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Full text of "Germania"

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-FROM-THE-LIBRARY-OF' 
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CORNELII TACITI 

GERMANIA. 



ERLAUTERT 



VON 



D E HEINRICH SCHWEIZER-SIDLER, 

PR0FE8S0R. 



FtfNFTE NEU BEARBEITETE AUPUGE. 



HALLE a. S., 

VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES 'WAISENHAUSES. 
1890. 



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Alle Rechte, insbesondere das der ftbersetzung, 
vorbehalten. 



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Yorrede zur ersten Auflage. 



Da mir fur die zweite Auflage der grofsern Orellischen 
Tacitusausgabe von der Verlagshandlung eine umfassende Revi- 
sion der Germania, einer Schrift, mit welcher ich mich langere 
Zeit ernstlich beschaftigt hatte, tibertragen worden war, fand ich 
es nicht unangemessen und unzeitig daneben eine kleinere Schul- 
ausgabe erscheinen zu lassen, in welcher ich mich bestrebte die 
diesfalligen neuern Ergebnisse in sachlicher, sprachlicher und 
textgestaltlicher Beziehung, deren geringsten Teil ich selbst 
gefunden habe, denen ich aber liebend gefolgt bin, moglichst 
gedrangt darzustellen. Zwar sind unlangst mehrere Schulaus- 
gaben der Germania erschienen, doch unter ihnen nur eine der 
unsrigen ahnliche, welche aber, wie es uns vorkommt, selbst fur 
die Schule in mehreren Beziehungen immer noch zu wenig giebt 
und wesentliche Gesichtspunkte nicht in gehoriger Scharfe her- 
vorhebt. Es kann sich freilich fragen, ob eine Schulausgabe der 
Germania iiberhaupt gerechtfertigt sei, und wir selbst haben vor 
Jahren die Berechtigung zur Lekture der Germania auf der 
Schule bestritten. Wir wiirden sie heute noch bestreiten, wenn 
dadurch das Horen von Vorlesungen tiber diese grundlegende 
Schrift vermindert werden sollte; wir meinen aber, dafs das bei 
Studierenden, welche aus patriotischem oder wissenschaftlichem 
Interesse tiefer in den Gegenstand eintreten wollen, dafs es zumal 
bei kunftigen Philologen, Geschichtsforschern, Juristen nicht 
geschehe, dafs diese vielmehr durch eine zweckmafsige Einfiih- 
rung in die Germania zur Sehnsucht nach einer vollern Erklarung 



M50409 



IV V0RREDE. 



derselben angeregt werden dtirften. Aufser denen aber, welche 
Universitatsvorlesungen iiber die alteste nmfassende Urkunde der 
germanischen Geschichte bis dahin gehort haben und in Zukunft 
horen werden, soll doch wohl jeder Gymnasiast gegen Ende seines 
Schulkursus, nachdem er ein Bild der alten Welt und die Be- 
fahigung zu objektiver Anschauung gewonnen hat, zur Betrachtung 
der urgermanischen Zustande und der wesentlichen Charakterziige 
des Stammes hingeleitet werden, auf welchem vor allem die 
Erstehung der neuen Welt beruht, zumal wenn er selbst diesem 
Stamme angehort. 

Schon jetzt sind fiir die sachliche Erklarung der Ger- 
mania reiche Hilfsmittel vorhanden, wiewohl dasjenige, welches 
einst sicher das grofsartigste sein wird — wir meinen naturlich 
die auf gewaltig breitem Grunde angelegte deutsche Alter- 
tumskunde von MDllenhoff — erst im Entstehen begriffen ist. 
Wir nennen nur die hauptsachlichsten dieser Hilfemittel. Da 
mufs J. Grimm mit seinen alle Seiten des germanischen Lebens 
beriihrenden Schopfungen den Vordergrund einnehmen, und gern 
folgen wir hierin Miillenhoff, 4afs wir in unmittelbarem Anschlufs 
an Grimm fiir das Ethnographische Zkuss, fiir Staats- und Rechts- 
entwickelung Wilda auffiihren. Das zulet.2t beriihrte Feld wurde 
weiter von Waitz, Roth, Bethmann-Hollweg, K. Maurer, 
v. Sybel, Dahn, Thudichum u. a. angebaut Aber schon hier, 
wo es sich um Ethnographisches und Staatliches handelt, diirfen 
Mtillenhoff und W. Scherer nicht iibergangen werden, deren 
Behandlung einzelner Partieen, deren oft nur scheinbar leicht 
hingeworfene Andeutungen demjenigen, welcher Folgerungen zu 
ziehen vermag, reiche Ausbeute gewahren. Beispielsweise erin- 
nern wir an Mullenhoffs Aufsatz im achten Bande von Schmidts 
Zeitschrift fiir Geschichtswissenschaft, an seine Arbeiten in den 
nordalbingischen Studien, an eine Reihe von Abhandlungen in 
Haupts Zeitschrift fiir deutsches Altertum, an seinen Beitrag in 
Mommsens „R6mische Provinzen", an Scherers Andeutungen in 



VORREDE. 



seinem geistvollen Buche „Zur Geschichte der deutschen Sprache" 
und in seiner Beurteilung von Heynes Beowulfausgabe. Zacher 
hat einst in seinem Aufsatze „Germanen u in der hallischen 
Encyklopadie in ansprechender Weise das Gesamtleben derselben 
behandelt, hat aber doch besonders die Privataltertiimer beriick- 
sichtigt, welche sich freilich alliiberall wieder mit den ofltentlichen 
beriihren, wie z. B. in der Ackerbaufrage. Dieser so ein- 
schneidenden Prage haben aufser Waitz ihre besondere Aufmerk- 
samkeit Roscher, Hostmann, Hanssen, Hennings zuge- 
wendet. — Sonst nennen wir fiir die Privataltertiimer Wein- 
holds Biicher iiber die deutschen Frauen und das nordische 
Leben, und wiederum Mullenhoffs und Wackernagels Arbei- 
ten, welche in unsern Anmerkungen oft citiert werden, oft wohl, 
ohne dafs wir uns dessen klar bewufst waren, ihren Einflufs auf 
dieselben gelibt haben. Ettmullers zwar nicht bequem angeord- 
netes, aber viel Gutes enthaltendes angelsachsisches Worterbuch 
und seine Vorrede zur Beowulfubersetzung haben uns ebenfalls 
Beitrage geliefert. Wir schliefsen diese Namenliste, die keines- 
wegs vollstandig sein soll, mit einem Werke allgemeinerer Art, 
dem wir manches entnommen haben, mit Pictets Les origines 
Indo -Europ6ennes. 

Wir konnten auf sachlichem Gebiete mehreres fester 
bestimmen und kamen in einigen Punkten zu andern Eesultaten 
als in unsern in den Jahren 1860 und 1862 erschienenen Pro- 
grammabhandlungen. So, um Beispiele anzufiihren, wurde die 
in der zweiten Programmabhandlung, S. 2, von Thudichum auf 
seine und eigene Griinde hin angenommene Hundertschaft von 
hundert Geschlechtern aus je zehn Hausern uns zur Grundlage 
der in Kap. 6 erwahnten und von Mullenhoff so sinnreich erklarten 
Kriegerelite und der hundert comites ex plebe, welche das germa- 
nische Gaugericht bilden. In der Frage iiber die principes sind 
wir friiher gegeniiber andern Ansichten wesentlich derjenigen von 
Waitz gefolgt, welche allerdings das Unebene ebnet, aber, wie 



VI VORREDE. 



wir uns mehr und mehr iiberzeugten, allzu doktrinar ist und niit 
der altgermanischen Anschauung, die auch hier noch in Haupt- 
punkten mit der indogermanischen zusammentrifft, nicht stimmen 
will. Wie freuten wir uns, als wir von einem jtingern Freunde, 
einem einstigen Zuhorer Mullenhoffs, dem wir auch manche 
andere Mitteilungen iiber dessen Gernianiavorlesungen verdanken, 
horten, dafs M. ungefahr dieselben Ansichten in dieser Sache 
hege, und dafs wir in Scherers oben angeflihrter Rezension die- 
selben Gedanken wiederfanden. 

Fiir die scharfere Erkenntnis der Taciteischen Sprache ist 
in neuerer und neuester Zeit nicht wenig geschehen. Aufser 
einigen gediegenen Doktordissertationen, z. B. derjenigen von 
Spitta u. a., sind auf diesem Felde die Herausgeber von Taci- 
teischen Schriften, namentlich Nipperdey, Drager, Heraus, 
Halm, ist ganz besonders aber unser gelehrte Kollege Wolfflin 
mit Erfolg thatig gewesen. Drager hat eine instruktive Schrift 
tiber Tacitus' Syntax und Stil erscheinen lassen, der wir nur 
noch grofsere Vollstandigkeit und noch strenger wissenschaftliche 
Behandlung wunschten. 

Auch die Textkritik der Germania hat in neuerer Zeit 
Fortschritte gemacht. Halms und Haupts Ausgaben stiitzen 
sich auf eine genaue Vergleichung der besten libri. Haupts 
Angaben wurden an einigen Stellen durch Reifferscheid kor- 
rigiert oder besser gestiitzt, und viele seiner Fragezeichen wurden 
durch Dr. Rtihls Vergleichung der beiden besten 1. 1. Vaticani, 
welche dieser junge Gelehrte uns freundlichst besorgte, weg- 
geraumt. Das scheint uns durch Reifferscheids Untersuchungen 
festzustehen, dafs der von Haupt mit B. bezeichnete Vaticanus 
vor dem von ihm mit A. bezeichneten Leydenercodex den Vorzug 
verdient. In Aufnahme von Konjekturen, deren man auch im 
Texte der Germania nicht wenige vorgenommen hat, sind wir 
recht behutsam gewesen; gar zu oft wurde durch sie blofs will- 
ktirliche Auslegung in die Germania hineingetragen. Wo wir 



VORREDE. VII 



Konjekturen aufgenommen haben, haben wir das in moglichster 
Ktirze zu begrtinden gesucht. Eine genaue Angabe der Varian- 
ten der drei fast allein benutzten Codd. begleitet den Text der 
grofsern Edition. 

Ztirich im Januar 1871. 

H. Schweizer-Sidler. 



Yorrede zur zweiten Auflage. 



Dafs wir an dieser Stelle auf Herrn Dr. Burmanns An- 
zeige unserer Germaniaausgabe und auf die Auslassungen des 
Herrn Hofrates Baumstark noch einmal erwidern, kann kein 
wirklich humaner Leser wtinschen. 

Redlich haben wir an unserm Kommentar zu bessern gestrebt. 
Leo Meyers, des gelehrten Englanders Nettleship, Wtilff- 
lins Bemerkungen und Zachers freundliche Wiinsche haben wir 
wohl erwogen und, soweit wir's vermocht haben, dankbar benutzt, 
und Baumstarks sachliche oder sprachliche Erl&uterungen zu . 
berticksichtigen konnten uns jene langst bertichtigten Auslassungen 
nicht abhalten. 

Schon aus dem ersten Bande von Mullenhoffs deutscher 
Altertumskunde und aus seiner Abhandlung tiber den Schwert- 
tanz flosseii uns neue Gaben von diesem Forscher zu. 

Der Text ist nur an sehr wenigen Stellen nach der treff- 
lichen Neugestaltung der Hauptischen Textausgabe, welche Mtillen- 
hoff jiingst erscheinen liefs, geandert. 

Zlirich im April 1874. 

H. Schweizer-Sidler. 



VHI VORREDE. 



Vorrede zur dritten Auflage. 



Wir hoffen unsern Germaniakommentar mit Recht nicht nur 
als einen vermehrten, sondern auch als einen verbesserten bezeich- 
nen zu diirfen. Preundliche und unfreundliche Beurteilungen 
unserer diesfalligen Arbeiten, neuere Ausgaben der Germania und 
auf die G. beztigliche Abhandlungen und Bemerkungen, soweit 
sie uns zuganglich waren, haben wir dankbar und gewissenhaft 
benutzt. Darauf , den sachlichen Teil der Erklarung eher zu ver- 
kiirzen als zu erweitern, konnten wir nicht eingehen, weil wir 
es fiir angemessen erachten, dafs der deutsche Primaner und an- 
gehende Studierende die alteste zusammenhangende Urkunde des 
germanischen Stammes im Lichte der heutigen germanischen Alter- 
tumswissenschaft betrachte und beurteile. Der Text ist an 
einigen Stellen, zum Teile auf Hirschfelders griindliche Kritik 
der neuern Germaniaausgaben hin, geandert worden. Von Ande- 
rungen haben wir in der Eegel in den Anmerkungen Rechen- 
schaft gegeben und da auch andere bemerkenswerte Vorschlage 
aufgefiihrt. 

Ziirich im Marz 1879. 

H. Schwelzer-Sldler. 



Vorrede zur vierten Auflage. 



Auch diese Auflage meiner kleinern Germaniaausgabe ist, 
obgleich sie rasch und neben andern Arbeiten vorbereitet werden 
mufste, und obgleich ich durch ein andauerndes Augeniibel sehr 
gehemmt werde, nicht unverandert geblieben. Ich war wieder 
darauf bedacht, was in den letzten vier Jahren auf sachlichem 



VORBEDE. IX 



Gebiete und in der Textgestaltung fiir Tacitus' Germania geschehen 
ist, soweit ich dessen habhaft wurde, zu verwerten. Von aus- 
fiihrlicheren Arbeiten, welche ich benutzen konnte, nenne ich 
nur Sickel, Geschichte der d. Staatsverfassung; Kaufmann, 
D. Geschichte bis auf Karl den Grofsen; Erhardt, Alteste ger- 
manische Staatenbildung; Dahn, Urgeschichte der germanischen 
und romanischen Volker; Kirchhoff, Uber die Hermunduren; 
die neuen Auflagen von Weinhold, Deutsche Frauen, und des 
bekannten Werkes iiber das d. Konigtum von Sybels. Aufser- 
dem benutzte ich eine Keihe von grofseren und kleineren Abhand- 
lungen, wie diejenigen von Heraus, Uber einige unbeachtet 
gebliebene Fehler und kontroverse Stellen im Texte der Germania 
des Tacitus; von Kautenberg, Sprachgeschichtliche Nachweise 
zur Kunde des germanischen Altertums; von J. Meyer, Die drei 
Zelgen; von Lehmann, Uber das Volk der Sueben von Casar 
bis Tacitus; von Braumann, Die principes bei Tacitus; von 
Waldmann, Der Bernstein im Altertum u. a.; besonders beachtete 
ich, was Mullenhoff an Aufsatzen und Kritiken veroffentlichte. 
Fiir die Texigestaltung waren aufser der Arbeit von Heraus 
nicht unwichtig die Bemerkungen von Schutz in Fleckeisens 
Jahrblichern; Hachtmann, Zur 'Germania des Tacitus; die Be- 
sprechung der Holderschen Textausgabe von Bahrens bei Fleck- 
eisen; die letzte kritische Bearbeitung des Tacitus von Halm, 
aus welcher auch die zuweilen gebrauchte Bezeichnung der libri 
entnommen ist. Von einer germanischen Uberlieferung des 
Germaniatextes neben einer italischen, wie sie Holder und 
Bahrens annehmen, konnte ich mich nicht uberzeugen. 
Ztirich im September 1883. 



Dr. H. Schweizer-Sidler. 



VORREDE. 



Vorrede zur ftinften Anflage. 



Auch diese Auflage darf ich als eine vermehrte und ver- 
besserte bezeichnen. Seit vier Jahren sind wieder manche mehr 
oder weniger umfangreiche Arbeiten ans Licht getreten, welche 
die deutsche Altertumskunde nicht unerheblich fordern. Wir 
heben hier vor allem die Fortsetzung der deutschen Alter- 
tumskunde von Mtillenhoff hervor. Wie diese neue Litte- 
ratur, so habe ich auch die Kezensionen meiner und anderer 
Germaniaausgaben von Zernial und Eufsner dankbar benutzt. 

Besonderen Dank spreche ich Herrn Prof. Thomann, 
Herrn Prof. Dr. Surber und Frl. Webster aus, die mich mit 
ihrer freundlichen Hilfe untersttitzt haben. Herr Prof. Surber 
hat mit der bekannten Akribie die zweite Korrektur besorgt und 
mich dabei noch auf manches aufmerksam gemacht. Die erste 
Korrektur tibernahm in zuvorkommendster Weise mein wackerer 
Schiiler, Herr stud. jur. Ulrich Stutz, der sich auch der Miihe unter- 
zog, ein von mehreren Seiten gewiinschtes Register hinzuzufiigen. 

Moge auch diese neue Ausgabe der Germania Freunde 
finden. 

Ztirich im Juni 1889. 

Dr. H. Schwelzer-Sidler. 



Einleitung. 



Es kann hier, in einer gedrangten Einleitung zur Germania, 
nicht unsere Absicht sein, das ganze Wesen des Tacitus, seine 
Lebensverhaltnisse, seinen Bildungsgang, den Charakter seiner 
Geschichtschreibung u. s. f. im einzelnen darzustellen. Es ist ja 
wohl die Germania nicht die Taciteische Schrift, in welche der 
Gymnasiast oder Student zuerst eingefuhrt wird, und er mufs, 
hat er schon in den Annalen, der vollendetesten Arbeit unsers 
Geschichtschreibers, gelesen, bereits mit angemessener Kenntnis 
von der gesamten Entwickelung des Verfassers an sie herantreten. 
Wir konnten auch hauptsachlich nur das wiederholen, was Mp- 
perdey vor seiner Ausgabe der Annalen trefflich gesagt hat, oder 
was in den bessern Litteraturgeschichten unserer Zeit zu lesen 
ist. 1 Das im Auge zu behalten, dafs T. nicht blofs ein gelehrter 
Forscher, sondern auch romischer Staatsmann war und als solcher 
eine bestimmte Stellung gegeniiber den Kaisern einnahm, dafs in 
ihm tiberall eine hochsittliche und tiber die politischen und mora- 
lischen Gebrechen seines Volkes trauernde Natur durchbricht, dafs 
er konservativer Aristokrat im besten Sinne des Wortes ist, hat 
auch fiir eine rechte Einsicht in die Germania besonderes Interesse. 

Als Geburtsjahr des Tacitus wird in neuester Zeit meist das 
Jahr 55 n. Chr. angenommen. Dariiber wird bis in die neueste 
Zeit gestritten, wann die von den meisten denn doch dem Taci- 
tus zuerkannte Schrift, der dialogm de oratoribus, an die Offent- 
lichkeit getreten sei. Dafs aber dieses wirklich des Tacitus 
erste Arbeit ist, dagegen lassen sich kaum allseitig berechtigte 
Bedenken erheben. Es ist langst bemerkt, dafs kein anderer 
gleichzeitiger Schriftsteller zu einer so tiefsinnigen und feinen 
Komposition befahigt gewesen ware, und wenn auch in dieser 



1) Hochst beachtenswert fiir ein richtiges Urteil iiber Tacitus ist ein 
Aufsatz von Dr. Julius Asbach: „Cornelius Tacitus" in v. Kaumers histor. 
Taschenbuche, 1886, S. 57 ff. 



XH EINLEITUNG. 



Schrift, deren Komposition an einem Wendepunkte der Tacitei- 
schen Studien liegt, der Stil noch grofsenteils klassische Farbe 
hat, so ist es nicht schwer, schon hier in Wendungen und Wor- 
tern Elemente des spatern Taciteischen Stiles scharf nachzuweisen. 
Des Tacitus zweite, im Anfange des J. 98 bekannt gemachte 
Schrift ist die Biographie seines Schwiegervaters Agricola, auf 
deren ganze Darstellung Sallusts Vorbilder keinen geringen Ein- 
flufs iibten, wie denn iiberhaupt Sallust auf die Durchbildung der 
Taciteischen Geschichtschreibung unverkennbar stark eingewirkt 
hat. Die dritte Studie des Tacitus ist die Germania, welche, 
wie mir Asbach iiberzeugend nachgewiesen zu haben scheint, 
kurze Zeit nach dem Agricola veroffentlicht worden ist. Es ist 
fast unglaublich, ist aber doch geschehen, dafs auch dieses Werk 
als Ganzes dem Tacitus abgesprochen wurde. Schon ein einiger- 
mafsen genauerer Einblick mufs es in die Augen springen lassen, 
wie kunstreich unter sich verbunden die einzelnen Teile sind, 
wie abgeschlossen das Ganze ist. Hauptabschnitte sind von dem 
Schriftsteller noch deutlich durch Pointen an deren Schlusse oder 
durch Etickverweisung auf deren Anfang u. s. w. hervorgehoben. 
Der Stil ist allerdings auch in der Germania noch nicht zur 
Vollendung gediehen. Neben anigmatischer Kiirze in Fallen, wo 
wir uns so sehr nach einlafslicherer Darstellung sehnten, herrscht 
zuweilen Uberfiille des Ausdruckes, welchen man umsonst aus 
Vorurteil mehrbedeutend zu machen sucht; ja, wir leugnen es 
nicht, es giebt Stellen in der Germania, wo das Streben Anti- 
thesen zu gestalten und rhetorischen Ausdruck zu gewinnen recht 
unbedeutende Gedanken zu Tage fordert, oder die Sachen eher 
verdunkelt denn erhellt. Solche Stellen wegkorrigieren zu wollen 
oder sie als nicht Taciteisch zu erklaren, ware gewifs ein falsches 
Beginnen; dergleichen liegt auf dem Wege der schriftstellerischen 
Durchbildung. Dieses Streben das Gewohnliche ungewohnlich 
auszudriicken hat mit dazu gefiihrt, der Germania den Tadel des 
Komanhaften anzuhangen, doch nicht dieses Streben allein. 
Auch bei Tacitus bemerken wir die Sehnsucht nach naturgemafsern 
Lebensverhaltnissen, als es die romischen langst waren, und von 
da aus begreifen wir's, wenn er die Eheschliefsung, wenn er die 
Gastfreundschaft und andere Verhaltnisse der Germanen in idea- 
lerm Lichte sieht; aber nirgend hat er jener Sehnsucht zu Liebe 
absichtlich Thatsachen anders gewendet. Asbach in dem erwahn- 



KINLEITUNG. XIII 



ten Aufsatze erklart manches Auffallende in der Tacit. Germania 
trefflich daraus, dafs T. als Romer und fiir Romer schrieb. 

Auf die Frage nach dem Grunde, welcher Tacitus die Ger- 
mania abfassen liefs, sind verschiedene Antworten gegeben worden. 
Sehr verbreitet war einst die Ansicht, Tacitus hatte den Romern 
in dieser Schrift einen Sittenspiegel vorhalten wollen, wahrend 
andere meinten, er hatte vielmehr beabsichtigt, den Kaiser von 
einem vorgehabten Kriege gegen die Germanen abzuschrecken. 
Weder die eine noch die andere Ansicht wird durch den Charakter 
der Schrift bestatigt, oder vielmehr werden sie beide dadurch 
griindlich zurtickgewiesen. Oder, wozu diente dann die Behand- 
lung der germanischen Stammsage, wozu die ethnographischen 
Gemalde, warum schwieg T., wollte er einen Sittenspiegel auf- 
stellen, nicht von der Roheit und Unsitte der Germanen? Eine 
dritte, verschieden modifizierte Meinung ist die, unsere Schrift sei 
bestimmt gewesen, einen Exkurs zu irgend einem Abschnitte der 
Historien zu bilden. Noch in neuerer und neuester Zeit suchten 
es Riese und andere hochstehende Gelehrte wieder wahrschein- 
lich zu machen, dafs sie oder vielmehr ihre Grundlage eine Ein- 
leitung zur Erzahlung von Domitians Kampfen gegen die Chatten 
und gegen die Sueben-Sarmaten in dem uns leider verlorenen 
Teile der Historien hatte bilden sollen, oder dafs sie tiberhaupt 
in ihrer ersten Anlage eine Vorstudie zu den Historien gebildet 
habe. Sehr klug aber fiigt R. hinzu: „War aber diese Beschrei- 
bung der Germanen dieselbe, die uns als Germania tiberliefert 
ist? Die Antwort ist einfach: Sie war es nicht; denn die Ger- 
mania ist im J. 98 ediert, die Historien aber betrachtlich spater. 
Tacitus hatte die Historien langst vorbereitet. Sei es, dafs irgend 
ein aufserer Anlafs ihn dazu trieb, sei es, dafs der Gegenstand 
an sich ihm sowohl fiir das nur neugierige Publikum, wie fiir 
solche, die tiefer die Zukunft voraus erschlossen, sehr interessant 
schien: er entschlofs sich, aus seinem grofsen Stoffe einen Teil 
abzulosen und aJs Monographie voraus zu bearbeiten. Einleitung 
und Schlufswort der Germania sind verloren." Mit voller Uber- 
zeugung unterschreiben wir, was Riese iiber den Grund der 
Monographie sagt, finden uns aber nicht befugt an eine ur- 
spriinglich andere Bestimmung dieser Schrift zu denken und sind 
gar nicht im stande einzusehen, dafs am Anfange oder Schlusse 
etwas fehle. Wir meinen trotz Mommsens und anderer Ein- 



XTV EINLEITUNG. 



wendungen bei der unsers Wissens von Mtillenhoff ausgegange- 
nen Ansicht verharren zu dtirfen, dafs die Germania dazu 
bestimmt war, die Romer tiber die lange Abwesenheit des Trajan 
aufzuklaren und sein Verweilen an den Grenzen Germaniens 
durch die hohe Bedeutung des letztern zu rechtfertigen. Sehr klar 
hat eine wesentlich gleiche Ansicht Asbach a. a. 0. begrtindet 

Viel ist auch tiber die Quellen der Germania verhandelt 
worden. Vor allem ist die Behauptung sehr problematisch, dafs 
Tacitus tiber manches als Augenzeuge berichte, zumal wenn man 
vollends so weit geht, ihn Reisen in Germanien machen und 
deutsch lernen zu lassen. Sehr nattirlich und erweislich ist die 
Annahme, dafs er nicht ohne Kunde von dem war, was Griechen, 
was Casar, Sallust, Plinius der Altere, Mela u. a. tiber 
Germanen und Germanien tiberliefert hatten, und es ist mit 
Recht wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden, dafs Sal- 
lust von Tacitus mehrfach selbst bis auf den Ausdruck benutzt 
worden ist, nur dafs man auch nicht das Besondere verallgemei- 
nern darf. Aufserdem standen aber dem Staatsmanne Nachrichten 
von romischen hoheren Militarpersonen, warum nicht auch von 
Germanen in Rom, zu Gebote, und nicht selten hebt ja T. ganz 
neue Ereignisse, Territorialveranderungen u. s.f. absichtlich hervor. 
Sogar einzelne Irrttimer konnen sich blofs auf unmittelbare gleich- 
zeitige Berichte aus dem romischen Lager am Rheine grtinden. 
Warum sollten nicht auch romische Handelsleute manches nach 
Rom berichtet haben konnen? Dafs auf solchem Wege immer 
Nachrichten von Stidgermanen tiber den Norden Germaniens an 
die Romer gelangt sind, hat Mtillenhoff scharf bewiesen und 
dadurch manches Ratselhafte in unserer Schrift aufgehellt. Dafs 
T. seine Quellen gewissenhaft verwertet hat, dafs das Roman- 
hafte nicht durch absichtlich schiefe Auffassung in die Germania 
gekommen sei, ist schon bemerkt. 

Zum Schlusse der Einleitung lassen wir noch eine Ubersicht 
des Stoflfes in seinem Zusammenhange folgen und bemerken dabei 
zugleich, dafs die uns tiberlieferte, nicht alte Kapiteleinteilung 
uns nicht storen darf. 

Die Germania zerfallt in zwei Hauptteile, in einen all- 
gemeinen und besondern, welche Tacitus selbst am Ende von 
K. 27 genau auseinander halt. 



a 



EINLEITUNG. XV 



I. Allgemeiner Teil. 

De origine et moribus Germanorum omninm (K. 1 — 27). 

A. Das Land an sich und im Verhaltnisse 
zu seinen Bewohnern. 

1) Grenzbestimmung der Germania magna oder des freien 
Germaniens mit einer kurzen Charakteristik der Nordgrenze (des 
Oceanus) und einer gedrangten Zeichnung der beiden grofsen 
Grenzstrome (Khein und Donau) (K. 1). 

2) TJrteil tiber die Abstammung der Germanen selbst 
(K. 2 — 4). Sie scheinen Autochthonen und durchaus nicht durch 
Zuwanderung alteriert zu sein. Sie feiern in Liedern eine uralte 
ihnen eigentumliche Stammsage: daneben bestehen andere Anord- 
nungen von den germanischen Stammen, welche umfassender 
sind und welchen wirkliche und alte Namen zu Grunde liegen, 
wahrend, wie dieselben Antiquare, welche jene Anordnungen 
geschaffen haben, behaupten, der Name Germanen, dessen Ver- 
breitung sie zu erklaren versuchen, in ein nicht sehr hohes Alter 
hinaufreiche. Und wiederum solche meinen, dafs auch Herkules, 
jener die Welt durchwandernde Gott, bei den Germanen gewesen 
sei. Dabei konnen sie sich auf etwas sttitzen; denn die Germa- 
nen besingen wirklich beim Auszug zum Treffen ein solches 
Wesen als das Vorbild aJler Helden, Preislieder, welche von den 
Gesangen zu unterscheiden sind, die sie unmittelbar beim Beginn 
der Schlacht ertonen lassen. Kein Urteil erlaubt sich T. dariiber, 
ob auch Ulixes, wie die Altertumsforscher wahnen, in Germa- 
niens Lander gekommen sei. Wie Tacitus in K. 2 aus der Be- 
schaffenheit des Landes auf Autochthonie und Ungemischtheit 
der Germanen geschlossen hat, so schliefst er K. 4 aus deren 
Korperanlage und korperlicher Erscheinung auf volle Reinheit 
des Stammes. 

3) Nahere Darstellung der Beschaffenheit des Landes und 
seiner Produkte (K. 5 — 6,1). Schon hier kniipft der Schriftsteller, 
welcher stets Materielles und Ethisches in Verbindung bringt, 
Beobachtungen tiber Anschauungen und Sitte der Germanen an. 



XVI EINLEITITNG. 



B. Sitte und Brauch der Germanen 
(de moribus, K. 6, 1 — 27). 

1) Offentliches Leben (K. 6 — 15). 

a. Kriegswesen (K. 6, 2 — 8). Treffend weifs T. die Art der 
Bewaffnung der G. an die Landesprodukte anzuknupfen. An die 
Erwahnung aber der Waffen fiigt sich diejenige der Ktistung und 
das Abschnittchen schliefst mit der Darstellung des Kriegswesens 
tiberhaupt, dessen verschiedene Seiten in organischer Weise bis 
zu der hohen Bedeutung der Frauen auch auf diesem Gebiete 
entwickelt werden. 

b. Eeligionswesen (K. 9 und 10). Gotter und Gottesdienst, 
Losung, Auspizien u. s. f. 

c. Kegierungs- und Gerichtswesen (K. 11 — 13,1). Volks- 
und Gauversammlung. Art der Strafen. Gerichtsverfassung. 

d. Wehrhaftmachung und Gefolgewesen (K. 13, 2 — 14). Sehr 
passend kntipft hier Tacitus an die wiederholte Bemerkung, dafs 
die Germanen bestandig bewaflhet einhergehen, die Darstellung 
der Wehrhaftmachung und des Gefolgewesens. 

e. Am Ende von K. 14 und Anfang von K. 15 schliefst der 
Schriftsteller zunachst eine allgemeine Bemerkung iiber den 
Charakter der Germanen an die Schilderung des Gefolgewesens 
an und endet dann diesen Abschnitt mit Erwahnung der Ein- 
kiinfte der principes. 

2) Privatleben (K. 16 — 27, 2). 

a. Wohnungsverhaltnisse (K. 16). 

b. Kleidung der Manner und Frauen (K. 17). 

c. Eheverhaltnisse, Kindererziehung, verwandtschaftliche Yer- 
haltnisse, Erbrecht (K. 18 — 20). Auch hier ist darauf zu achten, 
mit welcher Kunst der Schriftsteller das tiefe innere Wesen der 
Ehe an die Darstellung der scheinbar so aufserlichen Kleidung 
anreiht. Durch besondere Pointen scheidet er dann selbst zwei 
kleine Unterabteilungen. 

d. Rache, zumal Blutrache (K. 21, 1). In trefflichem Zu- 
sammenhange mit der Yerwandtschaft und dem natiirlichen 
Erbrechte. 

e. Gastfreundschaft (K. 21, 2 — 3). 

f. Leibespflege, Nahrung, Yergnugungen (K. 22 — 24). 



EINLEITUNG. XVH 



g. Sklaven und Freigelassene (K. 25). Mit dem unmittelbar 
Vorhergehenden durch die Erwahnung einer besondern Art von 
Sklaven verbunden, welche durch das leidenschaftlich getriebene 
Wurfelspiel es werden. 

h. Geldgeschafte (K. 26, 1). 

i. Grundlage und Art des Ackerbaues (K. 26, 2 — 4). 

k. Leichenbestattung, Totenehre, Trauer (K. 27, 1 — 2). 

Der Schlufs von K. 27 bildet den Ubergang zu dem beson- 
dern Teile (singularum gentium instituta ritusque quatenus 
differant). 



II. Besonderer TeiL 

A. Die Grenzvolker zunachst im Westen von Germanien, 
einstens Helvetier, Bojer (keltischen Stammes), Aravisker, 
Osen (pannonischen Stammes), Treverer, Nervier (welche 
auf germanische Abstammung Anspruch machen), Vangionen, 
Triboker, Nemeter (echte Germanen, welche langst auf dem 
linken Eheinufer wohnen), Ubier (von Agrippa aufs linke Ehein- 
ufer versetzt), Bataver (auf der Eheininsel), Mattiaker (die 
in ahnlichem Verhaltnisse zu den Eomern stehen wie die Bata- 
ver), Zehentland (zwar innerhalb der Grenzen von Grofsger- 
manien, aber nicht mit Germanen bevolkert, und romisches Pro- 
vinzialland) K. 28 und 29. 

B. Germanische Volker im Westen Germaniens: 
Chatten, Usiper, Tenkterer, Brukterer, Chamaver, Angrivarier, 
Dulgubnier, Chasuarier (K. 30 — 34). 

C. Volker im Nordwesten Germaniens: Friesen, Chau- 
ken, Cherusker und Fosen, Cimbern (K. 34—37). Den Cimbern 
widmet T. seine besondere Aufmerksamkeit als den Germanen, 
durch welche die Eomer zuerst aufgeschreckt wurden, und kniipft 
daran gewichtige Bemerkungen tiber der Germanen Bedeutung 
fur Eom. 

D. Die Sueben (K. 38—45). T. teilt die G. in Nicht- 
Sueben und Sueben, und fafst letztere in unbegrenzter Ausdeh- 
nung. Er spricht zunachst tiber der Sueben Haartracht (K. 38) 
und wendet sich dann: 

b 



XVDI EINLEITTJNG. 



1) zu den Sueben im Innern Germaniens: Semnonen, Lango- 
barden (K. 40, 1); hierauf zu den dem Nerthusdienst ergebenen 
Volkern an der Elbemundung, um und auf der cimbrischen 
Halbinsel (K. 40 bis Ende). Es folgt 

2) indem T., wie er ausdriicklich angiebt, nun an die Donau 
zurtickgeht, das sudlichere Germanien: Hermunduren, Yarister, 
Markomanen, Quaden (K. 41 — 42). 

3) Osten und Nordosten Germaniens: Marsigner, Kotiner, 
Osen, Buren, Lygier (Harier), Helvaonen, Manimer, Elisier, 
Nahanarvalen, Gotonen, Kugier, Lemovier, Suionen (der alles 
begrenzende Ozean), Sitonen, Astier (K. 43 — 45). 

E. Nicht rein gebliebene germanische Stamme und unger- 
manische: Peuciner, Yeneder, Fennen (K. 46, 1 — 4). 

F. Fabelhafte Region: Hellusier, Oxionen (Etionen). 

Uber die rhetorische Komposition dieses besondern Teiles 
der Germania redet einlafslich mit Yerstandnis und Warme Gustav 
Kettner in der Zeitschrift fiir deutsche Philologie XIX, S. 257 ff. 



CORNELII TACITI 

GEKMANIA. 



Schweizer-Sidler, Tacitus' Oerm. Ed. 6. 



I. uermania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno 
et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut 



Uber die stilistische Komposition des 
Anfanges der Germania und deren Ein- 
wirkung auf die sachliche Darstellung 
sprieht einlafslich und fiir die Erkennt- 
nis von Tacitus' Manier iiberhaupt sehr 
fruohtbar Miillenhoff, Deutsche Alter- 
tumskunde H, lff. 1. Germania om- 
nis] „Germanien, fafst man seine Teile 
in ein Ganzes zusammen, Germanien 
als Gesamtland." Ahnlich Casar B. G. 
1. 1. GaUia est omnis divisa u. s. f. 
Die folgenden Grenzbestimmungen fiir 
die Germania magna oder barbara 
sind wesentlich geographische, bei 
welchen T. weder auf die agri deeu- 
mates (K. 29), welche romisches Pro- 
vinzialland sind, noch auf andere nicht- 
germanische in der Germania magna 
angesiedelte Yolker Rucksicht nimmi 
— Volker germanisoher Abkunft, 
welche unter romischer Oberhoheit 
standen, wohnten bekanntlich auch am 
linken Rheinufer, und dlese behan- 
delt T. ebenfalls, wo er von den ein- 
zelnen germanischen Volkern spricht 
(K. 28). 

a Gallis Raetisque et Pannoniis] 
„T. verlangt von jedem, das durch ein 
gleichstellendes „et" gekennzeichnete, 
dem vorhergehenden einfachen „Gallis" 
durch „que" angeschlossene Doppel- 
glied entsprechend dem in der zweiten 
Satzhalfte folgenden „Dacisque" gleich 
einem einfachen Satzgliede aufzufassen. tt 
Mullenhoff. — Die Galli sind hier 
die das Land Gallia bewohnenden 
Volker. Dadurch, dafe T. aus stilisti- 
schen Griinden Volkernamen einsetzt, 
sind hier und im Folgenden saohliche 
Ungenauigkeiten entstanden. DerName 
Oalli scheint zwar an ahd. Walaha 
(woher walahisk, d. i. walsch) anzu- 
klingen, womit in spfiterer Zeit die 
Deutsohen die ihnen westlich, sudwest- 
lich und sudlich liegenden keltischen 



und romanischen Stamme in scharfer 
sprachlicher Unterscheidung benannt 
haben; aber etymologische Gleichheit 
der Ausdrucke Galli und Walahu lfi&t 
sich nioht erweisen; vgl. dagegen Voleae. 
tTber Galli und Walaha vgl. noch 
M., D. A. II, S. 230 ff. Unter dem 
Namen der Raeti sind auch die Vin- 
delieier mitbegriffen, deren Land spSter 
Raetia seeunda heifst im Gegensatze 
gegen Raetia prima, d. h. das eigent- 
liche, siidlicher gelegene Alpenland. 
^Ratiens Grenzen waren im 0. der Inn 
gegen Noricum, im S. die italischen 
Provinzen Liguria und Venetia, von 
denen es die Wasserscheide der Alpen 
trennt, im W. die gallische Provinz 
Maxima Sequanorum und die agri decu- 
mates, im N. die Donau. tt Spruner. 
Das Wort, ohne h zu schreiben, ist 
uns in deutschem Gewande mRies er- 
halten. Die so bezeichnete Landschaft, 
wie bestimmte inschriftliche Zeugnisse, 
beweisen uns, dafs Ratien in weiterem 
Sinno iiber die Donau hinausreichte. 
Die Nationalit&t mindestens der eigent- 
lichenRatier war nicht eine ungemischte. 
Kelten hausten hier neben Rasenen 
(Btruskern) und vielleicht neben Ldgu- 
rern. Noricum, westlich an R&tion, 
nordlich an die Donau stofeend, vom 
Oenus (Inn) bis zum mons Cetius 
(Kahlenberg) reichend, hat T., welcher 
sonst die Norica provineia wohl kennt, 
hier aus stilistischen Grtinden zu nen- 
nen unterlassen. Die Pannonii wohn- 
ten im S. der Donau bis zur Sau. Sie 
gehoren zum illyrischen Stamme (Illy- 
rier scheinen die heutigen Albanesen 
oder Sehkipetaren oder Amauten mit 
einer eigentiimlichen indogermanischen 
Sprache), wahrend in Vindelicien und 
Noricum vorherrschend Kelten hausten. 
Vgl. iiber die Provinzen Raetia, Nori- 
oum, Pannonia auch Mommsen Corp. 

1* 



CORNELU TACITI 



montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insula- 

rum\.imme&gaf :sjjstii cqmplectens, «fiiyafir cognitis quibusdam 

5,'gentibufr .ap^regihus, $iios bellum aperuit. Ehenus, Raeticarum 

Alpium : iiiacoeiso;a^*p^a'ecipiti vertice ortus, m&dico_flexu in occi- 

Inscr. Latin. III, S. 706 ff, 587 ff., in neuester Zeit wieder Dr. B. Schu- 

415 ff., Hermes XVI, 467 ff. — macherin seiuer Programmabhand- 

Rkeno] Rhenus keltisch, mit un- lung de Tacito Oermaniae geographo 

richtigem, durch die Griechen hinein- 1886, p. XXff. — insularum immensa 

gekommenen h, nachher deutsch Rtn spatia, nicht „ungemessene tt , nicht 

umgeformt. tlber keltische Flufsnamen „unermefsliche tt ; in der Sprache jener 

in Deutschland vergl. noch Arnold, Zeit ist der Sinn mancher Ausdrucke 

Ansiedelungen und Wanderungen deut- oft&bgesehwficht: immensus—magnus. 

scher Stamme, S. 44, und besonders tJbrigens wird T. auch Scadinavia 

M., D. A. II, S. 218 ff. hinzuzahlen, welches damals und lange 

2. Danuvio] (nicht Danubio). Da- hinaus fiir eine Insel galt. Ferner 
nuvius, ebenfalls keltischen Ursprunges bestand der siidliche Teil Schwedens 
(der rasche), deutsch umgeformt Tuo- wirklich noch aus Inseln, und die 
nouwe, Donau. M., D. A. II, 368 ff. Nordseeinseln vor der germanischen 
In seinem untem Laufe Hister (griech. Kiiste waren geringer an Zahl, abor 
v IotQog), Bessorum lingua (also thra- bedeutender an Umfang. 

kisch). 4. nuper cognitis qu. g. ac r.] Sehr 

a Sarmatis Dacisque] Sarmatae lose und freie Satzgliedverbindung. Die 

(angels. Sarmende) sind die S. Jaxuges, Worte enthalten den Grund, warum 

d. h. die Orofsen, von welchen die Tacitus diese Raume grofs und weit 

Daken aus dem Winkel zwischen Do- nannte: sind ja doch u. s. w., nicht: 

nau und Theils verdrangt worden waren, wo neulich u. s. w. — nuper ist ein 

diese entschieden Indogermanen , aber relativer Begriff und hindert nicht, diese 

nicht Slaven. Wenn T. nach den Sar- Entdeckung auf Drusus, der in den 

maten und Daken die Umschreibung Jahren 12 — 9 v. Chr. gegen Gennanien 

desganzenGermaniensdamitabschliefst, kriegte, zuruckzufuhren. Andere, und 

dafs das ubrige der Ozean umgebe, so zwar die meisten neueren Forscher, 

bleibt die ganze Ostgrenze von den schreiben sie ubrigens einer unter Tibe- 

Daken bis zum Ozean oder der Ostsee rius' Oberleitung stejienden Expedition 

bei ihm offen und unbestimmt, und in im J. 5 nach Chr. zu. Wenn auch die 

der That war es seine Meinung,' dafs fraglichen Volker nicht selbst bekriegt 

sich hier keine bestimmte Grenze an- wurden, fuhrten doch die germani- 

geben lasse. M., D. A. II, 3. Sonst schen Kriege zu der Kunde von ihnen, 

gilt damals die Weichsel als Ostgrenze. freilich aufserdem auch der BernsteinT 

M. ebenda. Die Daci, ein thrakischer handel. 

Stamm, ;safeen damals in und um 5. Raeticarum A. inacc. ac pr.rv.] 

Siebenbiirgen. kann im Deutscheu mit dem bestinim- 

mutuo metu aut montibus] Allittera- ten oder unbestimmten Artikel iiber- 

tion; Ethisches und Physisches ver* setzt werden; richtig diirfte die letz- 

bunden. Die montes sind die Auslaufer tere tFberaetzung sein. Die Benen- 

der Karpathen. Metus bildet zunachst nung der Alpes (Hohen) als Raeticae 

die Grenze gegen die Sarmatae; montes ist nicht zu urgieren. Andere nen- 

trennen von deri Germanen weseritlich nen hier das Gebirge Adula (Gotthard), 

die Daken. Caes. B. G. 4, 10: Lepontii, qui Alpes 

3. Oceanus ambit] Oc. hier Nord- incolunt. Damit ist wohl die erste 
und Ostsee. Das Wort selbst scheint Quelle des Vorderrheines gemeint. 
den anliegenden, begrenzenden zu be- 6. modico flexu — v.] Mit dieser 
deuten. Ausbeugung ist nicht eine bestimmte 

latos sinus], wie complectens zeigt, (bei Arnheim oder anderswo), sondern 
Landausbiegungen, wie die kimbrische der ganze Rheinlauf gemeint Versus 
Halbinsel. Als Meerbusen fafet sinus ist Participium. 



GERMANIA. C. I. H. 



dentem versus septentrionali Oceano miscetur. Danuvius molli 
et clementer edito montis Abnobae iugo effusus pluris populos 
adit, donec in Ponticum mare sex meatibas erumpat: septimum 
os paludibus hauritur. 10 

II. Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum 
gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim, sed 
classibus advehebantur qui mutare sedes quaerebant, et immen- 
sus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro 



7. miscetur], wie ann. II, 6; vor- 
trefflicher Gegensatz gegen erumpat } 
da die Donau weithin ins Meer hin- 
aus ihr Wasser sichtbar behalt, wah- 
rend sich der Rhein sofort mit dem 
Gewasser des Ozeans vereinigt und 
vermischt. 

molli et elem. ed.] Ersteres bildet 
den Gegensatz gegen inaecesso, letz- 
teres gegen praecipiti vertice. 

8. Abnobae] Abnoba, keltischer Name 
(Wasserberg oder von Wasser umflos- 
sener Berg) der spatern silva Mar- 
ciana, des heutigen Schwarvwaldes. 

pluris populos adit] Plinius: per 
innumeras lapsus gentis Danuvii 
nomine cet. 

9. meatibus] poetischer Ausdruck. — 
donec — erumpat: eig. „bis er her- 
ausbrechen soll." Donec bei Tacitus 
gewohnlich mit Konjunktiv. Drfiger, 
Syntax u. Stil des Tacitus § 169. . 

septimum] Ephoros nenntden^ar^os 
nevrdoTOfiog, Strabo spricht von des- 
sen sieben MJindungen (VII, 3, 15), 
Plinius fiihrt sechs auf (N. H. 4, 
§ 79), jede mit ihrem Namen. Taci- 
tus schlichtet den Streit, braucht aber 
nicht enim zuzusetzen. 

II. 1. Ipsos Oermanos i. cr.] Im 
Gtegensatze gegen das Land, dessen 
Grenzen soeben bezeichnet worden 
sind, und um den wesentlichen Gegen- 
stand dieser Schrift einzufuhren; nicht 
(wie Baumstark) im Gegensatze gegen 
erst spater zu erwahnende, in Ger- 
manien wohnende Nicht - Oermanen. 
— indigenas cred.] indigenae vereinigt 
in sich den Begriff der Eingebornen 
und der Ureinwohner. Wir finden als 
Gegensatze advecti, advenae. Der Kon- 
junktiv crediderim hebt die Ansicht 
als eine subjektive hervor. 

minimeque — mixtos] ist ein zwei- 
ter Punkt; minime durchaus nicht. 



2. adventibus et hospitiis] „durch 
Zuwanderung und gastliches Verkehrs- 
recht u , nicht etwa durch feindliche 
Einfalle und freiwillige Auf- 
nahme. Ahnlich K. 40. Schiitz: 
hospitium ist die Aumahme als Gast. 
Dies auf ein Volk ubertragen giebt das 
Verhaltnis der offentlichen &voi oder 
peroixoi. — aliarum gentium „aus 
andern Stammen." 

quia — advehebantur] Leichtes 
Zeugma. Tacitus hat sich durch die 
Verhaltnisse um's mittellandische Meer 
mindestens zu einer falschen Begriin- 
dung seiner Ansicht verleiten lassen. 
Denn sollte auch die neulich mehrfach 
geaufserte, freilich noch bestrittene 
Meinung, dafs die Ursitze der Indo- 
germanen in Osteuropa zu suchen seien, 
durchschlagen, so erfolgten doch sohon 
die altesten Wanderungen wesentlich 
zu Lande und sie mufsten nicht not- 
wendig nur aus dem Siiden stattfinden. 

3. mutare — quaerebant] quaerere 
fiir das in der klassischen Sprache 
herrschende velle, studere. 

immensus ultra utque sie dixerim 
adversus 0.] Hier immensus in seiner 
vollen Bedeutung; ultra ist Adver- 
bium: der jenseit, d. h. auf der uns 
abgekehrten Seite, ins Unermefsliche 
reichende Ozean. Schiitz mochte zu 
ultra Oermaniam erganzen, welches 
aus dem Vorhergehenden zu entneh- 
men sei. — adversus mufs nach dem 
Vorausgehenden heifsen: unserer Welt 
gleichsam antipodisch entgegenliegend, 
von der andern Seite zugekehrt (Baum- 
stark: anderweltlich). Weil der 
Ausdruck kuhn, ein urspriinglich von 
lebenden Wesen geltendes Pradikat auf 
den 0. iibertragen ist, fiigt T. ut sic 
dixerim so zu sagen hinzu. So bei 
T. immer statt des klassischen ut ita 
dicam. Auch von den neuesten In- 



6 



CORNELH TAOITI 



5 navibus aditur. quis porro, praeter periculum horrid i et ignoti 
maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peterfet, 
infonnem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si 
patria sit? 

celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memo- 

lOriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum et 
filium Mannum, originem gentis conditoresque. Manno tris filios 
assignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, 



terpreten fassen einige adversus als 
„feindselig tt , was keine Steigerung von 
immensus enthielte. Herr Dr. A . B r i e - 
ger verteidigt in freundlicher Mit- 
teilung an mich wieder die schon alte 
Konjektur aversus. „Die Nord- und 
Ostsee kehren den Bewohnern des 
Mittelmeeres gleichsam den Riicken zu, 
indem sie von den Mittelmeergew&s- 
sern aus nicht unmittelbar zuganglich 
sind. tt 

5. praeter perie. — peteret] praeter 
nach seltenerm, bei T. zuweilen sich 
findendem Gebrauche fiir einen gan- 
zen Satz: „wenn man absehen will 
von tt ; quis peteret Potentialis der Ver- 
gangenheit. 

7. nisi si patria sit] gehort nur 
zu den unmittelbar vorhorgegangenen 
Worten tristem u. s. w. „unfreundlich zu 
bewohnen u. a. tt : „ausgenommen wenn 
es das Vaterland ist. tt Erw&hnenswert 
ist die Eonjektur von Bahrens: nisi 
si p. est, und diejenige von Sturm: 
nisi eui p. sit. Nisi si wird regel- 
mafsig mit dem Indikativ verbunden. 
Baumstark nimmt peteret wieder als 
mit der Abfassung der Germania gleich- 
zeitig: „Wer strebte (mochte) nach 
Germanien, ausgenommen es sei sein 
Vaterland? tt Wollte T. das ausdriicken, 
so hatte er petat geschrieben. 

9. celebrant carminibus antiquis] 
Mythische Iieder der Vorzeit. Gewifs 
waren solche Iieder bei den Germa- 
nen jener Zeit die vorherrschenden; 
doch konnen historische ihnen nicht 
absolut abgesprochen werden. Ihre 
Form war ohne Zweifel die, dafs eine 
Anzahl gehobener Silben durch Allit- 
teration (d. h. durch gleichen konso- 
nantischen oder durch vokalischen An- 
laut) gebunden war. 

mempriae et annalium] „geschicht- 
licher tfberlieferung und Darstollung. tt 



10. Tuistonem d. t. e. et f Mannum] 
Dieses ist der Beginn einer Anthro- 
pogonie, an welche sich eine beschrankte 
Ethnogonie anschliefst. Tuisto (die- 
ses die bestbezeugte Lesart; andere 
Abschriften bieten tiistonem oder tui- 
sconem; eine schon altere, nicht zu 
rechtfertigende Konjektur ist Teutonem), 
kaum eine bestimmte Gestalt der ger- 
manischen oder einer verwandten My- 
thologie, scheint der zwiefache zu 
heifsen, weil in ihm beide Geschlechter 
sind. Er wird sonst nirgend erwahnt. 
Des Tuisto Sohn Mannus (fiir Man- 
vas) bezeichnet den Urmenschen. Es 
ist unser Mann (Mensch, eig. men- 
nisco, von Wurzel men streben, 
sinnen, denken), ist dasselbe Wort mit 
dem indischen Manus und dem griech. 
Mivtag. — Zu orig. vgl. Verg. Aen. 12, 
166: Aeneas Romanae stirpis origo. 
Statt eonditores bieten die besten 
Handschriften conditoris. U r 1 i c h s : 
editum, originem gentis conditorisque. 
ei filium Mannum, Manno tres f. a., 
Holder, der aus dem cod. Humme- 
lianus conditorem aufnimmt: ei f. M., 
or. gentis conditoremque, Manno etc. 
Schiitz will blofe conditorem st. con- 
ditores aufgenommen sehen; auch Bah- 
rens schemt keine weitere Anderung 
zu verlangen, er erklart das hand- 
schriftliche conditoris als eine durch 
gentis veranlafste Verschreibung. Wir 
halten conditorem des Hummelianus 
fur eine Korrektur. 

12. proximi 0. Ingaevones, medii 
Herminones, ceteri Istaevones] An sich 
waren sprachlich richtiger: Inguaeo- 
nes, Istuaeones, mit patronymischen 
Formen, welche den lateinischen auf 
— aeus, — eius verwandt sind. Ver- 
gleiche Miillenhoff, Z. f. D. A. N. 
F. XI, S. 12 ff. Die Namen der Sohne 
des Mannus waren so viel als gewifs 



GERMANIA. C. TJ. 



medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur. quidam, ut in 
licentia vetustatis, pluris deo ortos plurisque gentis appellationes, 



(in starker Deklinationsf orm ) In- 
gv(a)s, Erm(a)n(a)s, Istv(a)s. Den 
ersten und zweiten konnen wir als 
Nebenbenennungen germanischer grofeer 
Gotter, des Freyr und des Tiu (Ziu), 
nachweisen, der dritte kann und wird 
Beiname des Vodan gewesen sein, ist 
aber als solcher verschollen. Etymo- 
logisch sind diese Namen, voraus der 
letzte, nicht sicher zu deuten; von 
seiten der Lautgesetze lasson sich je- 
doch gegen Miillenhoffs Erklarung 
an dem eben a. 0., nach welcher 
Ermnas der Erhabene, Grofse, In- 
gvas der Ankommende, Istvas der 
Verehrungswiirdige heifst, keine 
Einwendungen machen. "W". Scherer 
(Sybels hist. Z. N. F. 1, 160) hatte 
vermutet, dafs in Istv(a)s (Istvja) die 
Bedeutung eines Gottes des Herd- 
feuers liege (W. idh. „brennen tt ). Also 
germanische Gotter wurden unter Bei- 
namen als Stammvater bestimmter 
germanischer Stiimme bezeichnet, wohl 
derjenigen Stamme, die je einen dieser 
Stammgotter besonders verehrten. Zu 
den Inguaeones gehorten entschieden 
Friesen, Ghauken und die Anwohner 
der kimbrischen Halbinsel, zu den 
Herminones die Hermunduren, Sem- 
nonen (spatern Schwaben), Markoma- 
nen, zu den Istuaeones die vorder- 
rheinischen Stamme. Also nicht alle 
Germanen umfafst diese ethnogonische 
Sage, nicht die osthchsten und die 
nordlichsten. S c h e r e r , Zur Geschichte 
der deutschen Sprache, S. 164, glaubt 
die grolse Zweiteilung der germanischen 
Volker in "West- und Ostgermanen im 
konsonantischen Auslautsgesetze zu er- 
kennen, aufsert sich dariiber aber 
weniger entschieden in der zweiten 
Auflage 199. Vergl. auch Zimmer, 
Ostgermanen und Westgermanen, Son- 
derabdruck S. 70. 

13. quidam, ut in l. v. cet.] Im 
vorhergehenden ist von uralten mythi- 
schen liedern der Germanen die Rede 
gewesen, welche als zweites Argument 
die Autochthonie der Germanen be- 
weisen sollen. Daran kniipft T. Berichte 
offenbar anderer Art. Denn nichts 
deutet darauf hin, dafe auch diese 
liedern entnommen seien, nichts dar- 



auf, dafs auch in ihnen eine innerlich 
zusammenhangende Stammsage vorliege ; 
ja man ist zu der Prage berechtigt, 
ob die hier genannten Marsi u. s. f. 
nicht nur beispielsweise aufgefuhrt 
seien. Sollten die quidam, welche die 
folgenden Ansichten aufstellen, andere 
sein als die in Kap. 3? etwa germa- 
nische und nicht vielmehr zunachst 
romisohe Antiquare ? Entschieden sind 
es die lctztern, deren Thatigkeit wir 
ja auch darin finden, daCs sie den 
echten und allgemein als solohen aner- 
kannten germanischen Stammmythus 
vervollstandigen. Das hohe Alter- 
tum der Sache erlaubt und er- 
moglicht es, eine grbfsere An- 
zahl von Gottersohnen (nicht ist 
deo auf Tuisto oder gar auf Mannus 
zu beziehen: deo orti sind von einem 
— nicht „dem tt — Gotte, welches 
letztere auch Waitz, D. V. 3 I, S. 13 
Anm., annimmt, ohne, wie es scheint, 
in Tuisto diesen Gott zu sehen, Ent- 
sprossene), anzunehmen; es er- 
1 a u b t , Marsi u n d Oambrivii, w e 1 c h e 
zu den Istvaeonen, Suebi, die zu 
den Herminonen gehoren, wieder 
auf besondere gottliche Wesen 
zuriickzufiihren, Wesen, welche 
vielleicht erst aus den Stamm- 
namen erschlossen sind; es er- 
laubt auch die Ostgermanen bei- 
zuziehen. ut in licentia cet. „wie 
es bei dem Spielraume, den das Alter- 
tum giebt, zu sein pflegt oder nicht 
anders sein kann tt , nicht „da das Alter- 
tum Spielraum giebt. tt Anton. Dieser 
scharfsinnigen und uns richtig erschei- 
nenden Deutung Miillenhoffs steht 
eine noch heute ziemlich allgemein 
angenommene gegeniiber, nach welcher 
deo (deo ortos) auf Tuisto oder gar 
auf Mannus zuriickgehen, also eine 
zwiefache Sage oder Meinung iiber 
Zahl und Namen der Nachkommen des 
einen germanischen Stammwesens be- 
standen haben soll. Da deo nur auf 
Tuisto bezogen werden konnte, die 
mehreren Sohne aber eine Beziehung 
auf Mannus als zwingend erscheinen 
liefsen, erklart Bahrens die Lesung 
des Hummelianus de eo (statt deo) fiir 
die allein richtige. Derselbe, weil er 



8 COENELH TACITI 



15Marsos Gambrivios Suebos Vandilios affirmant, eaque vera et 

U.sng^ antiqua nomina. ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper 

additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expule- 

rint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis 

gmtis appellationes nicht als Stam- der Sueben werden von verschiede- 

mesbenennungen aufzufassen ver- nen Schriftstellern des Altertums ver- 

mag, korrigiert im fblgenden gentis schieden angegeben; Tacitus verlegt sie 

appellatas; Mannus habe noch weiter in den Osten und dehnt sie 

mehr Sohne gehabt und es seien unmafsig aus. Vergl. unten. Sicher 

(nach diesen) noch mehr Volker diirfen wir Ost- und West-Sueben 

benannt worden. — Nach M., D. A. annehmen. Sie sind der Grundstock 

II, 192 kann die Vierteilung erst nach der Oberdeutschen. — Vandilii sind die 

den Kriegen in Deutschland ausgebildet Ost- und Nordost-Germanen, welche 

sein, da die Marsen, die ersten in der nachmals gro&tenteils Deutschland ver- 

Einteilung, erst nach der Aufhobung lassen haben. Ihr Nanie scheint ein 

der Sugambem (im J. 8 n. Chr.) auf- Grenzvolk zu bezeichnen (angels. 

tauchen und nebst den mit ihnen ge- Vendlas); nach Scherer bezeichnet 

paarten Gambriviern seit den Ziigen er die Beweglichen. In grofster 

des Germanicus aus der Geschichte Kiirze entwirft dieser selbe Forscher 

verschwinden. ein Bild der aitesten germanischen 

15. Marsos, Gambrivios, Suebos, Volkerentwickelung a. o. a. 0., S. 160. 

Vandilios] Die Marsen (nach Sche- Mit tiefem Verstandnisse ist die ger- 

rer die Schlimmen) wurden von manische Volkerentwickelung von Mul- 

Germanicus zwischen Ruhr und Iippe lenhoff im zweiten Bande der Alter- 

getroffen. Ihre Kraft wurde durch ihn tumskunde gezeichnet. 

(ann. 2, 25) gebrochen, und seitdem eaque vera et a. n.] wahre (wir 

erblafst und verschwindet ihr Name. meinen, im Gegensatze zu dem inven- 

Uber die Marsen und ihr Heiligtum tum n.) und alte (im Gegensatze zu 

vgl. noch Miillenhoff a. o. a. 0. — dem vocabulum r. et n. a.) Namen. 

Gambrivii werden nur noch einmal Zacher will nach freundlicher Mittei- 

von Strabo erw&hnt. Ihr Name ist lung die Interpunktion dahin andern, 

offenbar mit dem zweiten Teile von daJs er vor eaque stark, nach nomina 

Sugambri oder Sygambri eines Stam- schwach interpungiert, wonach dann 

mes: gambar(a) d. h. tuchtig, thatig esse die einzig mogliche Erganzung 

und klug, die Ableitung urspriinglich ware. Die folgenden W. W. eeterum 

-via. — Suebos (nicht Suevos). Der Germaniae v. r. usf. enthalten offen- 

Name ist noch nicht sicher gedeutet, bar eine fernere Behauptung derselben 

meistens wird er mit die Schweifen- quidam. Schiitz behalt die alte Inter- 

deniibersetzt. Die verschiedenen Erkla'- punktion und erklart -que ohne alle 

rungen verzeichnet S c h a d e , d. Worter- Erganzung epexegetisch fur et - quidem. 

buch* u. dem "W. Suab, wo er nur 16. voeabulum] von einem Eigen- 

diejenigen von Hasdiou, El. Dacice II. namen, nach Sallust. — reeens hier 

Chiob (Bukarest 1876), der ihn mit Adjektiv. — nomen oder voe. aMere, 

svabha, oo<pog, sibus zusammenbringt, einen Namen beilegen, nicht einen 

nicht auffiihrt R. Much, Z. f. D. A. Namen zu einem andern Namen hin- 

32, S. 407 ff., kommt auf die lautlich zufiigen. 

am besten begrundete Ableitung von 17. qui primi Bh. etc.] sind die von 

J. Grimm und Wackernagel zuriick Caes. B. G. 2, 4; 6, 32 Genannten, 

und deutet die Benennung geschickt nicht aber die allgemein als wirklich 

auf die lassigen, sitzenbleibenden, zu- deutsch anerkannten Vangionen, Ne- 

nachst von denjenigen Stammesgenos- meter und Triboker am Oberrhein. 

sen spottweise gesagt, die an ihren 18. ae nunc Tungri] namlich vocen- 

alten Sitzen hangen blieben. Er ver- tur. ae, die Lesart der vorziiglichsten 

gleicht damit und erklart zugleich den Handschriften, im gewohnlichen Sinne 

Namen der Gepiden. Die Wohnsitze von und (nicht: gleichwie nun die 



GERMANIA. C. II. 



9 



nomen, non gentis, evaluisse _paulatim , ut omnes primum a vic- 
tore ob metum, s mox etiam a se ipsis invento nomine Germani20 
vocarentur. 



T. so genannt werden). Schiitz sucht 
wieder die Lesart ut nunc Tungri als 
die allein richtige zu erweisen, indem 
damit die ahnliche Entstehung eines 
Sondernamens viel besser bezeichnet 
sei als mit dem blofs verkniipfendon 
ac. Wir durfen aber kaum annehmen, 
dals T. oder sein Gewahrsmann eine 
solche Vergleichung angestellt habe. Der 
Gelehrte, der die Hypothese aufstellte 
(Plinius?), konnte eben nur an die 
Tungern ankmipfen, da diese zu seiner 
Zeit an die Stelle der Eburonen, des 
machtigsten Volkes unter jenen cis- 
rhenanischen Germani, getreten waren. 
Uber die Tungri spricht neuestens 
ausfuhrlicher Bergk, Zur Gesch. und 
Topogr. der rom. Rheinl. S. 119 ff. Er 
deutet den Namen deutsch aus tung, 
Erdhohle, und meint, des Tacitus Be- 
richt K. 16 werde besonders auf diese 
Gegenden gehen. Diese Ableitung wird 
schon durch den Anlaut T unwahr- 
scheinlich. 

G. vocati sint] vocare kann heifsen 
nennen und benennen. Die Worte 
sagen also nicht bestimmt aus, dafs 
die Germani erst in Gallien so benannt 
worden seien. Der Name selbst aber 
ist nicht aus deutscher Sprache zu 
deuten, lateinische Deutung lafst sich 
ebenfalls nicht annehmon, wohl aber 
hat keltische Deutung alle Wahr- 
scheinlichkeit fur sich, sei es nun, 
dafe damit verbriiderte Nachbar- 
volker oder Rufer im Streite ge- 
meint sind. Auch Mommsen, R. G. 8 
I, 153 u. 236 scheint geneigt, die kel- 
tische Deutung anzunehmen, fiir 
welche ebenso einige Stellen spaterer 
Autoren sprechen. — Nach Schiitz 
erhielten die zuerst iiber den Rhein 
gegangenen Deutschen den Namen Ger- 
manen, und doch konnte nach ihm 
der Name Germanen wohl deutschen 
Ursprunges sein (?!). "Ober den Na- 
men „Germanen tt und die Interpreta- 
tion unserer Stelle ist jetzt vor allen 
zu vergL M., D. A. II, S. 189—206. 

ita nationis nomen etc.] So liest 
nun auch Halm. Statt ita (= itaque) 
schlagt Bfihrens idque vor. Schutz 
streicht non gentis; aber der ausge- 



sprochene Gegonsatz gegen natio an 
unserer Stelle wird uns doch wohl 
erlauben, gens als Stamm mit wei- 
term Begriffe zu fassen. — omnes, 
namlich Germani, die wir Germanen 
heifsen. — a victore nach dem Gegen- 
satze a se ipsis — v. von dem Sieger, 
d. h. den Germanen, die in Galhen 
siegreich eingedrungen waren. 

20. ob metum] nicht: wegen des 
Schreckens, der in dem Namen lag, 
sondern: wegen der Furcht, welche der 
Umstaud erwecken mufsto, dafe alle 
iiber dem rechten Rheinufer wohnen- 
den Stamme ebenfalls Germanen und 
ihre Bruder seien. 

mox] nachher. — a se ipsis zu 
vocarentur gehorig. — invento nomine 
mit dem erfundenen, fiir sie blofs fin- 
gierten Namen; andere: mit dem vor- 
gefundenen oder mit dem bokom- 
menen Namen. Bahrens schlagt 
statt invento n. — insueto n. zu lesen 
vor. In der Z. f. D. A., B. 32, S. 334ff. 
versucht Laistner eine andere Aus- 
legung von invento nomine. Er uber- 
setzt nach langerer Einzelerorterung 
„so dafs alle mit einer Benennung, 
welche erst der Sieger Angst halber, 
spater auch die Gesamtheit iiberkam, 
Germanen hiefsen.* Wir vermogen 
weder gegen diese, noch gegen Zer- 
nials Auslegung, „dafs alle zuerst 
nach dem Sieger wegen der Furcht, 
nachher sogar von lhnen selbst mit 
dem (von den Galliern) erfundenen 
Namen benannt wurden tt , die so scharf 
begrundete Ansicht M.'s, eine Ansicht, 
wie sie auch von uns langst in Kiirze 
dargelegt wurde, aufztigeben. Vgl. auch 
Henning in der Anzeige von M.'s 
A. D. L. 

Das die Meinung jener Gelehrten. 
Sicher ist aber, dafs die Germani sich 
selbst so nur den Eremden gegeniiber 
nannten. Ein Gesamtname fur sie be- 
stand unter ihnen damals noch nicht. 
Allmahlich im 10. Jahrhundert kam 
fiir dio Sprache, dann auch fur das 
Volk der Gesamtname deutsch und 
Deutsche, d. h. diutisc, dem eige- 
nen Volke angehorend, auf, und 
bildete zunfichst den Gegensatz gegen 



10 



CORNELH TACITI 



m. Fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque 
omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. sunt illis haec 
quoque carmina, quorum relatu, quem barditum vocant, accen- 
dunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur; 



welsch, d, h. fremd, besonders roma- 
nisch. Vgl. K. 1. Zur Zeit des Py- 
theas war der Name Qermani noch 
nicht bekannt; er nannte die Teutonen 
Skythen und unterschied sio und ihre 
Stammverwandten damit von denKelten. 
Miillenhoff, D. A. 1, 480. Und bis 
auf Posidonios, den Geschichtschrei- 
ber des Kimbern- und Teutonenzuges, 
wissen die Griechen von keinen Ger- 
manen, nur wie Pytheas und Timaos 
von Kelten oder Galatern und Sky- 
then im nordwestlichen und nordlichen 
Europa. Ebendas. S. 484. Nach der 
eben citierten Darstellung M.'s kam der 
Name „Germanen tt fur die Deutschen 
erst nach 90 und vor 73 vor Chr. auf. 
Uber die Geschichte des Germanen- 
namens spricht einlafslich auch Waitz 
a. a. 0. S. 26 ff. 

III. 1. Fuisse a. eos et Herculem 
mem.] Dieselben quidam; aber Tacitus 
fugt gleich eine wirkliche Bestatigung 
dieser Annahme hinzu. Yergleichen 
wir die ubrigen.Stellen, wo in Tacitus 
von einem Herkules bei den Germanen 
die Rede ist, so kann mit dieser inter- 
pretatio Romana nicht ein alter Heros, 
es mufe ein grofser germanischer Gott 
damit bezeichnet sein, kein anderer 
als der in mancher Beziehung inner- 
lich mit Herkules verwandte deutsche 
Donar, der nordische Thorr. Donar 
ist der mit dem Keile gegen das Wiiste 
in der Natur kampfende Gott. Ihn 
besingen nach Tacitus germanische 
Stamme beim Auszuge oder vor dem 
Auszuge zur Schlacht als das Vor- 
bild aller Helden, wie die Inder 
den Indra. Das sind Lieder vor der 
Schlacht. — primum o. v. f. „als den 
ersten aller Helden. tt 

2. s. illis haee quoque carmina] 
haee ist hier, wo man etwa ea mit 
folgendem Konjunktivsatze erwartet, 
auffallend, aber keine bisanher vorge- 
schlagene Anderung (neuestens schlagt 
Hachtmann in acie statt haec zu 
lesen vor) ist wahrscheinlich. Ob nicht 
doch T. illis haec fiir illis illa (jene 
beriihmten und gefurchteten) gesagt 



habe, analog dem unten folgenden illo 
fabuloso eiTore in hunc Oceanum? 
Diese carmina, welche unmittelbar 
beim Beginne der Schlacht von den 
Mannern gesungen und von dem ulu- 
latus der Weiber begleitet wurden — 
eine Art Zauberlieder, — mogen mit 
Worten angefangen, aber in Schreien 
geendet haben. — relatus heifst hier 
die Art des Vortrages. Das Wort 
ist iiberhaupt vor Plinius dem Alt. 
und Tacitus nicht im schriftstellerischen 
Gebrauche gewesen und findet sich in 
diesem bestimmten Sinne nur hier. 
quem barditum vocant, namlich die 
Germanen. Die einzig wohl bezeugte 
Form barditus hat mit den kiinstlichen 
Bardenliedern der Kelten nichts zu 
thun — das "Wort bezeichnet ja auch 
nur den Vortrag, — kann auch nicht 
Gesang, xar y IZoxrjv, sondern muis 
Schildgesang (altn. bardhi, ein poeti- 
scher Name fur Schild) oder Bart- 
weise (denn germanische Grundform fur 
barba ist bards, nicht baxds) heifsen. 
An letzteres hat wohl Baumstark 
gedacht, wenn er sagt: "Wenn Herkules 
der germanische Thunar ist, so kann 
der barditus eher ein Donnergesang 
genannt werden, die nachgeahmte 
Donnerstimme u. s. f. Vgl. Grimms 
Mythol. 2 1, 162. Wie wir horen, hat 
Miillenhoff schon seit vielen Jahren 
barditus so gedeutet. Bahrens er- 
klart diese ganze Stelle anders. Ein- 
mal liest er: Uuri in proelium ca- 
nunt: nam sunt illis haec quoque 
carmina: quorum relatu etc. Er 
meint, Tacitus diirfe in diesem Zusam- 
menhange gar nicht andere c. bellica 
erwahnen, die sich nicht speziell auf 
Herkules beziehen, als hatte T. nir- 
gends in der Oermania solches, was 
ein neuerer Schriftsteller etwa in einer 
Anmerkung mitteilt, in den Text ein- 
geflochten; haec carmina gehen also, 
meint B., auf die bereits in den ersten 
Worten des Kapitels eingefuhrten , die 
den carmina iiber Tuisto vl. s. f. ent- 
gegengestellt werden. Er liest ferner 
mit dem Hummelianus baritum, was 



GERMANIA. C. m. 



11 



terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille 5 
quam virtutis concentus videtur. affectatur praecipue asperitas 
soni et fractum murmur obiectis ad os scutis, quo plenior et 
gravior vox repercussu intumescat. 

ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso 
errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asci-10 
burgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo 
constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam 
adiecto Laertae patris nomine eodem loco olim repertam, monu- 
mentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in con- 



nun also den Vortrag der Preislieder 
auf den Herkules bezeichnen mufste. 
Hachtmann hat die Hauptansicht 
von B., welcher Miiller durch seine 
Konjektur „sonant illi u i. e. canuntur 
illi (Herculi) zu Hilfe kommen zu 
wollen soheint, hinreichend widerlegt. 

5. terrent enim trepidantve] Der 
Assonanz wegen ist der Gegensatz 
nicht scharf. — sonuit acies, wie 
histor. 4, 18. 

vocis Ule — videtur] Besserung von 
Ehenanus; in den Handschriften voces 
illae — videntur. Der Yorschlag von 
Rh. ist neuHch wieder von Schiitz 
scharf begrundet worden. 

7. fraetum murmur] Frangitur so- 
nus h. e. ita sonat, ut abruptum sonum 
rei vi fractae imitetur. Vorg. goorg. 
4, 72: (vox) auditur fraetos sonitus 
imitata tubarum; Aen. 3, 556: fractae 
ad littora voces. — gravior, tiefer. 

9. ceterum et U] T. weist damit 
auf den Anfang des Eapitels zuriick. 

10. in hunc Oceanum] wo man in 
illum 0. erwartet; aber Tacitus will 
mit den "Worten wechseln. Sonst gilt 
ihm kic besonders von Italien und 
Rom. Schiitz, der sich irrt, wenn 
er meint, niemand habe an hunc 0. 
Anstofs genommen, schlagt dafiir illum 
vor. — Hachtmann und vor ihm 
Halm verteidigen hunc aus anderm 
Grunde. — Ubrigens ist diese Angabe 
von Ulixes nicht auf deutsche Sage 
zu deuten; es ist Meinung und Schlufs 
der Antiquare, dafs der Vielgewan- 
derte auch nach Germanien gekommen 
sei. Vergleiche die treffhche Darstel- 
lung von Mullenhoff, D. A. I, S. 41. 
D. A. H, 191 Anm. sagt MuUenhoff: 
Ein keltischer Name wie Ulokoxsis 



konnte allerdings romische Gelehrte 
leicht den Ulixes am Niederrhein ent- 
decken lassen. 

Ajsciburgiumque] das heutige Asburg 
am linken Rheinufer, nicht Essenberg 
und noch minder ein Asenburg. Der 
Name ist wohl sicher deutsch und be- 
deutet feste Schiffstation, von asc 
Esche und burg. Vgl. Mullenhoff l. 1. 
Ist er aber deutsch, so durfte er erst 
von den deutschen Gugemi, welche 
spater dieses friiher menapische Gebiet 
bewohnten, dom Orte gegeben worden 
sein. 

11. hodieque] „und noch heute tt 
Hirsohfelder. — Fur incolitur liest 
Bahrens mit dem H., wie er meint, 
grammatisch richtiger, incolatur. 

12. constitutum nominatumque] no- 
minatumque kann doch nicht heifsen, 
der Ort habe von Ulixes iiberhaupt 
einen Namen erhalten. Der Name 
Asciburgium aber konnte von den 
quidam kaum auf Ulixes bezogen wer- 
den, und wir werden mit Recht hier 
eine Liicke annehmen, d. h. annehmen, 
dafs ein Name, der auf Ulixes fuhren 
konnte, ausgefallen isi Darauf deuten 
ja auch einige der bessern Codices hin. 
Vgl. Mullenhoff in der eben citierten 
Anmerkung. 

aram quin etiam] Nach dem Vor- 
gange des Vergil (Aen. 8, 485) stohen 
hier die Partikeln quin etiam nach 
dem ersten, "Worte. — Ulixi conse- 
cratam zu fassen als ab Ulixe con- 
secr., da seine Anwesenheit bezeugt 
werden soll. 

13. monumentaque et tum.] Hiigel- 
denkmale. Wirklich griechische Buch- 
staben anzunehmen sind wir nicht 
genotigt; Runen auf solchen Inschriften 



12 COENELE TACITI 



15finio Germaniae Eaetiaeque adhuc extare. quae neque confirmare 
argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque 
demat vel addat fidem. 

IV. Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos 
nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sin- 
ceram et tantum sui similem gentem extitisse arbitrantur. unde 
habitus quoque corporum, quamquam in tanto hominum numero, 

5 idem omnibus: Jfcruces et caerulei oculi, rutilae comae, magna 
corpora efr tantum adjjnpetum valida: laboris atque operum non 

zu sehen, diirfte kaum richtig sein, aliis streichen. "Wir fassen wohl die 

wenn diese auch schon zu Tacitus' Wiederholung des Begriffes der Yer- 

Zeiten zu Los und Zauber verwendet schiedenheit am einfachsten als ver- 

worden sind. Nichts aber steht der starkenden Ausdruck: „durch keinerlei 

durch Inschriftenfunde in diesen Ge- Eheverbindungen mit fremden Stam- 

genden aufgekommenen Annahme ent- men, welche selbst fremdartige sind. tt 

gegen, dafs die Buchstaben nordetrus- Ygl. dial. c. 10: ceteris aliarum ar- 

kische waren, also freilich aus einem tium studiis. c. 30: omnem omnium 

griechischen Alphabete und griechischen artium varietatem. — propriam et sin- 

Zeichen ahnelnd. ceram, eigentumlich und durch- 

16. ex ingenio suo] „nach Indivi- aus rein. 
dualitat und Neigung." — demere 5. truces et caerulei] gehoren eng 

fidem kann den Sinn „Glauben (fides zusammen und bezeichnen das Dro- 

subjektiv) entziehen" einmal bei Ovid hende und Trotzende. Gaeruleus (Bah- 

haben; bei Tacitus bedeutet es sonst rens liest mit dem H. caeruli) wird 

(wohl auch histor. 2, 50) „Glaubwiir- von mannigfachen Nuancen des Tief- 

digkeit (fides objektiv) nehmen." ad- blauen gebraucht; es ist namentlich 

dere fidem heifst bei Livius an zwei das ins Griine und Graue spielende 

Stellen „Glaubwurdigkeit hinzugeben, Blau. Diese Farbe der Augen eignet 

vermehren tt und wesentlich dasselbe iiberhaupt den Nordstammen. Den 

(„bewahrheiten tt ) bei Ovid. fast. 3, 366, wilden Blick der Deutschen und das 

her. 12, 194. So diirfte wohl fur un- Feuer ihrer Augen furchteten selbst 

sere Stelle die Erklarung von Kritz- die Gallier. Caes. B. G. 1, 39. — rutilae 

Hirschfelder dio richtige sein: ut comae sind nicht unsere roten Haare; 

demere fidem nihil aliud est nisi refel- wenigstens war das nicht die herr- 

lere, ita addere fidem plane idem atque schende Farbe, sondern die rotlich 

argumentis confirmare. Bahrens gelben,goldfarbenen. Auchblond- 

tilgt ohne Riicksicht auf das Yoraus- haarig werden die Germanen oft ge- 

gehende und mit Unrecht die Worte nannt. Schwarze Haare aber waren 

demat vel. Diese Streichung soll be- verpbnt. Bekannt ist, dafe die alten 

griindet werden durch eine von ihm Germanen sich einer Seife bedienten, 

willkiirlich angenommene Randglosse. um die Farbe der Haare zu erhohen. 

IV. 1. Ipse eorum op. a.] Mit die- Plin. N. H. 28, 51. 
sen Worten kehrt T. zu dem Anfange 6. tantum ad impetum valida] In 

von K. 2 zuriick und spricht sich nun ann. 2, 14 ist impetus sicher vom 

bestimmt aus. Sollte sich opinioni- Sturm beim Angriffe zu fassen, und 

bus gegen C. Meisers opinioni nicht das pafst auch hier. 
durch die Annahme verschiedener Be- laboris — non eadem patientia] Wo 

grundung und in verschiedene Zeit fal- es andauernde Strapazen und Arbeiten, 

lender Aufserung der Meinungen der ei z. B. Lagerarbeiten, gilt, halten sie 

halten lassen? — nicht ebenso aus. Ann. 2, 14: nulla 

2. aliis aliarum nat. c.] Die Hau- vulnerum patientia. Germ. 23: ad- 

fung aliis aliarum ist auffallend, und versus sitim non eadem temperantia. 

bedeutende Kritiker wollen das Wort Also patientia Substantivum. 



GEBMANIA. C. IV. V. 



13 



eadem patientia; minimeque sitim aestumque tolerare, frigora 
atque inediam caelo solove adsueverunt. 

V. Terra etsi aliquan to specie differt, in universum tamen 
aut silvis horrida aut paludibus foeda, umidior qua Gallias, ven- 
tosior qua Noricum ac Pannoniam aspicit; satis ferax, frugifera- 
rum arborum impatiens, pecorum fecunda, sed plerumque inipro^ 
cera. ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis: numero 



7. minimeque cet.] minime naoh dem 
Gegensatze nnd Polyans (8, 10, 3. cf. 
Plut. Mar. 26) ov&apais absolut zu fas- 
sen: „durchaus nicht. tt — Zu frigora 
und inediam kann man leicht tolerare 
erganzen; es ist aber dem Charakter 
der Taciteischen Diktion ganz ange- 
messen, diese Accusative als unmittel- 
bares Objekt von assueverunt zu neh- 
meu, wie in Verg. Aen. 6, 833: Ne 
tanta — assueseite bella. 

V. 1. Terra e. aliquanio differt] 
differre, indem die terra aus vielen 
Teilen besteht. aliquanto, Ablativus 
des Mafeunterschiedes. 

2. aut silvis horrida cet.] horridus 
hier, wie der Gegensatz foedus zeigt, 
grausig, wild. Vgl. Verg. Aen. 8, 
348: horrida dumis. Von Waldern im 
alten Germanieu werden uns namentlich 
genannt der hereynische (Hohenwald), 
bald in umfassenderm, bald in engerm 
Sinne, Bacenis, nach Zeufs u. a. das 
Harzgebirge, nach Werneberg „der 
Thiiringerwald tt , nach K i r c h h o f f s 
feinen TJntersuchungen „die tiefen Wal- 
dungen, die sich vom Reinhartswald 
iiber den schildformig gewblbten Sol- 
ling ins unbestimmte weiter ziehen tt , 
Abnoba, spater Marciana, Schwarz- 
wald, die silva Caesia, Heissiw., der 
teutoburgische u. a. Und heutzutage 
noch haben wir viele Zusammen- 
setzungen mit wald, loh, hart, von 
welchem letzteren der Name Harx ein 
Genitiv ist. ' 

umidior qua Q.] besonders am Nie- 
derrhoin. 
ventosior] demnach weniger umida. 

3. satis ferax] fiir Saaten ertrag- 
reich. Satis Dativus (von sata, -orum\ 
wie Lucan 9, 696: feeundaque nulli 
arva bono. Andere erklaren satis als 
Ablativus (an Saaten) und fruher fafs- 
ten es viele als Adverbium. — Hafer 
wurde in Germanien vielfach angebaut, 



und der Haferbrei hat in Deutschland 
fast Beriihmtheit erlangt. Gerste, 
das altindogermanische und geheiligte 
Getreide, war auch ein germanisches 
Haupterzeugnis und diente namentlich 
zu Bier. Auch Weizenarten durfen 
wir voraussetzen, nicht aber Roggen. 
tJberdies sind germanische Bohnen 
und Riibenarten bekannt. — Aber fiir 
frugif arb. impatiens darf man nicht 
etwa patiens lesen wollen. Es fehlten 
in Deutschland mindestens die edlern 
Obstarten, die dort erst Jahrhunderte 
nach Tacitus eingefuhrt wurden. In 
ganz anderm Sinne, und zwar gewifs 
nach deutscher Angabe, nicht nach 
romischer Auffassung ist in E. 10 von 
einer frugifera a. die Rede. 

4. pecorum fecunda cet.] pecora hier 
allgemeiner Ausdruck. — plerumque 
improcera namlich: sunt, ja nicht in 
erkiinstelter Weise improcera auf terra 
zu beziehen. 

5. ne armentis quidem cet.] d. h. 
zunachst den Rindern. Sie sehen nicht 
so stattlich aus und konnen nicht so 
stolz auf ihren Hornerschmuck sein 
als die italischen. Zudem diirfte eine 
kurzgehornte Viehrasse in D. herr- 
schender gewesen sein. Aber die Kiihe 
werden von den Alten als um so milch- 
reicher geriihmt. Bahrens wird fiir 
seine Eonjektur. status honor st. suus 
honor kaum Billigung finden. 

numero gaudent] „an der Zahl 
(der Quantitat) haben sie ihrBehagen. tt 
eaeque solae u. s. f. „ihr einziges und 
sehr liebes Vermogen." Langst ist 
bemerkt, wie sich das auch in der 
Sprache ausdriickt. Altsachsisch feho 
heifst Reichtum, Schatz, faihu im 
Gotischen, feoh im AngelsSchsischen 
Geld, altfriesisch scet Vieh und Geld, 
althochdeutsch scax Geld u. s. f. Vgl. 
die hubschen Bemerkungen von Zim- 
mer, A-Stamme, S. 294, u. Roscher, 
Hermes, S. 77. 



14 



CORNELU TACITI 



gaudent, eaeque solae et gratissimae opes sunt. argentum et 
aurum propitiine an irati di negaverint dubito. nec tamen af^ir- 
maverim nullam Germaniae venam argentum aurumve gignere; 
quis enim scrutatus est? possessione et usu haud perinde affi- 

lOci untur . est videre apud illos argentea vasa, legatis et princi- 
pibus eorum muneri data, non in alia vilitate quam quae humo 
finguntur; quamquam proximi ob usum commerciorum aurum et 
argentum in pretio habent formasque quasdam nostrae pecuniae 
agnoscunt atque eligunt: interiores simplicius et antiquius per- 

15mutatione mercium utuntur. pecuniam probant veterem et diu 



6. argentum et aurum cet.] Ovid. 
met. 1, 140 sqq. effodiuntur opes irri- 
tamenta malorum. Die Namen aber 
fiir diese Metalle sind deutsch; ety- 
mologisch stimmen sie mit den grie-' 
chischen und slayischen, nicht mit 
den lateinischen. tJbrigens ist hier zu 
bemerken, dafs Tacitus nur von den 
Landeserzeugnissen redet und sich 
dann, da Gold und Silber nicht dazu 
gehoren, zu einem nicht ganz rich- 
figen Urteil iiber die Begierdelosigkeit 
der Germanen iiberhaupt verleiten lkfst. 
Allerdiugs wurde durch die Erzeug- 
nisse des eigenen Landes die Begierde 
nicbt angeregt. 

7. nee tamen affirmaverim] Tacitus 
erfuhr also vielleicht erst spater, was 
er ann. 11, K. 20 erzahlt: Ourtius — 
Rufus — in agro Mattiaeo reeluserat 
specus quaerendis venis argenti, unde 
tenuis fruetus nee in longum' fuit. 
Aus dem fiinften Jahrhundert erst 
haben wir Nachrichten von Rheingold, 
und im neunten sagt der Dichter 
Otfrid von den Franken: lesent thar 
in lante gold in iro sante. 

9. haud perinde] „nicht darnach, 
wie man es nach der allgemeinen Gel- 
tung dieser Metalle erwarten sollte; tt 
nicht sonderlich. Diese Erklarung ist 
zuletzt von Schiitz sehr gut begriin- 
det worden. Von anderen Erklarungen 
erwahnen wir nur diejenige von Gan- 
trelle: Ils ne sont pas (tous) egale- 
ment touches, e y est a dire, les uns le 
sont plusy les autres moins. Auf 
dieselbe verfiel jiingst Hachtmann, 
welcher sie ausfiihrhch zu begriinden 
versucht. — Bahrens, welcher nur 
proinde fiir echte tJberlieferung halt, 
erlaubt sich ohne weiteres die W. 



"W. umzustellen haud affieiuntur: 
proinde est „demnach kann man s. tt 
— est videre ^man kann sehen. tt Ann. 
16, 34: ut conieetare erat. 

11. non in alia vilitate] d. h. in 
keiner andern Wertung als irdene Ge- 
schirre, die einen sehr geringen Wert 
haben. Schiitz: die s. Gef. haben 
fur sie denselben geringen Wert. 
Fiir diesen Gebrauch von non alius 
citiert Miiller Tac. ann, 3, 16, aus 
Plin. N. H. 5, 7 und andere Stellen. 
Diesem Satze scheint Casar, B. G. 6, 28, 
zu widersprechen. Immerhin ist zu 
bemerken, dafs dort die Jagdbeute 
geohrt wird, hier von Fremden ge- 
schenkte Luxusgegenstande erwahnt 
sind, dafe wir ferner nach dem Gegen- 
satze quamquam proximi cet. hier 
Binnenvolker zu verstehen berechtigt 
sind. tibrigens wollen wir nicht leug- 
nen, dafe des T. Nachricht ubertrieben 
ist und diese Farbung wesentlich wegen 
des Gegensatzes gegen Rom angenom- 
men hat. 

12. proximi] namlich den RSmern. 
ob usum commerc.] Der germanische 

Handel ist mehr ein passiver. Sie 
verkaufen die schonen Haare, Tier- 
Mute, Gansefedern, Seife, Bernstein, 
Riiben, aber auch Kriegsbeute, Skla- 
ven u. s. f. Im ganzen sind es aber 
gemeine und geringfiigige Sachen, die 
sie kaufen und verkaufen. 

13. formas] Geprage. 

14. permutatione mercium u.] Auch 
das "Wort Kauf scheint urspriinglich 
was Tausch bedeutet zu haben. Vgl. 
J.W.Grimm,d.W.V, 315 f. Kluge, 
etymol. d. W. u. d. W. — 

15. veterem et diu notam cet.] Die 
ausgezahnten und die mit dem 



GERMANIA. 0. V» VI. 15 



notam, serratos bigatosque . argentum quoque magis quam aurum 
sequuntur, nulla affectione animi, sed quia numerus argenteorum 
facilior usu i est p romisc ua^ ac vilia mercantibus. 

VI. Ne ferrum quidem superest, sicut ex genere telorum 
colligitur. rari gladiis aut maioribus lanceis utuntur: hastas vel 
ipsorum vocabulo frameas gerunt angusto et brevi ferro, sed ita 
acri et ad usum habili, ut eodem telo, prout ratio poscit, vel 
comminus vel eminus pugnent. et eques quidem scuto framea- 5 
que contentus est, pedites et missilia spargunt pluraque singuli, 
atque in immensum vibrant, nudi aut sagulo leves. nulla cultus 

Bilde eines Zweigespannes ver- sahs, swert. Dafs sie aber keine ge- 

sehenen Miinzen sind Denare aus den wohnliche Kriegswaffe, dafs nament- 

Zeiten der Bepublik zum Unterschiede lich grofse Schwerter, welche viel 

von den leichtern Neronischen. Eisen erforderten, verhaltnismafsig sel- 

16. argentum quoque. Schiitz will ten und geschatzt waren, ist dadurch 

quoque in -que korrigieren; argen- nicht ausgeschlossen. — lanceis. Die 

tumque schlieise sich vortrefflich als Alten nehmen diesen Ausdruck fur 

Erklarung an die genannten serrati einen keltischen ; vergleichen wir Xoyx^ 

bigatique an. Bfihrens schlagt statt kircheusl. Iqsta, so scheint es iiber- 

quoque quippe zu lesen vor. T. sagt, haupt ein indogerm.-europaischer. Die 

die G. wissen wohl die schwerern Lanze unterscheidet sich von der 

Silbermunzen von den leichtern zu frarnea durch das breite Eisen. 

unterscheiden und zweitens ziehen sie 3. framea] ursprunglich framia oder 

auch Silbergeld dem Golde der Be- framja, ist wohl mit Mullenhoff u. a. 

quemlichkeit wegen vor. AuchMiiller auf das deutsche Adverbium fram, 

hfilt quoque fest und erklart es in ahn- nqoato und ?mo, zuruckzufuhren, „ein 

licher Weise. Zernial 1.1.384: „wie Instrument, um im Eampfe vorzudrin- 

sie Silberdenare schatzen, so haben sie gen oder in der Ferne zu treffen (?). tt 

auch noch das Abweichende von an- "Wie fr. zu der ihm ursprunglich frem- 

dern Menschen an sich, dafs sie iiber- den Bedeutung gladius, swert gekom- 

haupt mehr nach Silber als nach Gold men ist, das hat Mullenhoff, Anz. 

trachten.* Es ist nicht notig, mit fiir d. A. u. d. L. VII, S. 216, meister- 

Sturm noch ein eo vor quoque ein- haft nachgewiesen. Wie T. selbst be- 

zusetzen. — merkt, ist die framea eine Stofs- und 

VI. 1. Ne ferrum quidem superest] Wurfwaffe gewesen. 

mperest=abundesuppetit. VonEisen- 6. missilia] Hist. 5, 17 : saxis, glan- 

gruben im germanischen Osten spricht dibus et eeteris missilibus proelium 

Tacitus K. 43. Eingefiihrt wurde Eisen ineipitur. — spargunt. Vorg. A. VII, 

aus Gallien und Noricum, eine Ein- 686 f.: glandes — spargit; VIII, 695: 

fuhr, die spater untersagt wurde. Das ferrum spargitur cet. Fiir pluraque 

deutsche Wort fur Eisen ist ein ab- s. will Schiitz aus unzureichendem 

geleitetes, gotisch eisam, ahd. tsarn Grunde das auch hss. (?) plura s. ein- 

und tsan, mhd. tsern, tser und isan, setzen oder pleraque lesen, oder bei 

tsen, besonders isern zu Waffen ver- beibehaltenem pluraque das folgende 

arbeitetes Eisen. atque in eaque andern. 

telorum] tela ^die^treffenden* sind 7. in immensum vibrant] nicht etwa 

die Angriffswaffen, die Trutzwaffen. nur immensum, wie neulich wieder 

2. gladiis] Schwerter in verschie- Schiitz verlangt, was blofs eine Qua- 

dener Form sind den Germanen wohl- litatsbestimmung zu vibrant ware. 

bekannt und werden mit verschiede- — nudi aut sagulo leves. Zuufichst 

nen deutschen Namen bezeichnet, wie nichts anderes als: ohne sagulum oder 

gotisch hatrus (x*(q(o), meki, deutsch durch dieses nicht gehemmt. Das 



16 CORNEUI TACITI 



iactatio; scuta tantum Jectissimis coloribus distinguunt. paucis 
loiicae, jix_uni alteriy e cassis aut galea. equi non forma, non 
lOvelocitate conspicui. sed nec variare . gyros in morem nostrum 
docentur: in rectum aut uno flexu dextros agunt, ita comunjsto 
orbe A ut nemo posterior sit. 

Diminutivum gaicht wegen der Klein- liege, es heifst (vgl. castrum) nur das 

heit, sondern wegen der Gemeinheit. Deckende, Schiitzende, und ebendas- 

tlber Form und Stoff desselben unten. selbe der echtdeutsche helm, got. hilms 

nulla cultus iact.] wie bei den Gal- (von hilan, hehlen). Da die codices 

liern. cultus hier „Bewaffnung, Waf- gakae iiberliefern, mochte Bahreds 

fenschmuck. tt scuta t. lectiss. c. d. galea. et (=etiam) lesen. 

„unterscheiden sie mit den ausgesuch- 9. equi non forma etc.] Das Rofs, 

testen Farben. tt Damit ist nicht gesagt, ein indogermanisches Haustier (sanskr. 

ob die Schilde einfarbig oder mehrfarbig agva, lat. equus, gr. 1'nnog fiir ixfos 

gewesen seien, ob gestreift, ob mit (txxog), altsachs. ehu), wird durch 

bestimmten Figuren versehen. Jedes- Kultur veredelt. Im alten Deutschland 

falls diirfen wir nicht an formliche gab es auch noch wilde (oder ver- 

Wappen denken. Schwarz waren wilderte?) Rosse. Aber einmal zeich- 

nach Tacitus G. 43 die Schilde der Ha- nen sich einzelne Stamme durch ihre 

rier; heuivun harmltcco huttte sciltt Reiterei aus, anderseits riihmt denn 

heifet es gegen Ende des Hildebrands- doch Casar bis auf einen gewissen 

liedes; braune Schilde hatten spater Grad die deutschen Pferde. (B. G. 4, 2.) 

die Friesen, rote die Sachsen. Unbe- Einzeln wurden auch gallische Pferde 

stimmt sind die scutorum insignia eingefuhrt; darauf weisen Namen, wie 

der Alamannen, Amm. 16, 12, 6. Scil- Maroboduus (marahpato, ^lnno/jitt/og) 

taere hiefs im Mittelalter jeder Maler vom kelt. marea. Wie bei den europ. 

(Schilderei, schildem). Der Ausdruck Volkern das Pferd (in Herden) gehal- 

schild (got. skildus) ist echt deutsch ten wurde, dariiber spricht Hehn, 

und nicht aus scutulum verderbt. Uber „Kulturpfl. u. Haustiere tt , S. 26. Eine 

den Stoff, aus dem der germanische solche Herde hiefe ahd. stuot, (Stutt- 

Schild gemacht ist, redet, freilich ver- gart), der Pferdehirt alts. ehuscalc. 

achtlich, Germanicus Tac. ann. 2, 14: 10. variare gyros] d. h. varios agere 

ne scuta quidem ferro nervove fir- gyros: oo. — in rectum u. s. f. kann 

mata, sed viminum textus vel te- hichts anderes heifsen als: geradeaus 

nues et fucatas colore tabulas. oder mit einer Schwenkung rechtshin, 

Spater ist linta ein Name fiir aus d. h. dextros kann hier nicht = habi- 

llndenzweigen oder Lindenbast gefloch- les sein. Auffallend ist immerhin, dafe 

tene Schilde, lindviga oder lindviggend nur von einer Schwenkung rechtshin 

heifst im Angels. Krieger. Die Form die Rede ist, und darum mochte 

der Schilde war nach spatern Funden A. Michaelis dextros vel sinistros, 

viereckig, aber langer als breit, zu- Drager statt dextros versos lesen; 

weilen dreiseitig; runde Schilde Ortmann aber streicht dextros als 

erwahnt T. als den Lemoviern eigen- Glosso von uno flexu. Eufsner recht- 

tiimlich K. 43. fertigt dextros durch Verweisung auf 

8. paucis loricae] Fremd sind die Xonoph. U. inn. 7, 11 ff. 

Namen Panzer (mittellat. panceria 11. ita coniuneto orbe] wobei das 

vom ital. pancia, lat. pantex, Wanst) Kreisen, die Kreisbewegung in 

und Harnisch (aus franzos. hamois der Weise geschieht etc. Ganz rich- 

von keltischem haiarn, Eisen); brilnne tig in Beckers Ausgabe so erklart: si 

(got. brunjo) ist den Germanen und equites, qui uno ordine constiterant, 

Slaven gemeinsam. — vix uni alterive flectuntur, celerius procedunt qui sini- 

cassis aut galea. Hier mit derselben stra, lentius qui dextra parte agunt, 

Unterscheidung wie bei Isidor: Metall- ita ut semper recta ordinis linea (also 

oder Lederhe\m\ nicht dals in cassis Radius, Kreislinie) servetur. Michae- 

der Sinn von Metallgerate an sich lis schlagt eoniuncto ordine vor, weil 



GERMANIA. C. VI. 17 



in universum aestimahti plugjjenes peditem roboris; eoque 
mixti proeliantur, apta. et congruente ad equestrem pugnam velo- 
citate peditum, quos ex omni iuventute delectos ante aciem locant. 15 
deflnitur et numerus: centeni ex singulis pagis sunt, idque ipsum 

orbis ia der Militarsprache technisch iibrigens kaum altere Zeugnisse auf- 

Garre bedeute, eoniungere orbem zubringen sind, fallen mufs. Es lage 

ein Carre bilden heifee. Bah- dann eine Hundertschaft von 100 oder 

rens andert das cuneto einiger Hand- 120 gentes, deren jede sich wieder 

schriften in iuneto; Tacitus brauche in 10 Hauser teilte , der Einteilung 

iiberhaupt in dieser Schrift nur das zu Grunde, und ursprunglich hatte je 

Simplex iunetus. eine gens einen Mann zu den mixti 

13. in universum aestim.] Diesen zu stellen gehabt. (Beovulf wird 

vielleieht den Griechen nachgeahm- Unterkonig iiber sieben Tausend- 

ten, falsch absolut genannten Dativus, schaften, Beovulf 2169.) Also ginge 

welcher bei Sallust und Cicero fehlt, nach M. der Ehrenname der Hun- 

braucht T. nicht selten in den kleinen derte auf die berittenen und die sie 

Schriften und in deh Historien, und als Fufsganger begleitenden Vorkampfer 

zwar haufiger denjenigen des Urteiles zugleich (eine solche Halfte durfte 

als den zu Ortsbestunmungen dienenden. nach "W. Schorer got. tevi geheifsen 

Das Fufsheer war bei den Deutschen haben). Das scheint uns nach Taci- 

das Wesentliche bis ins Mittelalter. tus' Worten ante aeiem l. — acies 

eoque mixti] eoque fiir ideoque ist- per eun. comp. ausgemacht, dafs erst 

dem T. aufserordentlich gelaufig. Zur mit letztem die Darstellung des ge- 

S|ache vergl. Caes. B. G. 1, 48; 7, 65 sainten Heeres beginnt, und dafs nomen 

u. s.f. Etwas Ahnliches berichtet C. und honor auf Auserlesene weist, 

von den Galliern, B. G. 7, 80; von unter denen T. nach dem Zusammen- 

den deutschen Bastarnen meldet den hange freilich kaum die gemischte 

Brauch Livius 44, 26 (iiber weiteres Elite begreift, sondern nur die unmit- 

vgl. Miillenhofi 7 , D. A. II, S. 105 Anm.); telbar vorher genannten pedites ver- 

von den Alamanndn Amm. Marcell. 16, standen haben wird. Diese auch fiir 

12, 21. Von den Germanen nahmen die Ordnung der germ. eivitas hoch- 

ihn die Romer an. wichtige Stelle ist in neuester Zeit 

16. Die folgende Stelle ist sachlich wieder viel besprochen worden. Kauf- 

schwierig. Es fragt sich namentlich, mann, D. Gesch. I, 121, der keine 

ob schon mit den Worten defmitur et Beziehung auf die gentes annimmt, 

numerus etc. die Schilderung des Ge- redet doch von fiinfzigPaaren einer 

samtheeres beginne, oder erst mit solchen Schar, nimmt also auch ein 

aeies p. c. u. s. f. Diejenigen Aus- etwelches Mifsverstandnis des Tacitus 

leger, welche das erstere annehmen, an. Erhardt, Alteste german. Staaten- 

erganzen zu numerus den Genitiv pe- bildung S. 36 ff., behandelt die Stelle 

ditum, erklaren pagus als ein Hundei*t sehr einlafslich. Er will an Tacitus' 

Hufen, deren jede einen Mann zum Bericht nichts geandert wissen; die 

Volksheere zu stellen gehabt hatte, gesamte Ekte besteht ihm aus 200 

und sehen in diesen Hundertschaften Mann, deren pedites den Ehi-ennamen 

kleineren Umfanges — huntari u. s. f. trugen. Auch er nimmt nicht einen 

— Unterabteilungen der germanischen Geschlechterstaat, aber einen umfang- 

civitas. Auffallig sind und bleiben reichen pagus an. Sickel stimmt in 

dabei die "Worto nomen et honor, seiner Besprechung von Erhardts Schrift 

wahrend gerade die ausgezeichneten (G. G. A. 1880, S. 167) nun demselben 

Vorkampfer keinen Ehrennamen hat- darin bei, dafs blofs die hundert pe- 

ten. Mullenhoff stellt in Haupts dites den Ehrennamen getragen haben, 

Zeitschrift f. d. A. X, 550 ff. eine an- mochte aber nicht mit ihm den Schlufs 

dere Ansicht iiber diese Stelle auf, bei ziehen, dafs auch die hundert Reiter 

welcher aber die Annahme einer Hun- von dem Gaue gestellt soien. Von 

dertschaft von 100 Hausorn, fiir die Sybel, Ehtstehung des d. K. 2 , S. 76, 

Schweizer-Sidler, Tacitus' Germ. Ed. 5. 2 



18 COENELH TACITI 



inter suos vocantur, et quod primo numerus fuit, iam nomen et 
honor est. 

acies per cuneos componitur. cedere loco, dummodo rursus 

20 instes, consilii quam formidinis arbitrantur. corpora suorum etiam 

in dubiis proeliis referunt. scutum reliquisse praecipuum flagi- 

tium, nec aut sacris adesse aut concilium inire ignominioso fas; 

multique superstites bellorum infamiam laqueo finierunt. 

VII. Eeges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt. nec 

nimmt ebenfalls die Erklarung Erhardts 21. referunt] ins Hintertreffen. prae- 

an, geht aber darin mit Miillenhoff, cipuum flagitium] praeeipuus bei 

dafs er als Grundlage des pagus hun- Tacitus sehr haufig. „PraecipHus ist 

dert gentes annimmt. Dariiber sind in der silbernen Latinitat in die Eechte 

also fast alle Neuern einig, dafs sie und Bedeutung eines Superlatives ein- 

die centeni nicht als die Gauteile des geriickt, und T. will nicht sagen, der 

Volksheeres betrachten; auch "Waitz Verlust des Schildes sei eine grofse 

a. 0. S. 220 Anm. druckt sich dariiber Schande, sondem die allergrbfste." 

nicht mehr entschieden aus. Einlafs- Wblfflin. — Gell. N. A. I, 18: vitia 

lich spricht zuletzt in demselben Sinne enim flagitiis leviora sunt. Es war 

wie Miillenhoff tiber unsere Stelle eine der am meisten ehrenriihrigen 

W. Scherer, Sitzungsberichte d. B. A. Behauptungen , wenn man einem vor- 

1884, S. 572. warf, dafs er den Schild weggeworfen 

19. per cuneos] Waitz D. V. I a , 409 : hatte, oder ihn arga, %age schalt. 
„Die Schlachtordnung war keilfbrmig. Tapferkeit und Milde sind germa- 
Die einzelnen Haufen bildeten solche nische Kardinaltugenden. 

Keile, und sie fiigten sich wieder zu 22. nec aut sacris adesse aut con- 

eiuem grofsen Keile zusammen; wie cilium inire i. fas] Er kam gleichsam 

ein Schweinskopf ward dieser ange- in Acht und Bann, wurde ehr- und 

sehen, die ganze Aufstellung im Nor- wehrlos, jedoch nicht friedlos. Es 

den eine Schweingliederung (svinfilk- war wohl noch zu unterscheiden, ob 

ning) genannt." Vgl. auch Peucker, einer in der Hitze des Kampfes seinen 

Deutsches Kriegswesen der Urzeiten Schild verloren hatte, oder ob er in 

2, 212. Wer den cuneus bildete, sagt bbser Absicht aus dem Treffen ge- 

Tacitus K. 7. W. Scherer, A. f. d. A. flohen ware. 

IV, 97, schliefst aus einer Stelle des 23. multique — finierunt] Schief ist 

indischen Gesetzbuches Manus, VH, es, hier so auszulegeu, dafs solche 

v. 187, wo unter andern die Heeres- von der Gemeinde mit der Strafe des 

stellung eines Ebers vorgeschrieben Stranges belegt worden waren. Viel- 

wird, mit Recht auf indpgennanische mehr ertmgen manche die Schande 

Herkunft dieser Form. tiber die Be- nicht und gaben sich selbst den Tod. 

deutung dos cuneus, „dem in der VII. 1. Reges ex nobilitate etc.] 

romischen Terminologie fiir germa- Reges (Volkskonige) germanischer 

nische Einrichtungen die civitas ent- Stamme werden oft von Tacitus er- 

spricht", redet einlafslich W. Scherer wahnt: Germ.K. 1, K. 10, K. 11 u. 12, 

a. a. 0. — cedere loco. locus die im K. 43 u. s. f. , mehrmals in den Anna- 

Kampfe und Heere den einzelnen an- len und Historien. Auch die Rbmer 

gewiesene Stellung. Sie zu verlassen mischten sich bfter in die germani- 

war nach der Ansicht der Rbmer sum- schen Verhfiltnisse und setzten Volks- 

mum flagitium. kbnigo ein, welche freilich in der 

20. cons. quam formidinis] Diese Regel mit wenig Gliick regierten. Der 
Weglassung von potius, magis findet Kbnig aber der Markomanen hat offen- 
sich nicht bei den strengen KJassikern. bar eine Ausnahmsstellung ermngen, 
Nepos und Sallustius burgern sie im und wir wollen nicht leugnen, dafs 
historischen Stile ein. Tacitus mit Recht nordischen und 



GERMANIA. C. Vn. 19 



regibus infinita aut libera potestas, et duces exemplo potius 
quam imperio, si prompti, si conspicui, si ante aciem agant, 

nordostlichen germanischen Stammen Volkes, vonKonigen und Unterkonigen 

ein schon strengeres Konigtum zuge- u. s. f. fiihrt W. Scherer a. a. 0. aus 

schrieben habe, doch nicht unbemerkt Ammian auf. Erhardt macht a. a. 0. 

lassen, dafs er hier naoh Berichten S. 24 darauf aufmerksam, wie die Na- 

von Siidgermanen schilderte und keine men fiir Konig bei den einzelnen 

klare Einsicht in die Sache hatte. indogerm. Volkern wechseln, wie dio 

Manche Historiker und Rechtsgelehrte Bezeichnungen fur sio und andere 

ziehen nun eine viel scharfere Scheide- Volksvorsteher durch einander gehen. 

linie zwischen solchen reges und den — ex nobilitate heifst, wie der Gegen- 

prineipes anderer germ. Staaten, als satz ex v. lehrt, „nach Mafs des 

das Grimm, Geschichte der deutschen Adels tt , d. h. aus den edelsten Ge- 

Spr. 599, gethan hat. Dieser fragt: schlechtern, nicht iiberhaupt aus 

Darin waren die Hermunduren von den den Adeligen. Adal selbst bezeichnet 

Chatten und allen westlichen Germa- eig. allgemein Geschlecht, Abkunft, 

nen verschiedon, dafs sie gleich Mar- Art, und adallih den damit Geseg- 

komanen und Quaden Konige iiber sich neten. Drum heifst auch der Konig, 

hatten, nicht blofse Fiirsten; bezeich- ait kuninc, so als Abkbmmling eines 

net die Konigswiirde schon damals hilnne (ytv-og), oder als „Sohn eines 

grofsere Macht? Wie namlich Prin- vornehmen Mannes tt , vgl. altnord. konr 

zipat und Konigtum unter sich wech- „Mann vornehmer Abkunft tt ; Kluge, 

seln, zcigt die Geschichte der Che- et. "W. u. d. W. Und ebenso stammt 

rusker, Tac. ann. 11, 16. Arminius got. kindins, Statthalter, Landpfleger, 

war im J. 19 von seinen Landsleuten von oinem abstrakten kindi (vgl. gens) 

ermordet worden, weil er angehlich von Vgen. Vergl. burgund. hendinos 

nach dem Konigtum getrachtet, d. h. (Scherer a. a. 0.). Andere Namen fdr 

die iibrigen principes der Cherusker diese Stellung sind davon hergeleitet, 

zuriickzudrangen gesucht habe, und dafs der Konig an der Spitze einer 

im Jahre 47 Cheruscorum gens regem Kriegerschar steht; reiks (gotisch), 

Roina petivit, amissis per interna sanskr. r&j, und urspriinglioh nicht 

bella nobilibus et uno reliquo stirpis minder lat. rex, bezeichneten einfach 

regiae, qui apud urbem habebatur den Gebieter. Ein anderer Name des 

nomino Italicus, und im J. 84 finden Konigs war das eigentiimlich gebildete 

wir bei Cassius Dio 67, 5 wieder einen got. thiudans, alts. thiodan, ags. theo- 

Konig der Cherusker, Chariomerus. den von thiuda, altn. thjod, ags. theod, 

Ist der tibergang vom Prinzipate zum ahd. diot, mhd. diet „Volk tt . Vergl. 

Konigturae und vomKonigtume (regia iiber diesen Ausdruck Schroder, 

nobilitas) zum Prinzipato so leicht, Deutschc Rechtsgeschichte I, S. 18. 

so darf man diese auch nicht so scharf Ober weitereNamen fiirKonig spricht 

auseinanderhalten und nicht behaup- aufser J. Grimm in den Rechtsalter- 

ten, nur der Konig miisse adelig sein, tiimern auch Brunner am botr. Orte 

die prineipes, welche dann ohne hin- seiner Rechtsgeschichte. — sumunt, 

reichenden innern Grund und ohne nehmen sie sich; aber sie sind an 

Berechtigung durch die • Quellen als gewisse Familien gebunden. Irgend 

Beamte, die freier Wahl unterlagen, welches Zeichen der Anerkennung von 

aufgefafst werden, werden aus den Seite des Volkes mufste erfolgen. Ob 

ingenui iiberhaupt genommen. Viel- aber schon zu Tacitus' Zeit wio der 

mehr werdon reges und prineipes aus dux, so der rex auf den Schild 

bevorzugten Geschlechtern des Volkes gehoben wurde (histor. 4, 15), steht 

in verschiedener Weise erkoron worden, dahin. Vgl. S c h r o d e r a, a. 0., welcher 

und der Unterschied wird wesentlich meint, dafs kein Grund vorliege, die 

der gewesen sein, dafs dor principes Schilderhebung, weil sie zufallig erst 

mehrere in einem Staatc waren , der durch spatere Zeugnisse beglaubigt sei, 

Konig abor meist nur einer. Bei- fiir eine blofse Nachbildung der her- 

spiele von mehrern Konigen eines zoglichen zu halten, und auch noch 

2* 



20 



CORNELH TACITI 



adiniratione praesunt. ceterum neque animadvertere neque vin- 
5 cire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, non 



andere Symbole der Anerkennung, 
welche den Konig als Heerfuhrer be- 
zeichnen sollen, in die altesten Zeiten 
verlegt. — duces ex virtute. Mit dux 
derselben "Wurzel ist xoho, herixoho, 
Herzog. Selbstverstandlich aber soll 
ex virtute nur heifsen: bei der Wahl 
wahlen sie, wo eine Wahl unter meh- 
reren reges oder prineipes moglich 
oder notig ist, denjenigen, welchen sie 
fur den mannhaftesten halten. Ein 
lebendiges Beispiel ist Arminius, 
welcher aus mehreren prineipes zum 
dux auserlesen ward. 

2. nee regibus infinita aut liberu 
potestas] Ann. 13, 54. Verritus et 
Maliorix nationem Frisiorum rege- 
bant, in quantum Qermani regnantur. 
Amm. Marc. 28, 5: apud (Burgundio- 
nes) — rex appellatur hendinos et ritu 
veteri potestate deposita removetur, si 
sub oo fortuna titubaverit belli vel 
segetum copiam negaverit terra. Von 
den Goten Gregor v. Tours 3, 30: 
sumpserant Gothi hanc detestabilem 
consuetudinem, ut, si quis eis de regi- 
bus non placuisset, gladio eum adpe- 
terent, et qui libuisset animo, hunc 
sibi statuerent regem. Und auch aus 
dem Norden Germaniens haben wir 
aus spaterer Zeit volle Beweise, wie 
wenig unbeschrankt die Macht der 
Konige gewesen ist. — et duees u. s. f. 
Dazu ist Pradikat praesunt. admi- 
ratione fafet noch einmal als Folge 
exemplo potius q. i., si prompti cet. 
zusammen. Vgl. ann. 1, 57: barbaris, 
quanto quis audacia promptus, tanto 
magis fidus rebusque motis potior 
habetur. Bahrens will gelesen wis- 
sen: exemplo potius quam imperio, 
si prompti, ac, si conspicui ante 
aciem agant, admiratione praesunt. 

4. ceterum] = praeterea. Die fol- 
genden Worte, vom Strengsten zum 
Mildesten fortschreitend, bUden einen 
schneidenden Gegensatz gegen romi- 
sches Verfahren. Tacitus selbst deutet 
an, dafs Leib- und Lebensstrafe fiir 
Verletzung des Gau- und Dingfriedens 
unter den Gesichtspunkt von Opfer 
und Siihne fielen. Ein altdeutscher 
Name des Priesters ist ewart, ewarto, 
der des Gesetzes wartet, wie heute 



noch in einigen Gegenden der deut- 
schen Schweiz die Kirchenaltesten 
egaumer heifsen. tiber ewarto im 
Unterschiede von esago (legislator, 
iuridicus, curialis) vergl. Weinhold, 
Z. D. Ph. Bd. XXI, S. 11. Gotisch 
heifst der Priester gudja, iiber welchen 
Namen und dessen Verbreitung vergl. 
Weinhold a. a. 0. S. 10 f. Andere Na- 
men, die recht heidnisch klingen, sind 
harugari und parawari (von harug 
und paro, lucus, templum); vergl. zu 
K. 9. Uber got. guthblostreis, Gottes- 
verehrer, ahd. pluostrari, sacrificator 
u. s. f., von plbstar, Opfer, got. blotan, 
verehren, ahd. ploxan, opfem, sind 
wir nicht hinreichend aufgeklart. Von 
den Burgundern iiberliefert uns Amm. 
Marcell. 28, 5 : sacerdos omnium maxi- 
mus apud Burgundios vocatur sinistus 
(d. h. sinista), et est perpetuus, 06- 
noxius discriminibus nullis ut reges. 
Einon sacerdos civitatis erwahnt T. 
in K. 10, einen vandalischen Priester 
muliebri ornatu K. 43. Ob die ger- 
manischen Priester aus bestimmten 
Familien und wie sie genommen wur- 
den, davon iiberliefern uns die Alten 
nichts; aber deutliche Analogieen an- 
derer indogermanischer Stamme und 
die gewiis nicht unbesonnene Annahme 
germanischer Stammkulte berechtigen 
uns zu der Vermutung, dafs dieselben 
aus bestimmten Familien erkoren wur- 
den. Eine Hierarchie in der Weise 
von Gallien kannte aber Germanien 
nicht; wie bei den Wedaindern war 
jeder Hausvater auch der Priester des 
Hauses. Selbst islandische Verhalt- 
nisse diirfen wir nicht ohne weiteres 
auf das alte Germanien iibertragen. 
tlber die Priester, ihre Stellung zu den 
Staatshauptern u. s. f. vgl. noch Sche- 
rer a. a. 0. S. 99ff. und W. Sickel, 
Zur germ. Verfassungsgesch., Sonder- 
abdruck, S. 37 ff, — Der hier von 
Tacitus gegebenen Nachricht scheint 
Casar zu widersprechen, B. G. 6, 23: 
Cum bellum eivitas aut illatum defen- 
dit aut infert, magistratus, qui ei 
bello praesint, ut vitae necisque habeant 
potestatem, deliguntur. Tacitus ist 
hier genauer und weifs, dafs die Exe- 
kution der Strafe oder des Siihnopfers 



GERMANIA. C. VII. 21 



quasi in poenam nec ducis iussu, sed velut deo imperante, quem 
adesse bellantibus credunt. effigiesque et signa quaedam detracta 
lucis in proelium ferunt; quodque praecipuum fortitudinis incita- 
mentum est, non casus nec fortuita conglobatio turmam aut 
cuneum fecit, sed familiae et propinquitates; et in proximolO 
pignora, unde feminarum ululatus audiri, unde yagitus infantium. 



unter der Leitung des Priesters in den Schlachthaufen bei einander, 

stand. Baumstark in A. E. will mit die familiae und propinquitates ; bei 

Beistimmung Scherers die Stelle des der Besitzergreifung des Landes wird 

Tacitus mit der boziigl. Nachricht des den gentibus, den cognationibus ho- 

Casar in bessern Einklang bringen, minum das Land angewiesen. Imlango- 

indem er quasi auch zu nec ducis bardischen Gesetze erscheint der freie 

iussu zieht. Dann miifste es doch ac Mann mit seiner Fara; die Faren 

oder aut ducis oder ducisve iussu sind generationes , lineae prosapiae, 

heifsen. Mit uns und andern ubersetzt wie Paulus erklart, Heeresabteilungen, 

Dahn, Fehdegang und Rechtsgang der die sich in dersolben Form als kriege- 

G., S. 36: nicht so fast als Strafe und rischo Geschlechtsverbindung in dem 

nicht auf Befehl des Herzogs. Ganz eroberten Gebiete ansiedeln. Im bur- 

anders erklart den Unterschied in der gundischen Gesetz ist der Faramann 

Uberlieferung von Tacitus und Casar neben dem rbmischon Possessor im 

Ritterling in seinem Aufsatz iiber Besitze soines Anteiles am Gehofte und 

das Priestertum bei den Germanon, Acker; bei den Alamannen haben die 

Raumers Hist. Taschenbuch, 1888, genealogiae Grund und Boden inne; 

S. 197 ff. R. halt sich zu der Annahme bei den Angelsachsen besetzt die Mag- 

berechtigi dafs es zu Casars Zeit uber- schaft, wie sio im Kampfe beisammen 

haupt noch keino eigenen german. gestanden hat, die maegthe, das er- 

Priester gegeben habe, und beruft sich strittene Land u. s. f. „Die Ansiedelung 

dabei auf v. Sybol, Eotstehung des der Geschlechtsgenossen als Nachbarn 

d. Konigtums, 2. Aufl., S. 103 — 107. und als einer politischen Einheit, als 

7. effigiesque et signa] Mullenhoff Gomeinde, als Dorf heifst angelsach- 
in seiner reichen Schrift Do antiquis- sisch maegburh. — Bei maegdh (eig. 
sima Germanorum poesi unterschoidet Magschaft, Verwandtschaft) wird man 
die signa und effigies in der Weise, mit der Bedeutung tribus meistens 
dafs er in den erstora Attributo und auskommen, gemafs der Glosse progc- 
Waffen der Gotter, in den effigies nies vel tribus: maegth. Gerado so 
Tierbilder sieht. Signa waren dem- steht das althochd. kunni fiir generatio, 
nach etwa die Lanze des Wodan, progenies und tribus, die hunnelinge 
der Steinhammer des Donar, das sind contribulcs* "W. Scherer. Hier 
Schwert des Tiu u. dergl.; effigies diirfte es auch am Platze sein, die 
Schlange und Wolf des Wodan, althochd. Glosse tribus: chumbirra zu 
Bar und Bock des Donar, Wid- erwahnen, bei welcher man an eine 
der des Tiu, Ebor des Freyr Ableitung von cumber = cumbel „Feld- 
u. s. f. zeichen" denkt. 

8. praecipuum] hior nicht in seiner 11. pignora (amoris)], nicht selten 
starksten Bedeutung; „ein ganz vor- von Tacitus fiir Blutsverwandte ge- 
ziigliches tt (Baumstark). braucht, ist in diesem Sinne dichte- 

9. non casus nec fort. c.] Uber die risch und nachklassisch. Ygl. Ovid. 
Bedeutung der Geschlechtsverwandt- metam. 3, 134. Sueton. Octav. K. 21. 
schaft im germanischen Staate haben audiri] Die Lesart der libri vor- 
Geschichtsforscher und Juristen (vgl. mogen wir in koiner Weise geniigend 
jetzt bes. Brunncr, D. R. I, 84 ff.) zu erklaren; unter don Konjekturen: 
vielfach gehandelt. K 6 p k e , Deutscho auditur ( N i p p e r d e y) , audiunt (M a d - 
Forschuugen, S. 32: In den Volks- wig), audias (Wblfflin), audiant 
kriegon stehen die Geschlechtsgenossen (Hirschfoldor), est awd«>e(Schiitz), 



22 CORNELII TACITI 



hi cuique sanctissimi testes, hi maximi laudatores: ad niatres, ad 
coniuges vulnera ferunt; nec illae numerare aut exigere plagas 
pavent , cibosque et hortamina pugnantibus g^stant. 

YIIL Memoriae proditur quasdam acies inclinatas iam et 
labantes a feminis restitutas constantia precum et obiectu pectorum 
et monstrat a comminu s eaptivitate, quam longe impatientius femi- 
narum suarum nomine timent, adeo ut efficacius obligentur animi 
5 civitatum, quibus inter obsides puellae quoque nobiles imperan- 
tur. inesse quin etiam sanctum aliquid et providum putant, nec 

audiri potest (Meiser), audiri — in- 2. et obiectu pectorum] kann aller- 

fantium possit oder possint (Heraus) dings verschieden erklart werden: ent- 

hat besonders die letzte, von dein Ur- weder so, dafs die Frauen ihre Brust 

heber fein begriindete, hohe Wahr- entblofst und damit gleichsam gefragt 

scheinlichkeit. — Die Einwirkung der hatten, ob die Mariner diejenigen, die 

hinter dom Heere der Manner stehen- sie gesaugt, die deren Kinder aufge- 

den Frauenschar, deren ululatus die nahrt hatten, der Knechtschaft ver- 

Feinde bannen sollte, wird uns von fallen lassen wollten; oder so, dafs sie 

Geschichtschreibernoftgeschildert;iibri- die Brust, d. h. sich, entweder den 

gens ist diese Anfeuerung der Manner Feinden preisgegeben (dies nach dem 

durch Gattinnen und Kinder wohl zu Zusammenhange ganz verfehlt) oder 

unterscheiden von dem litterlichen ihren oigenen Leuten zum Durchstofsen 

Frauendienst des Zeitalters der Minne- hingehalten hatten. Trotz scheinbaren 

sanger. Dagegen lohnt es sich sehr geschichtlichen Analogieen fiir die erste 

derMuhe zu vergleichen, wasMiillen- Deutung wird die letzto die richtige 

hoff in den von ihm und W. Scherer sein. 

herausgegeb. Denkmalern zum ersten 3. comminus] in diesem allgemei- 

der Merseburger Zauberspriiche S. 274 f. nern Sinno ist fur die Prosa nach- 

bemerkt hat. klassisch. Zur Sache vergl. Caes. B. 

13. exigere — pavent] „genau zu G. 1, 51. 

priifen", gleich dem davon herstam- quam longe impat. — timent] Wir 

menden examinare. Den Gesichts- erwarten vehementius. Tacitus sagt: 

punkt, dafs die Frauen auch die Arzte Die Germanen konnen schon den Ge- 

waren, hat Tacitus hier iiborgangen. danken an die c. viel weniger er- 

Vgl. die Citato bei W. Scherer a. a. 0. tragen u. s. f. Diesem Gebrauche von 

103 u. Sohm D. Kundschau 4,4, S. 94. impat. analog ist derjenigo von into- 

Bahrens will sogar hier andern und leranter bei Cicero ujid Casar. Ygl. 

schlagt nec illae incursare et ex- Caes. B. G. 7,51 und die Ausleger der 

cipere plagas pavent zu lesen vor. Stelle; ann. 4, 17. 

14. cibosque et hortamina gestant] feminarum wowwe]indomdieFrauen 
Zeugma. Tacitus verbindet gern Kon- den Titel geben, wegen der Fr. 
kretes mit Abstraktem, Sinnliches mit 5. puellae qu. nobiles] Schiitz will 
Geistigem. wieder die Korrektur des Leidensis 

YHI. 1. Memoriae proditur] Yergl. nubiles aufgenommen wissen. Interes- 

Weinhold, Die deutschen Frauen im sant ist die Stelle in Suetons Octa- 

d. Mittelalter 2 , S. 54 ff. — Ubrigens vianus K. 21: a quibusdam vero no- 

meldot Ahnliches von den persischen vum genus obsidum, feminas, exigere 

Frauen Justinus 1, 6. Grammatisch temptavit, quod neglegere marium 

ist zu bemerkon, dafs fast ganz durch- pignora sentiebat. Nobiles sind solche 

gehond Tacitus boi solchen Ausdriickon, Geiseln z. B. histor. 4, 79. 

wie narratur, memoriae proditur u. a. 6. inesse quin e. cet.] Diese Frauen- 

den acc. c. inf. dann setzt, wenn von wiirdigung ist ein schoner Ersatz fiir 

pluralen Kollektiven oder Sachen die die untergeordneto Kechtsstellung der 

Kede ist. Frauen. Es ist von J. Grimm (Mytho- 



GERMANIA. C. VUI. IX. 23 



aut consilia earum aspernantur aut responsa neglegunt. vidimus 
sub divo Vespasiano Veledam diu apud plerosque imminis loco 

habitam; sed et olim Albrunam et compluris alias venerati sunt, 
non adulatione nec tamquam facerent deas. 10 

IX. Deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus 

logie), Miillenhoff (Nordalb. Stud. 1 vor alius, aber auch sonst aufeer- 

und in der Schrift: Zur Runenlehre), ordentlich haufig. 
Weinhold (Deutsche Fimien) treffend olim] Wahrscheinlich in der Zeit 

hervorgehobon, wie die reichste Yer- der Kriege des Drusus und Tiberius. 

mittelung zwischen Himmel und Erde Die richtige Form des Namens Albruna 

gottlichen Frauen iibertragen worden (Bahrens will freilich wieder das un- 

und diese die Typen der wirklichen verstandliche Auriniam in den Text 

Frauenwelt seien. Mit allgemeinem setzen) entdeckte zuerst W.acker- 

Namen heifson jene gottlichen Frauen nagel; auch dieses aber scheintein ur- 

idisi. Wie sehr die Frauennamen spriinglicher Beiname zu sein und die 

den engen Zusammenhang zwischen mit der Bunenkraft der Elfen 

irdischen und himmlischen Frauen be- Begabte zu bezeichnen. Aufeerdem 

kunden, das hat besonders Mullen- erwahnt Cassius Dio 67, 5 als Nach- 

hoff a. a. 0. gezeigt. Mit den Wor- folgerin der Veleda eine Oanna (von 

ten nee aut cet. geht Tacitus zu ein- gan, ars magica), Suet. Vit. K. 14 eine 

zelnen Frauen, welche sich als wtsiu vaiieinans Chatta mulier. Bei den 

wtp auszeichneten, iiber. Langobarden spaterer Zeiten finden wir 

7. vidimus] nicht etwa in Deutsch- oine weise Qambara (von gambar, 
land selbst, aber auch nicht allgemein: strenuus, prudens), bei den Alamannen 
man sah; sondern T. hat sie wohl in eine Thiota u. s. f. 

Rom als Gefangene gesehen. 10. nee tamquam faeerent deas] 

8. Veledam] Statius s. 1, 4, 90: „und nicht als ob sie Gottinnen erst 
eaptivaeque preees Veledae; unrichtig machen wollten", wie das in Rom 
wohl nennt sie Cassius Dio 57, 6 durch den Senat mit Drusilla, Cali- 
Btkritia. (Halm schreibt Velaedam.) gulas Schwester, u. a. geschah. 
Ihren Namen deutet Mullenhoff als IX. 1. Deorum maxime Merc. cet.] 
Beinamen, von der Wurzel val oder vel, Scheinbar ganz anderes berichtet Cae- 
Benevolentia, Clementia, wie Minna sar B. G. 6, 21 iiber die germanischen 
u. dgl. vorkommen; Windisch wie- Gotter: deorum numero eos solos du- 
derholt in phil. Wochenschrift, 1883, eunt, quos eernunt et quorum aperte 
Nr. 30, S. 930 seine friihere Verinu- opibus iuvantur, Solem et Vulcanum 
tung, dafe Veleda zu kelt. file, vates, et hunam, reliquos ne fama quidem 
kymrisch gwaled gehore. Aber von acceperunt. Abbr es ware ein grofser 
einor german. Wurzel vel „sehen a wis- Irrtum anzunehmen, dafs sich die 
sen wir nichts. Veleda ist eine Bruk- religiose Anschauung der Germanen in 
terin. Von ihrem Wohnen auf einem andorthalb Jahrhunderten so wesent- 
Turme an der Lippe, von dem Nimbus, lich verandert und umgewandelt hatte. 
der sie umgab, von ihrem hohen An- Auch zu Tacitus' Zeiten verehrten die 
sehen im Freiheitskampfe der Bataver G. gewifs wie spater Sonne, Feuer und 
unter Civilis erzahlt uns Tacitus in Mond, welche unter den von ihm ge- 
denhistor. 4, 61, 65; 5, 22, 24. ^Spater- nannten hohera Gottern standen; aber 
hin geriet sie unter Vespasian bei auch diesen hohen Gottern waren ohne 
einem neuen Aufstande ihres Volkes Zweifel schon, als Casar seine Nach- 
in Gefangenschaft und wurde nach richt niederschrieb, besondere Festtage 
Rom gebracht. tt Stat. s. 1. 1. — apud und Opfer geweiht; schon damals 
plerosque „bei gar vielen tt . Diese Bo- herrschten diese iiber Himmel und 
deutung von plerique ist bei Tacitus Erde, fuhrten die Kampfe im Reiche 
die herrschende. der Atmosphare und bowegten sich in 

9. sed et] et fiir etiam bei T. kon- den Schlachten unter ihren Verehrern. 
stant vor ipse (aufser nach atque) und Freilich meint Ritterling a. a. 0., dafs 



24 



CORNELII TAOITI 



humanis quoque hostiis Jitare Jfas habent. Martem et Herculem 
concessis animalibus placant. pars Sueborum et Isidi sacriiicat: 



zu Casars Zeit Priester unnotig gewe- 
sen seien, solange noch nicht 
perstfnliehe Machte die religiose 
Verehrung erheischten, und kann 
dafur auf v. Sybel, D. K. 103ff., ver- 
weisen. Welcher deutsche Gott unter 
Mercurius zu verstehen sei, sagt uns 
deuthch Paulus Diaconus 1, 9: Wodan 
sane, quem adiecta littera Chuodan 
dixerunt, ipse est, qui apud Roma- 
nos Mercurius dicitur et ab univer- 
sis gentibus ut deus adoratur. Bei 
dieser Benennung hat, scheint uns, 
den Komern, hat deni Tacitus speziell 
die Stelle Casars, B. G. 6, 17, vor- 
geschwebt, wo er von den Galliern 
sagt: deum maxime Mercurium colunt; 
nur darf man nicht annehmen, dals 
Tacitus im ubrigen Germanen und Gal- 
lier vermengt habe. Eigenschaften und 
Thatigkeit des Hermes - Merkur treffen 
mit denjenigen des keltischen Teutates 
und besonders des germanischen Wuo- 
tan enge zusammen. Vgl. W. R o s c h e r , 
Hermes, S. 104 ff. Und in den Namen 
von Hermes und Wuotan liegt die 
Beziehung auf Wind klar ausgedriickt. 
tJber den Namen des Wuotan vergl. 
W. Zimmer, Z. f. D. A. N. F. VII, 
164 ff. Aufserordentlich beachtenswert 
in Rucksicht der Bedeutung und der 
Orte besonderer Verehrung des W. sind 
die feinen Bemerkungen Mullenhoffs 
in Z. f.D. A. 18, 251 und einlafslicher 
Z. f. D. A. N. F. 11, S.8. Dazu vgl. 
noch Miillenhoffs nachgelassenen 
Aufsatz Z. f. D. A. N. F. 18, 219. — 
Wodan ist nicht urspninglich der Ger- 
manen hochster Gott. Der Windgott 
erhob sich erst allmahlich zum Him- 
melsgotte. 

certis diebus] „an solennen, jahr- 
lich ein- und mehrmals wiederkeh- 
renden Festtagen." Ein solcher Fest- 
tag hiefs got. dulths, deutsch dult 
oder noch bestimmter tulditag, dult- 
tac, und heute noch ist dieses hie und 
da in Siiddeutschland ein Ausdruck 
fur Jahrmarkt. Dieses Wort stimmt 
vollig mit sanskr. dhrti, eigentl. das 
Festhalten, Halten, iiberein. Noch 
deutlicher geht auf dio wiederkehrende 
Zeit deutsches itmal und itmali, sol- 
lemnis, daher itmali, ags. edmaele, 



Fest; woneben wir das deutsche hoch- 
gextt, hohes kirchliches oder weltliches 
Fest, ags. hohgetzd, erwahnen wollen. 
Ein allgemeiner Ausdruck ist ahd. 
uoba. 

2. humanis quoque hostiis] Um so 
weniger wird man die Germanen darum 
fiir besonders roh und grausam halten, 
als diese Opfer Verbrecher oder 
Kriegsgefangene oder Sklaven zu 
sein pflegten. Und die gebildetesten 
Nationen des Altortums waren in die- 
ser Beziehung nicht minder roh als 
die Germanen. tTbrigens boschrankt 
hier Tacitus die Menschenopfer an be- 
stimmten Festtagen mit Unrecht auf 
Merkur, konnen doch aus ihm selbst 
Beweise gezogen werdon, dafs solche 
auch dem Mars und selbst der Nor- 
thus fielen. — Die Handschriften B, b 
lesen im folgenden : Martem — placant 
et Herculem, worin wir nur eino alte 
Schreibernachlassigkeit sehen konnen, 
die durch Nachholen der weggelassenen 
Worte gut gemacht werden sollte; 
Halm liest mit C, c: Herculem ac 
Martem. Schon haben wir in Hercules 
den deutschen Donar, den nordischen 
Thorr gefunden, und Mars kann kein 
anderer sein als der nordische Tgr, 
der deutsche Tiu, der auch den Bei- 
namen Saxnot, Schwertgenosse , hatte. 
Nun sind es gerado diese drei Gotter, 
diese alte Dreihoit, welche zwar in 
einem zur Erklarung eingeschobenen, 
aber sicher innerlich alten Stucke des 
sachsischen Taufgelobnisses (in Mullen- 
hoffs und Scherers Denkmalern 2 S. 155) 
erscheinen: ec forsacho \Thuner ende 
Uuoden ende Saxnote ende allum them 
unholdum tfie hira genotas sint]. — 
Dafe aber Tiu urspninglich auch bei 
den Germanen eine viel umfassendere 
Bedeutung hatte, werden wir Germ. 
c. 39 sehen. Vgl. zunachst aufser den 
Bemerkungon von Miillenhoff a.a.O. 
auch W. Schorer, Ber. d. B. Ak. 1884, 
S. 571 ff., und Weinhold, Z. D. Ph. 
21, lff. 

3. concessa animalia] konnen die 
Tiere heifsen, welche als den Gottern 
geweihto ihnea zu opfern erlaubt 
ist; hier scheint dor Zusammenhang zu 
fordern, dais wir in ihnen dio Opfer- 



GERMANIA. C. IX. 25 



unde causa et origo peregrino sacro, parum c omperi, nisi quod 
signum ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam reli- 5 

gionem. ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam 

weson sehen, welche nach deni Sinne setzt diese Sueben an die Schelde- 

des Tacitus allein mit Recht der Gott- miindung und sieht in der Isis eine 

heit fallen durften im Gegensatze der interpretatio Romana der Gottin Neha- 

Menschenopfer. Ein bedeutender lennia, "W. Yo f s , Republik und Kbnig- 

Kritiker, Reifferscheid, der mit den tum im alten Germanien, S. 2ff., wirft 

besten Biichern Martem — placant et gegen die Warnung von Mullenhoff 

Herculem liest, korrigiert con- die Isis mit der Nerthus zusammen 

cessis in consuetis und will darunter und will das zweimalige Vorkommen 

das Rofsopfer verstanden wissen, das derselben Gottin unter verschiedenem 

dem germanischen Tiu in derselben Namen aus zwiefacher Uberlieferung 

"YVeise dargebracht worden sei, wie erklaren. 

dem romischen Mars das Oktoberrofs. et Isidi sacrificat] Offenbar dachte 

Aber, nahmen wir auch R.'s Lesung Tacitus hier nach dem, was er von 

an, ware dieser Ausdruck consuetis der suebischen Gottin norte, an die 

fur propriis und sacris ipsius nicht agyptisch-rbmischolm und giebt auch 

zu blafe und fast unverstandlich, mufste nicht die leiseste Andeutung davon, 

man nicht statt des Pluralis den Sin- dafs sie entweder geradezu Isis oder 

gularis erwarten? — Von den in ahnlich von den Sueben genannt 

Griinms Mythol. S. 31 ff. aufgefiihrten worden sei; demnach miissen alle Deu- 

Ausdriicken fiir Opfer heben wir nur tungen auf eine deutsche Eisa u. dgl. 

das Wort ags. tiber, altnord. tafn, ahd. fern bleiben. Es wird eine germanische 

xebar, victima, saerificium, hervor, das mutterliche Gottheit sein, welche Tac. 

in seiner "Wurzel mit lat. daps zu- mit der fremden konfundiert. Auf Ein- 

sammengehort und als Nichtopfer- fuhrung dieses Kultus aus der Fremde 

bares ein ungexibele, d. h. Ungeziefer, schliefst T. wesentlich darum, weil ihr 

sich gegenuber hat. Nicht nur bei Attiibut ein Schiff ist. Das Schiff- 

den Germanen, iiberhaupt bei Indo- symbol aber lafst verschiedene Deu- 

germanen (und mannigfach auch bei tungen zu, und gewifs auch die, dafs 

Nicht-Indogermanen) galt als ange- damit die Ankunft der Gottin durch 

sehenstes Tieropfer das Rofsopfer das Luftmeer angezeigt ist. Vergl. 

(Rosse wurden wohl in allen Hainen M. Haupt, Moriz von Oraon, S. 4. 

der grofsen Gotter gehalten), und als 6. ceterum nec cohibere cot.] Diese 

das Edelste am edelen Rosse galt des- Darstellung ist im ganzen richtig, die 

sen Haupt, welches man am geweih- Motive aber solcher Gbtterverehrung 

ten Baume befestigte (ora ann. 1 , 68). sind zu ideal aufgefa&t. Anthropomor- 

In Rom wurde das Haupt des geschlach- phismus, wenn auch vielleicht noch 

teten Oktoberrosses von zwei Stadt- nicht durchgebildeter A., hatte sich 

bezirken wetteifernd begehrt und mit auch im germanischen Glauben schon 

Brot umkranzt angeheftet. Wie bei entwickelt, besangen sie doch, wie die 
den alten Indern, finden wir auch uT Inder den Indra, ihren Donar als den 

Deutschland das Rindoropfer; aber ersten der Helden. Schwer wiirde zu 

nicht minder die Opfer kleinerer Tiere: erweisen sein, dafs etwa bei den Ger- 

wie beim Wedenvolke dasjenige der manen ein Zarathustra aufgetreten und 

Ziege, so hier das des Bockes, vorsatzlich und mit Erfolg grofsere 

Ebers u. s. f. Gewifs fehlten auch Reinheit der Religion gestiftet habe. 

schon in Tacitus' Zoiten den Germa- Der einfachen Verehrung wesentlicher 

nen nicht die unschuldigern und ein- Grund lag in der Einfachheit der ger- 

fachern Frucht-, Blumen- und manischen Verhaltnisse und darin, dafs 

Trankopfer. ihr Kunstsinn noch nicht erwacht war. 

pars Sueborum] nach Miillenhoff Gegenbewoise gegen die thatsachlicho 

die Donausueben. J. Gantrelle, Con- Uberlieforung des Tacitus lassen sich 

tributions a la critique et a 1'explica- nur aus spatern Zeiten beibringen, sind 

tion de Tacite, I, p. 52 (Paris 1875) also bedeutungslos. Denu auch von 



26 CORNELII TACITI 



humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium arbi- 
trantur: lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appel- 
lant secretum^ illud, quod sola reverentia vident. 

X. Auspicia sortesque ut qui maxime observant: sortium 

dem templum der Tanfana, welches sie nur mit Ehrfurcht anblicken. Das 

die Romer (ann. 1, 51) dem Boden miifste, denken wir, etwa mit singu- 

gleich machten, und von demjenigen lari oder summa rev. intuentur aus- 

der Nerthus lafst sich nicht behaup- gedriickt werden. Konnen die Worte 

ten, dafe es wirkliche Baue, nicht blofs bedeuten: welches (secretum 

etwa blofse Einhegungen, gewesen illud) sie (nicht mit sinnlichem Auge) 

seien, und ebensowenig wollen sich nur mit ehrfurchtsvoller Scheu sehen, 

wirkhche Idole der Gbtter aus so friiher dann ist secretum illud jenes, was 

Zeit finden. Wie Herodot 1 , 131 mit- vom Bereiche der Sinnlichkeit aus- 

teilt, hielten es auch die alten Perser geschieden, nicht in humani oris spe- 

fiir unrecht, aydlfiara — xal vrjous ciem assimulatum, verborgen und 

xa\ ptopovg — l&oveo&ai; aber unsin- geheimnisvoll in den Waldern hauset, 

nig ware es, daraus auf eine beson- weswegen denn gewisse Walder ein- 

ders nahe Verwandtschaft der Perser zelnen Gottern mit Namen zugesprochen 

und Germanen zu schliefsen. werden (silva Herculis u. s. f.). Keck 

8. lucos ac nemora] Dafs nemus will statt vident cingunt oder divi- 

urspriinglich die Waldtrift bezeichne, dunt lesen: jener abgeschlossene Raum, 

hat neulich wieder Curtius bewie- den sie blofs durch fromme Scheu ab- 

sen; lucus bringt man noch immer grenzen. Auch Zimmor scheint an 

irgendwie mit lucere zusammen; sicher don abgeschlossenen Raum zu den- 

entspricht es dem deutschen loh und ken, wenn er (die Nom. S. A und A, 

wohl auch dem litauischen laukas, S. 58) unter ags. vih fragt: Darf man 

Feld. Das Heilige lag nicht urspriing- an die Wurzel vik, trennen, absondern, 

lich in dem Worte. Die Sache ist denken? vih-a, das abgesonderte, ge- 

durch gleichzeitige und spatere, bis ins trennte (secretum illud, Tac. Germ. 

Christentum hineinreichende Beweise IX). Mir unverstandlich will Bah- 

violfach bestatigt. Den Zeugnissen in rens statt vident indunt lesen. 

GrimmsMytholo^efugtderselbeBe- x x Auspicia] sind Vorzeichen 

noch neue hinzu. Fernero Beiti-age sortesqtie] Fiir das scharfere Ver- 

liefern Miillenhoff, Nordalb. Stud. 1, standnis der Lose und dieses ganzen 

p. 12 ff., Mannhardt u. a. Nicht nur Kapitels verweisen wir aufser auf 

ganze Walder, auch einzelne Baum- Grimms Myth., S. 989, 1181 ff. auf die 

gruppen und Baume galten fiir heilig. treffliche Abhandljing von Miillen- 

Der allerheiligste Teil des Waldes, wo hoff > Zur Runonlehro S.28ff., und auf 

der Gbtter signa und effigies sich Homeyers Aufsatz m don Benchten 

befanden, war wohl oftmals eingohegt. der Berliner Akademie 1853, S. 747 ff. 

Ubrigens sind Glossen, wie ahd. para- 80rs heifst gotisch klauts, ahd. hlox, 

wari, haruspex, vom Stamm parawa, sortiri ahd. hlioxan (praes. hhuxu), 

ags. bearo, arbor, lucus u. s. f. und eb v ° m Abschneiden vom Baum, 

ahd. harug, lucus, delubrum, ai*a, ido- oder vom Einritzen der Zeichen, ob 

lum, Jiarugari, haiuspex, allerBeach- iiberhaupt vom Begiiffe des Schnei- 

tung wert. dens ausgehend, lst nicht bestimmt 

deorumquenominibus cet.] secretum zu sa g en - sicher aher ^ <&** ^ n " 

illud wird von vielen und auch von schauung dem dasselbo, was Los, be- 

Leo Meyor als blofs variierte Wie- deutenden lcabel, kavel zu Grunde. 

derholung von luci ac mmora conse- Bemorkenswert ist, dafs un Altnord. 

crata gefafst, und boi dieser Deutung Mm* ^Opfer 41 bodeutot. 

iibersetzte L. M. den folgenden Rela- ut qui maxime] wie die, welche das 

tivsatz: die (die goweihten Walder) am meisten thun. S. Cicero ad fam. 



GERMANIA. C. X. 



27 



consuetudo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in sur- 
culos amputant eosque notis quibusdam jdiscretos super candidam 
vestem temere ac fortuito spargunt mox, si publice consultetur, 
sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos 5 
caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum jm- 
pressam ante notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de 
eadem re in eundem diem consultatio; sin permissum, auspi- 



2, 6: tam sum amicus rei publicae 
quam qui maxime. 

sortium cons. s.] kann dooh nioht 
leicht heifsen: eine Gewohnheit zu 
losen, eine Sitte des L., woil das 
ein hier als Numerale vertreten sein 
mufste. Dafe es iibrigens auch andere 
Axten dos Losens bei den Deutschen 
gab, haben Homeyer und Miillen- 
hoff nachgewiesen. 

2. virgam frugif. arb. dec.] einen 
Zweig, den sie von einem fruchttragen- 
den Baum abschneiden. Unter diesem 
fruchtbaren Holz ist nachMtillon- 
hoff Holunder, Wachholder, Buche 
odor Eicho zu verstehen. 

in surculos amputant] sie zer- 
legon denselbon in Stabchen. Ein 
solches Stabchen heifst im Gotischen 
tains, nordisch teinn, althochd. xein 
(daher xeine, ein aus Zweigen gefloch- 
tener Korb). 

3. notis quibusdam discretos] Die 
notae, welche hier die oinzelnen Stab- 
chen unterscheiden, miissen nach dem 
folgenden deutbare Zeichen, d. h. es 
miissen Runen, germanische Buch- 
staben sein. Wurden auch damals 
Runcn noch nicht zum Schreiben 
gebraucht, so doch zu Zaubor und 
Weissagung, und das konnte gesche- 
hen, weil mit don Lauten, welche sie 
bezeichnen, die wichtigsten Worter be- 
ginnen. Das Wort runa selbst bedeutet 
eigentlich Geheimnis, Rat. Vgl. obon 
Albruna. So orklart sich auch unser 
Buchstab — ein einzelncs Buchon- 
stabchen mit cinem einzelnen Zeichon — , 
so das echt deutsche Wort fiir schrei- 
ben, heute noch engl. write, reifsen, 
ritzen. 

super candidam vestem] Noch in 
spatern Zoiten ist von weifsen Schurzen 
die Rede, auf welche die bezeichneten 
Lose zusammongeworfen wurden. 

4. temere ac fortuito] oigentlich: 
blindlings und zufallig; temere mehr 



subjektiv, fortuito objektiv. Als ob 
T. nicht neben leider allzu knappem 
Ausdruoke in der Germania eiozeln 
abundanten bote, liest Bahrens mit 
dem H. temnt, „wodurch in diese 
detaillierte Schilderung ein neuer Zug 
kommt. tt 

mox] bekanntlich in dieser Zeit mehr 
unbestimmt nachher, dann. 

consultetur] korrigiert Halm statt 
des uberheferten consuletur, eine Kor- 
rektur, welche Gerber und Greef als 
Emendation in ihr T. L. aufgenommen 
haben. Die Verbindung von si mit 
Conj. praes. in Fallen der wiederholten 
Handlung ist bei T. haufig, wahrend 
ein Futurum (consuletur) hier wenig- 
stens sehr auffallend ware. 

5. sacerdos civitatis] „der jeweilige 
Priester der Gemeinde. tt Vergl. den 
sinistus der Burgunder. Dafs urspriing- 
lich dieses sacerdotium civitatis dem 
rex oder den principes zugekommen 
sei, ist mindestens sehr wahrschein- 
lich. Ritterling a. a. 0. nimmt an, 
dafs die Zahl der sacerdotes ungefahr 
der Zahl der principes entsprochen 
habe, und iibersetzt: ein Priester des 
St. Ubrigens sehen wir aus unserer 
Stolle, wie weit Germanien von einer 
Hierarchie entfernt ist, da jeder Haus- 
vater selbst und alloin, wie im altcsten 
Indien, Opfer biingen und das Los 
befragen darf. Vgl. zu Kap. 7. 

6. ter singulos t.] d. h. er hebt drei- 
mal je ein Stabchen, im ganzen also 
drei Stabchen auf und nun beginnt 
die Auslegung in uborlicfertem oder 
gerado jetzt gebautem Verse. Es ist 
der Miihe wert, die hiibsche Abhand- 
lung von Kaibel, Hcrmes, X, 193 ff. 
uber ein griechisches Wiirfelorakel zu 
vergleichen. 

8. consultatio] Gerber und Greef 
iibersetzen zweideutig Beratung. Es 
steht fest, dafe consultatio auch Bo- 
fragung heuson kann, und dio meisten 



28 CORNELH TACITI 



ciorum adhuc fides exigitur. et illud quidem etiam hic notum, 
lOavium voces volatusque interrogare: jjroprium gentis equorum 
quoque praesagia ac monitus experiri. publice al untur isdem 
nemoribus ac lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos 

pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comi- 
tantur hinnitusque ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior 

15fides, non solum apud plebem, sed apud jproceres^ apud sacer- 
dotes; se enim ministros deorum, illos conscios putant. est et 

alia observatio auspiciorum, qua gravium bellorum eventus explo- 

Ausleger erganzen hier mit Grund sor- T. dieses zufallig nicht? "Wenn auch 

tium oder deorum. kein bleibender Yorstand der civitas 

auspiciorum f.] die Beglaubigung angenommen werden soll, so diirfte es 

durch Vorzeichen. doch nicht ungereimt erscheinen, einen 

9. et illud quidem etiam hic notum] fiir je eine Versammlung der civitas 
Sonderbarerweise will Schutz hic auf aus den principes irgendwie gewahlten 
Eom beziehen; Hachtmann erklart Leiter anzunehmen. Vofs a. a. 0. S. 36 

- es mit Halm von dem Lande, von meint, der princeps, in dessen pagus 

welchem eben die Rede sei. Wir sehen, der Platz des Allthings sich befunden 

wie oben bemerkt, darin nur einen habe, erscheine als princeps civitatis. 

"Wechsel mit illud. 14. hinnitusque ac frem.] Schon 

10. avium voces vol.] Ahd. heifsen Miillenhoff hat darauf aufmerksam 
fogilrartod (Vogelstimme) und hleodar gemacht, dafs die Pferde nicht etwa 
(Ton), ags. hleodhor, ags. Meodar- so lange in feierlichem Umzuge her- 
cuidhe oraculum, auspicium. Zum umgefubrt worden seien, bis sie ge- 
Fluge gehort namentKch auch, welohe schnaubt oder gewiehert hatten; aber 
Vogel angeflogen kommen, ihr ane- wenn sie schnaubten oder wieherten, 
ganc; vergl. Grimm, Mythol. 636 ff., so hielt man es fiir ein giinstiges 
1079 ff., Gesch. d. deutsch. Spr. 984. Zeichen. Da der Konig oder ein an- 

proprium gentis] Pferdeorakel hat- deres Haupt des Staates den heiligen 

ten auch mehrere asiatische Stamme, "Wagen begleiten, ist selbstverstandlich 

namentlich die Perser; ferner -dio Sla- hier von einem offentlichen Akte 

ven. Die weifsen Rosse werden als die Rede. 

werkheilige in denselben "Waldern 15. sed apud proceres, a. sac.] sed 

wie die Gotter gehalten und auf Ge- ist durch G und Meginhard bezeugt. 

meindekosten unterhalten. Thomas schlagt vor, es erst vor apud 

13. rex vel princeps civitatis] Nach sacerdotes einzusetzen, weil sich das 

Erhardt, Schroder und andern, Folgende nur auf die Priester be- 

welche in koniglosen Staaten keinen ziehen konne, und Gantrelle hat 

einzelnen Vorstand der civitas gelten diese Versetzung in seinen Text auf- 

lassen, bedoutet princeps c. hier uud genommen. Andere haben, was uns 

im folgenden Kapitel ein Fiirst im nicht anzugehen scheint, jede Korre- 

Staate. Dafiir erwarten wir an bei- lativpartikel zu non solum weggelassen ; 

den Stellen principum aliquis und Hirschfelder vermutet ganz anspre- 

begreifen gar nicht, warum civitatis chend: apud plebom, apud proceres, 

beigofiigt ist. Kiinstlich ist die Deu- etiam apud s. Halm schreibt nach 

tung Sickels, welcher meint, rex Wolfflin: proceres; sacerdotes enim 

und princeps seien die gleiche Person ministros etc. — Miiller verteidigt 

und T. habe vel princeps civitatis se enim mit Hinweisung auf ann. 

hiuzugefugt, um die geringero Gewalt 14, 30. 

des Volkskonigs anzudeuten. Folgto 16. est et alia obs. cet.] Vgl. Dahn 

bei offentlichen Beratungen in konig- a. a. 0. S. 49. 

losen Staaten den heiligen Rossen gar 17. eventus exploratur] Halm liest 

kein Gemeindevorstand oder erwahnte mit C: e. explorant. 



GBRMANIA. C. X. XI. 29 



ratur. eius gentis, cum qua bellum est, captivum quoquo modo 
interceptum cum electo popularium suorum, patriis quemque armis, 
committunt: victoria huius vel illius pro praeiudicio accipitur. 20 

XI. De minoribus rebus principes consultant, de maioribus 
omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes p lebem a rbitrium 
est, apud principes pertractentur. coeunt, nisi quid fortuitum et 
subitum incidit, certis diebus, cum aut incohatur luna aut imple- 
tur; nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt. 5 

20. committunt] von den Gladiato- gewahlte Gauvorstande, sondern 

renspielen hergenommener Ausdruck. die ausaltadeligen Hausern, welche 

XI. In den folgenden Kapiteln spricht ein ererbtes Recht auf diese Stellung 

Tacitus von den germanischen Volks- hatten, Erkorenen. Eine dritte Ansicht 

versammlungen, und zwar wesent- ist, dafs an unserer Stelle die nobiles 

lich nur von den grolsen, welche iiberhaupt gemeint seien. So viel 

ein-, zwei- oder dreimal im Jahre scheint uns klar, dafe die beiden letz- 

stattfanden. Das gilt von den unge- tem Annahmen der Wahrheit naher 

botenen, denen die gebotenen, si kommen als die erste, und dafs uber- 

quid f. et s. incidit, entgegenstehen. haupt diejenigen, welche die erste 

Diese Versammlungen hatten spater Klasse des Stammes ausmachten, die 

(und gewiis schon friiher) verschiedene Angehorigen der magistraturfahigen Fa- 

Nainen. Ein allgemein germanischer milien, diesen Eat bildeten. 
fur Volksversammlung und Gericht ist 1. Welches die res minores seien, 

thing, ding (die grofee Versammlung wissen wir nicht; die res maiores sind 

allthing). Dieser Ausdruck scheint zum Teil im folgenden angegeben, zum 

schon in dem Beinamen des Mars Teil leicht zu erschliefsen. Es gehorte 

Thingsus vorzuliegen. Vgl. Scherer dahin vor allem die Entscheidung iiber 

a. a. 0. und Weinhold a. a. 0. Bei Krieg und Frieden. 
den Angelsachsen begegnen wir einem 2. plebem] plebs ist die Masse im 

mot, vgl. engl. meet, meeting u. s. f. Gegensatze der prineipes. 
mallus, was dem got. mathl, contio, 3. pertraetentur] pertractare, ein- 

dem althochd. mahal zu entsprechen l&fslicher behandeln. Halm mit 

scheint (vgl. die Namen Malberg, Det- e und dem korr. G: praetraetentur. 
mold), geht mehr auf die kleineren 4. certis diebus, eum cot.] „zu ge- 

Gerichtsversammlungen. Streitig istfs, wissen Terminen, wann. tt Wie wichtig 

wer die prineipes gewesen seien. Seit den Germanen die Zeit des Neumondes 

Waitz an manchem Orte seine An- war, wissen wir schon aus Casar. Es 

sicht iiber ihre Stellung im germani- ist iibrigens hier auch der Gesichts- 

schen Staate entwickelt hat, es seien punkt hervorzuheben, dafs der Mond 

aus allen Freien frei gewahlte fiir die Alten der naturlichste Zeit- 

Beamte und unter den Eichtern und messer war, und das liegt schon in 

Gefolgehauptlingen immer wieder nur seinem germanischen Namen. Das 

diese Obersten der einzelnen Hun- schliefet nicht aus, dafs Beratung der 

dertschaften (pagi) zu suchen, sind Versammlung und Gericht schon da- 

viele Juristen dieser Meinung beige- mals zwischen Sonnenaufgang und Son- 

treten. Nach W. sind also die prin- nenniedergang (tagading, woher ver- 

cipes im Anfange von K. 11 die Ober- teidigen) gehalten worden wSren. 

beamten der Hundertschaften, Wohl auch mochte ein bostimmter 

welche sich zu einem Rate vereinigen. Wochentag, z. B., wie oft in spaterer 

Andere verstehen unter den principes Zeit, der Tag des Ziu, mit in Beriick- 

ebenfalls diejenigen, welcho an der sichtigung fallen, und sicher war der 

Spitze von Staaten oder vielmehr Unter- rt der Versammlung ein geweihter. 
abteilungen von Staaten stehen, sehen 5. agendis rebus — ausp^ XJber den 

aber in ihnen nicht absolut frei Dativ vgl. Drager, S. u. St. d. T. §206. 



30 



CORNELH TACITI 



nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant sic 
constituunt, sic condicunt : nox ducere diem videtur. ; illud 
ex libertate vitium^quod non simul nec ut iussi conveniunt, 
sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur. 
10 ut turba placuit, considunt armati. silentium per sacerdotes, 
quibus tum et coercendi Jjis, est, imperatur. mox rex vel prin- 



6. nec dierum — noctium] "Wir ver- 
weisen zunachst auf Kraners Anmer- 
kung zu Caes. de B. G. VI, 18 und 
fugen nur hinzu, dafs uns nordische 
und deutsche Quellen diese Frist- 
bestimmung vielfach bestatigen, dafs ja 
noch heute bei uns Fastnacht und 
Weihnachten gilt und die EnglUnder 
ihr sennight und fortnight haben, dafs 
auch im Sanskrit nicanicam eigent- 
lich Nacht fiir Nacht, dann stets, 
immer bedeutet, in den Weden ksha- 
pas (Nachte) als Zeitmafs fiir Tage 
vorkommt, mit dacaratra (von ratri 
Nacht) ein Zeitraum von 10 Tagen 
gemeint ist, dafs im Avesta immer 
nach Nachten gezahlt ist. Vgl. auch 
G. Schrader, Die alteste Zeitteilung 
des indogerm. Volkes, S. 40. 

7. constituere] ist sonst auch ein 
streng juristischer Ausdruck, hier, wie 
meist bei den Schriftstellern, allgemei- 
nern Sinnes „festsetzen tt . 

condicere] zusagen, auch dieses 
hier nicht in juristischem Sinne. 

nox ducere d. v.] Eine Anschauung, 
welche in der Mythologie vieler alter 
Volker ihreu Ausdruck findet. Nach 
dem Rigveda herrschte im Anfange 
Finsternis, nach Hesiodos sind Aether 
und Hemera Kinder der Nacht, nach 
der jiingern Edda (Simrock 283) fahrt 
die Nacht ihrem Sohne Tag voran 
mit dem Rosse Hrimfaxi u. s. f. Kaum 
aber hat diese Anschauung fiir die 
Rechnung nach Nachten mitge- 
wirkt. 

8. ut iussi] wie solche, denen 
befohlen worden ist, welche Be- 
fehl erhalten haben. 

9. sed et alter et t. d. — a.] kann 
doch wohl nur von den Versamm- 
lungen der gesamten civitas gelten. 
sed et = sed etiam. 

10. Statt ut turbae placuit ist mit 
Gronovius zu lesen ut turba placuit: 
wenn die Masse der nach und nach 
Zusammengekommenen hinreichend er- 



scheint. Vergl. Iivius 33, 31; 39, 30. 
ut turbae placuit, die Uberlieferung, 
welche besonders Baumstark leiden- 
schaftlich verteidigt und Ritterling an- 
nimmt, hiefse: „wie (sobald, wann) es 
die Masse beschlossen hat. tt Immerhin 
miifste doch dabei eine Leitung statt- 
finden. 

considunt armati] Vgl. K. 13; K. 22 
und histor. 4, 64. Das Erscheinen in 
Waffen hat sich bjs auf verschiedene 
Zeiten und manchen Ortes, namentlich 
in der Schweiz, recht lange erhalten, 
ist aber doch auch einzeln friih modi- 
fiziert oder ganz untersagt worden; 
legg. Langobard. tit. 42: ut nullus ad 
mallum vel ad placitum intra patriam 
arma, i. e. scutum et lanceam portet. 

silentium per s. — imperatur] In 
Norwegen gab einzeln auch in christ- 
licher Zeit der Priester das Zeichen 
der Sitzung. Waitz, Verfassungsgesch. 
I 8 , 350: Die Priester verkiindeten den 
Anfang der Verhandlung und zugleich 
Frieden, den besondern Frieden, der 
in solcher Versammlung herrschte, den 
Thingfrieden. Eben dieser Friede 
ist ohne Zweifel der Grund, dafs die 
Priester hier auch eine strafende Ge- 
walt iiben; der Bruch des Friedens 
erscheint als Verletzung der Gotter, 
und ihre Diener haben zu wachen, 
dafs sie nicht erfolge, wenn veriibt, 
dafs sie Siihnung finde. Und da Volk 
und Heer dasselbe, das Heer nichts 
als das versammelte Volk, so gilt dort 
derselbe Grundsatz. Vgl. jetzt iiber die 
feierliche Hegung der Landsgemeinde 
Schrodet, D. R. S. 16 f. Wir ver- 
weisen besonders auf die a. a. 0. zuge- 
setzten Anmerkungen und die daselbst 
aus Miillenhoffs Altertumskunde und 
Scherers Abhandlung iiber den Mars 
Thingsus angefiihrten Stellen. 

11. tum] d. h. nur in concilio; dar- 
iiber und iiber das ius coercendi des 
Priesters spricht ausf iihrlich R i 1 1 e r 1 i n g 
in Raumers Hist. Taschenbuch, 1888, 



GERMANIA. C. XI. XH. 



31 



ceps, prout aetas euique, prout nobilitas, prout decus bellorum, 
prout facundia est, audiuntur, auctoritate suadendi magis quam 
iubendi potestate. si displicuit sententia, fremitu aspernantur; 
sin placuit, frameas concutiunt. honoratissimum assensus genusl5 
est armis laudare. 

XII. Iicet apud concilium accusare quoque et „discrimen 
capitis intendere. distinctio poenarum ex delicto. proditores et 



S. 213 f. — mox rex vel princeps — 
ajudiuntur] erklart man in neuerer 
Zeit meist so, dafs zuerst der Kbnig 
oder der (?) prineeps geredet habe, 
dann jeder, der sich irgendwie aus- 
zeichnete, habe reden diirfen. Aber 
Halm hat mit Recht darauf aufmerk- 
sam gemacht, dafs gegen eine solche 
Auslegung der sprachliche Ausdruck 
und der Zusaminenhang streiten, dafs 
vielmehr cuique auf rex und prineeps 
bezogen werden miisse. Auch sie 
sollen, um mit lebendiger Teilnahme 
angehort zu werden, sich durch be- 
stimmte von den Germanen hoch- 
geschatzte Eigenschaften auszeichnen. 
Dafs aber nicht nur rex oder princeps, 
dafs auch die Altesten und Weisesten 
aus dem Volke in der Vorsammlung 
sprechen durften, nehmen unter andern 
Schroder a. a. 0. S. 17 und Sickel 
in seiner vortrefflichen Auseinander- 
setzung G. d. St. S. 39 f. an. 

15. frameas coneutiunt] d. h. nicht: 
sie schiitteln sie, sondern: sie schlagen 
dieselben aneinander, wie Ovid. metam. 
11, 465 coneussa manu signa dare. 
Zur Sache vergl. hist. 5, 17 und die 
gallische Sitte Caes. B. G. 7, 21. Im 
alten Norwegen hiofs eine solche 
approbatio mit Waffen vdpnatak, und 
anderwarts ward sie wohl mit ahn- 
lichen Ausdriicken bezeichnet; auf 
Island nahm aber vdpnatak einen 
ganz anderen,demursprunglichendurch- 
aus fremden Sinn an. Dem frameas 
coneutere entspricht das norw. berjan 
saman (zusammenschlagen) vdpnum 
sinum aufs genaueste. Vgl. die treff- 
liche Erorterung von K. Maurer, Ger- 
mania 16, 317 ff. 

C. XII ist darum sehr wichtig, weil 
es uns klar genug beweist, dafs schon 
die alten Germanen ein mindestens 
einigermaisen ausgebildetes Strafrecht 
haben. Tacitus will hier hervorheben, 
dafs bei dem coneilium auch bestimmte 



Klagen vorzubringen rechtlich gestattet 
sei. Vgl. iiber andere Erklarungen von 
licet Waitz I 8 , 357. In letzter Zeit 
stellte Schroder, D. R. 35, die An- 
sicht auf, es sei nicht an eine regel- 
mafsige Gerichtsbarkeit des Landes- 
thinges in Strafsachen zu denken, son- 
dern nur an die Befugnis des Klagers, 
seine Sache nach Wahl vor dem oiv 
dentlichen Hundertschaftsgericht oder 
vor der Landsgemeinde zum Austrag 
zu bringen. — discrimen capitis in- 
tendere, nach Analogie von litem in- 
tendere gesagt, bestimmt des naheren 
den Charakter solcher vor der Volks- 
versammlung zugelassener Klagen. 

2. distinctio poenarum] Wilda, 
Strafrecht 196: Wir diirfen, da Tacitus 
nur den Satz erlautern will: distinctio 
poenarum ex delicto, was er mitteilt, 
wohl nur als beispielsweise An- 
fuhrung betrachten. 

proditores et transfugas] Landes- 
verrat im engern Sinne wird be- 
gangen durch Erweckung von Feinden 
und Beforderung ihrer kriegerischen 
Unternehmungen ; der tTberlaufer 
begeht ein doppeltes Verbrechen, den 
harislix oder herislix, einen Verrat 
an seinen Kampfgenossen durch uner- 
laubte Flucht aus dem Kampfe, und 
das Ubergehen zum Feinde. Das, wie 
die folgenden Verbrechen sind Nei- 
dingswerke. Amira, Zweck und 
Mittel der german. Rechtsgesch. S. 58. 
Wird man der Verbrecher nicht hab- 
haft, so werden wohl auch diese fried- 
los gelegt (die gewifs uralte Fried- 
losigkeit erwahnt Tacitus zufallig 
nicht), d. h. ein solcher Verbrecher 
wird ein varg; iiber dieses ursprung- 
lich „Zerreifser, Wolf tt bedeutende 
Wort vgl. Scherer a. a. 0. und die 
von ihm citierte Abhandlung von 
Kunik, Petersb. Mem. XXIII, ser. 7, 
S. 247 ff., eine Abhandlung, welche 
iiberhaupt fur die Beurteilung gewisser 



32 COHNELn TACITI 



transfugas arboribus suspendunt, ignavos et imbellgs et corpore 

infames caeno ac palude iniecta insuper crate mergunt. diver- 

5 sitas supplicii illuc respicit, tamquam scelera ostendi oporteat, 

dum puniuntur, flagitia abscondi. sed et levioribus delictis pro 

altgerm. Verhaltnisse sehr wichtig ist; cet. und das dort iiber tamquam Ge- 

endlich Amira, Zweck und Mittel der sagte. Nachdem Dahn a. a. 0. S. 35 

germ. Rechtsgesch. S. 46 ff. , welcher einen andern wirklichen Grund fur 

S. 59 beweist, dafs von alters her zwei die diversitas supplicii angefiihrt hat, 

Klassen von Verbrechen feststanden, aufsert er S. 37 sich so: Das Ver- 

die eine von solchen, welche sakrale senken in Schlamm mochte aller- 

Strafen nach sich zogen, die andere dings die Nebenbeziehung haben, dafs 

von solchen, fiir welche von Anfang den Gottern und Menschen Anblick 

an die weltliche Strafe der Fried- und Erinnerung des Verbrechers und 

losigkeit erfolgte. Wird man der Ver- seiner That entmckt werden sollten. 

brecher habhaft und erkennt die Volks- 6. sed et levioribus del. — p.] Ta- 

versammlung auf Tod, so werden sie citus setzt hier wieder etwas in den 

als Opfer der Gottheit (iiber die Text, was ein neuerer Schriftsteller in 

sakrale Bedeutung dieser Todesart eine Anmerkung verwiesen hatte. Die 

und der im folgenden erwahnten vgl. Strafen des grofeen concilium fiihren 

Amira a. a. 0.) an Baume aufgehangt, ihn auf die von den Gaugerichten ver- 

ohne Zweifel schon friihe an bestimmte hangten. Die Handschriften iiberlie- 

laublose Baume {wtxipouma, Straf- fern poenarum, Acidalius jinderte 

baume). Das got. galgan iibersetzt dieses in poena. Jedenfalls wird es 

lat. crux. nicht angehen, bei est (welches hier 

3. ignavos et imbelles] Diese Worte binzuzudenken ist) einen genetivus 
diirfen nicht mit Wilda (154) iiber- partitivus anzunehmen, und auch die 
haupt auf solche bezogen werden, zweite Erklarung Baumstarks pro 
welche ein Verbrechen heimlich oder ™><> d ° (quodam) puntendt, wodurch 
mit Hinterlist begangen haben, sondem statt der zwei Sfitze nur einer ent- 
gehen auf Feiglinge und Kriegs- stande, vei-mogen wir, aus sprachhchen 
fliichtige. Vergl. Bonerius, Fab. wie sachhchen Gmnden, mcht des 
32 27 • Acidalius Konjektur vorzuziehen. Viel 

manspricket y wervonvorhtenstirbt, besser als B. es versuchte, versucht 

da%, der im selber da% erwirbt, zuletzt Schiitz das uberliefei«te poe : 

dax man in sol in mel begraben na ™™ zu erkiaren und die Emheit 

und Fischart, flohhatz 36: des Satzes zu begrunden, ohne uns zu 

denn welcher stirbet gleich vor iiberzeugen. Wir sehen iibngens hier, 

schrecken welche Lesung wir auch annehmen 

den sol man mit kukac bedecken. ™ogeii, schon die Grundlage zu den 

t. „ , . . . . , „ . , , subtilen und ms emzelne gehenden 

P^^v 1 ^ aber ^^ ^^ ^^^ nicht strafansatzen in den spaten ? volks- 

kunsthch von einander schadmi, da- tzen einen ^m^^ ebenso 

vor warnt mit Recht Wolffhn im ^ ind j 8chen g echte heiT schenden 

Pmlologus 26, p. 138. Zng zur Systematik . Den Ausdruck 

4. caeno ac palude — mergunt] p0 ena darf hier Tacitus auch im Sinne 
Das galt im Altertum als eine Strafe des germanischen Rechtes gebrauchen, 
an Weibern. Herbort, Troj. Krieg: er entspricht dem angels. vtte, dem 
Ich wil, dax Pentesileam frexxen die ^^ m% { t ygi. auch Amira a. a. 0. 
hunde, oder in einen fulen grund S> 50. fl Wenn auch die Vergeltung 
werde gesenket als ein hund. Ghudhru- an den Verletzten anfangs der 
naqu. 3, str. 11 (Simrock 240): sie mehr vorherrschende Gesichtspunkt 
fuhrten die maid %um faulenden war ^ so ist die Vergeltung ftir den 
sumpf (1 myri fula). Schuldigen damit so unzertronnlich 

5. illuc respicit] Vgl. K. 39: eoque verbunden, dafs sie niemals unberiick- 
omnis superstitio respicit, tamquam sichtigt und unerwogen bleiben konnte. 



GERMANIA. C, XH. XIII. 



33 



nriodo poena: equorum pecorumque numero convicti multantur. 
pars njultae, regi vel civitati, pars ipsi, qui vindicatur, vel pro- 
pinquis eius exsolvitur. 

eliguntur in isdem conciliis et principes, qui iura perjDagoslO 
vicosq ue reddunt; centeni singulis ex plebe comites consilium 
simul et auctoritas assunt. 

Xm. Nihil autem neque publicae neque privatae rei nisi 
armati agunt. sed arma sumere non ante cuiquam moris, quam 



Die Bufse war mithin eine Strafe 
und wirkte als solche" (Wilda). 

8. pars multae] Die multa umfafst 
sowohl die compositio, buoxa, als den 
fredus, das Friedensgeld. Dieser letz- 
tere wird dem Konige oder der Ge- 
meinde entrichtet. Den Verwandten 
wird die Bufse gezahlt, wenn der 
Beleidigte nicht mehr lebt. AVas den 
Teil der Bufse betrifft, der an rex 
oder civitas fallt, so hatte Mullenhoff 
langst in seinen Vorlesungen die an- 
sprechendo Ansicht geaufsert, dafe er 
fur Opfer und andere sakrale Zwecke 
verwendet worden sei, und er hat viel- 
leicht zuerst darauf hingewiesen, dafs 
frono (zugleich sacer und publicus) 
ein«Gen. Plur. sei und eigentiich deo- 
rum bedeute. 

10. eliguntur — et prineipes cet.] 
d. h. es werden in denselben Ver- 
sammlungen auch die Hauptlinge aus- 
erlesen, welche — Kecht erteilen, nicht: 
es werden hier die principes, „Gau- 
beamten", gewahlt, und diese sprechen 
dann Recht. Zu den principes, Haupt- 
lingen, gehoren sie schon vor dieser 
Auswahl; durch dieselbe wird ihnen 
eine besondere Funktion ubertragen. 

qui iura reddunf] ist romische, 
nicht germanische Anschauung. 

11. eenteni — comites] Diese comi- 
tes sind nicht dieselben, wie die co- 
mites beim Gefolgeherrn, was Tacitus 
selbst durch den Zusatz ex plebe an- 
deutet. Waitz, der fiir Tacitus' Zeit 
durchweg in den pagi kleine Hun- 
dertschaften sieht, findet konse- 
quent in den centeni die hundert 
Hausvater. Schroder, S. 34, will 
ebenfalls nioht zugeben, dafs hier von 
einem Hunderterausschusse die Rede 
sei, sondern nimmt an, dafs T. unter 
den hundei*t Gerichtsleuten die Hun- 
dertschaftsgemeinde verstehe. Bleiben 



wirwieder bei der grofsenHundert- 
schaft* d. h. bei hundert gentes mit 
je zehn Hausern (vgl. zu Kap. 6), 
so iniissen wir unserseits konsequent 
annehmen, dafs jede gens einen Mann 
zum Gericht, wie zur Kriegerelite, 
stellte. Jedesfalls werden die Hun- 
dert aus dem mehr als ein Hundert 
von Hausern umfassenden Gaue auf 
irgend welche Weise erkoren. Den 
Ausdruck comites hat Tacitus romi- 
scher Sitte entnommen, wo er ein be- 
stimmtes Verhaltnis zu einom romi- 
schen prineeps bezeichnet; vgl. Ritter- 
ling a. 0. S. 200, welcher auf Mommsen 
in Hermes IV, 120 — 131 und Rom. 
Stud. II, 235, 807 verweist. 

consilium simul et a.] Bethmann- 
Hollweg, Die Germanen vor der Vol- 
kerwanderung, p. 47: „sie erteilen ihm 
ihren Rat, geben also ihre rechtliche 
Meinung ab, die aber ein hoheres, fur 
ihn bindendes Ansehen hatte. Auch 
diese ganz aus der Natur der Sache 
hervorgehende Verteilung der Richter- 
funktionen ist iiberall bei den Germa- 
nen dieselbe geblieben, wo nicht indi- 
viduelle Griinde eine Modifikation ver- 
anlafsten. Aus der Gemeinde kommt 
das Zeugnis iiber das in ihr lebende 
Recht, die richterliche Obrigkeit hat 
nur die Verhandlung zu leiten und 
das Urteil zu vollstrecken." Vgl. 
iiber consilium et auctoritas auch 
Brunner und Schroder am bezugl. 0. 

XUI. 1. Nihil nisi armati] Grimm 
fuhrt in seiner Geschichte der deutsch. 
Sprache diese Sitte auf das Nomadeu- 
leben der Germanen zuriick. Tacitus 
kniipft an dieselbe hier sehr geschickt 
die Wehrhaftmachung an. 

2. non ante — quam c. probaverit] 
Probare ist hier nicht im Sinne der 
romischen Militarsprache zu nehmen, 
ist kein technischer Ausdruck, son- 



Schweizer-Sidler, Tacitns' Germ. Ed. 5. 



34 CORNELH TACITI 



civitas suffecturum probaverit. tum in ipso concilio vel princi- 
pum aliquis vel pater vel propinqui scuto frameaque iuvenem 
5 ornant: haec apud illos toga, hic primus iuventae honos; ante 
hoc domus pars videntur, mox rei publicae. 

insignis nobilitas aut magna patrum merita principis digna- 

dern ist kurz gesagt fiir „die Ansicht den Jiingling Anspriiche, der bis da- 

billigen und gutheifsen." Nipperdey hin nur ein Teil des Hauses war. tt 

zu T. ann. 1, 58. probaverit ist perf. Scherer. 

coni. Schon andere haben auf ahn- 7. insignis nobilitas cet.] Diese 

lichen Brauch, z. B. in der attischen Stelle wird sehr verschieden erklart. 

"Wehrhaftmachung hingewiesen. Vergl. "Was zunachst die "Worte insignis no- 

besonders die weitreichende Ausein- bilitas aut magna patrum merita 

andersetzung von "W. Scherer, Anz. betrifft, so ist naturlich unter ersterer 

f . D. A. 4 , 85 ff. Und ahnlich unserer Geschlechtsadel oder die Stellung 

"Wehrhaftmachung ist die spatere swert- in einer hervorragenden fiirstlichen 

leite, der Eitterschlag. Aber die Ahn- Familie zu verstehen; in dem zweiten 

lichkeit ist noch lange nicht Gleich- wollten einige Verdienstadel sehen, 

heit. wahrend andere mit mehr Recht die 

3. in ipso concilio] Hier ist das Partikel aut nicht aufs starkste urgie- 

eoncilium der civitas gemeint ; „ aber ren und auch hier noch Geschlechts- 

dafs die "Wehrhaftmachung wirklich ad#l, der aber nicht an sich insignis, 

nur in solchen grofsen concilia vor- sondern durch tuchtige Leistungen der 

genommen worden sei, darf man aus Vater ausgezeichnet sei, annehmen. 

den "Worten und der Anschauung des Die richtige Lesart im folgenden scheint 

Tacitus nicht schliefsen. 41 Scherer. — alles reiflich erwogen — principis 

principum aliquis vel pater vel dignationem zvl sein, was meines 

propinqui cet.] Zunachst istfs. des "Wissens zuerst unser Lehrer Casp. 

Vaters Sache, den Sohn durch tJber- Orelli in einer Programmabhandlung 

gabe vonWaffen wehrhaft zu machen; von 1819 als „"Wurdigung von sei- 

ist der Vater tot, so tritt die Sippe, ten des oder eines Fursten u 

bez. derVorstand der Sippe (wir lesen meinte auslegen zu tiurfen; und ihm 

mit Halm gegen G und Miiller pro- sind viele, unter ihnen keine Geringeren 

pinqui), fur ihn ein; es konnen aber als "Waitz, v. Sybel, Sohm, Dahn, 

auch Griinde vorhanden sein, aus denen Kaufmann u. a. gefolgt. Solcher Aus- 

der Vater bei seinem Leben einem legung steht nach Halm, Erhardt 

Verwandten das Schmiicken mit den u. a. im Wege 1) die Stellung des 

"Waffen iiberlafst. Eine besondere Ehre Wortes principis, 2) das Verbum as- 

liegt darin, wenn einer der principes signare, 3) die sonst, besonders auch 

bei diesem Akte Vaterstelle vertritt. bej Tacitus gebrauchliche Bedeutung 

Darum stellt T. die W. "W. principum von dignatio. — Principis dignatio- 

aliquis voraus. Principum aliquis nem konne nichts anderes heifsen als 

kann keinesfalls der princeps civitatis "Wiirde, Wiirdestellung eines prin- 

sein. Diirften wir mit Sohm anneh- ceps, einesHauptlings, und dieStelle 

men, dafs, wenn ein anderer als der sei zu ubersetzen: Hervorstechen- 

eigentliche muntwalt den jungen Mann der Adel oder grofse Verdienste 

mit "Waffen schmiickte, dieser andere der V&ter verschaffen eines 

in eine Art Patronatsverhaltuis zu dem Hauptlings Stellung auch ganz 

Jiinglinge getreten sei, so wurde der jungen Leuten. Dabei kann es sich 

principum aliquis ein princeps, der fragen, ob die principis dignatio, ist 

Gefolgeherr ist, sein. Vergl., was damit die Stellung eines Gefolge- 

Scherer a. a. 0. gegen diese Inter- fiihrers gemeint, unmittelbar an- 

pretation der Stelle vorbringt. getreten worden sei, oder ob die adu- 

5. toga] namlich virilis. lescentuli zunachst nur eine Anwart- 

ante hoc domus pdrs v., mox rei schaft auf eine solche erhalten haben. 

publieae] „dann macht der Staat auf Das erstere annehmend las Lipsius 



GERMANIA. C. Xffl. 



35 



tionem etiam adulescentulis assignant: ceteris robustioribus ac 
iam pridem probatis aggregantur. <nec rubor inter comites aspici. 



und nach ihm Haupt (ebenso Er- 
hardt, der iibrigens nns nicht recht 
verstandlich auch an dieser Stelle in 
dem prineeps den princeps pagi als 
solchen anzunehmen scheint und haupt- 
sachlich darum aus dem allgemeinen 
und dem Taciteischen Sprachgebrauche 
nachweist, dafs adulescentuli nicht 
noch fast unreife Junglinge bezeichnen 
miisse) eeteri statt eeteris, bei welchem 
dann zweifelsohne nobiles aus nobili- 
tas zu erganzen ware. Erhardt: „die 
iibrigen E&rstensohne. tt (Vielleicht nur 
E. H. Krauss fafst eeteri als die Wehr- 
haftgemachten iiberhaupt.) H o 1 1 z - 
mann nimmt ceteris fiir den Ablativ 
und erklart aggregantur „sie werden 
umschart. tt Er hat aber weder ceteri 
genau bestimmt noch bewiesen, dafs das 
passive aggregantur je diese Konstruk- 
tion und diese Bedeutung habe. Bei 
der zweiten Annahme schien manchen 
eine Partikel zu fehlen und sie ver- 
wandeln ceteris in eeterum oder gar 
in interim. Ein anderer erklart ceteris 
gezwungen „als die iibrigen. tt Unter 
den robustioribus ac iam pridem pro- 
batis miissen diejenigen, die so aus- 
legen, principes verstehen, wahrend 
bei der Lesart ceteri damit comites, 
noch gar nicht erwahnte comites, ge- 
meint sind. Wir iibersetzen nach der 
iiberlieferten Lesart: Die selbst im 
Grunde schon principes sind, schlie- 
fsen sich, weil adulescentuli, den 
iibrigen (einem der iibrigen) prin- 
cipes, welche reifer u. s. f. sind, 
an. Ortmanns Erklarung „den iibri- 
gen (geringern) Adeligen schliefst man 
sich erst an, wenn sie alter und reifer 
sind u ist nicht neu; schon der Kor- 
rektor (Sauppe) der J. Bekker- 
schen Tacitusausgabe hat sie, nur 
scheidet er nicht so genau die nobiles. 
Er interpungiert dann aggregantur. 
nee r. Da gar nicht zu leugnen ist, 
dafs die W. W. insignis — assignant 
hier an auffallender Stelle stehen und 
so gesprochen wird, als ware vom 
Komitate schon die Rede gewesen, 
geriet Richter auf die Vermutung, die 
angefiihrten Einleitungsworte haben ur- 
spriinglich den Schlufs von Kap. 12 
gebildet. Diese Vermutung hat Richter 



sprachlich gut begriindet und die Ur- 
sache der irrtiimlichen Versetzung 
wahrscheinlich zu machen versucht. 
Wir tragen hier zunachst die Erkla- 
rung Rankes nach, deren Weglassung 
uns veriibelt wurde. Auch R. fafst 
prineipis dignationem als Wiirde eines 
princeps. Er macht darauf aufmerk- 
sam, dafs die ganze Stelle nur dann 
richtig erklart werden konne, wenn 
man sie im engsten Anschlusse an die 
vorhergehenden Worte, in welchen von 
der Aufnahme der jungen Germanen 
iiberhaupt in die Waffengenossenschaft 
die Rede ist, betrachte. R. behalt 
eeteris bei und will unter diesen ceteri 
schon wirklich erwachsene Manner ver- 
stehen, denen die adulescentuli, noch 
ehe sie das volle Mannesalter erreicht 
haben, gleichgestellt werden. Das Ver- 
bum assignare will auch R. erst von 
einem Anspruch auf die Zukunft ge- 
deutet wissen, was die Worte nec rubor 
etc. beweisen sollen. Schroder und 
Brunner haben kein neues Licht fiir 
unsere Stelle gebracht, dagegen ist 
Kettners griindliche Untersuchung, 
Z. f. d. Phil. XVHI, 129 ff. aller Beach- 
tung wert. Er fafst die Worte princ. 
dign. assignant so, dafs die jungen 
Adeligen gleich bei ihrer Waffennahme 
den Rang von principes erhielten, und 
trennt die Worte nec rubor, mit denen 
erst die Schilderung des Gefolges be- 
ginne, durch giofsere Interpunktion 
von den vorhergehenden ab. Zu ceteris 
erganzt er, wie wir, prineipibus. Sehr 
gezwungen erscheint uns die Erklarung 
von Asbach, der aggregantur als Glos- 
sem ansieht und mit Annahme eines 
Zeugma iibersetzt: „den iibrigen wird 
es (die Fiirstenwiirde) zu teil, wenn sie 
kraftiger und langst erprobt sind. tt 

8. robustiores] heifsen die an Jah- 
ren altern. 

9. nee rubor] hat so seinen vollen 
Sinn. Das Wort rubor im Sinne von 
dedecus ist von poetischem Kolorit. 
Heraus: nee rubori; aber Miiller 
rechtfertigt die tTberlieferung unter Hin- 
weisung auf Val. Max. IV, 4, 5; Eufs- 
ner vergleicht auch Tibull. II, 30. 

inter comites] Ahnliche Institute, 
Komitate auf langere und kiir- 

3* 



36 CORNELH TACITI 



lQ^gradus quin etiam ipse comitatus habet ^ iudicio eius quem 
sectantur; magnaque et comitum aemulatio, quibus primus apud 
principem suum locus, et principum, cui plurimi et acerrimi 
comites, haec dignitas, hae vires, magno semper electorum 
iuvenum globo circumdari, in pace decus, in bello praesidium. 

15nec solum in sua gente cuique, sed apud finitimas quoque civi- 
tates id nomen, ea gloria est, si numero ac virtute comitatus 
emineat; expetuntur enim legationibus et muneribus ornantur et 
ipsa plerumque fama bella jgrofligant 

XIV. Cum ventum in aciem, turpe principi virtute vinci, 
turpe comitatui virtutem principis non adaequare. iam vero 

zere Zeit, finden wir auch bei an- Gegensatze zu ' geogodh (Jugend) be- 

dern indogermanischen Stammen; und zeichnet dugudh die angesehenen Krie- 

keine Chronik, kein Gesetzbuch, sagt ger edler Geburt. Vornehmer als die 

Kunik a. a. 0. 372, fuhrt uns das Bezeichnung gesidh war bei den Angel- 

innige Verhaltnis, welches zwischen sachsen die von thegn (eigentl. rixvov), 

dem Gefolgefuhrer und seinem Gefolge und bekannt sind Komitatsamter, wie 

bestand, so lebendig vor Augen, als das des truhsaxo d. h. truhtsaxo (von 

einerseits der slawische Sprachgebrauch truht, Schar), der an der Spitze der 

und anderseits die dichterischen, noch kampfenden Schar stand. , ipse comi- 

frisch nach dem Heidentum duftenden tatus der Komitat selbst, den princeps 

Schopfungen der Altsachsen (Heliand) abgerechnet. 

und der Angelsachsen (Beovulf). Ku- iudicio eius quem s.] Daraus geht 

nik bringt dann prachtige konkreto wieder das rein personliche Verhaltnis 

Beweise dafiir vor. Dem Worte comes der comites zu ihrem princeps her- 

(com-ire) entspricht ganz genau das vor. eius quem s. ist Umschreibung 

gotische gasintha, gasinthja, althochd. von principis, um die Wiederholung 

gasindo; weitereNamenhabenGrimm, dieses Ausdruckes zu vermeiden. 

G. d. Spr. 131 ff. und andere gesammelt. 12. plurimi et ac. c.] Man hat darum 

Die Schar als Ganzes hiefs wohl druht nicht etwa anzunehmen, dafs das Ge- 

von driugan „Kriegsdienste thun tt , der folge immer sehr zahlreich gewesen 

princeps als Gefolgeherr druhtin. — sei. Eine Zahl von 15 ist schon keine 

Dahn u. a. nehmen an, es sei jedem ganz geringe. 

Germanen, der es vermochte, erlaubt 13. electorum iuvenum] „ganz aus- 

gewesen ein Gefolge zu halten, gewohn- erlesener junger Manner. tt 

lich aber hatten es eben nur reges 16. si numero ac v. comitatus e.] 

und principes zu halten vermocht. comitatus ist Nominativ. 

Weniger bestimmt aufsert sich G. Brau- 17. expetuntur enim u. s. f.] nam- 

mann: Da der Adel einmal wegen lich von anderen Volkern. Eine leben- 

seiner Abkunft hoch angesehen war, dige Illustration dieser Stelle giebt 

anderseits die kricgerische Gesinnung Scherer in seiner Eezension der Hey- 

des Volkes in gesteigertem Mafse be- nischen Ausg. des Beov., S. 102, A. 4. 

wahrte, so mufste, selbstwennes 18. ipsa plerumque f. b. profligant] 

den Freien nicht verwehrt war, „schon durch ihren Ruf schlagen sie 

sich mit Bewaffneten zu um- gar oft begonnene Kriege nieder. tt 

geben, der Dienst beim Adel beson- XIV. 1. turpe principi] Nibel. 1957: 

ders gesucht sein. Ex xacme, so sprach Hagne, vil wol 

10. gradus] Das ist uns durch Ge- volkes trost, da% die herren vaehten 

schichte und durch die Sprache besta- %e aller vorderost, also der mtnen 

tigt. Einen hohen Rang hatte der herren hie tslicher tuot u. s. f. 

angels. eaxelgestealla, der seine Stelle 2. turpe comitatui] Diese Anschauung 

an den Achseln des Herrn hat. Im ist besonders in Beovulf bezeugt. — 



GEKMANIA. C. XIV. 37 



infame in omnem yitam ac probrosum superstitem principi suo 
ex acie recessisse: illum defendere, tueri, s ua quoque fortia facta 
gloriae eius assignare praecipuum sacramentum est: principes 5 
pro victoria pugnant, comites pro principe. 

si civitas, in qua orti sunt, longa pace et otio torpeat, ple- 
rique nobilium adulescentium petunt ultro eas nationes, quae 
tum bellum aliquod gerunt, quia et ingrata genti quies et faci- 
lius inter andpitia clarescunt magnumque comitatum non nisi vi 10 
belloque tueare; exigunt enim a principis sui liberalitate itlum 
bellatorem equum, illam cruentam victricemque frameam. nam 

iam vero „vollends nun. tt Diese Par- sammenhang, dafs hier nur von solchen 

tikeln fiihren zu etwas Neuem und nobiles die Eede sei, die mit dem 

Wichtigerm iiber. Gefolgewesen zu thun hatten. In 

3. superstitem — recessisse] Amm. etwas anderm Sinne als Braumann ver- 
Marc. 16, 12: Chnodomarii comites steht es Kettner a. a. 0. von Gefolge- 
numero ducenti et tres amici iunctis- fiihrern. Er meint, es diirften damit 
simi flagitium arbitrati post regem besonders jene adulescentuli im An- 
vivere vel pro rege non mori, si tule- fang des Kap. 13 bezeichnet sein. 

rit casus, tradidere se vinciendos. 11. tueare] Dieses diirfte die rich- 

4. Wolfflin schlagt vor, illum vor tige Uberlieferung sein, welche das- 
tueri zu wiederholen. Andere setzen selbe besagt wie das von Schiitz vor- 
et zwischen defendere und tueri ein. geschlagene tueri licet. Aufser diesem 

5. gloriae eius ass.] Nibol. 1735: Vorschlage bringt Sch. einen zweiten: 
db~ si hie b% Etxel vahten manigen vis bellumque tuetur. exigunt natiir- 
wlc %e eren dem kiinige. lich comites, aus comitatum zu ent- 

praecipuum s.] ist der wesent- nehmen. 
lichste Punkt des Kriegseides. prae- liberalitate] deutsch milti. Tapfer- 

cipuus mit der Bedeutung und Kon- keit und Milde sind germanische 

struktion eines Superlatives. Vgl. K. 6. Kardinaltugenden. Vgl. Kap. 6. Wir 

Es ist hochst wahrscheinlich, dafs nehmen mit flalm und Miiller nach 

dieser Treueid seit uralter Zeit wara der Konjektur von Acidalius die Pra- 

(foedus, pactum), der Beeidigte als position a vor princ. s. liberalitate 

solcher waraganga (= altfrankisch auf. 

antrustio) hiefs. Ausdriicke wie das illum bell. e.] Eosse also und Waf- 

nordische varavargr, angels. vaerloga fen (wie das im Liede vielfach wieder- 

bezeichnen trefiflich den eidbriichigen kehrt) waren ein Geschenk der Milde 

Gefolgemann. und Ehrerbietung. Es wird meist an- 

7. plerique nob. ad.] „sehr viele von genommen, dafs das got. maithms, 

den edeln J. tt Sachlich ist dieses so angels. madhum, Geschenk, dasselbe 

zu nehmen, dafs manchmal einzelne Wort sei wie ahd. meiden, Rofs. Von 

aus den im Gesinde hoher stehenden Waffengeschenken fuhren wir nur jaus 

comites in Verbindung mit freiwillig Beovulf 1033 an: Er gab Beowulfe 

sich anschliefsenden Genossen , wolche den brand Halfdenes, ein giilden Jcampf- 

einen Vertrag auf Zeit eingingen, an- banner xum fcampenlone (ein xeichen 

dere Stamme aufgesucht haben. Durch der schlacht mit xierem griffe), helm 

die Worte des Tacitus ist es allerdings und briinne. Das here kampfschwert, 

nicht ausgesohlossen , dafs solche no- das reichgeschmiickte, die recken sahen 

biles adulescentes einzeln auch Gefolge- dem biedern bringen. 
fiihrer sein konnten, doch auch 12. bellatorem e.] Verg. georg. 2, 

nicht, wie Braumann neulich wieder 145: Hinc bellator equus-sese-infert. 

behauptet, gefordert, dafs sie es sein Auch cruentam victricemque fr. ist 

mufsten; aber das fordert der Zu- poetisch ausgedriickt. Wie das Kind 



38 



CORNELH TACITI 



epulae et quamquam incompti, largi tamen apparatus_pro stipen- 
dio cedunt. materia munificentiae per bella et raptus. nec arare 
15terram aut exspectare annum tam facile persuaseris quam vocare 
hostem et vulnera mereri. pigrum quin immo et iners videtur 
sudore acquirere, quod possis sanguine parare. 

XV. Quotiens bella non ineunt, non multum venatibus, 
plus per otium transigunt, dediti somno ciboque. fortissimus 



einen bedeutsamen Namen erhalt, so 
soll jener Speer blutig und sieg- 
r e i c h_werden. Z i m m e r , Nominalsuff. 
A u. A, S. 41: konungs nautr „Ge- 
nufs, Gabe vom K. tt ist speziell das 
Schwert; unwillkurlich erinnert dies 
an Tac. Germ. XIV: exigunt enim cet. 
Vgl. ib. S. 294. 

12. nam epulae cet.] „Denn die 
Tafel und die, wenn auch nicht ge- 
rade feinen, doch reichlichen Gelage 
sind keine aufserordentlichen Ehren- 
bezeugungen; sie gehen fur den Sold. tt 
Der Einfall von Bahrens, dafs etwa 
statt nam zu lesen sein durfte: et 
quando — cedunt, materia m. cet. ist 
durchaus unzutreffend. Solche Schmau- 
sereien werden im Liede oft geschil- 
dert, so in Beovulf 483 ff., 620 ff., 
1025 ff., in den Nibelungen 369 u. s. f. 
Immerhin miissen sie zu Tacitus' Zeit 
einfacher gedacht werden. Wegen die- 
ser epulae beim princeps heifsen die 
comites ahd. gimaxxun (nom. sing. 
gimaxxo) „die Speisegenossen. tt 

15. annum] fiir annonam nach 
Dichtergebrauch. — So auch Agricola 
K. 31. 

arare — persuaseris] Eine ausfuhr- 
liche Besprechung dieser Konstruktion 
von persuadere n uborreden tt findet sich 
in Prammer: Einzelne Bemerkungen 
zu verschiedenen Ausgaben der Schr. 
des Tacitus, S. 23 f. 

vocare hostem] d. h. provocare, wie 
ja T. vielfach das v. simplex statt 
des v. compositum braucht Statt vul- 
nera mereri schlagt Brieger brief- 
lich vulnere m. zu schreiben vor, was 
mir hochst beachtenswert scheint. — 
Tacitus schliefst den Abschnitt wieder 
mit einer Pointe, in welcher iiberdies 
die betontesten Worter (sudore — san- 
guine) durch AUitteration in Beziehung 
gesetzt werden. 

XV. 1. Mit den Worten non mul- 
tum v. scheint Tacitus dem Casar zu 



widersprechen, der B. G. 6, 21 von den 
Gennanen iiberhaupt und B. G. 4, 1 
von den Sueben insbesondere das 
Gegenteil berichtet, und dafs T. eine 
schweigende Kritik ubt, wollen wir 
nicht leugnen. Er sagt, dafs die Ger- 
manen, zuMchst allerdings die Haupt- 
linge und ihr Gefolge, aber durchaus 
nicht sie allein, sondern uberhaupt 
diejenigen, welche vorherrschend das 
Waffenhandwerk treiben, wenn sie 
nicht im Kriege beschaftigt sind, nicht 
gerade sehr stark der Jagd obliegen, 
sondern noch mehr Zeit mu&ig hin- 
bringen und von ihren Strapazen aus- 
ruhen. Zuletzt hat Schiitz wieder 
die Streichung von non verworfen und 
fur non multum weitere Griinde bei- 
gebracht. Ein altes germanisches Wort 
fiir Jagd ist weida (altn. veidhi, ags. 
vadhu), von welchem eine Menge auf 
die Jagd hinweisende Composita und 
althochdeutsch das Adjektiv weidalich 
gebildet werden. In der Schweiz ist 
weidli fvir hurtig, frisch noch all- 
gemein ublich, und der Fischerkahn 
heilst Weidlig. Der Jagdtiere, grofs 
und klein, waren im alten Germanien 
viele. Vergl. Caesar B. G. 6, 26seq., 
Plin. N. H. 8, 38 und a. a. St. Wir 
lesen namentlich von uri, von bisontes, 
welche wir heute Auerochsen nennen, 
von alces, Elentieren, u. s. f., und noch 
tragen Ortsnamen ihr Gedachtnis wei- 
ter, wie Urbach, Urdorf, Wisendangen, 
Ellwangen u. a. "Wir wissen, dafs 
Chauken u. a. Fischerei iibten. Auch 
an wildem Gevogel fehlte es nicht. 
Im spatern Germanien bildete sich die 
Jagd mannigfach aus, und auch die 
Volksgesetze enthalten Bestimmungen 
iiber Jagdhunde und Falken. 

2. fortissimus quisque — familia, 
cet.] So interpungieren wir mit Miil- 
lenhoff. Fortissimus quisque u. s. f. 
wird nach dem Zwischensatze passend 
mit ipsi wiederholt. — Bei Kritz- 



GERMiLNIA. C. XV. 39 



quisque ac bellicosissimus nihil agens, delegata domus et penatium 
et agrorum cura feminis senibusque et infirmissimo cuique ex 
familia, ipsi hebent, mira diversitate naturae, cum idem homines 5 
sic ament inertiam et oderint quietem. 

mos est civitatibus ultro_ac vi ritim conferre principibus vel 
armentorum vel frugum, quod pro honore acceptum etiam neces^ 
sitatibus subvenit. gaudent praecipue finitimarum gentium donis, 
quae non modo a singulis, sed et publice mittuntur, electi equi, 10 
magna arma, phalerae torquesque; iam et pecuniam accipere 
docuimus. " 

Hirschfelder finden wir eine Tei- niochte, haben einige, wohl mit Recht, 

lung in drei Glieder, nach agens und armentorum und frugum von quod 

nach familia starker interpungiert. abhangen lassen; Heraus ad Tac. h. 2, 

— Baumstark, Gantrelle, Halm, 44. Prammer hat aliquid hinein- 

Prammer trennen in verschiedener gesetzt, Bahrens will entweder pri- 

Weise in zwei Hauptglieder. mum vor vel armentorum o&ei modum 

3. delegata domus cet.] Sie weisen nach frugum hinzufiigen. 

die Verwaltung des Hauses und des 9. finitimarum gentium d.] „die 

innern Haushaltes und der Felder von von benachbarten St. kommen. tt 

sich ab und andern, denen sie nicht 10. a singulis] d. h. a privatis oder 

zunachst angehort, zu. privatim. — Statt sed publice ist wohl 

5. familia] wird hier nach K. 25 doch mit dem Leydener codex sed et p. 
nicht speziell auf das Gesinde gehen zu setzen. ^Sed et nach non modo 
konnen, sondern die Worte bedeuten: im ganzen nur dreimal: Germ. 15, 35. 
und iiberhaupt den Schwachsten Ann. 14, 39 in indirekter Rede, wah-' 
(Baumstark: den Unkraftigsten) aus rend in den Historien und Annalen 
dem Hausstande. etiam am haufigsten wegbleibt, was in 

6. quietem] das sich gegen aufsen den kleinen Schriften seltener der Fall 
ruhig Verhalten, Friede. ist." Wolfflin. 

7. mos est civitatibus] Hier sind 11. magna a.] ist nicht in magni- 
unter principes naturlich zunachst fica oder insignia zu andem. phalerae 
diejenigen verstanden, welche an der sind runde Platten von Gold, Silber 
Spitze der Gemeinde oder von Gauen oder anderm Metall, auf denen eine 
stehen, also auch diejenigen, welche Verzierung angebracht war, Brust- 
reges heifsen. Sehr schon entwickelt schmuck von Menschen oder Schmuck 
J. Grimm R. A. 246 ff., 297 ff., wie am Pferdegeschirr. Das Wort wird im 
sich diese freiwilligen Gaben all- Deutschen mit gareiti (reita), gareita 
mahlich in pflichtige verwandelten. glossiert. — torques entspricht dem 
Die bete wurde zur Forderung. Dafs deutschen boue. 

aber wirklich geforderte Abgaben von iam et] bei Tacitus regelmafeig, um 

unterworfenen Volkern schon da- wiederholtes iam (in etiam) zu ver- 

mals entrichtet werden mufsten, sagt meiden. 

Tacitus selbst K. 43. pecuniam accipere doc.] Hist. 4, 76: 

• vel armentorum etc.] sind kuhn pecuniamque ac dona, quis solis cor- 

gebrauchte genetivi partitivi. Solche rumpantur (Germani) cet. Herodian. 

Genetive sind nicht nur griechisch 6, 7: Tout(i) yao fidUaja rfQfiuvol 

(Kriiger 47, 15, 5); sie finden sich nki&ovrai ipikdoyvQoC xe bvreg xal rrjv 

nicht selten auch im altern Deutsch, ^Q^vriv asi nQog 'PomaCovg /qvoiov 

wie: mag.ich ir bringen des grienes xanrjievovreg. Die Komer riisteten 

(von dem Sand). Da aus dem Latei- Fursten, die sie iiber die germ. Staaten 

nischen sonst kein sicheres Beispiel der- setzten, gerne mit Geld aus. G. K. 42. 

artigen Gebrauches beizubringen sein Ann. 11, 16. Ubrigens ist es wahr- 



40 



CORNELII TACITI 



XVI. Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum 
est, ne jrati_jiuidem inter se iunctas sedes. colunt discreti ac 
divorsi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. vi cos locant non 
in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam 
5 quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis reme- 
dium sive inscitia aedificandi. ne caementorum quidem apud 
illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et 
citra spec iem aut delectationem. quaedam loca diligentius illinunt 



scheinlich, dafs Tac. bei seiner Ansicht 
iiber Domitian auch ihn damit hat 
treffen wollen. 

XVI. Auch das, dafs dio Gennanen 
nicht in urbes in romischem Sinne 
wohnten, ist richtige Uberlieferung. 
Weder ann. 1, 56 Mattium, gentis caput, 
noch die regia castellumque ann. 2, 62, 
oder Batavorum oppidum hist. 5, 19 
konnen uns daran irre machen, eben- 
sowenig von Ptolemaus genannte 
noltig und Namen wie Asciburgium. 

— Mehr und minder sichernde Ort- 
lichkeiten sind noch lange keine gro- 
fsern, aneinander gebauten, mit Wall 
und Graben umgebenen urbes, sie sind 
hochstens oppida. "Wie sehr die Deut- 
schen die Stadte hafsten, zeigen uns 
Stellen, wie hist. 4, 64: muros coloniae 

— munimenta servitii. Von den Ala- 
mannen Ammianus M. 16, 2 : territoria 
habitant, ipsa oppida ut circumdata 
retiis busta declinant. Vom achten 
Jahrh. an entstanden einzelne Stadte 
im innern Deutschland, und im Osten 
wurden solche namentlich von Hein- 
rich I. angelegt. Wie hoch bedeutsam 
die Stadteanlagen im spatern Deutsch- 
land geworden sind, darauf hat beson- 
ders Arnold, Deutsche Urzeit, hin- 
gewiesen. Die alten Namen fiir Wohn- 
statten sind nicht sehr bestimmt. Das 
gotdsche baurgs (von bairgan, ifoda- 
auv y farcire) bezeichnet nur den ber- 
genden und geborgenen Ort (Ascibur- 
gium\ haims (xamrj) meint den Wohn- 
ort, veihs die Niederlassung, thaurp 
(dorf) urspr. die Zusammenkunft. In 
den folgenden Worten des Tacitus sind 
deutlich zwei Arten der Ansiedelungen 
angegeben. Vergl. Erhardt, g. St., 
S. 33, Anm. Schroder, D. R. 1, 12ff., 
nimmt an, dafs das Wohnen in Dorfern, 
allerdings nicht in zusammenhangenden 
oder ringformigen, bei den Germanen 



joner Zeit das Regelmafeige gewesen 
sei, leugnet aber nicht, dafs Gebirgs- 
gegenden oder Ubernahme von den 
Kelten her auch Einzelhofe bedingen 
konnten. Ubrigens gelten natiirlich ut 
fons cet. auch von den Dorfanlagen. 
Uber die altesten Ortsnamen, die zum 
Teile noch auf das Wohnen an Quellen, 
Waldern u. s. f. hinweisen, vgl. Ar- 
nold a. a.O. S. 212. Dafs Dorfer aus 
Hofen ebensowohl wie Nebendorfer aus 
Urdorfern hervorgegangen sind, ist 
historisch und sprachlich bezeugt. Wir 
mahnen hier nur an die Ortsnamen 
auf -wlla, -wtlari, auf -ikon fiir 
-inghofen, z. B. Zollikon fur Zolling- 
hofen u. a. Im Dorfe selbst war jedes 
Haus mit einem Hofraume (Garten- 
land u. s. f.), und das Ganze wohl 
regelmafsig mit einem Zaune umgeben. 
Dafs tibrigens eine Gasse oder Gassen 
da waren, zeigen uns des T. Worte 
K. 19: per omnem vicum — agit. 

5. sive adv. c. i. /*.] Der erste Grund 
— die Polizeimafsregel — ist ganz 
ungermanisch, und auch der zweite 
gilt an dieser Stelle nicht; der eigent- 
fiche Grund liegt in der Liebe der 
Germanen zur individuellen Unabhan- 
gigkeit. tibrigens haben wir in diesen 
Hofstatten wohl die erste Begriindung 
eines wirklichen Eigentums der einzel- 
nen zu sehen. 

6. ne caementorum qu. cet.] Tacitus 
hatte hinzufugen konnen, dafs die Ger- 
manen auch keine eigenen Worter 
dafiir hatten: xiegal und tegel z. B. 
sind lat. tegula. 

7. materia] Bauholz, deutsch %im- 
bar, ags. timber (dtyecu), und die ma- 
teria informis heifst altd. scaffelosa 
xvmbar. Ubrigens wird es auch nicht 
an Lehmhausern gefehlt haben. 

8. citra speciem aut d.] vertreten 
Adjektiva. „Der Gebrauch von citra fur 



GERMANIA. C. XVI. 



41 



terra ita pura ac splendente, ut picturam ac lineamenta colorum 
imitetur. solent et subterraneos specus aperire eosque multolO 



sine ist besonders der silbernen Lati- 
nitat und speziell den kleinen Schriften 
des Tacitus eigen (spater braucht Taci- 
tus sine).* Wblfflin. 

8. quaedam loca diligentius illi- 
nunt cet.] eine schwierige Stelle, und 
wir mochten fast vermuten, dafs Tac. 
selbst keine klare Vorstellung von der 
Sache hatte. Wie die Stelle iiberliefert 
ist, kann sie etwa so deutsch wieder- 
gegeben werden: einige Stellen des 
Hauses bestroichen sie sorgfaltig mit so 
reiner und glanzender Erde, dafs es 
(das Bestreichen) Malerei und Farben- 
linien vorstellt (vertritt, ersetzt). Einige 
Kritiker nahmen besonders an colorum 
Anstofs und vermuteten dafur loeorum 
(Nipperdey) oder corporum (Kochly) 
oder speeulorum (Bahrens). Aber co- 
lorum gehort nur zu lineamenta, hat 
so nichts Anstofsiges. Zuletzt haben 
Schiitz und Hachtmann unsere 
Stelle einlafslicher behandelt. Ersterer 
mochte lesen: illinunt terra pura ae 
splendente (mit Streichung von ita) — 
ut imitentur (namlich Germani). Der 
pluralis imitentur mit verschiedener 
Erganzung wurde schon von fnihern 
Kritikern gefordert. — Hachtmann, 
nachdem er alle vorausgegangenen Er- 
klarungen gepruft hat, schla^ vor, die 
Partikel ita vor terra zu setzen, und 
nimmt auch seinerseits die Anderung 
imitentur an. Wahrend wohl die 
meisten Erklarer die quaedam loca an 
der Aufsenseite des Hauses suchen, 
sieht sie H., wie s. Z. Wa c k e r n a g e 1 , 
in den Zimmerwanden und ' giebt imi- 
tari mit nachahmen wieder. Er 
meint, ahnlich wie Kritz, dafs die 
Germanen, d. h. diejenigen, welche 
iiberhaupt quaedam loca illinunt, die 
Malerei und die Farbenlinien der romi- 
schen Hauser nachahmen wollten, was 
von Tacitus doch mit einem Worte 
angedeutet werden mufste. Brieger 
wiU nach freundlicher brieflicher Mit- 
teilung ebenfalls ita vor terra steUen 
und erklart: Sie bestreichen gewisse 
SteUen in der Weise mit einer reinen 
und glanzenden Erde, dafs eine Art 
von Malerei, eine Art von farbigen 
Umrissen entstcht. Sehr ansprechend. 
Unbestimmt bleibt auch, ob wir unter 



terra nur eine Erdart oder mehrere 
Erdarten zu verstehen haben. Altnor- 
disch heifst steina (mit minorahschen 
Farben bestreichen) malen. Kaum 
diirfen wir nach der ganzen Darstel- 
lung des T. daran denken, was Host- 
mann vermutungsweise ausgesprochen 
hat, diese Stelle mochte darauf hin- 
deuten, dafs bei den Germanen teil- 
weise Fachwerksbau, nicht blofser 
Holzbau stattgefunden habe. Miiller 
h«st polituram statt picturam, indem 
er erklart: liquefacta iUa terra tenui- 
tate pictorum atramentum aequasse 
videtur, ut obducti iUa parietes et po- 
litorum more splenderent ot ligni na- 
tivi venarum staminumque cursus per- 
lucerent Uneamentis coloratis similes. 
Zernial bemerkt richtig, dafs mit 
politura „Glattung tt die Erklarung der 
Stelle nicht erleichtert werde. Bedeckt 
waren die Hauser mit Rohr (Plin. N. 
H. 16,36) oder Stroh. Unter demsel- 
ben tief herabgehenden Dache waren 
"Wohnung, Kuche, StaUe und Dresch- 
tenne vereinigt. tFber das Nahere der 
innern Einrichtung miissen wir auf 
Biicher, wie Hostmann, Alt-germa- 
nische Landwirtschaft , verweisen. — 
Hiibsche sprachgeschichtiiche Nach- 
weise zur Kunde des germanischen 
Hauses hat Dr. Ernst Rautenberg 
in einer Hamburger Programmabhand- 
lung 1880 geUefert. 

10. solent et subt. sp. a.] Solcher 
Hohlen bei den Sarmaten gedenken 
Mela und VergU; derselben als zum 
Aufbewahren von Getreide bestimmt 
erwahnt Diodorus Siculus. PUn. N. 
H. 19,2: in Qermania autem defossi 
atque sub terra vela teocunt. In der 
lex SaUca, in der lex Burgund., in 
der lex Fris., der lex Sax. und einem 
Capitulare Karls des Grofsen finden 
wir einen Ausdruck screuna, screona, 
screunia (franz. ecraigne, alt escregne, 
escriegne, escrienne), welcher nach Du 
Cange bezeichnet eino camera demersa 
in humum multo insuper fimo one- 
rata, in qua puellae simul convenien- 
tes pervigilant ad mediam noctem, 
altnord. iardhus. Wackernagel deutete 
scriuna deutsch, indem er es fiir 
scrifuna stehend annahm (angels. scraf, 



42 



CORNELII TACITI 



insupe r fim o onerant, suffugium hiemis et receptaculum frugibus, 
quia rigorem frigorum eius modi Jocis_molliunt, et si quando 
hostis advenit, aperta populatur, abdita autem et defossa aut 
ignorantur aut eo ipso fallynt, quod quaerenda sunt. 

XVII. Tegumen omnibus sagum fibula aut, si desit, spina 
consertum: cetera intecti totos dies iuxta focum atque ignem 
agunt. Jocupletissimi veste distinguuntur, non fluitante, sicut 



Grube). Ahd. Glossen glossieren die 
Worte textrina, gynaeceum mit tunc, 
dung, (daher auch genextunc = gynao- 
ceum), und heute noch heifet in Augs- 
burg der Webekeller so. Dieses 
ahd. dung, tunc ist das Grundwort zu 
Diinger, dungen, was aber wohl 
nicht von jeherMist geheifsen. Vgl. 
Rautenberg a. a. 0. S. 17 f. Wenn 
wir auf die Gestalt solcher Hohlen mit 
Wackernagel (Zeitschr. f. d. A. 7, 129) 
aus denjenigen der sogen. Mardellen 
einen Schlufs ziehen diirfen, so waren 
sie trichterformig und in zwei Abtei- 
lungen geteilt, deren untere zur Auf- 
bewahrung des Getreides diente. Dafs 
nur die rohern Germanen, die keinen 
regelmaTsigen Hauserbau kannten, sol- 
che Hbhlen geoffnet haben, sagt T. 
nicht, und ebensowenig unterscheidet 
er verschiedene Arten von Gruben. 

11. insuper] „oben darauf. u fimus. 
„Unter fimus werden wir uns eine 
Mischung von Moos, Laub, Stroh mit 
Erde, Lehm und Rinder- oder Pferde- 
kot vorstellen sollen; an Mist, wie er 
bei der Stallfutterung gewonnen wird, 
ist keinesfalls zu denken." Rauten- 
berg. 

Statt suffugium hiemi ist s. hiemis 
zu lesen. Vgl. Germ. K. 46, ann. 4, 66. 
In den Schlettstetter Glossen wird 
tunc mit hiemalis xeta (d. i. diaeta) 
erklart. 

receptaculum frugibus] „vorzugs- 
weise fiir Kornfruchte." 

12. Piir locis liest Holder lacis, 
Bahrens schlagt lacus yor. 

.13. advenit] ist Perfektum. 

14. fallunt, quod quaerenda sunt] 
„es entgeht dem Feinde, weil er es 
nicht leicht findet, erst noch suchen 
mufs. u Eine allerdings nicht sehr in- 
haltreiche Pointe, die das aber auch 
nicht wiirde, wenn wir mit Bahrens 
aegre quaerenda sunt lasen. Miiller 
vermutet abdita ita et defossa aut 



ignorantur aut loco ipso fallunt, quo 
quaerenda sunt, eine Vermutung, wel- 
cher Zernial zustimmt. 

XVII. 1. Tegumen omnibus sagum 
cet.] Alle haben als IFberwurf ein 
sagum. So, oder sagulum, nennen die 
Romer das germanische Oberkleid nicht 
nur der Mifsfarbe und des Stoffes wegen 
(Wackernagel), sondernweil es eben 
ein dem romischen Soldatenmantel ahn- 
liches viereckiges Stiick groben Wollen- 
zeuges war, welches iiber die Schultern 
herabhing. Es ist das der romischen 
toga entsprechende (indogermanische) 
Kleidungsstiick, nur viel kleiner und 
leichter als diese (Miillenhoff). Min- 
destens an der Grenze finden wir den 
buntfarbigen Uberwurf; Tac. hist. 5, 
23 ; conf. h. 2, 20. Der Name fiir dieses 
Kleidungsstiick war bei den Germanen 
verschieden. Das gotische Wort dafiir, 
snaga, ist wohl ein fremdes. 

fibula aut, si desit, spina cons.] 
Solche fibulae finden sich oft in Gra- 
bern. Fibula heifst althochd. nusca, 
nuscja, mhd. nusche, oder ahd. nu- 
skil, mhd. nilschel, mittell. nusca, nu- 
scula (vgl. mhd., nhd. nestel), auch 
dom, ohne dafs an die wirkliche spina 
gedacht ist (z. B. Minnes. 2, 80 b. Be- 
neke-MuMr mhd. W. u. d. W.): von 
kupfer ist der dom (am Giirtel), und 
spanga. — Zu dem Ausdrucke tegumen 
spina consertum vgl. Verg. A. 3, 594. 
(Prammer). 

2. cetera intecti] im iibrigen unbe- 
deckt, also nur im Mantel. So gekleidet 
brachten sie ganze Tage am Herde zu, 
gingen aber nicht so aus. tfbrigens 
haben schon friihero Ausleger darauf 
aufmerksam gemacht, dafs dabei die 
bruoch, die Hiiftenbedeckung, welche 
weder als vestis noch als amictus er- 
wahnt werden konnte, nicht werde ge- 
fehlt haben. 

3. locupletissimi cot.] Diese Stelle 
ist unseres Wissens zuerst von Miil- 



GERMANIA. C. XVH. 



43 



Sannatae ac Parthi, sed stricta et singulos artus exprimente. 
gerunt et feraruni pelles, proximi ripae neglegenter, ulteriores 5 
exquisitius, ut quibus nullus per comniercia cultus. eligunt feras 
et detracta velamina spargunt maculis pellibusque beluarum, quas 
exterior Oceanus atque ignotum mare ffignit. nec alius feminis 
quam viris habitus, nisi quod feminae "saepius lineis amictibus.. 
velantur eosque purpura variant, partemque vestitus superioris inlO 



lenhoff, Z. f. d. A. 10, 553 f., richtig 
und scharf gedeutet worden: Die Wohl- 
habenden unterscheiden sich nur durch 
die Beschaffenheit oder besser den Stoff 
des Unterkleides, von welchem ubrigens 
im allgemeinen gilt, dafs es ein enge 
anliegendes, nicht ein bauschiges war, 
durch welches die Sarmaten und Parther 
gekennzeichnet sind. Diese vestis ent- 
spricht der romischen tunica, wie sa- 
gum der toga. Gotisch heifst das 
Unterkleid mit einem wohl fremden 
(vgl. griech. pafrrj), aber nicht fin- 
nischen Worte paida, mhd. pheit, 
neben welchem vasti steht; weit ver- 
breitet im Germanischen ist dafur der 
Ausdruck rok u. s. f. Die meisten Aus- 
leger vor und nach Mullenhoff sehwei- 
gen entweder ganz behutsam iiber diese 
Stelle, oder sie erklaren dieselbe so, 
dafs nach T. die beguterten Leute vor 
den geringeren Leuten dadurch sich" 
unterschieden hatten, dafs die letztern 
gar keine vestis trugen. — Hosen sind 
kein altgermanisches Kleidungsstiick, 
und zunachst bedeutet dieses "Wort 
Strtimpfe. Ubrigens ist aus diesem 
Kapitel, was uns auch Uberlieferung 
und Sprache sonst lehren, ersichtlich, 
dais die Germanen das Weben und 
Nahen kannten. Eine ziemlich ver- 
breitete indogermanische Wurzel fiir 
weben ist vabh, griech. v<faivto, und 
sie treibt auch im Deutschen, wahrend 
das latein. texere ursprunglich be- 
sonders die Kunstarbeit mit Schneide- 
werkzeugen bezeichnet; weiter ver- 
breitet noch ist die Wurzel siu fiir 
nahen, gr. xaooua), sanskr. siv, latein. 
suo, litauisch siuvu, got. siuja (unser 
Saum). 

5. gerunt et f. pelles cet.] bezieht 
Mullenhoff auf die vestis, das Un- 
terkleid. 

proximi ripae cet.] Die an der durch 
Rhoin und Donau bestimmten Grenze 
ohne Wahl, indem sie — demnach vor- 



ziiglich die minder wohlhabenden Leute 
— fur ihre Unterkleider die Felle neh- 
men , die sie leicht bekommen. In den 
folgenden Worten liegt, dafs teils an 
der Grenze gewobene Zeuge durch Han- 
del in Umlauf kamen, teils von den 
dort wohnenden Germanen die Webe- 
kunst fleifsiger betrieben wurde. 

6. cultus] „Putz. tt 

7. detracta velamina] sind die ab- 
gezogenen Tierhaute, die zur Umhiil- 
lung des Leibes dienen. Zimmer 
A-Stamme 296 vermutet, dafs der alt- 
nord. Ausdruck fiir diese detr. vel. skinn 
1) Haut, Fell, 2) das Abgehautete, ge- 
wesen sei; Bahrens schlagt vor, fur 
velamina vellera zu lesen. Miiller 
denkt an velumina und citiert Varro, 
wo ubrigens nach den besten Handschr. 
ebenfalls velamina steht. 

maculis pellibusque] ist ein £V &ta 
&votv, „andersfarbige Lappen aus Tier- 
fellen. u Die Romer brauchen diese 
Ausdrucksweise um so haufiger, weil 
ihre Sprache arm an Kompos. ist. 

quas exterior Oceanus cet.] Man hat 
auf diese Stelle Nibel. 354, 1 bezogen : 
von vremder vische hiuten bexoc wol 
getan, zu welchem Verse Lachmann 
treffende Parallelstellen mitgeteilt hat. 
Wir geben aber gerne zu, dafs Tacitus 
eher an andere Tiere gedacht hat. — 
Die Frauenkleidung, wie uns das Fol- 
gende zeigt, war wesentlich dieselbe 
wie boim Manne. 

10. purpura] Wackernagel machte 
darauf aufmerksam, dafs besonders ein 
roter Saum diese Uberwurfe geziert 
haben werde, wie das heute noch in 
der landlichen Tracht vorkommt. Dafis 
hier nicht von echtem Purpur die 
Rede sei, versteht sich eigentiich von 
selbst. £s ist damit die gallische Far- 
berrote gemeint, die dort aus gewissen 
Pflanzen gezogen wurde. Plin. N. H. 
2, 26, 97; 22, 93. Wenn T. bemerkt, 
dafs der obere Teil des Frauenrockes, 



44 



CORNELII TACITI 



manicas non extendunt, nudae brachia ac lacertos; sed et pro- 
xima pars pectoris patet 

XVIQ. Quamquam severa illic matrimonia, nec ullam morum 
partem magis laudaveris. nam prope soli barbarorum singulis 
uxoribus contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui non libi- 
dine, sed ob nobilitatem plurimis nuptiis ambiuntur. dotem non 



der Teil der vestis y der den obern 
vestitus ausmacht, nicht zu Armeln 
verlangert werde, so scheint er dainit 
mehr den Gegensatz gegen dio romischen 
Frauen- als gegen die germanischen 
Mannerkleider hervorheben zu wollen. 
Nach einer Stelle des Sidonius Apolli- 
naris hatte auch der Mannerrock wenig- 
stens sehr kurze Armel; weniger Ge- 
wicht fiir die Bestimmung der Form 
der vestis legen wir auf den von Grimm 
G. d. Spr. 1, 199 ff. erwahnten und 
gedeuteten Namen der Armalausi. 
Schiitz empfiehlt die Konjektur supe- 
riorem, Heraus verteidigt das iiber- 
lieferte superioris, fafst aber dio Dar- 
stellung der Frauenkleidung anders auf 
als vielleicht alle iibrigen Erklarer der 
Germania. „Vielmehr fiihrt superior 
den Leser auf die Vorstellung hin, dafs 
die Weibertracht aus einem armellosen 
Oberstiick, einer Art Brustleibchen oder 
Mieder und aus einem Unterstuck, ei- 
nem von den Hiiften ausgehenden fal- 
tigen Kock bestand. Die Armel safeen 
aber an dem betreffenden Teile der 
obern Gewandhalfte, d. i. an den Schul- 
terstiicken." H. scheint uns zu wenig 
Gewicht auf die W. W. nec alius fem. 
etc. zu legen und mit Unrecht den 
Gegensatz von amictus und vestitus 
zu verwischen. 

In C. XVHI kniipft Tacitus sehr 
schon an die Erwahnung der freien Klei- 
dung der Germaninnen die Darstellung 
ihres keuschen Sinnes und des Ganzen 
der Ehe an. Nach ubereinstimmender 
Uberlieferung war die Keuschheit eine 
echtgermanische Tugend, und dieser 
Ruhm dauerte lange hinaus; erst all- 
mahlich wird er einzclnen Stammen 
abgesprochen. 

1. Quamquam] wiewohl (das so 
ist), dennoch — . tJber diesen Gebrauch 
von quamquam vgl. die Grammatik. 

2. prope soli barb. s. ux. c. s.] Das 
galt zunachst fiir die westlich und siid- 
lich wohnenden Germanenstamme, nicht 



ebenso, wie wir aus spaterer tJber- 
liefemng schliefsen diirfen, auf die Nord- 
germanen (Grimm, RA. S. 440, G. D. 
S. 188 ff., Weinhold Nord. L. 249), 
und [rechtlich war die Vielweiberei 
im germ. Heidentume nicht untersagt, 
wie schon daraus hervorgeht, dafs selbst 
in Westgermanien die Polygamie we- 
nigstens bei Hochstehenden vorkam. 

3. exc. adm. p.] Unter diese ganz 
wenigen FaHe gehort das Beispiel des 
Ariovist, der nach Caes. B. G. 1, 53 
eine suebische und eine norische Frau 
hatte. Die Beispiele der frankischen 
Konige darf man nicht anfiihren. 

qui non l., sed ob n. plurimis n. 
amb.] Der Gegensatz singulis u. scheint 
pluribus zu erheischen. Eine alte An- 
demng aber von pluribus in plurimis, 
welches alle Handschriften bieton, ist 
nicht sehr wahrscheinlich. pl. n. „zu 
jgaV vielen H., recht oft zum Zwecke 
von Heiraten." ambire mit solchem 
Dative des Zweckes (nicht mit dem abl. 
instr., Baumstark: mit recht vielen 
Heiratsantragen) findet sich auch histor. 
4, 51 tantis auxiliis a. f und den Vor- 
gang macht Vergilius A. 7, 333 mit 
conubiis adire , eineStelle, welchedem 
T. vorschwebte. Holder liest nach 
dem einzigen Hummelianus ambiunt t 
was Bahrens verteidigt. Gewifs ware, 
sollte ambiunt richtig sein, dann auch 
mit Weidner plurimis in pluris zu 
andern. — qui non libidine, „welche 
nicht um ihrer Wollust willen nicht mit 
blofs einer Gattin zufrieden sind, son- 
dem — ." Baumstark: „welche nicht 
um ihrer Wollust willen (um dieser zu 
frohnen) von den Mundwalten umworben 
werden. u 

4. dotem non uxor marito] Daran 
thut Tacitus recht, dafs er die Leistung 
des Bewerbers voranstellt; aber selbst 
wenn wir annehmendiirften, dafs schon 
zu T. Zeit, was der Brautigam dar- 
reichte, nachher der Braut als eine Art 
Mitgift folgte, die ursprungliche Be- 



GERMANIA. C. XVIir. 



45 



uxor marito, sed uxori maritus ofifert. intersunt parentes et pro- 5 
pinqui ac munera probant, munera non ad delicias muliebres 
quaesita nec quibus nova nupta comatur, sed boves et frenatum 
equum et scutum cum framea gladioque. in haec munera uxor 



deutung dieser Gaben war das nicht, 
und Tacitus fafst diesen Akt uberhaupt 
zu ideal, darum unrichtig auf. Es ist 
jetzt allgemein bekannt, dafs nach indo- 
germanischer und heute noch bei nicht 
indogerm. Stammen herrschender Sitte, 
wenn nicht die Braut selbst, doch die 
Gewalt iiber sie von dem Vater oder 
dessen nachstem Stellvertreter (dem 
Mundwalt) gekauft ward; und die- 
ser fest bestimmte Kaufpreis, nicht 
eine dos, ist es, welchen der Bewerber 
im alten Deutschland vor der fdrm- 
lichen Verlobung — denn von dieser 
ist hier die Rede — dem Mundwalt zu 
entrichten hat. Dieser Kaufpreis heifst 
im Mittellatein mundium (von munt 
f. manus, tutela), altn. mundr, burg. 
wittimo, fries. witma, ags. veotuma, 
ahd. widumo, d. h. eigentlich Pfand 
und Band, bei den Langobarden meta. 
Andere sprachliche Zeugnisse sind, dafs 
im lslandischen brudeaup, im Angels. 
cedp geradezu die Sponsalien meint, 
welche im letztern aucH mit fosterledn, 
&Q€7iT7JQi(t, bezeichnet werden, dann das 
alts. buggean (engl. buy) ti brudi, im 
Nordischen kona mundi keypt, die recht- 
mafsig erworbene Frau. Ja noch in dem 
Gedichte von der guten vrou v. 2415 
heifst es: xe rehte er si koufte. Vgl. 
Die altdeutsche Verlobung in 
ihrem Verhaltnisse zu dem mundium 
und der Eheschliefsung, von H. Ha- 
bicht, Jena 1879. Es hinderte aber 
dieses strenge Rechtsverhaltnis die Ach- 
tung der Germanen fiir die Frauen nicht. 
Vgl. Sohm, Stellung der Frau u. s. f., 
D. Rundschau, J. 4,4. "Wir vermogen 
es leider nicht, diese Erklarung gegen 
eine anderswo von Sohm so lebendig 
durchgefuhrte aufzugeben, nach welcher 
hier von einer der Wehrhaftmachung 
ahnlichen Emanzipationshandlung 
die Rede ware und T. mit tjbergehung 
des Kaufes von der tlbergabe der mu- 
nera unmittelbar an das Madchen spra- 
che. Nicht unbemerkt mag hier bleiben, 
worauf in neuester Zeit wieder Brun- 
ner und Schroder in ihrer Rechts- 
geschichte hinweisen, dafs aufser der 



Ehe durch Kauf auch die Raubehe, von 
welcher das friiheste Altertum vielfache 
Spuren bietet, einst auch in Deutsch- 
land gegolten habe, wenn auch das Ver- 
haltnis des Arminius nicht mehr sicher 
dafiir zeugt. 

5. intersunt parentes et prop.] Fa- 
milienrecht. Offene Verlobung, Tra- 
dition und offenes Heimfuhren 
sind die offiziellen Akte der Vermahlung. 

6. ac munera probant, munera] 
iiberliefern unsere besten Handschriften. 
„Lachmann hatte vollkommen recht, ein 
munera zu streichen. — Anaphern von 
Substantiven, iiberhaupt selten, finden 
sich nur bei parallelen, aber entgegen- 
gesetzten Gliedern. Eine appositio- 
nelle Anapher ist zwar deutsch, aber 
durch kein Beispiel aus Tacitus zu be- 
legen. u Wolfflin. Aufser dem einen 
munera diirfte, ware Lachmanns Mei- 
mmg die richtige, auch ac zu tilgen 
sein. Weidner versucht unter anderm 
die Konjektur manu probant munera. 
Hirschfelder verteidigt aber die hand- 
schriftliche Lesart, da die Eigentiimlich- 
keit der munera dadurch stark hervor- 
gehoben werde; Bahrens will ebenfalls 
die tiberlieferung festgehalten wissen 
und weist besonders auf eine sehr ahn- 
liche Stelle, Propert. 1, 3, 25 f., hin. 
Aufser an dieser und andern Dichter- 
stellen findet sich eine solche Anaphora 
auch bei Plin. paoeg. 51 und 65 vor, 
Stellen, auf welche Eussner hinge- 
wiesen hat. Auch Halm hat das dop- 
pelte munera in seine letzte Rezension 
aufgenommen. — probare, hier: mu- 
stern, priifen. 

7. sed boves et frenatum e. cet.] 
„In Vieh und in Waffen, wie spater 
in Geld, wurden die gerichtlichen Bu- 
fsen und ebenso, wie spater in Geld, 
ward der Kaufpreis fiir ein Weib in 
Rindern, Pferden oder Wafifen ent- 
richtet." Wackernagel. 

8. in haee munera — accipitur] In 
der schwabischen Trauung (schwab. 
Verlobnis, Miillenhoff und Sche- 
rer, Denkmaler 2 S. 246): so emphahet 
er si, und habe sime. 



46 CORNELH TACITI 



accipitur, atque invicem ipsa armorum aliquid viro affert: hoc 
lOmaxinium vinculum, haec arcana sacra, hos coniugales deos arbi- 
trantur. ne se mulier extra virtutum cogitationes extraque bel- 
lorum casus putet, ipsis incipientis matrimonii auspiciis admonetur 
venire se laborum periculorumque sociam, idem in pace, idem 
in proelio passuram ausuramque: hoc iuncti boves, hoc paratus 
15equus, hoc data arma denuntiant. sic vivendum, sic pereundum: 
accipere se, quae liberis inviolata ac digna reddat^ quae nurus 
accipiant rursusque ad nepotes referantur. 

XIX. Ergo saepta pudicitia agunt, nullis spectaculorum 
^llecebris, nullis conviviorum irrifationibus corruptae. litterarum 
secreta viri pariter ac feminae ignorant. paucissima in tam 
numerosa gente adulteria, quorum poena praesens et maritis 

9. ipsa armorum aliquid viro afferf] nullis sp. illeeebris] Diese Ver- 
ist wohl wieder ungenaue Auffassung lockungen durch Schauspiele, die Auf- 
des Tacitus. Nicht die Braut, sondern regungen durch Gastmahle sind an- 
der Mundwalt oder Vogt ubergiebt schauMch geschildert in Friedlanders 
diese Dinge dem Brautigam alsspre- Darstellungen aus der Sittengeschichte 
chendes Zeugnis der Macht und des Roms 6 1, 432 ff. 

Schutzes. Statt aller andem Stellen 2. litierarum seereta] kann Tacitus 

fiihrenwir nur an, wasnochimebenbe- in diesem Zusammenhange nicht von 

ruhrten schwabischen Verlobnisse steht:" der Schrift iiberhaupt, in welcher etwas 

Nu nimet der voget, ir gebom voget Oeheimnisvolles liege, sondern mufs er 

— die frouwen und ain swert unde von unerlaubtem, heimlichem Schreiben, 

ain guldtn vingerUn und ainen phen- yon Liebesbriefen und ahnlichem ver- 

nich unde ain mantel unde ain kuot standen haben. Denke man besonders 

ouf das swert u. s. w., wozu die ge- an jenes Ovidische: verba leges digi- 

drangten, aber inhaltreichen Anmer- tis, verba notata mero, und man wird 

kungen vonM. verglichen werden sollen. sich kaum veranlafst fuhlen, mit Bah- 

10. haee areana sacra] Damit deu- rens libidinum secreta statt littera- 
tet T. auf die altromische, damals in rum s. zu lesen. — Eunen dagegen 
Abgang gekommene feierliche und mit fiir Zauber und Losen wufsten bei 
symbolischen Oebrauchen verbundene ernstem Falle germanische Manner und 
Eingehung der Ehe durch confarreatio Frauen zu deuten; vgl. K. 10. 

hin. — hos coniugales deos] Preller, 3. paucissima in t. n. g. a.] „trotz- 

R. Mythol.* 582 ff. dem, dafs der Stamm so zahlreich ist. tt 

14. hoc iuncti boves cet.] Wie schon Unter adulteria versteht Tacitus dem 
bemerkt, sieht hier T. zu hoch. Die ganzen Zusammenhange nach nui* den 
Worte accipere se u. s. f. durfen nicht Ehebruch. — Nach altgermanischer 
bis zur Lacherlichkeit im einzelnen Anschauung hat auch ein anderer Mund- 
urgiert werden. walt als der Gatte dasselbe Recht gegen- 

15. Statt vivendum und pereundum iiber seiner Schutzbefohlenen, welche 
will Bahrens nubendum und parien- ein stuprum begeht. 
dww.lesen;erwurdeaberwohlselbstdiese 4. poena praesens et m. p.] „un- 
KonjekturnichtineinenTextaufnehmen. mittelbare und allein den Oatten (oder 

16. digna] absolut zu nehmen und Vogten) iiberlassene Strafe. tt Oewiis 
quae zu rursusque referantur als Sub- war es schon damals, wie spater, dem 
jekt zu erganzen. Mundwalte erlaubt, traf er den Buhlen 

XIX. 1. saepta pudicitia] Nicht mit der Schutzbefohlenen auf dem La- 
saeptae pudicitia. „Sie leben mit wohl- ger, sie beide ungestraft zu erschlagen 
geschiitzter Schamhaftigkeit. tt oder die Entehrte auch nachher zu toten. 



GERMANIA. C. XIX. 



47 



permissa: accisis orinibus, nudatam, coram p ropinquis expellit 5 
domo maritus ac per omnem vicum verbere agit. publicatae enim 
pudicitiae nulla venia: non forma, non aetate, non opibus mari- 
tum invenerit. nemo enim illic vitia ridet, nec corrumpere et 
corrumpi saeculum vocatur. mellus quidem adhuc eae civitates, 
in quibus tantum virgines nubunt et cum spe votoque uxorislO 



5. accisiscr.] „mit kurzgeschnittenen 
Haaren" (andere schreiben nach andern 
Handschriften abscisis); waren doch 
lange Haare Zeichen der Jungfraulich- 
keit und der Freiheit. Auch in spatern 
Gesetzen wird das Kiirzen der Haare 
als eine der Strafen unziichtiger Frauen 
angefuhrt, und bei uns zu Lande darf 
einentehrtes Madchen die Zopfe nicht 
mehr iiber der Haube tragen. 

nudatam] Wiederum ist in spatern 
Gesetzen vorgeschrieben, dafs man der 
Geschandeten den Bock hinten ab- 
schneide, oder den Mantel ab- 
reifse und den Hinterteil des R. 
a., oder dafs sie in Alltagsklei- 
dern vom Gute gehen solle u. dgl. 

6. ac per omnem v. v. a.] Noch 
schauerlicher schildert die ahnliche Sitte 
bei den alten Sachsen Bonifatius ep. 72. 
TJnd aufserdem verlor die Entehrte ihr 
allfalliges Vermogen. 

publicatae enim pudicitiae cet.] Diese 
iiberlieferte Lesart wurd& von bedeuten- 
den Kritikern angezweifelt und enim 
zu streichen vorgeschlagen. Schon Lip- 
sius wollte etiam statt enim lesen; 
Madwig will dem Sinne nachhelfen, 
indem er enim in enimvero, Ditges, 
indem er enim in quin (= quin etiam, 
quinpotius, quin immo) andert. Halm 
ist der Ansicht, enim sei fiir die Ver- 
bindung der Satze unentbehrlich und 
sei leicht durch die Erganzung eines 
Satzgliedes zu erklaren: Kein "Wunder! 
(d. i. eine so harte Strafe des Ehe- 
bruchs darf nicht Wunder nehmen), 
findet ja doch Prostitution (besser 
Preisgeben der Schamhaftigkeit) 
iiberhaupt keinerlei Nachsicht u. s. f. 
Wir werden uns bei dieser Erklarung 
beruhigen konnen, aber immerhin ein- 
raumen miissen, dafs dann T. mehr aus 
romischem als aus germanischem 
Gesichtspunktespricht, nachwelch letz- 
term die Unkeuschheit der freien Jung- 
frau nicht weniger strafbar erscheint 
als diejenige der Ehefrau. Bahrens 



korrigiert gewaltsam puellae delibatae 
pudicitiae. Baumstark behalt eben- 
falls enim bei, sieht aber in diesem 
Satze eine einfache Begriindung des 
vorhergehenden, wobei denn doch die 
"Worte non forma — maritum inven. 
sehr auffallend erschienen und uberdies 
maritum fur alterum oder rursusmari- 
tom 8t£inde. Kraffert willdiese Worte 
ebenso an das Vorhergehende unmittel- 
bar angeschlossen wissen, andert aber 
invenerit in leniverit; in diesem Falle 
miifste es, wie Zernial bemerkt, min- 
destens mariti animum heifsen. Wir 
meinen publicatae pudicitiae im Sinne 
von preisgegeben fassen zu diirfen, 
weil hier publ. pud. offenbar im Gegen- 
satze von saepta pudieitia steht, einem 
Ausdrucke, der wohl auch nur hier 
vorkommt. 

7. forma] eigentlich: festes Ge- 
prage, bestimmte Gestalt, Schon- 
heit; aetas hier Jugend. 

8. invenerit] namlich: quaevis vitiata. 

9. corrumpi] „sich verfuhren lassen. tt 
saeculum] „Zeitgeist a , eineBedeutung, 

die sich aus der urspriinglichen (Zeu- 
gung, Menschenalter) leicht ent- 
wickelt. 

melius qu. adhuc] Adhuc statt etiam 
nachklassisch, seit Quintilian und Seneca. 

10. in quibus tantum virgines nu- 
bunt cet.] Wie im Brahmanenstaate der 
alten Inder eine zweite Ehe verpont 
war, so nach Tacitus in einigen Staa- 
ten des alten Germaniens. Und gewifs 
nicht nur die Kirche, auch die 
Volksanschauung mifsbilligte lange 
hinaus vieler Orte die zweite Ehe der 
Witwe, so dafs es nicht unwahr- 
scheinlich ist, dafs die Katzenmusik 
von dem Hollenlarm bei derartigen 
Verlobungen oder Brautlfiufen ihren 
Ursprung genommen hat. So ist in 
einer lub. Verordnung von 1462 geboten 
de wedewen by der brutlaht nicht tho 
hohnen, noch en grael mede schal- 
meyen vor der dore tho make. Eine 



48 



CORNELII TACITI 



semel transigitur. sic unum accipiunt maritum quo modo unum 
corpus unamque vitam, ne ulla cogitatio ultra, ne longior cupi- 
ditas, ne tamquam maritum, sed tamquam matrimonium ament. 
numerum liberorum finire aut quemquam ex agnatis necare 
15flagitium habetur, plusque ibi boni mores valent quam alibi 
bonae leges. 



Reminiszenz an diese Anschauung, 
welche dann auch Rechtsanschauung 
ware, erblickt Sohm (Recht der Ehe- 
schliefsung) in dem Gebrauche bei der 
Wiederverheiratung der Witwe nach 
salfrankischem Gesetze. Vgl. dagegen 
Amira a. a. 0. S. 39. Ja die nordische 
Sage lafst uns schliefsen, dafs in Ger- 
manien auch die Witwenverbren- 
nung vorkam, und von den Herulern 
berichtet uns Procop. de B. Got. 2,14: 
'EqovXov &k uv&Qbg TsXsvTrjaavrog Inu- 
vayxeg tJ ywatxX uq£tj}$ [itTunotov- 
jutvr) #«l xXiog avrjj i&tXovari Xetnea&ai 
Pqo/ov avajfjajbt^vrj nuQit tov toO uv- 
&Qog Tii(pov ovx eig (xuxqov &vrjGx6tv. 
Das war auch skythischer und thraki- 
scher Brauch; die Witwenverbrennung 
bei den Indern aber reicht nach einem 
Grabliede im Rig-Weda kaum ins 
hochste Altertum hinauf oder war ort- 
lich beschrankt. 

eum spe — transigitur] Agricola 
34: transigere (fertig machen) eum 
expeditionibm. 

13. ne tamquam maritum cct.] „dafs 
sie ihn nicht, weil er ein Mann, son- 
dern weil durch ihn die Ehe moglich 
ware, lieben. tt Unnotig erscheint uns 
der Vorschlag Christs, das zweite tam- 
quam zu streichen, und derjenige Mei- 
sers, statt des doppelten tamquam mit 
Streichung des sed zu lesen: tam ma- 
ritum quam matr. 

14. numerum — finire aut cet.] 
Wie es scheint, spricht hier T. beson- 
ders davon, dafs die Germanen nicht 
Kinder aussetzen. Das Wegraumen 
von Kindern in fruherm oder spaterm 
Alter aus purem Eigennutz durfen wir 
kuhn ungermanisch nennen. Recht- 
lich war die Aussetzung so gut als 
Totung und Verkauf gestattet; sie 
kam aber wohl im westlichen 
Deutschland seltener vor als im Nor- 
den. Zumeist erfolgte die Aussetzung 
aus Not oder bei schwachen Kindern 



oder Mifsgeburteu oder von Kindern 
verdachtigen Ursprunges. In spaterer 
Zeit — und warum nicht schon in 
alterer? — war es, aufser wenn ganz 
aufserordentliche Notfalle vorlagen, ver- 
pont das Kind auszusetzen, nachdem 
es von der Erde aufgehoben worden 
(„die Benennung hevanne, d. h. Heb- 
amme bezieht sich wahrscheinlich auf 
das Aufheben der Kinder nach der 
Geburt, eine Dienstleistung auf Befehl 
des Vaters, womft dieser kraft seines 
altesten vaterlichen Rechtes erklart, 
dafs er es leben lassen will. u Wei- 
gand), oder (meist am neunten Tage) 
die Wasserlustration mit dem Namen 
empfangen hatte (iiber die Wasser- 
lustration und Namengebung und deren 
rechtliche Bedeutung vgl. die schone 
Besprechung von Mullenhoff, Anz. 
fur d. A. u. d. L. VH, S. 404 ff.); ja es 
ging oft noch weiter, dafs das Kind 
nicht mehr ausgesetzt wurde, nachdem 
es die erste Nahrung, Milch oder Honig, 
erhalten. Und nur Vater oder Mund- 
walt durften rechtlich aussetzen. 

agnatis] in derselben Weise, wie 
hist. 5, 5. T. versteht hier (nicht in 
juristischem Sinne) diejenigen, welche 
geboren sind, nachdem schon ein 
Erbe da ist, die jungern, hinzu- 
geborenen Kinder. — Die Konjektur 
natis scheint uns unnotig. 

15. plusque ibi boni mores cet.] 
Horat. carm. 3, 24, 35 : Quid leges sin-e 
moribus vanae proficiunt? Tac. denkt 
hier an die romischen Ehegesetze. Das 
alteste aufgeschriebene Volksgesetz in 
Deutschland scheint dasjenige der 
salischen Franken zu sein, schon um 
Chlojos Zeit im Anfange des funften 
Jahrhunderts nach Christus. Dafs es 
aber seinem innern Wesen nach nicht 
die altesten germ. Rechtssatze enthalte, 
hat Amira a. a. 0. bewiesen. „Das 
Recht in seiner Eigenschaft als Ord- 
nung und Friede hiefs allgemein ger- 
manisch lag." 



GERMANIA. C. XX. 49 



XX. In omni domo nudi ac sordidi in hos_artus, in haec 
corpora, quae miramur, ex crescunt sua quemque mater uberibus 
alit, nec ancillis aut nutricibus delegantur. dominum ac servum 
nullis educationis deliciis dignoscas: inter eadem pecora, in 
eadem humo degunt, donec aetas separet ingenuos,, virtus jjgno- 5 
scat. sera iuvenum venus, eoque inexhausta pubertas. nec vir- 
gmes festinantu r; eadem iuventa, similis procerjtas: pares vali- 
daeque miscentur, ac robora parentum liberi referunt. 

sororum filiis idem apud avunculum qui ad patrem honor. 
quidam sanctiorem artioremque hunc nexum sanguinis arbitrantur 10 

XX. 1. In omni domo] d. h. „in auch schon bei Sallust nachweisen, wie 

jedem Hause", in hohera und niedri- Prammer gezeigt hat. Immerhin ist 

gern. die Verbindung virgines festinantur 

nudi] Mela 3,3: nudi agunt, ante- kuhn fiir v. festinanter eollocantur. 

quam puberes sunt — viri sagis Ortmann: Der modus rationis ist, 

velantur. Vgl. K. 17. dichterisch spezialisierend, fur die ratio 

sordidi] bezieht sich nicht nur auf selbst und in deren Struktur einge- 

die Kleidung. Wenn man uns K. 22 treten. Vgl. regnare K. 25, das pra- 

von dem taglichen Bade entgegenhalt, gnante vallare K. 30. 
so spricht Tac. hier von den ganz iuventa] seit Livius fiir iuventus, 

kleinen Kindern, und dann erschienen die Vollkraft der Jugend. 
diese, auch wenn sie gebadet wurden, 8. robora p. I. referunt] Verg. G. 

nicht so elegant als die Kinder vor- 3, 128: invalidique patrum referunt 

nehmer Romer. ieiunia nati. 

in hos artus cet.] zu diesen, wie 9. sororum filiis — honor cet.] Zu 

wir sie taglich hier in Rom sehen. Grunde liegt hier eine echt indoger- 

2. sua quemque m. u. alit cet.] manische Anschauung, die sich im 
Ganz anders als im damaligen " Rom, latein. Worte avunculus, im litauischen 
vergl. dial. K. 29. Aber spater ver- avynas, Mutterbruder, und, wie schon 
schlechterte sich auch in Germanien Diefenbach richtig ahnte, im ersten * 
die Sitte. Weinhold, D. Fr. 2 S. 103. Teile des deutschen o-heim (mhi 

3. dominum ac servum cet.] Dieses oeheim) wiederspiegelt. Nach indogei 
Zusammenleben , jedesfalls nicht Ge- manischem Rechte steht nach des Va- 
trennthalten, von Herren- und Skla- ters Tode die Schwester, sofern sie 
venkindern und der Umstand, dafs sie unverheiratet ist, uuter Gewalt und 
in den Namen nicht unterschieden Schutz des Bruders, und dieser kann 
wurden, trug ohne Zweifel viel zur so gewissermafsen der kleino avus der 
Milderung der Leibeigenschaft bei. kunftigen Kinder der Schwester werden. 

5. virtus] hier fast personlich ge- Die Benennung des Bruders weist 
dacht. uns auf dasselbe Verhaltnis ; denn sanskr. 

6. sera iuvenum venus cet.] Caes. bhratar, latein. frater u. s. f. gehen 
B. G. 6, 21: qui diutissime impuberes von der Wurzel fer (ferre, s&nskr. bhar, 
manserunt, maximam inter suos ferunt griech. (pfyio) aus und bedeuten den 
laudem. In Gesetz und Recht, wie in Trager und Halter zumeist des ihnen 
einzeln vorkommenden Fallen ist diese zunachst angehorigen Weibes, der soror 
Sitte schon im friihern Mittelalter in (sanskr. svasar, schwester, von sva, 
Germanien nicht mehr festgehalten wor- suus). Nun ist es merkwiirdig, dafs 
den. — inexhausta „unerschopflich.* dasselbe Wort, nur ohne Metathese, 

7. festinantur] Der transitive, bez. bhartar, im Sanskrit den Gatton im 
passive Gebrauch von festinare findet Gegensatze gegen die Gattin {bharyd,, 
sich bei Tacitus oft und lafst sich die zu tragende, zu erhaltende) be- 
aufser bei Dichtern der besten Zeit zeichnet. „Wie ein bruderloses 

Schweizer-Sidler, Tacitus' Germ. Ed. 5. 4 



50 CORNELII TACITI 



et in accipiendis obsidibus magis exigunt, tamquam et animum 
firmius et domum latius teneant heredes tamen successoresque 
sui cuique liberi, et nullum testamentum. si liberi non sunt, 
proximus gradus in possessione fratres, patrui, avunculi. quanto 
15plus propinquorum, quanto maior affinium numerus, tanto gratio- 
sior senectus; nec ulla orbitatis pretia. 



Madchen, das nach des Vaters Tode gewordene Geschenke behalten, versteht 

keine Heimat mehr hat, dreister den sich von selbst. Von einem Erst- 

Mannern sich zuwendet", heifst es in geburtsrechte spricht hier T. nicht; 

einem alten Wedaliede. Neben diesen vgl. aber Kap. 32. Unter den liberi, 

sprachlichen — wir denken, darum fratres u. s. f. wird, wie einst von 

nicht minder festen — Zeugnissen diir- Maier angenommen wurde, heute noch 

fen immerhin die an sich weniger be- von manchen die ganze jeweilige Pa- 

weisenden Zeugnisse aufgefuhrt werden, rentel verstanden, also bei den Sohnen 

welche uns Geschichte, Sage und Brauch die Sohnessohne u. s. f. Vgl. jedoch 

von solchem Verhaltnisse bieten. Vgl. Amira a. a. 0. S. 24. Den swert- 

hist. 4, 33; 5, 27; Nibelungen 1851 ff., magen oder vatermagen (incl. patrui) 

den Umstand, dafs es gar haufig in stehen die spillemagen oder muoter- 

der Sage vorkommt, dafs nicht nur der magen entgegen. Ubrigens bestatigt 

Grofsvater, sondern auch der miitter- diese Stelle des Tac. die von Amira 

liche Oheim das Recht hatte, den Na- S. 24 f. aufgefuhrte Behauptung, dafs 

men zu geben. Mit Roscher an alte das germanische Altertum, wie auch die 

Polyandrie, welche allerdings . einmal germanischen Sprachen lehren, zwischen 

in der indischen Sage auftritt, oder einer engern und einer weitern 

mit neuern Rechtslehrern (auch Waitz, Sippe unterschieden hat. 

D. V. I 8 , S. 67 ff.) an Nachwirkung 13. et n. testamentum] Das mufste 

eines einstigen Mutterrechtes zu dem Romer sehr auffallen, ist aber 

denken, um dieses innige Verhaltnis eine notwendige Konsequenz altgerma- 

zwischen Mutterbruder und Mutterkind nischer Anschauung. Die Testamente 

zu erklaren, scheint uns ganz unnotig. wurden erst durch den Verkehr mit 

11. tamquam et a. cet.] „weil sie <| en £ ome ™ bekannt ^ zuerst *> ei 
Ynach ihrer Ansicht) - banden. tt den Geisthchen und zu Gansten der 
kV Kirche (selgeraete) emgefuhrt. Auch un 

12. heredes tamen] Doch dieses Ver- m di sc hen Rechte sind Testamente un- 
haltois hat keinen Einflufs bei der bekannt, wahrend die Teilung des Fami- 
Erbteilung. liengutes haufig schon bei Lebzeiten 

h. — sui cuique liberi] Bluts- des Familienhauptes stattfindet. Jolly, 

verwandtschaft ist die Grundlage Sitzungsber. d. bayr. Ak. 1876. — *t /. 

des germanischen Erbrechtes, non sunt] "VVeidner: si liberi non 

wie der Schutzpflicht. Der Man- sint; aber vgl. (Eufsner) Agric. 30,18: 

nesstamm hat durchaus den Vorzug, si locuples kostis est. 

wie heute noch manchor Orte gegen 14. gradus] Im germanischen Erb- 

das Gebot der Kirche und Humanitat. recht rechnete man nach staffeln, 

Fiir die Germanen zu Tacitus' Zeit gilt, fachern, spanen. Grimm. 

was Sohm sagt: Nur der Mann ist in possessione] „in der Besitzergrei- 

vermogens- und erbfahig. Unter den fung." 

liberi sind also hier zunachst filii 16. nec ulla orb. pretia] Im Gegen- 

gemeint, da nur sie zum Eigentume, satze gegen Rom. Seneca ad Marc. 

resp. Besitz von liegendem Gute kom- cons. 19: In civitate nostra plus 

men; nach echtgermanischem Erbrecht gratiae orbitas confert quam eripit. 

erben die Frauen ursprunglich nicht, Plin. ep. 4, 15: nostro saeculo pleris- 

spater nach den Mannern oder mit que eiiam singulos filios orbitatis 

ihnen weniger; dafs sie aber ihnen praemia graves faciunt. 



GERMANIA. C. XXI. 



51 



XXI. Suscipere tam inimicitias seu patris seu propinqui 
quam amicitias necesse est; nec implacabiles durant: luitur enim 
etiam homicidium certo armentorum ac pecorum numero recipit- 
que satisfactionem universa domus, utiliter in publicum, quia 
periculosiores sunt inimicitiae iuxta libertatenL 5 

convictibiis et hospitiis non alia gens effusius indulget. quem- 



XXI. 1. Smeipere tam mimicitias 
cet.] ist in naturlicher Weise an die 
Darstellung des Erbrechtes angeschlos- 
sen. Es ist Eecht und Pflicht der 
ganzen Sippe und zuerst des Nachst- 
stehenden, das Ausmachen von Feind- 
schaften zu ubernehmen. Ist der 
Germane iiberhaupt stolz und empfind- 
lich gegen jeden Eingriff in sein Recht 
und das Recht seiner Sippe, so kommt 
zumal bei ungerechtem Totschlage 
auch der Sinn fur die Heiligkeit des 
Toten als bedeutendes Moment hinzu. 
Aus jener Empfindlichkeit entwickelt 
sich die Rache (got. vrikan, gr. fe(oy<o, 
lat. urguere, drangen, verfolgen), welche 
anfanglich wohl auch bei geringerem 
Vergehen oder Eingriffe auf den Tod 
gehen mochte, aber auf offenen, nicht 
heimlichen oder verheimlichten 
Mord; nachher heifst rachen nur mit 
der Strenge des Rechtes verfolgen. 
Am bedeutendsten ist die Blutrache, 
zu welcher die ganze Sippe des Er- 
schlagenen, nur nicht die Frauen, ver- 
pflichtet ist. Das ist die Fehde. 
Faida (ahd. fehida; got. fdian, an- 
feinden) ist des T. inimicitiae (capi- 
talis inimicitia, vindicta); spaterauch 
die Geldbufse, welche der Verletzte 
oder Rachebefugte erhalt. Auf die 
Rache geht schon Vellei. Paterc. 2, 118, 
wo die Germanen dem Quintilius Varus 
heuchlerisch danken: quod solita ante 
armis decerni iure iam terminaren- 
tur. Es ist bekannt, dafe auch heute 
noch bei einzehaen indogermanischen 
und nicht-indogermanischen Stammen 
der Fehdegang geiibt wird. Vgl. iiber 
die Albanesen Ascoli, krit. Studien II 
(deutsche Ausgabe) S. 45. tJber die 
Entstehung und Entwickelung der Fehde 
haben wir eine sehr beachtenswerte 
Abhandlung von Dahn, Fehde-Gang 
und Rechts-Gang der Germanen. 
Berlin 1877. 

2. nec implacabiles dwrant: luitur 
enim cet.] Also konnte schon zu Ta- 



citus' Zeit an die Stelle der blutigen 
Rache und selbst der Blutrache die 
satisfactio, die Bufse in Geldes- 
wert, treten. Nach Beispielen der 
Sage ist es wahrscheinlich, dafs auch 
aufsergerichtliche Suhne durch Geldes- 
wert anerkannt worden ist. Zunachst 
nur die Siihne fur Totschlag hiefs ahd. 
wera (weri) gelt, Geltung, Zahlung fur 
den Mann (Menschen); vgl. weralt, 
Welt, werwolf Angels. heifst sie leod- 
geld, leod, manbot, Menschenbufse, in 
der Malberg. Glosse leodi, leudi, im 
Altnord. mangiald. Sie war nach Ge- 
schlecht, Alter, Rang genau bestimmt, 
nur nicht bei allen Volkern Germaniens 
in derselben Weise. Nach Dahn geht 
diese Bufse aus dem unter Gesip- 
pen herrschenden Brauche und Rechte 
hervor. 

3. recipitque — universa domus] 
namlich die Bufse fiir den Erschlage- 
nen oder an seinen Wunden Gestor- 
benen. Dafe mit der Zahlung des Wer- 
geldes die Sache abgemacht, Blutrache 
nun nicht weiter zu fiirchten sei, wurde 
iiberdies durch ein feierliches Gelobnis 
der beiden betreffenden Familien ver- 
heifsen, durch ein Gelobnis, das aber 
nicht selten wieder gebrochen wurde. 

4. in publicum] Schon von Casar 
im Sinne von publice gebraucht. 

5. iuxta libertatem] Taciteisch: „bei 
der herrschenden Freiheit. tt — Einlafs- 
licheres uber diese Sache findet sich 
in J. Grimms Rechtsaltertumern, in 
Wildas Strafrecht der Germanen, in 
Kostlins nachgelassenem Werke iiber 
das Strafrecht und mit eigentiimlichen 
Gesichtspunkten in der eben angefuhr- 
ten Arbeit von Dahn. Vgl. auchKauf- 
mann, Deutsche Geschichte, 1, 160 f., 
und die neuern Rechtsgeschichten von 
Brunner und Schroder. 

6. convictibm et hospitiis] Caes. 
B. G. 6, 23 : hospitibus omnium domus 
patent victusque communicatur. Pomp. 
Mela 3, 3: tantwrn hospitibus boni, 

4* 



52 CORNELU TACITI 



cumque mortalium arcere tecto nefas habetur; pro fortuna quis- 
que apparatis JJgulis excipit. cum defecere, qui modo hospes 
fuerat, monstrator hospitii et comes: proximam domum non 
lOinvitati adeunt. nec interest: pari humanitate accipiuntur. notum 
ignotumque quantum ad ius hospitis nemo discernit. abeunti, 
si quid poposcerit, concedere moris; et poscendi ihvicem eadem 
facilitas. gaudent muneribus, sed nec data imputant nec acceptis 
obligantur. vinculum inter hospites comitas. 

XXII. Statim e somno, quem plerumque in diem extrahunt, 
lavantur, saepius calida, ut apud quos plurimum hiems occupat. 

supplieibus mites. Lied und Sage be- Gesetz geheiligte Gastfreundschaft der 

richten uns lange hinaus von dieser alten Inder. 

germanischen Tugend; und wir lesen 14. vineulum inter h. eomitas] Dies 

hin und wieder Gesetzesbestimmungen, ist eine Emendation Lachmanns, nur 

die deren Ubung gebieten. Aufser dafs er vinelum schrieb, eine Form, 

Grimms Rechtsaltertumern S. 399 be- die nicht Taciteisch zu sein scheint. 

lehren uns iiber die Gastfreundschaft der So schliefst auch dieses Abschnittchen 

Germanen und die dabei entwickelte treffend mit einer Pointe, wahrend die 

Sitte namentlich Weinholds Bucher: uberlieferte Lesart erstaunhch matt und 

„Die deutschen Frauen" und „Nordi- iiberdies victus in vietus inter h. comis 

sches Leben a . Im Norden ist es nicht auffallend gebraucht ware. Durch Ver- 

erlaubt, selbst den Brudermorder zu setzung der Worte lafet sich die Stelle 

beleidigon, wenn er als Gast ins Haus nicht heilen. Von andem Anderungen 

getreten ist. Nachmals — wir haben erwahnen wir eine altere: victus i. h. 

keinen geniigenden Grund, das schon communis und diejenige von Bah- 

fur die Zeit des Tacitus anzunehmen — rens: victus i.h.solus und Miillers: 

wurde es Regel, dafs der Gast nicht victus (zu erganzen hospitum) inter 

langer als drei Nachte am gleichen hpnestiores comites, welche letztere 

Orte bUeb, und auch das wurde einzeln Anderung mir nicht recht verstandlich 

gesetzhch bestimmt: twa nihte gest, ist. Halm hat die Worte als Rand- 

the thridde niht agen hine, zwei Nachte glosse eingeklammert. 

Gaste, die dritte Nacht eigene Haus- XXII. Langst ist beachtet worden, 

genossen u. s. f. dafs in diesem Kapitel lauter Gegen- 

7. pro fortuna - appar. epulis] f tze gegen i^miscbes I^ben und Trei- 

„mit nach den Vermogensverhaltnissen be " aufgefuhii; smd. 

wohlausgeriistoten Gastmahlen." A 2 - !"«»*!% * a °P lUS c f^]^ e g en 

der lm Mittelalter sehr gebrauch- 

11. quantum ad ius hospitis] Die- ii cnen wa rmen Bader, und da schon 

selbe Ausdrucksweise Agric. 44, hist. t. vom warmen Bade spricht, wollte 

5, 10; vor Tac. nur bei Dichtern. Ius Wackernagel das Wort bad selbst 

hospitis zur Unterscheidung von dem von haejen ableiten. Auch Kluge, 

romischen hospitium. j) m ^. s. v., denkt an eine Wurzel bha, 

abeunti — concedere moris] „Ehe welcher baejen entstamme; vgl. den- 

der Gast aufbrach, ward ihm noch Im- selben unter dem Worte laben, welches 

bifs und Trunk gereicht, und alte Sitte waschen, erquicken bedeutet. Bah- 

wollte, dafs der Wirt seinem Gaste ein rens fragt: saepius gelida?, mit 

Gastgeschenk gab, das dieser wohl auch welchem Vorschlage die folgenden 

forderte." Weinhold. Sitte und Ge- Worte in grellem Widerspruche stehen. 

setz der Gastfreundschaft der alten Gewifs, wie uns reiche Zeugnisse leh- 

Griechen, bei denen ahnlicher Brauch ren, badeten die an Meeren, Seen, 

heiTScht, sind allbekannt; wir erinnern Flussen, Bachen wohnenden Germanen 

hier noch an die durch Religion und auch oft kalt. Naturlich aber fand 



GERMANIA. C. XXII. 



53 



lauti^cibum capiunt: separatae singulis sedes et sua cuique 
mensa. tum ad negotia nec minus saepe ad convivia procedunt 
armati. diem noctemque continuare potando nulli probrum. 5 
crebrae, ut |inter vinolentos, rixae raro conviciis, saepius caede 
et vulneribus transiguntur. sed et de reconciliandis invicem ini- 
micis et iungendis affinitatibus et asciscendis principibus, de pace 
denique ac bello plerumque in conviviis consultant, tamquam 
nullo magis tempore aut ad simplices cogitationes pateat animuslO 
aut ad magnas incalescat. gens non jastuta jiec callida aperit_ 
adhuc secreta pectoris licentia ioci. ergo detecta et nuda omnium 



das Baden im kalten Wasser und 
Schwimnien, dessen ein grofser Teil der 
Germ. fleifsig pflegte (Caes. B. G. 4, 1; 
6, 21. Weinhold, N. L. 311) nicht nur 
und nicht notwendig gleich nach dem 
Aufstehen und nicht in allen Jahres- 
zeiten gleichmafsig statt. Dafs lavantur 
uns nicht einmal zwinge, ein volles 
Bad anzunehmen, wollen wir nicht ur- 
gieren. Dazu kommt, dafs T. in diesem 
Kapitel wieder wesentlich die in K. 15 
beschriehenen Leute im Auge hat. — 
Statt occupat wollen Prammer und 
Heraus occupet gelesen wissen, Dra- 
ger und Halm verteidigen den Indi- 
kativ. 

3. separatae s. s. et sua cuique m.] 
mufste dem Romer auffallen, und der 
fiir jeden gesonderte Tisch fiele auch 
uns auf, wenn uns nicht die ahnliche 
altgriechische Sitte hezeugt ware. Das 
Wort mes fiir Tisch nahmen die Goten 
von den Romern an, wie tisc wieder 
lat. discus ist. Das echt germanische 
biuds (got), piot (althochd.), wie tisc 
bedeuteten ubrigens einst auch die 
Schussel. — Zimmer, A. St. 40: 
germ. beuda (Darbringer, Darreicher) 

1) Schussel, dann, da ursprunglich 
jeder Germane seinen beud hatte, 

2) Tisch. 

4. ad negotia] gewifs nicht nur zu 
Volksversammlung und Gericht; in dem 
Grade sorglos braucheu wir uns den 
Germanen nicht zu denken. 

ad convivia] wieder nicht nur zu 
offentlichen, allen gemeinsamen. Der 
Familienfeste gab es viele, bei der Ge- 
burt eines Kindes, der Wehrhaftmachung 
des Sohnes, bei der Yerlobung und 
Heimfuhrung der Braut, und ein hoch- 
feierliches nach dem Tode des Familien- 



hauptes u. s. f. Bemerkenswert ist der 
Ausdruck gabaur (got.) „das Zusammen- 
bringen, Beisteuern tt , daher „Gelage, 
Festschmaus. tt Vgl. Zimmer a. a. 0. 
117 u. A. 39. 

5. diem noctemque cont.] „Tag und 
Nacht zu einem machen. tt 

6. ut inter vinolentos] speziellerer, 
eigentlich fur die Germanen nicht recht 
verwendbarer Ausdruck statt temulen- 
tos, ebrios. — conviciis. Nibel. 2282: 
dax enximt niht helde lip, dax si 
suln schelden sam diu alten wlp. 

7. reconciliandis invicem in.] Die 
Partikel invicem konnte nach spa- 
torm Sprachgebrauche Adversativbedeu- 
tung haben; allein passend ist hier die 
reciproke: invicem = inter se. 

de — a. principibus] asciscere „in 
ein naheres Verhaltnis zu sich auf- 
nehmen", im Gegensatz zu segregare; 
wortlich „auf seine Seite ausschei- 
den tt , gewinnen, berufen. Von irgend 
welcher AVahl zu principes ist also 
hier nicht die Kede. Ritterling am 
a. 0. denkt hier an die Herbeiziehung 
von principes aus andem germanischen 
Staaten. 

8. de pace d. ac bello] Ein Beispiel 
histor. 4, 14. 

9. tamquam — pateat] heifst nicht 
„gleich als wenn nie sonst der Mensch 
so treuherzig gestimmt ware tt , son- 
dern nach echt Taciteischem Sprach- 
gebrauche: „weil — gestimmt sei. tt 

11. non astuta nec callida] „listig 
und gerieben, schlau"; callidus eig. 
schwielig. Ganz anders urteilt iiber 
die G. in dieser Beziehung Velleius 
Pat. 2, 118. 

12. adhuc] „heute noch tt , im Gegen- 
satze gegen das damalige Kom. Der 



54 



CORNELD TACITI 



mens postera die retractatur, et salva utriusque temporis ratio 
est: deliberant, dum fingere nesciunt, constituunt, dum errare 
15non possunt. 

XXIQ. Potui umor ex hordeo aut frumento, in quandam 
similitudinem vini corruptus; proximi ripae et vinum mercantur. 



Erklarung von Schiitz, welcher adhue 
enger mit secreta verbindet, quae ad- 
huc (pectore) inclusa sunt, vermogen 
wir nicht beizustimmen. 

licentiu ioci] „in der Ungebunden- 
heit der Lust. tt Baumstark; Bah- 
rens billigt die Lesart loci. — Dafs 
bei den germanischen Gelagen Spruch 
und Lied gehort wurden, ist wohl 
bezeugt. 

ergo] hier gleich dem nachgesetzten 
igitur, um den reditus ad propositum 
einzuleiten ; vgl. K. 19 ; 45. r t m a n n. 

detecta — mens p. d. retractatur] Wir 
sehen keinen sprachlichen Grund, warum 
nach mens eine starke Interpunktion 
stehen oder weiter noch etwa mens; 
res p.d.r. gelesen werden sollte; denn 
mens als Gedanke ist doch im Latei- 
nischen nicht unerhort. — Uber die 
Perser Schol. ad II. 1, 70: Jib xa\ IHq- 
oia fied-vovreg Ovfx^ovlevovrai, vfnpov- 
reg oe ImxoCvovoiv. Bucheler t. Ig. 
V, 2: Sacrificare et epulari et consul- 
tare casci populi uno tempore soliti 
sunt: Germani de pace et bello delibe- 
rabant in conviviis (T. G. 22); similem 
usum apud Raetos foederatos ad no- 
stram memoriam durasse audivi. 

15. possunt] Bahrens meint, es 
musse gesagt sein, in welcher Weise 
die G. nicht irren konnen; demnach sei 
hinter possunt oder vor non possunt 
poti einzusetzen, welches, wahrend es 
fiir T. gerade die Veranlassung gewe- 
sen sei, nun von potus zu sprechen (?), 
da es nahe vor potui gestanden habe, 
von dem Abschreiber weggelassen wor- 
den ware. Konnen wir auch zugeben, 
dafs der Satz des Tacitus durch eine 
solche Andeutung etwas bestimmter 
Wurde, so erscheint uns doch die vor- 
geschlagene Art des Ausdruckes un- 
moglich. Und wiirde es uberhaupt der 
Stil des T. erlauben, im zweiten Satze 
der Antithese eine solche nahere Be- 
stimmung hinzuzufiigen? 

XXm. 1. Potui umor cet.] Es ware 
auffallend, wenn die beiden Namen fiir 
cerevisia, bier und alu, bl (altn.), ale 



(englisch), welche sich allmahlich nach 
Stammen und Volkern im Gebrauche 
teilten, Lehnworter waren. Das ist 
aber selbst fur bier nicht ausgemacht; 
es kann aus der Wurzel bar, brauen, 
gezogen werden, wie das thrakisch- 
phrygische Pqvtov. Fur diese Erkla- 
mng des Wortes und gegen "Wacker- 
nagels Ableitung aus bibere spricht 
Mbller in Kuhns Z., N. F. 4, 427 f. 
Kluge jedoch, D. W. s. v., setzt eine 
Form *bhewro an und fragt, ob Gersten- 
saft; er erinnert an andd. angls. beo, 
an. bygg, Gerste. ale hat seine Stamm- 
verwandten im Litauischen, Slavischen 
und Irischen, es als fremd zu bezeich- 
nen liegt aber kein Grund vor. Miillen- 
hoff (Denkmaler 3 8. 365)_redet iiber 
ein drittes Wort grut, gru%, welches 
wohl eigentlich Schrotmehl, dann 
ein feines Weizenbier bezeichnet. 

frumento] Damit scheint Tac. doch 
Weizen zu meinen. 

2. corruptus] „durch Garung ge- 
worden." corrumpere nicht gerade- 
zu „verschlechtern tt , vielmehr ^durch 
fremde Beimischung aus seinem ein- 
fachen und natiirlichen Zustande her- 
ausbringen." vini] vergl. olvog imo 
XQc&rjg yivofievog. 

proximi ripae — vinum merc.] Die 
Einfuhr von Wein war bei den Sueben 
zu Casars Zeit (B. G. 4, 2) untersagt. 
Dafs der "Wein aus der Fremde kam, 
sagen uns auch die Worter fiir Gegen- 
stande, welche zur Weingewinnung 
und "Weinbereitung dienen, wie heute 
noch in Suddeutschland wimmet, wum- 
met = vindemia; wimmer, wilmmer, 
vindemiator; Kelter,Torkel,Presse, 
neben dem deutschen Trotte. Eben- 
sowenig als Wein wird bei den Ger- 
manen zu Tacitus' Zeit Obstwein 
heimisch gewesen sein, der nachmals 
vor andern Getranken mit ahd. Itd 
(gotisch leithus), eigentlich allgemein 
liquor, bezeichnet ward. Dagegen 
durfte Tacitus des met als eines echt- 
nationalen Getrankes erwahnen. Das 
Wort ist dasselbe mit sanskr. madhu 



GERMANIA. C. XXIII. 



55 



cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine 
app aratu , sine blandimentis expellunt famem. adversus sitim non 
eadem temperantia. si indulseris ebrietati suggerendo quantum 5 
concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur. 



(potus inebrians) und bezeichnet eine aus 
Honig und Getreide bereitete Labung. 
Die nicht uninteressante Geschichte von 
Bier, Met, "Wein, Obstwein in 
Germanien haben "Wackernagel im 
6. Bande von Haupts Zeitschrift und 
"Weinhold in den beiden mehrfach 
genannten Buchern abgehandelt. — Als 
Becher brauchten die Germanen unter 
andern Horner von Auerochsen u. s. f. 
Caes. B. G. 6, 28; Plin. N. H. 11, 37, 45. 
Vergl. damit got. stikls, ahd. stechal 
„eine spitz zulaufende Becherform ohne 
Fufs. 44 " Uber andere Namen s. "Wein- 
hold, D. Fr. s , II, 104 f. 

3. agrestia poma] sind nicht nur 
Holzapfel und Holzbirnen, auch 
jede Art von Beeren, Niissen u. s. f. 
So viel ist sicher, dafs der Bau von 
feinern Obstarten in Germanien erst 
spater aufkam. Vgl. K. 5. Wie ein 
neuerer Gelehrter agrestia poma auf 
Getreide beziehen konnte, ist uns un- 
erklarlich. 

recens fera] Obgleich Mela 3, 3 
sagt: victu ita asperi incultique, ut 
cruda etiam c. vescantur cet., so diirfen 
wir doch recens fera des T. nicht als 
rohes Fleisch verstehen; sondem es 
ist frisches "Wildbret, welches die 
Germanen nicht miirbe werden lassen. 
Des Posidonius Nachricht bei Athenaus 
153, e: Hqiotov npogytQovrtti xgta fit- 
Xrjtiov (bnrrififra verliert an Gewicht 
durch den Zusatz von dem unge- 
mischten "Weine. 

lac concretum] wollten manche als 
Kase oder Butter auslegen. "Wirleug- 
nen nicht, dafs die Germanen damals 
schon eine Art von Kase (obgleich 
Plin. N. H. 11 , 239 Casar gegeniiber 
sagt: mirum barbaras gentes, quae 
lacte vivant, ignorare aut spemere 
tot saeculis casei dotem densantes id 
in pingue butyrum) und Butter (ahd. 
ancho, latein. unguen, unguentum) ge- 
kannt haben; aber das offenbar aus dem 
Lateinischen in die Nordlande vorge- 
drungene "Wort fur erstern ist doch 
ein sicherer Beweis, dafs eine passen- 
dere Zubereitung desselben erst spater 



in Germanien Eingang gefunden hat. 
Ein wirklich germanisches "Wort fiir 
eine Art Kase scheint im altnord. ostr 
vorzuliegen. Da lac concretum min- 
destens dem gewohnlichen latein. 
Sprachgebrauche gemafs zunachst ge- 
ronnene (dicke) Milch bezeichnen 
mufs, und wir diese als Speise im nor- 
dischen skyr wiederfinden , so ist kein 
Grund, hier kunstlich zu erklaren. Uber 
„saure Milch" als Getrank klagt auch 
nach Kitter, Asien 1,433, eine chine- 
sische Konigstochter, welche unter den 
Usun verheiratet ist. — Dafs das aber 
nicht alle Speisen der Germanen waren, 
geht aus dem zu K. 5 Bemerkten satt- 
sam hervor. Gewifs kannten die Ger- 
manen eine Art von Brot, und der 
Haferbrei war eine echtdeutsche Speise. 
Dann hatten sie verschiedene Riiben- 
arten, und aufser dem "Wild des 
Waldes hatten die Flufs-, See- und . 
Meeranwohner auch Fische. 

4. sine blandimentis] Dieses sind die 
condimenta der Romer, wie sie Horaz, 
sat. 11,8, und andere romische Dichter 
anfuhren. Desto scharfer wiirzten die 
Deutschen im Mittelalter. Salz we- 
nigstens werden die Germanen schon 
damals gebraucht haben, w r ar es ihnen 
doch wichtig und heilig. Ann. 13, 57: 
inter Hermunduros Chattosque cer- 
tatum magno proelio, dum flumen 
gignendo sale fecundum — vi trahunt 
cet. Grimm, Mythol. 2 999 ff. 

5. ** indulseris ebrietati] „frohnt 
man ihrer Trunksucht." Das Trinken 
ist ein boses altes Herkommen in 
DeutschXand, wie der Romer Corne- 
lius schreibt, hat xugenommen und 
nimmt noch %u. Luther. 

6. haud minus facile] eine Litotes, 
= facilius. AVollten wir haud m. f. 
— quam im gewohnlichen Sinne fassen 
= tam f. quam, so lage in diesem 
Satze die Unwahrheit vor, dafs die G. 
mit "Waffen leicht besiegt werden. 
Bahrens, der die Iitotes nicht aner- 
kennt, will ein diu oder vix in den 
zweiten Satz einschieben, was dem 
Stile des T. widerspricht. 



56 CORNELH TACITI 



XXIV. Genus spectaculorum unum atque in omni j?oetu 
idem. nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se 
atque infestas frameas saltu iaeiunt. exercitatio artem paravit, 
ars decorem, non in q uaestum tamen aut merced em: quamvis 
5 audacis lasciviae pretium est voluptas spectantium. aleam, quod 
mirere, sobrii inter seria exercent, tanta lucrandi perdendive 
temeritate, ut, cum omnia defecerunt, extremo ac novissimo iactu 



XXIV. 1. Oenus spectaculorum 4. non in quaestum t. aut m. cet.] 
unum] Vgl. Uber den Schwerttanx „auf Erwerb, zur Erlangung von Er- 
von K. Miillenhoff (aus den Fest- werb. tt Dazu ist aus exercitatio exer- 
gaben fiir Gustav Homeier). Berlin 1872. cent herauszunehmen. Ahnlichen Lohn, 
Nach M. ist dieser Schwerttanz ur- wie spater, wo den Kampfern von den 
spriinglich ein Kultusgebrauch. — Zuschauern kleine Geldstiicke, Eier, 
in omni coetu idem] „bei jeder Art Speck, "Wurste u. dgl. gereicht wur- 
Versammlungen (wo ein spectaculum den, mbgen sie immerhin schon zu 
vorkommt) dasselbe." Tacitus' Zeiten empfangen haben. — 

2. nudi iuvenes — inter gladios cet.] Auch die Worte quamvis audacis 
Von volliger Nacktheit ist natiirlich auch lasciviae „des so aufserst verwegenen 
hier nicht die Rede. Spater treten solche Spieles tt werden noch besonders durch 
Jiinglinge in weifsem Hemde auf. spatere Begegnisse gerechtfertigt, erzahlt 
iuvenes freie junge Manner, quibus doch Lynker, hess. Sagen, S. 240, 
id l. est, „welche dieses Spiel aus- dafs im J. 1571 zu Iba, einem Dorfe 
fiihren." an der Fulda, bei einem solchen Spiele 

3. *. — infestas frameas] unter einer von den Kampfem mit einem 
zum Angriff bereiten, feindlich Schwerte durchbohrt worden sei. 
drohenden Lanzen. infestus so we- 5. aleam, quod mirere, sobrii — 
nig blofs epitheton ornans als infestis exercent] „In Rom war das Wiirfel- 
pilis Caes. B. C. 3,93,1. M. bemerkt, spiel nur bei Tisch zum Scherz 
dafs im gleichen Spiele nur je gladii gestattet und bei den Saturnalien. tt 
oder frameae, nicht beide zusammen 6. inter s.] „unter den ernsten D. tt , 
werden zur Anwendung gekommen sein. „als etwas Ernstes. tt 

se saltu iaciunt] Der Tanz heifst tanta lucrandi perdendive temeri- 
den Goten laiks, ahd. leich, eigentlich tate] Man erwartet „mit so blinder 
Sprung, und tanzen unter anderm Hingabe an das Spiel tt , also temeritate 
ahd. tumon, rotari. Wir verfolgen ludendi. Tacitus verbindet temeritas 
nicht die schonen Zusammensetzungen in trefflicher Ktirze- mit Ausdriicken 
mit dem erstern, die in Eigennamen auf- fiir die Vorgange beim Spielen. 
treten. Von leich stammt das heute 7. extremo ac novissimo i.] „durch 
noch in Siiddeutschland gebrauchliche den entscheidenden und letzten~Wurf. tt 
wetterleichen ab, welches die Kultur in In novissimo liegt nicht eben ein 
wetterleuchten umgewandelt hat. Diese neues Moment; Tacitus hat gerade in 
Waffentanze, von denen sich Analo- seinen kleinern Schriften neben grofeer 
gieen auch anderwarts finden, haben Kiirze nicht selten Ubcrfiille des Aus- 
sich in Deutschland und im Norden bis in druckes. Novissimus fiir extremus, 
spate Zeiten, in Hessen z. B. bis ins 17. schon zu Varros Zeit aufgekommen, 
Jahrhunderterhalten. Am einlafslichsten wurde von Cicero selbst mindestens 
und genauesten berichtet auch dariiber einmal, von seinen Zeitgenossen oft 
Miillenhoff. Irgend welche Musik gebraucht. — "Was die Sache betrifft, 
miissen wir auch fiir Tacitus' Zeit vor- so wird uns dasselbe von den Hun- 
aussetzen. Ein echt germ. Wort fiir nen iiberliefert, und unwillkiirlich den- 
„pfeifen, die Flote blasen tt ist gotisch ken wir an die Geschichte des indi- 
sviglon, welches etymologiseh genau schen Nalus, welche durch Riickert 
dem lat. sibilare (fur sifilare) entspricht. bei uns eingebiirgert ist. Aber unsre 



GERMANIA. C. XXIV. XXV. 57 

de libertate ac de corpore contendant. victus voluntariam servi- 
tutem adit: quamvis iuvenior, quamvis robustior, alligari se ac 
venire patitur. ea est in re prava pervicacia: ipsi fidem vocant. 10 
servos condicionis huius per commercia tradunt, ut se quoque 
pudore victoriae exsolvant. 

XXY. Ceteris servis non in nostrum morem discriptis per 
familiam ministeriis utuntur: suam quisque sedem, suos penates 

Nachrichten iiber der Iiider Leiden- (das AVort kommt erst gegen Ende des 

schaft beim "Wurfelspiel reichen viel 14. Jahrhunderts vor) wurden in Ger- 

weiter hinauf. Schon im zehntenBuche manien 1) Kriegsgefangene; 2) ent- 

des Eigweda schildert ein Spieler die steht Unfreiheit durch Geburt von 

verderblichen Folgen desselben in den unfreien Eltern; 3) durch Zah- 

gewaltigsten Ausdriicken. Vgl. Muir's lungsunfahigkeit (z. B. des ¥er- 

Sanskrit texts, V. S. 425 ff., diedeutsche geldes), und nicht neu ist wohl 

Ubersetzung in „siebzig Hymnen des 4) Verknechtung zur Strafe und 

Rigweda, vonRoth, Geldner, Kaegi'* durch Verheiratung mit Unfreien. 

od. in den vollstandigen Verdeutschungen — Freiwillige Ergebung kam friih 

des R.W. von Grassmann oder Lud- auch in andern Fallen als bei Verlust 

wig. Spater wurden auch in Indien im Spiele vor. Der ganz Unfreie wird 

und Germanien, wie in Rom, diese nun allerdings rechtlich nicht als 

Hazardspiele verboten. Person, sondern durchaus als Sache 

8. voluntariam s.] eine freiwillige; betrachtet und in den deutschen Volks- 
denn gewifs schon damals hatte nicht rechten neben dem Vieh als Eigen- 
rechtlich auf solchen Gewinn An- tum, iiber welches derHerr vollstSndig 
spruch erhoben werden konnen. willkurlich verfugen kann, aufgefuhrt. 

9. iuvenior] Diese volle Form statt Doch, wie wir oben sahen, die Sitte 
iunior ist in der silbernen Latinitat milderte sein Los recht bedeutend. 
nicht sehr selten. Aber aufser der strengen Leibeigen- 

10. ea est] ea h. 1. = tanta. schaft bestand von jeher ein sehr 

11. se quoque] quoque ist hier gewohnhches Mittelverhaltnis, die mil- 
naturlich die Partikel quoque, nicht dere Horigkeit: die Horigen wer- 
quoque fiir omni. Schiitz will ohne den in den Volksgesetzen manchmal 
rechten Grund quoque in quisque kor- mit dem Namen liti oder lati, sonst 
rigieren. wohl auch laxxi bezeichnet. Sie sind 

XXV. 1. Ceteris servis] Im Gegen- nicht blofs Sache, haben aber keine 

satze gegen die durch Spielverlust es politischen Rechte, kein conubium mit 

gewordenen. Der Namen fiir Knecht Freien, besitzen nicht frei, soadern von 

und Magd sind im Germanischen einem Herrn, welchem sie dafur zu 

manche, nicht bei allen Stammen die- bestimmten Leistungen verpflichtet 

selben, und die gleichen werden bald sind. 

ftir strengere, bald fiir mildere Ver- discriptis per f. m.] Diseribere (so 

haltnisse verwendet. Bemerkenswert nachReifferscheid)heifst bestimmt 

mag etwa sein, dafs einige derjenigen einteilen und verteilen. Was die 

Bezeichnungen, denen wir auf den Sache betrifft, so ist es langst gesagt, 

Grund sehen, wie kneckt, knabe, got. dafs Tacitus sich hier zu ausschliefsend 

thius, thivi u. s. f., eigentlich ebenso- werde ausgedriickt haben und es gewifs 

wohl auf Kinder gehen oder gehen auch schon damals ingesinde gab, nur 

konnten. Unser nicht gerade alter nicht in dem Umfange und mit so ge- 

Name Sklave aber bezeichnet den nauer Dienstanweisung wie in einem 

unterworfenen Slaven, wie vealh im grofsern romischen Hause. — In den 

Angekachs. den unterworfenen Gallier folgenden Worten ist nicht genau ge- 

bedeutet. Die Knechtschaft entstand schieden, und da scheint T. vorherr- 

auf verschiedene Weise und hatte von schend doch liti, Horige, nicht servi 

jeher verschiedene Grade. Leibeigen im strengern Sinne zu zeichnen. 



58 CORNELII TACITI 



regit. frumenti modum dominus aut pecoris aut vestis ut colono 
iniungit, et servus jiactenus paret: cetera domus officia uxor ac 

5 liberi exsequuntur. verberare servum ac Tinculis et opere coer- 
cere rarum: occidere solent, non disciplina et severitate, sed 
impetu et ira, ut inimicum, nisi quod impune est. liberti non 
multum supra servos sunt, raro aliquod momentum in domo, 
nunquam in civitate, exceptis dumtaxat iis gentibus quae regnan- 

lOtur. ibi enim et super ingenuos et super nobiles ascendunt: 
apud ceteros impares libertini libertatis argumentum sunt. 

XXYI. Faenus agitare et in usuras extendere ignotum; 
ideoque magis servatur, quam si vetitum esset. 

3. frumenti modum cet.] Diese ver- liberti] Dafur libertini zu setzen 
schiedenen Arten von Zins konnen diirfte eher unrichtig als notig erschei- 
durchs ganze Mittelalter verfolgt werden. nen, weil Tacitus an dieser Stelle die 

vestis] „Zeug. tt ut colono nicht „als Freigelassenen nicht als Leute, die 

einem eo/. tt , sondern „wie einem ro- einen besondernStand bilden, auffiihrt. 

mischen colonus.* Schon im altern Gleich nachher giebt er einer andern 

romischen Kechte galten die Kolonen Anschauung Kaum. Die Freilassung 

und ihre Nachkommen als zu dem wird wohl schon im hohern Altertum 

Gute geboren und unaufloslich daran unter verschiedenen Formen und in 

gebunden; umgekehrt durfte der Grund- verschiedenem Grade vorgegangen sein. 

herr weder die festgesetzten jahr- 8. raro aliquod momentum cet.] 

lichen Abgaben erhohen, noch den Ko- wiederum im Gegensatze gegen Rom. 

lonen vertreiben, sondern nur mit dem Fiir das Folgende vgl. "Waitz, VG. I 2 , 

Gute selbst veraufsern. Die Verglei- 361: Auf das Verhaltnis zum Konige 

chung darf abernicht streng genommen kam alles an: weil jemand dem Konige 

werden. diente, ward er erhoben; ob er naher 

4. et servus kactenus paret] ist nach oder ferner stand, darauf wurde gesehen. 
den Verhaltnissen, wie wir sie aus Auch der Lite oder Freigelassene 
spatern Zeiten kennen, gar zu milde konnte so zu hoherer Stellung ge- 
gesagt. langen. Scherer, Z. f. ost. G. 1869, 

cetera domus officia] „das iibrige, 107: Man erinnert sich leicht, dafs 

d. h. die Dienste des Hauses. tt So spater Seneschall und Marschall, d. h. 

werden nicht nur Worter wie ceteri, Grofs- od. Altknecht und Pferde- 

aliiy illlog, sanskr. anya u. s. f. nicht knecht, alsTr&ger hoher Staatswiirden 

selten attributiv gefafst, wo streng auftreten. — "Wie andere indogerma- 

logisch ein Appositionsverhaltnis statt- nische Volker, so suchten auch die 

findet; ebenso Ausdriicke wie extrema Germanen den geschichtlich dunkeln 

mors u. a. Was die servi zu leisten Unterschied der Stande mythisch 

hatten , waren wesentlich Naturallei- zu erklaren. Eine solche Erklarung ist 

stungen , keine officia. uns im altnordischen Rigsmal erhalten. 

uxor] welche auch spater noch selbst Wahrhaft geschichtlicher Entwickelung 

im Konigspalast vor allem die Kiiche widei*spricht die in neuerer Zeit nicht 

besorgte. selten gehorte Ansicht, dafs die ger- 

5. verberare servum cet.] Gegensatz manischen Stande den indischen 
gegen die systematisch ausgebildeten Kasten entsprechen. 

Arten der Sklavenstrafen in Kom. 9. quae regnantur] „wo strenges 

opere, durch Zwangsarbeiten. Kbnigtum herrscht. tt 

7. nisi quod impune e.] namlich wenn 11. impares libertini] „die niedri- 

es der eigne servus ist; totet einer gere Stellung der /. tt 

den servus eines andern,so hat er XXVI. 1. Faenus agitare] „mit 

das betreffende Wergeld zu bezahlen. (zinstragenden) Kapitalien Geschlifte zu 



GERMANIA. C. XXVI. 



59 



agri pro numero cultorum ab universis f vices occupantur, 
quos mox inter se secundum dignationem partiuntur; facilitatem 



machen." agitare, wie ann. 4, 6. 6, 16, 
fiir das gewohnliche exercere. 

et in usuras extendere] Objekt ist 
faenus, „das zinstragende Kapital." 
Nach Taciteischem Sprachgebrauche 
konnen die Worte in u. ext. nur be- 
deuten: dadurch anwachsen zu lassen, 
dals die Gebrauchszinsen hinzukommen. 
Tacitus sagt hier, wo er von den Er- 
werbsquellen der Deutschen handelt, 
und im Hinblick auf Rom gar nicht 
unpassend, dals das Eapitalisieren in 
Germanien unbekannt sei. 

2. servatur] namlich das faenus non 
agitare, was in ignotum liegt. — Dieser 
Gedanke ideoque m. s., an und fiir sich 
allerdings nicht sehr tief, wurde dem 
T. durch die Verhaltnisse in Rom und 
dessen Wuchergesetze, die immer 
umgangen wurden, nahe gelegt. Vgl. 
K. 19 Ende. Nipperdey schfiefst den 
ganzen Satz in Klammern ein, Miiller 
die Worte ideoque — esset. Zernial 
findet ebensowenig als wir eine thorichte 
Wiederholung in diesen Worten. „T. 
hebt eine trotz guter Gesetze bestehende 
schlechte Sitte noch ganz besonders 
hervor." Ansprechend ist die Anderung 
Krafferts ideoque in idque. Thiersch 
wollte ignominiosum statt ignotum 
lesen; andere suchten durch Korrektur 
in arcetur, cavetur u. a. nachzuhelfen ; 
Bahrens nimmt hinter ignotum eine 
nicht kleine Lucke an. Zurrichtigen 
Beurteilung dieser Stelle verweisen wir 
noch auf Nitzsch DG. I, 57. 

3. agri pro numero c.] Diese fiir die 
Beurteilung der Kulturverhaltnisse Ger- 
maniens hochwichtige Stelle ist bis auf 
die neueste Zeit ein Gegenstand des 
Streites geblieben und wird es bleiben, 
da leider Tacitus zu kurz und zu allge- 
mein sich ausgesprochen hat. National- 
okonomen und Historiker im weitern 
Sinne gehen in den Fragen, ob hier Feld- 
gemeinschaft oder Privateigentum , ob 
eine wilde Graswirtschaft oder eine 
weiter vorgeschrittene Bebauung des 
Kulturlandes gemeint seien, auseinander. 
Die Kenntnis des neuesten Standes der 
betreffenden Untersuchungen und Aus- 
legungen diirfte am klarsten aus der 
zweiten Auflage des v. Sybelschen 
Werkes uber das deutsche Kbnigtum 



und aus der einlafslichen Beurteilung 
dieses Buches durch Erhardt ent- 
nommen werden. Aller Beachtung wert 
ist fur diese Fragen noch die griind- 
liche Programmabhandlung (1880) iiber 
die drei Zelgan von Dr. J. Meyer, 
Professor am Gymnasium in Frauenfeld, 
sowie anderseits die Bemerkung von 
Nitzsch, dafs Tac. auch hier die ger- 
manischen Verhaltnisse den romischen 
absichtlich entgegenstelle. — agri, das 
zum Anbau bestimmte kulturfahige 
Land. — pro numero cultorum, nach 
der Zahl der freien Bauern. 

ab universis] „von Gesamtheiten tt 
oder, indem man aus cultorum heraus- 
nimmt cultoribus, „von den Bauern- 
schaften als Gesamtheiten", von Mark- 
genossenschaften. 

vices] Wir haben vices mit dem 
Kreuze bezeichnet, Halm hat es ein- 
geklammert. vices scheint in der Ab- 
schrift des Enoch gestanden zu haben, 
es wurde dann in invices, invicem, 
vice u. s. f. korrigiert. Bisanhin wurde 
von den meisten Kritikern in vices als 
die echte Uberlieferung angenommen 
und von den Auslegern verschieden er- 
klart. Wir erwahnen hier nur die neueste 
Erklarung von Erhardt, welcher die 
Worte eng mit universis verbindet: 
„von allen wechselseitig", so dafs einer 
fiir den andern und demgemafs alle 
gemeinsam das Land beschlagnahmten. 
Bahrens konjicierte aber kiihn publice, 
Muller liest ingenuis. 

occupantur] von einem ersten in 
Beschlag nehmen der eben Eingewan- 
derten zu verstehen, sind wir nicht ge- 
zwungen. Nach dem Zusammenhange 
will hier Tacitus von den damals in 
G. geltenden und dauernden Verhalt- 
nissen der Besitzer und der Boden- 
wirtschaft handeln. Auch diese alte 
occupatio (captura) mag einen deut- 
schen Namen, wie bifang, gehabt haben. 
Vgl. Arnold, Wanderungen S.252. 255. 

4. quos mox cet.] Diese Worte ha- 
ben nur durch secundum dignationem 
einige Schwierigkeit. Dignatio wurde 
von einigen auf die Acker und deren 
Bonit&t bezogen, was weder sprach- 
lich angeht, noch auch bei genauerer 
Prufung sachlich annehmbar ist: sec. 



60 



CORNELH TACITI 



5 partiendi camporum spatia praestant. arva per annos mutant, 
et superest ager, nec enim cum " ubertate et amplitudine soli 
labore contendunt, ut pomaria conserant et prata separent aut 
hortos rigent: sola terrae seges imperatur. unde annum quoque 
ipsum non in totidem digerunt species: hiems et ver et aestas 



dign. je nach der Stellung in den 
Marken. Damit ist nicht notwendig 
nur die politisch hbhere Stellung ge- 
meint, es kann auch die bkonomische 
Stellung, die mehr oder minder um- 
fassende Hofstatte sein, wiewohl das 
meistens verbunden sein wird. Bei der 
Teilung erhalt der Bevorzugte mehrere 
Anteile oder einen seinem Hause naher 
liegenden u. s. f. 

5. arva per annos mutant] Arva 
sind die Saatfelder, die unter den 
Pflug genommenen agri. Hier ist nicht 
etwa vom Wcchsel der Saatfelder 
unter den Markgenossen die Rede, 
sondern vom Wechsel der arva unter 
sich selbst, und zunachst liegt in 
diesen Worten gar nichts anderes, als 
dafs die Germanen nicht zwei Jahre 
nacheinander das Ackerfeld mit der 
gleichen Frucht bepflanzt hatten. Damit 
ist aber durchaus nicht gesagt, dafe 
sie schon zu Tacitus' Zeit DreifeJder- 
wirtschaft kannten; es ist vielmehr 
durch die Forschungen der grbfsten 
Kenner ziemlich ausgemacht, dafs bei 
ihnen Graswirtschaft herrschte, d. 
h. dafs ein Feld, nachdem es einmal 
oder mehrmals mit Frucht bebaut war, 
dann oft fiir mehrere Jahre driesch 
liegen blieb. Doch vgl. Meyer, Die 
drei Zelgen, S. 55. 

6. et superest ager] erklaren die 
meisten: und Kulturland ist im Uber- 
flufs vorhanden. Unrichtig ist aber 
die Behauptung, dafs superesse bei T. 
nicht auch heifsen kbnne „ubrig blei- 
ben u , so dafs superest ager zu iiber- 
setzen ware : „und es bleibt Land, Boden 
ubrig. tt Es ist nicht unwahrscheinlich, 
dafs Tacitus damit namentlich auch auf 
die immerwahrende Weido u. s. w. hin- 
deutet. 

nec enim — contendunt] „denn nicht, 
wie die Rbmer, ringen sie in Arbeit mit 
der Fruchtbarkeit und dem Umfange 
desBodens tt , d. h. mit dem Boden, dafs 
er inimer reichere Frucht trage, dieses 
Fruchtland immer roehr sich erweitere. 



Baumgarten mit Edelobst, von der 
Weide abgesonderte Wiesen und 
wohlbewasserte Garten fanden sich 
also im alten Germanien nicht. — Dar- 
iiber, ob zu seiner Zeit an dem auf- 
geteilten Baulande Privateigentum 
bestanden habe oder ob noch dieses 
Gemeindeland geblieben sei, sagt Ta- 
citus nichts. Neuestens verficht das 
erstere besonders Erhardt, wahrend 
v.Sybel,Meyer unddiemeisten andern 
Forscher das zweite annehmen. Dunkel 
bleibt bei letzterer Annahme das Ver- 
haltnis der Hofsiedelungen zum Ge- 
meindebesitz. 

7. aut h. r.] Einige codd. bieten ut, 
andere et. Nipperdey emendiert aut. 

8. annum quoque ipsum cet.] Diese 
Nachricht des T. ist nicht anzutasten, 
und auch die angegebene Reihenfolge 
ist uralt: Winter, got. vintrus, wurde 
altgermanisch, wie altindisch und alt- 
latimsch, geradezu auch fur Jahr 
gesetzt. Im Winter endete das alte, 
begann das neue Jahr, und wie die 
Nacht den Tag, so schien der Win- 
ter den Sommer zu gebaren. Noch 
ursprunglicher werden nur zwei ger- 
manische Jahreszeiten gewesen sein: 
Winter und Sommer. Einen Zu- 
sammenhang des Wortes vintrus mit 
sanskr. hima, lat. hiems kbnnen wir 
nicht annehmen ; ahd. sumar durfen wir 
fuglich mit dem irischen samhra (samh 
Sonne und Sommer) vergleichen. 
Der alte Name fur Friihling scheint 
westgerm. Lenz (langex u. s. f.), nord- 
germ. var (vgl. lat. ver) gewesen zu 
sein. Jung ist auch unser Herbst 
nicht; aber es wird dieser Ausdruck, 
dessen Wurzel dieselbe wie im griech. 
xaQTiog ist, urspriinglich die Ernte- 
zeit bezeichnet habeh. Mundartliche 
Ausdriicke, wie das schweizer. laub- 
risi (Laubfall), gehen eher auf Win- 
ters- und Jahresanfang. Vgl. noch 
G. Schrader, Die alteste Zeitteilung 
der Indogermanen, S. 23. — totidem] 
namlich quot nos Komani. 



GERMANIA. C. XXVI. XXVH. 



61 



intellectum ac vocabula habent, autumni perinde nomen ac bonalO 
ignorantur. 

XXVll. Funerum nulla ambitio: id solum observatur, ut 
corpora clarorum virorum certis lignis crementur. struem rogi 
nec vestibus nec odoribus cumulant: sua cuique arma, quorundam 
igni et equus adicitur. sepulcrum caespes erigit: monumentorum 
arduum et operosum honorem ut gravem defunctis aspernantur. 5 
lamenta ac lacrimas cito, dolorem et tristitiam tarde ponunt. femi- 
nis lugere honestum est, viris meminisse. 

haec in commune de omnium Germanorum origine ac mori- 



10. autumni — bona] die herrlichen, 
schwellenden Baumfriichte. 

XXVII. 1. Funerum nulla ambitio] 
Dafs die Germanen mit den Leichen- 
bestattungen keinerlei Prunk treiben, 
gilt eher im Gegensatz gegen Eom als 
im Gegensatze gegen Gallien, obgleich 
Caes. B. G. 6, 19 sagt: funera sunt 
pro cultu Oallorum magnifiea et 
sumptuosa. So weit als bei den Gal- 
liern kam es bei den Edeln unter den 
Germanen bald, wenn es nicht schon 
zu Tacitus' Zeit so weit war. Immer- 
hin sind wir nicht berechtigt, eine pracht- 
volle Leichenfeier, wie sie in Beovulf 
besungen wird, schon auch nur in 
einzelnen Fallen fiir das Taciteische 
Germanien anzunehmen. 

2. certis lignis crementur] Wir wer- 
den hier an Eichen- oder Buchen- 
holz denken diirfen. Aber zweifelsohne 
wurden diese grofsern Holzstiicke mit 
gewissen Dornarten verwoben und um- 
geben. Das diirfte selbst aus Aus- 
driicken wie depandorn, ramnus u. a. 
hervorgehen. — Die strues rogi hatte 
bei den Germanen verschiedene Na- 
men, teils vom Brennen, teils vom 
Schichten hergenommen, so altnord. 
bal, angelsachs. bael, eigentlich „Glut tt , 
angels. Gd, ahd. eit (Feuer), altn. hladhr, 
ahd. pigo (Haufe) , hurt (crates) u. s. f. 

3. sua cuique arma cet.] tTberhaupt 
wurden wohl jedem Geschlechte und 
jedem Alter Lieblingsgegenstande mit- 
gegeben. Dafs auch Falle des Mit- 
sterbens der Gattin vorgekommen, haben 
wir oben gesehen, und ebenso lesen 
wir vom Mitsterben von Sklaven. Die 
Beigabe von Kofs und Speer (arma\ 
damit der Tote bewaflhet in Valholl ein- 
reiten konne, bestatigen aufs schonste 



neuliche Funde in islandischen, kurz vor 
Einfuhrung des Christentums fallenden 
Grabern (Iitterar. Centralblatt 1883, 
S. 1012). — Gewifs wurde der Holz- 
stofs in feierlicher Weise in Brand 
gesteckt und dabei ein iiberlieferter 
Spruch gehort. tJbrigens ist gar nicht 
gesagt, dafs das Verbrennen und in 
die Erde Bestatten der Asche in 
ganz Germanien gegolten habe und dafs 
nicht damals schon auch das Be- 
grabon vorgekommen sei, oder meer- 
anwohnende Stamme den Leichnam den 
Wellen iiberliefsen. Das Verbrennen 
wurde von Karl dem Grofsen als heid- 
nisch untersagt. — Tacitus fafet sich 
sehr kurz, sonst hatte er noch von 
vielem berichten miissen; von dem 
Orte, wo meistens die Bestattung vor- 
ging, von dem "Wege, der dazu hinaus- 
fiihrte, undbesonders vonden Trauer- 
liedern, die dabei abgesungen wurden, 
und welche mit verschiedenen Namen 
bezeichnet werden, als dadsisas, leid- 
sanc, charasanc (vgl. Charwoche, d. h. 
Trauerwoche). 

6. lamenta ac lacrimas c. cet.] Im 
Mittelalter dauerte die Trauer bis 'zum 
siebenten oder bis zum dreifsig- 
sten Tage, und heute noch gilt der 
dreifsigste mindestens dem Namen 
nach. Ein an diesem Tage stattfindendes 
Mahl war besonders feierlich, wenn der 
Hausvater gestorben war, und nun sein 
Stellvertreter den Hochsitz einnahm. 

feminis lugere h. e. cet.] Ganz 
iibereinstimmend Sen. ep. 99, 24. 

8. in commune] Diese Wendungen, 
in denen ein modales Adverbium durch 
eine Praposition mit subst. Adjektiven 
dargestellt wird, sind besonders der 
silbernen Latinitat eigen. 



62 cornelii taciti 



bus accepimus: nunc singularum gentium instituta ritusque, 
lOquatenus differant, quae nationes e Germania in Gallias commi- 
graverint, expediam. 

XXVllL Validiores olim Gallorum res fuisse summus aucto- 
rum divus Iulius tradit; eoque credibile est etiam Gallos in Ger- 
maniam transgressos: quantulum enim amnis obstabat, quo minus, 
u * quaequ e gens evaluerat, occuparet permutaretque sedes pro- 
5 miscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas? igitur inter 
Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulte- 

10. quae natione8 — epmmigrave- zu erwartende: quantum inter H s. 
rint] ist uberliefert. Die tJberlieferung cet, darf aber nicht geandert werden. 
wird nicht wesentlich durch eine Zu- "Wolfflin schlagt vor: quantum agri 
setzung von que verbessert. Heim- porrigitur inter. Der Name Hercynia, 
soth und Reifferscheid wollten dessen h jedenfalls nicht ursprunglich 
diesen Satz tilgen, Nipperdey aber ist, schon bei Aristoteles ^Aqxvvik 
ihn erganzen: e Qalliis in Qermaniam. Sqyi, ist entschieden keltisch und 
Eufsner scheint uns mit Recht darauf wurde bisanhin als zusammengesetzt 
aufmerksam zu machen, dafs beides angesehen aus der Partikel ar, er (uqi, 
durch die Worte (K. 28) etiam Oallos ioi) und eun „H6he tt . Wahrscheinlicher 
cet. unnotig werde. aberist die Erklarung von Rud. Much, 

XXVIH. 1. Validiores — Qallorum welcher den Namen Z. f. D. A. XXXII, 
res fuisse — t.] Caes. B. G. 6, 24. 460 von einer arischen Wurzel perk, 
Vgl. auch Livius 5, 34. — validiores] deren anlautendes p nach kelt. Lautge- 
namlich, worauf olim hinweist, als setze wegfallen mufste, herleitet und 
zur Zeit des Tacitus ; andere erganzen ihn mit lit. slav. Perkunas (Donnergott) 
quam Oermanorum. — summusa. d.I.] und got. fairguni (mons) zusammen- 
der wegen seiner genauen Bekannt- stellt. Nach Caes. B. G. 6, 25 reichte 
schaft mit Gallien bedeutendste Ge- der H. Wald von den Quellen der 
wahrsmann. Donau bis an die Grenzen Daciens. 

2. etiam Qallos in Qermaniam tr.] „Demnach ist die silva H. in ihrer 
auch die Gallier ihrerseits (etiam nicht echtesten Umgrenzung das gesamte 
zu est zu ziehen). Vgl. Gerber und Mittelgebirge Deutschlands, westwarts 
Greef s. v. Hier urteilt iibrigens Ta- (der politischen Abgrenzung zu Iiebe) 
citus kaum richtig; es ist vielmehr allerdings nur bis an den Rhein ge- 
anzunehmen, dafe Reste der Gallier in rechnet." Kirchhoff, Hermund. S. 4. 
Germanien sitzen geblieben sind. Am An xmserer Stelle ist mit H. s. der 
grundlichsten und scharfsinnigsten hat deutsche oder schwabische Jura 
iiber die Kelten in Germanien, iiber kel- gemeint. 

tischen Einflufs auf Namengebung u. s. f. 6. Moenum] Heute Main. Wie 
Miillenhoff, D.A.H, 227 ff., gehandelt. Rhenus ist auch Moenus — keltischer 
Vgl. auch Hennings Rezension dieses Name — eigentlich allgemein „der 
Buches in D. Iitt. 1888, S. 1412. fliefsende." Derselben Bedeutung ist 

4. ut quaeque gens ev.] Hoffmann, Oenus und der thrakische Ister u. a. 
Zeitpart. S. 37, A. 58: Ut als Zeit- — Die Nachricht, dafs einst Helvetier 
partikel kommt in der Germania des T. im siidwestlichen Germanien safsen, ist 
nur zweimal vor: K. 28 mit dem Plus- nicht zu bezweifeln; aber dafs sie ge- 
quamperf. , wo es sich um wiederholt rade den von T. angegebenen Landstnch 
Eingetretenes handelt, K. 31 mit dem innegehabt und, wie Kirchhoff meint, 
Perfekt. — promiscuas] „nicht ge- erst etwa um 70 v. Chr. denselben ver- 
sondert, allgemein, herrenlos. tt lassen haben, wird doch dadurch sehr 

5. adhuc] bis dahin und damals unwahrscheinlich , dafs Caesar davon 
noch. — igitur inter Hereyniam s. nichts berichtet. Sie werden viel fruher, 
cet.] ist hart fur das nach Tacitus' Stil vielleicht gleichzeitig mit einem Teile 



GERMANIA. C. XXVIII. 



63 



riora Boii, Gallica utraque gens, tenuere. manet adhuc Boihaemi 
nomen significatque loci veterem memoriam quamvis mutatis 
cultoribus. 

sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis, GermanorumlO 
natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, cum 
eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est, 
quia pari olim inopia ac libertate eadem utriusque ripae bona 
malaque erant. 

Treveri et Nervii circa affectationem Germanicae originisl5 



der Volcae Tect., weiter nach Sudwesten 
gedrangt worden sein, nnd des T. Be- 
richt durfte sich in der That auf die 
Benennung der Landstriche iiber der 
rauhen Alb und obern Donau als „Ein- 
ode der Helvetier" stiitzen. Mullen- 
hoff D. A. H, 268. 

7. manet adkuc Boihaemi n.] Dafs 
so zu schreiben sei, hat Miillenhoff 
gezeigt. Der Name ist eine vox hy- 
brida, zusammengesetzt aus dem kel- 
tischen Volksnamen und dem deutschen 
haims, "Wohnort, Land, Heimat; ahd. 
Beeheim, d. i. Bajaheim, heute Boh- 
men. Der Name, und zwar wirklich 
in der Form Bajahaim, scheint erst 
im letzten Jahrhundert vor Chr. von 
Germanen aufgebracht worden zu sein. 
Die Bojer wurden nicht, wie T. K. 42 
sagt, durch die Markomanen aus Boio- 
hoemum vertrieben, safsen doch diese, 
als die Bojer von dort wichen, noch 
am Maine und zogen erst um den An- 
fang unserer Zeitrechnung nach Boio- 
hoemum. Von wahrscheinlichen , noch 
heute fortdauernden Spuren in Hessen 
sitzen gebliebener Kelten (den Schwal- 
mem) spricht Arnold, W. d. deutsch. 
St. S. 58. 

10. utrum — commigraverint] Diese 
Stelle scheint mit K. 43 in etwelchem 
Widerspruche zu stehen. Doch dtirfen 
wir nicht andern oder die Worte gar 
hinauswerfen. Die "Worte Germanorum 
natione sind mit als Teil der streitigen 
Meinung zu betrachten: ob die Ara- 
visker von den Osen, einer Vol- 
kerschaft, welche zu den Ger- 
manen(Germanien) gehort, schon 
ursprunglich in Germanien ge- 
sessen hatte u. s. f. Denn dafs Oer- 
manorum natione nur heifsen konne: 
von einer aus wirklichen Ger- 



manen bestehenden Nation, wird 
wohl nicht behauptet werden. Halm 
hat nach Passows Vorgang dieWorte 
Oermanorum natione eingeklammert. 

11. cum — utantwr] cum ist hier 
nicht konzessiv, sondern kausal. 

13. utriusque ripae] der Donau. — 
Die Aravisker od. Eravisker, illyr. 
Schlages, aber wahrscheinlich mit kel- 
tischem Namen, wohnten in der heu- 
tigen Stuhlweifsenburger Gespanschaft 
unter dem Bakonyerwalde, nordlich bis 
in den "Winkel der Donau; jenseits im 
Gebiete der Eipel die Osi, ihre Stammes- 
genossen. Vgl. M. D. A. II, 327. AuJser 
bei Tacitus kommen die Osi bestimmt 
nur noch bei einem der scriptores hi- 
storiae Augustae vor, bei Capitolinus, 
vita Marci, K. 22, wo sie Mullen- 
hoffs Scharfsinn entdeckt hat. 

15. Treveri] Die Treverer gehoren 
nach Zeufs zu den eigentlichen 
Galliern, sind nicht Belgen. Der 
Name (sing. Trever) ist wohl nach 
Gliick eher von einem Substantivum 
trev abgeleitet als zusammengesetzt. 
Die Treverer wohnten an der Mosel 
und grenzten an die linksrheinischen 
Germanen an der Arduenna. Den 
alten Namen ihres Hauptortes kennen 
wir nicht; nachher hei&t er Augmta 
Treverorum (Trier) und erscheint als 
befestigte romische Kolonie und blii- 
hende Handelsstadt. 

Nervii] sind ein sehr bedeutendes 
Belgenvolk. Sie safeen anderSchelde 
und Sambre. Ihre bedeutendste Ort- 
schaft war Bagaeum, heute Bavai. 

circa] in diesem Sinne ist einWort 
des silbernen Zeitalters. Drager, Stil 
und Synt. des Tacitus § 86. 



64 



CORNELII TACITI 



ultro ambitiosi sunt, tamquam per hanc gloriam sanguinis a simi- 
litudine et inertia Gallorum separentur. ipsam Rheni ripam haud 
dubie Germanorum populi colunt, Yangiones, Triboci, Nemetes. 
ne TJbii quidem, quamquam Romana colonia esse meruerint ac 



16. ultro wmbitiosi s.] sie sind 
gar ehrgeizig darauf, germa- 
hischen Ursprungs zu scheinen. 
Tacitus selbst zweifelt, wie das fol- 
gende haud dubie zeigt, an dem ger- 
manischen Ursprunge der Treveri und 
Nervii. Neuere Forscher, auch Er- 
hardt, suchen gegemiber von Zeufs 
deren deutsche Abkunft zu erweisen. 
Entschieden wiirde T. germanische Her- 
kunft den Treverern und Nerviern ab- 
sprechen, wenn wir ultro mit Mullen- 
hoff „ohne Veranlassung, ohne Grund" 
iibersetzen diirften. Ubrigens weist M. 
D. A. II, 201 ff. darauf hin, dafs der 
Name Qermani im Westen sich einst 
weiter erstreckt und auch Treverer und 
Nervier umfafst habe, ist aber der An- 
sicht, dafs diese Volker mit ihrem An- 
spruch auf den Germanennamen zu 
einer Zeit, wo dieser westlich vom Rhein 
geschwunden war, wirklich die Ger- 
manen ostlich vom Ehein gemeint haben. 

tamquam separentur] weil sie nach 
ihrer Ansicht sich schieden. 

17. inertia Qallorum] Agricola 11: 
Qallos — mox segnitia cum otio 
intravit, amissa virtute pariter ac 
libertate. 

haud dubie] gehort zu den Worten 
Qermanorum populi. 

18. Vangiones] Dieser Name scheint 
entschieden deutsch und die "Wangen- 
bewohner zu bezeichnen: wang aber, 
fiir Ortsnamen besonders in Siiddeutsch- 
land gebrauchlich, heifst Feld, Aue. 
— Die V. wohnten in dem spater pa- 
gus Wormatiensis genannten Gebiete, 
im Wormsfelde. Ihr Hauptort hiefs 
mit keltischem Namen Borbeto- 
magus, heute Worms. — Unrichtig ist 
es, Triboci und Nemetes bestmimt 
deutsch deuten zu wollen: Triboci er- 
klart sich keltisch als die auf dem 
Hugellande wohnenden, und Bil- 
dungen desselben Stammes wie Nemetes 
sind keltisch nicht selten; zu Grunde 
liegt ihnen die Anschauung des Wal- 
des (nem-us), namentlich des hei- 
li g e n Wa 1 d e s. Uber diese drei Volker- 
namen vgl. jetzt auch M. D. A. II, 301. 



Die Triboci wohnten langs dem Wasgen- 
walde; ihr Hauptort ist Breucomagus, 
heute Brumt oder Brumat, nachher 
durch Argentoratum (heute Strafs- 
burg) verdunkelt. Die Nemeter wa- 
ren im Speiergau angesiedelt, und 
ihr Hauptort hiefs Neviomagus, heute 
Speier. Diese drei, wie auch Tacitus 
bestimmt sagt, germanischen Stamme 
waren wahrscheinlich erst unter Ario- 
vist hier angesiodelt (s. M. a. a. 0.), 
bleiben nach dem Zuriickweichen der 
iibrigen Germanen auf dem linken Rhein- 
ufer sitzen, fiigen sich dem imperium 
Romanum und geben den Namen fiir 
Qermania superior her. 

19. ne TJbii quidem] Die U. wohn- 
ten zu Casars Zeit noch am rechten 
Rheinufer, gegeniiber den Treverern. 
Als Romerfreunde waren sie von ihren 
Nachbarstammen , zumal von den Sue- 
ben, hart angefeindet und scheinen 
freiwillig des Augustus Aufforderung, 
sich am linken Rheinufer anzusiedeln, 
gefolgt zu sein. Agrippa nahm sie 
39 v. Chr. wohl nicht nur in romischen 
Schutz auf, sondern leitete auch die 
IFbersiedelung. — Ihr Hauptort Koln 
heifst in Tacitus' Annalen Ubiorum 
oppidum, U. civitas, welcher Aus- 
druck, wie Bergk neuestens wieder 
nachgewiesen hat, nicht auf ein Staats- 
gebiet, sondern auf die Stadt geht, oder 
Ubiorum ara (dieses schon nach frii- 
heren und bes. Bergk wahrscheinlich 
von einem dem Augustus geweihten 
Altare). Der Name der Ubii wird 
verschieden gedeutet: J. Grimm sieht 
darin eine geographische Bezeich- 
nung, ^Flufs-Rheinanwohner tt , M ii 1 1 e n - 
hoff — den Sprachgesetzen besser 
nachkommend — eine ethische, „die 
tippigen, Stolzen." 

Romana colonia cet.] ann. 12, 27: 
Sed Agrippina (des Germanicus Toch- 
ter, des Claudius Gemahlin) in oppi- 
dum Ubiorum, in quo genita erat, 
veteranos coloniamque deduci impe- 
trat, cui nomen inditum e vocabulo 
ipsius. Darum heifst Koln in des 
Tacitus • Historien colonia Agrippinen- 



GERMAtfiA. c. xxvm. XXIX. 65 

libentius Agrippinenses conditoris sui nomine vocentur, origine20 
erubescu nt, transgressi olim et experimento fidei super ipsam 
Rheni ripam collocati, ut arcere nt, non ut custodirentur. 

XXIX. Omnium harum gentium virtute praecipui Batavi 
non multum ex ripa, sed insulam Rheni amnis colunt, Chattorum 
quondam populus et seditione domestica in eas sedes trans- 
gressus, in quibus pars Romani imperii fierent. manet honos et 

sis, im. M. A. Grippigenland, und in -avi scheint keltische Ableitnng 
die Einwohner Agrippinemes. Vergl. zu stecken, die in westdeutschen Na- 
E. Wolff, Sprache des Tac. S. 8. Es men nicht auffallt. Die aue, Insel, 
lafet sich dariiber streiten, ob T. hier mag spater hineingedeutet worden sein; 
mit eonditor die Agrippina bezeichne lage in Batavia dieses avia vor, so 
(denn eonditor kann wie auctor auch mufsten die Einwohner wohl Batavini 
auf eine Frau gehen), demnach sui heifsen. Unter Vespasian (69 — 70 
genetivus obiecti sei, wie in ann. 11,24 n. Chr.) emporten sich die B. mit den 
eonditor nostri, oder ob er sich, da Belgen unter Civilis' Fiihrung gegen 
man unwillkiirlich an unserer Stelle die Romer; aber auch nachher werden 
neben eonditoris sui als gen. poss. sie von ihnen mit Achtung behandelt. 
zu fassen geneigt ist, hier geirrt und Die Namen ihrer Hauptorte sind kel- 
an Agrippa als Stifter der Kolonie tisch: Lugdunum (Lugudunum), Ley- 
gedacht, dann in der Annalenstelle den, Traieetum, Utrecht, Batavodu- 
sich selbst korrigiert habe. Bergk, rum u. a. 

der Zur Gesch. und Topogr. der 2 . non multum ex ripa] Partitiv- 
Kheinlande, S. 142 ff., iiber die Na- yerhaltnis. 

mendieserKolonie sich auslafst, spricht Ckattorum quondam p.] Dafur liegt 
m emer Anmerkung auch ubor unsere U11S mc hts Bestimmtes vor; jedesfalls 
Stelle: Da nach strengem Rechte eine ist es unrichtig, den Zusammenhang der 
FraukempohtischesGemeinwesengriin- Bataver mit den Chatten durch ein 
den kann, halt T. an dem grammatischen Zwischenglied von Batti beweisen zu 
Geschlecht von conditor fest, wahrend W0 Uen. Velieius 2, 105 nennt nobst 
die Dichter sich optima — auetor u. a\ aen Caninefaten auf oter Insel statt 
gestatten. der Batavi Chattuarii, und Zeufs 

21. expertmento fidet] „wegen des 8C hlieM daraus scharfsinnig, dafe Chat- 
(geleisteten) Beweises lhrer Treue. tt tuarii der gemeinsame Name der bei- 

XXIX. 1. Batavi] Neben der uns- den Stamme gewesen sei. Miillen- 
rigen ist die Hauptstelle iiber sie hist. hoff, Z. f. D. A. N. F. XI, 7, leugnet 
4, 12. An diesem links liegenden die Abstammung der Bataver und Ca- 
Uferlande und auf der von der Maas ninefaten von den Chatten und nimmt 
und einem Arme des Rheines gebil- ^.i die Fatel von solcher Abstammung 
deten Insel miissen die Bataver schon sei d »rch das Zusammenwerfen des 
langere Zeit vor Casar (B. G. 4, 10) Namens der Chattuarii (dor urspning- 
gesessen haben. Sie bewohnten von hoh nur ein einfaches t hatte) mit 
der Insel den ostlichen Teil, wo Chatti veranlafst. — quondam] Gewife 
spater der Gau Batua lag und heute ist i dafs zur Zeit des Pytheas noch 
noch die Namen Over- und Neder- keine Gtermanen da safsen, Miillen- 
Batuwe lebendig sind. Der Name des hoff, D. A. S.486, aber wiedenim sehr 
Volkes lautet richtiger Batavi als Ba- unwahrscheinlich, dafs, wie Worm- 
tavi; im Altdeutschen ist aus Batava sta11 meint, Germanen (nach ihm 
(castra) Paxxawa, Paxxauwa geworden. Chatten) erst zwanzig Jahre v. Chr. 
Das Grundwort in dem Namen ist bat 81cn dort «igeaiedelt haben. Vergl. 
(vgl. got. bats, ahd. bax,, bexxiro) und Arnold a. a. 0. S.61. 
es bezeichnet demnach die Tiich- 4. in quibus — fierent] „wo sie 
tigen oder die Gliicklichen; denn werden sollten oder mufsten. tt 

Schweizer-Sidler, Tacitus' Germania. Ed. 5. 5 



66 CORNELn TACITI 



5 antiquae societatis insigne; nam nec tributis contemnuntur nec 
piiblicanus atterit: exempti oneribus et collationibus et tantum 
in usum proeliorum sepositi velut tela atque arma bellis reser- 
vantur. est in eodem obsequio et Mattiacorum gens; protulit 
enim magnitudo populi Romani ultra Rhenum ultraque veteres 

lOterminos imperii reverentiam. ita sede finibusque in sua ripa, 
mente animoque nobiscum agunt, cetera similes Batavis, nisi 
quod ipso adhuc terrae suae solo et caelo acrius animantur. 

non numeraverim inter Germaniae populos, quamquam trans 
Rhenum Danuviumque consederint, eos qui decumates agros 

15exercent: levissimus quisque Gallorum et.inopia audax dubiae 
possessionis solum occupavere; mox limite acto promotisque 
praesidiis sinus imperii et pars provinciae habentur. 

5. nec tributis contemnuntur] Kurz junktiv, doch achtzehnmal mit dem 
und treffend ist auch hier das Ethische Indikativ.* Dr£ger. 

mit ins PrSdikat gelegt. 14. qui decumates a. cet.] Der Name 

6. oneribus et collationibus] Onera decumates a. bezeichnet kaum etwas 
sind die ordentlichen Leistungen, anderes als decumani agri, zehent- 
collationes eigentlichfreiwillige Bei- pflichtige Felder, und es ist viel- 
trage, welche jedoch nicht selten ein- leicht decumas nach archaischer und 
gefordert wurden, wie in Deutschland volksmafsiger Art erst aus decuma- 
bete und gabe in den Begriff von Ab- *w« entetandeD, wio damnas fur damna- 
gabe iibergingen Vgl K 15 ^ m f Campans, Gampas fiir Campanus, 

8. Mattiacorum] Plin. N. H.' 31, 17: Pi %"J & f. PicenuS 8teh ?^ • , 

j * iru- ' ■ • a • t 4 15. dubtae possesstonts] -unsichern, 

sunt et Mathact tn Qermania fontes „„ „„,*„, j„„ /-„. m .«„„ ^fiti,.-i„+„„ 

ealidi trans Bhenum. Das sind die ™ ^t 11 der Germanen gef«"-deten 



Xf NamfmSf schInt eS mrt d ke n i S : 16 " " «*0 tber *» """W™ 

w^,u.« «^unj^ «r^~u ~„ „~«~* ht«4.*« nennen geilissentlicn vermeidet, bei 

JJ^Jm vlZ ^mZ J£ rtlr den hier beriihrten Einrichtungen vgl. 

SSJh. rJhl K.^h STmVM .w den trefflichen Aufsatz von J. Asbach, 

HauptortderChatten hiefe; mchtaber, w M z m g j ff ^ h ' 

dafe die Leute yon Matttum (heute T • be8Cng ftj- ^ Grenzen egen 

Sl^f^Wfi ^S™ *e Germanen vfliig zu ordnen. Von 

Mullenhofi a. a. O. S. o. lm Bataver- A - nm «^Pc,««4.«;i« ««k«« ™„ ^;u^« 

aufstande waren auch die Mattiaker in SKhSttS^^ 

S^ USipem nol e %l er Km^ 

gegen die Romer aufgetreten. ^ ^^ yfm 5^^^ bis 

12. adkuc] lst nicht gleich adeo f son- naon Lorch, Uberreste von einem Walle 

dern gleich insuper zu fassen. Baum- von <} a D i s zum Odenwalde und Taunus, 

stark und ahnlich Hirschfelder un d von d a w i e der bis Koln. Das Volk 

erklaren adhucmit noch, zur Stunde ne nnt die romischen Festungswerke in 

noch, und setzen dieses innahere.Ver- Bayern, Schwaben, Franken und der 

bindung mit t. suae. Wetterau Teufelsmau.ern (derTeufel 

. 13. non numeraverim] Wo ein wollte damit seine Grenze abschliefsen). 

Schriftsteller . von sich selbst - spricht, Auiserdem finden wir in bestimmten Ge- 

stehen die Perfecta des Konjunktivs genden die Ausdriicke Pollum, Pfahl, 

im Singular. Pfahlgraben, Saustrafse u. a. fur 

quamquam — consederint] „qu.. bei Teile der Romergrenze, und in alter 

Tacitus in der Eegel mit dem Kon- Zeit hiefe sie wohl Palas, was Zeufs, 



GERMANIA. C. XXX. 67 



XXX. Ultra hos Chatti initium sedis ab Hercynio saJtu^ 
incohant; non ita effusis ac palustribus locis, ut ceterae civitates, 
in quas Gennania patescit, durant; si quidem colles paulatim 
rarescunt, et Chattos suos saltus Hercynius prosequitur simul atque 

Die Deutschen und ihre N., S. 312, Taunus an den Rhein reicht, die zweite 

keltisoh nennt. Es kommen uns dabei im obern Werrathale — wo sie mit 

die stipites magni in modum muralis den Hermunduren grenzen — liegt, 

saepis funditus iaeti in den Sinn. und die dritte unter der Diemel bei 

Vgl. die reiche Sammlung von beziigl. den Chamaven und Cheruskern endet. u 

Ortsnamen bei Arnold a. a. 0. 21 ff. Zeufs. Die Adrana (heute Eder) 

Zu dem Ausdrucke limitem agere vgl. durchstromt ihr Gebiet. Die Geschichte 

Verg. Aen. 10, 514: ardens limitem der Chatten ist nicht unbedeutend. Sie 

agit ferro. erscheinenalsriistige.Eampfergegen die 

17. sinus imperii] „Ausbeugung Romer (iiber des Domitian Kampfe 

des romischen Reiches in Germanien mit den Chatten vgl. Asbach a. a. 0.), 

hinein. tf aber freilich auch im Streite mit den ger- 

provinciae] „des Provinziallandes. tt manischen Nachbarn, den Hermun- 

Ein Teil gehorte zu Oermania supe- duren und namentlich den Cheru- 

rior, ein anderer zur prov. Raetia, in skern. — Eine entscheidende Bedeu- 

welche Vindelizien damals mit ein- tung fiir das Vordringen der Germanen 

gerechnet wurde. schreibt Mullenhoff D. A. H, 302 der 

XXX. 1. Ultra hos Chatti] Den Wanderung der Chatten und Marko- 

Chatti, seinem Heimatvolke, widmet manen von der mittieren Elbe her zu: 

J. Grimm in der Geschichte der „Der Durchbruch der Chatten und 

deutschen Sprache das ausfuhrliche ein- Markomanen durch den Jhercynischen 

undzwanzigste Kapitel und verfolgt da Bergwald ist der Anfang und zugleich 

mit voller Hingabe deren Namen, Ge- das feste Resultat der kimbrischen Be- 

schichte, Sage und Sitten. Aus neuerer wegung." — ultra hos] namlich agros 

Zeit ist besonders Arnold zu nennen, decumates. Es beginnt nun die Schil- 

welcher aus den hessischen Ortsnamen derung der germanischen Volker in 

wohlbegrundete Schliisse fiir die erste Germania selbst. — ab Hercynio saltu] 

Ansiedelung und die weitere Verbreitung Unter H. s. sind hier Vogelsberg und 

der Hessen zieht. Trotz dem schein- Rhon nebst den nordlichen Auslaufern 

baren lautlichen Widerspruche darf der yerstanden. 

Name der Hassi y Hassiones, der heu- initium — ineohant] An diesem Pleo- 

tigenHessen, nicht von dem der Ofeaffo' nasmus diirfen wir uns nicht stofsen. 

getrennt werden. (Miillenhoff a. a.O. Sehr ghnlich heifet es ann. 1, 31; 2, 1 

S. 5ff., Kogel, Kluge und Brug- u. s. f. initio — orto; und weitere der- 

mann, Gmndrifs §527, welcher indem artige Pleonasmen finden sich auch bei 

Namen Chatti ein Partic. aus W. cad romischen Dichtern, z. B. Lucr. 1, 149. 
^sich auszeichnen" sieht, also die „Aus- 2. ita effusis — /.] I. effusi be- 

gezeichneten, Tiichtigen tt .) Dieser Spe- zeichnet hier weithin sich aus- 

zialname tritt erst zur Zeit der ger- dehnende Ebenen. 
manischen Feldziigo des Drusus (10 3. Mit p. rareseunt ist ein Gegen- 

bis 9 v. Chr.) hervor; Casar begreift satz gegen das Friihere gemacht: „wer- 

die Ch. (8onehmen es doch wohl die den sie doch erst allmiinlich lockerer. tt 
meisten neueren und neuesten Eorscher 4. simul atque deponit] „Tacitus in 

an) unter dem Suebennamen. Der seiner gehobenen Darstellung bedient 

"Wohnsitz der Chatten ist in den fol- sich statt des einfachen et — et mit 

genden Worten des Tacitus nur im Vorliebe besonders in seinen fruhern 

allgemeinen angegeben. „Das Land der Schriften der Wendung simul et, simul 

Chatten nimmt nach den altesten Nach- atque (ac).* Halm. Ahnliche Personi- 

richten schon einen bedeutenden Raum fikation wie in saltus Hercynius — dep. 

ein, in der Form eines Dreiecks aus- in K. 20: aetas — separet, K. 27: 

gedehnt, dessen eine Spitze um den caespes erigit (Ortmann.) Wirstellen 

5* 



68 



CORNELn TAClTt 



5 deponit. duriora genti corpora, stricti artus, minax vultus et 
maior animi vigor. multum, ut inter Germanos, rationis ac sot 
lerti^; praeponere electos, audire praepositos, nosse^ ordines, 
intellegere occasiones, differre impetus, disponere diem, vallare 
noctem, fortunam inter dubia, virtutem inter certa numerare, 

lOquodque rarissimum nec nisi Romanae disciplinae concessum, 
plus reponere in duce quam in exercitu. omne robur in pedite, 
quem super arma ferramentis quoque et copiis onerant: alios ad 
proelium ire videas, Chattos ad bellum. rari excursus et fortuita 



schliefslich die Lesarten der mafs- 
gebenden Handschriften und die neuern 
Versuche, diese interessante Stelle zu 
konstituieren, zusammen. Das von uns 
aufgenommene incohant findet sich in c, 
von welchem C nur durch die Schrei- 
bnng inehocmt abweicht; B schreibt 
incohatur, was Halm mit grofserer 
Interpunktion vor initium aufgenommen 
hat. durant ist die Lesart afier Hand- 
schriften aufser ftcorr., welche durans 
bietet. Heraus (Festschrift zur Einw. 
des n. Gymnasialgebaudes in Hamm, 
1880, S. 9ff., komgiert dieses durans 
in durantis, welches sich auf sedis 
beziehen soll (er will zugleich vor ae 
palustribus das Wort eampestribus ein- 
schieben). Meiser verwandelt durans 
in durantesy welches sich dann natiir- 
lich auf das folgende colles beziehen 
mufste. Wir behalten die Lesart du- 
rant und ziehen es zum vorhergehen- 
den Satze. Wir denken, dafs durant 
von einem sich durch bestimmte Land- 
striche hindurchziehenden Volke eben- 
sogut gesagt werden kann, wie Pomp. 
Mela 3, 78 von einem Flusse (non) 
perdurat sagt. Auch Gerber-Greef 
s. v. ziehen durant zum vorhergehenden 
Satze; ihr „opp. dubiae possessionis 
solo* ist uns aber nicht recht ver- 
standlich. Schiitz findet von pateseit 
ab, nach welchem er ; setzt, die Les- 
art sehr bedenklich. Er liest surgunt 
(st. durant) si quidem colles paulatim- 
que rareseunt. Fvir et Chattos suos, 
meint Sch., sei zu schreiben ut suos 
Chattos. Kirchhoff, Thiiringen doch , 
Hermundurenland, S. 5, empfiehlt die 
Lesung durant siquidem e. „Wo die 
grunen Hohen rechts des Main anheben, 
da zuerst erklingt chattische Zunge, 
und soweit Chatten wohnen, bleibt es 
auch voll waldigen Gehugels, bis end- 



lich — im Norden mit den letzten 
Blockh&usern der Chatten die letzten 
Hugelziige ins weite Flachland schauen, 
wo keiii Chatte mehr wohnt." K. fiigt 
hinzu, dafs wir die nicht vollig zu- 
treffende Ansicht, dafs das hessische 
Bergland bis an die Tiefebeno unsers 
Nordens reiche, dem Romer verzeihen 
miissen. 

6. multum, ut inter Oerm., ratio- 
nis cet.] Bekannt ist der Gebrauch von 
ut, welches einen beschrankenden 
Zusatz elliptisch ankniipft 

rationis] fl Berechnung. tt Die folgen- 
den Infinitive sind epexegetisch und 
fuhren den Inhalt der ratio und sol- 
lertia aus. 

7. praeponere electos] heifet nicht 
etwa nur: „sie setzen gewahlte Her- 
zoge an die Spitze, tt sondern: ^sie 
lesen die Leute, welche sie an die 
Spitze stellen wollen, sorgfaltig aus. tt 

nosse ordines] Iiv. 23, 35, 6: ut 
tirones — assuescerent — in acie 
agnoseere ordines. 

8. disponere diem] „den Tag richtig, 
zweckmifsig einteilen tt , d.h. jedem Teile 
des Tages die gehorige Arbeit zuweisen. 
Seneca, consol. ad Pol. 6 (25), 4: quae- 
ris, quemadmodum diem disponam. 
Plin. ep. 9, 36, 1: in disponendo die. 
Verfehlt ist der Verbesserungsversuch 
Meisers: disponere aciem. 

vallare noetem] d. h. noetem vallis 
munire. Vgl. K. 20. A. 7. 

10. eoncessum] erklart Schiitz rich- 
tig mit (allgemein) zugestanden, 
wurde aber doch ein eonsuetum vor- 
ziehen. 

12. ferramentis] fl mit Eisengeraten, 
als Beilen, Haken, Karsten u. dgl. tt 

eopiae] sind natiirlich hier Speise- 
vorr&te. 



GERMANIA. C. XXX. XXXI. 



69 



pugna. equestrium sane virium id proprium, cito parare victo- 
riam, cito cedere: velocitas iuxta formidinem, cunctatio propiorl5 
constantiae est. 

XXXI. Et aliis Germanorum populis usurpatum raro et 
privata cuiusque audentia apud Chattos in consensum vertit, ut 
primum adoleverint, crinem barbamque submittere, nec nisi hoste 
caeso exuere votivum obligatumque virtuti oris habitum. super 
sanguinem et spolia revelant frontem, seque tum jlemum^ pretia 5 
nascendi rettulisse dignosque patria ac parentibus ferunt. ignavis 
et imbellibus manet squalor. fortissimus quisque ferreum insuper 



14. Statt parare v. liest Heraus: 
parere v. Aber Eufsner u. Miiller 
bringen aus Tac. selbst u. Sallust Bei- 
spiele fiir parare in diesem Sinne bei. 

15. cito eedere] cedere „weichen a , 
„sich zuruckziehen." Unsinnig aber 
ware es nicht, zu cedere wieder victo- 
riam zu erganzen, da die velocitas, 
die iuxta f. ist, eben wieder von den 
Reitern wird verstanden werden miis- 
sen, wahrend die cunctatio dem Fufs- 
volk zukommt. Miifste velocitas auf 
das letztere gehen, dann ware Eufs- 
ners Konjektur ceteris sc. viribus velo- 
citas cet, welche er in der Berl. Phil. 
AVoch. 1885, Nr. 50, nachdrucklich ver- 
teidigt, oder eine ahnliche (Bahrens 
fragt: peditum velocitas?) unentbehr- 
lich. Diese Satze sind ein Gedanke des 
Tacitus, der allerdings auch das Ver- 
fahren der Chatten bestimmt haben wiiti. 
— iuxta formidinem] „grenztnahe an. tt 

XXXI. 1. Et aliis Germanorum 
populis usurpatum raro cet.] „Was 
bei Leuten von andern G. Vol- 
kern selten in Anwendung kommt. tt 
Kt mufs nicht als etiam gefafst wer- 
den; ubrigens ist die Korrektur von 
Bahrens: In a. beachtenswert. 

2. audentia] findet sich ganz in dem- 
selben Sinne wie audacia auch ann. 
15, 53. G. K. 34. 

3. crincm — submittere] Suet. Ca- 
ligula 47: comam submittere. Seneca, 
cons. ad Polyb. 36: barbam et capil- 
lum submittere. Submittere = pro- 
mittere „Haar und Bart frei wachsen 



4. exuere votivum — oris kabitum] 
Zur Sache vgl. histor. 4, 61: Civilis 
tarbaro voto post coepta adversus Ro- 
manos arma propexum rutilatumque 



crinem patrata demum eaede legionum 
deposuit. Paul. Diac. histor. 3, 7: Sex 
milia Saxonum, qui bello superjfuerant, 
devoverunt se neque barbam neque ca- 
pillos rasuros, nisi sede Suebis hosti- 
bus ulciscerentur. Von Harald, der 
nachmals Harfagr „schbn an Haaren" 
zugenannt wurde, wird uns gemeldet, 
dafs er dasselbe Geliibde gethan habe 
und vor Losung desselben lufa „der 
Zottige" hiefs. Die Losung aber des 
Gelubdes erfolgte in der Schlacht im 
Hafursfiordhr um 872 n. Chr. Auch 
Casar hat Ahnliches gethan. Suet. 
C. K. 67: Diligebat quoque (milites) 
adeo, ut audita clade Tituriana bar- 
bam ca/pillumque submiserit nec ante 
dempserit, quam vindicasset. Solche 
Sitte, das Haar wust wachsen zu lassen, 
ist naturlich nicht zu verwechseln mit 
dem allgemeinen Brauche der freien Ger- 
manen, das Haar nicht kurz zu schnei- 
den, liefs sich doch damit leicht derjenige 
vereinigen, dasselbe in schmucker Ord- 
nung zu halten. 

6. ignavis et imbellibus m. squalor] 
Wir erklaren am besten mit Halm, 
dafs Tacitus in diesen Worten nur seine 
eigene Folgerung aus dem Nachstvor- 
hergehenden gebe, ohne auf das Ver- 
haltnis des unmittelbar Folgenden zu 
achten. 

7. ferreum insuper anulum — ge- 
stat cet.] „Tacitus scheint den Pluralis 
anuli fur einen Ring nur von der 
Auszeichnung der Ritter zu gebrauchen." 
Wolfflin. Rucksichtlich der Sache 
mahnt J. Grimm an die (poqputt als 
Strafe fur makedon. Krieger, die keinen 
Feind getotet, und an die eisemen Ringe, 
welche im Mittelalter Zeichen der Strafe 
waren; Wackernagel fiihrt einige spe- 



70 COENELII TACITI 



anulum (ignominiosum id genti) velut vinculum gestat, donec se 
caede hostis absolvat. plurimis Chattorum hic placet habitus, 

lOiamque canent insignes et hostibus simul suisque monstrati. 
omnium j>ene& hos initia pugnarum; haec prima semper acies, 
visu nova; nam ne in pace quidem cultu mitiore mansu escuni 
nulli domus aut ager aut aliqua cura: prout ad quemque yener e, 
alunt ur, prodigi alieni, contemptores sui, donec exsanguis senectus 

15tam durae virtuti impares faciat. 

XXXII. Proximi Chattis certum iam jjlveo R henum quique 
terminus esse sufficiat Usipi ac Tencteri colunt. Tencteri super 
solitum bellorum decus equestris disciplinae arte praecellunt; nec 

zielle Beispiele dafiir an; Mullenhoff certo alveo lapsus etc. Einige, welche 

Weistuns treffend auf den nicht zahlungs- hier den Niederrhein als Gegensatz 

fahigen Schuldner hin, der durch den nehmen zu miissen glaubten, schlossen 

Ring als Knecht gekennzeichnet wurde, aus dieser Stelle sogar auf einen lan- 

und macht darauf aufmerksam, dafs geren Aufenthalt des Tacitus am Nieder- 

der Krieger sich damit symholisch dem rhein. — quique terminus esse suff.] 

Kriegsgotte geweiht habe. Z. f. d. Die Grenze ist also hier nicht durch 

Altertum von Haupt X, 561 f. hesondere Befestigungen gehildet. 

8. ignominio8um id g.] „das galt 2. Usipi] "Wir finden bei den Alten 
sonst dem Stamme fiir schimpflich." drei Formen dieses Namens, wie es 

9. plurimis Chattorum hic plaeet h.] scheint, alle mit keltischer Ahleitung. 
Es ist hier keine Korrektur, wie fero- Di e einfachste ist Usipi (Otiovroi), und 
eissimis oder trucissimis oder ahn- <& e8e herrscht bei Tacitus. Usipii 
Kches, notig; denn plurimi bedeutet bei finde * sicn Dei Martial. 6, 60. Die dritte 
T. oft nur gar manche, nicht die Form i & e herrschende bei Casar und 
meisten. Der Hauptnachdruck liegt ein mal (ann. 1, 51) auch bei Tacitus 
auf dem Worte placet. vorkommend, ist Usipetes. Wir wagen 

10. iamque canent insignes] d. h. den Namen nichtzu deuten. 

„es giebt welche, die schon grau sind, Tencteri] durfte die Verbunde- 

mit diesem Abzeichen/ Wir erwarten! nen % *Verwandten* bezeichnen. Wir 

„und es giebt so ausgezeichnete, die ^den immer m engem Zusammenhange 

schon grau sind." Ustpt Tencter h Tubantes. J)ieUsiper 

1rt °. -i»i t. j j und Tenkterer hatten zu Casars Zeit 

nii^r^Tl^ 61 ™ 8 * 6 «m Niederrhein, von der Iippe bis zum 

3 ^V^tL* v„n R A wchten Rheinarm, sich medWgelassen, 

tatStoT ] ** auch ^ 6 Tul » nten &»den 6 sich m! 

' . . ,. ., „ „ r, . - . dieser Gegend nach Tacitus ann. 13, 55. 

14. prodtgt altem,] SaU. Cat. 5 4: ffier ^ sie noch ^^ Ms aber 

aliem appetem, sui profusus.-Die- ^^ ^ p^g^, Tode m R 
sen Helden ahnkch werden uns die u der neuen p,,,^ ^ ^ Hand 

^«erter desNordensbeschneben, und ^^ mufe ^ ^ Volkerschaften 
ein ahnhches Leben wird von den Got- ^ j^ 8udhoh uber ^ u 
terndeni tStarkadhr besbmmt. Gnmms ^ ^j^^ der ' Sugambern, die er total 
a. m. b. 81». .... aufhob, hinauf zu ziehen. Hier safisen 

exsangutsseneetm] exsanguts m die- sie jmVsten Jahrhundert an der Ruhr 
sem Sinne ist aus der Poesw in die ^ gi vieUeicht selbst noch iiber 
ProsadessubernenZeitalteisgekommen. den We^rwald hinauS) wo ehemsis 

XXXH.l.certumiamalveoBhenum] ubisches Gebiet vakant war." Miillen- 
Den Gegensatz bildet nicht der Nie- hoff. Vgl. jetzt auch Kosinna Anz. 
derrhein, sondern der Oberrhein, XIH, S. 208 in seiner Rezension von 
wie bei Mela 3, 2: mox diu solidus et Mommsens Rom. Gesch. V. 



GERMANIA. C. XXXII. XXXIII. 



71 



maior apud Chattos peditum laus quam Tencteris equitum. sic 
instituere maiores: posteri imitantur. hi lusus infantium, haec 5 
iuvenum aemulatio; perseverant senes. inter familiam et penates 
et iura successionum equi traduntur: excipit filius, non ut cetera, 
maximus riatu, sed prout ferox bello et melior. 

XXXIII. Iuxta Tencteros Bructeri olim occurrebant: nunc 



5. hi lusus infantium] Fast lacher- 
lich und gar sehr nach der Studierstube 
riechend ist die Auslegung, dafs die 
Tenktererjuugen sich auf holzernen 
Schaukelpferden geiibt hatten. 

6. Die "VVorte iuvewum aemulatio 
lassen uns auf Rofswettkampfe schliefsen. 
— inter familiam et penates cet.] Fa- 
milia bedeutet hier zunachst das Ge- 
sinde, wie bei Caes. B. G. 1, 4 und 
in andem Stellen, penates das „Haus- 
wesen 14 ; iura suecessionum scheinen 
„Gegenstande rechtlicher Erbfolge* zu 
sein. Wir durfen ein uberhaupt er- 
ganzen. Vergl. hist. 2, 95: Polycletos, 
Patrobios et vetera odiorum nomina 
aequabat. Unsers Wissens dachte da- 
bei zuerst Baumstark und nach ihm 
Prammer an das Kecht des Besitzes 
von Gemeindeland; nach Erhardt, 
welcher, wie oben gesagt ist, behaupte^, 
dafs die aufgeteilten Felder in Privat- 
eigentum ubergegangen seien, konnte 
hier nicht vom blofsen Besitze die 
Rede sein. Unter und neben diesen 
Gegenstanden werden die Pferde ein- 
zeln vererbt. Es wird hier wesentlich 
das Streitrofs gemeint sein, welches 
nach deutschem Rechte zum hergewaete 
gehort. Brieger schlagt mir brieflich 
vor zu lesen: non equi tr. od. equi 
non traduntur, da ja die equi nicht 
Gegenstande der allgemeinen Erbschaft 
seien. 

7. non ut cetera, maximus natu] 
Alsohatte bei den Tenkterern ein Erst- 
geburtsrecht gegolten. Nahmen wir 
das auch als richtig an, als allgemein 
germanisch wird es durch diese Stelle 
nicht erwiesen. Vielleicht aber geht 
diese Nachricht auf eine noch spater in 
Deutschland sich findende Sitte, dafs 
der alteste Sohn das Erbe uber- 
nimmt und teilt, die jiingern 
wahlen. Zuletzt unsers Wissens hat 
sich Brunner, Deutsche R. G. I, 80, 
einlafslicher uber diese Stelle ausge- 
sprochen. Er meint, dafs, liefse sich 



eine Sondernachfolge in die Streitrosse 
allenfalls als eine alteste Spur des spater 
sog. Heergerate deuten, doch anderseits 
ein Vorrecht des Erstgebornen beziiglich 
des ubrigen Vermogens in der Entwick- 
lungsgeschichte des gennanischen Erb- 
rechts vollig vereinzelt dastehen wiirde. 
Es diirfte sich an dieser Stelle nach 
Br. nicht um einen Grundsatz des Erb- 
rechts, sondern entweder um Vermogens- 
abtretung des Vaters bei seinen Leb- 
zeiten oder um eine Aufteilung handeln, 
durch welche die Verwandten sich iiber 
den Nachlafs auseinandersetzten. von 
Amira vermutet, der Erstgeborne habe 
vielmehr die Sachen an sich genommen, 
weil er von den Miterben als der alteste 
zum Vertreter des gemeinsamen Rechtes 
bestellt worden sei — eine Deutung, 
welche der unsrigen sehr ahnlich ist 

XXXIH. 1. Bructeri] Die Wurzel 
dieses Namens ist nicht ganz sicher. 
Grimm sieht in ihnen die Glanzen- 
den und denkt an die dem althochd. 
peraht (perht) u. s. f. zu Grunde liegende 
germanische Wurzel bark, brak. Die 
Brukterer wohnten zwischen der Lippe 
und Ems, und zwar an letzterer weit 
abwarts; auch mogen sie sich damals 
schon siidlich uber die Iippe ausgedehnt 
haben. Die griechischen Quellen 
(Strabo und Ptolemaus) unterscheiden 
grofsere und kleinere Brukterer. — 
IJnter den grofsern, bemerkt M ii 1 1 e n - 
hoff, mochten die Chamavi zu ver- 
stehen sein. Die Brukterer haben eine 
nichtruhmloseGeschichte. BeiderVaria- 
nischen Niederlage hatten sie einen ro- 
mischen Adler erbeutet; sie nahmen teil 
amBataveraufstande, und ihreSeherin, 
die Veledd, iibte in demselben mach- 
tigen Einflufs. 

oecurrebant] ist in diesem geogra- 
phischen Sinne bei Plinius dem Alte- 
ren nicht selten. 

nunc — immigrasse narratur] De> 
Accusativmitlnfinitiv, weil nachvorherr- 
schendem Taciteischen Sprachgebrauche 



72 



CORNELH TACITI 



Chamavos et Angrivarios immigrasse narratur, pulsis Bructeris 
ac penitus excisis vicinarum consensu nationum, seu superbiae 
odio seu praedae dulcedine seu favore quodam erga nos deorum; 

5 nam ne spectaculo quidem proelii _ invidere . super sexaginta 
milia non armis telisque Romanis, sed, quod magnificentius est, 
oblectationi oculisque ceciderunt. maneat, quaeso, duretque gen- 
tibus, si non amor nostri, at certe odium sui, quando urgentibus 
imperii fatis nihil iam praestare fortuna maius potest quam hostium 

10 discordiam. 



bei narratur u. a. diese Konstruktion 
gewahlt wird, wenn das Substantiv, um 
das es-sich handelt, imPluralis steht. 
Ubrigens ist hier das nune zu beachten, 
was uns allein schon gegen die Erkla- 
rung, nach welcher unsere Stelle auf 
die nach ann. 13, 55 vertriebenen 
Amsivarier gehen soll , schutzt. "VVie 
einerseits "Wormstall behaupten kann, 
dafs die Konstruktion narratur mit acc. 
cum inf. bestimmte Angabe und Mit- 
teilung bezeichne, anderseits Asbach, 
durch dieseKonstruktion wqrde dieNach- 
richt des Tac. von den Brukterern z w e i - 
felhaft, ist uns unklar. 

2. Chamdvos] Ihr Name tragt, wie 
Batavi, keltische Endung und ist nicht 
etwa mit auja, "Wasser, "Wasserland, zu- 
sammengesetzt. Der Name fuhrt auf die 
"Wurzel in himan, decken, woher hamo, 
Gewand u. s. f. Sie wohnten ungefahr 
der batavischen Insel gegeniiber, also 
zwischen Friesen und Brukterern, im 
"Westen der Angrivarier. Im Mittelalter 
finden wir dort den Gau Hamaland. 

Angrivarios] Ihr Name fuhrt uns 
entschieden auf angar, pratum, arvum, 
das zusammengesetzt ist mit dem St. 
varja-, verteidlgend, wahrend, bewoh- 
nend. ^Amsivarii und Angrivarii sind 
im Grunde dasselbe Volk. Angrivarii 
ist der rein geographische Name der 
Anwohner der Weser oberhalb der Chau- 
ken oder spatern Friesen, und Amsi- 
varii nur eine speziellere, wie es scheint, 
gleichfalls geographische Benennung fiir 
eine Abteilung des Volkes; sie geho- 
ren noch dem istvaischen Stamme an." 
Miillenhoff. Im Osten grenzen sie 
an Langobarden, im Siiden und Siid- 
westen an Cherusker und Brukterer. 
Derselbe "Wortstamm kehrt wieder in 
den spatern, aber ausgedehntern Anga- 
rii oder Angrarii. Daher auch der 



Ortsname Enger und ahnl. Anderer 
Ansicht iiber den Namen der Angri- 
varii ist "Wormstall (Progr. 1888), 
welcher das Volk auf den Hohen 
und Halden des Osning, des "Wihe- und 
Deistergebirges wohnen lafst. Derselbe 
will Amsivarii von Angrivarii trennen 
und rechnet letztere zum ingvaonischen 
Stamme. 

immigrasse — pulsis Brueteris cet.] 
Dieser Bericht ist mindestens iiber- 
trieben, wenn wir auch nicht urgieren 
durfen, dafs Bructeri oder Bureteri 
noch spater und ein Gau Boraetra im 
Siiden der Lippe noch im Mittelalter 
erscheinen. Veranlassung zu diesem 
Gemetzel durfte die Zuinickfuhrung 
eines Bruktererkonigs durch Vestri- 
cius Spurinna gewesen sein. tlber diese 
Stelle und die Bedeutung der Tacitei- 
schen Nachricht ui*teilt anders "Worm- 
stall a. a. 0. 

5. ne speetaeulo quidem — invidere] 
Hier ist nach Nipperdey zu ann. 1, 22 
die echt klassische Konstruktion von 
invidere anzunehmen. Sonst wird in 
der silbernen Latinitat der Gegenstand, 
um den man beneidet, den man mifs- 
gonnt, in den Ablativ — in der Regel 
neben einem personlichen Dativ — , bei 
den Dichtern auch in den Accusativ ge- 
setzt. Die meisten Ausleger fassen auch 
hier speetaculo als Ablativ und erganzen 
nobis. 

7. oblectationi oeulisque] zur Au- 
genweide. Ein Hendiadyoin, wie sie 
bei Tacitus nicht selten sind. 

8. urgentibus imperii fatis] Die bei- 
den gemeiniglich als die besten gelten- 
den Handschiiften der Germania setzen 
nach urgentibus die Partikel iam ein, 
was sachlich unberechtigt ist und gegen 
den Taciteischen Sprachgebrauch ver- 
stofst, weil Tacitus nirgend in einem 



GERMANIA. C. XXXIV. 



73 



XXXIV. Angrivarios et Chamavos a tergo Dulgubnii et 
Chasuarii cludunt aliaeque gentes haud perinde memoratae, a 
fronte Frisii excipiunt. maioribus minoribusque Frisiis vocabulum 
est ex modo virium. utraeque nationes usque ad Oceanum 
Rheno^jjraetexuntur ambiuntque immensos insuper lacus et Ro- 5 



Satze doppeltes iam hat, aufser in der 
Anaphora oder in der Redensart iam 
iamque. Bahrens liest ingruentibus 
st. urg. Stellen, in denen das Verb 
urgeo ganz gleich wie hier gebraucht 
ist, fuhrt schon v. Gruber aus Tacitus 
selbst, aus Livius u. Vergilius an. 

XXXTV. 1. Dulgubnii] Der Name 
des Volkes ist ein ethischer. Vom Stamme 
ags. dolg, ahd. tolc, Wunde, mit dem 
Suffix -ubnja- abgeleitet, bezeichnet 
er die Verwunder, Schadiger. Sie 
safsen im Osten der Angrivarier um den 
Mufs Aller und das heutige Celle und 
trennten die Langobarden von denChe- 
raskern. 

2. Chasuarit] erklart man wohl rich- 
tig alsHaseanwohner. Mullenhoff 
(a. a. 0. 218) halt den Namen an ahd. 
hasan politus, glatt, glanzend. 

aliaeque genies haud perinde memo- 
ratae] Damit sind die schon erwahnten 
Dulgubnii und Chasuarii nicht von den 
g. h. p. memoratae getrennt; auch sie 
gehoren dazu. In solchen Fallen tritt 
das zu erganzende Vergleichungsglied 
stark zuriick, haud perinde heiist ge- 
radezu nicht eben, ahnlich unserm 
mehr mundartlichen nicht danach. 
Vgl. K. 5, 0. memoratus, erwahnens- 
wert, wie denn Participia Perf. Pass. 
nicht selten die passive Fahigkeit aus- 
drucken. Andere erganzen zu haud per- 
inde die "Worte atque hae gentes (die 
Dulgubnii et Chasuarii) und deuten 
memoratae als bekannt oder quae 
commemorantur. • Aber Dulgubmi und 
Ghasuarii sind eben auch nicht sehr 
oft erwahnt und bekannt. „ Die ubrigen 
fiillen die iv pd&ei x^Q a i wohin nach 
der Auflosung der Sugambern dui'ch die 
Romer nach Strabo die LFbeiTeste des 
Volkes, xafaineo Maoaoi> sich zuruck- 
zogen." Miillenhoff. Das sind ist- 
vaonische Volker. 

3. a fronte Frisii excipiunt] Vom 
Namen dieses Volkes sind mehrfache 
Deutungen vorhanden, und man ist sogar 
darauf gekommen, ihn mit demjeni- 
gen der neooai (auf den Keilinschriften 



Parca, im spatern Sanskrit paraslka) 
in Verbindung zu setzen. Gewohnlich 
denkt man dabei an frei (got. Stamm 
frija) oder an fraisan, audere. Ett- 
miiller in seinem angels. "VV. B. stellt 
ags. Frisa, Fresa zum Adj. frise, cri- 
spus, comatus, so dafs sie die criniti, 
comati waren, und lautlich pafst die 
Deutung trefflich. Mit eigentumlicher 
Vokalbrechung lautet der Name schon 
althd. Friaso, Frieso, mhd. Vriese. 
Der Friesen Hauptsitz war schon da- 
mals zwischen Yssel und Ems: sie 
grenzten siidlich an dieBrukterer, ost- 
lich an die stammverwandten, ebenfalls 
ingvaonischen Chauken. tFberdies hiel- 
ten sie die nahe gelegenen Inseln be- 
setzt. Casar kennt ihren Namen nicht; 
durchDrusus riicken sie ans Licht, dieser 
unterwarf sie im J. 12 v. Chr. In ge- 
rechtem Zorne iiber unverschamte For- 
derungen eines romischen Befehlshabers 
empoiten sie sich im J. 28 n. Chr. (Tac. 
ann. 4, 72). Corbulo hatte sie im J. 47 
n. Chr. aufs neue unterworfen und ihnen 
Sitz und Grenzen bestimmt, als er auf 
Claudius' Befehl die Besatzungen iiber 
den Rhein zuriickziehen mu&te (ann. 
11,19/.). Ein weiteres Vordringen der 
Friesen aber wurde zuriickgewiesen (ann. 
13, 54 ff.). Nachher finden wir auch 
Friesen unter den Scharen des Civilis 
im Bataveraufstande. 

maioribus cet.] So unterscheidet Plin. 
N. H. 16, 1 ebenfalls die Chauken in 
grofse und kleine. Vielleicht unter- 
schieden sich die letztern durch den 
abgeleiteten Namen Frisiabones (Fri- 
siavones) oder Frisaeones, Frisaevones. 

4. utraeque nationes] Ein solcher, 
allerdings innerlich unrichtiger, Pluralis 
findet sich einmal hdschr. schon bei 
Casar und biirgert sich dann nament- 
lich im historischen Stile ein. 

5. Bheno praeteocuntur] „Sie werden 
vom Rheine besaumt. tt So wird auch 
vom altern Plinius praetexere (gentes) 
als geographischer Ausdruck gebraucht. 

immensos — lacus] Uber die abge- 
schwachte Bedeutung von immensus 



74 



CORNELII TACITI 



manis classibus navigatos. ipsum quin etiam Oceanum illa tempta- 
vimus: et superesse adhuc Herculis columnas fama vulgavit, sive 
adiit Hercules, seu, quicquid ubique magnificum est, in clarita- 
tern eius referre consensimus. % nec defuit audentia Druso Ger- 
lOmanico: sed obstitit Oceanus in se simul atque in Herculem 
inquiri. mox nemo temptavit, sanctiusque ac reverentius visum 
de actis deorum credere quam scire. 

XXXV. Hacte nus in occidentem Germaniam novimus: in 
septentrionem ingenti flexu_ redit. ac primo statim Chaucorum 



vgl. zu K. 2. — Von den Seen wird 
uns der Flevo (der flutende) genannt; 
heute sind dieselben in der Zuyder- 
see vereinigt. Dafe T. auf die Binnen- 
seen keine besondere Rucksicht nimmt, 
geht aus dem Zusatze et R. cl. navi- 
gatos hervor. 

6. Oceanum illa temptavimus] Diese 
Worte konnen zunachst nicht auf die 
Kriegsfahrten des Drusus undGerma- 
nicus, sie miissen auf Erforschungs- 
expeditionen gehen. Vgl. zu K. 1. 

7. et superesse adhuc] „und dafs noch 
ubrig seien." Auch hier deuten viele 
auf deutsche Sage, und sehen in den 
Herkulessaulen entweder ein Andenken 
an des riesenhaften Hugilaichs Ge- 
beine oder verstehon unter ihnen Ir- 
minsaulen. Sehr wahrscheinlich aber 
ist das eineSchiffersage, die ihrenAn- 
halt, wenn ein solchernotwendigscheint, 
an Klippen, die man aus dem Meere 
hervorragen sah, oder an den Vorge- 
birgen, die man aus der Ferne erblickte, 
haben durfte. 

sive adiit H., seu] „Die Variation 
sive-seu, oder umgekehrt, findet sich 
bei T. zuerst Germ. 34 ; hist. 1 , 14 u. s. f. ; 
aber bei ungleich gebauten Satzen oder 
Satzteilen." Wblfflin. 

8. claritatem] claritas gleichbedeu- 
tend mit dem in den grofseren Schriften 
des Tac. vorherrschenden archaistischen 
claritudo. 

9. Druso Oermanico] konnen wir, 
wollen wir nicht ktinsteln , nur auf Dru- 
sus, der den Beinamen Oermanicus 
ebenfalls hatte, beziehen. 

XXXV. 2. ingenti fl.redit] Vgl.K.l 
und K. 37. Sehr ansprechend ist der 
Vorschlag von Heraus , redit in recedit 
zu andern, wenn wir ihm auch darin, 
was er gegen die Beweiskraft von Verg. 
Georg. 3, 351 sagt, nicht beistimmen 



konnen. Heraus' Conjectur wird ubri- 
gens wahrscheinlich durch ahnliche 
Stellen von Plinius, denen Eufsner 
noch Mela IH (1) 8 hinzufiigt. 

Gkaucorum] Der Name darf kaum 
anders ausgedeutet werden als so, dafc 
die Chauci, got. hauhai, „die hohen tt 
sind. tlber die bestimmtere Bedeutung 
eines solchen hohe konnen freilich immer 
noch Zweifel herrschen. Sind sie die 
Stolzen, oder einfach die korperlich 
Grofsen, oder dieHiigelbewohner? 
EineDeutung aber, nach der sie spot- 
tisch Gauche genannt waren, mussen 
wir abweisen. Die Chauken, in grofse 
und kleine geschieden (vgl. auch ann. 
11, 19), wohnten zwischen Ems und 
Elbe an der Nordsee, die grofsen von 
den kleinen durch die "Weser getrennt. 
Es sind die heutigen Ostfriesen. Nach 
Tacitus'Nachrichten hatte sich ein Stiick 
des chaukischen Gebietes bis zu den 
Chatten erstreckt. Das ist sehrunwahr- 
scheinlich; aber wir wagen nicht an- 
zunehmen, Tacitus habe Ghauci mit 
Ghaulci, was mit Angrivarii gleich- 
bedeutend sei , verwechselt und verstehe 
unter den Chatten die von diesen ge- 
demiitigten Cherusker. Nach Unterwer- 
fung der Friesen zog Drusus auch gegen 
die Chauken, und wir finden bei ihnen 
ann. 1,38 rom.Besatzung. Sie senden den 
Romern (ann. 1, 60; 2, 17) Hilfstruppen. 
Mit den Friesen emporen sich auch die 
Chauken; die Schwache des Kaisers 
Claudius, der Corbulo zuriickrief, schlug 
auch ihnen wie den Friesen zum Heile 
aus. Vgl. zu K. 34. Im batavischen 
Kriege kampfen sie wieder, wie die Frie- 
sen, gegen die Romer. "Wahrend Taci- 
tus und Velleius des Volkes Menge und 
Tiichtigkeit preisen , schweigt davon Pli- 
nius N. H. 16, 1 — 2, schildert dagegen 
als Augenzeuge ihr Land in den duster- 



GERMANIA. C. XXXV. XXXVI. 



75 



gens, quamquam incipiat a Frisiis ac partem litoris occupet, 
omnium quas exposui gentium lateribus obtenditur, donec in 
Chattos usque sinuetur. tam immensum terraruin " spatium non 5 
tenent tantum Chauci, sed et implent, populus inter Germanos 
nobilissimus quique magnitudinem suam malit iustitia tueri. sine 
cupiditate, sine impotentia, quieti secretique nulla provocant 
bella, nullis raptibus aut latrociniis populantur. id praecipuum 
virtutis ac virium argumentum est, quod, ut superiores agant, 10 
non per iniurias asse quuntu r; prompta tamen omnibus arma ac, 
si res poscat, exercitus, plurimum virorum equorumque; et 
quiescentibus eadem fama . 

XXXVI. In latere Chaucorum Chattorumque Cherusci 



sten Farben, und nicht nur fur Plinius' 
Zeit liegt dieser merkwiirdigen Schilde- 
rung Wahrheit zu Grunde. „Plinius 
hat uns die Chauken eben aus dieser 
Kustengegend aufs anschaulichste ge- 
schildert, mitEinzelziigen, welchenoch 
genau fur diejenigen der heutigen deut- 
schen Nordseeanwohner zutreffen, die 
gleich den Chauken des Altertums ohne 
Deichschutz gegen die JBlutwelle ihr Ob- 
dach auf kunstiichenErdaufwurfen suchen 
miissen: die Halligleute.* 1 Kirchhoff. 
6. sed et] Ygl. K. 15. 

8. impotentia] Ein hei Tacitus hau- 
figer Ausdruck fiir Mafslosigkeit, 
Leidenschaftlichkeit. Mit impo- 
tens vgl. axQctTyg. 

9. praeeipuum a.] „der wesent- 
lichste B. tt Vgl. zu K. 14. 

12. si res poseat, exereitus] Wie 
schon Orelli bemerkt hat, ist si res 
poscat ohne Objekt stehende Formel. 
Gewiis ist plurimum nicht Genitiv fiir 
plurimorum, sondern, wenn nichts fehlt, 
Apposition zu exercitus; wir wollen aber 
nichtleugnen, daSs hinter plurimum em 
enim ausgefallen sein konne. Hirsch- 
felder schreibt ad exercitus pl. Ein- 
facher ist die fruher von Heraus vor- 
geschlagene Anderung exercitui: „alle 
haben dieWaffen stets in Bereitschaft, 
und wenn es not thut, fehlt es dem 
Heere nicht an zahlreichen Mannen und 
Rossen." Bahrens liestmit Weidner 
excitur pl. v., und et qu. ea prodest 
fama. Halm und "Walch, denen jetzt 
Heraus beistimmen soll, klammem 
exercitus ein. 



XXXVI. 1. Gherusci] Der Name des 
Stammes, wenn in ihm & richtig ist, 
kann nicht criniti ausgedeutet werden, 
sondern mufs von altem cAerw, d. i. got. 
hairu m., Schwert, stammen , und Heru 
kann auch Beiname eines Gottes ge- 
wesen sein. Dem Sinne nach ist also der 
Name Gherusci wesentlich gleich mit dem 
Namen der Saxoties von sahs. M ii 1 1 e n - 
hoff D. A. II, 303 zahlt die Cherusker 
mit den Hermunduren, Semnonen und 
Langobarden zum hochdeutschen Stamme 
(Herminonen). Sie wohnten westlich 
von der mittleren Weser bis zur mitt- 
leren Elbe im Norden der Chatten. Zu 
Casars Zeit trennt sie die Bacenis von 
den Sueben (Chatten); nach Tacitus bil- 
det ihre Nordgrenze gegen die Angrivarii 
ein latus agger in der Gegend zwischen 
Minden und Hameln. Die Geschichte 
der Ch. ist durch ihren Fuhrer Armi- 
nius eine glorreiche; mit gutemRechte 
kann Arminius liberator Germaniae 
heifsen. Unter ihm ward im J. 9 n. Chr. 
Varus zuriickgeschlagen und dessenHeer 
vernichtet. Schliefslich resultatlos sind 
die Ziige des Germanicus gegen die Che- 
rusker geblieben. Und nicht nur gegen 
aufsen wandten die Cherusker fremde 
Herrachaft ab, auch im eigenen Lande 
wird des Maroboduus Ubermacht wieder 
unter der Leitung des Cheruskerherzogs 
Arminius geschwacht. Aber, weil Ar- 
minius angebiich nach dem Kbnigtum 
trachtete, fallt er im J. 19 dolo propin- 
quorum, und mit ihm endet das Sieges- 
gliick der Cherusker. Das Volk, das 
Tacitus schon in der Germania als sehr 
henmtergekommen schildert , verschwin- 



76 



CORNELII TACITI 



nimiam ac marcentem diu pacem inlacessiti nutrierunt: idque 
iucundius quam tutius fuit, quia inter impotentes et validos falso 
quiescas: ubi manu agitur, modestia ac probitas nomina supe- 
5 rioris sunt ita qui olim boni aequique Cherusci, nunc inertes 
ac stulti vocantur: Chattis victoribus fortuna in sapientiam jcessit. 
tracti ruina Cheruscorum et Fosi, contermina gens. adversarum 
rerum ex aequo socii sunt, cum in secundis minores fuissent. 
XXXVII. Eundem Germaniae sinum proximi Oceano 



det spater als solches aus derGeschichte; 
„denn dieErwahnungen beiPanegyrikern 
und Poeten scheinen blofse Phrase zu 
. sein, und auf der romischen Karte figu- 
rierte es nur noch als Antiquitat." Mtil- 
lenhoff. 

2. nimiam ac marcentem diu p.] 
ist eine nicht ganz zutreffende Bemer- 
kung. Tacitus ann. 11 , 16: Eodem anno 
Cheruscorum gens regem Roma peti- 
vit, amissis per interna bella 
nobilibus cet.; 12, 28 (im J. 50 n. Chr.): 
Cherusciy cum quis aetemum discor- 
dant Chatti. Eher innere Zwietracht 
also und zugleichKampfe mitdenChatten 
als entnervender Friede brachten den 
Cheruskern Verderben. 

marcentem p.] marcere in solcher 
Verbindung ein AVort der Dichter und 
Prosaiker des silbernen Zeitalters. 

3. iucundius quamS tutius] Diesen 
regelmafsigen Ausdruck bei der 
Vergleichung zweier Eigenschaften an 
einem und demselben Gegenstande 
braucht Tacitus nur bei zweisilbiger 
Endung. 

falso quiescas] In falso liegt ein 
ganzerSatz des Urteiles; bezeichnet es 
doch nicht die Art der Ruhe. 

4. modestia ac probitas n. s. s.] 
Lesen wir statt des hdschr. iiberliefer- 
ten nomine nomina, so kann das nur 
heifsen: Mafshaltung und Rechtlichkeit 
sind Namen (Titel) des Siegers. Das 
ist eine nicht gerade gliickliche Wen- 
dung, um auszudriicken, dafs dem Be- 
siegten auch die Ehre des guten Rufes 
verloren gehe. Es konnte darum nicht 
an Verbesserungsvorschlagen fehlen. 
Heinsius las superiori und erklarte 
nomina als n. inania; Holtzmann: 
minime superioris s.; Holder (1882) 
liest nomine superiores. Bfihrens 
meint, was wir nicht vorstehen, m. ac pr. 
nec nomine superiores sunt; als Gegen- 



satz sei zu erganzen nedum re (pugna). 
Halm dachte an ignominiae superiori 
sunt. Miiller vermutet nomina igna- 
viae superiori simt und verweist auf 
Sen. ep. 45 , 7 : moderatio vocatur igna- 
via. Mit Recht findet Zernial den 
Dativ superiori in Halms und Mullers 
Vermutung auffallend; er findet Holders 
Lesart am annehmbarsten, d. h. am 
meisten den erwarteten Sinn treffend. 

5. nunc inertes ac stulti] Daiin 
darf man nicht mit Wackernagel die 
Ubersetzung eines deutschen Spott- 
namens sehen. in sap. cessit] = in s. 
vertit. — Den Namen der nur hier er- 
wfihnten Fosi leitet man gemeiniglich 
vom Mulsnamen Fuse her; hochstens 
diirfte man in ihm denselben Wortstamm 
{fusa- = alterem funsa-, schnell) 
sehen. Aber auch das hat lautliche Be- 
denken. 

8. ex aequo] Dieser Ausdruck eines 
Adverbiums durch die Praposition hat 
im silbernen Zeitalter sehr zugenommen. 
Vergl. K. 27, 8. 

XXX VH. 1. Ekmdem Qermaniae 
sinum] Damk weist Tac. doch sicher 
auf Kap. 35 ingenti flexu zuriick. Er 
bezeichnet mit sinus hier offenbar die 
Landausbiegung gegen das Meer hin, 
und zwar recht allgemein; er versetzt 
also die parva civitas Gimbrorum gar 
nicht so bestimmt, wie z. B. Ptolemaus, 
auf die sog. Kimbrische Halbinsel; die 
civ. Cimbr. liegt ihm nicht im Meere, 
sondern nur zunachst am Meere. Miil- 
lenhoff ubersetzt: denselben Winkel, 
Strich Germaniens. Die schon alte 
Korrektur situm ist durchaus unnotig. 
Der Umstand, dafs mit dem unmittel- 
bar Vorhergehenden kein Zusammen- 
hang zu bestehen scheint, dafe die Sue- 
ben sehrgutunmittelbarandie Cherusker 
sich anreihen wiirden, dafs Tacitus sehr 
wenig von dem Staato der Cimbern in 



GERMANIA. C. XXXVII. 



77 



Cimbri tenent, parva nunc civitas, sed gloria ingens. veterisque 

famae lata vestigia manent, utraqne ripa castra ac spatia, quo- 

rum ambitu nunc quoque metiaris njolem manusque^_ gentis et 

tam magni exitus fidem. sescentesimum et quadragesimum 5 G»^ '■> 

annum urbs nostra agebat, cum primum Cimbrorum audita sunt 

arma, Caecilio Metello et Papirio Carbone consulibus. ex quo 

si ad alterum. imperatoris Traiani consulatum computemus, 

ducenti ferme et decem anni colliguntur: tam diu Germania vin- *2_? C^ 



i 



seiner Zeit zu sagen weifs, brachte 
Hirschfelder zu der Ansicht, dafs 
diese ganze Partie erst nach dem Ab- 
schlusse der Germania in der Absicht 
eingelegt worden sei, um mit der Er- 
wShnung der Cimbern aufs neue der 
Gefahr zu gedenken , die von Germanien 
drohe. Ortmann erklart sehr kunst- 
lich eundem s. „dieselbe, nur die 
Ausbucht." 

2. Cimbri] Uber die Deutschheit der 
Cimbern sind heute so ziemlich alle 
Forscher einig, wenn denselben auch 
auf ihren langen Ztigen andere Stamme 
sich beimischten. Unrichtig ist die Deu- 
tung des Namens durch Zusammen- 
stellung dcr Cimbern mit den Cimmerii 
oder Cymren (alt Combroges); aber 
deutsche Ableitung weist Mullenhoff 
nach sorgfaltiger Erwagung der Erkla- 
rungen von Zeufs und Grimm ab und 
sieht darin einen gallischen Beinamon, 
der eine Schelte („die Rauber", cf. Plut. 
Mar. 11) bedeutete. — Miillenhoff hat 
in einem Hauptabschnitte des 2. Teils 
der D. A. iiber die urspriingliche Hei- 
mat, die Wanderungen und die spater 
fingierten Sitze der Cimbern in Deutsch- 
land reiches Licht verbreitet; er hat die 
Sage uber die grolse Flut, die hochstens 
von den spater mit den Cimbern zu- 
sammengeworfenen Teutonen einige Gel- 
tung haben konnte, auf ihre wahre Be- 
deutung zuriickgefuhrt. DieCimbernlafet 
er von der mittlern Elbe , die Teutonen 
von dem Nordwesten Germaniens aus- 
ziehen. Die iibrige Geschichte derselben 
beriihren wir nur, soweit es notig ist, 
um Tac. zu erklaren. Genauer hat diese 
M. ausgefuhrt und namentlich auch auf 
die diesfalligenTJngenauigkeiten des Tac. 
hingewiesen. Dafs zur Zeit des Augustus 
und des Tacitus keine civitas Gvmbro- 
rum in diesem Winkel Germaniens oder 
auf der Kimbrischen Halbinsel mehr be- 



stand, das hat M. a. 0. glanzend be- 
wiesen und darauf schon in seiner Pro- 
grammabhandlung iiber die Weltk. u. 
Chorogr. des A. p. 12 deutlich genug 
aufmerksam gemacht. 

gloria ingens] Nach ann. 11, 10: 
Vardanes regreditur ingens gloria ist 
auch hier gloria eher Ablativ als No- 
minativ. 

3. utraque ripa] kann nur hei&en „an 
den beidseitigen Ufern eines und des- 
selben Elusses", und dieser Flufs kann 
nach demZusammenhange nur derRhein 
sein. Denn, was Mullenhoff (Nord- 
alb. Stud. 1, 135) annahm, ripa diirfte 
dem sinus, der Landbucht, zukommen, 
wird kaum sprachlich gerechtfertigt wer- 
den konnen. Es ist ja hier auch vom 
exitus die Rede. Die Anderung von 
lata in late ist unnotig. 

eastra ae spatia] „weite Lager- 
raume tt , ein £V &ia ivoTv. 

4. manus] nicht Scharen, sondern, 
wie ann. 1, 61, Hande. 

5. tam magni exitus fidem] „die 
Glaubwiirdigkeit, Wahrheit ei- 
nes so machtigen (wie er allen 
bekannt ist) Auszuges." 

sescentesimum et quadrages. ann.] 
Genau genommen war es der a. sese. 
quadrages. primus; aber Tac. rundet 
nachWeise der kunstlerischen Ge- 
schichtsschreibung die Zahl ab. 

6. cum primum] primum zu audita 
sunt zu ziehen. 

8. ad alterum ■ — Traiani consu- 
latum] Das ist das Jahr 98 n. Chr. 
In diesem Jahre also schrieb Tacitus 
seine Germania, wahrend Trajan noch 
in Germanien die Grenzverhaltnisse 
regulierte, die Romer aber sehnsiiohtig 
seine Ruckkehr erwarteten. Vgl. Ein- 
teitung. 

9. ducenti ferme et d. a.] In den 
historischen Schriften braucht Ta- 



78 



CORNELH TACITI 



lOcitur. medio tam longi aevi spatio multa invicem damna. non 
Samnis, non Poeni, non Hispaniae Galliaeve, ne Parthi quidem 
saepius admon ufire: quippe regno Arsacis acrior est Germanorum 
libertas. quid enim aliud nobis quam caedem Crassi amisso 
et ipse Pacoro infra Ventidium deiectua oriens obiecerit? at 

15Germani Carbone et Cassio et Scauro Aurelio et Servilio Cae- 



citus nur die Form ferme, nicht fere. 
Beide gleichwurzelige Partikeln — ferme 
Superlativ von fere — aber entsprechen 
der Etymologie nach unserm fast, dem 
Adverbium zu fest, gr. fidhOTct. 

tam diu — vincitur] d. h. ver- 
suchen wir — zu besiegen. 

10. non Samnis, non Poeni cet.] 
Anaphora. hist 3, 59 : Samnis Paeli- 
gnusque et Marsi. Dieser Wechsel 
von Pluralis und Singularis fangt schon 
bei Iivius an. — Die geschichtlichen 
Daten der Kampfe iiber den Prinzipat 
zwischen den beiden edeln italischen 
St&mmen, dem latinischen und sa- 
bellischen, zwischenRom undKar- 
thago, und dervielen und schwierigen 
Kriege gegen Gallien undHispanien 
fiihren wir nicht im einzelnen auf. 

1 1 . ne Parthi quidem] Die P a r t h e r 
scheinen nach neueren Forschungen im 
Kerne ein indogermanisches und 
dem iranischen Stamme angehoren- 
des Volk gewesen zu seio, wenn sie 
auch durch fruhe Sonderung turani- 
sches Geprage angenommen haben. Der 
Parther heifst auf den persischen 
Keilinschriften Parthava. 

12. Statt admonuere schlagt Bah- 
rens adtonuere vor. 

regno Arsacis] Arsaces stiftefce das 
Partherreich im J. 256 v. Chr., und, 
um sich als Perserkonig zu legitimieren, 
leitete er sein Geschlecht von Artaxer- 
xes II., der vor seiner Thronbesteigung 
A r s a c e s geheifsen hatte, her. Die alt- 
pei-sische Form des Namens ist Arsaka, 
das ungefalir derselben Bedeutung zu 
sein scheint, wie lat. Nero, d. h. der 
Mannhafte. "Wie Caesar bei den 
Romern, wurde dann Arsaces Beiname 
der Partherkonige iiberhaupt. 

13. amisso et ipse Paeoro] „Es 
steht zuweilen ein passivischer Ab- 
lativus absolutus mit dem Partizip des 
Perfekts, der aber eine Apposition in 
sich aufnimmt, als ware die Struktur 
aktivisch und enthielte ein Participium 



des aktiven Perfekts im Nominativ.* 
Nfigelsbach. Vgl. auch Madvig, 
Kl. phil. Schr. S. 375. — Pacorus war 
Sohn des Konigs Orodes und heifet 
selbst rex, Prinz, beiTac. hist. 5,9. Er 
hatte auf Befehl seines Vaters imBunde 
mit dem Republikaner Labienus, einem 
Agenten von Brutus und Gassius, schon 
40 v. Chr. den Euphrat uberschritten. 

14. infra Ventidium deiectus] ^unter 
einen Ventidius." P. Ventidius Bassus 
aus Piccnum wurde im Sozialkriege als 
unmiindiger Knabe mit seiner Mutter 
gefangen und im Triumphe vor dem 
AVagen des Imperators samt andern 
Gefangenen einhergefuhrt. Erwachsen 
suchte er seinen Unterhalt durch Liefe- 
rung von Wagen und Maultieren an 
die in die Provinzen abgehenden Magi- 
strate. So auch dem Casar bekannt ge- 
worden, folgte er demselben nach Gallien 
und stieg durch seine geschickte Thatig- 
keit in dessen Gunst so sehr, da£s er 
Senator, Volkstribun und fiir das J. 711 
Prator wurdo. Nach Casars Tod schlug 
er sich zu Antonius, ward mit ihm als 
hostis erklSrt, aber noch in demselben 
jahre durch die Triumvirn zum Konsul 
erhoben. Im J. 39 v. Chr. als Legat 
des Antonius nach dem Osten gesandt, 
besiegte er Labienus und die Parther, 
und als Pacorus im J. 38 mit einer 
neuen Partherschar heranzog, schlug 
er auch diese, und Pacorus fiel. Ta- 
citus in seiner aristokratischen Gesin- 
nung sieht in der Niederlage durch 
einen Ventidius eine schmachvolle De- 
miitigung. Dafs aber die Erhebung 
des Ventidius zum Konsul noch viele 
Romer argei*te, verraten folgende in den 
Strafeen der Stadt verbreiteten Verse : 
Concurrite omnes augures, haruspices. 
Portentum inusitdtum conflatum 'st 

recens: 
Ndm mulos qui fricdbat, consul 
fdctus est. 

15. Carbone] Cn. Papirius Carbo 
wurde unweit Noreia im heutigen Karn- 



GERMANIA. C. XXXVII. 



79 



pione Gnaeoque Mallio fusis vel eaptis quinque simul consularis 
exercitus populo Romano, Varum trisque cum eo legiones etiam 
Caesari abstulerunt; nec impune C. Marius in. Italia, divus Iulius 
in Gallia, Drusus ac Nero et Germanicus in suis eos sedibus 
gerculerunt. mox ingente s C. Caesaris minae in ludibrium20 
versae. inde otium, donec occasione discordiae nostrae et civi- 



ten von den Gimbeni geschlagen, welche 
er durch Hinterlist fangen wollte. Nur 
ein Unwetter verhinderte die vollstan- 
dige Vernichtung des romischen Heeres 
(113 v. Chr.). Ein zweiter von T. hier 
nicht beriihrter Sieg wurdo von den 
Cimbern im siidlichen Gallien im J. 109 
iiber M. Junius Silanus erfochten. Er 
wurde dahei vollstandig geschlagen und 
das rbmische Lager genommen. 

Cassio] L. Cassius Longinus 
wurde (107) nicht von den Cimbern, 
sondern von den helvetischen (kel- 
tischen) Taugenern und Tiguri- 
nern, welche den Jura uberschritteu 
hatten und his in das Gehiet der Ni- 
tiobrogen an der Garonne gelangt 
waren, in einen Hinterhalt gelockt und 
fand da nebst seinem Legaten L. Piso 
und dem grofsten Teile seiner Soldaten 
den Tod ; der Rest des Heeres mufste 
in schimpf lichster Weise abziehen. Hier 
ist also Tacitus ungenau. 

et Scauro Aurelio cet.] „Gegen die 
Cimbern befehligte (in der Nahe des 
heutigen Orange) am rechten Rhone- 
ufer der Prokonsul Qu. Servilius Cae- 
pio, am linken der Konsul Cn. Mal- 
lius Maximus und unter ihm an der 
Spitze eines abgesonderten Corps sein 
Legat, der Konsular M. Aurelius Seau- 
rus.* Mommsen. Zuerst ward Au- 
relius Scaurus vollig geschlagen und 
als Gefangener im cimbrischen Haupt- 
quartier auf seine stolze Aufeerung hin 
getotet. Eine zweite Niederlage und 
vollige Vernichtung traf dann den Capio, 
die dritte den Mallius (105). „Es war 
eine Katastrophe, die materiell und 
moralisch den Tag von Canna" weit 
uberbot." — C. Marius besiegte be- 
kanntlich im J. 101 die Cimbern auf 
den raudischen Feldern in der N&he 
von Vercella. 

16. Die Handschriffcen uberliefern 
Marco quoque oder Mareoque M. Er- 
nesti korrigierte Cn. quoque, Halm 
Onaeoque, Bahrens Maximoque. 



18. Mit Ritter setzt Miiller Augusto 
hinter Caesari ein. — divus Iulius in 
Oallia] Nicht ohne Verluste seinerseits 
schlug Casar im J. 58 den Ariovistus, 
der rex Sueborum hiefs, nicht ohne der 
Romer Schaden und schhefslich nicht 
mit den edelsten Mitteln drangte er die 
Tenkterer und Usipeter (55) iiber den 
Rhein zuriick. Er selbst uberschritt 
zweimal den Rhein ohne besondere Er- 
folge. (B. G. 4,16; 6,9.) 

19. Drusus ae Nero et Qermani- 
cus] „Variant et et atque sine ullo 
significationis diserimine. a Spitta. 
— Augustus hatte den Plan, Germa- 
nien bis an die Elbo zu unterwerfen. 
Drusus draog. allerdings im letzten 
seiner vier Feldziige gegen Deutsch- 
land (in den Jahren 12 — 9) bis an die 
Elbe, kehrte aber eilends um, nach- 
dem er Trophaen errichtet, und starb 
auf diesem Riickzuge. Grofsere Er- 
folge als Drusus gewann Tiberius Nero 
in Germanien zum Teile durcb seine 
WafFen und seine Flotte, aber eberiso 
sehr durch dipldmatische Unterhand- 
lung. Tiberius war dort in den Jahren 
8 und 7 v. Chr., 4, 5 und 11 ri. Chr. 
thatig. Germanicus, des Drusus Sohri, 
vermochte in seinen vier Feldzugen 
gegen die Germanen (14 — 16 n. Chr.) 
das Verlorene nicht wieder zu gewinnen, 
wie denn auch des Tiberius letzter 
germanischer Feldzug, den er im Jahre 
11 mit Germanicus untemommen hatte, 
von keinem wesentlichen Erfolge ge* 
kroht war. 

20. ingentes C. Caes. m.] Caligula 
machte nach gewaltigen Rustungen 
eihen verriickten Scheinangriff auf Ger- 
manien und fuhrte dann' Gallier, die 
fur Germanen ausgegeben wurden^ als 
Kriegsgefangene im Triumphe auf. He- 
raus zu Tac. hist. 4,45. An dieser 
Stelle heiist es alinlich: Gaianarum 
expeditionum ludibrium. 

21. donee occasione cet.] Tacitus 
deutet damit hin auf die Kampfe zwi- 



80 



CORNELH TACITI 



lium annorurn exp ugnatis legionum hibernis etiam Gallias affecta- 
vere; ac rursus inde pulsi proximis temporibus triumphati magis 
quam victi sunt. 

XXXVIII. Nunc de Suebis dicendum est, quorum non una, 
ut Chattorum Tencterorumve, gens: maiorem enim Germaniae 
partem orjtinent propriis adhuc nationibus nominibusque discreti, 
quamquam in commune Suebi vocentur. 
5 insigne gentis obliquare crinem nodoque substringere: sic 

Suebi a ceteris Germanis, sic Sueborum ingenui a servis sepa- 



schen Otho und Vitellius, zwischen 
Vitellius und Vespasianus. Wah- 
rend des Zwistes der beiden letztern 
standen die Bataver auf und drangen 
in Verbindung mit uberrheinischen Ger- 
manen in GaTlien vor, wo Civilis ein 
Reich zu grunden dachte. 

23. proximis temporibus] unter Do- 
mitian. Tac. Agricola 39: Inerat con- 
scimtia derisui fuisse nuper falsum 
e Oermania triumphum, emptis per 
commercia, quorum habitus et crines 
in captivorum speciern formarentur. 
Cassius Dio 67,41: EigOTQUTevoag cf 
etg rtQfiuvlav xu\ firjtf iwQaxtog nov 
nolifiiov inuvrjxe. Sueton erzahlt uns, 
D. habe iiber die Chatten triumphiert. 

triumphati magis cet.] Tacitus 
gebraucht hier nach Dichter Art trium- 
phare als Transitivum, aber doch wohl 
nur im part. perf., da ann. 12,19 anders 
erklart werden kann. Richtiger stellt 
diese germanischen Kampfe des Domi- 
tian Frontinus dar; vergl. Asbach, 
a. a. 0. S. 6. 

XXXVHI. 1. Nunc de Suebis] tfber 
den Namen vgl. zu E. 2. Nach E. 2 
sind sie den nordostlichen Vandi- 
liern und den westlichen Istvaonen 
sie sind hermino- 



nischen Schlages, und in ihnen liegt 
der Kern der Hochdeutschen. Wir 
konnen nicht leugnen, dafs die Be- 
zeichnung Suebi bei Tacitus eine recht 
unsichere und wesentlich nur eine geo- 
graphische ist. Die germanischen 
Yolker zerfallen ihm in Sueben und 
Nichtsueben. Vgl. Dr. B. Leh- 
mann, Das Volk der Sueben von Casar 
bis Tacitus. Deutsch-Erone 1883. nunc 
dient sehr haufig, um neue Teile, neue 
Beweise u. s. f. einzuleiten. Hier be- 



ginnt der zweite Hauptteil der Taci- 
teischen Ethnographie. 

3. adhuc] ist hier nicht sehr wesent- 
lich; es bedeutet nobg TovToig: „sie 
zerfallen zudem tt u. s. f. 

5. insigne gentis obliquare crinem 
nodoque substringere] Es ist dem 
Stamme eigentumlich, ein Ab- 
zeichen des St, das Haar seit- 
warts zu streichen undmit einem 
Enoten zu unterbinden. — Eine 
solche Haartracht schreiben mehrere 
romische Schriftsteller, wie Seneca, Ju- 
venal u. a., den Germanen iiberhaupt 
zu. Eaufmann: Das einzige, was 
des Tacitus' Sueben gemeinsam gehabt 
haben sollen, ist die Haartracht, und 
auch diese Angabe ist wahrscheinlich 
falsch. Neuere Interpreten der G., wenu 
sie auf die Sache iiberhaupt einge- 
gangen sind, nehmen an, dafs T. von 
der Haartracht der Sueben zweierlei 
aussage: 1) rede er von einem (allge- 
meinen) Zusammennehmen der Haare 
in einen Zopf am Hinterkopfe, 2) (als 
von etwas Besonderom) von einem Eno- 
ten auf dem Scheitel. Diese Scheidung 
ist nicht zwingend bewiesen. Feist, 
Grundrife der got. Et. Nr. 508, sagt: 
skuft von skinbau, eig. das von der 
Stirn zuriickgeschobene ; Tacitus, Germ. 
cap. 38, schildert uns diese Art der 
Haartracht bei den Sueben und anderen 
germ. Stammen. J. Grimm sieht frei- 
Rch in dem hier zu Grunde liegenden 
skinbau nur einen anderen Ausdruck 
fiir wachsen. 

sic Suebi a. c. O., sic Sueborum 
ingenui a. s. s.] Der Haarschmuok ist 
Zeichen der Freien, die Sklaven 
trugen kurzgeschnittene Haare. 



GERMANIA. C. XXXVIII. 



81 



rantur. in aliis gentibus seu cognatione aliqua Sueborum seu, 
quod saepe accidit, imitatione, rarum et intra iuventae spatium, 
apud Suebos usque ad canitiem horrentem capillum retro 
sequuntur, ac saepe in ipso solo vertici relig&nt; principes etlO 
ornatiorem habent. ea cura formae, sed innoxia; neque enim ut 
ament amenturve, in altitudinem quandam et terrorem adituri 
bella comptius hostium oculis ornantur. 



7. in aliis gentibus — rarum cet.] 
Wir fassen hier mit Gantrelle und 
Ortmann rarum und intra iuventae 
spatium (eine Erscheinung, die auf die 
Zeit der Jugend beschrankt ist) als 
Apposition zu retro sequuntur. apud 
Suebos steht dann da, um den Gegen- 
satz gegen in aliis gentibus hervor- 
zuheben. Andere erganzen zu rarum 
ein hoc est. 

9. apud Suebos — h. c. retro se- 
quuntur] ist tJberlieferung der besten 
Handschriften , welche auch Nipper- 
dey aufnimmt und in neuerer Zeit 
Baumstark und Ortmann vertei- 
digt haben. Statt retro sequuntur 
wollte Lachmann recurvant, Haupt 
der tJberlieferung naher retrosum agunt 
(miifste jedenfalls retrorsm heifsen) 
lesen, Drohsin — wir meinen, ent- 
schieden unrichtig — retrosum comunt; 
Halm, welcher wegen derWorte apud 
Suebos eine unpersonliche Konstruktion 
forderte, las friiher retro agere (oder 
retorquere) suetum oder apud Suebos 
suetum — retrorsum agere. — Am 
meisten Anklang hat Madwigs retor- 
quent gefunden, und retorquent steht 
nun auch in Halms Text. In Hol- 
ders Ausgabe lesen wir retro sepo- 
nunt. Die neueste Zeit hat noch mehr 
Vorschlage eingebracht. Schiitz ver- 
mutet retrosus pectunt ; Bahrens ver- 
setzt sequuntur: apud Suebos ad c. 
sequuntur und fahrt dann fort: korr. 

c. retro religant. Spalter 

kommt wieder auf retrosum zuriick; 
er liest retrosum torquent. Als Uber- 
lieferung diirfen wir ferner bezeichnen 
in ipso solo vertice, was gemeiniglich 
iibersetzt wird „nur gerade auf dem 
Scheitel"; Baumstark: „man bindet 
es oft gerade auf dem blofsen Scheitel." 
Sehr kunstlich Ortmann, der mit solo 
vertice ein sola loca vergleicht: „und 
oft bindet man es sogar auf dem schon 
en tblofeten Scheitel. tt Lachmann und 



Nipperdey behalten solo bei und er- 
klaren in ipso solo „in sich selbst tt 
(wird es geknotet); aber der erstero 
korrigiert dann vertici „auf den Schei- 
tel", der letztere andert vertice in cor- 
tice. Einem solchen Brauche stande 
der omatus der principes entgegen. 
Hirschfelder und Halm tilgen solo: 
„sie streichen das Haar zuriick, und oft 
bindet man es auf dem Sch. selbst." 
Schutz vermutet in ipso solum ver- 
tice, d. h. „oft thun sie weiter nichts, 
als dafs sie das Haar auf dem Scheitel 
selbst festbinden." Bahrens: in ipso 
summo vertice. Ahnliches, aber nicht 
Gleiches liegt in der Stelle von Quin- 
tilian XI, 3, 160: Vitiosa enim sunt 
illa .... eapillos a fronte contra 
naturam retro agere, ut sit hor- 
ror ille terribilis. 

10. principes et ornatiorem habmt] 
Principes sind hier sicher wieder 
nicht Beamte, sondern es sind die 
herrschenden Geschlechter, auch 
die Konige selbst. Diose tragen 
ihr Haar auch mit grofserm 
Schmucke. Vergl. die criniti der 
Franken, die capillati der Goten, die 
Haxdingen der Vandalen. Bfihrens 
stellt nach c. u. H. ornatorem her: 
„die suebischen Fursten haben fur 
die Fflege des Haares einen besondern 
Diener, einen Haarkiinstler." (!) Statt 
compti ut der Biicher hatLachmann 
die unzweifelhaft richtige Lesart comp- 
tiu8 hergestellt. Halm setzt ut in 
Klammem. Wunderlich Bahrens: in- 
noxia (neque enim ut ament amen- 
tur vel in altitudinem quandam et 
terrorem): adituri bella ut compti 
hostium oculis ornantur, „sie thun 
dies lediglich, um ihren Feinden zier- 
lich vor die Augen zu treten. Das 
ist in der That ein unschuldiges Ver- 
gniigen gewesen." (!) Miiller nimmt 
comptius von Lachmann auf, be- 
halt aber ut bei. 



Schweizer-Sidler, Tacitus' Qeim. Ed. 5. 



82 



COENEUI TACITI 



XXXIX. Vetustissimos nobilissimosque Sueborum Semno- 
nes memorant; fides antiquitatis religione firmatur. stato tem- 
pore in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes 
eiusdem sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice 
5 homine celebrant barbari ritus horrenda primordia. est et alia 
luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor 
et potestatem numinis prae se ferens. si forte prolapsus est, 
attolli et insurgere haud licitum: per humum evolvuntur. eoque 
omnis superstitio respicit, tamquam inde initia gentis, ibi regnator 



XXXTX. 1. Semnones] Den ttamen 
leiten die einen von Suebi ab, wie 
Scmnites von Sabini, andere denken 
an samnon, sammeln, wieder andere 
an den Semanawald. Mullenhoff 
sieht darin einen hieratischen Na- 
men, zuriickzufiihren auf den Stamm 
siman und die einfache Wurzel si 
binden. Semnones seien diejenigen, 
die sich dem Gotte zu dienen fesseln. 
Ob diese schone Deutung lautlich zu 
rechtfertigen sei? Die Semnonen wohn- 
ten zwischen Elbe und Oder, im Siiden 
der Langobarden, im Norden der Marko- 
manen und Hermunduren, „so dafs der 
Flaming wohl, die Niederlausitz bis 
gegen die Oder hin und nordlicher 
herauf der Sitz dieses machtigen Volkes 
war. tt Ihre Nachkommen sind die Ju- 
thungen, die heutigen Schwaben. 
Das se nach vetustissimos lassen einige 
Handschriften weg, und wie sehr mit 
Recht, hat Heraus gezeigt. 

2. fides antiquitatisnet] Die Glaub- 
wurdigkeit ihres Altertums u.s. f. 

stato tempore] ist nicht etwa = 
statuto, eonstituto tempore, sondern 
„in feststehender, wiederkehren- 
der Zeit. tt Und hbchst wahrschein- 
lich fiel der Zeitpuukt dieses Festes 
in den Herbst. — Als die bestimmte 
silva nehmen Grimm und Miillen- 
hoff die Semana. 

3. auguriis cet.] ist ein Hexameter. 
Rhythmische Stellen in Prosa werden 
yon Cicero und Quintilian getadeli 
Uber Shnliche Stellen bei Tac. vergl. 
Nipperdey zu ann. 1, 1. — auguria 
kann Weihe bedeuten, da die Vor- 
zeichen ein wesentlicher Teil dersel- 
ben sind. — formido ist dichterischer 
starker Ausdruck fiir heilige, reli- 
giose Scheu. 



konnen wir hier nur 
rnesti als initia, /llvottjqccc 
nicht allgemein als saera. 
Baumstark, indem er an der Grund- 
hedeutwag wonprimordia festhalt: „die 
Uranfange solcher religiosen Feier tt ; 
Kritz-Hirschfelder: „barbara sacra 
sua, quae ab horrenda re incipiunt. tt 

6. nemo nisi vine. ligatus] Tacitus 
spricht hier nicht von einem anulus, 
wio bei den Chatten, sondern von einem 
vinculum, wohl einem Strick von ge- 
drehten Reisern, einer widi oder ver- 
starkt got. kunavida, ahd. chunawith. 
Ein solcher Strick heifst im Altsachs. 
simo m., altn. swni, Worter, deren 
Wurzel im Sanskrit **, im iit. si-t 
(Inf.) noch lebendig ist. Vgl. griech. 
i[X€tg. — ut minor] weil er niedriger 
sei. 

8. attolli und evolvuntur] in me- 
dialer Bedeutung. 

9. superstitio] religioser Brauch von 
Barbaren. Vgl. Kritz zu Agric. 11. 

tamquam] weil — seien; zu er- 
ganzen sint. XJber die Formen von 
esse, welche bei Tac. fehlen kbnnen, 
vgl. Nipperdey zu ann. 1, 7. 

initia gentis] Scharfsinnig schlieJst 
Miillenhoff, dafs daher der Beiname 
Juthungen, den nachher die Semnonen 
als Namen getragen haben, stamme; es 
seien dieselben, welche bei Casar Eu- 
dusii (?) hiefsen, und wie nordisches 
iodhungr den Sprofsling bedeute, 
so bezeichne auch Juthungi dieNach- 
kommen, Sohne (des grofsen Gottes). 

regnator omnium deus] Der Gott 
ist wohl kein anderer als Tiu, der 
spater, ahnlich wie Mars bei den Ro- 
mern, zum blofsen Kriegsgotte herab- 
gesunken ist (nicht V 6 d a n ). Urspriing- 
lich wird er, dessen Name dem incUschen 
Dyaus, giiechischen Zevg, romischen 



GERMANIA. C. XXXIX. XL. 



83 



omnium deus, cetera subiecta atque garentia. adicit auctoritatem 10 
fortuna Semnonum: centum jaag i iis habitantur, magnoque corpore 
efficitur, ut se Sueborum caput credant. 

XL. Contra Langobardos paucitas nobilitat: plurimis ac 
valentissimis nationibus^incti non per obsequium, sed proeliis 
ac periclitando tuti sunt 

Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini et Eudoses 



Iupiter (Iovis pater) entspricht, ein 
hoher Himmelsgott gewesen sein. Die 
Schwaben nannten sich auch Ziuwarii 
„Ziuverehrer. tt 

10. adieit auctoritatem] Es be- 
glaubigt das. 

11. eentum pagi iis habitantur] So 
korrigierte Brotier das hdschr. iiber- 
lieferte pagis kabitantur. Tacitus diirfte 
hier den Semnonen allein zugeschrie- 
ben haben, was Casar von allen Sueben 
meldet. Dafs iibrigens der Ausdruck 
pagus immer denselben Umfang von 
Land oder dieselbe Anzahl von Fami- 
lien umfasse, ist ja gar nicht bewiesen. 

corpore] corpus ist unser Korper- 
schaft, Gesamtheit. 

XL. 1. Langobardos] Ihr Name 
wird verschieden gedeutet. Denkt man 
an eine Stelle des Paulus Diaconus, 
so scheinen damit die Langbarte be- 
zoichnet, und warum dieser Deutung 
der Umstand widerstreiten soll, dafs sie 
auch blofs Bardi und von den Angel- 
sachsen Headabardan genannt werden, 
sehen wir nicht ein, zumal denn doch 
die langere Form die altere zu 
sein scheint. Andere erklaren „die 
mit der langen Barte, ahd. parta, 
Streitaxt. tt Gegen Siidosten grenzte 
ihr Gebiet an das der Semnonen, gegen 
"Westen an das der Chauken, gegen 
Siiden an das der Cherusker. „Mit 
diesem Wohnsitze an der untern Mbe 
trifft nun auch vollkommen iiberein die 
Lage des Bardanga (Bardengauwi) 
im Liineburgischen, dessen Name wie 
der des Fleckens Bardanwtc zugleich 
fiir die Barden, die Langobarden zeugt. tt 
J. Grimm. Miillenhoff in den Nord- 
alb. Stud. lafst die alten ingvao- 
nischen (?) Langobarden in der heu- 
tigen Mark zum Teil, Mecklenburg, 
Lauenburg gegeniiber bis Hamburg 
etwa wohnen. Vgl. noch Fr. Bluhme, 
Die gens Langobardorum und ihre Her- 
kunft, Bonn 1868. 



paucitas nobilitat] im Gegensatze 
gegen die Semnonen. Aber ihre Zahl 
wuchs nach und nach gewaltig, und 
das hewog sie zu dem historisch folgen- 
reichen Auszuge, dessen Anfang etwa 
ins vierte Jahrhundert fallt. 

2. sed proeliis ac perielitando] Vell. 
2,106: Fracti Langobardi, gens etiam 
Germana feritate ferocior. 

4. Reudigni] Grimm und Miil- 
lenhoff stunmen jetzt (anders Miil- 
lenhoff in den Nordalb. St. 1, 117f.) 
,in der Ableitung des Namens iiberein. 
Beide sehen in -igni ein deutsches 
-ingi, in reud aber das got. Adj. 
riuds, asfivog. Muilenhoff sieht weiter 
darin einen hieratischen Namen fiir 
das Volk, unter dessen nachstem 
Schutze und Verwaltung der Stamm- 
kultus der Ingvaonen gestanden habe. 
Sollte hicht, da nach MtLllenhoffs 
schoner Deutung die Namen auf -ingi 
so oft die priesterlichen Adelsge- 
schlechter bezeichnen, auchderifew- 
digni Name so erklart werden miissen? 
Nach M. safsen die R. an der Elbemiin- 
dung, da, wohin Ptolemaus die Sachsen 
setzt. 

Aviones] konnen nur Inselbe- 
wohner sein, von dem alten auwa, 
auwja, Wasserland. Sie wohnten 
also wohl auf den der Elbemiindung 
nachstgelegenen Inseln. Plin. N. H. 
4, 27. Als Nachbarn der Langobarden 
erscheinen sie unter dem Namen "Oftiot 
in einem Fragmente des Dio. (Momm- 
sen, Rom. Gesch. V, 209, Anm. und 
Kossinna, Anz. f. D. A. XIII, 205.) 

Anglit] Der Name scheint von Angel 
(Ongol), angulus, zu stammen, also 
die Bewohner eines Winkels, eines 
Landstreifens zu bezeichnen. — Friiher 
sah Miillenhoff in diesem Volk das 
Priestervolk, um mich so auszudrucken, 
und in Anglii den hieratischen Namen. 
Angels. heifsen dieselben Engle oder 
Englan. Betrachten wir (und wir haben 

6* 



84 



CORNELH TACITI 



5 et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis muniuntur. nec 
guicquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, 



allen Grund, hier mit Mtillenhoff zu 
gehen) genau die AufzShlung der Volker 
bei Tacitus, so konnen wir in unsem 
Anglii nicht leicht diejenigen sehen, 
welche Ptolemaus in den Westen der 
Mittelelhe setzt, sondern wir miissen 
ihnen wohl schon fiir Tacitus' Zeit auch 
einen Sitz in Schleswig anweisen. Im 
angelsachs. Wanderliede (Miillenhoff , 
Z. f. D. A. XI, 278) hezeichnet Offa, der 
Angelnkonig, gegen die Myrginge die 
Grenze am Ftfeldor, nach E 1 1 m ii 1 1 e r 
nomeri fluminis, alias Egidor, Egi- 
dora, ntmc Eider (vgl. auch Miil- 
lenhoff a. a. 0. S. 141). Ein Engilin 
finden wir nun allerdings im Mittelalter 
auch in Thiiringen als Gaunamen und 
Englidi als Gesamtnamen der im Gaue 
Engilin gelegenen Dorfer. Dieses aber 
kann hier nicht gemeint sein. Be- 
kannt ist der Angeln tfbergang nach 
Britannien. 

Varini] finden Iwir bestandig mit 
den Anglii verbunden. Ihr Name mag 
von der Wurzel var im Sinne von de- 
fendere, tueri ausgehen. Neuere setzen 
die hier erwahnten Varini rein der 
NamensahnlichkeitwegenumJFar- 
nemilnde. Wir konnen ihre Sitze nicht 
genauer hestimmen (Miillenhoffa.a.O. 
setzt sie ins nordliche Schleswig und ins 
sudliche Jutland zwischen Angeln und 
Eudosen), nur miissen wir darauf be- 
stehen, dafs diese Varini als nord- 
liche von den im innern Deutschland 
aufgefuhrten unterschieden werden und 
wohl Ingvaonen, nicht, wie Plinius 
N. H. 4, §99 zu sagen scheint, Van- 
dilier sind. Es hat iibrigens Mullen- 
h o f f a. a. 0. darauf aufmerksam gemacht, 
wie merkwiirdig Volkernamen von Sue- 
ben herminonischen Schlages 
im innern Deutschland mit solchen von 
Sueben ingvaonischen Schlages 
auf der nordlichen Halbinsel zusammen- 
treffen', und die Vermutung aufgestellt, 
dafe die Anglii und Varini an der Saale 
eben nur die Hermunduren seien. tFber 
diese sogen. Nordschwaben vgl. noch 
Wo r m s t a 1 1 , Chamaver, Brukterer etc, 
S.13. 

Eudoses] ist eine wenig andereNeben- 
form von Eudusii, wie bei Caes. B. 
G. 1,51 zu lesen sein wird. Wie Miil- 



lenhoff annimmt (andere aus laut- 
lichen Griinden leugnen), kommt der 
wurzelhafte Teil des Namens mit dem- 
jenigen der spatern Juthungi iiberein. 
Diese Eudoses wohnten auf der cim- 
brischen Halbinsel, und ihre Nach- 
kommen sind die Joten oder Jiiten, 
ags. Eotas, Iotas, Oedtas, Ytas, altn. 
Jotar, deren Name sicher nicht zu 
Jutkungi, zu Eudoses nur insofern 
stimmt, wenn in diesem, was unwahr- 
scheinlich, noch unverschobenes d 
angesetzt werden diirfte. tFber die 
Endung desPliir. -oses macht Moller, 
Beitr. zur Geschichte d. d. Sp. n. L. 
VH, 505 f., feine Bemerkungen. 

5. Suardones] Ihr Name wird meist 
mit Schwertmfinner erklart und so 
mit dem der Saocones, Cherusci, Heruli 
zusammengestellt. Lautlich sind aber 
doch Bedenklichkeiten dagegen, und 
Mullenhoff sagt mit Recht: eher 
konnte man die Sueordveras und die 
Suardones zusammenbringen , wenn 
man den Namen durch „Eidgenossen tt 
erklSrte. Ihren Namen meint man 
(mit gar zweifelhaffcem Rechte) in der 
Schwartau wieder zu finden und 
verlegt dahin ihre Wohnsitze. Miillen- 
hoff a. a. 0. setzt die Suardonen den 
Langoharden gegeniiher ins Lauen- 
burgische. 

Nuithones] iiberliefern die besten 
Handschriften; aber kaum hat der Name 
so gelautet. „Uns scheint jeder Her- 
stellungsversuch vergeblich, aber auch 
iiberfliissig, weil der Name historisch 
von keiner Bedeutung ist. tt Miillen- 
hoff. Holder korrigiert Huithones, 
Bluhme wieder Teutones. Holder er- 
klart sein Huithones mit „die Weifsen", 
denen die Suardones als „Schwarze tt 
entgegenstanden. Das ist schon laut- 
lich kaum zu rechtfertigen. Bunte, 
Rh. Mus. 1888, Bd. 43, S. 317 f., schlagt 
vor zu lesen: Vithones oder Vitones. 

6. Nerthum] Die tTherlieferung fiihrt 
mit Sicherheit auf diese Namensform; 
ist aber Nerthus, woran wir trotz den 
Bedenken und scharfsinnigen Deutungen 
Mannhardtszu zweifem uns nicht er- 
lauben, einweiblicher Name, so geht 
er nach der w-Deklination, die im 
Gotischen noch fiir beide Geschlechter 



GERMANIA. C. XL. 85 



id est Terram matrem, .colunt eamque intervenire rebus homi- 
num, invehi populis arbitrantur. est in insula Oceani castugL 
nemus, ^catuDaaue in eo vehiculum, veste contectum; attingere 
uni sacerdoti concessum. is adesse penetrali deam intellegitlO 
vectamque bubus feminis multa cum veneratione prosequitur. 
laeti tunc dies, festa loca, quaecumque adventu hospitioque digna- 

lebendig ist. Schwer ist die Deutung macht und scharf bewiesen darf an- 

des Namens. Lautlich steht er nahe genommen werden, dafs diese Insel 

dem sanskr. nrtu, die bewegliche, nicht Riigen ist; Mfillenhoff ver- 

die Tanzerin, von einer Wurzol nart, legt sie sogar in die Nordsee. — 

welche wir freilich in den verwandten Michelsen, Vorchristl. Kultusstat- 

Sprachon sonst nicht nachzuweisen ten, sucht zu erweisen, dais die ins. 

vermogen. Mannhardt fiihrt ihn auf 0. Alsen, einst Alsb, nord. Alsey, 

nar, ner, „Mann a zuriick und sieht „Insel des Heiligtunis", gewesen sei. 
in nerthus die Mannhaftigkeit oder 9. dieatumque — vehiculum] Fur 

die als Mannhaftigkeit sich bewahrende das Verstandnis dieses ganzen Kapi- 

Kraft, wobei es ungewifs bliebe, ob tels ist die Vergleichung dessen, was 

das W. blofs die Ceremonie oder eine Mannhardt a. a. 0. von S. 174 an 

mannliche oder weibliche Gottheit be- bringt und auslegt, von grofster "Wich- 

zeichne. Miillenhoff kommt unab- tigkeit. 

hangig von Mannhardt auf dieselbe 10. uni sacerdoti — is cet] Zu- 

Etymologie, zweifelt aber nicht daran, nachst mag es auffallen, dafe ein 

dafe Nerthus Name einer Gottin sei, Priester, nicht eine Priesterin den 

„die Macht. habende." Er vergleicht Wagen geleitet; aber Grimm in seiner 

das gallische nertos „Kraft tt , und be- Mythologie zeigt, dafs umgekehrt den 

merkt dazu: Ihr Kultus ist im Ver- Wagen des Freyr auf seinen Umzugen 

kehr mit fremden Schiffern und Han- eine Priesterjungfrau geleitete. Aus 

delsleuten entstanden und unter dem dem griechischen Kultus wissen wir, 

Emflusse der Fremde ausgebildet. Z. daJfe des &qxojv ftaoiltvg Gattin zu ge- 

f. D. A. N. F. XI, 11. Langst isfs nach- wisser Zeit mit Dionysos, wir wissen, 

gewiesen, in wie innigem Verhaltnisse dafs der Doge von Venedig einstmals 

der nordische Niordhr, unsere Nerthus mit dem Meere sich vermahlte. Sollte 

zu Freyr und Freya stehen, und wie nicht ein ahnlicher Gedanke hier ge- 

sich in ihrem Kultus ganz ahnliche Ge- waltet haben? Vergl. auch daruber 

brauche wiederholen. Endlich kennen Mannhardt a. a. 0. — pemtralt] pe- 

wir auch die enge Verbindung des netrale wird der heilige Wagen, 

Ingv mit Freyr, und wir werden uns nicht das Allerheiligste des Waldes 

kaum tauschen, wenn wir in Nerthus sein. 

die Stammgottheit der Inguaeo- 11. bubus feminis] So heifsen die 

nes sehen. Terram m. ist durchaus Kuhe in feierlicher romischer Formel. 

romische Auslegung, nach Mannhardt „Bedeutender scheint, dafs Nerthus, 

ausgegangen von der Oybele. Holder die terra mater, von Kiihen ge- 

korr. nachHoltzmanngeradezuifaw- zogen wird, heiligen Tieren also. tt 

mun Ertham st. in commune N. Vgl. Jak. Grimm. In seinen Eechtsalter- 

noch Kap. 9. tiimern belehrt uns Grimm iiber den 

7. eamque intervenire rebus hom., mit Ochsen bespannten Wagen 
inv. p.] Ganz Shnliche Umziige fiihrt der Merowinger u. a. Wir wis- 
uns J. Grimm in seiner Mythologie sen, dafs in fihnlicher "Weise Einder 
vom Gotte Freyr vor, und dieselben der griechischen Hera heilig waren, 
finden wir bei den Galliern. Mann- und nach Herod. 1, 31 mufste die 
hardt in seinem reichen Buche iiber Priesterin der argivischen Hera auf 
den Baumkultus fiihrt viele Beispiele einem mit Ochsen bespannten Wagen 
aus alterer und neuerer Zeit auf. in deren Tempel fahren. Sehr einlaTs- 

8. in insula Oeeani] Als ausge- lichsprichtdariiberMannhardta. a.0. 



86 CORNELU TACITI 



tur. non bella ineunt, non arma sumunt; clausum omne ferrum; 

pax et qiiies tunc tantum nota, tunc tantum amata, donec idem 
15sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo reddat. 

mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum 

secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus 

haurit. arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, 

quod tantum perituri vident. 

XLI. Bt haec quidem pars Sueborum in secretiora Germa- 

niae rjomgitur: propior, ut, quomodo paulo ante Khenum, sic 

nunc Danuvium sequar, Hermundurorum civitas, fida Romanis; 

eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed j jenitu s 
5 atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. passim sine 

custode transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque 

13. non bella meunt cot.] „Die gern Patronymikon Thuringi. Uberdie 
Gottheit selbst weilte, wenn auch un- Wohnsitze der Hermunduren, mit wel- 
sichtbar, unter den Menschen, und chem Namon nicht sowohl ein einzelnes 
ein heiliger Gottesfriede herrschte Volk als ein Yolkerbund aus Angeln, 
im ganzen Lande." Wilda. Yarinern u. s. f. bezeichnet ist, vergl. 

14. tunc tantum nota, tunc t. a.] Kirchhoff, Thuringen doch Hermun- 
uberliefern die Handschriften. Diese durenland, Leipzig 1882. Ihr Land 
Lesart wurde verschieden korrigiert, reichte vom Main bis zur mittlern Elbe. 
am sichersten und dem Taciteischen Im Westen grenzten sie im "Werrathale 
Sprachgebrauche angemossensten von mit den Chatten, mit welchen sie um 
Freudenberg, der einfach statt nota Salzungen iiber die Salzquellen stritten. 
— inmota setzt. Dann enthalt amata (Kirchhoff a. a. 0. S. 11.) Ygl. iiber die 
eine treffliche Steigerung. urspriinglichen Wohnsitze der Hermun- 

15. templo] „dem Allerheiligsten duren und die Yeranderung jener nach 
des Waldes." dem Abzuge der Markomanen nach 

16. numen ipsum] Dafs man hier Bohmen Miillenhoff, D. A. II, 214 
nach T. nicht an ein Gotterbild den- und 300. 

ken darf, sagt uns schon der Zusatz 4. non in ripa] nicht etwa nur 

si credere velis. — Eine sprechende am Ufer der Donau, an welche 

Analogie zu der Nerthus Umzug und iibrigens, wollen wir nicht kiinstlich 

Bad giebt uns der Umzug und das deuten, ihr Land nicht reichte; aber 

Bad der deum magna mater. sie waren in jener Gegend die nachsten 

18. ignor., quid sit] Das Substan- Nachbarn der Romer. 

tiv gleich einem Yerbum konstruiert, 5. in splendidissima Raetiae colonia] 

wofiir Gruber mehrere Beispiele aus d. i. Augusta Vindelicorum , Augs- 

Livius beibringt. burg. „Unter den wenigen Stadten 

XLI. 2. quomodo] In Konsekutiv- Ratiens war Augusta Vindelicorum 

und Finalsatzen braucht Tacitus fiir die bedeutendste. Gegriindet unter 

wie quomodo. Augustus, war sie wohl anfangs ein 

3. Hermundurorum civitas] Ent- forum ohne Stadtrecht; spater heifst 

schieden ist der erste Teil dieses Na- sie municipium. — colonia scheint T. 

mens der Name des gottlichon Irman, die Stadt zu nennen, insofern sie eine 

Irmin; der zweite ist der Stamm romische Griindung war, nicht weil 

dura-, audax. Immorhin lafst sich sie das ius coloniae Romanae hatte. tt 

daran denken, dafs das erste Glied nur Marquardt. 

verstarkende Bedeutung habe. Mit dem sine custode] Ganz anders als es den 

fiinften Jahrhunderte weicht das alte Tenkterem am Rhein zu teil wurde, 

hieratische Namenkompositum dem jiin- die nach hist. 4, 64 inermes ac prope 



GERMANIA. C. XLI. XLII. 87 

nostra ostendamus, his domos villasque patefecimus non con- 
cupiscentibus. in Hermunduris Albis oritur, flumen inclutum et 
notum olim; nunc tantum audit ur. 

XLH. Iuxta Hermunduros Varisti ac deinde Marcomani 



nudi sub custode et pretio mit den nach Bohmen am Fichtelgebirge zuriick. 

Agrippinensern verkehren mufsten. Miillenhoff. 

8. in Hermunduris Albis oritur] Marcomani\ Das einfache n hindert 

AVir nehmen hier trotz neuern Ein- uns rioht, darin Grenzmanner zu 

sprachen einen Irrtum des Tacitus an; sohen. Der Name zeigt, dafs sicji das 

denn die Elbe entspringt nicht im Volk der Markomanen erst innerhalb 

Lando der Hermunduren, sie tritt dort der groisen Mark im Siiden der s. Her- 

nur aus den vandalischon Bergen hervor. cyrcia gebildet hat; entsprechend ist 

Andere, wie Ortmann, Prammer, das dtn. Markamenn, „Bewohner von 

meinen, dafe Tacitus unter Albis auch Waldstrecken.* Von der mittlern Elbe 

die Saale samt ihren Zuflussen mit hergekommen, verdrangten sie zu Ca- 

begreife. Vollstandig klargestollt hat sars Zeit die Volcae Tectosages, welche, 

die Sache Kirchhoff a. a. 0. S. 26. &* &* Bo J er nocn in Bohmen wohnten, 

Ein grofeerer Mufs, der nahe dem Siid- westlich von ihnen in Hessen und am 

ostende des sudthuringischen Gebirgs- Maine safeen. Miillenhoff, D. A. II, 

zuges, also ungefahr am Fichtelgebirge s - 30( >. Nocn zu Drusus' Zeit safsen 

entspringt und sein Wasser im Elbebett die Markomanen am obern und mitt- 

zum Meere rinnen lafst, kann nur die lern Mam - Von dort fuhrte sie bald 

thtiringische Saale sein. Die eigent- nachher Maroboduus nach Osten in 

liche Elbequelle wurde erst in spaterer das rin g s yon Bergen umschlossene 

Zeit bekannt. — Der Name E. scheint L» 11 ^ aus welchem sie nach Tacitus 

deutsch, nichtkeltisch, wie das Rhein, (a° er vgl. Anm. 7 zu Kap. XXVHI) 

Donau, Main sind. Die Wurzel ist dl ° keltischen Bojer vertneben hatten, 

dieselbe wie in idipog, Alba } Albunea. his heutige Bohnien. Da griindete M. 

Im Polnischen heifst der Strom mit em grofees Suebenreioh. Abereskonnte 

Metathesis Laba fem., bohmisch Labe, nicnt anders kommen, als dafs eine 

n. Uber diesen Flufsnamen spricht ein- s °lche neugestaltete Monarchie von 

lafslich Miillenhoff, D. A. H, S. 210 f. Deutschen selbst angegriffen und von 

Er sieht in dem masc. AWis eine Ge- den Romeni ungern gesehen wurde. 

schlecbtsveranderung aus einem germ. Maroboduus wurde gestiirzt. Von den 

fem. Albi gleich Albia. — In dem Na- folgenden Markomanenkampfen, welche 

men Sala sieht M. einen Salzflufs. denSuebenztLgen vorausgingen, sprechen 

. , , . i /m. i i i wir hier nicht weiter und wollen nur 

inclutwnd in o.] Oben > bmerkten d f aufmerk8am mach dafe 

w, dafe des Augustus Plan dahin aber wohl mit Unrecht, in den Bajo- 

StvorgeXnTD^hX S^SoZen £ utS™ 

nach ann. 4, 44 den Strom uborsehritten ; T %^ Q t^t ^T™k« u^w p^„ 

aber nach dem Feldzuee des Tiberius » Yie H elcnt waren die Heruler, Rugen 

fmJ.Tj. S ^^toSKJ ^ Skiren nachdem die Semnonen- 

mehr so weit vor Sueben und Burgundionen ™n der 

menr so weit vor. mittlern Oder gegen die obere Donau 

XTjTT. 1. Statt des hier von den und den Rhein vorgedrungen, schon 

besten Handschriften tiberlieferten Na- mit dem vierten Jahrhunderte in die 

risti ist mit Miillenhoff Varisti zu von jenen verlassenen Sitze eingeriickt, 

lesen und dieses als Superlativus vom um dann im Laufe dos fiinften das ehe- 

St. vara zu fassen: die V sind die malige Gebiet der Markomanen und 

Kriegerischen, wie wohlauchFarw* Quaden und die Donau zu erreichen." 

und Vintli (Wurzel van). Die Varisten, „Da auf der frankischen Volkertafel 

ohne Zweifel eine Abteilung der Marko- im Anfange des 6. Jahrhunderts neben 

manen, blieben bei deren Auszuge den Langobarden nicht mehr die He- 



88 CORNELII TACITI 



et Quadi agunt. praecipua Marcomanorum gloria viresque, atque 
ipsa etiam sedes pulsis olim Boiis virtute parta . nec Varisti 
Quadive degenerant. eaque Germaniae velut frons est, quatenus 
5 Danuvio peragitur. Marcomanis Quadisque usque ad nostram 
memoriam reges manserunt ex gente ipsorum, nobile Marobodui 
et Tudri genus: iam et externos patiuntur, sed vis et potentia 
regibus ex auctoritate Romana. raro armis nostris, saepius 
pecunia iuvantur, nec minus valent. 

XLIII. Retro Marsigni, Cotini, Osi, Buri terga Marcoma- 

ruler, deren Herrschaft an der Donau — Dafs unter den extemi reges nicht 

jene unter ihrem Konige Tato uin 510 Vannius und Vibilius gemeint sein 

zersprengten, genannt werden, sondern konnen, lehrt uns schon die Partikel 

an ihrer Statt vielmehr die Bajuvarier* iam; aber bestimmt lafst sich iiber 

u. s. f. Mullenhoff. So sind wohl die diese Sache nicht berichten. 

genannten Stamme ein bedeutendes Ele- 9, p eGU nia iuvantur] namlich reges. 

ment der Bayern und Osterreicher. v-tttti » * *r • • a-itv 

2. Quadi(QuMioA.QvMi?n Ihren JP^J- ^"> Marstgm oet] Dib^ 

Namendlhte J. GrimTvon altfr. Stamme hansen hinter den sogenannten 

%ad, malus, mhd. kat, als Spottnamen y J±&!? n J&$£ 12^ t a 

Ibleiten zu konnen; aber derselbe leug- %5Z£JZ Tf^!? £%EXJ£ 

net nicht, dafe man dabei mit Zeufs af<?^g>schen,. °- *• des Eschenburger 

an qithaA, sagen, verkiinden, den- ^T^^lttt^^ 

ken diirfe. Sii safeen in Mahren und ^L^T.,,^ StTl^ J« 

am westiichen Rande von Ungarn. Ann. ^andtchaTdieZ: beSen VoS 

2,63 erscheint der Quade Vannius als ^^^ ^Tue^ Jfef- 

Konig veitoebener Sueben zwischen S^ f .^ ^ & fejme/zu 

Marus und Ousus, d. h. der March . TO „„X„„' -n;„o« iuo ;„* 

und der Eipel. Die Quaden haben "^- machten. Diese Abkitung ist 

~L - tr Tj ./* j • i i. wesenthch patronymisch. Wenn nun 

spater m Verbindung mit andern nicht- di skiblduZge, foHaxdunge und die 

und wurden bald gefahrliche Feinde f^^ %£^> ** 1 ^ 

ZtquTSsaetiamsedes] istdieLesart ^^"™gJZZl *1>E^^ 

der besten Handschrift; iibrigens ware %£j$T*> Vergleiche Eeu- 

auch etiam ipsa trotzdem, dafs sonst T. ;* . ' 

konstant et ipse setzt, richtig, weil er Cohnt] iiberliefern uns die besten 

nicht atque et sageri kann. Handschriften; es sind diese des Dio 

4. frons — peragitur] ist die Lesart XortvoC Sie stehen in keinerlei Bo- 

der Handschriften. Tagmann andert ziehung zu den Goten, sondern sind 

dieses in praecingitur und nimmt als siizm gebliebene Kelten. Sie wohnen 

Subjekt Qermania. Peragitur lafst m den vordern Karpathen an der 

sich ganz einfach mit Hirschfelder 0Dern Gran - ^ 

erklaren, wenn man frons als Subjekt tTber die Osi (deutsch Wisburgit, 

fafst. H. vergleicht Ivmitem agere. vgl. K. 28) spricht hier Tacitus be- 

6. Marobodui et Tudri g.] Maro- stimmt, er erkennt in ihnen Panno- 

boduus ist nach Miillenhoffs feiner nier, d. h. niyrier. Ihrer Lage nach 

Deutung = Marahpato, ^lnndfiaxog. hatte geordnet werden sollen: Osi, 

Mit Tuder vergleicht J. Grimm das Cotini, Buri. 

angels. tudor, tuddor, suboles, und es Buri] J. Grimm leitet ihren Namen 

existiert ja im Althochdeutschen ein auf die Wurzel in bairan zuriick und 

Eigenname Zutter oder Zuter. Vgl. vergleicht ihn mit dem mythischen 

Juthungi als Sprofslinge eines Gottes. Buri und Borr der Edda. Zum letzten- 



GERMANIA. C. XLIII. 89 



norum Quadorumque claudunt. e quibus Marsigni et Buri ser- 
mone cultuque Suebos referunt: Cotinos Gallica, Osos Pannonica 
lingua coarguit non esse Germanos, et quod tributa patiuntur. 
partem tributorum Sarmatae, partem Quadi ut alienigenis impo- 5 
nunt: Cotini, quo magis pudeat, et ferrum effodiunt omnesque 
hi populi pauca campestrium, ceterum saltus et vertices montium 
iugumque insederunt. dirimit_ enim scinclitque Suebiam conti- 
nuum montium iugum, ultra quod plurimae gentes agunt, ex 
quibus latissime patet Lygiorum nomen in plures civitates diffu-10 
sum. valentissimas nominasse sufficiet, Harios, Helvaeonas, 
Manimos, Elisios, Nahanarvalos. apud Nahanarvalos antiquae 
religionis lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, 

male erscheinen sie auf der Peutinger- Helvaeonas] Helveconas bieten uns 

schen Karte. Sie werden nordlich von die Handschriften. Nach des Ptolemaus 

den Karpathen an die Quellen der Oder Uberlieferung Alkovatoveg wird es Hel- 

gesetzt. vaeonas heifsen miissen. Wir haben 

3. Suebos] Genauer wiirden sie als dann ein Patronymikon vor uns, wie in 

Vandalier bezeichnet. Inguaeones u. s. f. 

5. Sarmatae] namlich Jaxuges. Ygl. 12. Manimos] vergleichen einige — 
zu K. 1. unsicher — mit des Ptolemaus Omani. 

6. Gotini — ferrum effodiunt] das Ihr Name mahnt uns an den althoch- 
sie nicht zu benutzen wissen. Ptole- deutschen Eigennamen Menimo. 
maus: vno $k rdv 'Oqxvviov $qv[a6v Elisios] Einige schreiben Helisios. 
Komctioi. 'Yip ovg tu oi$ rjQWQvxtt u In diesem Namen wird aber h wie in 
xal i\ Jovva vXrj. Herminones u. a. unecht sein. Anklange 

7. vertices montium iugumque] iiber- an deutsche Eigennamen fehlen nicht, 
liefern uns die Handschriften; eine bringen uns aber nicht weiter. 
Tilgung von montium iugumque, wozu Nahanarvalos] scheint an erster Stelle 
einige das folgende montium iugum alte Uberlieferung, Narvalos unrichtige 
veranlafete, erscheint nicht als not- Kurzung. Sie werden nur von Tacitus 
wendig. Miiller fragt, ob vertices und nur hier genannt; aber spater er- 
montium Lugicorum? und verweist scheint fiir denselben Stamm der Name 
auf K. 45, 7 Suebici maris. Victovali oder richtiger Victuali, Vict- 

10. Lygiorum n.] Die Lesarten der vali (Miillenhoff denkt dabei an ein 
Handschriften fuhren uns auf Lygio- got. vaiktv? sacrificium?). Den Namen 
rum oder besser Lugiorum. Die Wur- N. f welchen M\illenhoff(H.Z. IX, 255) 
zel dieses Namens mag im got. liugan genauer behandelt hat, versuchte neulich 
liegen, dessen eigentBcher Sinn uns (H. Z. XXXI, 207) naher zu bestimmen 
aber nicht erschlossen ist. Der Stamm Detter; er deutet ihn als „Totenbe- 
safe zwischen der obern Oder vom Rie- dranger, Totenkampfer 11 , worin iibrigens 
sengebirge an und der obern Weichsel. der erste Teil der Zusammensetzung als 
Aus dieser lygischen Yolkermasse gingen modal, nicht als Objekt zu fassen sei, 
nachmals die Vandalen und die Bur- und mahnt an die von Tacitus ge- 
gunden hervor. schilderte Kampfart der Harier; dafs 

11. Harios] Wir durfen hier nicht diese Kampfart nur von den Hariern 
ein unechtes h annehmen und dann berichtet werde, konne bei den innigen 
den Namen mit den asiatischen A r i e r n , gegenseitigen Beziehungen der lygischen 
den indogermanischen Indern und Era- Volkerschaften nicht beirren. 
niern, zusammenbringen. Er scheint 13. sacerdos muliebri ornatu] Die- 
vielmehr dasselbe mit dem got. harjos ser ornatus braucht nicht auf das 
und also Krieger zu bedeuten. Ganze, kann auchblofs aufden Haar- 



90 COENELII TACITI 



sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memo- 
15rant. ea yis numini, nomen Alcis. nulla simulacra, nullum 
peregrinae superstitionis vestigium; ut fratres tamen, ut iuvenes 
venerantur. ceterum Harii super vires, quibus enumeratos paulo 
ante populos antecedunt, truces insitae feritati arte ac tempore 
lenocinantur: nigra scuta, tincta corpora; atras ad proelia noctes 
201egunt ipsa que formidine atque umbra feralis exercitus terrorem 
inferunt, nullo hostium sustinente novum ac velut infernum 

schmuck gehen, und so gewinnt Mul- Alci-, nicht Alco-, wie er lauten 

lenhoffs sinnreiche Deutung an Wahr- mufste, sofern wir in Alcis den Dativ 

scheinlichkeit. Boi Haupt XII, 346 ff. sehen diirften. Von den verschiedenen 

stellt dieser Gelohrte die Ansicht auf. Deutungen, die man dem Namen gah, 

der Priester sei einer aus dem Ge- fuhren wir nur die eine der Grimm- 

schlechte der Hazdinge gewesen. schen auf, namlich diejenige, nach der 

„ Haxdinge ist hekanntlich der Name er dem nordischen Jalkr, einem Namen 

des vandalisehen Konigsgeschlechtes. Odins, gleich kame. Wir denken an 

Got. Haxdiggos, altn. Haddinjar aber die Wurzel des sanskr. arjuna, glan- 

hedeutet Manner mit Frauenhaar. u zend, namentlich von Morgenrot und 

15. ea vis numini, nomen Alcis] Sonne, in gr. aoyog, iloyvoog, lat. ar- 

Die interpretatio Romana, welche Tac. gentum, got. airknis, sind uns aher 

mitteilt, darf als durchaus richtig an- dabei wohlhewufst, dafs wir eine Hypo- 

genommen werden, und wir haben hier these aufstellen, welche auch von dem 

die altesten Spuren germanischer, resp. Laute / aus angegriffen werden kann; 

vandalischer Gestaltung einer uralten sie waren die strahlenden Jung- 

indogermanischen Anschauung. Die linge. Oder sollte hier c ein ch ver- 

deutschen Dioskuren selbst waren treten und wir nun doch auf die Wurzel 

urspriinglich Haxdingi. Dieselbe reli- alk zuruckkommen, welche got. alhs 

giose Anschauung wiederholt sich in „Tempel u und lett. elks „G6tze u zu 

den nordischen Baldrxmd Vali, in den Grunde liegt? Sind die beiden Jiing- 

alamannischen Baltram und Sintram. linge die Wehrhaften? Den Dios- 

Scherer, Hist. Z. N. F. I, 160 fafst kurenmythus behandelte in neuerer Zeit 

die besondere Natur der Acvinen prachtig Mullenhoff H. Z. XXX, 

oder Dioskuren als Pferdegotter 217 ff. in seiner Arbeit iiber Frija und 

ins Auge: Vandilier, das Reitervolk den Halsbandmythus. 

der Yandalen — Nahanarvalen voraus, 16. ut fratres tamen\ also person- 

wandten ihre Yerehrung den altindo- lich, obgleich es keine simulacra 

germanischen Pferdegottern, den Dios- von ihnen giebt. 

kuren, zu. Schwerer ist die Deutung 19. lenocinantur] nach dem Sprach- 

des Wortes und der Form Alcis. Nach gebrauche des silbernen Zeitalters 

Taciteischem Sprachgebrauche miifste nachhelfen, fordern. Vgl. Peters 

diese (wenn nicht auch hierin die Ger- Anm. zum dial. K. 6. 

mania ausweicht?) Nominativ oder 20. ipsaque formidine cet.] „schon 

Genitiv sein (vgl. Nipperdey zu ann. durch das Schauder Erregende und 

2, 16, wodurch die leichtsinnige In- Unheimliche eines Leichenzuges", oder 

vektive Baumstarks in ihr Nichts eines Heeres, das einem Leichenzuge 

zurtLcksinkt). Letztern Kasus mussen gleicht; denn feralis geht immer auf 

wir schon deswegen abweisen, weil es Leichen und auf Dinge, die den Toten 

unwahrscheinlich ist, dafs die Germanen betreffen. Andere erklaren umbra vom 

zwei Gotter mit einem abstrakten Schatten, den das Heer werfe, oder 

Singularis oder nur den einen von ihnen ubersetzen umbra mit Dunkelheit, 

fiir beide genannt hatten. Ist Alcis feralis exercitus aber mit Totenheer. 

Nominativ, dann haben wir i anzu- 21. nullo hostium cet.] Solche Geni- 

nehmen (got. Alkeis), und Stamm ware tive finden sich bei T. nicht selten, 



GERMANIA. C. XLIII. XLIV. 91 

aspectum; nam primi in omnibus proeliis oculi vincuntur. trans 
Lygios Gotones regnantur paulo iam jjddu ctius quam ceterae 
Germanorum gentes, nondum tamen supra libertatem. prot inus 
deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium25 
insigne rotunda scuta, breves gladii et erga reges obsequium. 

XLIV. Suionum hinc civitates ipso in Oceano praeter 
viros armaque classibus valent. forma navium eo differt, quod 
utrimque prora paratam semper_agpulsuiJrontem agit nec velis 
ministrant nec remos in ordinem lateribus adiungunt: solutum, 
ut in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poscit, hinc 5 

wie K. 44 in quibusdam fluminum. schreiber nicht genannt wird. Bei Jor- 

— velut infemum aspectum] „als wenn danes lesen wir Suehans : „principalis 

sie aus der Unterwelt kamen." est forma nominis populi Scadinavici 

23. Ootones] heiisen altn. Gotnar, circa Maelarem et Bjelmarem lacus 

angels. Qotan, ahd. Qoxon. Im Goti- habitantis. 44 Diesem entsprechen alt- 

schen selbst komint gut-piuda, Goten- schwed. Svear, an. Sviar, ags. Sveon. 

volk, vor vom stark flektierten Ghitos. Den Namen Svtar fiihrt Noreen (Ut- 

Dieses sind entschieden Goten. Dafs kast till forelasn. i urgerm. ljudlara, 

Goten mit Geten dasselbe seien, ist s - 23 ) auf den Pronominalstamm svS 

vielfach und namentlich von Jakob » 01 g entt zuriick. Bei Tacitus ist das 

Grimm behauptet worden; essprechen offenbar ein Kollektivname , und die 

aber die bestimmtesten Griinde da- civitates derselben treten den eivitates 

gegen. Unsere Goten wohnten an dor der Suebi gegeniiber. Ptolemaus zahlt 

unteren Weichsel bis nahe an den uns Einzelvolker der Scadinavia auf, 

pregel. und seine Uberlieferung wird von 

™.,L ^^ „aa..~**\. i tw vma ; + Miillenhoff im elften Bande der Zeit- 

«TtS^ wllon schrift fur deutsches Alteitum trefflich 

vom Zugeln hergenommen. ^^ Dafs gcadinavia lange 

25. Rugn] Deren Namen sicher zu hinaus als Insel oder als ein Komplex 

deuten, sind wir nicht im stande. Sie von i nse i n gegolten habe, haben wir 

safeen zwischen Oder und Weiehsel. 0Den bemerkt. Bei Fredegar heifst 

„Auch der Insel Riigen und den es: Schatanavia, angels. Seedenigge, 

spatern slavischen Bewohnern haben ait n . Skaney, nhd. Schonen. Der 

die Rugii ihren Namen aufgepragt." zwei t e Teil des Wortes ist das got. 

Aus Unkenntnis wird von Ptolemaus av i ay ahd. ^^ (f ur auw i a ), J n8 el. tt 

ein Ort 'Povyiov im Gebiete der Oder _ Mit den hier geschilderten Schiffen 

genannt. — Lemovii] Pieses Volk er- s tellen wir passend die von T. histor. 

scheint unter diesem Namen nicht 3^ 47 beschriebenen camarae der pon- 

mehr. Lese man mit den besten Hand- tischen Barbaren zusammen, und jetzt 

schriften Lemovii oder lese man Le- nocn so n en die Scherenboote der 

monii, so wird man den Namen mit Schweden, welche zwischen den Scheren 

Miillenhoff von altn. lim, ags. leom, d er Klippen an den Kusten herum- 

Glied, Zweig ableiten miissen. „Es fahren konnen, ahnlich gebaut sein. 
konnte wohl das Kollektivum fiir eine 3. nec ve u s ministrant] velis kann 

Anzahl kleiner verwandter Volker- D a ti v der Ablativ sein: „nicht iiber- 

schaften sein. tt Nach Tac. wohnten sie geDen sie dio Schiffe Segeln", oder 

westlich von den Rugii unmittelbar ^ nic ht bedienen sie die Schiffe mit 

am Ozean. Segeln." Vgl. Verg. Aen. 6, 302; 10, 

XUV. 1. Suionum hinc civitates] 218 und zu ersterer Stelle die Note 

Suiones heifsen dem T. die germa- von Conington. ministrant ist Kon- 

nischen Bewohner von Scadinavia, jektur von Lipsius statt ministrantur 

welches selbst von dem Geschicht- der Biicher. 



92 



CORNELH TACITI 



vel illinc remigium. est apud illos et opibus honos, eoque unus 
imperitat nullis iam exceptionibus, non precario iure parendi. 
nec arma, ut apud ceteros Germanos, in promiscuo, secT clausa 
sub custode, et quidem servo, quia subitos hostium incursus pro- 
lOhibet Oceanus, otiosae porro armatorum manus facile lasciviunt: 
enimvero neque nobilem lieque ingenuum, ne libertinum quidem 
armis praeponere regia utilitas est. 

XLV. Trans Suionas aliud mare, pigrum ac prope inmo- 
tum, quo cingi cludique terrarum orbem hinc fides, quod extre- 



6. est apud illos et opibus honos] 
„Reichtiimer durch Handel oder Raub, 
oder beides. tt Wackernagel. Jeden- 
falls im Gegensatze zu dem Germ. K. 5 
von den Germanen im allgemeinen 
Gesagten. Damit setzt aber T. offen- 
bar das Folgende in Zusammenhang; sie 
gehorchen dem einen ohne Widerrede, 
weil er der reichste ist oder weil sie 
durch den Reichtum erschlafft sind. 

7. nullis iam exc.] Bei diesen 
Stammen gilt nun keinerlei Einschran- 
kung des Konigtums mehr, wie sie 
doch auch bei den harter regierten 
der deutschen von T. bisher behan- 
delten Volker sich noch fand. 

non precario iure parendi] „nicht 
mit blofs auf Vergiinstigung beruhen- 
dem Anspruche auf Gehorsam." lus 
kann nicht fiir officium stehen, wohl 
aber das Gemndium eine scheinbar 
passive Bedeutung annehmen. 

8. in promiscuo] „in jedermanns 
Handen. tt 

9. et quidem servo] „denn dafs Edle 
und Freie sich nicht zu Hiitem der 
Waffen hergaben, ist deutscher Sitte 
angemessen." J. Grimm. 

10. otiosae — manus] statt otiosa 
— manus scheint eine richtige Ver- 
besserung: „miifsige Hande. tt 

11. enimvero] „und allerdings. tt — 
Zum Ganzen vgl. Geijer, Geschichte 
Schwedens 1, 10: Dies scheint nur 
dadurch erkldrbar, dafs die Regieren- 
den auch eine hohere, aus der Re- 
ligion hervorgehende Macht aus- 
iibten, die aus der Ferne unum- 
schrankt erscheinen mochte. Diese 
aus einer kriegerischen Religion 
entsprungene Oewalt war jedoch bei 
einheimischen Verhaltnissen eine Frie- 
densgewalt. Sie konnte den Oebrauch 
der Waffen untersagen, wie es auch 



innerhalb der unter den Frieden ge- 
stellten Opfer geschah. Die gemein- 
schaftliche Teilnahme an den grofsen 
Opfern war sowohl ein Zeichen als 
auch eine Verpflichtung des Friedens 
xwischen den verschiedenen Volker- 
schaften der Suithiod. Yiel klarer 
spricht iiber diese Verhaltnisse Mul- 
lenhoff, D.A. H, S. 5. Er macht es 
sehr wahrscheinlich, dafe diese iiber- 
triebenen Nachrichten durch Siidger- 
manen verbreitet worden seien, welcho 
als Handler nach Scadinavia kamen. 

XLV. 1. Trans Suionas] Bekannt- 
lich wird dieser griechische Accusa- 
tivus Pluralis schon von den Schrift- 
stellern der besten Zeit in barbarischen 
Namen gebraucht. 

aliud mare, pigrum ac prope in- 
motum] Vgl. Agric. K. 10. Plin. N. 
H. 4, 27; 30. 37, 11. „Diese wie aUe 
andern gleichartigen Nachrichten der 
Alten gehen zuriick auf Pytheas von 
Massilia, den altesten Zeugen fur die 
keltische Schiffersage, Strabo 
S. 104, Plinius 37, 11. AUe diese 
Zeugnisse verlegen das geronnene Meer 
in den hohen Nordwesten Europas. tt 
Miillenhoff. Miillenhoff hat nun 
diesen Gegenstand aufs genaueste er- 
ortert in D. A. I, S. 410 ff. Da weist 
er die tfbereinstimmung der Ausdriicke 
m. pigrum ac prope inmotum mit den 
aus Pytheas' Nachrichten herruhren- 
den d-dXaaaa 7t£7ir\yvZa xal vexoy, 
welchem letztem die keltische Benen- 
nung Marimarusia genau entspricht, 
schlagend nach, und zeigt Entstehung 
und Anschauung der deutschen Namen 
Vebirmere, mere geliberot aufs griind- 
lichste auf. 

2. quo cingi — terrarum orbem] 
Miillenhoff, D. A. I, S. 422. Die 
AVortstellung t. o. hat T. in der Ger- 



GERMANIA. C. XLV. 93 



mus cadentis iam solis fulgor in ortum edurat adeo clarus, ut 
sidera hebetet; sonum insuper emergentis audiri formasque equo- 
rum et radios capitis aspici persuasio adicit illuc ^usque et fama 5 
vera tantum natura. 

ergo iam dextro Suebici maris litore Aestiorum gentes 
alluuntur, quibus ritus h abitusq ue Sueborum, lingua Britannicae 
propior. matrem deum venerantur. insigne superstitionis formas 

mania und in den Historien gebraucht, von der Motte Agricolas nach Thule 

in fruheren Schriften orbis terrarum, unternommene Fahrt gewonnen. Zu 

in den letzten mit einer begriindeten diesem Teile von Kap. 45 vgl. noch 

Ausnahme orbis terrae. Miillenhoff, D. A. II, S. 6. 

exlremus cad. iam solis cet.] „Je 7. Aestiorum] Nieht ganz abzuwei- 

hoher im Norden hinauf, desto stkr- sen ist die Lesart Aestuorum. Der 

kern Eindruck mufste jedes Solstitium Name (Aisteis oder Aistius) scheint 

hervorbringen. Zur Zeit des sommer- diesen Stammen entschieden von den 

lichen herrscht fast bestandiger Tag, mit ihnen „im Gebiete der siidlichen 

zu der Zeit des winterlichen bestan- Zuflusse des Pregels und der letzten 

dige Nacht tt J. Grimm. Miillen- des Frischen HafiV einstmals zusam- 

h o f f , D. A. 1 , 402 ff . mengrenzenden Germanen gegeben wor- 

4. sonum insuper emergentis audiri] den zu sein und die Rechtschaffe- 
„Bedeutsam sind die Redensarten, nen zu bedeuten (vergl. got. aistan, 
welche mit Tagesanbruch, mit Morgen- revereri). Nichtsdestoweniger sind wir 
rote die Idee einer Erschiitterung, berechtigt, in den Astiern nicht 
eines Gerausches verbinden, das den einen germanischen, sondern einen 
Schwingen des nahenden Tagboten bei- den Slaven naher verwandten alt- 
gemessen werden darf, aber uns sogar preufsischen Stamm zu suchen. 
zu dem hochsten Gotte fiihrt, dessen Der Name, altn. Eistir, angels. (nach 
"Walten die Luft erschiittert. tt Jak. einersog.Volksetymologie)jSsto, wurde 
Grimm. spater auf das ihnen ganz unverwandte 

formasque equorum cet.] Die mei- Volk der Esthen ubertragen. Auch 

sten codd. haben deorum; equorum hier spricht Tac. von Aest. gentes, 

ist Korrektur im cod. Urb.: „deutliche welche Ptolemaus einzeln auffuhrt 

Gestalten von Rossen und ein Strah- 8. lingua Britannicae propior] Das 

lenhaupt." ist eine ungenaue und wohl von romi- 

5. persuasio adicit] zeigt deutlich schen Handelsleuten herriihrende tfber- 
genug, dafs Tacitus nicht an die Sache lieferung; denn das Altpreufsische steht 
glaubt. Miillenhoff a. a. 0. iibersetzt dem Altgermanischen entschieden naher 
persuasio „derguteGlaube. tt als dem Altkeltischen. 

illuc usque et fama vera t. natura] 9. matrem deum] „Die Mutter der 

"Wohl doch am einfachsten: Bis dahin Gotter, welche die Aestii ehrten, war 

reicht die Natur (Schbpfung), und die preufsisch-litauische Seewa oder 

nach wahrer Sage (im Oegensatxe Zemmesmahti als die Gottin des Som- 

gegen die eben angefuhrte persuasio) mers und v Getreides, die slavische 

ist nur so viel (so weit) Natur Ziwa.* So Safaf jk, welchem wir und 

(Schopfung). Darum (ergo) kehre ich andere vor uns und nach uns zu 

nun xuriick. Miillenhoff, D. A. I, leicht geglaubt haben; vgl. Miillen- 

404, Anm.: illuc usque (continuatur) hoff, Zeitschr. f. d. A. XXIV, 159 ff. 

et fama vera tantum (neque plus est) Eine preufsisch-litauische Gottin Seewa 

natura. Andere setzen die Worte et existierte nicht. Die lett. Semmes 

fama vera (als Nomin.) in Parenthese, mato „Erdmutter tt ist eine mythische 

so auch Schiitz, der zugleich mit Personifikation der Erde, nicht eine 

andern statt et si zu lesen vorschlagt. grofse v Gottin, und das ist auch die 

Die f. vera wurde durch die im J. 84 slav. Zemina nicht. — Das Tragen 



94 CORNEUI TACITI 



lOaprorum gestant: id pro armis omniumquejtutela securum deae 

cultorem etiam inter hostis praestat. rarus ferri, frequens fustium 

•. usus. frumenta ceterosque fructus patientius quam pro solita 

Germanorum inertia laborant. sed et mare scrutantur, ac soli 

omnium sucinum, quod ipsi glaesum vocant, inter vada atque in 

15ipso litore legunt. nec quae natura quaeve ratio gignat, ut 
barbaris, quaesitum compertumve; diu quin etiam InteT cetera 
eiectamenta maris iacebat, donecT luxuria nostra dedit nomen. 
ipsis in nullo usu: rude legitur, informe perfertur, pretiumque 
mirantes accipiunt. sucum tamen arborum esse intellegas, quia 

der Eberamulette mag die Kombi- D. A. I, 213 ff.; F. Waldmann, Der 
nation der Inhaber derselben mit den Bernstein im Altertum. Felin 1883. 
Metegyrten der Cybele herbeigefuhrt 80 u mnium\ Also hatte sich der 
haben, welche ebenfalls kleine Bilder Bemsteinhandel zu Tacitus' Zeit all- 
als Amulette auf der Brust trugen. m ahli c h vollstandig nach der preufei- 
So viel lst sicher, dafs, wenn auch scnen xtlste gezogen. tlber eine an- 
eme Beziehung der Eberamulette dere, verkehrte Auslegung Waldmann, 
auf die Zemina „Erdmutter tt einge- S. 35. 

raumt wiirde, die interpretatio Romana i± quo d ipsi glaesum voeant] glae- 

. mit mater deum nur durch diese ^ w | st sicner uberHefert bei Plinius, 

Aufserhchkeit veranlafst werden unQ < Miillenhoff stellte es danach 

konnte. Vgl. weiter M., D. A. S. 2 ff. ^ unserer stelle her. „Damit wiirde 

formas aprorum] wohl kleineEber- stimmen angels. glaer (vel smilting, 

bilder von Teig oder Holz, nicht aus electrum) , wenn hier ae = ai 

Metall. und nicht = a ware, wofur nd. glar 

. 10. omniumque tutela] „Schutz gegen u. s. f. spricht. glaesum konnte auch 
alles. tt "Weniger scheint mir Miillen- nur andere Schreibart fiir glesum sein. tt 
hoffstJbereetzung „desSehutzesaller tt Miillenhoff, Z. f. D. A. N.F. XI, 23. 
zu passen. Die tJberlieferung bietet Jedenfalls geht der Name, wie vitrum 
uns kaum das Ursprungliche. Schon und ijXextQOVj auf Glanz oderDurch- 
Lipsius korrigierte omnium in omni, sichtigkeit. Andere deutsche Namen 
was Halm in den Text gesetzt hat. dieses Stoffes sind Agstein und Bern- 
Urlichs meint, omnium sei fiir ho- stein, d. h. Brenmtein. Uber die 
minum verschrieben, welches einen deutschen und nicht-deutschen Namen 
recht passenden Sinn giebt, da in den Waldmann, S. 16 ff. 
Amuletten ein vermeintlicher gottlicher 15. quae natura quaeve ratio] „wel- 
Schutz liegt. Schtitz schlagt zu lesen che Naturki^aft und welcher Naturpro- 
vor: sic (st. id) pro a. omnium tu- zess. tt Gruber. 

tela etc - 17. donee — dedit] ^Tacitus zieht den 

12. frumenta — laborant] fiir in Indikativ oder Konjunktiv bei donee 
frumentis lab., hervorgegangen „aus je nach dem Tempus vor, d. h. er hat 
dem allseitigen Streben nach inhalts- 12mal mit donee das praes. coni., 
reicher, kerniger Kiirze. tt Genau ge- 70mal das imperf. coni. und 41 mal 
nommen ist das ein Accusativus ver- das perf. ind. tt Wolfflin. Darin wal- 
balis fiir frumontorum laborem labo- tet natiirlich eine ratio. 

rare. — Halm vermutete elaborant, nomen] „Ruf. u 

Miiller aber vergleicht Plin. N.H. 23, 2. 18# rude Ugitur] So steht rudis dem 

13. sed et mare serutantur cet.] Adj. informis gleich dial. 20; ann. 12, 
Fiir das hier Folgende verweisen wir 35; informis „ungestaltet, ohne festes 
auf Alexander von Humboldt, Geprage." 

Kosmos H, S. 410 ff.; Miillenhoff, perfertur] namlich ad nos. 



GEEMANIA. C. XLV. XLVI. 



95 



terrena quaedam atque etiam volucria animalia plerumque inter- 20 
lucent, quae implicata umore mox durescente materia cluduntur. 
fecundiora igitur nemora lucosque sicut Orientis secretis, ubi tura 
balsamaque sudant, ita Occidentis insulis terrisque inesse credi- 
derim, quae vicini solis radiis expressa atque liquentia in proxi- 
mum mare labuntur ac vi tempestatum in adversa litora exun-25 
dant si naturam sucini admoto igni temptes, in modum taedae 
accenditur ^alitque flammam pinguem et olentem: mox ut in 
picem resinamve lentescit. 

Suionibus Sitonum gentes continuantur. cetera similes uno 
differunt, quod femina dominatur: in tantum non modo a liber- 30 
tate, sed etiam a servitute degenerant 

XLVI. Hic Suebiae finis. Peucinorum Venedorumque et 



20. terrena quaedam cet.] So spricht 
Martial von Ameisen, Vipern, 
Bienen u. s. f. in Bernsteinstticken. 
„Des T. terrena etc. treffen genau das 
Richtige. tt Waldmann, der S. 16 wei- 
teres beibringt. 

23. sttdant] In anderen Handschriften 
sudantur. Das Activum findet seine 
Bestatigung in zwei vonHirschfelder 
aus Vergilius beigebrachten Stellen. 

24. quae vicim solis r. — labuntur 
— exundant] Woil es denn doch zu 
kiihn erschien, quae auf die Safte zu 
beziehen, die durch fecundiora ange- 
deutet seien, wurde diese Stelle in ver- 
schiedener Weise geandert. Reiffer- 
s c h e i d korrigierte sucinaque, Hof mann 
quia sucina und andere anders. Immer 
aber bleibt dann noch der Anstofs von 
inesse nemora — terris. Von den ver- 
schiedenen Erklarungen der Stelle , wie 
sie uberliefert ist, darf wohl die neueste 
von Ortmann Anspruch auf die grofste 
Wahrscheinlichkeit machen. Nichts als 
die Interpunktion sei zu andera, nach 
crediderim durfe sie nicht stark sein, 
da sonst quae in der Luft schwebe. Sub- 
jekt zu inesse sei erst quae (die Stoffe, 
welche), nemora lucosque seien in- 
folge einer Attraktion von crediderim 
abhangig geworden. Es sollte heifsen: 
nemora lucique, sicut sunt in Or. se- 
cretis. tt Auch Zernial stimmt Ort- 
mann bei und weist Mullers quibus 
zuriick. Waldmann: Bei Tacitus ist 
nicht die Rede von der oder den Bern- 
steininseln, sondern von Occidentis 
imulis terrisque, woraus Kassiodor in- 



teriores insulae Oceani macht, d. h. 
beide fassen die Bernstein sammelnden 
Aestii als Festlandsbewohner, und die 
Inseln im 0. sind ihnen kein bestimm- 
ter geographischer Begriff mehr, son- 
dern eine aus der litterarischen Tradi- 
tion herubergenommene Hypothese, um 
den Ursprung des Bernsteins zu erkla- 
ren. 

29. Sitonum] Diese halt Grimm 
ebenfalls fur Germanen, Zeufs wohl 
mit mehr Recht fur die nichtgerma- 
nischen (finnischen)Einwohnervon 
Skandinavien. Ihr Name mag iibrigens 
deutsch .(gotisch) sein, d. h. von sitan, 
sitzen (nicht aber von einer Wurzel 
*svith, adurere) herkommen. Sie sind 
dann „die Angesessenen." Der Sache 
nach pafete die Ableitung von *svitk 
trefflich; denn „das Schwenden, wel- 
ches man eine Art nomadischen Acker- 
baues nennon kann, scheint von alters 
her bei denFinnen einheimisch. tt Vgl. 
iiber die von uns fur richtig gehaltene 
Etymologie M.,D.A. H, S.9. 

30. femina dominatur] Die Fabel 
von diesem "VVeiberregimente scheint 
aus einer falschen Deutung des finni- 
schen Kainalaiset (Niederlander) her- 
vorgegangen zu sein, indem man an 
ein Wort, wie got. qino oder qens, 
ywri, dachte. 

XLVI. 1. Peucinorum] Die Peucini 
fallen dem Tacitus mit Bastarnae zu- 
sammen und sind jedenfalls ein Haupt- 
volk dieses Stammes, den Plinius als 
denfiinftender germanischen Stamme 
aufgefuhrt hat. Den Namen sollen die 



96 



CORNEUI TACITI 



Fennorum nationes Germanis an Sarmatis ascribam dubito, quam- 
quam Peucini, quos quidam Bastarnas vocant, sermone cultu, 
sede ac domiciliis ut Germani agunt. sordes omnium ac torpor 
jsrocerum; conubiis mixtis nonnihil in Sarmatarum habitum foe- 
dantur. Venedi multum ex moribus traxerunt; nam quicquid 
inter Peucinos Fennosque silvarum ac montium erigitur latro- 



Peucini von Iltuxri, der durch die siid- 
lichsten Donaumiindungen gebildeten 
Fichteninsel, die sie bewohnten, er- 
haltenhaben. AberderBastarnenWohn- 
sitze reichten weiter; „sie erstreckten sich 
von den Lygiern an der Ostseite des kar- 
pathischen Gebirgszuges bis zu den Do- 
naumundungen. tt Dieser deutsche Stamm 
ist derjenige, von dem wir zuerst ge- 
schichtliche Kunde erhalten, freilich 
nicht der Art, dafs er schon damals als 
gerjnanischer ausgeschieden ward. 
Schon im J. 182 vor Chr. schickte Phi- 
lipp von Makedonien Gesandte an sie, 
um von ihnen Hilfsvolker zu gewinnen. 
Der Name Bastamae hat deutsches 
Aussehen; aber ob ihn J. Grimm rich- 
tig von bast abgeleitet habe, steht da- 
hin. tTber die Bastarnen (Basternen) 
spricht einlafslicher Mullenhoff, D. A. 
II, 105 ff. — Dafs Meiser recht hatte, 
die Worte Suionibus — degenerant ans 
Ende von Kap. 44 zu setzen, hat Miil- 
lenhoff a. a. 0. aufs grundliehste be- 
wiesen. Nur mufs dann „trans Suio- 
nas u in , y trans Sitonas" verandert 
werden. 

Venedorumque] ftberliefert ist Vene- 
torum und Z. 6 Veneti. Richtig hei&en 
die hier gemeinten Stamme bei Plinius 
Venedi, bei Ptolemaus Oteve&tu, angels. 
Veonodas, ahd. Winida und sind aus 
den Sarmaten als Slaven auszuschei- 
den. Ihre alteste Heimat war das Ge- 
biet des mittleren und obern Dnjepers, 
im Osten der Germanen, im Siidosten 
der Astier, im Stiden der Finnen. Im 
sechsten Jahrhundert breiten sie sich 
machtig aus und dringen bis an und 
iiber die Elbe vor. Ihren Namen bringt 
J. Grimm mit demjenigen der Vandilii, 
Zeufs mit vinja, Weide, zusammen. 

2. Fennorum] Die Fenni (hier sind 
dieFinnen des Festlands gemeint; uber 
die Finnen auf Skadinavia vgl. Kap. 44 
und 45) waren die Bewohner des Nord- 
ostens von Europa und grenzten an Ger- 
manen, Aisten und Slaven. Dem Sinne 



nachteilweisezutreffend, lautlichimmer- 
hin nicht unbedenklich ist die Ableitung 
von got. fani, Sumpf. M., D. A. U, 54, 
lafst den Stamm von seinen kahnartigen 
Schneeschuhen, welche wieFliigel iiber 
die Eisflache trugen, benannt sein; es 
wiirde demnach der Name mit dem lat. 
penna stammverwandt sein. — Die Sar- 
matae sind Reste der Scythen. Eine 
besondere Abteilung derselben sind die 
in Kap. 1 genannten S. Jazuges. 

3. cultu] „durch die ganze Weise 
ihres aufseren Lebens." 

4. sordes omnium ac torpor pro- 
cerum cei] DieseStelle wird verschieden 
interpungiert und korrigieri Wir inter- 
pungieren mit den meisten mit Punkt 
(nicht nur mit Kolon) vor sordes. Tacitus 
hat zuerst die ihm nicht ganz ausgemacht 
germanischen Stamme zusammen auf- 
gefuhrt und geht nun mit den Worten 
quamquamPeucini cet. auf die einzelnen 
iiber. Am wenigsten unterscheiden sich 
von den Germanen die Bastamen — 
aber sie unterscheiden sich immerhin, 
schon mehr die Venedi, am meisten 
die Finnen. Schmutzig sind alle 
Bastarnen, dieHauptlinge sinddurch 
ihre Unthatigkeit ab g e s tu m p f t. Auch 
darin unterscheiden sie sich von den 
echten Germanen, dafs sie in Ehever- 
bindung mit den Sarmaten stehen u. s. f. 
Das wiirde nun die tlberlieferung be- 
sagen. Heraus vermutet, dafs hmter 
torpor ora ausgefallen und zu lesen sei 
torpor: ora procerum conubiis etc. 
und hat diese Vermutung so wahr- 
scheinlich gemacht, daJs sie Halm in 
den Text aufgenommen hat. „ Schmutzig 
und abgestumpft sind die B. im allge- 
meinen ,dieGesichter der Vornehmern 
sind durch Heirat mit Sarmatinnen hafs- 
licher geworden." — habitus] „die Ge- 
sichtsbildung, der Typus. tt 

6. exmoribus] mm\iGh Sarmatarum, 
im Gegensatze zu dem blofsen habitus 
der Bastarnae. 



GERMANIA. 0. XLVI. 



97 



ciniis pererrant. hi tamen inter Germanos potius referuntur, 
quia et domos figunt et scuta gestant et pedum usu ac pernicitate t 
gaudent: quae omnia diversa Sarmatis sunt i n pl austro equoque 3 
viventibus. Fennis mira feritas, foeda paupertas: non arma, non 
equi, non penates; victui herba, vestitui pelles, cubile humus: 
solae in sagittis spes, quas inopia ferri ossibus asperant. idemque 
venatus viros pariter ac feminas alit; passim enim comitantur 
partemque praedae petunt. nec aliud infantibus ferarum im-1 5 
briumque suffugium, quam ut in aliquo ramorum nexu contegan- 
tur. huc redeunt iuvenes, hoc senum receptaculum. sed beatius 
arbitrantur quam ingemere agris, inlaborare domibus, suas 
alienasque fortunas spe metuque versare: securi adversus homi- 
nes, securi adversus deos rem difficillimam assecuti sunt, ut illis 20 
n e voto q uidem opus esset. 

cetera iam fabulosa: Hellusios et Oxionas ora hominum 



9. domos figunt] „sie bauen sich 
fest an. tt 

pedum] ist eine richtige Besserung 
fiir das handschr. iiberlieferte pecudum 
oder peditum, wie uns der folgende 
Gegensatz zeigt. 

12. victui herba] Da herba als vic- 
tus fiir das Jagervolk wenig pafst, schlagt 
Adolf du Mesnil dafiir ferina zu 
lesen vor. 

eubile] Die Lesart Halms „cubili" 
beruht nicht auf einemDruckfehler, 
sondern ist auf einenWinfWolfflins 
zuruckzufuhren. 

13. solae in sagittis spes] „Lehr- 
meister der Nordgermanen in Handha- 
bung des Bogens wurden die Finnen. tt 
Weinhold. Statt solae — spes (wie in 
den Handschriften steht) schlagt Mei- 
ser vor zu lesen solae — opes; aber 
diese Konjektur weist Miiller mit der 
Bemerkung ab : „ at venationum prae- 
dae ut bona incerta et quae adquirenda 
sint scite vocantur sagittarum spes. 

ossibus asperant] „sie haben (statt 
der Eisenspitzen) Knochenspitzen tt , wie 
nach Pausanias die Sarmatea und heute 
noch sibirische Stamme. 

15. petunt] „machen Anspruch auf. tt 

18. ingemere agris (dat.)] „uber der 

Arbeit auf dem Lande seufzen." Poe- 

tisch und in spaterer Prosa. — inla- 

borare domibus] Ein <?zr«£ siqri^vov. 



suas alienasque fortunas — versare] 
„als Kaufleute und Handler aus Hoff- 
nung und Furcht eigenes und fremdes 
Gut umsetzen." 

20. securi] „sorgenlos. tt 

22. Hellusios] Dieses ist eine Ab- 
leitung desselben Stammes, der den 
Hillaeviones des Plinius zu Grunde 
liegt; hella istein altn. Ausdruck fur 
Stein. 

Oxionas] Statt Oxionas der Uber- 
lieferung, welchem in zwei zu den 
besten zahlenden Handschriften ein 
etionas ubergeschrieben ist — offenbar 
war der Name in der zu Grunde lie- 
genden Handschrift undeutlich — mufs 
wohl dieses gelesen und mit Miillen- 
hoff als *itjans, altnord. iotnar „die 
gefrafsigen Eiesen tt gedeutet werden. 
Adam Bremensis 4, 19 versetzt in diese 
Gegend crudelissimos Ambrones und 
antropofagos , qui humanis vescuntur 
camibus (ahd. maneguri). 

22. ora h. v., corpora a. a. fer.] 
Miillenhoff, D. A. I, 494: Freilich 
die Leute „mit Menschenantlitzen und 
Gesichtern, Leibern und Gliedmafsen 
wilder Tiere tt — fiihren noch tiefer in 
den Norden (als die Panotier), dahin 
wo man schon den ganzen Korper in 
Tierfelle hiillen mufs und nur das Ge- 
sicht frei lafst. 



Schweizer-Sidler, Tacitus' Qermania. Ed. 5. 



98 CORNELII TACITI GERMANIA. C. XLVI. 

voltusque, corpora atque jrtus ferarum gerere: quod ego ut 1% 
qompertum in medio relinquam. 

24. in medio relinquam\ So korri- sam zu machen, dafs Miillenhoff im 

gierten Nipperdey und Halm das zweiten Teile seiner Altertumskunde 

uberlieferte in medium r., welches nur iiber diese entfernten Ost- und Nord- 

ein auf Archaismen Jagd machender volker, deren Kultur und Geschichte 

Schriftsteller etwa brauchen konnte. sehr beachtenswerte Aufsehlusse ge- 

Am Schlusse dieses Kapitels wollen geben hat. 
wir nicht versaumen, darauf aufmerk- 



Nachtrag zu Kap. 2. Ceterum Oermaniae vocabulum etc 
Im J. 1883 ist von K. von Becker ein Buch, betitelt „Versuch 
einer Losung der Celtenfrage tt , erste Halfte, erschienen, in wel- 
chem dieser Gelehrte, der die Gallier (nicht Celten) und Ger- 
manen als nahe verwandte Stamnie zu erweisen versucht, in 
einem Exkurse „der Name der Germanen" unsere Stelle ausffihr- 
lich bespricht. B. beruhrt sich in mehreren wesentlichen Punkten 
mit diesfalligen Aufserungen von Mommsen und Schiitz. Er 
geht von der bekannten und vielbesprochenen tJberlieferung der 
fasti Capitolini aus und halt dieselbe fiir unantastbar, versteht 
aber unter den dort auftretenden Germanen nicht das Volk 
der Germanen, sondern Soldnerscharen vom Rhein, wie unter 
Gaesaten Soldner aus Gallien. Nachdem der Verf. das Vor- 
kommen des Germanennamens chronologisch weiter verfolgt hat, 
macht er darauf aufmerksam, dafs Casar der eigentliche Begriin- 
der des Gebiauches gewesen sei, alle rechtsrheinischen Volker und 
ihre linksrheinischen Kolonien Germanen zu nennen, wahrend 
die Deutschen selbst zu jener Zeit keinen gemeinschaftlichen 
Volksnamen gehabt hatten. Der Name Cermani sei demnach in 
einem andern Sinne als dem eines Volksnamens zu verstehen, 
er sei urspriinglich die stolze Bezeichnung der Krieger, welche 
aus allen rechtsrheinischen Gauen kamen. Der Name sei deutsch, 
umgeformt nach der Analogie des lat Adj. germanm; der zweite 
Teil sei eigentlich — manni „Mannen", der erste ger — „begehrend tt ; 
Germani bedeute demnach urspriinglich „Beute begehrende Leute tt , 
nachher aber werde man bei ger — an ger gedacht haben. Die 
Gallier hatten als den Germanen verwandte Nation den Namen 
verstanden und diesen denselben auch von sich aus beigelegt. 



NACHTRAG. 99 



Mit geren bringt B. verkehrt lat. qtmeso, quaero zusanimen. Er 
thut dem Tacitus unrecht, wenn er ihm selbst die Erklarung der 
Entstehung des Germanennamens zuschreibt; T. berichtet nur iiber 
andere. Eecht mag er darin haben, wenn er behauptet, dafs die 
von Tacitus Angefiihrten in falscher Weise in den Oermani ein 
Volk sahen, von dem der Name auf die ganze Nation iibertragen 
worden sei. B. fafst in der T. Stelle vocare als „benennen tt , 
halt die Anderung von victore in victo oder victis fiir notwendig 
und ist geneigt, fiir non gentis nocentis (!) zu lesen. 



Kegister 



Text und Komiiientar. 

(Die einzelne, bezw. erste Zahl weist auf die Seite, die zweite Zahl auf die mit derselben bezeich- 

nete Anmerkung auf der betreffenden Soite hin. a mit einer Zahl bedeutet dio auf der betr. 

Seite befindliche, nicht numerierte, auf ein ganzes Eapitel sich beziehende Anmerkung.) 



I 

Lateinisehes Wortregister. 



addere nomen 8, 16. 

adhuc 47, 9; 53, 12; 62, 5; 66, 12; 

80,3. 
adversus 5, 3. 
ager 60, 5. 
agitare faenus 59, 1. 
alius, -wiederholtes 12, 2. 
ambire nuptiis 44, 3. 
annus 38, 15. 
anulus, plur. 69, 7. 
arvum 60, 5. 
asciscere 53, 7. 
audentia 69, 2. 
avunculus 49, 9. 

barditus 10,2. 

caeruleus 12, 5. 

cetorus, attributiv 58,4. 

circa 63, 15. 

citra 40, 8. 

comes 36, 9. 

comminus 22, 3. 

commune, in c. 61,8; vgl. 76,8. 

concodere , part. p. p. 24, 3. 

constituere 30, 7. 

consultatio 27, 8. 

corrumpere 54, 2. 

decumas 66, 14. 

dignatio principis 34,7; secundum d. 

59,4. 
discribere 57, 1. 
disponere diem 68,8. 
donec (Konstruktion) 5,9; 94,17. 



eo = ideo 17, 13. 
et = etiam 23, 9. 
exigere 22, 13. 
exsanguis 70, 14. 

ferax c. dat. 13,3. 

ferme 78,9. 

festinare 49, 7. 

fides, fidem addere, demere 12, 16. 

framea 15, 2. 

frangere murmur 11, 7. 

glaesum 94, 14. 

gravis (vox) 11, 7. 

hic, fiir is 10, 2; fiir ffle 11,10. 
hospitium 5, 2. 

ignorantia (Konstruktion) 86, 18. 
immensus, mit abgeschwachter Be- 

deutung 4,3; 73,5; mit voller Be- 

deutung 5, 3. 
impatienter 22, 3. 
impotentia 75,8. 
indigenae 5, 1. 
ingemere c. dat. 97, 18. 
ingens c. abl. 77, 2. 
invicem 53, 7. 

invidere (Konstruktion) 72, 5. 
iam et 39, 11. 
iuvenior 57, 9. 
iuventa 49, 7. 
iuxta 51, 5. 
lancea 15, 2. 
lenocinari 90, 19. 
licentia, ut in 1. vetustatis 7, 13. 
lucus 26,8. 



BBGISTER. 



101 



marcere 76, 2. 

memorare, part. p. p. 73, 2. 
minime 5, 1 ; 13, 7. 
ministrare velis 91, 3. 
mox 9,20; 27,4. 
mundium 45,4. 

narratur (Konstruktion) 72, 1. 

nemus 26, 8. 

nisi si 6, 7. 

novissimus 56, 7. 

nullus, substantivisch 90, 21. 

obiectus pectorum 22, 2. 
orbis terrarum (Stellung des gen.) 
92,2. 

perinde, haud p. 14,9; 73,2. 

pignus 21, 11. 

plerique 23,8. 

potius, weggelassen 18,20. 

praecipuus 18,21; 21,8; 37,5. 

praeter 6, 5. 

praetexere 73,5. 

probare 33,2; 45,6. 

proditur memoriae (Konstruktion) 

22,1. 
publicum, in p. 51,4. 

quaerere 5, 3. 

quam, mit 2 Komparativen 76, 3. 

quamquam 44, 1 ; 66, 13. 



quin etiam 11, 12. 
quomodo 86, 2. 

relatus 10,2. 

saeculum 47,9. 
sagulum 15, 7. 
sed et 39, 10. 
si, mit coni. praes. 27,4. 
si res poscat 75, 12. 
simul atque 67,4. 
sinus 4,3; 76,1. 
sive — seu 74, 7. 
statum tempus 82, 2. 
submittere crinem 69, 3. 

tamquam 53, 9. 
texere 43, 3. 
triumphare 80, 23. 

ultra 5, 3. 

ultro 64, 16. 

ut, temporal 62, 4; einschrankend 

68, 6 ; ut qui maxime 26, 1 ; ut sic 

dixerim 5, 3. 
uterque, plur. 73,4. 

vallare noctem 68,8. 
variare gyros 16, 10. 
vocabulum 8, 16. 
vocare = provocare 38, 15. 
versus, part. 4,6. 



ad 61, 2. 
adal 19, 1. 
alu 54, 1. 
ancho 55, 3. 
antrustio 37, 5. 
arga 18, 21. 

bal 61, 2. 
baurgs 40, a. 
bernstein 94, 14. 
bier 54, 1. 
biuds 53,3. 
brudcaup 45,4. 
bruder 49, 9. 
briinne 16,8. 
bruoch 42, 2. 
buchstab 27, 3. 

ceap 45,4. 
chumbirra 21, 9. 



n. 

Deutsehes Wortregister. 

depandorn 61, 2. 
diutisc 9, 20. 
dorn 42, 1. 
druht 36, 9. 
dugudh 36, 10. 
dult 24, 1. 
dung 9, 18; 42, 10. 

eaxelgesteaHa 36, 10. 
ehu 16, 9. 
ehuscalc 16, 9. 
eisen 15, 1. 
eit 61, 2. 
ewart 20, 4. 

faida 51, 1. 
faihu 13, 5. 
fara 21, 9. 
fauratani 26, 1. 
fogilrartod 28, 10. 



fosterlean 45, 4. 
frono 33, 8. 

gabaur 53, 4. 
galgan 32, 2. 
gasintha 36, 9. 
gimazzo 38, 12. 
griit 54, 1. 
gudja 20,4. 
guthblostreis 20,4. 

haims 40, a. 
hairus 15, 2. 
harisliz 31, 2. 
harnisch 16, 8. 
harugari 20, 4. 
hebamme 48, 14. 
helm 16,8. 
hendinos 19, 1. 
herbst 60, 7. 
hladhr 61, 2. 



: I02 



EEGISTER. 



hlauts 26, 1. 
hleodar 28, 10. 
hliozan 26, 1. 
hose 43, 3. 
huntari 17, 16. 
hurt 61, 2. 

idisi 23, 6. 
itmal 24, 1. 

kabel 26, 1. 
kauf 14, 14. 
kindins 19, 1. 
knabe 57, 1. 
knecht 57, 1. 
konr 19, 1. 
kuninc 19, 1. 
kunni 21, 9. 

lag 48, 15. 
leibeigen 57, 1. 
leich 56, 3. 
lenz 60, 7. 
leodgeld 51,2. 
lid 54, 2. 
lindviga 16,7. 
linta 16, 7. 

maegthe 21,9. 
manbot 51, 2. 
mangiald 51, 2. 
mann 6, 10. 
mathl 29, a. 
meiden 37, 11. 
meki 15, 2. 
mes 53, 3. 
met 54, 2. 



meta 45,4. 
mot 29, a. 

mischel 42, 1. 

oheim 49, 9. 
ostr 55, 3. 

paida 43, 3. 
panzer 16,8. 
parawari 20, 4. 
plgo 61, 2. 
pluostrari 20,4. 

reiks 19, 1. 

sahs 15, 2. 
saum 43,3. 
scaz 13, 5. 
schild 16,7. 
sciltaere 16, 7. 
screuna 41, 10. 
selgeraete 50, 13. 
simo 82, 6. 
sinista 20, 4. 
siuja 43, 3. 
sklave 57, 1. 
skuft 80, 5. 
snaga 42, 1. 
sommer 60, 7. 
stikls 55, 2. 
stuot 16,9. 
sviglon 56, 3. 
svinfilkning 18, 19. 
swert 15, 2. 

tafn 25, 3. 
tains 27, 2. 



thaurp 40, a. 
thegn 36, 10. 
thing 29, a. 
thiudans 19, 1. 
thius 57, 1. 
tisc 53, 3. 
truhsazo 36, 10. 

vapnatak 31, 15. 
var 60, 7. 
varavargr 37, 5. 
varg 31,2. 
vaerloga 37, 5. 
vealh 57, 1. 
veihs 40, a. 
vrikan 51, 1. 

walahisk 3, 1. 
wara 37, 5. 
waraganga 37, 5. 
weben 43, 3. 
weida 38, 1. 
weragelt 51, 2. 
wein 54, 2. 
widi 82, 6. 
widumo 45,4. 
wimmet 54, 2. 
winter 60, 7. 
wizi 32, 6. 

zage 18,21. 
zebar 25, 3. 
zeine 27,2. 
ziegal 40,6. 
zimbar 40, 7. 
zoho, herizoho 20, 1. 



ni. 

Namen- und Sachregister. 

(Das Sachregister bezieht sich nur auf den Eommentar. Eine ttbersicht iiber den Inhalt des 
Textes siehe Einleitung S. XV ff.) 



Abgaben 39, 7; collationes, onera 

66,6. 
Abnoba mons 5; 13,2; Name 5,8. 
Acvinen 90, 15. 
Aestii 93; Name, Ursprung, Wohn- 

sitze 93, 7. 
Africa 6. 

Agrippinenses 65; 65,19. 
Albis flumen 87; Name, Ursprung 

87,8. 
Albruna 23; 23,9. 
Alcis 90; Name, Nominativ, Genetiv 

oder Dativ 90, 15. 



Alpes Eaeticae 4; 4,5. 

Amsivarii 72, 2. 

Anglii 83; Name 83, 4; Wohnsitze 

84,4. 
Angrivarii 72; 73; Name, Wohn- 

sitze 72, 2. 
Antiquare, romische 7, 13. 
Aravisci 63; Wohnsitze 63, 13. 
Arsaces 78; Name 78, 12. 
Asciburgium 11; Name 11,10. 
Asia 6. 

Augen der Germanen 12, 5. 
Augusta Vindelicorum 86, 5. 



REGISTER. 



103 



auspicia 26, 1. 

Aussetzung 48, 14. 

Aviones 83; Name, Wohnsitze 83, 4. 

Bacenis 13, 2. 

Bader 52, 2. 

barditus 10, 2. 

Bastarnae 96; Name 96,1. 

Batavi 65; 66; Name, Wohnsitze 

65,1. 
Bayern; Name, Abstammung 87, 1. 
Becher 55, 2. 
Bernstein 94, 14. 
bigati 15, 15. 

Boihaemum 63; Name 63,7. 
Boii 63; 88; Wohnsitze 63,7. 
Britannica lingua 93. 
Bructeri 71; 72; Name, Wohnsitze 

71, 1; Kampfe mit den Chamavern 

und Angrivariern 72, 2. 
Bruder, GewaltsteUung desselben 49, 9. 
Buchstaben, etruskische 12, 13; grie- 

chische 11,13; vgl. auch Runen. 
Buri 88; 89; Name 88, 1; Wohnsitze 

89,1. 
Busse 33,8. 

Caepio, Servilius 78. 

Caesar (Aug.) 79; C. C. (Caligula) 79; 

79, 20. 
Caesia silva 13, 2. 
Caninefaten 65, 2. 
Carbo, Papirius C. cons. 77; 78; 

78, 15. 
carmina, mythische Lieder 6, 9; 

Schlachtlieder 10, 2. 
Cassius Longinus 78; 79, 15. 
Castor 90. 
centeni 17, 16. 
Chamavi 72; 73; Name, Wohnsitze 

72 2. 
Chasuarii 73; Name 73, 2. 
Chatti 65; 67; 68; 69; 70; 71; 75; 

76; 80; Name, Wohnsitze 67, 1 ; Ver- 

wandtschaft mit den Batavi 65, 2. 
Chattuarii 65, 2. 
Chauci 74; 75; Name, Wohnsitze 

74,2. 
Cherusci 75; 76; Name, Wohnsitze 

75, 1 ; Untergang 76, 2. 
Cimbri 77; Name, Wohnsitze 77,2. 
colonia Romana (Ubiorum) 64; Griin- 

dung, Name 64, 19. 
colonus 58, 3. 

comes 33,11; Gefolgsmann 35,9. 
compositio 33,8. 
Cotini 88; 89; Wohnsitze 88, 1. 
Crassus 78. 
cuneus 18, 19. 



Daci 3; 3,2. 

Danuvius 3; 66; 86; 88; Name 4,2; 

Mtindung 5, 9. 
Donar 10, 1. 

Dreifelderwirtschaft 60, 5. 
Drusus 79; 79, 19; D. Germanicus 74; 

74, 9. 
Dulgubnii 73; Name, Wohnsitze 73, 1. 
dux 19,1; 20,1. 

Eberamulette der Aestii 94, 9. 

effigies 21,7. 

Ehe 44, 2; Kauf- 45,4; Raub- 45,4. 

Ehebruch 46,3; Strafen 46,4; 47,5. 

Eisen 15,1. 

EUsii 89; Name 89,12. 

Erbrecht, der Germanen iiberhaupt 

50, 12; der Tencteri 71, 6, 7. 
Ergebung 57, 1. 
Eudoses 83; Name, Wohnsitze 84, 4. 

Fehde 51, 1. 

Fenni 96; 97; Name, Wohnsitze 96, 2. 

fimus 42, 11. 

Fosi 76; Name 76,5. 

framea 15, 3. 

Frauen, weise 23,8,9. 

Frauenwurdigung 22, 6. 

fredus 33,8. 

Freigelassene 58, 7. 

Friedloslegung 31, 2. 

Frisii (maiores, minores) 73; 75; Name, 

Wohnsitze 73, 3. 
frugifera arbor 13,3; 27,2. 

GalH 3; 8; 62; 64; 66; Name 3, 1. 

Gallia (GaUiae) 79; 13; 62; 78; 80. 

Gallica gens 63; lingua 89. 

Gambara 23,'.9. 

Gambrivii 8; Name 8, 15. 

Ganna 23, 9. 

Gastfreundschaft 52, 6. 

Gefafse 14, 11. 

Gelage 38,12; 53,4. 

Germani 5; 8; 9; 40; 61; 63; 64; 68; 

69; 75; 78; 80; 86; 89; 91; 92; 

94; 96; 97. Einteilung 7, 12; Ur- 

einwohner und Eingeborne 5, 1; 

Name (erstes Vorkommen desselben) 

9,18; 10,20; 98. 
Germania 3; 6; 8; 11; 12; 14; 62; 

63; 66; 67; 74; 76; 77; 80; 86; 88. 

Gesamtland 3, 1. 
Germanica origo 63. 
Germanicus 79; 79, 19. 
Geschlechtsverwandtschaft 21, 9. 
Getranke 54, 1, 2. 
Getreide 13,3. 
Gewiirze 55, 4. 



104 



REGISTER. 



Gold 14,6,7; Rhein- 14,7. 

Gotones 91 ; Name, Wohnsitze 91, 23. 

Gotter 23, lff.; vgl. Hercules (lat. fur 
Donar) Mannus, Mars (lat. fur Tiu) 
Mercurius (lat. fur Wodan) Nerthus, 
Tuisto. 

Gotterverehrung 25, 6. 

Graecae litterae 11; 11,13. 

gyri 16, 10, 11. 

Haare der Germanen 12, 5. 

Haartracht der Sueben 80, 5. 

Haine, heilige 26,8. 

Handel 14, 12. 

Harii 89; 90; Name 89, 11. 

Harz: Name 13,2. 

Hauser 41, 8. 

Hazdinge 90, 13. 

HeUusii 97; Name 97,22. 

Helme 16,8. 

Helvaeones 89; Name 89, 11. 

Helvetii 62; Wohnsitze 62,6. 

Hercules 10; 24; 74; lat. fur Donar 

10,1; 24,2. 
Hercynia silva (-us saltus) 62; 67; 

13, 2; Name, Ausdehnung 62, 5. 
Herminones 7; Name, Wohnsitze 7, 12. 
Hermunduri 86,87; Name, Wohnsitze 

86, 3. 
Hispaniae 78. 
Hister 4, 2. 
Hohlen 41, 10. 
Horigkeit 57, 1. 
Hundertschaft 17,16. 

Indogermanen, Ursitze 5,2. 

Ingaevones 6; Name, Wohnsitze 7, 12. 

Isis 24; 25, 3. 

Istaevones 7; Name, Wohnsitze 7, 12. 

Italia 6; 79. 

Iulius divus (Caesar) 62; 79. 

Jagd 38, 1. 

Jahreszeiten 60, 7. 

Jiiten 84, 4. 

Juthungen , Name 82, 9. 

Kleidung 42, 1. 

Kbnigtum 18, lff.; Wechsel mit dem 

Piinzipat 19,1; beschranktes 20,2; 

unbeschranktes 92, 7. 
Kiihe, heilige 85, 11. 

lac concretum 55, 3. 

Laertes 11. 

Landesverrat 31, 2. 

Landwirtschaft 59,3; 60,5ff. 

Langobardi 83; Name, Wohnsitze 83, 1. 

Lanze 15, 2. 

Leibeigenschaft 57, 1. 



Leichenbestattung 61,lff. 

Leichenverbrennung 61, 3. 

Lemovii 91; Name, Wohnsitze 91, 25. 

Ligurer 3, 1. 

limes 66, 16. 

liti 57, 1. 

Lose 26, 1. 

Lygii 89; 91 ; Name, Wohnsitze 89, 10. 

Mallius, Gnaeus 79. 

Manimi 89; Name 89, 12. 

Mannus 6; Name 6, 10. 

Marciana (silva) 13, 2. 

Marcomani 87; 88; Name, Wohnsitze 

87,1. 
Marius, C. 79. 
Maroboduus 88; 87, 1; Name 16, 9; 

88,6. 
Mars, lat. fiir Tiu 24; 24, 2; — Thing- 

sus 29, a. 
Marsi 8 ; geschichtliches Auftreten 8, 14 ; 

Name, Wohnsitze 8,15. 
Marsigni 88; 89; Name, Wohnsitze 

88,1. 
Mattiaci 66; Name, Wohnsitze 66>8. 
Meer, geronnenes 92, 1. 
Menschenopfer 24, 2. 
Mercurius, lat. fur Wodan 23; 24,1. 
Metellus, Caecilius cons. 77. 
Moenus 62; Name 62,6. 

Nahanarvali 89; Name 89, 12. 

Neidingswerke 31, 2. 

Nemetes 64; Name, Wohnsitze 64, 18. 

Nero Tiberius 79; 79, 19. 

Nerthus 84; Stammgottheit der Ing- 

vaonen 85,6; Name 84,6. 
Nervii 63; Wohnsitze 63,15. 
Noricum 13; Grenzen 3, 1. 
Nuithones 84; Name 84,5. 

Occidens 95. 

Oceanus 4; 5; 6; 11; 73; 74; 76; 85; 

91; 92; — exterior 43; Nord- und 

Ostsee 4,3; 6,4. 
Opfer 25,3; Rofs- 25,3. 
Osi 63; 88; 89; Wohnsitze 63,13. 
Oxiones 97; Name 97,22. 

Pacorus 78; 78, 13. 

pagus 17,16. 

Pannonia 13; 63. 

Pannonica lingua 89. 

Pannonii 3; Wohnsitze 3,1. 

Parthi 43; 78; Abstammung 78, 11. 

Peucini 95; 96; Name, Wohnsitze 96, 1. 

Pferdeorakel 28, 10. 

phalerae 39, 11. 

Poeni 78. 



REGISTER. 



105 



Pollux 90. 
Ponticum mare 5. 
Priestertum 20, 4. 

princeps 28, 13; 29, a; als Recht- 
sprecher 33, 10; der Sueben 81, 10. 
Privateigentum 60,6. 

Quadi 88; 89; Name, Wohnsitze 88, 2. 

Rache 51, 1. 

Raetia (prima, secunda) 3; 12; 86; 

Grenzen, Name 3, 1. 
Raeticae Alpes 4. 
Rasenen 3, 1. 

Reudigni 83; Name, Wohnsitze 83,4. 
Rhenus 3; 4; 8; 11; 62; 64; 65; 66; 

70; 73; 86; Name 4,1. 
Ries 3, 1. 
Romanus populus 66; 79; -a aucto- 

ritas 88; disciplina 68; interpretatio 

90; -um imperium 65; -ae classes 

73; -a arma 72; -i 86. 
Rosse 16,9. 

Rugii 91 ; Name, Wohnsitze 91, 25. 
Runen 27, 3. 

sagum 42, 1. 

Samnis 78. 

Sarmatae 3; 43; 89; 96; 97; S. Ja- 

zuges 4, 2 ; 89, 5. 
Sarmende 4, 2. 
satisfactio 51, 2. 
Saxnot 24, 2. 
Scadinavia 91, 1. 
Scaurus Aurelius 78; 79, 15. 
Schilde 16, 7. 
Schilderhebung 19, 1. 
Schwerter 15, 2. 
Schwerttanz 56, 1, 2, 3. 
Semnones 82; 83; Name, Wohnsitze 

82,1; Umfang 83,11. 
serrati 15, 15. 
signa 21, 7. 

SUber 14,6; -munzen 15,16. 
Sitones 95; Name 95,29. 
Speisen 55, 3, 4. 
Stadte 40, a. 

Strafen, sacrale und weltliche 32,2. 
Suardones 84; Name, Wohnsitze 84. 5. 
Suebi 8; 24; 80; 81; 82; 83; 86; 89; 

93; Abstammung, Umfang 80, 1; 

Haartracht 80, 5; 81, 10; Name, 

Wohnsitze, Einteilung 8, 15; 84,4. 
Suebia 89; 95. 
Suebicum mare 93. 



Suiones 91; 92; 95; Name, Wohn- 
sitze 91, 1. 

Tanz 56, 3. 

Tencteri 70; 71; 80; Erbrecht 71, 6, 7; 

Name, Wohnsitze 70, 2. 
Terra mater 85; 85,6. 
Testamente, Fehlen derselben 50, 13. 
Teutoburger Wald 13, 2. 
Thingfrieden 30, 10. 
Thiota 23, 9. 
Tisch 53, 3. 

Tiu 24,2; bei den Semnonen 82,9. 
Traianus imperator 77. 
Trauer 61,6; -lieder 61,3. 
Treveri 63; Name, Wohnsitze 63,15. 
Triboci 64; Name, Wohnsitze 64, 18. 
Tuder 88; Name 88,6. 
Tuisto 6; 6,10. 
Tungri 8; Name 9, 18. 
Tuonouwe 4, 2. 

Ubii 64; Name, Wohnsitze 64,19. 

Ulixes 11; 11,10. 

Unfreie 57, 1. 

Usipi 70; Name, Wohnsitze 70,2. 

Vandilii 8; Name 8,45. 

Vangiones 64; Name, Wohnsitze 64, 18. 

Varini 83; Name, Wohnsitze 84,4. 

Varisti 87 ; 88 ; Name, Wohnsitze 87, 1. 

Varus 79. 

Veleda 23; 23,8. 

Venedi 95 ; 96 ; Name, Wohnsitze 96, 1. 

Ventidius 78; 78,14. 

Versenken im Schlamm 32,5. 

Vespasianus 23. 

Victuali, anderer Name fiir Nahan- 

arvali 89, 12. 
Vieh 13,5. 
Vielweiberei 44, 2, 3. 
Volksgesetze, deutsche 48, 15. 
Volksversammlungen 29, aff.; Zeit 

29,4; Gerichtsbarkeit 31, a. 

Walder 13, 2. 
^ehrhaftmachung 34, 2, 3. 
Weiberregiment 95, 30. 
Wein 54, 2. 
Wergeld 51, 2. 
Wiederverheiratung 47, 10. 
Witwenverbrennung 48, 10. 
Wiirfelspiel 56, 7. 

Zeitrechnung, germanische 30, 6 ; 60, 7. 
Ziuwarii, Beiname der Schwaben 83, 9. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 




UNIVERSITY OF CALIFORNIA UBRARY 
BERKELEY 

Retura to desk from which borrowed. 
This book is DUE on the last date stamped below. 



irtov51WB 
^.s^UJ 



LD 21-100111-11/49(67146816)476 



YC 55107 




f/50409 



THE UNIVERSITY OF CAUFORNIA UBRARY 






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