelmäßigen und die gelegent- 
lichen, seit jeher besondere Aufmerksamkeit 
zugewendet. Die Ausstellung der Fachschulen 
1902 stärkte das Interesse und Verständnis 
des Unternehmers und des Laien, und auf den 
allgemeinen Ausstellungen der nächsten Jahre 
stellte sich das Glas mit steigender Geltung 



neben das übrige Kunstgewerbe. Nirgend ließ 
sich die Stetigkeit seiner künstlerischen Ent- 
wicklung vollkommener nachweisen als am 
Beispiele der Firma Lobmeyr, deren Arbeit 
die Stilgeschichte des österreichischen Glases 
während der drei letzten Geschlechter darstellt; 
die Ausstellung von 1914 gab diesen lehrrei- 
chen Rückblick über die 1823 einsetzende Tä- 
tigkeit des Hauses, das allmählich zum Gewissen 
unserer Glasproduktion geworden ist. Aber 
trotz allem — ein durchgreifendes Gesamtbild 
von der Gegenwart dieses Werkgebietes war 
bisher nicht geboten. Das brachte uns erst 
der Krieg. 

Der spannende Punkt der Ausstellung liegt 
in dem Gegensatz von Industrie- und Kunst- 
glas; zwei gesonderte, das Wesentliche umfas- 
sende Gruppen führen ihn vor. Was im Export- 
teil an widerstreitenden Richtungen, an Ver- 
fälschung ursprünglicher Form- und Schmuck- 
werte, an Halb- und Ungeschmack der Ab- 
nehmermassen aller Welt herauskommt, ist 
ein trübes Kapitel moderner Kultur, das hier 
nicht geschrieben werden kann, — wirtschaft- 
lich ebenso imposant wie künstlerisch unge- 
heuerlich und niederschlagend. Nur diese Be- 
ziehung, die zur Kunst im Gewerbe geht uns 
hier an. Im Gedankenkreise eines modernen 
Industriestaates müßte vor diesem Anblick der 
Vorsatz wach werden, das, was sich hier 
schlechthin verleugnet, Großbetrieb und Kunst, 
zum möglichsten Ausgleich zu bringen. Uns 
in Oesterreich liegt es näher, den Gegensatz, 



55 



der sich bietet, in seiner ganzen Schroffheit 
zu nehmen, zwei getrennte Lager zu sehen, 
die ihre eigenen Wege gehen müssen, das 
Unvereinbarliche zu betonen und jeder Ver- 
mischung mit Mißtrauen zu begegnen. Denn 
wir müßten davon die Trübung unseres Kunst- 
wiilens im Handwerke befürchten, daß unseren 
Erwägungen als eine Kraft, die ist, mehr am 
Herzen liegt als die Industrie, die anderswo 
mehr Gewicht und darum auch mehr Recht hat. 
Die Industrie, wie sie hier in Erscheinung 
tritt, — eigenmächtig und rücksichtslos — be- 
drückt uns; im Bereiche des Handwerks at- 
men wir freier. Schon bei den altösterreichi- 
schen Gläsern, die mit lehrhafter und ver- 
söhnender Wirkung zwischen Export und Kunst 
gebracht wurden, fühlen wir uns wieder zu- 
hause. Dann stört ein Mißton : die Nachahmun- 
gen alten Glasgutes. Sie sind täuschend ge- 
raten, technisch einwandfrei; aber wieder 
mischt sich ein fremder Geist ein, der hier 
den Werkanlaß gab: der Händler. Doch da 
sich auch dieses Produkt im Kreise unserer 



Ueberlieferung hält, findet sich darüber hin- 
weg die Brücke zum Verständnis des Moder- 
nen, das sich zuletzt in geschlossener Aus- 
lese zur Schau stellt: Böhmen ist die Heimat 
der Arbeitsstätten geblieben, Haida und Stein- 
schönau die Hauptsitze, deutsch das Handwerk 
in seinem überwiegenden Teile, und auch Ge- 
sinnung und Werkweise von ehedem haben 
sich grundsätzlich erhalten: ein altverlrauter 
Stoff, den die Hand mit ererbter Redlichkeit 
und ganzer Hingabe an das Einzelding formt 
und schmückt. 

Eine Materialfrage von entscheidender Be- 
deutung wird zum erstenmale aufgerollt. Ne- 
ben das altheimische Kalikristallglas tritt jetzt, 
von ausländischer Konkurrenz herbeigeführt, 
das Bleiglas. Beide haben verschiedene Ar- 
beitsbedingungen — sie stehen beim Kaliglas 
höher — und verschiedene Werkwirkungen, 
die in den Graden der Lichtbrechung gelegen 
sind. Vom Standpunkte der Kunst im Hand- 
werk erscheint die weitere intensive Pflege 
des Kaliglases am ratsamsten, wirtschaftliche 




GLASPOKAL 



ENTWURF: PROF. M. POWOLNY El AUSFÜH- 
RUNG: JOH. LÖTZ WWE., KLOSTERMOHLE 



56 




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Dekorative Kumt. Xl\. 3. November 1913 



57 



Rücksichten gebieten die nebenhergehende 
Wahrnehmung auch des anderen Gebietes. 

Die Vollbewegung des Betriebes erweist 
sich an der Handhabung aller Techniken — 
des Schleifens und Kugeins, der Gravierung 
und Bemalung, des Ueberfanges und der 
Aetzung — ihre Stufe an der gleichmäßigen 
Beherrschung jeder Arbeitsart. 

In den Formen ist ein durchgängiges Merk- 
mal schwer festzustellen. Das „Stilgemäße" 
beruht auf den gemeinsamen Voraussetzun- 
gen der Werk weise und auf der vorherrschen- 
den Absicht, jedes Ding eine gerade und ein- 
deutige Sprache reden zu lassen und es zu- 
gleich — nicht im alltäglichen Sinne — ge- 
brauchsfähig zu machen. Das schließt das 
Spielerische, das absolute Phantasiestück von 
vornherein aus. Es überwiegt das Breite und 
Statische, das Grazile und Flüchtige tritt völlig 
zurück. Entscheidend bleibt das Verhältnis 
zum Schmuck : die Form herrscht, bedient sich 
gern offener Farben, aber der Zierat ordnet 
sich durchaus unter, geht in der Form auf. 
Weil dies nun gerade auf einem von anders 
gearteten Erbgedanken umfangenen Gebiete 
offenkundig wird, erscheint als das Wesent- 
liche: die Steigerung der Formkraft nach Er- 
scheinung und Ausdruck, — nicht so sehr im 




GLASDOSE a AUSF.: FRIEDK. Dll.lbClI, STEINSCHÖNAU 




ZIERGLAS 



ENTWURF: H. BOLEK B AUSFÜHR. : JOH. 
LÖTZWWE., KLOSTERMOHLE IN BÖHMEN 



Sinne neuartiger Bildungen, als in dem 
andern der völligen Aufnahme und Ver- 
arbeitung des Schmuckes in die Form. 



Die Reihe der Kunstglaserzeuger hat 
sich beträchtlich erweitert. Diesmal 
traten besonders hervor: „Arthl"- 
Prag, BAKALOWiTS-Wien, Conrath 
& LiEBSCH-Steinschönau, Goldberg- 
Haida, Graf HARRACH-Neuwelt, Lob- 
MEYR-Wien, LöTZ-Klostermühle, Mas- 
SANETZ-Steinschönau, Meltzer- Lan- 
genau, OERTEL-Haida, PiETSCH-Stein- 
schönau,ScHAPPEL-HaidaundTscHER- 
NiCH-Haida. Die Lehrstätten von Haida 
und Steinschönau spielen eine ihrer 
Erziehungsaufgabe durchaus angemes- 
sene, fortschreitende Rolle. Aber auch 
der Kreis der Wiener Kunstgewerbe- 
schule greift durch seine Lehrer, Schü- 
ler und Bekenner mitbewegend ein und 
vermittelt der bodenständigen Grund- 
gesinnung den Zuschuß großstädtischer 
Denkart: neben JosEFHoFFMANNstell- 
tensich Margold,Prutscher, Bolek, 
Peche, Nechansky und Jungnickel 
in den Vordergrund des Interesses. 

Max Eisler 



58 



SOLDATENGRÄBER UND KRIEGSDENKMALE*) 



Unter diesem Titel ist vor icurzem, vom 
Oesterreichischen Kunstgewerbeförde- 
rungsamt herausgegeben, ein höchst beachtens- 
wertes Buch über das uns heute alle bewe- 
gende Thema erschienen, ein Buch, das sich 
freilich seinen Weg nicht leicht macht. Es 
kommt zwei weit- 
verbreiteten und 
gemeinhin aus- 
schlaggebenden 
Erwartungennicht 
nur nicht entge- 
gen, sondern 
scheint ihnen — 
auf den ersten 
Blick — geradezu 
grundsätzlich aus- 
zuweichen: es ver- 
meidet die An- 
knüpfung an die 
volkstümliche 
Ueberlieferung 
und scheut das 
offene Pathos der 
Zeiterregung. Die- 
se spröde Haltung 
des Buches muß 
seine erste Auf- 
nahme erschwe- 
ren. Sie ist nicht 
jedermann ver- 
ständlich, und 
kann, wo die Wil- 
ligkeit zu ernst- 
hafter Auseinan- 
dersetzung mit 
dem Gebotenen 
fehlt, leicht zur 
Ablehnung füh- 
ren. Aberwersich 
nur einmal dem 
Texte überlassen 
hatundseinerFüh- 
rungfolgt,mußdie 
Brücke zum Bilde 



•) Soldatengrä- 
ber undKriegsdenk- 
male, herausgege- 
ben vom Kunstge- 
werbeförderungs- 
amt. Wien 1915. 
Kunstverlag Anton 
SchroU&Co., G.m. 
b. H. 10 M. 



GLASPOKAL 



finden und durch beides, wenn nicht erhoben, 
so doch belehrt und klarer gemacht werden. 
Denn das ist der treibende Nerv des Wer- 
kes selber: klar zu bleiben im Sturm der 
widerstreitenden Empfindungen, den die im 
Zeitleben ankernde Aufgabe entfacht, klar zu 

werden an der un- 
erbittlichen Fol- 
gerung aus den 
einfachsten und 

bestimmenden 
Voraussetzungen, 
die hier gelten. 

Daserklärtauch 
schon die anschei- 
nend frondierende 
Stellung zur über- 
lieferten Volks- 
und Heimats- 
kunst. Ein Werk 
wie dieses, das nur 
Grundsätze, nicht 
Lösungen geben 
will, wird an eine 
formale Aufnahme 
und Fortbildung 
des volkskünstle- 
rischen Erbes 
nicht denken kön- 
nen. Aber was am 
alten Arbeitsgange 
gesund ist, das 
muß hier neue 
Gellung gewin- 
nen. Es heißt für 
den Leser von der 
Bilderscheinung 
zu ihren Bedin- 
gungen vordrin- 
gen, wenn er sich 
die Mühe nimmt, 
diese tieferliegen- 
den Zusammen- 
hänge der Alt- und 
Neu formen aufzu- 
spüren. Jedenfalls 
ist der hier ein- 
geschlagene Weg 
geeigneter, das 
Brauchbare und 
Gültige im alten 
AusFOHRUNG: JOH. LöTZ WWE., Handwerksbrau- 

KLOSTERMOHLE IN BÖHMEN Q ChC den neUCH 




59 




GESCHLIFFENE GLÄSER 



ENTWURF: R. STOCKAR V. BERNKOPF UND 
JOS. ROSIPAL B AUSFÜHRUNG : ARTEL, PRAG 





FARBIGE GLÄSER 



AUSFÜHRUNG: JOH. OERTEL & CO., HAIDA 



60 



Bedürfnissen, der anders gewordenen Zeit zu 
gewinnen, als der gangbare und bequemere 
wahlloser Verwendung von hergebrachten und 
beliebten „Motiven". 

Nicht so leicht wird man sich mit dem 
Mangel an offenkundiger, vom Zeitereignis 
aufgewühlter Erregung zurechtfinden können. 
Auch hier hat die strenge Umgrenzung der 
Aufgabe allen Beteiligten Zurückhaltung der 
persönlichen Anteilnahme geboten, und zu- 
weilen spürt man, wie schwer es dem oder 
jenem wurde, sich nicht ganz und frei ausspre- 
chen zu dürfen. Aber wie die Dinge lagen, 
wäre es als eine persönliche Einmischung er- 
schienen und aus dem Rahmen des Ganzen 
gefallen, das typische Andeutungen bringen 
wollte, — die unanfechtbare Basis für jede 
weitere individuelle Aeußerung zeitbewegten 
Empfindens, mag dieses nun einem im Stam- 
meskreise wurzelnden Handwerker oder einem 
in sich ruhenden Künstler angehören, mag es 
in den Bezirken von Familie und Heimat eng 
beschlossen sein oder mit den Gemeingedan- 
ken des Zeitenschicksals weitere Wege und 
Wirkungen suchen. Aber, wie gesagt: von dem 
Gefühl, daß hier eine letzte Befriedigung un- 



erfüllt bleibt, wird man sich nicht ganz los- 
machen. Der Gegensatz aller Kriegsgaben des 
Deutschen Reiches und der unsern in ihrer 
inneren Spannung ist zu offenliegend, um über- 
gangen werden zu können. Die Erklärungen 
werden sich zu anderer Zeit besser geben 
lassen. 

Aber das Buch ist stark durch sein Pflicht- 
bewußtsein und die Richtung auf das Wesent- 
liche, würdig durch seinen jeder spielerischen 
Laune und Stimmungsmache fremden Ernst, 
erziehlich und gebend fast auf jedem Blatte. 
Die Bildgaben — Modelle und Entwürfe, nur 
wenig Ausgeführtes — sprechen die Sprache 
des Textes: aufrichtig und deshalb aufrüttelnd. 
Man wird sich ihrer nur so bedienen müssen, 
wie sie sich geben. Der weitwirkende Gewinn 
kann dann nicht ausbleiben, auch wenn ihn in 
vollem Maße vielleicht erst eine Zeit bringt, 
die an die Frage besonnener herantritt, als es 
der Gegenwart möglich ist. 

Die Haupteinteilung richtet sich nach den 
Zeitbestimmungen der Werkpläne: Grabstätten 
für einen und viele — und Denkmäler für den 
Kriegsgedanken. Nähere Unterscheidungen er- 
geben sich aus der Oertlichkeit der Aufstellung. 




ZIERGLASER 



AUSFOHRUNG: KARL GOLDBERG, HAIDA 



61 




GLASSCHALE 



ENTWURF: E. J. MARGOLD a AUSFÜHRUNG: KARL SCHAPPEL, HAIDA 



Das Ganze durchdringt der strenge Geist 
Oskar Strnads, der sich hier deutlicher als 
sonst als die Energie dieser Persönlichkeit 
erweist; sie wird noch, wenn nicht alles trügt, 
in dem kommenden 
Kapitel unserer Archi- 
tekturgeschichte ihre 
tiefere Spur ziehen. 
Die nähere Ausfüh- 
rung des Buchplanes 
ist das Ergebnis der 
Gemeinarbeit unserer 
Kunstgewerbeschule, 
ihrer Lehrer und Fach- 
klassen. Die Anre- 
gung gab der Direktor 



LIKÖRFLASCHE AUS GE- 
SCHLIFFENEM GLAS 




des Gewerbeförderungsamtes, Hofrat Dr. 
Adolf Vetter, und hat damit wieder den 
Sinn seiner Tätigkeit auf solchem Boden be- 
kundet: das Gelegentliche und Zeitgemäße 
zur Hervorbringung 
grundlegender Werte 
zu nützen. 

Das Buch ist hand- 
lich, solid und verhält- 
nismäßig wohlfeil ; der 
durch den Wechsel 
von Steinzeichnungen 
und Tonklischees her- 
vorgerufene unruhige 
Eindruck war kaum zu 
vermeiden. 



□ AUSFÜHRUNG: CARL 
MELTZER &, CO., HAIDA 



62 




MAX WISLICENUS 



LÖWE. WANDBEHANG FOR DAS RATHAUS ZU LÖWENBERG IN SCHLES. 



DER BILDTEPPICH IN DER KUNST DER GEGENWART 

Von Prof. Dr. K. Schaefbr 



Die Bildwirkerei hat von jeher als eine 
Höchstleistung der angewandten Kunst 
gegolten. Sie war trotz der unzähligen Hinde- 
rungen, die, in der Technik des Webens lie- 
gend als Beschränkung für jede Art von Form- 
gebung wirken, der freien Kunst der Malerei 
mit ihren großen und starken Möglichkeiten 
am nächsten, schien sogar oft wertvoller als 
diese durch die Kostbarkeit des Materials und 
die mühselige, kunstvolle Sorgfalt der lang- 
wierigen Ausführung auf dem Webstuhl. Der 
Bildteppich war dem Mittelalter ebenso un- 
entbehrlich wie der Renaissance, und dem 
Stil des 18. Jahrhunderts diente er erst recht 
als willkommenes Mittel, die prunkvollen Säle 
und Galerien der Schlösser mit figurenreichen 
Tapeten auszustatten, die in den Farbtönen 
des Woll- und Seidengewebes noch viel ein- 
schmeichelnder und wohliger zu dem Luxus 
dieser Raumkunst und zu der zarten Farben- 
tönung dieser Stilharmonien passen mußte, 
als die aufdringlicheren und anspruchsvolleren 
Gemälde mit den gleichen Darstellungen es 
gekonnt hätten. Zahllos sind die Arbeiten 
der französischen, flämischen und deutschen 
Werkstätten, die im 17. und 18. Jahrhundert 
für den fürstlichen und für den bürgerlichen 
Bedarf solche Bildtapeten herstellten; eine ge- 
wohnheitsmäßige Ueberlieferung hat auch den 
unbedeutendsten unter ihnen eine stilvolle 
Haltung gegeben, die als Erbteil der einheit- 
lichen Zeitkultur uns heute charaktervoll und 
bedeutend zugleich erscheint. 



Das Können, die technische Fertigkeit der 
Gobelinweberei ist uns nicht verloren ge- 
gangen. Bei allen großen Ausstellungen para- 
dierten noch bis 1900 die französischen Manu- 
fakturen mit handwerklich meisterhaft ausge- 
führten Bildteppichen von oft riesiger Größe, 
von kostbarer und schwieriger Technik, von 
reichster Bildwirkung. Aber es fehlte bei 
diesen Ansprüchen und Leistungen zweierlei, 
was ihnen erst die Daseinsberechtigung hätte 
geben müssen. Einmal die wirtschaftliche 
Berechtigung: niemand verlangte nach diesen 
modernen Bildteppichen. Kein Bedürfnis der 
Zeit, ihrer Architekten und Raumkünstler hatte 
sie entstehen lassen ; sie waren tote Aus- 
stellungswunder, für die im modernen Leben 
kein Platz war und nach denen keine Sehn- 
sucht bestand. Und zweitens die künstlerische 
Berechtigung: alle Ueberlieferung war abge- 
rissen. Gemälde, alte oder neue, möglichst 
wortgetreu in die Maschen des Gewebes zu 
übersetzen, schien den Werkstätten das er- 
strebenswerteste Ziel und gab ihrem Tun den 
einzigen Halt. Verwilderter Naturalismus oder 
sklavische Wiederholung alter Vorbilder waren 
die ständig wiederkehrenden Eigenschaften 
dieser gänzlich stillosen Erzeugnisse. Ganz 
natürlich ; denn zu dem sehr tüchtigen Hand- 
werk des Gobelinwebers kam die Kunst eines 
Mannes, der, wenn er Maler war, weder Lust 
noch Veranlassung dazu gehabt hätte, sich mit 
dem Materialstil des Bildteppichs und seiner 
Herstellungsweise zu beschäftigen, oder der 



63 




MAX WISLICENUS 



■ WANDTEPPICH „HEXE" B 
GEWEBT VON WANDA BIBROWICZ 



64 




■ 



MAX WISLICENUS 



Q WANDTEPPICH „DIANA" Q 

GEWEBT UNTER LEITUNG VON ELSE WISLICENUS 




MAX WISUCENUS 



O WANDTEPPICH „VENUS" ■ 
GEWEBT VON WANDA BIBROVICZ 



andernfalls Musterieichner der Manufaktur 
und also unselbständig und geistlos von Na- 
tur, auf das Kopieren angewiesen war. — 

Es ist bezeichnend, daß in den Sturm- und 
Drangjahren des jungen deutschen Stils, um 
1900 herum, auch der Bildteppich eine Rolle 
spielte. Die Jugend greift gleich nach dem 
Höchsten und liebt es, die Stufen zu über- 
springen, von denen man später sagt, daß man 
sie bedächtig und überlegt emporsteigen sollte. 
Was damals der heute doch wohl unterschätzte 
Otto Eckmann und was O. Ubbelohde mit den 
Scherrebecker Werkstätten an figürlichen We- 
bereien auf den Markt brachten, war kühn, 
radikal, war 
vortrefflich ge- 
dacht. Der be- 
wußte Verzicht 
auf Gemälde- 
wirkung war 
der einzig mög- 
liche Weg, um 
dieGrundlagen 
eines Stils für 
moderne Bild- 
gewebe wieder 
zu finden. Daß 
man in der pla- 
katmäßigen 
Flächigkeit der 
Darstellung zu 
weit ging, daß 
man den Reiz 
des Spiels von 
kleinen For- 
men und Far- 
ben so gründ- 
lich vernach- 
lässigte, der 
sich nun ein- 
mal aus der 
Webetechnik 
von selbst er- 
gibt und der 
eine bezeich- 
nende Eigen- 
tümlichkeit der 

Bildteppiche 
aller früheren 

Stilepochen 
und durchaus 
sinngemäß ist, 
sehen wir heu- 
te als Mangel. 
Auch war das 

Handwerk 
selbst in Scher- 
rebeck noch MAX WISLICENUS 




reichlich primitiv. Daß aber die ganze, be- 
geistert unternommene und so viel bewunderte 
Arbeit damals scheiterte, lag nicht an künst- 
lerischen Mängeln — denn es haben bekannt- 
lich viel schlechtere Kunsthandwericserzeug- 
nisse ihre Abnehmer gefunden und ihren Mei- 
stern das Leben gefristet. Auch wenn die Wand- 
teppiche Eckmanns und Ubbelohdes noch viel 
vollkommener gewesen wären, der Enderfolg 
wäre derselbe geblieben: es gab in der Tat 
im Kreise der Käufer kein Bedürfnis nach 
diesen anspruchsvollen Ausstattungsstücken. 
Es gab im deutschen Wohnhaus keinen Platz 
für sie, an dem sie begehrenswert oder gar 

notwendig ge- 
wesen wären, 
wie es einst die 
alten Gobelins 
waren , jene 
dem Architek- 
ten hochwill- 
kommenen 
Elemente zum 
Schmuck und 
zur Gliederung 
der Wände. Sie 
erwiesen sich 
weder wirt- 
schaftlich noch 

künstlerisch 
als notwendi- 
ges Glied un- 
serer neuen 

Raumkunst. 
Und — das ist 
imGrundeheu- 
te noch eben- 
so: Es wird 
schwerlich be- 
stritten werden 
können, wenn 
ich sage, daß 
der moderne 

Wohnraum, 
wie ihn Bruno 
PauloderPeter 
Behrens oder 
R. A. Schröder 
zu gestalten 
pflegen, nach 
Bildwirkereien 
nicht begehrt, 
sie eher ab- 
lehnt. Die Not- 
wendigkeiten 
des Alltags, 
die Möbelstof- 
fe , Vorhänge, 



ORNAMENTALER WANDBEHANG 



Dekorative Kunst. XIX. 2. November 1915 



65 




MAX WISLICENUS 



WANDBEHANG „SEEPFERD" 



Tischdecken, Fußbodenteppiche in die Harmo- 
nie des Raumganzen einzuordnen, ist offenbar 
die viel dringendere Frage und sie ist gelöst 
worden, mußte zuerst gelöst werden, weil 
wir für das Bürgertum, als Verbraucher des 
neuen Hausrats arbeiten, nicht für Kirchen 
und Rathäuser wie das Mittelalter, und nicht 
für Palais wie die Werkstätten der Rokoko- 
zeit. Wandbehänge und Bildteppiche sind nur 
als Ausnahmeerscheinungen in diesem Stil- 
gefüge denkbar. 

Die groß angelegte Gründung der Scherre- 
becker Webeschule von 1897 sollte uns nur 
ein Beispiel sein; andere Gründungen von 
derselben Absicht, der Handweberei wieder 
eine Stätte zu bereiten, haben dieselben Er- 
fahrungen gemacht, wenn sie es nicht recht- 
zeitig vorzogen, statt der Bildwirkereien ein- 
fache Gebrauchsstoffe von der Art der alten 
Hausfleißerzeugnisse herzustellen, ob sie nun 
modern in ihren Formen waren oder sich 
mit der Nachbildung alter Muster begnügten. 



Aus diesem Scheitern so vieler mit gutem 
Willen und tüchtigem Können unternommener 
Versuche, muß also der Schluß gezogen 
werden, daß es bisher noch nicht gelungen 
ist, für die vornehmste Art der Webekunst 
in unserer modernen Raumkunst eine Stelle 
zu schaffen ; wäre diese gefunden, dann wür- 
den sich alsbald auch die Stilforderungen als 
Richtschnur und Maßstab, als Aufgabestellung 
für den modernen Gobelin daraus ergeben 
haben. Solange diese Verbindung von innerer 
Notwendigkeit noch nicht hergestellt ist, wer- 
den wir noch im Zustand der Versuche stehen 
bleiben. Entmutigt von Erfahrungen solcher 
Art und von der wirtschaftlichen Erfolglosig- 
keit sind die meisten Versuche, den Bild- 
teppich wieder zu einem wesentlichen Aus- 
stattungsstück unserer neuen Innenräume zu 
machen, alsbald wieder aufgegeben worden. 
Die entwerfenden Künstler hatten sich wohl 
auch die Eroberung des Stils, der nur in lang- 
samer Arbeit aus der Hersfellungsweise und 



66 




MAX WISLICENUS 



WANDBEHANG „WASSERSTIER" 



dem Werkstoffe des Gewebes und aus selb- 
ständigem Studium des Gobelinstils alter 
Zeiten sich ergeben kann, leichter vorgestellt, 
als sie ihrer schwierigen Natur nach sein 
konnte. 

Der einzige, der bei der Aufgabe ausharrte 
und unbeirrt durch den Mangel an Aufträgen 
und bestimmten Aufgaben an der einmal be- 
gonnen Arbeit festhielt, war Max Wislicenus. 
Und daß diese Beharrlichkeit mit der Zeit 
ihre Früchte tragen wird, davon konnten sich 
die Besucher der Kölner Wcrkbundausstellung 
im vergangenen Jahre überzeugen. Der schle- 
sische Saal mit seiner dunkeln Wandtönung 
erhielt sein festliches Gepräge durch sieben 
große Wandteppiche, die in der Werkstatt von 
Frl. Wanda BiBROwicz nach den Entwürfen 
von Prof. Wislicenus ausgeführt, zum ersten 
Male der breiten Oeffentlichkeit die Ernte einer 
mehr als zehnjährigen Arbeit zu Gesicht 
brachte. Der Eindruck war ohne Frage ein 
starker. Einheit in der künstlerischen Auf- 



fassung, in die Anpassung an die Technik 
der Weberei und sichere Ausführung von hand- 
werklich tüchtiger Vollendung ergeben zu- 
nächst mindestens den Eindruck eines klaren, 
in sich gegründeten Stils, der überzeugend 
wirkte durch seine Verbindung flächig ge- 
sehener, rhythmisch bewegter Figuren mit 
reicher Belebung des Bildfeldes durch orna- 
mentale Uebersetzung der Naturmotive. 

Die Abbildungen, die hier beigegeben sind, 
lassen eine ausfühiliche Schilderung der ein- 
zelnen Kompositionen überflüssig erscheinen. 
Mit dem meisten Glück beschränkt sich Wisli- 
cenus auf Figuren großen Maßstabs, die er ein- 
zeln oder in vorwiegend symmetrisch zusammen- 
geschlossenen Gruppen den Rahmen des Bild- 
feldes möglichst ausfüllen läßt. Das ergibt 
einen dekorativen Reichtum, wie ihn etwa die 
ältesten griechischen Vasenmalereien oder die 
Glasgemälde des frühen Mittelalters oder auch 
die Bild Wirkereien des 16. Jahrhunderts zeigen, 
wo die Füllung der Fläche als oberste künst- 



67 




MAX WISLICENUS D GROSZER WANDTEPPICH IM FESTSAAL DES KCL. REGIERUNGSGEBAUDES ZU BRESLAU 



lerische Aufgabe erscheint, hinter der die Auf- 
gabe einer getreuen Abbildung der Natur zu- 
rückstehen muß. Geschmackvoll und ausge- 
glichen sind diese Erfindungen mehr, als daß 
sie durch zwingendes Temperament sich zu 
Kühnheiten erheben, die begeistern oder zur 
Kritik herausfordern. Die Wahl des Stoffes 
sollte sich in Zukunft, wenn es erst Auftrag- 
geber für solche Arbeit gibt, von außenher 
ergeben. Von den hier wiedergegebenen The- 
men darf man sagen, daß den Einzelfiguren 
der Vorzug zukommt. Der Akt, den Wisli- 
cenus in den drei Schlangentanzteppichen 
mit so glücklichem Gefühl für den Rhythmus 
angewandt hat, der unbekleidete Körper, wird 



für die Gobelintechnik immer besondere 
Schwierigkeiten haben. Das Gewand der be- 
kleideten Figuren gibt ihr dagegen Möglich- 
keiten, die Wislicenus selbst sehr fein aus- 
zunutzen versteht. Denn dem Gewebe wider- 
streben, wie wir schon sahen, eintönige Flächen 
von Natur; es sind ihm willkommen alle Mo- 
tive, die wie das wiederkehrende Muster eines 
Gewands, reich geformte Schuhe, ein Haarband, 
flatternde Schleiertücher als Bereicherungs- 
mittel für die Zeichnung dienen, während die 
Technik der Ausführung es verhindert, die 
zarten Abtönungen in der Modellierung der 
Körperflächen wiederzugeben, die der Akt ver- 
langte. Außerdem haben jene dekorativen Mittel 



68 







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69 




MAX WISLICENUS 



WANDTEPPICH „SCHLANGENTANZ". RECHTES SEITENSTÜCK 

70 



den Vorzug, daß sie die Harmonie zum Ornamen- 
talen vermitteln, deren das Bildgewebe nicht 
entbehren kann. Gerade dieses, das Ornament, 
dürfte gelegentlich gerne noch reicher, schwer- 
wiegender, phantasievolier entwickelt werden. 
Die Alten verstanden es bekanntlich prachtvoll, 
breite Einfassungen von Blumen und Frucht- 
büscheln, von Ornamentschnörkeleien mit figür- 
lichen Zutaten, bald streng architektonisch, bald 
malerisch frei aufgelöst, als Rahmen um ihre 
Gobelinbilder zu erdichten. — 

Außer den aus freiem künstlerischen Er- 
messen entstandenen Teppichen findet der 
Leser hier zwei, die im Auftrage der schlesi- 
schen Provinzialverwaltung entstanden sind, 
zum Schmuck des Trau- und Amtszimmers 
im Rathause zu Löwenberg. Die Ansicht der 
Stadt mit ihrer ausdrucksvollen Giebelreihe, 
die über die niedrige Stadtmauer emporragt, 
ist in Haltung und Stimmung außerordentlich 
fein in den Ton der alten Holzschnitte um- 
gesetzt, die so prächtig die sachliche, trockene 
Wiedergabe so eines Stadtbildes mit dem de- 
korativen Spiel geschmackvoll geordneter 
Linien und Flächen zu vereinigen verstanden. 
Die ornamentale Flächenteilung durch die 
Baumreihen des Hintergrundes, die Wölkchen 
über dem Horizont ist dem Bildteppiche durch- 
aus angemessene Stilweise. Weniger selbst- 
verständlich, etwas unvermittelt, auch ein 
wenig kostümiert wirken darunter die Ver- 
treter der einzelnen Stände, Ritter, Gelehrter, 
Bürgersmann und Handwerksgeselle. Der 
schreitende Löwe als Zeichen der Stadt, im 
Bürgermeisterzimmer des Rathauses zeigt die 
ornamentale Auffassung folgerichtig durch- 
geführt mit ausgezeichneter Wirkung. 



Auch für das Gebäude der Kgl. Regierung 
in Breslau hat die Webewerkstatt der Bres- 
lauer Akademie unter Leitung von Frl. Wanda 
Bibrowicz einen Bildteppich nach Prof. Max 
Wislicenus' Entwurf ausgeführt. Er zeigt einen 
Reigen von zwei schreitenden Paaren auf 
blumigem Wiesengrund und lehnt sich, seiner 
Entstehungszeit entsprechend, noch mehr als 
die späteren Arbeiten, aber mit glücklichem 
Erfolg an die dekorative Auffassung der Früh- 
renaissance an. — 

Der hier beschrittene Weg, die alte und 
wohlberechtigte Sehnsucht zu erfüllen, die 
Bildwirkerei wieder zu einem Bedürfnis und 
zu einem unentbehrlichen Ausdrucksmittel im 
künstlerischen Schaffen der Gegenwart zu 
machen, ist gewiß der rechte. In bald 
15 jähriger Zusammenarbeit von Künstler und 
Werkstatt hat sich eine Erfahrung heraus- 
gebildet, die alle Grundlagen eines aus der 
Herstellungsweise, dem Werkstoff geschaffenen 
Stils in sich trägt. Was wir diesem be- 
wunderungswürdigen zähen Ausharren bei der 
schönen Aufgabe als Lohn wünschen, das ist 
die Zahl von Aufträgen, die in Zukunft ein 
Ausbauen und Ausbreiten der bisherigen Er- 
rungenschaften erlauben. Kirche und Rathaus 
waren im Mittelalter die Auftraggeber für 
solche kostbare Ausstattungsstücke; sie müßten 
es heute wieder sein, und könnten es sehr 
wohl sein. Denn es wäre ein höchst be- 
dauerlicher Verlust an kunsthandwerklichem 
Kapital, wenn diese jahrelange Arbeit durch 
den Mangel an Verständnis bei den Stellen, 
die als die geborenen Auftraggeber in Frage 
kommen, nicht ihren Lohn fände. Und dieser 
ist ein Betätigungsfeld. 




MAX WISLICENUS 



WANDBEHANG „FABELTIER- 



71 





SCHMIEDEEISERNE KASSETTEN G SCHOLERARBEITEN DER GEWERBLICHEN FACHSCHULEN AUGSBURG 



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ARCH. KARL SATTLER-MÜNCHEN 



LANDSITZ BOVERI, BADEN (SCHWEIZ): GARTENHAUS 



EINE GARTENANLAGE IN BADEN (SCHWEIZ) VON ARCHITEKT 

KARL SATTLER-MÜNCHEN 



Als dem Münchner Architekten KarlSattler 
, der Auftrag zuteil wurde, in Baden in der 
Schweiz für Herrn Walter Boveri einen großen 
Garten zu schaffen, bei dem Architektur, pla- 
stischer Schmuck und pflanzliche Anlagen sich 
zu einem schönen Ganzen zusammenschlie- 
ßen sollten, trat eine zwar reizvolle, aber nicht 
leichte Aufgabe an ihn heran, denn die absolute 
Freiheit des Schaffens war einerseits dadurch 
beschränkt, daß ein Wohnhaus und ein alter 
Garten schon vorhanden waren und in ihrer 
ursprünglichen Gestalt erhalten werden muß- 
ten, andererseits war in dem abschüssigen Ge- 
lände eine Voraussetzung gegeben, über die 
der Architekt nicht hinweggehen konnte. 

Es handelte sich darum, einen Terrassen- 
garten mit horizontalen Wegen (im Gegensatz 
zu dem durchaus abschüssigen alten Garten) 
zu schaffen. Als krönenden Abschluß dachte 
sich der Bauherr ein Gartenhaus, das natür- 
lich, entsprechend den parallelen Horizontalen 



der vier Terrassen, gleichfalls mehr in die Breite 
als in die Höhe wachsen mußte, und infolge- 
dessen von dem Baukünstler behaglich hingela- 
gert und eingeschossig (mit niederem Souterrain) 
ausgestaltet wurde. Es ist ein Gartensaalbau 
von jenem anmutigheiteren Wesen, dessen 
man sich bei den Gartenbauten aus den kur- 
fürstlichen Zeiten erfreut, doch ist damit nur 
die Stimmung des Gebäudes angedeutet und 
es ist keineswegs irgendeine stilistische An- 
lehnung darunter zu verstehen. Die Ausfor- 
mung des Gebäudes ist ganz zeitgenössisch. 
Ohne starke äußere Mittel ist durch vorzüg- 
liche Aufteilung der Baumasse, durch die Hori- 
zontal-Vertikalgliederung der Fassade und durch 
die gelungene Proportionalität von Fassade und 
Dach ein schöner Eindruck erreicht, der echtes 
Behagen auslöst. Im Innern ist das Garten- 
haus zu einem Musiksalon und intimen Fest- 
raum von ausgezeichneter Akustik ausgestaltet. 
Die hohen Fenster, die bis zum Boden des 



Dekoralivo Kunst. XIX. 



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ARCH. KARL SATTLER-MÜNCHEN 



LANDSITZ BOVERI, BADEN (SCHWEIZ): SCIINX IMMliAD 



Saals herabreichen und so zu Türen geworden 
sind, werden von schönen, an Ort und Stelle 
freihändig in Stuck modellierten Supraporten 
geschmückt. Die Türfenster dienen nach Westen 
hin zum direkten Austritt auf die oberste Ter- 
rasse, die zu einer besonders intimen Garten- 
anlage ausgebaut wurde. Die Möblierung ist 
teils alt, teils entsprechend neu ergänzt, das 
Prunkstück aber, ein Kamin in Muschelkalk 
mit Putten und Karyatiden, ist eine Schöpfung 
von Professor Adolf v. Hildebrand in Mün- 
chen, ein Werk von sonniger Heiterkeit und 
in der Formgebung und Gliederung von über- 
raschendem Reiz. Der holzgeschnitzte Leucht- 
körper mit dem Amor, den man auf unserer 
Abbildung sieht, ist von Jacobine v. Hilde- 
brand, geb. Sattler, gestaltet. 

Vorzüglich ist der Anschluß des Garten- 
gebäudes an die Terrassenanlage gefunden 
durch beiderseits an das Gebäude angelehnte 
Steintreppen, deren Balustraden als schöne 
Zier zwei lebhafte Putten nach Modellen Adolf v. 
Hildebrands aufweisen. Plastischer Schmuck ist 
auch sonst da und dort im Garten anzutreffen, 
ohne indessen durch Häufigkeit zu ermüden. 
So sind die Plastiken an den Brunnen usw. 
von Theodor Georgii, der sie als echte 



Steinplastiken (Muschelkalk aus einheimischen 
Steinbrüchen) direkt aus dem Stein heraus- 
arbeitete, während die vier Figuren an der 
Alleenkreuzung der untersten Stufe des Gar- 
tens von Professor Karl Ebbinghaus stam- 
men. Sie stellen die vier Jahreszeiten, durch 
Mädchen- und Frauengestalten versinnbildlicht, 
dar, und haben seinerzeit auf der „Ausstellung 
München 1908", wo sie im Park aufgestellt 
waren, viel Beifall gefunden (Abbildungen im 
Juliheft 1908); im Garten Boveris sind sie in- 
dessen durch die Uebereckstellung im Qua- 
drat und durch die grüne Umrankung der 
Sockel viel vorteilhafter zur Geltung gebracht 
als seinerzeit in München. 

Das belebende Element des Wassers, das 
gerade bei Terrassenanlagen zur Entfaltung 
feiner Wirkungen Gelegenheit bietet, ist reich- 
lich herangezogen. Auf der obersten Terrasse 
ist ein Brunnen mit fließendem Wasser ein- 
gerichtet; dasselbe Wasser durchströmt eine 
Reihe von Brunnen und Becken auf den ver- 
schiedenen Terrassen, wo es besonders den 
Vögeln, die den Garten beleben, als Bade- 
platz dient, und mündet zuletzt, nun schon 
angenehm erwärmt, in der großen Badeanlage, 
die als geräumiges Schwimmbad mit hübscher 



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architektonischer Ausgestaltung in einer Ecke 
des untersten Gartens, hinter Ulmen und Pla- 
tanen verborgen, ihren Platz fand. 

Sowohl von den Fenstern des Gartenhauses 
aus, wie von den Terrassenabstufungen bietet 
sich ein prächtiger Blick in die wundervolle 
Schweizerlandschaft, die von der Aare durch- 
strömt und von den Lägern-Bergen umkränzt 
wird. Dieser Aussicht zuliebe mußte die gar- 
tenarchitektonische Anlage, wie es auch dem 
Wesen des Terrassengartens entspricht, tun- 
lichst horizontal gehalten werden, d. h. größere 
Baumgruppen und hochansteigendes Busch- 
werk mußten auf die oberste Terrassenstufe 
(hinter dem Gartenhaus) und auf die unterste, 
in der Gegend der Badeanlage, sowie auf die 
gleichfalls ganz tiefgelegte Allee beschränkt 
bleiben; außerdem fanden Bäume nur als Be- 
grenzung am Zaun Verwendung. Uebrigens 
bewährte sich bei diesem gartenarchitektoni- 
schen Teil der Anlage die bekannte Münchner 
Firma Möhl & Schnitzlein, die den garten- 
technischen Teil nach Sattlers Plänen, etwa in 
der Art fränkischer Barockgärten, ausgezeich- 
net ausführte. Der Bauherr selbst nahm mit 
Geschmack und großer Sachkenntnis an die- 



ser gartenarchitektonischen Ausgestaltung An- 
teil; er lieh guten Vorschlägen ein geneigtes 
Ohr, fand aber auch selbst vortreffliche Lö- 
sungen und schuf Ausgezeichnetes bei An- 
pflanzungen und Gruppierungen. Da eine Gar- 
tenanlage nicht etwas zu gewisser Stunde Ab- 
geschlossenes und Endgültiges ist wie beispiels- 
weise ein Hausbau, sondern immer weiter sich 
entwickelt, immer neue Gelegenheit zur Ver- 
vollkommnung und Ausschmückung gibt, ist 
Herrn Boveri reiche Möglichkeit geboten, an 
dem Ausbau und der Vervollständigung seines 
Gartens auch fernerhin weiterzuschaffen. 



Wenn je eine Zeit geeignet war, mehr wie eine 
andere der Anschauung Raum zu geben, daß in 
Architektur und Kunstgewerbe künstlerische Wahr- 
haftigkeit, Knappheit und Sachlichkeit, vollkom- 
menste Erfüllung des Zweckes mit den einfachsten 
Mitteln als erste Bedingung gelten soll, so ist es 
die unsrige. Die ganze so großartig entwickelte 
moderne Technik, deren Erzeugnisse in ungeheurer 
Mannigfaltigkeit täglich und stündlich uns vor Augen 
stehen und durch unsere Hände gehen, sie ist be- 
herrscht von dem obersten Grundsatz: die größt- 
mögliche Leistung mit den geringstmöglichen 




ARCH. KARL SATTLER-MÜNClIhN 



LANDSITZ BOVERI BADEN (SCHWEIZ) : TERRASSENANLAGE 
78 




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Mitteln. Haben sich nun durch das beständige Sehen 
und Benutzen jener Erzeugnisse unsere Augen und 
unser Tastgefühl mehr und mehr an die sfruktiv- 
technische Sachlichkeit gewöhnt und unser tekto- 
nisches Formgefühl dementsprechend beeinflußt, so 
ist zudem noch unser Körpergefühl durch die außer- 
ordentliche Steigerung der Verkehrsmittel für eine 
größere Bewegungsfähigkeit sehr empfänglich und 
demnach für allen hemmenden und beschwerenden 



Ballast sehr empfindlich geworden. Diese psycho- 
logische Tatsache, die Beeinflussung also unseres 
Körpergefühls, damit auch unseres statischen Ge- 
fühls, unseres Formengefühls überhaupt durch un- 
sere ganzen von der modernen Technik umgestal- 
teten Lebensverhältnisse kann allein den Schlüssel 
bieten zur Erkenntnis der spezifischen modernen 
Auffassungsweise tektonischer Aufgaben. 

R. Streiter 




ARCII. KARL SAi ILLK 



LANUüAi .> iiu\i Kl, liAiii.N (.^cnVii.lZ): TREPPEN- 
ANLAGR MIT PUTTO VON A. VON HILDEBRAND ■ 



DekoratNe Kunst. XIX. 3, Dezember 1915 



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ARCH. P. L. TROOST a BELEUCHTUNGSKÖRPER AUS DEM NEBENSTEHEND ABGEBILD. RAUM 

Ausführung: Wilhelm &. Co., München 




ARCH. P. L. TROOST OiSCHRANKCHI:N AUS DEM NEBENSTEHEND ABGEBILD. RAUM 
Ausführung: Vereinigte Werkstalten für Kunst im Handwerk A.-G., München-Bremen 



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ARCH. P.L.TROOST-MONCHENqTEIL AUS DEM VORRAUM DER AUSSTELLUNG DER VEREINIGTEN .WERKSTATTEN, 
MÜNCHEN-BREMEN AUF DER WERKBUND-AUSSTELLUNG IN KÖLN 



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ARCII. P. L. TROOSr-MONCllEN BELEUCHTUNGSKÖRPER 

Ausführung: Vereinigte U'crkslättcn tür Kunst im Handwerk A.-G., München-Bremen 



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ARCH. P. L. TROOST-MÜNCHEN 



SCHLAFZIMMER. AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN WERKBUNDES, KÖLN 



Ausführung: Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk A.-G., München-Bremen 



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ARCH. P. L. TROOST-MONCHEN SCHLAFZIMMER. AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN WERKBUNDES, KÖLN 

Ausführung: Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk A.-C, München-Bremen 



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ARCH. P. L. TROOST-MONCHEN TOILETTENTISCH AUS VORSTEHEND ABGEBILDETEM SCHLAFZIMMER 

Ausführung: Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk A.-C, München-Bremen 



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LUDWIG GIES-MONCHEN 

I>ekoralive Kunst. XIX. 3. Dezember 1915 



89 



KRIEGS- UND TRAUERSCHMUCK 
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ZEITMEDAILLEN VON LUDWIG GIES 



Die konzentrierte Kunst der Medaille, die 
mit der graphischen Kunst insoferne Be- 
rührungspunkte besitzt, als sie von der Wirk- 
lichkeitsabschilderung wegrückt und den dar- 
gestellten Gegenstand ins Symbolische steigert, 
besitzt in dem jungen Münchner Plastiker Lud- 
wig GiES einen ihrer besten Interpreten. Auf 
diesen Seiten ist schon des öfteren von ihm 
die Rede gewesen und immer galt es, seine 
Originalität in den Einfällen, seine Sicherheit 
in der Komposition und räumlichen Aufteilung 
und seine ausgezeichnete Beherrschung der 
Technik zu rühmen. Dieser Krieg und seine 
Auswirkungen in der Heimat haben Gies' Ein- 
bildungskraft außerordentlich befruchtet. Nahe- 
liegende Allegorien, mit denen sich manche sei- 
ner Kunstgenossen zufrieden geben, verschmäht 
er, verächtlich schiebt er die Bettelsuppe bil- 
liger „Ideen" von sich. Er steigt in die Tiefe 
und schöpft aus den Urgründen künstlerischen 
Ingeniums. Indessen wird seine Kunst des- 
wegen nicht „dunkel" und mystisch. Ihre helle 
Klarheit, Durchsichtigkeit und Eindeutigkeit sind 
„medaillengemäß" im besten Sinn der Tradition. 
Wenn Vittore Pisano oder die Florentiner Me- 
dailleure des Quattrocento, die heute noch vor- 
bildlich sind, auf den Reversen ihrer Porträt- 
medaillen durch eine symbolische Darstellung 
ein Ereignis, einen Zeitgedanken oderdas Wesen 
des Porträtierten zu umschreiben unternahmen, 
so strebten sie wohl nach Größe und Neuartig- 
keit des Einfalls und der Form, aber niemals 
auf Kosten der Klarheit und Leichtfaßlichkeit. 
So hält es auch Gies. Es gibt bei den Darstel- 
lungen auf seinen Medaillen Einfälle, die ganz 
naiv sind, volkstümlich, kindlich. Da drückt der 
Soldat seinem Liebchen unterm Kruzifix die 
Hand oder sie küssen sich zum Abschied unter 
dem blühenden Baum, eine trauernde Frau legt 
ihr Kränzlein auf ein Soldatengrab oder der 
schönste Kindermärchenengel mit Flügelein und 
Strahlenkranz schwebt himmelwärts und flicht 
den Lorbeer um die Pickelhaube: in beiden 
Fällen trägt die Medaille die Inschrift: „Ich be- 
klage einen deutschen Helden" und ist als Trauer- 
schmuck für die Frauen gedacht. Ueberhaupt 
hat Gies bei seinen neuen Schöpfungen immer 
eine sinngemäße Verwendung im Auge. Nur 
ganz wenige Stücke — eigentlich nur die aus- 
gesprochen „artistischen" — sind als Sammel- 
objekte, als Schaumünzen im alten Sinn, ge- 
dacht, die meisten sollen praktischen Zwecken 



zugeführt werden als Anhänger, Brosche, Amu- 
lett, Abzeichen. Daher ist für die Ausführung 
billiges Material gewählt, beispielsweise eine 
Messingmischung, wie sie bei alten Devotio- 
nalmedaillen gebräuchlich war: durch Erkennt- 
nis der technischen Möglichkeiten dieses Mate- 
rials und durch seine sachgemäße Behandlung 
sind gerade damit sehr reizvolle Wirkungen 
erzielt worden . . . 

Als Broschen sind z. B. die Gußmedaillen 
„Der russische Bär" und „Seegefecht" aus- 
gebildet, die beide trotz des Ernstes ihres Vor- 
wurfs einer feinen humoristischen Ausdeutung 
nicht entraten. Das „Seegefecht" wird durch 
zwei wütend gegeneinander anstürmende Wal- 
fische verkörpert; jedes dieser beiden merk- 
würdigen Schiffe trägt eine Schar erzgepanzerter, 
in Waffen starrender Männer auf dem Rücken, 
Lanzen sind gezückt und zum allgemeinen Er- 
götzen beteiligen sich auch die Walfische durch 
Ausstoßen hoher Wassersäulen am Kampf. Sehr 
fein und graziös ist die Silberplakette mit den 
vor der einschlagenden Granate erschreckt stei- 
genden Pferden, hier ist das schwierige Be- 
wegungsproblem, das eigentlich zu dem ruhe- 
vollen Charakter einer Medaille nicht völlig 
paßt, aufs glücklichste bezwungen. Originelle 
Motive bieten ferner die Medaillen „Häuslicher 
Herd", wo man Anklänge an die Heilige-Familie- 
Bilder der deutschen Kleinmeister herausspürt, 
und die Medaille „Betende Flüchtlinge", die 
mir wie eine künstlerische Apotheose auf die 
Russennot Ostpreußens erscheint . . . 

Wer diese und andere Kriegs- und Zeitmedail- 
len und Denkzeichen von Ludwig Gies auf der 
Sommerausstellungder Münchner Secession sah, 
dazu eine ganze Anzahl tüchtiger Arbeiten gleich- 
gesinnter Mitstrebender, die wie Gies zumeist 
Schüler des feinsinnigen Heinrich Wadere an der 
MünchnerKunstgewerbeschulewaren,derkonnte 
sich von Herzen freuen, daß neben dem billigen 
industriellen Schund von Kriegsdenkzeichen, der 
jetzt in vielen Tausenden von Exemplaren auf 
den Markt geworfen und gekauft wird, und neben 
dem einfältigen allegorischen Kitsch, den soge- 
nannte Künstler produzieren, doch auch aus dem 
großen Geist der Zeit heraus Medaillenschöp- 
fungen entstehen, die ihrem Wert nach die heu- 
tige Generation überdauern und kommenden 
Geschlechtern im Abglanz eine Vorstellung 
vermitteln werden von der Wirkung der großen 
Ereignisse auf die Kunst. Wolf 



90 




LUDWIG GIES-MONCHEN 



91 



KRIEGS- UND TRAUERSCHMUCK 
12» 




DRESDENER MARGARETEN-SPITZE 



SCHULE MARGARETE NAUMANN-DRESDEN 



DIE DRESDENER MARGARETEN-SPITZE 



Diese neue Technik entspringt einer Weiter- 
bildung der Makrame-Technik und es ist 
erstaunlich, wieviele Möglichkeiten künstleri- 
scher Wirkung hierbei vorhanden sind, von 
der feinsten duftigsten Art der Spitze bis zur 
Posamenten-Wirkung und zu entzückenden 
plastischen Gebilden. Die Technik befindet 
sich noch in der Entwicklung und so sieht 
man neben fertigen Borten, Kragen, Besätzen, 
welche zu direkter Verwendung für elegante 
Kostüme reizen, auch Versuche verschiedenster, 
besonders auch farbiger Art. Es fallen ver- 
schiedene naive Darstellungen figürlicher 
Art auf, welche von den Arbeiterinnen, meist 
jungen Mädchen aus dem Arbeiterstande aus 
reiner Freude an dieser Technik und ihren 
schöpferischen Möglichkeiten geschaffen wur- 
den. Aus Freude an der Arbeit! Wie dies 



klingt im 20. Jahrhundert, wo Tausende von 
Mädchen mechanische Fabrikarbeit verrichten 
und Freude ganz wo anders suchen als in der 
Arbeit. Ernste soziale Gedanken lösen sich 
bei dieser Beobachtung aus. Woran liegt es, 
daß diese Spitzen-Arbeiterinnen bei beschei- 
denem Lohne an ihrer Arbeit froh werden, 
sich ihrer freuen? 

Man muß das feine Lehrtalent von Mar- 
garete Naumann, der Erfinderin dieser Spitzen, 
kennen, um dies zu beantworten. 

Nach kurzer Unterweisung in schönen Rei- 
hungen und Gliederungen erfinden und ent- 
wickeln die Arbeiterinnen ohne jede Vorzeich- 
nung, während dem Knüpfen ihre Muster. 
Von einfachsten Grundlagen ausgehend, wird 
ihre Phantasie immer sicherer und reicher, 
so daß sie aus Freude an diesem schöpferi- 



DRESDENER 
MARGARETEN- 
SPITZE 




SCHULE 
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SCHULE MARGARETE NAUMANN-DRESDEN 



sehen Können Darstellungen von Tieren, Men- 
schen und Blumen knüpfen in so selbstver- 
ständlicher naiver Art, wie die Volkskunst es 
stets getan. Wie oft mußte in Vorträgen ge- 
warnt werden, Volkskunst nachmachen zu 
wollen, wir könnten nicht mehr so einfach 
und herzlich fühlen, und hier in diesen Spitzen — 
hier fließt aus einer neuen Technik echte ge- 
mütswarme Volkskunst. Diese Erzeugnisse 
behaupten sich in Museen unter den schönsten 
Arbeiten alter textiler Kunst, sei sie aus dem 
Morgen- oder Abendlande. Und Volkskunst 
ist hier nicht Bauernkunst, sondern überhaupt 
unverfälschter schöpferischer Volksgeist, dessen 
Erzeugnisse auch Fürsten zieren. 

Diese neu aufgebrochene Blüte ist aber in 
unserer Zeit der Maschine und der kalten 
Profitrechnungen tödlichen Gefahren ausge- 
setzt. Beschützen und pflegen können diese 
Blüte nur jene, welche fühlen, daß unsere 
deutsche Kultur nicht nur auf Geldgewinn, 
sondern und nicht zuletzt auf einer Schöpfer- 
freude aufgebaut ist, welche ihre Lebensbe- 



friedigung in sich selbst findet und lieber 
materiell bescheiden lebt und kämpft, als 
diese Schöpferfreude entbehrt. Sollte es nicht 
Aufgabe der Verständigen sein, derartige Re- 
gungen der Volksseele zu stützen und zu er- 
halten, gegenüber dem Materialismus? Vor- 
aussetzung ist allerdings die Erkenntnis, daß 
ein Hundertmarkschein nur ein Tausch, aber 
kein Wertobjekt ist. Diese Spitzenfechnik 
kann für die Industrie zunächst nur künstle- 
risch anregend sein, muß aber Handarbeit 
bleiben, wenn ihre inneren und wichtigsten 
Werte erhalten werden sollten. Die Spitze 
müßte sich auf dem Markte einen derartigen 
Qualitätswert erringen, daß jedes Stück als 
Originalstück gewertet und eingeschätzt -wird. 
Alles Verlangen nach billigerer Herstellung 
muß abgewiesen werden, damit sie nicht dem 
Jahrmarkts-Schicksal der Klöppelspitze ver- 
fällt. In diesem Sinne ist diese Spitzen-Technik 
jeder Unterstützung wert, sowohl vom künst- 
lerischen wie vom volkswirtschaftlichen Stand- 
punkte aus. K. Gross 




DRESDENER 
MARGARETEN- 
SPITZEN 




SCHULE 
MARGARETE NAU- 
MANN-DRESDEN 



94 



REISZBRETT UND BELEUCHTUNGSKÖRPER 



Viele Beleuchtungskörper, die von moder- 
nen Künstlern gleichzeitig mit der übri- 
gen Ausstattung eines Raumes gezeichnet wur- 
den, tragen den gleichen Fehler. Sie wirken 
nüchtern, kalt und stören die sonst vielleicht 
vorzügliche Raumstimmung gerade durch ihr 
ängstliches Bestreben, sich mit der Formen- 
sprache der Umgebung in absoluten Einklang 
zu setzen. 

Der unbefangene, mit natürlichen künstleri- 
schen Instinkten begabte Beobachter empfindet 
dieses Bestreben als Nachteil, wenn er sich 
auch über den Grund seines Gefühls nicht 
klar wird. Und doch ist der Grund recht ein- 
fach. Der Beleuchtungskörper gehört eben nicht 
in dem Sinne zur Raumausstattung wie Möbel 
und Wandbekleidung. Sein völlig isolierter 
Platz berechtigt ihn nicht nur zur freiesten 
Abweichung von der Formensprache des Rau- 
mes, sondern verpflichtet ihn geradezu, durch 
wohltuende Kontrastwirkung die wohnliche 
Stimmung zu steigern. Er wird unbewußt stets 
als unabhängiges Gerät empfunden, das als 
Ganzes für sich der Beurteilung unterliegt. Der 
Architekt wird beim Entwurf immer geneigt 
sein, in mehr oder weniger nüchterner Linien- 
berechnung den Beleuchtungskörper als Detail 
der Zimmereinrichtung zu behandeln, als Detail, 
das nur in Zusammenwirkung mit dem Gan- 
zen den beabsichtigten Stimmungsakkord er- 
zeugen hilft. Tatsächlich wird aber, wie schon 
gesagt, dieses Zusammenwirken in ganz anderer 
Weise empfunden als das Reißbrett vortäuschen 
möchte. Der konstruierte Zusammenhang ist in 
Wirklichkeit kaum vorhanden, und der Be- 
leuchtungskörper erscheint, auf sich selbst an- 
gewiesen, ärmlich und nüchtern. Es entscheiden 
Werte in seiner Wirkung, die auf dem Papier 
keine Geltung hatten, und die mangelhafte 
Fachkenntnis des Künstlers, der über diese 
Werte nicht gebot, macht sich unangenehm 
bemerkbar. Man kann sich sehr wohl bei- 
spielsweise einen Metallbeschlag vorstellen, 
der an sich betrachtet handwerklich nicht ein- 
wandfrei ist und trotzdem in Verbindung mit 
dem Möbel die beabsichtigte Wirkung auslöst. 
Ein Beleuchtungskörper dagegen, der die Merk- 
male mangelhafter Technik verrät, kann durch 
die Wechselwirkung mit seiner Umgebung nicht 
veredelt werden. Sein exponierter Platz im 
Raum verlangt gebieterisch die Ausnützung 
aller kunsthandwerklichen Traditionen und bietet 
für dilettantische Versuche die allerungünstigste 
Gelegenheit. Auch originelle, oder sich so ge- 



bärdende Formgedanken können hier nicht über 
Schwächen hinwegtäuschen. Vielleicht für we- 
nige Augenblicke der Ueberraschung, nachher 
wird gerade das konstruiert Originelle zur un- 
erträglichen Aufdringlichkeit. Denn eben weil 
der Beleuchtungskörper so der beständigen 
Beachtung ausgesetzt ist und auch im bewohn- 
ten Raum nicht wie Möbel und Wände durch 
das zahlreiche Zubehör persönlichen Lebens 
in der Wirkung beeinflußt und der Gesamt- 
stimmung eingepaßt werden kann, verlangt er 
von vornherein zurückhaltende Formgebung. 
Wenn irgendwo, so ist beim Beleuchtungskör- 
per eine gewisse Anlehnung an das gesund 
Traditionelle und Typenhafte berechtigt. Da- 
für zu sorgen, daß diese Eigenschaften nicht 
identisch werden mit äußerer und innerer Arm- 
seligkeit, liegt nicht in der Macht des Reiß- 
brettkünstlers. Nur der Fabrikant, der kunst- 
handwerkliche Ueberlieferungen und kultivier- 
tes Empfinden in sich vereinigt, kann in dieser 
Beziehung auf seinem Sondergebiet wirkliche 
Fortschritte zur Reife bringen. 

Hält man unter diesem Gesichtspunkt in 
der modernen Beleuchtungskörperindustrie kri- 
tisch Umschau, so erscheinen die bisher er- 
zielten Resultate ziemlich kläglich. Es ist ver- 
ständlich, daß der einkaufende Bauherr diesem 
unreifen Chaos mutlos den Rücken kehrt, um 
bei seinem Architekten Rat und Hilfe zu su- 
chen. Andere geben sogar die Hoffnung auf, 
in Deutschland überhaupt zu finden, was ihr 
Instinkt vom Beleuchtungskörper verlangt. 
Frankreich und England waren die Länder, 
die in solchem Fall herangezogen wurden, 
nicht ohne jede Berechtigung, denn in beiden 
Ländern hat die betreffende Industrie ihre Tra- 
ditionen besser zu nutzen verstanden. Und das 
Traditionelle ist wie gesagt manchem fein emp- 
findenden Laien beim Beleuchtungskörper er- 
träglicher als das Originelle. Der Krieg wird 
für absehbare Zeit die Nachbarländer auch auf 
diesem Gebiet für deutsches Empfinden un- 
möglich machen, aber unsere Industrie wird 
aus dieser Tatsache so lange keinen Nutzen 
ziehen, wie sie nur den kaufmännischen Nutzen 
darin erblickt. 

Die Beleuchtungskörperfabriken Deutsch- 
lands werden in der Mehrzahl nach rein kauf- 
männischen Gesichtspunkten geleitet. Großer 
Umsatz, billige Preise, Export, Konkurrenz 
sind wichtiger für die Inhaber als das Streben 
nach innerer Gediegenheit und andere ästhe- 
tische Momente, deren Nutzen nicht unmittel- 



95 



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WEIHNACHTSTELLER 



AUSFÜHRUNG: KCL. PORZELLAN- 
MANUFAKTUR MEISZEN B 



bar in der nächsten Jahresbilanz nachzuwei- 
sen sind. Man schlägt und unterbietet sich 
um die Ausführung der Beleuchtungskörper 
für irgendein protziges Kaffee- oder Warenhaus, 
ohne zu bedenken, daß ein einziger großer 
Auftrag, bei dem zur Einhaltung unmöglicher 
Preise alle ehrliche Werkstattsgesinnung ver- 
leugnet werden muß, den schwer erworbenen 
direkten Nutzen indirekt wieder aufhebt. Eine 
Werkstatt, aus der nur einmal Schund hervor- 



ging, wird den Weg zur Gediegenheit schwer- 
lich wiederfinden. Es lohnt sich, einen Blick 
auf die Arbeitsweise größerer Beleuchtungs- 
körperfabriken zu werfen mit Bezug auf die 
Art und Weise, wie sich bei ihnen Kunst und 
Gewerbe zum Kunstgewerbe vereinigen. Besser 
gesagt: vereinigen möchten, denn die Verbin- 
dung ist meist recht locker. 

Viele Betriebe beziehen ihre Entwürfe, mehr 
oder weniger bestechlich gezeichnete Blätter, 




WEIHNACHTSTELLER 



AUSFÜHRUNG: KGL. PORZELLAN- 
MANUFAKTUR MEISZEN D 



96 



WEIHNACHTSTELLER a 
ENTWURF: FRITZ KLEE 




AUSFÜHRUNG: FACHSCHULE FCR 
PORZELLANINDUSTRIE, SELB o 



entweder von (es ist leider nicht anders auszu- 
drücken) hausierenden Zeichnern, oder von 
ihren Spezialzeichnern, deren mancher seiner- 
seits eine ganze Reihe Zeichner beschäftigt. 
Jeder dieser Leute züchtet dank seiner ein- 
seitigen Beschäftigung am Reißbrett, in sich 
die Fähigkeit, Beleuchtungskörperentwürfe ge- 
radezu aus dem Aermel zu schütteln. Irgend- 
welche technische Verantwortung trägt der 
Zeichner nicht, nur selten bekommt er das von 
ihm entworfene Stück zu Gesicht. 



Andere Betriebe haben ihre eigenen Zeichen- 
ateliers. Mit erstaunlicher, durch den Kon- 
kurrenzkampf bedingter Geschwindigkeit wer- 
den hier umfangreiche Offerten ausgearbeitet 
mit zahlreichen Entwurfskizzen. Damit ist im 
allgemeinen der künstlerische Teil der Aufgabe 
erledigt. Die nötigen Werkzeichnungen sind 
meist oberflächlich und bezüglich der techni- 
schen Einzelheiten so vieldeutig, wie es bei- 
spielsweise im Tischlergewerbe undenkbar wäre. 
Die Metalltechnik läßt eben immer viele Lö- 





WEIHNACHTSTELLER □ AUSFÜHRUNG KCL. POR- 
ZELLANMANUFAKTUR MEISZEN 



WEIHNACHTSTELLER B ENTW.: JUL. DIEZ; AUSFÜH- 
RUNG: K. PORZELLANMANUFAKTUR NYMPHENBURC 



Oekoraiivr Knust. XI.\. i. Dezember 1915 



97 



13 








WEIHNACHTSTELLEK Q AUSFÜHRUNG: KGL. POR- 
ZELLANMANUFAKTUR BERLIN 



WEIHNACHTSrtLLhK Q ENIMUKI ; LUDWIG v. ZUM- 
BUSCH B AUSF.: PH. ROSENTHAL & CO. A.-G., SF.LB 



sungen zu, und ein gewissenloser Fabrikant, dem 
ein nach Zeichnung abgegebener Preis beschnit- 
ten wird, findet durch Anwendung einer billi- 
geren Technik immer noch die Möglichkeit, 
„zurechtzukommen". Wenn er sie nicht selbst 
findet, findet sie der Meister, der bezüglich der 
technischen Ausführung die Entscheidung hat 
und meist die Preisberechnung ausführt. Bei alle- 
dem ist der Künstler so gut wie ausgeschlossen, 
und je größer der Betrieb, desto schärfer ist 



diese Trennung von Reißbrett und Handwerk. 
Glücklicherweise gibt es Ausnahmen; Werk- 
stätten, wo Kunst und Handwerk in glücklicher 
Verbindung wertvollere Erzeugnisse schaffen. 
Aber solange bei der Mehrzahl der Fabrikan- 
ten der Kaufmann das erste und letzte Wort 
behält, solange wird beim Beleuchtungskörper 
und bei manchem anderen kunsthandwerkli- 
chen Erzeugnis das Reißbrettkunsfgewerbe sein 
totes Leben weiter führen. Paul Bischoff 





WEIHNACHTSTELLER D AUSFÜHRUNG : KOPENHAGENER FAYENCEFABRIK BING & GRÖNDAHL, KOPENHAGEN 



98 




RICHARD L. F. SCHULZ-BERLIN 



BELEUCHTUNGSKÖRPER 



QUALITÄT UND GESCHMACK. 

zu DEN BELEUCHTUNGSKÖRPERN VON RICHARD L.F.SCHULZ, BERLIN 



Sachlichkeit war vor fünf Jahren das Feld- 
geschrei des neuen Kunstgewerbes. Alles, 
was sich vor dem Begriff nicht ausweisen 
konnte, war Verbrechen, war Laster, war 
Barbarei. Ich entsinne mich noch, wie einer 
der damaligen Kunstgewerbe-Vielschreiber den 
Frauenhut verdammte. Vielleicht lesen die 
Theoretiker, die jetzt eine deutsche Mode 
machen wollen, die Stelle noch einmal nach: 
„Da gibt es Bänder, die nichts binden und 
Schließen, die nichts schließen . . ." O Greuel, 
o Greuel. Es war eine schlimme Sache um 
den Hut unserer Damen. Schlimm, sehr 
schlimm, bis man verstanden hatte, daß ein 
Begriff wie die Sachlichkeit doch nicht allen 
Erscheinungen des künstlerischen und gewerb- 
lichen Lebens gerecht werde. Und Worte 
blühen und vergehen. Man hat sogar im Ver- 
lauf der merkwürdigen Entwicklung, die das 
neudeutsche Kunstgewerbe ja hinter sich ge- 



bracht hat, der Sachlichkeit mehr, viel mehr 
als gut, entraten. Dafür ist ein neues Wort 
den Zungen geläufig geworden, ein sehr gutes 
Wort, denn es heißt: Qualitätsarbeit. 

Qualitätsarbeit ist unbedingt eine der An- 
forderungen, die an alle menschlichen Betäti- 
gungen gestellt werden sollten. Richtige, ge- 
diegene, nicht zu übertreffende Arbeit, das ist 
eine der Voraussetzungen für alles Ausgezeich- 
nete, was Menschengeist und Menschenhände 
hervorbringen können. Mit militärischer 
Qualitätsarbeit besiegt man eine halbe Welt 
voll Feinde, ballistische Qualitätsarbeit allein 
vermag sich auszuwachsen zum 42- Zentimeter- 
Mörser, die Qualitätsarbeit der technischen 
Industrie baut Dreadnoughts und Untersee- 
boote, konstruiert Flugzeuge, spannt mächtige 
Brücken über Flüsse und Täler. Der Faust, 
die Rembrandtsche Anatomie oder gotisches 
Maßwerk, das alles ist auch Qualitätsarbeit. 



99 



13» 




RICHARD L. F. SCHULZ-BERLIN 

Und es ist ganz klar, daß der Künstler oder 
der Handwerker, die etwas von Wert schaffen 
wollen, immer auszu- 
gehen haben von der 
qualitätvollen Arbeit. 
Theoretisch hat man 
das bei uns wohl be- 
griffen und scheint es 
ganz besonders begrif- 
fen zu haben in unse- 
rem Kunsthandwerk 
und unserer Kunstin- 
dustrie. Denn nirgends 
betont man so sehr, 
wenn man von sich 
redet und sich in ein 
vorteilhaftes Licht set- 
zen will, die Qualitäts- 
arbeit; in Wirklichkeit 
ist aber das Wort 
Qualitätsarbeit gerade 
hier nur ein Wort, 
ein ruhmrednerisches 
Wort geblieben. Neun 
Zehntel alles neu- 
deutschen Kunstge- 
werbes war als tech- 
nische und manuelle 
Arbeitsleistung nicht 
mehr als halbwertig. richard l. f. schulz 




TISCHLAMPEN 

Beweis: die in der amtlichen Denkschrift der 
Bayerischen Gewerbeschau zum Ausdruck ge- 
brachte Anschauung, 
daß Farben Wirkung und 
gute Form „eine unbe- 
dingte Voraussetzung 
für jede Qualitätslei- 
stung ist, während sich 
die technische Vollen- 
dung relativ begrenzt 
denken läßt". Von die- 
ser Qualitätsarbeit, die 
technisch nicht voll- 
wertig ist, und, wie 
Köln jaaller Weltoffen- 
bart hat, die auch for- 
mal das meiste zu wün- 
schen übrig ließ, haben 
wir, denke ich, genug. 
Also folgen wir ein- 
mal denen, die die allei- 
nigen und wahren Füh- 
rer des Kunsthandwer- 
kers und Kunstindu- 
striellen sein sollten, 
folgen wir den ganz 
Wenigen, die die Qua- 
litätsarbeit nicht nur im 
Munde führten, son- 
TiscHLAMPE dem sie in ihrem 



100 



RICHARD L. F. SCHULZ 



Schaffen auch wirklich 
betätigen,denen, die sich 
schämten, ein schlech- 
tes, ein nicht vollkom- 
men durchdachtes und 
vollkommen durchgear- 
beitetes Stück unter 
ihrem Namen herauszu- 
geben. Kämen wir wäh- 
rend dieses Krieges, der 
ja überall den Sinn für 
das Echte und Gedie- 
gene steigert, zu dieser 
gesunderen Auffassung 
der kunstgewerblichen 
Verhältnisse, es würde 
zwei fellos ein gewaltiges 
Verblassen von klingen- 
den Namen geben. Un- 
ter denen aber, die un- 
antastbar blieben, wäre 
der des Richard L. F. 
Schulz, der im heutigen 
Berlin, vielleicht imheu- 
tigen Deutschland über- 
haupt, als der eifrigste 
und überzeugendste An- 
walt der geschmackvollsten Qualitätsarbeit an- 
zusehen ist. 

Es sind hier ein paar seiner Leuchtkörper 
abgebildet, schöne, gediegene, vornehme 
Bronzearbeiten, wie sie besser und formvoller 
wohl in der ganzen 
Welt nicht mehr 
hergestellt werden 
dürften . Zu dem ein- 
zelnen Stück mag 
der Geschmack sich 
stellen, wie er will, 
gegen die Güte die- 
ser Produktion, ge- 
gen ihre handwerk- 
liche Lauterkeit 
kann es Einwendun- 
gen nichtgeben. Sie 
sind Erzeugnisse ei- 
ner Werkstatt, die 
nach der Richtung 
hin keine Konzes- 
sionen kennt. Einer 
Werkstatt, die dar- 
um auch als vorbild- 
lich anzusehen ist. 

Wenn ich recht 
unterrichtet bin, 
dann war sie noch 
vor zehn Jahren, als 
dieser Rieh. L. F. kichard l. f. schulz 




TISCHLAMPE 




Schulz sie von seinem 
Vater übernahm, ein Be- 
trieb wie so viele andere, 
die damals bestanden. 
Es werden da Beleuch- 
tungskörper undBronze- 
waren fabriziert worden 
sein, wie sie zu jener 
Zeit marktgängig waren 
und wie sie noch kei- 
neswegs ganz aus den 
Musterkatalogen dieser 
Branche verschwunden 
sind. Mag sein, daß die- 
ser Schulzsche Betrieb 
sich auch ausgewachsen 
hätte zu einer Riesenge- 
sellschaft mit Riesenum- 
satzziffern, wenn einer 
solchen Produktion für 
den landläufigen, das 
heißt: seichten, auf halb- 
wenige Arbeit einge- 
stellten Publikumsge- 
schmack sich nicht ein 
herrischer Wille entge- 
gengestemmt hätte, eben 
der Wille ihres neuen Leiters, der es als eine 
Ehrensache ansah, nichts mehr herzustellen 
und nichts zu verkaufen, was nicht den 
äußersten Anforderungen an Qualität stand- 
hielte. In ihm erstand etwas gänzlich Neues 

für unser Kunst- 
handwerk: der Ehr- 
geiz den Markt zu 
beherrschen, nicht 
dadurch, daß er die 
meisten , sondern 
daß er unstreitig die 
besten Waren sei- 
ner Spezies ver- 
trieb. Damit wandte 
er sich an den klei- 
nen Kreis der Ken- 
ner, an das winzige 
Häuflein der Lieb- 
haber des Echten, 
des ganz Guten und 
— dieser Wille 
zur Qualität endete 
durchaus nicht, wie 
die Verteidiger des 
gangbaren Schun- 
des immer einzu- 
wendenpflegen, mit 
einem Mißerfolg. 
Im Gegenteil, die- 
iiscHLAMPE sem Schulz gelang 



101 





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RICHARD 
L.F.SCHULZ-BERLIN 




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RICHARD L. F.SCHULZ 



es, da er wie kaum ein zwei- 
ter Geschmack hatte, einen 

Geschmack, der an dem 

Auserwähltesten aus aller 

Herren Länder geschult 

war, was wohl keinem von 

den eifrigen Vertreibern je- 
nes Basarkitsches jegelun- 

gen sein dürfte, sich einen 

Kreis von Abnehmern, ei- 
■ nen Kreis von Freunden 

seiner Arbeit zu schaffen, 

der das eine nur bedauerte, 

daß diese Produktion auf 

Beleuchtungskörper und 

Bronzewaren beschränkt 

blieb. 

Gelegentlich gab es ja 

auch zwischen den Be- 
leuchtungskörpern einmal 

ein schönes Stück, einen 

Fetzen Batik,ein englisches 

Glas, ein dalmatinisches 

Osterei, das Schulz von 
seinen Reisen durch die 
Welt für sich und mehr 
aus Liebhaberei oder aus Aufmerksamkeit für 
seine Freunde mitgebracht halte und mit immer 
neuem Glück aufzuspüren wußte. Vielleicht 
wie wir alle angeekelt von dem Zeug, das von 
Jahr zu Jahr mehr in den sogenannten Berliner 
Kunstgewerbehäusern feilgeboten wurde, hat er 
in der Bellevuestraße 
schließlich jenen La- 
den eröffnet, in dem es 
neben seinenBeleuch- 
tungskörpern das nicht 
allzu zahlreiche Kun st- 
gewerbe gibt, das die- 
sen Bronzewaren an 
Geschmack und Ge- 
diegenheit nicht nach- 
steht. Damit hatte Ber- 
lin das Kunstgewerbe- 
haus bekommen, das 
einzig dieses Namens 
würdig ist. 

Betrachtet man in 
einerZeit der Bilanzen, 
in der wir stehen, die- 
ses Werk, das Werk 
eines Mannes, der es 
ais eine Lebensaufgabe 
ansah, das Bestmög- 
liche herzustellen und 
zu vertreiben, so er- 
geben sich als Aktiv- 
posten zwei Dinge, die richard l. f. schulz 




TISCHLAMPE 




sich hier erfolgreich erwie- 
sen haben und die, wenn 
wir an eine ernsthafte Ver- 
edelung unserer gewerbli- 
chen Arbeit gehen sollten, 
unerläßlich erscheinen. 
Diese beiden Faktoren, die 
bei uns trotz der sogenann- 
ten Bewegung und trotzder 
Entwicklung immer noch 
nur sporadisch vorkom- 
men, sind Geschmack 
und Qualität. Beides in 
dem Sinne aufgefaßt, wie 
es hier der Fall ist. Das 
heißt ein Geschmack, der 
nicht sentimental spießbür- 
gerlich an buntiger Zier, an 
Heimatkunst - Blümchen, 
am Zopfigen und Verdreh- 
ten hängt, sondern der sich 
im Einklang befindet mit 
allem, was edel und rassig 
der Welt irgendwo erwach- 
sen ist. Der Geschmack, 
der als Freude am Geisti- 
gen und Geistreichen selbst Geist geworden 
ist und der sich den Sinnen bietet an Gestal- 
tungen von kostbarster Vollkommenheit. 

20 Jahre neues Kunstgewerbe und noch 
immer endigt man mit der Feststellung, dȧ den 
Leuten bei uns die einfachste Voraussetzung, 

der Sinn für die Güte 
und Gediegenheit der 
Arbeit, fehlt. Noch im- 
mer muß man solche 
Selbstverständlichkeit 
fordern, noch immer 
hat man sie wie das ganz 
Außerordentliche zu 
bewundern. Wird das 
in Zukunft ebenso blei- 
ben, wird das „Niveau", 
von dem in letzter Zeit 
so viel Redens war, das 
Niveau des Halbguten, 
Halbechten und Halb- 
schönen wie eine zeh- 
rende Krankheit fort- 
wuchern, oder wird 
man auch hier — end- 
lich — zu einem gedie- 
genen Schaffen von der 
Art kommen, wie sie 
die Schulzschen Be- 
leuchtungskörper als 
Mahnung und Vorbild 
TISCHLAMPE bieten? p. Vestheim 



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ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



LANDHAUS J. LOWENGART, FÜRTH 



DIE BAUTEN VON LUDWIG RUFE 



Architektonische Studien an vorzüglichen alten Architekten, die ihre Kunst in den Dienst der 

1\. Bauwerken können in ganz ungeahnter Forderungen unserer Tage stellen. In solchen 

Weise Beziehungen bewirken zwischen Bau- Fällen braucht es sich nicht um eine augenfällige 

meistern, die vor dreihundert Jahren gelebt, und Anlehnung in der ganzen Anlage oder in irgend- 





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ARCH. L. RUFF-NÜRNBERG 

Dekorative K'mst. XIX. 4, Januar 1916 



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LANDHAUS LÖWENGART: ERD- UND OBERGESCHOSZ 

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ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



VILLA M.HAHN, PILSEN-LOCHOTIN (BÖHMEN) 



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welchen Einzelheiten zu han- 
deln, sie ist oft sogar völlig 
ausgeschlossen; die Anregung 
erfolgt vielmehr im Sinn eines 
großen Baugedankens, im Wie- 
deraufnehmen eines Motivs, 
das in seiner Neubelebung eine 
gänzliche Umgestaltung erfährt, 
oder oft genug auch aus dem 
Geist des Widerspruchs heraus; 
manchmal ist sich der Ange- 
regte vielleicht der Tatsache 
der Anregung gar nicht bewußt. 
Zuweilen begibt es sich auch, 
daß erst ein unbefangener 
Dritter das Gemeinsame in 
Bauwerken des 17. und des 
20. Jahrhunderts empfindet und 
sich darüber Klarheit zu ver- 
schaffen sucht. Er wird sich 
bei seinen Nachforschungen vor 
der Erkenntnis finden, daß er 
eine der Hauptadern baulichen 
Gestaltens anschlug, daß es 
sich um ein Problem handelt, 
das „klassisch" genannt wer- 
den muß, weil es von ewiger 
Modernität ist und weil es in 



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ARCH. LUDWIG RUFF-NORNBERG 



GARTENVORSTADT »ERDERAU-NORNBERG. VOLKHAMMERPLATZ 




ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



GARTENVORSTADT WERDERAU-NORNBERG : ARBEITER-EINFAMILIENHAUSER 

(ORUNDRISZ S. unten) 



irgendeiner Ausdrucksweise oder Form immer 
wieder einmal auferstehen muß, auch wenn es 
viele Jahre lang verschüttet lag oder ein ver- 
kümmertes Dasein zu führen verdammt war. 
Ich empfand Aehnliches, als ich mit ganz kur- 




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ARCH. L. RUFF GRUNDRISZ DER ZWEI OBEN ABGEBILDETEN HAUSER 



zem zeitlichen Zwischenraum in Augsburg vor 
den mir längst vertrauten profanen Bauten des 
„bestelltenWerkmeisters der freien Reichsstadt" 
stand, vor der Ostfassade des Rathauses, der 
Stadtmetzg, dem Bäckerhaus und den kleinen 
Bauten in der Jakober- 
Vorstadt, die Elias 
HoLLS Meisterhand im 
ersten Drittel des 17. 
Jahrhunderts aufgeris- 
sen, — und dann in 
Nürnberg die vor eini- 
gen Jahren und zum 
Teil noch während der 
Kriegszeit entstandenen 
Bauten und Siedelungen 
zu sehen bekam, die 
Ludwig Ruff geschaf- 
fen. Nichts liegt mir 
ferner, als einen Ver- 
gleich anzustellen zwi- 
schen den künstleri- 
schen Charakteren des 
Klassikers deutscher 
Baukunst und des zeit- 



109 




ARCH. L. RUFF-NORNBERG D GARTENVORSTADT WERDERAU-NORNBERG : MEISTERHAUS 



genössischen Architekten, der noch im vollen 
Aufstieg begriffen und dessen Entwicklung 
noch nicht abgeschlossen ist. Zeitlicher Ab- 
stand von einer künstlerischen Persönlich- 
keit bewirkt immer einen Respekt und eine 
Qualitätsverehrung, die oft über das Maß des 
Notwendigen hinausgehen und eine unge- 
rechtfertigte Verkleinerung des künstlerischen 
Schaffens der eigenen Zeit bedeuten. In- 
dessen muß man mit diesem Respektgefühl 
rechnen, und in unserem Fall kommt hinzu, 
daß Bauaufgaben vorliegen, die von einer 
Verschiedenartigkeit sind, wie sie kaum größer 
zu ersinnen ist. Das Gemeinsame jedoch ist 



dies, daß man hier an mustergültigen Bei- 
spielen sieht, wie alte und neuzeitliche Bau- 
werke ohne Beiziehung der Dekoration allein 
durch ihre Konstruktion ästhetisch wirk- 
sam werden. Vielleicht tritt das deswegen 
besonders sinnfällig in Erscheinung, weil so- 
wohl im alten Augsburg mit seinen malerisch 
belebten Fassaden als auch im neuen Nürn- 
berg mit seinen Bausteinkasten - Architekturen 
das dekorative Moment im Gegensatz zum 
konstruktiven zu stark betont ist, fast domi- 
niert, und so die Baumeister- Konstrukteure in- 
mitten der Schar von Dekorateuren, die ihre 
kompakte Majorität auch wirtschaftlich auszu- 



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ARCH. L. RUFF-NORNBERG B GARTENVORSTADT WERDERAU -NÜRNBERG : ARBEITER-EINFAMILIENHAUSER 



nützen verstanden oder verstehen, wie Fremd- 
linge emporragen . . . 

Was RufF anlangt, so ist das Konstruktive 
seiner Kunst nicht auf die Außenseite seiner 
Bauten beschränkt. Es beherrscht den Grund- 
riß und zwar nicht nur den Grundriß des Ein- 
zelgebäudes, sondern, da sich Ruff wiederholt 
in die Lage versetzt sah, ganze Siedelungen 
oder wenigstens großzügige Baublöcke zu ge- 
stalten, auch den Grundriß der städtebau- 
lichen Anlage. Haben RufFs Bauten ein ästhe- 
tisch erfreuliches Aussehen, fühlt man sich 
wohl vor den Fassaden und in den Treppen- 
häusern und Räumen, die er geschaffen, aber 
auch in den Höfen, Straßen und kleinen Markt- 
plätzen, die nach seinen Angaben gestaltet sind, 
so tut das nicht der Aufputz, auf den sich 
andere auch und vielleicht besser verstehen, 
sondern dieses ästhetische Behagen steigt von 
untenherauf, sein Ursprung sitzt tiefer und es 
hält darum auch länger vor, es trägt die Ge- 
währ der Dauer in sich. 

Solche konstruktive Tüchtigkeit und die 
Möglichkeit, sie ästhetisch wirksam zu machen, 
besitzt der Theoretiker selten, jedenfalls er- 



ringt er sie erst durch heißes Bemühen. Ihre 
Voraussetzung ist handwerkliches Können, wenn 
möglich : Herauswachsen aus handwerklicher 
Tradition und Tätigkeit, sodann aber die Ge- 
legenheit, viel zu bauen, sich an immer neuen 
Aufgaben versuchen und womöglich aus dem 
Vollen schaffen zu können. Beides ist Ruff zu- 
teil geworden. Er ist ein Praktiker, der von der 
Picke auf gedient hat, der schon im Knaben- 
alter im heimischen Dollnstein im Baufach sich 
betätigte, auf einem reich bewegten Lebens- 
und Berufsweg viel sah und lernte, und darum 
Technik und Material seiner Kunst beherrscht 
wie wohl wenige seiner Architekten-Kollegen. 
Seit er vor sechs Jahren als Professor an die 
Kunstgewerbeschule in Nürnberg berufen wurde, 
sind reiche und dankbare Aufgaben an ihn 
herangetreten. Seinen Befähigungsnachweis, 
solche Bauten ausführen zu können, legte er 
freilich schon früher ab, namentlich in Strau- 
bing, wo er im Dienste der Militär-Baubehörde 
mehrere Jahre wirkte und wo der schöne ge- 
schlossene Bau des Gasthofs Röhrl mit sei- 
nem behäbigen Grundriß, der guten und prak- 
tischen Innenaufteilung des Raums und der 



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ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



GAIMENVORSTADT WERDERAU-NÜRNBERG : GASTWIRTSCHAFT 



schmucken Fassade, in der etwas von der ver- 
pflichtenden Kunsttradition des bayerischen 
Donautals gegenständlich geworden ist, Zeug- 
nis ablegt von der Zusammengehörigkeit des 
Künstlers mit der sympathischen altbayerischen 
Landstadt. 

Die großen Aufgaben traten jedoch erst in 
Nürnberg an RufF heran. Seine erste Schöpfung, 
ganz im städtebaulichen Sinne, war die im Auf- 
trag der „Baugesellschaft für Kleinwohnungen" 
entworfene und nun größtenteils schon aus- 
geführte Kleinwohnungsanlage in der Vorstadt 
Gibitzenhof am Donau- Main- Kanal (Abb. 
S. 115). Mehrere hundert Wohnungen in teil- 
weise fünfgeschossigen Häusern, die durch ein 
klug bedachtes und sinnvoll aufgeteiltes System 
von Höfen verbunden sind, galt es da zu schaffen 
und zugleich wurde derSiedelungs- und Gemein- 
wesencharakter betont, denn u. a. waren da ein 
Wirtshaus mit Saalbau, verschiedene Kaufläden, 
Metzgerei und Bäckerei mit ihren typischen 
Geschäftsräumen einzubauen. Das Werk ge- 
lang. Die außerordentliche Höhe der Gebäude 
wurde durch eine ausgezeichnete Ausbildung 



der Dachstühle und durch luftige Giebelbauten 
wettgemacht; um indessen dadurch keine Ver- 
teuerung der Bauten und Wohnungen herbei- 
zuführen, sind Giebel und Dächer sehr sach- 
gemäß und anmutig und eigenartig zu Wohnungen 
ausgebildet. Eine kräftige Mauer gegen die 
Straße zu und Baumgruppen bringen die ge- 
wünschte Auflockerung der Baumassen an der 
Basis. Daß aber die mächtigen Fassaden nicht 
allzu geschlossen und schwer wirken, auch da- 
für wußte Ruff Rat zu schaffen, und eben hier 
tritt die konstruktive Note seiner Baubegabung 
hervor. Freilich zeigt sich da und dort ein Or- 
nament, auch trägt die Wechsel weiseVerwendung 
von Verputz und dem in Nürnberg heimischen 
rötlichen Sandstein ein farbiges Moment in 
die Baumassen, aber das allein hätte keine 
Gliederung der Straßen- und Hofwände be- 
wirken können. Die geschah vielmehr vom 
Grundriß aus, durch leichte Biegung oder 
Winkelstellung der Fassaden, so daß sie durch 
die Lichtführung gleichsam modelliert werden, 
weiterhin durch das Verhältnis der Querbauten 
zu den Längsbauten und besonders durch die 



Dekorative Kunst. \1X. 4. Janu. 



113 



15 




ARCII. L. RUFF-NORNBERG 



GARTENVORSTADT WERDERAU-NORNBERG : HOFPARTIE 



Proportionierung der Fassaden selbst, fein ge- 
gliedert durch Fenster, Austritte, Erker, alles 
am rechten Fleck, dabei völlig von innen nach 
außen strebend, nie irgend etwas vortäuschend 
um der Dekoration willen, sondern organisch 
aus dem Grundriß herauswachsend. 

Wesentlich verschieden von dieser Klein- 
wohnungsanlage in Gibitzenhof war die Bau- 
aufgabe, vor die sich RufF bei der Anlage der 
Gibitzenhof benachbarten Gartenvorstadt Wer- 
der au gestellt sah (Abb. S. 108 bis 114). 
Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg hat 
diese Siedelung, die auf mehr als dreihun- 
dert Einzelhäuser gebracht werden soll, für 
ihre Ingenieure, Beamten, Werkmeister und 
verheirateten Arbeiter bestimmt: es tritt also 
der Gemeinwesen - Charakter wieder beherr- 
schend hervor, und dabei galt es diesmal so 
etwas wie eine soziale Schichtung herbei- 
zuführen, denn die Beamtenhäuser, deren Miet- 
preise entsprechend höher sind, mußten natür- 
lich reicher und geräumiger ausgeführt werden 
als die Arbeiterhäuser, sie sollten auch zu einer 
eigenen Gruppe zusammengefaßt werden, und 
dabei sollte doch der Gedanke, daß alle Wcr- 



derauer Angestellte des nämlichen industriellen 
Unternehmens sind, deutlich zum Ausdruck 
kommen. 

Um einen kleinen Marktplatz, der mit den 
Jahren noch eine stattlichere Ausgestaltung er- 
fahren wird, gruppierte RufF die Häuser und 
Häuschen, die durchaus zweigeschossig sind 
(Parterre und ersten Stock), aber durch die 
geschickte Ausnützung gewisser Gelände- 
schwankungen, die liebevoll erhalten und be- 
nützt wurden, und durch die Mannigfaltigkeit 
der baulichen Formgebung vor dem Odium der 
Eintönigkeit, die bei der massenhaften An- 
häufung gleichgeschossiger „Villen* einzutreten 
pflegt, bewahrt blieben. Da sind auch nirgends 
die sattsam bekannten, sterbenslangweiligen 
Villenstraßen, deren eine wie die andere aus- 
sieht. Das hat der Architekt schon bei der 
Planlösung der ganzen Siedelung bedacht. 
Ohne daß im allgemeinen einem unüber- 
sichtlichen Gewirr von Straßen und Gassen 
das Wort gesprochen sein solle, darf man sich 
der Willkürlichkeilen freuen, mit denen hier 
der Gesamtgrundriß gestaltet wurde: das gibt 
ihm das Persönliche und macht Werderau zu 



114 




ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



KLEINWOHNUNGSANLAGb GIBITZENHOF DER BAU- 
GESELLSCHAFT FÜR KLEINWOHNUNGEN, NÜRNBERG 





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ARCH. L. RUFF-NÜRNBERG 



KLEINWOHNUNGSANLAGE GIBITZENHOF-NÜRNBERG (PREIS- 
GEKRÖNTER UND ZUR AUSFÜHRUNG BESTIMMTER ENTWURF» 



115 



15- 



einer Schöpfung, die rein und klar die Züge ihres 
Künstlers trägt. Sanft geschwungene Straßen, 
die mit der streng linearen Baulinie und der 
Reißbrettaufteilung eines Geländes nichts zu 
tun haben, vermitteln freundliche Stadtbilder, 
ohne daß es dazu der mätzchenhaften Ein- 
stellung auf das Malerische, die heute so oft 
beliebt wird, bedurft hätte. Das schmucke 
Grün der Gärtchen bei jedem Haus und be- 
sonders die individuelle Durchbildung jedes 
einzelnen Baues gewähren den malerischen 
Eindruck von selbst. Die individuelle Form 
für jedes Häuschen ist das Besondere an 
Werderau. Das Typenhaus ist hier verpönt; 
das Unpersönliche sollte verbannt bleiben. 
Das ist ein sympathischer Zug, der nicht nur 
künstlerisch erfreut, sondern auch seine glück- 
lichen sozialen Auswirkungen haben muß. Das 
sind keine seelenlosen Koloniehäuser, son- 
dern wirkliche Heimaten, deren jede sich 
durch ihre Besonderheit von der Heimat des 
Nachbars unterscheidet: welch günstigen Ein- 
fluß im Sinne der Liebe und Anhänglichkeit 
an das eigene Heim und der erhöhten Häus- 
lichkeit das haben muß, wie es besonders auch 
für die Treue der heranwachsenden Generation 
zur Heimat förderlich werden muß, liegt auf 
der Hand. 

Gibitzenhof, das später in der Häusergruppe 
am Thummenbergerweg ein vielleicht noch 
ausgereifteres Gegenstück erhielt, und die 
Werderau waren gewissermaßen Ruffs Nürn- 
berger Programmbauten auf dem Gebiete des 
Kleinwohnungs- und Siedelungswesens. Die 
große Baufreudigkeit und Schaffenslust Ruffs 
vermochten sie indessen nicht völlig zu be- 
friedigen. Die ganze Art seiner Kunst weist 
Ruff auf den bürgerlichen Einfamilienbau hin; 
das Breite, Behagliche, Gediegene, das Herein- 
grüßen behäbig- ländlicher Elemente läßt den 
Baukünstler als den berufenen Mann erschei- 
nen, Landhäuser ins Grüne zu stellen. Es 
war ganz gewiß ein glücklicher Griff der 
„Baugesellschaft Haus und Garten" in Nürn- 
berg, sich der Mitarbeit Ruffs zu versichern. 
In dem welligen Gelände der Hohenlohe- 
und Caprivistraße entstanden die ersten der 
Nürnberger Einfamilienhäuser nach Ruffs Ent- 
würfen. Nur bei einigen dieser Bauten ver- 
suchte es der Architekt, mit kühnen Giebeln 
„nürnbergisch" zu kommen. Es war ein Ver- 
such, ein Ausflug in ein Gebiet, das nicht zu 
seinem Wesen gehört, und er kehrte als- 
bald wieder zu sich selbst zurück. Bei dem 
Einfamilienhaus VIII z. B. hat er sich schon 
wieder völlig gefunden. Wie musterhaft ist 
da — bei aller Regellosigkeit im Verstand 
symmetrischer Gesetze — die Fassade auf- 



geteilt, wie lebt dieser steinerne Organismus! 
Die Einfamilienhäuser an der Erlenstegener- 
straße bedeuten in dieser Hinsicht noch eine 
Steigerung des ästhetischen Eindrucks. Hier 
gab Ruff sein Reifstes auf dem Gebiet des 
Einfamilienhauses. Im einzelnen stellt das 
Haus Dr. Hiltermann in seiner monumentalen 
Schlichtheit und Verinnerlichung eine Meister- 
leistung dar. In dem Haus Löwengart in 
Fürth (Abb. S. 105), das dem Architekten die 
Möglichkeit zu einer reicheren Entfaltung sei- 
ner Mittel bot und wo er hinsichtlich des 
Baumaterials u. a. nicht auf äußerste Sparsam- 
keit angewiesen war, ebenso in dem Land- 
haus Endres in Gmünd am Tegernsee (Abb. 
S. 119) und neuerdings in einem Familien- 
haus in Pilsen in Böhmen (Abb. S. 106, 107) 
traten Aufgaben ähnlicher Art an Ruff heran 
und auch da fand er die Lösung aus dem 
konstruktiven Moment heraus. In dem Haus 
Löwengart steigert sich die Harmonie bis zu 
klassischer Höhe — vielleicht weil hier der 
Architekt auch an der Innenausgestaltung mit- 
wirkte und in den Zimmern und vielen Raum- 
ensembles schaffen konnte, die ihn auch als 
einen Möbelkünstler von vielen Graden 
erscheinen lassen. Besonders merkwürdig 
ist in dieser Hinsicht der Farbengeschmack 
Ruffs. Er bildet gewissermaßen die Komple- 
meniärerscheinung zu seiner konstruktiven Er- 
scheinung und läßt erkennen, daß ihm der Sinn 
fürs Dekorative keineswegs fehlt, daß er aber 
bei seinen schlichten Putzfassaden, die sich 
nur zuweilen, wie ich bei Gibitzenhof er- 
wähnen konnte, des Sandsteins als Zutat am 
Portal oder an einem Erker bedienen, auch ohne 
dieses dekorative Moment auszukommen weiß 
und auskommen will. Eine Schöpfung, wie die 
luxuriöse und auf stärkste farbige Effekte ge- 
stellte Innendekoration des Nürnberger Apollo- 
Theaters erscheint, wenn man die ganze bis- 
herige Entwicklung Ruffs überblickt, als etwas 
Fremdes, Zufälliges in seinem Werk. Es sieht 
aus, als steckte da etwas wie Trotz dahinter, 
seinen Mitbürgern zu zeigen, daß er auch auf 
akonstruktivem Gebiet etwas Eigenartiges zu 
sagen habe. Den eigentlichen Zwang des 
Herzens, den unzähmbaren Schöpferwillen ver- 
mißt man doch wohl gegenüber diesem Werk. 
Indessen — vielleicht bedeutet diese Schöp- 
fung einen Uebergang im Schaffen Ruffs. Der 
Künstler ist heute noch nicht vierzig Jahre 
alt und die monumentalen Aufgaben werden 
erst jetzt, da er sich so unverkennbar be- 
währt hat, an ihn herantreten. Sie finden ihn 
namentlich durch seine Erfahrungen, die er 
sich erbaut, aber auch durch die Erfahrun- 
gen, die er sich als Teilnehmer manches 



116 







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ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



LANDHAUS ENGEL, FEUCHT B. NÜRNBERG (STRASZENANSICHT) 




ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



LANDHAUS ENGEL, FEUCHT B, NÜRNBERG (ROCKANSICHT) 
118 










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ARCH. L. RUFF-NORNBERG 



B FORTBILDUNGSSCHUL- UND BIBLIOTHEKGEBÄUDE DER 

MASCHINENFABRIK AUGSBURG-NÜRNBERG, WERK NÜRNBERG 



120 




ARCH. L. RUFF-NÜRNBERG 



D«kocMI»« Kuiut XIX. t. Januar ijt« 



■ FORTBILDUNGSSCHUL- UND BIBLIOTHEKGEBAUDE DER ' 

MASCHINENFABRIK AUGSBURG-NÜRNBERG, VERK NÜRNBERG 



121 



16 



großen Wettbewerbs erzeichnet, gerüstet. Eine 
solche große Aufgabe beschäftigt gegenwärtig 
den Künstler: er ist an den Plänen für den 
Neubau der erzbischöflichen Seminarien in 
Bamberg. Ob er dabei verwertet, was ihn 
als ähnliche, wenn auch viel kleinere Auf- 
gabe sein Nürnberger Bau für die Fachschule 



der Maschinenfabrik Nürnberg-Augsburg lehrte, 
ob er sich in etwas der Bamberger Bau- 
tradition anschließt oder ob da ganz etwas 
Neues entsteht, das eine Cäsur in Ruffs 
Schaffen zu bilden berufen ist, wird die nahe 
Zukunft lehren. 

Georg Jacob Wolf 




ARCH. L. RUFF 



D GARTENVORSTADT WERDERAU-iNÜRNBERG G 

ROCKANSICHT EINES BEAMTEN-EINFAMILIENHAUSES 



122 




WIENER WERKSTATTE. MODEABTBILUNG 

KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCH. ED. WIMMER 



ül SUCHSKLEID 



WIENER MODE 



In Wien hat die neue Modebewegung, die 
von der Lostrennung von der Pariser Mode 
ihren Ausgang nahm, besonders weite Kreise 
gezogen. In einer Reihe von Ausstellungen 
wurden Versuche auf den verschiedenen 
Modegebieten, z. T. auch gute Lösungen ge- 
zeigt (siehe die Besprechungen in unserem 
Februar-, April- und Maiheft). Diesen klei- 



neren Vorsuchen folgt nun die eben im Oester- 
reichischen Museum in Wien eröffnete große 
Modeschau. Wir schicken eine Auslese von 
Arbeiten der Wiener Werkstätte voraus, 
die demnächst im Zusammenhange mit den 
Darbietungen der Modeschau im Museum in 
ihrem künstlerischen Werte näher gewürdigt 
werden sollen. 



123 



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WIENER WERKSTATTE, o MODEABTEILUNG 
KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCH. ED. WIMMER 



BESUCHSKLEID 



124 




WIENER WERKSTÄTTE. MODEABTEILUNG G 
KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCH. ED. WIMMER 



STRASZENKLEIDER 




WIENER WERKSTATTE Gl MODEABTEILUNG 
KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCIl. ED. «IMMER 



STRASZENKLEIDER 



123 




WIENER WERKSTATTE, o MODEABTEILUNG 
KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCH. ED. WIMMER 



STRASZENKLEIDER 



126 




WIENER WERKSTATTE B MODEABTEILUNG 
KÜNSTLERISCHE LEITUNG ARCH. ED. WIMMER 



BESUCHSKLEID 



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ENTWURF LEO BLONDER 




ENTWURF C. C. CZESCHKA 




ENTWURF FRITZI LOW 



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SEIDENSTOFFE ,. AUSFÜHRUNG: WIENER WERKSTATTE^"^*'"'*'^ ^''^^^ HOFFMANN 

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ENTWURF JOSEF IIOPFMANN 

SEIDENSTOFFE ■ AUSFÜHRUNG : WIENER WERKSTÄTTE 



ENTWURF L. FOCHLER 



Dekorativ« Kunst. XIX. 4. Januai 1916 



129 



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DEUTSCHE FORM IM KRIEGSJAHR*) 



Das neue Werkbund-Jahrbuch ist erschienen. 
Unter dem Titel „Deutsche Form im 
Kriegsjahr" behandelt es die unglückselige 
Kölner Ausstellung 1914, die — kaum ge- 
grüßt, gemieden — wenige Tage nach ihrer 
endgültigen Fertigstellung wegen Kriegsaus- 
bruchs geschlossen werden mußte. Man hatte 
sich seinerzeit in Köln mit dem Gedanken 
einer dickleibigen, mit Abbildungen gespickten 
Denkschrift über die Ausstellung getragen; 
diese Absicht mußte aufgegeben werden, und 
es ist nicht schade darum. Denn schließlich 
läßt sich das, was in Köln an wirklich Gutem 
und restlos Gelöstem geboten wurde, auch 
in weniger anspruchsvoller Form und in enge- 
rem Rahmen zusammenfassen. Das Jahrbuch 
unternimmt das, und ganz zweifellos sieht 
die Ausstellung in dieser Reproduktion auf 
168 tadellos gedruckten Tafeln besser aus als 
seinerzeit in Wirklichkeit; das Buch bringt 
es also zuwege, so etwas wie den verklären- 
den Schimmer der Erinnerung über die miß- 
glückte Veranstaltung auszugießen. Das Prinzip 
der Auslese, das bei der Zusammenstellung 
des Jahrbuchs maßgebend war, hätte schon bei 
dem Aufbau der Ausstellung Geltung gewinnen 
müssen, dann wäre etwas Ganzes, Geschlosse- 
nes herausgekommen. Durchblättert man das 
Buch, so wird einem vor allem 
bewußt, wieviel Arbeit deut- 
sche Künstler, deutsche Ge- 
werbetreibende und deutsche 
Industrielle an die Ausstellung 
wandten. Im Hinblick auf die 
Quantität entschieden zu viel, 
denn es liegt auf der Hand, 
daß bei einer derartigen Rie- 
senausstellung viel Gering- 
wertiges unterlaufen mußte. 
Erfreulicherweise ist aber 
von diesen minderwertigen 
Leistungen nur sehr wenig 
in das Jahrbuch übergegan- 
gen, und das Wenige viel- 
leicht nur in der unausge- 



*1 Deutsche Form Im Kriegsjahr. Jahr- 
buch des Deutschen Werkbundes 1915. 
Mit 168 Bilderseiten. Verlegt bei F. Bruck- 
mann A.-G., München. Preis 3 M. 




BERTI ROSENBERG-BERLIN 
DEKORATIVE STICKEREI □ 



sprochenen Absicht, auch charakteristische 
Verirrungen zu zeigen. Da das Jahrbuch an 
die Stelle der ausfallenden Denkschrift tritt, 
also dokumentarischen Wert beansprucht und 
beanspruchen darf, kann man diese Aufnahme 
von Werken, die gewissermaßen „Gegenbei- 
spiele" sind, durchaus begreiflich finden. Frei- 
lich ist zu bedauern, daß dadurch manchen 
vorzüglichen Leistungen, die man in Köln zu 
sehen bekam und die ein Anrecht gehabt 
hätten, bei einer noch so strengen Auslese 
berücksichtigt zu werden, der Platz wegge- 
nommen wurde. 

Der dem Tafelwerk vorangestellte Text von 
Peter Jessen behandelt in sachlicher, auf- 
schlußreicher Weise die Vorgeschichte und 
das Werden der Ausstellung, unternimmt es, 
ihren Charakter zu umschreiben, und führt 
schließlich in einem Rundgang durch die 
Hallen. Die Werturteile, die Jessen abgibt, 
sind vorsichtig formuliert, so daß auch andere 
Meinungen daneben in ihrem Recht bestehen 
bleiben. Allerdings hält Jessen Verirrungen 
gegenüber sein Mißfallen nicht zurück und 
spricht ganz offen von den Mängeln der Aus- 
stellung; daß er aber mit mehr Vergnügen 
und mit größerer Ausführlichkeit verweilt bei 
den gelungenen Lösungen, die man in Köln 
fand, das liegt im Charakter 
der Aufgabe, die er übernahm, 
und entspricht auch dem ge- 
rade heute wirksamen Zug im 
deutschen Wesen, die positi- 
ven Seiten einer Leistung 
mehr zu betonen als die ne- 
gativen; aufzubauen statt ein- 
zureißen; freudiger das Gute 
anzuerkennen als das Schlech- 
te zu rügen. In diesem Sinn 
muß das neue Jahrbuch im 
ganzen eine positive Leistung 
genannt werden — als Doku- 
ment einer der wichtigsten 
Stationen auf dem Entwick- 
lungsgang der Geschmacks- 
bewegungin Deutschland steht 
seine Bedeutung und sein Wert 
außer aller Frage. 



130 




Aus dem Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 191S 
■ (Verlag von F. Bruckraann A.-G., München) ■ 



ELSE VENZ-VIETOR-BERLIN 
■ TEEZIMMER ■ 



Ausführung von den Deutschen Werkstätten A.-G. 

131 



Drcsden-Hellerau und München 



17« 




Aus dem Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1915 
B (Verlag von F. Bruckmann A.-G., München) Q 



KARL BERTSCH, MÜNCHEN 
B HERRENZIMMER a 



Ausführung von den Deutschen Werkstätten A.-G., Dresden-Hellerau und München 



132 




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Aus dem Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1915 
Q (Verlag von F. Bruckmann A.-G., München) o 



ADELBERT NIEMEYER-MÜNCHEN 
■ SPEISEZIMMER ■ 



Ausführung von den Deutschen Werkstätten A.-G., Dresden-HeUerau und München 



133 




Aus dem Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1915 
Q (Verlag von F. Bruckmann A.-G., München) Q 



RICHARD RIEMERSCHMID-MONCHEN 
Q WOHNZIMMER Q 



Ausiahrung von den Deutschen Werkstätten A.-G., Dresden-Hellerau und München 



134 



JOSEF WILM-BERLIN 



ARMBÄNDER: GOLD, DIAMANTEN U. HALBEDELSTEINE 



ZU DEN GOLDSCHMIEDEARBEITEN 
VON JOSEF WILM D. J. 



Der Goldschmied Josef Wilm ist ein merk- 
würdiger Fall. Merkwürdig, weil er der 
erste Handwerker gewesen ist, der mit der 
Kölner Werkbund -Ausstellung zufrieden, das 
heißt natürlich materiell zufrieden war. Er 
ist aus der Gelegenheit ohne Verluste heraus- 
gekommen, hat, wie er sagt, einen Teil seiner 
Sachen in Köln verkauft, ja sogar auch noch 
im Rheinland Auftraggeber bekommen. Und 
bei der Weihnachtsmesse, die der Verein 
Berliner Künstler mitten im Krieg veranstal- 
tete, hat es für Wilmsche Arbeiten ebenfalls 
Abnehmer gegeben. Das Geheimnis dieser 
Erfolge ist wohl das, daß hier eine Publikums- 
kunst vorliegt, nach der sogar unter den denk- 
bar ungünstigsten Bedingungen noch Begehr 



ist und zeigt an, daß wir wenigstens bis zum 
Kriegsausbruch in Deutschland einen großen, für 
künstlerische Handarbeit lebhaft interessierten 
Mittelstand hatten, für dessen Bedürfnisse an- 
scheinend nicht genügend gesorgt ist. 

Es ist das eine Beobachtung, die immer 
wieder nicht nur hier, wo es sich um Schmuck- 
sachen und Schmuckgeräte handelt, zu machen 
ist. Unsere künstlerischen Bemühungen haben 
wohl dank einer rührigen und geschickten 
Kunstindustrie den Weg zur Masse gefunden ; 
aber für die bürgerliche Mittelschicht, die nicht 
zu dieser industriellen Massenkunst greifen 
möchte und ihrer materiellen Lage nach auch 
nicht dazu gezwungen wäre und die andererseits 
doch auch wieder nicht imstande ist, die kost- 



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Gold, Opalin 



Silber, Granat, Türkis Gold, Diamant, Chrysopras 

ANHANGER VON JOSEF ^XILM-BERLIN 



135 



baren Einzelwerke zu be- 
zahlen, die von ein paar 
wenigen ausgezeichneten 
Künstlern gefertigt wer- 
den, gibt es fast nichts oder 
doch viel zu wenig An- 
nehmbares. Immer wieder 
sieht man Leute von be- 
stem Geschmack und be- 
sten Absichten auf der 
Suche nach dem Kunst- 
handwerker, der ihnen et- 
was entwirft, was ihrer Lage 
gemäß ist. Der Mangel an 
solchen Kräften oder die 
Tatsache, daß so viele, die 
prädestiniert wären, der- 
artige Wünsche zu befrie- 
digen, sich nicht ernsthaft 
um diese Aufgaben bemühen, ist eigentlich 
ein bedauerliches Zeichen für unsere Kunst- 
ökonomie. Publikum und Künstler ständen 
sich besser und ständen sich wohl auch freund- 
licher gegenüber, wenn diesem gewaltigen Be- 
darf nach schöner Handwerksarbeit ein gleich 




JOSEF WILM-BERLINq BROSCHE IN SILBER 
GESCHNITtEN MIT CHRYSOPRAS' 



großes Angebot entspräche. 
Solange nämlich der ein- 
zelne, der dies oder jenes 
Stück haben möchte, sehen 
muß, daß es als wirkliche 
Hand- und Kunstarbeit nur 
einer kleinen Schicht ma- 
teriell Bevorzugter zugäng- 
lich ist, muß er alle diese 
Bestrebungen für sich und 
Leute seiner Art als eine 
theoretische Angelegen- 
heit ansehen. Daher der 
Erfolg aller der Kunst- 
handwerker, die in diese 
Bresche einspringen. Sie 
genügen einem Verlangen, 
das zu erhalten und auf 
jede Weise zu fördern, 
unser Ziel sein muß. Denn hier in diesen 
künstlerischen Interessen des bürgerlichen 
Mittelstandes liegt vielleicht auch eine un- 
serer Eigenarten. Wir in Deutschland ha- 
ben nicht die Aristokratie, die so reich und 
kunstbedürftig ist, daß von ihr allein unsere 




JOSEF WILM-BERLIN ANHANGER 

Gelbgold, farbige Brillanten und Edelsteine 




JOSEF WILM- 
BERLIN 



JOSEF WILM-BERLIN a BROSCHE IN SILBER 
MIT MALACHITEN 



ARMBANDER 
Silber, schwarzer 
Achat, Mondstein 



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Gold, Achat 



Granat, Silber, Diamant, iVlond- 

Pcrlschale Moosachat Steinquarz 

ANHÄNGER VON JOSEF WILM-BERLIN 



Gold, Karneol 



Künstlerschaft bestehen könnte. Dafür aber 
gibt es bei uns diese breiten bürgerlichen 
Schichten, die aus einem nie erfüllten Eifer 
um die Kunst Opfer über Opfer bringen, um 
sich etwas Schönheit wenigstens zuzueignen. 
Naturgemäß muß es, wenn man die Dinge 
von dem Standpunkt ansieht, interessieren, 
was für Arbeiten und was für Leistungen bei 
diesem Publikum Erfolg haben. Einen Bei- 



trag zu dieser Frage geben zweifellos die 
Wilmschen Schmuckarbeiten, die, wie gesagt, 
sogar unter recht ungünstigen Verhältnissen 
sich noch durchzusetzen vermochten. Und da 
erscheint als das Wesentliche nicht die Art 
der Formgebung, nicht die Erfindung, sondern 
die einwandfreie, ordentliche und tüchtige 
Handwerksarbeit und ein gewisser Sinn für 
das Praktische und Einleuchtende der Sachen. 




JOSEF WILM-BERLIN 

I)ekorntive Kunst. XIX. 4. Januar 1916 



GORTELSCHLIESZEN IN SILBER, ACHAT UND ROSA QUARZ 

137 18 




JOSEF WILM-BERLIN 



KAFFEEKANNE IN SILBER GETRIEBEN 




JOSEF WILM-BERLIN 



ZUCKERDOSE UND MILCHKANNE IN SILBER GETRIEBEN 

138 




JOSEF WILM-BERLIN 



PLATTE IN SILBER GETRIEBEN (ZU NEBENSTEHENDEM SERVICE) 



Es ist da nicht die Möglichkeit im künstle- 
rischen Sinne kühn zu experimentieren. Das 
würde auf Verständnislosigkeit, wenn nicht 
gar auf Ablehnung stoßen. Das große Publi- 
kum fragt im Gegensatz zu dem Schaffenden 
oder dem Kenner nicht nach künstlerischen 
Entwicklungen. Das Erneuern und Entwickeln 
der Ausdrucksmittel sind Angelegenheiten, die 
seinem Interesse fernliegen, ja man darf sagen 
fernliegen müssen, weil es sich ernsthaft nur 



mit dem einzelnen Stück, das ihm jeweils ge- 
boten wird, nicht aber mit der ganzen Kette 
der aus dem Gewerbe hervorgegangenen 
Leistungen zu befassen hat. Daher erscheint 
es einleuchtend , wenn ein Experimentieren 
nach der Richtung nicht erst versucht wird. 
An Arbeiten, die für derlei Zwecke gedacht 
sind, ist es wesentlicher den Geist der Zeit 
und den herrschenden Geschmack zu kennen 
und von ihnen ausgehend etwas Eigenes und 




JOSEF WILM-BERLIN 



139 



BROTKORB IN SILBER GETRIEBEN 
18« 



Apartes, etwas, was der Zeit gefällt, zu schaffen. 
Wilm scheint dieses Talent zu haben. Ich kann 
mir denken, daß sehr viele Leute, die mit 
Kunst eigentlich nichts zu tun haben, die 
irgendwo sonst im praktischen Leben stehen, 
rechten Gefallen finden an dem, was er als 
gewissenhaft arbeitender Handwerker herstellt. 
Ein Teeservice, eine Kanne, eine Dose, das 
alles muß einem, der nicht geradezu einen 
verderbten Geschmack hat, einleuchten. Und 
von dieser zum bürgerlichen Werkeltag passen- 
den Art sind auch seine Schmucksachen. Es 
ist, um im Atelierjargon zu reden, an ihnen 
„nichts Aufregendes". Aber gerade das, diese 
selbstverständliche, diese allgemein gefällige 
Gediegenheit ist die Eigenschaft, die sie in 
gewissem Sinne brauchbar machen. Sie fallen 
nicht auf, sie beanspruchen als Untergrund 
nicht unerschwinglich kostbare Toiletten. Oft 
ist mit einfachen Steinen gearbeitet, aber nicht 
mit diesem grell bunten, plakatartig knallenden 
Zeug, das mit Vorliebe benutzt worden ist, 
wenn Kunstgewerbler „billigen Schmuck" ent- 
worfen haben. Im Gegenteil, Wilm ist immer 
bedacht auf diskrete Wirkungen ; auch in den 
Fassungen, die er um solches Gestein legt, 
ist alles vermieden, was allzu vordringlich 



wirken könnte. Formen sind bevorzugt, die 
das Gemüt auf seine Kosten kommen lassen 
und die doch, wenn man genauer zusieht, sich 
immer aus einer handwerklichen Gewandtheit 
heraus legitimieren. Vielleicht liegt der ent- 
scheidende Reiz überhaupt hier. Man sieht 
an jeder Arbeit, daß da Finger tätig waren, 
die auf immer andere Weise aus der Technik 
Mannigfaltigkeit herauszuholen verstehen. 

Ist es allzu gewagt, daraus Schlüsse zu ziehen 
auf die Natur der Leute, die an diesem Hand- 
werk gefallen finden? Spricht daraus, daß 
hier ein Handwerker um seines Handwerks 
willen, um der Qualität seiner Arbeitsaus- 
führung geschätzt wird, nicht ein günstiges 
Zeichen für die Wandlung, die sich doch in 
unserem, für Kunst interessierten Bürgertum 
vollzogen hat? Was da geschätzt wird, ist gewiß 
nicht das Endgültige, nicht das, was der Künst- 
ler selbst an erster Stelle schätzen würde, aber 
ist es allzu vermessen, dieses Ausgehen von der 
tüchtigen und gediegenen Arbeitsleistung als 
ein Symptom der Gesundung zu nehmen? Mag 
man diese Fragen so oder so beantworten, die 
Tatsache, daß wir in der Richtung marschieren, 
ist nicht zu bezweifeln und wohl auch nicht 
zu bedauern. paul Westheim 




JOSEF WILM-BERLIN 



ZUCKERDOSE 



140 



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ARCII. HONIG UND 
SÖLDNER-MÖNCHEN 



GESAMTANSICHT DES GESCHÄFTSHAUSES „ZUM SCHÖNEN 
TURM" VON DER NEUHAUSERSTRASZE AUS GESEHEN 



NEUERE BAUTEN VON PROFESSOR EUGEN HONIG 
UND KARL SÖLDNER 




ARCII. HONIG UND SÖLDNKK-MÜNCHEN Q URSPRÜNG- 
LICHER FASSADENENTWURF DES GESCHAFTSHAU-' 
SES „ZUM SCHÖNEN TURM" 



In unseren Millionenstädten, „wo alles Un- 
rast, Leben und Bewegung ist, wo sich 
Tausende von Einzelstimmen zu einem brau- 
senden Akkord von Arbeit vereinigen, wo 
unübersehbare Menschenmassen hin und wider 
fluten, wo alle Verkehrsmittel nur mühsam 
ihre höchste Kraftleistung zurückhalten", in 
diesem kaleidoskopartigen Bilde der Großstadt 
bedürfen wir als einer naturgemäßen Entgegen- 
setzung Ruhe und Einheit in der Architektur. 

Diesen berechtigten Forderungen steht leider 
das Reklamebedürfnis des modernen Geschäfts- 
betriebes entgegen. Die moderne Sucht auf- 
zufallen, macht aus jeder Fassade ein Plakat, 
beklebt jede freie Wand mit riesenhaften Schil- 
dern, höhlt die Häuser aus und stellt sie auf 
Stelzen. Die Straßenwand wird dadurch be- 
ständig durchbrochen und durchlöchert und 
mit der Zeit werden ganze Bauquartiere und 
Stadtkerne ausgehöhlt. 

Unsere modernen Städte haben durch diese 
baulichen Sensationen, die sich jeder künst- 
lerischen Disziplin der Ein- und Unterord- 
nung des Einzelnen in ein großes Ganzes ent- 
ziehen, unendlich gelitten. 

Nur an Stätten, die noch gewisse künstle- 
rische Traditionen bewahren, herrscht auch 



noch der höhere Gesichtspunkt, der in einem 
Bauwerk auch nur einen Teil des Ganzen 
sieht. So auch in München, wo man sich 
dieser modernen Entwicklung gegenüber einer 
maßvollen Zurückhaltung befleißigt und im 
Sinne guter Ueberlieferungen Wert auf eine 
harmonische Eingliederung des Neuen in schon 
bestehende alte Baugruppen legt. 

Moderne Münchener Baukünstler wie die 
hier genannten Architekten Honig und Söldner 
verschließen sich deshalb doch keiner der 
berechtigten sozialen Forderungen des moder- 
nen Lebens, die nach allen Annehmlichkeiten 
einer höheren Lebensführung und Lebensfreude 
verlangen. Sie bedienen sich all der Einrich- 
tungen und Mittel, die die moderne, technische 
Wissenschaft an die Hand gibt. Sie erweisen 
sich gerade im Industrie- und Geschäftsbau 
als Gestalter neuzeitlicher Bedürfnisse und be- 
triebstechnischer Anforderungen, die auf mög- 
lichst hygienische und praktische Lösungen 
dringen. Ein besonderes Verdienst haben sich 
diese Künstler dadurch erworben, daß sie ihre 
Geschäftsbauten, ohne jede Prätention, dem 
alten Stadtbilde anpassen; in geradezu vor- 
bildlicher Weise im Warenhaus Guttmann, im 
Haus Dallmayr und im Geschäftshausneubau 
„Zum Schönen Turm". 

GESCHÄFTSHAUSNEUBAU „ZUM SCHÖ- 
NEN TURM", KAUFINGERSTRASZE 22 

Nur wenige Oertlichkeiten in München kön- 
nen das gleiche Interesse beanspruchen wie 
die Baustelle bei der Einmündung der Neu- 
hauser- in die Kaufingerstraße. 

Hier an diesem Punkt standen dicht ge- 
drängt von alters her bedeutsame Bauwerke. 
Die Augustinerkirche mit der ruhigen First- 
linie ihres hohen Schiffes und dem mächtigen 
Chorabschluß, dessen Wucht durch die kleinen 
Anbauten noch gesteigert war, der Schöne 
Turm als formen- und farbenfreudiger Ab- 
schluß der Neuhauserstraße gegen das Stadt- 
innere, dem ältesten Stadtkern als Festungs- 
tor dienend, endlich alles überragt von dem 
mächtigen Doppelpaar der Türme Unserer 
Lieben Frau, die sich in ihrem gewaltigen 
Aufwärtsstreben noch zu guter Letzt ihres ge- 
mütlichen Münchener Ursprunges erinnerten 
und statt durchbrochener Spitzhelme rundliche 
Blechhelme aufsetzten. Der Schöne Turm ist 



Dekorative Kunst. XIX. 5 Februar 1916 



141 



I» 



schon seit fast 100 Jahren verschwunden und 
nun mußten der Verbreiterung des schmalen 
Augustinergäßchens von knapp 2 m auf 13 m 
auch die letzten alten Häuser weichen, welche 
viele Jahre im Schatten des Schönen Turmes 
an seiner Zufahrtsflanke zugebracht hatten. 
Es galt nun, den verbliebenen Zeugen einer 
großen baulichen Vergangenheit durch die 
neuen Häuser einen erträglichen Nachbarn zu- 
zugesellen, zugleich aber auch der Baumasse 
des Reichenberger Hauses an der Ecke Kaufin- 
gerstraße — Domfreiheit Rechnung zu tragen. 
Das Areal der Neubauten hatte ursprüng- 
lich eine ganze Reihe von Besitzern, von 
denen die Stadtgemeinde München in kluger 
Voraussicht rechtzeitig einige ablöste. Ihr ge- 
lang es, am Ende die ganze Baufläche unter 
zwei Anwesensbesitzer aufzuteilen, die nach- 
maligen Bauherren des Geschäftshauses „Zum 
Schönen Turm" und des Weinhauses Kurtz. 
Besonders wichtig für die städtebauliche 
Gesamtwirkung war es, zu verhindern, daß 
bei dem Eckhaus der bereits geläufig ge- 
wordene Warenhaustyp aufirat, das unge- 
mütliche Glashaus mit den pathetischen Ver- 
tikalen; vielmehr machte gerade das im 
Hintergrund aufstrebende mächtige Doppel- 
paar der Frauentürme eine horizontale Glie- 
derung der vorgelagerten Baumassen zu einer 
gebieterischen, beinahe selbstverständlichen 
Notwendigkeit. Dem Gewohnheitsbild ent- 
sprechend sollten die Baumassen am Eck 
selbst soweit möglich gering gehalten werden, 
während ihre Kulmination ungefähr an die 
Stelle des ehemaligen Schönen Turmes zu 
liegen käme, in der Form eines großen Giebels 
gegenüber der Fürstenfeldersfraße, der dem vor- 
handenen Giebel des Nachbarhauses das Gleich- 
gewicht hielte und als quergerichtete Firstlinie 
für die Gesamtwirkung von Bedeutung war. 
Im Interesse der Verringerung der Massen 
des Eckhauses war das eigentliche Haupt- 
gesims über das dritte Stockwerk verlegt, das 
vierte Geschoß mansardemäßig behandelt und 
in seiner Bauflucht zurückgesetzt, um zugleich 
die immerhin erhebliche Hauptgesimshöhe 
herabzumindern. Eine Reihe von Fenster- 
gurtungen betonten gleichmäßig die Horizon- 
tale, endlich sollte ein Walmdach mit leider 
nur kurzer Firstlinie den Baukörper be- 
krönen. Solchergestalt war der ursprüngliche 
Bauentwurf, von welchem eine perspektivische 
Zeichnung beigegeben ist. 

Dem unüberwindlichen Widerstand der 
Hausmieter, die sich infolge der bescheideneren 
Ausbildung der Eckmassen geschäftlich ge- 
schädigt fühlten, mußte dieser Entwurf welchen, 
dessen wesentlicher Bestandteil die zur langen 



Firstlinie der Augustinerkirche quer gerichtete 
Firstlinie war. So entstand dann auf der Basis 
wirtschaftlichen Kompromisses, wie so oft im 
baulichen Wirken der Privatarchitekten, etwas 
anderes als das ursprünglich Gewollte, ein 
teilweiser Ausgleich der Massen und ein 
zweiter Giebel am Straßeneck. 

Durch konsequente Fortsetzung der Hori- 
zontalen und kräftige Verneinung des eigent- 
lichen Giebelaufbaues durch Gesimse, in- 
sonderheit durch das unbekümmert durchge- 
führte Hauptgesims über dem dritten Stock 
hat auch diese Lösung zu einem befriedigenden 
Ergebnis geführt, wobei allenfalls noch als 
Trost für die Anhänger überlieferter Städte- 
bilder die Tatsache dienen mag, daß ur- 
sprünglich an eben dieser Stelle noch im 
gotischen München Sandners ebenfalls eine 
Giebelbildung vorhanden war. 

Ueber die Durchbildung der Fassade selbst 
ist zu sagen : Der energische Rhythmus in 
dem Verhältnis. Sockel, Aufbau, Bekrönung 
sichert die Ruhe der Unterteilung, die be- 
scheidene, völlig gleichmäßige Behandlung der 
Hauptflächen, im Gegensatz zu den ungemein 
reich gestalteten Steinerkern den Charakter 
der Gesamterscheinung. Die Erinnerung an 
den Schönen Turm, welcher dem Hause seinen 
Namen gegeben hat, ist in der Form eines 
mächtigen Hauszeichens am Eck gegeben, wo- 
bei in sinnigem Bezug auf die benachbarte 
Augustinerkirche ein Augustinermönch das 
ansehnliche steinerne Turmmodell trägt. . 

Der üppige plastische Schmuck ist gleich- 
falls nicht ohne allegorische Bedeutung. So 
stellen die 8 Figuren der Erker an der Au- 
gustinerstraße die 8 Kreise Bayerns dar, 
während die Figuren des reichen Erkers der 
Kaufingerstraße im zweiten Stock die vier 
Menschenalter symbolisieren. Im besonderen 
sei hier auf das harmonische Verhältnis des 
Bildwerks zur Architektur hingewiesen. Alles 
Bildwerk wächst organisch aus der Wand hervor 
und wirkt gerade an wichtigen Punkten des 
Hauses, am Eck, Erker, über der Türe und 
am Giebel als charakteristischer Hausschmuck. 

Besonders bemerkenswert erscheint an 
diesem Geschäftshaus die Gestaltung der 
großen Schaufenster. Sie sind mit Kreisbögen 
überspannt, was allein die dünnen Zwischen- 
pfeiler möglich macht. Horizontale Stürze bei 
gleichen Pfeilerdimensionen hätten notwen- 
digerweise eine gestelzte Wirkung des Unter- 
geschosses hervorgebracht. Hier und in der 
ganzen Durchführung der Bauangelegenheit 
ist das nicht eben häufige Maß von Einsicht 
des Bauherrn rühmlichst hervorzuheben, wel- 
cher in voller Absicht dem Vorurteil der 



142 




ARCH. IlöNIG UND 
SÖLDNER-MÜNCHEN 



GESAMTANSICHT DESGESCHAFTSHAUSES„ZUMSCHONENTURM" 
VON DER KAUFINGERSTRASZE AUS GESEHEN MIT BLICK AUF 
AUGUSTINER-, MICHAELSKIRCHE UND ALTE AKADEMIE ■ 



143 



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ARCH. HÖNlG UND 

SÖLDNER-MÖNCHEN 



NEUE AUGUSTINERSTRASZE MIT DEN GESCHÄFTSHÄUSERN 
„ZUM SCHÖNEN TURM" UND WEINHAUS KURTZ B 



144 




ARCH. HÖNlG UND SÖLDNER-MONCIIEN 
BILDHAUER PROF. JULIUS SEIDLER B 



ERKER DES GIEBELS AN DER 
AUGUSTINERSTRASZE (DETAIL» 



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ARCH. HONIG UND SÖLDNER-MÜNCHEN 
BILDHAUER PROF. JULIUS SEIDLER a 



GESCHÄFTSHAUS „ZUM SCHÖNEN TURM": GIEBEL 
MIT ERKER AN DER KAUFINGERSTRASZE El 



146 




AliClI. IlöNIG UND 
SÖLDNER-MÜNCHEN 



GESCHÄFTSHAUS „ZUM SCHÖNEN TURM": VOR- 
HALLE IM LADEN DER FIRMA NEUNER &. BASCH 



Geschäftswelt getrotzt hat, welches rundbögige 
Auslagen Fenster verwirft. 

An diesem Vorurteil scheitern nur allzu- 
häufig die Bemühungen der Architekten und 
doch ist die Ueberführung dünner Pfeiler- 
massen durch Bogen in die Flächenform die 
glücklichste Lösung zur Wiederherstellung der 
geschlossenen Wandfläche, ohne welche ein 
richtiges Haus nicht auskommen kann. 

Im übrigen zeigt das Beispiel gerade dieser 
Häuser deutlich, daß durchaus keine Beein- 
trächtigung an Lichtzufuhr für das Innere 
durch Bevorzugung der horizontalen Auflösung 
besorgt zu werden braucht. 

Die leichte Biegung der Baulinie an der Kau- 
fingerstraße verleiht den Horizontalgesimsen 
eine gewisse Weichheit und leitet zugleich an- 
genehm auf die Flucht des Nachbarhauses über. 

Das Dach ist mit dunklen Ziegeln gedeckt, 
welche in ihrer stark wechselnden Färbung 
die Dachfläche angenehm beleben. 

Der feinkörnige Bewurf der Putzflächen ist 
grünlichgrau getönt, als dunkler Hintergrund für 
den heller wirkenden Muschelkalkstein. Diese 



Kontraste werden sich im Laufe der Jahre noch 
vertiefen und damit wird das Gesamtaussehen ge- 
winnen. (In der Bauausführung betätigte sich das 
Architektur- und Baugeschäft Georg Meister.) 



Das Schöne-Turm-Haus steht in seiner warm- 
gelben Tönung, in seiner weichen, geschmei- 
digen, in Licht- und Schattenspiel plastisch 
wirkenden Formgebung prächtig gegen den 
Himmel und ergibt mit den warmen ziegel- 
farbenen Dächern und den Frauentürmen eine 
anziehende malerische Erscheinung. So bietet 
das Schöne-Turm-Haus gerade an dieser be- 
vorzugten Stelle dem vom Karlstor herkommen- 
den Beschauer einen prächtigen Blick dar. 

Es hat sich erfüllt, was der genius loci der 
Münchener Baukunst, Gabriel von Seidl, immer 
gewünscht hat, daß das an dieser Stelle beson- 
ders schöne Münchener Stadtbild in seiner Har- 
monie erhalten bleibe. Wenn er nach seiner Ge- 
wohnheit hier noch vorüberwandelte, würde er 
sich über den prächtigen Anblick des „Hauses 
zum Schönen Turm" aufrichtig gefreut haben. 



147 





BILDHAUER PROF. 
JULIUS SEIDLER □ 



EINZELHEITEN DER ERKERPLASTIK DES 
ERKERS AN DER KAUFINGERSTRASZE 



DAS WEINHAUS KURTZ 
AN DER AUGUSTINERSTRASZE 

Gleichzeitig mit dem Geschäfishause „Zum 
Schönen Turm" an der Kaufingerstraße- 
Augustinerstraße entstand an Stelle alter Ge- 
bäude aus dem 17. Jahrhundert und der Wein- 
halle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts der 
Neubau des Weinhauses Kurtz. Die schöne 
Form der Straßenführung, der alten Graben- 
linie folgend, verleiht der Augustinerstraße 
einen besonderen Reiz, umsomehr als hier 
nicht städtebauliche Willkür die Veranlassung 
gewesen ist. Die stark konvex gestaltete 
Straßenfront ist beim Durchschreiten der 
Kaufingerstraße zumeist in starker Verkürzung 
sichtbar. Diesem Umstand soll die Fassaden- 
ausbildung Rechnung tragen, indem die Fenster 
gleichmäßig nebeneinander gereiht wurden, 
so daß auch in der schärfsten Verkürzung der 
Eindruck der Größe der Hausfront gewahrt 
bleibt. Zu dem ausgesprochenen Horizontalis- 
mus der Gliederung bilden die beiden flachen 
Erker den künstlerischen Gegensatz. Das 
vollständig ausgebaute 4. Stockwerk ist mit 
Rücksicht auf die intimere Gesamterscheinung 
in einem steilen Mansarddach untergebracht, 
welches in seinem oberen flacheren Teil or- 



ganisch zum Eckhaus überfährt. Aber auch 
die verbleibenden vier Stockwerke sind noch- 
mals kräftig unterteilt über dem Erdgeschoß 
und über dem 2. Stock in der Form eines 
weitausladenden blumengeschmückten Haupt- 
gesimses, das auf beiden Erkern aufruht und 




BILDHAUER PROF. JUL. SEIDLER G HAUSZEICHEN DER 
WEINWIRTSCHAFT KURTZ, AUGUSTINERSTRASZE 1 



148 




AUCH. IIÖXIG UND 
SÖLDNER-MÖNCHEN 



WEINHAUS KURTZ AN DER 
AUGUSTINERSTRASZE 



Dekoraiive Kunst. XIX. 5. Februar 1916 



149 



20 




ARCH. HONIG UND SÖLDNER-MÜNCHEN 



HAUPTGASTRAUM IM WEINHAUS KURTZ 



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GRUNDRISZ DES ERDGESCHOSZES VOM WEINHAUS KURTZ 

150 



dem gegenüber das Dachge- 
sitns an Bedeutung entschie- 
den nachsteht. 

Das Erdgeschoß enthält die 
Gaststätten und stellt sich 
nach außen als rustikal be- 
handelte Bogenarchitektur 
dar, dem die unverändert 
übernommenen kleinen mit 
Butzenscheiben geschmück- 
ten Fensterchen des alten Ne- 
benzimmers harmonisch an- 
gegliedert sind. 

Der erste Stock enthält 
die Wohnung des Gasthof- 
besitzers und Wirtes, die 
anderen Etagen Geschäfts- 
räume. 

Die besondere Zweckbe- 
stimmung des obersten Stock- 
werkes mit seinen höchsten 
Ansprüchen an Lichtzufuhr 
gab Veranlassung zu einer 



beinahe restlosen Auflösung der 
Wand in aneinander gereihte Fen- 
ster. So sehr überwiegt der Ein- 
druck der Reihung, daß nieman- 
dem, auch nicht dem Fachmann 
die ganz unterschiedliche Größe 
dieser Fenster auffällt, ein Ex- 
periment, das die Alten in ganz 
selbstverständlicher Weise jedem 
Bedürfnis zuliebe machten, zu dem 
wir aber infolge unserer mathe- 
matischen und linearen Erziehung 
erst nach Ueberwindung starker 
Bedenken gelangen. Aehnlich dem 
Eckhaus hat das Weinhaus Kurtz 
doch wieder seine ganz bestimmte 
Eigenart, eine leichtfaßliche Art 
der Gliederung, die sich dem Ge- 
dächtnis gut einprägt. Dunkelge- 
tönter Putz, mehr ins Bräunlich- 
gelbe spielend, bildet den Hinter- 
grund für den sparsam verwende- 
ten hellen Muschelkalkstein. 

Ein weitherausragendes Wirts- 
hausschild im ersten Stock mit 
Laterne, im Geiste dieser Wahr- 
zeichen geformt, kündet von wei- 
tem die gastliche Stätte an. 

Auf den gemütlichen Charakter 
des Hauses weist auch noch der 
plastische Schmuck in Gestalt eines 
humorvollen Hauszeichens in Re- 
liefform und die beiden originellen 
Schlußsteine von Bildhauer J. Seid- 
ler hin. 

Das Innere des Hauses enthält 
das große Gastzimmer in einer 
dem Geiste des alten Lokales ver- 
wandten Durchbildung, und nur ein 
wenig größer wie das alte Lokal. 

Die beiden Nebenzimmer sind 
dem alten Bau entnommen und 
mit geringfügigen Aenderungen dem 
Neubau einverleibt worden. 

Die künstliche Beleuchtung der 
Räume erfolgt überall in indirek- 
ter Form, so daß der Gast durch 
keine blitzenden Lichtquellen ge- 
stört wird, dagegen auf seiner 
Tischfläche selbst ein Höchstmaß 
von Licht hat. Diese Lichtkreise 
umschließen dann immer von 
selbst kleine in sich geschlossene Zirkel, 
deren gemütliches Zusammensein die Haupt- 
sache ist, im Gegensatz zu anderen Loka- 
len, in denen eine möglichst große gegen- 
seitige Sichtbarkeit und Gesamtübersicht ge- 
wünscht wird. 




ARCIl, HONIG UNI) 
SÖLDNER-MÜNCHEN 



GESCHÄFTSHAUS DALL- 
MAYR, DIENERSTRASZE 



So herrscht auch im neuen Hause wie im 
alten derselbe gesellige Geist, die Münchner 
Gemütlichkeit, an der Stätte behaglichen 
Lebensgenusses. 



151 



X» 



DAS HAUS DALLMAYR, 
DIENERSTRASZE 13—15 

Das Geschäftshaus der altbekannten Firma 
Alois Dallmayr, war Neu- und Umbau; die 
Häuser 13 und 14 mußten einem vollständigen 
Neubau weichen, das Haus Nr. 15 wurde 
lediglich im Innern umgebaut. Für die äußere 
Architektur war maßgebend, diejenige des 
alten Hauses Nr. 13 aus dem Ende des 
18. Jahrhunderts. Die Fassade war bei aller 
Strenge der damaligen Kunstübung doch von 
einer besonderen Eigenart, die ihre Erhaltung 
wünschenswert gemacht hätte. Allein die Un- 
möglichkeit, mit den gegebenen Stockwerks- 
höhen auszukommen, ferner die Notwendig- 
keit, ein weiteres Stockwerk aufzubauen, 
zwangen zum Neubau. Um den Charakter 
des Straßenbildes zu wahren und die alte 
Architektur am neuen Hause festzuhalten, ist 
das neue Haus ganz im Geiste des alten 
wieder erbaut. Das Erdgeschoß mit seinen 
Rundbogenschaufenstern, Muschelkalkpfeilern 
und Einfassungen, ist der entschiedenen Glie- 
derung der oberen Etagen, in freien jonischen 
Pilasterstellungen, glücklich angepaßt. 

Das vierte Stockwerk ist als eine neue Zu- 
tat von wesentlich schädigender Wirkung stark 
zurückgesetzt, mit Ziegelvordach versehen und 
so gleichsam zur Mansarde gestempelt, oder 



in die Dachwirkung mit einbezogen. Und so 
aliein konnte eine wesentliche Beeinträchtigung 
der alten Formeneinheit in der Fassade ver- 
mieden werden. 

Haus Nr. 14 war zum Mittelrisalit umge- 
wandelt, dessen Bedeutung für die Gesamt- 
anlage erst nach Einbeziehung des Hauses 
Nr. 15 in die gleiche Formengeburg klar ver- 
ständlich wird. 

Die farbige Erscheinung des Hauses : dunkle 
Putztönung, dunkle Dachziegel, entspricht dem 
gewohnten Münchener Siraßenbild. 

Das Innere erhält seinen besonderen archi- 
tektonischen Charakter durch Anknüpfung an 
eine schon vorhandene wuchtige Säulenarchi- 
tektur, eine große Doppelreihe gedrungener, 
dorischer Juramarmorsäulen, mit Spitzbogen- 
verbindung. Zwischen diese sind in geschickter 
Weise die Ladentische eingebaut. 

Ein Marmorfußboden aus rotem Lienbacher 
Marmor, dunkelgetöntes Eichenholz der Laden- 
einrichtung, farbige Stilleben in vergoldeten 
Stuckrahmen, Hirschgeweihe auf kranzum- 
wundenen Schädeln an den Wänden und 
zwischen den Pfeilern, Glasmalereien mit den 
Hoflieferantenwappen an den rückseitigen 
Fenstern und eine diskrete Deckenbeleuchtung, 
alles wirkt zusammen, um eine richtige Stil- 
atmosphäre der Lebensmittelverkaufshalle zu 
schaffen, wie sie, wenigstens in unserer Zeit, 




ARCH. HÖNlG UND SÖLDNER-MÜNCHEN 



GESCHÄFTSHAUS DALLMAYR: LADENINNERES 



152 




ARCH. HONIG UND 
SÖLDNER-MÜNCHEN 



LANDHAUS DER FRAU S. VON PRITTWITZ UND GAFFRON 
IN TUTZING AM STARNBERGER SEE: BLICK VOM SEE AUS 



nur selten angetroffen wird. Ein reizender mit dem lustig plätschernden Wasser ein be- 
Zierbrunnen mit Fischen, aus Treuchtlinger lebendes Element mehr in der von regem 
Marmor, von Prof. Gg. Albertshofer, bietet Verkehr erfüllten Verkaufshalle. 







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GRUNDRISZ DES ERDGESCHOSZES VOM LANDHAUS PRITTWITZ 



153 




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In einem angenehmen Gegensatz zu dieser 
Halle, die in ihrer Formengebung schwer 
wuchtend gehalten ist, steht ein in eleganten 
und zierlichen Formen durchgeführter Kon- 
fitürenladen. Hier ist die Ladeneinrichtung 
aus poliertem Kirschbaumholz und die Decke 
zum Teil weiß stuckiert, was dem kleinen 
Raum eine helle und freundliche Wirkung 
gibt. Daß diese angenehme, farbig dekorative 
Wirkung dieser beiden Räume mit Verwen- 
dung nur heimischer Baumaterialien, Steine 
und Hölzer erreicht wurde, verdient besonders 
bemerkt zu werden. Ein Schwarzweiß- Bild 
davon gibt kaum eine Vorstellung von dem 
malerischen Reiz und der warmen tonigen 
Harmonie dieser Farben, 

Auch hier ist wieder eine besondere Bau- 
aufgabe, einen für die besonderen Ansprüche 
der Lebensmittelbranche mit ihren oftenaus- 
gelegten Waren geeigneten und zugleich an- 
ziehenden Verkaufsraum zu schaffen, der allen 
Ansprüchen des Kaufherrn wie des Publikums 
genügt, glänzend gelöst. 



LANDHAUS DER FRAU S. von PRITTWITZ 

UND GAFFRON IN TUTZING AM STARN- 

BERGER SEE 

Ein Landhaus ist kein Stadthaus. Beim 
Landhaus ist noch mehr wie beim Stadthaus 
eine gewisse Zurückhaltung im Gebrauch ar- 
chitektonischer Details notwendig. Denn stär- 
ker als das Gebild von Menschenhand spricht 
die Natur. 

Bei der Projektierung von Landhausbauten 
ist deshalb Ein- und Unterordnung in das 
Naturbild eine selbstverständliche Forderung. 
Hier kann nur eine Architektur mit großen 
einfachen Linien wirken, welche gleichsam 
das Grundmotiv der örtlichen Situation in ihrer 



horizontalen oder vertikalen Linienführung auf- 
nimmt und in ihrem Organismus rhythmisch 
abwandelt. 

In diesem Sinne ist auch das durch die 
Architekten Honig und Söldner erbaute Land- 
haus der Frau S. von Prittwitz und Gaffron 
in Tutzing am Starnberger See disponiert. 

Die außerordentlich einfache Gliederung 
dieses Hauses ist durch die Lage bedingt. 
Im Vordergrund die breite Seefläche, im 
Hintergrund die bewaldeten hügeligen Ufer 
weisen von selbst auf einfache Silhouettierung 
hin, wie solche auch z. B. im alten Schloß zu 
Starnberg so schön zum Ausdruck kommt. 
Der Hauptraum des Hauses der in der Mittel- 
achse gelegene Salon, ist auch äußerlich mit 
einer Steinsäulenarchitektur und davor liegen- 
der Terrasse sichtbar zum Ausdruck gebracht. 
Ein hohes Sockelgeschoß aus gespitztem 
Muschelkalk, die Säulenarchifektur des Mittel- 
baues mit der davorliegenden Terrasse, die 
weißen Putzwände mit den grünen Fenster- 
läden, das ruhige mit dunklen Ziegeln ge- 
deckte Walmdach wirken zusammen, um 
einen in seiner sinngemäßen Einfachheit vor- 
nehm wirkenden Haustyp entstehen zu lassen. 
Die klare Symmetrie, die sich in der Haupt- 
ansicht des Gebäudes ausspricht, ist die 
Folge eines ebenso klaren Bauprogramms 
der Bauherrin, wie der ebenso einfach 
klaren Disponierung und Grundrißanlage. Da- 
nach ergaben sich im Innern stattliche und 
doch stimmungsvolle behagliche Räume, deren 
Fenster möglichst viele Ausblicke über den 
See und die entzückende Femsicht aufs nahe 
Gebirge frei lassen. Die Räume bieten alle 
Bequemlichkeiten, die der moderne Mensch 
auch in unmittelbarer Nähe der Natur nicht 
gern missen mag. In der Ausstattung fand 
hier auch das Kunstgewerbe, wie unsere Ab- 
bildung des schönen Ofens zeigt, eine gute 




ARCH. HONIG UND SÖLDNER-MÜNCHEN 



LANDHAUS PRITTWITZ: SCHIFFSHOTTE UND BADEHAU& 

155 




ARCH. HONIG UND 
SÖLDNER-MÖNCHEN 



LANDHAUS PRITTWITZ 
OFEN IM SALON □ 



Stätte. Wie es sich bei einem Landhaus in 
so bevorzugter Lage von selbst versteht, wurde 
die schon vorhandene gärtnerische Anlage, vor 
allem aber der bestehende Naturwuchs des 
landschaftlich so reizvollen Ufergeländes nach 
Möglichkeit geschont. Eine alte Parkanlage 
gibt dem Hause einen geschlossenen Hinter- 
grund und eine Umrahmung, wie man sie an- 
mutiger und reizvoller kaum denken kann. 



Insgesamt zeigen auch diese neueren Arbeiten 
der rühmlichst bekannten Architekten Prof. 
Eugen Honig und Karl Söldner wieder, daß 
ihre baukünsilerischen Schöpfungen sowohl als 
Einzelwerke, wie in ihrer Uebereinstimmung 
mit den modernen Bestrebungen einer städte- 
baulichen Kultur, auf einem heute nur selten 
erreichten künstlerischen Niveau stehen. 

Alexander Heilmeyer 



156 




VASE UND DOSE. KRISTALL. RUBIN- 
ROT, OBERFANG. GESCHLIFFEN □ 



ENTWURF; ARCll. E. J. MARGOLD-DAR.MSTADT 
AUSFÜHRUNG: CARL SCHAPPEL-HAIDA ■ 



GLÄSER VON EMANUEL JOSEF MARGOLD 



Die Wiener Ausstellung künstlerischer Glas- 
waren österreichischer Herstellung brachte 
schöne Aufschlüsse über eine alte Industrie, 
die sich in Oesterreich (man denke an die 
böhmischen Glashütten) frisch und lebensfähig 
erhalten hat. E. J. Margold, der in vielen 
Sätteln Gerechte, trat auch hierbei hervor. 
Die kräftige, gesunde Eleganz, die der Vorzug 
der meisten seiner Schöpfungen ist, zeigt er 
auch bei diesem vornehmen, geistreichen Ma- 
terial. Die edlen Kurven, die geglückte Ein- 
teilung der Flächen, die lebendige Farben- 
wirkung, der gute Aufbau, all das fügt sich 
dem übrigen Schaffen des Künstlers passend 
an. Margold behandelt das elegante Material 
mit Zartheit, aber auch mit Kraft. Seine Formen 
haben in der Mehrzahl der Fälle jene angenehme 
innere Gelassenheit, die wir bei den uns täg- 



lich umgebenden Dingen nicht gerne missen 
mögen. Den bloßen „Einfall" bekommen wir 
bald satt. Nur was bei aller Erfindung Ruhe 
und Reife hat, dem bleiben wir dauernd gewo- 
gen. Pompös baut sich die große Bowle 
mit ihrem lebendigen Profil auf, ein guter 
architektonischer Gedanke in der Entwicklung 
des „Sockels", über dem sich die gutgeführten 
ruhigen Flächen der Wandung und die sehr 
repräsentable Deckelpartie erheben. Guter 
Handwerksgeist ist in den niedlichen, hand- 
und mundgerechten Trinkgläsern, die sie beglei- 
ten. Leichter liest man die Formen in den 
einfachen schönen Kristalldosen ab, die 
sich neben guten alten Arbeiten behaupten. 
Modernere Gesinnung spricht aus der sechs- 
eckigen geschliffenen G I a s d o s e, deren Linien 
elastisch und wie gespannt ein wenig nach 



Dekorative Kunst. XIX. 5. Februar 1916 



157 




OBSTSCHALE. KRISTALL. RUBINROT OBER- 
FANGEN. LINIEN HERAUSGESCHLIFFEN 



ENTWURF: ARCH. E. J. MARGOLD-DARMSTADT 
AUSFÜHRUNG: CARL SCHAPPEL-HAIDA S 



außen nachgeben ; eine sehr einfache Form, 
bei der das Hauptgewicht auf dem einge- 
schliffenen Flächenschmuck liegt. Die tiefen 
ovalen Schalen für Blumen oder Früchte 
zeigen einfachste Flä- 
chenmuster in Ru- 
binglas; schlichte, 
gute, moderne Art 
von einem gelasse- 
nen, weltmännischen 
Auftreten; der Reiz 
liegt hauptsächlich in 
den gediegenen, man 
möchte sagen : rich- 
tigen Verhältnissen, 
die den Stimmungs- 
wert der Redlichkeit 



KLEINE DOSE 
RUBINROT 




und Vornehmheit haben. Baukünstlerischer 
Geist spricht sich, soweit möglich, überhaupt 
bei Margolds Gläser- und Vasenformen häufig 
aus. Der Schmuck beschränkt sich meist auf 

einfache Charakteri- 
sierung der Teilflä- 
chen ; mit Recht, 
denn Glas ist in er- 
ster Linie Lichtbre- 
chung und Lichtfär- 
bung, ein optisches 
Spiel, dem man am 
besten durch reiche- 
res oder schlichte- 
res Gegeneinander- 
setzen der Flächen 
dient. w. Michel 



ENTWURF: ARCH. E. J. 

MARGOLD-DARMSTADT 

AUSFÜHRUNG: CARL 

SCHAPPEL-HAIDA 



158 



HEIMATKUNST UND EINHEITSFORM 

AUS EINEM VORTRAGE ÜBER DEN WIEDERAUFBAU KRIEGSZERSTÖRTER ORTSCHAFTEN 

VON HERMANN MUTHESIUS 



Die neuerliche Zersplitterung unserer 
Architektur hatte zu jener Buntheit 
und Verworrenheit, zu jener seichten Ver- 
flachung und dilettantischen Oberflächlich- 
keit geführt, die dem Bauschaffen des enden- 
den 19. Jahrhunderts im Gegensatz zu allen 
früheren Zeiten eigentümlich ist. Schließ- 
lich kam der Zeitpunkt, wo weite Kreise 
einsahen, daß auf diesem Wege nicht weiter- 
geschritten werden dürfe. Allerorten erhob 
sich der Ruf, daß unser Land durch Neu- 
bauten verschandelt werde. Denn neben der 
planlosen, minderwertigen Architektur des 
Tages war noch allerorten die alte Bauweise 
der unberührten Ortschaften zu sehen, die sich 
durch ihre Geschlossenheit und Einheitlich- 
keit, durch ihre schlichte und anspruchslose 
Art außerordentlich vorteilhaft von den 
neuen Gebäuden abhoben. Aus dem sich 
aufdrängenden Vergleich, aus dem Wunsche, 
die alte Würde und Ruhe wieder zu erreichen, 
wurde die Heimatkunstbewegung geboren. 
Unbedingt muß es unser ganzes Bestreben 
sein, ähnliche gute Wirkungen, wie sie un- 
sere alten Ortschaften bieten, auch im heuti- 
gen Bauschaffen wieder herbeizuführen. 
Wie dies aber anzustellen sei, darüber gehen 
die Meinungen auseinander. Die Sonder- 
maßnahmen, die die Heimatkunst ange- 
wandt hat, sind häufig verfehlt gewesen. Zu- 
nächst ist die Heimatkunst häufig gewechselt 
worden mit der Wiederaufnahme eines frü- 
heren Stiles. Man glaubte, man würde das- 
selbe ruhige und geschlossene Ortsbild wie 
in den alten Dörfern und Städten erhalten, 
wenn man die Formen der dortigen alten 
Architektur wieder anwendete. Auf diese 
Weise sind Ortsstatute entstanden, die die 
Architektur einer ganz bestimmten Zeit vor- 
schreiben; beispielsweise werden fürHildes- 
heim die Stilformen bis Anfang des 17. Jahr- 
hunderts gefordert. Hätte man dabei noch 
das Wesen der alten Architektur im Sinne, 
das ja jenseits der Stiläußerlichkeiten liegt, 
so ließe sich noch darüber reden. Aber 
nein, man meinte ganz bestimmte Formen. 
Und so zeigen die Neubauten in den Stra- 
ßen Hildesheims und vieler anderer „hei- 
matgeschützter" Orte eine unmittelbare Nach- 
ahmung der vergangenen Stilmerkmale. 
Aber mit welcher Art von Nachahmung hat 
man sich begnügt! Man ahmte selbstver- 



ständlich das Holzfachwerk nach. Um es 
aber billig herzustellen, stellte man dünne 
Stile und Riegel in weite Abstände. Natür- 
lich, denn das dichtgedrängte alte Fachwerk 
wäre viel zu teuer gewesen. Der Erfolg 
mußte ein kläglicher sein. Auch wo man, 
wie an anderen Orten, Steinformen und 
Holzschnitzereien nachbildete, stieß die 
neue Art hart von der alten ab. Vor allem 
aber geboten ja die veränderten Zeitbe- 
dürfnisse weitgehende Abweichungen von 
den alten Bauten, es traten andere Stock- 
werkhöhen ein, andere Zimmer- und damit 
andere Fenstereinteilungen, eine andere Art 
der Dachgeschoßausnutzung , wodurch 
natürlich das Wesen der neuen Imitations- 
bauten den alten Bauwerken gegenüber ganz 
grundsätzlich geändert wurde. Die neuen 
Heimatkunstbauten stehen denn auch meist 
wie Karikaturen neben den alten behäbi- 
gen und gediegenen Originalen. Sie schei- 
nen ein Maskenkleid zu tragen aus zusam- 
mengesuchten billigen Flicken, das ge- 
rade neben dem echten Zeitkleid der alten 
Bauwerke um so peinlicher berührt. Aber 
auch wo man genau nachgebildet hat, ist 
der Erfolg durchaus zweifelhaft. Auch diese 
Bauten stehen noch seelenlos da, sie haben 
etwas Unglaubwürdiges, sie atmen einen 
falschen Geist. 

Wie sind solche Mißerfolge zu erklären? 
Sie ergeben sich, weil es für uns ganz un- 
möglich ist, in die Haut unserer Urgroßväter 
zu kriechen. Wir können immer nur aus 
den Bedingungen heraus schaffen, die in uns 
selbst liegen, nicht aber aus Bedingungen, 
die in anderen Menschen und noch weniger 
in einer anderen Zeit gegeben sind. Und, 
wenn wir der Sache einmal auf den Grund 
gehen: wie kommen wir überhaupt dazu, 
uns selbst in dieser Weise verleugnen zu 
wollen? Hat je eine andere Zeit etwas Aehn- 
liches unternommen? Hat je ein Baumeister 
des 18. Jahrhunderts bauen wollen wie man 
im 15. Jahrhundert baute? Es ist niemals 
der Fall gewesen. Nimmermehr werden wir 
die Aufgaben der Zeit zu lösen imstande 
sein, wenn wir dafür kein anderes Mittel 
aufbringen können, als eine Zeitverneinung. 

Aber die Unmöglichkeit der Stilheimat- 
kunst ergibt sich noch zweifelloser aus an- 
deren Betrachtungen. Man denke einmal den 



150 



21* 



Fall aus, daß am Schloßplatz in Straßburg 
ein Neubau zu errichten sei, für den die ge- 
schilderten heimatkünstlerischen Anschau- 
ungen maßgebend sein sollten. Soll nun der 
Neubau in den Formen des Münsters, des 
alten Schlosses, oder des Frauenhauses, 
oder des Lyzeums gehalten sein? Welches 
ist hier die richtige Heimatkunst? Man 
sieht, die Stilauffassung der Heimatkunst ist 
nicht aufrecht zu erhalten. Sie führt zur 
Zeitenverwirrung selbst bei denjenigen, die 
das Nachahmen alter Stile in neuer Zeit für 
berechtigt halten. Welche schreienden Zeit- 
widrigkeiten werden aber unter dem Stich- 
wort der Heimatkunst heute tatsächlich be- 
gangen? In einem Vororte Berlins ist ein 
Bahnhof der elektrischen Hoch- und Unter- 
grundbahn in der Form eines strohgedeck- 
ten alten Bauernhofes gebaut, wahrschein- 
lich weil die Station „Dorf Dahlem" heißt. 
Dahlem mag früher einmal strohgedeckte 
Dächer gehabt haben. Inzwischen hat die 
Feuerversicherung längst für Ersatz dieser 
Strohdächer durch Ziegeldächer gesorgt. 
Welcher Unsinn, ein so modernes Gebäude, 
wie einen Untergrundbahnhof, in die Form 
einer Bauernhütte kleiden zu wollen. 

Nicht diese Art von Heimatkunst dürfen 
wir treiben. Worin besteht im Gegensatz 
dazu die wirkliche Heimatkunst? Die Frage 
kann leichter beantwortet werden, wenn wir 
sie wieder auflösen in die beiden ursprüng- 
lichen Fragen: l.Wie erreichen wir im heu- 
tigen Bauschaffen dieselben günstigen Er- 
gebnisse, wie sie im alten erzielt wurden? 
und 2. wie fügen wir die neuen Bauten so in 
das bestehende Alte ein, daß sie dessen har- 
monische Gesamterscheinung nicht stören? 

Um mit der zweiten Frage zu beginnen, 
die ja auch im Falle des Wiederaufbaues der 
kriegszerstörten Ortschaften die wichtigere 
ist, so muß man sich von Anfang an dar- 
über klar sein, daß alle heimatkünstleri- 
schen Vorschriften nicht eigentlich schöpfe- 
rischer Natur sein können. Es kann durch 
sie nicht bewirkt werden, daß gute Archi- 
tektur gemacht wird. Die Heimatkunst kann 
nur darüber wachen, daß gewisse unter 
allen Umständen störende Maßnahmen nicht 
getroffen werden. Die Stilfrage ist daher als 
unmittelbare Anweisung zum Gebrauch be- 
stimmter Formen unter allen Umständen 
auszuschalten. Nicht um eine Stilfrage han- 
delt es sich, sondern um eine künstlerische 
Taktfrage. Im übrigen lehrt uns ja die 
gesamte alte Kunst, daß auch Bauten aus 
verschiedenen Bauzeiten ganz gut nebenein- 
ander stehen und sogar ein ausgezeichnetes 



Städtebild abgeben können. An dem schon 
erwähnten Schloßplatz in Straßburg stehen 
Gotik, deutsche Renaissance und Barock ein- 
trächtig nebeneinander. Warum sind gerade 
wir Heutigen so darauf versessen, solche 
Nebeneinanderstellungen nicht mehr zu 
dulden? Dem Verlangen liegt ein Trugschluß 
zugrunde. Es sind allerdings dadurch, daß 
neue Bauten in eine alte Umgebung gestellt 
worden sind, Ungereimtheiten geschaffen 
worden. Man hat daraus aber zu Unrecht 
geschlossen, daß das Unstimmige von der 
Stilverschiedenheit herrühre. In Wahrheit 
ist die Ursache nicht stilistischer, sondern 
qualitativer Art, mit anderen Worten, die 
Entstellungen liegen nicht darin, daß die 
neben den alten Bauten stehenden neuen 
Bauten ein anderes Zeitkleid tragen, son- 
dern darin, daß sie schlecht sind. Und 
hier treffen wir endlich den Punkt, um den 
sich alles dreht. Die alten Bauten waren 
fast ausnahmslos gut. Sie waren in auf- 
richtiger Gesinnung geschaffen, aus einer 
geschlossenen Ueberlieferung heraus. Sie 
machten nicht den Anspruch, Aufsehen zu 
erregen, ihre Schöpfer hatten wohl über- 
haupt nicht einmal die Meinung, daß sie 
Kunstwerke in die Welt setzten, sie fühlten 
sich als Handwerker. Aber eben dadurch, 
daß sie nur die Sache im Auge hatten, und 
daß sie, was die Form anbetrifft, eine 
feste Ueberzeugung teilten, eben dadurch, 
daß sie aus dieser Ueberzeugung heraus 
mit einem gewissen natürlichen, unbeirrten 
Sinne bauten, dadurch schufen sie gute Ar- 
chitektur. Demgegenüber liegen die Schä- 
den des Bauens der letzten fünfzig Jahre in 
allerhand untergeschobenen unsachlichen 
Rücksichten und nicht zum mindesten in 
einer gewissen Ansprucherhebung des heu- 
tigen Bauschaffenden. Jeder Architekt will 
aufsehenerregende Werke in die Welt setzen, 
sie sollen die Aufmerksamkeit auf sich zie- 
hen, wie die Gemälde in der Ausstellung 
oder wie eine Statue auf einem freien Platze. 
Jedes Haus wird deshalb mit den vermeint- 
lichen Ausweisen der Kunst belastet, vor 
allem aber möglichst anders gestaltet als 
seine ganze Umgebung. Das Publikum 
hat beim Betrachten eines Bauwerkes keine 
reine Freude mehr, sondern nur noch die 
Vorstellung, wissen zu müssen, in welchem 
Stileeserrichtetsei. Sagtman einem Wissens- 
durstigen, daß an dem oder jenem moder- 
nen Bau ein bestimmter Stil weder erstrebt 
noch eingehalten sei, so wird er tieftraurig 
und verliert jede Neigung, sich weiter mit 
dem Dinge zu beschäftigen. 



160 




WEINSERVICE. KRISTALL 
RUBINROT U. GESCHLIFFEN 



ENTWURF: ARCIl. E. J. MARGOLD-DARMSTADT 
AUSFÜHRUNG: CARL SCHAPPEL-HAIDA a 



Durch alle solche Umstände ist es gekom- 
men, daß die große Mehrzahl der neueren 
Bauten schlecht ist. Und deshalb entstehen 
die bekannten Unstimmigkeiten zwischen 
den guten alten und den schlechten neuen 
Bauten. 

Wer zu dieser Einsicht gelangt ist, für den 
wird es nicht schwer sein, die richtige Ant- 
wort auf die obengestellten Fragen zu fin- 
den. Wir werden dann wieder so harmo- 
nische Stadt- und Straßenbilder bekommen, 
wie sie frühere Zeiten schufen, wenn 
wir neben die guten alten Bauten nicht 
schlechte neue, sondern gute neue setzen. 
Diese guten Bauten werden sich dann unter- 
einander vertragen, gerade so, wie sich gute 
alte Bauten aus verschiedenen Bauzeiten 
vertragen. 



Wie erhält man aber gute Bauten? Einzig 
und allein durch gute Baukünstler. 

Es ist also Pflicht, gerade bei Hinzufügun- 
gen zu der wertvollen Architektur alter 
Straßen- und Platzbilder mit peinlichster 
Sorgfalt darüber zu wachen, daß nicht Stüm- 
per bauen. Diesen werden auch die besten 
Rezepte und alle Ortsvorschriften des Hei- 
matschutzes nichts helfen können. Zuzulas- 
sen ist hier nur der vollwertige Baumeister. 
Bei diesem wird vor allem auch die Takt- 
frage im Vordergrund seiner Maßnahmen 
stehen. Er wird von vornherein davon aus- 
gehen, das Bauwerk dem Orte, an dem es 
stehen soll, gehörig einzufügen, ihm einen 
allgemeinen Zuschnitt, einen Umriß, eine 
Dachausbildung zu geben, die für den Stand- 
ort geeignet ist. Er wird auch femer die 



161 



Wahl der Baustoffe, der Dachdeckung un- 
bedingt nach der Umgebung bestimmen, 
in die der Bau treten soll. Damit aber 
erfüllt er alle Forderungen, die die Heimat- 
kunst im besten Sinne des Wortes überhaupt 
stellen kann. Die heimatkünstlerische Frage 
ist damit eigentlich restlos gelöst. Zugleich 
ist alles, was darüber hinausgeht, nur vom 
Uebel. Denn durch ästhetische und stilan- 
weisende Sondervorschriften können immer 
nur Kompromißbauten und schwächliche 
Nachahmungen erzeugt werden. Von die- 
sen aber haben wir nun genug erlebt. Was 
uns fehlt, sind vollblütige, aus warmem Emp- 
finden erzeugte Werke. 

Es ist in diesem Zusammenhange nicht 
überflüssig, hinzuzufügen, daß die Grund- 
lagen des Bauens vor allen Dingen und in 
erster Linie wirtschaftlicher Art sind. Wür- 
den aber nur diese wirtschaftlichen Grund- 
lagen stets in erste Reihe gestellt, so würde 
unsere Baukunst weit sachlicher, weit natür- 
licher und wahrscheinlich auch in der Er- 
scheinung weit besser sein. Denn es ist das 
Eigentümliche, daß bei fortlaufender Durch- 
arbeitung, bei immer tieferem Eindringen in 
die Wesensart eines Baues eine immer grö- 
ßere Vereinfachung erreicht wird. Diese er- 
weist sich aber gewöhnlich nicht nur in der 
Wirtschaftlichkeit als Vorteil, sondern sogar 
in der Form. Hier muß mit aller Entschie- 
denheit der in Laienkreisen umgehende Irr- 
tum berichtigt werden, als bestehe ein Ge- 
gensatz zwischen sogenanntem praktischen 
Bauen und sogenanntem schönen Bauen. 
Viele sagen, sie wollten nur praktisch bauen, 
weil sie billig bauen müßten. Sie halten also 
die Schönheit für eine kostspielige Zugabe. 
Jeder Architekt weiß aber, daß eher das 
Umgekehrte richtig ist. Schönheit ist ledig- 
lich eine Angelegenheit der guten Verhält- 
nisse und diese pflegen am klarsten hervor- 
zutreten in der vereinfachten Form. Je 
durchgearbeiteter aber ein Entwurf, je reifer 
er ist, um so mehr wird er sich dem hohen 
Ideal nähern, gleichzeitig einfach, praktisch 
und schön zu sein. Das Einfache ist näm- 
lich stets das Endglied einer langen Ent- 
wicklung, das Verzwickte und dadurch Un- 
praktische und Teure ein Anfangszustand. 
Hier ergibt sich also die oberste Forderung, 
vor allen Dingen sachlich, gründlich und in 
höherem Sinne gediegen zu arbeiten. Das 
ist das Grundgesetz für jedwede Arbeit des 
Baumeisters. 

Indessen mischt sich doch in das archi- 
tektonische Schaffen noch etwas anderes ein. 
Ueber jede Wirklichkeitsforderung hinaus 



sind auch in der Baukunst, wie in jeder 
menschlichen Kunst, Stimmungswerte vor- 
handen, die dem Werke eine ganz besondere 
Färbung geben. Beim Bauwerk drücken sie 
sich aus in der überkommenen Bauüberliefe- 
rung, sie sind ein Ergebnis der Sitten und 
Gewohnheiten der Bevölkerung eines be- 
stimmten Landstriches, die, abgesehen von 
mitgebrachten Rasseneigenschaften, wieder- 
um durch die geographischen und klimati- 
schen Verhältnisse bedingt sind. Diese Stim- 
mungswerte fassen wir in dem Ausdruck 
örtliche Bauweise zusammen. Diese ist nicht 
durch alle Zeiten dieselbe, sie ändert sich, 
wie sich die Geschlechter ändern, aber eine 
gewisse Grundstimmung bleibtim großen und 
ganzen bestehen. Bewahren wir sie, so wer- 
den wir auch heute noch Werke schaffen, die 
sich der örtlichen Bauweise früherer Zeiten 
nähern, jedenfalls mit dieser ein einheit- 
liches Ganze bilden. Bedingung ist nur, daß 
die betreffenden Schöpfer dieser Bauten die 
örtliche Stimmung mitempfinden, daß sie 
aus dem Volksgeist heraus schaffen und 
zwar auf eine natürliche, gewissermaßen 
unbewußter Weise. Niemand wird dies bes- 
ser zu tun vermögen als das Landeskind. 
Daraus folgt die Notwendigkeit, die örtlichen 
Architekten heranzuziehen und zwar die 
wirklich Begabten, die nicht durch fremde 
Einflüsse Verbildeten, die den Volksgeist in 
sich Tragenden. 

Gute Architektur in völkischem Empfin- 
den, mit Takt eingefügt in das Alte, das ist 
die echte Heimatkunst. 

Mit einer gewissen Freiheit wird inner- 
halb dieser Grenzen bei solchen Aufgaben 
gearbeitet werden können, bei denen es sich 
viel weniger um Einfügen von Neuem in 
eine alte Umgebung handelt, als um neue 
Anlagen größeren Umfangs. Aber hier sind, 
um Ergebnisse zu erzielen, wie wir sie in 
unseren alten Ortschaften bewundern, noch 
einige andere Gesichtspunkte zu berücksich- 
tigen. Was nämlich diesen alten Ortschaften 
ihren eigentlichen Reiz verleiht, sind nicht all- 
ein die guten Verhältnisse und die gute Fas- 
sung jedes einzelnen Hauses, es ist auch die 
Uebereinstimmung aller zu einer Ortschaft 
gehörenden Häuser unter sich. Diese Gleich- 
artigkeit und Einheitlichkeit ist sogar das 
Ausschlaggebende für die Wirkung. Hier- 
über sind wir uns erst neuerdings wieder 
ganz klar geworden. Ganze Jahrzehnte 
haben sich in dem Irrtum bewegt, Abwech- 
selung sei das Erstrebenswerte in der Ar- 
chitektur, die Mannigfaltigkeit sei ihr Ziel. 
Als dann die Einsicht einsetzte, daß eine 



162 




KRISTALL-BOWLE MIT GLASERN 



ENTWURF: ARCH. E. J. MARGOLD-DARMSTADT 
AUSFOHRUNG: CARL SCHAPPEL-HAIDA ■ 



Umkehr aus den Verirrungen der Zeit ein- 
treten müsse, glaubte man zunächst, gute 
Architektur würde den Schaden restlos be- 
seitigen. Aber heute sehen wir, daß auch in 
Villenkolonien, bei denen jedes Haus von 



einem guten Architekten gebaut ist, noch 
immer jene leidige Unruhe und Undiszipli- 
niertheit herrscht, über die wir uns von An- 
fang an beklagten. Der Grund ist der, daß 
widerstrebende Teile nebeneinander gesetzt 





BCNDNISGLAS. KRISTALL DOSE. LINIEN GEATZT 

ORNAMENT GEMALT Q GRUND GELBES GLAS 

ENTWURF: ARCH. E. J. MARGOLD B AUSFOHRUNG: CARL SCHAPPEL-HAIDA 



163 



sind, daß die Straße, 
der Platz, ja der 
ganze Ort nicht als 
Ganzes gedacht ist. 
Die alten Ortschaf- 
ten waren vielleicht 
auch nicht als Gan- 
zes gedacht. Die 
Leute aber, die sie 
errichteten, empfan- 
den gleich, verarbei- 
teten stets die ört- 
lichen Baustoffe und 
schufen aus einer 
völlig einheitlichen 
Baugesinnung her- 
aus. Da wir über 
eine solche heute 
nicht verfügen und 
die Baustoffe nicht 
mehr örtlich ge- 
bunden sind, bleibt 
nichts andres übrig, 
als die Einheitlich- 
keit zum bewußten 
Ziele zu erheben. 
Neu angelegte Vier- 
tel sollten also eine 
einheitliche Archi- 
tektur tragen. Diese 
Einheitlichkeit be- 
steht, wie uns un- 
sere alten Ortschaf- 
ten zeigen, unter an- 
derem darin, daß die 
Gebäude im großen 
und ganzen diesel- 
ben Materialien für 
äußere Wände und 
Dachdeckung zei- 
gen, daß der all- 
gemeine Zuschnitt 
der Häuser der- 
selbe bleibt, derge- 
stalt, daß, wo etwa gebrochene Dächer 
angewendet, diese auch einheitlich durch- 
geführt werden, daß bei Wahl von einfachen 
Satteldächern oder etwa Zeltdächern diese 
das Bild beherrschen. Natürlich braucht 
diese Einheitlichkeit nicht zur Einförmigkeit 
zu werden; haben doch auch die Menschen 
alle gleichen Körperbau, ohne daß sie ein- 
ander zum Verwechseln glichen oder durch 
Einförmigkeit langweilig wirkten. 

So sind wir auf dem Kerngedanken der 
ganzen Frage, den der Einheitsform ange- 
langt. Die Einheitsform bietet nicht nur die 
Gewähr für einen erfreulichen äußeren Ein- 




POKAL. KRISTALL RU- 
BINROT U. GESCHLIFFEN 



druck, ähnlich wie 
er uns in den al- 
ten Ortsbildern ent- 
gegentritt, sondern 
sie bringt auch ge- 
waltige praktische 
und wirtschaftliche 
Vorteile mit sich. 
Gleiche Grundrisse, 
Aufrisse, Hausfor- 
men, ja Einzelteile 
wie Fenster und 
Türen, ermöglichen 
das Herausbilden 
des Besten, Zuträg- 
lichsten und Wirt- 
schaftlichsten. Die 
Einheitsform ist an 
sich nichts Neues, 
sie beherrscht un- 
sere ganze Indu- 
strie. Wir wissen, 
wie eine Arbeits- 
maschine durch 
fortlaufende Fabri- 
kation derselben 
Grundform und 
durch die sich sum- 
mierenden Erfah- 
rungen an demsel- 
ben Gegenstande 
besser und immer 
besser wird, indem 
kleine Mängel all- 
mählich beseitigt, 
schwache Stellen 
verstärkt, Einzel- 
teile durch geeig- 
netere ersetzt wer- 
den. Dieser Werde- 
gang ist in der In- 
dustriederbekannte 
Weg zur Vervoll- 
kommnung. Einen 
solchen Weg sollten wir auch in der Bau- 
ausführung beschreiten. 

Freilich bedarf es dazu des bescheidenen 
Sinnes des einzelnen Mitwirkenden, der, 
gleichsam wie der Soldat in Reih und Glied, 
sich als ein Teil eines großen Ganzen fühlt. 
Bauten sind das eigentliche Kulturdenkmal, 
das eine Zeit errichtet. Daraus folgt eine 
gewaltige moralische Verpflichtung ihrer 
Errichter. Jede wirkliche Begabung wird 
von selbst zur persönlichen Leistung führen. 
Das was der Mensch ist und in sich trägt, 
prägt sich schon in seinem alltäglichen Tun 
und Lassen aus, in seinen Gebärden, in sei- 



ENTWURF: ARCH. E. J. 
MARGOLDDARMSTADT 



164 



ner Art zu sprechen und sich zu bewegen. 
Wieviel mehr wird es aus seinen Werken 
zutage treten. Und so wird der Individua- 
lität auch stets ihre Bahn offen bleiben und 
zwar auch innerhalb einer zeitlichen und 
örtlichen Bautradition. Eine solche aber 
wieder zu erlangen, muß unser aller vor- 
nehmstes Ziel sein. 

Es ist beim heutigen Bauen eine eigentüm- 
liche Erscheinung, daß auf der einen Seite 
der Individualismus hervortritt und auf der 
anderen das Bestreben herrscht, durch Kon- 
trollkörperschaften die Baukunst zu lenken. 
Der Irrtum ist fast alltäglich, daß man sich 
wohl mit einer nicht ganz vollwertigen Kraft 
begnügen könne, da ja für doppelte und drei- 
fache Oberaufsicht und Prüfung gesorgt sei. 



Diese Ansicht ist aber falsch in der Voraus- 
setzung wie in der Schlußfolgerung. Eine 
minder gute Kraft wird niemals ein gutes 
Bauwerk entwerfen, ein schlechter Entwurf 
aber kann niemals zu einem guten umge- 
prüft werden. Aus Kommissionsbeschlüssen 
wird niemals ein vollgültiges Architektur- 
werk hervorgehen. Deshalb ist es von höch- 
ster Wichtigkeit, bei Bauaufgaben, wie sie 
bei den kriegszerstörten Ortschaften vorlie- 
gen, vor allem möglichst gute Kräfte zu ge- 
winnen, diesen sodann aber möglichste Frei- 
heit zu gewähren. Nur auf diese Weise ist 
gute Architektur zu erhoffen, und nur so 
wird unsere Zeit der großen Aufgabe gerecht 
werden können, die ihr durch das Kriegs- 
schickSal auf baulichem Gebiete gestellt ist 




VASE UND DOSE. SCHWARZ» EISZER CBERFANG UND GESCHLIFFEN 
ENTW.: ARCH. E. J. MARGOLD-DARMSTADT B AUSF.: C. SCHAPPEL-HAIDA 



Dekorative Kunst. XIX. 5. F«bruu 19X6 



165 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



VILLA R. BIENENFELD, BADEN: STRASZENFASSADE 



166 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



VILLA R. BIENENFELD, BADEN 
O GARTENFASSADE G 




aaiüi^ifaiiiiiiiii<<"fta 



ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



167 



VILLA R. BIENENFELD, BADEN: GARTEN 



OTTO PRUTSCHER 



Von den Problemen des modernen Kunst- 
gewerbes steht im Augenblick wohl kei- 
nes näher als das der industriellen Verarbei- 
tung und Verbreitung seiner Formen. Denn die 
nächste Folge des Krieges wird neben dem zeit- 
weiligen Zurücktreten des Verbrauches male- 
rischer und bildhauerischer Werke zweifellos 
die vergleichsweise stärkere Inanspruchnahme 
der kunstgewerblichen Erzeugnisse sein, die 



dem latenten Kunstbedürfnis eine Befriedigung 
schaffen, der geringeren Kaufkraft entgegenkom- 
men und zudem jener Verschwisterung mit der 
Industrie fähig sind, die bei der dann maßgeben- 
der hervortretenden wirtschaftlichen Ueberle- 
gung ihre Rolle wesentlich erleichtert. Daß diese 
ökonomischen Erwägungen nach dem Kriege um 
ein Beträchtliches an Gewicht zugenommen ha- 
ben werden, läßt sich schon jetzt erkennen und 



'! II 



If- 




ARCH. OTTO PRUTSCHER SPEISEZIMMER IN SCHWARZER EICHE 

Ausführung von R. Ludwig-Wien — Beleuchtungskörper von den Wiener Werkstätten 



168 




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legt dem offen sehenden, mit wirklichen Ein- 
sätzen rechnenden Teil der Künstlerschaft schon 
heute die Pflicht auf, ihre Arbeit mit dieser 
unumgänglichen Zeitforderung in Einklang zu 
bringen. In diesem Sinne verstehen wir auch 
jetzt den im Schöße des Werkbundes knapp 
vor Kriegsausbruch laut gewordenen Ruf nach 
Typisierung, ohne darum das Vollrecht der 
schaffenden Persönlichkeit irgendwie verkürzt 
sehen zu wollen. Denn dieses Recht bleibt ja 
in seinem Wesen unangetastet, auch wenn die 
künstlerische Urform auf jene VervielFältigung 
Bedacht nimmt, die eine typische Verwend- 
barkeit voraussetzt. 

Es gilt nur sich zunächst des Wesens dieser 
kunstgewerblichen Urform wieder einmal, wenn 
auch von neuer Seite recht inne zu werden. 
Von den beiden Worten, die zusammen das 
eine „Kunstgewerbe" geben, hat gewiß das 
erste nur wenig Recht an dem Begriffe. We- 
nigstens wenn dem Begriffe „Kunst" das in 
sich Schöne und Ganze, das Außergewöhnliche, 
dem Alltäglichen Fremde wesentlich zugehören. 
Sache des Kunstgewerbes ist in erster Reihe 
Werkformen zu schaffen, die dem Material, 
aus dem sie kommen, der Arbeitsweise, in der 
sie hergestellt wurden, Hand oder Maschine, 
und der Bestimmung, der sie dienen sollen, klar 
und ganz entsprechen. Gegen diese dreifache 
Gebundenheit haben die beteiligten Künstler 
seit jeher nicht nur nichts einzuwenden gehabt, 
sondern sie geradezu zum Grundsatze ihrer Ar- 
beit gemacht. Wenn sich aus einem derart ge- 
richteten Schaffensgange ein Sinngefälliges er- 
gibt, so ist das noch immer nicht Kunst, son- 
dern im äußersten Sinne Kultur des Handwerks 
— und das ist unter Umständen noch mehr 
als Kunst. Auch darf das Schöne mit allen sei- 
nen Wirkungen, wie es zum geläufigen Kunst- 
begriffe gehört, nicht auch notwendig zum Wesen 
dieses Faches gerechnet werden, weil es sich 
hier weder in den angeführten Grundsätzen der 
Arbeit vorbedingt findet, noch auch ihr letztes 
Ziel bedeuten kann. Kommt es zustande, dann 
wird das Ergebnis dadurch vielleicht erfreuli- 
cher, aber notwendig ist der Werkform nur die 
überzeugende Erscheinung, die zugleich den 
Charakter ihrer Wirkung bestimmt. 

Bei solchen, wohl allgemein anerkannten 
Voraussetzungen ist es nur schwer einzu- 
sehen, aus welchen Gründen ein prinzipieller 
Widerstand gegen eine, wenn auch nur teil- 
weise Industrialisierung des Kunstgewerbes 
schöpft. Hat einmal die Maschine den ihrer 
Fähigkeit angemessenen Entwurf vom Künstler 
empfangen, dann vermag sie alle drei Grund- 
forderungen der Werkform restlos zu erfüllen. 
Das Wünschenswerte und Notwendige einer 



gewerblichen Vervielfältigung, wenn auch nur 
durch Handarbeit, wird ja ohnedies von allen 
Seiten zugegeben. Damit ist auch schon in 
dem exklusiven, hier wenig angebrachten 
Künstlerstandpunkt des Einmaligen, des ori- 
ginalen Einzelstückes, eine Bresche gelegt. 
Und die Konsequenz, die gerade hier im Form- 
schaffen entscheidet, müßte sich nur ent- 
schließen, auch logisch in Aktion zu treten, 
um der Maschine und ihrem gesteigerten 
Konventionalismus sein Recht zu geben, vor- 
ausgesetzt, daß diese Konvention von echten 
und modernen, d. h. zeitgerechten Künstlern 
ausgeht, stets neue Werte schafft, und über- 
dies dem Originale und dem Handwerk ihr 
angemessener Teil an der Werkbewegung unge- 
schmälert bleiben. 

Der besondere Belang der Persönlichkeit 
Otto Prutschers liegt nun in der Richtung 
seiner Leistung auf die Industrie. 

Geht man dem Werdewege dieses Künstlers 
auch nur von ungefähr nach, dann wird man 
diesen Charakter seines Werkes darin genug- 
sam vorbereitet finden. Ein Selfmademan 
ohne gelehrte Vorbildung. Von Beginn an 
mit jeglichem Handwerk, das in sein Fach 
schlägt, wohl und unmittelbar vertraut und in 
diesem praktischen Umgange mit dem Arbeits- 
stoff recht eigentlich erzogen. Der Sohn eines 
Tischlermeisters, der selber den Lehrbrief 
des Tischlers erwirbt, die Ferien zur Übung 
in der Bauarbeit benutzt und zwischendurch 
von Erziehungsstätten nur das besucht, was 
der Hand eine unmittelbare Erfahrung bringt: 
zuerst die graphische Lehr- und Versuchs- 
anstalt, dann die Kunstgewerbeschule in Wien. 
Hier gerät auch er in den wohltätigen Ein- 
fluß Josef Hoffmanns, der auch an dieser Be- 
gabung seinen redlichen Teil hat. Als er dann 
auf Reisen geht, wird es wieder nicht Italien, 
sondern England und Frankreich, und hier 
wieder nicht die Kunst, sondern das Haus und 
der Hausrat und das künstlerische Gewerbe, 
was er aufsucht. Das alles kommt ihm nicht 
von ungefähr entgegen, sondern ein zäher und 
hartköpfiger Handwerkerwille muß sich Schritt 
für Schritt dem Ziele näher durchschlagen. 

Als Werdender kam er in die sturmvolle 
Kampfzeit des Wiener Kunstgewerbes, geriet 
mitten in den tollsten Wirbel. Und als er 
fertig war, hatte die Richtung, die heute glück- 
licherweise obenauf ist, schon gesiegt. Auch 
das kam seinem Werke vielfach zugute : er 
hatte genug Reibung zwischen den Gegen- 
sätzen erfahren, um sich eine sichere Gesin- 
nung zu bilden, und doch wieder nahezu alles 
von dem Kraftaufwande erspart, den die Vor- 
kämpfer an den Sieg ihrer Sache wenden 



169 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



VORRAUM IN DER VILLA M. ROTHBERGER, BADEN 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



EINGANG ZUM DAMENSALON IN DER 
VILLA M. ROTHBERGER, BADEN Q 



170 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



DAMENSALON IN DER VILLA M. ROTUBERGER, BADEN 




ARCH. onu l'KUiSCUUK-VklLN 



HALLE IN DER VILLA V, Ko , ..UERCER. BADEN 

171 



mußten. So konnte er frühzeitig aus diesen 
widerstrebenden Bewegungen jene praktische, 
verständige und verständliche Summe ziehen, 
die viele, gutfundierte Brücken zur allgemeinen 
Anerkennungund Aufnahme derNeuformen sei- 
tens der breiten bürgerlichen Schichten schlug. 

Auf diesem Wege ist er hier allmählich zu 
einem erfolgreichen Regulator des bürger- 
lichen Geschmackes geworden. Im Hausbau, 
in der Innenausstattung, im Möbel, Schmuck 
und Glas. Weitläufige Anlagen dieser Art 
hat er bisher vor allem in Wien und Umge- 
bung, in Deutschböhmen und Schlesien durch- 
geführt. Sie bekennen sich durchaus zu den 
Grundsätzen der Werkkunst, ohne die gesunde 
mittlere Linie zu verlassen, nehmen klugen 
Bedacht auf Art und Gesinnung des Bauherrn, 
ohne darum die eigene zu verleugnen, und 
leisten in diesem besonnenen Austausch tüch- 
tiges Erziehungswerk, das der sozialen Auswir- 
kung der Bewegung reichlich zustatten kommt. 

Auf das gleiche Gebiet sozialer Vermittlung 
gehört auch die Reihe räumlicher Ausstattungen 
von Ausstellungen, mit denen der Künstler 



in der letzten Zeit immer häufiger vor die 
Oeffentlichkeit trat. Sie zeigen den gleichen 
übersichtlichen und wohlgefälligen Zug, der 
auch sonst seinen Raumleistungen eigen ist. 
Auf demselben Wege bewegen sich dem Sinne 
nach die den maßvollen Fortschritt des öffent- 
lichen Geschmacks fördernden Innenausfüh- 
rungen Wiener Kabaretts und Kaffeehäuser. 
Wichtiger aber und vielversprechend erscheint 
uns in dieser Richtung die erst kürzlich zu- 
standegekommene Verbindung des Künstlers 
mit einem führenden Unternehmen der öster- 
reichischen Möbelindustrie, den Gebrüdern 
Thonet. Denn hier übernimmt er einen brei- 
testen, bereits vorhandenen Konnex mit allen 
Schichten des industriellen Verbrauches und 
gewinnt ein weites Feld künstlerischer Ver- 
antwortung, dem er nach allen Voraussetzungen 
die geeignete Kraft entgegenbringt. Hier muß 
auch künftighin die stärkste Seite seiner Be- 
gabung den Vollbeweis ihrer Leistungsfähig- 
heit dartun : er wird in der Befruchtung der 
Industrie durch überzeugende Werkformen zu 
führen sein. Max Eisler 




ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN 



ZIMMERECKE AUS DER VILLA 
M. ROTHBERGER, BADEN B 



172 




JULIUS SEIDLER-MONCHEN 



MADONNA VOM ANGERKLOSTER IN MÜNCHEN 




JULIUS SEIDLEK-MÜNCIIKN 



GEDENKTAFEL FOR GABRIEL v. SEIDL IN TOLZ 



JULIUS SEIDLER, EIN MÜNCHNER HAUSPLASTIKER 



Wir gelangen jetzt allgemach wieder dazu, 
die eigentliche Bedeutung der deutschen 
Kunst mehr und mehr im Lokalen, Typischen 
und Nationalen zu sehen. Es hat sich gezeigt, 
daß eine gesunde, wirklich gedeihliche Ent- 
wicklung in den einzelnen Künsten immer 
nur auf dem Boden guter 
Ueberlieferungen stattfin- 
det. „Die Kunst bedarf 
des Lokalismus. Hier ist 
derKantönligeistamPlatze. 
In den heimatlosen Millio- 
nen- und Verkehrsstädten 
kann nichts wachsen." 

Um aber eine Tradition 
fortzusetzen und zu pflegen, 
braucht man nicht zurück- 
zublicken, sondern nur um 
sich zu sehen und den 
Volksgeist erkennen, der 
sich immer wieder bild- 
sam erweist. Im Volks- 
charakter liegt noch so 
viel Bildsames und Origi- 
nales, daß der Künstler 
nur darauf zu achten 
braucht, um auch wieder 
die Sprache zu finden, die 
im Volke verstanden wird. 
„Der Künstler soll darum 




JULIUS SEIDLER 



so lokal als möglich sein, innerlich und äußer- 
lich, gegenständlich wie geistig." 

Die besonderen Eigentümlichkeiten unseres 
Volkes äußerten sich früher ebenso originell 
als geistreich in den an Häusern und Geräten 
angebrachten Inschriften. Man hat diese Haus- 
sprüche sehr treffend 
Volksepigramme genannt. 
Sie zeigen oft über- 
raschend witzige Gedan- 
ken- und Wortspiele mit 
humoristischen und cha- 
rakteristischen Wendungen 
und neben ihrer Sinnigkeit 
einen fast kunstgemäßen 
Schliff und eine treffliche 
Präzision im Ausdruck. 
Leider werden in un- 
serem vielfach ins allge- 
meine und internationale 
strebenden Zeitalter diese 
lokalen und individuellen 
Besonderheiten immer 
mehr verwischt. DerHaus- 
spruch, als Merkzeichen 
des individuellen Charak- 
ters des Hauses ver- 
schwindet immer mehr. 
GEDENKTAFEL IN ^ur in vereinzelten Ge- 
REicHERSBEUERN genden hält der Bauer 



Uekotativc Kunst. XIX. 6. Mar/ 1916 



173 



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JULIUS 
SEIDLER- 
MONCHEN 



FENSTER- 
GEWÄNDE 
AM RAT- 
HAUS IN 
BREMEN 



noch so zäh daran, daß er, wie ein Reisender 
berichtet, „in einem Hause ohne Spruch nicht 
wohnen mag, das wie ein Ei sei ohne Salz". 
Neuerdings hat sich das Volk dem Bilde 
wieder geneigter gezeigt als dem Buchstaben. 
Wenn diese volkstümliche „Bildung" an- 
hält, steht zu erwarten, daß mit dem Haus- 
spruche auch das Hausbild wieder ersteht. In 
München, wo auch hier die Tradition nie ganz 
abgebrochen wurde, hat das Hausbild schon 
wieder seine fröhlichen Urständ gefeiert. Es 
prangt al fresco an der Wand und es tritt als 



Hausplastik im innigen Zusammenhang mit 
der Hausarchitektur auf: Haus und Bild er- 
scheinen hier miteinander verwachsen, denn 
das Bild weist auf das Haus, seinen beson- 
deren Charakter und seine Geschichte hin. 
Wir sehen dies ganz deutlich an dem von 
Honig & Söldner erbauten Hause zum Schönen 
Turm und Weinhaus Kurtz, Ecke der Kaufinger- 
und Augustinerstraße, das einen ebenso aus- 
gesprochen modernen als lokalen Charakter hat. 
Ein echtes Münchner Haus ist hier entstanden 
und zwar auf ältestem Münchner Baugrund. 



174 




JULIUS SlilULHR-MÜNCHliN 



ST. GEORG AM HAUS DR. WOLF 



Vormalen stand hier der Schöne Turm und 
gegenüber zur Seite waren die Augustiner. 
Darum ist das Haus zum Schönen Turm be- 
nannt und darum auch an der Hausecke der 
Augustinermönch, der den Schönen Turm trägt 
— ein Stücklein geschichtlicher Anschauungs- 
unterricht auf der Straße, wie er origineller 
und liebenswürdiger nicht erteilt werden kann. 
Das Haus unterrichtet aber auch in der baye- 
rischen Landeskunde. Die acht symbolischen 
Figuren am Erker des 
Hauses versinnbildlichen 
die acht bayerischenKreise 
in ihren besonderen Eigen- 
tümlichkeiten. Zudem 
weist auch das Handels- 
büblein am Giebel gar artig 
auf das Kaufhaus hin. 

Um wieviel eindring- 
licher, greifbar deutlicher 
und unendlich liebens- 
würdiger zeigt sich hier 
das Hausbild an Stelle der 
Firmenschilder und der 
sonst üblichen Blechscha- 
blone von Geschäftsschil- 
dern und Reklametafeln. 



JULIUS SEIDLER 



Daraus ist auch ohne weiteres die ästhetische 
Bedeutung und Stellung des Hauszeichens im 
Straßenbilde klar zu erkennen. Nicht nur, daQ 
es als Kunst an der Straße auftritt und dem 
Straßenbilde eine künstlerische Note gibt, son- 
dern es dient auch zur besseren Orientierung, 
da man gewiß ein Bild besser im Gedächtnis 
behält als viele Buchstaben. Durch seine Ein- 
deutigkeit und Sichtbarkeit eignet sich 
das plastische Hausbild vorzüglich als Merk- 
zeichen für Geschäfts- 
häuser. 

Und in diesem Sinne hat 
auch Julius Seidler eine 
Anzahl solcher Hausbilder 
für Geschäftshäuser ge- 
schaffen, die auf den Cha- 
rakter desGeschäftshauses 
deutlich hinweisen. Am 
Bekleidungshaus Isidor 
Bach die beiden köstlichen 
Bilder, auf Geisböcken 
reitende Puttos mit Schere 
und Bügeleisen, am Waren- 
haus Tietz in Nürnberg 
zwei Puttos, einer mit den 
DR^loLF*'' "*"^ Abzeichen des Merkur und 




175 



JULIUS 
SEIDLER- 
MONCHEN 




HAUSZEICHEN 
AM HAUS ZUM 
SCHÖNENTURM 
IN MÜNCHEN 



der andere mit der Wage; am Geschäftshaus 
Dallmayr in München den Kaufherrn mit der 
Wage, am Nürnberger Bekleidungshaus von 
Bach den lustigen Schneider und das köstlichste 
Hausbild an einem Metzgerhause, ein fettes 
Schwein, darunter ein ganz kleines Kerlchen 
mit dem Schlächtermesser. Man wird keinen 
Augenblick im Zweifel gelassen, was solche 
Bilder bedeuten. Sie wirken so unmittelbar 



schlagend wie ein Plakat. Der Stil dieser Art 
Hausbilder als Geschäftsabzeichen ist wie der 
moderne Geschäftsstil lapidar, epigrammatisch, 
präzis im Ausdruck; aber doch auch mit einem 
behaglich anmutenden volkstümlichen Humor 
gewürzt. Derselbe gemütliche Münchner Geist 
spricht auch aus einer originellen Schenkung 
des Künstlers, einem geschnitzten Faßboden 
für ein Kriegsweinfaß im Münchener Rats- 



176 




JULIUS SEIDLER-MONCHEN 



ERKERPLASTIK AM HAUS ZUM SCHÖNEN TURM 



177 




JULIUS StlULUK-.MCNCHEN 



HAUS ZUM KAHl'UMCK IN 



i;N 



keller. Wie diese Poesie und Gemüt, Witz angebrachten Gedächtnistafeln, Schöpfungen 
und Humor atmenden Hausbilder, erscheinen einer dem Leben nahestehenden volkstüm- 
auch die zur Erinnerung an das verdienstvolle liehen Kunst. In diesem Sinne wirken die 
Wirken hervorragender Männer an den Häusern Gedächtnistafeln von Gabriel von Seidl in Tölz 

und für Geistlichen Rat 

Probst in Reichersbeuern. 

Diese Hauskunst erweist 

sich am fruchtbarsten 

auf dem Boden der Ar- 
chitektur, sie treibt darin 

ihre vollsaftigsten Blüten. 

Gerade in der Beschrän- 
kung auf ganz bestimmte 

architektonische Punkte, 

Tür- und Fenstergewände, 

Erker, Portale, zeigt sich 

erst die Kunst des Meisters. 

Die Fenstergewände am 

Rathausbau in Bremen, 

die am Haus zum Schönen 

Turm mit dem Erker an 

der Augustiner- und Kau- 

fingerstraße, das Relief an 

der Poliklinik, der Reiter 

am Zentraljustizgebäude in 

Nürnberg und der am 





JULIUS SEIDLER D HAUSPLASTIK AM 



BEKLEIDUNGSHAUS BACH, MÜNCHEN 



178 



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W^I^ ^ S mW^j^l^^^'T'^' '. 





Gebäude der Landwehrinspektion des Bezirks- 
kommandos München, geben dafür gute Bei- 
spiele. 

Wiederum als Hausschrauck im Sinne geist- 
licher Hausbilder sind der große St. Christoph 
und die Madonna am Angerkloster in Mün- 
chen gehalten; ebenso das reizvolle Brünnlein 
für den Hof dieses Klosters. Auch hier schöpft 
der Künstler wieder unmittelbar aus dem Emp- 
finden und der Bildkraft volkstümlicher Vor- 
stellungen, auch hier kommt er wieder dem 
Geist der alten Hausbilder nahe, die wie 
Volkslieder der Skulptur anmuten. 



Ihr Schöpfer, Bildhauer Professor Julius 
Seidler, vertritt darin eine der liebenswürdig- 
sten Seiten der Münchner Plastik. Und da 
diese Kunst im engsten Zusammenhang mit 
der Münchener Architektur steht, ist auch 
ihr Schöpfer der berufene Architekturbild- 
hauer und Mitarbeiter hervorragender Mün- 
chener und auswärtiger Architekten. Er 
stand Gabriel von Seid] nahe, dessen vor- 
nehmste letzte Bauten, wie z. B. das Bremer 
Rathaus, Seidler mit seinen Skulpturen 
schmückte. Wie mit Gabriel v. Seidl, arbeitet 



ßy^xti^ 




JULIUS SElDLHR-MlNCHEN ■ MADONNA UND 
ST. CHRISTOPH AM ANGERKLOSTER IN MONOIEN 



179 



^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^> 





JULIUS SEIDLER-MONCHEN 



HAUSPLASTIK AN DER KGL. luLit^LiMK IN MÜNCHEN 



er jetzt mit Emanuel v. Seidl, den Architekten und anderen hervorragenden Architekten, die 

Professor Honig und Grässel, mit der obersten in ihren Bauten dem volkstümlichen Geiste 

Baubehörde, den Architekten Bommel und der modernen tektonischen Plastik Raum 

Baurat Göschel, Architekt Schulz in Nürnberg, geben. Alexander Heilmeyer 




JULIUS SEIDLER-MONCHEN □ HAUSBRUNNEN IM ANGER- 
KLOSTER IN MÖNCHEN 



180 



JULIUS SEIDLER- 
MONCHEN 




HAUSPLASTIK AM 
ZENTRALJUSTIZGE- 
BAUDE IN NCRNBERG 



VON DER GESINNUNG IN ARCHITEKTUR 
UND KUNSTGEWERBE 



Die Erneuerung unseres architektonischen 
und icunsthandwerklichen Schaffens setzte 
ein mit einer starken Betonung des Ethi- 
schen. Der Kampf gegen ödes Stilwesen, 
gegen die Seichtheit der Nachahmung, gegen 
Schundarbeit, gegen die Sinnlosigkeit, heutige 
Lebensbedürfnisse einzupressen in Formen, 
die einer anderen Lebensführung angemessen 
waren, das Unwirtschaftliche und Unsoziale 
dieses Raubbaus an den Kräften der Nation, 



das alles waren Argumente mehr ethischer als 
ästhetischer Natur. Mag sein, daß das Ueber- 
betonen dieser Faktoren in erster Linie ein 
taktischer Kniff der .Bewegung* war, daQ man 
ganz richtig kalkulierte, daß bei der N'eran- 
lagung des Deutschen Forderungen der Moral 
eher aufgenommen werden würden, als An- 
sprüche der Sinne, als das Verlangen nach 
neuer und lebendiger Schönheit. Sei dem wie 
ihm wolle, jedenfalls waren die Apostel der 



Dekorative Kunst. XIX. 6. Nt.irz 1916 



181 



24 




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JULIUS SEIDLER-MONCHEN B HAUSPLASTIK AM HOTEL STADT WIEN IN MÜNCHEN 



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JULIUS SEIDLER-MONCHEN FASSADE HOTEL STADT WIEN IN MÖNCHEN 



182 




JULIUS SEIDLER-MONCHEN 



HAUSPLASTIK AM BHKLEIDUNGSHAUS 

BACH IN Nürnberg 



neuen Bewegung und vor allem die Schöpfer 
der neuen Dinge erfüllt von einer Gesinnung, 
die ihre Größe in der Lauterkeit des Wollens, 
in einer Ueberzeugungstreue und Charakter- 
festigkeit, in dem Streben, ihr ganzes Schaf- 
fen auf Wahrhaftigkeit, Echtheit und innerliche 
Gediegenheit zu stellen hatte. Was diese Ideen 
sich als Sieg zuzuschreiben haben, ist auf diese 
Reinheit der Antriebe zurückzuführen. 
Vor wenigen Jahren noch konnte man über die 
Objekte dieses Schaffens schreiben: „Indirekt 
künden sie von Menschen, die sich erheben 



möchten über materialistische Flachheit und 
Erwerbsgier, die gute, schöne und frohe Ar- 
beit leisten wollen. Der kunstgewerbliche Ge- 
stalter, der die seichte Imitation und frivole 
Banalität meidet, spendet damit dem Ersteher 
einen innerlichen Ansporn, der wiederum 
ethische Instinkte zu wecken vermag. Das 
Einsetzen der besten Kraft, das ehrliche Wol- 
len, die reinliche Ueberzeugung und der auf 
die edle Leistung gerichtete Gedanke sind es, 
die einem hier am kleinen Gegenstand so oft 
entgegentreten. Wer die Gabe besitzt, hinter 



183 



24* 



JULIUS SEIDLHK- 
MONCHEN 




GESCHNITZTER FASS- 
BODEN IM MÜNCHNER 
RATSKELLER 



der einzelnen Erscheinung diesen ideellen 
Drang zu verspüren, vermag auch auf diesem 
Umweg eine innerliche Läuterung zu erfahren. 
Und da das alles sich tagtäglich vor seinen 
Augen befindet, wäre eine dauernde, gute Be- 
einflussung denkbar." 

Es ist bekannt genug, daß dieser ethische 
Gesichtspunkt in jener Werdezeit allzu ge- 
flissentlich in den Vordergrund geschoben 
worden war, daß man um der Gesinnung 
willen so manches Talent duldete, wenn nicht 
gerade propagierte, das irgendwelche Ansprüche 
auf Grund künstlerischer Leistungsfähigkeit da- 
zu nie gehabt hätte. Es war sogar notwendig 
gegen diese Ausartungen des Prinzipiengeistes 
aufzubegehren und zu fordern, daß der Nach- 
druck auf das künstlerische Temperament und 
die Gestaltungsgabe gelegt werde. Die Form 
sollte als das Wesentliche anerkannt werden, 
denn schließlich ist große und gute Form ja 
nicht denkbar ohne den Geist. 

Diese Reaktion hat sich nun in einem Tempo 
entwickelt, das doch sehr zu denken gibt. Aus 



einer bedenklichen Ueberbetonung der Ge- 
sinnung ist unter vielen unserer Architekten 
und Kunsthandwerker eine Gesinnungs- 
losigkeit geworden, gegen die wir uns, 
wenn wir die deutsche Form in der Welt 
durchsetzen wollen, wappnen müssen. An sich 
ist ja zu erwarten, daß diese Kriegszeit, diese 
Zeit des großen Ernstes und der allgemeinen 
Ertüchtigung mithelfen wird, diese Charakter- 
losigkeit im Künstlerischen zu beseitigen. 

Für den künstlerisch Schaffenden gibt es nur 
eine Moral, mit dem Einsatz aller seiner Kräfte 
das Höchste und Beste aus sich herauszuholen, 
was überhaupt in ihm drin ist. So blendend 
auch vielen die Resultate erscheinen mögen, 
die die Bewegung aufzuweisen hat, so sehr 
ist doch in den letzten Jahren gerade von den 
anerkanntesten Führern gegen dieses Grund- 
gesetz gesündigt worden. Es liegt mir fern, 
in diesem Augenblick ein Ketzergericht ab- 
halten zu wollen, es sind auch nicht einzelne 
Personen allein, die dieses Frevels zu zeihen 
wären ; aber es gibt nach Messels und Olbrichs 



184 




JULIUS SEIDLER-MÜNCHEN 



HAUSPLASTIK AM GESCHÄFTSHAUS DALLMAYR IN MÖNCHEN 



Tode unter Architekten und Kunstgewerblem 
gewiß nicht allzuviel Leute, von denen man 
sagen könnte, daß sie jede der ihnen ge- 
stellten Aufgaben mit dem Einsatz ihrer gan- 
zen Kraft, mit dem Trieb, ein Aeußerstes zu 
leisten, etwas einzigartig Echtes zu formen, zu 




J. SEIDLER Q PLASTIK AM OESCHÄfTS- 
HAUS BACH IN NÜKNBBRO 



heiten einer Aufgabe, eine ganz 
und gar ungeistige Atelierwirtschaft, 
ein Jonglieren mit modisch un- 
erlebten Formen , die in ihrer 
Aeußerlichkeit den Mangel an wirk- 
lichem inneren Gehalt verbergen 
sollen. Ob es sich um einen Monu- 
mentalbau oder um ein kleines Stück 
Handwerkskunst handelt, immer ist 
dieser sogenannte Künstler schon 
am Ende, wenn seine eigentliche Ge- 
staltungsarbeit erst beginnen sollte. 
Das liebevolle Versenken in die Ein- 
zelheit, das Herausarbeiten letzter 
Feinheiten, das Veredeln eines 
Materials aus seiner besonderen 
Stofflichkeit heraus, die Besorgtheit 
um die Nuance, das wirkliche Empor- 
heben eines Handwerks zur Kunst, 
wo finden wir das noch in jenen 
Betrieben, deren Anschwellen wir 
als Fortschritt der Bewegung ansehen 
sollen?! Gewiß, es gibt noch immer 



bewältigen — auch nur versucht hätten. Im 
Gegenteil. Das allgemein beklagte Uebel ist 
doch eine würde-, in einzelnen Fällen kann 
man sogar sagen skrupellose Auftragshatz, 
eine Gier nach einem klischeehaften Groß- 
betrieb, ein Hinwegpfuschen über die Eigen- 




. SUDLER ■ PLAtTlK AM OnCHATT»- 
HAUS BACH IN NOanBOK) 



185 




JULIUS SEIDLER D HAUSPLASTIK AM BEZIRKSKOMMANDO, MÖNCHEN 



diese von jenen Ideen beflügelte Gesinnung 
als Ausnahmeerscheinung, noch immer und 
immer wieder Einzelne, die eine Seligkeit 
in der trefflichen Gestaltung eines Bau- 
werks oder in der Verarbeitung eines Stück- 
chens Silber, Bronze oder Eisen empfinden; 
aber das Bezeichnende an dieser Entwicklung 
ist, daß ihrer statt mehr weniger werden und 
daß sie halb nur geachtet und in den selten- 
sten Fällen gefördert, im Winkel sitzen müs- 
sen, während ein gewandtes Machertum mit 
Effekten, die so unkünstlerisch sind, so sehr 
sie in die Augen springen, über diese wahre, 
innerlich echte Qualitätsarbeit triumphiert. 
Das aber ist zu erkennen, daß, wenn dieser 
Schatz an eigentlich künstlerischer Gesinnung 
in gleichem Maße weiter aus unserem archi- 
tektonischen Schaffen heraus verschwinden 



sollte, die Idee der neuen deutschen Form 
zu einer Phrase herabsinken müßte. 

Diese Gefahr bestand vor Ausbruch des 
Krieges drohender, als von den Parteigängern 
dieser betriebsam „Schaffenden" zugegeben 
werden dürfte. Der Krieg ist vielleicht vielen 
ein Mahner zur Besinnlichkeit. Mancherlei 
Reklamesuggestionen haben aufgehört und hin- 
ter der Fülle der Erscheinungen sieht man- 
cher wieder einmal das Wesentliche: die Eigen- 
heit und Tüchtigkeit der Leistung, auf die al- 
lein es ankommt. Denn was hier verlangt wird: 
die Gesinnungstreue einem künstlerischen Ideal 
gegenüber, Charakterfestigkeit gegenüber den 
Ansprüchen der Banalität, Bestimmtheit im 
Wollen , Entschiedenheit in der Durchfüh- 
rung eines Qualitätsanspruches, Unerbittlich- 
keit gegen die eigene wie gegen jede andere 



186 



Leistung, diese innerlichste Sauberkeit, die 
allein den Tüchtigen trotz aller Suggestionen 
voran bringt, ist ja nichts, was vom Archi- 
tekten oder Kunsthandwerker allein verlangt 
würde; in und hoffentlich noch mehr nach 
diesen Tagen wird es von allen gefordert, die 
als aufbauende Glieder teil haben wollen an 
der Erneuerung unseres geistigen und öko- 
nomischen Lebens. 

Was nach dem Krieg das Schicksal der 
bildenden und angewandten Künste im Reich 
sein wird, läßt sich noch nicht ermessen, und 
prophezeien zu wollen, wäre Torheit. Wir 
haben aus dem letzten Jahrhundert zwei große 
Erfahrungen : die Zeit nach 70 mit ihrem 
Gründerwesen, mit ihrem unechten, kunst-, 
geist- und charakterlosen Schwulst und die 
Epoche nach den Befreiungskriegen, die mit 
Schinkel an der Spitze so viel edle Schönheit 
entfaltete an Häusern, an Möbeln und an all 
dem Kleingerät, das zugleich ein Entzücken 
der Sinne und ein Beispiel rühmlichster Hand- 
werkstüchtigkeit war. Es scheint mir nicht rich- 



tig, den Unterschied zwischen diesen beiden 
Schaffensperioden nur in der Wohlhabenheit 
der Bevölkerungsschichten zu sehen. Reich- 
tum, auch schnell zusammenspekulierter Be- 
sitz muß nicht notwendig derartig ästhetische 
Greuel erzeugen, wie sie die Generation von 
70 hervorgebracht hat. Und es scheint mir 
auch nicht so zutreffend hinter den Feinheiten 
der Schinkel-Zeit lediglich das arme und arm- 
selige Preußen zu sehen. Was diese Dinge 
wert, was sie zu Abbildern der nationalen 
Erneuerung macht, das war neben einem denk- 
würdigen Empfinden für formale Feinheiten 
diese echte aufs Große und ganz und 
gar Gediegene gerichtete Gesinnung, 
die vor hundert Jahren die Schaffenden aus- 
zeichnete. 

Wird dieses Ethos auch die Schaffenden von 
morgen befruchten oder wird jenes ästhetische 
Proletariat, das vor Kriegsausbruch Wohnungs- 
kunst so massenhaft produzierte, wieder einen 
Aufschwung im Stile der 70er Jahre erleben? 

Paul Westheim 




JULIUS SEIDLER-MÜNCHEN Gl HAUSZEICHEN 
AN EINEM METZGERHAUS IN PFORZHEIM 



187 



BRUNO HEROUX' ZYKLUS „VAE SOLIS" 



Totgesagte leben bekanntlich doppelt lange. 
Das scheint auch von den radierten Zyklen 
zu gelten, von denen viele immer wieder be- 
haupten, sie seien längst gestorben — oder 
aus der Mode, was ja dasselbe ist. Durch 
und nach Max Klinger sind sie sehr beliebt 
geworden, und jeder Künstler, der etwas auf 
sich hielt, versäumte nicht, dieser General- 
probe auf Phantasie, Geschmack, Geist, Er- 
findung und technisches Können sich wenig- 
stens einmal zu unterziehen. Und heute? Es 
ist allerdings richtig, daß Zyklen, die in irgend 
einem gedanklichen oder stilistischen Zusam- 
menhang mit den Folgen Klingers stehen, all- 
mählich recht selten geworden sind. Aber das 
Bedürfnis, einen Ideenkomplex oder eine zu- 
sammenhängende Folge von Gesichten in zyk- 
lischer Form graphisch zu gestalten, ist heute 
kaum geringer wie je und wird wohl ebenso- 
wenig jemals ganz verschwinden, als etwa 
die Dichter aufhören werden, Szenenfolgen 
(Dramen) zu schreiben, oder die Musiker, 
einzelne Sätze zu symphonischen Werken an- 
einanderzureihen. Man hat es also, theoretisch 
sozusagen, mit etwas durchaus Normalem zu 
tun, wenn der Leipziger Graphiker Bruno 
HfiROUx es auch einmal unternimmt, einer 
Lieblingsidee zyklische Form zu geben. Nicht 
ganz alltäglich ist dagegen die Art, wie H6roux 
seine Aufgabe gelöst hat. Künstlerisch und 
technisch steht er ja dem Kreis, der sich um 
Klinger gebildet hat, nicht fern. Aber Hdroux 
ist hier ebenso wie auf anderen Gebieten, 
z. B. dem des Exlibris, das seit vielen Jahren 
ein Hauptarbeitsfeld des ungemein fleißigen 
Künstlers ist, seinen eigenen Weg unbeirrt 
bis zum Ende gegangen. Und so ist in sechs- 
jähriger, unverdrossener Arbeit etwas zustande 
gekommen, das in technischer Beziehung den 
Höhepunkt des bisherigen Schaffens des Ra- 
dierers Heroux darstellt, durch seinen Ge- 
dankengehalt und die Art seiner graphischen 
Formung aber ein leidenschaftliches Bekennt- 
nis des Menschen und Künstlers geworden ist. 
Die Technik, in der die acht Blätter dieser 
Folge ausgeführt sind, ist Radierung (Aetzung) 
und — bei den Akten — Stichradierung, die 
H6roux im Laufe der Jahre mit höchster Vir- 
tuosität zu behandeln gelernt hat. Die Haupt- 
ursache für die unbestreitbare monumentale 
Wirkung des ganzen Zyklus wie der meisten 
Einzelblätter aber dürfte in der Beschränkung 
auf je zwei Akte zu suchen sein. Und die 
Kraft des Ausdrucks dieser beiden Körper 
erinnert manchmal fast an die Wirkung be- 
seelter Plastik, deren Wesen ja ebenfalls die 



Zusammenfassung und die Zurückführung auf 
die letzte und einfachste Formel ist. 

Die Grundidee des Zyklus, der sechs figür- 
liche Blätter zwischen zwei landschaftliche 
stellt und damit an den Kreislauf alles Lebens 
von der unbestimmten Allgemeinheit (der 
Natur) zur Individualität, zur Zweiheit und 
wieder zurück zur Natur erinnert, ist die 
Entwicklung eines Menschenpaares von der 
Gebundenheit und Konvention zur seelischen 
Freiheit. Dargestellt (gewissermaßen exem- 
plifiziert) wird das an dem Geschick zweier 
Liebender, die beide lange einsam und sehn- 
süchtig, vielleicht sich ahnend, durch die kalte 
Steinwüste des Lebens irrten, bis sie an einer 
Wegkreuzung staunend und erschauernd sich 
fanden. Nun folgen die ersten Stunden reinster 
Seligkeit: das Weib zu Füßen des Mannes 
und den Klängen lauschend, die er der Geige 
entlockt. Trunken vor Glück vertrauen sich 
beide dem Licht, aber schon müssen sie be- 
merken, wie die Gemeinheit, der Neid, der 
Zwang und wie alle die Menschheitsplagen 
heißen, von allen Seiten an sie herankriechen. 
Dornen umkrallen die zuckenden Herzen der 
beiden Einsamen, um ihrer idealen Gesinnung 
wegen Ausgestoßenen ; mühselig schleppt der 
Mann das geliebte Weib auf seinen Armen 
durch den endlos scheinenden Sumpf, in dem 
alles Häßliche, Niedrige und Platte der Welt 
sich gegen sie bläht und sie herabzuziehen 
sucht. Aber in einer glücklichen Stunde ge- 
winnen sie doch als Sieger festen Grund, das 
Land der Freiheit. Und dankend opfern sie 
im heiligen Hain vor dem Altar der Ewigkeit. 

Wenn Einfachheit das sicherste Kennzeichen 
des Bedeutenden und Echten ist, dann darf 
auch dieser Zyklus Anspruch auf hohe Schät- 
zung erheben. Er gehört zu den Werken, 
die durch gewisse äußere Momente sofort für 
sich einnehmen, deren Letztes und Tiefstes 
aber sich doch erst dem erschließt, der sich 
länger mit ihm beschäftigt. Und liegen auch 
die künstlerischen Ideale Heroux' manchmal 
ziemlich weit ab von denen der Modernsten, so 
wird doch, und vielleicht sogar schon bald, eine 
Zeit kommen, die dem Wollen und Können 
dieses ernststrebenden und gestaltungsfrohen 
Künstlers ganz gerecht zu werden vermag. 
Verdient hätte er es jedenfalls, daß man sich 
für ihn interessierte, solange er aus dieser 
Teilnahme noch ideellen Gewinn für sein 
Schaffen zu ziehen vermag. Damit es nicht 
auch einmal von ihm heißen muß : Vae solis, 
d. h. Wehe denen, die allein geblieben sind ! 

Richard Braungart 



188 




BRUNO HEROUX 



AUS DEM ZYKLUS „VAE SOLIS" (RADIERUNG) 





BRUNO HCROUX 

Dekorative Kunst. XIX. 6. März I9t6 



AUS DEM ZYKLUS „VAE SOLIS" (RADIERUNG) 

189 as 




ARCH. H. MUTHESIUS-BERLIN 



FABRIKGEBÄUDE DER SEIDENWEBEREI MICHELS 
& CIE., NOWAWES: REPRÄSENTATIONSHALLE a 



DIE MECHANISCHE SEIDENWEBEREI MICHELS & CIE. 
IN NOWAWES BEI POTSDAM 



Für den Bau der Seidenweberei Michels &Cie. 
in Nowawes lag ursprünglich die Absicht 
vor, die übliche Sheddachkonstruktion anzu- 
wenden; der unterzeichnete Architekt sollte 
lediglich einen Frontbau dazu entwerfen, in 
dem einige Verwaltungsräume unterzubringen 
waren. Die Shedbauform gilt bei vielen Fabri- 
kanten noch heute als unübertrefflich. In No- 
wawes war sie aber schon deshalb nicht recht 
geeignet, weil der große Webesaal nach dem 
Wunsch des Bauherrn von einer Mittelhalle 
im Verwaltungsgebäude aus in seiner ganzen 
Ausdehnung überblickt werden sollte. Bei 
näherer Untersuchung stellte es sich heraus, 
daß sie nicht einmal wirtschaftlich vorteilhaft 
war, und dann ergaben Studienreisen des für 
die Ingenieurkonstruktion verantwortlichen Mit- 
arbeiters Karl Bernhard, daß sie gerade für 
Seidenwebereien durchaus nicht mehr allge- 
mein verwandt wurde, vielmehr in neueren An- 



lagen vielfach durch einheitliche Hallenkon- 
strukiionen ersetzt war. 

Diese Erhebung war um so willkommener, 
als sie die Handhabe bot, den Gedanken der 
Teilung des Baues in einen Shedbau und eine 
vorgesetzte Schauarchitektur endgültig zu be- 
seitigen und auf eine einheitliche Entwicklung 
des ganzen Bauwerkes loszugehen. Denn eine 
baukünstlerische Lösung ist nur möglich, wenn 
der Bau als eine organische Einheit aufgefaßt 
wird. Nun erst konnte den weiteren Ab- 
sichten des Bauherrn entsprochen werden, die 
Fabrik gleichzeitig als Werbemittel für sein 
kaufmännisches Großgeschäft zu betrachten. 
Das altbekannte Seidenhaus Michels &Cie. ent- 
faltet seine Haupttätigkeit durchaus im Handel. 
Einzelne Warengattungen mußten aber im Selbst- 
betriebe erzeugt werden, was bisher in einer an- 
gemieteten Fabrik in Krefeld geschah. Die Ver- 
legung nach Berlin hatte, abgesehen von der 



190 




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193 



bequemeren Verbindung mit dem Haupthause, 
den Nebenzweck einer größeren Ankündigungs- 
wirkung. Ein Bauplatz an der vielbefahrenen 
Eisenbahnstrecke Berim — Potsdam schien für 
den Zweck sehr geeignet. Der Fabrik mußte ein 
repräsentatives Gepräge gegeben werden, Würde 
der Erscheinung und eine gewisse, der Feinheit 
der Seidenweberei entsprechende Vornehmheit 
schwebte als Ziel der Gestaltung vor. Der Webe- 
saal wurde zu einem großen, durch keine Zwi- 
schenstellung beengten Räume ausgebildet, be- 
stehend aus einem rundbogig überdeckten Mittel- 
schiff und zwei flach überdeckten Seitenschiffen. 
Das Mittelschiff bezeichnet die Hauptachse des 
Gebäudes, in der vorn die Repräsentationshalle 
liegt. Zwischen ihr und dem Webesaal sind 
ganz große Spiegelscheiben eingesetzt, die beim 
ersten Schritt in die Halle bereits den Blick 
auf den ganzen, in Tätigkeit befindlichen Webe- 
saal erschließen. Durch das herausragende Mit- 
telschiff war die äußere Gruppierung der Bau- 
masse vorgezeichnet. Es ergab sich ein her- 
ausgeschobener Mittelbau, vor den zugleich die 
Vorfahrt gelegt wurde. Die niedrige Lage des 
Bauplatzes nötigte zur Anlegung eines Unter- 
geschosses, wodurch eine den Verhältnissen 
des Baues zugute kommende größere Höhen- 
entwicklung erreicht wurde. Der Unterbau ent- 
hält reich bemessene Wohlfahrtsräume, die 
Schlosserei, Lagerkeller, Vorbereitungsräume. 
Vor der Vorfahrt erfolgt die Frischluftentnahme 
für die höchst sorgsam bedachte Belüfiungs- und 
Befeuchtungsanlage. Die Luft wird hinter einem 
Wasserfall entnommen, der ihr die für Webe- 
zwecke unerläßliche Feuchtigkeit zuführt. Es 
ist selbstverständlich, daß diese Einrichtung 
architektonisch verwertet wurde. Das aus der 
Rampe herausspringende Wasser ergießt sich 
kaskadenartig in ein vor der Rampe liegendes 
Wasserbecken. 

Die äußere Architektur ist denkbar einfach. 
Die ohnedies notwendigen Mauerstärken sind 
dadurch, daß die Fensternischen zurückgesetzt 
sind, zu pfeilerartigen Gebilden gestaltet, die 
Pfeiler enden in einem großen Zahnschnitt, der 
gleichzeitig die Kapitale für die Pfeiler und 
das Hauptgesims für den Bau bildet. Der Bau 
sollte sich durch die Pfeilerbehandlung etwas 
an das alte friderizianische Stadtbild Pots- 
dams anschließen, vor dessen Toren er sich 
erhebt. Als Material wurden dunkle, klein- 
formatige holländische Steine verwendet. Auch 
alle Innenräume des Baues sind in Form ge- 
bracht. Außer der Repräsentationshalle wurden 
die Bureauräume, die Räume des Chefs und des 
Direktors, ein Konferenzsaal, sowie auch die 



Wohlfahrtseinrichtungen: Waschräume, Eßsäle, 
Garderoben und Baderäume angemessen aus- 
gestattet. 

Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Bau 
ist die Art und Weise, wie hier die Baukunst in 
den Dienst der geschäftlichen Werbetätigkeit 
gestellt ist. Man hört so häufig die Ansicht 
vertreten, daß jeder Fabrikbau, da er so billig 
wie irgend möglich hergestellt werden müsse, 
notwendigerweise häßlich sei. Wenn nun auch 
längst nachgewiesen ist, daß man auch einen 
bloßen Nutzbau durch gute Verhältnisse zu 
einem architektonischen Gebilde gestalten kann, 
so bleibt doch noch die Frage zu erörtern, ob 
es denn nicht sogar angebracht sei, auch auf 
einen Fabrikbau etwas höhere Ausstattungs- 
kosten zu verwenden, um dem Bau neben sei- 
nem eigentlichen Zweck eine gesteigerte ge- 
schäftliche Werbekraft zu verleihen. Es ist be- 
kannt, welche hohen Beträge große Geschäfte 
heute auf ihr Ankündigungswesen verwenden. 
Beläuft sich diese Summe z.B. für ein Geschäft 
auf 200 000 M. jährlich, so liegt der Gedanke 
doch sehr nahe, einmal den Versuch zu machen, 
einen kleinen Teil davon, und seien es auch 
nur 10 000 M., auf die von einer guten Archi- 
tektur ausgehende Werbewirkung zu verwenden. 
Vielleicht daß sie besser angelegt sind als in 
Zeitungsankündigungen, die in dem Annoncen- 
teil doch mehr oder weniger unbemerkt auf- 
gehen. 10000 M. sind aber S^/o Zinsen von 
200000 M., eine erkleckliche Summe, um 
einem großen Verwaltungs- oder Fabrikgebäude 
eine höhere künstlerische Anziehungskraft zu 
verleihen. In vorliegendem Falle erreichen aber 
die besonderen Ausgaben für künstlerische 
Ausstattung noch lange nicht diese Höhe. Aller- 
dings hat die marmorausgestattete Repräsen- 
tationshalle allein etwa 60 000 M. Kosten ver- 
ursacht, auch liegt ein gewisser Mehraufwand 
in den holländischen Steinen für die Außen- 
architektur und in der besseren Ausstattung 
der Innenräume. Immerhin betragen alle Mehr- 
ausgaben nur 128000 M., also noch nicht ein 
Viertel der Gesamtbausumme von 538000 M. 
Die Zinsen dieser besonderen Aufwendung be- 
laufen sich demnach auf 6 400 M. jährlich. 
Das ist aber ein verschwindend geringer An- 
teil an den Gesamtreklamekosten des Hauses. 
Hoffentlich wird die Erkenntnis immer allge- 
meiner, daß es keine edlere, eindrücklichere 
und dauerhaftere Reklame gibt als eine gute 
Architektur. Unsere Warenhäuser haben dies 
längst eingesehen. Auch unsere Fabrikations- 
betriebe sollten es mehr und mehr erkennen. 

Hermann Muthesius 



194 



Wenn Kunst höchster und monumentaler Ausdruck 
lebendiger Zeitgedanken ist, so hat die Kunst in 
unserem Jahrhundert einen schweren Stand gehabt. 
Denn die Gedanken der Zeit haben in hartem 
Ringen gelegen mit den Gedanken anderer, ver- 
gangener Zeiten, mit den Mächten der Geschichte. 
Einer der eigentümlichsten Charakterzüge unseres 



Jahrhunderts ist dieser Verteidigungskampf histo- 
rischer Mächte und Gedanken, die sich ein Organ 
geschaffen haben, wie es gleich ausdrucks- und 
anspruchsvoll in keiner früheren Zeit begegnet. 
Dieser eigentümliche Sinn des neunzehnten Jahrhun- 
derts ist der historische Sinn, die historische Pietät 

Karl Ne umann 




ARCII. II. MUTHESIUS-BERLIN 



■ FABRIKGEBÄUDE DER SEIDENWEBEREI 

MICHELS & CIE., NOWAWES: TREPPENAUFGANG 



195 




fr<r 



ARCH. KARL SIEBRECHT-HANNOVER 



AUSSTELLUNGSHAUS DER KEKSFABRIK BAHLSEN AUF DER 
KÖLNER WERKBUND-AUSSTELLUNG: SEITENFASSADE □ 



EIN BAHLSEN-AUSSTELLUNGSHAUS 



Wo die Platzfläche vor dem Hauptgebäude 
der Kölner Werkbundausstellung in jene 
überging, die durch das Theater, das Fabrik- 
und Bureaugebäude und das Haus der Frau 
gebildet wurde, schob sich, zwar selbstbewußt 
und eigen, aber harmonisch zum ganzen und 
trotz exponierter Lage unaufdringlich, an die 
Längsseite der Festhalle heran ein reizvoller 
Bau, das Ausstellungshaus der Keksfabrik 
Bahlsen. Der Erbauer, Architekt Karl Sifb- 
RECHT-Hannover, gab dem kleinen weißen Bau 
eine ganz schlichte Form. Front und Seiten- 
flächen werden durch Tür und gleichförmige 
Fenster aufgeteilt. Zwischen diesen kerami- 
scher Schmuck, durch gefällige Bogen mitein- 
ander verbunden. Davor Säulen mit Figuren 
aus gleichem Material, entworfen von Bildhauer 
Ludwig Vierthaler -Hannover, ausgeführt 
von Ernst Teichert G. m. b. H., Meißen, deren 
jede in irgendeiner Beziehung zum Keks steht. 
Dieser geschickt geformte, schönfarbige Zie- 
rat gab den Fensterauslagen eine stilvolle 



Fassung und dem ganzen Bau den lebendigen, 
liebenswürdigen Charakter, den man als Fort- 
setzung der in Bahlsens Packungen zum Aus- 
druck gelangenden Schönheitsidee von ihm 
füglich erwarien muß. Das Innere des Hauses 
bestand aus einem Ausstellungsraum, an den 
sich nach hinten eine erhöhte Nische anschloß. 
In dem zweckmäßig mit Klinkern ausgelegten 
Vorderraume dominierten natürlich die Aus- 
lagen. Da sprudelten förmlich die Farben der 
Packungen von Julius Diez, Aenne Koken, 
Margold, Mela Köhler und anderen. Daneben 
Dosen, Schalen, die das Bestreben zeigen, 
die Kunst in weiteren Dingen zu Worte kom- 
men zu lassen, die aber alle unmittelbaren 
Zusammenhang mit der Ware haben und trotz 
ihrer Mannigfaltigkeit nicht über das Sachliche 
hinausgehen. Diese Erkenntnis überhaupt geht 
hier dem Beschauer ohne weiteres auf: die 
treibende Kraft des Unternehmens ist in der 
Durchgeistigung der Arbeit konsequent bis zum 
äußersten; bis in die Gestaltung der Bauten, 



196 




\RCH. KARL SIEBRECHT-HANNOVER 



AUSSTELLUNGSHAUS DER KEKSFABRIK BAHLSEN AUF 
DER KÖLNER WERKBUND-AUSSTELLUNG S PLASTISCHER 
SCHMUCK VON LUDWIG VIERTHALER HANNOVER ■ 



Dekorative K<inftt. XIX. 6. Mar« 1916 



197 




ARCH. KARL SIEBRECHT-HANNOVER 



AUSSTELLUNGSHAUS DER KEKSFABRIK BAHLSEN AUF 
DER KÖLNER WERKBUND-AUSSTELLUNG G PLASTISCHER 
SCHMUCK VON LUDWIG VIERTHALER-HANNOVER □ 



198 




\RCI1. KARL SIEBRECHT-HANNOVER 



AUS DEM INNERCN DES AUSSTELLUNGSIIAUSES DER KEKSFABRIK 
BAHLSEN AUF DER KOLNER WERKBUND AUSSTELLUNG ■ 



190 



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ARCH. KARL SIEBRECHT-HANNOVER Q AUS DEM INNEREN DES AUSSTELLUNGSIiALiLi 
DER KEKSFABRIK BAHLSEN AUF DER KÖLNER WERKBUND-AUSSTELLUNG 



die der eigenen Sache dienen, sie fördern und, 
ohne vom Thema abzuschweifen, das Hohelied 
der Schönheit in die Welt tragen. 

Die Verwirklichung dieser Idee erfordert 
Mäßigung am geeigneten Platz. Und so mußte 
in diesem Vorderraum die Architektur als Folie 
dienen. Siebrecht verstand das. Er blieb dezent. 
Und da, wo er hervortreten mußte, tat er es in 
geschickter, feinsinniger Art. Als Sitzgelegen- 
heit dienten in diesem Räume zwei prächtige 
holzgeschnitzte Bänke des inzwischen im Kriege 
gefallenen Bildhauers Georg Krüger-Berlin. 

Der erhöhte Raum ist schmaler als der vor- 
dere; an jeder Seite befindet sich ein kleines 



Nebengelaß. Die Nische selbst ist mit Tischen 
und Polstermöbeln ausgestattet und hat an der 
Rückwand ein breites Fenster. Das Inventar 
ist von Siebrecht entworfen und dem Ganzen 
harmonisch angepaßt. 

Siebrecht hat mit diesem Bau ein feines 
abgerundetes Werkchen geschaffen. Der intime 
Reiz des Hinterraumes erhöht die sachliche 
Wirkung des vorderen und umgekehrt. Aber 
das alles vollzieht sich ohne harte Uebergänge. 
Die zielbewußte Hand des Architekten wirkte 
in der Gestaltung der beiden verschiedenarti- 
gen Räume ausgleichend, so daß sie als eine 
Arbeit aus einem Guß erscheinen. c. s. 



200 



Die außerordentliche Umgestaltung der Ver- 
kehrsmittel, der Produktionsverhältnisse durch die 
Herrschaft der Maschine hat sich in allen mo- 
dernen Kulturländern, wenn nicht in gleichem Maße, 
so doch überall in fühlbarster Weise vollzogen. 
Die Einwirkungen dieser Umwälzungen auf alle 
Gebiete der Technik, der Industrie, auch des Kunst- 
gewerbes, der Kunstindustrie sind allerorten nahezu 
die gleichen ; vor allem müssen diese Einwirkungen 
auf das Formgefühl im allgemeinen überall in ähn- 
licher Weise sich geltend machen. So gewiß es 
nun höchst wünschenswert ist, daß nationale und 
lokale Eigentümlichkeiten, Färbungen und Schat- 
tierungen möglichst erhalten bleiben und in lebens- 



kräftiger Fortentwicklung ein reiches und mannig- 
faltiges Bild gesunder, bodenwüchsiger Kunst er- 
stehen lassen, so undenkbar muß es doch erscheinen, 
daß die allmähliche Herausbildung eines spezifisch 
modernen Stilgefühls zunächt in nationaler Ab- 
geschlossenheit vor sich gehen könne. Das An- 
knüpfen an die heimische Tradition wird ja wohl 
überall die sicherste Grundlage für das Neuzu- 
schaffende gewähren ; aber dieses Anknüpfen darf 
nicht ein Fortschreiten nach den praktischen An- 
forderungen der modernen Kulturzustände hindern, 
auch nicht in ästhetischer Hinsicht den Geist in 
die Gefühlssphäre einer entschwundenen Epoche 
bannen wollen. R. Streiter 




AKCII. KAHL Sll.HKi:CHT-tlANNOVER Q AUS DEM AUS-STELLUNGSHAUS 

DER KEKSFABRIK BAHLSEN AUF DER KÖLNER WERKBUND-AUSSTELLUNG 

GESCHNITZTE BANK VON GEORG KRCGER 



201 




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Aus dem Jahrbuch des 
Deutschen Werkbundes 1915 



KUNSTSCHLOSSER JULIUS SCHRAMM-BERLIN 
OBERLICHTGITTER UND KIRCHENSCHLCSSEL 



202 






Aus dem Jahrbuch des 
Deutschen Werkbundes 1915 



PAUL WOENNE-SOLINGEN. MESSER ■ 

AUSFÜHRUNG VON R. WOLFF JUN., SOLINGEN 
JULIUS SCHRAMM-BERLIN, ROSETTE ■ 



203 












Aus dem Jahrbuch des 
Deutschen Werkbundes 1915 



BRONZEGIESSEREI S. A. LOEVY-BERLIN G 

TORGRIFFE UND BESCHLAGE NACH ENTWÜRFEN VON 
PETER BEHRENSJULIUS LÖNHOLDT UND BRUNO PAUL 



204 




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D. UND K. SCHULZE-DORTMUND 



GEWERKSCHAFT VIKTORIA: BLICK IN EINE GIEBELSTRASZE 



KLEINSIEDLUNGEN 



Unter den Aufgaben, die die deutsche Bau- 
kunst nach Beendigung dieses gewaltig- 
sten aller Kriege zunächst werden beschäftigen 
müssen, stehen die Probleme der Siedlung an 
erster Stelle. Die Siedlungsfrage war bereits 
vor dem Kriege dringlich gewesen, sie hat 
durch diesen Krieg eine erhöhte Wichtiglceit 
bekommen und ihre Lösung wird nach diesem 
Kriege unverzüglich und mit gesammelter Kraft 
in Angriff genommen werden müssen. Es trifft 
sich gut, daß eine solche Konzentration aller 
Kräfte, wie sie zu einer glücklichen Lösung 
dieser die Lebensinteressen der ganzen Nation 
berührenden Frage wird gefordert werden müs- 
sen, in natürlicherweise schon durch die Lage 
der Dinge geboten ist. Denn die übrigen Auf- 
gaben der Baukunst, namentlich die der mo- 
numentalen und dekorativen Architektur, wer- 
den für die nächste Zukunft neben den Fragen 
des Siedlungswesens schon deshalb zurück- 
treten müßen, weil öffentliche Mittel für andere 



als die notwendigsten Ausgaben nicht verfüg- 
bar sein werden. Wie immer dieser gewaltige 
Krieg auch ausgehen mag, zu wessen Gunsten 
schließlich die Entscheidung fallen wird, er 
fordert von allen Parteien gleich schwere Opfer 
und er wird für alle Beteiligten eine so starke 
materielle Erschöpfung bringen, daß fürs erste 
an eine tatkräftige Förderung der sogenannten 
Kulturaufgaben kaum zu denken sein wird. 
Man wird überall damit zufrieden sein müssen, 
wenn die unumgänglichsten Bedürfnisse des 
Tages befriedigt werden können. Für Deutsch- 
land aber bedeutet die Lösung der Siedlungs- 
und Wohnungsfrage eine solche unaufschieb- 
bare Forderung des Tages. Eine drückende 
Wohnungsnot wird bei der unfreiwilligen Ruhe- 
zeit, zu der sich das Baugewerbe während des 
Krieges verurteilt sieht, nicht ausbleiben kön- 
nen, und schon jetzt deuten sichere Anzeichen 
darauf hin, daß namentlich an Kleinwohnungen 
ein empfindlicher Mangel eintreten wird. Eine 



Dekorative Kunst. XIX. 7. April 1916 



205 



27 




D. UND K. SCHULZE-DORTMUND 



KÜLüML L. MANNST AEDT, TROISDORF: GESAMTANSICHT 




D. UND K. SCHULZE-DORTMUND 



energische Siedlungsarbeit wird ferner nament- 
lich auch in den von den Zerstörungen des Krie- 
ges schwer getroffenen Gebieten einsetzen müs- 
sen; hier wird eine ganze Reihe von Ansied- 
lungen buchstäblich neu zu schaffen sein. Auch 
machen sich jetzt bereits in erfreulicher Weise 
Bestrebungen geltend, welche die künftig in 
großem Umfang notwendig werdende Versor- 
gung der Kriegsinvaliden mit Hilfe einer groß- 
zügig betriebenen Ansiedlungspolitik durch- 
führen wollen und durch Schaffung von Krieger- 
heimstätten und -kleinsiedlungen die Kräfte 
dieser um das Vaterland verdienten Männer 
auch künftig zu ihrem Heil und zum Segen 
der ganzen Nation nutzbar machen möchten. 
Es kommt hinzu, daß sich im Siedlungswesen 
bereits vor dem Kriege vielfach Mißstände ge- 
zeigt haben, die zu ernsten Bedenken Ver- 
anlassung geben mußten. Erst vor kurzem hat 
der Berliner Stadtbaurat Fritz Beuster in einer 
kleinen Flugschrift sehr überzeugend nach- 
gewiesen, daß Deutschland eine so gewaltige 
Kraftprobe wie diesen Krieg nicht zum zweiten 
Male wird bestehen können, wenn es nicht 
durch eine planvolle Reform des städtischen 
Siedlungswesens auf eine nachhaltige Stärkung 
seiner Volks- und Wehrkraft hinzuwirken be- 
strebt ist. Die Ungunst der städtischen Wohn- 
weise tritt erschreckend in den statistischen Er- 
hebungen zutage, nach denen die Militärtaug- 
lichkeit in den Großstädten im Mittel nur vier 
Fünftel (in Berlin sogar nicht einmal die Hälfte) 
des ländlichen Durchschnitts beträgt, sie wird 
grell beleuchtet durch die alarmierenden Nach- 
richten über den Rückgang der Geburtenziffer, 
der kürzlich erst wieder im Preußischen Ab- 
geordnetenhaus Gegenstand erregter Debatten 
gewesen ist. Vergleicht man aber diese sta- 
tistischen Ziffern über den Geburtenstand im 
einzelnen miteinander, so zeigt es sich, daß 
Ueberschüssenurnoch in denStädten beobachtet 
wurden, wo eine weiträumige Bebauung vor- 
herrscht, wo, wie etwa noch in Bremen, der 
Kleinhausbau gegenüber dem Stockwerkhaus 
und der gesundheitsgefährlichen Mietskaserne 
überwiegt. Damit ist aber auch das siädte- 
bauliche Ziel, das bei der Lösung des Sied- 
lungsproblems anzustreben ist, in der Haupt- 
sache schon angedeutet. Es wird darauf an- 
kommen, eine systematische Auflockerung 
des großstädtischen Siedlungsverbandes her- 
beizuführen und für jenen Teil der städti- 
schen Bevölkerung, der nach Maßgabe sei- 
nes Einkommens auf die Kleinwohnung an- 
gewiesen ist — und das sind nach Erhe- 
bungen der Statistik vier Fünftel aller Groß- 
stadtbewohner! — Ansiedlungsformen zu 
schaffen, die eine wirksame Kräftigung und 



ein sicheres Wachstum der Volksgesundheit 
gewährleisten. 

Das großstädtische Wohnungsproblem stellt 
sich also im Kern als eine Frage der Klein- 
wohnungsfürsorge dar. Die mannigfachen An- 
forderungen aber, die in technischer, gesund- 
heitlicher und sozialer Beziehung an die Klein- 
wohnung zu stellen sind, vermögen am voll- 
kommensten die Hausformen des Flachbaues 
zu erfüllen. Diese Bauweise stellt dem Massen- 
miethaus mit Stockwerkshäufung die isolierte 
Einzelzelle entgegen, das Kleinhaus mit Garten, 
zwei- bis dreigeschoßig angelegt und zum Ob- 
dach für eine bis höchstens vier Familien 
bestimmt. Es tritt als freistehendes Einzel- 
haus oder, nachbarlich Wand an Wand neben- 
einandergebaut, auch als Reihenhaus auf. 
Zum Normaltypus des städtischen Kleinhauses 
ist das Reihenhaus am besten geeignet. Schon 
aus ökonomischen Gründen. Es bietet alle 
Vorteile einer rationellen und wohlfeilen Bau- 
ausführung, da es nur zwei Schauseiten hat 
und gemeinschaftliche Brandgiebel zugelassen 
werden können. Ueberdies ist beim Gruppen- 
und Reihenhausbau eine Herabminderung der 
strengen, für das hohe Stockwerks- und Mas- 
senmietshaus auch kaum zu entbehrenden Kon- 
struktionsvorschriften ohne Bedenken zulässig. 
Die Aussenmauern können schwächer, die 
Innenwände leichter ausgebildet, die Breiten- 
maße der Treppen können verringert werden, 
Maßnahmen, durch die eine beträchtliche Ver- 
billigungder Hausbaukosten herbeigeführt wer- 
den kann. Es kommt hinzu, daß das beider- 
seitig eingebaute Reihenhaus auch leichter 
zu erwärmen und warm zu halten ist, als das 
freistehende Einzelhaus. Ganz allgemein aber 
verdient das Einfamilienhaus gegenüber dem 
Mehrfamilienhaus schon deshalb den Vorzug, 
weil es eine größere Bewegungsfreiheit ge- 
währt, weil jede Familie ihren besonderen 
Hauseingang hat, was namentlich in Fällen 
ansteckender Krankheiten von Bedeutung ist, 
und überdies ganz nach eigener Willkür über 
die zum Hause gehörigen Nebenanlagen, über 
Stall und Garten, verfügen kann, wodurch 
Zank und Unfriede zwischen den Parteien 
vermieden oder wenigstens nach Möglichkeit 
eingeschränkt werden. Auch wird vielfach — 
ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahin- 
gestellt — behauptet, daß das Einfamilienhaus 
in besonderer Weise geeignet sei, den Sinn 
für Ordnung und Häuslichkeit zu fördern. 
Sicher ist, daß das Kleinhaus dieser Art, es 
sei als Reihenhaus oder als freistehendes 
Einzelhaus errichtet oder auch mit mehreren 
gleichartigen zu einer Gruppe verbunden, in 
jedem Fall aber mit einem kleinen Stück 



207 



27» 



Gartenland zu wirtschaftlicher Nutzung, zu 
Obst- und Gemüsebau ausgerüstet, die beste 
und gesündeste Form der Kleinwohnung bietet. 
Jede Siedlungsreform muß daher letzten En- 
des darauf abzielen, dem Flachbau mit Hilfe 
einer großzügig betriebenen Boden- und Ver- 
kehrspolitik die wirtschaftlichen Existenzbe- 
dingungen zu schaffen und an Stelle des 
Massenmiethauses in großem Umfang wieder 
das Kleinhaus mit Garten einzubürgern. Es 
kommt darauf an, im Vorgelände der Groß- 
städte kleine selbständige Wohnkolonien in 
offener Bauweise zu schaffen, Kleinsiedlungen 
halb städtischen, halb ländlichen Charakters, 
die mit voller wirtschaftlicher Autarkie und 
eigener Gemeindeverwaltung ausgerüstet, als 
ein grüner Kranz blühender Tochterstädte die 
Mutterstadt umziehen. 

Bei der Plangestaltung dieser weiträumigen 
Siedlungen ist von den Formen des Klein- 
hauses auszugehen. Die für das Haus nebst 
zugehörigem Garten benötigte Grundfläche be- 
stimmt die Tiefe des Baublocks. Sie bildet 
das Grundmaß für die Blockgestaltung und 
bestimmt damit zugleich das Schema für die 
Aufteilung des Geländes. Was nun die Grund- 
rißbildung des Kleinhauses betrifft, so läßt 
die Einfachheit der Aufgabe naturgemäß nur 



eine beschränkte Anzahl von Lösungen zu. 
Die Häuser unterscheiden sich im Grunde 
nur dem Typus nach, als Ein- oder Mehrfa- 
milienhaus, als Einzel-, Reihen- oder Grup- 
penhaus; und auch innerhalb dieser Typen- 
form gibt es Unterschiede eigentlich nicht so 
sehr der Art, als der Größe nach, je nach 
dem Umfang der verfügbaren Grundfläche 
und je nach Zahl und Größe der geforderten 
Räume. Im allgemeinen wird bei der Pla- 
nung solcher Kleinhäuser davon auszugehen 
sein, daß die Küche zugleich als Wohnraum 
benutzt werden kann. Denn die Küche bildet 
im Kleinhaus den eigentlichen Mittelpunkt 
des Familienverkehrs. Hier schaltet die Haus- 
frau, hier spielen die Kinder, hier werden die 
Mahlzeiten eingenommen, hier „am häuslichen 
Herde" verbringt die Familie, wie zu Zeiten 
des alten deutschen Bürgerhauses, gemeinsam 
die freien Stunden des Feierabends. Und es 
hat sich gezeigt, daß selbst in den Häusern, 
in denen eine besondere Wohnstube vorhan- 
den ist, von dieser Gewohnheit nicht abge- 
gangen wird : auch hier lebt man nach altge- 
wohntem Brauch in der Küche, während das 
Wohnzimmer ungenützt bleibt und als die 
wohlbekannte „gute Stube" mit besonderer 
Schonung behandelt wird. Es hat sich daher 




LUDWIG RUFF-NORNBERG 



GARTENVORSTADT WERDERAU BEI NÜRNBERG: VIER EINFAMILIENHÄUSER 

208 




ARCH. BAURAT SCHMOHL 



KOLONIE ALTENHOF DER F. KRUPP A.-G. 



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ARCll. BAURAT SCUMUliL 



KOLONIE GEWERKSCHAFT EMSCHER-LIPPE DER 
F.KRUPP A.C.: BLICK IN EINEN WOHNHOF ■ 



209 




LUDWIG RUFF-NÜRNBERG 



GARTENVORSTADT WERDERAU BEI NÜRNBERG: EINFAMILIENHAUSER 



heute allgemein die Einrichtung sogenannter 
Wohnküchen eingebürgert, die als Koch- und 
Wohnraum zugleich dienen und ausreichenden 
Platz zur Aufstellung eines großen Eßtisches 
und mehrerer Sitzgelegenheit in Form von 
Stühlen und Wandbänken bieten. Eine solche 
Wohnküche erleichtert der Hausfrau den Wirt- 
schaftsbetrieb, sie gestattet eine schnelle Be- 




LUDWIG RUFF-NÜRNBHRü Gl W OHNUNGSKOLOME ANGERHAUSEN DER MASCHINENFABRIK 
AUGSBURG-NÜRNBERG, WERK DUISBURG: DREI EINFAMILIENHAUSER 



dienung des Eßtisches und eine bequeme 
Zureichung der Speisen bei den Mahlzeiten; 
sie erspart überdies im Winter die Beheizung 
eines Zimmers, Vorteile, für die in der Regel 
eine Beschränkung des eigentlichen Wohn- 
platzes gerne in Kauf genommen wird. Vielfach 
schließt sich an die Wohnküche eine kleine Spül- 
küche an, die als Abwasch- und Reinigungs- 

raumdient,und 
in der zugleich 
auch die Bade- 
wanne unterge- 
bracht wird. 
Außer diesen 
Räumen ent- 
hält das Erdge- 
schoß gewöhn- 
lich noch eine 
Stube, die, je 
nach Bedarf, 
als Wohn- oder 
als Schlafraum 
benützt wird, 
während im 
Obergeschoß, 
je nach der 
Größedes Hau- 
ses, zwei bis 
drei Schlafzim- 
mer unterge- 
bracht sind. 
Das Stallge- 
bäude, groß ge- 
nug, um einige 
Hühner und 
vielleicht auch 



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JAKOB GÖTTEL-STALLUPÖNEN 



SOMMERHAUSCHEN 




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JAKOB GÖTTEL 



GRUNDRISZ DES SOMMERHÄUSCHENS 



eine Ziege darin unterzubrin- 
gen, wird entweder als selb- 
ständiger Bauteil ausgeführt, 
oder auch, um der Hausfrau 
durch Verkürzung der Wege 
den Wirtschaftsbetrieb zu er- 
leichtern, als kleiner Anbau 
unmittelbar mit dem Hause 
verbunden, so daß es mit 
diesem einen geschützten Win- 
kel einschließt, der für die 
Anlage der Hauslaube ausge- 
nützt werden kann. Um eine 
möglichst wohlfeile Bauaus- 
führung, wie sie bei diesen 
Kleinhäusern stets aus Spar- 
samkeitsrücksichfen geboten 
ist, zu gewährleisten, emp- 
fiehlt es sich, für den Grund- 
riß eine einfache, geschlos- 
sene Form anzustreben. Eine 
solche Grundform bietet auch 



212 




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HERMANN MUTHESIUS-BERLIN 









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HERMANN MUTIIESIUS-BERLIN 



Dekorative Kunst. XIX. 7. April 1916 



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KLEINHAUSER IN HELLERAU 




213 



KLEINHAUSER IN DIISBL'RG 

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REG.-BAUMEISTER CHARTON-KIEL B ZWEIFAMILIENWOHNHAUSER FOR ARBEITER AM KAISER WILHELM KANAL 



für die architektonische Gestaltung große Vor- 
teile, da sie eine klare Dachlösung ergibt und die 
Ausbildung eines einfach und übersichtlich zu 
gliedernden Baukörpers gestattet. Als vorbild- 
lich für die GrundriÖgestaltung des Reihenhau- 
ses können die hier S. 216, 219 u. 224 abge- 
bildeten Hauspläne aus der Gartenstadt Hellerau 
bei Dresden (entworfen vom Architekten Kurt 
Frick) und aus der Kolonie Staaken bei Span- 




REG. 



BAUMEISTER CHARTON U. KLATT-KIEL B ZWEIFAMILIENHAUS FOR UNTER- 
BEAMTE DER MARSCHBAHNVERLEGUNG 



dau (entworfen vom Architekten Paul Schmitt- 
henner) gelten. Was die Ausgestaltung des 
Gartens betrifft, der beim Kleinhaus in der 
Regel nur als Nutzgarten für Obst- und Ge- 
müseanpflanzungen dient und zugleich auch 
den Kindern einen behaglichen Aufenthalt 
zum Spielen im Freien bieten soll, so wird 
er am zweckmäßigsten in unmittelbarer Ver- 
bindung mit dem Hause hergerichtet, so daß 

Haus und Garten eine 
Einheit bilden und der 
Garten gewisserma- 
ßen eine Erweiterung 
des Hauses darstellt. 
Ein erfahrener Fach- 
mann wie L.Migge rät, 
das Obst in solchen 
Gärten nur als Zwerg- 
und Spalierobst anzu- 
pflanzen und Hoch- 
und Halbstämme nur 
vereinzelt zu verwen- 
den. Dagegen sollte 
Beerenobst in allen 
Formen, sowie als Zier- 
strauch der schwarze 
Hollunder angepflanzt 
werden. 

Innerhalbeines Bau- 
blocks werden nun die 
Häuser, die sich in 



214 




KUG.-ÜAUMEISTUR CUAKTONKILL □ UKlill AMILILMIAUS FCR UNTLliliLAMTL AM KAISER WILHELM-KANAL 



gleichartiger Ausbildung wiederholen, in Grup- 
pen oder in langen Reihen zusammengefaßt, oder 
auch innerhalb derselben Gruppe mit anderen 
ähnlichen Typen kleineren oder größeren Maß- 
stabs verbunden. Die Blöcke erhalten eine lang- 
gestreckte, schmale, möglichst rechteckige 
Grundform und bleiben an den Schmalseiten 
unbebaut, um dem Winde ein kräftiges Durch- 
streichen zwischen den Häusern zu ermöglichen. 
Da man an diesen offenen Seiten einen freien 
Einblick ins Innere der Baublöcke bekommt, 
so ist es angebracht, auch die Rückfronten 
der Häuser architektonisch mit derselben Sorg- 
falt auszubilden wie die Straßenseiten (vgl. 
die Abbildung S. 227). Um den Häusern eine 
günstige Sonnenlage zu geben und das Licht 
bis in die letzten Winkel der Wohnung zu 
führen, werden die Straßen, so weit als mög- 
lich, in der Nordsüdrichtung geführt. Nur 
die wenigen Hauptstraßen werden als Ver- 
kehrsstraßen in größerer Breite angelegt und 
mit einem für schwereres Fuhrwerk berech- 
neten, solide befestigten Fahrdamm versehen. 
Weniger noch als in der Stadt ist es in der 
Kleinsiedlung angebracht, die Hauptstraßen 
übermäßig breit anzulegen. Was an öffent- 
lichem Straßenland gespart wird, das kommt 



stets den Hausgärten als Gewinn zugute. 
Und die Pflege von Grünflächen ist, abge- 
sehen von ihrem sanitären Wert, auch wirt- 
schaftlich billiger als die Unterhaltung von 
Asphaltwegen. Solcher Verkehrsstraßen be- 
darf es übrigens in der Kleinsiedlung nur in 
geringer Zahl; meist wird es genügen, die 
vorhandenen Landstraßen auszubauen und im 
übrigen vielleicht noch eine die Siedlung 
durchquerende größere Verbindungsstraße an- 
zulegen. Diese kann dann in zweckmäßiger 
Weise im Zentrum der Anlage zu einem 
größeren Platz erweitert werden, an dem das 
Gasthaus, die größeren Geschäfte, vielleicht 
auch das Schul- und Gemeindehaus liegen. 
Durch diese in größeren Formen gehaltenen 
Bauwerke wird dem Platz, der im übrigen 
als Marktplatz zugleich auch praktischen 
Zwecken dient, eine gewisse architektonische 
Bedeutsamkeit gegeben, die ihn als Zentrum 
der ganzen Anlage wirkungsvoll heraushebt. 
Hier mag auch seitwärts des quer über den 
Platz geführten Verkehrsweges ein Denkmal 
oder ein Zierbrunnen Aufstellung finden (vgl. 
die Bebauungspläne der Kolonie Forstfeld 
bei Kassel und Kolonie Gröba i. S., AbbiN 
düng S. 218 und S. 224). 



215 




KURT FRICK-STALLUPÖNEN 



BEBAUUNG DER STRASZE 9 IN DER GARTENSTADT HELLERAU 



Die Übrigen StraOen der Kleinsiedlung sind 
als sogenannte Nebenstraßen auszubilden, die 
vom Durchgangsverkehr ganz freizuhalten 
sind und deren Breitenabmessungen daher 
nur auf einen Verkehr mit leichten Hand- 
wagen und Karren zu berechnen sind. Viel- 
fach werden sogar einfache „ Gartengänge " ge- 
nügen, worunter schmale Wohnwege zu ver- 
stehen sind, die als leichtgepflasterte Ver- 



bindungswege mit beschränkter Längenaus- 
dehnung zwischen befahrbaren Straßen an- 
gelegt werden. Sie können, in Anbetracht 
des geringen Verkehrs, den sie aufzunehmen 
haben, ohne Bürgersteige ausgeführt werden 
und brauchen kaum breiter als drei Meter zu 
sein. Auch die Sackgasse und der Wohnhof, 
wie er heute vielfach noch in alten holländi- 
schen und norddeutschen Städten (Lübeck, 





KURT FRlCK-STALLUPONEN G ERD- UND OBERGESCHOSZ EINES EINFAMILIEN-REIHENHAUSES IN HELLERAU 

216 




217 




KURT FRICK B KOLONIE GRÖBA BEI RIESA: LAGEPLAN 




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KURT FRICK 



KOLONIE GRÖBA BEI RIESA: ACHTFAMILIENHAUS 



KURT FRICK 




KOLONIE GRÖBA BEI RIESA: GRUNDRISZ 
EINES ACHTFAMILIEN-REIHENHAUSES B 



218 




KURT FRICK-STALLUPÖNEN 13 GARTENSTADT HELLERAU : ANSICHT l:lNtS FONFFAMILIEN-REIHENHAUSES 




KURT 1 RlCK-SIALLUruNLN 



GARTENSTADT HELLERAU: ZEHNFAMILIEN-BEIHENHAUS 
219 



Hamburg) anzutreffen ist, kommen in der 
Kleinsiedlung wieder neu zu Ehren. Sie for- 
dern schon ihrer Anlage nach die Ausschlie- 
ßung jeglichen Durchgangsverkehrs und bieten 
so den Anwohnern in gesundheitlicher Hin- 
sicht noch den bedeutenden Vorzug einer ab- 
gesonderten, von Lärm und Staub der Fahr- 
straße freien Lage. Die Anlage von Wohn- 
höfen bietet insbesondere auch ein ausge- 
zeichnetes Mittel zu zweckmäßiger und wirt- 
schaftlicher Aufschließung tiefer Baublöcke. 
Den behaglichen Eindruck, den ein solcher 
Wohnhof bietet, zeigt die Abbildung Seite 
209, die einen Teil der von dem Architekten 
Schmohl erbauten Kruppschen Arbeiterkolonie 
Emscher-Lippe darstellt. Er ist auf drei 
Seiten von insgesamt vierzehn Kleinwohnungen 
umgeben, die zu je zweien unter einem Dach 
vereinigt sind; die Häuser sind durch nied- 
rige Stallgebäude zu einer geschlossenen Flucht 
zusammengefaßt. Was die Führung der Stra- 



ßen betrifft, so sei bemerkt, daß die Frage, 
ob die gerade oder krumme Richtung zu 
wählen ist, im allgemeinen nach der Beschaf- 
fenheit des Geländes zu entscheiden sein 
wird : die Straße muß in jedem Falle den 
Höhenlinien zu folgen suchen, damit ein 
günstiges Steigungsverhältnis erzielt wird. Ist 
auf dem Gelände älterer Baumbestand vor- 
handen, so ist unter allen Umständen zu ver- 
suchen, diesen zu erhalten und in den Stra- 
ßenplan einzubeziehen. Alte Bäume bieten 
für jede neue Kolonie eine wertvolle Gabe, 
die nicht in unbedachter Weise verschmäht 
und mißachtet werden darf. Sie sichern mit 
ihren vollen, dichtbelaubten Kronen der jun- 
gen Kolonie den Eindruck des Eingewach- 
senen, der die Behaglichkeit und Wohnlich- 
keit wesentlich erhöht und der sich sonst, 
bei der Anpflanzung junger Bäume, erst 
nach vielen Jahren einzustellen pflegt. Ein 
schönes Beispiel dafür, wie ein zufällig 




P. SCHMITTHENNER-BERLIN 



STRASZE DER GARTENSTADT STAAKEN BEI SPANDAU 

220 




f. s,c:ilMll IHLNNLKBtHLIN Q U AKTbNb 1 AU i blAAKLN Ul 1 M'ANDAU: REIHENHÄUSER 



vorhandener älterer Baum in geschickter Weise 
für das Straßenbild nutzbar gemacht werden 
kann, zeigt die Kruppsche Kolonie Altenhof, 
aus der auf Seite 209 eine Abbildung gezeigt 
wird. Im übrigen läßt sich die angestrebte Weit- 
räumigkeit der Siedlung dadurch noch wesent- 
lich steigern, daß man auch den Straßen eine 
gartenähnliche Ausgestaltung gibt, daß man 
sie mit Bäumen bepflanzt und vor den Häu- 
sern, an Stelle von Vorgärten, breite Rasen- 
streifen hinzieht und daß man schließlich noch 
die ganze Siedlung an geeigneten Stellen mit 
größeren Freiflächen, mit Sport- und Spiel- 
plätzen durchsetzt. 

Für die architektonische Ausbildung der 
Kleinsiedlungen ist in den letzten Jahren von 
der industriellen GroOunternehmung und von 
gemeinnützigen Baugesellschaften, unter de- 
nen an erster Stelle die Deutsche Garten- 
stadtgesellschaft zu nennen ist, eine große 
Reihe von ausgezeichneten Vorbildern geschaf- 



fen worden, deren Anregungen künftig bei der 
Lösung ähnlicher Aufgaben mit Erfolg verwertet 
werden können. Bei der Gestaltung der Klein- 
häuser ist man von jener früheren Anschauung, 
die in romantischer Weise die Bedeutung der 
Aufgabe überschätzte und ihre Lösung in einer 
verkleinerten Nachbildung bürgerlicher Land- 
hausarchitekturen suchte, allmählich zu einer 
weniger prunkvollen, aber sachlicheren Auffas- 
sungdurchgedrungen. Man hat gelernt, mit ein- 
fachen Mitteln, durch ruhige, geschlossene 
Formengebung und namentlich auch durch aus- 
giebige Benutzung der Farbe charakteristische, 
aus dem Zweck entwickelte Bauformen zu 
schaffen. Die Zeiten, wo man die Kleinsied- 
lungen, ohne an die einfache Lebenshaltung 
ihrer Bewohner zu denken, zu architektonischen 
Schaustücken nach dem Vorbild der Reklame- 
arbeiterdörfer englischer Seifen- und Schoko- 
ladefabrikanten ausbildete, sind längst vorüber. 
Im Anschluß an die vortrefflichen Beispiele 



pckorntive Kunst. XIX. 7. April 1916 



221 




P. SCHMITTHENNER-BERLIN 



GARTENSTADT ST AAKEN BEI SPANDAU: VIERFAMILIENHAUS 



ländlicher Bauweise, namentlich des alten 
deutschen Bauern- und Handwerkerhauses, ha- 
ben die Architekten versucht, neue Hausformen 
herauszubilden, die den heutigen Lebensbe- 
dürfnissen entsprechen und auch in der inneren 
Ausstattung — auch im kleinsten Reihenhaus 
fehlt heute die Badegelegenheit nicht — den 
gesteigerten sanitären Anforderungen genügen, 
die gerechter Weise auch bei einfachen Ver- 
hältnissen zu stellen sind. Dieser planvollen 
Siedlungsarbeit ist es zu danken, daß sich allent- 
halben bereits bestimmte Typen des bürger- 
lichen Kleinhauses herauszubilden beginnen, 
Typen, die in den einzelnen Gegenden, je 
nach dem Charakter und den klimatischen 
Bedingungen der Landschaft und entsprechend 
den besonderen Lebensgewohnheiten der An- 
siedler verschieden sein mögen, im Ganzen 
aber in den Grundformen doch übereinstimmen. 
Eine gewisse Gleichheit in der architektonischen 
Erscheinung ist, da die Baubedürfnisse inner- 
halb einer solchen Kleinbürgersiedlung für die 
einzelnen Häuser sich im großen Ganzen kaum 
unterscheiden, nicht zu vermeiden, sie ist im 
übrigen aus wirtschaftlichen Gründen sogar 
geboten. Denn man wird die Kosten des Klein- 
hausbaues wesentlich herabmindern können, 
wenn für einzelne Bauteile, zum Beispiel für 



die Fenster und Türen, für die Beschläge und 
Gitter, für die Treppen und Dachgesperre, be- 
stimmte, sich stets wiederholende Einheits- 
formen und -maße eingeführt werden, sodaß 
eine massenweise und fabrikmäßige Herstel- 
lung dieser Teile ermöglicht wird. Durch solche 
Vereinheitlichung wird die künstlerische Wirk- 
ung in keiner Weise beeinträchtigt; im Gegen- 
teil, bei regelmäßiger Wiederholung bestimmter 
Einheiisformen wird es leichter sein, ruhige 
und geschlossene Architekturbilder zu schaffen. 
Eine allzu eintönige Wirkung wird man da- 
durch vermeiden, daß man einzelne Häuser 
durch reicheren Giebelschmuck oder durch 
besondere Ausbildung der Hauseingänge von 
ihren Nachbarn unterscheidet, daß man allzu- 
lange Fluchten durch Vor- und Rücksprünge 
einzelner Häusergruppen gliedert oder an ein- 
zelnen Stellen, zum Beispiel gegenüber einer 
Straßeneinmündung, die farbige Einheit unter- 
bricht, etwa in die Flucht geputzter Häuser- 
fronten einmal eine dunkelrote Backstein- 
fassade einfügt. Auf diese Weise kann dem 
Straßenbild bei aller gebotenen Einheitlichkeit 
eine reiche Mannigfaltigkeit gegeben werden. 
Ueberdies wird sich auch durch die farbige 
Behandlung der einzelnen Hausteile, nament- 
lich des sichtbaren Holzwerks, der Zäune, 



222 



Türen, Fensterläden usw. jede gewünschte Ab- 
wechslung erzielen lassen. 

In welcher Weise diese Grundsätze architek- 
tonischer Gestaltung praktisch zu wirksamer 
Anwendung zu bringen sind, lehren die Ab- 
bildungen dieses Heftes, die einzelne Straßen, 
Häuser und Häusergruppen aus jenen Klein- 
siedlungen darstellen, wie sie vor dem Kriege 
in Deutschland bereits ausgeführt worden sind. 
Vortreffliche Beispiele für die architektonische 
Ausbildung kleiner Wohnhäuser bieten die 
Bauten von Jakob Göttel (S. 212), Paul 
Mebes (S.228), Hermann Muthesius(S. 213) 
und D. u. K.ScHULZE-Dortmund (S.205u.2O6). 
Und um den entscheidenden Einfluß zu erken- 
nen, den die klimatischen und örtlichen Verhält- 
nisse jeweils auf die Bauweise ausüben, ver- 
gleiche man etwa die glatten niedrigen Back- 



steinhäuschen, die den Arbeitern am Kaiser 
Wilhelm-Kanal als Wohnung dienen, mit den 
breit gelagerten, behäbigen Hausgruppen, wie 
sie Theodor Fischer in München und Ludwig 
Ruff in Nürnberg errichtet haben. Die ernsten 
kleinen Backsteinhäuschen mit ihren weißge- 
strichenen Fenstern und ihren niederen Mauern, 
die sich vor der Gewalt der Winde gleichsam 
zur Erde niederbeugen, sind ebenso nur im Bilde 
des norddeutschen Küstenlandes denkbar, wie 
die freundlichen, weiträumig angelegten Häuser 
der Kolonie Neu-Westend und der Siedlung bei 
Nürnberg mit ihren breiten, fast quadratischen 
Fenstern, ihren gedrungenen Gliederungen und 
ihren behäbigen Dächern auf die behagliche 
Physiognomie der bayerischen Hochebene hin- 
deuten. Ein mustergültiges Beispiel für eine 
wirkungsvolle Gruppenbildung bietet das kleine 




P. SCHMITTHENNER-BERLIN 



GARTENSTADT STAAKEN BEI SPANDAU: VIERFA.MILIENHAUS 

223 » 



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PAUL SCHMITTHENNER 



GARTENSTADT STAAKEN BEI SPANDAU: REIHENHAUSER 
PLATZFRONT, GARTENFRONT UND GRUNDRISSE a 




PAUL SCHMITTHENNER 



BEBAUUNGSPLAN DERJKOLONIE FORSTFELD BEI KASSEL 
224 




FR. OSTENDORF t 



GESCHÄFTSHAUS IN DER GARTENSTADT KARLSRUHE 




FR. OSTENDORF 



i.ULi .1: VON ACHT Kl.NFAMlLlENHAüsfcRN 
IN DER GARTENSTADT KARLSRUHE ■ 



225 




BAUBORO DER GARTENSTADT 
KARLSRUHE, BAULEITER BOTZ 



ZWEI GRUPPEN VON JE ZWÖLF EINFAMILIEN- 
HAUSERN IN DER GARTENSTADT KARLSRUHE 




FR. OSTENDORF t 



GRUPPE VON ZWÖLF EINFAMILIENHÄUSERN 
IN DER GARTENSTADT KARLSRUHE B 



226 




PAUL MEBES-BERLIN 



REIHENHAUSER IN ZEHLENDORF 



Zweifamilienhausaus Moorhusen (Entwurf Reg.- 
Baumeister Charten und Klatt, Abb. S. 2 1 4): die 
beiden Wohnhäuser schließen zwischen sich 
das niedrige Stallgebäude ein, das in der Mitte 
eine gemeinsame Waschküche enthält, und um- 
fassen an drei Seiten den gemeinsamen Hof; 
an den Außenseiten der Wohngebäude sind die 
Vorratsräume angebaut, über die ein mächtiges 
Schleppdach gezogen ist. In welcher Weise 
eine längere Häuserreihe durch vorspringende 
Giebelbauten wirkungsvoll zu gliedern ist, zeigen 
die Straßen derGartenstädte Hellerau und Karls- 
ruhe; es sei besonders auf die schönen, von 
Kurt Frick erbauten Häusergruppen hinge- 
wiesen, die auch in der geistreichen Durch- 
bildung aller Einzelheiten die geschickte Hand 
eines fein empfindenden Künstlers erkennen 
lassen. Und für die glückliche Wirkung kon- 
sequent und streng durchgeführter Einheits- 
formen mögen schließlich die Straßen der nach 
Plänen des Archtitekten Paul Schmitthenner an- 
gelegten Gartenstadt Staaken bei Berlin zeugen. 
Die gleichmäßige Wiederholung des straffen 
Giebelmotivs gibt den Straßen einen breiten. 



wenn auch etwas eintönigen Rhythmus; diese 
Eintönigkeit aber wird durch einen lebhaften, 
mehrfach in den Grundtönen wechselnden far- 
bigen Anstrich wieder aufgehoben, der in das 
Gesamtbild eine fröhliche Buntheit bringt. 

An diese Vorbilder wird künftig bei der 
künstlerischen Lösung des Siedlungsproblems 
anzuknüpfen sein. Daß diese Lösung nur im 
Sinne einer durchgreifenden Dezentralisation 
der Großstädte möglich ist, zeigen die ernsten, 
die Volksgesundheit gefährdenden Uebel, die 
sich bei fortschreitender örtlicher Verdichtung 
ergeben. Diesen Verdichtungstendenzen gilt 
es mit allen Kräften entgegenzuwirken; denn 
der Bestand der Nation steht auf dem Spiel. 
Und in diesem Sinne wird die Kleinsiedelung, 
das angestrebte Endziel der Siedlungsreform, 
zugleich zu einem wichtigen Werkzeug der 
Bevölkerungspolitik. Sie allein bietet Woh- 
nungsformen, die, indem sie Licht und Luft 
in die letzten Winkel dringen lassen, alle Be- 
dingungen zu einem gesunden Dasein erfüllen, 
die auch den Kinderreichtum wahrhaft wieder 
zu einem Segen werden lassen und die es er- 



227 



möglichen, einen nicht geringen Teil der zum 
Leben nötigen Nahrungsmittel auf eigenem 
Boden selbst zu gewinnen. Damit aber schaf- 
fen sie ein Band, das die Bevölkerung aufs 
neue fest an den Boden des Vaterlandes bin- 
det. Alles aber, was in der Besiedelung eines 
Volkes die Verdichtung verlangsamt, erhält 
zugleich auch den Staat jung. Wenn daher 
im Gefolge dieses Krieges die kleinräumigen 
Tendenzen im Leben der Nation erneut und in 



stärkerem Maße wieder zur Geltung kämen, 
wenn durch eine Dezentralisation großen Stils 
und durch umfassende Gründung von Klein- 
siedlungen eine neue Seßhaftmachung der Be- 
völkerung gelänge , so würde man beruhigt 
sagen können, daß das dunkle Gewölk, das 
zurzeit das zukünftige Schicksal Deutschlands 
noch umhüllt, bereits ein kräftiger Hoffnungs- 
strahl durchbricht. 

Walter Curt Behrendt 




PAUL MEBES-BERLIN 



HAUS MILDNER IN ZEHLENDORF 



228 




ARCII. DAGOBERT PECHE 



VITRINENUMGANG AUF DER WIENER MODEAUSSTELLUNG 



DIE WIENER MODEAUSSTELLUNG 



Die Modeausstellung, die jetzt im Oester- 
reichischen Museum zu Gaste ist, gibt 
ein vorgeschrittenes Stadium der weiter 
zurückreichenden und ausgreifenden Aktion 
des Gewerbeförderungsamtes, die bald nach 
Kriegsanfang mit einer Sammlung der 
künstlerischen und industriellen Kräfte ein- 
gesetzt hatte. Wer den Weg auf ein soziales 
Ziel im Kampfe gegen die Teilinteressen, 
wer die Schärfe des Gegensatzes zwischen 
Künstler- und Händlertorderungen und end- 
lich die Besonderheit dieser Widerstände 
im Oesterreichischen auch nur von unge- 
fähr kennt, wird schon vor der Beharrlich- 
keit des geistigen Urhebers, Adolf Vetters, 
Achtung gewinnen müssen. Und wird dann 
auch das vorliegende Stadium nicht nach 



seinen tatsächlichen Ergebnissen, sondern 
nach seinen organisatorischen,nichtschlecht- 
hin nach den gebotenen Werten, sondern 
nach ihren Richtungen einschätzen. 

Alles kam darauf an, welcher Modefaktor 
in den Mittelpunkt der Bewegung gesetzt 
würde. Im Extrem konnte das der Künst- 
ler oder der Verbraucher sein. Beide Wege 
sind in Wien beschritten worden. Aber jene 
Arbeitsrichtung, von der wir hier sprechen, 
entschied sich von Beginn an für die zen- 
trale Rolle des Künstlers und gab damit dem 
Modeakte eine feste Linie, die mit der der 
übrigen Wiener Wertarbeit zusammenfiel. 
Der Rückhalt am Künstler, namentlich am 
Kreise der Kunstgewerbeschule, hat hier 
dem Unternehmen eine eindeutige Auslegung 



Ockoralive Kunst. XIX. 



April 1916 



229 




ARCH. DAGOBERT PECHE 



DAMENBOUDOIR AUF DER WIENER MODEAUSSTELLUNG 

230 




ARCII. DAGOBERT PECHE 



DAMENBOUDOIR AUF DER WIENER MODEAUSSTELLUNO 

231 ao. 




ARCH. DAGOBERT PECHE 



DIE MITTELHALLE DER WIENER MODEAUSSTEL- 
LUNG MIT BLICK IN DIE AUSSTELLUNGS-KOJEN 



232 




WIENER MODEAUSSTELLUNG 



BLICK IN DIE KOJE DER SCHCLERINNEN 
DER K. K. KUNSTGEWERBESCHULE, WIEN 



233 




234 




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WIENER MODEAUSSTELLUNG 



ENTWÜRFE VON MARIA BERNHUBER, ELSE 
STOBCHEN-KIRCHNER UND MELA KÖHLER 



gegeben und ihm ein Moment zugeführt, das 
der Aufgabe ebenso Wertsteigerung wie 
unterschiedliche Hemmung brachte. Soweit 
die Mode ein Problem der Form und des 
Geschmackes ist, hat es von jenem Mittel- 
punkt aus Spannung und Niveau erhalten, 
trat mit der Besonderheit des entwerfenden 
Urhebers die heimische Eigenart und Man- 
nigfaltigkeit auch im Ergebnisse hervor, 
ohne darum als echtes Großstadtprodukt 
die Fähigkeit für den Weltmarkt zu ver- 
lieren. Dabei erhielt die Rolle Wiens inner- 



halb der Weltmode ein neuartiges Licht. 
Bisher hatte sie neben einem allgemeinen, 
näher nicht definierbaren und keineswegs 
einwandfreien „Geschmack" des Verbrau- 
chers auf dem ansehnlichen Schneider- 
geschick beruht, und was dabei herauskam, 
war weniger ursprünglich als Kompromiß, 
— Allerweltswesen, wienerisch zurecht- 
gemacht. Jetzt sollte das Ursprüngliche an 
Stelle des Abgeleiteten treten. Und das traf 
den Kern der Wiener Aufgabe, bedeutete 
auch auf diesem Teilboden die Erkenntnis 



236 






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ISABELLE-HAUSINDUSTRIE-VEREIN PRESZBURG 



GESriCKTE BORTE. WIENER MODEAUSSTELLUNG 



von der Besonderheit Wiener Kunstwirt- 
schaft. Denn unsere beste Kraft liegt im 
Original, nicht in seiner Vervielfältigung. 
Nicht als ob wir das nicht auch verstünden, 
aber uns fehlt jene industrielle Organisie- 
rung, die aus einer Idee hundert Varianten 
hervorholt und Kunstwerte in flüssige Ver- 
brauchsware umsetzt. Wenn wir nun in 
einem derart günstigen Augenblick wie dem 
gegenwärtigen, alle Energie daran wenden, 
unsere Begabung für das erst- und einmalige 
Modell nachdrücklich zu erweisen, diesem 
Werte auf dem Kriegsmarkte Anerkennung 
und Rechtsschutz schaffen und damit auch 
seinen materiellen Entgelt sichern, dann ist 
damit schon einem Zweige unseres Kunst- 
gewerbes jene Geltung gewonnen, von der 
die Zukunft des Ganzen in erster Reihe ab- 
hängt. Es geht nicht weiter, daß die höchste 



Besonderheit unseres Schaffens auf die 
Selbst- und Sorglosigkeit unserer Künstler- 
schaft angewiesen bleibt, sich in immer 
neuen Entwürfen ergeht, die andere durch 
Nachahmung ausnützen, und wir die un- 
dankbare Rolle des Genialischen mit dem 
vollen Kopf und dem leeren Sack fortspielen. 
Unser hier wieder sichtbar gewordenes 
Mehrkönnen verlangt nach Bürgschaften, 
die ihm — wenn irgendwann — die neue 
deutsch-österreichische Gemeinsamkeit brin- 
gen muß. 

Bis hierher ist der Parallelismus der 
neuen Wiener Modebewegung mit der bis- 
herigen Arbeit der Wiener Werkstätte offen- 
kundig. Und wenn man will, war sie 
es, die dem Gange der Dinge ihre erste 
Richtung gegeben hat. Auch draußen oder 
richtiger: nur draußen hat man jetzt den 




ISABULLEIIAUSINDUSTRIE-VEREIN PRESZBURG 

Oekorrttlve Kunst. XIX. 7. April igi6 



237 



STICKEREL WIENER MODEAUSSTELLUNC 

31 




SPITZEN DER K. K. ANSTALT FÜR FRAUENHAUSINDUSTRIE, WIEN 



WIENER MODEAUSSTELLUNG 



Einsatz dieser Werkstätte in der Entwick- 
lung des österreichischen Kunstgewerbes 
von heute schon ungefähr erkannt. In der 
Einleitung Peter Jessens zum letzten Jahr- 
buch des Deutschen Werkbundes lesen wir: 
„Für viele Opfer in der Versuchszeit fühlen 
wir uns der Wiener Werkstätte verpflich- 
tet . . ." Dagegen heißt es wohl in Walter 
Riezlers Schrift, „Die Kulturarbeit des 
Deutschen Werkbundes": „Gerade der Ver- 
gleich mit früheren Ausstellungen der Wiener 
Werkstätten zeigte, wie fern wir heute schon 
dem kunstgewerblichen Individualismus 
stehen, der früher in den Wiener Werk- 
stätten trotz aller Vorliebe für abstrakte 
Formen fast am extremsten herrschte." 
Aber man wird dem nicht ohne weiteres 
zustimmen. Doch beweist es mit dem an- 
dern, daß der Spannungspunkt unserer ori- 
ginalen Wertarbeit immer deutlicher hier 
gespürt wird. Und in dem, was die Mode- 
ausstellung vorläufig bietet, scheint sich 
geradezu die Rolle der Werkstätte zu er- 
füllen, in stattlichen Wirkungen auszuleben. 
Allerdings verrät sie eben dadurch auch 
ihren starken Zusammenhang mit dem 
Kunstgewerbe. Man kann dieses Wort hier 
als einen Vorwurf nehmen. Aber das hieße 
nur die Sache von einem Standpunkt sehen, 
der nicht oder nicht ausschließlich öster- 
reichisch ist. Es ist unser Mangel und es 



ist unsere Kraft. Wir sehen auch in der 
Mode zunächst auf das künstlerische Ziel, 
auf einen strengen und engen Kreis und auf 
seine bloß in sich vielartige Einheit. Wir 
werden dabei der andern Auffassung, der 
Mode als sozialen Faktor mit seiner Mehr- 
heit der Schichtungen und ihrer Forderung 
nach Gleichförmigkeit in sich, gewiß nicht 
völlig gerecht. Wenn das auch seine guten, 
schon reichlich angedeuteten Gründe hat, so 
bleibt dieser Mangel bestehen und damit 
eine noch offene Aufgabe, der sich auch un- 
sere Künstler ohne Schädigung ihrer Wert- 
arbeit zuwenden müßten. Mit der mittel- 
baren Erziehung des Erzeugers, der jene 
Rücksichten auf die gesellschaftliche Schich- 
tung kennt und befriedigen muß, ist hier 
noch nicht genug, noch nicht alles geschehen. 
Denn sowie der Erzeuger diese notwendige 
Umbildung des Originales selber über- 
nimmt, ist auch schon der Händlergedanke 
mit dabei, der Künstler hat den sozialen 
Verlauf seines eigenen Produktes nicht 
mehr in der Hand, der Umwertung bis zur 
Verflachung ist keine Schranke mehr ge- 
setzt. Hier tut uns Einkehr not, für die 
Mode und fürs ganze Kunstgewerbe. Viel- 
leicht kommt sie von der Gegenwart mit 
ihrer besonderen Sinnfälligkeit sozialer 
Vorgänge und Ansprüche, der sich niemand 
ganz entziehen kann. 



238 




EMMY ZWEYBROCKPROCHASKA 



HANDBEUTEL. WIENER MODEAUSSTELLUNG 



Innerhalb dieser grundsätzlichen Haltung 
zeigt die Materialschau imOesterreichischen 
Museum die ganze bewegliche 
Fülle unserer Erfindung auf 
werkgerechter Basis. Zu den 
bekannten Namen gesellen sich 
einige neue, die ihre Zugehörig- 
keit zur Kunstgewerbeschule, 
namentlich zu Josef Hoffmann, 
dem künstlerischen Leiter der 
Darbietung, und Rosalie Rot- 
hansi, der Leiterin der Textil- 
werkstätte an der Kunstgewer- 
beschule, leicht erkennen las- 
sen. Wollte man auch nur ein- 
zelne hervorheben, dann gäbe 
es gleich eine ganze Reihe. Un- 
ter den Vereinigungen und 
Lehranstalten sind neben den 
Wienern die K. K. Fachschule 
für Maschinenstickerei und der 
Vorarlberger Stickerbund in 
Dornbirn, die FYauenerwerb- 
schule am slowakischen Mu- 
seum in Ungarisch-Hradisch, 
der Verein für deutsche Haus- 
industrie,Heimarbeit und volks- 
tümliches Kunstgewerbe in 
Mähren und Schlesien und der 
Frauenerwerbverein in Brunn, 
endlich der Isabelle-Hausindu- 
strieverein in Preßburg betei- 




F. JACOBSON ■ HANDBEUTEL 
WIENER MODEAUSSTELLUNG 



ligt und beweisen den provinzialen Fort- 
bestand bei grundsätzlicher Annäherung an 
die führende Wiener Schule. 
Ueber die Auswirkung die- 
ser Lehrorganisation auf den 
freien Geschäftsbetrieb, also 
über die Grade der vorläufigen 
Einbürgerung des künstleri- 
schen Modegedankens in Ge- 
werbe und Handel, belehrte die 
Vorführung fertiger Kleider 
auf der Modebühne der Mitten- 
halle, die in der Zeit vom 7. 
bis 2L Februar stattfand. Die 
Beteiligung schied sich in 
Großhäuser, Kleinfirmen und 
Kunstwerkstätten. In der letz- 
ten Kategorie sammelte sich 
die reinste Kunst, aber deshalb 
nicht auch die beste Mode. Den 
auf sich selbstgestellten Kunst- 
gewerblerinnen fehlt vorder- 
hand die Zusammenarbeit mit 
dem Fachmann fast ebenso- 
sehr wie den Kleinfirmen die 
mit dem Künstler. Gerade an 
diesen beiden Fällen extrem- 
ster Isolierung beweistsich die 
Notwendigkeit einer Koopera- 
tion, die der Kunst und dem Kon- 
sum gleiches Recht werden läOt 
und aus einer Gemeinschaft 



239 



31« 



aller zuständigen Kräfte das hervorbringt, 
was einer Gemeinschaft zugute kommen 
soll. Wenn irgendwo, muß gerade hier allen 
Beteiligten das Verständnis für den Begriff 
der Kunstwirtschaft aufgehen, den der öster- 
reichische Organisator im Widerstände 
gegen den hartnäckigen Künstlerindividua- 
lismus und materielle Sonderinteressen be- 
harrlich denkt. Ein stattlicher Anfang zu 
seiner Verwirklichung liegt schon in der 
Leistung der Wiener Werkstätte und in jener 
der Großhäuser vor. Sie ist nicht in einem 
zu nennen. Dort die Werkstatt, die alles 
selber macht, Entwurf und Durchführung, 
Stoff und Schmuck, und darum ganze, ge- 
schlossene Formen von vornherein verbürgt; 
der händlerische Nebengedanke ist bei der 
Arbeit ausgeschaltet, allerdings auch das 
breitere soziale Ziel. Wenn sich diesmal 
Darbietung und Publikum übereinstimmend 
begegneten, so kann das nur an der allmäh- 
lichen Reife des Verbrauchergeschmacks 
und an einem Nachlassen der Exklusivität 
des Erzeugers, der dabei seine künstlerische 
Gesinnung aufrecht hielt, gelegen sein. Das 
Großhaus kann ohne Industrie und was sie 
an Erwägungen mitführt, nicht auskommen. 
Aber es kann sein Erzeugnis durch die mög- 
lichst erweiterte Einbe- 
ziehung des Handwerks 
und der Kunst im Werte 
steigern. Das ist hier 
schon reichlich gesche- 
hen, der Fortschritt ge- 
gen das Vorjahr gerade 
bei diesen ausschlag- 
gebenden Teilnehmern 
ganzunverkennbar.Man 
hat hier gelernt, sich mit 
der ursprünglichen Er- 
findung unmittelbar aus- 
einanderzusetzen, und 
da das übrige Ortsstän- 
dige, — Gediegenheit, 
Schneidergeschick und 
Geschmack in der An- 
wendung — anhielt, eine 
Kleidung erreicht, die 
bereits wienerisch ist 
und auch Mode werden 
wird, wenn sie sich 
schon bei der Vorbe- 
reitung über die cha- 
raktergebenden Haupt- 
merkmale näher ver- 
ständigt. 

Die stark eWirkung des 
Dargebotenen kommt in 




FELLA JACOBSON 



WIENER MODEAUSSTELLUNG 



erster Reihe von der eigenartigen Raum- 
gestaltung. Zum erstenmal hat DAGOBERT 
Peche eine ganze Ausstellung bestreiten 
dürfen. Unter denkbar ungünstigen Um- 
ständen. Es stand nur karger, fest verbauter 
Raum zur Verfügung und es mußte spar- 
sam gewirtschaftet werden. Das Ergebnis 
war ein Kompromiß von künstlerischer Frei- 
heit und Zwang der Verhältnisse. Man wird 
es danach bewerten müssen. Im ganzen 
konnte eine einhellige Lösung nicht erzielt 
werden. Und so verlegte der Künstler die 
volle Spannung seines Temperaments in 
Einzelräume, in die große Mittenhalle und 
in das Damenboudoir. Hier hat er auch 
neue, feine Zeugnisse seiner gewichtslosen 
Anmut gegeben, die alle Bauschwere durch 
ein rhythmisches Spiel überwindet. In der 
Mittenhalle mit der Modebühne besänftigt er 
den Geometrismus der Gliederung durch 
zarte, zwischen Weiß und Hellrot schwe- 
bende Töne, die in der Beleuchtung des 
Abends zur reinen, duftigen Einheit kom- 
men. Im gelbgrünen Damenboudoir mit 
seinen reichen Gardinen und dem phantasti- 
schen Schmuckschrank siegt die schlanke, 
schwingende Linie. Wenn es das Ziel war, 
der Flüchtigkeit der beherbergten Dinge 
einen übereinkommen- 
den Rahmen zu schaf- 
fen, dann läßt sich 
schwer eine bessere Lö- 
sung denken. Dagegen 
wirkt der Vitrinenum- 
gang der Mittenhalle 
bei aller Uebersichtlich- 
keit der Gruppierung 
durch die großgemuster- 
te Schwarzweißtapete 
gedrückt. Doch gerade 
hier war der Künstler 
auch am wenigsten frei. 
Alle diese Einschrän- 
kungen können nicht an 
den Kern der Sache 
heran: die Ausstellung 
ist als Werk und Ge- 
danke eine wichtige 
Station auf dem Wege 
zur Befreiung unseres 
Kunstgewerbes und ein 
voller Einsatz für die 
Neugestaltung unserer 
Wirtschaftsrolle, an dem 
schon die nächste Zu- 
kunft nicht wird vor- 
beikönnen. 

Max Eisler 



HANDBEUTEL 



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ALOIS KOLB 



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Verlag von Amsicr & Ruthardt, Berlin 



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JOSEF FLIEGERBAUER 



WALTER KLEMM 



J. P. JUNGHANNS 



VIVATBÄNDER □ ZUM BESTEN DES ROTEN KREUZES 

Verlag von Amsler & Ruthardt, Berlin 



244 




ARCH. WALTHER EPSTEIN 



LANDHAUS FREIHERR LEO VON KONIC-SCHLACHTENSEE 



NEUE LANDHÄUSER VON WALTHER EPSTEIN-BERLIN 

MIT EINEM GELEITWORT DES ARCHITEKTEN 



Die Landhaussiedelungen im Westen Ber- 
lins sind im letzten Jahrzehnt zu einer 
großen, fast zusammenhängenden Wohnstadt 
herangewachsen. Von der Kolonie Grune- 
wald ausgehend, über Dahlem, Zehlendorf, 
Schlachtensee, Nikolassee, Wannsee, Neu- 
babelsberg ziehen sie sich bis zu den Toren 
Potsdams hin. 

Das traurige Schicksal Berlins im neun- 
zehnten Jahrhundert, die Planlosigkeit, mit 
der überaus zahlreiche, kostspielige Bauten, 
von den Gemeinden, dem Staat und dem 
Reiche mit ungeheuren Mitteln errichtet, 
ohne Beziehung auf das Ganze, bald hierhin, 
bald dorthin verstreut wurden, hat sich wie 
eine ansteckende Krankheit auch auf dieses 
weite Gebiet übertragen. 



Haben auch einige der kleinen Orte künst- 
lerisch durchdachte Bebauungspläne, die ein- 
zelnen Gebiete stehen in keinerlei Zusam- 
menhang miteinander, und in den Orten 
selbst haben Architekten und Auftraggeber 
nur in seltenen Fällen Rücksicht genommen 
auf die Forderungen, die Lage und Art des 
Bauplatzes der Bauaufgabe für das Ortsbild 
stellten. 

Mag man mit Liebe oder Abneigung den 
in rascher Folge sich ablösenden Modestilen, 
— der deutschen Renaissance, dem Wilhel- 
minischen Barock, den von zum Teil ehe- 
maligen Malern in die Erscheinung gebrach- 
ten modernen Formen, der Verwertung länd- 
licher Baumotive, der Anknüpfung an die 
Bauweise um Achtzehnhundert, — gegenüber- 



Dekoiative Kunst. XIX. 8. Mai 1916 



245 



32 




ARCH.W.EPSTEIN-BERLIN 
LANDHAUS WILH. FISCHBACH- 
SCHLACHTENSEE: GRUNDRISSE 




Stehen, in all diesen Formen- 
sprachen ist von bedeutenden 
Künstlern geschaffen worden. 

Aber nur selten finden wir 
einen großzügigen Gedanken 
in der Einteilung des Ganzen 
und ein bescheidenes Einfüh- 
len des Bauenden in diesen. 

Dem Gebilde Groß-Berlin 
täte ein Haußmann not, der 
erst in der Zeit Napoleon III. 
das heutige Paris mit seinen 
vereinheitlichenden Straßen- 
durchbrüchen geschaffen hat, 
die den Blick auf ein bedeu- 
tendes vorhandenes oder neu 
errichtetes Bauwerk leiten. 

Selbst in dem alten Berlin, 
das Frau de Stael als eine 
der schönsten Städte Europas 
pries, ist dagegen das Uner- 
hörte geschehen, daß Plätze 
von so idealer Gestaltung wie 
der Gendarmenmarkt zerstört 
wurden. Die umgrenzenden 
niedrigen Häuser, die dem 
Ganzen den wohlerwogenen 
Maßstab gaben, sind ver- 
schwunden, die beiden Dome 
durch ungefühlte Anbauten, 
wenigstens in ihren Untertei- 
len verdorben, und sogar das 
Innere des Schauspielhauses, 
dessen schlichte, aber so vor- 
nehme altpreußische Einfach- 
heit nur noch in Schinkels 
graphischem Werke fortlebt, 
mußte einer modischen Ein- 
tagsarchitektur weichen. 

In den Jahren, in denen wir 
uns schon Messeis feinsinni- 
gen Wirkens erfreuen durften, 
wurde Schinkels Palais Rhe- 
dern am Pariser Platz, in der 
Wilhelmstraße manch adliges 
Stadthaus aus friderizianischer 
Zeit ohne Schonung niederge- 
rissen. Wie taktvoll im Maß- 
stabe wußte Schinkel sein 
Museum dem Königsschloß 
unterzuordnen, dessen gewal- 
tiger Eindruck durch den Ab- 
bruch des kleinen alten Do- 
mes und der Häuser an der 
Schloßfreiheit so schwer ge- 
litten hat. 

Der mit der städtebaulichen 
Entwicklung des alten Berlins, 



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ARCH. W. EPSTEIN 



LANDHAUS WILHELM FISCHBACH-SCHLACHTENSEE: EINGANG 



etwa bis zum Jahre 1860, Vertraute weiß, 
in wie großzügiger Weise die preußischen 
Monarchen von Friedrich I. bis Friedrich 
Wilhelm IV. mit den besten Baumeistern 
ihrer Zeit, von Schlüter bis Stüler, für die- 
ses Stadtbild gewirkt haben. 

Trotz des Fehlens eines Stromes, wie ihn 
Dresden und Paris besitzen, oder der Höhen, 
die Wien umrahmen, lagen selten Bedingun- 
gen günstiger, wie die Berlins, als die große 
bauliche Entwicklung nach den Einigungs- 
kriegen begann. Leider kam diese Entwick- 



lung zu rasch und traf ein unvorbereitetes 
Geschlecht. Es hat lange gedauert, die Ver- 
irrungen der Gründerjahre zu überwinden; 
bis in das neue Jahrhundert hinein haben sie 
fortzeugend Böses gewirkt. 

Durch die Aufklärungsarbeit popularisie- 
render Kunstschriftsteller, vor allem durch 
das Entstehen zahlreicher guter Bauwerke, 
hat sich der Geschmack weiterer Kreise 
im letzten Jahrzehnt gehoben und das In- 
teresse für eine gute Wohnkultur hat zu- 
genommen. 



250 




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251 



Dem Verständnis am zugänglichsten ist 
dabei allerdings die hygienische Seite des 
Problems, während die Harmonie des Rau- 
mes noch zu den wenig verstandenen Genüs- 
sen gehört. Forderungen übertriebenen Kom- 
forts siegen häufig über die klare künstle- 
rische Gestaltung. 

Mit diesen Schwierigkeiten mag es zu- 
sammenhängen, daß das Haus so selten rich- 
tig auf seinem Platze steht, daß im besten 
Falle eine Hauptansicht gelöst ist. 

Ein freistehendes Landhaus ist keine 
Fläche, auf die nach schlechter städtischer 
Gewohnheit eine Fassade geklebt wird, son- 
dern ein plastisches, von allen Seiten tast- 
bares, kubisches Kunstwerk, dessen Seiten- 
und Rückansichten nicht dem Spiele des 
Zufalles überlassen sein dürfen. 

Schinkel sagt in seinem schönen Schrei- 
ben über den Bau des Schauspielhauses,„daß 
die Schönheit eines Gebäudes nicht in dem 
vorgebrachten Schmuck zunächst besteht, 
sondern vorzüglich aus der Wahl der Ver- 
hältnisse erwächst, welche aber ihren ersten 



Grund in der Verteilung und Anordnung 
des Planes haben." 



Die Aufgaben, deren Lösung die folgen- 
den Blätter zeigen, sind nach der Mög- 
lichkeit vorhandener Mittel nach diesem 
Grundsatze angefaßt worden. Es soll zu den 
Bildern und Plänen nichts hinzugefügt wer- 
den, nur über die Anordnung auf den Plät- 
zen mag einiges gesagt sein. 

Bei den Häusern Julius Meier-Gräfe in 
Nikolassee und Kocherthaler in Dahlem ga- 
ben die Größe des Platzes, ziemlich bedeu- 
tende Raumbedürfnisse im Verhältnis hier- 
zu, und die Lage an der Straße die Richt- 
linien. Das Landhaus in Zehlendorf-West, 
das auf einem Eckplatz steht, wurde in die 
Diagonale gerückt. Zwei Pappelalleen be- 
tonen die Zugangswege und bilden zugleich 
den architektonischen Rahmen für den rosen- 
umsäumten Rasenplatz und den Brunnen, 
der Garten und Haus verbindet. 

Zum Hause Waltz stand ein langer 




ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



LANDHAUS WILHELM FISCHBACH-SCHLACHTENSEE: GROSZE HALLE 

252 



schmaler, im Walde gelegener Platz zur Ver- 
fügung. Durch Vorlegen der Garage, deren 
Einfahrt das Haus im Rahmen erscheinen 
läßt, wurde das handtuchartige Gelände in 
Vorgarten, Ziergarten und Park geteilt. 

Haus Fischbach mit den durch Pfeiler- 
gänge verbundenen Nebengebäuden wurde 
nicht parallel zur Straße gestellt, sondern 
hat seine Front zu einem Nebenweg. So 
konnte mit Rücksicht auf den schönen Baum- 
bestand aus dem flachen Grundstück ein 
großer Hausgarten geschaffen werden. 

Am günstigsten lagen die Bedingungen 



beim Landhause Rehbrücke, das auch auf 
der Diagonale des großen Parkgrundstückes 
angeordnet wurde. 

Als Material wurde in der gewachsenen 
Stein entbehrenden Mark Putz- oder Back- 
stein verwendet, letzterer immer in flächi- 
ger Wirkung, beim Hause Waltz Ratheno- 
wer Stein, beim Haus in Zehlendorf-West 
Oldenburger Klinker, in Rehbrücke flache, 
holländische Ziegel. 

Der bildhauerische Schmuck aus Terra- 
kotta stammt hier wie bei den übrigen Häu- 
sern von Georg Kolbe. 



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ARCU. W. EPSTEIN 



HERRENHAUS REHBROCKE: GRUNDRISSE 



Dakorative Kunst. XIX. S. ^(ai 1916 



253 



33 




ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



HERRENHAUS REHBRÜCKE: MITTELBAU 
RELIEFS VON GEORG KOLBE a 



KÜNSTLER ALS KRIEGSWISSENSCHAFTLER 



Der Krieg stand dem mittelalterlichen 
Künstler weder in seelischer noch in 
praktischer Beziehung im Wege. Der Krieg 
war eine Beschäftigung, mit der sich der 
Künstler ebensogut abgeben als nicht ab- 
geben konnte. Erst mit dem Augenblick, als 
sich seine soziale Stellung zu heben beginnt, 
erst mit der Möglichkeit, seine Kräfte wei- 
terhin wirken zu lassen, beginnt er sich auch 
für jene Zweige des öffentlichen Lebens zu 
interessieren, welche bisher das Privilegium 
des Patrizierstandes gewesen. Und so fin- 
den wir seit dem 15. Jahrhundert unter 
den Künstlern einige, welche sich auch als 
Kriegswissenschaftler ausgezeichnet haben. 
Daß sich z. B. Lionardo ernsthaft mit den 
Kriegswissenschaften abgab, das beweist 
nicht nur das erhalten gebliebene Material, 
sondern auch ein höchst aufschlußreicher 



Brief. Dieser Brief ist an den Herzog Lodo- 
vico il Moro im Jahre 1483 gerichtet. Lio- 
nardo empfiehlt darin dem Herzog seine 
Dienste sowohl als Ingenieur wie als Künst- 
ler. Am Anfang steht die Versicherung, daß 
er alles, was die Meister im Fach der Kriegs- 
werkzeuge geschaffen, eingehend erwogen, 
dabei aber gefunden habe, daß all dies schon 
längst bekannt gewesen. Von sich selbst 
aber stellt er die Behauptung auf, daß er 
Neues leisten könnte. Er deutet eine Erfin- 
dung von sehr großer Bedeutung an. Im 
weiteren Verlauf des Briefes zählt Lionardo 
auf, was er als Kriegsingenieur alles in An- 
griff nehmen würde. So will er leicht zu er- 
richtende Brücken herstellen, die zugleich 
auch Schutz gegen feindliches Feuer bieten. 
Auch versteht er es. Brücken in Brand zu 



stecken und zu zerstören. 



An einer an- 



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255 



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deren Stelle gibt er ein Mittel an, um Reiter 
und Fußtruppen über Flüsse zu setzen; an 
einer dritten spricht er von der Ableitung 
des Wassers aus den Festungsgräben; an 
einer vierten von der Methode, mittels Mi- 
nengängen eine Festung zu erobern. 

Dieser Brief verfehlt seine Wirkung nicht. 
Lionardo wird nach Mailand berufen, wo 
ihm reichlich Gelegenheit geboten ist, seine 
Pläne auszuführen. Er stellt einen Mörser 
her, der an Gewalt der Wirkung alles 
Bisherige übertrifft. Er vervollkommnet 
die alte Weise, Geschütze aus Eisenstan- 
gen zusammenzuschweißen, indem er mit- 
tels einer Maschine, welche durch eine Tur- 
bine gedreht wird, das Profil dieser Eisen- 
stangen möglichst zweckmäßig und gleich- 
förmig zu gestalten sucht. Auf diese Weise 
verfertigt er eine große Anzahl von Kano- 
nenkonstruktionen. Darunter finden sich 
rotierende, drehbare Mitrailleusen, es finden 
sich Geschütze mit Anwendung von Schleu- 



derkraft und Schwungkraft. Es finden sich 
— was heute freilich längst überholt er- 
scheint — Armbrüste, welche auf Räder ge- 
stellt sind. Und es finden sich schließlich 
ganz große Batterien von Büchsenläufen. 
Sehr bemerkenswert ist auch die Tatsache, 
daß er vielleicht in einem gewissen Sinne 
der Erfinder des Schrapnells ist. Jeden- 
falls hat dieses fürchterliche Geschoß, das 
in seiner jetzigen Art erst seit dem Be- 
ginn des neunzehnten Jahrhunderts bekannt 
ist, in der Sprengkugel des Lionardo einen 
Vorläufer. Ihre Zusammensetzung ist uns 
heute unbekannt. 

Nach Lionardos Tode stand die jüngere 
Generation der italienischen Kriegswissen- 
schaftler ganz unter seinem Einfluß. Die 
rege Arbeit, die zu dieser Zeit auf diesem 
Gebiet in ganz Italien geleistet wurde, ist 
freilich nicht nur auf sein Vorbild zurück- 
zuführen. Die neue Zeit, welche das Schieß- 
pulver erfunden hatte, verlangte schnellstens 




ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



HERRENHAUS REHBROCKE: WIRTSCHAFTSHOF 



256 




ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



LANDHAUS OTTO WALTZ, ZEH LENDORF- WEST: GESAMTANSICHT 




eine neue Art von Angriff und Verteidigung. 
Die Not gab den Antrieb, und der Antrieb 
gab die Arbeitskräfte. Unter diesen finden 
wir wieder einen Künstler, den bedeutenden 
Architekten Sanmicheli, welcher zugleich 
ein ganz bedeutender, ja unvergleichlicher 
Festungsbauer war. Nachdem er nach 1500 
die Befestigungen des Kirchenstaats restau- 
riert hatte, erwarb er sich einen Namen, der 
ihn zuerst nach Parma, dann nach Piacenza 
führte, bis man ihn endlich nach Verona be- 
rief, wo er sein Lebenswerk vollbringen 
sollte. Er befestigte um das Jahr 1527 die 
ganze Stadt in einer Weise, die für alle fol- 
genden Generationen mustergültig blieb. 
Hier wurde er der erste, der das Bastionär- 
system in Anwendung brachte, das schnell 
in ganz Italien bekannt wurde. Er wird 
kaum der Erfinder desselben gewesen sein. 




LANDHAUS O. WALTZ, ZEHLENDORF-WEST : GRUNDRISSE 

257 




ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



LANDHAUS OTTO WALTZ, ZEHLENDORF-WEST: GARTENANSICHT 



Schon Lionardo hat sich mit Entwürfen für 
den Festungsbau beschäftigt, welche eine 
ziemliche Aehnlichkeit mit denen des San- 
micheli zeigen. Ob Micheli sie gekannt hat, 
ist freilich fraglich. Das ließe sich auch 
schwer eruieren. Das Problem des Festungs- 
krieges stand damals derart im Vordergrund 
des Interesses und hatte so viele Bearbeiter 
gefunden, daß so manche Entdeckung an vie- 
len Orten zu gleicher Zeit gemacht wurde. 
Vor allem aber war es einer, welcher ein 
bedeutendes Buch über die Methode, Festun- 
gen anzulegen, geschrieben hat. Dieser eine 
lebte jenseits der Alpen, er lebte in der klei- 
nen germanischen Stadt Nürnberg, welche 
den Italienern nicht allzuviel bedeuten mußte: 
Albrecht Dürer. 

Dürers Buch über den Festungsbau er- 
schien 1527 zu Nürnberg. Es führt den Titel: 
„Etliche underricht, zu befestigung der Statt, 
Schlosz, und Flecken." Mit diesem Werk 
war Dürer im wahren Sinn des Wortes der 
erste, der seit dem Altertum über die Befesti- 



gungskunst als System geschrieben hatte. 
Die meisten Errungenschaften waren auf 
dem Wege der Tradition vererbt worden, 
und nur über dieses oder jenes Detail hatte 
man von Zeit zu Zeit einige Notizen festge- 
legt. Albrecht Dürer aber ist der erste Wis- 
senschaftler des Krieges. 

Die Hauptlinien seines Buches sind unge- 
fähr folgende: als das Pulvergeschütz erfun- 
den worden war, wußte man dagegen keine 
andere Verteidigung, als die Mauern un- 
sichtbar zu machen; Dürer aber will sich 
nicht nur vor dem Feind verstecken, er willij 
ihn bekriegen und schwächen. Er erstrebt'' 
eine möglichst eigene Feuerwirkung zur Be- 
kämpfung der feindlichen Batterien. Bisher 
hatte man die eigenen Geschütze auf dem 
Wall untergebracht, was zur Folge hatte, 
daß sie gewöhnlich schon zerschossen wur- 
den, bevor sie zur Wirksamkeit gelangten, 
Dürer stellt nun seine Geschütze in selb- 
ständige, abgesonderte, stark gemauerte 
Werke, in die Basteien, und diese sind es, 



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Dokorative Kunst. XIX. 8. Mui igt6 



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ARCIl. W. EPSTEIN 



.A.._..AUS JULIUS MEIER-GRAFE-NIKOLASSEE: EINGANG 



welche den Wall flankieren. Die Festung hat 
den Grundriß eines Polygons; in jedem Win- 
kel ist ein solches Flankierungsgebäude an- 
gebracht. Die darin untergebrachten Ge- 
schütze bleiben bis zur Lösung ihrer eigent- 
lichen Aufgabe intakt, denn sie stehen in 
Räumen, welche gegen den direkten Schuß 
gedeckt sind. Ihr besonderer Vorteil ist ihr 
niedriger Standort, so daß sie den ganzen 
Stadtgraben entlang feuern können. — Außer- 
dem hat die Dürersche Befestigung zahl- 
reiche kasemattierte Räume zur Unterbrin- 
gung von Mannschaft und Material. 

So hat Dürer die einfachen Prinzipien, auf 
die sich die moderne Befestigungskunst grün- 
det, trotz der Rückständigkeit seiner Zeit er- 
kannt. Die Idee der Kasematten hat er als 
System begründet und große Anwendung 



davon gemacht. Bei allen Nationen gilt er 
als ihr Erfinder: selbst die Franzosen, 
welche die Kunst, Festungen zu bauen, für 
sich gepachtet zu haben glauben, lassen ihm 
diesen Ruhm, der unanfechtbar ist. Frei- 
lich: Dürers Zeit selbst hatte für seine Ideen 
kein Verständnis. Jedenfalls erregte sein 
Buch kein bedeutsames Aufsehen. Es ist 
aber auch möglich, daß man nur deshalb 
seinen Vorschlägen so wenig nachkam, weil 
ihre Ausführung zu kostspielig gewesen 
wäre. Als ein direkter Nachfolger wird 
uns eigentlich nur der Graf Reinhard Solms- 
Münzenberg genannt, welcher 15.39 Ingol- 
stadt neu baute und dabei die Vorschläge des 
großen Künstlers verwertete. Zu ihrer wah- 
ren Geltung kamen Dürers Ideen erst drei 
Jahrhunderte später. Nicht Deutschland war 



263 



34* 




ARCH. W. EPSTEIN 



LANDHAUS JUL. MEIER-GRÄFE: SPEISEZIMMER 13 MÖBEL VON 
R. A. SCHRÖDER; WANDMALEREI VON ERICH KLOSSOWSKI □ 




ARCH. W. EPSTEIN 



LANDHAUS JUL. MEIER-GRAFE: HALLE MIT TREPPENAUFGANG 

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ARCH. ■*■. EPSTEIN 



LANDHAUS J. KOCHERTHALER: HAUPTEINGAN'G 
PLASTISCHER SCHMUCK VON GEORG KOLBE G 



es, das sie wieder erkannte. Frankreich, wel- 
ches die tonangebende Rolle im Festungsbau 
spielte, entdeckte sie. In dem berühmten 
System des französischen Ingenieurs Marc- 
Rene Marquis de Montalembert lebt der große 
Festungsbauer Dürer wieder auf. 

Nach Dürer finden wir erst in der ersten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts wieder einen 
Künstler, der sich ernsthaft dem Studium 
der Kriegswissenschaften hingegeben hat. 
Es ist Callot, einer der berühmtesten Radie- 
rer Frankreichs und der Welt. Man kennt 
seine kleinen und delikaten Blätter, in denen 
sich nicht nur eine preziöse Beobachtung 



des kleinsten Lebens kundgibt, sondern auch 
eine Vielgestaltigkeit der Themen, wie man 
sie nur bei romanischen Künstlern finden 
kann. Und da ist es nun auffallend, einen 
wie großen Raum in seinem Lebenswerk 
Darstellungen von Soldaten, Gefechten, 
Duellen, Kriegspferden einnehmen. Callot 
liebt den Krieg. 

So ist es begreiflich, wenn er sich auch 
theoretisch mit dem Krieg vertraut machte. 
Als er als junger Mensch nach Florenz kam, 
studierte er außer Zeichnen, Stechen, Per- 
spektive, Topographie und Mathematik auch 
Festungskunde. Sein Lehrer Parigi, wel- 



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ARCH. W. EPSTEIN-BERLIN 



LANDHAUS J. KOCHERTHALER-DAHLEM: OBERE DIELE 



eher damals einen hervorragenden Ruf als 
Kriegswissenschaftler genoß, schien in ihm 
das Interesse so stark erweckt zu haben, 
daß er es im Verlauf des ganzen Lebens 
nicht mehr verlor. Es wird uns berichtet, daß 
Callot noch jahrelang nachher am toskani- 
schen Hofe arbeitete und sich in jeder Rich- 
tung seiner Kenntnisse betätigte. Trotzdem 
wird man wohl nicht irregehen, wenn man 
annimmt, daß er der Kriegswissenschaft im- 
mer nur als Theoretiker gegenüberstand. 




LANDHAUS J. KOCHERTHALER: GRUNDRISSE 




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ARCH. WALTHER EPSTEIN-BERLIN 



LANDHAUS ZEH LENDORF-WEST 
BRUNNEN VON GEORG KOLBE 



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Sein Interesse aber wurde der Anstoß zu 
seinen weltberühmten Radierungen weltbe- 
rühmter Belagerungen. Er galt zu seiner 
Zeit als Spezialist auf diesem Gebiet; hatte 
ein Herrscher eine kriegerische Aktion ge- 
gen eine Feste unternommen, so bemühte 
er sich schleunigst, den gefeierten Callot zur 
Verewigung dieser Aktion zu gewinnen. So 
berief ihn 1625 die Infantin Isabella Clara 
Eugenia nach Brüssel, damit er die Belage- 
rung von Breda zeichne und radiere. Vier 
Jahre später bestellte Louis XIII. eine Wie- 
dergabe der Belagerung von La Rochelle bei 
ihm. Abermals vier Jahre später belagerte 
Louis XIII. Nancy. Als der Herzog Char- 
les IV. von Richelieu gefangen genommen 
wurde, gab er selbst, indem er alles für ver- 
loren erkannte, die Weisung zur Uebergabe 
der Stadt. So wurde Nancy kampflos dem 
Feinde ausgeliefert. Trotzdem wollte der 



König, daß Callot die Belagerung radiere. 
Callot weigerte sich aus Patriotismus, und 
es erzählen uns Berichte seinen Ausspruch, 
daß er sich lieber den Finger abschneiden 
wolle, als die Schande seines Landes ver- 
ewigen. Und blieb gegen alle Zusprechun- 
gen standhaft. Wieso kam es nun, daß ge- 
rade er als Kriegsmaler so gesucht war? 
Liegt dies allein in seiner künstlerischen Be- 
rühmtheit begründet? Was Callot auf diesem 
Gebiet so hohe Ehren eintrug, war sein Ruf 
als Kenner der Kriegsangelegenheiten. Man 
schätzte seine Sachlichkeit, man wußte, daß 
er in solchen Radierungen nicht nur künst- 
lerische Werte verfolgen würde, sondern in- 
folge seines Verständnisses für das rein 
Militärische auch alles betonen würde, was 
die Größe der kriegerischen Tat heraus- 
streichen mußte. Er war der letzte Kriegs- 
wissenschaftler unter den Künstlern. 

Dr. Otto'Zoff 




ARCH.W.EPSTEIN-BERLIN Q LANDHAUS ZEHLENDORF-WEST: GARTEN- 
HALLE Q RELIEF VON GEORG KOLBE 



272 




J. GANGL 
MEDAILLE 




JOSEPH GANGLS KRIEGSMEDAILLEN 



Gangls neue Medaillenschöpfungen sind 
nach Stil, Format und Inhalt Denk- 
münzen in der ausgesprochensten Form. Da 
sie nicht auf Persönlichkeiten hinzielen, son- 
dern Begebenheiten, ja, mehr oder weniger 
als das: die Stimmungen von Begebenheiten 
zum Gegenstand oder zum Ausgangspunkt 
haben, komplizierte sich die Aufgabe für 
den Künstler. Er mußte auf das herkömm- 
lichste Medaillenbildnis verzichten und Vor- 
derseite und Rückseite mit allegorischen 
oder symbolischen Darstellungen bedenken. 
Unter solchen Verhältnissen leidet bei an- 



deren Medailleuren nicht selten die Einheit- 
lichkeit des Eindrucks oder es tritt das 
Gegenteil ein, Revers und Avers stellen 
schlecht maskierte Wiederholungen dar, be- 
deuten keine Steigerungen. Gangl ist dieser 
Gefahr nicht ausgesetzt gewesen. Sein Stil 
und seine Formgebung sind trotz seiner Ju- 
gend schon so sicher und so ganz sein eigen, 
daß z. B. zwei Stücke aus seiner Werkstatt 
durch die kraftvolle Persönlichkeitsmarke, 
die ihnen ihr Urheber mitgibt, sogleich als 
ein Brüderpaar erkannt werden, anderer- 
seits aber quillt eine solche Fülle der Ge- 




J. GANGL 
MEDAILLE 




273 




J. GANGL 
MEDAILLE 




sichte in Gangls Kunst, daß er unschwer 
für das gleiche Motiv zwei gleichstarke Aus- 
drucksformen findet. Das tritt besonders bei 
der Medaille mit den nackten Kämpfern auf- 
fällig in die Erscheinung. Die Seite mit der 
Jahreszahl 1914 ist gedrungener, schwerer 
und ihre besondere Gliederung erfährt sie 
durch die Vertikalen der vier Schwerter und 
die frei behandelten Dreiecke der Spreiz- 
stellungen. Wie anders die Rückseite dieser 
Medaille! Da ist alles gelöst, mehr Freiraum 
kam auf die Darstellung, mehr Hintergrund 
und Perspektive, aus der Vertikale ist die 
Behandlung des gleichen Motivs in die 
Horizontale herübergezogen und das Tempo 
wurde feuriger, rauschender.Von den Schrift- 



medaillen hat die „Deutschland über Alles"- 
Denkmünze meinen vollsten Beifall, sie ist 
in ihrer schlichten Wucht tatsächlich ein 
Ausdruck deutschen Wesens, dagegen ist 
die den Kriegswitwen gewidmete Medaille 
in ihrem Schriftteil zwar von angenehmem 
Gesamteindruck, aber zumal in der will- 
kürlichen Zerteilung der Worte und Sätze 
etwas zu wienerisch, was bei Schriften 
gleichbedeutend mit schlecht leserlich ist. 
Einige Schmuckstücke medailleriartigen 
Charakters zeigen, daß der Künstler nicht 
nur wuchtig und monumental, sondern auch 
graziös und intim sich zu geben vermag 
und auch dann seine Persönlichkeit nicht 
zu verleugnen braucht. W. 













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J. GANGL 
MEDAILLE 



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JOSEPH GANGL 



ANHANGER UND MEDAILLEN 



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Dekorative Kunst. XIX. 8. Mej 1916 



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SILBERNE SCHALE 



AUSFÜHRUNG VON PETER BRUCKMANN & SÖHNE, HEILBRONN A. N. 




SILBERNE DOSE 



AUSFÜHRUNG VON PETER BRUCK- 
MANN &, SÖHNE, HEILBRONN A. N. 




SILBERNE SCHALE 



AUSFÜHRUNG VON PETER BRUCKMANN & SÖHNE, HEILBRONN A. N. 

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MODERNE KLETTERROSEN IN BERCHTESGADEN 



NEUE BLUMENGARTENGESTALTUNG UND PFLEGEERLEICH- 
TERUNG DURCH KLIMAGEMÄSZE DAUERPFLANZEN 



Wer tief in der gärtnerischen und pflan- 
zenzüchterischen Entwicklung der 
beiden letzten Jahrzehnte steht, gewinnt 
einen ergreifenden Eindruck von der Pflan- 
zenherrlichkeit, die auf allen Gebieten der 
Zukunft des deutschen Gartens entgegen- 
reift, kann aber auch nicht genug staunen, 
wie wenig noch das bereits erreichte Große 
in das moderne Kulturbewußtsein über- 
gegangen ist. Ein unglaublich hoher Pro- 
zentsatz deutscher und österreichisch-un- 
garischer Gärten ist noch fast völlig un- 
berührt vom neuen Zeitalter in der Blumen- 
gärtnerei. Ihre Inhaber gleichen oft dem 
Besitzer eines herrlichen Musikinstrumen- 
tes, auf dem nur ein paar Tonleitern und 
Salonstücke, selten genug auch nur Volks- 
liedmelodien gespielt werden. 

Das gilt sogar von der blütenreichsten 
Zeit des Gartenjahres. Wie wenig aber nun 



gar in den langen Monaten des Vorfrüh- 
lings, des Herbstes und Spätherbstes Ge- 
brauch von den Blütenschätzen kinder- 
leichter Gartenkultur gemacht wird, die aus 
allen Landen der gemäßigten Zone bereit- 
liegen, das ist ernstlich schwer zu be- 
greifen. 

Wir Gärtner und Züchter haben nur eine 
Gattung bisher ganz unzureichend „kulti- 
viert", nämlich die Gattung homo sapiens, 
Subspezies: Gebildete Gartenfreunde! 

Ich will hier heute kurz von den winter- 
fest ausdauernden Blütenstauden und Blü- 
tensträuchern, sozusagen den bequemsten 
Haustieren des Blumengartens, und von 
ihrer neuen Entwicklung durch Zuchtstei- 
gerung und durch Neueinführung reden. 
Blütenstauden überwintern in unterirdischen 
Wurzelnestern und Knollen oder nicht ver- 
holzenden grünen Blattschöpfen, Sträucher 



280 




KARL FOERSTER-BORNIM 



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PERENNEN-FARM IN DER MAIBLDTE 



Schwarzblaue Bänder ausdauernder ,,Stietmülterchen" : Viola cornuta „Alpha", weiße Iberis- 
polster, hohe Darwintulpen. Am Wasserbecken: Schwertlilien, gelbe und orange Trollius 
über blauen Schleiern der Anchusa myosotiflora. Böschungsgrün aus Sedum spurium 



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in holzigen oberirdischen Lebensgerüsten, 
die sich gleich aus der Wurzel verzweigen. 

Zu den ersteren gehören z. B. Phloxe, 
Schwertlilien, Rittersporne, Staudenastern, 
Lilien, Anemonen, Farne, zu den letzteren 
Flieder, Deutzia, Veigelien, Rhododendron, 
Schlingsträucher, schutzlos harte Rosen. 

Was ist aus all diesen alten Dingen ge- 
worden? Geblieben ist Gutmütigkeit und 
Treue. Verschwunden sind viel Eigen- 
schaften der Unordnung und Unberechen- 
barkeit. Neu geworden ist eine Garten- 
schönheit und Lebensfülle, die keine Seele 
ermessen und überschauen kann. Wohin 
man blickt, unendliches neues Werden in 
steigendem Tempo. — 

Nur durch moderne Stauden und Sträu- 
cher gelangt der Gartenbesitzer in ein per- 
sönliches schöpferisches Verhältnis zu 
seinem Blumengarten. 

Welche neuen Gestaltungen der Garten- 
bühne sind unter ihrem Einfluß entstanden? 
Und welche Pflegeerleichterungen sind ge- 
meint? 



Ganz neue Elemente feinerer räumlicher 
und koloristischer Berechenbarkeit bei ge- 
steigerter Ueppigkeit und prachtvoll zwang- 
loser und doch gebändigter Wildheit sind 
gewonnen worden. 

Farbe und feines Pflanzenleben ist auch 
in die Reiche des Gartenschattens, der 
Aschenbrödelplätzchen, der unfruchtbaren 
Böschungen, der Gebirgs-, Stadt- und Strand- 
gärten eingezogen; Nässe und Dürre des 
Bodens bedeutet neue erlesene Blütenmög- 
lichkeit, statt trüber Schwierigkeit. 

Durch die neuen Stauden und Sträucher 
kann man „immer leicht die Not in eine 
Tugend" verwandeln, was bekanntlich eines 
der wichtigsten aller Lebensprinzipe ist. 

Langgestreckte Beetrabatten tragen durch 
Monate immer neue Fülle des Staudenflors. 
Rhythmus und Zwanglosigkeit, errechnete 
Farbenwirkungen und unerschöpfliche Far- 
benüberraschungen, feinste perspektivische 
Farben- und Formenreize und breite Massen- 
wirkungen sind hier auf verhältnismäßig 
kleinen Räumen vereinigt. 




EIN VERSENKTER PERGOLA-UMGEBENER BLUMENGARTEN 
Die vielseitigste Darstellung der Blumenmassen und die natürlichste und bestfcrahmle Stitte einer von Frülilint W» licrkst 

dauernden gesammelten Blumenorgie 



281 




RITTERSPORN „DELPHINIUM LASCELLES" 
IN BERCHTESGADEN 



An den Aufgaben der Staudenrabatte kann 
sich der kleinste und der größte Garten- 
künstler versuchen. Ihre Fortschritte, Pro- 
bleme und Reize könnten allein ein ganzes 
menschliches Arbeitsleben ernsthaft erfüllen 
und in steigendem Maße elektrisieren. 

Die architektonischen Gartenpartien nahe 
am Hause, in deren strenger festlicher Ord- 
nung die häuslichen Raum- und Liniengefühle 
gelindert in die freie Natur ausschwingen 
und unerschöpflich erfrischt und gefestigt zu- 
rückkehren, gewinnen in reizvollstem Kon- 
trast zu ihrer Strenge ganz neue malerische 
und intime Schönheit. Ihre Pflege und Unter- 
haltung ist eine viel einfachere geworden. 
So verursacht z. B. ein bloßes grünes, sauber 
gepflegtes Rasenparterre eher mehr Pflege- 
arbeit, als solch tief eingesenkter, rosen- 
pergola-umgebener, regelmäßiger Stauden- 
garten — wohlfundierte, kundige und ge- 
schickte Pflanzung vorausgesetzt — , in dem 
von Frühling bis Herbst das Blühen jahraus 
jahrein automatisch und kaleidoskopisch 
wie auf einer Alpenwiese wechselt; auch 
wenn man das nach einigen Jahren sukzes- 
siv nötige Umpflanzen zu stark zusammen- 
gewachsener Beete dazu rechnet. 

Wenn irgend möglich, soll nie der ganze 



Garten entweder nur dem regelmäßigen 
oder nur dem natürlichen Stile unterworfen 
werden; denn das ist ein Gefängnis für die 
Seele, welche im Garten Resonanz für ihre 
volle Spannweite, die Ueberordnung über 
die Natur und die Unterordnung unter sie 
finden will. Naturgartenpartien, in denen 
man also der Natur nicht den Stempel der 
tyrannischen Naturbemeisterung, sondern 
der feinsten wortlösenden Pietät des Men- 
schen für sie aufdrücken will, finden durch 
Stauden ihren feinartikulierten Ausdruck. 
Eigentlich erst durch die Raumverhältnisse 
der Staude kann die Romantik wilden Vege- 
tationszaubers mit seinen wunderbaren Ge- 
setzen des Standortcharakters und der Pflan- 
zengeselligkeit ein raumgemäßes Objekt der 
gartenmäßig gesteigerten Nacherschaffung 
werden. 

Wer in diesen Dingen heimisch werden 
will, in denen das Wort so wenig, die künst- 
lerische Arbeit und ihr Bild alles ist, sehe 
sich die Gärten des Gartenkünstlers Willy 
Lange an und lese dann seine Bücher; er 
wird eine Klärung seiner GartenbegrifFe 
und Gartengefühle erfahren, die den Reiz 
jeder kleinsten Gartengestaltung, jeder Gar- 
tenpflanze erhöht und alles der gesamten 




LACHSROSAFARBENE KLETTERROSE „DOROTHY PER- 
KINS" AM PFAHL 



282 




HELENIUM „GARTENSONNE" IM ZWEITEN JAHR NACH PFLANZUNG 



kosmischen Bestimmung des Menschen auf 
der Erde neu einordnet. 

Eine besondere Domäne der Stauden sind 
mächtige Farbengruppen, Jahreszeitengärt- 
chen und Standortgärtchen, z.B. regelmäßige 
und unregelmäßige Steingärten und Ufer- 
gärten, Vorfrühlings- und Spätherbstgärt- 
chen. 

Die Pflegeerleichterung folgt hier schon 
aus der Konzentration nach gleichen An- 
sprüchen; im tiefsten Grunde erwächst sie 



eben aus der Verwendung eines Pflanzen- 
materials, das unserem, ähnlichem oder 
rauherem Klima entstammt und dessen gärt- 
nerische Veredlung nicht auf Kosten seiner 
Widerstandskraft erfolgte. 

Welche Blütenfülle alle diese neuen, fest 
mit dem Garten verwachsenden Dauerpflan- 
zen vom Vorfrühling bis Spätherbst ohne 
Glashaus und Frühbeet oder neue Heran- 
zucht in unser Leben bringen können, ist 
noch so wenig bekannt, daß wir Züchter und 




PFLANZEN IM CHARAKTtR VON UFERSTAUDEN BLÜHEN UM DAS 
WASSERBECKEN VON ENDE APRIL BIS TIEF IN DEN SEPTEMBER 



283 



Schatzhüter allen Anlaß haben, nicht nur in 
Gartenbauvereinen und Fachzeitschriften et- 
was darüber zu murmeln, sondern uns auch 
oft unmittelbar unter Benutzung moderner 
Bildtechnik an breite Kreise unseres Volkes 
zu wenden.*) 

Ich glaube, daß dieser Krieg unendlich 
viel schlummerndes Naturgefühl wecken 
und entflammen wird und viele aus der Enge 



•) Anmerkung über Tulpen: Die Lebensdauer der Stauden 
ist eine sehr hohe, oft Jahrzehnte und noch größere Zeiträume 
umfassende. Eine Statistik enthält mein Buch. Einige Knollen- 
stauden und Halbstauden machen Ausnahmen. Eine Einschrän- 
kung bezüglich der Tulpe: Bei Darwintulpen im trockneren deut- 
schen Klima beobachtete ich ein 4— Sjähriges Wiederblühen un- 
berührter Zwiebeln, bei anderen Tulpenarten ein 3mal so langes. 
Dauernde Beobachtung des Verhaltens fast aller Tulpen, Hya- 
zinthen- und Narzissenarten und Sorten wird in meiner Blumen- 
farm fortgesetzt. Im bayerischen Sommer müssen jedoch viele 



naturferner Berufe und aus den Katakomben 
der großen Städte in freiere frischere Sphä- 
ren reißen wird. 

Auch ist die Abnahme mancher Hemmun- 
gen deutschen Kastengeistes und Spießer- 
tums zu erwarten, welche die gebildete Ju- 
gend als „gesellschaftliche Rücksichten" so 
tief in der Berufswahl beeinflussen. 
Karl Foerster, Bornim bei Potsdam -Sanssouci 



Tulpensorten herausgenommen und im Herbst neu gepflanzt wer- 
den. Andere wieder können auch dort unberührt und verwildert 
weiterblühen. Manche Dinge bedürfen zu ihrer Klärung noch 
der Tätigkeit einer über Deutschland verteilten Anzahl von Ver- 
suchs- und Schaugärten. — Man muß sich Deutschland in ein ozea- 
nisches oder alpines Regenklima und ein kontinentales Trocken- 
heitsklima geteilt denken. Beide haben mancherlei Gartenvor- 
teile und Nachteile von einander, die sich ungefähr die Wage 
halten dürften. 




BLICK INS HERBSTSTAUDENGARTCHEN 

Im Vordergrund der Flor meterhoher weißer japanischer Herbstanemonen und 

niedriger europäischer Staudenastern. Rechts oben am Gerüst der spiraeenartige 

Flor des Polygonium Auberti aus Tibet 



284 




ARCH. RUNGE &. SCOTLAND-BREMEN 



FENSTERECKE IM EMPFANGSZIMMER ROSELIUS, BERLIN 




ARCH. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



AUS DEM EMPFANGSZIMMER ROSELIU3, BERLIN 



ZWEI NEUE RÄUME VON RUNGE & SCOTLAND IN BREMEN 



Eine Uebersiedelung von Bremen nach 
Berlin, aus der alten Hansa-Stadt mit 
den blumengeschmückten Vorstädten und 
der weitläufigen Bauweise nach Berlin, dieser 
Anhäufung von Verkehr und Hast und Miet- 
kasernen, mit seiner so anders gearteten 
Wohnart ist ein weiter Schritt, den man auch 
am Ufer des Hundekehlen-Sees nicht so leicht 
vergißt. Es lag für den Bauherrn daher 
nahe, sich für die Ausgestaltung seiner 
Wohnräume die Künstler zu rufen, die in 
dem alten Patrizierhaus im Schatten von 
St.Martiniund dem Roselius-Haus hinter dem 
Markt ein- und ausgehen und in diese Zeu- 
gen einer alten hanseatischen Kultur schon 
vieles hinein geheimnist hatten, was Ver- 
ständnis für das innere Wesen solcher Bau- 
werke verlangt, seien es nun Geschäfts- 
räume, die Werkstatt eines Künstlers oder 
das Absteigequartier des in der Ferne wei- 
lenden Handelsherrn, den tausend Fäden 
noch an die alte Stätte fesseln. 

Die hier wiedergegebenen Räume, eine 
Bibliothek und ein Empfangsraum zeigen 



daher einen gewissen Einschlag in die Art, 
wie ein bremischer Handelsherr zu arbeiten 
und seine Gäste zu empfangen liebt. Der 
satte grüne Damast an den Wänden der 
Bibliothek, der tiefgebeizte rötliche Ton 
des geflammten Birkenholzes, in das sich 
schwarze SchnitLcreien einfügen, hier und 
da belebt durch ein Glanzlicht auf dem po- 
lierten Holze geben eine farbgesättigte Stim- 
mung, die zu ernster Arbeit die Ruhe gibt. 
Der breite Kamin mit den flackernden Holz- 
scheiten ladet zu beschaulichem Gespräch 
an gastlichen Abenden. 

Die lange Wand des Raumes ist ganz 
ausgefüllt von hohen Bücherschränken, hinter 
deren Glastüren sich kostbare Bände reihen. 
Die große Schrankfläche ist oben durch drei 
Bogen abgeschlossen, um das Monotone einer 
zu langen geraden Linie zu vermeiden. 

Zwei niedrigere, zwischengebaute Ge- 
wehrschränke mit darüber angebrachten Ni- 
schen gaben Gelegenheit, Abwechslung in 
die Bücherwand zu bringen, durch wenig 
durchbrochene geschnitzte Türen, durch die 



Dekor«tlre Kunst. XIX. 9. Juni 1916 



285 




ARCH. RUNGE &. SCOTLAND BREMEN 



TISCH AUS DER BIBLIOTHEK ßOSELlUS, BERLIN (vgl. S. 291) 




ARCH. RUNGE &. SCOTLAND 



AUS DEM EMPFANGSZIMMER (vgl. S. 287) 

286 





287 



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ARCH. RUNGE &, SCOTLAND-BREMEN 



KAMIN DER BIBLIOTHEK ROSELIUS, BERLIN 



man, im schönen Gegensatz zu dem schwar- 
zen Holz den dahinter gespannten grünen 
Stoff schimmern sieht. 

Ganz anders ist der Empfangsraum ab- 
gestimmt, er betont mehr das Festliche, er 
will dem Besucher mit seiner Helligkeit einen 
heiteren Eingang bereiten. Durch die drei 
hohen zum Garten führenden Türen wirft 
die Sonne ihre Lichter auf die sattgelbe 
Seidenbespannung der Wände. Zierliche und 
schwerere Sessel und Sofas sind mit blauer 
Seide bespannt, die mit reichen Blumen- 



mustern in gedämpften Farben überzogen 
ist. Das dunkle Mahagoniholz mit hellen 
Adern und Einlagen faßt die Farben. Die 
große Prismenkrone mit versilberten Metall- 
teilen und eingefügten schwarzen Kettchen 
und die durch Seidenschirme gedämpften 
Lichter der Wandbeleuchtungen geben dem 
Räume bei festlichen Gelegenheiten den 
Glanz. 

Den ernsten und den heiteren Raum kann 
man sie nennen, der eine ernst ohne Schwere, 
der andere heiter ohne Ausgelassenheit. 



288 




289 




ARCH. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



AUS DER BIBLIOTHEK ROSELIUS, BERLIN (vgl. S. 289) 



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291 




ARCH. RUNGE & SCOTLAND-BREMEN 



SCHREIBTISCHECKE DER BIBLIOTHEK ROSELIUS 



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ARCH. CARL MORITZ-KÖLN 



HEIM DES KÜNSTLERS: STRASZENSEITE 



DAS KÜNSTLERHEIM DES ARCHITEKTEN 
CARL MORITZ, KÖLN 



Es ist eine Seltenheit, daß der Architekt 
beim Villenbau — wenn man von der Pro- 
jektierung ganzer Villenkolonien absieht — 
Städtebauliche Probleme zu lösen hat, da zu- 
meist Sfraßenfluchten, Baufluchten und Vor- 
gartentiefen bestimmungsgemäß festliegen, und 
eine Abweichung dieser baupolizeilichen Vor- 
schriften äußerst selten zugelassen wird. Bei 
dem vorliegenden Projekt des Künstlerheims 
wurde durch die Gelegenheit, zwei weitere 
kleinere Villen mitbauen zu können, eine Bau- 
gruppe geschaffen, die nach städtebaulichen 
Gesichtspunkten projektiert werden konnte. 
Das Grundstück liegt an einer starken Straßen- 
biegung der Parkstraße in der höchstgelegenen 
Villensiedelung von Marienburg bei Köln, die 
einen herrlichen alten Baumbestand aufweist. 



Die drei Villen sind durch niedere Verbin- 
dungsbauten zu einer Baugruppe in Winkel- 
form vereinigt und das Künstlerheim bildet 
in der Mitle, indem es zum Anfang der ge- 
rade angelegten Parkstraße senkrecht steht, 
einen StraQenabschluß. Dabei ist die Bau- 
gruppe soweit von der Straße zurückgelegt, 
daß in ihrem Winkel die wundervolle alte 
Akazie stehen bleiben konnte, die mit ihrer 
feinen Verästelung einen schönen Gegensatz 
zur umgebenden Architektur bildet. 

Diese Rücksichtnahme auf die Natur prägt 
sich auch sehr glücklich in der Gartenseite 
des Hauses aus, wo die majestätischen Pap- 
peln, die alt ehrwürdigen Eschen mit dem 
architektonisch angelegten Garten und der ma- 
lerischen anheimenden Fassade mit dem in- 



Dekoritive Kuiitt. XIX. 9, Juni 1916 



293 




ARCH. CARL MORITZ-KÖLN 



HEIM DES KÜNSTLERS: GARTENSEITE 



294 





ARCII. CARL MORITZ-KÖLN 



HEIM DES KONSTLERS: GARTENSEITE 



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teressanten vorgebauten Gartenzimmer ein har- 
monisches Ganzes von eindrucksvoller Schön- 
heit bilden. 

Die äußere Architektur gegen die Straße zeigt 
eine einfache symmetrische Aufteilung nach 
klassischen Gesichtspunkten, die durch die 
Behandlung im Detail ein individuelles Ge- 
präge aufweist. Das Loggienmotiv in der Mitte 
mit den gebälktragenden Puttenstützen sowie 



die flachen, seitlich flankierenden Erker geben 
der Fassade die plastische Sättigung. 

Die im Mittelpunkt befindliche Haustüre 
aus schwarzgrauer Eiche mit Knochenintarsien 
und vergoldetem schmiedeeisernen Oberlicht 
bildet einen angenehmen Farbfleck in der in 
graugrünlicher Terranova in Verbindung mit 
Muschelkalk ausgeführten Fassade. 

M. F. 




ARCH. CARL MORITZ KÖLN 



HEIM DES KÜNSTLERS: LAUBENCANO 



297 




F. A. PFUHLE-DANZIG KIRCHENFENSTER: CHRISTI GEBURT 

Ausführung: Puhi & Wagner, Gottfried Heinersdorff, Vereinigte Werkstätten für Glasmalerei, Berlin-Treptow 



DIE DANZIGER GLASMALEREIEN F. A. PFUHLES 



Wer zum ersten Male durch die Gassen 
Danzigs wandert, sinnend in den ge- 
ruhigen Plätzen steht, die behaglich und froh 
wie Innenräume wirken, sieht und erlebt 
jene alte Kultur, die als Gotik und Renaissance 
hier in überraschender Fülle eine für die 
Ostseestädte typische Prägung gefunden hat. 
Das alte Stadtbild ist ein Meisterwerk städte- 
baulicher Kunst. In seiner naiven Selbst- 
verständlichkeit kann es geradezu als Schul- 
beispiel für bewußte moderne Bestrebungen 
gelten. Man sieht die starken Einflüsse, die 
von außen kamen, man sieht aber auch das 
Bodenständige dieser Kunst. Und hat sich 
das Auge in dieses reizvolle Spiel von Raum, 
Fläche und Linie hineingelebt, in diese weiche 
Schönheit und ruhige Kraft, so bemerkt es, 
daß jener alte Geist in allerneuester Zeit 
wieder aufzuleben beginnt. 



Augenscheinlich wird dies, wenn man sich 
von Südosten der von dem jüngst erst ge- 
fallenen Architekten Weber erbauten Kirche 
in Oliva nähert. Man erkennt den Zusam- 
menhang mit der Tradition. Die Elemente 
der einzelnen Form sind noch die altüber- 
lieferten, aber es ist die Sprache unserer 
Zeit, die aus ihnen redet. 

Ein glückliches Zusammentreffen wollte 
es, daß der Baugedanke dieses allzufrüh 
dahingegangenen Künstlers durch die Glas- 
malereien des seiner Kunstrichtung konge- 
nialen Danziger Malers F. A. PFUHLE seine 
innere Vollendung gefunden hat. 

Man mäche sich einmal die Grundelemente 
der monumentalen Kunst der Alten klar, 
und man wird finden, daß die ihr von An- 
fang an innewohnenden architektonischen 
Linien-, Farben- und Flächengesetze auch 



298 





F. A. PFUHLE-DANZIG KIRCHENFENSTER: KREUZIGUNG 

Ausführung: Puhl &. Wagner, Gottfried HeincrsdorlT, Vereinigle Werkstitten für Glasmalerei, Berlin-Treptow 



hier auf das glücklichste erfüllt scheinen. 
Hierwie dort wird die Fensterdurchbrechung 
in die geschlossene, das Raumbild erzeu- 
gende Flächenwirkung der Wände hinein- 
bezogen. 

Daß man nicht immer diesem Ideale nahe 
kam, am wenigsten vielleicht in dem ver- 
gangenen Jahrhundert, von dem Jakob Burck- 
hardt meint, es habe das Pensum der Ver- 
gangenheit noch einmal aufsagen müssen, 
zeigt am besten die Geschichte der Glas- 
malerei. 

Sie lehrt allgemein gesagt, daß die Glas- 
malerei, eine Synthese von Kunstgewerbe 
und hoher Kunst, dort ihre höchste Vollen- 
dung zeigt, wo sie jedesmal dem architek- 
tonischen Organismus entsprechend, das Auf- 
gehen der künstlerischen Forderungen in 
die des Kunstgewerbes zeigt. 

Der Weg zur Erfüllung dieser Bedingung 



scheint in den Glasbildern F. A. Pfuhles 
überraschenderweise gefunden zu sein. Sein 
gesamtes künstlerisches Schaffen, ausgehend 
vom Dekorativ-kunstgewerblichen, zeigt bei 
einer sicheren Beherrschung des Aktes das 
Streben nach monumentaler Wirkung. Diese 
drei Faktoren, heute bewußt angestrebt, 
waren der Kernpunkt der mittelalterlichen 
Glasmalereien. Hinzu kommen die Forde- 
rungen des Augenblicks. Vorläufig sollte 
jedesmal nur der untere Teil eines jeden 
Fensters seinen malerischen Schmuck er- 
halten, so daß der christologische Zyklus 
von Geburt, Kreuzigung, Auferstehung und 
Himmelfahrt gleichsam wie ein Fries den 
Chorabschnitt begleitete. 

Die Folge müßte ein allzu starkes Ein- 
strömen von Licht durch die darüber lie- 
genden Fensterteile sein. Es ist das Ver- 
dienst des Künstlers, daß er mit wenigen 



299 




F. A. PFUHLE-DANZIG KIRCHENFENSTER: AUFERSTEHUNG 

Ausführung: Puhl &. Wagner, Gottfried Heinersdorff, Vereinigte Werkstätten für Glasmalerei, Berlin-Treptow 



Mitteln aus der Not eine Tugend machte, 
indem er den Hauptton auf die Verwendung 
des Schwarzlot-Ueberzuges legte und nur 
wenige Farben nach rein dekorativen Ge- 
sichtspunkten zur Anwendung brachte. Da- 
durch wurde bei genügender Durchlässig- 
keit von Licht dennoch der raumabschlie- 
ßende Charakter der Fenster aufs beste ge- 
wahrt. Unterstützt wird dieses Streben 
durch die auf der sicheren Beherrschung des 
Aktes beruhende Zurückführung des Körper- 
lichen auf wenige große, charakteristische 
Linien, die so vorzüglich sich den notwen- 
digen Bleiruten anpassen. Alles Materielle 
scheint damit negiert und eine unmittel- 
barste Ausdrucksfähigkeit wird erreicht, 
die in ihrer dekorativ bedeutenden Wir- 
kung zu monumentaler Größe wächst. Bei 
alledem ist die Nähe Hodlers unverkenn- 
bar. Besonders deutlich wird dies bei 



einer Gestalt wie der klagenden Magda- 
lena vor dem Kreuz (Abb. S. 299) und den 
in staunendem Entsetzen zurückweichenden 
Wächtern vor dem in mystischem Glänze 
Auferstehenden (Abb. S. 300). Sieht man dann 
weiter, mit welcher ekstatischen Inbrunst 
die Jünger, erdenschwer, ihrem gen Himmel 
fahrenden Herrn und Meister nachschauen 
(Abb. S. 301), so denkt man an die in ihrer 
köstlichen Naivität und der Kraft des künst- 
lerischen Erlebnisses wundervollen Fenster 
von Saint Pierre in Poitiers. Auch kompo- 
sitioneil ist diese Gruppe ein Meisterwerk. 
Das durch die Vierteilung der Fenster jedes- 
mal bedingte Aus-der-Mitte-rücken der Haupt- 
figur erscheint hier durch die Verteilung der 
Massen, die geschickte Verwendung von 
Überschneidungen, das Ausgleichen von Ver- 
tikale und Horizontale und das zu über- 
raschender Wirkung gesteigerte Verwenden 



300 




F. A. PFUHLEDANZIG 



KIRCHENFENSTER: HIMMELFAHRT 



Ausführung: Puhl & Wagner, Gottfried Heincrsdorff, Vereinigte Werl(StStlen für Glasmalerei, Berlin-Treptow 



der Diagonale bis auf das letzte ausgegli- 
chen. Es ist außerordentlich reizvoll, zu 
beobachten, wie es dem Künstler geglückt 
ist, von Darstellung zu Darstellung bemüht, 
sich mit dem Problem des Glasstiles aus- 
einanderzusetzen, für die letzte, auch inhalt- 
lich den Höhepunkt darstellende Szene die 
künstlerisch vollendetste Lösung zu finden. 
Das läßt sich bis ins Detail hinein verfol- 
gen. Betrachtet man einen Ausschnitt wie 
den des Pantokrator aus der „Himmelfahrt", 
so sieht man deutlich, wie Konturbleie die 
verhältnismäßig großen Scheiben rahmen 
und gleichzeitig das Lineare des Körpers 
aufs stärkste betonen, wie Notbleie anderer- 
seits ihren Charakter mit rücksichtsloser 
Konsequenz offenbaren und gerade dadurch 
auch die feinere Linienführung der Zeichnung 
zu ihrem Rechte kommen lassen. Eine weise 
Beschränkung in der Verwendung des 



Schwarzlotes und eine geschickte Wahl der 
blasigen und gehobelten Antikglasscheiben 
vermeiden eine zu starke Modellierung des 
Körperlichen und überlassen den Haupt- 
eindruck dem durch die Macht des Lichtes 
zu hoher Kraft gesteigerten Ausdruck 
seelischen Empfindens. Daß diese Schöpfung 
für eine evangelische Kirche gedacht ist, 
mag, abgesehen von der schlichten Größe 
der Darstellungen, eine vom Künstler ge- 
wollte Ähnlichkeit des in diesem Fenster 
rechts stehenden Jüngers mit Luther kenn- 
zeichnen. 

Fast gleichzeitig mit dieser sakralen Schöp- 
fung entstand im Innern Danzigs die von 
A. Carsten erbaute westpreußische Feuer- 
sozietät. Hier war es für unseren Künstler 
vielleicht noch schwerer, die drei für das 
Treppenhaus geschaffenen Fenster den For- 
derungen moderner Glasmalerei anzupassen. 



Dekorative Kunst. XIX. 9. Juni 1916 



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F. A. PFUHLE-DANZIG 



AUSSCHNITTE AUS DEN KIRCHENFENSTERN 



Daß es ihm glückte, bei hinreichender Durch- 
lässigkeit von Licht mit der Darstellung 
des von einer Wolke herab feuerlöschenden 
St. Florian, den rechts und links allegori- 
sche Scenen begleiten, eine dekorativ und 
symbolisch gleich gute Wirkung zu erzie- 
len, darf als ein besonderes Verdienst be- 
trachtet werden. 

Die Darstellungen sind, dem Charakter 
des Baues entsprechend, im Empire-Ge- 
schmack gehalten. An dem leichten, den 
Hintergrund abschließenden Gerüst winden 
sich und züngeln die Blätter gleich Flämm- 
chen empor, eine Illusion, die durch ihre 
rötlich-braune Farbe noch unterstützt wird. 
In diesem leichten Rahmenwerk steht, den 
Haupteindruck beherrschend, hoch aufgerich- 
tet eine Frauengestalt, von spielenden Kin- 
dern umgeben, deren eines sie selbst auf 
ihrer Linken trägt — das Ganze ein Sym- 
bol des Lebens (Abb. S.303). Geht man so 
von dem Gesamteindruck zu der Betrach- 
tung des einzelnen über, dann findet man 
auch hier in den Köpfen einen seelischen 
Gehalt, den man mit klassischer Schönheit 
bezeichnen möchte. 



Es ist mehr als ein Zufall, daß mit dem 
Streben unsrer Zeit nach dem Monumen- 
talen die Kenntnis der alten Technik der 
Glasmalerei wieder auflebt. Der Stilwille, 
der neue Bahnen in Architektur, Malerei 
und Kunstgewerbe einschlägt, vergönnt hier 
einen Blick in seine innere Struktur. — 

An dieser Stelle ist es unumgänglich, der 
großen Verdienste von Heinersdorff-Berlin 
und seiner Werkstatt zu gedenken. Eine ge- 
naue Kenntnis des vorzüglichen Materiales 
und der Technik der Alten, getragen von 
modernem Geiste, läßt ihn aus den Forde- 
rungen der Gegenwart eine sklavische Nach- 
ahmung der alten Scheiben in der aus ihrer 
Zeit geborenen Formensprache vermeiden 
und die besten und persönlichsten Arbeiten 
unserer Zeit betonen. 

So sind die Danziger Glasmalereien 
F. A. Pfuhles alles in allem ein vielverspre- 
chender Erfolg des vorbildlichen Zusammen- 
arbeitens von Künstler und Handwerker, 
wie es in den Werkstätten von Heinersdorff 
im Anschluß an die besten Überlieferungen 
vergangener Jahrhunderte gepflegt wird. 

Martin Konrad 



302 




F. A. PFUHLE, DANZIG a FENSTER IN DER WESTPREUSZISCHEN FEUERSOZIETAT, DANZIG 
Ausführung: Puhl &. Wagner, Gottfried HcincrsdorlT, Vereinigte Wcriistinen für Glumalcrei, Bcrlin-Trtptow 



303 




ARCH. RICHARD BERNDL-MONCHEN D KRIEGSDENKMAL, STEINBANK UM EINEN ALTEN BAUM 



KRIEGSDENKMAL-ENTWÜRFE VON RICHARD BERNDL 



Seit dem Kriege 1870/71 hat sich beinahe 
ganz Europa einem zügellosen Denkmal- 
kult hingegeben, dessen wuchernde Verbrei- 
tung allmählich zur Landplage geworden ist. 
Den meisten Werken derart fehlt der monu- 
mentale Sinn und Stil; sie leiden an barok- 
kem Ueberschwang, der sie um Haltung und 
Würde bringt. Die moderne Kunst hat auch 
hier läuternd gewirkt, indem sie aus den 



Wesenseigenschaften des Monumentes den 
Anschluß an Geist und Form der besten 
Werke vergangener Zeit gefunden. Bis jetzt 
sind allerdings solche Schöpfungen noch in 
der Minderzahl. Das kann auch durch den 
Krieg nicht mit einem Schlag anders werden ; 
denn man krempelt liebgewordene Kunst- 
anschauungen, die einem gar noch Erfolg 
gebracht, nicht gerne um. Immerhin berührtj 



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ARCII. RICHARD BERNDL-MONCIIEN Q KRIEGSDENKMAL, STEINKRANZ UM EINE ALTE LINDE 



es schmerzlich, daß unter den zahllosen Ent- 
würfen für Schlachten- und Heldendenkmale 
so weniges sich findet, das dem Ernst und der 
Bedeutung der Sache entspricht, daß die un- 
freiwillige Muße, die der Krieg vielen Künst- 
lern brachte, nicht im Sinn der Vertiefung 
und Verinnerlichung gewirkt hat. Die mei- 
sten begnügen sich, alte Vorbilder für den 
neuen Zweck zurechtzumachen, ohne sie auch 
nur annähernd zu erreichen. Immer wieder 
tauchen die abgenützten Allegorien und Sym- 



bole der Antike und Renaissance auf; nur 
weniges ist aus einer bestimmten Situation 
geschaffen; die verhältnismäßig spärlichen 
Versuche, mit einfachsten Mitteln etwas Wür- 
diges zu schaffen, sind fast ausnahmslos 
flüchtig, äußerlich, kümmerlich-dünne Ein- 
fälle in magerer Form und ärmlicher Stim- 
mung. Die Mängel dieser letzteren Gruppe 
sind um so bedauerlicher, als bei dem auDer- 
ordentlichen Massenbedarf vor allem aus- 
gereifte Typen schlichter und doch wirk- 



305 





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samer Art notwendig sind. Für solchen 
Zweck genügt nichtirgend ein zeichnerischer 
Einfall, hier führt nur liebevoll sich versen- 
kende Kleinarbeit zum Ziel — auf Grund 
einer besonderen Begabung, die der noch 
lange nicht erwiesen, der gelegentlich einen 
Grabstein entworfen 
oder eine bescheidene 
Denkmalkonkurrenz 



gewonnen 



hat. 



Unter dem Selte- 
nen, das man ausge- 
führt sehen möchte, 
befinden sich die Stu- 
dien und Entwürfe 
des Münchener Ar- 
chitekten Professor 
RICHARD BERNDL. 
Sie zeichnen sich aus 
durch ein klares, 
kräftiges Erfassen 
und Gestalten ganz 
bestimmter Gedan- 
ken, die mit wenigen 
Mitteln auf eine stim- 
mungsvolle Form ge- 
bracht sind. 

Zunächst das „Ge- 
dächtniskreuz fürGe- 
fallene eines ober- 
bayerischenGebirgs- 
dorfes" (Abb. S. 307), 
womit zugleich dem 




RICHARD BERNDL-MONCHEN 13 GEDACHTNISKREUZE 
IM KAMPFGEBIET DES HOCHGEBIRGES 



religiösen Sinn des Volkes und seinen Ge- 
wohnheiten Rechnung getragen wird. Das 
Wegkreuz, das auch sonst sehr beliebt ist, 
das über Wiesen und Felder hinwinkt, am 
Kirchweg und an der Fahrstraße steht, eig- 
net sich jedenfalls in besonderer Weise zur 

Gedächtnisstätte für 
die in der Ferne Ge- 
fallenen: man verei- 
nigt sich gerne mit 
ihnen im Gebet und 
erträgt so leichter 
ihren Verlust. Kunst 
und Leben greifen 
unmittelbar, gleich- 
sam naturhaft inein- 
ander. Die derben 
Formen passen ins 
Freie, das oft rauhes 
Wetter durchstürmt; 
farbig gefaßt, mit 
Blau, etwas Rot und 
Gelb, die weißen Ta- 
feln mit grünen Krän- 
zen umsäumt, wirkt 
solch ein Kreuz fest- 
lich und als Schmuck 
der Landschaft. In 
einem Steinkranz und 
einer Steinbank um 
altehrwürdige Bäume 
(Abb. S. 304 u. 305), 
die seit Generationen 



306 




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RICHARD BERNDL-MONCHEN □ GEDACHTNISKREUZ FOR GEFALLENE EINES CEBIRGSDORFES 



307 




RICHARD BERNDL-MONCHEN G 
WAPPEN UND FIGUR IN BRONZE 



KRIEGSDENKMALE IN STEIN 



denkt hierbei vor allem der dort 
heimischen Truppenteile, deren 
Namen mit den Hauptereignissen 
die Schilder verkünden sollen. Es 
liegt etwas treuherzig Volksmäßi- 
ges in solch schlichter, einheimi- 
scher Zimmermannskunst. 

In ähnlicher Weise könnte im 
baumarmen, aber steinreichen 
Karstgebiet die erfolgreiche Ab- 
wehr welscher Begehrlichkeit 
durch Denksteine gefeiert werden. 
Kraftvoll stilisierte Bronzeadler 
künden mit einem hl. Georg oder 
Michael, christlichen und kriegeri- 
schen Abzeichen das Zusammen- 
wirken religiöser und nationaler 
Gesinnung für einen wahrhaft hei- 
ligen Kampf. Knappe Angaben 
über die Kämpfe und Kämpfenden 
wirken in markiger Schrift als Ur- 
kunden und sachliche Zier. 

Da und dort kann ein wuchti- 
ges Holzkreuz (Abb. S. 309) mit 
dem bayerischen Wappen von den 
besonderen Leistungen dieses tap- 
feren deutschen Stammes ehrendes 
Zeugnis geben. 



als Wahrzeichen in der Gegend 
stehen und ein Opfer des Erwerbs- 
sinnes zu werden drohen, ver- 
knüpft sich gesunde Heimatpflege 
mit der Heldenverehrung. Dem 
Bauern, der durch seine vielfache 
Abhängigkeit von der Natur die- 
ser nicht immer gut gesinnt ist, 
sie mehr nach ihrer Nutzbarkeit 
als Schönheit wertet, ersteht aus 
solchem Schutz und Schmuck mit 
dem Gedanken an gefallene An- 
gehörige und Freunde ein ehr- 
fürchtigeres Verhältnis zur Natur. 
Auch der Wanderer wird davon 
nachdenklich gestimmt: das Knos- 
pen, Prunken und Verwelken der 
mächtigen Laubkronen kündet den 
Rhythmus von Leben und Tod in 
ewiger Wiederkehr. 

Wie im waldreichen Gebirge 
Tirols verschiedene Kampfpunkte 
dem Gedächtnis festgehalten wer- 
den können — wiederum im An- 
schluß an das Gebetsbedürfnis der 
umwohnenden Bevölkerung — zei- 
gen einfach gezimmerte Kreuze 
(Abb. S. 306). Der Künstler ge- 




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Dekorative Kunst. XIX. 4. Juni 1916 



309 



Fürdendunk- 

lenHintergrund 

der östlichen 

Waldbestände 

empfehlen sich 

gedrungene, 
breit gelagerte 
Klötze, die als 
mächtige Hüter 
von Massengrä- 
bern den monu- 
mentalen Zug 
jener Riesen- 
schlachten kom- 
menden Ge- 
schlechtern kün- 
den(Abb.S.311). 
An der Küste 
könnten in ähn- 
licher Weise 
einfache Blöcke 
mit stilisierten 

Schiffskielen 
die ruhmrei- 
chen Taten unserer Flotte verherrlichen. 
Man sieht, all diesen Entwürfen eignet die 




starke Versen- 
kung in die be- 
sonderen Ver- 
hältnisse, eine 

gemüthafte 
Durchdringung 
und knappe 
Form, ebenso 
angemessender 
Größe dieses 
Völkerringens 
wie der prak- 
tischen Durch- 
führbarkeit, 
auch mit be- 
scheidenen Mit- 
teln. Wenn wir 
in solcher Art 
die furchtbare 
Gegenwart den 
Späteren über- 
liefern, werden 
sie von dem 
Ernst unserer 
Gesinnung wie unserer Kunst Achtung ha- 
ben und sich ihrer würdig zu erweisen suchen. 

Jos. Popp 




RICHARD BERNDL G ENTWÜRFE PCR DENKSTEINE AN DER KÜSTE 

310 




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MELITTA LÖFFLER-WIEN 



STICKEREI IN BUNTER WOLLE 



DIE TEXTILARBEITEN VON MELITTA LÖFFLER 



Die persönliche Aeußerung in derartigen 
Dingen des Kunsthandwerkes, in Kissen, 
Decken, Kappen, Beuteln, unterliegt einer viel- 
fachen Beschränkung. Material und Arbeits- 
weise kehren wieder, der gleichbleibende Zweck 
führt zu wenig verschiedenen Formen, der 
Schmuck wird fast zum ausschließlichen Aus- 
drucksmittel für das Besondere der Begabung. 
Sie hat dann die Linie und Farbe, zunächst 
in der Fläche, zu ihrer Verfügung. 

Bei einem solchen Sachverhalt scheint die 
Schulung fast alles leisten zu können. Und 
wirklich ist der Wiener Kunstgewerbeschule ge- 
rade auf dem Gebiete textiler Arbeit in den 
letzten Jahren ein stattlicher und vortrefflicher 
Stock von Handwerkern entwachsen, der Ent- 
wurf und Ausführung aus dem Eigenen be- 
sorgt. Hält man ihn etwa gegen den Nach- 
wuchs an Keramikern — gemeint ist auch hier 
die Masse und ihr Gemeinsames, nicht das Ein- 
zelne, — dann wird es recht offenkundig, daß 
der Erziehungsdurchschnitt dort schon jetzt 
einem höher gespannten, fester geschlossenen 



Niveau näher kommt. Das mag sich daraus er- 
klären, daß Handfertigkeit und Geschmack für 
diesen Arbeitsstoff in Wien bodenständig sind, 
daß auch das Verständnis des Laienkäufers 
mittelbar fördernd eingreift und daß hier die 
grundgebende Uebereinkunft schwerer wiegt als 
der persönliche Einschlag. Alle Ursachen ver- 
binden sich zur Erwirkung eines sozial um- 
schriebenen Handwerkszweiges. Und es ist ein 
wesentlicher Vorzug der Schulwerkstätte, daß 
sie den positiven Wert solcher Voraussetzungen 
gerade hier ganz erkannt und planmäßig genützt 
hat, — nur daß sie innerhalb dieser gut konser- 
vativen Haltung auch die Keime eigener Künst- 
lerschaft im Schüler aufsuchte und in einem 
wohltemperierten Maße pflegte. Nur so er- 
reichte sie, was dieses Handwerk gewiß schon 
heute wieder hat: Kultur. 

Bei Melitta Löffler hat die Linie eine be- 
sonders gelenkige Beweglichkeit, verlangt nach 
hellen, heiteren Farben, bringt das geometrische, 
blumige oder figürliche Muster, das hier einer 
strengeren Stilisierung widerstrebt, zu tonig 



312 




MELITTA LOFFLER-WIEN 



STICKEREI EINER SEIDENEN DECKE 



313 





abgestimmter Geltung. Vielleicht ist gerade 
die Seide der Stoff, in dem sich die feine 
Launigkeit dieser Begabung am entsprechend- 
sten auslebt. Sicher gehört sie zum Besten 



aus dem Erziehungskreise der Wiener Kunst- 
gewerbeschule: Ursprüngliches und Kultivier- 
tes geht hier in gegenseitiger Förderung zu- 
sammen und in eines auf. m. e. 




MELITTA LÖFFLER-WIEN 



STICKEREIEN IN BUNTER WOLLE 



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mmt^t iox Me (!>f hkw. ilnt^rofi- 
m 'Hamen bei' ^r^&ty^atai^n» h» 



tttaior iinÄ Aommanftciir. 



Berlin, 6«tt 7. T^prit 1010. 




HERMANN WIDMER-BERLIN G ADRESSE AUF PERGAMENT PCR FELD.MARSCHALL VON HINDENBURG, CBER- 

REICHT VOM J. GARDE-REGIMENT ZU FUSZ, BERLIN 



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bririam feine |?Imtlichenlü!tartidti>rinBorliu 
öronau, Conöon,pen3ancc. Binftcröam, ßonm» 
I)aoea5fochl)olm,a)rlftiflniaino5kau.nßra-yorh 

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Me liewüctiftcn ßlücfttnünrcheöar. 

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HERMANN WIDMER-BERLIN 



ADRESSE AUF PERGAMENT FÜR HERRN JOH. A. VON WOLFING 



316 




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ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN 



LANDHAUS IN NEUBRUCK: STRASZENSEITE 



ROBERT OERLEY 



Die Art Robert Oerleys steht zwischen 
den Richtungen der neuen Wiener Bau- 
kunst, ist keiner Partei, keinem Programm 
verschrieben, sondern sucht den geraden Ver- 
kehr mit der Besonderheit der jeweiligen 
Aufgabe. Wenn man in der ansehnlichen 
Reihe seiner bisherigen Bauten die Herkunft 
ihres Unterschiedes bestimmen wollte, müßte 
man vor allem auf die bewußte Unterord- 
nung hinweisen, die hier das Verhältnis von 
Objekt und Persönlichkeit regelt. Bauort 
und Bauzweck legen für die Einsicht dieses 
Künstlers einen Rahmen fest, in den er sich 
selber stellt, den er beherrscht, indem er 
ihm dient. Und die Entwicklung seines Wer- 
kes läßt sich wesentlich an dem gesteiger- 
ten Maße ablesen, in dem sich die Aufgabe 
nach ihren Bedingungen darstellt. Dabei 
geht durch allen Wechsel der Leistungen 
als verbindender Zug die klare Männlich- 
keit des Urhebers. 

Robert Oerley ist 1876 in Wien als Sohn 
eines Großtischlers geboren. Zum Nach- 
folger im väterlichen Betrieb bestimmt, hat 
er zunächst das Tischlerhandwerk gelernt 



und als Zögling der Wiener Kunstgewerbe- 
schule ihre damals recht internationale Gang- 
art in allerhand Stilen mitmachen müssen. 
Der Unterricht traf nur insofern einen leben- 
digen Strang dieser Jugend, als er zum 
Handwerk, zum Selbermachen führte. Auch 
späterhin bewies sich Lust und Vermögen 
zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung 
mit dem Stoffe in der besonderen Ansfellig- 
keit des Künstlers, die sich in jedem Hand- 
werk leicht zurechtfand und aus diesem 
tätigen Umgang Erfahrungen schöpft, die 
auch dem leitenden Architekten vielfach zu- 
statten kommen. Aber das übrige Schul- 
wesen stieß bald auf den Widerstand einer 
noch durchaus unklaren Begabung. Neben 
dem Selbermachen gab es doch zuviel des 
Nachmachens,und dieser überwuchernde Teil 
der Erziehung trieb den Ratlosen in ein Feld 
der Kunst, auf dem das Selber alles gilt. 
Oerley wird Maljünger und geht den Büß- 
gang aller jungen Deutschen, nach Italien. 
Mehr als ein Jahr bleibt er dort. Was er 
hier getrieben hat, ist für sich recht belang- 
los und auf den ersten Blick seinem späteren 



Dekorative Kunst. XIX. lo. Juli iqi6 



317 



41 




ARCll. ROBERT OERLEY-WIEN 



LANDHAUS IN NEUBRUCK : GARTENSEITE 



Werke völlig fremd. Er malt Veduten. Ein 
kleiner Rest davon ist mit einer Schenkung 
in die Moderne Staatsgalerie gekommen. 
Man sieht daran, daß Rudolf von Alt da- 
mals in der höchsten Gunst des Publikums 
und der Maler steht, die ihm schlecht und 



recht nacheifern. Aber es war doch ein 
erster, freilich ganz unbewußter Schritt zur 
Architektur, wenn auch an diesen Stücken 
nichts gebaut, auch nicht nachgebaut ist, 
sondern alles bloß auf eine nette Wirkung 
in der Fläche bedacht. Dann entscheidet 




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ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN □ LANDHAUS IN NEUBRUCK: GRUNDRISSE VON ERD- U. OBERGESCHOSZ 

318 





3ig 



41* 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN LANDHAUS IN NEUBRUCK: WOHNDIELE 

Ausführung in FöhrenhoU : Richard Ludwig; der Polstermöbel: Leopold Loevy, Wien 



eine Baukonkurrenz im Familienkreise für 
den künftigen Weg. Der Vater will ein 
Stadthaus bauen, der Baumeister bringt Archi- 
tektenpläne, der junge Oerley findet sie mi- 
serabel und soll's nun zur Strafe besser 
machen. Er versucht's und es wird besser. 
Das läßt ihn selber und ein paar Nahe- 
stehende stutzig werden, und jetzt geht es 
flott ans Nachlernen. Freunde aus der 
Schule der Wiener Technik, namentlich aus 
der Richtung Tetmajers, werden willige und 
gründliche Helfer, der praktische Erziehungs- 
rest bewährt sich jetzt auf neuer Bahn, Ge- 
schick und Sinn fürs Handwerk tun das 
Uebrige. Ueber Jahr und Tag ist der Bau- 
meister fertig und setzt sich in einer nach 
Art und Zahl gleich stattlichen Reihe von 
Werken durch. Man wird schon in diesem 
Weg genug vom Notwendigen und Beding- 
ten finden, das den Griff und die Auffassung 
seiner späteren Arbeit miterklärt. 

Auch ihm blieb, wenigstens vorderhand, 



die Mitwirkung gerade an dem wichtigsten 
Problem moderner Baukunst, an dem groß- 
städtischen Zinshause, versagt. Doch konnte 
er sich in einer verwandten Aufgabe be- 
tätigen: 1908 entsteht das Sanatorium Auers- 
perg in der gleichnamigen Straßedes VI I I.Be- 
zirkes. Sonst muß er sich, wie die anderen 
vorgeschrittenen Architekten auch, sein Feld 
in jenen äußeren Bezirken suchen, wo der 
weniger robuste Unternehmerwille und der 
private Bauherr dem Künstler freieres Spiel 
übrig lassen. Wo die offenere Verbauung 
und die behördliche Regelung die Eigenart 
des Einzelwerkes weniger einschränken und 
wo zudem der Wunsch des Eigentümers, 
es seinem Nachbar zuvorzutun, jedenfalls 
aber es anders zu machen, neben allerhand 
üblen Folgen das Gute mit sich bringt, daß 
sich das Persönliche im Auftraggeber mit 
dem Persönlichen im Baumeister leichter zu- 
sammenfindet. Oerley baut im Döblinger 
Außenviertel Mietvillen, darunter 1906 das 



320 




ARCH. ROBERT OEKLEY-WIEN LANDHAUS IN NEUBRUCK: WOHNDIELE 

Ausführung in Föbrenholz: Richard Ludwig; der Polstermibel : Leopold Locvy, Wien 



gekoppelte Haus mit sechs Wohnungen in 
der Lannerstraße, Einfamilienhäuser, dar- 
unter das in der Türkenschanzstraße des 
XVIII. Bezirks 1907, zuletzt eines inmitten 
einer weitläufigen Gartenanlage in Hietzing. 
Zwischendurch hat er das Landhaus reich- 
lich gepflegt. Namentlich in den nördlichen 
Voralpen. Seit 1910 entstehen dort solche 
Bauten im tirolischen Kitzbühel, bei Neu- 
bruck im Erlaftal und in Kalksburg bei 
Rodaun. 

Voran in diesem Werke steht die offen- 
sichtliche Materialfreude. Sie begründet auch 
zuallererst die lebhafte Klarheit und den 
Wechsel der Erscheinungen, ihre kräftigste 
Aeußerung findet sie in der gemischten Ver- 
wendung von Holz und Mauerwerk an dem- 
selben Gebäude, — bei ländlichen Aufgaben 
tektonisch erklärt, bei städtischen dekora- 
tiv herabgestimmt. Für den Unterbau wird 
gelegentlich großkörniges Flußgeröll mit 
rustikalerWirkungindenAnwurf gesetzt, der 



Mauerkern mit tonigem Edelputz verkleidet, 
das Dach mit grauem Eternitschiefer oder mit 
alten, rostroten Ziegeln eingedeckt, deren 
satter Verein von den helleren Flecken neuen 
Backsteins nur noch betont wird. Das ergibt 
zusammen jeweils ein starkes, breit abgesetz- 
tes Farbenspiel, das umso ansprechender 
und überzeugender berührt, als es das Spiel 
der Stoffe sichtbar macht und damit auch 
die einzelnen Bauteile und die Verschieden- 
heiten der Bearbeitung erkennen läßt. Der 
gewandte Umgang mit den Arten moderner 
Bautechnik und ihre besonnene Zusammen- 
führung in einem Bauwerk führt zu einer 
knappen konstruktiven Ausdrucksweise und 
zu einer merklichen Entlastung der Masse. 
Für den ländlichen Bau sind zunächst 
die Zusammenhänge mit den örtlichen und 
volkstümlichen Gegebenheiten bezeichnend. 
Das Kitzbüheler Landhaus bedient sich noch 
auffällig genug der bodenständigen Mundart 
Späterhin verlieren sich bei ähnlichen Auf- 



321 





ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN 



LANDHAUS IN KALKSBURG: SEITENANSICHT (vol. S. 323) 



gaben derartige äußerliche Anklänge, aber neuen stofflichen und struktiven Voraus- 
die Form bleibt verwurzelt, nur daß sie aus Setzungen und aus der großstädtischen Art 
ihren modernen Baubedingungen — aus den des Eigentümers und seines Baumeisters 




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ARCH. R. OERLEY-WIEN B LANDHAUS IN KALKSBURG: GRUNDRISSE VON ERD- U. OBERGESCHOSZ 



322 





323 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN g LANDHAUS IN KALKSBURG : GARTENSEITE 



— hergeleitet wird. Man vergleiche nur 
jenes Tiroler Landhaus mit dem Kalksburger, 
das zugleich als ein freilebender Landsitz eine 
vermehrte Selbständigkeit für sich in An- 
spruch nimmt. Dabei bleibt auch hier der 
landschaftliche Rahmen und das nahe gele- 
gene Siedlungsbild nicht nur berücksichtigt, 
sondern hat seinen deutlich wirksamen An- 
teil an dem ihm beigeordneten Neuergebnis. 
Im außenstädtischen Bezirke spricht diese 
Umgebung, die natürliche und verbaute, we- 
niger bestimmend mit, da hier — wie die 
Dinge leider liegen — jedwedes mehr in 
sich selber lebt. Das Herrenrecht des Be- 
sitzers dokumentiert sich in seiner unter- 
schiedlichen Einmischung. Bei der Errich- 
tung der Villa Schmutzer (1911) hatte die- 
ses ständige Widerspiel der Kräfte einen 
hinlänglich vernünftigen Grund. Ein bilden- 
der Künstler mit ausgesprochenem Gestal- 



tungssinn will für sich ein Heim, das zu- 
gleich seiner Altwiener Familientradition, 
seiner Kunst und seinen Sammlungen eines 
werden soll. So wird das Haus ein Ergeb- 
nis gemeinsamer Arbeit, die beiden Künst- 
lernaturen finden sich zu liebenswürdigem 
Ausgleich. Sowie nun solche bestimmende 
Einflüsse vom Auftraggeber her aussetzen, 
verstärken sich auch hier wieder die per- 
sönlichen Züge im Werke des Architekten. 
Man halte nur etwa das kleine Einfamilien- 
haus in der TürkenschanzstraOe gegen die 
Gartenvilla in Hietzing. In den wenigen 
Jahren, die dazwischen liegen, hat der Künst- 
ler das vorsichtig Tastende, die Umsetzung 
altdeutscher Motive in neustädtische Bau- 
formen, völlig hinter sich und gibt aus 
eigener Sicherheit ein Stattliches, das seine 
Wirkung aus dem Einfachen und Einleuch- 
tenden schöpft. Gerade hier treten auch die 



324 





ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN 



LANDHAUS IN KALKSBURC: ESSZIMMER 



Auslührunt in Föhrcnhotz : M6b«ltabrlk F. Michel, Vicn 

l>.ko™tl»e K.in«. XIX. lO. Juli tgi< 325 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN 



GARTENViOHiNHAUS IN WIEN-HIETZING (vgl. S. 327) 



326 




327 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN GARTENWOHNHAUS IN WIEN: DIELE 

Ausführung der Holzarbeiten: Richard und Bernhard Ludwig, Wien 



Grundeigenschaften der Oerleyschen Bau- 
lösungen — der straff und eindeutig geführte 
Grundriß und die Hervorhebung des zu- 
sammengehaltenen Baukörpers bei strenger 
Unterordnung der Glieder — besonders 
sprechend hervor. Der Charakter des Gan- 
zen wird scharf herausgearbeitet, was ihn 
abschwächen oder irritieren kann, energisch 
unterdrückt. 

Diese Grundeigenschaften kehren im Haus- 
innern wieder und bestimmen die übersicht- 
liche Aufteilung der Räume. Sie leben sich 
bei gemessener Höhe namentlich in der 
Breite aus, vermeiden alles Winkelwerk und 
lassen das Licht in freier, ungebrochener 
Flut ein. Das Möbel macht diesen einfachen, 
körperhaften Schnitt mit und kann bei der 
vollen Geräumigkeit der Stuben breit ausla- 
den, ohne dem Auswirken des Innenraumes 
im Wege zu stehen, der hier ebenso die 
Hauptsache bleibt wie draußen der Bau- 
würfel. Als Ergebnis bleibt weniger das 



intim-beschauliche Interieur als die ländlich- 
offene Behaglichkeit. Sie verrät sich als ein 
wesentlicher Trieb dieses Schaffens auch 
in jenen Gartenanlagen, die — • einerlei ob 
sie wie bei der erwähnten Doppelvilla auf 
ebenem Boden spielen oder wie am Kalks- 
burger Hause das ansteigende Gelände 
terrassieren — immer die natürliche Frei- 
zügigkeit in die Hemmung einfacher geo- 
metrischer Bindungen bringen. 

Der jetzt vierzigjährige Künstler, der 
spät genug sein eigentliches Arbeitsgebiet 
fand, hat die Versuchs- und Werdezeit hinter 
sich. Seine besondere Vernünftigkeit und 
sein organisatorischer Sinn, der sich auch 
im Bündlerwesen der Architektenschaft — 
er ist Vorstand der „Gesellschaft Oester- 
reichischer Architekten" — reichlich be- 
weist, verlangen nach ihrer Natur wirklich 
großstädtische Aufgaben, um zur Entfaltung 
ihrer besten Möglichkeiten zu kommen. 

Max Eisler 



328 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN GARTENWOHNHAUS IN WIEN: KOCHE 

Ausfuhrung der Wandverkleidung und des Bodenbelags: Lederer & Nessenyi, Wien 




ARCH. ROBERT OERLEY-WIEN □ GARTENWOHNHAUS IN WIEN: KINDERSPIELZIMMER 

Auslülirung: Richard Ludwig, Mtbelfabrik, Wien 



329 




ENTWURF: JOSEF HOFFMANN 




ENTWURF: A. ZOVETTI 




ENTWURF: A. ZOVETTI 



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ENTWURF: G. KAHLHAMMER 



LEINENSTOFFE DER WIENER WERKSTATTE 

330 



L. H. JUNGNICKEL- 
WIEN 




FARBIGER HOLZ- 
SCHNITT: LÖWE 



LUDWIG HEINRICH JUNGNICKEL 



Gegen den österreichischen Charakter der 
Kunst L. H. Jungnicicels ]<ann auch die 
Tatsache seiner oberfränkischen Herkunft nicht 
aufkommen. Wäre es nicht die hier altgeses- 
sene Freude an graphischer Arbeit, die gleich- 
verteilte Lust an Holz und Metall, dann ließe 
sich überhaupt schwer ein fränkischer Grund- 
ton aus seinem Werke herauslesen. Nur die 
unbedingte Hingabe an Material und Technik, 
aus der seiner Kunst jeder Fortschritt und 
jede Erkenntnis kommt, dieses Reifen am hand- 
werklichen Innewerden wird man als klaren 
Erbteil seines Stammes ansprechen können. 
In diesem Erdwinkel, wo Rhein und Donau 
im harten Streit um ihre Nebenwässer liegen, 
hatte die Unstetigkeit des Künstleis von alters 
her ihre Heimat. Die Wasser lockten zum 
Wandern. Die einen zog es nach West, sie 
rief eine früher befreite, rastlos treibendeKultur 
aus dem gebundenen Bergleben ins offene, 
regsame Tal, die anderen folgten den östlichen 
Flußwegen, sie sprach das unverbrauchte, kaum 
erschlossene Reich der gärenden barbarischen 
und gesitteten Mischung mit vielen Stimmen 
an. Jeder Schritt der Sonne entgegen schien 
sie den Wundern und Verheißungen des Ostens 
näher zu bringen. Das stammesbrüderliche Blut 



machte ihnen den Uebergang leicht. In diesem 
Widerstreit stand auch Jungnickel von Anfang 
an. Er war früh nach Oesterreich gegangen, 
meinte dann eine Zeitlang am Rhein seine 
Kräfte entfalten zu können, — aber er litt an 
der ererbten Sehnsucht und wurde so zuletzt 
doch wieder zum Ostfahrer. 

Die Akademie in Wien, die ihn erzog, hat 
in den letzten zwei Jahrzehnten das eigen- 
tümliche Geschick, eine volle Reihe starker 
Begabungen mit dem Recht des Wörtlichen 
auf sich zurückzuführen, wiewohl sie wesent- 
lich nur wenig oder auch nichts mit ihnen zu 
tun hat. Zuweilen nur dies, daß ihre stehende 
und gleichmachende Methode doch nicht tief 
genug an den ursprünglichen Kern greift, um 
seine Wurzeln zu verändern. Daß sich trotz- 
dem viele, die ihre Schüler heißen, schnell 
und gerade zu ganzen Persönlichkeiten ent- 
wickeln, liegt vor allem an der stillen Mitarbeit 
einer Außenströmung, die dem Schulwesen auf 
dem Schillerplatz beharrlich und entscheidend 
entgegenwirkt, die kräftige, suchende Jugend 
an sich zieht und nebenher recht eigentlich 
erzieht. Das ist die Strömung um Josef Hoff- 
mann, der zuletzt fast alles anbeimfillt, was 
bewegt ist und bewegt werden will. Auch 



331 




L. H. JUNGNICKEL-WIEN 



FARBIGER HOLZSCHNITT: FLAMINGOS 



Jungnickel ist in diesem Sinne ein Sprößling 
dieses Kreises. 

Gerade am Gegensatz zur offiziellen Rich- 
tung österreichischer Graphik wird deshalb 
seine Art schlagend erkennbar. Die Unger- 
Schule, deren Nachruhm seitJahren vom Namen 
Ferdinand Schmutzers stattlich fortgetragen wird, 
hat mit ihm nichts gemein und innerhalb ihres 
breiten Anhanges erscheint dieser Künstler 
geradezu als ein versprengtes Fremdstück. Er 
ist weder repräsentativ noch gefällig, er schlägt 
ganz aus der geläufigen Art. Aber schon die 
Vergegenwärtigung Emil Orliks, von dem er 
viel gelernt hat, stellt seine Verbindung mit dem 
österreichischen Wesen überzeugend wieder 
her. Gerade worin er sich am weitesten von 
Schmutzer entfernt, in der Notwendigkeit jedes 



Werkes, der technischen und sinnlichen, der 
Anlage und der Wirkung, gerade darin steht 
er dem Geiste Orliks am nächsten. Mit ihm 
teilt er das restlose Aufgehen im graphischen 
Darstellungsmittei. Und innerhalb dieser, von 
seiner weisen Jugend selbstgezogenen Beschrän- 
kung nimmt er den Schritt zum Ausschöpfen 
der Ausdrucksmöglichkeit jeder technischen 
Spielart, gewinnt in dieser Enge den Reich- 
tum und die geschlossene Kraft seiner Rede- 
weise, ohne jemals seinem Temperament den 
genialischen Seitensprung in Fremdgebiet zu 
verstatten. Es ist die Selbstkultur einer wohl- 
gebauten, straffen und strammen Persönlich- 
keit, die immer ein Ganzes vermittelt, weil 
sie ein Ganzes ist und weil sie — nach dem 
Worte Ibsens — nur „in ihrer Materie denkt". 



332 




L. II. JUNGNICKEL-WIEN 



FARBIGER HOLZSCHNITT: MARABUS 



Für Jungnickel ist Wien die Grenz- und 
Austragstätte westöstlicher Kulturen. Der 
Groüstadtmensch, der im Anschluß an den 
Fortschritt des Gemeinlebens den eigenen be- 
gründet, verbraucht den westlichen Einschlag, 
der Künstler in ihm greift nach den Gaben 
des Ostens. Auch er hatte zunächst den ferneren, 
asiatischen Einfluß verarbeitet, - es war ein 
Schulgang wie für Orlik — ehe er der näheren 
und unmittelbar erreichbaren Quelle an den 
Leib rückte. Gerade jetzt ist er daran, was 
er in den bosnisch-herzegowinischen Reichs- 
landen erfahren, näher durchzubilden, die über- 
strömende Fülle des neuartigen Stoffes durch 
die Form zu überwinden. Noch ist diese neue, 
von jeder früheren Abhängigkeit befreite Form 
nicht klar erkennbar, der Künstler steht mitten 
im Kampfe, sein Stil überwindet eine Krise. 



Aber wir haben die frohe Zuversicht, daß sie 
zur völligen Selbständigkeit, zu restloser Ori- 
ginalität führt. 

Gegenständlich hat er in seinem bisherigen 
Werke das Tierstück, technisch die Spritz- 
zeichnung zu einer Vollendung gebracht, über 
die er innerhalb dieses Rahmens wohl selber 
nicht mehr hinaus kann. Hier liegt der «us- 
gereifte und erledigte Teil seiner Arbeit vor, 
und er ist auch im absoluten Sinne eine Höhen- 
leistung. Es ist kaum denkbar, den Ausdruck 
in diesem Mittel noch weiter zu reduzieren, 
d. h. seine Spannung noch einfacher und straffer 
zu gestalten. Die Methode, die ihn auf dieser 
Bahn zum letzten Ziele führte, war Arbeit. 
Er hält auch auf den anderen technischen 
Wegen, die er geht, an dieser handwerkli- 
chen Erfahrungssteigerung fest und erweckt 



Dekorative Kunst. XIX. 



Juli 1916 



333 



4i 







L. H. JUNGNICKEL-WIEN 



RADIERUNG: REHE 



damit volles Zutrauen auf ihr stetiges, unbe- 
irrtes Reifen. Von der früheren, einfacher 
und straffer gehaltenen Flächenrhythmik, die bei 
zuäußerst reduzierter Linienführung und mehr 
verhaltenen Farbflecken die Sprache der weiß 
belassenen Partien hervortreten ließ, ist er 
jetzt — wohl infolge seiner Beschäftigung 
mit Tapeten — zu einer satteren und beweg- 
teren Flächenfüllung gekommen, die sich zu- 
letzt nicht mehr im Rahmen des Blattes er- 
schöpft, sondern als ein Muster ohne Ende 
darüber hinausdrängt. Reinere, vollere Wirkung 
geben die Beispiele der ersten Art, aber in 
der zweiten wiegt das Selbständige vor und, 
da wir in ihr bloß eine Zwischenstufe sehen, 
erhöht gerade sie die Spannung auf das Kom- 
mende. Auch nur der Wunsch nach Wieder- 
aufnahme der älteren Arbeitsweise wäre an- 



gesichts der inneren Notwendigkeit dieses 
Künstlerweges töricht, — wir wohnen hier einer 
erfreulichen Selbstentfaltung an und finden 
darin Freude und Genügen. 

Hat früher die Radierung das übrige Werk 
nur gelegentlich und unterstimmig begleitet, 
so scheint sie sich gerade jetzt zum gleichbe- 
rechtigten Ausdrucksmittel zuentwickeln. Schon 
äußere Merkmale, die stärkere Zahl der Nadel- 
arbeiten und ihr ins Stattliche wachsendes For- 
mat, bekunden dies. Damit geht die steigende 
Fülle des sinnlichen Inhaltes, die ins Reiche 
und Strömende schwellende Bewegung dieser 
Blätter Hand in Hand. Waren sie früher im 
engen Verbände mit dem Stil der übrigen 
Techniken verblieben, so gibt sich jetzt gerade 
hier der Boden einer ersten Auseinander- 
setzung mit neuen Gesichtserfahrungen, neuen 



334 




L. H JUNGNICKEL-WEN 



RADIERUNG: AUS SARAJEVO 



rhythmischen Problemen zu erkennen. Nament- 
lich die drei jüngsten großen Blätter aus dem 
bosnischen Milieu, „ Die Mädchen aus Sarajevo", 
„Der Ziegenfelsen" und das ,,Oesiliche Straßen- 
bild", wollen als erste Angriffe eines neuen 
Akzentes, der Bewältigung verschiedener, aber 
immer großer Grade der Raumerscheinung 
und -bewegung, genommen und geschätzt sein. 
Sind einmal diese Versuche zu ihrer klaren, 
reduzierten und gesättigten Form gekommen, 
dann wird wohl von hier aus der Holzschnitt- 
stil des jungen Meisters wieder einen bestim- 
menden Fortschritt erfahren. 

Ludwig Heinrich Jungnickel gehört zu den 
köstlichen, keimenden Früchten jener Wiener 
Kunst, die Zeitkultur ist. Die Gesundheit und 



Tragkraft des Stammes verbürgt auch seine 
reifende Erfüllung. Nichts tut dieser Art von 
Schaffen mehr not, als daß sie in steter Verbin- 
dung mit dem Baume bleibt, dem sie organisch 
angehört. Nichts könnte den natürlichen Pro- 
zeß ihrer geraden Entwicklung mehr hemmen 
und gefährden als die Unterbrechung dieses 
Zusammenhanges. Und so bleibt nur zu wün- 
schen, daß Oesterreich hier Einem die Mög- 
lichkeit des Bleibens schafft, der dort nach 
Wahl und Wesen Heimrecht gewonnen, und 
daß man sich eine Kraft nicht entgehen liQt, 
die den gleichmütigen Gang ihres Faches 
wieder in vor- und aufwärts führende Voll* 
bewegung bringt. 

Max Eisler 



335 



43» 



ÖSTERREICHISCHE WERKKULTUR 



Im Juni 1912 tagte der Deutsche Werkbund 
in Wien. Der verdienstvolle Hofrat 
Dr. Adolf Vetter sprach über die „Bedeu- 
tung des Werkbundgedankens in Oester- 
reich". Tagung und Rede gaben den An- 
stoß zur Gründung des Oesterreichischen 
Werkbunds, die am 30. April 1913 vollzo- 
gen wurde. Schon im Jahre 1914 zog der 
Oesterreichische Werkbund als geschlossene 
Organisation zum erstenmal auf Ausstel- 
lungen ; in Köln und in Leipzig legte er Zeug- 
nis ab von dem Gesamtzustand der öster- 
reichischen Werkbundarbeit. Das Oester- 
reichische Haus in Köln war als Ausstel- 
lungseinheit zweifellos die stärkste Abtei- 
lung der Ausstellung. Trat man hier ein, 
so schlug einem wie eine hohe Welle der 
Eindruck entgegen, daß man sich im Um- 
kreis einer auf nationaler Eigenart ruhen- 
den alten Kultur befinde und ihrer im besten 
Sinne zeitgenössischen Auswirkungen froh 
werden dürfe. Es wurde einem offenbar, 
daß die echten Künstler dieses Kreises 
das Kühnste und Unerwartete wagen dür- 
fen, weil sie so prachtvoll fest in eine 
künstlerische Tradition eingebaut sind, deren 
sich beispielsweise die in Berlin schaffen- 
den Werkbündler nicht erfreuen; eine Tra- 
dition, die sich ihrem Schaffen nicht hem- 
mend mit alten Stilen und abgeklungenen 
Formen in den Weg stellt, aber ihnen als 
Maßstab für die 
eigenen Leistun- 
gen so in Fleisch 
und Blut überge- 
gangen ist, daß 
man an Entglei- 
sungen gar nicht 
glauben kann. 

Ein Dokument 
dieser Arbeit liegt 
nun in dem Wer- 
ke „Oesterreichi- 
sche Werkkultur" 
(Kunstverlag An- 
ton SchroU &, Co., 
Wien) vor. Es faßt 
hauptsächlich zu- 
sammen, was in 
Köln und Leipzig 
gezeigt wurde, 
aber es ist nicht 
engherzig, be- 
schränktsich nicht 
auf die Werkkunst l. h. jungnickel-wien 




im engeren Sinn, sondern greift darüber 
hinaus und zeigt Plastiken und graphische 
Arbeiten, die eigentlich in das Gebiet der 
freien Kunst gehören. Breit und gründlich 
ist die Architektur behandelt, in hinreichen- 
den Proben kommen Innenräume, Möbel, 
Metall, Keramik, Glas, Holz und Stein, 
Lederarbeiten, Textilien, Buchtechnik u. a. 
zur Anschauung. Aus den gezeigten Ein- 
zelgegenständen steigt in feinen Schwingun- 
gen der Geist auf, aus dem heraus diese 
Dinge entstanden, und allmählich hüllt uns 
die Atmosphäre österreichischer Kultur ein, 
die uns auch in Köln, im Oesterreichischen 
Haus, umgab. Auf zweieinhalbhundert Seiten 
sind in geschmackvoller Anordnung etwa 
dreihundert Gegenstände abgebildet; ein fein- 
sinniger Begleittext, den der um das Zu- 
standekommen des Buches in erster Linie 
verdiente Universitätsdozent Max Eisler 
schrieb, leitet verständnisvoll und eigenartig 
in das Wesen der österreichischen Werk- 
kultur ein. Sozusagen in Terrassen baut Eis- 
ler das Werkschaffen Oesterreichs vor uns 
auf; hat man seine bei aller Kürze der Fas- 
sung überaus belangreichen Ausführungen 
gelesen, so glaubt man aus einem Privatissi- 
mum über angewandte Aesthetik zu kommen. 
Künstler, Lehrer und Schule — diese Kapitel 
bilden gewissermaßen die Grundlagen des 
Essais; Erzeuger, Aussteller, Händler und 

Käufer bezeichnen 
die Entwicklungs- 
stufen hinein in die 
praktischen Aus- 
wirkungen des 
Werkbundgedan- 
kens und in die 

wirtschaftliche 
Geltung der Werk- 
bundware. Man 
wird vorzüglich 
unterrichtet und 
freut sich, daß der 
Oesterreichische 
Werkbund mitten 
im Krieg auf diese 
vornehme und vor- 
bildliche Art von 
seinem Wesen, von 
seiner Vergan- 
genheit und sei- 
nen Zielen Kunde 
zu geben unter- 

RADIERUNG: JUNGES REH nahm. WOLF 



336 





ARCH. E. J. WIMMER-WIEN 



Ausführung: Wiener VerkiKtle 



SILBERNE VASE UND DOSE 



VON DER WIENER WERKSTÄTTE 



Als sich kürzlich bei der Ausstellung öster- 
^ reichischer Moden und Kunstgewerbe 
in Stockholm ein merkwürdig schneller Kon- 
takt zwischen dem skandinavischen Publi- 
kum und der süddeutschen Darbietung ergab, 
erinnerte ein schwedischer Kritiker an all 
das, was in den letztvergangenen Jahren die 
Schaufenster der nordischen Hauptstadt unter 
der Marke der Wiener Werkstätte gebracht 
hatten. Und er fand darin den Schrittmacher 
für das erobernde Weltwesen des Wiener 
Kunsthandwerkes. Die Werkstätte hatte auch 
hier ihren schweren Weg gehabt, war auch 
hier anfangs verhöhnt und belächelt, scharf 
bekämpft und schüchtern verteidigt worden. 
Aber jetzt, nach Jahren, erwies sie sich als 
die kräftige, unverbrauchte Wurzel für das 
allgemein gewordene Verständnis unserer 
Wertarbeit im Auslande. 

Nicht lange vorher war es auch von 
reichsdeutscher Seite ausgesprochen worden, 
daß das Kölner Richtfest unseres Werkbun- 
des nach Wert und Erfolg ohne die voran- 
gegangene Leistung der Wiener Werkstätte 
nicht zu denken gewesen wäre. Es kam 
hier wie in Stockholm. Die ungemessene 
Arbeit in dem entscheidenden Zeiträume des 
letzten Jahrzehnts, geschehen unter der Miß- 
gunst oder Gleichgültigkeit der näheren und 
ferneren Umgebung, das Versuchen, Wagen 
und Ringen, war zu allererst von dieser 
Stelle aus besorgt worden, die man erst jetzt 
mit jedem Rechtals die Werkstätte des neuen 



Wiener Kunstgewerbes bezeichnen darf. Die 
Ernte fiel und fällt nun den vielen zu, die 
an dem Mut und Ernst des Vorbildes all- 
mählich Anschluß gefunden hatten. 

Das ist ganz ohnetragischenBeigeschmack 
gedacht und auch so zu nehmen. Nicht ein- 
mal als Schicksal jeder werkkünstlerischen 
Originalität, die sich in weiter greifende, 
weiter wirkende Bewegung umsetzt, sondern 
als die voraus erkannte Folge eines plan- 
mäßigen Willens. Nach wie vor ist die Wiener 
Werkstätte nicht zum Ernten für sich da, 
will es nicht sein. Die Verbindung hochge- 
sinnter materieller Förderer mit einem Künst- 
lerstand, der die kleinlich rechtende Eifer- 
sucht des Urhebers nicht kennt, sondern 
das äußerste Ziel seines Wirkens gerade 
dann erfüllt sieht, wenn es die läuternde 
Anregung in weitere tätige Kreise getragen 
hat, führt hier zu jener selbstlosen Form 
eines Unternehmens, die anderswo nur als 
eine ideale Utopie erscheinen würde, die so 
nur gerade in Wien möglich war und wirk- 
lich geworden ist. 

In jenem Wien, das doch jeder selbstwil- 
ligen und unnachgiebigen Kunst mit festen, 
vorgefaßten Urteilen und Entschlüssen be- 
gegnet, das ihre Träger verdrossen oder 
unverdrossen, niemals aber ganz froh wer- 
den laßt. Die Künstlerschaft der Werkstätte 
gehört zur Garde der Unverdrossenen. Das 
liegt nicht bloß an ihrem Führer, sondern 
mehr noch an dem Zusammenschluß, dem 



337 




ARCH. E. J. WIMMER-WIEN 



BLUMENSCHALE, IN SILBER GETRIEBEN 




ARCH. E. J. WIMMER e SILBERNE BLUMENVASE 

Ausführung: Wiener Werkstätte 



338 




die Arbeit Bekenntnis ist. Und eben darum 
kann es hier kein Schwanken und kein Nach- 
lassen geben. Es ist schon ein Mißverständ- 
nis, wenn man in letzter Zeit ein Zurück- 



weichen des Künstlers vor dem Verbraucher- 
geschmack wahrnehmen wollte, und es er- 
klärt sich doch wohl mehr aus dem Näher- 
kommen des Verbrauchers, der durch lange 




ARCH. E. J. WIMMER-WIEN 



BLUMENSCHALE UND FROCHTEKORB 

Ausführung in getriebenem Silber: Wiener WerksUile 



339 




ARCH. JOSEF HOFFMANN-WIEN 



BLUMENSCHALE, SILBER GEBUCKELT 



Gewöhnung erzogen wurde. Aber es ist ein 
ganz wesentlicher Irrtum, wenn man der 
Werkstättenarbeit die Annäherung an brei- 
tere Schichten als eine Pflicht ihrer fortge- 
schrittenen Entwicklung zumuten, also einen 
grundsätzlichen Unterschied zwischen dem 
Beruf ihrer Gründerzeit und ihrer Gegen- 
wart machen wollte. Das Urhebende war 
ihre Wurzel und muß ihr Nerv bleiben. Sie 



nimmt darin keine schwächliche Rücksicht 
auf sich selber und braucht sie deshalb auch 
nach keiner andern Seite zu nehmen. 

Damit hängt es auch zusammen, daß man 
immer wieder die Erwägung vom Verhält- 
nis des individuellen Werkes und sejner so- 
zialen Bestimmung an dieses Unternehmen 
geknüpft hat. Es geschah am unrechten Ort, 
wiewohl das hier gepflegte Kunsthandwerk, 




ARCH. JOS. HOFFMANN-WIEN G SILB. FRUCHTSCHALE MIT PERLRAND 
Ausführung: Wiener Werkstätte 



340 



I 




ARCH. JOSEF HOFFMANN-WIEN 



olLiihKNES KAFFEEGESCHIRR 




ARCH. JOSEF HOFFMANN 13 SILBERNER TAFELAUFSATZ 

Ausführung: Wiener Werkst*tlc 



Dekorative Kunst. Xl.\. lo. Juli 191^ 



341 




ARCH. JOSEF HOFFMANN-WIEN 



SILBERNE SCHALE MIT MALACHITEINSATZEN 




ARCH. E. J. WIMMER 



FRUCHTKORB AUS GEHÄMMERTEM SILBER 




ARCH. JOSEF HOFFMANN SILBERNE TUNKENSCHOSSEL 

Ausführung; Wiener Werkstatt: 



342 





ARCH. JOSEF HOFFMANN-WIEN 



KRONLEUCHTER, IN KUPFER GETRIEBEN 



Ausführuni: Wiener WerksUtte 

343 



*f 




EMMY ZWEYBROCK-WIEN 



WEISZGESTICKTES POLSTER. 



nach Ursprung und Zweck, eine soziale 
Forderung ganz allgemein zu berechtigen 
scheint. Hier gilt sie nicht. Denn nicht um 
die Umsetzung des Originals in ein Massen- 
produkt, sondern eben um die Hervorbrin- 
gung jenes Ersten, das dann anderswo und 
anders zum Mehrmaligen werden kann und 
soll, geht es hier, nicht um Betrieb, sondern 
um Werkstatt, in der Kunst und Handwerk 
in reiner, ausschließlicher und erzieherischer 
Verbindung stehen. Alles Uebrige und da- 
mit auch die wirtschaftliche und soziale 
Ausbreitung des Erstmaligen liegt außer- 
halb, — im Bereiche der Wirkung. 

Und nun zu einem anderen Innewerden 
der Werkstättenrolle, die jetzt, im Zeitpunkt 
des beginnenden Erntehaltens, klarer erkenn- 
bar wird als jemals vorher. Es betrifft die 
Organisation kunstgewerblicher Arbeit in 
Oesterreich. Auch hier hat der schwedische 
Berichterstatter unabhängig wiederholt, was 
der deutsche nicht lange früher bei einem ähn- 
lichen Ausstellungsanlaß festgestellt hatte. 
Nämlich dies: daß in den zugehörigen öster- 
reichischen Betrieben auch dann der Künst- 



ler-Handwerker in der beherrschenden Mitte 
steht, wenn die ökonomische Rücksicht auf 
den Absatz dem Händlerbedenken breiteren 
Einlaß einräumt. Nicht umgekehrt! Daß 
diese Ordnung, die durchaus österreichisch 
im besten und notwendigsten Sinne des Wor- 
tes erscheint, auch nicht umkehrbar ist, dar- 
an hat doch wieder die Einrichtung der 
Wiener Werkstätte gewiß ihren stärksten, 
vorbildlichen Anteil. Und auch in dieser 
Richtung würde sie an weiter wirkender 
Energie einbüßen und als Wegweiserin un- 
absehbare schlimme Folgen — qualitativ und 
wirtschaftlich — für den ihr nachfolgenden 
Betrieb unseres Kunstgewerbes herbeiführen, 
wollte schon sie der mitbestimmenden Teil- 
nahme händlerischer Erwägungen Zugang 
gewähren. Immer erweist sich dasselbe: 
sowie sie war und geblieben ist, in ihrer 
Strenge und Ausschließlichkeit, gibt sie allem 
Uebrigen den stets erneuten, stets erfrischen- 
den Rückhalt. Und von dieser Beständig- 
keit ihrer Gesinnung hängt nicht zuletzt die 
anhaltende Spannung alles Uebrigen ab, das 
im Bereiche ihrer Wirkungen liegt. 



344 




EMMY ZWEYBROCK-WIEN 



SPITZE 




EMMY ZWEYBRÜCK-WIEN 



DECKCHEN IN « EISZSIICKEREI 



345 




EMMY ZWEYBROCK-WIEN 



BUNTGESTICKTE SEIDENDECKE 



An jedem Beispiele ihrer Arbeitsrich- 
tungen beweist sich diese grundsätzliche 
Haltung. Und an jeder Zeitstufe ihres bis- 
herigen Werkes. Deshalb braucht man, soll 
das Wort durchs Bild belegt werden, weder 
nach einem besonderen Schaffenszweige aus- 
zusehen, noch sich gerade an die letzte Ge- 
genwart zu halten. Was hier das Metall 
bietet, gilt im gleichen Sinne für jedes an- 
dere Material, und das Gestern und Heute 
steht auf einer Linie. Mit der Zeit und der 
Persönlichkeit ändern sich die Formen, aber 
die grundgebende werkstättische Gesinnung 
bleibt, — muß bleiben. max eisler 



Werkkunst ist Lebensgestaltung, ausgedrückt 
in Formen, die dem Gebrauche oder auch nur dem 
Auge dienen, immer aber jene Befriedigung her- 
vorrufen, die eine aufrichtige, dem Material und 
Zwecke klar entsprechende Behandlung mit sich 
führt. In der besonderen Art, in der der Künst- 
ler diese aller Werkkunst gemeinsame Aufgabe 
erfüllt, äußert sich seine Persönlichkeit. Doch 
kann ihr Schaffen der Mitwelt, der sie ange- 
hört, nicht entraten. Sie muß ihre Zeit und 
ihren Lebenskreis tätigen Anteil nehmen lassen 
an dem Werke. Nur so gibt sie Lebensgestal- 
tung, nur so wird Werkkunst zur Werkkultur. 
Aus „Oesterreichische Werkkultar" 



346 



TEXTILARBEITEN VON EMMY ZWEYBRÜCK 



In keinem anderen Zweige des Kunsthand- 
werkes werden die Voraussetzungen der 
Schule derart sinnfällig und für das Ergebnis 
der Einzelveranlagung derart entscheidend. Sie 
betreffen zunächst die Technik und die Her- 
leitung des Zierats aus dem verarbeiteten Ma- 
terial. Gegen dieses Gemeinsame, das die Ge- 
diegenheit und Bedingtheit des Werkes glei- 
chermaßen verbürgt, kommt das Talent selber 
nur auf, wenn es auch ein Temperament ist. 
Und das ist Emmy Zweybrück. Sie hat einen 



rassigen, ins Slawische spielenden Farbsinn, 
der das Grelle und Saftige betont, das Poin- 
tierte, nicht das Abgedämpfte und Ausgegli- 
chene sucht. Und er verbindet sich mit der 
breiten, flüssig stilisierten Musterung zu vollen 
Wirkungen. Dabei erstreckt sich ihr Interesse 
auf unterschiedliche Zweige des Kunsthand- 
werkes, auf die Heranbildung eines eigenen 
Schülerkreises, und vermehrt damit die Merk- 
male des Expansiven, die dieses Naturell in 
jeder Hinsicht wesentlich bezeichnen, m. f. 




EMMY ZWEYBROCK- 



AJk^ *■> 



BUNTGESTlCKTtR UMHANG 



347 




EMMY ZWEYBROCK-WIEN 



KISSEN IN BUNTER WOLLSTICKEREI 



EMMY ZWEYBROCK- 
WIEN 




BUNTGESTICKTER 
BEUTEL 



348 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



B DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: 
HAUPTFRONT AN DER BURGGRAFENSTRASZE 




"""Wfifr^^^iir^" 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN /.i ÜLLNDORF; RELIEF AN 
DER VORHALLE VON WALTHER SCHMARJEBERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF 

Ein Schulbau von Paul Mebes 



MEBES hat der Gemeinde Zehlendorf 
ein Schulhaus, eine neue Oberreal- 
schule, erbaut. Nebenan steht ein Gymnasium, 
das vor 15 Jahren etwa gebaut sein mag. 
Erbauer war Thyriot, ein Frankfurter Ar- 
chitekt, von dem die breitere Oeffentlichkeit 
nichts mehr wissen würde, wäre bei dem 
Wettbewerb um die >X'ashingtoner Botschaft 
nicht ein gänzlich unmögliches Projekt von 
ihm mit einem Preis bedacht worden. Dieser 
Thyriot, seines Zeichens Schäferschüler, war 
keineswegs ein unbegabter Architekt. Wenn 
damals die Gemeinde sich ihn heranholte, 
so wollte sie damit schon etwas künstlerisch 
Belangvolles. Dem Bau, den er errichtet hat, 
fehltes auch durchaus nichtan Qualitäten. Man 
kann ihn im Gegensatz zu den meisten 
Produkten aus jener Zeit — heute noch 
sehen. Der Gegensatz zu dem, was Mebes 
geschaffen hat, besteht in dem prinzipiellen 
Ausgangspunkt. Nicht oft hat man so hand- 
greiflich die Beispiele nebeneinander, die 
vergleichen lassen, wieso die tüchtige Ar- 
chitektur von damals und von heute zu so ver- 
schiedenartigen Resultaten kommen konnten. 
Der Wille zur Sachlichkeit ist hier wie da 
zu spüren; bei Thyriot ist er vielleicht nur 
vorhanden, bei dem Neueren vorwaltend, 
eigentlich ausschlaggebend. Beide, der Jün- 



gere wie der Aeltere, lassen sich ganz richtig 
leiten von der repräsentativen Notwendig- 
keit eines solchen Gemeindebaus. Solch 
höhere Lehranstalt im Ort zu haben, ist 
zunächst einmal ein Vorrecht der Gemeinde. 
Sie hat damit ihren Bürgern und denen, die 
sie von anderwärts noch her haben möchte, 
etwas zu bieten. Jung und entwicklungs- 
hungrig wie alle die Gemeinden sind, die 
ihren Aufschwung der Berliner Mietskaser- 
nenmisere verdanken, hat sie guten Grund 
solche Vorteile ins rechte Licht zu rücken. 
Es ist nicht Großmannssucht in solch öffent- 
lichem Bauwerk die aufsteigende Entwick- 
lung, die die Gemeinde nimmt, zu dokumen- 
tieren. Und es ist nicht falsches Pathos, zu 
bekunden, daß man dasWesentliche mit einem 
Sinn fürs Große und Würdevolle tun möchte. 
Thyriot hat diese repräsentative Größe ge- 
sucht durch eine mächtige Architekturcnt- 
faltung, die sich wohl abfindet mit dem pro- 
fanen Zweck des Bauwerks,die diesen Zweck 
wohl auch nie vergewaltigt, die aber doch von 
außen herangebracht ist, während Mebes — 
im Fahrwasser der gegenwärtigen Archi- 
tekturbestrebungen — erst und vor allem 
den Zweck sieht und aus ihm heraus zur 
großen Wirkung zu kommen strebt. Es ist 
wohl nicht falsch, wenn ich mir vorstelle, 



D«lior«tiT« Kunst. XIX. ii. .\u£utt tgt< 



349 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: VORHALLE 



wie bei der Anlage des Gymnasiums der 
Architekt ein großes Haus mit Giebeln und 
Ausladungen und dekorativ wirkenden Fen- 
stereinschnitten sich ausgemalt hat, wie ihm 
eine besondere Materialzusammenstellung: 
Putz mit sandsteinumrahmten Fenstern vor- 
geschwebt hat und wie in dies gefällige 
Gefüge dann, wenn ich einmal so sagen 
darf, Klassenzimmer, Zeichensäle, eine Aula, 
eine Turnhalle usw. hineinverlegt worden 
sind. Das Ergebnis war ein ansehnlicher 
Bau, der ebensogut ein Rathaus, ein Mu- 
seum oder dergleichen hätte sein können. 
Keines von der schlechtesten Sorte, wie 
schon gesagt, aber immerhin eine Sache, 
die sich am besten in der Mappe des Ar- 
chitekten gemacht hätte. Dieses Theoretische, 
um nicht zu sagen: dieses Papierene kommt 
einem noch mehr zum Bewußtsein, wenn 
man jene Materialzusammenstellung etwas 
näher betrachtet. Der rötliche Sandstein- 
rahmen um die Fenster ist das typische 
Produkt des Maintales, wo dieser Stein ja 
gebrochen wird. Am Main, in der Berg- 
straße, die Sachsenhäuser Villen um das 



Städelsche Kunstinstitut herum, das alles 
ist so aufgebaut. Diese Tradition mit ihrer 
besonderen Wirkung hat den Architekten an- 
gereizt und er ist gar nicht auf die Idee 
gekommen, wie so etwas in der Mark sich 
ausnehmen wird. Daher ist man als Be- 
schauer stets in Versuchung den ganzen 
Bau wegzuschieben, zurück in seine süd- 
lichere Heimat. Er ist „Architektur", hat 
wenig mit seinem Zweck und gar nichts 
mit dem Boden, auf dem er steht, zu tun. 
Anders das Produkt einer neueren Archi- 
tekturgesinnung. Mebes hat vielleicht im 
Konzipieren nicht den großen Schmiß, den 
Entwerfer von der Art des Thyriot mit- 
brachten. Aber er baut ein Haus in die um- 
gebende Welt hinein, ein Haus, das gleich- 
sam aus dem Boden, auf dem es steht, her- 
auszuwachsen scheint. Er weiß, wie Rot 
des Ziegels im Grün der märkischen Land- 
schaft steht und berechnet auf solchen Klang 
seine Wirkung. Er hat mit einer Liebe, die 
wahrscheinlich stärker als sein Produktions- 
vermögen ist, aufgespürt, was an schönen 
alten Architekturleistungen in den bürger- 



350 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: HAUPTFRONT 
AN DER BURGGRAFENSTRASZE VON WESTEN GESEHEN 



351 



«• 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: STERNWARTE 

352 



I 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLEN- 
DORP: DIREKTOREN-WOHNHAUS ■ 



liehen Zeiten bei uns aufgeblüht ist und in 
jeden Bau legt er etwas hinein von diesen 
Schönheiten, die ein Teil seiner Natur ge- 
worden sind. Auch dieseZehlendorferSchule 
ist wieder reich an solch guten Architektur- 
elementen, die ihre Verwandtschaft mit dem, 
was zur Zeit Schinkels geworden, nicht ver- 
leugnen. 

Das aber springt zunächst nicht in die 
Augen. An dem Verwaltungsgebäude der 
Nordstern-Gesellschaft (s. Juniheft 1915dieser 
Zeitschrift), das eigentlich nach dieser Schule 
entstanden ist, ist gezeigt worden, mit wel- 
cher Meisterlichkeit — im alten, im Hand- 
werkersinn des Wortes — Mehes es dar- 
auf anlegt, das Einzelne, das Kleine und 
scheinbar Nebensächliche würdig durchzu- 
gestalten. In einem solchen Bau, der nur 
das Notwendige zuläßt und das Praktische 
allenthalben unvermittelt bietet, wirkt diese 
— wahrhaft künstlerische Sorge doppelt 
und dreifach sympathisch. Da gibt es wieder 
einTreppengestänge, wieder einen Zimmeran- 
strich, eine Heizkörperanordnung, die durch 
ihre natürliche Anmut bestricken. Und diese 
Sorgfalt sieht man gesteigert bis zum Monu- 



mentalen, wenn man den ganzen Bau abschrei- 
tet. Gewiß, die Erinnerung an einen schönen 
Eindruck,die Liebe zu einem reizvollen Motiv, 
verleiten Mebes auch einmal zu einer Ab- 
schweifung. Der Turm ist vielleicht so ent- 
standen und dürfte gelegentlich so aufgefaßt 
werden, aber das ist das Bezeichnende an 
Mebes, daß er solche Gelegenheiten immer 
aus einem Zweck heraus steigert. Er baut» 
um zu dem Turme zu gelangen, der Ober- 
realschule, die ja die mathematischen Fächer 
schon sehr weit betreibt, eine kleine Stern- 
warte an. Auf diese Weise sind alle die 
kleinen Aufwendungen legitimiert, die an- 
dere, trockenere Naturen sich erspart hät- 
ten. Er nimmt sich auch die Freiheit, dem 
Direktor ein Häuschen und Gärtchen neben 
die Schule zu stellen, das das reizvollste 
Stück einer Kleinhaussiedelung sein könnte. 
Aber diese Liebe zum einzelnen, zu der 
Feinheit im kleinen schwingt bei ihm im- 
mer wieder zusammen zu einer großen und 
groß wirkenden Einheit. So steht die Schule 
straff und einprägsam an der Straße, so 
ergibt das Nebeneinander des großen Schul- 
baus und des Direktorenhäuschens eine 



353 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: BLICK IN 
DEN HAUPTKORRIDOR DES ERSTEN STOCKWERKES 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: 
VORRAUM DER HAUPTTREPPE ZUR AULA 



354 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORP: TREPPENHAUS 

355 




ARCH. PAUL MEBES-BERLIN 



DIE OBERREALSCHULE IN ZEHLENDORF: TURNHALLE 



Städtebauliche Situation, um die die Gemeinde 
zu beneiden ist. 

Es ist erfreulich, festzustellen, daß eine 
auf Fortentwicklung bedachte Kommune wie 
dieser Berliner Vorort für eine solche An- 
lage nicht allein einen so künstlerisch fein- 
fühligen Geist wie Mebes zu finden wußte, 



daß sie auch eine solch gute Lösung, durch 
verständnisvolles Eingehen auf seine Vor- 
schläge erleichtert hat. Nicht zuletzt mag da 
auch mitsprechen, daß Zehlendorf in dem Bau- 
meister Krug über einen verständnisvollen 
Gemeindebaumeister verfügt, der auch hier 
pfleglich und fördernd gewirkt hat. P. W. 



ARCH. PAUL 
MEBES-BERLIN 




DIE OBERREAL- 
SCHULE IN 
ZEHLENDORF: 
BRUNNEN 



356 




M. VON HUGO-STUTTGART HELDENHOGEL BEI EPOYE IN DER CHAMPAGNE 

Ausnützung vorhandener Naturschönheil zur Bestattung der Krieger im Felde 



KRIEGERGRABMAL UND KRIEGERDENKMAL 

RANDBEMERKUNGEN ZUR WANDERAUSSTELLUNG DER STÄDTISCHEN KUNSTHALLE 

IN MANNHEIM») 



Von allen Aufgaben, die die Ereignisse 
des Krieges an die Kunst herangetragen 
haben, sind diese die dringlichsten: den ge- 
fallenen Helden eine 
würdige Stätte zu be- 
reiten und ihr Andenken 
in edler Form für die 
Geschichte zu bewah- 
ren. Draußen im Felde, 
wo in der Bedrängtheit 
und Unstetigkeit des Be- 
wegungskrieges keine 
Muse zum Ausbau ge- 
ordneter Grabstätten 
blieb, schufen Soldaten 
ihren gefallenen Kame- 
raden schlichte Denk- 
zeichen in ungezwun- 



*) In dem Autsatze lionnten 
und sollten nur Streiflichter ge- 
boten werden. Eine umfangreiche 
und offizielle Publikation „Krie- 
gergräber im Felde und in 
der Heimat** wird im Einver- 
nehmen mit der Heeresverwaltung 
herausgegeben. 




R. WALDSCHOTZ-MANNHEIM ■ SCHLICHTES 
GRABKREUZ AUS GUSZEISEN AUF STEIN- 
ODER BETONSOCKEL 



gener Bescheidenheit und ungekünstelter 
Derbheit, oft ergreifende Zeichen eines un- 
verdorbenen, gesunden Handwerkssinnes. 
Wo später in Ruhestel- 
lung die ordnende Hand 
sichtender Prüfung für 
die Instandsetzung und 
dauernde Erhaltung die- 
ser Grabstätten zu sor- 
gen hatte, konnte sie 
sich nicht selten begnü- 
gen, den geschaffenen 
Zustand zu belassen und 
nur im Material zur 
Beständigkeit zu ver- 
festigen. Ein Gefühl ka- 
meradschaftlicher und 
künstlcrischerPictät er- 
forderte strenge Zu- 
rückhaltung. Ein Haupt- 
augenmerk war zu rich- 
ten auf die zweckmäßige 
und doch wirkungsvolle 
Einordnung der Grab- 



Dekoratire Kunst. XTX. ii. Auffust 1916 



357 




R.ilARTM ANN-LANDSHUT B GRAB- 
KREUZ MIT BUNTER BEMALUNG 
(Landesgewerbeanstalt, Nürnberg) 



bereiten und nur da 
auszujäten, wo — 
wenn auch in guter 
Absicht, so doch mit 
unzulänglichen Mit- 
teln — Male errichtet 
waren, die eine wür- 
dige Ehrung des An- 
denkens der Gefalle- 
nen gefährdeten. Wo 
üppig wuchernde 
Phantasie bei unzu- 
länglicher Gestal- 
tungskraft mancher- 
lei monströse Ge- 
bilde geschaffen hat, 
ist es gleichermaßen 
Takt und Pflicht, sie 
nach Tunlichkeit im 
Hinblick kommender 
Zeiten auszumerzen 
oder umzuformen. 
An der Westfront und 
vor allem in Belgien 
ist die Ausgestaltung 
der Grabstätten in 
diesem Sinne an vie- 
len Stellen eingelei- 



stätten in die Natur: Es 
galt, einzelne Gräber dem 
Schutze eines Baumes an- 
zuvertrauen, auseinander- 
liegende Gräber zusam- 
menzuschließen und sie 
vor Flurschäden und an- 
derer Gefahr zu schützen, 
sie an eine Mauer anzu- 
lehnen oder einem vorhan- 
denen Baumbestand einzu- 
gliedern (Abb. S.357). Ei- 
nen guten Einblick von 
dieser sichtenden Arbeit 
gestattet das Gräberalbum 
des Militärgouvernements 
der Provinz Luxemburg 
(Heldengräber in Südbel- 
gien 1916), das in der sorg- 
samen Aufnahme und do- 
kumentarischen Verarbei- 
tung der Grabstätten blei- 
benden Wert beansprucht. 
Die prüfende Schau 
fachmännischer Berater 
gebot, mit vornehmem 
Takt nur durch ein ord- 
nendes Zurechtrücken den 
dauernden Zustand vorzu- 





W. LOCHSTAMPFER-KARLSRUHE B REICHERE FORM 
EINES GRABKREUZES FOR FRIEDHÖFE DER HEIMAT 



W.BRÄCK-LÜBLCKeKHIEGERGR ABZEI- 
CHEN AUS EICHENHOLZ MIT EISENBE- 
SCHLAG B SCHRIFT EINGESCHNITTEN 



tet und vorbereitet 
worden. Im Osten 
haben die von ver- 
schiedenen Künstlern 
im Auftrag des Kul- 
tus- und Kriegsmini- 
steriums unternom- 
menen Bereisungen 
an verschiedenen Tei- 
len der Front die 
gleichen Ziele in sorg- 
fältiger Prüfung ver- 
folgt. Ihr Inhalt ist 
in festgesetzten Leit- 
sätzen zusammenge- 
faßt. Die Ergebnisse 
dieser Bereisungen 
in der Form von Vor- 
schlägen zur Ausge- 
staltung der Krieger- 
grabstätten — in Ost- 
preußen, Kurland, 
Litauen, Polen — 
zeigen am klarsten 
und bei ihrer offiziel- 
len Inaugurierung 
am bedeutsamsten 
die Richtlinien, nach 



358 




BAURAT HANS GRASSEL-MONCHEN 



CRABKREUZE AUF DEN KRIEGER-EHREN- 
GRABERN IM VALDFRIEDHOF ZU MCNCHEN 



359 



«• 




BAURAT HANS GRASSEL-MONCHEN 



SOLDATENEHRENGRABER IM MÜNCHNER WALDFRIEDHOF 




BAURAT HANS GRASSEL-MONCHEN 



SOLDATENEHRENGRABER IM MÜNCHNER WALDFRIEDHOF 

360 




361 




ARCH. O. STRNAD-WIEN GROSZES KREUZ AUS EICHENHOLZ 

Die Namen der Gefallenen sind auf den kleinen Tafeln angebracht, die an Latten befestigt sind. Standort eine Holzhauergegend 

nahe dem Gebirge. Höhe etwa 18 m 



362 



denen unsere heutige Kunst die 
Lösung der verschiedenen Auf- 
gaben der Kriegerehrung anbah- 
nen muß: frei von leerem Pa- 
thos und falscher Geste, „wür- 
dig der Erinnerung an deutsches 
Heldentum und auch würdig als 
Wahrzeichen dieser gewaltigen 
Zeit". Das Ziel kann nicht 
besser umschrieben werden, als 
mit den Schlagworten, die als 
Motto an die Spitze jeder Er- 
örterung deutscher Krieger- 
ehrung gesetzt werden sollten: 
Edle Einfalt und stille 
Größe. 

Schon frühzeitig waren zahl- 
reiche Organisationen und Ver- 
bände am Werk, aufklärend, sich- 
tend und helfend bei der Erfül- 
lung dieser nationalen Aufgabe 
zur Seite zu stehen. Künstler 
schickten sich an, ihren Teil zu 
dem Werk beizutragen; Vor- 
schläge und Ideenskizzen ent- 
standen für Aufgaben notwendig- 
ster Erfüllung und solche ab- 
wartender Zukunft. Für alle 
diese dem gleichen Ziele zustre- 
benden Bemühungen galt es ein 
Sammelbecken zu schaffen, um 
zusammenzutragen, was Künst- 
ler unserer Zeit zu sagen hatten, 
und wie Künstler vergangener 
Zeiten die gleichartigen Aufga- 
ben würdig und einprägsam gelöst hatten. 
Aus dem Zwang dieser Idee erwuchs die 
Mannheimer Wanderausstellung „Krieger- 
grabmal und Kriegerdenkmal". 

Seit Jahresfrist vorbereitet, trägt sie ihren 
wachsenden und wechselnden Inhalt durch 
deutsche und österreichische Städte. Das 
Gesamtbild, das sie bietet, kann nur frag- 
mentarisch sein, solange der Krieg dauert. 
Zahlreiche Künstler stehen im Felde und 
sind ihrem eigenen Schaffensbereich ent- 
zogen; andere können — innerster Veran- 
lagung gemäß — nur langsam und zögernd 
ihre Kraft den neuen Aufgaben zuwenden. 
Verschiedenartig und verschiedenwertig sind 
die Anregungen und Ideen, die viele Künst- 
ler — Architekten, Bildhauer, Maler — zur 
Lösung der mannigfaltigen Probleme bei- 
tragen. Gewiß stecken manche noch in der 
Entwicklung und bedürfen erst ordnender 
Klärung und Sichtung; andere aber sind be- 
reits zu erfreulicher, schöpferischer Reife 
gediehen. Es gilt vor allem einmal den Um- 




ARCH. F. SEECK-BERLIN SCHLICHTER GRABSTEIN IN DER HEIDE 



kreis der Möglichkeiten der Kriegerehrung 
abzustecken, und allgemeine Grundsätze zum 
Ausdruck und zur Geltung zu bringen. 

Die häufigste Form des Grabzeichens, die 
auch an Kriegergräbern bei der besonderen 
Verknüpfung seiner christlich-symbolischen 
und der deutschen - vaterländischen Be- 
deutung schon ungewollt am Platze ist, ist 
das Grabkreuz. Oft schaffen handwerks- 
mäßig zusammengenagelte Baiken oder Bret- 
ter in guten Maßen und Verhältnissen die 
beste und wirksamste Form. Vielerlei Mög- 
lichkeiten und Umgestaltungen fand die Form 
des Kreuzes besonders in der Heimat, wo 
diese teils dem Schmückbedürfnis einer ge- 
wissen Bereicherung, teils dem gebräuch- 
lichen Herkommen entsprangen. So zeigen 
etwa die Entwürfe von H.Grässel(Abb.S.3S9> 
für den Münchener U'aldfriedhof die ver- 
schiedenartige Ausführung von Grabkreu- 
zen in Holz, Stein und Eisen. Andere Ent- 
würfe — etwa der Nürnberger Landesge- 
werbe-Anstalt (Abb. S. 358) — tragen im 



363 



besonderen volkli- 
chen und kirchlichen 
Bräuchen Rechnung 
in der bunten Art 
ihrer Bemalung und 
in der Ausgestaltung 
einzelner Form- 
teile. Neben Holz- 
kreuzen einfacherer 
und reicherer For- 
men sind beson- 
ders die materialge- 
recht behandelten, 
schmiedeeisernen 
Kreuze (Abb. S.358) 
hervorzuheben, de- 
ren Verwertung in- 
des schon wegen der 
Schwierigkeit und 
Kostspieligkeit der 
Herstellung größ- 
tenteils auf heimi- 
sche Friedhöfe be- 
schränkt sein dürfte. 
Für die Verwen- 
dung auch im Felde 
ist im Hinblick auf 
die verhältnismäßi- 




W. FOLTIN □ GRABSTEIN AUS KALKSTEIN M. EISENKREUZ 



ge Billigkeit des 
Materials das Grab- 
kreuz aus Gußeisen 
zweckmäßig und 
empfehlenswert. R. 
Waldschütz hat ver- 
schiedene Formen 
(Abb. S. 357, 364) ge- 
schaffen, die in Ver- 
bindung mit einer 
gleichzeitig isolie- 
renden Stein- oder 
Betonplatte aufzu- 
stellen sind. Das 
Gußeisen,das schon 
früher und beson- 
ders in der Zeit der 

Befreiungskriege 
einer großen Be- 
liebtheit sich er- 
freute, kann auch 
heute noch durch 
sinngemäße Be- 
handlung der Ober- 
fläche und Berei- 
cherung mit einfa- 
chem, diskretem 
Schmuck ausge- 









R. WALDSCHOTZ-MANNHEIM Q KRIEGER-GRABMAL 
AUS GUSZEISEN 



F. BRAEUNING-BERLIN Q EINZELGRAB FÜR 
EINEN KRIEGER 



364 




A. VON HILDEBRAND-MONCHEN 



EINFACHE GRABPLATTE 



zeichnet werden. Man hatte leider lange Zeit 
den Blick für die Schönheit dieses Materials 
verloren ; und erst die Breslauer Jahrhundert- 
ausstellung öffnete weiten Kreisen die Augen 
für die würdige und geschmackvolle Verwen- 
dung des Gußeisens vornehmlich in der Klein- 
plastik. Schwierigkeiten bietet zumal die 
Schrift; denn die Erhaltung kann durch ge- 
wisse chemische Veränderungen der Zusam- 
mensetzung wesentlich gefördert werden. Für 
die Ausführung einer größeren Anzahl von 
Arbeiten in diesem Material empfiehlt sich 
die Herstellung eines oder mehrerer schrift- 
schöner Alphabete in Matrizen, die aller- 
dings in besonders vorsichtig abwägender 
Raumordnung auf der Fläche zu verteilen 
sind, da die Schrift oft deren einzigen 
Schmuck darstellt. — Für Massenherstellung 
im Felde empfiehlt sich oft zwangsweise aus 
der Not der gegebenen Verhältnisse die Ver- 
wendung des Kunststeines (Beton). Die Etap- 
peninspektion der A.A. Falkenhausen hat in 
diesem spröden Material eine der betreffenden 
Landschaft gut angepaßte Form eines Ein- 
heitskreuzes zur Ausführung gebracht, der 
sich in dem Gesamtumriß (der Verquickung 
der allgemeinen Kreuzform mit derjenigen 



des Eisernen Kreuzes) einzelne Vorschläge 
von F. Seeck nähern, die er in einfacher und 
überarbeiteter Form für die staatliche Be- 
ratungsstelle des Kgl. Preußischen Kultus- 
und Kriegsministeriums geschaffen hat. Eine 
reichere und anspruchsvollere Verwendung 
der Kreuzform hat Strnad, Wien, in seinem 
Riesenkreuz (Abb. S. 362) vorgesehen; ein 
Vorschlag, der zuförderst österreichischen 
Verhältnissen Rechnung trägt. 

Wo es zeitliche Gründe des Herkommens 
oder räumliche Gründe des Ortes erhei- 
schen, ist die Anwendung von Grab- 
steinen allgemeinerer Form nicht zu um- 
gehen. Es empfiehlt sich in irgendeiner 
Weise das Wesen des Kriegergrabes dem 
Auge unzweideutig kenntlich zu machen. 
Unpassend, unwürdig und sinnstörend wir- 
ken in jedem Fall umständliche und auf- 
dringliche Embleme, Trophäen oder der- 
gleichen. Der andeutende Schmuck des 
Eisernen Kreuzes oder des zeitgemäßen 
Helmes in klarer, plastischer Modellierung 
werden die notwendige äußerliche Charak- 
terisierung am raschesten treffen (Abb.S.364). 
Auf Friedhöfen oder überhaupt bei Reihen- 
gräbern bietet die gleichmäßige Wiederholung 



Dekorative Kunst. XIX. 



August 1916 



365 







O. BARTNING-BERLIN 



REIHENGRABERANLAGE IM FELDE AUS TROCKENMAUERWERK 



der einheitlichen Form nach außen hin den heit eines Grabes kann es gestatten, eine 

überzeugendsten und eindringlichsten Ein- differenziertere Form zur Ausführung zu 

druck soldatischen Geistes, kameradschaft- bringen. In der Publikation des K. K. Ge- 

licher Gleichheit (Abb. S. 366/67). Die Isoliert- werbeförderungsamtes (Soldatengräber und 




H. ESCH-MANNHEIM a ERSTER ENTWURF ZU EINER GUSZEISERNEN GRABPLATTE (INZWISCHEN AUSGEFÜHRT) 



366 




J. MATA (SCHULE IlOFFMANN-WlEN) 



SCHLICHTE GRABSTEINE FOR REIHENCRABER 



Kriegsdenkmale, 
Wien 1915) finden 
sich zahlreiche 
Beispiele dieser 
Art in besonders 
subtiler Zeichnung 
(Abb. S. 367). Die- 
se reizvollen und 

phantasiereichen 
Vorschläge sind 
voller Anregung 
im besonderen 
Hinblick auf öster- 
reichische Ver- 
hältnisse; sie las- 
sen sich aber nicht 
ohne weiteres auf 
deutsche Zustände 
übertragen, wes- 
halb eine äußer- 
liche Nachahmung, 
die nur allzu eifrig 
hie und da einge- 
setzt hat, mit al- 
lem Nachdruck 
bekämpft werden 
muß. 

Eine weitere 
Form des Grab- 
zeichens, deren 
Anwendung eben- 




H. ESCH-MANNHEIM D ERSTE VORSCHLAGE ZUR ANLAGE 
VONGRABllOGELN. BEI DEN NEUEREN ENTWORFEN IST DIE 
HÖHE U. DER UMFANG DER HÜGEL AUSGEDRÜCKT WORDEN 



falls wieder von 
gewissen lokalen 
Voraussetzungen 
abhängt, ist die 
Grabplatte, die 
schon manche alte 
deutsche Friedhöfe 
schmückte. Stein 
undGußeisen emp- 
fehlen sich zur 
Ausführung (Abb. 
S. 365/66 u. 360). 
Die gleichmäßige 

Nebeneinander- 
reihung, wie sie 
sich bereits auf al- 
ten Herrnhuter 
Friedhöfen oder 
auf Holsteinischen 
Kriegerbegräbnis- 
stätten verfolgen 
läßt, bietet eine 
starke,einhcitliche 
Wirkung ruhiger 
Gelassenheit und 
vornehmer Zu- 
rückhaltung. Im 
Feldesindsienicht 
seifen bereits von 
den Soldaten zur 
Anwendung ge- 



367 



«• 




A. VON HILDEBRAND-MONCHEN G TUMULUS ZUR BEZEICHNUNG EINES MASSEN- 
GRABS IM FELDE, IN VERBINDUNG MIT DREI EICHEN 




M. GRAUMOLLER-SAALECK G GEDENKSTEIN IN DER NATUR, VCN BÄUMEN OBERSCHATTET 

368 



w^^. 










HARRY MAASZ-LOBECK GEDACHTNISMAL IN DER HEIMAT IN DER ART EINES UMMAUERTEN EICHENHAINS 



bracht, z. B. in den Vogesen, wo geeignete 
Steine zur Hand waren und man einfach 
behauene Platten mit einer schmückenden 
Inschrift versah. Auch in heimischen Fried- 
höfen — in Lübeck und Barmen — hat die 
Form sowohl bei einzelnen Gräbern als auch 
bei geschlossenen Anlagen Eingang gefunden. 
Die Formender einzelnen Grabzeichen be- 
stimmen im wesentlichen das Gesamtbild der 
Friedhofsanlage. Schon durch die gleich- 
mäßige Aneinanderreihung ein und derselben 
Form wird diese unzweideutig als Soldaten- 
friedhof gekennzeichnet. Der soldatische 
Geist hat diese im Wesen des Volksheeres 
gegründete Anschauung ganz unbewußt zum 
Ausdruck gebracht bei der Anlage geschlos- 
sener Grabstätten im Feld oder Etappen- 
gebiet. Manche Schöpfungen sind in ihrer 
sorgfältigen, einfachen und wohlerwogenen 
Durchführung und Gliederung von dauern- 
dem Wert, wie beispielsweise der Friedhof 
in Olita, der mit dem vorhandenen Material 
(Holz) rechnend, eine klar geordnete und 
wesentlich gekennzeichnete Anlage darstellt. 
Die Vorschläge der genannten Künstlerkom- 



missionen verfolgen die gleichen Ziele (Abb. 
S. 370); nur ein schlichter Stein dient als 
schmückende räumliche Zusammenfassung 
und als Erinnerungsmal an die Ereignisse 
der Schlacht oder das Andenken der ge- 
fallenen Helden. Umfangreichere und mit 
noch größerem künstlerischem Bedacht 
durchgeführte Anlagen folgen den gleichen 
Grundsätzen. Einer Richtung der bürger- 
lichen Friedhofskunst nachgebend, rechnen 
diese Entwürfe oft mit einer reichen, ge- 
ordneten gärtnerischen Anlage. So sehr 
diese ordnende Aufteilung eines Friedhofs- 
geländes zu begrüßen ist, so ist sie doch 
bei einer allzuüberstiegenen Durchführung 
eine ernste Gefahr für die Erhaltung der 
Gesamtstimmung der Anlage: An Stelle der 
würdigen Stätte eines Friedhofs entsteht dann 
oft eine gefällige, spielerische Parkanlage, 
deren Eindruck bei dem Ernst und der Würde 
des Platzes strengstens vermieden werden 
muß. 

Dem Charakter des gesamten Waldfried- 
hofes entsprechend sind in München einzelne 
Bezirke bezw. Ausschnitte in geschlossener 



369 



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ARCH. F. SEECKBERLIN 



ERINNERUNGSMAL AUF FREIER HOHE AN DER KAMPFSTELLE (LÖTZEN) 




ALL« nstcin 






ARCH. BRUNO PAUL-BERLIN 



EHRENFRIEDHOF DARETHEN (KREIS ALLENSTEIN) 



370 




WILLY MEYER-DRESDEN KLEINER SOLDATENFRIEDHOF 

Einfriedigung durch eine Hecke. Die Gräber sind mit gleichtSrmigen Holzkreuzen bezeichnet. 
Ein schlicliter Denkstein dient als Elirenmal 




iV\AX GRAUMOLLERSAALECK KLEINER SOLDATENFRIEDHOF I.M TALDE 

Etcuumrankte Steinmauer, schlichte GrabpUtten mit Inschrilten; wOrdiscr Gedenkstein al> Erinneruiit>ii>*l 



371 




ARCH. F. SEECK-BERLIN D KRIEGERFRIEDHOF ALS ABSCHLUSZ ELNER 

FRIEDHOFSANLAGE 
Schlichte Reihung der gleichförmigen Grabplatten; Mauer mit plastischem Schmuclc 



räumlicher Abgrenzung zur Be- 
stattung der Krieger bereitge- 
stellt (Abb. S.360/61) ; auch in an- 
deren Städten begegnet man die- 
ser Art der Ausbildung von Krie- 
gergedenkstätten im Walde, etwa 
in Lübeck und Braunschweig. In 
den meisten Fällen wird die Auf- 
gabe gestellt, der vorhandenen 
Friedhofsanlage einen geschlos- 
senen Soldatenfriedhof an-bezw. 
einzugliedern ;für Karlsruhe hat 
Läuger einen einleuchtenden 
Aufriß entworfen. Für begrenz- 
tere Bedürfnisse gibt das Bei- 
spiel von Seeck (Abb. S. 372) 
wirksame Anhaltspunkte: die 
Betonung des allgemeinen Cha- 
rakters des Soldatenfriedhofes 
durch die gleichmäßig wieder- 
kehrende Form der Grabzei- 
chen, sowie die Hervorhebung 
bezw. räumliche und schmük- 
kende Zusammenfassung durch 
ein schlichtes, unaufdringliches 
Monument, das entweder in un- 
mittelbarer Verbindung mit der 
Friedhofsmauer eingebaut oder 
in freistehender Isolierung auf- 




R. WALDSCHOTZ UND 11. 
GSELL t Q KRIEGERDENK- 
MAL, STEINERNER BRUN- 
NEN MIT KRÖNEND.ADLER 



gestellt werden kann. Selbst bei 
kleineren Soldaten- und Dorf- 
friedhöfen ist diese Anordnung 
ohne großen Aufwand von Ko- 
sten und Material durchzufüh- 
ren, wie die überzeugenden Ent- 
würfe von Meyer (Abb. S. 371) 
und Graumüller (Abb. S. 371) 
andeuten. 

Im Felde, besonders aber auch 
in der Heimat ist die Anlage 
der Kriegergrabstätten im 
Anschluß an die Natur eine 
dauernde, würdige und ein- 
drucksvolle Form der Krieger- 
ehrung. Schon in ältesten Zeiten 
bietet die aufgeschichtete Form 
des Erdhügels die weithin sicht- 
barste und dauerhafteste Gestal- 
tung der Grabstätte. In der Front, 
wo nicht selten Freund oder 
Feind in größerer Anzahl in 
Massengräber zusammengebet- 
tet sind, ist diese ursprüngliche 
Form des Grabhügels fast 
durchgängig anwendbar und 
mit wenig Aufwand an Mitteln 
durchzuführen. Es ist darum 
nicht auffallend, wenn Entwürfe 



372 




Dekorative Kuntt. XIX. ii. August 1916 



373 



zur Durchführung 
dieser Idee von ver- 
schiedenenSeitenund 
an verschiedenen Or- 
ten in gleicher oder 
ähnlicher Form auf- 
getaucht sind; am 
wirksamsten in den 
Vorschlägen von U. 
Janssen für das Ge- 
biet der Armeeabtei- 
lung Woyrsch sowie 
in den Entwürfen von 
H. Esch (Abb. S. 367) 
zur Ausgestaltung 
von Kriegergrabstät- 
ten im Westen, die in 
gesammelter Form 
als kleines Heft zu- 
sammengestellt der 
Oeffentlichkeit über- 
geben werden. Die 
Vorschläge von Jans- 
sen verdienen noch 
besondere Hervorhe- 
bung, weil sie auf 
Grund praktischer 
Erfahrung Anwei- 
sungen zur Gewin- 
nung und nutzmäßi- 
gen Verwertung 
des aufzuschüt- 
tenden Erdreichs 
bieten; erschlägt 
vor, um die Grab- 
stätte einen mehr 
oderminderbrei- 
ten oder tiefen 
Graben zu ziehen 
und die ausgeho- 
bene Erdmasse 
zurAufschüttung 
des Grabhügels 
zu verwenden; 
der umfassende 
Graben bietet der 
Stätte gleichzei- 
tig eine weitere 
isolierende Ab- 
grenzung inner- 
halb der land- 
schaftlichen Um- 
gebung. Unter- 
mauerung oder 
Anfüllung mit 
aufgeschichteten 
Steinen können 
innen zur Ver- 




H. ESCH-MANNHEIM □ KRIEGERDENKMAL IN EBENEM 
GELÄNDE (GEDENKSTEIN) 




. ESCH-MANNHEIM G KRIEGERDENKMAL IN FORM EINES 
MASSIGEN GEDENKSTEINES. VON BÄUMEN UMGEBEN 



steifung der Masse 
beitragen, deren Au- 
ßenseite mit einfa- 
chem Rasen belegt 
ist. EineweitereGlie- 
derung dieser For- 
men des Grabhügels 
führt zu den Typen 
des Tumulus (Abb. 
S. 368) und der Pyra- 
mide (Abb. S.375). Die 
erstere Form wurde 
besonders durch den 
Vorschlag Adolf von 
Hildebrands (Abb. 
S. 368) rasch Allge- 
meingut, und fand 
vielfältige Verwer- 
tung und Umwand- 
lung. Wichtig vor al- 
lem für die Wirkung 
in der Landschaft ist 
die sinngemäße Ver- 
wertung und Anpflan- 
zung geeigneter Bäu- 
me. Bereits der Vor- 
schlag von Hilde- 
brand rechnet mit ei- 
ner solchen Anord- 
nung ; besonders aber 
H.Maaß bietet in 
zahlreiclTen,vari- 
ierten Zeichnun- 
gen verschieden- 
artige Vorschlä- 
ge zur Durchfüh- 
rungdergleichen 
oder ähnlichen 
Idee. Wer einmal 
von dem erschüt- 
ternden, unaus- 
löschlichen Ein- 
druck berührt 
wurde, den die 
Verbindung der 
drei Eichen mit 
dem einfachen 
Grabmonument 
des Generals 
Moreau auf der 
Räcknitzer Höhe 
bei Dresden auf 
den Beschauer 
macht, wird der 
Ausnutzung und 
Beachtung die- 
ser Verbindung 
von Natur und 



374 




F. BRÄUMNG-BERLIN B KRIEGERDENKMAL FÜR DIE GEFALLENEN EINER STADT, MIT VIER INSCIIRIFTTAFELN 




E.SINGER 



KRIEGER-GEDENKBRfNNEN 



Der Brunnen ist dem Ortsbild angepaßt und neben einer bereits vorhandenen Und« auf freiem Plati errichtet 



375 



Menschenwerk das richtige Maß von Be- 
deutung zuerkennen. Immer bleiben solche 
Anregungen — auch einfache zeichnerische 
Darstellungen — ^u begrüßen, da sie das 
Auge auf diesen wesentlichen Punkt der 
Grab- und Denkmalsanlage hinlenken. Auf 
diese Weise sind mit den einfachsten Mit- 
teln wirksamste und ehrwürdige Wirkun- 
gen erzielt worden, wie manche Linde 
oder Eiche zeigt, die dem Sturm der Jahr- 
hunderte trotzend, Kunde geben von Ereig- 
nissen früherer Zeiten. Diese Art der Krie- 
gerehrung zeigt mehr Takt und innere Größe 
als die marktschreierisch aufdringliche Sym- 
bolik, die oft in gespreiztem Gewände sich 
breitmacht. 

Die Denkmale mancher früheren Kriege 
sind grausame Zeichen einer Verwilderung 
des künstlerischen Geschmackes und wenig 



vornehmer Gesinnung. Darum konnte nicht 
genug in diesen Zeitläuften von den ver- 
schiedenen Stellen aus gewarnt werden, die 
Errichtung der Denkmale nicht zu über- 
stürzen, die Ideen der wartenden Künstler 
— und nicht der schlechtesten — reifen zu 
lassen, um eine wahrhafte und würdige 
Ehrung zu schaffen, die auch vor der Kritik 
einer bewertenden Zukunft standhält. Denk- 
male zu vermeiden, wird nicht möglich sein; 
der Gedanke steckt unserem Volke im Blut; 
auch wächst er oft organisch aus äußeren 
Notwendigkeiten und Gegebenheiten. Man 
denke sich einen Marktplatz einer russi- 
schen Stadt, auf dem gefallene Krieger be- 
stattet sind; in unmittelbarer Nähe liegt ein 
Musikpavillon, der in friedvollen Zeiten wie- 
der der Muse und Unterhaltung dienen wird. 
Es wäre sinnwidrig und störend, den Cha- 




GERHARD MARCKS-BERLIN 



SKIZZE ZU EINEM KRIEGERDENKMAL 



376 




377 




K. ALBIKER-ETTLINGEN 



ENTWURF ZU EINEM KRIEGERDENKMAL 



rakter dieser Begräbnisstätte dauernd bei- 
zubehalten; und mit vollem Recht schlug die 
ordnende Hand des Künstlers die Aufstel- 
lung eines Denkmales in schlichten, der ört- 
lichen Tradition angepaßten Formen vor. 
Die Aufgabe des Denkmals ist an sich 
eine anspruchsvollere, ist vor allem auch 
eine zukünftigere. Anspruchsvoller, weil sie 
schon inhaltlich dem Wesen nach einen um- 
fangreicheren Sinn zum Ausdruck bringen 
will; zukünftiger, weil sie im besonderen 
das Geschehen und die Größe der Gegen- 
wart einer kommenden Zukunft aufbewahren 
will. Dazu kommt, daß das Denkmal — 
meist ohne unmittelbare Verbindung mit der 
Grabstätte — eine selbständigere Ausbil- 
dung verlangt, da es des Stimmungswertes 
der Grabstätte entbehren muß und nur in 
der Eindeutigkeit und Klarheit seiner For- 
mensprache Abbild und Ausdruck des Zeit- 
geistes sein kann. Künstler sind am Werke 
und breiten ihre Ideen aus, die sie in Skiz- 
zen niederlegen: Architekten und Bild- 
hauer. Die strenge und gebundene archi- 
tektonische Form muß ausgezeichnet sein 
durch würdige Einfachheit, harmonische 
Aufteilung der Massen, klare Anordnung 
der Schrift, die auch in ihrem möglichst 
strengen und schmucklosen Charakter Aus- 
druck der strengen Sachlichkeit und des 



feierlichen Ernstes sein muß. Bildhauer 
schaffen konkreter, sinnhafter; die plasti- 
sche Gestalt rückt in den Mittelpunkt der 
Gesamtform, sei es in der bildnerischver- 
einfachten Form eines knienden Soldaten 
(Abb. S. 376), sei es in der rhythmisch be- 
wegten Gruppe dreier Grenadiere (Abb. 
S. 378), oder in der symbolisch ausdeuten- 
den Gruppe hingebenden Opfersinnes (Abb. 
S. 379) : ohne Pathos, ohne Schrei, würdig, 
edel und schön. Die Entwürfe zeigen das 
Ringende, das Werdende; oft wird das Sym- 
bol der Größe einer Zeit erst durch die 
Reife des Erkennens und die Distanz des 
Erlebens geschaffen, und so ist die Aufgabe 
der Kriegerdenkmäler im besonderen eine 
solche reifender Schöpfung und lebendigster 
Kunstempfindung. 

Oft läßt sich mit der Aufstellung der Denk- 
male ein praktischer, städtebaulicher Zweck 
und Gedanke zur Durchführung bringen: 
Etwa in der wirksamen Anlage eines Ehren- 
haines, eines öffentlichen Platzes, oder eines 
einzelnen Brunnens (Abb. S.375). Schon 
durch den einem praktischen Zweck ent- 
sprungenen Charakter entgehen diese Werke 
viel leichter der Gefahr, aufdringlich, ge- 
künstelt, gezwungen zu erscheinen. Beson- 
ders auch für kleinere Gemeinden lassen sich 
derartige zweckmäßige und schöne Möglich- 



378 




GEORG KOLBE-BERLIN 



GRUPPE ZU EINEM KRIEGER-GEDENKBRUNNEN 
379 



keiten einer Kriegerehrung finden, von denen 
in einem zweiten Teil unter besonderer Be- 
rücksichtigung der Gedenktafeln und Ge- 
denkblätter gesprochen werden soll. 

Wie ein Künstler unserer Tage sich die 
zukünftigste Aufgabe eines großen Natio- 
naldenkmals denkt, möge der Entwurf von 
P. Bonatz (Abb. S. 377) zeigen: es will in 
seiner ruhigen und sicheren Formensprache 
ein ernster und würdiger Ausdruck der Zeit 
sein. Die Maße sind gewaltig : 60 Meter Höhe, 
50 Meter Breite. Die Flächen sind vorge- 
sehen in braunroten und violetten flachen 
Klinkern mit breiten Fugen. An den Pfeiler- 
seiten sind plastisch schmückende Darstel- 
lungen angebracht in edlem Stein. Der 



Schöpfer denkt sich das Monument in einer 
flachen Ebene liegen mit weitem, freiem 
Horizont; es soll unmittelbar aus der offenen 
Landschaft aufwachsen, etwa in der Nähe 
einer bedeutenden Eisenbahnlinie gelegen 
sein. Eine einfache Zufahrtsstraße ohne 
Bäume soll in leichter Windung auf die Stufen 
zuführen, — ein Plan, der in der Größe der 
Anschauung viel Bestechendes hat. Er 
steht neben anderen und ähnlich gerichteten 
Entwürfen verschiedenster Künstler. Prü- 
fende Kritik und reifende Erkenntnis müs- 
sen dazu beitragen, auch für die Erfüllung 
dieser letzten und schwierigsten Aufgaben 
eine der Größe der Zeit würdige Lösung 
zu schaffen. dr. W. F. Storck 




H. ESCH-MANNHEIM 



GRABPLATTE AUS GUSZEISEN 



380 




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ARCII. OSWIN IIEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSM ANNSDORF: VORFAHRT 



EIN LÄNDLICHER WOHNSITZ VON OSWIN HEMPEL 



Anfangs mußte die neue Zeit, die vor zwei 
jt\ Jahren anbrach, alles jenseits der Grenzen 
von Blut und jeder Erschütterung und Zer- 
störung auslöschen. Man hielt den Atem an 
und lauschte nur noch auf das Hämmern des 
Schicksals, das von draußen hereintönte. Die 
wohlgepflegten Gärten unsrer geistigen Kultur 
lagen auf einmal in trübem Schatten, und ihre 
Brunnen schienen zu versiegen. Dann hoben 
sich die Schleier, die Luft ward heller, die 
Gehirne arbeiteten wieder ruhiger und die 
Sinne begannen ihr Recht zu fordern. Wer 
daheimgeblieben war, durfte das Besinnen auf 
die inneren Pflichten des so schwer um sein 
Dasein arbeitenden Volkes beruhigter in die 
Tat umsetzen. Man brauchte sich nicht mehr 
vor den Kämpfenden zu schämen, wenn man 
Kunst und Bildung, Erziehung, Mode, Lebens- 
freude und -Veredelung in jeder Form wieder 
betrachtend und genießend ins Auge faßte. 
Es war gleichsam das geistige Erbe eines Ver- 
schollenen, aber Lebenden, das es zu ver- 
walten, ja zu mehren galt. Fäden, die seit Aus- 



bruch des Kampfes lose hingen, wurden neu 
gespannt, verjährte Rechnungen in neue Sum- 
men von Energie und Schaffensfreude um- 
gesetzt. Der Aufschwung aller angewandten 
Künste, den das neuejahrhundert in Deutsch- 
land gebracht hatte, war selbst durch das nun 
feindliche Ausland nach manchem Sträuben 
anerkannt worden. Vor allem die Architektur 
schien berufen, den Platz, den sie sich nach 
rastlosem Bemühen in der geistigen Welt der 
Gebildeten errungen hatte, selbst in der un- 
geheuren Verschiebung aller Werte, zu der 
den Einzelnen der Krieg zwang, neu zu fe- 
stigen und zu verliefen. In Feindesland mußte 
sich neben den Linien der Landschaft beson- 
ders die Eigenart der Siedelung auch dem 
ungeschulten Auge deutlich einprägen. Städte- 
bilder von seltener Großartigkeit, wie Brüssel 
und Warschau, erweckten Bewunderung für 
die künstlerische Ausdruckskraft einer großen 
Vergangenheit. Wer aber mit der polnischen 
Bauernhütte und dem charakterlosen Reihen- 
haus, das den Kleinstädten und Dörfern des 



Dekorative Kunst. XIX, ij, September 1916 



381 





ARCH. OSWIN HEMPEL- DRESDEN Q HAUS WOLF- 

COSSMANNSDORF: LAGEPLAN, OBERGESCHOSZ UND 

ERDGESCHOSZ DES WOHNHAUSES 




besetzten Frankreichs ihr Gesicht gibt, nähere 
Bekanntschaft machte, dem wuchs im Vergleich 
das Bild des heimatlichen Hauses, wie es in 
reicher Mannigfaltigkeit auf deutschem Boden 
erwachsen ist, zu vorher kaum geahnter Schön- 
heit und Würde heran. Es war kein nationales 
Pharisäertum, das in imm.er neuer Dankbar- 
keit den inneren Reichtum unsrer Hausbau- 
kunst pries, sondern der ehrliche Stolz auf 
die Errungenschaften unsres eingebornen äs- 
thetischen Willens. Aus dem Zwange, sich 
praktisch in fremde Behausungen einzuleben, 
die Spannkraft des individuellen Lebensgefühls 
im Anpassen an neue Raumtypen zu erproben, 
entwickelte sich die Fähigkeit zu schärferem 
künstlerischem Urteil über Art und Absicht ar- 
chitektonischer Gestal- 
tung überhaupt. Diese 
unfreiwillige Stärkung 
eines Vorstellungskrei- 
ses, der unter allen 
Kategorien künstleri- 
scher Teilnahme bisher 
die geringsten selbstän- 
digen Entwicklungsaus- 
sichten gezeigt hatte, 
kam der Heimatliebe 
selbst zugute. Vielleicht, 
wenn der Gedanke der 
Kriegerheimstätten erst 
wirtschaftlich fest ge- 
gründet ist, erleben wir 
aus dem Ineinander- 
greifen einer geradezu 
triebhaften Sehnsucht 
nach der eignen Scholle 
mit dem abgeschlosse- 
nen Eigenhaus und der 



382 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRi:si)l.N 



HAUS WOLF COSSMANNMiJhl : MRASZENSEITE 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSMANNSDORF: NEBENGEBÄUDE 



383 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSMANNSDORF: VERSENKTER GARTEN 



künstlerischen Selbstzucht, zu der die archi- 
tektonische Bewegung der deutschen Gegen- 
wart die Keime gelegt hat, eine neue Blüte 
der deutschen Hausbaukunst. 

Denn diese Kunst, so Köstliches sie auch 
in alten Zeiten geschaffen, hatte sich ja vor 
dem Kriege kaum erst aus der Unfruchtbar- 
keit eines billigen Formalismus zu stärkeren 
Schöpfungen von innerer Gesundheit und 
Wahrhaftigkeit erhoben. Ein feiner Beobach- 
ter wie Felix Poppenberg las noch vor weni- 
gen Jahren in der Grunewald-Kolonie, in der 
doch Reichtum und landschaftliche Schönheit 
zu Hause sein müßten, eine wahre Muster- 
karte architektonischer Mißgestaltungen heraus. 
Falsch frisierte italienische Lustschlösser, fran- 
zösische Chateaux, norwegische Hundinghütten, 
Schweizerhäuschen mit Laubsäge-Niedlichkei- 
ten, Jenny TreibelVillen, die ihren Familien- 
sinn mit redseligen Sprüchlein auf der Fassade 
verkünden, unorganische Produkte aus Ueber- 
gangszeiten, an denen die Außenseite in cha- 
rakterloser, kalter Pracht von einem unper- 



sönlichen Baumeister vorgeklebt ist, zusam- 
menhanglos mit dem Inneren, das etwa von 
einem modernen Architekten in solche un- 
dankbare Umrahmung geschickt hineinkompo- 
niert wurde. In dies Chaos hinein fiel das 
Evangelium von der vorbildlichen Erscheinung 
des Landhauses in England. Während die einen 
in der häuslichen Baukunst Englands das Ideal 
einer Moderne erblickten, die in größter und 
natürlichster Sachlichkeit ihre Aufgabe so un- 
befangen löste, daß zwischen den Häusern 
der alten Zeit und denen der Gegenwart trotz 
aller technischen Fortschritte, die hier Kon- 
struktion und Einrichtung bedingten, eine grade 
Linie der Entwicklung zu liegen scheint, sahen 
die anderen in der Rückkehr zu dem bürger- 
lichen Wohnhaus des ausgehenden achtzehnten 
Jahrhunderts und in der Anknüpfung an die 
hier gegebenen Erzeugnisse einer geschlos- 
senen Baukultur das einzige Heil. Hier — 
nämlich in England — fand der eine vernunft- 
gemäße Lebensweise und Architekten, welche 
ihren Aufgaben gewachsen waren, bei uns 



384 




385 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSM ANNSDORF: DURCHBLICK AUF DEN GARTEN 

386 



Parvenütum und gänzlich unbefähigte und falsch 
erzogene Baukünstler. Dem Theoretiker des 
Bauwerkes als eines in der Idee gefaCten und 
zu Papier gebrachten körperlichen Gebildes 
aber und dem Anhänger der symmetrisch durch- 
geführten Stilweisen der Urgroßväterzeit wird 
die Verworrenheit in dem äußeren Organismus 
des manor-house nichts als eine Quelle von 
Mißverständnissen für jeden, der diesen am 
Endpunkte einer großen Entwicklung stehen- 
den Typ auf andern Boden zu verpflanzen 
sich unterfängt. 

Es ist kein geringer Ruhm für die jüngere 
Generation der deutschen Baumeister, daß sie 
aus diesem Zwiespalt den Weg zu einem 
Schaffen gefunden hat, das in seinen ge- 
lungensten >X'erken als ein wahrhafter Aus- 
druck der geistigen Kultur und der wirtschaft- 
lichen Tüchtigkeit des deutschen Bürgers der 
Neuzeit genommen werden darf. Daß die Auf- 
nahme englischer Baugedanken, so unendlich 
viel Wertvolles wir ihnen entrungen haben, 
in der Gegenwart noch viel Anhänger finden 
wird, kann kaum befürchtet werden. Dennoch 
wäre es eine chauvinistische Gesinnungslosig- 
keit, wollten wir uns der Elemente einer klaren 
und formsicheren Raumkunst schämen, die, 



vielen wohl unbewußt, aus den Landhäusern 
des Inselreiches in unser Bilden übergegangen 
sind. Wenn wir aber dem Kriege nichts an- 
deres verdanken sollten als ein Erstarken jenes 
wundervollen Heimalgefühls, das sich mit 
gleicher Liebe in die Linien der Landschaft 
wie in die steinernen Zeugnisse einer uner- 
schöpflich aus sich selbst wirkenden und zu 
freier Schönheit gestaltenden Volksseele ver- 
senkt, so dürfen wir ohne Zaudern die Auf- 
gabe übernehmen, dem Bürger des durch den 
Kampf gestählten Vaterlandes in Stadt und 
Land das Haus zu erbauen, das als die Grund- 
lage jeder natürlichen Gemeinschaftsform, der 
Familie, auch letzten Endes die Keimzelle 
jeder größeren staatlichen Bildung darstellt. 

Das Haus, das diese Blätter zeigen, ist nicht 
in den Jahren des Krieges erbaut worden; aus 
der Bekanntschaft mit ihm kann nicht im 
eigentlichen Sinne ein Beweis dafür genommen 
werden, daß die in den Werdejahren der neuen 
Baukunst gelegten Keime die Stürme dieser 
Zeit überdauert haben. Aber seine Entstehung 
fällt in die Zeit unmittelbar vor Ausbruch des 
Krieges, und so haben wir ein Recht, es darauf 
zu betrachten, ob die Kräfte der Gesundheit 
und Freiheit künstlerischen Ausdrucks, die ein 




ARCH. OSWIN IIEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLFCOSSM ANNSDORF: SPALIERLAUBE UND NATURBAD 
387 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSM ANNSDORF: HAUSTOR 



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Dakontir« Kunit. XIX. 19. Soplimbw Iglt 



389 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLFCOSSMANNSDORF 
Gl KAMIN IN DER HALLE ■ 



390 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS VOLF-COSSM ANNSDORF: HERRENZIMMER 



391 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSM ANNSDORF: ECKE IM SPEISEZIMMER 



Volk wie das unsre nicht entbehren kann, und 
deren Vorhandensein unsre Gegner uns so 
leidenschaftlich bestreiten, auch in seiner Er- 
scheinung zu spüren sind, und ob es gelungen 
ist, in ihm den Typus des vornehmen Land- 
hauses würdig und persönlich neuzuprägen. 
Sein Schöpfer, Professor Oswin Hempel in 
Dresden, ist seit Jahren einer der angesehensten 
jüngeren Architekten Dresdens, wo er als Leh- 
rer an der Technischen Hochschule wirkt. Er 
ist aus der Schule Paul Wallots und aus dem 
Kreise derer um Fritz Schumacher und Wil- 
helm Kreis hervorgegangen; von Natur zu 
monumentalen Gestaltungen drängend, hat er 
es doch verstanden, in zahlreichen städtischen 
und ländlichen Wohnbauten das Praktische in 
ein Gewand von schmuckfrohem Behagen und 
solider Eleganz zu kleiden, aus vollem Ver- 
ständnis für die Erfordernisse des individuellen 
Familienlebens den Organismus der Räume 
zu formen. Der Bauherr dieses Hauses, dessen 
industrieller Wirkungskreis ihn von der Haupt- 
stadt fernhält, wünschte in der Nähe seiner 
Arbeitsstätte ein Heim, das die durchgebildete 
Wohnlichkeit des Stadthauses mit der heitern 



und offnen Gliederung des Landsitzes ver- 
einigt. 

Der Baugrund liegt im Südwesten Dres- 
dens an der Stelle des Vorlandes zum Erz- 
gebirge, wo sich im Weißeritztal die beiden 
Flüßchen, die wilde und die rote Weißeritz, 
vereinigen, um nach Durchfluß durch eine 
industriereiche Gegend und den einst wegen 
seiner Felsromantik hochgeschätzten Plauen- 
schen Grund als ein stattlicheres Gewässer dicht 
unterhalb der Hauptstadt in die Elbe zu münden. 
Im Rücken, gegen Westen, von dichtbewaldeten 
Hügeln geschützt, öffnet sich die Baugruppe 
gegen Nordosten nach dem Tal, von dessen 
Wiesengrund die Häuser von Coßmannsdorf 
sich zu halber Höhe des Hanges hinaufziehen. 
Die freie Ausdehnung des Geländes machte 
es möglich, das eigentliche Wohnhaus mit dem 
Wirtschaftsbau und den Automobilschuppen 
samt der Chauffeurwohnung und dem Gewächs- 
haus zu einer bewegten, aber doch klar dispo- 
nierten Baugruppe zu vereinigen. Das Wohn- 
haus, mit einem hohen Sockelgeschoß und 
einem Obergeschoß, ragt mit seinem energisch 
zurückgenommenen Mansarddach hoch über 



392 




393 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSMANNSDORF: BAD 



den First des Wirtschaftsflügels empor; der 
Zwischenbau, der das selbständig behandelte 
Portal mit der Unterfahrt an der Fassade ver- 
schiebt, trägt ein einfaches Pultdach. Die 
durchweg im Kreissegment geschlossenen Fen- 
ster, die schnittige Zusammenfassung der 
Ecken in gelbgrauem Sandstein, die drei Erker 
des Erdgeschosses, von denen der an der 
Schauseite reichere figürliche Durchbildung der 
Pfeiler bietet, besonders aber der breite, 
schattige Sims des Daches ergeben, im Verein 
mit dem flachen, schlichten Friesband zwi- 
schen den Geschossen ein Bild ruhig hinge- 
lagerter Seßhaftigkeit. Und die herrschende 
Horizontale wird durch einen niedrigen Ar- 
kadengang aufgenommen, der das abseits ge- 
legene Wagenhaus mit dem Wohnhaus ver- 
bindet und zugleich die Aufgabe erfüllt, den 



Garten gegen die Straße zu verdecken. Von 
einem runden Pavillon, der den Anfang des 
Laubenganges bezeichnet, öffnet sich der Blick 
in der Achse des Gartens über ein Blumen- 
parterre und den von niedriger Steinmauer um- 
friedeten Rasenplatz zu der Pergola, die den 
Tennisplatz verdeckt. Der Garten enthält in 
seiner Nordostecke ein kleines Schwimmbad, 
das sich mit einer luftigen, säulengetragenen 
Ankleidehalle in die äußere Grundstücksmauer 
schmiegt. 

Die im Grundriß so unregelmäßig wirkende 
Anlage ist, als plastisches Ganzes, dank den 
mit größter Feinfühligkeit abgewogenen Ver- 
hältnissen von vollkommener Harmonie und 
anmutiger Kraft. Während die dem Besucher 
sich zuwendende Westfront die Unregelmäßig- 
keit der Fensterachsen kaum recht zu Be- 



394 




ARCH. OSWIN HLAIPIL-DKESDEN 



HALS UOLF-COSSMANNS- 
DORF: GARDEROBERAUM 



wußtsein kommen läßt, erweckt dies an der 
Gartenseite den Eindruck eines lebenstrotzen- 
den Organismus, der sich von innen nach 
außen, in ländlicher Sorglosigkeit, aber durch 
das mächtige Dach väterlich behütet, in die 
Natur und ihre Reize und Gaben hineinwächst. 
Die Anlage des Innern wird durch den Wunsch 
nach wenigen, aber deutlich charakterisierten 
und durch stark sprechende Motive beherrsch- 
ten Raumeinheiten bestimmt. Eine gewölbte 
Vorhalle, deren farbige Kachelwände heiter 
glänzen, führt in den Empfangsraum, der über 
wenige Stufen unmittelbar in die Halle über- 
geht. Ein von zwei freistehenden Marmor- 
säulen getragener Rundbogen schlägtden Akkord 
festlicher Würde an, der durch das in reichem 
Maße als Vertäfelung verwandte Holz, die helle 
Decke mit den wuchtigen Unterzügen und die 



gelassene Linie der Treppe, deren üppig ran- 
kendes Geländer den Blick lebhaft fesselt, 
weitergetragen wird. Eine sehr sorgfältige Durch- 
bildung des Estrichs erhöht die Stimmung der 
Schmuckfreudigkeit, die alle Räume des Erd- 
geschosses durchzieht. Im Herrenzimmer steht 
das schimmernde Braun des Holzwerkes neben 
einer dunkelroten Wandbespannung, im Zim- 
mer der Dame Mahagoni auf einem gedimpft 
gelbgrauen Damast. Die Pilasterarchitektur 
des Speisezimmers schafft eine Raumwirkung, 
der man in gewissen Innenräumen der Spät- 
renaissance schon begegnet sein mag; in Ein- 
zelheilen, wie den Zwickelfüllungen über der 
Kredenznische, regt sich ein freieres Formge- 
fühl, und das kräftige Blau der Bezüge der 
Lichtschirme und Vorhänge ruft uns vollends 
in die Gegenwart zurück. Von den Zimmern 



395 



des Obergeschosses, deren Zugang zur Hälfte 
als Freitreppe in der Halle, zum andern Teil 
als eingebaute, gerade laufende Zwischentreppe 
angeordnet ist, zeichnet sich das Ankleide- 
zimmer durch die heitere Frische seiner far- 
bigen Durchbildung, das Badezimmer durch 
die knappe Eleganz in der Materialbehandlung 
aus. 

Der Künstler dieses Hauses ist keiner von 
denen, die durch überraschende Einfälle blen- 
den, durch schimmernde Pose betäuben, oder 
durch das Raffinement der Schlichtheit ver- 
blüffen. Sein Schaffen strömt aus einem ruhi- 
gen Temperament, aus einer gemütvollen Ver- 
trautheit mit dem Menschlichen und aus der 
sicheren Kenntnis aller technischen und sach- 
lichen Gestaltungsmittel. All das spiegelt sich 
in dem schönen Familienhaus, das in dem 
frischen Grün des Hügellandes wie ein sorg- 
sam geschliffener Stein in den Falten eines sei- 
denen Gewebes liegt, edler Stoff in geprägter 
Form. E. Haenel 



Mit dem Begriff Talent verbindet man gewöhn- 
lich etwas Schwächeres als mit dem Begriff Genie, 
man denkt dabei mehr nur an eine gewisse Leichtig- 
keit, an die Gabe des Anempfindens, Nachahmens. 
Jeder hat ja in seinem Leben ein paarmal Verse 
gemacht, aber ohne starken Drang und Erfolg. 
Das Genie dagegen ist eine geistige Naturkraft 
von einer schöpferischen Urgewalt, die alle Herzen 
bezwingt. Es sieht mit dem Blitz der Ahnung in 
das Herz der Dinge. Sein Wesen ist zentral. 

F. Th. Vischer 

Kunst ist der brausende Akkord des Schönen, 
wie ihn sehnsuchtstrunkene Herzen träumen. Einen 
Kanon für seine Harmonisierung hat noch niemand 
gefunden. Darum begnügen wir uns mit Indivi- 
dualität. Manuel Wielandt 

Man muß mit Feuer entwerfen und mit Phlegma 
ausführen. Winckelmann 

Kunst verhält sich zur Natur wie die Garten- 
rose zur Heckenrose, wie der farbig leuchtende, 
von Wasser überrieselte Stein zu dem trockenen 
Kiesel. Hermann Obrist 




ARCH. OSWIN HEMPEL-DRESDEN 



HAUS WOLF-COSSMANNSDORF: PERGOLA 



396 




WANDA BIBROWICZ-SCHREIBERHAU 



Ausführung: Schlesische Werkställe für Kunstweberei, Obcr-Schreiberhau 



VANDBEHANG „FALKEN" 



BILDWIRKEREIEN VON WANDA BIBROWICZ-SCHREIBERHAU 



Als vor kurzem an dieser Stelle von den 
i. Verdiensten die Rede war, die Pro- 
fessor Wislicenus mit seinen Entwürfen und 
seiner übrigen anregenden Tätigkeit um die 
werkmäßige Anwendung derWebetechnik für 
dieBildwirkerei der Gegenwart besitzt, wurde 
neben ihm auch schon der Name der We- 
berin genannt, durch deren verständnisvolle 
Handgeschicklichkeit jene Bildteppiche vom 
Entwurf zur Ausführung gelangt sind, 
WANDA BIBROWICZ. Von ihr seien heute 
eine Anzahl selbständiger und neuer Ar- 
beiten hier veröffentlicht. 

Denn Frl. Bibrowicz ist nicht nur an 
der Ausführung fremder Entwürfe am Web- 
stuhl tätig. Als eine der ersten Schüle- 
rinnen von Wislicenus hat sie neben dem 
Handwerk auch die Fähigkeiten der Ent- 
wurfsarbeit mit so viel Temperament und 
so guter natürlicher Begabung geübt, ist 
durch die helfende und zügelnde Nähe 
ihres Lehrmeisters lange Jahre so wohl- 
beraten gewesen, daß sie heute die größten 
Aufgaben selbständig und mit schönem Er- 
folg zu übernehmen vermag. Der alltägliche 
kleine Bedarf an Entwürfen für die Kissen, 
Taschen, Wandbehänge und anderen Kleinig- 
keiten, die in der Webewerkstatt entstehen, 
wenn es an großen Aufträgen fehlt, waren 



schon lange ihr Gebiet. Und wenn wir an 
die alten Bildwirkereien denken, die wir in 
unseren Museen am meisten finden, z. B. an 
jene aus Schleswig-Holstein in Menge her- 
vorgegangenen Kissenbezüge des 16. und 
17. Jahrhunderts, in denen Bilder aus Bibel 
und Sage, umgeben von derben Blumenborten, 
sich so typisch wiederholen, dann will es 
scheinen, als könnte auch heute noch in die- 
sen nützlichen und zugleich schmückenden 
kleinen Beiträgen zum Hausrat der Gegen- 
wart eine dauernde lohnende Aufgabe für 
die Handarbeit am Webstuhl liegen. Dabei 
möchte ich nicht meine unüberwindliche Ab- 
neigung gegen den Wandbehang verschwei- 
gen, der am besten wieder aus dem Gedan- 
kenkreis unserer angewandten Kunst ver- 
schwindet, so lange wir keine schwedischen 
Blockhäuser bewohnen, in denen er ein wirk- 
liches Bedürfnis von jeher gewesen ist. 

Auf starke Farbenwirkungen von vorn- 
herein bedacht, verfügt Frl. Bibrowicz, Polin 
von Geburt, nicht nur über das wünschens- 
werte Temperament und die leichte Beweg- 
lichkeit, die zum stets erneuten Erfinden Vor- 
aussetzung sind, sondern sie bringt für diese 
Arbeit auch die unentbehrliche gründliche 
Kenntnis der Webetechnik mit, die von Na- 
tur im Entwurf des Gewebes dieser Art 



Dckoratlre Kunst. XIX. i?. September 191S 



397 



berücksichtigt werden muß. Diese Rück- 
sicht, die jedem Naturalismus der Zeichnung 
zuwiderläuft, verlangt ein Gefüge von mög- 
lichst eckigen, geraden und senkrecht zu- 
einander verlaufenden Linien, strebt nach 
möglichst gleichmäßiger Verteilung des Mu- 
sters über die ganze Bildfläche und drängt 
so zu einer Stilisierung der Natur, die uns 
als Sprache der Bildwirkerei seiner Zeit 
zuerst bei dem Norweger Gerhard Munthe 
aufgefallen ist. Ihre Raben und Falken, ihre 
Rehe sind gute Beispiele für diese Art von 
Verarbeitung der Naturmotive. Wichtiger 
noch scheinen mir die Ansätze zu einer eige- 
nen Ornamentsprache. Diese gerade braucht 
die Bildwirkerei am meisten, wenn sie künftig 
vor dem Vielerlei aller möglichen Versuche 
zu einer festen typischen Formbehandlung 
kommen soll, die schließlich jede alte Kul- 
tur-Epoche besaß, die wir in Mobiliar und 
Gerät seit Jahren schon uns geschaffen 
haben, und die uns nach der Periode allzu 
eifrigen Phantasie-Aufwandes in Eckmanns 
Tagen nun sehr willkommen sein wird auch 
in diesen Gebieten der angewandten Kunst. 



So scheint gerade in den einfachsten der hier 
abgebildeten Entwürfe von Frl. Bibrowicz am 
meisten der Weg zu liegen, auf dem in Zukunft 
die Kleinarbeit des Webstuhls mit dem mei- 
sten Nutzen betrieben werden kann. Zu dem 
Reiz einer sicheren, klaren und einleuchten- 
den ornamentalen Erfindung tritt ja der uns 
heute so notwendige andere der Gediegenheit 
von Material und Arbeit, die an sich schon so 
wertvoll wirken, daß es eines üppigen phanta- 
sievollen Schmuckes nicht so sehr mehr bedarf. 
Anders alsbei diesen Gebrauchsgegenstän- 
den steht die Frage beim eigentlichen Bild- 
teppich. Wie sie diesem gerecht zu werden 
weiß, wird Frl. Bibrowicz bald zu zeigen 
Gelegenheit haben an einem großen Staats- 
auftrag, der ihre Werkstatt mehrere Jahre 
beschäftigen wird: das preußische Unter- 
richtsministerium hat die Mittel bereitge- 
stellt, um den Sitzungssaal des alten Kreis- 
hauses in Ratzeburg mit Bildwirkereien aus- 
zustatten, zu denen die Entwürfe bereits 
fertiggestellt sind — ein höchst erfreulicher 
Lohn für die lange Zeit des Wartens und 
Versuchens. Prof. K. ScHAEFER-Lübeck 




WANDA BIBROWICZ-SCHREIBERHAU WANDTEPPICH „WEIHNACHTEN" 

Ausführung: Schlesische Werkstätte für Kunstweberei, Ober-Schrciberhau 



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WANDA BIBROWICZ □ GEWEBTE HANDTASCHEN, KISSEN UND SCHWARZ-WEISZE DECKE 

Ausführung: Schlesische Werkstätte für Kunstweberei, Ober-Schreiberhau 



400 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



Ausführung: Wiener Werkstllte 



BONBONDOSEN, SILBER GETRIEBEN 



DAGOBERT PECHE 



Salzburg und Wien, Josef Hoffmann und 
das Slawische haben diese Persönlichkeit 
befruchtet und sind noch immer an ihrer 
Läuterung beteiligt. Denn noch gärt diese 
Jugend, noch ist sie nicht ganz geklärt, rauf- 
lustig und blühend, bewegt sie sich mit gleichem 
Behagen auf allen Gebieten des künstlerischen 
Schaffens, hat die selige Unruhe überquellen- 
der Phantasie, hat unverwirklichte Gedanken 
und unerfüllte Sehnsucht. Wir treten hier 
einem Temperament mitten in seiner vollen 
Bewegung entgegen, freuen uns seiner selbst- 
herrlichen Fülle und sehen unsere beste Pflicht 
in dieser reinen Betrachtang, die weder nach 
dem Fertigen des durchmessenen Weges, noch 
nach den Verheißungen der anbrechenden 
Reife peinlich fragt, nicht nachrechnet und 
vorschreibt, sondern genießt. Wir sehen die 
Kraft, vertrauen ihrem Reichtum und wollen 
ihr keine Klärungen bringen, die sie bisher 
in der eigenen Arbeit gewann, dort weiter 
gewinnen und uns bringen muß. Es ist uns 
genug, der Entfaltung solcher Künstlerjugend 
gastlich anzuwohnen. 

Es kann einem Wiener Kinde nicht leicht 
etwas Besseres widerfahren, als die Zeit seiner 
ersten Reife in Salzburg zu verbringen. Der 
Verwirrung und dem Angriff der Großstadt 
entzogen, werden hier die Stürme der Seele 
von dem freundlichen Frieden einer in jeder 
Anmut prangenden Stadt umhegt, in ihre Stille 
gelenkt und zum reichen inneren Knabenglück. 
Man wird diese Beisteuer Salzburgs, das 
Blumige und das spielend Festliche, das erste 
Bekennen zu einem dem Ernst und der Schwere 



fremden, von mutwilliger Schönheit geschmück- 
ten und erleichterten Dasein, die fortwirkende 
Erinnerung an die Gärten von Mirabell im 
Werke Peches wiederfinden. Gerade auf 
diesem Knabenglück beruht der Giund seiner 
heiteren Männlicl keit und dazu die landstidti- 
sche Umgrenzung seiner von Wien entfesselten 
Begabung. 

Gewiß, Peche brauchte Wien. Hier fand 
er die Heimkehr auf mütterlichen Boden, be- 
schwert von der seligen Fracht der Salzburger 
Jahre, hier traf ihn der Anruf des vielfaltigen 
GroQstadtbedürfnisses nach feinem Schmuck 
des Haus- und Straßenlebens. Hier begegnet 
aber auch gerade er der vielfachen Gefähr- 
dung, der beweglichen Mode vom Tage in 
die Hände zu fallen. Und da ist es doch 
ein Zeichen seiner schlummernden, auch heute 
noch nicht sinnfällig gewordenen Ernsthaftig- 
keit, daß er, dessen Art und Alter leicht und 
zu anmutigen Spielen geneigt erschien, zu- 
nächst die Lehre der strengsten Kunst suchte. 
Von der Schule Otto Wagners, dem weltstidti- 
schen Absolutismus der Zweckmäßigkeit, wie 
er ihn hier sah, befremdlich berührt, tauscht 
er die Technik gegen die Akademie und ge- 
winnt in Ludwig Ohmann einen der eigenen 
Anlage zusagenderen Führer in der Architek- 
tur. Weder der eine noch der andere bat 
seinem beginnenden Werke deutliche Richtun- 
gen gegeben, aber auf der Spur beider findet 
das Talent den Weg zur Bekundung der eigenen 
architektonischen Gesinnung, die im Empire 
wurzelt. Die Grundlinie der Bauform aller 
seiner kecken EinfSlle ist die schlank strebende. 



401 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



KAFFEEGESCHIRRE 



elegante Grazie des Empire und was sich dem 
Blicke auffälliger bietet, die barocke Schwingung 
und Fülle, ist doch nur die dekorative Um- 
kleidung, das unnotwendige und wandlungs- 
fähige Attribut jener bleibenden Struktur, in 
deren fortschreitender Klärung, Sichtbarkeit 
und Bedeutung das schon jetzt erkenntliche, 
entscheidende Moment seines reifenden Stiles 
gelegen ist. 

So lagen die beiden Elemente seines We- 



sens und Lebensganges, der Schmuck- und 
der Formtrieb, das Barock und das Empire, 
Salzburg und Wien, noch recht unvermittelt 
und unverarbeitet nebeneinander, in Erwartung 
ihrerorganischen Verbindung, die dieser Künst- 
ler ja irgendwann auch aus eigener Kraft hätte 
finden müssen, aber jetzt unter fremder, zu- 
ständiger Führung ohne unnützen Aufwand 
mißratener Versuche, ohne die übliche Fülle 
von Bitterkeit und Enttäuschung vollziehen 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



STREUBLUMENGESCHIRR 



402 




ARCII. DAGOBERT PECHE AUFSATZ, SILBER GETRIEBEN 

Ausführung : Wiener Verkstütle 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



TEEDOSE UND AUFSATZ, SILBER GETRIEBEN 

Ausfübrunt: Wiener WerksMite 



403 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 

Ausführung: Vereinigte Wiener und Gmundener Keramilt G. m. b. H., Gmunden 



FAYENCEN 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 

Ausführung: Vereinigte Wiener und Gmundener Keramik G. m. b. H., Gmunden 



FAYENCEN 



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Dekorative Kunst. XIX, lu. September 1916 



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ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



Ausführung: J. Soulek-Wien 

406 



SALON 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



DAMENSALON 



Austabruni: K»rl Selditr-Wlen 
407 




ARCH. DAGOBERT PECHE WIEN 



Ausführung: Karl Seidler-Wien 



SITZECKE IM DAMENSALON 



konnte. Schon bisher waltete ja ein freund- 
liches Geschick über den Wegen dieser Ju- 
gend, die zuerst den rechten Ort für ihre 
innere Entfaltung, dann die geeignete Unter- 
weisung in den unverkennbaren Grundlagen 
ihres weitreichenden Kunstfaches erhalten hatte 
und nun ihrer Entmündigung harrte. So voll- 
zieht sich unter dem Einfluß Josef Hoffmanns, 
des warmherzigen, hellsichtigen Meisters, dem 
die Jugend des Wiener Kunstgewerbes, also 



die blühende, siegende Gegenwart der Wiener 
Kunst, ihre Klarheit und Selbsterkenntnis ver- 
dankt. Man wird den unabsehbar wohltätigen 
und weisen Eingriff des Führers auch im Werke 
Peche unschwer auffinden, die Abstreifung des 
Herkömmlichen und Angelernten, die Entfal- 
tung des Notwendigen und Wesentlichen, die 
Lösung des Konfliktes von Schmuck und 
Form, ihr Aufgehen in einer nun wieder un- 
berührt erscheinenden Eigenart sind hier wie 



408 




409 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



SCHAUKASTEN-ECKE IM VITRINENUMGANG 
DER MODEAUSSTELLUNG IN WIEN 1916 Q 



auch sonst im Umgangskreise Hoffmanns die 
untrüglichen, wirkenden Zeichen dieses Weg- 
bereiters. 

Nun weiß man, daß in der letzten Entwick- 
lung des Wiener Kunstgewerbes dieVolkskunst 
mannigfach mitgespielt hat. Hier begegnete 
sich die von der Architektur aus ihrer struk- 
tiven Gesetzmäßigkeit gewonnene Forderung 
nach materialechter Gestaltung mit der tech- 



nischen Sicherheit des volkstümlichen Hand- 
werkes. Hier strömte ein unverbrauchter Ueber- 
fluß an formalen Gedanken und dekorativer 
Erfindung zu, eine ursprüngliche und ausdrucks- 
volle Linienführung und eine satte, sinnige 
Farbenfrische, die energisch in der Wahl, un- 
fehlbar in der Zusammenstimmung erschien. 
Vor allem der slawische Kreis bot überraschen- 
den, ungehobenen Schatz. Josef Hoffmann, der 



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ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



BLICK IN DIE HAUPTHALLE DER 
MODEAUSSTELLUNG IN VIEN 191« 



Grenzer, ein Deutscher aus der Sprachinsel 
inmitten des tschechischen Landes, mußte auch 
hier der berufene Mittler werden. Wie sehr 
auch die Großstadt, namentlich Wien, die Reichs- 
hauptstadt der vielen Völker, diesen Zufluß zur 
Auffrischung brauchte, es konnte nicht aus- 
bleiben, daß er hier anfangs befremdlich, ge- 
waltsam verpflanzt und entwurzelt erschien. 
Schon in vorgerückter Stunde, mannigfach 



verarbeitet, traf er auch Peche. Und so 
konnte es ihm leichter gelingen, das Wider- 
strebende zu vereinen, die ländliche Beisteuer 
seinem Schmuckvorrat einzufügen und sie der- 
art restlos in ihm aufgehen zu lassen, daß sie 
mit dem übrigen ein neues Ganzes wurde, in 
dem sich jene Grundlagen seines Werkes nicht 
wesentlich verändert, sondern nur bereichert 
darboten. 



411 




ARCH. DAGOBERT PECHE-WIEN 



STOFFMUSTER 



So erscheint er uns im 
blick seiner Gegenwart. D 
deuteten Erfahrungen hat 
hier den verwandten Bo- 
den einer Eigenart er- 
reicht, die nur elemen- 
tare Verbindungen ein- 
geht. Aus der Bedeut- 
samkeit der Wurzel- 
stränge mag man ent- 
nehmen, daß dieses 
Werden vielfache, kom- 
mende Reife gewärtigen 
läßt. Man darf sich nicht 
darauf berufen, daß er 
bisher nur in Moden 
und Tapeten, in graphi- 
scher und keramischer 
Arbeit, in Schmuck und 
allerhand Kleinwerk, in 
Möbeln und Innenräu- 
men sein Bestes gege- 
ben hat. Man muß sich 
daran halten, daß dies 
und das übrige, daß 
hier alles noch Ent- 
wurf ist. Und wird dann 



blühenden Augen- 
ie Fülle der ange- 




ARCH. DAGOBERT PECHE Q 



aus diesem Entwurf eines Künstlercharakters 
schon jene durchgehende Linie der Form 
herauslesen, die über 
das anmutige Spiel hin- 
weg auf Größeres und 
Ernstes deutet und in 
der Architektur enden 
muß, wenn die Stunde 
der Reife und mit ihr 
die äußere Möglichkeit 
ihrer Darstellung in an- 
sehnlicheren Aufgaben 
gekommen ist. Dann wird 
auch die leicht beweg- 
liche Vielseitigkeit sei- 
ner Jugend einer straff 
gesammelten Männlich- 
keit weichen. 

Jedenfalls ist er ein 
hoher Einsatz in der Zu- 
kunft der Wiener Kunst, 
die sich seiner voll be- 
sinnen muß, will sie in 
ihrer beglückenden Be- 
wegung nach aufwärts 
EiERATRAPPE "'cht innehalten. 

AUS PAPPE a Max ElSLER 



Verantwortlicher Herausgeber : i. V. P. Kirchgrabeb. — Druclj und Verlag von F. Bruckmann A.-G , München, Nymphenburgerstr. 86 



N 
3 
K7 



Die Kunst 



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