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Full text of "Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde..."

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miliilgiiiiii 

3 tlDS D5b 51D OkO 




GERMANIA. 



VIERTELJAHRSSCHRIFT 



FÜB 



DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE. 



BEGBONDET von FBANZ PFEIFFER. 



HEBAÜ86E0EBEN 
VON 



KARL BARTSCH. 



DREIUNDZWANZIGSTEB JAHBGAKO. 
MEÜK REIHE EILFTER JAHROANO. 



THE 



WIEN. 

VEBLAO VON CABL GEBOLD'S SOHN. 

1878. 






>F\ "^ ^ i cj ^ . 



INHALT. 



Znt Laut-, Worl- nnd NammiforgcliUDg. Von JUbort Hoefer 1 

ILD. •ehiD. Kebn, jehu 1 

SLni. dun ■ 

ILIV. Nd. Küötp, Bore 4 

XLV. w&n in ZunaiiaeiiutiDiiE S 

XLYI. w«cia«M 8 

XLVn. Etet-, Oekelnuus S 

XLVni. Zu Sdchci, OeiiD. 9, U1 ; U 

ILIX. FmniUcBDiintii mr disr. linc U 

L. Vormuceu in ZDummmteUnDg IT 

iioer Stelle in Ulriob» von EBchonb«ch Wilhelm von Wenden, Von R.KOhler, M 

Zu den Bildom von Bankalstein. Vou J, V, Zingarle SB 

llöncb von Salsbarg. Von demselben 30 

Einige FUle von Disaimllation. Von 0. BchAghel 31 

B«iti£Ke zur ErklÜning der religiSsen Diebtangen Waltbera von d«r Togetweide. 

Von J. Fasching (Schluß) U 

Bnicfastacke mitte Ibochduntscb er Dichtungen. Von K. Bartsch IT 

Mittfllaltarlicber Sattel mit Inschrift. Von demselben 49 

Drei Miusterlieder. VoD demselben ■ • U 

De Uittbeiinngen, Von H. Fiaeber 61 

I. Friedhof - Freodliof . . . . j H 

U. Fr^neot »ia« mnd. Ann^ibDcIiM M 

tu. Ein tiiiloriacliBt Li«d du SVl. Jkhrliiuidetta ST 

BnielistQcke zweier Psalmeoüberaetznngen. Von K. Bartsch und H. Bcbalts. BS 

Bnms sltplattdentscbea Gedichten. Von P. Zimmermann 70 

Braelutilck einer allnordiachen Bearbeitnng von Pamphilus nnd Gatatbea. Von Engen 

Kölbiug- . 189 

n Brauns chweigiscben Chronik. Von F, Bech 14S 

fluid das Frauenhaar. Von C. M. Blaaa 165 

neiiif. BeitrKce znr Geschichte und ErklSning ift Eddalieder. I, II. lH. Von 

4^^ar'3 ir .- 158. 3U. 406 

Klelitrag zu S. 17 fl. L 1-1. Von Ä. Hoeter 189 

Zn Veldekes Servatiua. Von H. Lambel 180 

i^e Miitheilnngen. 1. Kinders[irache. S. Der fritElin. 3. Oelbeilto Spiele. 4. Priester 
Johanns Land. 5. Zum Oedicbt an Graf Wilhelm von Hollaiid. Von R. 

Bartsch 192. 344. 44S 

BT KSnig vom OJan walde . Von K. von Babdor 19$ 

litfceds von ÖtraOburgT^Tslan und seine Qnello. Von O. Behagbel SM 

I Pfeiffers Abdmck aua H. Kamer, Genn. LK_2i7 S. Von A.Hoefer. . . . . 2S9 

n« nBubochdeutschen Zwillingswörter. Von O. Behag>hel 367 

e«dichtB des Königs vom Odenwald. Ton K. van Bahder S93 

Zd Germania 23, 53 f. Von A. Lübben 341 

Ein Kinderspmcb aus dem XV. Jahrhundert. Von C. M. BIsre 343 

IKe Bouloneser angelaächxi sehen Glossen KU Pradenlins, Von Dr. A. Holder- 385 

n Codex Cottaoianns des Beliand. Von K. Bartsch 

' niedenleutsche Lanielotfragment. Von O. Behagbel .... 

H«iRi«he Knct^hl, Str. 10, Van A. Lübben 

Kykraf. Von E. Wilkea 

~' r Chronalogie von Woltrams Panival und Bartmanns Iwein. Von A. E 



4 




LTTTERATÜR. 

A. Haniminn, Die NiflnngiMga und das Nibelaiigenliad. Von A. Edsardi ... 71 

Ober Bunenhandschriften. Von K. Maurer lOA 

Volmar, Das Stembnch. Von K. Bartseh 101 

P. J. Cosgii, EL Kern, J. Yerdam en Eelco Yenrijs, Taalknndige Bydragen. Von 

O. Behaghel 111 

F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbach. Von K. Bartseh lU 

I. y. Zingerle, Beisereehniingen Wolters toq EUenbreehtskirehen , Bxsehofii Ton 

Passan, Patriarehen yon Aqaileja. Von Winkelmann 291 

F. SandvoO, Freidank mit kritisch- ezegetisehen Bemerkungen. VonO. BehagheL m 
O. Lficke, Absolute Participia im Ootischen und ihr VerhUtniss sum griechi- 
schen Original, mit besonderer Berflcksichtigung der Skeireins. Von O. Be- 

haghel Ui 

A. Sohr und A. Räfferscheid, Heinrich Bflekert in seinem Leben und seinen 

kleineren Schriften. Von Schröer MS 

A. Birch-Hirschfeld, Die Sage vom Oral, ihre Entwicklung und dichterische Aus- 

bildong in Frankreich im 12. und 18. Jahrhundert Von K. Bartsch. . . . S4T 
U. Fischer, Briefwechsel swischen Jacob Orimm und Friedrich Darid Oraeter 

aus den Jahren 1810—1813. Von Demselben ISO 

A. E. Kroeger, The Laj of Our Lady. Von Demselben ISO 

F. Lichtenstein, Eilhart tou Oberge; Derselbe, nur Kritik des Prosaromans Tri- 

strant und Isalde. Von K. Bartsch Stt 

L. Oautier, Les Epopto firan^aises. Von F. Liebrecht und K. Bartsch ... Sil 
M. Trautmann, Lachmanns BetonungsgesetM und Otfrieds Vers. Von O. BehagheL 8ii 
J. Peters, gotische Conjekturen. Von P. Piper 8Ti 

BIBLIOaRAPHIE. 

Bibliographische Obersicht der Erscheinungen auf dem Oebiete der germaniselieo 
Phüologie im Jahre 1877. Von Kari Bartseh 411 

MLSGELLEN. 

Zwölf Sitse fiber wissenschaftliche Orthographie der Mundarten. Von J. F. K rluter. 117 

Zum Steinbueh. Von H. Lambel 111 

Anfrage fiber vermeintliche Luthersprfiehe. Von F. Latendorf 111 

Penonalnotixen 197« IM 

Entgegnung und Berichtigung. Von A. Ediardi W 

Bitte. Von Steffenhagen 188 

Noehmals die Eebasis. Von K. Bartseh IM 

Die Bibliographie der Oermania. Von Demselben . • MO 

Nachtrige und Berichtigungen W 

XXXin. Versammlung deutocher Philologen und Sehufaninner W 

Johan Erik BjdqTist. Von K. Maurer 871 

August Witsschel. Von L. Weniger 878 

Das Akrostichon in SteinhOwels Apollonius. Von K. Bartsch 881 

Zu Felix Fahrt Von A. t. Keller 8M 

Kindersprache (XZIII, 192). Von E. Lohmeyer IM 

Berichtigungen und Nachtrige. Von K. tou Bahder und K. Bartseh .... SM 
Ein ungedruckter Brief von J. O. Fichte an D. F. Oriter. Von H. Fiseher. OM 

Die Sprache Bertholds von Holle. Von K. Bartseh 601 

Findling. Von F. Latendorf 5M 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 

VON 

ALBERT HOEFER*). 



XLII. Sehan, Scehan, Jehan. 

Diese drei Zeitwörter, deren zwei letzte leicht zu den schwierigsten 
der deutschen Sprache gehören, berühren sich schon in den wichtigsten 
hochdeutschen Formen mögh'chst nahe, sie zeigen aber auch in den 
niederdeutschen Abweichungen und Besonderheiten eine auffallende 
Übereinstimmung, die mitunter wol bemerkt, aber noch immer nicht 
ganz erklärt ist. Man vergleiche unter anderem mhd. 

sihe, schihe, gihc. siht, schiht, gibt, 

sach, Schach, jach. sähen, schaben, jähen 

sen, sehen, Jen, und wieder mnd. 
süt, schüt, gbüt, suet, sehnet, ghuet. 

*süde, schüde, ghüde. B^n, sehen, gh^n, 

wozu noch geschede (mhd. auch geschide) und geghede, gede, ghiede, 
das pari geschet, geschiet (mhd. auch geschit) u. a. hinzukommen^ 
während das bekannte alts. ik giuhu und juhu ganz vereinzelt steht 

Die meisten dieser Formen sind so häufig und so bekannt ^ daß 
sie keines Nachweises bedürfen, zu einzelnen derselben dagegen ist 
Folgendes zu bemerken: 

1. Die 3. prs. sg. ghüt, ghuet ist bisher gänzlich übersehen, 
obgleich Grimm sie schon 1840 vermutete : er sagt Gr. 1° 261 ' auch 
mnd. jüt oder gut fatetur wird sich wol aufweisen laßen'. Und es 
findet sich in der Tat gar nicht selten. So bieten die Varianten zu 
Jet im Sspiegel 60, 1 S. 86 u. a. guth, gehet, geit; zu 3, 14, 1 S. 191 
ghuet; das Glossar zum Lehnrecht 2* S. 587 guet, ghut, goit; und in 
Lappenb. Hamb. Rechtsalt. S. 59 und S. 103 steht mehrmals gut, 
gud, ghut. 



*) Fortsetzung von Germania XVIII, 309. 
GKBMANIA. N«ae Reihe XI. (IXUI. Jahr g.) 1 



2 A. HO£F£R 

2. Das prt. *süde ist freilich zunächst der Analogie nach er- 
schießen^ allein ich glaube Spuren desselben in dem sonst präsentischen 
süd zu finden, man vergleiche z. B. Korner Pf. 280 also de dode 

quam bi den torn, do süd de dode up , tu deme lesten lep de 

dode etc. wo man zwischen zwei Präteritis wol sach erwarten dürfte, 
aber auch die Hann. HS. hat süd de, für süde de? Denn das zwie- 
fache de de kann hier wie sonst mitunter leicht den Fehler d de 
verschuldet haben. 

3. gede steht auch unter den Var. zu Sspg. 3, 14, offenbar als 
prt, ghiede im Gl. zu Lappenbrg. Brem. 

4. Über schw. part. unts^t s. unten no. 48, 5. — Das prtc. ge- 
schet^ geschiet scheint besonders Münsterschen Quellen eigen zu 
sein, doch finde ich z. B. auch in dem Stockholmer Valent. 275 syn 
ghescheyt : weyt. Vgl. geschide und prtc. gesohlt in Haupts Z. 10, 138, 
47 zu den Marienliedern des Wernher v. Ndrh. 

5. Ein mir sonst nicht nachweisliches vorghüd'confessus' neben 
Yorghen, alse unvorwandes bekennen, confiteri hat der Stralsunder 
Vocabular. 

So schwierig die sichere und vollständige Erklärung dieser ü. 
ue-Bildungen sein mag, denen noch heute lange ü, ue entsprechen, so 
zeigt sich doch ein Weg zu ihrem Verständnisse in der Geschichte 
des got. saihvan. Denn dazu gehören offenbar das neuerdings ohne 
Grund getrennte got. siuns, ahd. gasiuni, gisewan (Grimm 1^ 146 — 7. 
Haupt Z. 5, 336.351), ags. cj. sawe, pl. ind. gesäwon (neben seah, saegon), 
alts. säwun, gisewan, altengl. Inf. suen u.v.a., so daß sich zwei deut- 
liche Reihen, neben sih die Gestalten siw, sew, siu, sü, sue entwickelt 
zeigen, consequenter Weise also auch neben seih etwa sciw, sciu, scü 
und neben jih oder gib ebenso jiw, jiu, jü zu erwarten wären. 

Leider läßt sich dies eben nur wahrscheinlich machen, da beide 
sc eh an und j eh an dem Gotischen abgehen, jehan auch dem Altn. 
und Ags. fremd ist. Dennoch scheint mir die Annahme eines got 
skaihvan nicht zu gewagt, da scehan wol auf indogerm. W. skak 
hervorbrechen weist, während Dietrich nahen als Grundbegriff ver- 
mutete. Und ebenso scheint mir gerade die Übereinstimmung des ahd. 
und alts. gehan, jehan auf ein got hv hinzufähren, zu got aikan 
stimmen beide sicher ebensowenig, wie dieses selbst zu ajo, agh oder, 
was auch verglichen ist, zu inquam, khjä. Dagegen dürften die beiden 
letzten wol auf die Wurzel für gehan weisen. 

Und nun noch jenes rätselhafte, vielbesprochene alts. giuhu, 
juhu, das man^ von siehe, sieo, iieho abgesehen, durch Annahme des 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 3 

Übergangs in andere Conjugation, oder, nach J. R. Könes unglücklichem 
Vorgange, durch Assimilation des u, oder durch freilich sehr 'merk- 
würdigen EinflulS des h' schwerlich schon erklärt hat. Daß dieses u 
jenem u in süd, ghude entspricht, nahm auch Grimm 1" 261 an. Steht 
dies aber fest, wie ich nicht zweifle, so liegt die Schwierigkeit nicht 
in u, das dem w entsprungen, sondern lediglich in dem h des hv nach 
dem w, u, und hier ist dann nur eins möglich, h, wenn es echt 
und organisch, hat seine Stelle verändert, d. h. u = w ist vorge- 
drungen. Zu vergleichen englisch wh für altes hw, genauer ßaivca: 
ßavio. — Daß man in gisewan, farliwi mitunter s. g. Spiranten- 
wechsel angenommen, ist bekannt, doch sah schon Grimm 1, 147 in 
ihrem w Spur des alten w, vgl. M. Heyne §. 73,4 gegen 44. 

XLIII. Mnd. Dam. 

J. Grimm hat bekanntlich im J. 1849 in Haupts Z. 7, 454 wo er 
von darf handelt, einiger nd. Formen gedacht, die in der Grammatik 
wegen Unergiebigkeit der Quellen vernachlässigt seien. Es sind dies, 
von allbekannten oder bloß vermuteten abgesehen, zumal dam audet, 
dürne audeat. dam und cj. dorne erwähnt in demselben Jahre Ett- 
müller zu Theoph. 446. Obgleich beides aus Hom. Gl. zum Ssp. und 
aas Bruns' Zeno 412 längst bekannt sein muste, ist es beider Männer 
Verdienst, die Aufmerksamkeit darauf gelenkt zu haben; erklärt oder 
auch nur weiter verfolgt wurden sie nicht. Beide beschränken sich auf 
die ungenaue Vergleichung von sterne : sterre, aber Grimm, der das 
prt. zu dam * als dorste, kaum dornste' ansetzt, nennt jenes seltsam und 
meint, man würde wol noch undere abweichende Formen dieser ano- 
malen Verba sammeln können. 

Die Form darn^ um zunächst den Bestand festzustellen, findet 
sich immer in demselben Sinne wagen, sich getrauen bisher 1. nie- 
derdeutsch etwa 9 mal, nämlich im Ssp. Hom. ed. 2. S. 54. 75. 118. 
123 160; sodann Hom. II a im Lehnrecht 39, 1 S. 215; ferner in der 
Magd. Schöppenchronik S. 14, 8. S. 15, 8; endlich in der Sassenchr. 
S. 236: dal ek et wol darn spreken nä:geschä (?Sch. nag : geschag), 
wo nun auch der Hamb. Codex bei Weiland darn hat. Dazu kommen 
die beiden Conjunctive dorne : vortorne Zeno 412 = Lübben 433 und 
dürne Ssp. S. 138, 5, und 2. noch vier hochdeutsche Stellen a) tarn 
in dem Quedlb^ Ssp., s. die Var. bei Hom. S. 1 18 und in dem Görl. Lehn- 
recht 3, 18, Hom. 2 b S. 156: ob er iz uf den heiUgin tarn volbringin; 
6) darn im Qaedl. Lehnrecht 222, Hom. 2a S. 215: darn her da sin 
unschalt zu tön, und im Görl. Landrecht 47, 20 Hom. 2 b S. 225: ob 



1 » 



4 A. HOEFER 

ers — bewerin dam. Einiges andere, z. B. aus v. Daniels Reehtsb. wird 
sich noch beibringen laßen. Im Leipz. Ssp. ed. Weiske-Hild. nur 
tar^ kein tarn. 

Die Schwestersprachen bieten hiezu nichts von Belang, das altn. 
]>ama bedürfen, für |)arfna; wozu das aus dem sog. Ormulum bekannte, 
weiter von Stratmann nachgewiesene altengl. |)amen egere, kommt nur 
mittelbar in Betracht. Wichtig ist allein altenglisch dam und durne, 
beide to dare, bei Halliwell aus dem Prompt Parv. verzeichnet. 

Woher nun aber das auffäUige r-n? das Ettmüller aus rr ^= rs, 
Grimm gar nicht deutete, während es ohne Zweifel einen vereinzelten, 
kostbaren Rest uralter Stammbildung enthält, dem sich nicht sowol 
fullnan, fuUnoda oder |)rafDa, |)rafnada vergleichen als vielleicht 
fraihnan, fr ah. Bekanntlich bildet das Indogermanische für gewisse 
Verba der 5. und 9. Conj. eigene s. g. Präsensstämme mit nu, no oder 
mit ni^ nä, daher im Skr. su, su-nömi oder ju, ju-nä-mi wie gr. ösCx- 
w^iy ddfivrjiii. Die Wurzel der nun dars, tar, nd. dar zufallt, lautet 
im Skr. dhrisch Air ursprünglicheres dhars d. h. mutig sein, wagen 
und eben sie bildet ihr Präsens dhrischnomi (neben Perf. dadharscha) 
aus dem Stamme dhrischnu^ der sich mit nd. dam = W. dars -|- nu 
vollkommen decken würde. Unser darn wäre also eigentliches Präsens 
und von dem urspr. präteritalen dar^ dor, der, dore zu trennen. 

Die übrigen zu dar und darf, dörv gehörigen Formen bieten Grimms 
Erwartung entgegen nichts Bemerkenswertes. Die bekannten dochte, 
dechte, selbst: der se bedachten : brachten aus Marina 107 (lies be- 
drochten : brochten) sind entstellt aus dorchte fiir dorfte wie jetzt 
dösch : dresche, döst'.durst. Das von Diefenbach dem Dähnert ent- 
nommene inf. dorsten beruht lediglich auf Misverständnis, obgleich es, 
wenn es vorkäme, nicht auffälliger sein würde als der bei Weigand 
verzeichnete hd. Inf. däuchten. — Beiläufig bemerke ich, daß in der 
Aachener Mundart neben dem prät. dorsch durfte fttr dorste? noch ein 
präs. dasch, darsch darf und auch ein infin. dosche dürfen vor- 
kommen soll, beides doch wol nur Neubildung. Bei J. Spee Volkst 
vom Ndrrh. heißt ech dar ich darf, dorsch dou durftest du. 

XLIV. Nd. schoke Hure. 

Das nicht grade seltene, doch offenbar örtlich beschränkte Wort 

entspricht dem altn. skoekja bei Fritzner, skioekja bei Grimm 1^ 485. 

525 das sich im schwed. sköka, dän. skage erhalten hat. In seinem 

GIoss. Belg. verzeichnet Hoffmann aus Plantins Thes. soheucke, een 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNO. 5 

stuck hoerSy scortum^ meretrix, im Teuthon. scheint es zu fehlen ^ im 
jetzigen Holländischen heißt es schenk die Gaßendime. Das gesammte 
Hochdeutsche scheint das Wort gar nicht zu kennen, ich habe es nur 
einmal bei Eantzow S. 263 gefunden: sie vor eine sc hu che halten^ 
also in einer Zeit und Ortlichkeit da sehr viel niederdeutsches Sprach- 
gut in das Hochdeutsche übertragen ward. Desgleichen wird es im 
Ags. , Alt- und Neuenglischen ; Altfriesischen und Altsächsischen viel- 
leicht völlig vermist« Grimm Gr. 2, 11 no. 92 hat zwar alts. skok 
adultera, — allein woher? Schmeller, Eoene, Heyne kennen es nicht. 
Dennoch wäre es hier nach dem Stande des Mnd. wol vorauszusetzen. 
Vielleicht gehört hiezu der um 1280 in Strals. Urkunden häufige 
Name Scoke? 

In meiner Ausgabe des Cl. Bür findet unser Wort sich dreimal 
V. 98. 157. 260, an der zweiten Stelle liest der Druck B hören für 
scboken A. — schokenkint aus der Dortm. Wilkür ist schon Germ. 
13, 160 erwähnt, schocken sone, altn. skoekjusonr, steht in den Gosl. 
Stat 333, beide sind in manchen Rechtsbüchern nebst ähnlichen Aus- 
drücken als strafbare Beleidigung bezeichnet 

Indem ich anderes übergehe, bemerke ich noch, daß bei L. Die- 
fenbach Suppl. ein altes Glossar s. v. meretrix : pute, cute, stoke gibt, 
was natürlich scoke meint, und daß unter neueren Glossaren nur 
noch Sti*odtmann und das Brem. Wb. das Wort kennen. Letzteres 
bat sich nach dem Vorgange von Wicht zum Ostfrs. Landrecht S. 252 
Anm. auch schon mit dem Ursprünge des schoke, schenke beschäftigt, 
es vergleicht neben Falschem nd. schechten laufen, fries. Schecken davon 
laufen. Grimm 2^ 11 denkt an ags. scacan, altn. skekja; deutlicher 
wiesen vielleicht alts. skakan, altcngl. to shake auf den Begriff 'die 
Weggelaufene, die Herumstreicherin?' 

XLV. Wan in Zusammensetzung. 

Das allbekannte Wort das sich noch heute hie und da im Sinne 
von 'nicht voll, 1er, kühn, toll' findet, ward von jeher am häufigsten 
in Compositis verwendet. Nur aus dem Gotischen ist nichts, aus dem 
Ahd. neben wanwäfan inermis, wanwesan deesse wenig erhalten, desto 
mehr aus dem Altn., Angels., Friesischen, Mndl. und Holl. — Vom 
Nhd. werden im Ganzen nicht viel über ein Dutzend Beispiele aufzu- 
bringen sein, bemerkenswert ist allein wansauer (vgl. ndl. wanslfi- 
perich, wansout) bei Stieler subacidus, schwäbisch dagegen 'sehr sauer , 
also hier mit einem gleich un verstärkenden wan. 



6 A. HOEFER 

Niederdeutsche Beispiele, die bei Grimm ganz fehlen, sind in 
Menge vorhanden, obgleich der Heliand nur einmal wan c. g., einmal 
wanskefti Elend hat, dazu in den Gl.L. bei M. Heyne wangiscot Mangel? 

Allein Stürenburg bringt an 30 ostfriesische Wörter dieser Art, 
von denen ich die wichtigsten mit einigen anderen hier übersichtlich 
kurz aufflihre. Vor b und m zeigt sich dabei zuweilen warn, wie bei 
in, im, das a ist oft lang^ meist wie in den ostfr. noch kurz, doch 
schreibt Hofimann im Reinke wän, ohne Not. Das einfache wan 1er: 
quam, findet sich z. B. Uhland 2, 695: ach möller, wo is min sak so 
wan, du hefst mi half gestalen; der Strals. Vocab. hat: wan, nicht al 
vul, semiplenns, semivacuus, dann nach 3 comp.: wan, simplicitcr, scmis; 
dazu gött. wänich schlecht, fehlerhaft, vgl. hell, wannigheit, während 
clev. wan albern, unklug ist, ähnlich im Waldeck, bei Curtze. 

Von Zusammensetzungen mit wan führe ich nun auf: 

wanandert; wonondward altfr. falsche Antwort. 

wanbak ostfr. ein Hagerer, ohne breiten Rücken, vgl. he het 
nich buk oder bak. 

wanbandich, auch mit mb und nn, ostfr. und D. Munda. 4, 
126, wie unbannich, sehr, gewaltig, noch mehr verstärkt sogar ostfr. 
unwanbandich ungeheuer, Germ. 14, 204. 

wanbär ostir. mangelhaft, e. wansome bei Hall, inefiicient. 

wahnbett, nhd., bei Grimm unerklärter Jägerausdruck, ist nach 
Frisch und dem Brem. Wb. das lere Lager des Hirsches, zu trennen 
von dem wunderlich gedeuteten gött. n. wambet Wildheit der Kühe, 
das vielmehr, wie hier bükbet, Bauchgrimmen des Viehes, zu wamme, 
wampe gehören wird. 

w anbort, -bordich, osnbr., pommersch und sonst oft nachweis- 
lich, z. B. bei Seibertz, im nds. Archiv f. 1844,408, steht nicht von 
geringer, sondern von unehelicher Geburt, hie und da auch nhd. 
wahnbürtig. 

wan dicht ostfr. undicht, wobei ich bemerke, daß das Brem. Wb. 
wandet Mangel als wan-del erklären möchte. 

wanfet ostfr. nicht fett genug zum Schlachten. 

wanfull rasend, bei Ficker Münst. Chron. 125, ist unsicher, da 
es zu w&n gehörend vielleicht wahnvoll sein mag? Ebenso ist auch 
altfr. wanfel, -Uich blutrünstig nach v. Ricbthofen nicht auf unser wan, 
sondern auf ags. wan, won lividus , ater zu beziehen, also eigentlich 
mit dunkler, blutunterlaufener Haut. 

w an gär gött. nicht recht oder schlecht gar. — Davon ganz ver- 
schieden altfr. wongare zerrißenes Gewand, zu gero, gere gehörig. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 7 

wangelüd ostfr. Miston, hoU. wangeluid, -luidend. 

wanglove ostfr. Unglaube, -glövich, holl. wangeloof, vgl. im 
Br. Wb. wanloevisk und holst, wandelloevisch mistrauisch. Die holl. 
wan-gebruik^ -gedrocht Misgeburt^ Unding, -gelaat, -gunnen^ -gunst sind 
im Nd. nicht nachweislich. 

wanhäl, nicht ganz, mancus, scheint nicht mit dem Brem. Wb. 
altfr., sondern ags. wanahäl ungesund^ ahd. wanaheil. 

wanhebbich ostfi*. id. q. unhebbich plump, holl. wanhebbelijk 
unsauber. 

wanhödc u. c. ü, uc, Unachtsamkeit, pomm. bei Dähnert und 
sonst oft, bes. lübeckisch. Dazu verwanhöden verwahrlosen, bei Hach 
und Wehrmann, und verwanholen im Br. Wb. verdruckt, oder mit 1 
für d, was manchmal vorkommt. 

wanhope, -pich Verzweiflung, wie im Engl, und Holl. wo auch 
Verb, wanhopcn. Im RV. wanhopeninge. 

wankantich ohne scharfe Ecken, hier und fast überall. Das 
ostfr. Verbum soll bedeuten: widerspenstig sein. 

wanklör ostfr. Misfarbe, -klörich, holl. kleur, couleur. 

wanlüstich ostfr. unlustig, holl. wanlust. 

wanmacht bei Dähnert wol ungenau Ermächtigung, Unrecht, 
altn. vanmattr ist Machtlosigkeit, Krankheit. 

wanmäte, im Stris. Voc. c. mm, unrichtiges MaU, Seib. 540, 
ostfr. ebenso, altfr. wanmSte. 

wanrooedich unmutig, unsinnig, im Brem. Wtb. aus Stade. 

wanorder, -örde ostfr. Verwirrung, Unordnung wie im Holl. 

w anrät schlechte Wirthschaft, dazu -rädich, ostfr. und holl. 

wanrip ostfr. unreif. 

wansad, beßer -sat, semiebrius, doch nur aus dem Strls. Vocab. 
bekannt, wo sad drunken, sad maken inebriare. 

wanschapen, auch wan-, wand-, überall gebräuchlich, verkehrt, 
ungestaltet, albern u. s. w., in der pomm. KAgende: wi wannschapenen 
hilligen, ags. wansceaft ist Mangel, Elend, holl. wanschepsel Untier, 
Ungetüm. 

wanschepel der letzte nicht volle Scheffel eines Komhaufens, 
im Brem. Wtb. 

wanschicht brem., holst, wand- Zufall, Unfall, Misgeschick, z. B. 
bei Graut. 2, 430. Dorow 1, 37 ; vgl. unschicht. 

wanschick ostfr. Ungeschick, holl. Unordnung. 

wansedich, im Strals. Vocab. gleich unsedich indisciplinatus, 
immoderatus, ebenso das Subst. -dicheit, dorperheit, rusticitas, im 
Teuthonista. 



8 A. HOEFER 

wanspräk und -ke ostfr. und bei v. Wicht Landr. 748, fehler- 
hafte , übele Sprache. Altfr. wansprcke ist bei v. Richth. depravatio 
loquelae, vgl. holl. wantaal Sprachbarbarismus. 

wanstalt ich ostfr. ungestaltet, holl. wanstal Misgestalt, -Uig. 

wanstuerich ostfr. unbändige gleich balstuerich. 

wansüchtig wahnsinnig, Sastrow 1,91. 

wantie ostfr., wantij holl., zu tie, engl, tide, unregelm. Ebbe 
und Flut. 

wantidfeh, tieg ostfr. unzeitig oder gar nicht trächtig. 

wantöge ostfr. verfehlte Züge, Streiche. 

wantroestich ostfr. untröstlich, vgl. mistrostich verzweifelt, miß- 
mutig. Beiden Wörtern ist es bekanntlich schlecht ergangen, denn 
wie dieses öfter verschrieben ist, so steht ftir jenes Mar. Klage 271 
wanteistich. 

wantrüwe in der Gl. zu RV. Verdacht, Mistrauen, ähnlich ostfr. 
und holl. wantrouw nebst Verb, wantrouwen; vgl. schwed. wantro, alt- 
engl. wantriste, mistrust. 

w anwäre ostfr. fehlerhafte Ware, ebenso altfr. nach dem Brcm. 
Wtb., während bei v. R. wanwara unvollständige Gewährleistung. 

wanwetisch im Strls. Voc. semifatuus, semiprudens, dazu bei 
Ficker 303 wanwittich wahnwitzig, vgl. Altfr. wanwitscip unvollstän- 
dige Kunde. 

wanwicht ostfr. und altfr. mangelhaftes Gewicht. 

wanwis brem. u. pomm. wahnsinnig, unklug; altfr. wanwisinge 
ist unvollstd. od. falsche Unterweisung. 

Ich hatte diese Sammlung Anfangs auf sämmtlichc Zusammen- 
setzungen der Verwanten ausgedehnt, da dieselbe aber einen zu großen 
Umfang gewann, habe ich mich sodann auf einzelnes Wichtigere be- 
schränkt und denke auch so den mannigfaltigen Gebrauch unseres 
wan, das sich so oft mit un völlig deckt, hinlänglich klar gelegt zu 
haben. Nach Grammatik 2, 672 entspräche wana, zur Partikel ge- 
worden, ganz dem lateinischen ab-, de-, während hie und da, z. B. in 
wanbär^ engl, wansome das alte Substantiv noch deutlich vorzuliegen 
scheint. 

XL VI. Wan dag es. 

Das erste Glied dieser Zusammensetzung tritt aus der Reihe 
der in No. 45 behandelten Wörter so entschieden heraus , daß es mit 
deren erstem Gliede gar keine Berührung haben kann. Es heißt ganz 
bestimmt nicht^ wie Schtltze im Holst. Id. will, täglich, gewöhnlich von 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENF0R8CHUNÖ. 9 

ditm. wandag, Wochentag? sondern stets: ehedem, vor Zeiten, weiland, 
und begegnet so häufig, daß es keiner Belege bedarf, doch vgl. z. B. 
bei Lisch Mekl. Jahrb. 4, 217 van wandages T. Bocholtes boden, oder 
Germ. 9, 271 dar de heidene wandages plagen umme td danzende, Pf. 
wand. Man könnte versucht sein, an e. to wane, ags. wanjan, abnehmen, 
zu denken, das im Nd. nicht ganz fehlt (van deme wanne: manne für 
mane, wie engl, the wane of the moon) , allein die Bedeutung Ver- 
gangen' ist kaum nachzuweisen und so bleibt wol nur übrig, mit dem 
Brem. Wtb. auf wanne zurückzugehen, das das. 5, 179 zweimal in 
alter Urkunde vom J. 1390 unmittelbar dem wandages entspricht: 
Cordes de wanne min brdder was, und: Ilsabe die wanne mine 
rechte hüsfroue was, — unter Hinweis auf Schilter, p. 835. Dieses 
wanne ist nun aber natürlich nicht jenes wan, Mangel, sondern das 
pronominale hwanne, aliquando, von Vergangenheit und Zukunft, vgl. 
noh hwanne, mhd. eteswenne, GraflF 4, 1202 und W. Müller 3, 503. 

In gleicherweise wird für^weiland' im Mnd. sonst auch ichtes-, 
gichteswanne, sogar etwan verwendet, wofür das Wtb. einige Bei- 
spiele gibt. — Wenn in Volger's Lüneb. Urk. neben unserem wan- 
daghes sich gelegentlich auch wansdaghes findet, z. B. pag. 345, so 
mag dessen erstes s leicht aus dem zweiten herüber genommen sein. 

XLVII. Ekel-, Oekelname. 

Die verschiedenen neben einander laufenden Formen dieses 
Wortes sind: Ekel- auch Eckelname bei Stieler, Adelung und Goethe, 
ekername im Brem. Wb., ockcl-n. bei Richey und Schütze, auch 
Danneil, oekcr-n. im Br. Wb. 3, 261, sodann älter ökelnam, bei 
Lauremberg und aus Korner im Mnd. Wb. — Dazu hat schon Grimm 
im D. Wb. altn. aukncfni, schwed. öknamn^ dän. ogenavn beigebracht, 
indem er hinzufügt: 'unser ekelnamc schiene also aus diesen nordi- 
schen Formen entstellt, oder beide Benennungen hätten nur zufallige 
Aehnlichkeit.' Nein, eins so wenig wie das andere. Grimm übersieht 
die ganz richtige Form oeker, darum meint er, 'Schütze schreibt 
oskeln. ftir ekeln., eker könnte umgesetztes erke sein', während sich 
oekel : oeker verhält, wie ökel : Sker. Letztere sind offenbar (Skel mit 
falscher Anlehnung an Ekel) aus den ersten beiden entstanden; diese 
aber, ökel und oker, den nordischen verwant, sind ohne Zweifel alte 
echte Bildungen zu dem Verbum öken, alts. okan, okian. 

Auf aukan hat übrigens nach Adelung schon Ihre unser Ekel- 
name richtig zurückgeführt, und was hätte dies denn auch mit Ekel 



10 A. HOEFER 

ZU schaffen , wenn ausnahmsweise auch einmal ein schmutziger, in der 
Regel gewis nur komisch wirkender Beiname mitunterläufl. Ekel- 
name , nach Stieler appellatio ignominiosa^ nach Grimm cogn. infame, 
ist wie die ganze Sippe nicht einmal notwendig ein Schimpf-, Spott- 
oder Spitzname^ eine Schelte, sondern einfach ein Mehr-^ ein Za- 
satzname, ein Bei- oder Zuname, wofür es eine ganze Schar von 
Bezeichnungen gab und gibt. Ich finde z. B. mhd. äname, bei Grimm 
auch nhd? oname, abemame Tobler 213, anname Kriegk N. Folge 208, 
btname, miltinamo Graff 2, 1081 cognomen, mhd. auch Kosename; 
dann mit^-, n&ch-, übemame, s. Fr. Becker's Baseler Progr., Z. f. d. 
M. 4, 158; endlich un-, under*, wandel-, zuoname im Mhd. Wtb. Dazu 
fUgt Grimm im Wtbuch 1. 1. kurz und dunkel 'nd. torneitsname* 
so! ein wunderlich Ding, das wie ein hoU. torneysnaam aussieht^ 
sicher aber nicht eigentlich , noch weniger allgemein ud. sein kann, 
wenn Hoffmann es auch in der Z. f. d. M. 5, 299 als 'ter- neitsname 
m. Spitz- oder Scheltname' aus seiner Heimat anf[ihrt, Schambach aber 
aus der Dransf. Hasenjagd v. J. 1660 torneisnome, daneben te^ 
neizname und das Verbum terneiren beibringt, indem er zugleich 
unser Spitzname als aus nd. spitsname hervorgegangen ansieht."^) 

Indem ich die ganze mnd. Sippschaft des verb. dken als be- 
kannter übergehe, erwähne ich hier schlieUlich noch 1. aus Outzen 
friesisch ükennam, 2. aus Boysen van Nienkarkcn Ditraarsche Leder 
p. 311 nökelnoam gl. Bed , 3. aus dem Strals. Voc. also als alt das 
Wort okelse, 'dat t6 okelse in deme dake edder in anderen dinghen, 
adaucta, orum*, wozu jetzt hier de öken pl. oder de okungen, bremisch 
öker, ökem, der scharfe Winkel des untersten Daches und des Bo- 
dens, der Raum, der auch wol ^abgekleidet' zu sein pflegt, hinza- 
kommen. Hiezu als Beispiel: gladde katten gät nich unner de okem; 
bei Mi heißt es sogar: de öken an den heven, tief unten am Hinmiel. 
— 4. oekelsch ditra. bei Schütze ist ein zur Verlängerung an einen 
Unterrock angesetztes Stück Leinen. 



*) Das merkwürdige Wort ist, wie ich nachträglich gewahr werde, oeiilidi 
auch im Jahrbuch des Nd. Vereins, II. S. 41 s. v. Eselsfreter, Spottname der Drans- 
felder , gleichfalls ohne Erkl&ning , doch mit Verweisung anf Spangenberg N. VaterL 
Archiv angeführt worden. Danach lautete die Braunschweigische Form bei Hofimann 
indessen tarendsname, was mir unbekannt ist; nach Spangenberg aber wäre wieder 
im Braunschweigscheii tarneidsname üblich, wodurch, wie er meint, das Dransfel- 
der torneisnome vielleicht erklärlich würde. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. H 

XLVIII. Zu Korner, Germ. 9, 257. 

Indem ich über Pfeiffers Abdruck Kornerscher Erzählungen 
Ausführlicheres für eine spätere Zeit aufspare, will ich hier nur ein 
par sprachlich wichtige Wörter herausheben, kurze Auszüge aus einer 
vollständigen Erklärung, die ich gleich nach dem Erscheinen des 
Textes begonnen hatte, ehe ich noch die Hannoversche Handschrift 
kannte. 

1. weteren 262, 13 schweifen, sich umher treiben, steht auch 
Ludolf 31 und in dem Strals. Vocab. als: sweken, vagare, divagare. 
Bei Diefenbach im Suppl. habe ich es nicht gefunden, dagegen steht 
s. v. vagari u. a. wefern. Es entspricht dem schon von Dähnert, 
Wiggers, Mi aufgeführten, oft von Fr. Reuter u. A. benutzten dwä- 
tern, das hier noch sehr üblich ist. Vielleicht dazu auch duotern 
sich bewegen (zittern) bei Woeste. Ob zwischen jenen beiden aber 
wirklicher Zusammenhang, ist so unsicher wie ihr Ursprung. 

2. bi hüselanghe 264, 7 Haus bei Haus, an den Häusern ent- 
lang, ebenso in H 154 bi mer langh, bei Ludolf 55 bi wegelank, 
welches letztere sich manchmal auch bei Fr. Reuter findet, doch im 
Sinne von nebenher, beiläufig. 

3. drovich das. Z. 26, tristis, mestus im Strals. Voc, im Daniel 
147 fälschlich dräuend übersetzt, es steht auch Sassenkr. 298 und 
sonst. Dazu drövicheit und drove (mhd. trüebe), verb. droven. Das 
Nd- ist reich an solchen Adjectiven, zu denen halvich, endich, auch 
wol düsendich ^ thüsundig gehören. 

4. staffele 268, 21, Stiefel, ebenso in H, wieder ein seltenes, 
eigentlich wol unrichtiges, doch mehrfach begegnendes Wort ; im Strals. 
Vocab. stavele ocrea, stavelen ocreare (anders den 6t, fede stavelen 
vom bodel, im Berliner Statbuch), bei Diefenbach im Suppl. 392 sta- 
vel ein lederen hose. In der Strals. Chron. 3, 498 schon stevelen, bei 
Chytraeus 243 stevel etc. Doch a. 1378 in Brem. Stavele als npr. 

5. untset — wart he van den reden 269, 21, ob etwa entsetzt, 
wo dann S falsch wäre? In H ebenso untset, sonst auch untsed. 
Außerdem finde ich in H, zum Teil mehrmals, untsettet, aber auch 
untseed^ untseet und auch in demselben Sinne untseen 196^ gleich 
mhd. pass. entsehen. Aus untsettet kann untset, nicht aber unt- 
seet entstanden sein. Es bleibt also wol nur übrig, neben untsSn 
ein schwaches part. untset anzunehmen, was Pfeiffer auch wol ver- 
mutet haben wird. Vgl. oben No. 42^ 4. 



12 A. HOEFER 

6. lüder stempne röpen 271, 14, vgl. lautes Halses schreie& 
etc. Genau derselbe Ausdruck begegnet z. B. Lappenb. Br. Gqu. KM 
und Ludolf 64 ed. Partz, wogegen Kosegarten, vielleicht eigenmächtig, 
sicher ohne Not mit hinzufügt. Und freilich kann ja auch mit stehea, 
wie H in einem Zusätze zu W 275, 22: sprak mit lüder stempne hat, 
was immerhin gewöhnlicher sein mag. 

7. storment unde stfment 282,29, etwa Lärmen, Poltern, 
kaum Streiten, Zanken^ vgl. Z. 33 dcsses bulderendes, in H Air stim 
fast stun, wie das. 197 neben spalken vom Feuer stunen wirk- 
lich zu stehen scheint. Nach allem was über das schwierige Wort 
und seine Form und verschiedene Bedeutung schon gesagt ist, bedirf 
es einer eingehenderen Untersuchung als ich ihm hier widmen kann. 
Ich begnüge mich daher, wieder aus dem vortreflFlichen Strls. Vocab. 
zu verzeichnen: sty m congressus, sty men congredi (dies bei Diefenb. 
to stride gän) und außerdem auf eine sehr ähnliche Stelle bei Gran* 
toff2, 481 hinzuweisen: he horde uppe deme beddc^ dar he lach, den 
stym unde dat bulderent der vyende. Dieses stim neben stuem u.a. 
ist aber noch mannigfach in deutscher Zunge nachzuweisen. 

8. In Betreff des Geschlechts ist Korners Werk ganz beson- 
ders lehrreich, wenngleich die bei ihm sich darbietenden Abweichungen 
fast alle auch sonst im Nd. wie im Hd. nachweislich sind, denn — 
wer das genus genauer verfolgt hat, weiß welche unglaubliche Mannig- 
faltigkeit gerade in diesem Kapitel der deutschen Grammatik bestehti 
mag auch Grimms schöne Arbeit immer bewundernswert bleiben. 

Hier nur ein flüchtiges Verzeichnis , wie es mir eben zur Hand 
ist: den und dat acker, den und dat altär, dat ambolt, dat anbegbin. 
den anxt, den armöt, de bcke^ de dechtnisse, den däcl, den ende, dat 
enkel (des Fußes), dat vlct Fluß , dat gordel, de grünt, in der und 
den hörne Winkel, de und den munt, de ploch, den und dat r§p, de 
und den roke Acht, dat schichte^ de und den se, den sede, dat spe^ 
dat spök und dat spöknisse, den tal, dat versch, dat werden Was 
endlich wolke^ wölken angeht, so ist dies im Ahd., Alts, und Ags. 
bekanntlich neutral, ahd. wolka auch fem. Ein masc. den wölken 
kennt Grimm nicht und doch ist es wie aus Korner so auch sonst 
sicher zu belegen, obgleich in manchen Stellen das Geschlecht neutral; 
in anderen?auch weiblich sein könnte. Ms. H schreibt 172* en swart 
wölke, das. umme den klonen wölken, öfter üte deme wölken. Vgl 
Eike 537; 4 B. der Kön. 164 ik s^ cnen klonen wölken, de sticht up, 
und so in manchen Bibelstellen, wo die Magdeb. , Kölner und Basler 
Bibel das Femin. zeigen. Merkwürdig ist auch Sassenkr. p. 101: n& 



ZÜB LAUT-, WORT. UND NAMENFORSCHUNG. 13 

ener dröven wolkeltn komet dicke ^n suimenschtn. Im Glossar zu Wei- 
lande Ausgabe: wölken stm. 

9. Und nun zum Schlüsse ein kleines Rätsel. Die Hs. H hat 
statt 275| 14 fl. einen etwas abweichenden Text, unter anderem liest sie 
(tir Z. 18: unde de ghantse stad beclägheden den sy losen unde 
snellen dot des ridders. Man könnte hier einen Fehler vermuten, da 
H von Versehen und Flüchtigkeiten keineswegs frei ist, allein das 
bisher wol nirgends erwähnte Wort, das ich auch bei Komer nicht 
weiter gefunden habe^ ist glücklicher Weise abermals im Stralsunder 
Vocab. yorhanden, wo es also heißt: Silosen, unvorsichtighen, causa, 
causaliter, ex abrupto, improvise, periculose, casu, casualiter; und: 
SiloseU; alse: he starf silosen, subitanee. Stünde hier s für z, ts, 
wie man siren, sierat, sege u. dgL findet, so möchte man, an sich, auf 
hd. zilloB raten, allein, wenn dies überhaupt schon nachweislich wäre, 
80 würde es so wenig in den Zusammenhang wie zu der lat. lieber- 
Setzung passen. Auch hat der genannte Vocab. eine ganze Reihe mit 
s anlautender Wörter. 



Die Namen, auf die ich es bei den vorstehenden Aufsätzen An- 
fangs hauptsächlich abgesehen, sind doch durch anderweiten, zumal 
niederdeutschen Stoff bedrängt im Ganzen etwas zu kurz gekommen. 
Ich lasse deshalb hier noch zwei kleine Arbeiten folgen, die ihren 
grösten Wert vielleicht eben als Sammlungen haben, auf die es denn 
doch zunächst ankommt. Vollständigkeit ist freilich nicht erreicht, 
ebenso wird auch die hie und da wol versuchte, doch nur zu oft im- 
richere oder ganz unmögliche Erklärung vieles vermissen lassen, — 
MSngel| die wie alle Arbeiten dieser Art zeigen, leider noch unver- 
meidlich scheinen. 

XLIX. Familiennamen auf ding, ting. 

Ich sehe in dem folgenden Verzeichnisse gänzlich ab von der 
Unzi^l der zweisilbigen Namen wie: Baiding, Harding, Mieding, die 
meist, aber keineswegs ausschließlich auf einfache Koseformen zurück- 
gehen, s. B. Nölting : Nolte, aber schon alt Pröbsting. Ob dem ing, 
ink ein d oder t vorausgeht, Nölding und Nölting, was nicht einmal 
sicher hoch- oder niederdeutschen Ursprung beweist, unterscheide ich 
andi bei den von mir allein verfolgten mehrsilbigen nicht. Das Alter 
dieser Namen, welches zu kennen wichtig wäre, habe ich nur hie und 
da angeben können. Die Mehrzahl scheint mir jedoch alt zu sein 
und fär sie wird nicht wie für die jüngeren, als Vornamen sogar noch 



14 A. HOEFER 

heute gebildeten Formen deminutive Bedeutung angenommen werden 
dürfen. Auch Grimm 2, 364 nimmt an, daß die ing-form an sich keine 
Verkleinerung ausdrückt^ vorwaltend liegt ihm darin der Begriff dtr 
Abstammung oder lieber Verwantschaft, die am schlagendsten im An- 
gelsächsischen zu Tage tritt, wenn der filius Elisas nach S. 350 Eli sing 
heißt oder im Beowulf Wulf Wonreding mit sunu Wonredes wechselt 
Ganz dasselbe beweisen noch späte deutsche Urkunden, ein Ludeke 
Rygherdinghe heißt a. 13(M auch Lud. Rychardes und ähnliches UiCt 
sich mehrfach aufweisen. Dieser ursprünglichen patrony mischen Be- 
deutung tut es keinen Abbruch, wenn diese Namen so überaus häufig, 
zumal in Baiem, als Ortsnamen auftreten, oft nur als solche nach- 
weislich sind. Viele derselben habe ich unten mit aufgenommen, di 
sie zugleich den Personennamen so sicher erweisen, wie die daneben 
bestehenden, noch zahlreicheren Ortsnamen auf ingun, ingen. Denn 
es unterliegt keinem Zweifel, daß jene On. eben nur eine An- oder 
Verwendung der Pn. sind, wie dies besonders Schmeller B. Wtb. 1,81 
eingehend erklärt hat. Der Ort ist eben unmittelbar nach der Person 
benannt ohne alle Aenderung der Form, ebenso wie umgekehrt die 
aus Orts- und Stätenamen gebildeten Personennamen gewis nicht aUe 
erst ein von, aus verloren haben, z. B. Bamberg neben Bamberger. 
Und in gleicher Weise entsteht ja dann aus der ing-form der On. ein 
neuer Pn. auf inger. Auf jeden Fall ist es nicht wahrscheinlich, daß 
dies inger abermals patronymisch auf ing als Pn. zurückgehe, ob- 
gleich man den Namen Conräder, Gantzer, Hertzer, Königer, Nitsscher, 
Valentiner u. a. oft begegnet, über die hin und her gestritten ist. 

Die folgenden Namen unterscheiden sich natürlich in nichts We- 
sentlichem von der ganzen Art der Namen auf ing, ingen, inger ^ nur 
daß ich mir hier die willkürliche Beschränkung auf den vorhergehen- 
den Laut oder Auslaut auferlegt habe. Viele derselben sind an sieb 
klar und bedurften daher keiner Erläuterung. Andere freilich, denen 
keine klare Grundform gegenüber steht, bleiben oft nur zu unbestinunt 
und dunkel. Die verglichenen einfachen Namen habe ich zum Teil 
aus Förstemann, einige auch aus Pott oder Andresen altd. Pn. ent- 
nommen. Namentlich den beiden letzten verdanke ich manchen Bei- 
trag, obgleich meine Sammlung schon vor Jahren begonnen war. Ein 
genauerer Nachweis schien in der Regel nicht erforderlich. 

Alhartinger und Arnoltinger in Mon. Bo. — Allerding, zu Allard, 
Alerdy Adalhard. — Armerding^ zu Arn-, Arm-bert F. 117, oder flür 
Arperding? F. 121. Wahrscheinlicher ist aber eine genauer entspre- 
chende ahd. Form vorauszusetzen. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 15 

von Beroldingen, zu Berold, Beroald F. 227. — Borcherding, bei 
Schmeller On. Burkarding. 

Conredinck, älteres Conrading On. bei Schmeller- 

Detharding, jünger Deterding^ Dederding. 

Eberding; Everding bei Goethe-Knebel. — Egberding, schon 1361 
Egbertinge, daneben Egbert, F. 13. — Eggerding. — Ehierding, Eiler- 
ding (nebst On. EUerdinck) beide zu Agil-, Eilhard F. 27. — Ecke- 
harting, Ainharting, Emerting (Emhart F. 373), Engelbrechting, Er- 
harting , alle bei Schm. On. — Elperting, zu Alphart F. 58, wogegen 
On. Elfer-, Elverdingen zu Alfrid F. 144. — Erpelding, zu Erpold A. 26. 

Geberding, zu Gebhard. — Gerbeding, offenbar mit Verlust eines r 
(wie Gerderut u. Gederut) nebst Gerberding zu Gerbert. — Gamer- 
dinger, so dunkel es bleibt, gehört zu altem Gamard, neu Gammert, 
F. 466. — Gesterding, ein hier bekannter, oft -ling gesprochener, fälsch- 
lich auf gestern und auf ding bezogener Name, ist von A. 43 füglich 
aus Gastart, -rad F. 492 erklärt, anders Pott 174. Doch ist zu be- 
achten, daß noch jetzt z. B. in Braunschweig ein Geisthardt nachweis- 
lich ist. — Gotfriding On. bei Schmeller. 

Haberding, wenn nicht etwa ohne r zu dem folgenden, zu Ha- 
bert, Habbraht F. 572. — - Harberding, zu Harbert F. 619, vgl. Hart- 
bert 607. — Heimerdinger und Hemerdinger, zu Heimert, Heimard, 
F. 590. — Heimerding, zu Helmhart F. 656. — Hemmerding, wahr- 
scheinlicher mit dem obigen zu heim, als gleich dem vorigen. — 
Hilferding, mit Helfert zu Helirid, doch bietet sich auch Hildifrid dar, 
A. 53. Der On. Hilperdingeu zu Hilbert, Hiltepert F. 668. — Hum- 
perdinck, zu Humpert, Hunbraht F. 759. — Hunoldinck. 

Koner-, Kunnerding. 

Lammerding^ wol zu Lambert, Lantbert F. 832. — Landfriding, 
On. bei Schm. — Leiterding, zu Liudhard, Lietard F. 869, Leitert bei 
Andr. — Leoprechting, auch On. bei Schm., zu Liutpreht. 

Maferding, wol mit Andr. zu Maginfrid F. 890. — Meyerding> was 
^ft als Name begegnet, könnte allenfalls aus Meinhard entstellt sein, 
^e das n vielleicht in Meyhold geschwunden ist. Anders Pott 59, 
^er Zusammensetzung mit subst. ding annimmt, doch sieh unten zu 
Wilkending und S. 17 Peterding. 

Nellhartinger ist dunkel, ohne sicheren Stamm. F. 959 hat zwar 
N'lo, Nihlhart, doch denke ich lieber an Nagalhard 948, was verkürzt 
sein mag, vgl. e. nail, altfr. neil, nil. — Nieberding, nebst Niebert zu 
Nidbert F. 957. 



16 A. HOEFER 

OfterdiDgen , OrtsDame im Schwarzwald y dazu Personenname 
Ofterdinger in Ulm und mit ff in Stuttgart. 

Reinerding, -dynck. — Reinoldinck. — Remperding; nebst Rem- 
mert, Rampert, Reimpert zu Reginpert F. 1014. — Rygherdinghe a. 136i 
s. oben S. 14> Richerdink a. 1530. 

Seuerdinck a. 1449 und H. -dinchus latin.? zu Sigiwart, Siwart, 
mit Sieverding und -dingen On. — Schwerlich gehört zum vorigen, mit 
unorganischem m für v, Siemerding, eher vielleicht, wenn man nicht an 
Siemer, Sigimar denken darf, zu Simpert, Sindperht, F. 1105, alsoftr 
Siramerding, so in Wiesb. Zweifelhaft scheint auch Simendinger, wemi 
es nicht auf Simund, Sigimund zurück geht. — Schwieriger noch ist 
Singolding On. mit Singoldinger bei Schmeller a. a. O. und 3,273, 
unerklärt und bei F. fehlend, das vielleicht neben Singevert, Singolph 
F. 1107 ein altes Singwald erwarten läßt. — Nicht minder unsicher ist 
Sitterding, obwol mir nicht alt, sondern nur in Zürich nachweislich, 
doch finde ich den On. Sittard schon bei Bouterweck Wiedertäufer 
S. 5 erwähnt und noch heute im Limburgischen und Cleveschen. D& 
Name dürfte also wol schon alt sein, aber soll man nun an Sindard, 
fem. Sintiardis, Sintwart bei F. 1106 denken, oder darf man nach Si- 
tipoto, Situwit etwa ein Siti-, Situhard als verloren voraussetzen? 

Tangerding, vgl. Tanchard, Dankert. — Tebeding, das wie entstellt 
aussieht, ist mir völlig dunkel, wenn nicht mit ausgestoßenem r zu 
Teopert, Theobert, Tietbert gehörig; anders, aber unsicher Pott 250. 

Vollbeding, gleich dunkel, könnte danach zu Velbert gehören, 
wie Andr. auch annimmt. Aber Pott S. 59 sieht darin das juridische 
Subst. ding. — Voegeding, wol jung, mag Deminutiv zu dem Namen 
Vogt sein, oder es steht ftlr Vogetding, s. oben Meyerding, nach Pott 

Wermeldinck, zu Warmbold, Werembold? anders Stark 173. Wib- 
boldinck, wahrscheinlich zu Wigibald, Wibold F. 1293. Daneben zu 
demselben Namen mit wald On. Wigaldinghus. — Wilberding, m 
Willibert und dgl. F. 1205. — Willerding, wenn nicht Assimilation dei 
vorigen, zu Willihard, Willert A. 98. — Wilkending, neben Wilkeoing 
in Hannover, ebenso Wilmerdinger in Nürnberg, scheinen mir beide 
mundartliches d zu haben, d. h. sie setzen vermutlich Wilken-d and 
Wilmer-d voraus, wie d, t noch heute sehr gewöhnlich auslautendem n. 
r der Namen hinzutritt Diese Erklärung dürfte auch bei einigen obigen 
anzuwenden sein. — Wolferding, mit Wolfert zu Wolfhard, oder Wolf 
fiid F. 1346? Daneben On. Wulferding, auch Wilferdingen mit i für ü? 
— Wolperding, mit Wolpert zu Waldobert F. 1240. On. Wolterdingen 
scheint mit Wöltert auf Waldhard F. 1244 zu weisen. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 17 

Hiebei habe ich manche nicht unwichtige Namen einstweilen ab- 
sichtlich ganz übergangen, wie Allmendinger neben Subst. allmend-, 
-de, Geistinger, Handkretinger, Peter- d-ing in Bonn, On, wie Toraer- 
dingen u. a. Aber schon die hier gebotene beschränkte Auswahl weist, 
wie ich annehme, mit Wahrscheinlichkeit auf einzelne^ sonst nicht nach- 
gewiesene alte Namen, deren Zahl sich gewis erheblich vergrößern 
würde, wenn man die Sammlung fortsetzte und auf die ganze Art der 
zahlreichen Ableitungen mit ing, ung, ling und die ihnen entsprechenden 
Ortsnamen ausdehnen wollte. Ebenso würde sich auch die vollstän- 
digere Untersuchung der gesaramten Deminutivbildung der Namen ver- 
mutlich sehr lehrreich erweisen. 

L. Vornamen in Zusammensetzung. 

Auch diese oft mehr interessante als grade lehrreiche, immer 
aber beachtenswerte Namenclasse erfreut sich eines so gewaltigen 
ümfanges, daß wiederum manche Beschränkung geboten war. So sind 
denn innerhalb der vier wichtigsten Abteilungen in die ich die ganze 
Schar zerlege, nicht bloß sehr viele zweifelhafte übergangen, sondern 
ich habe ftlr diesmal die zu No. 2 oder 3 und 4 gehörige Unmenge 
der allbekannten, in Wahrheit unerschöpflichen ^ selbst heute teilweise 
noch fortgesetzten Zusammensetzungen mit jan, Jahn, ian, mit -mann, 
-manns, mit söhn, son^ sen absichtlich fast ganz ausgelaßen. Gleich wol 
idiien es geraten, manches Unsichere einstweilen noch beizubehalten, 
wie z. B. Yolpenhenn oder Hann wacker mehrfach zweifelhaft sind. 
Und wie in diesen Beispielen Manche Hann (daneben auch Hanna, 
Hane) und henn gar nicht als Name gelten laßen, so ist es anderer- 
seits nur zu oft fraglich, was überhaupt als Vorname anzusehen sei. 

Diese ganze Art von Namen ist mehr oder minder ausführlich 
manchmal besprochen, aber meines Wißens kaum schon im Zusammen- 
hange erörtert ; ich habe auch sie seit Jahren aufmerksam in Urkunden, 
Chroniken, Wohnungsanzeigem und sonst verfolgt, bekenne indessen 
gern, außer Pott und Vilmar namentlich dem Mülheimer Programm 
von Andresen, dem Basler von Fr. Becker, dem Marburger von R. 
Reichel, dem Jeverschen von Strackerjan, dem D. Bürgertum von 
Eriegk, den Germ. Kleinigkeiten von Ad. Bacmeister manchen wert- 
vollen Beitrag zu verdanken. 

1. Zwei Vornamen in Verbindung. 

Namen dieser Art sind natürlich sehr selten und außerdem ist 
das Verhältnis der beiden Glieder zu einander in der Regel nicht mehr 

Q£RMA1IU. Ntne Beihe XI. (XXIIL) Jabrg. 2 



18 A. HOEFER 

ZU bestimmen. An sich ist es wol als ein zwiefaches, entweder copu- 
latives oder Abhängigkeitsverhältnis anzusehen, so daß einer nochheote 
hie und da, besonders auf dem Lande üblichen Sitte gemäß zwei Vor 
namen zu einem verbunden waren, oder daß eins der beiden Glieder, 
sei es das erste oder zweite, den Vater, das andere den Sohn be- 
zeichnete. Weil viele Leute z. B. Marieck (Mariechen) oder Johimi 
heißen, so unterscheidet man Mariekdürtich and Annmariek, oder 
Johannjochen und etwa Johanukrischan. So mag, wo mehrere Hani 
hießen, der eine nach dem Vater Fritzhans, der andere vielleicht Hans- 
adam genannt sein. Daß letzteres nach Vilmar S. 7 A. Sohn des H. 
sein müße, scheint nicht erweislich. 

Ein sicheres Beispiel der ersten Art bietet gleich der erste ans 
Grimms Weistümem entnommene Name meines Verzeichnisses: An- 
thenghans, denn hinzufügt ist: Volzmartins son. Weiter halte ich ftr 
sicher, gleichviel welcher Art : Dietzhein. Fritzhans, Fritsch- and Friseb- 
hans. Giljohann, vgl, Gille, unter no. 2 Schöngilig, nebst anderen in 
Aegidius. Hannickel und umgekehrt Nickelhans. Hansadam, bei Bacm. 
Hannsadam Rodder 15. Jh., nach Eehrein in Naßau auch Doppelvor- 
name , daneben ebenda die Abkürzung Hansam. Hansgirg , -gürglf 
•Jürgen (vgl. Hansgörgenstadt). Hansjakob, auch noch Vom., abgdkttnt 
Hansjof K. Hejpeter, vgl. Heyluth bei Str., zu Heine, anders P. 57. 
HingenitZy -nietz, auch umgekehrt Nitheinz. Hinzpeter. Hupeter, erkliit 
sich durch Pierhugues. Loderkort und Lutterkorth, Luttercord. Tue- 
wile? alt Utzwil a. 1366. — Daran schließen sich nach der Matter 
benannt Elsenhans und Elspeter^ nach Vilmar ükenhans and Joses- 
hans, eher vielleicht Gundelkarl und Volpenhenn. ^ Obglech miinder 
sicher, sind doch noch zu nennen Berclas imd Bemeklas. Hanajassd. 
Harmjanz, cf. Harms, Str. Henkensiefken. Volzmartin. — Merkwürdig 
und schwierig bleibt noch Adamsam, auch Adamsaam, allein da an 
ftm oben ftlr Adam, auch an &m für Ohm (Hansohm s. no. 2) nickt 
zu denken, wie in Meyersahm vielmehr vor sam zu trennen ist, ao 
bin ich geneigt, Sam, das auch allein vorkommt und Saam, glach 
engl. Sam, Samray auf Samuel zurückzufuhren. Ein sehr altea Lange- 
rame gibt keinen Aufschluß, ebenso wenig neueres Lieberam, LiberaaL 

2. Der Vorname steht voran, ein Substantiv oder Familienname folgt 

Auch bei dieser Classe ist die Bedeutung des zweiten Gliedes 
nicht mehr zu entscheiden, denn dieses enthält in der Regel Wörter, 
die den Stand oder das Gewerbe, auch wol Oertlichkeiten bezeichnen^ 
zugleich aber als Familiennamen allgebräuchlich sind. Natürlich bildet 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 19 

es immer eine Ausnahme, daß eins oder das andere, mit Vornamen 
verbimden, zu einem neuen Namen verschmolzen wird und so darf 
man auch bei dieser im Ganzen deutlichen Art nur spärliche Beispiele 
erwarten. Dennoch finde ich die folgenden. 

Bartelfnss. Hannekomes a. 1506, Johann Graf? Hannotel, 
dunkel; doch ist Nötel Pn. bei Steub; ebenso dimkel Hanshud. Hans- 
ohm. Hann wacker, bei Vilmar S. 40 auch Hanewacker, auf 
den Hahn bezogen, sonst Job. Wacker? Hannwald. Heinekamp. Heine-, 
Hennemeyer, s. no. 4. Heinekind, wie Dedekind, Wöbbekind. Hein- 
richmeyer. Jacobskötter. Johannknecht, vgl. unter no. 4 die Zu- 
sammensetzungen mit Knaben, Knape. CarlhofiP. Carlschulz. Carls- 
jude. Earlbauer. Earlbaum. Earlskind. Eunzemüller. Lotz- und 
Lutzbaier. Lotzbeck. Lotzgesell. Lutikebeker^ doch vgl. ahn* 
liehe 8. no. 3 unter Klein. Micheltrawt, ein Jude, das zweite Glied 
kann lieb oder Liebling meinen. Ottomeier, vgl. no. 4 Meierotto. Paul- 
auke? Pauldrach. Paulmann. Paul- und Paulsmeyer. Paulsieck, zu jener 
zahlreichen Klasse von Namen gehörig, die meist und wie es scheint 
zuerst Oertlichkeiten, dann aber häufig genug Personen bezeichnen, 
wie Boden-, Erd-, Ger-, Heid-, BLlinck-, Ejrum-, Laden-, Meyer-, Nord-, 
Wiebe-siek, denn siek, sieck soll bekanntlich Sumpf, Morast, sumpfiger 
Boden ausdrilcken, s. Pott S. 171 Anm. — Paulweber. — Seiferheld 
1793 in Nmbg., jetzt Seufferheld in Regensb. u. Frankfurt nach Pott 
S. 210 Erinnerung an Held Siegfried. — Thielepape, Thiele wahr- 
scheinlich zu Dietrich, vgl. Tiede oder Thietle udgl. s. oben Tilewile. 
(Jtzschneider, vgl. 5, 4. Ludelvinch a. 1372 fllr Ludolfing? anders 
fireilich v. Leublfing in Augsburg, vgl. Leubolf F. 856. 

3. Dem Vornamen geht ein Adjectiv voraus. 

Die Beispiele dieser meist durchsichtigen Art die sich noch jetzt 
im Volke fortgesetzt, fließen viel reichlicher und viele derselben sind 
unmittelbar oder in ähnlicher Form, oh so, daß das hier voranstehende 
Adjectiv hinten als Beiname hinzutritt, zuweilen auch lateinisch in der 
mittleren Zeit nachweisbar. Ich laße den hochdeutschen gleich die 
hier bestimmter gesonderten niederdeutschen folgen und spare so viel 
als möglich alle weitere meist tiberflüssige Erklärung. 

Altenberndt. Althainz, -heinz. Althans, -el. Althenn, -n. 
Altpeter. Oldehans. Oldejans. Vgl. Bmsw. Chr. a. 1384 Olde 
Razehorn, junge R. und Jan de middel R. 

Böswillibald in Nürnberg, ganz vereinzelt, denn Boisrobert ist 
französisch, mithin zu trennen. Aehnlich hieß hier ein Mann Scherz- 



os 



20 A. HOEFER 

haft ganz gewöhDÜch Korliwrich. Braunbehrens, -bems. Braan^ger? 
BrauDbahn? Brünbnber? Brunotte; Brunotto^ und schon 1448 in 
Hoyer Urk. Gerhard Bründiderkes. Brüngerdes, doch nach Stn^ 
kerjan 15. 27 zu Bruno, brünne? 

Dickeberent und Berendt Dickeberendes, in den MOnster. 
Chron. 3, 229. Doch begegnet das. S. 78 a 1581 auch ein Berendt 
zum Dike. Domgörgen? Dümmatzen. Dürrhansli. 

Fettenhennen? S. oben no. 1 Frischhans. Vüle Vricke, 
a. 1380 Br. Chr. — Veillodter? 

Gramhans? Guldenhans? Groblehner, cf. unten Hoch, Zadi, 
doch gehört lehn er in vielen anderen wie Kirch-, Kohlmannslehner adgL 
sicher zu lehn, Pott 56. Gross- oder Gros-, Groos- bemd, dt, -ham^ 
-hai, -heinrich, -hennig, -herrig, -klaus, -kurth, -curt, -cors, -peter, -pietsck 
— Grot- Johann, -Jahn, Grotejan, Grotrian. Grote- hen, -henne, 
-henke, -jan, -Itischen? in Oldenburg, vgl. Stoijohann. Sturhahn? Gut- 
heizo a. 1207. Gutberiet Guthans. Godejohann. 

Cort de bar de 1380 Brsw. Chron. 

Hochclasen, -ssen. Hochdanz? Hodann? Hochlehnert. HochnlL 
Hohenner? Dazu vielleicht das vieldeutige Horadam in Karlsmbe, 
Hoher Adam, da die Adjective in dieser Composition ja mitunter flectirt 
auftreten. Sonst könnte man etwa an horo, nd. bor, bar Kot, Unrat 
denken und zB. unter 4 Kothenke vergleichen. Sicherlich wird aber 
Niemand geneigt sein, mit Fröhner S. 23 in bor oder gar in Langer ud^ 
Imperativ imd Vocativ zu suchen. 

yserne clawsse, 1359 in hies. Urkunden. Aehnlich hier als Bei- 
name Isemhinrich. Itelfricz a. 1419. 

Jungandres, -endres und Jungeandres. Junghändel, -hano, 
-bans, -hahn^ -henn, -Johann, -das, daneben sogar Jungglas, -klaasi, 
-klaus, -kunz, -kurt, -michel. (Jungminkel). Jungnickel. 

Kleinfritz, -günther, -bans, -henn, -heinz (ai), -michel, -panl, 
-Ulrich 1413. — Lütt Johann, lutteke Dideric 1345, Lottekehenke. 
Vgl. Schmajohann. Klugkist? — Crummegerart. Hermen Kramme 
1380. Vgl. Kromschröder. Crusehemke (hein?) Krusemark, vgl 
Schönermark? Kurzkurt. Kurznickel. Körten Wemere als Datir 
1351 in Lüneb. ürk. 

Langfritz. Langhaus , -heinrich , -heinz , Lanckhenke 15S0, 
-kuntz, -lotz, -cloth? -nickel, -peter, -thim.Lange-bartels, -hanck, -heiDe, 
-loth, -Ititje? -lüddeke. -luder, -matthies, -matz, -nickel. Langenapel, 
.barteis, -han, -heinz, -hennig, -hennigs. alt langen Aleken sone. 



ZUE LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 21 

Langerhans. Leckerhennslin 1446 Bacmeister; das. ist auch ein 
Jos. Lecker v. J. 1363 verzeichnet 

Minderjahn. — Nahlentz , vgl. unten Schelenz, beide sehr 
zweifelhaft. Doch Muelenz u. MtÜhens in Bonn. — Oberconz. 

Rodeberndes 1371. — Ropeter. Reinheinz ^ -henz^ nach Steub 
gleich H. Sohn des Reino! 

Schale Hans 1386. Vgl. Schelenz? Schylhans. Schyregerwen 
a. 1408. Schyremarckward a. 1462. — Schöngilig. (Schönhans ein Teu- 
felsname). Smale Jan 1368 (Sraaljan). Snode Heyne 1380. — Starck- 
johann (Strackerjan). Stoltereimarus, -rutgher, -tymmo um 1300 im 
Strals. Statbuch. Bei Bacm. F. cogn. Stolz und Stolze schon 1160. 1225. 

— Suberhans 1504. — Swarzfricz 15. Jahrb. Schwarzhans 
schon 1380. Schwarz Reinhard 1400. Burchard der swarze 12. Jahrb. 
B. swartehenneke 15. Jahrb. bei Niesert. 

Wildhans. Withans. olt witte Ghevert in Br. Chr. Dazu merk- 
würdig in Erfurt Wittnebert^ dessen n nicht bedenklich ist; aber in 
Kiel Witt neben; in der Hamb. Chronik auch ein Witteneve, so daß 
vielleicht das zweite entstellt ist, vgl. md. nebe. Endlich Wysspeter. 

— Zachlehner? 

4. Vornamen mit vorausgehendem Substantiv, selten Namen. 

Die Beispiele dieser Erlasse sind so zahlreich, daß man sich nicht 
wundem wird, unter ihnen viele ganz unverständliche und manche 
offenbar verderbte anzutreffen. Ich habe dergleichen indessen nicht 
übergehen wollen, da was jetzt noch dunkel ist sich doch wol durch 
Vergleichung anderer, leicht aufzufindender Namen, besonders aber 
durch tieferes Eindringen in die Dialecte noch erhellen laßen wird* 
Mein Ziel war, wie schon bemerkt, für diesmal mehr die Sammlung 
als die Erklärung, die zum Teil auf bloße Vermutungen hinauslaufen, 
überdies einen viel zu großen Raum beanspruchen würde. Aus dem- 
selben Grunde habe ich meist auch nicht einmal versuchen können, 
die urspHlngliche Bedeutung, d. h. die Beziehung des Namens zu dem 
ersten, wennschon an sich völlig klaren Worte oder Gliede aufzudecken, 
denn hier läßt sieh eben nur raten, oder wer will den Sinn von Sam- 
stagspeter udgl. noch bestimmen? Man sieht nur im Allgemeinen, wie 
bei no. 2, daß ein Mann nach Beschäftigung, Stand und Gewerbe, 
nach Laune, Neigung und Eigentümlichkeit, nach Abstammung und 
Herkommen usw. bezeichnet und unterschieden werden sollte. Meine, 
leicht noch zu ergänzende Sammlung umfaßt folgende. 



22 A. HOEFER 

Ackerkurt AneshänseL — Bartheinz, -hencke. Barheine. Bor-, Bfi^} 
Bauer-henne. Bauemheinz. Beckerhans. Beinhans. Binheinz, binnen opp. 
hüten? Brackhann. Brinkfranz. Brückenthomas. Buobhans. Bnnhan 
a. 1680. — Closerhans. Unsicher Cresehenne , Crockelhenne. — Danufr 
henn. Domgörgen s. ob. 3. Dopjans. Drabhans. Drenckhan? — Eitohf 
Eide-, Entenbenz. Emmelheintz. Engeljohann. — Feidotto. Fergenhami 
Fidelanz? Frowenhans. Fuhrhans. Funkelhans. Funkhänel-, anders Vil- 
mar 40. — Gaissheintz. Gamjobst. Gevatterhans a. 1450. Ghram-, Gnl- 
denhans s. s. 3. — Habemick und Habernickel, doch ist jenes nnnirf iffl' 
wie alle auf nick. Haraickel. Haushans. Hetzehenn. Hoffiritz, -henne^ 
-kunz. Hofeditz und Hafkurd. Dazu nach Vihnar Höbelheinridiy dodi 
beßer zu Hobel, sonst Hübel. Hobbiejanssen und Holjesiefken bei Str. 
Hülzenhenn. Hummerjohann. — Iferheinz , nach einem Orte ? Ilgenfiriti 
und Ilkenhans s. s. no. 1. Jungfrawenhenne a. 1454 bei Kriegk (v^ 
oben Frowenhans und noch heute Jul. Frauenzimmer). Judenheinz 
a. 1388. 

A. Kackhcnkc und Hennekc Kothencke, beide um 1530 in 
Hoyer Urkunden. Man möchte bei jenem an kak, Kochhann, Eokemüller 
in no. 5 denken, bei diesem an das Koth, der Kote, Katen, allein wie 
ist in denselben Urkunden zu gleicher Zeit, von anderem hier abzu- 
sehen, z. B. Cord Dunnekackezu erklären? — Kalbhenn. Kalbheintz. 
Kampfhenkel. Kaspaul. Kellenbcnz in Ulm. Kiudhans. Knabenhans in 
Zürich^ dazu hier schon 1389 Knapejohann. Kompcnhans, nach Vihnar 
zu Kom-, Kumpan. Konyngpeter a. 1347 in Lüb. Urk. (a. 1374 O. Ma- 
kekonig magister, Hoya). Kuehaus 1450 Straßburg. 

Laethink zu no. 3? Landerkasper in Bremen. Lübbersjohaniiö 
bei Strackerjan. 

Machhans in Kiel oder zu 3? Mancordes, Mandavid. Marahress. 
Marcurth, und kurth. Marcordes (also Mancordes falsch?), Marhenke. 
Marheineke, alle zu mar, Mähre ^ vgl. Marzagel Pferdescliwanz und 
besonders Bartelt Rükeperdt a. 1530 in Hoyer Urk., einer der die 
Pferde *roekt\ für sie sorgt. — Mattelhans, vielleicht nur Wort — Maol- 
betsch? Mehlgott Möhlheinrich. Mühlfränzel und -nickcl. — Meierdirks, 
-dierks, Meyerhain, -heine, -hein, Meyerkort, -kord. Meierotto (s. ob. 
Ottomeier, Heinemeyer, Paulmeier und Meiersahm). — MeisterbemdL 
Meisterhans. Mesterhermens a. 1405. — Mischpeter. Mohrlüder? Mmid- 
henk, -ke. Morian und Murjahn. 

Statt Napfhans 1375 Hans der Napf Bacm. (Näpflein in Nrbg.) 

Ochsenkun und -kunz. — Oehlclaus. Oelenheinz. Opperhenne. — 
Papotte Br. Chr. Pfaflfenhenel a. 1360. Priosterjahn. — Piepjohn. Pinker 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNO. 23 

nelle, vgl. Pinkerpank der Schmied, was ohne r noch Name in Brschw. 
Pophanken (vgl. Marz-^ Zig-, Zir-anke). Portheine. 

Beienheinz? Rönnpagel (Paul). Rörenheintz. Rosenmerkel^ Rosen- 
egger? 

Salbeulrich a. 1447. Samstags Peter 15. Jahrh. Bacm. Scharrhans, 
vielleicht nur Wort. Sibenhanz 1451 Bacm. das. Sibenchint 1294, vgl. 
V. Soveubroderen in Lüb. Urk. — Schmitthenne, -er. Schmithermen^ in 
MüDst. Chron. Schmidtkonz. Schmidtpeter, Schmidtill. Schmiduz^ vgl. 
Schmidschneider; Nrnbg. — Schneiderhans, vgl. Schneiderhahn s. n. 5. 
Schrammhans. Dazu 1381 einMid der scrammen. — Schwabenhans. Speck-, 
Speerhans. Stallhans, anders Stahlhantsch 1632. Stammerjohann. Stech- 
han? Steinmatz. Strothank. Stuhrhahn? Stutenbemt, ein Münsterscher 
Pfaffe im 15. Jahrh. 

Tebbenjohanns, noch gebräuchlich, auch bei Strackerj. 27, der 
Vor- und Familienn. Tebben hat. Trompaul. Tumelheintz. — Usenbenz. 
— Veitshans. Viperkunz, dazu H. der nater 1297 u. a. dict Nater, 
Seidnatter 1468 Mrbg. ib. H. der Otter. Verhein, Vorstoffel. Volpen- 
henn, s. no. 1. Wagenhans. Wallheineke. Wapen- und Wappenhensch? 
Weberhenne. Wehefritz in Nürnberg, nach Andr. zu Wigfrid, doch 
auch Wehrfritz. Weierhensel. Wiesenhenne. Wordehenke. 

Ziesenhenne. Zimmerheckel? in Nürnberg, doch scheint dies so 
wenig wie Wolfshäkel hieher zu gehören. 



5. Anhang. Verwantes. 

An das bisher Abgehandelte schließt sich eine Reihe ähnlicher, 
aber wieder verschiedener Zusammensetzungen, in denen es sich nicht 
um Vornamen, sondern um Wörter handelt, die jedoch einesteils 
wahrscheinlich schon als Personennamen gelten. Auch diese Arten 
bieten manches Lehrreiche dar, doch will ich sie hier nicht weitläufig 
verfolgen^ sondern begnüge mich zur Erläuterung einige Beispiele mit- 
zuteilen. 

1. Zwei Adjective sind mit einander verbunden, von denen das 
erste dem zweiten schon zu einem Namen gewordenen zu näherer Be- 
stimmung vorgesetzt ist. Man vergleiche Altjung. EJeinjung. Cortelange 
im 13. Jahrh. und Kortelang a. 1327. So ward unlängst von zwei 
Leuten Namens Witte der eine stehend der Schwarze oder Swartwitt 
genannt. 

2. Somit stünden jenen ganz gleich: Grotemeier. Hochgräff. Jimg- 
becker. Jungschulz. Clenkoke. Langhecoc, s. no. 3. Langschwager. 
Korteswagher. Lüttebrand. Lüttckefent. Grotefend , -wend. Schone 



24 K- KÖHLER 

schätze. Schon um 1300 im Strals. Statbuch Heidenricus und Hej* 
deko Sconeiuncherre. Nach Stcub würde freilich z. B. Dürrsdiimdt 
nebst Thorschmidt zu uraltem Thorismut gehören und allerdings lißt 
sich Dürr als Adj. nicht erweisen. 

3. Das erste Wort bezeichnet Stand und Beschäftigung , dss 
zweite enthält den Namen: Arztmüller. Bauerschubert Kokemüller. 
Papemeyer. Schmidbom. Schneiderhahn, wie oben -hans. Schneider 
höhn*). Weberbauer. Weberruss. 

4. Umgekehrt, der Name steht voran: Bachschuster. Schach- 
schneider. Vossschulte. Winterschmidt. 

GREU'SWALD, September 1877. 



ZU EINER STELLE IN ULRICHS VON ESCHEN- 
BACH WILHELM VON WENDEN. 



Die Verse 2795—2825 und 2911—2973 in Ulrichs von Eschen- 
bach Wilhelm von Wenden sind, wie jeder Leser bemerkt haben wird, 
eine Umschreibung des Evangelium Lucae 1, 26 — 29 und 30 — 38. Da- 
zwischen sind eingeschaltet: 1) eine kurze Erklärung der Bedeutung 
von Nazareth (V. 2826 — 2835), 2) eine ausführliche Erörterung, warum 
Maria vom Engel Gabriel gnadenvoll (gratia plena) genannt wird 
(V. 2836 — 2910). Die ersteren Verse sind die Wiedergabe folgender 
Worte aus dem 51. Capitel (de annuntiatione dominica) der Legendi 
aurea des Jacobus a Voragine: 

Nasareth interpretatur flos. Unde dicit Bernardus, quod flos nasci 
voluit de flore, in flore et floris tempore. 

Die Verse 2836 — 2910 aber sind eine zum Theil sehr erweiterte 
Paraphrase der in demselben Capitel der Legenda aurea einige Zeilen 
später stehenden Worte: 

Dixit ergo angelus: ave gratia plena. Bernardus: in ventre gratia 
deitatis; in corde gratia caritatis, in ore gratia affabilitatis, in manibus 
gratia misericordiae et largitatis. Idem : vere plena, quia de plenitu- 



*) Ich habe auch den Namen Schneiderreit Terseichnet, vielleicht beniht 
deraelbe jedoch nur auf Verwechslung mit dem Erforter Schneidereit, -th, der gani 
anders erkULrt werden kann. 



zu EINER STELLE IN ULBICH8 V. ESCHENBACH WILHELM V. WENDEN. 25 

dine ejus capiunt universi captivi redemptionem , aegri curationem, 
tristes consolationein, peccatores veniam, justi gratiani; angeli laetitiam, 
denique tota trinitas gloriam , filiuB hominis humanae carnis sub- 
stantiam. 

Es wird nicht überflüssig sein, die Verse des deutschen Gedichts 
mit Gegenüberstellung der entsprechenden lateinischen Worte hier folgen 
zu lassen. 



i 



d wol dir, werdiu Nazardt! 2826 

dio name ze diute ein bluome st§t. 

da von sprichet sant Bemhart, 

daz von süezer höher art 

an rehter clArheit ruome 2830 

in der bluomen wolt ein bluome 

uns ze heil werden gebom, 

und Yon einer rdse äne dorn, 

und in der blnomelichen zft, 

^ der bluomen glänz vil wünnen git. 

2835 
M der engel ir seite die msBre, 
daz sie vol genäden wsere. 
iftnt Bemhart der clftren capel&n 
daz aber so bewsBren kan: 
dnrch unser saelden lust 2840 

nfthen in ir brüst, 
in ir lip het sich geleit 
volüo gnftde der wären gotheit. 
^ bare sich dft an enger stat 
der himel und erde ze gewalt hat, 2845 
der kristen Juden beiden bftt gegeben, 
daz sie von stnen genäden leben. 
ober grdz siner genftden mäht 
ist allem sinne nnvolaht. 
iwaz der himel bevftt, 2850 

und allez daz diu erde hat, 
und die büwen daz abgründe, 
ob ein ieglich sterne künde 
^ sprechen lobelichiu wort : 
sin genftde doch niemer würd volhdrt. 

2855 
Sebt, die genftde besldz ein maget. 
^on diu nieman des verzaget, 
*ic sf genftden noch dft wer 
den der genftde von ir ger, 
(üe lie noeh fiberflüzzic treit. 2860 
"Md« to wo» bereit, 



Nasareth interpretartur flos. 
Unde dicit Bernardus, 



quod flos nasci voluit de flore, in flore 



et floris tempore. 



Dizit ergo angelus: 
ave gratia plena. 
Bernardus : 



in ventre 
gratia deitatis, 



26 



R. KÖHLER 



2870 



sUa wir an ir trdste Tait. 

ir hene traoe den s&esen Uft 

nnd noch, dia keiserinne, 

daz ist die gen&de wirer minne^ 

dia uns ie sSenen konde. 

rie tmoc ouch in ir mande 

der genAdeo ToUe kraflt, 

daz sie staete redebaft 

wil sin mit Tlßhelicher gedalt 

amb alle suntlicbe schult, 

das ein ieglicb sunder yinde 

genide an ir kinde. 

in ir banden sie ouch tmoc, 

und noch der m^re ist denne genuoc, 

2875 
des die hoben nie berilte, 
die gen&de der wären milte 
und die suexen barmekeit, 
die sie noch Sberrlnanc treit. 
der ist sie muoter gar genant, 2880 
die ginzet sie üz milter baut, 
der rede mugen wir uns frouwen wol. 
alsd ist sie genäden vol, 
▼on der gen&den fiberrlüete 
und der Tolkomener guete 
(wen wil der rede belangen?) 
nement firibeit die gevangen; 
in swelcben banden sie sin, 
in bilfet diu bdre künegin, 
daz sie werdent erlöst, 
sie git ouch fröude undc trost 
trurigen herzen, 

die Tcrs^rent der leide smcrzcn. 
Des bimels gescllescbaft, 
allen engein höher fröuden kraft 

2895 
git ein werdez anscbouwen 
der meit und ouch der frouwen. 
diu trinitÄt gehöret 
ist gelobet und ge^ret. 
der Sunden fürt gesibtet 2900 

an underl&z gelihtet 
wirt Ton ir gnaden vollen 
den die mit sünden sint bewollen 
von der maget wol getan, 
die gerebten von ir gn&den bau 2905 
gen&den volkomenbeit. 
Got nam von ir die menscheit 



in corde 



2865 gratia caritatis, 



m ore 



2885 



2890 



gratia 
affabilitatis, 



in mauibus 



gratia misericordiae et largitatis. 



Idem: vcre plena, 
quia de plenitudine ejus 



capiunt univeisi captivi redemptioD 



[aegri curationem,] tristes consolation 



angeli lactitiam, 



tota trinitas 
gloriam, 

peccatores veniam. 



justi 

gratiam, 

filius hominis camis substantiam. 



zu EINER STELLE IN ULRICHS V. ESCHENBACH WILHELM V. WENDEN. 27 

Nor von einer der drei von Jacobus aus S. Bernhard angeführten 
Stellen kann ich nachweisen, wo sie sich in S. Bernhards Werken 
findet, nämlich von der dritten ^Vere plena^ quia de plenitudine ejus 
etc.', welche in dem Sermo in dominica infra octavam assumtionis B. 
V. Mariae, § 2 (S. Bernardi Opera, ed J. Mabillon, Paris 1719, T. I, 
pg. 1013) steht*), dort aber so lautet: 

Omnibus (Maria) misericordiae sinum aperit, ut de plenitudine 
ejus accipiant universi, captivus redemtionem, aeger curationem, tristis 
consolationem, peccator veniam, justus gratiam, angelus laetitiam, deni- 
que tota Trinitas gloriam, Filii persona carnis humanae substantiam, ut 
non sit qui se abscondat a calore ejus. 

Man sieht, der Wortlaut bei S. Bernhard selbst und bei Jacobus 
ist nicht durchaus derselbe.**) Dieser Umstand und die Wiedergabe 
der den beiden andern Citaten aus S. Bernhard in der Legenda aurea 
unmittelbar vorausgehenden Worte im Wilhelm von Wenden zeigen, 
dafj Ulrich von Eschenbach nicht unmittelbar aus S. Bernhard ge- 
schöpft hat, sondern aus der Legenda aurea oder — was bei deren 
compilatorischem Charakter freilich auch sein könnte — aus einem 
älteren von Jacobus im 51. Cap. ausgeschriebenen Werke. Wir wissen 
leider über die Abfassungszeit der Legenda aurea nur, daß Jacobus 
sie in seiner 1293 verfassten Chronik von Genua unter den von ihm 
bis dahin geschriebenen Werken mit aufzählt. Jacobus ist bekanntlich 
um 1230 geboren, trat 1244 in den Predigerorden und wurde 1292 
£rzbischof von Genua. Es ist hiernach sehr wohl möglich, daß die 
Legende früh genug von ihm verfasst worden ist, um, als Ulrich den 
Wilhelm von Wenden dichtete, bereits in Böhmen bekannt gewesen 
zu sein. 

Nach vorstehender Mittheilung ist das, was der Herausgeber des 
Wilhelm von Wenden S. XXX flF. sagt theilweise zu berichtigen. 
WEIMAR, December 1877. REINHOLD KÖHLER. 



*) In dem 61. Capitel der Legenda aurea begegnen uns noch viele Citate aus 
3- Bernhard, von denen ich ein paar nicht nachweisen kann, wfihrend ich die übrigen 
IQ dem eben genannten Sermo, in den Sermones de assnmtione B. V. Mariae (Opera I, 
1^1 ff.) und in den Homiliae super Missns est Angelus (Op. I, 739 ff) gefunden habe. 
*^) Ebenso ist es bei manchen der anderen Citate aus S. Bernhard im 61. Cap. 
^r Legenda aorea. 



28 J- V. ZniQERLE 



zu DEN BILDERN IN RUNKELSTEIN. 



Bei der Aufiiahme dieser Gemälde, welche im Auftrage der L L 
Centrai-Commission zur Erhaltung der alten Baudenkmale im Sommer 
1876 stattfand, war es mir gegönnt, die Inschriften bei den Triaden 
ganz nahe zu sehen und zu lesen. Ich bin deshalb in der ange- 
nehmen Lage, einige Berichtigungen und Ergänzungen zu geben zn 
meiner Notiz ^^Die Fresken des Schlosses Runkelstein^ (in dieser Zeit- 
schrift II, 467) und zu der Schrift: ,,Runkelstein und seine fVesken, 
Innsbruck, 1857.** In Germ. II, 468 bemerkte ich von den darge- 
stellten drei stärksten Riesen: vermuthlich Asprian, Ortnit, Stnt- 
han. Dieselbe Ansicht sprach ich im Werke „Runkelstein und s^e 
Fresken" (S. 2) aus. — Dazu kann ich nun berichtigend und ergän- 
zend nachtragen. Über den drei Riesen ist geschrieben: „Es waren 
das die drey risen groz und allzeit die sterchsten vnder iren gnoz.' 
Über den einzelnen Figuren (1) „her Waltram treit aburil" (2) „Kinig 
Orthneit" ... (3) „schranmann treit ftirunz." — Waltram und König 
Ortnit stehen sicher. Ob hinter Schranmann nicht doch Schmtan 
steckt? — Auf jeden Fall ist J. Zupitza's sichere Annahme, daß 
Fasold, Ecke und Ebenrot dargestellt sind, (D. Heldenbuch, V. EinL 
XLV) unrichtig. Das Wappen des ersten Riesen ist nicht mehr zu 
erkennen, Ortnit führt ein schweinähnliches Thier in demselben, Schran- 
mann ein Wickelkind. 

Die Riesenweiber ftlhi'en die Überschrift: „Under allen ungeheurn 
under allen mag man sy fir die ungeheirigisten schreiben*).** BeiFigur 1 
liest man: „Fraw riel nagelringen^, die Beischrift zur 2. ist unlesbar, 
bei der dritten steht „Fraw rauck", auf dem ursprtlnglichen Farben- 
grund liest man: „Fraw rachyn rauck.** Bei Fraw Riel ist wohl an 
die Riesin Ruel im Wigalois (6287 — 6355) zu denken, da sogar ein 
Saal den Namen dieses Helden trug. („Im sumerhaws in Vigeles sal" 
Schönherr, das Schloß Runkelstein S. 52). Ruel steht aber mit dem 
„Nagelring** in keiner Beziehung. Der Name des zweiten Weibes ist 
nicht mehr zu enträthseln, da bei einer dreimaligen Übermalung die 
Ztlge der einzelnen Buchstaben ganz verwirrt imd theilweise verwittert 
sind. Doch könnte es, da dies Weib hier neben Rachin (Rütze) steht, 
Uodelgard sein. Ich nahm (Germ. II, 468) als die dargestellten Rie- 
sinnen Hilde, Uodelgart und Rntze (Rachim) an, Zupitza (1. c) sah in 



*) Unprünglich stand wohl : Under allen ungeheurn weihen mag man sy etc. 



zu DEN BILDERN VON RUNKELSTEIN. 29 

diesen Bildern: Hilde, Birkhild und Uodelgard. Ruel und Rachim 
stehen in dieser Reihe fest. Da aber Ruel mit Nagelring hier in Ver- 
bindung gebracht ist, war ursprünglich wohl die Riesin Hilde gemeint, 
wie ich früher annahm, und die auch J. Zupitza festhielt. 

Germ. H, 468 bemerkte ich: „Ob einer Thüre am Ende des 
Söllers sind drei Reiter dargestellt, deren mittelster gekrönt ist und 
auf einem Hirschen sitzt. Ich deute ihn auf Artus und seine Beglei- 
tung auf Gawan und Iwein." Dies muß nun berichtigt werden. Wir 
konnten nun die Unterschrift lesen. Sie lautet: Under allen t wer [gen.] 
waren das die drei besten g[etwerg]. Das Weitere ist mit Tünche über- 
strichen. Wir haben es also hier mit Zwergen zu thun. Der erste Zwerg 
reitet auf einem kleinen Pferde und führt zwei Panther oder Leo- 
parden im Schilde. Das vorstehende G könnte auf Goldemar deuten*). 
Laurin führte nur einen Leoparden im Schilde. (M. 225.) Der zweite 
reitet auf einem Hirschen und hat einen goldenen Löwen auf schwar- 
zem (?) Felde im Wappen, der dritte sitzt auf einer Hirschkuh und 
führt ein Ruderschiff im Schilde. Dieser könnte Älberich sein , er allein 
trägt einen langen weißen Bart und das Schiff könnte auf seine Meer- 
fahrt mit Ortnit deuten. Die zwei ersten Zwerge sind durch die Krone 
als Könige bezeichnet. Ist unter dem zweiten Bibune gemeint, der ein 
hirschhohes Pferd hatte? Virginal 142, 11. 

In der reichgeschmückten Bogenhalle sind Bilder aus einem Artus- 
romane^ nach den noch kenntlichen Resten scheinen sie Wigalois' 
Abenteuer darzustellen. Zu dieser Annahme stimmt auch die Stelle 
im Inventar: ^Im sumerhaws in Vigeles sal** (Schönherr's Runkelstein 

52) und die Aufnahme der Ruel unter die Riesenweiber. Dies meine 

» 

Nachträge zu den vor zwanzig Jahren geschriebenen Berichten. Die 
Bilder und Schildereien sind nun von tüchtigen Meistern mustergiltig 
gezeichnet. Möchten sie bald in würdiger, doch nicht zu kostspieliger 
Weise veröffentlicht werden. Für die grosse Zahl der Leser würde 
eine Ausgabe in Quart am besten dienen. Unserer tirolischen Wart- 
burg aber^ die ich am 7. October 1847 zuerst betreten habe und die 
sich seitdem wie ein rother Schicksalsfaden durch mein Leben ge- 
sponnen^ möchte ich neue Ehre und frohe Urständ wünschen. 

Zum Schlüsse halte ich es auch ftir meine Pflicht, die Aufmerk- 
samkeit neuerdings auf die verschollenen Laurinbilder im Schlosse 
Lichtenberg im Vinstgau zu lenken. Im Jahre 1859 drückte ich den 
Wunsch aus, daß diese Gemälde abgezeichnet und veröffentlicht wer- 



*) Zwei Panther führte Garel. Meraner Fragmente, S. 39. VI, 251. 



30 J- V. ZINQERLE 

den möchteD, — aber vergebens. Erbarmt sich kein Herz des tiro- 
lischen Zwergkönigs? — Jeder Schund wird aufgenommen und ver- 
öfientlicht; — müssen diese interessanten Wandbilder allein spurlos zn 
Grunde gehen? 

WILTEN. J. V. ZINQERLE. 

MÖNCH VON SALZBURG. 



Ich habe in meinem Berichte über die Sterzinger Miscellaneen- 
handschrift (Wien 1867) auf mehrere Lieder des Mönches, die sich in 
diesem Codex befinden, aufmerksam gemacht. Heute kann ich mit- 
theilen, daß einige Uebersetzungen des Mönches sich in Friaul befin- 
den. Herr Professor A. Wolf in Udine theilte mir mit, daß er im do^ 
tigen Stiftsarchive in einem deutsch-lateinischen Glossar des 14. (?) Jahr- 
hunderts einige anonyme geistliche Oedichte gefunden habe und er- 
gänzte seinen Bericht dahin: ^Die Gedichte befinden sich in einem 
MS.-Band in groß-4., dessen Schrift den letzten Jahrzehnten des 14. (?) 
Jahrhunderts angehört. Die ersten 112 Blätter enthalten ein lateinisch- 
deutsch es, in zwei Colonnen geschriebenes Glossar, dann folgt auf 
weiteren 21 Blättern eine von derselben Hand in lateinischer Sprache 
geschriebene Grammatik, die mit den Worten schließt: Et hie est finis 
hujus libri per manum Oswaldi anno 19® sabato post assumptionis 
beatse Mari» virginis. Deo gracias. Oswaldus. Dann folgen drei leere 
Seiten und nach diesen auf drei Seiten die Gedichte, auf den letzten 
Blättern des Bandes stehen lateinische Elirchenlieder mit Noten.*' Die 
genannten Gedichte gehören dem Mönche von Salzburg an. Ich gebe 
das erste vollständig nach Pr. Wolfs Abschrift: 

Christe, du pist Hecht vnd der tag, *) 

du deckest ab dy finster nacht, 

des liechtes liecht yee in dier lag, 

der seiden liecht hat aus dier pracht 
precamur sancte domine. 

Wir pitten dich, heiliger beer, 
pewar uns heint zu disser nacht, 
gib rüg in dier, das uns icht weer 
eyn rugsam nacht in unser acht 
ne gravius sompnum. 

*) Vgl. Altdeutsche Blätter II, 339. Ampferer, aber den Mönch von Salsbnr?- 
(Salsborg 1864.) 8. 8. Wackemagel, Kirchenlied U, 430. 



MÖNCH VON SALZBURG. 31 

Uns val kein sweres slafen zue, 
daz feint uns nicht pekeer (I. bekor), 
daz fleisch ym kein vorhengen tue^ 
davon wir sten dier schuldig vor. 
Oculi sompnum. 

Dy äugen slafen sein pegreyft, 
daz herze dier wacht zu aller stund, 
deyn zesem zu schirmen icht entsleyft, 
die dich lieb han in herze grünt 
Defensor noster. 

Amplick uns unseres heyles kemphf 
und Widder treyb der sunden fluet^ 
hilf uns, daz er die nicht vortemphf^ 
dy da erloset hat deyn pluet. 
Memento nostri domine. 

Gedechtig pis, o hen*e myld^ 
an uns in diesem sweren leyb. 
du pist alleine der sele schilt, 
nun wan uns pey, von dier nicht treyb. 
Deo patri sit. 

Got vater ummer ere sey 
und auch seym eyngeporen sun, 
darzue dem geist, des trost uns pey 
sey ewicliche in allem tuen. Amen. 

Es folgen eine Bearbeitung des Salve regina: „Gegrust pist du 
muter^ aller engel fraid^ und die Lieder: 

1. Des menschen libhaber 
sant zu der meyde her. 

Altd. Bl&tter II, 335. Ampferer 8. 19. Wackemagel U, 438.) 

2. Wir loben alle dy vil reyne, 
dy got hat erweit alleyne. 

(Altd. Blätter II, 336. Ampferer S. 19. Wackemagel II, 439.) 

Wir danken Herrn Wolf für die freundliche Mittheilung und 

wünschen ihm noch recht viele deutsche Funde in den dortigen 

Archiven. 

WILTEN, 12. Deccmber 1877. J. V. ZINGERLE. 



32 O. BEHAQHEL 



EINIGE FÄLLE VON DISSIMILATION. 



F. Bcchtold^ hat in einer Göttinger Inauguraldissertation Zosim- 
menstellungen gegeben von gegenseitiger ^Assimilation und Dissimi- 
lation der beiden Zitterlaute (nämlich r und 1) in den ältesten Phasen 
des Indogermanischen.^ Dabei hat er einige eigenthümliche Fälle 
tibergangen ^ die zwar nach dem Buchstaben seines Titels nicht unter 
die gestellte Aufgabe fielen, allein da er auch das Mhd. und Nhi 
hereingezogen hat , die nicht gerade zu den ^ältesten Phasen des Indo- 
germanischen^ gehören, so hätte er auch noch etwas weiter geben 
können. Ich meine einige Beispiele der gründlichsten Art von Dissi- 
milation , die es geben kann , wenn nämlich der eine der beiden Con- 
sonanten gänzlich verschwindet: 

mhd. querder = nhd. Köder. 

fordern hat seit dem 14. Jahrhundert die besonders im 18. Jalir- 
hundert gebräuchliche Nebenform fodem, die auch jetzt noch im Volks- 
mund gehört wird. 

fördern bietet die Nebenform fodem. 

marder erscheint im Mhd. auch als mader. 

Ferner 

mhd. allererst, alrerst = alrest. 

widarort kann ich zweimal in der Form mit ausgestossenem zweiten 
r belegen, während Grafi* kein Beispiel hat. Es steht Otfr. I, 11,21 
widarot in der Wiener Handschrift (wo es Kelle Otfr. 11, 379 als Schreib- 
fehler ansieht) und in Hattemer's Denkmalen des Mittelalters I; 77 
widaret tragan == reportare. 

Die letztere Gleichung gibt willkommenen Aufschluss über die 
Adverbien herot, tharot, Iwarot, die Grimm (Gr. HI, 202) mit got 
hya|>rö, |>a|>rd, *liidrd identificieren wollte. Das ist lautlich offenbar 
unmöglich y ganz abgesehen von der Bedeutungsänderung, die vorge* 
nommen werden müsste. Auch die Zusammenstellung des -ot mit -c^ 
in got alja^, dala|> macht Schwierigkeiten. Zwar der Auslaut ist in 
Ordnung, mi|) = mit, aber der Vocal erregt Bedenken. Ferner spricht 
dagegen und fUr eine jüngere^ erst in den Einzel dialekten voUzogeaat 
Bildung der Umstand, daß die besprochenen Formen nur im Mhd. und 
im As. erscheinen. So ist also wohl herot, tharot, hwarot = herort — 
herawert, tharort — tharawert^ hwarort — hwarawert. Tharawert ist 
übrigens in mehreren Beispielen belegt Ganz analog mit diesen BS* 
düngen ist frammort, heimort, hintarort, nidarort, östert, üfort 



EINIGE FÄLLE VON DISSIMILATION. 33 

Im Ahd. ist herot^ hwarot, tharot selten, im Alts, dagegen häufig. 
Der Heliand allein bietet herot IQmal, hwarod 4mal , tharod 22mal. 
Dies Verhältniss erklärt sich sehr leicht : im As. ist her = JUc und huc, 
hwar = übt und quOy thar = tbi und eo, während im Ahd. hiar — hera, 
hwär — hwara, thär — thara noch klar geschieden sind; es war also 
im Ab. bei der eingerissenen Zweideutigkeit weit mehr Anlass fUr die 
Anwendung der Composita gegeben. Lautlich ist zu bemerken, daß 
in den aufgeführten Beispielen der Schwund des r stets vor einer Den- 
tale stattfindet: d. h. das Dissimilationsbestreben wurde dadurch, daß 
em ganz hinten im Ansatzrohr zu bildender Laut vor einem ganz vom 
zu bildenden stand, bestimmt, sich durch Auswerfen des r zu helfen. 
Ein anderer Weg wäre gewesen , das zweite r in 1 übergehen zu lassen, 
und er ist auch wirklich eingeschlagen worden: neben marder und 
mader, querder und ködcr findet sich ganz vereinzelt auch mardel und 
qaerdel (beide Beispiele bei Bechtel fehlend), wobei natürlich die Ana- 
logie des Suffixes -el massgebend gewesen. 

Durch die Wahrnehmung, daß das r stets vor der Dentale aus- 
fällt, erklärt sich dann ganz einfach, warum einmal das erste, einmal 
das zweite r ausfällt. Auch im Romanischen erscheint eine ähnliche 
Dissimilation, aber ohne die eben festgestellte Beschränkung und auch 
bei andern Consonanten : 

fi*ater = ital. frate (aber padre und madre). 

granre (prov.) = ganre. 

herberga, herberge = heberge. 

proprius =r ital. propio. 

prenre = penre. 

albioculus = aveugle (so Eccard und W. Grimm). 

flebilis = faible. 

halsadara, halsterel = hasterei. 

bombantia = bobance. 

Noch ein deutsches Wort scheint mir ein Beispiel von Dissimi- 
lation, allerdings ohne Ausfall eines der betheiligten Consonanten, zu 
bieten, das alem. chililiha. Betreffs der Etymologie von kirihha, as. 
^rika, ist wenigstens das eine wohl jetzt allgemein anerkannt, daß 
"W Wort nicht ursprünglich deutsch ist. Schade in seinem ad. Wörterb. 
(2* Aufl., p. 491) nimmt Leo's Erklärung aus wälsch cylch oder 
I ^7^ gftl* cuirc, bret kilc'h wieder auf (Ferienschriften I. 54. Anm.) 
l^igeff«<** ""vie gegen Wackernagels Herleitung aus circus spricht das 

*^ßhe durchaus festhaftende i nach r, das bei Isidor 

' ^ Jahif. 3 



34 J FASCHING 

sogar als lang erscheint: chiriihha und danach vielleicht überhaupt nr 
sprünglich als Länge anzusehen ist Chiriihha als chirjihha aufzufassen, 
wie Hildebrand im DWB för möglich hält, geht nicht an, da j vori 
im Ahd. sich nicht erhalten kann. Doch wenn i auch kurz wäre, so 
liesse es sich zwar allenfalls vor der Spirans des Ahd. aber nicht vor 
der Tenuis k des As. und Ags. als Svarabhakti auffassen. Es bleibt 
noch xvQiaxov als Ausgangspunkt, das lautlich keine Schwierigkeit 
macht, bei dem aber die historische Vermittelung zwischen Griechisch 
und Deutsch unklar ist. Indessen liegt das gleiche Dunkel über einem 
anderen Worte, das wir ganz unzweifelhaft griechischem Einfluss ver 
danken : das ai im got ahd. kaisar kann nur auf griech. nataag zu- 
rückgehen, und zwar nicht einmal auf das gesprochene Wort, da o 
lange vor Christus schon wie ae gesprochen wurde , sondern auf die 
gelesenen Buchstaben, also auf gelehrte Einwirkung. Es fragt sieb 
nur noch, wie aus kirihha kilihha werden konnte , während Uebergang 
von r in 1 im Germanischen sonst unerhört ist. Ganz einfach, wenn 
man annimmt, dass die Alemannen uvulares r gesprochen (Sieven 
Grundz. d. Lautph. p. 54). Dieses r und gutturale Spirans liegen sidi 
aber ausserordentlich nahe — r geht geradezu in die tönende guttunk 
Spirans über (Sievers p. 54 u. p. 73) — sie sind vollständig homorgan, 
und so trat das Bestreben nach Dissimilation ein, dem zwar nicht die 
Spirans, wohl aber das r nachgeben konnte , indem es in ^ auswich. 
HEIDELBERG, den 27. Juni 1877. OTTO BEHAGHEL. 



BEITRÄGE ZUR P^RKTÄRUNG DER RELIGIÖSEN 
DICHTUNGEN WALTHERS VON DER VOGEL- 
WEIDE. 

(Schluß.) /5 12^ i^j 



(Walthers Leich.) In den Versen 10 flF. wird als Grund, warum 
besonders göttlicher Beistand uns nüthig ist^ die Tücke des bösen Feindes 
angegeben. Ebenso beginnt ein alter lateinischer „Hymnus de Christo* 
(M. I, 2G) mit dem Bekenntnisse der heiligsten Deifaltigkeit, wendet sieb 
sodann zum Menschen als Geschöpf Gottes und (Uhrt hierauf fort: 

Hunc serpentis invidia 
heu decipit prava etc. (v. 17 f.) 



zu DEN RELIGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 35 

An die Darlegung des eigenen Unvermögens dem bösen Feinde zu 
Widerstehen reiht sich die Bitte: 

S8 tuo daz dinem namen ze lobe 
und hilf uns etc. (v. 17 ff.) 

Ähnlich: Pro tuo sancto nomine 

emunda nos a crimine. (M. I, 18, 7 f.) 

Ne des honorem nominis 

tui, precamur, alteri. (M. I, 73, 27 f.) 

Ad nominis laudem tui 

confer medelam languidis. (M. I^ 74, 11 f.) 

Nachdem der Dichter sich (seit v. 28) an die Muttergottes gewandt^ 
beschäftigt sich ein großer Theil des Leiches mit dem Lobe dieser 
„reinen stlezen maget", indem verschiedene Ehrentitel und Vorbilder 
Mariae aus dem alten Bunde angeführt werden. 

V. 31. „Magt unde muoter^ ein in der Kirchensprache sehr be- 
liebter Titel der Muttergottes, in dem die wunderbare Mutterschaft bei 
unversehrter Jungfräulichkeit hervorgehoben wird. 

„schouwe^; mitbegriffen: damit du uns helfest; weil nach mensch- 
lich natürlicher Anschauung beim Ausbleiben höherer Hilfe ein nicht 
Bemerktwerden von Seite Gottes oder seiner Heiligen vorausgesetzt 
wird. Durch die nun folgenden Ehrentitel soll Maria noch mehr zur 
Hilfe bewogen werden. 

V. 32. „blüende gerte Arones". Der Stab Aarons, welcher, ob- 
wohl dürr, Blüthen und Früchte trieb (4 Mos. 17) wird als Vorbild 
Mariae betrachtet, welche als Jungfrau Mutter wurde, vgl. M, II, 
326, 23 ff.: 

Virga Aaron fructifera 

Mariae typum gesserat, 

quae nobis fructum attulit etc. 

«üf gender morgenrdt^; vgl. cant. cant. 6, 9: „Quae est ista, quae 
progreditur quasi aurora consurgens ?^ Maria wird so genannt^ weil aus 
ilir, wie die Sonne aus der Morgenröthe, Christus ^die Sonne der Ge- 
rechtigkeit** hervorgegangen ist. 

v. 33. 34 bezieht sich auf Ezech. 44, 2. 3 : „Porta haec clausa 
ent: non aperietur, et vir non transibit per eam: quoniam dominus 
Israel iugressus est per eam, eritque clausa principi^. 
Hiemach wird Maria auch M. 11, 420, 9 f. genannt : 

Tu regis alti ianua 
et porta lucis fulgida. 

3* 



36 '"f FASCHING 

Daß Christus ^Licht^ oder wie im folgenden Bel^ nSonne^ ge- 
nannt wirdy leitet ganz natürlich auf das schöne Bild vom Olai^ durch 
das die Sonne dringt^ hinüber. 

M. II, 555; 4 ff. wird nftmlich Maria folgendermaßen begrüßt: 

Enge dei porta, 
quae non aperta 
veritatis lumen, 
ipsnm solem iustitiae 
indutum came, 
ducis in orbem. 

V. 35. 9,ganz geworhtez glas" nach Pfeiffer unverletztes GUs; 
nach Wilmanns zu Fensterscheiben verarbeitetes Glas, also Fenster 
glas, worauf ihn wohl der Ausdruck ^glasevinster" im Amstaner 
Marienieich geführt. Doch lassen sich beide Erklärungen gani gut 
vereinigen. Jedenfalls ist unter dem Glas, durch das die Sonne scheint 
kein anderes gemeint, als Fensterglas; jedoch soll auch, damit i» 
Bild zutreffend ist, ausgedrückt sein, daß das Glas durch das Ein- 
dringen der Sonnenstrahlen nicht verletzt wird, und das geschieht dorth 
das Epitheton „ganz geworhtez". Daß •»geworhtez glas* gerade ein 
zu Fensterscheiben verarbeitetes sein soll, dürfte wohl eine ziemlich 
willkürliche Annahme sein. 

Dieses treffende Bild ist schön ausgeführt im Amsteiner Marien- 
ieich (MSD. XXXVIII, V. 12 ff.); darum, und weil die ersten Verse 
(12 — IG) auch eine Parallelstelle zu v. 4() — 41 unseres Leiches bildeo, 
sei der betreffende Passus vollständig angeführt: 

Sint du daz kint gebere 

bit alle du were 

lüter unde reine 

van mannes gemeine. 

swenen so daz dunkent unmugelich, 

der merke daz glas, daz dir is gilig. 

daz sunnen liet schinet durg mittlen daz glas: 

iz is aline upd lüter sint alsiz e was. 

durg daz alinge glas geit iz in daz hüs, 

daz vinesternisse iz verdrivet darCiz. 

Du bis daz alinge glas da durg quam, 

daz vinesternisse der werkle benam. 

van dir schein daz godos liet in alle die laut, 

do van dir geboren warth unse heilant. 



zu DEN RELIGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 37 

iz beluhte dich und alle Christenheit; 
du in den ungelouven was verre verleit. 
iz vant dich, iz Itz dich bit alle lütcr^ 
alse du sunne deit daz glasevinster. 

Auch in einem lateinischen Hymnus, der bezeichnet wird als 
„vetus et vulgaris", heißt es (M. I, 47, 41 ff.): 

Ut vitrum nou laeditur 
sole penetrante^ 
sie illaesa creditur 
virgo post et ante; 

welche Stelle unverkennbar grosse Ähnlichkeit mit v. 35 und 36 unseres 
Leiches hat. 

V. 37 — 39 bringt ein neues Bild der Jungfräulichkeit Mariens trotz 
ihrer Mutterschaft, nämlich den brennenden und doch nicht verbren- 
nenden Dornbusch. Die Stelle (2 Mos. 3, 2) : ^ Apparuitque ei (Moysi) 
dominus in flamma ignis de medio rubi: et videbat; quod rubus arderet 
et non combureretur^ gilt nämlich dem Dichter zugleich als Vorbild 
Mariac als „maget und muoter^: 

Namque rubus incombustus^ 
Moysen qui terruit, 
haec est virgo, quae pudere 
salvo deum genuit (M. 11^ 326, 19 ff.). 
Femer: Flagrare cemens et Moyses rubura, 
nullis adustum viribus ignium, 
partum notavit virginis inclitum, 
nuUo virili germine conditum (M. II, 573, 29 ff.). 

V. 38 hat Lachmann und nach ihm mehrere andere Herausgeber : 
nbreit unde ganz"; und Wilmanns sucht den etwas aufiHlligen Aus- 
dmck ^breit'' folgendermaßen zu erklären: „Breit ist im Mhd. tiber- 
^Miupt groß. Man spricht von breiter werdekeit, breiter tugent, breiter 
gewalt u. 8. w.** Der Sinn unserer Stelle würde also sein: „Ausge- 
dehnt (weithin leuchtend) und unversehrt war sein Glanz.** Für diese 
Leseart spricht eine ähnliche Stelle im Melker Marienlied (MSD. 
XXXIX, Strophe 2), die jedoch Wilmanns entgangen zu sein scheint : 

Jü in deme gespreidach 
Möyses ein fiur gesach, 
daz daz holz niene bran. 
den louch sah er oben an: 
■' •■ der was lanch unde breit. 



38 J. FASCHING 

Mir scheint aber doch die Leseart Pfeiffers nach k „grüen nnde 
ganz" einen passenderen Sinn zu geben. Es soll ja unter dem Bilde 
des brennenden Dombusches die Empfängnis des Sohnes Gottes an- 
beschadet der Jungfrauschaft Marias versinnbildet werden, and dieses 
geschieht am besten dadurch , daß hervorgehoben wird, das frische 
glänzende Grün des Busches (Sinnbild der Jungfrauschaft) habe dordi 
das Feuer (Ueberschattung durch den hl. Geist) nicht gelitten. Für 
diese Auffassung spricht eine hieher bezügliche Stelle im Amsteiner 
Marienieich (MSD. XXXVIII, 56 ff): 

gruoncde daz louf in deme furc, 
bluode dln mageduom in der geburte. 
der buscli behielt die sine sconecheit, 
din heilig lif die sine roinicheit. 

Zu V. 40 ff vgl. M. n, 360, 13 ff: 

Ave domina coelorum, 
inexperta viri thorum, 
parens maris ncscia; 
Fecundata sine viro 
genuisti modo miro 
genitorem filia« 

In V. 45 scheint mir die Leseart ^wol ir", welche Lachmann, Bartsch 
und Wilmanns haben, besser zu passen, als ,,wol uns", wie Pfeiffer 
mit k liest. Im Vorausgehenden und Nachfolgenden sind ja Lob- 
sprüche auf Maria enthalten, so daß sich ein Segenswunsch auf Maria, 
mit „wol ir" eingeleitet (vgl. „beatus venter, qui te portavit, et ubera, 
qusD suxisti." Luc. 11, 27), besser in den Context fligt, als die Be- 
merkung, daß die Erlösung für uns etwas Segensreiches war. 

V. 46. Die Überwindung des Todes durch Christus ist in vielen 
Stellen der hl. Schrift betont, z. B. 2. Tim. 1, 10: Christus „destmxit 
quidem mortem.^ Demnach heben dieses auch viele Osterlieder hervor 
und verwenden dabei gerne Wortspiele. So hat z. B. die Sequentia 
der Ostermesse, allerdings in etwas verschiedener Weise von unserem 
Leich: „Mors et vita duello conflixere mirando: dux vitse mortaiu 
regnat vivus." 

In V. 48 hat man bei „ungefuoc^ nicht an eine |,Ubermenge'' 
von Sünden zu denken. Denn wie aus dem folgenden Verse hervor- 
geht ist hier zunächst die Erbsünde gemeint, mit der unsere Stamm- 
eitern uns belasteten. Zu vergleichen wäre zu v. 47—49 das pr«co* 
nium paschale (missale Romanum), das bei der Weihung der Oster 



zu DEN RELIGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 39 

kerze gesungen wird: „Q^ V^^ nobis Adae debitum solvit; et yeteris 
piaculi cautionem pio cruorc dctcrsit.*^ 

Der Sinn des Verses 50 ist: Du bist eine hehre Wohnung^ in 
welcher der wahre Saiomon (= FriedensfUrst d. i. Christus) seinen 
hohen Thron würdiger Weise aufschlagen konnte , und vermagst als 
dessen (Salomons) Mutter alles über ihn. Es ist angespielt auf 3 Reg. 
10, 18: „Fecit etiam rex Saiomon thronum de ebore grandem: et vesti- 
vit cum auro fulvo nimis.'' Da der weise König Saiomon als Friedens- 
fürst stets als Vorbild Christi gegolten, hat man obige SchriftstcUe ifn 
mystischen Sinne auf Maria gedeutet. — „gebictcrinnc" bezieht sich 
auf 3 Reg. 2, 19. 20: ^Venit ergo Bethsabee ad regem Salomonem, ut 
loqueretur ei pro Adonia: et surrexit rex in occursum eins, adoravitque 
cam, et sedit super thronum suum : positusque est thronus matri regis, 
quae sedit ad dexteram eius . . . Dixitque ei rex: Pete mater mea: 
neque enira fas est, ut avertam facicm tuam.'' 

Wie man in Saiomon Christus vorgebildet sah , so betrachtet die 
katholische Kirche in der Mutter Salomons Bethsabee ein Vorbild 
]\Iarias, der auch ihr Sohn nichts abschlägt^ so da(S sie in gewissem 
Sinne seine Gebieterin ist. Anklänge an unsere Stelle finden sich 
M. II, 524; 37 ff.: 

Tu es thronus Salomonis, 
cui nullus par in thronis 
arte vel materia; 
und M. II, 508, 216: 

Salve throni o sedile.*) 

V. 51. Zu ^balsamtte'' vgl. Eccl. 24, 20: „Sicut cinamomum et 
balsamum aromatizans odorem dedi", welche Worte in der katholischen 
Liturgie auf Maria bezogen werden. Mit demselben Namen wird Maria 
begrüßt M. 11.508, 66: 

Salve oder balsamorum. 

Zu „margarite** vgl. M. II, 508, 72: 
Salve mira margarita. 

Hiezu bemerkt Mono: „Da Christus mit einem Kaufmanne ver- 
glichen wurde (No. 25, 85)^ so hat man die Stelle bei Matth. 13,45,46 
auf Christum bezogen, und Maria die Perle genannt." Die angezogene 
Stelle lautet: „Iterum simile est regnum coelorum homini negotiatori, 



*) [Dieses Citat macht J. Grimmas Vermuthung:, es sei statt sMe Ii^e, wie Hss. 
and Ausgäbet» hat>en , za lesen sedelaere , sehr wahrscheinUch. Vgl. noch zn dieser 
Stelle die von mir bei Pfeiffer angefahrte Abhandlang von Piper. K. B.] 



40 J* FASCHING 

quaerenti bonas margaritas. Inventa autem una pretiosa margirifi, 
abiity et vendidit omnia; qaae habait| et emit eam.* 

„Ob allen magden bist du, maget, ein maget, ein künigiiuie": 
vgl. die Titel Mariae in der ältesten kirchlichen Litanei, der Allerbei- ; 
ligen-Litanei: „Virgo virginom^ und „regina virginnm^ in der Laare- 
tanischen Litanei. 

V. 52* Zu ngotes amme^ vgl. M. II, 420^ 3 f. : 

Qui te creavit provide, 
lactas sacrato ubcre. 

Ebenso aus der Sequentia de sancta Maria (MSD. XLII, 44 f.) z 

daz was got, der selbe 

den sinen munt zuo dinen briisten bot. 

Der Gedanke: „e:^ ^^^ ^^^ wamme ein palas ctc.^ kehrt in dec:^ 
von Venantius Fortunatus stammenden Hymnus in purificatione s. Ma^ 
riae dreimal, allerdings etwas modificiert, wieder (M. II, 419): 

Trinam regentem machinam 

claustrum Mariae baiulat (v. 3. 4.). 

Cui luna, sol et omnia 

descrviunt per tempora, 

pcrfusa coeli gratia 

gestaut puellac viscera (Strophe 2). 

Beata mater munere 

cuius supemus artifex 

mundum pugillo contineus 

ventris sub arca clausus est. (Strophe 4.) 

Auch in der Prosa de b. vii^ine (M. II, 402, 40) wird Maria ge — 
nannt: „verbi dei cella^. 

Die Reinheit des Lammes Gottes, das in v. 52 erwähnt wurde, 
gibt dem Dichter Veranlassung zu einer gelegentlichen Bemerkung, 
daß die reinen Jungfrauen , deren erste ja Maria ist (v. 51), sein näch- 
stes Gefolge bilden, im Anschluß an Apoc. 14, 4: „Hi sunt, qui cum 
mulieribus non sunt coinquinati: Virgines enim sunt. Hi sequuntur 
agnum, quocunque ierit.^ Dieselbe Schriftstellc wird ausgeftkhrt in 
einem dem hh Ambrosius zugeschriebenen Hymnus ^Jesu Corona vir- 
ginum" (Pauly III, S. 30): 

Qui pergis inter lilia 

septus choreis virginum. (v. 5. 6.) 

Quocunque tendis, virgines 

sequuntur etc. (v. 9. 10.) 



zu DEN RELIGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHER8. 41 

^maget*' ist jedoch hier, wie in den obigen Stellen das lateinische 
f,virgo^ in biblischem Sinne von onvennählt und keusch Lebenden 
überhaupt gebraucht, nicht blos von solchen weiblichen Geschlechtes. 

V. 68—70 bezieht sich auf die Begebenheit, welche Jud. 6, 36 — 
38 erzählt wird, daß nämlich ein auf der Erde ausgebreitetes Fell 
allein vom Thaue benetzt wurde, während die Erde ringsherum trocken 
blieb, als Vorbild auf Maria, welche allein durch himmlische Einwir- 
kung (himeltou) einen Sohn empfieng. Denselben Vorgang wenden 
auf Maria an die Hymnen (M. II, 372, 11 f.): 

Qedeonis vellera 
ros infudit. 

(M,U. 360, 22ff.): 

EHisa coeli rore tellus, 
fusum Qedeonis vellus 
deitatis pluvia. 
Melker Marienüed (MSD. XXXIX): 
Gedeon dux Israel 
nider spreite ein lamphel : 
daz himeltou die wolle 
betouwete almitalle. 
V. 71. „Ein wort ob allen werten**, vgl. v. 51 „ob allen magden" 
= ein Wort, erhaben über alle Worte, gemeint ist das göttliche Wort 
(Aoyoff), die zweite göttliche Person. 
Zu V. 71. 72 vgl. Walther 89, 9 ff.: 

Durch die hoechsten freude din, 
die dir der heilig engel z' oren brähte, 
dö er dir den ze tragenne kunto etc. 
Als weitere Belege für die mittelalterliche Anschauung, daß 
Maria Christum durch das Thor ihres Ohres empfangen, mögen dienen : 
11.11,419, Strophe 3: 

Mirantur ergo saecula, 
quod angelus fert semina, 
quod aure virgo concipit 
et corde credens parturit. 
HSD. XLU. Sequentia de Sta. Maria: 

dir kam ein kint, 
frouwe, dur din 6re. (v. 35 f.) 
V. 77 hat C „ze worte", k ^von kinde^; Lachmann vermuthet, 
^sollte heiasen „ze gote^ und vergleicht hiezu Sunburg (HMS.3. 75**): 
JJz i "ie wuchs ein got, der doch ie wesende was: er wart 



42 J- FASCHING 

mensche sonder spot, do sin diu reine maget genas. '^ Jedoch gibt 
auch „ze worie^ einen guten Sinn. Es liegt nämlich ein Worts|»el 
vor: V. 75 bedeutet ^worf* das Wort der Verkündigung^ v. 77 das gött- 
liche Wort {Xoyog). Der Sinn dieser Stelle ist demnaeh: Das, was aos 
dem Worte (der Verkündigung) hervorgieng, wuchs so heran, daG es 
sich auch äußerlich, nämlich durch das Lehren, als Wort (zweite gött- 
liche Person, Xoyog) zeigte. 

V. 79. 80 ^näch menneschltcher art^ soll hier wohl zuniehst be- 
deuten : in der Zeit geboren und mit der Zeit sich allmählich ent- 
wickelnd, im Gegensatze zum vorausgehenden ,,ie gewesende'; vgl: 
pDeus est ex substantia patris ante saecula genitus, et homo est ex 
substantia matris in saeculo natus'' (Symbolum Athanas. v. 29); andi 
Walther 88, 9: ^junger mensch und alter got"; ferner M. I, 33, Iff.: 

Verbum supemum prodiens, 

a patre olim exiens, 

qui natus orbi subvenis 

cursu declivi temporis. 
Zu V. 84. 85 vgl. den Weihnachthymnus „A solis ortus cardine ' 
(bei Pauly II, 15): 

Domus pudici pectoris 

templum repente fit dei. (Strophe 4.) 
Nachdem im Vorausgehenden der Erlöser und die Muttergottes 
als die vorzüglichsten Quellen bezeichnet wurden, durch die uns dis 
Heil zufließt, kommt der Dichter (von v. 95 an) auf die erste Vorbe- 
dingung, ohne welche es überhaupt kein Heil gibt, zu sprechen, nim- 
lich auf die wahre Reue über die begangenen Sünden. 

V. 101 (96) lesen Pfeiffer, Bartsch und Wilmanns: ,,uns ist Au 
allen vil wol kunt^; so kl. Lachmann hingegen hat nach C: „den 
wisen ist daz allez kunt'' Wilmanns bemerkt hiezu: „GKeng die 
Acnderung in C vielleicht von einem Manne aus, der sich als Getft- 
lieber dem Laienstande gegenüber fiihlte?^ Die Möglichkeit dessen 
nicht in Abrede gestellt , ergibt sich auch sonst ein ganz befriedigeii- 
der Sinn : ^wise^ nämlich gefaßt als wohlunterrichtet, Uug> gegenflber 
jenen „tumben'', welche meinen durch bloße äußerliche Marienver 
chrung, ohne wahre Herzensreue die Gesundheit der Seele erlangen 
zu können. 

V. 107 (103) „minnetiur^ Liebesfeuer = der hL Geist Im 
Hymnus „^^^"^ creator spiritus*^ (M. I, 184) heißt es Strophe 2 vod 
hl. Geiste: 

y,Qui diceris... ignis, charitas". 



zu DEN REUGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 43 

V. 108 (104) ^gehiure" = vertraut, woran nichts unheimliches 
iaty lieblichy angenehm. Ähnlich wird in der Sequentia de s. spiritu 
(M. I,, 186, 8) der hl. Geist genannt: 

„dulcis hospes anima\^ 
V. 110 (105) lesen Lachmann, Wilmanns, Bartsch ,,lihtez leben". 
Wilmanns bringt hiezu nacli Zacher verschiedene Belegstellen und 
folgert dann: „ein 'lihtez leben ist also ein durch Reue, Beicht und 
Busse von der Sündenschuld erleichtertes und befreites Leben." Diese 
Leseart bietet k. C hat „reinez". Pfeiffer sucht nun nach k'l beide 
Lesearten zu vereinigen, indem er setzt „liehtez" = helles, reines. 
Es wird schwer zu entscheiden sein, welche Leseart vorzuziehen ist. 
In den von Wilmanns angeführten Parallelstellen findet sich keine , in 
der „leben" mit „lihte" verbunden wäre; aber auch „liehtez leben" im 
Sinne von: helles^ reines Leben befremdet; ob nicht vielleicht ^liehtez 
leben*' = erleuchtetes^ vor Irrwegen gesichertes Leben gefaßt werden 
könnte? Zumal der hl. Geist in den kirchlichen Hymnen besonders 
als Erleuchter gefeiert wird; vgl. Sequentia de s. spiritu (M. I, 186): 

Veni sancte spiritus, 

et emitte coelitus 

lucis tuse radium. (1. Strophe.) 

Veni lumen cordium! (v. 6.) 

O lux beatissima! (v. 13.) 
Im Hymnus: „Veni creator Spiritus!" (M. I, 184). 

Accende lumen sensibus (v. 13) 

ductore sie te prsevio 

vitemus omne noxium. (v. 19 f.) 
V. 112 (107) schließt sich ganz natürlich an den vorausgehenden 
Vers an. Dem Gnadeneinflusse des hl. Geistes sollte niemand wider- 
streben (v. 111), denn nur einem bereitwilligen, nach ihm verlangen- 
den Herzen spendet er die Grundbedingung geistlichen Lebens, wahre 
Reue. (v. 112 f.) 

V. 116 (112). Lachmann, Wilmanns, Bartsch: ^den rehten**; 
Pfeiffer nach k: „den selben''. Erstere Leseart dürfte den Vorzug ver- 
dienen, da sie sich an einen in der Liturgie sehr häufig gebrauchten 
Psalmvers anschließt: „Spiritum rectum innova in visceribus mcis.'^ 
Ps. 50, 12. Vater und Sohn werden um den hl. Geist gebeten, weil 
dieser nach katholischer Lehre vom Vater und Sohne gesendet wird ; 
vgl. Johan. 14, 26: „Spiritus sanctus, quem mittet pater in nomine meo.^ 
V. 117 (113) zu „fiuhte^ vgl. in der Sequentia de spiritu sancto 
(M. I, 186): 

^Dulce refrigerium!'* (v. 9.) n^^g^? quod e^t atvAuToJ^ ^* ^SS^- 



44 J. FASCHING 

Die Verse llS und 119 (114 f.) stehen vielleicht im Verhältnisse 
des Gegensatzes zu einander: Zwar ist die ganze Christenheit voll 
unchristlicher Dinge, aber selbst dort, wo das Christenthom ganz be- 
sonders daruiederliegt , unterläßt man es, diesen Kranken zu pflegen 
und zu heilen. Der Dichter denkt wohl an die traurigen religiösen 
Zustände in Deutschland. 

V. 124 (120). Lachmann ; Wilmanns, Bartsch: „und ist er da so 
friunde bar". Pfeiffer änderte aus k in: „nü ist er also friunde bar''. 
Nach letzterer Leseart tritt das Verhältnis der Folge aus dem im vor- 
hergehenden Vers Gesagten deutlicher hervor. Der Sinn ist: Nun, in 
Folge der Simonie (welche keine wahren Freunde der Kirche zu kirch- 
liehen Ämtern gelangen läßt) ist das Christenthum so von Freunden 
entblößt. 

Zu V. 135—137 (128) ist zu vergleichen Jac. 2, 14: „Quid prod- 
erit^ fratrcs mei, si fidcm quis dicat sc habere , opetu autem mm 
habeat?** 

V. 138 (130) „daz ist unser meiste n6t*^ so lesen Lachmann und 
Wilmanns, was sich jedoch nicht recht in den Zusammenhang fiigt 
Pfeiffer und Bartsch haben dafür nach kl: „nü ist ab uns ir beider 
not^, nun bedürfen wir aber beider Dinge, nämlich daß wir uns mit 
dem Munde unerschrocken als Christen bekennen, und dieses auch 
durch unsere Werke zeigen. 

Zu V. 139 (130) Vgl. Jac. 2, 17: ^Fides, si non habeat opera, 
mortua est in semetipsa.^ 

Zu V. 142 — 144 (134 ff.) zu vergleichen außer jenen Stellen , wo 
Gott überhaupt davon spricht den Menschen gemacht zu haben (z. B. 
1. Mos. 1, 26: „Faciamus hominem^). Is. 29, 22, 23: y,Non confundetnr 
Jacob... cum viderit tilios suos, opera manunm nieurtLm,^ Jer. 18,6: 
^Ecce sicut lutum in manu figuli, sie vos in manu mea.^ Ps. 118, 73: 
^Manus tuae fecerunt me et plasmaverunt me.^ Ferner im Fasten- 
bymnus: „Ex more docti mystico** (M. 1, 73, 25 f.>: 

MementOy quod sumus tui 

licet caduci plasmatis. 

Viele Ähnlichkeit mit unserer Stelle hat auch in der Sequentia 
de Sta. Maria (MSD. XLII, 61 ff.): 

got ^sehe an menniscliche not; 
und daz er dur die namen dii 
siner christenen hantgetat 
gnaedie in den Sünden st." 



zu DEN REUGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 45 

Desf^leichen (M. I, 47. 81 f.) : 

Christe qui nos propriis 

manibus fecisti. 
Der Dichter wendet sich nun v. 145 ß, (135 ff.) noch an die 
Gottesmutter, deren Lob er besingt und die er um Fürsprache bittet. 
Anklänge an v. 145 (M. II, 574, 5 ff.) : 

Fac tuum nobis filium 

pia prece propitium, 

quem graviter offendimus, 

tu mitem redde, quaesumus. 
(M. II, 356, 30 f.) : 

Ergo omnium domina 

filium placa. 
V. 147 (137). Die von Pfeiffer und Wilmanns angezogene Stelle 
cant cant. 2, 2 paßt nicht hieher. Denn nach dem lateinischen Text der 
Vulgata lautet diese Stelle: ^Sicut lilium inter spinas, sie amica mea 
inter filias.^ Wenn auch Einige nach dem Hebräischen an unserer 
Stelle übersetzen: „Sicut rosa inter spinas'', so hat das auf unsem 
leichter keinen Bezug, der ja nur jenen Schrifttext kannte, der im 
kirchlichen Cultus gebraucht und in der Kirche erklärt wurde, und 
das war schon seit den Zeiten des hl. Hieronymus die Vulgata. Und 
selbst wenn die Leseart ^rosa inter spinas^ angenommen würde, so 
wäre durchaus nicht ausgemacht, daß eine Rose ohne Dornen ver- 
standen wäre, sondern dem Context nach nur eine schöne Blume, eine 
Rose, unter Dorngestrüppe. In der hl. Schrift findet sich dieser Aus- 
druck überhaupt nirgends, wohl aber ist er später beliebt worden, 
die trotz der Mutterschaft unbefleckte Jungfräulichkeit M ariens zu be- 
zeichnen; z. B. (M. II, 402, 28 f.): 

yirginum regina, 

rosa sine spina. 
Denselben Titel, mit einem ähnlichen verbunden, welcher sonst 
Dur der hl. Jungfrau beigelegt wird, ertheilt der Dichter auch der Qe- 
niahlin Philipps Irene, da er ihre Krönung besingt (100, 8. 9) : 
„im sleich ein höchgeborniu küniginne nach, 
rös äne dorn, ein tübe sunder gallen." 
V. 148 (138) zu „sunnenvarwiu kläre'' vgl. cant. cant. 6, 9: „Quae 
^st ista, quae progreditur quasi aurora consurgens, pulchra ut luna, 
«lecta ut sol?" und Sequentia de sancta Maria (MSD. XLI v. 10 f.): 

Maget aller magede 

schoene als diu sunne. 



46 J- FASCHING, ZU DEN RELIGIÖSEN DICHTUNGEN WALTHERS. 

V. 149 (139). ÄehDlich wie in unserem Verse (M. 11, 352, 9 f.): 

Te nostra sonant carmina, 

te angelorum agmina. 
und M. II, 579, 5: 

Te canat primum chorus angelorum. 
V. 153 (143) „in stimmen oder von zungen*^. Wenn hier nicht 
eine pleonastische Zusammenstellung zweier Synonyma vorliegt , so 
versteht der Dichter unter „stimmen *" vielleicht die Engel, welche nidit 
wie die Menschen einer Zunge als Werkzeuges ihres Gesanges bedürfoi: 
und dann würden diese zwei Ausdrücke der Unterscheidung in v. 155 
entsprechen: „ze himel und üf der erde.*" 

V. 154 (144) „üz allen ordenungen" bezieht sich nicht auf die 
Engel allein wegen des folgenden Verses: „ze himel und üf der erde;^ 
es sind hier überhaupt alle Gattungen jener Wesen, welche Maria loben, 
gemeint Das Subject „sie^ nämlich in v. 150, welches sich dort mir 
auf die Engel bezieht, wird hier durch eine kleine Ungenauigkeit im 
Gedanken erweitert, so daß auch die übrigen Maria preisenden Qe- 
schöpfe inbegriffen sind. 

V. 160 (150) „der barmunge urspringe^ bezieht sich vielleicht ant 
2 Cor. 1, 3: ,,Pater domini nostri Jesu Christi, pater misericordianm.' 
An V. 1(>4 und 165 (154 f.) anklingend M. II, 334, 29 ff". : 

Oramus, domina, 

reorum beatrix, 

absteige crimina, 

inclita salvatrix, 

nos ad cor contritum 

ao deo unitum 

perduc reos et miseros. 
Ganz ähnlich wie unser Leich schließt ein altes tropariom de 
s. Maria (M. II, 356, 30 ff.) : 

Ergo omnium domina 

filium placa, 

supplices tuos adiuva. 

Per quam solam 

solus Omnibus vitam 

dat salvandis. 

SALZBURG, im September 1870. JOSEF FASCHING. 



K. BARTSCH, BBÜCHSTOCKE MITTELHOCHDEÜTSCflER GEDICHTE. 47 

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER GE- 
DICHTE. 



Bei meinem diesjährigen Aufenthalte in Engelberg; von dessen 
handschriftlichen Schätzen^ so weit sie altdeutsches enthalten, ich früher 
(XVIII, 45 — 72) Nachricht gegeben habe, theilte mir der freundliche 
Bibliothekar des Klosters, Pater Benedictus, mit, daß er sämmtliche 
Pergnraentdeckel von den Büchereinbänden abgelöst habe, und wies 
mir als einen auf diese Weise gemachten Fund zwei Pergaraentblätt- 
chen in Octav, auf welchen mittelhochdeutsche Verse standen. Beide, 
nur auf einer Seite beschrieben, waren mit der Schrift aufgeklebt ge- 
wesen, auf demselben Bücherdeckel; beide sind von einer Hand des 
14. Jahrhunderts geschrieben. Das eine enthält den Schluß des Ge- 
dichtes von den neun Rittern und neun Frauen, welches nach einer 
Leipziger und Straßburger Handschrift v. d. Hagen in seinen Minne- 
singern in, 441—443 mitgetheilt hat; das andere gewährt den Anfang 
von Frauenlobs Ereuzleich. Ich lasse sie in treuem Abdruck hier folgen. 

HEIDELBERO, 21. December 1877. K. BARTSCH. 

I. 

Biner eilenthaften witze 
mich tünt sine spehen hitze 
dike miner sorgen buz 
ich bin ime glicher wise 
holt als enea*) parise 
bi dem ich bliben müz 
XVII Ir lat mir des lobes deine 

sprach di ahte dem liebe sten man 
nie bi zarten wiben reine 
slief ein kunec so lobesan 
er mehte tugende von im shriben 
er hat lop von reinen wiben 
lobeliche mange stunt 
doch vor allen iungen luten 
wil er niemant für mich truten 
lobete mir sin zarter munt 



48 K. BARTSCH 

XVIII zuht mit reiner tagende horden 
kan er wol min leitvertrip 
sprach di nunde ritters orden 
zieret wol sin*) werder lip 
ich wart nie so tump einvaltic 
wer ich aller der werlde gewaltic 
ich fürte in in minre shar 
selic si di m&ter sin 
di geh&re sviger min 
di mir in ze heile gebar. 

II**). 

Wo wnnenbemder suz ursprinc. 

hoch swebendes fluzes name so volleclich begin. 

Der ersten Sachen sechec dinc. 

ir wesn ir ewic und ir immer wemder sin. 

Wie tirmec Spiegel sehender kunfl. 

grunsippec blic. der zit gewegenre hin geshiht 

Mit nu (1. im) wart pundic sigenuft. 

in dir din griftec sihtec innen gebndez ifaL 

Wie vor der zit geselle. 

din indir anspart 

drate gienc ze rate. 

nä wesen in dir din ewic hört. 

sust din antirmec stelli. 

von din angewach 

wachet nvr gesachet. 

ershein noch part din pnrtic wort 

sam von der sonnen tut ir shin. 

auh sam von dem brannen shuzet 

duzet***) 

*) nach sin ist ausradiert leil. 

**) Die Verse sind nicht abgesetzt, sondern nnr dnrch einen Punkt Ton ein- 
ander getrennt. 

***i Der Rest des Blattes abgeschnitten; zu lesen ist nnr noch nier de tod 
der folgenden Zeile, woraus sich ergibt, daß dieser Text riyier = Hs. E bei Etx- 
niüller las. 



/ 



l 



MITTELALTERLICHER SATTEL MIT INSCHRIFT. 49 

MITTELALTERLICHER SATTEL MIT INSCHRIFT. 



In der Ausstellung von Werken älterer Meister^ die im Sommer 
1876 in München stattgefunden hat', befand sich unter anderem ein 
Elfenbeinsattel aus dem vierzehnten Jahrhundert mit bildliehen Darstel- 
lungen von Liebespaaren und Inschriften'. So ist er in dem gedruckten 
Kataloge von Dr. Kuhn S. 186 unter Nr. 1354 aufgeführt. Er ist im Be- 
sitze des Grafen von Enzenberg auf Schloß Tratzberg in Tirol. Die In- 
schriften habe ich mir abgeschrieben , sie befinden sich auf Spruchbän- 
dern, drei auf jeder Seite, wovon das mittlere in horizontaler, die beiden 
znr Seite in vertikaler Richtung laufen. Auf der einen Seite steht: 
links, vertikal laufend wol mich wart 
Mitte, horizontal ich hof der Üben somerzeit 

rechts^ vertikal lach Ixb lach 

Auf der andern Seite 

links, vertikal wol mich nv wart 

Mitte, horizontal in dem ars is vinster 

rechts, vertikal frei dich mit gantzem willen. 

Ein ähnlicher Sattel aus dem Besitze des herzoglichen Museums 
in Braunschweig findet sich unter Nr. 1421, S. 192 des Kataloges: 
Elfenbeinsattel des Herzogs Magnus II Torquatus (f 1373J mit figür- 
lichen und anderen Verzierungen^ Resten farbiger Bemalung, dem Mo- 
nogramme des Herzogs [mehrmals wiederholt] und der Schrift: Trev 
yst seliz [wohl Abkürzung von selten] in der Weld\ 

Ein dritter Elfenbeinsattel, aber ohne Inschrift, aus ungefähr der- 
selben Zeit findet sich Nr. 1422. Er gehört dem Prinzen Karl von 
Preußen. *Das Ornament bildet Rankenwork mit Rosen . 

K. BARTSCH. 



DREI MEISTERLIEDER. 



Die nachfolgenden drei Lieder wurden mir von Herrn Bibliotheks« 
castos Obrist in Innsbruck mitgetheilt. Sie stammen aus einer Hand- 
schrift des Archivs in Sterzing. Das erste, in Regenbogens goldnem 
Ton, steht auch in der Kolmarer Handschrift*) und ist danach in 



*^ ^"^«4 die Schicksale dieser Handschrift vor ihrer Wiederanfündung betrifft, 
^ Mone*, Hymnen 2, 830 anfmorksam. Dort ist ein lateinisclies Qe- 
Hfl&he. IL (XXIII. Jahrg.) 4 



60 



K. BARTSCH 



meinen Meisterliedem Nr. 92 gedruckt. Da der Sterzinger Text sehr 
abweicht, gebe ich lieber einen Abdruck als die Varianten. Die dritte 
Strophe fehlt. Die beiden andern Lieder, in Mamers goldnem Tone 
(Meisterlieder S. 161, bei Strauch Nr. I) verfaßt, begegnen meines 
Wissens in anderen Handschriften nicht Die vorletzte Zeile jeder 
Strophe ist hier um zwei Hebungen kürzer, ausserdem sind innere 
Reime eingefügt. Unter dem rothen Kaiser, der bei seinem Barte 
schwur, ist entweder Otto I oder H zu verstehen. 

K. BARTSCH. 



I. Ein dem gülden 

(1) Got grnes ench zichtigckleichen all (2) 
die siDger nnd die mercker guett 
gesanges hört das soll wier nit ver- 
gessen 
Jer singet hie mit reichen schall 
vnd seid mit kunsten gar wolpehuet 
y zall vnde mas solt ir gar eben messen 
Es wart ein krantzelein gp.macht 
wolt got das ich den selben krantz 

solt tragen 
das krantzelein ist gar woll pesacbt 
mit gold so rott ist es schon peschlagen 
vnd ist mit rosen woU pehnet 
das merckh ein ieder singer guet 
wer es gewinnet man wirt es von im 

sagen. 



regnpogen. 

Gresanges hört fuert hochen preis 
wer mich das vnderriditen kan 
dem will ich han für ainen maitt^r 

goete 
Das merckht ier werden singer weis 
kund ier den rechten gnind Terstui 
so muest ier sein mit mnsica pelmetp 
Musica fürt der cre ein krön 
gesanges hört leit pei ier Terschloß^v 
si loben auch die maister schan 
von ir so ist schan melodei cdI- 

sproßen 
si priugt gesang mit vnterschaid 
als vns die war geschriflfie sait 
der siben kunsten haben wier wol 

genoßen. 



II. Ein dem gülden 

( 1 ) Ich rait kurtzweilen darch ainen wald 
ich fand ein freilein wolgestalt 
ich sprach du seiden reicher funt 

was tuest alliie alaiue 
Ich grueß die edl frau so rain 
tuestu intreucn warten mein 
so thue mir deiner freuntschafil kunt 
in treuen ich das maine 
Got grues dich lieb got grues dich 

zart 



marncr thon. 

got grues dich ausserweltes wdb 
vnd las mich nit vcrderbeo 
got grues dich fran von hoher ait 
vnd wirt mir nit dein stoltzer leib 
vor laid so mnes ich sterben 
o frau dein lieb die macht midi 

krtDckb 

zu dier stet aller mein gedanckb 
das ich dein nie vergessen kind 
kain äugen plickh so klaiie 



dicht des Mönchs von Salzburg 'ans einer Hs. des 15. Jahrb. die Herr Domdeekant 
Greith iu 8t. Gallen besitzt* mitgetheilt , und weiter bemerkt, der Mönch habe es den 
Peter von 8ax zugeschickt, der ihm ein dcutsche.s Marienlied in demselben Versmafi 
gesandt hatte. Diese Notiz findet sich aber nur in der Kolmarer Hs. (s. meine Mei- 
sterlieder S. 6 f.); es gebt also daraus hervor, daß Herr Greith zeitweise Beaitser der 
Kolmarer Hs. war. 



DREI MEISTERLIEDER. 



61 



(2) O edeU weib und pliender ast 
ich lob (dich) für der simen glast 
ich lob dich für den Hechten morgen 
vnd auch für alle stem 
Got grues das zarte freyelein 
du leichst für alles edel gestain, 
du hulfiPst vns allen sorgen 

darumb soll man dich eeren 
Ich lob dich für der vogl gsang 
vnd auch für alle saiten spil 

für harpfen vnd für geigen 
weib aller freiden ein anefang 
du machst vns aller freiden vil 

gegen dier sol man sich naigen 
daran gedenckht ier werden man 
vnd eert die zarten frauen schon 
ich reds gänzlich vnuerporgen 

man mag ier nit emperen. 

Das ist 

/ in. Eim gülden 

(1) Zu rem ein kaiser was pekant 
der rott..kai8er war er genannt 
der schwuer albeg pey seinem part 

das hielt er als peim aide 
Ein pabst lebt pei im in der zeit 
der trueg dem kaiser has vnd neit 
darumb macht er ein herefart 

vnd schickht in an die haiden 
Der kaiser im gehorsam was 
vnd samet gar ein grosses her 

zuch an die haidenscheffte 
der pabst sehrib den haiden (das) 
sy sollen sich stellen zu wer 

der kaiser kam mit krefiften 
vnd wellan sy frid von in han 
«7 sollen in nit leben lan 
weiten si änderst sein pewart 

mit frid vnd mir paide 

(2) Der haiden sterckhet sich mit krafit 
da mit er da wart sygenthafft 
den kaiser fieng er vnd sein her 

wart im gar uill erschlagen 
Der haiden zu dem kaiser sprach 
zu rom hiestu gueten gemach 
soldestn hir sterben sunder war 

das tue wir dir ietz sagen 
Dein pabst vnns selb verschriben hat 



(3) weib du pliens mandel reis 
ich lob dich für das paradeis 
kain heiling nie so heilig wart 

er sei von frauen kumen 
Mit recht tregst du ein güldene krön 
du hast vileicht den höchsten tron 
von ainer maid got porn wart 

das hab wier all vemumen 
All heiling vnd zwelffpotn guet 
all marterer vnd all peichtiger 

von frauen seind geporen 
des freit sich mein sin vnd muet 
ich wil sie allzeit loben her 

die frauen auserkoren 
daran gedenckht ier werden weib 
wier kumen all von eurm leib 
habt all eur eer in huet 

es pringt euch ewigen frumen 

aus. 

marner thon. 

wir sollen dich nit leben lan 

du weist vns gar verderben 
er sehrib vns selb disen rat 
well wier hin für frit von im han 
so soll wier dich tuen tuden (1. sterben) 
wildu vns deinen pabst thuen geben 
so well wir dich noch laßen leben 
pei deinem part thue uns da schwern 
so las wir dich pei tagen 
(3) Die prieff zaigtens dem kaiser do 
de kaiser sprach ist im also 
ich schwere auch das pey meinem part 
das ich euch das will haiden 
Ich schickh euch den vntreun man 
als pald sich das fiegen gkan 
an mir hat er nit woll pewart 

sein treu die mus got walden 
Der kaiser stelt wider genn rom 
mit seinem her was sein noch lebt 
so gar in großen zom 
als pald nun der pabst das vemam 
wie pald er gen Venedig strebt 

dauon er was geporn 
der pabst sicher peleiben wolt 
der kaiser pot aus reichen solt 
das er het ein groß here fart 

4* 



52 



H. FISCHER 



(4) Mit zwelff mall hundert tausent 

man 
schifit er gen Venedig hin an 
vnd Tmblegt die gantze stat 
mit pizen ynd mit kechen {durch- 
strichen) knechten 
Das niemant mocht kamen damon 
vnd auch kain speis mocht in zue gan 
von hanger lidens große not 

des warn sy erschrockhn 



Der kaiser vor der State lag 
zwai monat vnd ain gantzes iar 

er wolt nit aheUßen 
der ratt in der stat weishait pfli^ 
vnd würben an den kayser klar 

ob ein fiid wnrd gestoßen 

der kaiser sparach vnd weit ir leben 

so tiet vns den pabst heraus geben 

diet ir das nit euch mneß der todt 

als in sein hafen kochen 



(Schluß fehlt). 



KLEINE MITTHEILUNGEN 



VON 



HERMANN FISCHER. 



I. Friedhof — Freudhof. 

In einem Schriftchen des Titels: „Kurtzbündige Erörterung der 
Frage ob einem Cathol. Exercitio in einem Ev. Territorio — die Be- 
erdigung ihrer Cörper auf denen dazu gewidmeten Gottes- Acker ver 
wehret werden könne. Anno 1703^ findet sich (Seite 7) die Form ,anf 
Evangelischen Freudhöffen''. Ist diese etwas ans Sentimentale 
streifende Etymologie sonst irgendwo nachweisbar? Die Wörterbücher 
bieten nichts. Über die Herkunft des betr. Schriftchens habe ich, da 
das mir vorliegende Exemplar keinen Schluß hat, nicht feststellen 
können; jedenfalls muss es oberdeutsch sein^ da die gebrauchte Form 
auf freit ho fy nicht auf ein niederdeutsches fridhof zurückweist 

n. Fragment eines mnd. Arzneibuches. 

Von einem Bücherdeckel habe ich unlängst ein mankes Quart- 
oder Großoctav-Blatt abgelöst. Dasselbe hat schon Jemand versucht 
abzulösen y dabei aber ein Stück weggerissen, weches nunmehr fehlt 
Doch ist auf der Seite ^ welche aufgeklebt war, mehr zu lesen , weil 
hier die Schrift grossentheils am Deckel des Buches hangen gebliebeD 
ist. Das Blatt ist Pergament und enthält in Schrift des 14. oder aas- 
gehenden 13. Jahrhunderts einige Recepte in niederdeutscher Sprache, 
die ich hier mit Auflösung der Abbreviaturen mittheile. Es ist mir 
trotz genauen Suchens nicht gelungen , die Zugehörigkeit des Frag- 
ments zu einem früher bekannten Stücke zu ermitteln. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 53 

[I] Sweme de bladere in deme antlate up lopet mide werden de 
roven de sede salvien beverizzen. hintberen unde drinc de. gifte it en 
wives name is. de salve de roven mit der witten salven. unde wasche 
86 af. des morgenes mit coltgoten. dat de asche si van haverstro ge- 
brant. dit mögen och de man don ofte se bedorven. 

[II] Gifte di dat lif beneden bestoppet si. So nim scir solt. also 
grot also en bone stec et neden an dinem sete. so du vemest mocht 
ga denne unde rore die. so dunket di wo du die to hant losen scolest. 
so antholt die. so du lengest mocht. Leges du an euer suke so do 
it doch. 

[III] Dit is aver en ander. Nim musehor tostot it alle clene. 
Nim honich hold it over dat vur. dat it warm werde unde scumit. So 
scade dat musehor darin, lat it seden to samne. dat it dicke werde. 
80 8et et af. Also it beginnen colden. so nim des also grot also en 
nut walc et under dinen vingeren dat it en luttich langlachtich werde, 
make des also vele also du mocht. wanne du des bedorves so stec 
ncden an din sete. dat loset di dat lif. 

[IVJ [D]it i L de dar solt in.l 

so nim des geren . a so losed 

[V] Is di dat lif hart so nim p fielen, snid dar clene 

spec alle vet . unde et dat nuch [tern] 

[Diese Seite war an den Deckel geklebt^ 

[VI] is so loset et din lif. 

[VII] [/S'«?]em dat buc ovel werde, de neme weten mele unde 
eyes doderen. so knede dat to samne. make dar af ecken, unde et 
de. wanne du de etest. so drinc dar to cegen melc. de mit glogindigen 
stale gewellet si. 

[VIII] [Z>]it is en ander. Nim wegebreden sat unde rirapen sat. 
wrif et an ener peper molen. werp et to den eyeren. unde backe enen 
eyer vladen. unde et gegen dat buc ovel. 

[IX] [/S]we dat buc ovel hevet. do ne scal vor etene vette spise 
eten wanne to lösten et der vetten spise de bestoppet dat lif. bistu 
also cranc dat du nicht mögest so et bradene holtappele, mocht du 
der nicht eten. so scal men de holtappele seden. stot se unde do se 
an twe budele de io also grot sin. dat er en dat lif beneden deme 
navele bedeke. lege enen up dat lif. so du it warmeste dogen macht. 

*l(iimet colden so nim den budel af. unde lege weder in dat 



54 H. FISCHER 

sot. wanne de cne colt is. so lege den anderen weder het up. do also 
vasie. dar van so untsteit di dat lif. 

[X] [A]l dus scalt du blfit sucht Nim eken lof 

de de doppe d^^^j^^o ekelen Ine wa^,;^. we^^an ene 

bru io dat v^u^^lene. get dar up W;^^^. w^^^ tet sere 

get *an ene du it wol dat water ouer 

macht scalt du ade . sitte des 



Der erste Buchstabe jedes Abschnitts steht weit von den andern 
ab^ am Rande des Blattes ; farbige Initialen^ welche wohl in die Lacke 
(die 1. und 2. Zeile sind jedesmal eingerückt) gemalt werden sollteo, 
fehlen. So kommt es^ dafS der erste Buchstabe in Abschnitt 4. 7. 8. 9 
entweder überhaupt gefehlt hat oder unlesbar geworden^ in 10 nicbt 
mehr sicher zu bestimmen ist Die erste Zeile jedes Abschnittes ist 
nur schwach halb so lang als die übrigen. 

I. werden de roven] hs. w'den de roiie. Ich habe u und i; stets 
nach ihrem Lautwerthc eingesetzt (ausser in Abschnitt 10^ s. n.). roui 
kann nichts anderes sein als roven , pl. von rof = Kruste über einer 
Wunde; s. Schiller-Lübben, mnd. WB. III, 515 f. (Ich sehe bei dieser 
Gelegenheit, daß das entsprechende schwäbische Wort „cKc rufe* 
(cf. Schmeller, bayer. WB.^ II, 67 f.), obwohl ganz allgemein im 
Gebrauch, bei Schmidt, Schwab. WB. fehlt) Nicht klar ist aber die 
Construction: „und werden die (blöderen) Rufen" oder „und werden 
(entstehen) die (dabei gewöhnlich entstehenden) Rufen"? — bevervszm] 
hs. beuerizzen ; s. Regel , Gothaer Arzneibuch s. v. ; auffallen mag die 
hd. Form^ da sonst ausser etwa blüt (Abschnitt 11) nichts hd. erscheint 
— is] vor is stand st, ist aber durch untergesetzte Punkte getilgt — 
coügoten] eine andere, ähnliche Verwendung dieses Mittels s. Schiller- 
Lübben II, 520 f. (s. V. koUgote), 

II. stec et] hs. stecket] s. u. — dinem sete] hs. dine sete. Was ist 
sete? Ein anderer Sinn ist nicht möglich als dieser: stecke das Salz 
in deinen Afler, so weit du kannst; und sete kann kaum etwas anderes 
sein als ^Gesäss". Masc. kann es nicht sein, da weiter unten an din 
sete steht; also noutr. sete = hd. sccze, simpl. für gesceze (das Bremer 
W. B. IV, 776, hat wenigstens ein gesete). Es muß also dime = dUum^ 
nicht = dinen sein. Der Dativ aber ist leicht zu erklären: soweit du 
an (in) deinem sete kannst. — rore die] kann kaum etwas anderes be- 
deuten als mhd. riiere dich, rühre dich, mache dir Bewegung, obwohl 
Schiller-Lübben IIT, 507 unter rwen 3 keinen refl. Gebrauch angeben. 
Dunlcet di too, ^dünkt dir, wie", d. h. wohl „scheint dir, als ob", 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 55 

ist auffallend. — losen] von der Lösung einer Verstopfung, fehlt bei 
Schiller-Lübben. 

III. mtu/ehof'] Mäusckoth gegen Verstopfung verwendet, s. auch 
Schiller-Lübben JII, 140 s. v. mtisekotel. — scumit] vgl. Schiller-Lübben 
II, 295 s. V. honnicL — scadc] =? verschrieben fiXr scabe? Doch s. u. 

— set et] hs. sett^ ; ich habe die zusammengeschriebene 2. sing, imper. 
mit dem Pron. e/ stets getrennt, mit den nöthigen Änderungen der Ortho- 
graphie. — beginnevi] hs. heginen ; verschrieben für beginnet (s. Abschn. 9). 

— vor Wim stand «/, durch Punkte getilgt. — nui] die Form mit u statt o 
fehlt merkwtlrdigenveise bei Schiller-Lttbben. — wcHc et] hs. vxilket. — 
langlachttch] fehlt bei Schiller-Lübben. — stec] das Object fehlt, wie unten 
Abschn. 8 : unde et gegen dcU buc ovel] beide Male ist (bei der Ähnlichkeit 
von t und c) die graphische Erklärung, daß ein et ausgefallen, wohl 
möglich, doch nicht nothwendig ; vgl. Abschnitt 9 lege weder. 

IV. Jedenfalls wieder ein Mittel gegen Verstopfung, wie aus dem 
Anfang Du i . . . . (== DU is (aver) en ander, s. Abschn. 3 und 8) und 
den Worten so hsed {= so hsedet diu lif, Abschn. 6) hervorgeht. Aber 
was fUr ein Mittel? Die Buchstaben geren, wohl ein Rest von vtngeren, 
wie Abschnitt 3^ könnten auf ein dem daselbst angegebenen in der An- 
wendung gleiches Mittel schliesscn lassen; darauf weist auch das Wort 
soll (cf. Abschnitt 2) hin; die Worte vor soU könnten^ nach den er- 
haltenen Spuren, gelautet haben: (so) scade dar; und nach solt in 
könnte wieder gestanden haben : lat it seden to samne daf it dicke tcerde, 
was die Ltlcke gerade ausfüllen wUrde. Die Lücke zwischen L . . . 
und den Worten so scade dar würde etwa 23 Buchstaben betragen^ die 
folgenden Lücken dieses Abschnittes je etwa 33. Nach [D]it i. . . fehlt 
wohl nur — 8 (aver) en ander; da diese Zeile (s. oben) kürzer gewesen 
sein wird. 

V. Ich beginne hier einen neuen Abschnitt, weil der erste Buch- 
stabe / vorgesetzt ist; dagegen ist die erste und zweite Zeile nicht 
eingerückt; die erste Zeile wird also — und auch deswegen, weil ent- 
schieden ein oder ein paar Worte fehlen — ebenso lang gewesen sein 
als die andern. Es sind in dieser und den folgenden zwei Zeilen, den 
letzten der Seite^ je etwa 12 Buchstaben abgerissen. — ?••••] ^^^ 
halb abgerissene Buchstabe nach p scheint ein e gewesen zu sein. — 
ßolen] cf. Regel, Goth. Arzneibuch s. v. vyoleijfiole is kalt ende tmchtich; 
se vordrift den bösen colre van deme maghen ; — eynen syrop van ßolefi 
gedrunken vuchtiget dat lyff. — vef] hs. uet, 

VI. Wie viele Zeilen auf der Vorderseite abgerissen oder abge- 
schnitten sind, ist nicht zu ermitteln ; daß ausser dem Rest der letzten 



56 H. FISCHER 

Zeile nichts fehle^ ist kaum möglieh; viel fehlt aber nicht. — lo9ä et] 
hs. losedet] vgl. oben, Abschnitt 4. 

VII. Swem dat buc ovel werde] auffallend; sollte buc neutrum sein? 
Andererseits wäre der Ausdruck sweme dat bukovel werde = mce dat 
bukovel hevet (Abschnitt 9) sonderbar; jedenfalls ist buc ovel an den 
zwei andern Stellen^ Abschnitt 8 und 9, zusammenzunehmen ^ bukatd, 
Ruhr. — gewellet] über ge ein Verweisungszeichen; bei demselben am 
Rande t?of; verwetten = sieden (trans.) s. Brem. WB. V, 225; Diefen- 
bach, Gloss. (1857) S. 150 s. v. coqtiere\ Schmid, Schwab. WB. 515 s. 
V. verwatten-y Schmeller, Bayer. WB. II, 884 s. v. wcdlen; das simplex 
wetten als trans. s. Brem. WB. a. a. 0.; Schmeller a. a. O.; als intr. 
Schmeller a. a. O. ; Diefenbach a. a. O. Auffallen muß aber die Yet- 
Wendung von glühendem Stahl zu diesem Zwecke. 

VIII. rirapen] = ? neben rape, rübe (Mhd. WB. II, 555 , Lexer 
II, 329, Diefenbach, Gloss. 375 s. v. napa^ 484 s. v. rapa; vgl. rap- 
saat, Br. WB. III, 437) finde ich ein nd. ripe bei Diefenbach, Gloss. 
375, s. V. napa, — wrif et] hs. toriuet. — et] ohne Object, s. o. 

IX. Swe — bestoppet dat lif] die Stelle ist nicht ganz klar. Zwi- 
schen »pise und eten sind vier Buchstaben durchstrichen und nicht mehr 
sicher zu erkennen (wahrscheinlich eten, aus einem andern Worte corri- 
giert). Aus dem handschriftlichen dene, uoretene, ttetie habe ich de ne, 
vor eteney vette hergestellt. Der einzige mögliche Sinn scheint mir: 
„Wer die Ruhr hat, der soll nicht vor dem Essen fette Speise essen, 
sondern zuletzt iss (von der) f. Sp." u. s. w. Derselbe Wechsel der 
3. und 2. ps. im Abschnitt 7. — hoUappele] Schiller-Lübben II, 290 s. 
V. hoüikappel (holtappel fehlt) gibt fast dasselbe Recept, gegen das Blat- 
harnen. — stot se] kann bei gesottenen Äpfeln nichts anderes bedeuten 
als: zerdrücke sie. — enen] hs. ene,, der Strich ist nicht ganz sicher. 
— lege weder] Object fehlt; vgl. oben. — nntsteä] „bleibt stehen"; fiir 
das Aufhören einer Blutung verwendet, also ganz ähnlich wie hier, s. 
Schiller-Lübben I, 695 s. v. entstdn 2. 

X. So lückenhaft, daß jeder Herstellungsversuch scheitern muß. 
Ich habe daher die Hs. hier buchstäblich wiedergegeben. Sicher ist 
nur, daß ein Mittel gegen die Blutsucht angegeben ist, und daß daxu 
Eichenlaub und Eicheln verwendet werden sollen. Auffallen muß (s. o.) 
die hd. Form hlut. Das A des ersten Wortes ist (s. o.) nicht ganz sicher. 

Am Rücken desselben Bandes, von dem ich das mitgetheilte 
Fragment abgelöst habe, sind noch andere Stücke desselben Arznei- 
buches ven\'endet, sämmtlich so klein, daß nur unzusammenhängende 
Buchstaben und kleine Wörter zu lesen waren; ich habe auf Ablösung 
derselben verzichtet. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 57 

III. Ein historisches Lied des XVI. Jahrhunderts. 

In einem Druck des Jahres 1509: j^Venediger Chronica. Mit an- 
gezeigte vrsaclie des schädliche Kryegs^ do mit sye bitzhar vö Römische^' 
Key. Maiestat so schioarlich gestrafft seind^ ,*) einem ziemlich werth- 
losen Pamphlet gegen Venedigs findet sich ein kurzes Gedicht, das 
ich in Liliencrons hist. VolksL nicht finde. Das Btlchlein selbst gibt 
sich als von ^Nicolaua Mengin von Nanzey, Secretarien etc." aus dem 
Französischen tibersetzt. Ich halte diese Angabe ftlr richtig, wegen des 
Schlusses der Schrift^ welcher lautet: „Darumb zu beschluCßs dißes 
Büchlins — wil ich dißen Reymen der muter Gottes^ vnd frawen Mar- 
garetlien von Flandoren z& eeren geschriben haben. Erstlich in Frantzö- 
sischer Sprech also. 

Pour mectre affni [sie, 1. affin] mainte discorde et guerre^ 
Vne. M. on [1. ou] ciel, et vne sur la terrc. 

Zii Teütsch: 
Zu hjnlegung vil kryegs vnd guerden, 
Ein. M. in hyuieln, vnd eins vff erden**; 
sowie auch wegen des französischen Druckortes. Dennoch könnte das 
erwähnte Gedicht erst von dem deutschen Übersetzer hinzugefügt sein, 
was mir wahrscheinlicher erscheint; es fehlt mir aber die Möglichkeit, 
sicher zu entscheiden, da ich das französische Original nirgends er- 
wähnt finden kann. 

Das Gedicht ist hinter dem Text auf eine besondere Seite gedruckt; 
die vier letzten Zeilen, welche hier cursiv gedruckt sind, hat eine 
Hand des 16. Jhs. beigefügt, sie sind aber keinesfalls für echt zu 
halten. Ich gebe alles buchstäblich wieder. 

Ein freüntlichc wamung an die Venediger. 

Venedig, sych dich eben für 

Dein hochmut würt gestilt, glaub mir 
Dein geyt, vii üppig eytel eer 

Mag nit vertragen blibcn mcer, 
Auch ander dein vnredlich that, 

Wiewol die bitzhar gduldet hat 
Der gyetig Gott nun lange zyt, 

Dailocht kein befßrüg bey dir lyt. 



*) o. O. u. J. Trägt das Buchdruckerzeichon von Gaultier Lud xa Saint- Di6 
(1494 — 1«)9, cf. Silveatre, Marques typographiques Part, I. S. 99, Nr. 202; Brunet, Ma- 
nuel da libraire II, 316), nach gütiger Auskunft des Herrn Hofraths Petzholdt, und 
•cheint von der bei Panzer, Zusätze S. 15, erwähnten Ausgabe verschieden.. 



58 K. BARTSCH 

Bapst^ Keyser darzu achtest klein, 

In eygnem gwalt vertröft allein. 
Venedig, syeh dich eben fiir. 

Daii dir die straff ligt vor der thür, 
Durch Keyscr Maximilian. 

Dein Chronick würt dz schribe an^ 
Vnd spreche mancher. Wer het das 

Vermeint: etwan Venedig was 
Besitzen land, leüt, wassers fliit, 

Nun ligt es nider vnbehiit, 
Kin fischer hüttlin ellendklich. 

Venedig, des versych du dich. 

Venedig da brauchest vil diikh 

Am höchsten ist gewest dein glfikh 

Vnd brauchest auch vnd seind dein freind 

Vnd sonst aller Christenn feifind. 

DaÜ das echte Gedicht mit der zwanzigsten Zeile schliesst, ist 
ausser durch die offenbare Schlussformcl „ Venedig^ des versych du dichr 
auch durch die Anlage des Ganzen klar, welches, obwohl bloss in Reim- 
paaren, deutlich eine strophische Gliederung zeigt : Str. 1 = Zeile 1 - 10, 
Str. 2 = Zeile 11-20; beide beginnen mit denselben Eingangsworteo. 
Zeile 21 — 24 sind nur ein elender, halb sinnloser Versuch eines ganz 
unberufenen Reimers, der (Z. 23 f.) Venedigs Freundschaft mit der Türkei 
erwähnen wollte, von der in dem Buche selbst öfters die Rede war. 



BKUCHÖTÜCKK ZWEIER PÖALMENÜBER- 

SETZUNGEN. 



I. 

Von dein Kiubauddeckcl der Mainzer Ausgabe des Livius von 1518, welcbe 
sich auf der Bibliothek des Gymnasiums zu Brieg findet, löste Herr Dr. Gntt- 
mann vier Pergamentstreifen ab, und veröffentlichte deren Inhalt, so weit vA 
ihm lesbar waren, in dem Programm des Ilirschbcrger Gymnasiums von 1S75. 
Sie enthalten Bruchstücke einer Psalmenübersetzung aus althochdeutscher Zeit 
Die Schrift gehört dem 12. Jahrhundert an. Die Wichtigkeit des Fundes er- 
weckte in mir den Wunsch, die Fragmente selbst zu sehen; die Güte des 
Herrn Gymnasialdirectors Guttmann in Brieg, der sie mir zusandte, setzt mieh 
in Stand, einen vollständigeren und berichtigten Abdruck tu geben, zogleieh 



BRÜCHSTÜCKE EINER PSALMENÜBERSETZUNG. 59 

mit Hinzufügung des vom Herausgeber iveggelaßenen lateinischen Textes. 
Da es eine Interlinearversion ist, welche sich in der Wortstellung genau ans 
Lateinische anschließt, kann das Original nicht wohl entbehrt werden. 

Die zwei größeren Pergainontstreifen gehören "zusammen und bilden das 
mittlere Stück eines Doppelbiattes ; wie viel an dem Blatte oben und unten 
fehlt läßt sich nicht bestimmen. Die erste Hälfte des Doppelblattes enthält 
auf der Vorderseite Psalm 39, 10 — 40, 1, auf der Rückseite 40, 10 — 14; die 
andere Hälfte auf der Vorderseite Psalm 49, 19 — 50, 4, auf der Rückseite 
50, 16 — 51, 1. Zwei Doppelblätter lagen zwischen den beiden Hälften dieses 
Doppelblattes. Von dem ersten in die Lücke fallenden Doppulblatte hat sich 
in dem einen kleinen Pergamentstreifen ein Theil der vorderen Hälfte erhalten, 
auf der Vorderseite Psalm 41, 7 — 14, auf der Rückseite Psalm 42, 6 — 11. 
Da dieses Blatt der Länge nach durchschnitten ist, und das erhaltene Stück 
dem Rande angehört, so bietet es nur wenig Text, und dies wenige ist durch 
Abreiben der Schrift und durch den Leim fast unleserlich geworden. Auch 
die Anwendung von Schwefelammonium fruchtete wenig. 

Das vierte Pergamenstückchen ist mir nicht zugegangen; es scheint daß 
dasselbe abhanden gekommen ist. 

Ich bezeichne die vordere Hälfte des Doppelblattes mit I, das kleinere 
Pergamentstück , das dem nächsten Doppolblatte angehört , mit II , die hintere 
Hälfte des Doppelblattes mit III. 

Bei I und II habe ich den abgeschnittenen Tbcil des Lateinischen er- 
gänzt, des Zusammenhanges wegen. K. BARTSCH. 

39, 10 tu fecisti. amoue ame piagas tuas. A fortitudine munns tue ego \ 

zegienc fun den rafsungan durech unrecht 

defeci iucrepationibus. proptcr iniquitatem caiTipuisti homiinem 

i. swine teti also spinna sela sina 

et tabeS' \ cere fecisti sicut arancam animam eivs. tieimvitamen 

ciniegelich mennisco erhöre gepct min hero 

iianeconturbiitur | omnis homo. Exaudi orationcm meam domine 

enfahe cehera minaniehnesuwges 
et deprecationem meam aurihtm \ pcrcipe lacrimas meas. Ne sileas 

e 

wanta zu enilenti alo(!) alla forderen 

c 

quo adnena ego snm apud te et \ pcregrinus. sicut orancs patres 

mine u edannaich hinefare unta nietmcro 

mei. Ißj&miite mihi ut refrigerer \ priusquam abeam. et amplius 

nicht new 
non ero. | 

enpeitenter enpeita got unta crhorta 

Ezpectans expectaui dominum, et intendit me et \ exaudinit 

mina unta galeita m 
mecLs et eduxit me 



60 



K. BARTSCH 



P 

40, 10 non prohibobo. domine tu scisti. lasticiä | tuam non abtcm- 

en minemo warheit dina unta heila 
di in corde meo ueritatem tuam et salatare | tuum dixi 

rc genada dine unta warheit dina won 

non abscondi miäm tuam et ueritatem tuam | a candlio 

t hero nieht uerro tuost erbarmunga 
multo Tu ante domine ne elonge facias miseratio | nem tuam a 

din unta warheit din ientie enphiengen 
me miä txsL et ueritas tua semper Busceperunt | me quoniam 

h diaabii dero nieht nist zaia 
circumdederuni me mala quorum non est numerus. | compTdunde- 

miniv unta nieht ne mohta daz ich gesehi 
runt me iniquiisiies mee et non potui ut uide | rem, MuUiflicdii 

ie fahse houbites mines unta herza min 
sunt supei* capillos capitis mei. et cor meum | derdiq^ü 

dir hero daz du erlosest mich hero xe- 
me. ComplacecU tibi domine ut eruas me, domine ad 

helphanne 
■10, 14 iutumdvm. \ 



daz er gesehi 
tur ut uide 


(ip) 


begihe h 
Ps. 42^ 6 confitebor il 


imo 

sibi Egredie 




sela min 
anima mea 


h runatan 
me susurrabät 




iordanis et 


V . . bum 




in uoce ca 


fit 






ormit. non 




et fluctus 


8 in demo 






mee. in quo spe 




miäm suam 


biscran 
supplantati 




gote libes m 
deo uite m 


et retribu 




oblitvs es 



non 



affligit m 



oceutiä 8US 



. . .brau. 



41^ 14 Benedictus 



42,11 ...m 



BRUCHSTÜCKE EINER PS ALMEN ÜBERSETZUNG. ßl 



19 tiir tibi cum benefeceris ei. lütroibit usque in progeni- 

fordoroii sincro unzen icmer nieht negisihit daz lieht 

es pa i trum suorura usque in eternum non uidebit lumen. 

der mennisco do er in dero era wera nieht nenerstuont gegaganmezzet 
Homo cum in ho | nore esset non intellexit. comparatus 

ist den iihon unwison unta geliker getan ist den 

est iumentis insipien | tibus et similis factus est illis. 

Baalmus D-D t""''ü' ^"»T" "*"' '"*'''''*" *"''* 

deus deonim ; 

got allero gota chosota ist unta geladatadieerdandessun- 
Deus deorum dominus locutus est et uocauit terram. A 

nenfonu£fernin8ti unzen an den sedelganc fonezsyon dazpih'di zerida 
solis I ortu usque ad occasum ex syon species decoris 

sinero got offeno ehnmet got unser unta nieht nesiwigit 

eivs. I Deus manifeste ueniet. deus noster et non silebit. 

dazfiur in ant | wart sinero enperinnit unta alumbe sin 
Ignis in con | spectu eins exardescet et in circuitu eius 

ungewiteri | michila er geladata den himil hin uf nnta die erdan 
tempestas | ualida. Aduocabit celum destirswn et feiTam 

geuntersceiden | 
j, 4 di8ceimei*e 

np 

, 16 mentum meum per os tuum. Tu uero odisti disciplinam. et pro- 

zerucke oba dugesehi dendiep liephi mit imo unta mit 
iecisti | retrorsum. Si uidebas furem currebas cum eo. et cum 

denhnorerin teil din gelegitest munt din gennhsamata in dero abile 
adulteris portionem tuam | ponebas. Os tuum habundauit malicia. 

unta zunga din sanc die honchust sizenter wider peruder dinen 
et lingua tua concinnabat dolos. | Sedens aduersus fratrem tuum 

chosotast unta wider densun muoterdinero gcsaztastdieznrewerida 
loquebaris. et aduersus filium matris tue | ponebas scandalum. 

disiuteta unta ich suwicta du wantest unrechto daz ich wer! din gelicho 
hec fecisti et tacui. Existimasti inique quod | ero tui similis. 

ich refsa dich unta gesezza wider antluzze din uerstet disiv 

arguam te et statuam contra faciem tuam. Intellegite | hec 

ir der uergezzet got suwanne pecrife unta nieht ne si der 

qui obliuiscimini deum. ne quando rapiat. et non sit qui 

*) Auribns bis deomm von jüngerer Hand 



(;2 H. 8CHULT8 

uwicherlosi daz opfer deslobes geerta michunta dadivfart du 
cripiat. | Sacrificium laudis honorificauit me. et illic iter qnod 

icherroQgaimodieheila gotes genada mingot nach miebUen 
ostondam illi salu | tare dei. JUiserere met deus secundum magnam 

dina unta 
f)I, 1 miäm*) triam et 

II. 

Die folgenden Brucbstücke einer älteren deutschen PsalmenoberKtzoiig 
fand ich auf verschiedenen Pergamentblättem , bez. Stucken von solchen, in 
dem beiden Einbanddecken eines in der Schleizer Gymnasiaibibliothek befind- 
lichen Druckes vom Jahre 1509 („Aelij Antonij Nebrissensis ars nona gnm- 
niatices etc. Lugdun. "J. Erhalten sind im ganzen 1 vollständiges Blatt (imten 
von mir mit VI bezeichnet) und 4 Blätter (darunter eines aus zwei nicht ganx 
an einander passenden Hälften bestehend (I), von denen theila oben, tbeils 
unten, einige Zeilen, tbeils am Anfang bez. am Ende der Zeilen einige Worter 
oder Silben (bez. Buchstaben) abgeschnitten sind (die Blätter I, LQ, V, YII). 
AoGerdem finden sich noch 2 größere und 5 kleinere Stücke und Stückchen, 
von denen einige freilich nur einzelne Wörter bieten. 

Das vollständig erhaltene Blatt (VI) hat auf jeder Seite 24 Zeilen: auf 
der einen^ ebenfalls oben und unten unbeschnittenen, Hälfte des Blattes I steheo 
22 Zeilen. Vollständige Regelmäßigkeit betreffs der Zeilenzahl bot demnach 
die Hdschr. nicht« Das Format war^ wie das unverletzte Blatt zeigt, in 4* 
(etwa 20 Ceutim. hoch, 15 Centim. breit). 

Die Schrift ist durchweg klar und fast überall leicht zn lesen. Die 
Versanfänge sind durch rothe Initialen angedeutet; der Anfang eines neoen 
Psalmes ist stets durch das 'Psalmus dauid* und die gleich diesem mit rotber 
Tinte oder Farbe geschriebenen ersten Worte des latein. Textes der Vnlgtü 
bezeichnet. 

Hinsichtlich des Alters der Bruchstucke wird sich schwerlich etwas Sicheres 
bestimmen lassen. Deuten die zahlreichen alterthümlichen Formen neben den 
jüngeren auf eine Übergangsperiode oder auf eine durchweg in älterer Sprache 
abgefaßte Vorlage hin? 

8CHLEIZ, März 1877. HERMANN 8CHULTS. 

(P **) ken. nach iren menichf . . n unrehte vertrib sc. wende Ps. 5, v. 11 ff- 
se zümeten dich herro. . . ch sulen frowen alle de dir 
getruwet se sulen irae..o sin y..de du galt buwen 
an in. Vnde de werdint . . eret an dir de dinen namen 

5 minnet wende du sege .de rehten. Herro mit dinen 

gvotin willen also mit e. .me scilde has du gecronet uns. 

*) miäm (d. h. misericordiam) seheint entweder gefehlt zu haben oder ist Tom 
Übersetzer übersehen. 

**) Zwischen den beiden Hälften dieses BUttes fehlt ein schmaler Streifm. 



Di 



BRUCHSTÜCKE EINKR PSALMENÜBERSETZUNG. G3 

ne ne in furore. ii. .rro in dineme P's dauid Pb. 6, v. 1 ff. 

'beizen mute ne be. .se niicb nibt. nocb in dine 
me zorne ne sculdige . . eh nibt. Genade mir ber 

10 ro wende icb uncrefti. .in. heile mich berro wende 
al min gebeine getrob . . Vnde min sele harte is be 
trouet. un du berro w..ange? Bikere dich berro 
un irlose mine sele. beil..nich dur dine genade. Wen 
de din negedenket in. . .no dode nieman. ufi in der 

15 helle wer bekennet s.-.dir da? Ich suftede arbeit 

same. un ich wasche al. .nabtilich min bette, uü 
mit minen threnen f..t ich min leger. Von zor 
ne is min ouge getro. . .ich bin veraldit under 
allen minen vianden. . .aret uon mir alle de un 

20 reht wirken, wende . . . d hat gebort mines wei 

t gebort min gebet, un 

t. Nu scamen sich un wer 

(P) din betrouet alle mine. nde. se mozen sich sca 
men unde bekeren sich, .harte snelliche. P's dd. 

ne d's ms in te spaui.llerro min god dir ge Ps. 1, 1 

'truwe ich. genere m . . uor allen den de mich 
5 ahten un irlose mich. D. .nieman ne begrife mi 

ne sele also ein lewe. de wi . . az nieman nist de mich 
irlose oder mich behalte . . . erro min god han ich 
diz getan, oder ist segei. .irecht an minen han 
din. Oder lonit ich mit. .uele den de mir uuel 

10 datin. so sal icb uon reht. .allen uor minen uian 

den. Vnde min viant ia .mine sele un nahe se. 
un trete minen Hb in de . . den. un leite min ere 
an ein gestuppe. Stant i . . berro in dineme zorne. 
un hohe dich in deme la. .e miner viande. Vnde 

15 stant uf berro in deme g . . de daz du gebude. unde 
div meninge der livteb..ifet dich. Vnde dur de 
so ganc widir in de bobi . . d vrteilet de livte. Irtei 
le mich berro nach dine. . rehte. uü nach miner 

r 

unscult uuer mich. Der..ndere archeit wirt ze 
20 füret, du god rihtes den r..en du west daz herzo uD 

de lenden. JHin helfe ist 

haldit de rehtis herzen si 7^ 11 



d; 



64 H. SCHULTS 

(II*) din ob gemacchet dur dioe viande. daz du zestores Ps. 8,3 
den viant un den reehere. Wende ich scowe dine 
himele daz werc diner vingere. den inanin uii daz 
gestirne daz du gescofes. Waz is der mennische daz 
5 du sin gedenkes. oder des mannes sun daz du sin wi 

sis. Du hast in geminnerot ein luzzil binidir den 
engelen mit gufticheit uD mit eren has du in ge 
cronet. uQ saztis in ouer din hant geworhte. Alle 8, T 



(II*') . . . .daz 

ende, un ir bürge zestortes du. Da uerwart u.hugit Ps. 9, 7 
mit eime lute. uii god belivet imer. Er machete si 
nen stul in demo gerihte. ufi er vrteilete de werlt mit 
5 rehte. uQ de livte in der rehticheit Vnde god wart 

ein zofluht dem armen, ufi ein belfere in der vnbe 
quemicheit ufi in der mowicheit. Vnde nu s . . . en 
hofphen an dich de dinen namen bekanten. wende 
du neuerliezes nie de dich sohten herro. $$inget 9, 12 

(III') mich uon den porten des dodes. daz ich alle dine pre Ps. 9, W 
digote cundige in den porten ze ierPm. Ich frowe 
mich in dineme heile, de diete sint gescediget in deme 
scaden den se oueten. In deme stricche daz se selue 
5 macheten. so ist ir seines vuz geuangin. God wirt be 

kant so er sin vrteil dot. in sineme hantwerche wert 
der sundere geuangin. De sundere wirdent alle 
gekart in de helle, uii alle de diete de godes uergez 

r (roth) 

zent. Wende des armen newit ze ivngist niht uer 
10 gezzen. der armen gedult neuerwirdit niht an daz 

ende. Sfant uf herro niht negesterke der mennes 
che. de diete wirden irteilet an diner gesihte. Sez 
ze herro einen rihtere öuer se. daz se wizzen daz se 
menneschen sint. Herro dur waz fiire du so uerre. Ps. 10, l 
15 du uersmahetis unsich in der ungewarsame des ar 

beitcs. So der unmilte herschet so wirt enzundet 
der arme, se wirden geuangen in den raten de se ge 
denken. Wende der simdere wirt gelouet in der ge 10,3 

*) Hier nicht als besomlerer Psalm bezeichnet, wie auch in der Valgata; daher 
die Abweichung von der Lutherschen Zählung. 



BRUCHSTÜCKE ElNfilt PSALlf^INÜBERSETZUNG. 



65 



^) ten. Din vrteile werdent genomen uon sineme ant Ps. 10^ 5 ff. 
lizze. allir siner viande ist er gewaldich. Wende er 
sprach in sineme herzen, ich newirde nimer noch ni 
mer bewegit ane vuel. Sin munt ist ful floche unde 
bittimisse un uncaste. nndir siner zungin ist arbeit 
an ser. Er sizzet in der läge mit den riehen tovgene. 
daz er den unsculdigen irsla. Sin ougin warden des 
dürftigen, er läget uerholne also ein lewe ouer sine 
me hole. Er läget daz er den armen begrife. an er in 
begrife so er in zo^'ime zahit In sineme stricke so ni 
derot er in. er neiget sich afi uallet so er der armen 
wirt geweldich* Wende er sprach in sineme herzen, 
god hat Tergezzen er hat sin antlizze uon gekart 
daz er iriz nimer gese. Stant af herro god bar di 

ne hant uf. daz da niht neaergetes der armen. 

Dar waz reizet der anmilte gode. er qait in sineme 

herzen god ne uorderot niht. Sivs du daz du de ar 

beit un daz ser bedenkes. daz du se gives in dine hende. 10^ 14 

') . . .eiligen hu», der herro in deme himele is sin Ps. 11, 4 

. . . ovgen sehent an den armen, sin oucbra fra 
.• .livte kint. God fraget den rehten un den 
. ..n.der däz unreht minnet der hazzet sine 
. . . e de sundigen regenot der stric. daz fivr un 
. . .el un der geist des ungewiteres der ist ein 
. . . rankes. Wende god der is reht. un er min 
. . .heit. sin antlizze sehet de rehtheit Ende von Ps. 11. 



*) seme gesiebte. De ubelen gent umbe. nach .... 
scaf has du gemenicfaldigot de livte. P's d. . . 

Vsque quo dne. Wie lange herro uergizz. . . . 
wie lange keres du din antlizze uon mir.. . . 
ge sezze ich den rat an mine sele. nn daz ser. . . . 
ze allin dach. Wie lange irheuet sich min.... 

mich, sich mich an un bore mich min herr 

god. Irluhte min ougen daz se nimer ents 



Ps. 12, 8 
Ps. 13, 1 



13,4 



') du bist der der min erue wider sezzest. De seil fillen Ps. 16, 5 
mir an den scinberigen dingen, idoch is min erue sein 
haft mir. Ich spricche wol mineme drehtine der 

JtANIA. Neue Reihe. XL (XXin. Jaluy.) 5 



66 H. SCHULT8 

mir gab uemanft. uver daz biz an de naht berefsi 
5 tin mich mine lenden. Ich gesach an miner gesihte 

got imer. wende er ist ze miner zesuwin daz ich ne 
werde niht beweget. Durch daz was min herce fro 
an mendite min zange. ubir daz rowet min fleisc 
in der hoffenange. Wende du nelazes niht mine se 
10 le in der helle, noch da nelazes niht dinen helgen 

gesehen de zebrohenisse. Ihi tete mir cundich de 
wege des lives. du salt mich eruuUen mit der frowe 
de dines antlizzes. imer an diner zesuwin ist div reh 

Exaudi dne. Herro P's david te last. Ps. IT, 1 

gehöre min reht. an gedenke an min gebet, 
mit dinen oren höre min gehet, niht mit ancustigen 
leffesen. Von dineme antlizze cume min vrteil füre, 
din ougen sehent de rehtheit. Ihi has min herce be 
seht« Uli wisites sin des nahtes. du besohtes mich in 17,3 



(V**) ge an dinen phadin daz mine spor niht beweget ne Ps. 17, 5 
werden. Ich rief ufi du god gehortis mich, neige din 
ore zo mir ufi gehöre mine wort. Mache wunder 
lieh din erbarmicheit. du da beheldes de dir getrawent 

5 Behote mich uor den de diner zesuwin wider sten. also 

den sen des ougen. Vnder deme scaten diner fetige 
bescirme mich uon der bösen antlizze de mich beduun 
gen hauent. Mine viande umbe stonden mine sele 
ir march besluzzen se. ir munt sprach ouermot. Se 

10' würfen mich un umberingeten mich, ir ougen neige 

ten se nider in de erden, Se entfengen mich also der 
lewe der gereit is zo deme roufe. ull also des lewen 
welph daz da wonit uerborgen. Stant uf herro far 
ganc in u& verdring in. irlose mine sele uon deme un 

15 guoten. ufi din suert uon den vianden diner hant. 

Herro uou unmenigen uon der erden teile se in ir live, 
uon dinen uerborgenen dingen ist ir vullit ir buc. 
Se sint der kinde gesadit. un se liezen ir alebe iren 
luzzelin. Auer ich irschine diner gesivne mit der 
(VI*) rehtheit ich wirde gesadit so uns irschinet din guot 

iligam te dfie. Ich min P'8 diiuid. lichheit Ps. IS. 1 

ne dich herro min sterke. unsir herro is min 



D 



BRUCHSTÜCKE EINER PSALMENÜBERSETZUNG. 67 

uestine ufi min zofluht uB min belfere. Hin god 
is min belfere, un icb getruwe ime. Er is min bescir 
mere un ein bom miner beile. un er sal mieb entfan. 
leb loue god un icb rof in ane. ufi wirde bebalden uon 
minen vianden. Mieb begriffen de sere des dodes. 
un de becke der ubilcbeit de betruouiten mieb. 
De belle ser umbefiengen mieb. un de stricke des do 
des de uerdructin mieb. In miner not rief icb 
ze unsirme berren. ufi rief ze mineme gode. 
Do geborte er mine stimme uon sineme beiligen 
hus. ufi min rouf in siner gesibte ginc in sin 
oren. Div erde wart beweget ufi irbivete. ufi de 
fullemunt der berge sint getrouet ufi beweget, wen 
de er ist in irbolgen. in sineme zome so steg uf der 
roucb. ufi daz fivr entbran uon sineme antlizze. de 
kolin wurden enzundit uon ime. Er neigete de 
bimele ufi steig nider. div finstemisse was under 
sinen fuozen. Do steig er ubir cberubin ufi floucb. 
er floucb ubir de uederen der winde. Vnde er saz 
te d finsternisse ze siner losgunge. ufi al umbe in sin 
gezelt. dister was daz wazzer in den wölken der lüfte. 

VV*) in siner gesibte vergingen de wölken, bei Ps. 18, 13 

de bagil unde glote des fivres. Da donriti god uon 
deme bimele ufi der oberste dete sine stimme, bagil 
ufi de glote des fivres. Do sante er sin gescuzze un ze 
forte se. er menicbfaldigote de blicke ufi getrouete se. 
Do irbarwitin sieb de brunen der wazzere. ufi wurdin 
iroffenot de fullemunt des ringes der erden. Von di 
ner berefeunge herre. uon der anblasunge des gestes 
dines zomis. Er sante uon der bebe ufi nam mieb. 
er nam mieb uon menigen wazzeren. Er irloste 
mieb uon minen stareben uianden ufi uon den de 
mieb bazzetin. wende se waren barte gestercbet 
ubir roicb. Se füre forcn mieb in deme dage miner 
not. ufi god wart min scirmetbe. Vnde er leite 
mieb in einen rum. ufi bebelt mieb wende er wolde 
mieb. Vnde god sal mir lonin nacb miner rebtbeit. 
ufi nacb der reinicbeit miner bende so sal er mir lo 
nin. Wende icb bewarete godes wege. nocb ine dete 
uvele uon mineme gode. Wende alli sin urteile de 



68 fi. 8CHULT8 

20 sint uor miner gesihte. uQ sin reht ne dreif ich non 

mir niht. Vnde sal unbewollin sin mit imo. uQ ich 
sal mich bewaren uon mineme umrehte. Vnde god 
sal mir lonin nach miner rehtheit. un na der reinich 
heit miner hende in der gesihte siner ougen. Mit 18; 26 

(VII'i • fferte dno. Godis kinder. bringet gode de kint Ps. 29, l 
Imder wedere. Bringet gode gulliheit vfl ere brin 
get godis namen gulliheit ane bedet gode in sineme 
heiligen fiithoue. Godis stimme ist ouer de wazzer. 
5 god der megincrefte der donrite. god ist oaer menige 

wazzer. Godis stimme siv ist in der duginde. godis stim 
me di ist in einer michilcheite. Godis stimme zebricchit 
de cederboume. un god zebricchet de boume libani des 
berges. Vnde er geminnerot se also di caluer des bergis. 

10 u& er ist lieb also des einhumin sun. Godes stimme div 

scheidet di lohin des fivres. godes stimme di de wostine 
zeseuddit. ufi god bewegit di wostine cades. Godis 
stimme di da gereiteget de hirze. un iroffenet di dicke, 
un in sineme hus sulin in alli livte louen. Vnsir herro 

15 heizit in buwin daz gewezzere. un sizzet ein herre 

imer. God gibit di duget sineme livte. god gesege 
not sineme livte in derae fride. P's david. 

xaltabo te dne. Ich heue dich herro wende Ps. 30, 1 

Idu entfenge mih. noch du nefrowetis mine vi 

20 ande obir mih niht Herro min god ich rief zo dir 
un du helitis mih. Herro du leitis mine sele uz von 
der helle, du beheldis mich uor den di da nider stigent 
u 30,4 

g 

(VIP) zom. un in sinen willen ist Hb. Zo dem auende w.ft Ps. 30, 6 

un an dem morgin frowede. Ich sprach do ich genoch 

hate. ich ne werde nimer bewegit Herro mit din. 

willen uerluhis du dugit miner scone. Du kartis din 

5 antlize uone mir. un ich wart betrouit Herro ich 

ruofe zo dir. un zo mineme*) dinge ich. Welich nuz ist 

an minen blote. so ich falle nider in de (hier hat die Hs. dss 

durchstrichene uerwntnisse!) 

uerwurdinisse? Wergot begehet dir de melm herr.. 

odir cundet er dine warheit Do gehorte unsir her 

*) Hier ist wohl aus Verseben des &cbi«aV>en vqa^I«^«ii «<^giA^^« 



E. 



BRUCHSTÜCKE EINER PSALMENÜßERSETZUNO. 



69 



ro god un genade, mir. uH wart min belfere. Du be 
kartis minen woft mir ze froweden. du ze slizze mi 
nen sac un umbefenge mih mit froweden« Daz dir 
singe min tiurdi ufi newerde niht geruwichet m 

dir 

ner sunde. herro min god ich begihe dich imer P's dd 

In te dne spaui. In dir boffete icb berro nimer newer Ps. 31^ 1 
de icb geschendit in diner rebtbeit irlose micb. Neige 
din ore zo mir — zowe din daz du — micb irlosist 
Wie mir ein bescirmendir god un ein bus der zoflubte 
daz du mich bebaldis. Wende du bist min sterke unde 
min zoflubt un dur dinen namen leites du mih ull 
uolzubes mih. Du leites mih uz uon deme stricke de 
se mir uerborgin beten, wende du bist min bescirmere 

er 

te 31,6? 



Die kleineren 



irlubtun 

/////////8t ein 
e wile 
se min 
urden siech 
erce ne 
ich getru 
ordere 
mines li 
////////8e 8i 
'soliden 
lougini 
n nu hat 
ob for 
des ruo 
I stimme 
{nicb. 
icb. din 
ze uone 
e scalke 
och ne 
Wohl aus Psalm 27, 1 ff. 



-27, 



Bruchstücke. 

b) Herro sezz 
in den 
an m 

uffe m///// 
ich gese 

Ad te d 
ru 
ich niht 
gruoue 
icb uf 

Negif //////// 
niht m 
chent 
cen. 
dünge 
de se ne 
bant w 
si gesege 
tis. Go 
getru 
auer m 
Schluß, Anfang von ¥%^m ^%. 



1 



70 



P. ZDIMEBMANN 



r. du planzitis ir wurzilin i 
r scate bedacte de berge, un 
ne. Se deneten us ir samilati 
z gertin biz zu deme wazzere 


' 


irenzon.unge lesint alli de du 
z in walde der wostit se un e 
se. God der duginde bekere d 
ele Uli wise disis wingartin. V 


ir weg gent 
in sunderlich. 
ich. sih uon de 
olmache di din 



Vorder- 
seite a) 



P8.80, 
V. 10 £ 



Rflckseite b) 



ante. Er karte sinen rucken 
hende dieneten ie deme corbe 
ih ane un ich irloste dich, ich g 
rborginen des ungewiteres. ie 



dich bi deme wa 

un ich besuere 

dir nehein god 

fremeden god 



zzere der wider rede. Höre m 
dichisrt gehoris du mich so ue 
nuwe noch du nebetis an ne 
Ich bin god din herre der dich 



Ps. 81, 
V. 7ff. 



a) .ndes stimme. God b) st:on gode. der da«, 

hat entfangen min God ist reht vrteile. . 

Diese Worte weiß ich nicht unterzubringen. 



zu BRUNS ALTPLATTDEUTSCITEN GEDICHTEN. 



Seit Bruns 'Romantische und andere Gedichte in altplattdeotscher 
Sprache' (Berlin und Stettin 1798) erschienen ^ ist die Wolfenbfitder 
Hs.^ der sie entnommen wurden (Helm. 1203), nur ftlr einige Stficke 
neu verglichen worden*). Eine Collation auch der übrigen Stacke ist 
bei der Fehlerhaftigkeit des Abdruckes daher wohl nicht überfliUaig. 

Nicht erwähnt ist^ wo y statt iyj statt iy f oder u statt ü, g statt gk^ d 
am Ende der Wörter statt t und umgekehrt gedruckt ist Wörter wie 
anscuJi, vonoar, vorradeny darnach y hirumme etc. sind in der Ha. stete 
getrennt an saeh vor war etc. geschrieben; ebenso auch gk» nani^ ge 
naSf be kant^ ja auch zuweilen Blank flos, do gentliken. 

Wie sorglos der Schreiber der Hs. seine Vorlage wiedergab, 
geht daraus hervor, daß er den Vers 1032 Bruns S. 267 vom Ende 

*) y^l. Aber die Hrnndschrift «oMer Brans Einleitung noeh Hoffiautaa voo Fal- 
lenJeben 'Tbeophüüß S. 77, Kail 8e)ir6d«c * Sinei BTindiii S. Vi^ 



Zu BRÜNS ALTPLATTDEUTSCHEN GEDICHTEN. 71 

des Bl. 130, b auf dem folgenden Blatte 131, a mit einigen Abweichungen 
wiederholte : 

dat alle de Borghe de ek han 

dat alle de sor^e de ik han. 
WOLFENBÜTTEL. P. ZIMMERMANN. 

Der Baumgarten BL 37, b-41, b (Bruns S. 107 ff). 
vü, 80 meistens. 11. ene. 35. konnigkliker. 38. dor leit. 
57. suluen. 69 erkenden. 70. gik dat. 108. denke. 122. vordenet. 
126. seueden. 132. koset. 146. gast dar. 155. bekent (beket). 159. orlef. 
163 bekant (bekät). 

Rathsversammlung der Thiere Bl. 447b — 46, b (Bruns S. 131). 
S. 135, V. 4 dl ere. V. 7 koninges. V. 8 loser lüde. S. 137, 
V. 13 van. S. 134, V. 6 nenen. S. 139, v. 9 Sperlink. 

Flos und Blankflos Bl. 108, a-142, b (Bruns S. 217 ff.). 

1. tiid. 2. dit. 3. könig, so fast immer. 4 here kraft. 13. were. 
14. Jegen. 17. eyn (ey) . — kraf. 18. groter. 19. pelgerinne (pelgine) 
here scolden. 19. pelgerinne (pelgine), so V. 30. 22. wölk. 24. 6r. 
25. yrowen, so auch 34^ 35^ 39. 27. d6t 30. eyne, so auch (resp. 
niyne) 107, 113, 115, 286, 581, 618, 642, 886, 896, 982, 1003, 1054, 
1077. 38. vrawen, so auch 46. 47. entffenk. 54. juncwrowen. 
55 samende. 61. jume. 63. D in Do fehlt, wie überhaupt die Ini- 
tialen in folgenden Versen 75, 105, 129, 143, 144, 165, 262. 344, 379, 389, 
397, 449, 462, 486, 487, 527, 536, 571, 583, 593, 607. 668, 680, 690, 
708, 754, 834, 862, 886, 902. 934, 935, 948, 949, 968, 1019, 1035, 1115, 
1127, 1187, 1199, 1238, 1244, 1340, 1341, 1368, 1396, 1397, 1416, 1465, 
1478. 70. jwe. 79. spark. 84. mynen. 92. doghe. 101. wunich- 
liken. 105.junghere. 107. neyne rechter. 112. ik. 113 eyne blomen. 
115. eyne witte blome. 154. ander. 160. willen. 163. Blakflos. 170. m5t. 
173. ander. 184. beide. 185. anderen vor de. 187. sere. 197. d8t. 
198. n8t. 204 vrawen. 212. d6t 213. duchten. 214. vrowen m5t. 
220.N6ynman. 223. bodeschop. 225.jamer. 238.juncvrowen. 249.koning 
rike. 250. ort 253.weren. 265.vorkoft 294.Wltu. 302.Wltu— vorlan. 
303. wederstan. 305. swere. 307. wlt. 308. wlt. 332. suluen. 365. neppe. 
372. wur. 409. clen6d : d6t. . 424.gemaket(so436) — eyn. 425. Neme. 
439. ghewert. 443. lef nu. 456. inniclikeu — vor de. 461. leuendech. 
483. scloch — ander. 494. gode. 504, Flosse. 509. dancke. 545. de. 
552. golden. 555. Da. 566. werdyune. 572. houeslikem. 581. eyne nacht 
^88. daueret. 603. danckede. 625. mochte. 646.dat 655.vmme. 657. dau- 



72 P ZIMMERMANN, ZU BBUNS ALTPLATTDEUTSCHEN GEDICHTEN. 

okede. ööR.denstaft. 659.karft. 666.twor. 684.greaen. 692.dorste. 
712. anderen. 721. ersten. 723. stey. 724. portenere. 726. sege denu 
750. portenere. 752. de ersten. 755. krech. 757. borhgüjme. 
761. He sprak. 773. brodere — portenere. 789. He aprak. 
791. Eine jowelke. 792. golldes. 793. dencket. 794. Also. 
799. jnnchliken. 806. dancken. 809. dancken. 814. queme (qme). 
618. möt : gSt 820. vromdem (vromde). 824. jw. 832 und 862. por- 
tenere. 879. Hudert 889. denne. 894. eynem (eyne). 901. scher. 902. por- 
tenere. 924. sy. 926. aal sehen. 930. vnmere (vme). 931. danckede. 
940. cledere. 953. leit. 968. junewrowen. 997. neme. 1004. Dyner. 
1009. loüen. 1018. syner. 1025. Ciarissen, so aach 1035^ 1O40. 
1039. troren moste sik. 1046. hertem. 1061. dingk, so aach 1067. 
1070. Seit 1078. Wol. 1083. bot. 1085. danckede. 1111. monde. 
1129. kemerere. 1131. portenere. 1143. jancvrowe. 1155. vromdem. 
1160. portenere. 1162. one. 1 164. portenere, so aach 1 165. 1 167. Ymme 
van. 1171. saaerlik. 1190 eyn ander ap. 1193. ghingk. 1194. bede. 
1195. liehen. 1201. my. 1203. koningh. 1214. Wo. 1215. man 
kraft. 1218. kemen. 1223. koningk. 1254. do toch. 127. dar mede 
dat. I262.1efdy. 1266. ¥nL 1267. drincken. 1270. sprak. 1271. waL 
1274. dAt. 1280. lif. 1291. d5t 1305. qaemesta van. 1341. doge. 
1344dorste. 1352. vlechten. 1354.1oaet 1360. vntfengk. 1361. jam- 
merliken. 1366.1eten. 1367.8clolde — afisclan. 1371. wi. 1377. noch. 
1378. afsclan. 1380. Ik. 1387. dancket 1389. sco. 1413. Dar. 
1426. Here her. 1428. Hispanighen. 1429. wäre. 1430. ynghwen. 
1448. leae here her. 1452. alzo. 1459. m6d. 1467. gy wor. 
1468. drincken. Nach 1472: Edder scaden an crem gade. 1482. por- 
tenere. 1490. drein broderen. 1494. scinden. 1496. krof. 1516. eine mM. 
1532.ghescach. 1542. den. 1553. dancket. 1554.Blankfflos8e. 1571. oo^ 
stGn(csten). 1676. Dnt Am Schluße mit rother Schrift: al af vor willen. 

Fabelhafte Geschichte Alexanders des Grossen Bl. 46yb 

(Bnms S. 331). 

S. 336, ZeUe 8 Golliam (GoUia). S. 337, Z. 3 Allexander, so 
darchgeheod mit 2 1 geschiieben. Z. 16 koninginne. S. 338, Z. 2 ge- 
Seen. Z. 23 hasfrawen. Z. 27 do k. Nectanabos. S. 339, Z. 9 waip. 
S.340,Z.19kanstaan. Z.2l8caltasteruen. S.341,Z.8al.Z.9der8iihi«i. 
S. 342, Z. 4 pntifal. Z. 20 alto sere. S. 343, Z. 3 phippus. Z. 6 cleo- 
petra. Z. 12 geuen enen. Z. 16 na nemest Z. 21 dAt S. 344, 
Z. 5 dorste. S. 345, Z. 7 wrek dy. Z. 9 wrok sek. Z. 11 dages sat 
Z. 19 holdegedem. S. 347, Z. 14 bal dar. S. 348 , Z. 1 ^ko 



LITTERiTUB: A, HA8ZMASN, DIE NIFLUNGÄ8AGÄ etc. 



73 



Z. 24 wil ot. Z. 27 iien kint. S. 349, Z. 4 komen. Z. 6 midde dte 
d*ge vn wan. Z. 16 heatu dit — eprak de koningk. S. 351, Z. 7 en- 
but dy. S. 352, Z. 1 hadde ore. Z. 16 vorlos. S, 353, Z. 1 'sine' 
»uf neuer Seite (60, b) von der vorigen wiederholt. Z. 23 vor sinen 

(sine) munt. S. 354, Z. 3 bin ek myner. Z. 21 Allexaiidere. S. 355, 

Z, 81 putifal. S. 356, Z, 5 dage dath dat. S. 357, Z. 7 dar vlogen. 

S. 358, 2. 14 Allexanders. Z. 23 Allexandere. Z. 28 alse icHt. 

8. 359, Z- 2 sineo husfruwen. Z. 22 van grotem. S. 360, Z. 1 noraede. 

Z. 9 bekenata (bekeatu). S. 361, Z. 22 mi oder iiuV Z. 26 dede vele. 

8.362, Z. 1 koninge. S. 363, Z. 6 und 7 maget geboren wert 

Z.ft Torlikenden. Z. 10 AUexandere. S. 364. Z. 17 de muut. 

Z.20 ot kam. Z. 27 wolden. S. 365, Z. 17 weddes. Z. 18 meister. 
S.366, Z. 3 meiBter. Z. 4 dem etene. Z. 10 gingk. 



LITTERÄTUE. 

Oifl Niflongaiaga und das Nibelnngenlied. Ein Betrag mi GesMci^ 

tust ßaszmann, Pfsrrei zu Eolzhansen b.. 
Verlag von Gebr. Honninger; 1877 (IV, 



deutBcben Heldensage ^ 
d. W. bei CftBscI. Heilbro 
s&e S. B.). 



Bi» TOr Kurzem glaubte man bekanntlich faat allgemein der Angabe der 
FictfekaiiigA iPe.), daQ niederdeutscbe Sagen und Lieder, die eine von der ' 
nontdenticheii abweichende Sageugestult daretellten, ihr zu Grunde liegen. Da- 
gegen hat 1870 Döring (in Z. f. d. Phil, U) die von Zarncke (Litt. Cen- 
balbL 1869, S. 316) auBgeaprochene Ansicht, daü in der Fa. die uns inm 
großen Tbeil erhaltenen mhdd. Epeu benatzt aejea, speciell für das Nibelungen- 
lied (Nil.) anigeführt, und aein anscheinend schlagender Bencis durch die oft 
■örtUclien Übereinstimmungen ztrischen NL- und Pb. scheint Viele überzeugt 
ra haben; neDigsteni ist eine eingebende Widerlegung bie TOr Kurzem nicht 
vennebl worden. Daß aber darum doch nicht Alle diese Ansielit theilten, zeigten 
;«legeDt1lche ÄuBeeriingeu von verachiedeoeu Seiten, und namentlich im Norden 
■cfaaini ale wenig Anklang gefunden zu haben. So trat G. Storni*) gelegent- 
Ucb denelben entgegen, ebenso Grundtvig und ßngge im (noch unvollendeten) 
IV. Bande von Dantnaika gamle folkeviser (D(iF.). S. 580— GOO (und 602— 
fiUlV LetiCere Abhandlangen kannte Raszmann noch nicht, als er eine längere 
Sclirifl, die sich ausdrücklich gegen Döring richtet, uuter obigem Titel ver- 
Waa den Titel betrifft, so beruht die Benennung Niflungasaga 



e 0^ Didrik af Bem [Chris. 1874), 8, 104 ff. 




LITTESÄTrR: A. RA8ZMANN. DIE NlfLUNGÄSAGA ete. 

EwaT nicht anf hnndBchrifllicher lljerliefernag, und der engere ZtuammeBhui 
der eioieben Stücke, die mau unter diesem Namen lusammenzufa^aen pflegt, 
ist keineswegs über allen Zweifel erhaben; da aber, wie wir sehen «erden, 
docb gewicbtige Gründe für den gleichen ürspmng derselben iprechen, dirf 
man den bequemen Gesammtnamen wohl beibehalten, ohne natfirlicb dabei u 
oine XDBB mm anhängend überlieferte Saga au denken. 

Tch meinerseite, der ich schon selbst daran gedaebt, mit meinen Bedenka 
gegen Döring's Ansieht in eber kleinen Schrift hervoriutrelen, bin er&eal, aun 
nnvermutfaet von anderer Seite in der Hauptsache dieselben Bedenken anitpre- 
eben zu hören, die auch ich wiederholt schon mündlich geäussert hatte; iefa 
kann also von Tomberein B 's Grundansicht nur billigen, wenn icb aaeb Qmt 
Einzelbeilen anderer Ansicht bin. Das auszuführeo ist der Zweck dieter B«- 
sprechuup. Doch möge es mir gestattet sein, bei dieser Gelegenheit aacb Mlb- 
ständig der erörterten Frage näher antreten, auf die Gefahr hin, den nbliehn 
Umfang einer Anzeige zu überschreiten: ist doch diese Frage von hÖchitet 
Wichtigkeit für die Geschiebte unserer Heldensage, denn es handelt sich iid 
nichts Geringeres als um die Frage: haben wir in der Ps- eine (lictleicht nielii 
sehr getreue) Wiedergabe einer uns sonst verlorenen, niederdeutschen, von der 
hochdeutschen abweichenden und theilweise älteren Gestalt unserer HeldenMfC 
erhalten? oder ist die rs. nichts weiter als eine entstellende Wiedergabe ia 
uns z. Th. noch erhaltenen mhdd. Epen? so daß sie nur da selbständigen W«fl 
hätte, wo die deutschen Originale verloren wären, von denen sie nna *bet — 
nach Analogie der controlierharen Partien — doch nur ein sehr entalelltea BU 
geben könnte- 

Zu bedauern ist, daß Treutl er's Aufsatz (Germ. 20, 151 S.) dem Vtrf. 
erst so spät zugänglich geworden ist, daü er ihn nicht mehr genügend berqd- 
sichtigen konnte nnd sieh daher gar zu leicht mit demselben abgefunden hat 
{S. 3 ff.). Treutlers Untersuehung verdient jedenfalls in höherem Grade Bmt^ 
tung, und zum wenigsten ist das durch Treutier, im Anschluß an Stonn*) ik 
festgestellt eu betrachten, daß in unserer Ha. M (der alten norwegische« tbm- 
brano) zwei Theile in unterscheiden sind: der erste vom Schreiber Nr. II au 
Hilfe von Nr. I hergestellt, der zweite von Nr. III mit Hilfe von Hr. Pf mi 
V. Nach Tr. soll nun der Redactor dieses zweiten Theils (Nr. HI) rid «■- 
kiirlicher geschaltet und namentlich viel hinzugefügt haben (p. 169 f.), mW 
er nordische Prosaromane {p. 172) — und zwar mit Vorliebe Entfahm^^)»- 
■chichlen (p. 171) — beoulzte. Der erste Theil (Bedactor Nr. II) mB ito 
die Vorlage getreuer wiedergeben; das Verhültniß von M lur Vorlage X, wk 
Tr. es sich deckt, würde sich also etwa durch die Formeln MNr.I — Ü^Z, 
MNr. in — V ^ X*" ausdrücken lassen. Auch wenn man diese Aiuicbt Tlr.^ 
vom VerhältniD des zweiten Theils znr Vorlage nicht theilt — nnd Ht ht 
meine ich, keineswegs erwiesen — so wird man doch, falls man üe mU 
widerlegen will oder kann, mit ihr als mit einer gar nicht nnwahncheinlieto 
Möglichkeit rechnen müssen.**) Jedenfalls ist zn beachten, daß wüe Tbdl« 
der sog. Niflungasaga (NS.) der zweiten Redaction angehören, and twv >il 
Sigurds Jugend (NS. I,a) auf der von III eingeschobenen Lage (e. n.), [St* 



LITTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLUNOASAGA etc. 75 

gnrds und] Gunnars Vermählung (NS. 1, b) in dem fortlaufenden \Tezte von ni 
enthalten; der Zank der Königinnen und Sigurds Tod (NS. 1, c) aber ist von 
lY und femer der zweite Haupttheil, = Attilas Werbung (NS. 2, a) und Grim- 
hilds Rache (NS. 2, b) von V geschrieben , doch schrieb lY die Schlußworte 
▼on Cap. 393 x Niflungaland und das Schlußcapitel 394. Endlich ist Attilas 
Tod durch Aldrian (NS. 3) — soweit in M erhalten — von III geschrieben. 
Da nun, wie wir sehen werden, in einzelnen Sagenzügen die verschiedenen Ab- 
schnitte von einander abweichen, so wäre zu erwägen gewesen, in wie weit 
dies auf Rechnung der verschiedenen Schreiber zu setzen sein könnte. 

Besondere Beachtung verdient die von III in die Abschrift von U hinein- 
geschobene Lage, auf der u. a. NS. 1, a enthalten ist. Tr. meint (p. 165 f.), 
weil in der Niederschrift des Schreibers II von Sigurd die Rede war, habe III 
dessen Jugendgeschichte vorher einschieben wollen, dann aber in Cap. 172 — 
184 eine Beschreibung der einzelnen Helden gegeben, derselben Cap. 169 und 
die von ihm bei 11 durchstri ebenen Capp. 170 und 171 vorausgeschickt, und, 
mn seine Lage zu füllen, in Cap. 185 und 186 Sigurd und Sifka beschrieben, 
in Cap. 187 und 188 aber Nachträge über Hildebrand und Heimir gebracht 
Die vier letzten Capp. 185 — 188 passen freilich nicht sonderlich in den Zu- 
sammenhang. Unter ihnen stimmt Cap. 185 fast wörtlich mit Völsungasaga 
(V8.) Cap. 22 überein und muß dort aus Ps. entlehnt sein*). Treutier hat 

*) Symons hat freilich (Paul-Braune, Beitr. HI, 263— 271) in seinem übrigens 
vortrefflichen Aufiutze über die Völsungasaga die Ansicht ausgesprochen und zu er- 
weisen gesucht, daß V8. in ps. benutzt sei, nicht umgekehrt, und daß speciell Cap. 185 
aus YS. Cap. 22 entlehnt sei. Jedenfalls erklärt sich diese Übereinstimmung nur aus 
Entlehnung, zumal die Schilderung Sigurds an beiden Stellen sich nach seinem ersten 
Besuche bei Biynhild findet. In ps. nun steht das Cap. inmitten einer Reihe solcher 
Cuip., die ebenfalls einzelne Helden schildern, und gleicht diesen in Anordnung und 
8ta (s. B. 180, 8 V. u. = 176, 18; 181» 12 — 179, 7 v. u. u. s. w.), während in VS. 
das Cap. die Handlung auffallend unterbricht. Die p. 267 geltend geroachte Umstel- 
long kann allein nichts beweisen; wohl aber halte ich für beweisend, daß in dem frag- 
lichen Cap. die für |>s. charakteristische Berufung auf die Vceringjat (Gr. HS. 178 f., 
ßtorm S. 91 ff.) sich findet {parm mikla dreka, er Vceringjar kaUa Fdfni |^s. p. 181, 
10 wörtlich — • VS. 184, 2 bei Bngge) — auch dreki, nicht ormr^ entspricht eher der 
auf niederdeutschen Quelle beruhenden |^8. (s. u. p. 94), und kurtein (2 mal), Jub- 
f&nika u. dgl., mögen sie sich auch in VS. vereinzelt finden (Symons p. 266), ent- 
sprechen durchaus dem Sprachgebrauch der ps. Die Form Grikkland entspricht der 
niederdeutschen grikkr der ps. (Storm p. 108, Raszmann p. 39); die sieben Spannen 
Mw tpanna g. pl.) |^s. 180, 23 =r VS. 134, 10 ▼. n. entsprechen den auch sonst in 
ps. häufigen (s. u. p. 95) formelhaften Zahlen der deutschen Volksdichtung; forMcn" 
gyfm Ps. 181, 18 erscheint gegenüber hhUum VS. 134, 6 dem Zusammenhange nach 
and im Vergleich mit anderen Stellen der {>8. als das richtige. Endlich die Hornhaut 
konnte VS. nicht wohl aufnehmen, sondern mußte sie fortlassen, wenn sie sie in ihrer 
Quelle fand; denn die von Symons geltend gemachte Unverletzlichkeit durch Gift 
bei SinQötli und den anderen -Sigmundssöhiien ist doch etwas anderes als Si- 
gurds Hornhaut. Daß sie aber in l^s. als „Sig^ds wichtigste Eigenschaft* 
linxugeftlgt wurde, ist darum unwahrscheinlich, weil die Hornhaut erst, und allein in 
N8. 1, e (doch auch p. 183, 16 = 180, 18) ausdrücklich genannt wird, fihnliches 
in NS. 1, a p. 168, 14—16. Also einen Grund sie hinzusetzen hatte M (bezw. die 
Vorlage) schwerlich. Auch |>s. 301, 22 ff. ist = VS. 158, 17 ff. (Symons p. 267). Ich 
sehe aber hierin wie an andern (unten zu besprechenden) Stellen übereinstimmende 
treue Bewahrung der beiden zu Grunde liegenden Sagengestalt (s. u.). Wäre das nicht 
«nxunehmen, so würde vimmd (u. p. 94) und vUUg'öUr (von Sigurd) verglichen mit 
ps. 801, 9; 302, 18 doch eher für die Prioritftt der |>s. sprechen. Aus |>s. 302, 
19 ff. = VS. 162, 11 (Symons p. 268) scheint mir ein zwin^«nd«T l&«vv«v%^'Qii^. ^ 



76 LIITEBATÜB: A. RA8ZHANN. DIE NIPLUNOAHAGA etc. 






teine Ansicht b^iondera damit gettützt, dsH Cap. 170 nnd 171. ^ t 
wegen dei Eiiui'bnlis tod NS. 1. a iriederbult glaubt, in der Niederach ril 
n geitriehen Bind; er folgert daraut, daJI III dieae Capil?! erat i 
•Mch, all er sie nach NS. 1, a Docbmala brauchte: aber mit Unrecht, i 
tobald die mit NS. I,a begioiieDde Lage eingeechobeii war, konnten die bei- 
den Capitel am Ende der vorh ergeh enden Seite nicht mehr passen, sondara 
mafilen gestrichen and — falls sie nicht ganz fortbleiben sollten — ftb Eiiil«i- 
toDg ED 189 ff. oder den der Handtang roraufgeb enden, orientierend en Capiteta 
173 — 166 wiederholt werden. Man dnrf alno nicht tchliesseD, sie seien g«- 
•trichen, weil sie wiederholt seien, sondern nar, daJS sie wiederholt aiiid, weil 
(ie an enter Stelle gestrichen sind, tmd es entsteht die Frage, wo lie nr- 
aprÜnglich standen. Die Stetlang in AB (und 8. ^ echwed. Dietrichschroiükl 
entspricht der in der eingeschobenen Lage, ebenso folgen in AB (and in der 
Hauptsache anch in Si die C&pitel 1S4— 189 ebeoao aufeinander wie in M jeta^ 
nach Eintchah derLage. Ist daher wirklieb — wofür Trentl er allerdings ge- 
wichtige Gründe rorbringt — die Anordnung dieser Cspitel larncksnfnhren 
auf das Bedürfniss Ton 111, seine eingeschobene Lage wohl oder nbel Miin- 
fSUen, so kann man die gleiche Heihenfolge in AB (and S) nur dadorcli er 
klaren, daß beide aaf die uns erhaltene Hs. M, nicht auf deren Voria^ 
■ornckgehen; sie hätten also für nns dann nur insofern Werth, all «« di« 
Lücken in M ausfüllen. — So schwer es auch scbeiot, sich diesem SchfauM 
in entliehen, so erbeben sich doch genichtige Bedenken gegen Tr.'s * tm.liin« 
Ad manchen Stellen haben narolich AB nnlengbar bessere und ToUsIäiidiga« 
Lesarien, und an wenigstens drei Stellen*) macht es dorchaua den Eindisek, 
als ob AB einige Zeilen erhalten babe, die in H durch Abirren in ^eieho 
Warten aDB6elen. Zuweilen wird die Echtheit von Pluistelleu tn AB besHt^t 
durch die Ubereinstimoiung mit deutseben Dichtungen, t. B. 313, 3 t. o. Die 
Ton Tr. venucble Erktämng aller dieser Stellen als unbedeatender ZtuStM 
und Aniföhrnngen läßt sich nicht ohne Zwang durchführen und sie wird be- 
sonders bedenklich durch die häufige ÜbereinstimmuBg von AB mit S in sotcbes 
Fällen, t. B. 



oder wider nicht entnommen werden m kennen, doch bsrflhrt sich die StaDa te 
T& wSrllieh mit TS. 147, U ff., wom ich nnteo (p. 91) NL. BIS (Bartsch) Terclickn 
habe ; und mit den gemeinsamen Worten I pijdnertkri fun^i ok d Sordrlonilum findet äcfc 
Simons doch wohl xn leicht ab. Endlich soll die Cbere instimm nng von Ps. md T& 
in dem Tersnehe, die NiSunge durch die Anasicht anf üerrschaft im Hunnenlaade aar 
Heise an bevregeo, entscheidend sein (Sjmons p. S69). Aber ps. E«igl ansser der hcn- 
sehenden Sagenanffasinitg, nach der Grimhlld gegen Atli'a Willen der Brüdtf Toi 
TeranlaQt, noch Spuren von der Cber^&ngsstuf e , die sie den AttiU durch Erregau 
■einer Habgier als Wetkteog benutzen läßt (». n. p. 93). Dieser Gestalt kann aöd 
der fragliche Zug angebSren, daß nämlich die NiSunge geladet werden, nm für ihres 
anmQndigen Schwestersohn dai Hnniienland an verwalten; in verbtaßler Gestalt erschciat 
dieser Zug ja auch noch in der dentschen Sage, wo Elzel seineu Sohn den ächwigm 
«ur Ertiehnng übergeben wnllte, vgl. NL. 1916; Kl. (Edi.) 8120 ff. — Nach all de« 
hallo ich die von Symona angestellte Ansicht für nnerwieaen und vielmehr die alU 
AutTassnug fOr die wahnchelnlicbere. der (a Folge ps. in TS. benntit ist. 

*, Namentlich 33S, 16 ff. (■. n. p. 77. vgl. Treutier p. 164) fireifk wükimt «c 
Par nndir hlielda /ayrir ikütiir, iweimali 313, 3 v. u. (s. a. p. 78), twi cerJi mh' pw 
petma totfn, er iw «tn/ et zweimal; 161, Anm. 13 herra — herra, kaum n eotbabnai 
fehlt aber such S ; viellucht aneh 66, 1 t. /uum — Aom ^^ 8, t. u. p. 77. 



k__k_ 



UTTERATUR: A. RASZBIANN, DIE NIFLUNGASAGA etc. 



77 



Ps.y Seite, Anm. 

56, 3 84 [h^t Nordangr. bann AB] ferr 

at bidja. . . 
117, 1 af [pesBom AB] .IX. jyncfrüni 

(M, dröttningum AB) 
160, 5, Z. 18 [oc nü rida peir aptr, en 

konangr ferr leid sfna AB] 
168, 16 Hertnid [konungr AB] 
173, 6 ))etleifr [danski AB] oc Fasold 

[stoUzi AB]. Sistram (Sintram af 

Fenidi AB) oc etc. 
211,13 )>& msellta peir [.II. broedr AB] 

sin 4 milli 
249, 16 er pin Bon [Samson A B] gerdi, 

er hann villdi etc. 
276, 10 [sagdi ))idrekr konangr ilB] 

286, 1 Nü hoggr Hilldibrandr i gegn 
med BYrnräe [til eins peirraili^] 
4 bans bals. 

287, 1 M: sina IsBid at sinni. haart er 
)>d ridr eptir honom eda »igi, AB: 
firir jdr baert er hann vill. 

294, 7 oc bertogi Naadang. Villdifer 
[ok Ulfard AB] oc margir adrer 

296, 15 [am ))ma daga ii^] oc pinna 
bama 

309, 9 |>4 manta eigi [aptr komma AB] 
oc enge 84 er ))^r fylgir. 

310, 12 ))vnro [m e d o s s il ^] at fara etc. 

312, 10 oc [kallar ok AB] bad bann 
r6a at lande 

312, 12 firir ))vi [sagdi (kallar B) 
hann sv4 AB] 

313^ 3 er II )>e8sa bae bi6 oss til handa 
(|>etta roedi (reidi B) bio til AB) 

318, 16 [t)a nuellte Hogne AB] 

318, 24 gerom hann (ger hann p^r 
ab] nü 8v4 iiüfan. . . 

334, 22 hinn g6di [v4rr vin AB] mar- 
grssifi R. 

338, 15 Oc nü Iftr Hilldibrandr aptr. 
bann s6r ioreyk mikitm oc par undir 
hlickia fcLgnr skildir. [Nü kejrir hann 
bestinn oc ridr eptir pidreki ko- 
nangi oc ssdgir honom. fierra 
ek 9i idreyk mikinn oc par undir 
hlikia fagrir skilldir AB] oc 
baitar brynior. oc rida baast 
(fast A, AtHiU B) eptir oss. 



S, Cap., Zeile. 

44, 1 han het Nordnng. han bed- 

des. 
103, 21 for the .IX. konangdoetter. 

149^ 13 sidan red han tili drasoUf 

konung. 
159, 13 herding konang. 
162, 10 detzleff danske stolte Fa- 

8olt. SiDtram af venedi etc. 

213, 8 En dag talade broederne sig 

i mellom. 
170, 5 sampson tin son wilde etc. 

266, 13 konang didrik sagde. 
277, 7 bjllebrandb hwgh moth en af 
them opa bans bals. 

279, 16 bwarth hann wil. 



288,15 ok nordangh hertogh wlfardh 

ok vildefer ok mongha andra. 
290, 82 af bodhe tik ok tin bam 

305, 10 taa komber tw aldhrich hem 
ighen ok enghen then tik foelghe. 

305, 37 mz os skolo fara etc. 

309, 2 ropadhe til honum oc sagde 
roo hith 

309, 4 ty sagde han saa 

310, 7 8om arene giordbe 

316, 5 hagen swarede 

316, 16 baff atilias konang ksrare 

340, 4 mjn gode wen margreff r. 

343, 6 bsBr hillebrandb saa til baka 



ok sagde til didrik konang. 
jach 8 er mongen man mz hvita 
brjmia ok fagra skiöUa 

ok rida f aatVi ei^iü[i«t o« 



78 UTTERATUR: A. BASZMANN. DIE NIFLUNOASAGA «te. 

Zu einer ganz ähnlichen Stelle können wir S leider nickt Ter^g^chemr 
weil dort in S eine Lücke ist; die Stelle lautet (Döring p. 29, Bmasmaiin p.147): 

I^S. 313, 3 V. n. NL 1632 f., nach Bartwh, wie ibumt. 

Vei verde mer firir penna svefn er Er gewan dar ombe vil tiMgei 

nü svaf ek, [mista ek mins sverds. maot, das er Terlds das wifei 

oc illa man (>ikkia minam herra von der helde vart : die marke Bie- 

gaett 8 ins rikis. er st4 svaf ek. Oc degdres fondens ubele bewart 

mi ser hann hvar lidit er komet. oc Owd mir dirre schände, sprach do 

enn m eilte hann. Vei verde pessvm Ecke wart, j& rinwet mich tA wht 

tvefiie er nü svaf ek AB] nü er ko- der Burgonden Tart. sit ick tIAi 

menn herr i land mins herra Bo- Sifriden, sit was mtn Trende ergla. 

dingeirs margreifa. Ec hevir nü ouw§^ herre Büedegdr, wie hin 

vakat .ni. daga oc .III. usetr. oc firir ich wider dich get&nf 
pat sama sofiiada ek. 

Wer diese letzte Stelle ohne Voreingenommenheit liest, wird findei: 
1. daß hier eine poetische Quelle*) zu Grunde liegt; 2. daß anch die nv is 
AB erhaltenen Worte aus dieser entnommen^ in M aber durch Abirren an den 
gleichen Worten ausgefallen sind, was die auffallende Beruhning mit der deat- 
schen Sagenfassung, wie sie im NL sich zeigt, bestätigt; 3. daß die ange- 
führten Strophen des NL's nicht die Quelle der Ps. sein können, weil das 
benutzte Lied offenbar mehrere Züge hatte, die NL nicht kennt, andere aber 
das NL anders — und zwar der Sagengestalt des NL's gemäß — gestahel hat 
Daß aber die Fassung des in rs. benutzten Liedes die ältere (und ick meiBe: 
auch die schönere) ist, wird wohl Niemand bestreiten. Kaum an einer anderes 
Stelle liegt es so auf der Hand, daß das NL trotz wörtlicher Bernhmngen aiebt 
die Quelle der rs. gewesen sein kann, sondern beide aus derselben Quelle 
schöpften : rs. behielt die Klagerede Eckewart's in directer Bede bei, während NL 
sie in Str. 1632 erzählend wiedergibt (vgl. Baszmann p. 147, Annu). 

Die angeführten Übereinstimmungen zwischen AB und S bei AbweickvageB 
von M sind nur beispielsweise aus einem kleinen Theil der Ps. snaammei^ 
stellt. In manchen dieser Fälle war die Änderung und Ergänaong allerdiagf 
geboten, und daß sie übereinstimmend geschah, könnte wohl in einielnen FäDca 
auf Zufall beruhen: in so vielen Fällen aber ist Zufall sehr nnwakracheiB- 
lich , zumal wo die Änderung durchaus nicht nothwendig war und sich anf o- 
bedeutende Nebendinge beschränkte. Mir scheint daher nothwendig, mindcftev 
für mehrere dieser Übereinstimmungen eine gemeinsame Quelle von AB und S 
anzunehmen, die nicht unsere Hs. M war, und wenn diese nach TVeatler 
nicht hinter M gesucht werden darf, muß sie diesseits M liegen, d» h. 
eine verlorene Abschrift von M musste von der Grundhandschrift der t cilui eaea 
Vorlagen von A und B einerseits und andererseits von S abgesdiri^ci 
(beziehungsweise übersetzt) sein. Wahrscheinlich ist eine solche Terioccne 
Abschrift der erhaltenen Hs. M, die sowohl vom isländischen als vom schve- 



*) Ebensolche refrainartige Wiederholungen mit poetischer Flrbnng kennt fie 
I^s. auch sonst, z. B. 368, 15 brodir, vid hofitm tH wunyan 9i6ran jfwd, ManmAM- 
dumz g6dir vmir kehrt fast wörtlich 368, 30 und 38 wieder u. a. w. 



LITTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAOA etc. 79 

dischen Bearbeiter benutzt wäre, freilich nicht. Es fragt sich also, ob man 
fnr die thatsächlichen YerhältnisBe nicht doch noch eine andere Erklärung fin- 
den kann, als die an sich sehr ansprechende Treutiers. Ist es wirklich un- 
denkbar, daß die Reihenfolge der Capitel 168 — 189, wie sie M bietet, 
■chon in dessen Vorlage sich fand, auf die auch AB (und S?) zurückgingen? 
Wäre es undenkbar, daß der Schreiber 11 die nicht eben glückliche An- 
ordnung seiner Quelle corrigieren und vielleicht die ihm für seinen Zweck*) 
mmotfaig erscheinende Sigurdssage beseitigen wollte, weshalb er Cap. 169 — 
188 ausließ und dafür Cap. 170 und 171 vor 189 einschob? daß aber III, 
als er die von II unvollendete Abschrift fortsetzte, die Vorlage genauer und 
vollständiger abschrieb und demgemäß durch den Einschub der Lage die aus- 
gelassene Partie wieder einfugte, wobei natürlich Cap. 170 und 171 (am 
Ende der der Lage vorhergehenden Seite von II geschrieben) gestrichen wer- 
den mussten? Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, ob die An- 
ordnung, wie sie Nr. HI in M hergestellt hat und wie sie sich auch in AB 
und S findet, für ein nach der Erzählung deutscher Gewährsmänner entstan- 
denes Original so sehr unwahrscheinlich oder ganz undenkbar ist. Ich halte 
sie nicht für so unsinnig wie Treutier (p. 169) und Sjmons (p. 264), so daß 
sie nur aus der äussern Einrichtung der Hs. M sich erklären liesse. 

Die beiden letzten Capitel 187 und 188 erzählen von Hildebrand und 
Heimir^ die auch in Cap. 173 und 174 in derselben Reihenfolge nach 
einander besprochen sind, und zwar beide auffallend kurz. Was aber 
Gap. 187 und 188 über beide sagen — wodurch sie ausgezeichnet sind und 
weshalb Dietrich sie bei sich hat — das ist meist auch bei den andern er- 
zählt, so daß der Inhalt von 187, 188 beim Abschreiben ausgefallen**) und 
hier nachgetragen sein kann. Daß das Capitel von Sigurd in die VS. aufge- 
nommen ist, spricht freilich nicht noth wendig für die Echtheit desselben in 
Ps., denn die Entlehnung kann auf einen späteren Abschreiber der VS. zurück- 
gehen (Sjmons p. 265, Anm. 2). Wohl aber begreift man, wie der Schreiber 
der Ps., da er auch Gunnar und Högni geschildert hatte, an dieser Stelle noch 
Signrds Schilderung einschob — unpassend freilich — und ebenso unpassend 
die Sifkas, um so die Schilderung der bedeutendsten Helden, von denen im 
Folgenden die Saga handelt**^), beisammen zu haben (vgl. Storm, p. 128). Daß 



*) Trentler nimmt an, daß IH die ursprünglich kürzere Saga erweitert habe. 
Die Frage ist aber wohl erlaubt, ob man nicht mit demselben Rechte II die umge- 
kehrte Tendenz zuschreiben kann, aus einer ansführlicheren^ schlecht geordneten Vor- 
lage nur die eigentliche Dietrichssage, und zwar in verkürzter Gestalt, herauszuschreiben, 
(Doreh Vergleichung der beiden Darstellongen der Geschiehte von Osantrix und Melias 
anter einander und mit 'König Rother* (s. u. p. 100) denke ich der Beantwortung dieser 
Frage nächstens näher zu kommen.] Wenn es mit der im Prolog und Cap. 394 behaupteten 
Niederschrift der Saga nach mündlichen Berichten von Deutschen (doch wohl Kauf- 
leuten) seine Richtigkeit hat, wie ich glaube, so ist eine ursprüngliche Saga, die in 
seblecliter Anordnung verschiedene Sagenkreise umfaßte, die wahrscheinlichere. 

**) Unabsichtlich — abirren ist wenigstens bei Hehnir etm mikiUäii — Heimir 
mm m i k iÜäii sehr mögUch [oder absichtlich, indem III vielleicht fürchtete mit dem 
Raum nicht auszureichen, als aber dies Bedenken sich als unbegründet erwies, das 
Ausgelassene nachtrug? Doch haben AB dieselbe Reihenfolge der Capp. 185—188]. 

^^*) Zu Sifka s. pa, p. 247, 4. (Wo nichts bemerkt, eitlere ich immer nach Un- 
gera Seitenzahl.) 



80 UTTERATUB: A. RASZHANN, DI£ NIFLUNGASAGA elc 

übrigenB diese Schilderungen — aach die Signrds — wenigstens theilweite aif 
deutsche Quellen zurückgehen, beweisen die Berufungen auf Lieder: patermi 
afttkii i Bögum Pydeskra manna 180, 10; ndUga i oüum fomtlömgwm 181, 13 
(s. oben p. 75, Anm.); femer die Erwähnung [des Löwen (?) 173, 12; 177, 7 iL]; 
des armr^ er slangi (ABS, Hingi M) heitir 175, 5; er PydeMr memt kaUa 
alpandyr, en vaeringjar fil*) (Storm p. 108) 177, 3 ▼. u.; vüidigoihr^ p§i 
er d Pydesku Villdifer 178, 19; auch dreUd (statt crmr^ mehrmmk) ist k 
diesem Zusammenhange zu nennen, desgl. langroBcr (^ langraeehe) 181, Sl; 
endlich die 3 steine 175, 2. 4; 3 winter alt 182, 8. 18; daß Sigords Scholteni 
so breit sind wie die dreier Männer, und daß er 7 Spannen hoch ist. 

Es lässt sich nicht leugnen, daß die hier von mir angedeutete Möglieh- 
keit an sich sehr viel unwahrscheinlicher ist als Treutiers Ansicht; da aber 
jene, wie ich gezeigt zu haben meine^ auch auf schwere Bedenken stösst, so 
wird man diese — wenigstens nicht undenkbare — Erklärung nicht ohne 
weiteres von der Hand weisen dürfen. Ein entschiedenes Urtheil möchte i^ 
mir ohne Einsicht der Hs. M nicht erlauben. — Wie man aber auch iber 
das Verbal tniss von AB und S zu M denken mag, so wird man doch Tr*s. 
Ansicht über die geringe Treue der Wiedergabe des Originab in ID und ober 
die Benutzung verlorener Einzelromane (p. 172) durch diesen Bedactor aekwer- 
lieh zustimmen können. leb wenigstens glaube im Grossen und GUazen in der 
Saga fiberall das Gepräge eines und desselben Werkes zu erkennen , das woU 
im zweiten Theil (ebensowohl aber auch im ersten Theil, s. oben p. 79 Anm.*) 
hier und da etwas verwischt sein kann. Eine philologische Unteranchmig iber 
Sprachgebrauch und Stil der Ps. , die leider noch fehlt, würde das wohl be* 
stätigen. Einige meiner Gründe für die wesentliche Einheit des Gänsen werde 
ich im Folgenden andeuten (vgl. u. p. 95, Anm. * und ***, p. 97 Anm. ^ m s. w.). 

So viel musste ich vorausschicken über die allgemeinen Fragen, die tob 
Tr. in Betreff der Entstehung der xs. und des Verhältnisses von M zu den aa- 
deren Überlieferungen aufgeworfen sind. Leider sind diese, wie gesagt, bei 
Raszmann zu kurz gekommen. Doch bemerkt er mit Recht, daß die von Tr. 
vorausgesetzte Existenz einzelner nordischer Prosaromane über deatsche Sagen- 
stoffe sich durchaus nicht wahrscheinlich machen lasse. 

Auch darin bin ich geneigt dem Verfasser beizustimmen , daß er (wie 
auch Storm) den Prolog für echt hält. Die dagegen vorzubringenden ans- 
seren Gründe beschränken sich eigentlich auf das Fehlen des Prologs in S; 
denn in If sind nach Trentlers Berechnungen zwei Lagen am Anfange ib 
fehlend anzunehmen, auf denen der Prolog sehr wohl Platz gehabt Intte. 
Das Fehlen in S will aber nicht viel sagen, da diese Bearbeitung überhai^t 
gekürzt und auch sonst ganze Abschnitte ausgelassen hat, z. B. einen giossen 
Theil der sog. Iron jarls saga. An inneren Gründen ist kaum etwaa stichhtl- 
tiges gegen die Echtheit vorgebracht. Wohl aber hat Storm p. 98 auf Berüh- 
rungen in Ausdruck und Gedanken des Prologs mit dem Königsspiegel anfincrk- 
sam gemacht, was für die Abfassung in Norwegen unter Hakon Hakonsow 
Regierung (1217 — 1263) sprechen konnte. Da man nun mit Storm annehmse 
muß, daß rs. um eben diese Zeit (bald nach 1250) in Norwegen ver&ßt iil| 
so weist obiger Grund und die Bekanntschaft mit schwedischen und '^j'^if^k«« 



*) Wortlich = 366, 6 v. u. 



UTTEBATUR: A. SA8Z1CANN, DIE NIFLUNOASAGA etc. gl 

Liedern, die Stoffe der Dietriclisage bebandeln *), den Prolog in dieselbe Zeit 
(Storm p. 94. 96) wie die Saga, wodurch die Abfassung des Prologes durch 
den Verf. der Saga wahrscheinlich würde. Zwingend ist dieser Schluß freilieb nicht, 
und man könnte immerhin daran denken , daß der Prolog Ten dem isländischen 
Schreiber der Grundhandschrift von AB mit Benutzung des Gap. 894**) vor- 
aufgescbickt sei. Denn die Berufung auf die fremden Quellen und die Henror- 
bebnng des d äna leid segja der Gewährsmänner, was sieb durcb die alten 
deatachen Lieder erkläre, waren besonders am Platze, wo es galt, in den Nor- 
den eine wesentlich von der heimischen abweichende Gestalt der Völsungen- 
Nibelnngensage einsufSbren (Raszmann p. 4 Anm.), und konnten wohl dann 
Tom Verlasser des Prologes in diesem als auf die ganse Saga bezSglich wieder- 
holt werden***). Eine philologische Untersuchung würde auch hier wohl fest- 
stellen können, ob der Sprachgebrauch des Prologes von dem der Saga ab- 
weicht und yielleicht dem der abweichenden Lesarten von AB sich nähert f). 
Vorläufig wage ieh nicht zwischen diesen zwei Möglichkeiten zu entscheiden, 
neige aber mehr zur Annahme der Echtheit. 

Nach Erledigung dieser Vorfragen wenden wir uns nun zu dem eig^t- 
lichen Gegenstande des Raszmann'schen Buches: hat die Niflungasaga 
unser NL. oder yerlorene niederdeutsche Sagen und Lieder bo- 
na tat? — Die erstere tou Döring yertheidigte Ansicht sucht Verf. zurnck- 
niweisen , indem er zunächst in einem allgemein gehaltenen Theil das Verfahren 
•eines Gegners prüfL Er tadelt an ihm, daß er es unterlassen habe, einige 
nothwendige Vorfragen zu stellen, von deren Beantwortung es abhänge, ob 
seine Annahme an sich wahrscheinlich, nothwendig oder auch nur möglich sei. 
So sucht er (a.) nachzuweisen (p. 6 ff*.), daß das NL. nie in Norddeutschland 
•o TolksthÜmlich gewesen sein könne, daß es »vom Volke allgemein g^ung^ 
vnd gesagt oder erzählungsweise wiedergegeben'' worden wäre, da es — na^ 
den Fondorten der Hss. zu urtheilen — nur in einem Theile Süddeutsch- 
lands bekannt, und wohl niemals eigentlich populär gewesen sei. Das hat in 
der That sehr yiel für sich, denn offenbar bestand neben dem NL. eine Tiel- 
Hach abweichende Sagengestalt im Volksgesange und den daraus geschöpften 
Ltiedem der Spiellente fort, wie das Sieg^edslied und die bekannten Zeng- 



*) So i^Mtm^im p. 48 und Grundtrig, DGF. IV, 687^ gegen Stonn p. 88 ft 
**) Die Echtheit des Cap. 394 scheint mirTr. mit Unrecht zu bezweifeln: Be- 
mliuigen auf noch in Westfalen erhaltene Denkmäler finden sich auch ps. 826, 8. 
19; 827, 1; 880, 7 [bei Irung* vegr [hesser veggr] hat man, wie Rassmann p. 209 mit 
R«eht bemerkt, gar nicht an die Iringstrasse zu denken; fihrigens ist veggr hier gar 
nicht SS Weg, sondern = Wand -.Hekwegfgjr ist die Wand (Tgl. 326, 18 f.) der Halle, 
in welcher der Kampf stattfindet (330, 4); an diese lehnt sich der sterbende 
Inmg, so daß Högnis Sper ihn an die Wand spießt]. Der Hanptgnmd Tr.*8 gegen die 
Echtheit des Capitels aber ist hinfXllig geworden durch Raszmanns Nachweis (p. 4), 
daß die schon von IV geschriebenen Worte i Niflungakmd gerade die Hauptsache ent- 
balten^ also V hier doch mitten im Satze abbrach. 

***) 2, 8 Hm Hgir i pessari 9ogu, Doch ist su beachten, daß der Prolog spedeUer 
und ansf&hrUcher ist in Angaben, die eine Prüfung der Saga selbst als richtig be- 
stltigt; wie sollte aber der isländische Abschreiber sn so genauer Kunde fiber die 
Qnellen smner Vorlage konmieo? 

t) So kehrt z. B. das i fomum Wtf 1, 2 in einer von M abweichenden Lesart Ton 
AB wieder 888, Var. 18. 

JUk§ XL (XXUL) /akif . ^ 



p 

h 



82 UTTERATUB: Ä. RASZMANN. DIE NIFLUNQASAOA «to. 

njaae aus dem 13. Jahrbondert Eeigen. Mao tnitAte also baDdachriftlicht 
VerbreituDg nach Norddeatscblaod aonehmeD; alsdanii aber koniitf diu hini 
dort erst recht nicht populärer werden aU in scioer stiddeulatiben Heioial. 
[Über daa Verhälluiss der P». zu *B and *J des NL.'b (b.) eprecbe ich späki.j 

Von besonderer Wichtigkeit ist (c), was RasEm&iin p. 10 ff. ansßbit, 
dftß in den übrigen Theilen der Saga Benutiung der erbalteneQ mhdd. Epea 
nicht nnr nicht erweialicb, solidem geradezu unmöglich ist. So ist die Be- 
nnbtung des Eckentiedes zwar einmal von MüUenbof behauptet, aber dnrck 
Zopitza genügend widerlegt und dann von MüUenbof selbst luräckgenoniBeB 
worden; auch Zupitsa nimiDt (HB. V, p. XLllI) für da« Eckenlied und Pa. ein« 
gemeinsame Quelle, „die norddeutsche SpielmanOBdichtung des II- und 13. Jaht- 
hunderta" au. — Auch der Bosengarten, fuge icb hinzu, kann nicht in)». 
benutzt sein , da die Ubereinstimmangen sich uur auf die allgemeinsten Zog« 
beschränken , alle Einzelheiten aber abweichen. Auch erweist sieb die Danlci- 
lung der Jls. mehrfach als die altere, z. B. in der List Dietrichs in Betreff 
des Schwertes Mimung u. b. w. *); sie fügt sich auch besser der Gesammts»^ 
TOn Dietrich ein nod erklärt, wie et scheint, den auch im NL. auftrelendts 
Zug, daß Siegfried früher im Hunneolaade gewesen, vgl. Biterolf 9172 £, 
besonders 9488 ff. Wenn Dämlich K. erzählt , dafi Dietrich den Sigurd mit 
List bezwungen and zu seinem Hanne (p. 206, 7 t. a.) gemacht bat, so siit- 
■pricht dem im Biterolf, dall Dietrich deu Sigfrid mit Gewalt nach UnnuD- 
land gebracht hat (was Grimm HS. 74 freilieb bezweifelt). Es ist also d>a Ao- 
nahme Grundtvigs (D6F. IV, 625 f.) und Raszmanns (p. 51) die wabr*cbrä- 
licbere, daC die in Ps. benuUte (niederdeutsche) Sage oder Dichtong eiDcnäli 
dem 'Rosengarten , anderetBeits ausser der Ps. der Folbevise Nr, 7 i,Ton Diet- 
rich und seinen Kämpen) zu Grunde liege. — Für den Botber ist dnrcb Kickeri 
(Bother, XVII— XXV) der Nachweis gefuhrt, daß nicht dieses Gedicht, an- 
dern niederdeutsche Lieder und Sagen die Quelle des Fs. sind, und fir dat 
jüngere Hildefarandslied habe ich (Germ. XIX, 320 ff.) zu zeigen «ersndit, 
daQ nicht unser mhd. Lied, sondern eine ältere, wahischeiolich niederdeutsch« 
Fassung in der Ps. benutzt ist. Aach die Kla£e und die Babenscfalacbt 
wird trotz mancher sacbticher Berührungen mit Ps. (s. u.) doob wohl Niemiad 
fSr die Quellen der entsprechenden Stücke der Saga halten. — Da aUo, m 
weit wir contiolieren können, die erhaltenen mhd. Gedichte nicht der Ps. alt 
Quellen gedient haben kännen, sondern wahrscheinlich überall abweicboiilc 
niederdeutsche Sagen und Lieder, so wird die Benutzung des NL.'s von *on* 
berein nach Analogie der anderen Fülle sehr unwabrscb einlieb — es mSQlM 
deTin geradezu zwingende Gründe dafür vorgebracht werden. 

Es kommen aber noch andere Gründe hinzu, jene Ansicht von TonibWIB 
■la sehr nnwabrscheinlich crscbeinec zu lassen; über diese handelt R. p, 13 C 



*) Der ' Bosengarten' hat viele Sageczüge anfgenommen, vcetche die {*». in nsi 
anderem anscheinend älterem Zusammenbange kemit. äo eutspricbt die AbhuhDf 
Ilsans aus dem KtoBter durch Hildebrand der gleichen Scene cwischen Heimii aai 
Ketricb (P». p. 368j ; die in der Uaupisache vencbiedene nüchlliche ßegegnui^ Kie- 
nolds mit Sigestab vor dem Kampfe «rinnert doch in manchem Zuge su die ebenbb 
nicbtlicbe Begtgouag desselben mit Hildebrand vor der Schlacht bei Grouüport (p. SM). 
die Bezwingung SIgtHds durch Dietrichs Feneratbem enlspricht der CberKSlfianf 
HOgnis durch Dietrieb n. s. w. ,^^^ 



UTTERATUB: A. BASZBfANN, DIE NIFLUNGASAQA ete. 88 

Daß man die fomkwxdi des Cap. 394 iind des Prologes in keiner Weise anf die 
Aventiuren des NL/s bezieben kann — denn sie konnten weder um 1250 als 
forn' nocb überbanpt als kvcedi bezeicbnet werden (B. p. 14) — ist ricbtig; 
doch möcbte icb darauf kein großes Gewicbt legen. Wiebtiger ist die Entscbei- 
dang der Frage, wo wir das Hunaland der r s. zu sneben baben, in Westfalen 
oder in Ungarn. Erstere Ansiebt hat Raszmann bier (p. 14 — 22) wieder yer- 
tbeidigt, wie inzwiscben auch Storin, wäbrend Döring und etwas anentschie- 
dener Treutler die letztere vertraten. 

Die Annabme, daß S^a und Si&Bat Ofen bezeicbne , bat ibr sebr Bedenk- 
liches, und es liegt entscbieden sebr viel näber, daß die Formen S^Saa (bei I. 
Q. IV) und S4sai (bei III und V, s. B. p. 17) dieselbe Stadt bezeicbnen, 
und zwar das westfäliscbe Soest, welcbes p. 394 unzweifelhaft gemeint ist und 
auch Cap. 41 (weil FrUland benachbart) nur gemeint sein kann (B. p. 18). 
Auch in dem nabegelegenen skögr er heüir Ltiruvald (p. 338) oder Lyravald 
(148, 1 V. u.) findet Raszmann wieder den Amsbergerwald, wof&r er noch weitere 
Zeugnisse vorbringt (p. 19). 

Überhaupt macht die Nachbarschaft Frislands, wie mir scheint^ die An- 
nahme Hunalands an der Donau unmöglich. Ebenso müssen wir, wie Treutler 
p. 149 zugibt, Cap. 45 Hünaland in Norddeutscbland suchen. Wenn Dietrich 
von Susat westlich {hina vestri leid) über die Alpen nach Bern reitet (Cap. 3 9 7)^ 
so könnte man dabei freilich mindestens so gut den Ausgangspunkt in U ngam 
wie in Westfalen suchen; wenn aber Grimbild (Cap. 376) dem Dietrich Hilfe 
verspricht^ falls er sich zu rächen über den Bbein ziehen wolle (B. p. 22)^ 
so kann man doch wieder Susat nicht in Ungarn suchen; und C. 397 kommt 
Dietrich als er hina vestri leid til Mundiu reitet, nach Bacalar, dann durch den 
Lnmvald und trifft am Bbein mit Eisung (nicht von Baiem) und Aumlung zu- 
sammen; letzterer soll ihn sudr til fealz weisen (c. 401), und c. 403 reitet 
IMetrich Hna leid gudr um MundufjcUl; Alebrand aber bat von Bern nordr i 
Hünaland (c. 404) nach Dietrich gesandt leb gebe zu , daß an manchen Stellen 
die Beziehung auf Ungarn näber zu liegen scheint , aber icb finde auch gar kein 
Bedenken bei der Annahme, daß von den bunt zusammengesetzten Quellen der 
Ps. hier und da auch, der süddeutschen Sage entsprechend^ Hunaland an der 
Donau localisirt sein könnte. Die Fahrt der Niflunge nach Hünaland ist natür- 
lich ursprünglich an der Donau gedacht; als aber die Burgondensage mit 
der Sigfridsage sich verband , localisirte das sächsische oder fränkische Volk be- 
greiflicherweise auch diese in der Heimat der Sigfridsage, d. h. am Bbein und 
in Westfalen, wo auch das skandinavische Alterthum das Hdnaland der Sage 
dachte (B. p. 22). Daher ward auch Bacalar, weil der Aufenthalt beim Mark- 
grafen nicht gut entbehrt werden konnte, an den Bbein verlegt (rs. 289^ 9 
V. u. ; Storm p. 112) — wobei vielleicht noch eine uns unbekannte Namens- 
ähnlicbkeit mit im Spiele sein mochte. An der bekannten Stelle vom Zusammen- 
flusse des Bbeins und der Donau nimmt man doch auch am einfachsten mit 
B. p. 20 (und Storm) Verwechselung des Mains mit der Donau an. Übrigens 
will B. p. 21 auch in dem Wasser Meere die Marau bei Castel und in Porta 
den „Wald Dorte zwischen Wetzlar und Dillenburg'' finden. — Bekanntlich 
beruft sich die Saga auf Denkmäler in Soest, welche die Gewährsmänner nocb 
geseben haben wollen. Man darf das docb nicht so ohne weiteres für Erfin-* 



^ 



84 UTTEB&TUB: A. RISZUANN, DIE NIFLUNOASAGA ete- 

dnng erklären*), wie Döring will, dem gegenüW Buimum p. S3 'i 
vom Ende des 16. JHhrhnDderts anführl. 

Seite 34 — 29 aucbt Verf. Dauhiaveisen , daß man die Benotiang eiset 
beitiinmteD Recension des NL.'r aiehl aainnehmeii brauche, worauf ich aoräd- 
kommen werde. — P. 29 — 35 werden einige Stellen beaprochen, an detMa 
nacb Döring die Saga obne Vergleicbung dea Liede* unTentäiidlicb aeia aotl — 
eine AnDahme, die als onnöthig erwieaen wird, — P. 35 — 37 werden die Be- 
rühningen der Saga mit angeblich skandinavischen Sitten besprochen, di« mA 
aber gar nicht als vornehmlich oder aoBschliesalich skandinaviacb nacbweisea 
Uuen, wie icbon Storm bemerkte. — P. 38 — 40 wird mit Becht betont, dal 
Saxland in Ps. nicht gani Deotschland, Hoodem nnr Sachsen meinen kaoa 
(ebenso Stonn), indem aacb auf die von Storzn (p. 108 ff.) aiuammengettelltes 
niederdeatscfaen Nameosformen nnd Wörter in Ps. hingewiesen wird. 

Aniführlicher wird dann Sber die Berühruagen der Saga mit den däsi- 
achen und AröiBchen Liedern gebändelt (p. 4t — 60). Es ist dies ein ancb fir 
unsere Frage sehr wichtiger Pankt, denn die Folkeviser zeigen ebenfalls anf- 
fsllende Berührnngen mit dentacheo Dichtungen , tpeciell mit dem NL. das 
dänische Lied 'Grimilds hevn' in seinen drei Passnngeu und unter den £böi- 
achen das Bögnilied und der Schluß des Brinhtidliedes. Da nun einig« lUescr 
fibereinsti mm enden Punkte auch in Ps. sich finden , in anderen Fällen aber 
Ps. = folkev. den hochdeutschen und nordischen Fassungen gegen QberstdieB, 
■O entsteht die Frage, ob die Folkeviser direct auf (nieder-) deutacbe Volk»- 
lieder aurückgehen — oder, wie Döring meint, durch Vermiltelung der Pa. aaf 
NL.; indeaeen muß Döring (p. 370) danebeu noch directen EinflnA de« NU'i 
annehmen. Es braucht nicht weiter erörtert lu werden, wie nnwabracbeiDlici 
letstere Annahme ist, namentlich die Einwirkung eines geschriebenen Bochw 
(B. p. 43), das wie Ps. kaum jemals in Norwegen und Island (R. p. 43, 4 C), 
geschweige denn in Schweden und Dänemark populär war (Storm p. 197 f.), 
auf die Entstehung oder Umwandlung von wirklichen Volksliedern — und ab 
echte Volkslieder erweisen sich die dänischen Lieder durch ihre knappe Dar 
Stellung, anvoUständige Form und untereinander abweichende Überlieferung (B> 
p. 42 f.); während hingegen die färöis eben Lieder ihrer Entslehaug nacb nkbl 
»Is eigentliche Volkslieder erscheinen, da ihre Quelle die Vs. (s. Liteiw. Cca- 
tralbl. 1877, Sp. 1447**) und daneben deutsche (wohl durch dänische Bearbti- 
hingen vermittelte) Volkslieder waren. — St«m) will die Folkeviser auf 8 m- 
rOckführen, eine Annahme, die von Gruodtvig und Bugge (DGF. a. a. 0.) mit 
guten Gründen Eurückgevriesen ist. Bassmann, der hier die engeren Greuoii 
die er sich sonst gesteckt , überschreitend von den Dietrichsliedem im Allge- 
meinen spricht, hebt p. 47 B. hervor, daß an einigen Stellen, die Storm iir 
genauere Übereinstimmung der viser mit S geltend machte, die viser noch 
genauer mit deutschen Dichtungen (Wolfdietrich , Gudrun) ausanunentreSea. 
Da nun Grondtvig***) und Boggef) nachgewiesen haben, daß in den vitci 
deutsche Sagenhelden (gegen Ps.) in deutscher (auneilen deutlich niedn" 
dentscher), nicht selten freilich sehr entstellter Nameusform vorkommen , so«ie 

•) VgL oben p. 81, Anm. •*. (••) VgL jeUt auch Sjmons, Germ. 28, t4A t] 
—] Z. B. p 645 Ul/ pon J<ern = Wolhart »on Garten. 

t) Z. B. p. bW OM*^iini = BBadegat, vielleicht 0(M=: Ecke (-wart), f.» 




LTTTERATUR; A. RA8Z1CANN, DIE NIFLUNGA8AGA ete. 85 

aach niederdeatBche Wörter*): so kommen sowohl Gnmdtrig (p. 676) und 
Bngge als auch Raszmann (p. 58), vielfach auch in Einzelheiten Gbereinstim- 
mend, zu dem gleichen Gesammtergebnisse , dem auch ich mich anschliesse, 
daßdieFolkeviser dir eet auf nie der deutsche**) Volkslied er snrnek- 
gehen, die auch rs. benutste — daher die Übereinstimmungen — und 
daß diese auch auf die Umgestaltung der färoischen Sage einwirkten (B. p. 59). 
Die Übereinstimmung der Viser mit S erklart sich aber aus Benutsung der 
Viser in S , worauf ich hier nicht weiter eingehen kann (s. B. p. 50. 54 ; 
Gnmdtrig a. a. 0.). — Wenn demnach die Folkeviser niederdeutsche Volks- 
lieder Toraussetsen f so fällt meines Eracbtens jeder Grund fort, gegen solche 
Lieder — auf welche doch die rs. ihrem Inhalte und ihren Namensformen nach 
sowie durch ausdrückliche Berufung hinweist — als Quellen derselben sich sa 
strSuben. 

Im sweiteu Haupttheil B.*s (»Die Quellen der NS. sind die nnserem 
NL. SU Grunde liegenden Sagen und Lieder" p. 60 ff.) yermag ich sunächst 
im ersten Abschnitte (Alter und Ursprung der Sagen u. s. w. p. 61 — 65) mich 
seinen Ausführungen nicht anzuschliessen , worauf einsugehen mich hier gar sa 
weit führen wurde. Ln folgenden Abschnitte (p.65 — 81) führt er aus, daß man 
eine norddeutsche und eine süddeutsche Sage xu unterscheiden habe. 
Aach nach meiner Ansicht gab es zwei yerschiedene Hauptgestaltungen der deut- 
schen Sage, und man wird auch die Hauptsüge derselben als norddeutsche und 
süddeutsche Sage bezeichnen dürfen; wie weit man aber berechtigt ist auch in 
Betreff der Einzelzüge scharf zwischen beiden zu scheiden , das ist eine andere 
Frage; wenigstens dürfen das Sigfridslied, der Anhang zum Heldenbueh und 
die Märchen nicht so ohne weiteres der „süddeutschen Formation'' zugerechnet 
werden. Entschieden aber muß ich die Ansicht zurückweisen, daß schon die 
nordische Sagengestalt eine von der hochdeutschen abweichende 
sächsische Sage darstelle, die als solche noch yöllig der alten Sage ent- 
spreche, während in Süddeutschland schon durch den Einfluß der geschicht- 
liehen Ereignisse die Sage umgestaltet worden. Die wie mir scheint festste- 
hende Annahme, daß Attila erst durch die Bnrgondenschlacht Ton 437 in die 
Nibelnngensage kam — indem in Folge derselben Bürgenden und mythische 
inbelnngen zosammengeworfen wurden — Torwirft er aus Gründen (p. 68 f.; 
72 Anm.)y die mich wenigstens nicht überzeugt haben; dagegen soll schon ein 
mjthischer «Hunnenkönig Azilo'' (p. 72) die Nibelungen in der Sage yemichtet 
haben und später mit dem historischen Attila zusammengeworfen sein. Die Einwan- 
demng der Sage nach dem Norden im 9. oder 10. Jahrb. hält er für er- 
wiesen (p. 69, 76). — Dabei ist mir aber zweierlei undenkbar: 1. Daß min- 
destens drei Jahrhunderte lang, nachdem die Bnrgondenschlacht und Attila's 
Tod auf die Sage in Süddeutscbland umgestaltend eingewirkt hatten, Nord- 
deotschland sich diesem Einflüsse sollte entzogen haben ; und 2. daß eine Sage 
▼on einem Hunnenkonig Attila = Etzel, der einen Bheinkonig Günther [den 
Brnder seiner Frau] yemichtete und von seiner Frau g^todtet wird, sich genau 
so in der Gkschiehte wiederholt haben sollte , iHUirend doch auch ohne mythi- 



*) Z. B. fordoim^ wutrtmindf Bngge p. 600. 

^ Anf dentsohe Dicbtong als die Quelle der Folkeriser weist bekanntlieh 
«aek die metrisehe Fonn dsrselben hin« 



iö LFTTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAOA eCe. 

sehen Attila eine der Geschichte entsprechende Umgestaltnng nnd Erweitening der 
Sage sich genügend erklärt. — Ich kann aher auch die Voranssetsongeii 
R/s hier nicht billigen. Zunächst halte ich trotz dem bei R. p. 76 Gesagten 
eine Beeinflussung der Sage durch die Geschichte der Chrodehild im 6. Jahrb. 
(s. Giesebrecht, t. d. Hagens Genn. II, 205 ff.) für kaum Ton der Hand zo 
weisen; sodann aber halte ich die erste Überführung der Sage nach dem 
Norden im 9. oder 10. Jahrhundert nicht nur für unerwiesen , sondern geradezu 
für unmöglich. Dies ergibt sich mir — auch abgesehen von der GeMshichte 
der Chrodehild und ihren Beziehungen zur Sage — aus folgenden ErwSguDgeD, 
bei denen ich mich freilich häufig nur andeutend verhalten kann. 

Die Eddalieder von Sigurd und den Niflnngen stehen unter sich nicht 
alle auf derselben Stufe der Sagenkenntniss , noch weniger mit der Prosa des 
Sammlers,*) was aus verschiedener Darstellung von Einzelheiten hervorgeht 
Unter den für uns wichtigen Liedern gehören zu den jüngeren namentlich 
Atlam41 und die erhaltene Bearbeitung der Atlakvida, beide in Stil und Vers- 
maß (die sich den skaldischen nähern) sehr verwandt, jedenfalls nicht ror 1000, 
aber auch wohl nicht viel später entstanden**); ferner Gudr. III und aodi 
wohl Gudr. I. Gudr. in, die Maurer mit gutem Grunde (Z. f. Phfl. II, 414) 
in*s 11. Jahrh. setzt — und wohl nicht gerade an das Ende dieses Jahrhunderts 
— kennt allein den Pjödrek und die Erlcja, den rjödrek sonst nur noch der 
Sammler.***) Das Verhältniss Gudruns zu Atli ist aber hier ein gans anderes 
als sonst in der nordischen Sage, viel freundlicher, liebevoller, und zwar, 
obgleich ihre Bruder durch Atli gefallen sind (5, 5 — 8 ***). Hier liegt ofien- 
bar Vermischung der älteren nordischen Auffiusung mit der jüngeren deutsehea 
vor (so auch Storm p. 87). Wir haben also keinen Grund, den Dietrich, der 
sonst nicht so völlig vergessen sein könnte, als der nordischen Sage orsprung^ 
lieh angehörend zu betrachten. Die Form Pjödrekr weistf) nur in's 9. oder 
höchstens 1 0. Jahrhundert hinab, da später, wie thatsächlich in Ps. und HÖgni- 
lied, die Form Pidrekr zu erwarten wäre. Auf erneute BerQhmng mit deut- 
scher Sage weisen nun auch Atlak. und Atlam. mit den Wörtern veibormn (voa 
Königspaar) Am. 20, 1; hodd Niflunga = Nibdunge hört Akv. 27, 3 ff); Bor- 
gundar Akv. 21, 3 (nur hier statt iVt/7ttn<;ar); ebenso scheinen die formelhaften 
Verbindungen Ätli inn riki {Etzele der rieht) Akv. 30, 1 und ffögni itm fitdad 
{Hagene der küene) Akv. 23, 4 auf Kenntniss späterer deutscher Volksdichtungen 
zu weisen. Auch die zweite Gattin Gunnars, Glaumvih', erinnert an die Ghma 
der hven*schen Chronik. Das erste Gudrunlied spielt bekanntlich auf Penonen 
und Ereignisse an , von denen die älteren Lieder nichts wissen, und das Ent- 
hüllen der Leiche Sigurds, um Gudruns Schmerz zu mildem, erinnert aelir aa 
das nochmalige Offnen des Sarges auf Krimhilds Verlangen, NL. 1068 f. 



*) Die ausdrücklich (hinter dem brotafSig,) sich auf die Aussage von Pjdm 
Mt meim beruft. 

**) Vgl Bugge, Z. f. d. Phil. VII. 39r), wozu auch noch andere Gründe komacB. 
***) Raszmanns Angabe, p. 44, daß auch Gudr. II den {^jodrek kenne, ist abo 
ungenau. — Gudr. III, 5. 7 ist mit Grundtvig u. A. hnökktu o. ähnl. zu lesen. 
t) S. Koch, Über die Sage von den Nibelungen (Grimma 1868). p. 26. 
tt) Ähnlich vennuihet Bugge (Z. f. d. PhiL VII, 388) in 9tnH% (Hamd. \%h) 
Bewahrung aus einem niederdeutschen Ermanrikliede. 



UTTKSATUR: A. BABZMANN, DIE NIFLUNaASAQA eto. g7 

Wir haben also Grand, in den jüngsten Heldenliedern der Edda emenette 
Berfihrung mit deatscber Sage nnd Dichtung anzunehmen, die etwa in*s 9. oder 
höchstens 10. Jahrhundert zu setzen wäre*); damals müßte die norddeutsche 
Sage schon die Verbindung der Nibelungen -Burgondensage mit der Dietricbs- 
sage gekannt haben. Es muß aber im Norden noch eine ältere Gestalt der 
^^^ gegeben haben, wie sie in den Liedern sich findet, die von Dietrich noch 
nichts wissen ; diese Gestalt der Sage muß aber wesentlich früher als jene nach 
dem Norden gekommen sein — doch wt>hl vor dem 9. Jahrhundert — und zwar, 
ehe die Verbindung der Dietrichsage mit der Nibelungensage aucb in Nord- 
deutschland sich vollzogen hatte. Andererseits: zu den Liedern der altem Sagen^ 
gestalt gehören auch Atlam&l und Atlakvida, die wohl dem 11. Jahrhundert 
angehören; ihrer Form nach aber stechen sie von anderen^ offenbar alterthüm- 
lieberen, so ab, daß jene mindestens in 's 10. Jahrhundert gesetzt werden müssen. 
Da letztere aber wieder mehrfach deutlich (z. B Sigkv. skamma) als Umarbei- 
tungen älterer Lieder sich erweisen, so können sie ihrer ersten Abfassung nach 
z. Th. nicht nach etwa 900 entstanden sein. In allen Liedern aber, auch den 
ältesten, finden wir eine Sagengestalt, die im Norden selbst eine eigenartige 
Entwickelung (namentlich hinsichtlich der Brjnhild, s. u.***) durchgemacht 
haben muß, welche mindestens ein Jahrhundert erfordert haben wird. Wir 
kommen also auch bei der knappesten Zeitberechnnng meiner Ansicht nach über 
den Ton Maurer als wahrscheinlich, von Raszmann aber als sicher hingestellten 
Zeitpunkt der ersten Einwanderung hinauf, und so wird es sich doch empfehlen, 
unter Berücksichtigung der Geschichte der Chrodehild bei dem alten, von Müllen- 
hof angenommenen**) Termin vor 600 zu bleiben. Dafür spricht auch noch fol- 
gende Erwägung: 

Der Hunnenkönig Atli des zweiten Theiles der Sage ist — wenn man 
nicht zu so gewagten Vermuthungen greifen will, wie R. (s. ob. p. 85 f.) thnt — 
unbedingt der geschichtliche Attila; die Einwanderung der Sage muß also nach 
der Verbindung der Burgondensage mit der Nibelungensage geschehen sein^ also 
frühestens um 500 etwa. Nun ist aber Atli noch ganz allein eingetreten, ohne 
Helche, Blödel, Dietrich^ Rüedeger u. s. w. Das deutet auf eine Zeit, da Attila 
noch nicht der Mittelpunkt eines Sagenkreises geworden und noch nicht mit der 
Dietrichsage in Verbindung getreten war, also auf die Zeit bald nach seinem 
Tode*'^); auch daraus, daß die nordische Sagengestalt noch gar nicht die 



*) VgL Maurer, Z. f. d. Phil II, 447 £ und das oben pag. 86 f. über pfMrekr 
Gesagte. 

**) Den Maurer a. a. O. 447 Übrigens gar nicht als unmöglich hinstellt. 
***) Übrigens haben wir auch keinen Gnmd für den ersten Theil der Sage in 
Detitschland einen mythischen Atli- Attila anzunehmen. Selbst wenn der AÜi Bud- 
l^ton, Bruder Biynhilds, ursprünglich ein anderer gewesen sein sollte, als der AtH 
des zweiten Theils (= Attila), so könnte diese Person doch erst im Norden erfunden 
sein, da nur dort durch die Spaltung in die Valkyrje Sigrdrffa und die Königstoehter 
Brynliild das BedÜrfhiss nach einem menschlichen Vater und Bruder der Brjnhild her- 
Tortreten konnte [das KL. kennt noch keinen Vater der Brjnhild]. Daß in jener Spal- 
tung in zwei, spXter — ungeschickt genug ! — wiedenrereinigte Personen die nordische 
Sage niehi das Ursprttngliohe bewahrt haben kann, scheint mir auf der Hand zu liegen. 
Ebenso meine ich, daß Hagen (nicht Guthorm) ursprünglich der Mörder Siegfrieds war, 
sehen des zu Grunde liegenden Mjrthos wegen (s. u. 92 Anm.). Man wird also die 
nonüsehe Sagengestalt aoch nur mit ^manchem Vorbehalte als die älteste gelten 
lassen dürfen. 



gg UTTERATUB; A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAGA Mc. 

CoDsequemen aus der Verbindang mit der Burgondeiiiage gexogen tiM*), darf 
maa ichlicOen, daß die erste ÜberfQhniDg der Sage nach dem Norden an etMt 
Zeit stattfand, da die Terbiodung mit der Burgon den sage noch eine cefar n«ac 
und daher lose wHr. Aneh diei weist auf da« G. Jahrbandert Damit fUlt aber 
eine der weaentlichilen Vaiaueaetitingen BaEimannB. 

Von 81 ab sucht ß. oacbiuneiaen, daU in der ri. eine Vermischnaf 
der alten sächsischen Sagcngestalt mit der sü ddentac heu Sag* 
vorliege — »a« ich geme tagebe, wegen abweicbeDdet AnSäMong deraelbti 
Sagen momente in der Saga — unlieb wie in den faröiachen Liedern eioe 
Verfainilung DordUcher und deotscber Sage (R. p. 83); und dies ancbt er p. 81 
— 225 im Einzelnen za zeigen, indem er Cspilel für Capitel dniehgeht, wie 
e« Düriag gethao, aber in entgegengesetztem Sinne; dabei kommt Idder te 
erste Theil der Sage, weil ihn Döring «ehr knre behandelte, anch hier etwai 
kori fort. Ich kann dem Verf. hier nicht in allen Einzelheiten folgen, wada 
vielmehr onr Einiget herausgreifen , im Übrigen aber seine Beanltate ond mm 
Gründe gegen Döring von allgemeineren Gesichtspunkten ans betrkcbten. 

NS. 1 * ist, wie erwähnt, anf der eiDgeschobeneo Lage von III geaebriebia. 
Uan wird aber, da C. 185 nicht ans VS. entlehnt sein kann (s. ob, p. 76 Anm.), 
anch die auffallende Berühmng von C. 166 mit VS. nicht auf Entlehnitng aaa 
dieuer Saga inrnckftthren dürfen, zumal die Worte oe er hann hyggr at »o4it m^ 
Vera in Fafn.'s Prosa, aber nicht in VS. sieh wiederfinden, und die awti 
Vögel der Sn. Edda entsprechen [in V6. and Reg. (?) sind es sechs], towk 
auch die Worte ]id man haim hafiia btti/tur titu genauer Fafn. 33, 7 f . ati der V3. 
Es maß also hier wie sonst (s. u.) die wortliche Berühmng der Ps. mit des 
nordischen Dantelinngcn sich erklären aus übereinstimmender BewabrtiDg da 
(wie unsere Slgfridsmärchen zeigen) sehr weientlicben Sagenzngea Tom Ei«- 
tanchen des Fingers. Die Ubereicstimmatig des Sigfridsliedes und maneber 
Härcfaenznge mit NS. 1 *, überhaupt das gleiche Hervortreten dentscher QncUea 
wie in NS. 1 " und ' (e. n. p. 94 f.) beweist. daC auch hier dieselbe Qaell«i 
olmlich niederdeutsche Sage, zn Gründe liegt**). Die Darstellung der Ps. na 
Sigurds Geburt halte ich für die verbal tniBsraässig nrsprünglichste, 
mich anf Sigfridslied (vgl. B. p, 90) nud die Härcben berufe***). 

Wenn R. p. 94 meint, daH in NS, 1° lacrst wortliche BerSht 
mit NL. sich finden, so ist er im Irrthiun, denn schon in NS, 1 



C. 228r hon teer, sitt bellti ... 


= NL. 636: dö greif nAeh ili 


ocbindrfoetrbansocsnAhendr 


gürtel diu barllehe meit. . . CfiS 


oe nii festir hon bann npp i 


die fäeze unt onch dieken 


.L nagla [med f6luai oc hondno) .M] 


si im zesamne bant, si traoe 


oc t>ar er hannniliga tildags. 


zeinem nagele nnt hiene in 


Oe pk er at lf<tr deginam, 


die want. (639, 2) dort mno 




er allei hangen die naht o 




an den tac, onz der liek 




morgen darch diu venster sehe 



r Ps. TO 
wofBr k^^ 

^ 7H 



*) Also die Ki&mige (ansser einmat in Akv) ciemsls Rar^cden heißea, Wsiai 
niemals (^enaont wird; Giselbsr unbekacnl ist. a. s. w. 

'*} Ancb im Stil scheint NS. 1,' mit d«n übrigsn Theilen d»r NS. (nnd [>•. Ob«- 

hanpt) wesoitiich nbereinzoslimmen, «oranf ich hier aber nicht weiter «ngehea kaam- 

*"*) ABdem Orte* gedenke ioh das weiter anscofOhren. 



UTTEBATÜB: A. SASZMAMN, DIB ÜÜFLUMOASAGA ete. 



89 



|>4 IcBsir hon hann 

oe ferr hann f sfna hvfla oc 

liggr )>ar, ))ar til er 

menn hans ganga f gegn honam 
oe uA er Gannarr koonngr all6k4tr 
• . .oe )>egar er pfi*) er bmgdit^ pk 

er hon ecki stercari en adrar 

konar. 

999: |>4 tekr hann af hennar 
hendi .1. fingrgnll. 



(642) Dd ld8te si inbalde... 
wider an das bette er sao der 
rronwen g i e. er leite sich sd Terre ete. 

(643) Do kom onch ir gesinde. . • 
647, 4: man sach in trdrende stin. 
681, 4: hei! was ir von der minne ir 

yil grdsen krefte entweich! (682,1) 
done was onch si niht sterker 
danne ein ander wfp. 
679: er sdcb ir ab der hende 
ein galdfn ringerlfn. 



Bei NSy 1 * merkt R« p. 97 — 102 die auffallenden wörtlichen Beruhrangen 
an, weist aber mit Recht darauf hin, daß sie nur Hauptsüge der Sage be- 
treffen , während die NebensQge wesentlich abweichen» manches aber in der 
Saga ursprünglicher erscheint. 

Der s weite Theil der Sage (NS. 2) wird nun p. 103 — 220 sehr ein- 
gehend behandelt und mit steter Vergleichung der Ansichten Dörings. Das 
Ergebniss dieser längeren Untersuchung fasse ich, indem ich auch NS. 1 hin- 
sosiehe, in Folgendem susammen: 

In N8. 1 überwiegen die wesentlichen Abweichungen die Über- 
einstimmungen weit. Völlig fehlt der Traum Kriemhilds, Sigfrids erstes 
Auftreten in Worms, seine Liebe su Kriemhild, der Sachsenkrieg und was damit 
snsammenhäng^. Was wir über Sigfrids Jugend im NL. erfahren, stimmt in 
der Hauptsache nicht mit rs. überein , s. B. das Verhältniss su seinem Vater. 
Sodann fehlt in NS» 1 jegliche Besiehung auf den Hort, der doch am Schlüsse 
des ersten Haupttheils im NL. noch eine so bedeutende Rolle spielt Sig- 
fnd bleibt [s=b N*^)] nach seiner Vermählung in Worms; demnach fehlt 
alles, was NL. von Sigfrids Heimkehr nach Santen und seinem Leben dort 
ersShlt, sowie Ton der Einladung nach Worms, die an ihn ergeht. Die 
Brmutfahrt nach SsBgard geschieht su Lande (=N), nachdem Sigurd mit 
GrimUU Termählt ist; Sigurd selbst hat sur Werbung um Brjnhild 
geratSini. Seine erste Begegnung mit Brjnhiid fehlt dem NL., wenn das- 
sdbe auch mehrfsch noch eine dunkle Erinnerung an dieselbe Terräth. — Da 
bleibt als gemeinsam und einigermassen übereinstimmend ersählt nur übrig: 
die Tbatsaehe der Brautfahrt Günthers mit Sigfrids (und Hagens) Hülfe; die 
Vermihlung Günthers mit Brynhild und ihre nächtliche Beswingung durch Sig- 
frid — diese mit wörtlichen Berührungen ; der Zank der Königinnen und Sigfnds 
Tod — beide mit manchen wörtlichen Übereinstimmungen. In der That sehr 
wenig! und Ton dem wenigen wird noch ein Theil durch die Übereinstimmung 
aueh mit N der Beweiskraft beraubt. 

InNS. 3 finden sich yerh ältnißmässig mehr Übereinstimmungen. 
Dieser Theil bildet in Ps. eine snsammenhängende Erzählung und ist in M (mit 
Ausnahme des Schlußcapitels) tod Nr. V geschrieben. Hier fehlt gegenüber dem 
NL. die Werbung durch Rüedeger, wogegen sie in rs. durch Osid yoUfÜhrt, 



^ Es handelt sieh um den wn^döwur, 
•*) So bsMiebne ioh yon jetst ab die nordische Bagen^^iMLt^ 



90 LITTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLÜNGA&AGA etc. 

aber Tiel kOrzer und vielfach abweichend erzählt wird. *) Attila holt selbst icbe 
Brant und vermählt sich mit ihr in Worms, wodurch Kriemhilds Braotreise, die 
Vermählung in Wien , der Empfan^^^ im Hunnenlande natürlich fortfallen. Du 
Abenteuer mit Gelphrat und Else, sowie der Aufenthalt in Passau fehlen, ebemo 
Kirchgang und Turnier in Etzeinburc, wogegen Ps. einen Spasiergang der 
Niflunge durch die Stadt bietet. Grimhilds Aufreizung zum Kampfe bleibt auch 
bei Blodiin ohne Erfolg. Vielmehr wird der Kampf durch Grimhilds Anfirozuf 
ihres Sohnes veranlaßt, ein Zug, der durch NL- *B und Anh. zu HB als der 
deutschen Sage angehörig bestätigt wird. Der Kampf selbst ist mit An- 
nahme des Einzelkampfes zwischen Irung und Hngen völlig abweichend ge 
schildert. Rodingeirs Eingreifen wird durch Blodlins Fall herbeigeführt, nicht 
durch Grimhilds Mahnung — von Rüedegers Seelenkampfe keine Spur! Dietrich 
tritt gleich selbst in den Kampf ein — nichts von den Einzelkimpfen der 
Amelungen **). Giselher (nicht Günther, der gleich im Anfange gefiuigen wird 
und im Schlangenthurme stirbt = N) überlebt mit Högni die übrigen. Hogni 
überlebt selbst Grimhild, die durch Dietrich (nicht Hildebrand) fiUh: 
der Hort spielt auch hier am Schlüsse gar nicht die Rolle wie im NL. =: N. 
Grimhilds Grausamkeit gegen ihre gefallenen jungen Brüder entspricht aaek gsr 
nicht dem NL. — Einigermassen übereinstimmend berichten Ps. md NL 
also in NS. 2* nur , daß Etzel durch einen Boten um Kriemhild werben Ufit 
— dabei einige wenige wörtliche Berührungen — und sich mit ihr TermiUt; 
in NS. 2^ : die Einladung der Brüder durch Kriemhild zu dem Zwecke, an thaes 
ohne Wissen Et zels Rache zu nehmen ; die Verhandlungen darüber in Wonna — 
mit wenigen einigermassen wörtlichen Berührungen; die Fahrt und auf deraelbei 
die Abenteuer mit den Meerfrauen und dem Fährmanne nebst der B egegnesg 
mit Eckewart***); der Empfang in Bechelaren und Giselhers Verlobung, die doch 
ganz anders eingeleitet wird; der Empfang von Seiten Etsels und Kriemhildi, 
und Dietrichs Warnung — beides z. Th. mit wörtlichen Übereinstimmungen ; 
femer Kriemhilds Versuche den Kampf zu beginnen ; Hagens Kampf mit IriBg; 
Rüedegers Tod durch das von ihm selbst geschenkte Schwert, aber von Gisel- 
hers Hand in r s. ; Dietrich tritt in den Kampf pin, um Rüedeger zu ridiei 
und bezwingt Hagen (durch seinen Fenerathem in rs., während Giadher direh 
ISldebrand fallt). — Das ist in der That nicht viel mehr als die Ormidiigf 
und einige Haupteinzelzüge der Sage. 

Was aber fehlt, scheint nicht etwa zufällig ausgelassen; dem gende 
alle jüngeren und ausgeprägt spielmannsmässigen Episoden fehlen : der Sachiwi- 
krieg mit dem, was demselben vorangeht und folgt, die Kampfepiele (T)» ^ 
frids Fahrt nach Nibelungenland von Island aus, die Scenen, in denen Voftff 
hervortritt und namentlich als Spielmann gepriesen wird, das Anfbeten Duit- 
warts, Geres, Imvrids; femer wäre es doch merkwürdiger Zufall, daß der Sigt- 
schreiber gerade, wo zwei Scenen in innerem Zusammenhange stehen, beide 
vergessen haben sollte, wie Rüedegers Werbung und Kriemhilds Mahnong ib 
seinen Eid (vgl. Wilmanns, Beiträge zur Erklärung etc. des NL.'s, p. 17), d« 

*) Högni unterstützt die Werhung; Grimhild willigt gleieb ein «.••«• 
**) Einige der Amelungen wie Wolf hart und Helferich, die die Saga bei Grot* 
Sport fallen ließ, mußten freilich fehlen. 

***) Hier finden sich viele wörtliche Übereinstimmungen, aber offeabar n^ 
auch Liedquellen benutzt, wo im NL nichts entspricht (s. ob. p. 78). 



lilTTESATUR: A. RA8ZMANN, DIE NIFLUNGA8AQA etc. 



91 



Sacluenkrieg und die erlogene Kriegserklärnng Tor Sigfrids Tode. Vielmehr ist 
es hdehst wahrscheinlich, daß die Qaelle der rs. alle jene Episoden und Per- 
sonen noch nicht kannte. 

Andererseits hetreffen die ÜbereinstimmnDgen zwischen rs. und N. vor- 
mgsweise die offenbar alten und niemals die sicher jungen, speciell -nordischen 
SagensGge. Das wäre aber auffallend, wenn der Sagaschreiber wirklich aus 
Edda oder VS. geschöpft hätte: ältere echte und jüngere nordische Sagensüge 
konnte man um 1250 doch nicht mehr unterscheiden. Daß aber in der That 
vieles der Übereinstimmungen zwischen rs. und N. auf übereinstimmender Be- 
Wahrung der alten Überlieferung beruht, beweisen die Stellen, wo auch NL. 
zur rs. und N. stimmt, z. B. 



N. 

V8. 147, 12. pk ▼serir 
|>d Titrari ef pd 
}>egdir en lastadir 
mann minn. 

er }>at allra manna m41, 
at engl hafi slikr komit 
£ reroldina fyrir 
hversTetna sa- 
kir*)^ ok eigi samir 
|>^r Tel at lasta 
hanny 

))Tfat kann er Jitnn 
frumverr 

ok 14 hj& \y4r ok tok af 
hendi per hringitin^ 
Andraranaut 

ok mdttu kann nü kenna. 
Brynihüdr scfr nd penna 
kring ok kennir*^ pk 
I51nar hon sem hon 
dand TSBri . . .ok maslH 
ord. 



s. 



AkT.3:^f mikhingat 
undi • . • at lidja ykkvy 
GurmarTf at it d bekk 
koemid • . . at scekja 
heim Ätla, 



C. 343, p. 298, 9 ff.: 
l>ui bregdr ])ü nü mdr, 
er ek hugdi at mdr 
skjlldi at Vera vsegr 
oc s6mi. 

s& ma<f r, er pinn meyddm 
tök fyi'sta »inn hceitir 
Sigurdravseinn . . . ])at 

skyt ek her tW pessa 

fingrguUa er kann iök 
af p6r^ er kann hafdi 
tcehit ptnn meydöm» 

Oc nü er Brynhildr sir 
Peita guU, pd kennir 
hon, at hon hsefir &tt . . . 
henner likame er nu 
sy4 raudr sem nydreyrt 
bl6d. oc nÄ pegir hon 
oc malir eckt ord, 

C. 360. AUila k. aendir 
kvedio Ghmnari k. Vor 
yilivm ydr biöda heim 
Hl veidu oc yinattu i vdrt 
land. 



NL. 

839. kundestu noch 
geswigen^dazwserc 
dir guot (849: du 
möhtes wol gedaget hän , 
unt wsßre dir ^re liep). 

815. ich hftn einen mann, 
daz elliu disiu rtche 
zuo sinen banden solden 
st&n. (819) an yil 
manegen dingen 
ist sin 6re grdz. 839: 
wie möhte mannes 
kebse immer wer- 
den küneges wtp? 
840 : den dtnen schoenen 
Up minnete Srste Sivrit. 
847 : ich erziugez 
mit dem golde . . . daz 
br&hte mir min yriedel^ 
dö er drste bü tu Ute. 

850. do den gesach vrou 
Prünhüt^ 

weinen si began. 



1440. dir enbiutet .. die- 
nest der herre min . . . 
her in ditze lant. 
1447^ 3: unt ze yor- 
derst dem kUnige sin 



*) VS. 162, 11 ff. beinahe wOrtlich wiederholt == 1>8. p. 302, 19 ff. 
«•) = {»8. C. 229 = NL. 679 (s. ob. p. 89). 



UTTEEATUB: A. RA8ZMAN11, DIE NIFLUMGA8ASA etc. 







•dir her gtta^ 4at Ir 






gernocheiriiMHidM 






£C<i«I«n !«(. 


m. 3G: nfa nimu Hki 


C. 3Ö0. Bögm rar rod 


1564. mit »agm to* 


...brogduekheidrrei- 


imJrii, Bt i eiaum rem 


RctWm k«rta « fa 


dir ... hömlar aait- 


bryfr h&OD «undr idifar 


gut,iuixiarftei(iAi 




äramar ok kf keipana 


ruo./«- in ttaer knii 




(We p. 313, 3). 


bTtUf. 



Uui kÖDnte noch andere Stellen, t. B. Äkr. 12 = Pa. C. S«S, S = 
NL. 1531 (R. p. 131) und Akv. 40 = ^>. C. 360 = NL. 20S5. SISO 
(B. p. 192), herbebdeken ; doch teigt achoo die Vergleichtuig der 
andergeBtellten Stellen. daQ wir e* hier mit drei selbständig) 
derselben Sage eu thnn häbeu. Denn die angefahrten and andere Ubereintti» 
moDgeo TOD Pa. ^ N., wo NL. völlig abweicht, gisd niehr Anklänge und Berik- 
rongen, die unf gemeinsame Grandsage znrnckweisen , als genaae Ubereioitia- 
mnngen, die auf Eotleboutig lurÜckEuführen wären. — Auch wo die P& m 
der Auffassung der Charaktere and in durchgehenden Grundlagen vom HL. 
abweicht, steht hänfig N- lor Pa. , so darin, daß die Bbeinköuige NtSlIpI 
faeiHen (auch im NL. II), daß Högni Bruder der Könige ist*), wie aneh Mii 
Charakter lange nicht so rauh und edler als im NL. erscheint (K. p. M) 
und demgemäÜ Grimhilds Rache sich keineswegs nur auf Ihn richtet, er oA 
die Schwester schließlich überlebt. 

Es ist nun noch ein Umstand £U berücksichtigen, den R. erwähot, sborridi 
genügend betont hat: die eiuEelnen Abschnitte, die wir unter dem NMiua WL 
lusammenfassen, weichen in vielen Eiozelheiten von einander ab, nnd xwmr iM 
diese Widersprüche mindestens ebenso bedeutend wie die im NL., tto maa (ab 
icb meine, mit Recht) Benatzong verschiedener Lieder (mit theälweiae alk 
weichender DaistelluDg) seitens des Dichters daraus folgert. NS. 1 * «ai 
gelegentlich Sigurds ersten Besuches bei BrTDhild nichts von einer Tolt- 
bnng, NS. 1 '' aber setzt einen Verlobungscid voraus; in 1 * lÖdMt S- 
gurd die Schlange Begin, ohne daß wir vom Erwerb des Hortea etwM •■ 
&breo , den er dadnrch gewinnt : in 3, * weiß Attila aber, daß Signrd dvA 
die Tödtung des Drachen einen großen Hort ernorben habej 1 * ordUl 
nichts vou der Wegnahme des Hortes durch Högni, gleichwohl weist S ^ dmrf 
hin (308, 15); 1 * spricht Dicht von der Hornhaut (doch vom B^traid« 
mit Seh langen blut) : 1 ' kennt in Cap. 342 (das überhaupt wie von mmb 
anhebt und schon erzähltes noch einmal kurz erwähnt) die Borohant; in 9 * 
spricht Högni für Grimhilds Vermählung mit Attila und zeigt sich ihr wit 
gesinnt-, in 2 ^ erscheint er wie im NL., indem er vor der Fahrt in* Hni^ 
land uud vor Grimhilds Rache warnt (R p. 110 f.); Giselher triH ent inS* 
hervor, aach Gemox erscheint erst dort bedeutender. Diese Widew pi ttd^ 
deren sich wohl noch mehrere anführen ließen, erklären sich schwerlich dm^ 
daß die einzelnen Stücke von verschiedenen Schreibern geschrieben sind; tea 
1 * und " [und 3] sind von III , 1 ' und S von IV und V im Aitftnga TC» 

*) Worin ich unler Berttcksichtigung des Mythos, wie er auch in dso Miiitw 
foitlebt (■. ob. p. 88, Anm. ***], die ältere anch für DeuucbUnd durch 8 
ond Anh. ■. HB. beglaubigte Auffassung sehe. 



LITTERATUB-. A. RASZMANN, DIE NIFLÜNGASAQA etc. 93 

HI gMcbrieben, und twar entweder genan nach der Vorlage, oder (oacb StorniB 
tniprechenileT Vermuthnng, p. 101) nach IIl's Dictate — so dali auch fiir 
I * und 3 entweder die alte Vorlage oder III maGgebend gewesen lein mnÜ. 
Von den erwübnten WiderspTÜcben werden aUo wenigatena 4 |l * : 1 '' (S mal), 
2* : i*" [2 mal) nicht durch die Verschiedenheit der Schreiber erklärt, ebeoac 
■cbwerlich 1 ' ; S"" (1 mal) und würde böchstenB iiner 1 * : X" übrig bleiben. 
Ein Widerspruch ist noch besonders zu emäbneD: in N3. 3 (Attila und Aldrian) 
erscheint Attita begierig nach dem Niflun gen h orte , und da ihn dcawegeii 
<Iie entaprechende Strafe für deu Tod der Niflunge IriiFt, muß die hier zu 
Grande liegcDde Quelle ihren Tod Atttla'a Habgier zugeecbrieben haben. Wir 
werden wohl nicht irren, wenn wir annehmen, daß die speci eil- deutsche Gestalt 
der Sage sich aus der ültereu (^= N.) darch eine Ubergangaatufe entwiclielte , 
wo Kriemhild zwar schon den Tod der Brüder veranlagte, aber Et^eln durch 
Erregung seiner Habgier als Werkzeug benutzte, so daß die Ruche auch Atli*) 
triSi. Diese Übergangsstufe mag auch uoch darin eine Spur**) in Pa. hia- 
terUseen haben, daß in Pa. Grimbild zweimal Attila durch Erregung seines 
Veilangena nach dem Horte zur Vernichtung ihrer Brüder zu bestimuieu sucht 
— freilich, der in Pa. herrschenden jüngeren Auffassung gemäß, umsonst. — 
Über N8. 3 handelt B. p. 220 — 225, Ich biu aber nach dem Gesagten mit 
ihm nicht ei nr erstanden, wenn er die Erzählung von Aldrians Rache für „eiDen 
tpäteren" [eigeatbümlich säehsiscben] „Auswuchs der Sago" hält. Der Schluß 
der Klage, verglichen mit Gr. Myth. 908, und Or. HS. 284, sowie das Mär- 
chen Tom Simeliberg (Gtimm Nr. 142, wo einer aus Habgier in einen mit Gold 
gefüllten Berg, den sein Bruder ihm gezeigt, eindringt, aber nicht wieder her- 
auskann und darin umkommt) sprechen dafür, daß dieser (auch im HögnÜieda 
und der Hven'scben Chronik sich findende) Zug***), einer alten gemeindent- 
ichen, aber im Süden fast verschollenen Sagengeatalt angeharte. 

Die Ansicht, dalS in Ps. niederdeutsche Lieder benutzt sind, wird dadurch 
beatätigt, daO manche Stellen sich dnrcb poetische Sprache und Schwung der 
Dantellnng merkwürdig von dem trockenen Ton der Saga abhebent) und noch 
die m Grunde Hegenden Verse durchblicken lassen — z. Th. mit ausdrücklicher 
Berufung auf deutsche Lieder — ohne daß das NL. zur Seite stände, so z. B. 
C. 387 Ende, 388 Ende (R. p. 2111, C. 389, 5 ff'. — hier mit Berufung aof 
d«ut»cbe Lieder; C. 367 (besonders AB, s. ob. p. 78). Das 'Singen der 
Schwerter geht gewiß auf poetische Quellen — und datin doch wohl auf 
deatache Lieder — zurücktt); beispielshalbur setze ich hierher p. 317, 2 v, n.: 
Drctiting Grimhilldr slendr i einum (um oc sir for hraira tinna (formelhaft, 
R. p. 163), 317, 1 V. u, : ?fti »er hmi par margan nyjan ikioltd [oc fagran 
ijiUm AB) oc marga hvila brynio, oa margan dyrligtm dreng (formelhaft s. n.). 
818, S: Ali er peCla td yrmna temar fagrt (poetische Quelle), nii fara mwm- 



1 

I 



I 



*) Mit Kriemhild im HSgnilied, Kriemhild allein (da Atli ihr fehlt) in der 
Bven'sehen Chronik. 

••) Vgl. auch ob. p. 78, Anm. 
***) Vgl. auch den ShnlicheQ Zug in den jungen Atlamil 54. 

t) lu NS„ aber auch sonst (i. B. von RUckert, Kother XVllI) bemerkt, 
t+j Indes kommt die Wsndong auch in nordischer Dichtung vor, s. Cl.-V, 
US. findet sich Bemfong auf deuiicba Lieder noch C. 353; 433 a. a. 
lOS f.). 



J 



94 LTTTERATUB: A. BASZMANN, DIE mFLUNQASAOA ote. 

hrwär med margan nyjan $hioüd oc marga kvita brynio (woitlieh = NL 
*B 1717, 2 ff.)* oc nü minnvmc ek^ hversu mik harma en ttöro sdr Sigmriar 
tveins (fonnelhaft = 318, 26 = NL. 1523, 4). — Ferner die BenatEiuig deift- 
scher Tom NL. abweichender Quellen (wenn anch nicht nothwendi^ poetiacha) 
beweisen die Übereinstimmungen mit dem Sigfridsliede , Anh. s. HB., Ifir- 
chcn u. 8. w., in einzelnen Zügen , wo NL. abweicht: H5gm ist Br«der 4a 
Könige (Sigfrl., HB., Märchen); Dietrich schlägt Kriemhild in der Mitte 
durch (HB.; XL., Hs. b); die Aufopferung des eigenen Sohnes dareib Kiiai> 
hild (HB.; NL., *B); die Entgegensendung des warnenden Boten (C. 371 = 
NL.^ Hs. b, s. R. p. 160) u. s. w. — Aber auch, wo wir keinen Saßen An- 
halt haben, tragen Züge der Fs., die NL. nicht kennt oder abweichend cniUli 
das Gepräge der Echtheit, indem sie hfibsch und sagennußig sind. lek notieR 
nur beispielsweise, daß Sigurds Tod auf einen Eber statt auf die sd bd cto » 
geschoben wird (R. p. 102 = Holtsmann, Unters, p. 176); abgesehen daf«% 
daß jenes hübscher ist, hätte Sig^d, den selbst ein Held wie fibgen nur mä 
Anwendung ärgster Hinteriist tödten kann, die tehdchasre im wiidem tarn gevift 
nicht XU fürchten gehabt; daß Giselher, den die Mutter znrficklialten wiD, er- 
klärt , er wolle nicht daheim bleiben, wenn seine Brüder fahren (R. p. 129) 
und daß derselbe, da Hagen um Schonung für ihn bittet, erklärt (R. p. 214 1), 
er wolle nicht allein nach seinen Brüdern leben (Tgl. Klage 1304X vnd (ss 
derselben Stelle) daran gemahnt, daß er ein kleiner Knabe gewesen, da 8ig^ 
firid erschlagen*); — daß Bodingeir Yon der Hand Giselhers, seines Sehwie- 
gersohnes, fallt, durch das Schwert, welches er ihm selbst g ese h n a kt (B. 
p* 156 f.); — daß Grimhild den Dietrich durch das Verspreehen wa gewincs 
sucht, ihm wieder in sein Reich su helfen (R. p. 176) n. s. w. Anch & 
sieben Jahre zwischen Grimhilds Vermählung mit Attila und dem Untetgaas? 
der Niflunge stimmen besser mit den sonstigen Angaben der Sage libereia ab 
die zwölf Jahre des NL.'s^), wie R p. 116 f. ausführt; ebenso die Be- 
schreibung Hognis (R 174); richtiger ist die Angabe der Saga {BS^ slift 
Aldritm) C. 375 (R 173). Femer gehören u. a. auch hierher die tob B. 
p. 95, 11 ff.; 152, 12 C*^); 185, 4; 207, 1^7 ▼. u., besprochenen Zige. 

Anch ist zu beachten, was ich meinerseits hinsufiigen mSehte, daß in te 
Partien, die Tom NL. abweichen, die Saga nicht selten deatsehe WSrter 
hat, so abgesehen von den ständig wiederkehrenden Beiwörtern 
meutari (= Waffenmeister), z. B. *linnormr (Lindwurm) p. 167, 20 "f*), 
ormr, daneben auch dreki (308, 21), was in diesem Zusammenhange 
wohl auf deutsche Quelle weist; *^^r-po^<r (Glas-pott), dafür später fier-ft er 
(162, 1 u. ö.); grata sdrlega 316, 9 ▼. u.; 318, 24; 327, 7 n. 5. ist d» 
deutsche sire weinen (wo lere noch nicht die Tcrblaßte Bedeutnng hat); rfUr 
(auch sonst zuweilen im Nordischen, = disch) 323, 9 t. q.; bamm 397, Sl; 
*viwndr p. 301, 7. 9. ▼. u. das mehrfache Henrorheben der Strafe des Hai^gcai 
(*161, 9; *163, 2, auch sonst oft in I^s.); Mtmile-braud p. 358, 22; ocstasr 
oc gratr 299, 7 (= 266, 12. 27; 267, 4); vallari 299, 22; kempa (statt Jaoffp» 



*) Worte, die das NL. 1934, 3 auf Dsncwart übertragen hat. 
) ^Sl- ^* P* 95 das über die formelhaften Zahlen gesagte. 
***) C. 369, 16 ff. = ML. 1168 ff. in anderem Zusammenhange; C. 8t9, • £ ttL 
4ut C. 36S, 4 ff CC. 372, 2 ff. u. 0.) und C. 308 Ende. 

t) Die mit *) beseichneten Wörter stehen in MS. 1% 



UTTERATUB: A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAGA eto. 95 

-— von den üblicheren stolZf juncherre, juncfru^ riddari u. s. w. gar nicht zn 
reden. Vielleicht gehören noch Und (^'165, 4; 298, 7) VLndfingrguU {=vingerlhi 
210y 5 ▼. n.; so auch in Osvaldssaga) hierher, skarpr, als episches Beiwort des 
Schwertes (vgl. Genn. XlXj 321) u. dgl.*) Ebenso finden sich in der Saga» 
auch wo sie Tom NL. abweicht^ die in der deutschen**) Yolksdichtang üblichen 
formelhaften Zahlen, z. B. 3:3 Tage und Nächte 314, 2; 3 Nächte 210, 3 
30 hundert »160, 21; — 7:7 Nächte 333, 7; 7 Tage und Nächte 211, 1 
7 Tage *159, 19; 7 Wächter *169, 13; 7 Winter 308, 8; 7 hundert 328, 1 
70 hundert ♦IGO, 22; —9:9 Tage »167, 16; 9 Winter *165, 11; *166, 3 
— 1» : 12 Monate *160, 7; *166, 7; 12 Männer ♦l68, 22; ♦l70, ö. Irung 
und seine Söhne sind zusammen 12 (*170, 12***). 

Dies alles weist darauf hin^ daß auch an den vom NL. abweichenden 
Stellen die NS« auf deutschen, und zwar niederdeutschen, Quellen beruht. 
Das Wahrscheinlichste ist also meiner Ansicht nach , daß dies auch von den 
andern Stücken gilt, wo Ps. = NL«, da ja auch in diesem das Meiste ab- 
weicht und das Übereinstimmende, z. Th. auch mit N. stimmend, Hauptsüge 
oder wichtige Einzelheiten betrifft, also sehr wohl aus übereinstimmender Be- 
mhmng des alten Sagenstoffes sich erklären läßt. 

Dem gegenüber leidet Dörings Ansicht an den größten Unwahrscheinlich- 
keiften. Wie sollte ein Mann, der nach jener Ansicht mit den Mittheilungen 
seiner Gewährsmänner so unglaublich willkürlich Terfnhr, der alles aufs Gröbste 
dnrehdnandergeworfen und mißverstanden haben müßte, mehrfach doch den 
Text seiner ihm durch mündlichen Bericht übermittelten Quelle so genau be- 
wahrt haben, daß man sogar in den kleinsten Einzelheiten noch die Hand- 
sehriftengruppe erkennen könnte, der seine Gewährsmänner folgten? Ein selt- 
sames Gkdächtniß in der That, das ihm in den gleichgültigsten Kleinigkeiten 
so treu beistand, bei wesentlichen Dingen aber ihn so völlig im Stiche ließ, 
daß er s. B. die ganze Kampfscene — auf die es ihm doch besonders ankommen 
motte — bis zur Unkennlichkeit entstellte ; daß er die schönsten Stellen ohne 



*) Ausser der NS. hat die ps. z. B. [orlof (nrlonp) 38, 2 v. u.] L&ruvald 
(ob. p. 88); itarmr (= Kampf) p. 283, 20; skaktnadr 358, 10. 18. 18 u. s. w. (vgl. 
ob. p. 79). 

**) In nordischer Prosa in diesem Umfange meines Wissens nur da, wo deut- 
sche Quellen zu Grunde liegen, z. B. in der Osvaldssaga (vgl. Annsier 1854, p. 20). 
•^ Dagegen 5 : 6 Tage *lb9, 15; 208, 16 (A : 7); 10 : 10 Winter »löS, 5. — 
In anderen Theilen der J^s. finden sich ebenso formelhafte Zahlen, s. B. 3:3 Tage und 
Näehte 283, 10; 3 Monate 17, 22; 3 mal 43, 1; 3 Schiffe 249, 12; 3 Könige 17, 24; 
3 tausend ESnber 353, 13; 3 junge Drachen 853, 7; 30 Ritter 218,4 v. u.~6:6 Ritter 
16,21; 70,10 v.u. 248, 16; 6 Wochen 365, 22; 6 tausend Ritter 283,25. 34; 60 Ritter 
116, 26; 235, 9; 253, 6; 256, 14; 60 Maide 16, 25; 60 Habichte und 60 Hunde 16, 
28; 2 mal 6 Mönche 215, 11—7:7 Winter alt 220,4 v. u.; 7 Winter lang 220, 7 v. u.; 

7 Wunden 198, 11; 7 Tage 62, 7; 65, 4; 7 Ritter 340, 15; 7 tausend (daneben aber 

8 und 18) 869, 84; 7 hnndert 348, 4 v. u. — 9 : 9 Winter 350, 8; 9 Ritter 340, 16. 

— 12:12 Winter alt 24, 2; 25, 8; 21, 1 v. u. 20, 7; 15, 2; 19, 1 v. u.; 220, 7 v. u.; 
12 Burgen 16, 6; 219, 23; 220, 7 v. u. ; 238, 7; 253, 18; 12 Grafen 215, 10; 12 Mönche 
216, 11; 12 Jarle 215, 14; 12 Männer 21, 16; 34, 7; 255, 10 v. u.; 196, 12; 221, 28. 

— 16 : 16 MSnner 342, 4.— 17: 17 Winter 25, 8; 17 Uusend 283, 11. — 24 : 24 Ritter 
214, 5. — 32:32 Winter 386, 6; 32 Mann 842, 3; 32 Ritter 338, 7. 1 v. u. — 
Andererseits auch 3:5 Tage 207, 13; 5 tausend 283, 29; 5 Zähne 256, 9. — 
10: 10 Uusend 17, 7 v. u.; 10 oder 12 (224, 4); 10 Mann 227, 7. — 13 : 15 Wintac 
alt 86, 1 T. u. — 21 : 20 Wmter 277, 16; 284, 9 t. u.; 15, 7 t. u« 



96 LITTEBA.TUB: A. RA6ZUANN, DIE NIFLUNGASAOA et«. 

weiteres fortlieas — and merkwürdiger Weise gerade die Epii«4t% 

die wir für jüngeres Sagen gut oder gar fQr EigenlliBai 4h 

Nibeluugendichters tuklten müiBen! Wie konnte er den ScAsUaka^ 

Eüedegera, das Schwanken Krieinhilda bei Etiels Werbung, die NMbtmckt 

üageni nnd Volkers, den Fall der Ametnngen and Dietrichs Schmen dnAs, 

sowie vieles andere so völlig übergeben? Wie konnte er den feiiieB Zwg te 

Liebe Kriembilds la ihrem jüngsten Bruder — die als lebte Re^aag te 

Henschltcbkeit bei Rriemhild au« Strömen vod Blut noch rä 

so völlig vergessen , daG er sie den halbtodten Giselber di 

den Hond stossen läßt? Und solcher verwunderter Fragen kSnals i 

gar viele tbun. — Und wenn er nnti wirklich so stumpfsinnig nnd |^ 

los war , wie können dann nlle die hübsehen Einseltüge (■. ob. p, tQ 

von ibm herrühren, die dem NL. fremd sind? Kurz, die Annahme, daAdMlL 

Quelle der MS. war, ßhrt lU den grö&ten Widenprücheo nud UnwftbacUl- 

lieh keilen. 

Und wie soll man sich das Qberfaaupt denken? Soll das hochdents^iliL 
(s.ob.p. 61 f.) in Nied erden tscbl and so schnell populär geworden «ein, dil wi 
niederdeutsche Ubersetxung*), von der wir übrigens keinerlei Sparen habos, ^ 
1250 eicht nur vorbanden, sondern auch so beliebt und verbreitet wir, U 
mUnniglich sie beinahe wörtlich auswendig «nßte? Das sind Varam««ban|M^ 
die nach meiner Ansicht einen viel stärkeren Glauben verlangen als da« Im- 
handenaein einer niederdeatscben Volksdichtung, die — weit wohl nieaiib i^ 
geieichnet — sehr wobt spurlos verschwinden konnte. 

Wir wolleo nor sebeD, was es mit Dörings anf den «ntea Bück Ite- 
dendem Beweise, den wörtlichen Berührungen, auf sich hat. BaH^Hi 
seheint mir mit vollem Rechte la behaupten (p. 103 f.), dafl «ie die D iwpi 
krttft nicht haben, die man ihnen lugescbrieben bat, denn 

1. Die von Döring zur Vergteichnug heran gesogene n Worte füll B.Tb, k 
der Saga formelhaft wiederkehrend**) gebraucht (Beispiele bei B-p. 118; It^ 
II; 161, 5 V. u.; 204, 1 — 17; 205, 6 f.; SI7 Anm.). Mao moft abe im 
Stil der Saga erst autersuchen, ebe man auf einzelne Stellen SchlSoe hM& 
So pflegt die Saga in ihren veraebiedeuen TheiJen über Werbangcn (thcBMiM 
wörtlich) übereinstimmend in berichten (c. 356 f. = 333 f. ^ 4S C bs E 
p. 106. 109. 120), ebenso Gastmähler (R 153. 170): Aussöge von UeendMH^ 
p. 317 f. (= NL., s. ob. p. 93 f.) 322, 20; 311, 4 £f.; 315, 13 £ i.i.k 
Sonst finden sich bei gleichen AnläMen dieselben Worte und Wendwigaa ***} 
z. B, p. 320, 3 T. a. = 321, 8 = 321. 18 =: 323, 8; — 340, SO— n = 
346, 2—1 V. n- 347, 1—4 (= j. Hildbrl., »gl. Germ. XIX, 317); — SM,! 
V. n. = 847, 23B {= j. Hildbrl. vgl. ebenda) = 295, 3 = 357, 18; 88», O 



*) Denn daQ ni ederdentiche KauSente um 1850 das h 
Norwegen theilweise wSttlicb vortrugen, kann ich wenigstens mir nicht i 

**) Da aber manche dieser sich wiederhol enden Stellen poetische Firiwaf M« 
und an je hatt Stelle sich auch wohl mit deniseben Dantellnnc^BD berfibreei, M fa« 
man anf die Vennntbung kommen, daQ die FormelhaTtigbeit derQaellen (dsrToKi' 
lieder) hitrin noch durchblicke. Unier di e ser Voraossetzung kannte man di* Uhr' 
einstiumtungeu des NL ^s mit solchen fonnelhsfieo Schilderangen der Saga fBr ■<* 
EunUIig hnlten, b&tte dann aber auch in allen solchen F&llen Liedqndl«« ai«w- 

***) Der Banmerspanün halbw hab« ich die Stellen selbat niebt.a 



UTTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAGA etc. 97 

a. o., vgl. 329, 19 f.; — 369, 1 == 371, 5 ; — 354, 9 v. u. = 354, 1 v. n. 
vgl. 332, 18 = 292, 2; — 177, 3 v. u. =r 365, 5 v. u. ; — 329, 7 v. u. = 
366, 5 V. n. {ok evd segja pydersk Jttarrfi); — 308, 7 = 315, 15; — 281, 20 
= 283, 22 u. 6.; — 268, 20 — 22 = 292, 11 — 12; — 288, 22 = 290, 
V. u.; — 301, 23 f. = 302, 9; — 336, 2 f . = 337, 1 f . ; — 16, 15—17 = 
279, 31-33; — 16, 20 f. = 34, 18 f. (d. i. im Texte von IH); — 17, 1 f. 
= 89, 9—11; — 18, 18 f. = 286, 1 f. u. s. w.*) 

2. Dem ähnlich sind die Übereinstimmungen in solchen Fällen, wo die 
gleiche Thatsache nothwendig mit gleichen oder ähnlichen Worten berichtet 
werden mußte (Beispiele bei R. p. 142, 9—21 v. u. 158/59. 185/6 und viele 
andere). 

3. Döring zieht vielfach Stellen zur Vergleichung heran^ die das NL. in 
anderem Zusammenhange bietet**). So findet er mehrfach die Quelle der NS. 
in Aventiuren oder Episoden des NL.'s, welche die Ps. sonst gar nicht kennt, 
wo dann der Sagaschreiber in Folge seines mangelhaften Gedächtnisses die 
Worte seiner Quelle an unrechter Stelle eingefügt haben soll. So steht es mit 
den bei R. p. 125, 13 ff.; 135, 8—16 v. u.; 144, 4 ff.***); 154, 13 ff.; 181, 
17 f.; 197, 19 ff.; 183, 13 ff. (verglichen mit 192, 5—7 v. u.); 215, 10 be- 
•prochenen Stellen. Nicht selten erscheinen aber die fraglichen Stellen im NL. 
auch im Munde einer ganz anderen Person (z. B. R. 215, 20 ff.; 216, 7 ff.) 
oder auch unter völlig anderen Umständen oder in anderem Sinne, vgl. R. 
p. 125, 6 V. u.; 163, 22; 167; 168; 180, 5 v. u.; 194, 10. 24 ff.f). 

4. Alle die Fälle kommen in Abzug, wo NL. = Ps., aber auch = N. 
ist; einige dieser Fälle s. oben p. 91 — 92. Wir dürfen aus diesen Fällen 
schliessen, daß auch da, wo N. nicht zur Seite steht, die Übereinstimmung 
zwischen NL. und Jrs. sich oft aus übereinstimmender Bewahrung desselben 
Zuges der gemeinsamen Grundsage erklärt. 

5. Bei wörtlichen Berührungen trägt doch nicht selten die Fassung der 
Saga das Gepräge der Echtheit und grösserer Alterthümlichkeit , sie hat den 
originelleren (bezw. derberen) Ausdruck; so z. B. bei R. 102, 17 (s. ob. p. 94); 
126, 21 ff.; 179, 16 f. v. u. u. s. w. (Vgl. Rieger, H. Z. X, 245 f.). — 

Was nach Abzug aller Stellen, die unter diese Kategorien fallen, an wört* 
liehen Übereinstimmungen übrig bleibt, das betrifft 1. im Wesentlichen bedeu- 
tende Aussprüche der Hauptpersonen, Hauptmomente der Sage, die sich in allen 
Umgestaltungen -derselben wesentlich in der gleichen Form erhalten mußten 
oder am leichtesten erhalten konnten; das hat schon Rieger (Z. f. d. Alterth. 
X, 245) bemerkt und jetzt wieder Raszmann p, 238. — 2. Ist es keineswegs 



*) Jedenfalls sprechen diese bei den verschiedenen Schreibern wiederkehrenden 
Wendungen — auch zwischen dem ersten und zweiten Theil liessen sich noch viele 
Obereinstimmungen nachweisen — für die wesentliche Einheit der uns erhaltenen 
Darstellung, so daß die Abweichungen von der Vorlage, die sich HI (and unter seiner 
Anleitung IV und V) etwa erlaubt haben sollten, in den Einzelheiten nicht sehr 
grofi gewesen sein werden. 

**) Diese Fälle beweisen gerade, daß wir es nicht mit Entlehnung, sondern 
mit swei Sonderentwickelnne^en einer gemeinsamen Grundsage zu thnn haben. 

***) Für hnxU gaftu hcmum at s'ökf erwartet man auch als Quelle etwa vku 
riekeH du an im f Ebenso scheint Ps. p. 291, 27 hvat gaf gud nUr at aökf = iDaz richet 
goi an mirf 

t) Eher könnte man wohl 2096, 3 f. als 2099 f. vergl^cVien.\ 

OEBMANU. Nra« Beihe II. (XIBI.) JtLhrg. ^ 



98 



LITTERATÜR: A. RASZMANN, DIE MFLÜNGASAGA etc. 



gleichmäßig über die ganze NS. Tcrtheilt^ sondern die wörtlichen Berühni]ig«n 
stehen einerseits hier nnd da vereinzelt unter lantcr Abweichendem (wo sie eher 
gegen Döring beweisen), andererseits finden sich ihrer Terhältnißmäßig nele 
dicht neben einander, und zwar in Scenen, die zu den Sltesten and wichtigstes 
der Sage gehören und auch im NL. in der Regel von besonderer Bedeutimg 
sind und dem alten knappen Stil der Volksdichtung sich besonders näber^ 
3. Lassen sich ähnliche wörtliche Berührungen wie mit dem NL. für die Fi. 
auch mit ander^^n mhdd. Gedichten, wie Rother, Klage, Rabenschlacht [und Si^- 
fridslied] — um das Hildbrl. uud Eckenlied hier aus dem Spiele zu lassen — 
nachweisen y wo doch wohl Niemand an Benutzung dieser mittelhochdeutKben 
Gedichte glauben wird; ja selbst andererseits zwischen dem NL. und Edda- 
liedern, beziehungsweise VS., lassen sich manche wörtliche UbereinstimmungeD 
nachweisen; sollen etwa darum auch die Eddalieder oder YS. das NL. be- 
nutzt haben?! 

Ich bringe zunächst für meine letzte Behauptung Belege: ausser den ob. 
p. 92 angeführten Stellen gehören hierher z. B. (wo die Ps. überall nichts Ent- 
sprechendes hat) : 



V8. 139, 18: pSLt dreymdi mik, 
at ek sa einnfagranhaukm^r 
k h e n d i ; Jjadrar hans vdru med 
gtdligum liL 

Zu 139, 11—14 vgl. NL. 14, 1 f. 

139, 20: nökkurs konungs son mun bidja 
))in... 23 S4, er {)ü faer, man 
Vera vel mentr. — 141, 24: bann 
mantu eiga ok bann skjött missa. 

Akv. 27, 4: Er und ein um m^r oll 
um folgin hoddNiflunga.lifira 
nü Högni. . . 28, 1 : Rio skal r4da 
rogmalmi skatna..» 28, 7 heldr en 
k höndnm gull skini Huna bömum. 

Akv. 21: Fengu })eirGnnnar ok i 
i^ötnr setta ... ok bundu fastla. 
frigu frceknan, e f f j ö r v i 1 d i , gotna 
{)j6dan, gulli kaupa. 



Zu Akv. 22, 1-4 vgl. NL. 2368. 

Akv. 24 , 5 — 8 : [sk4ru J)eir hiarta 
Högna or briösti]*) blödagt })at 4 
bj6d lögdu ok b4ru fjrGunnar. 

Brot af Sig. 8, 4 : lengi skulud niöta 
landa oc {)egna, er ^r froeknan 



NL. 13: . . .troumte Kriemhiide, 
wie sie züge einen valken sUre, 
schoRn und wilde. 

[Kürnb. : nnt w<u im sC« geddert 
alrot gtUdtn]. 

16, 4: waz ob dir got gefüe^et 
eins rehte 9chcenen rifttrt lip, — 
14, 3 f. der valke den da «übest, du 
ist ein edel man: . . . da maott 
in schiere vloren han. 

NL. 2371, 1: Nü ist von Bargoada 
der edel kunec tot ... des 
schaz weis nü niemen wan got 
u n d e min: der sol dich vilaBdiiiBe 
immer wol verholen sin. 

NL. 2360, 1: sit twanc in der tob 
Beme. 2361, 1: der herre wart 
gebunden. 

2367,3: weit ir mir geben widere, 
daz ir mir habt genomen, §6 
muget ir noch wol lebende heia 
zen Burgonden komen. 

2369, 3: man sluoc im abe das honbet: 
bi häre si es traoc 
für den helt von Tronege. 

NL. 870: ob Sivrit niht enlebte, 
so wurde im undert&n yil der 



^) So nach der Parallelätelle 22, 5 f. herzustellen. 



LITTER/LTUR: A. KA8ZMANN, DIE NIFLUNG ASAGA etc. 



99 



gram falla l^tud... Sig. sk. 

1 3, 1 : reidr [hraßddr] vard G u n n a r r 

ok hnipnadi. 
Sig. sk. 19, 1: vituma vit k moldu 

menn in saelli, n^ ia msBtri maegd k 

folda. 
Sig. sk. 17: g6tt er at r4da Rinar 

malmi oc unandi audi styra. 

Brot af Sig. 1 : hvat hefir Sigurdr til 

saka unnitf er pü froeknan yill 

fiörvi offima? 
Sig. sk. 20, 7: eru Brjnhildar brek 

ofmikil. [VgL Brot 3.] 
Sig. sk. 20, 7: ein veldr BryDhildr öllu 

bölvi. [VgL Brot 3, 1—4.] 
Sig. sk. 28 : en yid Gunnai grand ekki 

vaimk; pjrmda ek sifjum, s vorn um 

eidum. . . 

Sig. sk. 29: koDa varp öndu. . . svä 
slö h6n sT4ran sfnni hendi (Ga dr. I: 
pk gr6t Gudrun Giüka döttir), at 
kT&du vid kalkar i vr4. 

Gudr. U, 12: n6tt |)6tti mer nidmyrkr 
Vera, er ek 84rla satk jfir Sigurdi. 
ulfar })6ttumk öllu betri, ef peit Idti 
mik im tyna. 



künege lande, der helt do trüren 
began. 

872 : er ist uns zen saelden unt ze Sren 
gebom. 

774: hört der Nibelunge beslozzen h&t 
stn haut: hei [solJen wir den teilen 
noch (so *C) in Burgonden lant! 

866 : warnmbe taut ir daz?janegediende 
Siyrit nie alsolhen haz« daz er dar 
umbe solde Verliesen sinen 
1 i p : ja ist ez harte lihte^ dar umbe 
züment diu wtp. 

1010: ez hat geraten Prünhilt, daz ez 
hat Hagene getan. 

989, 3 : ich was iu ie gctriuwe (dem Wort' 
laute nach genau, aber in anderem Zu' 
sammenhange :) 2102^ 1: ich was dir 
ie getriuwe, nie getet ich dir leit. 

1009: do erschrd si nach unkrefte^ 
daz al diu kemenäte erdoz. 



Zu Gudr. I, 13 ygl. noch NL. 
stätigung meiner Behauptung genügen. 

Zwischen rs. and 'König Rother 
liehe Berührungen: 

Ps. 39, 14 : ec töc hans .VI. ena beztu 
riddara oc kastada ec i dyflizu. 

41, 10: |)dr hafit flutt mikinn her 
i land y&rt. 

40, 12: pk er ))idrckr konungr er ko- 
minn fyrir h^ssti Milias konungs. 

AI, 8: pk feil })idrekr til jardar firir 
fötum Milias konungi. 

M, n""!: 41, 2 y. u. : ok pk erMelias 
konuDgr s^r petta lid, pk ottast bann 
miok ok villdi mykklu haslldr 
at seigi hsefdi si4 hsarr komet 
innan borgar. 



1056: dri tage unt dii nahte wil ich 
in l&zen stän, unz ich mich geniete 
mins vil lieben man. waz ob daz got 
geblutet^ daz mich ouch nimet der 
tot? 80 waere wol verendet min armer 
Kriemhilde not 

1068 f. — Diese Proben mögen zur Be- 
finden sich beispielsweise folgende wört- 



Roth. R. 993: stne botin stn hier ge- 

bundin in mtme kerkere. 
982: din ge verde daz ist groz. 

915 f.: Constantin saz üffe sinen st öl. 
Thiederich gezogenliche st6nt 
vor ime an den knien. 

954: mir ist leit daz er ie here 

quam 
unde die sinen holden 
dunkint mich harte erbolgen. 
die haben ed notUche alte. 

1* 



100 



LITTERATUR: A KA52MANN, DIE NIGLUNOASAGA < 



40, 5: pk skiptir Ob. k. Dafni efan, 818: ich bitflcb alle gelicbo.' 
oc kalkr at höfdiogi hetwoB heiti heizet micb Tbide 

Jiidrekr*). 

370, 21: BTi at eogi fiU fser buiii 654: den i 



] 



borit. 

43, 17: pk briFtr bann i sondr alln 
iimreceodr, oc prUi stna iAroBtong 
oc ■.. drepr bceäi karU ok fconor 
oc bom oc f^nad oc allt )>at er 
fyrir honuin vatd. 

[*) 34, 4: bann & aäioa jfiraatong hiva 
oc «terca oc di'gra,] 

12, 5: pi bayra Jietia sagt ri- 
Baroir; oc verdr Yktolfr miltum- 
staDgi BT& reidr, at hann vül drepa 
Hilias koDDDg. - ■ 

ocniistfgr bann b4dam fötum allt 



mochte niehein roa ge- 



tragen**). 
1661: die keteaen die K&brach er 
gare ande begreif eine itAIEne atange 
vier unt znSnzic eile lange '). swas 
ine des volkea «identici, 
wie liitxel er des geaeaen lies. 



1 



til 



cU { 



ok 



771 : At ä6 w!Ig Böthere den &i 
bat, 1000; Alad Asp: 
rede vernam, den auhilt er vaiien 
bcgan, .'6t getigit eltelK-ber tSt, der 
aller tärist will a!n. 942: AsprUn 
der rise trat in dS erden bii 



kallar h4tt. .. 
p& ert mikia göfgari 



maär 



1251: do bist 
1732: WidoltH 



eher daona Caa- 
t gevangin, g«d 



-1 



929: d<3 er mir 
da mOsticb i 



lo rfche «erbst, 
rQmen dorch d6 n&t. 



i Rdtheria 



42, 13: oc BV& gera )>eir, at))aTVard 

bann bundinn med atärum i&rn- 

rekeDdum. 
40,2v.ti.: nü hoivir hann mik rscit 

or sfno ri'ki, oc seigi mk ek I>ar 

Vera firir honum. 
M,,n° I, 43, & Y. u.: t>ii ert nti f fadtni 

Oaanetrii konnngs***). 
36, 1 1 : Miliaa kunungr tekr vel rid 

kvediut). 
34, 22: Vir viliam bidja ydarrar 

döttnr OBB til eiginkonu. kiinigin 

86, 7: U. kallar sinn f^birdi, at bann 342: der kl 

aksl taka {jesaa seudimenn ok ren in < 

kaata i d^fliRu. 

Wie flchon diese wenigen Stellen aeigen , stimmt zuweilen M a*"l 
nauer zum Botber aU III = AB, meist ist indeescD da» amgckehrte der ] 
icb verweise in dieser Hinsicht auf p. 79, Anm.* — Auch die Klage (»wh 
meiner Ausgabe citiert) zeigt wörtliche Berührungen mit Ps., ^^ 



3261: ja Stent d!ne yöze i 

270 : der kuninc . . . die belede er alle 

wol intfioc. 
319: der wolde dlno tohtei 



> h&n. 



: bötl« 





•) Mn'I (genauer = HoÜier): O.k. ba<1 alU tlnan 
(liol) konvnji. 

•") Beides von einem Riesen gessgl, aber in gtDX suderpp' * 
Die Wendung iit formelhaft in üvr Spiel mannsdjclitf',, ». Germ. X' 
pa. 44, IG ff. ^ SOes ff., aucli iu anderem Zusammenlunga. 
"™) In 111 ht die Dbereinstimmung verwiioht, 
t) In der Saga formelhaft. 



UTTERATUB: A. R4SZMAMN, DIE mFLUMGASAGA etc. 



101 



333, Ty.u.: St& segja ))yde8kir menn| 
at engl orrosta hevir verit frsegri i 
fomsogam heldr en pessi. 

334, 18: vfst er mdr p&t hinn mesti 
barmr, er ek hsfi Bvk Isiigi 
mist mins rikis oc h^r verit i 
HdnalaDdü oc nd hsfi ek 14tid 
alla mfna drengi oc riui oc 
alla mioa soemd. • . 



334y 24: Hvat gerom v^r nd i 
Hdnalandi? 

337, 14: oc nd grsatr Attila k. oc 
harmar })at miok, at bann skal ))idrek 
L. Bvd i brott Isysa, at. . . 

336, 13: 00 hinn fiörda best befir 
bann kljfiat med galli oc silfri 
oc )>eirra klsdnadi. 

337, 26 : pk er ek bafda litit miU 
rflu firir m(nam fadurbrödar . . . ))4 
kom f gegn m^ margrsffinn . . . 

331, 2 ¥• u.: en ecki birdi ek (Gisel- 
her) at liva einn [eptir mfna ') brcedr 
(tn anderem Zueammenhange), 

^) AB: ef drepnir era allir m. 



Kl. 3790: ez ist diu groesiste geschibt 
diu zer werlde ie gescbacb. 

1958: aller der trdst mtn der lit nü 
an dem ende . . • der tac st geandret, 
das ich ie geecbiet Yon Berne: 
ir wäret bi mir gerne, mtne mftge 
und mtne man . . • nü stdn icb 
alterseine ... 2775 : wie sol icb von 
disen leiden mit dren mtn ge- 
scbeiden. 

2754: stt verweiset ist das iant, waz 
saln wir nü dar inne? 

4050 : Etzel wandelte den sin von den 
starken leiden, dd sie von im wolden 
scbeiden. 

4594: ant daz ein sonmsere mit in 
dan traoc vrowen Herrftten kleit 
(vgl. aucb 4505 f.). 

2216 : dd icb den vtanden mtn maose 
rümen mtniu lant, die triwe icb 
ninder ervant, wan an dir einem 
Riiedeg^r. 

1304: Hagene der küene des vrides 
niht enwolde. Er spracb, zwin er im 
solde, stt daz sie beide Isgen tdt^ 
Gtselbdr und Gtömöt. 



Ebenso finden sieb wortlicbe Berübrangen zwischen rs. and Raben- 
seblacbt, docb kaum mebr als folgende: 

Za Str. 12 (noch «tn weinen Idzen) vgl. I^s. 278, 5 f. (ßftr vatn af hane 
bddam augutn). 



rs. 251, 10: nd IsBtr Erminrekr konungr 
blisa sinnm Iddrum (tn ganz anderem 
2Sus€tmmenhang), 

278, 12: oc |>etta bit sama barmar 
mik miok« 

279, 24: ek skal vasita bonom minn 
mann margraeifa Rodingeir oc 
med bonom «XX. bundrad rid- 
dara oc alla vel bdna. 

292, 1: at sengi madr fser bonom 

fylgt. 
292, 7: oc nd kallar |>idrekr ko- 

nnngr k Yidga. 
292, 9: ef |>d ))orir at bseriaz vid 

einn mann, pk bid mf n (vgl, 268, 



Rab. 589 : dö biez der künic Ermricb 
blasen daz berbom. 

24, 6 : daz rinwet micb vil sdre sicber- 

Itcbe. 
40, 5: [spracb Rüed egdr:] zwei 

tüsent beide gnote, die vüere 

icb im. . . 

916, 6: si mobten dem Bernsdre 

nibt gevolgen. 
922: raofen er begnnde Witegen 

vaste an. 
925: bistn küene solta min btten. 

926, 1: Ie lenger, ie a6 m^t^^L^T 



102 



LTTTERATUR: A. BASZBiANN, DIE NIFLUNGASA6A eCc 



20 — 22). EnVidga laßtr sem bann 
haejri seigi oc ridr nü allrahva- 
tast. Oc enn kallar })idrekr 
anDat sIdii oc bad bann bida ef 
bann porir. oc ssegir at petta er 
skom at flyja fyrir »inom manni. 
292, 17: en ))idrekr er nü kominn 
n41iga at bonum . . . oc nd ridr 
Yidga üt k siöinn. 

292, 22: nü ridr pidrekr k. aptr 
|>ar sem bariz bafdi Terit . . . oc nü 
kemr bann })ar at er Hggr bans 
brödir J)ötber. 

293, 1 : pat Tseit gud med m^r^ baelldr 
▼illdi ek bafa borit stör 84r oc ve- 
rit |>it baeilir. 

293, 15: ek b^t Erka drotningo, at 
ek skjlldi foera benni b&da sina sonn 
(die ThiUtache ist in Pb. nicht er- 
zählt). 

294; 12 v. «.: bversu yardu sik 
minir sjnir b4dir . . . 4 d r () e i r 
fellu? 



V. 



Außerdem ist zu t^s. 291, 24 fL 
ö. — 292, 1 = Rab. 619, 4; 293, 



Witege von im reit. Er getonte 
nibt gebften. Dd rief aber her 
Dietricb bi den ziten. — fgL 
927, 4; 932, 4. 



961, 6: er was dem starken Wi- 
tege komen sd nftben, diz... 
962, 6: Witege was dem mere ko- 
men s6 naben. 

975: dd kSrte er (Dietricb) wider 
über die beide zno den kindea. 



980: Daz wolde got der riebe, osd 
solde icb in ir leben . . . wol gesrnt 
wider geben. . , icb wold den Wit- 
ten iezuo YÜr si sterben. 

187, 3: mit gesunde snlt irs scbomres 
scbiere wider im^Hinniscb rieh. 



934: wie werten sich diu kint, die 
.. .üf der beide erslagen sint 

zu vergleicben Rab. 907, 3 f. ; 291, 3 
3 ff . = 1019, 6 — 1020, 1. 



Abnlicb stebt es endlicb mit dem Sigfridsliede im Verhältnisse nr 
Ps. , worauf icb hier aber nicht mehr eingeben will;^) sogar die Eptsodes 
des Rosengarten, denen entsprechende die Ps. in ganz anderem Zusamoies- 
bange kennt (s. ob. p. 82 Anm.), zeigen auffallende, z. Tb. sogar wöitlidie*^' 
Berührungen. 

Nach allem dem darf man auf die von Döring nachgewiesenen Ubota- 
stimmungen zwiöcben Ps. und NL. nicht so viel Gewicht legen, daß man Uums 
zu Liebe einer Ansicht zustimmt , die (nach meiner Meinung unmöglich , jedah 
falls aber) an sich höchst unwahrscheinlich ist. Wohl aber beweisen jeoe 
Ubereinstinmiungen von unserem Standpunkte aus, daß das NL. seiBCi 
Quellen, den benutzten Volksliedern theilweise sehr getreu sich anschloß (vgl B. 
p. 254 f.). 



*) Z.B. J>8. 299, 23 f. = Sigfirl. 175, 2; 168, 14 f. = 10, 4—11,1 (wöfffiefc: 
166, 2, ff. 8. ff. = 5, 3; 166, 22-24 = 5. 1 (wörtlich); 167, If = Ä, 4; 167, 10 f, 
V. u. = 9, :i f. ; 169, 7 v. u. = 47, 2; 169, 6 v. u. f. ^ 48, 2 ff. n. s. w. 

**) Z. B. Ps. 332, 18—20 = Rosg. C. 1980—1920; 364, 4. 19— 21 =472. 41»; 
364, 18 = 466 f.; 364, 14 ff. 18 ff. vgl mit 623 ff.; 365, 2 v. u. — 366, 2 vfl ■* 
430 f.; 368, 1-5 = 375. 379 £; 369, 5 f. = 667 t u. s. w. 



LITTERATUR: A. RASZMANN, DIE NIFLUNGASAGA etc. 103 

Döring ist aber noch weiter gegangen und hat sogar aus Überein- 
stimmangen mit Lesarten der Gruppe *B y bezw. *J auf die Benutzung 
einer zwischen *B und *C die Mitte haltenden Reccnsion schliessen wollen. 
Nach unseren bisherigen Resultaten brauchen wir auf diesen Punkt nicht 
mehr einzugehen, zumal Raszmann p. 24 ff. nachgewiesen hat, daß bei ab- 
weichenden Lesarten Ps. keineswegs vorwiegend mit *B übereinstimmt*). Hin- 
sichtlich des ntulich gehit in B 1554 und dt^n sich daran knüpfenden Fragen 
schliesse ich mich R/s Erklärung (p. 27 und namentlich 140) an. 

Auf Seite 225 — 227 gibt R. eine übersichtliche Zusammenstellung der 
einzelnen Züge, die rs. mit den nordischen Quellen gemein hat, sodann die 
der Ps. eigenthümlich sind (228 — 234) und die sie insbesondere mit dem NL. 
gemein hat (236 237). Dann folgt eine sehr dankenswerthe Zusammenstellung 
der wörtlichen Beruhrungen zwischen Ps. und NL. (238 — 249) und endlich 
(250 — 258) zieht Raszmann den Schluß, daß im ersten Theil derNS. die nord- 
deutsche, im zweiten die süddeutsche Sagengestalt vorwiege, und daß letztere 
auf einem eigenen Liedercyklus beruhe. Daß es sich mit NS. 2 in mancher 
Hinsicht anders verhält**) als mit NS. 1 muß man zugeben; ob dies aber auf 
grosseren Einfluß süddeutscher Sage zurückzuführen ist, ist doch zweifelhaft, 
da es sich auch im NL. mit dem zweiten Theil in mancher Hinsicht anders 
verhält als mit dem ersten. — Darin aber, daß in Ps. im Ganzen eine altere 
Gestalt der Sage erhalten ist als im NL. , stimme ich mit R. überein, und es 
sei noch bemerkt, daß Wilmanns '^^^^^ Herstell ungs versuche einer älteren Gestalt 
(d^s Liedes; wie ich meine:) der Sage (Jen. Lit. Ztg., 1877, p. 346') vielfach 
durch die Ps. bestätigt werden. 

Schließlich fasse ich das Ergebniss dieser, vielleicht allzu ausführlichen 
Erörterung dahin zusammen , daß ich trotz abweichender Auffassung in manchen 
Einzelheiten im Ganzen der Ansicht R.'s nur zustimmen kann , daß die NS. 
nicht das NL., sondern nur niederdeutäche, zum Theil in Liedform überlieferte 
Sagen benutzt haben kann, und daß diesen nahe verwandte hochdeutsche Sagen 
und Lieder der Dichter des Nibelungenliedes d a benutzte , wo es mit der Ps. 
genau übereinstimmt. 

Was endlich die Form des Buches betrifft, so ist diese nicht immer 
zu loben: der Stil ist mehrfach nachlässig (z. B. 42, 12 v. u.; 135, 10 — 13 
V. n.; 175, 24; 181, 11 — 13 v. u.; 211, 20 u. s. w.); und Satzungeheuer 
wie p. 103, 7 — 104, 2 oder 29, 7 v. u. — 30, 5 lassen sich nur mit Mühe be- 
wältigen. — Auch Druckfehler sind nicht gerade selten (z. B. p. 40, 4 seiner] 
l. meiner; — 41, 11 v. u. vor] 1. von; — 43, 6 hinter Volkslied fehlt 
'hervorgerufen' oder dgl. ; — 145, 24 im] 1. in den; — 202, 6 aus] 1. aus 
den (?); — 213, 5 v. u. dem] den u. s. w.), besonders in den ausgehobenen 
Stellen der nordischen Texte (z. B. p. 130. 157. 166. 207. 240. 243 ff.), 
und an fünf Stellen (p. 43, 7; 52, 18; 57, 9. 30; 58, 12) wird ein Aufsatz 
Kölbings unter meinem Namen citiert. 



*) Daß {'s. sich so häufig mit *J berührt, aber nie mit*J allein, erklärt sich 
wohl, sofern nicht Zufall im Spiele ist, aus dem von Paul bewieseuen Verhältniss von 
*J (und ♦d) zu ^B und *C (vgl. Jen. Lit. Ztjj. 1877,;^Sp. 346*). 
♦•) Auch in Betreff der Berührungen mit NL. 
***) A. a. O. Raszmann stimmt mehrfach mit Wiimanns, dessen Buch er noch 
nicht kannte, überein. 



104 LITTEBATUB: ÜBER EOTENHANDSCHSIFTES. 

Doch diese kleinen äuijeren Mängel können den inneren Werth des Bnekei 
nicht beeinträchtigen, nnd gewiß sind wir dem Verfasser zu Dunk Terpfiichteti 
daß er die Arbeit, an die sich anscheinend bisher Niemand hat wagen woOei, 
nicht scheuend die wichtige Frage wieder in Erörtemng gezogen nnd hinsiekt- 
lieh des Xibelnngenliedes, wie mir scheint, entschieden hat. 

LEIPZIG, im October 1877. A. EDZARDI. 



Über Bnnenhuidsdiriften. 

Die Commission fnr das amamagraeanische Legat hat achoa Tor einiga 
Jahren begonnen anter dem Titel „Arnamagnaeanske Haandskrifter i 
fotolitografiske Aftrjk'^ einige der schöneren nnd wichtigeren Hu. der 
unter ihrer Leitung stehenden Stiftung in photolithographischem Dmcke herui- 
zugeben. Im Jahre 18&9 erschien zuerst ein Stock von Yaldemars ssl- 
laudske Lot nach AM. 24. in 4^, und spater das älteste Braehstück d« 
isländischen Elucidarius nach AM. 674. A, in 4'^; sodann aber folgte 
(1877) der Codex Runicus, AM. 28. in 8^ Diese Hs. enthält: 1. das ahe 
schonische Landrecht, 2. ein kleines Stück über bnsslose Thaten, 3. das scho- 
nische Kirchenrecht, 4. ein kleines Stück über Weiberland , 5. and 6. iwei Bmek- 
stücke dänischer Königsreihen, 7. eine Grenzbestimmung zwischen Dänemiik 
und Schweden, endlich 8. zwei Zeilen eines altdänischen Volksliedes mit Noten. 
Der ganze Codex ist mit Runen geschrieben ; jedoch rührt dessen sweiter kleinerer 
Theil, Xr. 5 — 8, von einer anderen Hand her als dessen erster^ wobei dakia- 
gestelit bleiben mag, ob Nr. 2 von derselben Hand wie Nr. I und 3, 4, 
oder von einer anderen geschrieben sei, sofeme Schljter das erstere, die vor- 
liegende Ausgabe aber das letztere bebauptet. Über die Hs. oder viefaaebr 
zunächst über deren erste, die Rechtsquellen enthaltende Hälfte war seit ge- 
raumer Zeit zwischen C. J. Schljter einerseits*) und P. 6. Thorsen an- 
dererseits**) eine ziemlich scharfe Controverse gefuhrt worden, tbeils beznglid 
ihres Alters, welches Ersterer etwa der Mitte des 14. Jahrhunderta , Letzterer 
aber der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zuweisen wollte , theils aber be- 
züglich der anderen Frage, ob in der Anwendung der Ronenaclirift nur eil 
eigen thümli eher Einfall eines einzelnen Schreibers, wie Schlyteri oder der Am- 
fluss einer altherkömmlichen Sitte zu erkennen sei, wie Thorsen annehmen wollte. 
Mag sein, dalS die C.>ntroverse die Commission zu vorliegender Pablication be- 
stimmt hat; unzweifelhaft maßgebend war dieselbe jedenfalls for eine Abhand- 
lung Thorsen^s „Om Runernes Brug til Skrift udenfor det monames- 
tale'', welche dieser Publication beigegeben wurde. Ich gedenke bier nur dieie 
Abhandlung zu besprechen, während ich mich hinsichtlich der Teztansgabe selbit 
auf eine dankbare Anerkennung ihrer ebenso pünktlichen all schönen Anifak- 
rung beschränke. 



*) „Om Sveriges äldsta Indelcing i Landskap, och Landskapslagames Upkomst*, 
S. 72 (1835); «Corpus juris Sueo-Gotorum antiqui**, IX, 8. IV— XIH (1869) nnd XI, 
s! XCVI-IX (1865). 

**) «Danmarks gamle Proviudslove*', IH, S. 4—15 (1863); .De Danske Base- 
mindesmrerker-, S. 299-310 (1864). 



UTTERATUR: ÜBER RUNENHANDSCHKIFTEN. 105 

£f •ehemt mir aber Thorsen bezüglich der zweiten der eben bezeichneten 
Jtafi^a feine Aufgabe sich etwas überflüssig weit gesteckt zu haben. Daß 
fcmiiiiiehriften, ganz abgesehen von den eigentlichen Denksteinen^ auch noch 
wd px mancherlei anderen Gegenständen kirchlichen wie weltlichen Gebrauches 
ürlommen, daG femer die Runenzeichen auch sonst bis in sehr späte Zeit herab 

■ nancherlei kanen Aufzeichnungen und Mittheilungen, zu Zauberformeln und 
lalendeni, als Abbreyiaturen und als Hausmarken*) gebraucht wurden, darf 
ib eine langst bekannte und von Niemand bezweifelte Thatsache betrachtet wer- 
Ibb; gerade derartigen Vorkommnissen ist aber der weitaus gröGte Theil der 
Dintellong des VerfEWsers gewidmet. Mancherlei Wunderlichkeiten laufen dabei 
■ft miter, wie z. B. wenn der Verf. das gelegentliche Anbringen eines Runen- 
d^ibabetea anf einem Taufsteine oder an einer Kirchenmauer auf das Bestreben 
hl Clems zurSckfÜhren will, die Renntniss der Runen im Volke zu befestigen 
■d n erhalten (S. 24 — 25, 28 — 29 und 55), ohne zu beachten, daß auch auf 
pK anderen Gegenständen und aus weit früherer Zeit solche Alphabete sich 
■%eieiehnet finden, wie z. B. auf der bekannten Bracteate von Vadstena, der 
Ipoge TOD Chamaj, dem in der Themse gefundenen Messer, und daG selbst 
hl lateiniache Alphabet auf einer Bracteate sich findet;**) oder wenn er von 
•Holsbüehem^ als etwas ganz üblichem spricht, während doch der «antiquns 
Ikebok', auf welchen sich ein Roeskilder Grundbuch aus dem Schlüsse des 
14. Jahrhonderts einmal beruft (S. 67, Anm. 64), augenscheinlich nur ein Rerb- 
btb oder eine Sammlung von Kerbhölzern bedeutet. Auch einzelne positive 
Digenaaigkeiten kommen vor, wie z. B. wenn unsere Frostu})ingslög (S. 42, 
Im. 42) anf K. Magnus lagaboetir zurückgeführt werden , während dieselben 
Ml bekanntlich von dessen Vater, K. H4kon gamli herrühren; immerhin aber 
it die fleissige und durch treffliche Abbildungen illustrirte Zusammenstellung 
Mb zahlreicher zerstreuter Notizen ganz dankenswerth, wenn dieselbe auch im 
Brofien und Ganzen keine neuen Gesichtspunkte eröffnet, und zumal bezüglich 
ier bestrittenen Frage, ob die Runen zeichen jemals als Bücherschrift allgemein 

■ Gebrauche gewesen seien, uns vollständig ohne Aufschluß lässt. — Unser 
7erf. sacht nun freilich in letzterer Richtung sein Ziel auch noch auf einem 
nderen Wege zn erreichen. Er sucht zunächst darzuthun , daß die Runen- 
iduifl auf Island zu literarischen Zwecken benützt worden sei, und müssen 
iibei vor Allem die bekannten Verse und Lieder herhalten , welche nach der 
Eiglt, Grettla und der einen Recension der Örvar-Oddssaga auf Holzstäbe oder 
Bolstafeln eingeritzt worden sein sollen (S. 7 — 8, Anm. 7), während doch bei 
lOea diesen Berichten mit Fug und Recht bezweifelt werden mag, ob sie nicht, 
QU 13. und 14. Jahrhundert niedergeschrieben, aus den Gewohnheiten einer 
■piteren, mit dem Gebrauche der lateinischen Schrift längst vertraut gewordenen 
Zeit heraus Dinge in die Vorzeit hineintragen , welche dieser in alle Weite nicht 
i&gehören. Weiter soll dann eine eigcnthümliche Auslegung helfen, welche der 
Verf., allerdings den Spuren Anderer folgend, ein paar bekannten Stellen jener 



*) Vgl. indessen Homeyer, Die Haus- und Hofmarken (1870), S. 140-144; 
isrVerf. scheint dieses classische Werk nicht gekannt zn haben. Sophus Bugge^s 
^ortrefiFliche Abhandlang' über die auch hier (S. 41, Anm. 42) besprochene Inschrift 
i«t Ringes der Kirche zn Forsa konnte dem Verf. noch nicht vorliegen. 

**) Vgl. W immer, Runeskriftens Oprindelse ag Udvikling i Norden, in den Aar- 
^8ger for Nordisk Oldkjndighed og Historie, 1874, S. 71—72, und 73—74, Anm. 



106 LITTERATÜB: ÜBER RUNENHANDSCHRIFTEN. 

Abhandlung „Um stafrofit" angedeihen läßt^ welche die jüngere Edda bringt. 
Unrichtig ist schon die Angabe (S. 10) , daß der Verfasser dieser Abhandlimg 
sich als den Ersten bezeichne, welcher das lateinische Alphabet der isländischen 
Sprache angepasst habe, vielmehr könnte der Ausspruch ^()& hefir ek ok ritad* 
u. s. w. gerade umgekehrt dahin verstanden werden, daß schon ältere ähnliche 
Versuche sei es nun desselben Verfassers oder Anderer vorhergegangen seien. 
Die Worte fenier, uus welchen unser Verf. (S. 12 — 15) erweisen will, dafi An 
hinn fr6(ti und {>6roddr riinameistari noch mit Runen schrieben, besagen nur, da6 
diese beiden Männer, während man für die einheimische Sprache vordem nur 
die 16 Runenzeichen gekannt hatte, für sie ein neues Alphabet geschaffen and 
als ein nationales dem für die lateinische Sprache gebräuchlichen Alphabete 
Priscian's gegenübergesetzt haben, und daß dieses neue Alphabet das unmittel- 
bar folgende, also eben das sei, dessen Verfasser die oben angeführten Worte 
geschrieben hat; mit andern Worten: der Verfasser der Vorrede der Abhand- 
lung betrachtet das in dieser mitgctheilte Alphabet als mit demjenigen identisch, 
welches Ari und l)6roddr, sei es nun gemeinsam oder Jeder einzeln, aus Utmi- 
scheu und Runenbuchstaben für die isländische Sprache zusammengesetzt haben, 
und da der Verfasser der Abhandlung den Ari nennt, also nicht mit ihm iden- 
tisch sein kann, wird man in ihm eben den )>6rodd suchen müssen. Damit ist 
also das in der Abhandlung uns erhaltene Alphabet als das von Ari geschaffene 
und von )>6rodd, wenn auch vielleicht mit einzelnen Modificationen ebenfalb 
angenommene bezeichnet, und Sveiubjöm £gilsson*s Verweisung auf nRüna-Gns- 
narr" vollends erledigt, welche unser Verf. in seinem Texte recht ansprechend 
findet, in einer beigefügten Anmerkung aber als ganz unstichh&ltig anfgiebt 
(S. 11, vgL Anm. 8.) Endlich ist aber auch des Verf/s Behauptung, daß in 
der alten Zeit alle Kenntniss an die Runen geknüpft gewesen sei (S. 16), voU- 
kommen unerwiesen, und es deutet vielmehr gerade umgekehrt Alles, was wir 
über die Anfänge der isländischen Litteratur im 12. Jahrhundert sowohl als über 
deren Beschaffenheit wissen, darauf hin, daß vor der in lateinischer Schrift ge- 
schriebenen hier keine mit Runen aufgezeichnete Litteratur bestanden habe. Der 
Verfasser der soeben besprochenen Abhandlung „Um stafrofit^ erklärt, daß man 
zu seiner Zeit eben erst begonnen habe, litterarische Aufzeichnungen in der Ltn- 
dessprache zu machen, und Geistliche mußten denn auch nach Ari im Jahre 
1117 die Haflidaskrä in der Lögretta verlesen, was doch wohl auch auf deren 
Aufzeichnung in anderen als Runenzeichen hinweist; derjenige Theil aber der 
isländischen Litteratur, der überhaupt nationalen Ursprungs und nicht blos aas 
der Fremde eingeführt ist, die Gediclite also, die Sagen und die Rechtsanf* 
Zeichnungen, zeigt in seiner Darstellungsweise unverkennbar seine Herkunft aas 
mündlicher Überlieferung. Damit wird aber auch Alles hinfallig, was der Verf. 
(S. 16 und 18) über den massenhaften Gebrauch der Runenschrift zn litterari- 
schen Zwecken auf Island um die Mitte des 12. Jahrhunderts sagt, imd der 
Einfluß, welchen er, mit vollem Rechte, den Isländern auf die geistige Entwicke- 
lung Dänemarks überhaupt und auf die Geschichtsschreibung Sazo*s insbeson- 
dere einräumt, kann jedenfalls nicht, wie er annimmt, in der Mittheilung von 
Schriftwerken in Runenschrift bestanden haben (vgl. S. 16 — 19). Lassen mu 
hiemach die Isländer im Stich, so ist auch mit Saxos Berufung auf einheimische 
Runen Nichts anzufangen; schon Dahlmann hat ja in seinen ^Forachongen* 
(I, S. 167 — 68) bemerkt, daß von den einzigen beiden Runeninachriften, die 



LITTERATUR: ÜBER RUNENHANDSCHRIFTEN. 107 

er Dennt, die eine in Bjarmaland stand, wohin er nie kam, die andere in Ble- 
kingen befindliche aber schon zu seiner Zeit nicht mehr lesbar, und fügen wir 
bei, überhaupt keine Inschrift war, wenn dieselbe anders mit der von Runamo 
zusammenfiel*). Ich übergehe also des Verf/s Erörterungen über „Saxo*s Ma- 
terialier og Samlinger" (S. 19 — 22), und übergehe auch dessen Auseinander- 
setzungen über K. Valdemars II. antiq\^arische Neigungen und Verdienste um 
die Runenschrift (S. 27 — 33), da diese für die hier vorliegende Frage nicht 
ins Gewicht fallen; wer wollte aus Gregor's von Tours Bericht über die von 
H. Chilperich erfundenen neuen Buchstaben auf die Entwicklung einer reichen 
Litteratur in der durch sie bereicherten Schrift schliessen? — Was haben wir 
nun aber neben nnserm Cod. Runicus oder dessen beiden Hälften, die ja^ weil 
von verschiedener Hand geschrieben, als zwei verschiedene Codices gelten mögen, 
an Litter aturwerken in Runenschrift? Wir haben zunächst zwei weitere Hss. 
jenes Grenz documentes, welches auch unser Cod. Run. enthält, und sind in der 
einen die hieher gehörigen Theile frühestens im 15., in dem anderen im 16. Jahr- 
hundert geschrieben (S. 49 — 60, Anm. 50), wir haben femer ein Bruchstück 
eiuer Marienklage in einer Hs. aus dem 15. Jahrhundert (S. 56 — 59); wir 
haben endlich den Text eines vom Jahre 1328 datierten Kalenders, sammt an- 
gehängten kalendarischen Notizen, dessen Membrane im Jahre 1728 verbrannte, 
und somit nicht mehr palaeographisch geprüft werden kann (S. 61 — 67). Da- 
mit ist Alles aufgezählt, was unser Verf. an litterarischen Runenhandschriften 
beizubringen weiß, denn auf einige sehr unbestimmte Nachrichten über ver- 
schollene Hss. (S. 81 — 83) ist Nichts zu geben, und isländische Yolkssagen 
über mit Runen geschriebene Zauberbücher (S. 83. 84, Anm. 75) gehören 
ebensowenig hieher als etwa des Admirals Mogens Gyldenstieme im Jahre 1543 
in Bunenschrift geführtes Tagebuch u. dgl. m. (S. 84 — 98). Also vier weitere 
Runencodices, von denen der den Kalender enthaltende sich seinem Inhalte nach 
eng an jene Runenkalender auf Stäben anschließt, welche so lange üblich 
blieben, so daß der Gebranch der Runenschrift bei ihm sehr leicht zu erklären 
ist, auch wenn man annimmt, daß diese sonst nicht zu litterarischen Zwecken 
benützt zu werden pflegt; die beiden Hss. des Grenzdocnmentes aber enthalten 
einen corrumpierten Text, der nach Schlyter (XI, S. XCVIII) entweder das 
Erzeagniss eines ungewöhnlichen Grades von Unverstand, oder ein Humbug 
gröbsten Schlages ist, und fallen somit ganz ausser Betracht. So wird es dem- 
nach wohl dabei sein Verbleiben haben, daß sich zwar der volksthümliche Ge- 
brauch der Runenzeichen zu einzelnen kurzen Inschriften , Kalendern, Zauber- 
mitteln, Hausmarken n. dgl. m. vielfach erhielt, aber eine Benützung derselben 
zu litterarischen Zwecken immer nur ganz ausnahmsweise von einzelnen Männern 
auagieng, welche ein Gefallen daran fanden die ihnen aus jener ersteren Ge- 
brauchsweise bekannte Schrift zu solchem Ende zu verwenden, sei es nun weil 
sie dieselbe für schöner, alterthümlicher und ehrwürdiger hielten als die gewöhn- 
liche Lateinschrift , oder weil sie darauf Werth legten , daß dieselbe in ihrem 
Lebenskreise minder allgemein bekannt war als diese. 



*) Es nimmt sich wunderlich ,au8, wenn der Verf. (S. 13, Anm. 11) Finn Ma- 
gnoson^s „ssedvanlige Omsigf* preist, und zwar gerade unter Anführung jener Abhand- 
lang „Runamo 'og Runeme**, in welcher dieser natürliche Risse in einem Felsen als 
Ronen bezeichnet und deutet! 



108 LITTEKATUK: ÜBER RÜSENHÄNDSCHEIFTEN. 

Über dag Aller nuseres Cod. Bnnicas bat der Verf. eine metb«- 
dUche UDlersuchung ebeofalU nicht angeatellt, oder doch Dicht mitgetheUt. k 
pal KOgraphia eher Beziehung beacbränkt er sich darauf, einige irenige Notiza 
KU reneictmen , wie z. B. daß die erste Hätftc der H«. für A and j£ dieielben 
Zeichen brauche, welche sich gewöhnlich auf den späteren dänischen Buneii- 
deakmälem finden, und daß eie auch einige andere jüngere Bunenzeicheo ui- 
wende (S. 3G, Aom. 39); daß ferner das panctteite F iu den beiden Königi- 
reihen neben der gewöhn liehen Rune für U auftrete (S- 43 und 46), dt- 
gegen nicht in dem, öbrigena von derselben Uand geschriebenen, ßrenzdocamrait^ 
wogegen hier die durchs tri chene Bune U einmal für y oder e vorkomme (S. 46). 
Ans diesen dürftigen Anhaltspunkten wird sich . selbst mit Hioxonabme itt 
etwas reichlicheren Angaben, welche Schlüter in der Vorrede zu seiner Aiit- 
gsbe der schonischen Becbtaquelien beibringt, kaum ein bestimmtes Ergebniu 
gewinnen lassen . da ein für sichere Zeitbestimmungen brauchbares Huidbncb 
der Bunenpalsograpbie meines Wissens noch fehlt, und ebensowenig idieuit 
sich aas spiachlicheu Momenten zu einem sicheren Schlüsse gelangen so laMca. 
Schljler. welcher auch diesem Punkte grössere Aufmerksamkeit geacheokt bal 
als unser Verf., thut swar dar, duC die grammaticaliachen Formen im TeiU 
des scbonischen Bechtes unserer Ha. bereite sehr zerrüttet seien ; aber er be- 
trachtet die Sprache dieser Hs. doch als wesentliche gleichartig mit der det 
Membrane B. T6 der königl. Bibliothek zu Stockholm, nelche er dem Anfaiige 
des 14. Jahrhundert« xaweist, und bemerkt überdies mit vollem Bechle, d*£ 
man aus der Sprache der Hs. nur schließen kÖone, wie alt sie höchstens sein 
könne, aber nicht wie alt sie wirklich sei. da ja die Beschaffenheit der gebrancbtei 
Torlage recht wohl für die in ihr £U Tage tretenden Sprachformen maQgebend 
gewesen sein konnte. Versucht mnu endlich aus dem lobalte der Hs. eine 
Zeitbestimmung zu ermitteln, so ergibt sich, daß deren erste Hälfte jedenfalls 
nicht vor dem Anfange des 13. Jahrhunderts geschrieben sein kann, sofenie 
im scbonischen Landrechte Verordnungen K. VaMemars II. angeführt werdcOr 
welcher erst im Jahre 1202 den Thron bestieg, und insbesondere unsere Hs. ichon 
die Abschaffung der Eisenprobe mehrfach berücksichtigt zeigt, welche doch et*l 
nach dem Jahre 1215 erfolgte; aber selbstverständlich ist damit die HögUcb- 
keit nicht aosgeschlossen, daß unsere Hs. weit späterer Entstehung sei, imd dl 
sogar unser Verf. (S. 42) zugesteht, daß sie erst ein Ableger des OrigiBalsi 
ans zweiter oder dritter Hand sei, folgt deren spätere Aufzeichnung sogar nit 
Notb wendig keit. Bezüglich der zweiten Hälfte der He. dagegen folgt daia^nt, 
daß beide EÖoigsreihen mit K. Erik Menved und Königin liigeborg achliesMH, 
unbedingt, daß sie nach dem Jahre 12S6 geschrieben ist, als in welchem diese 
heirathelea; überdies läßt sich daraus, daß beide übereinstimmeod sagen: .Tka 
var Erik", doch wohl weiter schließen, daß K. Erik als bereits versloriKi 
bezeichnet werden wollte, und daß somit dieser Tbeil der Hs. erst nach den 
Jahre 1319 geschrieben sei. Jedoch ist diese Zeitbestimmnng wider nur eine ein- 
seitige, indem die Hs. recht wohl fiel jünger sein kann als das genannte Jahr, 
nnd Lesarten wie Erik ,hin argsstae" statt argofie in der ersten, oder ^Vir- 
demar", „Larmund" für Valdemar, Jarmuud in der zweiten Königsreibe lasitii 
überdies auch wieder erkennen , daß unsere Hs. nur eine Copic einer ältereii 
Vorlage sei, so daß deren Entstehung einige Zeit nach 1319 auch wieder ingar 
sichergestellt ist. Da sich überdies nicht mit Bestimmtheit angeben läßt, i 



IJTTERATUR: VOLMAR. DAS STEINBUCH. IQQ 

ZeitabBland zwiscbcu cler Eutsldiuag der zwei Tlieilc UD«eres Cod. liegt, bleibt 
die Frage mich dessen Alter immer noch eine eiaigeTmuBsen zweifelhafte. Auf 
des Vcrf.'s ÄnBrühning , daG die Sehocheit seiner BnnenschriFt auf tUclitige 
Übung des Schreibers, und weilerhio nuf dHs Beetehen einer älteren nSchnlc" 
von SchreibkunBtIem schliefen lasse, aus welcher derselbe hervorgegangen sei 
(S. 36 — 37, Tgl. S. 42), wird raaa kaum viel Gewicht legen wollen; eher 
nöcbten die wunderlichen Namen, welche einzelnen Königinnen in der ersten 
Königgieihe beigelegt werden , wie denn z. B. gleich des ersten Königs Dan 
Gemahlin „Grete" und König Vithlefs Gemahlin „Anna" heißt, gegen das 
dem Codex beigelegte hohe Alter bedenklich machen, und ich wenigstens möchte 
«s hiernach bei der auf die Teitesgestnlten des achonischen Eiandrecbtes be- 
gründeten Altersbestimniting Schljter's belassen wiesen. 

Es wird kaum nöthig sein, am Schlüsse dieser AuEeige noch ausdrücklich 
aus ansprechen, daß die Btmängelong der von dem viel verdienten Verfasser aus 
seinem Materiale gezogenen Schlüsse dem Danke keinen Abbruch thut, welchen 
man seiner fleissigen Forschang schuldet. Nur durch so Borgsame Vereinigung 
nnd so getreue Wiedergabe eahlreicber Notizen nnd Runenschriften, wie sie der 
TOrlicgende Bnud bringt, kann überhaupt zu dem Ziele gelangt werden, welches 
oben als noch nicht erreicht beteichnet werden mußte, zu einer gesicherten 
Geschichte der Runenschrift in ihren verschiedenen A nwendungs weisen , und 
wenn ancb noch manches Wasser dem Meere Kuflicssen mag, ehe jcnea Ziel als 
erreicht gelten bann , wird doch der gehaltvollen Werke und ihrer Verfasser 
stet« mit Ehren nnd Dankbarkeit gedacht werden, welche desseu endlicha Er- 
reichaDg je in ihrem Theile ermöglichteD. 

MÜHCHEN, den 24. Ootober 1877. K. MAimEK. 



Du Steinbucll. Ein altdeutsches Gedicht von Volmar. Mit Einleitung, An> 

merkungen nnd einem Anhange herausgegeben von Hans Lambel- 8. 

(XXXIII, 138 S.) Ueilbroun 1877. Henuinger. 

Schon durch die Herausgabe der Erzählungen und Schwanke in Pfeiffert 

DentAcben Classikern des Mittelalters' hatte Dr. Lambel seine Befähigung zum 

Herausgeber bekundet; doch war nach der ganzen Anlage der Sammlung jene 

Veröffentlichung weniger geeignet, die kvitiscbc Forschung mit Begründung 

daraulegen, und auch kein kritischer RcL'henschaftsbericht hat dies nachträglich 

gethsB. Die vorliegende Arbeit dagegen, mit Einleitung und kritischen An- 

merkongen ausgestattet, gewährt den Einblick in die vom Herauegeber befolgte 

kritische Methode. Und diese verdient, wir wollen es gleicli hier sagen, alles 

Lob und alle Anerkennung. Erhebliche Aussteilungen wird auch eine scharfe 

Kritik äu dem Buche nicht machen können. Sorgsamkeit und Fleiß treten in 

gleichem Maile wie Scharfsinn und Geschick xu Tage. 

Dos hier veröÖ entlichte altdeutsche Gedicht war nicht unbekannt, es Ut , 

I&ll im Museum f. altd. Literatur durch BUsching gedruckt worden, ahtx ' 

uibcls Ausgabe hat alle vorhandenen 

t:'iiutzt. Das Gedicht ist nicht wenig 

'lieblheit des Gegenstandes erklärt. Nicht 

'«n der alte Druck von 1498 kommt, 



I 




HO LITTERATUR: VOLMAR, DAS STEINBUCH. 

sind ganz oder in Bruchstücken erhalten. Der Herausgeber hat als Siglen fir 
die Quellen die Anfangsbuchstaben der betreff. Bibliotheken oder Besitzer ge- 
wählt, und wo, wie in Wien und Dresden mehrere Handschriften waren, dordi 
große und kleine Buchstaben unterschieden. Ich halte die Ton Liachinann eis- 
geführte Art, die alten H»8. durch große, die jungen durch kleine Bachstaben 
zu bezeichnen und nach dem Werthe für die Kritik die Bachstaben za w&hleii, 
immer noch für die beste. Auch scheint mir die Reihenfolge, in der die tiu. 
bei den Lesarten aufgeführt werden, nicht eine consequente za sein. Die 
Bezeichnung des alten Druckes durch Dr, also zwei Buchstaben, ist deswegeo 
unzweckmäßig, weil D außerdem vorkommt, und kleine Buchstaben (wenn auch 
kein r) ebenfalls. Bei der St. Galler Hs. wäre der Verweis auf den gedraekten 
Katalog der Stiftsbibliothek am Platze gewesen. — Die Hss. scheiden sich so- 
nächst durch die Verschiedenheit des Namens des Dichters, der in 6Dr Jo- 
seph, in W Volemar, in II Wolckmann heißt. Es konnte die Wahl 
daher nur zwischen Joseph und Volemar schwanken; L. hat sich mit Becht far 
die den letzteren Namen bildende Klasse entschieden und ist ihr demgemäß 
aach in den Lesarten gefolgt. Von den die Einleitung, die den Namen ent- 
hält, nicht bietenden Hss. stellt sich nur d zur Klasse WH, die übrigen la 
der andern Gruppe. — Was das Alter des Gedichtes angeht, so ergibt sieh 
schon aus dem Alter des Donaueschinger Bruchstückes (Anfang des 14. Jahr- 
hunderts), das bereits einen mehrfach entstellten Text zeigt, mit Sicherheit die 
Abfassung im 13. Jahrhundert. Damit stimmt durchaus die Behandlung des 
Keimes und des Metrischen; das Sprachliche weist auf alemannische Heimat 
Zu den rührenden Reimen (S. XVI), deren sich der Verf- nur in konstmaßiger 
Weise bedient, ist nachzutragen sigelos : verlos 531 f.; zu den Kürzungen im 
Conjunctiv (S. XVII) gehört wohl auch halt in dem Verse und halt dar an 
ein Zunder 187, wenn nicht hier wie in dem Ton L. angeführten V. 311 und 
stSz dar in den diamant die Kürzung vielmehr zu vermeiden ist, indem nun 
dran und drin schreibt. Von den Fällen zweisilbigen Auftaktes (S. XVHI i) 
sind manche zweifelhaft; 242 dem sol man in in die hant geben ist ebensowohl 
die Aussprache dem sol marCn denkbar; 179 kann man betonen 96 mht mos 

an etlicher 8tdt\ 394 er sol in ztio am (statt aime) tische l^den; 714 mwoz ieft 
iu nu Seite drabe (statt dar abe). An acht Stellen steht als yierte Silbe dei 
Verses eine Artikelform, die sich leicht an das vorausgehende Wort anlehnt: to 
lät erz (für er daz) tsen zehant 340; die v:ile em {= er den) Hein In im hit 
238. 556. 564; die wile erz (= er daz) vingerlm treit 798 (wiewohl hier 
auch anders gebessert werden kann , s. unten) ; die wUe erz waks M tm hä 
986; die wU siz vingerltn hat 332. Näher bestimmt sich die Zeit dareh eise 
unleugbare Beziehung auf des Strickers Gedicht von den Edelsteinen^ gegen ^ 
Volmar polemisiert. Da anderseits die Benutzung durch den Dichter des j. 
Titurel sehr wahrscheinlich ist, so fällt V. s Gedicht zwischen den Stricker nnd 
j. Titurel, d. h. um 1250, Die von dem Dichter benutzte Quelle sn ermitteln 
ist dem Herausgeber nicht gelungen, wiewohl natürlich manche Ubereinstiin- 
mung im einzelnen mit den bekannten lateinischen Quellen sich findet. leb 
will hier aus meinen Collectaneen zur mittelalterlichen lateinischen Poesie noch 
einiges angemerkte nachtragen, wobei ich Dichtungen, die nur die 12 Staue 
der Apokalypse behandeln, übergehe, da sie nicht Quelle sein können. EImb 
metrischen Lapidarius aus einer Nürnberger Handschrift erw&hnt Morr ia 



LITTERATUR: VOLMAR, DAS STEINBUCH. Hl 

Memorab. ^,12, mit dem Aufaug Aiinulus ut gemmam digitis aptandus habetur ; 
unter Hildeberts Namen steht in der Hs. Nr. 115 in St. Omer ein Gedicht 
mit dem Anfang 'Cives celestis^ während das ebenfalls unter Hildeberts Namen 
stehende Gedicht, das in Pertz' Archiv 8, 436 erwähnt ist, Marbods Werk ent- 
hält; vgl« auch die von Hänel, Catalogus p. 244^ erwähnte Hs. in Montpellier. 

Der Einblick in die in großer Vollständigkeit, für die Übersichtlichkeit 
beinahe zu vollständig mitgetheilten Lesarten bestätigt aufs neue die Thatsache, 
daß theils ganze Handschriftengruppen, theils einzelne Hss. derselben durch 
kleine Ergänzungen oder Abänderungen die zu kurz scheinenden Verse auf ein 
üblicheres Maß zu bringen suchen und daß die echte Lesart erst durch Aus- 
scheidung dieser Einschiebsel zu gewinnen ist. Diese Thatsache^ die mir bei 
der Ausarbeitung meiner Untersuchungen über das Nibelungenlied zuerst ent- 
gegentrat, und der gemäß ich dann in den Ausgaben des Nib. und der Klage 
wie desParzival verfahren bin^ die auch an derEneide sich bestätigt, ist neuerdings 
von Paul (zur Nibelungenfrage) bestritten worden. Ich halte sie auch jetzt 
noch für richtig und werde ein andermal sie in ihrem Zusammenhange und 
ihrer Verbreitung darlegen. Auch Lambel hat seinen Text ihr entsprechend 
an vielen Stellen gestaltet. So wird namentlich selbe häufig eingeschoben; 
8. Anm. zu V. 364. Diesen Vers schreibt L. mit Recht ddz kurze hUter 
hat. Die Hss. liefern, um nur die EinSchiebungen zu berücksichtigen: 

daz do kurze bleter hat W. 

daz krut vil kurzer bleter hat H. 

daz ml kurzer bleter hat d. 

daz selbe kurze bleter hat FDwGDr. 

Ein anderes Beispiel 416: daz er in schiere hat. So Lambel; die Hss. 
schieben ein [vil] schiere'^ [von im oder ab im oder abe] Idt, oder [/arcii] lät, 
oder vertauschen Idt mit verldt. 

Ich fuge noch ein paar Bemerkungen über einzelne Stellen hinzu. V. 85 
wird man die auch sonst (vgl. S. XVII) vorkommende Kürzung heizt vorziehen, 
da topdzjus oder topdzius die übliche Betonung ist. — V. 98 ist ouch wahr- 
scheinlich zu tilgen und nur zu schreiben swie vil dir wdere\ ouch fehlt in 
Wd = DdL, also in Hss. beider Classen. Den zu kurz scheinenden Vers 
strecken d durch daz er {= ir) für der, dL durch ir doch, GDr durch ir 
ouch, — 112 wird wohl besser beidiu gelesen, wenn auch keine Hs. diese Form 
hat. — 132 wird durch als für also der Vers besser. — 136 das Längezeichen 
anf orjent ist zu tilgen. — 197. schon oben habe ich drei Stellen angeführt, 
an denen dar der folgenden adv. präp. zu präfigieren ist; so auch hier und 
ist von im selben dran (L. dar an)^ und noch 938 und mache drüz (L. dar Hz) 
ein vingerltn, — 254 swer den in ein vingerlin tuotj wahrscheinlich vingerl, und 
durch diese Form werden auch folgende Verse gefälliger: die wiU si daz vin- 
gerl hat 332; die toüe er daz vingerl treit 798; V. 795 und 820 lauten wie 
254 nnd sind daher ebenfalls zu ändern. Daß vingerltn V. 822. 832. 855. 
902. 941 im Reime steht, beweist nichts gegen jene Änderung. — 272 daz 
er verstendet daz bluot ; L. nimmt verstendet als 3. pers. von verstän im Sinne 
von sich in den Weg stellen . Allein da es sonst heißt daz bluot verstdt hört 
anf za fließen , so wird verstenden wohl factit aufzufassen sein aufhören 
machen zu fließen. Wenn auch sonst nicht belegt , ist es ganz correct ge- 



112 LITTERATUR: TAALKUNDIGE BUDRAGEN. 

bildet, wie ahd. farjan. — 300 licat man besser mi«; Tgl. in L.*t Tote 
tweme 693. Aach 584 wird ime zu schreiben sein. — 333 schreibt L. ndU 
(ady.) auf der Hebang vor folgendem Yocal, entgegen dem Gebrauche vnserer 
Aasgaben, alsdaan rekU za schreiben. Das gleiche bei Ids 476. fli2KU562a.ä. 
— 337 ziuhet zuo im mit ^er kraft^ darch zim wird hier wie 589 nod dmtk 
nr f&r ctio ir 611 der Vers besser. — 372 wol varende mmde genaU; mde 
scheint keine Hs. za haben. L. scheint betonen za wollen Atde, was sehr be- 
denklich ist; Tielmehr w6l vdrende und guiSad, Darauf deaten auch die foa 
den Abschreibern vorgenommenen Andernngen. — 392 daz he^ikar <f4 6i; dt 
W besehet hat, wozn za vergleichen G besieht, H vemimjptf D besdkejfdet, wk- 
tughetf so ist wahrscheinlich daz beseh et dd bi daz arsprongliche. — 510 bd 
ndch wäre eine Verweisung auf German. 17, 296 am Platze gewesen. — 579 
swie vil s6 ieman toubem kan, für ieman haben er Wd = GDrDw, et« sms 
H. er ist jedenfalls alter Fehler bemerkt L. Das beweist die übereinstjminiisg 
der Hss. beider Classen. Auch hier wie 392 wird et die echte Lesart sein. — 
621 ff. und svoeleh frowoe der ir man mit nihte holt werden kan^ diu sol ete. 
Zu swelch fehlt das Yerbum, wenn man der als relat. nimmt. Wahrscheinlidi 
aber ist der Artikel, und das Mißverstandniss erklärt die Anderaogen der H«. 
Man braucht nur frouwen (dat.) zu schreiben, dann ist alles in Ordnung. — 
869 1. die wUe erz h&t an der hant, vgl. oben. — 947 1. umde swdke tr 
ihtes bite. 

Die Interpunction ist nicht gleichmäßig genug; der Nebensatz wird vom 
Hauptsatz bald durch ein Komma getrennt, bald nicht; vgl. 87. 156. 469, 
dagegen 79. 130. 382. V. 167 steht kein Komma, in dem ganz glocllg^ 
bauten Satze V. 169 steht eins. 90 ist der Punkt in ein Semikolon zu Ter 
wandeln; 539 fehlt ein Puukt; 671 ist der Punkt auch nicht gut Y. 657 iL 
ist zu interpungieren 

und blä dar zuo gemenget, 
als er si bespreoget 
mit guldin tropben kleine, 
über h1 in dem steine; 
657 und 660 gehören zusammmeo. 

Die Aohäoge, bestehend aus dem Abdruck eines St Floiianer Steinhiebs 
und bezuglichen Sprüchen H. von Mügeln sind eine willkommene B«gabe. 

Wir heben schließlich noch einmal die entschiedene Begabung des Her- 
ausgebers für Textkritik hervor und hoffen ihm noch recht oft aof diesem Ge- 
biete zu begegnen. K. BARTSCH. 



Taalkondige Bijdragen van Dr. P. J. Cosijn, Prof. H. Kern, Dr. J. Verdsn 
en Dr. Eelco Verwijs. Berste deeL Haarlem, De erven F. Bohn. 1877. 

Es sind Namen von gutem Klang, die an der Spitze dieses nenen Unter- 
nehmens stehen. Wir haben daher allen Grund, uns über dasselbe an freuen 
und ihm den besten Fortgang zu wünschen. Möge vor allem in der Heimtik 
der Herausgeber die Theilnahme eine recht lebhafte werden, damit mos dea 
Bijdragen eine wirkliche Zeitschrift werden kann ; bis jetzt erscheinen dieselbei 
nemlich in zwangloser Weise, wenn den Herausgebern Stoff anr Yeilügiug 



LITTERATUR: TAÄLKUNDIQE BIJDEAOEN. 113 

MA. Bei um in Deutschland, Bind wir überzeugt, finden dia Bijdragen gewiü 
ragen Beifall. DafSr bürgt die Beiehbiiltigkeit Qud Gediegenheit des uns vor- 
liegenden er»ten Bandes. Vielleicht geht die Reich baltigkeit sogar etwas zu 
weit: größere xusammeuhiingeude Abhaudlungen fehleu fast ganz; dagegen er- 
■cheiot eine groQe Menge kleinerer irntersuchungeu besouders zur Wortgescbichte. 
Ausser diesen] mehr leiicalisdien Arbeiten begegnen wir Aufeätzeu zur Laut- 
Physiologie; Etfmo logisch CS, TesLtkritik, haodscbriftliche MiltheilungeD sind ver- 
treten. Begreiflieb ist es, duU das Nicdurländiscbe selbst den Mittelpunkt der 
Forschung bildet; doch fiudut keine Beschränkung auf dieses Gebiet statt. Ich 
erwilhne besonders einen größeren Aufsatz von B. Sijmons „Over Oud-Noorscb 
en ond-noorsche stndle", sowie Angelsaksiscbe Kleinigheden fon Kern and die 
Etklärung der burgundiscbeii Buuenscbrift zu Cbarnay von Cosijn. Dem boeh- 
dentschen Gebiet gebort ein einziger Artikel von Sijmons , worin eine Reihe 
<tw Stellen nachgewiesen werden, wo die Kaiserchronik beim ßolandsliede An- 
leikn erhoben, und zweiteos es wahrscheialicb gemacht wird, daß der Dichter 
du Biterolf das Nibelungenlied in unserer beutjgea Gestalt gekannt hat ; damit 
fiOt ein Theil der AusfiibruDgen von Muth's zur Cbronologiu des Biterolf. 

Keine Berücksichtigung bat gefunden die Syntai, abgesehen von wenigen 
Bemerknngen. Ja es scheint, als ob die Eenntniss der Syntax noch nicht 
■ehr lerbreitet sei, wenn icb nach folgender merkwürdiger Anschaaungstveise : 
, der Artikel een wird öfters gebraucht oder weggc lause o, wo er weggelassen 
oder gebraucht werden tollte (p. 51) nnd besonders nach der Darstel- 
laiig »uf p, 61 schliesaen darf. Icb komme damit zu einigen einseben Be- 
nerknngen, die ich mir beieußigcn erlaube. Au der angegebenen Stelle wird 
oimlich eine Encbeinung beaprocbcn, wonach st für it, die Conjanctivform für 
Iniiieativform stehen soll in einem Zusummenbang, „der jeden Gedanken an 
(iaen Conjunctiv weit ansechlielit". Gebt man aber die reiche Liste der Bei- 
spiele darch, so ist man höchst befremdet über die eben angeführten Worte. 
Da ist vor Allem die Thataache verkannt, daß in den Nebensätzen von Änf- 
rorderungssStien sehr biiafig der Conjunctiv steht; so in folgenden Stellen: 

Niemanne versmaditQ en seldi, omdat hi arm ende vetworpen m D. Doct. 
I, 836. Die sine vrecheit niet dwingen encan, houdt in ourasteti bi, aldat in 
■inen huse ri ibid. 11, 4tt6. Nemt encn pot van motale, ende enen anderen 
daer bi, die van erden ghemaect »i II, 588. wi seien ontsien talre stont den 
ghenen die wel mnchtcch n ons lijf te nemene, wille bi 676 (ibid.) Femer 
3l. Am. 1, 4308. Sp. W, 16, 8. L. v. Jezus C. IS."). Ruusb. D, 165. 

Diese Erschcinuug gebt in die älteste Periode der germanischen Sprachen 
tBTÜck, «o weit wir davon Denkmäler besitzen; für das Gotische cf. Bernhard 
in der ZeiUchrift für deutsclie Pbilologia VIII, p. 26, 33, 37, 38; für das 
AU*, meine „Modi Im Heiland" g. 45; für Otfrid Erdmann, Untersuchungen 
Bber die Sjntax der Sprache Otfrids §. 64. Sogar die Benedict inerregel legt 
Zen^-niu fdr diesen Gebrauch ab (Hatlenier I) p, 426 r quod sibi qnis fieri 
I tnUl , HÜo non faciat ^ daz imu hwelih wesan ni welle , ni tue. p. 80 : 
blb«ntur ctutodiat = <iv\ kcpoUn sin, kehalte. p. 84: si qui majoribus 
Lt'ii sibi iiiviiim sub caritate serviaut ^^ ihn welibhe 
irflit. ~- Hm ixaf unsere Slellensamnilung zurück su 
'■■""■ n Relativsatz au, der Nebensatz eines 

wo üIbo wieder der Conjnnctiv ge- 



I 




ä 



114 LITTERATUR; TAALKUNDIGE BIJDRÄGEN. 

fordert wird: dat hi n geve die maget Tri, die u da« ontToert ai Lon. I, &S5. 
Au meTkirüidigaten Ist aber, daß nBcb VeTbis Mutieiuli der ConjuncliT n nidd 
ab ber«cbtigt angetehen wird nie in folgenden Stellen: Ilet dankt elken mm, 
dat al TsUch si ende baraet Te«l. 158, fc-mor in Brab. Y. VI, I0U15. 
S(>. r, 43, 53; 44, 5, fiijiiib. 17534. Freilicli, vom ^landpiiukte des NewidL, 
wo nach Verben des Sagena und Heincns kein Conjnnctir mehr erscheint, oI 
ein solcher Conjunctiv unerklärlich. Rijmb. 31886 gehört wohl zur gkichca 
Kategorie wie die CoDJunctive uncb AnfTardcrungiaalz. 

Über einen großen Tlieil der Stellen kann ich nicht eiitsehMden, "ril 
nnr der Vordersatz mit^theilt ist und mir die Quellen meist nicht EDginghcb 
sind. Ich bin fett Überxengt, daQ bei Dähcr^r Hetntchtnng überall ein Gnai 
für den Conjonctiv tu finden ist. Eine Erhaltung des gemmnischen Potentiaüi 
des PraeaeDS im Niederländischen halle ich für unmiigllch. 

In dem Artikel (p. 7) Sbcr das Praelix i ^ ije wäre xo erwiUuia f^ 
Wesen, daß diese Umgestaltung schon in älterer Zeit erscheint; so findet «A 
in den Herseburger Glossen (Hej^e, kl. andtsch. Denkm.) Z. 19; JUteut, 
ivullistian, iwggde, idSmde. 

Wenn Kern p. 52 meint, das Gotische habe das i der i-Stiünme gtiüi- 
mahtis, früher ausgeworfen als die übrigen Dialekte und zur StStse agi. wb 
:= meaht -(- i, 6st = anst -j- i, gist ^^ gast + i anführt, so sieht die Bewtll- 
(iihruug auf schwachen Füssen, da der Umlaut in den Nominatir sehr gut tm 
den obliquen Formen kann eingedrungen sein. 

Sehr iDtereasant ist der Aufsatz von Kern Ober das ndl. d p. 175 ff. 
Bekanntlich ist im ndl. d das germ. Ih und das germ. ä znaamnieiige&Iba; 
aber es bleibt ein Unterschied der Ärticulation bestehen : d = germ. lA wirf 
dealal*], d ^ germ, d nird lingaal ausge^ prochen, and dieser tlntcrtclüed t» 
wahrt sich sogar im Auslaut. Es entspricht also einem .dentalen' d te 
Kiederländi sehen hochdeutsches d, einem lingualen ndl. d ein hd. t. Wckb ibv 
Kern meint, in uhd. tiehl, stht, hatUt liege im Auslaut eine Abweicbnng W 
der Regel vor, indem ein gotisches th, ein ndl. dentales d entspreche, a> 
berücksichtigt er nicht das AuBlauldgesetz , wonach jede Media auslauteud tu 
Tennis wird. Damit rerliert er auch die Möglichkeit, den Auslaut in kij im' 
neben dem in gehoord zu erklären ; im ersten Falle entspricht die Schreibu^ 
genau der Auasprache und dem Auslautsgesetz. Wenn in gerekend, getworf, 
blocd, band etc. die etymologische Schreibung RDgewendet wird, so tst dm in 
Einwirkung der obliquen Casus lutuscbreiben , cf. nhd. Well und GtU. iA 
scheue mich fast, so einfache Dinge einem Mann nie Kern gegenübor gekepri 
zu machen. Anfallend ist die Miitheilnug von Kern, daß in «oder nrf 
moeder der „dentale" Laat gehört wird, während sonst das vorbiD ■Mp' 
sprochene Geseta auenahmslos gilt. £« wäre intereeaant zn wisaen, ob diM 
Aussprache die allgemeine ist, oder nur die individuelle von Kern: er erkSri 
ausdrücklich, daß jene Angabe nur auf seiner eigenen Aussprache bendit. 

p. 186 ff. gibt Coaijn eine Anzahl von Verbessernngen lu den kl. rfl* 
niederdeutschen Denkmälern, denen gegenüber ich die mcinigen in Genn. XXt 
202 tlieilweise zurücknehme. Mit Vergnügen ersehe ich aus Coe^ua Mi 



*) d. h. door de toag legen de bovenstc rij tanden aan te slon. 



LITTERATUB: F. M. BÖHME, ALTDEUTSCHES LIEDERBUCH. 115 

daß das von mir verlangte harmquethandon für harmonethaadon bei Heyne wirk- 
lieh in der Leidener Handschrift steht. Übrigens ist ein großer Theil der 
Conjeetaren fQr nns nicht neu, sondern von Scherer vorweggenommen in seiner 
Recension von HoTnes Ausgabe der kl. andtsch. Denkmäler (Zeitsch. für österr. 
Gymnasialwesen 1867, S. 662), was ich selbst froher übersehen. Man vergleiche 
noch den Neuabdruck der Merseburger Glossen Zeitsch. für deutsche Philologie 
Bd. VI, p. 291. Etwas gar zu scharfsinnig ist die Vermuthung zu kl. andtsch. 
Denkmäler p. 89, 34, wo Cosijn aus dem gedruckten pniz als Lesart der Hand- 
schrift — somir reconstruiert! „de lange s met de o is als p, de minder dui- 
delijke m als ru, de r als z gelezen*". Wo bleibt das i von somir? Und Cosijn 
wirft einem Anderen schlechte achool vor, weil dieser zwei Buchstaben zu der 
Überlieferung hinzufügt! 

Schließlich noch einige Bemerkungen zu dem Neuabdruck von Piramus 
und Thisbe (cf. Haupts Zeitsch. XIII, p. 348 ff.), womit die andere verkürzte 
Bearbeitung verglichen ist, die im Belg. Mus. X, 89 ff. steht, v. 161 gibt 
keinen Sinn: 

Aey, lede muer, onsalich deel, 

Waerbi bistu dus gheheel? 

hoe dicke hebdi ons benomen, 

dat wy te gader souden couien, 

ende der minnen gerne plagen. 

Hier hat wohl die andere Bearbeitung das Richtige, welche die drei 
Verse so gibt: 

dat wy te gader niet mögen comen. 

du heves goet spei benomen 

van minnen, dies wy gerne plagen. 

V. 168 1. in geseit u niet für en geseit u niet. — seitsi in v. 196 und 
205 ist unzweifelhaft interpoliert, um den Wechsel der redenden Personen deut- 
lich zu machen. Das gleiche gilt von v. 215 und v. 221 — 22, wo beidemale 
die Lesart der zweiten Bearbeitung vorzuziehen ist. 

Zu V. 338 bemerke ich, daß Martins Abdruck geÄrarme bietet. 

So möge denn das neue Unternehmen seinen Gang gehen; möchten wir 
▼or Allem recht bald nähere Kunde erhalten über die Dialecte des Mittelnieder- 
ländischen; dann erst wird man auch zu wirklich kritischen Ausgaben der 
mitlelniederländischen Literaturwerke vorschreiten können. 

HEIDELBERG, den 7. November 1877. OTTO BEHAGHEL. 



Altdeutsches Liederbuch. Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise 
ans dem 12. bis zum 17. Jahrhundert. Gesammelt und erläutert von Franz 
M. Böhme, gr. 8. (LXXII, 832 S.) Leipzig 1877. Breitkopf u. Härtel. 

So zahlreiche und treffliche Sammlungen alter und neuer Volkslieder wir 
^«sitBeo, so enthalten doch die meisten derselben und gerade die wissen- 
<l<>tsD« doch nur Texte, keine Melodien. Das Volkslied aber 

**k dazu kennt, da beides, Text und Melodie, 

- mit einander verbunden war. Liliencrons 

5. Band ein Melodienbuch beigegeben, 

8* 



116 LITTEKATURt F. M. BÖHME, ALTDEUTSCHES UEDERBUCH. 

und erat dadurch iat dieae treffliche und tnuaterbafte Sammtung iDDerlieli «ic 
Rnßerlich vollatündig und abgeschlossen worden. Der Natur der Sache Bach ob- 
faCt Liliencron« Werk nnr einen LIeinen Tlieil cl» Uelodiea^ den gaitsea Stbtt 
mitdeaticlier Volksmelodien in einer kritischen Sammlung aas den Quell« n 
Tereinigen, war Böhme vorbehnllen, der mit hingebender Treue und rutloMt 
Liebe seit einer Inngen Reihe von Jahren xn der Verwirklichung diese* Plaact 
gearl-eitet hat. Den Aasgangspunkt der Sammlung bildeten die Melodien and 
man hätte alfh, wenn dieser Gesiehtspnnkt der herrschende geblieb«n, eine ga» 
andere Anordnung de» Materials dcokeu koDOcn, nämlich nach der Zeitfolge 
der Melodien. So werthvoll diese Anordnung für den Musikfreund geweMa 
wäre, BO glauben wir doch, dnß B. recht gethsii, die Texte fÖr die Anordaug 
maßgebead sein zu lassen. Schon die ähnÜclic Anordnung der bereits TOrhan- 
denen TeitHanimtnng««, denen B.'s Werk als musikalische Er^lnzang aielt an- 
reiht, emplahl die tiruppierung nach dem Inhalt. Vielleicht hätte da« IntuuM 
der Musikfreunde durch einen chronologischen Index der Melodien, soweit denilB 
sich mit einiger Sicherheit herstellen laßt, gewahrt bleiben können; die Sffaair 
rigkeil einer polchen ChrODologie mag B. ausserdem anch von der , 
nach Melodieu abgeschreckt haben. 

Nach einer trefflichen Einleitung über den Charakter und die 
des Volksliedes tn musikalischer and textlicher Bexiehung folgt das Liadert>ad> 
■elbst in folgenden 15 Abschnitten: I, Balladen und Romanxen. IL Tage- nd 
Wächterlieder. III. Liebeslieder. IV. Abschieds- and Wanderlieder. V. ltWhd> 
Wett-, Wunsch- und Lügenlieder. VL Tanz- und Kranilieder. VIL Trink- vi 
Zechliciler, ine). Fastnacbts- und Marti nslieder. VIII. Eioigi' histoiiicfa-politinhl 
Lieder. IX, Landknecht- und Reiterlieder. X. Jägerlieder und JägerromulMt 
XI. Lieder auf verschiedene andere Stande, als Bauern, Handwerker, StodtaiBi 
Mönche etc. XIT. Sehers-, Spott- und Schandlieder. XIU. Gemiachter lahiM. 
XIV. Einige Kinder-Eeime. XV. Geistliche Volkslieder. VeneicfaniiM d« 
Quellen, der Strophenformen, der geistlichen Umdichtungen, der Lieder «sd 
Melodien und ein Sachregister bilden den Schluß. Den einzelnen Stücken oad 
zum Theil sehr aosführltche litlerarische Erörterangen beigefügt, so beJm Et- 
debrandsliede, U. Ercal etc. Ebenso sind bei jeder Nummer die nack iv^ 
selben Melodie gehenden Lieder angeschlossen. Im litterurischen Thdle Mi|l 
der Verf. sich gut bewandert, wenn man ihm auch den Mangel an facIniHi- 
sclier Schalung anmerkt Daß der Bildebrandston älter sei als die NibdngH^ 
Strophe (S. 6) wird ihm schwerlich jemand glauben und daß die tmler Unt- 
bergs Namen überlieferten Strophen mehr der Hildebrand' als der IGk- 
lungenstrophc' gleichen (S. 7) möchte Herrn B. schwer sein zu bewMS- 
Alphait£ Tod wird S. 16 unter den im Hildebrandsion abgefaßten Liobn 
angeführt, während es doch, auch in der jungen Hs. noch, die Porai det 
Nibelangeo Strophe tragt. Da« in Berlin erschienene Heldenbnch acfadat B. 
nicht zu kennen, da er nur v. d. Hagens Heldeuhuch citiert. Daß daa deotiAt 
Volksbuch von Hersog Ernst eine ProsaauSösong sei (S. 35) ist nuri^tigi « 
i(t vielmehr Übersetzung der älteren lateinischen Prosa; diese 'viellett^t Mik 
vor dem IS. Jahrh. abgefa&t anzunehmen ist gänilich unerlaubt. KhM 
Friedrich' (S. S8) ist sicherlich kein anderes Lied als das BäDkehSngnSil 
Ton H. Ernst nud ein verloren gegangenes iu derselben Weiae lu 
ist grandios. 



BUSCELLEN. 117 

Indes wenn man auch diese und manche andere Unrichtigkeit und Un- 
genaulgkeit aas dem Bache wegwünschte, so kann dergleichen den eigentlichen 
Werth desselben doch nicht beinträchtigen und unsem Dank nicht mindern. 
Seinen Schwerpunkt hat es, wie schon angedeutet, im musikalischen Theil und 
nach dieser Seite hin ergänzt es eine oft und schmerzlich empfundene Lücke. 
Wie schwer hält es bei der Seltenheit und Zerstreutheit der Quellen sich einen 
Einblick in die alten Melodien zu verschaffen. Hier hat man sie in urkundlicher 
Beglaabigung schön zasammengestellt. Wir haben also alle Ursache, Herrn B. 
for seine mühevolle Arbeit herzlichen Dank zu sagen und empfehlen allen, die 
sich für das Volkslied interessieren, das Werk aufs angelegentlichste und wärmste. 

K. BARTSCH. 



MISCELLEN. 



Zwölf Sätze über wissensohaftliohe Orthographie der Mundarten . 

I. Oleiches ist immer gleich zu bezeichnen. 

IL Verachiedenes ist immer verschieden zu bezeichnen. 

nL Ahnliches ist wo möglich ähnlich zu bezeichnen. 

IV. Die Kebenzeichen über und unter den Buchstaben müssen möglichst 
einfach sein und sich untereinander leicht verbinden lassen. 

V. Für die akustischen Erscheinungen deren Darstellung für die Dialek- 
tologie am nötigsten ist, muß man die Zeichen und Zeichenverbindungen so 
wählen, daß wenn nicht alle, so doch die allermeisten sich in jeder größeren 
Druckerei bereits vorfinden. 

Vi. Jedem Buchstaben der gewöhnlichen Schrift wird derjenige Einzellaut 
zngetheilt, welchen er in der neuhochdeutschen Orihographie gewöhnlich be- 
zeichnet. 

Vn. Die herkömmlichen Zeichen ä, öj ü sind durch die bequemeren a, 
0, y zu, ersetzen. 

VIII. (oder ) über einem Buchstaben gibt an, daß ein Laut zu sprechen 
irty dessen Verengung oder Verschluß etwas weiter nach hinten in der Mund- 
höhle liegt als bei dem Laut, welchea der Buchstabe ohne bezeichnet. 

IX. hat die entgegengesetzte Bedeutung von . 

X. Die Nasaliernng wird mit dem polnisch -litauischen bezeichnet. 

XI. Keueinzoführende Buchstaben sind: 

1. 9 für den Mittellaut zwischen a und ö, den Vokal der meisten 
deutschen Nebensilben. 

2. 1} für den Nasal mit Gaumenverschluß. 

3. X für den mediopalatalen Reibelaut. 

4. j für das tönende x, 

5. V für das tönende /. 

6. 9 für den faukalen Schlaglaut. 



HS MI8CELLEN. 

7. X oder 9 für den antepalatalen Reibelaut. 
fs oder p far den stimmlosen interdentalen Reibelaut. 
\f oder d für den tönenden interdentalen Reibelaut. 
XII. Die Länge wird durch bezeichnet. 

Zar Begründung^). 

§. 1. Sowohl praktische als auch wissenschaftliche Bedorfbiaie haben 
schon längst dazu geführt eine neue Orthographie zur genaueren Beseiehmnif 
der Laute aufzustellen. Überblickt man, was in dieser Beziehung bisher gt- 
schehen ist, so überrascht vor Allem, daß die gemachten Versuche zahllos sind 
und die allerTerscbiedensten Ergebnisse gehabt haben. Der Fall, daß jemand 
die orthographischen Vorschläge eines Vorgängers ohne die leiseste Verände- 
rung zu den seinigen macht, kommt beinahe nicht vor. Die Ursache dieier 
unglaublichen Zersplitterung springt sofort in die Augen: die grenzenlote 
Willkür und Principlosigkeit, mit welcher jeder Einzelne verfsbrcn ist und du 
häufige Fehlen aller orthographischen und physiologischen Vorkenntnisse; die 
Arbeiten eines Andern finden ganz beliebig in einigen Theilen Beifall, in sb* 
deren Mißbilligung, meist ohne daß ein anderer Grund vorläge als zufällige 
Gewohnheiten oder sonderbare Grillen. Sehr Viele treten an die An^be 
heran ohne nur im entferntesten zu ahnen^ daß sie nicht die Ersten sind, welche 
dieselbe zu losen versuchen. Am meisten Ansehen haben sich die Vorschlige 
von Lepsius errungen, trotz ihren nicht geringen Mängeln; aber kaum jennod 
der sich mit der Sache nicht bloß theoretisch beschäftigte, sondern an prak- 
tischer Verwertung überging, hat dieselben unbedingt gutgeheißen; Jeder bit 
daran zu ändern gehabt, der Eine da, der Andere dort; zur Einigkeit ist usb 
nicht gelangt. — Daß es besser werde, ist nur dann zu hoffen , wenn mtf 
allgemein die unerfreuliche Sachlage klar erkennt und die Lehren behersigt^ wdebe 
sie uns in unschwer verständlicher Weise gibt. Es ist natürlich sehr leicht an 
der Unzahl der möglichen Sprachlaute willkürlich einige herauszugre if en osd 
dafür ebenso willkürlich irgend welche Zeichen aufzustellen; aber wird mai 
auf diesem Wege eine Verständigung erzielen? Ganz gewiß nicht. Man im6 
sich bestreben allgemeine, fest begründete Principien zur Anerkennung zu bringen, 
aus welchen sich die Entscheidung für jeden Einzelfall mit zwingender Sieber 
heit ableiten läßt. Nur dann werden sich, was zum Zweck der Einigung ir 
erläßlich ist, Viele dazu bequemen auf ihre zufallige Gewohnheit sn Teniehtei 
und Neues, Fremdartiges anzunehmen. Um dieses Ziel zu erreichen genfigt ei 
natürlich nicht bloß einige Thesen aufzustellen, sondern dieselben m fi iee n vt» 
einer ausführlichen Begründung begleitet sein. 

§. 2. Vor allem sei ausdrücklich bemerkt, daß die hier gemachten Ver- 
schlage lediglich nur die Zwecke der Wissenschaft im Auge haben ; auf Scbrifies, 
welche zur Unterhaltung des großen Publikums dienen, können nnd sollen «( 
keine Anwendung finden. Eine wissenschaftliche Orthographie ist durchs» 
unmöglich ohne die bisherige Gewohnheit des Auges sehr schwer an verletscB; 



*) Die Eintheilnng in §§. hat keinen anderen Zweck als die Erieiehtennif te 
Citierens. 



MISCELLEN. 119 

in dieser Hinsicht darf man sich keiner Täuschung hingeben. Fremdartigkeit 
kann durchaus kein Grund sein eine sonst gute Schreibung zu verwerfen. 

§. 3. Von einer Schrift, welche ein wissenschaftlieh treues Bild der 
Sprache geben und zugleich praktisch verwendbar sein soll, ist zu fordern: 
1. T r e n e , d. h. sie hat darzustellen a) Gleiches durch Gleiches. 

b) Verschiedenes durch Verschiedenes. 

c) Ahnliches durch Ahnliches. 
2.Einfachheit. 

3. Wohlfeilheit. 

Den Forderungen 1 a und 1 b ist mit unerbittlicher Strenge au genügen ; 
2 und 3 müssen sich ihnen unterordnen und 1 c ist durch 2 und 3 ein- 
geschränkt. 

§. 4. Die Sätze I und II geben allgemein als unerläßlich Anerkanntes 
in knappster und zugleich erschöpfender Fassung. Nach I darf z. B. der 
Reibelaut des Vordergaumens nicht bald durch CH, bald durch G, bald durch 
J dargestellt werden, wie dies in mitteldeutschen Dialektproben oft geschieht. 
Femer der ä-Laut nicht bald durch ä, bald durch aa oder k^ bald durch e. Ferner der 
stimmlose S-Laut nicht bald durch S, bald durch SZ, bald (in Verbindung 
mit T) durch Z, bald (in Verbindung mit R) durch X. Femer die größere 
Schallstärke nicht bald durch Beistrichelchen, bald durch Anwendung ganz 
verschiedener Buchstaben wie etwa ^P*' für starkes „B" u. s. w. u. s. w. 

§. 5. Nach Satz II darf z. B. für den stimmlosen S-Laut nicht f wie 
für den tönenden geschrieben werden. Femer darf E nicht bald dem e-Lante, 
bald dem ä-Laute, bald (wie in Pein) dem o-Lante, bald (wie in badete) 
dem a. Laute, bald (wie in euch, heut) dem o-Laute dienen. Endlich darf 
für P nicht PH stehen, da P die labiale Tenuis, H den gutturalen (im Kehl- 
köpf; nicht am Gaumen gebildeten) Reibelaut bezeichnet; aus ähnlichen Gründen 
sind auch TH für den interdentalen, CH für den palatalen Reibelaut unzu- 
lässig u. s. w. u. s. w. 

§. 6. Nach Satz III dürfen die verschiedenen Abstufungen einer und 
derselben Eigenschaft nicht durch ganz verschiedene Zeichen dargestellt werden, 
z. B. nicht ein Grad der Schallstärke durch , ein anderer durch . Auf die 
Bezeichnung der verschiedenen Lautarten kann Satz III nur in beschränkter 
Weise Anwendung finden; es ist z. B. nicht möglich die Gleichartigkeit der 
mit P, T, K bezeichneten Laute graphisch hervorzuheben ohne das lateinische 
Alphabet aufzugeben. Wir haben nur darauf zu sehen, daß die notwendigen 
neuen Zeichen zu den beibehaltenen alten in einer leicht erkennbaren Bezie- 
hung stehen; z. B. für den Mittellaut zwischen t und e ist eine Darstellung 
zu wählen, welche dessen Verwandtschaft mit i oder mit e anzeigt. 

§. 7. Gegen Satz IV sündigt man häufig in der unbegreiflichsten Weise, 
so daß man ohne Not das Auge durch Überladung und Fremdartigkeit be- 
leidigt und die Satz- und Druckkosten erheblich vermehrt; man denke sich 

z. B. zu dem an sich schon ungeheuerlichen a (= Mittellaut zwischen ö und a) 

die Zeichen ^ * hinzu! Verwerflich sind daher a, e, a, o u« s. w. als Zeichen 
für Vokalklänge. Ferner alle Striche und Halbkreise, deren Längsaze nicht von 
oben nach unten läuft; stehende Zeichen lassen sich sehr leicht und raumsparend 
verbinden, liegende aber nicht; auch nehmen letztere natürlich einen breiteren 



I Billigtii 



r^JO M18CELLEN. 

RaotD ein . «as über schmalen Buctistaben wie i leicht störend werden kuia 
und einer xliratlig nütigen Verlängerung des Zeichens im Weg« ateht. Eio- 
fachheit Ist auch deahalb ttDerläGUch , well es bei der Menge d«r eh berück- 
sichtigeoden ttkustiBchen Eischeinnngen üble Verse h wen duog ist im DanMIaBf 
einer lantlichtrn Eipenschnfl ein Zeichen anEowenden. das ans tnehrercD be- 
steht (wie E. B. ' Dnd ' aus : remer * aus " n, s. w,). — Znlässig «ind also 
bloß ' ' und . 

g. S. Satt V ist für Jeden selbatTerstän'lIich der jemals in die I-^ag« ^■ 
kommen für den Drnck eines Werkes die Herslellnng ungewöhnlicher TjpMi 
fordern au müssen ; die Herren Verleger verhalten sich solchen Zamntangen 
gegenüber sehr nngeberdig, auch wenn sie Besitzer von Schrift^eßereien «od 
TOD großen, reich au sgesi alten en Druckereien aincl. Wie oft liest man in den 
Grammatiken von MissionareD, sie hätten die Lepsiuascheu Scbreihnngen nicht 
TerwAnden können und andere annehtnen müssen, weil die Dmekerei nicb 
darauf eingerichtet war. Wo bleibt Hanu die ersehnte Einheit? Die VeröSent- 
liehnng wissenschaOlicber DiaJektschriften gehört ohnehin nicht in den einlräg* 
liebsten Kapitalanlagen. Der Verleger von FronmstiiiE Zeitschrift .die dM^ 
sehen HandarteD", auf deren Verhallen in dieser Pnige sehr viel ankoiBiat, 
hat für das Unternehmen bereit* große Opfer gebracht und weigert sieh gast 
bestimtnt noch viel weiter zn gehen. Je kostspieliger man eine OrtborniAie 
macht, desto hartnäckiger werden sich die Schriftsteller, Verleger und Draekcr 
gegen deren Annahme sträuben , so daß alle Beratungen und BeGprecbuDg»«. 
welche diesen Verhältnissen nicht genügend Rechnung tragen, schlieClieh leer« 
Gerede sind. Wer es entwürdigend findet. daC die Wissenschaft auf Oeldfnga 
Bücksicht nimmt, der möge einige tauBend Thaler hergeben, um allen «Um«- 
sebaftlichen Bearbeitern von Mundarten die Mehrkosten einer ganz onabhia- 
gigen Schrift lu vergUten; will er dies nicht Ihan, so ist seine Entröalnag «Jm 
sehr wohlfeile. 

$. 9. Selbstverständlich ist es ein Ding der reinen Unmöglichkeit vae 
Schrift aufzustellen, welche allen Bedürfnissen der Wissenschaft genügt ond 
dennoch nicht mehr Aufwand erfordert als der Sati irgend eines Dreipfensi|- 
romans. Aber dies verhindert nicht, daß man die Zeichen, welche voraai- 
sichttich am häufigsten gebraucht werden müssen und der Diatektforschaag •■ 
nnentbehrlichsteu sind, so wähle daß ungewöhnliche Tjrpen möglichst vermied« 
werden. Von mehreren in wissenschaftlicher Hinsicht gleich guten VorccUigca 
muß derjenige unbedingt den Vorxng erhatten, welcher in den meisten Dmckereiet 
am leichtesten ausführbar ist. Dieser Grundsatt ist nicht etwa bloß ein not- 
wendiges Übel, eine zur Tugend gemachte Not; wenn er nicht durch die On- 
stände gebieterisch aufgestellt würde, müßte man ihn aus freier Willkür e^ 
finden, denn er gibt eine Entscheidung In hundert Fällen, wo man sonst rallM 
und unentschlossen »wischen iwei, drei, vier Vorschlägen schwanken würde. Ds 
ein noch so sinnreich erfundener Bncfastabe eben immer nur ein konventio- 
nelles Bild des L.'vnteE geben wird, so ist es doch besser dieses Konventionen« 
werde durch historisch Gegebenes, statt durch wiltkQrliches Belieben bedingt: 
genau betrachtet erscheint uns hier das Hcgelsche „ Alles Seiende ist vernünftig' 
nicht so vemunftlos und brutal wie man auf den ersten Blick meinen sollte. 

Han sollt« hoffen dürfen, daß die Sätze 1 bis V jedennaaBs 
Billigung finden werden; ihra Beurtbellong ist reine Ventandeiaaehe ud «M 



MISCELLEN 



nicht dnroh die Eahllosen Vomrthoilc und Zufälligkeiten beeiiiRußt, wclrho bis- 
hn Jede Einigung vereitelt haben. Wer nicht sticMialtige Griiudo dagegen 
anbringen veiniBg, der verzichtet nuf jede Bcreohtigung gegen deren 
ijnentc Anwendung Einnprachc zu erheben, mögen dadurch seine orthographiBchen 
Gewohnheiten verletzt werden oder nicht. 

Die Sätie VI bia XII sind die notwendigen Folgerungen aus I bio V. 

§. 11. Eine nagelneue Schrift, wie die von Brücke (Sitzungsberichte der 
Wiener Akademie der WisBentchoften , phil.-hiat. Kluase, Band XLI, S. 233 
bii 385) vorgCBcblagenc , ist, abgcacheu von den schweren wissenHehaftlichen 
Bedenken die sich dugegen erheben , schon wegen Satz V verwerflicii. Durch 
dio Anlehuung an das Herkömmliche erreichen wir nebenbei den Voriug leich- 
temt Erlernbarkeit. 

§. 12. Unhaltbar ist die Forderung es diirfe in das neue Alphabet kein 
Baohatabe aufgenommen werden, welchem irgend eine der germanischen und 
romanischen Orthographien eine andere Bedeutung beilegt als die übrigen. Wir 
brauchen uns um dieselbe am so weniger xa biimmorn, da diejenigen, welche 
sie «teilen, selber in der gröbsten Weise dagegen verat^ißen. Nehmen wir 
t. B. die Sehreibungen von Lepsius. Er verlangt S für den stimmlogeD S-Laut, 
aber in Deutschland ist S das Zeichen fdr den tönenden Reibelaut; sa lesen 
die mdstea gebildeten Deutschen als rranzösischeB za; der BuchBtnbc S wäre 
■In ffir die neue Orthographie nicht brauchbar. — z soll den tönenden SLaut 
dnatellen ; itber in Deutachland bedeutet es /<•, in Italien U und d/', in Spanien p. 
— U für den dunkeUten Vokal vriderepricht der franzöiisuhen Orthographie, in 
*tfllchcr es die Geltung y (d. b. ii) hat. — V für lo verträgt sich nicht mit den 
deutschen Gebrauch, welcher Ihm den Wert/beilegt. — ^W für unsilbiges u ist 
uituläskig , weil es im Deutschen und Holländischen nur den lu-Laut bpzeich- 
nüL — H für den Kehl kopfrei belaut taugt nichts, denn bei den Romanen ist 
Et stumm. — P, T, K dürften nicht fiir die reinen Tenuee VL'rwendet werden, 
«eil sie in Deutschland und in Dänemark als Vertreter der Lautverbindungen 
fk, Ik, kf, tx gelten. -- B, D, G wären £ur Darstellung der tönenden Medien 
dnrchaiM untauglich, wdl sie in Süd- und Mitteldeutschland als reine Teiiues 
gesprochen werden d. s. w. — Streng genommen müßte man jeden Buchstaben 
terwerfen iler in irgend einer der genannten Orthographien mehrere Werte 
h»l; «. B. A = o, denn engl. A oft = < o u. s. w.; E = «, denn engl. E 
otlc=i und öi l = i, denn engl. I oft :^ o», o, (; O =i o , den dünisch 
flft= i; U = u, denn engl. U oft = m, n, h; G = 3, denn it«l. G oft = df, 
frux. G oft =^ ^ span. G oft ^= i; D ^= d, denn apan. und däo. D oft =^ j) 
oder Ä u. §. w. a. ». w. — Ein GrundKalK der von seinen eigenen Verfechtern 
mit Füßen getreten wird, kann keinen Anspruch auf Beachtung erbeben. 

§. 13. Man hat eingewendet die neub och deutsche Orthographie könue 
nicht cnr Grundlage einer wiaeenschaftlichen Schreibung gemacht werden , weil 
dit Geltung ihrer Buchstaben in den einzelnen Gegenden Deutecblands oft sehr 
Toaehieden isL Dies ist ohne Belang. Mehr als die Hälfte aller Deutachen 

I* £ und 1 (Ür und U ; aber deahalb zweifelt niemand daran, duG die 

^it I. E au beseichnen sind, und nicht mit Ü, Ö, oder daß den Buch- 

di« Laute * ■>• alu eigentlicher Wert zukommen. Ebenso wenig 

V ob G ein g und nicht vielmehr einen CH-, oder, 

f. darstellen solle. 



g bie- ^H 
sehen I 



■ 
I 




t 




12Sf MI!*CEI,LEN 

t>. 14. Ware e» nicbl beucr von der italiäniBchcn Urlhogtapkic 
•taU von der ncuhocbdeutachen? — Durchaus oicbt! Im Wesentiiohen i 
beide Weg« zu domselbea Ziele fähren; aber, in manchen Fällen 
ifaüiünwcbe Schreibung nicht au« und müllte man dann obneliin uuf die neobo^ 
denUche zurückgreif eo ; z. B. die Gaameatenuia bezeichnet der Italiäaer uil C, «u 
vor E und 1 mlftlieh wäre; für die Laute ä, / (^tönendes S) hat er keinflii bt 
sonderen Buchstaben; die Laute li, y, ö kennt seine Schrlftapracbe nicht. Keine 
Orthographie eignet sich so gut zur Grundlage einer ivissenschafUicben 8thwi 
bang wie die deutsehe. 

§. Ib. Die Buehstuben, welche wir nach Satt VI anannebmen bafanv 
sind folgende : a, ä, b, d, e, /, g, h, i, k, l, m, n, o, B, p. r, f, m, t,m^t,m 
Über r als /.eichen für den tönenden S-Laut, s. Herrigi Arebi« 1877, Bi. LTI« 
S. 327—332. 

S. 16. Von diesen Zeichen können drei nieht gutgehd&en woJa^ 
numlich ä , ö, ü. 8le verstoßen gegen Satz IV erstens weil der Doppeipwkl * 
aus >«ei Zeichen zusammen gesetzt ist, sweitena weil er nnbequem ist ttod äct 
mit anderen Zeichen «chleeht verbindet. Mit Satz V sind n, ö, Ü nnvertriglid, 
weil sie in Verbinilnng mit den einfachsten und über allen Vokalieichoi f/t- 
brüuchlichen Beistrichen und in den Druckereien nicht vorkommen. D« 
Voraehlag von Lepaina den Doppelpunkt unter den Buchatabeo luuiihn^«, 
kann natürlich nicht befriedigen. Für ü gibt es eiuen Ereatt, welchem £s 
drei eben gerügten Fehler nicht ankleben und welcher bereits mehr oder we- 
niger üblich ist; in griechischen Fremdwörtern und in der Orthographie du 
Ang^t^cbsischeD , Altnordischen, Schwedischen uqd Dviiachen finden wir da 
Il-Lant stets mit y bezeichnet. Diesem Vorgang müssen wir nna unbcdi^l 
anschließen. 

Hingegen för ä und ä ist die Abhülfe nicht so leicht; denn welche Zeicben 
wir auch wühlen mögen, so sind deren Verbindungen mit den nötigslen Bti- 
strichen in den Druckereien nicht vorrätig nnd ist es daher unmöglich den 
Satz V «u genügen; wir können also bloß auf Hat« IV Rücksicht nehmen- Dt» 
Zu nach st liegende sind Verschleifungeu von a und o mit f; da nnn aber £e 
bereits üblichen «, te an großer Unbefaotfenhelt leiden, feiner in der Kann- 
sehrift leicht mit den zweilautigeu ae und oe verwechault werden, bleibt nidrti 
übrig als dua e in das a und o zu stellen und die Zeichen von Satz VII aus- 
nehmen. Dies ist übrigens in dem hier vorgeschlagen en System der eiBSp 
Fall wo ein eigentlicher Buchstabe neu geschnitten werden mnO. — Daß doiik 
strichene o, o, u nnsj-nlem »tisch, uubcqueui and obendrein unschön sind, bedarf 
kaum der Erwähnung. llns^Btematiach und unpraktisch sind auch die o, c, a 
mit Einkerbung links. 

§. 1 1. Am wichtigsten für die mundartliche Wissenschaft ist zonicM 
die Bezeichnung der gebriuchlichaten Vokale, fdr welche die herkömmliche 0^ 
thographie keine besonderen Bucfaatnben besitzt. Die meisten Vorschläge, welcb« 
bisher gemacht worden, verstoßen gegen einen oder zwei der Sütee m, I^ 
unil V oder gar gegen alle drei und leiden obendrein au zwei Fehlem: f 
verschwenden eine Menge von Nebenzeichen und lassen die Mittelstufen !>!• 
sehen i, y, u und e, B, o unberücksichtigt. Die einzige nach allen Seiten bis 
befriedigende Bezeichnnngs weise ist die von Schmeller in seinen nMundartea 
Baiems* und von Rumpelt in seinem höchst verdienstlichen „Sfatem der Spcwfc- 



MISCELLEN. 123 

lante" (Halle, Waisenhaus 1869) aogewendete: der Gebrauch des ' (Scbmellers 
md Rumpelis ' für den „alphabetischen" Lautwert der Buchstaben ist über- 
9ü88ig und mit Satz VI unverträglich). Nach Satz VI II venrollständigen sich 
die Vokalzeichen folgendermaßen: 
u U o h ä a a ä k eli Zugleich erhalten wir für den Laut des deutschen SCH 

^ das Zeichen s, für das französische J: /*, für die am 

^ hintersten Gaumenrande gebildete Tenuis: ä; u. s. w« u. s. w. 

y 

§. 18. Daß dem ' die dem * entgegengesetzte Bedeutung beigelegt wird, 
ist beinahe selbstverständlich; Übrigeos wird ' bei Vokalzeichen vorläufig kaum 
nötig sein. — Die durch Anwendung von und ' erlangte Vokalbezeich - 
nong ist an Systematik, Einfachheit, Bequemlichkeit, Eleganz und namentlich 
an Reichthum und Ausgiebigkeit jeder anderen bisher vorgeschlagenen weit 
überlegen. 

§. 19. Das von Rapp, Lepsius u. A. für die Nasalierung vorgeschlagene 
'ist unbrauchbar, denn es ist zu kompliciert (aus '^ und "" zusammengesetzt), 
nimmt als wagrechtes Zeicben zu viel Raum nach rechte und links ein und 
verbindet sich schlecht mit irgend einem anderen Beistrich (sieh oben §. 7). Es 
ist daher unvermeidlich das von Rumpelt, Sievers u. A. angewendete polnisch- 
litauische ^ anzunehmen. 

§. 30. 9 ist seit Schmeller und Rapp in der wissenschaftlichen Dialekt- 
sebreibung so gut wie eingebürgert. Von dem Lepsiusschen e kann schon 
wegen Satz V und §. 8 keine Rede sein. 

§. 21. Aus denselben Gründen ist für den Nasal mit Gaumenverschluß 
nur das von Rapp und vielen Anderen eingeführte fj zulässig; i} allein hat 
den Vorzug, daß es mit den nötigsten Beistrichen * und {rj i^) in jeder 
größeren Druckerei vorhanden ist 

§. 22. Statt des von Rapp, Lepsius u. A. vorgeschlagenen ^ ist das 
von Winteler und z. Th. auch von Rapp und Sievers verwendete x vorzuziehen, 
weil es auch in der kleinsten Druckerei zu haben ist und vor % überdies den 
Vorzug hat nicht unter die Linie herabzugehen. Nach Satz VIII ist damit 
zugleich X für den am hintersten Rande des Ganmensegels gebildeten Reibe- 
lant gegeben. 

§. 23. Gegen j als Zeichen für tönendes x wird sich schwerlich ein 
Einwand erheben. 

§. 24. Ebenso wenig gegen v für das (von unserem w scharf zu son- 
dernde) tönende /, welches im Niederdeutschen und Romanischen vorkommt und 
in der Orthographie dieser Idiome mit V bezeichnet wird; die Holländer und 
die niederdeutschen Dialektschriftsteller halten V und W und F auf das strengste 
auseinander. 

§. 26. q ist das zunächstliegende Solchen für den faukalen Schlaglaut; 
so ergibt sich nach Satz VIII zugleich auch q für die Kehlkopftenuis. 

§.26. In Betreff von Satz XI 7 und 8 kann die Entscheidung ver- 
schieden ausfallen ; je nachdem man Satz III und IX oder aber Satz V zur 

Gl^ltang bringt; x i f sind systematischer, g P o üblicher. 

§. 27. Von ^ und von " als Dehnungszeichen kann keine Rede sein, 
wenn man gegen die Sätze IV und V (vgl. §. 7 \tnd ^"^ V«\fi^ «Oc^^%^xA^\v 



MISCELLBN. 

Vcmunftgriinde vorzubringen wciO. Sie eind nicht duc &a sich unbequem, »ta' 
dem kommcii in Verbindung mit KansoufLotcn zeichen und mit anderen Bei- 
strichen in keiner Druckerei vor. Ferner ist eine Zusammcnsetiang. Über- 
dies nird mit der Zeit dns 6e<lürfaisa eiatreten nicht bloß eine, «ondem 
mehrere Stufen der Länge zu anleracheiden ; dies kann in Berücksichtigung vod 
Satz 111 (vgl. %. 6) s. Th. nur durch Verlängerung des Dehnungszeichens gt- 
schoben, z. B. müßte eine größere Dauer als " bezeichnen ; wie soll aber 
über einem schmalen Buchstaben Platz fiaden? — Sehen wir was Tür Längen- 
bezeichnungcu, welche nicht gegen Satz 1 verstoßen, sonst noch üblich sind, 
so finden wir in der Orthographie des Altnordischen, des Ungarischen, da 
Böhmischen, des Irischen und vieler lateinischer Inschriften den Qiierstiich . 
Dii-aer bietet alle die Vortheile, welche wir bei " and ~ vermissen. In der pol- 
nischen, tschechischen und litauischen Orthographie und in dem Lepsiosscbea 
Sifstem kommt über den allermeisten Konsouantcn *or; über Vokaizeicheo iu 
es in jeder Druckerei vorrätig außer über ä und ö; aber in dieser Verbin* 
düng findet man auch keine und ~. — Natürlich muß jeder Bucbstjibc, dei 
aicbt mit dem Längezeicben versehen ist. entschieden kurz gesprochen werden, 

^, 28. Auch wenn wir davon absehen, daß wir mit der Verwendung 
von und in der oben erläuterten Bedeutung nicht etwas Unerhörtes aas der 
Lnft greifen, sondern uns an den langst gemachten Vorschlag des Ältmeisten 
auf dialekt wissenschaftlichem Gebiete und eines angesehenen Grammatiker« tud 
an den hergebrackteu Gebrauch mehrerer Kulturvölker anlehnen, so zwingt nni 
Bchon Satz V diesen Weg einzuschlagen. Zu welchen Zwecken bedarf die 
mundartliche Orthographie am nötigsteu und am häufigateo der Aaireadnag 
von Nebenzeicheo? Um gewisse Schallfärbungeu und um die Länge dir- 
Buatellen, Welche beiden Nebenseichen finden sich bereits in jeder Dmekoid 
altein oder in Verbindung mit einander über den meisten der zunächst in Be- 
tracht kommenden Buchslaben? Die Beistriche und (welche sich su " «■■■■• 
mensetzen}. Kann man diese beiden Thatsachen nicht in Abrede stellen, N 
■wingt die unerbittlichste Notwendigkeit zur Annahme der Sätxe VHI und XHi 
mag man sich drehen und wenden wie man will. 

g. 29. Wenn man auch die Bezeichnung der .Betonung" für nn t i iM 
lieh erklärt, so ist dies ein schwerer Irrthum. Erstens betonen die voneU»' 
denen Mundarten, die in prosoJischer Hinsicht sehr stark von einander iilipiiifhii, 
im Wesentlichen ganz gleich. Zweitens ist innerhalb des einfachen Woria 
beinahe immer die Stammsilbe stärker als die übrigen Silben; wer mm aN 
dem Deutschen vertraut ist, weiß in den meisten Fällen den Stamm als aold« 
XU erkennen; obgleich unsere herkömmliche Orthographie in Wortbildera «il 
begeben über die dynamischen Verhältnisse keinerlei Auskunft giebt, enUdt 
trotzdem nur in den seltensten Fällen ein Zweifel darüber was Stamm nad mt 
Nebensilbc ist. Drittens haben wir ^ nur in schwachen, die übrigen Vokik 
meistens nur in starken Silben; die genaue Darstellung des Klanges madt 
aUo gewt>hnlicb auch die Tonsilbe dem Äuge kenntlich. Viertens kommen b 
BchwAcben Silben selten lange Selbstlauter vor; unser Längenzeichca wird alM 
in den meisten Fällen auf die Betonung hinweisen. Von einem dringendes 
Bedtirfiiiss nach Acccntbexeichnung kann aha nicht entfernt die Rede sei»- 
Darum finden wir in all den zahlloacn Dialektprobun, welche bin jetit 
ÖSentlicht worden, immer eine durchgängige, wenn auch oft 




MISCELLEN, 



nml takonBequGDte DnrBlellnDg der FroBodie, niemalB aber besondere Beiatriclie 
für die RtgrkeverhÜltniaae. Soll übrigens eine aolche angewendet werden 
genügt e« <ivr Wisaenachaft durühniis nicht bloß die dynamischen Verhältniase 
innerhalb des vei'einzellen Wortes kenntlich zu machen, BOndem aie niuß nuch 
diejenigen innerhalb m^tir wortiger Sätze berücksichtigen : daran wird mi'iatena 
gar nicht gedacht. — Die herkömmliche AccentbeBaichnnng ist ohnehin un- 
«yitematisch und gänzlich ungenügend und bedarf einer gründlichen Umge- 
sbütnng. Auch hnndelt es sich dämm xagleich eine Bezeiehnunge weise der 
i^challatÜrke aufzustellen, welebe geeignet ist die in unseren Lehrbüchern der 
nhd. Metrik immer noch graeaierenden Kiirülangschemata zu Terdräugen. 

§. 30. Die in den Sätzen VI bis XII vorgeschlagene Schreibung reicht 
ans fiir die dringendsten Forderungen der Wisaensebaft ; hat man sich in diesen 
Punkten geeinigt, so werden die übrigen, velcbe man in Frommanns deutschen 
Mundarten, Bd. VH, S. 313 — 315 besprochen findet, wenig Schwierigkeiteu 
mehr machen*), — Das gitnie System ist bis in seine kleinsten Theile nach 
sllen Seiten hin reiflich durchdacht; die Lauttheorie auf welcher es beruht, 
habe ich ausführlich erörtert in Reichert« und du Bois-Beymonda Archiv fiir 
Anatomie und Physiologie (1873, S. 449—477), in meiner ßeceusiou von Sie- 
vcrs' Grundzügen der Lautphysiologie (Steinmeyers Zeitschrift für deutsches 
Alterthnm 18TT, Anzeiger III, S. 1—33) und in meinem Buche „Zur Laut- 
KTachiehuug". Noch sei bemerkt, daß wenn auch zunächst die Bedürfnisse 
der deutschen Dialektologie Ins Auge gefußt worden, die vorgeschlagene Ortho- 
graphie dennoch auf jede Sprache , also auch auf die romanischen MuTidarten 
■it Xieiebtigkeit anwendbar ist. Daß sie an Folgerichtigkeit, strenger Sysle- 
matik, Eleganz und leichter Anwendbarkeit unübertroffen daalebt, wurde mir 
uhriftlich und mündlich von den verschieden ateu Seiten her rückhaltslos be- 
NBgt; aie ist von einem hochverdienten Veteranen der deutschen Dialektfor- 
lAuDg, Prof. Schröer In Wien, als „wohliiberdacht und in hohem Grude he- 
lAtenewert" bezeichnet norden (Germania XXII, S. S46 ff,). 

Zum SchluBso wiederhole ich, was man immer nicht genag wiederholen 
kann: boII in der wissenschaftlichen Orthographie irgend welche Einigung er- 
liett werden, so lasse man sich nicht durch beliebige Gewöhnungen und Zulalla 
Idten, sondern durch klare und wohlerwogene Vemunftgründe. 

Allü Freunde der mundartlichen Forschung bitte ich dringend meine 
Vorachlüge und namentlich deren Begründung einer eingehenden, unbefangenen 
Prüfung zu unterwerfen und daa Ergehniae zu meiner Kenntnisa gelangen zu 
ItMen. Jeder Ausdruck der Zustimmung, jede ausführlich und veratündig be- 
gründete Verbesserung wird mir willkommen sein. Jedenfalls wird ea sieb »ehr 
Hnpfehleu Gegeutheaen nur nach erfolglosen Vers tändiguugsv ersuchen zu rer- 
SffeDtlichen , sonst wird Kraft und Zeit nutzlos vergeudet; oft beruht eine 
Ueinangsverscliiedenheit nur auf leicht zu hebenden Mißverständnissen. Und 
dadurch, daß auf jeden Vorschlag hin zehn, zwölf leider oft recht unüberlegte 
mroracbläge hervorpilzen, wird das Werk der Einigung nicht gefordevt. 



iMdüBclbsl (S. 31S— 330) habe ich vor den Fehlem gewarnt, welche go- 
di&tektiaclieu Beobachtungen begangen werden und auch die beste Ot- i 



1 

:: ■ 



I 



126 MI8CELLEN. 

In hohem Grade wünseheDswert ist mündlicher Ifeioiuigiaiutaaach. Die 
beste Gelegeoheit hierzu bieten die PhilologenTersammluogen (die nirhste wird 
im September 1878 zu Gera stattfinden). Nur maß man unsere Aagelegcs- 
heit nicht in SektiontsitKungen sar Sprache bringen; die Erfabrnngen auf des 
Tübinger and aaf dem Wiesbadener Philologentag haben, wie ich ea za Tm- 
hingen aasdrScklich voraussagte, auf das Gläniendste bestätigt, daß die Fnge 
der mundartlichen Orthographie bis jetzt noch sa wenig reif und an sehr 700 
MißTerstandnissen omgeben ist, als daß sie in einer vielköpfigen Yersammloog 
eingehend und sachgemäß erörtert werden könnte. In diesem Sinne hat dem 
auch die sehr stark besachte Germanistensektion an Wiesbaden nahesn ein- 
stimmig die Absetzung des Gegenstandes von der Tagesordnung beachloesen. Es 
steht also nar der Weg privater Besprechung offen and diesen xa betreten wird 
man mich wie in Tübingen und Wiesbaden^ so auch in Gera immer bereit finden. 

SAAROEMOND. j. f. KR&UTER 

Zorn Steinbnch. 

S. XXV, Z. 3 V. o. 1. dL. — XXYI ist durch ein mir onbegreifliche» 
und sehr bedauerliches Versehen die Bemerkung ausgefallen, daß ich Dank der 
gewöhnten Gefälligkeit des hochw. Herrn Bibliothekars A. Czemj die Hs. 
des St. Florianer Steinbuches mit aller Bequemlichkeit selbst benutzen konntf. 
Möge er den verspäteten Dank auch jetzt noch freundlich aufiiehmen. — 
AAXI hätte neben den Verseichnissen aus Ruiand u. s. w. (Z. 16 v. o.) die 
Stelle aus Lambrechts Alexander 6890 ff. W schon wegen der Zwolfzahl Er- 
wähnung verdient. — In der Anm. ergänze nach 18432 ist. — 36, Z. li 
V. o. 1. Msqnivivai. — 55, Z. 25 ff. v. o. vgl. Haupts Zs. 3, 274. — 59, 
Z. 21 V. o. vgl. Haupts Zs. 3, 176. — 61^ zu 446 vgl. noch Ackenntni 
aus Böhmen 18, 4 f. 25, 1 (ed. J. Knieschek); Heinrich v. Freiberg Tristan 303. 
— 66, zu 518 vgl. noch Bnl. 228, 30; aber auch 66, 16 f. — 72, zu 633 
vgl. Lambrecht Alexander Diemer 207, 13 (1063 W). — 82, Z. 4 v. n. l 
secundum. — 128, zu XXIO, 4 wäre besser auf Germ. Vlll, 499 Terwieseo 
worden. — Vogt in der Jen. Lit Zeitung 1877, Sp. 739^ bemerkt, daß in 
Apparat zu 586 zweimal d für ein Wort aufgeführt ist; es ist statt dDr n 
lesen dDr (tf hinter betrogen ist richtig). Auch macht er auf ein Versekes 
in den Var. zu 684 aufmerksam, gebe fehlt W; diese Bemerkung ist behn 
Umschreiben der Stelle leider ausgefallen. Durch sie wird erst die Anm. völfig 
verständlich. 683 sollte es genau heissen seck {se w, «tcA Dr); die von bv 
benätzte Abschrift von G war hier nicht deutlich. H. i^aiirrt. 



Anfrage über ▼ermeinüiche Luthersprüche. 

1. In dem Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1877, S. 19- 
habe ich mit der Bitte um einen genauen Quellennachweis der TraditioB ge- 
dacht, wonach in einem freundschaftlichen Wettstreite folgende ThehgAt^ 
entstanden wären: 

Bugenhagen: Dit unde dat, droge und nat. gesegen* ans Gott. 

Luther: Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und gesegne, was da b^ 
scheret hast. 

Melancbtbon: Benedictos benedicat. 



MISCELLEN. 127 

Von dem letsten, Dach der Überlieferung dem besten Spruche theilt mir 
Herr Prof. Martin-Prag brieflich mit, daß derselbe das Tischgebet im Corpus 
Christi College zu Oxford ist, „wie ich selbst 1870 es mit angehört habe". 
Zq dem sweiten Spruche erfahre ich mündlich durch HeiTn Superintend. Dr. 
Ohl-Neustrelitz die Variante: Christus Jesus sit potus et esns. Ich wiederhole 
nach diesen Ergebnissen um so dringender meine erste Bitte. 

2. In meiner unlängst erschienenen Schrift: Publicistische Wahrheitsliebe. 
Erfahrungen und Mittheilungen aus dem neuen Reiche (Pösneck* 0. Latendorf)» 
habe ich S. 23 ff. eingehend der von dem Abschreiber einer deutsehen auf der 
Heidelberger Universitätsbibliothek befindlichen Bibeläbersetenng des 15. Jahrb. 
beigeffigten mathwilligen Verse gedacht: 

O gott durch deine guete 
beschere uns — — — — — 
schoffe vnd rinder 
vil frowen vnd wenig kinder, 

Verse, die man seit zwei Jahrhunderten von Zeit zu Zeit sich gemüßigt findet, 
auf Luther sei es als Verfasser, sei es als blossen Schreiber zurückzuführen. 

Aus einer Handschrift der Gesta Romanorum vom Jahre 1476 hat bereits 
Hocker biblioth. Heilbronnensis Norimb. 1731, p. 124 den ähnlichen Spruch, 
gleichfalls zur Ehrenrettung Luthers, mitgetheilt: 

Hie hat das puch ein end^ 
gott vns sein gnad send, 
darzu ochsen vnd rinder 
vnd ein schon frawe on kinder. 

Einer briefliehen Mittheilung Jacob Franck's vom Neujahrstage danke 
ich die Kunde, daß diese Handschrift jetzt der Erlanger Universitäts-Bibliothek 
(Nr. 139. 4) angehört. — Sollten ähnliche frivole Gelüste, resp. Worte nicht 
auch sonst in deutschen Handschriften des ausgehenden Mittelalters wiederkehren ? 

SCHWERIN i. M. 9. Jänner 1878. FRIEDE. LATENDORF. 



Personalnotizen. 

Dem Gymnasialoberlehrer Dr. F. B e c h in Zeitz ist das Prädicat Pro- 
fester verliehen worden. 

Dr. Otto Behaghel hat sich an der Universität Heidelberg für ger- 
manische und romanische Philologie habilitiert. 

Der Professor Dr. F. W. Bergmann an der Universität Straßburg ist 
auf sein Ansuchen in. Ruhestand versetzt worden, 

Dr. W. Braune, bisher Privatdocent an der Universität Leipzig, wurde 
zum ausserord. Professor ernannt. 

Dr. R. Henning hat sich zli Ostern 1877 an der Universität Berlin 
habilitiert; seine Probevorlesung handelte über das germanische Haus. 

Dr. J. J o 1 1 j , bisher Privatdocent an der Universität Würzburg, ist zum 
ansseroid. Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft und des Sanskrit 
ernannt worden; für dasselbe Fach der Privatdocent Dr. G. Meyer an der 
Universität Graz. 



128 MISCELLEN. 

Dr. Fr. NenmanD hat sich als Privatdocent far Bomaniseh and Eng- 
lisch an der UniTersitat Heidelberg habilitiert. 

Dr. H. Ost hoff, froher Privatdocent an der UniversiüLt Leifudg, Osten 
1877 als aosserord. Professor des Sanskrit nnd der Lingoistik an die Univer- 
sität Heidelberg bemfen, ist sam Ordinarios ernannt worden. 

Der bisherige aosserord. Professor an der Universität Freibiiig, Dr. H. 
Paul, ist anm Ordinarius ernannt worden. 

Dr. A. Beifferscheidy bisher Privatdocent an der Universität Boss, 
wnrde als aosserord. Professor an die Universität Qreifswald bemfen. 

Professor Dr. W. Scherer folg^ im Herbste 1877 einem Rufe an die 
Universität Berlin; an seine Stelle in Straßbarg ist Professor Dr. £• Martin 
aas Prag berufen worden. 

Dr. W. Schlüter, bisher Gustos an der Universitätsbibliothek au Heidel- 
berg, hat einen Bof als Gymnasiallehrer in Dorpat angenommen. 

Dr. B. Seoffert hat sich als Privatdocent für neoere deutsche Philo- 
logie an der Universität Würzbnrg habilitiert; seine Probevorlesung betraf die 
romantische Schule und deren Einwirkung auf den Gang der deutschen Litterator. 

Dr. Pb. Strauch hat sich an der Universität Tübingen als Privatdoceot 
niedergelassen. 

Dr. K. Verner in Halle ist zum Amanuensis an der dortigen Univcr* 
sitätsbibliothek ernannt worden. 

Dr. K. YoUmöUer, bisher Privatdocent an der Universität Straßbarg, 
ist Ostern 1877 einem Bufe als ausserord. Professor der neueren Sprachen an 
der Universität Erlangen gefolgt. 

Der Professor Dr. E. W indisch an der Universität Straßbarg ist im 
Herbste 1877 als Nachfolger von H. Brockhaus an die Universität Letpxig be- 
rufen worden. 

Dr. E. Wülcker, erster Secretär am Archiv au Weimar, ist sam Ar- 
chivar ernannt worden. 

Am 15. April 1877 f in Zürich der ausserord. Professor an der dortigea 
Hochschule Dr. Ludwig Ettmüller. 

Am 21. März f in Oldenburg der Oberbibliothekar Dr. Th. 11 ersdorf. 

Am 20. Juni f in Dresden im 77. Lebensjahre Dr. Philipp Wacker- 
nagel. 

Am 5. December f in Frankfurt a. M. Professor Dr. Theodor Creiis- 
nach im 60. Lehensjahre. 

Am 19. December 1877 f in Stockholm J. E. Bydqvist im 78. Le- 
bensjahre. 

Am 7. Januar 1878 f in Iserlohn Fr. Leop. Woeste im Allar von 
70 Jahren. 

Für die zahlreichen Beweise von Anhänglichkeit, die mir am 12. IBn 
gegeben wurden, sage ich meinen Freunden einstweilen, bis ich es dii 
thon im Stande bin, an dieser Stelle wärmsten nnd innigsten Dank. 

HEmELBEBG, 17. März 1878. K. BARTSCH. 



BRUCHSTÜCK EINER ALTNORDISCHEN BEAR- 
BEITUNG VON PAMPHILUS UND GALATHEA. 



Dieses interessante Fragment ist uns nur in einer Handschrift 
aufbewahrt: Cod. Delagard. Membr. 4 — 7 fol. auf der Universitäts- 
bibliothek in Upsala, welche ich voriges Jahr mit freundlichst ertheilter 
Erlaubniss des Oberbibliothekars, Prof. Styffe, über vier Wochen lang 
in Kopenhagen benutzen durfte ; zuerst beschrieben ist dieselbe Antiq. 
Tidsskr. 1846—48, p. 97,; dann ausführlicher in Keyser und Ungers 
Ausgabe der Strengleikar (Christ. 1850), p. XVIII. Es ist dieses Ma- 
nuscript vor allem deshalb so ausserordentlich wichtig, weil es eine 
der wenigen norwegischen Handschriften ist, die wir besitzen, und ver- 
dient aus sprachlichen wie sachlichen Gründen vollständig heraus- 
gegeben zu werden. 

Das hier zum ersten Male bekannt gemachte Stück, in dieser 
Hdscbr. Bl. 3 — 5 bildend, in 2 Columnen geschrieben zu 41 Zeilen, ist 
eine Prosa-Übersetzung des neulateinischen Gedichtes Pamphilus : leider 
ist nur die größere Hälfte, v. 1 — 490, der nordischen Fassung erhalten. 
Über die lat. Hdschr. vgl. man: Albrecht von Halberstadt und Ovid 
im Mittelalter, edd. E. Bartsch. Qucdlinb. und Leipzig 1861, S. X f. 
Die neueste Ausgabe von A. Baudouin (Pamphile ou Tart d'^tre aimö, 
comödie latine du X' sifele. Paris 1874) bietet leider alles andere eher 
als einen kritischen Text und ist von Gaston Paris: Revue critique 
1874, Nr. 39 mit Recht sehr scharf getadelt worden. Trotzdem habe 
ich geglaubt, Baudouins Text, als den zugänglichsten, bei der Ver- 
gleichung von Original und Übertragung zu Grunde legen zu sollen; 
demnächst wurde die Ausgabe von Goldast (Francof. 1610) (G), die 
bei Leyser: Historia poetarum etc. Halse 1721, S. 2071 ff., abgedruckten 
Varianten einer älteren Ausgabe (L) und die Bresl. Papierhdschr. IV, 
2®. 42. Bl. 184—90 (B) berücksichtigt, und in den Anmerkungen citiert 
überall da, wo die nordische Prosa (A) gegen Baudouins Text (E) 
mit einer von ihnen stimmt. Es ergibt sich aus der Vergleichung, 

OEKMANU. Neae Reihe. XL (XXIII. Jahr».) ^ 



130 E. KÖLBING 

daß keiner der mir vorliegeDden Texte die Grundlage fiir das Nor- 
dische gebildet hat. Erst mit Hülfe einer noch zu erwartenden kritischen 
Ausgabe wird sich auch feststellen lassen, ob die ebenfalls notierten 
Stellen, wo der nordische Text ausfiihrlicher erscheint , als der latei- 
nische, der Vorlage, oder dem Übersetzer angehören. Ersteres ist 
mir wahrscheinlicher. Offenbare Schreibfehler der Membrane ließen 
sich meist durch Zuziehung des Originales verbessern; doch ist dies 
nur in den Anmerkungen geschehen^ während der Text selbst genau 
nach der Handschrift abgedruckt ist. Abweichungen im Sinne v'on 
der Urschrift zu bessern habe ich auch da Abstand genommen, wo 
dies ohne Gewaltsamkeit angegangen wäre: ich möchte mir den spot- 
tischen Vorwurf eines Recensenten meiner Riddarasögur , ich sei nicht 
berufen, den Norwegern ihre Pensa zu corrigieren, d. h. die von ihnen 
selbst verschuldeten Übersetzungsfehler auszumerzen, nicht aufs neue 
zuziehen. 

Schließlich stelle ich noch eine Anzahl Worte in alphabetischer 
Ordnung zusammen, die theils selten sind^ theils sich als axa^ liyopiew 
in unserem Stücke finden. Auf die meisten hat Gl. Vigf. im Icel. engl 
dict. schon Rücksicht genommen. 

athygli Aufmerksamkeit, 133, 13 u. ö. auch Sks.aumkan Klage, 141,5. 
bragdsamr listig 136, 29. fiolmselgt = fiplmseli 136, 12; om. CI. Vigf. firi^ 
madr Vorfahre, 139, 18; vgl. Bp. 1, 733. flerdsamr falsch 134, 28 ; auch Sks. 
gnoettast sufticere 135, 21, om. CI. Vigf. grannkona Nachbarin, 137, 4; auch 
NG. L. gsel Lockung , Schmeichelei 138, 20. halfkvedit ord, ein nur an- 
gedeutetes Wort, 134,22. handlan Arbeit, 140,26; hosson^ Ausruf 134, 1? 
Gl. Vigf. hoson. kyngpfgudr == kyngpfigr (vgl. kyngofgari 131, 28) 139, 
17. om. Gl. Vigf. lafdi Herrin 134^ 33; auch Sks. leika Genossin; 139, 19 
so öfters, leikblandin m^l scherzhafte Rede 132, 34; Isevisliga listig, 133. 
23 ; mikillsetast hochmüthig sein, 138, 26. moedeligr = moßduligr mühsilig 
137,8; om. Gl. Vigf. nävistar kona Nachbarin, 131, 22. noering Nahrang. 
131,4; auch Sks. onoefr rusticus 139,32. onoeft-leikr rusticitas 139, & 
snarleikr Munterkeit 132, 16. titra zittern 132, 1 ; vanfestr schlecht befe- 
stigt 136, 15; selten. }>uiäa = }>essu, 137,9. norw. öfters, veis wehe, 140^24. 

EG EM S^RDR oc ber ec gaf|lak undir hiarta minu. sar | oc 
harmr vex mer iafnan. oc sei | dirfumz ec at segia nafn hoglgaands 
oc aei Isetr sialft sdr synaz. ]>ui venjti ec }>ar mseira haska minofli 
scada. Oc aengi | Isekning man gera hseilsu hialp. Hneria ga|to scal 
5 ec bezta gripa. eda huat scal ec til tajka huergi ma ec vmgr &ra. 
Ec segi til mseijna minna. oc er sok til hinn rettasta. Gnott er | «gi 



PAMPHILÜS UND GALATHEA. 131 

rads mer. [sem pedim er mart er at masini. { I'orf gerir margs at 
firaeista ^) oc völ hialpr oft sinom | drotni. [En mitt sär birtir sec med 
rettri skijpan^) huilict ]>Ai er. eda hnadan ))at kom. oc | mon sär vaxa 
on Iseknis. En ef sar fellir^) med | oUu asio siaa. oe nöring harms 
5 sins. }>a mon sär | enga hialp finna. oc ])ui ofra mon }>at verra 
verjda. oc ]:)adan af mon mer brät bana fa. ]:)uiat | selldr er bseisk- 
ari i atkomo en innibyrgdr^). [oc sengi er | lauss medan bunnd- 
inn cr^). ]:)m man ec nu msela vid | venerem. kuenna gydiu er 
[bani er lifs^) mins. | 

10 ENGA '') von lifs mins dyrleg venus. h«il se |)u | er I«tr alla luti 

veraunwdir piun vallde. pik \ raediz halseitt kotiwnga vellde oc ]:)iona®) 
per, Vseg pn hin i millda litillatliga minom bönum. oc seigi vert ])u | 
hord [vid mik% oc aeigi scalt J)u moti standa minni nautjzyn. 
hselldr ger pu p&t er ec bseidumz. iEigi bid ec } pec storra luta. 

15 [kued J)u oc a)igi störa vera ^®). en ]>o \ synaz mer storir vera. En 
}>er er J)o mer pettsk at | gefa aei alltorvelligt. Seg at seins at ec iatta. 
oc }>e|gar mon ec saell vera. oc \>sl J)egar monu mer ko|ma allir hog- 
vserir lutir. Ein er su i grend vid | mik. er ec vilida aeigi at m«r 
vjeri. oc ef aeigi stodar | m^r miskunn ydur. [J)a tyni ec henni ):)ung- 

20 liga*'). J>ui | at aelldr J>yngir maeirr ])aeim er a liggr. en hinom | er 
fiarri er. mik myndi oc minnr saka ef hon fiarlri va^ri. ])niat p&t er 
sagt, at hon se aein fegri. ol|lum nauistar konum sinum. annat huart 
er at mik | blekkir ast. eda er hon «ein yfir ollum. Sia hefir**) | 
giognum lostit min innyfli. visu gailaki. oc ))au | vapn ma aeigi ]:)adan 

25 fora med minu afli. [firir | sakar sars mins ^^). Harmr vex ae iafnan i 

1'* ollum I tidum. oc litr j^uerr. oc afl minkar. oc min fegrd. ! oc J)etta 
sagda ec engowi oc aei nefhda ec [}>ann er^*) mik | saerde. oc rett 
var sok oc sogn. oc p&i er satt, oc ec lata | at hon er kyngofgare 
mer**). Somd oc tilgiof er aeigi | til med mer. ne gnött fiar. en ]:)at bidr 

30 \}0 hennar | aeigi er annat med mer. en ec afla med aerfidi mi|no. 
Na ef sael er ordin ein navtreka dott^. kyss | pnun er likar or 

*) Der Übersetzer hat v. 11 niclU juvant, sondern nocent gelesen, wie G.L.B, und 
fiiUehlieh die Worte sed- nocent deni Sinne nach zu v. 10 genommen. ') «. 13 scheint 
die Vorlage ßir si sed, sowie denudat gehabt eu haben. ') Metn erwartet felr, vgl, Lat. 
V. 17: si tegat. **) Lat. v. 21 f. bietet den entgegengesetzten Sinn: ob im nord. Texte 
ein Sehretb' oder Übersetzungsfehler vorliegt, ist nicht zu entscheiden. ') Diesen Worten 
entspricht im Lat. nichts. •) Lat, : mors vitaque. ') Für einga. ') J)ionar? lat. : servil. 
•) Die Vorlage las mit G. B. L mihi ßir meis in v. 29, *•) Lat. : dixi non magna. 

*•) Ohne Parallele im Lat. ") fir sehr verlöscht. '») Lat. v, 43: Vulneris inde mei 
ist wußverstanden und zum vorigen Satze gezogen worden. **) Lat: qu8e. **) v. 48 — 50 
am» A, kurz angedeutet tn en — hennar, welchen Worten an dieser Stelle nichts entsifricKt. 

9^^ 



132 E. KÖLBINO 

]>ushanndrat bidla. oc af fraegd hen|nar titrar mitt hnert bsin. oe 
soc mseinadi mer at | segia }>etta. Traust firsegdar. getr oft hugnejsti 
mi|kla. oc «igi letr i bsetti sina drotning. oe frseistada | ec or at 
rinda minu biarta ]:)essa roct en | ])ui baeitare breniir ast i mer. 

5 pu venus nii mat | pn sia. bversu illt ec ^oli. ])aiat ]>er er knmir 
ha8|ki varr. ])ai bid ec ])ec. ver ])u h6gv»r bonam minam | [o<r «igi 
\)\i i moti mer msel. oc ])in hin fogra augu | bavi mina syn ^). Annat 
haart tak ])a orvar ])i|nar. or hiarta minu. eda för }>a grimt 
sdr med I ])iDam hattum. buer matti rokt ])ola saa mykils | sUrfis. 

10 er engi läun gisfi gratande drotni. [rett | bidiande til ))in*). )>aiat 

angrsamt starf ])rongaer | mer. [Oc sialfr getr oft saumu bonar^. { 

HOfilegt starf sigrar alla luti. oe ]>a scallt hafa | huem 

er ])er likar ef pu villt starf a leggia. | Oc firer engarri scaUt ))n 

hrsedaz ])itt scap at sjna. | traut man finnaz ein i^ ])U8andrade 

15 SU er pir mon | nittaz. Oc ]:)ess er ]>u mont bidiande l»ita. oe med 
atburd. pSL mon hon fyrst snarrliga nitta. en snar|I»ikr bennar hevir 
letta byrde. oc verdr su varlla | haifvirde kaeyfl. er fyst er dyrtt 
metin. med | suomufn aeidum. Oc engi mynde yfir haf fara | er ha» 
fyrsta ]:)rutDa bäro rsedizt. er skipi motir. | Nu firer ]>ui er hon 

20 iattar ffiigi fyrst ])inm rodo^). ]>& \ baga sua med v^l. eda ]>ioDCtD 
at hon iatti. [])titat | v^I fylgir levisum manni*). v^l Isegir hardan. 
hug I y^l brytr storar borgir. yA fellir st6ra stolpa. v^l | lyftir ]>angri 
byrde. oc med y4\ er fiskr tekinit | er under skirri baro er. oemei 
vel ferr madr | ]:)urrom f6tura um haf. oe'') morgum lutom stodtf | 

25 manni y6\. oc pionksku. med vil fodiz margr madr. | viel legir 
baufdingia rseide. oc med vel gsetir i sekr madr baufuds sins oc fear. 

V^ oc med YÖl gledz | ssell. sa er vanr var at grata vesalL oc 
med I völ ridr nu sa prudr. er vanr var at ganga | fatfkliga. Oc 
}>at er engi fraende ma gefa | ]>a gefr psd iduliga idn. oc ]>o at hon 

30 hafni | fyrst Jiinni ]:)ioDcan. pSL vert pn buinn at ])io|na benni. Met 
\)uis& matt }>u sigra bot hseit|samrar ®) vinu. oc mon sa geraz visa 
\>iu, er I adr var anitscoti. Til ])ess stadar scalt ]>u oft | koma. sem 
])u vseizt bana vana vera. oc ef | ]>u matt ])a fodt ]>u bana med 
ordum. oc Iseik | ])uiat öska selskar glede iafnan oc [Iseiklblandin 

35 map;. ]>a'^ fysir hug osku mauna | til astar. Syn ])ik heniii iafinan 

') VgL Lot. r. 6Sf. : Non micbi respondes nee dictis porrigis anrem, Nee tna chra 
meum lumina Imnen babent. *) t?. 69: Justa precando tibi (P.^.JL. *) Vgl. €,10: 
Assidnasque preces concipit ipse dolor. '') in mille 0,B. L.; ex mille E, ^) «. Bt: 

loquelis G. B. L.; qnerelis E. •) Ohne Parallele im Lot, ^ Nach oe gekernt i 

21« ergänzen. ^) JF^Ur bseitsamrar Hesse sich atich bsettsamrar leseru Etwa htttnaitf ? 

iMt. erUsprichl: cansantis E. grassantis L, ») Indicra verba G,L.; leU JSL '*) >att 



PAMPHILÜS UND GALATHEA. 133 

gladan. ac i | hug godum. ]:)uiat huerr madr syniz ho|nom fegri 
gladr [en rsBidr ^). Eigi scallt pn \ mioc ]:)egia. oc still ]>o rodu })mni. 
fogr roda | norir ast. oc fogr roda stillir grimman hug. | [Oft 
ha&ar m&r maiiYii firer litla sok^). Oc ef | stadr er til. })a lät hana 

5 afis i Iseiki keniia. | I^a mon morg ])er pat veeita. er })ik venti | seigi 
adr. Skammaz stundum konur at segia | vilia sinn, oc })at oft er 
})aer vilia vist hava. | }>a monu })aer po nitta stondum. faegra | 
}>yckir*) oc mseydom at lata med afli en | segia saa. ger af mer 
vilia pinn. })etta scallt | pn oc vist varaz. ef pu att fe litit. at })u | 

10 Iseyn hana vesold ])inm. oc fatokd. Snotr | hefir fagra medferd po 
at litit »igi. Oc po \ fram forir gyllta rodo. at i briosti grätr *) bni. | 
Seg ]>ek med ordum audgan vera. ])uiat sto|rir lutir audlaz 
med at hygle*). oc verolld he|vir marga luti pa, er [allir vitu*). 
oc af slika | msetti henni mart segia. Tru pxx ]3ui at | morgum 

15 stodar mykit at lluga. Storum | spillir manni stunndum satt at segia. 
finn pa. \ er milvinir hennar ero. pa, scallt ]:)a oft | giaufum gola^). 
oc med [fagr mseli®) foda. at | psdir rodi huerr vid annan gott um 

1" J)ik I oc psdiv mseli vid mseyna med lofe |)inu*). | en J)a er hon 
ihugar huart hon scal eda seigi. | p'mn. vilia gera. pA scallt p\i hellzt 

20 hana med | ordum vasca. at pxx megir astar sigr af henni fa | Oft 
rennr hugr mannz ^®) til oc fra. af litilli rodo. | par er adr var ifan a. 
Latid ykr lica tulk at | hava. p&nn er huart tucggia kunni. fyst 
leuislelga at segia. })uiat auftmd sink selli. Gver dömer | tiltoki sesko 
manna. oc ]:)at mseinar vitt^^) at | msela. er til ossettar er. Ger pik 

25 fullhugdan | en fatt mon ec flseira vid pec mäela. gsßtt | nu minna 
rada. er ]:)usundrut vega liggia brseidjdir }>egar ]:)er til ]:)in8 mals. 

RETLIGA vseitir hceil huggan. glede siukum | manni. oc at 
minnr kennir hann sinnar sottar. harmi | linar litt med mer. af god- 
rsedum kuenna gyd|io. helldr rikir 1 ryggu briosti ast mfn. v6n 
30 var | mer oll i hendr fengin su sem til hialpar lä. | En nu er folgin 
v6n. oc i brott farin. oc harmr I | stad kominn. }>ui mon ec seigi 
unndan ganga. | Mik hefir skipari minn a firde firer latid. oc ec 
haf|nar läeita. oc ma ec sei finna. Huat scal ec til | taka. min v6n 
Mir nu til hennar. mer hofir | bratt hana at finNA. \ 



*) Ohne ParaUele im Lat, ') Übersetzung von v. 106 ^ aber nach v. 108 gestellt, 
*)^ 113 esse pntat G.B.L, est Uli E, *) Ms.: grdtt(?). *) v. 120: Maxima sors 
(jNtts B) parro (nimio G) contigit ingenio. Also ungenaue Übertragung. ') Vor allir 
id ip^*» vi autgef edlen', vgl. v. 121: sua que vicinia nescit. ') gola = goela; also o 
* ^ vgl. d. Anm. p. 141. ») v. 126 : colloqniis G. B. L. poÜicitis E. ») v. 128: 

'S '•) V. 133: hominis G.L,; hominnm E. ") So Ms.: = vi«. 



134 E. KÖLBING 

O hosson huessu fogr hon sitr med bero häri. oc \ hue gott nn 
vffiri um }>at at roda viä ha|na^). hyggia^) engi er med mer ne 
ord huartki. | afl ecki. henndr^ skialfa. fptr bifaz. mer hamstollnom 
samir sengi klseda bunadr. rsezia nittar | })at at *) msla. er adr hngt 
5 hafda. seigi em ec sa er | ec adr var. traut kann ec sialfan mik. 
«igi fjl|gir rodd ne raust. en po verd ec at rodA. | 

iGIN frffindkona or bo audrum send! per ])u|8und kuediu. hon 
baud per med^) mer | ]:)ionkan sina. oc kann hon ])ee at nafni. oc 
sogn I manna at seins. oc hon ]:)ik fysisk at finna ef stadr | vseri til oc 

10 ])ar villdu minir irsendr mik margir | hefta. ])ar var borg füll miDiu 
beztu fraennda. | oc pmr hetu mer allfagri msey med micklu fe | oc 

2^ mart annat ]:)at er seigi }>arf nu at segia. | ok huit vetna ha&ada*) 
ec. pn sein likar mer. hafjna mynda ec firir seina }>ik. allt \Mt er i 
hseimi | er. mselom Iseikandi. [oft gerir ast sua Iseikblanjdit. at «Isca 

15 noriz'^). Segi buart audru huat | i hiarta byr. en J)at er vit rodnm 
})at 8cal en|gi annar vita. Handseli huart ockart audru ])at | ))a 
mon ec segia. ec hof upp. oc mon ec fyrst um | roda. [en ])u Imbtt 
skilvislega. oc er })ctta mitt | orende*). 

Vit nu bsedi scolom sam|satt vera. oe satt »itt roda. engi er 

20 8U i I }>£eim haeimi er mer betr likar en }>u. sia er | binn })ridi vetr 
sidan genginn er ec äst a ])ik lagjda. oc ]:)orda sigi ])er at s^ 
vara ast. [vitr | kann skilia halikuedit ord^). at sinni scolom vit i ])at 
seigi lengra roda. \>er ann ec stadfastlega. | en nu vil ec ])er aeigi 
flieira segia. fyrr en Jju | segir mer huat um J)at licar jier. 

25 SUA hava margir margar suikit med | mykilii frseistni. [sna 

suikr margr bragd | samr ^"). }>u hugdiz hseimsca gera mik med }>iDni ', 
v61 eda rodo. J)a er seigi hofir J)er at suikia. | Finn \>er adrar 
ospokum sidom. hdfiiegar. |)ser er | })u meger. med ]>inni flserdsamri 
tru. hseimsca gera« j 

30 Oft spillir^^) firir audrum godum maunnom | syndir illra. sem 

nu spillir fir^ mer an|nars lostr. en seigi minn. helldr lydi mer 
god|giarn?iliga. miscunn ydur. oc lofa mer at roda | nockuot vid 
lafddi mina. oc pB,i suer ec vid himjna gud oc helga iord. at sigi 
mseli ec peÜA vid | }>ik af suikum nc vel. engi er i Jiesai veroIR 

35 iam kfier mer scra ])u. Oc er su miu huglaeiding oc j hyggia. Ho 

') r. J66 om. A. ') r. 156: mens G.B.L. vox E. •) beimd A, ^ at fi&cr 
der Zeile nachgetragen. ^) A hat med med. ^) da über der Steile nachgetragen. 

"*) Ungenaue Übersetzung wm v, 173 f, ") Fehlt im lat. Texte. Die Vorlage scheint 

nach V 178 ein Distichon mehr gehabt zu haben. ^) Lat. v. 183: Tempore non longo 
loquitnr sapientia snrdo treicht ab. '*) Lat. v. 188: Et maltas fallit ingeniosiis aoor. 
* *) spilia ? Lat. v. 193 : impediunt ; vielleicht verschrieben wegen des /olgenden Bpillir. 



PAMPHILUS UND GALATHEA. 135 

ofirir synio rodda ec nu sua mart | ]:)uiat hyggia J)in er sua bemsk. 
oc alldr at traut | kann skynia huat per hofir. })uiat osku alldr er | 
liosari hinam öfra. [})uiat mart sia ungir vel. | en flseira vitu gamlir 
vel ^) Oc ]>oat p\x ser uDg | pa. haga })0 sua at })u kuunir skilia 
5 huerr ec em. | eda huat ec a. eda huer min ast er til |)in. }>ui|at 

2*' leuisi allra luta nemsk med veniu. Oc venia | kennir })ör allt psit 
er madr kann. Ganga. | [rosela. koma ^). oc rodaz vid. oc vera saman. 
]>es8 I bid ec })ik at ]>vl lofir. }>uiat af vidrodo. vseit | huarttueggia 
huat i annars hiarta byr. psit \ matt })u mer segia. huat er per likar 

10 af ])ui. I 

GANGA. oc msela. oc koma« paX mon ec per \ oc engom 
msßina. huerr madr a vida vego. | po hofer mer at suara hueriom 
])sira. er orda | [krefr'). |)ui iatta ec at ])u oc huerr er vill ko|mi 
hingat. oc })o sua at ec halldi sömd minni. | lofat er mseyiom at 
15 lyda ordum manna. oc \ ordum suara. oc ])o höfer at stilling se a. 
ef I p\x rodir gott til min. Iseikandi mon ec sua|ra ]:)er. £n ef nockot 
er mseinsamt i. pa man | ec pB,t vist sdi })oIa. En }>u bseidiz at vit 
sem tuau | »insaman. ])ui nitta ec. ])uiat seigi dugir | okr tuasim 
»inom inni vera. })uiat af sliku vex | maeyiom. amseli^). | 

20 EIGI gaft pu mer nu smam ^). ]:)uiat storar | giafir ]:)ycki mer 

vidr mseli }>it. gnöttiz | mer at seins }>e8sa hseims virding. Get ec 
ffii I ])er }>ackat sem vert er. pessst, uirding. ma ec | seigi med ordum 
giallda. [ne med atburd*). pB, \ mon tid koma. er syna mon ))er 
sannan vin | [lat seigi nu })er fyrir pjckia''). })uiat aeigi ]:)ori | ec 

25 ])er nu flsefra at segia. }>oat ec villda. en ]:)o | vil ec ]:)ek nockors 
bidia. at vit msettim fagr|liga fadmaz. oc kurt^isa kossa vseita. 
huart I audru. pSL er stadr er til höfilegr. [at fadman | fode o 
teyfd aast'®). | 

At opt suiki kossar oc fadman unga rosey | |3)a mon ec nu 

30 at »ins })at ]:)ola ]3er. en | p\x^) lat sei flseira fram koma. Oc ])6tta | 

mynda ec oc aungum nema }>er })ola. En nu I mon fra ktVkiu coma. 



*) y$^- «• 204: Nam cum multa senes, plura vident juvenes. ') Vgl. v. 209: 
loqni G.B.L. tibi E. ") «. 216 om. A. *) «. 226 om. A. •) v. 227: 

parva. Fehler der Abschrift ßir smA? *) Für ne tat en zu lesen und die Worte 

xum folgenden Satze zu ziehen; vgl. Lat. o. 231: sed fortassis adhuc veniet tempusqne 
diesqoe. ') «. 233: displiceat G,B,L, displiceam E, *) Durch ein Versehen des 

M§ckreiber9 (oder Übersetzers f) sind in A diese Worte zum vorigen Satze, nicht zum 
gezagen worden, wohl wegen des at , das hier ßar ])6at stelU = Lat, qnamvis 
') «. 289: patiar G.L, patior E.B.'; sed G.B. si E,L, 



136 E- KÖLBING 

fadir miun oc modir. | oc hofir mer du hadm at ganga. at ec verdi 
seigi a sakad. |)aiat enn monn tider googar ^ | ganga« er vit megom 
vid rpdaz*). | 

2^' ENGI er oc engi var i ollum hffiimi. | iafh feginn Bern ec w. 

5 at £a8tr er ordinn | vili varr i briosti henni. [Mik hefir allbratt | na 
8»lan gort^). }>uiat ec ferr nu saell^) h«im | en ec for fatokr ksimio. 
Vm ]>orf firamm | bad hon at^) ec scyllda bennar minnaz. ))iiiat | engi 
lutr ma henni or minQfn hug rinda. | »igi kennir hon med mer. or 
seigi vaeit hon | huersso mioc ec fysumz hana. [oe mon mer| 

10 Vera sem var^ at maeinar mer. oc senn fl8ei|ra ]>roDgir. ^m 
kann ec »igi sialfr rad firer | mer at aia. ef ec em idinii a. 
oc a ec oft I vid hana ord oc Iseik. ]>a mon fiohnaelgt | firra ockn 
fyndi. en ef engi oftsemi | festir vara vinatto. ]>a med atbnrd mon '' 
ast roena'^) af hennar henndi. [oc minn harmr | vaza% oll ast vex 

15 med veniiu oc med veniu | ])uerr. oc oll fjmniz vanfeat aat. iaibaiL 
vex I selldr at a lognum vide. dreg vid af elldi. ])a | mon bratt «Udr* 
slokna. sorgfullr em ec nu | dreginn med margfalldri ahyggia oc^ 
hasca. | 8ua at ec kann m at skynia. I ]>2eima lut | se ec mer eng^ 
högvseri. oc hyggia min. | hefir engi urugg tiltoki. ])niat imoti stendr^ 

20 stundum. skepna karla verkum. oc Ixtc »i | »tlan i atad vera. siii»> 
hefir hon stunndum I mseinsom verit. en snma 8sela gort, oe a | ))^ 
lund lifir huerr madr. i veroUd ^essi | [nema audna rindi ]>ui'). st^ 
gnd stiomn oc | styri madr starfs mins. oc bann Btyri ollu | veitx 
minu. Tulkr minn scal seigi vera | brodir oc sei brodur sunr. tna^ 

25 finnz sa er i | sliku er trur. Med tru eda felagi kann 8ei|^ gct* 
irsenndi. fi-86nda. ne broder brodur. j }>a er su ode komr. litil sok 
spillir stundum. | nema vitr variz }>at er spellz er v6n. }>ui | bofir 
088 adra gautu fara. Ec vseit at | her i nand byr kelling »in. tu 
füll, oc I ]>o bragdsom. [oc vsel fallinn | losta at }>io|na kuenniagyd* 

30 iu ^®) [oc brott mndit ollum | saukum ^^). til hennar man ec nu snnt 
fot|8porum minum. oc henni man ec fa räd mitt. | 



') V. 243: sat G.B.L. nam E. ») c 244 am. A. *) Dem Seist ßÜ 

doi Subject; vgl v. 247: Me subito niminm dens at fortana [natnra O] beaTit. 
*) Dfu zweiie 1 aus a corrigiert. '") v. 249: nt O. quam E.B,L. *) Lot. r. 253: 

pluribus expedier enUpricht nicht; r. 252 om, Ä. ') ropna = ireDna(?); vgi. r. 25^: 
abibit *) Ohne Parallele im Lat. '->) Desgl.; v. 272 f. om. A. "i T^. 

c. 282: Artibus et Veneria apta rainistra satis. Der Sinn der nordischen Worte id: 
und wohl geeignet der Lust der Ven^ts r» dienen •. losta =« artibus); krennia 
hen fiir kvenuA. *') Vgl Lat. r. 283: Postpositis curis. 



PAMPHILU8 UND GALATHEA. 137 

FRsegd lofs }>iQ8. oc nafh gozku ])mnar. sendi j mik hingat til 
\)in. &rer rads sacar. oc lydit | })ui er ec mseli. milldi oc miskimn 
ydur*). oc Ut I Jju me\) \>er engan nema mik vita. [oc ann*) | vel 
grannkonu })mni. })eirri er |)u kant galathe|ain. oc hon ann mer. 
ncma ec se suikiDn af heanar | ordum. seigi inseli ec sem ec villde. 
)iaiat ec r8e|domz ))U8UDdrat hasca. Ec sorgfullr hrsedoroz | huet- 
yitna. pat er I hseimi er. ])aiat af litlu vex | oftsin/ium frsegd. pOB,t 
logit se })usund illzkur^). | oc starf hins fatokia. er i modelegri von. 
Nu i ser ])U vanda min^i. rad })uisa medal beggia | ockar. oc \)ess 
bid ec at })u Iseynir. lost huarstueGia. | 

ANarr ann })ui er })u ant. oc |)es8 er pu bidr | }>a bidr annarr. 
en^) enn hefir bann aeigi til })es8 | vilia minn. bann er vel rseyndr. 
oc 'verdugr er bann | dyrrar konu. en mer ])ecciz seigi put er bann | 
baud mer. bann bet mer fomt skinn oc skinnrock | pui dro berfileg 
giof. vilia minn fra bonom. [saa | verdr oft ]:)8eim er litit gefr. at 
hon forir oc fra | tekr fullting mannz^). oc nidr brytr rett log. oc 
{all|ting manna med sinu athygli. en pat er ]:)U bseijdiz. psk mon 
engi fa nema ec vili. [])uiat hon | liggr undir minu valldi oc hon 
fylgir mer iafjnan^ oc ec vseit allt med henni. oc hon laetr miok | 
at minn rade. en seigi mon ec nu flseira rpda. | fari buerr ])ar er 
rad J>yckir. | 

EN er mer ecki bogra. oc sei }>rongguir | mer annat starf. ef 
pxx })etta vseitir mer. | pSL er sem pxx gefir mer buetvitna. oft höfir | 
med fe at kaupa annars starf. oc at kaeyft erfijdi havi verduga 
laün^. tru ]3umer stai-f })itt | scal ec ]:)er launa. ef ])u villt sia fir^* 
mer um pat \ sem ec ]:)arf. ]3at eina bi]) ec ]:)ik seg mer buat | ]:)u vill 
J>JggiA«). I 

Mart vilia { oc flsßira bseidaz. ])Sßir er margs | }>arfii. sua margs 
sem ec })arf. ))a 8caum|mumz ec at segia. Ec atta fe mykit. pa 
er I var ung. en nu er gnött ffar fbrott farin ®) oc \ })urft i stad komin. 



') V, 267: anscultet; aUo lydi xu lesen, pietas et ^atia vestra G.B,L, modo 
üa vestra benigne E. ') v, 289: diligo; alto Ec zu lesen; der Abschreiber las 

%ar E, die sehr ähnlich sind, und schrieb dann die abgekürzte Form: «ß. ') «. 295: 
ero8 mala mille (so G.B.L,; mnita EJ sequuntur. Nach illzkur müssen mehrere 
rie fehlen y voas den Schluß der Zeile erklärlicher macht; zu ergänzen ehüa: fylgia 
ekium. **) en fast unlesbar. ^) v. 305: Si datur ad tempns, dat et aufert 

B.; aftert E) comraodo munns. Der Übersetzet' scheint anders gelesen zu haben. 
7.308; Nam nimis imperio sabjacet illa meo G.B.L. Nam Galatea mich! semper 
ca fait E. ') Lat, v. 316: pnemia digna; also wohl verdog zu lesen, 

I 320 om. A. *) V. 324: decessit G. discessit B,L.^ decrevit £. 



138 ^' KÖLBING 

oc vanhsilsa oc alldr. haaa | mik »ydda. en v^ min oe starf komr 
3*' ecki at | hallde. Nu ef ])u vseizt ord min duga. ]>a | bid ec ]>ik at 
hüs })itt se opit firer mer. hedan | ifRa. 

Hedan i fira scal bds mitt ])er | opit vera. oc allt virt }>er i 
5 bode oc oll min | seign undir ])ina valldi. med olla hefir na | Tinatbi 
okr samtengt oc okr^ saman bundit | Oc Jiess bid ec ])ik. at tA 
])in o(; starf vekizk he|dan ifra. oc at v^l ])in se mer til bugganar. | 
met })inni skynsemi. l^uisi lytr b»di upp baf | oe enda. oc ]>o hevir 
seDnda lyct allra luta lost. ! oc allra s6md. lit a uppjbaf mÜB or- 
10 ennda lyct. | at \)\i megir })a betr rpda firer »tlat mü. | 

HER er i ])sima b5 «itt ungmenni allfagrt | oc ])at rex i olloii^ 
sömilegum sidum. oc CDgi | var betri ne knrtaeisari. um vara daga — 
oc bann | tok vel vid varri fatokt oc bann yfir stigr alla | med loi 
sinu. iafn alldra siua. pamphilus | ifir kemr alla sina felaga. bani 

15 er hseimskr hseimlskum. oc högverr. hogverum. sem lamb. n 
madr | stendr i moti bseimskum. med retto. Engi ÖBku|madr 
iamvel rondr i borg ])es6i. bans afl seyjder sei ofdryckia. ham 
vel sidadr. ]:)uiat godr | var uppruDi bans, sott »ppli fellr af 66tG=3 
tre. I kynfylgia birtir oppt buadan kominn er. oft | likiz sonr fedr ^ 

20 [Nu gel ofmart mon ec nu | msellt bava*). ec se galatheam stand^v 
bia gardz | Hdi. kann vera med atburd at bon bafi bssyrt | m 
rodu. Vit }>at galatbea at ec hugda engan | i nand vera. en ])o befi 
ecki logit. Pampbilus | birtiz vist yfer ollum maunnom i borg ^e&d — 
menn | vseit fagrliga vardveitir bann aina at ferd. sina | somd Oi^=^ 

25 dyrd oc lof vex med honom iafhan. oc med | rettu ma baun eng^> 
aufunnda. bann er vel stadr | oc mykyllsetiz bann }>o ecki af ]>ai' 
oc bans audr hefer | engan lost. }>at villda ec galatbea at bam^ 
vseri | buande ])inn. [miun domr domir ykrbsede saman ^. | oc ]>at samt- 
myudir })u vilia. ef })u vissir sem | ec. Oc viba minn sagda ec en 

30 sei bad^ ])ess mik. | kyn oc kostr buarstueggia. domir ykr bsdi 
samaN. | 

Nu lydu *) vit tomom ordum um stund, en oft ko|ma stonnaeli^ 

3^ af Utlum lut. mykyll elldr verdr | oft af litlum gnseista. litit npp- 

baf gerir stundum | ag»tt nidrlag. bugr minn »tlade med ser {»etta. | 

uppbaf ])essa mals. oc ])ui snere ec minni rodo til ]>{n | i gtfni 

minu. En ef bugr pinn. eda bugscot. k5mz | nockot vid ])essa rpdo. 



") ok M$. ') Ohne ParaUOe im Lot. ^) Nach httd hol Ä ^. Si id 

dafür hann einau»etzen ; vgl, v. 365: sed non tarnen ipse rogayit. ^ IjAn n»* 

deutlich. *) V, 270: grandia B, gandia Q.LJE. 



PAMPHILUS UND GALATHEA. 139 

}>a hip ec }>ek at }>a segir | mer. huat er ])er likar. eda seigi. I 
minni rpdo. | en ord pin manu seigi i huers mannz hseymn. | 

Helldr monu vist med m^r allvel l^ynd vera. ]:)at | er ]>\i villt 
Iseyna. ])ui mon ec Iseyna. oc pai er | pu villt at sagt se. })at mon 
ec segia. seg mer | vilia pinn. oc scammaz «ei. orugt mon ec Iseyna. | 
})uiat sia rsßzla komr af onofrleik. en m af audru. | 

iGIGI velldr onofrlseikr. oc engl hseimsklseikr. en | huadan 
kom })er })essi rpda. ]:)at undra ec seigi | minnzt bni p\x komt her. 
eda sendi pamphilus | pik hingat. eda sör rpda })in til nockorra 
am|buna. 

ILLzka vanndra manna spillir lamnan | yerkum godra. oc oft 
gelldr madr ]3ess. er han/i hef<er | sei gort, en posL% ec se fatok. pa 
fsB ec seigi ]:)0 sua | mer fiar. ]:)uiat et d litit })a er seigi ^) mer 
litit I örit. Sua er ])0 sem ec sagda fyrst. hugr minn | hdt ])etta^. 
p\x vaeizt med mer oc engi flseiri. | 

I'a ma vel vera at ]:)itt sed bsede saman. ef piit \ vilit oc ])a 
ma huarttueggia yckart ])ola scamjlaüst. kyngofgudr er hann. oc 
aeigi p\x sidr. firirjmenn huarstueggia ero mer kunnigir. bann er | 
fridare. felagum. en ]:)u Iseikum liosari. fagrt | vid faugru likar. oc 
er audr oemm^) med ydr oc*) \ glod oska. ok siolf myndi sanna 
fegrd^) ef vissi. | oc met ]3ai at ])it erot iofn. pA mego })it med | 
rettu felag^) seiga. ecki scortir med ykr nema | ast sein. 

rat er pn mseiir vid mik. | )>at skilldi mili vera vid frsendr 
mina. | oc med ))8eirra rade. })a fysumz ec nu bonda | builu. msbl 
])at vit })a. }>u eda pamphilus | [pSL mon lutr sia fegri verda. poat 
hans vili | verde"'). 

I'at hofir at ]:)itt rad se i samjrsede vid frsendr ]:)ina oc pinn 
ast Iseiki. | medan vid hans ast. folginn losti. pB,i er natjtura ösku 
manna. oc huerr med sinu athygli | sannar }>essa idn. losti vekr 
hugskot manna | oc sambundin dst fylgir glede. oc hatar ryg|la$ik. 
[engi man talt fa barm hans oc rygglseik ^). \ nema pn vsegir. selligar 
mont ])u iafhan on6fr | vera. 

Med losta veniu tapar mser sama | sinum bratt })uiat su sellig 
ode kann seigi | h6f hava. Grimm vapn astar gydiu. hava sei | lett 
sdr^. }>au vapn ottaz huer m&r illa at suikiaz | oft rdgir frsegd med 

*) 8ßigi üt dem Sinne nach faUch; vgl, v. 388: nam mihi sufficiens est mea pau- 
itas. ') h^t )>e sehr verwischt, ') Das Wort cem verstehe ich nicht. Nach dem 
Texte V. 397 würde man ein par entsprechendes Wort erwarten, *) & tweimal in A, 
0, 398: fama; also fegrd unr. ßir fr«gd. ^) selag A. ') Res erit ad libitum 

chior ipsa suum Q,L.B, meum E. *) Lat. v. 411: Nararet nnllns qaaotam 

icris valet usus, weicJU ab. *) v, 416: pondas. 



r 



I 



140 



E. KÖLBING 



iygi oveidugor mftyiw. | etande aufunwd letter «i allt at gr[p&. 

ialU I mynda ec ]>iii er }in bieidiz. ef ec rteddomz ei | vaurdo'). 

[Allmiok er slikt ord. latid ) rikari saunende'), oc ef salt or 

appi. [jia gleds | sa or adr var ryggr. af fUt^). ec roon med luive | 

5 fncgd oc rffizio le^^a. oc ykr med lovisi Ifeyna. oc | yckarnn l«ik. 

(iDJat ver kunniiin vel hans losta | veniu. oc- sa mon lutr aiirii«:r 

Vera, med minu | rade. en ]ya. er ec se liann. i-ad mer huat ec Bcal | 

segia. {ta mon ec diaräif^a luiela. \ta.t er })U j liefir rött firir mer. | 

IVatz mioc vüi minii. Ixyiida luti mina \>sr \ at gegia*). en {lo 

10 scal ec rasyna. huart tunga |>in | se tini eda feigi- oc sua tu huers 
dregr inik }n'n I rpda, PampLilus bieidiz astarmmnar. enhui") ] acal okr 
eaman tengia sonn vinatta. en |mi | scallt ]ni |>o mioc lieyna. or. 
BUa honnm seinum | aegia. en hans scallt }m }io fyrat med mikilli \ 
frsjsini fra^ista. en er gc Bagda {la mon bann | med alburd ]>cr 

15 legio. en })U far nu brott med'') { bön mi'nni. oc ger allt med leufsi- 

oe allt ]iat sem | bann rpder firir |)cr. |)a scg mer & morgin^). j 

AST |iin or starf milt Pamjibile. er wi | kemit som oc vilfda. 

ec var kaullod ofjsilla. jicr tii llds. |iuiat biiartki mon nu stojda ]icr 

slarf ne v&l. Galatbco er nu giftar | ord buit. Bua sem oll Jiiod segir. 

30 oe imridra )>ann \ umbunad. er benni er buinn. vist bundrat Iu|ta 
stannda f moti ]m\ er ec vennta. En ]io Ircyjiia \>a.\i fader oc moder. 
nk Jieas bid ec }iik. at | ])u berr )ietta vitricga. er ec aegi ]ier. oe 
lät I laust ^at er ecki ma vera. oc Iteila jiess er vera ma. ] 

3''* Vteis sc mer buar er afl mitt komit. oc hug|gan lifs mins. 

25 vieiss er mer veslom, ocki or ] megin i llmum minum. huerr limr 
nittar sinni ] |iionastn. [fotr gaungn. bontir handinn. tunga | mali augu 
siiSn. seyni hscymn. bukr ma sigi berdjuni ballda. ne bals baufde^. 
v-rm liefir mik blcctan [ vun Iiefir mik med angri. oc ergi fluttan. nu 
er I \6d langt i brolt farinn. [oc breuMandc ast i stad komin"). ] 

30 Mu ma vartt Bcgl enga bofn '") aia ' '). oc vartt ackeri ma | huergi 

land kenna. oc varr harmr vfeit ser buergi | liialpar v/in. JEiin- 

') vaurila Act. PI. von vprfler, WSthttr, Aii/paimr. Vgl. Lot. «. 41$: Vns 
verba. F. 4S0 (im. A. *) JM. v. 4ii f.: Rebus io bis rnnjor nimls cit in( 

Tori, sed pre«Ut -»011111». DU attn. Wortt heißen: Oar nhr geachUl i)al&Bi i 
lolchet Wort fte. der VerläumdimyJ f aber wliichtijier ül dif Walirlifil. 
timor ot ipsc L. «l minor ipsit O, rumnr et ipie S. B. "t Zm. k 4 

'■) JiTi? Vgl. Liil. v. 4S4: NdRqiio liTniil vert junint nniicitiii. *} nw 

') I.at. K. 441 Olli. A. •) Jiiitt ganxt SUlU fihll in lal. TfxSe. ') £A m 
latDCn i|;ni« kbwt O.ß.L. «I manet ipt» dolor K. '*) I^t, e. 4B7s 

rentoi B. ") cnrnant O.B.L. Un^nt K. 



PAMPHILU8 UND GALATHEA. 141 

saman Galathea hevir huggan | mina oc hanns mins. oc hon er 
sok bana mins. oc hon | er von haeilsu minnar. ])ui ef ec ma seigi 
hennar niojta. ])a likar mer at dtißyia. | 

Heyr ])u f61 hui oediz tu. huerr uslökiligr^) harmr | })ronguir 

5 ))er. ])in aumkan aäar ])er enga amjbun. ])u scallt stilla harml 
))inom vel oc leuisi'). oc hygg | at huat J)u scallt gera. mykil 
fatokt gerir manni | vid mart at laeita. idn oc väl mannz sigrar^ 
mykinn | hasca. enn msetti med atburd starf ockart. med villd | 
endaz. oc med hiolp koma. | 

10 Ho kuad hann huert starf myndi sigra mega. sua | mykimi 

haska. von min er oll firir farin. ])uiat nu | er komit giftar kuelld. 
seigi mon hon mer giftaz. | medan buande hennar lifir. Synd er mikil 
huilu at I saiirga. munnde keypta. ])etta mitt starf er aullun|gis. at 
engu ordet. oc minn kunnasta hefir hialp tapat | sinna v^la. dagr 

15 ne nott man sa engl koma. er | mer h5gia huilld geii. fä nytsemd 
mon SB med mer | veslom liggia. 

Oft fellr mikill harmr | a litilli stunndo. oc mykit vedr fellr 
med litlu regni. | oc biartr dagr er myklu at ])eckri. at hann komi 
eftir I mykit myrkr. oc siolf hseilsa er })eckri eftir langa sott. | 

20 Andvarpar*) ]>\i nu. oc harmr langt i brott fari. l)uiat | i nand 

er storlegr. fagnadr ])iDum rygglseik. Galathea | ])in ma gera ockarnn 
vilia. hon hefir gefit sek | med olla under vart valld. | 

SVa sem milld moder. med hegomlegum ordum \ oc h«eitum 
hugga^) sin bomn er grata, at ])au })egi. | sua at saumu. foder })u 

25 mik med flserdsamligum | hugganum. at ryggisßikr oc harmr. brott 
feRI«). I 

BRESLAU, October 1877. E. KÖLBING. 

*) Drsprünglieh zwei k, deren emea wieder entfernt wurde. ') i?. 466^ om, A, 
*) V. 469: snperat G.B.L.^ vitat E, *) v. 483: tu modo respira; daher wohl 

andvarpa 21« leten. ^) v. 488: admonet; also wohl buggar zu. lesen, ^) Hier 

tehUeßi BlaU IIL Der Best fehlt. 

Änm. Der ohige Druck soll diplomatisch genau sein. Die Abkürzungen sind auf- 
gelost, aber durch Cursi/cdrujck bezeichnet, \ bedeutet den Schluß einer Zeile, Für oe 
fanden sich die Schreibungen oe, o, und d. p und f sind graphisch sehr ähnlich, doch 
glaubte ich vor t fast stets sicher f zu lesen {nicht p. 141, 13 in keypta). Fett gedruckte 
Lettern bedeuten Initialen; für p p. 139, 16, 23, 27 fehlte diese Form in der Druckerei. 
Auch die Accente bietet das Ms., bei i sind sie schwer wm i-Punkte zu unterscheiden. 

Erklftning. Die in derselben Es. enthaltene Elissaga ok Rösamnndu habe ich schon 
seit Jahtm ftut druckfertig in meinem Pulte liegen, Arbeiten anderer Art haben mich 
Üsjti» if die letzte Hand an dieselbe zu legen. E. K. 



142 F. BECH 



y 



ZUR BRAUNSCHWEIGISCHEN CHRONIK 



Durch die neue Ausgabe der Braunschweigiscfaen Chronik in den 
Monumeuta Germanise historica tom. II. fasc. ü, S. 430 — 574 hat sich 
L. Weiland ein bleibendes Verdienst um die deutsche Oeachichte nicht 
nur sondern auch um die deutsche Sprache erworben. Zum enten 
Male ist hier die vortrefiBiche Hamburger Handschrift dem Texte zu 
Grunde gelegt worden, welche um das Jahr 1300 geschrieben, also 
jedenfalls noch in die Lebenszeit des Verfassers der Chronik fUh. 
Ihrem ganzen Äußern nach trägt diese den Charakter eines Pracht- 
exemplars. ^ Alles in Allem ^, sagt der Herausgeber in der Einleitim^ 
S. 453, „scheint die Vermuthung nicht gewagt, daß wir es mit denm 
Originale der Chronik in weiterem Sinne, d. h. einer durch Schreiber — 
band besorgten Reinschrift der Kladde des Verfassers zu thun habai . 
, welche wohl den Söhnen Herzog Albrechts des Großen als Haod — 

/ exemplar dienen sollte." Die wenig brauchbare Ausgabe, welche Leib — 
nitz im 3. Bande seiner Scriptores S. 1 — 146 veranstaltete, ist dadurdim 
völlig entbehrlich geworden, noch mehr der unglückliche Versoeh 
Schellers, der im Jahre 1826 erschien imter dem Titel: De Eronik^ 
fan Sassen in Rimen, worüber vgl. J. Grimm, Kl. Schriften IV, 385 fol^:- 
Was die sprachliche Erläuterung betrifft, so hat Weiland ftir das erste 
Drittel des Werkes Vorarbeiten von H. Elard Meyer benutzen könneD ; 
am meisten hat indessen Philipp Strauch durch sein dem Bande bei- 
geftigtes sorgfältiges Glossar zur Erklärung beigetragen. 

Ohne die verdienstlichen Leistungen der zuletzt genannten Ge- 
lehrten schmälern zu wollen, werde ich hier versuchen, einige spradi- 
liehe Erscheinungen dieses in mehrfacher Hinsicht interessanten Denk- 
mals von rein philologischem Standpunkte aus anders zu bestimmen ab 
es die Herausgeber gethan haben; namentlich auch die Frage er- 
örtern, ob es nicht möglich sei dem Namen des eigentlichen VerJMSfl* 
der Chronik auf die Spur zu kommen. 

Gleich auf der ersten Seite berichtet der Dichter, daß er besonden 
um Änes Mannes willen seine Chronik entworfen habe (V. 46 folg)» 
und fahrt dann fort: 

// ;/^ swem behendicheyt {cht icone hi 

' dher sol merken wer her si: 

in brunste neymanne swich her 
tzo ghevend alleine, hrechfen dher 
erdhe steyßue im silbers ghemezeliche. 



ZUR »RAUNSCIIWEIGISCHEN CHÜONIK. 



143 



So der von Weilaud aafgeatellle Text mit der Erklärung dar- 
unter: «Der Sinn dieser verzwickten Verse, in weichen die Wörter , 
brvnste, mdch, alleine und brechteit den Namen des Helden Älhrechl von , 
Bnmetunch eutbalten, ist: in der heißen Begier zu geben Heü er allein ' 
Niemand im Sliche (tl. h, unbeachenkt), wenn ihm nur der Erde Steine 
genug Silber brachten". 

Gegen diese Auffassung habe ich manches einzuwenden. ZanilchBt 
ist das Wort alleine hier seiner Stellung im Satze nach unzweifelhaft 
die in nd. und md. Sprachdenkmälern so häufig auftretende Conjunction 
afei'Tie ^ wenn auch, obgleich, wie sie in der vorliegenden Chronik 
ielber z. B. V. 775, 805, 1491, 9185 noch vorkijmmt; das Kommn war 
also nicht dahinter, sondern davor zu setzen. Ferner kann swi'ch kaum 
Indicativ-Form sein für moeifh, es ist vielmehr Conjuncliv; aucli Strauch | 
nmlhet hier nacli dem Glossar S. 695 dem Dichter wohl nnmilgliches , 
EU. Ausserdem ist brungle nach meinem Dafürhalten ganz ohne Noth ' 
in den Text gesetzt für das von der Hamburger wie von der Wolfen- 
bflttler Handschrift gewährte hniste , schon deshalb, weil das für den 
Ktmen Brune-gwich bestimmte n oder vielmehr die Silbe ne offenbar 
ent durch die Anfangssilbe des folgenden Wortes — neymanne — hat 
uu^drtlckt werden sollen. iJer Ausdruck in bmste ist freilich mehr- 
deutig, und für den ersten Augenblick hält es schwer ku bestimmen, 
velche von den möglichen Bedeutungen die hier allein zulässige sei. 
Ene Zeit lang glaubte ich in brüste einen Conjunct. Prätcrili von bresten 
umehmen zu können, so daß in brntte eich gleichsam zusammengezogen 
bUte aus in enbrnMe, was oberdeutsch lauten wdrde im enbraeate, im 
gtbraute ^ ntsi eijerel; vgl. Schiller und Lflbben I, 253* s. v. beraten; 
auch bei Heinrich v. d. Türlin in der Krone 29559 hat die eine Hand- 
■chrift nach Scholl g^iittejür^^irseate; dazu nehme man die Analogie! 
von vuehte = vaekte in Weinholds Gramm. §. 332 so wie si litsehen, 1 
d&B Präteritum von leschen, im Martyrium Jenense fol. 58" nach Sievers | 
Mittheilung. Indessen fehlen mir lÜr diese Auffassung die beweisenden 
Belege. Weit näher lag es, in Imiste dus Substantivum zu suchen das 
da bedeutet Bruch, Abbruch, Mangel, defectus, iactitra ^= mhd, breste, 
10 dall in brüste hier etwa so viel wäre als: in egnstate, in miseria, in 
bedrängter Lage, im Nothfalle. Allein auch filr diese Annahme fehlt, 
ffmtM besehen, alle Analogie. Das Wort steht nämlich nie so allein, 

Kalle weitere Beziehung, sondern hat fast immer eine nähere Be- 
ong bei sich /ur Bezeichnung dessen, an welchem sich ein Mangel 
: 8o in der vom mhd. Wörterh. I, 25ti^ 46 cilierten Stelle aus 
•hlcin > • Tochter Syon 148 cd. Schade: den mucn. ixt i 



■ S. 



J44 F. BKCH 

werden brvst ; ebenso id Boehmers UrkuDdenbach von PranfefttTt 
668 {a. 1355-58) t/es «nims aucA der hrust an vvs nicht; S. 7Ü8 
(a. 13S1) o/i an deheime arttkel brost worde; beim Mönch von Ueils- 
broQD im Buch der sieben Grade 2110: der frmiden hahent si prutl 
(: (jelast) j 2151 darzü tu dir selber prust (.- gelugt) und ähnlich in Eleä&or 
Weisthümern des 15. Jahrhunderts bei Grimm Weist. IV, 194; V, 471 
und 472. Ebenso wflido man irren, wenn man bntH, wie EttmtlUer 
zu Frauenlub au mehreren Stellen vermuthet hat, so auch hier gleich 
bruTiMi fasHen wollte. Wenn der letztgenannte in seinem Kreuzleieh 4, 3 
sagt: Davit in geUtc. gickl Mir: i» begin dei' enget licht Min hmst dich 
bem verhar dö nicht, & Lücifer nOm Wesen und ickt , so hat man hier 
hruBt nicht als ^Sitz des Willens" anzusehen, noch weniger als eine 
dialektische Form ftlr brimst.i, seine Bedeutung ergibt sich vielmehr aus 
den Worten des Psalmisten 109, 3 auf die der Dichter selbst hinweist. 
ex utero genui te ante Luciferum. Durch diese Stelle wird zugleich 
eine andere in das richtige Licht gestellt, in der Eltmflller da» von 
einer oberdeutschen Ilaudschrift gebotene bruvul ftlr brusl, die Lesart 
der Jenaer Handschrift, iu den Text gesetzt hat, in dem Spruche 233, 
12: drigleitUch vvnhen richer kuuat (?) enzundct tntrt ir brüst. Von der 
Bedeutung, die an diesen Stelleu brüst angenommen hat. steht in unsern 
nihd, Wörterbüchern nichts vermerkt. Was indessen J. Grimm im 
D. W. II, 445 angibt: „6mm/, die Brusthöhle, die Wohnung des Herzens, 
übergebend iu die Vorstellung von xälnog, ainus, baitn, welche sich 
tiefer herab erstrecken und eigentlich ausdrücken was niederwärts der 
Intist Hegt, den sdio:, gremium": das wird durch die 2 Stellen »ob 
Frauenlob auch schon für das 13. Jahrh. bestätigt. Aber auch ander- 
wärts finden sich noch Beispiele dieses Gebrauches, So bei Eonrad 
von Würzburg, Frauenloba Vorbilde in mehrfacher Beziehung, in 
dessen Liedern und Sprüchen ed. Barisch 32, 52; ivol iler engcti brOtte, 
darin sick bare der holte gast; femer hei Rumelaud in MSH. III, 67", 3: 
deti (sc. got) umbesldz ein kleine iiruxt getwenge gar siinden bloz. Dem 
ganz gleichbedeutend findet sich an anderen Stellen herze, so in der 
goldenen Schmiede 1971 er vlouc durch diner ören tw Dur in din herxe 
/mb; 1239 i«in er sich in daz herze (i»n besliesen hie genuichtt = 1^239 
sun tele einen spitme her abe in dine ri-inen bnief; 1031 d$ sük^ 
iterliche wart \'(m himel in diu herze warf; einige Varianten babi 
id V. 1971 »chSz oder brüst für herse. Die älteren Diditar, | 
Wolfram und Waltlier. hierin natürlicher und weniger zaiüA 
bedienten sich bekanntlich statt dessen des Wortes «wnÄ 
Franealob uor von Tbiercn braucht, so im Kreuzleioh 




ZUR BRAUNSCHWEIGIBCHEN CHHONIK. 



145 



Atr 2 andere SigIIqh bei Frauenlob übrig, ia denen Ettmtlller eben- 
fiHft brüst als NebenfonD von bruvst verstanden wieBen will; auf sie 
i>t dantm hier näher einzugehen, weil die Bedeutung, in der dort bruet 
Ulftritt, ßlr die Sielle in der Braunschweiger Chronik gerade von Wieh- 
bgkät ist*). In Spruch 435 aprieht die Minne zur Welt: 

sd du mat^jen fonne zilst, 

tehant ir Hebe mid ouek »■ lu«t 

givz ich in in, dar nach »i beide sint geziU. 

Ah ewieSchen dingen ewic ist mhi Hat, 

»tcaz täier dd zegenclick hihi, 

dem ist zfgenelieh ouch mhi Irrust. 

an steten dingen stitekeit mich nicht vervüt. 

Zegenclieh wag 

din forme und dÜn matetye an Gamurete, ich las, 

des muotte oitch im aegenclich atn 

lieb unde lust: die achtdde ist dm. 
Hier ist bnist nicht mehr nur Sitz der liebe tinde lusi, sondern 
metonymisch zu fassen als die liehe u.. hist selber, ganz wie das lat. 
pseft«. Älmlich verhalt es sich mit Spr. 260, 18 durch hei-zen hrust. 
Auch hier mag Konrad von Würsburg auf Frauenlob eingewirkt haben, 
denn in der goldenen Schmiede sagt er V. 1161: doch nie mohie fiuhtic 
ew dir werden mannee bi-usl, so daz unkiuschlich gelust im tcüehse von 
Ar ilärheit din; in Trojan. 2726 sie liezen vür des herzen bruet »chaz 
mde icisheit wenketi; ebenso im Reini'ried 79: unfuoge im nie bekrenkst hat 
Aie$ vesten manne» brüst; bei Nicol. von Jeroschin 804 got stercte ires 
herzen br-unt. Wie schon diis gotische brusts zur Übersetzung vön 
sxiäyxvK, viscera verwandt wurde, so findet sieb auch das mhd. brüst 
hei Konrad und andern Dichtern zuweilen ganz gleichbedeutend mit 
kene ^^ animus, Inneres gebraucht; ich will nur auf Trojan. 130 noch 
binweisen : von der brüste (aaö unjffoirs) ee lichte dringen ^ Frauenlobs 
Minneleich 20, 6 )is dinei- briist. 

■) Nicht ADdem verbalt ea sich mit. EltmalJers Erklämüg von Imutlick, du Tiir 
tnmMUek, brennend, stehen soll ia dem verdorbenen Varac des MinDsIeichs S8. 3 u>er 
■M (nudloA rronn Minne guoir Ich schlage dort vi<r ku leseo: tner zi«ref (oder xA-ef f) 
(nuMkA «/ i>raHwenminne gtiotf (vgl. MSH. HI, TT', IS) und sehe in bnuUlUh 
i= iutUh bnut Sprllvhe 230, t) dieselbe ZusHmmen Setzung wie in münltcA (Weinhold 
3i9), aUer degeiJich, dingeÜch. atleicochenltche (E. v. Kirehberg TOT), aller 
Qerttisu. X, 1T9), Udeiteh, tegerKh, leiZe/tcA, lierlick (Prauenl. 3U3, 6). 
Wagdal. fol. 80" stellt zwar mit infn-vMtignn leilltn, gleich 
mit üibraiati'jeni maoCe, Auch Otfiid in kindo inbroifi (I, 4, 48) 
Deutung heibeiaieben. 
xj. iJini. jAbif.) VQ 




J 



146 F- BECH 

Nach dieser Auseinandersetzung glaube ich steht der Übersetznng 
des obigen in brüste mit in pedorcy in animo = an herzen ^ dem Willen 
nach (Chron. 1018, vgl. 1027) nichts £rhebliches mehr entg^en. Kar 
über ghetnezelithe noch einige Worte. Es ist fraglich, ob man es = ^ 
mezetiche oder = gtmezzenliche zu nehmen habe. In der Eliaabedi ed. 
Rieger 3142 ist das Adjectiv gemezzenlich im Sinne von mittelmSssig 
gebraucht; dazu würde sich gemezzelich verhalten wie etwa zu dem 
gleichgebildeten gelegenlich die Form gelegelich bei Ernst v. Eorchber^ 
S. 642 u. 666 und im Henneberg. Urkundenb. UI, 126, 15 an geUgtliiki 
stete, 21 vff gelegelichin tagin (a. 1383), alier geleglichist DRAkten U. 
159, 23; andererseits steht gemezeUche neben mezetiche {maezticfte, m^lHx} 
wie genemeliken = nominatim z. B. im Urkundenb. von Quedlinburg ed 
Janicke 135, 29 (a. 1351) neben dem gewöhnlicheren nemeUken. Das 
eine wie das andere, hier zumal mit dem Genetiv verbunden, kann 
nur wenig, nicht eben viel, haud abunde bedeuten. 

Nach meiner Auffassung sind nun die in Rede stehenden Vene 
etwa auf folgende Weise darzustellen: | 

in brüste neymenne swich her 
tzo ghevendj alleine brechten dher 

erdhe steyne im Silbers gliemezeliche, 

so daß ftir das Auge leichter hervortreten die vom Dichter künstli^ 
versteckten Worte : i n Brii neswldi hertzoghe Albrecht d her erste im si^ 
Ich übersetze alsdann wörtlich wie folgt: in pectare {animOy txrfiwfflfcf) 
nemini omisisset is largiri^ etiamsi redderent terrae metaUa ei argeti* 
haud abunde. Man vergleiche hiermit was der Dichter von demadben 
Albrecht im V. 7832 sagt: im umbrach vil me gutes an menger äM^ 
wen hohes mütes. 

Die so eben besprochene Stelle erinnerte mich beim Lesen to^ 
gleich an einen bekannten Dichter, der ein Zeitgenosse des um ItfO 
lebenden Chronisten war, sich ebenfalls in Braunschweig lingere Zeii^ 
aufhielt imd mit dem Hofe daselbst in Bertlhrung kam, aadi 8oai& 
einer Geschmacksrichtung huldigte, die von der des Chronisten ad» 
wenig unterschied. Ich meine den Spruchdichter Rumeland und denk^ 
hier zunächst an seinen Spruch in MSH. III, 55', Nr. 12, in wel Jiiig» 
er auf gleich künstliche Weise den Namen seines Gönners, des 
viel gefeierten Braunschweiger Fürsten Albrecht versteckt und 
Leser zu errathen überlassen hat. Dieser Spruch lautet, nach 
sorgfältigen Vergleichuog der Handschrift die ich Sievers in Jena 



ZUE BRAUNSCHWEIGISCHEN CHRONIK. 147 

Wer ich in kunHen tmse cUso Plätd toas, 
Eyn Arigtdtiles unde eyn meister YpocraSj 
Oalienua unde eyn Socratesj die idsen, 
Virgilitia kunsty BoeciuSy CätOj Seneca myte^ 
5 Donätus^ Bedä^ het ich al ir kunste syte: 
Dennoch sone kundich nymmer vollen prisen 
Des hoch geldbeten vursten lob volbrechtich nicht, eyn ist 

mS unde ie m^e. 
Ich hän von Srünes munde und oueh von manigem man 
Gehört f daz ein lob nyeman gar volachten kan. 
10 Wich von ym, Schande, swä her hynnen kere! 
Nach der handschriftlichen Überlieferung steht der Accusativ des 
iSci gelobeten vursten lob im 7. Verse ä»6 xotvov, ist sowohl zu prtsen 
als zu vol brechtich Object; vgl. die von M. Haupt zum Erec gesam- 
melten Beispiele S. 393 folg. Doch fragt es sich wohl noch; ob man 
dem grammatisch zugeschnittenen Stile Rumelands eine solche mehr der 
Yolksmäßigen Sprache zusagende Satzfügung zutrauen dtlrfe. Auch 
steht das Wörtchen al im 5. Verse, welches sonst der Leser mit brecht 
im 7. Verse zu verbinden hätte um den Namen Airbrecht herauszulesen, 
etwas zu fem. Sollte es daher nicht statt volbrechtich nicht gelautet 
haben al brecht ich icht^ d. i. etiamsi quid efficeremf Indessen wage ich 
nicht zu ändern. Auf die eine oder die andere Weise will auch dieser 
Dichter den Leser herausfinden lassen den Namen seines hohen GOn- 
mtb: Al-brecht von Brünes-vnch*). 



y. 1 in der Handschrift tvia, ^ 6 het ich al ir hm steht anf Rasur von erster 
Httd. — 7 Hinter volbrechtich nach dem h ein z aasradiert. — iej e. 

*) Nach dieser künstlichen Anspielung Hesse sich annehmen, daß Rnmeland anch 
in dem 5. Sprache 8. 62* in MS. lU eine versteckte Nennung des Namens Albrecht 
beibsiehtigt habe durch die Worte: also ich prOhe , ad tr&we ich daz er daz toolken 
inthe (V. 7 — 8) ; ebenso glaube ich, daß der Vers der men»chen zucht irRchen heldet 
äi 7. Spruche anf der folgenden Spalte nur gemacht worden ist^ um aus den Anfangs- 
^«hstaben der einzelnen Worte herauslesen zu lassen der Men-z-ir, 

Beiläufig will ich noch folgende Erscheinungen hervorheben, in denen sich der 
▼er&ner der Reimchronik mit Rumeland berührt Sowie bei dem ersteren die 2. Person 
PhinUs sehr häufig auf -en ausgeht (vgl. Weinholds Gramm. S. 341), ebenso ist dies 
Wi Eomeland der Fall. Von der Hagen freiUch hat diese Form fast immer zu ver- 
^iKben gesucht und nur da stehen lassen, wo sie vom Reime geschfitzt war, so BiS. 
^1 58\ 10 daz ir tren bam (:vam) = daß ihr aller Ehre bar seid; aber sie ist 
*^ der EUmdschiift wieder einzusetzen auch an folgenden Stellen 66% 14, 3 dax ir 
^ MU vergesszen (:beaexzen); 67**, 12, 7 toan daz ir mir in JQdaa trütoen bHen 
(botet) iMoer htlaen; 57% 12, 9 ich weiz tool daz ir iich ze m%ine schaden fjratoen 
('f^omoenj; 68% 1, 7 *6 rät ich daz ir umme 8^; 68% 1, 8 (2^ tr vurUesen uwem 



14* F BECH 



! 



KT2irj«:ljL&d& Lobsprneb ist hud aber noch in anderer Hmsdit ftr 
die BraTHiFcLweigiscbe Chronik tod Wicbtigkeit. Wer ist. » fiigt 
zzxjui sich billig, jener jBrtr/i oder Brune, aas dessen Munde SomeluS 
d&fc L^ib Albrec-bts veraommen haben will? Und dies ttibrt vaAwf^ 
eine zweive und zwar noch verzwicktere Stelle in der genannten Clniiä. - 
OegeL Ende derselben beginn: namlicb der Verfasser in lingererBeJe - 
zu kla;:en über den Tod des ihm theueren Fürsten und ftber da Ter — 
Jubl. den er und andere durch ihn erlitten haben. Dort heiüt es 
V. 9216 nach dem HeraTisgeber: 

vcar i$ nw dh^ M bevor en 

*6 vrerdkhlickeri lebete, 

daz tTm UAß ohen allen loben svribete^ 

von Brvtie^wkh herzöge Albreehif 
922(J dhi*»e name ut gar flechi 

wid h/Mi doch btdaiunge mJt behauen» 

daz merke der junge nach dem aUenz 

^tcich daz brüne albe recht, 

*5 v:irt dhin lob klor unie »leckt '^ 
9225 albe reclä \jcas iz an im 

dhen nu hat dhes todes grim. 

her icajs dhes tcurzegarten brunne^ 

noch klarer dhan dlie sunne; 

und der u?azerhaphie bach^ 
9230 dher so sozes smackes plach. 

sin smac ist nu ghesurei 

und dhes tcurzegarten ruch gheturet. 
Hier handelt es sich vor allen darum, welchen Sinn man ^ 
Versen 9223 — 26 abzugewinnen habe, ohne der Sprache und denlo' 



lalJc; wahncheinlich aach 68^, 5, 1 ir morder, prOben iuwem wtorl. Ferner finM ^ 
wie in der Beimcfaronlk bo Id Riunelands Gedichten nach der Jenaer Handschrift SAv 
Verwechitlang; des DatiTs mit dem AccnsatiVf so M8. m, 53% 6 got der 9ot irfh «^ 
an dich rechen; 59% 23 der mich durch singen Hetzer g&c toen dirtk wcMi.-D- 
368% 3 daz sie dich icol heheüe ; nicht selten steht in statt m , gerade wie ia ^ 
Reimchronik z. B. 560, 644. In der Reimchronik 7120 heißt es der mdne Mk adi^ 
ringhet /': t/ringhetj ^ dieselbe, sonst nicht weiter belegte Ansdnicksweiae bei RnawIiB' 
M8. 11, 370* (V, 1) iwen der mäne ringet, daz er heizet meie^ wo ringen swt. = mi^ 
tieri. In der Reinchronik 686, 1668, 1789 zo mCize von feindlicher Begegnm; p" 
braucht, ebenso bei Rameland m, 57^, 10 die giengen im zu mfise, mhd. m wameiL !■ 
der Reimchronik 8930 teSne unihegten gipid hShemdl den toren unde weitem gut ss ^ 
meland MS. II, 60*, 28 8o wer den tvren dröuwen irt^ der ecl im echSme eiUktüm, f^ 
wirt er /r6 in herzen vnde gute* miUet. 



ZUB BRAUNSCaWEIGISCHEN CHRONIK, 149 

tentioaen ihres Verfassers zu nahe zu treten. Sie bieten noch weit 
mehr Schwierigkeiten als die besprochenen Zeilen aus der Einleitung 
der Chronik. Der Herausgeber hat davon folgende Erklärung unter 
seinem Texte gegeben: „Hier iat ein Fremdwort, das lateinische albits, 
zu Hülfe genommen, das sonst nicht zu belegen ist. Der Sinn ist also: 
venu das Braune das WeiÜe (albe ist Datiy) im Stiche ließe, so wird 
dein Lob klar und schlicht; an ihm, der jetzt gestorben ist, war es 
[das Lob) ganz weiß." Diese Deutung bedarf aber selbst wieder eines 
Commentars. Ich wenigstens bekenne offen sie nicht zu verstehen. 
Daß albe ^ albui stehe, ist kaum glaublich. Überdies wäre das un- 
motivierte Überspringen von der zweiten Person auf die dritte eine 
ünbeholfenheit, die mau dem Dichter nicht zutrauen darf. Für dtn 
fehlt nach dieser Erklärung die betreffende Person, auf die es sich 
beziehen könnte. Albrecht kann es nicht sein, von dem gleich darauf 
in der dritten Person geredet wird. Ich schlage daher folgende Le- 
rang ▼or: 

av^eh daz, Brüne, al berecht 
»3 mrt dhin loh klär mite siecht, 
al bereckt was h an im u. s. w. 
In dioeer Constitution des Textes ist der Überlieferung weiter 
keine Gewalt angothan, als daJi einige Silben anders vertheilt worden 
sind, es ist damit das unerhürte albe ohne Mtlhe beseitigt, sowie fUr 
das auffällige Pronomen dhtn eine Aulehnung gefunden in dem Namen 
Brüne. Stctch halte ich für mnd. Imperativ von steigen ■= mhd awic; 
herecht steht fUr berichtet oder berecktet, kaum fllr M rekte. Drüne sel bst 
■oheint d^ Name des Verfassers zu sein, der sieh hier auf versteckte 
Weise verewigt hat; möglicherweise iat es derselbe, aus dessen Munde 
Rnmcland an der oben angeführten Stelle bekennt so großes Lob über 
Herzog Albrecht vernommen zu haben. 

Leider ist es mir nicht gelungen , einen solchen Brüne auch ur- 
kundlich sicher nachzuweisen. In dem Urkundenbuche der Stadt Qöt- 
tittgcn Nr. 156, vom Jahre 1344, erscheint ein Capellan Meister Brmto, 
d«r von den Herzögen Otto, Magnus und Ernst mit dem wouste bleck, 
dar de capeüe to Hessenem uppe sleyt, von Göttingen aus belehnt wird. 
Dieser Bruno fällt zu spät, als daß man ihn hierher ziehen könnte. 
Anders verhält es sich mit einem Bruno, der Clcriker zu St. Blasicn 
LOnschweig war, auf welchen 0, von Heinemann in Wolfenbüttel 
'%ierksam zu machen die Güte hatte. Seiner freundlichen Mit- 
Uegt ca nahe, einen solchen unter den Stiftsherren zu St. 
^en; obwohl aber von 1290 an die Seihe der Präaea- 



l 



I 
i 



150 F. BECH 

tationsorkimdeii zu den Ämtern und Pfründen des Blasinsstifies noch 
vollständig vorhanden ist, so erscheint doch ein Bruno erst im Jahre 
1336, IX Kai Aprilis, nach einer Originalurkunde zu WoUenbflttd, 
fireilich aber als damals bereits gestorben: 

Otto dux in Bruneswich suo nomine et poteHate tibi per pafbudo 
Henrieum^ Emestum ei Wilhelmtim commissa Bolandum dericum diehm 
Oronetben , ßlium Davidis Cronesben , praesentat ad prcubendam in et- 
desia sancti Blasii per mortem fnogisiri SrunoniB veteantem. 

Dieser Bruno könnte vielleicht der von mir Gesuditejsein. Wenn 
man annimmt, daß derselbe bei seinem Tode — um 1335 — etwa 73 
bis 80 Jahre alt gewesen, so könnte er sehr wohl zu Anfange der nemh 
ziger Jahre des 13. Jahrhunderts die Reimchronik verfaßt haben. Leider 
scheint von ihm, wenn er auch Cleriker in St Blasien war, nidits 
weiter bekannt zu sein. 

V. 75 tcent ich groz sol invüren^ d. h. weil ich viel — nicht wie 
die Anmerkung will : „in großartiger Weise^ — einfahren werde. Diese 
Bedeutung von groz ist nicht ganz selten, wenn auch in den Wörter- 
btlchem nur spärlich vermerkt So steht s8 groz = tantym^ so viel, bei 
Herbort Troj. 5222 da geschach under in zwein Stich unde siege to gns; 
J. Tit 1810, 4 so groz der houbt ; Stricker Karl 5398 goldee $d grii; 
Stadtbuch von Augsburg ed. Meyer S. 200 als grdz unsUdes gAem d» 
des strSes vxu; Fraaenlob Spr. 22, 19 die eine hat grdz leides und cb 
ander in vrouden lachen j wo Ettmüllers gewaltsame Änderung unstatt- 
haft war; Chronik des St Clarenklosters zu Weissenfeis ed. Opel S. 3$ 
dS hdit he groz gdty daz he ledie wurde ; Joh. Bothe Chron. 632 dS «fr 
tarp unsprechlich groz volk; 712 der kriegk hatte sie grdz gekost; Koediti 
von Salfeld 69,24: daz her groz bt gote eramet hetU; 76, 16 ke wMt 
bewise, tci groz der furste mit einem heiligen lebin vorduU hatte, — Za 
invik'enj mhd. invüeren vgl. Weigand im D. W. IV, 441, wo schon am 
Otfirid und den Nibelungen Beispiele beigebracht sind, in denen ßkrm 
soviel ist als mittelst eines Fuhrwerkes oder Fahrzeuges fortsdiafisr 
also wieder die Bedeutung seines Mutterwortes vam = lat vehere litt; 
vgl. noch St Ulrichs Leben 1283 üf einem sUten er sieh fiteren hia^ 
Straßb. Recht bei Gaupp D. R. des Mittelalters I, 78 die viscIAt snlk^ 
den bischove in dem wazzere fiieren {^in aqua vehere^)\ Stadtr. ▼. Mfindien 
ed. Auer art 478, wo dem filrman, den fürliuJten aufg^^eben wird, daE 
sie daz guot fäeren suOen; Pass. K 66, 9 er liez s>ch vüren einen wagen; 
Koeditz v. Salfeld 78, 4 si liz sich off einem weine ßlre; in einer Witten- 
berger Urk. vom J. 1380 bei Espe Bericht v. J. 1845 S. 21 «/ ier 



ZUR BRAÜN8CHWEIGISCHEN CHRONIK. 151 

Eiben kam holen adir ßiren lassen, ebenda füren (fahren) umb Idn ; Job. 
Rothe 188 her Uez sich alle tage füifrea uf eime wayne\ 650 man sulde 
on (= iis) nicht zu füren noch tragen^ Nürnberger Poliz. 245 der wein 
{vinum) von dem füren sich setzet \ 306 daz höh füren; 307 wer holen, 
pütenholz füret oder tregt; Zeitzer Copialb. (15. Jabrh.) fol. 306** und 
406' das mistfOren, 

V. 133 verlangt der Zusammenhang fUr gut gerichte zu schreiben 
gut gerückte, wie es sich V. 7355 findet. 

V. 734 wigenüichy im Glossar übersetzt: streitbar^ streitlustig, ist 
wohl in vigentUch zu ändern, das wiederholentlich in ähnlichem Sinne 
steht, so z. B. 1541, wo es auch mit vormezzen verbunden ist, femer 
1666, 1561 ; vgl. 452, wo die Hamburger Hs. ebenfalls wursten schreibt 
statt imrsten, 

V. 791 dhes mOz im noch wol gelingen, e wen er izzo ende bringen*^ 
hier sehe ich in wen nicht die Verbalform toaen, sondern die Conj. 
wanne, wenne, nd. und md. wen^ die auf nd. und md. Gebiete sehr oft 
fbr danne, denne nach Comparativen auftritt, wie auch in vorliegendem 
Denkmale z. B. 97, 934, 3924, vgl. Rückert zu Eoeditz 15, U] e wen 
ist also prius quam, wie German. 14, 70*, 37 in dem md. Blanschandin: 
S wan die crdne ime werde gesät; Joh. Marienwerder im Leben der H. 
Dorothea S. 198 e wen her syne sache unrecht irkennet^ 217 e wen dt 
vorrdcte natüre sich an ir ougiln mochte; 222 S wen di kirchin ufgislos- 
sin wurdin; 234 e wen si ein sd getan gezdgnis behtU; 248 S wen si 
volUnbrochte ; 253 S wenne her gewinnet einen sweis Aner bekOiunge. Hier- 
nach kann bringen nicht Infinitiv sein, sondern ist 3. Person Singul. 
des Präsens Conj., hier durch den Reim sicher gestellt Die Nasalierung 
der Endung ist in diesem Falle eine ähnliche wie die der 3. Singul. 
Präteriti von Weinhold in der Grammatik §. 385 vermerkte. Auch 
tagen (: mögen) gehört wohl hierher, das für toge steht in V. 106: daz 
txo disser redhe tagen dhe tumpheyt unser sinne, wo tumpheyt schwerlich 
fbr den Pluralis zu nehmen ist; femer An fiir si in der Unterweisung 
zur Vollkommenheit Germ. 22, 170, 137 daz s6 deine sin (: din); Frauen- 
lob Spr. 49, 11 mit stolzer tat, diu menlich sin (nach der Handschrift); 
in Tyrol und Fridebrant ed. Wilken S. 7, V. 55 so waent ez daz ez 
nieman sehen (; spehen), ebenfalls nach der Überlieferung; Sachs. Welt- 
chron. 142, 26 ed. Weiland: we dam siu (sc. diu trrowe) nü werden lüt 
de lagene irdenken; Heinr. v. Krolew. 3561 des müz ich gotes helfe gern \ 
unde biten, daz er mich gewern (wo gere : gewere möglich). 

V. 988—990 innen dhes greyph in grdz krancheyt, so daz her an 
vil seUcheyt vorchte einen ende. Für selicheit gewährt die jüngere Hs. 



152 F. BECH 

neUick^l letzteres oder sedhKeheü war in den Text zn setzen; y^ 
nechUch bei Lexer 11, 909 und necheUieä in Wackemagek Wört€^ 
buche. 

V. 2103 dher kund her gehawen an den kreyz^ im Glossar über- 
setzt mit: ^kommt mit mächtigen ffieben auf den Kampfplatz«. Das 
will aber der Ausdrack gehawen hier nicht sagen, auch nicht in V. 2748« 
Vollständig hieß es: daz ros mit den Sporen houwen^ wie im RolandsL 
6471, Diemer 73, 16, Herbort Troj. 6432; dann mit Weglassang von 
ros und apcm bloß houwen im Sinne von anspornen^ rennen, sprengen, 
so im Trist 9166 er hiu unde sprancte; Witzlaws Spr. IV, 15 ed. Ettm. 
hin hiew her in daz füre = MS. III, 79% 4; Diodetian 1615 im hmtwä 
drin! and 3279, 4423, 6024; Nie von Jerosch. 20767 ankoHwen so- 
rennen, angreifen; vgl. D. Wort I, 370 s. v. anhauen and 339 s. v.«- 
gehauen, IV^, 580 s. v. hauen. Aach in der Gadnm 1540 läßt sid 
durehhauwen nehmen im Sinne von darchrennen, dorchreiten. 

V. 2756 folg. dhes wart auch de maze dhä | trtZ kurz, i^ieh mA 
elä I wart dhar eyn gemeyne wart. Hier ist mdze = das Messen , d. li. 
das Zielen, Besinnen and Vorbereiten zam Kampfe. Stick and Ja 
fasse ich als Imperative. 

V. 3039 daz {her) mit raube und mit brande dhen herreti tolU 
locken von der veste: der Dativ dhen herren darch beide HandschrifieD 
gesttLtzt and auch sonst bei locken üblich, vgl. Eonr. von M^enberg 
254, 23 die vischer lockent ir mit wispdn auz dem wazzer^ 286, 12; Geni. 
7, 335 der adalar lokt einen kindern zu vliegene^ Fraaenlob Spr. 169, 11; 
242, 2; Mynsinger S. 5, 20, 35, 36 a. s. w. 

V. 3182 dhe hyecoph mit dhen einen \ wm ColnCf her toM iz dU 
pinen, daza die Anmerkang: „er wollte sie strafen; iz ist eine Ver 
allgemeinerang des Begriffes de bargen^. Schwerlich richtig; ez pize^ 
heißt hier: es darch- oder dransetzen, es wagen, wie denn ptnai in dem 
altniederl. Glossar von Bern (Diät II) 207^ mit eonari and 224^ mit 
niti übersetzt wird. 

V. 3899 S der ortelichen zU wird in der AnnL richtig fibenetsi: 
vor dem jtUigsten Tage; im Glossar ist bemerkt^ ^ortMch adj. äafient^ 
als ob es von ort gebildet wäre and nicht vielmehr von ardä; vgL mU. 
urteiltiche zU. 

V. 4339 folgende heißt es vom Falken: 

ein hautet brün^ sin khele blanc, 

sine zasvidheren im so lanc 

zo Urkunde zen herabe, 

daz in sin vater habe 



ZUR BRAUNSCHWEIGISCHEN CHRONIK. 153 

wph hSher ast gezogen; 
wol ZOT kdre sin gebogen 
im mie kld und sin snahel. 
Die zasvidhei'en^ „Schwung- oderSchlagfedem^ werden in Strauchs 
Glossar wohl nicht richtig von zcuen, nd. lasen, zeisen abgeleitet; eher 
hat man mit Woeste bei Schiller und Ltlbben IV, 27* s. v. sasvedder an 
gas = sdhs zu denken; dort werden darunter Federn verstanden mit 
denen die Luft durchschnitten wird. Ich kann das Wort noch aus 
Heinrich von Mügelin ed. W. Müller S. 27 nachweisen: die sachsenfeder 
und die scheUe verlorn \ in irem dinst ich habe] bei Mynsinger S. 3 steht: 
die ßägel (des Falken) riirent sich hinden an mit den lengsten obem vedem 
an der sachs; in der Wappenkunde bezeichnet die sachse nach Sanders 
am Adlerflttgel das Inwendige , den großen Federn entgegengesetzte^ 
vgL auch Förstemann N. Mitth. IV, 4, 94 Adlersflügd, ihre Sächfien ein- 
wärts kehrend, — Uf höher ast ist vielleicht zu ändern in uf hoher rastf 
vgl. Lexer s. v. reste, — K&re^ kor^ halte ich fttr einen weidmännischen 
Ausdruck y ursprünglich = «p€cuZa, Warte, dann die Lauer , das Auf- 
lauem des Wildes, insidiae, vgl. Hildebrand im D. W. V, 2785 unter 
kur und 2803 unter kuren = spähend schauen, lauern^ nachstellen; femer 
Schiller und Lübben H, 602' und die deutschen Mundarten VII, 443; 
vielleicht hat man auch Frauenlob in seinem Frauenleich 9, 1 hiemach 
zu deuten, wo er Maria sagen läßt: ich binz diu groze von der kür, d. h. 
de specula =■ de Syonef vgl. Büchlein von der Tochter Syon V. 7 und 
Graffs Interlinearvers. d. Ps. S. 214. 

V. 4497 folg. hei* Tancharde vinc den jungen^ \ darzd auch eynen 
konig her \ der roubere algelich daz mer] nach der Anmerkung soll al- 
gdich daz mer abhängig sein von dem in roubere liegenden Verbal- 
begriff; ich mochte roubete für roubere lesen; so heißt es V. 5299 daz 
lant rouben, ebenso Pass. K. 571, 87; die helle rouben in Bruder Hansens 
Mar. 925; die stai, daz hüs, die sträzen r. Würdtwein Dipl. Mag. H, 548, 
Ortloff I, 195, Rumeland in MSH. III, 57', 7 = ausplündem. 

V. 4791 eyn ors — daz an vil mengem sprunghe ginc \ und leyph 
durch Sporen vlucht. Was soll hier sparen vlucht bedeuten? Ich lese den 
Vers so : unde leyph durch sporn envlucht^ vgl. Frauenlob Spr. 52, 8 du 
voere ein spiegel grozer vuoge und aller zucht, \ die gen in vlucht \ vor dir 
sam si sin vnlde; Pfeiffers Altd. Beisp. bei Haupt Zeits. VII, 362, 53 

da er von einen Unzuchten \ immer get in flüchten; Demantin 5577 

Ortan — on in vlochten kamen sach (vgl. 1735 mit vluchten he darjagete)] 
Ortloff n, 101 in flüchten nn und ebenso Berthold ed. Pfeiffer 554, 4 
und 15 und 22 ; vgl. mhd. enfluge. 



154 F. BECH, ZUR BRAUN8CHWEIGI8CHEN CHBONK. 

V. 5010 bedeatet unveylich nicht wie J. Orimm Kl. Sehr. IV^ 391 
wollte „un feindlich''^ sondern nicht gesichert, nicht ohne Gefahr; TgL 
Magdeb. SchOppenchron. 310, 18 men scholde se berdvet hebten ores Utes 
und güdes also dat se allerwegen mosten unvelich siin; Lexer III, 54. 
V. 6794 folg. «TAT ihe hMizlt obersconen 

soUe, dhd im gab dhe krdnen 

dher pabes an sd grdzer ere, 

sver daz zo thonde toere — 

ich der rhede volgen mite. 
Nach V. 6797 meint der Herausgeber sei Termnthlich ein Ven- 
paar ausgefallen, da der Nachsatz fehle , der etwa den Oedanken ent- 
halten hätte: „der mtlßte Bewunderang erregen''. Die Stelle ist woU 
anders zu fassen. Man lese: swer (oder swär) dAz zo tiiSnde were imd 
tibersetze mite im folgenden Verse durch vitarem, omitterem; vgl. V. 7758 
svär mir daz zo sagene were [Bartsch: soü ich d. rh, volgen mite]. 
V. 7649 folg. Äer scüf daz dhe vursten balt 

dhahir zo Dhudeschen lande 

dhe her an dem köre irkande, 

daz an dem anderen järe wart irkoren 

eyn vorste hdhehoren. 
Für daz dhe wird vom Herausgeber mit dhen vermuthet und «tti* 
hir ist von ihm in den Text gesetzt für das überlieferte dha hin. Mir 
scheinen beim Abschreiben die Zeilen vermengt worden zu sein. Dr 
sprünglich lauteten sie wohl: 

her scüf dha hin de vursten &a&, 

dhe her an dem köre irkande, 

daz zo Dhudeschen lande 

an dem andern järe wart irkoren 

eyn vorste u. s. w. 
Jemand dha hin scaffen = dahin, dazu bringen, veranlassen. 
V. 8090 folg. her leyz dhen herren wolgeboren \ an eynen gai^ 
hengen do \ H dhen hessen; letzteres heißt nicht, wie aus Versehen iiD 
Glossar vermerkt ist, „bei den Hosen, kopfliber aufhängen^ ebenso 
wenig in der Anmerkung zur Sächsischen Weltchronik 87, 44 m W ^ 
hässin uf lassin hangin ; vgl. vielmehr Schiller und Lübben U, 259 & t* 
hesscy mhd. hahse, hehse; unter letzterem Worte wird hier vonugsireiie 
die Achillessehne zu verstehen sein. 

V. 8359 tz ne halph al nicht eyn wint (: sint) ; aber die iltere Hasd- 
schrift hat ganz richtig twint Air wint ; vgl. Kiliani EtjmoL ed. Hasseb 
689*" twint y twynt, twent^ nihil ^ nihilum^ nihili^ non^ minime und fnoi^ 



C. M. BLAA8, 8IP UND DAS FRAUENHAAR. 155 

tehien^ flocei pendere, dazu J. Ghrimm Gr. P; 498, wo twint ans quint 
quenüem) abgeleitet wird. Scheller veränderte das Wort in seiner 
Tonika fan Sassen S. 272 in twtnk und übersetzte es im Glossar mit 
,Pfifferling^ ; ebenso scheint er es in seinem Laiendoctrinal S. 193 ge- 
nacht zu haben, wo man wohl zu lesen hat: de vAse bedrdvet sich nicht 
nh twint (: kint)'^ vgl. noch Partonopeus und Melior ed. Maß mann 17, 
19; 34, 13; 86, 28; 88, 9; 116, 6; 118, 20. 

V. 9109 dhe ros men rarte z8 dher vlucht^ nicht zo bohorte; 

lie Änderung war unnöthig, behorte, wie die Hs. hat, ist eine gut be- 
glaubigte Form, wenn auch Schiller und Lübben versäumt haben sie 
SU belegen, vgl. Zamcke-MüUer I, 735; dazu bShurt in Livländ. Reim- 
:hron. 11735; Ernst von Kirchberg 808 si iAeten vil behorden {:wor- 
ien); Berthold von Holle im Demantin 634, im Crane 2190, 2199; 
dahin gehört auch Frauenlobs Minneleich 30, 5 die sich hievor durch 
frowen gorteriy an tumei, tzschost mit strit behorterij wo die Erklärung 
Ettmüllers kaum das Richtige trifft; hehordiren^ tomtren bei Lambert 
Mühlhaus. S.57. 

ZEITZ, im Januar 1878. FEDOR BECH. 



SIF UND DAS FRAUENHAAR. 



VON 

C. M. BLAAS. 



fJ)BE Gold der Sonne ward in Floß gebracht, 
um dieses Hauptes Locken draus eu dichten.** 

Rfickert 

Rutilae eomae kennzeichneten nach Tacitus Germ. c. 4 alle Ger- 
manen und dies gepriesene Attribut germanischer Schönheit ist auch 
die Ursache, daß die römischen Imperatoren deutsche und mit Gold- 
staub gepuderte Haartouren zu tragen imd die römischen Frauen ihre 
Haare mit germanischer Pomade blond zu färben pflegten (s. Roch- 
holz^ Deut. Glaube und Brauch U, 219). Caligula indessen trug einen 
^Idenen Bai*t um den goldbärtigen Jupiter Capitolinus nachzuahmen 
[Sueton , c. 52) und wie der letztere ebenso besaß (nach Rochholz 
ft. a. O. II, 220) auch der sonst stets als rothbärtig erscheinende Th5r, 
nrsprtlnglich einen goldenen Bart sowie goldenes Haar. Solches Haar 
hatte übrigens auch dessen Gattin Sif and von diesem berichtet Uhland 



156 0. M. BLAAS 

in seinen Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage IV, 44—45: 
Eine der vielen Benennungen des Goldes in der Skaldensprache war: 
Sifs Haar (haddr Sifiar). Der Grund derselben wird so angegeben 
(Snorra-Edda äsamt Skaldu etc. ütgef. af R. Er. Rask, Stockh. 1818, 
130 — 132): Loki; Laufejs Sohn^ hatte trügerischer Weise Sifs Haar 
alles abgeschoren. Als Thor, ihr Gatte, dessen gewahr wird, ergreift 
er Loki und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben , wenn er 
nicht geschworen hätte^ von den Schwarzälfen zu erlangen, daß sie ans 
Golde der Sif ein Haar machen, das wie natürliches wachse. Hierauf 
begibt sich Loki zu den Zwergen, die Ivaldis Söhne heißen, und diese 
machen das Frauenhaar. Loki bringt es dem Thor und dasselbe wichst 
fest, sobald es auf Sifs Haupt kommt 

Zu haddr Sifiar bemerkt Uhland a. a. O. 44, Note 1 : Haddr, m. be- 
deutet nach Sn. Edd. 205: Frauenhaar; doch ist zweifelhaft, ob eigent- 
lich oder nicht, indem das Wort an einigen Stellen auch filr Haa^ 
tuch, Haarschleier gebraucht sein kann; vgl. Edda Saemundar hiiis 
Fröda etc. ex recens. Er. Chr. Rask curavit A. A. A&elius. Holm. 
1818, 213 a, 261 b, Eormaks S. 26. Über den Ausdruck: nSem anntt 
här" (Sn. Edd. 130) s. J. Grimm, Reinhart Fuchs (Berl. 1834) CCLVtt 

Bekanntlich halten die Erklärer die goldhaarige Sif zu Ceres, zn 
der l^avd^ ^rnur^triQ (Q. 5, 500)^ und Mono sagt in seiner Geschiclite 
des Heidenth. I, 418: Die Haarschur der Sif ist nichts anders ab 
das Schneiden des Getreides, ihre goldenen Haare, die sie daflir be- 
kömmt, sind gleichbedeutend mit der goldenen Mähne des Bosses 
[Gullfaxi], die reife Saat Und das Gold ist hier nicht etwa eine blos 
dichterische, unbedeutende Ausschmückung oder Vergleichung, sondern 
eine richtige Folge der teutschen Naturanschauung. Gold und reife 
Saat sind beide gelb, jenes ist die Grundlage des unorganischen Le- 
bens, diese des menschlichen. — Desgleichen erscheint auch nach 
Uhland a. a. O. 45 — 46 Sif in dem angefdhrten Mythus als das Ge- 
treidefeld, dessen goldener Schmuck in der Glut des Spätsommers ab- 
geschnitten, dann aber von unsichtbar wirkenden Erdkräften neu ge- 
woben wird. 

Andere Forscher, und zwar Keyser (Nordmaendenes religionsfer 
fatning 35) und W. Müller (Altdeut Religion 280) fassen die Vor- 
stellung allgemeiner auf^ und beziehen sie auf das Gras, die Pflanzen 
und die Blätter, welche im Herbste gelb werden. 

Sif berührt sich übrigens mit Frikka und Frouwa und Grimm 
(MytL 286) stellt ihren Kamen mit Sippia, Verwandtschaft susammeo; 
dazu bemerkt er: diesem Wortsinn nach scheint Sif, gleich Frigg W 



SIP UND DA8 FRAUENHAAR. 



157 



PreyJA, Göttin der Schönteit and Liebe. Nach Rochbolz (Deut Glaube 
und Brauch U , SSO) bezeichnet ihr Name die Ebegöttin und nach 
Sif mrd noch heute auf Island ein Itchtbaarigee Kraut Sife Haar (haddr 
Sifar polytrichum aureum, Magnusen, Lex. inyth. 691) genannt. Gleich- 
wie diese Pflanze auf Sif weist, ebenso deutet das sog. Frauenhaar, 
tdiantum (ädiavTov) rein iat, capilluB Veneris auf Frouwa, Freyja und in 
WeJgaodB D. Wörterb. I, 489—480 heißt es: das Frauenhaar, mhd. das 
TToawenbär. dän. Fruehaar, isländ. Freyjuhaar, d. i. Kraut leuchtend 
gluch dem Haar der heidniaclien Göttin der Liebe Freyja, ahd. Frouwa, 
>n deren Stelle die christliche Zeit die, höchste Schönheit mit himm- 
lischer Liebe vereinigende Jungfrau Maria als unsere liebe Frau 
letzte, auch hier in unseren Pflanzennauien, wie die Benennung Marieu- 
graa, norweg. Marigras zeigt; — ital. der capelv6]ere, Iat. der ca- 
piUoB Veneris, wobei die Venus wieder zu Freyja stimmt (vgl. Grimm, 
Vytb. 280). 

Das Frauenhaar besitzt Überdies nach dem Volksglauben wie so 
manche andere Pflanze übernatürliche Kräfte; denn es gilt als ein 
besonders kräftiges Zauberkraut und man glaubt einerseits, um ihm 
die rechte Kraft als Mittel gegen allen schädlichen Zauber zu ver- 
leiKen, müeee es in heiliger Zeit, bevor es gepflückt wird, mit einem ge- 
wisien Bannsegen „angesprochen" werden (Alpenburg, Tirol. Myth.488). 
Andereeits wurde es wieder benutzt, um in der Liebe zti befeuern, und 
zu Zaubermitteln mußte es an einem Freitag geholt werden. Man flocht 
es in früheren Zeiten in den Brautkranz, schrieb ihm verjüngende Kraft 
in und die Leute glaubten, wenn jemand eine Lauge aus Frauenhaar 
bereite und eich mit dieser die Haare wasche, so würden diese lang 
und dicht (MontanuB, Deut. Volksf. 142 und Perger, Pflanzensag. 217). 

Nach Simrock, Myth., IV. Aufl., 233 und 379 isl die schonhaarige 
Sif Erd- und Regengöttin und nach der Meinung des Volkes befördert 
der erste Regen im Mai das Wachstbum der Kinder, besonders der 
Haare, wenn sie sich mit entblößtem Kopfe beregnen lassen. Daher 
Btellen sich diese z. B. in Niederösterreich beim Regen im Mai ins 
Freie nnd rufen: 

Mairegn, Mairegn. 

mäch ma mai Uoar Ikng und ebn. 

Gleich Sif hatte ferner auch Allerleirauh, die Gänsemagd (in 
Griniins Märchen Nr. 05 und S9) sowie manche andere märchenhafte 

Bin lone Haare und erst kürzlich wurde mir eine Sage von 

^ee Frauenhaares mitgetheilt, welche lebhaft an dea 



1 



158 A. EDZABDI 

oben angeführten Mythus von Sifs Haar erinnert Dieselbe entspricht 
überdies der dabei erwähnten Deutung und lautet : Es war einmal ein 
ungarischer Königssohn und dieser verliebte sich in eine Bauemdime, 
welche als größte Schönheit prachtvolle blonde Haare hatte. Dss 
wurde seinen Eltern verrathen, welche die Dirne aufsuchen, ihr das 
Haar abschneiden und auf dem Felde verstreuen ließen« Daselbst 
faßte es Wurzel, wuchs und man nennt es jetzt noch Frauenhaar. 
Das Mädchen aber steckten sie in ein Kloster. Der Königssohn war 
trostlos darüber und kränkte sich so lange, bis sein Leibdiener es 
ausfindig gemacht hatte wo das Mädchen verborgen war. Da eilte er 
hin, befreite es, dessen Haare inzwischen wieder gewachsen waren and 
heirathete es doch"^). 

Dabei möge hier schließlich bezüglich dieser Sage noch erwilmt 
sein, daß nach der Edda (Grimnismal und Gylfaginning) ans Ymirs 
Haar die Bäume geschaffen wurden und daß nach einer altfriesischen 
Sage (in Haupts Zeitschr. 1840, I, 1) Gott bei der Erschaffung des 
Adam, Gras zum Haar nahm (vgl. Sinurock a. a. O. 22 und dessen 
Altd. Leseb. 1859, S. 41). 

STOCRERAU in NiederSsteireich. 



KLEINE BEITRAGE ZUR GESCHICHTE CND 
ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 



I. 

Unter diesem Titel sollen hier verschiedene mnspmchsloacf Be- 
merkungen , die sich mir bei wiederholter und eingehender Beschifii- 
gung mit den Eddaliedern aufgedrängt haben und die mir immmerhin der 
Veröffentlichung werth erseheinen, in losem Zusammenhange an od- 
ander gereiht werden. Für die Geschichte und flrklSning der Edda- 
lieder bleibt immer noch so viel zu thun übrig, daß, denke ich« eine 
jede, wenn auch noch so imbedeutende Förderung hier wiUkommeD 
sein muß. 



*) Diese Sa^ rerdmnke ich der gütigen Mitth^nng des FVialcia data Scto- 
bertJi (Tochter det k. k. Nouu« Dr. S. in Stockeran), der sie Ton ihrer «m 
der5sterT. Waldviertel gebürtigen Tante eraahit wurde. 



BEITRiOE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDAUEDER. 159 

1. Zu den Helgeliedern. 

Helgakvida Hiorvardssonar. 
Im ersten Abschnitte der durch Prosastücke verbundenen Liedirag- 
mente über die Sage von Helge Hiorvardsson ist die richtige Anordnung 
offenbar gestört Das Gespräch Atles mit dem Vogel [Str. 1 — 4*) mit der 
einleitenden Prosa Z. 10—14] steht offenbar nicht an richtiger Stelle. Dar- 
auf weist schon der Prosasatz nach Str. 4: petta vor ddr Atli fcsri (d. h. 
vor der in Prosa Z. 6 ff. erzählten Werbefahrt Atle's). En er hann kom 
heim (vgl. Prosa Z. 10 okför Atli heim) ok konungr spurdi hann tidinda, 
kann kvad (Str. 5). Darnach würde — nach der Ansicht des Sammlers 
— das Gespräch zwischen Atle und dem Vogel vor Prosa Z. 6 oder 7 
gehören. Doch fielen die Einzelheiten dieser Scene dem Sammler zu 
spät ein; er schrieb sie nun, wo sie ihm einfielen, und suchte das mit 
den Worten petta var ddr u. s. w. auszugleichen. Auch Grundtvig 
hat dies bemerkt und — wohl von der Annahme ausgehend, ein 
Schreiber**) habe durch Unachtsamkeit die Umstellung veranlaßt — 
Prosa 140, 7—10 hinter ddr Atli fceri gestellt***). Doch glaube ich, 
daß nicht Schreiberflüchtigkeit, sondern mangelhaftes Gedächtniss des 
Sammlers die schlechte Anordnung verschuldet hat; darin bestärkt 
mich die Beobachtung, daß die Strophen 1 — 4 da gar nicht passen, 
wohin sie nach der citierten Prosabemerkung des Sammlers gehören 
sollen und wohin Grundtvig sie setzt. Wozu die langen Verhandlungen 
mit dem Vogel, der schließlich helfen will, wenn doch kein Erfolg 
bei der Werbung erzielt wird?) Diese ganze Scene kann also nur 
auf die z weitet) Werbefahrt (unter König Hiorvards persönlicher Be- 
theiligung) sich beziehen (d. h. ihr vorausgehen), wobei Atle den Hüter 
der Sigrlinn, der in Adlersgestalt auf dem Hause sitzt, tödtet Das 
muß der Vogel ftir den in Str. 4 ausbedungenen Lohn dem Atle ge- 
rathen haben, wenn das Gespräch einen Sinn haben soll. Dies Ge- 
spräch ist demnach offenbar am Schlüsse lückenhaft, indem noch die 
Zusage der Bedingungen und der Rath des Vogels folgen mußten : dem 
Sammler aber fielen nur die ersten vier Strophen ein, weswegen er 



*) Ich eitlere nach Hildebrands Ausgabe. 
**) Dies ist mir nicht wahrscheinlich, da sich die Umstellong sehr wohl aus 
mangelhafteDi GedSchtniss erklärt, ein äußerer Grund für Abirren des Auges aber 
nicht ersichtlich ist. 

***) Derselben Ansicht war schon Bosselet. Viel kflhnere und jedenfalls un- 
nöthige Umstellungen hat Ettmüller in seinem * Altnord. Lesebuch' vorgenommen. 

f) Man wird also 1, 1—4 besser nicht als Frage auffassen, sondern als Hin- 
weis auf die erste (erfolgte) Werbefahrt Atles. 



160 A. EDZARDI 

sie irrtbümlich auf die erste, vergebliche Werbung bezog. Damm meine 
ich einerseits^ daß die Umstellung Grundtvigs ungerechtfertigt ist; 
andererseits aber scheint mir diese Stelle, wie kaum eine andere*) ge- 
eignet, das Verfahren des Sammlers zu beleuchten. 

Str. 28. Hier kann ich nicht mit EttmüUer (Lesebuch p. 7) in 
Vers 1—3 eine vollständige erste Halbstrophe sehen, zu der die zweite 
fehlt; vielmehr muß (vor? und) nach 1 etwas fehlen: prennir niundir 
meyja \ pö reid ein fyrir **) gibt einen ungenügenden Stabreim , denn 
e in ein müßte Reimstab sein. Ebensowenig kann ich Vers 4 — 9 filr 
eine vollständige Strophe halten, denn 1. würde diese Strophe ancb 
nach Ettmüllers Änderung holdum noch metrisch unrichtig sein, da 
ihr die Cäsur in der Mitte fehlt; 2. ist es wohl begreiflich, daß Von 
den Mähnen der Bosse' derValkyrjen 'Hagel in hohe Bäume fiUlt', 
nicht aber * segnend er***) Thau in tiefe Thäler. Vielmehr muß 
letzteres irrthümlich aus einer verlorenen Strophe über Hrimfaxe (vgl 
VafJ)r. 14, 4 — 6) hierher gerathen sein. 

Str. 33—35. Zu Str. 33 meint Hildebrand, daß Vers 7 f. und 
1 1 f. Zusätze seien und dies wäre schon möglich, namentlich 11 f. sieht 
darnach aus. Indessen, wenn wir von der Prosa hinter Str. 34 die 
Zeilen 6 — 9 betrachten, so scheinen dieselben aus einzelnen Andeu- 
tungen verschiedener Strophen vom Sammler zusammengestellt zu sein 
und zwar als Erklärung für Strophe 33(— 34): Älfr (39, 5) hä konungr 
(33, 5) [sonr Hrödmara], er Helga hafdi voll hasladan (33, 6) d Jiriggja 
ndtta fresti (33, 7 f.). Daß Alfr Hrodmars Sohn war, dafiir fehlt 
ein Anhalt in den uns erhaltenen Strophen; indessen konnte das der 
Sammler wohl auch ohne Anleitung dieser Strophen wissen (vgl. p. 142 
Prosa Z. 9, p. 143 Prosa nach Str. HZ. 6). Wir werden also an- 
nehmen müssen, daß schon der Sammler Str. 33 mit den Versen 7 
und 8 kannte. 

In der eben besprochenen Prosa Z. 9 f. heißt es weiter: Par tcsr 
orrosta mikily ok fekk par Helgi bana^dr. Diese Worte stehen in R 
immittelbar vor Str. 36, wohin sie auch unbedingt gehören. HildebrandB 
Grund für seine Umstellung [„vegfl\f) — das Präter. konnte Helgi 
nur nach dem Kampfe gebrauchen^] verstehe ich nicht, denn veginn 
mundi heißt doch „daß erschlagen werden würde*'. Freilich stehen 



*) Ähnliche Stellen werden weiter unten besprochen. 
♦*) Vgl. H. Hionr. p. 142: II. Pros«, Z. 3. 
***) padan kömr med oldum dr. 
t) A> so ist statt B (=: Rask) xn bessern. 



BETTRiQE ZUR 0ESC7HICHTE UND ERKL&RUNQ DER EDDALIEDER 161 

die Prosastücke p. 148^ 6 — 10 in engem Zusammenhange und Par kann 
sich auf d Sigarsvelli (Prosa Z. 8) ebenso gut beziehen wie auf d 
SigarwoUum (Str^ 35; 8) ; aber gerade das weist uns auf den rechten Weg. 
Es ist nämlich klar^ daß Str. 35 ursprtlnglich nicht inmitten der 
Prosa gestanden haben kanU; vielmehr wahrscheinlich nach Str. 34 und 
vor pat kvaä Helgiy pviat etc. Dahin haben sie auch außer AM neuer- 
dings Bugge und Grundtvig gestellt, jedoch ohne weitere Begründung. 
Die Str. 34 spricht Hedin unzweifelhaft^); imd doch muß nach der 
Prosa' P(U hoai Helgi vorher Helge gesprochen haben. Umstellung 
von Prosa 1—5 vor Str. 34 (= AM) wäre imgerechtfertigt und be- 
seitigt auch nicht alle Schwierigkeiten. Verwechslung der Namen aber 
ist hier dem Inhalte der Prosa nach unmöglich, vielmehr bezieht sich 
dieselbe deutlich auf Str. 35. Ich nehme an, daß sie vom Sammler 
richtig zwischen Str. 34 und pai kvad Helgi etc. gestellt (vielleicht am 
Rande nachgetragen?) war. Der Schreiber von R (oder einer älteren 
Hs.) ließ die Strophe durch Versehen aus, ward aber bei den Worten 
der Prosa d SigaraveÜi an die mit d SigarsvoUum endigende Strophe 
erinnert: er merkte, daß er sie ausgelassen und schob sie mit den 
Worten pd kvBd Helgi (anknüpfend an pat kvad Helgi, Prosa Z. 1) in 
die Prosa hinein. — EttmüUers UmsteUung, der die Str. 35 zwischen 
41 und 42 setzt, ist hübsch aber unnöthig kühn. Kesselet, will die 
Strophe da einfügen^ wo die Nr. IV einleitende Prosa (Z. 6 — 8) offen- 
bar eine 35, 1-— 4 -ähnliche Halbstrophe benutzte. Auch dies finde ich 
ungerechtfertigt, doch führt es mich auf einen anderen noch zu er- 
örternden Punkt. 

Ich befinde mich hier nämlich im Widerspruch gegen die von 
Sjmons gelegentlich (P.-B. Beitr. IV^ 182 f.) ausgesprochene Ansicht, 
daß die Prosa der Hkv. Hiorv. nicht auf verlorenen Strophen be- 
ruhe. Aber filr die Einleitungsprosa von Nr. FV wenigstens erscheint 
sie mir nicht zutreffend, denn hier liegt meines Erachtens die Be- 
nutzung verlorener, schon vom Sammler halb vergessener Strophen 
deutlich am Tage. Wenn ich nun im folgenden mich bemühen werde^ 
dies wahrscheinlich zu machen und zu diesem Zwecke eine Recon- 
struction der vorauszusetzenden Strophen wage^ so könnte ich hier wohl 
wieder bemerken, daß es sich dabei nur um ein „so oder ähnlich^ 



*) Daß Helge Str. 34, 6—8 spreche ist nicht wohl anzunehmen, es müßte denn 
swiachen Vers 4 und 5 eine Lücke sein. Aber unser Text gibt guten Sinn, wie ihn 
schon AM richtig Verstand: jetzt aber ziemt es dir mehr, das Schwert (an mir) zu 
röthen als deinen Feinden (als deren einer ich mich gezeigt habe) Frieden zu ^ewShs^si*' . 
OBBlCAinA. Nene BeUie XI. (XXm.) Jahig, \\ 



162 A. EDZARDI 

handeln kann^ daß es mir nur auf die Möglichkeit der leichten Her 
stellang einer Strophe aus den Worten der Prosa ankommt, nicht auf 
die Sicherheit der Herstellung in allen Einzelheiten. Indessen habe 
ich mich in ähnlichen Fällen hinsichtlich der mhdd. Gedichte 'Klage' 
und ^Oswald' fiberzeugt, daß auch die bündigste Erklärung solcher 
Art bei denjenigen, denen gegenüber sie besonders nöthig erscheioen 
könnte, nichts fruchtet. Ich beschränke mich also hier darauf zu be- 
merken, daß ich mit meinen Beconstructionsversuchen nicht mehr and 
nicht weniger bezwecke als z. B. Bugge mit den seinigen. Die Prosa, 
welche ich durch Zusätze in [ J und durch Ausscheidung prosaischer 
Zusätze in ( ) zu Versen und Strophen umzugestalten suche, laatet: 

Hedinn var heima med (fodur sinum,) Hiorvardi (konungi, i No- 
regi). (Hedinn) för [hann] einn saman (heim or skögi) [um] iölaaptan | 
(ok fann trollkonu; sii) reid [äjvargi [= 35, 1] (ok) hafdi [v]orma at 
taumum, (ok band fylgd sina Hedni;) [dafür vielleicht = 35, 3 £ fliod 
eitt, er Hedin fylgju beiddi.] (Nei, sagdi hann. Hön sagdi;) \dafur\ 
.... I . . . .] ))ess skaltu (gialda) [dafür: boeta] at bragarfulli (= 32, 6). 
(Um kveldit öru heitstrengingar, var framleiddr s6nargoltr*), logdu 
(menn ))ar) & hendr (sinar) ok strengdu menn ())ä) heit (d. i. k logda 
hendr ok heit strengdu, budlungs (?) menn] at bragarfulli). 

Hedinn strengdi heit til Svävu, | Eylima döttur, unnustu Helga 
(brödur sins). Die zweite Halbstrophe steckt in idradisk — fann Helga. 

Es fällt mir, wie gesagt, nicht ein, derartige Herstellungen ftir 
auch nur einigermassen sicher auszugeben, denn es kommt mir nur 
darauf an, das Durchblicken verlorener Strophen, also einer poetischen 
Quelle zur Anschauung zu bringen. Sicher beweisen läßt sich so 
etwas natürlich nicht Wer übrigens den Wortschatz und Stil dieser 
Prosa vergleicht mit den Stellen, die des Sammlers eigenstes Prodact 
sind oder wo er doch keine halb vergessenen Strophen umschrieb, der 
wird finden, daß jene abgerissenen, ziemlich unbeholfenen Sätze, deren 
Wortbestand nicht über den dürftigsten Vorrath hinaus geht, wesent- 
lich verschieden sind von Stellen wie unsere Prosa 5 — 13: imnaäOj 
viUistigr, sönargoltr^ hragarfull u. dgl. sind Wörter, die nicht darnach 
aussehen, als ob sie dem dürftigen Wortrepertoire des Sammlers ange- 
hörten**). Zu beachten ist übrigens, daß die auf poetischen Quellen 

*) In Um kveldit . . var fram, son. steckt die erste Halbstrophe. 
**) Bestiminter wage ich mich nicht auszudrücken, weil noch durch keine ein- 
gehende Untersuchung annähernd festgestellt ist, wo wir Znsätze des Sammlers und 
nicht Auflösung von halbvergessenen Strophen, mit Wahrscheinlichkeit zu yermathen 
haben; eine solche Untersuchung erst würde die Möglichkeit gewähren, den Sprach- 
gebrauch des Sammlers festzustellen. 



BEFTRiOE ZUR QESCHICHTE UND ERKLÄRUNO DER EDDALIEDER. 163 

beruhende Hervararsage (FAS I, 531 f. = Bugge p. 233) in den letzt- 
genannten sonst nur vereinzelt belegten Wörtern und überhaupt in 
der ganzen Schilderung vom Gelübde beim bragarfull mehrfach fast 
wörtlich übereinsimmt. 

Str. 39, 5 f. : 

Alfr man sigri |>6tt |>etta sinn 

ollom r&da, porfgi vseri. 

9 wenn es auch diesmal nicht noth wendig (d. h. bestimmt) gewesen 
wäre, wird Alf überall den Sieg (jeden Sieg) haben". Das Verlassen 
der fylgja hatte Helges fdgd angekündigt (Str. 35). J)orf geht zu- 
weilen fast in die Bedeutung 'Schicksalsbestimmung' über, z. B. Sig. 
sk. 45, 4. 

Str 42: Svava: 

MflBlt hafda ek |>at myndiga ek lostig 

1 monarheimi, at lidinn fylki 

p& er m^r Helgi iofur ökunnan 

hringa valdi: armi verja. 

Hier hat man*) einmal, indem man ökunnan := 'mir unbekannt' 
deutete, eine Zustimmung Svavas dazu sehen wollen, daß sie auf 
Helges Wunsch sich seinem Bruder Hedin vermähle — gewiß mit Un- 
recht, denn das gibt einen sehr matten Sinn bei gezwimgener Erklä- 
rung. Oder aber man^*) hat darin eine unbedingte Abweisung 
finden wollen (iofur ökunnan = überhaupt keinen Mann ausser Helge) 
— aber das liegt nicht in den Worten und widerspricht der ganzen 
Anlage des Liedes. Sollte dies wirklich das Ende sein^ wozu dann 
Hedine Gelübde, wozu Helges Entsagung und des Sterbenden letzte 
Bitte an Syava, dem Hedin zu willfahren? Alles läuft offenbar darauf 
hinaus, daß Hedin schließlich die Svava besitzen soll. Geschieht auch 
im Leben vieles zwecklos, so doch kaum in einem alten nordischen 
Volkalied. Man könnte sagen^ die Weigerung Svavas trotz aller 
aufgewandten Mühe solle die Größe ihrer Liebe zu Helge hervorheben. 
Ich bezweifle aber, daß es dem Charakter der altnordischen Helden- 
dichtung gemäß wäre, wenn Svava dadurch ihre Liebe zu Helge 
erweisen wollte, daß sie dem Sterbenden seinen letzten Wunsch ab- 
schlägt. Indessen ist das mehr Geßihlssache. Entscheidend ist^ daß 
einmal der Text sich nur schwer der in Rede stehenden Erklänmg 
fligt, sodann aber, daß bei dieser Erklärung die letzte Strophe (43) 

*) So Lfining. 
»•) So Wla6n. 



164 A. EDZARDI 

kaum verständlich wäre. Alles kommt darauf an, wie man (Shmn-r 
zu verstehen hat. Dies bedeutet aber hier wohl ^imbekannt durch 
eine Heldenthat^ unberühmt*); Hedin ist aber noch jung und 
unerprobt Dann stimmt vortrefflich die letzte Strophe: 

Eystu mik, Sv4va! &dr ek hefnt hefik 

kern ek eigi 4dr HiorYards sonar, 

Rogheims 4 vit peBB er budloDgr var 

n^ Rodalsfialla, beztr und sola. 

Also Hedin verzichtet nicht unbedingt ^ er kann denmach auch 
nicht unbedingt abgewiesen worden sein. Er will nur berühmt durch 
eine Heldenthat (die Rache fUr den Bruder) öder gar nicht wieder- 
kehren — doch wohl; um sich mit Svava zu vermählen. So gewinnt 
auch das kystu mik, Svaval (welches bei der von mir eben bestrittenen 
Auffassimg in Hedins Munde unverständlich wäre, dem Helge aber 
aus verschiedenen Gründen nicht in den Mund gelegt werden kann) 
eine besondere Bedeutung: es ist der Brautkuß (vgl. Zamcke, Beitr. 
z. Erkl. etc. des NL.'s p. 217; Gr. RA«. 432, 15; Weinhold, Altn. Leben 
p. 243; Fiolsvinnsmäl (Bugge) 48,3; Helg. Hund. H, 13,5?). Alßo 
Svava verlobt sich dem Hedin^ sie will ihm aber — ihrem Gelübde 
gemäß — erst angehören, wenn er (und zwar durch die Tödtung de8 
mächtigen (39, 5 f.) Alf, an dem er Helge zu rächen hat) sich Helden- 
ruhm erworben hat. So erweist sich die bedingungsweise Ablehnung 
der Svava als ein wichtiges Motiv in der Fortentwickelung der Sage: 
Hedin muß — seines Gelübdes wegen — Svava besitzen oder sterben, 
und nachdem durch Helges Tod die erstere Möglichkeit gegeben 
ist^ wird diese durch Svava an die Bedingung geknüpft, daß Hedin 
zuvor (durch die Bruderrache) sich als Held erwiesen haben müsse. 
So wird Hedins Bruderrache veranlaßt, und der Übergang Svavas 
an Helges Bruder wird durch dessen letzte Bitte schön vorbereitet 
und begründet. Wie Hedin die Rache vollbringt und ob er lebend 
zu Svava zurückkehrt, das läßt der Schluß unseres Liedes freilieb 
unbestimmt. 



*) So mehrfach noch kudr = * berühmt' in der Poesie (siehe die Beleih bei 
Egilsson). Man denke übrigens an Brynhild, die nur dem unerschrockensten sich ver- 
mählen wollte, und Gonnar nur angehören mag, wenn er (durch Signrds Tod) io/wr 
odrum adri geworden ist (Sig. sk. 11, 9 f.)* 



BETTSAGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 165 

Helgakvida Hundingsbana I, 22^ 5 — 8: 

idgnögan brognum biöda 

6gnar li6ma ok burum peira. 

Man faßt hier ögnar liömi = 'Flußglanz', d. i. Gold, ebenso 
noch in Fdfn. 42, 8 (so Egilsson 616**, der doch selbst zu schwanken 
scheint). Sonst heißt ögnar liömi 'Schreckens-Glanz^ Kampfglanz, d. i. 
Schwert, Schild oder aJlgemein: WaflFen*). Diese Bedeutug nun scheint 
mir an unserer Stelle eben so gut zu passen wie * Gold' : der König 
läßt seinen Mannen, die er zum Kampf entbietet, Wa£Pen bieten; 
Qoldvertheilung sollten wir erst nach beendetem Kampfe, zur Beloh- 
nung erwarten. Jedenfalls brauchen wir nicht um unserer Stelle willen 
eine von der gewöhnlichen abweichende Bedeutung von ögnar liömi 
anzunehmen, und es ist die Frage, ob wir überhaupt berechtigt sind 
die kenning = *GoId* zu fassen. Freilich ist unter den ca. 70 Fluß- 
Benennungen in Sn. E. auch eine ögn (1,577,2**); aber diese Fluß- 
namen, die unbekannteren wenigstens, dilrften wie die meisten der 
^reguli maritimi^ doch nur als letzter Nothbehelf heranzuziehen seia, 
und da sonst ögn meines Wissens nicht = 'Fluß' gebraucht wird, 
werden wir die andere mögliche Erklärung mit der gewöhnlichen Be- 
deutung vorziehen müssen. — Auch in Fäfn. 42, 8 paßt diese Bedeu- 
tung sehr gut und besser als 'Gold'. Die Strophe lautet: 

Sair er & hkyvL ])ann hafa horskir 

Hindari^alli, halir um gönran 

allr er hann ütan or ödökkum 

eldi sveipinn; 6gnar 116 ma. 

Der Saal, den die Flamme umzügelt ist aus leuchtenden Waffen 
gebaut, d. h. es ist eine Schildburg. Vgl. Helreid Str. 9 f. und be- 
sonders die Prosa vor Sigrdr. Z. 2 ff.: ^ fiallinu sd hann liös mikitj 
9Wi sem eldr hrynniy oh liömadi af til himins, En er hann kam at^ pd 
8töd par skialdborg etc. 

Str. 30 — 31. Bekanntlich gibt die Prosa in der sog. Helg. Hund. 
n nach Strophe 16, Z. 1 — 27 in gedrängter Form den Inhalt von.H. 
H. I, Str. 22—53 wieder, nämlich: 1—2 (Helgi-skipaher) = Str. 22 
bis 26; 2 — 4 ( — mannhcett) = Str. 27 — 30; 7 — 9 {pk kendu — lands) = 
Str. 31 ; 9-14 (- seglum) = Str. 32***); 14—22 = Str. 33—47; 23 bis 
24 (— heraogu) = Str. 48-49, 24 ff. == Str. 52 f. 

*) n^fff^o"' (A^t bedeutet *Gold*; es könnte anch * Schwert' oder Waffen über- 
hnqpl M^ 

•ber wohl mit Unrecht; vgl. die Lesarten, 
^ntzte Text der Helgakvida (I) hier 
bietende ÜbOTWei^raxv^^ ^^% "^^^gsssÄ 
ötrophen^V 



166 A. EDZARDI 

Nur die Zeilen 4 — 7 der Prosa pa kvdmu leiptr yfir pd, ok stöiu 
geislar i skipin, peir ad i loptinu at valkyrjtir niu^) ridu {okkendupeiT 
Sigrünu) finden in der Strophenreihe I, 22 — 53 keine fintsprechong; 
wohl aber entsprechen die unvollständig überlieferten Strophen 15—16 
der Helgakvida (I). Daher ist es einerseits wahrscheinlich, daß 
der Verfasser der Prosa an dieser Stelle, zwischen Str. 30 und 31 eine 
oder zwei den Strophen 15 — 16 ähnliche kannte, daß also das & 
scheinen der Valkyrjen an beiden Stellen in formelhafter Weise mit 
nahezu denselben Worten geschildert war; andererseits, daß die 
Ergänzung der Lücke zwischen 15, 4 und 16, 3 wenigstens theilweise 
aus den Worten der Prosa peir sd i loptinu at Valkyrjur nfu ridu zu 
entnehmen sein wird**). 

Helgakvida Hundingsbana 11^ 
(Volsungakvida in foma). 

Str. 21. Des verschiedenen Versmasses wegen ist die Strophe 
möglicherweise Fragment eines Parallelliedes in Ijödahättr, wenigstens 
hat die Verbindung zwischen ihr und 20 durch einen Prosasatz {pd 
ffret Sigrün\ kann kvad) hergestellt werden müssen. Doch glaube ich 
eher, daß eine Entstellung aus ursprünglichem kviduhättr vorliegt***). 
— In Vers 1 halte ich Ußia nicht für Acc. PI. eines aus lifnum (46, 8) 
zu erschließenden lifinn (wie Egilsson und C. V.)^ sondern fbr den 
Infinitiv von lifna ''in den Zustand des Lebens eintreten (C. V. 388' 
^revive). Die Strophe 21 enthält nämlich eine deutliche Änspielong 
auf die Hildensage, wie Simrock (6. Aufl.^ S. 429) schon bemerkt 
hat: Sigrun ist auch die Tochter eines Hogne und veranlaßt auch ihren 
Geliebten (Gatten) zum Kampf gegen ihren Vater. Daher heißt es 
Hildr hefir pü oss verit 'du bist für uns eine Hildr (wie Hilde) ge- 
wesen. Die Verse 4—6 schreibe ich mit den älteren Ausgaben gegen 
Bugge (Tilläg), Grundtvig und Hildebrand der Sigrun zu, namentUch 
weil ich in dem lifna munda ek nü kiösa er lidnir eru mit Simrock 
eine Anspielung auf die Erweckung der Todten durch Hilde sehe: 
'ich wtLrde wählen, daß sie wieder auflebten, die gefallen sind^ dürfte 
ich dir doch am Busen ruhen'. 



*) Vgl. Helg. Hjorv. II, einleitende Prosa 2—3. 
**) [cd kann] Valkyrjur niu \ tu valsffj rida (ridn)f 
♦*♦) Vers 3: viwia-^ ikioldungar , tkopvm fnomafj = Fifn. 44, 7 f.; Yen 6: 
ok ek pir p6 i ßtdmi \ feUuk ImcUtaf Mit Umstellong von knaUa. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 167 

Helgakvida Uundingsbana 11^. 
Str. 35, 5 fr. : 

nema at lidi lofdungs reuui uud vfsa 

li6ma bregdi, VigblsBr hinig etc. 

lid hat hier Schwierigkeiten gemacht. Man hat zumeist dahinter die 
Bedeutung* Grab hügel' gesucht*) und deshalb leidi lesen (Scheving) oder 
lidi =: hlidi verstehen (Grimm), oder auf noch andere Weise durch 
Andenmg helfen wollen (wie die AM. oder Grundtvig); indessen er- 
klärt Bugge mit Recht 'lipi R, af lid Folk*. Vermuthlich denkt er sich 
also dieeelbe Erklärung, die ich hier gebe: 

Von einem flammenden Grabhügel kann hier gar nicht die Rede 
sein, denn Flammen zucken um einen Grabhügel anscheinend nur zur 
Abwehr — was hier gar nicht zutrifft — und zwar kommt das vor 
bei Unholden, die in ihrem Hügel hausend gedacht werden (z. B. Her- 
vararkviäa, Hr6mundarsaga in FAS. 11, 368). Helge aber ist nicht 
in seinem Hügel, sondern in Valholl, von woher er Str. 39 f. ausnahms- 
weise durch die Luft (flugatig 48, 4) in den Hügel zurückkehrt Daß 
von diesem Ritte durch die Luft hier die Rede ist, zeigen die fol- 
genden Worte rennt und visa Vigblcnfi* hinig, Helge reitet also denselben 
Weg, wie die Valkyrjen, wenn sie von Valholl aufs Schlachtfeld herab- 
reiten. Beim Ritte der Valkyrjen wird aber mehrfach der von ihnen 
ausgehende Glanz erwähnt und zwar in Helgakv. (I) 15, 1 mit den- 
selben Worten wie an unserer Stelle: ])d hrd liöma. Also der Glanz 
soll, an unserer Stelle, ausgeben von Helges Ritt, wie von dem der 
Valkyrjen. Hängt das vielleicht damit zusammen, daß Helge nach 
48, 2 rodnar bratUir reitet, d. h. Bif-rost, den Weg vom Himmel 
zur Erde, den doch auch wohl die Valkyrjen reiten müssen, und auf 
dem nach Grimn. 29, 7 f. [und Gylf. Cap. 15] Feuer brennt?**) lid 
werden wir nun unbedenklich auf Helge mit seinem Gefolge zu 
beziehen haben, denn er kommt nicht allein: 39,4 heißt es: r(da 
menn daudir (vgl. vir 40, 5; oss 40, 4; 4r 39, 5) und auch nach der 
Prosa reitet Helge til haugsins med marga menn, — Die Verse 5 — 6 
heissen also: 'es sei denn, daß am Gefolge des Fürsten (an der Schaar 
des Fürsten) Glanz strahle' (eigentlich: es Glanz schwinge***). 

*) £inen flammenumzuckten Grabhügel wie z. B. in der Hervararkvida. 

*•) An durch Morgenroth 'geröthete Wege', wie LÜoing meint, ist nicht zu 

denken, da Helge vor Morgengrauen (*ehe der Hahn das Siegesvolk weckt*) 'westlich 

[man reitet also nach Valholl in westlicher Richtung] der Himmelsbrttcke' sein muß. 

^'«-^dliiJÜiiia rdes Windhelms, d. i. des Himmels) Brücke ist Bifrost (= rodnar hrautir), 

hervorbricht, €U lidi lo/dungsy bei dem Gefolge des 



168 A. EDZARDI 

Str. 45 ff» Hier Bcheint auch (vgl. oben p. 160) durch Versehea 

des Sammlers (oder eines Schreibers?) eine Umstellung vorgekommen 

zu sein. Es heißt: 

45, 9 ff. nü era brüdir lofda disir 

byrgdar i haugi, hik oss lidnnm. 

Signin bfö sseing i hauginum: 
46y 1 f. H^r hefi ek ))^r, Helgi, hyflu gorva eic. 

Auf die tieftraurige Klage Helges in Str. 44 folgt in inserer 
Überlieferung Str. 45, in der Helges Stimmung auf einmal in die 
hellste Fröhlichkeit umschlägt , ohne daß eine Veranlassung ersicht- 
lich ist*). Der kurze Prosasatz Sigrün — hatiginum weist uns den Weg 
zur richtigen Erklärung. Man übersetzt ihn: ^Sigrim bereitete ein 
Bett im Hüger, aber dazu hatte sie in diesem Augenblicke schwerlich 
Lust und Muße. Es heißt: 'Sigrun hatte [nämlich] im Hügel ein 
Lager bereitet' (vgl. oben p. 159 f., unten p. 169 f.). Wir haben 
also hier wieder einen der kurzen Prosasätze , die andeuten , daß 
der Sammler eine durch Strophenauslassung veranlaßt^ Unordnung 
wieder in Ordnung bringen wollte. Vor 45 muß demnach eine Strophe 
erzählt oder angedeutet haben, was der Sammler hier berichtet; das 
aber trifil zu bei Str. 46 , welche der Sammler dem in Rede ste- 
henden Prosasatz folgen läßt. Ich glaube also, daß Str. 46 vor 
45 gehört und daß der Sammler (oder ein Abschreiber?) die Aus- 
lassung bemerkte, weil Str. 47 nach Auslassung der Str. 46 schwer 
verständlich war, wohl auch weil er, da 46 nicht vorherging, ein 
Miß verstau dniss der Verse 45, 9 — 12 befürchtete, welche lauten: [jetzt 
wollen wir froh sein und des Leides vergessen , denn] nun sind Frauen 
im Todtenhügel, menschliche**) Frauen bei uns Todten (d. h. nnn 
ist mein Weib lebend mit mir dem Todten im Hügel vereinigt). 
Lofda disir geht also natürlich auf Sigrun, was nach Str. 46 gar 
nicht zweifelhaft sein konnte. — So haben wir nun einen triftigen 
Grund für Helges Umstimmung: auf seine Vorwürfe in Str. 44, daß 
Sigruns Trauer ihm kummervolle***) Nächte bereite, erwiedert sie in 



*) Daß Helge der Sigrnn nicht etwa hier seinen (bisherigen) Aufenthalt in Val- 
holl zu ihrem Tröste als einen angenehmeren schildern will, folgt ans den Worten 
skulum (1) und n& eru ... i haugi (9 f.). Daß Helge der Signm etwa im G^egensatse 
zn ihrer in Str. 44 geschilderten Traner ein anderes Verhalten empfehlen wolle, läßt 
sich ans den ersten Worten des Textes ebensowenig herausdeuten 

**) lofda disir 'nymphae humaoae' AM, im Gegensats zu Udnum (nicht * KOnigs- 
Franen wie man zn übersetzen pflegt). 

*♦♦) ekka prftnffU (Vers 11 f. wird wohl besser auf MdH als auf hvert bezogen). 



BETTRiGE ZUB GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 169 

Str. 46: Her hefi ek pSr^ Helgi^ hvilu gäi*va angrlausa miok; sie hebt 
also ausdrücklich hervor, daß er hier eine kummerlose Rast bei 
ihr finden soll. Nur so wird es verständlich, warum dies hier noch 
besonders betont wird. 

2. Zur Volundarkvida. 

In der Prosa zwischen Str. 16 und 17 haben wir einen dem eben 
besprochenen ähnlichen Fall. Ich gehe von Bugges Ergänzung der 
lackenhaften Str. 16 (nach der Parallelstrophe 30) aus, welche bei dem 
formelhaften Stil des Liedes"^) sehr natürlich, ja noth wendig ist, zumal 
diese Herstellung alle anderen gezwungenen und doch keineswegs ge- 
nügenden Erklärungsversuche unnöthig macht und alle Schwierigkeiten 
auf 6m Mal beseitigt. 

Also in Str. 16, 7 f. spricht die Königin. Daran schloß sich 
Str. 17, in der auch die Königin spricht, in der ursprünglichen Über- 
lieferung unseres Liedes unmittelbar an und so waren beide auch 
dem Sammler als zusammenhängend im Gedächtniss; aber ehe er 



») 4, 1—4 = 10, 1—4; 21, 1-4 = 23, 5—8; 29, 6-8 vgl. 38, 1—4. Die- 
selbe Fonn in Frage und Antwort findet sich 40, 1—4 = 41, 1 — 4; Volond berichtet 
die in Str. 24—26 erzählten Ereignisse dem Könige mit den gleichen Worten 34, 6 
bis 36, 4. Dieser Parallelismos spricht dafür, daß mit Str. 23, 6 nnd 24, 6 eine nene 
Strophe zu beginnen ist; 26, 1—2 gehören zu 26, 6—8, darauf fehlen 2 Verse. So 
erhalten die gleichen Partien einen durch den Gegensatz wirksamen Abschluß: jbd nawk 
Bodcüdr haugi eU hröaa gegenüber dem rtti gengr Boävildr bami aukm. Vor 26, 6 
fehlen demnach nicht 3, sondern 6 Verse. Vor 23, 1—4 aber scheint eine Halbstrophe 
SU fehlen, etwa „als sie am anderen Morgen erwachten" oder dgl. 

Aach Str. 23, 6—8 (= 21, 1-4) und 29, 6 ff. (= 38, 1 ff.) werden neue 
Strophen beginnen. Das sehr hübsche Verspaar 29, 9 f. darf man gewiß nicht mit 
Gnmdtrig entfernen, da es — zart genug — durch fridiU andeutet, was zwischen 
Vohind nnd Bodvild vorgefallen ist. Darnach scheint ein Verspaar zu fehlen. Ebenso. 
fehlt wohl vor 29 eine Halbstrophe (die Herstellung der Flügel?). An der entspre- 
chenden Stelle 38 ff. finde ich Grundtvigs Conjectur sehr einleuchtend; denn wie 
Str. 39 dasteht, findet man in den 6 Versen nirgends die nach je einer Halbstrophe 
nothwendige Strophencäsnr: nach Grundtvig^s Vermuthung aber gehörte 39, 1—3' zu 
38, aber 39, 3'*-6 (4 Verse) zu 40. Von 41, 7 f. und 9 f. halte ich das ^ine Vers- 
paar für eine in den Text gerathene Variante der mündlichen Überlieferung. Ich 
möchte also von Str. 21 an so theilen: 21, 1^8; — 22, 1—8; — 4 fehlende Verse + 23» 
1—4; — 23, 1—6 + 24, 6—8; — 26, 6-8 + 26, 1—2 nebst 2 fehlenden Versen; 

— 6 fehlende Verse + 26, 6—8; — 27, 1—8; — 28, 1—8; — 4 fehlende Verse 
+ 29, 1—4; — 29, 6—10 nebst 2 fehlenden Versen; — 30, 1—8; 31, 1-8; - 32, 
1—4 nebst 4 fehlenden Versen (?); — 2 fehlende Verse + 33, 1 — 6; — 33, 7—14; 

— 84, 1—8; — 36, 1—8; 36, 1-8; — 37, 1-10(?); - 38, 1—4 + 39, 1—3'; — 
39,3*-6 + 40, 1—4; 41, l-8(?). 



170 A. EDZARDI 

Str. 17 schrieb, fiel ihm ein, daÜ dieselbe in seiner Niederschrift nn- 
verständlich sein würde ohne eine orientierende Prosabemerkung, denn 
sie setzt Strophen voraus, in denen erzählt ward, daß Nidud den ge- 
raubten Ring seiner Tochter gab, das Schwert Volunds aber selber 
trug. Diese Strophen hatte er nicht mehr im Oedächtniss; sie sind 
daher in seiner Niederschrift ausgefallen, wohl vor Str. 16. Diesen 
^Mangel suchte er zu ersetzen durch die Prosabemerkung vor Str. 17: 
Nidudr komingr gaf (hatte gegeben) dottttr sinni JJoävildi guUkring, pann 
er kann tök (genommen hatte) af bastinu at Volundar] enn Iiann sialfr 
bar sverdit ei* Völundr dtti (gehabt hatte); en drottning kvad (Str. 17)« 

An Str. 15, 5 — 8 hat man in diesem Zusanmienhange mit Recht 
Anstoß genommen*). Vielleicht stand hier eine andere ebenfalls mit 
Hladgudr og Herv(yr beginnende Halbstrophe, statt deren der Sammler 
irrthümlich auf die anderswohin gehörige Halbstrophe gleichen Anüangs 
verfiel. Ist dies richtig, so gehörte diese Halbstrophe vielleicht hinter 
Str. 1. Erstens sollten wir nämlich dort eine Nennung der Namen er- 
warten (und ausserdem die Erwähnung der Schwanenhemden), femer 
aber scheint die einleitende Prosa an dieser Stelle etwas ähnliches ge- 
kannt zu haben. 

Diese Prosa ist nämlich von Z. 5 ab eine oft wörtliche Wieder- 
gabe der folgenden Strophen: 5—6 {Snemma — lin) =: Str. 1**); 6—7: 
par vdini hid peim alptarhamir peira^ pat vdru vaUc^ur (ohne Ent- 
sprechung im Liede); 7 — 9: par vdru tvier dcttr Hlodves komtngs, HM- 
gudr svanhvü ok Hervor* alvitr, en pridja var Olriin Kidra ddttir aj 
VaUandi (=15, 5 — 8: Hladgudr ok Hervor bor in var HladvSy kann var 
Olriin Kidra ddttir)] 9—11 (peir—Alvitrar) = Str. 2***); 11—12 (>(»« 
bis viga)^= Str. Sf); 12: ok kvdmu eigi (niemals) Ojptr (ohne Entspre- 
chung im Liede); 12— 13 (/>a— LT/Woftim) ist fast wörtliche Wiede^ 
gäbe von Str. 5; 14 umschreibt Str. 6, 1 — 4. 

So ausführlich handelt die Prosa über den ersten Theil, Str. 1—6. 
Auf den zweiten Theil weist nur die kurze Bemerkung Nidudr h- 
nungr let kann hondum taka, svd sem her er um kvedit: es folgt 
aber zunächt nicht, wie man nach diesen Worten doch erwarten 
sollte, die Geschichte Niduds und Volunds, d. h. Strophe 7 ff., sondern 
was die Prosa schon erzählte, aber, wie wir sehen, nicht so 



*) So Wisen, Möbius, Simrock, u. Ä. 
♦*) 1,6 d 9<BV€tr»trond = d vatnsstrcndu. ~ 1, 8 difrl lin spunnu = ok sptaum ^in. 
••*) 2, 6 avanhvU = Svanhvitrar. 
t) 3, 1 f. tätu . . »tau vetr = hiuggu siau v^r; 3, 10 örlo^ drygja = «' 
Vi<;a viga. 



BEITRÄOE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 171 

▼ollständig. Darf man hier nicbt die VermuthuDg wagen^ daß Str. 1—5 
überhaupt nicht vom Sammler herrühren? Kann man sich die Sache 
nicht 8 denken?: Dem Sammler war der erste Theil (Volund und die 
Valkyrjen) nur noch unvollkommen erinnerlich ; er gab daher diesen 
Theil in Prosaauflösung und ließ mit dem Hinweise svd seni hSr er um 
kvedit nur die Strophen des zweiten Theiles (Volund und Nidud, 
Str. 6 oder 7 bis Ende) folgen^ die ihm besser erinnerlich waren, wie 
denn in der That die Strr. 6—41 noch leidlich unter sich zusammen- 
hangen. Ein Abschreiber aber, dessen Gedächtniss besser war, er- 
innerte sich der meisten vom Sammler in Prosa wiedergegebenen Strophen 
des ersten Theils und fbgte ein, was ihm einfiel. Einen gleichartigen 
Fall haben wir vielleicht beim ersten G-udrunliede (s. u. p. 186), viel- 
leicht auch beim „kurzen*^ Sigurdsliede (s. ebenda). Diese Frage hängt 
aufs engste zusammen mit der anderen, wie man das Verhältniss von 
Prosa und Strophen in den Sigurdsliedem aufzufassen hat (vgl. u. 
p. 186 f., Anm. ***). 

Str. 14, 1— 10: 

Gull var pta eigi fiarri hugcta ek vart land 

& 6r4na leidu, fiollnm Rioar. 

verbinde ich wie Bugge, Grundtvig, Hildebrand mit 14, 1 — 4 als Worte 
Nidads. Eine völlig genügende Erklärung scheint indessen bisher 
noch nicht gegeben zu sein, denn die von Wisdn*) und Lttning**)^ 
die beide 7 — 10 von Volund sprechen lassen, wollen mir nicht gefallen. 
Bugge aber drückt sich nicht ganz klar darüber aus, wie er d Grdna 
leidu versteht, meint aber in der Hauptsache gewiß das richtige, wenn 
er sagt : „Guld var ikke der (i Ulvdale) paa Granes Vei [diese Worte be- 
dürften einer Erklärung]; det Guld, som du har, kan du ikke havc 
faat der; det er vort Guld; men hvordan er du kommen i Besiddelse 
af dette^ da vort Land ligger ^aemt fra Rinens ^Bdlde?^ — Nidud 
sagte vorher: „Volund, wie kommst du zu unserem (meinem) Golde 
in ülfdalir?" Und nun fährt er fort, wie ich übersetze: „Dort (in Ulf- 
dalir) war nicht (niemals?) Gold auf dem Wege des Grane, [denn] fem 
glaubte ich unser Land den Felsen des Rheines'^. Nidud meint: die 
Felsen des Rheines, wo Sigurd auf Grani mit Fafnis Horte 
ritt, liegen unserem Lande fern, d. h. Granes Weg ging nicht durch 
unser (nordisches) Land; du kannst also das Gold nicht auf Granes 



*) ,det var intet hittegods eller med svek vunnet^ sisom Fafnirsskatten , atan 
Völmid bade Sift det efter sin fader". 

*^) «Ich habe nicht wie Sigurd mich eines Ooldhortes bemächtigt, auf den der 
Herrscher des Landes vielleicht Ansprüche macheu könnte**. 



172 A. EDZARDI 

Wege gefunden haben: es ist mein Gold [vermuthlich hat auchBngge 
seine Erklärung so verstanden wissen wollen]. Damit ist ein Bewos 
gewonnen, daß die Volundarkvida den Schauplatz der Sigurdssage 
noch mit deutlichem Bewustsein nach Deutschland (an die fernen 
Felsen des fiheines; im Gegensatz zum nordischen Land des Nidad) 
verlegt 

Bei dieser Erklärung bleiben zunächst noch zwei Schwierigkeiten, 
die sich aber leicht beseitigen lassen: 1. muß man xmtGr vdrl landiu 
Land des Nidud verstehen (= vdra aura 14, 5); es muß aber aodi 
Ulfdalir mit bezeichnen (nach 14, 6. 9). Es hindert aber nichts, Ulf- 
dalir als im Lande Niduds liegend zu denken, ja ohne diese AnnahiDej 
sieht man nicht ein, wie der König auch nur mit einem Schein- 
gründe Anspruch auf Volunds Gold erheben konnte; 2. ist par (d. h. 
i Ulfdolum) etwas auffallend, einmal neben d Grdna leidu (:war dort 
nicht auf dem Wege des Grani) und dann erwartet man überhaupt 
heTy denn die Scene spielt in Ulfdalir. Ich möchte daher ftbr par vor- 
schlagen paty woraus sehr leicht par verlesen oder verschrieben eeixi 
kann, also: ffuU var pat eigiy ursprünglich wohl*) guU wxra pal \ ^ 
Grdna leidu, d. h. dies Gold hast du nicht auf Granes Pfade ge- 
funden, dies Gold kann Grane nicht vom Fafiushorte verloren haben, 
denn dessen Weg liegt, fem von unserem Lande, an den Felsen des 
Rheines. 

Str. 30, 5 f.: 

— en hann & salgard settisk at bvilask — 

Wis^n sagt (Hjeltesängeme 1, 42): y^salgardr, m. septnm aulae. Lß- 
ning invsender mot denna tolkning, att det var omöjlig^ för Kdad, 
som befann sig innc i huset, att samtala med Völund, om han hift 
sin plats pä gärdsinhägnaden : det är dock uppenbart, att Nidud mäste 
tänkas (t. ex. mellan Str. 29 och 30 [31 und 32]) hafva g&tt nr hns^ 
tj annars künde han ännu mindrc ligga inne i boningen och se, hun 
Völund sväfvade bland skyame (se Str. 35 [37])**. Ich halte Um 
Schlußfolgerung Wisdn's nicht fUr zwingend- Die Situation ist viel- 
leicht zu denken wie in Sn. E. I, 284 (Jonsson 95^ 23 ff.), wo es heißt: 
Loka hafäi pat hent, pd er hann flaug .. . med valsham Friggjar, f^ 
hann flaug fyrir forvitni sakar i Geirradargarda ok sd par hollmtkla 
ok settiz [])ar d ü] ok sd inn of glugg (durchs Fenster), enn Geir- 



*) Weil eU/i in den älteren Liedern und Strophen im Stabreim (der iIleiB be 
weisen kann) wohl nirgends = * nicht', sondern nur = 'niemals' (ceoi-^ ^-}-«i=:ewig 
immer) vorkommt 



BEITRiGE ZUB GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 173 

rocEr leit { motz honum ok mceUiy at taJca akyldi faglinn okfoera honum^ 

am gendimadr kamst rumduliga d hallar vegginn: svd var kann 

hdr^. Hier sitzt Loke als Vogel offenbar auf der Wand des Saales 

{milgardr) oder der Halle {hallar veggr)] er sieht durchs Fenster 

hinein und wird von innen gesehen. In gleicher Situation konnte Vo- 

lund, auf dem hohen salgardr im Fenster sitzend, von dort aus mit 

dem im Saal befindlichen Nidud sprechen; auch konnte ihn dieser vom 

Fenster aus aufBiegen sehen (37, 9 f. : par er J)ü akollir vid sky vppi). 

Dadurch erledigt sich Wis^n's Bedenken. — In Str. 37, 5 f. heißt es: 

erat svd madr hdr, at pik af hesti taki^ natflrlich = Maß er vom 

Bosse aus dich erreichen könnte' (von draussen aus, ist doch wohl 

gemeint). Zur Situation vgl. die eben angeführte Stelle der Sn. E. 

Str. 31, 1—4: 

Msltira ^ü ^at m41, n^ ek ))ik vilja, Yolandr, 

er mik meirr tregi verr um vfta. 

Hier verlangen die letzten beiden Verse noch eine Besprechung. 
Man darf nicht übersetzen: ,,noch möchte ich dich, Volund, härter 
strafen*^ ; das könnte doch nur heissen : ich will es bei den Schädigungen, 
die ich dir zugefügt^ bewenden lassen — aber um eine plötzliche groß- 
OQQthige Anwandlung, die übrigens unerklärlich genug sein würde^ han- 
delt es sich hier keineswegs, wie das folgende zeigt, sondern um die 
Unmöglichkeit der Bestrafung"^). Der Sinn muß vielmehr sein: 
ich möchte dich so hart wie möglich bestrafen. Diesen Sinn erhalten 
wir, wenn wir das relative er auch auf Vers 3 f. beziehen und davor 
ergänzen: er ek pik verr um vita (nita) tn^'a; er (näml. mdl er) ist in 
diesem Falle abhängig von um: 'um welches Wort'. Also der Sinn 
des Ganzen ist: Mu könntest nicht ein solches Wort (eine solche Rede) 
sprechen, die mich mehr betrübte, noch um das (die) ich dich schlimmer 
zu bestrafen wünschen möchte^; demnach müssen wir den Text so 
ergänzen — in Gedanken natürlich nur — mceUira pü pat mal, er mik 
meirr tregi ne [pat m4l er] ek pik verr um vita vilja. 

Bemerkt sei noch, daß Str. 33, 3—6 die Eide „bei Schiffsbord 
and Schildesrand, bei Rossesbug und Schwertesschneide^ den Verwün- 
schungen der Sigrun in H. Hund. 11, 30. 31 entsprechen : Schiff, Roß, 
Schwert [und in der fehlenden Halbstrophe wahrscheinlich : Schild, wie 
Ghnndtvig sehr hübsch vermuthet], daß also 33, 3—6 schwerlich als 



*) Damm darf man auch nicht etwa bei obiger Übersetzimg verstehen wollen * 
ich will dich nicht härter bestrafen, weil es keine härtere Strafe als die dir sugefügte 
gibt — übrigens wäre der Tod zum mindesten eine noch härtere Strafe, als das Duroh- 
sehneiden der Kniesehnen. 



174 A. EDZARDI 

Zusatz za betrachten sind, wie Hildebrand meint. — Endlich sei be- 
merkt, daß Str. 8, 1 — 4 auffallenderweise die regelmassigen 6 Silben 
des drottkvsett zeigen, doch nicht regelmässige Reimstäbe; sonst wäre 
es hättlausa (Sn. E., Jtmss. p. 223). 

3. Über das sogen, „kurie^ Sigurdslied. 

Signrdarkvida in skamma- 

Daß dies Lied uns nicht in seiner ursprünglichen Gestalt über- 
liefert ist, darf als unzweifelhaft gelten; wahrscheinlich entsprechen 
Str. 6—52 dem echten Kern des Liedes (s, Symons, P.-B. Beitr. HI, 
260 ff.). Die Strophen 1 — 5 sind fast nur aus Anklängen an andere 
Lieder zusammengesetzt*); der Schluß aber, von 53 ab bis 64 nebst 71, 
hat die späten Lieder Oddrünargrätr und Gudrünarhvot benutzt und 
gibt nach der Weise eines späteren Geschmacks in Gestalt einer Pro- 
phezeiung eine Übersicht über den folgenden Theil der Sage. Die 
letzte Bitte Brynhilds in Betreff ihrer Verbrennung (65 — 70) konnte 
ohne 53 — 64 und 71 dem alten Liede auch nicht wohl angehören. 
Einleitung und Schluß sind offenbar jtlnger als der mittlere HaupttheQ 
6—52; doch zeigen sprachliche Übereinstimmungen '*^*)y daß auch dieier 
Theil seine jetzige Gestalt vom Verfasser der Strophen 1 — 5 eritiett, 
der wohl mit dem Verfasser des Schlusses identisch ist; mit anderen 
Worten: ein Bearbeiter des alten Liedes von Sigurd und BrynhiU 
dichtete Anfang und Schluß hinzu. 

Str. 5 lautet: 

U6n ser at lifi vamm ))at er Tsii 

lost n^ vissi eda vera hygdi; 

ok at aldrlagi gengu pesB & milli 

ekki grand, grimmar ordir. 

6, 1 Ein sat h6n üti eie, 

*) Der Dichter der Strophen 1—5 muß das der VS. in Cap. 26 nnd 27 lo 
Grunde liegende Lied (oder waren es zwei?) benutzt haben: Str. 1, 1 — 4 ist = V^. 
p. 142; Str. 1, 5- 6 = VS. 143, 22 f.; Str. 1, 7—8 = VS. 143, 4; Str. 2, 1— 4 = YS. 
143, 19—21 ftney hudu hdnuni vgl meä boiH] ; Str. 2, 5—8 = VS. 143, 23 IF. fdmÜM.. 
dcegr mart saman Sigurdr . . vgl. ioeisla . . stod marga daga; drddar Sigm^ nA tnt«!- 
laup . J; Str. 3, 1—2 =- VS. 144, 2 {.buUd Br^hüdar] und 6 ff.; Str. 3, 3-4 = 
VS. 144, 3 [:mun Sigurdr rida med ydr] ; zu Str. 3, 6—8 (wo ich der Stropheneisnr 
wegen nach ainni ein ; und statt 7. Iiann mit Anderen Juma lese) vgL 146, 3—8; Str. 
4, 1—4 = VS. 146, 8—11 (zu Str. 4, 4-8 vgl. Helr. 12, 6—8); Str. 5 ist wohl eine 
Bemerkung vom Verfasser des Prologs. — Nach Cap. 27 hören die Entspreehniigen anf^ 
so daß mit Cap. 28 wohl die Umschreibung eines neuen Liedes (Sig. laogA?) begiimt 
**) Z. B. das sonst in den Eddaliedern und auch anderswo, soweit ieh aahe^ nicki 
belegte frumungr (4, 7; 6, 7; 25, 7), Sigurd heißt hituki 4, 8; 9, 3; 19, 7; €6, 7; 
67, 1, sonst in keinem Liede, ausser in Atlam. 97, 1 in der Erklärung noch Mltf he- 
dörfendem Zusammenhange; i «um 3, 4 = 12, 2; mey : mei^na 2, 1 f. = 16, 7 f. u. s. w. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTK UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER 175 

htm kann nach dem vorh ergehenden nur BrynhJld meinen, die- 
»elbe, die in 6, 1 ebenfalls mit hm gemeint iet. Kommt ee aber liior 
darauf an, daß Brynhild ecbuldlos ist und fieckenlos? Ich dächte 
nicht. Vielmehr pflegt dies von Sigurd hervorgehoben zu werden; 
so gewinnt auch hier der Zusammenhang unbedenkhch , n'onn wir, 
wie schon Holtzmann vermuthetc, statt hon lesen hann, d. h. Sigurd. 
b Str. 4 ist berichtet, wie Sigurd dem Könige an Brynbild die Treue 
beirahrt hat. Nun heißt es weiter, wie man gewülmlich tibersetzt: ,,er 
«afite an seinem Leben keine Schande noch MakeH u. s. w. Die- 
selbe Verbindung, sogar mit ähnlichen Worten, kehrt 28,3—6 
wieder: 

en vi<t Gunnar 1>ynnäa ek aifjum, 

grand ekki vaniik; svarQum eidum, 

Ziemlicb dieselben Ausdrücke wie hier tinden sich auch in Grip, von 
Sigurd gebraucht, vgl. Grip. 23 era meü lostum logd wvi p4r; 49 
»&• pü gödri grand aldrigi; ebenso in Sigrdr. 22 at jm vid frasndr 
^»a vammalaust verir. Das wichtigste ist aber, daß man at aldr- 
lagi ekki grand ohne Zwang nur bei der Beziehung auf Sigurd genü- 
gend erklären kann. Nicht Brynhild wird ermordet, sondern Sigurd; 
man mUUte also, wenn man hün beibehalten will, at aldrtagi ■=^ at lifi 
&s8en, eine Bedeutung, die doch nur für unsere Stelle erdacht ist; 
aidrlag, aldrlog heißt sonst immer 'Tod', til aldrlagi 'bis zum Tode' 
[wie Wenzel an unserer Stelle übersetzt, was natürlich aber ai aldrtagi 
Dicht bedeuten kann). Vielmehr wird at aldrlagi ekki grand heißen: 
zum Tode keine Sobald , keine lodeswürdige Sclmld'; das aber paßt 
vortrefflich, wenn wir hann (Sigui'd) lesen. Auch ist Str. ti von Sy- 
mona*) zu den ersten 4 Eingangsstrophen gezogen, denen sie in Ton 
tind Stil gleichsteht, wShrend Str. G in ihrem krUftigen Ton und ihrer 
knappen Darstellung sich als Strophe des alten Liedes erweist. Es 
wird flieh daher eher die Vi^rbindung von 5 mit 4 als mit 6 erapfelilen. 
Sir. 2fi: 
k ek til ungah jioir Ser hafa 

erfinytja, »vArt ok dAtt **) 

kana-at hann firrask ea nier Dumit 

or fi/iDdgar.U; nylig ritt. 

*) LliDiDg spriclit nur van ileD •^^steIl vier Strophen, wogegen EtCmlillar Über. 
hMit>t niclita von kiDKUgedicbleteii Eingaugsatinpben wissen will. Dabei passiert Ell- 
nUler das arge Versehen, daß ei die ersten lier Strophen als im „Cod. K fehlend und 
einer Papierhs. entnororoen* beBeiohnet, wiJirend docli uur in der Prosaaud&sung der 
V8. (bei Hüdebrand Ut V statt \ va lesen) die ersten fünf Stropheu fehlen! 

*•) dätt von <Wr (dArr) «n dmi- in desjaf ma f&r(tj, fiUl von /au-, got /au-*. 



1 



170 A. EDZABDI 

Die zweite Halbstrophc macht Schwierigkeiten, namentlich en 
nnr. Buggc versteht en (Reg. enn)= 'aber', Holtzmann-Holder 'adhnc 
aniplius'; ntvr verbindet Egikson mit sir^ *8ao ingenio convenienter; 
iurv st'r ^ 'sich zu nahe, zum Schaden', läßt sich wohl nicht belegeo; 
nar = 'prope', Holtznianu. nylig rdd fassen Lüning und Simrock 
= 'Kath beim Neumond gefaßt', mit anderer Beziehung auf den Mond 
KttmüHor; besser =^' uovus* (neuer, unerhörter (?) Rath) Egilsson, Holtz- 
mami; new, recent (C.-V.). Jedenfalls ist s4r betont, wie der Stab- 
ivini zeigt. Man kann nun übersetzen entweder: „sie (die Feinde) 
habou, sich selbst nach Wunsch (zum Schaden ?), neuen (unerhörten?) 
Itath gotalh (^voruommen?) in schlimmer und verderblicher Weise, also 
i'cir haj'xi tnmrr $tr nylig mtf (Plur.) numit smri 6k dätt. Hierbei 
macht ilio Stolluni; von nur und sfr und namentlich das en (enn\ 
Sohwioriirkoit. Oder man muß übersetzen: „Sie haben in flir sie 
selbst schlinnnor und verderblicher Weise noch eben (?«i ncer) neuen 
Kaih jrotküt ^nouem Rath Gehör gegeben?)", indem man sA' von wart 
i'v ii.'.tr abhiln^eu läßt. Hierbei macht nter = 'eben Schwierigkeit 
1:'. b eiiien Killlou muß man svdrt ok ddtt als Adverbien fassen. Eine 
(i r i 1 1 Krkl.^run^ die auch Bugge vorzuziehen scheint (indem er enn 

'aber' fassen ^il! entspricht dem eddischen Stil besser: „Sie haben 
tür sich i^ihneu ist eigen"^ schlimmes und verderbliches (also: es istTon 
ihiu'u .^-iNf'" .A iiiTT zu erwarten): dann aber mflßte man entweder Aa/a 
crsri^"i<*-' ^^^•<'' wÄhrsoheiulicher statt ex nar lesen enn wro (jinocb, 
\^:.v!v'.v,:r. S'.r.^i r.cuo RathsohlSge gefal:t*) oder am er numü nylifi rrfJ. 

VS :;:1^: Vi-rs >- > wieder: ot \\la hafa peir fyrir sinum Üui tÜ^ 
WAS d.r iweit;-:'. Krk:Än;:.j: am nächsten kommt ]fyrir fehlt bei Hild.] 

Str. S« - 41 cehorcn. wie schon Hildebrand bemeikte, nicht eigent- 

»\ .- i ;.Ni Sic widersprechen dem und wiederholen das, 

.. ^^...v.- ^.v... -fsdur: is:. Sie sind nach Hildebnmd statt einer 
.v'.i.Av S::v;^.' , :\r*s--"v''>— • ^-«^ die VS. zeigt. Wenigstens entsprechen 
S.A.:, ^: .^. V .:.: IV.NÄ. d:oVS. an anderer Stelle gibt (Cap. 29, 



\. i; .... .. • V X *' ÄU.''^. Nscitnc r. Diese Prosa lautet: 



,•: t^.;»:.: K.^v.v.vc" C*^" i2er - - er J>er Gjnknngar kömnd til 
V ,.^ ..- . .- . ■ ^ v... *i brccuÄ, nema ber medid mer: fsidanleiddi 
h*v: V. V .* ..* k >:}rr: ivor:: ek kCuraaf}räii, sem komnir vini; 
\v- A >:,.:.:>. . *: >vr;* :Ä2:dit' ^"^ ^r«m hofilnigi yfir Jiridjnngi 
N^ ;x, : k,%s:.r Tvr.r heuii. MX «k munda )>6im verda *l 






*. .,.^ .- e'i« ^*) ok hana vinittu. 



A. .,^^^*-U A -^..t -^r\ irar: ei skrlda [UyÄaJ hmi vUja«) [eda 



BETTRiGE ZUR GESCHICHTE UND EBKLiBUNG DER EDDALIEDER. 177 

drepa margan mann''), ... [ok )>ar kom, at ek hätomst^ Qieiniy er 
ridi hestinam Gräna med Fäfois arfi ok ridi minn vafrloga ') . . • 

Diese Prosa stimmt in den Hauptzügen und z. Th. wörtlich mit 
Str. 37—40 überein, nämlich *) = 37, 1 f.; *) = 38, 4—6, besonders 6; 
») = 37, 6; *) = 37, 3-8; *) = 38, 1 f.; «) = 38, 3; ') = 38, 4—10; 
^ = 39, 1 f. ; •) = 39, 3— 6 [= 36, 1—4]. Sie zeigt uns die richtige Erklärung 
mancher Verse, sie zeigt uns namentlich, 'daß die Aufiassimg der Sage, 
die in unserer Episode herrscht, dieselbe ist wie in Oddr. 16 — 17, wo- 
mit wieder VS., Cap. 24 (bei Bugge p. 136) zu vergleichen ist : Bryn- 
hild sitzt in ihrem Gemache und stickt Sigurds Thaten; ebenso ist 
in Oddr. 16 Brynhild mit Sticken beschäftigt. Da 

iord düsadi 17,1 pk yar vfg vegit 
ok apphiminn, Yolska STerdi 

pk er bani FÄfnis ok borg brotin 

borg um ))4tti. sü er Bxynhildr &tti« 

Gemeint ist offenbar die Erwerbung Brynhilds fUr Gunnar durch 
Signrd (wie das folgende zeigt), wovon auch VS. in obiger Prosa, 
entsprechend Sig. sk. 37 — 39 handelt; zu vei^leichen ist Gudr. I, 
25—26. 

Die zu Grunde liegende Sagengestalt ist also diese: 

Bei Atle (Budle, nicht Heimir!) ist Brynhild mit Sticken beschäf- 
tigt, da wird die Burg angegi*iffen von Gunnar, Hogne imd Sigurd 
[und erstürmt, Oddr.]. Um sich der Angriffe zu erwehren, sucht Atle 
seine Schwester zu bestinmien, freiwillig sich einem der Könige zu 
vermählen, indem er ihr Erbe ihr zu entziehen droht. Sie ist schwan- 
kend ob sie nachgeben soll*) oder ob sie [ftlr ihren Bruder, um brödmr 
8ok, Sig. sk.] kämpfen solle. Sie entscheidet sich fUr das erstere, 
weil Sigurds Schatz sie blendet (?80 Sig. sk. 39; Gudr. 1,26, vgL 
auch VS. 148, 15). Es scheint indessen, daß nach älterer Auffassung 
nicht das Gold sie lockte, sondern daß sie am Golde Fafnis den 
zu erkennen glaubte, welcher den Fafni erschlug**), der also ihrem 



*) 9ega 88, 3 kann nicht richtig sein; denn h/oäri — eda entspricht genau dem 
hoört-^eda der VS. = entweder—oder. Also vcesfa? = Rask, Grandtvig? 

**) Vgl. VS. 162, 20 f. : eigi reid Owmarr (sondern Signrd) eldkm tu vdr, ok 
elffi galt kann mir at mundi feldan val (sahlte nicht als Bfahlschats mir den ge- 
tödteten Fafiü?]. Fafiiis Tod war die nothwendige Bedingung ftlr [das Durchreiten 
der Waberlohe (Rebr, Br. 10, 6 — 8) und] die Erwerbung der Brynhild und konnte 
daher als ein ihr gesahlter Biahlschatz bezeichnet werden. Da nun Sigurd in Guo- 
nara Gestalt wegen des Durchreitens der Waberlohe und wegen des mitgefOhrten 
Goldes Tom Schatze Fafiiis (Gudr. I. 26, 1—4; Sig. sk. 86, 8 f.) der Brynhild la 
OSBIIAXIA. Heue Beitae XL (XXUL) Jakig. Y2 



178 ^ EDZ&RDI 

Gelübde entsprach, daß er sich nicht fiirchten könne (vgl. 36,1—4; 
Helr. 9^10). Ausserdem glanbte sie an den strahlenden Augen Si- 
gurd zu erkennen (36, 5 ff. ; vgl. VS. 152, 22). 

Die Strophen 37 — 39 bieten also hinBicbtlich der Erwerbung der 
Brynhild eine wesentlich andere, anscheinend jüngere AuffasBung als 
wir sie sonst in Sig. sk. und den meisten Sigurdtiedem kennen. Diese 
Auffassung, die auch in Oddr. sich findet und deren wesentlicher Zog 
die Anwendung von Gewalt ist, kennt auch das farSische firinhild- 
Lied, indem es — freiÜcli in ziemlich dunkler Weise — eines Kampfoi 
vor der Erwerbung Brinhilds gedenkt (43 f. H). 

Gudr. I, 26 f. stimmt dem Inhalt nach zu den in Rede st^eodea 
Strophen der tiig. sk. and wie es scheint zu Str. 37—39 besser ■)* 
zu Str. 36, indem die Schuld dem Atlc beigemessen wird. Ob in- 
dessen in Gudr. I, 25 f. eine gewaltsame Werbung vorausgesetzt wird, 
läßt sich bei der dunkeln, anscheinend verderbten und jedenfalls (nri- 
sehen 26,4 und 5?) lliekeuhafCen Stelle schwerlich entscheiden. DerSiiu 
ist: „als wir beide (Ätie und ich) das (Fafnis-)Gold an dem HeMei 
(Signrd in Gunnars Gestalt) sahen [-..], das hab' ich später gebflflt*)i 
diesen Anblick: stets hatte ich ihn (im Geiste) vor Augen" (?). Zww 
andere Erklärungen hat ueuerdingsRicbert**) gegeben, iDdem er l.'eba 
privativen Zusammenhang zwischen sdmk und dem Genetiv jxtrw 
gynar annimmt: 'ifrän den synen säg jag alltid bor^ oder (mit besscMD 
Sinn, aber ey negativ?): 'ifrän den synen künde jag aldrig (sS gin» 
jag an ville) vända mina ögon bort' ; — 2. indem er sdvtk peirar tji» 
wie z. B. fara ferdar sitmar faßt: den synen följde jag alltid med 
mina ugon (min blick gick ständigt fram pä denna nütta atr&t/. Bdd( 
Erklärungen scheinen mir allzukühn und dem verlangten Sinne oidit 
ganz entsprechend. Nach der gewöhnlichen Erklärung wQrdes Üt 
Worte auf Sig. sk. 39, auf das später hart bestrafte Wohlgefallen u 
Sigurds Golde, gehen — falls nicht etwa eine Lücke zwischen 26,4 
und 5 anzunehmen ist, was ich vermuthe. Übrigens wird die Besiehnog 
auf Str. 39 durch folgende Erwägung zweifelhaft: Daß VS. die d» 
Strr. 37 — 39 entsprechende Prosa in ganz anderem Zusammenhang hi^ 



Kocht all der TGdter Fafnis ersebien, to mnCte sie glauben, daQ Ganoar djetenil 
rollftliirt habe. Ihre Eattäoschnog darOber, daQ dem nicht bo ist, spricht sielt in obip» 
Worlea aus, 

*) ZuS6,Ö t.Jieni hefi ek gangi goldit lAdan Tgl. Frid)). in EttmOllera Lesebin^ 
p. fi2: pttt htßk gangä nni goldit [pal fiefik gagm FAS). 

**) FSraÖk tili belysiiing at mörkare och ufGistadda «tSIlen i den poetitka eddtf 
(UpsBls UtÜT. Arukrift 1877], 49—52. 



BEFTRiGE ZUR GESCHICHTE UND EBEXiBÜNG DEB EDDALIEDEB. 179 

spricht daftlr; daß die in VS. benutzte Hs« den Einschab von 37—39 
noch nicht kannte; da nun aber aus anderen Gründen, wie gleich ge- 
zeigt werden soll, wahrscheinlich wird, daß Gkidr. I den alten Kern 
des Sigordliedes benutzte, so wird sich auch die abgerissene und nur 
eben andeutende Bemerkung Gudr. I, 25. 26 auf Benutzung des Si- 
gurdliedes zurückführen lassen, und dann müssen — wenn 37 — 39 
erst in der handschriftlichen Überlieferung derSammlung eingeschoben 
ward — Str. 35. 36 sowie etwa ausgefallene Theile der alten Über- 
lieferung (= 37, 1 ff.*) benutzt sein. Vielleicht ist 25, 1 — 2 unecht, 
25, 3 — 6 + 26, 1—4 ursprünglich eine Strophe, dann vor 26, 5—8 die 
erste Halbstrophe ausgefallen, in der vielleicht von Sigurds Eintritt 
(gangr) und von seinen glänzenden Augen die Rede war**), so daß 
Peirar sfinar sich auf die ausgefallene Halbstrophe bezöge, unter dieser 
Voraussetzung könnte man vermuthen, daß sfin hier nicht 'Anblick'^ 
sondern 'Blick' heisse, eine Bedeutung die ftlr «i(te[tr] häufig belegt ist 

Ich bin der Meinung, daß Hüdebrand mit Recht 41, 5—6 fhr 
'Rest der ausgemerzten Strophe' hält; aber auch 40, 1^-4 gehörte 
meiner Ansicht nach dazu: 

40, 1—4 Unna einom 

n^ ymissom; 

bi6-at om hverfan 41, 5—6 pk man & hefndnm 

bog menskogul; hanna müina. 

In der angedeuteten Lücke muß allerdings Brynhild ihre Absicht 
sa sterben ausgedrückt haben. Die Worte der VS. : ok engvmi oä/rum 
entsprechen 40, 1 — 4; dann folgt: ok eigi mun ydr farast, pött 
eh deyja. Demnach könnte in der angenommenen Lücke gestan- 
den haben: 

maa-at ydr furast 

t>6tt ek deTJa oder )>6tt ek fiorvi 14ta, vgl. 53, 5—8. 



*) Man konnte denken, nach Str. 35, 1 — 8 sei ^fol^: 1. eine Strophe, deren 
•nie Halbstrophe Terloren wire (1 f. =87, 1 f., Ygl.yS.)-|-d6, 1—4. — 2. Eine Strophe 

— 87, 6^10 + 2 fehld. Versen. — In VS. 160, 7 iL lauten die entsprechenden Worte: 
ok aüada ek engan ydam m/hnn slqfldu verda pd er p4r^ ridud par ai gardi prir ko- 
mmngar (= Str. 86); 9idan leiddi Atli mik d tat ok »pyrr, ef ek vilda pann 
oiga [er ridi Ordinal ftd vor ydr ekki «Ar'), ok fpd häumH ek^) syrU Sigmundar 
katmmgt [ok engun odrum*). Hier entspricht: *) = 36, 3 f.; ^ = 36, 5 ff.; ') = 36, 1 f. 

— Die gesperrt gedruckten Worte finden in Str. 36 keine Entsprechung. *) ist •- 40, 
1—4 (s. oben). 

**) Daa wire besonders an erwarten, wenn nach obiger AnsAhrung die Str. 86 
(in ihrer Uteren Gestalt) hier Ton Qudr. I benotst wire. 

Vi* 



180 A. EDZABOI 



« 



F 

Die Verse 40, 5 — 8 + 41, 1 — 4 mliasen nach meiner AuSassuD? 
L «iiammen eine Strophe*) bilden: 

^^^H mtlt man ))at Atli at |>eygi ekol 

^^^H eptiT finoa, )iimnged kona 

^^^B ef hacn miaa apyir Bnnairar ver 

^^^* moräfor görva ; aldri ieida- 

r Hier kaon aber ]iunnged koita 'ein zartainnigea Weib wohl 

kOadrun meinen**), welche Sigurd (den Br. als ihren ihr bestinmitea 
Qatten betrachtet) 'als Gattin im Leben begleitet' bat. Das war aber 
nicht die tSchuld Ätlea, sondern Sigurds und Gunnars. Atles SchaU 
war nach dem vorhergehenden nur, daß er Br, zur Vermähliing awin^ 
wodurch er doch höchsteuB indirect an jenem ungltlcklicben Verhfii^ 
DJBB Schuld ward. Wenn man al wie Hildebrand verstehen darf, würde 
die Schwierigkeit geringer. Aber aucli so werden nicht alle Bedenke» 
beseitigt : wie ist der Zusammenhang des Sinnes zwischen 4ßf 5— i 
und 41, 1—4 herzustellen? [Vgl. noch d. fllrö. Brinhildlied 156 H.] 

Das Gesagte fasse ich noch einmal so zusammen: indem ichinici 
in der Hauptsache Hildebrand anschließe, führe ich seine Ansicht diiuB 
aus, daß Str. 37—39 |und 40, 5-41,4? diese vom InteiT>oUte 
zugefügt?] aus auderem Zusammenhange hierher geratben sind, io* 
dem 37—39 zwischen 36 und 40 [vielleicht statt der vor 36, 1 auage- 
lasaenen Halbstrophe), die Strophe 40, 5—8 + 41, 1—4 aber iM 

ider vor 41, 5 ausgelassenen Worte {s. oben 179) in die Strophe 40, 
1—4 -|- . . + 41, 6 f. eingeschoben ward. |Vgl. noch Nachtrag L] 



Fassen wir wir nun das Verhältniss des „kurzen" Sigatd- 
liedes zu anderen Liedern ins Auge, so haben wir besonders »of 
Bwei Lieder tmser Augenmerk zu richten: 

1. Auf das ßrucbatUck eines Sigurdliedes, dessen Anfang VS. iu 
ProBa wiedergibt und das mit ziemlicher Sicherheit als das durch die 
Bezeichnung in sJcamma fUr unser Lied vorausgesetzte lange Si- 
gurdslied zu betrachten ist***)^ Berührungen zwischen beiden und 
nnverkenubar. Wenn wir nun von den jüngeren Partien (b. ob. p. 1«) 



*) Vgl. anch EttmUller, aeim. 18, 166 f. 

**) Man sollte indessea erwarten, dsß Brjiihild gemeint seit 
uo älgurd, dev bei der Werbung fUr Qunnar schon der Ondina geborte, wohl doid^ 
(vgl. Big. ah. 7. 3)i aber oUri läda paQt dann nicblt sollteu diese Worte irgcadn' 
anders ta vorstehen sein oder in ihaen etwa oin Febler stecken'? 

**) Der Bequemlichkeit halber bediene ich mich der BeoeonongeD 'dM if* 



^^^^ (Bigarda-)Lied' und 'das lange (Sigurds-jLied'. ^^^^^ 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND EßKLlRUNG DER EDDALIEDER. IgJ 

dea „kurzen" Liedes absehen, so finden wir folgende BerUbrungon mit 
äem BrnchBtäck des „langen" Liedes CBrot') 

einn l>Tf Hogni 1 18, 1 f. ; 45, 1 f . = Brot 7, l f. 

andsvor veitti. 1 andsvor veittu Sig. ek. 50, 4. 



[logda allir I 60, 1 f. (wo gevrtß die stabreimloBe Lesart der Hs. mit Bugge, 
Kid I>vi ordi f GruDdtvig und Hildebrand zu berichtigen iat)=:Brot 15, 1 f. 



Fsrner wenn die Strophe in VS,, Bugge p. 154, dem 'langen' 
Eiiade ftogehOrte, wie wahrscheinlich, iet zu vergleichen: 
V8. Sig. ak. 

dt gekk Sigurdr 47, 1 f. hvarf sdr lÜhrädugr 

aQdspjalli (rh audspilli fr& 

holhior lofÄa 13, 1 f. reiär*) vard Ounnarr 

ok bnipnadi. ok hnipnnäi. 

Vgl. übrigens auch Gudr. IL 11, 1 f. bvarf ek ein ^sdan 

aadspilii frä (unten p. lS6,Anui.*). 

Besonders beachtenswerth sind aber die folgenden beiden Fälle: 
Sig. sk. 20, 1 heißt es: 

ef v6c) fimm sonu foadum lengi ete 

'Wir £11 füiifen', nämlich die vorher genannten yi'ifnV «Ä'(Gunnar, 
Hogue, Gutliorm und — Gudrun?) ok ad inn ki'mski herhald/r (Sigurd); 
also: 'wenn wir fünf ciia Sohne lange aufziehen. An eine Verbindung 
von ftmvi und stmu ist hier schwerlich zu denken**); dennoch lag 
bei gedankenloser Benutzung dies MiUverständniss nalie, und dem Ver- 
Euflor des 'langen' Liedes ist es passiert; es beiUt nämlich da: 

\\fbff. er haun [Sigurdr} fimm Sonu gnnnarfdsa 

ftt folkredi getna hafäi. 

L Woher hier die fünf Sühne? da doch sonst überall (so in Sig. 
, 1 ff.; 26, 1 ff.) Sigurd nur einen Sohn hat. Auch die Lesung 

i' würde die Sache nicht viel besser machon ; man rallOte doch 
immer fragen, warum gerade fünf. Ich sehe keine andere Möglich- 
keit der Erklärung, als daß der Verfasser des 'laugen Liedes in der 
Gestalt, die das Bruchstück zeigt, unser 'kurzes' Lied benutzte und 
obige Stelle mißverstand. [Vgl. jedoch Nachtrag 11.] 



I 



■addr (Grimm) ist die leiclitesle, R^m nnd 6inn genGgeud< 
\ Oder bediBtBDB wenn man verstellt: jeder -von diu fOuf änea. 



md H 

J 



182 A. EDZAKDI 

Die andere Stelle ist 

Brot 

30,1—4 H16 p& Brynhildr 8,1^4 H16 )>& Brynhildr 

Budla döttir — boer allr dondi — 

einu sinni einu Binni 

af ollum hag, af oUam hag: 

Die Hb. hat die Strophe des Brot schwerlich an richtiger Stelle 

und es ist mir wahrscheinlich, daß sie dahin gehört, wohin sie nach 

Bugges Vermathung von Grundtvig und Hildebrand (vgl. auch Lüning) 

gestellt ist Ist dies aber richtig*)^ so erfolgt hier der wilde Ausbrach 

der Freude Brynhilds bei der Nachricht vom Tode Sigurds, währ^d 

er im 'kurzen Liede durch den Schmerzensschrei ihrer Nebenbuhlerin 

Gudrun veranlaßt wird. Es ist kein Zweifel, daß letzteres allein der 

nordischen Auffassung der Sage gemäß ist: über den Tod Sigurds 

kann Br. nicht wohl in so wilde Schadenfreude ausbrechen, denn mit 

dem Tode Sigurds, den mehr ihre übergroße Liebe**) als ihr ELaS ver 

anlaßt hat, tritt die Liebe wieder in den Vordergrund und damit der 

Schmerz über seinen Tod. So heißt es 

Brot 

15, 3 ff. fkr kxami gördisk at tegja, 

))eim fli6dal&tum, pat er hbejandi 

er h6n gdktandi holda beiddi; 

und ebenso verstehe ich Gudr. I, 27 (er hßn aar um leit \ d Sigurii). 

Die beiden besprochenen Stellen machen es filr mich wahrschein- 
lich, daß auch bei den anderen Berührungen das 'lange' Lied das ent' 
lehnende ist, daß also die älteren Theile des 'kurzen' Liedes (auf 
welche sich die erwähnten Berührungen beschränken) in der uns er- 
haltenen Gestalt des längeren benutzt sind. 

2. Das zweite Lied, dessen Verhältniss zum ^kurzen Sigurdsliede 
wichtig ist, ist das erste Gudrunlied. 

Wenn wir von dem dr vor pats am Anfange beider Lieder ab- 
sehen, so bleiben hier zwei wörtliche Berührungen zu nennen, nämUch: 

Sig. sk. Gudr. I. 

48, 5 hn^ vid bölstri 15, 1 pk hn^ Gadrdn 

h6n 4 annan veg. hell vid bölstri. 

Die Vergleichung mit Sig. sk. 23, 7: 

hendr ok bofad hn^ 4 annan veg 



*) Bei der Stellimg der Hs. gilt das von mir geltend gemachte erst reckt 
^ Oder genauer das Geföhl, daß Signrd der ihr bestimmte Gatte, sie dshffr 
0o lange Signrd lebe, eidbrfichig sei. 



BEtTBAOE ZUE GKSCHICHTE UND EBKLÄKUNG DEK EDDALIEDER. 183 



spricht für die UrsprtlDglichkcit im Sigurdsliede und — fallB man nicht 
laßiUige Übereinstimmung meint annehmen zu köuneii — fUr die Ent- 
lehnung in Gudr. 1. 

DaBselbe Verhilltniss wird durch die zweite Stelle wahrscheinlich : 

Big. sk. 39 beißt es: so gcvaltig schlug Gudr. 1, 16 bricht GudruD cudllch i 

sie mit ihrer Haad *) — als sie vor Thräncn aus und neiut »o gewaltig, 

Schmers ondu iporp, daß die Tliränen durch daa ft-M*(V) 

at kväüu vid flieUoD und 



kalkac i Tr& 
ok guHn vi< 
g»> 1 tüni. 



gulln * 



I { tiini 
r fiiglar 
fer itti. 



Hier muß an <5iner Stelle Entlehnung vorliegen, und mir erscheint 
ee nicht zweifelhaft, daß die gleichen Worte in Gudr. I entlehnt sind. 
Von dem gewaltigen Händeschlagen erklirren die Becher und die Gänse 
auf dem Hofe gerathen in Aufregung — das ist durchaus natürlich. 
Was aber hat der gewaltige Thränenstrom mit dem Schreien der 
Gfinse zu thun? Man kann sagen: Gudrun schreit uattlrlich dabei auf, 
aber davon ist hier gar nicht die Rede; im ganzen Liede dreht eich 
vielmehr alles darum, Gudrun zuThränen zu bringen. Alles ist klar, wenn 
wir in Gudr. I eine Erinnerung des Dichters an die Stelle in Sig. sk. 
Beben: die Becher, welche vom Weinen natttrlich nicht erklirren 
konnten, ließ er fort und Blgte daftlr die matten SchluUversc an : 'die 
herrlichen Vögel, die die Maid besaß' [vgl. Jessen, Z. Z. III, 53]. 
Daß das erste Gudrunlied sich auch sonst als ziemlich jung erweist, 
ist ja ver?chiedentlich schon betont worden, am nachdrücklichsten von 
Jessen (a. a. 0. 52 f.), der aber hier zu weit geht**): das Lied ist — 
ganz abgesehen von der Altersfrage — gar nicht übel, wenn wir die 
vielleicht jüngeren Übertreibungen von Str. 4 und 7 ausnehmen. Dem 
Liede scheint ein alter Sagenzug zu Grunde zu liegen, wofür die 
Ähnlichkeit mit NL, Bartseh 1068 f. spricht. Beilitufig sei hier auch 
auf die ähnlichen und doch auch wieder verschiedenen Schicksale der 
Berborg, Hünalanda dröttning mit denen der Gudrun in unserem Epos 
Gudrun' hingewiesen, wenn Herborg klagt: 

i Tara ek hapta Bkylda ek slireyta 

c harnnma ok sküa fainda 

ria hereis kv4n 

1 verSa; hverjan morgin, 

I. V8. ISI, 10: ok M fnm borfta «vi al »und'- 'jekk. 
1. BDch BjmoDS, Beitr. III, 261 f. 




184 Ä. EDZAKDI 

10 H6n oogdi m^r £aim ek büsgama 

af afbrydi hvergi in betra, 

ok hordum mik en hdsfreyja 

hoggum keyrdi^ hvergi verri. 

Sollte diese Herborg in einer älteren Sagengestalt der deutschen 
Gudrun entsprechen? Herbure und Herwtc würden den gegecüber Hetd 
{Hedinn) und Hilde zu erwartenden Stabreim bieten. 



Nach dem bisher gesagten wäre der ältere Kern des 'kunoi* 
Sigurdsliedcs in der erhaltenen Gestalt des fangen' Sigurdsliedes 
und im ersten Gudrunliede benutzt. Beachtenswerthe Berühnmgen 
mit anderen Eddaliedern sind, wenn wir die jüngeren Parthien ans- 
schließen*), noch: 

6, 1 ein sat h6n üti =^ Vsp. 2, 1 ein sat hön dti 
24, 5 en hön vaknadi = Vol. 12, 3 ok hann vakna^ 

▼ilja fird, YiljalauBs ; 

27, 7 f. ein veldr Brynhildr ollu boM 
Gudr. I. 25, 3 veldr einn Atli ollu boM 
H. H. IL 33, 5 einn veldr Odinn ollu bolvi« 

Wenn hier überhaupt in Gndr. I eine Entlehnung vorli^, so 
doch nicht nothwendig aus Sig. sk. entlehnt zu haben, denn auch sonst 
zeigt Gudr. I Berührungen mit dem zweiten Theil der 'Helgakvida 
Hund. IT, der eigentlich ein selbständiges Lied ist 

4. Gudrünarkvida I und \L 

Auch das erste imd zweite Gudrunlied zeigen merkwürdige Be- 
rührungen mit einander, die sich nur durch Entlehnung erklären lasseiiy 
an äner Stelle findet sich zugleich Berührung mit H. H. IP: 

Gudr. L Gudr. IL 

18 8v& var min Sigurdr 2 Svä var Sigardr 

hid sonnm Gidka, of sonnm Gjüka, 

sem Y»ri geirlankr sem yseri grcenn laukr 

or grasi vazinn, or grasi vaxinn, 

eda vseri biartr steinn eda hiortr b&beinn 

4 band dreginn um hvossom dymm, 

iarknasteinn eda gnll gl6draatt 

yfir ödlingom. of gr& silM. 



•) Hier sei nnr auf 71, 1 : mart wyrA» tk, mwnda ek fleiri « HyndL 34. Sß- '^ 
mart segjum p6r, ok ftwntcfii fleira hingewiesen. 



BE[ TBÄOE Zim OESCHlCnTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 185 

Id H. H. n, 37 lautet die entsprecheDclc Steile: 
Sri, bar Helgi doggu stungiim, 

al hildlngam et öfri ferr 

eem i'trakapadr ollnm dyruio, 

aekr &f ))ymi ok hörn gl6& 

e^a a& dyrkalfr vid himio sialfan*). 

Daß diese Steile die älteste und die mittelbare oder unmittelbare 
Qoelle der anderen gewesen ist, wird wohl niemand bezwoifobi. Die 
Vergleiche sind in H. H. II aus dem Pflanzenreiche (Esche) und Thier- 
reiche.{HirBch) entnommen; in Gudr. II aus dem Pflanzenreiche (Laucli), 
IIa dem Thierreioho (Hirsch) und aua dem Steinreiche (Gold); 
inQadr.Iaua dem Pflanzenreiche (Lauch) und aus dem Steinreiche 
(Edelstein), Daraus wtlrde man Bchließeii niUsBen, daß Guar. I durch 
Vermittelung von Gudr. II, also jndirect auf H. H. II zurüeltginge — 
wenn nicht die zehuzeilige Strophe dort aus unvollständiger Über- 
liefurang sich erklären könnte (so daß das Bild vom Edelstein nur in 
anacrem Text der H. H. IT foMen und doch von da in Guttr. I ge- 
kommen sein könnte). W ahrs che iuli eher aber nimmt man mit Jessen 
ip. 53) hier Benutaung des zweiten Gudrunliedes durch das erele an. 
Eine noch genauere Berührung zeigt Gudr, I. 1, 3 f. mit Guar. II, 
11, 5 (F.; 12, 3 f.: 
5. geräi-t hÖD biiifra gor^iga uk hiüfm 

D^ hoDdiuD slä tti bondum »tä 

Di^ kveina am ne kveiau um **) 

■am konnr aArar sem konur aitrur, 

3. er hiSn aat Eorgfull [pk er ek aat soltia 

yfir Sigoräi um Sigurdi.] 

er ok s&rla satk 

yfir Signräi. 
Qudr. I. 1, 1 f. entspricht dem Sinne nach Gudr. II. 12, 6—8. — Es ist 
schwer za entscheiden, wo die Worte ursprünglich standen, doch will 
es mir scheinen, als sei Gudr. I aus den beiden Strophen von Gudr. II 



•) Vgl. 861arlj6a 55 (nach Bngge); 
S61ar biort 
leit ek »uuuia tarn, 
haim tejmiln tveir snman; 
Zu rfojgw tliinffinii vgl. Orfmo. 26, 



rcett bam 

»t63a foldu i 
eu tdku hört 

—6 über doo Hirsch Eih)>yni 



|a. Lei. 



Hjth. nmer 'SöUrhiartr' nnd 'Eikjiymir; Birarook, Myth. 370— 74. Soilto dorn ent- 

i bei dem Vergleiche mit dem aikr Urtkapaifr ins orLabeno BÜd dorWeltesche 

Awebt haben? [Ich sehe nachtrüglich, daß Omndtrig, Siem. Edda *, 326, die- 

gmüiimg auBf^espruchen hat, wie aach nenerdingB Güdecke, Edda 

^ Aa beiden Stellen wird man mit der Hl. hMina «er (ataU Txn; lesen müssen. 

f. 142 seiner Ausgabe Iilr um gellend macht, kann niebl 



'j'ze, die- ^H 
n müssen. ^^H 



in 
Gd 

k 



A. EDZABDI 

Kusammengostellt ; ausserdem findet eich das nicht eben hXoBge jaa 
mit Inf. als Umschreibung des einfachen Zeitwortes in Gudr. IL 21, 8*i 
nicht aber in Gudr. I wieder. Also auch hier ist die größere Vlthi- 
Bcbeinlicliheit (Ür Benutzung des «weiten Qudrunlicdes dorcb das ente. 

Schon Jessen bat darauf hingewiesen, daß die Bezeicbanng da 
zweiten Gudninliedcs im Reg. als in foma im Gegensats zum eriten 
Licdc gemeint sein mUsso (p. 53), der Sammler also das erste Gadran- 
lied fUr jünger als das zweite gebalten habe. Das ist gewiß richtig 
wenn schon der Sammler Guar. I aufgenommen hat, was allärdinp 
das wahrscheinlichste ist. Es gibt indessen noch eine andere Mfi^cfi- 
keit, die ich wenigstens andeuten will. 

Die Worte am Schlüsse der Prosa vor dem ersten GadronÜede: 
petkt er enn kvedit (nicht sagt) um Gudriimi 'folgendes ist ferner 
gesungen von Gudrun' sind nämlich auffallend, denn es ging kdn 
Lied von Gudrun vorher, Wohl aber sieht die Prosa sehr damacb 
aus, als gebe sie den Inhalt eines dem Sammler nur ganz onvoUstfindig 
im GedfichtDtss gebliebenen Liedes kurz wieder. Das Versmaß iei 
IjödahdttT scheint noch durchzuklingen: Til gengtt bivdi koniir ok kartar 
al httga hana, en ]>at vor eigi auävelt (dies Wort gehört kaum dem 
Wortschätze des Sammlers an [s. ob. p. 162], sondern ist wohl dem Te^ 
lorenen Liede entnommen). Das verlorene Gudrunlied müßte sich leJir 
nahe mit unserem ersten berührt haben, wenigstens mit Str. (1 and) 2*'). 
Die Worte: Jiat er sogn manna, at Gvdrän hefdi etit af Fdjni» Uorio, 
ok hön gkildi pvi fugU rodd erklären sich, so weit ich sehe, genfigeitd 
nur unter der Voraussetzung, daß in dem verlorenen Liede dieser Zng 
ii^ndwie verwerthet war. Sonst stehen sie in der Prosa gans um- 
fallend und zusammenhangslos; daß damit Gndr. II. 38 ff. motrritft 
werden sollte (wie Simrock, Edda *, 445 meint), ist bei der Stellung inR 
nnmögtich. Die VS. hat den Zug wohl unserer Prosa entlehnt (i^ 
S;mons, Beitr. 3, 218. 232). — Ist meine Vennutbmig richtig, so wi« 
es nicht unmöglich , daß ein Abschreiber das ihm einfallende dem In- 
halte der Prosa ähnliche erste Gudrunlied eingeschoben hätte mit des 
Worten: petla er enn kvedit um Gvdränu***}. 

■) AtuBerdem Ut OaSr. U. 11, 1 f. = Sig. sk. 47, 1 f. s^ Sig. lang. (i. ok 
p. 181) wie auch andere Stellen von Gudr. H (e. B. II. 6, 6 nnd 7, I hn^fadii=St 
«k. (13, 1 f.), ». ebend*. 

) Man könnte denken, daß Qudr. 1, wie in Str. 1 (nnd IS) du nnil« Qa- 
dninlied, so in Str. 3 das verlorene Guditinlied beonttU, ans dem di» PnM nr 
Gailr. I einige Zflge mittheilt. 

') Vgt ob. p. ITt. — Aocb ist es möglich, daß tpttter von E 
{Solle Auilamutften nicht iounef atu mangelhaftoT ErinnemoK BCh ml Bim. ■ 




BETTBiGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 187 

Haohtrige (in Sig. skamma). 

L 

Die oben p. 176 ff. von mir vertheidigte und weiter ausgeführte An- 
sicht Hildebrands hinsichtlich der Strophen 37 — 39 ist von Symons, 
P.-B., Beitr.- 285^ Anm. 3 abgewiesen worden. Ich halte es flir noth- 
wendig, an dieser Stelle die Ghiinde vorzubringen, welche mich hier 
der Ansicht Symons nicht beistimmen lassen. 

1. Symons denkt sich (wie auch wohl Bugge), daß Sig sk. und 
Sig. L hier „fast wörtlich'^ übereinstimmende Strophen hatten. In den 
von Symons hierftlr angefahrten Beispielen glaube ich einseitige Ent- 
lehnung annehmen zu müssen, die Strophen des Scheltgespräches in 
EL Hund. H aber sind, wie Symons, Beitr. IV, 171 nunmehr sehr glaub- 
lich gemacht hat, nur eine ältere Gestalt des in H. Hund. I enthaltene^ 
Gespräches. Wo sonst Paralleldarstellungen sich finden, z. B. in den 
Atlamal und der Atlakvida, finden wir doch überall wesentliche Ab- 
weichungen. In unserem Falle aber schließt sich die Prosawiedergabe 



ddS so weilen Lieder absichtlich nur theilweise citiert waren, obwohl der Nieder- 
schreibende mehr von ihnen kannte. Ich glanbe nämlich, daß die Signrdslieder einen 
Abschnitt Ar sich bilden, der anders sn beortheilen ist als die fibrigen Theile der 
Sammfamg; eine msammenhSugende und in chronologischer Folge fortschreitende Prosa 
ist hier nicht an verkennen, und in diese sind die Lieder gewissermassen eingefügt. 
Ich sehe in diesem St&cke mit Bugge (EinL XLIII) die saga Sigurdar y auf die 
Korn*]), (bei Bngge p. 66) sich beruft Demnach bestand dieser Tbeil yielleieht schon 
Tor imaerer Sammlung und ward als ganaes derselben eingefügt. Daß in dieser 'Sigurds- 
saga* die Strophen den Um£sng der Prosa weit fiberwiegen, darf man nicht dagegen 
geüeod machen, wenn man a. B. an die Halftsaga oder die Henrararsaga denkt 
AasMrdem würde es sich fragen, wie yiel an Liedern etwa durch den Liedersammler 
oder noch spiter hinsugefSgt oder ergSnst sein kann. Es w^rde nSmlich, wenn meine 
yennnthnng richtig ist, dem Verfasser dieser Sigurdssaga nicht auf eine Sammlung 
mOgfiehst vollstSndiger Lieder angekommen sein, sondern auf eine ausammenhSngende 
DarateDnng, in die er an passender Stelle ganze Lieder, oder so viel er von ihnen 
bnuichen konnte, einschob. Daraus könnte es sich erklären, daß es vor Sig. sk. heißt: 
Brynkädt ,,. Ut drepa prcda iina dUa ok ßmm amhSUir; pd lagSi hön nk werdi Ul 
htma, svd «em 9tgir % Sigurdark^idu inni skommu, womit auf 42 ff. (oder gar 
nur 48 ff.) verwiesen wird, w&hrend doch das ganae Lied folgt Wenn der Anfang 
dea Liedes etwa spfiter vom Sammler oder von einem Schreiber ergftnat sein sollte, 
•o wire mne solche ErgSnsung eines ursprflnglich nur theilweise citierten Liedes durch 
einen Abschreiber in der Geschichte der nordischen Poesie bekanntlich nichts weniger 
als beispiellos; vgl. a. B. die Überlieferung des (ht>ttasongr in r und leß; der Hiko- 
nannAI in Hkr. (pk er peUa upphaf) u. s. w. — Beachtenswerth ist auch, daß wir 
nach dem Hinweise msd «em tegir i Bigwdarknidu inni tkommu keine Überschrift oder 
Vfphstfflii Sigurdarkfrida in ^komtma erwarten sollten; es steht aber in R Quida Si- 



188 A- EDZABDI. ZUB GESCHICHTE UND ERKLÄBUNO cte 

der Terloreoen Strophen der Sig. 1. so genau auch sn dte Strophen 
der Sig. skamisa an, daß man nicht umhin kann^ als Quelle geniu 
dieselben Strophen auch in Sig. 1. voraussetzen. 

2. Dnrans folgt, daß nicht an erster Stelle Budle der die Ve^ 
lobung Brynhilds erzwingende sein kann, während es in Sig. sk. Atle 
ist; die Strophen würden dann wohl wesentlich anders gelautet haittn. 
Auch wird Budle sonst zur Zeit der Werbung Guunars schon toil 
gedacht (so ausdrücklich in Oddr., und wahracbeinlich in Atlamal), andi 
in Gndr. I, 25 schiebt Brynhild die Schuld auf Atle Die Stellen, td 
noch Budle in der Rolle des Atle erscheint, VS. Cap. 37 Anfang imd 
Schluß, erklärt Sjmons selbst p. 282 für „Zusätze des Verfassars'. 
Ich glaube demnach, daß VS. 150, 4 Budli absichtlich*) oder nnab- 
sichtlich für Atli geschrieben ist, oder doch läO, 5 hatm auf Atle liitte 
bezogen werden sollen. 

3. Die VS. gebt von einer genauen Wiedergabe der Str. 36 (wo m 
noch einen vollständigeren Text gehabt haben mag, s. ob. p. 179, Adbl*) 
unmittelbar zu Str. 40 über. Symons erklärt sich dies so, daß Ha 
Verf. der VS. hier „den Inhalt von 38 — 41" [sollte genauer hei»» 
37—39: 40,5-^1,4] „übergeht, da er ihn schon vorher mitgedNilt 
hatte". Das ist allerdinga die Art des Bearbeiters, wenn es sich ob 
Erzählungen von Begebenheiten handelt, die er schon früher bfr 
richtet hatte (z. B. Sig. sk. 1—5); daß dies aber auch bei StroiAu 
eines Gespräches geschah, deren Inhalt frllher schon in einem OeeptidM 
Torgekommenca wiederholt, dafUr wüßte ich kein Beispiel; hat er äoA 
ebenhier 150, 5. 6—7 in 160, 8-9 und 150, 14 f. in 160, 10 f. wiederiwil. 

4. Str. 37—39 können nicht ursprilnglich auf Str. 36 gefolgt bcö, 
weil sie, den in Str. 36 ausgesprochenen Entschluß Brynhilds fOffig 
ignorierend, denselben Entschloß in Str. 39 — ausführlich motinot 
durch Str. 37 — 38 — noch einmal bringen. 

II {m p. 181). 

Die Beweiskraft der Übereinstimmung von Sig. ek. 20, 1 C id 

Brot 11, 5 ff. in dem fimm tonu wird vielleicht dadurch etwas g» 

eebwächt, wenn auch gewiü nicht aufgehoben, daß _^im in der ed^ 

Beben Heldendichtung mehrfach formelhaft gebraucht wird:.^iiMi ibqr 

Gudr. n. 13, 2; fimm brcedr Ailm. 52, 1; fimm amböHir Sig. sk. Iftft 

fimm müsen VS. 143, 15; fimm konunga VS. 150, 19; femer Am. 86l& 

(ForUetinDg folgt) 

LEIPZIG, im Febnui 1878. 



«) So ut Mch in der Wiedei^afae der Sir. 34 du it ßeii hridmr vm IftI* 
«ifr Mfnum geändert. — [Tgl. noch Wilken, proe. Edds XLTIL] 



. HOEFEH, NACHTRAO i 



!f ACHTRAG zu S. 17 fl. L 1—4. 



^^^^" Zu der ersten Namenart sind hiDzuzufligcD : Beniickel, Bonn. 
Franzmatbca , Mainz. Fränznick, Wllrzbg. Götzfried, Regensburg. Hu- 
gotli, Frankfurt, vgl. Hugdietricli. Jauclaes, Frkf, Paulfranz, Wrzbg. 
Uhlott, Wiesbaden. — Else, Eis ist alter Name des sagenhaften Wald- 
weilies, daneben aber auch, von Elza abgesehen, Horr Else au der 
Donau. — Zu Ädamsam usw. vgL auch Sabm, Wiesb., ferner von 
Fölkersalim, Wrzbg., ib. Ulsamer, das auch neben Ulzfaöfer in Er- 
furt, neben [Jelsuiann in Mainz begegnet , schwerlich als Ulsheimer 
deutbar. 

Zu der zweiten Art gehören noch: Carlebach und Castcndyck, 
Mainz, Ciausmeyer, Lüneburg. Eickcnieycr und Fraozrcb, Muz. Htui- 
nappel, Wiesbaden, kaum zu no. 1, denn umgekehrt Appelhaos s. 
no. 4. Haunawacker, Wzbg. Ib. Hanspach? Hennennanu und -muth. 
Heinefetter. Heinmüller, Frkf. Hugentöbler, Ubu, noch unsicherer Hugen- 
BcbUtz, Mainz. Michelack, Muz., nur Ableitung wie Petoreck? Ott- 
müller, Wieab. Ottenthal, Mainz. Peterfreund, Mnz., -feldt, -hoff, Berlin. 
Philippar? Wiesb. Walterepiel, Freiburg, für -sbühel? 

Für die dritte Art ergibt die Nachlese nur noch: als Var. Gross- 
pitsch. Erik de harde. Ehrentraut. Honickel, Wzbg. Juuguitach, Lieg- 
nita. Kleinhenz. Lüttgering, nach Hoffmanu v, F. In Braunschwoig. 
Laugenhoineke, sonst ohne n. Lamottte wird frz., Neugirg in Frkf. 
entstellt sein. 

Zur vierten Art sind nachzutragen: Appelhans, Mnz. Baurheun, 
Emraelhainz, Wiesb, Var. — Feldhiukel, Wrzb. Fuhrhans genannt 
Fuhr, Wiesb. Herdejost, Frkf. Hockeujost, Elsaß. Hergenhahn? Daneben 
Herchenhein , Frkf. Pott 75 denkt bei Hergenröther an altes Herio, 
doch ist zu beachten, dalS jenes dem jungen Goethe eigene dem. 
geu:chen am Main und Rhein hundertfältig in Namen begegnet, dazu 
fgL 2. B. Ul-, Ublherr, Vogtherr und meine no. 29 S. 85. — Hir-, 
Hiersumenzel, Hiemenz, Frkf., beide unsicher. Hofheinz. Kieaewalter, 
Liegn. verdorbtV Kuhlücke, Kuhmichel, Wiesb. Machnita kenne ich 

Is Ortsu. vgl. aber Machwirth, Wiesb. Mandavid, Mainz. Oehl- 

vgl. 'der kleine Fitz' im W. Meister. Pinkomelle oben, auch 

wird bedenklicher durch Pinkemeil, Bremen, doch vgl. 

itz. Pitt-, Retters-, Rautorahan, Wieab, Bingd-, W'Jös.- 



I 




ä 



190 H. LAMBGL 

b&nn, Liegn, Schneiderhenn, Mnz. Stemickel, Autor 1808, auch Wort. 
Viemickel, Wzb. Watzelhahu? Hieher schon Wolfdietrich. Zellbu. 
Das s. no. 4 zu Ende nDgeAlhrte Wapenhensch könnte leicht wapea- 
hanachen meinen, das als Wort bei Nicsert 3, 262 steht, wie mit 
•Stablhantaoh Wort und Name ist. 

GREIPSWALD, 20. Jaimar 1378. A. HOEFER. 



ZU VELDEKES SERVATIUS. 



W. Braune wollte (Zachers Zs. IV, 270) dahin ^stellt sein Iwaei, 
ob man 6 von den 9 Stellen im Servatius, in welchen nach der OW. 
lieferang e:ä reimen soll, mit Erfolg verbessern kOnne; mit fiedit 
schreibt er sie aber silnuntlich dem Überarbeiter zu. 

Es ist auch mir bis jetzt nur fUr ^ine dieser Stellen 
eine wie ich hoffe, überzeugende Verbesserung zu finden, dii 
zurtlckh alten will. 

II, 266 ff. liest man in der Hb, und Ausgabe ; 
Sinte Servaes dat si baden, 
Den heilighen voeraprekere, 
Dat kij haer bode were 
Te gode van kiemetrike-y 
270 Dat hij gbenadelike 
Haer noet bekende, 
Ende vre de onder hon sende, 
Want hijt wale vermochte te doen. 
Si baden Slnte Servatium 
275 Dat hijs bocU teeer 

Tot gode, Onseti lieven Heer; 

Dat hij doer goeds ontfermicheit 

Stillen woude haer grote leyl 

Wer die Stelle im Zusammenhange aberblickt dem kann die inn- 

selige Wiederholung, namenthch in V. 275 f., nicht entgehen; schon 

3. H. Bormans bemerkt zu 274—276 'Herhaling van V. 266-26?, 

dat hy Veldeke niets nieuws is'. Allerdings fehlt es gerade im Servstiiu 

nicht an Wiederholungen; aber eine so schlimme werden wir dem 

Dichter umsoweniger aufbUrden, als anch der Reim werethere in w 

onmittelbarer Mühe von dem für Heinrich richtigen wäre : 




zu VELDEKES SERVATTOS. 191 

sie verdächtig macht. Ich glaube wir werden daher V. 275 f. unbe- 
denklich streichen dürfen; auch die Construction kann dadurch nur 
gewinnen: V. 277 schließt sich an 274. V. 273 wird man aus me- 
trischen Gründen wohl schreiben mochte doen. 

Ohne auf die zahlreichen Unebenheiten^ welche eine hoffentlich 
bald zu erwartende kritische Ausgabe noch zu glätten haben wird, 
einzugehen, will ich ftir diesmal nur noch auf eine Stelle aufinerksam 
machen^ wo entweder Interpolation oder Versumstellung stattgefunden 
zu haben scheint. Freilich was der Herausgeber zu 11^ 2349 f. be- 
merkt^ hat Bartsch Germ. V, 431 mit Recht zurückgewiesen. Aber 
unpassend und ungeschickt ist es doch, wenn der wieder zum Leben 
erwachte Sünder, nachdem er erst erzählte, wie er zu Pulver verbrannt 
wurde (2428 — 2435) und wie man ihn dann mit Kälte marterte (2436 
bis 2438), wieder auf das Feuer zurückkommt um ausschließlich dessen 
Qualen, nicht auch die der zweiten Pein, zu betonen {Dat ich soe 
bemde inden viere, Ghenade was mich diere 2439 f.). 'ifur wenn man 
die Verse irgend so verstehen könnte, dass im Vergleich zur Qual 
der Kälte die Fenerpein als genäde bezeichnet werden soll*), hätten 
sie an dieser Stelle Sinn. Davon sehe ich aber keine Möglichkeit und 
so sind sie an dieser Stelle nur störend. Wer sie nicht im angedeuteten 
Sinne zu bessern weiß, oder fUr einen späteren Zusatz halten will, 
dessen Motiv leicht verständlich wäre, wird kaum umhin können sie 
zwischen 2434 und 2436 zu setzen. 

Zu den Verbessemngsvorschlägen die Bartsch (Germ. V, 422 ff.) 
gemacht hat, bemerke ich nur, daß I, 2300 die Interpunction des Her- 
ausgebers doch richtig ist 2301 ist vorangestelltes Snbject, das 2305 
wieder angenommen wird. Wegen der angefochtenen Construction 
I, 2905 verweise ich auf Leser I, 194 (vgl. mnd. Wb. I, 255*), wo- 
durch auch wohl die Nothwendigkeit einer Änderung entfiült.' 

PRAG. H. LAMBEL. 



*) Im hoehdentschen Serratiiu heißt es in der That V. 8488 f. (Zs. V. 180} dar 
nach kam ich we äolhem garHe daz diu Hitze was dA wider ein tou. Das latei- 
Origiiial ist mir im Augenblick nicht zngSnglich. 



K. BABT8CH, KLEINE MITTHEILUNOBN. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 



1 

: kleine J^ 
[ reden UtMO. 



1. Eindersprache. 
In seiner Susanna hat Paul Rehhua mehnnals die kleine J^mL 
Snsannons Tticbterlein, die Kinderspracbe nachahmend reden 
So sagt sie Act I, V. 277 zu dem abreisenden Vater: 
Mie auch, mie auch, lieb vater mein. 
Bringt was, das giilden ist und fein; 
und noch bubscher Act II, V. 271 zu Susanna: 

Lieb mute, wed ich auch inn hymel thumen? 
Nochmals im 4. Act, V. 256: 

Nen nen, ye wed ye ettwas thon. 
Ein viel älteres Beispiel der Nachahmung der Klndersprsche 
gewährt eine kleine lateinische Erzählung in der Heidelberger OmoA- 
Bchrift 314, Bl. 96*, derselben, aus welcher E. Martin in der Zeitsdirift 
für deutsches Alterthum 13, 578 f. zwei Lügenmärchen veröffentiidl 
hat. Das GeBchichtchcn laatet: 

Nota de astucia femellarum proverbia inveniendo. 
Erat qnidam vir habcns puenun masculnm, cuiua mater obüt, 
et alteratn uxorem nupsit, cum qua tiliam genoit. Contigit aatem ld 
spacio trium annorum quod mater pistiÜa aemel friicavit et secreU 
convocans filiam puenun suum verum (1. unum) pistile vel dao dcdit, 
dicens: featina, comede ne frater videat, quia eciam vellet habere'. 
Poatquam autem comedit femella nomine Justina ad masculum intnril. 
Tunc masculus isquit 'Gustinlin, wz isst du?' Ipaa respondit 'ich ji 
ain nUblin'. Ecce prima astucia, rappam invenit pro proverbto loa 
pistilis. Frater autem iuquit 'Nun gycbt es doch nit knischten koaeschteo- 
lin*. Soror inquit 'da haun ichs erknitt'. Et frater iternm sobjonsit 
'Nun piata doch schmalczig um daz maul'. Soror respondit 'Ich pis 
lecht (1. leicht) noczig'. Ecce 3* astueia femelle, antequam «ifit 
perfecte loqui, masculum dcccpit perfecte. 



K. VON BAHUEH, DEB KÖ>nG VOM ODENWALDE 



-DER KONIG VOM ODENWALDE. 



IIKlGt dem Verfall des RitterBtaudes in der zweiten Hülfte dee 
Jahrhunderts findet »uch die hüBsche MiDncdichtuag ihr Ende. 
Zwar versuchen die Dichter, die jetzt vorzugaweiee dem bürgerlichen 
Stande angehören und sich natnenllich aua der Klasse der fahrenden 
Spielleut«, die wBlirend der Elüthezeit der höfiBch-ritterlichen Poesie 
in den Hintergrund getreten war, zusamoienBetzen , wohl noch im 
alten Stile fortzudicliten , aber das eind Mmnelieder, iu denen nichts 
von wahrer Empfindung zu finden ist und denen auch die Reimkün- 
steleien und das Worlgeklingel keinen Werth verleihen können. Daneben 
tritt e jne n e ue R ichtung auf, die recht in bewußtem Gegensatz zur 
allen Minnepüeeie steht und nichts wissen will von Frtlhling und Vogel- 
sang, sondern realere Genüsse feiert; dieser Richtung entspringen die 
H^bst- und Sclimauselieder Steinmars. Und man ging noch weiter: 
man gab jede kunetmilssige Form auf und erfreute sich allein an der 
Aufzählung leckerer Gerichte; diese Stufe repräsentiert uns der König 
vgm Odenwalde- Dieser Dichter hält es filr eine schreiende Unge- 
rechtigkeit, daß man bis jetzt nur Nachtigallen^ Drosseln, Amseln, aber 
noch nie die Gans und das Huhn verherrlicht habe, dali noch niemand 
das Lob der Kuh, des Schafes, dös Schweines, von denen uns so 
mancher leckerer Bissen und so manches warme Kleidungsstück zu 
Tbeil wird, gesungen habe. Seine Gedichte sind deshalb größteutheils 
dem Zweck gewidmet diese nützlichen Hausthiere zu verherrlichen, 
deren Vorzüge er in ernsthaftem Ton und mit größter Ausführlichkeit 
herzählt. Andere seiner Gedichte sind rein didaktisch und der Schil- 
dertuig von Sitten und Gebräuchen gewidmet; auch die in dieser Zeit 
BO b^ebte Fabel fehlt nicht. Hier zeigt sich uns der Dichter von 
uktnngswertherer Seite, indem er der entarteten Ritterschaft, deren 
H gadwerk R aub und Brand ist, schonungslos zu Leibe geht. 

Schon liiernus ergibt sich, daß wir poetische Schönheiten in den 
Gedichten des Königs vergebens suchen würden ; aber sie nehmen Tbeil 
im den Vorzügen, die wir all den Gedichten aus der Verfallzeit zu- 
erkennen mUflseu. Erst diese Gedichte geben uns ein klares Bild über 
Jie deutschen Dialekte, denn in der Zeit der hilfischen Dichtung 
nlle Dichter durch die höhere Literatursprache beeinflußt und zwar die 
iMi in dem Grade, daß es fast eine Unmöglichkeit ist aus 
if die Heimat des Dichters zu schließen; bei den niedev- 



n 

il 

'^ I 



^ 



194 K. VON BAADER 

(lud mitteldeutschen werden wenigstens manche charakteristiflche Za^ 
gemildert und verwischt. Für die bürgerlichen Dichter aus dem Ende 
des 13. und dem 14. Jahrhundert ist diese häliere Literatursprache 
kein Hemmnis mehr sich ungestört ihres Dialektes zu bedieneo. D« in 
den Gedichten des Königs herrschende Dialekt ist de r OBtfr &n fcigek . 
Ostfranken ist auch die Heimat Konrads von Würzburg, aber weidräi 
Aufschloß geben uns dessen unzweifelhaft noch in Wttrsburg entstan- 
dene Jugendgedichte über den ostfränkiscben Dialekt ? Auch Hugo von 
Trimberg, an dem einzelne md. Eigen thömüchfeeiten wie die Int auf 
-e wahrzunehmen sind, steht doch im Wesentlichen noch unter itm 
Eiuäulj der höfischen Sprache. Anders beim König vom Odenwald: 
in dessen Gedichten herrscht uneingeschränkt der in Ostfranken ge- 
spr.Qcheue Dialekt, Aber noch einen anderen Vorzug mössen wir neu 
Gedichten aus der Verfallzeit zuerkennen: fehlt es den ScfaOpfai^ 
der höfischen Poesie gar zu sehr an jedem realen Boden, so treten 
jetzt die Dichtungen in die derbe Wirklichkeit ein und liefern aus Zögr 
zur Charakteristik der Zeit, die wir in jenen vergeblich suchen. Ge- 
dichte wie die des Königs vom Odenwald, die recht eigentUeh der 
Schilderung von Sitten und Gebräuchen gewidmet sind, liefern laUt- 
lieh eine besonders reiche Ausbeute. 

Man hat den Gedichten des Königs vom Odenwald« , die nni in 
der Würzburger, jetzt Münchner und einer Gothaiscben Hs. überiiäftrt 
sind, schon früh Aufmerksamkeit geschenkt. Von der Hagen erwibde 
sie zuerst kurz im Altd. Museum I, 146, er versprach dort auch Pfobcfl 
aus ihnen zu geben, was aber nicht geschehen ist. W, Grimm f(^ 
öffentlichte darauf in den Altd. Wäldern II, 84—88 das Gedidtt m> 
dm borten nach der Gothaischen Hs, Wackemagel, der du jflUtU 
im Altd. Lesebuch (*, Sp. 1137—1140) veröffentlichte, ist auch dn-Bn- 
zige, der sieb über die Gedichte im Allgemeinen ausgesprochot lid; 
er weist sie der Herolds dich tun g zu {Litern tu rgeschichte S, 294j. Endlieb 
hat FrauE Pfeiffer in fleinem Altd. Übungsbuch S. 155—158 die baidHi 
Fabeln von der müise rat und „Tbierbeichtc" abdrucken lassen. Rolfe^ 
in seinem Aufsatz über die Wöi-zburger Hs. (Archiv dea bist Veroii» 
filr Öoterfranken, Bd. U. Zweites und drittes Heft, S. 1-66) führt 
die Gedichte auch au und tlieÜt die Anfnngsvorse mit. Ich gebe «■ 
niiclist ein Verzeichuiss der Gedichte nach der Reihenfolge der Wlln- 
burger Hb., nach der ich im Folgenden eitlere. Sie stehen hier wf 
fol. 192°— 201'' und (,von anderer Hand) 277'— 28(1". 

/. Von der küeuse. IL Von dtm liuon vnd dem ei. III. Vtm in 
ffense. IV. Vom uhdfe. V. Voa den berten. VI Von dem h^de. VIL V<m 



L-L. 



YlLVm I 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 195 

strd, VUL Von der miuse rät. XI. Von dem sunn. X. Von dem wolfe 
und dem Kunde etc. XI. Von dem iibden wibe. XII. Vom widereffen. 
Xm. Vom ungelimph. 

Die Orthographie in den beiden Parthien ist wesentlich ver- 
schieden. In der ersten wird uo, Hey iu bezeichnet , allerdings meist 
gleichmässig durch u, in der zweiten wird meist bloß u geschrieben, 
wie auch i für ie, das der erste Theil beibehält, ae wird in beiden 
Theilen immer durch e gegeben, ou durch au. Das mhd. öu ist durch 
eu wiedergegeben nur in dem Worte heuy sonst ist es durch au ver- 
treten. 8 und z werden häufig vertauscht, für :^ findet sich Z8 bloß in 
der zweiten Parthie. Für swer swenne swd steht fast durchgängig 
u)er wenne wäj doch finden sich noch vereinzelt die alten Formen. 
Jedes der Gedichte ist mit einer Überschrift von anderer Hand ver- 
sehen, die man dem Dichter nicht zuschreiben darf, z. Th. in Prosa 
z. B. vorl Hie get an die rede von der kuwe; meistens aber in metrisch 
ziemlich regellosen Versen z. B. vor IV Diz i8t ein rede von dem schafe 
die 8ol nieman nit uil strafe. Am Schluß ist in der Regel auch noch 
ein Vers angebracht z. B. nach lU (steht erst am Anfang von fol. 200 
vor dem Gedichte VI, da die fol. 197-^199, die die Gedichte IV und'V 
enthalten, versetzt oder später eingeschoben sind) Hie hat die rede von 
der gense ein ende nieman eol mich darum phende oder nach VI Ade' 
ade' ade' ade' diz ist uz vom bade. Die 13 Gedichte umfassen im 
Ganzen gegen 1700 Verse. 

Das Gedicht Nr. V von den berten findet sich ausserdem noch in 
der Gothaischen Hs. Ch. A. Nr. 216 auf fol. 93. Die Hs. stanmit aus 
dem 15. Jahrhundert und enthält auf fol. 74 — 110 vermischte deutsche 
Gedichte. Den übrigen Inhalt der Hs. bildet das Landrecht und Ab- 
schriften Würzburger Diplome, vgl. Jakobs imd Ukert, Beiträge zur 
älteren Literatur, viertes Heft oder zweiten Bandes zweites Heft, Leipzig 
1837, S. 294 f. Die Orthographie ist im Wesentlichen dieselbe wie in 
der Würzburger Hs., doch findet sich bereits eu für iu durchgeführt. 
Aus dieser Hs. ist das Gedicht abgedruckt in den Altd. Wäldern U, 
84—88. 

Sprachliches und Metrisches. Unser Dichter bezeichnet sich 
selbst als den Köni g „vo m Odenwald^; dieser Beiname weist uns auf 
mitteld. Gegenden. Eine Betrachtung des Dialektes, die sich auf die 
Reime stützt, bestätigt es, daß wir hier die Heimat des Dichters zu 
suchen haben. Beim klingenden Reim, den der Dichter im Großen 
und Ganzen noch für 2 Hebungen rechnet, tritt uns zunächst jene 
Eägenthünlichkeit des Md. entgegen, die in der späteren Sprache k^n- 



196 K. VON BAHDER 

sehend geworden ist : vorletzte betonte kurze Silbe, auf die eine Silbe 
mit tonlosem e folgt, wird lang (Weinhold, Mhd. Gram., §. 59. 69. 72. 
79. 85). So reimt hehei- : iceher 11, 37. gdheitwahe V, 18. getoeBen: ge- 
nesen VIII, 13. f regen: undenoegen XIII, 36. In anderen Fällen wird 
der kurze Vocal an dieser Stelle durch Verdoppelung des folgenden 
Consonanten positionslang, so buttern {hutem ^%,) \ Salem 1,21. wr- 
nemme : kemme (für kembe) IV, 97. biiäsl : küttel (kütel Hs.) IV, 100. tiüe 
{site Hs.) : dritte XIII, 15. 

a reimt auf ä bloß im Reime auf hän und dessen Flexionen, 
nämlich hänikan 11, 107. 118. idran II, 162. : an IV, 63. hat : bat \, 
47. hdn wurde im Dialekt des Dichters mit kurzem a gesprochen, vgl. 
Weinhold §. 377. Dazu kommt noch Tuskdn : an XII, 53. Der Übe^ 
gang von d in 5 kommt zwar auch in anderen Dialekten, namentlich 
dem Bairischen, vor, ist aber auch dem Md. nicht fremd (Weinhold 
§. 80). Im Reime roten : broten II, 250. strd : do VII, 112. :wd VII, 191. 
gestozen : gelozen X, 88. doifro XI, 21. hochigoeh XI, 28. Es kommt 
auch ausser dem Reime in der Hs. sehr häufig vor; mitunter wird a 
geschrieben. 

Die verschiedenen e sind nicht ganz streng mehr auseinander 
gehalten, es reimt 9 mal e : e, nämlich wertiphert I, 83. vreeh : phanbb- 
chelech II, 81. gerne : eme II, 151. knechte : gebrechte II, 177. vlecke : Wecfe 
IV, 73. vememme : kemme IV, 97. keche : vreche VII, 150. effen : treffen XU 
16. 60. Trotzdem ist das Bestreben sie auseinander zu halten doch 
noch erkennbar, denn gegen diese 9 Beispiele von e : e kommen 44 wo 
e : e und 31 wo e : e reimen. 

e pflegt vor folgendem r in späteren Mundarten, namentlich im 
Md. (Weinhold §• 69) gedehnt zu werden. Deshalb reimt e:e in be- 
merst : ^st III, 36. Bei herren : m^en X, 100 liegt es näher erhaltene 
alte Länge, als neue Dehnung vor r anzunehmen, e und e vor r reimen 
auch auf ce, das wie im Md. überhaupt (Weinhold §. 67) mit e zusammen- 
filllt. Belege: gewer : scher V,45. tmgeberde : werde VI, 41. gevSrde zpherde 
VII, 27. enpem : wem X, 8. Indessen ist es beachtenswerth, daß dies 
aus <ß entstandene e niemals auf das andere e reimt, sondern nur auf 
das durch folgendes r verlängerte e, sowie *auf das dem md. Gesetz 
gemäß lang gewordene e im klingenden Reime. 

Die Ableitungssilbe -er mhd. cere ist durchweg betont, da sie auf 
Stammsilben reimt und zwar sowohl auf lange als auf kurze; in letzterem 
Fall ist wahrscheinlicher, daß der kurze Vocal vor r gedehnt worden 
ist, als daß die Ableitungssilbe -er kurz anzusetzen ist -er reimt a) aaf 
lange Silben streler : wer I, 46. schtnber : ler 1, 68. schepetSr : gevsir IV,62- 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 197 

8wer : diener VIII, 81. hugkeler : gewer IX, GO. — 6) auf kurze Silben saw 
m^m : enbem I, 76. her : buckeler I, 125. enper : wechter III, 83. : schaoch- 
worhter IX, 74. wätmenger : scher IV, 36. gern : schuldem VI^ 45. re^er : 
Aer VIII, 64. moler : ger IX, 76. Jedenfalls kurz anzusetzen ist -er in 
buttetm : Salem I, 22. rnörser : /ter 11, 166. «fem : liuhtem IV, 147. 

Auslautendes -e in Flexionssilben wird zuweilen abgeworfen, am 
häufigsten im Dat. Sing, der Masc. und Ntr., aber nur nach langer 
Stammsilbe, was schon frühzeitig bei guten Dichtem vorkommt (Wein- 
hold §. 461). Es begegnet hUsiüzly 13. kezzelhuot : gtwt I, 129. rüch: 
schuoch IV, 118. stro : fro VII, 7. : wo VU, 191. komtt : wU VU, 127. spü- 
rnüs : hüs VIH, 16. «Jn : svnn IX , 6. swetz : heiz IX , 15. krephelin : suxin 
IX, 40. scharsach : sach IX, 67. Einzelne Feminina werfen ihr -e ab, so 
sttur : fiur VII, 9. fuor : Sachsenfluor VII , 183. gtu)t : htu>t IX, 86. stunt : 
munt XIII, 13. Diese 4 Wörter lassen sich bei guten mhd. Dichtem 
ohne -e finden, bieten also nichts Eigenthümliches. Die 3. Sing. Praes. 
Conj. verliert ihr -e nach Liquiden wie Regel z. B. frum : kum II, 58, 
sonst ist ein sicheres Beispiel der Abwerfimg nur yT<az:n2z IX, 24*). 
Wie die Ableitungssilbe -aere stäts in der gekürzten Form -er erscheint, 
so auch 'Oere in Stammsilben als -er z. B. streler : wer (esset) I, 146. 
schepeler : gewer IV, 162. gewer : scher V,45. : bvgkeler IX, 62. swer : diener 
VIII, 81. enpemiwem X, 8. Ferner ist äne zu an gekilrzt, wie durch 
den Reim anigetänV, 49. VI, 49 erwiesen wird. Dagegen bewahrt 
mite als Adv. stäts sein auslautendes e, obgleich in der Hs. häufig mit 
steht. Es reimt auf site I, 55. II, 48. 102. III, 58 u. ö. : unslite (Dat.) 
I, 27. : gerite VII, 29. Eine Ausnahme macht goUsmit : mit IX, 80. 

e scheint auf i zu reimen in wil (velit) ivelYlIy 161, indessen ist 
hier ohne Zweifel wel zu lesen, das Weinhold §. 404 aus dem Gebiet 
des Md. belegt. 

ei:i scheint zu reimen in einveiz : spiz IK, 33 , indessen wird hier 
statt erweiz ervnz zu setzen sein, das im Mhd. Wb. I, 56^ belegt wird. 
Die Ungenauigkeit beschränkt sich dann darauf, daß i und t reimen. 
Ein ähnlicher Fall liegt II, 223. 224 vor, wo die Hs. liest daz er künde 
die ztt des nahtes s8 man sich nider leit\ es liegt aber hier sehr nahe 
s8 man nider lit zu bessern. 

Die Ableitungssilbe -lieh erscheint unflectiert immer mit kurzem i, 
so getriulich {getrilich Hs.) : milich H, 83. »icherlich : ezzich H, 88. : sich 



*) Im Verse VII, 60 der mich noch nie bevilt halte ich es nicht fQr nothwendig 
ein verkürztes Praet. bevilt für beviUe anzunehmen , sondern sehe in bevilt das Praes. 
Der IMchter weicht auch sonst ans Reimnoth von dem herrschenden Tempusgebraaeh 
ab, rf^ unten &• 202, Anm. 



198 K. VON BAHDEB 

II, 184^ dagegen in flectierter Form mit langem t, so eraUriehenitSk' 
tectichen V, 10. offenUchen : riehen XII, 13. 

Das mhd. zu wird in md. Mundarten sehr häufig in ü vereinfacht; 
vgl. Weinhold §. 86. In unseren Gedichten liegt jedoch kein Grnmd 
vor, diese Vereinfachung der Mundart des Dichters zuzuschreiben (die 
Hs. hat u, selten tu tu, in der zweiten Parthie auch bloß u), im 6e' 
gentheil scheint der Reim biiUel : küttel IV, 100 die nach t geneigte Aus- 
sprache des tu zu erweisen, tu als Flexionsendung in diu und m 
(nom. sing, fem., nom. acc. pl. ntr.) wird durch ie vertreten wie im 
Md. Regel (Weinhold §. 459. 464. Paul-Braune, Beiträge 11, 165). Zwar 
begegnet in der Hs. vereinzelt dv = mhd. diu (nom. sing, fem.) ausser 
dem Reime, aber der Reim ie : sie (acc. pl. ntr.) zeigt, daß dtie, sie dem 
Dialekt des Dichters entspricht. Als Flexionsendung der AdjectiTa 
wird tu durch e vertreten. 

Das Md. hat eine Vorliebe daftlr gemeinmhd. o in u zu senken; 
vgl. Weinhold §. 51. Deshalb findet sich in unseren Oedichten durch- 
gängig kamen flir kernen (Inf. und Part. Praet.), ge-vemumen ftbr -xomai 
(Part Praet.). Beweisende Reime sind kumen ifrumen (Inf.) II, 187. 
paUium : kum (Inf.) IV, 156. frumen : kumen (Inf.) VII, 221. Ausserdem 
reimen kumen : numen unter sich in kumen (Part) : vemumen 1, 117. hmm 
(Part.) igenumen VII, 3. abkumen (Part.) : veimumen XIII, 33. Dagegen 
hat die Hs. VIII, 11 kamen (Part.) igenomen, 

u:ü kommt nur im Reime äu/:ö/ VII, 50. i2/:Au/X, 83 vor. 
Die Praep. üf wurde im Md. damals wie noch jetzt kurz ausgesprochen. 
Derselbe Reim wird bei Weinhold §. 50 mehrfach belegt; er findet sidi 
ausserdem auch in der md. Vrouwenzuht (ed. Lambel) V. 108. Der 
Reim u : uo k ommt einmal etuol : phul 1, 131, H : uo zweimal rüch : sehtßA 
IV, 118. fuozirüz (ruoz Hs.) IX, 23 vor. Ich halte diese 3 Beispiele. 
von denen das erste weniger ins Gewicht fällt, weil phul ein Fremd- 
wort ist, das in mannigfachen Formen erscheint, nicht hinreichend ftr 
die Annahme, daß in der Mundart des Dichters uo und ü zusammen- 
gefallen wären, obgleich dies ftirs Md. gewöhnlich als Regel «ng^ 
nommen wird (Weinhold §. 87). Der Diphthong ie = md. i, der mit uo 
auf eine Linie zu stellen ist, reimt immer nur wieder auf te, nie aufi- 
Ich halte es nicht für berechtigt, jedem md. Gedicht ohne swingende 
Reime die Diphthonge vo ie abzuerkennen. 

Für den Consonantismus sind aus den Reimen weniger Resultate 
zu ziehen als fiir den Vocalismus. Die Mutae stehen auf gemeinmhd. 
Stufe, h wird in der Hs. zu p gewandelt nur nach ausgefallenem t, w 
(ihper fiir ahtbery enper fiir entper, enpar filr eniboTy (Weinhold §. 143). 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 199 

Das mhd. Gesetz, nach welchem auslautende Media in die Tenuis über- 
gehtj ist nicht streng durchgefuhrt. Ausl. d zwar geht immer in t über, 
was auch durch zahlreiche Reime bewiesen wird, z. B. gemeüileitl^ 
224. hat: bat VL,^. nUigit VII, 145 , aber für p = b:p fehlt es an 
Belegen, für c = g: c ist nur ^in Beispiel ttcanc : gedanc X, 91 {twang: 
gedang Hs.). Das Wort aacj das mehrmals im Reime auf Wörter, die 
mit g auslauten, begegnet, wird wohl in der Mundart des Dichters sag 
gelautet haben, wie die Hs. auch meist hat. Es begegnet pfeffersag i 
mertag I, 199. wotsack : tak 11,221. strösag : mag 11,271. 9710^ : sag X, 118. 
Die Verbindung mb wird im Md. gern zu mm assimiliert (Weinhold 
§. 170), daher vememme : kemme IV, 98, ferner ausser dem Reim I, 145 
trummen und tammüren für trumhen und tamhüren\ überwiegend erhält 
sich jedoch mh, stäts im Worte umhe. 

Sehr gewöhnlich ist es im Md., daß j zwischen 2 Vocalen durch 
w vertreten wird. In unseren Gedichten ist es zwar nicht durch den 
Reim zu belegen, gehört aber ohne Zweifel dem Dichter an. In der 
Hs. steht fast durchgängig 1<Mewe für küqey ebenso müewe^ brüewe^ immer 
drauweriy mauwen^ nauwen, sautoen für draeferif maejen^ naef'en, sagen^ 
vgl. Weinhold §. 167. 

s und z, das in der Hs. überhaupt schon sehr vermischt ist, findet 
sich auch im Reime verbunden in hüs : Hz I, 14. drüz : grüz 1, 195. daz : 
glas I, 209. Hz : hüs lU, 29. 

Der consonantisch ungenaue Reim von n : m findet sich ziemlich 
häufig. In der Hs. ist in diesem Fall theils m in n verwandelt worden, 
theils stehen gebheben. So findet sich hodem : roden I, 227. Ehenheim : 
klein II, 245. tuen : ruon V, 66. am : ervam V, 111. hein : bein VII, 83. 
halm : maln VII, 117. an : quam X, 22. stein : heim X, 126. 

Der I nfinitiv_ erscheint ausserordentlich häufig mjt^ der Endung -e 
statt -euy die dem Md. angemessen (Weinhold §. 335. 382) und Air 
das Fränkische schon aus frühester Zeit belegt ist; vgl. Müllenhoff- 
Scherer, Denkmäler ^, S. 560. Ist die Stammsilbe kurz und geht auf 
eine Liquida aus, so schwindet die Endung ganz; dasselbe ist bei 
nj= sin und überhaupt bei vocalisch auslautender Stammsilbe der Fall. 
Belege : vermüche : slüche I, 79. kleigeH, 30. gütze : nütze H, 39. bescheide : 
beide H, 59. seharte : warte II, 134. sweize : erbeize U, 192. tuo : zuo II, 197. 
snüze : sitze HI, 18. müewe : briiewe IH,25. abe : habe UI,48. scheide : Ideide 
in, 72. enper : wehter IH , 83. schäm : ram FV, 31. snüere : rüere IV, 96. 
pememme : kemme IV, 97. paUium : kum IV, 156. lainde (subst.) : künde V, 2. 
Ilse : underunse V, 20. gewer : scher V, 46. trage : sage V, 76. minne : sinne 
V, 85. strafe : gesldfe VI, 11. drinne : minne VI, 34. tilge : mOge VI, 43. 



f 

^^ 49. 



K. VON BAHDER 





hiutc : bediuU VII, 132. tünw : würme VII , 133. henda : mmde VTI , 220. 
man Vni, 20. er/dinge : vollenbringe VIU, 32. bedenke : anhtnke VUl, 
49. spür ißir Vm, 69. bl : si VUI, 74. schuoekworhier : mpcr IX, 76. y- 
lerne : gerne {gelent : geiii Hs.) X, 3. erbize :ßize X, 23. tünde : kOnde {bat- 
den Hb.) X, 72. durchgrände ifünde XII. 19. rilere : «6-ftn-e XU, 39. td: 
hol Xm, 20. bi : gesi XIII, 26. 

Auch im Dat. Plur. der stark flectierten Nomina steht -e staU -«i 

(nach Liquiden gar keine Endung), was ich bei Weinhold nicht bel^ 

^finde, 60 briigel:ßilgelJl,nö. merwiinder {mcrtcMm/ejTt Hb.): under IV, 1?(. 

ipherd» Vil , 28. geize ■. v^eize YU , 3S. Bloß Husser dem Reim 

iommt es vor, daß der Äcc der starken Ädjectiva sein -ii verheit, 

«ine filr nnm VII, 44. gufe für giifm XI, 1. 

Eine md. Eigenthümlichkcit ist es ferner, daß die 1. Sing. Praei. 
in der achwachen Conjugation auf -en ausgeht (Weinhold §. 378) vu 
^nmal belegt ist, ruochen : kuocken U, 97. 

In der 3. Plur. Praes- Ind. bieten die Reime gemSQ dem md. 
Sprachgebraach (Weinhold §. 375) durchweg -ct. So mlen : belibm 1, & 

sckrtenU.l'i^. »m : mm 11,205. 219. winden : hinden W ,21 . lUtM: 
aUen IV, 85. afn : tn IV, 109. langen : hangen IV, 134. veratän : hSn V,1I0. 
tragen '• sagen V, 21. eschen : leaehen VC , 136. Hitzen : gettcttzen VU, 166- 
W9r«i<m: erden VII, 211. btiheti -. fribm Ylll , 79. dencinden : Äindai VUI, 
91. vürbinden : vinden IX, 66. sieeren : neren XII, 45. efien : treffen XI1,60. 
Der Reim sint: leint l, 208. IQ, 103. XII, 21 ist ohne Beweiskraß*)- 
Ausser dem Reime findet sieb in der Hs. hänfig -eni, was htemad 
keine Berechtigung hat. 

Ich erwähne BchUeQIich noch einige Wörter, die in der Qeettlt, 
in welcher sie in den Gedichten auftreten, specifisch md. KJnd. ob ani 
oder, 2 Wörter die naturgemäU nicht im Reime vorkommen, erschetneii 
in der Ha. fast durchweg als ai (II, 9. VI, 4) ond ader (I, 61. H, 173. 
in, 13. VH, 147), vgl. Weinhold §. 307 und 314. fregen, diese ml 
Nebenform zu fragen (Weinhold §. 67) erscheint im Reim : tindermgr» 
Xin, 35, ausserdem frege X, 68. Dagegen begegnet frSgen (: getr^gn) 
V, 13. rin bildet sein Part. Praet. genest O.neat U, 15. VII, !75)- Wein- 
hold §. 348 nennt diese md. Nebenform von gewesen eine ,.[)lebejiscbe'' 
Form; in der That haben sich Dichter, die unter dem Einiäuß derhS- 
fischen Sprache standen, wie Hugo vom Trimberg, ihrer enthalten. 

") ftn nnd tini icheioeD in der HnudArl dra Dichtere ganx gleichbedenUnd oelxa 
eioaiidcr beatandeD la baben. tin steht sonobl für den lad., abi rinl für den Coij- 
(im Bume I, 208 nnd aiU8«T dentgelbeo hüuäg). Die Unndart bitte QbeiliMtpl daa 
ÜnUnehiad nriachen Ind. and CoDJ. in der 3. Pliu. varloren. 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 



201 



trolsdem erweist sie sich als eine echt fränkische Form schon dadurch, 
daß sie eich bis hente in diesen Gegenden erhalten hat. 

Diese Zusammenstellungen erweisen zur Genüge, dali unsere Gu- 
dichte dem md. Sprachgebiet angehören, aber in welcher Gegend 
Mitteldeutschlands eie entstanden sind, dafür hat sich nucb kein Finger- 
zeig ergeben. Indessen negativ können wir doch zu einem gewissen 
Resultate gelangen. Es ist nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden, 
daß die Gedichte etwa dem mittelfrSnki sehen (niederrheinischen) oder 
thllrlngisclten Dialekt angehörten. Namentlich nöthigt uns der Um 
stand, daß die im Md. so beliebten Reime von ff : ch ganz fehlen, eine 
südliche dem Oberdeutschen nahestehende Mundurt anzunehmen. Selbst 
das Süd fränkische kennt diese Reime (z. B. Friedrich von Hausen 
MF 48, 25. 54, 38), nur das Ostfränkische nicht , das in Bezug auf 
den Consonantismus im Wesentlichen den oberd. Mundarten gleich- 
steht. Auch im Kenner kommen Reime von g : c/i nicht vor; im Übrigen 
ist die Sprache Hugos von Triniberg so sehr von der höheren Literatur- 
sprache beeinflußt, dali sie uns wenig Aufschluß Über die Eigenheiten 
der ostirfink. Mundart gibt, nur die Inf. auf -e. erscheinen häufig 
im Reim. 

Dafür daß unsere Gedichte in Ostfranken enstanden sind, aeugt 
auch das Auftreten des Snfßxes -lech^jnit der Function den Plural der 
Deminutiva zu bilden, was ausser dem Schwäbischen und Bairischen 
nur noch im Ostfränkischen vorkommt. Vgl. Weinhold §. 262 und 
besonders Grimm, Gr. 111,674 Es erscheint in pfianküecheleah {: frech 
U, 82) und havitloch l, 180, dessen Emendation in kaubtlsck ich für 
nnbedenklich halte. Grimm weist besonders auf ilic heutige Sprache 
hin. Ich füge hinzu, daß Pfaunekflchlich z. B. in Nürnberg noch heute 
gang und gäbe ist. Die Form -lech gieng der heutigen abgeschwächten 
Ponn -lieh, die sich schon im Renner V. 1354 Hndet, voraus. Sie 
findet sich auch sonst in fränk. Schriften, so megelech im Buch von 
^ter SpetBe Nr, 91, weckelech, hieffileek in den Setzen und Geboten 
des Bischofs Otto von Würzburg von 1342 (herausgeg. von Ruland im 
Archiv ftir Unterfranken, Bd. 11, S. 74 -108). 

Ich komme schließlich noch auf einige dialektische Eigenthlim- 
lichkeiten zn sprechen, deren Erklärung Schwiorigkeiten macht. Ich 
erwähnte schon die Formen drauwen, mavwen, nauwen, savweji, in denen 
aacb gewöhnlicher md. Weise tu an die Stelle von 7 getreten ist; aber 
"KVUlrt sich au für zu erwartendes -J? Schwäbischer Einfluß, an 
mächst denken könnte, da die Hs. nicht weit von der 
jprachgrenze abgefaßt ist, darf nicht angenommen werden. 



202 K. VON BAHDEB 

da Dicht ein und dasselbe Wort zugleich eine md. imd zugleich eise 
schwäbische Eigenthümliehkeit an sieh tragen kann. Vielmehr wird 
sich das u in drauwen etc. aus dem folgenden w entwickelt haben. 
Weinhold §. 100 gibt einige Beispiele aue Jeroschin, in denen «« = a 
ist, besonders clauwe ^ fädwe wtlrde unserem Fall entsprechen. Eines 
der 4 Wörter findet eich im Copialbuch des Stiftes Mosbach (Mone, 
Zt. 3, 408) in der Form seuwen, ganz entsprechend, ausser daß unsere 
Hü. den Umlaut des au in ev nicht kennt. Ob mau dies au ftlr n 
dem Dichter, oder bloß dem Schreiber zuschreiben muß, l&ßt sich 
nicht entscheiden. In einigen anderen Fällen mOchte ich es bestimmt dem 
Schreiber zurechnen. VI, 19. 20 findet sich der Reim daheime:lia^ 
aaume. Die Änderung in langseime liegt sehr nahe, erklärt aber die 
auffallende Form langiaume nicht. Ich vermuthe, daß der nrsprtlDg. 
liehe Reim war da/iäme : langsame, was vom Schreiber entstellt wurde. 
Ein ähnlicher Fall begegnet Vit, 69. 70, wo die Hs. liest man tri d« 
ttro in den klaub daz er H einander bl>iub. Auch hier halte ich eafllr 
sehr wahrscheinlich, daß der Reim im Original kläb : bläi ^^ üah: 
bleib lautete. Man könnte hiegegen einwenden, daß bleib hier nidit 
als Ind. Praet, sondern aU Conj. Praes. aufzufnesen sei, also für Uät 
stflndc. Allerdings wäre zunächst der Conjunctiv zu erwarten; aber 
bei unserem König, der so oft klagt, wie schwer ihn das Uiohten »■ 
komme, dürfen wir kein Bedenken tragen, anzunehmen, daß BdmBOlfc 
ihn hier veranlalit hat den Ind. Praet. zu wählen. Ancb sonst Ssfitt 
man den Ind. Praet wo man den Conj. Praes. erwarten sollte; •• 
IV, 71. 72 fiirhiiege aetel afierveif daz man mit. luoche hegreif*). liRekli 
berechtigt uns anzunehmen, daß in die Mundart des Dichten beratt 
der neue Vocalismus eingedrungen sei. Derselbe findet sich atlerdiBp 
vereinzelt in ostfränk. Urkunden schon um 1300 (Weinhold §. 99): 
daraus ist aber durchaus nicht zu schließen, daß die Volksspradieäa 
damals schon gekannt habe. In der Würzburger Hs. selbst, dien 
die Mitte des 14. Jahrh. abgefaßt ist, findet sich ei (Ür i swei- viK 
dreimal in den Gedichten des Königs, im Buch von guter Speise vA 
den Setzen und Geboten des Bischofs Ülto ist mir kein ei fAr t vt 
gestosseo. Deshalb darf es auch fUr die Mundart unseres Diehlo) 
nicht angenommen werden; wir bleibeu also bei der Erklärung tdd 
Idavb r^ kldb r= kleib als Ind. Praet. 



*) Auch in «inigen ondereD Fälleu weicht der Dicrhtcr >iu Keimootta tob i' 
berraebeuden Uodas- nnd TempnBgebrfiu«!] ab, so it?ht VU, 30 CodJ. PrseL lUU CoBJ. 
PiacB. Vn, 60 Ind. Praes. aUU lad. Praet IT, 10 lud. Praet. a 



ad. Pf«». I 



DER KÖNIO VOM ODENWALDE. 203 

« 

£b scheint mir noch ein Fall von ä = ei vorzuliegen. 11^ 163. 
164 liest die Hs. so versteige ichz dennoch dol man versiut (vsit) ein huon 
ze mcl. Man könnte in der ersten Zeile dol als toi fassen, so daß der 
Vers etwa heissen würde: ich wäre toll wenn ich es verschweigen 
würde ; jedenfalls ein sehr gesuchter Ausdruck , auch bliebe dennoch 
anübersetzt. Besonders spricht aber dagegen , daß man einen Reim 
wie dol : mal unserem Dichter nicht zutrauen darf. Ich lese deshalb : 
$3 versvnge ichs dennoch täl: man versiut ein huon ze mäi. Der Schreiber 
verwandelte das von ihm nicht verstandene tcU = teil in dol^ wie mcU 
in mal. Der Sinn des Verses ist so vollkommen zutreffend. 

Durch diese Beispiele scheint mir erwiesen ^ daß unser Dichter 
die Zusammenziehung des 6t in ^ bereits kannte. Gehörte nun seine 
Mundart zu den oberdeutschen , so wäre hierin nichts auffallendes^ 
denn bei diesen findet sich die Zusammenziehung des et wie des ou 
zu ä bereits in früher Zeit^ vgl. Weinhold §. 56. Für das Md. dagegen 
gilt eine andere Zusammenziehung, die des ei in S und des ou in d, von 
der Weinhold §. 65 Beispiele gibt. Ziehen wir dagegen die heutigen 
md. Mundarten heran; so finden wir, daß in den südlichen ^ also den 
Süd- und ostfränkischen^ die Zusanmienziehung des au in ä durchgängig, 
die des ei in ä vorherrschend eingetreten ist. Über diese auffallende 
Erscheinung hat vor kurzem Ernst Wülker in seiner Abhandlung über 
die Lauteigenthümlichkeiten des Frankfiirter Stadtdialekts im Mittel- 
alter , Paul-Braune Beiträge IV, S. 25 f. gehandelt. Er belegt S für ei 
nur mit einem Beispiel aus dem Jahre 1463; bei dem ou ist Zusam- 
menziehung in d häufiger, aber auch ä findet sich nicht selten , am 
firühesten aus dem Jahre 1355. Wülker constatiert ferner^ daß im 
heutigen Frankfurter Dialekt die alten ai (ei) und au gleich klingen 
und ein Ton entwickelt ist, der die Mitte zwischen ä und e hält (dies 
mag eine Eigenthümlichkeit des Frankfurter Dialektes sein ; in anderen 
md. Mundarten hört man aber ein reines ä). Er fährt nun fort: ^die 
Fortentwicklung des alten Doppellautes beruht ebenfalls darauf^ daß 
man aus der Stellung des Anlauts nicht mehr entschieden in die des 
Auslauts übei^ieng; sondern auf halbem Wege stehen blieb. So ent- 
stand ein nach i oder u hin gefärbtes a, also ein S- oder 6-artiger Laut. 
Die immer grössere Entfernung vom Auslaut, die immer geringer wer- 
dende Energie in den Auslaut hinüberzuleiten , brachte einen immer 
mehr dem ä sich anähnlichenden Klang zum Vorschein und mußte einen 
gleichen Laut für beide einst so femstehende Diphthonge herausbiß 
den*^. Diese Auseinandersetzung trifft insofern gewiß das Richtige, als 
sie das S der älteren, wie das d der jüngeren Zeit d^dux^Vv ^tVlV^xV^ ^^^ 



F.S04 



K, TON BAHDER 



d&s Hauptgewicht auf dem ersten der beiden den Diphthong bildenden 
Vocale ruht, aber eutechieden unrichtig beurtbeilt WfUker das alte i, 
wenn er es als eine Mittelstufe zwiscbea ei (das er als at fkCl) und ä 
betrachtet und als ein nach t hin gefilrbtes n bezeichnet. Meine Anüclit 
ist vielmehr diege: die md. Form des t-Diphthongß war ia mhd. Zeit 
et, wobei der Ton in der Weise auf dem e ruhte, daU er häufig zwar 
I nicht in der Sprache (denn im Reime auf altes e kommt dies e nur 
höchst vereinzelt vor, vgl. Weinhold §. 66), wohl aber in der Schrift durcb 
e wiedergegeben wurde; im Laufe des 14. Jahrb. wandelte sieb di«i 
et dnreb die Mittelstufe äi in ai. Dieser Übergang geschah vielleicbt 
nicht ganz ohne äussere Einwirkung. Etwa gleichzeitig fällt das Ein- 
dringen der neuen Diphthonge ai au für i i( in den rad. Vocalismss. 
Ich erinnere nun an den im 14. Jahrh. namentlich in Osterreich bat- 
achendcD Gebrauch den alten Diphthong durch ai. den neuen dnrdi 
ei zu bezeichnen (Weinhold, BaJr. Gram. §. 78), dem gewiß ein mik- 
lieber Unterschied in der Aussprache zu Grunde lag. Im bairiedien 
Gebiet hat nun wohl der i-Dipbthoug von jeher die Aussprache ai p- 
habt; in Mitteldeuti^cliland war das anders, hier herrschte ei und d» 
neu eindringende Diphthong ei ^= t hätte deshalb mit dem alten ä 
zueammenlailen mtissen, weoti nicht letzteres die Eutwickelung omIl 
dem ai hin eingeschlagen hätte. Daß diese Entwickelung durdi dfl 
der Sprache innewohnenden nifierenzierangs trieb befördert wnrde, liA 
ich nicht fUr unmöglich. Die md. Neigung auf den ersten der beideo 
den Diphthong bildenden Vocale den Hauptnachdruck zu legen, i» 
das ei mit e hatte wechseln lassen , fibertrug sich nun auch aof du 
at und führte schließlich zu dem jetzt herrschenden ä. Es ist za be- 
achten, daß keineswegs alle md. Mundarten 3 für ei haben: viele htltrn 
an dem alten « fest, so namentlich das Kölnische, das ThUringiBclie, 
die das alte < beibehalten und in Folge des auch keine Verschiebung 
bei dem n. haben eintreten lassen, vgl. Weinhold §. 92. Aber auch 
manche Mundarten, die ei für ? durchgeführt haben, wie das Pl^zisclA 
das Obersächsische bieten e fUr ei und nicht ä. Bei dem ä tfii «ti 
das eine weitere Ausdehnung als ä IHr ei hat, ist der Voi^ang ein 
analoger. 

In der Mundart des heutigen Frankens herrscht A sowohl für « 
als für Ott, vgl. die Proben bei Firmenich D, 385 S. Es ist mir von. 
da die Urkunden aus dieser Gegend erst in geringer Zahl vorliegt^ 
nicht möglich zu entscheiden, ob hier ein altes at vorliegt oder ob di' 
ost&änkischc Mundart den Übergang des et in ai, der iUr die sQdfrSn- 
kischen Dialekte anzunehmen ist, mitgemacht hat. Letzteres vwMfr 



DER KÖNIG VOM ODENWÄLDE. 



205 ' 



gesetzt, darf es uns nicht Wunder nehmen bereits bei dem König vom 
Odenwald Beiego au finden, daü sich der Übergang in ai vollzogen 
hat; denn wie auch der neue Vocaliemna im Ostfränki sehen erheblich 
frtifaer eintrat als in den sudfr. Mundarten, so wird dasselbe auch mit 
dem ai für ei der Fall gewesen sein. Der Schreiber der Würzburger 
Hfl., der das aus ai zusammengezogene ä überall entstellt, sprach den 
Diphthong wohl als vi aus; auch in der heutigen Würzburger Mund- 
art (bei Firmeuich IT, 410) findet sich S für ei statt des zu erwartenden 
(i, das die übrigen fränkischen Mundarten haben. 

Resultat dieser sich auf die Heime sttltzeuden Dialektuntersuchung 
ist also, daß wir einerseits durch den ganz auf oberdeutscher Stufe 
befindlichen Coneojiantenstand, andererseits wegen des Auftretens de» 
SoffJzes - Itch in demiuutiver Bedeutung, nach Ostfranken geführt 
werden. Die Kennzeichen des Dialektes sind sonst die allgemein md., 
nur zeigen sieh bereits Spuren der später durch gedrungenen Ho- 
QOphthongisierung von ei in ((- Die Mundart des Schreibers der lls. 
war also im wesentlichen auch die dos Dichters; deswegen sind keine 
gewaltsamen Änderungen vorzunehmen. — Ich bemerke scblielilich noch, 
daß mit Berücksichtigung der dialektischen Eigenheiten die Keime 
als durchaus genau bezeichnet werden müssen Wirkliche Reiniun- 
gensuigkeiten siud — von den Fällen wo u -.uOjU: iu reimen, abgesehen 
— nur die Verbindungen von m und n und auch hier mag häufig im 
Di&lekt wirklich n für m eingetreten sein, wie es z. B. in der oben 
genannten Würzburger Polizeiorduung heilit: von den die phel kein 
tragen (a. a. O. S. 86). Ehe wir hieraus Schlüsse auf die Äbfassungs- 
leit der Gedichte ziehen, müssen wir die Metrik derselben einer Unter- 
iQcfaung unterziehen. 

Der Vers, wie er in unseren Gedichten ersebeint, ist im Wesent- 
lichen noch derselbe wie in der BlUtbezeit der mbd. Dichtung. Der 
Unterschied zwischen stumpfen und kliugendeu Keimen ist im Großen 
aod Ganzen noch festgehalten. Die wenigen Beispiele, die ich oben 
aaiUirte, in denen ein Wort, das in der vorletzten offenen Silbe einen 
knrzea Vocal und in der letzten ein stummes e hat, auf ein Wort 
reimt, das lange vorletzte Silbe uud in der letzten ein tonloses e hat, 
mllsaea als Ausnahmen angesehen werden gegenüber den hunderten, 
10 denen das richtige Verhältniss eingehalten ist. Es ist beachlens- 
daß nicht allein die Ableitungssilben -heit -in -leck -lieh aus- 
1 im stumpfen Reim verwandt werden, sondern auch die Silben 
-al -el -ich in Fremdwörtern noch vollkommen aus- 
Q Reim zu tragen. Für -er -er verweise ich auf die 




206 K. VOK BAHDER 

oben aDgeführtcn Reime ; aber as iBt kein BeiBpiel vorhaDden wo Swe 
Ableitungissilbea im klingenden Reim venrandt wfiren. Aber aucli b«i 
-at -d -ich ist dasselbe der Fall. So erscbeint sicherlich : ezxich U, 86. 
hei : mursel III, 14. t^ch : ich IV, 127. sckapal : liberal VH, 179. Ebenn 
wird die lat Silbe -um bebandelt pallinm : kum IV, 155. 

Das Bestreben Hebung und Senkung regelmässig abweciuelo n 
lassen, ht im Allgemeinen nicht zu verkennen ; trotzdem fehlt et nicht 
an Beispielen, daU die Senkung fehlt und zwar nach allen 3 Hebungen. 
Verse, in denen unzweifelhaft die Senkung nach der I. Hebung fehlt, 
sind : I, 111 von ädern ein kengel, H, 34 mit rosen bedecken, 55 ffnoter 
gerikle, 218 der breter der hat die kragen. Häufiger pflegt sie nach der 
2. Hebung zu fehlen z. B. I, 42 verspitt mang buobe «n vel, 85 vnd 
die Jochriemen , 138 in dem hangenden toagen und so noch II, 82. 233. 
256. III. 1. IV, 72. 113. VI, 16. VII, 121. VIH, 76. 123. XI. 28. SO, 
58. XIII, 47. Am häuGgaten kommt Auslassung der Senkung null 
der 3. Hebung vor, hier sind die Beispiele auBserordentlich zahlrach 
u. a. I, 52 so ist sie för den wint guol, 191 scheiden über armbrvtt, IL 
113 sicie dann ist ein man tcunt, vgl. noch III, 48, IV, 153. V, 121. 
VI, 46. VII, 172. VIH, 34. IX, 33. SI, 16. 

Der Auftakt kann entweder vorhanden eeia oder fehlen, bejdv 
kommt ungefUhr gleich häutig vor. Dagegen ist zweisilbiger Auftib 
selten ; wo er erscheint, wird er meist durch 2 leichtbetonte Silben p- 
bildet, so I, 199 das ist auch ein guoter p/r^ffersag, II, 239 so er dorm 
nimmer guot ist, III, 84 ez ist auch ein gnuler vehter, IV, 38 Sajt 
loinnet ex ein undertcheit. Ebenso dürfen wohl unbedenklich ab Alf 
takt genommen werden die 2 ersten Silben in II, 76 er sieht eier Af 
grieben, IV, 104 hosniestel peigemint und tuoch, IX. 4 künig tikttW 
ein getriuwez, Xill, SS ßiorleti rittet- mide knappen. Zweisilbige HefatPf 
ist auch in einigen Fällen anzunehmen und zwar nicht allein an erster, 
sondern auch an zweiter und dritter Stelle. Letztere Fslle als Ab- 
weichungen von der mhd. Regel ftlhre ich an 1, 213 sie httuht» it 
ir venster mite, II, 73 der sibend eier in anken, 79 und räer min «nW 
em ander, Hl, 93 die haben drunder ir ereheicarl,lV, 90 Zungen unaUllupg^ 
und huot, 94 ich sagez riehen und armen, VIII, 50 Ker der lutiaä it 
schein anhenke*). 



*) Qelit der Stmnm aaf eine Liquida aw, so wird oft achon in der Bc iu ' 
der Endung ausgeworfen, ao «teht Vlll, 82 leUn (lq der Senkung), damaeb iA^ 
beueni n, 192 möln fiir leöUm, n, 206 voln für ooUen, VII, 215 tl6m filr Oirm. 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 207 

Haben uns die bis jetzt angeführten metrischen Beobachtungen 
im Allgemeinen nichts von der mhd. Regel Abweichendes gezeigt, so 
tritt uns dagegen im Folgenden die Verfallzeit klar vor Augen. Es 
läßt sich nämlich nicht verkennen, daß in den Oedichten sowohl 
stumpfreimende Verse von 3 Hebungen, als auch klingend reimende 
von 4 Hebungen, wobei der klingende Reim nur noch eine Hebung 
trägt, vorkommen. Interessant ist es nun zu beobachten, daß die Ge- 
dichte sich in 2 Gruppen scheiden, in der einen sind ausschließlich 
Verse mit 3 Hebungen, in der anderen nur solche mit 5 Hebungen — 
um diesen Ausdruck der Kürze wegen zu gebrauchen — eingestreut. 
Ich erwähnte schon am Anfang, daß der größere Theil der Gedichte 
dem Zwecke gewidmet ist nützliche Haustbiere zu besingen; hier spricht 
der Dichter ganz im Volkston und gestattet sich deshalb auch Verse 
von 3 Hebungen. Dies sind also die Stücke I— IV (IX bietet zufällig 
kein Beispiel), woran sich VH vom stro anschließt. Die andere Gruppe 
bilden die didaktischen Stücke^ denen ein gewisser kunstmässiger Cha- 
rakter beizulegen ist^ also VI. XI— XIH, woran sich die Fabeln VIH. 
X schließen, in denen die Regel aber nicht consequent durchgeführt ist. 
Das Gedicht Nr. V, dad seinem Inhalte nach hierher gerechnet werden 
müßte, bietet nur regelrechte Verse. Hier folgt der Dichter dem in 
der Eunstpoesie herrschenden Gebrauch und rechnet deshalb den klin- 
genden Reim auch bloß Air eine Hebung, obwohl in seiner Mundart 
die Endungen noch hinreichend betont waren nm auch eine Hebung 
zu tragen. 

Die Zahl der Verse von 3 Hebungen, welche die Hs. bietet, läßt 
sich nun allerdings bedeutend reducieren, einerseits indem man Aus- 
lassung der Senkungen annimmt, andererseits indem man Vers^, welche 
mit 2 kurzen Silben reimen, nach md. Weise als klingend gereimte 
auffaßt. Indes haben wir gesehen, daß die Auslassung der Senkung 
wenigstens nach erster und zweiter Hebung doch nur beschränkt auf- 
tritt und daß es ferner keineswegs berechtigt erscheint Reime auf 
2 kurze Silben durchweg als klingende zu betrachten ; und selbst wenn 
man beides in ausgedehnter Weise zuließe, bliebe doch noch eine be- 
trächtliche Anzahl von Versen, die nicht ohne gewaltsame Änderungen 
mit 4 Hebungen zu lesen sind. Folgende Verse haben nach meiner 
Ansicht unzweifelhaft nur 3 Hebungen: I, 11. 12 lüter und gelebt der 
man sich überhebt , 71. 72 tmte atifel guot derm leder rehte tuot, II, 159. 
160 so ist nü unverboten er habe ein huon gesoten, 185. 186 dem ist also 
gäeh und aliufet hinden näch^ 203. 204 die muoz man danne holn und 
foeirf&n üf die koln^ HI, 89. 90 und bindenz üf den heim darunder stivhi 



K. VON BAHDEB 

der 7n«&n, 111. 112 bürget und geb&r die rede v>art mir »ör, tV, 3L 3! 
jöln sich auch nickt schäm sie apatmertz an die ram, 143. 144 da 
manitfer wirt gefrumt und wSdeHcken kumt, VU, 7. 8 danm die vom «W 
machen die Hute frö, 107, 108 vom ati-mce kämet keil swä man bSt bitr 
veil, 111. 112 von irirwoe iieeln wert die man aiom {mo dem Hb.) miit 
hegert, 145. 146 daz rede ich d'>e ntf mit- strö man giiol <lf gtt. Zaweileo 
reimen auch Verse von 3 Hebungen auf Verse von 4 Hebungen. Zwu 
liegt es liier uocli näher Ausfall von Senkungen anzunehmen, aber nuD 
wird auf diese Weise nicht alle Fälle beseitigen können, x,. B. U, 141 f. 
ßade tjedihet ze ostern fleisch gewViet, HI, 69. 10 ez iai ungelogen man hiil 
den kil saom aieinbogen, VII, 127. 128 slrii in kcnnü füert nuin in da 
landen trit, 181. 182 slr6 üf helme füert man in dem mebne. 

Die Verse von 5 Hebungen treten in den Gedichten der zweiten 
Gruppe uiubt so vereinzelt auf, wie die von 3 Hebungen in denen der 
ersten. Deshalb ist es auch nicht erlaubt sie durch Annahme eine» 
doppelten Auftaktes zu beseitigen. Überdies unterscheiden eicL ÜOK 
Gedichte von den anderen durch rege Imftss ige re Abwechslung von He- 
bung und Senkung und durch das Fehlen von Versen mit 3 HeboiigeD- 
Bloß VI. VIII und X bieten auch vereinzelte Beispiele vou Versen 
mit 3 Hebungen, jedoch nur im zweisilbigen Reim, den man hier wolil 
als klingend betrachten darf, z. B, VI, 1. 2 M'mer künste lade miM 
tihlen von dem bade, VIII, 85- 86 tuol hin die vederlesen wer wil mit (fai 
genesen. Die klingenden Keime, die nur eine Hebung tragen, treten 
nun in den verschiedenen Gedichten nicht in gleicher Anxakl aaC < 
VI hat nur ein sicheres Beispiel 51. 52 nü ist daz liat ad mamgtitlii 
daz iihte der künig vom OdenKolde gegen 10 der anderen Art. VIII )>il 
3 Bolcht Keime 49, 50 und sprach du solt auch bedenke teer der Wi» 
die schein anhenke, 67. 68 maniger git dem andern rSte daz er «eftjrnJIi 
tele, 79. 80 helfet dtn die bi iuch btiben und sich niht hin von lucA (rft« 
gegen 9 der anderen Art, XI sogar 5, während in ebenfalls 5 FiUbii 
2 Hobungen auf dem klingenden Keim ruhen, XU hat 4 klbgende 
Reime, die nur eine, 7 die deren zwei tragen, XIII hat nur oosti 
klingenden Keim, der eine Hebung trägt (35. 36). 

Kflhrende Reime kommen in den Gedichten vereinzelt vor, daT« 
ist regelrecht II, 79. 80 tinder ein ander : selbander, V, 1.2 kitnde (Subfit): 
künde (Verb.) — dieser Reim nur in der Würzburger Hb., die Gotli»er 
liest frtnde: künde — IX, 67. 68 scharsach : sack , während blosse Wie- 
derholung desselben Wortes ist I, 107. 108 aolisol, VIH, 33. 34 vort- 
toart. Ein dreifacher Reim begegnet nur einmal am Schluß von XD 
und auch hier scheint er bloU vom Schreiber herzuriihran. 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 209 

Welchen Schluß auf die Abfassungszeit der Gedichte dürfen wir 
aus der Betrachtung der dialektischen und metrischen Eigenthümlich- 
keiten ziehen? Der terminns ad quem steht zunächst fest, denn die 
Würzburger Hs. wurde um 1350 (die Setze und Gebote des Bischofs 
Otto sind von 1342 — 43) auf Befehl des Michael de Leone verfaßt, 
Tgl.Ruland a. a. O. S. 42 f. Sehr erheblich früher dürfen wir die Gedichte 
ihrem ganzen Charakter nach auch nicht setzen. Eine nähere Be- 
stimmung gibt uns vielleicht die Vergleichung mit einem anderen 
ostfränkischen Denkmal , dem Renner^ an die Hand. Erwägen wir 
nun folgende Punkte, so wird sich ergeben, daß die Gedichte des 
Königs vom Odenwalde an Alterthümlichkeit nicht hinter dem Renner 
zurückstehen. 

1. Reime (nach den ersten 1500 Versen des Renner). In unseren 
Gedichten reimt a : ä nur bei hart und dessen Ableitungen^ im Renner 
findet es sich auch sonst gar nicht selten, gewan : hän 6. war : bewar 30. 
war : gar 72. stat : hat 105. 237. an : hän 241. hdr : entar 393. man : hän 
618. 770. hänt ; erkant 892. här : bar 972. jär : gar 1014. : dar 1066. Der 
Reim e : e fand sich nur, wenn das kurze e durch folgendes r oder als 
in vorletzter offener betonter Silbe stehend verlängert veorden war, 
ebenso im Renner smehen : sehen 310. versehent : versmeherU 680. ahtpir : 
der 1097. Den Reim o : 6 kennen unsere Gedichte gar nicht, im Renner 
kommt vor g^ot : not 127. got : tot 498. wort : gehört 937. tdr : vor 1064. 

2. Die Ableitungssilben -^ -heit -lieh -lin sind in den Gedichten 
des Königs durchweg im stumpfen Reim verwandt, im Renner ist dies 
nur bei -heit -lieh der Fall, während -er -lin ebensowohl und fast 
häufiger im klingenden Reim stehen. Im stumpfen Reim steht -er (die 
Hs. bietet in diesem Fall -ere) in buttiglet^e : lere 651. swere : luginSre 963, 
im klingenden in kamerer : hamerer 638. Schreiber : scheiber 640. Speiser : 
foetiser646. neider : sneiderll42. swegler : bregler 1159. lechler : hechler 1169; 
-er ist in diesem Fall sicher als kurz anzusetzen. Die Silbe -Itn er- 
scheint im stumpfen Reim z. B. in büecheltn : mm 18. vogelUn : zeichenRn 
1101, dagegen im klingenden in loc1d%n:bocklm^\2, kindtin : gesindltn 
1327. Es ist indes zu beachten, daß der Dichter es liebt im Reime 
Wortspiele anzubringen , z. B. capeUän : kappen an 642. buttiglere : bntte 
ISre 652, darauf gehen wohl auch die angefühHen Reime zurück; immer- 
hin läßt sich aber soviel daraus erschließen, daß es dem Dichter frei- 
stand -er beliebig als lange oder als kurze Silbe zu gebrauchen. Über 
die Behandlung des Reims bei Hugo vgl. noch W. Ghimm, Zur Ge- 
schichte des Reims S. 599. 

eEBMANU. Nene Reihe. XI. (XXIII. Jahrg.) \^ 



B gl« 



K. TON BAHDEB 

3. In Bezug auf das Metrum ßtehen sich beide Dichter msofen 
gleich, als aie beide nach Silbenzäbluug streben, aber doch äqsUssdi^ 
der Senkungen in geringem Masse zulassen. Im Übrigen kann man 
weder den König vom Odenwalde vor den Renner Btellen, weil dieser 
den klingenden Reim überwiegend nur fllr eine Hebung reebnet, nocb 
den Renner für Älter halten als die Gedichte des Königs, weil hier 
Verae mit 3 Hebungen vorkommen. Die Verse mit 5 Hebungen wurden 
ebensowohl von dem vermieden, der in der Weise des Volkes dichtete, 
als die Verse mit 3 Hebungen, die im Volke gewiß schon lange lebten, 
von einem Kunstdichter. 

Ich glaube hiedurch bewiesen zu haben, da£> der König vom 
Odenwalde etwa als Zeitgenosse Hugos von Trimberg zu betrachten 
ist, ohne daß bei der principiellen Verschiedenheit der Dichtarten feste 
Kriterien zu gewinnen sind, ob seine Gedichte vor oder nach dem 
Renner entstanden. Wir müssen deshalb Wackemagel Unrecht geben, 
der den König im Lesebuch erat hinter Boner stellt; dann müßte er 
gleichzeitig mit dem Schreiber der Würzburger Hs. gelebt haben, wu 
sehr imwahrscheinlicb ist, da in der Hs. vielfach gekürzte Wortfornira 
vorkommen, die den Gedichten urspriin glich nicht angehi5reD. Fsr 
einen Theil der Gedichte wenigstens halte ich es jedoch für wahrschein- 
lich, dnU sie erst nach dem Renner, nämlich in den ersten Jabrzebnieo 
des 14. Jahrhunderts entstanden sind. Ea finden sich nämlich im 
12. Gedichte, wo uns der Dichter das Räuberleben des Adels schildert, 
die Verse (53.54.): 

LampitrleD Priaien (pmsue) nnd Taakän, 
d& kfreti sie sieb w6oig m). 

Wollte man die Abfassung dieses Gedichtes um 1300, also nr 
Zeit Adolfs von Nassau oder Albrechts J, annehmen, Bo wSre ea wrf- 
fallend, daß Lombarden und Toskaner als Erbfeinde des Reiches, gegn 
welche seine Waffen zu richten, Pflicht des Ritters ist, genannt werden, 
denn Italien war damals sehr ausserhalb des Gesichtskreises gerQckt 
Erst unter Heinrich VII. kamen die Römerzüge wieder auf Ich ziehe 
deshalb vor die Abfassung dieses und vielleicht auch der anderen di- 
daktischen Gedichte erst in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahiknn- 
derts anzunehmen; die anderen Gedichte, die überhaupt ein altertbUn' 
lieberes Gepräge tragen, mögen früher entstanden sein. 

Die PersAnlichkeit des Dichters. Künig vom Otaiuxilde oder 
bloG künig nennt sicli unser Dichter in den Schlul^zeilen die er beinihe 
jedem Gedichte anhängt, in einigen (IV. V.) fehlen zwar diese Schloü- 
zeilen, der Dichter tritt aber im Uedicbte selbst mit seinem Kameu bei- 



DER KÖNIG VOM ODKNWAI.DE, 211 

Id XIII nennt er sieb selbst oicbt, die Überschrift aber legt Jbm 
das Qedicht bei, in XI dagegen ist der Verfasser Überhaupt nicht ge- 
nannt. Aus dem Namen kilaig vom Otetitoalde geht unzweifelhaft her- 
vor, daß die Heimat des Dichters der Odenwald ist. Das Resultat der 
vorhergebenden Untersuchung, die uns nach Ostfranken führte, steht 
hiermit nicht im Widerspruch. Der Odenwald gehört allerdings seinem 
Uherwiegeaden Theil nach zum sUdfr. Gebiet, aber seine östlichen Aus- 
läufer, die bis zur Tauhei' reichen, gebOreu bereits dem ostfr. Dialekt 
au und vielleicht haben wir gerade hier die Heimat des Königs zu 
suchen. Es steht uns indessen noch eine andere AnnahLae offen: der 
ihm beigelegte Name „vom Odenwald" weist entschieden darauf hin, 
daß er sich nicht in seiner Heimat aufhielt, sondern in einer anderen 
Gegend, wo man ihm als einem Fremden diesen Beinamen gab. Es 
ist Qtui nicht unwahrscheinlich, daÜ er obgleich aus dem eigentlichen 
Odenwald stammend, in Folge seines dauernden Äufentbaltea in Ost- 
franken jene charakteristischen EigentbUmlichkeiten des Ostfränkischen 
angenommen hätte, die uns in seinen Gedichten begegnet sind. Daß 
er nun wirklich in Ostfranken gelebt hat, läUt sich mit Sicherheit dar- 
thun; er nennt nämlich mehrere ritterliche Geschlechter, die in der 
Qegend angesessen waren, wo sieh die heutigen Länder Baden, WUr- 
temberg und Baiern bcrllhren. II, 243 f. heißt es : 

8Ü siu daiiD die vedcrn guol : 

dar üz BÖ nirt eio quaste, 

■tSl üf dem heliiie viute. 

voD Scckendorf, von Ebenheim, 

die fiierenz gröz unde klein. 

Sockendorf ist jetat ein Dorf gleichen Namens in Baiem, Mittel- 
fraokcn, "/g MI. nördlich von C'adolzhurg. Über die Herrn von Secken- 
dorf, vgl, Biedermann, Geschlechts -Reg ister der Reich s- Frey- unmittel- 
bapea Bitterschafll Landes zu Francken (Bamberg 1747), Orts Steiger- 
Wftld Taf. 99. Ehenheim heißt heutzutage Ehnheira und ist ein Pfarr- 
dorf in Baiem, Mittelfranken, 1% Ml. nordwestlich von Uffenheim. 
über die Herrn von Ehnbeim vgi. Biedermanij a. a. 0. Orts AltmUhl, 
Taf, 182. Das Wappen derer von Seukendorf und Ehnhoim, das sich 
In Siebroachers allgemeinem und vollständigem Wappenbuch (Nürnberg 
1772) Bd. I, Taf. 100 und 101 findet, zeigt in der That bei beiden 

I Quaste von Federn auf einem Hut befindlich als Helmzierde, ■ 

H~ 8Öf. enden wir die SteUc: ^H 

H Tische und bindanz üt den heim. ^^^| 

H ^ad dar Linder stiubt der toelin. ^^^| 

I "• 1 



212 K. VON BAHDEB 

der min niht gelaabet mn, und die von Ftnnaawen 

ich siagz an die von NiuwenBtein: l&n sich in ^en schauwen: 

die haben dninder ir ere bewart die fueren hak und hanbet, 

vor den reinen fraawen zart; daz in lang ist derhiabet. 

Niuwenstein wird wohl sein : Stadt mit Schloß Neuenstein in Wür- 
temberg, Jaxtkreis^ */4 Ml. östlich von Öhringen. Über die Herrn von 
Neuenstein, vgl. Biedermann a. a. O. Orts Odenwald, Taf. 394. In Sieb- 
machers Wappenbuch Bd. V, Taf. 256 findet sich das Wappen derer 
von Neuenstein unter ^^Schwäbischen Hall ehrbare Geschlechf^y es hat 
einen sog. Flug als Helmzierde in Übereinstimmung mit den obigen 
Versen. Finnauwe ist vermuthlich der Weiler Veinau in Würtemberg, 
JaxtkreiS; ^1^ Ml. nordöstlich von Hall. Das Wappen derer von Veinau 
findet sich auch unter ,, Schwäbischen Hall ehrbare Oeschlecht" a. a. 0. 
Taf. 258. Nach den obigen Versen sollte man Hals und Haubt einer 
Oans als das eigentliche Wappen erwarten, aber auch hier ist bloß die 
Helmzierde gemeint. Das Wappen hat nämlich eine G-ans als Helm- 
kleinod, aber in vollständiger Figur, nicht bloß Kopf und Hals. Es 
ist nicht ungewöhnlich, daß das Elleinod in dieser Weise erweitert 
wird. Die letzte Stelle ist endlich VI, 181 f. 

stro üf hehne and sint auch die von Sahsenflaor 

füert man in dem melme. in der herferte. 

daz ist ein weideliche faor. hat man schaube herte. 

Sahsenfiuor ist ohne Zweifel das Kirchdorf Sachsenflur in Baden, 
Unterrheinkreis, 1 Ml. nordöstlich von Boxberg, aber das ritterliche 
Geschlecht gleichen Namens muß sehr früiizeitig ausgestorben sein, ich 
habe wenigstens keine Spur desselben auffinden können. 

Diese Stellen erweisen nicht nur^ daß sich unser Dichter wirk- 
lich in Ostfranken aufgehalten hat, sondern sie beleuchten zugleich 
seine ganze Lebensstellung. Zunächst geht daraus hervor, daß er ein 
Wanderleben führte ; denn nur so erklärt es sich, daß er in dem einen 
Gedicht 2 ritterliche Gesclilechter, die dem jetzigen würtembergischen 
Franken angehören, lobpreisend erwähnt, in dem anderen 2 aus dem 
heutigen Mittelfrank en, in dem dritten ein Geschlecht, das wieder eiser 
ganz anderen Gegend Frankens angehört. Aber auch das darf daraus 
geschlossen werden, daß er in Abhängigkeit von der Ritterschaft stand 
und nur deswegen jene ritterlichen Geschlechter nennt um sich bei 
ihnen in Gunst zu setzen. Auch sonst sagt er wiederholt, daß er «n^ 
ihre Milde angewiesen ist, so 11^ 5 f. 

liez ich du kunst (kynste) verderben, der herren gunst und aach ir goo^t 

wie sölte ich danne erwerben der ritter knehte höchgemoot? 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 213 

Und mit dem ihm eigenen Humor FV, 149 f. 

der künig sagt yon schäfen vil, nü wol b6 begdn ich mich: 

der im doch keioz beklibe wil. die sie haben dft bin ich. 

Überhaupt spricht er häufig von seiner Armuth und Dflrftigkeit; 

bei Aufzählung leckerer Gerichte entfährt ihm oft ein Stoßseufzer, daß 

er dergleichen auch gerne einmal essen möchte, z. B. IX, 51. 52. 

ein spetÜD an die vischei 
daz mich daz iht verwische ! 

Es ist nun das Nächstliegende in unserem König einen Spiel- 
mann zu sehen, der von einer Burg zur anderen ziehend, seine G-edichte 
vortrug, wobei er nicht unterließ den Namen des Ritters, von dem er 
gerade seinen Lohn erhoffte, in sein Gedicht zu verweben. Es ist 
aber keiner von jenen Spielleuten, die das ganze deutsche Land durch- 
ziehen, sondern er bleibt in seiner fränkischen Heimat, weshalb wir 
auch in seinen Dichtungen ein so treues Abbild der Sitten und Ge- 
bräuche des Frankenlandes finden. 

Wackemagel hat dagegen in seiner Literaturgeschichte S. 294 die 
Ansicht aufgestellt, daß die Stellung, die der König der Ritterschaft 
gegentlber einnahm, die eines Herolds war. Er äußert sich darüber: 
^der König vom Odenwalde, der schon vor der Mitte des 14. Jahrh. 
eine Anzahl Gedichte über den Nutzen einzelner Thiere, sowie des 
Strohes, des Badens u. s. w. verfaßt hat, wenigstens lehrreich far die 
Geschichte der Gewerbe und der Sitten, liebt es diese Auseinander- 
setzungen an Wappenbilder oder sonst wo (in das kriegerische Leben 
anzuknüpfen: noch einmal also die Heroldsdichtung auf didaktischem 
Gebiet; der Name König mag auch in Deutschland dem Obersten im 
Heroldsamte zugekommen sein.^ Wackemagel gibt also selbst zu, daß 
der Name „König^ für den obersten Herold, der in Frankreich und 
England vorkommt, in Deutschland sonst nicht nachzuweisen sei und 
und in der That findet sich gar kein Anhaltspunkt für diese Annahme. 
Es ist aber schon an und für sich unwahrscheinlich, daß unser Dichter 
eine so hervorragende Stellung, wie die eines Wappenkönigs immerhin 
war, eingenommen habe: nur an fürstlichen Höfen kommt es vor, daß 
dem Obersten im Heroldsamte dieser Titel verliehen wird; er ist dann 
m ein besonders prächtiges Gewand gekleidet, handhabt einen zepter- 
gleichen Stab und trägt eine Krone auf dem Haupte (Bernd, Haupt- 
stücke der Wappenwissenschaft H, 13 f.). Der Herold, dem es gelingt, 
diese hohe Stellung zu erreichen, hat nicht mehr nöthig, wie es unser 
König thun muß, auf den Ritterburgen umherzuziehen und sich durch 
Gesang oder Vortrag seinen Lebensunterhalt zu verschaffen. Die An- 



214 K. VON BAHDEB 

sieht WackemagelSy daß wir in unserem Dichter einen WappenkOnig 
zu sehen haben, ist also nicht zu halten; es könnte ab^ noch die 
Frage aufgeworfen werden, ob er nicht eine untergeordnetere SteUung 
im Heroldsdienst einnahm. Auch die Stellung der Herolde und deren 
Gehülfen, der Persevanten, war noch eine angesehene; man nahm zq 
denselben „nicht leicht andere als rittermäßige Leute'' (Primissery Peter 
Suchenwirts Werke XUI). Es gab aber noch eine niedere Classe, aus 
Nichtadelichen zusammengesetzt, denen alle Verrichtungen und Dienst- 
leistungen beim Turnier, als Boten u. s. w. oblagen; dieser Classe ge- 
hört z. B. Peter Suchenwirt an. Einer von diesen „Knappen von den 
Wappen, die von den Wappen Dichtens pflegen'' könnte nun auch der 
König sein, wenn er, wie Wackemagel behauptet, wirklich liebt .an 
Wappenbilder oder sonstwo an das kriegerische Leben anzuknüpfen*'. 
Es ist nicht zu läugnen, daß in den Gedichten nicht selten von heral- 
dischen Gegenständen die Rede ist, so z. B. in den oben angefhhrten 
Stellen. Spricht aber hier ein Wappendichter, der sich bemüht das 
Wappen seines Herrn allegorisch auszudeuten, wie es z. B. Peter Suchen- 
wirt thut? Keineswegs, sondern er erwähnt bloß kurz das Helmkleinod, 
das der oder jener der von ihm gepriesenen Ritter in Wirklichkeit fllhrt 
Dabei drückt er sich so durchaus unheraldisch aus, daß es geradezo 
unmögUch ist in ihm einen Herold zu sehen. Besonders gilt dies Air 
die zweite Stelle, wo er von derjenigen Helmzierdc spricht, die in der 
Heraldik als „Flug'' bezeichnet wird; unser Dichter spricht hier einfadi 
von Gansflügeln und das mögen sie in Wirklichkeit auch meistens ge- 
wesen sein; aber in der Heraldik gelten sie als Adlerflügel und m 
wirklicher Wappendichter hätte sie auch nur als solche bezeichnet 
Viel kunstgerechter spricht Konrad von Würzburg im Tnmei von Nant- 
heiz ed. Bartsch 440- 44. 452 — 63 über diese Helmzierden. Auch wo 
sich der König sonst über heraldische Gegenstände verbreitet, nothigt 
nichts dazu in ihm einen Wappendichter zu sehen. Da er alles bei- 
bringt, was von dem Thiere, das er besingt. Nützliches und Schönes 
herkommt, ist es ganz natürlich, daß er dabei auch Theile der Rü- 
stung u. dgl. nennt. So erwähnt er noch eine andere Art der Heb- 
zierden IV, 145 f. 

üf dem helme st^n die wider, 
beide hdch nnde nider. 

Vgl. hierzu Tumei 184 — 187. Eine weitere Art des Helmschmu^es, 
die in Deutschland sehr verbreitet ist, Büflelhömer (Bernd a. a. 0. 409) 
wird I, 77 neben Anderem das von der Kuh konunt, knns erwähnte 



DEK KÖNIG VOM OI>ENWALDE. 

G^melioru. Ferner spricht er von der Helmdceka tmtl doreo Gebrauch 
!, 119 f. 

ich sage von einer decke: swä man sie fiieret durch clen melm, 

üz biuten miLcht man secku daz ez Bchdnu belibe 

über hüben und den heim, und den rost vortribo*}. 

Von dem Ileimo seibat handelt er an mehreren Stellen. Seit der 
2. Hälfte des 13. Jahrhunderts begannen die früher von den Riltem 
getragenen zierlichen HbIuic oder Hauben — hier gewöhnlich beckel- 
b&ben oder slappen genannt — durch die großen unförmigen Topf- 
oder Ktibelhelme verdrängt zu werden, welche unser Dichter als kczzol- 
bUete bezeichnet. In seiner Zeit waren beide nebeneinander im Qo- 
brauch. Die ersteren beschreibt er III, 62 f. 
man hSt den bil zuor hnben. 
darAn eö hangt ein slape, 
die fücrt ein frtsclier knape. 
Daneben waren aber auch schon die Keseolhüte allgomeiu in 
Gebrauch gekommen, wie es I, 129. 13() heillt 
der riemeu nme kezzelhuot 
fOeren ritter koehte guot. 
Gegen die letzteren richtet er im 13. Gedicht seinen Spott, indem 
er höhnisch bemerkt, sie seien zwar gut zum Schutz gegen Sonne und 
Regen, aber Hlr einen Ritter eine aebändliche Waffe. Dies Gedicht, 
vielleicht auch die Stelle im zweiten, wo die Heerfahrt gegen das Huhn 
brnnoristisch geschildert wird, veranlaßte wohl Wackemagol hervor- 
zobeben, daß der König „an das kriegerische Leben anknüpfe'. Die» 
Döthigt jedoch keineswegs ihn für einen Herold zu halten^ auch ein 
Spiebnann, der dem Heere folgte, war recht wohl im Stande diese Scbil- 
demngen zu macheu. Überdies ist zu beachten, dalK das Bild, das er 
Ton dem Leben und Treiben der Ritter entwirft, dieselben in einem 
keineswegB gfinstigen Lichte erscheinen läßt: setzt uns dies schon bei 
HOem Spielmann, der auf die Freigebigkeit der Ritterschaft angewiesea 
war, in Erstaunen, so ist es vollends bei einem Herold ganz undenkbar. 
Wir mllssen also nicht allein die Annahme Wackeniagels, daß unser 
König ein Wappenkönig ist, abweisen, sondern dürfen ihn überhaupt {X\r 
keinen Herold halten ; vielmehr halten wir daran fest in ihm einen fahrenden 



1 



*) Auch diese Stella, ho wichtig sie Tür die Qesohicbtc der Wappen iat, 1 
kalae«w«g* benildiBcbp Kenntnisse bei unserein Küsüg vornnss einen, da er ja nicht van , 
4er Helradecke als BesUndtbeil des Wappens — was aio lu seiner Zeit wolil battm 
MboB war, vgl Bernd a. a. O. S68 — Bondem voa jlmm wirkliohen Gebranoh ■ 

• dM Helmes redet. 



216 K. VON BAHDER 

Sttnger zu sehen. Es fragt sich ntm ob ans dem Namen nKOnig*^ 
nicht doch ein Schluß auf die Lebensstellung zu ziehen ist Es 
scheint mir sehr wahrscheinlich, daß wir in ihm einen SpielmannskOnig, 
einen künig der vamden Hute zu sehen haben. Wackemagel selbst 
hielt das für möglich Altfranz. Lieder und Leiche 104, Anm. Einen 
rex juglatorum finden wir in Frankreich aus dem Jahre 1296 bezeugt 
(Du Gange III, 921*') und aus dem 14. Jahrhundert haben wir auch für 
Deutschland mehrfache Belege für das Herkommen, daß von dem Lan- 
desherm einer der Spielleute zum Obersten über alle fahrenden Leute 
in der ganzen Oegend ernannt wurde ; mit diesem Amt. das als Eönig- 
thum bezeichnet wurde, waren verschiedene Rechte und Einkünfte ver 
knüpft, vgl. Spielleute- König bei Haltaus gloss. 1705. 1355 finden wir 
einen rex omnium histrionum in Mainz an Kaiser Karls Hofe. 1385 
ernennt der Erzbischof von Mainz seinen Pfeiffer und Diener Brehte 
zum König fahrender Leute durch das ganze Erzbisthum. 1393 e^ 
nennt Pfalzgraf Ruprecht der Altere zum König über alle fahrenden 
Leute in allem seinem Land und Gebiet den Wemher, Pfeiffer von 
Alzei auf dessen Lebenszeit, vgl. Uhland in der German. 6, 325. DW. 
5y 1697. Man findet auch bei anderen Genossenschaften Könige, so 
gab es einen künig der seiler (Weist. 1, 533)^ einen künig der acker 
und rebliute (a. 1421 aus Kolmar); aber dieser Gebrauch ist später 
und offenbar dem bei den Spielleuten herrschenden nachgeahmt. . Fflr 
unseren König bleibt nur die Annahme offen, daß er ein König der 
Spielleute war; ich halte sie auch für sehr wahrscheinlich, ohne diß 
ich aus den Gedichten selbst eine Stelle anfahren kann, welche daftr 
spricht. — Halten wir diese Annahme fest, so wird sich der Beiname 
y,vom Odenwalde^ in anderer Weise erklären , als es oben versucbt 
wurde. Aus den angeführten Stellen geht hervor, daß ein Spielmanns- 
könig immer für einen ganzen Bezirk ernannt wurde; vielleicht war 
nun auch unser König der Oberste der Spielleute im ganzen Oden- 
wald und hatte deswegen seinen Beinamen. 

Charakteristik der Gedichte. Ich habe schon bei der Be- 
trachtung der metrischen Eigenthümlichkeiten darauf hingewiesen, daß 
die Gedichte in 2 Gruppen zerfallen, in solche, die mit einer gewissen 
Kunstmässigkeit ausgefilhrt sind und in solche, die ganz im Volkston 
gehalten sind. Diese sind es, in denen sich der gesunkene Kunstge- 
Bchmack der Zeit mehr als sonst wo ausspricht 6 Gedichte von be- 
trächtlichem Umfang sind einzig und allein dem Zweck gewidmet, 
nützliche Hausthiere, nämlich die Kuh, das Huhn, die Gans, das Sdiaf^ 
das Schwein, femer das Stroh zu besingen. Daß dieselben soviel 



DEB RÖNIO VOM ODENWALDE. 217 

Beifall fanden — und daß es an demselben nicht fehlte , lehrt ihre 
Anfnahme in die Würzburger Hs. — rührt z. Th. wohl auch daher, 
daß wir eine Menge praktischer Anweisungen und nützlicher Regeln 
darin finden, aber nicht zum geringen Theil war es gewiß die derb 
realistische Tendenz an und für sich^ die so allgemeinen Beifall fand. 
Der Gang in allen diesen Gedichten ist fast ganz derselbe. Jedes der- 
selben eröffnen einleitende Verse, in denen der Dichter erklärt, was ihn 
zum Dichten oder speciell zur Lobpreisung dieses oder jenes Haus- 
thieres veranlasse. Hier macht es sich nun fast lächerlich Reste 
des alten Minnedienstes zu finden. So hat er sein Gedicht auf das 
Schaf zu Ehren einer Frau gedichtet, deren Namen zu nennen er ver- 
weigert IV, 1 f. 

Getihtes h&n ich nü derdftht, die h&t ein edellichen man 

darzao fa&t mich ein firaawe brftht, ich nenne ir niht, sie laub mirz dan. 

Ein andermal wird der König durch Leute^ die gern etwas Neues 

von ihm hören möchten, zum Dichten veranlaßt IX, 1 f 

Wenne ich nü niht niuwe bin, wir solden haben ein niuwez, 

ed sprichet maniger: nn wol bin! künig, tihte uns ein getriuwez! 

Die gewöhnlichste Art aber, wie der König seine Gedichte ein- 
leitet, ist die, daß er ein „geteiltez spil^ aufstellt, so daß das weitere 
Gedicht als Begründung des von ihm gewählten zu betrachten ist. In 
den Reden auf das Huhn imd die Gans stellt er mm den Satz auf, 
daß diese Tbiere weit höher zu schätzen seien, als die Nachtigallen, 
Drosseln und die übrigen von den Minnesingern so unendlich oft an- 
gesungenen Vögel. Im ersteren Gedicht beginnt er sogar mit einer 
ausgeführten Frühlingsschilderung, ganz im alten Stil, und geht dann 
plötzlich mit den Versen: 

nü wil ichz allez abetuon: 
ein achper vogel ist ein buon 

zu seinem Gegenstand über. Die Kuh erlaubt er sich sogar in dieser 

Weise über die alten Weiber zu stellen, I, 1 f. 

Maniger lobt eins herzen trüt, swenne eie tot beliben. 

BÖ muoz ich stille und überlüt daz ist ein michel müewe: 

klagen, daz man glocken gnot man solt der guoten kÜewe 

den tugentldsen liuten tuet: liuten wol mit flize etc. 
man liut den alten wiben. 

Nach dieser Einleitung fUhrt der Dichter in trockener Weise alles 
das auf, was von dem Thicre, dessen Lob er singt, für den Menschen 
von Nutzen ist. Er geht hier in der gründlichsten Weise vor und weiß 
von jedem Körpertheil irgend etwas Nützliches anzuführen. Dazwischen 
mischt er kurze Lobpreisungen des besungenen Thieres. Das Lang- 



218 K. VON BAHDER 

weiiige dieser meist ohne jede Verbindung an einander gereibten Auf- 
zählungen unterbricht zuweilen ein gesunder Humor. Namentlich seidi- 
net sich hierdurch das Stück Nr. II aus, in das eine Schilderung der 
ritterlichen Thaten, die nicht gegen Feinde, sondern gegen harmlose 
Hühner gerichtet sind, eingewebt ist Für die Gesdiiehte der Sitten 
und Gebräuche sind sie alle von nicht geringem Werih. Wir werden 
über Dinge belehrt, über die wir sonst schlecht unterrichtet sind, wir 
erhalten Einblick in die mittelaltrige Kochkunst, die einzelnen Thefle 
der Kleidung und Büstung werden uns vorgeführt, wir lernen mannig- 
fache Volksgebräuche kennen*). Hiebei wird uns eiue Fülle von teeh- 
nischen Ausdrücken geboten, die wenn sonst überhaupt erst ans viel 
späterer Zeit belegt sind. Unsere mhd. Wörterbücher erhalten dordi 
diese Gedichte eine nicht unwesentliche Bereicherung. 

Das Ende ist wie der Anfang in allen Gedichten Mhnlifth. Der 
Dichter fbhrt schließlich etwas an, was zu dem von ihm besungenen 
Gegenstand in Beziehung steht und zu kirchlichen Zwecken verwandt 
wird. Sogar vom Schwein weiß er etwas anzufithren, das zum kirdh 
liehen Gebrauch dient IX, 83 f. 

so sin «lanne die bürsten edel: den man nüttet auch durch gnot. 

man tuot sie in den wfhewedel. daz uns got habe in dner huot! 

Einen wesentlich anderen Charakter haben die rein didaktischeB 
Stücke. Das erste ist das von den langen Barten der Leute. In diesem 
ist die Einkleidung mit weit mehr Ausführlichkeit behandelt, ak in 
den übrigen. Das Gedicht hat die Form eines Dialoges zwischen dem 
Dichter und einer Frau, die ihn um Auskunft bittet^ weshalb man die 
langen Barte trage. Auch dem Metrum nach weicht es von den übrigen 
ab: es hat bloß regelmässige Verse zu 4 Hebungen und zeigt Aus- 
lassung der Senkung in sehr geringem Maß. In den 132 Yenen dei 
Gedichtes begegnet nur ein sicheres Beispiel von Auslassung 59 <te 
ez bediut {bediuht W) die mdnheü. Auch fehlen die ungewöhnlichen 
Wörter, von denen die übrigen Gedichte voll sind. Nur der Dialekt 
ist ganz derselbe wie in diesen ; es kann deshalb nicht aweKelhaft sein, 
daß sie von demselben Verfasser herrühren. — Bei diesem Gedieht 
ist nun noch das Verhältniss der Handschriften festsusteUen, da es 
in zweien, der Gothaer und Würzburger überliefert ist. Die Abwei- 
chungen sind nicht sehr bedeutend und wo solche stattfinden, bietet 
fast durchweg die Würzburger Hs. die bessere Lesart Es liegt sogar 



*) Aach sfur Geschichte des deutschen Rechtes liefSsm ims das S. uaA 7. Ge- 
dicht einige nicht unwichtige Belege. 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 219 

die Annahme nahe, daß dies Stück der Oothaer Hs., die ja wahr> 

Bcheinlich in Wurzburg geschrieben worden ist (vgl. Jakobs und 

Uckert a. a. O.); einfach aus der Würzburger abgeschrieben ist Daftlr 

spricht besonders:, daß die Überschrift in W 

▼OD den langen berten der Inte 

die sie von zeben sacben tragen bäte 

sich beinahe wörtlich auch in G findet. Dagegen sprechen nur die 

Anfangsverse; hier liest W 

Hort der speben künde 
die wil icb ucb künde. 

O liest dagegen : hört die spehen funde, was ich für das Richtige 
halte; die Lesart in W will wohl den rührenden Reim vermeiden. 
W und G; resp. die Vorlage von G, sind also selbständige Abschriften 
des Originals. Ich führe noch folgende Lesarten an, welche mir den 
Vorzug vor den in G zu verdienen scheinen: 11. war stet din ger. 
12. daher. 25. du solt mich unterwise. 31. einer treit 38. im] ieman. 
51. daz er des barts niht wil werde an. 63. also fehlt 67. ey] ie. 85. 
daz er ein wil minne. 97. herzen. 98. lat. 103. weist du. 107. wer. 
108. durch got so lit er arbeit. 121. da liez ichz guot sin. 132. unbe- 
wollen. Ich bemerke noch, daß in der Hs. vor jeder Frage der Frau 
eine Überschrift steht, z. B. worumb der erste treit den hart u. s. w. 

Das Gedicht Nr. VI von dem bade* hat denselben Charakter wie 
das vorausgehende und beschäftigt sich ebenfalls mit Sitten und Ge- 
wohnheiten. Der Versbau ist jedoch nicht mit der Regelmässigkeit 
behandelt wie dort. 

Die übrigen Gedichte sind von allgemein lehrhafter Tendenz und 
haben besonders die Verderbniss der Zeit zum Gegenstand. Auch den 
beiden Fabeln liegt derselbe Gedanke zu Grunde. In der VIII ange- 
hängten Moral werden die Fürsten vor schlechten Bathgebem gewarnt; 
hier zeigt sich wieder der auf die Milde der Großen angewiesene Mann, 
wenn es heißt V. 81 folg. 

wan ir framen diener 

die haben ellenthaften muot: 

den solt ir miteteiln in wer guot. 

In X spricht sich geradezu derselbe Gedanke aus, der auch 
das Thema von XII und XIII bildet, V. 115 alsd get gewaU nü för 
daz reht. 

In diesen 3 Gedichten entrollt sich uns ein Bild von den socialen 
Zuständen, wenigstens in dieser Gegend Deutschlands, das uns die 
•chrecklichen Folgen des Interregnums deutlich vor Augen fbhrt. Alle 



220 K. VON BAHDER 

Bande sind gelöst, das Kind steht dem Vater, der BmdeF dem Brader. 
die Frau ihrem Mann feindlich gegenüber; Meineid ist an der Tsg»- 
ordnuDg. Vor Allem ist es aber der Ritterstand, gegen den sich der 
Dichter wendet: Raub und Brand ist jetzt sein Handwerk, um die 
Feinde des Reiches kümmert er sich nicht mehr. Dabei hält er nicht 
einmal mehr die allgemein ritterliche Form des Absagens vor der Fehde 
ein. Und schon an der äußeren Erscheinung glaubt der Dichter den 
Verfall des Ritterstandes zu erkennen; er ereifert sich deshalb heftig 
gegen die Kessel hüte, die ihm eines edlen Ritters unwürdig erschemen. 
Es ist in der That unserem König zu hoher Ehre anzurechnen, di£ 
er obgleich von der Ritterschaft abhängig doch in entschiedenem Ton 
ihr unritterliches Leben und Treiben verurtheilt. Seine Schilderung 
passen übrigens ganz besonders auf die östlichen G^egenden Frankem, 
hier war die freie Ritterschaft durch keinen mächtigen Vasallen nie- 
dergehalten, hier finden wir auch die meisten Fehden und Handel 

Das Gedicht XI ist nun allerdings wesentlich anders gehaltOL 
Es befaßt sich nicht mit socialen Fragen, sondern schildert die Leidon, 
die der Ehemann eines bösen Weibes zu erdulden hat und ^bt diesem 
den guten Rath sich desselben je eher je lieber auf etwas gewaltsame 
Weise zu entledigen. Das Gedicht trägt zwar den Namen des Königs 
vom Odenwalde nicht, doch ist es zunächst wahrscheinlich, daß es ihm 
gehört, da es mitten zwischen seinen Gedichten steht. Beachtensw^e 
Reime sind ddifrd 21. hochigock (gaeh Hs.) 28, also 6 ftlr 4, was mit 
dem Dialekt der übrigen Gedichte übereinstimmt, aber nicht von ab- 
soluter Beweiskraft ist, da es auch sonst nicht selten vorkommt Uehr 
Gewicht möchte ich auf den Reim griffen : balgen 48 l^en , da die nn- 
umgelautete Form balge ftlr beige, die sehr selten ist (Lexer belegt eie 
nur aus Krone 17697. Renner 18795) auch I, 103 vorkommt: blatbalge^ 
allerdings nicht im Reim. Ein Inf. auf -e begegnet in den 52 Versen 
des Gedichtes nicht. Daß der klingende Reim zum großen Theil nor 
eine Hebung trägt, spricht nicht gegen die Autorschaft des Köni^ da 
dies in XII beinahe ebenso häufig vorkommt. Wenn man den Abstand 
in der Erzählungsweise zwischen diesem und den anderen Gedichten 
nicht für zu groß hält (und er ist nicht größer als der z. B. zwischen 
dem Gänselob und den Fabeln oder der rede vom widereffen), so steht 
in sprachlicher und metrischer Hinsicht nichts im Wege es dem König 
vom Odenwalde beizulegen. — Unser Gedicht steht in nahem Znsanh 
menhang mit der Erzählung vom Zombraten, die in Laßbei^ Lieder 
saal Bd. 2, S. 503—531 zu finden ist. Diese ist wieder eine Über- 
arbeitung der Vrouwenzuht, von einem Sibote verfaßt, die in dem 



DER KÖNIG VOM ODENWALDE. 221 

Gesammtabenteaer I, 42—57 und zuletzt in den Erzählungen und 

Schwänken hgg. von Lambel, S. 313 — 331 gedruckt ist Letztgenanntes 

Qedicht, das nach Mitteldeutschland weist und von Lambel noch der 

besseren Zeit des 13. Jahrhunderts zugeschrieben wird, hat mit dem 

ansengen keinen Zusammenhang. Die Verse 12 — 15 

si ist mir alsd undertftn, dar an kdret si ir vliz^ 

spreche ich Bwarz, si sprichet wiz: und tut daz s^re wider gote 

enthalten zwar eine ähnliche Gegenüberstellung, dessen was der Mann 

und was die Frau will, wie in unserem Gedicht, aber doch bloß kurz 

angedeutet Ganz anders in dem von Laßberg herausgegebenen Stück. 

Dasselbe enthält das ältere Gedicht fast ganz, aber mit bedeutenden 

Zusätzen vermehrt. Der, von welchem die Zusätze herrühren, nennt 

sich selbst V. 957 

ich schriber gib min stiur da zuo. 

Gleich am Anfang wird die oben angeführte Stelle der Vrouwen- 

zuht erweitert 15 f. 

Sprich ich zwarz, so spricht si wiz: wil ich koufen (koffen Hs.) si wil 

daran Urt si iren vliz. verkoufen, 

wQ ich nein, b6 wil si jft, wil ich sl&fen , sd wil si roufen 

wil ich hie, s6 wil si dft, (reffen Hs.) 

Vergleichen wir diese Stelle mit den Versen 20 — 37 unseres Ge- 
dichtes , so leuchtet der Zusammenhang ein. Aber noch evidenter ist 
er in den Schluß versen 971 ff. 

Wann wer ein Übel wib hab, zwdn wolf oder dri. 

der tuo sieh ir enzit ab, wer gesach ie galgen 

enphelche si dem ritten mit wirsern balgen (bälgen Hs.)? 

and lege si üf ein slitten, ez wser [denn] ob man den tiufel vienge 

und koufe ir ein bestü und in oncb (och Hs.) darzuo hienge. 

and henk si an ein estli, hie mit si ein ende. 

ond henk d& bt daz got die valschen sehende! 

Um zu bestimmen, welches der beiden Gedichte aus dem anderen 
entlehnt hat, muß ich die Zusätze der Erzählung kurz charakterisieren 
Während das ältere Gedicht von Sibote keine unreinen Reime enthält, 
ansser solchen, die der md. Mundart angemessen sind oder solchen, 
wie sie auch in der besten Zeit der mhd. Dichtung vorkommen, zeigt 
die Bearbeitung bereits recht zahlreiche auf. m:n ist sehr häufig ge- 
reimt hein : ein 293. 356. 938. : clein 573. man : vemam 300. gan : lobesan 
552. ng reimt auf nn geiminnen : gelungen 164. h:g m clag: hob 819, 
Consonantenausfall in wort : vorht 431. zom : mom 631, Von Vocalen 
reimt ä : 8 tdn : schdn 290. i : ü kiinnen : sinnen 167. tu : ü f runden : Sünden 
262. Nach diesen Reimen zu schließen, kann das Gedicht nicht vor 
der Mitte des 14. Jahrhimderts entstanden sein. Aber auch wo es 



222 K. VON BAHDEB, DER KÖNIG VOM ODENWALDS. 

entstanden ist, läßt sich unschwer feststellen. Die md. Sprachfoimen 
sind durchweg beseitigt, kein Inf. auf -6 ist stehen gelassen. Daß ia 
Verfiftsser der Bearbeitung in Mitteldeutschland nicht zu Ebiuse war, 
geht auch daraus hervor, daß er den Namen Hennenberey der in der 
Vrowenzuht V. 440 und 586 vorkommt , nicht verstanden und eimnil 
entstellt (666 und toaere er groaer denn ein bere\ das andere Mal 
ganz übei^angen hat Der Reim hüebiiäi 323 fährt uns nun noch 
näher auf alemannischen Boden (Weinhold AI. Qram. 23. 347). Da 
die dem Liedersaal zu Ghrmde liegende Hs. in der Schweiz geschrieben 
ist, so ist es leicht möglich, daß der Schreiber dieser Hs. auch so- 
gleich Überarbeiter der Erzählung ist Ich bemerke noch die dem 
Dialekt des Gedichts eigenthttmliche Form «vtt = n (1. Conj. Praea.)) 
die 285 im Reime auf tn steht und bei Weinhold nicht angefahrt ist*). 
— Daß unser Dichter seine Verse nicht aus der Erzählung vom Zorn- 
braten entlehnen konnte , steht demnach fest; es wäre ohnehm od- 
wahrscheinlich, daß Jemand den Anfang und den Schluß einer längeren 
Erzählung zu einem kurzen Gedicht zusammengestoppelt hätte. Es 
iragt sich nun, hat der Überarbeiter der Erzählung das Gedicht des 
Königs — angenommen, daß dieser der Verfasser ist — direct benatst? 
Ich halte es nicht fiir notbwendig das anzunehmen. Die Verse vom 
bösen Weib, welches nie das will, was ihr Mann will, und der dann 
geknüpfte gute Rath giengen gewiß sprichwortartig umher und könnes 
von beiden Dichtem unabhängig in ihre Gedichte verwebt worden sein. 
Es bedarf kaum noch der besonderen Hervoriiebung, daß sDe 
Gedichte des Königs nur ftlr den Vortrag und nicht fiür den Gessi^ 
bestimmt waren. Er nennt sie selbst |,rede'' oder „getihte* und be- 
zeichnet seine Thätigkeit als „tihten''. Die gelungensten Stellen in 
seinen Gedichten sind offenbar die, in denen sein Humor zum Aus- 
druck kommt So ist die Erzählung in den beiden Fabeln vortrefflich; 
es ist zu bedauern, daß der Dichter nicht mehr von dieser Art ge- 
schrieben hat. f^entlich dichterisches Talent besitzt er nicht und dia 
gesteht er, obgleich er hin und wieder mit Wichtigkeit von seiner 
Kunst spricht, auch selbst ein, wenn er klagt III, 112 die rede wart 
mir sür. Eines aber können wir unserem König nicht bestreiten: ds£ 
er uns ein treffliches Bild von der Sprache, den socialen Zuständen, 
Sitten und Gebräuchen des Frankenlandes im Anfang des 14. Jah^ 
hunderts entworfen hat KAJELL VON BAHD£R. 

*) lYs^' ^^^° jetzt Bech oben 8. 161. Danach ist mach im Danaolin 96S (v|L 
Anm.) tragen f&r (raffe stattbaft. K. B.] 



O. BESAGHEL, GOTTFRIEDS VON 8TRASSBURG TRrSTAN elc. j 

GOTTFRIEDS VON STEASSBÜEG TRISTAN UND 
SEINE QUELLE. 



Im Jahre 1869 hat Heinzel eine größere Untereuchuiig vcrüETeut- 
lioht: Gottfrieds von äLraQburg TristaD und seine Quelle, Zeitschrift 
für deatsches Alterthum XIV, 272—448. Trotz alles Scharfsinnes und 
Fleisses konnte bei dem ihm vorhegeoden Material das positive Eud- 
ergebnias seiner Forschung nur ein verhältnissmässig geringes sein: 
er „zeigt uns weniger, wie die Quelle beschaffen sei, als wie sie nicht 
gewesen sei" (Beckstein, Einl. zu seiner Ausg. p. XXXVIII). Danach 
wdinnt die ganze Frage ziemlich hotfnungHlos. Dem ist aber nicht 
to, denn Heinzel hat etwas wichtiges übersehen, indem ihm die nor- 
diftcfaen Fassungen der Sage unbekannt geblieben sind. Es sind deren 
awei — beide in Proea. Die eine, kürzere Bearbeitung ist nach der 
nnzigen Handsciirift von U. Brynjulfsaün herausgegeben in deu Aii- 
Daler for nordisk oldkyndighed og bistorie 1851 , p. 1 ff. Von der 
Eweiten, längeren Bearbeitung existiert eine vollständige Papierhand- 
scbrift, cod. Arnamagn. Nr. 543 ; sie iet noch nicht veröffentlicht ; doph 
hat Brynjulfsson seinem Abdruck der ersteren Fassung eine Wieder- 
gabe einiger Pergamentfragmente aus der zweiten angeftlgt. Die beiden 
Bearbeitungen stehen in keiner näheren Beziebuug zu einander ; 
ebenso wenig hat die gedruckte Saga etwas mit Gottfrieds Gedicht zu 
thuu. Desto mehr aber die zweite, von der nur die wenigen Brtiuh- 
Btttc ke bekannt sind, nRmiich aus Tristans Jugend und Entfllhrung, 
BUS dem Kampf mit Morold. 

llsn prllfe folgende Qegen Über Stellung: 

Xn&naler p. 8ä: 

Nu lern racilisQiadr fäun theiinti 
ktburd um sina friäu fru, ^a maelli 

hann, »t ekira skyldi barnit, at tkki v. 1966: dö vas dem klchieD kiude 
d»ei oskirt, der beilige tnuf beicU. 

awie ez ime dar nach ergieoge, 
daz ur docli krieten waere. 
ok kom pB. kenaitaaSr med krbma nu daz bId toufiiere 

ok gaf baminu, ok segir hvat heila allea eines dinges wss bereit 

ftkal; ok maetli: [tat syndist mer rait, v. 1989: sehl, sprach ur, 
•egir bann, nt sakir härme ok hug- 
•ottar, hijggleik» ok piniaga, angn 
ok MOa, Bkira ok margra lorga, ok 
I af Iräniiulignm atburd, er a obs feil i 






224 



O. BEHAGHEL 



bans burd , |>a se sveininn nefndr 
Tristram. 

£n i )>es8a mali er trist brjggr en 
bum er madr, ok var pvi snuit nafni 
bans, at fegra atkvaedi er Tristram 
enn Tristbum ; pvi skal bann svo beita, 
segir raedismadr, at bann var oss 
fiieddr i brjggleik, bann hefir tapat 
gamni ok gledi, fedor sin um, vorum 
berra^ maedur sinni, Yorri fru, ok samir 
oss af pessn at brjggjast, at bann 
var i barmi ok sorgam faeddr, ok var 
bann pA Tristram kalladr ok skirdr 
med ))vi nafni y ok af )>e86am sökum 
fekk bann petta, nafn, ))vi at bann 
var i sorgam getinn ok sottum borinn 

ok £aeddr med bryggleiks börmnm, ok 
barmsfiill var öll bans aefi, })vi bet 
bann Tristram i ^rdugom baetti, at 
brjggr vakti bann ok brjggr svaf bann^ 
brjggr do bann, 

sem {)eir mann visir verda er fram- 
leidis beyra sögana. 

Pvi naest let raedismadr bera brutt 
bamit or kastalanum a launangn til 
hjbjlja sinna ok let vardveita bann 
virduliga fjrir ovinam, ok po le3niiiliga, 
ok vill bann anngam manni sveininu 
npp segja, at bann se son bans berra, 
ok band bann pA systur sinni at fara 
at bvila, ok er nokkar stand var lidin, 
p& let bann bana i kirkja ganga ok 
let bvervetna boda, at bon befdi pett& 
bam getid ok faett i ])ann tima, t)vi 
at bann vill ekki, at konungrinn verdi 
visSy at {)essi er son bans herra*); ef 
konungr maetti sannfrodr verda, pA 
mjndi bann skjott lata bonam fyrir- 
fara, at bann fai ekki af bonum o- 
frid ok skada, manndrap ne rikis- 
baska. 

Annal. p. 84: pvi naest bar so vid 
eina dag, at eitt mikit bafskip kom 



V. 1996: sd nennen wir in Tristtn. 



V. 1997: na beizet triste triare 



V. 1998—2020. 



V. 1994: wie si diz kint mit triare enpf 
mit welber triare siex gewan. 

V. 2089 : seben, wie trüreclicb ein leb 
ime ze lebene wart gegeben. 



V. 2011 : seben an den trürecltcben ti 
V. 2004: daz kiesen an dem maere 



V. 1894: and bevalcb ir verre and) 

den 1! 
daz si sieb in leite, 
v. 1963—61. 

V. 1928: bie wart ein maere sft zehti 
dia gaote marscbalkinne 
laege eines sanes inne. 

V. 2029 : der getriawe tete ez umbe da 
er vorhte Morgftnes bai: 
ob er daz kint dft wiste, 
daz er ez so mit liste 
sd mit gewalte verdarbte, 
daz lant an ime entarbte. 

V. 2148: in den ziten ande do 
kom ez von aventiare also, 



*) Die Überliefening ist offenbar etwas zerrüttet: baudharm 9p9tur s mni stim 
nicbt zu perma atburd um aina fridu fru und ferner sollte der Absobnitt Aber das v< 
gebliche Wochenbett vor dem Theil, der die Taufe bebandelt, stehen. 



GOTTFRIEDS VON STRASSBUBO TRISTAN UND SEINE QUELLE. 225 



liglanda ok )>eir kÖBtadu akkeri i höfii 
Bodir kastalannm; )>e88ir vom reknir 
))aiigat i lanngum nordanTedram, nor- 
nenir kaopmenn med mörgam vamingi. 

Par Tar a mikil gravara ok hvit 
skinn ok bjorakinn, svartr eafali, tann- 
▼ara ok bjarnfeldir; gashaukar ok gra- 
Talir ok margir hvitvalir, Tax ok hudir, 
bnkkaskiim y skreid ok tjara, lyn ok 
brenniBtein ok albkonar norraen Tara; 
ok koma pA penn tidendi dl kastalaDs, 

ok maeltoBt peir vid, synir raedismanns, 
ok kolluda til sin Tristram. 



Peir maelta til bans: hvat skulom 
Ter at gj5ra; er Ter höfüm aungva 
fbgla OM til skemtanar, en nu em her 
komnir a skipinu margir ok binir firi- 
dnstu? En ef pu tüI doga ose, )>a 
kemr )>a ollu aleidiB, er per likar at 
bidja fodar Tora, )>Ti at aldri Bynjar 
baniiy De modir vor, pess er pn bidr; 



fyrr kapa )>aa VII bina TÜdusta, enn 

)>aa fja )>ik angrast; 

ok badu )>eir bann sto rnjök, at bann 

bet )>eim til stadar; 

fora peir ps, til skips allir; 

)>eir leta gyna Triitram faglana; en 

kaapmenn Tora norraenir ok skildu bTor- 

ki brezka ne Tokkn ne adrar tangu> 

at £aera saman kanp sin. 

Tristram Tar )>a fraeddr nokknnim tan- 
gum, ok gj5rdi bann kaap Tid )>a um 
Vn fngla, enn fostrfEidir bans greiddi 
Terd fyrir, ok fekk )>a braedrom sinam. 

Sidan sa bann par skakataflsbord 



ok spordiy ef nökknrr kaupmanna Tildi 
tefla Tid bann, 

OEKIUIIU. HSM Baihs XL (XXIIL) Jftkig. 



daz Ton Norwaage über sd 
ein koofecbif nnde debeinez m6 
in daz lant ze Parmenie kam 
und sin gelende d& genam 
und üz gestiez ze K&ndel 
TÜr das selbe kastei. 
T. 2198—2207. 



T. 2 1 60 : tU scbiere wart d& ze hoTe geseit, 

waz d& koofffttes waere. 
T. 2167: biz zwei des marschalkes kint 

nnder in zwein worden enein, 

daz si Tristanden zuo zin zwein, 

ir wftnbruoder, n&men. 



T. 2176: der edele Rüal iieze 
und baete ez ndte Terläo, 
ez enmüeze allez tut sieb gän, 
des stn frinnt Tristan baete. 



T. 2173: und bäten den bebanden. 



T. 2189—93. 



T. 2231 : und sprach daz in ir zungen. 
T. 2218: Tristande biez man koufeh sä 

Talken unde smirltn. 

die sine bruoder selten sin, 

den wart gekoufet ouch durch in. 
T. 2217: Ton äTcntiure ez dd gescbacb 

daz Tristan in dem schiffe ersach 

ein sch&cbzabel hangen. 
T. 2228: ei| sprach er, edeleu koufman, 

sd helfe iu got, und kunnet ir 

scbftcbzabelspil? daz saget mir! 



226 



O. BfiHAGHEL. 



ok einn for til ok settn {)eir ok logdu 
vid mikit fe. 

Sem fostri bans sa, at bann sat at 
akaktaflsbordi; {)a maelti hann til bans: 
8on minn, segir bann, ek geng beim, 
en meistari pinn bidi pin ok fylgi f)er 
beim, pA pn ert buinn; 
ok dvaldist pa med honum einn kar- 
teis ok haevenkr riddari. 



Enn kanpmenn nndradu penna unga 
mann ok lofadn konnustu bans, list 
ok fegrd ok atgjörd, yiskn ok medferd, 
er bann npp lek )>a alla; 
ok ibngdu {>eir, at ef |>eir kaemi bonom 
bmtt med ser, at peim myndi mikit 
gagn af standa bans knnnustn og marg- 
firaediy svo ok, ef peir vilja selja bann, 
pA fa ))eir mikit fe fyrir hann. 

Sem bann sat geymandi leiksins, pA 
drogn )>eir npp sem lejnilegasf strengi 
sina ok akkeri, 



ok leta ut bera skip or Yoginnm; 
skipit yar tjaldat, ok rak fjrir vin- 
dinnm ok straaminam, svo at Trist- 
ram vard ekki Tarr vid fyrr enn t)eir 
vom Qarri landi; 

)>a maelti bann til kanpmanna: herrar, 
bvi vili |>er svo gjöra? peir segja: 
fyrir |>vi at ver viljnmy at pn fyl- 
gir CSS. 

Fa tok bann pegar at grata ok illa 
lata ok sjalfiui sik barmandi 
ok svo riddarinn, sakir astsemdar; 

ok ptk toku Nordmenn meistara bans 

ok leta a bat 

ok fenga bonom ar eina 

Na er nppi s^glit ok skipit fnllskrida. 



V. 3241: jft, sprach ir einer, 

V. 2245 : wol her sd wil idi incb bestlo. 

V. 2247 : sos sftsen si swte fiber dts ipil 

y. 2248 : der marschalc sprach: Tristti, 

ich wil 
wider üf ce herbergen g^; 

V. 2252 : sd sf din meister hie bi dir, 
der neme din war und hfiete dtn. 

y. 2257 : and sin meister, der siki pflie, 
von dem ich in wol sagen mae 
vor wftr, ab ans dis maere seit, 
daz knappe nie von bÖTescheit 
and von edeles herzen art 
baz noch schöner gedelt wart. 

V. 2273—81. 



V. 2296 : biz aber die werbenden nio 
ze r&te wurden ander in^ 
kanden si in iemer bringen hin 
mit deheiner slahte sinnen, 
si möbten sin gewinnen 
grdzen framen and dre. 
and biten oach dd niht mftre, 
si gebaten ir raoderaeren, 
daz si bereite waeren, 
and zagen si selbe ir anker in, 
als ez der rede niht solde shiL 
si stiezen an and faoren daa, 
sd Bse, daz es Tristan 
noch Karvenal nie wart gewar, 
onz sie baeten von dem var 
wol eine gr6ze mile briht. 

V. 2323 : ach, sprach er, edden'konfMS) 
darch go^ was gdt ir mit mir u ? 

V. 2327 : diz enmae nn nieman bewtn, 
ir müezet hinnen mit ans vam. 

V. 2330 : Tristan der arme der haop do 
b6 jaemerltcbei klagen an, 
daz Karvenal sin frinnt began 
mit ime von herzen weinen. 

V. 2338: Karvenalen satsten si dd 
in ein vil kleine scbiffelfn 
and leiten zno zime darin 
ein rnoder. 



GOTTFRIEDS VON STRASSBÜRG TRISTAN UND SElNfi QÜfiLO:. 227 

Hier endet leider das erste Bmchstttck; nun noch einige Stellen 
ans dem zweiten (Annaler p. 85): 



En ef engl finnst Tildari til enn ek, p& 
•kal ek sakir fraenda mins, konungs- 
ins, einn moti einam gjarna berjast 
med sliku afli, sem gad hefir mer 
led; 

en ef peasi er sterkr, t)a er gad mattigr 
at hjalpa mer. 



Ann. p. 86: }>a maelti Tristram harri 
roddn: heyrit, herrar ok höfdingjar, 
leDdir mean ok riddarar, jngri menn 
ok ellri, er hera erat komnir. 

Morold er her nu kominn ok segir, 
at \>er eigit skatt at gjalda, ok })vi at 
haim er vanr hvert ar at taka. 

En hami var sottr jdr med rani, 
afli ok ofriki, ok geaga per aodir aoaad 
med rangendum, p& er Irir heijuda a 
jär ok heida ofridi a England^ en peaan 
lands menn gata ekki varizt ne fridazt 
lyrir ser med ödrnm haetti enn skatt 
gildast vit )>a fyrir ofriki, 
ok hefir jafhan syo Terit sidan 

p. 87: ek em na ekki buinn til bar- 
daga, )>Yi at ek hefi her litinn her; 

)>a er ek lendi i Bretlandi, }>a hug- 

doBst ek ekki sliks ))arfandi 

p. 87 (8. Absatz): Na era fest band- 
sol )>eirra i milli til einvigis, 

ok gengr mt Moroldr til strandar ok 
hnUa 



y. 6151: and ist; daz ir deheinen man 
niht maget geherzen hier an, 
deiswAr, ir herren, ad wil ich 
mlne jagent and min leben 
durch got an &ventiare geben 
and wil den kämpf durch iuch bestän. 

V. 6177: wan den ich eine sol bestftn, 
der ist von muote und euch von kraft 
ein lange her bewaeret man: 
nö gftn ich aller drest an 
an muote und an der krefte 
and bin ze ritterschefte 
niht alsd kürbaere 
als uns nu ndt waere; 
wan daz ich aber ze vehte 
an gote und euch an rehte 
zw6 sigebaere helfe h4n. 

Y. 6262: ir herren alle, beeret her, 
der künec, m!n herre und sine man, 
sprach aber der wise Tristan. 

V. 6265—72. 



V. 6273—88. 



T. 6289: als ist daz michel anreht 

an iu begangen iemer sit. 
V. 6396 : min ist hie nu niht alae vil, 

daz ich ze lantstrite 

ibt gewärliche rite. 
T. 6404 : ich wände, ez sas niht solte ergftn. 

V. 6490: er bot ouch ime d& widere 

des kampfes bewaerde 

mit herter gebaerde. 
V. 6505: Morolt faor w&fenen sich. 



\b* 



828 O. BBHAQHEL, GOTTFRIEDS VON STRAS8BURG TRISTAN «W. 

Nach dem Vorstehenden kann es wolil keinem Zweifel nnteriiegen, 
dsBB Gottfriede Werk und die Sag& im WeBentlichen luf 
ein and dasselbe französische Original zurückgehen. Wir 
haben somit in der Saga ein ziemlich sicheres ilittel , das VerhJtltnitt 
Gottfrieds zu seiner Quelle zu beurtheilen. Welches ist aber nun Jen» 
gemeinsame Original? Schon Brynjulfsaon bemerkt, daß die Saga eine 
Bearbeitung, beinahe Übersetzuiig von Thomae ist; folgendes sind die 
Worte, welche Michel 11, p. I entsprechen: 

Frti ! kTftd bon, daud em ek af aorg Osme, dit Brengieo, morte niii 
ok hannt; 

otyajji sa ek |>aiin dag, er ek keadist, 
*i3 ydr ok Tristram DODOBta piaa, 
ok let ^Ttr sakir bans ok fiin baedi 
fraendr ok vioi, fostriand mitt ok mey- 
dom sakir ^liaDBr bejmBka ; 
gad veit pat ek gjörda )iat vegna e: 
dar J^iunar; 

en TrUtram hüiD vandi eidrofi, er gud 
gefi irivirdiDg a )>euaiD degi, i 
hami tyni hiid lifi. 



Mar ri Tore qae tqs cnnni 
i vne e TriEtau vottre ami. 
nit mun pata pur vus guerpi, 
1 puB pnr voBtre fal vniage 

perdi, dame, man pucelage. 

jol fi*, certes, pur vostre amar 

Voa I 



I pramiatea grant boDor 
E Trütran le parjure, 
ki den doinst ni male aientnre 
e dnr encnoibrer de sa vie. 



Also: Gottfried und Saga haben im Wesentlichen ein und &• 
selbe Quelle: Gottfried und Saga stimmen in den vergleichbareo ThlilM 
2u Thomas: ist also doch Thomas die Quelle für Gottirieds Tristan? 

REIDELBERG. den I. Hai 1878. OTTO BEHA.GHEL. 



Noch ein Wort von Berox. Heinzel hat mit unendlichem Scharf- 
sinn alles, was wir von ihm besitzen, in zwölf Lieder, bezw. Brust- 
stücke von Liedern zerlegt In wieweit Heinzel fllr die EinzeUteiteD 
seiner kritischen Sonderang Beifall gefunden hat, weiß ich ntcbt Du 
aber scheint mir unzweifelhaft, daß nicht jedes seiner Lieder in dff 
Gestalt, wie er es uns herausgeschält hat, zu irgend einer Zdl, « 
irgend einem Orte eine organische , ursprüngliche und einheitliche 
Dichtung gebildet hat Der Beweis liegt einfach darin, daß in 
destens sweieu seiner Lieder sowohl normannische als nicht non 
Reime vorkommen: 

Normannisch — nicht normannisch 
Lied VII: 1966:67 deaenoit : out 3166:67 se dementoit : eatoN. 

Lied X: 3743 : 44 behordot : poot 3847 : 48 cBgardoient : cstoient. 

8891 :92 ne m'envoie : 



k *- 




A. HOEFER, ZU PFEIFFERS ABDRUCK AUS H. KORNER. 229 

Dazu in dem letzteren Lied noch die Spur eines DiaiekteSt dem 
keiner der aa^efohrten Reime angehören kann, so daß also in dem 
einen Lied drei Mundarten vertreten wären: 

4064 maistre n'en est dont la Tcnait 
es Pavillons ont joie £ait, 
was ich freilich nicht ganz verstehe. 

HEIDELBERG, den 14. Mai 1878. OTTO BEHAQHEL. 



ZU PFEIFFERS ABDRUCK AUS H KORNER, 

GERM. IX 257 fl. 



VON 

ALBERT HOEPER. 



I. Die Hannoverse he^g. E[ zeigt in den von Pfeiffer der Wiener W 
entnommenen zwölf Oeschichten Körners größere Abweichung etwa 
7 bis 8 mal, wo sie selbst doch nicht ohne Pehler und Versehen, mit- 
unter etwas verworren ist Daneben berichtigt sie. einige offenbare 
Verderbnisse von W, denen aller Sinn fehlte und entscheidet nicht 
sehen in zweifelhaften Pällen. Unzählige kleinere Varianten, meist die 
Schrifi betreffend, sind völlig gleichgiltig imd wertlos, weil sie ohne 
Strenge imd ohne Regel Falsches und Richtiges vermischen, o und a, 
6 und ü, @ und ee, ei, g und gh, gk, d imd t, dt, s und z, seh 
and sc udgl. wechselt in voller Willkür. Leider fehlt der Anfang, 
denn H beginnt Bl. 20" = W 16^ Pf. 264 z. 18 mit dem Worte ut- 
vletenden, mitten im Satze, so daß was im Voraufgehenden falsch, 
von ihr un verbessert bleibt. Falsch aber ist hier manches, so gleich 
in der Vorrede S* 258 z. 4 denknisse was nicht nachweislich, ftUr 
decknisse W» womit dechtnisse gemeint ist, dessen t manchmal 
fehlt, wie in anderen Fällen auch in W. Z. 6 gehört das Komma 
nadi vor, in 7 vermute ich: vortsettinghe unde vorvolgheden se na 
eren tiden, indem ich das überflüssige na en streiche. Z. 16 edder? wol 
efte. Z. 19 ist der gennen herzustellen, vgl 77, 15 (so schreibe ich 
auch nachher kurz ftlr 277). Dasselbe gilt von 62, 37 junghelin und 
64, 38 so vro (H also vre) die beide Germ. 15, 76 — 7 in meiner No. 26 
gerechtfertigt sind. 61, 4 ist vielleicht zu bessern: volgede erfliken in 
dat gut unde in dat rike ; 62, 4 ist S n falsch ftlr e n ihnen, ib. z. 5 ist 
lavenden übersehen, 63, 21 hem wie es nach Note 19 scheint, fär 



290 ^ HOEFEB 

ken gesetzt 63, 37 für herscupt das doch recht sein kann, erwartete 
man eher werscup. ib. z. 11 wolte:wolde. 64^ 12 nap, den. Ebenso 
zeigen später die Randnoten, daß oftmals und ohne Not me in men, 
wart in wirt, wert und werd, wonet in wonent u. a. verändert worden. 
Die Abweichungen in H gebe ich nur im Anfange vollständig 
wieder, nachher übergehe ich alles Unbedeutendere ganz oder ver- 
zeichne es doch nur hie und da. 

€4, 21 hadde vor ene t. apen 22 sik de enghel nnde (doch ab- 
gekürzt) Amel-din broder 23 m. ereme bl. 24 1. eme wil nach he 
25 engbel vor van dar 26 Am. de rede h. ward 27 vor ainer kinder 
BD fehlt gr. eme 28 gherne t. r. h. vor si. vr. 30 wenende 32 vriiod 
here 33 hefst 34 atsetschen. — m. eme w. 37 vorghaten blnt 38 woid 
also vro w. sund Am. (Pf. vord für vro W) 

iSy 1 van einer krancheit nnde eme 2 in fehlt 3 vronwede sik 
5 swareme 6 kammeren 9 strime ein rod sidenv. 10 venien 11 tenden tr. 
gnde gades 12 er alle schefte 13 sik god b. eme n. sime brodere hadde 
14 gode nach se holdende 15 das zweite nnd fehlt twe vor le?. 
16 in einer 17 hals nmme dat se vor let in einer kranch. nnde 20 godes 
24 deme 25 sone Loringo 27 misse efte 28 weracop 29 id sick 
godee 30 bratlacht 31 tid hadd hadde wente 33 taffeien 34 höret 

35 stad (für stal) sick fehlt 

U, 1 hemelken 2 sende effc ienich 6 ginck 7 — 8 Witten waet m 
9 de sne grote 10 sime 11 bat vrontscup 12 wertscop twidede 
13 em to hope 14 sone 16 erb. olden kamen 17 sachtmodieh vorgeta 
tom 18 entfinghen 19 erb. gast in taffeien 21 siner wort 22 w. bere 
tnchtUcheit (also wollatenen? odw beßer nnde bere w. t?) 23 sodiner 
vorwunderent = W (ob sodanet?) 24 allene ene 25 wart so ghevrowet 
nnde vorblidet van 26 nnde blid. fehlt 28 lasUiker 31 wan se alle de 
leflike spise (ohne verb.) 33 gode ghed. orlef (ebenso 40) gast vto 

36 nnde nacht mit em 37 dat (für sat) 39 ik (für icht) 

(7y 2 de in der taffeien weset 3 de olde erw. 4 sad wedder dar vp 
5 allen den setteden np ap 6 he was bmdegham kamen 9 schalt 
knsscher 10 schaltu (beide mal) kamen 12 schol an m. werscup 13 dtt 
vor ghelavet 15 weren de lev. beide samende 17 sick to ridende 
18 kleinen 19 tavend wan d.h. zu Abend^ also! zu streichen, knm 20iBw 
käme 21 ick vor inw 22 desse r. L. h. 23 Witten stan sette (<^e sik) 
24 scedede van 25 beqnemelicheit 26 schjre wese 28 bnwet van e. 
29 agb. = W sick eme 30 apenb. ghekleidet m. also k. 31 ni vor 
38 gntl. hinter gast 33 em 34 ding 35 sen mjer (meint ni er) 
An (nndentlich fQr Van, Wan, was richtig, denn z. 35 — 38 lauten inHso:) 
An der wunneliken Insticheit der borghere nnde borgherschen onde des ghe- 
buetes worden sine oghen so sutliken ghespiset unde he vorghad alle liflike 
spise nnde drenke, van deme wnnliken overscherighen (d. h. aberfließesdea, 
reichlichen) soten sanghe der borghere n. der borgherschen| der schalrnddeo, 
basnnen nnde des seidenspeles nnde der mennichvolden vögele worden sine oroi 
so vorvnllet onde vordnpet in vronden dat he 



zu PFEIFFERS ABDRUCK AUS H. KOHNEK. 231 

(8, 1 vorghat laten man S behsgede 4 sust 8 ea wile hir 
9 miaeme h. 12 her 13 werde 16 schalta 16 dar do IT mer an h, 
(Pfi lankmf r üt nichu, dachte er an iid. vortmär, engl, furtbermore, Gramm. 
3,595? W halte offenbar nur richtiges lenck das dorch oben diuiebeii ge- 
MUtes mer wol verdrängt oder erklärt Verden sollte.) 18 deme 21 do Lor. 
Hpp« 23 ua Bime 34 appe 2b ieghen dar he stund 26 vor en 27 raderea 
S9 bere o. (ob he acre?) 30 bedrughen en 31 drade 34 me = W (Pf. 
ineti wie oft) S5 poct. langhe 37 lal 38 riden m. em van iveodeD 

M, 1 kamen wet (für ich habe ich kein ik angemerkt) 2 nat ik 
Mggben 3 ik uu viade en kl. gheb. srat schal 4 aotverde do nat is 
h mime 6 gheweat 7 ghcweseti wol gheh. ä vader Do sede Loringua 
9 dt leve 10 de p. 12 brochte (wiederholt) deme gbeseten 13 en wetb 
14 Torwn. wor (für eft) 15 eint edder eft ik e^ tj (für en uy, enbin) 
I6 men dit 17 morgene ick fehlt. 18 gist. 19 hir ia 20 to vullen 
ort verschr. 'il — 22 an em (nach wu. werk) stund an 24 ghe fehlt 
i6 godeab. 36 unde salicheit 30 bete 31 dar 32 dat is enket (fär m. 
gi. t.) 33 dat wund. 35 ii. alle mineme gherede 3G jegben vader 
ntoM 37 ae do 38 hate em an aineme 

3ff, 1 eels. schiebt« 3 godee m. de dar van m. gbelavet 4 alle de b> 
S abbate he fehlt 7 do den 9 gadea 11 nen in a. m, 12 dat mark. 
18 e«t ^ W 14 ere willen hir v. m. gheladet antwerde 15 erates noch fehlt 
16 don vor den jnw tiprak de 17 enes betes uppe 19 an siuen m. 
a. den begand to 20 gingbcn em alle i. naturliken krcfte 31 einem 

32 gnuw 2teB eme fehlt lang 24 pr. alle rorw. 26 me ;= W BKCra- 
mente 27 enlfing so vort gaf 

71. 2 up bet = W. ob best? umme den ram (für thum] 4 vor«, 
der bore 6 dana 7 bedudde 8 densende en den 10 prester« II allike 

13 mojrgede 14 gedantzet 17 doode ifert gode dat 18 ambed. de iuw 
biitene alao 20 bore echude do 32 dann. 25 nnwedere alle qu. iegene 

:o il. (wie gew. getrennt) clawe 28 dot 31 aelaen 32 scholde singen 
72,1 seholde fehlt hier hur Odb. 6 ou (beide mal) 7 in der hilgen 
nacht in de k. 9^10 he eae ivrake 12 eo moten hele iar 13 den prester 

14 a&i 16 iar umme et. 17 nicht fehlt regen nnde scho (nach kled. 
18) 18 en wau 22 na nie w. 22 — 23 bischup H. v. C. wech dar heen 

i w. 24 danaene iamerÜcheit 25 iuw (beide mal) 26 inw 27 wegene 
luunen amen 26 unde vor altare gode [ohne to) 39 u. de b. 30 tw. 

. «rowen 31 kondor (Ifür -den) 32 wecken 33 w. dat se bevede 
hmtde 34 konden me en 

73, 2 unde (nach M] satte 3 uettede 5 verdaget vor deme keisere 
vaa d. f. 9 dar lange 14 werdes vrowe t. aone 19 hergeberge (vgl. 262, 19) 
»Im 25 de wiedei'holt vor deden 27 «rolt 28 beweget 30 »in berte 

dat kint 7 der fehlt 9 bot er 10 vruntscbup = z. 20 
19 nacht was (des o. fehlt) 16 an deme 19 weder 
26 enkede 38 moyicfaeit 31 efte id 32 drutt 
1 — 2 Tond. zele gbenomen van sineme ttcbamme ghenamen also 
'also Terwirrt aele wiederholt und ghenomen für ghe- 
b. fehli 5 ofte van 6 en gbiugb nicht an de 6 W o 



1 




4 

I 

I 



> :S2 

fehlt i> Truiidc 13 — 31 Also ae do enes dAghes Beten over de dUche 'i. 
Tond. wolde nat ipisc in de rnnnt steken , do bestarlT eine de haut Tor deme 
mnnde, mit deme atortede he dale uppe de erden u. wna doL Do lepeo de 
knechte to u. nemeu necli de spise. Dar wart en schrigeul n. haotslagheul 
van den vmnde u. «inen neghesten n. de ghautae atad becUghedeu den ajloaen 
n. snellen dot des riddera. Van deme mitwekeiie an wente des Bunnareadea 
lach be so iamettiken dot u. ongbegraTen. Wente in siner Incbteren aiden 
der borst voldcn de meistere noch werminghe u. bewegbinge aines herten roen 
dat he bedusct wns [ande?] van groter awarer leede de liuham «tillet was. 
Des EunnATende entwarp (^ tlv) he sik wedder u. qaam to «ik aal*«« u. 
■uehtede to niaJe aere u. aach over alle dat rolk u. sprak mit lader atempne 

to deme volke alle dat verach in dcme salteie: ob. god drofniue h, 

du mi ghewiaet u. heat mi w. — — erden heatu mi ghevorel a. nedder gbce- 
Bchet. Do ghafT he dor got armen luden gbeeatlik u. nertlik Hllent dat he 

hadde a. ghingh do meer to der kerken u. deende gode vlitighen n. lavedc 

Do hof he an n. sprak altent wca he gheaeen hadde: Do de sele scheide at 
min^ lichamme, do sach ae enen nntellikcn tael der unreinen gheeate ae unune- 
vangheo, de aprekcn to er: wilkome sietu une etc. ^ W z. 32 schollen 
33 so aach 34 achinen 36 sik eer u. aprak: grot aiatu Tondele (nnd hteroit 
ISat aich denn Pfs »underbares grotz einfach rmf in grdtet, gcgrü(iet. Denn 
oa iat, etwa wie grotz geschrieben, offenbar dicadbe AbkQrzang, die ich ib 
wctü ^= wetet in meiner No. 37, Germ. 18, 303 und im Nachtrage dun 
8. 309 dea Weiteren besprochen habe.) 36 antwarde 37 nt 3S enghele 
nu hystu (wol fSr hdteatu, hSstu, beiatn? Denn daa 6. gbeh^ten fehlt 
Hl wie nacbber ik) 

7S, I rodder 4 van hoream 7 to deme 1. 9 de nur 1 mal 10 rik 
en ghaff 13 an to 15 vnl düster wsa it bl. 16 glas dat nener wia 
17 nppe dat anlfer vQr 19 se de st. 20 — 21 vnl depen dael de sere dtuter wm 
S2 achrig = 28 26 de de reckede 37 gUt ghesticket sere fehlt 
80 dor ene grote langhe 31 veminghea 32 vcatjö also en b. 83 deste 
Teatigia badde ene grote grcalike wide munt unde wns *. I. 34 teene (ohne 
aeharpen?) 35 quam en smoek unde 36 nnminacbl. atond 37 m. glojeden 
88 in de 



77, 1 greaelike m. 2 vist^a (c?) Äcberen 3 alinek yeation so 

4 to vor de 6 Wat m. a. dar letht dat 7 waa men- 8 nude fehlt aolde 

8 — 9 ik lever 116. 9 to lideu ene et. 9—10 des wart n>. eele reddet in der 

pine (na deme fehlt} 11 dar fehlt Jovede barmherticheit vor (barnbeit 

n Mnd. Wlb., von hier entlehnt, lu atreichen) 12 Do Tjncmc wi 13 peeeke* 

Tcer vingher breet de 15 dor de v, do dar over ghingen 

. fehlt 20 bm. der rover sik io nicht 24 an fohlt 

30 echt 36 beniden oven 38 werlt 3B — I rad«nd 



(s. 



14 brn, 

nghen pineghei 

^= radebrakent) 

7S, 2 spr. er 

e fehlt 7 
w, ruk endet 



leie fehlt 7 in eme 10 krum 
17 w. rukender aver atrewet 2{ 
mer 31 a. so 32 vlitliken 

19, 6 viacher h. 11 to fehlt 
d fehlt = W nnd ist unnötig 



«ekele 12 egaft 





zu PFEIFFEB8 ABDRUCK AU8 H. KORNER. 233 

I, 1 iehte schft = W, ü oft = a 4 dos 8—9 de richte sik 
10 ene bonie 18 aUe nacht 21 lakens 24 recht 80 appe dat 38 vinster 
34 alle 35 euchende (vgl. zu 62, 5) 37 en fehlt 38 gherochten 

81, 2 de störte de d. de led 3 de blef 4 sittend 9 do alle 
10 den leten 11 me n. mer 14 dein 15 staltniise 17 gewrocht 
18 bndelken 28 tvrisschen 24 a. stonede 27 at noch en 29 Taken 
31 oghen 

83, 4 nichtes 7 ghede wat und we id were 12 don fehlt sege 
13 me em . 17 de fehlt 18 — 19 honisch (fOr homesch) 19 wonet 20 se 
reget maket 23 unsen werden 24 nntfeit 25 desset spnk (a gew.) 
82 np de bodene 88 is ein (dat fehlt) 34 to fehlt 85 andere 

83, 2 — 3 en nnch 8 en ghedecket 4 dat dar oppe dat do (erstes 
dat Plüsch) 6 ändert — Tlesehe 7 de fehlt Tor was 9 gheliden went 
10 de hadde 12 8taid. 13 nomet R. ok wol 18 ene andere deghelkeme 
knechte ret dat R. dat 26 dar omme 30 Hermanne 33 Trissche kn« 
wO wi 84 scheidede 

84, 1 en weren des (abgek.) ritaUen 5 cristenen 6 berichteden 
10 andacht (för ander) 15 ate der h. 18 nement 19 OTcrst bor. 

8B, 9 er fehlt 9 — 10 stomper desse 13 wor werpen 15 stan nach 

17 so: do wart de iode Torvert n. sprak: wor wilta heen? Des sede de duTcl: 
wor etc. = 18 21wedder fehlt 23 yakene 24 hoTCs 28 ▼. meer nppe 
80 d§ kerkhof 81 Also he — begrof nach 32 de do sprak 34 der sted- 
Kken st 86 Also he 

8C, 1 echt hir 8 gotliken 11 dar nein loTon 12 desse weren 
13 bedreginge 15 aldns 18 de mi. fehlt 24 cristenen 25 men Tan 
26 is it mi 27 wo eme 28 scheen was 80 dat de 81 sik fehlt? seltsan. 
37 bograTen 39 papen nnde cristenen luden 

87, 4 oTcr al de Indde also 5 np nte d. hostia 7 enen snten sank 
in der lacht nnde de sank was dat 10 saWen fehlt 11 den market 
12 em Do den 14 so moet weghen fehlt 18 Do sede 21 werede 
28 nfil n. 25 Tronde de berede were mit dy in den dot to gande. wat da 
doeh walt dat ik don schal dat wil ik alle gerne don« De bequemen wort 
28 de my ny arich 80 hebbet 31 nü hüte (d. h. a) 33 mögest n. ik ok 

88, 2 — 8 Tor rome 4 hebbest dS 7 de fehlt 10 wonliken = 14 

18 kande 17 to der sammelinge n. sede (ob GenitiT an den hoTctl.?) 
18 stille liggen groten win 21 wan 27 war 36 mant 37 appe 

8f, 1 Toreden 5 worden doT. 7 zweites de fehlt gehanghet 9 ere gat 
10 mit dene 11 horren 12 desser 14 er§ eede*) 



n. Die EUuinoversche Handschrift schließt fol. 241* p. m. mit dem 
Jahre 1438, ein eigentlicher Abschluß fehlt Die Wiener Hs hat nach 
Pfeiffer S. 269 nur noch den Anfang des J. 1432, die Chronica Novella 
bei X 6. Eccard, Corp. Eist. Medii Aevi 11 431-1344, reicht bis 1435. 

*) In swd oder drei gleiehgiltigen Fällen, wo meine vor fast 10 Jahren ge- 
aaehte Vergleiehang der HS H mich jetst fiber den Laut oder die Stellung eines 
Wortes in Zweifel ließ, ist dies durch ein ? oder sonst bemerkt Die HS von neuem 
einsnsehen war leider nnmOglich. 



234 A. HOISFEH 

Da Komer laut Vorrede 258 die deutsche Bearbeitung , die er nach 
der lateinischen, filr die Oelehrten bestimmten, Men leien t6 titvordriTe 
unde kortewile' unternommen, im J. 1431 beendigt haben will, so mllste 
was tlber das genannte Jahr hinaus geht, späterer Zusatz flein, oder 
die Zahl 1431 wäre unrichtig und meinte vielleicht 1439 oder gar 1441. 
Die Sprache des Schlußes zeigt keinerlei Unterschied. H acUieSt 
nämlich mit dem Berichte über eine Fehde des Bischofs Johan van 
Haluerstat der mit tausend Pferden und zweitausend FuOleuten dachte 
to reisende over den harts (s später?) in dat laut to Doringen i^en 
greven Hinrike van Honsten de eme dat quik hadde genomen vor 
Quedelingborch. Die Gh*afen von Schwarzburg und Stalberg welche 
sicheres Geleite durch ihre Lande zugesagt, ihr Versprechen aber nicht 
gehalten hatten, — untseden do deme biscoppe uppe deme velde, dat 

vil sere was wedder ere ere unde den sege behelt de greve 

van Honsten. Also wart id do bealoten mit vulbort der greven, 

dat de vangene scheiden geven deme greven XVI dusent schok older 
grossen unde scheide twisschen en stan in vrede dre iar, wan de umme 
gekomen weren, so scheide en islik sin suneste proven. Bi snnte 
Mathias dage wan Bemard Ruer (rfler!) des voer sin slot Niehus ge- 
broken was, dat slot Stavenowe mit gunste unde hulpe siner vrunde, 
dat anders nicht mogelik em gewesen hadde. An desse slote hadden 
deel de Flössen, de Quidsowen unde Lutzowen, der he erers en deeb 
vient was unde de medehulpers hadden wesen, sine vesten to Ytut- 
störende. Alle de he do uppe deme slote vant , de warp he an de 
venknisse unde bemannede dat mit sinen vrunden. 

Sprache und Schreibart die ich mit manchen kleinen Fehlen 
ziemlich treu wiedergegeben zu haben glaube, sind hier diesdben wie 
in der ganzen Handschrift, nur das eine ist mir aufgefallen, daß jenes 
sonst beliebte, zwar immer willkürliche gh hier ganz v^miat wird und 
tlberhaupt gegen das Ende^ irr ich nicht, inmier seltner geworden, was 
freilich wenig verschlägt Außerdem drängt sich beim Dorchblieken 
meiner zahlreichen Ausztlge die Bemerkung au^ daß der Lnhalt dieser 
für 'Leien zum Zeitvertreib' gearbeiteten Chronik im Ganzen übenns 
dürftig und unbedeutend ist und es kann leicht sein , daß Pfeiffer mit 
glücklichem Griffe in seinen zwölf Erzählungen schon das Beste and 
Anziehendste herausgelesen hat. Allein durch diese unleugbare teil- 
weise Dürftigkeit des Inhaltes wird natürlich nicht die allgemeine aner 
kannte hohe sprachliche Bedeutung beeinträchtigt , welche Kernen 
Chronik vorteilhaft auszeichnet und ihre endliche voUstiiidige Ver 
öffentlichung dringend wünschen läßt. 



zu PFEIFFERS ABDRUCK AUS H. KORNER. 235 

III. Die Wiener HS schwankt in Betreff der Schreibung mehr 
vielleicht noch als H unentschieden und unstet hin und her, obgleich 
68 nicht schwer sein dürfte, ihr selbst ftlr die meisten Fälle die Regel 
zu entnehmen. Der Herausgeber ist ihr auch in diesen Dingen keines- 
weges Bclavisch gefolgt^ er ändert z. B. k6p, syne, dansz, husz, eerden, 
eere^ meer, hee, ghän^ m5t, n5t udgl.. , aber er schreibt offenbar nach 
ihrem Vorgange nicht selten wieder see, hee, twee, veer, deer, leep 
oder spÜB d. h. spitz, nein^ kluk, gud, smael, glaed, dael, waet, vor- 
droet, koep, büer, selbst kruem, oftmals sick, vereinzelt auch macken, 
sprecken, dann gingk, konningk, stad, bord, grod, id, gaff, straffen, 
dantz, alzo, zele und unzähliges der Art, was doch alles mit anderem, 
meist auch beßerem wechselt und dem Drucke ein möglichst buntes 
Ansebn gibt. 

Dem gegenüber wird man dann fast überrascht durch den nicht 
mehr seltenen, aber immer mislichen, oft geradezu unmöglichen Ver- 
such, durchweg die Quantität der Vocale zu bestimmen, wobei der 
Herausgeber sich anscheinend wenig durch das reinere Niederdeutsch 
der Gegenwart und seine vielfach gewis ungetrübten und ursprüng- 
lichen Lautverhältnisse leiten läßt, sondern meist lediglich dem Alt- 
ufld Mhd. folgt, dem denn nur eine bedingte Entscheidung zusteht Er 
unterscheidet dar und dar, to und tö, vielleicht auch nu und nü, er 
schreibt immer ok oder ock, immlBr dren und vif, altar und antlat, 
immer de, he, se, ju und juwe, sodann velinghe venalitas, H veil, wie 
velicheit; neben sü behält er sud, schud^ schude, neben vordrüt wieder 
vordupet; in ruken riechen findet sich u imd ü, wogegen dem Conj. 
bleve, den Pluralen vloten, bleven, sneden, togen udgl. stets die Kürze 
bewahrt ist. Nicht selten wird man freilich Druckfehler anzunehmen 
haben, so weim vereinzelt were, sistü, kluk, derte : d^r udgl. vorkommt, 
onsicher ob auch in twide i. e. twidede. 

Auf der anderen Seite treten hier regelmäßig als Längen auf: 
ml, di, w% g!, du und -tu, dann üp, aber uppe, in = mhd. In, wit und 
witen, H Witten, wändages, st^ch (neben steech, H stech) und grSse- 
likes, orlof und orlef, pelegrimme und hgr Hinricus etc. Ebenso be- 
ständig findet sich dann brächte u. brachte, dächte u. dachte, d^chte- 
nisse, söcht u. sochte, köfte und gedoft, vordrüt u. gripstü, wüs und 
^hte, während in dem Adverbium echt die Länge verdruckt sein wird. 
Dazu kommen, um von mdste, motte, redde abzusehen, femer röst, 
lichte und islik. Die fiectirten Adjectiva auf lik: etlike , kostlike, 
ebenso hSmeliken, H hSmelken, zeigen stets Länge, wogegen die kurzen 
Formen wie mogelick oder lustlik, unbezeichnet bleiben. Endlich sind 



236 LITTERATUH: I, V, ZINGEHLE, REISERECHNUNOEN W0LF0EB8..T 

noch zu erwähnen die 3 Verba seien, m&ien, möien, letzteres «ber neben 
moide und moicheit 

Ich bin nicht entfernt der Meinung alle diese Dinge ftr fiÜEcb 
zu halten, bei den meisten lie^ ja auch der Grund deutlich vor, der 
Pfeiffer bei ihrer Behandlung maßgebend nar; aber zweifelhaft und 
in hohem Grade bedenklich scheinen sie mir Gämmtlich. Manchee ein- 
zelne wie vif, vel, scbude, vordupet, ebenso üp, wtt, stecb, wftadages 
muß entschieden als unrichtig gelten, dächte aber, wenn ee dem I^ 
derdeutschen je zukam, durfte wenigstens ftlr Konters Zeit so gut be- 
stritten werden wie Böcht, köft, Seht udgl. Denn das auch sonst «ork- 
Bame Gesetz der BeeintrÄchtigung der Längen durch Consonanteover 
bindung ist wie es Bcheiut im Kd. frühe von weitgreifendem Einflufie 
gewesen. Für 6cht, Itcht, wfis etc. bleibt die Zeit der VerkOrzni^ 
freilich noch zu erforachen, pelegrimme aber war wol immer i 
nicht bloß überflüüig wie straffen oder herre, börren, 

OREIFSWALD, J«i>nar ISTS. 



^j»ii,;i»u«(^, LITTERATÜR. 



d 



KeiHnohBVngn Wolters von Elleabrecbtakiiobes, Bischofs von PftMU. 
Patriarchen von Aqnlleja. Eid Beitrag zw Waltherfr^gc. 
Faceiniile. Urriiuege geben vod Ignaz V, Zingerle. Heilbronn 
1877. XXVm u. 91 S. 8. 

Die eilf 1874 im CommaDalarchive von Cmd»l^_del^JfngU entdecktes 
Pergamentblätler mit Recbnungeu aus dem Hanehalie eines Bischofs, welche B- 
Prof. Zingerle bier Teröfientlicht hat, würdeo wegen der vielfachen Ucfaltti 
welche ans ihnen anf das Privatleben eines hoben geistlicheD Herren und ad 
die Colturrerhältnisae des betr. JahrhundertB fallen, wie anch weg«n aQeriet 
Beziehungen znr Reichs geschichte das lebhafteste Interesse erregt haben, sQcli 
wenn nicht gerade in ihnen endlich einmal Walthers von der VogelweJd» 
urkundlich Erwähnung geschähe. Jener Bischof hat nämlich S. 14 (rgl. 9) 
an einem 1 2. Noveniber apud Zeiaemurum (ZeisHelmanor in Osteireicli) Wil- 
tbero cantori de Vogelweide pro pellic^io 5. sol. longos geben lassen. Ich oial 
ea nnn Anderen anheimgeben ru prüfen , inwiefern dieser his torisc he PeI«cA 
für die „Waltherfrage" wichtig werden kann, nnd wenn ich nicht irre, ist d» 
auch schon geschehen. Immer abei wird es auch dafür, wie bei dn &■- 
bentung jener ßcchnangea für allgemeinere Gesichtspankte, in erster Lin* 
darauf ankommen, die Zeit möglichst genan festzUBtellen . anf welche si« «kb 
besiehen. Das hat nun der Heraosgeber in der Tbat untemommeii ; 
to Bcbr ich anch seine Verdienste nm die sweckmaasige nnd | 



I i- 




LITTERATUB: L V. ZINGERLE, REISEBECHNUNGEN WOLFGERS. 237 

jener Bechnungen anerkenne , in denen uns in jedem Falle eine interessante 
Quelle eröffiiet worden^ seinem chronologbchen Verfahren kann ich mich nicht 
so ohne Weiteres anschließen. 

Das freilich moß von vorne herein einleuchten, daß es Rechnungen eines 
Bisehoft von Passau sind und swar eines, der (wegen der Erwähnung des 
Königs Philipp) zwischen 1198 und 1208 regiert haben muß, mit anderen 
Worten : entweder des Bischoft Wolfger oder seiner Nachfolger Poppe und Man- 
gold. Yen Letsteren ist nicht bekannt, daß sie besonders beweglich und viel- 
geschSftig gewesen seien, wohl aber Tom ersteren und so kann man auch darin 
Z. beistimmen, daß die Rechnungen dem Bischöfe Wolfger angehören, der nach- 
her JEum Patriarchen von AquUeja berufen, fOr uns cum letzten Male am 
19« Juli 1204 als Bischof von Passau erscheint (s. Philipp tou Sehwal>en 
S. 307, Anm. 3). Nach rückwärts aber Terkürst sich ihre Ursprungsseit 
dadurch, daß Wolfger um den 18, Febr. 1199 auf der Heimkehr aus dem 
heiligen Lande noch in Rom gewesen scheint (PhiL S. 165). Die Rechnungen 
stammen also aus der Zeit von Febr. 1199 bis etwa Juli 1204« 

EUer aber trennt sich mein Weg von dem des Herausgebers. Zingerle 
geht lüUnlich bei der genaueren Zeitbestimmung von zwei Voraussetzungen aus, 
die beide nicht zutreffen und von denen die erste die ist, daß die „Zeitangaben 
nur auf das Jahr 1204 passen ** — es sind die beiden Daten in der Rückreise 
des Bischof von Rom gemeint, welche allein einen greifbaren Anhalt gewähren, 
S. 55: feria IV vigilia s. Johannis = Mittwoch 23. Juni und S. 56: feria HI 
in die s. Petri = Dienstag 29. Juni — und fahrt dann fort: «Dazu stimmt, 
daß unser Reisender am Sonntag Cantate (1204 am 23. Mai) in Rom weilte, 
Bischof Wolter be&nd sich am 22. Mai desselben Jahres wirklich in Rom''. 
Für die letztere Behauptung beruft er sich auf mich selbst: PhiL S. 307, 
Anm. 1 — aber ich habe dies nicht nur nicht erwiesen, sondern nicht einmal 
angenommen, im Gegentheil die Hypothese angestellt, daß Wolfger 120S in 
Rom gewesen sei. Vor Allem aber: jene hülfireichen Daten würden innerhalb 
des Zeitraumes, in dem sich die Untersuchung bewegt, nicht bloß auf das Jahr 
1204, sondern ebenso gut, was Z. übersehen hat, auf das Jahr 119 9jpassen» 
Nun ist allerdings das Jahr 1204 vorzuziehen, aber aus einem anderen Ghrunde: 
weil Wolter im Jahre 1199, wie wir wissen, gerade in den betr. Monaten von 
Rom nach Deutschland gereist ist, also nicht wie die Rechnungen ihn uns 
zeigen, von Deutschland nach Rom gereist sein kann. 

Die zweite Yoraussetzung des Herausgebers — und diese berührt die » Walther- 
firage^ spedell — ist die, daß alle auf den 1 1 Blättern erhaltenen Rechnungen 
zeitlich zusanmienhängen, so zu sagen einem Rechnungsjahre angehören; wenig- 
stens ist nur aus solcher Voraussetzung seine Schlußfolgerung TerständUch: da 
Wolfger am 12. Nov. Walther von der Vogelweide das Pelzkleid spendete, jener 
aber in unseren Aufzeichnungen durchweg nur als Bischof erscheint, muß dies Tor 
dem Jahre 1204 „also 1203" geschehen sein. »Des Sängers Aufenthalt in Oster- 
reich im Spätherbste 1203 ist hiermit festgestellt.'' Gewiß nicht — denn wo 
ist der Beweb, daß das Blatt H, auf welchem allein Walthers Em^hnung 
gesehieht, in dem ursprünglichen Rechnungsbuche den Rechnungen Ton der 
römlaehen Reise des Jahres 1204 unmittelbar voranging? 

BL I und n, die wie der Herausgeber richtig bemerkt, durchaus lu- 
sawaengehören , zeigen uns den Bischof vom 22. September an durch den 



238 LITTERATITR: I. V. ZINGERLE, REISERECHNUMGEN WOLPQEBS. 

ganzen Herbst in Osterreich, zu Weihnachten ganz kurz in Passaa nnd dann 
wieder in Osterreich bis etwa Mitte des Januar (das letzte Datum 6. Jan.). 
Dies Itinerar ist nur 1199 oder 1203 möglich gewesen; denn 1200 war 
Wolfger am 1. Oct. in Nürnberg, nachher in ICainz und bei Koblenx, 1201 
etwa 8. — 14. Sept. in Bamberg, 20. Sept. in Nürnberg — so daß er am 22. Sept 
nicht schon wieder in Göttweih sein konnte — 1202 aber am 8. Nor. in 
Speier. Es fragt sich, ob nicht sonst Anhaltspunkte gegeben sind, nm zwischeB 
1199 nnd 1208 eine Entscheidung zu treffen. Wir finden den Bischof ii 
ziemlich lebhaftem Botenverkehr mit den Herzögen yon Zfthringen, Baiem nnd 
Osterreich y dem Markgrafen yon Mähren , dem Könige ron Böhmen: sollte tr 
den Verkehr mit dem Böhmen und dem Mähren fortgesetzt haben ^ nachdem 
diese offen von König Philipp abgefallen waren und ihn im Sommer 1203 
mSchtig in Thüringen bekämpft hatten? War die Zeit darnach angetfaan^ der 
Königin yon Böhmen artige Geschenke zu machen? 

Femer: wir bemerken S. 9, 14 zum 12. Noy. einen nuntias MogontiBi 
archiepiscopi. Letzterer kann entweder der Erzbischof Konrad sein^ der mit 
Wolfger im h. Lande gewesen war, gegen den Herbst 1199 nach Dentschlaiid 
heimkehrte und 20. Oct. 1200 starb^ oder — da von dem von der pipstlieh- 
weifischen Partei erhobenen Sigfrid von Eppenstein nicht die Rede sein kann — 
der von Philipp mit den Regalien des Erzbisthums investierte Lupoid von Worai. 
Liegt nun an sich eine engere Beziehung Wolfgers zu seinem KrenzzngsgefiUirta 
Konrad näher als zu Lupoid, wfirde eine Botschaft Konrads im Herbste 1199, 
wenn man nach einem besonderen Anlasse forschen wollte, sich sehr gut aoi 
dessen Propaganda für die Beendigung des deutschen Thronstreites swiseboi 
Philipp und Otto IV durch die Beseitigung beider und die Erhebung Friedridu II 
erklären, so kommt hinzu, daß Lupoid am 12. Nov. 1203 wahrscheinlich gtr 
nicht mehr in Deutschland war. Ich hatte Phil. S. 356 angenommen, daS er 
1204 als Reichslegat nach Italien gegangen sei, jedoch bemerkt, daß er sdt 
Herbst 1203 durch seine eigenen Angelegenheiten nicht mehr an DeatKUmd 
gefesselt war« Die Chron. regia Colon, nun, welche der nächste Band der 
^criptores der Mon. Germ, bringen wird, berichtet in der Tbat, daß Lupoid 
schon 1203 (im Herbste, da er im Sommer noch an Philipps diQriogiidiai 
Feldzuge theilgenommen) cum magno belli apparatu in Mittefitalien anfltiL 
Ich gestehe gern zu, daß die Grunde, welche ich für den ürsprang der 
beiden Rechnungsblätter aus dem Jahre 1199 angefahrt habe , noch nidit 
durchschlagende sind, aber ich finde Nichts, was fcir das Jahr 1808 vorge- 
bracht werden köimte. 

Bl. in, Rechnungen seit dem 1 . Juli ans Passan enthaltend, bietet keinen 
Anhalt für die Bestimmung des Ursprungsjahres, wenn wir nicht die S. 28 wicdo 
auftretende „regina Boemie" heranziehen wollen. Damach möchte ich gtanheD, 
daß es nicht dem Jahre 1203 angehört; nicht 1204, weil Wol%er mm 1. JiK 
1204 nicht in Passau war. 

Von BI. lY — VIII, die zusammengehören und die Rechnnngen der Reite 
nach Rom und zurück enthalten, ist schon oben gezeigt worden, daß sie wirk- 
tich wie Z. will, dem Jahre 1204 entstammen. 

Von Bl. IX vom 19. Januar aus Klagenfurt läßt sich nur saften, daß e> 
■icht vom Jahre 1199 sein kann, weil W. zu der Zeit wahrscheinlich hi Bosi 
Ifar nnd nieht von 1202, weil er in Halle war; Bl. X gibt gar keinen Aahtki- 



UTTERATUR: F. SAKDV0S8, FR£IDAKK. 239 

pimkt. SoTiel aber steht fest, daß die sämmtUchen Blätter nicht kimweg einem 
tmd demselben Jahre zugewiesen werden können and daß, wenn far einen Hieil 
das Jahr 1204 gesichert ist, für einen anderen Theil und zwar gerade für den^ 
in welchem Walthers ErwiUinang geschieht, eher der Ursprung im Jahre 1199 
wahrscheinlich ist, während für einen dritten Theil der Blätter das Entstefamigs- 
jähr übeiiiaopt noch ganz zu ermitteln bleibt. 

Diejenigen, welche die meiste Ausbeute für die Reichsgeschichte ver- 
sprechen, sind die Blätter IV — VIII mit den Rechnungen über die romische 
Beise 1. April bis 13. Juli 1204; es ist jedoch hier nicht der Ort naher 
darauf einzugehen und ich begnüge mich das Eine hervorzuheben, daß Wolfger, 
der von Rom nicht geradezu nach Hause, sondern erst noch nach Augsburg und 
Nürnberg ging, dies sicherlich deshalb that, um mit dem Könige Philipp zu- 
sammen zu konmien, der um diese Zeit von dort das schwäbische, bairische und 
ostfränkische Aufgebot gegen Thüringen führte, Philipp ▼. 8chw. S. 326. Er 
hatte wohl über seine Wahrnehmungen in Rom Bericht zu erstatten, vor Allem 
aber sich beim Könige die Zusicherung zu erwirken, daß derselbe seine während 
der Bebe erfolgte Wahl zum Patriarchen von Aquil^a genehmigen, ihn als solchen 
belehnen werde. Denn daß Wolfger von der Wahl schon wußte, darf aus dem 
Umstände geschlossen werden, daß er unterwegs wiederholt Boten Ton Aquileja 
empfing. Ja er muß unterwegs auch die Erlaubniss des Papstes zur Annahme 
der Wahl nachgesucht haben, da dieselbe schon am 24. Juni 1204 erfolgte. 
Staat8klsg_wi_e er war , wollte er sich gleichzeitig gegen den Papst und gegen 
den Konig sieherstellen, aber getroffen hat er letzteren nach S. 57: Garcioni, 
qiii ad regem cucurrit, in Nürnberg wohl nicht mehr. 

Zum Schlüsse will ich noch dankbar der fleissigen Zusammenstellung von 
Nachrichten über das Leben des Bischofs Wolfger von Passau gedenken, welche 
der Herausgeber in der Einleitung gibt. Sie würde noch werthvoUer sein, wenn 
er es Torgezogen hätte, Alles bei Seite zu lassen, was Grion in seinem be- 
kannten Aufsatze über ihn als Archipoeta u. s. m. (Zeitschrift für deutsche 
Philologie Bd. n) vorgebracht und nicht ausdrücklich belegt hat. Das von dem 
Herausgeber S. XXVII gerühmte schöne Lebensbild Wolfgers von Czömig ist 
eben dadurch in seinem Werthe gemindert, daß es gar zu sehr auf den Pban- 
tanen Grions beruht. 

HEIDELBERG WINKELMANN. 



Frani Sandvoß, Freidank mit kritisch-exegetischen Anmerkungen. Berlin 1877. 
Bomträger. 388 S. 8. 

Es ist ein peinliches Gefühl, wenn wir sehen^ wie ein Mann mit emsigem 
Fleiß und liebevoller Hingabe sich an einer Aufgabe abmüht, die weit über 
seine Kräfte geht. Die »Männer der gelehrten Zunft ** würden Sandvoß ja 
dankbar sein^ wenn er mit seinem „natüriichen bon seas** Dinge vortragen 
würde, bei denen der Leser ausrufen muß : «wie ist es denn möglich, daß man das 
nicht immer gewußt hat?" und wenn er wirklich „das Unrecht begienge^ Recht 
zu haben". Sie würden sogar durch das vornehme Mitleiden, mit dem er sie 
beehrt, sich nicht beleidigt fühlen, wenn nur das theilweise so schwierige Ver- 
sttndnifls Freidanks durch ihn wesentlich gefordert würde. Leider könoeii ^nat 



/ 1 



) MD UTTEfUTUB: F. 8ANDVOS8, FREIDAHE. 

nicht sagen, daß dieMa io vorüegeDdem Bache geacbehe. Daran tiigt (Ce 
Hauptschuld der Unutaud , daH ei dem Verfasser völlig an einer bMonneaeii, 
klaren Methode fehlt. Er bemüht sich evar unetteitig, methodisch su Werk« 
zu gehen und bat sich offenbar den von ihm hochverehrten Franz Pfeiffer aam 
Uuster genommen, aber im Orimde hat er nichts von ihm gelernt, ala die Kflhn- 
heit seiner VermnthuDgeo, die jedoch bei S. fest immer cur Willkür winL Vob 
Achtimg vor der handschriftlichen Überlief erong ist keine Rede; chorakterittücb fSr 
seine AnechaunngawciBe sind Bemerkungen wie folgende: nnützlicb ist ea immay 
die HandBcbrifieo eiDzuseben" (p. 372) oder', .abgesehen von der bandMhiift- 
Ueh nicht bezeugten Parenthese" (p. 303). Von einer principiellen Auseinander- 
Setzung über HaudscbriftenTerhältniss oder die Composition de« Ganaeu ist keine 
Bede! . Untersuchungen über die ursprüngliche Anordnang der BescheideBhcil 
SDEUBtellea, ist das Geschäft eines beneiduDstrertb miissigca HauaeB' (p. 336), 
Andererseits sucht er docb nieder seine Conjecturen aus dem Überlieferten her- 
zuleiten und vermuthet dann z. B. : ^heiligen sieht aus wie ein I,esefehler Gt 
walcben" (!) p. 306. Bisweilen sind die altdeutschen Kenntnisse dea Vrrfissrn 
von bedenklicher Zuferläasigkeit: p. 291 operiert er mit einem Wort redt, wai 
mitteldeutsche oder niederrheinische Form von ricAe (dives) sein soll; an 152,4 
£öme ist ein geleite aller trflgebeite bemerkt er (p. 295), geleite •ei mit Nie- 
derlage, Depositum zu übersetzen: „geleite verhält sich zu legen wie geUäit 
zu tragen*. 125, 13 ze Röme und aAkere ist ein pfiuoc wird von S. ^. 299) 
dadurch verbessert, daß er an die ätelie von pßuoc das interessante Wort slagc 
«d. i. ein Schlingen, ein Schlnnd" einsetzt, woran sich dann 135, 11 der iemar 
t£ren hat genuoc natürlich vortrefflich anscblieCt- p. 305 ergibt iicb dortl 
die B^mendation" von S. der Vers; groeier £re wir ri jehen. Trotz «lledca 
Ware es ja möglich, daß der gluckliche Scharfsinn vielfach da Klarheit g«ltneb 
hätte, wo bis jetzt Dunkelheit herrschte. Leider werden oft genug durch im 
Verfassers Änderungen ond Erklärungen die betreffenden Stellen nur noch wnicr 
und unverständlicher. Dafür und für die Willkür, mit der S. rer^hrt, «io^ 
Proben: wer versteht folgende Verse? 

10, 13 Tische, vögele nude tier 

diu enbänt niht geistes also wier; 

ir geist hat des tSdea zant, 

Itp und geist sterbent lesont. 
Und dazu bemerkt S. p. 159: „der Zahn dea Todes ist an aicb derfU 
und bedarf keiner Belege, die sieb ans allen Litteraturen beibringen laasca*- 
Zu 21, 19 der mensche ist ein boeaer sac, er hoenet aller wüne amae wülS- 
honcic IOC lesen „ans Bertbold 190: daz den menschen ermtnte der borwigc 
irdenisch sac, doz er demüetic waere" und er meint: .der ganze Sprach mi 
»nf Bekanntschaft mit Bertold zurückzuülhren sein!" (p. 170). S3, 15—1* 
wird so arklart (p. 171): mancher ehrte Gott im Stillen und vor der Weh Vfli 
seiner Bekehrung in einem Monat, als nun, nachdem er fromm gewardo, 
in zehn Jahren". Was heißt 39, 10 ff.: 

vier grdze loene almuosen bat, 

als fr6 der ist, der ez enpfät, 

als vil ifn ist, alt mantgs er gtl 

als dural sin ist in hungers zit 



U 



LITTEBATUR: F. SANDVOSS, FEEIDANK. 241 

45, 4 ez fliuzet manegen liaten vals 

äne kapfer durch den hals 
soll bedeuten: „es saufen manche Leute bo, wie man Wasser durch den Trichter 
(das Kupfer) in ein Faß hineinstürzt*^ (p. 189; vals wird als Gen. von val 
gefaßt). Das wunderbarste, was S. leistet , ist die theilweise Reconstruction 
eines Gedichtes von dem Endekrist als Quelle Freidanks ^ in dem er (p. 337 
bis 342) sämmiliche SpiÜche vereinigt, welche die Schlechtigkeit, die Fehler, 
die Verkehrtheiten der Zeit zum Gegenstande haben. Auf diese Weise kann man 
so ziemlich aus jedem didaktischen Gedichte unserer Yoreltem einen ,, Endekrist" 
znrecht zimmern, und die Zahl derartiger Werke müßte Legion gewesen sein. 
Walthers gewalt Tert üf der sträze ist doch wohl auch einem solchen entlehnt? 
Indessen einige annehmbare Verbesserungen, einiges Gute findet sich doch 
vnter der Masse des Unbrauchbaren; so die Änderung Ton 

38, 1 swelch g^ott&t 6 Terdorben was, 

diu gruonet wider als ein gras 
in ipTerdonret was" (die Handschriften haben theils verdorben, theils verborgen 
oder Terlom). Oder wenn 38, 23: 

swer den menschen zündet 

mit rate daz er sündet 
stett zündet nhUndei conjiciert wird. Femer scheint die Vermuthung zu 169^ 19 : 

ich 16re wol einen man 

der wil lernen und euch kan 
ffir lernen und niht kam brauchbar. Ein Verdienst erwirbt sich S. um 
die Beurtheilung der Grabschrift Freidanks. In Schedel's bekanntem Berichte 
haßt es von letzterem: quem mercatores in urbe Patavina mortem obiisse re- 
ferebant. Dem gegenüber steht die Notiz, welche die Mitiheilung der Grab- 
sebrift einleitet: Epitaphium Fridand sepulti in Tarvieio. Grion versuchte nun die 
beiden Angaben so zu vereinigen, daß er annahm, unter urbs Patavina sei in der 
That Treviso verstanden. Er erklarte die Bezeichnung dadurch, daß die Pa- 
daaner vom 2. Februar 1384 bis zum 14. December 1388 in Treviso geherrscht 
bitten y und meinte, also sei auch das epitaphium um diese Zeit zu setzen, 
daher nicht als das Grabmal unseres Dichters zu betrachten. Mit Recht weist 
niin S. auf den Widersinn hin , daß Schedel die Stadt Treviso als urbs Patavina 
habe bezeichnen sollen, weil ein Jahrhundert früher die Paduaner dort ein paar 
Jahre herrschten. Damit fällt natürlich die ganze Datierung, und wir können 
das €^b nach wie vor als die Buhestätte unseres Dichters ansehen. Freilich, die 
liösmig, die S. selbst von jenem Widerspruch der beiden Angaben gibt, kann 
aoch nicht befriedigen: er meint, sepulti in Tarvisio heisse: begraben in der 
trevisanischen Mark und könne somit auch als Bezeichnung für Padua gelten. 
Wir sagen doch auch nicht, Schiller sei in Thüringen begraben. 

Auch eine in einem Ezcurs beigebrachte Vermuthung zu der litterarischen 
Stelle im Wilhelm von Orlens sei erwähnt: S. glaubt nämlich , daß in 
,von Absalone'' der italienische Name der Burg Seven, Sabiona^ stecke ^ daß 
«Ibo Lentold von Seven gemeint sei. 

HEIDELBERG^ den 8. December 1877. OTTO BEHAGHEL. 



GKBMAirU. NM« Seih« U. (XXUI.) Jahrg. \^ 



LITTEKATHKr O. IAtcKE. ABöOLUTK PARTICIPIA a 



Otto Lücke, AbEolutc Participia im Gotischen und ihr Verh&ltuiss zum grie- 
chischen OrigiDsl, mit besoDderer Berücke ichtigung der Skeireins (Göttjuger 
loauguraldisBertatton). Magdeburg 1B76. S. 

In der vorliegenden Abhandlang unterzieht Lücke die Frage einer DeBeo 
Prüfaug, ob die absolute Parti cipiatcouBtruetion im Gotischen eine dem Dentachea 
ursprünglich eigen thuni liehe sei oder eine entlehnte. Auf Grund des mit grosiei 
Sorgfalt gesammelten Materiales aeigt er, daU im Gotischen niemals Participial- 
construvtiou erscheint, wo uiebt das griechische Original sie auch aufireJst, daJl 
Ulfilas aber oft, ohne äussere Veranlasnung , an die Stelle der Parti cipUlcon- 
■tmction eine Kndere Wendung gesetzt hat. Sa kommt er schliB&lich aar Fol- 
gerung, dalS die fniglichi: Constructioii eine dem Deutschen ursprünglich nichi 
zukommende sei. Die Schwierigkeiten, nelehe die Skeiroins bereiten könnte, löit 
er in ansprechender Weise dadurch, daß er dicaclben mit Angelo Hai und Cuti- 
glione als Uhervetzung aua dem Griechischen ansiebt, und es ist ein hfibscbet 
Gedanke, wcuu er den ciuiclneo besprochenen Stellen eine Rückübenetsang ii 
das Griechische beifugt. iSehr zn loben ist die Zurückhiiltung, mit «reicher ti 
den ecbarfsinnigcn Conjecturen älterer und neuerer Herausgeber gegenüber stebL 
Seine Erklärungen zeichnen sich vor vielen anderen darcli einfache und nttär- 
liche Auffassungs weise uus. Trotz dieser Vorsügc der Arbeit kann ich nüt ihnp 
Ergebnissen nicht einvetstanden sein. Denn wäre die golisclio absolnte Parti- 
cipialconstruction wirklich unter dem Einfluß dcG Griechischen entstanden, N 
wäre unbegreiAicb , daß wir ciiren absoluten Dativ, nicht eines Geaitif 
vorfinden. Wenn Lücke zur Erklärung der Sachlage sagt, der Dativ »ei da 
dehnbarste Casus gewesen , so ist diese Auffassung doch mehr als bedoukliti 
Und selbst das zugegeben, irie erklären sich die Conatroctiuncn mit at und iüt 
Dativ? Die Deutung Lücke's ist nieder sehr uiifuchtbar: „ich eehe in dioMi 1 
Fällen keine rein absolute Struutur des Gotixcbcn, souderu eine — weaa aad 
immer noch nicht dem deutac-ben Idiome angemessene, so doch berwt» mAt 
angepaßte — Art der Wtedergebuiig der griccb[scbea gen. ab», (p. 39), Dk 
Hauptgrund xber, der mich abhält, Lticke's Ansicht beizutreten, ist 4ts im 
Lücke und auch von Bernhard in seiner Recension über Lücke's Arbeit gut 
Übersehene Umstand, daß in durchaus originaler deutscher Bede absolute Paitic^Ml- 
conitraction, sogar mit at, vorkommt, nämlidi ira Altnordischen, was schM tß 
Gram. IV, 906 zu ersehen war: 

Uarbardsl. 58 taka vid vil ok erüdi 

at uppverandi solu, er ek get thaaa. 
Gripisspa 34 verst hyggjum thvi, 

verdr at skiljask 

Sigurdr vid fyiki 

at soguru. 
Einige »pätere Beispiele gibt Dietrich ZeiUclirift (iir deutachea MUr 
thnm Vni, Sit— 83 ond besonders Lund, oldnordisk ordfojaingBlkere p. 1^3 
nnd 396 — 97, woraus ich noch einige Stellen millheilen will, da dt* Blieb 
nicht in Jedermanns Hand ist: at halSollnum sae Grag. 1,28. thal mundi (ip 
Vera nem ahanum naudgum (nisi eo coacto) Pomm. X, 379. gtejpta tba om asjU' 
dum Alex. 167. at ölinm Öttmm sofandnm Alex. 15. at sva follnn mali Band-Il- 



LJTTEBATUR: A« SOUH UND A. KEIFFEK8CHEID, HEINRICH KOCKERT. 243 

Ist somit die orapriingliche DeoiBchheit dieser Construction sicher gestellty 
so darf darauf hingewiesen werden, daß auch das Slavolettische einen absoluten 
DatiT besitzt 9 cf. Miklosich Gramm. IV, 615 ff. und die Vermnthung liegt 
nahe, die Übereinstimmung als aus einer slayodeutschen Periode herrührend 
SU betrachten, wie dies auch Hassencamp Über den Zusammenhang des letto- 
alavischen und germanischen Sprachstammes thut (p. 39). Aber noth wendig 
swingend ist ein derartiger Schluß nicht , wie ich an anderem Orte aus- 
geführt (die Zeitfolge der abhängigen Rede im Deutschen p. 14). Die Ent- 
wiekelung kann aber auch, und dies ist mir wahrscheinlicher, in den Einzel- 
sprachen vor sich gegangen sein und zwar in ähnlicher Weise, wie der 
DatiYUs Possessiyus sich in verschiedenen Sprachen gebildet hat, d« h. durch 
Erstarren eines bestimmten, ursprünglich in die Construction eingeordneten Casus. 

Zu p. 21, wo von dem nach Particip pleonastisch stehenden jah oder uh 
gesprochen wird, bemerke ich, daß die Erscheinung auch bei Tatian nicht 
selten ist, ef. K. Zacher in der Zeitschrift für deutsche Philologie VII, 403, 
dessen Beispiele zu vermehren wären. Auch aus späterer Zeit habe ich mir 
Belege notiert. Aus einer niederländischen Übersetzung der Apocaljpse : 12,3 
in utero habens clamabat = in den buuc hebbende ende riep (Zeitschrift für 
dentsebes Alterthum N. F. X, 113). Femer Niclas von Wyle Translatzen 
p. 279 (in der Bibl. des lit. Ver. Bd. 57) des der herre noch grösser wunder 
empfiachende, und sinem diener hiesz zellen. Amadis (Bibl. des lit Ver. Bd. 40) 
p. 48 der König, diss Jünglings gemüth hochachtende, und zweiflet, daß er 
seinen reden nachkäme, antwort im Amadis (Keller bemerkt: franz. doutant). 
p. 190 hierumb er dann ihn allen Teuffein befehlende, und er dem Gfalvanes 
zu büiff widerumb umbkert. 

Für die neuere Zeit ist dies und jedenfalls dadurch zu erklären, daß die 
Partidpialconstruction des lateinischen oder französischen Originals der Sprache 
fremd war; für die ältere Zeit muß daran erinnert werden, daß auch nach 
einem vollständigen Vordersatz der Nachsatz durch und eingeleitet wird, cf. 
Kdlbing Zeitschrift für deutsche Philologie IV, 347 , ein Gebrauch, der im 
Slavischen (Miklosich IV, 260**, ß) und im Romanischen (Diez, Chramm. * 3, 
p. 881, 2) wiederkehrt. Selbst das Griechische hat etwas Ähnliches^ wenn bei 
Homer nach temporalem Vordersatz der Hauptsatz mit xal totb eingeleitet 
wird, Krüger, Griech. Sprachlehren^, §. 65, 9, Anm. 1. 

HEIOELBEBO, den 10. December 1877. OTTO BEHAGHEL. 



Büekert in seinem Leben nnd seinen kleineren Schriften dar- 
gestellt von A. Sohr und Dr. AI. Reifferscheid. Erster Band: Hem- 
rich Bückerts kleinere Schriften, erster Theil (370 Seiten). Zweiter Band: 
Heinrich Bückerts kleinere Schriften, zweiter Theil (430 Seiten). Weimar, 
Hermann Böhlau. 1877. 

Es könnte auf den ersten Blick scheinen als ob die vorliegende Ausgabe der 
kleineren Schriften H. Bückerts, wenn auch an sieb eine höchst bedeutende Er- 
a ch einn ng , sich zur Besprechung in einer fachwissenschaftliohen Zeitschrift streng 
geBOm m en nicht eigne. Fachwissenschaftliche Arbeiten B.s sind bei det AnsK^iikX. 



244 LITTERÄTUB: A. SOHR USD A. HEIFFF.RSCHEID, HEINRICH RCCKZST 

hier mit gatpm Brducht »nsgeschloBacn wordeii. — Dpuiiorh hat, wie mit >or- 
kommt, die ganxe Encheinung dieeer zwei Bäada eioe Seite, von der ans ibn 
WnrdigDDg gerade an solcher Stelle eich empfiehlt. Ich meine den Zasammen- 
hftng des gründlich denkenden Gelehrten, alt den wir Biickert anerkeaneii 
mÜEseo , mit den weltgeschichtlichen Strömungen der Zeit, der hier eniehtlidi 
wird. Nichts kann fruchtbarer wirken auf den Geiet der Mitstrebe »den, aiehti 
kann ihn mehr erheben ond ermutigen, die Kraft dea mit großen Anfgabefl 
Ringenden steigora, nichts vor dem Erstarren im Buchataben sicherer bewahren, 
ali diese von tlohEit der Gesinnung und Wärme der Begeisterung getragenen 
Schriften Rückerli. Wer bliebe unberührt von dem kräftigen Herischlflg, dv siv 
belebt? Getragen von dem Ausblick nach den höchBten Zielen metuchliehen 
Trachtens enthüllen sie nach allen Seilen den Wert der bedeutendsten LeütnugCD 
auf dem Gebiete der Erforschung des Lebens und der Entwickclang nnsera 
Volkes and befruchten neue Bestrebungen mit grundlegenden Gedanken, die dtn 
Znsammenbang des Einzelnen in einer Arbeit mit einem großen Ganzen hei~ 
stellen und dadurch mit Lebenawärme erfüllen. 

„Er liebte es**, sagt Dr. RciSerscfaeid, der verdienstvolle Mitheran^ebfr, 
im Vorwort, ,,dic Wissenschaft mit dem praktischen Lehen lu vemitteln ODd 
über den engen Raum des Gelehrlenlehens hinaus Dienschlich mit den Mentcfaen, 
wie er tu sagcu pflegte, zu verkehren." 

„Da er durch vielerlei äussere und innere Kötigungen tu immer grötev 
BescbränkuDg in der eigentlichen wissenschiiftlicben Productivität gecwungta 
wurde, so war ea für ihn eine Art von Ersatz, wenn er, anknüpfend an & 
positive Grundlage Irgend eines Anregenden oder wichtigen Bucbei, in eiiur 
Zeitung oder populären Zeitschrift das Eine oder das Andere aus seinen SM- 
dien nnd Gedanken mittheilen und so eine Art Fühlung mit den wiebtigstei 
allgemeinen Zeitschwingungen herstellen konnte." 

Wir entnehmen der Vorrede sogleich auch dasjenige was den Lesor ibn 
die Entstehung der vorliegenden Ausgabe weiter belehrt. 

„Rückert selbst hat eine Sammlung und Auswahl derselben (kl. Scbriftn) 
gewünscht und in seinen Ictzlwilligen Bestimmungen, welche er am 18. Josi 
1874 zu NeuseQ niederscbrieb , die Sorge dafür dem Fräulein Amelie Sehr, 
seiner und seiner Frau langjährigen treuen Freundin, übertragen. Diese huA- 
verehrte Dame gab sich sofort mit unermüdendem Eifer an die Arbeit. Do- 
sichtig sorgte sie zunächst für die Bcschaßiing des gesammtcn AufestzmaltfitU, 
was keine leichte Mfihe war, da sich im N:ichlaD so gut wie kein Anhalt hiiJ 
und die meisten Aufsätze anonym erschienen waren." — — — 

„Nachdem Frl. Sohr die Vorarbeiten endlich abgeschlossen hatte, wandte 
sie sich an roicb", so erzählt Dr. Keiflersclieid, .mit der Bitte, ich oMlUit 
wissenschaftlicher Berather und Mitarbeiter sein. ^— ■ — Ohne laagM Dtulw^ 
ließ ich daher („da ea galt dem verehrten Lehrer und Freund« ein Dcnkn«) 
zu errichten") meine eigenen Arbeiten, so sehr sie mir auch uis Hcn S** 
wachsen waren, in den Hintergrund treten, um inerst dieser Pflicht der f'tt^ 
zu genügen. 

„Ich trage kein Bedenken, auf die kleineren SchriflcD meines hodvir 
ehrten Lehrers zu übertragen, was er von Walther von der Vogelweld« «gi: 
„Es handelt sich nicht um ein Buch mehr oder weniger an dea rirfn 
£e wir haben , sondern nm einen der groOen Leitsterne auf dem so imäA 



LITTERATUR: A. SOHR UND A. REIFFERSCHEID, HEINRICH RÜCKERT. 245 

und gefahrvollen Wege miBeres Volkes. Einem solchen gebürt es alle mögliche 
Ehre anzuthun, weil man sicher sein kann, daß sie sich belohnt.^ 

Ich kann den Worten nur beistimmen, indem ich zugleich auf das große 
Verdienst hinweise, das sich sowohl Frl. Sohr, wie auch Dr. Reifferscheid er- 
worben haben, indem sie^ wie diese Bände zeigen, in der That eine uneigen«^ 
nütsig aufopfernde Treue bewiesen habeu^ die Rückert wol verdiente, die aber 
nichts destoweniger eine seltene genannt werden muß. 

Sie stellen uns in einem 3. Bande eine Lebensdarstellung Rückerts in 
Amsicht, in der besonders reichhaltig und interessant „die Briefe Friedrich 
Rückerts an seinen Sohn** sind; eine Arbeit, der wir denn auch mit dem 
regsten Interesse entgegensehen dürfen. 

Die Anordnung, nach der die gesammelten AufBäftze zusammengestellt sind, 
ist, wol mit Recht 9 nicht nach ihrem Erscheinen, chronologisch , sondern nach 
ihrem Inhalte und ihrer inneren Beziehung zu einander geschehen, so daß da- 
durch gewissermaßen ein Ganzes entstanden ist, das wol nicht in allen Theilen 
gleich ausgearbeitet erscheint, sich aber doch am besten in der gebotenen 
Reihenfolge liest und dann ein Bild gibt von der Gesammtanschauung Rückerts 
▼OD dem Geistesleben des deutschen Volkes, seiner Entwickelung und seinen 
Zielen. 

Das erste Stück : Die gegenwärtige Bedeutung der deutschen Alterthums* 
kande und ihre Fortschritte in den letzten Jahren ist in der Minerva erschienen 
und zwar im Jahre 1850. Schon in Hinblick auf diese Zeit des Erscheinens 
dieses Überblicks ist es begreiflich , daß er uns neben der 20 Jahre später er- 
schienenen Geschichte der germanischen Philologie Raumers in mancher Hinsicht 
wol verblasst erscheinen muss, zumal er ja schon zur Zeit seines Erscheinens 
nur eine populär gehaltene Skizze war. Von den neuen Zielen der Forschung^ 
die theils auch von Raumer nur genannt sind, theils erst nach 1870 auf- 
tanchten, kann hier nicht die Rede sein. Dennoch muss die treffliche Zeichnung, 
die hier von der Art der Leistungen Grimms, Gervinus*, Uhlands u. A. gegeben 
ist, den gebildeten Leser mächtig anziehen und wird sich selbst der Fachmann 
freuen wie durch den Blick des Historikers hier jene Seiten hervorgekehrt 
weiden, die innerhalb des germanistischen Kreises nicht leicht zur Sprache 
kommen. Ich erwähne nur die Besprechung der sinnigen, dichterischen Natur 
Jacob Grimms, insofern sie doch der politischen Seite des deutschen Lebens 
in auffallender Weise abgewandt blieb, was besonders in den Rechtsalterthümem 
siehtbar wird, wo mit so eingehender Genauigkeit die symbolischen Gebräuche 
bei Kauf und Verkauf gesammelt und „die Regierungsgewalt der Staatsober- 
häupter der Urzeit^, „die Betheilung des Volkes am Staate^ so kurz behan- 
delt sind. So hebt er scharf zeichnend hervor, wie das große Werk Gervinus', 
ganz im Gegensatz zu J. Grimm, überall durch die Richtung auf das ethische 
Moment, das er über das ästhetische, poetische stellt, nahezu zu einer „Ge- 
sehichte der in der deutschen Litteratur dargestellten politischen Ideen ^ ge- 
worden ist. 

Auf das Gründlichste erörtert der nächste Au&atz: „die ältere deutsche 
Litteratur und das heutige Publicum*^ einen für unsere Bildung höchst be- 
deutenden Gegenstand: das Wuchern der Chrestomathien und Litteraturge- 
sehichten, das die Leetüre unserer Classiker zu verdrängen droht und wie diesem 
Übel durch Ausgaben der Schriften älterer und neuerer Zeit zu begegnen Ut. 



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f^^ UTTERATUB; A. SOHR tIMD A RBIFPEIR&CHEID, HEDfSICB ROCKEST. 

So begegnen wir Bcfaon im eralen Bande tief anregende Erortermg^ öfcei 
Punkte Dnieres nationalen Lebens, wie die BeiielitiiigeD der itM- 
•cheD ZOT niedertändJBchen, des dentschen PnblicgmB zur a)tnordi£cheo Uttentw, 
3ber WiUlher von der Vogelweide, die Nibelungen, Heinrich tod BrevIsB, Sa- 
boatian Brant, Jacob Ajrer, Latber, über Friedrich den Gro&en und die dcBbcbe 
Litterstar, D- Fr. Straoß and seinen Einfluß auf Wiuenscfamft tind Leben, J«Mb 
Grimms Gescblchte der deutschen Sprache, über Schriftsprache, Hnndait nd 
Spracb wisse nacbaft n. s. f. Alles Äufsätie, die schon gedruckt WKica, die wir 
ftber hier zoaammen gestellt und vor schneller Vergessenheit bewabrt >n tefeem 
mu freuen müssen. 

Ungedrackt waren bisher nur zwei Stücke des ersten Bandes : Über Hut- 
Banns Iwein und über das Epos Gadran; zwei Vortrage. Der leixlere wntde 
1817 zn Jena in der akademischen RosengeselUcbaft gehalten. 

Die Zeit, in der der Vortrag über Hartmanns Iwein entstand , läßt MCk 
nicht mehr bestimmen, Dr. Keifi'erscheid hält ihn, wol mit Becht, fw ÜIb 
als den über Gndmn. 

Bückert bespricht hier im Eingange lunäcbst die Bedentang der bn- 
tagniscben Sagenstoffe für die Bildung und den Geschmack unserer hÖfiscba 
Dichtung jener Zeit und erzählt dann frisch und lebendig den Inhalt der Har^ 
mannschen Dichtung. Obwol die schon in dem Stoffe liegenden Mängel der 
ganzen Erzählung nicht rerkennend , versetzt uns Bückert dutch seine Dar- 
•tellnng doch in eine dichterische Stimmung, die von dem vernichtenden Urtol 
Gervinus' über diese Dichtung ganz verschieden ist, wenn wir anch in dv 
Sube Gerrinu« Recht geben, dessen Ansicht ßijckect «eibst in dem Vottn; 
4ber Gudmn iheilt und wesentlich eigentlich ja auch hier nicht bestreitet. 

Andehender noch ist uns der Vortrag über Gadmn, obwol derselbe vom 
Jabr 1847 herrührt 

ßückert geht von der Ansiebt aus, daß alles was nicht lar äaßerikkcs 
Form der Gndrundichtong gebort, nicht bloß der Grundgedanke, «oadora avk 
die auftretenden Gestalieu und .die Erzählung selbst in ihren hauptsäcbUdulM 
Zügen' in jener Zeit entstanden sei, in der die deutsche Bildung von fiendc* 
Einfluß noch unberührt wer. Er nennt die Dichtung „einen der ersten T«- 
offenbar dem Rilterstaode angebörigen Dichters, einen SUtS so 
behandeln , welcher in seinem ganzen Wesen in geradem Gf geassts » do 
Lieblingsgegenständen der romnntischen Poesie slefat". 

In Bezug auf die EntstehnngsEeit der Dichtung (um „1210 — 12"), asf 

Heimat, Österreich oder Steiermark, auf die Verwerfung des ersten Tbeib 
ftventinre I — IV) stimmt Hückert ganz mit Müllenbofis iwei Jahre fr&bcc 
(1845) erschienener Kritik der Gudrun überein. Lesenswert ist besonders der 
8chloss des Vortrags, wo der tiefe Gedanke hervorgehoben wird, der d«B Thcü 
des Gedichtes, der Hildes JugenJgeschichie cathäli, mit dem lettten, dem eigeal- 
liehen Gudranliede verbindet. Dieses verliert seine Tiefe, bemerkt B.. ,sataiU 
jene Grundidee des Ganzen aufgegeben wird". „Ee ist eine durch und dank 
tragische im höchsten Sinne des Wortes, denn was kann großartiger gedackt 
werden, als diese Art von Sühne der objecliven Sittlichkeit, nie sie hier «er 
QDsem Angeo geacbieht.* 

Der zweite Band gibt dem ersten hu Gehall nichts nach. Wir heben 
aus demselben besonders hervor als wahrhaft erhebende Worte < 



UTTERÄTUR: Ä. BIBCH-HI£8CHF£LD, DIE SAGE VOM ORAL. 247 

hochstehenden Oeistes: 10. Dentsohe Antwort auf die slavisehe Frage« 12. Zur 
Verstandigiing über: Der Alte und der Nene Glaube von D. Fr. Strauß. 
13. Elrinnemngen an Fr. Rackert. 14. Friedrich Rückert als Gelehrter und 
15. Gkorg Gottfried Genrinus. Bei den Schriften^ Rückerts über seinen Vater 
wird der sittliche Adel des Sohnes in einer Weise fühlbar, daß vrir nicht im 
G^eringsten Anstoß nehmen an der anbegrenzten BewundemDgi die er aus- 
sfNrlcht. Wir fühlen^ es ist nichts von Eitelkeit dabei im Spiele; es ist immer 
eine hingebende Betrachtung des großen Gegenstandes, bei der der Betrach- 
tende seiner selbst völlig vergißt. Mit Recht dürfen wir mit Spannung dem in 
Aussicht stehenden dritten Bande entgegensehen mit den Briefen Friedrich 
Rückerts an seinen Sohn. 

Und so sei es uns denn gestattet mit Worten aus Reifferscheids Vor- 
wort zu schließen, indem wir uns völlig seinen darin ausgesprochenen Wünschen 
anschließen: „Möge dieses Werk, welches einen der edelsten und besten deut- 
sehen Männer in seinem Leben und in seinen kleineren Schriften darstellt, 
die verdiente Theilnahme finden und das Seinige beitragen sur Verbreitung 
liberaler und nationaler Gesinnungen^. 

Die äussere Austattung ist eine durchaus des Gegenstandes würdige, wofür 
der Herr Verleger Hermann Böhlau höchste Anerkennung verdient. 

WIEN, December 1877. 8CHRÖER. 



Birch-Hinchfeldi Adolf, die Sage vom Gral, ihre Entwicklung und dichterische 
Ausbildung in Frankreich im 12. und 13. Jahrhundert. Eine literarhi- 
storische Untersuchung. 8. (Vm, 291 S.) Leipzig 1877. F. C. W. Vogel. 

Der weitaus größte Theil dieses Buches (von neun Capiteln sieben) be- 
schäftigt sich mit den französischen Quellen der Grabagey und in ihm liegt der 
Schwerpunkt der ganzen Arbeit. Der Verfasser gibt ausführliche Analysen und 
Inhaltsangaben der französischen Texte, was um so mehr willkommen geheissen 
werden muß, ab dieselben zum Theil sehr selten und schwer zugänglich sind. 
Nach einer kurzen allgemein orientierenden Einleitung (S. 3 — 6), in welcher 
wir jedoch die Behauptung (S. 5), daß allmählich jeder bedeutende Held der 
Tafelrunde in Beziehung zum Ghral gebracht worden sei, als sehr übertrieben 
bezeichnen müssen, folgt S. 7 eine Übersicht der französischen Quellen, von 
denen zunächst der als Grand St. Graal bezeichnete Prosaroman behandelt wird, 
eine um 1200 verfaßte Composition voll theologisch-mystischer Elemente aus 
Yersehiedenen Quellen, deren eine die Queste du graal ist, die noch dem 
12. Jahrb. und zwar dessen letzten Jahrzehnten angehört. Der Verf. sucht 
naehmweisen und macht es in der That wahrscheinlich, das der Queste bereits 
Chrestien's Conte du graal vorgelegen habe. Dieses Gedicht irird an dritter 
Stelle analysiert. Daß der Eingang der Monser Hs. unecht sei, wird über- 
zeugend und aus philologischen Gründen dargethan; für die Unechtheit hatte 
ich mieh bereits 1870 (Germanist Studien II, 116) ausgesprochen. An Chrestien 
reihen sich die Fortsetzer an, deren Zeit genauer bestimmt wird. Ansprechend ist 
die Vermuthung, daß der Verfasser der einen Fortsetzung, Gerbert, identisch sei 
mit dem Dichter des Romans de la violete, der sich Gerbert de Monstreuil nennt 
(8. 111 — 117). Im vierten Capitel fdgt der Prosaroman Perceval li Gallois, den 



1 



k 



LiTTEEATÜR; A. BIRCH-HIRSCHFELD, DIE SAGE VOM GBAU 

Verf. etwa io* ztreitc Viertel dee 13. Jabrh. setzt, was eher in früh ik 
SU spät ist. Im fünften Roberts de Boron Graalgedicht , als Petit St. Grul 
bexcicUnet und dessen Prosa auSöaDDg. Hr. B. sacht dariuthnn, dall <let pro- 
Baische Percevai aichts ala die AuBÖsung eines Gedichte« von Robert ist, welcbii 
die Qaelle Chrestiens gewesen sei. Im lecbalen Capitel weist der Verf. die 
bretonisebe, proreneHlische and spaoiacbe Heimat des QriiU lurück. Ebetno 
widerlegt er im folgenden Capitel die Antorscbaft des Watther hUpea für den 
Grand St. Graal. 

Wenn wir bisher den Äniftibningen des Verf. im Großen und Gutim 
beitreten, so können wir dies nur in beschränktem Maße in den beiden letitai 
Capileln, die die deuUche Oraldiebtung, insonderheit Wolfram, behandeln. De* 
Verf. geht daranf aus, alles was Wolfram über seine zweite Qoelle, den Pro- 
venzalen K;ot, sagt, als Pictiou 2u erweisen. £r findet einen Widereptuch bei 
W. in Bewig auf Kyot zwischen Parz. 453, 23 ff. und 454, II ff. (8. 261); 
an jener Stelle behaupte er, daß ein Heide znerst rom Grale geschriebea, ao 
dieaer, dnli ohne Kyot dh maer noch unvernumn wäre, leb »ehe daiio 
keinen Widerspruch; W. sagt nur, daß wenn Ryot nicht die heidnische Schrift 
lesen gelernt and das in Toledo gefundene heidnische Ms. studiert hätte, wir 
nichts TOm Gral wissen würden; woraus doch, beiläufig gesagt, sich aocb ct- 
{;ibt, daß für W. von den beiden Dichtern, Chrestien und Guiot, lelxterer der 
altere war, was mit meiner Deutung der Schlußatelle (Parziral I, S. XXVIHi 
üfaereinstimnit. Den schlngcndsten Beweis für die Nichtcxistenz von Gnioti 
Werke findet Hr. B. in dem Mißverständniss, das W. beim gräl begegnet sei, 
indem er aus dem Gefiissc einen Stein gemacht habe. Mißveritlindnisse sind 
freilich bei W. sehr gewöhnlich, und bei der Beschreibung des Grals begegnet 
ihm entschieden eines, denn mit Recht bemerkt der Verf., daß die beiden wl* 
bernen Messer bei W. aus dem lailleor d'argetil, dem ailbemcn Teller, auf 
welchem bei Chr. der graul steht, entstanden sind. Möglich also, daß er niebl 
wußte was Graal war, und da bei Chr. derselbe als mit edlen Steinen gescbnücki 
erscheinl, daraus einen Stein machte. Chr. braucht nur das Wort graal fäi 
dies Gefäß, und wechselt nicht mit anderen Ausdrücken wie vaittea» oda 
tteutlte. Hr. B. meint nun, das geschehe «baichllidi, «eil er sich die Anf 
klärang bis ans Ende Tersparen wollte. Aber bedurfte denn ein Fi-anzose ni 
Zeit Chr.'s eine 'Aufklärung' über die Bedeutung des Wortes graal? Da et 
nicht bloß von diesem Gefdße der Sage, sondern überhaupt in der Bedeutong 
Gefäß gebraucht wird, eo war es ein allgemein rerständüchcs Wort und Cht. 
konnte wohl in dem fehlenden Schluße Aufktürung geben über Geschichte and 
Ursprung des Gefäßes, aber nicht über die Bedeutung des Wortes. Wenn er 
es also nur graal nennt, so ist das nicht Absiebt, sondern entweder Zn&ll, 
'i>der, was mir richtiger scheint, wir werden daraus au schließen haben, daß ■» 
Chr.'s Zeit das in der Sage vorkommende Gefäß schon vorzugswtüse gia^ ge- 
naunt wurde. Dann ist es auch nicht auffallend, wenn Guiot gleichUb sick 
dieses Ausdruckes bediente. Au die Möglichkeit, daß Guiot das Wort gnil 
nicht rerstanden oder daß er es gewesen , der aus dem Geßfie etneii Slsa 
gemacht (S. ST.'> f.) darf gar nicht gedacht werden. Aber W. kannte Gwob 
Text ebensogut mißverstehen wie den Chr.'s. Gesetzt daß Guiot den Grail 
nicht als ein goldenes mii Edelsteinen geschmücktes, sondern als ein aus einem 
Edelstein geschnittenea Qeßft bezeicbnete , dann erklärt sich der Stein bei W. 



LITTERATUR: A. BIECH-HIBSCHFELD, DIE SAQE VOM QRAL. 249 

noch Tiel natBrlicher ab aus der Beschreibang Chr/s. Man kann z, B. sagen 
der Ring war ein edler Rubin and ebenso auch *der Graal war ein edler 
Stein, d. h. wie jener in Ringform, so dieser in Gefäßform. Aber, betont Hr. 
B., ein Mißverständniss ist ja unmöglich, wenn W. Guiots vollendetes Gedicht 
▼or sich hatte, das an irgend einer Stelle solche Aufklärungen geben mußte, 
ans denen benrorging, der graal war ein Gefäß. Wenn das wirklich richtig, 
dann war es eine absichtliche Änderung Wolframs, zu der es an Parallelen 
durchaus nicht fehlt, auch wenn wir nur Chr. 's Gedicht als seine Quelle an- 
sehen. Ein Beweis von der Fiction Guiots durch W. kann also daraus nicht 
entnommen werden. Überhaupt ist es sehr mißlich, die Frage nach der zweiten 
Quelle W.'s allein an die Gralsage anzuknüpfen, ohne die ganze Parzival- 
dichtung und die Titurelbruchstücke (die der Verf. ganz bei Seite gelassen hat) 
zu berücksichtigen. So wichtige Punkte wie die auffallige Anlehnung des Gkal- 
geschlechtes an Anjou, die Erwähnung der Dauphin^ und von Graisivodan im 
Titurel, femer die vielen Namen, von denen ein großer Theil noch erkennbar 
französ. Form, z. Th. südfranzösische (ich erinnere nur an den Hund garde 
vias) trägt, ein anderer aus nicht deutschen Namen oft bis zur Unkenntlich- 
keit entstellt ist — sind hier gar nicht berücksichtigt oder doch nur flüchtig 
(S. 280) angedeutet. Wie ist es zu erklären, wenn W. nur Chr.'s Gedicht 
kannte, daß er Parzivals Gemahlin, nicht wie Chr. (und wie die Krone) Blanche- 
flor nennt, sondern Condwiramurs , ein Name, der so sicher wie irgend einer 
fianzös. Ursprungs ist? Wollte man in ihm und anderen, wie G. Paris geneigt 
seheint, Entstellung aus keltischen Namen erblicken, dann würde dadurch erst 
recht die Existenz einer zweiten Quelle erwiesen. Ist der Name aber fran- 
zSaiBch, so sind zwei Möglichkeiten da : entweder W. hat ihn aus einem anderen 
französ. Gedichte entnommen, oder ihn erfunden. Die Erfindung ist bei einem 
des französ. so wenig kundigen Dichter nicht sehr wahrscheinlich und der 
Gmnd nicht ersichtlich, da seine Quelle (Chrestien) ihm einen anderen bot 
(ygl. German. Studien U, 122). Die Deutung betreffend, so halte ich auch 
jetst trotz G. Paris (Romania 4, 149) an der von mir (zu Parz. III, 1856. 
Gennan. Stadien II, 144) gegebenen Ideal wahrer Liebe* fest Derartige 
allegorische Namengebung ist in den französischen Ritterromanen nichts seltenes ; 
bei Chr. selbst li orgudllous de la lande, der Stolze von der Heide ; im 
Blancandrin heißt die Heldin Orgueillouse d^amouTy 'die Stobse von der Liebe'; 
ist das nieht dem Coin de wate amour sehr nahe verwandt? Vom Namen Titurel 
meint der Verf., derselbe stamme aus Chr.'s Erec. Er kommt zwar bei Hart- 
mann (Erec 1650) vor, aber Chr. hat an der entsprechenden Stelle (V. 1702) 
nar den mitgenannten Bleobleheris. Doch ich gehe auf diese Punkte nicht weiter 
&n und betone nur, daß zur Lösung der Frage nach W.'s zweiter Quelle die 
vorliegende Schrift kaum etwas beigetragen hat. Das verhindert aber nicht an- 
znerkennen, daß die Forschung über die Gralsage durch das Buch des Hm. 
B. eine erfreuliche Bereicherung erfahren hat. 

HEIDELBERG, im October 1877. K. BARTSCH. 



250 UTTERATUB: BKIEFWECU8EL ZWISCHEN J. GBUIM UND GEAETEE 

BiiefVAChiel «wischen Jncob Grirain und Friedrich David Graeter an da 
Jahren 1810—1613. Heraue gegeben tod Hennann Piacher. 9. (63 S.) 
Heilbronn 1877. Gebrüder Henninger 
Diese Briefe, SO an Zahl, von denen die Griminscheu aof der Stall' 
garter Bibliothek aich befinden, die Graeterechcn iiua J. Grimms NscUa4M nb 
Henn. Grimm zur Verfügung gestellt mirden, liefern einen vcrthvollen Beiing 
tat Geschichte der deutschen Philologie. J. Grimm der damalige Staattnlb' 
Auditor ist es, der sich, von Wißbegierde und Begeisterung erfällt, an dSB 
älteren Graeter (geb. 17ti8) wendet. Die Hauptgegcn stünde des Briefwecludi 
sind die altnordische Litteralur und Reinhard Fuchs. Da Graeter 1819 da 
nl. ßeinaert herausgab und anch J. Grimm damals schon mit einer AnigttK 
des Reinhart (d. h. des mhd.) umging , so glaubte Graeter in ihm einen Cod' 
currenlen zu finden. Dies und eine gewisse Eifersucht auf den genialen j3d- 
geren Mann bringt die erste Mißstimmung in das Vcrhältniss. Ausdruck gab ibr 
Graeter 1812 in einer miDgünstigen Recension über die beabsichtigte Eddl- 
ausgabe der Brüder Grimm , wodurch J, Gr. zn einer Erwiderung sich Rtu- 
laßt sah, gegen deren Abdruck in der Iduna Graeter sich sichtlich sträabt. 1S13 
wurde die Correspondeni abgebrochen; der letzte Brief ist von Graeter. Hn 
versteht jetzt besser noch das strenge Urtheil J. Grimms (D.M;tholo^e S.XXlX}. 
H. Fischer bat sich durch die Herausgabe und die darauf verwandte llEhe b 
Nachweisen and Erklärung der vorkommenden Beiiehnng den Dank alleTpld- 
genossen erworben. S. 37 ist statt Ihre R. L. 3.' wohl 2n lesen Ihn % 
L. Z. und gemeint Ihre Regner Lodbrok Zusätze ; vgl. S. 35 de^oöp 
Bogen, der die Zusätze zu dem Regner Lodbrok sgesang enthält. S. 37 nt£ 
es natürlich helssen animum donantis. S. 54 ist anfFallend das immer n 
prüfen bah' ich mir vorbehalten. K. 6. 

The Lay of Oor Lady. Translated from the German of Frauenlob, with a- 
planatoty notes, by Ä. E. Kroeger. 8. (22 S.) SL Louis (1877). 
Hr. Kropger. welcher vor mehreren Jahren eine Auswalil atu de« Nim- 
Bingern in trefilicber engliscber Übersetzung veröffentlichte, bietet anajeM SM 
Übertragung von dem böchst kunstvollen Unser rroawen lelch , di« die pi lM 
Anerkennung verdient und daher an dieser Stelle nicht unerwähnt bleibM Wli 
wenn auch unser Studium dadurch nicht bereichert wird. Aia Probe gdM ict 
den dritten Absatz, womit man das Original bei Ettmnller S. 2 vergleiche, 

Üo not deny, 

ton ihy, the joy, 

•rhen he thee did ply, 

the king, to go into his garden ; 

Sweet warden, 

thee greeting: 

bow now, love, muid, come let us swectly leisure! 

we'll treasure, 

nor measure, 

oni joy; sw«et wine wiih milk miied swectly drinking; 

miied ob, so rare, 

befitting. 



MliJCELLEM 

Come, doareat, lAy 
what gay »weet pliiy 
loTe'» lijjs wroiieht (hat day! 

wtien Ihrough your wall the wntch cumc breaking 
Bud taking 
yonr tnaDtle? 

'Wbat bnnt ye, maid, do late ürauud the city? 
in pity 
teil, protty! 

wc'll bring your ]ove, whh yaur woiinds faint :iiid äiDkiiig 
■0 Ilirccfold fair, 
80 gentle! 
wird hinreichen, um diu seltene Kunelfertigkeit des Übcrsetzars, 
rjch weiß, Dcutacbei von Geburt IeI, darsutbun. K. B. 



MI8CELLEN. 



Entgegnung und Bsiiohtignüg. 

^eit dem Erscheinea mviiicr Klngenusg^be hat man eich von gewiaaer Seite 
«lederholt mit den kleinsten Kleinigkeiten meines Variante napparules beicbäftigt, 
all ob e« auf dem Gebiete der deutachen Philologie nicht besseres und noth- 
«endigercs zu thnn gäbe. Dils könnte mir im Grunde nur nchmeicbelhaft sein, 
wenn ich es nicht Tür unbescheiden halten mtiCto, den größten TheÜ dieser 
Aufinerks am keilen meiner Wenigkeit anzurechnen und nicht ficlmehr dem, desaen 
Nanen ich meinem Buche rorangeatellt habe und dessen handacbriftFichcs Ma- 
terial ich bcuntien durfte. In dieser Meinung bestärken miuh die kurzen 
Bemerkungen des Herrn von Mutb in Z. f. d. Alt- u. d. Litt, 22 (10), 75 — 77, 
in denen der genanotu Herr mit meinen p. 255 — 257 meiner Ausgabe nusam- 
menges teilten , von Lachmann abweichenden Lesarten, soweit sie A betrefien, 
auf Grand seiner eigenen Collation ins Gericht geht. Als ErgcbnisB stellt 
Herr tou Muth folgenden Satz an den Schluß: „So ergibt sich denn eine 
kleine Beihu ganz danbensnerther Berichtigungen von Lesefehlern in Laehmann'a 
Tarlanten (auf circa 1000 2b Versehen, oder SV, %), keine einzige wesentliche 
Eneodation des Textes und die totale UnzuverläBsigbeit der von Edz. benutzti^n 
Colküon" (Zamckes nämlich] „{auf 50 Fälle 24 irrige Angaben oder 48 Jö)". 
Auf diese Anfechtung seiner ColUcion wird Herr Prof. Zarncke wohl 
wlb«t gebührend ernidern; ich meiuerseits beneide Herrn von Mutb nicht um 
die Art, wie er ku seinen 4S fo gekonimen ist: sind doch z. B. der Fälle 
unter 111, wo Fehler der von mir benutzten Collation gegenüber Lachmanns 
' Angaben vorliegen sollen, nirht 17, wie Herr von Muth angibt, sondern nur 14, 
■iod doch unter diesen im i der 6 Fälle, wo die ZuwrlässigliGit der Col- 
Auch DHOli Uorrn von Muth, gar nicht in Frage kommt! Hetr Ton 
> bede . wer andern leichtfertige oder wiBieatllch« Vw^^^- 




252 mSCELLEN. 

tung der Unwahrheit (EidI. in d. NL. p. 210) vorzuwerfen sich erlaub^ sdbft 
in dieser Hinsicht doppelt peinlich sein sollte. — Ich kann übrigens nnr Ter- 
sichern, daß ich überall die erstaunliche Sorgfalt der Collation zu bewim- 
dem Gelegenheit gehabt habe, wie denn auch die Zahl der von Herrn tod 
Math nachgewiesenen oder behaupteten , übrigens sehr geringfügigen Unge» 
nauigkeiten sich in der ganzen Collation auf höchstens 10 — 12 be- 
läuft **), von denen 5 — G sich auf ein in Lachmanns Texte irrthümlich nicht 
durchatrichenes e beziehen. 

Was mich selbst betrifft, so möge Herr von Muth nicht erwarten, dsfi 
ich für seine verschiedenen Anzüglichkeiten eine entsprechende Enriedarnng 
habe: der von ihm angeschlagene Ton wird wohl nirgends BiUigang und Ntck- 
ahmung finden. Nur einige thatsächliche Berichtigangen gebe ich hier: 

1 . Man sollte erwarten, daß Herr von Muth meine beanstandeten Lesarten, 
da er sie in Anführungszeichen citiert, genau so ^be, wie ich sie gegeben. 
Das ist aber nicht immer der Fall. Ich habe nämlich die wenigen Fälle, b 
denen ich ein e des Lachmannschen Textes in der Collation für irrthümlich Dicht 
durchstrichen halten konnte und bei ähnlichen, moglicherwebe übersehenen Klei- 
nigkeiten die Lesart der Collation mit * oder ? gegeben mit der Bemerkong: 

mit * bezeichne ich die Lesarten meines Materials bei denen ich ein Versehen 
oder Übersehen für möglich halte . — Das gilt aber von den Fällen: Ld. 

142 htt (Edz. hete^y genauer in meiner Ausgabe * coli. *Aeto'; — 1026 dm- 
nem (Edz. . . . chueneren) ^ genauer: *chueneren (A); — 1244 nider (Edz. m- 
dere, A mcf')*, genauer in meiner Ausgabe: ^nidere A (?); *2151 er (Eda. emj , 
genauer: *em A? — Weiter: *971 het (von Edzardi grundlos bezweifdt). — 
1014 din (Edz. wie 97l/. Meine Angaben sind "hei A?D' und 'din A?D'. 

2. ^1228 geben (Edz. Vehlt bei Lachm.', es steht aber im Texte). Frei- 
lich, abtT erst in der dritten Ausgabe (1851) ist die Lesart eingesetzt, docb 
wohl als eine der * glaublichsten Verbcbserungen' (p. VI), die Vollmer gegeben 
(in seiner Ausgabe p. 384). Lachmann las noch in der zweiten Auflage ^ 
gehen; also mit Lachmanns Collation hat die Lesart geben der 3. Auflag 
nichts zu thun. — 2006 ock (Edz. fehlt bei Lachm.'; steht vielmehr im Texte). 
Im Texte stoht vielmehr ouch. Lachmanns Zeile 2006 enthalt niaüicb 
zwei Verse (4373 und 4374 meiner Ausgabe); beide haben in A oA\ io 
erste rem Verse gibt Lachmauns Text oudi^ wozu ich bemerkte '4373 (2006 
auch] och A fehlt bei Lm.' Daß nur dieses erste och gemeint sein kann, be- 
weist die Verszahl meiner Ausgabe 4373; Herr von Muth hat sich also nickt 
die Mühe gemacht bis zu p. 235 meines Baches zurückzublättera ! — In emem 
dritten ähnlichen Falle wird Herr von Muth sogar noch liebenswürdig: *1566 
Edz. n mit brunnen si (das zweite t» gibt Lachm. nicht an) ; er gibt es aller- 
dings an S. 322 für solche, die nicht nur lesen sondern auch 
denken gelernt haben, durch den Hinweis anf v. 1979!* Icli maß hier 
zu meiner Schande gestehen, daß mir trotz des liebenswürdigen Hinwdaes dei 
Herrn von Muth auf v. 1979 f die richtige Erkenntniss noch nicht anigeben 



*) Denn Lm. 680 Onnther, A Gunth' und 1396 m«re, wo das « imdevtfick sem 
soll, kann ich nicht hierher rechnen; zu 201 und 942 aber seheiDeo mir Hern toc 
Mnths Losungen ansicher. 



MISCELLEN. 253 

will, and ich muß daher den geneigten Leser bitten meiner hartnäckigen Denk- 
nnfiUiigkeit zu Hülfe zu kommen: 1566 lautet der Text bei Lachmann 

daz man n mit brunnen verg6z\ 

unter dem Texte steht man n mit hrunnen A : man mit prunnen (wazzer D) 
n BCD. In den 'Anmerkungen S. 322 steht der wichtige Hinweis *Ö66. 
▼gl. 1979'. Dort bietet der Text: 

Unz daz man d mit wazer veTg6z\ 

unter dem Texte steht: daz man n mit wazer Ximan mit wazzer si BCIh. 
In den 'Anmerkungen steht nichts über A, sondern nur : si higoz I b. Da steht 
also sonnenklar die Angabe Lachmanns, daß 1566 A liest si mit brunnen ziy 
nicht wahr? Ich freilich begreife Herrn von Muth hier nicht, aber das liegt 
wohl daran, daß ich nicht 'denken gelernt habe. Im Ernst: ich Termuthe, 
daß Lachmann selbst, wenn er noch lebte, über diese Interpretation seiner 
Verweisung auf 1979 nicht wenig verwundert sein würde. — '2132 80 (£dz. 
do)*. Hier hätte sich Herr von Muth leiohtlich davon überzeugen können — 
wenn er nämlich die citicrte Verszahl meiner Ausgabe (4650) nachgeschlagen 
hätte, daß die nur zu bequemerer Orientierung daneben gesetzte Verszahl Lach- 
manns ungenau als 2132 statt 2133 angegeben ist: da aber hat die CoUation 
do ausdrücklich in bo geändert, und das wird wohl richtig sein, denn ich habe 
nirgends Grund gefunden, die ausdrücklichen Angaben der CoUation 
auch in den geringfügigsten Dingen zu bezweifeln. — 1196 sind in der That 
A und B durch Druckfehler vertauscht worden, wie schon die Vergleichung 
meiner Varianten neben dem Text mit denen Lachmanns unzweifelhaft ergeben 
mußte; die Lesart Lachmanns bleibt hier trotzdem ungenau, aber die Unge- 
nanigkeit betrifift B. Der Fall gehört also gar nicht hierher; und doch ist auch 
dieser Fall, obwohl Herr von Muth den Druckfehler selbst erkannte, unter denen 
mitgezählt, welche die Unzuverlässigkeit der von mir benutzten CoUation 
von A begründen sollen! 

LEIPZIG, im Jamiar 1878. Ä. EDZARDI. 



Bitte. 



Von der kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien mit der Her- 
ausgabe der Sachsenspiegelglosse (Land- und Lehnrecht) beauftragt, er- 
laube ich mir alle diejenigen um gefällige Mittheilung zu ersuchen, welche in 
der Lage sein sollten, über unbekannte oder verschollene Glossenhandschriften 
des Sachsenspiegels Auskunft zu geben. Als Anhalt für den gegenwärtigen 
Stand unserer Kenntniss dienen Homeyer*8 Verzeichnisse in seinen nRechts- 
büchem'' (1856) und der 3. Ausgabe des Sachsenspiegel- Landrechts (1861), 
resp. der Abhandlung über die » Genealogie der Handschriften des Sachsen- 
•piegela^ (Abhandlungen der Berliner Akademie vom J. 1859). 

KIEL, den 14. November 1877. Dr. jur. STEFFENHAGEN, 

königl. Universitfits-Bibliothekar. 



t 




254 MläCELLEN. 

Hochmalt die Ecbuü. 

Zu Germ. XXI!. 97. Irrthümttcli ist bemerkt, dall die Hs. B der ] 
in der Ausgabe voa Voigt nicht TollstäDdig coiUtioniert sei. Vielmehr lind die 
Lesarten Ton B bei Voigt genügend vollständig gegeben. 

Vorstehende Berichtigung, zu welcher ich durch einen im Sommer 1877 
wahrend meines Aufenlholtei in der Schneii erhaltenen Brief TOD Dt. Voi|t 
veranlaßt wurde, war butimmt, bald nachdem ich die Rcdaction der Germania 
wieder übernommen, gedruckt zu werden, nnd stand nebst einigen mndcra* 
bereits Anfang d. J. im Satee, mulitc aber wegen Raummangels, da ich, de« 
Wunsche des Verlegers gemUß, die bestimmte SeitenEuhl eines Hefte« nie übv- 
■chritt, noch im letzten Augenblick turijck gestellt werden. 

Iniwisdien bat Hr. Seiler Anlaß genommen im Anzeiger für d. Aitsr 
thum 4, 296 ff. das Vertehen mir vorzurücken. Ohne es entachnldigoi tu 
wollen, darf ich doch auf einige erklärende Umstände «erweiaeu. Ich bs 
Voigts Ausgabe in einer Zeit schwerer Krankheit, vom Arbeitstische fem, ud 
geraume Zeit verging, ehe ich daran denken konnte, meine Bemerknagea 
aafznzei ebnen. Inzwiaehen haltu Ich aach Grosse's Vergleichung von B gtUwa 
Dod daraus den Eindruck gewonnen, daß B nicht genau verglichen sei. 8o 
kam es, daß, als ich zur Niederschrift gelangte, ich eine auf Grimms Antgabe 
beiiiglichc Äusserung auf die von Voigt bc2og. Dabei Gel nun noch im Dtocke 
das Wort 'vereinzell' vor verglichen aus. Wer kein Neuling ia Drncksacba 
ist, wird wissen, daß das fast bei jedem Bogen einem Setzer begegnet, bd 
gleichem Anlaut eiu oder auch mehrere Worte ga überapringeo. Non freilieb 
hätte bei der Correctur das geändert werden müssen, und ich denke, weaa 
der Bogen überhaupt durch mnnc Hand gegangen wäre, ich würde e* niAl 
übersehen haben. Aber ich hatte die Redaction auf längere Zeit ganz abgcboi 
müssen. Es fällt mir nicht ein, dem trefflichen Freunde, der sie mir kbashm. 
aus dem Übersehen einen Vorwurf zu macheu; das weiß Jeder, daß da« Aag« 
des Autors manches sieht, was einem auch »och so aufmerksamen CorreetM 
entjicht. 

Die Hauptfrage — und deswe^jen allein antworte iuh — bleibt: ist in der 
Sache der Vorwurf ungereoht oder nicht: daß B unvollständig verglichen wotdesl 
Von der Groase'schen Collation scliweigt Herr S. gotiz, und er mag wobl scbm 
Gründe gehabt haben. Auch angenommun, daß hin und wieder Voigt riehügcr 
ab Grosse gelesen, so bleiben doch eine Anzahl von Stellen übrig, bei ima 
AusLatsang von Lesarien in B nicht zu bezweifeln ist. Voigt gibt ma, bt habt 
aammtlicbe Abweichungen von B mit Auanalime der orthographischen venwobDet. 
Schreibfehler kann mau kaum unter die orthographischen Abweichungen rechaee; 
sie charakterisieren eine Handschrift und sind bei dem VcrhältoJM, in weicht« 
A nnd B tn einander stehen, nicht ohne Bedeutung. Aber nicht SchreihfeUci 
allein hat Voigt nicht verzeichnet , ■oodem auch stärkere Abweicbnngen. lek 
hatte mir alles in meinEaemplar eingetragen, auch orthographische AbweicbnogeB, 
die von sprachlichem Interesse sind, wie reveamur B statt rti^thamvr 9T0, 
Teno statt krtno 169, guftotäa statt ipicclonia 103& u. s. w. Ich führe au 
Grosse im Folgenden nur das an, was für die Beurtbeilung von B erheblich ist. 
13 vivU. 64 quid, corrigiert quod {= A); V. gibt nur giii'd au. 9S Ulli. 
233 mi6on«s. 373 Nf. 419 liest G. tüa, V. itisa; hier wird schwer M 



M16C£LL£N. 26Ö 

entecheiden sein, ohne daft man die Es. sieht. 446 fulcica. .588 coniuiaa, 
780 ecnfiratrem. 788 PrendU. 842 tangit, corrig. plangü, ist mir sweifelhaf)^. 
893 miperpressaj nach V. auprepressa, 971 filomena, 1011 vtdpis und noch 
einigemal in B kann kaum als rein orthographische Variante gelten. 1110 Sub 
laUau. 1172 tturumy V. gibt mirum an; zweifelhaft. 1200 mtim; V. gibt 
serttus an. 

Wenn ich bei solcher Sachlage den auf Grimms Text bezüglichen Satz 
mit einer Modification auf den Voigts übertragen hätte» so wäre ich nicht so 
ganz im Unrecht gewesen. Das von mir geäusserte Bedauern kann ich daher, 
wenn auch gemildert, wiederholen. Eine Autgabe der Ecbasis wird sobald 
nicht wieder erscheinen; eine erschöpfende Ausnutzung der beiden einzigen 
Hss. war daher erwünscht, und erschöpfend kann ich die Ausnutzung von B 
nicht nennen. 

Welche AuflFassung Hr. S. von Satire hat, darauf kommt wenig an. 
Aber welche Klarheit in dem Kopfe von Jemand herrschen muß, der, wenn ich 
von der Tendenz einer Dichtung spreche , mir den zu Grunde liegenden 
Stoff entgegenhält, kann man leicht ermessen. 

Die Conjectur zu V. 71 gebe ich gern preis; ich habe in meinem Leben 
so viele Conjecturen (und ich denke» darunter auch gute) gemacht, daß ich 
eine unrichtige oder überflüssige ohne Bedenken opfere. Von Herrn S.*s Con- 
jectaren — im ganzen zwei — ist die zweite (zu 945) unnöthig, die erste 
(zu 781) mindestens nicht überzeugend. K. BARTSCH. 



Die Bibliograpliie der 

Im Anzeiger für d. Alterthum 4, 135 rügt Hr. St. den Irrthum, in welchen 
M. Heyne verfallen, die in der Zeitschrift 13, 517 ff. ohne Nennung eines Her- 
ansgebers mitgetheilten Glossen E. Sievers zuzuschreiben und spricht dabei die 
Vermuthung aus, daß Heyne wahrscheinlich der hier wie sonst oft schlecht 
unterrichteten Bibliographie der Germania gefolgt sei. 

Ich kann nur wünschen, daß Herr St. mit seinen sonstigen Conjecturen 
gl&cklieher sei als mit dieser. Hejme schreibt mir: ^^s kann gar keine Rede 
davon sein, daß ich zu der betreffenden irrthümlichen Annahme durch Ihre 
Bibliographie veranlaßt worden wäre; ich bin vielmehr, wie ich mich genau 
erinnere^ ganz selbständig darauf glommen, weil unmittelbar hinter den nicht 
vntenehriebenen Pmdentiusglossen die Glossen zu Walafrid Strabns folgen, 
von Sievers unterzeichnet, während dann erst Glossen mit der Unterschrift Stein- 
OMyera kommen. So lag die Annahme nahe, die Prudentius- und die Strabns- 
l^oeaen seien von ^inem Herausgeber . 

Hat Herr St an den Glossen das gethan, was er jetit bestimmter angibt, 
■o hatte er ein volles Recht sich als Heransgeber zu nennen. Wozu dann das 
seltsame Verschweigen des Namens? Birlingers Antheil war durch die Erwähnung 
im Anhange völlig Genüge geschehen. Aber es scheint zu den Wunderlich- 
keiten der Schule zu gehören, daß man dem Leser Rathsel aufgibt. Voran- 
gegangen war darin Müllenhoff, der für das Deutsche Heldenbuch den Laurin 
bearbeitete, ohne auf dem Titel oder am Schluß der Einleitung seinen Namen 
xa nennen ; er schloß nur mit der mysteriösen Unterschrift *Düsternbrok den 4- Sep- 



I 856 tflSCELLEN. 

' 1866'. Wei niclit nuCte, dkß M. seine Ferien Öfter in der TS&e ra 
Kiel sDbrscbte, der konnte lange ratfaen, ehe er dahinter kam, wer der Uer«n>- 
geber. der fortwährend mit lornehmen wir redet, eigentlich «ei. Wenn Hr. St 
aein 'schlecht nnteirichtet auf den Abgang solches Wiatens beliebt, dann habt 
ich nichts dagegen : denn ich habe Besseres m tfaan, als solchen Grilleo taA- 
snepüren. So ist denn auch Keller wirblich in den gann analogen Irrtbnm ta- 
falleo , daß er den Lanrin Jänicke zuschrieb, der allein auf dem Titel genunt 
war, nnd den onmittelbar vorhergehenden Bilerolf heransgab (rgl. Germiuiia 30. 
94, Anm.). 

Meine Bibliographie als irrthunifrei hinzuatellen kommt mir nicht in deo 
Sinn. Wer Qberhaupt etwas von bibliographischen Arbeiten versteht, wird bilUgei 
nrtheilen und die der Arbeit anhaftenden beinahe nnvcrmeidlichen Hängd übet 
den gnten Diensten übersehen, die meine Bibliographie unserer Wtwenicliafi 
lastet. Der Tadel Herrn Steinmejers ist daher, wenn er nicht noch Böawülif- 
keit eiaschlieHt, nnbillig und unverständig sagldcb. K. BARTSCH. 



nachtrage und Berichtifim^ea. 

Zo Bd. XXI, 205. Eine andere Bearbeitung dieses Spmchi 
die Seen-Sucht, steht in Kellers Fastnachtspieleu III, 1283. ~ V. Ii3 L 
jucken at. tacken. J. BÄCHTOLD. 

Zn XXll, 342 ff. Scherer iimcht mich aufmerksam, d,i£ die SonoM 
■cbun in der Nachlese in Kellers Fastnacfalspielcn S. 331 ff. nach deradbti 
Hb. gedruckt ist. — S. 360 ist Willingshausea st. Wittingabausen zu les«s. — 
S. 420 ff. 1. V. 4e des; 102 wir hnbm frid Terzen (?) ; 124 in; 135 ziedu; 
157 genedigiste; I9T Genedigittcr; 317 zu streichen; 279 stcchlen; 321 bisefa; 
331 Oenediger; 354 sohooer; 356 paelen; 421 dir nemen; 452 gelob 
cnie pey; 459 leute; 486 wahrsch. Irauen vnd man. 



TXXITT. VerBamnlnng deatacher Philologen und Sebnliii&itner. 



^ 



Nach dem zu Wiesbaden im vorigen Jahre gefaßten Beschlüsse wird die 
XXKIIl. Vcrtammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Gera stath 
finden. 

Da Seine Durchlaucht der Fürst die Statuten gemäße höchste Gteneluiiigaaf 
Eor Abhaltung des Congresses erthcilt haben , so schreiben wir bierdnreb die 
Versammlung auf die Zeit vom 30. September bis 3. October 1678 mv> ni 
laden die Fach- und Berufsgenossen zu zahlreicher Betheiligung ein mit ds 
Bitte, sich wegen Beschaffung guter und billiger Quartiere möglichst trvhatiäg 
an den Mitunterzeichneten Dir. Dr. Grumme in Gera wenden zn wollen- Vm* 
träge und Thesen sowohl für die Plcnarsitinngen wie für die i 
wir baldigst anzumelden. 
GERA 
Directar GRL'MUE 



die Sectioaen IM^H 
:CCK. ^^M 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER 

In der Vorrede zum zweiten Band der y,Sammlung von Minne- 
singern aus dem Bchwäbischen Zeitpunkte^ spricht Elingesor-Bodmer 
von verschiedenen Wörterverzeichnissen, deren Herstellung er einem 
fthigen Kopfe übertragen wurde. Ein solcher könnte eine Sammlung 
verlorener Wörter machen, femer ^eine Liste anderer, die zwar in 
ihren Buchstaben noch bekannt sind, und noch gebraucht werden, aber 
deren erste Bedeutung vergessen oder mit NebenbegrifFen verändert 
ist; femer eine von Wörtern, die wegen einiger Ähnlichkeit des Tons 
mit andern ihr Geburtsrecht verloren haben, und mit diesen vermischt 
worden sind, nebst einem Auszuge von solchen, die durch die Buch- 
stabierart ein so verschiedenes Ansehen gewonnen haben, daß man 
eines derselben fyr zwei, drej und mehrere genommen und gegeben 
hat^. Wir Spätgeborenen lächeln vielleicht, wenn er zum Schlüsse sagt: 
„wir könnten noch mehr dergleichen unschuldige Aufgaben entwerfen, 
wenn wir nicht fbrchteten, daß wir schon mit diesen geträumt hätten^. 

Aber wir wären zu diesem Lächeln wenig berechtigt; denn es ist 
bis jetzt nichts gethan, um die Befürchtungen des Schweizer Dichters 
Ltlgen zu strafen. Noch ist keines der Probleme gelöst, die er vor 
mehr als 100 Jahren mit anerkennenswerthem Scharfblick hingestellt 
hat Freilich hat er von der Tragweite der von ihm gewünschten 
Untersuchungen keine Ahnung gehabt. Die Geschichte der Entwicke- 
lung zu schreiben, welche die Wortbedeutungen in irgend einer Sprache 
durchgemacht, ist eine der schwierigsten und zugleich interessantesten 
Angaben. Nicht minder anziehend ist es, den Gründen nachzugehen, 
welche den Untergang zahlloser Wörter, ihren Ersatz durch neuge- 
bildete zur Folge hatten, Fragen, die fllr das Romanische Diez in 
seiner Grammatik und seiner romanischen Wortschöpiung erwogen 
hat. Besonders wichtig erscheint aber gerade in der Gegenwart die 
Betrachtung der von Bodmer zuletzt genannten Kategorie, wo im 
Deutschen an Stelle eines einzigen Wortes der älteren Zeit später 
mehrere Wörter erscheinen : der deutschen Doppel- oder Zwillingswörter. 

GERMANU. Neu« Seilie. XL (XXm. Jthrg.) \1 



Solcliti Doppelwörter erecboiaeD ja auch auf anderen Oebieten: 
tÜT das Lateinische hat Br^al die wenig zahlreichen Beispiele geBun- 
melt in den m^oires de la societ^ de linguistique de Paria 1, 163, fOr 
das Französische A. Brächet, dictionnaire des doublets 1868, mit sap- 
pUment in den mömoires I, 358, fllr das Portugiesische CoeUio, Ro- 
mania 11,281, für das Spanische Caroline Michaelis in ihrem Buch 
über ^romanische Woi-tschöpftmg", wo sie auch zahlreiche Machtrtgc 
aus dem Bereich des Französischen und Portugiesischen gibt. Aber 
im Deutschen liegt, wenigstens thcilweise, das Verhältniss ganz anden 
als in den romanischen Sprachen. In diesen ist die Doppelong fast 
durchweg dadurch entstanden, daß zu dem lautgesetzlichen Vertreter 
eines lateiniEchen Wortes das gleiche Wort der Muttersprache noch 
einmal in späterer Zeit durch gelehrte Entlehnung hinzutrat. Im Deal- 
sehen aber tritt hKufig der Fall ein, daß innerhalb ein nnd desselbeo 
Dialektes in der volksthUmlichen Entwickclung ein Wort sich in twie- 
facher Entwickclung spaltet. Und eben derartige Beispiele sind von 
principieller Wichtigkeit. Mehr tind mehr wird in der Gegenwart die 
Sprachforschung darauf hingeleitet, die unbedingte Geltung der Laal- 
gesetze anzuerkennen. Diesem Grundsatz scheinen nun die in Fra^ 
stehenden Doppelwßrter zu widersprechen ; denn wenn irgend eiiie 
Lautgruppe wirklich sich in zwiefacher Weise entwickeln kann, so ist 
nicht einzusehen, warum sie nicht gelegentlich auch sechs- oder zehn- 
fache Vertretung ünden soll : kurz, ein schlechthin verbindliches Ltol- 
gesetz läßt sich dann nicht aufstellen. Da es aber schwer fUUt, dm 
Glauben an den Satz aufzugeben, daß unter einer und derselben Be- 
dingung eine einzige Ursache mir eine einzige Wirkung haben kann, 
so lohnt es eich der Mtlhe, zu prüfen, ob bei der scheinbaren Doppel- 
entwickelung nicht neben dem einen Lautgesetz, richtiger neben dw 
einen Lautwandel wirkenden Ursache noch andere Ursachen mit im 
Spiele sind, oder ob, wenn wirklich nur das Lautgesetzt wirkt, nicbi 
die Umstände verschiedene waren, unter denen es sich äulierte. 

Noch eine zweite Frage muß bei Betrachtung der Doppelwörtef 
aufgeworfen werden. Meist sind ja nicht nur die Formen, sondern andi 
die Bedeutungen auseinander gegangen; so muß untersucht werdwi- 
warum der einen Form gerade diese, der andern jene Bedeutung «n- 
gefallen, und ferner muß die Zeit dieser Bedeulnogsscheidung fesl- 
gestellt werden, soweit sie nicht schon vor der Spaltung bestAnden 
oder sich zugleich mit derselben ergeben hat. Bisweilen ist diwe 
Differenzierung bis auf den heutigen Tag nicht durch gedmugen, nnr daß 
wir für die eine Bedeutung dieae Form, für die andere Jane votttsikn't 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 259 

oder auch es werden für einen Theil der Bedeutungen beide Formen 
gleichmässig benützt, in einzelnen Gebrauchsweisen aber tritt bestimmte 
Scheidung der Formen ein. Auf sehr unsicherer Basis steht die chro- 
nologische Ermittelung der Bedeutungsscheidimg, denn unser lexicalisches 
Material reicht dazu höchstens, so weit es in das Gebiet des DW. 
Bd. 3 ff. fällt; bei Sanders fehlt es besonders an Belegen aus dem 

15. und 16. Jahrhundert. Ich muß deshalb für meine in dieser Hin- 
sicht zu machenden Bemerkungen um besondere Nachsicht bitten. 

Übrigens sind die bis jetzt erwähnten Doppelwörter nicht die 
einzigen im Deutschen. Das Neuhochdeutsche hat ja eine Fülle von 
fremden Elementen in sich aufgenommen, sei es aus andern deutschen 
Dialekten, sei es aus den romanischen Sprachen und dem Englischen. 
Da traf es sich denn oft genug, daß das Neuaufgenommene nur eine 
andere Gestaltung dessen war, was die aufnehmende Sprache schon 
besaß. Endlich kam es vor, daß ein und dasselbe Wort zweimal, zu 
verschiedenen Zeiten und nach verschiedenen Gesetzen aufgenommen 
wurde. 

Und nun zur Sache. Voraus stelle ich ein paar Wörter, bei 
denen man von Doppelgestaltung kaum reden kann, wo der Unter- 
schied nur in der abweichenden Orthographie liegt, indem ^unhistorische 
Grammatiker nach zufälliger äusserer Wortunterscheidung gestrebt 
haben^ (Gramm. I, 524). Es sind das — äaszj Statt — Stadt und Mime 
— Mine. Betreffs das — daaz kann auf DW. 11, 811 verwiesen werden; 
übrigens findet sich die heutige Scheidung nicht erst in der Mitte des 

16. Jahrhunderts, wie dort angenommen wird, sondern sie begegnet 
schon in der Stretlinger Chronik, etwa ein Jahrhundert früher. Die 
Schreibung Stadt treffen wir schon bei Luther, aber entschieden ist die 
Differenzierung erst im 18. Jahrhundert. Noch modemer ist die Tren- 
nung von Miene und Mine; Steinbach (1734) schreibt fUr beide Be- 
deutungen Miene ^ Frisch (1741) beide Male Mine (s. Weigand s. v.). 
Ganz zufällig ist die Art der Unterscheidung übrigens nicht: der 
militärisch-technisch^ Ausdruck steht dem allgemeinen Sprachgefühl 
weit fremder gegenüber als das andere Wort mit allgemeiner zugäng- 
licher Bedeutung. Daher hat jenes die fremdere Gestalt behalten, dieses 
sich deutscher Schreibweise gefügt. 

Ob auch wieder — wider bloß auf einer solchen orthographischen 
Scheidung beruhe, wie Grimm a. a. O. will, ist zweifelhaft. Denn 
such unsere Aussprache macht einen Unterschied : das Wort für rureue 
wird mit langer Stammsilbe, ander = contra mit kurzer gesprochen; in 



SeO O. BEHAOHEL 



^V sec 

F einzelnen Compositis dea letzteren wird Länge wie EUrze gehört, so 

I in widerlich, widerwärtig, zuwider. 

^^^ Wäre die Verschiedenheit des Stammrocales wirklich eine in der 

^^H lebendigen Aussprache entwickelte, so müßte man davon ausgehen, dkli 
^^H vnd^ je nach seiner Bedeutung nnter verechiedenen Accentverhältnisaen 
^^^ Btehen konnte. Als Präposition mußte es proklitisch sein und die ente 
Silbe blieb kurz; in „über den Berg" wird kaum idier. sondern wohl 
stets über gesprochen. Als Adverb und bei der Stellung in der Com- 
position ist es betont und mußte die erste Silbe dehnen. In den Zn- 
sammensetzuDgen mit vider = rjmtra wäre dann die Kllrze dtircfa eine 
Form üb ertragung zu erklären, die von der Präposition ausgieng. Allein 
solche Übertragung geschieht in der Thal nur von Form zn Fonn> 
nicht von Bedeutung zu Bedeutung, und es ist kaum denkbar, da£ 
das unbewußte Sprachgefühl die beiden Bedeutungen von rw»»» und 
contra so genau und glatt habe scheiden können . ohne daß formale 
Vermischung beider Gebiete eintrat. Es ist daher wohl eher anza- 
nehmon, daß die orthographische Scheidung nicht auf der verschiedenen 
Betonung beruht, sondern eine willkürlieh gemachte ist Wenn nnn 
neben der lautgexetzlichen Länge in widenrärtig etc. auch die KOrse 
vorkommt, so ist das offenbar eine Rückwirkung der Orthographie. 
Die Festsetzung der abweichenden Schreibung hat in der ersten HSlfte 
dea 17. Jahrhunderts stattgefunden. Gryphius scheidet schon gaoi 
rein: Carolus Stuardus (nach dem ältesten uns bekannten Druck von 
16ti3 ed. Tiltraann) v. 13 der Dnimmeln Widergalm. v, 55 wider uns. 
ebs. V. 179. 186. 321. v. 180 wider Recht, v. 251 wider die. v. 6&4 
zuwider, v. 97 baut und bricht es wieder, v. 557 das trotze Calidon 
sucht seinen Kßnig wieder, v. 659 und forderta wieder ein. Peter 
Squenz Sc, 1: Thisbe kommt wieder. Dagegen in Gnsmann von 
Alfarebe 1615 noch ungetrennt: p. 195 wider mich. p. 198 widemfi 
widerumb. p. 199 widerumb. 

Die weitaus größere Zahl der Doppelwörter im Deutadien !«' 
ohne ein willkürliches äußeres Zuthun entstanden. Hätten wir nun 
heutzutage jedes deutsche Wort in der Gestalt, wie es nach den Ge- 
setzen der Lautentwickelung und Sehreibung sich uns darbieten mfllit«. 
80 würde uns eine Doppelung sehr grosse Schwierigkeilen bereiten. 
Altein dem ist bekanntlich nicht so, sondern der Einfluß der Laut- 
gesetze ist durch den der Form Übertragung ausserordentlich oft durcb- 
kreuzt worden. Ebenso ist bekannt , daß dieses zweite Moment be- 
sonders energisch dann gewirkt hat, wenn ein Wort nicht isoliert 
stand, sondern sich innerhalb eines Flexionssystems oder ii^end einci 



U^lh- 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 261 

andern Bildungssystems befand. Damit ist die Möglichkeit einer zwie- 
fachen Entwickelung gegeben, denn neben der durch die Analogie 
hergestellten Form konnte die lautgesetzliche bestehen bleiben und sich 
nach Lautgesetzen weiter bilden. Es fragt sich daon nur, weshalb 
sie bestehen geblieben und nicht der andern völlig gewichen; wäre 
stets die lautgesetzliche Form neben der Analogiebildung erhalten, 
so müßten wir eine unendlich grosse Zahl von Doppelwörtem be- 
sitzen. Für einen Theil unserer Zwillinge löst sich jene Frage ziem- 
lich einfach durch den Satz der Identität: diejenigen Wörter sind dem 
„Systemzwang*^ nicht unterworfen worden, die sich ihm entzogen haben, 
d. h. solche, die aus dem grammatischen System herausgetreten sind, 
dem sie ursprünglich angehörten. In diese Kategorie zählt zunächst 
man — Mann. Ausgehend von der collectiven Bedeutung des Wortes 
man = die Leute (Otfr. III, 4, 8 thie lagun fol al mannes sieches inti 
hammes. III, 6, 4 fon then gab follon muases finf dusonton mannes)^ 
findet sich man schon im As. (cf. Heyne, Gloss. z. Hei. s. v.) und Ahd. 
(Gramm. IV, p. 220 ff., Kelle Otfr. H, p. 369) in der Geltung des fran- 
zösischen Ton ; es ist nicht mehr Substantiv, sondern bereits Pronomen 
geworden. Als nun die großen Anfangsbuchstaben bei den Substantiven 
eingeführt wurden, als an die Stelle der phonetischen Schreibweise die 
etymologische trat und die Doppelconsonanz aus den Formen, wo sie im 
Inlaut stand, auch auf den Auslaut übertragen wurde, konnte nattirlich 
nur das Substantiv man, mannes, nicht das Pronomen von dieser 
äusseren Veränderung betroffen werden. Zu welcher Zeit aber hat 
diese stattgefunden? Die letzten Jahre haben eine Fluth von Schriften 
über Orthographie gebracht; aber trotzdem wissen wir von der Ge- 
schichte der deutschen Orthographie seit der mhd. Periode noch so gut 
wie gar nichts. Betreffs der grossen Anfangsbuchstaben vermag ich 
jetzt nicht mehr zu sagen als Grimm in der Einleitung zum Wörterbuch. 
Über das Eindringen der Doppelconsonanz in den Auslaut glaube ich 
behaupten zu dürfen, daß dasselbe etwa mit dem zweiten Drittel des 
16. JiÄrhunderts beginnt und in der zweiten Hälfte des 17. so ziem- 
lich zum Abschluß kommt. In diesen Zeitraum fiele also die äussere 
Scheidung von man und Mann, Zum Belege für meine Datierung 
wenigstens einige Thatsachen. In Sebastian Wild's Tragedj von dem 
Doctor» der den Esel je tryb etc., nach dem Augsburger Drucke von 
1566 herausgeg. von Tittmann (Deutsche D. des 16. Jahrhundert) stehen 
p. 209 — 34 folgende Beispiele der überkommenen einfachen Consonanz : 
KaufioDan, Edelman, Bettelman, Hantwerksman, kan, kan, sol, dol, wil, 
sei, wil; wil, kan, wil, dol, wil (9 mal)^ kan, gaugelman, wil, sei, ein 



h 




O. BEHAGHEL 

man, die etat, kaD, kau, wil, die etat, wil, edelman, kanünan, bett«l- 
man, vil, dol, den Bin, wil, man (Vocativ), stal, haDtwerksman, den 
sin, so), wil, der man. — Der Beispiele mit Doppelconsonaoz sind es 
nur ganz wenige: tumm, tumm, will, Bchnell. — In „Sieben BficLer 
von der Füratlichen Würtem bergischen Hocbteit etc., durcb Nicod^noin 
Frischlinum, in Teiitsch traaaferirt durch Carolnm Beyerum", Tfibingen 
1578, von p. 1 — 50 folgende Beispiele für einfache Consonanz: kau, 
der Man, uberal, vol, Stat, vol, kan (5 mal), Man. FUr doppelte: Gott, 
Stamm, soll (2 mal), will (4 mal), Stamm, Statt, voll, bell, Mann, will, 
voll, glatt, wil! (2 mal), Gott, soll, Gott, soll, will, Gott, soll, Preudon- 
schall. — Frosch meuseler {ed. Tittra. nach der AoBgabe von 1608), in 
den 5 ersten Capiteln des ersten Theiles vom zweiten Bach einfache 
ConsonaDZ: got (3 mal), man (Subst.>, got, got, beibge man, got. 
Btat, got (4 mal), kein man, kan, kan, got, ein man, nahtigal, got, sol, 
got (2 mal), wil, got Doppelconsonanz : soll, will (3 mal), fall, überall, 
bann (2 mal), will, soll, sinn. — Gusman v. Älfarchc, durcb Aegidiom 
Albertinum, München 1615, p. 1 — 52, 443 — 502 einfache Consonaoi: 
Edelman (4 mal), wil (3 mal), kan (2 mal), wil, gewan, entran, kao 
(2 mal). Doppelconsonanz : Schiff, Spott, Sutt (2 mal), Todtfall, GoU 
(3 mal), Stall, Gott, voll und doli, anstatt, will, Sino^ voll und doli 
(mehrmals), voll, Statt, Hauptstatt, Gott, Sinn. Moacherosch, Gesichte 
Philanders von Sittewald, Ander Theil, Straßburg 1650, p. 1—45, ein- 
fache Consonanz: überal, kan (5 mal). Doppelconsonanz: inwill, bUtt, 
will, toll und voll, Mann (2 mal), GoU (2 mal), Mann, Gott (3 IM^ 
Mann, Spott, will (3 mal), Gott, Spott, Mann, will. Schritt, Gott, M^ 
Gott (5 mal), soll, will, Gott, Spott, soll, Gott, will, Gott, will (3 imQ- 
Eine andere Art von Loslösung aus dem ursprünglichen Syitai 
tritt ein, wenn Adjectiva zu Substantiven werden; daher folgende QU- 
cbungen: EHiem ^^ älteren, der Jünger = der Jüngere. Eltern und J^Kyt 
sind die den mhd. Lautgesetzen entsprechenden Formen und im Hhd. 
natürlich identisch mit dem Adjectiv; im Nhd. wirkt auf das AdjecD* 
die Analogie der Wörter, die -en bezw. -e im Nominativ lautgeaetilic^ 
behalten mußten, und zugleich winde bei älteren die — angeblich elj- 
mologische — Schreibweise eingeführt. Die grammalische Scheidong 
gebort ftlr beide Wörter schon dem Althochdeutschen an, indem schon 
dort aldiron und jungiro durchaus als Substantive gefühlt werden. Der 
Zeitptinkt der formalen Trennung ist wieder nicht leicht zu bestimmen, 
um 80 weniger, als wir es wohl nicht allein mit der Fntwickelun^ 
innerhalb desselben Dialektes zu thun haben, sondern der Iiatidu£ 
anderer Dialekt« hereinspielen kann, bei welchen nicht die mhd. 4 




DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 263 

über die Behandlung des e nach Liquiden gelten. Die Frage kann 
deshalb nur innerhalb einer zusammenhängenden Darstellung der nhd. 
Grammatik gelöst werden. 

Durch die Substantivierung von Participien ergaben sich die 
Gleichungen Freund = freiend^ Heuernd -= heilend. Die Substantivierung 
hat natürlich stattgefunden, als das deutsche Particip noch seine ur- 
sprüngliche consonantische Flexion besaß. Später, offenbar unter Ein- 
fluß des schon grundsprachlich vocalisch flectierenden Femininums, ging 
das ganze Particip in die Analogie der -ja-Stämme über; die Substan- 
tiva blieben aber davon unberührt, da ihr Zusammenhang mit dem 
Particip nicht mehr empfunden wurde. Got. frijSnds wurde nun laut- 
gesetzlich zu friund'j auch frijondi hätte wohl im Ahd. zu friundi 
werden müssen; allein diese Form konnte sich nicht erhalten, denn 
daneben bildete sich stets wieder vom Verbum ^ryon ein neues Particip 
fryondi, unser nhd. freiend. Wenn Heiland das a der Endsilbe nicht 
zu e schwächte, so hat hier die Heiligkeit des Wortes conservierend 
gewirkt. 

Durch Verwendung eines Wortes in adverbialem Ausdruck ent- 
steht das Paar weg (apage) — Weg (via). Paul wird nächstens den 
Satz begründen, daß das Nhd. nur diejenigen Vocale des Mhd. laut- 
gesetzlich gedehnt hat, die in offener Silbe standen. Die ursprüngliche 
Sachlage ist in den niederdeutschen Dialekten noch ziemlich rein er- 
halten, wo Bäd^ Wog; Flug etc. gesprochen wird. Wenn nun das Ober- 
deutsche durchaus nur Bäd, Weg, Flug kennt, so ist das eine Übertra- 
gung aus den obliquen Casus, wo die Stammsilbe keine geschlossene 
war. Nachdem jedoch im Altdeutschen das Substantiv weg mit der 
Präposition in zusammengetreten und verschmolzen war zu enwec^ 
wurde der zweite Theil dieses Ausdrucks nicht mehr mit dem Sub- 
stantiv in Verbindung gebracht, sondern offenbar als Adverb gefühlt, 
wie die Umdeutung in hinweg beweist, das analog mit hinab, hinunter, 
hinauf etc. Somit war auch keine Übertragung des langen Vocals 
mehr, von Weges, Wege, Wegen ausgehend, möglich. 

In den bis jetzt erwähnten Beispielen war die ausserhalb des 
Systems stehende Form diejenige , welche die normale lautgesetzliche 
Entwickelung aufzeigt, während die Form im System durch Formüber- 
tragung abgeändert war. Es ist aber auch möglich, daß bei der Los- 
lösung aus dem einen Systemzwang eine Form unter den Einfluß eines. 
andern Systems geräth und dann selbst einer Analogiebildung unter- 
worfen wird. Die in der ursprünglichen Umgebung verbliebene Form 
kann dann ihrerseits entweder rein lautlich sich entwickeln oder gleich- 



O BEIIAUUEL 

falb durch FormübertraguDg ihre Gestalt verändern. Hierher gdiören 
der spitze, dttr Hehrere mit den cd tsp rech enden SubetantivicrungeD der 
Spilx, der Herr. Schon ahd. und aa. wird kSriro zu h^rro, wie die 
Doppel CO mparative eriro und meriro zu erro, merro, in correcter laut- 
licher Entwickelung. Durch die Substantivierung scheidet beriro, hem 
BDB dem ComparationsBj'stem aus; hSr aber unter dem Einfloß der 
flbrigen Comparutivc bildet stets einen neuen Comparativ auf -in» oder 
■&ro, und eo erhalten wir nhd. hehrer. Wie wird aber berro, herre zu 
nhd. Herr? Man könnte denken, Herr sei eine Verallgemeinening des 
mhd, her vor Eigennamen, das sich in Folge von setner proklitiBcheu 
Verwendung aus hti-re verkürzte. Gegen diese Auffassung spricht, daü 
die Form hen; mit dem Doppel-r, au Orten vorkommt, wo die Doppel- 
consonanz sonst noch nicht in den Auslaut eingedrungen. Herr mnA 
also auf herre zurückgehen, wie der Spitz auf der »pOze. Ist aber 
dies Zurückgehen ein laulgesetzlicbes, oder ist eine ForiQübertniganE 
im Spiele? Versuchen wir eine feste Norm zu linden über die nhd. 
Behandlung eines älteren äuslauletiden e. Ganz kann dasselbe Iwttge- 
setzhch nicht abgefallen sein, da wir ja noch auslautende e haben und 
auch bei der weitgehendsten Wirkung di^a Systemzwangs ohne etneo 
Ausgangspunkt, ohne einzelne erhaltene e keine Herstellung mögUch 
war; direct für Erhaltung eines e zeugen die ausser jedem System 
stehenden Formen wie hange, lange, heute, ohne. Eine zweite Möglich- 
keit, die durch Sievers' neueste Untersuchungeu nahe gelegt wird, wäre 
folgende Formel : Abfall des e nach langer. Bleiben nach kurzer Stamm- 
silbe. Dazu wttrden die ebenfalls ausserhalb jedes Systems siebenden 
Wörter wie hatd, darum, fast, oft, sehr stimmen. Unerklärt bleiben 
die vorhin genannten Adverbien, bleiben Ende, Erbe, Gebilde, Gt- 
filde. Ferner mußten nach obiger Fassung sämmtliche ä • Stämme 
mit langer Stammsilbe im Nhd- aus ihrer C'lasse heraustreten, es mdßte 
Boß, Erd, Ehr, Gab etc. heißen, denn das auslautende e mußte im 
ganzen Singular, sowie im N. Aec. PI. abfallen; es war also so gut 
wie keine Berührung mit den kurzsilbigen ^^tämmen vorhanden, ^ue 
Herstellung de^ e unmöglich. Das e im Auslaut der 1. und 3. Pen. 
Sgl. der schwachen Frätcrita wäre ganz undenkbar, da die Silbe vor 
dem e ja stets lang ist. Eine dritte Möglichkeit: Abfall nach kurzer. 
Bleiben nach langer Silbe hat gar keine Stütze. Unser Gesetz muH 
also lauten: ein auslautendes e des Mhd. bleibt lautgesetK- 
lich im Nhd. erhalten. Dazu stimmt die Flexion des Verbum«; 
1. Ps. Sgl. Prs, lud- und Conj,, 3. Ps. Sgl. Conj. PrSs. der starken wir 
der schwachen, 2. Ps, Sgl. Imper. und 1. Ps. 3. Ps. Sgl. lud. und Conj. 



L-h_ 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 265 

der schwachen Verba; die Declination des Nomens: N. Acc. PI. der 
mascnlmen und neutralen a-StämmC; der Singular der ä- und än-Stämme, 
der Nom. Sgl. der an-Stämme, soweit sie nicht das n auch in dem No- 
minativ angenommen haben; die Declination des Adjectivs: Nom. Acc. 
PL der starken Form, Nom. (und Acc.) Sgl. der schwachen Form, 
endlich einige Adverbien , die vorhin genannt wurden. Auf verbalem 
Gebiet kenne ich nur eine Ausnahme des Grundgesetzes ; die normalen 
Imperative von schauen^ trauen sind doch wohl schau und trau: schauy 
trauj wem? sagt der Volksmund, und Niemand wird seine Verwun- 
derung mit schaue, schaue, sondern mit schau^ schau ausdrücken. Wir 
haben es hier mit einem lautlichen Vorgang zu thun; entsprechend 
werden frowe, cuwey schouwe zu Frau, Au, Schau. Mhd. houu>e = Haue 
widerspricht nicht, denn Haue kann Neubildung zu hau^n sein nach 
dem Vorbild von Binde — binden , Feile — feilen, Schneide — schnei^ 
den etc. ; baue und die doch auch vorkommenden schaue, traue entstehen 
durch FormübertragUDg. Beim Nomen ist im Allgemeinen der Abfall 
des e nach Liquiden zu bemerken, Gramm. I, 696, der freilich durch 
den Systemzwang vielfach wieder ausgeglichen wird. Doppelte Mög- 
lichkeit liegt vor im Dat. Sgl. der a-Stämme, wo das e bleiben, aber 
auch fehlen kann. Das Fehlen ist entschieden heutzutage das Herr- 
schende; es erklärt sich durch Angleichung des Dativs an den Nomi- 
nativ und Accusativ, mit denen er ja in den meisten übrigen De- 
clination sclassen zusammenfiel, zumal da die größte Zahl der schwachen 
Nominative des Masculinums die oblique Form annahmen. Daß tlbrigens 
jene Angleichung des Dativs schon im Adtsch. ihren Anfang nimmt, ist 
bekannt (Weinhold mhd. Gramm. §. 431). — Der Nom. und Acc. der 
ja-StJ&mme ist grossentheils in die a-Declination übergetreten, oder viel- 
mehr der Gen. und Dat. Sgl. und die Casus des Plural haben sich einen 
neuen Nominativ nach derselben gebildet: Weck, AntUtz, Bild, Eck, 
Elend, Gebein, Gedickt, Gedräng, Gefährt, Geraeth, Gestein, Gestirn, 
Hirn, Heu, Kinn, Kreuz, Netz, Reich, Stück, denen sich die meisten der 
entsprechenden Adjective anschliessen : sie sind aus Grimms Au&ählung 
Gramm. I, 748 zu entnehmen. Nur Weniges ist im ursprünglichen 
Stande verblieben: Hirte, Käse, Ende, Erbe, Gebilde, Gebirge, Getöse, 
Gekose, Gelage, Gelände, Geschmeide, Gewölbe, Gefilde*, bloede, böse, ge- 
füge, gerade, kin^e, müde, oede, schnöde, träge, trübe. Man bemerke, daß 
von diesen 23 Beispielen in 17 dem e eine Lenis vorhergeht, daß also ein 
lautlicher Grund mitgewirkt haßen wird, wenn neben den auch vor- 
kommenden Formen ohne e die mit e die überwiegenden und correoten 
geblieben sind. Wir haben hier ein interessantes Beispiel von sich 




266 O. BEEAGHEL 

durchkreuzender ADalogiewirkong. Das FIcxionssyBtem der a-Stinn» 
strebte zu G^ildes, bloedss einen Nominativ Gebild, bloed oder pbonetiidt 
richtiger Gehili, bloet zu BchaETen, also mit auslautender Fortis: 
halb des Flexion 8 Systems der Ja-Stämme forderte die Analogie dieLenle 
als Stamm esauslaut. Diese bedurfte aber zu ihrer Aussprache eines 
nachklingenden e, und sn trifft die durch den einen Systemzwang 
geforderte Form zusammen mit der lautgesetzlich noch bestehenden; 
der zweite Sjstemzwiing allein bleibt daher die schwächere Krau. 

Die Adverbien haben, «owcit ein zugehöriges Ädjectiv daneben 
besieht, ihr schließendes e durchaus eingebüßt. DaiS hier etwa der 
Accusativ des Neutrums an die Stelle des Adverbs getreten wäre, wie 
mannigfach im Romanischen (Diez 11, ^ \y. 431), ist wenig wahrscheiL- 
lich. Vielmehr scheint rein fonnale Vermischung zwischen Adverb uad 
dem unflectierten Ädjectiv eingetreten zu sein, bedingt allerdings durch 
vorhergegangen)^ Berührung in einzelnen Constrnctionsweiaen : ich e^ 
innere an die in älterer Zeit häufige Verbindung des Adverbs mit <e« 
in unpersönlicher Form, wo später das Ädjectiv eintritt Für die Ad- 
jectiva auf -lieh ist diese Vermischung schon ziemlich alt; die Form 
des Adverbs steht mannigfach praedicativ (Granun. IV, 926. Lacbroaim 
zu Nib. 1792, 4**), t"llr die unÖeclierte Adjectivform im Adverb ver- 
zeichne ich folgende Belege: Meister Eckhart 11, 8: diu sele ist aatim- 
lich nach gote geh'Uet. 11, 32: ja noekdetine in der helle bUbet der aU 
der nature etcectich. 16, 20: diu nu im der xit ist wordeti unde noch Uft 
lieh gebom wirl. p. 23 35: so sist küenliek lidie. 

Von den Adverbien, neben denen kein Ädjectiv mehr beatehi 
bat ein Theil das ? behatten: bange, heute, lange, ohne. In auderea feUt 
es: ah, bald, fast, kaum, sehr, oß, um. Wollte man zur Erklärung Am 
letzteren Erscheinung zu der Annahme greifen, daß die gektlrzten Ad- 
verbien aus oberdeutschen Dialekten in das Neuhochdeutsche gekonuneB 
seien, so wäre damit nichts gewonnen, denn schon das Mudtsch. bietet 
vielfach die gekürzten Formen neben den ursprünglichen. Aber ich 
denke, es läßt sich auch invierhalb desselben Dialekts das NebeaeiB- 
ander der beiden Formen erklären: vor Vocalen wurde das GcUieOeDtle 
e nicht gesprochen, wohl aber im Allgemeinen vor Consouanten; lantela 
das dem Adverb folgende Wort mit dem Consonanten an, der dem« 
des Adverbs voranging, so wurde auch hier wohl das e unterdrückt 
Es ist nun sehr natürlich, dali die so an bestimmten Stellen iMitlidl 
entwickelten Formen auch an ihnen ursprünglich nicht zukommenden 
Orte angewendet wurden, besonders daß die Form vor Vocalen Mcfa 
vor Consonanten stand; das Umgekehrte ist aus eupbouischen Grfiodaft 



DIE NEUHOCBDEUTSCHEN ZWII.LINGSWÖKTER. 267 

wohl seltener gewesen. So begreifen wir, d&ß BcUießlich die Form vor 
Vocalen die allgemeine wurde. Daß eine solche nur in den wenigen 
Adverbien und nicht häutiger zui- Geltung kam, erklärt sich ganz 
einfach. Denn ein Bolcher Vorgang war nur müglich, wo die Form vor 
Consooanten nicht durch die Stellung in Pauea eine kräftige StUtea 
erhielt, also nur bei Wörtern, die durchaus überwiegend im Innern 
des Satzes standen. Nun stehen uIk, fa»t, vm niemals in Pausa, bald, 
kaum, sehr selten genug; die Adverbien darum, herum richteten sich 
nach der Präposition, wie dies bei damit etc. gegenüber mhd. dämite 
der Fall ist. Man sollte erwarten, dnß auch dne uns in verkürzter 
Form vorläge; indessen ist hier die Stelluug in P&usa nicht so selten, 
da es ja auch adjectivisclie Verwendung findet und fand. Zur Stütze 
meiner Erklärung verweise ich einmal auf Curliiis' Deutung der grie- 
chischen Ädverbia auf -mg Stud. X, 205 ff. und auf Schuchardt, Rom. 
ni, 1 ff., sowie auf L. Havel, M^moires de la souiöt^ de liuguistique 

III, p. 193, dann auf einige andere Fälle, die sich mir in ähnlicher 
Weise, durch Ver.illgemeinerung einer speciellen Eiitwickelung, zu er- 
ledigen seheinen. Unsem Adverbien ganz analog ist altfranz. w neben 
we, ncufranz. or neben encore. Bekanntlich muß nach französischen 
Lantgosotzen ein lateinisch auslautendes m zu e werden: so muÜ also 
w die vor Vocalen entwickelte Form sein. Auuh die franz. Präposi- 
tion mr — aus süpra — wird nur auf diese Weise verständlich. Ferner 
erklärt sich in, die kürzere Nebenform von inti, die im Tatian oft 
begegnet und in den anfr, Psalmen fast ausgeht icUlich steht, freilieh 
ebne von Heyne anerkannt zu werden, aus der Stellung vor Dentalen, 
die sehr häufig sein mußte wegen der dental anlautenden Pronomina*). 
Zwischen den homorgauen Lauten tiel das i besonders gerne aus; 
dann wurde das ( von int nicht mehr gesprochen und nicht mehr ge- 
schrieben, cf. Tat. 34, 3 sie wanen thaa sie. Otfr. I, 4, 24 forahten sie. 

IV, 26, 16 wizzen sie V. V, 20, 17 sizzen druta VP. 

Auch (*, die md. u. ndtsch. Form für die 3. Pers. des Verbum Sub- 
stantivum ist mir nur durch eine derartige Betrachtung verständlich, 
ferner der Dat. Ptur. des Artikels im As, theni, während sonst die 
Pluralenduug des Dative »ii ist. 

Endlich scheint sich auf diese Weise die schwierige Frage zu lösen, 
weshalb in er, (der), wir, iV das schliellende a nicht, in Übereinstim- 



'I In Tatian aletit mebr aln itie HHlfte d«r Beispiele tod m vor Dentalen: 
I, 10 in Moln. 87, 4 in quad. 112, 1 in Ist. lai, 21 in diuaal. ISS, 3 in thiu, IM, 11 
a mastge. 141, 9 in thiede. 179, i in thu. all, 3 in thea. SST, 1 in lua«. 



I 
I 



I 



O. BBHAGHKL 

tnuug mit den Bonstigcn LautgcsctEen , abgefallen. Dieae WörtelieD 
kamen in Pausa so gut wie gar nicht vor, sondern standen proeUtucb 
im Innern des Satzes. Nun mußt« » vor Vocalen zu >■ werden, wohl 
auch vor Medien, wenn man aus Beispielen wie razda — imriA diet 
folgern darf. Im Hochdeutschen hat dann die Form vor VocalfiO g^ 
siegt. Wesfanlb im Niederdeutschen nicht die gleiche Erscheinung To^ 
liegt, ist freilich schwer su sagen. 

Und nun noch eine principielle Beschränkung des Gesetses tob 
Bleiben des schlieUenden e. Es gilt nämhch nur dann, wenn du i 
unmittelbar auf die Tonsilbe folgt Ist ein größerer ZwischenrKnn 
zwischen letzterer und der Schiulisilbe , so fUllt e ab (cf. Hpt i. 
Erec 7703). Beweis die Substantiva auf -unge, -nisse, inne: EmigKng, 
Beträbnits, Königin; die Partieipia Präsentis: weinende — weinend, aawk 
einige EinzelßtUe: Herzog, Nachbar, Schultheis, Steimnelz, Tradam. 
Hierher gehören wohl auch Beispiele wie Bauer, Geier, Mauer, Traut, 
indem die mhd. Formen durch Ausbildung einer Swarabhakü, die be- 
sonders nach der Diphthongierung der Stammsilbe zur Geltang komusB 
mußte, dreisilbig wurden. 

Nun können wir zu unserm Herr und Sfitz zurückkehren, nai^ 
dem wir die Gewiliheit erbalten haben, daß sie nicht lautgasel^ict 
aus Herre und Spitze entstanden sind. Es bleibt somit nur die Ml^ 
lichkoit, daß in Herr und Spitz ein Übertritt in die a-CIasse Toi&ft. 
wie in Fink, Qraf. Herz. Lump, März. Narr, Eeif, SeheHk, Sehmtn, 
Schreck, Stern, Streif, Thor, Tropf. Wie hat aber dieser Übertritt rtüfr 
gefunden, da doch die Flexion der a-Stämme und der an-StSjnme kidw 
Berührung bietet, und ausserdem der Übertritt zu den a-StSnnneB 
meist nur im Nominativ stattfand, während in den obliquen Casus di? 
schwache Flexion blieb? Nun, ein Vorbild dazu lag vor einmal in dem 
VerhältnisB des un6ecticrten und des schwach flectierten Adjectin, 
besonders aber in den Substantiven, die aus lautgesetzlicben Grflnden 
ihr t! des Nominativs eingebüßt haben: also die oben erv/ tihnlen Bauer, 
SchuUkeiM, Steinmetz, Truch»ess, dann Aar, Btir, Hahn. SehicaH, iStofflr- 
Theilweise mOgen die gekürzten Formen aber auch aus oberdeutsdieii 
Dialekten stammen; das ist z. B. fUr Lump und Narr zu vennuthpu. 
die im Ndtach. Wh. nicht belegt sind. 

Den Doppel Wörtern , die sich in Folge von verschiedenem grsin- 
malischcm Gebrauch eioea und desselben Wortes gebildet haben, sind 
noch die Gleichungen de» — dessen, der — rfei-e« ^ derer, den — denen 
aozuscbli essen. Denn die verlängerte Form hat sich — natürlich unter 
dem Einfluß der Substantiv* und Adjectivflexion — da entwickelt, *> 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 269 

das Pronomen fkir sich, ohne Substantiv stand. Die Einzelnheiten der 
Entwickelang sind DW. U, 955 ff. ausfahrlich genug gezeichnet 

Eine Art von kiinstlicber Loslösung aus der organischen Ent- 
wickelung findet dadurch statt^ daß Appellativa zu Eigennamen werden. 
Sie bewahren dann theils die ältere Lautgestalt, iheils unterliegen sie 
willkürlichen Veränderungen. Auf solche Weise entsteht nun ein ganzes 
Herr von Doppelwörtem , bei denen natürlich von einem eigentlichen 
Unterschiede der Bedeutung kaum die Rede sein kann : also Faüce — 
Ftdk, Götze — ßöte, Kerl — Karl, Schmied — SchmiU — Schmidt etc.*). 
Aber auch ohne daß ein Wort in Folge verschiedener gramma- 
tischer Verwendung theilweise seinem ursprünglichen System entrückt 
wird, auch wenn es an seiner ursprünglichen Stelle im Sprachorganismus 
verbleibt, kann durch Wirkung der Formübertragung eine Doppelung 
entstehen. Und zwar auf zwiefache Weise: entweder wirken die ver- 
schiedenen Formen eines und desselben Systems aufeinander ein, oder 
die Formen eines Systems auf die Formen eines andern. Für den 
ersten Fall stehen uns Belege aus der Nominalflexion zu Gebot; die 
beiden Ausgangspunkte für die Zwillingswörter sind einerseits der 
Nominativ, andererseits die obliquen Casus. Auch hier kann der Vor- 
gang wieder ein doppelter sein; die Differenzierung ist entweder eine 
unvollständige oder eine vollständige: unvollständige wenn sich die 
obliquen Formen einen neuen Nominativ schaffen , oder anders gesagt 
den Nominativ nach ihrem Vorbild umgestalten und der alte Nominativ 
in seiner lautgesetzlichen Form weiter existiert, ohne sich jedoch in 
seinen obliquen Casus von denen des neuen Nominativs zu unterscheiden, 
vollständige wenn die obliquen Casus eine Analogiewirkung auf den 
Nominativ ausüben und der alte Nominativ seinerseits sich neue oblique 
Casus bildet e so daß also an der Stelle eines Paradigmas zwei voll- 
ständige neue entstehen. 

Beispiele unvollständiger Differenzierung sind Franke — Franken 
(Münze)^ Bappe — Bappen, Von vollständiger Scheidung führe ich 
zunächst Lump — Lumpen^ Tropf — Tropfen an ; Lump und Tropf de- 
dinieren wie die starken a-Stämme : ^nur die Lumpe sind bescheiden^, 
„ob die armen Tröpfe". 

Die Wörter, die im Adtsch. schwache Masculina gewesen, haben 
im Nhd. verschiedenes Schicksal gehabt. Ein großer Theil ist in die 

^) Ganz eigenthümlicbe Doppelentwickelung entsteht durch Übereetsung von 
Nsmen: so sind die bekannten Familien Ihvrient and Lame^ (== Tami) ursprünglich 
eine Familie; so finden sich in französischen Colonien in Deutschland Berger und 
Sehäfer^ die auf gemeinsamen Ursprung zurückgehen. 



270 <>■ BEHAGHEL 

DecIioatioD der Femmia» Qberge treten, ohne daU überall der AnlaOU 
deutlich zu erkeonen ist. Theilweise wird das weibliclic GeecUeekl 
auf niederdeutschen Einduü zurückzufahren sein, so in Blume, tbb» 
{Trocken maß), Niere, Schlange, Schnecke, Traube*); bei andern ist da 
Umstand maßgebend gewesen, daß sie vorzugsweiae im Plan! w- 
kommen, und es wurde der Artikel die des Plural auch in den Bb- 
gular übertragen : das gilt wohl von Imme, Made, SehoUe, W<uie, WoKgi; 
cf. Birne, Locke, Schläfe, Thräne, Tücke, Zähre aus dem Ploral VW 
der hing, loc, alaf, trän, tue, zaher**\. 

Die zweite und häufigste Gestaltung» weise ist die, daß der Ht- 
ininatiT den obliquen Casus gleich gemacht wird und das Komen ntftft- 
lieh bleibt; dritteos endlich verbleibt das Substantiv seinem ursprfli^ 
liehen Geschlecht, und es findet keine Übertragung des n in den No- 
minativ statt. Den beiden letzten Entwickelungsformen gehören £e 
vier vorhin verzeichneten Doppelwörtei- an. Weshalb kommt abarmn 
der einen Bedeutung der echte Nominativ, der andern der neogebildflte 
zut* tJm diese Frage zu beiintworten, überblicken wir die Beispiele fti 
beide Claesen. Ich verzeichne einerseits: Backen, Balken, Ballen, B«^ 
Braten, Brunnen, Davmen, Flatleii, Flecken, Garten, Gebrechen, Orabtt, 
Hayfen, Hansen, Kasten, Klumpen, Kloben, Knochen, KnotUn, ^lOln, 
Koben, Kolben. Kragen, Rachen, Basen, Bechen, Reigen, Rocken, Regg'*! 
Samen, Schalten, Schinken, Schlitten, Schnupfen, Socken, Sporn, Siedo», 
Stollen, Streifen, Striemen, Zapfen, Zinken; andererseits: AJfe, Akne, 
Bote, Buhle, Bärge, Drache, Erbe, Falke, Ferge, Gatte, Genosse, Batt, 
Jude, Kämpe, Knabe, Knappe, Laffe, Laie, iJrwe, Ochae, Pfaffe, Pathe, Rabt, 
Rappe, Recke, Riese, Srkerge, Schurke, Zeuge. Dazu kommen noch die 
früher verzeichneten, die das e verloren haben. Man sieht, diejenif^ 
Substantiva, bei denen das Paradigma der obliquen Casus auch iur den 
Nominativ maßgebend gewesen , sind durchaus Bezeicbnongen von 



*) Auf niederdeaCschem Olbiet war der GeEchlechUwecbael wofa! dadurch be- 
dingt, daQ der Artikel im Ms«e. tmd Fom, gleich uar, wie aach JiDicks in teatm 
Programm, Ober die DiederdenlscbeD Elemente in unserer Schriftip räche p. 33, nr 
mtltbet. Ei itimml dam, dsfi nuf franEÖsiBcbem Gebiet hesonderB solche WSrtor JM 
Oeichlecblswechnel tmlerworfeD waren, die voeaÜHch aolantetea, ao daß auch hiotto 
Artikel in beiden Geschtechtem keinen Unterechied leigte, cf. Delius in atäatt 9t- 
cension der Diez'Bchen Grammatik, Jahrb. f. rom. ii. enfri, Lit. Bd. 9. p. 94. 

**) Der PfäUer blldei aus dem Plural die Füeh ipiacee) einen SingnlV Jr 
Fluch, nach dem Mnstei tod der Butch — die Bitcfi, der Fiitht — die fUi» itl 
Anf der gleichet! Bild ungg weise bembt cb, wenn Grimm elihaiuen SImpl. (od. TSlUil 
1, p. 9 Tun seiner Meudtr spricht: „also heiHeu die Hfltter i 
Vopelsberg". 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER, 271 

concreten Dingen; diejenigen , bei denen der Nominativ stark genug 
war, um sich gegen die obliquen Casus zu behaupten, sind mit einer 
Ausnahme — März — Bezeichnungen von lebenden Wesen, besonders 
von Personen. Daß gerade bei solchen der Nominativ große Ejraft 
besitzt^ zeigt sich auch anderwärts. Ich erinnere an die griechischen 
ond lateinischen Nomina agentis auf -rijp und -tür^ wo die schwachen 
Casusformen ja fast ganz verloren gegangen. Die wenigen Sub- 
stantiva der neuromanischen Sprachen, welche ein Nominativparadigma 
darbieten anstatt des sonst zur Geltung gekommenen Accusativparadigma, 
sind meist Bezeichnungen lebender Wesen, so neufr. chantre^ maire^ 
pätre, peintre^ sire, soeur^ trattrey Charles, Pierre (altfr. acc. CharloUj 
Pierron). Ferner gehört offenbar hierher, was Mikl. IV, 372 bemerkt^ 
daß im Slavischen vielfach der Nominativ durch den Accusativ ver* 
drangt worden ist^ aber doch oft beibehalten ist, „um Belebtes gegen- 
über Unbelebtem zu bezeichnen^. Anders freilich Hübschmann, Z. 
CaaosL p. 117, der unsere Thatsache aus dem Begriff des Accusativs 
herleiten will als dem Casus, der den Begriff des Wortes in mehr zu- 
rücktretender, unbelebter, sächlicher Weise darstelle. Diese verschie- 
dene Behandlungsweise bei lebenden Wesen imd bei Sachen erklärt 
sich wohl daraus, daß die ersteren viel häufiger als Subject und dem- 
nach im Nominativ Singular erscheinen^ als die letzteren. Das einzige 
Wort mit bewahrter Nominativform, das nicht Personenbezeichnung 
ist — März — widerspricht nicht meiner Auffassung, sondern paßt 
vortrefflich zu derselben; die Zahl der Formen, die auf -n ausgehen, 
mußte hier ausserordentlich gering sein: im Singular ist ausser dem 
Nominativ nur der Dativ in häufigerer Weise angewendet, einen Plural 
gibt es nicht So entspricht also in unsem Doppelwörtern der säch- 
lichen Bedeutung die neugebildete Nominativform auf -n: Frankeriy 
Rappen, Lumpen^ Tropfen'^ Franke, Rappe, Lump, Tropf bezeichnen die 
lebenden Wesen. Wenn bei Lump und Tropf — deren e wohl durch 
Einfluß der oberdeutschen Dialekte abgefallen — die obliquen Casus 
ganz aus der schwachen Flexion heraustraten, also die Form ohne -n 
hier noch besonderes Übergewicht zeigt (dagegen Herr — Herren, 
Baner — Bauern)^ so läßt sich auch hierfür der bestimmte Anlaß nach- 
weisen. Lump und Tropf sind Scheltwörter und werden als solche 
fast ausschließlich im Vocativ angewendet, während die obliquen Casus 
sehr selten sind. 

Ein fünftes Doppelwort, das dem eben besprochenen Oebiete ange- 
hört^ ist der Possen = die Posse. Berücksichtigt man^ daß das zweite 
Glied dieser Gleichung eine Art von Collectiv zum ersten ist, so wird 



272 O. BEHAQHEL 

es wahrBcheiDÜch, dali das Femiiiiimin aus dem Plural des Hascnlist 
in der vorhin (p. 72) erwähnten Weise entstanden ist. 

Auch auf dem Gebiete des Feminina finden wir einzelne Beispide 
von derartigen Vorgängen, von Uoppelparadigmen . und zwar geht 
einer der Belege in ziemlich hohe Zeit hinauf. Es ist bekannt, daß 
der Nominativ Sgl. der ä-Stämme im Westgermanischen nach doi 
Lautgesetzen nicht auf a ausgehen kann l'J. Sohmidt Kahn Z«it- 
scbrift XIX, 283) und daU, wenn hier doch ein auulautendea a er- 
scheint , dieses durch Übertragung entstanden , entweder aus dein 
achwachen Femininum, wie Scherer, Z. G. d. D. S. p. 494 will, oder 
aus dem Aecusativ, wie Paul Germ. XX, lOö, Beitr. IV, 339 und 451 
meint. Ebenso iat bekannt, dali sich Reste der alten Nominativ form 
erhalten haben (J. Schmidt a. a. 0. Henning, San et- Gallische Sprach- 
denkmale p. 93. Paul Beitrfige IV, p. 451) und zwar bei langsilbigeo 
Stämmen, bei welchen nach Sievei s' Untersuchungen im ganzen Wert- 
germ. das a ganz abfallen mußte. Fast immer aber besteht aahea 
einem solchen Beleg für die alte Nominativform auch die durch Über- 
tragung entstandene, so daU wir eine Reihe von Doppelwörtern erhalten. 
Solcher Reste gibt es Übrigens erheblich mehr, als man bis jetzt ao* 
nimmt. Von den Fllllen, wo auch die laut gesetzlich verkürzte Fonu 
geblieben, verzeichne ich außer den movierten Substantjva auf -in. 
inne, und stunla — shml folgende Gleichungen: 

ahte — ahl , goume — goiim , ahd. letaa , mbd. leise ^ inhd. W». 
linla — (Sigi)/tnt*), marke — mark, pfahte — jifaht, alahte — tlohL 
aiione — guon , got, (harha — as. iharf, ags. ihearf, mla — teil, Aatsh 
fts. Ihioila — thiod gehurt gewi(> hierher: got. tkiiida, alid- diota; an, 
thiod als i-Stamra ist offenbar gleichfalls aus dem ä-Stamm hervor 
gegangen, der auch neben dem i-Stamm erscheint. 

Der Abfall des Slammausgangs hat aber noch eine weiterge- 
hende Differenzierung zur Folge; der Nominaüv des Feminina wird 
im Westgermanischen durch denselben gleich mit dem Nominativ der 
Masculina und Neutra, und es tindet Übertritt in diese Geschlechter 
und ihre Flexion statt. Sichere Beispiele dieses Vorgangs sind die 
bekannten abstractcn Masculina auf -unc bei Kcro und Isidor, sowie 
buox neben Inioze, lialp neben halbe, wiv neben icüe. Ich fäge noch 
weitere Gleichungen hinzu („sie geben uns einen schlagenden Beweis, 

•) Darch diese mpiiie Aiiffaasnng wirrt MiiUeiihofl'a an sieh etwas b«deilUich' 
Bemerkung (Haupt ZeiUcLrift XIII, G77j libereüsaig: „nar muQ es Ilinl) als iwcäUi 
Theil voD EigennameD im Cunis rectus uotliHreDdi^ adjeetiriiohe Foi 
die ia den fräukiichen Nuoen auf lindis noch besondere deDtiicb ist*. 



1— A. 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINQSWÖRTER. 273 

wie ein oder zwei Casus das Muster abgeben können ; nach dem sich 
ein ganzes Paradigma gestaltet'' [Zimmer a — Si-Suffix p. 219]): 

an. dögg f. Thau = ags. deav m.j ahd. Um m. ; 

an. rönd f. Rand = ags., ahd. rand m. ; 

an. rein f. der Rain = ags., mhd. rein m.; 

got aküira f., an. skü/r f. = as., ags., ahd. ak^ m. (mhd. noch 
einzeln schüre f.); 

an. s^dra f. Trägheit, Schwäche = ndtsch. elender (Weigand 
n, 593); 

an. Strand f. = ags.; ndtsch. et/rand m.*); 

aind. vänchä f., an. osk f. Wunsch = ags. vüsk, ahd. wunsk m.**); 

ahd. fohna =• ags. fobn f., as. fobn m. ; 

ahd. herta = mhd. hert; 

ahd. luoga = ags. Ich; ahd. luoc n.; 

ahd. mula f. = ahd. mul m. ; 

ahd. muoza = ahd. muaz m. oder n.; 

an. ra f., ags. rah f. = ahd. re n.; 

ags. straele, ahd. strala f. = ags. strael f. m.^ mhd. stral m. ; 

an. tang (habena, vinculum)^ ahd. gazawa f. = afr. tauw, nndtsch. 
taa n. 

Vielleicht gehört auch pine f. = fin m. hierher, wenn nicht schon 
bei der Entlehnung das Masc. ptn gebildet worden unter dem Einfluß 
des synonymen, aber masculinen emerzo (über diesen Vorgang s. Wacker- 
nagele KL Schrift, m, p. 308). 

mhd. falte = ahd. faU m. ; wenn ahd. auch kein fcdta belegt ist, 
80 läßt es sich doch mit Sicherheit aus dem Romanischen: it. faUa 
prov. fauda afr. favde erschließen; 

ahd. fuoga = mhd. waoc m. ; 

ahd. hera = ahd. ker m.; 

ahd. rvMm = ahd. ruoch m.; 

ags. eceav f., ahd. ecouwa == ahd. ecou m. ; 

ahd. euohha = ahd. suoch m. ; 

ahd. taufa = ahd. Unif m. : 

ahd. tuoäla = mhd. twäl m. (das letztere fast nur im adverbialen 
Ausdruck: sunder tw&l, sunder tw&les). 



i 



*) Bei dOgg, rönd, strönd könnte übrigens auch das Masc. das Ursprtingliehe 
Mb, Chvmm. m, MO. 

tH also Osthoff mit seiner Ansicht Paul und Braune Beitr. m, p. 9 

, IL (JXm. jBhig.) \% 



^4 O. BEHAOHEL 

Die Gleichungen, die zoletzt aofgefhhrt sind — faiU bis tvdui 

— ki/onen nicht auf die gleiche Sicherheit Ansprach erheben wie du 
Torhergehenden: denn es bestehen neben ihnen Verba desselben Stammes. 
and äo ist immerhin möglich, daß eines oder das andere dieser Komisa 
acdonis eine Neabildang ist; am wenigsten zweifelhaft ist die Gleiehang 
tHinU — fveal^ da iwfil fast nur in adverbialen AusdrAckeii voikoiiiitf 

— ebenso wie uru and halp'i bei einer Neabildang wäre dies sehr soi- 
füJlig. Der Zeitpunkt des Übertritts von einem Gteschlecht in dv 
andere mnß natürlich vor das Aufkommen des Artikels fallen. Min 
kfionte fragen, wie es kommt, daß nach Abfall des «oslantenden 
die ä-Stämme nicht einfach in die Flexion der weiblichen i-Stimme 
tibergetreten, also ihr Geschlecht behalten haben. Daraaf ist n e^ 
wiedem, daß die Berührungspunkte mit den weiblichen i-Stfimmen nodi 
viel geringer waren, als mit den a-Stämmen: es traf nur der Nominasi^ 
Sgl. zusammen : Strand — anst Mit den a-Stttmmen war ihnen der 
Nominativ Sgl. gemein: wolf — Strand, femer stimmte der Dat der 
ä*Stämme zu dem Instrumental der a-Stämme : toolfvk — «francltt. NomimtiT 
Qnd Accusativ des Plural kommen kaum mit ihrer Übereinstimmniig in 
Betracht^ da fast alle von mir oben angezählten Wörter nur im Sin- 
gular erscheinen. Also immer noch wenig genug, um den Übertzis 
zu erkl&ren. Man darf deshalb vielleicht noch das ZusammenfiUen 
zweier weiteren P^ormen vermuthen. Ich halte es mit Paul filr oim- 
ii&SAig, y}Ai als echten Dativ zu betrachten und gleich got. gibai ff 
setzen. Nun kann es aber doch einen lautgesetzlichen Vertreter diMa 
got. Form im Westgerm, gegeben haben, der gAt lauten müßte, imJ 
mranA würde dann auch in seinem Dativ mit den a-StftmmeD n- 
^ammengetroffen sein. 

Zu df;r eben besprochenen Kategorie von Doppeiwörtem gehSK 
nnn im N'hd. QueUjf. — Quell. An eine Neubildung des aweiten >v 
dem V':rbi]m rpiellan ist nicht zu denken, da darch eine denrip 
hildungs weifte in so junger Zeit (giiel ist erst im 15. Jahrirandert b^ 
legt, fpjutUe einmal im Ahd. in den Diutisca, und Mhd. in D^. cber 
fallH ^Jnmni; wohl Nomina actionis mit deutlich abstracter Bedentnig. 
aber sfshwerlich Concreta gebildet worden. 

Auch die Doppclwörter Fahi. — Fährte, Statt — Siääe gekM 
wohl hierher, inflem auch hier aus einem Paradigma swei neae g^ 
worden; aber hier ist der Ausgangspunkt für den nenen Nomina 
wcnigf^r im Singular, als im Plural zu suchen, mindestens bei faU; 
cf. Nibel. (ed. B.) 932, 3 daz er die verte erkenne der tiere ditrtk im(^ 

Über Thürfi — Thor vergleiche Sievers Beitr. V, 111, Ana. 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWHiLINGSWÖRTER. 275 

Von adjectivischen Doppelwörtem^ die hierher zu rechnen sind, ist 
fcld — faJh ohne Weiteres klar: fahl — fahles etc. ist das Nominadvpara- 
digma, wie mhd. meZ, melwes zu nhd. Mehl — MeJUs wird ; falb hat sein 
b «OB den alten obliquen Casus empfangen. Ein vollständiges Analogen 
SU fahl — faU> haben wir in dem Verhältniss von nhdtsch. geW zu 
oberdeutsch gehl — gehler. 

Nicht ganz so einfach liegt die Sache bei jcu^h — jäh. Jah geht 
auf mhd. gäch zurück, das überwiegend adverbial gebraucht wird ; ein 
Adverbium gähe existiert nicht. Wie kommt es aber, daß gerade hier 
ein Adverbium fehlt? Ist dieses adverbiale gach vielleicht der Rest 
eines älteren Zustandes, wie ähnlich wü^ halp^ twal in adverbialen 
Ausdrüdcen? Und wie erklärt sich das ziemlich häufige Nebeneinander- 
bestehen von scheinbarem a- und ^-Stamm ? Die Antwort auf diese 
Fragen ergibt sich aus einer Betrachtung des Schicksals ^ das die go- 
tiachen u- und i-Stämme im Germanischen gehabt haben: 

g. aggvus (an. öngr) = (ags. ange, onge) — ags. enge, 

ahd. angi; 

g. hardus (an. hardr) = ags. heard — ahd. harti; 

ahd. hart 

g. hnasqus = ags. hnäsc — ags. hnesce; 

g. qairrus (an. cyrr = kvirr) = md. kurre; 

g. ]>aur8us (an. )>urr) = ags. \>jt — ahd. dürre. 

Es sind lauter langsilbige Stämme , mit denen wir es hier zu 
tliQn haben. Nach Sievers' Gesetz muß also im Nom. Sgl. im West- 
germanischen das u abfallen, und f£br einen Umlaut ist keine Stätte. Dem 
entsprechen hnäsc und hart^ ihyr stimmt im Auslaut, hat aber aus den 
obliquen Casus den Umlaut erhalten. In den obliquen Casus ist die 
n-Declination wohl überall in die Flexion der ja-Stämme übergetreten 
(fbr das An« fireilich fehlen sichere Anzeichen dafür); die Formen fielen 
ako — ausgenommen den Nominativ — durchaus mit der Flexion von 
wädij theilweise mit der von hirti zusammen; daher ist es sehr natür- 
ficb, daß die obliquen Casus sich einen neuen Nominativ nach Analogie 
der ja-Stämme bildeten, also angij herUy hnesce, kurre, dürre. Ags. 
ange ist Contamination aus der lautgesetzlichen Form ang und der 
Keubildung enge, 

I-Stämme, deren Nom. Sgl. im Gotischen belegt ist: 

g. blei|)s = ags. blid (Gr. I, 120) — ags. blfde, 

ahd. blfdi; 

g. brüks = ags. br^ce, 

ahd. brühhi; 



276 



O. BEHAGHEL 



g. hrains 

g. gamains 

g. (anda)nem8 
g. reiks 



— as. hreni; 
ahd. hreini, 
ags. gemaene, 
ahd. gimeini; 
ahd. — naeme; 

— westg. riki, 



g. sels (an. saell) 
g. skeirs 



— aa« skiri, 



= (Deoto) rieh 

afr. rik, mhd. rieh; 
= ags. sei, sael; 

= ags. seir 
= as. skir; 
g. suts (= an. saetr?) = ags. svet (Leo 636, 2) — ags. svete, 

ahd. saozi. 
Wieder nur langsilbige Stämme, in denen das thematische t 
im Westgermanischen abfallen mußte; so sind also Midj rieh, »i, 
skiTy svet die lautgesetzlichen Formen, die auf i sind Neubildungen 
nach Analogie der ja-Stämme. Bisweilen ist die Form des alten No- 
minativs nicht direct zu belegen ; seine Existenz verräth sich aber aus 
der Art der Flexion. Dies ist der Fall im As. , wo bekanntlich aacb 
nach langer Silbe j nicht ausfällt (einzelne Abweichungen des Cotto- 
nianus können natürlich nicht in Betracht kommen). Wenn also im 
Heliand in der Flexion des Wortes, das ahd. spahi entspricht, niemals 
ein j nach h erscheint, so können derartige Formen nur Neabüdnngen 
von einem Nominativ späh sein; Heyne ist abo im Unrecht, wenn er 
spaki ansetzt als Form des Nominativs; siehe noch Jenaer Liter. Zei- 
tung 1878, p. 338. 

Nach dem Oesagten unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß 
überall, wo bei langer Stammsilbe scheinbarer a-Stamm neben scheni- 
barem ja-Stamm Uegt, wir Entstehung aus einem ursprüngUchen i-Stamm 
(oder auch u-Stamm) anzunehmen haben, auch wenn dieser nicht durch 
das Gotische zu erweisen ist Also: 

ags. blead, as. bloth (Mon. 4874) = as. blodi (Cot ibid.), ahd. UodL 
ags. theorf = ahd. derbi (im As. der N. 1^ 

unbelegt) ; 
ags. thyn*) = ags. thynne, 

ahd. dunni (aind. tanus, gr. «ri^ 
(xsxXog)y lat tenuis) ; 
ags. f&st = ahd. fasti, 

as. ndtsch. und mdtsch. fast 



*) Der Umlaut stammt ans den obliquen Casus. 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 277 

got hanns (nur der N. Sgl. belegt , also Thema unentschieden): 
ags. hean = ahd. honi; 

ags. haest = ahd. heisti, 

ahd. heist; 

ags. hreov = as. hriwi; 

ags. cusc (Leo 357 ^ 23), ahd. kusc = ahd. kuski; 
ags. Iah =: ahd. (aba)lagi^ mhd. laoge. 

got leihts (belegt N. Sgl. u. G. Sgl.: leihtis*), Ht lengwus, gr. 

iXaxvQy lat. levis = 
ags. leoht =: ahd. lihti, 

ahd. liht 

got rums (nur N. Sgl. Masc. belegt) = 
ags. mdtsch. rum = ahd. rumi. 

ags. rip = ahd. riß; 

got slei}>s (nur flectierte Formen belegt) ^^ 
ags. slid (Leo 321, 50) = ags. sliäe; 

ags. tir, tyr = ahd. ziari; 

ninl. traeghy mdtsch. trac = ahd. tragi; 

ags. vaer = ahd. wari, 

ahd. war; 

ags. vrad = mhd. reide, 

as. wreä, 
mhd. reid. 

Überblickt man meine Zusammenstellungen, so zeigt sich, daß 
die weitaus größere Zahl der lautgesetzlichen Nominative dem nieder- 
deutschen Gebiet angehört, daß auf oberdeutschem Oebiet dagegen die 
alte Form sehr selten ist. Nimmt man einfach in der bisherigen Weise 
Coexistenz von a-Stämmen und ja-Stämmen an, so bleibt es unerklärt 
weshalb die letzteren wesentlich dem Hochdeutschen zukommen. Von 
meinem Standpunkte dagegen — und ich betrachte das als eine Probe 
fär die Richtigkeit meiner Deutung — löst sich diese Frage ganz ein- 
fach. Die lautgesetzliche Form wird natürlich da weniger einer Neu- 
bildung weichen y wo sie häufiger zur Anwendung kommt, sich dem 
Gedächtniss fester einprägt. Nun hat ja das ganze niederdeutsche Ge- 
biet drei flexionslose Formen des Adjectivs mehr als das Oberdeutsche : 
dem N. Sgl. M. blinder entspricht blind, auch N. Acc. Sgl. Ntr. blindez 



■mA nioht Genetiv eines a- Stammes sein; auch der Genetiv der 
freet so, cf. skeiris Sk. 46. Sievers in seinen Paradigmen 
Genetiv hraineis. 



278 ^- BEHAQHEL 

ist hlind. Es steht also nicht oiir im attribntiTen Verhdtniss die fle- 
xionslose Form viel öfter; sondern vor allem erscheint in der pridi- 
cativen Stellung bei singularem Snbjeet die flexionslose Form*): du 
genügt wohl; um die bezeichnete Verschiedenheit von Oberdeatseh 
nnd Niederdeutsch zu erklären. 

Vielleicht läßt sich nnn auch auf eine andere Frage eine Ant- 
wort finden. Df^n gotischen Adverbien wie alakjo^ andaogjo, arvjo etc. 
(Gram. III, 101) entsprechend, mußte 2. B. das Adverb von sehoene 
im Mhd. achcme lauten; wie kommt es nun, daß die adjectivischen 
i-Stämme niemals Umlaut haben im Adverbium? Darf man diese um- 
lautslosen Formen als Neubildungen von dem alten NominatiT ans 
betrachten, der ja auch auf hochdeutschem Gebiet einmal maß bestanden 
haben? also skono. schotte zu shonf**) 

Zu der in Vorstehendem erörterten Kategorie gehört nun endHdi 
auch die Gleichung, von der wir ausgegangen sind: mhd. gaek = goAt^ 
nhd« jach ^= jäh. Eine erhebliche Bedentnngsdifferenx swisdien den 
beiden Wörtern besteht nicht; nur läßt sich sagen ^ daß jadi .vor- 
nehmlich in Bezug auf Seelisches, Verlangen , Begierden'^ gebraudit 
wird (D. W. IV, 2, 2198), während jäh noch ein gutes Theil mehr 
sinnlicher Bedeutungen umfaßt. Das begreift sich leicht aus der Ent- 
stehungsweise der beiden Formen. Ich habe vorhin darauf hingewiesen 
(p. 271 \ daß der Subjectscasus mehr die Domaine lebender, npecieD 
persönlicher Wesen ist, die obliquen Casus mehr das Gebiet der Sachen. 
Daher mußte jacA, die Nominativform, häufiger mit persönlichen Wesen 
verbunden werden, als die Formen der obliquen Casus, und somit 
sich eher als diese zu rein psychischer Bedeutung entwickeln. 

In den bisher besprochenen Beispielen war das ganze Paradigma 
oder wenigstens der Nominativ SgL verschieden. Weniger weit geht 
die Difierenziemng in Fällen^ wo zu einem und demselben Singular 
verschiedene Pluralbildungen bestehen. 

So zunächst Buch — Bücher^ Lcth — Latke^ Momb — Mamse, Ffimi 
— Pfunde, Stück — Stücke, wo stets die erste Form in Maßbeatimmungen 



^ In Besng auf den Nom. 8gl. des stsrken Feminin» stehen sieh IßederdeotMk 
nnd Oberdeutsch principieU gleich: nach Isngsilbigen Stimmen mnß der ansUnitaide 
Voeal abfallen. In der Praxis aber hat das Oberdentsehe diese lantgeseteUeke Fihb 
gans anfgegeben; ebenso ist sie im Friesischen onterg^gangen. 

**) Schwierigkeiten macht das VerhSltniss von westgerm. noar — «loart, ipit — 
wUi sn g. «oer« nnd -veU, welche a-8tämme sind. Darf man schon im Got. Übertritt 
ans der n- oder i-Flexion in die a Flexion annehmen? Femer wie yerhUt sieh mhd. 
Unff€ SU g. loffff», das a-Stamm ist? Mhd. mr sn iute mit fehlendem UmiMt? 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖBTEB. 279 

gebnmcht ist. Die neutralen Plurale des Nhd. erklären sieh bekanntlich 
durch den Übertritt in die Flexion des Maseulins^ mit dem das Neutrum 
in den übrigen Formen ja zusammentraf. Wenn nun in Zahl- und Maßan- 
gaben der alte Plural erhalten worden, so liegt das einmal an der großen 
Häufigkeit solcher Angaben; es mußte sich dadurch die Form dem Ge- 
dftchtniss besonders fest einprägen. Dazu kommt, daß bei ZahlenaDgaben 
der Singular natürlich im Verhältniss sehr selten ist; ebenso findet der 
Qen. Fl. kaum Anwendung ; es ist also der Dativ PI. die einzige Form, 
welche die Maßbezeichnungen mit dem Masculinum gemein hatten; 
diese reichte nicht hin, die Wörter in die Flexion der a-Stämme hin- 
überzufahren; sie unterlag selbst der überwiegenden Macht des N. 
und Acc. Plur., so daß heute deren Form auch für den Dativ gültig 
ist. Ja das so entstandene indeclinable Wort dehnt seinen EHnfluß 
noch weiter aus: auch Masculina werden jetzt in Zahlbestimmungen 
ohne Flexion angewendet, während im Mhd. und noch im altem Nhd. 
der echte Plural steht. Dadurch erhalten wir weiter folgende Glei- 
chungen : Fuß — FiUse, Schuh — Schuhe, Zoll — ZoUe. Auch der alte 
Ecural Mann bleibt erhalten neben den Neubildungen Männer und 
atonnen. 

Beide Pluralformen sind Analogiebildungen in Bande — Bänder^ 
Dinge — Dinger, Lande — Länder, Tuche — Tücher ^ Worte — Wörter. 
Auf die alten flexionslosen Plurale der Neutra wirkten zwei Analogien: 
die der Neutra mit Pluralbildung auf ü*, und zwar dies schon seit dem 
Mhd., sowie die der Masculina. Warum das eine Mal die eine, in 
einem andern Wort die andere gesiegt, wird sich kaum sagen lassen. 
Auch gehören beide Bildungen sowohl dem oberdeutschen als dem 
mitteldeutschen Gebiet an, höchstens ist der Plural auf -e mdtsch. 
etwas häufiger als oberdeutsch. Soviel ist jedenfalls sicher, daß der 
Plural auf -er das eigentlich Regelmässige und dem SprachgefEÜil 
Geläufige ist, auch im Volksmund inmier mehr Fortschritte macht. 
Plurale wie Bande, Dinge, Lande wendet das Volk nicht an, eben weil 
sie abnorme Flexion haben. Daraus erklärt sich schon, weshalb ihnen 
die gewähltere mehr poetische Bedeutung zukommt. Man darf sogar 
sagen, daß derartige Plurale gar nicht mehr als die Plurale der Ein- 
zeldinge Band, Land, Wort deutlich geftlhlt werden; daher kommt es, 
daß diese Wörter nicht sowohl eine Summe von einzelnen Dingen be- 
zeichnen, als vielmehr collective Bedeutung haben. 

Für die beiden abnormen Pluralbildungen Männer — Mannen bietet 
sich mir keine befriedigende Erklärung, noch viel weniger für die 
Bedentungsvertheilung. 



280 '^- BEHÄGHEL 

Zwei andere Paare von Plaralbüdungen: Orta — örter, SdtSfi»- 
SchUd^ hängen zusammen mit dem zwiefachen OescUeclit d«e Wort«; 
der Ort — das Ort, der Schild — das Schild. Die gleiche Art von 
Scheidung noch in der Aniheil — das Äntheil, der Gehalt — dat Gehalt, 
der Verdienst — das VerdieTisl, d^r Zeug — das Zeug. Ort war im Germ, 
unzweifelhaft Masculinum, da das Altnord, und das Westgermanische 
mit Ausnahme des Ahd. in diesem Geschlecht zusammenstimmen; im 
Ahd. ist ort masc. und neutr., T/ieil, im ahd., mhd. masculin und neu- 
trat, ist ebenso sicher ursprünglich Feminin, cf. got. dails, lit. d&li», 
altsl. dola, alle drei weiblich. J)ienst ist ebenfalls schon im Ahd. mas- 
culin und neutral. Gehalt ist ganz moderne Neubildung. Schild aX 
orsprünglich Masculinum, erst seit dem 16. Jahrhundert begegnet auch 
das Neutrum. Zeug ist Masculinum, das Neutrum findet sich nicht früher 
als im Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Art und die Zeit der Dif- 
ferenzierung ist also sehr verschieden, und es kann von einer einheit- 
lichen Erklärung der verschiedenen Fälle keine Rede sein. Überitanpt 
ist eine Erklärung derartigen Gescblechtswechsels sehr mißlich, ds 
vielfach psychische Motive, Umgestaltung der Anschauungen, der Aof- 
fassungflweise hereinspielen können (Gr. III, 557). Nur für zwei 
meiner Gleichungen mag vielleicht aus der Geschichte der Flexion ein 
Grund nachgewiesen werden für das Schwanken der Geschlechter. Em 
solches tritt nämlich dann besonders gern ein, wenn die ursprUngUche 
Flexion und das ursprüngliche Genus aufgegeben wird. Das gilt ood 
von teil, das sich zu g. dails f. verhält wie as. alah m. zu g. aüu t, 
ahd. aran m. zu g. asan f., as. Iiem st. m. und n. zu g. haims f., ahd. 
wan m. zu g. vens f. (ags. ven f.), und diese entstanden wohl in ähn- 
licher Weise wie die p. 273 besprochenen Masculina. Daß auch dio- 
nost seine ursprungliche Position aus formalen Grründen verloren habe, 
wird dadurch wahrscheinlich, dal! die zwei mit demselben Suffix ge- 
bildeten anguM und emusl ebenfatia Schwanken zeigen : angu^ ist Msac. 
und Femin., errmat ist im Ahd. M., F., N., im Ags. F.; An. entspricht 
wohl das sehwache Feminin orrosta, wie dem ahd. dionost, an. fAü- 
nusta sw. f. Wir dürfen darnach auf ein Femininum als Ausgangspunkt 
schließen, und zwar eines, das nicht a-Stamm war — sonst hStte ätüt 
kein u im Suffix erhalten — das auch nicht der i-Flexion angehörte, 
denn wir finden nirgends einen Umlaut im Suffix; auch hätte das An. 
einen weiblichen i-Stamm kaum aufgegeben. Das gleiche gilt von einem 
consonantiscben Stamm, denn die consonanlische Flexion ist im An. 
noch in vollem Flor und hat theilweise sogar vocalische Stämme in 
ihre Analogie hereingezogen (cf. merkr, spengr, stengr, tengr "Wn^ 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 281 

mer §. 57, Anm. 1). Es bleibt somit nur noch der weibliche u-Stamm 
als Ausgangspunkt fOr die verschiedenartigen Entwickelungen. 

Für den Übergang von ort ins Neutrum könnte ende maßgebend 
gewesen sein^ wenn nur nicht dieses selbst ursprünglich männlich 
wäre. Bei Schild ist das Neutrum wohl unter dem Einfluß von Bild 
entstanden y dem das Neutrum ja auch in der Bedeutung nahe steht: 
9eutum ist nur der Schild; affiche und überhaupt^ was mit Zeichen oder 
Malerei versehen, ist das Schild, soweit nicht auch hier das Masculin 
angewendet wird. Denn von einer vollständigen Differenzierung der 
Geschlechter nach den verschiedenen Bedeutungen ist bei keiner 
unserer Gleichungen die Rede. Das Neutrum Zeug dankt wohl dem 
Einfluß von Gezeug sein Dasein; dieses selbst, ursprünglich auch mas- 
culin, wurde neutral unter dem Einfluß von geziuge^ überhaupt der zahl- 
reichen mit ge- gebildeten collectiven ja-Stämme sächlichen Geschlechts. 

Auf verbalem Gebiet begegnen wir zunächst einigen Gleichungen, 
die durch das Fehlen oder Vorhandensein des Umlauts bedingt sind. 
Doppelte Praeteritalbildung liegt vor in sandte — sendete, wandte — 
wendete. Die zweiten Formen sind die nach der gewöhnlichen Regel 
gehenden, die geläufigen: somit bleibt sandte, wandte der gewählteren 
Sprache^ ohne daß eine eigentliche Bedeutungsdifferenz hervortritt 
Doppelte Gestaltung des Participiums Praeteriti haben wir in bestellt 

— bestallt*); durchleuchtet — durehlaucht; erleuchtet — erlauscht; gesendet 

— gesandt; getröstet — getrost; gewendet — gewandt. Hier sind die 
Formen mit Umlaut die echten, ursprünglichen, die Nominative ohne 
Umlaut sind Neubildungen nach den obliquen Casus (Seiler, Be- 
nedictinerregel, Beitr. I, 456). Zugleich aber sind die Formen mit 
Umlaut auch die vom Systemzwang verlangten, denn nach der ge- 
meinen Regel ist das Participium Praeteriti = Präsensstamm plus et. 
So sind also die ältesten Formen doch die durchaus üblichen, fast 
ausschließlich zur Anwendung kommenden ; daher werden die Formen 
ohne Umlaut gänzlich aus dem System des Verbums hinausgedrängt, 
verlieren die verbale Bedeutung und gestalten sich zu Adjectiven. 
(Nur gewandt, ^e«and< werden auch^ wenn gleich selten, verbal gebraucht) 
Ebenso zu beurtheilen ist die Gleichung gelehrt — gelahrt^ die ich viel- 
leicht besser erst später auflUhren würde , da harte^ larte, gekört, gelart 
doch fast ausschließlich mdtsch. sind, wir es also mit Wörtern ver- 
schiedener Dialekte zu thun haben. 



*) Aus bestallt wird neugebildet das Verbom heatdUen, zu dem beataUt dann als 
Pariieip erscheint 



O BKHAGHEL 






Von den Doppelformen hub — hob, »ektcur — sektoor t 

und hßb wohl aU Analogiebildungen nach loefte — ta>b - 

wäge — wog — gewogen zu faseen. Wieder haben die Neabildtiiiga 
die ursprüngUchen Ponnen so zurückgedrängt, daß diese bald um 
noch in der gewählten und poetischen Rede zu finden aein werden. 

Erhaben — erhoben verhält sich wie beatalit ^ begt«Bt etc., d. h. 
die eine ist ausserhalb des Systems gesetzt worden und gilt nur nodi 
als Adjectiv; erhoben ist gebildet nach gewoben, getoogea. 

Bei icard — wurde ist eine wirkliche Scheidung der Bedeutimg 
nicht eingetreten; nur das läßt sich wohl behaupten, dal! die nenge- 
bildete, somit gewöhnlichere Form wurde in poetischer Rede nicht m 
Anwendung kommt. 

Ganz anderer Art, als die bisher besprochenen Doppelwörter, 
die durch mannigfache Ausgleichung im Gebiete der Flexion ent- 
standen, sind diejenigen Fälle, die dem Gebiet der Wortbildung an- 
gehören, bei denen die Doppelung auf dem Verh&ltniss der AbleJtDBg: 
zu dem Wort, von dem abgeleitet wird, der Zusammensfitzung au dem 
Simplex beruht. Von Ableitungen gehören hierher /a»( — fut (Air,); 
Khan — schon (Adv.); Gulden — golden; hübsch — hößteh, an ZoUB- 
mensetzungen Ammann — AtntDuam\ als — also\ Drittel — XhiOkfi\ 
jetxt — j'eteo; Jvngfer — Juneifrau; Urtel — Urfheü. Jeweils die erste Fonn 
zeigt uns die alten Wortgebilde in der Gestalt, welche sie unter deiD Ein- 
fluß der Lautgesetze annahmen; in der zweiten Reihe erscbeiaen di« 
gleichen Wörter, ans denselben Elementen bestehend, nach den nin- 
lichen Principien gebildet (ich lasse hier den dunklen Punkt betreu 
des RUukumlauts in den Adverbien ausser Acht), aber von nrsprttng- 
licherem Aussehen. In der That jedoch enthält die zweite Reibe die 
jüngeren Formen, beruhend auf beständiger Neuerzeugung, auf mub- 
lässiger Wiederanlehnung an die ursprünglichen Elemente. Ans diesem 
formalen Verhältniss ergibt sich mit Noth wendigkeit die ThatsachCr 
daß, soweit Oberhaupt Differenzierung der Bedeutungen vorliegt, to 
Neubildungen, die fortwährend mit ihren Beatandtheilen Fühlung be- 
halten, ancb die ursprünglichere, dem Simplex näherstehende Be- 
deutung haben; daß dem in unseren Beispielen wirklich so ist, branche 
ich im Einzelnen kaum nachzuweisen. 

Noch im 16. Jahrhundert finden sich fast und schon als die or* 
ganischen Adverbien zu fegt und sehoen , obwohl daneben acbott ful 
und schön bestehen; im 17. Jahrhundert sind die letzteren allgemeio. 

Die Bedeutungsscbeidung von ^mmann und Amtmatai geht iu 
Hhdtsch. zurück ; schon dort bedeutet Ananann BurthaiUpreclwilii 




DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLING SWÖRTER. 



Gerichtsperaon", „Vorsteher einer Gemeinde" (Lexer), eine Bedeatung, 
die Amtmann, so viel ich sehe, niemalB hat. Iq UDGerem heutigen Nhd. 
ist Ammann fast Fremdwort, zugleich mit seinem eigenthümlichen Be- 
griff aus der Schweiz überkommen. 

Auch als und also beginnen schon im Mhd. in ihrer Function 
sich SU scheiden, und zwar ist schon damals aU die herrschende Form 
für die relative Bedeutung, ako wird überwiegend demonstrativ ange- 
wendet; nhd. ist also gar nicht mehr relativisch, als hat in älterer Zeit 
noch in seltenen Fällen demonstrativen Sinn (Sanders in Herrig's 
Archiv XX, 61). als zu also verhält sich genau wie jetzt zu jefzo. Aus 
also und iezuo wird unter dem Einfluß der Ton Verhältnisse alte — als 
uaä iexe — iez; also und jelzo stammen aus späterer Zeit, wo der Ac- 
cent nicht mehr den gleichen Einfluß auf die UmgestaltUDg der weniger 
betonten Silben hatte wie frUber- 

Das DW. sieht in der Form Jungfer gegenüber Jungfrau eine 
Verkürzung der Sprache des gemeinen Lehens {IV, 2, 2381); das ist 
an sich möglich, aber nicht nothwendig, man müßte denn in Drittel 
Junker, Naehbair auch eine solche sehen wollen. 

Hierher gehört eine ganze wichtige Gruppe von Compositen, die 
Partikelcompositionen. Ab RepräseotaDten verzeicbae ich zonSchst 
zwei Beispiele: Urheber — Erheber, urtkeilen — ertJteilen. Urheber ist 
Notninalcomposition, oder geht wenigstens von einer solchen aus, Er- 
heber ist Ableitung der Verbalcomposition erheben; eiiheilen ist echtes 
Verbalcompoeitura , vrtheilen abgeleitet von der Nominalcompositiou 
Unheil. Daraus nun ergibt sich der Unterschied in der Gestalt der 
Praeflxe, denn in der Kominalcomposition haben die Partikeln, in der 
Verbal com Position das Verbum den Ton, so lautet ein Grundgesetz der 
deutschen Betonung. Aber dieses gilt siebt ausnahmslos, denn wir 
haben noch eine weitere Gruppe von Doppelwörtern , als deren Ver- 
treter dienen mögen : bestehen =: beistehen ; durchlesen =^ durchlesen ; 
fliergShen ~ übergehen; umgehen = umgehen; unterstehen ^= unterstehen^ 
omfalUn = vorfallen. Wir haben somit 3 Momente in der Partikel- 
composition zu untcrGcheiden : Nominalcomposition mit Acceat 
auf der Partikel, Verhalcoraposition mit Accent auf dem 
Verbum, VerbalcompoeitioD mit Accent auf der Partikel. 
[ Im ersten Moment liegt gar nichts auffallendes; es ist hier einfach die 
inalzusammensetzung geltende Accentregel gewahrt, wo- 
rste Theil des Corapositums den Ton trägt. Um ao 
,0 Verfahren in der Verbalcompositioo. 
daß der Unterschied auf zeitlicher 




I 

ä 



284 O. BEHAGHEL 

Differenz der BUdungeQ beruht. Dazu stimmen die lustonscheD Thtl- 
eachen: durh, iä>at; utdar sind im Ähd. fast durchweg untrennbar tmd 
tieftonig (furi und umhi sind schon schwankend), cf. Lachmatui, EL 
Schriften I, 366 ff-, während im Mhd. die trennbaren CompoötioiUB 
mit betonter Partikel schon ganz gi-brSuchlich sind. Ferner: im MU. 
ist es nicht mehr möglich, aus Praepoaitionaladverb -|- Verbunt unlmn- 
bare Composittonen mit tieftoniger Partikel zu bilden — soweit nidit 
schon vorhandene Bildungen das Kluater abgeben können \ ein btHijk, 
vorfähr iat undenkbar. Endlich: die Verba mit untrennbarer, tief- 
toniger Partikel haben mehr geistige, der ursprünglichen Geltung ftn» 
stehende Bedeutung, diejenigen mit trennbarer die einnlichero Be- 
deutung. Aus dem Allem ergibt eich zweifellos, daß die CompiMta 
mit untrennbarer, tieftoniger Partikel einer früheren, die trennhaRi 
Composita einer jüngeren ßildungsperiode angehören. Die Krirte- 
huDgszeit der ersteren läJh sich noch etwas nsher umschrcäben. Der 
Terminus post quem ist natürlich die germanische Acccntvers<^ebug; 
Bildungen vor dieser Zeit müßten später den Ton auf der ersten Säk 
haben. Der Terminus ante quem ergibt sich aus einer synt&ctiMlia 
EIrwägung. Ee ist wohl allgemein anerkannt, daß jedes heutige Con- 
pQsitum, soweit es nicht junge Nachbildung älterer Muster ist, Mlf (d> 
ursprÜDgliches Juxtapositum zurückgeht. Ein Compositum wie du fl(i^ 
trabst ist also nur denkbar, wenn es eine Zeit gab. in welcher das iA 
verb seinem Verbom nicht wie heute nachfolgte, sondern voraus 
ging. Diese durch unaere Composita verlangte Wortstellung ist ibff 
genau diejenige, die uns noch heute im Nebensatz vorliegt, uod Mt 
erhalten somit den wichtigen Satz: die ursprüngliche deatscbe 
Wortstellung ist nicht die des heutigen Hanptsatzes, sod- 
dern die des heutigen Nebensatzes. Die Ausbildung der spitetoi 
Wortfolge im Hauptsatz ist also der Zeitpunkt, vor dem die untremibaita 
Composita sich gebildet haben. Nun wissen wir , daß in pnepo- 
sitionalen Verbindungen keineswegs ursprünglich die Praepositioa es 
ist, welche z. B, die Trägerin einer bestinunten localen Beziehung ist, 
sondern daß diese nrsprünglich dem betreffenden Casus zukam; erst 
später stellte sich das Bedürfnisa heraus, den etwas vieldeutigen Inbsit 
des Casus näher zu bestimmen, und diese specielle Färbung gesekah 
durch ein Adverbium : wir haben somit folgende Wortgruppe : NomaUf 
Adverb, Verb, ganz wie wir im Griechischen die sog. nacbgeBicUte 
Praeposition haben: vtäv aao s^%iTtit. In beiden Sprach« 
dann durch Juxtaposition von Adverb und Verb das Compositom: ir 
— ttxoiifxizM. Noch im heutigen Deutsch haben wir Bd^iele 



b fc 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 285 

läheren Deutung eines Casus durch nachstehendes Adverb; wir können 
lagen: er schlief die ganze NcuMj den ganzen Tag gieng er spcUzieren^ 
fcber auch: er schlief die ganze Naxiht durch y er gieng den Tag über 
fpatzieren. Stellen wir die alte Wortfolge her: er, der die Nacht durch 
schlief j so ergibt sich, daß die zwei Haupttöne auf Nacht und schlief 
liegen, während durch nur einen Nebenton hat, und zugleich haben 
wir hier ein vollkommen treues Bild von der Art und Weise wie zu 
der Zeit, als diese Wortfolge die alleinherrschende war, unsere un- 
brennbaren Composita entstanden. Denn der die Nacht durch schlief 
ist vollkommen identisch mit: der die Nacht durchschlief. Durch die 
Annahme, daß die trennbaren Composita in viel späterer Zeit als die 
antrennbaren entstanden sind, erklärt sich nun auch, weshalb im 
Participium Praeteriti das Praefix ge- eingeschaltet wird. Wären die 
trennbaren Composita aus den untrennbaren durch eine Verschiebung 
des Accents hervorgegangen, so ist nicht einzusehen, warum nicht aus 
überlegt ein überlegt sollte geworden sein, wie aus überlegen überlegen. 

Daß mit der späteren oder früheren Entstehung der Composita 
die Differenzierung in mehr sinnliche und mehr geistige Bedeutung 
zusammenhängt, ist schon bemerkt worden. Am weitesten geht in 
unserer Gruppe die Scheidung bei durchtrieben — durchgetrieben, indem 
die ältere Bildung hier nur noch Adjectiv ist und das zugehörige 
Verbum durchtreiben gar nicht mehr existiert. 

Eine vereinzelt stehende Art der Differenzierung ist es, wenn ein 
Stamm volksetymologisch an einen anderen angelehnt wird; so erhalten 
wir die Gleichung: {ver)theidigen = (be)thätigen (s. DW. I, 1699). 

Und nun eine Reihe von Doppelwörtem^ über deren AusbUdung 
ich nichts Befriedigendes vorzubringen weiß: 

Bett — Beet: nach dem frilher (p. 263) erwähnten Gesetz kann 
mhd. bette im Nhd. keine gedehnte Stammsilbe erhalten, also ist Beet 
lautgesetzlich nicht zu begreifen; auch ftlr die Annahme einer Form- 
übertragung bietet sich kein Anhalt. Das DW. (s. v.) erklärt Beet für 
eine Erfindung des 16. und 17. Jahrhunderts, also für ein Product 
grammatischer Willkür, und es mag mit dieser Deutung Recht haben, 
da Beet im Dialekte kaum gebraucht werden dürfte. 

Knabe — Knappe und Bäbe — Bappe: die Entstehung des dop- 
pelten pp ist mir gänzlich dunkel. Wenn Weinhold Mhd. Gr. §. 152 
sagt: „doppeltes p ist in einzelnen Fällen Verhärtung von b, so in knappe 
rappe zur Differenzierung der Bedeutung^, so ist das unrichtig, denn 
ursprünglich läßt sich auch nicht der geringste Unterschied in der 
Bedeutung der beiden Formen nachweisen, die formale Unterscheidung 



O, BEHAGHEL 



P geht also der der Bedeutungen voraus. Ebensowenig ist gewtnmeo, 

I irenn man von consonan tisch er Steigerung spricht. 

^^_ Magd — Maid: Paul meint, es könne vielleicht hier ein Ter 

^^M hältniss vorliegen, wie bei ffibrennit — gehranter, also : diu magtd — ier 
^^H meide. Damit scheinen mir aber die Thatsachen nicht za stimmoi. 
^^" Dens die contrahierte Form erscheint an Stellen, wo darchaas kmne 
f weitere Silbe mehr auf die Contractionssilben folgt, auch eine Über- 

tragimg kaum denkbar ist, so in du seist, er seit, du freist, er Iwtä 
(schon bei Notker, Graff V, 498), so in geieit — denn öectierte Formen 
dieses Participa kommen wohl kaum vor — so besonders in ^nii tSi 
gegen. Gehört Maid den mittel- und oberdeutschen, Magd den nieder- 
deutschen Dialekten an? 

Scbauem — Schaudern: die gleiche Entwickelung eines d vor r 
liegt vor in scklaudem =^ sluTen und haudem ^ huren; schwerlich ge- 
hört sie irgend einem bestimmten Dialekte in der Weise an, daß jede» 
alte nr zu ander in demselben werden müßte, denn Bttuder f&r Bmur 
spricht man meines Wissens nirgends. Entsteht dieses c^ viellwcht nur 
unter der Bedingung, daß auf r noch ein Consonant folgt? Dann würde 
z. B. in Trauer sich kein d entwickeln können, und der Einfloß diese« 
Substantivs wtlrde den Mangel eines d in h-attem erklären. In Baiur 
wäre der Nominativ für die übrigen Casus maßgebend geweaen, wie 
wir dies ja schon früher bei Parsonalsubstantiven gefanden. 

Nicht ganz sieher bin ich , ob man Reiter — Ei/ter wirklich sli 
Doppelwort bezeichnen kann. So viel ist jedenfalls klar, daß diu 
nicht sagen darf, wie man wob] gethan hat, in ritter sei i von nUr 
verkürzt; ein solcher Vorgang ist unmöglich. Oab es von Anfang aa 
nur eine Bildung mit langer Stammsilbe, so verdanken wir die Kflne 
einer Einwirkung der Form des Verbums ritan^ wie es im Praeteritom 
Plural und im Particip erscheint. Einfacher aber ist es, geradesa 
zwei Ableitungen anzunehmen, eine vom Praesens, eise vom schwachen 
Praeteritalstamm. 

Zweifelhaft sind auch die Gleichungen, die sich aus J. Schmidt'* 
Nasaltheorie, aus Vocalismns I ergeben, also z. B. blivken — hUid»» 
(8. a. O. p. 55), dumm — tauh (p. 172), {Ge)ring — leicht (p. 62), 
»chlafen — schleifen (p. 1631, schlingen — schleichen (p. 54), gtaben — 
stapfen (p. 155), tunken — tauc?ien {p. 168). Noch mehr der Art bei 
Zimmer, Zeitschrift fllr deutsches Alterthum XIX, 409. Aber wären 
diese Aufstellungen auch über allen Zweifel erhaben, so brauchton wir 
doch noch nicht wirkliche lautliche Doppelentwickelung anzunehmen. 
£b ist die Möglichkeit vorhanden , daß unter bestimmten AoBant- 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 287 

Terfaftltnissen der Nasal geschwunden; unter anderen^ in anderen Formen 
des gleichen Wortes sich erhalten. Jede der beiden Formenreihen 
ergänzte sich alsdann zu einem vollständigen Paradigma. Etwas Ähn- 
liches haben wir ja in fahen = fangen. Die Übereinstimmung sämmt- 
licher deutscher Dialekte beweist, daß im Praesens der Nasal ge- 
schwunden war; ebenso sicher ist es^ daß im Praeteritum^ mindestens 
ftar den Plural, die nasalierte Form galt: fangen ist daher ein neu- 
gebildetes Praesens zu dem nasalierten Praeteritum. Über das un- 
bewußte Streben y die Formen des Praesens und des Praeteritums ein- 
ander möglichst zu nähern, spricht J. Schmidt^ Voc. I^ p. 49*). 

Alle bisher erörterten Doppelwörter waren der Art, daß die Ent- 
wickelung beider Gbrößen innerhalb einer und derselben Sprachgrappe 
vor sich gegangen war. Häufig aber tritt auch der Fall ein, daß ein 
und dasselbe Wort in Folge irgend welcher historischer Thatsachen 
zwei wesentlich verschiedenen Kreisen redender Individuen angehört^ 
somit abweichenden Gesetzen ftlr seine Lautgestaltnng unterliegt und 
sodann in der Form^ die es auf dem einen Gebiete erhalten^ in das 
andere hinübergenommen wird: damit ist das Doppelwort fertig. 

Ein solches Paar von getrennten Sprachkreisen bietet uns der 
Gegensatz der Gebildeten und Ungebildeten^ aus dem sich der Gegen- 
satz von gelehrter und volksthümlicher Entwickeluug ergibt. Auf dem 
Gebiete der Muttersprache ist dieser Unterschied von verhältnissmäßig 
geringer Bedeutung; von Doppel Wörtern, die aus demselben hervor- 
gegangen, kann man Dinge wie sich ereignen — era%?tm, BüLfe — 
Hüfe^ wirken — würken anftihren. Femer gehört higher 

Abenteuer — Aventiure; aUerdings gehen sie beide auf ein Fremd- 
wort zurück; aber die Entwickeluug — soweit man von einer solchen 
reden darf — hat sich auf deutschem Boden ohne weiter fortgesetzten 
Einfluß des Fremdworts vollzogen. Abenteuer ist natürlich die volks- 



*) Am Schlosse dieses Abselmittes mOgen anhangsweise noch zwei ahd. Doppel- 
wOrter erw&hnt werden: beide = bede nnd leita = lerä. Das Compositom beide muß 
entstanden sein zu einer Zeit, als auslautendes et im Ahd. noch nicht zu i werden 
mußte; neben beide muß dann 6a» fortgedauert haben bis zu der Zeit, wo jene Ver- 
dichtung eintrat: dann konnte als neues Compositionsproduct bede entstehen. Germ. 
lai*a kann lautgesetzlich nicht zu lera werden, nur zu leiia. Neben laisa bestand 
aber das Verbum laisjan und hier ist die tOnende Spirans am Platze, das Verbum 
fibertrug diese auf das Substantiv in den FSllen, wo seine Bedeutung der des Verbums 
nahe stand, und leiea mußte nun zu lera werden. Also wieder die Verschiedenheit 
der Bedeutung das erste, ^e Formscheidung deren Folge. 



288 O. BEHAGHEL 

thümliche Umgestaltung, Aventiure beruht auf gelehrter £ntlehniiiig 
aus unserer älteren Sprache. 

Am stärksten zeigt sich jener Gegensatz in der Behandlung Ton 
Fremdwörtern; die volksthümliche Entwickelung stellt deutsche Laut- 
gruppen , deutsche Betonung her, ändert das Genus der Nomina; der 
Gebildete steht unablässig unter dem Einfluß des ihm bekannte 
fremden Wortes und sucht das deutsche Lehnwort seinem VorbQd 
möglichst ähnlich zu erhalten*). Hierher rechne ich folgende Wortpaare: 

August — August : der Personenname ist im Munde von Jedermann, 
gebildet und ungebildet; fbr den Monatsnamen hat der Volksmund 
vielfach andere Bezeichnung. Die Erhaltung des fremden Accentes in 
letzterem ist offenbar auf die Sitte der lateinischen Datierung zurflck- 
zuftlhren. — Banner — Pannier\ woher das anlautende p im zweiten 
Wort? — Lärm — Aüarm. — Der Moment — das Moment z der Moment 
hat sein männliches Geschlecht wegen des gleichbedeutenden Angen' 
blick, — Der Ruin — die Ruine: es ist nicht mit Sicheriieit zu ent- 
scheiden ^ weshalb Ruin männUches Geschlecht hat; Wackemagel ver 
muthety wegen des synonymen stürz (Kl. Schriften IQ, 306). 

In den beiden letzten Fällen ist die verschiedene Form die Folge 
der verschiedenen Bedeutung, ebenso in August — August. In Läm 
— Allarm liegt die Sache so — und das ist sehr natürlich — , dsß 
die Form, die länger in Beziehung mit dem französischen Original 
gestanden^ auch in der Bedeutung diesem näher geblieben ist An 
Banner — Pannier bewahrheitet sich die früher gemachte Bemerkung, 
daß die dem Volksmund geläufigere Form, die der gewöhnlichen B^ 
mehr entsprechende, auch die gewöhnlichere , hier die sinnlichere Be- 
deutung hat, während die fremdere Gestalt , Pannier, nur im übe^ 
tragenen Sinn oder in der Poesie erscheint 

Ich komme zu denjenigen Dopppelwörtem, welche ursprfinglicli 
verschiedenen Dialekten oder Sprachen angehören. 

Der Entlehnung aus dem Mittel- und Niederdeutschen verdanken 
wir folgende Paare: Athem — Odem. — ^u^ochse) — Dr. — Bnamen— 
Born. — Daune — Dune. — ehe — eher: in mhd. Zeit schon gehört er 
wesentlich dem mdtsch. Gebiet an, Mhd. W. 1, 337, a 37. Weinhold, Mhd. 
Gr. §. 196. —feist —fett. — Klafter — Laehter: ist zweifelluift; BGlde- 
brand im DW. 5, 994 hält an der Identität fest, allein das fehlende k 



*) Aus diesem ^derstreit deatscher und fremder Weise gehen an^ £« 
Schwanknngen der Betonung bei den Fremdwörtern im Mhd. herror. 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 289 

im Anlaut des zweiten Wortes macht doch erhebliche Schwierigkeit. 

— kneifen — kneipen : kneifen selbst ist wohl bloß in das Hdtsch. tlber- 
setztes kneipen, so Jänicke (die ndtscb. Elem. i. uns. Schriftsp.) und 
Hildebrand DW. V, 1402. — Lache — Lacke. — lüften — lichten. — nah 

— (ge)nau, s. Müllenhoff, Ztschrft. fiir dtsches Alterthum XIH, p. 575. 

— Natter — Otter. — nun - das Nu: nun gehört dem Oberdeutschen, 
speciell dem Alemannischen an, Weinh., al. Gramm, p. 293. Oberhaupt 
^begegnet Nasalierung im Md. seltener als im Obd.^ Weinh.^ Mhd. 
Ghr. §. 199. — Reihe — Riege. — {s,ns)rotten — roden : rotten selbst ist 
wohl erst aus dem Ndtschen ins Hdtsche übersetzt ; mit mdtsch. 
roten, roden das hdtsche. reuten zu vereinigen, wie Lexer II, 472 thut, 
ist unzulässig. — sanfi — sacht — Schaft — Schacht. — scheuchen — 
ieheuen: die germanische Grundform ist skiuhvjan^ cf. ital. schivare^ 
ftfr. esquiver. Das Oberdeutsche erhält die gutturale, das Nieder- 
deutsche die labiale Spirans, s. Müllenhoff, Zeitschrift für deutsches 
Alterthum XIQ, p. 575. — schlecht — schlicht. — schleifen — schleppen. 

— schnauben — schnaufen : das erste aus dem Md. snuhen , das zweite 
aus dem Ndtsch. snuven, Weigand II, 616. — Der Schnupfen — die 
Schnuppe. — Der See — die See. — Spieß — Spiiet (Bugspriet) : woher 
der Ausfall des r im ersten Worte? — Staffel — Stapel, — sühnen — 
(yer)söhnen. — Teich — Deich. — Waffen — Wappen. — Hierher auch 
Wahn = (Arg)ti?oÄn.^ — Wa^en — Rasen. Werk — Werg. 

Über die Bedeutungsdifferenzen läßt sich bei den vorliegenden, 
auf local getrennten Gebieten entstandenen Wörtern begreiflicherweise 
wenig sagen. In einigen wenigen Fällen: AtJiem — Odem, Brunnen — 
Barn läßt sich wieder die Wahrnehmung machen, daß die dem Sprach- 
bewußtsein fremdere, d. h. die aufgenommene Form, auch seltner, in 
gewählterer Rede zur Anwendung kommt. Auch fUr schlecht — schlicht 
mag dies noch gelten und hierin der Grund liegen, weshalb nur das 
erstere, nicht aber das zweite Wort eine pessimistische Bedeutungs- 
entwickelung erfahren hat (zu dieser vgl. Bechstein, Germ VIII, 330)* 

Die Differenz von ehe — eher läßt sich so fassen, daß die Form, 
welche die comparativische Gestalt noch deutlicher fllhlen ließ, auch 
die deutlich comparative Bedeutung hat, während ehe als Conjunction 
verwandt wird. 

Entlehnung des einen Wortes aus dem Englischen liegt vor in 
sireichen — streiken. 

Durch Paarung eines aus dem Lateinischen aufgenommenen Wortes 
mit dem urverwandten deutschen ergibt sich die Gleichung Vater — 

anUUHU. Heot Reihe XI. (XUU. Jahrf.» V^ 



290 ^' BEHAGUOEL 

Pathe ; Pathe aus pater erklärt sich in seiner Lautgestaltang durch den 
Einfloß des gleichbedeutenden deutschen Me. 

Ein eigenthümliches Spiel des Schicksals ist es, wenn dentedie 
Wörter in die Fremde gewandert sind, dort fremde Gestalt angenommen 
haben und wieder in das Deutsche zurückkehren, wo sie ihre Ge- 
schwister in oft erheblich abweichender Tracht wieder vorfinden. Aus 
dem Französischen hat Rückentlehnung stattgefunden in folgenden Fällen : 
BdOcen — Balkon. — Breche — Bresche. — Dorf — Trupp — Truppe: 
fr. troupe ist an. thorp (Romania 1,490); derTmpp wegen der Schwärmt 

— Graben — gravieren. — Laube — Loge^ — Leiste — Liste, — Mark 

— Marke. — picken — piquieren. — Baub — Bobei aus dem franzö- 
sischen Wort, dem sich it sp. roba, prov. rauba zur Seite stellt, darf 
wohl der Schluß gezogen werden, daß ahd. rauba bestanden hat, ans 
dem sich dann raub in der p. 273 besprochenen Weise entwickelte. — 
Ring — Bang. — Bock — Frack. — Wagen — Waggen: das zweite Wort 
ist zwar englisch, aber uns durch das Franz. übermittelt — Warnen 

— Gfamieren. — Warte — Oarde. — Wette — Chige. 

Aus dem Italienischen: frisch — fresco. 

Ans dem Französischen und Italienischen : Schmek — Email — 
SckmaUe (it. smalto). 

In den bisherigen Beispielen gehörte immer wenigstens ein Glied 
der Gleichung dem Deutschen an; es können aber auch beide Formen 
entlehnt sein. 

Dem Lateinischen und Französischen entstanmien : Campatt — 
Compae. — legal — loyal. — Parabel — Parde. — Pfak — Palast. - 
proben — prüfen. — Pulver — Puder. — Quadrat — CarrS. — real — 
redl, — Spital — Hotel. 

Aus dem Lateinischen und Italienischen: Speise — Spese. 

Aus dem Französischen und Italienischen: Juppe — i^haube. — 
Schaffot — Katafalk. 

Aus dem Lateinischen allein das schon dort bestehende Doppel- 
wort cupa — cuppa: Kufe — Kuppe. 

Aus dem Französischen allein die französische Dublette: Uobd 

— mobil. 

Aus dem Lateinischen, Griechischen und Französischen: das 
Drillingswort Pfaffe — Pabst — Papa: die Ableitung von Pabst an« 
mittelgr. %an%ag ist der aus afr. pape mit Nominativ-s (Wackemagel in 
seiner Umdeutschung) entschieden vorzuziehen. 

Dem Griechischen unter Einfluß des Französischen verdanken 
wir: der Chor — das Chor: das Neutrum tritt im 18. Jahrhundert vai. 



DIE NEUHOCHDEUTSCHEN ZWILLINGSWÖRTER. 291 

wohl unter dem Einfluß von fr. corps; im modernen Deutsch wird 
nftmlich das französische le durchaus als neutral aufgefaßt: Banket, 
Bataillon, Bordell, Bouquet, Oanot, Compöt, Dejeuner, Diner, Filet, 
Fort, Journal, Modell, Palais, Piano, Regiment^ Salair, Souper etc. 
Der Parfüm hat sein Geschlecht wegen der Duft^ der Oerueh, Der 
Trubel ist männlich, weil die Endung -d dem Neutrum fast gar nicht, 
dem Masculinum sehr häufig eignet Grrotte, Gruppe ^ RoUe^ Rhone 
sind Feminina geworden wegen des schUeßenden e. Man erkennt aus 
dieser Übersicht, wie verkehrt die gelehrte Pedanterie ist, der Louvre, 
der Rhone zu sagen. Zu der Annahme über die Einwirkung des fr. 
Corps stimmt die Vertheilung der Bedeutungen. Das Masc. hat die 
des griechischen Wortes, gehört somit den Gesangvereinen an; das 
Neutrum steht, wo es sich im Allgemeinen um ein größeres Ganze 
handelt: das Balletchor, das Musikchor, ein ganzes Chor von hundert- 
tausend Narren. In der Architektur gilt überwiegend das Masculinum. 

Zwei getrennte Sprachkreise können also durch gesellschaftliche 
und auch locale Scheidung gebildet werden, aber ebenso gut durch 
zeitliches Auseinanderliegen, also auch in ein und derselben Sprache* 
Auch diese chronologische Scheidung kann die Veranlassung für Doppel* 
Wörter werden: wird ein und dasselbe Wort einer fremden Sprache 
von einer andern mehrmals, zu verschiedenen Zeiten angenommen, so 
wirken häufig in älterer Periode andere Gesetze als in jtlngerer, und 
die formale Differenz kann eine ziemlich große werden. 

Zweimal aus dem Lateinischen entlehnt sind: Brief — Breoe, — 
Kandd — Kanal, — Kerker — Karzer. — Kopf — Kuppel wenn Hilde- 
brand im DW. hier eine deutsche Wurzel annehmen will, so scheint 
mir das doch sehr anfechtbar. Ich bleibe bei der Ableitung von cuppa^^ 
KopfvsX männlich geworden wegen des gleichbedeutenden «tou/(Waoker- 
nagel, Kleine Schriften m, 308). — Pacht — Päd. — Pfarre — Pa- 
roekie. — Schüler — Scholar. — Teppich — Tapete. — Ziegel — Tiegel. 

Doppelte Entnahme aus dem Französischen fand statt: Palast — 
Palais. — Partei — Partie. 

In zwiefacher Weise aus dem Arabischen hergeleitet: 
Divan — Douane, cf. R. Dozy, Oosterlingen ('S Gravenhage, Leiden, 
Amhem 1867) p. 33. 

Am Schluße meiner Untersuchung angelangt, glaube ich die 
Ergebnisse derselben in nachstehenden drei Sätzen zusammenfassen zu 
können: 

1. Die Doppelwörter widersprechen nicht dem Grund- 
satz von der absoluten Gültigkeit der Lautgesetze. 



292 K. VON BAHDER 

2. In der lebendigen Sprache findet keine absichtliche, 
bewußte Differenzierung der Form zum Zwecke der Be- 
deutungsdifferenzierung statt. 

3. Die Verschiedenheit der Bedeutung ist nicht nur 
Folge, sondern mindestens eben so häufig Ursache der 
formalen Differenzierung. 

Noch allgemeiner kann ich sagen: auch hier zeigt sich wieder, 
eine wie wichtige Rolle das psychologische Element in der Sprachent- 
wickelung spielt und zwar in durchaus unbewußter, absichtsloser ThS- 
tigkeit; und femer erhellt, daß scheinbar weit auseinander liegende 
Forschungsgebiete sich doch wieder nahe berühren, und daß manches 
Problem der Laut- und Formenlehre erst durch syntactische Erwä- 
gungen gelöst werden kann. 

HEIDELBERG, den 7. Man 1878. O. BEHAGUEL. 



Ich bemerke nachträglich, daß Abel Bergaigne die gleiche An- 
sicht über die ursprüngliche Wortstellung im Deutschen ausgesprochen 
hat wie ich, M^moires de la soci^t^ de linguistique de Paris III, 
p. 140, ohne freilich einen directen Beweis dafür beizubringen. 

Noch sei auf eine interessante Folgerung aufmerksam gemacht, 
die sich aus der fttr die Wortstellung gefundenen Formel ergibt „Er 
steht bei dem Hause^, hieß einmal , abgesehen von den Wortformen: 
huse hi standity wobei bi enklitisch oder proklitisch war. Betrachtet- 
man nun die Sache vom Standpunkt der „phon^tique syntactique", 
wie die Franzosen sehr gut das p. 266 verwcrthete Princip nennen, so 
ergibt sich, daß der Anlaut des Adverbs einmal unter dem Einflaß 
des Vemer'schen Gesetzes gestanden hat. Wir erhalten somit die 
Möglichkeit, germ. bi mit skr. pi zu vermitteln, und in ähnlicher Weise 
läßt sich nunmehr germ. ga mit lat. co in Verbindung bringen. 

HEIDELBERG, den 22. Mai 1878. O. B. 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



Von der kücwe (l). 

Maoiger lobt BIOS herzen trüt, (fol. 192') man liut den alten wiben, 

so muoz ich stille und überlüt swenne sie tot beliben: 

klagen, daz man glocken gnot daz ist ein michel müewe. 

den tagentl6sen Hüten tnot: man solte der guote n kfiew g 

I. Oberacbrift: Hie get an die rede you der kawe. 7. 8 mae : kue. 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



293 



listen wol mit flize; 

die git ^ie inilicli wtze, 10 

lüter und gelebt, 

der man sich überhebt 

wol gesalzen in dem hüs. 

da werden anch guote kSse üz, 

molken dicke und dünne: 15 

daz ist der kinde wünne. 

Yon milich muos und brie 

ist auch ein guote krfe, 

Bwenne man schrit: ez ist bereit! 

des wirt maniger dft gemeit. 20 

darzuo die frischen buttern: 

zwischen Bolän und Salem 

yant man bezzer ezzen nie 

sicherlichen danne die. 

guote mursal die sie treit, 25 

die man zuo den ruoben leit, 

da phliget man wol der liuten mite. 

so liuht man mit dem unslite; 

wurste vome hime; 

so werden üz der stime 30 

zehen flegel hüete^ 

(daz ist auch ein güete) 

dk mite man kom drischet, 

lüter und gemischet. 

der guot rintfleisch braten hat, 35 

dem wirt ein supp, hat er ein brät. 

sd treits ein mursal, heizet mark: 

da Yon 80 werden Hute stark. 

so macht man üz dem beine 

Würfel, grdz und kleine, 40 

die laufen üf dem brete snel: 

verspilt mang buobe sin vel, 

daz ime wirdet zome. 

so werden üz dem hörne 

guote 8tr§lere: 45 

swaz junger kiuder w6rc, 

der phlege man dar mite wol, 

als man billichen phlegen sol. 

vome home lateme, 

die hat man auch gerne; 50 



swenne man lieht drin tuet, 

so ist sie für den wint guot. 

ich sage iuch von dem home md: 

sweme ist in dem rücke w3, 

deme schrapfet man darmite. 55 

so hän die jdger einen site, 

den haben sie in üz derkom: 

sie vazzen in den riemenz hom, 

daz sie darmite blasen vil. 

swer danne vögel ziehen wil, 60 

lerchen ader finken, 

den gtt man darüz trinken. 

so bewirft man vome 

den bolz mit küewehorae. 

so machet man mit krefte (fol. 192*") 65 

üz home mezzers hefte. 

s6 sehen die schrib^re 

ir hömer noete Idre: 

sie schriben drüz den liuten. 

sd werden üz den hinten 70 

wite stifel guot, 

(derm leder rehtc tuet) 

fürfucze unde soln, 

wdtsecke unverholn, 

hiute über den saumem, 75 

(der wil man niht embern); 

brustleder, triehter, helmshom; 

so lidert man dft mite die sporn. 

so wil ich niht vermüche, 

ich sage iuch vome slüche, 80 

dft mite man abe lezzt den win: 

der ist auch rinderin; 

und die silhalsen wert, 

dft inne ziehen die phert, 

und die jochriemen: 85 

(daz verk^rt mir niemen) 

dft ziehen auch die rinder au; 

des beg^t sich manig man. 

gürtein breit unde smal, 

die man treit über al, 90 

üzem beine rinken dran 

tragen frauwen unde man. 



18 krey. 23 salut^n. 24 sicherlicher. 29. 30 him : stim. 35. 36 hat : 
br jt. 36 suppe. 45. 46 streler : w. 49. 50 latem : gn. 65. 56 mit : sit. 

58 rieme daz h. 63. 64 vom : kohom. 63 biwerft. 67. 68 schriber : 1er. 

73 suhl. 79 vmache. 81 lezzet 



294 



K. VON BAHDEB 



hantschaoch ande viDgerhuot, 

swer des bedarf, dem ist ez guot. 

böigen nnde taschen; 95 

man macht üz bluten flaschen, 

triehter nnde zaphen drin, 

daz bebeltet den win; 

fessel nnde scheide, 

swert und mezzer beide, 100 

und die wShen faoteryaz. 

noch muoz ich tibten baz. 

die blasbalge müezen her: 

das ist auch der smide ger. 

b6 ist danne der zagel edel: 105 

daz Ü2 wirt ein gnoter wedel, 

swenne man pbert beslaben sol, 

daz man dar mite weren sol. 

daz orgeln bellen überlüt, 

das kamt aUez von der bot. 110 

von Adern ein bengel 

in dem glockenswengel ; 

falkenbüben, wintbant, 

armleder, beingewant, 

wöpenbentscbnocbe, kiurin: 115 

das ist allez liderin 

und ist von der küewe kamen, 

daz wir alle hftn yemamen. 

ich sage von einer decke: 

dz hinten macht man secke 120 

aber hüben and den heim, 

swft man sie fneret darch den melm, 

daz ez schöne belibe 

und den rost vertrlbe. 

man Oberziahet danne her 125 

mit ädern schilt and backel^r 

and mit küewehiaten, 

das sage ich den Haten. 

der riemen ame kezzelhaot (fol. 193*) 

foeren ritter, knehte guot. 130 

Yon der hiate einen stnol, 

das ist gaot f&r den phal: 

ein bischof drdfe sitae, 

der phliget guoter witze. 

man wil aach niht vermiden, 135 

man hftt die hüt zuo bilden. 



and wil iach danne m6re sagen: 

in dem hangenden wagen 

macht man küewehinte, 

darüf sitzen briate. 140 

ich sage mßre von der büt: 

man machet gr6ze büecher trdt, 

daran man singet nnde list, 

waz von der biate kamen ist. 

tramben und tambüren, 145 

da bi sol man niht trfiren. 

(ez enstn niht traame) 

geisein, halftern, zanme, 

stfgleder, bintriemen, afterreif, 

furbüege, taschen man begreif; 150 

gegen (?) ledergart: 

ein man desto baz gebart. 

86 ziert man setel reine 

mit leder und mit beine. 

nü maoz ich mich noeten: 155 

die kint die spiln der koeten. 

nü sol ich gedenken 

der küssin üf den henken: 

die sint mit hinten aberzogen. 

(hieran ist man ambetrogen.) 160 

die bolzschnoche sint hie vor, 

üf den gfit man enpor, 

schaoche wite and enge, 

die kürze and aach die lenge, 

und lüneln zew&re. 165 

s6 macht man üz dem hftre 

bambast, seil and filz, 

86 macht man zaam, getilz, 

den kinden börs zaom balle, 

darnach s6 laufen alle 170 

beide wider unde für. 

man sieht den zagel in die tür, 

dft mite man ziuhet üf und zuo: 

daz kumt allez von der kuo. 

noch ist das lob niht vollebrftbt, 175 

daz von der küewe ist erdftht: 

sie bringet junge kelber knüz, 

da werden varren, ohsen üs. 

die veizten kalbes kroese, 

die haubtlech sint niht boese, 180 



104 Bunde 123. 124 beleih : vtreib. 129 riem. 132 pf&l. ISS bisschot 
142 gros. 145. 146 tammum : truni. 147. 148 träum : zäum. 153 rein. 154 mit dem beio. 

161 holt BchiSohe. 165. 166 zwarrhar. 169 zu eim b. 179 fdtsten. 180 baubdoeb. 



^^V GEDICHTE DES KÖNIGS VOU ODENWALD. 296 ^^| 


fCBoten nnd geroeatet, 


86 taon danne die liate daz, ^H 


•irt mao h getroestet. 




{Sax ist ailei uiht gelogen.) 


sie begiDoen rSmen ^H 


■rmbnist unde hänifo bogen 


der tU gnoten tISmen, ^^M 


toehte niht ein halbez ä, 185 


sie beziehen ir venster mite ^^M 


ra brScli allei gar enznei, 


nach dem altem guotem Btte. ^^M 


«enne die «eben ädern guot, 


lebera, nieren, langen, SlS^^^J 


rlie man von der küewc tuot. 


herze, gurgeln, znngen, ^^H 


terfe dA mite mtui epennet. 


milze, sülze, fuezc, ^^M 


einer der d& rennet, 190 


daz miutlin atsd süeze, ^M 


«cfaeiden über armbrUBt, 


manigvatt dermelin id vin, ^^M 


dBE ist der selben getost. 


wizer danne ein hermelin. 230^ ^H 


BÖ nimt man danne klätfen, (fol- 1 93") 


BÖ kilnde ich nimmer vollenklagen, ^H 


die svarzen und die gräwcD, 


doz ich vergezzen bete des Dagen 


und dranwet pater noster drili, i'Jb 


nnd des iuters alaö guot, 


lind macht man tinfel einen grua. 


daz man dft roestet üf der gluot 


ir w@at, ich wolte iuch rösen, 


lind den veizten arsdann; 235 


tergfae ich nii der biSeen: 


daz getünge nimt man also wann 


daz iit auch ein guoter pfeffcrsag; 


und bestrichet mite den bodem, 


der danne gelebt den tiertag, 200 


der boese eck er danne wil roden, 




der bedarf des miatea Kol darsuo. 


der danne hunde verjagen nil, 


man aölt einer guoteii kuo 330 


der stricke ein blasen an den zagel, 


billichen klagen iren Up. 


tö wSnet er ei si der hagel 


danne üa übel alt wip: 


unde schrit mit grimme. 20& 


dai die jongen stn gemeit. 


ȟ Ittufia dnWe swimme 


daz naa ie den alten leit. 


beide knaben iinde kint, 


der gnide, die von der küewe g6, 235 


nrft sie Hf dem wazzer sint. 


der enweis der künig niht mS. 


Von dem huon 


und dem ei (D). 


WjLJch der künste niht eq laz, 


der lichte aumer nähet. 


»fi wöTto ich Hhten etewaz; 


der winter hinnan gäbet; 


iwas mir darumbe gesehiht, 


(den BÜIn wir vam lazzen) 


ich lazxe doch under wegen niht. 


des fraunen sich die bUiaen, 




die da trärig ain gewest. (fol. 1 94*) 1 S 




ieder rogel wil s!n neat 


der herren gnnst ond auch ir guot, 


aber wider machen 


der ritter, kaehte höcbgemaol? 


und tazzcn trüren swachen: 


DU wil ich tihten, ab ich kan. 


da legen aie ir eier in 


gein der zU so hebe ich an: 10 


nnd brSeten juoge vogelltn. 30 
3 tre. 319 dermlin. 380 hermlin. 


306 achriet. 206 lern dmf. 2 


^^^ 336 geuade. kk Am Beb 


lü von zweiter Hand: Hie get das vt von 


^^^K vcb dvnkeu ain kein mv. 




^^^H lOhrilt : Diz ist von dem b&l v 




^^^^^^^4k 5m. 16 tmm. 



296 



K. VON BAHDER 



sd graonen die wi8en 

beide jenen und disen. 

der walt der st^t mit bletem. 

oebeim onde vetem, 

basen unde muomen, 25 

frant iuch der blaomen! 

die springen üf dem anger, 

er ist ir worden swanger, 

▼ialy blaomen, grüener kle 

siht man dft her vür g^; 30 

und des meien blüete, 

daz meint des samers giietc. 

sd wollen sieb die hecken 

mit rdsen bedecken; 

die beide ist nimmer yalwe. 35 

so kumet storch und swalwc, 

eglester unde heber: 

die macbenz dannoch wdber. 

den gaacb den boert man gütze, 

(daz ist bierzno nütze) 40 

lercben, troscbeln, nacbtigal, 

waz die gesingen über al ! 

und die kleinen vogellin, 

die lazzen auch ir swigen sin; 

wenne sie sint als6 frech, 45 

in gSnt ir münde so gezech, 

daz sie wol singen nu darmite, 

daz ist gein dem sumer site. 

der gesang w^r gar enwibt 

und getzten die hüener nibt. 50 

nü wil ichz allez abetuon: 

ein achper vogel ist ein huon. 

Yon dem buone kamt daz ei 

unde brenget manigerlei 

guoter gerihte: 55 

dft von muoz ich tibte. 

wölt ir nü sprechen ich wer frum^ 

waz gn&de von dem cic kum, 

die wölt ich bescheide 

man and frauwen beide. 60 

der erst wil üfz geverte 

und machet sin ei hertc. 

der ander sprichet: trüter, 

brät mir min ei lüter. 



der dritte wil sin toter weicb^ 65 

er git im anders einen streich. 

der vierd wil drin nibt stopfen, 

er macht ein kogelhopfen. 

daz dünkt den fünften nibtes wert, 

er sieht sin ei in den bert. 70 

der sehste wil sin in ein smmlz, 

darüber wirfet er ein salz. 

der sibend eier in anken^ 

dft von wil er nibt wanken. 

daz wil den abten lieben : 75 

er sieht eier über grieben. 

der niunde sprichet danne: 

reich mir eine phanne, 

und rüer mirz under einander! (fol. 194*^) 

(darzuo bin ich selb ander). 80 

der zehende ist alsd frech 

und ebchet phanküechelech. 

der eilftc ist so getriulich 

und sieht sin in ein milicb. 

der zwclfte h&t im üz erkom 85 

und wil sin eier verlorn. 

der drizSnde eischet sicherlich 

p^terlin und ezzich, 

dft snit er sin eier in. 

der vierzSnde ein süfiPelin: 90 

dem ist in dem baubte w€, 

daz ez im dft von zergd. 

der funfzSnd der wil schallen 

und eischt ein hime wallen. 

der sechzSnd einen eierbri; 95 

dft wil er sitzen bi. 

der siebz^nd gibt: ichn ruochen 

und wil ein eierkuochen. 

der ahtzSnd wil ein anders taon 

und klopft sin ei an ein baon. 100 

der niunzSnd füllet hüener mite: 

daz ist auch ein guoter site. 

der zweinzgest an ein molkenz ei, 

Übte werden Ire zwei. 

daz wil ich sagen ie: 105 

an himewürste tuot man sie. 

so wil mang auch gefüllet bftn: 

daz machet einer der ez kan. 



35 dv. ist fehlt. 38 mahtenz. 54 mangerleie. 62. 64 eye. 65 sine. 68 kol- 
hopfen. 71 sine. 83 getrilich. 84 sine. 87 drizehende u. s. f. 97 ich enraoehe» 

^08 zweingest daz ey. 106 himwurste. 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



297 



eiermüeser, karchel(?), matzen, 

der endarf man dft niht tutzen: 110 

die macbeu reine frauwen^ 

die mag man gerne schauwen. 

8wie dann ist ein man wunt, 

dem ist daz ei gesant: 

dft wirt doch üz ein phlaster: 115 

daz enist kein laster. 

man mnoz daz ei zno tinten hän, 

einer der dS. schrfben kan. 

man pulvert mite und stirket 

hdllen, der ez wirket. 120 

man yerwet win und armbrust 

mit den eiern, deist gelnst. 

mit den eiern machet man 

leder, daz man tuot an, 

hentschnoche wize, 125 

die man treit mit flize; 

wize stival gemeit, 

die man treit darch klaokeit. 

man sieht sie anch an fische, 

die man treit zno tische; 130 

krepflin und bast^de 

macht man üz eiern b^e; 

eier üf dem scharte, 

der mag man gerne warte. 

dannoch muoz einez sin : 135 

man fället jange wenstelin; 

haubtlin unde füeze 

Bol man in eiern grüeze; 

morchen, krebze, junge swin, 

di fült man auch die eier in. HO 

[eier]flade gedihet. 

ze dstem fleisch gewihet 

ist mit eiern überslagen (foL195*) 

und siht manz after wege tragen, 

gehacket darander, 145 

wiz und gel besonder, 

der gewürzet. 

man hat sie aach gestürzet. 

ad werden junge hüener drüz, 

die dft laufen alsd knüz, 150 

^e man hftt alzuo gerne 

vid heilt ein ninwe eme. 
k ~ 



nü ist daz kein überlast: 

swer hftt einen lieben gast, 

er wil in friuntschaft manen, 155 

daz nahest huon bim hauen 

hftt man für die besten: 

die brdt er sinen gesten. 

sd ist nü unverboten, 

er habe ein huon gesoten; 160 

mit pdterlfn ein brüewe dran, 

swer ez vermag, der wil ez hftn. 

so verswige ichs dannoch tftl: 

man versiut ein huon ze mftl 

und stoeztz in eime mörser 165 

und eischet danne ein tuoch her, 

daz manz dardurch winde: 

daz nützt ein krank gesinde. 

so würd die herfart nimmer guot, 

swenne daz huon g!t höhen muot, 170 

grftfen unde frien, 

die laufen unde schrien, 

sie sint gew6pent ader bl6z, 

nftch dem huone g^t ein döz 

mit stecken und mit brügel, 175 

sie werfenz an die flügel. 

ritter unde knehte, 

die haben ein gebrehtc, 

sie schrien alle: vfthft vftch! 

nftch dem huone ist in gftch. 180 

über ziune unde graben, 

swerz begrifet der wilz haben. 

einer sprichet sicherlich: 

underz holz versliuft ez sich! 

dem ist alsd gftch 185 

und sliufet binden nftch, 

daz er niht selber hrüz kan kumen, 

einer helfe im dann ze frumen. 

so geschiht in danne heil, 

daz sie ir hftn ein michel teil; 190 

sie füerenz in dem sweiae, 

biz sie wöln erbeize. 

so sint sie worden mürwe. 

man tuot hin daz gehürwe. 

so stftn sie unde lachen, 195 

biz sie ein fiur gemachen. 



121 verbet. 
^1 hftt fehlt 

'M kranke. 



122 daz ist. 131 kropfelin. 132 beide. 141 fladen. 
156 im. 166 bi dem. 162 wilz. 163 dol. 

186 den. 186 sliefen. 192 wollen« 



298 



K. VON BAHDER 



man heizet wazzer über tuo. 

da sehen forsten, gr&ven zuo, 

biz man sie beranfet, 

gebrüewet und bestraofet. 200 

s6 schriet dirre ande der: 

salz und lebem und magen her! 

die muoz man danne boln 

und werfen uf die koln. 

d sie Yoln gebraten sin, 205 

ieslicher sprichet: der ist min! 

und zückenz üz der gluot: (fol. 195^^ 

daz git in hdhen muot. 

den ez brennt, der schriet: och! 

daz hnon daz machet manigen koch. 210 

fBeze unde hüener haubt 

sint den buoben ein derlaubt: 

des tages haben sie erbeit, 

sd sint sie gein der naht gemeit. 

BÖ gtn sie unde raten, 215 

biz die andern gebraten. 

die heizt man danne dar tragen; 

der br^t^r der h&t die kragen. 

die in über worden sin, 

dft stoezet man ein heue in 220 

und steckt ez in den wdtsag 

ISht biz an den dritten tag, 

daz in aber not wirt: 

ir keiner danne Terbirty 

zuo sime knehte sprichet er: 225 

hol mir ein huon her! 

luogä wie rotsam ich bin! 

er spricht zuo eime: zerr& hin! 

und biut eime bi mir, 

so gibe ich eime bi dir! 230 

daz I&t iuch wo! behagen: 

man setzt den hanen üf den wagen, 

daz er künde die ztt 

des nahtes sd man nider lit. 

den hanen zuo glänze 235 

setzt man üf im tanze: 



d& siht man umbe springe 

meide unde getelinge. 

so er darzuo nimmer guot ist, 

8Ö hat man aber einen list^ 240 

daz man in abe tnot. 

so sin dann die vedem guot: 

dar üz sd wirt ein quaste^ 

st^t uf dem helme yaste, 

▼on Seckendorf, von Ehenheim, 245 

die füerenz groz unde klein. 

und danne die kappünen, 

die grftwen und die brünen, 

die swarzen und die r6ten: 

daz sin auch goote bröten; 250 

swer der selben vil hftt^ 

daz ist ein guotez hüsr&t, 

daz vom huone kumen ist. 

8Ö muoz man haben auch den mist: 

da von sd sol man machen 255 

die roeschen liUchen, 

die lege man über und under: 

sd ist daz auch ein wunder. 

sd kündet daz huon den tag, 

des ich niht verswigen mag. 260 

für w&r so spriche ich: 

manig fleisch leidet sich 

zuo eimäl ime järe, 

danne daz huon ze w&re, 

daz ist guot durch daz j&r, 265 

daz sage ich iuch offenbar. 

als ich iuch bescheiden wil, 

man nert d& mite daz vederspil. 

wdtmdl unde bestehaubt 

bringt daz huoui des mir gelaubt. 270 

sd hat daz nahthuon daz reht: 

daz sprechen ritter unde kneht, (fol. 1 96') 

die eigen Hute mite behaben 

und herberg sd sie zuo draben: 

daz hat in got beschaffen 275 

und kanz der künig beklaffen. 



205 vollen. 220 heu. 234 sich nider leit. 237 vm. 274 herbeige. 

Am Schluß von zweiter Hand : hie endet sieb die rede gut vom hon die manigC ^ 
hohemut. 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



299 



Von dem schftfe (IV). 



Getihtes hftn ich nu derdftht, 

(fol. 197') 
dArzuo hat mich ein fraawe brftht, 
die hat ein edelltchen man: 
ich nenne ir niht^ sie laab mirs dan; 
man sol michs ongefraget l&n, 5 

Bint ich ez ir verlobet hftn. 
BO hebe ich an schiere 
and sage von eime tiere 
nnd tihte von dem schftfe: 
man wache oder slftfe, 10 

§6 hdt mans nnts und ^re; 
swer mir daz verkdre, 
der tßte mir nnrehte. 
die herm ritt^re und knebte, 
die sich der schftfe nü beg§n, 15 

försten, grdven darnftch stin, 
daz sie an den schftfen haben teil, 
nü ist ez nibt ein gr6z anheil, 
swer ir hftt den vollen, 
sie tragen auch die wollen, 20 

die man weschet nnde schirt, 
dft nü riebe wftt üz wirt. 
die binte man anch gerwet, 
die wollen zeiset, verwet, 
sie kemmen nnde spinnen, 25 

dft mite sie gnot gewinnen, 
sie haspeln onde winden, 
Yome nnde binden, 
sie spnolen, weben, walken, 
dft mite sie auch wol Schalken. 30 
lie wöln sich auch niht schäm, 
sie spannenz an die ram, 
sie smim, karten, strichen, 
dft von sie sich geliehen; 
so mezzen ez wfttmenger . 35 

und wirt geschom mit der scher. 
die snider schroten manig kleit, 
da gewinnet ez ein anderscheit 
iweme sch&f gerftten wol, 
deme wirt kiste und käste vol, 40 



er hftt auch golt und silber, 
stiere und auch die kilber: 
der manigez wol gedihet, 
daz manz zuo ostem wihet; 
sie sint gr6z unde klein 45 

und kleiden füeze unde bein 
mit hosen und mit socke, 
auch fuoter nnder rocke, 
sie kleiden hanbet unde lip, 
sie zieren man unde wip, 50 

knaben und die meide, 
sie brengen augenweide 
mit manteln und mit rocken gar. 
ir nemt der kürsenbelze war, 
die sint swarz unde wis. 55 

an tenisch leget maniger fliz: 
daz enist kein kluogkeit, 
swenne man sie vor die kelte treit. 
waz nutzes an den schftfen lit: 
taphart, kutten, kotzen wit, 60 

münniche und nunnen schepeldr, 
die sie tragen vil gewer. 
man solz auch in der kircben bftn, 

(fol. 197*») 
swenne ez tuet der priester an. 
hüben, surkftt, supfen, 65 

suknie, vilze, gupfen, 
tüecher übir bftre, 
daz sag ich vor wftre; 
man henkit sie über den wagen, 
dft von muoz ich sagen; 70 

furbuege, setel, afterreif, 
daz man mit tuoche begreif 
und maniger hande flecke, 
daz die hüt iht blecke, 
mölke, ziger, schdfekftse; 75 

der milich man auch wol genese; 
brüewe von kftsen herte 
wdren guot geverte; 
auch butem von den schftfen, 
die sol nieman strftfen. 80 



IV 1^^ Orthographie der fol. 197 — 199 (wahrscheinlich später eingeschoben, s. 
obm 9 *" von der der vorhergehenden Blätter erheblich ab : meist u fSr uo, 

iilrl nicht selten. Überschrift: Diz ist ein rede von dem sohafe die 

4 lonbe. 6 michs] mich sin. 11 mans] man sin. 
44 man ez. 57 daz in ist 68 sol es. 66 gofen. 
^ 76 milch. 80 straphen. 



300 



K. VON BAHDER 



zuo Tasten ez sieb junget. 

mit schäfen auch man tunget. 

hocrt der w^hen liste: 

sie Tischen mit dem miste, 

da sieche phert üf stallen, 85 

daz sage ich iuch allen. 

noch mer nuz daz ich meine: 

fleisch, fiieze und beine, 

kroese, haubt, bim, sülzen gnot, 

Zungen, nnslit, kappen und huot 90 

kumet von den schäfen vil; 

und manig süeze seitenspil 

kumt von schife darmen, 

ich sagez riehen und armen. 

auch woUensleher snüere 95 

süln sie vaste ruere. 

ir süllet auch vememen, 

man findet in den kramen 

hantschuoch, riemen^ biutel; 

darüz so werden küttel. 100 

nü wil ich bediuten: 

so werden üz den hinten 

gürtel, taschen unde schuoch, 

bosenestel, pergemint und tuoch^ 

fueterrazt wätsecke, 105 

darin man kleider stecke. 

schSfin leder ist gesunt, 

swer ist in dem vinger wunt. 

Bwä die boesen bldtem sin, 

da hoert ein wuUin fadin in. 110 

swer dann hat ein materaz, 

der lit üf reisen deste baz, 

und ist von wollen gemacht. 

ir bat der deckelachen acht, 

geformet und gevieret, 1 1 5 

da mite man beste sieret. 

da mite bat man sie auch ruch, 

die legit man ubir vor dem schuoch. 

lederlachen malet man 

(daz tuet einer der daz kan) 120 

mit tieren und mit merwundern ; 

man minnet darüfe und darandcr 

der edelen frauwen namen, 

die wirken an den ramen 



mit iren klären henden 125 

tüecher bi den wenden, 
ziechen unde teppich, 
stuoUachen daz sage ich, v^ol. 198*! 
gurte haben sie üz derkom, 
und einz dran henket man das hon. 

130 
von wollen manige snüere kl&r 
und die sie flechten in daz h&r, 
die kurzen und die langen, 
und d& die büete an bangen, 
so hän sie brüeche wullin, 135 

da ziehen sie sich unden in: 
des hän sie sich ber&ten, 
daz noete ir veter t&ten. 
von den schäfen gemeit 
kumen riebe wäpenkleit, 140 

decke und copertiure 
von den schftfen gebiure, 
des maniger wirt gefrumet 
und wddelichen kumet. 
üf dem helme stSn die wider, 145 
beide hoch unde nider. 
krumb gehom tragen die stem: 
die sint guot zuo liuhtem. 
der künig sagt von sch&fen vil 
und im doch keinz beklibe wil: 150 
nü wol so beg^n ich mich : 
die sie haben dft bin ich. 
ein ieglich erzbiscbof, 
wil er kumen in den bof, 
der sol habe ein pallium, 155 

daz muoz von den schäfen kum. 
daz sch4f vil manigen rfchet. 
nü beert weme ez gelichet: 
swenne man ez toetet, 
keins schriens ez sich noetet^ ISO 
daz habet iucb vor keinen spot: 
also tete der edel got, 
williclichen er ez leit; 
sin riebe wolle uns sin bereit. 
daz wir alle kumen dann, 165 

des helfe uns die muoter sin! 



86 Sache. 96 sullent. 97. 98 vememe : kreme. 100 koteL 108 deo| 

den. 109 bloteren. 120 einre. 141. 142 coopertur : gehur. 146 nieder. 

160 cheins. 168 willichlichen. 



G£DICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



301 



Von dem bade (VI). 



Miner künste lade (fol.200') 

maoz tihten von dem bade: 

durch wie vil sache badet der man, 

daz wil ich rdten ab ichz kan. 

die sinne haben mir geseit, 5 

einer bade durch reinikeit; 

der ander vor froste 

m^re dann vor roste; 

der dritte gedenket ez si nöz 

und badet für den urdrüz; 10 

wer wil den vierden strafe? 

er badet daz er geslftfe; 

der fünfte ist in der mftze, 

er bat daz man in Iftze; 

der sehste badet überlüt, 15 

daz in jucket die hüt; 

der sibende badet gfihe, 

daz man imez haubet twahe; 

der ahte ist niht dahftme 

und badet langsame, 20 

biz man ime kleider wasche, 

darumb bat er niht rasche; 

der niunde badet üfer vart^ 

daz man ime scher den hart; 

der zehende gSt auch dar 25 

und badet daz er guot spar; 



der eilfte badet üf den sin, 

daz man Idne für in: 

der zwelfte der hat witze, 

er badet daz er geswitze; 30 

der diizdnd ist also behaft 

und badet durch geselleschaft ; 

der vierzSnd badet drinne 

und went er süUe minne; 

den fünfzSnd mSet und badet auch 35 

daz er geruowe und fliehe den rauch; 

dem sechzSnd schuoche swachet^ 

er badet biz manz im machet; 

der sibenzßnd wunt und niht ze geil, 

er badet daz er werde heil; 40 

der ahtz^nd danket ungebdrde, 

er badet daz er nüehtem werde; 

der niunzdnd gibt: ez muoz mir tüge, 

und badet daz er getrinken müge; 

der zweinzigst muoz des bades gern 45 

vor stnen schuldem: 

swenn er sie niht zuo rihte hat, 

s6 birget er sich in daz bat: 

herzöge von Sahsen schänden 6n, 

er gibt, er habe ez auch getdn. 50 

nü ist daz bat sd manigvalde: 

daz tihte der künig vom Otenwalde. 



Vom stro (VU). 



Einer git geteilter vil, 

^r ander nimet swelchz er wil. 

DU bin ich über ein kumen (fol. 200"^) 

Qod hau mir ein geteilz genumen: 

borten clär von siden, 5 

die wolte ich lieber miden, 

danne die vom stro; 

machen die Hute fro. 



ez ist ein edelliche stiur. 

mit 8tr6 enzündet man daz fiur, 

da becket man den Hüten bi, 

daz lazze ich alsd si. 

ez ist niht ein ungelaube: 

von ströwe kumen scbaube, 

da mite man nü decket 

und in dem ofen becket 



10 



15 



VI. Überschrift: Ditz ist von dem bade daz ist nieman kein schade. 1 künsten. 

8 denne. 9. 10 nütze : urdrütze. 13 moze. 18 ime daz. 19 dabeime. 

20 langsaume. 21 wabsse. 21 darvm. 31 drizebende n. s. w. 35 m&wet. 

36 flahet. 38 ime gemabt. 43 mdze. 45 zweinzigest. 47 wenne. Am Schluß 
TOD zweiter Hand: Ade ade ade- ade diz ist uz vom bade. 

Vn. Überschrift: Ditz ist die rede vom stro der sie sucht der vindet sie aldo. 

4 geteilz. 10 enkundet. 14. 18. 24 u. s. w. stro. 



302 



K. VON BAH DER 



scboenez nnde rückm. 

mit strdwe senget man die swio, 

man stoezet in die bachen, 

die henken sie zno dachen. 20 

mit strd man stüben hitzet, 

man lit drüf onde sitzet. 

dannoch weiz ich einen list : 

vom strowe komet auch der mist, 

man tünget ecker, garten, 25 

daz sage ich den zarten. 

ich redez dn gey&rde. 

mit str6we strant man pherde, 

man kert, wischet, rtbet mite, 

daz man deste baz gerite. 30 

man straawet eseln und küewen; 

(die Idten onde lüewen) 

swtnen, schöfen, geize. 

üf strdwe wehset weize, 

dft werden wize semelo, 35 

die w^ren gnot bi hemehi. 

üf str6we wahsen rispen, 

die sin bezzer danne ispen. 

waz üfem strdwe std, 

daz wil ich iuch sagen m6, 40 

es wgr anders gar verlorn: 

gersten, dinkel unde kern, 

beide kichern nnde lis, 

(daz hebeltet sinen prts) 

erweiz^ linsen, wicken. 45 

üz strdwe kan man stricken 

seil, da mite man bindet, 

swaz man niht derwindet. 

daz strd steckt man bi die haf. 

da mit bindet man die reben üf. 50 

(daz rede ich dne haz). 

körbe onde fdotervaz 

kämet von dem strdwe g^ot, 

schaabin sezzel, schatehnot; 

vom strdwe badehüete 55 

geben gnot gemüete; 

von strdwe scrtbestüele, 

semfte und niht küele; 

von strdwe bnckeldr und schilt, 

der mich noch nie bevilt. 60 



stroewtn schapel nnde ring, 

daz ist auch ein gaot ding. 

der matten üf den benken 

von strd sol ich gedenken. 

mit strdwe bldst man blftsen wit, 65 

swft man sie den kinden git. 

von strd ein kleinez schaabelin (fol. 200') 

stdzen frauwen spinnein in. 

man trit daz strd in den kl&b, 

daz er bi einander bl4b. 70 

daz strd sol man reichen; 

mit strd kan man zeichen 

sftten, die man sanwet, 

die snit man nnde manwet. 

üf strdwe brdtent vische. 75 

vom strdwe ofenwische, 

dft mite man den ofen kert, 

des sich manig phister nert 

üfm strdwe backen wecke, 

die schiozet in der becke. 80 

von dem strdwe knmet ranch. 

mit strd verstoezt man flaschen aach. 

mit strdwe liuht man nahtes hein, 

daz ieman stdze sine bein. 

ich sage von dem strdwe m6: 85 

man strauwetz daz man drüfe g§ 

üf dem ise (deist ein list) 

und swä der weg entreinet ist. 

einz mir wol gevellet: 

mit strd man vogehi stellet. 90 

ich wil ez niht verderben: 

strd zuo salzkerben. 

daz sie oben sin behuot, 

man strd in butten, tegeln tuot. 

in daz strd machet man 95 

bückinge, der ez kan. 

swft man danne niht hat laub, 

man nimet strd unde schaub, 

man bint drin wiltpr^t, vische, 

die man treit zuo tische. 100 

zwdr ich wolte wette: 

strd under lette 

leget man, daz weiz ich wol, 

alse man ze rehte sol. 



17 aebSnz. 28 straawet 29. 30 mit : gerit 44 sine. 
86 vom stro. 87 das ist 92 zuo] vn. 104 als. 



69. 70 klaub :bUiib. 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 



303 



Biit xtrd bewint man gerne 105 

ncheln in der eme. 

vom sir6we kämet heil: 

8wft man hftt hier veil, 

dft steckt man üf ein stro, 

daz manz erkenne dd. HO 

▼on ströwe üseln wert, 

die man zuo dem wahs begert, 

daz man in tafehi rtbet 

und danne drinne schribet. 

durch strd man laugen rennet; 115 

mit strd man lieht enbrennet. 

Bwer danne trinket durch den halm, 

daz dr^f stSt, daz mag er maln. 

der rede sÖlt ir gaumen: 

strd zuo belzbaumen. 120 

nian leget strö under vaz, 

daz sie Ligen deste baz. 

dannoch ist unverswigen: 

durch strd wirt gesigen 

hefen, daz heizt groköliktn, 125 

daz iczet man bt dem Rtn. 

strd in komlt 

fuert man in den landen wft. 

h^t ichz vergezzen, daz w6r übel: 

üzstrdwe macht man vensterschübel. 130 

ond stdz in die blute, 

daz wil ich bediute. 

einz wil in mir türme: 

mit strdwe toet man würme. 

strö in den eschen, 135 

d4 mite sie kein leschen. 

dannoch hftn ich einz gespürt: 

mit strdwe man die zene stürt. 

noch sol ich begrSfen: 

man bat strd zuo pfifen. 140 

mit strd besieht man brdten 

zao Ostern, die sie böten. 

mit strd man sie beraufet, 

einer der sie kaufet. 

daz rede ich dne nit: 145 

mit strd man guot üf git; 

tt st hd ader nider, 

^it iMwe liht man ez in wider. 



von strdwe kumen keche, 

daz macht daz vihe freche. 150 

vom strdwe kumen agen, 

sol man in ofen tragen. 

man bat auch strdbenke vil. 

mit strdwe mizzet man die spil: 

mit dem halme ziuhet man, 155 

einer gewinnt den andern an. 

mit strdwe rüeren eier 

Sw&ben, Franken, Beier. 

ez ist noch niht berihtet gar: 

strd zuo dem nftdelkar. 160 

swft man phert verkaufen wel, 

mit strdwe zeichent man ir vel. 

strd man under setel leit, 

swä man phert zuo vil gereit, 

in überigen hitzen, 165 

swft sie geswitzen. 

strd man in die büecher leit, 

d& von wirt ein underscheit. — 

über strd tuet man win, (fol. 201^) 

der wirt kldr unde vtn. 170 

bambast unde strdsag; 

der schuoche ich niht verswtgen mag: 

dft stoezt man strd in, 

daz die füeze iht Itden ptn. 

stroewin seten unde nest, 175 

die sin lange vor gewest. 

zwar ez ist ein kluoger site: 

man zieret taschen, kappen mite, 

und die jungfrau-scbapal, 

die sie tragen überal. 180 

strd üf helme 

füert man in dem melme: 

daz ist ein weideliche fuor; 

und sint auch die von Sahsenfluor 

in der herferte 185 

h&t man schaube herte; 

maniger darnach gäbet 

und herberg mite v&het. 

man stüelt mit unde tischet, 

daz ist unvermischet. 190 

sd hurten sie mit dem strd: 

daz sage ich hie und anderswd. 



—168 am Rande nachgetragen. 149 keffche. 
ktot 161 wil. 166 Abegigen. 179 juDgfrauwe 



304 



K. VON BAHDEB 



snahtes liget maniger drdf, 

mit liebten schrien sie: heb nf! 

mit Btröwe kan man dempfen. 195 

8wä man dann wirt kempfen, 

mit 8tr6we macht man kreize, 

drinne wirt in heize. 

Bwft man dann tumieret, 

mit ströwe wirt gezieret 200 

die w^ben* zäume und die roB, 

die dft waten durch das mos, 

darüf man ^ren weitet 

und den pris beheltet. 

ich spriche daz üf mlne zuht: 205 

üf 8tr6we wehset reine fruht, 

d& mite man kumber büezet. 

daz stro si gegrüezet! 

da minnet man sich üfe, 

darüz wirt ein büfe, 210 



dft von Hute werden^ 

ez wehset üz der erden. 

von strowe kumet höher muot, 

daz von der siden niht entnot. 

und dann der klom obl&ten, 215 

der ensol man niht ger&ten; 

(daz rede ich 6ne spot) 

darin kumt der edel got: 

in reiner priester hende 

lezzet er sich wende, 230 

darumb daz wir sin haben frumen 

und daz wir zuo gote kumen. 

daz sülle wir im getrüwe 

und nit die minner büwe. 

alsd b&t gesprochen joch 225 

der künig vom Otenwalde doch. 



Vom 



swiu 



(IX). 



Wenn ich nü niht niuwe bin, 
b6 sprichet maniger: nü wol bin! 
wir Bolden haben ein niuwcz, 
künig, tibte uns ein getriuwez! 
sider ich dann muoz niuwe sin, 
b6 wil ich tibten vorne swin: 
ir schrien mag man billich doln, 
von in kumen lebersoln, 
gefullet und gebraten^ 
(nu wol in die sie bäten!) 
gebrüewet und gebechet, 
des Bint sie ungeswechet. 
nü Bol ich betrahten 
wurste in vier ahten: 
vom hime und vom sweize, 
auch leberwürstc beize 
und wurste vorne brote, 
die hebelt man spdte. 
br&te bi der gluete 
geben auch gemüete, 



betraufet sniten dmnder, 
daz enist kein wunder, 
höbet, oren^ zagel, fuoz 
und einez dft mite ez rüz 
5 und die vier swintn bein (fol. 278') 25 
in ezzig und in galrein, 
lunge, milze und den mageu, 
(da von muoz ich känig sagen) 
dft von werden die geribte. 

10 nu merket waz ich tibte! 30 

die bl&sen nutzet man auch wol, 
Bwarzuo man sie nutzen sol. 
BÖ bftt man spec üf erwiz 
in daz huon und an den spiz: 

15 swft gesoten hüenre sin, 35 

dran gehoeret spec und pßterUn. 
dannoch lege ich einz darbi: 
grieben in muos und uf die bri, 
phankuochen unde krephelin 

20 kumen alle von dem swin, 40 



207 kamer. 215 kloren. 221 vm. 223 getrüwe. Am Schluß von zweiter 

Hand: Hie get uz die rede vom stro Quere plu^ in fine hui* volöis in t^eio folio (be- 
Kieht sich auf fol. 277). 

IX. Überschrift: Dits ist ein rede von dem swin und auch von dem nutze sn die 
hot geticht so balde der konig vom Otenwalde. 1 Wan. 5 danne. 11. 12 gebecbt: 
nngeswecht 15. 16 sweiz'.heis. 17. 18 brot : spot. 19 bie. 91 betnift. 

22 das in ist 29 bie. 88 erweiz. 34 spiez. 36 daran gebort. 



^^^V riEDlCUTE DBS KÖNIGS VOM ODENWALD. 


305 ^1 


kloese vome biuze, 




nebsten und vorbinden, 


es ■ 


die dünken sich »6 hiuie. 




brS a 


e sie veile rinden; 




edel wiltbri^t bO ist daz. 






zuo dem schuraach, 


^H 


IgL «age iuch VQme »wine baz: 




(daz selbe ich hörte unde Bacli) 


^H 




4fj 


daz e 


daran strichet vil, 


^^H 


iietti meide linde aminen. 




«wenn 


er die berte schern wil. 


;o H 


tum Bwiae kumen veizte krüt, 




sO vin 


man von der hiute bereit 




>ie txtea brintgam ande biät, 




gürtein smal unde breit. 


^^1 


es ist ein gwoulidier eite, 




ich sage iuch von den bürsten war : ^^| 


mui beizert nlje kost du mite. 


50 


äS. mi 


te slihten sie daz hör; 




äa spetltn &n die rieche: 




ein icgiich Hcliuochwürbt^r 


75 


dax mich dass iht Ternieclic! 




mag der bürsteii niht cnper; 




die lene notzet Hwer cz kan, 




webOr 


und aueh die m616r 




M eint frau-en oder man. 




haben 


züo den bürsten ger, 




die grSzen smerleib undc amal 


, 55 


dar/uo 


ein ieglich goltsmit 




darmo muoz man liahtm aiilz; 




wirket 


auch sin werk d& mit. 


80 


man smirl dS. mite an manigcr 


Btal 


mit d 


n bÜTsien machet man 




leitern, daz sie werdeu glat. 




gleser 


schoene swer ez kan. 




büecher, setel, bugkciSr 




e« Bin 


danne die bürsten edel: 




Verden von der Mt gen&T. 


CO 






i4 haben danne die emide snci 




den m 


an nützet auch durch guot. 


85 


Ton der hiute schürzevel. 




daz u 


e got habe in slner huot! 




riemcn Öf dcui helaie 




der künig bat gemachet daz: 




niern sie in dem melmc, 




Bwer 


z nü künae der tihte baz. 




Vom 


übele 


D »ibe 


(XI). 




Swer niht mag haben guoten muot, 


sie is 


im allezit gehaz: 




dem gGictiikt nimmer gaot; 




wil er 


ditz, sd wil sie daz, 


20 


nnd Bwer dA Itftt ein Übel wib, 




wi\ er 


hie, sie wil dö, 




die im derret sineu üb 




iat er 


trürig, sie ist frO, 




beide späte unde fruo, 


5 


wil er 


ezzen, sie wil trinken, 




■iEzet, dem ist nähezuo 




wil er 


diuten, sie wil winken, 








wil er 


höcb, sie wil nider, 


25 


ist ieman, dera befunden 




ivil er 


hin. sie >vil wider, 




habe, der gelaube mir, 




wil er 


nider, sie wil hoch, 




das ich sagen wjl »on ir: 


10 


wil er 


gemach, ir ist göeh, 




daz sie ist ai^es muotei 




wil er 


sitzen, sie wil eÜLa, 




and sich auch Idtzel guotee 




wil er 


stän, sie wil gän, 


30 


flüet naht und ancb den tag. 




wil er 


släfen, sie wil wacheu. 




nras übeli sie volbringen mag 




wil er 


weinen, sie wil lachen. 




di Bdinet aie »ich wenig an: 


15 


wil er 


suchen, sie wil laufen. 




dft von milOl ir €nian 




wil er 


Blähen, sie wil raufen. 




1 Udca ftngett unde not 




(des kan sie eich alles flizen) 


35 


h^b^p ir enwedcrs tst. 




wil er 


küssen, sie wil bizen, 




^^^B tni iä 




^^^H S u 


n dS TbelD wibe 


1 gute. 6 beidiu. 8 den 


'"•m 


^^^^^^^^^_ J>W 




^ö 


J 



306 



K. VON BAHDER 



8wem er wünscht^ dem wii bio duocheu, 

8 wenn daz er sie wil versuochen, 

daz hilfet in allez niht; 

sie heizet in ein boesewiht 40 

8wer derselben eine habe, 

der tno sich ir enzit abe, 

und neme ein zehez lintbast 

und bind sie vaste an einen ast, 



und väh zwein woife oder dri 
und henge sie gar n&he b!: 
80 gesach nieman galgen 
mit sd argen balgen, 
dann der den tiufel yienge 
und in zuo in hienge. 
ir tugentlichen frauwen, 
lät iuch niht bt in schaawen! 



45 



50 



Von dem widereffeu (XII). 



10 



15 



Könd ich getihte vinden, (fol.280*) 

ich wölte niht erwinden, 

ich tiht wies in der werlde stät: 

mit Sren maniger sich begät, 

maniger auch nach schänden strebt ; 5 

und daz ist UDgelich gelebt. 

von den snoeden wil ich varn, 

mit den bidem mich bewarn, 

die nach stSten triuwen st^n 

und mit tugenden sich beg§o. 

so tihte ich von der werlde list, 

der manigvalt verborgen ist, 

und auch ist offenlichen 

den armen und den riehen. 

ein list der heizt daz widereffen: 

(darnmb so sol mich nieman treffen) 

daz effen manigvaltig ist, 

daz nieman kan den selben list 

volschriben und durchgründe. 

alle tage niuwe fünde 

yinden die üf erden sint. 

daz ist der vater und stn kint, 

die sten n&ch argen listen 

und heizen alle cristen. 

manigen mag man niht getrüwen, 

daz ieman mag üf in gebüwen. 

ein bruoder wider bruoder ist, 

(iegsllcher der hdt stnen list) 

ein kint ist wider den vater sin, 

darumb s6 muoz er liden pfn. 

ein frauwe auch effet iren man. 

8w4 er sich niht behüeten kan; 



20 



25 



30 



daz ist ein ungetrinwer list, 

des manig frauwe unschuldig ist, 

die man darzuo niht nennen sol: 35 

manig ^rbSr wfb ist tugende vol, 

die mannen geben guoten guot 

und doch vor schaden sint behuot. 

ein widereffen muoz ich ruere: 

man swert nü die groesten swuere, 40 

des sie wSnig sin gebeten; 

got wolle die argen sweren jeten 

üz der guoten Hute s&men! 

die von guoter art ie kämen, 

die BÜUen miden unreht swem, 45 

da mite sie die sSle nem. 

ein widereffin ich bediute: 

(daz effin triffet gar vil Hute) 

raub und brant, das ist ir rite, 

da woln rie lob irwerben mite: 50 

swer des aller meist nü tnot, 

der ist frt und höchgemuot. 

Lamparten J^inzen uad Toskto, 

da k^ren sie sich w&nig an 

und wöln doch stn gesellen 55 

und graben under die swellen: 

hie vor man über swellen gie, 

drnnder hin sfiefen sie. 

daz ist auch ein widereffen, 

da mite sie manigen treffen. * €0 

ist daz allez niht geeffet gnucg, 

s6 w6r der künig niht gar kloog. 

daz sprach ein alter 



42 zit Hs., enzit an der entsprechenden Stelle Liedersaal 531, 972. 49 den 

fehlt 51 lazzet. 

Xn. Überschrift: Ein rede des kunges vö du widereffen. 8 Iqrdhn. 26 gebnwcB. 
68 prussse. 65 woUen. 



GEDICHTE DES KÖNIOS VOM ODENWALD, 



Vom nngelimph (Xm), 
[ «Ol was triuwe tmd ereuepil: Epracli 






(foi.aso") 

die ut tiucb DOch nod nibt aö vil, 

fanden ist ein niuwez relit ; 

bie TOr WOB ritter oder knelit, 

er liieB den vinden nidersnge», 5 

ä er Qf sie wolle jagen- 

ein ftndem aiten haben sie: 

ich sach sto kncbelofen nie, 

giht einer uode brenuct in, 

iliS stet des selben bjd. 1 

ein ander ist vennezzea; 

ieh hAa keins phänen gezzcn 

mit im, gibt er mo der staut, 

nibt anders wideraagt Bio mdnt. 

dac ist ein boeser sitte. 1 

■ö apricbet dsnu der dritte: 

er eniit mta gvater nocb min tote, 

ich bin als bald da als ein bute, 

der im widersagen sol; 

icb wil sine kiiewe bot, £ 

hier vor ein werder fürste reit 

mit gräven, berreu uiiTerzeit 

i'if der beide and durch das graa, 

U darnach er danne was. 

ein ritter gnot der hielt da bi: £ 

wie manig ros mag dA geai, 



rölte apeben 



sprach : icb wllz besehen, 
er reit zuo zin und besach, 
er quam crwider unde sprach, 30 

gebrüefet hete, 






stete. 
1 der iet vil abkamen, 



man aiilt uOch krönten helmen MgoBf 
36 
die siut woL bulbe under wegen. 
bcckelbQben, slappen, 
fuortea ritlcr ande knappen; 
sich wandelt ir gemüete, 
ei kumen kezzelbQcte, 40 

daz man sie nennet über al 
und sie briiefet au der zai. 
ad wil icbz lazzen underwegen: 
sie sint doch guot fiir den regen, 
and geben für die sunnen scbaten, 45 
innen haben sie bade waten (?) 
aam mir der beilige Criat, 
daz ez ein scbemlieb wöpen ist 
einem riehen ritter guot; 
in füert dann uiner vor armi)ot> 50 
ee ist niht ein gnoter scbimph 
and heilet wol ein nngelimpb. 



I. 
* 6 Die Hb. bietet wenne eowohl für daa mhd. wanne, als für wände; 
hat keinen Grund dies in wanne zu verändern (Weinbold §. 316). 
Anders bei danne : hier bietet die Ha. zwar auch überwiegend denne, daneben 
aber ancb danne, darunter einmal im Reim danne ; phanne LI, 87. Ich habe 
et deshalb durchgeführt. 

11 Der Ausdruck geleb^e d.i. geroanene Milch begegnet sonst nur noch 
im Buch von gater Speise S. 10 niltu machen ein gebraten milich so nim die 
ilo niht veiitea zu gi kummen und die gelebt ai etc. Abgeleitet ist das Wort 
Too lap, „coBguIum", vgl. Leier h. v. 

12 sich überheben bedeutet aonat im Mhd. 1. sich von etwas befreien, 
mGlhig werden. Nur das Letxtere konnte hier passen, also etwa : 



g^mSl 



*li Ein red» das knngea von dem nnseUmph. 
«r. 18 do. 17. 18 toet : boet !9 lut« 
49 riebe r. 



:g 



308 K. VON BAHDER 

geronnene Milch, aut die man sich etwas zu gute thnt? Dem ZniaminfnhaBg 
nach scheint jedoch sich überheben hier „sich aufheben ** za bedeaten. 

22 Hinter dem salatern , das die Hs. bietet, kann nar Salem iteeko. 
/^f V| n^^^^^^'^ Bolan und Salern" ist eine jener gewöhnlichen Bezeichnungen dcst- 
' ' sehen Landes, wie ^von 7er Elbe unz an den Pf&t'^, vgl. Germania VII, 188. 

42 vel hat hier dieselbe Bedeutung wie unser «Haat^, wenn wir ngei 
pseine Haut zu Markte tragen*^. Eine ganz ähnliche Verbindang ist: liie 
nmbe wagent sie ir vel MSH. 1, 7\ 

83 silhalse „Kummet*' ist eine tautologische Zusammenaetsong. sile b^ 
deutet im Mhd. „Geschirr bei Zugvieh^. Ebenso wird es bei Frisch 2, 277 
erklärt „Sillen sind bei Einigen das Strick- und Riemenseng an den KnmmeIeD*. 
halse erklärt Lexcr 1, 1157 als „Halsriemen des Leithnndes'^y es hatte woU 
auch die allgemeinere Bedeutung ^^ Kummet^. 

88 sich begdn eines dinges in der Bedeutung y^sich dorch etwas seioci 
Lebensunterhalt verschaffen^ kommt in den Gedichten noch mehrmals vor, m 
IV, 15 die sich der schäfo nfi begSn, IV, 151 nü wol s6 beg^n ich mich. 
XII, 10 und mit fügenden sich begSn. 

115 kiuri könnte man zusammenstellen mit Kiireh DW. 5, 2081 ^eu 
mantelartiges Oberkleid^, das nach Adelung von poln. kireia, naeh SchmeD« 
von franz. cur^ herzul<Mtcn ist. Indessen ist es dem Zusammenhang nieh 
wahrscheinlicher, daß kiurt das frz. courroie „Riemen, Gürtel ** ist^ das tv 
lat. corigia entsprungen ist, vgl. Diez Et. Wb. I^, 130. 

132 phul, diese Nebenform für mhd. phulwe begegnet anch sonst in 
md. Schriften, vgl. Lexer 2, 266. 

166 koete bedeutet eigentlich ^Knöchel", dann die hieraus verfertigt» 
Würfel, namentlich die den Kindern zum Spiel dienen, vgl. DW. 5, 2081. 

165 lüneln sind die lunulae, die Isidor, Etym. 19, 31 erklärt wadai 
als ^omamenta mulierum in similitudinem lunae bullnlae aareae dependentei^, 
vgl. Du Gange IV, 161^ Der Ausdruck kommt aucb im schol. sa Jav. 7, 
192 vor in der Bedeutung „Verzierungen auf den Schohen der Senatoren • 
Tgl. Georges, lat-deutsches Wb. 11^ 161. Ans dem Deutschen ist das Wort 
sonst nicht zu belegen. 

167 bambast, das auch VII, 171 begegnet, ist dasselbe Wort wie Bsnu 
bei Frisch 1, 54 „bei Sattlern ein Stück an einem Fahrsattd", vgl. anck 
Bambs, DW. 1, 1095. Die Erklärung Adelungs „dickes haariges FeQ &■ 
Sattel*^ paßt vollkommen für unser bambast. Die ursprüngliche Form dei 
Wortes, dessen Etymologie dunkel ist, war bambas, bambes, ans dem si» 
einerseits mit unorganisch angetretenem t bambast, andererseits mit Verknising 
Bambs, Barns entwickelte. 

168 getibs weiß ich nicht zu erklären. Vielleicht ist das Wort mit dilii, 
tiliz «langes Messer** verwandt. 

172 vgl. die bekannte Erzählung bei ßoner XCIX. 

189 zerfe? Das Wort scheint verwandt zu sein mit ahd. serbjan |,t(>* 
lutare''» mhd. sirben «im Kreise drehen^. 

212 äi^mc wird von Wcigand 1 , 466 als ^DQnntheil swischen Bippes 
und Schenkeln*', von Grimm 3, 1768 (hier fälschlich als neutr. angesetzt) sb 
^Niercnfett von Schweinen, Gänsen, Fischen" erklärt; hier paßt keine dieier 
beiden Erkläningeii , dagegen sehr wohl die, welche in Friuns dicL lat. go*- 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 309 

(1556) von flemle gegeben wird „die heütle nnd flemle, darinn die inneren 
glider des leybs ejngfasset nnd umbgäben sind^ ab die läbem, lung, hertz etc.'' 
Aach an nnserer Stelle bedeutet fleme die innere Fetthant, die atatt des Fen- 
sterglases verwandt werden kann. 

n. 

14 blazze ist ein Wasser\'ogel9 jetzt Bläßlein genannt, follica atra L. 
Vgl. Schmeller I^ 830. 

29 In dem Nom. grüener klg sehe ich keinen Schreibfehler, sondern 
eine der volksmässigen Bedeweise angemessene Constmction , vgl. J. Grimm, 
Germania 2, 417 und L. Tobler, Über die scheinbare Verwechslung zwischen 
Nominativ und Accusativ, Zeitschrift f. d. Phil. 2, 375 f. 

39 gützen ist Bezeichnung des Lautes des Kukuks. Das Wort ist aus 
dem mhd. guckezen zusammengezogen. Die Verkürzung ist fränkisch, wie sie 
sich auch im Renner findet. 

50 getzen ist Bezeichnung des Lautes der Hühner, verkürzt aus gagzen 
(Lezer 1, 724), vgl. gatzen „schnattern^ bei Schmeller I^, 967. Der Ausdruck 
ist besonders fränkisch und findet sich z. B. häufig bei Hans Sachs. 

53 Diese und die folgende Zeile sind in der gegebenen Form schwerlich 
richtig. Ich glaube, daß nicht die Kürzung von maniger leie in manigerlei^ 
sondern vielmehr 'eine Nebenform eie für ei, die zwar nicht hier, aber 62. 64 
in der Hs. steht, anzunehmen ist. Dadurch gewinnen sowohl diese , als auch 
die Verse 62. 64. 70 eine viel bessere Form. 

54 Die Form brenget für bringet^ die sich auch IV, 52 findet, entsprach 
gewiß der Mundart des Dichters, vgl. Weinhold §. 32« Auch sonst zeigt die 
Hs. zuweilen im Fraes. e für i, z. B. bi werft I, 63, sprechet XHI, 16. Die 
Reime geben uns keinen Aufschluß darüber, welche Form für den Dichter an- 
zunehmen ist. 

68 Das handschriftliche kolhopfen wird wohl verderbt sein, wenn man 
nicht eine Contraction annehmen will, die sonst nicht vorkommt. Das an- 
lautende k in kogel, gewöhnlich gogel, gugel gebort dem Md. an. Weiteres 
über dieses fränkische Nationalgericht bei Schmeller I^, 880. 

83 Das handschriftliche getrilich weiß ich nicht zu erklären, ich ver- 
mnthe deshalb getriuwelich oder getriulich, dessen Bedeutung hier passen 
könnte. Milich muß dann noth wendig mit 2 Hebungen gelesen werden. 

86 verlorene eier bedeutet Eier ohne weitere Znthat; ein noch jetzt ge- 
bräuchlicher Ausdruck, vgl. in Coleri Oeconomia oder Haußbuch (Wittenberg 
1604) Theil 1, S. 167 „Ein verlorenes Hühnlein zu machen''. 

109 Bei Lexer 1, 2259 wird mutze, mutsche erklärt „Brod von ge- 
ringer Größe und Beschaffenheit''. Es scheint mir wahrscheinlicher, daß dar- 
unter ein feineres Backwerk zu verstehen sei, vgl. Schmeller I', 1700 das 
Matschelein (an einigen Orten) y,Art feineren Bäckerbrodes". Das ursprüng- 
liche z zeigen noch: Mötzchen kurh. Idiotikon 273. Mäuschen, Müschen, Müae 
^eine Art Backwerk" Firmenich I, 188. 

110 tutzen, das im Mhd. sonst nur in der Bedeutung „beschwichtigen" 
nachzuweisen ist, heißt hier offenbar ,) verschweigen ''. 

119 Das früheste Beispiel, das Weigand 2 , 798 für stärken in der 
Bedeutung ,,ein Gewand steif machen" anführt, ist aus dem Jahre 1517. Dv& 



Bi&e TM 



310 K TON BAHDER 

Nebenform stirken für Bterken komnit in Diufeobachs gloBBarimn 141'', 336* 
244* Tor. Man brancbt deshalb nicht den Reim sterkct : werket annuiehinen. 
121 Über die Verwendung von Eiern zar Weinbereitung findet man eint 
Anweiaaag in dem gcnanuten Hauabnch des JohanneB Coter Bach 4. Vom 
Weinbau S. 90: iriltn einen schönen Wein machen, eo nim das Wei&e t 
B^em tind schlaLe ea wol in einen Topf, thue es in Wein, das macht i 
Unter nnd kl&r. 

138 gBoll man in Eiem willkommen heißen", vgl VII, 308 < 
gegifiesetl 

139 Vgl. Coler a. a. 0. Bnch 1. S. 136 „gefüllt« Krebse zx 
and Bnch von guter Speise S. 9, Nr. 93, wo aoch der Ansdrack morchea 
■eine Erklärang findet. 

143 Äof den Gehrancb, daß Fleisch oder lebendiges Vieh cn Ostern 
geweiht wbd, wird auch IV, 14 f. angespielt: stier und auch die kilber, der 
nanigez wol gedihet, das manz zuo östem wthet, vgl, anclk Östcrwiehe bei 
8. Helbling 8, 298. 

148 Auch diesen EuDstansdruck der mittelalterlichen EoeJikDiist finden 
wir bei Coler erklärt Buch 1, S. 190 „gestörite Eyer zu macbeo". 

164 Eine gnnt äholiebc Anweisang findet sieh auch im Bnch r. g. Sp. 
8. 5 ^ein gnt spise von hüenem". 

194 gehärwe „Eingeweide". In dieser Bedeutung \A d&s Werl sonit 
nicht nachgewiesen; es begegnet überhaupt nur noch in der Martina 119, 1, 
wo et aber in der eigentlichen Bedeutung ^Menge von Koth" steht. 

335 Es ist hier von Wetttänzen um Jeu Preis eines HahneB <lie Bede, 
Tgl. DW. 4. 2, 169 unter Hahnent&ns. 

25Ö Diese Anneisung ist wohl scherzhaft zu nchmeu, worniif auch V. 2äi 
hintreisit. Za dem Änadruck die röschen Hlachen, vgl. man ein röschei bette 
bei Lexer 2, 490. 

27 1 Diese Stelle ist scbwei verntändlicb und scheint in der Us. ver- 
dorben zu sein. Ist unter Nachthuhn das Fastnachtshubo tu ventehen? Vgl. 
nber dies Grimm, Recbtsaltertbiimer 374. Stobbe, Deutsches Privatrecht Bd. U, 
486, Nr, 30. Wahrscheinlicher erscheint mir die Annahme, auf die mich Btn 
Prof. Cofan gutigst aufmerksam gemacht hat, daß in diesen Versen auf die 
Atzung angespielt wird, welche die Herrschaft auf Reisen von den Hörigen ni 
fordern hatte , vgl. Grimm , RA. 360. Die eine hier iins den Mon. botca 5, 
S31 angeHihrte Stelle erwähnt auch ausdrücklich die Lieferung von HBhnccn: 
item wo unser amtleut sitzen, wan wir zu tniding reiten, so sutlen wir aiu 
nahtzil haben und sullen unser leut futtern und bQner darbringen als vtn 
alter berkomen ist*). Der Vers; die eigenliute mite behüben bleibt dabei immet 
noch nnklar. Vielleicht ist auch an eine Gegenleistiiag des Herrn bei LeiitoBj 
von Abgaben zu denken, vgl. Grimm, RA. 394, 947) wie hier bei Überbrä- 
gung von Fischen durften die Eigenlcute vielleicht auch bei DberbringKiie 
von Hühnern auf Benirthung und Herberge rechnen; V. 273 müßte dann «l^ 
■precbeud ergänzt werden (vielleicht ist miete statt mite zu lesen?**). 



*) Eine Sbnliehe Stelle bei G. L. v. Maurer, Oescbichte der Frol 

iii,ie3. 

—} Vgl noch besonders Maurer a. a. O. p. 308. 



LJ. 



.hnU^H 



GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 311 

IV. 

4 laaben in der Bedeutung „erlauben^ kommt als Simplex nur noch bei 
Diemer 353, 8 und im Renner V. 8680 vor. Auch im Nd. kommt loven in dieser 
Bedeutung nur ganz vereinzelt vor, vgl. Schiller-Lübben , Mnd. Wb. 2, 737^. 

30 Das mhd. schalken in der Bedeutung ,,8ich wie ein Knecht betragen^, 
dann y,betrügen^ etc. ist hier nicht zutreffend. Vgl. auch bei Schmeller 3, 
357 Schalken ^in Schalken (Scheite) hauen ''^ sich schalken „in Schalken 
springen, entzweigehen". 

35 wätmeng^r pTuchhändler*', vgl. Schmeller 2, 599 der Manger, Ma- 
niger, Menger „der Händler, Negociant" und Graff U, 807 mangari „mercator^. 
Das Wort wätmenger, hier latinisiert watmengarius belegt Schmeller 4, 194 
aus den Mon. boica III, 150 vom Jahre 1253. 

42 kilber „das weibliche Lamm", vgl. DW. 5, 203. Im Mhd. ist das 
Wort sonst nicht belegt. 

56 tonisch bezeichnet das aus der Haut des Damhirsches verfertigte 
Leder, vgl. das Dänlein „cervus dana^ bei Schmeller I^, 512. Der Dichter 
hebt den Nutzen des Schafpelzes gegenüber den Röcken aus Damhirschleder, 
die vor Kälte nicht schützen, hervor. 

65 Bupfen scheint entstellt zu sein, wahrscheinlich aus schupfen, vgl. 
schope „Jacke^ bei Lexer 2, 790 und Schoppen, Schöpplein bei Schmeller 
3, 377. 

85 stallen „harnen (vom Pferd)" findet sich in dieser Bedeutung nach 
Weigand 2, 273 zuerst im Teuthonista (1475). Doch gehen die bei Schmeller 
3y 627 angeführten Beispiele augenscheinlich vor diese Zeit zurück. 

88 Über den Plur. der Neutra auf -e, der sich besonders bei md. Dich- 
tem findet, vgl. Weinhold §. 437. Die Form beine ist wahrscheinlich auch 
V. 46 dieses Gedichtes in den Text zu setzen. 

95. 96 „Die Wollenschläger (woUensleher s. v. a. woUenslaher Mhd. 
Wb. II^, 380*) sollen ihre Schnüre fleissig bearbeiten". Die Wortstellung in 
diesen beiden Versen ist sehr auffallend. Vielleicht wird besser wollcnsleher- 
snfiere ab Compositum gefaßt, vgl. VU, 179 jungfrau-schapal. 

97. 98 Die Hs. bietet die Reime vememe : kreiue (nicht kemme, wie oben 
S. 196 und 199 irrthümlich angegeben ist). Was unter kremme zu verstehen 
sei , weiß ich nicht und vermuthe deshalb als Reimworte vernemen : kramen 
(für kraemen Fl. zu kräm). Die Reimungenauigkeit wäre dann dieselbe wie 
in heher : w6her ü, 37. gewesen : gen^en VIII, 13. fragen : underwegen XIII; 36. 

VI. 

10 Ein Masc. urdrütze, das der handschriftlichen Lesart nach anzunehmen 
wäre, ist sonst nicht belegt. Man wird entweder ein Versehen des Schreibers 
annehmen müssen (den urdrütze für daz urdrütze) oder den Reim nuz : urdruz 
für das Ursprüngliche zu halten haben. Die Form nuz entspricht dem Md. 

13 mäze hat hier wohl die allgemeine Bedeutung „Art und Weise, Be- 
schaffenheit", er ist in der mäze bedeutet also „er ist in der Lage". 

41 Ein Adjectiv ungebdrde „ungeberdig" kommt sonst im Mhd. nicht vor. 

49 Dies scheint sich auf ein uns nicht erhaltenes Lied eines sächsischen 
Herzogs zu beziehen, worin sich dieser in humoristischer Weise über seine 
Geldverlegenheiten ausläßt. 



K. VON BAHDEB 



VII. 




17 schocDei bröt bedeutet Weißbrot, Waizonbrot. 
Änfig: S. 4. 9, 10 etc. Vgl. Haupt in Neidh. 43, 31. 
Igiobez bröt (Buch v. g. Sp. S. 4) oder rüi:hm bröt, nie ei 
"3 Eät ist hier onlaprechend dem Nlid. swf, . wa» ii 
I Torkommt. 

93 Die Nebenform karb zu korb belegt Die fenbach im glois. aus „meist 
'" rheiDiBclien Quellen" und dem Nd,, Tgl. DW. 5, 1797. 

108 Vgl. hierzu nae Weigaad ia Baupts Zt. VI, 531 aus einer Hb. da> 
14. Jahrhunderts mitgetheilt hat: rehd als der stronin Bchoub vor dem wiahnu 
ist ein leichen des nines in dem kelrc, rehd also aiod dv unseren werg ein 
iuben des gebedcs in dem herzen etc. 

118 Dieser Vers ist mir nicht verständlich. 

1S5 Das Wort grokölikin weist schon dnrch das ableitende -ktn auf 
den Nicdcrrbein, es findet sich im Nicdcriänd. als kraakeliog, ist von hier am 
Franiösiache übergegangen craqnclin ,ein krachendes Backwerk", »gl. 
I Diez, Etytn. Wb. II'*, 26G. 

133 Zu türme, ygl. bei Leier 2, 1589 tünnel „Schwindel", t&rmic „Bo- 
f gestfim", turmlich „sich drehend". Vielleicht darf hieraus ein Verbum türmen 
„sieh im Kreise drehen"* ersehlosaen werden. Der Vera; ein« wil in mir türme 
f wäre dann zu erklären: eins geht mir im Kopf herum. 

146 Über diesen weitverbreiteten Recbtsgebraucb verweise ich auf Griiniii| 
RechUalterthiimer 121 f. 

149 Der gewöhDiichc Aasdruck für Spreu ist kaf sId., vgl. Leier 1, 1193. 
DW. 5, 30. Eine Form kach, nie sie hier der Beim fordert, ist sonst nicht 
belegt i darf sie als eine Nebenform zu kaf betrachtet werden? Wechsel iwiiehcD 
f nud ch in demaeibcn Worte kommt ja auch sonst vor, vgl. slaf und sUcb. 
Anffatlcnd ist, daß dos Geschlecht in den beiden Wörtern verschieden ist. 
In dem handschriftlichen keffche hat mau wohl einen Versuch des Schreiben 
zu sehen, das ihm ungewohnte kuche der ihm gcläuügen Form la nähen. 
Den Reim kefe : vreche etwa ttir das Ursprüngliche ku IihIIcq , geht nicht an, 
da solche Reimungen au Igkeiten in den Gedichten nicht vorkommen ; auch hh'cbe 
dann immer noch die Verschiedenheit des Geschlechtes lu erklären. 

155 Das handschriftlich mit di halm ist vielleicht beizubehalten; man 
I müßte dann in di = mhd. diu den Instr. (auf stro beiüglich) sehen, der auch 
l V. 224 vorkommt, vgl. Wcinhold §. 465. Über den hier erwähnton Gebranet 
I Tgl. Haltaus gioss. 782. 

161 Vgl. hierzu die bei Grimm, RA. 196 aus Ls. 3, 644 angetuhtte 
Stelle. Der Strohwisch bezeichnete aber nicht allein etwas Verkäufliche*, 
I aondem anch die Besitzergreifung, wie aus V. 187- 188 unseres Gedichtes 
I hervorgeht, vgl. Grimm a. a., 0. 

176 Bete „Korb", vgl. ahd. acta satta „caniatrum" bei Graff 6, 155. 
Im Mhd. ist das Wort nicht belegt, findet sich aber im Nhd. Satte „Napf 
fär Milch" Weigand 2, 527. 

234 Falls die von mir angenommene Lesart die richtige ist , 
Aaedmck „den n!t büwen" in ähnlichem Sinne in nehmen, wie , 




GEDICHTE DES KÖNIGS VOM ODENWALD. 313 

bdwen'' Tristan 13241. Indes kann nit auch = niht sein, för büwen wäre 
iann die Bedeutung y^sich auf etwas verlassen anzunehmen. Über den Ge- 
brauch des Instr. vor dem Comparativ vgl. Weinhold §. 465. 

IX. 

8 Der Ausdruck lebersoln war bb jetzt nur aus dem Wahtelmaere Y. 102 
lachgewiesen. Im mhd. Wb. II' , 466^ wird der zweite Theil des Wortes 
identificiert mit Sul^ Snlch bei Schmeller 3, 235 ^Wasser das von eingesalzenem 
Fleisch, Kraut u. dgl. zusammensitzt^ Salzbrühe^ salsugo^. vischsul „salsugo^ im 
^Toc. 1482. Für lebersol würde sich hieraus nicht ohne Weiteres die Be- 
deutung „Leberbrühe^ ergeben, wie im mhd. Wb. angegeben ist. Zudem 
^ht aus unserer Stelle hervor ^ daß diese Erklärung gar nicht zutreffend ist; 
ßs handelt sieh hier offenbar nicht um Leberbrühe, die man doch weder braten 
Qoch backen kann; wahrscheinlich spricht der Dichter von Leberklößen, an 
denen alle diese Proceduren vorgenonmien werden können. Ein swv. bechen, 
gleichbedeutend mit bachen, das aus dieser Stelle hervorzugehen scheint, ist 
sonst nicht belegt. 

24 Ein Yerbum rüzen in der Bedeutung „brüllen, Gkräusch machen^ 
findet sich belegt bei Lezer 2, 561 und bei Schmeller 3, 318 rußen „schnar- 
chen'' und ib. 128 raußen, anraußen „einen anfahren, wild und ungestüm an- 
reden^. Aus dem angeführten sprichwörtlichen Beleg (der raußt einen an wie 
die Sau einen Sack) geht aber hervor, daß die ursprüngliche Bedeutung des 
Wortes „brüllen^ ist und zwar speciell vom Schwein. Daß nun rüz an unserer 
Stelle als 3 conj. praes. von diesem Verbum rüzen „brüllen" zu betrachten ist, 
ichließe ich daraus, daß im ersten Gedicht V. 215 f., wo in ähnlicher Weise 
irie hier die verschiedenen Theile der Ruh aufgezählt werden, es heißt: milze, 
ralze, fÜeze, daz miullin also süeze etc. Einz da mite ez rüz ist nur Um- 
ichreibnng für den Rüssel des Schweins. 

41 Die Hs. bietet den Reim huzs : buzs. Da hnsz nur das mhd. hiuze 
lein kann, so scheint hieraus ein starkes Masc. oder Ntr. biuz gefolgert werden 
BU müssen. Dasselbe ist jedenfalls mit gebütze „Eingeweide^ verwandt. Ob 
luch Bäuschlein „Eingeweide" bei Schmeller I*; 298 hierher zu ziehen ist, ist 
Kweifelhaft. 

51 Haben wir in spetlin das mlat. spathnla „Schulterblatt der Thiere" 
ni sehen oder ist speclin zu lesen? 

65 nchste scheint mir verderbt aus nestel, dessen Bedeutung „Band- 
ichleifci Schnürriemen'^ sehr gut zu riemen und vürbinden paßt. Vielleicht ist 
iuch an das einfache neste (Plur. zu nast) zu denken, das aus nastahit 
[RA. 906) zu entnehmen, aber sonst nicht belegt ist. 

XI. 

43 Vgl. über diese schimpfliche Todesart Grimm RA. 685. 

XII. 

42 An dieser Stelle scheint ein swm. swere „der Schwörer^, das sonst 
inr in der Zusammensetzung vorkommt (meinswere) belegt zu sein. Indes ist 
iie argen sweren vielleicht besser als Rdativsatz zu nehmen. 



314 A. EDZARDI 

56 Auch hier liegt ein alter Bechtsgebraaeh zu Grunde , Tgl. Grimm, 
RA. 679, HaltauB, gloBs. 1660 und die im mhd. Wb. 11*, 792^ ans Binder 
Berthold angeführten Stellen. Der im Hanse auf frischer That ertappte ond 
todt geschlagene Verbrecher wnrde unter der Schwelle durchzogen. 

63 Dieser Vers^ der wohl mit Sicherheit ab spaterer Zusats zu be- 
trachten ist; vielleicht mit Beziehung auf Wahtelmaere 5. 

KARL VON BAHDE& 



KLEINE BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND 
ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 



n. 

S. Zn den Fäflüsmal. 

Hier hat die VS. anerkanntermaßen den Liedestext aelir getreu 
wiedergegeben, und man hat daher hier auf die Abweichongen der Sagt 
besonderes Gewicht zu legen ^ wie denn auch dieselbe mehrfach voll- 
ständigeren Text bewahrt hat, so deutlich 3, 4 — 6* 18, 4 — 6. Ebenso 
glaube ich, daß statt der Strophenordnung von 17—22 in R die in 
VS. benutzte Hs. noch eine wesentlich abweichende und beßere An- 
ordnung hatte. Zunächst wird sich den meisten^ die das Gespräch Si- 
gurds und Fafhis bis Str. 21 lesen» das Geftlhl aufdrängen, daß das 
Gespräch mit 21,6 geschlossen haben mnß^, wie thateächlich inVS. 
{ok pd deyr Fdfnir 122, 8 bei Bugge). In R folgt darauf aber nodi 
die Str. 22 in Fafnis Munde, während die dieser Strophe entsprechen- 
den Worte in VS. an anderer Stelle (121, 12 ff.) und — wenn aach 
ohne die ursprünglich umgebenden Strophen, die Sig^rd sprach — im 
Ganzen doch, auf Strophe 9 und 11 folgend, passender stehen. Diese 
Stellung in VS. iUlt aber um so mehr ins Gewicht, als unmittelbar vor 
her die Saga die Strophen 12—15, welche aus einem den Vaf))rad- 
nismal verwandten **) mythologischen Repetitionsgedicht unpassend hier- 



*) Anders denkt sich Richert (FOrsOk tili belysning etc. p. 43— >48 in Up& 
Univ. Aarskr. 1877) die Sache, doch kann ich seine allzu gesuchte Erklimng mir mcbt 
zu eigen machen — schon weil für so compUcierte Wortspiele die Situation wauf 
angemessen ist Auch Symons III, 232 scheint die Stellung Ton Str. 28 in II i)lr ^ 
ursprCLnglichere zu halten. 

**) Verwandt in Inhalt und Form : die refirainartige Binleitiiiig dar fVige b 11, 
1—3; 14, 1—3 ist fast wortlieh =s Yaf>r., besonders Str. M, 1— S; S8, 



RTIBEÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 315 



her gerathen sind; der Sirophenfolge in R entsprechend wiedergibt: es 
wird dadurch wahrscheinlich, daß die in VS. benutzte EDs. die Str. 22 
zwischen Str. 15 und 16 kannte. — Aber auch sonst, glaube ich, hatte 
die in VS. benutzte Hs. noch eine andere Strophenfolge und vollstän- 
digeren Text, namentlich statt der Strophen 20 und 21 des Kegius. Ich 
setze zu bequemer Vergleichung den Abschnitt der VS. (121| 23 — 122, 
8) hierher und die entsprechenden Strophen des Reg. daneben : 



9 Fat TtßS. ek ])ör, at ])ii takir best 
t)inn ok rfdir & brott sem skjötast; 

|>Tiat ))at bendir opt, at 8&, er bana- 
skr ftBTf befiiir sin sjÄlfr.** 

Sigardr segir: ,»))etta era pin r&d, 
en annat man ek gera; ek mun rida 
til pins böls ok taka \)Si p^t it mikla 
goll, er frseodr pünr bafa &tt." 

F 4f ni r svarar : „Rida muntn ))ar til, 
er pvL finnr 8v4 mikit goU, at gert er 
am ))ina daga; 

ok )>at sama gnll Terdr })inn bani [ok 
hTCTB annars, er ))at 4].** 

Sigardr stöd app ok maelti: »Heim 
monda ek rfda^ )>6tt ek mista pesesL 
ens mikla ^ixy ef ek vissa at ek skylda 
aldri dejja; 

en hyerr froekn vill f^ r&da, alt til 
ins eina dags; en ))ii, F4fnir, ligg 1 
fiorbrotam, |>ar er ])ik Hei bafi." 



20; 1 — 3 rsd ek })^r nd^ Sigardr, 
en ))ü r4d nemir 
ok rfd beim bödan. 

fehlt. 

21, 1—3 r4d er J)dr r&dit 
en ek rfda man 

til pe88 galls er i Ijmgvi liggr. 
fehlt. 

fehlt. 

20, 4—6 it gialla gaU 
ok it glödraada f^ 
p6r verda {)eir baagar at bana. 

fehlt. 

10, 1—3 Fö r&da 

vill fyrda (froekna) bverr 
s til ins eina dags; 

21, 4—6 £n K F4fhir, 

ligg 1 fiorbrotam, 
p9x er )>ik Hei bafi! 

Die Verse 20, 4—6, die in der Vorlage der VS. zwischen 21, 3 
und 4 gestanden zu haben scheinen, finden sich schon einmal in 9, 
4 — 6, also vor den Versen 10, 1 — 3, welche in der Vorlage der VS. 
an unserer Stelle auch — allerdings anscheinend durch eine Strophe 
getrennt — den ersteren folgten. Wir haben es also hier mit formel- 
haft wiederkehrenden Versen zu thun, die dem Schreiber von R (oder 
einer zwischen dieser und der Vorlage von VS. liegenden Hs.?) auch 
in Str. 20, 4 — 6 irrthümlich in die Feder kommen konnten, während VS. 
an dieser Stelle das richtige bewahrt hätte. Erwägen wir femer, daß 
in R Fafhir viel mehr Strophen spricht als Sigurd — was ursprüng- 
lich schwerlich der FaU war — widirend in VS. die Bedft «c^iw^Wcl 



f 



S16 A. EDZARDI 



Sigurd und Fafnir viel regelmäsBiger wechselt, so werden wir ans da 
Üeberzeugung nicht wohl verschließen können, daß an anaerer Stelle 
die Anordnung der VS. auf einen vielfach vollständigeren, arsprOng- 
lieberen and besser geordneten Text des Liedes zurückgeht als ihn B 
bietet. Man wird also gut thun, diesen uns der VS. bis za einem ge- 
willen Grade mit Wahrscheinlichkeit zu erachließ enden Text mit R m 
vergleichen, um sich eine richtige Vorstellung von der ursprünghchen 
Gestalt des Liedes zu bilden"). 

Im zweiten Theil der Fafnismal, auf den übrigens dieser Name 
gar nicht mehr palit und auf den auch die ITehersehrift des cod. R 
/m daujia f{afim] sich schwerlich noch bezieben soll, erzählt Str. ää, 
wie Regio dem Sigurd erklärt, er habe in Fa&i seinen (de« Bflgb^ 
Bruder gctödtet**). Sigurd weist das in Str. 26 zurück, indem erdn 
Eegin selbst die Hauptschuld am Tode seines Bruders beinussL & 
unserer Hs. folgt darauf ein Prosasatz: Regia schnitt Fa&is Ben nt 
und trank sein Blut, er sprach zu Sigurd: 
Str. 27 Sitta ni Sigar'tr, eiskold 

cn ek (DUO sofa ganga, ek vil etin I4ta 

ok bait F&fbia hiarta viit funa; eptir jicnna dreyra dr^kk. 

Daran würde sich dem Inhalte nach unmittelbar die Prosa hinter 
Str. 31 sebliessen : Siguntr tök Fdfnis kiarla ok ateikti fi Uim ete. Dt- 
zwischen aber stehen in R die Strophen 28 — 31, die nicht wohl Uv* 
her gehören können. 

*) Man küDDle vennntboti, da£ die ursprüngliche Anorilnuug derSirapbcnll— ü 
etwa folgaDde war: 

[1.] Str. 11 (12—16 anpassender Einscbab). — [2.| £Soe SIrophe. die 9sai 
sprach, fehlt- [3.] F(arQir): Str. 23. — [4.] S(ignrd) fehlt — [5.] F. Str. tC. — p] 
S. Str. 17. — [T.] F. Str. IS, 1-3 + VS.: al tJigi porSi at koma i nStd Wtir, ttm^ 

väpn hnrddvnuC ek. — [ä.| S. Sir. 19 (fehlt VS., wo auch Str. 16 und 18 i iiil 

«ogen sind). - [9,} V. Str. 20, 1—3 + VS.: j-viai pal hendir opt. at id, er ianofr >r. 
h^fitir ti» ^fr. - [10.] S. 21, 1—3 4- VS. : ok taka par pal Ü irutia g^. <r fi^ 
piair hafa 4U (etwa: mtm tk mir laka fÜ mikla jvÜI er fyrr AUa fnxadr pit^t}.- 
|U.) i\ VS.: Bida murUu /lor tU, er fiü ßrnir md nikU guU. at gerl 0- im piim i»f 
-f 20, 1-6, = 9. 4-6. — [12.] 8. VS.; Aeim tmmda ek Hda, pSu ek wüeta ptmm m 
iaatla,ff4r. ef ek vitaa, al ek tkslda aldri d^a. — {im? lit)\. S. = fi r4A tÜ 
frahia hverr (p lü im eins daga (= 10, 1-3) + 91, 4—6. Diese Anordnong. dia«k 
aas der Combinatioii der VS. mit R sieb zn ergeben scheint, möchte ich keinennfi 
ala eine sichere und in xlleo EinEelheiten richtige ansgeheo; aher der 1 m lihiwiin 
Text vfire jedeDfaUs besser geordnet und voltitXndiger als der von R. 

■*) Was also nach der Auffassung des Uichters Sigurd vorbni noch nickt 
wußte, obwohl in unserer Sammlung Sigurd dies schon vorher (Begm.. naBOntM 
10—13 mit der Prosa) vou Regin erfahren hatte. Vgl. Zamcke in den BerichlM fa 
bgl. sSchs. Ges. d. Wiss. pbil. bist. Cl. 1870, p. 196. 



k I ^^ 



BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄBUNQ DER EDDALIEDER 81 ^ 

Daß zunftchst Str. 31 nicht hierher gehört, haben schon andere 
(Ettmüller; Bugge^ Hildebrand) erkannt: Es ist eine Strophe von 
gleichem Charakter, wie die Havamal, die wohl irrthümlich wegen 
Str. 30,4 hierher gerathen ist; in der Umschreibung der VS. fehlt sie. 
Aber auch Str. 28 — 30 erscheinen, wo sie in R stehen, als ein un- 
passendes Fragment eines Zankgespräches zwischen Sigurd und Re- 
gln. Es handelt sich nämlich hier wie in 25 — 26 um einen Wortstreit 
beider, und zwar hier darum, wer das Verdienst an Fafnis Tode 
trage, während in Str. 25 — 26 beide um die Schuld an seinem Tode 
stritten. Schon aus diesem Gh*unde liegt die Vermuthung nahe, daß Str. 
25 — 26 und 28 — 30 demselben Streitgespräche Sigurds tmd Regins an- 
gehören, während Str. 27 mit der ihr vorhergehenden Prosa pd gekk 
Beginn etc. auf Str. 30 folgen und an Str. 27 unmittelbar die hinter 
Str. 31 überlieferte Prosa sich anschliessen sollte. 

Zwischen Str. 26 und 28 muß aber eine Strophe (oder vielleicht 
mehrere) fehlen, die Fafni sprach. Der ursprüngliche Zusammenhang 
war dann wohl dieser: Regln, der vorher (in Str. 23) seiner Freude 
über Fafnis Tod Ausdruck gegeben, gedenkt in einer Pause des Nach- 
denkens (= VS. p. 122, 13 f.) seines eigentlichen Zweckes, den Hort 
des Bruders mit Sigurds Hilfe sich anzueignen. Er versucht dies zu- 
nächst, indem er Sigurd zum Schein als Mörder seines Bruders an- 
klagt — doch wohl nur, um als Bruderbuße den Hort zu er- 
halten oder doch einen Antheil an demselben*). Darauf aber muss 
Regln, da Sigurd ihm selber die Hauptschuld am Tode seines Bruders 
beimisst, andere Saiten aufziehen: Er nimmt Sigurds Entgegnung an 
und rechnet sich nunmehr seinen Antheil am Tode Fafnis als Ver- 
dienst an, deswegen ihm ein Antheil an der Beute gebühre. Der- 
gleichen muss Regln in einer zwischen 26 und 28 ausgefallenen Strophe 
geäußert haben, worauf Sigurd in Str. 28 erklärt, er allein habe es 
mit Fafni aufgenommen, während Regln sich feige verborgen habe; 
auch Regins Grund, daß er Sigurd das Schwert zu der That ge- 
schmiedet (Str. 29), weist Sigurd zurück (Str. SO). So abgewiesen 



*) Sigurd braaoht deshalb während seines Gespräches mit Regln noch nicht im 
Bentse des Hortes zu sein, was man allerdings nach Sl, S— 8 erwarten sollte, wäh- 
rend aber 26, 8 dagegen spricht: Sigurd wbd sein blotiges Schwert doch wohl vor 
seinem Bitt zum Horte 'am Grase abgewischt' haben. Nach 40, 1—8 müßte aUerdlngs 
Sigurd den Hort schon damals besessen haben (denn nur dann konnte er *die rothen 
Ringe susammenbinden ), während doch erst nach 44 die Prosa seinen Ritt znm Horte 
berichtet Vielleicht darf man auch dies fiir die Unechtheit der Strophen 40—44 in 
diesem Zusammenhange geltend machen (s. unten p. 820 f.). 



318 A. EDZARDI 

trinkt Begin. um sieb dem Sigurd überlegen zm machen, iaa Hnt 
Fafnia und läast sich zu dem gleichen Zwecke durch Sigord du 
Herz braten ; denn er will inzwischen auf Mittel sinnen, wie er Sigurd 
tödten könne. Der aber kostet selbst von dem Herzen and verrtdil 
in Folge dessen die Warnung der Vögel. ' 

Ich denke durch diese leichte Umatellimg von Str. 28—30 (31-, 
oder richtiger von Str. 27 mit der vorhergehenden Prosa, erhalten "ir 
statt der abgerissenen and schlecht geordneten Darstellang des Cod. B 
eine in untadeligem Zusammenbange sich entwickelnde Haadloog. 
Meine Vermutbung findet aber darin eine wesentliche BestStigNn^ 
daß auch VS. in der Hauptsache die von mir hergestellte Reiheafolge 
kannte. Dort folgt nämbch auf Str. 25 (= p. 122. 13-171, Str. 28 
(= 122, n— 21), Str. 29 (= 122,21-123, 1), Str. 30 (= 123, 1-3): 
dann folgt 123, 3 -5 {= 122, 13—15 = Str. 25, 4—6], dann die Pro« 
vor Str. 27 (= 123,5-6) und Str. 27 (= 123. 7—8) und anmittel- 
bar darauf die Prosa hinter Str. 31 [=: 123, SS.). Also die VS. kannte 
Str. 28— 30 (noch ohne die ungehörige Str. 31) vor Strophe 27 und 
der dieser voraufgehenden Prosa. Dagegen ist Str. 36 in VS. atisg» 
fallen und Str. 25 vielleicht mit der nach 26 fehlenden Strophe (20* > 
zusammengezogen. Die Verse 25, 4 — G scheint die VS. zweimal (d» 
zweite Mal nach Str. 30) gekannt zu haben*). 

Auch 29, 6 glaube ich in VS. die richtige Lesart zu erkennea 
In R heiüt es Vera 4—6: 

ef fü sverds ni nTtir. 

pees er ek aialfr göräa, 

ok p!ni ins hvassa hiors. 

Vers 6 sagt hier dasselbe, was schon 4 — 5 sagten. Man t 
das sehr künstlich : Des Schwertes, welches ich verfertigte, und welches 
nun dein Schwert ist' (Lüning). Aber das kann Regin an dieser Stelle 
gar nicht sagen wollen : es kommt ihm ja gerade darauf an , zn be- 



I nUftt 



*) Vielleicht erklärt tieh du Überspringen ron Str. 36 und die Zasammenne- 
bnng yon 26 and *!3* aiu Abirren des Sagsscbreibers (oder seiner QaeUe) Ton äta 
BchlasBwarten der Strophe !ß in älmiichen der Str. '26V Man kannte sich nSmEck 
denken, da& Ven i and 6 in beidea gleich laatelen, Vera 6 aber, wie er mu in 
Str. S5 fiberliefert ist, ursprünglich der vertoreiien ECrophe angehörte, wihrend ua 
in S6, 6 überhaupt andere Worte (etwa Regins Aiuprueh auf den Hort) erwulea »oltta. 
{Hltte aber S6, 6 nrsprDngÜcb den 8ch)uss der Terlarenea Strophe * 36* gebildet, m 
kSnme licb die Cmstellnng von Str. 27 nud der ihr vorhei^sb enden ProMt 1 
dorch Abirren der Vorlage des Cod. R za den (nach VS.) hinter Str. 30 bfiber w 
kehrenden Venen 25, 4 — 6 (^=*2€*, 4-6) erklfiren, nnd müßte dann erst in IL 
6 statt 35, € verschrieben und (vielleicht in Folge deMen) die Str. 86* « 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 319 

tonen, daß Fafni mit seinem (des Regio) Schwerte getodtet ist 
Offenbar hatte die Qaelle der VS. noch die richtige Lesart, indem VS. 
die Verse wiedergibt (p. 122, 22 f.): ef eigi hefdir pü notit sveräs pess^ 
er ek gerda per minni hendi, ok eigi hefdir pü petta enn (lies: 
einn) unnit ok engt annara. Daraus ergibt sich die ältere Lesart fUr 
Vers 6: hefdir-a pü petta {hefdircUtupatf) einn unnit. Es wäre kaum 
zu kilhn, diesen Vers in den Text zu setzen, statt der sinnlosen Les- 
art von Ry die wohl aus einer Erinnerung des Schreibers an 6, 3 {ok 
mfnn tun hvassi hiorr) oder 28^ 3 (muin inn hvassa hior^ sich erklärt. 

In diesem zweiten Theil der Fafiiismal finden sich auf einmal 
eine Anzahl Strophen in kviduhättr. Meine Ansicht*) von dem Vor- 
kommen verschiedener Versmaße in demselben Liede (zunächst abge- 
sehen von skaldischer Kunstdichtung) ist die, daß allemal in solchen 
Fällen Interpolation oder Contamination (Vermischung verschiedener 
Lieder; bezw. Liedreste) vorliegt Dagegen kann ich nicht glauben, 
daß der lj6dahättr innerhalb einer kvida gebraucht werde ^sowohl im 
feierlich belehrenden Monolog ... als im Dialog im Sinne der Alten als 
regelmässigen Wettgespräches', wie Dietrich (H. Z. UI, 1(X)) meinte. 
Das Hauptbeispiel nämlich, die Hrimgerdar-mäl (wie sie Bosselet pas- 
send nennt) in dem Liedercyklus von Helge Hiorvardsson., f&llt fort, 
weil eben diese Hrüngerdarmäl ein selbstständiges Lied sind. 
Auch die wunderbar zusammengewürfelten^ unter dem Namen Regins- 
mil zusammengefassten Liedfragmente darf man hier nicht anftLhren 
und ebensowenig die Sigrdrffumdl , worüber unten noch zu sprechen 
ist Und warum wäre denn das bekannte Scheltgespräch in den Lie- 
dern von Helge dem Hundingstödter nicht im lj6dahAttr verfasst, 
wenn dieser das hergebrachte Versmaß des Dialogs auch inner- 
halb einer Kvida war? Ich glaube also ein Recht zu haben, auch 
in Fun. die Kviduhättr. Strophen 32, 33,35,36, welche die Vögel 
sprechen, und 40 — 44, die ein zweites Mal Vögeln in den Mund ge- 
I^t werden, zu beanstanden. Es kommen aber noch andere Gründe 
hinzu, die meine Annahme unterstützen, es seien jene Strophen 
Reste eines verlorenen Parallelliedes in Kviduhättr**). 



*) Die gleiche Ansicht hat nenerdings Symons, aach in Betreff des Torliegen- 
den Falles, ausgesprochen in P. — B. Beitr. IV, 172, Anm. 1. [Vgl auch MObios (bei 
Hild«) cn Hamd. Str. 28 und Bngge, Z. Z. VII, p. 406]. 

•«) Vgl. N. M. Petersen, Danmarks historie i Hedenold (2. Aufl.) III, 293. [Ich 
citira nach Qmndtvig, da mir Petersens Werk nicht sngXnglich ist] 



320 *■ EDZARD! 

Die AnsfQhrnngen Grundtviga (in der 2, Aufl.), denen Hildebranä 
sich anschließt, dali drei Vögel*) zu unterscheiden seien, von denen 
die ersten beiden in ruhigem Tone und daher im Eviduh^lttr, der 
dritte aber in scharfem Tone und daher im Ijädahättr spreche, wollen 
mir durchaus nicht zusagen: (ibrigenfi spiüche dann auch der dritte 
Vogel zum zweiten Mal auffallen der weise zwei Strophen. Schon Ett- 
mOller hat die fraglichen vier Kvidubattr- Strophen ausgeecbiedcD. 
(Germ. 17,13). Daß dies das richtige ist, bestätigen, denk' ich, die 
folgenden Beobachtungen von Stil und Sprachgebrauch. 

Wenn wir nämlich von der höchst wahrscheinlich (s. oben) hier 
un ursprünglichen Strophe 31 absehen, die ganz im Ton der Havam&l 
gehalten ist, so zeigen die Ljoitahättr-Strophen kaum eine kenning**), 
auch die eigentlichen Fafnismal nicht; dagegen in den (rsgltchen vier 
Strophen (32, 33, 35, 36) erscheinen folgende: 32. G spiUir baaga, 32,1 
fiorsegi, 36, 2 kildimeictr, 36, 3 kern ia3av [dagegen ist 33, 7 bolcamUr 
kaum hierher zu rechnen]; also 4 kenningar auf 4 Strophen, in deo 
andern 12 (23—30, 34, 37—39) und in den 18 Strophen der eigent- 
heben Fafnismal (1—11, 16—22) aber keine einzige- — Femer «tnn- 
men die Ljuitahättr - Strophen auffallend untereinander und mit den 
eigentlichen Fafnismal überein: fara til heljar hMan 34,3 = 39,6 = 
10,6 (vgL21,6); hofü skemra Idti kann in« [hdra pul] 34, 1 f. 38, 1 f^' 
34,4 — 6 stimmt dem Sinne nach Uberein mit 38,4 — 6; nida [= yet- 
pathenjf) 37,5 = 22,1.2; — riöda kior, sverd 1,4. 24,5. 28,2; tigr 
vega 30,6 = 23,2; blaudr 6,6. 23,6, 24,4; /ara (vernichten) ft) 5. ^ 



*J Ändere haben die Strophen inf swei VSge\ vertlieitt (vgl. 9u. E.); Ba<b 
andere deokt sich Jeuen (Z Z. HI, 49) die Bache. — 8a. E. fDhrt «ine» Vogel du 
Str. 32, «inen anderen die Str. 33 sptochend ein; and da nur dieae beiden Stropbti 
citirt werden, scheint Sn E. nur Ewei VSgel anznnehmen, doch iit anC die (hierftucii 
von der SammluDg abh&i^ge) Darstellung von rW nicht za viel zn geben; koch ia 
PllrOischen Brinhild- Liede sind es fngtsr Iveir (H. 88); du berieht eich freilich 
auf die Str. 40 — 44 sprechenden VSgel, diese aber sind nRoh meiner AnfEaunug iden- 
tisch mit den die Str. 33, 33, 36, 36 »prechoDden. Uoaer Sammlu scheint, indes tr 
violleicht diese mei mit dem {oder den) in Ijödahältr sprechenden combiDirU, miadt- 
stBiu drei angenommeD m haben, vgl. in Sir. 3ß yävar tj/Mtra (nolttr Omndtvig ml 
Hildebnnd j/klatr schreiben). 

**) Man mQfite denn aDÜernoma iMmr 11,1 da« dnnkleoujfcoU hierher ivAiM 
wollen. 

**■) In H^miskvida 1&, 1 f. (Aoem Ulu fieir hofAu tlcemra) benuttt? V^ mA 
Hym, 4,7.30,3 mit Pifii. 86,3, 

t) Andaci Rieherl, PörsOk til beljsniog etc. p. 48 f. 

tt) Oder ist ein fära (Dach«tellBL , vgl. mhd. odr«n> mit /an 




BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 321 

23,3; hvatr 6,4. 24,5. 26,6. 30,4 [31,1.2, Veranlassung der Inter- 
polation]; lata c. part. pass. 27, 3 vgl. zu 34, 1 f. 38, 1 f.; sd inn 26, 5, 
minn inn 6,3. 28,3; pinn inn 1,5 (29,6). — Von allem dem findet 
sich nichts weder in unsem 4 Strophen noch in den 5 Schlußstrophen. 
Dagegen findet sich in diesen 9 Strophen horakr auffallend häufig, und 
swar im Stabreim 35, 1. 36, 1. 42, 5; hcdr 42, 5. 43, 7 (im Stabreim) ; 
beide Wörter sind den Lj6c1ahdttrstrophen fremd. 

Diese 9 Strophen zeigen nun aber auffallende Bertlhrungen mit 
ien Kviduhättrstrophen, die den Kern der zweiten Abtheilung (Str. 
13—26) der sogen. Reginsmal bilden, nämlich mit den Strophen 13 --18. 
26, spärlichen Resten eines Sigurdsliedes: Fafn. 35,6 Hugin gleddi •=■ 
Reg. 18,2. Hugin gladdi 26,8; Fafn. 36,8 hann oärum hefir aldra 
of synjat = Reg. 15,4 er Eylima aldra aynjudu; aveita atokkin 
Fafn. 32, 2 = Reg. 16, 6; [Fafn. 40, 2 bauga rauda = Reg. 15, 7 hringa 
raiuda]] Fafn. 35, 7 er mer vlfa vän = Reg. 13, 7 er wer fange vdn. — 
Auch hinsichtlich der Häufigkeit der kenningar stimmen die Kvidu- 
hittr-Strophen hier und dort tiberein. Fafn. 32, 33, 35, 36 wiesen 
I auf, 40 — 44 ebenfalls 4 {ögnar liömi 42,8; lindar vddi 43,4; folk- 
oittr 43,2; horgefniäfl) zusammen 8 kenningar auf 9 Strophen. Das- 
selbe Verhältniss zeigen die betr. Strophen in Reginsmal, nämlich auf 
7 Strophen 7 kenningar: Rosmla heatr 16,2; seglvigg 16,5; vdgmarr 
16,7; aceirS 17,2] Jdunnvigg 17,7; bani Sigmundar 26,3; hilmia arfi 
26, 7. — Auch der Rhythmus ist in den Kviduhdttr-Strophen von 
Regm. und Fafn. ungefähr derselbe. (Ich denke an anderer Stelle meine 
Beobachtungen über die Verschiedenheit des Rhythmus in den Edda- 
liedern mitzutheilen.) 

Aus allem Angefahrten scheint mir die Wahrscheinlichkeit der 
Zusammengehörigkeit der genannten Strophen in Reginsm. und Fafii. 
hervorzugehen. — Vielleicht gehörte auch das, was den eigentlichen 
Sigrdrifumil (Str. 3 ff. nebst Str. 2) vorherging, ebenfalls dazu, näm- 
lidi Sigrdr. 1 und die in der Prosa p. 203, Z. 1 — 21 steckenden Strophen 
[vgL Helreiä Brynhildar 8 -~ 10) : 1,2 brd avefni — Fdfia. 44, 6 [aber 
Mich = 2, 6, wo 5 f. mit Fafn. 44, 5 f. zu vergleichen ist]; vielleicht 
stach 5 (s. u.) mit hrynpinga apaldr. 

Daß in der bei Hildebrand zwischen Str. 2 und 3derSigrdri- 
fumal gestellten Prosa Strophen enthalten sind, läugnet wohl Nie- 
oQand, und zwar sind es deutlich (s. Hild. p. 203,9 — 12) Kviduhättr- 
^trophen wie Str. 1, während Str. 2 wie 3 ff im Lj6dahdttr verfaßt 
st. — Bekanntlich ist die Überlieferung von Sigrdr. 2 — 5 in R sehr 
gestört, namentlich ist die Anordnung der Prosa confus und auf keinen 

OEBMAHIA. Nene Reihe. XL (XXiU. Jalug.) ^\ 



322 A. EDZARDI 

Fall die arsprttngliche. [Bugge], Grundtvig und Hildebrand haben durch 
zwei Umstellungen zu helfen gesucht. Sie setzen die lange Prosa, die 
Cod. R nach Str. 4 hat (= Hild. 203^ , 2—25) hinter die Worte Si- 
gurdr settisk nidr ok spurdi hana nafns^ die R nach Str. 2 hat. Auf 
diese angeführten Worte folgt aber in R unmittelbar der Sats ESm 
tök pd hom fuli miadar ok gaf hdnum mtnnisveig. Diesen Sats stellai 
die genannten Herausgeber vor Str. A, was doch sehr willküriich ist; 
imd überhaupt bleibt bei der Anordnung jener Heraasgeber das be- 
denkliche, daü Str. 2, die doch nach Versmaß und Inhalt zu Str. 3 ff. 
gehört, von diesen getrennt wird und ilirerseits wieder zwischen der 
Kviduhättr-Strophe 1 *) und der auf Kviduhittr-Strophen bemhenden 
Prosa 203^ , 2 — 25 steht. Wie man sich auch hier die Ekitstehong on- 
serer Überlieferung denken mag **)j ursprünglich muß, meine ich, dsi 
in der langen Prosa erzählte sich unmittelbar an Str. 1 angeschlossen 
haben^ Str. 2 aber unmittelbar an 3 ff. Ob wir darum ein Recht haben, 
in einer Ausgabe der Sammlung die Prosa vor Str. 2 zu setseDi ist 
eine andere Frage. 

Eine besondere Erwägung verdienen noch die Strophen 40 — U 
sowohl an sich als auch hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Ghipisspi 
Die Gripisspa, die, wie ich glaube, ursprünglich nur bis Str. (21 oder) 
23/24 reichte*^), benutzte nach allgemeiner Annahme die Fafnismalf) 



*) Oder sind es Fragmente zweier Strophen? Vgl VS. 126, 7—14. 
**) Ohne damit irgendwie diese schwierige Frage entscheiden ca woUen, wUl 
ich doch den folgenden ErklärungsTersuch nicht zurQckhalten : 

Zunächst maß wohl die Prosa 203*", 2 — 25 da gestanden haben, wohin äe 
die genannten Herausgeber stellen. Doch wird sich an hemmm (Z. 24) wohl dar Sats 
H6n tdk — mirmisveig angeschlossen haben, da sich die Stellang dieses Satsea in R mmd 
nicht recht erklären läßt, and der Aasfall der Worte Z. 2— 26 gerade dareh Abiir» 
eines Schreibers Ton Hon zu Hdn veranlasst sein könnte. Der betreffonde Sdueibcr, 
der dies Stück ausließ, merkte sein Versehen erst, nachdem er Str. 4 geschrieben, wU 
trug das ausgelassene Stück dort nach. Die Worte H6n t6k — wuimnaomg mSdhte 'iA 
faßen wie die im ersten Theil dieser Beiträge besprochenen Proeasitne dar Voln- 
darkv. (p. 169 f.) der Helg. Hj. (p. 159) und der Helg. Hand. II (p. 168), d. b. sk 
nachträgliche Ergänzung de^ Berichts: ^sie hatte genommen o. s. w. Der Saan- 
1er, oder wer sonst diesen Satz zuerst schrieb, würde damit auf den Inhalt Ton Str. 5 
deuten, die (weil im Kviduhattr verfasst) zu den Kvidah^ttr- Fragmenten gehören nag 
und von ihm zwischen Str. 1 und 2 vergeßen , später aber (da sie ihm naehtrigÜck 
einfiel, von ihm selbst oder) von einem Abschreiber in das Ljödahittriied eingeachobei 
sein könnte. [Eine andere M5glicbkeit wäre freilich auch, daß Str. 5 ans lj6dahittr 
in kviduhittr entstellt wäre. Vgl. Ettmüller, Germ. 17, 14]. 
***) Meine Gründe werde ich weiter unten darlegen. 

t) Vgl. Symons. P.-B., Heitr. 111. 25ß ff. (wo auch auf Bugge und Jessen ver 
wiesen ist); HiJdebrand zu Grip. 15, 4. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 323 

sowie die Sigrdrifamal und, wie ich weiter unten zeigen werde, die in 
der Lücke des Cod. R verlorenen Lieder. Nach der Grip. nun tödtet 
Sigurd den Drachen, kommt zu Gjuke (13; 14,5 f.), erweckt dann 
erst Sigrdrifa und trifft Brynhild bei Heimir. Das auffallende hierbei 
ist, daß hier Sigurd zunächst zu Gjuke und dann erst zu Sigrdrifa 
{15 ff".) und Brynhild (19, 1—4 [und 27 ff.]) kommt. — Nun findet sich 
dieselbe Reihenfolge anscheinend auch in Fafnismal; anscheinend 
sage ich, denn die ersten beiden Strophen (namentlich 41) sind keines- 
wegs ganz klar und möglicherweise verderbt. Unzweifelhaft ist, daß 
42—44 sich auf Sigrdrifa beziehen (wie denn auch daran, durch eine 
Prosa verbunden , sich die Sigrdrifumal schliessen) , während 41 an- 
scheinend auf Gudrun, Str. 40 ebenso auf Gudrun (oder Brynhild) sich 
bezieht. Ist nun 40-41,2 von Gudrun und einem Besuche bei Gjuke 
die Rede, der vor der Erweckung der Sigrdrifa erwähnt wird, so 
liegt die Schlußfolgerung nahe, daß Grip. auch den Schluß unserer 
Fafn. in der uns erhaltenen Gestalt kannte und benutzte. Das umge- 
kehrte ist nämlich schwer denkbar; dagegen begreift man , wie die 
fragliche Anordnung in Fafn. entstehen und von da in die Grip. kom- 
men konnte In Fafn. handelt es sieh nicht um eine chronologisch 
genaue Prophezeiung wie in Grip. ; es konnte daher eine andere Reihen- 
folge gewählt werden^ so daß die Vögel erst von der Maid singen, 
die ihm — in weitester Ferne — zur Gattin bestimmt ist (Gudrun), 
sodann von der, mit welcher er sich nur verloben sollte (Brynhild) — 
was ihm zeitlich näher lag als das Verhältniss mit Gudrun — , und 
endlich von Sigrdrifa, von der er nur Rath und Lehre erhalten sollte *) 
— was im Zusammenhange der 'Sigurdarsaga' sogleich folgt. 

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, glaube ich, daß in Str. 40 
von Gudrun die Rede ist, während eine Erwähnung der Brynhild ver- 
misst wird; denn in Str. 41, 1 f. scheint noch weiter von Gudrun die 
Rede zu sein: 

ligg)a til Giiika fram visa skop 

groenar brautir, folkUdondum; 

wenigstens versteht man nicht recht, warum der lockende Weg zu 
(Sjnke hier genannt würde, wenn er nicht zu der in 41,5 — 8 geprie- 
senen Maid fährte, die dann also Gudrun wäre: 



*) Daß in der That dies das Verh&ltnifls Sigurds za Sigprdrifa (wobl zu anter- 
icheiden toq Brynhild !) ist, eine Verlobung mit ihr aber der nordiachen Sage ar- 
sprfinglieh fremd ist, das denke ich nächstens in anderm Znsammenhange in zeigen. 
(Vgl. Symons Beitr. ni, 866 ff.) 



324 ^ EDZARDI 

pxt hefir dyiT konmigr pk Bimdii, Sig«rdr, 

doCtnr alxuL, mandi kanp«. 

//ar meint . mag mAZi es aaf til Giuka oder auf Jrmm 
fijnke'ä Hof. <^rr konungr ist also Gjake; denn /oiHitfoii'&m iit FIi- 
ral, Vera 3 f. heisaen also ^Yorwärta weist das Scfaickaaü dieToIker 
durch waHer (wie da, Sigard, einer bist), nicht etwa ^vorwärts ^niaU 
▼on Gjnke aas weiter. Vgl. Grip. 14, 5 f.) weist das Schicksal dei 
Vßlkerdurchwaller (Signrd). Der Sinn von Vers 1 — 4 ist abo: n 
Gjake fahrt ein grüner (lockender) Weg; (wandle diesen, denn) du 
Schicksal weist dich (M&nner wie dich) vorwärts'. Also Str. 41 kam 
nar Gadran meinen ^- 

Brynhild aber kann nicht wohl abergangen sein, da sie in der 
älteren nordischen Sage von Sigrdrifa anterachieden wird [VgL sack 
Grip. 19 (27;] und in dem fiiröischen Brinhildliede die Vögel auf ae 
hinweisen : Toff »f'ßgthi mar Juglar ttKir . . . c#pii er Brinkild BmSla iä- 
tir , hon ntundar d tm /und' ... ti eg higar reiJ. Man malj also ca^ 
weder annehmen, dail auch in 40 von Gudrun die Rede ist, mid oaek 
41 r-twas anf Brynhild bezagliches ausgefallen ist — an welcher Aa- 
nahme ich neige — oder Str. 40 muß Brynhild meinen, Str. 41 6i- 
drun, so daß 41,1 — 4 sich auf Sigurds Ritt von Brynhild so Ojsb 
bez(>ge. Dieser Ansicht ist Bugge (Ausg. p. 415), wahrend SjmoBi 
i'III, 255) meint, es sei vielleicht absichtlich anentschieden gdbsaeii, 
ob in 40, 5^8 Gudrau oder Brynhild gemeint sei. Wäre Brynhild ge- 
meint, so wäre es auffallend, daß die Vögel das wichtigste in 2 (eigent- 
lich 14) Strophen abthon und dann den verhältnissmässig anwichtig- 
sten Besuch , ganz von neuem anhebend , in 3 Strophen behandeb. 
Auch acheint in Str. 40,5—8 manches eher auf Ghidran als auf Bryn- 
hild zu deuten*^). 

*) Denn etwa anzunehmen, daß switchen 41, 4 and 6 eine Uleke ael» 41,ft-8 
aber Brjnhild meinen — wegen der Cbereinstimmang von 41, 7 f. pd aiMid», 3i §m ^, 
mundi kaupa mit Grip. 30, 5 f. mun tk m»j lui rnrnndi kmq^a — wäre 1lllger•ek^ 
fertigt, da Str. 30 der Qrip. deren s weitem Theil angehört, der hier dai w eikw ei e 
Lied yon Sigiirda Berach bei Heimi benutzte nnd speciell die lirmglielien Worte av 
deroflelben (Vgl. VS. 137, 14 f.) entlehnt sa haben scheint, a. u. p. 917. 

**) Die Aujidrflcke fptUi gatta, reifa werden beeondera Ton Gadnu gatwa a cfc ^ 
z. B. Gudr II. 1, 7; AUaiii. 69, 5 f.. Vgl. auch Sig. sk. 2. 1 t = VS. 148, 10; [hvaUk 
auch Sig. Mk. 34, 7 von Brynhild, von Oddnin: Oddr. 14, 5 f.]; e/^ ^ete m^ttif. 
worin ich eine ermunternde Aufforderung (Vgl. Vers 3 f.) sehe: 'wenn da dich vm 
Stande zeigen solltest sie zu erlangen*, darf man nicht wie Bngge mit 8if. ak. S, 8 
tf kann eu/a knatti (wenn er [seines Gunnar geleisteten Eides wegen] gedurft Uttts') 
zusammenstellen. Die prophezeienden Vügel konnten wohl nur Gadran OMiiiai. da er 
diese allein zur Frau erlangt {gtta). 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 325 

In Fafn. 40 — 44 ist also die Reihenfolge diese: Beziehang auf 
Gudrun (oder Brynhiid?) 40, sicher auf Gudrun 41, [auf Brynhild, in 
einer Lücke?], auf Sigrdrifa 42 — 44. Grip. aber hat diese Reihenfolge : 
Besuch bei Gjuke (von Gudrun ist nicht die Rede), bei Sigrdrifa, bei 
Brjmhiid; dann im zweiten (meiner Ansicht nach späteren) Theil: 
sweiter (!) Besuch bei Gjuke und Vermählung mit Gudrun. 

Die Reihenfolge deckt sich also nur hinsichtlich des seltsamen 
(ersten) Besuches bei Gjuke vor der Begegnung mit Sigrdrifa und 
Brynhild, im übrigen aber nicht. Es scheint mir daher zwar möglich, 
aber nicht sicher, daß die Veranlassung zu dem Mißverständnisse in 
Grip. — denn ein solches liegt ohne Zweifel vor — gerade unsere 
Strophen gewesen sind. Man müßte denn annehmen, daß der Dichter 
der Grip. die Strophen 40—44 ebenso (d. h. nach meiner Auffassung 
lückenhaft) kannte und Str. 40 wie 41 auf Gudrun bezog; daß er die 
Strophen 42 f. kannte, folgt aus 43, l f . = Grip. 15, 1 f. Sehr möglich ist 
aber auch, daß das Mißverständniss anderswoher kam. Wenn näm- 
lich der Sammler (p. 202) schreibt: Sigurdr reid upp d Hindarfiall ok 
gUfndi 9udr tu Frakklands etc., so wird dem wohl ein alter Sagenzug 
8U Grunde liegen, den sowohl der Sammler wie der Dichter der Grip. 
sehr wohl noch in einer Strophe gekannt haben kann, die vor der 
Erweckung der Sigrdrifa Frakkland, d. h. Gjuke's Hof, als Ziel Si- 
gords nannte (vgl. Grip. 13, 7 i-idr pü iil Gjüka), Daraus läßt sich 
das Mißverständniss in Grip. ebenso gut oder, wie mir scheint, noch 
besser erklären. 

6. Zur Gripis-spa. 

Die Gripisspa ist eine Zusammenfassung der Sigurdssage in Ge- 
stalt einer Prophezeiung. Das Lied, wie es uns vorliegt^ setzt den zweiten 
Theil der „Reginsm&l'', Fifii. und Sigrdr., voraus, sowie das in der 
Lacke des Cod. R verlorene Lied von Sigurds Besuche bei Heimi 
= VS. Cap. 23 — 24, das verlorene Lied*) von Sigurds Besuch bei 
Gjuke und seiner Vermählung mit Gudnm, sowie der Erwerbung 
Brynbilds durch Sigurd für Gunnar = VS. Cap. 26—27**), das Lied 
vom Zank der Königinnen = VS. Cap. 28 (wenn nicht das 'lange 
Sigurdslied' den Inhalt des Cap. 28 noch mit umfaßte, vgl. Symons, 



*) Oder waren es zwei Lieder? wie Symons 111,275—282. 286 meint. 
^^) Das dazwiflchenstehende Lied von Gudruns Träumen (= VS. Cap. 26), welches 
bekanntlich noch wörtliche Berührungen mit dem Nibelungenliede zeigt (s. oben p. 98) 
übrigens aber sich als ein Lied jüngeren Charakters (Sjmons III, 274 f.) etwa wie 
Sig. sk. 62 ff. verräth — ist begreiflicherweise nicht benutzt (s. u.). 



320 A. EDZARDl 

III, 282 f. 284), endlich das 'lange Sigurdßlied' = VS. Cap. 29 [30] 
-\- Brot, vielleicht noch das erste (oder zweite?) Gudronlied; ob aack 
Sig. sk. läßt sich nicht entscheiden^ weil zwischen Str. 50 und 51 eine 
Lücke zu sein scheint (s. u. p. 327 f.). 

Im Einzelnen entsprechen die Strophen der Grip. in folgender 
Weise ihren Qnellen (den erhaltenen Liedern) oder der aas gleicher 
Quelle schöpfenden VS. : 

Grip. 9 = Regm. 15. 26, besonders 15 (VS. 116, 14 ff.; vgl. 140, 21 ft), 
^ 11 ^ Fafn. im Allgemeinen, 
„ 13 = der Prosa Hüdeb. 202, 7 - Sigrdr. Prosa Z. 1 (VS. 124, 

12—26, vgl. 142, 1-3), 
„ 15, 1-4 = Fafn. 42-44 (15, 1 f.: Sefr d fialli fylkü dMr 

= Fafii. 43, 1 f. veit ek d fialli folkmti sofa), 
„ 15, 5—8 (+ 16, 1-4) = Sigrdr. 1 und Prosa*), 
„ 17 = Sigrdr. im Allgemeinen, 

„ 19, 1 — 4 = dem Liede vom Besuche bei Heimi (VS. Cap. 23-24 
im Allgemeinen). 

Nun folgt eine längere Verhandlnng, in welcher Sigurd schließlidi 
den Gripi bestimmt, fortzufahren, d. h. die Prophezeiung auch über 
den ungünstigen Theil seines Schicksals auszudehnen. Die Verhand- 
lung (Str. 20 — 26) theilt die eigentliche Prophezeiung (7 — 51) deutlich 
in zwei Abschnitte 7 — 19 und 27-51, die unter sich wesentliche Ver- 
schiedenheiten zeigen, wie wir gleich sehen werden. 

Grip. Str. 27—29 (30). 31 = VS. Cap. 23—24. — Zu ßiöd fagrt 
älitum (21, 1 f.) vgl. VS. 137, 6 fagra konu = 136, 24; zu hana Bryn- 
hildi hoffiiar nefha (27, 3 f.) vgl. VS. 135, 19 f. Brynhildr fdr med Jgdlm 
ok hrynju ok gekk d vigum, var hon pvi kollud Brynhildr. [Hebt 
mik allir i Hhfmdolum Hildi und hialmi, hverr er kunni Helr. 6] ; zu ddttir 
Budla (27, 5) vgl. VS. 137, 8; zu hardhugdigt man (27, 6) vgl. VS. 137, 8 
er meetr skorungr er und 137, 18 f.; zu dj^ kanungr (27, 7) vgl. VS. 
135, 16 mikia hofdingi; zu Heimir fcedir (27, 8) vgl. VS. 136, Ibfirira 
hans (Heimü). Zu 29, 1 f. vgl. VS. 137, 2—4 hm mdttu eigi gleit 
halda etc.; zu föetra Beimis (29, 4 = 31, 8), vgl. VS. 136, 15 = Str. 
27, 8; zu 29, 5—6, vgl. Gudr. 11. 3, 5 f.; zu 29, 7 f. gdr-a p ü manna 
vgl. VS. 136, 26 ok vil önga skemtan vid menn eiga^^). Zu 30. 



*) Daß hier der Inhalt von Fafii. 42 bis incl. Sigrdr. 1 in 6iiier Strophe lo- 
sammengefaßt wird, spricht dafSr, daß der Dichter diese Strophen noch in ihrem obca 
(8. 321) vermatheten engeren Zusammenhange kannte. 
♦♦) Zu 29, 6—8 vgl. auch Hiv. 113. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 327 

5 — 6 mun ek mey nd, mundi kaupa vgl. VS. 137, 14 flF. : skal ek . . . 
gefa henni gull ok nd hennar gamni*). Zu 31, 1—3 vgl. VS. 138, 
23 f.; zu 31, 7 f. mantattu horskci IJeimis föstra vgl. VS. 143, 5 f. 
6k vid pann drykk mundi kann ekki til Brynhildar. 

Grip. Str. 33 (34), 35 = VS. Cap. 26. — Zu 33, 1—4 vgl. VS. 
142, 19-143, 7; zu 33, 5-8 vgl. VS. 143, 7-13 (35, 5 hiöda = 143, 
13 hiöäa vgl. 143, 20 med bodi). 34, 1 f. = VS. 143, 22 f. (= 143, 2-4); 
34, 3 f. = VS. 24 f. Str. 35 = VS. 144, 1—6 (35, 3 f. mun hdn Bryn- 
hildar bidja f^sa -= VS. Grimhildr . . . mcelti . . bidid Brynhildar 
, , . ok e7*u allir fysandi; 35, 7 f. heitr pü flidtliga for fylkis mödur 
= VS. 144, 3 ok mun Sigurdr rida med ydr, 

Grip. Str. 37-45 = VS. Cap. 27. - Zu 37, 1-4 vgl. VS. 143, 
22 f. (vgl. 143, 3 f.) ; 37, 5—7 = VS. 144, 22 {skipta nü lüum = 37, 5 
pd ü lüum vixlid, 38, 2 f. skipUi litum); 39, 5-8 = VS. 145, 19—25; 

146, 4—7. Zu 41, 1—4 vgl. 146, 7-9, 42, 5 pridr ncetr = VS. 146, 8; 
43, 1 — 4 {Saman munu bruUaup bcedi drukkin Sigurdar ok Gunnars i 
solum Gjukd) widerspricht der Str. 34, 3 flF. und der VS. 146, 25 bis 

147, 3. 5 f.**); zu 43, 5 f. pd homum mxlid^ et* it heim komid vgl. VS. 
146, 13 f. ridr kann brott i pann aama eld til sinna felaga, ok skipta 
peir aptr litum. Zu 45, 1 f. minnir pik eida, mantu pegja pö vgl. 
VS. 147, 3 minnir Sigurd allra eida vid Brynhildi ok loetr pö vera 
kyrt; zu 45, 5 f. vgl, VS. 148, 22 f. und andere Stellen; zu 45, 7 f. möt 
,fiär velar, sir***) at hefndum, vgl. VS. 148, 19 f. pei* veltud mik ok peas 
vil ek hefna [Helr. 13, 5 ff. pd vard ek pess vis , . . at pau vSltu 
Tnik i verfangt], 

Grip. Str. 47 — 49 = dem langen Sigurdslied, d. h. = VS. Cap. 
29 -f Brot. - Str. 47 = VS. 155, 1 f.; Str. 49 = Brot. 19-20 (VS. 
160, 2~4). 

Auf Str. 50 scheint die Antwort zu fehlen, sowie auch die Frage, 
auf welche Str. 51 antwortet. Ich glaube hier eine Lücke annehmen 
zu müssen, weil sonst die Fragestrophen Sigurds niemals einen neuen 
Zug bringen, der nicht in der Antwort ausftlhrlicher besprochen würde ; 
vielmehr recapitulieren sonst die Worte Sigurds entweder die vorher- 
gehende Prophezeiung oder leiten die folgende ein. Hier leitet Str. 50 



*) Also wird man wohl hinter nd besser ein Komma seteen, wie ich gethan. 
**) Woher kam die dem NL. entsprechende, der nordischen Sage widersprechende 
Darstellong in unser Lied? Die {>s. scheint (so weit m-.n aus der knrsen Bemer- 
kung p. 208, 11 — 17 etwas schliessen kann) der nordischen Fassung su entsprechen. 
***) mSt leite ich von 9yd ab und setse Komma davor, wenn ich auch tjd at 
sonst nicht belegt finde :>S^ v^tor muß hier heissen 'bemerkt den Betrug*. 



328 A. EDZAKDl 

offenbar eine Prophezeiung über Sigurds Tod ein; dieses wichtige Moment 
muü aber in einer eigenen Strophe behandelt gewesen sein, während 
51 nur ganz gelegentlich (3 — 4) des Todes Sigurds durch seine Schwäger 
erwähnt. Der eigentliche Inhalt der Str. 51 ist offenbar die Trau« 
Oudruns über Sigurds Tod. Demnach muß Sigurd in einer vorher- 
gehenden Strophe gefragt haben: 'was wird Gudrun dazu sagen, et 
brcsdr hennar mer til bana rddaf oder dgl. Es kann nun in der Lücke 
noch mehr ausgefallen sein als die Antwort auf 50 und die Stn 51 
einleitende Frage; mir ist sogar wahrscheinlich, daß von Brynhildf 
Tode die Rede gewesen sein wird. Unter diesen Umständen ist nicht 
mit Sicherheit zu sagen, aus welchem Liede Str. 50 und die fehlende 
Antwortstrophe schöpften , ebenso wenig , ob Str. 51 auf Gudr. I 
(1 ff. 19—21) oder Gudr. II (11 ff.) zurückgehen; wahrscheinlicher iit 
an sich das erstere. 

Dies Verhältniss der Gripisspa zu den Eddaliedern, bezw. der 
Prosaauflösung verlorener Lieder in VS. ist in mehrfacher Hinsicbt 
interessant. Einmal sehen wir die sogen. Regm. Fafn. Sigrdr., sowie 
die verlorenen Lieder von Sigurd bei Heimi, von Sigurd und Gudrun 
verbunden mit der Erwerbung Brynhilds für Gunnar, endlich das lange 
Sigurdslied in derselben Reihenfolge benutzt, wie sie in R 
stehen, bezw. gestanden haben müssen. Kein anderes ist benutzt, und 
von den in der Lücke verlorenen ist nur das Lied von Gudruns Träu- 
men begreiflicherweise übergangen, da der Inhalt desselben nur in- 
direct auf Sigurd Bezug hatte*). Da nun die Grip., weil selbst in B 
und der von VS. benutzten Hs. enthalten, unsere Liedersammiong nicht 
wohl benutzt haben kann, so wird es wahrscheinlich, daß sie die 'Si- 
gurdssaga' benutzte, als dieselbe noch für sich bestand^. 

Sodann zeigt die mehrfach wörtliche ÜbereinstinimuDg der 
Grip. sogar noch mit der Prosaauflösung der verlorenen Lieder, daß 
die VS. sich denselben vielfach sehr getreu anschloß. Wo n&nlieh 
VS. = Grip., da müssen beide sich der gemeinsamen Quelle, den ver- 
lorenen Liedern, angeschlossen haben. An sich gäbe es noch eine zweite 
Möglichkeit, daß nämlich VS. an diesen Stellen die Grip. b^mtst 



*) Dies gilt aaeh gegen den von Wilken (pros. Edda LII) eAobenen Eis- 
waod gegen die ans der gleichen Reihenfolge erschlossene B ennüwu^ der Saaui- 
Inng in VS. 

*•) 8. ob. p. 1S6 f. Ober die von WUken (Die pros. Edda, p. XIV, XVII £) wiedsr 
Torgetragene, meiner Obenseogang nach unhaltbare Ansicht, daß mit d«r mgm 8igm 4 tr 
die Volsnngaaaga gemeint sei, werde ich mich in anderem ZnsanuBMÜiaiig» 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 329 

habe, aber diese scheint mir auszuschließen. Der Sagaschreiber pflegt 
allerdings seine verschiedenen Quellen zu combinieren *), aber nicht so, 
daß er, wo er in der Hauptsache dinem und demselben Liedc folgt, 
gelegentlich einen einzelnen Zug aus einem anderen Liede entnähme 
— noch dazu aus einem Recapitulationsgedichte wie Gripisspa! Und 
einzelne, oft geringfügige Züge sind es nur, die in Orip. und VS. tiber- 
einstimmen, und zwar hat meist VS. den ausführlicheren Text, der 
doch wieder — wie ausser sagengemässerem Inhalte, Stabreime und 
poetische Ausdrucksweise zeigen**) — aus dem in der Hauptsache 
benuzten verlorenen Liede geschöpft sein muß. Zu einer ergänzenden 
Ekidehnung der fraglichen Züge hätte also kein Grund vorgelegen, 
einerseits, weil sie nicht wesentlich genug waren, um aus einem sonst 
für die Darstellung des Sagaschreibers wenig ergiebigen Gedichte her- 
beigezogen zu werden, andererseits, da sie — weil in engem Zu- 
sammenhange stehend mit andern, die nicht aus Gripisspa entlehnt 
sind — ebenfalls in den verlorenen Liedern enthalten gewesen sein 
werden. Ich glaube also annehmen zu müssen, daß, wo VS. und Grip. 
zu einander (z. Th. wörtlich) stimmen, der Inhalt (bezw. Wortlaut) 
der verlorenen Lieder getreu erhalten ist. Das wird noch durch ein 
weiteres Zeugniss bestätigt, nämlich durch die Einleitung (Str. 1—5) 
zum 'kurzen Sigurdsliede', welche ebenfalls das verlorene Lied (oder 
die verlorenen Lieder?) benutzt haben muß, die den Capp. 26 und 27 
zu Grunde liegen [vgl. oben p. 174, Anm. *]. Auch hier finden sich 
ganz ähnliche wörtliche Berührungen mit VS., die auch schwerlich auf 
Benutzung der Strophen 1—5 in VS. zurückzuführen sind***). In 
einzelnen Fällen stimmen Grip. = VS. mit Sig. sk. 1 — 5 überein, ohne 
daß doch Benutzung der Grip. in Sig. sk. 1 — 5 oder gar das umge- 
kehrte wahrscheinlich wäre. Diese Stellen sind Grip. 37, l {. er munud 
aUa eida vinna = VS. 143, 3 ff. 22 f. = Sig. sk. 1, 8 sddusk fddar eljun- 
frcßknir; — Grip. 33, 5 ff. mun biöda per biarthaddai man, döttur 
sina =■ VS. 143, 10 ^rp^ honum döttur pina med miklu fe.,, Z. 12 
at bioda framm dcetr sinar = Sig. sk. 2, 1 f. M(y bndu hdnum ok 
metdma fiold; — Grip. 35, 3 f . 7 f . = VS. 144, 2 f.; vgl. Sig. sk. 3, 
1_4. — Grip. 41, 1—4; 42, 5 f. = VS. 146, 7—9 [tekr averdit Oram 



*) Lehrreich ist in dieser Hinsicht seine Compilation aus Atlakv und Atlam. 
**) Z. B. 187, 8 haufcar hiüpa ok tvd hutrinn (was gewiß nicht, wie Wilken 
p. XLII memt, Vorwegnahme eines Zuges der Qudr. II ist); 137, 16 grfa henni fftdl 
ok nd hmnar gamirU; 148, 7 f. (vgl. Big. sk. 42, 8 f.); 143, 12 ff.; 146, 9 ff. u. s. w 
***) Meine Gründe sind hier im wesentlichen die gleichen wie die gegen ge- 
legentliche Benntsong der Grfp. in VS. Cap. 28—29 geltend gemachten. 



33() A. EDZARDl 

ok leggr i medal peira bert = Sig. sk. 4, 2 ff. lagdi sverd nökkvit 
. . . a medal peira). 

Drittens endlich zeigt die obige Zusammenstellong, daO zwi- 
schen dem ersten und zweiten Theil der Prophezeiung wesentliche 
Unterschiede bestehen. Im ersten Theil faßt sie in knappester Form 
die Hauptabschnitte der Sage zusammen: die Vaterrache ^ den Tod 
Fafnis und Regins, den Erwerb des Hortes (und Ritt zu Gjuke), die 
Erweckung der Sigrdrifa, die Belehrung durch dieselbe, den Besuch 
bei Heimi, alles in je äiner Strophe. Im zweiten Theil dagegen be- 
handelt die Prophezeiung die Hauptmomente der Sage in so behag- 
licher Breite, daß sie auch auf die Einzelheiten eingeht Dem ent- 
spricht es, daß im ersten Theil nur ganz allgemein Benutzung der 
betr. Lieder und nur Einmal wörtlicher Anschluß an eine bestimmte 
Strophe erfindlich war, während im zweiten Theil fast Schritt ftr 
Schritt die Übereinstimmung mit einzelnen Stellen der VS., bezw. 
des Brot sich nachweisen ließ. Schon diese Beobachtung läßt die 
Möglichkeit ins Auge fassen, daß der zweite Theil nicht vom Verfassser 
des ersten Theiles henühre, sondern spätere Erweiterung sei. & 
kommen verschiedene Gründe hinzu, diese Möglichkeit zur Wahrschein- 
lichkeit zu erheben. 

Schon das unterbrechende Zwischengespräch ist — zum minde- 
sten in der Länge von 7 Strophen — auffallend. Sodann fällt es auf, 
daß im ersten Theil Sigurds Fragestrophen zuerst die vorherige Pro- 
phezeiung wiederholen und meist (12, 7 f.; 14, 7 f.; 18, 7 f.) schließen 
mit dem Refrain hvat mun enn vera Cßvi minnar? dem noch in zwei 
Fällen (12, 5 f., 18, 5 f.) vorangeht: leid at huga ok lengra seg. Dieser 
Refrain findet sich nirgends im zweiten Theil, dagegen findet sich dort 
am Schlüsse der Fragestrophen 38, 8; 50, 8 enn segdu, Gripir\ 48,8 
segdUf Gripir^ 'paJt\ 42.4 = 44,4 mei* segdu, GHpir — niemals im 
ersten Theil. Die Fragen des zweiten Theiles weisen femer mehrfach 
direct hin auf das, was in den Antwortstrophen gesagt werden soll 
(z. B. 30. 32. 38. 46. 48). Im ersten Theil werden die Fragen viel- 
fach eingeleitet mit Segdu, . . . Jcanungi- oder dgl. (6, 5; 8, 1; 10, 1; 14, 
1—4); im zweiten Theil findet sich das nirgends am Anfange der 
Stiophe, dagegen zweimal hvdH er pdy OHpir? gettu pess fyr mer 
(32, 1 f. = 48, 1 f.), im ersten Theil nirgends. Auch sonst greifen die 
Berührungen im Ausdruck gar nicht aus dem öinen Theil in den an- 
deren hinüber, wenn man den ersten Theil mit Str. 21 endigen läßt: 
läßt man ihn aber mit 24 endigen, aus dem zweiten Theil nur in die 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG HEK' KDDAMEDER. 331 

Strophen 23 und 24^). Mehrere seltenere Ausdrücke wiederholen sieh 
nur innerhalb des zweiten Theiles, wie hei's oddviti Alf 2 =^ ÖS^ 2*"^) 
oder nur im ersten, wie hvgcU mcela 10, 4, hugadsrcßda 14, 2***), wo- 
von natürlich manches auf Rechnung des verschiedenen Inhaltes kommen 
kann ; vereinzelt finden sich solche aber auch in beiden Theilen, so fram- 
lyndr 14, 3, framlundadr 39, 6 (beide im Stabreim) ; mastr 7, 2 = 53, 9 ; 
nnd sölu 7, 2, und sölarsiot 53, 7f); Griptr J^gr eigi 31, 8; rett segir 
Gripir 11, 8. 

Demnach scheint sich mir mit Wahrscheinlichkeit zu ergeben, daß 
in der Mitte des Zwischengespräches 20—26 die Fuge zu suchen ist, 
und zwar entweder nach 21» wahrscheinlicher nach 23 oder 24. Auf 
letzteres könnte die Vergleichung des norwegischen Volksliedes von 



*) Die wörtlichen Entsprechungen sind diese: 24, 1. 3 — 4 = 40, 1. 3—4; 23, 
5-8 = 41, 5-8; 19, 5 f = 21, 8; 31, 1 f. = 37, 1 f., ferner die oben soeben ge- 
nannten. 

♦♦) Femer pengiU 25, 3. 41, 7; v6l, Ma 33, 8. 36, 2. 40, 6. 46, 7. 46, 3. 
49. 8; vüwn beUa 40, 6. 49, 8; flioU 52, 5, flioUiga 35, 7; görva (Adv.) 25, 2. 28, 6. 
35. 2. 47, 2; görliga 86, 3; hyggja 43, 7, meginhyggja 39, 4; gaman 29, 2. 44, B; /ull- 
kcmi 34, 5, full/asUiga 31, 3; meerr [24, 7], 36, 5. 41, 3. 42, 3 (überall im SUb 
reim); Imga 25, 6. 37, 8. 48, 6; Jjfr hondum 26, 8. 36, 1; vixla (neben »kipta) 37, 6. 
43, 5 ; rdd (im Sg. u. PI. , vgl. auch Richert a. a. O. 44) 26, 3. 33, 4. 36^ 4. 45, 4. 
Hierher rechne ich auch, dnß dem 9Jd fram in I: 20^ 2. 22,4 {fraimoUa 21, ^\ fregna 
fremr 19, 7 f.), in II »jd fyrir entspricht =: * voraussehen' [wie auch 19, B fgrir i*m- 
sak]. Ebenso glaube ich auch 39, 8 sSr vcUr fyr Pvi {: f6»tru) verstehen zu müssen; die 
Obliche ErkUlrung^uichts (d. i. niemand) hindert das' scheint mir keinen rechten 8inu zu 
geben: wer sollte denn auch Sigurd an der Verlobung mit Bryuhiid hindern? Ich lese 
/yrr (Compar. zu ,fyrir in obiger Bedeutung), lasse davon den Dativ pvi abhängen und 
tibersetze: (nichts d. i.) niemand sieht weiter als dies, *sieht über dies (eben gesagte) 
hinaus'; also Gripi kommt auf seine Weigerung zurück, Sigurd sein Unheil zu ver- 
künden, weswegen dieser 40, 1 ff. mit denselben Worten wie nach der ersten 
Weigerung 24, 1 ff. seine Unzufriedenheit ausdrückt. Nur in II steht auch mmr (28, 2. 
29, 8. 30, 6. 34, 5. 36,6. 41,3) und man (33, 6. 27, 7), während Inüdr, vif, mdt sich 
auch in Str. 16 finden; vorwiegend in II steht gramr (5 : 2 mal) und älü (3 : 1 mal). 
•♦♦) Fener famadr 8, 6. 16, 7; rddgptihr 6, 3. 21, 6; kümir 3, 8. 5, 4. 14, 1 
(immer im Stabreim); gladr 3, 1. 19, 1 ^beidemal im Stabreim); fregna 19, 8; hiUa 19, 1 ; 
leggja fyrir 23, 2. 24, 6 (vgl. 58, 3). Vorwiegend in I findet sich itr, ÜaHigr (4 : 1 mal) ; 
fyVkvr (6 : 3 mal, 5 mal im Stabreim); piodkonung 1, 3. 19, 4, in 26, 2 ausser dem 
Stabreim; cetn 6, 8. 12, 8. 18, 8. 21, 2. 83, 2 und 52, 7. 63, 4. 

t) Es wäre nicht unmöglich, daß Str. 53 in etwas veränderter Gestalt aus 
dem älteren, kürzeren Liede herübergenommen wäre und früher nach Str. 24 ge- 
standen hätte, wohin sie ihrem Inhalte nach (an Str. 23 sich anschließend) gut passen 
würde: gemde diese Str. zeigt im Ausdrucke auffallende Berührungen mit I {maUr, 
mold (= 22, 2 nicht in II), tmd solar not [eevi] und stimmt im Tone sa den besseren 
des eisten Theiles. 



332 A. EDZARDI 

Sigurd (s. u.) führen, auch gäbe Str. 24 in öhnlicher Weise emen der 
Einleitung entsprechenden Abschluß wie Str. 52. Alsdann mttßte man 
annehmen, daß derjenige, welcher die Gripisspa von 25 ab erweiterte, 
auch den Schluß des alten Liedes sowie überhaupt vielleicht Theile 
desselben überarbeitete*), indem die Übereinstimmung Ton 23, 5 bis 
24, 4 mit 41,5 — 8. 40,1 — 4 sich entweder hieraus erklärte, oder 
daraus, daß der Bearbeiter Stellen des alten Liedes nachahmte. 

Daß aber in der That der zweite Theil erst später hinzukam, 
das wird auch aus folgenden Gründen wahrscheinlich: Sigurd hätte 
doch — schon Jessen hat das mit Recht betont (Z. Z. III, 56 £.) — wenn 
er sein unheilvolles Geschick vorauswußte, dasselbe leicht vermeiden 
können. Indessen gilt dies Bedenkon im Grunde nur vom zweiten Theil. 
Dieser ist in der That abgeschmackt und wäre völlig unbegreiflich, wenn 
wir ihn als Theil der gesammten Sigurdssage auffassen wollten: im 
Zusammenhange der Sage findet dieser zweite Theil allerdings 
keinen Kaum und kann nur in einer Zeit entstanden sein, wo die 
Dichter (*Skalden können wir geradezu sagen) irgend einen Punkt 
aus dem Zusammenhange der Sage herausgriffen, um denselben zum 
Gegenstande einer Einzeldichtung zu machen, in der es ihnen haupt- 
sächlich auf Entfaltung sageugcschichtlichen Wissens ankam. Anden 
aber steht es mit dem ersten Theil: daß Sigurd sich sein günstiges 
Geschick bis zum Höhepunkt seiner Heldenlaufbahn voraussagen liAt, 
ist auch dem Gcschmacke einer älteren Zeit angemessen und es ist 
nicht unmöglich, daß der Inhalt dieses Theiles der Grip. einmal ein 
Glied in der Kette der Gesammtsage war. 

Es spricht sogar manches für die Wahrscheinlichkeit dieser An- 
nahme: daß Sigurd bei seinem Mutterbruder Belehrung sucht**) tritt 
nämlich auch in jüngeren Fassungen der nordischen Sage hervor, die 
vom Inhalt des Gespräches zwischen Sigurd und Gripi sonst nichts 
mehr wissen. Sivard snarensvend reitet von seiner Matter zu deren 
Bruder, der nicht genannt wird, ohne daß wir freilich erfahren, was 
er von ihm erreichen will. Hier gibt einige Aufklärung das norwe- 
gische Volkslied von Sigurd, welches Munch als 'Asgardsreidin in 
Annaler 1846, 312 — 321 herausgegeben hat [bei Landstad p. 111 ff.]. 
Dies Lied hat offenbar Theile verschiedener Lieder in sich aufgenommen» 



*) Vgl. oben p. 174 das io dieser Hinsicht über Sig. sk Gesagte. 

*) Bergmann (Des Hehren Sprüche p. 159) stellt damit treffend die Belehmaf 
Odins darch seinen Mutterbroder (H4v. 139) sosammen, der nacb Bergmamui uttfut- 
chender Vermuthung mit Loddfafhi identisch wäre. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 333 

iodem es theil weise mit dem fbröischen 'Regin smidur\ theilweise mit 
''Sivard snarensvend' — oft sogar wörtlich — übereinstimmt. Doch 
hat es auch viele eigene Züge: so wird der Mutterbruder Oreive ge- 
nannt (d. L zunächst nicht greiß^ sondern Oripiry vgl. 22, 1 greive kon- 
gin); zu ihm schickt ihn die Mutter, damit er ihm den Namen 
seines Vaters nenne, was sie selbst nicht will — man sieht nicht 
recht ein, weshalb nicht Sollte hier noch eine ältere Gestalt der Sage 
durchblicken^ in der Gripi den Sigurd über seine Abstammung zu be- 
lehren hatte? wobei er natürlich auch seine Mutter zunächst nicht 
gekannt haben könnte, so daß deren eigenthümliche Rolle sich daraus 
erklären würde*). In Str. 21 ff. unseres Volksliedes kommt Sigurd 
zum Hofe des 'Oreive\ wobei die Berührungen mit Siv. Snar. augen- 
fldlig sind, wo aber Str. 24 f. an Grip. 5, 5 — 8 erinnern. In Str. 29 ff. 
fragt Sigurd den Oheim nach dem Namen seines Vaters ^ dieser aber 
weicht aus, bis Sigurd unzufrieden und erzürnt von ihm 
reitet: 

34 Ja skal ek her af gardi reisa 35 Sigurd reid ifr& greivegarden, 

med skjendsel og med skamm, i bugin so var hau vreid. 

aldr* 8^r eg atter möder mm 
og aldr* mit födeland. 

Dieser Abschied von Gripi (Greive) erinnert sehr an Grip. 24. 
Es scheint demnach in dem norweg. Volksliede ausser anderen auch 
ein Lied von Sigurds Besuche bei Gripi benutzt zu sein , welches Si- 
gurd unbefriedigt von seinem Oheim reiten ließ. Dies vorauszusetzende 
Lied könnte die alte, ktLrzere Gripisspa oder ein derselben verwandtes 
Lied gewesen sein [vgl. Ghrundtvig, DGP. I, 8]. 

7. Zu Guttfe^ünarkviAa II und III. 

Guärünarkviäa II, in forna. 

Der Theil des Textes in R den wir unter diesem Namen zusam- 
menfassen, ist offenbar mit großen Lücken überliefert Es kann sogar 
die Frage entstehen ^ ob der Sammler alle die uns erhaltenen Stücke 
als zu einem und demselben Liede gehörig betrachtete. Ettmüller sagt 
(Germ. 19,8): „Das Lied ist aus zwei Liedern zusammengesetzt^. 
Dem ersten, einem Selbstgespräche, sollen die Str. 1 — 35 [1 — 36] an- 



*) Nach einer anderen SagenCaBsung fiel diese Aufgabe wahnicheinlish der Sigr- 
drifa SU, wie ich das in anderem Zusammenhange nächstens darzulegen hoffe. Dem 
entapricbt die erste Begegnung Sigurd:» mit Brjnhild in der j'idrekssaga, während der 
QteiTe (Qripi) des norweg. Volksliedes in der gleichen HoUe an den Eugel des Sig- 
fridsliedes (Str. 48) erinnert. 



334 A. KDZARDI 

gehören, dem zweiten die Strophen 36 — 43 [37 — 44]. DaO zwisclten 
35 und 36 eine große Lücke ist und daß das Gespräch 37—44 
nur in der Zeit nach dem Tode der Brüder Gudruns und vor ihrer 
Rache an Atle denkbar ist^ darin muß ich Grund tvig und Hildebnmd 
gegen Bugge u. A. beistimmen; eine andere Frage ist es aber, ob 
37 — 44 Fragment eines anderen Liedes ist Die Strophen 13 — 15, 
die allerdings einen anderen und jüngeren Charakter tragen als andere 
Theile des Liedes*), hält EttmüUer für „von SaBmund eingeschaltet''. 
Ich glaube, wir müßen alles von Str. 1 — 44 überlieferte fiir Fragmente 
eines und desselben Liedes halten; denn erstens sehe ich in der 
Prosa von Drdp Nißunga an bis zur Prosa vor Guar. III einen Ver- 
such, die eigentliche Sigurdssaga bis nach dem Tode der Gjuknnge 
weiter zu fUhren in zusammenhängender Prosa, welcher die Gutlr II 
und III eingeschoben (bezw. angehängt) sind, gerade wie die Lieder 
in der eigentlichen Sigurdssaga. Unser Lied wird demnach, da die 
fortlaufende Prosa keine Lücke zeigt, als ganzes zwischen die 
Prosasätzc 240* und 250* eingeschoben sein. Zweitens aber zeigen 
sich beachtenswerthe Übereinstimmungen zwischen allen Theilen des 
Liedes im Sprachgebrauch , so daß das ganze Lied seine uns vorlie- 
gende Gestalt im wesentlichen wohl von einem und demselben Ver 
fasser erhalten haben wird: glaumr 42,3 = 30,2, wozu auch gleyma 
25,1**) gehören wird; prdgiaimliga32,3] 17,5=44,3 prdgiam] hofii 
ncema 43, 4 = aldri hcenia 32, 12 beidemal mit Acc. d. Person; naudigr 
42, 7 = 34, 4. Das mit Vorliebe gebrauchte bol 33, 4. 34, 7 {bolva JvUr 
32,2) findet sich auch 39,5 {bolranna ft7 41,4); at frcBudr daudi 31,8 
vergleicht sich dem cU pinn fottur daudan 26, 4 at iofur faÜinn 26, 8. 
Es ist also bedenklich, in 37 fi*. ein Fragment eines anderen Liedes za 
sehen. 

Dagegen glaube ich allerdings, daß verschiedenartige Elemente in 
dem Liede zusammengeflossen, daß Theile älterer Lieder — wenigstens 
eines älteren Liedes — in dasselbe aufgenommen sind. Namentlich leieh- 



*) Aaßer dem von EttmüUer betonten hebe ich die AnnlQiemiig an skaldiadie 
VcrskuDst hervor, die sich sowohl in der dentUch angestrebten SUbensihliuig (4 Sil- 
ben, z ß. Str. 13 durchweg; aber aach in anderen Theilen des Liedes hervortretend) 
und den hendingar zeigt, so »vani dantka 14,4; grafnir Hafnar 16,4; hyrtt* 
vü d borda\pai er peir boräutk, Sigarr ok Siggtkr 16,6 — 7; MordtSii^ kialm- 
drdtt I hilmii fijlgju 14, 11 f. 

**) WieBagge in seiner Ausgabe [anders in den Tillfig] erkl&rt holde sig ljBtig*> 
Im übrigen auf diese schwierige Halbstrophe einzugehen, unterlasse leh, da ich 
unsicheren Vermuthuugeu nichts neues vorzubringen hätte. 



BEITR&QE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DKR EDDALIEDER. 335 

nen sich die Strophen 1 — 12, besonders 4 — 12, durch schwungvolle Dar- 
stellung und alterthümlichen Ton vortheilhaft aus vor Str. 13 ff. (s. oben 
p. 334, Anm. **). Man könnte vermuthen, daß Str. 4—12 und andere 
Theile des folgenden, z. B. das Gespräch zwischen Gudrun und Grimhildy 
ursprtlnglich einem (oder mehreren?) erzählenden Liede angehörten, aus 
dem sie mit ein par ganz leichten Aenderungen in den Monolog der 
Gudrun aufgenommen wurden. In der That könnten Str. 4—12, 16 — 36 
(und auch 13 — 16) einfach durch Einführung der dritten Person statt 
der ersten zu erzählender, bezw. dialogischer Dichtung gemacht wer- 
den*). Man kann aber schwerlich noch in unserer Überlieferung die 
Strophen 1 — 3 ausscheiden, da sie im Stil (z. B. l,6f. = 8, 4 f. 21, 
2 f.) Aehnlichkeiten zeigen und sowohl Str. 2 wie Str. 11 f. in Gudr. I 
benutzt sind (s. oben p. 185 f.). Auch mit einem anderen Liede zeigen 
gerade die Strophen 1 — 12 (4 — 12) auffallende Berührungen^ nämlich 
mit Sig. langa', d. i. in der Hauptsache VS. cap. 29 f- Brot. Ich sehe 
hier ab von den Übereinstimmungen von Gudr. II sowohl mit Sig. 1., als 
auch mit Sig. sk., die oben p. 182 f. besprochen sind; denn dort muü^ 
sofern Entlehnung vorliegt, Sig. sk. in den beiden anderen benutzt 
sein. Wohl aber stimmt die Sagenform unseres Liedes auffallend zum 
Mangen Sigurdsliede. Beide zeigen die jüngere **) (deutsche) Sagen- 



*) Wie auch die VS. nur den Inhalt von Str. 1—5 als Monolog der Qadrun, 
das übrige aber erzählend wiedergiebt, ohne daß man nat&rlich daraus schließen dürfte, 
daß dies auch in der Quelle des VS. der Fall war. 

^^) Ich halte diese Sagengestalt (in Obereinstimmung mit Sjmons u. A.) für die 
jüngere im Norden nicht nur, sondern auch in Deutschland ; dort zeigt sich die ältere 
nordische Auffaßung (TOdtung im Bette) nur noch iu Spuren, und ist eben deshalb 
die ältere. Eine Verbindung dieser älteren mit der jüngeren Auffaßung (Tödtung im 
Freien) bietet die {>b., wo Sigurd im Freien getödtet, aber der Grimhild ins Bett ge- 
worfen wird; und nur eine MUderuug ist es, wenn im NL. die Leiche vor die Thür 
des Schlafgemaches gelegt wird. — Bugge freilich hält (Z. Z. VII, 889) die Tödtung 
im Bette für jünger, und dieselbe Ansicht hat neuerdings Wilken vertheidigt (Pros. 
Edda p. XLV f. LVn ff.). Welche Gründe Bugge hat, weiß ich nicht; die von Wilken 
angeführten aber erscheinen mir nicht stichhaltig. Eis kann ja sein, daß *die Ermor- 
dung im Walde in einer Pause der Jagd, während Sig. im Halbschlaf ausruhte* das 
Ursprünglichste war und daraus sowohl die TOdtung des Schlafenden im Bette als 
der Mord an der Quelle sich entwickelte , und gewiss haben wir in Gudr. II und Sig. 1. 
[und Gudruns Träumen] Sigurd als auf der Jagd (im Walde, vgl. Gudr. II. 11, 3) ge- 
fallen zu denken. Aber daß diese älteste Auffassung in ^prosaischer Volksüberh'eferung* 
im Norden sich erhalten und von da in die fraglichen Lieder gekommen, somit älter 
sei als die soost in den Eddaliedern durchgehende Auffassung, das werden wenige 
glaublicher finden, als daß iu diesen (wie auch Gudruns Träume) überhaupt der deut- 
schen Sage nachstehenden Liedern spätere Einwirkung deutscher Sage (im 9 jh., s. 
ob. p. 86 f.) zu sehen sei. 



386 A. EDZARDI 

form, die Sigurd im Freien fallen läßt und zwar in Gadr. 11 fyr htm- 
dan ver {7, 6)^ wohin man d sudrüega (8, 2) schaut, also im Süden der 
Fluth, jenseits der Fluth ; genau dasselbe sagt Brot 5, 1 f : ßoUinn vari 
Sigtirdr sunnan Rinar, Auch fyr handan ver wird also jenseits des 
Rheines' sein, was mit der deutschen Sage, wie sie im NL. erscheiot, 
auffallend übereinstimmt, indem ja auch hier Sigurd jenseits des Rheins 
(im Odenwalde) &llt. Daß jenseits des Rheines sunnan Einar ist, 
erklärt sich wohl aus ungenauer geographischer Anschauung. — Auch 
in Sig. 1. steht Gudrun Sigurd erwartend draußen, als die anderen 
allein zurückkehren (Brot 6 := Gudr. II. 4 f.). Der deutschen Sage 
entspricht es auch, daß Hogne den Tod Sigurds der Gudrun meldet, 
und zwar in einem Tone, der dem Charakter des nordischen Hogne 
ebensowenig entspricht, wie die gegen ihn gerichtete Verwünsdning 
Gudruns dem Verhältniss derselben zum Hogne der nordischen Sage. 
Und gerade in diesen beiden Punkten stimmt wieder Brot (7 — 9) in 
unserem Liede, nur daß die Verwünschung (zu der man NL. 1012, 
1046 [Bartsch] vergleichen kann) gegen Gunnar gerichtet ist. Zn 
dem Benehmen Gunnars und Hognes in Gudr. II. 7, 1 ff. kann man 
NL. 1041 (1045) und 1001 vergleichen; zu Str. 3 aber 

onz m^r fyrmondu at ek etta ver 

minir broedr, oUam frenira eic, 

vgl. Sigfridslied 173 — 177, namentlich: 

Also mit grosser stereke er alle ding bestellt; 

Das wöll der teuffel^ sprach Günther^ das man so werdt hie held 

F&r ander held so kfine^ die hie nun sein geschmecht, 

Die also gut von Adel, als er ist von geschlecht etc. . . . 

• . .Will er die land regieren hemiden an dem Reyn etc. 

Vgl. dazu Brynhilds Worte in Brot 10 — 11, und daau wieder 
rs. p. 299, 22 [Brynhüdr :] Sigurdr sveinn kom hingat iü ydar aem em 
vaüarif ennü er kann sud stoUz^ at eigi man langt hSdan lida ädr en per 
munot allir hononi piöna. Auch Gudruns Schilderung von ihrer gtüd^- 
lichen Mädchenzeit in Str. 1 erinnert mehrfach an das NL., nament- 
lich an Str. 15—18. Zn Gudr. II. 5, 5—8 vgl. Brot 7, 7, sn Gudr. H. 
7,5 Brot. 7,6. 

Wie kommt es nun, daß beide Lieder gerade in den Zügen, die 
an deutsche Sagengestalt gemahnen, so auffallend ttbereinstimmen? 
Die wahrscheinlichste Erklärung ist hier wohl die, daß das eine der 
Lieder direkt unter dem Einfluße jüngerer deutscher Sage stand, das 
andere aber dieses erstere kannte und benutzte. Daß auch Oberan- 



BEITRÄOE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 337 

stimmimgen im Sprachgebrauch '*') und Stil **) sich beobachten lassen, 
ist geeignet, diese Annahme zu bestätigen. Entlehnung nun werden wir 
da zu suchen haben , wo die Berührungen mit deutscher Sage am 
wenigsten hervortreten. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, daß ein 
unter dem Einflüsse jüngerer deutscher Sage stehendes Lied in einem 
andern benutzt w&re, das wieder seinerseits weitere (den Inhalt 
des benutzten Liedes ergänzende) Züge dieser selben jtlngeren (deut- 
schen) Sagengestalt entlehnte. Viel eher kann man sich denken, daß 
ein Lied, welches unter dem Einflüsse deutscher Sage stand, von einem 
anderen benutzt ward, so doch, daß dieses nicht alle jüngeren Sagen- 
züge hinüber genommen hätte. Muß man sich in dieser Hinsicht für 
die Priorität eines der beiden Lieder entscheiden , so wird diese Ent- 
scheidung wohl zu Gunsten der Gudr. 11 ausfallen. Vielleicht ist aber 
eine dritte Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen, daß nämlich beide 
unabhängig von einander aus der deutschen Sage schöpften. 

Zwischen Str. 16 und 17 vermuthe ich eine größere***) Lücke, 
deren Ausfüllung dem Sinne nach sich vielleicht aus Drip Niflunga 
1 — 4 ergibt, wo es heißt: Gunnarr ok Hogni töku pd guUit alt Fdfnia 
orf, Öfridr var pd i milli GHükunga ok Atta; kendi hann Qiükungum 
vold um andldt Brynhildar. Pat var til scetf/x^ aJb petr skyldu gipta Aa- 
num Ghidrünu, Da hierauf gleich der Inhalt von Str. 17 — 34 ange- 
deutet wird und im übrigen (außer Z. 13 f.) alles aus den folgenden 
Liedern in der uns erhaltenen Gestalt sich erklärt, so mögen obige 
Worte aus den zwischen Str. 16 und 17 ausgefallenen Strophen ent- 
nonmien sein. Daß Atle zur Buße für Brynhilds Tod Gudrun zur Frau 
verlangt — um einen Anspruch auf den Hort zu haben (?) vgl. VS., 
173,15—17, 21—23) — und daß dies die Veranlaßung zur Versöh- 
nung Gudruns mit den Brüdern ist, setzt auch unser Lied voraus; 
denn nur so erklärt sich der plötzliche Wunsch der Versöhnung und 
das dringende Verlangen, Gudruns Einwilligung in die Vermählung 



*) öldunu andvcmi 16, 6 = Gndr. 42, 3; ßorvi ntema 1, 8 = Gndr. aldri mema 
32, 12, hofdi ruemä 43, 4; fyrman 3, 5 = Gndr. 3, 1 fytiMmdu ; einu nnni 8, 3 = Gudr. 
10,2; tpialla 13,2 = GoÄr. 5,4 spioll; welta 16,3 = Gmir. 3,8; gramr (von Si- 
^urd) 7, 7. 8, 8. 19, 8 = Gutlr. 6, 4. 

**) Hugda ek mSr 16, 1 (vom Traum), ebenso Outtr. (40), 41, 1. 42, 1; fyr däg 
UOu {ÜOu 10, 7) 14, 4 = Gudr. 43, 7 ; faUa W/a 8, 8 = myelta lata Gndr. 3, 8 ; Ufi tyna 
Idla 112, 8 ; — Die V^iederholung in 2, 2 f. ist = Gedr. 1, 6 f., 8, 4 f., 21, 2 f. ; herglotudr 
13,3; 19,6 nnd gotnadr 9,8 vergleicht sich dem hvotudr Gudr. 32,11. 

***) ^gl* A°<^^ Hildebrand. Eine Lücke wird hier allgemein angenommen. 

eEBMANU. Nene Beihe. XI. (lim. Jahrg.) q^ 



338 A. KDZARDI 

mit Atle zu erlangen. Aach ist Atle mit auf der weiten Fahrt ^, dimf 
weisen die konungar prennir **)y und nach Str. 35 f. scheint er Gu- 
drun gleich von Dänemark aus mit sich zu ftlhren; auch in Langbarir 
sehen manche den Atle (ob mit Recht oder Unrecht, mag hier iment- 
schieden bleiben). Daher muß Atles Beziehung zu der 17 ff. besdnie- 
benen Versöhnungsfahrt irgendwie angedeutet gewesen sein und zwtr 
doch wohl in dem in Dr. Nifl. angedeuteten Sinne. Vielleicht deatet 
darauf auch noch das vfyrisinn 39,3 hin, welches Atlen meinen iira£ 
(so mit Lüning u. A.) ^= *den zum Kampfe aufgebrochenen* (?) **•). 

Str. 22,5 — 8 heißt es vom Vergeßenhcitstrank , den Ghrimhild 

der Oudrun reicht: 

))at var um aukit sTalkoldom ue 

iardar^) magDi ok sönar dreyra. 

M urpar R, iardar VS.. Hjndl. -— ^ so Hjndl., «oa eavldom R. 

Ganz dieselbe Halbstrophe, nur mit megni statt moffni findet sich 
in Hyndl. 38, 1 — 4, eine Halbstrophe, die dort ganz fbr sich and keines- 
wegs passend steht. Ich vermuthe , daß der Schreiber die Str. 43 
schreiben wollte, die, wo sie steht (auch nach Grundtvig 215* ), an un- 
rechtem Platze steht f) und deren Verse 3—4 lauten: 

84 var aakinn iardar megni. 

Ich vermuthe, daß der Schreiber der Flateyjarb6k, der die mytho- 
logischen Strophen offenbar sehr lückenhaft und in arger Verwimmg 
überliefert hat, als er Str. 43 nach 37 schreiben wollte, auf die ähn- 
lich lautende Halbstrophe unseres Gkidrunliedes und daher aus dem 
Zusammenhange kam. Ich glaube demnach, daß die Halbstropbe in 

*) Diese g^ht doch wohl nach Dänemark ; weshalb aock Str. IS —15 ia derer 
halten en Gestalt nnserea Liedes nicht entbehrt werden können, wenigstens Str. IS aidbl 
**) I^Iodrek kommt nicht in Betracht, ! s. u. p. 341), auch Gjnke nicht nach M, 4. 
**^) Kann in Grlp. 13, 8 gramr vigrinnn heißen 'vom Kampf (mit Fsfiu) arf> 
gebrochener Fürst' ? Oder ist vigrUtrm dort nur allgemeines Beiwort eines HeMcst 
Oder endlich ist in vigritirm noch eine Spnr erhalten Ton einer sonst TerdnnkelteD 
Auffassung, der zu Folge Sigurd in feindlicher Absicht (14,6 freüieh gettr tm et 
Cfiüka) an Ojukes Hof ritt? Man denke an das eigcnthamliche Auftreten Sigindf in 
Nibelungenliede bei seiner Ankunft in Worms (Str. 107—114; vgl. Wh. IfSUer, Cbcr 
die Lieder v. d. Nib. p. 19; YS. 142, 11 f.); es scheint da doch selir so, als habe der 
Dichter Tcrschiedene Quellen bcnntxt und den Widerspruch beseitigen woUoi dvek 
die Bemerkung 123, 4 dS ^edähte auch Sivrit an dietnl hJhiichen wteii — freilich etvai 
spät, wenn Sigfrid um Kriemhilds Willen nach Worms gekommen war. 

f ) Jedenfalls gehurt die mit Vard eirm l>orinn beginnende Strophe Ton Thor in 
denselben Znsammenhang wie die von Heimdall ebenfalls mit Varä ekm bo r ii m begis- 
nende Strophe 35. 



BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 339 

Oudr. n ursprünglich ist und von dort in unsere Niederschrift der 
Hyndluljöd kam, während Bergmann (Rigs Sprüche und das Hyndlalied 
p. 150 f.) das umgekehrte annimmt. Soviel musste ich vorausschicken. 
Es kommt mir an auf die Worte sdnar dreyra, für die ich eine 
andere Erklärung in Vorschlag bringen möchte. Wir müßen festhalten, 
daß es sich hier um einen Vergessenheits- und Sühnetrank han- 
delt Was aber soll ^Sühnblut\ wobei man etwa an das Blut des sö- 
nargoUr *) denken könnte, neben den vorher genannten Elementen? — 
S<hi war bekanntlich das eine der Ge&ße, in denen der Dichtermeth^ das 
Blut des Evasi, aufbewahrt gewesen, und über denen (s. diese Beitr.III) 
nach Häv. 13 der Reiher der Vergoß enheit schwebt Mit einer An- 
spielung darauf kann also sehr wohl die Dichtkunst, d. h. die zau- 
berkräftigen, den Trank — außer den unmittelbar nachher 23, 1 ff 
erwähnten Runenzeichen **) — wirksam machenden Lieder sdnar dreyri 
genannt werden, wie sonst z. B. logr Sönar Sn. E. I, 244 = ^Dicht- 
kunst, Gedicht'. Zu der absichtlich dunklen Ausdruckweise der Strophen 
22—24 würde das, mein' ich, recht gut passen. 

Gudrünarkvida III. 
Str. 5, 5—8 : 

Hrinctn mik at brasdnim brinctn mik at oUom 

ok at brynjadam, hofadnidjiim ^). 

') aho/üp nipiö R. 

Daß hrinctu (hrincto R) unmöglich richtig ist, hat schon Bugge 
hervorgehoben und Grundtvig und Hildebrand anerkannt. Man faßte 
die Worte als eine Aufforderung an Atle], seine ^Brüder und Gepan- 
zerten' um Gudrun einen Bing bilden zu lassen behufs der Abhaltung 
des in Str. 7 vorgeschlagenen Gottesurtheils. Nun folgt allerdings Str. 6 
in R auf Str. 8^ aber es ist klar, daß sie dorthin nicht paßt und schwer- 
lich anderswohin, als wo sie bei Grundtvig und Hildebrand steht, d. h. 
zwischen 5 und 7. Auf alle Fälle sind die Worte 5,5—8 vor Str. 7 
unverständlich, sofern man hrinctu liest: kringa einn at einum ist un- 
möglich und * umringe mich mit Brüdern wäre ein sehr eigenthümlicher 



*) Auch bei diesem Worte ist es keineswegs sicher, ob $6nar vou »6n 'Sfihne* 
abzuleiten ist, ebenso wenig in 8&naM6t^ einem mit Orakel verbandenen Opfer, Hkr. 
Cap. 21 (Qnindtvig denkt an «i/n* Sonne', anch Petersen ^solens blöd'. Diese Erklärungen 
stehen unter der Yoraussetzong, daß die Halbstrophe in Hyndl. ursprünglich sei und 
demnach mit Heimdall zusammenhinge). Man könnte daran denken , daß es beim 
96nargoUr sich um Qelfibde, also um feierliche (doch wohl gebundene) Rede handelte. 
**) Wie Runenzeichen und Rnnenlieder zusammengehören, vgU Hiv. 188 f. Sigrdr. 
18 (Simrock, die Edda 6. Aufl. p. 383). 

22* 



340 A. EDZARDI, ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG etc. 

Ausdnicky da Atle doch nur 4 Brttder hatte (Atlam. Ö2, 1) ; außerdem 
sind von diesen zwei (durch Gudrun) im Kampfe gegen die Gjuknnge 
gefallen (Atlam. 48. 52, 4) und (wie man Atlam. 52, 3, 94, 7 doch wohl 
verstehen muß, vgl. Gr. HS. 353 f ) zwei schon früher (in einem Bru- 
derkriege^ dessen Schuld der Gkidrun beigemessen wird), so daß A tle 
tlberhaupt keine Brüder mehr hat — nach der nordischen 
Sage. Daß aber diese vorliegt, erfahren wir aus Str. 6, in der Gu- 
drun den Tod ihrer Brüder beklagt; sie sind also gegen Gudruns 
Willen, d. h. durch Atle getödtet Endlich spricht auch der Zusammen- 
hang gegen jene Auffaßung. Str. 5 muß den Grund zu dem von Herkja 
verdächtigten vertraulichen Gespräche Gudruns mit l^iodrek angeben : 
beide klagten sich ihr Leid ; demgemäß erzählen die Verse 5, 1—4, 
daß riodrek alle seine 30 Mannen verloren hat, und in 5, 5 — 8 sollte 
man dieselbe Klage von Gudrun erwarten. Diesen Sinn erhalten wir 
aber durch Bugge's hübsche Conjectur AnoÄrfti*), d. i. hnokkt-pü von 
hnokky pf. zu hnyggja (aus *hniggvfa) 'berauben (wie ioggtu Atlam. 80, 7 
von togg pf. von tyggja, tyggva), davon hnuginn wie farinn ai eüm, 
vcLdin at vilja Sig. sk. 57, 7. Hamd. 5, 5. Es heißt also: 'Du verwaistest 
mich an Brüdern und an Mannen, verwaistest mich an allen EUiupt- 
verwandten. Daran schließt sich wieder Str. 6, die am wahrschein- 
lichsten hier einzuschieben ist: 

kemr-a nü GonDarr, kalliga ek Hogoa etc. 

und mit 6, 7 f. 

nü ver(t ek sialf fjr mik synja lyta. 

geht sie zu ihrem Vorschlag des Gottesurtheils (Str. 7) über. 

Wir haben also hier^ wie schon Str. 6 zeigt, deutlich die nor- 
dische Sagengestalt: Gudrun hält dem Atle den Mord ihrer Brüder 
vor — und doch spricht sie freundlich und herzlich mit ihm, und ihr 
ist an seiner Freundlichkeit gelegen (Str. 1), wie auch ihm über die 
Schuldlosigkeit seiner Frau 'das Herz in der Brust lacht'. Das ist der 
Etzel und die Eriemhild der (jüngeren) deutschen Sage; in die n<Mr- 
dische Sagenfaßung passt ein so herzliches Verhftltniss Atles und Gu- 
druns schlechterdings nicht hinein, und so ist es klar, daß in dem 
kleinen Liede die nordische Sage von der jüngeren deutschen **) stark 
beeinflußt ist, daß wir hier eine seltsame Mischung deutscher und 
nordischer Sage haben (s. auch ob. p. 86). Nun erscheint riodrek nur 
in diesem Liede, welches ebenfalls allein die Herkja kennt Ist es da 

*) Diese veraltete Form konnte leicht missverstanden und verlesen werden. 
**) Jedoch nicht erst etwa von der ^n., wogegen schon die Namentfoim ^i^ 
drekr spricht, s. ob. p. 86 Anm. f. 



A. LÜBBEN, ZU GERMANIA 23, 53 f. 341 

nicht das natürlichste, ja nothwendig, anzunehmen, daß auch Dietrichs 
Auftreten in diesem Liede auf die Einwirkung der jüngeren deutschen 
Sage zurückzufuhren ist, zumal der Eintritt Dietrichs in die Nibelun- 
gensage mit der speciell-deutschen Umgestaltung der Sage zusammen- 
hängt, in der nordischen Sage aber, wie sie in Atlakv. und Atlam. 
vorliegt, kein Raum war Rir das Eingreifen Dietrichs und seiner 30 
Mannen in den Kampf. Wie sollte man sich auch Dietrichs Betheili- 
gung denken? Unmöglich f(ir die Gjukunge! Also doch wohl für Atle 
und gegen die Gjukunge, demnach auch gegen Gudrun. Wie käme 
dann aber diese dazu, ihn zum Vertrauten ihres Kummers zu machen ? 
Dietrich gehört also der alten nordischen Sage nicht an; in das 
dritte Gudrunlied, welches sichtlich unter dem Einfluße der jüngeren 
deutschen Sagengestalt steht ^ ist auch er in Folge dessen hineinge- 
kommen. Der Sammler aber meinte, das zweite Gudrunlied müße an 
irgend Jemand gerichtet sein; er hielt dasselbe für identisch mit der 
in Gud. 111,4 erwähnten Klage Gudruns gegen I'iodrek. Seine Worte 
Piddrekr konungr var med Atta, ok hafdi par Idtitflesta cdla menn sina 
sind offenbar aus Ghidr. III. 5, 1 — 4, die folgenden Piödrekr (ok Gudiriin 
koßrdu harina sin d milli aus Gudr. IIL 4t, 7 f. ei' vit hormug tvau 
knigti/ni at riinum) entnommen. 

(Fortsetzung folgt.) 
LEIPZIG» im Mai 1878. A. EDZARDI. 



ZU GERMANIA 23, 53 f. 



Nim wegebreden unde inrapeti sat S. 53, VIII. rirap ist nicht „Rübe", 
sondern es ist eine Pflanze, die den lateinischen Namen sandera, san- 
dira (und scandina) ftihrt. So heißt es im Colmarer Pflanzenglossar in 
mittelniederdeutscher Sprache (Zeitschrift f. deutsche Philologie Bd. IX, 
S. 207, Nr. 639): sandera rirap-^ und in Dieffenbachs Glossar: sandira, 
herba, rirap {scandria^ rotidi). Welche Pflanze damit gemeint sei, über- 
lasse ich Botanikern zu bestimmen; und ob scandria^ auf welches 
Dieffenbach s. v. sandira verweist, gleich ist mit sandira^ mögen sie 
ebenfalls entscheiden. 

80 dunket di, wo du die to hant losen scokst S. 53, IL „dünkt 
dir, wie, d. h. wohl, scheint dir, als ob^ ist auffallend." Worin das 
Auffallende liegen soll, ist mir nicht recht klar. Denn ivo = wie ist 



342 A. LCBBEN, zu GERMANIA 83, 53 f. 

im Nd. ganz gebräuchlich. Ich fähre nur aus einem (ongedmckten) 
Evangelienbach (Oldenb. Bibl.) an: se wauk (wähnte), u>a he teere ein 
gherdener f. 59^; auch in der Frage: toof en hyetti nydU eyn van de» 
yungherenf f. 49**; tcof en sach ik di nicktf f. 50. Femer im Sinne von: 
als ob. Dat id scheyn (schien), tro alle de stat eolde verbemen Grregors 
Dialoge f. 139; ik dede, wo ik wolde krepen dar dore Beinke Vos 
V. 1547. 

swem dat buc ovd werde S. 56, VII. „auffallend. Sollte bue neu- 
trum sein?^ Warum auffallend? werden mit Dativ der Person im Simie 
von 'bekommen^ ist gar nicht selten, namentlich in ArzneibOcheriL 
bue avel ist nur zusammenzulesen oder zu sprechen; es heißt demnach: 
wer Bauchweh (d. h. im bestimmtem Sinne: Ruhr) bekommt buk ab 
neutrum ist mir noch nicht begegnet; indes wäre es bei der Neigong 
des Niederdeutschen alles sächliche als neutrum anzusehen, nicht auf- 
fallend, wenn es vorkommen sollte; ich bin deshalb im Mnd. Wörter 
buche auch gar nicht sicher, ob die von mir den sächlichen Wörtern 
beigesetzte Geschlechtsbczeichnung immer riditig ist So habe ich 
beispielshalber halm als m. angesetzt; dabei aber bemerkt, daß der 
Plural auch helmer hcisse, also im neutr. Sing, dat habn voraossetie. 
Eine Gewißheit habe ich erst vor ein paar Tagen empfangen, wo mir 
begegnete = de erde bringhet vrticht . . yn deme ersten de wartete^ dama 
dat halnif dama körne yn deme höhne. Oldenb. Evangelienbuch £ 95. 
Und so mag bei vielen Wörtern das Geschlecht schwanken. 

landdaehtich S. 55, III. „fehlt bei Schiller-Lübben''. Es fehlt 
nicht, sondern steht II, 617 s. v. langelachiich. Jede, auch die kleinste Ab- 
weichung, aufzufuhren, wäre bei der Überzahl der verschiedenen For- 
men, in denen im Mnd. oft die Wörter auftreten, namentlich, wenn 
sie aus den Grenzländem zwischen Hoch- und Niederdeutsch stanmien, 
nicht ausführbar gewesen. 

Übrigens bin ich Herrn H. Fischer sehr dankbar fiür die Mit- 
theilung aus dem Arzneibuche, und bitte dringend, falls ihm wieder 
etwas Mnd. vor die Augen kommen sollte, dasselbe ungesäumt zu ver- 
öffentlichen. 



OLDENBUBQ, im Ifai 1878. A. LOBBEN. 



C. M. BLAAS, EIN KINDEBSPRUCH AUS »EM XV. JAHKUUNDERT 343 



EIN KINDERSPRÜCII AUS DEM XV. JAHR- 
HUNDERT. 



Der Güte des Herrn J. Haupt in Wien verdanke ich den fol- 
genden Kinderspmch aus dem XV. Jahrhundert. 

Wer wil ein gut mus machen, 

der bedarff sibenley Sachen : 

Eyer, salcz^ 

milch, smalczy 

pfeffer vnd mel, 

Sa£fran der macht es gel*). 

Damit ist zu vergleichen: 

Backe backe Kuchen, 

Der Bäcker hat gerufen. 

Wer da will Kuchen backen, 

Der muß haben sieben Sachen: 

Eier und Schmalz, 

Butter und Salz, 

Milch und Mehl, 

Saffran macht die Kuchen gehl. 

Schieb ihn in'n Ofen, datt er gar wird. (Simrock, Kinderbuch 10.) 

Bei dieser Gelegenheit sei hier noch erwähnt, daß 'Eyne Eyer- 
sope mit Saffran, Pfeffer- Körner undt Honig darein', 'daz ehrste Go* 
rieht* war, welches dem Bischof Brwn von Zeitz, bei einer Mahlzeit 
im Jahre 1303 in WeiOenfels (in Sachsen) vorgesetzt wurde (s. meinen 
mittelalterlichen Küchenzettel in Müllers Zeitschrift ftir deutsche Kultur* 
geschichte, N. F. IV, 511). 

STOCKERAU in Niederösierreich. C. M. BLAAS. 



*) Dieser Spruch findet sich handschriftlich in Nr. 12503 [Snppl. 8] eh. XV der 
Handschiiften in der k. k. Hofbibliothek in Wien und wurde ron J. Haupt in den 
'Tab. codic. manu tcript in biblioth. palat. vindob. auerrat' (toL VII, p. 106) Ter- 
öffentlicht. 



344 K. BARTSCH, KLEINE MITTHEILUNOEN. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 



2. Der fritzlin. 
Historia. 

Fait quidam pater familias, qui 8. habebat filias, qnarum nalla 
habuit vulvam. Ipse autem ex hoc magnam habuit tristitiain. Ve- 
niens autem a casu semel ad forum vidit 9. vulvas venales in quadam 
sportella, quas statim emit, et veniens ad domum cuilibet filie unam 
appropriavit , et in rcsiduo mansit una vuIva. et cogitando nesciens 
quid cum ea faceret divisit eandem vulvam in oeto partes et in quam- 
libet vulvam filiarum proiecit unam portioncm. Et ex hoc est quod 
adhuc quelibet vulva habet interius portiunculam, que vocatur ligua etc. 
vulgariter der fryczlin. 

Aus der Heidelberger Handschrift 314, Bl. 1. Ich flihre das in- 
decente Geschichtchen wegen des nicht belegten deutschen Wortes sd, 
welches offenbar die Clitoris bezeichnen soll. 

3. Getheilte Spiele. 

Ain tayltes. 

Weder wöltist dich lyber bcyssen mit ainem hecht durch ain 
hammen oder mit aiuem rappen durch ain stryk? Si primum, tone 
esses submersus, si secundum, tunc fores suspensus. 

Raut du hettist mir myn ars uberginett und ich dir dyn hodeo. 
nun sölt ich yt beyssen oder schyssen, welches weitest dz ich tett? 

Raut es war ain fas voller treks, daz solt man uß messen und 
gult 1 mauß 1 gülden; weder wöltest lyber der zapf an dem £u6 
syn oder die mauß dapy man uß mösset? 

Nota ain wrst ist waz und wirt und pleypt ain wrst, den daim 
blaust man am ersten auff, so ist er ain wrst, dar nauch folt man in, 
so wyrt er ain wrst^ dar nauch ist man die wrst, so fult ey die dirn 
im leyb auch zuo ainer vrrst, dar nauch scheyst mans und ist der derk (so!) 
auch ain wrst, dar nauch fressent die sew und fult in die därm auch 
zu ainer wrst. also entspringt die wrst in dem swdarm und kompt 
wyder in den swdarm und pleypt allwcg ain wrst. 

Aus der Heidelberger Handschrift 314, Bl. 1. 

K. BiLBTSCH. 



LITTERATUR: F. I.ICHTENSTEIN. EILUART VON OBERGE. 345 



LITTERATÜR. 



Eilhart VOnOberge. Heraiugegeben tod Franz Lichtenstein (Quellen und For- 
schungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker her- 
ausgegeben Ton B. ten Brink, W. Scherer , E. Steinmeyer. XIX). 8. 
(CCV, 475 S.) Straßburg 1878. K. J. Trübner. 

Liehtenstein , Franz, zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isalde. 8. 
(32 S.) Breslau 1877. Habilitationsschrift. 

Während die übrigen Dichtungen des zwölften Jahrhunderts seit geraumer 
Zeit in Abdrücken oder kritischen Ausgaben vorliegen^ ja zum Theil schon 
mehrfache Bearbeitung gefunden, haben wir lange auf die Veröffentlichung von 
Eilharts Tristrant warten müssen. Und doch war dieselbe wegen der Stellung 
Eilharts in der Geschichte der höfischen Poesie eine dringend erwünschte. Daß 
Lachmann seiner Zeit mit Eilharts Werke sich viel beschäftigt hat, ist aus 
mancher Stelle seiner Arbeiten zu ersehen. Wilhelm Grimm in der Geschichte 
des Reimes führt Eilhart mehrfach an, und hat sich aus der Überarbeitung 
lexicalische Auszüge gemacht, die Lezcr benutzen konnte. Daß wir keine Aus- 
gabe des Gedichtes erhielten^ lag hauptsächlich an der Überlieferung; die Ver- 
gleichung der wenigen Fragmente einer im wesentlichen un überarbeiteten mit 
den erhaltenen vollständigen Überarbeitungen mußte den Versuch einer Her- 
stellung des Originals als eine höchst schwierige, wenn nicht als eine unlösbare 
Aufgabe erscheinen lassen. Dazu kam, daß durch den Abdruck der alten 
Prosaauflösung in von der Hagens Buch der Liebe wenigstens der materielle 
Inhalt des Eilhartschen Gedichtes allgemein zugänglich geworden war, wenn 
gleich natürlich aus dieser Prosaauflösung die Kunst und Art des Dichters 
nicht zu erkennen war. 

Auch Dr. Lichtenstein hatte von Anfang an seine Arbeit nicht auf eine 
Ausgabe angelegt, sondern auf eine Untersuchung der stilistischen Eigenthüm- 
lichkeiten Eilharts und Heinrichs von Veldeke^ zu welcher ihn Scherer angeregt 
hatte. Selbstverständb'ch bedurfte er zu dieser Untersuchung der Durcharbeitung 
des handschriftlichen Materials, der Rlarlegung des Verhältnisses der uns er- 
haltenen Texte; denn, von den Fragmenten abgesehen , war aus keinem der 
Texte, wie sie vorliegen^ Eilharts Art zu erkennen. Daß sich daran der Ge- 
danke einer Ausgabe knüpfte, ist begreiflich. Hier konnte nun ein doppelter 
Weg eingeschlagen werden. Neben einer kritischen Bearbeitung der Fragmente 
konnten die beiden vollständigen überarbeiteten Texte, im letzten Drittel die 
drei Texte einander gegenüber, rcsp. neben einander gedruckt, unter sie etwa 
die Prosa gesetzt werden, und Anmerkungen konnten die Stellen besprechen, 
an welchen die gemeinsame Vorlage der Bearbeitungen^ oder noch weiter, ihre 
Vorlage im Vergleich mit der der Prosa durchblickt Oder es konnte der 
Versuch gemacht werden, jene gemeinsame Vorlage der Dresdener, Heidelberger 
und Berliner Bearbeitung selbst herzustellen; oder endlich^ über diese Vorlage 
hinausgehend, auf Grund der Vergleichung mit der Prosa, das Gedicht Eilharts 
selbst in seiner ursprünglichen Gestalt zu gewinnen. Lichtenstein hat sich das 



346 LITTERATÜB: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEROE. 

mittlere Ziel^ die HentelluDg der Vorlage von BDH, zur Aufgabe gestellt 
Daß diese Vorlage an maDchen Stellen achon einen überarbeiteten Text hatte, 
ergab sich leicht; aber keineswegs war sie eine durchgreifende Uberarbeitaiig, 
die auf eine durchgängige Beseitigung der Assonanzen ausgegangen wäre; son- 
dern den größten Theil der alten Reime behielt die Vorlage noch bei, und 
namentlich in der zweiten Hälfte scheinen noch durch die ÜbermrbeiteBgca 
zahlreiche Reime hindurch, die im Anfang mit mehr oder weniger Conaegneaz 
beseitigt worden waren ; die gewohnliche Erscheinung bei diesen UmdichtinigeD, 
soweit sie nicht wie die Strickerische des Roland ganz auf dem Boden der 
Kunstpoesie des 13. Jahrhunderts stehen. Insofern halte ich meine froher am- 
gesprochene Ansicht (Untersuchungen S. 61) durchaus aufrecht: daß wir in 
den meisten Stellen noch im Stande sind, Eilharts Text zu restituieren. Freilidi, 
hätten wir nicht die Prosa, so würde uns ein wesentliches HnUamittel abgehen 
und der Versuch kaum ausführbar sein. Einen von jeder Umarbeitang freien 
Text besitzen wir überhaupt nicht, denn auch die beiden HandschrifleB , die 
die ^Bruchstücke des alten Gredichtes' überliefern, sind Ton Umarbeitung nicht 
frei. Lichtenstein räumt dies von M als wahrscheinlich ein (S. XL), aber et 
ist nicht nur wahrscheinlich , sondern gewiß. Und auch R ist nicht ganz frei 
davon. Betrachten wir zuerst M. 

In dem vierten Fragment von A (dem alten Gkdichte) hat 

dafür X (so bezeichnet L die Vorlage 
M rV, 13 — 16 von BDH) 

sprach der cuning zu sinemc neben: sprach der konig zu sinem nebin 

er wolt im den gewalt geben und hiz in kemerdre weain. 

daz er selbe w^re 
des nahtis kamerere. 

Die Fassung von M wäre, wenn sie X vorlag, nicht anstössig gewesen; 
denn der Reim neveti : geben war für den md. Bearbeiter von X ein guter Bcinu 
Wohl aber konnte an neven : weseft ein Umarbeiter Anstoß nehmen» da dieK 
Bindung zu den nicht allzuhäufigen im 12. Jahrh. gehört. Diese Ansicht theih 
auch L. S. XXXIX, hält aber doch für möglich, daß X, auf Künung aas- 
gehend, lieber einen ungenauen Reim gewählt habe. Aber daß Kürsug em 
so charakteristischer Zug von X sei, um dies glaublich zu finden, mußte doA 
erst gezeigt werden. 

Wie hier M vier Zeilen statt eines ursprünglichen Reimpaares hat, m 
auch V, 3—6 = X 2865 f. 

M X 

daz man Brangtoen solte tdtin daz sie mit dem tdde 

mit vil umanftem mote Brang6nen wolde Idnen 

und harte unsc6ne. 
daz wurde ir ze Idne 

denn auf diese Lesart von X weist die Abweichung von DH (D mit des M 
done, was L. aufgenommen, H d<u su hrangenen der schönen UnreM wM lones). 
Lichtenstein S. XXXIX nimmt dagegen an, M biete den ursprüngiidien Text; 
in der Anm. zu V, 4 meint er , der dialektischreine Reim (Men : mtöte) erkfibe 
die Änderung von X. Nur als Frage fügt er schließlich das einsig ridiÜ^ 
Verhältniss der Texte durch ein 'oder' an. Die Erweiterung zu vier Zeflei 



LITTERATUli ; K. LICIITKNSTEIN, F.ILIIART VON OHEKGF, 



317 



in H kauB bchon in licasen Vorlage gcBtanden hahon , aber aoch erst n 
Schreiber berrübiOD. In letzterem Falle ist sogar die EryiiiiEung nii( vil i 
teuren möte ihm sL'hircrlicb ztizutraueu und HoffmanDB aiisanflen mtim viel 
mhncheinlicber. Wie seilsam macht es sich nun, wodd man an aolcben Stellen 
den alten Text in der Boarbeitung , dcu bearbeiteten in dem 'altcu Gedicbte' 
findet (odur, wav S6G5 f. betriSl, finden iolite)- Diu letztere Bezeichnung 
verdient Lichlcnsteina Ausgabe der alten Fragmente nar in beschrünklem Maße. 
— Weitere Stellen, wo M überarbeitet ist, sind folgende: V, 35 r. w( 
bmnmn. -. queme geriinntn hat, dagegen X hrunntn : runne, was in diesem Falle 
L. aufgenommen hat. — VI, 4 f . M hulde : veraculdtn, X liebe : verdienen ; S. XL 
gibt Ii, lu, dfiü X hier das ursprüngticbe babo, gleichwohl hat er den über- 
ubdteten Teit von M in sein 'altes Gedicht' aufgenommen. Bei den beiden 
folgendoD Zeilen (VI, (i f.), wo M vile-.He statt Itbeti : teegen X reimt, ist da- 
gegen der Teit von X in Ä aurgonommen. Auch VII, 5 f., wo M xehant : beiaanl 
st«U lebfTcn : ketnede X reimt, hat L. M als Überarbeitung erkannt und folgt 
X in der Constituicrung von A. IX, 123 f. glättet M den Keim hoveiieh wU 
jflobea in hove. : tcA gelobt:. Hier stimmt noch au allem Überfluß R mit X über- 
tia und dennoch nimmt L, den Überarbeiteten Text von M auf. — IX, 172 ff.: 



lauton in 
al eine wol verdieuc 
man mich licpliche a 
bebaldit ungehazsit. 



in X (nach D] 
und uluino ivol vcrdii 
daz man mich schüner uni 
huldit uudc uiht cnhaEzct. 






Trots der großen Übürciustimmuiig zwiachen M und X haben wir hier 
nicht den Text von A orhaltcD. Das hat auch L. eingesehen (S. XL), aber 
freilich sein Vorschlag, das zur folgende Zeile zu sieben und äne haz zu streichen, 
iit nicht so einfach wie er meint ; denn ceniinc : Uepliclie wäre ein höchst i 



adliger , um nicht za sagen unmöglicher 
(adv.) statt lieplicht 2U schreiben, oder es 
gebt, der Reim veTditiie : siAdnc. Wenn hii 
mit M übereinstimmen, so ist diese Übere 
einmal mit Sicherheit behaupten , d.iQ 
lierra, sondern X kann noch den allen Keim 
unng awischen D und H ebenfalls Zufall 
entstellt scheint (vgl. 8. XLI), 



Vielmehr ist entweder lifbe 
-ar, wenn man man von DH j 
- D H in Uezug auf den Huim ifiu 
islimmiing Znfall; man kann i: 
I hiL-r die Lesart von X repr&son- 
gchubt haben and die Übcreinstim- 
cin. Da nun auch IX, 175 ii 
vcimuthen, daß M hier überhanpt 



stärker geändert hat. ~ Auch IV, S5~SS M hat iu X nur ewci entsprechende 
Zeilen und M sieht nie eine Krneitorung aus. Doch sehen wir von nnsichi 
Stellen ah, so xcigt M an nicht ganz wenigen Stellen das Streben die Reime 
m glütten und Assonanzen zu entfernen. £ine KUrzung in M ist nahrschein 
Heb IX, 3ö ff. (vgl. S. XXXIX f.) 

Aber üuch ß ist nicht ganz von Überarbeitung t*rei. Ein NucbtilSBig 

I keitafebler liegt vielleicht nur vor in 1, 4 f., mo U lif : magedUi, hat, einen gans 

[ UMrbÖrten Reim, an dem aber L. keinen Anstoß genommen (S. XXIIl}. Aber 

lAndentug kann auch eine absicbUiche sein; wlp erregte den Anstoß, da 

's Jungfrau bezieht, und der Besserer setzte deshalb einen auch 

nkuost des 13. Jahrb. nid erstrebenden Keim. Eine Keimzeilo mehr 

^ \i, die sicherlich nicht dem alten Texte angehört, wenigstens nicht 

Hnag; das Fehleo noch einer Zeile ist sehr unwahracheinlicb., dia 




ä 



348 LITTERATUR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON 0BER6E. 

einsige MÖglicbkeit, die Zeile als echt anxiisehen, wäre, daß arepiüngUch wäft- 
note : gtiote gereimt hätte. Allein zu welchem Resnltate man auch gelangt, 
jedenfalls ist der Text von R hier fehlerhaft. I^ 17 f. weicht R von DH ganz 
ab; die Fassung von R würde eine solche Abweichung nicht erklaren, da der 
Reim degen : after wegen genau ist und auch die Ausdrucke gar keinen Anstoft 
boten. Vergleichen wir P, so finden wir hier: und ritt gegen die Noth^ denn 
er war ein kühner unverzagter Held (S. 21). Der Ausdruck 'icfi^ ritt gegen 
die Noth sieht nicht wie ein Zusats des ProsaYcrfassers aus, denn not in diesem 
Sinne (= Kampf) war im 15. Jahrhundert nicht mehr üblich« Freilich findet 
sich weder in R noch in DH eine Spur davon, aber das beweist nnr^ daß so- 
wohl R als X hier nicht den alten Text bewahrt haben. — Eine andere be- 
zdchnende Stelle ist UI, 107 f. = X, 1841 f. 

R Diu vrowe antwurt ime d5 X di vrauwe im dö antworte 

nchabe chcine yorhten nü nu cnhabc, helt, keine vorte. 

Der oberdeutsche Schreiber von R nahm an dem Reime antworte : vorkU 
ebenso Anstoß, wie der von H, und schrieb daher do : nüj was, wenn man dalor 
die in Oberdeutschland vorkommenden Formen duo : nu{o) setst, einen genü- 
genden Reim gibt. — VII, 9 f. 

R sin dankete im sdre D sie sagete im des gdten danc 

und vrägite in der m^re und vrftgete in alzuhant 

H sie hieß in haben giiten danck 
und begunde in Mgen sunder wand. 

Die Fassung von R bot keinen Anstoß zur Änderung dar. Dazu kommt 
daß P hat Sie hieß ihn großen Dank haben, was auf eine H nahe stehende 
Lesart weist, sicherlich aber nicht auf die Fassung in R. — Die Stelle Vm, 

86 f. scheint in R ebenfalls nicht richtig überliefert , und die in der Abu. 
gegebene Erklärung und die Teztanderung befriedigt nicht recht; der Yersbu 
wie das ungeschickte Hinübergreifen des Satzes in den Anfang der Zeile machen 

87 in R sehr verdächtig. — IX, 73 ist von R zu zwei Zeilen erweitert. IX, 
124 f. beseitigt R, ebenso wie X, das niederdeutsche Partie, gesckiet, Dk 
Übereinstimmung zwischen R und X in Bezug auf den ersetzenden Beim ift 
auch hier zufallig und deutet auf keinen näheren Zusammenhang. — Zweifel- 
haft ist Uly 57 (,y wo R reimt beet^Mikunt, X irdüch l genüg, Viellcicbt wtr 
das erste Reimwort heatüt^ worauf aber weder kunt noch ^et^ gereimt habea 
wird. Der Reim in R, der anderwärts in X beibehalten wurde, und einem 
md. Bearbeiter nicht anstößig sein konnte, hat sicher keine Änderung vena- 
laßty und die Möglichkeit, auf die S. XXV hingewiesen wird, scheint mir sehr 
schwach. Auch IX^ 138 f. gehört zu den zweifelhaften Stellen. 

Etwas mehr als in M ist in der gemeinsamen Vorlage von B D H , d. b. X 
schon geändert worden. Assonanzen wurden beseitigt I, 8 f. II, 5 f. II, 13 f., 
wo die Umrcimung den Einschub von zwei Zeilen zur Folge hatte , was wir 
auch in M beobachten konnten. H, 15 f. 17 f. HI, 1 f. (Erweiterung su vier 
Zeilen). III, 19 f. 31 f. 69 f., mit daraus folgender Erweiterung. 73 f., &- 
Weiterung zu vier Zeilen. III, 77 f. 91 f. 97 f. 103 f. FV, 5 f. 21 f. 41 f. VI. 
32 f. 36 f. 44 f. vm, 76 f. IX, 30 f. 74 f. 76 f. 108 f. 194 f. 132 f. Zwei 
Zeilen mit dem offenbar anstößigen Reime mohte : r^hte HI, 83 f. wurden aas- 
gelassen; vgl. Vlll, 50 f. Das Metrum war der Grund der Änderung III, 91 f. 



LITTERATÜR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBERGE. 349 

Wir können also sagen, daß nenn Zehntel der alten Reimpaare in X unver- 
ändert blieben. Wenn wir nun ausserdem mit Hfilfe von P an gar mancher Stelle 
die Vorlage von X reconstruieren können, so darf man wohl behaupten, daß 
der weitaus größte Theil des Eilhartsehen Gedichtes wieder gewonnen werden kann. 

In manchen Fällen wird man schwanken, ob X bereits umgearbeiteten 
Text hatte oder nicht. So I, 10 f., wo DH nicht unter sich stimmen. Wahr- 
scheinlich stand der alte Reim umrme : stürbe noch in X ; daß die Bearbeiter 
auf stürbe : verdürbe reimten, ist leicht erklärlich, aber sie stellen die Reimworte 
um, was nicht darauf weist ^ daß die Reimglättung schon in ihrer Vorlage 
stand. Femer III, 105 f«, wo A toaere : naemSf DH quaeme : ncieme^ die Über- 
einstimmung kann zufallig sein. Ebenso V, 11 f.; hier kann X sehr wohl noch 
mifme gehabt haben, die Änderung in sitme lag für Bearbeiter des 15. Jhs. nahe 
genug. Haben VI, 36 f. wirklich DH übereinstimmend den Reim ir: mer^ Das 
wäre doch höchst auffallend. VIII, 62 f. ist die ÜbereinstimmuDg zwischen DH 
ebenfidls Zufall; das gleiche gilt von IX, 120 f. In IX, 162 f. war der alte 
Reim in X sicher noch beibehalten, wie man aus der Abweichung von DH 
sieht. Ausführung der Erzählung, ohne ersichtliche formale Gründe, könnte 
der Grund der Änderung gewesen sein IH, 22 ff. (vgl. S. XXVI); besserer An- 
schluß m, 33 ff. Gründe des Inhalts etwa VIH, 58 f. IX, 59, welche Zeile zu 
drei Versen in X erweitert ist. 

Es ergibt sich alsO| daß wir keinen von Überarbeitung fireien Text von 
Eüharts Gedichte besitzen. Was das Alter von X angeht, so spricht sich darüber 
die Ausgabe an£GEÜlender Weise nicht aus. In einer Anzeige des Buches in 
der Allgemeinen Zeitung 1878, Nr. 108 (von E. S(chmidt?) ist sie ins 13. Jahrh. 
gesetzt, ohne daß dafür Ghründe angegeben wären. In der Habilitationsschrift 
8. 2 setzt sie L. mit grösserem Rechte ins 12. Jahrh. Wir haben hier also 
einen nenen Beleg für die schon im 12. Jahrh. üblichen Umarbeitungen von 
Dichtungen in Reimpaaren (vgl. Untersuchungen über das Nib. S. 335). 

Der Untersuchung der Prosaauflösung ist die kleinere Schrift L.'s ge- 
widmet. Von ihr hatte er bei der Ausgabe noch nicht die alten Drucke be- 
nutzt, was seinem Texte sicher za Statten gekommen wäre. Denn da von der 
Hagens Druck auf dem Buche der Liebe von 1587 beruht, so war von vorn- 
herein anzunehmen, daß der Text im Vergleich mit den um ein Jahrhundert 
älteren ersten Ausgaben manche sprachliche Veränderungen zeigen würde^ was 
denn nun L. in einer dankenswerthen Zusammenstellung dargethan hat, die 
für die Geschichte der nhd. Sprache nicht ohne Interesse ist. Da bei der 
Prosa oft ein einziger Ausdruck derselben von Wichtigkeit für die Kritik sein 
kann^ so war eine genaue Vergletchung der ältesten Ausgaben geboten. Die 
Proben, welche L. von dem Textverhältniss der Ausgaben gibt, thun dar, daß 
eine kritische Ausgabe der Prosa auch jetzt noch nichts weniger als überflüssig 
sein würde, wenngleich L. selbst (S. 11) nicht dieser Meinung zu sein scheint. 

Die Prosa beruht auf keinem umgearbeiteten Texte, wenigstens auf keinem, 
der etwa stärker bearbeitet gewesen ab R, kaum so sehr wie M, sicherlich 
weniger als X. Lichtenstein gibt dies für den vorderen Theil zu, nicht für 
das letzte Drittel. Hier will er derartige Übereinstimmungen zwischen P und B 
(der Berliner Hs.) gefunden haben, daß er eine nähere Verwandtschaft zwischen 
beiden nicht bezweifelt Am wahrscheinlichsten bedünkt ihn, daß P die zur 
Erc^insung des Gottfriedischen Tristan verfertigte Überarbeitung des Schlusses 



3o() LITTERATITR : F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEROE. 

▼OD Eilharts Gedicht, wie sie in der BerliDer Hs. yorli^, als seinem Yet- 
ständniss näher liegend f9r den Schloß seiner Arbeit mit herbeisog. Dieie 
Annahme hat von vornherein etwas gekünsteltes und wenig wahreefaeiidichei. 
Sehen wir woranf sie beroht. Es sind drei Stellen (S. 15). X 6705 haben 
PB übet einstimmend rihe (geraw) 4n^ wofür DH im was leit. riuwen hat die 
Bedeutung leid thon und war in diesem Sinne im 15. Jalirh. nicht melir 
üblich. Wenn DH hier den echten Text von X repräsentieren, wie kam dann 
B, die vermeintliche Quelle von P, darauf ein anderes Wort dafür einsiisetieii? 
Viel eher könnte man umgekehrt aus dieser Stelle auf ein näheres Verhältni« 
zwischen DH schließen; richtiger aber wird es sein^ die übereinstimmende 
Änderung in DH für zui^lig zu halten. Nicht anders steht es mit 7784, wo 
B bete hat, P gebet, DH rede* Auch hier hat B sicherlich das echte; dem 
wie wäre , da bete in der Bedeutung %tte im 15. Jahrh. nicht mehr üblieh 
war, der Bearbeiter darauf gekommen, rede in bete zu rerändem? gebet in P 
zeigt ebenso wie rede in DH, daß bete nicht mehr im Gebrauch war. Eadlieli 
die dritte Stelle, 7811 ff. die gräwe hose dd subrach und num im dar dard 
stich scharlachen an haben (: sagen). So H und L. s Text. B hat und man dmrd 
die scheinen sach Scharlach mit gold durchschlagen ; P wn sähe m<m sckarlaA m 
wol beschlagen dardurch scheinen, B soll hier den Reim von H gebesseit, und 
P diese Besserung benutzt haben. Nun^ dann lag doch die einfache Andemig 
von h€iben in tragen (: soweit) so nahe, daß eine Umgestaltung von swei ZeUen 
wahrlich unnöthig war. Und diese deutliche Lesart von B soUte dann P 
wieder so entstellt haben? Eines ist so unglaublich wie das andere. Vielmekr 
hat auch hier B das richtige, wenn auch vielleicht nicht unentstellt. Der Yen 
wird gelautet haben scharlachen durchsagen; durdulahen in diesem Sinne wv 
fremdartig, wurde durch mit gold von B verdeutlicht, von P entstellt , vcm H 
geändert. Wie wäre auch hier glaublich, daß B, um eine so leieht zu bes- 
sernde Unebenheit in H zu meiden, einen Ausdruck gefunden liaben sollte, der 
der Technik des 12. und 13. Jahrhs. angdiört? Und auf solchen schwachen 
Grund ist jenes künstliche Gebäude einer Mitbenutzung von B durch P gesimmeit! 

Vielmehr ruht der ganze Text von P auf dem alten GMichte, ohne Hin- 
zunahme einer jüngeren Bearbeitung. Als Ghnndsatz hat demnach sa gelten, 
daß; wo P mit einem der jüngeren Texte übereinstimmt, dieser Ubereinstumung 
zu folgen ist. Es ist daher sehr zu tadeln, daß L. P nicht duiehgreifender fir 
die Constituierung des Textes verwerthet hat (S. XIX). 

Die ausführliche Einleitung widmet der Sprache und Metrik , der Be* 
schaffenheit der französischen Quelle, dem Stile Eilharts, dem Verfailtniss n 
älteren und späteren Dichtem, namentlich zu Heinrich von Veldeke, eine ein- 
gehende Darstellung. Nachzutragen ist die interessante Stelle aus einem Ge- 
dichte des 14. Jhs., wo zwei Frauen in einem bedeboech von Tristrant und Tsalde 
lesen (Haupt, Zs. 13, 365). Am wenigsten befriedigen die Abschnitte über Spra^ 
und Metrik, weil die hier gemachten Folgerungen mit den kritischen Mängeln 
der Ausgabe zusammenhängen. Dagegen zeigt der weitere Theil der Einleitoag 
nicht nur fleißige Durcharbeitung des Materials nach allen Seiten, sonden 
bietet auch viele hübsche und feine Bemerkungen. 

Ich gebe nun zunächst ein paar Bemerkungen zu den Bmchstfiekea dei 
alten Gedichtes . III, 1 1 scheint nach dem Abdrucke Baracks f&r dM v<oa I<- 
vorgenommene Ergänzung nicht Raum genug vorhanden. Es ist also «oU av 



LITTERATUR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEROE. 351 

-za erg&nzen er wdn{de iz) tüdr waere\ tz besser als es. — IV^ 7 ist dagegen 
das ergänzte entolde ni/U für die Lücke sa wenig, and wahrscheinlich noch bi 
in am Anfang der Zeile zu ergänzen. — IV, 11 ist bit (des morffens so ti üf 
gestünde (ygl. DH) für die Lücke wohl nicht zn viel; L. schreibt Uz tiu mor- 
gens üf g. — IV, 20 ist «f vroe in M wohl fehlerhaft für sin i;rou?e; L. diu 
fTTOwe, was weniger wahrscheinlich, aber noch weniger was die Anm. vorschlägt. 

— 39 tt in in zu verwandeln ist gar kein Grond; auch H stimmt mit M 
Qberein. — IV, 44 war deu ans D beizubehalten; iz ist ganz willkürlich. — 
V, 1 abirj was ans D ergibizt ist, steht sicher für obir, ubir, und es ist zu 
schreiben ubir nuit lang^ was so viel wie das häufigere Viber wdanc'^ vgl. mhd. 
Wb. I, 931% 35. Lexer I, 1906% — 41 tV ist ganz unnöthige Ergänzung; weder 
für den Saum erforderlich noch die Wortstellung wahrscheinlich. — VI, 4 besser 
tz statt dos; vgl. H, das hier den Text reiner Überliefert. — 14 geiHe = DH 
entspricht den Raumverhältnbsen besser als Ute, --* 17 und gieng: warum gieng, 
das keine Quelle überliefert? DP haben vtbr^ und so ist daher zu schreiben. 

— 21 wird von L. ergänzt do {wir unser latU Uezen)] D hat d6 wir von dem 
lande begunden : isen ^ H d6 xoir von lande schieden \ das andere Reimwort ist 
Verliesen (D =r A) ; H ändert Uden (: sdneden), L.'s Ergänzung ist zu verwerfen ; 
unzweifelhaft hatte A d6 toir von lande schieden (: Verliesen) ; denn auch P hat 
(S. 42) da toir von Irland in dieses K&nigreich fahren sollten; also von lande 
ist durch DHP gesichert. — 26 hat M i wir qnSmen her an in dix lant; her 
an streicht L., wahrscheinlich aber ist an echt, das nach nd. Gebrauche für in 
sehr beliebt ist. — VII, 12 wird ergänzt {de)r hüb; einfscher und natürlicher 
ist er. — 15 (siu hSt iz von) ir Ittwin; sehr unwahrscheinliche Ergänzung, da 
lihen in der Bedeutung auf Borg nehmen sehr selten ist; ausserdem hat es, 
und das entscheidet hier, Brangene in ihren Worten, die der Mann hier wie- 
derholt, in dem gewöhnlichen Sinne *auf Borg geben gebraucht (VI, 33. 36); 
also ist zu ergänzen {siu hdbete iz) ir liknn. — 31 wahrscheinlich si be{ßtmde 
sire w)einen, nicht siu began d6 s^e, da im Innern des Verses begunde die üb- 
liche Form ist. — Vlll, 45 eher an mit D für tu. Aber ist die ganze Er- 
^üdzung überhaupt richtig? Ich habe sie in dem Abdruck in der G^mania 
unterlassen, weil offenbar der Raum nicht reicht, auch wenn, was sehr un- 
wahrscheinlich, das gekürzte sim in R gestanden haben sollte. — 50 wird üf d 
ergänzt; ein Sprachfehler, denn man verkiuaet üf etnen, nicht einem» — 59 äne 
gezouwe ist gewiß richtig; aber die Vermuthung Hofmanns in der Anm. ist gänz- 
lich unbegründet und verfehlt. — IX, 22 f. ist gewiß richtiger der conj. prüs. 
neme und rife. — 143 1. her umbe statt und^ mit D; der überfüllte Vers er- 
klärt beide Änderungen, von D und H. 

Viel erheblicher ist, was ich gegen die Constituierung der Bearbeitung' 
einzuwenden habe. Vor allem bedenklich ist der Mangel an Genauigkeit in 
Benutzung des handschriftlichen Materials; dann der hervortretende Mangel an 
Sicherheit und Methode, so wie an Scharfsinn in Erkenntniss der gemeinsamen 
Vorlage. Ich muß mich aber hier wegen des überreichen Stoffes auf eine Aus- 
wahl von Stellen beschränken, und will nur bei den ersten 1000 Versen etwas 
näher eingehen. 

24 hat D nicht wtse sondern äuAsCj was sicherlich die echte Lesart ist. 

— 39 steht ganz onnothig swaz statt was, es ist abhängig von sage (V. 31) 
ebenso wie das vorausgehende wie. und so hat L. sehr oft das Correlativum 



352 LITTERATUR: F. LICHTENSTEIN, EH^HART VON OBEROE. 

statt des Fragewortes gesetzt, wo gewiß letzteres das richtige itt; TgL 459. 
3640. 3654. 4046. 4608. 5835. 7436. 7990. 8217. 8463. 9032. 9814. 
9318. Liesse sieb hier das CorreL auch erklären, so ist umgekehrt ein spraeb- 
Hoher Fehler wd 1153, wo allein nod richtig ist Aach 1931 ist sicherlich 
nnr swte, und nicht wie richtig. — 40 und wie hers alles ane ving; der nn- 
richtige gen. ist allerdings S. 468 corrigiert; aber auffallend ist doch, daß 
bei demselben Worte derselbe ^Druckfehler nochmals V. 1406 wiederkehrt; 
ebenso d.^ß 2284 verlern mit dem gen. constrniert wird, was am Schluß des 
Bandes erst corrigiert wird. Vermuthlich hat sich der Herausgeber durch 6^ 
ginnen und enbem täuschen lassen. — 154 hat H und nimermi gebredkem, D 
und sine rede nymmir brechen] ersichtlich ist, daß ihre gemeinsame Voriage 
hatte unde nimmer brechen ^ daß unde als erste Hebung und Senkung nicht 
verstanden ward, und daher die Einfügung you [me ge-] in H, von [nne redi\ 
in D veranlaßte. Dieser Fall, wo unde so im Vers verwendet wird, ist nicht 
der einzige im Tristrant, aber an einer Menge von Stellen von L. nicht er- 
kannt worden. 448 1. unde Mz sie rtten, D hat statt sie — sie balde «md sert, 
L. schreibt und h, «. holde r. 3876 1. unde rU morgen vrü, L. nimmt ans D 
noch hen auf, das in H mit Recht fehlt. 4620 1. uside brächte in an die slaf; 
D schiebt nach in ein rechte und das nimmt L. auf. 5901 1. unde Kekesu 
mit im {:sin); H fugt dd hin hinten an, was L. aufnimmt, eine offenbare 
Reimglättung , wie sie D durch weder in (isin) versucht 7363 L umdc sagt 
der vrouwin dSti, L. nimmt aus D noch werdin auf. 7401 1. unde vor dm 
koning ging^ D und L. und he vor. 7644 1. unde wisU in recklc ciar; D und 
L. al rechte y B hat vU reckte^ also eine andere Einschiebung. 7806 I. loi^ 
nam des schuezes ware'j L. und D des grozen seh., gr6zen ist eingeschoben, wie 
von B ferren. 9066 1. unde loarf in in den grabin; L. mit D in hin in, Am 
ist eingeschoben, wie H den in einen verändert. 9451 1. tifufe wie es uwmt 
in quam'j L. mit D umme sin lip; H schiebt hier aus gleichem Grunde aüet 
nach es ein, B ändert noch stärker, — 155 ff. sind nur in H überliefeit, aber 
unzweifelhaft in überarbeiteter Gestalt; die ursprüngliche Fassung wird geweieD 
sein : swaz er gelobet habete. dar zu er ime sagete, wurd er ein ImgenSre n. s. w. 
Auch V. 160 in H ist ersichtlich ein Flickvers. Auf das richtige fuhrt die 
Vergleichung mit D; man lese oticA Ais her in geirUtwe sin unde ISrie in midt 
dar bU — 171 wenn auch vielleicht der Dativ Eilharts Gebrauch entsprad^ 
so doch sicher nicht der Gen. der Sache. — Nach 190 hat H swei Yene 
mehr, die gar nicht in den Lesarten bei L. angegeben sind: 

In ainer haimlichen still 

Versuchten wie dar zu war sin will; 
wahrscheinlich sind sie echt, wenn natürlich auch nicht in dieser Form. — 200 
die Lesart zu dieser Zeile ist ganz unverständlich, da sie dasselbe enthilt, wti 
im Texte steht. Es müßte heissen zu hont fehlt H ; ausserdem hat aber H ils, 
nicht tfi. — 233 ist eine sehr bedenkliche auf H gegründete Herstellnng; et 
war vielmehr von D auszugehen. Im folgenden ist V. 238 sieh an straiciiea, 
der Punkt zu tilgen, und 239 swcu zu setzen; 242 in Parenthese zu steUsn, 
244 und mit zu streichen (nach 244 gehört ein Punkt). 246 war das eckte 
Reimwort unzweifelhaft bete. Im folgenden halte ich die Reihenfolge von D 
für richtig; H, das hier überhaupt sehr willkürlich schaltet, hat Verwinug 
und lenkt mit dem zweimaligen geant (251. 264) wieder ia die Ordnimg ein. 



LITTERATUR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBERQE. 353 

258 ist zn schreiben so si sich von lande verreUn^ H hat den Reim geglättet. 
— 270 nicht gunden statt hegunden war zu schreiben, sondern dar nach zu 
streichen. — 317 f. der Reim, und sicher noch in X, war hier liepiniety und 
die ÜbercinstimmuDg zwischen HD ist eine sehr naheliegende. — 326 1. zu 
«ifi«n handen, D und H glätteten den ungenauen Reim ihrer Vorlage (lande : 
handen) auf verschiedene Weise. — 353 ist in D wie so oft aus drei Zeilen 
Terkürzt, die in H, aber entstellt erbalten sind und lauteten: 

der bäte an sinem Übe 

(daz sach man dicke schinen) 

vier manne sterke. 

360 vjol bewart ist erst ein Reimflickwort in H^ durch den Flickreim zart veranlaßt| 
und hat mit dem ursprünglichen Texte nichts zu thun. Dieser hieß sicher er 
lebte dne laster, — 389 f. weist die Abweichung von DH auf folgende Vorlage: 
dos dir Marke niht ml senden den zins von sinem lande. — 439 L. mit H 
mfnem hürhüse tun zu (:/ril); aber die Vorlage hatte in min hürhüs tun {ifrd)^ 
was H glättete, D ausließ; vgl. P 7 in das offene Fraüenhaus thun, 441 ist 
sicherlich D zu folgen, und nur läzen zu streichen. — 443 steht bei der Les- 
art Ton D ein Ausrufungszeichen. Warum? Wenn D Marken hat, dann ist die 
Lesart nicht nur richtig^ sondern der von H vorzuziehen. Aber D hat Marke^ nicht 
Marken. Letzteres ist also zu setzen, im übrigen D; nicht H^ zu folgen. Schon 
die parataktische Form in D am Eingang des Abschnitts macht im Vergleich 
mit der Hypotaxe in H wahrscheinlich; daß D das echte hat; vgl. ähnliche 
Abschnittsanfänge VIH, 34. 58. — 344 trürig ist sicher Zusatz in D, weil der 
Vers zu kurz schien; H hilft sich auf andere Weise, üf sach he zu gote ist 
metrisch völlig richtig. — 452 von im ist Zusatz in H, wie D seinerseits auch 
xQsetzt. — 484 solde körnen (i vromen) D und L.; H hat kome, was unzweifel- 
haft das ursprüngliche. Hier hat also D den Reim geglättet. — 581 1. zu dem 
iA6nsten, In der folgenden Zeile war H zu folgen, D scheint den Ausdruck 
nicht recht verstanden zu haben. Vgl. 320. — 547. in der Anm. zu dieser 
Stelle wird die Form ergin irgend' als für Eilhart bewiesen angeführt ^ auf 
Qmnd von 5881, wo der Reim durch eine Conjectur gewonnen ist^ die L. als 
eine sichere bezeichnet. Ich bin anderer Ansicht. Die Stelle 5881 f. ist nur 
in H überliefert, wo steht mit guten bantzem ouch vergaß er niergen. Dafür 
schreibt L. halshergin : nergin. Und aus dieser Vorlage sollte H seinen höchst 
auffälligen Reim gewonnen haben? Vielmehr ist bantzem in die ältere Form 
hanwieren zu verwandeln und darauf reimte das md. ieren. Diese Form ist sogar 
einmal in D überliefert V. 1047 die in dem lande ime was, wo L.'s Text frei- 
lich, ohne Variante; inne bietet. — 559 f. sind in H vier Zeilen ^ die nicht 
etwa Erweiterung sind, sondern D kürzt hier wie so oft. Noch ist im Reim 
der md. aber beseitigte Reim tach : sprach erkennbar^ und den Begriff lang hat 
Web P. Die Stelle ist so zu restituieren: 

allez ane den langen tach. 

ein furste dar undir sprach 

wir mögen nicht envinden 

under al desim gesinde etc. 

f. kürst D wieder, wie schon aus dem ungeschickt herübergezogenen 
itlieh ist Eb ist nach Maftgabe von H und D au schreiben 

MtM BtUia XL (XXHL) Jsluf . ^% 



354 LITTERATUB: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBERGE. 

waz ob mir unser trechtin 

solhir 6ren gtmde, 

das ich in bestünde 

^r er mir mir n§me den lif. 
596 f. nur in H überliefert, lauten hier und bei L. 

doch solt ir niet sagen 

minem h^rem von mir snelle, 

eir er üch gelobin welle (H gelouben). 
Hier ist doch snelle auf den ersten Blick als Flickwort au erkennen. Also H 
hat offenbar eine Assonanz beseitigt Und welche? Die Vorlage hieß 

doch solt ir niet von mir sagen 

minem h^ren dem kuninge^ 

^r ir habet sin gelubede. 
Vgl. P 10 sie sotten ihn aber nicht nennen, bis ihnen der König gelobt a.s.w. 
In den gesperrten Worten liegt die Berechtigung zur Herstellung des Reiines 
und der Ei^mzung von 596. — 646 ff. lauten bei L. nach H 

du Salt dorch den willen min 

desin kämpf vermiden 

und nicht leid liden. 
Ersichtlich ist namentlich aus 648, daß diese Zeile in H elendes Flickwerk iit, 
und daß, wie so oft, zwei Zeilen des Originals in vier erweitert sind. D hat Dvr 
zwei Zeilen, aber allerdings den Reim der Vorlage auch verändert Wahr- 
scheinlich hieß es 

du Salt dorch den willen min 

desin kamp noch bewaren. — 

nein, neve, s6 hete man vor zagen . . . 
661 du machst: diese Form ist ganz willkürb'ch gesetzt, H hat magsL Die 
beweisende Reimstelle 6754 zeigt, daß nur mäht das richtige war. — 663 ist 
ist in H. sicherlich erst hinzugefügt; der Dichter schrieb ^ist ü dat ieüf *mMwen 
ts (: Ais), wodurch zugleich tz für ez durch den Reim erwiesen wird. — 664 £ 
sind falsch aufgefaßt und an die Redenden vertheilt, und nnnöthig H verändert 
Es ist zu lesen 

*war umme?* *daz ich dich i hiz, 

daz t^te du . als tun ich noch . 

s6 Iftz den kamp. nein ich doch. 
tetet statt täet 665 mag wohl nur Druckfehler sein. — 687 dos er vedäm da- 
wart hat H und L.; D fehlt diese und die folgende Zeile, offenbar ist n 
schreiben daz er daz vehten irwarp (: vart) ; H hat den Reim auf ungeschickte 
Weise geglättet. — 692 schreibt L. nach D irsleit he mickf umme das: H hat 
loos umbe daz, und dies ist das richtige: was ist daran gelegen? Vgl. PH 
Herr Tristan sprach: was dennl ich muß doch sterben, — 693 ff. lauten 

in H in D 

herr, ich sol doch sterben dumochtest doch gerne den lipvriste&. 

oder nach eren werben, 
nain neff den lip fryst. 
L.^s Text folgt im wesentlichen H, nur 695 heißt bei ihm du mochiesi doA 
den Kp vristen. Aber ersichtlich ist 694 in H wieder ein Flickven; das 
Werben nach Ehre, Oberhaupt ein 'oder hat hier gar keine Stalle. Aoeh P 



LITTERATUR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEBOE. 365 

hat nichts davon. 693 ist durch P als echt erwiesen; die lange Zeile in D 
brancht man nar zu zerlegen und den in dinen au yerwandeln, dann hat man 
die alte Vorlage. 

herre, ich sal doch sterben. 

du mochtest doch gerne 

dinen lip visten. 

Vielleicht ist jedoch nein neve in H echt, und zu schreiben: nein^ neve^ du 
mohtest gerne doch den Itp vrisfen, gerne mugen bedeutet hier du hättest 
guten Grund, Ursache'. — 699 f. fehlen in D und lauten bei L. nach H 

^ dann er daz 8§ge 

daz im s6 liebe geschdge; 

auch hier ist 699 ersichtlich Flickvers, und man braucht nur P 11 zu yer- 
gleichen, um die Vorlage zu erkennen: so reül ich lieber sterben ^ denn daß 
Morholten so lieh geschehen sollte^ d<ifi er ungef achten hinweg sollte neken. Die 
Steile ist demnach so herzustellen 

6 wolde ich liden die uöty 
6 im geschehe sd liebe, 
daz er hinnen schiede, 
daz in nieman torste bestftn. 

702 ist das sprachwidrige läze allerdings auf S. 468 corrigiert, aber auffallend 
ist doch, daß derselbe Sprachfehler noch einmal V. 3876 in rite begegne^ 
wo gegen beide Hss. diese Form gesetzt ist. Das ist wohl etwas mehr als 
Druckfehler! — 706 he wert des kamps von mir gezeU (: helt). Eine ganz 
wunderliche Ausdrucksweise, Ober die die Anm. schweigen. Der Herausgeber 
sieht nicht, daß gezelt nur Reimglättung für gewert ist ; H hat auf andere Weise 
den Anstoß beseitigt. — 726 ist die ursprüngliche Fassung sicher gewesen 
ddr in M&rholt warte (: karten^ ^ was D H wieder glätteten. — Nach 782 sind in 
H zwei Zeilen mehr, die sicherlich echt sind, da sie auf eine beseitigte Aaso- 
nanz weisen. Ich stelle die Verse so her 

*wä sal daz sSn?" 'htr vil nft, 

üf einem werde.' 'saget md, 

wenne sei der kamp gesehdu?* 

'daz sal ubir morgen vrQ. 
Denn daß die Boten ihrem Herrn erst am folgenden Tage berichten ^ ist eine 
ganz nnnöthige Annahme L.*s (Anm. zu 715). — 781 ff. sind nach H gegeben, 
aber ganz unnöthig ist aus D noch werde aufgenommen. Ausserdem weist die 
Abweichung von DH darauf hin, daß in der gemeinsamen Vorlage stand got 
der giUe müse dich behüten y was beide auf verschiedene Weise änderten. — 
797 f. scheint mir die von K. Hofmann herrührende Emendation wenig zu be- 
friedigen, am aller wenigsten sein vorgeschlagenes kunt, das auch L. nicht auf- 
zunehmen wagte. Das grüweliehe kint findet L. mit Recht auffidlend, und es 
ist auch nichts als ein Beimnothbehelf von D. Es stand ursprünglich 

und süz dd mit dem Schafte 

Mdroldes schif an den wach. 

der grüwelfche d6 sprach. 
Der mundartliche Reim erklärt die Änderungen der Umarbeiter vollkommen. — 
802 f. war nicht an H, sondern an D sich aosiisohließeni und zu achreiben 



356 LITTERATÜR: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEROE. 

daz wir schaden oder vromen 
hie wellen gewinnen. 

Vgl. P 12 ^daß wir Schaden oder Frommen hie hohlen wollen. — 811 ff. sind 
in H ganz sicher erweitert ^ namentlich aled teil ich dich flShen sieht ganz luch 
einem Flickvers aus. Darauf fuhrt D und P 12. Die ganze Stelle ist wohl 
so herzustellen : 

l^hen und eigen 

wil ich mit dir teilen 

und durch dich yeile yüm den Up, 

daz du läzest den strit. 

Damit fallt aber auch L.*s Bemerkung über die 'treffliche Gliederung in Mor- 
holts Rede^ die H hier erweitert hat. — 850 £• war nicht H, sondern D n 
folgen, worauf schon K. Hofmanns Bemerkung in der Anm. hinweist. Z. 851 
ist zu schreiben du hitest es gemutet nt. — Die beiden nach 858 stehendes 
PlusYcrse von H sind, wenn auch nicht in der Fassung der zwdten Zefle, echt; 
denn rust in H ist offenbar aus juste entstellt und stammt daher aus der Vor- 
lage. -^ 865 ist sdne (D hat «tine, H 9ön) wohl schwerlich richtig; es hieß 
ursprünglich do stunt ez dne sümen (: küne). — 902 ist allerdings in dem ent- 
stellten ßint y D richtig eint mit instr. diu erkannt; abei die Reimformen waren 
wohl nicht kntidi^ sondern knüidü] denn wenn auch die h. Elisabet di htt, 
so folgt daraus für Eilhart nichts. Wir werden weiter unten sehen, daß t» in 
gewissen Formen Eilhart zukommt. — 949 f., in D fehlend, werden nach H 
gegeben. Aber sdmen ir niht tohte ist eine überflüssige Wiederholung von 949, 
und nichts als Reimanderung. Es hieß ursprünglich 

sie was des kuninges tohter (: mohte) 
und was Isalde genant. 

Vgl. P 13 'stf (ier aüerechihuten Isolden, des Königes Tochter wm IrUmi. 
D ließ das Reimpaar weg, das H nach seiner Weise umreimte. Derselbe Robi 
begegnet auch in den Bruchstücken 111, 1. 2, wo man die Änderungen von DH 
vergleiche. — 962 ist sicher zu schreiben gesunden , was DH wieder glätteten. 
— 998 hat H, worin diese Zeile allein steht, reschtug^ was wenigstens anzu- 
geben, vielleicht sogar aufzunehmen war. — 1003 ff, nach H, während D dafür 
nur zwei Zeilen hat. 1004 («6 ich recht hohe veimomen) sieht wieder wie ein 
Flickvers von H aus. Es waren auch hier nur zwei Zeilen mit den Reimen 
tMiren : nemen wäre* Dies erklärt die Abweichung von D H auf die einfachste 
Weise. — 1057 daß hier das echte Reimwort ndUn statt nahen gewesen (: Exr- 
nenMen) hat L. nachträglich erkannt und in der Zeitschrift f. d. Alterthon 
22, 326 bemerkt, ohne aber hinzuzufügen, daß er in seiner Ausgabe nähen hat 
Das Ausrufungszeichen, das er unter den Lesarten bei nate, wie D hat, setzt» be- 
weist daß er die Form nicht verstand. Aber noch an einer zweiten Stelle ist 
ndUn sicher das ursprüngliche, 6420, wo L. mit D begunde ss näne (zeapd- 
ldne)f wo aber begunde ndlen : capeüdne das ursprüngliche war. Vgl. meine 
Anm. zu Demantin 7484. — 1075 ff. sind in H erweitert aus swei assonie- 
renden Zeilen, worauf namentlich der Flickreim do num dm helt reinen (: tswnes) 
führt. Die echte Fassung war 

von weinenne truobe, 

dd sie den helt üs truogen. 



LITTERATUB: F. LICHTENSTEIN, EILHABT VON OBEBOE. 367 

1246 ff. bei L. tooUet ir nü mtnen rät hdn, ah ich den kan gevindin, so sullü 
ir Mle sendin. gemndin ist geschrieben statt gewendin D, H aber hat sd wiU 
ich ÜLch vollenden. Wahrscheinlich ist die verlorene Zeile 1247 herzustellen den 
wil ich ü niht lengen; vgl. soll ich mich nicht säumen P 16. lengen ist in H 
auch V. 1590 beseitigt. — Die nach V. 1278 angesetzte Lücke iat nnter Be- 
nntzong von H vielmehr so zu ergänzen: 

daz tet er in der wise 
daz si alle wolden w^nen 
daz er ein koofinan wdre. 

Vgl. P 16 und stellete sich in aller Weise als oh er ein Kaufmann wäre, — 
Nach 1336 hat H zwei Verse mehr, die auch in den Lesarten nicht 
ang egeben sind: 

für den besten ward er genant 

durch das ganz knrwälsch land, 

wo noch die alte Assonanz deutlich durchblickt: 

vur den besten wart er gezalt 
über kumew&lisch lant. 

1344 f. daß begunde sire swachen des koninges niste mdge. So L., auB D und H 
componiert. Aber die ursprüngliche Fassung ist auch hier mit Hülfe von P 
leicht und klar zu erkennen. Sie war 

daz begunden sdre hazzen (: machen) 
sumliche sine mäge. 
H hat noch semlich sine m., und das sollte ein Anderungsversuch sein? P hat 
da waren etliche an dem Hofe . • . und hasseten ihn sehr darum, — Die beiden 
Plusverse in H nach 1348 sind schon wegen ihres Reimes (frauwen : trouwen) 
sicherlich ihrem Bestände nach echt. — 1405 1. sie statt sich. — 1434 hat H 
einen weiteren Text als D, welcher Hs. L. folgt. Aber vergleicht man P 18, 
so ist ersichtlich, daß D hier gekürzt hat Die Ausdrucksweise dcu waere ein 
wip unbereit ein solches Weib gäbe es gar nicht mußte allein schon einen 
aufmerksamen Beobachter darauf führen, daß diese Verse kein Znsatz von H 
sind. — Nach 1464 fehlen wieder in den Lesarten zwei Zeilen, die 
H hat. — 1643 ff. hat D wiederum gekürzt, wie man aus der Vergleichnng 
mit P 21 ersieht. Die von L. angeführte abweichende Lesart von H läßt 
wiederum zwei Zeilen aus. Die Lesart von H ist also zu Grunde zu 
legen, und folgendermassen herzustellen: 

Do fraugt er wa er hin säch und vrftgete wä er wdre, 

Das er in warhait im das jäch daz er im des j6he> 

Er wyst da hin den jungeling er wiste dar den jungelinc. 

Bald enweg schaff din ding nu hebe dich an den sint, 

Sprach do herr trystrand sprach der herre Tristrant 

Und rait gen den serpant. und reit wider den serpant. 

1694 ff. eine im Texte lückenhaft gelassene und in der Anm. mit verschiedenen 
Vermuthungen ausgestattete Stelle. Sie in ihrem ganzen Um£uige hier zu be- 
bandeln gestattet der Baum nicht; ich bemerke nur, daß Scherers Herstellnngs- 
versuch mir gar nicht einleuchtet; daß der ein von K. Hofmann zwar, was die 
Person (Tristan) betrifft, auf das richtige verfallen ist; aber nicht der ein ist 
die richtige Lesart, sondern der jene, welche nd. Ansdrucksweise H nicht 



358 UTTEBATÜB: F. LICHTENSTEIN, EILHABT VON OBEROE. 

Tentand« — 1721 f« hat L. die so nahe liegende Besserang nicht gefanden. 

DH haben 

D sa dem koninge der zage reit H zu dem k. er dd reit 

mid sagete im gr6ze tnmheit und s. im mit lagenheit. 

Hier war doch leicht zu sehen, daß kuninge : lugene der arsprangliche Reim der 
gemeinsamen Vorlage war. — 1886 schreibt L. mit D nedir scute sie sieh an 
dag gras, H hat nider legi su das gras. Vergleichen wir P. 24, da heißt es: 
sie leget es holde von ihr. Dadurch wird Ugt von H bestätigt , es ist also za 
schreiben nedir legete sie iz an das gras. — 1897 ff. sind nach H gegeben; 
D kürzt hier allerdings^ aber H hat wie gewöhnlich überarbeitet, daz du mö- 
gest hinnen kamen mit dtnem Übe untdtliche klingt sehr wenig wahrscheinKch. 
untStltche ist Zusatz von H. Das Reimwort war libe^ und darauf wird äne 
wwivel gereimt haben, das H durch sicherliche ersetzte. — 1939 liest L. nacii 
H d6 dise schiere gdn wolde. In D fehlen die Verse. Die Prosa führt auch 
hier auf das Richtige: ^cUs sie dber jetzt wehe schreien wollte*; also schrien ist 
statt schiere gdn zu lesen. H mag in seiner Vorlage schrigen gehabt haben. 
— 1956 ff. die Abweichungen von DH, mit P Terglicben, lassen auch hier 
die Yon DH auf verschiedene Weise geänderte Vorlage erkennen. 
D ir mochtet das vil libir vortragin, H ir mÖchtent es gern verclagen 
wen daz ir sulche dibe soll nemen^ dann das man uch geh dem 

die üch zu den 6ren müse zemen der uch mit zäm. 

P hat solltet ihr ihn dennoch lieber nehmen u. s. w. Daraus ei^bt sich fol- 
gende Herstellung: 

ir mohtet in vil lieber haben , 
dan daz man üch dem g^be, 
der ü niet enzdme. 
Die zwei Zeilen, welche H nach 1970 hat, sind echter Bestand, wie die Ver- 
gleichung mit P. 26 ergibt; nur wird es in der Vorlage gelautet haben 

dd verkds die frouwe 
üf ir micheln rouwen. 
2076 wird nach der Fassung von H gegeben wol nach ir aller gere. Das ist 
wieder ein rechter Flickvers. D hat sie enkunde nymant vor heren, wozu L. 
ein ? macht, ein Zeichen, daß er die Lesart , die die richtige ist, nicht ver- 
standen hat. Und wenn sie ein Schreiber des 15. Jh., der noch aosaerdem 
an dem ungenauen Reime Anstoß nahm, nicht verstand, dürfen wir uns da 
wundem? — 2079 die Hofmannsche Erklärung der Conjector eomU (statt cor- 
nut H) ist verfehlt; denn einen Stoff kann carnet nicht bedeuten, eomut ist 
einfach Lesefehler für timtt, cyddt und timit wie hier zusammengestellt auch 
im Tristan (mhd. Wb. 3, 37^). Entstellung des Wortes in muat zeigt eine 
Hs. des Wigal. 61, 9; in simier 103, 2. — 2125 f. hat H in einer ganz an- 
deren Fassung, die sich aus der von D durchaus nicht erklärt. Mag faule: 
gelüste immerhin ein formelhafter Reim sein, wie die Anm. belegt, hier zeigt 
die breitspurige Fassung von D und der Vergleich mit H, daß er nicht 
das ursprüngliche ist. Der alte Reim war unzwdfelhaft koste: gaste ^ das neu 
in H blickt noch durch. — Nach 2142 fehlen bei den Lesarten aber- 
mals zwei Zeilen in H. — 2165 f. wie in den vorausgehenden Zeilen hat 
D sichtlich gekürzt, aber H, dessen Text L. wiedergibt^ hat überarbeitet 
P hilft auch hier die echte Lesart erkennen. Es ist zu leaen 



LITTERATirR: F. LICHTENSTEIN, EILHÄET VON OBERQE. 3Ö((J 



Dl 



die rede was Triitraitde leit 

und zuToete tiI ubele. 
er sprach zu dem knninge: 
T^. F 29 Btrr TrieCan . . Mprach lU dem Könige, ein Utät in Zorn. Vielletclit 
war 3164 sogar das Reimport nicht lät, sondern twde , was P wahrscheinlich 
nacht. — 2195 ist eunäi-hat baeUUte^Hl Drnckfehler für betlelleitü, aber nicht 
dies ist die echte Lesart genesen, «ondero betlditd. 2196 in D and bei L. 
Isutend du Utt der der da »edir lid hat in H drei Zeilen Ich sag dir ou nid 
Verluirat du den Hb Was hilfft dirh daa schön wib. Auch wenn man gar kein 
»nderea Hiilfsmittel hat als D und H, so moß ein eini^ermaesen kandiges Auge 
doch sofort erkennen, daC hier H die Aasonans itrit-.tip zu vier Zeiten 
weiterte, nie D in swei Zeilen umreimte. Zn allem Überfluß hat nun P 30 
kämp/ttt du, eo mag leicht kommen, daß du deinen Leib verlierest. Es hieß also 
der sprach: beetistu den strit, 
da vcrlüsest den Itp. 
S202 f. lanten in DH ganz abweichend. 

P dfts ritte ich dir nebe min H daz wil ich dir neve m!n 

geit dir andirs unrechte. rEtten in rehten triuwon, 

ez mac dich wol beriuwen, 
best&st du in mit unrehten, 
man in der letzten Zeile von H unrehlc statt mit unreJiCen, so hat mau den 
richtigen Text, den D verkürEt hat. P bestätigt die Leeart in jedem Punktei 
darum rath ich dir in t^atiEen Treuen . . . denn bestehest du ihn mit Unrecht, 
wird es dieh reuen. L., ohne diese Übereinstimmung; zu beachten, folgt D, 
S253 liest L. ebenfalls mit D, dtnem nebin wil ich sie sendtn (: kenden), H hat 
müiem «. wil ich tie bringen, was L. bei den Lesarten mit einem *ie! versieht. 
Aber bringen, in EÜhart Mundart brengen, ist das ganz richtige, wie P 31 (ne 
Minern Oheim tu bringen) bestätigt. Wie näre auch H von selbst auf den fSr 
«nen Oberdeutachen wunderlichen Reim verfallen! — 2443 uiotl D und L., 
H hat möi/l, und dies ist das richtige, wie wieder F beweist. — 2492 an der 
•eltaamen Lesart und nü koningin uyordin bin scheint der Heraasgeber gar keinen 
Anstoß genommen zu haben, da er in der Anm. nichts darüber sagt. Ein 
ßlick in P hätte ihm zeigen müssen, daß kUngin in H entstellt ist ans kundieh, 
daa hier in einem Sinne gebraucht ist, der nur nd. oder md. scheint (vgl. 
Mnd. Wb. 2, 596''); in der nächsten Zeile ist rfoz in des zu verwandeln. — 
3519 f- weisen auf den von H beseitigten Reim 2i>p : «td, dne tcrln in der zweiten 
Z«ile ist Füllwort. V 35 hat nnr 'ich habe ihn lieb laid er midi nicht. Eil- 
hart wird geschrieben haben 

mit im, wan ich b&n in liep: 
td enhfit er mich niet. 
Vor 3544 sind bei den Lesarten zwei Plusvorse von H vergessen, 
■ind sicher echt und lauteten 

wiltn mir gnädon, Minne, 

enzit Salt dus beginnen. 

I mUC dd wedir sckrS (iriil). So L., U, die einzige Hb., hst 

und sekrayt statt schrS. schreit fand er allerdings wunderlich, 

\rt Ist CS nicht minder. Die naheliegende Besserung streit hat er nicht 

Daß P hier kein Helfer sei, ist unrichtig. P bestätigt die Leurt 



] 







1 




I 



360 UTTERITÜB: F. LICHTENSTEIN, EILHART VON OBEBCEEL 

leU = H, und setzt daher auch die Bessermig des sweitea Reimwortes nma 
Zweifel. — 2724 daz sie Markes lant vomdmen (: qudmen). So haben allerdings 
DH übereinstimmend. Aber sie haben beide geändert; das echte war da tk 
Markes lant sägen; Tgl. P 38 biß sie König Afarchsen Land sahen. Daß sie 
beide auf dasselbe Reimwort verfielen, ist sehr begreiflich. So ist aach 5904 
vemdmen an Stelle von sägen getreten; wahrscheinlich aach 7216. — 3015 f^ 
nur in H erhalten, lauteten^ wie man aus P 37 deutlich ersieht^ in der Yorlage 

frouwe, ez ist niht min spot: 

Brang^ne lebet ienoch. 
3707 schreibt L. mit D daz machity he was zu ndr belogim; es ist aber statt 
daz machü he was zu schreiben mit H da was er, jenes erklärende dd tli 
Antwort auf eine Frage. — Nach 3890 fehlen zwei Plus-Zeilen Yon H 
bei den Lesarten. Daß dieselben echt und alt sind^ geht aus der Ye^ 
gleichung mit P 57 hervor. Auch nach V. 3946 sind zwei Verse von H 
ganz übergangen. Die zwei nach V. 3994 stehenden Pluszeilen von H 
werden als echt durch P 59 erwiesen und war vor Zorn und auch vor Lad 
verwundet und nahe ganz unsinnig j also daß ihn niemand etwas bitten dmfte. 
Nach HP sind die Verse so herzustellen 

von zome verwundet. 

da was nieman nnder 

der in ihtes biten torste. 
Doch ich lasse die übrigen 5520 Verse der Ausgabe bei Seite, und be^reehe 
nur noch einen sprachlichen Punkt. Wenn L. in der Anm. zu 31 bemerkt, 
daß Eilharts Gedicht in der uns überlieferten Form keinen Beweis für ü oder 
iUh als Dat. biete^ so hat er recht, wenn man nicht auf die zu gewinnende Yot- 
läge zurückgeht. Und doch gibt es zwei Stellen, aus welchen der Beweis ge- 
führt werden kann. 6237 f. hat H (in D fehlen die Verse) 

SU hat doch trtiwe nain sü loch 

nun Ijt sü hy üch doch. 
Wer nur einigermassen die Art von H beobachtet hat, rieht sofort , daß hier 
die beiden Beimworte joch : doch hinzugefügt sind. Die unpr&nglieheii Beim- 
worte waren also su : ucA, d. h. in md. Schreibung süiü, L. sehreibt nein sie: 
nü liget sie üch doch M; vielmehr doch bi üy vgl. auch P m» legete sidk aeies 
euch. Zugleich beweist diese Stelle, daß die Schreibung siu für das fem. sing, 
nom., welche M hat, ganz richtig ist^ nur muß man rie in md. sü verwandelii. 
Die zweite Stelle ist V. 9421 f., wo die Hss. so abweichen: 

he was mir Itber denne Mi D (dann euch vil B, dann üeh ye H), die 
bare entdacte sie obirlut D {die baur do endact sie H, wie wcl iek das erwogen 
wü B). L. folgt D and läßt üchiubir lüt reimen , ohne die Ungeschieklick- 
keit des letzteren Ausdruckes zu erwähnen. Ersichtlich sind vil und ye Zo- 
sätze von BH, 9432 ist in B ganz umgedichtet H aber fuhrt auf das edite, 
das auch hier ü : sü war. 

Aus den vorstehenden Belegstellen, die ich mit Leichtigkeit verdoppeln uad 
verdreifachen könnte, ist wohl eines klar, daß die Ausgabe, welche sich zum Ziele 
setzte, die Vorlage von B D H herzustellen, nur in sehr beschränktem Masse wissen- 
schaftlichen Anforderungen genügt. Die von mir gemachten BesseningsvorseUige 
sind sämmtlich dem Texte entnommen, den ich 1861 nach DHP (ohne B 
noch zu kennen) constituiert hatte, aber, weil er mich nieht überall 



LITTERATUR: L. QAÜTIEB, LES EPOP^ES FRANgAISES. 361 

znrfickhielt. Dr. L. ist mir nun zuvorgekommeD. Doch ich denke gezeigt zu 
haben, daß meine Ausgabe durch den hier besprochenen Text nichts weniger 
als überflüssig geworden ist. Eine kritische Ausgabe der Prosa, als der in 
vieler Hinsicht wichtigsten Quelle, beruhend auf genauer Collation der ältesten 
Drucke und noch besser sämmtlicher Drucke, ist eine erwünschte Vorarbeit, 
welcher sich hoffentlich bald ein Jüngerer unterziehen wird. 

HEIDELBERG, 22. Mai 1878. K. BARTSCH. 



Les Epopies franyaises. Etüde sur les origines et l'hisloire de la litt^rature 
nationale par L^on Gautier. Ouvrage trois fois couronnö par 1* Acad^mie des 
Inscriptions et Beiles • Lettres. Prtoier volume. Seconde Edition, enti^re- 
ment refondue. Paris. Sociöt^ göndrale de Librairie catholique. 1878« 
Xn und 561 Seiten GrolSoctay. 

Die erste Ausgabe der drei Bände des vorliegenden Werkes sind den 
Freunden der mittelalterlichen Dichtung zu gut bekannt, als daß eine genaue 
Kenntniss derselben nicht vorausgesetzt werden dürfte, und es wird daher zur 
kürzlichen Charakterisierung der Umarbeitung des ersten Bandes genügen, wenn 
wir dieselbe mit den eigenen Worten des Verf. bieten: „Voici donc une oeuvre 
presque absolument nouvelle. Si quelques chapitres de Tancienne Edition ont 
^t^ conserv^s, ce n'est pas'sans de nombreuses et importantes modifications. 
H nouB a fallu refaire k nouveau tout ce qui se rapporte k Torigine et k la 
formation de l'Epopöe francaise, aux Cantil^nes, A la versification rhythrnique. 
•Sans parier d^une liste complöte de tous les manuscrits qui renferment le texte 
de nos vieuz poemes, nous avons du ajouter k notre redaction primitive un 
chapitre sur le Style des Chansons de geste et nous l'avons accompagn^ d*une 
Chrestomathique ipique oü les plus helles pages de nos romans sont mises en 
Inmi^re et traduits pour la premidre fois. Enfin nous avons profit^ de tous les 
travaux r^cents, comme aussi des conseils de tous nos amis et des critiques de 
tous nos adversaires. Et, k bien prendre les choses, les adversaires ne sont 
qa une seconde esp^ce d* amis , aUerum amicorum genua*^. (p. V.) Dieser 
letztere Satz verdient ganz besondere Beachtung, da er zeigt, daß der Verf. 
lediglich, wie es der Würde der Wissenschaft gemäß ist, der Wahrheit nach- 
strebt und sie selbst bei Gegnern zu schätzen und zu verwerthen weiß, so daß 
im Vereine mit dem improbua M>orj den er auf seine neue Arbeit verwandt 
hat, dieselbe in noch höherem Grade sich aller der Vorzüge erfreut, welche 
die frühere besaß und welche alle Freunde der altfiranzösischen Poesie ohne 
Anstand anerkannten, ohne sich von der Beschränkung des Verf. abhalten zu 
lassen, der von dem Leser sagt: „S' il est chr^tien et Fran^ais, il n' accueil- 
lera pas sans quelqne Sympathie un livre consciencieuz et qui a ^t^ surtout 
inspird par f amour de l'Eglise et de la France*'. 

Schreiber dieses ist weder ein Franzose noch ein Christ im Sinne des 
Verf., und trotzdem gehört er nicht nur zu den lecteurs indulgents (Herr G. 
bedarf deren freilich nicht, denn sein Werk braucht selbst strenge Kritik nicht 
zu furchten), sondern hat dasselbe mit großer Genugthuung studiert und reiche 
Belehrung daraus gezogen. Wenn irgend etwas der Arbeit Herrn G's. außer- 
halb derjenigen religiösen Kreise, denen er angehört, Abbruch thun könnte. 



362 LITTEBATUR: L. QAUTIER, LE8 EPOP^ES FRAN9AI6E8. 

•0 wäre es der eben berührte Umstand , daß statt seinen Gegenstand tob dem 
höheren Standpunkt der reinen Wissenschaftlichkeit zu betrachten, er durchweg 
den des absoluten ultrakatholischen Dogmatismus, des eifrigsten Ultramontanit* 
mus einnimmt und ihn bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund schiebt. War 
das unumgänglich nothwendig ? konnte der Verf. durchaus nicht zeitweilig Yon 
seinen reUgiösen Meinungen absehen und sich an ein vorurtheilsloseres Publi- 
cum wenden, als es das clericale, das ultramontane, das die weltliche Herr- 
schaft des Papstes (p. 57) für unerläßlich erachtende ist? Hätte sich dann 
wirklich keine andere Verlagsbuchhandlung gefunden, während jetzt die Soci^^ 
Gönörale de Librairie catholique dem sonst unbefangenen Leser gleich yon Tom- 
herein ein ex ungue leoneni zuruft? Ref. kennt mancherld höchst schätzbare 
literarhistorische Arbeiten französischer Gelehrten, die seiner Ueberxeugung nach 
an rechtgläubigem Sinn Herrn G. nicht nachstehen und deren Stoffe ganz ipe- 
ciell der Literatur eben solcher Länder angehören, ohne daß de gleichwohl in 
den gerügten Fehler oder überhaupt in religiösen oder kirchlichen Enthusias- 
mus verfallen wären. Herr G. aber enthusiasmiert sich für die in den Chan- 
sons de geste enthaltenen admirables pages sur la Trinit^ sur rincamatioo^ 
sur la Redemption et le Ciel (p. 32) r er schreibt ces pages qui sont prind- 
palement ^crites k Thonneur de TEglise et de la France' (p. 488); er liebt 
jene Epen *en Fran9ais et en chrdtien und bietet eine Anthologie ^ique o& 
„France la douce" et l^Eglise tiennent tant de place* (p. 548). Von der Phi- 
losophie und der Glaubenslehre der TrouYÖres, welche in dem Credo bestdit 
und worin daher auch eine humanftö qui s'achemine librement vers l'dtemeDe 
joie ou la dotdeur etemeUe (!) figuriert^ von dieser sagt Herr G. Je m'aeeoB- 
mode volontiers de cette philosophie et de cette doctrine. EUea sauüenmemt k 
monde (!)* (p. 544). Auch von der Vaterlandsliebe der Ultramontanen spricht 
Herr G., trotzdem man es in Frankreich und sonst überall kraft gemachter 
Erfahrungen viel besser weiß, allein er meint, rien n'est plus fauz (p. 159); 
das hieße der Geschichte absichtlich ins Gesicht sehlagen, wenn eben nicht 
Herr G. ein ehrlicher, aber von vorgefaßten Meinungen geblendeter SchriftiBtdkr 
wäre, auf dessen Standpunkt man sich stellen muß, um sowohl dies au be- 
greifen, wie daß er sagen kann: „tont mon sang fr^mit qnand je IIa, daasnos 
chansons, qne les Chevaliers francais proposent aux Musulmana vaincos cette 
^pouvantable alternative: „Se faire baptiser, ou avoir sur-le-champ la tftte s^ 
paröe du bü*^ ; denn was heißt se faire baptiser anders als rechtglinlnger 
Katholik werden? Letzterer Satz ist also nur der Syllabus in ntiee, dem an 
gehorsamer Sohn der Kirche Folge leisten muß, ohne daß sein Blut in Wal- 
lung geräth. An einer andern Stelle sagt Herr G. von Karl dem Gtroßen: Ji 
comprit d*avance qu'au milieu d'un d^sordre possible sous ses suceeaaears, «ne 
Eglise sans temporel serait une Eglise sans libert^ . . . il a crd^ le titre eln^ 
tien de l'AUemagne et de Tempire, qui consiste pour euz a rester tcujoun 
arm^ aupr^ de la Verit^ d^sarmöe" (p. 57). Verü^l und die paeiidoiaidon- 
sehen Decretalen? disarmM und das zahllose Heer der Schwamöckigen? die 
foudres du Vatican tegilfiniQavvog'i Auf den ersteren Satz aber antwortet Dante 
gelegentlich der sogenannten Schenkung Constantins. Sollte man daför kalten, 
daß dergleichen Erörterungen die Literaturgeschichte nichts angehen » nicht ss 
derselben gehören, so fordert Herr G. ja nur selbst dazu auf^ da er durch- 
aus und überall seine ultramontane Gesinnung in das grellste Licht stellt; er 



LITTERATUR: L. GAÜTIER LE8 EP0PÄE8 FRANgAIBES. 363 

darf sich also nicht beklagen und kann gegen eine Verweisung auf Georges 
Dandin nichts einwenden. 

Anders verhält es sich mit den sonstigen Äußerungen des Verf. , die 
reine Gefühlssache sind und bei ihm sich gleichfalls stets dem Enthusiasmus 
luneigen; denn bei dem Leeen der Einleitung zur Lex SaUca^ wo es heißt: 
Virat Christus etc. pocht ihm das Herz (p. 34); wenn er die Namen Karl 
der Große, Roland^ Ogier u. s. w. aussprechen hort^ pocht ihm wiederum das 
Herz (p. 405) ; er beruft sich femer bei anderer Gelegenheit ^ k tous ceux qui 
ont lu le Roland et qui ont pleur^ en le lisant* (p. 427); hier können wir 
uns bloß über die Stärke der Empfindungeu des Verf. wundern oder yielleicht 
sie bewundern und müssen es als eine Freundlichkeit gegen uns Deutsche be- 
trachten^ wenn er weiterhin (p. 547) äußert: „Un Allemand, de son c6t^, 
repite encore^ avec de larmes, certains de ses lieder qui remontent ä plusieurs 
tiMes*'. Wie weit letzterer Umstand auf der Wirklichkeit beruht, weiß Verf. 
sieht zu sagen, jedenfalls ist es von Herrn G. gut gemeint und verdient Dank 
ebenso wie ihn auch das englische Volk zollen wird, welches, wie er sagt, en 
1878 ne parle pas sans Emotion de son Richard Coeur- de-Lion, de son Edouard HI 
et de son Henri V' (ib). 

Wir ersehen aus dem Vorhergehenden^ wie sehr der Verf. sich in seinen 
Gregenstand versenkt und ihm mit Herz und Seele angehört. Es ist daher auch 
selbstverständlich, daß er ihn so tief und gründlich erfaßt hat, wie vielleicht 
kdn Anderer, daß er keinen^ auch nicht den geringsten damit in Verbindung 
stehenden Umstand unbeachtet und unerörtert läßt, daß sein Werk also in 
literar-his torisch er Beziehung ein opus palmarium zur Zeit ist und lange bleiben 
wird, und daß alle diejenigen, welche das altfiranzösische Epos genauer kennen 
lernen wollen, darin die reichste Belehrung finden werden; es ist in jeder Be- 
siehung erschöpfend; es ist nichts darin übersehen. Wir nennen beispielsweise 
£e hier bereits gleich anfangs erwähnten Abschnitte über den Ursprung und 
die Ausbildung der genannten Epik, über die Cantilenen, über die Versifica- 
tion, femer ein vollständiges Verzeichniss der die alten Gedichte enthaltenden 
Handschriften, sodann einen neuen Abschnitt über den Stil derselben , so wie 
eine reiche Chrestomathie der anziehendsten Stellen in genauer und zugleich 
eleganter Uebersetzung; femer, fügt Ref. hinzu, einen genauen Nachweis über 
aOe bisher erschienenen Ausgaben jener Dichtungen — alles dies und vieles 
andere wird uns geboten , wie Proben von Bearbeitungen einzelner Episoden 
z. B. des Ogier le Danois, von MÜes et Ämüe$ in den verschiedenen Jahr- 
hunderten, woraus die literarischen Schicksale, denen derartige Dichtungen aus- 
goeetzt waren , auf das einleuchtendste erhellen ; femer auch Proben von Hand- 
•ebriften (p. 174, 224); kurz, es fehlt nichts, auch nicht die durchsichtige 
Birheit und Fülle einer Exposition, der es, wie wir gesehen, durchaus nicht 
||to Wiane mangelt, die eher Überfluss daran hat und daher nicht selten in 
^H9HHir||eht und in Wiederholungen geräth; doch ist dieses Zuviel leicht 
^I^HHHl^MBid auch zu entschuldigen; denn wenn irgendwo so heißt es hier 

▼oll ist, deß gehet der Mund über**, und das Herz de» Verf. 
■einem Gegenstand bis zum Rand^ voll. 

% näher einzugehen, behält Ref. sich bis zum Erscheinen 
vor, der den Schluß des zweiten Baches d. h, der Glanz- 



364 UTTERATUB: L. GAUTIER, LES EPOP^S FRANgAISE& 

periode der altfranz. Epik enthalten soll, während das erste die Bildangfperiode 
behandelt; hier will er nur folgendes bemerken. Der Verf. sagt (p. 153): ,Li 
formule est le signe des ^poques de decadence. C^est a eile qne Ton doit, en 
grande partie, la ddplorable mort de notre podsie ^pique". Glaubt er nim, daß 
die griechische Epik sich zu Homers Zeit schon in Verfall befand oder difi 
Homers epische Formeln bei ihm zuerst yorkommeUf daß er der Erfinder der 
selben war und er keine Vorgänger hatte, denen er sie entlehnte? — Fener 
in dem Gedichte Amis et Amilea hat letzterer eine himmlische Vision et tp- 
prend d' en haut qu' il gu^rira son ami en le lavant avec le sang de «es proprei 
enfants . . • Mais Dieu fait un beau miracle, et les denx innocents ressascitcBt. 
Certes, voilä une fiction terrible, et il n'en est gu&re qui alt plus le parfu 
de la G^rmanie . Bef. sieht nicht, wo hier der germanische Duft sich bemerk- 
bar macht; in der Heilung durch ein Blutbad? in der Tödtong der eigeoen 
Kinder um einen Freund zu retten? aber durch ein Bad der genannten Ait 
heilten ja schon die Aegjpter den Aussatz nach PL HN. 26, 5^ und das Tödtes 
der eigenen Kinder zu jenem Zweck findet sich schon in der UrqueUe des 
französischen Gedichtes, s* Lancereau*s Übersetzung des Hitopadesa p. 152 £ 
Histoire de Viravara; vgl. Benfej, Pantschat I, 417 ff. Endlich will Bef. noch 
den Ausruf aoi berühren, der in der Oxforder Handschrift die meisten 'nndes 
des Roland schließt und von Herrn G. p. 368 ff. besprochen wird. Viel&die 
Versuche denselben zu erklären sind gemacht worden, jedoch ohne Erfolg; n 
diesen will Ref. noch folgenden hinzufugen. In Corrado ATolio*s Camti pop»' 
lari dt Noto, Noto 1875, finden sich einige Wiegenlieder (Av6o oder Ninie 
nanne), welche säountlich mit dem Ausruf Avbo beginnen ; so gleich das ente: 
„Avöo , l'amuri miu, ti vogghiu beni; — L'ucciddi ri mh figghia sn*sireiii*, 
(Dich^ mein herziges Kind, dich liebe ich ; — die Augen meines TöchteileiBi 
sind Sirenen); oder: «Ay6o, lu figghiu miu ri lu mh ciatu, — ICaccia ri ghier 
suminu carricatu. — Av6o, lu figghiu miu, maccia r'aranciu, — La Miimii 
pi un trisoru nun ti canciu" (Du Söhnlein meines Athems, — du mit Jasmia 
beladenes Gebüsch , — mein Söhnleiu , du Pomeranzengebusch , — idi| die 
Mutter, gebe dich für keinen Schatz fort), u. s. w. Hier entspricht der Ansmf 
Avbo etwa unserm Eia oder Ninnei der Wiegenlieder; er wird aber auch soMt 
gebraucht. Traina, Nuovo Vocabolario Siciliano-Italiano. Palermo 1869 a f. 
Ahb sagt: f^Ahh e Avb s. f. Voce bambinesca, per dormire || akhi h pur lacaa- 
tilena per addormentare i bambini: ninna, || Ahb-^Ahb o Av6 — Avb. Modo 
d'iucitar le bestie a camminare: arri — arr%\*^ also in dieser letiteren Bedes- 
tung entspräche es unserm hott = vorwärts, zum Antreiben der Pferde, Jeden- 
falls hat dieses avbo keine bestimmte Bedeutung, sondern ist gewissennaßes 
nur ein Naturlaut, der bald zur Ruhe bald zur Eile ermahnt, and ersteren 
Zweck mag auch das in Bede stehende lautverwandte oßi haben; es mag eine 
Pause am Schluße der Tirade andeuten. 

Hiermit am Schluß dieser vorläufigen kurzen Anzeige angelangt, wQl ick 
nur noch wiederholt auf den hohen Werth der Arbeit des Herrn G. hinweisfli, 
welche nach ihrer Vollendung eine wahre Schatzkammer alles dessen büdcs 
wird, was zum Verständniss der altfranzös. Epik nothwendig ist, nnd auch j< 
schon, so weit sie reicht, sich als unentbehrlich «rweist. 

FELIX LDSBBECHT. 



UTTERATIIR: M. THAUTMANN, LACHMANNS HETONUNQSGESKTZE. ggö 

Es aei mir geetattct, der Tor.iuageh enden Cbarnkteriatik von Gautiere 
Buclie ein paar Worte hinzDzutageii- Ich habe der ereten Auflage in der Kevue 
eritique 18Gt>, Hr. 53 eine Beeprechung gcnjdmet, auf welche die neue Auf- 
lage wiedeiholt Bezog nimmt. Ein Zeitraum von zvölf Jahren reicht in einer 
M> im Fluße begriffenen WissenBcbaft, wie die romuniEclie Philologie igt, wohl 
lio , um in vielen Punkten seine AnaichteD zu modifizieren. Gaatiers Buch 
•elbst legt davon am besten Zeugnis» ab; er hat auch von den ibm gemachten 
Zuwendungen redlich gelernt. Und so bekenne ancb ich, in einaelnca Punkten 
jetzt meine Meinung ebcnfalle geändert zn haben. So beiüglich der Herkunft 
äet AleiaDdrinere; er atatomt wirklich, wie ich mich iniswiBcben hingst iiber- 
■eogt habe, aus dem asklepiadeischen Verse, der In der kirchlichen Poesie des 
Uittolalters ebenso acceiituierend geworden wnr, wie der katalektiscbe Tetrameter 
daci^licUi. Niemals aber habe ich behauptet, daß der Alexandriner aus dem 
ScDBriu» entstanden, wie mir Gautier S. 313 unterschiebt; ich habe im Gegen- 
tbeil auf die prlncipielle Verschiedenheit der Cacaur (Bevue a a. 0. 411) 
kiDgewiesen; und dort auch schon den rhythmischen lateinischen Vers belegt, 
d«r dem Aleiandrlner cnteprii-bt und aus dem Asciepiadena bervorgieng. Be* 
tfiglich der abweichenden Beton ungs weise in der Caesur des lateinisebeD und 
fnuiEÜ«ischeu eehnsjlbigea Versen kann auch daa was S. 310, Antn, gesagt ist, 
Hiebt befriedigen; der wahre Grund ist vielmehr in der Verschiedenheit des 
(pr&chlicben Charakter» zn suchen. Den eehnsilbigen Vera mit Caesnr nach 
der eeehiten Silbe mit ten Brink und Gantier als cr^tion toutc artiatlque d'uR 
ftisifie&tenr Inconiiu xa betrachten (S. 333) geht Bcfaleebterdings nicht an. 
Wie wäre denn sein Vorkommen in mehreren ganz volksqiBlÜgen Romanzen 
(bei mir I, 5. I, 16, und die Anm. zu erst«reT Stelle) zu erklären? Vielmehr 
iat hier auf die lateinische Grundform und ihre rhythmische Entwicklung im 
IfiUelaKer znrücktugehen. Auffallen muß, daß von den kürzeren epischen Ge- 
dichten, namentlich jenen Volksromanzen, nicht gehandelt wird. Den Syllabimne 
als Grundprincip einer rhythmischen Metrik anzusehen (S. 382) ist durchaus 
nicht nöthig; die germanische Metrik widerspricht dem entschieden. — Beeonders 
anfinerkuim mache ich noch auf die werihvolle Beigabe eines Verzeichnisses 
sämmtlicher Chansons de geste in alphabetischer Ordnung mit Angabe der 
HandBchriflen (H. 234 ff.), anf die trefflichen Bemerkungen über das kritische 
VeT&hreii bei Ausgaben (S. 273 ff.), auf die gegen früher modifizierte Ansieht 
rom Ursprung der lateinischen rhythmischen Poesie und der französischen 
Bhytiimik (S, 991. 300 f.); sowie auf die Ausrübrung über den Ursprung der 
oovpUtii Kimilaires (S. 357 tT.), die von Bedeutung auch für unsere altdeutsche 
Epik sind. K. BARTSCH. 

l Trantmann, Lachmanna Beton ungsgesetze and Otfrieds Vers. Halte 1877. 
meyer. 8. 31 S. 

icbmanDS Betonungsgesetzo , inabeBonderc die Geaetzo über die Stel- 
) Nebentones waren bis vor knrzer Zeit in nubestriltener Geltung. Lach- 
Ibst aber ist es gewesen, der die von ihm in seiner berühmten Abband- 
IX althochdcutache Betonung und Verskunst ausgesprochenen Grnnd- 
IX wesentlich modificiert hat in einer zweiten Abhandlung über den 
Gegenstand , die jedoch erat in der Oeiammtaasgabe seiner klainett 



1 



366 LITTERATUR: M. TRAUTMANN, LACHMANNS BETONUNGSGESETZE. 

Schriften (I, 394 — 406) ans Licht trat. Anch hier geht er aiUBchliefilieh toh 
metrischen Beobachtungen ans^ and er kommt zu folgenden Sätien : .Yoo liig- 
silbig anfangenden Substantiven nehmen den Nebenton auf der dritten Silbe 
die abgeleiteten auf -ari, nissi, ilin, isal, unga und ing an**, (p. 403 *). 

Femer p. 404 : „Bei den Adjectiven kommt durch die Bildungen m t; 
ag, avj ing der Nebenton auf die letzte Silbe« wenn gleich die erste lang irt''. 
Nach p. 406 u. 406 sind ihm auch Verbalbetonungen wie •4nbnf arbn, ot^ 
M^fiy wahrscheinlich. In ganz anderer Weise verfiUirt Sievers zor Lant- nnd 
Accentlehre der germanischen Sprachen P. n. Br. Beitr. IV, 522 ff: foEeod 
auf Thatsachen der Lautgeschichte kommt er (p. 668) zu dem SchloS: aFür 
die Lagerung der Nebenaccente der älteren Zeit gewinnen wir statt des yod 
Lachmann angenommenen rhythmischen ein wesentlich logisches Prineipi nim- 
lich das, die determinierenden Theile des Wortes durch den Aeeent herrorzn- 
heben **• Beide Standpunkte, den metrischen nnd den sprachgeschiehttidieB, 
▼ereioigt nun Trantmann, um darznthun, „dtL& jene Betonnngsgesetae Lteli- 
manns in den früheren Perioden unserer Sprache so wenig bestanden habes 
können, wie sie in der gegenwärtigen bestehen*' ; er leugnet wie Sieren einei 
Einfluß der Quantität der Stammsilbe, unterscheidet sich aber Ton Sierers da- 
durch, daß er, abgesehen von den Compositis, das Bestehen eines Kebentonei 
überhaupt in Abrede stellt. Der größte Theil seiner Arbeit ist schon Tor etwi 
drei Jahren verfaßt und wohl deßbalb vom Ver£ftßer unverändert abgedruckt, 
um seinen Antheil an der neuen Anschauungsweise zu wahren. Zunädut pnft 
er vom metrischen Standpuncte die Gültigkeit des Gksetzes, dem zufolge nach 
langer Stammsilbe unmittelbar auf diese ein Tiefton folgt. Er findet, daß diei 
Gesetz — das er mit A bezeichnet, — in dem von ihm geprüften Abschnitt 
Otfrieds yierundzwanzigmal beobacht