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Full text of "Grundriss der englischen Metrik;"

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WIENER BEITRAGE 

ZUR 

ENGLISCHEN PHILOLOGIE 



UNTER MITWIRKUNG 



D"- K. LDICK 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILO- 
LOGIE AH DER UNIVERSITÄT 
IN GRAZ 



D"- R. FISCHER 

ORD. PROF. DRR KNUL. PHILO- 
LOGIE AN DER UNIVERSITÄT 
IN INNSBRUCK 

D" L. KELLNER 

AO. PROFESSOR DER ENGL. 
PHILOLOGIE AN DER UNI- 
VERSITÄT IN CZERNOWITZ 



D"- A. POGATSCHER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILO- 
LOGIE AN DER DEUTSCHEN 
UNIVERSITÄT IN PRAG 



HERAUSGEGEBEN 



D^ J. SCHIPPER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILOLOGIE UND WIRKL1CIIRH MITGLIEDS DER 
KAISERL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN 



XXVI. BAND 



WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. U. K. HOF- U.ND UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER 



SAMUEL TAYLOR COLERIDGE 

THE ANCIENT MARINER 



TND 



CHRISTABBL 

MIT LITERARHISTORISCHER EINLEITUNG UND KOMMENTAR 

HERAUSGEGEBEN VON 

ALBERT EICHLER 




WIEN üXD LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. U. K. HOF- UND UMVEKSITATS-BUCHHÄNDLEB 
1907 



AUe Rechte, insbesondere das der Übersetsong, Torbehalten. 



K. k. UniTersitäts-Buchdruckerei aStsrria*, Gras. 



DEM ANDENKEN 
MEINES ÜNVERGESSLICHEN TEUREN VATERS. 



\5 



Vor^vort. 



Läterarhistorische Betrachtung der beiden in den fol- 
genden Blättern herausgegebenen Balladen, der ich mich 
vor einiger Zeit widmete, legte mir den Stoff so nahe, daß 
mit der Zeit das Material verschiedener Art anwuchs und 
der Plan einer handlichen Sonderausgabe dieser charakte- 
ristischen Denkmäler Coleridges in mir reifte. Selbstver- 
ständlich habe ich dem verdienstvollen Campbell wie 
dem geistreichen Alois Brandl viel zu danken, was ich 
überall gebührend erwähnt habe ; ebensosehr muß ich aber 
auch betonen, daß in diesen beiden großangelegten Werken 
Einzelheiten der Korrektur bedurftien, die ich nach bestem 
Wissen anzubringen nirgends .unterließ. Auch im Kom- 
mentar, der hoffentlich die richtige Ausdehnung erhalten 
hat, mußten Vorgänger benutzt und zitiert werden: hier 
ist aus praktischen Gründen Polemik vermieden worden. 
Auf einzelnen Anregungen in CampbeUs Ausgabe fußt 
mein Lesarten-Kommentar, den ich ebenso wie die 
metrische Betrachtung in ihrer Gänze und Detaillierung 
als selbständig ansprechen zu können meine. Bei der Er- 
klärung einzelner Ausdrücke ist das Oxforder New English 
Dictionary zu Bäte gezogen worden; jedoch sind auch eigene 
knappe englische Definitionen gewagt worden, diemeist von 
meinem treuen gelehrten Freunde Dr. James Morison 
(Oxford) in einem fiüheren Stadium der Arbeit überprüft 
wurden. Er wies mich auch auf einige Parallelen und 
auf Scotts Benutzimg von Ausdrücken aus Coleridges 
Gedichten hin und hatte die große Liebenswürdigkeit, 
während des Druckes die Texte des Ancient Mariner noch- 



— vm — 

mals zu kollationieren: für alles weiß ich ihm herzlichsten 
Dank! Nicht minder aufrichtig verbunden bin ich Herrn 
Privatdozenten Dr. E. Brotan.ek für wesentliche Erleich- 
terungen bei der Benutzung der Wiener Hofbibliothek, 
Herrn Dr. E. Dyboski für die NachkoUationierung der 
Christabel-Texte, Herrn Dr. H. Frisa für etliche Exzerpte 
aus hier nicht erreichbaren Quellen und endlich meinem 
sehr verehrten Herrn Kollegen, Herrn Professor Dr. E. 
Dittes, für seine aufopfernde Mithilfe bei der Korrektur 
des Buches, wobei noch manche Unebenheit geglättet und 
manche Anregung fruchtbar gemacht wurde. Auch Verlag 
und Druckerei verdienen die dankbarste Anerkennung in 
Anbetracht so vieler typographischer Schwierigkeiten, die 
ihr unermüdliches Entgegenkommen stets zu lösen wußte. 
Der Plan des Buches wollte einem doppelten Zwecke 
dienen: einen kritischen Text zu liefern, der bei Seminar- 
übungen zu Grunde gelegt werden kann, und eine auch für 
Schulen brauchbare Ausgabe herzustellen. So sind auch 
kritischer Apparat und Kommentar so gearbeitet, daß sie 
ziemlich unabhängig voneinander benutzt werden können. 
Wenn auch das Beiwerk dieser Ausgabe da und dort 
Widerspruch finden mag, dem Leser des unvergänglichen 
Textes selber kann ich nur mit Ch. Lamb zurufen (und 
dies möge auch der Segenswunsch für mein Büchlein sein) : 
*'/ counsel thee, shut not thy heart, nor thy library, against 

8. T. er 

Wien, im Juli 1907. 

Der Verfasser. 



Abkürzungen. 



Col. = Samuel Taylor Coleridge. 

Wo. = William Wordsworth. 

Anc. Mar. = The Ändeni Mariner. 

Ckrigt. = Christabel. 

Brandl =s Samuel Taylor Coleridge und die englische Romantik von 
Alois Brandl. Berlin, 1886. 

Ca, = The Poetical Works of Samuel Taylor Coleridge. Edited with 
a Biographical Introduction by James Dykes Campbell. 
London, 1893. 

Notigbudi = S. T. Coleridges Notizbuch aus den Jahren 1795—1798, 
herausgegeben von A. Brandl (Archiv f. d. Stud. der 
neueren Sprachen, 97. Bd.). 

H. = Lyrical Ballads. By William Wordsworth and S. T. Coleridge. 
1798. Edited with Certain Poems of 1798, and an Intro- 
duction and Notes by Thomas Hutchinson. London, 1898. 

G. = The Ancient Mariner by Samuel Taylor Coleridge. Edited with 
Introduction and Notes by Andrew J. George. Boston 
(U. S. A.), 1897. 
Andere Abkürzungen siehe: "Überlieferung." 
Der meist ganz elementare Kommentar zum Anc. Mar. von 

Dr. M. Benecke in seiner "Coüectüm of Longer Engliah Poems'' (Vel- 

hagen & Klasings "English Authors" 62) ist mir erst nach Abschluß des 

Manuskriptes bekannt geworden: ich habe ihm nichts zu verdanken. 



Druckfehler und Berichtigungen. 

S. 1, Z. 6 V. o. hatten lies hatte. 

?i 1> r> 2(3 „ „ dem „ den. 

„ 1, Anm. Miß „ Miss 

„ 7, Z. 14 „ u. 31th „ 3Pt. 

„ 20, „ 7 „ o. country „ county. 

„ 22, „ 16 „ „ reizbaren „ aufreizenden 

., 28, „ 18 „ „ keiner „ keinen. 

„ 29, ., 5 „ u. schönen „ trauten. 



Überlieferung. 



Die beiden Balladen Col.'s sind uns in mehreren Fassungen 
erhalten. 

1. A. The Rime of the Ancyent Marinere I In Seven 
Parts I Argument How a Ship having passed the Line was driveu 
by Storms to the cold Country towards the South Pole; and how 
from thence she made her course to the Tropical Latitude of the 
Great Pacific Ocean; and of the Strange Things that befell; and in 
what manner the Ancyent Marinere came back to his Own Country. — 
(Ohne ßandnoten!) In den Lyrical Ballade, Lofidon, 1798. Anonym. 

B. The Rime of the Ancient Mariner, | A Poet's Reverie 
In Seven Parts | Argument \ How a Ship having first sailed to the 
Equator, was driven by Storms, to the cold Country towards the 
South Pole; how the Ancient Mariner, cruelly, and in contempt of 
the laws of hospitality, killed a Sea-bird; and how he was followed 
by many stränge Judgements; and in what manner he came back to 
his own Country. — In der 2. Auflage der Lyrical Bcdlada, 1800. [Mit 
einer Note von Wordsworth (s. unten S. 6, u.)]. 

C. = B, doch ohne das Argument, in der 3. Auflage der Lyrical 
Ballads, 1802, Mit unwesentlichen Textänderungen. 

I>. = €., in der 4. Auflage der Lyrical Ballads, 1805. 

S. The Rime of the Ancient Mariner ' In Seven Parts ; 
'Facüe credo, plures esse . . .'. T. Burnet, Archaol Phil. pag. 68. — in den 
Sibylline Leaves: a Collection of Poems. | By S. T. Coleridge, 
Esq. I London 1817. Hier fehlt das Argument, dafttr sind die Prosa- 
randglossen abgedruckt und Textänderungen vorgenommen. 

Alle späteren Abdrücke sind kritisch wertlos. 

2. A. Christabel; Kubla Khan, a Vision; the Pains of 
Sleep. By S. T. Coleridge, Esq. London: Printed for John Murray 
1816. (Die Second und Third Edition aus demselben Jahre wörtlich 
gleichlautend.) Preface: *'The first part of the following poem was written. 
• . . Since the latter date, my poetic potcers hace been, tili very lately, in a 
State of suspended animation. But as, in my very first conception of the tale, 
I had the tchole present to my mind, tcith the wholeness, no less than with 



— XI — 

ihe liveliness of a vision; I trust ihat I shall he able, to embody in verse 
ihe three parts yei to come, in the course of ilie present year. — It ia 
probable ,,.pa8sion." Vgl. u. S. 86. 

B. Christabel. In: The Poetical Works of S. T. Coleridge, 
including the Dramas of Wallensteiu, Remorse, and Zapolya. In 
three Volumes. London. W. P i ck e r i n g, 1828 (wörtlich gleichlautender 
Abdruck von Christabel mit Interpunktionsänderungen in der Ausgabe 
1829: B') 'Preface" ist geändert: "I trusi I shall y et be able to embody in 
verse the three parts yet to come/' (sonst gleich). — Änderungen im Texte. 

C. Christabel. In: The Poetical Works of S. T. Coleridge, 
London, Pickering, 1834. (Dann oft wiederholt) 'Preface*: der Absatz 
von ''Since the latter date ... — three parts yet to come/' ist ganz fallen 
gelassen. — Spätere Abdrücke sind kritisch wertlos. 

Für Christ, kommen femer noch drei Handschriften in 
Betracht: 

MS I. Geschenk Col.'s an Miss Stoddart,-die spätere Gattin 
Hazlitts. 

MS II. Eine von Col. J. Payne Collier geliehene Hand- 
schrift. 1811. 

MS III. Geschenk Col.'s an Wo.'s Schwester, Miss Sarah 
Hutchinson. 

Über das nähere Verhältnis der Drucke und Handschriften, welch 
letztere nur in wichtigen Fällen herangezogen sind, wird in den Les- 
arten das Nötige beigebracht; der Zusammenstellung liegen zum Teil 
Ca.'s Bezeichnungen zu Grunde. 



Übersicht. 



Seite 

Vorwort VII 

Abkürzungen IX 

Druckfehler und Berichtigungen IX 

Überlieferung X 

Einleitung 1 

1. The Ancimt Mariner: / ^atstehuBg und Aufnahme 1 



{ 



Metrum, Sprache und Stil 8 

9 CK ' tnh l* \ ^^^^^^"^g ^^<1 Aufnahme 20 

\ Metrum, Sprache und Stil 30 

Nachfolge der beiden Balladen in der Literatur 41 

{The Eime of the Ancyent Marinere ... 46 

The Birne of the Äncient Mariner .... 47 

Chrütabel 86 

^ ^ f t The Ancient Mariner 107 

Kommentar: ^^ ^^^^^ ^.^3 



Einleitung, 

1. The Ancient Mariner. 

Entstehung und Aufnahme. 

JbiS war am 13. November 1797, etwa 4 Monate nach- 
dem sich auf Col.'s Veranlassung Wo. mit seiner Schwester 
Dorothy im Lake-Distrikt niedergelassen hatten, als die drei 
Freunde gegen Abend von Alfoxden auszogen, um Linton 
und das "Tal der Steine" zu besichtigen. Col. erzählte den 
Traum eines seiner Bekannten in Stowey, eines Mr. Cruik- 
shank, der darin ein Skelettschiff mit Bemannung gesehen 
hatte. Wie so häufig, wandte sich das Gespräch der zwei 
Dichterfreunde ihren dichterischen Tendenzen zu, und da 
einen Teil derselben die naturgemäße Darstellung übernatür- 
licher Ereignisse und ihrer Auslösung im Gemüte der davon 
betroffenen Personen bildete, griff Col., dessen Domäne 
gerade diese künstlerische Richtung war, während des 
Spazierganges das Thema des Geisterschiffes auf und der 
Plan zum Anc. Mar, wurde unter Wo.'s Beihilfe entworfen. 
Letzterer hatte kürzlich Shelvockes Voyages gelesen, 
worin von dem am Kap Hom so häufigen Albatrossen 
berichtet wurde, und schlug nun vor, den alten Matrosen 
einen dieser Vögel töten zu lassen, worauf dessen Schutz- 
geister daför Rache nehmen sollten. Auch der Gedanke, 
das Schiff von den toten Matrosen bedienen und weiter- 
führen zu lassen, stammt von Wo. Endlich steuerte er noch 
einige Verse bei (s. Komm, zu V. 13 — 16; 226—227); aber eine 
völlig gemeinschaftliche Ausarbeitung, die noch am selben 
Abend angebahnt wurde, scheiterte an der Verschiedenheit 
der beiden poetischen Naturen und so trat Wo. zurück.^) 



1) Memoira of W. Wordsworth, London, 1851, Vol. J. pp, 107, 108 
[Miß Fenwick]. — Note in Poems of S. T. Col, 1852 [Gespräch Wo.'s 
mit-Rev. Alex. Dyce]. — Vgl. Biographia Literaria, Chap. XIV. 

E i c h 1 e r , The Ancient Mariaer a. Christ. 1 



Eioleittmg. 



Von literarischen Einflüssen hat Ca, (p, 595 — 596) den des 
alten Buches ^^ Strange and danffcroHs Voyage of Captain Thomas 
James in his intetided Discovery of thc North -West Passage 
inio ihe South Sea, T^wdon, 1663'' nach Würdigung der ent- 
sprechenden Literatiu' als nicht unwahrscheinlich bezeichnet. 
Auch den in The Gentlenian^s Magazine, Od, 1853 zuerst 
geltend gemachten Einfluß von ''The Leiter of St. PauUnns 
[Bishop of NolaJ to Macarim, in which he relaics astoiimUng 
wonders mnceming ihe shipwreck of an old man' leugnet er 
nicht ganz ; die aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts 
stammende Epistel erzählt: 

^'Kiii Kornschiff war in der Nähe Sardiniens vom Sturme der 
Mfi^te beraubt worden, worauf" die Mannschal^ das Wrack verlieö^ bis 
auf einen Mano, den man au der Punipe vergessen hatte. Sechs Tage 
long litt dieser unter seiner Vereinsamungj brach kein Brot und 
wünschte sich bJoü den Tod. Gottes Wort richtete ihn aber wieder 
auf; newew Leben erftUlte ihn. Auf Gottes Geh ei Ü hißte er die Se^el, 
und siehe, Engel halfen ihm bei seinem Werke^ sichtbar und eifrig ihm 
zur Seite stehend: das Schift* segelte, sobald er nur die Hand ans 
Tau legte. Zuweilen gewahrte er eine Schar Krieger, welche die Arbeit 
verrichteteu, 23 Tage lang fuhr er so dahin, unter Leitung des 'Lotsen 
der Welt'; nahe dem Lande rief er Fischer an, die in zwei Booten 
heranroderfceD^ aber vor dem Schiffe haltmachten, da sie es für ein 
Krie^schiff hielten. Die Hillciiife des alten Mannes bewogen sie endlich, 
von ihrer Angst abzustehen und ihn zu retten.'' 

Ca. schätzt beide Quellen mit Eecht als nicht sehr 
bedeutsam ein. Gelehrte Reisewerke und ähnliche uxiS Col. 
damals gelesen haben^ wie das Notizbuch beweist, wo z. B. 
Bl. 31 b und 32 a eine ganze Alligatorenbeschreibung bieten. 

Für das Gespensterfahrzeug hat Brandl (8. 209 fi auf 
''Maclteth'* hingewiesen, wo die Hexe den verhaßten 
Matrosen austrocknen, mit Schlaflosigkeit quälen, zur Ver* 
zweiflung treiben und seine Barke verschlagen lassen wUl, 
ohne ihn zu töten. Ebenso überzeugend vergleicht er das 
Versinken des Schifles am Schlüsse mit der Hetzjagd in 
Bürgers *'Lenore'*, wozu er noch bemerkt, daü in der 
englischen Übertragung dieses Gedichtes von W. Taylor, 
der gespenstige Ritt bereits aufs Meer ausgedehnt ist.*) 



1) Ändere ßeminiaxenzea CoL*s an Bürgers Gedicht linden edch: 
The DeHiimj of Naiiom [1796], II ^90 ff,, Kubla Khan [1T97] U. U—16, 
Lewti 11794| IL 28-47; Chrisiahtl IL 79ff. und BaU. of Bark Ladk, 
II 33 ff. 



1. The Ancient Hariaer. 



3 



Schon bei Shelvocke wird ein großer Albatros, der als Ur- 
saclie des schJecliten Wetters gilt, erschossen (daran knüpfte 
Wo.'8 Schiildmotiv an); die Fischer, die dem Matrosen an 
der lukanischen Küste zu Hilfe gekommen waren, sind 
g<»näQ der spai-samen Ökonomie der Ballade durch einen 
Lotsen und seinen Knaben ersetzt; der Einsiedler ist tlie 
in der Lit, des 18. Jahi'hunderts übliche Figxu*, die den 
Segen und die Versöhnung ausspricht (Sternes Pater 
Lorenzo u. a,). Die Geistermannschaft kommt nach Brandl 
(S. 212) möglicherweise aus einer andern Stelle in Shel- 
vockes Voya^es und manche Einzelheiten, wie der Kom- 
mentar zeigt, aus anderen, nicht bekannten Reisewerken 
(vgl. Notufbuch). 

Diesen fremden Elementen gesellen sich nun die groli- 
artig stimmungsvollen, lyrisch gehaltenen Beschreibiingeu 
zu: Sie sind des Dichters echtes Eigentum^ im Vergleiche 
mit ihnen können wir bei den berührten literarischen Pa- 
rallelen höchstens von ** Anregung" sprechen, denn hier liegt 
das Wesen des Anc, Mar, Aber auch hier mußten dem 
Dicht-er, der bis dahin das Meer noch nicht befahren hatte 
Reisewerke an die Hand gehen ; und er verarbeitete das 
gelesene Material in sich mit einer Phantasie, die ihres- 
gleichen sucht. Zu erklären ist diese Ausgestaltungskraft 
zum Teil wohl durch den Opiumgenuß> dem Col. seit 1796 
frönte-i) Wenn Brandl (S, 192 — 193) die Entstehung des so 
farbenstrahlenden Fragmentes *'KuhJa Khan* auf die im 
Zustande der Opium betä üb iing vorgeat eilten Bilder zm'ück- 
leitei, so stehe ich nicht an, derartige visionäre Rückschläge 
der Lektüre von Reisebeschreibimgen auch bei der Ent- 
stehung des Anc, Mar. anzimehmen und ihi'e produktive 
Fähigkeit noch viel höher als die der früher erwähnten lite- 
rarischen Motive anzuschlagen. Noch ein Moment fiir die 
Annahme der visionären Erscheinungen des Opiumessers 
ist meines Erachtens der Umstand. daÜ gerade diese Spuk- 
gestalten und das Milieu bei CoL zum öfteren wieder- 
kehren, und zwar in bunten und ungeheuerlichen Varia- 
tionen. So hatte Col, schon in ''The DesHmj of Naticms" 
(43ßff.) das Lokale im Polarlande spielen lassen : ein 



») Cor» Brief an Poole vom 5. November 1?J6, Ca. p. XXX. 

1* 




Einleitung. 



scliwimineiides Eisfeld, wo der Eisbär in Angst und Wut 
sein Geheul ertönen läßt. Auch diese Schilderung hat einen ' 
literarischen Keim: Geschichte Grönlands von Crantz II, 1 
(Braudl, S. 213), aber auch hier wieder das Belebende und . 
Phantastische zugegeben vom Dichter! Im Ave. Mar. tntb^H 
nun wieder die Eislandschaft vor des Dichters Augen, diesmal ^^ 
mit der Musik des Treibeises allein, die ein furchtbares 
Leben in dem leblosen Elemente bildet und die Verein- i 
samung im Nebel und Schnee noch mehr fühlen läÜt. Brandl 
weist auf diese und die folgenden, bei CoL selbst schon vor- | 
handenen Motive hin. doch ohne, wie ich meine, das ent- 
sprechende Gewicht auf ihre variierte Wiederkehr zu , 
legen, und gerade darin liegt das Traumhafte solcher Bilder 
bei üben-eizter Sinnestätigkeit. — Auf dieselbe Stui'e stellt 
man wohl mit Recht auch die weiteren Parallelen zu '*Tk€ 
DesÜntj of Naiions" : Windstille auf dem Ozean ; die Monaden 
(selbsttätige Geisterchen) ; die Schleim wesen, die im Wasser 
auf- und absteigen; ja selbst der Riesenvogel Vuoklio, der 
mit den Geistern zusammen Mordtat-en rächt imd beklagt, 
weisen auf diese Ballade hin. Phantastisch ausgearbeitet 
sind auch einzelne literarische Motive der Schilderung: Die 
glänzenden Flocken, die schon Wo. und Bums auf dem 
Flusse sehen, werden bei ihm zu elbischen Tiichtflocken, die 
von den sich aufbämnenden Wasserscklangen wegzucken 
(Brandl, S. 214). Von idyllischen Zügen aus Col.'s bisheriger 
Dichtimg fühi't Brandl an: ^'das Säuseln des Windes, die 
Musik der Sphären, der Gesang der Lerche, das Plätschern 
des Waldbaches"'. Ich füge noch hinzu: die beruhigende 
Wirkung des Mondlichtes (siehe Komm, zu 477ff* und the 
hage oak tree in *'The Maren'* 1 u. 21 fnv ChrisL 33 etc.) — 
Ob Wo. 's damals noch fi^agmen tarisches Gedicht ^'The 
Female Vagranf\ das erst 1798 ei^schienen imd dann 1842 
vervollständigt imter dem Titel ''Guilt and Sorrow" ver- 
öffentlicht wurde, dem Dichter schon 1796 bekannt geworden 
ist, wie er selbst in der Biogr, LiL Gap. IV, erzählt, ist nicht 
sicher, da diese Darstellung seines inneren Entwicklung«* 
ganges eben wie die so vieler anderer Dichter '"Dichtung 
und Wahrheit'' gemischt enthält. Stimmt aber dieses Zitat, 
so hätten wir hier einen späten Ableger von Mrs. Rad- 
cl iffes erstem Schauderroman "The Sicilianc Rontance*' 1790 



1. The Ancient Mariner. 



$ 



* 



ad des Schweizer Idyllendicbters GeÜner *^Tod Abels": 
**Schloßruinen, geheimnisvolles Dunkel — schwere Seufzer 
— Entdeckung eines tief nnglÜLklicheu Weibes und eines 
ermordeten Wanderers — ■ ', wie Brandl anmerkt, von Geßnera 
Dichtung: *'Held ein nichloser Mörder, verfolgt vom 
Schrecken der Elemente, gestraft mit Sturm und Einsam- 
keit''. Im Hochsommer 1797 begeisterten diese Gedanken, 
wenn, wie gesagt, die Stelle der Biogr, LiL auf richtiger 
Erinnerung beruht, Col. zu dem Entwürfe seiner "TFaw- 
derings of Cain": als ihm aber Wo., mit dem dieser Plan 
gemeinsam ausgeai*beitet werden sollte, diealku phantastische 
Welt, in welcher dieses Märchen spielt, vorhielt^ ernüchterte 
sich Col. und Heß es unvollendet. Doch der Hauptgedanke vom 
Mörder und seiner Verfo%ung mag dann im Dichter wieder 
aufgestiegen sein, als er mit seinem Freunde den Plan zum 
Ane. Mar, durchsprach. — Das Motiv von dem festbannen- 
den BHcke des alten Matrosen kann nach Brandl, Ca., 
George auf Autobiographisches zurückgehen (vgl. Komm, zu 
V, 13 — 14), Ferner hat Brandl (S. 215) Verknüplnng dieses 
Motivs mit einem literarischen nachgewiesen: Lewis, der 
Verfasser des ''Mimk'\ hatte in seinen Roman eine Ballade 
*'Alofuo Ute Brave and Fair Imogen'' eingeschaltet, die ziemlich 
beliebt war: **Da sieht schön Imogen an ihrem Hochzeits- 
tage mitten im Tanze plötzlich einen Ilitter neben sich, den 
sie nicht los wird, der sich endlich als die wandernde Leiche 
les früheren^ im Kriege gefallenen Bräutigams entpuppt, 

laher stammt es wohl, daß sich der imheimUche Matrose 
gerade einem Hochzeitsgaste annestelt, so daß ebenfalls dieEnt- 
8et«ensgeschichte mit der Tanzmusik zusammenfällt/' Lewis 
selbst hat dieses Motiv sicher aus der Büi*gerschen ''Lenore'* 
entlehnt, da er nachweisbar derartige Spukgeschichten aus 
der deutschen Literatur hinübemahm. Das wäre also ein in- 
direktes Nachwirken der Biirgersclien Dichtung auf Col. — 
Das sind wohl die Hauptstriche, die in dem dunklen 
Gemälde, auf das wir mit süßem Grauen hinblicken, deuthch 
zu erkennen sind ; aber die Unzahl feinster Schattierungen 
Äusfiihrlich zu erläutern, müssen wir uns hier versagen: das 
wtii*de sie ertöten. Mit rein verstandesmäßiger und morali- 
sierender Denkweise darf man diese Schöpfiing reinster 
Einbildungskraft nicht erklären wollen. 



(t 



Eiöleitung, 



In diesen Fehler verfiel jedoch die Kritik, als das 
Gredicht mit seinen Geschwistern ''The NighHngak" imd zwei 
Episoden aus ''Oscrio** ohne Vatersnamen im Juli 1798 in 
den hauptsächlich von Wo. bestrittenen ^'Lyrical Ballads'^ 
erschien* Für den Augenblick bedeutete die ganze epoche- 
machende Sammlung imd der Anc, Mar, keinen Erfolg, ^) 
Über den letzteren äußerte sich Griffith (Monthly EetnewJ 
Matf 1799): **The Rtme of the A, M, is the sträng- 
est starg of a cock and bull that we ever saw on paper.,. 
it seems a rkapsodg of unintelUgihle ivildness and incoherence, 
, . . therc are, however, in it poetical touches of an exquisitive 
kituL" — Etwas besser urteilt der Rezensent im British 
Oritic, Od,, 1799 (Wrangham?): "The A, M, has mang ex- 
ceUeneies and mang faults. The beginning ftml end are striking i 
and well-condticted^ hui the intermediate part is too long^ and ' 
Aas in so>me places a kind of confusion of inniges which deprives 
it of all effect front not fmng intdligible,'' — The Monthhj 
Magazine, Dec, 17 98, ist ebenfalls halb absprechend und 
The Analgtimlt Dec, 179S spricht von *'the exiravagance of 
a mad Gennan poet'\ Am schlimmsten jedoch spielte Southey 
(Critical Review, Od., 1798) dem Dichter mit, dessen Freund 
er war: "Mang of the stansas are lahoriouslg heautiful, btä 
in connection thcg are absurd or uninteUigibic. Dur readers mag 
exercise their ingenuitg in attenipiing io unriddle whaf follows 
[nämlich V, 30i— 322]* We do not supeiefitlg nnderstand the 
storg to analgse it, It is a Duich aftcnfpi at German sublinntg. 
Getiius has here been etnploged in producing a poetn of little 
merit/' Wenn auch Lamb, der doch damals mehr zu Southeyi 
als zu dessen Schwager hielt, diese Auffassung sehr scharf 
zurückwies, behielten solche Stimmen z. Z, dennoch Recht 
und auch Wo. hielt das Gedicht tlir mißglückt und machte 
es tlir den Mißerfolg der Lgr, B, allein verantwortlich. In 
der zweiten Auflage druckte er es in modernisierter Gestalt 
ab und gab ihm eine höchst gönnerhafte ''Note'^ bei (ab- 
gedruckt Ca. p. 596), Mit einer gewissen Eitelkeit plaudert 
er aus, daß der Wiederabdruck nur ihm zu verdanken sei, 
obwohl der Verfasser in Änsehimg des Fiaskos seines Werkes 



*) Der materielle Ertrag (90 Guineas) wurde mit zur Bestreitung 
der deutschen Reise Co!/!*^ Wo.'s uud dessen Schwester verwendet. 



L The Ancient Maiiuer. 



dagegen gewesen sei, Dann tadelt er, daß der Anc. Mar. 
keinen deutlichen Charakter als Berufematrose oder als 
Mensch überhaupt habe ; ferner^ daß er nicht handelt, son- 
dern Werkzeug und Opfer allein ist; drittens, daß Einheit 
und innere Konsequenz der Handlung fehle; endlich, daß 
zu viel **Bildwerk" (imagery) darinnen angehäuft sei. Lobend 
hebt er die naturwahre Leidenschaftlichkeit, die "einzelnen" 
fichöneu Bilder und den sprachlichen und metrischen Aus- 
druck hervor. Namentlich die Leidenschaftlichkeit bürgt 
ihm füi- den Wert des Gedichtes, 'Hvhich is not oßen possessed 
fcy beiier Pocfus", 

Ca. weist darauf hin, daß sich Lambs Brief an Wo. 
(Ainger's Letters, I, 164) auf diese "Note" bezieht, deren 
Torwürfe Lamb ebenso wie die Southeys zu widerlegen 
sucht. Wie sehr Lamb Col. verstanden hat, zeigt auch eine 
Nebenbemerkung in demselben Briefe» worin er den neuen 
Untertitel *'A Poet^s Eeverie' tadelnd zurückweistj denn durch 
diese Bemerkung wüi*de ja die Naturwahrheit der ganzen 
Geschichte so verhöhnt, w^ie durch Bottom des Webers 
Außenmg ''Ich bin kein wirklicher Löwe*', das Zwischen- 
spiel in **MH!mmm€nügbi*s Dreani\ Col. stimmte dem nun 
zu und tilgte den Untertitelj der nur durch ein Vei-sehen 
auf dem zweiteu Blatte stehen blieb. 

Vielfach wurde von englisscher Seite der Vorwiu-f gegen 
das Gedicht erhoben, es fehle ihm die **Moral" und die 
^'Wahrscheinlichkeit''. Gegen den ersten Anwiurf hat sich 
Col. selbst verteidigt (Tabie Talk, May HV\ 1830), Er sieht 
das ein, was man in der deutschen Kritik stets behauptet 
und gefiihlt hat: der Anc. Mar, hat zu viel Moral für ein 
Werk reinster Phantasie oder wenigstens zu offen gepredigte 
Moral für ein Märchen, (Hiezu stimmt auch seine Dar- 
stellung von den Kunstprinzipien, die er im Anc, Mar, an- 
wenden wollte, in Biogr, LH, Chap, XJV,J Dies Spiel der 
schönsten Bilder vor des Dichters Augen, in modnlations- 
reichster Sprache und musikalischen Versen geschildert, hat 
unter Wo. 's Einflüssen entschieden gelitten. Wäre duixh 
diese.s Moralisieren eine einheitliche, deutliche Handlung 
entstanden, so müßten wir diese Beeinflussung segnen; in- 
dessen kann man einen logischen Zusammenhang, eine 
aere Motivierung nicht finden. Warum der Matrose den 




8 Emleittmg, ! 

Albatros ei'scliieüt, erfahren wir überhaupt nicht, und nun 
sollen wir bereitwillig glauben, daß überirdische Geister ans 
Werk gehen, wegen einer von einem einzelnen aus uns un- 
bekannten Gründen begangenen Tat 200 Menschen zu töten ? 
Glauben wir das nämlich nicht^ so müssen wir überhaupt das 
Gedicht als Schauermär lächelnd beiseite legen. Und darin 
liegt der Hauptmangel, daß eben der Dichter durch das Mo- 
ralisieren zu verlangen scheint, seinen Aberglauben auch zu 
teilen. — Begeben wir uns aber auf seinen wirklichen »Stand- 
pxmkt imd sind wir mit ihm romantisch, so werden wir nicht 
nur das äußerliche, geradezu blendende Gewand bevnrndem 
müssen f sondern auch das kerngesunde, leidenschaft atmende» 
mit höchstem Naturalismus darunter gebildete innerste 
Wesen dieser Schöpfimg des Dichters. 

Freilich wird uns der Schluß des Gedichtet jäh aus 
unserer Romantik herausreißen, wenn der Alte fronmi er- 
zählt, daß er gern mit alt und jung bete, der Hochzeits- 
gast aber, da ihm jegliche Hochzeitsstimmuug vergangen 
istj trüb nach Hause geht, um andern Tages als '^weiserer, 
aber schwermütigerer' Mensch zu erwachen. Das ist ja auch 
Naturalismus, aber von anderer Art als der frühere, der 
uns die Einsamkeit, das Meer, die Domänen bis ins ein- 
zelne packend geschildert hat: jetzt stehen wir schwindelnd^ 
wie der Einsiedler, auf festem Lande und blicken uns ver- 
^\Tlndert um: denn wir glauben schrecklich geträumt zu 
haben, bemerken aber mit gemiscliten Empfindungen, daß 
wir uns unter den hausbackenen Engländern des ''Age of 
Wordsfvortir befiuden.') 

Metrum, Sprache und Stil. 

Die Ballade umfaßte m*sprünglich 658 Verse in A. ilie 
in S. das wir nun unseren Betrachtungen zu Grunde legen, 
auf 625 vermindert wurden. Das Versmaß ist das in den 
alten Balladen so beliebte Common Metn% der jambische 
katalektische Tetrameter oder Sept enar. In diesem Metrum 
hatte CoL schon das 1797 begonnene *'The Thrve Grav^'s" 



*) Die moihterliafte Cbersetzuug vou Freiligrath bat den Anc. 
Mm\ auch bei uns sehr populär gemacht: die von E. Höfer woi* mir 
Dicht xugftogUch. 



i. Tbe Ancient Mariner. 



geschrieben, dann später '*The Devirs Thoughis" abgefaüt^ 
wo die Bänkelsängerstrophe, wie bis dahin von Kunst- 
dichtem meist, allerdings zn komischen Wirkungen ver- 
wendet ist. Der Vers selbst ist mit Hilfe der Takt- 
umstellung und gelegentlicher Verletzung der Prosa- 
beton ung — zweier entgegengesetzter Prinzipien — 
ungemein abwechslungsreich gestaltet. Aus der großen Zahl 
wähle ich bloß einige Beispiele aus 8: 

V. 12 Eßsöons his hanä dropi he, (Prosaton verletzt in- 
folge 10, wo diese Betonung des Pronomens in dieser Phrase 
Regel ist*) 

fV. 22 M4rrüy did tm drop (Tak turnst.) 
V. 90 Cäme io ihe mariners* hollo! (Dass.) 
V* 251 Lütf like a load on nifj wcartf eye (Dass.) 
_ V, 518 Thaf come from a far cotmirce, (Prosaton verletzt ) 
P etc. etc. 

Doppelte Senkungen im Innern des Verses und 
im Auftakte liegen im Charakter des akzentuierenden 
Metrums und werden von CoL unbeschränkt verwendet. 
VgLnur S: 
V. 71 Änd a tjood souih wind sprumj up hehind; 
V* 74, 90 Came to ihe mariners* hollo! 
V. 334 To have seen ihose dead nwn rise. 
V, 518 Thai come from a far countrce. 
etc. 
l>ie r>t rophenform ist verschieden, laßt sich jedoch 
immer auf den gebrochenen Septenar zurückliihren. Die 
weitaus häufigste ist das echte Common Mdre X4 aa y4 ae, 
vertreten in 105 Fällen. Cot. scheint erst im Verlaufe des 
Dichtens zu Ei-^^eiterungen gegriffen zu haben: während in 
8 am Beginne bloß die ersten 11 Strophen die alte Form 
aufweisen, waren es ihrer in A noch 23, dann erst setzten 
andere Typen ein und auch jetzt finden sich noch genug 
ziemlich imifangreicher (jfruppen der Vierzeiler. Bau imd 
Reimstellimg der özeiiigen Stro])hen zeigen sie als organische 
Weiterbildung der erstgenannten Form; in 18 Fällen X4 
Aa b4 b4 an (V. 162 ffi, 185 ff., 248 ff., 267 ff., 272ff.. 277ff., 
292ff., 3iaff., 322ff., 345ff, B58ff., 393ft, 533ff., 586ff. 
606 £), dazu noch zwei Strophen mit Binnenreim in der 
ersten Zeile (V* 167 ff.^ 614 ff.); in einem Falle a4 ba a* 



10 



Eiuleitimg, 



ai hs (V, IBOfll), alle also mit Einschiib einer 4hebigeii 
Zeile nach Z. 3. Die 6zeüigen sind am häufigsten in der 
FoiTii X4 aa yi a« z* as» also mit Verdreifachung; des 
Septenars, vertreten: 14 Fälle (V. 91 ff., 97 ff., 143 ff., 171 ff., 
257 ff.. 282 ff,, 336 ff:, 367 ff., 377 ff,, 383 ff^, 446 ff., 527 ff., 
564 ftl, 591 ff.), die häufig noch durch Binnenreim variiert wer- 
den; ein Fall a4a4a4bsX4 (= 2 ßij ba (V. 45ffl)> also mit 
Vorsetzung eines Reimpaai-es vor das Common Metre. Ein 
abnormes Schema bietet die 9 zeUige Strophe ( Y. 203 ffV) a 4 
a4 ba C4 C4 ha d^ d4 ba, Verdreifachung des Septenai^s 
mit Vorschiebung eines 4 heb» Verses vor jedem derselben. 

Diese also ziemlich bunte Reihe von Strophentormen ist 
noch diu'ch Binnenreime in den 4 heb, Versen, die ent- 
weder rein oder durch bloße Assonanz reimen, volltönender 
gemacht. Vgl. V. 7, 21, 31, 37, 49, 53, 55, 57, 59, Gl, 63, 
69, 71, 73, 76, 77, 81, 87, 89, 93, 95, 97, 99, 101, 103, 105, 
109, 115, 127, 141, 153, 157, 162, 171, 197, 218, 232, 280, 
320, 354, 377, 381, 400, 418, 420, 426, 428, 432, 474, 480, 
488, 492, 496, 514, 527, 550, 558, 568, 591, 610, 612, 614, 
622. Bei solcher Fülle von Gleichlauten entsteht ein musi- 
kalisches Auf- und Abwogen, das bei der sonstigen Freiheit 
des Metrums auch den feinsten Wirkungen dienen kann. 

Die Reinheit des Reimes ist wie bei allen eng- 
lischen Dichtem grundsätzlich nicht in unserem Sinne 
gewalirt. Außer den erwähnten Assonanzen finden sich un- 
reine Reime in reicher Zahl, So V, 45 : 46 : 47 profc : blow : 
Joe, 52 : 54 mid : etnerald, 80 : 82 ihus : Albatross, 109 Binnen- 
reim, ^peak : break, 159 : 16ü stood : hhod, 217 : 219 ffroan : cnic, 
294:295 given : Heavea, 328:330 on:ffröati, 360:361 are: 
air, 489 : 491 rood : stood, 509 : 511 : 513 tjood : wood : blmd, 
534 : 637 almtf : young, 539 : 541 reply : cheerily, 692 : 594 : 696 
there : are : prayer, 61 1 : 613 Gynest : bcasL 

Im Satze (oder wenigstens im Prosasatze) tonlose 
Wörter wie me (4 etc.), he (10, 12 etc.), she (34), be (108, 
124 etc.), they (254 etc.) u. a. m. werden anstandslos im 
Reime gebraucht, ebenso die der alten Orthographie von A 
entsprechenden zerdehnten Ableitungen auf -er (V. 1, 20, 40 
etc. Mariner, 184 gossameres etc). 

Die Qualität der Reime ist dem alten Typus der 
Chevy-Chase'Straphe gemäß stumpf; klingend uui- an 



1. The Aflcient Mariner. 



11 



neuii Stellen : V. 72 : 74 irnd 88 : 90 follow : hollo, 116:118 
motian : ocean, 294 : 295 (fiven : Heavmi, 384 : 386 : 388 oceau 
modofi : motioti, 411:413 retteivhuf : doinff, 427 : 429 hdated : 
abaieäy 431 : 432 weathtr : ioffdher und 435:437 ß Her : glitter. 

Rührende oder reiche Heime ergeben sich oft durch 
die Wiederholung ganzer Zeilen, somit entsprechen sie aller- 
dings nicht dem Gesetze, daß wenigstens der Sinn völlig 
gleichlautender Wolter im Keime verschieden sein muU, 
bilden aber ein wichtiges Stilmittel fs. unten j. Beispiele: 
Y. 10 : 12 he, 94 : 96 hhw, 100 : 102 mist, 144 : 146 eye, 174 : 
176 Sun, 286 : 287 unauare, 386 : 388 moiion 542 : 544 ship. 

Außer der an Stelle des Reimes oder als sonstiger 
Schmuck auftretenden Assonanz kommt auch als Verzierung 
die Alliteration vor, die natürlich keineswegs immer 
beabsichtigt ist, Unzweifelhatle Fälle gewollter Alliteration 
sind meines Erachtens: 

36 thc merrtj min4treUff^ ^ And it would icork 'rm woe, 103—104 
The fair breezt hUwj the whiie foam ßeii\ The furrow siream'd off free, 
lOti Into that aiient sea, HO The siten^e of Ute sea, 119 imd 121 Water, 
water, er et' ff where, 122 Nor miif drap to drink^ 127 in reel and rout, 183 
Nine fathmn dcep he had foUowed tts, 168 to work its weai, 171 und 173 
The weitem wace, 190 WWt broad and buming face, 190/191 Her lipn 
wert redj her lot^ were free, Her hcks teere yellow aa gold, 203 We 
ligiened and looked, 226 long and lattk^ 256 The mamf men^ 246 A wid^ed 
lehiAper came, 218 / closed my lids, and kept than cloae, 254 Nor rot nar 
reek did ihaj, 263 The moving Moon^ 267 Her heams bcmocked the suttr^ 
main, 269 JBut where the ships huge shadow laif, 281 a fiash of golden 
ßre, 205/296 She sent the gcntle slecp from Heavcn, That älid into my isotd^ 
304 Sure I fmd drunken in mij dreams, 311 /Bl 2 But tüith its sound ii 
thöok the sailSf That were ao thin and sere, 874 Yet nerer a hreese did 
brtathe, 375 Slowhf and sinoothlyj 3*J5 my Uvinff lift\ 423 Without or wave 
m wind, 450 a friyhtful fiend^ 482 shapes, that shadmcs wei'c, 483 In 
crnruton colaurs came, 498 the silefice mnk, 529 see ihose sailSj 533 leaves 
that lag, 543 nor npake nor ^tirred, 566 Laughed loud and Imig, 577 What 
manner of man^ t84 And iiH my ghastly tale is toldj 5D0 To him my tale 
J tcach, 613 bird and beast, 625 the morrow morn. Eine Liste, die je 
nach Geschmack dur<h Aiit't"a.ssung vod nnvei-meidlichen Alliterations- 
wörtem als beabsichti^teu Htabeti vermehi't werden kann. 

Die Freiheit des lihythmus zeigt sich in einer großen 
Zahl von Z e i 1 e n e n j a m b e m e n t s : V. 27/28 And he shonc 
hriffht, and on the riffht / Weat doten into the seci. — 41/42 
A»id now the Sform-blast came, and he / Was tyrannous 
aud Strang. — 86/86 Still hid in mistt and on ihe left j Wetä 
iiauffii into the sea. — 137/138 Wc could not speak, no more 




12 



ELnleitmig. 



than if j We had bem dwked with sooi, — 143/144 There 
passed a wmrtf time, Each ihroat j Was parched, and glazed 
each etfe. — 234/23B And never a saint iook pitp on j My soul 
in cufomj. — 442/445 And now ihis spdl tcas snapt: once 
fnare j I viewed ihe oeean fjreen, j And hoked far fortb, yei 
Utile saw j 0/ whai had eise been seen. — 558/559 And all was 
sHJlf save (hat thc kill j Was telliwf of ihe aoHnd, — 610/611 
Farewellf farewdl! hut this I teil / To ihfe^ thou Weddimh 
Guesif — 55/56, 131/132, 139/140, 141/142, 147/14K, 151/152. 
185/186, 238/239, 246^247, 275.^276, 280/281, 282/283, 290/291, 
306/307, 322/323, 358/359, 367/368, 396/397, 450/451, 498/499, 
512/513, 554/555, 566/567, 597/598, 599/600, 620/621. Hiebei 
ist es im Grunde gleichgültig, ob wir die Strophen als 4-, 
5- und 6 zeiligt also kurzzeiHg, oder als Septenare langzeilig 
auffassen ; in jedem Falle ist der Eeichtum der rhythmischen 
Varianten deutlich sichtbar, nur müßte man in ersterem 
das Zeilenenjambement als Verschiebung der sonst regel- 
mäßigen Zäsiur bezeichnen. 

Strophenenjambement findet nui* an zwei Stellen 
statt : V. 444/445 . . . ffei little saw / Of whai had eise heen 
Seen zu V. 446 ff. Like one, thai on a lonesome road , . „ durch 
den Einsatz des Vergleiches nicht besonders fühlbar, imd 
532 Unless perchanee it were zu 533 Bnnvn skeletons of leaves 
thai lag . , ,, ziemlich stark. Einmal wird eine Strophe 
geteilt, also auch ein Beispiel einer Art von Reim- 
brechung, die sonst bei gekreuztem Beime nicht leicht 
nachweisbar ist; in diesem Falle (V. 422 ff. > handelt es sich 
um Aufteilung je zweier Zeilen auf den Dialog der beiden 
in der Vision gehörten Geisterstimmen. 

Wie die metrische Fonn der alten BaUade entnommen 
war, so wußte sich der Dichter auch in der Sprache 
dieser Literaturgatt img aufs beste anzuschmiegen. Der Aus- 
druck ist vor allem archaisierend, wie der Kommentar 
im einzelnen aufzuzeigen haben wird. Brandl weist auf 
Chatterton, einen Liebling Col/s hin, der ja das Höchste 
an altertümlicher Färbung in seinen Werken geleistet hatte, 
indem er altertümUche Wörter, epische Formeln, volks- 
tümliche kurze Vergleiche einfügte. Die lebendige Frage, 
die ja dem halbdramatischen Charakter der Volksballaden 
entgegenkommt, war CoL auch durch W. Taylors Tjefioren- 



« 



M 



1, The Äncient Mariner. 



13 



Übersetzung meder nahegebracht worden, wie Brandl 
bemerkt. Er schreibt aber CoK als neu hinzngebrachte 
Stileigenfctimlichkeitenzu: Bedeutsame Voran- 
kündigungdes Begri f f e 8 (V. 1 It is an ancietü Mariner ), 
(V. 19/20, B9/40 And ihus spake on the ancietit man, j The bHght- 
etfed Mariner) und ähnJithes, wo durch Pronomen oder Hub- 
stantiv die Hervurhei>ung zuerst erfolgt, dann erst das 
Begriffswort selbst kommt; andere Beispiele sind noch zahl* 
reicher, in denen der substantivische Begriff zuerst heraus- 
gehoben wirdj meist als absoluter Kasus, worauf er mit 
einem Personalpronomen he, she^ i7, the*^ u. dgL wieder auf- 
genommen wir<l, wie in V. 37, 222, 297/299, 314/315, 360/361, 
004^^505 ; die 8 1 o ß s e u f z e r (V. 178 Heavens Molher send 
US grace! V, 294 To Mary (^ueeti the Fraise he rßven! V, 489 
hg the hölg rood! V. 506,538 Dear Lord [in Heaven]: V. 123, 
487 Christ, V. 470 my God! V. 399 hy htm uho died 
on crosSt als Anrufungen des Himmels, der Heiligen etc.; 
son^t noch; V. 164 Gramerey! V. 139 M! well a-day! V. 181 
Aias! V, 464 Oh! dream of jmj! V. 627 bij my faithfj. 
Femer erwähnt Brandl noch die scheinbar p 1 e o- 
n astischen Attribute und die teilnehmenden 
Zwischenäußerungen, welche die Wirkung auf die 
Zuhörer vergegenwärtigen (V. 224 ff., 345 [fear ihee, aneient 
Mariner! Y. 79 God save thee^ aneient Mariner u. anderes), 
die Beteuerungen (wofiir ich oben unter den *'Stoß* 
Seufzern*' schon Beispiele gebracht habe) und als hervor- 
ragendes Stilmittel die Sprunghaft igkeit der Dar- 
stellung, ^'welche hinterdrein zur Erklämng eine Rand- 
glosse in Prosa nötig machte' \ Das sind gewiß alles Eigen- 
tümlichkeiten, die au den Stil der Vo 1 k s b all a d e erinnern, 
aber wir sehen sie hier von einem der feinsinnigsten Kunst- 
dichter mit Bewußtsein und Geschick gehandhabt. Dafür, daß 
Coh öich dieser Mittel mit Bewußt**ein bediente, ist mir 
ein Beweis, daß er an so vielen Stellen die Nachstellung 
des Adjektivs (besonders zum bequemeren Reimen) an- 
wendet, ebenso einigemal das Objektspronomen um- 
stellt^ was uns sehr schlicht und volksmäßig vorkommt, 
aber bei einem Kunstdichter gewiß nicht selbstverständlich 
ist: hier zeigt sich eben wieder der glückliche Griff im 
Auffassen der alten Siirach- und Fonnbehandlung bei CoL 



w 



Einleitung. 



(vgl V. 10 quoth he, 12 dropt Ae. 26 came Äe, 34, 7Ö, 198, 
229, 2B6, 314, 326, 349, 435, 443, 509, 514, 525, 589, 609). 

Mit der früher erwähnten metrischen Erscheinung des 
Binnenreimes ist sehr häufig eine stilistische ver- 
bunden: der Gredankenreira und der zweigliedrige 
Ausdruck; dies ist entschieden zum Teil Einfluß der 
biblischen Redeweise und trägt sehr zur nachdrücklichen 
Hervorhebung bei. Vgl. V. 8 long grey beard and ifUttering 
eif€^ 7 The guesis are met, the fcast is set, 75 mit zwei 
parallelen Formeln: In mist or cloud, oh fnasi or shroud, 
316 ebenso: And to and fro, and in and otii, 21, 45, 4G, 47/48, 
51, 61, 73, 89, 97, 116,^ 127, 140, 143/144, 157, 16a 162, 
169, 199, 206, 213, 221, 250, 254, 312, 826, 331, 332, 335, 
358/360, 375, 412/413, 423, 424/425, 434/486, 488, 447,456, 
460/462, 466, 470/471. 476, 508, 543, 548, 550, 609, 612, 
614, 615, 624. Die Beispiele teilen sich in solche, in denen 
der Parallelismus vorherrscht, und solche, die anti- 
thetisch zu fassen sind. Gesteigert erscheint diese stilisti- 
sche Figur in dreigliedrigen Ausdrücken* Zum 
Beispiel V. 2324 Below the kirk, beJotv the kill, j Below the 
iighi-hoHse top, 103/104 The fair breese hlew, the white foam 
flpw, I The furroiü streani d off free ; 49/50, 130, 156, 190/19 J, 
199/200, 240/242/244, 301/302, 318.320, 331, 363 865, 466/467, 
613. In diesem Falle ist nicht selten das dritte Glied anti- 
thetisch zu den ersten beiden, die an sich koordiniert sind. 

Das Höchste aber, was CoL an packender und span- 
nender Wirkung seiner Ballade durch den Stil erreichen 
konnte, liegt in den eindringlichen Wiederholungen 
einzelner Wörter oder ganzer Sätze u n d P h r a s e n. Die 
Beispiele zeigen da die höchste Kunst in der Änwendimg : 
bald trägt diese Wiederaufnahme in ganz stereotyper Fonn 
dazu bei, die romantische Unbestimmtheit etwas zu erhellen, 
bald bergen sich in den kleinen Unterschieden der wieder- 
holten Worte überaus feine Schattierungen der Stimmung. 
Das ist der Rest des alten Volksballadenrefrains, der hier 
noch eine schöne Nachblüte erreicht hat. Zum Beispiel: 
V. 23/24 Below the kirk, behw the hill, j Below the light-kouse 
top: emphatisch wird hier der Begriff des Scheidens dui*ch 
das dreimahge "below'' betont. — V. 31 und 37 The Wedding- 
Guest here beut kis breast^ getrennt durch die Beschreibung 



I 



I 

■ 



1. The Ancient Mariner. 



15 



I 



I 



des HochzeitöÄUges, drücken die beiden Zeilen die ver- 
zweifelte Stimmnng des Gastes ans, die zweite natürlich 
noch stärker als die erste, weil das Yevs 18 schon gebrauchte 
He cannot choose biU hear mm 38 unmittelbar hinter jeuer 
Zeile folgt, der unwiderstehliche Zwang auf die innerlich 
abgeneigte Disposition* Die Formel 19 f. wird 39 f. nach 
rein epischem Brauche genau aufgenommen, — V. 59 f. The 
ice was here, ihe iee was thcrc, j The ice was all around: 
trotz der genauen lokalen Bestimmungen wird durch das 
dreimalige Nennen des **Eises'' dieses gleichsam noch raehi% 
noch allgegenwärtiger. — V. 68 /^ ate the food it ne'er had 
mi, die Unwirtlichkeit jener Gegend wird durch diese 
gänzlich ungewohnte Nahrung des Albatros — daher die 
Wiederholung des Zeitwortes — angedeutet* Die Strophe 
25 if- ist 83 ff. mit entsprechenden Abändeningen — es ist 
ja die Rückfahrt — wiederholt: die Einleitung zu Neuem 
mit denselben epischen Mitteln ausgedrückt. Noch stärker 
wirkt die Variation der Strophe 71 ff. iu 87 ff»^ wo mit den* 
selben Worten durch die Negation allein der Verlust 
beklagt wird. — V. 94 f. Thai made the breche io hlow, der 
harte Vor\^n.irf wird mit vorausgegangenem Ftuchworte 
V. 96 nochmals ausgesprochen, ebenso V. 100 und 102 Thai 
hrififf »resp. hrought) the fotj and mist. Wie fest sitzt dieser 
Gedanke in den Seeleuten und speziell in der Erinnerung 
de« Anc. Mar.! Beide Stropheu Schlüsse 93 ff. und 99 ff* sind 
überdies durch den Gleichlaut der imgeraden Zeüen mit- 
einander verknüpft; die Idee, daß der Albatros auf das 
Weiter Einfluß habe^ ist beiden gemeinsam, nur in der 
ersten im günstigen, in der zweiten im ungünstigen Sinne. — 
V* 107 Dottn dropi the breeze, the sails dropt down^ chia- 
stische Wiederholung zimi Ausdrucke der Kausalität — 
V. 116 Dat/ a/tir day, day after day, eine endlose Beihe von 
Tagen! — V* 117 Äs idle as a painted shij) / lipon a paintcd 
ocean, der Vergleich mit einem Scheinbilde durch die 
Betonimg des *'painted" recht ausgeprägt. — V* 119 und 
121 Water, water, evcry whetx. wie V. 115 das Endlose trefflich 
ausgedrückt. — V. 127 About, about (= ^'unaufhörlich rund- 
herum'*). — V. 143 imd 145 f There passed) a wmry ime, und 
A weary time! a weary timc! Die ganze Strophe erhält da- 
durch einen wahrhaft. '*müden'^ Ausdruck. — V, 149 und 150 




16 



Einleitimg. 



Ai ßrst ü se^med a Utile speck, / And ihm U smm^ a mist : 

rein emphatisch, vielleicht auch aus metrischen Gründen. — 
V. 151 It möved and moved (== '^es bewegte sich immer 
näher")* — Dann V. 153 die Wiederaufnahme aller in der 
vorigen Strophe genannten Begriffe ; A speck, a mist, a shape, 
I wisi! Hoch pathetisch mit der eindringlichen Begriffs- 
wiederholung von 151 in 154 (it ueared and urared), — V. 161 
And cried, A sail f a saü! Natürliche Verdopplung im leiden- 
öchaftlicheu Ausrufe. — V. 157 Witli throats unslaked, wiih 
biack Ups bakcd, leitet eine Strophe voller Dumpflieit ein, 
die erst beim Änc* Mar. durchbrochen wird : die Wiederkehi* 
derselben Zeile in V. 162 bahnt, die Hoffiiiing auch der 
anderen Yerzweifelten an» — V. 171 The westeni wave was all 
aflame, und Y. 173/174 Alnwst upon tke tvester^i tvavc I Rested 
the broad hrujhi Sun ; nur beim Untergänge der Sonne (oder 
beim Aufgange) war das folgende Phänomen möglich^ daher 
Betonung des westlichen Horizontes. — V. 182 wie IBl und 
154. — V. 197 Fve won, Vve u-on wie V. 161. ^ Das ent- 
setzliche stumme Hinscheiden der Genossen ist mit Wieder- 
holung von Y. 213 Toü quick for gman or sigh, in etwas 
veränderter (jrtjstalt ia V. 217 (And I heard nor sit/h nor 
f/roan) aus der Seele des Anc. Mar. geschildert. — V. 224, 
22B, 228, 230, 345 7 fear thee, ancimt Mariner! und ent- 
sprechende Yariationen führen uns deutlich und eindringlich 
die Hei*zensangst des Hochzeitsgastes beim Anhören der 
Geschichte, aber noch mehr beim Ansehen des Erzählers 
vor; W, Taylor's Übersetzung von Biü'gers '^Lenore" lautet 
in Strophe 39 --40 : 

Tramp, tramp, acroäs the lanä they sptede; 

Splash, sptaah, across the see: 

'^Hurrahl the dead can ride apace; 

Doat feare to ride with me? 

The moon is hnght, and blue the night; 

Dost quake the blast to htein? 

Dost shudder, mapdt to seeke the dead?" 

*No, nOj but whai of them?* 

Ein Nachklingen dieser Coleridge bekannten Zeilen 
wäre da nicht ausgeschlossen. — Y. 226 und 229 Ihy skinny 
hand: der eiserne Griff der sehnigen, wetterbraimen Hand 
ist dem Hochzeitsgaste besonders gi^auenhaft. — Y. 232/233 
Alonc, alone, all, all ahne, / Ahne on a wide wide seaJ die 



L The Anoient Mariner. 



17 



Anwendung weniger ganz seb licht er, aber stets wiederholter 
Worte wirkt bei ihrer metrischen Mannigfaltigkeit besser 
ab manche gesuchte Ausmalung der trostlosen Öde. — 
V. 238 a thousatid thousand slhmj tlnvgs bloß zahlverstärkend; 
die Sache selbst ist unter geänderten Verhältnissen aus 
V, 125 wederholt. — V. 240 / lookcd upon (he roUinff sea, 
Y, 242 / looked upon ihe rottintj deck, V* 244 / looked io 
heavm, wo immer er hinblickt, überall Verzweiflung, des- 
halb dami V. 248: / chscd nnj Uds. — V- 250 For ihe ski^ 
and ihe sect, and ihe sea and ihe sky die eintönige Umgebung 
wird nicht abwechslungsreicher, welche Reihe man auch in 
ihrer Betrachtung einschlägt. — V. 255 The look with which 
tfietf Jöok^d rm nie j Had never passed awüif. der Blick ist 
tot, sie können mm nicht mehr blicken, dennoch bleibt das 
Besultat ihres letzten Blicken s noch immer. — V, 257, 260, 
261 curse, dreimal wird vom Fluche gesprochen, aber jedes- 
mal gesteigert. — V. 272 Beyond ihe shadow of (he ship imd 
V. 277 WUhin ihe shadotv of ihe ship die Farbeneffekte 
wechseln je nach der Beleuchtung, natürlich kann sie der 
Änc. Mar. nur in gewisser Nähe beobachten, der Schiffk- 
achauen gibt dies MaÜ an. — V. 285 und 287 And l hlessed 
ihem uttawart. Als eine Tat-sache, die fiii' die Entwicklung 
der Handliuig so bedeutsam ist, wird sie zweimal genannt. — 
V. 315 und 316 To and fro, Bild raschester Bewegung. — 
V. 320 one blnck cloud und V. 322 The thick hlack cioud 
das zimi Mondschein scharf Kontrastierende ist zum Zwecke 
der Anknüpfung des Folgenden nochmals angeführt. — 
V. 330 The dead men gave a gman ist in V, 331 They groaned 
anknüpfimgsweise wieder aufgenommen. — V. 354 Aromid, 
aroundf flew eaeh sweet soundf wie V. 127, — V. 134 Frotn 
ihe land of mist and snow: mit der Erwähnung des Geistes 
in V. 378 und 403 folgt auch wieder dieselbe Formel für sein 
ursprüngliches Revier. — \\ 386 und 388 WM a shori uneasy 
nwtion — eine ungewöhnliche Art. der Änfangsbewegung 
eines Schiffes, daher die besondere Betonimg. — V, 406 und 
407 The other was a sofier voice, j As sofi as honey-dew : Wort- 
stammwiederholung, — V. 406/409 The man haih penancc 
dane, / And penance more trili do. die Buße ist das Haupt- 
motiv des (ranzen, somit verdient sie auch die Hervorhebung 
zweimaliger wörtlicher Anführung. — V, 410 Bui ieU me, 

S lo hl er , Tho Asciont M urin er u, Chiitt, 2 




L 



18 Eiuleitimg. 

ieU me! gewöhnliche Verdopplung neugieriger Frage. — 
V, 420 See, brather see! wie V. 16L — V. 426 Fly, broiher, 
ßy! more high, mare high! wie V. IGl, — V. 428 For slow and 
slow (=s "immer langsamer")* — V. 432 *Ticas niglU, calm nigM, 
ihe mooH was high, Wiederhohmg aus metrischem Grimde 
zur Herstellung der Assonanz. — V. 433 The dead rneti siood 
togeiher. wird zur neuerlichen Ausmalung der gi'äßlichen 
Gesellschaft als Anfangszeile der folgenden Strophe, Y. 434, 
aufgenommen : AU stood taget her on ihe decL — V. 448 und 
449 And haviug once tumed round walks on, j And turns no 
more his head. Die ausfiihrliehei^ Sprache des Vergleiches 
würde auch in anderer poetischer Umgebung diese Wieder- 
holung rechtfertigen. — V» 460 Steiftlg, swißig und V. 462 
Sweetlg, swteUg: die freudige Erregung des Matrosen malt 
sich in diesen unwillkürlichen Verdopplungen, — V* 488 
Each corse lag flai, lifeless and flai : es wird betont, daß sie 
nicht mehi' dastanden (vgl. V. 433/434), was ja den Anc, 
Mar» SU entsetzt hatte. — V. 492 Thts seraph-band^ euch 
waved his hand: ist als wunderbare Erscheinung auch als 
Anfang der folgenden Strophe, V. 496^ wiederholt. — 
V, 497/498 No wice did titeg impari — / No voice: bui oh! 
the sitence sank,... einen Fluch aus dem Munde dieser 
Engelsgestalten zu hören, wäre das Schrecklichste gewesen, 
daher ist das Schweigen zweimal negativ und einmal positiv 
genannt. — V, 500/501/506 / heard etc. steht als das 
Vernehmen menschlicher Tone im grellsten Gegensatze 
hiezu und verdient deshalb auch mehrmalige besondere 
Anführung. — V. 530 How thin ihey are and sere! greift 
V. 312 auf, indem mit großer Berechtigung auch dieses 
Zeichen luierhörter Mühsalen wieder in derselben Form vom 
Dichter erwähnt wird. — V, 540 "Fush an, ptish on!'* wie 
V. 161- — V- 542 The hoat canu closer to the ship, kehrt 
verstärkt in V. B44 wieder: The hoat tarne dose beneath ihe 
ship* — V. 557 The hoat spun round and round: wie V. 127. — 
V. 674 shrieve mCf skrieve mc, holg man! wie V. 161. — 
V* 579 With a woful agong, ist als dauernder Fluch jenes 
Abenteuers, der ihn auch jetzt wieder gebannt hat. in 
V. 583 Thai agmig retums: aufgegriffen, — V, 598 Alone on 
a Wide wide sea: = V. 233. -- V. GOl/602 sweettr ihan the 
marria4j€'feast, / *T is sweeter far io me, einfach rhetorische 






1. The Ancient Mariner. 19 

Wiederholung. — V. 603 To walk together to the kirk nur 
der fromme Kirchgang zum Gebete zieht den Anc. Mar. 
an, nicht Festlichkeiten, daher wiederholt er den Ausdruck 
wörtlich in V. 605 und erläutert ihn. — V. 610 Farewell, 
farewdl! wie V. 161. — V. 612/614/616/617 He prayeth well, 
who loveth well und sonst loveth betont die Tierliebe als 
höchste Tugend vielleicht in etwas zu hohem Grade. — 
Durch Bürgers Einfluß mag derjenige der englischen Balladen 
in dieser Hinsicht in Col. wachgerufen worden sein; das 
Neubeleben längst vorübergegangener Bilder paßt so recht 
in das Übernatürliche der Erzählung hinein. Diese "ab- 
sichtliche, gepreßte Eintönigkeit", wie sie Brandl schon für 
''Lewti" nachgewiesen hat (S. 202), muß hier, zur Meister- 
schaft entwickelt, bei kunstgemäßem Vortrage den Zuhörer 
in den magischen Kreis hineinziehen. 

Die Technik ist, wie schon bemerkt, sprunghaft: 
durch die glückliche Einkleidung des Ganzen in einen 
großen Monolog werden wir in medias res gefuhrt; die 
zuhörende Person dabei wahrt den dramatischen Charakter 
der Szene, greift aber natürlich nicht in die Entwicklung 
ein. Die Einteilung in 7 Abschnitte ist bis zum 5. mit Bedacht 
an Stellen getroffen, die einen abgerissenen, spannenden 
Schluß bilden; der Übergang vom 5. zum 6. ist dagegen 
sehr leicht. Der 6. Teil schließt mit der Hoffiiung auf die 
Beichte gut ab, während im 7. das Rettungswerk an Leib 
und Seele des Anc. Mar. beginnt. 



2* 



2. ChristabeL 

Entstehvmg und Aufnahme. 

Üter das Werden des Märchens sind wir nur unsicher 
'"bezüglich näherer Umstände luiterrichtet. CoL schreibt in 
der Preface zur ersten Ausgabe: " The ßrst jHirt of the joUowing 
poeni was writim in tJie year one thousand seven hundred and 
fiinety-sei^mf ai Stöt4^et/, in the country of Sanier sei. The secand 
pari, aßcr nitf retum from Germany, in Ote year one thousand 
elght hundred, ai Kcswick, Cumberland.*' Arn 18. Februar 1798 
gab er dem Verleger Cottle Nachiicht von der Fertigstelhmg 
einer 340 Verse iimfassenden Ballade, was Brandl auf Christ, 
bezieht ( natürlich Part I -\- Conclusion in Pt. L = 331 Verse). 
Das Werk soUte in einem zweiten Bande der Lyr, BalL er- 
scheinen^ aber Wo. mußte dem Drucker nach einem Versuche, 
CoL zur Beendigung des Gedichtes zu bewegen, am 10. Ok- 
tober 1800 endgültig mitteilen^ daß Christ, nicht mitgedruckt 
werde ^). (Ausführliche Korrespondenz Ca. pp. 601 — ^602.) 
Merkwürdigerweise besitzen wir aber vom 9. Oktober, also 
einen Tag vor dem Datum des letzten Briefes Wo.^s an die 
Druckerei, eine Nachricht Col.'s (abgedr. in Fragmentary 
Remarks of Sir ffmry Davy, p. S2), wo er berichtet, Christ 
sei auf 1300 Verse angewachsen. Er spricht davon, daß 
Wo. aus verschiedenen Gründen Christ, nicht in den Lyr* 
Ball, erscheioeo lassen wolle, daß aber geplant sei, Christ. 
und Wo. 's Gedicht *'The Pedlar" gesondert in einem Bande 
zu veröffentlichen. — Fünf Tage später schreibt Col. an 
Poole, daß ihn die Vollendung von Christ, fiir den zweiten 
Band der Lyr. Bali, sein- beschäftigt habe, das Werk sei 
auf 1400 Verse angeschwollen, — Am 1. November 1800 
schreibt er dann an Josiah Wedgwood (Cottle, Rem., 439), 
daß er unmittelbar nach seiner Ankunft im Seedistrikte die 
Geschichte von Christ,, for den zweiten Band der Lyr. BalL 



*) Vgl. Miss Wo., Grasmere Journah, Od, €, 1800: ''Detemiined not 
io pnni Christ, icith L, B.' 



Einleitung. 2. ChristAbel. 



21 



^V SU beenden unternommen habe ! Er habe versucht, geiu 
I Versprechen (!) zu halten, aber die mißmutige Stimmung, 

^H die der "verfluchte Wallenstein" in ihm zurückgelassen* 
^^f scheine ihn mit Unfruchtbarkeit geschlagen zu haben. Alle 
landschaftlichen Reize hätten ihn nicht zur Produktion 
begeistern können, bis er eines Tages bei einem Geistlichen 
zu Tische geladen wurde und so gewaltig zechte, daß er 
Not hatte, *'io halance mtjsdf on the hitlier edge of sobrkty'*. 
Und siehe da, am andern Tage konnte er wieder dichten! 
Das Werk wurde gefordert und erreichte nach Wo.'s Meinung 
einen solchen Umfang und so große dichterische Kraft, daß 
dieser davon Abstand genommen habe, es in dem zweiten 
Bande der Xyr. BalL |denn der ist doch wohl gemeint] zu 
drucken, weil es zu umfangreich und andererseits zu ver- 
schieden im Charakter von den anderen eigenen Ge- 
dichten sei, 

Nicht genug also, daß Col. das Gedicht bis zu 1400 Versen 
gebracht haben will, dichtet er noch weiter daran! Jetzt 
Tunfaßt dagegen der gedruckte Text bloß 677 Verse und 
auch keine Handschrift bietet mehr. Hier müssen Vermutungen 
aushelfen. Wii* dürfen annehmen (s. u, S. 28/29), daß Col. 
sich über die Anlage des Werkes vollkommen klai- war; sollte 
er sich da nicht einen Entwurf in rasch skizzierten Versen 
gemacht haben (denn nur ein schrit\lich aulgezeichnetes 
Oedicht kann man nach Versen zählen i, den er aber aus 
irgend welchen Gründen für unpassend hielt und selbst den 
Freunden gegenüber unterdrückte? Wo.*s nüchternes Wesen 
hatte ihn schon von der Vollendung se\u&v *'Wanderuigs of 
Cain' zurückgehalten, eine leise Verstimmung mußte zwischen 
den beiden seit der ersten Ausgabe der Lyr, BalL über diesen 
Punkt heri-schen, die auf Seite Wo/s diesmal durch das 
ewige Hinausziehen Col/s noch genährt wui*de. Da kann 
man unter den gegebenen Umständen doch wohl nur diese 
eine Hypothese aufstellen, daß nämlich Coh nur Fertiges 
und nach eigenstem Ermessen Gutes liefern wollte und ohne 
Vorwissen des Freundes, nach Vernichtung der oben an- 
gedeuteten Versuche /das wären also die 1300 oder HOOVerse), 
heimlich noch foitzuarbeiten suchte, ohne fi^eilich sem Ziel 
zu erreichen. Anders ist über diese Schwierigkeiten kaum 
hinwegzukommen. 



Einleitimg. 



Den Plan, die Ballade zu beenden, gab CoL nicht auf, 
obwohl ihn »ein jetzt in höchster Blüte stehender Opiimi- 
gennß an poetischer Ausarbeitung jeder Art fast ganz 
hinderte. Jänner 1801 schreibt er an Cottle, er hoffe 
Christ bald zu beenden, wenn er nur erst eine pflichtmäßige 
Arbeit, die ungenannt bleibt, beendet habe ; März desselben 
Jahres, voll froher Hoflfiiung abermals: es soll nächstens 
fertig sein und mit zwei Abhandlungen über das **Uber- 
natürliche" und über **Metrik'' sofort gedruckt werden. 
Er sahnt sich danach» e^ gedruckt zu sehen. (Man kann 
sich eines tiefen Mitleids mit dem kranken Manne nicht 
erwehi'en, wenn man diese Sehnsucht sieht, etwas zu leisten, 
und bedenkt, daU sein körperliches Leiden, der Rheuma- 
tismus, ihn zu dem unseligen Opium als Betäubungsmittel 
greifen Heß, das ihn jetzt so unfähig zu dichterischem 
Schaffen machte, da die reizbare Wirkung während des 
Traumes nun einer allgemeinen Erschlaffimg gewichen war.) 
Das bereits Abgeschlossene jedoch trug der Dichter mit 
seinem großartigen Pathos den Freunden bereitwillig 
vorJ) Damals düi*fte auch Stoddard nach Ca/s Annahme 
eine Abschiift von der Ballade erhalten haben, die er dann 
Walter Scott vortrug, 1801 hofft. Col. in Briefen an Poole 
und Davy, zxir Bezahlung von Schulden ChHsL in Druck 
legen zu können* Am 1. Mai 1808 schreibt dann wieder 
Davy an Poole, daß CoL, als er von einem Besuche bei 
Jos. Wedgwood in Gxmville über London nach Hause zurück- 
kehrte, in der Hauptstadt das unvollendete Gedicht wieder 
vorgelesen habe, wie er (DavyJ es schon gehört habe, mit 
der traurigen Anmerkung: '*fns will is probabfy less ihan cver 
aimmmsurcUe wHh his ahUity*'. fBrandl vermutet, daß Scott 
damals erst das Märchen kennen gelernt habe, es düi*lte 
aber bei Ca/s Annalime verbleiben, daß Scott durch Stoddard 
schon irüher damit bekannt wurde.) Mss, des Gedichtet 
zii'kulierten allenthalben unter den bekannten Literaten. 
Jeffi'ey, Herausgeber der EtUnburgh Retnew, besuchte Col. 
im Sommer 1810 und der Dichter las ihm das Fragment 



^) Oftwnere Jaumalg, Aufi, 31, 1800: "CoL reading a part of 

Chris C — Ihid, Od. 4 : ''Extremehj deltghUd with second Part of Chris t" 
— ibid. Oct. 5; "Col, read. Christ, a second time; ice had increading 
phaaure:' — rbid, OcLH2: "CoL reading Christ' 



vor. Im Jahre 1811, als Col. seinen ersten Vorlesungs- 
zyklus in London abhielt, hörten Rogers und B;yTon diese 
epochemachenden Vorträge; um diese Zeit hörte Byron 
auch Christ, vom Dichter rezitiert» Infolge seiner Empfehlung 
übe ni ahm MiUTay mm auch den Druck von *^ Christ,, Kuhht 
Khfw and The Pains of Sleep'\ 1816» drei Fragmente, eine 
charakteristische Publikation für den fragmentarischen 
Dichter I In der Einleitung verspricht Col zuversichtlich, 
noch drei Teile im Laufe dieses Jahres zu veröffentlichen. 
Er gibt in dieser Preface sonst noch die Daten des Ent- 
stehens der Ballade an, beklagt, daß er seit 1800 nicht mehr 
dichterisch schaffen könne, was sich allerdings in letzterer 
Zeit wieder gebessert habe. Er gibt sich gar keiner großen 
Hoönimgen bezüglich der Auinahm© des Gedichtes hin, das 
damals (1800) wohl viel mehr gewirkt hätte, aber das sei 
nur seine eigene Schuld. Dann verwahrt, er sich ernstUch 
gegen den Vonvurf des Plagiats, wie ihn gewisse Kritiker 
gam zu erheben pflegen; gesteht aber bereitwillig Be- 
einflussung in Ton und Geist der Dichtung zxi. Er schlieft 
mit einer Charakteristik seines Metnuns (s. den betreffenden 
Abschnitt). In der Gesamtausgabe von 1828 ändeite CoL 
in dieser Preface das gegebene Versprechen ab: *'/ imst 
I shall tftt be ahle to tmhodfj in verse the three parts yet to 
com(*y 1834 strichen die Freunde diesen Passus ganz. 

Um den Aufbau des Märchenfragmentes voll zu würdigen, 
ist es zunächst nötig, die uns nach eigenen Mitteilungen des 
Dichters in Gillmans ''Life of Coi:\ pp. HOl — ^^/.7 auf- 
bewahrte Prosafortsetzung kennen zu lernen {wiederabgedr. 
Ca. p. 604): 

**Der Barde eilt» seinem Auftrage gemÄß, mit seinem Pagen über 
die B^ge; eine tmgeUeuere Überschwemmung, wie sie häufig in diesen 
Strichen vorkomtneu »ollen, hat das Schloß des angeblichen Vaters 
Oeraldinens vollkommen von der Erde weggefegt, weshalb der Barde 
nrnznlcehren beschlielit. Geraldine, die mit allen Ereignissen bekannt 
iät, wie die Hexen in Maxiheih, verschwindet. Daim aber tancht sie 
wieder aul* und schürt in Sir Leoline durch Zaiiberküns^te Groll und 
Eifersucht (wie wir ja schon einen Ausbruch dieser Leidenschaften 
1m!j ihm Ijeobachten konnteu). AI» aber nun der Barde wu^klich anlangt. 
Uiuli Geraldine verschwindeu, jedoch der Diimon, der diese Gestalt 
angenommen hat, wechselt nun sein Kleid; er erscheint als der ab- 
wesend gedachte Liebhaber Christabels. Diese fühlt sich in der 
G606ilSGhaft des sonst so geliebten MonneH jetzt merkwürdig be- 




EinleituDg. 



klommen. Ihre ktihle Haltung ist ihrem Vater sehr peiDlichi da er 
natürlich ebensowenig wie seine Tochter von der dämonischen Um- 
wandlung etwas ahnt. Christabel gibt dann endlich den Drohungen 
ihres V^aters nach und willigt ein, mit dem verhauten Bewerber vor 
den Altar zu treten. Im Aitgenblicke der Trauung jedoch erscheint 
der wirkliche Bräutigam, der durch Vorweisen des Verlob iingsrtnges 
als echt erkannt wird> Der Dämon entzieht sich nun dieser Entdeckung 
und Niederlage durch schleunige Flucht. Wie im ersten Teile erwähnt 
worden ist, tönt nun die Burgglocke, die Stimme der verstorbenen 
Mutter wird vernommen und die Ehe whd in richtiger Weise geschlossen- 
Eine Autkläi'xing zwischen Vat-er und Tochter und nattlrlich vollkommene 
Versöhnung beschließt dann das Ganze/' 

Dieser Entwurf liir zw^ei (niclit drei) weitere Teile fügt 
sich völlig passend an den erhaltenen Torso an, so daß bei 
der Betrachtimg der Leitmotive Greplantes und Vorhandenes 
zusammengefaßt werden kann. 

Die literarische Hanptquelle ist Speiisers **Faery Queen", 
ChrisL ist das Abbild der üna, der Bepräsentantin des 
wahren Glaubens, der Paradieses-Erbin. Der Red Cross Knighi 
läßt sie, vom bösen Geiste verführt, im Walde schlafend 
allein und nun sucht sie kummei'vollen Herzens ihren 
Geliebten, Geraldinv, das dämonische Wesen, entspricht 
genau der Dmssa Speusers, die unter dem falschen Namen 
tHdessa als einzige Tochter eines mächtigen Kitters an den 
GelieT>ten der Üna herantritt und seine Liebe zu gewinnen 
sucht. Sie ist bei Spenser die Repräsentantin des katholischen 
Unglaubens, äußerlich schön, aber unten eine scheußliche 
Mißbildung (I, 240: I channst to see her in her proper hew j 
Ä ßUhj foul old woman did I view u. ä.). Auch sie tritt im 
Walde aufj heiTÜch gekleidet und reich mit Edelsteinen und 
anderem Schmucke geziert,. Es ist die Gestalt der in allen 
mittelalterlichen Literaturen bekannten *"Pi'Oteus-Elfin'y) das 
vom oder oben prangende, aber hinten oder unten scheußlich 
mißgebildete Weib. Der Kampf zwischen dieser Teufelin tind 
der wehrlosen Unsehidd ist — allerdings ohne Allegorie — 
(nach Brandl) das Hauptthema des Märchens; die kleine 
Verschiebung in Christ,, daß der Vater zunächst das Streit- 
objekt der beiden bildet, schreibt Brandl dem EinHusse 
der Hallade '*The Marriage oj Sir Gawayn" (Percy^ Mel, III J 
zu, wo auch eine Unholdin im Walde die Heldin 



. 



1) Vgh E. Schmidt, Goüthe-Jb., HI, 120 f. 






2. ClmstabeK 



2& 



und dann deren alten Vater zum Geliebten zu gewinnen 
sucht. In der Fortsetzung des Märchens hätte Col. dann 
das urspningliche Motiv wieder aufgenommen (wie Archi- 
mago bei Spenser m der Gestalt des Geliebten die Heldin 
peinigt, hätte dann ja auch hier der Dämon als Christ/s 
Bräutigam auftreten sollen). Ein christliches Märt.jrermotiv 
aus Chrashaw, ''Hijmn ia Si, Theresa*', soll Anstoß zur Idee 
des ganzen Gedichtes gegeben haben; doch vgl. hiezu Ca. 
p. 606 b, und hier zu V, 332. 

Die Natnrschilderung zu Beginn, welche uns in romanti- 
sche Stimmung versetzt: Mitternacht — Eulenkrächzen — 
Krähen des erwachenden Hahnes — Heulen des Hundes — 
halbdunkle Nacht mit tmbem Mondschein imd der erwachende 
Lenz ~ stammen nach Brandl aus Wo/s ^'Descripiive Skeiches'^ 
Ich möchte aber auf die nicht allzu gi'oße Ahnliclikeit von 
V. 186 — 195 dieses Gedichtes weniger Gewicht legen als auf 
andere literarische Vorbilder. Die schauerliche Turmszen«^ 
von Schillers '*Iiäubern*' mag nachgewirkt haben, deren 
Lokale ja auch zu dem hier geschilderten stimmt J) — Das 
folgende Motiv ist, wie erwähnt^ in genauester Entsprechung 
aus **Faert/ Queen'\ L, 3^ 3 — 5 herübergenornmen, nur dali 
Geraldine, wie die Heldin der von Brandl angezogenen 
Skizzen Wo/s, sich schon müde imd verlassen im Walde 
aufiiält^ nicht erst wie die Duessa iSpensers in pomphafter 
Begleitung ankommt. Zum Eingang vergleicht Brandl auch 
noch '*Midsufntncnufjht's Ih'cum*\ wobei er jedenfalls die 
SchhiiJverse : *'Nor the Inmgry lion roars etc.'' im Auge hat. 
Diese Übereinstinnnimg ist auch ziemlich klar; nur ver-- 
stehe ich nicht, was Brandl meiut^ wenn er sagt: *'CoL 
ließ das eine Tier den Mond anbellen, das an- 
dere an ein Leichentuch denken.'' Es ist doch 
hier nur von einem einzigen Hund die Hede, der der Turm- 
uhr nachbellt, und dafür wird als Grund angegeben: "einige 
sagen» er sieht der Dame Leichentuch'*. Es folgt, sodann 
die Auflindung Geraldtnens, die im schönsten Schmucke 
und Unschuld weißen Kleide auftritt, bescheiden flehend 



i) YgL Col.'s Anni. zum Sonette **To the Author of the Robber»" 
fPoeim, 1796), wo er den schauerlichen Eindruck »childert, den dieses 
Drama bei der erst-en Lektüre in yeiiier Studentenzeit tum Mitternacht I) 
ihn machte. 



EinleitnDg. 



(F, Q,, 7, 5, 2t) und ihre Geschichte erzählend : die fingierte 
Entfiihmngsgesehichte mit dem rasenden Ritt durch den 
nächtlichen Wald und der Ohnmacht am Schlüsse erinnert 
ganz augenfällig au Lenorens Todesritt. Die Begegnung 
mit dem Leichenzuge in Bürgers Ciedicht ist, wie Brandl 
annimmt, durch den Zug **and Ofwe we crossed ihc shade of 
night*" ersetzt; mir scheint jedoch eine andere Parallele ein- 
leuchtender, nämlich aus Col.'s erster Ballade '^Tke Rav€fi^> 
Da heißt es V. 42 [''Bitjht tjlad was (he Raven, and off he 
tvmt ßeetj Attd Death riding harne m a elöud he dkl meet'\ 
Ich meine, the shade of night ist doch leichter mit einem 
Todesengel als mit einem Leichenzuge zu verwechseln. — 
Für die Szene des Eintretens und Wand eins im Schlosse 
sind aus inneren und äußeren Ähnlichkeiten Einflüsse durch 
Mrs, Radcliffes ''Itomancs of the Forest" (mit Brandl) anzu- 
nehmen: die äußere Lage, die Beschreibung des Tores; 
dann die Bewohner : ein mümscher Alter und ein schönes, 
.sanftes Töchterlein, das früh die teure Mutter verloren hat* 
— Auf altem Aberglauben beruht der Zug, daß die Teu- 
felin sich über die Schwelle tragen läßt: übei*schritte sie 
diese, so wäre ihre Krall nicht mächtig; auch ein Motiv 
des Aberglaubens ist es, wenn Geraldine den Namen der 
heiligen Jungfrau nicht aussprechen kann: die Geister der 
Hölle scheuen sich, die göttlichen Wesen auch nur zu 
nennen ! Auf der bereits einmal zitierten Ballade von Lewis 
"'Alonzo the Bmve and Fair Iwof/efi" soll das Aufflackeni 
der Kaminflamme und das Anschlagen des Hundes beim 
Vorübergehen der Hexe beruhen; die Züge können wohl 
auch direkt aus volkstümlicher Überliefenmg stammen. — 
Das leise Äutlreten im Schlosse wird sehr glücklich motiviei-t 
durch die Kränklichkeit des Barons: dieser Zug findet sich 
m Mrs. BadcUtfes '*The Mpsleries of Udolpho" (1794) und 
ist sicherlich daraus von Col. entlehnt. Er gibt ihm auch 
eine weitere Motivierung an die Hand: niimUch die der 
Entdeckung der schändlichen Gestalt Geraldinens, Sie muß, 
da alles Geräusch vermieden wird, in dieser ersten Nacht 
bei Christ, schlafen und beim Auskleiden erfolgt dann diese 
Entdeckung (bei Spenser durch ein Bad). Auch die Er- 
regung der Spannung, worin der entsetzliche Anblick 
eigentlich bestanden hat, ist in dem erwähnten Eadcliffe- 



; 




2. Christabel. 



27 



■ 



Werke mit großer Wirkung angewendet : die Heldin 
findet da in einem entlegenen Zimmer ein verhülltes 
Gemälde: als sie den Schleier lüftet sinkt sie in Ohnmacht; 
erst gegen Ende hören wir^ dail es das Wachsbild einer 
haibverianlten Leiche war (Brandl). Sicher hat CoL hier 
abgelernt; im Fragmente erftihren wir ja nichts über die 
Art des Anblickes^ er soll uns erst am Schlüsse verraten 
werden (vgl. aber Lesarten, 248 iE). — Im Augenblicke, wo 
Geraldine ihren Zauber raunt und Christabel (a, Concluslon) 
in eine Art StaiTkrampf verfällt, bricht der erste Teil mit 
gut berechneter Pointe ab. Der ''Schluß-- läßt die Motive 
noch einmal kur^ erklingen. ~ Zu dieser kurzen Dai'- 
stellung, die sich im wesentÜchen an Brandls vorzüghehe 
Analyse anschließt, trage ich noch einen von ihm nicht 
enn'ähnten Zug nach. Als die tote Mutter als Schutzgeist 
in der Kemenate erscheint, erblickt ihn nur Geraldine. Da 
muß entweder an eine höhere ünterscheidun^sgabe des 
Geisterwesens oder an lit. Einfluß der Hamletszene gedacht 
werden, wo auch Hamlet allein den Geist des Vaters, den 
er im Gespräch mit der Mutter unabsichtlich zitiert hat, 
erschaut j oder an Bau^^uos Geist beim Festmahle. Letztere 
Ani'egung ist bei den maDnigfachen Anklängen an Macbeth 
sehr naheliegend. 

Der zweite Teil weist starke Stilunterschiede vom 
ersten aiii*. Das Scliloß liegt jetzt ganz bestimmt lokalisiert: 
im Seedistrikte (vgl. Komm, zu 344 n, a.). CoL war aus 
dem Märchenhaften etwas hemusgetreten. Doch sind noch 
etliche magische Züge hinzugekommen: die ßezauberung 
des Vaters durch Geraldinens berückende Augen, die 
Christabel als Schlangenaugen erscheinen. Ähnliche Augen 
schildert CoL in Kuhla Khan (V. 49) bei dem Propheten, 
und zwingend, allerdings nicht zu bösem Werke, ist ja 
auch des **alten Matrosen'' Blick. Ein retaniierendes Moment 
in der Erzählung, schwächer in der Wirkung, ist die 
Wiederholung des im ersten Teile bereite ausgeführten 
Gedankens : Christabel in den Krallen einer heuchlerischen 
Hexe, wie wir ihn jetzt als Traum des plötzlich unvermutet 
auftretenden Barden hören, — an sich allerdings ein schönes 
Bild. Die schönen Verse auf die Freundschaft beruhen wohl 
ÄTif dem gestörten Verhältnis CoL's zu Southey. Allgemein 



Emleitnug. 

menschliche Töne werden angeschlageu, philosophiache 
Abhandlungen drängen sich in der Coucludiou to Pari Ute 
Secofid ein : die Märchenstiiomiing schwindet schon stellen- 
weise, und mit Brand! dürfen wir wold sagen, "es ist ein 
Glück, daß Christ, ein Fragment geblieben'^ denn die 
Fortsetzung wäre wohl noch mehr ins Philosophisch- 
nücht'eme hineingeraten. Vielleicht hätte es damit ja zur 
Zeit des Erscheinens einen großen Erfolg erzielt, denn die 
Kritik tat sehr ^'aufgekläit'^ als 181G das von denen, die 
es vorgelesen gehört hatten, so hoch gepriesene Märchen 
endlich erschien. Die Monthly Ret^ietc und Edinhargk Bevieic 
(Th. Moore!) machten es in den schärfsten Ausdi"ücken 
herunter und die Quarierly JRemew weigerte sich zuerst 
überhaupt, es zu besprechen. Die Bewunderung Lambs und 
anderer Freunde konnte Col. für diese Gehässigkeiten und 
die kühle Haltung Scotts nicht entschädigen (vgl. Brandl, 
S. 385 ff). Für den Augenblick bedeutete die schlechte 
Aufiiahme auch einen materieEen Mißerfolg für Col., indem 
Mmray, obwohl die Ballade noch im selben Jahre ein 
zweites Mal aufgelegt werden konnte, sich von Col, zurück* 
zog, und dieser hätte gerade jetzt notwendig einen Ver- 
leger für seine philosophischen Schriften gebraucht. 

Immer wieder versuchte CoL übrigens, Christ, zu beenden; 
noch Jänner 1821, als schon eijie Fortsetzung von anderer 
Hand 1819 in Blackwood' s Magazine erschienen war, schreibt H 
er an Allsop: *'I trould fainfinish Christahel.*' Im Gegensatze " 
zu des Dichters eigener Prosafortsetzung, wie sie uns Gill- 
man überb'efert, äußerte sich Wo. gegenüber dem Neffen 
Justii:e Coleridge im Jahre 1836, daß Col. überhaupt keinen 
bestimmten Plan vor Augen gehabt habe, wenn er selber 
auch davon gesprochen habe; denn das sei bei ihm ge- 
wöhnlich so gewesen : es fuhr ihm ein Gedanke zur Aus- 
führung eines Werkes durch den Sinn, und zwar mit solcher 
Lebhaftigkeit imd doch auch mit Nachhaltigkeit, daß er 
dann glaubte, es sei wirklich schon ausgeführt, wm in der 
Tat vielleicht erst den Keim zu einer Arbeit in sich barg. — 
Wo» tut seinem kranken Freunde hier entschieden unrecht; 
hätte auch er selbst uns nicht wiederholt, noch im Table 
Talk 1833, versichert, daß er einen klaren Gang der Er- 
zählung vor Augen hatte und nur aus Mangel dichterischer 




2. ChristabeL 



S» 



SoWHWBfreucie die Atisarbeitung unterließ, so kann doch 
Gillmans Bericht nicht aus der Luft gegriffen sein. 

Abschließend kami mau über die Ballade ebenso wie 
über den Afic. 3far. nur dann urteilen, wenn man sich 
nüchterner Verständlichkeit begibt: denn sonst kann man 
das mitteraächtliche Beten des einsamen schönen Burg- 
frauleins im Walde nicht begi*eifen; das Auftauchen des 
Barden erscheint dann ganz unmotiviert; nicht zu reden 
von den vielen Einzelzügen, in denen die Unwahrscheinlich- 
keit im gewöhnlichen Sinne auf der Hand Hegt. Wir müssen 
uns hier eben unmittelbar auf den Boden des Märchens 

len» das uns hier, glückhcherweise nicht mit langw^eiliger 
aral verbrämt, in eigenster Gestalt entgegentritt. Bunt 
und huschend ziehen die luftigen, bald rührend schönen, 
bald traurig-schreckenden Bilder vor unserem Auge vorüber: 
die Handlung besteht überhaupt nur aus ganz locker an- 
einandergereihten Szenen, die den Kampf zwischen Gleißnerei 
und Reinheit aufs beste illustrieren; selbst im zweiten Teile 
ist die Verfiihrimgsszene mit größter psyc;hologischer Kunst 
und Axifbietiing aller märchenhaften Elemente ausgearbeitet, 
ein bewundernsw^ertes Werk, denn, wie schon der Rezensent 
der Quarierly Remew, No. Cm, p. 29 bemerkt: "TAe thing 
aiiempted in Chnstahel is ihe most dlfficulf of exectition in ihe 
^ whoU ficld 0/ romanee — witcherij fnj datflifjht — and ihe sncc^ss 
' eompleie." Das Dämonische zieht eben, wenn es der Dichter 
versteht, uns in seinen Kreis mitten hineinzustellen, immer 
an ; und in höchster Naivität, dem Kennzeichen des wahren 
Genies, ist es Col. gelungen, ims hier mit Zauberfäden zu 

stricken, die wie die Hexe Geraldine mit i}u*en schönen 

Jen uns süß fesseln und die sich, wäre dieses Werk wie 
der Anc, Mar. in einem Gusse fertiggestellt worden, am 
Schlosse in schöner Entwicklung zu lustigen Sommerfäden 
autgelöst hätten, die in einem leichten Nebel von den 
schönen Gestalten wegflatternd uns endlich den reinen 
iblick der schönen Christabel in verdientem Glücke 

tattet hätten — mit dem alten Märchenende: "Und 
wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie heute noch, so 
glücklich wie an dem Tage, wo das geschah.'* 



ELnleitung. 



Hetrum» Sprache und Stil, 

Das Fragment ist in i>77 Versen 1816 erschienen; die 
drei Mss. enthalten jedoch nur 655 Vei^e, da hier The Cou- 
clusion to PL the See, fehlt, die, wie Ca, vermutet und ich 
auch fitir sehr wahrscheinlich halte (vgl, Lesarten zu 656 ff.}^ 
m'spninglich nicht zw dem Gedichte gehörte. 

Das Ve rsm aß ist eine Mischung des freier gebauten vier- 
taktigen altenglischen Verses und des vierhebigen jambisch- 
anapästischen Langverses der neuenglischen Dichter, ein 
Metrum, in welchem CoL auch **Fire, Faminc and Slanghtcr' 
1797 und noch li'üher 1794 "ifi^^h" geschrieben hatte. Schon 
aus diesem Ginmde ist es unrichtig, wenn CoL in der Preface zur 
Ausgabe von 1816 behauptete, daß das unregelmäßige Metnmi 
'*i$ founded (m a new principlt: vaimhj, tkat of eotiniing in 
eaeh line ihe accenis, not tke spUables"* Brandl (S. 222) und 
Schipper (Metrik^ IT, 24ö ftV) weisen hier den Einfluß der 
lyrischen Pai-tieu in Shaksperes und Miltons Stücken nach. 
Schipper gibt am angegebenen Ort,e eine ausführliche Dfiu:- 
Stellung des Metrums in diesem Gedichte, der ich mich im 
folgenden grundsätzlich anschließe. 

Im Gegensatze zum Änc^ Mar, hat Col. hier die Strophen- 
form aufgegeben und freie Abschnitte verwendet. Das 
Prinzip des Baues der einzelnen Verse hat er in der 
Prefaee klar ausgesprochen; nach der oben zitierten Stelle 
fiihi't er fort: **Though the lauer [sc. S3"llables] nmy vary 
from seven to (wehe, yei in each line the accents mll be found 
to be only four, Nevertheless this occasional Variation in number 
of syllables i$ not introduced wanionJy^ or for the mere ends 
of convetiimce, but in cortTSj^Ofidence unth some transition, in 
the nature of the imagery or passimiJ" So finden wir denn 
bald regelmäßige vier taktige Jamben, im ganzen (mit 
Einschluß von 21 durch Verschleifung u, ä. nicht ganz 
sicheren Fällen) 462 Verse, also noch immer die weit über- 
wiegende Mehrheit; bald vierheb ige Verse, im ganzen 
(mit 3 wieder etwas schwankenden Fällen) 93 Verse. Der 
Zahl nach folgen dann 38 vi er taktige Verse ohne 
Auftakt, 33 viertaktige mit Takt um Stellung im 
ersten Fuße, 14 vierhebige ohne Auftakt, je 5 drei- 
taktige, zweitaktige und zweihebige und 1 vier- 



I 
I 
I 



2. Chrlstabel 



Sl 



t a k t i g e r Vers o h n e S e n k u n g. In den Absätzen herrscht 
im allgemeinen der gepaarte Beim, obwohl \4ele Aus- 
nahmen davon gemacht werden. Oft sind die Absätze in 
kunstvoll verschlungenen, also sehr klangvollen Reimen 
abgefaßt; derselbe Reim kehrt oft drei- und viermal 
wieder, Avas die Bindung noch inniger gestaltet (dreifacher 
Reim: V. 1/2/4. — 119/121/122. — 149/152/153. — 179/181/ 
183. — 210/212/213. — 228/230/232. — 273/276/278. — 374/ 
377/378. — 401/402/404, — 423/425/426. — 464/465/467. — 
41I3/490/496. — 584/586/588. -- Vierfacher Reim: 
V. 37/39/41/42. — 83/84/87/88. — 227/231/233/234, ~ 
340/341/342/345. — 613/Ö14/517/B18. — 621/622/624/627: 
ja sogar ein sechsfacher Reim: V. 505/506/508/509/ 
511/512). Als Weiterbildung des Reimpaares finden sich mehi'- 
fach Dreireime (V, 20 E, 66 ff., 166 ff., 257 ff., 260 ff., 340 ff., 
472 ff-, 498 ff., 525 ff., 590 ff., 629 ff.) und Vierreime (V. 62 ff., 
366 ff- 547 ff.), am Beginne und Schlüsse von Absätzen und 
an besonders bedeutsamen Stellen (vgl. vornehmlich die 
zwei aufeinanderfolgenden Dreireime in V. 257—262). — 
Verse ohne Endreim zähle ich im ganzen 12, doch sind 
davon 7 mit Binnenreim versehen (V. 171, 277, 317, 
339, 528, 561, 670), der anch dreimal neben dem Endreim 
(V. 202, 583, 664) vorkommt. Ein paarmal sind die geraden 
Hebungen durch Assonanz gebunden (also auch eine Art 
Binnenreim) iV. 12, 31, 221, 423, 469, 495, 567, 691, 622). 
Der Charakter der Heime ist im allgemeinen ebenfalls rein, 
die unreinen sind größtenteils ''aUowabk" (V. 18 ; 19, 60 : 61 ! 
94:96:97! 98:100! 135:136 = 143:144, 175:176,202:203, 
271 : 274, 272 : 275 ! 314: 315 ! 327 : 328, 491 : 492, 493:495 : 496, 
519:521! 547:548:549:550! 697:698, 666:667!), Was 
oben (S. 10 u.) für den Anc. Mar, über die unbetonten 
Pronomina und Ableitungssilben im Reime gesagt 
wnrde, gilt in geringerem Maße auch von Christ., mit Ein- 
t^chränkung auf den ersten Teil (V. 36, 67, 102, 204. 210, 
236 etc. she. — V- 89, 194, 196 etc. tm, — V. 217 you. — 
V- 233 /. — V. 74, 142 weariness. — V. 108 chimlry. — 
V. 178 turioHsly. — V. 238 hvdiness. — etc.). 

Klingende Reime sind nur an 15 sicheren und 3 un- 
sicheren Stellen anzutreffen (V. [10:11], 156:167, tli>2:193J, 
269 : 270, 271 : 274, 272 : 275, 302 : 304, 354 : 365, 356 : 357, 



Einleitung, 



417:419, 420:421, 422:424, 477:478, 620:522, [555:6661,] 
626:628, 606:667, 670:672). Hiezu wären noch die weib-j 

Hellen, aber imgereimteii Endungen shadoics : niüonl(ffht\ 
(V. 282 : 284) zu zählen. Hier wie im Anc, Mar, werden durch! 
Wiederholung ganzer Sätze rührende Keime (bei Gleich- 
heit des Sinnes) gebildet (V. 14:15 darh, 506:609 mmmtomm 
urraif, 629 : 630 she dicd), aber auch ohne solche Wieder- 1 
hohing der Phrase finden sie sich (V. 39 : 41 he, 194 : 196 
wie, 303 : 305 thine, 342 : 345 htdl, 367 : 368 Chrisiabel), 

Assonanz (nicht als Binnenreim) ist vereinzelt als^ 
Schmuck gebraucht (V. 638, 640, 641, 676). Überaus häufig.^ 
dagegen findet sich die Alliteration; unzweifelhaft be- 
absichtigt erscheinen mir folgende Beispiele: 

V, 11 Ever anä mje, by shim and ahower, 21 'T is a monih hefori^l 
ihe monih of Mai/, 23, 38, 47, :3<>1 The lortl^ lady^ 51 Hanging so lighi, } 
and hanging so high, 52 On (he toimiost ttüig, 00 Thal shadowtf in Üte\ 
moonhght ithme^ f»0 Marxf mother, 75 SirHch forth thtj hand and hav€ noi 
fear! H2 Me, evan m^, a inaid forhm. SB with force and frighi, Ö5 ^1 
weary woman, 110 to guide and gnard^ 117 as 9Üeni as tJie cell, 119 not\ 
wdl awaketitd, 130 fcitli might and tnain, 131 a weary weight, 135, 143 
free from fear, 136, 144 crosned the coutt^ 13Ü Virgin all divine, 1-18 maan 
did make^ IB) Never tili noie, 159 a fii of flame^ 168 They Heal iheir wag 
from gtair to stair^ 1G9 Now in glimmeTj and now in (jloom, 178 carved 
90 euriondg, 179 stränge and sweti^ 183 U fmiened to an tmgeVs fett, ^ 
184 dead and dim, 1^3 Mg mother made, 2C>5 Pt:ak and pine! 220 I9i2^*f 
flower mine, 223, 22t>, 384 The h/tg ladg, 238 And lag difwn in her loveli- 
nes3. 239 weal and tcoe, 245 Beneath ihe lamp ihe ladg howcd, 255 not 
spcaks nor stirSf 258 with ^ick asuag, 270 seal of mg sorrow^ 278 shieläd 
her and shelter her^ 279 ttighi to see^ 2HH hliss or hale, 2ÖÖ Her face, ohl 
caU ii fair not pale, 3<X) Secmn to slumber still and mild, 314 sad andi 
itoftf 31ti Large tears that leace the lanhes, 317 aeems io amikf 337 J/onyl 
a nwm, 341 Five and forty, 3i5, 484 Bracy the bard, 352 ropes of rock^ j 
353 ginful sejiiom% 379 m it gcemed, dSß (oo lirely leave, 393 The lovelg 
maid and the ladg talif 395/396 And pacing mi ihrough page and groom, j 
Enier the Barons presence-room, 420 ilic hollow heart, 421 Theg siood 
alooff the scarii remainingf 425 Shall whollg da awag, I wteft, 432 His 
noble heart swelled high with rage; 436 That theg, rrho thu8, 441 that there 
and then, 451 TI7ucA ff Am ske viewed, a vinon feil, 454 She shmtik and 
iihuddered, 456 such ^sights to see? 4»>6 While in the lad^f^s arms she lag, 
478 A9 tf fhc fcared nhe had offended, 510 thcir panHng palfrey^, 516 
a summrr's sun, 539 nothing near, 561 iaintly Bong, 564 Thus Bracy «omI.^ 
Uie BaroHf the while^ 570 TFi^i arms more strong than harp or song, 590f 
SlumhUng on Öie umtcady ground^ 598 She notfiing sees — no Hght but 
one! 610 Fiäl btrfore her faiher'i view, — 614 Pa^ised a while, and inlg 
prayed: 615 Then faUing at the Baron'» feei, 620 0*er-ma9tered by ihe 



2, Christabel 



^ 



mifhly sptü, 621 io wan and mld, 63Ü/aB2 Prayed Ütai the habe,., Might 
ie her dear lord's . . . pride! Thai praycr her deadl^ pangn begwikd, 
$^/643 Dishonour'd thm in kis old age; Uislionour'd by his only child, 
852 '*/ bade thet henceT The hard obeifed; 65t» A Utile child, a limber 
e\f, GOl As ßh a father*s qies, 668 To mutier and mock, 676 Comes 
ieiahm Booe. 

Zeilenenjambements sind sehr beliebt, wie im 
AncMar. (52 FäUe, V, 7/8, 66/67, 106/107, 250/251, 372/373, 
440/441, 532/533, 600/601/602 u. s. w.). Zwei Beispiele von 
überaus starker Uiiterbrecliung des Sinnes innerhalb 
eines Verses finden sich (V, 469, 482); Reimbrechung 
in einem starken Beispiele (V. 310/311). 

Es ist einleuchtend, daß dieses Versmaß noch viel mehi' 
als das immerhin durch die strophische Gliederung gebun- 
dene des Anc, Mar, im stände ist, sich den feinsten Wen- 
dungen der Handlung in lebendigster Art anzupassen; jeder 
Ton kann hier in einfachen Worten ausgedrückt werden, 
aber mit einer Bedeutsamkeit, wie sie CoL bis zu dieser 
Zeit in seinen pathetischen Sonetten und anderen Strophen 
nicht erreicht hatte. Um den Teattkommentar nicht allzu 
»ehr zu belasten, gebe ich hier einen kiu-zen Kommentar 
der Veränderungen im Versmaße gemäß CoL*s eigenen oben 
(S- 30) zitierten Änßerimgen, 

Part the FirsL t. Die durch das Glocke Dschiagtm und die Tier- 
-stlinmen belebte Handluni; setzt mit den lebhafteren vierheb. Verden 
1, 2 ein^ dann folgt der lautuacliakmende, lau^ hinhalleude Vers 3, 
in dem jede Silbe eine Hebung ausmacht, worauf Vers 1 mit ruhigem 
Tiertakt und Vers 5 mit Dreitakt (entsprechend dem drowsily) ab- 
schließt. — 2, Zwei viertaktige Verse, der zweite ohne Auftakt, er- 
zählen nun weiter (0, 7), abgelöst, .sobald der Inhalt bewegter wird, 
von einem vierheb. (8), dem jedoch ein auftaktloser Viertakter folgt, 
um daÄ sichere Eintreifen der Antwort zu markieren (D) ; die Glocken- 
sehlä^e werden in munteren vier Hebungen berichtet (10)» dann folgen 
wieder, entsprechend dem gespenstisch- ernsten Inhalt, drei schwerere 
Zeilen (11^ — 13). — 3« Die ruhige Naturschilder ung in vier Viertaktern 
(14 — ^IT) wii*d durch die Erwähnung des Vollmondes belebt (18 vierheb,), 
doch blickt er stumpfer als sonst drein (daher 19 viertakt.). Diese 
trübe Stimmung mit Wiederholung früherer Motive im selben Rhyth- 
mus angesclüagen (2Ö viertakt*), erhält nun in 21 und 22 (vierheb* mit 
aufhüpfendem Beginne) Erklärung und damit neue Zutaten. — 4. Die 
stille, friedeatmende Christabel wird in gemes^^enen Viertaktern (23 — 28) 
eingeführt.: ihr auffallender Schritt wird durch edle Liebesleidenschaft 
in rascheren Rhythmen (2^^ 3*)) vorstäadlich gemacht. — 5* Die stets 
durch Sanftmut abgetönte Unruhe sucht nun Frieden im Gebete 
(31 — 35 Viertakter), dessen stumme Vemchtuug den Gang de« Verse» 



£icblor, Th« Anciont Mariner a. Chmt. 



3 



34 



Einleitung. 



noch verlangsamt (aiiflaktloser Viertukter 36), — 6. Trotz der Störung 
Oberwiegt anfangs noch Chr/s Ruhe (B7 — ^} Viertakter); die andere 
Seite der Eiche verbirgt dos Gespenstische^ dort liegt die Unruhe 
41, 42 Vierheber). Das Schweben des Tones im letzten Vei-se malt 
die ungeheuerliche Eiche ganz vortreÄ'lich. — - 7# Noch sucht sich das 
Mädchen zu beruhigen {4S — 48 Viertakter), das zitternde BJatt wird 
in entsprechenden Vierhebem (49"5!}) geschildert. — 8* Cianz Be- 
wegung, seihst der Viertakter au Ani'ang ist durch die schwebende 
Betonung um^uihig ; der letzte Zweitakter erweckt die größte Spannung 
(53 — 57). — U. Zunächst erblickt sie nichts gar so Verwunderliches: 
eine Dame (58^ viertakt.)^ allerdings in gespenstischer Kleidung (59, 
HO vierheb.), die damit alles in ihren Bann zieht (61 — 68 viertakt 
schwer, besonders 68). — 10» Zwei Zeilen bloÖ; sie geben das Er- 
staunen Chr/s durch den schweren Bhythmus der ersten Zeile (69 
vieilakt. ohne Auftakt) und ihi*e Fassung (70 viertakt.) gut wieder. — 

11. Geraldine weiß durch gektlnstelte Schwache Vertrauen zu er- 
wecken (Viertakter 71, 73 — 76, 78), nur zweimal, bevor sie spricht^ 
hriclit das flackernde Wesen im Rhythmus durch (Vierheber 72, 77). — 

12. Die Heuchlerin bringt ihren Lügenbericht in eintaoken, schlichten 
Worten vor (durchweg Viertakter, ab und zu mit Taktunistellung 
und Weglassung des Auftaktes 79 — HB). — 13. Schlicht imd mhig 
ist Clmst.'g Antwort (104—111 Viertakter). — 14. Ebenso die Ein- 
ladung (112 — 122). — 15. Die ruhige Erzählung in Viertaktern 1 128 — 126, 
129 — VM) nur durch die Erinnerung an die kriegerische Erscheinung 
belebt (127, 128 Vierheber). — Itt. Freudige Sicherheit (136—138 
viertakt.), durch den Ausdruck des Dankes munterer (139 Takt- 
umstellung im Viertakter^ l¥) Vierheber). Geheuchelte Schwäche und 
Wiederholung der frtlheien Stimmung (111 — 144 Viertakter). — 17- Das 
merkwürdige Gebaren des Hundes leitet ein Vierheber (145) ein, dann 
aber werden die Zeilen wie unterm Banne Oer,^s wieder langsamer 
im Gange (146 — 149 Viertakter), einmal unterbricht die Zurückweisung 
aiif sein sonstiges stille® Verhalten vor Christ, mit Taktumstellung 
(15<j) den regelmäßigen Hhythmus (151 — 153). — 18» Wieder Ruhe 
(154^—159 viertakt.) im Anfang, dann Beginn des gespenstischen Wesens 
(ItjO vierheb.), absonderliche schwere Finsternis (161 viertakt.), neuer- 
licher unheimlicher Eindruck (162, 163 vierheb. flackernd), Chnst.*s 
zarte Mahnung wieder gemessen (164, 165 Viertakter), — 19. Die 
sorgsame Gau gart ist in den regelmäßigen Viertaktern \Nded ergegeben 
(166 — 168, 17<> — 174), nur die unsichere Beleuchtung im Vierheber 
(169). — 20. Der Mond ist aus den Wolken herausge treten (lebhafter 
Vierheber 175), doch Halbdunkel herrscht in der Kammer i;176 — 179 
\dertakt.), die seltsame Erfindung des Schnitzwerkes ist wieder spruug* 
weise berichtet (1B<> auftaktloser Vierheber), worauf die Schilderung 
regekecht fortfähi-t (181—183 viertakt.). — 21. und 22. entwickeln die 
Handlung ungestört, weiter (184 — 193 viertakt.) — 23. Christabels weh- 
mütige Antwort (194 — 197 viertakt.) wird bei der Anspielung auf die 
ScMoßsage et^^as unrastig (198 \derheb.), lenkt aber bald wieder ins 
Stille zurück (iy9^2<J3 \Hertakt.). Die Stoßseufzer sind durch scharfe 
Zäsur markiert (202). — 24. Noch ist der Höhepunkt nicht erreicht 



•2. Christabe). 



33 



I 



herrscht noch der regelmäßige Viertakt trotz spukhaften Trei- 
bens vor <t2r4, 2()T, 2<)8, 210^ 212), aber TaktTimatolluDgeD bei den Aus- 
rufen r2t.»5, 211» 215) vmd Vierheber i2*J*>, 2r>t)) unterbrechen den 
fijleiehui&ßigen FluÜ. — 25. Christ's MitJeidsregung ist im Vierhebor 
i214) illustriert; ihr Benxhigen im Viertakter |2I5— 21Ö). — 26. Der 
belebende Trank wird im lebhafteren Rk^-thmus berührt (22<» vierheb.), 
die weitere Handlung noch immer in ruhigerem Tone gehalten 
r221^ — ^224 viertakt.); ei*st die Betonung des Fremdartigen in Ger,*s 
Erscheinung verflüssigt den Gang wieder (225 Vierheber). — 27* Die 
«»chelnbar gütigen und gleichgültigen Woi*te Geraldinens im alten 
Tempo (22tj — 234 viertakt, u — 28. und 29* ftlhren die Handlung, in 
der Christ, die Haupti'olle spielt, gleichmäßig fort (235 — 243 viertfit. ), 
bis das Interesse plötzlich auf Ger. gelenkt wii-d (244 vierheb.)» — 
W* Zunächst zeigt sich noch nichts Abäouderliches (245 — 25*» viertakt,), 
dann fällt die letzte HdUe (251 Taktumstellung) und der furchtbare 
Anblick bietet sich dar (252 vierheb.); zwei Viertakter mit scharfen 
Zäsuren (253, 254) schließen gleichsam stockend ab. — 81. t^er. 
rührt sich nicht (viertakt. 255), ihre Blicke und ihr Atmen künden 
Außergewöhnliches an (Taktmnstelking 256, 257), dann aber tut sie, 
als ob alles in Ordnung wäre (viertiüct. 258— 263 1; nun kündet der 
Zweitakter (264) das Unheil an, das Ger., noch immer Ruhe heuchelnd 
^265 viertakt j, endlich ausspricht (Zweitakter 266): äußerst bewegte Vier- 
heher (267 — 270) bezeichnen die herv^orb rech ende Hexerei, die eigent- 
liche Beschwörung geht in fünf zweihebigen Zeilen abgebrochener Itede- 
weise vor sich (271 — 275) und springende Vierheber (276—278) schließen 
den Spuk und den ganzen Teil wirkungsvoll ab. — Couch B2» Rück- 
kehr zur früheren friedlichen Situation (viertakt, 279— 2öl\ Wieder- 
holung der schaurigen Beleuchtung in neuen Hhythmen {T)reitakter 
282—285) und abermalige Ruhe (viertakt. 286 — ^291), noch schwerer 
durch Auftaktlosigkeit (287 ^ 291), — EH. Die trügerische Ruhe des 
Schlafes läßt das Metrum schwanken : reine Viertakter (292, 293, 298, 299) 
wechseln mit mu-egelmaßigen (294, 295, 300, 301) imd mit Vierhebern, 
die das höchste Entsetzen ausdrücken (296, *J97). — 94. Die Schrecken 
der Mittemachtstunde werden in gemessenen, aber durch scharfe 
Zfisiuren zerschnittenen Viertaktern (802—307) beschrieben; das Er- 
wachen der gleichsam mitgebannten Vögel verflüssigt das Versmal5 
sofort (308 Vierheber) und lautnachahmende» lang hinhaUende Vier- 
takter schhoßen ab (309, 810). — So. Die Rtickkelir zur milden Christ, 
ijst natürlich wieder im gleichmäßigen Viertakt beschrieben (311), ihre 
Erlösung mit bezeichnender Taktumstellung (312) begonnen imd eben- 
m&ßig, wenn auch noch mit zwei Taktumstellungen (315, 316) und 
«ner schwebenden Betonung (314) fortgesetzt (313, 317, 318). — 86. Der 
schöne Vergleich und Christ/s Vertrauen sind, eingeschlossen von 
Jtwei durch Ausrufe gerechtfertigten TaktiimsteUungen (319» tl*M |, mit 
zwei solchen Fragen (327, 828), in regulären Viertaktern (320--32<.i, 
S29, 330) abgefaßt. — Pmi the StcomL 87. Das Rückgreifen auf den 
Tod der Mutter Christ.^s ist durch ein Schwanken zwischen Vier- 
taktern (332, 334, mi) und Vievhebem (333, 335, a37) charakterisiert. — 
88* Die Erschütterung zittert noch in der ersten ZeOe (338 vierheb,) 

8* 



96 ^^^^^V Eiu) ei tutig. 

nach; daDn setzt ein abgezirktes Maß ein (330—344 Viertakter), einiual 
sogar nachdracklich schwerfällig (341 auftaktlos). — 89. Die neue 
Person wird mit lebhaftem Rhythmus eingeführt (345 vierheb.), die 
Episode, die Bracj berichtet^ jedoch im Hauptmaße vorgetragen 
(346— 5&8>, nur das NachäÖen wieder tiotter erzählt i359 Vierheber). — 
40. Die Hexe tut am Morgen nichts dergleichen (360 — 366 Vier- 
takter), ja sie weckt sogar Christ, auf (munterer Vierheber 367 j und 
fragt sie anscheinend unbefangen (Taktumstellung im Viertakter 368^ 
dann Viertakter 369), — 41. Die sichere Erscheinung Ger.'s verfehlt 
ihre Wirkung auf die edle Christ, nicht (ruhige ViertÄkter 370 — 380 , 
sie macht fetch Von^^üife (Vierheber 381), um dann in ihre Demut 
und Mattigkeit zurückzukehren (382—386 Viertakter). — 42* Ihr rasches 
Aulstehen ist im Verse ausgedrückt (387 Vierheber\ die gefaßte 
Stimmung ihi*er weiteren Handlungen ebenfalls (388 — 39:2 Viertakter). — 
48. Das Zusammengehen der ungleichen Frauen markiert ein Vier- 
hebei^ 393), üixen gleichen Schritt zwei Viertakter (394, 395), den Eintritt 
in des Barons Geraach Taktumstellung mit Viertakter (396). — 44. Der 
Empfang geschieht mit ruhiger Würde (397 — 402 Viertakter)* — 
4S* Doch diese Ruhe (403—405 Viertakter) wird bald gestört (40t> 
TaktumsteDung im Viertakter, 407 Vierheber). — 46. Die verschie- 
denen Elemeute der Reminiszenz sind durch wechselndes Metrum 
trefflich ausgedrückt: die alte Freundschaft (408 viertakt), die Ver- 
hetzung (4ti9^ — 111 vierheb.), der allgemeine Satz (meder Viertakter 
412^ — 415), Ausbruch der Uehässigkeit (schwerer auftaktloser Viertakter 
416), notwendige Konsequenz und Trauer darüber (Viertakter 417^ — 426). 

— 47* Die Versunkenheit ist im gewöhnlichen MaÜe chontkterisiert 
(427, 428), das Aufblitzen der leibhaftigen Erinnerung im lebhafteren 
Vierheber (429) und der wehmütige Eindruck wieder im Viertakter 
(430). — 48* Die edle Aufwallung setzt mit bewegtem Vierheber ein 
(431 1, das Versprechen stellt ein Gemisch von Würde (Viertakter 432, 
43 1 d3 9^ 441, 442, 444) und Zorn über die vermeintlichen Frevler 
(Vierheber 438, 444J, 443, 445, 44<J) dar. — 49. Die scheinbare Zu* 
iriedeuheit (Mertakter M7 — 452) kontrastiert zu Chri^t.^s qualvoller 
Vision (Vierheber 453, 454 und scharf geschnittene Viertakter 455^ 456 1, 

— 51). Mit schweiüüssigen Versen, wie eine Beschwönmgsformel, 
schildert der Dicht^er die neuerliche Schreckensvorstellung (Viertakter 
457, 458), rascher die unwillktlrliche Atembewegung Christ.'s (vierheb. 
45i», welche V^erwirrung beim Vater hervorruft (Viertakter 400, 462, 
Vierheber 461\ — ol. 52. Doch für jetat kommt alles wieder ins Geleise 
(Viertakter 4(33 — 481), der Wechsel der Rede bringt eineu Viertakter 
mit Taktmnstelluüg und starker Zäsur vor dem letzten Takte (482), 
dann wieder dem ruhigen Vorschlag entsprechend regelrechte Vier- 
takter (483, 485^^490, 492) mit zwei Vierhebern an lebendigeren Stellen 
(484, 491). — 5t < Das Übersetzen des Flusses gibt erneuten Ansporn 
(Vierheber 493) zur Weiterv^eriblgimg der Rebe (494 — 497 Viertakter, 
die ersten beiden stark zäsui'iert). — 54« Die fröhliche Botschaft 

tbesclileunigt das Metnmi (498 — 5<i4 \'ierh6ber), das bei der kriege- 
rischen Ausritstimg wieder gemessener wird (Viertakter 5<Jo — 500), bis 
auf die Erwähnung des schnellen Rittes (Vierheber 610); die Reue 
, 



■2. ChriätitWl 



37 



I 



imd die alte Liebe ergeben wieder schwankendes Metrum (Yiertakter 
511—513, 515, 517; mit Taktnm Stellung 516; Vierheber oli, 518). — 
9^ Geraldinens gut gespielten Dank in ruhiger Fonn berichten Vier- 
takter (519, 52<j), Bracys stammelnde Stimme ahmt Vierheber < 521) nach, 
dann geht es wieder ebenmäßig dahin, da des Barden Traum und Angst 
immerhin abgeklärte Stimmung atmen (regelmäßige Viertakter 522 — 52*J, 
531 — 534, 537 — 5ci9), nur Höhepunkte sind auch metrisch gehoben t53U 
TakttimsteUung : Grund seines Einspruches; 535 hochbewegter auftakt- 
loser Viertakter ; 53*5 und 54f J Vierheber: die schwer zu erkennende grüne 
Schlange). — 60* Ebenmaß^ solange nichts entdeckt ist {541 — 540)^ die 
Ümschnürung durch Auftaktlosigkeit markiert (55Ü'), der Grund für die 
lange Verborgenheit des Reptils durch Taktumstellung (551, 552), die 
Gleichmäßigkeit seiner Bewegung im gewöhnlichen Viertakter (553), sein 
Anschwellen durch Taktumstellung (554\ dann durch Abnahme der Auf- 
regung bloÖ Viertakter (555, 557^ — 563), nur das echonachahmende Hallen 
ein Vierheber |55^K — 57. Wechsel der Person bedingt lebhafteres 
Metrum (564 Vierheber), zumal nun der raschere Baron zum Worte 
kommt. Seine durch das Alter gesetzte ßede (Viertakter 565, öÜB, 5(>8» 
oli\ 571) wird durch Geraldinens Eindruck auf ihn künstlich belebt 
(Tierheber 567, 569); sein Kuli deutet noch auf günstige Entwicklung 
des Ganzen (Viertakter 572); Geraldino heuchelt weiter (Viertakter 
578), sogar Schambaftigkeit (anftaktloser Viertfikter 574), doch ver- 
gißt sie höfische Sitte (courieB^) dabei nicht iVierheber 575), gleich- 
gültiger ist ihr Abwenden (Viertakter 676); ihre Hexerei wird ein- 
geleitet durch rhythmische ümweclislung (auftaktloser Viei*takter 577), 
dann folgen entsprechend ihren Bewegungen ruhigere (578, ÖBO, 581) 
und lebendigere (579, 582) Verse. — 68. Den starren Schlangenhlick 
schildert ein schwerer Viertakter (583), die Wandlung in Ger/s Augen 
drei Vierheber (564 — 586), das Folgende kommt mit unabänderHcher 
Gewißheit (Viertakter 587 — 589), das Taumeln und Schaudern malen 
fidJende und hüpfende Ehythmen ioiJO, 591); die kühle Frechheit der 
Hexe ist in gewöhnlichen Viertaktern i592, 59B, 595) berichtet, nur 
der Gipfel derselben in auftaktlosem Vierheber (594) uud V^iertakter 
<596). — SU, Christ, ist dem Zanber willenlos verfallen (Viertakter 
597 — *>*J5, 6<»7 — 60Ü, 611, 612), sogar %'erräterisch muß sie dreinbhckeu 
(Vierheber öTJß), obwolil sie vor ihrem Vater steht (auftaktloser Vier- 
takter 610). ^- 60* Der Bann ist vorbei (Viertakter 613), aber noch 
kann sie sich nicht ganz fassen (schwerer aufbaktloser Viertaktor 614), 
dann tut sie ihrer Tugend gemÄÜ das Richtige (Viertakter 61 5j und 
beschwört ihn dringend (Vierheber Oiti); ganx konsequeut folgt imn 
alles (daher ruhige Viertakter Ij17 — 62<J), — öl. Kind und Mutter 
sollten besänftigend auf den ungerechteu Zorn einwirken < Viertakter 
♦121—829, 631, 632, <i:34), das Gebet ist noch nachdrücklich betont i>j3Ö 
Taktumstellung) und wu'kiingsvolle Ausrufe unterstützen die ganze 
Erwägung (633, 635 Zweitakter). — 62. Doch der Baron bleibt hart 
•Viertakter 636— €4<\ 642—644, 646—655), seine fiemüt^bewegung 
reflektiert sich in Bewegungen (Vierheber 6-il), die Kränkung der 
Freundestochter macht ihn wliteud (Vierheber 645). — Concl, 61L Die 
allgemeine Überlegung bewegt sich meist in regelrechten Viertaktern 



Emleitimg, 

(65Ö, 65B— 661, 6433—665, 670 -6Ta, 675—677)» geschilderte Bewegung 
ändert den Eh3rthiiius (aiiflAktlos 657), den Überfloß kennzeiclmet eiö 
Vierheber (66*2), den Stachel des Neuen ebenso (666, 668, 66Ö) und ein 
auftaktloser Viertakter (667); der Ausnii* beschleunigt das Tempo 
gleichfalls (Vierheber 674). — 

Die Sprache ist wolillantend und sclimiegsain, trotz 
der vielen Archaismei!, die kier noch viel mehr innere 
Berechtigimg besitzen als im Anc. Mar,, da sie sich in das 
ganze mittelalterliche Kostüm organisch einfügen. Die Aus- 
rufe, mit denen der Dichter seine eigenen Worte unterbricht, 
die Fragen und Formeln sind in dramatischer Weise an- 
gebracht, noch kunstvoller als im Anc. Mar, Heraus- 
stellung des betonten Substantivums und Wieder- 
aufnahme durch ein Pronomen (V. 4/5, 23/25, 216/ 
217) ist hier allerdings seltener, dafnr aber sind die An- 
rufungen häufiger: V, 69 Mary mother, save me now! — 
139 Fraise we the Virgin all divine — 141, 207, 216, 408, 
697 Alas! (alas) — 19G, 292, 465 (Ah) tvoe is me! — 202 
mother dear! — 205 Peak and pine! — 382 Now heaveft 
hft praised i/ all he well! — 483 Nay! Nntj hy my soul! als 
Äußerungen der Personen; 53 Hush^ beaiing hcart of 
Christabel! — 54^ 582 Jesu, Maria, shield her well! — 254 
shield her! shield sweet Christabel! — 264 M well-a-day! — 
296 sorroir and shamc! — 626 0, hy the panys of her dear 
mother — als eingestreute Bemerkungen des Dichters, der 
innigen Anteil am Schicksal der Personen nimmt (ein echt 
volksmät^iger, glücklich nachgeakinter Zug!). Kühn spricht 
hier der Dichter s e 1 Ij s t mit, in Formeln, die unsere 
Spannung noch höher sclirauben als das ohnehin schon gut 
inszenierte Müieu. Alle schon in der ersten Ballade an- 
gewandten Stil mittel vereinigen sich hier zu noch höherer 
Wirkung: Umstellung des Pronomens (V, 36, 204. 
236), Nachsetzung des Adj ektives (V. 6, 58^ 71 [zwei- 
mal!], 78, 82, 83, 139, 145, 146, 147, 162, 195, 316, 324, 
326, 364, 393, 464, 471, 485, 486, 496, 528, 529, 595, 612), 
doppelgliedrige Ausdrücke (V. 10, 11, 14, 15, 62/63, 
110. 135 = 143, 156, 159, 169, 179, 184, 186, 239, 255, 261, 
270, 288, 289, 290, 296, 300, 302, 314, 319, 329, 338, 352. 
360, 395, 434, 435, 441, 443, 454, 457/458, 463, 485, 488. 
603, 520, 561, 567. 570, 594, 621, 623 = 631, 636, 638, 640, 
641, 656, 657, 662, ßijS, 670, 672, 674, 675, 676), drei- 




2. Cliristftt>el. 



39 



gliedrige Ausdrücke (V. 31/32, 43/44, 410/411, 624), 
sind wohlberechnet imd abgestuft verwertet. Von den 
Wiederholungen gilt das beim Jj*c, Jlfan Oesagte (vgl. 
Y. 2/4. — 14/16/20/43. - 16/20. — 35/42/281/297/373/540. 
— 45/48. — 51. — 67/58. — 61/62. — 74/142. — 71 72: 
77/78. — 75/102/104. — 81/82. — 84/86/94/510. — 110/ 
503. — 123/136. — 129/134. — 129/189. — 135/143. — 
136 = 144. — 145/147/149/153. — 149=153. — 154/165/ 
158/170. — 166. — 170/172/173. — 178/179. — 267/463/ 
463. — 74/131/142/190. — 191/192/220. — 205/211/213. — 
211/305. — 212/327. — 252/267/457/458. — 269. — 293/ 
294/295. — 302. — 309/310. — 315/316. — 317/319. — 
322. — 332/334/336. — 333/342/345/356. — 359/361. — 
374. — 387. — 394/396. — 416/513. — 418/617, — 451/ 
453/464. — 467/458. — 459/591. — 474/620. — 485/499. ~ 
486/528. — 552/553. — 554. — 561/570. — 683/584/ 
585. — 618. — 623/631. — 625/629/630. — 626/632. — 
636/675. — 638/640/676. — 642/643. — 666/670). Die 
Wiederkehr derselben Worte macht hier, ohne je eintönig 
zu werden, den Eindruck des Magischen, BeschwÖrixngs- 
miißigen; der Dichter kann sich von dem einmal ge- 
zeichneten Bilde nicht so rasch wieder losmachen irntl 
zieht anch den Leser in diesen Bannkreis, Bran^ll (S, 222) 
vergleicht die^e Sprache mit einem Eunenstil, ^'der bei der 
größten SchlichiheU der einjselnm Worte doch die ungewöhnlich stm 
Dinge erwartcfi lößf\ 

So ist anch die Komposition des (ranzen locker und 
nicht nach logischen Gesetzen aufgebaut. Nicht ethische, 
tiondern traumhafte GeMim sind es, nach welchen sich die Vor- 
stellungen verknüpfen' (Brandlj 221)* '*Nichl bloß die Grenz- 
linie der poetischen Gatiungen, welche die Klassizisien möglichst 
strenge festgehalten, u^crden in der liomantik durchbrochen, 
sondern die Poesie verschwimnd auch mit dmi Schwesterkünsten, 
mit der Malerei und Musik** (ibid. 222/223), Die Darstellimgs- 
weise ist fast l^Tisch, von festem (.i-efüge ist wenigstens im 
ersten Teile bei den Einzelheiten kaum etwas zu verspüren. 
Märchenhafte Bilder treten vor unser Auge, fesseln äussere 
Sinne mit imwiderstehlichem Zauber. Es ist keine Erzählung, 
sondern Schilderung: die schwüle Lenznacht mit ihrem 
unruhigen Tierleben gegen die reine Maid, die sich mit 



Einleitung. 



innerem Bangen der Unholdin ergibt ; dann das alte Schlofl 
mit seinem Burgtor und der öden Halle gegen das Ein- 
dringen des bösen Geistes unter dem Schutze der Haus- 
tochter; und endlieh das halbdunkle Schlafgemach gegen 
die schreckliche Entdeckungsazene zwischen den beiden 
Frauengestalten; so kontrastiert der Dichter das Milieu und 
Handlung in schöner Abfolge, spannt unsere Aufinerksamkeit 
aufs höchste und läßt uns jeden Augenblick das Äußerste 
alinen* Brandl (ß, 222) vergleicht diese drei Bilder "dm 
Tonstücken, auf deren erstes und drittes eine Coda (^= Th^ 
Conclusion to Pari the First) nochmals zurUchgreift^ um das 
GanM mit eitler Klage iiber das unhcimfich traurige Erfcachetk 
am Morgm ausklingen jm lassen". Aber gerade hierin zeigt 
sich der ganz imepische Charakter unseres Fragmentes, daß 
da ein neues Bild r die Umschlingung des reinen Kindes 
durch die mißgestaltete Hexe, mit schon bekannten Farben 
gezeichnet wird. Bedeutend klarer ist der Gang der Handlung 
im zweiten Teile vorgezeichnet. Zwar bringt uns auch hier 
die gespenstische Einleitung, mit der das Echo des Friih- 
geläutes vom Barden erklärt wird, in die richtige '* Stimmung", 
ohne daß dies Motiv weiter fiir die Ereignisse besonder 
ausgebeutet Avurde, außer daß Geraldine durch das Geläut 
und das Echo erwacht, aber dann folgt die Szene, in der 
das holde Kind geträumt zn haben glaubt, ihren schweren 
Verdacht auf die Schlaf kam eradin als Sünde bereut und 
dem Vater endlich die fremde Dame vorfiihrt. Und nun 
kommt in strafferem Aufbau die psychologisch unendlich 
fein motivierte Verführungsszene (die alte Freundschaft mit 
Geraldinens angeblichem Vater bildet den dankbaren An- 
knüpfungspunkt), durch die allerdings wiederum wie Wetter- 
leuchten der Zauber der vergangenen Nacht durchblitzt 
und schreckhafte Bilder zeigt, die nur auf theatralischen 
Effekt berechnet sind, ohne die Handlung zn fSMem. Die 
Erzählung des Traumes von der Schlange und der Taube 
ist, wie schon erwähnt, eine unnütze Wiederholung des 
anfangs angeschlagenen Leitmotives, die uns, zn breit als 
Episode ausgeführt, schon deshalb stört, weil sich außer 
dem Barden niemand darum bekümmert, da Geraldinens 
Augen bereits zu spielen begonnen haben. (CoL, der nach 
längerer Zeit an die Fortsetzung gegangen war, hat meines 



I 



2. ChnstftbeL 



41 



Erachteus hier ganz deutlich sich selber wieder durch diese 
Rekapittilation in die richtige Stimmung gebracht, um den 
au und für sich schönen Gedanken vom *'SchlangenbUcke'^ 
im folgenden daran anknüpfen zu können.) Der Zauber 
des dämonischen Blickes ist dann mit alter Farbenpracht 
ausgeführt und veranlaßt sehr glucklich den Zwist zwischen 
Vater und Tochter. In lyrischen Betrachtungen verweilt 
der Dichter auf diesem Motiv, um mit einem wirkungsvollen, 
spannenden '^Abgang" ganz dramatisch zu schließen, Be- 
isügUch der "Conclmwn io Part ihe Second" s. LA., V, 666. 



Nachfolge der beiden Balladen in der Literatur, 

Wie sehr CoL um die Wende des Jahrhunderts in dem 
durch unsere beiden Balladen gekennzeichneten Stoffkreise 
zu Hause war, zeigen zwei gleichzeitige Gedichte "T/ie Tltree 
Graves, A Fragmmt ofaSexton's Tale" (1797—1809) und ''The 
BaUad ofthe Bark LmUe'' samt Einleitung *'Love' (1798—1799), 
Im ersten Gredichte treten Personen aus dem bäuerUchen 
Kreise aul* und die Handlung geht auf wahre Geschehnisse 
zurück : eine Hexe von Mutter ist in rasender Leidenschaft 
zum Bräutigam ihrer Tochter erfüllt; doch er stößt sie 
zurück und heiratet das Mädchen; ein entsetzlicher Fluch 
ist der Mutter Mitgift ; auch eine treue Freundin des jungen 
Ehepaares wird um ihrer Treue willen von dem Unweibe 
verflucht. Als sich eben die Wirkungen des Fluches zu 
zeigen beginnen, bricht das Gedicht ab. Der Erzähler ist 
der Dorft^tengräber. Metrum und volkstiimlicher Stil ge* 
mahnen zuweilen an Anc, Mar., die Verfluchung und das 
Lokal ( Alfoxden und Ötowey) an Chrisiabel Das zweite Gedicht, 
gleichfalls ein Torso, handelt in einer persönlich belebten 
Einleitung von einem treuen, aber lange verschmähten Ritter» 
tlem auf seinen rastlosen Wanderungen, zu denen ihn sein 
Wahnsinn treibt, oft ein Teufel in Engelsgestalt erschien. 
Wie in einem Traume errettet er dann seine Geliebte aus 
jKäuberhand und stirbt wahnsinnig in ihren Armen, die 
|jet>zt erst seine Liebe erkennt und erwidert: "es ist 
I dasselbe Schicksal, welches Christabel uml ihrem BräuHga^^ 
bevorstand, wenn es der Hexe gelungen wäre, sie zu verblenden*' 
(Brandl, S, 229). Die Haupterzählung blieb unvollendet; 



Einleitung. 

Züge darin erinnern an Bürgers **L€Hor€^'; märchenhaftes | 
Dunkel heiTscht vor. 

Diese unseren beiden Balladen verwandten und zum Teil 
von ihnen angeregten eigenen Dichtungen sind aber eben 
nicht hoch anzuschlagen, denn sie reichen an Wert nicht 
an sie heran. Bedeutender sind die Anregungen, die fiir die 
Werke anderer, größerer Dichter aus diesen zwei Gedichten 
hervorsprossen. Der Anc, Mar, wirkte als Ganzes noch 
weniger ; einzelne Teile, wie zum Beispiel die Stelle, wo das 
Schiff faulend im faulenden Meere liegt und von elfischem ■ 
Licht umkreist wird, sind nachgeahmt worden. Sir Walter 
Scotts **Lord qf the Isks'\ I, 21 geht (nach Scotts eigener 
Anm.) auf Anc. Mar., 272—276 zurück: 

"Äwaked hefare ihe rushinff prow, 
The mimie ßres of ocean ghw, 
Those lightmng^ of ihe %üare; 
Wild Mpttrkles crtit the brokeji iideg, 
And, flashing round, the vesseVs ddeß 
WitJi elpinh lusire lavt, 
While, fax behind, their Uvid Ught 
To the dark hülawi of ihe night 
A gloomg gplendour gave,*^ 



aÜA« ^B 



BjTon dürfle in '^Darhic^s" die Schilderung des Rückfalles 
ins Chaos unter dem Eindrucke dieser Stelle von Col. ge- 
dichtet haben (faulendes Meer, verschmachtende Schiffer) U 
(Brandl, S. 214/215). ■ 

Christ hat entschieden den größten Eindruck auf 
Scott gemacht; in der Einleitung zur Ausgabe seiner 
Gedichte 1830 gesteht er ihn auch hochherzig ein; er er- 
kennt hier an, daß CoL zuerst das unregelmäßige VersmaU 
fiir ernste Stücke eingefiihrt habe (ein Irrtum, der ja von 
Col. selber herrührt), und gibt zu, in seiner Nachahmung 
eich des höchst charakteristischen Maßes bedient zu 
haben. — In ''The Laij of the Last MmstreV\ J, hat er 
Zeile 3 und 5 den Versen 54 und 127 nachgebildet; 
daß Scotts Gedicht schon 1805 erschien, ist keiu Gegenbeweis, 
da wir schon wissen, daß er Christ, vorlesen gehört hatte, — 
Noch 1818 setzte Scott (wie sonst oft) ein paar Verse von 
Christ, aus dem Gedächtnisse als Motto vor das 9, Kapitel des 
*^Black DwarT' (s. LA. V. 81). — Das sind Einzelheiten; 



I 




2. Christabel. 



43 



seheu wir uns aber Scotts Beimerzählungen in ihrer Gesamt- 
heit an. so erkennen wir sofort, daß diese unbeschränkte Form, 
etwas gemildert y dieses Metrum, dieser Stil und diese Kom- 
position bis zu kleinen Zügen herab ein Gepräge tragen, 
das ja zum Teil von Scotts bisheriger Bildung herrtihrt, 
aber ganz bestimmt auch von der Bekannt schaft mit Col/s 
Dichtung angeregt ist. Ein schlagendes Beispiel hiefür ist 
Scotts Romanze *'The Bridal of Triermame*\ 1813 anonym 
erschienen, die (außer dem gleichen Namen} auf den ersten 
Blick 80 an CoL^s ganze Manier erinnert, daß schon 
Jitaeku'ood^s Magazine, April IS 17 kösthch behauptete, das 
Gedicht gebe sich zwar als Nachahmung Scotts, sei aber 
doch mehr Nachahmung CoL's (im besten Sinne), besonders 
die äußere Form erinneite den Rezensenten sehr stark an 
Christ ; er vergleicht zu diesem Zwecke ausdrückhch Br. 
cfTr. I, 2, 8—10; I, 3, 1—4; I, 4, 6—11; I, 5, 10—12 und 
18 — 20; L 28— 3L Überdies haben wir auch in diesem 
Gedichte eine nächtliche Frauenei^cheinung und das Ver- 
hältnis: alter Vater und junge Tochter — wie in Christ,; 
auch ein dräuender Blick wird erwähnt und der Baron 
Roland de Vaux of Triermain (s. Änm. zu V, 407) hat eine 
Schar Minstrels an seinem Hofe. 

Doch auch Byron steht imter Col/s Zeichen. 1813 
erschien sein ^'Giaour\ der wie Scotts Romanzen ganz im 
Tone der Col.'schen Dichtung gehalten ist. 181B veröffent- 
lichte er '*T//e Siege of CorinUr imd schrieb zu V. 476 in 
einer Anmerkung: "/ must here acknowlcdge a dose, ihoutjU 
nnintentiona}, resenihlance in thesc twelve lines to a passctge in 
an unpuhlishvd poem of Mr. Cohridge^ called *Chrisiabel\ It 
ums Hut tili after thesc lines teere wriiten (hat I heard that 
mld and singularly original and beautiful poem recited: and 
ihe MS^ of that production I neuer saiv tili very recimtly^ hy 
the iindne^s of Mr, Col, himself who, I hopc, is convinced, 
that I have not heeti a wilful pluqiarist, The original idea un- 
douhtedly pertains to Mr. Coleridge, rvhose poeut has been cottt- 
posed (d/ove fourtcen years. Let me conchide by a hopc that he 
mll not longer delay the publieation of a produetion, of which 
I mn only add my mite of approbation to the applause of far 
more conipetetit judges/' Demgegenüber steht aber ein Zeugnis 
bei Medwiu, Conversations (f Lord Byrons London 1824, 



Einleittuig. 



p. 212 t; ''Some ciffht or tm lines of 'OmstobeV found ihem- 
9elvts in *The Sie^e of Corinih*, I hardljf Imaw hawJ* 

Wie vereinigen sich diese beiden Aussprüche? Brand] 
und Schipper sind der festen Ansieht, daß in dem ersten 
Zeugnisse ein Gedächtnisfehler Byrous vorliegt, er also das 
Gedicht doch schon vor seinem eigenen Werke kennen 
gelernt hat ; Kölbing in seiner Ausgabe, p. XXXV und 103, 
bestreitet dies, da die Ähnlichkeit der beiden iu Frage 
kommenden Stellen zu allgemein sei^ abgesehen davon, daß 
man den **Dichter nicht Lügen strafen dürfe'*. Zum Tat- 
sächlichen ist zu bemerken, daß in beiden Stelleu (Siege 
474—481 und CkrisL 37 — ^52) der Ausdruck ihe wind moamih 
vorkommt, der doch nicht selbstverständlich imd un- 
vermeidlich ist, von sonstigen Ähnlichkeiten zu schweigen. 
In Byrons Anmerkung fällt auf, daß er hofft, CoK werde 
ihn nicht einen •'absichtlichen Entlehner" nennen; heißt 
das nicht: **EntleJint hab' ich zwar, aber ich kann nichts 
dafiir'^SP Das frühere Abstreiten kann auch ich nur als 
YergeBlichkeit deuten* Medwin gegenüber ist er übrigens fl 
schon recht vorsichtig: "/ imrdly know haui'\ und da identi- ^ 
fizioit er seine Verse doch direkt mit denen Col/s. Wenn 
nun auch Kölbings Ansicht in vollem Umfange nicht zu 
Recht besteht^ so ist sein Hinweis auf Southeys **TlmlnJ)a 
the De8(roper'\ V, 20, IflF. nicht zu verachten: er nimmt 
diese in der Tat verwandte Stelle als Quelle für Christ*^ 
Sie^e und iciy of L, Minsir. in Anspruch* Ist nun Col. _ 
davon beeinflußt, so läßt sich die Übertragung auf Byron ^ 
leicht erklären; an eine direkte Herübemahme kann ich 
nicht glauben. Warum übersah Kölbing übrigens die bei 
ihm p. Xni zitiei*te Stelle aus Moores Anmerkimgen und 
wozu wies er auf die Almlichkeit von Siege of Cor, 199 f, 
imd Christ, 16 f, hin, wenn er an keine Beeinflussung durch 
CoL glaubte? 

Noch fUr einen bedeutenden Dichter ist Christ, als 
Anregung wichtig: für J, Keats* Schon Brandl weist 
auf Stimmung und Manier des Gredichtes ^*The Eve of 
SL Agnes" (1819) hin (S. 227), die gan£ im Stile Col/s gehalten 
smd. Und wirklich finden sich auch hier die Ausnutzung 
den Tolksaberglaubens zur Motivierung der Handlimg, das 
Waaen der Handlung selbst^ nämlich das geringe drama- 



2. Christahel 



46 



tische Element, die dürftige Erzähliiiig, die Schlafzimmer- 
szenerie und dann vor allem andern die herrlichen lebenden 
Bilder, hier noch abgeschlossener durch die künstlerische 
Strophenform, prangend in glühenden, aber nicht grellen 
Farben, Da ist der Meister noch gemeistert worden. — 
hidirekt hat der Stoff durch das Medium von CoK's **Dark 
Ladic' auf Keats^ *'La Belle Dame sans Mercy' (1819) Ein- 
fluß genommen : Waldeinsamkeit, die Hexe und der hebende 
Ritter, die Umarmung und der gemeinsame Schlaf gemahnen 
an CoL's Art. — Vielleicht hat wie bei Walter Scott auch 
bei Keats eine Versstelle so gewaltigen Eindruck hinter- 
lassen, daß er sie» wohl unbewußt, nachgeahmt iiat. Ich 
meine das im Jahre 1818 erschienene Gedicht ^'Huslt, Imsh!'* 
Man vergleiche nur die Verse: 

"Hush, hush! Tread softly! hush, hu^h, my dear! 
AU th€ hou8€ iit asUepj but wf know very well 
Thai the jeahus, the jeakma old hald-puU may hear, 
Tho' ffou 'pf padded hia mghl-cajy — O »toeti Isabel f' 

mit ChrisL 164 ff., wo auch das leise Schleichen zu nächt- 
licher Weile, um den Alten (hier wohl den Gatten!) nicht 
zu wecken, geschildert ist. Auch der ähnliche Name scheint 
mir auf Verwandtschaft hinzudeuten, wenn auch die weitere 
Handlung sich ganz anders entwickelt* 

Solche einzelne Stellen sind an und fiir sich wichtig, 

aber sie verschwinden gegen die nicht in Parallelstellen, 

sondern durch das Gefiihl nachweisbaren Übereinstimmungen 

im ganzen Aufbau und Aussehen eines Kimstwerkes, wie sie 

I sich im Dichterzirkel um das Jahr 1820 häufig genug finden. 

Und das erhöht Col.'s Bedeutung, daß durch seine 

ien ein Walter Scott, ein Lord Byron zur roman- 

1^3 sehen Erzählung angeregt worden sind. Die einzelnen, 

^rein "interessanten" Züge der beiden besprochenen BaUaden, 

|die noch bei Scott und Byron anfangs durchschimmern 

[(so die Manier^ das Verbrechen des ''edlen Schurken" gar 

nicht ['*Lara*\ '^Manfred"] oder erst am Ende p*Marmim'J 

zu enthüllen), verblassen dann allmählich, das Phantasiefieber 

wird beruhigt und in den späteren Schopftmgen der beiden 

größten Erzähler der englischen Romantik finden wii* dann 

einen geklärten und herzerfi*euenden Abschluß dieser ganzen 

Bichtung. 




Text und Lesarten. 



The Rlme of the Ancyent Marinere 

IN SEVEN PARTS. 

Argument. 

How R Ship haviug passed the Line was driven by Storms to 
tbo cold Country towards the South Pole; and how firom thence she 
jnade her course to the tropieal Latitnde of the Great Pacific Ocean; 
Rud of the Strange thiogs that befeil ; and in what manncr the Ancyent 
Marinere came back to bis own Country. 



Tt \s au ancyent Marinere, 

Aud he »toppeth one of three: 
*^By thy long grey beard and thy gUttering eye 

"Now wherefore stoppest ine? 

**Tli6 Bridegroom's doors are open'd wide 

"And I am next of kin; 
*The Guest« are niet, the FeaÄt is fet, — 

*'May'*>t hear the merry din. 

But still he holds the wedding-giiest — 

There was a Ship, quoth he — 
'^NaVi if thouVst got a laiighsome tale, 

"Marinerei come with me/* 

He holds him with bis sklnny band, 

Quoth he^ tiiere was a Ship — 
"Now get thee hence, thou grey-beard Loon! 

"Or niy StaiOT shall mako thee skip. 

Links ist der Text von A, rechts der von S mit einigen kleinen» 
meist orthographischen Änderungen gedrtickt. Rein InterpimgLStische*<i 
blieb unberücksichtigt. — Titel und 1» in A itfortfttfrtf, archaisierende 
Ortliographie, durch die Messung ^^ '- gerechtfertigt; alle diese 
f'ormen in S zu Maniier umgestaltet; ebenso Änofent zu andctü. Vgl. 
A 112], 2(), 44, 72, 77, 88, 21G, m% [363, 374], m, G51 mit 8 16, 20, 
40, 74, 79, 90, 224, 337, 345, 429, 618. Dagegen hat 517. S uns Reim- 
grOndon tue Form von 550. A. beibehalten. — 3, A die unntltze Wieder- 




Text und Lesarten. 



The Birne of fhe Ancient Marlner 

IN SEVEN PAKTS. 

Facile credo, plnres esse Natoras invisibiles quam visibiles in 
reniin nniversitate. Sed homm omninm familiam qnis nobis enarrabit, 
et gradus et cognationes et discrimina et singalorum munera? Quid 
agunt? qu8B loca habitant? Hamm rerum notitiam semper ambivit 
Ingenium humanum, nunquam attigit. Juvat, interea, non diffiteor, 
qoandoque in animo, tanquam in Tabula, majoris et melioris mundi 
imaginem contemplari : ne mens assuefacta hodiemee vitee minutiis se 
contrahat nimis, & tota subsidat in pusillas cogitationes. Sed veritati 
interea invigilandum est, modusque servandus, ut certa ab incertis, 
diem a nocte, distinguamus. — T. Burnet: Ärchaol. PJiU. p. 68. 

Part I. 



mMUOi thiM GttlUiüi 
biddm to • w«4dk«- 



It is an ancient Mariner, 

And he stoppeth one of three. »•'*^" •••w.ddtar 

^'By thy long grey beard and glittering eye, 

"Now wherefore stopp 'st thou me? 

"The Bridegroom's doors are opened wide, 
"And I am next of kin ; 
"The guests are met, the feast is set: 
"May'st hear the merry din." 



He holds him with his skinny band, 
10 "There was a ship," quoth he. 

"Hold off! unhand me, grey-beard loon!'' 
Eftsoons his band dropt he. 

holung des Possessivs und starke Senkungsbelastung in S getilgt. — 
4. A. Die altertümlich lange Form ist in S aufgegeben und die 
frei gewordene Senkungssilbe zur besseren sjnitaktischen Fügung ver- 
wertet. — 5. A open'd in S opened: solche rein äußerliche Änderungen 
bleiben fttrder unerwähnt. — 9—16. A entsprechen 9—12. S. Das Motiv, 
daß der Hochzeitsgast glaubt, der Anc. Mar. wolle ihm eine lustige 
Geschichte erzählen, ist als der Erscheinung des Alten widersprechend 
glücklich fallen gelassen. Zu 16. A zieht H. an: K. Lear, F. 3, ^78 f: 









■r.^ lüI |tr*i 






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/v«.* y. i: • fc.^i.*: 5:=::^ — 4^— *?. A £::r:i 41— Ä.I. S «»trt. die 

y>*r>M. '^j^jfz.: f^ i^iÄ'i-rii.Lier G-e'wiiir 4;i: Kos5«in des bisher strikt 



The Ancient Mariner. 49 

He holds him with his glittering eye — l^ii^!!^!^!^,^ 

The Wedding-Guest stood still, of tu. om Mm^t^m^ 

15 And listens Hke a three years' child: ""^ b«» u* tai*. 
The Mariner hath his will. 

The wedding-gaest sat on a stone: 
He cannot choose but hear; 
And thus spake on that ancient man, 
20 The bright-eyed mariner. 

"The ship was cheer'd, the harbour clear'd, 

Merrily did we drop 

Below the kirk. below the hill, 

Below the lighthouse top. 

25 The Sim came up upon the left, S^'.TSTSwmI^ 

Out of the sea came he! w»niwith«foo4wtod 

And he shone bright, and on the right *itr«Mii^tk«u^ 
Went down into the sea. 

Higher and higher every day, 
30 Till over the mast at noon — ' 

The Wedding-Guest here beat his breast, 
For he heard the loud bassoon. 

The bride hath paced into the hall, '^l^ül^'SS 

Ked as a rose Ls she: Bm»ic;b«ttb«»«üi« 

coatfntMth hl* !•!•. 

35 Nodding their heads before her goes 
The merry minstrelsy. 

The Wedding-Guest he beat his breast, 
Yet he cannot choose but hear; 
And thus spake on that ancient man, 
40 The bright-eyed Mariner. 

"And now the Storm-blast came, and he SmliwüttÜ^tJ 

Was tyrannous and strong: ?»>•• 

He Struck with his o'ertaking wings, 
And chased us south along. 

45 With sloping masts and dipping prow, 

As who pursued with yell and blow 

6till treads the shadow of his foc. 

And forward bends his head, 

The ship drove fast, loud roared the blast, 
60 And southward aye we fled. 

eingehaltenen alten Metrums (s. o. S. 9, u.). B bedeutet einen schüch- 
ternen Übergang zu S, der noch im alten Prinzipe, aber nicht so 
sprunghaft gehalten ist: But now the Norihwind came tnore ßerce, / TJiere 
came a Tempest strong! / And Southward still for days and weeks / Like 
(hqff we drove dlong. Die zur besseren Verbindung nun in B folgende 
Zeile Änd now there came both Mist and Snow, behielt Col. glücklich 
£ i o h 1 e r , The Ancient Marin er u. Chriit. 4 



The Ancjent Marinere. 

Listen, Stranger! Mist and Snow, 

And it grew wond'roas caold: 
And Ice mast-blgh came floating by 

As green as Emerauld« 

And thro' the drifts th© üiowy clifts 

Did send a di^^mal sheen; 
Ne äbapes of men ne bea^ts we ken — 55 

Tbe Ice was all between, 

The loe was here, the Ice was there, 

The Ice was all around: 
It crack'd and growrd^ and roar'd and howl'd ^ 

Like noi^es of a swoimd. 60 

At length did cross an Albatross, 

Thorough the Fog it came; 
And an it were a Chni^tian Soul, 

We haiVd it in God^s name. 

The Marineres gare it biscuit-worms, 66 

And round and round it flew: 
The Ice did split with a Thunder-fit; 

The Helmsman steer*d us thro\ 

And a good south wind sprung up behiod| 

Tbe Albatross did foilowj TO 

And every day for food or play 

Came to the Marinere *s hollo! 

In mist or cloud on mast or shroud 

It perch'd for vespers nine^ 
"^YhEes all the night thro* fog smoke-white 15 

Glimmernd the white moon-shine. 

*'God save theej auoyent Marinere! 

**From the fiends that plague thee thus — 
"^Miy look'st thou so?'* — with my cross bow 

I shot the Albatross. 80 



bei. Das ai'chaisierende cauld in 50. A ist schon in B durch cold ersetzt, 
ebenso dann 52. A Emeratild durch emerald. — 55. A fie.. . ne als allzu 
archaistisch durch fior . . . nor in S ersetzt, — GO. A von einem Bezen- 
8enten (wahrscheinlich Wrangham) als Unsinn getadelt f British Critic, 
fJct 1799), daher von Col. in B und den folgenden Drucken geändert: 
A wild and ceaseUss sound, aber mit leichter Änderung in B wieder 
hergestellt, H. verteidigt diese ursprüngliche Lesart: "Bui ihere ii 
nathm§ amiss with 'noises of /'m' 1817 J a stotmnd/ Swound ihe reviewcr 
ought to liave known as an obsolete forvt of swoon, for it occun m 
many Elizaheihan and later writers — Drayton, Lyly, Beaumont and 
Fletcher, Middkton, Bishop HaU cfrc. Col iook ii — ahnt) with l wist 



The Ancient Mariner. 51 

And now there came both mist and snow, 
And it grew wondrous cold: 
And ice, mast-high, came floating by, 
As green as emerald. 

ob And through the drifts the snowy clifte SliSnÜ?^ 

Did send a dismal sheen: »o uti.» »taf w.« to 

Nor shapes of men nor beasts we ken — 
The ice was all between. 

The ice was here, the ice was there, 
^ The ice was all aroiind: 

It cracked and growled, and roared and howled, 
Like noises in a swound! 

At length did cross an Albatross: 2SJ üTaK^SS 

Thorough the fog it came; ^I^f^^StL* 

65 As if it had been a Christian sonl, rM«tT*d wim «iMt 

We haüed it in God's name. jo.«,^uut,. 

It ate the food it ne'er had eat, 
And round and round it flew. 
The ice did split with a thunder-fit; 
70 The helmsman steered us through! 

And a good south wind sprung up behind; p^ril.'.*?i,5*i?^ 

The Albatross did follow, o-e», «»d f«iiow.th 

And every day, for food or play, ^nhwm^üav^^toit 

Came to the mariners' hello! *" «»f»«* 

75 In mist or cloud, on mast or shroud, 
It perch'd for vespers nine; 
Whiles all the night, through fog-smoke white, 
Glimmered the white Moon-shine.' 

"God save thee, ancient Mariner! ^1,1^*4 SST 

80 From the fiends, that plague thee thus! — th.pk»-wrdoffoo4 

Why look'st thou so?" — With my cross-bow 
I shot the Albatross! 

(I'Wia, I144),phere (feere 1180), sterte (1195), eldritch (eld- 
ridge, l 234), and beforne (biforne, l 373) — fro^n Percy'a 
'restoretJ^ ballad of Sir C auline, which also aerved htm as a metrical 
model for (he Ancyent Marinere. In Sir C auline, swound rhymes 
wi^ g round, and in Drayton's Baron* s Wars U. 40, with drownd, 
so ihat Col. is right in coupling it here with around. The final *d^ is a 
natural otUgrotcth due to accentual stress, as in bound, rightly boun 
'ready to go', and round, rightly roun, 'to whisper*, Cf. the vulgär 
gownd and drownded/' — 63. A And an it were durch die 
modernere und zeitlich genauere Fügung as if it had been in 65. 8 
ersetzt; metrisch etwas plumper. — 65. A als allzu trivialer Zug durch 

4* 



68 



The Ancyent Marinere* 



n 

The Sun came up npon the right, 

Out of the Sea came he; 
And broad as a weft upou the left 

Went down into the Sea. 

And the good south wind still blew Ijehiud, 

Hut no sweet Bird did ibllow 
Ne auy day for food or play 

Came to the Marinere^s hollo! 

And I had done an hellish thing 

And it would work 'em woe: 
For all av©rr*a, I had kOFd the Bird 

That raade the Breeze to blow. 



8& 



00 



Ne dim ne red, llke God's own head^ 

The glorious Sun uprist: 
Tben all averr'd, I had kilPd the Bird 95 

That brought the fog and mist, 
*T\ras right^ said they, such birds to slay 

Tbat bring the fog and niist. 

The breezes blew, the white tbam flew, 

The innow follow^d free: 100 

We were the flrst that ever hurst 

Into that (Klient Sea. 

Down dropt the breeze, the Saib dropt dovNn^ 

Twas sad as sad could be 
And we did speak only to break 1(J5 

The süence of the Sea. 

das Unbestimmtere in S ersetzt, — 74. S Ca liest: marineres, was mit 
Rücksicht auf m. S ein Df. sein dürfte, — 8L A TJit Stm came up 
in 8 The Sun iiow rase* Der üblichere Ausdruck für den Soanen- 
aulgang ist, vielleicht auch der Alliteration zuliebe, eingeführt. — 
89. A And broad as a wrft in B ff. durch Still hid in misi ersetzt^ dem 
Bezensenten (s. zn 00, A) zu Gefallen. H. gibt hiezu in zwei au&- 
ftlhrlichen Anmerkungen die Wort geschieh te von weft, das er zn wa0\ 
wat>e (M. E. tcauen, A. S. waßun) stellt^ wobei er Vermengung mit 
icai/j isl. veif annimmt, welch letzteres "irgend etwas Flatterndes" 
bedeutet. ^A wefi, waft or wheft (»ee Admiral Smtfüis SaÜor^s Word 
BoaJcJf w a fla^, ffaOiered in and tied acroM with a cord near the Jiead 
(or pafi nexi Ute staß), the rc^t of the bunting being allowcd to fly free.* 
H. zieht Merdi, of Venice, V, 1, 11 an, kein sehr gutes Beispiel, und 



i 



The Ancient Mariner. 53 

Part n. 

The Sun now rose upon the right: 
Out of the sea came he, 
85 Still hid in mist, and on the left 
Went down into the sea. 

And the good south wind still blew behind, 
But no sweet bird did follow, 
Nor any day for food or play 
90 Came to the mariners' hollo! 

And I had done a hellish thing, "i^STSr«?«?' 

And it would werk 'em woe: ^'^TS/'^iTiS?* 

For all averred, I had killed the bird 
That made the breeze to blow. 
95 Ah wretch! Said they, the bird to slay, 
That made the breeze to blow! 



Nor dim nor red, like God's own head, .i^^^^'^^'i^ 

The glorious Sun uprist: ™L.T«i^« *"::! 

Then all averred, I had killed the bird compuc«.inth«erim«. 
IOJ That brought the fog and mist. 

'Twas right, said they, such birds to slay, 
That bring the fog and mist. 

The fair breeze blew, the white foam flew, Si;Jr^.*2ir«t^ 

The furrow stream'd off free; i*«/^^.;:; 

105 We were the first that ever burst tiiiu»««cb«tk.ui»«. 



Into that silent sea. 

Down dropt the breeze, the sails dropt down, 
'Twas sad as sad could be; 
And we did speak only to break 
110 The silence of the sea ! 

Scott, The Abbat, eh. XXIX: 'There have already been made two wefts 
from the ujarder's turret to intimate that those in the casile are impatient 
for your retum,' Treffend ist H.'s Charakteristik unseres Verses: 'Col. 
compares the stmset Streaming from ihe central orb upon the xoatera, 
like a reaplendent cloth of gold, to the bunting apreading out upon the 
breeze from ihe Oed centre.' Femer gibt er Bedeutungsschattierungen 
von weft aus Spenser (F. Q., III. X. 86, V. UI. 27), Ben Jenson 
(E, Man out of his H.), Shelley (To the Queen of my Heart, 12) und 
Browning (SordeUo, Bk. 11; Two in the Campagna). — 92. A Um den 
Vorwurf noch schwerer zu machen, wird er in S durch 95/96. em- 
phatisch in direkter Bede wiederholt. — 98. A siehe L.-A. zu 55. A. 
like Ood's own head war in B ff. dem nörgelnden Rezensenten 
(s. 60. A L.-A.) zuliebe in like an AngeVs head geändert worden. Dieses 



Tb« thlp hkth b««a 
tnddraly b«calm«4. 



64 



The Ancyent Marinere. 



All in a bot and copper sky 

The bloody suo at noon^ 
Eight up above tiie ma^st did staud, 

No bigger iban the moon. 

Day after day, day after day^ 
We stuck, ne breath ne motion, 

As idle as a painted Ship 
Upon a paiuted Ocean. 

Water, water, every where 
And all the boards did sbrink; 

Water, water, every wbere^ 
Ne any drop to drink* 

The very deeps did rot: O Chrift! 

That ever tiiis should be! 
Yea, ölimy thin^s did crawl witb legs 

Upon the sUmy Sea. 

Aböut, about, in reel and rout 
The Death-fires danc'd at night; 

The water, like a witch'H oils, 
Burnt greeii and blue and white. 

And 8ome in dreams assured were 
Of the Spirit that plagiied us so: 

Nine fathoin deep he had follow'd ns 
From the Land of Mist and Snow. 

And every tougue tbro' utter dronth 

Was wither*d at the root; 
We could not speak no more tlian if 

We had been choked with soot. 

Ah wel-a-day! wbat evil looks 
Had 1 from old and 3^oung; 

Instead of the Gross the Albatrosfi 
About my neck was bung. 



iio 



115. 



ISO 



1^ 



Zngestäudnii* an puritanische Denkart nahm Col. aber in 8 wieder 
zurück. — 110, A in 104. 8 wie oben, aber 1828 die Lesart von 
Äff, wieder hergestellt. In 8 bemerkte CoL selber hiezu: 'In the 
fomier edüion tlie line weis — "The furrow foUow^d frfe'*; bul I 
had not been long on board a Mp before I perceived Hunt this toas the 
image as seen by a spectator from the shore, or from another vessel. From 
the ship itself the Wake appearg like a brook flowing off from the stern.* 
Da die Anteilnahme Col.^s an den Korrekturen der späteren Aus- 
gaben recht gering ist, habe ich entgegen Ca die auf Cinind einer 



I 




The Ancient Mariner. 56 

All in a bot and copper sky, 
The bloody Sun, at noon, 
Right up above the mast did stand^ 
No bigger tban the Moon. 

115 Day after day, day after day, 

We stuck, nor breath nor motion, 
As idle as a painted ship 
üpon a painted ocean. 

Water, water, every where, be^^li S'^^ttS^L 

120 And all the boards did shrink; 
Water, water, every where, 
Nor any drop to diink. 

The very deep did rot: Christ! 
That ever this should be! 
125 Yea, slimy things did crawl with legs 
Upon the slimy sea. 

About, about, in reel and rout 
The death-fires danced at night; 
The water, like a witch's oils, 
130 Bumt green, and blue and white. 

And some in dreams assured were i.i^'oil/ttl'to! 

Of the spirit that plaenied us so ^•'"* »»»«»»»»"«• »• 

Nine fathom deep he had followed us p^t«« miü« aer 

From the land oi mist and snow. wbomth«iMrMdj«w. 



135 And every tongue, through utter drought, pJir"*^***2rt«. 

Was wither'd at the root ; »«lud. Tbn^ •*• rmrr 

We could not speak, no more than if '""u*I^'dini»t« or " 

We had been choked with soot. •'•""or I^^JT "" 

Ah! well-a-day! what evil looks Th«iiüp«»to«,inth*ir 

140 Had I firom old and young ! J^" «£^5*3^ ZSSi 

Instead of the cross, the Albatross '""^«2«?;:^"* 

About my neck was hung. :^r'!LtS,inii^ 

his r««k. 

schärferen dichterischen Beobachtung eingeführte Lesart in den Text 
eingesetzt. — 112, 118. A s. L.-A. zu 55. A. — 139, 140. A. Ein etwas 
flberstürzter Übergang zu der Erscheinung des GeisterschiiFes ; dafür 
143 — 148. S, welche die lange Leidenszeit der Seeleute schildern und 
so das Auf bauchen des Fahrzeuges als Bettung betrachten lassen. Um 
so gräfilicher wirkt dann die Enttäuschung. Nun ist auch der Zustand 
der Elenden durch Wiederholung des Motivs von 14S. S in 162. S ein- 
dringlich vorgefahrt. B bildet hier das Mittelglied, noch ohne so 
starke emphatische Wiederholung: So past a weary Urne; each ihroat / 



The Ancyent Marinere. 
Ul 



I SAW a something in the Sky 

No bigger than m^' fist; 
At first it seem*d a little 3peck 

Aiid theii it seem^d a mist: 
It mov'd and mov'd^ ajid took at last 

A certain shap6, I wist. 

A speck, a mist^ a .sliape, I wist! 

And still it ner*d and ner'd: 
And, an it dodg'd a water-sprite, 

It plung'd and tack^d and veer'd. 

With tbroat unslack'd, with black Ups bak*d 

Ne cotild we laugb^ ne wail: 
Then while tkro* drouth all diimb they stood 
I bit my ann and suck*d tbe blood 

And cry'dj A sail! a saill 

With throat iinslack'd, with black lips bak*d 

Agape tliey heai^'d nie call; 
Oramercy! they for joy did grin 
And all at ouce their breath drew in 

As they were drinking alL 

She doth not tack irom side to side — 

Hither to work us weal 
Withouten wind, withouteii tide 

She steddies with upright keel. 

The westem wave was all a ilame, 

The day was well nigh done! 
Almo?it opon the westera wave 

Bested the broad bright Sun; 
When that stränge shape drove suddenly 

Betwixt US and the Sun. 



Was pardid and gloj^d eadk eye, / Wherif looking weslward, l beheld / 
Ä SQnteihing in the shf. ~ 147. A an it (S And m tfit) a, zu 63. A (liier indes 
mit Beibehaltung der Zeit), — 15^>, A außer der Abschafifuug des arch. 
ne , ^ ,ne in S Bessenmg der allzu gekünstelteu Werteste llung. — 151. A 
völlig zu 159. S geimdert. Der jetzt parataktische Satz ist besser zum 
vorhergehenden gezogen; der Anc. Mar. bezieht sich ganz richtig 
jetzt selber mit in die Schar der Vei'schmachtenden ; durch das Ver- 
schwinden der Unterordnung ist eiu Versfuß frei geworden : ihn tltUJt 
nun das noch einmal die Schrecken des Augenblicks zusamm entlassende 




The Ancient Mariner. 67 

Part m. 

There passed a weary time. Each throat 
Was parched, and glazed each eye. 
145 A weary time! a weary time! 
How glazed each weary eye, 

When looking westward, I beheld St^w'^rlJ^SI 

A something in the sky. «lemwit »st oo. 

At first it seem'd a little speck, 
150 And then it seem'd a mist; 

It moved, and moved, and took at last 
A certain shape, I wist. 

A speck, a mist, a shape, I wist! 
And still it near'd and near'd: 
155 As if it dodged a water-sprite, 
It plonged and tack'd and veer^d. 

With throats unslaked, with black lips baked, i*i2;S;^rCf; 

We could nor laugh nor wail; riup«iid«t«d«.rT««. 

^ ' loa h« fr««th hl» 

Through utter drought all dumb we stood! •p.^hftomthekood« 



of thlnt. 



160 I bit my arm, I sucked the blood, 
And cried, A sail! a sail! 

With throats unslaked, with black lips baked, 
Agape they heard me call: 

Gramercy! they for joy did grin, Aa^horjoy. 

165 And all at once their breath drew in, 
As they were drinking all. 

See! see! (I cried) she tacks no more! /o^'iiT^.'r^^i'i 

Hither to work us weal, - wlSI-r:^:*^^;» 

Without a breeze, without a tide, 
170 She steadies with upright keel! 

The westem wave was all a-flame. 
The day was well nigh done! 
Almost upon the westem wave 
Bested the broad bright Sun; 
175 When that stränge shape drove suddenly 
Betwixt US and the Sun. 

utter aus. — 152. A and sucked the blood, 160. S / sucked {he blood: 
wirksamere Wiederholung des Pronomens. — 154. A ihroat, 161. 8 
throats, die dem modernen Englisch entsprechende Pluralbezeichnung. — 
159— 160. A durch 167— 168. S ersetzt. Das geisterhafte Nahen des 
Schiffes wird jetzt mit größerer Wahrscheinlichkeit vom Anc. Mar. 
erst bemerkt, als es schon in erkennbare Weite kommt ; sein Erstaunen 
ist nun klarer ausgedrückt. — 161. A = 169. S. Das von H, auf 
Chaucer, Leg, of Dido, l, 46 (His fere and he, withouten any gyde) 
zarQckgefOhrt« withouten ist modernisiert, die schwere Assonanz wind- 



1» 



he Anc^^ent Marinere. 



And strait the Stm was fieck'd with bars 
(Heaven's mother send us grace) 

As if thro' a dungeon grate he peer*d 
With broad and buming face, 

Alas! (thoiight I, and my heart beat loiad) 
How fast äbe neres and neres! 

Are those her Sails that glance iii the Smi 
Like restless gossainere« ? 

Are those her naked ribs, which fleck'd 
The sun that did behind them peer? 

And are those two all, all the crew, 
That womau aud her fleshless Pheere? 

Hig boues were black i^^th many a crack. 

All black and bare, I ween; 
Jet-black and bare, save where with rust 
Of moudly damps and chainel crust 

TheyVe pateh'd with ptii-ple and green. 

Her lips are red, her looks are free, 

Her locks are yellow as gold: 
Her skin is as white as leproßy, 
And she is far liker Death than he; 

Her flesh makes the still air cold. 

Tbe naked Htilk alongside came 
And the Twain were playing dice; 

'*The Game is done! IVe won, IVe wonl" 
Quoth she, and whisüed thrice. 



1751 



mai 



185 



19D. 



ist nun durch hree£e*tiäe ensetzt. — 176. A. H, zur Stelle ; *The 
SpelUng gossamere in Draiftmi'n Nymphidia, XVIL Chaucer write^ 
gossomer mrrecihf* — 177— 185, A ent^spricht dem stark gekürzten 
Abschnitte 185—189. S, Eine bds. Verbesserung Col/s in einem 
Exemplare von A las; Are those her ribs which fleck' d iJie sun j Like 
Lars of a dungeon grate? / Are those two all, all of the crtw, / Thai 
fi^oman and her maieP Eine andere (beide nach Ca): This ship it ttas 
aplmikleits UUngj / Ä bare Anatomy! j A plankless Spectre^ and it mov*d f 
Like a Öeing of the Seal j The woman and a flcfthUs» m^n / T herein 
Bäte merrilt/. Diese zweite Korrektur war eine unnütze Ansspinntmg 
der Schiftsbesckreibung mit dem sonderbaren Zuge des ^^maril^^'; der 
grausige Eindruck, der jetzt allein gegeben Lst, wu-kt entschieden 
stärker. Dagegen gibt die erste Korrektur einen schönen Übergang 
zu B, indem das in A erst angedeutete Motiv von dem gitterartigen 
Eindrucke der Scbiffsrippen mit der durchblickenden Sonne durch- 
geführt wird: B Are ihese her Mib^, thro' tchich th^ Sun j IHd peer, as 
thro* a grate? / And are tliese itco all, all her trete ^ / That Woman, 
attd Iier Mate! Das letzte AVoil mag des Keimes wegen den aus 
17 L A (= 179. 8) wiederholten Vergleich mit grate nahegelegt haben. 




The Ancient Mariner« 



69 



And straight the Sun was Becked with bat«, 
(Heaven*s Mother send us grace!) 
As if through a dimgeon-grate he peered 
l&O With broad and bnrning face. 

Alasi (thought I, and my heart beat loud) 
How fast she nears and nearsl 
Are thoae her saiLs that glance in the Sun, 
Like restless gossameres? 



II mmmA k\m tifll Um 



160 



190 



195 



Are those her ribs through which the Sun, 
Did peer, as through a grate? 
And is that Woman all her crew? 
Is Üiat a Death? and are there two? 
Is Death that womau's mate? 



Her Ups were red, her looks were free, 
Her locks were yellow as gold: 
Her skin was as white as leprosy, 
The Night-mare Life-in-Death was she, 
Who thickä niau^s blood with cold. 

The naked hulk alongsiide came, 
And the twain were casting dice; 
^'The game is donel Pve woni Tve won!" 
Quoth she, and whistles thrice. 







ik» (tb* UU«]-}irliui«Ui 



sobald das allzu arch. pheere (vgl. zu 60. A) gefallen war. Für die 
hrlichere Schildenmg des männlichen Dmih^ der für die 
beschichte weniger von Belang ist^ trat nun in S das grausige 
Spiel mit dem Woi-te Death und dem späteren (193.) Life-iti^Death. 
— *Col feit that these kideous incidents of (he grave onlif detn'acteä 
from the ßner Horror o/ Üie voluptuous beatdij of his tühite devü, the 
Nighi-mare Ldfe-in-DeathJ (Dowden,) — *Cot rf^'ecteä from hia irork 
the horrors, wMe retaining the ierrors, of death,' (Swiuburaej H macht 
^damtif ftuiinerksam, daB 177—180. A die einzige Strophe sei^ die ganz 
ider all© Begel aus 4 je vierheb, Zeilen besteht^ ein Versehen, das 
Schon die hds, Korrektm*en und B berichtigten, — 186 ff. A in 190 ffl 8 
were, was. Das lebendigere Präsens der aul*geregten Besciu-eibung ist 
t&nn durch das durch den Zusammenhang gegebene Präteritum 
etzt — 189—190. A. Erst 193. 8 fahrte hier den Namen Life-in^ 
\ imd die Bezeichnung Night- mair [sie l] ein, die einen richtigen Vor» 
schmack vom Schicksale des Anc» Mar. geben. Die doch zu weit 
hergeholte Wij-kung ihres Erscheinens auf die Luft wLid nun faßlicher 
ttuf den Menschen bezogen; Who thickä man's blood with cold, — 
192. A in 196. S sinnlicherer Ausdruck. — 194, A zum Tempuswechsel 



60 



The Ancyent Marinere. 



A gust of wind sterte np beliind 

And whistled thro' hia bones; 
Thro' the ho) es o£ his eves and the hole of his moath 

Half-whistles and hall-groons. 



195 



With never a whisper in the Sea 
Ofi' darte the SpectTe-lTiip; 



300 



While clombe above the Eastem bar 
The homed Aloon, with one bright Star 
Almoöt atween the tips, 

One after one by the horued Moon 

(Listen, O Stranger! to me) 
Eaoh tnm'd his face with a ghastly pang 

And cnrä'd me with bis ee. 

Fonr times Mty living men, 

With never a sigh or groaa, 
With heavy thump, a lifeless Ininp 

They dropp'd down one by one. 

Their louls did irom their bodies fly, — 

They fled to bÜBS or woej 
And every goni it pass*d me by, 

Like the whiz of my Cross-bow. 




90& 



210 



215 



whisiUs, der nun erklärlich erscheint, siehe Komm, zu 19& S. -^ 
195—203. k ist 199— 21L S erweitert. Die ersten 4 Zeilen Toa 4 
schildern abermals grauenhafte Vorgänge an dem männlichen Gespensti 
die wie oben (177—185. A) als überflüssig fallen gelassen wurden. 
Dagegen ist die Abfahrt des Geisterschifies und die ihr immittelbar 
folgende Stimmung in weit subjektiverer und ausHilhrlicherer Weise 
gemalt» 199, 200, A sind nun in 201—202.8 zu suchen; hörte man 
früher nichts beim Verschwinden des Fahrzeuges, so ist jetzt ein 
geisterhaftes, weithin hörbares Flüstern zu vernehmen — ein grauen- 
erweckender übernatürlicher Ton; das frühere Präsens off darts ist 
nun als Abschluß dieses Abschnitte-s in ein Präteiitum off shot ver- 
wandelt (anderes Verbum^ wohl um eine nicht angebrachte Assonanz 
mit dem durch den neuen Reim geschalienen apectre-bark zu ver* 
meiden). Der Abend bricht nun erat nach dem Verwehen des Spukes 
ein, daher Wechsel der Konjunktion in 201. A i:2<J9, 8); der 
war früher aimoat atween the Ups, ein Bild^ das in seiner Unbestimmt- 



I 
I 



pukea M 
Stern ■ 
inmt- ^1 



The Ancient Mariner. 61 



The Sun's rim dips; the stars rush out: ^''Jü^'STt^ 

200 At one stride comes the dark; 

With far-heard whisper, o'er the sea, 
Off shot the spectre-bark. 

We listen'd and looked sideways up! ^» "- J^JJ •' *• 

Fear at my heart, as at a cup, 
205 My life-blood seemed to sip! 

The Stars were dim, and thick the night, 

The steersman's face by his lamp gleam'd white; 

From the sails the dew did drip — 

Till clombe above the eastem bar 
210 The homed Moon, with one bright star 

Within the nether tip. 

One after one, by the star-dogged Moon, on««ft«*n«»w. 

Too quick for groan or sigh, 
Each tum'd his face with a ghastly pang 
215 And curs'd me with his eye. 

Four times fifty living men, "'* JtoJTdllL^ 

(And I heard nor sigh nor groan) 
With heavy thump, a lifeless lump, 
They dropped down one by one. 

220 The souls did from their bodies fly, — bX'Üi^i^- 

They fled to bliss or woe ! *»»• ««•«» umMUmw. 

And every soul, it passed me by, 
Like the whizz of my cross-bow! 

heit entschieden dem späteren, genau ausgesprochenen und daher 
unmöglichen toithin the nether tip vorzuziehen gewesen wäre. Die Bein- 
heit des Reimes, die nun in S hergestellt ist, scheint dies unglück- 
selige Motiv (vgl. Komm, zu 210. S) noch übler gestaltet zu haben. — 
204—207. A. Das unverfängliche the homed Moon ist nun 212. S im 
Sinne des eben Bemerkten zu dem siar-dogged Moon gewendet, dem 
Schifferaberglauben auch im Worte gemäß ; der 205. A übel angebrachte 
Zuruf des Anc. Mar. an den ohnedies gewiß recht aufmerksamen 
Hochzeitsgast ist durch das wirkungsvolle Motiv des Vergleiches der 
Schnelligkeit in 218. S ersetzt, wodurch absichtliche Wiederholung 
desselben in 217. S entsteht. Anstoß zur Änderung mag das dia- 
lektische ee 207. A (für eye,) gegeben haben. Vgl. Komm. — 209. A ist in 
217. 8 als lebendige Einfügung wirksamer. — 225. A in 283. S nun un- 
bestimmter gelassen. — 226. A. Vielleicht gab Col. auch hier in 
284. S der Meinung des puritanischen Bezensenten nach, der 98. A 
beanständet hatte. — 215. A = 228. S : von hier ab verliert sich die äu^r- 



62 The Ancyent Marinere. 

IV 

*'I fear thee, ancyent Marinere! 

•'I fear thy skinny hand; 
*^And thon art long and leuik and brown 

"As is the ribb'd Sea-sand. 

"I fear thee and thy glittering eye 220 

"And thy skinny hand so brown — 
Fear not, fear not, thou wedding guest! 

This body dropt not down. 

Alone, alone, all all alone 

Alone on the wide wide Sea; 225 

And Christ would take no pity on 

My soul in agony. 

The many men so beautiful, 

And they all dead did lie! 
And a million million flimy things 230 

Liv'd on — and so did I. 

I look'd upon the rotting Sea, 

And drew my eyes away; 
I look'd upon the eldritch deck, 

And there the dead men lay. 235 

I look'd to Heaven, and try'd to pray; 

But or ever a prayer had gusht, 
A wicked whisper came and made 

My heart as dry as dust. 

I clos'd my lids and kept them close, 240 

Till the balls like pulses beat; 
For the sky and the sea, and the sea and the sky 
Lay like a load on my weary eye. 

And the dead were at my feet. 

The cold sweat melted from their limbs, 245 

Ne rot, ne reek did they; 
The look with which they look'd on me, 

Had never pass'd away. 

An orphan's curse would drag to Hell 

A spirit from on high: 250 

But 0! more horrible than that 

Is the curse in a dead man's eye! 
Seven days, seven nights I saw that curse. 

And yet I could not die. 

liehe Kennzeichnung des Monologes durch '*. — 246. A s. zu 55. A. — 



The Ancient Mariner. 63 

Part IV. 

"I fear thee, ancient Mariner! t^t^i.Bpi.,ti, 

225 I fear thy skinny hand! uiuDffioumi 

And thou art long, and lank, and brown, 
As is the ribbed sea-sand. 

I fear thee and thy glittering eye, 
And thy skinny hand, so brown." — 
290 "Fear not, fear not, thou Wedding- Guest ! »■* ^ •«*"* >«- 



of 

This body dropt not down. w. boduj m •, »»d 



hl« bonfbl« p«iiMM«. 

Alone, alone, all, all alone, 
Alone on a wide wide sea! 
And never a saint took pity on 
285 My soul in agony. 

The many men, so beautiful! "\^^^Z^ 

And they all dead did lie: 

And a thousand thousand slimy things 

Liv'd on; and so did I. 

240 I look'd upon the rotting sea, ^rtoSr*iÜl.*l^*Ir 

And drew my eyes away; many u« d««d. 

I look'd upon the rotting deck. 
And there the dead men lay. 

I look'd to heaven, and tried to pray; 
245 But or ever a prayer had gusht, 
A wicked whisper came, and made 
My heart as diy as dust. 

I closed my lids, and kept them close. 
And the balls like pulses beat; 
250 For the sky and the sea, and the sea and the sky 
Lay like a load on my weary eye, 
And the dead were at my feet. 

The cold sweat melted from their limbs, S'^t'STiT^Sl 

Nor rot nor reek did they: d««dm«. 

255 The look with which they look'd on me 
Had never pass'd away. 

An orphan's curse would drag to hell 
A spirit from on high; 
But oh! more horrible than that 
260 Is the curse in a dead man's eye! 

Seven days, seven nights, I saw that curse. 
And yet I could not die. 



64 The Ancyent Marinere. 

The moving Moon went up the sky 256 

And no where did abide: 
SofÜy she was going up 

And a star or two befide — 

Her beams bemock'd the sultry main 

Like moming frosts yspread; 260 

But where the ship's huge shadow lay, 
The charmed water bumt alway 
A still and awful red. 

Beyond the shadow of the ship 

I watch'd the water-snakes : 265 

They mov'd in tracks of shining white; 
And when they rear'd, the elfish light 

Fell off in hoary flakes. 

Within the shadow of the ship 

I watch'd their rieh attire: 270 

Blue, glossy green, and velvet black 
They coil'd and swam: and every track 

Was a flash of golden fire. 

happy living things! no tongue 

Their beauty might declare: 275 

A spring of love gusht from my heai't, 

And 1 bless'd them unawarel 
Sure my kind saint took pity on me, 

And I bless'd them imaware. 

The self-same moment I could pray; 280 

And from my neck so free 
The Albatross feil oif, and sank 

Like lead into the sea. 



V 

sleep, it is a gentle thing 

Belov'd from pole to pole! 285 

To Mary-queen the praise be yeven 
She sent the gentle sleep from heaven 

That slid into my soul. 

The silly buckets on the deck 
That had so long remain'd, 290 

1 dreamt that they were fill'd with dew 
And when I awoke it rain'd. 

260. A in 268. S geändert. Das Bild des Reifes ist nun deut- 
licher gezeichnet, da die altertümliche Form yspread (H. weist auf 



The Ancient Mariner. 



65 



The moving Moon went up the sky, 
And no where did abide: 
265 Softly she was going up, 

And a star or two beside — 

Her beams bemock'd the sultry main, 
Like April hoar-frost spread; 
But where the ship's huge shadow lay, 
270 The charmed water bumt alway 
A still and awful red. 

Beyond the shadow of the ship, 
I watch'd the water-snakes: 
They moved in tracks of shining white, 
275 And when they reared, the elfish light 
Fell off in hoary flakes. 

Within the shadow of the ship 
I watch'd their rieh attire: 
Blue, glossy green, and velvet black, 
280 They coüed and swam; and every track 
Was a flash of golden fire. 

O happy living things! no tongue 
Their beauty niight declare: 
A spring of love gnsht from my heart, 
286 And I blessed them unaware: 

Sure my kind saint took pity on me, 
And I blessed them unaware. 



In hu lonaliaMi «nd 
dxednsM b« 7««m»th 
towMda Um Joanayiag 
Moon, »ad tlt« »tM« 
tbat attn Mjount 7«t 
•tül nov« OBWwd; mud 
CTcry wbcn UM bla« 
■kjr b»longa to tltrai, 
■nd U thvir •wolntMl 
rMt, aad tbelr aatlT« 
coantry a 
natoral I 
Xhf « 
e«d. •■ lorda th»t an 
certaialjr aap<cfd,aBd 
7«t tkara ia a allent Jojr 
at tiMir arrtvaL 



By Um Uglit of tk« 

Mooa h« Mboldath 

Ood'a eraataraa of tho 

fToat ealm. 



Thtlr boantjr and 
tboir kapplaofl«. 



290 



The seifsame moment I could pray; 
And from my neck so free 
The Albatross feil off, and sank 
Like lead into the sea. 



Tht tpM bnriM to 

brMk. 



295 



Part V. 

Oh sleep! it is a gentle thing, 
Belov'd from pole to pole! 
To Mary Queen the praise be given! 
She sent the gentle sleep from Heaven, 
That slid into my soul. 



The silly buckets on the deck, 
That had so long remained, 
I dreamt that they were filled with dew; 
800 And when I awoke, it rained. 



Br rraeo of tho boly 

Motbor, tiio aaeloat 

Marinar U rafrasbod 

wltb rala. 



Chaucer, Beve's Tale, 220; Prioresse's Tale, 2 hin) durch die moderne 
verdrängt wurde und so der Rhythmus geändert werden mußte. — 

£ i o h 1 e r y The Ancient Marinor a. Christ. 5 



66 The Ancyent Marinere. 

My Ups were wet, my throat was cold, 

My garments all were dank; 
Sure I had drunken in my dreams 295 

And still my body drank. 

I mov'd and could not feel my limbs, 

I was so light, almost 
I thought that I had died in sleep, 

And was a blessed Ghost. 300 

The roaring wind! it roar'd far ofif, 

It did not come anear; 
But with its soimd it shook the sails 

That were so thin and sere. 

The Upper air bursts into life, 805 

And a hundred fire-flags sheen 
To and fro they are hurried about; 
And to and fro, and in and out 

The Stars dance on between. 

The Coming wind doth roar more loud; 310 

The sails do sigh, liko sedge: 
The rain pours down from one black cloud 

And the Moon is at its edge. 

Hark! hark! the thick black cloud is cleft, 

And the Moon is at its side: 315 

Like waters shot from some high crag, 

The lightning falls with never a jag 
A river steep and wide. 

The strong wind reach'd the ship: it roar'd 

And dropp'd down, like a stone! 320 

Beneath the lightning and the moon 
The dead meu gave a groan. 

They groan'd, they stirr'd, they all uprose, 

Ne spake, ne mov'd their eyes: 
It had been stränge, even in a dream 325 

To have seeu those dead meu rise. 

286. A in 294. S zu given modernisiert; zu ycven bemerkt H,: The 
Knighte's Tale allenthalben. — 301. A. Die stoßweise Fügung von A 
ist in 309. S dem nun wieder ruhigeren Gange der Erzählung ange- 
glichen und syntaktisch eingegliedert. — 305 ff. A, dafUr in 313 ff. S 
überall das gleichmäßige Erzähluugstempus. — 309. A in 317. 8 
wiederum das Präteritum ; die bleiche Fai-be der Sterne zwischen dem 
gespeusti.schen Feuerwerke ist nun eigens hervorgehoben. — 310 ff. A 
in 318 ff. S Präterita wie bei 305 ff. A (s. d.). — 314. A Das nicht 
ganz auf die optische Beobachtung des Blitzes, wiewohl auf die 
akustische, passende und allzu lebhafte Hark! hark! verschwindet in 



H« bMntb toandt aad 
■•«th atTmof« tifbto 



The Ancient Mariner. 67 

My Ups were wet, my throat was cold, 
My garments all were dank; 
Sure I had drunken in my dreams, 
And still my body drank. 

305 I moved, and could not feel my limbs: 
I was so light — almost 
I thonght that I had died in sleep, 
And was a blessed ghost. 

And soon I heard a roaring wind : 

310 It did not come anear ; *»•* commouom in 

But with its sound it shook the sails, * ' '»«t. 
That were so thin and sere. 

The Upper air burst into life! 
And a hundred fire-flags sheen, 
315 To and fro they were hurried about! 
And to and fro, and in and out, 
The wan Stars danced between. 

And the coming wind did roar more loud, 
And the sails did sigh like sedge; 
320 And the rain poured down from one black cloud; 
The Moon was at its edge. 

The thick black cloud was cleft, and still 
The Moon was at its side: 
Like waters shot from some high crag, 
325 The lightning feil with never a jag, 
A river steep and wide. 

The loud wind never reached the ship, ^hlp^t^VU^' 

Yet now the ship moved on ! in»pir»d, «ad ü>« «bip 

Beneath the hghtning and the Moon 
330 The dead men gave a groan. 

They groan'd, they stirr'd, they all uprose, 
Nor spake, nor moved their eyes; 
It had been stränge, even in a dream, 
To have seen thosc dead men rise. 



322.8; dadurch erfolgt Präzisienmg des folgenden Gedankens. Prä- 
terita wie 305ff. A. — 319-320. A in 327—328. S gerade das Gegenteil 
und mit gutem Grunde: die Bewegung des Schiffes ist übernatürlich 
(327—328. A); behielt S (335—336.) diesen Zug bei, so mußte auch dieser 
Widerspruch getilgt werden. Auch das Herabfallen (!) des Windes 
in A erschien unklar und war nicht weiter ausgebeutet: die ganze 
Vorstellung war äußerst gesucht und undeutlich ; ob Col. das Wunder 
der Ausgießung des Heiligen Geistes (wie in 314 S) dabei vorschwebte 
(Dr. D i 1 1 e s ; vgl. TÄe Acta, :i, 2), scheint fraglich. — 324. A s. zu 55. A. — 

5* 



inoTca on ; 



The Ancyent Marinere. 

The helmsman steerd, the ship mov'd on; 

Yet never a breeze up-blew; 
The Marineres all 'gan work the ropes, 

Where they were wont to do: 390 

They rais'd their limbs like lifeless tools — 

We were a ghastly crew. 

The body of my brother's son 

Stood by me knee to knee: 
The body and I pull'd at one rope, 335 

But he Said nought to me — 
And I quak'd to think of my own voice 

How fidghtful it would be! 



The day-light dawn'd — they dropp'd their arms, 
And cluster'd round the mast: 840 

Sweet Sounds rose slowly thro' their mouths 
And from their bodies pass'd. 

Around, aroimd, flew each sweet sound, 

Then darted to the sun: 
Slowly the sounds oame back agaiu 345 

Now mix'd, now one by one. 

Sometimes a dropping from the sky 

I heard the Lavrock sing; 
Sometimes all little birds that are 
How they seem'd to üll the sea and air 360 

With their sweet jargoning, 

And now 'twas like all instruments, 

Now like a lonely flute; 
And now it is an augel's song 

That makes the heavens be mute. 356 

It ceas'd: yet still the sails made on 

A pleasant noise tili noon, 
A noise like of a hidden brook 

In the leafy month of June, 
That to the fleeping woods all night 360 

Singeth a quiet tune. 

337—338. A. Der Zug des Schreckens vor dem Klange der eigenen Stinmie 
erschien, da der Anc. Mar. sie ja jetzt doch nicht ertönen ließ, C ol. wohl 
allzu raffiniert ; er fiel schon in B. Dadurch war wieder eine regelmäßige 
vierzeilige Strophe hergestellt worden. Dafür schob der Dichter nun 
die schöne Erklärung der Geisterschiffer mit der hier wohl gerecht- 



The Ancient Mariner. 69 

336 The hehnsman steered, the ship moved on; 

Yet never a breeze up blew; 

The mariners all 'gan work the ropes, 

Where they were wont to do; 

They raised their limbs like lifeless tools — 
340 We were a ghastly crew. 

The body of my brother's son 
Stood by me, knee to knee: 
The body and I pulled at one rope 
Bnt he said nought to me.' 

345 "I fear thee, ancient Mariner!" ^"J r,'-.Vl^r^" 

Be calm, thou Wedding-Guest! '*.!:T"*.'*'i^" 

1 11/11. • mWdU air, kat by « 

TTwas not those souls that fled in pain, w..Mdtn>opof 

Which to their corses came again, dowiibyüi«inToeMs<» 

But a troop of spirite blest: *" **"• «"'^ "*"*• 

360 For when it dawned — they dropped their arms, 
And clnstered round the mast; 
Sweet Sounds rose slowly through their mouths, 
And from their bodies passed. 

Around, around, flew each sweet sound, 
365 Then darted to the Sun; 

Slowly the sounds came back again, 
Now mixed, now one by one. 

Sometimes a-dropping from the sky 
I heard the sky-lark sing; 
360 Sometimes all little birds that are, 

How they seemed to fill the sea and air 
With their sweet jargoning ! 

And now 'twas like all instruments, 
Now like a lonely flute; 
365 And now it is an angel's song, 
That makes the heavens be mute. 

It ceased; yet still the sails made on 
A pleasant noise tili noon, 
A noise like of a hidden brook 
370 In the leafy month of June, 

That to the sleeping woods all night 
Singeth a quiet tune. 

fertigten Unterbrechung seitens des Hochzeitsgastes in 345—349. S 
ein. — 339. A ist dcum sinngemäß in 350. S S3mtaktisch angereiht. — 
848. A das Chaucerische archaistische Lavrock ist nun in 359. S in 
das der poetischen Sprache und Vorstellung so geläufige sky-lark um- 



70 The Ancyent Marinere. 

Listen^ O listen, thou Wedding-guest! 

"Marinere! thou hast thy will: 
"For that, which comes out of thine eye, doth make 

"My body and soul to be still." 365 

Never sadder tale was told 

To a man of woman bom: 
Sadder and wiser thou wedding-guest ! 

Thou 1t rise to morrow morn. 

Never sadder tale was heard 370 

By a man of woman bom: 
The Marineres all retum'd to work 

As silent as befome. 

The Marineres all 'gan pull the ropes, 

But look at me they n'old: 375 

Though I, I am as thin as air — 

They cannot me behold. 

Till noon we silently sail'd on 

Yet never a breeze did breathe: 
Slowly and smoothly went the ship 380 

Mov'd onward from beneath. 

Under the kcel nine fathom deep 

From the land of mist and snow 
The spirit slid: and it was He 

That made the Ship to go. 385 

The sails at noon left off their tune 

And the Ship stood still also. 

The sun right up above the mast 

Had fix'd her to the ocean: 
But in a minute she 'gan stir 390 

With a Short uneasy motion — 
Backwards and forwards half her length 

With a Short uneasy motion. 

Then, like a pawing horse let go, 

She made a sudden bound: 395 

It flung the blood into my head, 

And I feil into a swound. 

How long in that same fit I lay, 

I have not to declare; 
But ere my living life retum'd, 400 

gestaltet. Vgl. zu 358. S. — 862—365. A. Die hier an ruhiger gewordener 
Stelle nicht gerade wahrscheinliche Unterbrechung ist nun, wie erwähnt^ 
in 345—349. 8 früher und passender eingestellt. Schon in B war diese und 
die folgenden drei Strophen von A getilgt worden, wohl teils wegen der 



The Ancient Mariner. 71 



Till noon we quietly sailed on, 
Yet never a breeze did breathe: 
875 Slowly and smoothly went the ship, 
Moved onward from beneath. 

ünder the keel nine fathom deep, '^•J'Srr.'Ä 

From the land of mist and snow, «•"*•• •» »>»• »"p •• 
The spirit slid: and it was he ob«iuae« to th« 

380 That made the ship to go. ^^^^^^^^^ 
The sails at noon lefb off their tune, 
And the ship stood still also. 

The Sun, right up above the mast, 
Had fixed her to the ocean: 
385 But in a minute she 'gan stir, 
With a Short uneasy motion — 
Backwards and forwards half her length 
With a Short uneasy motion. 

Then like a pawing horse let go, 
390 She made a sudden bound: 

It fiung the blood into my head, 
And I feil down in a swound. 

How long in that same fit I lay, li::'i:LlT^ 

1 have not to declare: inTuibuiBii«biu»tiof 

89o But ere my livmg life retumed, inhuwrong;«nitwo 



«rst und allein am Schlüsse richtig angebrachten, hier störenden Re- 
flexionen, teils wegen des ganz phantastischen Zuges von 375—378. A. 
n'old in 376. A ist Cliaucerisch (H. führt es auf KnighU*8 Tale, 166 zurück, 
aber auch Prol, 550 ist es belegt). Zu hefome in 373. A vgl. zu 60. A (H.), — 



72 The Ancyent Marinere. 

I beard and in my soul discem'd 
Two voices in the air, 

"Is it he? quoth one, "Is this the man? 

"By him who died on cross, 
"With his cruel bow he lay'd lull low 405 

"The harmless Albatross. 

"The spirit who 'bideth by himself 

"In the land of mist and snow, 
"He lov'd the bird that lov'd the man 

"Wo shot him with his bow. 410 

The other was a softer voice, 

As soft as honey-dew: 
Quoth he the man hath penance done, 

And penance more will do. 

VI. 
First Voioe. 
"But teil me, teil me! speak again, 415 

"Thy soft response renewing — 
"What makes that ship drive on so fast? 
"What is the Ocean doing? 

Socond Volce. 
"Still as a Slave before his Lord, 

"The Ocean hath no blaft: 420 

"His great bright eye most silently 

"Up to the moon is cast — 

"If he may know which way to go, 

"For fhe guides him smooth or gnm. 
"See, brother, see! how graciously 425 

"She looketh down on him. 

Firat Voice. 
"But why drives on that ship so fast 
"Withouten wave or wind? 

Second Voioo. 
"The air is cut away before, 

"And closes from behind. 480 

"Fly, brother, fly! more high, more high, 

"Or we fhall be belated: 
"For slow and slow that ship will go, 

"When the Marinere's trance is abated." 

I woke, and we were sailing on 435 

As in a gentle weather: 
'Twas night, calm night, the moon was high: 

The dead men stood together. 



The Ancient Mariner. 73 

I heard, and in my soul discemed ^•'ISr.'ttSMP^UI 

Two Voices in the air. loa« «li b««»y f« 



"Is it he ?" quoth one, "In this the man ? tk« Pour 8piri^ wbo 

By him who died on cross, r-r..* .o.a.w«4. 

400 With his cruel bow he laid füll low 
The harmless Albatross. 

The spirit who bideth by himself 
In the land of mist and snow, 
He loved the bird that loved the man 
405 "Who shot him with his bow." 

The other was a softer voice, 

As soft as honey-dew: 

Qaoth he, ^^The man hath penance doue, 

And penance more will do." 

Part VI. 
First Voico. 

410 ^^But teil me, teil me! speak again, 
Thy soft response renewing — 
What makes that ship drive on so fast? 
What is the Ocean doing?" 

Second Voice. 
"Still as a slave before his lord, 
415 The Ocean hath no blast; 

His great bright eye most silently 
Up to the Moon is cast — 

If he may know which way to go : 
For she guides him smooth or grim. 
420 See, brother, see! how graciously 
She looketh down on him." 

First Voice. 
"But why drives on that ship so fast, Jit^«toTii^^o; 

Without or wave or wind?" th« m.««iic pow« 

CAOMth tk« vmmI to 

«Irivc northtrard Ikitor 

Socond Voice. tbkn huamn Ur« coaM 

"The air is cut away before, "*"*' 

425 And closes irom behind. 

Fly, brother, Hy! more high, more higlil 
Or we shall be belatcd: 
For slow and slow that ship will go, 
When the Mariner's trance is abated." 



490 I woke, and we were sailing on motten ut^uÜSd^.th* 

rlMr mwktt «ad 

■ p«B«aM b«fflM 



As in a gentle weather: "•^-' •"•»'•^ •■* 



'Twas night, calm night, the moon was high : 
The dead men stood together. 



74 The Ancyent Marinere. 

All stood together on the deck, 

For a charnel-dungeon fitter: 440 

All fix'd on me their stony eyes 

That in the moon did glitter. 

The pang, the curse, with which they died, 

Had never pass'd away: 
I could not draw my een from theirs 445 

Ne tum them up to pray. 

And in its time the spell was snapt, 

And I could move my een: 
I look'd far-forth, but Üttle saw 

Of what might eise be seen. 450 

Like one, that on a lonely road 

Doth walk in fear and dread, 
And having once turn'd round, walks on 

And tums no more his head: 
Because he knows, a frightful fiend 455 

Doth close behind him trcad. 

But soon there breath'd a wind on me, 

Ne sound ne motion made: 
Its path was not upon the sea 

In ripple or in shade. 460 

It rais'd my hair, it fann'd my cheek, 

Like a meadow-galo of spring — 
It mingled ftrangely with my fears, 

Yet it feit like a welcoming. 

Swiftly, swiftly flew the ship, 465 

Yet she sail'd softly too: 
Sweetly, sweetly blew the breeze — 

On me alone it blew. 

dream of joy! is this indeed 

The light-house top I see? 470 

Is this the Hill? Is this the Kirk? 

Is this mine own countröe? 



445. A een modernisiert zu eyes 440. S, vgl. zu 204. A. — 446. A moderni- 
siert wie 55. A. — 447—450. A in 442—440. S. Die erste Zeile war in der 
älteren Fassung präziser, auch die zweite paßte besser ; aber die dem 
Dichter wohl allzu dialektische Form een scheint den Ausschlag gegeben 
zu haben. Die dritte Zeile zeigt nur belanglose Form Wörter -Änderungen; 
dagegen gewann die vierte entschieden in S durch den Vergleich mit 
tatsächlich früher Geschehenem, während A nur von Möglichkeiten 



The Ancient Mariner. 76 

All stood together on the deck, 
435 For a chamel-dniigeon fitter: 

All fixed on me their stony eyes, 
That in the Moon did glitter. 

The pang, the cnrse, with which they died, 
Had never passed away: 
440 I could not draw my eyes firom theirs, 
Nor tum them up to pray. 

And now this spell was snapt: once more ^* ^ISJuS/"**'' 

I viewed the ocean green, 
And looked far forth, yet little saw 
445 Of what had eise been seen — 

Like one, that on a lonesome road 
Doth walk in fear and dread, 
And having once tomed round walks on, 
And tums no more his head; 
450 Because he knows, a frightful fiend 
Doth close behind him tread. 

But soon there breathed a wind on me, 
Nor sound nor motion made: 
Its path was not upon the sea, 
455 In ripple or in shade. 

It raised my hair, it fanned my cheek 
Like a meadow-gale of spring — 
It mingled strangely with my fears, 
Yet it feit like a welcoming. 

460 Swiftly, swiftly flew the ship, 
Yet she sailed softly too: 
Sweetly, sweetly blew the breeze -- 
On me aJone it blew. 

Oh ! dream of joy ! is this indeed 
466 The light-house top I see? M.H^tiS;iS*w. 

Is this the hill? is this the kirk? «ttT.«M«iry. 

Is this mine own countree? 



sprach. — 451. A lonely in 446. 8 lonesome; die Senkung ist nun mehr 
beschwert: der Dichter scheint auf dem Verlassensein mit Nachdruck 
verweilen zu wollen. ~ 448. A s. zu 55. A. — 469. A drückt, wie 
überhaupt die Interpunktion in A sehr sparsam ist, die Emphase 
schwächer als 464. S aus. — 481-502. A fehlen B und 8. Die störende 
Doppelsetztmg des Motives von 507 — 522. A ist nun durch Weg- 
iassung des entschieden gröberen Teiles dieser Schilderung beseitigt. 



76 The Ancyent Marinere. 

We drifted o'er the Harbour-bar, 

And I with sobs did pray — 
'^O let me be awake, my God! 475 

"Or let me sleep alway!" 

The harbour-bay was clear as glass, 

So smoothly it was strewn! 
And on the bay the moon light lay, 

And the shadow of the moon. 480 

The moonlight bay was white all o'er, 

Till rising from the same, 
Füll many shapes, that shadows were, 

Like as of torches came. 

A little distance from the prow 485 

Those dark-red shadows were; 
But soon I saw that my own flesh 

Was red as in a glare. 

I tur'nd my head in fear and dread, 

And by the holy rood, 490 

The bodies had advanc'd, and now 

Before the maft they stood. 

They lifted up £heir ftiff right arms, 

They held them l'trait and tight; 
And each right-arm biimt like a torch, 495 

A torch that*s bome upright. 
Their stony eye-balls glitter'd on 

In the red and smoky light. 

I pray'd and tum'd my head away 

Forth looking as before. 500 

There was no breeze upon the bay, 

No wave against the shore. 

The rock fhone bright, the kirk no less 

That Stands above the rock: 
The moonlight steep'd in silentness 505 

The steady weathercock. 

And the bay was white with silent light, 

Till rising from the same 
Füll many shapes, that shadows were, 

In crimson colours came. 510 

A little distance from the prow 

Those crimson shadows were: 
I turn'd my eyes upon the deck -- 

Chrift! what saw I there? 

475. S schließt sich auch trotz des Striches ganz organisch an. <— 



The Ancient Mariner. 77 



We drifted o'er the harbour-bar, 
And I with sobs did pray — 
470 let me be awake, my Godl 
Or let me sleep alway. 

The harbonr-bay was clear as glass, 
So smoothly it was strewn! 
And on the bay the moonlight lay, 
475 And the shadow of the moon. 



The rock shone bright, the kirk no less, 
That Stands above the rock: 
The moonlight steeped in silentness 
The steady weathercock. 

480 And the bay was white with silent light ..arV»Ä;;d'£Sl.. 

Till rising from the same, 
Füll many shapes, that shadows were, 
In crimson colours came. 

A little distance from the prow \tnT™"oMi^?' 

485 Those crimson shadows were: 

I tumed my eyes upon the deck — 
Oh, Christ! what saw I there! 



78 The Ancyent Marinere. 

Each corse lay flat, lifelefs and flat; 515 

And by the Holy rood 
A man all light, a seraph-maD, 

On every corse there stood. 

This seraph-band, each wav'd bis band: 

It was a beavenly sigbt: 520 

Tbey stood as Signals to tbe land, 

Eacb one a lovely ligbt: 

Tbis serapb-band, eacb wav'd bis band, 

No voice did tbey impart — 
No voice; but 0! tbe süence sank, 525 

Like music on my beart. 

Eftsones I beard tbe dasb of oars, 

I beard tbe pilot's cbeer: 
My bead was tum'd perforce away 

And I saw a boat appear. 580 

Tben vanisb'd all tbe lovely ligbts; 

Tbe bodies rose anew: 
Witb silent pace, eacb to bis place^ 

Game back tbe gbastly crew. 
Tbe wind, tbat sbade nor motion made, 585 

On me alone it blew. 

Tbe pilot, and tbe pilot's boy 

I beard tbem Coming fast: 
Dear Lord in Heaven! it was a joy, 

Tbe dead men could not blast. 540 

I saw a tbird — I beard bis voice: 

It is tbe Hermit good! 
He fiugetb loud bis godly hymns 

Tbat be makes in tbe wood. 
He*ll sbrieve my soul, be'll wasb away 545 

Tbe Albatrosses blood. 

yii 

Tbis Hermit good lives in tbat wood 

Whicb slopes down to tbe Sea. 
How loudly bis sweet voice bo reai*s! 
He loves to talk witb Marineres 550 

Tbat come from a far Contröe. 

527. A. In 500. S ist das Cbaucerische efisoties (H, ziebt Leg, of 
Phüomela, 95 an) fallen gelassen, dafür ein logischer Anschluß in der 
Form hergestellt. Vgl. aber auch 12. S. — 531. — 536. A fiel schon in 
B als eine nun, wo der Anc. Mar. alle Aufmerksamkeit auf das 
Lotsenboot richtet, störende und zwecklose Ablenkung. Eine nicht 
sehr verbürgte Nachricht (des Ed. von 1877 — 1880) weiß von einer 



The Ancient Mariner. 79 



£ach corse lay flat, lifeless and flat, 
And, by the holy rood! 
490 A man all light, a seraph-man, 
On every corse there stood. 

This seraph-band, each waved bis band: 
It was a beavenly sigbt! 
Tbey stood as signals to tbe land, 
495 £acb one a lovely ligbt: 

Tbis serapb-band, eacb waved bis band, 
No voice did tbey impart — 
No voice; but ob! tbe silence sank 
Like music on my beart. 

500 But soon I beard tbe dasb of oars, 
I beard tbe Pilot's cbeer; 
My head was tumed perforce away, 
And I saw a boat appear. 



Tbe Pilot and tbe Pilot's boy, 
505 I beard tbem coming fast: 

Dear Lord in Heaven ! it was a joy 
Tbe dead men could not blast. 

I saw a tbird — I beard bis voice: 
It is tbe Hermit good! 
510 He singe tb loud bis godly hyinns 
Tbat be makes in tbe wood. 
He'U sbrieve my soul, be'U wasb away 
Tbe Albatrosses blood. 

Part yil. 
Tbis Hermit good lives in tbat wood Th.n.naUof a, 

515 Wbicb slopes down to tbe sea. 

How loudly bis sweet voice be rears! 
He loves to talk witb marineres 
Tbat come from a far couutree. 

bds. Korrektur Col.'s in einem Exemplare zu reden: Tlien vamsh'd 
all Ute lovely lighis, / The sjnrits of the air, / No souU of mortal mefi 
toere they, / But spirits hright and fair. Hier wäre die Wiederholung 
durcb die ausdrückliebe Erklärung:, daß es sieb nicbt um Seelen Ver- 
storbener bandelt, sondern um Luftgeister, eher gerechtfertigt gewesen. 
— 550. A s. zu 1. A. — 571. A in 538. S Ivaih^ in Übereinstimmung 



80 The Ancyent Marinere. 

He kneels at mom and noon and eve — 

He hath a cushion plump: 
It is the moss, that whoUy hides 

The rotted old Oak-stump. 555 

The Skiff-hoat ne'rd: I heard them talk. 

"Why, this is stränge, I trow! 
"Where are those lights so many and fair 

"That Signal made but now? 

"Strange, by my faith! the Hermit said — 560 

"And they answer'd not our cheer. 
"The planks lock warp'd, and see those saus 

"How thin they are and sere! 
"I never saw aught like to them 

"Unless perchance it were 565 

"The skeletons of leaves that lag 

"My forest brook along: 
"WTien the Ivy-tod is heavy with snow. 
"And the Owlet whoops to the wolf below 

"That eats the she-wolf's young. 570 

"Dear Lordl it has a fiendish look — 

(The Pilot made reply) 
"I am a-fear'd. — "Push on, push on!" 

Said the Hermit cheerily. 

The Boat came closer to the Ship, 575 

But I ne spake ue stirr*d! 
The Boat came close beneath the Ship, 

And strait a sound was heard! 

Under the water it rumbled ou, 

Still louder and more dread: 580 

It reach'd the Ship, it split the bay; 

The Ship went down like lead. 

Stunn'd by that loud and dreadful sound, 

Which sky and oceau smote: 
Like one that hath been seven days drown'd 585 

My body lay afioat: 
But, swift as dreams, myself I Ibund 

Within the Pilot's boat. 

Upon the whirl, where sank the Ship, 

The boat spun round and round: 590 

And all was still, save that the hill 

Was telling of the sound. 

mit den sonstigen Stellen, wo das Hilfsverb erscheint. — 576. A s. 



The Ancient Alariner. 81 

He kneels at mom, and noon^ and eve — 
620 He hath a cushion plmnp: 

It is the moss that wholly hides 
The rotted old oak-stump. 

The Skiff-boat neared: I heard them talk, 
"\Vhy, this is stränge, I tarow! 
525 Where are those lights so many and fair, 
That Signal made but now?" 

^•Strange, by my faith!" the Hennit said — '^"wIlh'iIinAli.'***' 

"And they answered not our cheer! 
The planks looked warped! and see those sails, 
530 How thin they are and sere! 
I never saw aught like to them, 
ünless perchance it were 

Brown skeletons of leaves that lag 
My forest-brook along; 
535 AVhen the ivy-tod is heavy with snow. 

And the owlet whoops to the wolf below, 
That eats the she-wolf's young." 

"Dear Lord! it hath a fiendish look — 
(The Pilot made reply) 
540 I am a-feared" — "Push on, push on!" 
Said the Hermit cheerily. 

The boat came closer to the ship. 
But I nor spake nor stirred; 
The boat came closo bencath the ship, 
545 And straight a sound was heard. 

Under the water it rumbled on, ^* 'äi:Sl'*'"*^ 

Still louder and more dread: 

It reached the ship, it split the bay; 

The ship went do\\Ti like lead. 

550 Stunned by that loud and di-eadful sound, ^«TS^il'L^ÄI 

Which sky and ocean smote, '^*- 

Like one that hath been seven days drowned 

My body lay atioat; 

But Swift as dreams, myself I found 
555 Within the Pilot's boat. 

üpon the whirl, where sank the ship. 
The boat spun round and round; 
And all was still, save that the hill 
Was telling of the sound. 



Eiohler, Tho Anciont Muriner u. Christ. 



82 The Ancyent Marinere. 

I mov'd my lips: the Pilot shriek'd 

And feil down in a fit. 
The Holy Herrn it rais'd his eyes 595 

And pray'd where he did sit. 

I took the oars: the Pilot's boy, 

Who now doth crazy go, 
Laugh'd loud and long, and all the while 

His eyes went to and fro, 600 

"Ha! ha!" quoth he — ^full plaiu I see, 

"The devü knows how to row." 

And now all in mine owu Countr^e 

I stood on the firm land! 
The Hermit stepp'd forth from the boat, 605 

And scarcely he could stand. 

"0 shrieve me, shrieve me, holy Man! 

The Hermit cross'd his brow — 
"Say quick," quoth he, "I bid thee say 

"ÄVhat manner man art thou? 610 

Forth with this frame of mine was wrench'd 

With a woeful agony, 
Which forc'd me to begin my tale 

And then it lefb me free. 

Since then at an uncertain hour, 615 

Now oftimes and now fewer, 
That anguish comes and makes me teil 

My ghastly aventure. 

I pass, like night, from land to land; 

I have Strange power of speech; 620 

The momeut that his face I see 
I know the man that must hear me; 

To him my tale I teach. 

What loud uproar bursts from that door! 

The Wedding-guests are there: 625 

But in the Garden-bower the Bride 

And Bride-maids siugiug are: 
And hark the little Vesper-bell 

WTiich biddoth me to pra3'er. 

zu 55. A. — 610. A in 577. S manner of man; die allzu populäre Kürze 
dos Ausdruckes ist nun im Munde des Eremiten gemildert. — 
016— G18. A schon in B wie in S geändert. [B hat als Df. agencyj: 
Anstoß mag das herzlich schlecht reimende aventure gegeben hab^n. 
[H. führt das Wort auf Chaucer, Leg. of Dido, 30 zurtlck: 'But of his 
aventures in the see . . ! imd bemerkt hiezu: **A rare sense in Chaucer: 



The Ancient Mariner. 88 

560 I moved my Ups — the Pilot shrieked 
And feil down in a fit; 
The holy Hermit raised his eyes, 
And prayed where he did sit. 

I took the oars: the Pilot's boy, 
565 Who now doth crazy go, 

Laughed loud and long^ and all the while 
His eyes went to and fro. 
"Ha! ha!" quoth he, **full piain I see, 
The Devil knows how to row." 

570 And now, all in my own countree, 
I stood on the firm land! 
The Hermit stepped forth from the boat. 
And scarcely he could stand. 



"O shrieve me, shrieve me, holy man!" ^iS*^tüIS2r 

575 The Hermit crossed his brow. *»|« H««it «o ah*^ 

hlm ; MM tnM pwiamw 

"Say quick," quoth he, "I bid thee say — of w« faiu o» w«. 

What manner of man art thou?" 

Forthwith this frame of mine was wrench'd 
With a woful agony, 
580 Which forced me to begin my tale; 
And then it left me free. 

Since then, at an uncertain hour, thXhir.'Sl^ 

That aerony retums: ur« «n »gwy oon- 

And tili my ghastly tale is told, from und to im«. 
585 This heart within me bums. 

I pass, like night, from land to land; 
I have sti'ange power of speech; 
That moment that his face I see, 
I know the man that must hear me: 
590 To him my tale I teach. 

What loud uproar bursts from that door! 
The wedding-guests are there: 
But in the garden-bower the bride 
And bride-maids singing are: 
595 And hark the little vesper bell, 
Which biddeth me to prayer! 



ef, Ascham: 'Adventurea now-a-days mean experiences in traveV/* 
Warum er nicht auch Prol., 794 — 795 anzieht : 'And hom-toard lie shcUl 
teilen othere two j Of aventures that whylom han hifalW, sehe ich nicht 
ein.] Die zwei letzten Zeilen der Strophe drücken in der jüngeren 
Fassung den unwiderstehlichen Zwfiuig viel klarer aus. 

6* 



84 The Ancyent Marinere. 

Wedding-guest ! this soul hath been 630 

Alone on a wide wide sea: 
So lonely 'twas, that God himself 

Scarce seemed there to be. 

sweeter than the Marriage-feast, 

'Tis sweeter far to me 635 

To walk together to the Kirk 

With a goodly Company. 

To walk together to the Kirk 

And all together pray, 
While each to hLs great father bends, 640 

Old men, and babes, and loving friends, 

And Youths, and Maidens gay. 

Farewell, farewell! but this I teil 

To thee, thou wedding-guest! 
He prayetji well who loveth well 645 

Both man and bird and beast. 

He prayeth best who loveth best, 

All things both great and small: 
For the dear God, who loveth us. 

He made and loveth all. 650 

The Marinere, whose eye is bright, 

Whose beard with age is hoar, 
Is gone; and now the wedding-guest 

Tum'd from the bridegroom's door. 

He went, like one that hath been stunn'd 655 

And is of sense forlom: 
A sadder and a wiser man 

He rose the morrow morn. 



The Ancient Mariner. 85 

Wedding-Guest ! this soul hath been 
Alone on a wide wide sea: 
So lonely 'twas. that God himself 
GfJÖ Scarce seemed there to be. 

O sweeter than the mamage-feast, 
Tis sweeter far to me, 
To walk together to the kirk 
AVith a goodly Company! — 

&JÖ To walk together to tho kirk, 
And all together pray, 
While each to his great Father bends, 
Old men, and babes, and loving friends 
And youths and maidens gay! 

610 Farewell, farewell! but this I teil tfn.^.^'i^^ 

To thee, thou Weddmg-Guest ! «v.r««to»ntwny. 
He prayeth well, who loveth well ^»^ 

Both man and bird and beast. 

He prayeth best, who loveth best 
(315 All things both great and small; 
For the deai* God who loveth us, 
He made and loveth all. 

The Mariner, whose eye is bright, 
Whose beard with age is hoar, 
♦j2<» Ts gone: and now the AVedding-G liest 
Tumed from the bridegroom's door. 

He went like one that hath been stunned. 
And is of sense forlorn: 
A sadder and a wiser man, 
625 He rose the morrow morn. 



Text und Lesarten. 



Christabel 

Pret'ace. 

*The first part of the following poem was written in the year 
one thousaud seven hundred and ninety-seven, at Stowey, in the 
county of Somerset. The second part, after my retnm from Germany, 
in the year one thousand eight hundred, at Keswick, Cumherland. It 
is probable, that if the poem had been finished at either of the former 
periods, or if even the first and second part had been published in the 
year 1800, the impression of its originality would have been much greater 
than I dare at present expect. But for this, I have only my own indolence 
to blame. The dates are mentioned for the exclusive purpose of pre- 
cluding charges of plagiarism or servile imitation from myself. For 
there is amongst us a set of critics, who seem to hold, that every 
possible thought and image is traditional; who have no notion that 
there are such things as fountains in the world, small as well as 
great; and who would therefore charitably derive every rill they 
behold flowing, from a Perforation made in some other man's tank. 
I am confident, however, that as far as the present poem is concemed, 
the celebrated poets whose writings I might be suspected of having 
imitated, either in particular passages, or in the tone and the spirit 
of the whole, would be among the first to vindicate me fi:om the 
Charge, and who, on any strikiiig coincidence, would pemiit me to 
address them in this doggorel versiou of two monkish Latin hexa- 
meters: — 

''Tis mine and it is likewise youi*s; 
But an if this will not do, 
Let it be mine, good triend! for I 
Am the poorer of the two. 

*I have only to add, that the metre of the Christabel is not, 
properly speaking, irregulär, though it may seem so from its being 
tbuuded on a new principle: uamcly, that of countiug in each line 
the accents, not the syllables. Tliough the latter may vary from seven 
to twelve, yet in each line the acceuts will be found to be only four. 
Nevertheless this occasional Variation in number of syllables is not 
introduced wantonly, or for the mere ends of convenience, but in 
correspondence with some transitiou, in the nature of the imagery or 
passion.' 



Christabel. 87 

Part the First. 

'Tis the middle of night by the Castle clock, 
And the owls have awakened the crowing cock; 

Tu — whit ! Tu — whoo ! 

And hark, again! the crowing cock, 
5 How drowsily it crew. 

Sir Leoline, the Baron rieh. 
Hath a toothless mastiff, which 
From her kennel beneath the rock 
Maketh answer to the clock, 
10 Four for the quarters, and twelve for the hour; 
Ever and aye, by shine and shower, 
Sixteen short howls, not over loud; 
Some say, she sees my lady's shroud. 

Is the night chilly and dark? 
15 The night is chilly, but not dark. 

The thin gray cloud is spread on high, 

It Covers but not hides the sky. 

The moon is behind, and at the füll; 

And yet she looks both small and dull. 
"20 The night is chill, the cloud is gray: 

'Tis a raonth before the month of May, 

And the Spring comes slowly up this way. 

The lovely lady, ChristÄbel, 

Whom her father loves so well, 

25 What makes her in the wood so late, 

A furlong from the Castle gate? 

She had dreams all yestoruight 

Zur 'Freface vgl. Überlieferung und oben SS. 20—22, 30; 
nach C a (pag. 4G()) stammt C o l.'s Aufzeichnung der Verse *xn the lame 
and limping metre of a barbarous Laiin poet —' vom 1. November 1801. 
Das Original lautet auf dem Zettel: 'Est meum et est tuum, amice! et 
8% amborum nequit esse, / Sit meum, amice, j)recor: quia certe sum magi' 
(sie !) pauper.* C o l.'s Übersetzung (ibid.) lautete ursprünglich noch hol- 
periger: Zeile 2 if statt an */, Zeile 3 because that I statt good friend! 
for L — Der abgedruckte Text ist nach B' (1829). Eein ortho- 
graphische und äußerliche Interpunktionsänderungen bleiben unberück- 
sichtigt: z. B. A awaken'd BB' awakened u. ä. — 7. A mastiff bitdi 
BB' mastiff, which — das infolge des vulgären Nebensinnes **Dime, 
Metze" verdächtige Intch "Hündin" ist fttr die Bedeutung nicht erfor- 
derlich, da mastiff und her deutlich genug das Geschlecht bezeichnen; 
ein bequemes Beimwort fand sich im Eelativum, wodurch die Kon- 
struktion gemodelt wurde, aber auch metrisch ein Enjambement ent- 
stand, was bei Beimversen stets einen Vorteil bedeutet. Vgl. jedoch 149 
und 153. — 9. A She makes BB' Makeih Durch das Eelativum which war 



88 



Christabel. 



Of her own betrothed knight ; 
And she in the midnight wood will pray 
30 For the weal of her lover that's fai* awiiv» 



She stole along, ahe notkiug »poke, 
The siglis she heaved were soft aod low. 
And nanght was greea upon the oak^ 
Bvit mosa and rarest misletoe: 
She kneels heneatli the huge oak tree, 
And in silence prayeth she. 



^5 



4H 



45 



dO 



The lady sprang up suddenly, 
The lovely lady, Christahel! 
It moaned as neai% as near can be. 
But what it is she cannot teil. — 
On the other side it seeius to be^ 
Of the huge^ broad-bre^sted, old oak tree. 

The night is chill ; the forest bare ; 
Is it the wind that moaneth hleak? 
There is uot wind eiiough in the air 
To move away the ringlet curl 
From the lovely lady*s < heek — 
There is not wind euough to twirl 
The one red leaf, the last of its clan, 
That dances as often as dance it can, 
Hanging so light, and hanging so high, 
On the topmost twig that looks np at the skj' 

Hush, beating heart of ChristAbel! 
Jesu^ Mai'ia, shield her well I 



die an sich unnötige Wiederholung des Subjektes gänzlich überflüssig] 
geworden. Die Silbenzaiil wurde durch die ai-chaisierende Form wieder* 
Atisgefdllt. — 11. A moonshtne or shower BB' by shüie or shower AWzu große 
Beschwerung der Zeile durrh Silhen ist vermieden, Alliteration her* 
gestellt ; wobei der Sinn durch die Bedeutung shine = "schön Wetter" i 
anders geworden ist. — Nach 28 in € Dreams that made her moan and 
leap f As OH her bcd ßhe lay m Meep ; das sonst besser ven^^ertete Motiv ] 
des unruhigen Schlafens wäre hier schon vorweggenommen ; daher zu 
%'emachlässigen. — 32. A HS I & III The breezes they were still also) 
MS II The breeies thefj were whvipeiing low BB* The sighs she heaved \ 
were soft and low. Das ursprünglich eingemengte Natnrmoment ist'l 
fallen gelassen und erst später nachdrücklicher ei*Tv^ähnt (44 ff.). Hier] 
erwies es sich schon durch das schwache Beim wort aUto als ein Füllsel J 
das die nun schön durchgeführte Beschreibung Christabels nicht mehr 1 
unterbricht. Verunglückt spricht MS 11, das zuerst da^ bedeutender«! 
Be im wort ^ti? bringt, von einem „leisen Wehen^j was zu 41-4 6 nicht' 
stimmt. 37. A leaps up Bß' sprang up: Änderung in der Zeit und im 
Worte vielleicht wegen der Kakophonie leaps up resp. leaped up. — j 




Christabel. 89 



55 She folded her arms beneath her cloak, 
And stole to the other side of the oak. 
What sees she there? 

There she sees a damsel bright, 

Drest in a silken robe of white, 
60 That shadowy in the moonlight shone: 

The neck that made that white robe wan, 

Her stately neck, and arms were bare; 

Her blue-veined feet unsandaPd were, 

And wildly glittered here and there 
65 The gems entangled in her hair. 

I guess, ^twas frightfal there to see 

A lady so richly clad as she — 

Beautiful exceedingly ! 

Mary mother, save me now! 
70 (Said Christabel,) And who art thou? 

The lady stränge made answer meet. 
And her voice was faint and sweet: — 
Have pity on my sore distress, 
I scarce cau speak Ibr weariness: 
75 Stretch forth thy band, and have no fear! 
Said Christabel, How camest thou hereV 
And the lady, whose voice was faint and sweet, 
Did thus pursue her answer meet: — 

60-65. Dafür hatte A HS I & III Her neck, her feet, her arms toere 
bare, / And the jewels disordered [MS I & III : tumbledj in her hair. Ur- 
sprOnglich also eine weit kürzere Fassung: nun ist die äußerliche 
Schönheit alles dessen, was man an der gekleideten Geraldine sieht, 
mehr hervorgehoben. Ca. bezweifelt, daß die Lesart der MSS, wie 
Collier von Col. selber erfahren haben will, eine falsche Schreibung 
ftlr tangled sei, weil ein solches Verschreiben zweimal unwahr- 
scheinlich sei. Wie käme aber sonst statt des disordered vofi A das en- 
tangled von B herein? 74. AB weariness. B' weariness: der gedankliche 
Zusammenhang "fürchte dich also nicht vor einer so unschädlichen 
Person" ist durch den Doppelpunkt klarer gestellt. — 80. A Geraldine. 
BB' Geraldine: wieder näherer Zusammenhang mit dem folgenden. — 
81. ABB' MS II Five warriors MS I & III Five ruffians. Das edlere 
Wort der ersten gedruckten Lesart wurde beibehalten. Hiezu Ca. 
(pag. 605): *^The version of Christabel recited to Scott hy Stoddart 
[1801] was douhtless MS I. Scott prefixed the following lines as Motto to 
chap. XI. of The Black Bwarf (1818): — *Three ruffians seized me 
yester mom, / Alas! a maiden most forlorn: / They choked my cries with 
wicked might, / And bound me on a palfrey white: / As sure as Heaven 
shaü pity me, I I cannot teil what men they be. / ChristabeUe,' — A 



■istahel. 

My sire is of a noble line, 
80 And my name is Geraldme: 

Five wairiors seisced me yestermom, 

Me, even me, a maid forlom: 

They choked my cries with force and fright, 

And ded me on a palfrey white. 
85 Th© palirey was as fleet as wind^ 

And they rodo furionjäly behind. 

They spuired amain, their steeds were white: 

And oDce we crossed the sbade of night. 

As sure as Heaven fehall rescue me, 
90 I have no thoaght what men they be; 

Nor do I know how long it is 

(For I have lain entranced I wib) 

Sine© one, the tallest of the five^ 

Took me from the palfrey*s back, 
95 A weary woman^ scarce alive. 

Sorae muttered words bis comrades spoke; 

He placed me nnderneath this oak; 

He swore they woiild retiim with haste; 

WhJtber they went I cannot teJl — 
100 I thought I beard» some minute* past, 

8oundi9 as of a cai>tle belL 

Stretch forth thy band (thus ended she)^ 

Aud help a wi*etched maid to üee. 

Then Cbristabel stretched forth h»:*r band 
105 And comforted fair Oeraldiue: 

remarkahle rffort of memory, no doubt; bui it ü odd tliat Scott ttlmuld 
not have prefened to quäle from ike printed CHriitabelt published huo 
pears btfore" Sir Walters pliäüomenale.s Gedäcbtnia (vgl z. B. auch 
The Works ö/ the Jtt. Hon.J. //, Frere, Metnoir, 1874, pag. 235 f, wo 
er als ein vom Schlage Gerührter mehr als 20 Zeilen aus einer vor 
23 Jahren erschienenen Cid-Übersetzung aufwendig voiiiügt) machte 
ihn eben zuweilen allzu vertrauensselig und überdies ließ ihn die raseh^J 
Art seLuer ScbriftKtellerei nicht ei*st lauge nach Büchern zu Zitaten 
Buchen* Obiges kommt mit Weglasi^ung der letzten beiden Zeileoti 
ebenfalls frei als Motto T/i« Bdroihtd,* XXIV vor. Ebenso frei atitiert < 
Sc. ütid. Conclimon die Verse 302—304 aus Christ, und 'The Pirate/ 
XIX. t?, 586^590 des Anc. Mar., *St. Rmuin'» Well,* VI v. 5861587 
des Anc. Mar,, 'TIm Pirat^/ HI, v. 289 von Christ, und 'The Highland 
Widoui,* L 39—42 von Chfist* Dagegen genau Christ. €6-68 in *Th€ ^ 
Manastenj/ XI. und Christ. 123—144 in *7'h« Abbot,' Note IL vgl. Komiii,H 
zu 54. — 88. Ftlr das allgemeine And once we crossed hat MS HI . . . 
twice we crossed . . . Das Wiederholen der Erscheinung ist, da sie nur 
erzählt wird, überHüftsig, daher auch nicht akzeptiert. — 92. X in ßl» 
Rest entranced, da ßts '^JCrämpfe** bedeutet uud auch etwas mehr 
Umgangsaprache angehört^ wurde mit dem edlereu Wort auch 



te 

enfl 
eoH 



ri^ta^lH 



Christabel. 91 

well, bright dame! may you coinmand 
The Service of Sir Leoline; 
And gladly our stout chivalry 
Will he send forth and Mends withal 
HO To guide and guard you safe and free 
Home to your noble father's hall. 

She rose: and forth with Steps they passed 

That strove to be, and were not, fast. 

Her gracious stars the lady blest, 
115 And thus spake on sweet Christabel: 

All our household are at rest, 

The hall as silent as the cell; 

Sir Leoline is weak in health, 

And may not well awakened be, 
120 But we will move as if in stealth, 

And I beseech your courtesy, 

This night, to share your couch with me. 

They crossed the moat, and Christabel 

Took the key that fitted well; 
125 A little door she opened straight. 

All in the middle of the gate; 

The gate that was ironed within and without, 

AVTiere an army in battle array had marched out. 

The lady sank, belike through pain, 
19(J And Christabel with might and main 

Lifted her up, a weary weight, 

Over the threshold of the gate: 

Then the lady rose again, 

And moved, as she were not in pain. 

135 So free from danger, free from fear, 

They crossed the court: right glad they were. 

neue Begriff der "Bewußtlosigkeit" eingeführt. — 106—122. in A MS I 
& III: Saying, that ehe should cotnmand / The Service of Sir Leoline; / 
Änd straight he convoy'd, free from Uirally / Back to her noble fatlier^s 
hall. I — Soup she rose^ and forth tliey passed, / With hurrying stq)s, yet 
notkingfiui; / He9' lucky stars tht lady blest, j And Christabel she sweetly 
Said — / All our household are at rest, / Eadi one sleeping in his bed; / 
Sir Leoline is weak in health, j And may fiot well awaketi*d he; / So to 
my room we^ll creep in stealth, / And you to-night must sleep with nie. 
MS II stimmt damit; nur lauten die vier Verse: Her lucky stars etc. 
hier: Her smiling stars the lady hlest; j And thus bespake sweet Christabel: / 
All our household is at rest, / The hall is silent as a cell. Gebessert ist 
hier in B die direkte Rede für die schleppende indirekte; der Gegen- 
satz zwischen ihrer Hast und dem kleinen Schritt ist nun deutlicher 
ausgedrückt. Der Ausdruck lucky paßt nicht lür die Teufelin, deshalb 
ändert schon HS II smilingy was dann in B in das nächstliegende 



ChristÄbeL 

And Cliristabel devoutly cried 
To the Lady by her side, 
Fraise we the Virg^ all divine 
140 Wbo hath rescued thee from thy distress ! 
Alas^ alas! said rreraldine. 
I cautiot speiik for wearinegs. 
So iree from danger, free from f©ar, 
They croseed the ooiirt: right glad they were. 

145 Outside her kennel, the raastiff old 

Lay fast a-^leep, iii moonshine cold. 

The mastifl' old did not awake. 

Yet she an angry moan did make! 

And what cau ail the mastiff bitch? 
15«3 Never tili now she uttered yell 

Beneath the eye of Chi-istabeL 

Perhaps it is the owlet's scritch: 

For what can aü the mastiÖ' bitch? 

They passed the hall^ that eehoes still, 

155 Paiss as lightly as you will l 

The brandü were flat, the brands were dyingi 
Amid their owu white ashes lying; 
But when the lady pas^ed» thei*e caine 
A tongne of light, a fit of flame; 

16^J And Christabel saw the lady 's eye, 
And nothiug ebe saw she thereby, 
Save the boss of tlie shield of Sir Leoline t^ll, 
Wliich hung in a murky old niche in the walK 
O softly tread, said ChristabeL 

165 My father seldom sleepeth well. 

Sweet Chri&tabel her feet doth bare^ 
And, jealous of the listening air, 



gffWl&m gewandelt wurde. Die erste Lesart And Chrtstahel she sweeüf] 
Said — ist nicht sehr klar nnd gewandt, bei der zweiten fehlt das j 
Objekt, und so ist anch hier B zu bevorzugen, wo die früher ab- j 
gebrochene Eede regelrecht aufgenommen wird. Die Zerdehnung des] 
Gedankens durch coc^ one MeejAng in his bed i&t einem ueuen Zugej 
schon in MS II gei^ichen, den wohl der Reim mit veranlaßt hat. Der I 
Schlußpassus endlich ist aus der Form des kategorischen Behauptnngs*] 
Satzes in ein höfiiches Ersuchen gewandelt. Das bespake in HS II ist] 
als allzu archaistisch wieder fallen gelassen worden. — 113. B fihovadi 
(sie!) to be B' strove to be. Sinnloser Df. ~ 114. B STARS B' stars, \ 
eine sonst nicht ausgenutzte Andeutung auf den Sternaberglaubea] 
wurde dadurch hervorgehoben und deshalb im Neudruck wieder aufsl 
richtige Maß eingeschränkt. — 1B3. A niich HiW niche^ die modernere 
Schreibimg. — 16G— 168. ist in A und MS III kürzer: Swfet Christabel 
her feet ehe btires / And the^ are creeping up the siairs. Die etwas n 



Christakel. 93 

They steal their way from stair to stair, 
Now in glimmer, and now in gloom, 
170 And now they pass the Baron's room, 
As still as death, with stifled breath! 
And now have reached her Chamber door; 
And now doth Geraldine press down 
The rushes of the Chamber floor. 

175 The moon shines dim in the open air, 

And not a moonbeam enters here. 

But they without its light can see 

The Chamber carved so curiously^ 

Carved with figures stränge and sweet, 
180 All made out of the carver's brain, 

For a lady*s Chamber meet: 

The lamp with twofold silver chain 

Is fastened to an angel's feet. 

The silver lamp bums dead and dim; 
185 But Christabel the lamp will trim. 

She trimmed the lamp, and made it bright, 
And left it swinging to and fro^ 
While Geraldine, in wretched plight, 
Sank down upon the floor below. 

190 weary lady. Geraldine, 

I pray you, drink this cordial wine! 
It is a wine of virtuous powers; 
My mother made it of wild flowers. 

And will your mother pity me, 
195 Who am a maiden most forlom? 

beholfene erste Zeile wurde in Bfl'. diu-ch das umschreibende do^i 
gebessert; dadurch mußte auch das Eeimwort staira geändert werden; 
glücklich wurde fttr das niedrige creep das die Heimlichkeit ohne beson- 
ders herabsetzenden Nebensinn ausdrückende steal iheir way gesetzt, dafdr 
ein sehr schöner Nebengedanke in dem Verse andjealous of the listening 
air eingefügt, wodurch auch Dreireim entstand. (167. lobt Ca. beson- 
ders). — 171. AB dealh toith B' death, with Der Beistrich war zur Ab- 
grenzung dringend nötig. — 173. A And now with eager feet press down 
BB' wie oben. Das, worauf es ankommt, daß nämlich die Hexe in 
Christabels Kemenate tritt, ist nun deutlich ausgesprochen. Natürlich 
mußte nun 174. statt A her Chamber floor BB' einfach the cthamher floor 
bieten. — 190—193. ABB' ff. Dafür MS I: weary lady, Geraldine, / I 
pray you, drink this spicy wine. / Kay, drink it up ; I pray you, do : / 
Believe me, it will comfort you; / und MS III die ersten zwei Zeilen 
wie MS I, dann: It is a wine of virtuous powers, / My mother made 
it of wHd flowers — / Nay, drink it up; I pray you, do! / Believe 
me, ii will comfort you! MS II hatte denselben Text wie A etc. 



94 



Cbfistabel. 



Christabel answered — Woe is me! 
She djed the hour that I was hörn. 
I have lieard the grey-haired iViar teil 
How on her death-bed she did sa\% 
2U0 That she should heai- the castle-bell 
Sinke twelve tipon m^' wedding-day. 

mother dearf that tbon wert here! 

1 wotild, Said Geraldine^ she were 

But soon ^ith altered voice^ said she — 
2<»5 'Off^ waDderiög mother! Peak aud pine 
1 have power to bid tbee Uee/ 
Alas! what aib poor Geraldine? 
Why Stares sbe with uBsettled eye? 
Call she the bodiless dead espy? 
210 And why with hoUow voice cries sbe, 
*Off, woman^ off! this hour is mine — 
Tbougb thou her guardian spirit be^ 
Off, woman, off! *tis given to ine/ 

Then Cbristabel knelt by the lady's side, 
215 And raised to heaven her eyea so blue — 
Alas! Haid she^ thia ghastly ride — 
Dear lady! it hath wildered yon! 
The lady wiped her moist cold brow. 
And faiiitly said, ''tis over no%v!* 

2*20 Again the wild-flower wiiie she drank; 
Her fair large eyes *gan glitter bright, 
And from the tioor whereou she p»ankj 
The lofty lady stood uprigbt: 



und 191. statt cordial wie die MSS spicy. Ca. nennt cordial ftlrl 
Mpi^j '*un t0ifortunat€ chatige'* ; ich sehe nicht ein, warum? ChristAbel 
hßJt Ger. in ibrer Gutmütigkeit doch für erscböpffe, sie will 
ihr ein stärkendes Mittel reichen^ einen Kräuterwein, der als 
solcher eigentlich nicht mehr **gewür7t" sein kann; die ursprOnglich' 
in M8 III hinzugefügte Erklärung Ü is a tcine . . , flowen machte di 
s/jtci/ dann eben ttberflO.ssig. Oder lag Ca. die andere Bedeutung voni 
cordial ''ireundlich, her^Jich, warm" im Ohr? Jedenfalls hätten wir 
dann in MS III eine Übergangsfonn vor uns; die beiden erwähnten 
Zeilen sind gute Zugabe, sie bezeichnen die liebenswürdige Anpreisung 
der Cbristabel und führen den Namen ^^Mntter" ein, so daß die An- 
knüpfung des Gespräches motiviert ist. Wieder zeigt M8 III hier ©in 
Zwischeustadinm, in dein es die zwei schon in ÄS I bin zugefügten 
AufmunterungHsätze zu den zwei neuen mit binzuuimmt. Das scbieo 
dem Dichter doch des Guten zu viel und so strick er diese beide0 
Älteren. — 219. ABU* ff. Vw orer now! MS I k III Tm better naw\ 
was Ca. sehr tadelt, offenbar wegen des allzu kolloquialen Aus- 
druckes. — 223, AB' upri^ht: B upright; die Wirkung ist durch den 



I 




Christabel. 95 



She was most beautifol to see, 
225 Like a lady of a far countr^e. 

And thus the lofty lady spake — 
*A11 they, who live in the upper sky, 
Do love you, holy Christabel! 
And you love them, and for their sake 
280 And for the good which me befell, 
Even I in my degree will try, 
Fair maiden, to requite you well. 
But now unrobe yourself ; for I 
Must pray, ere yet in bed I lie.' 

2S5 Quoth Christabel, So let it be! 
And as the lady bade, did she. 
Her gentle limbs did she undress, 
And lay down in her loveliness. 

But through her brain of weal and woe, 
240 So many thoughts moved to and fro, 
That vain it were her lids to close 
So half-way from the bed she rose, 
And on her elbow did recline 
To look at the lady Geraldine. 

215 Beneath the lamp the lady bowed, 
And slowly rolled her eyes around; 
Then drawing in her breath aloud, 
Like one that shuddered, she unbound 
The cincture from beneath her breast: 



Doppelpunkt besser mit der Ursache verknüpft; daher Wieder- 
herstellung desselben. 243—268. in A: She unbound / TJie cincture from 
beneeUh her breast: / Her Silken robe, and inner ve&t, j Dropt to her feet, 
and füll in view, / Behold! her bosom and half her side — JA sight to 
(tream of, not to teil! / And she is to sleep by Christabel. — She took 
two paees, and a stride, / And lay down by the maiden* s side, / Z. 252 ff. 
in HS II : Behold her bosom and half her side / Are lean and old and foul of 
hme I And she is to sleep by Christabel! — She took two paccs, and a 
stride, I And lay down by ihe Maiden' s side. / Ah wel-a-day! / And wiih 
»ad voice and doleful look / These words did say: / In the Touch of my 
Bosom ihere worketh a spell / Which is lord of thy utterance, Christabel! j 
Thou knowest to-night, and wüt know to-morrow, / The mark of my 
duMme, the seal of my sorrow / etc. wie in BB'; dann entsprechend 
Z. 277 tf . : And did' st bring her home with thee with Love and with Charity / 
To shield her and shelter her from the damp air. Dazu noch in der 
Bezension in The Examiner, 1816, 2. Juni eine angeblich einem MS 



100 



ChristabeL 



Alas! they bad been friends in jouth: 

Büt vvhispering tongnes can poison truth; 
410 And constaucy lives in realms above; 

And lue is tboiiiy; and youtb i« vam; 

Aiid to be wToth with one we love 

Doth wark like madness in tbe brain. 

And thus it chanced, a^s I divine^ 
415 With Roland and Sir LeoHne. 

Each spake words of bigh dbdain 

And in.siilt to bis heart's best brother: 

Tbey parted — ne'er to meet again! 

But never eitber foiind anotber 
421' To li'ee tbe bollow beart from painiug — 

They 8tood aloof^ tb© scars remaiuing^ 

Like clifls wbicb bad been rent asnnder: 

A di'eary sea now tiow.s between. 

Biit neitber beat, nor frost, nor thnnder, 
425 Sball whoUj" do away^ I ween, 

Tbe marks of tbat whicb once hatb been. 

Sir Leoline, a moment^s space^ 
Stood gaxing on tbe damsers face: 
And tbe yontbfal Lord of Trj^ermaine 
490 Came back upon bis beart again. 

O llten the Baron forgot bis age^ 

His noble beart swelled bigb with rage; 

He swore by tbe wounda in Jesu's sid© 

He would proclaim it far and wide^ 
4Bb With tmmp and solemn heraldry, 

Tbat they, who thns bad wronged the dame 

Were base as spotted infainy! 

^And if tbey dai'e deny tbe saiue, 

My beraid ^bail appoint a week^ 
440 And let tbe recreant traitorüi seek 

My toumey court — tbat there and tben 

I may dislodge tbeir reptile souls 

From tbe bodies and forms of men!* 

He spake: bis eye in ligbtning rolls! 
445 For tbe lad%^ was rvitblessly seized; and be kenned 

In the beautiful ladv tbe child of bis friend ! 



450 



And now tbe tears were on bis face, 
And fondly in bis ai-nis he took 
Fair Geraldine, who met tbe embrace, 
Pi'ölonging it with joyous look. 
Wbicb when she viewed, a vision feil 
Upon tbe soul of Cbristabel, 



Christabel. 101 

The Vision of fear, the touch and pain! 
She shronk and shuddered, and saw again — 
4ö5 (Ah, woe is me! Was it for thee, 

Tbou gentle maid! such sights to see?) 

Again she saw that bosom old, 
Again she feit that bosom cold, 
And drew in her breath with a hissing sound: 
460 Whereat the Knight tumed wildly round, 
And nothing saw, but bis own sweet maid 
With eyes upraised, as one that prayed. 

The touch, the sight, had passed away 

And in its stead that vision blest, 
466 Which comforted her after-rest, 

While in the lady's arms she lay, 

Had put a rapture in her breast. 

And on her Ups and o'er her eyes 

Spread smiles like light! 

With new surprise, 
470 *What ails then my beloved child?' 

The Baron said — His daughter mild 

Made answer, *A11 will yet be well!' 

I ween, she had no power to teil 

Aught eise: so mighty was the spell. 

475 Yet he, who saw this Geraldine, 

Had deemed her sure a thing divine. 

Such sorrow with such grace she blended, 

As if sbe feared ske had ofiended 

Sweet Christabel, that gentle maid! 
480 And with such lowly tones she prayed 

She might be sent without delay 

Home to her father's mansion. 

*Nay! 

Nay, by my soul!* said Leoline. 

*Ho! Bracy, the bard, the charge be thine! 
485 Go thou, with music sweet and loud. 

And take two steeds with trappings proud, 

And take the youth whom thou lov'st best 

To bear thy harp, and leam thy song, 

And clothe you both in solemn vest, 
490 And over the mountains haste along, 

Lest wandering folk, that are abroad, 

Detain you on the valley road. 

Deutlicher Abschnitt ist nun mit Recht markiert. — 453. Äff. wie 
oben; MS I & III The vision foul of fear and pain. Glücklich ist nun 
das körperliche Unbehagen der Umarmung durch den Unhold aus- 
gedrückt worden. — 468. Äff. wie oben; M8 I The pang the sight was 



102 



Ckristabel 



^And when.be hau crossed the Irthing tioodf 
My merry bard! he hast^s, he hast«« 
495 Up Knorren Moor, throngh Halegarth Wood, 
And reaches soon that Castle good 
TVliich Stands and threatens ScotJand*s wastes. 

*Bard Bracy! bard Bracy! yotir horses are fleet. 

Ye must ride up the hall, vout music so sweet, 
500 More loud than your horses' echoing feet! 

And lond and loud to Lord Roland call, 

Thy daughter is safe in Langdale hall! 

Thy beautiful datighter i& safe aod free — 

Sir Leoline greets thee thns tlu-ough me. 
505 He bids thee come without delay 

With all thy numerous array; 

And take thy lovely datighter home: 

And he will meet thee on the way 

With all bis numerous array 
51U Wliitc with their paoting palfreys' foam: 

And by nüne honour! I will say, 

That I repent me of the daj* 

When I 5>pake words of fierce disdain 

Tu Roland de "^'aux of Tryermainel — 
515 — For hince that evil hour hath tlown, 

Many a summer^i» sun hath shone; 

Yet ne*er foimd I a friend again 

Like Holand de Vaux of Tryermame.' 

The lady feil, and clasped bis kuee$. 

520 Her face upraised, her eyes o^erflowing; 
Aod Bracy replied, with faltering voice, 
His gracious hail on all bestowing; 
*Thy words» thou sire of Christabel, 
Ai*e sweeter than ni}* harp can teil; 

525 Yet might I galn a boon of thee^ 
This day my joumey sboiild not be. 
So Strange a dream hath come to me j 
That I had vowed with music loud 
To clear yon wood from thing imblest^ 

590 Wamed by a vision in my rest! 
For in my sleep I saw that dove, 
That gentle bird, whom thou dost love, 
And cairst by thy own daughter's name — 



paft awny^ MS III The pang^ the sigUt had pas^'d aicay, — die Diskre- 
panzen der MSS erklaren sich aus raschem^ Abschreiben; jsö*»^, der 
Schmerz selber, ist nun wie in 453. durch die Bchmerzursache tou€h 
ersetzt. — 47G. AB äivine, B' diiine 477 E. waren dadurch als Grund 
fnr die Bezeichnung divine charakterisiert. Nim besteht dieae an sich 



ChriBtabel. 103 



Sir Leoline! I saw the same, 
585 Fluttering, and nttering fearful moan, 

Among t^e green berbs in tke forest alone. 

Whicb when I saw and when I beard, 

I wonder'd wbat migbt all the bird; 

For nothing near it ooold I aee, 
540 Save the grass and green herbs undemeath tbe old tree. 

'And in my dream, methought, I went 

To search out wbat might there be found; 

And wbat tbe sweet bird's trouble meant, 

Tbat thos lay fluttering on tbe ground. 
545 I went and peered, and could descry 

No cause for her distressful cry; 

£ut yet for her dear lady^s sake 

I stooped, metbougbt, tbe dove to take, 

When lo! I saw a bright green snake 
550 Coiled around its wings and neck. 

Green as tbe berbs on whicb it coucbed, 

Close by tbe dove's its head it crouched; 

And with the dove it beaves and stirs, 

Swelling its neck as she swelled hers! 
555 I woke; it was tbe midnight hour, 

The clock was echoing in the tower; 

But though my slumber was gone by, 

This dream it would not pass away — 

It seems to live upon my eye! 
560 And thence I vowed this self-same day 

With music strong and saintly song 

To wander througb the forest bare, 

Lest aught unholy loiter there/ 

Thus Bracy said: the Baron, the while, 
565 Half-listening heard him with a smile; 

Then tumed to Lady Geraldine, 

His eyes made up of wonder and love ; 

And Said in conrtly accents fine, 

*Sweet maid, Lord Rolandes beauteous dove, 
570 With arms more strong than harp or song. 

Thy sire and I will cnish the snake I' 

He kissed her forehead as he spake. 

And Geraldine, in maiden wise 

Casting down her large bright eyes, 
675 With blushing cheek and courtesy fine 

She tumed her from Sir Leoline; 

Softly gathering up her train, 

Tbat o'er her right arm feil again; 

And folded her arms across her ehest, 
680 And coucbed her head upon her breast. 



104 



ChristabeL 



Aüd looked ask&uce at Christabel 

Jesu, Maria^ shield her well! 

A snake*3 sm&U eye blinks dull and ehj, 

Aod the lady's eyes they ahrunk in her head, 
&65 Each shnmk up to a serpent's eye, 

And with somewhat of malice, and more of dread. 

At Cbiistabel sbe look'd askance! — 

One moment — and tbe sigbt was fledl 

But Christabel in dizzy trance 
59<) Stumbling on the unsteady ground 

Sbuddered aloud, with a hissing sound; 

And Geraldine again tumed round, 

And like a thing, that sought relief, 

Füll of wonder and füll of grief, 
595 She roUed her large bright eyes divine 

Wildly on Sir Leoline* 

The maid, alas! her thonghts &re gone, 

She nothing sees — no sight but one! 

The maid, devoid of guüe and sin, 
WJ 1 know not how, in fearful wise^ 

So deeply had she drunken in 

That look, those shrunken serpent eyes, 

That aD her features were resigned 

To this sole iin»ig6 in her mind: 
605 And pafisively did imitate 

That look of dull and treacherous hate! 

And thns she stood, in dizzy trance, 

Still picturing that look askance 

With Ibrced unconscious sympathy 
610 Füll before her father's \aew — 

As far as such a look could be 

In eyes so innocent and blue! 

And when the trance was o*er, the oiaid 

Paused awhile, and inly prayed: 
615 Then falling at the Bai'ou's feet, 

*By my mother^s soul do I entreat 

That thou this woman send awayl' 

She Said: and more she could not say; 

For what she knew öhe could not teil, 
62Ö O'er-mastered by the mighty spell. 



zu Recht, — 596. AB' wie oben ; B She nothing itees — no sight but 
one! Biä. Sinnloser Df. — 613. A But whcn the trance was o'er^ BW 
wie oben. Der unterschied ist im Balladenstile wirklich ru gering- 



Christabel. 105 

Why is thy cheek so wan and wild, 

Sir Leoline? Thy only child 

Lies at thy feet, thy joy, thy pride, 

So fair, so innocent, so mild; 
625 The same, for whom thy lady died! 

0, by the pangs of her dear mother 

Think thon no evil of thy child! 

For her, and thee, and for no other, 

She prayed the moment ere she died : 
630 Prayed that the habe for whom she died, 

Might prove her dear lord's joy and pride ! 

That prayer her deadly pangs beguiled, 
Sir Leoline! 

And wouldst thou wrong thy only child, 
635 Her child and thine? 

Within the Baron's heart and brain 

If thoughts, like these, had any share, 

They only swelled his rage and pain. 

And did bat work confusion there. 
640 His heart was clefb with pain and rage, 

His cheeks they qnivered, his eyes were wild. 

Dishonour'd thus in his old age: 

Dishonour'd by his only child, 

And all his hospitality 
646 To the insulted daughter of his friend 

By more than woman's jealousy 

Brought thus to a disgraceful end — 

He rolled his eye with stern regard 

üpon the gentle minstrel bard, 
650 And said in tones abrupt, austere — 

*Why, Bracy! dost thou loiter here? 

I bade thee hencel* The bard obeyed; 

And tuming from his own sweet maid, 

The aged knight, Sir Leoline, 
655 Led forth the lady Geraldiue! 

The Conclusion 
to Part the Second. 

A little child, a limbcr elf 
Siuging, dancing to itself, 
A fairy thing with red round cheeks, 
That always finds, and uever seeks, 
660 Makes such a vision to the sight 

fOgig, um besondere Absicht dahinter zu vermuten. — 647. A disgracful 
Df. — 656 if. fehlen in allen drei MSS. Ca. schließt daraus \md aus 
dem Umstände, daß sie schon im Mai 1801 in einem Briefe an Southey 



106 Christabel. 

As fills a father's eyes with light; 

And pleasures flow in so thick and fast 

Upon his heart, that he at last 

Must needs express his love's excess 
665 With words of unmeant bittemess, 

Perhaps 'tis pretty to force together 

Thoughts so all nnlike each other; 

To mutter and mock a broken charm, 

To dally with wrong that does no härm. 
670 Perhaps 'tis tender too and pretty 

At each wild word to feel within 

A sweet recoil of love and pity. 

And what, if in a world of sin 

(0 sorrow and shame should this be true!) 
675 Such giddiness of heart and brain 

Comes seldom save from rage and paiu, 

So talks as it's most used to do. 

geschickt wurden, daß die Conclusion to Part the Second nicht ur- 
spranglich fClr Christ, gedichtet sei. Dafür möchte ich auch ins Feld 
führen, daß keine einzige klare Anspielung auf das Gedicht selber 
darinnen zu finden ist (vgl. dagegen Conclusion to Part the First). 



Kommentar. 



1. The Ancient Mariner. 

Kur der rechts gedruckte Text 8 ist berücksichtigt. 

1. Mariner ist ein gewählterer Ausdruck als sailor; 
ancieni im Sinne von old heute archaistisch. 

2. stoppeth archaistische Form, zur YoUmessung wie 
auch sonst verwertet. 

3. Zu dieser Formel bemerkt Brandl : ^'D e r Matrose 
schwört bei seinem grauen Bart, als ob er ein 
Türke wäre'*, und findet das sehr seltsam. Einstens einmal 
schwört nun der Matrose gar nicht in dieser Formel ^ sie 
ist ja vom Hochzeitsgaste gesprochen, und zweitens ist es 
nicht unbedingt aufgemacht, daß dies das Schwören der 
Mohammedaner bei ihrem Barte sei. Möglich wäre es ja» 
daß die vielen Orient aliischen Mäi^hen, die CoL erwiesener- 
maßen gelesen hat» hier einen Niederschlag gegeben haben, 
aber es ist doch der lang\\^al!ende Bart des germanischen 
Mannes Ehrensclimuck von jeher gewesen» Ich erinnere an 
Kaiser Ottos Schwur *'sam mir der hart" zu einer Zeit, wo 
die Tiii'ken (resp. Araberj in Europa weder literarisch noch 
politisch eine Bolle spielten. Zudem spricht die parallele 
Stellung zu ''ffUttering eye'* fiir die nächstliegende Auffassung, 
den Ausdruck long beard ebenso als äußeres, sinnliches Merk- 
mal des verÄ^üdert aussehenden Matrosen zu nehmen. Ygh 
unten zu 13. und im Texte 619. 

5» neii of kin =^ next in blood. 

8- (lin [ag$, dyn, dyne^ dünne, me, dine» din] lauter 
Lärm^ besondei*s fortgesetzt verwirrter und widerhallender 
Schall, der das Ohi' beleidigt. 

10. quoth he tjrpische Nachstellung des Pron. gerade 
in dieser, dem Balladenstil angehörenden Formel. Vgl. 198. 
393. 408, 568. 576. 

12, eßsQons [ags, eftsöna] ursprünglich "wiederum"; 
dann ^'später, bald darauf, sofort'', letzteres besonders ar- 
chaistisch (etwa in Thomson. Cmile of IndoL, L 29,)* 



Kommentar. 



13. Viele Belege schildern die unwiderstehliche Wir- 
kung von Col.'s Blick und Konversation (so Menwirs of 
Wordswortht L 99, Carlyle u< a.); wenn diese Verse von ^ 
Wo. herrühren (vgl. zu 15 — 16.), so erschiene mir dieser^ 
sonst an Eitelkeit grenzende autobiographische Zug an- 
nehmbar. Doch würde auch die unmittelbare Vorstellung 
des von entsetzlichem Schicksale unheimlich glänzenden 
Auges des Anc. Mar. genügen, 16 — 16. Die zwei Zeilen 
stammen von Wo,; vielleicht auch 13 — 14 (Ca. pag. 594). 

16* hath archaisierende Form der Balladen- und Bibel- ■ 
Sprüche wie 33. 406, etc. und Christ. 7. 140. 217. etc. 
Vgl. Lesart zu B71. A. 

22. iö drop, meist Schiffersprache = to leave in the 
rear, gewöhnlich to drop astem. 

23. kirk nordengl. Dialekt, ebenso 466. 475. 603. 605. 
25 — 28. Die vielen einsilbigen Wörter dieser Strophe 

malen die Gleichförmigkeit des ermüdenden Vorganges; 
die Zeilen sind langsam und schwer zu lesen. 

32. bassoon Fagott. 'During Col.'s residence in Stoweg 
his friend Poole refortned (he church chotr, and (ulded a hassoon 
iö its resotirces, 3trs. Sandford (T. Poole and his/riends, L 247) 
happihj suggests, that this ^'tvas tke very original and proto* 
Ufpe of the 'lowl hassoon' whose sound moved Dm wedding guesi 
to heat his hrmsf\* (Ca,, Note,] Höchst wahrscheinlich. 

36. merrg leicht archaist., = heiter machend, etwa wie 
in *a merry jest', *merry-making'. — minstrelsy ^ Sänger- 
chor, vgl. Milton, P. L., VI, IflS, *'the minsirelsy of Heavm'\ 

41. storm-blast pleonastische Zusammensetzg. '^Sturmes* 
wehen". In der Bandglosse hat Ca. liir das draum von 8 
drivett eingesetzt, indem er einen bei kleiner Schrift nahe- 
liegenden Lesefehler des Setzers annimmt und sich mit 
Recht auf 48. A stützt (vgl. Lesart). 

42. igrannom in dieser Bedeutung veraltet, etwa = 
boisteroui?, 

51 — 70. Athenaeum^ Mar<3% 15*\ 1890 fuhrt zahlreiche 
glaubwürdige Parallelen aus Captain James's ''North-west 
Passagef' an ; einige davon sind : 'It proved very thicke foule 
weaiher, and the next dmj, hy two o Chcke in the moming, tve 
found ourselves ineompassed about with Ice' (Ed. of 1633, pag. 6} ; 
* We had Ice not farre off about us, and some pieces as high 



I 



1. The Äucient Mariner. 



109 






^ 



OB Oitr Top-mdst-head' ( pag, 7) ; *. . . ffreat pieces of Ice . . • imee 

0$ high as onr Top-musi-hemW (pag. 14), wozu besonders 
V. 53 zu vgl. 'We heard . . , ihe riUi against a batike of Ice 
ihat lay an ihe Skoare, It made a hoUow and hideous noyse, 
Uke an over-fall of water, which meide tis reason amongst our 
zeJres concerfiitig it, for we were not üble to see about W5, ii 
leing darke night and foggit (pag, 8) &c, 

54. Das Büd ist entschieden nicht volkstümlich im 
Munde eines Matrosen, Capt, James sagt : 'some of the sharpe 
blue Corners [of the gi-eat pieces of ice] did reach quUe undcr 
US* (pag. 6). Der Rezensent in Äthm.y March 15, 1890 macht 
auf diesen Unterschied aufmerksam, doch ohne ihn näher 
zu besprechen. 

65, drifi nicht im Seemannssiuue = treibende Strö- 
mungj sondern ^^ shower of snow. Vgl. Pope, Odyss., VIII. 
128: *Drifls of risitvg dost involve the skyJ — clift wohl Neben- 
form zu diff Klippe, wegen des Binnenreimes gewählt : aller- 
dings läge auch cieft [me. clift, oijft] Spalte^ Hüft nahe; 
dach sind ja nicht bloß die Ritzen der Eisberge und Riffe 
schneeweiß, sondeni das Ganze. 

56. sheen dichterisch s= Glanz, Schimmer; vgl zu 314. 

57. hen Das Präs. zwischen zwei Präteriten ist auf- 
fällig, wie der dichterische Ausdruck überhaupt nicht selbst- 
vei-ständlich ist. Jedenfalls war der Biimem'eim auf men Ver- 
anlassimg zu der lockeren Satzfugung. 

61. Die kräftige Tonmalerei verglichen mit der nüch- 
ternen Schilderung bei James (s. zu 51 — 70.) erinnert stark 
an unsem Bürger, 

62. siroimd, häufiger swoon, wie V. 392. s. Lesart^ zu 
60. Ap Der Vergleich ist wieder nicht naiv- volkstümlich, 
wohl aber mag er einem Opiumesser geläufig sein, der in 
seinen visionären Zuständen solches miterlebt hat. 

63. did cross ^= came by, iutrans. Das Motiv ist von 
Wo- angeregt, vgl, Einl. S. 1. 

67. eat, seltenes p. p., aus rhj'thmischen Gründen 
endungslos, thefood it neer had eai heißt das Futter, da an- 
genommen wird, daß der Alb. noch nie Menschen sah 
(vgl. 105). 

69. thunder-Jit, gewöhnlich clap of thunder, rumbUng 
of th. 




110 



Kommentar. 



71. sprfiHfi up tpt. gew. sprang), SchiflFerspr., zuweilen 
auch blo0 spring = der Wind kommt auf. 

75. shroud wie das isländisclie scrQ<t ^=^ Wanten, d. h. 
die starken Taue, welche Masten und Stangen seitlich an 
dem Schiffsrande befestigen und durch Leinen treppenartig 
miteinander verbunden sind, 

76. Vesper, dichterisch = Abend, vgl. aber 595., wo 
es der gewöhnliche kirchliche Ausdruck ist. 

77. fofj'Snioke = Höhenrauch. Vgl. Scott, Mannion, 
IL XIV. Introduct'mu 

79 — 82. ö. fiihrt als Vorläufer der hier zum ersten 
Male im Änc, Mar, angedeuteten Moral die des Jugend- 
gedichtes 'The Raten' an, wo ein Rabe, dem sein Nest und 
seine Jungen durch das Fällen eines Baumes geraubt wird, 
mit großer Befriedigung den Untergang des aus den Balken 
der Eiche gezimmerten Schiffes mit ansieht. Das Ganze ist 
als Schaueimäre gedacht. 

81. cross'-bow Armbrust, wie 23., nur mit der den 
englischen Zusammensetzungen eigentümlichen schwebenden 
Betonung (erste hoch, zweite stark» zu lesen, 

92* ivork *em woe, me. Wendung für modenies *'to do 
härm" vgl. Chaucer, Knightes T. 1700: ''and tcrought his 
felawe wo*' Bums, 'Jahn Barleyconi', 38: *To work htm farther 
woe\ Col. verwendet es archaist. in 'Lines in the Manner of 
Spetiscr,' 27 : 'work thee wQe\ 

93. averred bezieht sich natürlich nur auf die Annahme, 
daß der Vogel die Ursache des Windes gewesen sei; das 
Töten selber ist ja ganz klar erwiesen. 

97—98. Vgl. Lesart zu 93. A, ''The snnrise at sm is 
Uke the solcpun apposition of one of the chief actors in the 
dranui of crime, and agony, aud expiation, and in the new 
sense of wofider xmth tvhich we witness that oldest speciacle of 
the hcftrens we can well believe in othcr miracles**' (Dowden.) 
Immer ist es die Vermensehlichnng der Natur, die uns in 
solche Zauberkreise zwingt. — nprist archaist. pt., Chaucer, 
Leg, of Dido u. s, f. lals Subst, Knightes T,; danach Shelley» 
BcvoU of Islam, II L 21: Hhe uprcsf of the third sun'j. 

101. *twas volkstümliche Apokope wie 108. 347. 363. 
432. 599. 




1. The Ancient Mariner. 



111 



104. sieh Lesart zu 100, A; ein uiunittelbai-er und zwar 
berichtigter Naturanschaunng entnommener Zug. 

109^ 110, Wo. scheint diese Zeilen in 'Solitartf lleapef's' 
(1Ö33), 15 f 10 im Ohre gehabt zu haben : 'BreaMug ihe silefice 
af ihe seas / Ämong ihe farthest Hehri<ks* (H.) 

125—120. Sclion ^ ^The Desiimj of Natiom' (1796), 
278 — 281, hat CoL solches Faulen mit ähnlichen Worten 
geschildert ''As whai Urne aßer long and pcstful calms, / Wiih 
sHmtj sh<^€S and miscrcated Hfe f Poisomng ihe vasi Padßc, 
ihe fresh hreeMe / Waicetis ihe inerchani-suil nprising/' (Brandl, 
S. 214, danach Ä) 

127 — 130. Cr, zieht hier zwei Stellen als rhythmische 
und sonstige Vorbilder an: Middleton, The Witch: 'Black 
spirits and white; j Red spiriis and ffmif; j Mingle, muigle, 
fningle, / You ihai mingle mag, keine sehr überzeugende 
Parallele; besser ist jedenfalls Macbeth, L 1: *'Fair isfoul and 
foui i$ fair / Rover throitgk ihe fog mid jUthg air" Vgl. Ein- 
leitung S. 2 u. 3. — reel schottisch, ursprünglich eine Art des 
gälisehen Tanzes, roui Getöse, Tumult, Vein^iming. — death- 
ßres gewöhnlich =^ Erscheinung, die über einem Leichnam 
gesehen wird, s. auch CoL, ^Ode on ihe Ikpartmg Year (1796), 
5S — oü. *^Mighi armies of ihe dead, / Dance like deaih-ßres 
round her iomh'' ; hier wohl eine Art Elmsfeuer, das den Tod 
vorherverkünden soll. 

131. assured Vollmessung, wie sonst häufig, aber nicht 
konsef|nent. 

133- lie Jmd wohl wie in Konversation mit Synizese 
zu lesen, da die ganze Strophe voll schweren Rhythmus ist. 

136. ai ihe rooi = at its root, vollständig sinnlich zu 
fassen, 

139. wdl a-dag [ags, wä-lä-wä ^ wehe, oh wehe!] 
Volksetymologische Bildung. 

141/142. Es scheint diese Art von Prangerstehen ganz 
auf freier dichterischer Erfindung zu beruhen; ähnliche 
Volksbräuche sind mir nicht bekannt, 

149—156. Zum ^^Skelettschiff" vgl. Einleitung S. 2, 
**Der Einfall mußte in CoL eine Fülle verwandter Anschau* 
nngen aufrufen. Er hatte wohl selbst oft, wenn er abends 
am Strande nördlich von Stowey hernmspazierte, auf der 
hohen See ein Boot auftauchen sehen, ungefähr wie er es 



Kommentar« 



im Gedicht beschreibt: zuerst ein kleiner Fleck zwischeul 
sich und der sinkenden Sonne, ein dunkles Wölkchen, dann 
eine seltsame Schattengestalt, Mast und Baa schwarz wie^ 
Eisengitter, und der abgelegene Charakter der Ktiste hal^B 
noch das Gespenstische des Eindruckes erhöhen/^ (Brandl, 
S, 209.) 

152 und 153. / mst: ''CoL seefus so misiake the cJiaracier 
of the contmoti pariide iwis, tjtcis 'ceriainltj (A, S. getvis, 
adj. 'ceriain) whkh, often ajtpcarim/ in MSS as I-wis was.^ 
erroneously re/erred to a ßctitious verb tri«, unknaum to A, 
CoL ceriainly believcd in ^ich a verh, for in Alice du CJoi 
[? 1826] *yow ms' [L 77] occurs, I-wis is found in Sil 
C auline,' (H.) Obiges Prät. und das später auch für eine 
Ballade erftmdene Präs, 2, pers, machen diese Annahme zutj 
Gewißheit, — 154, to near bes. der Schiilerspr, eigentilmlicl 
vgL 182. 523, — 155. dodge Das erst seit dem 16. Jahr-^ 
hundert fSkalcs. bloß Ant. tf^ Cko.. IIL 9, ß^) belegte Wort 
charakterisiert in seiner schwer mit einem Worte zu über- 
setzenden Bedeutimg : '*sich hin- und herbewegen, rand um 
oder hinter ein Hindernis, ima einem Verfolger zu ent- 
gehen" — trefflich die scheinbare Unsicherheit des Fahr- 
zeuges, das aber unfehlbar seinem Ziele zustrebt. 

166. tack and veer Schifferspr. "lavieren xmd wenden"*' 

157. with hiack Ups baked, VgL Ihn Juan, IL S(i, 1: 
And their baked Ups, uith many a blmdy crack/ 

160. Grausiger, aber auch lebendigster NaturaKsmus.- 

164. Col, bemerkt zu der SteUe (Table Talk, May 31 '^f 
1S30): *Itöok the thought of *'grimnttg for jog" front mg companiofi*g 
[Berdmare of Jesus Coli., Cambridge] remark to mi\ whm im' 
had climbed to the top of PlinHmmvn, and were nearly dead 
tcith thirst. We coidd not speak from the cmistrictionf tili 
found a Utile puddle under a stone. He said to me: "Ibi 
grinned like an idiot /*' He had done the sameJ — Also wiede^ 
ein autobiographischer Zug. — Oramercy ist ein Wor 
Spensers, dann bei W- Scott häufig. 

166. «5 = as if . . ,, nicht selten. Vgl. Col. Wallmsiein, 
I. F.: 'He looks as he had seeft a ghost/ 

168. to work us weal vgl, 92. und die allit. Formel leeal 
and wo€. Noch hält der Anc. Mar. das Fahi'zeug für heil- 
bringend. 



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1. The Ancient Marioer, 



113 



179. pecTj wie 186. = to peep, look tlu'ough. Miltou 
^priclit vom '*peering daij\ 

184. Gössameres. ^Thc old Ugmd $ays these are ihe re- 
jmanis of ihe Virfjin Martf's wiffdwtf sheei, tvhkh feil from her 
^meti she was franshiicd'. (G,) Das fadenartig Versoh webende 
der Geistei'segel ist trefflich damit vei'glichen. *0m/ of thefetv 
imfi^es in this poetn horrowed from the Neiher Stotvey Surround- 
in^s: cf. l 3$ [= 32. 8]. ''The surface of the [Quantock] 
heath restless and gVdtering wlth the wavinfjs of the Spider 
threads . . . milcs of i/rass, Ught and glittering, and (he insects 
passing/' (D orothyWordsworth 's Jbur^mZ, Febr. 8, 1798 J* (R,) 

185 — 189. siehe Lesarten zn 177 — 185. A. 

18S — 189. Wie hier ein Wettwiirfeln zwischen zwei 
Geister wesen auf dem Ozean stattfindet, so hat CoL in dem 
späteren allegorischen Gedichte *Time, Real and Imaginart/ 
(? 1815) den Wettlanf zweier Geister, Bnider und Schwester, 
aber mit unbestimmtem Ausgange geschildert. — mate, all- 
gemein = Genosse (nicht = Gatte), 

190—192. H. vergleicht hiezu Chancer, 'Üom. of the 
Bostj 539 ff. wo Ydehiesse, welche die Tür hütet, wie folgt 
beschrieben wird : 'Hir heer was as gelotve of hewe / As any 
basin seoured vewe, / Hir ßesh as tendre as is a chihe / Wiih 
betite hrowes smothe and sUke; j And htj mesure large were j 
The opening of hir y^n ehre, j Hir nose of good proporcioun, / 
ffir y6n grege as a faueoun, j Wiih sivete hreeth and wel 
savoured. / Kir face whyt and wel coloured, . . . Die mittel- 
alterliche Schilderung der Straßendime hat Col. für sein 
Gespenst autgegriffen und hier, wie dann in Christ,, die 
trügerisch blendende AuÜenseite der inneren Fäulnis zu- 
gesellt, die so noch viel abscheulicher wirkt, 

193. TJfo'in-^Drath, Vgl. Lesart zu 177— 185. A. Der 
Ausdinick bedeutet ''Leben inmitten des Todes'\ vgl. Col-'s 
Grabschrift, die er 1833 verfaßte: "0 liß one thought m 
prager for S. T C, / That he who mang a gear tcith toil of 
breath / Finds dcath in life, mag here ßnd life in death!" 
Nach Dowden plagten CoL im Alter die Vorstellungen dieser 
Nachtmar oft genug. Name und Vorstellung sind auch bei 
Tennyson zu finden, vgl. SL Simeon Siyliles, 62 f: Enoch 
Aräm, 661: Lucretias, 154: The Princess, Tears, idle Tears, 

Eioklor» The Ancknt Mdrifier u. Chrüt, 8 



114 



Kommentar. 



20, Auch EUiott. Presioti Mills 5, 2 zitiert den Ausdruck 
CoL's. f 

195. hidk, [(tijs, hulc] Schiff, me, meist =^ Transport- 
sohiff, ein Begriff^ der auch in der archaist. Verwendung im 
ne. weiterlebt = groües, schwer lenkbares Fahrzeug. Hat 
mit hüll nichts zu tun. — along-side Schifferspr. = Bord 
an Bord. 

196. iwain, wie deutsches ''zween" nur noch dichterisch. 
197—198. 6?. vgl. hiezu Macbeth, L 8, S2ß\, aber weder 

rhythmisch noch stofflich ist dies zu rechtfertigen, wenn 
auch andere Stellen allgemein durch die Stimmung der 
Hexenszenen beeinflußt sind. — Der Tempus Wechsel hi 198. 
leitet zu einer lebendigeren Schilderung de^ Anbruches der 
Nacht über. 

199 f. dip ungevv^Öhnlich, aber der Situation augepaßt, 
für das übliche sei, sink, — rush out ein kühner, aber äuüerst 
bezeichnender Ausdruck für die Schnelligkeit. Die beiden 
Zeilen geben ein von den Begebenheiten völlig losgelöstes 
Naturbild eigener Art. 

202. spedre-bark = gewöhnlich phantom-ship. 

*207. sieersman ist in der Seemannsspr. der Mann, der 
wirklich das Steuer handhabt, also = '^Hudergänger'\ 
während "Steuermann'- oft durch pilot bezeichnet wird. 

208. drip Das ags. dryppan me, dryjjpe» drippe ist aus- 
gestorben und das ne^ g^ht ani* das seit dem 15. Jahr* 
hundert aus Dänemark eingewanderte drj^ ppe zuiiick = to 
fall in drops. 

209. clombc, arch, pt. & p. p., gew. climbed, vgl. Wo., 
Waggoner, I, 102; Scott, Rokcbij, II L 5, Hier =^ *to motmt 
slowly upwards\ (N. E. D.) 

210^ — 211. (he honied Moon. '*Sailors sag (hat a star dog- 
ging ike moon forcbodes eril;** (HJ das Dranhängen eines 
Sternes am Monde mag wohl gesehen werden, "6r<< no sailor 
ever $aw a star hetweett the nether tip of a honxed moon\ w4e 
Ca. richtig bemerkt.. Über das unbedingt, phantastische 
Motiv siehe Lesart zu 195— 203. A. 

212. star-ihggcd moon. Neubildung. Diese Vorstellong 
ist unanstößig: ein dem Monde wie ein Hund dem Herrn 
auf dem Fuße folgender Steru. 



I 




1. The Ancient Mariner, 



115 



222. Eine echt volkstümliche Vorstellung bei diesem 
ganz ans der Situation gegriffenen Vergleiche. 

226^227. stammen von Wo. (Col/s Anra, in S: 'For 
ihe last itco lines of tkis sianm, I am indehted io Mr, Wo, 
li itus on a delujhtful walk fmm Ncther Stowey to Duhertoti^ 
wUh hint and his srister^ in ihe autumn of 1797, that ihis poeni 
was plannedy and in pari composed/). — rihhed sm-sand ist 
der durch das Zurückweichen der Flut gerippte und ge- 
ftirchte Sand der Küste. 

232—235. Zu den Schrecken der völligen Einsam- 
keit vergleicht G. nicht unpassend die Schlafwandlerszene 
aus Macbeth (V, L) und Tennysun^ 'The Palaee of Art/ 
st, 72,, sowie folgende Stelle: 'Hailitt, alluding to the first 
Hme he heard CoL preach, in 1798, says: '^Whm I got there, 
the Organ was plaijing the 100*** Psalm, and when it was done 
Mr. CoL rose t(: gave oul his text \\nd he went up into the 
mountain to präg HIMSELF ALONE,' As he gave out the 
text his voice 'rose lilce a slrvam of rieh distiUed perfumes,' 
and when he canie to the last two words^ ivhieh he pronounced 
Imid, dcep, and distinct^ it seetned to me, who was then young, 
OS if the Sounds had echoed from the bottom of the human 
heart, and as if that prager fuight have Jloated in solemn silence 
throngh ihe imiverse:'' (Ca. pag. XXXIX,) 

244 ff. Die Versuche zu beten sind ebenso vergeblich 
wie die des schurkischen Königs in Hamlet^ IIL 3 (G.) — 
or et^er ''bevor^\ Der erste Bestandteil ist die unbetonte Form 
2U ere. Altertümlich oder schottisch. 

248 — 256. Auch diese Schreckgestalten kehren ähnlich 
in Tennyson, 'The Palaee of Art,' st, 59, 60, wieder. 

257. from on high Die zwei letzteren Wort© in der 
Predigersprache = heaven, 

263. the tmvmg Moon wird erst durch die Kandglosse 
'journeying' erklärt; sonst könnte auch **veränderuiig8reich*' 
oder ''Wechsel voll*' der Sinn sein- 

267. benwck, selten = mock at (Sh., Coriolan, I, 1, 301 
und Tempest, IIL o\ 63K 

268. April hoar-frost solche dreigHedrige Zusammen- 
setzungen sind im Englischen fast nur der Dichterspi-ache 
gestattet. 

8* 




116 



Kommentar. 



269. shadow hier wie 272, und 277* in der eigentlichen 
Bedeutung t= Schatten, wogegen es 482. und 485. = Ge- 
spenst, Geist ist. 

270. alwatf, selten oder poetisch, offs. ealne we^, später 
gewann die Gen. Form in dieser adverbialen Bedeutung 
den Von-ang (always)^ den alway nur als Archaismus streitig 
macht, 

274 — 280. "Über dergleichen Smnp^etier scheint er 
sogar mit Vorbedacht zoologische Werke nachgeschlagen 
zu haben ; denn das Notijsbuch enthält aus dieser Zeit lange 
Paragraphe über den Alligator, über die Boa, über Kroko- 
dile in vorsündflutlichen Lagunen." (Brandl, pag. 214.) Wenn 
auch der ,,Yorbedacht'^ vielleicht nicht stimmt, ist doch 
diese Quelle unabweisbar, 

278. aUire = *array, dress/ deutsch am besten wohl 
"Aufisug", 

284 ff Die Tierbemitleidung ist eines der typischen 
Motive der englischen Literatur des ausgehenden 18. Jahr- 
hunderts: ThomsoUj Goldsmith, Stenie, Cowper und Bums 
gehören zu ihren Vertretern in teils sentimentaler, teils 
naiver Form, Bei Col. finden wir zunächst die *Oil€ to a 
ifoiing asB\ die uns diese Richtung verköi'pert, dann nicht 
selten, wie auch bei Burns, Übertragung auf die beseelte 
Pflanze. Allzu individuaHstisch, oft nicht mehr weit vom 
Lächerlichen entfernt, haben Soutbey, Lamb und Words- 
worth diese Auffassung vertreten, (VgL Brandl, pag* 98ffi) 

297. sillif archaist. t= weak, frail. Spenser: * After long 
stürme with which mtj silhj hark was iossed/ 

B02. dank feucht, *with the connotation that this is 
an injurious or disagreeable quality'. (N. E. D.) Oft von 
der nassen Straße gebraucht. 

303. drunkai arch. = dnuik, sonst nur als Adj, übHch, 

310, anear = near, dichterisches Adv*, ziemlich selten; 
vgl. Scott, *Laij öf the Last Minstrel' V. 31 : 'Now seems it 
far, and notv anear.* 

312» Äere, gew* sear = trocken, dürr, verwittert, welk. 

314. sheai als Adj* ganz veraltet = glänzend^ schön. 
VgL Chaucer, Leg. G. W., 49: 'Whan hü up-riscth hy the 
monve shene* : ProLf 115: 'A Chrisiofre mi kis brest qf silver 
shenef Knigldes T., 210: 'Emdye the $hme\ — ßre-ßags, wie 



1. The Ancient Mariner. 



117 



^ 



127. decUk-ßres das abergläubisch ausgedeutete Elmsfeuer 
f*a meteoric flame^ N. E. D.). 

317, between entspricht der in den Grammatiken ge- 
wöhnlichen Regel nichtj wonach between seiner Grund- 
bedeutung nach bei zwei, among bei mehreren Dingen 
angewendet wird, Schon Dr, Johnson, Dictionary (1755) 
bemerkt hiezu: 'This accuract/ is not always preserved\ 

325. jag ^ Zacke, Zickzack, Der Blitz fällt also strom- 
weise ; die zu Grunde liegende Vorstellung sind offenbar die 
'*Flächenblitze" ; bei sehi* nahen Entladungen bemerk fc man 
jedoch überhaupt selten eine Linie, sondern ist von der 
lichtfiille geblendet* 

33G. btow up = "mit erneuter Ki*aft frisch zu wehen 
anfangen"; die durch den Keim geforderte Umstellung ist 
in der Prosa ungebräuchlich. 

337. 'gan. Das Simplex zu begin, im tue, als AuxiMar 
ungemein häufig, wird in der archaisierenden Di chtersprache, 
als wäre es Apokope, ^gin, 'gan geschrieben. 

B38. wont = "gewohnt". Vgl Chancer, Leg. G. \V., 
2S53: *As hit of tmnten haih he woned yore\ 

339. raise ^'heben, ziehen, aufwinden, fKohlen) fördern", 
also sehr passend tiir die hier geschilderte mechanische 
Tätigkeit. 

347. Das Lnperf, ist hier in plusquamperfektischer Be- 
jd^ntung zu fassen, 

348. corse, archaisierende Rechtschreibung, historisch 
begründet, das p ist erst wieder durch gelehrten Einfluß 
eingefügt worden. Vgl Byron, 'Cain* HL 1: *I must waich 
mg htisband*s corse/ (Ebenso Anc, Mar,, 4S8, 491.) 

358. a-dropping. Der südliche Dialekt und die Vulgär- 
sprache hat das alt« a = on noch bewahrt, das die Dichter- 
sprache nur selten mehr verwendet. Die ganze Stelle ist 
nach ff, von Chancers Rom. of Rose, A, 662 ff. angeregt, 
wo der Garten von Sir Mirthe folgendermaBen beschrieben 
wird: 'Ther mighte meti svv mang flokkes / 0/ turtles and [of] 
lavetokkes ... / And thrustles, ierins and mavys / That songen 
for to wynne htm prgs; / And eck tu sormaunt in kir song / 
These other briddes hem among . . » / Thcg songc htr song as 
faire and wel j As angels doon espiriiuel . . , / Luycs of lom^ 
ful wel satiming / They songm in hir jargoning.* Der letzter© 




118 



KommeDtar. 



in diesem Sinne (= Geschwätz, Gezwitscher) höchst seltene 
Ausdruck in Verbindung mit dem 348. A. (q, v.) ursprünglich 
gebrauchten Lavrock machen diese Anregung mehr als wahr- 
scheinlich. 

366. heaüefiSf pL gemäß dem biblischen Sprachgebrauche; 
nebenbei könnte Col. wohl hier auch an die Sphärenmusik 
der verschiedenen Himmel gedacht haben, 

367- made on, ein seltener Ausdruck fiir **weiter be- 
treiben". 

369 — 372. 'Änofher of (he rare images in ihis poem derived 
from ihe Nether Stoweij eiivironme^it . , . The 'kiddm hrook' is 
the seifsame chatterer of The Three Grates, nigh to which 
stöod ihe hme arhour of 'drcling hol lies tvoodhine-clad' in which 
young Edward dreamed hi$ fafeful dream. It is the hrook 
ihat runs down from the comb in ivhich Stands the village of 
Holford throiigh the grounds of Alfoxdcj} — the same of whid^ 
Col. sitigs in The Nightingale and The Lime-Tree 
Bower, and which is descrihed hg Wordsworth in ihe Fenwick 
Note to Lines written in Early Spring/ (H.) 

389» wie ein (vor Ungeduld) scharrendes Eoß, das man 
plötzlich losläßt. 

398 — 3U4. Zum Wortlaut und zur Situation vergleicht 
H» N. Col.: Byron, Don Juan, IL 111, 1—Z 

395. living Kfe Das Wortspiel bezeichnet das "eigent- 
liche, wache Leben'\ 

402, bideth =^ wohnt, ganz veraltetes Simplex des gew. 
abide (bei Miltoii nocli zuweilen). 

414-417. Humphrey Ward, Engl Poets, 1880, L 650, 
weist auf 'OsonV, K 30^ hin: *0h tcomanf I liave slood silent 
like a slave before ihec" ; ebenso auf Sir John Davies, 'Orchcstra 
or a Poem on Daucing,' st. 19 : 'For lo ihe sea ihat flects ahoui 
ihe landt j And like a girdle clips her solid waisit j Music 
and measure both doih understand: / For his greai chrystal 
eye is alwags cast / Up to the moon^ and on her fixed fast** 
422 — 429. Ca. führt hiezu eine von James übersehene 
Stelle aus der *iStratige S dangerous Voyage* an, die besonders 
auch fiii' die spätere Marginalglosse anregend gewesen sein 
dürfte : '/ give no credit , , . io the vidouSt and abtisive wits 
of later Poriingales and Spaniards: who never speake of any 



< 




1. The Äncient Mariner. 



119 



* 



äifßcuUies: as shoalde water , Ice, nor sight of land: hui as if 
ikey had heen hnmght käme in a drvame or engine/ (pag. 1Ü7,) 

424—425. Diese etwas 1113'stische Antwort soll eine 
übermenscliliche C^reschwindigkeit ausdrücken : in der tranm- 
haHen Vorstellung ist das Subjekt des Beseitigens der Luft 
vor dem Scliiffe nicht näher bezeichnet. 

429. tränet '^Bewußtlosigkeit'' (mediz. term. techn,), hier 
mit einem deutlichen Traumleben verbimden; gleichbedeu- 
tend mit mvoimd (92. 392) ; in Christ, wird der Begriff noch 
durch diiB^ verstärkt (589, 607). 

436. eharfiel-dungeon **Leichenkerker", gewöhnlichere 
Zusammensetzungen sind charnel-house, chamel-chapel. 
Obige Bildung 1768 in Beattie, Minstr., L 32 belegt. 

446 — 451. Die im Vergleich trefflich ausgedrückte 
beängstigende Stimmung, welche allen Seelenten, die je 
einsame Begionen aulgesucht haben, wohlbekannt ist 
(St. Brooke), vergleicht ff. mit der ganz ähnlichen in Christ.; 
jedenfalls kommen die Eingangsverse des letzteren Gedichtes 
sowie 31^ — 52 hiefür iu Betracht. 

457. nwadow-gaU, gale bedeutet in der Seemannssprache 
einen ganz tüchtigen Wind^ in der Poesie aber wird es wie 
breeze allgemein als Gattungsname^ ja sogar im Sinne 
unseres "Zephir"' gebraucht. Mit der sonst unbelegten Zu- 
sammensetzimg fällt also der Anc, Mar. eigentlich aus der 
Rolle. 

467. 570- cöuntree. Ein konsequent beibehaltener Über- 
rest der arch, Oithographie von A. (wie V. 518. 570) wegen 
der altei-tümlichen Betonung. Die Balladensprache betont 
fast nie anders; Byron, 'Siege of Corinth/ So, vielleicht in 
Erinnerung an unser Gedicht: ^Änd some arc in afar countrie,' 
Vgl. auch Christ, 225. 

468. harbonr-bar der aus Steinen und Erde durch 
Schwemmung aufgeführte Wall, der die Hafenbucht von der 
offenen See trennt; er bildet die natürliche Grenze des 
ruhigen Hafens und spielt als solche in Tennysons 'Crossing 
the Bar^ eine wichtige Rolle. Vgl. auch Tennysons TAe 
Sailor Bog/ 2: 'He rose at dawn and ßred wiih höpe, / Sk4)t 
a*€r the seething karbour-har.' 

477 ff. Die schon 420/421 angedeutete beruhigende Wir* 
ktmg des Mond^^cheines, die hier zinn Landschaftsbilde und 




120 



KommentiLr. 



zum Aiisklingen der Öespenstergeschichte prächtig verwertet 

isty scheint durch ein persönliches Erlebnis bei Col. betont 
worden zu sein. Schon Ca. nimmt, vor BrandL folgende 
Stelle des NotUbucfi^s (BL 32 a) Br 'The Nightifu^ate\ 91 ff, 
in Anspruch : 'Hartley feil down and hurt himsdf — / caught 
him up crtjintj and screaming — and ran out of room with htm. — 
The Moon caught his eye — he ceased crytng inimedialdy — 
and his eyes and the tears in them, how ihey gliticred in ihe 
Möonlightr Die Situation des angezogenen Gedichtes stimmt 
in der Tat auch ziemlich genau zu der Stelle ; doch meine 
ich, daß das Motiv bei CoL tiefer Wiu'zehi schlugt zumal 
er fi'üher (Sonnti t<i the autumnal Moonj den Mond anders 
dargestellt hatte. Und so möchte ich jene Anregung auch 
auf unser Gedicht ausdehnen. 

479. stmdy heißt der Wetterhahn nur im besonderen 
Falle, weil eben kein Wind geht; kein stehendes Beiwort. 

483. füll many arch, Verstärkung besonders in dieser 
Verbindung üblich; vgl. Gray, 'Elegy de./ 53: Füll many a 
gern of purest rag serene,* 

488 ff. Diese Art, das Schilf zu lenken, stammt, so 
sonderbar es bei einem so phantastischen Motive klinge^ 
mag, von Wo. 

492—493. und 496—497. Leichte volkstiimliche A 
wechslimg von each und they. 

497. Ein gewählter Ausdruck, etwa ^ **keinen Laut ver- 
nehmen lassen-', wohl zu pathetischer Hervorhebung. 

507. tö blast =^ ,,mit Zauber schlagen''. 

&08 — 509. Das Bild tritt so klar vor die Augen des 
Anc, Mar., daß er noch einmal alles miterlebt, und deshalb 
geht seine Erzählung wieder ins Präs. über. 

516. io rear one's voice **die Stimme (zum Himmel) empor- 
heben^', häufiger 'to raise one-s voice,' bibl. = *lift up.' 

521/522, 'The fourih (f last image iakm from the Nether 
Stöwey vicinage. Old stunips of oak, macerated ihrough damp 
and carpeted with moss, abound in tJie wooded comhs of 
Quantock: (H.) 

523. skiff-hoat pleonastische Zusammensetzung **kleines 
Segelboot' \ 

524. / irow "traun! ha!", veraltete Beteuermigsformel. 



« 



I 




I 



1. The Ancieut Mariner. 121 

629. icarped "geworfen" ist das Holz infolge der sen- 
genden Tropenhitze. 

633. to l(ig, meist *lag behind oder after' "sich Zeit 
lassen", hier **langsam dahintreiben". Die liebevolle Aus- 
malung des schönen Bildes ist beachtenswert. 

634. forest-brook, sonst unbelegte Zusammensetzung. 

635. ivy-tod archaist. = ivy-bush or clump (G,). Diese 
Zusammensetzung gehört der Volkssprache an (etymolog. = 
"Zotte", nach England aus Skandinavien eingewandert). 

636. *The owlet in the ivy-tod is pröbdbly borrowed from 
the Passage in Beaumont and Fletchers Bonduca, misquoted 
thtis hy Lamb in a letter to Col (June 14, 1796): ''Then did 
I see tliese valiant men of Britain / Like hoding owls creep 
into tods of ivy, / And hoot their fears to one another nightly'*/ 
(H,) Da aber die Eulen hier keine Angst zeigen und auch 
nicht aus dem Efeugestrüpp (das übrigens gar nicht so 
hoch sein muß, daß sie den Wolf unten anheulen können), 
herausschreien, erscheint die Parallele nicht gerade sehr 
felsenfest. Warum sollte Col. hier nicht unmittelbar nach 
der Natur gemalt haben, wie in Christ, 3C6 — 310? — Die 
Tonmalerei der dumpfen Vokale ist sehr wirksam. 

640. afeared, prov. oder arch. = "voller Furcht" ; Chaucer, 
Leg. G.W., 53: 'so sore hit is afered of the nighf ; 2321: 'Yet 
hit is afered and awhaped'*; Prol. 628, etc. ; bei Shaksp. mehr 
als dreißigmal belegt, stirbt nach 1700 fast aus, durch 
*afraid' in der Lit.- Spr. abgelöst. Außer der volkstümlichen 
Verwendung taucht es seit W. Morris auch künstlich belebt 
in der Lit.- Spr. wieder auf. (N. E. D.) 

641. cheerily = "ermutigend, heiter". Vgl. Scott, Lady 
of the Lake, IV. 25: 'Hunters live so cheerily, 

669. telling "Zeugnis gebend" durch das Echo. 

660 — 669. Der entsetzliche Eindruck des Anc. Mar. auf 
die ersten Menschen, die er wieder begegnet, ist gerecht- 
fertigt durch die Todesqualen, die er ausgestanden hat; nun 
genügt sein bloßer Anblick, Grauen einzuflößen. 

678. frame = human body ; arch. oder erhabener Stil, 
oft "this mortal frame". — wrencheä =^ convulsed, "er- 
schüttert". 

686 ff. vgl. Lesart zu Christ. 81. 



122 Kommentar. 

693. garden-bower "Gartenlaube", sonst unbelegt; viel- 
leicht verblaßte Erinnerung an das Deutsche? 

608. loving friends "(einander) zugetane Freunde" ; das 
Englische braucht hier, wie im Brie&tile, *your loving son', 
kein reziprokes Akkusativobjekt. — habe, dichterisch und 
namentlich bibl. =^ Kind; häufiger ist das nach Art der 
Kindersprache gebildete Diminutiv baby. 

623. forlom of setise "seiner Sinne beraubt", arch. Aus- 
druck. Vgl. Spenser, 'Shepherd's CaL,' Apr. 4: 'or art thou of 
ihy loved lasse forlome?* Milton, P. L., X 921: 'Forlom of 
thee I Whither shall I betake me.., ?' 

623 — 624. Als knapper Ausdruck der Wirkung der 
Geschichte auf den Zuhörer und wohl auch teilweise auf 
den Leser ist dieser Satz zum Zitate geworden. 



2. ChriMaM. 



123 



2. Chrlstabel. 

1 — 5. Zum Eingang vgl, die Turmszene aus Schillers 
**Eäuber'\ femer **Lines crmposed in a Concert-Room*' (Braudl, 
S. 264/265) und endlich den naturschildemden Eingang von 
''Frost at Midniffht'\ 

3. Der Tei^ ist natürlich vierhebig zu lesen, so daÜ 
die langhinhallenden Eulenrute nachgeahmt werden. Der- 
selbe Ruf schon in **ParUamentary OseiUatörs" (1794), 31 u. 
36 Tu—whoo! 

7 — 8. which I FrojH her kennel Die Geschlechtsbezeich- 
nung durch her hindert nicht die Setzung des Relativunw 
which, 

9. maketli arch. Vollmessung wie sonst. 

13* mtf ladi/'s shroud Das Leichentuch der Mutter Chri- 
st^bels, die ja als Gespenst wandelt, vgl. 204 ff. Brandls 
MiiJverstandnis der Stelle habe ich schon S. 25 oben be- 
spruchen* 

16 — 20. Ca* vergleicht Wo.^s Älfoxdm Journal^ Jan, 31, 
1798: 'Sei forward to Stowet/ at half-past five. Whefi we hfl 
home ihe moon immenstii/ targe, ihe sky scaUered over with 
chuds. These $oan dased in, cmtracting ihe dimensions of ihe 
moon mthout mneealing her/ Das Erlebnis mag alte Erin- 
nerungen aufgefrischt haben, denn schon im *'Sonnel to ihe 
autumnal Moon" heiüt es: **/ watch ihy gliding, white witA 
waiery lighi / Thy weak eye glimmers throiigh a fleccy veil*% 
wieder Schilderung des bewölkten Himmelg. Auch NoUjg- 
buch, BL 31a zieht Ca. au: 'Behind the thin j Gray doud 
Ümt cftver'd but not hid the shj / The round füll moon look*d 
small.' 

21. mmith hefore the month of May^ geheinMiisvolIe Um- 
schreibung, welche die Alliteration begünstigt. 

23. the lövely lady Christabel wird stets als holdes Kind 
bezeichnet. Vgh denselben Ausdruck 38. 47. 304. dann 24. 
lotrcs, 228. love you, 229. lovc them, 238* hveliness, 277. löt% 
279. hvely sighi, 393. hvdy maid, 470, belaved dnld, ein ab- 
sichtliches Festhalten au Wort und Begriff! 




124 



Kommentar. 



I 



25, what makes her zu ergänzen: (taj he; sonst würde 
maji vielleicht *wliat makes she' erwarten. Vgl. etwa auch 
veraltetes : 'to make a person away or to make a p. hence.* 

32. siehe L,-A. — 33. 35. 281. 297. 373. 540. siehe zu 42, 

34. misletae, eine vielleicht durch die stimmhafte Aus- 
sprache herbeigetuhrte Schreibung von mistleioe; allerdings 
kommt auch misselbird, misseltoe dx, vor. 

42. the hiige, braad-hreasUd^ old oak iree, Häufting von 
Attributen. Parallelen bei CoL ''The Maveti' 1. <(' 21 Hhe 
huffe oak-tre€% 41, Hhe (all oak tret ; Notizbuch, BL 6 b., 'Broad- 
breast ed Röck\ wozu Ca. vergleicht: *'The Destiny of Nations'', 
335 'Its high, o'er'hanfjing, white, broad-breasted diffs, / 
Glass'd on the subject ocean' ; dann A^o^7>Z»wr/i, BL 30 b,, 'BromU ■ 
breasted Pollarti\ — Die freien Zusammensetzungen sind 
CoL's eigenstes Werk, nicht etwa KinfluÜ der deutsch en^i 
Sprache^ denn schon in seinen Sonetten finden wir sie:^! 
VIL 7 'thougIit-hewiMered\ /X 5 'terror-pale, A. 6 'hope-^^ 
bom\ XI. 2 'wildh/'Varioiis', XI. 7 (& To the Nightingah, L), 
Hom lom\ XL 12 *bosom-probing\ Sonnet to the Äuiumnal 
Moon^ 1 'variouS'Vested\ 2 *wildhj-working\ 13 'sorrow-clouded', 
t&c, — Später merzte er solche Bildungen aus oder wendete 
wenigstens keine neuen derartigen an. 

44. moaneth Vollmessung, archaistische Form, wie sonst. 

46. ringlet Haarlocke, ringlet curl also pleonastische Zu- 
sammensetzung. 

49 — 52. Ca. vergleicht dazu: Dor. Wo., Journal (Life 
L 141), March 7, 17 9ö: 'William and I drank iea at Cole- 
ridge*s. Ä eloudg skff, Ohserved nothing partieularly interesting — 
the distani prospect ohscured* One only leaf npon the top of a 
tree — the soIc remaining leaf — dunced round and round like 
a ruy bloum hg the wind/ Also bestimmt Autobiographisches, 
denn, daß die drei gleichgestimmten Dichterseelen sich 
solche Beobachtungen mitteilten, ist klar. Auffällig ist nur, 
daß dies eine rote Blatt den ganzen Winter (bis in den 
April) überdauert hat. 

54. Ca, zu 582 [warum nicht zu 54?] : **When The Lag of 
the Last Minstrel appeared, Southey uTote to Wynn, March 5, 
1805 (Life d' Corr,, II, 316): 'The beginning of the storg is 
ioo like CoVs Chrisiohell, whidi he [Scott] had secfi: the 
very line *'Jemi Maria^ shield her well!" is caught froni it , . , 



I 
I 



2. Christabel. 126 

/ do not think [he copied anything] designedly, but the echo 
was in his ear, not for emulation, but propter amorem, 
This only refers to the heginning.' " Ein einwandfreier Beweis 
fiir die große Gewalt der Melodie von Col.'s Gedicht; zu 
Scotts Gedächtnis vgl. L.-A. 81. 

58—66. s. L.-A. 

60. shadotvy **schattengleich, gespenstisch' ^ bezieht sich 
weniger auf die Farbe als das wan in 61. (und 621.), das 
mehr das "bleiche, trübe" ausdrückt, das durch den Kon- 
trast der lebensvollen (rötlich-weißen) Hautfarbe an dem 
(bläulich-weißen) Seidenstoffe hervortritt. 

63. unsandaVd paßt besser als das gewöhnliche *bare- 
footed' in das Kostüm der Szene. — blue-veined als Zeichen 
feiner Haut; vgl. etwa Ant. and Gleop. IL V. 29. 

66. s. Anc, Mar. 101 und L.-A. zu Christ. 81. 

68. Mit deutlicher Anspielung von Byron, JDon Juan^ 
VI. 36, 3 zitiert. 

69. Mary mother ist ebensowenig wie Anc. Mar, 294: 
'Mary Queen' ein Hinweis auf römisch-katholisches Milieu, 
da die englische Staatskirche die Marienverehrung zwar 
nicht nach katholischem Muster betreibt, aber dieselben 
Ausdrücke wie die römische Kirche gebraucht. 

71. meet wie 78. 181. arch., besonders bibl. (Deutero- 
noniium III. 18, Matth. III. 8, Lukas XV. 23 und sehr 
häufig im Commm Prayer Book) = suitable, proper (ags. 
3emet.) 

81. s. L.-A. — yestermorn poet. Bildung. 

82. forlorn "elend, verlassen". Denselben Ausdruck: 
a maid forlorn gebraucht Spenser F. Qu. I. 3, 43 von Una ; 
da liegt doch wohl Entlehnung vor. 

88. s. L.-A. 

92. I wis, auch I wisse, poet. archaist. Altes adj. 3ewiss, 
iwis, ywisse mißverstanden zerlegt und zur 1. sg. praes. 
gemacht, dann also = "ich denke" &c. wie in 294. — 
entranced als adj. selten = "in Ohnmacht", sonst gew. 
= "verzückt"; vgl. Shaksp., Pericl, IIL IL 94 und hier 
zu Anc. Mar. 42 fK 

106—122. s. L.-A. 

116. wie 166. 264. 368. stehender Begriff; vgl. zu 23. 

123-144. s. L.-A. 81. 



126 



Kommentar. 



4 



129* bdikc, selten ;= *perliaps, likely^ und tihtd., archaifltS^' 
vgL Rkhardson, Pamela 1.238; Wo-, Peter Lamh: ** Things 
that I know not of hellke to thee are dear,** Ebenso hier 375, 

IBii. rufht ijlad etwa« altertümlicbi wie 144. und ''The 
Bavefi/' 4L 

139, Praise we Konjunktiv. 

166—168, s, L.-A. 

174. mshes, Binsen wurden im Mittelalter zum Bestrenen 
der Dielen oder des Estrichs verwendet ; möglich, daß auch 
ein lokales Erlebnis CoL hier angeregt hat. Der Schutz- 
heilige von Grasmere ist St- Oswald und an seinem Tage 
(6, August) bringen die Kinder Binsen in die Kirche; dieser 
Brauch heißt ''mdi-bearing'*, 

188. in wrdched plight ^*in kläglichem Zustande". 

190—193. 8. L.-A. 192. üiW«öMÄ^*heilkräftig'' (arch.) bei 
Spenser häufig; also synonym zu cordial in 191. 

199. kow =^ that, jetzt dial. oder kolloq. Vgl. Dickens, 
Christmas Carol, IIL *Bob CraickU told them hme hc had a 
sittmtion for 3Iast€r Peier,' 

205. Peak and pine, aus Macbeth, /., 5, 23: **ShaH he 
dwhidle, peak and pine*\ — Peak = *grow sharp-featured^ 
thin' (Clark & Wright), pine = *become feebl©'* 

212. guardian spirit, wie 327. **Sehutzengel*' ; das 
spenst ist also segnend und schirmend» VgL Shaftesbury, 
CharacL L 16b: *W€ bave each of us a dmnan geim^^ cmgei^ 
or guardian-spirit,* (1711, N, E, D.) 

217. wildered, selten = bewildered, von dem es ge- 
formt ist, 

219. s. L.-A. 

220. wild'ßower mne wieder eine kühne Zusammen- 
setzung, sonst nicht belegt. 

223, loftg ludg ^*erhabene Dame" wie 226. und 384, 

225* 8. zu Anc, Mar, 467\ 

227* Upper skg = **hoch oben im Himmel'', nicht *'im 
oberen Himmel'^, vielleicht ist an die unmittelbar über den 
Wolken liegenden Himmelsregionen gedacht, 

231. in my degree = *according to my condition or ^ä 
ability/ (veraltet.) ^^ 

239, weal and woe, alte allit. Formel ; vgl. Leg, of Good 
Wotneti, 689, 1234. 



I 



2. Christabel 



127 



242. half-tmy ''bis zur halben Höhe', wie 257. 

248 ff. 8. L.-A. 

266. strirken ^=^ *unfler the power and consequence of 
a stroke/ mehr als unser '^betroffen"* 

268. (%BBa\j vom altfranz. assai, lat. exagium ; im 16, Jahr- 
hundert verkürzt zu say, dann als essay neu eingeüüirt. 
Die alte Form nur noch archaist. Vgh Cbaucerj Leg. of G* 
W., 9, 28, 1594; Macbeth, IV. 3, US, 

264. weUa-daif! s. z. Anc, Mar. 139, 

265. daleful — *full of dole, pain. grief' wie 358. An 
unserer Stelle könnte man allerdings auch an die seltene^ 
vom lat. dolus abgeleitete Bedeutung *wicked, malicious' 
denken oder an eine unbewußt gemischte Vorstellung 
CoL's von Kummer und Bosheit, wozu 256. und 260/261, 
stimmten. Vgl. zur Auffassung 686 und zum Wort; ^Love\ 
21: *I played a soft and doleful air und ibid. 71, *dokful taU\ 
Greraldine leidet jedenfalls, wie viele Zauberwesen, mit imter 
dem ihr verliehenen Zauber. (Vgl. Miltons Satan, /., 56: 
'round he ihrotvs his hakful etjes\) 

271. ta war^ hier in seltener Bedeutimg "to struggle, 
Lj|(kftnd 11p against*'. 

288. bale arch* = *evü,- Miss or iah alte Alliterations- 
formel, schon um 1325 belegt (Early Engl, AlL Poefns, A.^ 
873: 'Mg bigsse, mg bale je /«in beeti bope/ Sprichwörtlich 
noch in: ^What bale is hext, boai is nexf). 

289. und 302—304. g. L.-A. 81, 

306. falm schott. **Berg8ee" ; im Lake District sehr 
häufig (auch in der Form tarn) und geradezu =^ "Meer- 
auge''. Vgl. 'Note' in aioniing Post, 1802, zu Col.'s 'Dejee- 
iion* : TairUf a small lake, generalig, if not alwags, a^yplied 
tu the lakes up in the mountains, and which are the fceders 
of those in the vaUics/ — rill *'Bächlein*^ ; hg in alter lokaler 
Bedeutung» 

309 und 310, twwhoof hier bloß mit Starkton auf der 
zweiten Silbe, nicht wie in 3, 

310. feil A. N. fiall (verwandt mit deutsch Fel-s), 
**Hügel", aber auch, wie kier, *a icild, elevated streich of 
waste or pastnre land' (N. E. D.). Das Wort ist außer schotL 
und nordengl. selten; meist in Zusammensetzungen ^feU- 



Kommentar. 






bloonij, fell-thrush &c/ und in Eigennamen {^=^ Berg)^ b 
sonders im Lake-District : *Barfeir &c. 

317. 318. Ca. verweist aul* 'The Nightifigak', 101— 103 f, 
vgl. aber auch Änc. Mar,, 47 7 ff, 

320. hermitess KJansnerin, das Wort ist nicht gerade 
häufig belegt, so Mottetix, Rabelais (1708) IV, Ol, 'Spiri^ 
tual Actresses, Kind Hermitesses, Womm (hat have a pi 
deal of Religiofu' — Der Vergleich ist ganz romantisc 

321, heauteous = 'distingiiished bj beauty, exceedingn 
fair in appearance or elegant in form', ebenso 569. ein 
Wort^ das fast ausschließlich der Literatur und besonderii 
der Dichtersprache angehört. Vgl, Shaksp., Tarn, of thc Shrme, 
L IL 80,; Milton, P, L, IV. 6U7.; Wo., Sonneis I, 30, — 
wildemess **Ekstase, Verzückung" zu wilder; vgl. zu 217. 

325. tingle *^juckenj kribbeln, stechen, prickeln*' ; urspr, 
*^kliDgen" (das Ohr **klingt''K *'8ausen". — Sehr natura- 
listischer Zug. 

332. maiin-hell die Glocke bei der Frülunesse. Ca. zitiert 
zu der ganzen Stelle Allsop, Convtrsaiions wiih Coleridge 
(1836), L 195. (1864, p, 104), der nach einem langen Zitat 
aus Crashaws ITfpnn to St. Theresa, das CoL als des Dichters 
schönste Verse gepriesen hat, folgende Äußerung Col.'s 
bringt: 'These verses teere ever presmt to mg minä whilst 
umtifig the second pari of Chrisfabel; if, iadeed, by some subth 
process of the mind iheg did not suggest the ßrst thoaght of 
iht wfiüle poem. Das Zitat, das als Anregung nur für me- 
trische Anklänge mid geringfügige Andeutungen in Christ. 's 
Wesen gelten kann, beginnt mit: 'Sincc 'tis not to be had 
at home^ / She Hl travcl to a MaHgrdmne, / No homc for her, 
cmfesses she, / Bt$t where she mag a Martyr be;* und geht 
bis ; ^Farewel House, and Farewel Home — / She *s for the 
Moors and MartgrdomeJ 

333. hnell bes. vom Geläut der Totenglocke gesagt, 
336. sag. Wie das Wort jedesmal, gleichsam als Ge* 

dankenreim in den nicht mitsammen reimenden Zeilen, in 
verschiedenen Formen wiederkehrt! Wirksam ist auch die 
Alliteration der übrigen Reiinworter : death, dead, dag, 

342^-345. Wieder innigste Verknüpfung des Abschnittes 
mit dem vorigen durch Wiederaufiialune desselben Wortes ; 



I 



2. Christabel. 



Ifi9 



hier zur äußerlichen Motivienmg der ErzähluBg des Barden, 
die (vgL oben S. 40) innerlich ohne Halt und Bedeutung ist. 

344. Diese und die folgenden Lokale leimte CoL auf 
der im Herbste 1799 mit William und Jolin Wo. unter- 
nommenen Tour durch den Lake District kennen. Brafha 
Head auf den mir zugänglichen Karten unauffindbar: ^-iel- 
leicht meinte CoL die Nordspitze des Windermere, woselbst 
der Fluß Brathay einmündet. Das entspräche auch der 
heutigen Bezeichnung ''Waterhead'^ ftii* diesen Teil des Sees. 
Head kommt in Flurnamen als ^*FIußurspning, oberes Ende 
von Seen &c., Vorgebirge j HügelgipfeF* vor. Am ehesten 
wäre man versucht, an eine Ortschaft zu denken (vgl* z. B. 
Hawkshead^ norwestlich von Esfchwaite Water), 

345. hanl. Die idealisierte Bardenfigur hat Macpherson 
in die englische Literatur eingeführt. Col. läßt sie schon 
in der "Monody on ihe Deaih qf Chatterton"^ 26, 36. und in 
**Line8 cottiposed in a Conceri-Bimn*' (1799)» 14 ff, auftreten. — 
Brctcp auch bei W. Scott als Familienname verwendet. 

348. / weeti aroh. ** wähnen, glauben, sich einbilden^', 
350/351. Lantjdale Pike: welchen der beiden Kogel, die 
unter dem Namen Langdale Pikes zusammengefaßt werden, Col. 
hier meint, bleibt unentschieden. Heute bezeichnet man den 
westlichen mit Pike qf Siickle (2323 feet), den östlichen mit 
Harrison Siickle (2401 feet). — Unter Wiich*s Lair seheint 
CoL den sonst Hdm Crag genannten, nordwestlich von 
Grrasmere gelegenen» 1299 feet hohen, sehr zerklüfteten 
Gipfel zu verstehen: ''The siniftdarly-shapcd kill calleti Helm 
Crag is conspicHoushj visible from Grasmere. It$ apex exhibtts 
80 irregulär an outline as io have given rise io nuntberless 
wkipHsical comparisons, Gray compares it to a giganiic buitding 
demolished, and the siones which composed it fiung across in wild 
confusimi. Äud Wordswarth speaks qf — *That ancietU Wo/nan 
seated mi Helm Crag! It is usually called ihe Lion and the 
Lamb," (Black's Shilling Guide io (he EttgUsh Lakes, ISfW, 
p, 48, j Zu dieser Annahme berechtigt der Zusammenhang 
der üben zitierten Stelle von Wo. (To Joanna, 52 — €5), wo 
es sich ebenfalls um Echoerscheinungen handelt und der 
Dichter fortfährt: **iras rvadg with her caveni/* — Dmujeon 
Ohpll Hs a Waterfall formed by a siream which runs down a 
fissure in the mountain's side, The natural fmiures of the place 

Elohler, The Aact<?tit Mariner u. ChrUt. ^ 



130 



Kommentar. 



jusiify the name.* (Guide, wie oben, p, S9j Der Staubbach 
fiihrt von den LangtMc Pilces südöstlich ins Oreat LangdaU 
und ist auch in Wo*'s ''The Idle Shepherd-Boy" verherrlicht. 
Gill oder Ghyll (nordengh und schottisch) bedeutet **waldige 
Felsschlucht mit Gießbach *\ 

356, death-twte. Zusammensetzung nicht belegt, = kutU 
in 342. 

358, s. z, 265. 

359* Borrowdale landschaftlich reizendes, von Süden 
nach Norden verlaufendes Gebirgstal in Cumberland, dessen 
Wasserlaufsich in Dertvent Water ergießt. Westlich begrenzen 
es die Ed-Crags (2143 feet), östlich Brund Fell (1363 feet). 
Seine Luftlinie von Wuidermere beträgt etwa 16 britische 
Meilen, von den in 350— 351. genannten Örtlichkeiten etwa 6. 

369. / trust. Diese Einschiebsel der volksmäßigen Rede, 
hier meist in arch. Wendungen, schon im Anc, Mar, 152. 
und B24.; in Christ, noch 66. 348. 425. 473. 

407, Lord Roland de Vat4X of Trier muitu *Triemmin wcls 
ö ßf'f of ti^ Barony of Gilslund, in Cumberland; aßer the 
deafh of Gilmore, Lord of Tryennaine and Torcros$ocl% Hubert 
Vaux gave Tryermainc and Torerossaek io his seeond san, 
Itanulph Vaux . . . and (heg u?€re named Bolands suceessively, 
that were lords thereof until the reif/n of Edward IV.* Bum's 
AntiquUies ff Wesimoreland and Ciindterland JI^ jh 482, Das 
aus den Trümmern des alten Römerwalles erbaute Schloß 
Ttiermain lag etwa 500 feet hoch, 2 britische Meilen west- 
südwestlich von Gilslancl, nördlich vom Irthing, Die Sage 
hat dann aber einen Felsen im Vale of St. John^ etwas 
östlich von der Nordspitze des Thirlmere^ dessen 'resemblanee 
to a fairy fortress is certainly very striking' (Black*B Guide 
wie oben p. 61.) als 'Castle Bock of TViermain* bezeichnet 
und dieses nur visionäre Schloß, das fast 30 Meilen südlicher 
als CoL's Lokale liegt, ist auch das Lokale von Scotts 
''Bridal of Triemiain^', Auf diese Verschiedenheit haben 
meines Wissens die Skott-Kommentatoren nicht hingewiesen: 
somit bleibt nun auch die Anregung durch Christ, etwas 
zweifelhaft, obwohl der Bitter de Vaux in *The Talisman' 
VI ff*, ausdrücklich als Lord of Gilsland bezeichnet ist 

406 — 425, Hiezu Ca. : These lines, perhaps because they 
bring us out ofthe surrounding fairyland, are the mostfamous in 



^ 



2. Christabel. 



131 



* 



Christ; enen Uie Edinburgh reviewer could see theywereßne: 
'*We defy amj man to potni out a passage ofpoeiical merii in 
anp of the three pieces which it [the Christ pamphht of 181ß] 
coniains except.perhaps^ ihefoUowing linestnp. 32, [IL 108—413J, 
and even ihese are noi venj hnlHant; nor is ihe Uading thought 
originaV — There had heen alienuüon hetween Cot and TJu 
Poole in conneciion nith 'The Friend\ and no communicatioft 
aßer 1810, until in Januartj ISIS Poole seni hls congratulutiofis 
OH the sticcess of 11 e morse. CoL repUed: *Dcar Pookf Love 
Bo deep and so domesticaied with the whole heing as nnne was 
to 1J0U, ean never eease to be, To quote the best and sweetest 
lines I ever wroie* — and he quotes ihe tvkoh' passage, ihen 
unpublished, with hui two or three unimportant variatiotis from 
Uie text of 1828— 1829, Two worth noting occiir in the closing 
lines: — 'But neither frost nor heat, nor ihtmder, j Can 
whollg da awag» 1 ween, j The marks of that ffhtch once hath 
hee:n* Charles Lloyd puhlLshed some affediotutte verses about Co L 
and Latnb in his *Destdiory Tßwughis on London (1820). 
Lamb wrote to CoL, June 20, 1820, fAinge/s Letter 8, IL 
S2): *'/ admire some of Lloyd's lines on you, and I adniire 
your postponing rcading them. He is a saÜ tfttler ; hui this is 
under the rose. Twenty years ago he estranged mie friend from 
me quite , , . He almost alietiaied yon also from me^ or nie from 
yoi4f I donH know whieh. But that breach is closed, The 
^dreary sea' is filkd up , ,. I snspeet he saps Manning's faith 
in me . . . Still I like his writing verses about you" Hierauf 
folgt noch die Mitteilung^ daß H. H o i n e diesen Abschnitt 
übersetzt hat : Schmidt -Weißenfels, Über Heinr, Heine, 1857, 
S, 177 (und zwar mit dem Untertitel ''LehewohV'). Kölbing 
(Siege of Coriuth^ S. 105 J vergleicht die stark anklingende 
Stelle in Byron's Childe ffarold, III, 94, Iff. Wenn auch die 
Situation dort eine andere ist (es handelt sich bei B. nicht 
um Freunde^ sondern um ein getrenntes Liebespaar), so ist 
der Einfluß dieser Verse, die in der Tat zn den schönsten 
der Dichtung gehören, doch sehr wahrscheinhch. 

42L scar, selten = ** Wunde"; vgl. Prologue zu *Every 
Man in his Hnmour\ IL *And in the tyring-house bring wounds 
to scars/ 

435. trump veraltet = **trumpet'V, fast nur bibl.: *trump 
of doom, last trump/ heraldry heiÜt gew, **Heraldik'\ hier 




133 



Kommentar. 



aber ''Heroldsrufe*', VgL Milton, Circumcision, 10. ^He who 
wiih all Heavefi's heraldry whilcre j Entered the world.* 

441, toumep'COurif Zusammensetzung nicht belegt: ''Tur- 
nierplatz.*' 

453, und 463. s. L.-A. 

46Ö- afier-rest gute Neubildung: *'die Ruhe des späteren 
Schlafes'\\311ff.) 

470. Vgl. zu 23. 

493. Irthing flood ^=^ Irtbing River, ein Nebenfluß des 
sich durch Westmoreland und Cumberland windenden Eden; 
hier ist die Gegend von Güsland gemeint. Vgl. zu 407. 

494. merrtj hard, vgl. zu Anc, Mar, 36, 

495. Die beiden Ortlichkeiteu sind auf den heutigen 
Karten nicht zu finden; vielleicht ist der Wald abgeholzt 
und das Moor trocken gelegt worden und mit ihnen auch 
der Name versch wunden. Jedenfalls lagen sie z^dschen der 
Burg Triermain und dem Irthingtale. Vgl. zu 407. 

512. / repent me^ selten mit pron. reflex. (vgl. Measure 
far J/., //. ///. 35,J 

562. Close by the d^ve's its head it crouched. Das sonst 
intransitive Verb, ist hier transitiv ^ **flach niederdrückeUj 
ducken'* gebraucht. 

568. accents poet. ^ **markante Worte, Rede, Sprache*^ 
vgl King John, V, VL 95 : Sir W. Jones, Ode of Petrarch, 
6(1; Byron, Manfred, 11 L IV, 312: *in ihy gasping ihroat the 
accetits raiile, (Vielleicht auch Julius Caesar^ IIL I, 113.) 

576. her =^ herseif, 

581. dann 587, 608. askance **scheel anblickend, miß- 
trauisch oder tückisch blickend.^^ Etj^mologie dunkel (Ital 
Scansare = aus dem Wege gehen ? oder schiancio = Abhang. 
a sdiiancio = schräg). Vgl. Spenser, SAep, Cat, March 31; 
Milton, Farad. Lost, IV, 504: *The Devil,, . mth jeahm ker 
malign / Eged fhetn askance/ 

682. s. 54. 

583. 586, snake's eye und serpenfs eye. Bereits Brandl 
weist auf Notizbuch, 18a hin: • . , *her eyes sparkled, a$ if 
ihey had heen cut out of a diamond quarry in some Oolconda 
of Faeryland — and cast such meaning glances as tvould have 
inirißed the Fiint in a murderer's Blunderbuss/ — Vielleicht 



j 



2. Christabel. 133 ,j 

hat aber auch die Beschreibung der Alligatoren (ibid. 31b \\ 

und 32a) mitgewirkt, wo es heißt: 'eyes sntall and suuk\ — ;■ 

Byron, Don Juan, V. 90, 5: ^With shrinking serpent optics on ' 
him stared' mag darauf zurückgehen. Ob dem in 688 612. 

dargestellten Falle von Suggestion medizinische Beob- ',' 
aohtutigeii zu Grunde liegen, muß dahingestellt bleiben. 

649. minstrel bard unbelegte tautologische Zusammen- " 
Setzung. 

666 iE s. L.-A. 'I 



WIENER BEITRÄGE 



ZUB 



ENGLISCHEN PHILOLOGIE 



UNTER MITWIRKUNG 



Dr. K. LUICK 

ORD. FROP.DKR ENGL. PHILO- 
LOGIE AM DER UNIVERSITÄT 
IN GRAZ 



Dr. R. FISCHER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILO- 
LOGIE AN DER UNIVERSITÄT 
IN INNSBRUCK 

Dr. L. KELLNER 

AO. PROFESSOR DER ENGL. 
PHILOLOGIE AN DER UNI- 
VERSITÄT IN CZERNOWITZ 



Dr. a. pogatsgher 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILO- 
LOGIE AN DER DEUTSCHEN 
UNIVERSITÄT IN PRAG 



HERAUSGEGEBEN 



Dk. J. SCHIPPER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILOLOGIE UND WIRKLICHEM MITGLIEDE DER 
KAISERL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN 



XXVII. BAND 



WIEN UND LEIPZIG 
^V1LHELM BRAUMÜLLER 

K. l!. K. HOF- UND UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER 

19(.)8 



DEUTSCHE 

KULTÜRVERHÄLTNTSSE 

IN DER 

AUFFASSUNG W. M. THACKERAYS 

Von 

Dk. HEINRICH FRISA 

(WIEN) 




WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. IT. K. HOF- TNI) i:NIVKK8lTAT8Hi;<:ilHAMDLkK 
1908 



Allo Rochte, inibotondoro das der ÜbersoteuDg:» Torbehalten. 



K. k. Uni versitäts-Buchd ruckerei .Styria*, Gras. 



Dr. AUGUST CRU^A^ELL 

Dr. CARL SIEGEL 
Dn. RUDOLF GIRTLER 

in Freundschaft und Verehrung 



Der Verfasser. 



Vorwort. 



bjs hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man der 
vorliegenden Arbeit eine Würdigung des großen Satirikers 
und Sittenschilderers vorausschicken. Thackerays Platz 
in der Geschichte der Weltliteratur ist bestimmt für alle 
Zeiten. Und nicht erst sein Verständnis zu fördern, ihm 
gebührende Anerkennung zu schaffen, dient das vorliegende 
Buch, das vielmehr, ein Beitrag zur vergleichenden Literatur- 
und Kulturgeschichte, Thackeray in seinem Verhältnis zur 
deutschen Kultur und als Vermittler deutschen Geisteslebens 
betrachten will. 

Für die freundliche Förderung, die mir fiir meine Arbeit 
zu teil wurde, bin ich an erster Stelle meinen hochverehrten 
Lehrern Hofrat Dr. J. Schipper und Dr. J. Brotanek 
zum größten Danke verpflichtet, vor allem aber dem treuen 
Berater und Freunde aller Wiener Anglisten, die England 
besuchen, Dr. James Morison, Oxford, dessen freund- 
liche Leitung und Einführung während meines Oxforder 
Aufenthaltes mir nicht nur bei vorliegender Arbeit wieder- 
holt vorwärts half, sondern dessen wertvolle Winke mir auch 
in anderer Hinsicht für meine Studien Richtung gaben. 
Zu großem Danke bin ich femer auch verpflichtet Mr. A. 
Cowley, Fellow, Magd. Coli., Oxon., der als Bibliothekar 
der Bodleianischen Bibliothek mir in liebenswürdigster Weise 
entgegenkam, und nicht zuletzt, wenn auch an letzter Stelle, 
meinem lieben Freunde Dr. Albert Eichler, von dem 
mir die Anregung zu vorliegender Arbeit kam. 



Literatur. 



The Collccied Works of W. M. Thackeraij. In ticenty-six volunics. 

London, SnUth, Eider dt Co., 1869—1886. Daraus die Zitate 

(Stand. Ed.)}) 
The Biographical Edition of W. M. Thackeray*s complete Works. 

Each volume includes a memotr in the form of an introduction 

hy Mrs. Bichmond Bitchie, In thirteen volumes. London, 

Smith, Eider <£• Co., 1898-1899. 
Sultan Stork and other stories and sketches hy W. M. 

Thackeray (1829—1844) Note first collected to which is added: 
The Bibliography of Thackeray [by Bich. Heime ShepherdJ. Be- 

vised and considerably enlarged. (Früher selbständig. London. 

1881.) London, George Bedway, 1887. 
Stray Papers hy W. M. Thackeray. Ed. mth an Introd. and Notes. 

By Lewis Melville. London, Hutchinson d' Co., 1901. 
M. H. Spielmann, The hitherto unidentified contrihutions of W. M. 

Thackeray to ''Funch'\ With a complete and authoritative 

Bibliography from 1843—1848. Ijondon and New- York, Harper dt 

Brothers, 1899. 
Charles Plu mp Ire Johnson, The Early Writings of W. M. Thackeray, 

London, 1888, ursprüngl. in The Athenäum, 1887; I, II: Notes 

and Queries for a Bibliography of W. M. Thackeray. 
Critical Papers in Literatur by W. M. Thackeray. London, Mac- 

millan dt Co., 1904. 
Early and Late Papers. Hitherto uncollected. By W. M. Thackeray. 

Boston, 1867. 
A Collection of Letters of W. M. Thackeray 1847—1855, With an 

Introd. of Mrs. Jane Octavia Brookfield, London, Smitli, 

Eider dt Co., 1887 (Brookfield Letters). 
Thackeray*s Letters io an American Family. With an Introd. 

by Lucy W. Baxter. London, Smith, Eider i^ Co., 1904. 
The unpublishcd Letters of Thackeray. The Athefiteum, 1887; 

I, II. London. 
Brief an Lew es (London, April 28, 1855) in The Life of Goethe by 

G, H. Laves. 2. Aufl. Leipzig, l?r>4. Bd. II, p. 324-327. 

Melville, Lewcs, Tlie Life of William M. Thackeray. 2 vols. London, 1899. 
Darin The Bibliography of W. M. Thackeray 1829-1899. 

1) Einsolausgabon eruchcinon nur im Text genannt. 



IX 

Hennan Mertvale and Frank T. Mar eials, The Life of W. M, 
Tliockeray. I^ndon, 1891. 

A Trollope, Thackeray, in Engl. Men of Leiters. London, 1895. 

Taylor Theodor, Thackeray ihe Hunwurist and Man of iMters. 
London, 18()4. 

Thackeray ana. Notes and anecdotes. lUustr. by nearly 600 Sketches by 
K': M. Thackeray. London, 1875. 

Thackeray in Weimar, With unpublished Dramngs by Thackeray. 
(Deutsch von Walter Yulpius.) Translated by Herbert 
Schurz. The Century, New York and Jjondon, vol. 4, III; New 
Series, XXI Nov. 1896 to Äprü 1897, p. 920—928. 

H. Conrad, AV. M. Thackeray, ein Pessimist als Dichter. Berlin, 1887. 

Anne Thackeray Ritchie, Cliapters from some Mevioirs (Tauchnitz). 

The History of ''Punch" by M. H. Spielmann. Cassel d' Co., Limited, 
London, Paris and Melbonme, 1695. 

W. M. Thackeray's Entwicklung zum Schriftsteller. In- 
auguraldissertation von Emil Schau b. Basel, 1901. 

Der Einfluß der deutschen Literatur auf W. M. Thackeray. 
Von E. M.Werner, Progr. der k. k. Staats-Bealschule in 
Teplitz-Schönau für das Schuljahr 1906 1907. 

Fraser*s Magazine for town and country. 18Ö2 ff. 
''Punch''. 1843 ff'. 

Dr. Ed. Vehse, Geschieht« der deutschen Höfe seit der Eefonnation. 

48 Bände. Hamburg, Hoff'mann & Campe, 1852—1868. 
77«. B. Maeaulay, Essay ofi Frederick the Great (Tauchnitz). 
77t. Campbell, Frederick Üie Great, his Court and his Time^ ed. with an 

Introd. hy Thomas Campbell, Esg. Ixmdon, 1842. 
TU. Carlyle, The History of Fredenck the Great. London, 1888. 
R. Koser, Friedrich der Große. Stuttgart, 1903. 
W. Wiegan d, Friedrich der Große im Urteil der Nachwelt. StraÜ- 

burg, 1888. 



Inhalt. 



Seite 

Vorwort VII 

Literatur VIII 

Thackerays Aufenthalt in Deutschland 1890/31 1 

Thackerays Verhältnis zur deutschen Literatur D 

Thackerays Verhältnis zur deutschen Tonkunst B<.) 

Thackeray und die bildende Kunst der Deutschen 33 

Deutsche Geschichte 34 

Friedrich der Große 4(5 

Am Rhein 59 

Pumpernickel und Kalbsbraten 66 

Varia 73 

Schlußwort 78 



Thackerays Aufenthalt in Deutschland 
18301831. 

Als der kaum zwanzig ährige Thackeray 1830 nach 
dem Kontinent kam^ war von literarischen Absichten seiner- 
seits kaum die Rede; erst in Dentschland tauchen gelegent- 
lich Pläne auf. Eine andere Kunst hielt ihn damals gefangen, 
Zeichner, Maler wollte er werden. Und zumeist waren es 
Karikaturen, die er flüchtig hinwarf, in die Weimarer 
Albums zeichnete: Der Satiriker w^ar bereits erwacht, aber 
er war erst Satiriker mit dem Zeichenstift. 

Daneben beschäftigen ihn gelegentlich — er ist bereits 
in Deutschland — literarische Pläne, die freilich nie zur 
Ausftihning gelangt sind: Eine Schill er Übersetzung, über 
die, wie über einen gleichen Plan bezüglich Kömers, noch 
später zu sprechen Gelegenheit sein wird, und ein Skizzen- 
buch über die „weniger bekannten Gegenden 
Deutschlands", das er bei dem Plane einer Fußtom* 
durch den Harz imd die sächsische Schweiz erwähnt: 

"TA^ peopie of Gemiaiuf are not knotim in England, and 
Ü*€ more I kam of them, ihe rnore intercsiing tht-y appeur io 
me — customes and cosiumes, and National songs, stoneSf rf'c, 
fvith which the country abounds, and tvhich I should he glad 
io knoic, and (he British Puhlic also, I think/'^) 

Die geplante zusammenhängende Schilderung deutscher 
Sitten und Zustände in einem „Deutschen Skizzen- 
buch^, wie er uns ein *'/mA-" und ein ** Paris Sketch- Book*' 
gegeben hat, ist uns Thackeray freilich schuldig geblieben, 

tAber die Eindrücke jener Reise waren mächtig genug, um 
1) Briefstelle zitiert bei Merivak, a. a. O. p. 84. Thackeray« Brief- 
wechsel ist mit Ausnahme der Brookfi^ld-Letiers und der "IjetUra to 
an American F(xmütf" unveröffentlicht. Die wenigen firagmentarischeti 
Zitate in den Einleitungen der " Biographical Eä,'' oder bei Merivak u, a. 
bieten nur schwachen Ersatz. 
Frif«ii. Deutsche KulturverlillUiiisfie. 1 




— 2 — 



in späteren Werken ziun Durchbruch zu kommen. Ihnen 
verdanken wir vor allem die köstlichen Schilderungen von 
^ Ptitnpemiekel'* imd ^^ Kalbsbraten'^ in den "FUseboodh Paper s** 
lind in **Fawt7y Fair*\ 

Thackeray wendet sich zunächst an den Rhein und be- 
grünt seine Tour wne alle reisenden Engländer mit Godes- 
berg, damals ein armseliges Nest mit zwei Wirtshäusern 
und einem verfallenen Turme, Hier bleibt er einen vollen 
Monat, ver\'ollatändigt sein Deutsch, das er unter Leitung 
eines Herrn Troppeneger daheim gelernt hat^ macht 
wohl Ausflüge rheinaufwärt^ und treibt sich namenthch 
auch in dem nahen Bonn herum, wo er auch mit studenti- 
schen Kreisen in Berührimg kommt; seine Briefe berichten 
von Mensuren, die er mitangesehen, auch eine Zeichnung 
einer solchen legt er bei.') 

Der Rhein übt eine tiefe Wirkung auf den jungen 
Thackeray aus, die Eindrücke seiner Rheinreisen hat er nicht 
einmal beschrieben. Von Koblenz schreibt er heim von den 
NatnrschÖnheiten des Rheins als "almosi equal io the Thames'* 
und die Leute, die er sieht, bieten ihm gute Modelle fiir 
seine zeichnerischen Studien.^) 

Besser unterrichtet als über den ersten Teil der Reise 
sind wir über den weiteren Aufenthalt Thackerays in Deutsch- 
land, über seinen Aufenthalt in Weimar, Sein Brief an Lewes 
gibt tms genauere Aufschlüsse über jene Tage, namentlich 
über die Zusammenkunft mit Goethe. 

Die Ankunft Thackerays in Weimar dürfte Ende Augiist 
oder Anfang September 1830 fallen» Von Gotha kommend 
fand er hier einen Studienfreund vor, W, C, Lettson, wie er 
selbst Trinitif'Man in Cambridge, dermalen dem englischen 
Gesandten in Weimar attackiert, imd genoß mit diesem und 
einem andern jungen Engländer, Dr. Norman McLeod, ge- 
nauere Einführung iu die deutsche Sprache und Literatur 
bei Dr. W e i ß e n b o r n»*) 



>) Bio^r, Ed,, vol. I, p. XX reproduziert die Zeichnung; dieselbe 
auch in '*Thachraitana*\ 

*) Biofff. EeLf vol. I, p. XVUI Brief an seine Matter vom 
8L Juli 1890. Dem Briefe liegt eine Zeichnung des "Castled Crag of 
DrachcnfM- bei. 

8) Vgl. Boundaboui Fapers, De ßnibus, XXn, p. 225. 



— 3 — 



Die Gasttreundsehaft des GroÜberzogs und der (TroU- 
herzogin') fiihrte eine ganze l^^char junger Engländer nach 
Weimar, "the friendJp Utile Saxon eapital'*, und auch Tha- 
ckeray war bald heimisch in dem Kreise^ der sich am Hofe 
yersammelte ; zu den Hofdiners^ Bällen und Gesellschaften 
bei Hofe erhielten die jungen Leute immer Einladungen, 
die ihnen der Hofmarscball von Spiegel, dessen zwei 
reizende Töchter nicht zuletzt einen Anziehungspunkt 
bildeten, verschaffen mußte. 

Zweimal wöchentlich waren kleinere GeseUschaften, Tee 
und für die älteren Herrschaften Karten ; man begann nm 
sieben Uhr, um halb zehn war Schluß ; nm diese Zeit ging 
man in Weimar zu Bett, Wer von den jungen Engländera 
ein Recht dazu hatte, erschien in Uniform und so schreibt 
auch Thackeray heim um eine **coni€ity in Sir John Knmcwmff^ 
tf€Ofnanry'\ um bei Hofe in ^^yeommiry dress'* statt wie bisher 
in "hlack bre€ches'\ *'a black coat, hlack waisicoat, tf^ eocJced hat, 
hoking someihing like a cross between a fooiman and a Me* 
thodisi parsön\^) erscheinen zu können. 

Der Ton bei Hofe war ^^exceedingly frimdhf, mmpie, and 
polished'\^} Die Großherzogin tauschte Bücher mit den jungen 
Leuten, die sie gern ins Gespräch zog, über ihr© literari- 
schen Absichten und Anschauungen ausfragte. 

Einen Sammelpunkt tiir die Gesellschaft bildete natür- 
lich auch das Theater, das Thackeray sehr häiifig besucht 
zu haben scheint, Goethe war zwar längst von der Leitung 
zurückgetreten, aber die alten Traditionen wirkten fort, und 
wenn auch nicht mehr die hervorragenden Kräfte der Glanz- 
zeit tätig waren, so war doch die Leitung eine musterhafte 
und die Schauspieler selbst '*men of letters and gmtletnetr\^) 
die in freundlichem Verkehr mit dem Adel standen, über- 
dies gaben die hervorragendsten Schauspieler aus allen 
Gtogenden Deutschlands Gastrollen: 

4) Karl Friedrich, vermählt mit der russiacheti Großfürstin 
Marie, 

^) Biogr, Ed., voL 1, p. XIX. 

'') So im Briefe an Letres (1855): etwas anders denkt der junge 
Thackeray: *'and Uiouffh (he Court ü ahmrdUj ceremoniomf l ihink Ü 
tüill n*hh off a littk of tlw rmt whidi school and colleffe have given me*' 
(Brief vom 29. Sept. 1830), Bio^r, Ed., vo]. I, p. XVÜl, 

*) Brief an Leioe«, 

1* 




J 



"In ihat winter I remefnber we had Ludwig Demwü m 
IShylock, Hamlet, FaUtaff and the Bohbers;^) and the heauiiful 

{Schröder in Fidelio'^J) 

In Begleitung eines Weimarer Schauspielers kam Tha- 
ckeray nach Erfurt zu einer Raube rauf fülirung^ "a plap 
tvhich is a Utile ioo patriöiic and free Jor mir Court Theaire^^) 
machte unter der Führung desselben einen Blick hinter die 
Kulissen und wurde bei dieser Gelegenheit auch Devrient, 
'Hhe Kean of Gcrtnany' vorgestellt. 

**fli> grecd characier is Frans Moor in the 'Robhers' and 
I ihink I never saw ani/ihing so ierrihle. There is a prai/ which 
Fram makes white his Castle is being attacked, which has the 
inost aw/ul effect which can well be fancied: '/ am no common 
murderer, mein Herr Gott\"*) — Dem Briefe liegt eine Zeich- 
nung, Franz De\rrient in dieser Szene darstellend, bei.**) 

Auch die Oper in "Weimar war nicht schlecht. Das 
Orchester stand unter der ausgezeichneten Leitung Hum- 
raels, wenn auch die Sänger nicht die allerersten waren. 
Thackeray sah „Medea*^, **Barber of Sevilla", „II 
flauto magico" und, wie erwähnt, „Fidelio**, 

Auch außerhalb des Hofes fand der junge Engländer 
freundlichste Aufiiahme und war bald mit der ganzen 
(lesellschaft der kleinen Stadt bekannt. Man traf sich fast 
täglich, die Damen vom Hofe hatten ihren „Abend" und 
Thackeray meint, er hätte sicher das beste Deutsch er- 
lernen können, wenn nicht die jimgen Damen alle so gut 
englisch gesprochen hätten,'*) oder, wie er andei-swo') be- 
merkt, wenn nicht so viel französisch gesprochen worden wäre. 

Seine geseUschaftUche Stellung ftihrte ihn auch in das 
Haus öoethes. Dieser lebte zwar zurückgezogen in seinen 
Privatgemächem, zu denen nur privilegierte Personen Zu- 
tritt hatten. Aber an dem Teetische der Schwiegertochter 
Goethes, 1 1 i Ü e, war Thackeray ein gern gesehener Gast, 
eingeführt durch seinen Freund Letfson, Den Engländern 

*) Die Räuber mit Devrient als Franz sah Thackeray allerdings 
in Erfurt, nicht in Weimar; vgL die folgende Stelle. 
*) Brief an Lcwes. 

8) Biogr. £d., voL I, p. XXI (Brief an seine MutterV 
*l Bi^gr, Ed,, vol. I, p. XXI f, (Brief, Jan. 38., 1881). 
6) Eeprod. Biogr, Ed., vol. I, p. XXII. 
«) Brief an Lcwes. — ^) Merivak, a. a. O. p. 80. 




— 5 — 



standen damals alle Türen in Weimar offeu^ besonders aber 
hier, nannte sich doch Ottilie von Groethe "the British consul 
ai Weimar*\^) Sie nahm anch Thackc^ray sofort unter ihre 
Obhut und sein Zeichen- und Karikiertalent machte ihn 
bald zum Liebling des Kreises. Den Kindern zulieb zeichnete 
er, wie es die Laune ihm eingab, Karikaturen, deren einige 
sogar in Goethes Hände gelangten.*) Er karikierte sich 
selbst, wie Frau von Gustedt, die als Jenny von Pappen- 
heim eine Freundin Ottiliens war, in ihren Memoiren be- 
richtet und in Weimarer Albums mögen wohl auch sonst 
noch manche Karikaturen von seiner Hand zu finden sein.^) 
Sechs solcher Zeichnungen sind mit der bereits erwähnten 
Übersetzung des Aufsatzes von Vulpius von Herbert 
Schurz in **The Centuri/" (vol. LIU) reproduziert..*) 

**To his Britanmc j Majesiy's j Consul in Weimur j These 
drawings j of his Briiannic Mqjesiy's j Subjecis / are dedicattd / 
% / An IndividuaL j Thackeray.*' 

So lautet die Widmung, die unter einer Karikatur des 
britischen Wappens steht; an wen sie gerichtet, ist ganz 
klar, Ottilie von Goethe, von deren Hand aucli der Name 
Thackerays unter dieser scherzhaften Widmung stammt. 
Näher auf die nicht besonders hoch anzuschlagenden Zeich- 
nungen einzugehen, hat keinen Wert, Wichtiger ist eine 
andere Zeichnung Thackerays aus jenen Tagen, eine Skizze 
von Goethe, die er aus dem Kopfe zu zeichnen versuchte. 
Diese Skizze diente als Modell ftir Daniel MacHse's (pseud. 
Alfred Croquis) Porträt Goethes, das 1832 in Fräsers 
Magazine erschien, von Carlt/Ie damals besonders gerüliiict, 
ein urteil, das dieser später stark reduzierte.*) 

^H 1) Schurz -Vulpius, Thackeraij in Weimar, The Centurtf, voL LUI, 

^■^ ') Vgl. Goethes Tagebücher 1829- 18»), 8. Oktober 1830, 

I W,.A., m, 12. 

I ■) Biogr, Ed. gleichwie Thackerayana bringt eiue ganze Anzahl 

I Zeichntijigen aus der Weimarer Zeit, in Brieten heimgeschickt, wie 

■ die bereits erwähnten^ alle jedoch von fast gar keiner Bedeutung. 

I *) Thackeraii in Weimar, / With unpublished Brawinys by lliaekeruy, 

I (Prinied by permission of Smith, Elder ^ Co.} 

I ^) VgL CarltjU's MtscrUanies, voU III, p. 93. — Vgl. auch Franz 

I Zarnke, Zu den Goethe-Bildnissen, AUgem. Zeitung, Nr. 263, 266 if., 

^t^ und Goethe-Jahrbuch, VII, p. 397, Zamke sieht in Madiges Bild nur 




Die ünterhaltmig lun Teetisch ÜttiUens war recht an- 
regend ; man las Französisch, Englisch, Deutsch; Musik 
fehlte natürlich nicht* Auch eine Manuskriptzeitschrift ging 
aus diesem Kreise hervor, das „C h a o s'^, zu der Goethe 
selbst einige mit einem Stern gezeichnete Gedichte bei- 
steuerte. ^) Zwei Beiträge in dieser Zeitschrift rühren sicher 
von Thackeray her, zum mindesten sind sie beide in der- 
selben Handschrift geschrieben, wie die bereits erwähnte 
Widmung der Karikaturen. Der erste, ohne Titel und Autor- 
namen, scheint ein Originalbeitrag zu sein, ein Trinklied ; der 
zweite, eine Übersetzung aus dem Deutschen, wie überhaupt 
Übersetzungen in großer Zahl vertreten waren^ ist gezeichnet 
^Rosa'^ mit der Überschrift ''Translated frotn Faust"; es ist 
das Lied Mephistos vom Floh des Königs in der Szene in 
Auerbachs Keller, 

Und endlich sollte Thackeray den Gewaltigen auch 
persönhch kennen lernen, Hören wir ihn selbst;^) 

**0/ course I rememher very well the periurbation of spirit 
imth tvhick, as a kui of nineteet}, I reeeivcd ihe long expected 
intimation thai the Hetr Geheimrath would see nie on such a 
mormmj. Tbis noittble aiidience took place in a liiih antechamber 
of his privat upartments covered all round tvith antupic casts 
and bas-reliefs. He was habited in a lofig grmj or droh rcdingot 
with a white neckcloth and a red ribbon in his buitonhole. He 
kept his hands behind hts back just oä in Rauch's Statuette, 
His comphxion was very bright, clear and rostj. His eyes extra- 
ordinär ily darkt^) piercing and brilliant, I feit qmte afraid 
before them, . . . I fancied Goethe must have been still more 
handsome as an old man, than evefi in the days of his youth, 
His roiee was very rieh and sweet. He ask^d me questions 
aboat mysel/] which I answered as best I couhL I recollecl I 
was at first astonished and then somewhat relieved^ what I 
found he spoke French with not a good accmt'* 

Das Datimi dieser Zusammenkunft gibt Thackeray in 

eine mitSlungene Kopie nach Stiel er, ^'Thaekerayana*' bringt nebst 
anderen Skizzen Tbackerays auch diese strittige Zeichnung, p. lOö; 
ebenso BioQr. Ed. 

1) Vgl W.-A., UI, 13, Agenda, p, 268, 271 ü\ — «) Brief an Lewes. 

h Dazn bemerkt Lewes: *^This must have been ihe effect of the 
Position in which Jie sat with retard to the light Goe1he*B eye» were dark 
brotvn, but not very darkJ* 



i 



^ 7 — 



dem Briefe nicht an, er setzt die Begegnung nur m das 
Jahr 183L Dagegen lautet ein Brief an seine Mutter vom 
20. Oktober 1830: ''I saw for Üie first iime old Goethe to-day; 
he trcis verif kind and receivcd me in rather a morc distingue 
manvvr ihan he hus uscd the other Englishmm here; ihe old 
man gives accasimmlly a iea-party, to which the English and 
8ome special famurites in the town are inviied; he sent me a 
sumnwns this moming to come to kirn at 12* I sai with him for 
half an haur, and imk my ieave ou ihe arriiml of . . ."*) 

Merivale ist nun geneigt, auf Grund dieser beiden 
Briefe ein melirmaliges persönliches Zusammentreffen Tha- 
ckera^^s mit Goethe anzunelimen.-) Dem widerspricht aber 
die ausdrückliche Erklärung Thackerays im Brief an Lewes, 
er habe Goethe nur dreimal gesehen: 1. Im Garten seines 
Hauses auf dem Frauenplan spazierend: 2. an einem sen- 
gen Tage mit seiner kleinen Enkelin auf dem Wege zu 
inem Wagen; 8. bei der besprochenen Zusammenkunft. 
Was die Tatsachen betrifft, steht der Brief vom 20. Okto- 
ber 1830 zum mindesten in keinem Widerspruche mit dem 
an Lewes. Es liegt also nahe, eher einen Iirtum im Brief 
an Lewes zumal bei der ungenauen Zeitbestimmung, als 
ein mehrmaliges persönliches Zusammentreffen und als 
Datum den 20, Oktober 1830 anzunehmen, Goethes Tage- 
bücher verzeichnen Thackerays Namen nicht. 

Dem mächtigen Einflüsse Goethes und überhaupt des 
Geistes der eben erst abgelaufenen Blüte-Epoche, deren 
letzter Repräsentant Goethe war^ gal) sich Thackeray ganz 
hin. Namentlich Schiller hatte es ihm angetan, der ihm 
schon in Bonn — vielleicht noch früher daheim — näher 
gekommen war. In Bonn ersteht er Schillers Werke in acht- 
zehn Bänden. Noch näher kam er seinem Lieblinge natüi*- 
lieh in Weimar selbst. Hier kommt er in den Besitz eines 
Antogramraes und des Degens Schillers. Er bedauert nur, 
eu spät gekommen zu sein: 

**It vm$l have bem a fitte sufht twmitj genrs ngo, this 
Httle Court with Goethe and Schilhr and Wieland and the old 
Grand Duke and Duchess to ornament i//'*) 

>) ''The Aihenaeum'\ 1887, Jan. 15,, p. 96f. 
*) Merioale, a. n« O, p, 80. 
3) Merivale, a, a, 0. p. 83. 



8 — 



Und noch ein anderer Eindruck kommt hinzu, der viel- 
leicht nicht von minderer Wichtigkeit ist: ein Kapitel aus 
dem Liebegleben Thackerays, wenn nicht das ei'ste. M ^o 
rloch eines der ersten hat sieh in Weimar abgesj^ielt. Diesen 
Eiinneiiingen verdanken wir einen Teil der Fitzhoodh Con~ 
fe^sions, neben ein paar Briefstellen die Hauptr|iielle für 
diese Erlebnisse, bei der starken Selbstironie und Selbst- 
verspottung freilich eine recht trübe Quelle. Ob Thackeray — 
ganz abgesehen von seiner unglücklichen Liebe zu der Ge- 
mahlin des Prinzen Karl von Preußen, einer Prinzessin von 
Weimar, die er mit recht pathetischen Worten schmückt, von 
einer Leidenschaft schreibend, die er überwinden müsse, daÖ 
sie ihn nicht zu einem vorzeitigen Ende bringe, um im 
selben Briefe von recht unterhalt liehen Personen, ''Miss A." 
und "Miss B,*\ den ^^evening-belles" zu aprecheu') — eine 
tief gehende Neigung gefaßt hat, ist schwer festzustellen. 
Es dürfte aber doch nicht viel mehr als ein oder vielleicht 
ein paar vorübergehende Anfälle gewesen sein, die er frei- 
lich damals noch recht tragisch nahm. Wenigstens die Briefe 
an seine Mutter lassen liie und da etwas derartiges ver- 
muten. Beginnt er doch eine ^'rapturous ode &n the innumerahle 
heauiies and perfeciions of a ceriain Mademoiselle de ♦ . /', bei 
der er freilich dui*ch einen Offizier der Garde* Erbe von 
Zehntausend im Jahr und glücklicher Besitzer von ''seiwral 
ivaistcoüfs of the mosi magnificent paitem*\ gar bald aus- 
gestochen wurde. Voll Pathos schließt er seinen Brief: "27ie 
ßame has gone out and uow I scareely know, what has beconie 
of the cindersr^) Und ein anderes Mal schreibt er ein paar 
SchDIersche Verse heim, seinen Seelenzustand zu schildern : 

**Thü World is empty, 
Thia heart is dead, 
lis hapes and iis a»hes 
For ever are fled"^) 



*) Abgesehen von Erlebnissen daheim, ist sicher auch "Mim 
Löwe-* in den Fitiboodle-Papers nicht ohne stÄrken autobiographist^hen 
Einschlag und wohl mit ziemlicher Bestimmtheit auf eiii uns ü-eilich 
nicht weiter bekanntes Bonner Erlebnis xurüekzuführen. 

^) ßiogr. Ed., vol I, p. XXII. 

8) Ebenda p, XXII t\ 

*) Merivale^ p. 82. Die betreffende Stelle ist aus Theklas Lied 
entnommen. Piccoloniiui^ III^ 7. 



9 — 



Freilich, der Name der Dame oder der Damen, wenn 
wir Fitzboodle glauben, ist uns nicht bekannt* Selbst 
Thackera^'^s Tochter Mrs. RHchie, die uns eine Wieder- 
begegnung schildert, nennt nur den Vornamen: Amalia 
von X, vereheUchte Frau von 7i^) 

Die Erinnerung an Weimar ist für Thackeray in den 
späteren Jahren außerordentlich fruchtbar* In ^Pumper- 
nickel" und in ^Kalbsbraten^ hat er seiner lieben, kleinen 
sächsischen Stadt ein Denkmal gesetzt. Und wenn auch 
dabei der Satiriker, der Spötter Thackeray, der freilich 
sich selbst am wenigsten schont, die Oberhand hat, so ist 
es nicht so böse gemeint. Wie heb ihm diese Erinnerungen 
immer waren, zeigt der Schluß des Briefes an Lewes; 

" Wiih a five and iweniy years' expericncc since those happij 
daifs of which I wrüe^ and an acqtminiance wiih an immeftse 
variettj of human kind^ I think I have never seen a society 
fnore simple, charituble, courieous yeniletnunlike than tlmi of 
the dear Utile Sm-on city, where the good Schiller and the 
yreat Goethe lived atid Ue huried'\ 

In späteren Jahren ist Thackeray wiederholt in Deutsch- 
land gewesen; aber wenn auch diese ''trips'' ihm vieliache 
Anregungen gaben, so zu den *'Kickleburys on the Rhine" ti. a., 
so stehen sie doch an Nacliwirkung dem ersten Aufenthalte 
weit nach, 

Thackerays Verhältnis zur deutsclien 
Literatur. 

Schon in den einleitenden Zeilen war Gelegenheit, Tha- 
ckerays Plan einer SchiUerübersetzung zu erwähnen imd 
die EmleituBg selbst mußte der Beschreibung von Thackerays 
Zusammentreffen mit Goethe weiteren Raum gewähren. Das 
Verhältnis Thackerays zu diesen beiden größten deutschen 
Dichtem ist nun das nächste Thema des vorliegenden 
Abschnittes. 

Von vornherein ist festzustellen: Schiller steht Thackeray 
sympathisch näher und erscheint ihm darum auch anfangs 
als der größere Dichter. Die Gründe Hegen in der persön- 



Öhd^Un jYom some Memoir«. Tanchnitz, p, 132 1S. 



m 



^— 10 — 

.liehen tmd auch wohl in der nationalen Eigenart Thackerays. 
Die freie Lebensauffassung des Lebenskiinstlerö Goethe — 
*'a looseliver** nennt ihn Merivale^ war ihm unverständ- 
lich. Schillers Lebenswandel aber war einwandfrei^ seine 
'^reUgiofi and morals were unexceptionahle*',^) selbst für den 
j?ittenstren^sten Engländer^ und etwas national -englisches 
Muckertum mag — wenn auch unbewußt — auch bei 
Thackeray mitgespielt haben. 

Aus dieser dem Menschen &oethe geltenden Beurteilung*) 
darf man aber nicht auf ein schiefes Urteil über den Dichter 
Goethe schlieilen* Thackeray ist stets mit der größten Be- 
wunderung an Goethe herangetreten, er nennt ihn in einem 
Atem mit Shakespeare: "a genieel Goethe or Shakspeare, a 
fashionable worM^spirii" .^) — Und als er Pendennis seinen 
ersten Roman '* Walter Lorraine* schreiben läßt, nennt er 
als Lieblingsautoren und Vorbilder seines Helden Byron 
und Goethe, dessen Einfluß namentlich deutlich erscheint: 

**Th€ Byronic despair, the Wertherian despondmiaj, the 
mochitKj hitierfiess of Mephistophehs of Faust, were all re- 
produccd and developed in the character of ihe hero; for 
our tjöuth had just heen learning the Gennan himjuaye, and 
imitafed as ahmst all clever lads do his favourite poets and 
ffriters/'*) 

Ganz entsprechend findet sich hier die Annahme der 
Beeinflussung durch WeHhen^) Pen befindet sich eben in 
seiner Weriherperiode, die jeder^ der nicht geradezu fisch- 
blütig istj durchziunachen hat. Nm aus dieser Stimmung 
heraus ist der Werther zu verstehen und zu beurteilen. 

Man vergleiche damit eine Äußerung kaum zwei Jahre 



1) Leslie Stephen, The Life of W. M. Thackeratj^ Biogr Ed,, 
Xlll,p.688 — 717 [abgedruckt aus dem. Uictionartf of Natiotml Biography] , 

^) Vgl- iu den Letters to an American Family [London 1904] die 
Bemerkung über Goethe und Ulrike von Levetzow: *^ Goethe , the 
old rogue tcho at 75 had a deep peission for a girl and was severehf 
wounded — tfie tßrl was sent back to school*' (Brief vom 15. Dez* 1855) — 
a. a, 0. p. 127. 

3) XVn, 228. - *) IT, 24. 

*) Daß der Werfcher Thackerays Interesse immer wieder in An- 
spruch nahnij xeigt eine Episode^ die uns Fielde encälilt: Thackeray 
zeichnet in Amerika vor einer Torlesong eine Illustration zum Werther 
{\lT eine Dame* James Fields, Yeaterda^ with AuÜtors, p. 23. 



1 



p 



früher ! Becky Sharp findet in Weimar in der besten Gesell- 
schaft Aufnahme ; daran, daß sie eine geschiedene Frau ist, 
nimmt niemand Anstoß; wie kann es auch anders sein in 
einem Lande, "where ^Werther* ist still read^ und the 'Wahl- 
vertvandschafien' of Goethe is considered an edtfijing moral 

In Deutschland noch immer gelesen, in England ist 
es aus mit der Herrschaft des Buches, das noch 1816 über 
alle anderen Werke Goethes gestellt wurde. ^) Der Thackeray 
des "Vanity Fair", der Thackeray von 184S, stellt sich 
wieder auf den einseitigen moralischen Standpunkt, der 
dem „Werther '^ einst in England so viel Schwierigkeiten 
machte, sich durchzusetzen. 

Thackeray steht mit seinem MißtMlen an den Romanen 
Goethes, denn nicht nur der „Werther", sondern viel mehr 
noch die „Wahl verwand Schäften^ erscheinen in der 
zitierten Stelle genannt, nicht ganz allein; seine Meinung 
ist im Gegenteile die geltende Meinung in England, der 
sich sogar Leute wie Wordsworth nicht zu entziehen 
vermochten.®) 

Trotzdem finden wir außer der zitierten Stelle nirgends 
mehr eine so scharfe Aburteilung; und wo er sich gegen 
den „Worther" — denn dieser bildet fast ausschlieÜlich 
die Zielscheibe seiner Satire — richtet, ist es nicht der 
Goethesche Roman, gegen den er zu Felde zieht, nicht die 
moralische oder unmoralische Qualität des Buches, sondern 
nur die überspannte Sentimentalität des Buches, die „Ver- 
stiegenheit'^, die er im „Werther" sieht, mit allen ihren 
Folgen in Literatur und Leben, kurz der Werther-Rummel 
und nicht der Werther. 

So liest der Straßburger Scharfrichter unter Tränen 
den „Werther"; *'it was all the rage in ihosc days, and my 
frimd wcbB only folhwing the fashion."^) Nur so ist auch das 



1) II, 358, 

^) Ygl Brau dl, Die Aufbalime von Goethes Jugend werken^ in 
Englaud. öoetiie-Jahi'buchT III, p, 73. 

^) ^gl- Werner, Der EinHali der deutschen Literatur aui 
W. M. Thackeray, Programm der k. k, Staatä-Heakchule in Teplitz- 
Schönau für 1906/07, p. 8. 

♦) Xl\\ The Story of Mmy Anctl 




keineswegs bösartig gemeinte satirische Gedicht **Sorrow8 
of Werther** zu fassen»^) 

Etwas bagatellisierend setzt das Gedieht ein: *' Werther 
had a lovefor Charlotte" ; die nicht mehr ganz neue Phrase von 
der „Unaussprechlichkeit'^ der Liebe gibt den Grad seiner 
Neigung an. Der nächste Vers schlägt ganz ins Banale um; 
**WouH you hww how first he mei her?** Die Antwort, gibt 
eine Szene aus dem -Werther": sie schnitt Bittterbrote. 
Die zweite Strophe konstatiert ganz knapp das Verhältnis 
zwischen Lotte und Werther: Lofct^ ist verheiratet und 
Werther ist ein moralischer Mann, der — wieder mit recht 
banaler Übertreibimg — nicht um alle Schätze Indiens sie 

1) XXI, 78. VgL über Werther bei Thackeray Werner, a. a. O. 
p- B ff. — Weruer bringt eiue recht wertv^olle Parodie über Werther , die 
zur Zeit Thackera>T* iiiTauxhall gesuDgen wurde. Das Lied findet sich 
Lu: Vauxkall Sangsters, fortninff pari of Evans* s Cheap and Uniform 
Vocal Hepository, Embracmg all the populär Englüh, Irüh and Scotdi 
Softffs, sung at various pletces of public amusemmt^ CoUektion IV, Id, 
London T, Evans, Long Laue West Smithfield 1831" und führt den 
Titel: "OA/ Poor Mr. Weriher. A burlesque comic song^ written fty 
Mr. Kinney and sung hy Mr^ Dowton*\ Ich lasse es hier folgen : 



^WoetVil was the reign 
Ot" a famous flirter, 
That iinhappy swain, 
Gentle Mr. Werter: 
Fiercely love inj^pirM 
Till it almost chok'd him; 
For wheii Cupid fir'd 
Mijss Charlotte smok^d him. 
Lack — a — day, Heighof 
Oh! poor Mr. Werter. 

Said she, discreet and prirn — 
Spare my Situation, 
Lest you're sued fbr Criine — 
In that CoQ versa tion. 
Dainages are clear: 
Largely should they lay'em: 
Much it would, I fear, 
•Puzzle you to pay'em. 
Lack — a — day etc. 



Daager he defied, 

Swore he'd ne'er desert her; 

Bluahing ghe replied — 

Oh I fie -^ Mr. Werter! 

Says he — you 'U tum my head, 

Teil me what can save itV 

Dearest youth sbe Said — 

Go to batli and skave it. 

Lack — a — day etc. 

Tben without movB luss, 
He to drive his pains out^ 
With a blunderbussj 
Goes and blows his bndns out: 
Soou his case they prove, 
Future shanie to curtain, 
SLnce he died for love, 
Lunacy for certain — 
Lack — a — dav etc.** 



Thackeray, zur Zeit ein eifriger Besucher TonVaiixhall, hat die 
Parodie sicher gekannt und ist auch von ihr nicht unbeeinflußt. Näherea 
siehe Werner, a. a, O. p. 10. 



— 13 — 

je verletzen möchte. Dann die Katastrophe, ganz la-aß, mii^ 
die Tatsachen. Weither senfzt und häi-mt sich, seine Leiden- 
schaft siedet und kocht, schlieÜhch schießt er sich sehi 
törichtes Hirn aus und hat für alle Zeiten Buh. Der Schluß- 
satz ist zynisch, die folgende, letzte Strophe ist es nicht 
minder: Charlotte sieht den Kadaver des armen Teufels und 

„Like a weB conducted person 
Went ou cutting bread and butter.^ 

Thackeray setzt dem Werther hier recht scharf zu, er 
'faßt ihn, wo er ihm einen Angriffspunkt bietet, bei seinem 
sentimentalen Heroismus, er läßt Lotte kaltherzig erscheinen» 
ihre Hausmütterlichkeifc ist bei ihm stark spießbürgerlich 
geworden: trotzdem ist diese, wenn scharfe, so doch auch 
gut gelungene Satire^) viel leichter zu verdauen als da?* 
ganz unberechtigte Urteil in **Vanity Fair'\ 

TJber den ^Faosf^ berichtet zunächst eine BriefsteUe 
aus der ^Weimarer Zeit" : *'I have read 'Faust' with which, 
of course, I am delighted, bot not to that degree I expected'^*) 
Worin ihn „Faust** enttäuscht hat, berichtet er nicht. Jeden- 
falls ist die Enttäuschung dem damals vorherrschenden Ein- 
fluß Schillers zuzuschreiben — vielleicht waren es auch 
einige moralische Bedenken, von denen Thackeray öfters 
heimgesucht gewesen zu sein scheint. Eine Stelle des '^Pcpi- 
dmnis*' könnte vielleicht darauf schließen lassen: Pen will 
keine *'Faust and Margaret business'' aus seinem Verhältnis 
zu Fanni machen-^) Die übrigen Stellen über ,^Fau3t**, meist 
nur Erwähnungen einzelner Personen, Mephistos, ^des 
Geistes, der stets verneint '^^ Margaretens u. s. f. sind ziemlich 
belanglos/J Zu seinen Liebüngsgedichten hingegen scheint 
die ^Zueignung" zu gehören, aus der er wiederholt 
Zitate bringt oder doch auf sie anspielt*): 

„ — die Bilder froher Tage 
und manche Hebe Schatten steigen auf.^ 
V) Leslie Stephan, TheWriHngs ofThackcfaffySt&u^Ed.XXIV, 
bemerkt dazu p. 826: "That is not iJhe parody of areverent dinciple; fmt 
Wertherism was of caurst dmd years htfort Üiia and rtpresmied a lang 
past mood of iU great ori^nator. Peoplc were begkmmg to see the ridiculous 
mde of Wa-therigm and Byronism*' 

^) Nov. 17, 1880. The Athenaeom, Jan, 15, 1887. - ») IV, 114 
^) Vgl Werner, a. a. O. p. 11 f. - ») XXH, 225. 




± 



Diese Verse setzt er an den Schluß der kurzen Notiz, 
die er in den "MisceUanies'* der ^'Shablnj Gmieel Start/' folgen 
läßt*), und das Vorwort zu den ''MisceUanies'' 1857 be* 
schließen gleichfalls Verse aus der Zueignung: 



und : 



^Ihr uaht Euch wieder, ächwankende Gestalten, 
Die firüli sich eiust dem trüben Blick gezeigt," 

„Mein Biisen fühlt sich jugendlich erschüttert, 
Vom Zauberhauch, der Euren Zug imiwittert." 



Was sich sonst von Goethes Werken genatmt findet, 
ist wenig und ohne Belang: ^Egmonf*, dessen Verhältnis 
zu Klärchen gestreift wird, ^) f^D er Gott und die Baja- 
dere^, die LieblingsbaOade Pens; ^) ein anderes Mal ein Zitat, 
an den Kopf eines Kapitels im '^Philip'* gesetzt: ^Drura 
ist's so wohl mir in der Welt** aus Goethes ^Vanitas! 

V an i tat lim vanitas!" („Ich hab* mein Räch auf nichts 
gestellt.*^) 

Wichtiger ist nur noch eine Notiz über den „Goetz 

V o n B e r 1 i c h i ng e n''. Thaekeray spricht vom Einfluü 
Walter Scotts: *'hQW astonishingly Sir Walter Scott has 
infiumced tke world" und setzt in einer Fußnote hinzu: "Or 
n^re properl fj Goethe. *Goetz von BerUchingm' tcas the father 
of the Scottish romances, and Scott remaüied consiani to that 
modef white thegreater artisi iried a thotisand others/'*) Goethes 
„Goetz** erscheint hier ganz richtig als der Vater des Ritter- 
und historischen Romanes überhaupt. 

Aber es bleibt nicht allein bei gelegenÜichen Äußerungen 
über Goethe, Thaekeray erfährt auch direkte Beeinflussung. 
Ob freilich in der Vorrede zu ''VanUij Fair'* **Befor€ the 
curtain'* eine bewußte Nachahmung dea „Vorspiel auf 
dem Theater'* zu sehen ist, wie Werner*) will, erscheint 
mir trotz einzelner Ähnlichkeiten doch etwas fraglich. Auch 
die Behauptung einer Verwendung des F a u s t m o t i v s ins 
Humoristische übersetzt in **The Painter's Bargain' im *' Parts 
Sketch-Book" ist wohl etwas gewagt. Die Geschichte, die der 
arme Teufel von Maler im Traum erlebt, ist nichts anderes, 
als einer jener Schwanke, in denen sich ein Notleidender dem 
Teufel verschreibt und ihn schließlich doch noch betrügt. 

^X, Advertisement. — ^) IV, 95. — «) VI, 249. — *) XXV, 248. 
6) A. a- 0. p. 12, 



— 15 — 

Auch die Übereinstimmuiig mit „Faust" beim Erscheinen des 
Teufels in Gestalt einer Katze bei Thackeray entsprechend 
Goethes Putlel beruht auf einem Irrtum Werners.*) 

Der Einfluü des „Wert h er^ auf das allerdings nur mit 
wenigen Bemerkungen charakterisierte Buch Vens^* Leavesfrom 
the Life-book of Walter Lorraine*' ist bereits erwähnt worden. 

Unverkennbar hingegen und von Werner^) überzeugen- 
der als die früher behaupteten Beeinflussungen nachgewiesen 
ist der Einüuß von ^W i 1 h e 1 m Meisters L e h r j a h r e"^ 
auf den *'Pendennis*\ den Roman Thackerays. der die meisten 
autobiographischen Elemente enthält. Daß Thackeray 
^Wilhelm Meister" kannte — möglicherweise aus Carlyles 
(Jbei-setzung (1824) — zeigen einzelne Elrwähnungen, so 
Mignons'^) u. s. f. Die Übereinstimmungen sind ziemlich 
offenkundig: Efnihf Fotheringay — Marianne, hier wie doit 
heimliche Besuche, vom Vater, hier der alten Barbara 
begünstigt. Freilich mag im Pendennis -vielleicht auch ein 
eigenes Erlebnis zu Grunde liegen, aber die Almlichkeit mit 
Goethes Marianne ist ziemlich auffäUig. Nach dem Bruche 
des Verhältnisses begibt sich Wilhelm auf eine größere Ge- 
schäftsreise, Pen auf die Univei-sität. Auch Philine — 
Blanche zeigen Übereinstimmungen im Charakter^ gefall- 
süchtige Oberfläehlichkeit, und schließHch beendet Pen seine 
„Lehrjahre^ in der Ehe mit iawra, wie Wilhelm Meister durch 
die Ehe mit Natalie den Weg zum werktätigen Leben 
findet- Ganz richtig hebt Werner schließlich den dem 
„Wilhelm Meister" nachgebildeten Leitgedanken des Pen- 
dennis heraus: ^Wie der begeisterte Wilhelm, so muß auch der 
Jugendliebe Pendennis allmählich ein Ideal nach dem andern 
sinken sehen, bis ihm die Ahnung dämmert, daß er falschen 
Idealen huldigte und bis er sich auf Grund dieser Erkenntnis 
dem Leben wiedergibt.'^ Viel zu weitgehend hingegen er- 
scheint mir wieder die Annahme einer, wenn auch unbewußten 
Beeinflussmig durch ^Tasso", Pendennis-Warrlnffton und 
ihr Verhältnis beeinflußt durch Tasso- Antonio,^) 



*) Werner, p, 13 f., mißversteht scheinbar die Stelle: Der kleine 
Teufel ('Hiitle im}/*)^ der aus dem Daumenloch der Palette heraus- 
sprin^, ist zuerst nui' **little higger tttan a tadpole", wird dann *^an big 
ae a mousc; then he arrivcd at the ftiie of a cat", 

«) A. a. O. p, 14 f. — 3) XXn, 290, — *) Werner, a. a. 0, p, 15. 



16 



Sympathischer als Goethe ist Schiller Thackeray 
immer gewesen ; das zeigen auch die Endzeilen seines Briefes 
an Lewes: *Hhe great Goethe and tke good Schiller'', Namenthch 
aber der junge Thackeray steht ganz in Schilk^rs Bann. 
Eine Schillerühersetzung ist sein erster literarischer Plan* 
Ob er Schiller — und auch Goethe — schon daheim kennen 
gelernt hat, ist nicht sicher festzustellen ; vielleicht hat ihm 
der Deutsch -Unterricht, den er ja in London genoß, die 
Kenntnis vermittek, vielleicht hat er schon daheim, wie 
sein Pendennis "sentimental ballads of Schiller and Goethe'' 
in englische Verse umgegossen. ^) Sichere Nachrichten haben 
wir erst aus Deutschland. In Bonn ersteht er eine achtzehn- 
bändige Sehillerausgabe und in einem Briefe aus Weimar 
tritt er endlich mit seinem Plane hervor;^) 

"/ have heett reading Shakespeare in German:^) if I cotdd 
euer do the same for ScÄiHer in English, I should he proud 

af havmg eonferred a benefii on mij cauntrg, I do 

believe kirn to he, aßer Shakespeare, 'The Poet'/' 

Ein anderes Mal schreibt er die bereits zitierten Schiller- 
scheu Verse heim:*) 

**Thig World is empty, 
This heart ** dead^ 
lis hopes and its (uhes 
For ever are fled." 

'*Äs Schiller sags or rather is said in an admirahle trans- 
lation of timt great poet hy a rising young man of the name 
of Thackeray:*^) 

Es ist bei dem Plane geblieben. Wie weit Thackeray 
mit seinen Arbeiten gekommen ist — denn, daß mehr als 
die zitierten Verse, zum mindesten das ganze Lied Theklas 
übersetzt war, ist nach dem Briefe mit Sicherheit anzunehmen 
— ist nicht mehr festzustellen. 

Dem jungen Thackeray erscheint Schiller nach Shakes- 
peare als "The Poet", er ist größer als Goethe, In dieser 
Ansicht wurde er noch bestärkt dui'ch die in Weimar geltende 

J)IH,a42.^»)Merivale, a.a.O. p,8L -»)JedeiifaÜÄ Schlegel- 
Tieck, — *)Herivale, a. a. O. p, 82. — ^) Wallenstein, Piccolo- 
mini ni, 7 (Theklas Lied): 

„Das Herz ist gestorbee, die Welt ist leer 

Und weiter gibt aie dem Wunsche mchts mehr^^ 



Anschauung, die Schiller gleichfalls über Goethe hob, der 
den Felller hatte, noch nicht tot zu sein (Schiller- 
Shakespear e ). Aber man vergleiche eine spätere Stelle aus 
den vierziger Jahren: *'a genteel Goethe or Shakespeare, a 
fash ionahle world-spirit" (G o e t h e - S h a k e s p e a r e). Das Bild 
hat sich etwas verschoben. Der umfassendere Goethe wii*d 
mit Shakespeare genannt. So unbedingt scheint also Schiller 
nicht mehr an erster Stelle zu stehen. 



Erwähnenswert ist eine Bemerkung Thackerays über 
die „Eäuber*' in einem Brief aus Weimar : Er begibt sich 
nach Erfurt, um die ,,Käuber*' zu sehen, ''aplay — which is a 
littU too pairioiic and free for our Court Theatre'*, Derselbe 
Jrief bringt auch einige Einzelheiten der Aufführung, 
über Devrient als Moor.^) 

Zu seinen Lieblingsdxamen gehört vor allem der „Wallen- 
stein"', in dessen Lektüre er sich immer wieder versenkte»^) 
Mit Vorliebe zitiert, er aus Theklas Lied: ''Wir auch havv 
tasted das irdische Glück : we also have geliebt und — und so 
weiter. WarUe your death-song, sweet Theklaf'^) 

In ausführhcher Weise ist nur von ^Wilhelm Teil" 
die Rede*) mit Herv^orhebung der Freiheitstendenz^ freilich — 
si parva ücet componere magnis: Colmiel Newcome soll 
der Teil sein, der Newcome von seinem Geßler — Banies 
Netveome bei der Neuwahl befreien soll, das ist die Idee 
der Unzxiiriedenen in den '*King*s Arms". Die Geßlerhüte 
alias Bedientenhüte Barnes Newcomes müssen fort. Und so 
verschwören sie sich *^like those three gentlenwn in tke plags 
and pictures of WiiUam TeJI^ trho cotispire under the moon, 
calling upon liberty and resohing to eleci Teil a$ iheir especial 
Champion — like Amofd, Mekhthaf, and Wem^*\ 

So wie Thackeray die Stelle anführt, ist sie zum 
mindesten nach Schillers Teil — Thackeray spricht freilich 
von "plugs** — sachlich unrichtig, wenn auch die angeführten 
Personennamen zunächst auf Schiller weisen: L Arnold 



'i Bioffr. Ed, vol. I, p. XXI f. 

31 Tgl. Werner^ a. a, O, p. 7. 



h YEH, 306, desgleichen an vieleu anderen Stellen II, 36ii; X\' 
248 u. a. 

*) VI, BIS f. 
Fr ISA, Denucbe EultnrverhlfcHnbse^ 2 



— 18 



von Melchthal ist eine Person. 2. Die angedeutete »Sssene 
ist Wilhelm Teil, I, 4; in Walther Fürsts Wohnung treten 
dieser, Werner, Stauffacher und Arnold zum Bunde gegen 
die Bedrücker zusammen; ^'under the mmn'* bedeutet wohl 
nur eine Verwechslung mit der Rütliszene. 3. Bei Schiller 
wird Teil nie zum Helden und Fiüu*er gewählt» 

Ob nun diese Fehler einer schwächeren Erinnerung 
Thackerays zuzuschreiben sind oder ob er — was freilich 
weniger wahrscheinlich ist — ein anderes Telldrama vor Augen 
hat, mag dahingestellt bleiben. Auch sonst finden sich ge- 
legentlich Anspielungen auf Teil ; der GeÜlerhut und die 
Apteischuliszene * ) etc. 

Schillers „Glocke** scheint die ''Notes ofa week's holklnif' 
in den '^Uoundahout Papers*' beeinflnüt zu haben: **The hells 
go on ringing. Quot vivos vocant, mortuos plangunt, fulgura 
frangunt; so on to the past and tuture tenses, and for how 
many nights, days and yeai*s!" und im Sinne der Bilder 
der ^Glocke^ fährt Thackeray fort, Ireiüch nicht wie Schiller 
die Bedeutung der ,, Glocke'* fiir die Momente des mensch- 
lichen Lebens hervorhebend, sondern mit ihrer Hilfe histo- 
rische Ereignisse entwickelnd,-) 

Sonstige Erwähnungen Schillers finden sich wohl noch 
ab und zu, sind aber ziemlich belanglos. 

Es muß wundernehmen, daß, während der junge 
Thackeray ganz im Banne Schülers steht, in reiferen Jahren 
das Interesse für Goethe immer stäi'ker wu'd, ja scblieÜUch 
das an Schiller geradezu zurücktreten läßt. Aber weder 
Goethe noch Schiller, deren Einfluß, soweit man von einem 
solchen sprechen kann^ sich erst in den reiferen Werken 
zeigt, vermochten Thackerays Finihzeit eine Richtung zu 
geben. Die Zeit seiner Jugend, der beginnenden schiift- 
stellerischen Laufbahn steht im Zeichen eines andern 
Namens: E. T. A, Hoffmann.^) 

Thackerays Anfänge sind verbunden mit einer Zeit- 
schrift, an der sein Stiefvater und auch er finanziell beteiligt 
waren, dem "Natiatial Standard and Journal of Ltteraiure, 
Science, Music, Theairical, and thefine Arts'\ 1833, später ''Na- 
tional Standard mid Likrary Represeniative'\ 1834. In ersterem 

iyXXÜ, 140. 

«) Vgl Werner, R.a.0.p,a— «0 VgL Weruer, b. a. 0. p. 16 tr 



erschien unter Datum vom 30» November und 7. Dezember 18BH 
unter clem Titel **The history of KrakaUik'' eine Übersetzung 
von E. T. A, Hoftmanns „Märchen von der harten Nuß^ 
in „Nußknacker und Mausekönig*^ aus den ^Sera- 
pionsbrüdern".*) Unter Hoffinanns Einfluß steht ferner 
eine kurze Erzählung ''A Tale af Wonder*\ in derselben 
Zeitschrift erschienen,'*) nach Schaub auf einen franzüsi- 
scben Stoff* zurückgehend/^) Viel mehr aber zeigen den 
Einfluß Hoffinanns die Vorliebe für das Phantastische, das 
geheimnisvolle Schauerliche, grillenhaft Ungesunde neben 
einzelnen kleineren Jugend werken, wie etwa der "Catherine** 
einzelne Geschichten des *' Paris Sketch Book'\ ao *'The 
Devil's Wäger'**), das ganz den krausen Humor Hoffinanns 
mit einem Einsehlage ins Unheimliche zeigt oder die nach 
Werner unter dem Einfluß des Märchens „Klein Zaches'* 
stehende Geschichte *'Liitle PoinsiineV\^) Wenier geht 
jedoch etwas zu weit; er befindet sich in einem völligen 
Irrtum, wenn er behauptet, Poinsinet werde wie Klein 
Zaches, dessen Mißgestalt allerdings auch Thackerays 
Held besitzt, eine Schönheit angezaubert. Klein Zaches 
erscheint durch die Gabe der guten Fee allen Leuten voll 
Schönheit und guter Eigenschaften. Bei Thackeray hingegen 
ist es ein be\vußtes Spiel, das mit dem mißgestalteten Zwerg 
getrieben wird und auch die Aufklanmg des Magiers über 
seine angebüche Herkunft ist nur solch ein Aufsitzer; es 
ist auch zum Schluß nur von der Ei'kenntnis, zu der Poinsinet 
kommt, die Rede: von einer Entzauberung kann ebenso- 
wenig wie von einer Verzauberung gesprochen werden. 
"Liitle Poinsinet'' ist nur ein Seitenstück^ vielleicht mit leichtem 
parodistischem Einklang zu „Klein Zaches", dessen phan- 
tastischer Zug ihm ganz fehlt. 

Ganz richtig konstatiert hingegen Werner die überein- 

1) StTtty PaperBj p, Öl — 61, bringen diese sonst nicht wieder ab- 
edruckten Erzählungen. Über die Übersetzung vgl. Werner, p, HO. 
?'gl femer yotea and Qun^es /or a Bibliographif of W. M, Tlmckermj. 
tks Athm^Mium 1887, Jan, 15. 

^ Wieder abgedruckt in Älray Papers, 

3) E. Schaub, W. M. Thackeray« Entwicklung zum Schrifl- 
steiler. Inauguraldiss. Basel 1901, p. 53. 

*) UrsprüngUeh im NaUomU Simdard, Kl, 24. Äug, 1838. 
») A. a. 0. p. 17 m 

2* 




— 20 



stimmende Yorliebe Hoffinanns wie Thackerays für die 
Schilderung des Spielers, bei beiden auf eigenen Erleb- 
nissen fußend.^) 

Unter Einfluß Hoflftnanns registriert Schaub*), ohne 
Platen zu nennen^ auch die im ''National Standard'*, 
4. Jänner 1834, erschienene Prosaaullösung — eine Spezialität 
Thackerays in dieser Zeit — der Platenachen Romanze 
,,König Odo^^: *'Kin(f Odo's Wedding*' ^) Wie Werner*) 
nachweist, benutzte Thackeray die zweite Fassung dieser 
1819 entstandenen Romanze in der Ausgabe der „Gedichte 
von August Graf von Platen-Hallermunde" 
(Leipzig 1B28), Thackeray ist bemüht, der Handlung einen 
geschichtlichen Hintergrund zu gehen, und motiviei-t viel 
ausfülu'licher als die knappe, rasch vorwärt^s drängende 
poetische Fassung; er gibt der Handhmg in ausführlicher 
Einleitung die Vorgeschichte^ die bei Platen, der uns in 
medias res führt, fehlt, und schiebt überdies ein eigenes 
Stück, den Chorgesang der Nonnen, ein.^) 

Was Thackeray bewogen hat Platens Gedicht in Prosa 
wiederangeben, wodurch namentlich bei indirekter Wieder- 
gabe der Reden viel verloren gehen mußte, ist ebenso 
imklar wie in einem späteren Fall, bei der Prosawieder- 
gabe von Uhlands „Des Sängers Fluch", ^'National 
Standard', Fehnmrtj 1, iSSi^) Mit U bland dürfte Thackemy 
vielleicht schon in Deutschland bekannt geworden sein; 
sicherlich aber ist George Moirs Besprechung von Uhlands 
Gedichten in der ''Edinbtmjh Rmiet€*\ 183JSf auf Thackerays 
Kenntnis nicht ohne Einfluß geblieben.'^) Schon vor Thackeray 
hatten Uhlands Balladen in England Übersetzer gefunden, 
so bringt Moir im x\nschlnß an seinen Artikel einige der- 
selben. Von „Des Sängers Fluch" existierte, soviel mir 



^J Hoflmaünim ^^Spielerglück^', ^Elixiere des Teufels*^ u.a., 
Thackeray in **The Memoirs of Barry Lf/ndoHf E^q.**, in **TheI{avemwing", 
in **Vamty Fair"', in den '*KickUbury$ on ihe Bhim" u.a. 

«) a. a- 0. p. 64. 

^ Wiederabgedruckt "Stray Paper$'\ p. 68, 

^) Werner, p. 81 f, 

^) Näheres Werner, p. SI£. 

<) Wiederabgedruckt Siray Papers, p. 60. 

^) Siehe Werner, a, a. 0. p. 82. 



— 21 — 



liekannt ist, keine Übersetzxiiig vor Thackerays Prosa- 
Übertragung, *) 

Uhland nimmt Thackerays Interesse auch in der Folge- 
zeit wiederholt in Anspruch. Davon zeugen die gelegent- 
rlichen Zitate, so der Vergleich Boxalls und Turtiers in den 
► Worten Uhlands» dem Vergleich^ den dieser für das Königs- 
paar in ^Des Sängers Fluch" gebraucht:*) 

,^Der Turner furchtbar prächtig wie bhit'fftr Xordlichischeinj 
Der ßoj'aU süß und mihh^ als blickte VoUmond drein." 

which signißes in English, that 

**Ä8 beams the moon so gentle near the buh, that blood^red Iturntr, 

So »hineth William Boxall btf Joseph Mallord Turna\*^ 

Ein anderes Mal zitiert er die ersten zwei Strophen 
von ^Schäfers Sonntagslied" im deutschen Original- 
text anläßlich der Besprechung von Edivin Lfimlseer^s Bild 
**A Skefiherd Prat/hig at a Gross in the Fields,*'^) 

Ganz klar ist auch der von Werner nachgewiesene 
Einfluß von ühlands „Schwäbische Kunde" auf eines 
der "Tremenduus adventures af Major GahagmC\ Der Major, 
beim Fouragieren von seiner Truppe getrennt, besteht mit 
dem Führer einer feindlichen Schaar, die ihn überfällt, ein 
ganz ähnliches Abenteuer, wie Uhlands schwäbischer Bitter: 
*'Mif sword caught the fqnke exadhj on fht point, split il sheer 
in ttWy cut crashing through the steel cap and hood^ and was 

mtltf stopped by a rtdnß^ which he wore in his hack-plate. 

His heady cui clean in (wo between the egebrows and nosiriU^ 
even between the two frtmt tevth, feil one slde on euch shoiddefi 
and he galloped on iiU his horse was stopped hg mg meu . . . 
the remaining ruffians ßed on seeing tkcir Ivader's /ate,*'\) 

1865 bringt Thackeray in ''MisceUanies'* *'Four German 
Ditiies'\ In völligem Ii*rtAim aber befindet sich Werner, der 
den ersten Druck dieser Übersetzungen in den '*Miscellmüe.^ 
annimmt» Dieselben erschienen unter demselben Titel bereite 
1838 in Fräsers Mag. XVII, p, 677—579. Damit erhalten 

^) Über dieselbe siehe Werner, a, a. O. p. 32 f. 
^ Ä pktorial Uhapsodtj. XXV, p. 168. — ^) XXV, 259, 
*) XV, '277 f. — Vgl. Werner, p. 20, — Gaoz äliiiHch heiüt e^ 
vom Grafen von Cleve; "he had cut an elepliant-driver in iwo piecen, and 
$plit asunder the nkull of Üie elephant, which he ivde/' XV, 262. 



Thackerays ÜbertragxiBgeii einen höheren Wert, da sie an 
den ersten in England gehören. Von den von Werner') an- 
geführten, Thackeray voransgehenden Übersetzungen ist also 
für *'The Chaplet'\ „Der Kranz** nur die erstgenannte in 
'*T/ie Foratjn Review'' April 1837,*) für ''The King on the 
Töwer*\ nDer König auf dem Turme^ nur die George 
Moirs in dem bereits erwähnten Änfsatz der Edinburgh 
Ecview,^) deren Benützung durch Thackeray Werner klar 
nachweistj^j als tatsäclilich fi"üher anzusetzen. 

In den *'FoHr German Ditiies" erscheinen neben ühland 
Charaisso und Foiique. Chamissos „Tragische Gre- 
schichte", ".4 iragic s(org^\ vor Thackeray nicht übersetzt — 
Werner führt C. T. Brooks 1863 an — weicht im Versmaß 
und auch inhaltlich leicht vom Original ab,®) Frei vom 
Versmaü des Originals hält sich Thackeray auch in der 
Übeitragung von Fonqaes „Die Greisin", "Ib a verg old 
wontan'\ bis auf Thackeray nnübersetzt und von allen seinen 
Übersetzungen wohl am besten gelungen,*) — 

Sowohl Chamisso als auch Fouque verdanken ihre große 
Beliebtheit in England aber nicht so sehr ihren poetischen 
Arbeiten als viehnehr zw^ei kleineren Prosaarbeiten: „Peter 
S c h 1 e m i h 1^' und ,,U n d i n e'^ beide zur Zeit bereits mehr- 
fach übersetzt und infolge ihrer Beliebtheit bis auf den 
heutigen Tag, namentlich das letztere wiederholt neuerdings 
übertragen. n (leorge Cruikshank hatte den Schlemihl 
illustriert und in seinem Essay über Cruikshank kommt 
dexm Thackeray auch auf diese Mischung von *'ihe awful 
and the rkliculous'* zu sprechen: namentlich die Zeichnung 
zu der Szene, in welcher der graue Mann Schlemihls Schatten 
erwirbt und einsteckt, bespricht Thackeray näher,®) Auch 
,,ündine'*, eine der reizendsten Blüten der Romantik , er- 
wähnt Thackeray gelegentlich;*^) ja in seinen schwersten 



») A, a. 0. p.8Sff. — ^ Werner, ii,a.O, p.SSf. — ») Werner, 

p^ B4, _ 4) Okt. 1832, vol 5B, p. 46 f. — ^) Siehe Werner, p. 35. 

•*) Vgl Werner, p. 35 f, — Der Vollständigkeit halber sei hier 
auch des Plane« einer Körner- Übersetzung gedacht^ der sich in 
einem Briefe ans Weimar iiudet. Vgl. Biogr. Ed., 1, p, XXIL 

^} Über La Motte Fonqu^ö Verbreitung in England siehe 
Werner, p. 96. 

»J XVIII, 875. — ^'\ IV, 353: XXV, 246 (Machfies Bildl. 



— 23 — 



Tagen illustriert er das Exemplar seines Freundes Edivard 
Fitzgetald mit an die vierzehn kolorierten Zeichniuigen. *) 

Gelegentliche &wöhnung findet auch Jean Paul, 
von dem er ein Zitat bringt: "The past and the/uturef says 
Jean Paul, are wriUen in every cöunienance"^) und in ganz 
ähnlicher Weise auch Heine im '*Paris Skeich-Book*': '^Dieti 
est uuirV'y says another teriter of ihe same class, and of great 
(jenius föO. — '*Dieu es( nwrt'% writes Mr. Heine, speaking of 
ihe Christian God: and he adds^ in a daring ßgure of speech, — 
**N^ mtendeZ'Voiis pas sonner la clochette? on porie les sacre- 
ments t} un Dieti qui se meurf*. 

Schon in seine Jugendzeit zinrück reicht wohl seine Be- 
kanntschaft mit K o t z e b u e, dessen Rührstücke um 1800 die 
engliäohe Bühne eroberten und wohl auch noch in den zwan- 
ziger Jalaren, sowie er es uns im Pendennis erzählt, auf den 
Provinzbühnen gespielt wurden. Das Stück, das Thackeray 
anführt, ist „M enschenhaü und Reue^,in der englischen 
Übersetzung von Benjamin Thompson '*The Strangcr'\ nach 
dem ,, Unbekannten** des Pei^onenregisters benannt, ^j 

Die Handlung des Kotzebueschen Stückes ist bekannt : 
Eulalia von Meinau hat sich während einer längeren Reii?e 
ihres Gatten verführen lassen. Bald kommt die Reue, Die 
Gefallene hält sich ilirer Familie für unwürdig und verläßt 

Auch der Mann geht in die Einsamkeit. Beide über- 
bieten sich, einander unbekannt, in Werken der Wohl- 
tätigkeit, bis sie ein Zufall zusammenführt. Die Lösung 
wird in einer groÜen Rührszene durch dieKinder herbeigeführt. 

Und nun Thackerays Urteil: 

''Those ivho know tke plap of the 'Stranger\ are awarc 
(hat the retnarks made by the variotis characters are not valuable 
11» thentselve.% eitherfor their sound sensfi. their novelty of Observa- 
tion, or their poetic fancy. 

Nobody ever talked so. If we meet idiots in Hfe, as will 
happen, ii is a great mercy (hat they da not use such absurdly 

>) Letter» of Edward FiUgerald, London 1894, 2 voLs., voL I, 2^*. 

^B ^) SlteHdan hat, da er kein Wort deutsch y erstand, nach dieser 

I Übf»i'*etzung das Stück für die Bühne bearbeitet und 1798 im Drury 

I Lane Titeater zur Aufführung gebracht. Vgl A. Eichler^ J. R. Frere, 

I Wiener Beiträge zur engl. Phil. XX, p, 28 und E. Margraf, EinfliiÜ 

^^ d. deutschen LjL auf d, engl am Ende des 18. Jahrb., Diss., Leipzig 19UL 




fine words, i Peter) The Stranger' 8 talk is shmm like tbe baak 
he reads , . * ■ — but in the midst of the balderdash. there 
runs ihat reality of love, chUdrm, and forgiveness of wrong, 
which will hc lisiened io wherever Ü is preachedf and sets all 
ihe World stfutpathising/'^) 

Thackeiay erkennt ganz genau die Schwächen des 
Stückes» die Mache, die Verlogenheit und Unwahrheit der 
Charaktere, die nur Theaterfiguren aber nicht Menschen 
sind; aber Thackeray erklärt sieh auch die Wirkung des 
Stückes: Kotzebue arbeitet mit echt menschlichen Begangen, 
der Mutterhebe, echter Reue und Vergebung, die immer 
Sympathien abringen müssen» 

Im weiteren Verlaufe der Besprechung geht Thackeray 
nur noch auf die Rolle der Madame Müller — Mrs. Haller 
der Übersetzung — näher ein, hauptsächUch mit Hinblick 
auf die Trägerin der Rolle* ^) Später kommt er noch auf 
das Schicksal Kotzebues, seine Ermordung durch Sand zu 
sprechen.^) 

Auch ein zweites Stück Kotzebues *^Pigarro*\ d. i, „Die 
Spanier in Peru oder Rollas Tod*', gleichfalls von 
Thompson 179iJ übersetzt, ist kurz besprochen, ""j 

Das bereits erwähnte Essay über Cruikshank gibt 
Thackeray' Grelegenheit, auch der „K i ii d e r- und Haus* 
m ä r c h e n* * der G e b r ü d e r G r i m m Erwähnung zu tun, 2U 
denen Cniikshank gleichfalls die Illustrationen lieferte und^) 
im Hinblick auf dieThackeray nun einzelne Märchen namentlich 
anführt.. Besonders des Märchens vom Rumpelstiezchen und 
der dazu gehörigen Zeichnung gedenkt er ausführlicher. 

Eine Beeinflussung Thackerays durch Grimm, das 
„Aschenputtel**- Motiv, namentlich in "A shabhy gmted 



1) m, 4L - ^) 111, 41 £ — 8) ni, 56. 

*) m^ !40. — Die übrigen Erwähnungen Kotzebues sind belanglos; 
höchstens die autobiographisch zu nehmende Notiz, XVII, 20L sei 
angeführt: Fitzboodle liest in Weimar während seiner selbst auf- 
erlegten Krankenhaft sämtliche Werke Kotzebues. 

^) ** Populär Startes, trandated from the Kinder- und Hausmärchen 
callected Inf M, M, Grimm . . illustrated by George Cruik^ankj Puhlishcd 
btf C. Baldwin^ Newgate Street, London 1824" in 2 Bänden und selbständig 
davon eine verkürzte Ausgabe; **Fairy Talei, from the German of 
X L. Grimm . . - with ülHstrationä by CfMikshank, London 1827^. — 
Vgl Werner, a, a. 0. p, 22. 



^^ 25 — 

wo sich allerdingB Anklänge finden^ sucht Werner 
nachzuweisend; 

Nicht unerwähnt darf gerade an dieser Stelle auch 
eine Bemerkung über Tieck bleiben, die Thackeraj" an- 
läßlich der Besprechung des bereits erwähnten Bildes ans 
.,Undine'' von Maclise macht: 

**W€ must have ihefmryTaks illustrated bt/ ihis gmiihman** 
(d. i. Maclise) *7ff is the only person, except Tieck of Dresden, 
who kttows antfthing aftout Ihetn,** 

Einen außerordentlich wertvollen Äuftchluß erhalten 
wir aus einer Karikatur aus Thaekeraya Schulzeit im 
Charterhouse, einer Zeichnung auf dem Titelblatt von 
CA. lioUins **Äncient }iisiory'\ das in der Schule zu jener 
Zeit benutzt wurde ; Clio, ein altes Weib mit H-egenschirm, 
Trompete und Korb, stützt sich auf einen Stoß Bücher, 
Virgil, Rollin, Don Quixote, Orlando Furioso, Tasso, Homer 
und zu Unterst AI ü n c h h a u s e n. Dieser gehörte also zu 
seiner Jugendlektüre und übte im Verein mit dem gleich- 
falls angeführten Don Quixote einen ziemlich großen 
Einfluß auf die Jugendarbeiten Thackerays aus, deren burleske 
Elemente namentlich diesen beiden Büchern anzurechnen 
sind.^) 

Münchhausens Greschichten^ auf deutschem Boden er- 
zeugt, wm'den von Rudolf Erich Raspe* Bibliothekar in Kassel, 
der sich lange Zeit in England aufhielt, in englischer Sprache 
herausgegeben 1786,^) im selben Jahre anonym von Büiger 
übersetzt und erweiteit^) und erlangten seitdem namentUch 
in England in mannigfachen Überarbeitungen eine große 
Beliebtheit. 

Der Einfluß des Buches zeigt sich am deutlichsten in 
'*The tretitendous c^ventures of Major Gahagan'\ einem Münch- 
hausen ins Englische übertragen, der mit seinen zahlreichen, 
in verschiedenen Diensten. namentUch aber in Indien voll- 
brachten Abenteuern und den Belegen, die er für die.sel1>pn 

^) A. a, O, p. 23tl 

^) Vgl Weriior, a. a. 0. p.24ft: 

^1 Bmvn Munchfiüit^en*» narrative of hü marvellmis travelit and 
vximptMi^m in RusaiiM, bt/ K, E. Kaspe, Oxford 1786, 

*) Wunderbare Reisen au Wasser und zu Lande^ Feld;5tlge luid 
lustigt» Ab*JD teuer des F reihe rro von MüncUhausen. 




— 26 — 

in seinen Erzählungen vorweist, sich ganz an das Vor- 
bild anschließt.^) Auch sonst finden sich Anklänge, so in 
*'A Legend of the Rhine*\ wo das wild dahinstürmende Pferd 
des getöteten Gottfried unter anderen Hindernissen auch 
eine Postkutsche nimmt,*) wie Mtinchhausen mit seinem 
Eoti durch eine Postkutsche setzt oder in den ganz im 
Miinchhausenstil erzäldten Abenteuern des Grafen vonCleve.*) 

Ein bisher noch nicht konstatiei-t er Einfluß auf Thackeray 
ist der Hau f f s, der freilich nur ein einziges Mal zu sehen 
ist, im '*SuUan Stark'\*) dessen Grundlage, aUerdings für 
Thackeray s satirische Absichten geändert, Hauffs Märchen 
vom y^KuUf Storch'' ist. 

Auch als Kritiker eines deutschen Buches erscheint 
Thackeray einmal in Fraser^ts Mag, February 1S44: ''The 
Bun/omasler of Berlin, from the Gertfian &f Willihald Alexis'*: 
der Name des Übersetzers erscheint nur mit den Initialien 
W. A. G-*) — Thackeray, der dem Buche **true Gertnan 
industry and no sthuII sharc of kumour'* zuspricht, findet 
darin ein sehr genaues Bild deutschen Lebens im IB. Jahr- 
hundert, das kennen gelernt zu haben den Leser freut, 
wenn er auch am Seh hisse des schweren, besonders für 
Engländer schweren Buches angelangt, dasselbe mit einem 
Seufzer der Erleichterung weglegt. 

Auch das deutsche Volkslied, Kirchen-, Soldaten-, 
Studenten-Lied ist Thackeray nicht unbekannt: Luthers 
^,Ein fester Burg ist unser Gott*' (sie!),®) „Prinz 
Eugen, der edle Ritter*',') femer ein ganz originelles 
altes Soldatenlied: ^0 Gretchen, mein Täubchen, mein 
Herzenstrompet, Mein Kanon, mein Heerpauk und meine 
Musket",®) Das deutsche StudentenJied kommt an anderer 
Stelle zur Besprechung. 



Nicht unbei-ührt darf an dieser Stelle das Verhältnis 

Thackeray s zu B u 1 w er bleiben. Die Gründe für die Gegner- 



*) Geiiftueres siehe Werner, a. a. O. p. 25, 

-«) XV, 222. — «) XV, 252, 

*) Sultan Stork and other siari^. 

») A Box of Novck. ^ Stand. Ed„ XXV, p. 69. 



♦^) XIX, m u, a. 



— f] TV 



XIX, a». - «) XIX, 80, 



•obaift gegen Bulwer ohaxakterisiert Leslie Stephen : *) Biilwer 
erscheint namentlich dem jungen Thackeray "as auoiher 
avatar of the greai spirit oj hmnbuy, For not onbj dkl i he netr 
writer talk aboui the Tnte and the Beauitful in capiial letterSt 
or, in other wordSy iry to ettUven British dulness hy a liberal 
inßision of Oernian mysticism and sentimentalisvi, hut he applied 
ihis sham philosophy to point very immoral doctrines in such 
books iMS 'Ernest 3Ialtravers* and 'Eugene Äram\** Thackeray, 
der sowohl Scotts Eomantik als auch den "Bifronism*' für 
abgetan ansieht, sieht anch in ''Bulwerism'* nur "a new 
phase of aß'eciation imported from Gct^many by u conceited 
dandi/\ 

Am schär&ten zeigt sich diese Gegnerschaft in der 
Kritik von Bulwers ''Ernst 3laUraver$'\^) Es sind die Ein- 
flüsse der deutschen Romantik und Raligionsphilosophie, 
gegen die sich Thackeray wendet. Ernst Maltravers, ein 
exzentrischer Jüngling, gerade von der Universität heim- 
gekehrt und erfüllt mit den Ideen seiner Zeit, entflieht 
mit einem jungen Mädchen. Thackeray zergliedert nmi 
dieses Verhältnis; ^*ffe is a yoxmg man of f/etierous dis- 
pQSiiiofis; lie i$ an exedleni Christian atid instructs the 
Ignorant Alice in the anful tniths of his religimi: vwreover, 
he is deep in poetry, philosophtj^ and the German metaphysicsJ* 
Ernst Maltravers steht also ganz deutlich, wenn auch keine 
Namen genannt sind, unter dem Einflüsse der Romantik, 
Schleiermacher, Schlegel, Sohelling u. s. f. ; und 
Thackeray zieht nun die Schlußfolgerung f üi* das Verhältnis 
Ernsts zu Alice, wie es sich seiner Anschauung nach — 
natürlich nach Hulwer — unter solchen philosophischen 
Ideen und Moralanschauimgen nur entwickeln kann : *'Hotc 
should such a Christian instruct an innocent and heautiful chitd, 
his pupil? What should such on philosopher do? Why, seduce 
her, to he sureT 

Die AngriflFe Thackerays gegen die moralischen An- 
schauungen der Schleiennacher, Schlegel etc., natürlich 
indirekt über Bnlwer und daher nicht klar und gerecht 

1) The Wriiinffä of Thackeray Staiid. Ed., XXIV., p. 335 ff. 

>) Frager*» May., XVH, 1B38, p. 79—1(6. On a Baich of novels for 
Christmas 1837, wiederabgedmckt in Criiical Faper» in Liierature by 
W, M. Thaekeran, London. 1904. 




'— 28 — 



sdieidend und wohl auch nicht ganz bewußt, sind trotzdem 
90 deutlich, <laß sie nicht übersehen werden können. 

Deutlicher spricht er sich über deutsche Philosophie, 
über Kant^ an anderer Stelle aus, gelegentlich einer Re^ndew 
von CarhjU's "French Revolution'' ^): " — ihe iniiiated in meta- 
physics, the sages tcho harn passed ike vcil of Kantian phtlosophy, 
and discövered thal the 'critique of pure reason* is really that 
which ü purporis to be and not the critique of pure nonsettse, 
OS ii seenis to worldly mai : to those the presettt book has chartns 
unhwwfi to US." — Von hoher Aufiassung und Erfassung 
der Kantschen Philosophie zeugt die Stelle nicht, die im 
Gegenteil Leslie St ej^hens Vrieil-) über Thackerays Erfassung 
deutschen Geisteslebens völlig bekräftigt.. Stephen behauptet, 
daß Thackeray nicht allzuviel aus Deutschland heimgebracht 
habe^ ging er doch als neunzehnjähriger Jüngling hin und 
'^was probahly not prepared in any way to catch the conta^ftoH of 
German thought. At Cambridge there was not evett that kind 
of intelkctual fermmtation which was making Oxford the cetHre 
of a greai rcligious movement, Sonie young men, knoiai to 
Thackeray then or in tatet life^ such as Maurice and Sterling, 
would have gone to Germnny as eager pilgrims anxious to know 
what answers could be draum from the oracles of phihsophy to 
the questiofis which were perplexing timr mmds, But that was 
not Thackeray's tefnper^\ 

Dies gilt ganz sicher von Thackerays Kenntnis der 
deutschen Philosophie* Und betrachtet man Thackerays 
Kenntnis der deutschen Literatur, so kann man sie doch 
nur als eine oberflächliche bezeichnen. Einen tiefgehenden 
Einfluß hat er von der deutschen Literatur nicht erfahren; 
von der gelegentlichen Beeinflussung in einem oder dem 
andern seiner Erstlinge muß man wohl absehen. Der 
Thackeray des "Vanity Fair\ des ''Pendetmis", "Esmond'\ 
der f.Virginians'* ist stockenglisch; und wäre er es nichts 
wir wären wohl um manche Perle echtenglischen Humors 
ärmer. 

Thackeray hat seine Kenntnis der deutschen Literatur 
in einem Brief an Macvie Napier's Bevollmächtigten T. Lmig^ 

*) The TimeUf 3. Aug. 1887^ wiederabgedruckt in Siätan Stark d' oihtr 
iiories, Critical Papet-H in Literature sowie Biogr. Ed. 

-) Leslie Stephen, Tfic Wnlingit of Thackeray, Stand. Ed., XXIV, p.326. 



'— 29 



man, der Thackeray eine Eiiiladimg zur Mitarbeit an der 
Edinburgh Review sandte, selbst charakterisiert:^) 

''Reform- Club, Simciay 6, April [184:5]. 

My Dear Sir, 

I hardly kfiow whai subject io point out as stuted to my 
capaeity — Upht matter.^ connected tvith art, humourous reviews, 
critiques qf noveh — French subJectSj menioirs, poeiry, hisiory 
from Louis XV. dmvnwards and qf an mrlier period — that of 
Frossart and Monsirelet — Gernian lighi Uteraiure and poetry, 
thottgh öf ihis I know but Utile heyond wJmt I leamed tu a 
year's residence in the cauntry 14 years ago**^) 



*) Der Briet j der sich in den MacHt-Napier-Fapers im Britischen 
Museum befindet, ist abgedruckt in der Einleitung zu den Critical 
Paper» in Literaturen 

2) Es erübrigt mir nur noch eine Notiz: Bio^r. Ed., voL IT* 
p. XXVIII, findet sieh unter Datum vom 30. Juli 1H40 folgendem 
Zitat aus einem Briefe Thackeray«: *'/ have read Ranke's 'Histortj of 
the Popes' (in the way of bueine»»)* U is a yreai hook^ and matf he 
f€ad tcith proßt hy some permm who wonder how oiher persans can talk 
ahout the 'beautiful Roman Catholic Church\ in 'who9e boaom repose so 
mantf mtnU afid sagend Saint^i und sages do skep there and tcenjwherc 
nnder God's sitnshine, I hopt'* 

Im Augusthet^ von Fräser'» Mag,, 1840 (vol, XXII, p. 127— 145 ^ 
tindet sich nun pine Heview der Übersetzung von Rankes Geschiehte 
der Päpste von Sarah Attstin {The Ecclesiastical tf- Poliiical Historu 
of the Popes of Btmie diiring the Sirteenth and SevetUeenth Centuries. Bij 
Leopold Ranke. Translated from ihc German by Sarah -lw5iiii, 3 vols,. 
London IMOJ, die man auf den ersten Bhck mit Rtlcksicht aut 
Tbackerays **in the wog of btmness** wohl dießetii zuzuschreiben sioli 
verleitet fühlen könnte, die abei* gerade ihres orthodoxen, zelotiach- 
protestan tischen Charakters wegen — der Eeviewer sucht die Ereig- 
nisse, die Reaktion zu Gunsten des Papsttums im 16, und 17. Jahr- 
hundert aus biblischen Weissagungen zu erklären: DanteL cap. 2, Bl. 
die Weissagung von den vier Reichen, cap, 7, seine Vision der vitt 
Tiere und St. Johannis Offenbarung, cap. IT, Die große Hure Babylon 
auf dem Tiere mit sieben Häuptern und zehn Hömem — zu Thackeray- 
gerade in der betreffenden Notiz klar ausgesprocheneu Meinung im 
diametralen Gegensatz steht. Auch die Artikel der übrigen Zeitschriften 
über Rankes Buch können für Thackeray nicht in Anspruch genommen 
werden, zumal da sie alle gezeichnet sind, und Thackerays Plan einer 
Review, der aus oben zitierten Zeilen klar hervorgebt, dürfte Absicht 
geblieben sein. 



— 30 — 



Thackerays Verhältnis zur deutschen 
Tonkunst, 

Einen ziemlich groüeii Raum gewährt Thackeray in 
seinen Werken auch der deutschen Musik. Abgesehen von 
Händel/) den die Engländer ja für sich in Anspruch 
nehmen^ und auch von Haydn»^) der in England früher 
Anerkennung fand als in seiner eigenen Heimat, hat 
Thackeray von fast allen bedeutenderen deutschen Kom- 
ponisten Kenntnis : Mozart, Weber, Beethoven, 
Meyerbeer, Mendelssohn, Liszt* 

Er gibt geradezu Analysen der Eindrücke, die einzelne 
Stellen und Partien auf seine Helden machen. Man lese 
die Stelle in den Newcomes über den ^Don Juan**, "/Ae 
sweetesi of all music"!^) Freilich, Ethel spielt, Clive hört 
zu! Das ganze alte, romantische Land taucht vor seinen 
Augen auf unter dem Einfluß dieser Musik. An einer andern 
Stelle spricht Thackeray von der ''aw/ul music ofDonJimn 
hefare the statuc mters''*) (II, Anfeug, 21. Auftritt), bevor 
die Grabstatue des Komturs erscheint, der Einladung seines 
Mörders zu folgen. „Don Juan**, der sein Lieblingsstück 
von Mozart zu sein scheint, namenthch der weichen 
schmeichelnden Musik wegen, die das Entzücken Emmy 
Üsborns bildete,^) erscheint am häufigsten zitiert. Daneben 
erwähnt er die „Zauberflöte'^*) oder ^Figaros Hoch- 
zeit**^) oder spricht von Mozart als Komponisten religiöser 
Lieder,*') Übrigens versteht er die unter italienischem Ein- 
fluß stehende Musik Mozarts gan^ gut, wenn er ihn in 
einem Atem mit Cimarosa nennt.**) 

Aucli Weber findet sich häufig angefühil, dessen 
.»Freischütz*^ Thackeray vor allem zu lieben scheint. 
Er hebt einzelne Lieder imd Chöre aus demselben hervor: 
„D a 8 T r i n k 1 i e d*' *") ( ,,Hier im irdischen Jammertal", I, 6), . 
den "Bridesniaid*s Chorus*'^^) („Wir winden Dir den Jungfern* 
kranz*\ DI,?), den „Jägerchor**, 'Hhe Hunimnm' s GAoms'*") 
(„Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen**, HI, 9> 



1) V,67; V, 136 u.a. 
^ 11,172. — '^)n,207. - 
XXY, 317. — a» n^ 149, _ 
»«) XV, 233. 



— s) V, 136; IX, 259 u.a. — ») V, 136. — j 
«) II, 172; XVn, 207 u, a. - ^ XX, 224|/ 
ö) n, 297. - 10) in, 165. - ") XT, 23a — 



— 31 — 



Eine weitere Erwähnung des T,FreischütK**,') die sich aul 
den Text, die Handlung bezieht, findet später ihi*e Würdigimg. 
Außerdem ei'^^ähnt Thackeray noch Webers ^,Oberou'%'*) 
•femer '*thai imder love':^ong ofWeh€r*ft'\ „Einsam bin ich nicht 
alleine*^ •) aus der P r e c i o s a, Text von Pius Alexander 
Wolf/) 

Ein klar aiisgesprochenes Urteil, eine ausgesprochene 
Wertsühätzung^ die wir bei den beiden besprochenen Musikern 
nur aus den mehr oder weniger häufigen Zitaten ersehließen 
können, finden wir über Beethoven, Mit feinem Blicke 
setzt Thackeray den gewaltigen Beethoven, der einsam 
in seiner mächtigen Höhe dasteht^ neben den grandiosen 
Michel Angel o; 

'*!/ Mr. Clive is not a Michael Angelo or a Beethoven , 
if his ffernus is fioi gloomy^ solitary, gigantiCy shining alone, 
Uke a Ughthouse, a sionn round cthout A*m, and breakers dashing 
at his feet —' *) 

Wir besitzen recht wenig Urteile dieser Art! 

Über eine ,,Fidelio**-AufiHihrung, die er mit Frau 
Sehr oe der- Devrient in der Titelrolle in Weimar ge- 
sehen, berichtet er im Briefe an Lewes, Die Auffühnmgt 
die er seine Beisegesellschafl:- in ^'Vanity Fair'' in Weimar 
mitmachen läßt, ist die Aulfiihnmg jenes Abends im 
Jahre 1831: 

"and Madame Schroeder-Devrietit, then in the bloom of her 
heauig and genitis, perfomted tke pari of the f^eroine in th* 
wonderful opera of 'Fidelio' . . * ihe astonishing Chorus oj 
Prhmers, over which ihe delight/ul voice of ihe aciresB rase 
and soared in ihe ntosi ravishing harmong.*'^) 

Die Schroeder ist für ihn unti-ennbar verbunden mit 
der Figui' Fidehos.') 

Gleich im Anschluß an die „FideUo**-Au£fühning** in 
**Vanity Fair" en^'ähnt Thackeray eine andere Komposition 
Beethovens, „Die Schlacht bei Yittoria^^**) Gemeimt ist 
die auf den Sieg W^eUingtous bei Vifctoria 1813 komponierte 

l) XY, -233. - «) V, 136 und XX, 270. ~ 3) II, 359. 

*) Gelegentlich erschemt auch Webers englischer AufenthüJt 
in einer Reklamanekdote t^r einen englischen Musiker ausgenutzt 
XX 207 ft. 

' &) VI, 6. - «) n, 300. - 7) Vgl auch XXV, 388. — ») H, 300. 



— 82 — 

Symphonie^ gewöhnlich „Schlachtensymphonie** über- 
schrieben (op, 91), die Thackeray als Engländer natürlich 
bekannt sein mui3te. Ganz charakteristisch für ihn aber ist 
eine andere Stelle, an der er von der gleichen Komposition 
spricht. Wieder bringt er die bildende Kunst in eine Pai'allele 
mit der Tonkunst, wie an der Stelle, da er Beethoven neben 
Michel Ängelo setzt. Diesmal ist es William Turner und den 
Eindruck, den die '^Fighting Temeraire'* ausübt, vergleicht er 
dem tiefen Eindruck, den er gelegentlich einer Autf ühnmg 
der "BüHle o/Vitioria" in Weimar empfangen hat, als **amidst 
a stonn of (jlorious mus^ie, ihe air of *God save ihe Kuuf\ was 
iniroduced** : begeisternd hier der Ton, dort die Farbe.') 

Atich andere deutsche Musiker erscheinen, freilich nur 
kurz erwähnt: Meyerbeer mit seinem ,,Robert der 
TeufeP%-) Mendelssohn, nur mit Namen genannt,*) 
so auch sogar Liszt, freilich "Liä/j'' geschrieben ;*) daneben 
auch die Pianisten und Komponisten Kalk brenn er fFriedr. 
WiUi.)«^) und Henri Herz.«) 

Allzuhoch darf man Thackeray 9 musikalisches Ver- 
ständnis nach solchen gelegentlichen Äußerungen wohl nicht 
anschlagen, wenn auch das Feingefühl des Künstlers ihn 
gelegentlich ein schönes Bild finden läßt für sein Urteil. 
Seine Kenntnisse sind wohl im allgemeinen die eines ge- 
bildeten Engländers seiner Zeit, dem das reiche Musikleben 
Londons — man lese nur die Artikel in Fräset-' $ Mag, aus 
den vierziger Jahren über die deutsche Oper und deutsche 
Gastspiele in London') — genügend Gelegenheit zu mu^ika- 
lischer Bildung bot.**) 



») XXV, la?, die Stelle stammt aus 1839 (Froitr'» Mag., A ucand 
hiter on the fine Arts) iüt ako firüher gesclmeben aÜB die Zusammeu- 
-stelltuig Beethoven- Michel Angelo. 

») m, 207. a) VI, 73. - *) XVII, 204, Aiifang der viei'ziger 
Jahre hatte sich Liözt durch seine KmiÄtreisen bereits durchgesetst; 
die FUzb(mdk-Pap€fs^ die ihn nennen, fallen 1842/184S. 

») XVU, 204. - «) XX, 222, 

^) Frastr's Mag., 1841, MambUng Retnarks wük reference to ih€ 
Genttan opera. 1842. The German opera, <tc. 

*l Thackeray selbst scheint in London ein üeLßiger Opernbesucher 
gewesen zu sein. Seine Briefe au Mra, Brookßeld berlohten öfters von 



Opernbesnchen; Mey erbeers ^Hu^notten" 
i j). 140). [Brmkfield LetUrsJ 



(p, 60), „Don Giovanni^ 



B3 — 



Thackeray und die bildende Kunst der 
Deutschen, 

Die bildende Kunst der Deutschen kommt bei Thackeray 
sehr schlecht weg. Während er Kaphael, Michel Angelo. 
Kubens, Van D^^ke wiederholt zitiert, den französischen 
und englischen Kunstausstellungen seiner Zeit ganze Artikel 
widmet, bleibt es bei der deutschen Malerei ^ denn mir 
dieser Teil der bildenden Kunst erscheint überhaupt er- 
wähnt — nur bei gelegentlichen Äußerungen. 

Thackeray erscheint als Gegner der Schule Dürers 
und C ran ach 8,') er setzt der ^.christlichen*' oder 
„katholischen*^ Kunst der v e r b e c k und Cornelius, 
^Hke nambt/-pamby mystical Germun schoül, which isfor carry mg 
tiS b(tck tö Cranach and Dürer, and which is niuking progress 
hete"^j (sc. in Paris), hart zu. Nichts scheint ihm leichter 
als diese Kunstrichtung ; Helle Farben auf goklenem Orunde, 
Kostüm des beginnenden 15, Jahrhunderts, die Apostel im 
Meßgewand, die Jungfrau gekleidet wie eines Bürgermeisters 
Weib von Cranach, den Kopf zur Seite geneigt, die Augen 
geschlossen, ein möghchst einfältiges Lächeln und dazu 
einen Heiligenschein nach genauem Wagenradmuster. Und 
Thackeray findet diese Kunst auch in England, durch ^ner 
Jahrhunderte überliefert, in den Karten- Königen und 
-Königinnen *'. . * the cosiumes and atiitiides are precisehj 
simüar ta tlwse which figure in the catholicities of the school 
üf Overbeck and Comelius/'^) 

An einer andern Stelle erscheint Overbeck als "/Äe 
mystical and tender-hearied*',*) 

Besser ergeht es der Düsseldorfer Schule: ''sanie 
wen from Düsseldorf have smt very fine scietittßc faithfui 
piciures, ihat are a utile heavy, but still you see thai they are 



1) XIV, Fans Sketch Book, On the French St^iool of Painting. 

«) Auch XXV, "May GofnboU; or Tiimarsh in the Picture Galleriet**, 
iipmcht er von "U^e n^w German dandy-pietüticiü schoor und erwähnt 
Overbeck, p. 238, 

») XIV. On the Frmch School of PainHng, 

*} Om 8ome tllmtr. Children*» Book*, Fraser's Mag., XXXUI (1846) 
[dieser Aufsatz ist niemals wiederabgedruckt], p. 496. 

FrisA^ Deutsche Kult»rverhiiltj}is.^e. B 



— 34 - 



poriraüs dratmi respecifully from ihe grmi, beautiful, various, 
divine fate of Nature.'*^) 

Namen deutsclier Künstler erscheinen ziemlich selten: 
Angelika Kaufmann;*) Retzsch") (Moritz, Dresden) 
mit seinen Radieningen zum ,, Faust" (2(> Blätter, 1812, 
durch Nachstiche auch in England und Frankreich ziemlich 
bekannt); oder sonst gelegentlich der Londoner Ausstellungen, 
wie Wehnert^) etc. Grelegentlich eines Aufsatzes über Illu- 
strationen zu Kinderbüchern nennt er die deutschen Zeichner 
"a kindly and good natured rctce^ wiih the organ of philo- 
pragenitivetiess sirongly devehped". ^) 

Verglichen mit seinen ÄnÜerungen über deutsche Musik 
oder gar deutsche Literatur müssen diese wenigen Be- 
merkungen gerade auf dem Gebiet, das Thackeray für sein 
eigenstes hielt, ziemlich unbedeutend erscheinen. 



I 



Deutsche GescMclite. 

In der deutschen Greschichte ist Thackeray im aUgemeinen 
ganz gut zu Hause. Altertum und Mittelalter sind 
mit wenig Belegen vertreten: Hermann^) — die Gelegenheit 
zu einem Seitenhieb auf den Teutonismns der dreißiger 
Jahre des 19, Jahrhunderts macht ihm die Erwähnung des 
Cheruskerftirsten möglich. — Das Mittelalter erscheint mit 
einer Erwähnung der FehmeJ) 

Viel mehr Besprechung findet hingegen die Neuzeit, 
Aus der allerersten Zeit nennt Thackeray Georg von Frunds- 
berg, Herrn zu Mindelheim (* 1473, f 1528), *'a colonel of 
fooifolk in the Imperial Service at Fama'\^) dessen „Leben" 
eines der Lieblingsbücher Heniy Esmonds ist. Was fiir ein 
Buch gemeint ist, ob überhaupt an ein vorhandenes Buch 
gedacht ist, dem dann der Enkel Esmonds den Stoff zu 
seinem Drama entnimmt, eine Geschichte aus den Kämpfen 
der Beformation, der Bilder- und Klösterstürmer/') ist un- 
möglich festzustellen- Es existiert tatsächhch eine Biographie 
Frundsbergs von Adam Reißner „Historia Georgen 

1) XXV, p. 226. — «) XXII, 208. — «) XXV, 24Ö. - ^) XXV, 257. 
^) Oneäome ülustr, CMdren*s Books. Fräser* g Ma ff., XX^TTT ^ p. 496. 

«) xvn, 18a. ^ 7) n, 98. — b) ix, iös. — i», ix, 153 1 



I 



— 35 



und Kaspern von F r u n d s b e r g* ' ( Frankfurt 1 568). 
Daß Thackeray dieses alte Buch gekannt haben sollte, ist 
schwer anzunehmen und so ist wohl das Buch wie Warring- 
tons Stoff Thackerays eigene Schöpfung. 

Auch der Dreißigjährige Krieg findet in einzelnen seiner 
hervorstehenden Persönlichkeiten gelegentUch Erwähnung: 
Gustav Adolf,*) Wallenstein, Butler-) etc. 

Im Vordergrund seines Interesses aber steht das Zeit- 
alter des „Sonnenkönigs^' und dessen EiniiuÖ auf Deutsch- 
land. Ludwigs XIT. Eroberungszüge, die die Kheinlande, 
namentlich die Pfklz verwüsteten, meint er wohl mit den 
''camjmigns of the Ehine and tke Palatuiale'^^) Die Nach- 
ahmung Ludwigs XiV. an den deutschen Höfen, die 
Großmannssucht aller der kleineren und größeren deutschen 
Fürsten, die glänzenden Hofhaltungen, die Pi'acht hauten 
nach dem Muster von Versailles, die Herrenhausen, Wilhelms- 
höhe, Ludwigslust u. s. C, die Biesensummen verschlangen, 
die aufzubringen ganze Eegimenter verkauft, wurden, die 
Maitressen Wirtschaft, die nicht zuletzt an all dem schuld 
war^ hat Thackeray wiederholt gegeißelt.'*) Die Höfe des 
18, Jahi'huncierts sind ein Sammelpunkt aller Sorten von 
Abenteurern mämiliohen und weiblichen Geschlechteg/j der 
Meiflenbach,*^) der Königsmarck^) und wie sie alle hießen. 
So zieht auch Ban-y L^iidon von einem Hofe zum andeni. 
von einer SpielhöMe zur andeni ; denn an den Holen jener 
Zeit war das Spielen ganz gewöhnlich. Er kommt, nachdem 
er aus Berlin entwichen ist, nach Dresden, wo es ihm an 
dem flotten Hofe König Augusts ganz gut gefallt.^) Aber 
weder Dresden noch auch Wien, von dem Barrys Onkel 
schwärmt,**) können sich messen mit den Höfen der Kirehen- 
fürsten am Khein, zu Trier und Köln.***) Überhaupt die 
süddeutschen Höfe! 

Barry Lyndon gibt uns eine ansführhche Schilderung 
eines solchen Hofes :>*) Es ist das Herzogtum von X . . . 
Der Herzog residiert nicht in seiner Hauptstadt S . . ., 
sondern er hat sich einige Meilen von derselben einen 

- *)XXILI, 8--10. - 



8» 




38 



fcy her hushand föT adulU^y; Frederic William, bom in 17 3 4^ 
m. in 1780 the Priucess Carolina of Brunswick- Wolf enbuttel, 
whö died the 27^^ Sq)tember 1788. For the rest of thc stortf see 
V Empire ou dix ans sousNapolem, par un ChambeUan:^) Paris, 
AJlardin 1836, vol /, 22ff\^) 

Zum mindesten ist mit dieser Notiz Klarheit über die 
Quelle geschaffen, aus der Thackeray schöpft, wenn die- 
selbe auch den historischen Tatsachen widerspricht* Die 
Geschichte kennt wohl die Namen: Friedrich L (Wilhelm 
Karl), König von Württemberg, geb. 1764, vermählt seit 1780 
mit der Prinzessin Auguste Karoline von Braunschweig- 
Wolienbüttel, welche 1787 starb. Von einem Ehebruch und 
Moni weiß die Geschichte nichts.^) Thackeray ist also hier 
einer französischen Skandalchronik aufgesessen. Wie weit 
die Berichte des französischen Buches gehen und wie weit 
sie von Thackeray benutzt sind, kann ich leider nicht fest- 
stellen, da mir das Buch nicht zugänglich war. 

Nicht übersehen darf aber jedenfalls die Ähnlichkeit 
dieser Geschichte mit der Tragödie der Prinzessin von 
Ahlden werden^ der Gattin des ersten Georg.*) Die all- 
gemeinen Züge stiimnen überein: Die leichtlebige Prinzessin, 
die Tochter der Französin d'Olbreuse, der verschlossene, 
ernste Gatte, den das Wesen seiner Frau wiederholt zn 
WntanfäHen bringt, der Geliebte der Prinzessin, GrafKönigs- 
marck, ein Schwede — dort ein Franzose — an dem sie 
mit leidenschaftlicher Liebe hängt; das Verhältnis wird 
verraten, der Geliebte wird beiseite geschaflfl, die Prinzessin 
interniert. Freilich bis zur Hinrichtung kommt es nicht 
und auch die Begleitumstände bei der Entdeckung stimmen 



^) Der Verfasser dieses Buches, das ich leider nicht auftreiben 
kotiiit«, ist La Mo the Houdaucourt, später La Mo the Langon. 

3) Biogy. Ed., vol, IV, p. XXXrV\ 

^) Und nicht nur in Bezug auf den angeführteii Friedrich I.; ein 
derartiger Fall ist der Geschichte Württembergs überhaupt iremd. 

*\ Vgl Thackerays eigene Schilderung in den „Fo«r Georg€s'% 
XXm, 1H^21; vgl. auch Frank T, Marzials in der Einleitung 
meiner Ausgabe des BaiTV Lyndon; daselbst auch über die Quellen 
und Vorbilder zu Barry Lyndon; ebenso Walter Jerrold in der 
Einleitung zu seiner Ausgabe (The Prose Works of \V M. Th.). — 
Thackeray notiert übrigens selbst die Ähnlichkeit der beiden Flille 
XIX, mL 




— 89 — 

nicht, Thackeray erzählt nichts von dem Emgreifen der 
Maitresse des alten Herzogs imd die Geschichte der Prin- 
zessin von Ahlden weiß nichts von einem Smaragd tind 
dem Haß eines Pohzeiministers. 

Es muß festgehalten werden: Thackeray wollte in seinem 
kultur-histoiischen BrOman '*The Luch of Barnj Lyndon' auch 
ein Schulbeispiel für die Hofwirtschaft jener Zeit geben. Wie 
er zeithch kombiniert — Friedrich den Großen und den Er- 
bauer von Ludwigsburg, Herzog Eberhard Ludwig (f 1733i — 
überträgt er — wenn auch die Grundlage in jenem französi- 
schen Buche zu suchen ist — auch Züge der Katastrophe 
in Celle auf die Tragödie in Ludwigslust. 

Einer eingehenden Betrachtung würdigt Thackeray in 
den Vorlesungen über die '*Füur Georges" natürlich auch 
die Vorfahren des englischen Königshauses, Es ist nun von 
hohem Interesse, auf diese Partien näher einzugehen, nicht 
so sehr wegen des Inhaltes dieser Schilderungen, die sich 
fast durchweg engstens an deutsche Quellen anschließen, 
als \nelmehr gerade dieser Quellen wegen. So eingehende 
Studien, wie sie Thackeray eben dem **Esmmid" hatte an- 
gedeihen lassen und wie sie George Hodder, der Thackeraj^ 
bei den Schreibarbeiten füi' die ,, Georges'' im britischen 
Museum hilfreiche Hand leistete, auch f üi- diese Vorlesungen 
behauptet, \i mögen wohl den eigentlich englischen Kapiteln 
über Georg 11., III., IV* zu gut gekommen sein, viel weniger 
dem erwähnten ersten, in dem sich Thackeray ziemhch 
skrupellos an seine Quelle anschließt. 

Die erste und wichtigste Quelle für diese Partien ist 
Vehse,^ den Thackeray selbst an einer Stelle zitiert.^) 
Die erst^ Erwähnung der ''Georges*' fällt Sommer 1852, 
während der deutschen Heise: *'/ had a notion of lectures 
oti ihe Four Georges and going io Hannover, to look at the 
place whefiee the race came"*) Damals war Vehsas Buch — 

ii) Memoirs of my time by George Hodder, London 1870^ 
cap. XI, ist Thackeray gewidmet. 
^) Dr. E. Vehae, Geschichte der deutöchen Höfe seit der Ee- 
fbrmatioH, 48 Bände. Hamburg, Hoffmann & Comp. 1852-1858, ( Geseh, 
der Höfe des Hauses Braun.schweig m Deuts<.eblaüd imd England,) 
8) xxm, p. 7, 
*) Bio^j\ Ed,, X, p. 1. 



— 40 — 



die Partien über das Haus Braunschweig erschienen 1853 — 
noch nicht veröffentlicht : 1853 aber schon erschien in Fräsers 
Magcmne eine Rezension über den bereits erschienenen Teil 
„Geschichte des preußischen Hofes nnd Adels 
nnd der preußischen Diplomatie**, >) der noch im 
selben Jahre eine weitere der eben erschienenen „Ges^chichte 
der Höfe des Hauses Braunschweig in Deutsch- 
land und England" folgte.^) Durch diese beiden Aitikel 
dürfte Thackeray auf Vehse aufinerksam geworden sein^ 
wenn nicht sogar der zweite Artikel von ihm selbst henührt.") 
und nun zur Darstellung Thackerays, der ich hier 
unter genauer Berücksichtigung der Quellen folge: Thackeray 
beginnt mit dem Sohne Ernst des Bekenners, Wilhelm 
*VAe Pious*\ der in späteren Jahren der Blindheit und dem 
Wahnsinne verfiel;*) bespricht dann das Schicksal der 
Söhne, die das Los entscheiden ließen, wer heiraten sollte, 
das Geschlecht fortzupflanzen;^) läßt dann eine genaue 
Beschreibung des Hofes zu Celle folgen, ein Zitat aus Vehse:*) 
dann Georgs, des glücklichen Losgewinners, Abenteuer im 
Dreißigjährigen Krieg bald aulMer Seite der Kaiserlichen, bald 
bei den Protestanten;^) bedauert die Lockerung der Sitten 
unter den Söhnen Georgs, von denen der zweite das Leben 
in dem damals in Mode stehenden Venedig voU auskostete 
nnd schließlich die Französin Eleanor d'Olbreuse heim- 
führte;®) übergeht rasch die Teilungen unter den Söhnen 
Georgs und die Wiedervereinigung der Gebiete in der Hand 

1) vol. XLVm, p. 51) ft, — 2) Ebenda p. 445 ff", 

•^) Thackerays Verbindiing mit Fräser' s Mag, und Übereiüstim- 
mungen^ nickt nur sachlicbe, die ja bei der gleichen Materie nicht 
wundemebraen düii^en, sondern sogar wörtÜcbe mit einzelnen Partien 
der in der Biogr^ Ed,^ Xlllp p. 64 ff., mitgeteilten "Nott-Books** 
Thftckerays zu den "G€or^€B*\ eine wörtliche ÜbersetzuDg aus Vehse, 
*'Th€ Köntff9fnarck^\ bringen die Annahme der Autorachafl Thackeray» 
nahe, 

*) XXIU, p. 6^ nach Vehse XVIII, p, 6t\; auch der Vergleich mit 
Georg lU.t der gleichfaUs blind und wahnsinnig endete, ist Vehse ent- 
Dommen, — Die weiteren Zitate sind, wo nicht anders vermerkt^ für 
Bd, XXm, Stand. Ed, der Werke Thackerays^ beziehungsweise 
Bd. XVIH bei Vehsc zu verstehen. 

**) p. 6 u. 7, nach Vehse p. 8 u. 9. 

*) p. T, Absatz 2, nach Vehse p. 9 u. 10, 

T) p. 7, nach Vehse p. 13—16. — »J p- 7f., iiaeh VebRe p. *27— 30. 



4 



4 

I 

4 



L 



41 



de« Sohnes des jüngsten der vier Brüder:*) -streift dann 
die Konvertierung des di*itten Sohnes jenes Georg zum 
Katholizismus,^*) um sich hierauf in einem längeren Exkurs 
über die Nachahmung Ludwigs XIV, an deutschen Höfen, 
seinem Lieblingsthema^ zu ergehen;^) notiert dann die H*^irat 
des ersten Kurfüj^sten von Haimover mit Sophia, der Tochter 
des Winterkönigs, eine Heirat, die dem Hause Haimover 
die Anspiüche auf England brachte,*) und geht nach einer 
kurzen Anekdote, welche recht hübsch die Anschauungen 
über die Konfession der weiblichen Glieder deutscher Fürsten- 
häuser*) zeigt, zu einer kurzen Charakteristik Ernst Augusts 
über, "a memj princCj fond of dinner and the hoiile*\ der eine 
große Vorhebe für Italien hegt und, seine glänzenden Feste 
zu bestreiten, zu dem beliebten Mittel des Truppenverkaufes 
greift, trotzdem aber nicht imökonomisch und nicht ohne 
politischen Weitbhek ist;'^) gedenkt ferner der Einführung 
der Primogenitur durch Ernst August, nicht sehr mit Ein- 
verständnis seiner Söhne, ^j und bringt einen Brief der Kur- 
fürstin, der sich mit dem Schicksal ihres zweiten Sohnes 
beschäftigt;'^) bespricht dann das Schicksal der Kinder Ernst 
Augusts,**) spricht weiter von dem Briefwechsel der Herzogin 
von Orleans,* ^) Elisabeth Charlotte, dem er wohl die Episode 
von der Geburt Georgs L entnimmt'^) und bringt ihre 
Charakteristik ihres Vetters Georg, ''odiously hardj cold^ 
and s^ilmt*'/^) an die er eigene Bemerkungen knüpt\: er- 
wähnt dann Greorgs 1, Teilnahme an den Kriegen seiner 

1) p. 8, nach Yehse p. 19 fl. 

«) p. 8, nach Vehse p. 32—34, 

8) p. B— 10. 

^) p. lOf bei Vehse, dem nur die TAtSBohe entnommen ist, p. 52. 

"►) p. 10 f, ; Quelle mir imbekannt. 

«) p, 11, nach Yehse, p. 53—60 und 107 ff. — Truppenverkauf 
geiüelt Thackeray auch sonst: XIX, 72 f; IX, 382, 408. 410. 

') p. 12, nach Yehse 107. 

*) p, 12, etitnoumien Vehse p. 107, Der Brief ist au Herzog Rudolf 
August von Wolt'eubllttel gerichtet; bei Thackeray fehlt ein Passus 
in der Mitte, 

^ p. 12, nach Yehse p. 107—115. 

^ p. 12* bei Yehfie wiederholt angeführt. 

**) Bei Vehse nicht erzählt. 

*S) p, 12, Vehse teilt p. 70 den betretenden Brief vom 16. März 1702 
mit, aus dem oben zitierte Worte wörtlich üb ertragen sind. 




42 — 

Zeit in kaiserlichen Diensten als Ki^onprinz,^) seine Vorliebe 
füj* Hannover/) seine Kühlheit, als er sein Erbe, die Ki'one 
von England, übernimmt, ''reasmuibly ihuhtful whelher he 
should not hü turtied out some day; loohing upon himself anly as 
a lodf/er, and tnaking the tnost of kis hrief tenure of St, Jmnes's 
and Hampton Gaurf*:^) und berichtet kurz von den Plün- 
derungen seitens der Deutschen im Gefolge des Königs;*) 
findet aber doch einen Vorteil in dem deutschen Protestanten, 
der England sich selbst regieren läßt, gegenüber den katho- 
lischen Stuarts.*) Nach kurzem Hinweis aui seinen eigenen 
Besuch in Herrenhausen 1852*) und Ei'wähnung des Todes 
der Kurfürstin Sophie geht Thackeray zu einer freien 
Schilderimg Herrenhausens zur Zeit Ernst Augusts und 
der beiden ersten George über,^) er ist wieder bei seinem 
Lieblingsthema, '^ Louis XIV* and Charles II, searce disiingnish- 
ed themselves more ai Versailles or St, James's than these 
Gennan Sidians in their little ciiy on the banks of the Leifie'*: 
er führt sodann einen Brief Mary Wortleys über Greorgs I. 
''painted sera(;Uo"f sowie über den späteren Greorg II, an;*) 
eine Anführung des Rang- und Hofreglements und des 
Hofetats unter Ernst August folgt sodann,*) begleitet von 
einigen satirischen Ausschmückungen. In längerer Aus- 
führung wendet sich Thackeray hierauf der Maitressen- 
wirtschaft an den Höfen der Zeit zu und führt einzelne 
dieser weibhchen Abenteurer an, die Meißenbachs, Aurora 
von Königsmarck u, a., ^^) um sich schlieölich der Geschichte 
der Königsmarcks zuzuwenden. 

^) p. 12, ausfahrlicher nach Vehae p* 159 in einem Kote Book 
[Bhgr, Ed,, XIII, p. BT]. 

^) P. 12. 

8) p. 13f Vehse bringt» p, 9C>7, eine Depesche des französischen 
Gesandten an den König von Frankreich, 1721, in der sich oben zitierte 
Charakteristik Bndet, 

*) p. 13, bei Yehse ausführlich p. *210u. 21L 

*) p. 13. 

^ p. 13. 

7) p. 13 f. 

8) Lady Mary Wortley Montagu; eine Ausgabe ihrer Werke 
erschien London 1803^ The LeiterB and other worki of Lady Mary Wortley 
Montngu, 6. Bde. 

») p. 15, nach Vehse p. 115—123. 
»«1 p. 16. 



1 





Mrs. Bitchie veröffentlicht in der Einleitung zum 
XTTT. Bande der Biogr. Ed* mehrere Note-Books, hauptsächlich 
zu den Georßes^ deren eines sich mit den Königsmarcks he* 
schäftigt.^) In die Georges selbst ist nur ein knapper Aus* 
zug dieser ausführlichen und wohl ursprünglich ganz für 
die Georges bestimmten Abschnitte aufgenommen, die übrigens 
die BenutzLing Vehses vollkommen beweisen, wenn noch ein 
Beweis nötig wäre. Sie sind eine wörtliche Übersetzung, 
die nur ab und zu Unwesentliches foiiläßt. In den Four 
Gearges selbst erscheint die Geschichte der KÖnigsmarcks 
bedeutend gekürzt aus dem Note-Book. ^) 

Mit Philipp von Königsmarck ist Thackeray bei der 
Geschichte der unglücklichen Prinzessin von Ahlden 
angelangt. Nach einer Kritik des Buches von Doran,^) 
in welcher Thackeray die Prinzessin gegen die scharfe Ver- 
urteilung seitens des Autors zu entschuldigen und verstehen 
sucht, ^j und nach Erwähnung des von Palmblad nach 
den in der Upsalaer Universitätsbibliothek befindlichen 
Briefen herausgegebenen Briefwechsels zwischen Sophie 
Dorothea und Königsmarck,^) geht er zur Schüdenmg des 
Verhältnisses der beiden und der Katastrophe über, wobei 
er sich ziemlich genau an Vehse anschließt: KÖnigsmarcks 
Verhältnis zur Gräfin Platen und zur Prinzessin, die ihn 
leidenschaftlich hebt und überallhin mit ihren Briefen ver- 
folgt; ihr Plan zu fliehen; ihre Bitte an die Elteni, ihr 
Zuflucht zu gewähren: ihre Vorbereitung zur Flucht; Königs- 



1) Biogr. Ed., Xni, p. LXIV— LXVII = Vehse p. 72— 8tJ. \2h&B^ 
Käme ireilich ist nicht geoannt. 

^) p. 17. 

») Ltt)€» of ihe Queens of England of the Home of Hannover bj 
Dr, Dorau, London 1853, 2 vols,: voL I, p. 1—200. Sophia Dorothea — 
Dorau fußt gleichfalls großenteils auf Vehse. — Thackeray unbekannt 
war eine 1743 erschienene Apologie der Prinzessin: Menioirs of the 
Lote and State-Intrigues of the Court of H —, From the Matriage of the 

Primeeu of Z . , . ., io ihe Cro^teol Dettih of CoutU K ki A Home- 

Truth -- Written origmalfy in High-Gervian — By the Vdebrated 
Couniess of K--k, Sister to ihe VnfortunaU Nobleman. London Printed 
for J. H. near Ludgate Hill 1743. 

^) „Briefwechsel des Orafen Königiömarck und der Prinzessin 
Sophia Dorothea von Celle", Leipzig 1847. Thackeray wohl nur aus 
Vehi^e, p, 82 11% bekannt. 




m 



— 44 — 

marcks unvorsichtige Außeningeii in Dresden, die Eifersucht 
der P!aten;*} — und nun, bevor er zum Schluß eilt, noch 
einen letzten Blick auf die Akteure des Trauerspieles,*) eine 
kurze Abschweifung über die Schuldfrage und ein histori- 
scher Exkurs über Eheimingen in Fürstenhäusern:'') und 
endlich die Katastrophe: Georgs I, Stelhing, die letzte Unter- 
redung der Prinzessin mit dem Geliebten, das Eingreifen der 
Platen und Königsmarcks Ermordung ; und die schließliche 
Intemiennig der Prinzessin in Ahlden.**) 

Die folgenden Partien schildern den Anfall Englands an 
das Haus Hannover, Georgs!, Begierungsantriti und Einzug in 
London, seine Hofwirtsuhaft in London mit seinem deutschen 
Gefolge, seinen deutschen Maitressen, der Kielmannsegg, 
der i. e. ,,Maypole** „Kletterstange**, und der Schulenburg, 
dem ^,Elephanten** *'^) u. s. f. und sind von da ab tur die 
vorliegende Arbeit ohne Interesse, ebensowenig wie die Hof- 
haltungen und Geschichte der übrigen George in London. 

Erwähnt sei an dieser SteUe nur noch eine von Thackeray 
für die Londoner Sittengchilderung zur Zeit Georgs L 
benutzte Quelle, die Memoiren des Barons Po Unit z, 
der nicht nur in Georg /., sondern auch in einem der von 
JIrs. Ritchie veröffentlichten Note Books als Quelle angegeben 
erscheint.*^) 

Die letzten Abschnitte von Oeorg /,, seine Erki^ankung 
und seinTod in Deutschland* sind wieder nachVehse gehalten. 
Daß Vehse') auch in Georg IL und auch den andern Georges 
gelegentlich benutzt ist, sei hier nur erwähnt. 



Was die übrige deutsche Geschichte betrifil, erscheint 
sie nur mit gelegentlichen Erwähnungen vertreten: Die 



*) p. 18, nach Vehse p. 89—98. 

8) p. 18 f 

«1 p, 19. 

*) p. 19—21, nach Vehse p. 94— 101,— Das Datum der KatastTophe 
ist L JuH 1694 

•) p, 22^ Yebee auch hier noch stark benntait, 

ß) p. 27.^" Biogr. Ed., XILL, p. LX^TII f., LXXI, 

^ Die Übereinstimmungen mit Vehse in George /, beschränken 
sich nicht nur aul' die entsprechend notierten sachlichen Cberein- 
Stimmungen, sondern es zeigen sich wiederholt direkt wörtliche Ent- 
ilehüungen. 



— 45 - 



Kriege gegen Napoleon, die Lützower, "the Black Jägers'\ *) 

die Schlachten von Leipzig^) und Waterloo und der Kongreß 
zu Wien,*) wobei freilich den Deutschen nicht die gebührende 
Stellung wird/) wenn auch von Blücher als ''ihecdehrated Prus- 
sian GeneraV die Rede ist.^ ) Was für einer Anschauung er übri- 
gens über Blücher ist, zeigt die Anekdote in den Four Georges: 
Der alte Haudegen blickt vom Turme der St,-Pauls-Kirche auf 
London, ein tiefer Seufzer entfährt- ihm : ** Was für Phrndtr /"*) 
Auch eine besondere staatliehe Eiiirichtung in Deutsch* 
land, die Freien Städte, erwähnt Thackeray: Bremen J) Ham- 
burg^) und Fraukfui*t am Main, **thefr€e ciiy of Judensiadr .^) 

Austriaca: Im Anschluß an die Behandlung der 
deutschen Geschichte in der Auffassung Thackeray s sei hier 
ein Kapitel erledigt, das eigentlich in den Zusammenhang 
der deutschen Geschichte gehört, bei näherem Zusehen aber 
doch einer besonderen Znsammenfassung wert erscheint. 
Es ist ein Abschn itt üb er österreichisch e V e r h ä 1 1- 
nidse, soweit sie sich bei Thackeray erwähnt finden. 

Zunächst sind es natürlich die Türkenkriege, die wir 
genannt finden; die Belagerung Wiens und der Entsatz 
durch die Verbündeten, Sobieski/'^) dann Prinz Eugen, der 
nicht nur als Feldherr, sondern auch mit seinen Sammlungen 
im Beivedere genannt wirdJ*) Wien erscheint als recht 
lebenslustige Stadt, wenn auch von anderen übertroffen.") 
Erwähnt wird auch Maria Theresia, Josef II. ; im Sieben- 
jährigen Krieg auf österreichischer Seite der Pandui'en- 
führer Trenck;***) übrigens erwähnt Thackeray auch den 
Östen'eichischen Erbfolgekrieg. ^*) — Den Spielberg nennt 
er als Gefängnis für politische Verbrecher, namentlich liir 
unbequeme Preßleute.**) — Und dann sind wir wieder in 
der Zeit der Franzosenkriege: Austerhtz,^*) Marengo,*'^) der 
Hof zu Schönbrumi,^*^) Kaiser Franz**) und dann sogar 
die Volkshymne/**) "God preserve (he Emperor'', '*Hmven 

i^y^ 400. ^ 8) I, 118 u. 295, ^ «) I, 297. - *) I, 841. - ^) \\ 141. 
«) XXIH, ]». 28, wohl zu verstehen : wa« wäre da nicht alles zu 

u): 



plündern ! 

') XIX, 62. - 8) XTn, 211. ^ ») n. 296, 

10) V, «54; n, 306. - ii) V, 64. ~ ^^) XIX, 108, 126. - »«) XIX, 108.- 
«*) XIX, 129. - 16) y , 16a— 1«) IX, 299; XX, 210. - "J XXI, 13. - ^) VI, 
1») XX. 213. — ») XX, 210, 218> 



48 — 



waren die natürlichen Sprecher und Verbreiter dieser Meinung 
lind dui'ch Jahrzehnte und Jahrzehnte bis in Thackerays 
Zeiten erhielt sieh die Ansicht: Friedrich II. ist ein heim- 
tückischer Räuber und mutwilliger Friedensstörer. Dann 
kam der Siebenjährige Krieg, England war im Bunde mit 
Friedrich und jetzt modifizierte man diese Ansicht etwas, 
man änderte sie nicht gerade, man tilgte nur hinzu: Friedrich 
ist einer der größten Feldherren, Das w^aren die Ansichten 
über den Könige was sein öffentliches Wirken betraf. Für 
sein Privatleben aber stand es noch schlechter; die Quellen, 
die in England galten, waren alles eher als lauter: Voltaires 
„Vie Privee du Roi de Prusse" — "a scandalous libeP' 
nennt es Carlyle — und zum Teil wohl auch die Memoiren 
der Markgrafin von Bayreuth, So stand es um Friedrich 
in England zu seinen Lebzeiten und diese Meinungen haben 
sich bis in die Mitte des 19, Jahrhunderts, bis auf Carlyle 
erhalten, der ihrer noch gedenkt.^) 

Es ist nötig, hier auf die Au£fassung Macaul ays kurz 

[«inzugeheu, da sie für die englische Auffassung in jener 

^*2eit*) und auch fiir Thackeray maßgebend war und in 

manchen englischen Kreisen heute noch gilt, man lese nor 

das Urteil Leckys in seiner Geschichte Englands im 

18. Jahrhundert.*) 

Schon Friedrichs Vater erscheint bei Macaulay ziemlich 
schwarz: "a prmce teho must be aUowed ic have pos$tss§d 

*) Carlyle, a, a O. I, p 10 fF 

*)ZimiVergLsei hier ein Artikel in Frasert Mag., XX1I1,1841— - 
also vor Alaoanlay — **Tablemix of the mo$i tmmfn t soläters of th« eigk' 
ieenih Centwy — JFV^dmdt II,'* angefülirt, Friedrichs Charakter erscheint 
folgen dermußeii geschildert: ^'great as a hing amd litile oi a man — 
mhiajfs admir^ tu hi^ public^ netter betaved in ki$ prwate ckaracter : — 
m jmti, gemrom, 9nd UUxmam prince, -^ a tarn, mmneiow, ümd eoid- 
kemied mdwidwü: kuamom hg leMpanmenl^ iewipemU m prmeHet; — 
a m^jM ^iemfeam, tmd t^€cimg tki kanime$9 of tke cgmc; peoc^fuOg 
äi0!pa9€d and cnUiimImg Übe mrU t^f peaee, gH ^otrciHng Ae arU of %oar 
im Cldr din$i form ; — a wum of ietter§^ igmoramt of tikt bemmUes mmd 
d m d a i mm g t^ Umgumge of hk tommttg; — wuLgnißeemi mmd aimm^ Übe 
Imädfr of palme€$t tkmirm, IAnne$, mtd tmuetmu and dging Uieraüg 
mOHHU a uM§ MH m «IM Jle wmid ht hnned: -- and 1a»tig, ihe moa 
Uümf md m m u^ i o M i ir 4/ Mit $m€, — and akmom d mH l mlk ^ Übe 
im-'* ßrm ^MiSlif^ pmtm m k oommge/' 

*» Ä lEKiüry ^ Bnglamd m Übe /^ ttmimrg. Br TT. E. H. Leckj, 




— 49 



same talents for administration, but whose character ums dis* 
ßgured btj odious vices^ and whose eccentridÜes were such, a$ 
had nevcr before hem seeti out of a madhome,'* ^) 

Eine Manie für lange Kerls, die ihn viel Geld kosteten, 
auf der einen, schmutziger Geiz auf der andern Seite, 
nicht nur im eigenen Haushalt, sondern auch in Bezug auf 
die Kepräsentanz im Auslande seinen Gesandten gegenüber; 
dabei von unnatürlicher Härte gegen die eigenen Kinder: 
so schildert Maeaulay den König und das war auch die 
Meinung der Zeit, die aus den Memoiren der Markgräfin 
von Bayreuth, Friedrich Wilhelms Tochter, schöpfte, einem 
Buche, das allzulange unverdiente Ehren genossen hat und 
dessen Geschichtsfälschimgen und clirekte Verleumdungen 
erst die neuesten Forschungen aulgedeckt haben. Wenn 
die eigene Tochter diese Autfassung in die Welt getragen 
hat, dann ist es nicht zu wundem, daß die ÖffentHchkeit 
sie angenommen hat. Von einem andei-n Vorwurf aber ist 
Maeaulay nicht freizusprechen; Voltaires schamloses Libell 
hätte er niemals zur Quelle für seine Darstellung des häus- 
lichen Lebens Friedrichs machen dürfen. 

Macaulays Urteil über Friedrich II. steht seinem Urteil 
über Friedrichs Vater nicht nach: 

**a tyrant of ejclraordinartf milüary and jmlitical ialents^ 
4)f industnj fnore extraordinart/ still, wUhout fear, without 
faith, and withmd meraj'*-) — "By thc public, the King 
tras considered as a poUtician destituie alike of nwrality and 
dccency, insatiably rapaciatis and shamelessly false; nor was 
the public much in the mrong. He was ai the same Hme alUmed 
io be a man of patis, a rising general, a shrewd negotiaior 
and administraior'* *) 

Nur in einem Punkte erkennt Maeaulay den groÜen 
Friedrich an: ^'and it waii only m adver sity, in adver sity which 
seetned without hope or resource^ in admrsity which would havc 
cverichelmcd wm men celebrated for strengtk of mind thai his 
real greainess could be shomh"*) 

Selbst das Feldhermtalent Friedrichs erkennt Maeaulay 

») A, a. O* (ed. Tauclmitzt p. a. 
8) A. a. O. p. 14. 

*») A, a, n, p,30, 
*) Ebenda. 
Friiin, Deut^icbü KmltDnrorli&ltiiisae. 4 



— 50 — 



mclifc unbedingt an*) tmd wird erst bei der allerdings 
glänzenden Scliüdening des Siebenjährigen Krieges, mit 
der das Buch schlieijt, etwas wärmer. 

Wie ganz andere sieht das Urteil Carlyles aus: 

"fle left the tvorld all bankrupi we may say ; faUm in 
hottomless ahysses of destructian ; he still in a payinff cofidition, 
cmd with fooHng capable io carry his affairs . . , This also is 
ane of the peculiarities of Friedrich, that he is hitherio the last 
of ihe kings; that he ushers-in the French Revolution and 
eloses an Epoch of World-History/'^) 

Aber Carlyles Buch erschien erst gegen Ende der 
Lebenszeit Thackerays und ist daher für die Auffassung 
desselben — es kommt ja hauptsächlich der 1844 erschienene 
y,Barry Lyndon" in Betracht — ohne Einfluß. ''The 
ImcV* — oder wie später ''The Memoirs*' — '*of Barry Lyndon^ 
Esq" erschien zur Zeit, als eben durch die Publikationen 
Campbells und Macaulays die Aufmerksamkeit wieder auf 
Friedrich gelenkt war und beide Autoren, namentlich der 
letztere, sind nicht ohne Einfluß auf Thackeray geblieben. 

Man vergleiche nur Thackerays Urteil über Friedriclis 
Vater, allerdings in einem späteren Werke^ in den "Fotir 
ßeoryes' ; er gibt dabei ausdrücklich die Memoiren der 
Markgräfin von Bayreuth als Quelle an, die ja auch 
Macaulay benutzte:*) *^ Frederick the Grcai's father knock^d 
dotim his sous, dauphters, ofßcers of state; he kidnapped big 
men all of Enrope over to make grenadiers of; his fvasts, his 
parades, his winc-parties, his tobacco-parties are all describedAj 
Jonathan Wild ihe Great in language, pleasures^ and behaviour^ 
is scarcely nwre delicaie ihan this Gennan sovereign,"^) Das 
Urteil erinnert stark an Macaulays Anschauung^ den Thacke- 
ray übrigens, wenn auch nicht ausdrücldich für das vor- 
liegende Thema, doch unbedingt als Autorität anerkennt,**) 
Man stelle daneben aber Carlyles Beurteilung, der das 

*) Man vergL den tiereits erwähnten Artikel in Fraser*s Mag. XXIII, 
der Friedrich II. als Taktiker hinter Gustav Adolf, Karl XII. und dea 
Marschall von Sachsen «» teilt. 

«) A. a. 0. vol, I, p. 5, 

^) Freilich wirken hier wohl auch schon Dr. Vehses Hof- 
geschichten mit ein. 

*) sc. im Bnche der Markgräfin von Bayreuth. 

6) XXIII, 36. - «) III, 38Ü. 



• 



Treiben Friedrich Wilhelms auch gekannt und verstanden 
hat, trotz Wilhelminens Buch : 

"Wilder son of naiure seldom came into the ariificial 
World; into a royal throne never probably. A wild man^ wholly 
in eamesi, veritable as the old rorks, — and wiih a ierrible 
volcanic ßre in him too* He would harn beefi stränge amjwhere; 
huA amoftg the dapper Itoyal getdlemen of the Eighiemth 
Century, what was to be done with such an Orson of a Kimj ? — 
Clap him in Bedlam, and bring out the ballot-boxes instead? 
The modern gmieratioti too still takes its impression of htm 
froni these rumours, — still more now from Wilhdmina*s Book^ 
which paints the ouiside savagerg of the rmjal man in a most 
striking manner: and leaves the inside vaeant; nndiscovered 
by Wtlhelmina or the rumours/'^) 

Und einige Seiten weiter spricht Carlyle das tiefsinnig- 
schöne Wort von dem „stummen Poeten'^: 

"We are tenipied to call Friedrich Wilhelm a man of 
genius — genius fated and promotcd to work in National Hus- 
bandry not umting Verses or three-volume Novels. A sileni 
gmim/'*) 

Und nun zu Friedrich selbst! 

Die bereits besprochene Auffassung Friedrichs in Eng- 
land, an der auch Macaulay festhält, findet sich ebenso bei 
Thackeray: Friedrich ist ein großer Feldherr, der Lehr- 
meister der Kriegskunst, das bleibt unbestritten^); sonst 
aber findet auch Thackeray nicht viel Gutes an ihm. Es 
muß allerdings Wunder nehmen, wie Friedrich von seinen 
Zeitgenossen und namentlich auch in England als Vor- 
kämpfer des Protestantismus verheniicht werden konnte, 
Friedrich der Freigeist imd Vertreter religiöser Toleranz 
als ** Protestant hero".*) Barry Lyndon läßt da seine Lands- 
leute einen Blick hinter die Kulissen tun : Daheim in Irland, 
bei den Protestanten natüi'lich nur, wird jeder Sieg Fried- 
richs als Triumph der protestantischen Sache gefeiert,^) 
Friedrichs Geburtstag wird festlich begangen*,) er selbst 
fast wie ein Heiliger verehrt.') In Friedrichs Diensten aber 

*) A. 8. 0. 1, p. 287. — S) A. a. 0. I, p, 21*1. 
^ V,2Bf; IX, 260, 194; XIX, an zahireichen Stellen u. a. 
«) XIX, 21, m u. a. — ») XIX, 60. — »J Ebenda — T) Ebenda; vgl. 
Mftcanlay a. a O. p. 81. 

4* 




macht Barry ganz andere Erfahrungen; der ^'Proiesitjmi 
hero** fuhrt Krieg mit den protestantischen Schweden und 
Sachsen^ ^) eine ganze Menge Papisten kämpft in seiner 
Armee fiir die Sache des Protestantismus.-) Auch an anderer 
Stelle, in den **Four Georpes'*, gibt Thackeray seiner Ver- 
wunderung Ausdruck, daß man Friedrich, der eigentlich 
gar keine Religion habe, in England solange als den Ver- 
fechter des Protestantismus bezeichnen konnte, denselben 
Friedrich, der seiner eigenen Verwandten, Karoline von 
Änspach» zum übertritt zum Katholizismus riet, als sich 
der katholische Erzherzog Karl von Osterreich, der spätere 
Karl Vn., um sie bewarb,^) Das urteil, das Thackeray 
seinen Helden gegenüber dieser zeitweiligen, unter dem 
Eindruck von Friedrichs Siegen stehenden Verherrlichung 
über den „Vorkämpfer des Protestantismus^ fällen läßt, ist 
keineswegs milde: *\ . , we are al the prescfit momejit admiring 
Ute ^Great Freder ick\ as we call htm, and his pküosophy, and 
his liberaliii/t and his milOart/ gmtuSt I, fcho have served htm, 
and been as it were behind the scenes of which that great 
spectack i$ composed can onlt/ look tU it wüh horror^'^) Und 
ein anderes Mal nennt er den Philosophen von Sanssouci*) 
geradezu **^Ac godless dd Frederick of Pnissia'\^) ähnlich 
wie er in den *'Four Georges" auf Friedrichs Freidenker- 
tum hinweist.^) 

Das Privatleben Friedrichs kommt außer den kurzen 
Streiflichtern über die religiöse Stellung Friedrichs fest 
gar nicht zur Sprache. Nur der Hof wird erwähnt: ''the 
siem €ouri'\^) der die Vergnügungssucht der übrigen Höfe 
nicht kennte **the wreiched Barrack-court of Berlin \^) wie 



>)XIX, 60. - «) Ebendo. - ») XXIU, m, 

*) XIX, 64 - ») XIX, lit; vgl XIX, &5. - «) XIX, 60. 

^) XXHI« 39. — Ganz im Gregensatz zur herrschendeo Meinii 
Buchte Campbell in seinein Boche — dessen Herausgeber er freilich 
utir sein will — Friedrich gegen den Vorwurf des Atheismus in Schutz 
zu nehmen, vol. IV, 127, i^ie er auch in der von ihm selbst herrühren- 
den Einleitung, vol. I, p. IX, Friedrichs Sache mit der protestan- 
tischen Sache i'ür verquickt erklärt, "liis vickmes were in no hjhuU degree 
connected wük tlie safeig af prote$tanti^n*% da nach »einer Meinung mit 
dem Sieg des katholischen Österreich ein starkes Zurdckdrängen des 
PiH>te6tantismus auf dem Kontinente hätte erfolgen müssen« 

8) XIX, 97. — ») XIX, 126. 



die Hauptstadt selbst **the miserable capiial in ihe greai 

Sandy deserf'J) 

Anch als Feldherm zeigt uns Thackeray Friedrich 
eigentlich nicht. Nur gelegentlich erwähnt er Schlachten 
Tind Kriegsvorgänge: Lissa^) — gewöhnlich Schlacht bei 
Leuthen genannt, 1757 ; Lissa war nur der Schlußpiinkt 
der Kämpfe des Tages — ; Hochkirchen, ^) 1758; doch 
scheint er merkwürdigerweise hier einen Sieg der Preußen 
anzunehmen — ; Kubnersdorf^) — 1759, er schreibt KühnerS' 
darf — ; er spricht auch von der Brandschatzung Berlins 
durch die Österreicher*) — es ist der Handstreich Hadiks 
mit seinen Kroaten am 16, und 17, Oktober 1757 gemeint — 
und streift anch die Operationen auf dem westlichen Kriegs- 
schauplatz, wo die englischen Verbündeten Friedrichs und 
Prinz Ferdinand von Braunschweig*) kämpften* Von den 
übrigen Führern der preußischen Armee erwähnt er den 
Öeneral Bülow^) und von der Gegenseite den Panduren- 
fiihrer Trenck.*} 

Das Gewicht der Schilderungen im ^Barry Lyfidon'' 
ruht, soweit sie sich auf preußische Verhältnisse und den 
großen König bexieh»?n, auf den Armeeverhältnissen, Darin 
liegt auch ihr Hauptwert.. 

Ein glänzendes Bild ist es gerade nicht, das Barry von 
den Verhältnissen in der preußischen Armee entwirft. Die 
strenge Disciplin, notwendig bei der Zusammensetzung der 
Armee nicht nur aus Landeskind em, sondern auch aus zahl- 
reichen Frenaden, wie Campbell zugibt, **) behagte Barry ganz 
und gar nicht und auch Thackeray scheint die Notwendig- 
keit nicht ganz einzusehen; aber in der Schilderung der 
Auswüchse dieser Strenge geht er entschieden zu weit: 
''The iife tlie private sokUers led was a frightful one to antj 
but men of iron courage and emjurance. There was a corporal 
to every ihree wtfiw, marching bekind them, and piiilesshj using 
the cane: so much so that it used to be said in action iherc 
was a front rank of privates and a second rank of sergeanis 



1) XIX, lOäj vgl. XIX, 96: vgl. Macaulay, p. 43, 
») XIX, fiO. - ») XIX, 188. ^ *) XIX, 265. — ») IX, 260. - 
fi) XIX, 62. - ') XIX, 95 
»I XIX, 1Ö3. 
») A. a. 0. IV^ p. 44 «: 




A 



— B4 — 

to drive them o«/'*) Noch deutlicher spricht er sich über den 
Qabraiich des Stockes an anderer Stelle aus: **Th€ punish- 
mmt wus inccssanL Every ofßcer had the liberiy io infiici i(, 
and in peace H was more cruel ihan in war. . . . / kam 
Seen tiw bravest mm of the antiy cnj Ulce children ai a cui of 
ihe mne; I have seen a liUle ensigtt of ßfietn mll out a man 
of fißy front the ranks, a man who had been in a hundred 
battles, and he has stood presmiting arms, and sobbing and 
hoiifliug Uke a baby, while the young wretcit lashed him ovet 
ihe amts and ihighs with the stick," ^) 

Man vergleiche damit das Urteil eines Franzosen» das 
Kos er zitiert*): man irre^ wenn man glaube, daß der 
preußische Soldat beständig unter dem Stocke lebe; die 
Streiche würden stets nur auf Befehl, nicht willkürlich oder 
im Affekt verabreicht. — Übrigens herrschte der Stock 
auch anderswo. Daß aber die preußischen Truppen, mochten 
auch noch so viele angeworbene und gepreßte Ausländer 
mit darunter sein, in die Schlacht geprügelt werden mußten, 
ist doch ein wenig stark aufgetragen.*) 

Aber es kommt noch besser. Bairy erzählt von grauen- 
haften Unmenschlichkeiten, zu denen sich die Soldaten in 
Verzweiflung über ihre unerträgliche Lage hinreißen Heßen. 
Sie töteten Kinder, um diesen, bei ihrer Unschuld, den 
Himmel zu sichern und sich dann selbst als schuldig zu 
stellen und so der harten Lage ein Ende zu machen.*) 
Die Kenntnis solcher VorJfiUle entnahm Thackeray Camp- 
bellsBuch,**) Sie erinnern stark an die Praxis, die von den 
Spaniern in Peni berichtet wurde, eben getaufte Heiden- 
kinder ins Himmelreich zu befördern, und sind übrigens dem 
'^ babblenietit of Iging Anecdates^ false Criticism, hungry Fretich 
Memoirs'\ von dem Carlyle spricht,^) zuzurechnen, ('brigens 
schwächt Thackeray selbst diese krassen Schilderungen 
gleich darauf ab : ** The tndh is however ti^ai ihere was among 
our tuen (i. e. den Preußen) a much higher tone of socieiy ihan 
among the clumstj louis in the English artny, and our Service 



1) XIX, 93. — 8) XIX, SH. - ») A a. O. I, 639, und dazu An- 
merkoBg p. 642. 

*) Thackeray fand diese Behauptung in dem bereits zitierten 
Artikel in Fräser' s Mag, XII L 

ft) XIX, 93 f. - •) A. a. 0. IV, 44f. — T) A. a. 0. I, 11. 



— 65 — 



was generally as strict ihat we had Utile time for dohig mis* 
Chief:'') 

Natürlicherweise ist Barry Lyndon auch mit der Ver- 
köstigiing nicht zufrieden "t}^ abominable raiimis of small- 
beer and sauerkrauf*^) — das Sauerkraut verzeihen uns 
die Engländer doch nie') — ; ebensowenig gefallt ihm die 
Verordnung» die dem gemeinen Soldaten das Heiraten nui' 
mit direkter Erlaubnis des Königs gestattet und ihm die 
reiche Witwe unerreichbar macht.*) 

Die große Strenge der Strafen schreibt Barry zum Teil 
der Entfernung der bürgerlichen Elemente aus dem Offiziers- 
korps nach dem Kriege zu. Ob clabei mit der Bniskheit 
vorgegangen wurde, wie Bany erzählt, daü der König ver- 
diente Offiziere vor die Front rief: **He is not noble, lef 
htm Qo'*^) ist gerade nicht anzunehmen.*) Sonst aber stimmt 
Barry's Angabe; nach Beendigung des Krieges wiii'den die 
nichtadeligen Elemente aus dem Offizierskoi-ps entfernt, 
die anrüchigen Subjekte — in Kriegszeiten waren natürlich 
auch viele Abenteurer, namentlich in die Freibataillone ge- 
langt — wurden entlassen^ wer einwandfrei und brauchbar 
war, wurde bei einem Gamisonsregiment untergebracht,^) 

Was die Zusammensetzung der Armee betrifft, gibt 
Thackeray ein im allgemeinen ganz richtiges Bild: ein 
fester Stock von Offizieren und Unteroffizieren, durchwegs 
Preußen, sonst aber neben Landeskindem Geworbene und 
zum Teil auch Gepreßte aus aller Herren Ländern,*) Die 
Ergänzung der preußischen Armee erfolgte zum Teil durch 
das ^Kanton-System"* aus Landeskindeni, zum Teil, da 
dieses nicht ausreichte, durch Werbimg* Mit Werbe- und 
Eskortepässen gingen die Werbeofi&ziere, für die das Werbe- 



1) XIX, 95. 

2) XIX, iia — 8) Vgl vn, sei; xx, laö. 

*) XIX, lü2f. 

^) XIX, 94. 

ö) Bei CampbeU fand Thackeray folgende Anekdote: Als der 
König bei einer Musterung einen nichtadeligen Offizier fand, erklärte 
er dem Kommandeur, er müsse ihn los werden. Als dieser jedoch 
die Verdienste des Offiziers hervorhob, erklärte der König» dann gäbe 
es nur einen Ausweg : den betreffenden Offizier zu adeln. IV, 23 ff. 

') Vgl. Kos er, a. a. O, II, 5051 

*») XiX, 98: vgl. Koser, a. a. O. I, 533. 



=- 56 



geschäft eine recht eiBtrÜgUche Sache war,^) mit ihrer Be- 
gleitung ins Ausland. Hinterlistige Täuschungen und Ge- 
walttaten waren zwar strengstens verboten, aber es blieb 
auch da beim Alten und der König konnte nicht überall 
sein.') Diesen Auswüchsen hat Thackeray in seinen Schilde- 
rungen einen weiten Platz gewährt^ sein Barry fällt ja 
in die Hände preußischer Werber. Der preußische Offizier 
hat den englischen Deserteur erkannt, lockt ihn in ein 
Wirtshaus und läßt ihm die Wahl, Handgeld zu nehmea 
oder als Deserteur ausgeliefert zu werden; die Bajonett© 
der Werbe-Eskortö unterstützen das Angebot nachdrücklich 
und so wird Barry preußischer Soldat, seine Barschaft wird 
Beute der Werber. **) Derartige Fälle, daß Deserteure neues 
Handgeld nahmen oder gepreßt wurden, waren freilich nicht 
selten**) Der Fall Barrys ist übrigens nicht der einzige 
Fall einer Pressung, den Thackeray anfiihrt: Abgesehen 
von dem von Barry gelegentlich erzählten Fall des '^Morgan 
Frussia'*,^) wird noch der Fall des Kandidaten erwähnt,*) 
der vor seiner Probepredigt durch die List eines Juden, der, 
sich konvertieren zu lassen, Neigung zeigt, in dasselbe Wirts- 
haus wie Barry gelockt wird, wo man ihn für einen Deserteur 
und gefangen erklärt, und ihm trotz seiner Proteste und Hin- 
weise auf seinen geistlichen Stand seine Papiere abnimmt;') 
oder die Geschichte des französischen Offiziers, der in voller 
Uniform aufgegriffen wird, freüich bei einer etwas heiklen 
Oesclüchte, *Ht was a hve^-affair wÜh a Hessian lady tchich caused 
kirn to be unattended" ;^) oder des Mr, Fakenham, in dessen 
Kleidern Barry desertiert und der seine Pressung auch 
Barry verdankt;**) und schließlich der letzte unglückliche 
Werbeversuch des Offiziers, der auch Barry aufgegriffen 
hat — etwas stark aufgetragen — : Galgmsiein wird von 
einem französischen Posten auf der Brücke zwischen Kehl 
und Straßburg aufgegriffen, als er diesen zum Verlassen 
des Postens und zur Annahme preußischen Handgeldes ver- 



») Vgl. XIX, 77, — 2) Vgl. Koser, a. a. 0, 1, 538. 
8) XIX, 72 ft: — ^) Vgl. Koser, a, a, 0. 1, 539, -• 6) XIX, 73 f. 
•i) Der wiederholt zitierte Artikel in Frmer'» Maff. XXJIT ^b 
Thackeray das Vorbild für diesen Fall in einer Notiz unter dem fcJ trieb* 
* » XIX, 81 ff. 
») XIX, 87, — ») XIX, 92 t; 



N 




leiten will, tmd wird dann, da Friedrich ihn verleugnet, als 
Spion gehängt J) 

Daß bei den Werbungen Vergewaltigungen und Über- 
griffe vorkamen, wird niemand leugnen* Geschichten, wie 
die des Kandidaten der Grottesgelahrtheit, kamen vor, man 
nehme nur die Geschichte des Kandidaten Neubauer, 
die dieser selbst erzählt,^) oder seines Leidensgenossen 
Bräcker, der gleichfalls eine Beschreibung seiner Dienstr- 
zeit hinterlassen hat,^) Aber das war doch nur der kleinste 
Bruchteil ; der Hauptteil der Geworbenen waren Leute, die 
nichts zu verlieren hatten und die es daheim nicht duldete/) 
Thackeray freilich sieht nur die Auswüchse; daher sein 
schroffes Urteil: 

**The great and ühtstrious Frederick had scores of ihose white 
slave-dealers all round ihe frontiirs 0/ his kingdom dehauching 
iroaps or kidnapping peasants and hesitating ai no crime to 
suppig ihose hrilliani regimmts of his wiih food for powder,**^) 

Und doch wai' Friedrich nicht der einzige, der dieses 
notwendige Übel eben anwenden mullte. 

Die Folgen eines derartigen Preßsystems, wie es 
Thackeray schildert, sind natürlich massenhafte Deser- 
tionen. Er gibt uns selbst mehrere Beispieler Von den 600 
Franzosen, die im Bülowschen Regiment beim Ausmarsche 
standen, waren nach der Rückkehr sechs vorhanden, die 
übrigen tot oder desertierb,'*) **The deserting to and fro was 
pradigioiis,'"') Hieher gehört auch die Geschichte von "ir? 
Blondin" und seiner Verschwörung in Neiße,*) deren historische 
Grundlage schwerlich festzustellen ist.**) 

iiXIX, 77 ff. 

^) Curictilum vitae mil, Dom, Noubaner, herausg. von H. Weber 
(Neue Christoterpe 1892); vgL Kos er, I^ 539. 

3) Der arme Mann iu Tockenburg, herausg. von E. Bölow (1852): 
vgl Kos er, I, 539. 

*) Vgl. Koser, a, a. 0. I, ^39. - ») XIX, 77. - •) XIX. 93. — 

T) Ebenda; vgl. Campbeil IV, 46. — «) XIX, 8» ff. 

•) Als Vorbild wäre wohl an Trenck zu denken^ dessen G^' 
Hchichte SiU!^ CumpbeU, II, ^363 ff., Thackeray bekannt sein maßte: Sein 
Ausbruchsversuch in Glatz mit Hilfe eines Offiziers und dos Wacht- 
postens (p. 6ti) oder seine Verschwörung mit den österreichischen 
Kriegsgefangenen in Magdeburg (p. 3öD). Vielleicht auch benutzte er 
das bei Campbell, U^ 1%, mitgeteilte Komplott der rus.sischen Gefan- 
genen in Kttstnn. 



- 58 — 



Thackeray setzt die große Zahl der Desertionen anf 
Konto der widerrechtlichen Pressungen und der eisernen 
Disziplin ; es gab aber auch eine Menge Leute, die aus dem 
Handgeld-Nehmen ein Geschäft machten ; heute hier deser- 
tierten, um morgen dort neuerdings Werbegeld zu nehmen 
11. 8. £^ unstäte Bursche, die es eben nirgend lange aus- 
hielten. *) 

Das Desertieren war übrigens nicht gar so leicht. Die 
Regimenter wechselten selten die Garnisonen, so daß man 
jeden kannte;*) die Überwaclinng der Fremden in der 
Aröiee war sehr streng; ihre Briefe erreichten selten ibre 
Bestimmung oder wurden doch vorher gelesen, damit nicht 
unnützer Lärm entstünde;^) die Preise, die auf Deserteure 
gesetzt waren/) mußten natürlich die Habsucht der Land- 
bewohner erwecken und so freche Desertionen wie die 
Barrys glückten natürlich nicht immer. 

Das ist das Bild, das Thackeray von dem preußischen 
Soldatenwesen entwirft. Daneben wirft er nur noch einen 
kurzen Blick auf das Polizeiwegen» 

Das Spitzelwesen tritt in den Vordergrund der Schilde- 
rung. Jeder Fremde wird in Berlin bewacht und als Spion 
beargwöhnt: ^The King %$ so jealous that he will see a spp 
in evefy persmi who comes ts kis miserable capital,"^) — 
'^The great Frederick never recewed a gnesi mihout taking this 
höspitable precauiiofis*\^) daß er ihn nämlich von seinen 
Spionen überwachen ließ; so fällt Barry die Überwachung 
seines eigenen Oheims zu') und er läßt sich dann auf die 
auch heute noch praktizierte Weise als mißliebiger Aus- 
länder in der Maske seines Oheims über die Grenze biingen.^) 
Natürlich findet Thackeray das Spitzelwesen auch in der 
äußeren Politik **) — geheime politische Agenten nennt man 

i)Vgl, Koser, I, 530. 

«) XIX, 88. 

*^ XIX, 116; vgl, dazu tmd dem vorhergehenden Koser^ I, 540, 

*) XIX, 115, 

^) XIX, 108. — «) XIX, 103. 

' ) XIX, 103 m 

«) XIX, 115. 

*♦) XIX, 188» — Über das Polizei wesen berichtet übrigeDS Campbell 
geradezu das Gegenteil: der König hätte sich geweigert, eine Geheim- 
polizei und Spionagensystem ©inzufiöhren. A. a* 0* IV, 124. 



• 



59 



80 etwas heute — , ebenso wie er anch erzählt, daß der 
König das Spiel an den einzelnen Gesandtschaften unter- 
stütze, um dann aus den finanziellen Verlegenheiten der 
Herren seine Vorteile zu ziehen. \) — Daß der König übri- 
gens schnell damit fertig war, Leute nach Spandau zu 
schicken, ist nicht nur bei Thackeray, sondern auch überall 
anderswo als unausrottbare Ansicht zu finden.^) 

Erwähnt sei hier auch noch die kurze Notiz, die 
Thackemy über den Sturz des GroÜkauzlers Fürst und 
dreier Kammergerichtsräte infolge des Prozesses des Wasser- 
müllers Arnold contra Grafen Schmettau macht, ^) 

Thackeray ist oft kleinlich in seinem Urteil über Fried- 
rich den Großen, er sieht fast nur die Schatten, aber die 
Auffassung, die bei dem Historiker Macaulay nie entschuld- 
bar ist, muß man Thackeray verzeihen. Er trat eben mit 
all den *'EngUsh Prepossesskms'\ von denen Carlyle spricht, 
an Friedrich heran- So genaue historische Studien, wie sie 
später den Esmond auszeichnen, hat Thackeraj'' zum BaiTy 
Lyndon nicht gemacht. 

Und er hatte noch keinen Carlyle vor sich. 



Am Khein. 

Die persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen spielen 
in Thackerays Werken immer wieder herein* Namentlich 
zwei Erinnerungen seiner Jugendzeit: DerHhein und Weimar. 
Wie er selbst den Rhein bereist, so reisen alle seine Per- 
sonen Rhein-aufv\^ärts, die Kickleburys, Dobbin und Miss 
Osborn, Pendennis, Ethel und Clive Newcome, Und Fitz- 
Boodle-Thackeray erzählt seine Erlebnisse in Pumpernickel- 
Weimar. 

Thackerays geographische Kenntnisse der Rheinland e 
zu kontrollieren, ist nicht Aufgabe des vorhegenden Themas : 
trotzdem ist es nicht uninteressant, seine Lokal-Schüderun- 
gen einer ktirzen Betrachtung zu unterziehen. 



1) XIX, 111 i\ ^ si) XIX, ilti n. HB, 

^) XIX, 98. — Notiert sei auch Bach die Erwähnung der Schwester 
Friedrichs, Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, die Thackeray mit 
Friedrichs eigenen Worten '^sexu femina, vir ingeftio*' charakterisiert. 
Yf 54 f; siehe auch XIX^ 119 u. a. 



— 60 — 



Die köstHchen Erinnerungen der Jugendzeit sind stark 
und mächtig geblieben und tauchen in all ihrer Farben- 
pracht wieder auf, den Gang der Handlung wiederholt 
unterbrechend: 

*'Pleasant Rhine gardms! Fair scenes of peace and sun-- 
shine — noble purph mountains, whose crests are reflecied in 
the mugtiißcmt siream — who hos ever seen you, that iias not 
a grateftd memory of ihose scenes of friendhj repose and 
beauty? « , • ^1^ this time of Stimmer evening, the cotvs are troop- 
ing down from ihe hills, hwing and mth their bells tinkling, to 
the oM iown, mth its old tnoais, and gates, and spires, and 
chesi-nui trees, tcith long blue shadows, stretching ovcr ihe gross ; 
ihe sky and the rimr behw flame in crimson and gold: €md 
ihe moon is already out looking pale towards the sunset The 
sun sinks Iwhind the great castle-cre^ted mountains, the night 
falls suddenlyt the river grotcs darker and darker, lights quiver 
in it from the Windows in the old ramparts, and twinkle peace^ 
fully in the mllages under tJun hills on the opposile shore,*'^) 

An alle die Orte, die er selbst besucht, fiihrt er die 
Personen seiner Eomane ; nach Köln, Bonn, wo Grelegen- 
heit ii*t, die deutschen Studenten und ihre Sitten kennen 
zu lernen,-) nach Godesberg und hinauf zur Ruine, an deren 
Zugängen statt der Raubritter jetzt Schwärme von Bettlern 
den zu FuÜ oder auf Eseln hinaufpilgemden Touristen 
wegelagemd entgegentreten;^) und weiter ins Sieben- 
gebirge,^) auf den Draehenfels, der Chve sogar einige Verse 
*^of a not very superior style*' abzwingt,*^) und in das an 
seinem Fuß gelegene Königswanter und auf die Insel Nonnen- 
werth;*^) nach Koblenz und der Feste Ehrenbreitstein, die 
Mr. MilUken mit unglücklichem Erfolge — er wäre fast 
verhaftet worden — zu skizzieren sucht ;^) nach Mainz und 
mit einem kleinen Abstecher nach Frankfurt a. M., *-the 
Free City of Judenstadt'* ;^) und weiter nach StraBburg, 
**that odious btiggy'' Straß bürg.") 

Thackeray fiihrt uns auch in die rheinischen Bäder: 
Ems, Wiesbaden, Homburg, Baden-Baden. Das Leben in 

1)11, 290 f.- 2) XXV, B2*>. 
») V, 301 ; siehe auch XXV, B21. 
<) V, a»2. — ») V, .401. — ^) II, 2m. 
7 1 XIU, 132. — 8) 11, 2^0. — ») V, 434. 



— tjl — 



Baden, in dem er selbst 1853 längere Zeit weilte, hat er 
in den Newcomes (The congress of Baden) geschildert- 
Viel ausführlicher aber schildert er das Leben in Hom- 
burg in den "Kiekleburys on the Bhine'\ 

In der Schilderung des Badelebens daselbst, der Spiel- 
höhlen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahi^hunderts dort 
ständig waren, trifft er sich mit einem andern, ihm con- 
genialen Geist, mit dem Holländer Dekker, der in seinen 
Mühonenstiidien das Leben in den Spielhöhlen Wiesbadens 
zeichnet. 

Rougetnoirbourg : Schwarz und Rot, nach dem beheb- 
testen Spiel Ramie et Noir^ nennt Thackeray den Ort, der 
das Ziel der H^ise der Kickleburys ist. Mit diesem Namen 
meint er Homburg, das namentlich auch von der englischen 
Gesellschaft um die Mitte des XIX* Jahrhunderts besucht 
wurde. ^) Die ganze Beschreibung Rougeinoirböurgs stimmt 
auf Homburg (seit 1834 Taunuabad) : der groÜe weiße Turm,*) 
das Wahrzeichen von Homburg, weithin sichtbar, Überreste 
der Burg einer längst verschwundenen D^Tiastie, derer von 
Epstein, das Schloß der Landgrafen mit seinem Garten und 
der Erinnerung an die englische Prinzessin, die hieher 
verheiratet worden war^) — es war Elisabeth, die Tochter 
Georgs HI* — , daneben die Paläste Lenoirs» das prächtige 
Kurhaus von Homburg mit seinen großartigen Parkanlagen, 
lassen deutlich Homburg erkennen.*) Vielleicht noch mehr: 
der Name Lenoir ist fiir den Typus des Bankhalters wohl 
dem Spiel Kouge et Noir entnommen ; aber es mögen auch 
bestimmte Persönlichkeiten hinter den beiden Lenoirs 
stecken, vielleicht die Brüder Bianc, die in den Vierziger- 
Jahren die Bank hielten und denen Homburg sehr viel 
verdankt, namentlich auch das Theater; das W^ortspiel 
Blanc-Noir liegt nicht allzufem. 

Es liegt nicht im Plane der vorliegenden Arbeit, auf 
das Leben in diesen internationalen Kurorten, in denen 
das Bechertrinken ^) die geringste und die Vergnügimgen 



*) Vgl H. VüeUlfy, Glances Back ihraugh Sevmip Years, 2 vol*, 
London 1893. Darin U, p. 23 — 40, Schilderung Homburgs und seines 
Lebens (1858). 

»)xni;ii7. 

»)xni, Uli: - *) XII, 147. - *) xm, isl 



— 62 — 



— Kurmusik,*) Eoug^ etNoir und Roulette*) — die gröfite 
KoUe spielen. Es würde auch zu weit abseits führen, auf 
den Wettkampf der beiden Banken einzugehen.®) Und wie 
es in Homburg zugeht, geht es auch in Ems^ Wiesbaden*) 
und in Baden-Baden zu, das namentlich gerühmt wird; der 
Großherzog ist außerordentlich gastfrei gegen die Eng- 
länder.^) Wer freilich krank ist oder weniger Geld hat, geht 
nicht in diese fashionablen Bäder, der begnügt sich mit 
einem der kleineren Badeorte, wo man mit 300 £ im Jahr 
sehr gut leben kann,*) 

Bot schon das Badeleben mit seiner binaten Gesell- 
schaft Thackeray einen geeigneten Zielpunkt für seine bittere 
Satire, so fand er auch am Bhein selbst etwas, was seinen 
Spott herausforderte: die Romantik, die sich über den 
Rhein und seine Ufer spannt, die Romantik all der zer- 
fallenen Schlösser mit ihren Sagen, die von rauhen Kriegs- 
taten und süßem Liebeswerben erzählen, die Bheinromantik, 
der auch er, als er 19 Jahre alt war, auf seiner ersten 
Rheinreise ganz verfallen war. Damals mag er auch die 
Sagen kennen gelernt haben, die er dann verwertete, als 
er in seiner ** Legend of the lihine*' gegen die Ritterromane 
zu Felde zog, die sich seit Horace Walpoles ''Coi^ilt of Ot- 
rantu' in England eingebürgert hatten. Eine eingehende 
Untersuchung der Satire gegen die englischen Ritterromane» 
von denen Scotts ''Ivanhoe' im Vordergrund steht, gehört 
nicht zum Thema der Arbeit. 

Aber Thackeray hat auch die deutsche Ritterromantik 
hergenommen; in das „alte romantische Land "^ der Deutsehen, 
an den Rhine, verlegt er den Schauplatz und zwei Rhein- 
Sagen wählt er zum Zielpunkt seiner Satire: „Otto der 
Schütz**') und das ^Eräulein von Wind eck**, beide 
ihm vielleicht auch aus Simrooks „Rhein-Sagen^ be- 
kannt. 

>)Xni, 144, 

«)XII1, las ff; vgl auch H, 293. 

^) XIII, 139 ff. ^ * ) II, 293. 

*) IV, 114. - ^) IV, m. 

'') Nach W ern er, p. 11 (Fußnote), ist „The Legend of theBhine", 
soweit darin die Sage von „Otto dem Schützen" benutzt ist, ^eine 
Wiedergabe von Alexander Dumas' Prosaerzählung: jOthon l'archer* 
(wieder erschienen IB92^ Paris, Calman L^vy, zusammen mit ,Les 



k 



Die Sage von ^Otto dem Schützen^ 
an, Otto^ der Sohn des Landgrafen von Hessen, ist als 
jüngerer Sohn dem Kloster bestimmt. Er entflieht aber mid 
tritt, nachdem er bei einem Wettschießen seine Meister- 
schaft über alle anderen bewährt hat^ als Schütz in den Dienst 
des Herzogs von Cleve, dessen Tochter es ihm auf den 
ersten Blick angetan hat. Nur ihr zu Liebe opfert er auch 
seine langen Haare, den Schmuck des Freien. Sein Name 
ist nur Otto der Schütz. Es entspinnt sich ein zartes Ver- 
hältnis zwischen ihm und der Prinzessin. Als er aber Herrn 
Homberg, einen Ritter seines Vaters, nach Cleve kommen 
sieht, glaubt er sich verfolgt und flieht, wird aber wieder 
eingebracht und — sein Verhältnis zur Prinzessin ist bereits 
verraten — , da sem älterer Bruder tot und er, der Erbe, 
das Kloster nicht mehr zu tiirchten hat, mit der Tochter 
des Herzogs von Cleve vermählt. 

Und nun Thackerays Bmrleske; Otto, hier der Sohn 
des Markgrafen von Godesberg, flieht aus Furcht vor dem 
Kloster, in das er freilich aus anderen Gründen, als in der 
Sage, gesteckt werden soll. Nach mehreren Abenteuern ge- 
langt er mit einer iSchar Schützen an den Hof AdoUs von 
Cleve, bewährt — ganz wie Locksley im „Ivanhoe" — hier 
beim WettschieÜen seine Meisterschaft und tritt — die 
Prinzessin hat es ihm angetan — in den Dienst des Her- 
zogs* Sein Name ist Oth the Archer, Die Aufmerksamkeit, 
die die Prinzessin ihm schenkt, erregt die Eifersucht ilires 
Bewerbers, Botvski, und auf sein Betreiben fällt Ottos wal- 
lender Hauptschmuck. Nur der Gedanke an die Prinzessin 
läßt ihn diese Schmach ertragen ; und seine Standhaftigkeit 
wird belohnt: unbemerkt sieht er, wie die Prinzessin seine 
abgeschnittenen Locken küßt. 

Eowski von Donnerblitz macht seinen Antrag und wird 
abgewiesen* Er schickt seine Herausforderung, mit dem 

fr^res Corses*X wo Dumas ganz selbständig von den deutschen Be- 
arbeitnngen (Kinkel, Otto der Schütz, a. a. m.) den alten Sagenstofi 
der Rheinlande wiedergibt. Es sei nochmak darauf hingewiesen, daß 
Thackeray auf die französische und nicht auf eine deutsche Quelle 
zurückging, was sich leicht an \'ielen Beispielen nachweiBen ließe, 
z. B. die romantischen Beigaben^ die eingeflochtenen Erzähliiogen 
u, s. w, bei Dumas und Thackeray, die in den deutschen Wieder- 
^H gaben fehlen/* 



I 




Prinzen oder dessen Kämpen will er zum Zweikampf an- 
treten. Rowskis Truppen erscheinen. Der Herzog aber ist 
alt geworden und ein Kämpfer^ der dem harrenden Rowski 
entgegenträte, findet sich nicht* Otto, anf den die Prinzessin 
gehoffl, ist verschwunden* Endlich, der Herzog will sich 
schweren Herzens schon selbst in den Kampf wagen, end- 
lich beim dritten Trompetennif — wie im ^.Ivanhoe** beim 
Gottesgericht — erscheint ein Ritter, der den Feind über- 
windet, darauf aber versch^vindet ; niemand hat ihn gekannt. 
Der Herzog verspricht dem Retter, wenn er sich melde, 
die Hand seiner Tochter. — Nach dem Siege erhält der 
Herzog Besuch, der Graf von Honibourg kommt. Auch Otto 
hat sich wieder eingefunden, er soll gepeitscht %verden, die 
Bitten der Prinzessin aber, die ihm ihre ganze Verachtung 
zeigt, verhüten die Strafe, Hombourg erkennt Otto und 
erklärt ihm seine veränderte Lage^ das Kloster braucht 
Otto nicht zu furchten. Die beiden entfernen sich. Am 
nächsten Tage erscheint der unbekannte Ritter, begleitet 
von zwei gleichfalls Gewappneten, und fordert Einlösung 
des Versprechens. Seine beiden Gefährten, sein Vater imd 
Hombourg, zeugen für seine edle Abstammung und so wird 
er mit der Prinzessin vermählt. 

Die Übereinstimmungen und Veränderungen liegen klar 
zu Tage. Die letzteren erklären sich wohl zum Teil ans 
dem Zusammenhange — die Satire richtet sich nicht allein 
gegen unsere Sage — , zum Teil auch aus der satirischen 
Behandlung des' Stoffes, Auf die Form der Satire ein* 
zugehen, ohne den ganzen Inhalt des Stückes in den Kreis 
der Betrachtung zu ziehen, wäre natürlich immöglich. Es 
mögen daher hier nur einige Einzelheiten hervorgehoben 
werden. Wie die Ritterromane hie und da durch gelehrte 
Anmerkungen größeres Gewicht zu erlangen suchten, bringt 
auch Thackeray — mitten im Text — einen solchen Beleg, 
es handelt sich um das Recht der langen Haare : die Namen 
seiner Quellen sind natürlich möglichst unwahrscheinlich 
und burlesk gewählt.^) Die Liebesgeschichte wird möglichst 
weich -sentimental, aber doch ernst erzählt, ebenso ist es 
mit den Rittertaten, die nur hie imd da stark übei-trieben 



J) XV, 247. 




werden. Davon stechen dann ganz merkwürdig die plötzlich 
mitten in der Handlung auftauchenden ganz köstlichen 
Anachronismen ab: unter den Klängen von Variationen 
nach dem Freischütz- Jägercbor reitet Otto in den 
Kampf. Überhaupt der „Freischütz" erscheint des öfteren: 
der Meisterschuß Ottos auf dem Marsche*) läüt die Ver- 
mutung auftauchen, daß er im Bunde mit dem Freischützen 
sei; der 8chuü erinnert auch etwas an den Ädlerschuß im 
^Freischütz*^, wenn auch Locksleys Schuß im Walde zur Be- 
schaffung der Feder für den Abt sicher mit Pate bei dieser 
Szene gestanden ist. Ganz kösthch wirkt auch zum SchluU 
die Ausschreibung im "^Jounioi de Francfort*' und der "^AU- 
ffmmneft Zeitung*' J) 

Neben der Sage von 7, Otto dem Schützen" benutzt 
Thackeray noch eine andere Sage, die Sage vom „Burg- 
fräulein von Windeck",^) die in Chamissos Be- 
arbeitung in Simrocks „Ehein-Sagen" aufgenommen 
ist. Daher, oder \^eUeicht von seiner Rheini*eisei mag die 
Sage Thackeray bekannt geworden sein. 

Ein Jäger (oder Ritter) trifft auf der Ruine von Wind eck 
ein Fräidein. das den Ermüdeten mit einem Becher köst- 
Hchen Weines labt» Seither ist er in Liebe zu ihr entbrannt 
und es zieht ihn immer wieder zu der Burg, ohne daß er 
sie wiedersieht, bis daß man ihn eines Tages mit einem Ring 
am Finger, den er vordem nicht besessen, tot auffindet. 
Er hat das Burgfräulein von Windeck gesehen imd ihr Kuß 
hat ihm das Leben geraubt. 

Die schöne Qeisterbraut, die in der Sage keineswegs 
in hartem Licht erscheint, ist bei Thackeray zur teuflischen 
Verführerin geworden, die freilich auch der komischen Züge 
nicht entbehrt* Sie erscheint einem Gefährten Ottos, der 
während des Nachtlagers zu Windeck die Wache hält, und 
fordert ihn zum Mitgehen auf. Und nun wird aus dem ein- 
fachen Becher Wein ein ganzes Gelage, das von unsicht- 
baren Geisterhänden auf Wunsch des hungrigen Schützen 
herbeigetragen wird. Thackeray legt den Nachdruck auf das 
Mittel, mit dem sie das Opfer zu gewinnen sucht; er soll 
sich ihi* vermählen. Aus der Andeutung der Sage, dem 

A)XV, 233. - «) XV, 269, 
«) XV, 235 ff. 



Ringej ist liier eine Tatsache geworden und ein ganzes Heer 
von Geistern folgt nnter den Klängen des „Chors der 
Brautjungfern^ aus dem „Freischütz'^ im Hochzeits- 
zuge bis zur Kapelle, wo es Otto gelingt, den ganzen Spuk 

zu bannen. 

Das sind die beiden deutschen Stoffe, die Thackeray 
lur seine Burleske benutzt hat; es sind Repräsentanten 
zweier Grattungen, die freilich oft gemeinsam erscheinen, 
der Kittergeschichte und der Gespenstergeschichte, 



Pumpernickel) und Kalbsbraten, 

Aus dem deutschen Kleinstaat und der deutschen Kleinstadt, 

In Weimar, von wo Thackeray soviele große imd schöne 
Erinnerungen mitnahm, hat er aber auch den deutschen 
Kleinstaat genau kennen gelernt. Die Zeiten der Größe 
Weimars waren vorbei, nm^loethe lebte noch zurückgezogen, 
Karl August war tot und Weimar war wieder nur ein kleine-s 
Nest, das freilich an großen Erinnerungen zehrte. 

In den Füz-Boodh Papers und später in Vaniiy fair 
hat uns Thackeray ein Bild vom deutschen Kleinstaat ge- 
zeichnet. 

Es sind ganz kleine Staaten, Miniatur-Fürstentümer, 
dieses Pumpernickel und Kalbsbraimi- Pumpernickel, aber über- 
sehen lassen sie sich nicht, und wenn sie auch nicht nach 
außen Großmacht spielen können, so richten sie es sich 
wenigstens daheim recht gi'oßartig ein, wie sie es bei den 
w^irklichen Großen gesehen haben, nur daß dem kleinen Kerl 
die große Jacke etwas putzig steht. 

Der Staatshaushalt funktioniert tadellos. Man hat »o 
etwas Ahnliches wie eine Konstitution, d. h. eine Art von 
'^maderate despotism'\ gemildert durch eine Kammer, ''that 
mighi he or not be elected^* und die nur den einen Fehler 
hat, fast nie ein Lebenszeichen zu geben. So wenigstens 
ist es in Pumpernickel) und ähnlich auch in Kalbsbraten, 
das eine Eepräsentantenkammer besitzt, "^tchich however 

^) Der Name Pumpernickel ist £. T. A.Ho£fmaDns ,,Klein Zaches"* 
entnommen; vgl. Werner^ p. Id. 
«) n, 808. 



Hothinff can induce to sW\^) Aber eine Verfassimg ist da, 
wenn auch mir auf dem Papier.^) 

Natürlieh hat Pumpernickel auch einen gan^ssen Stab 
von Ministern, einen Premier, einen ^ffome Minister** und 
einen Minister '^of foreign Aßairs'', wie Kalbsbraten seinen 
"^Hvjh ÜhaneeUor^ wenn sein Einkommen auch nur 30(j £ 
beträgt, mit denen er übrigens noch einen genügend großen 
Aufwand betreiben kann,^) *^ homc and foreign minist er s^ residmts 
front neighbouring courts, law presidetits, town Councils, elV, 
all ihe adjuncts of a big or liitk goverfimetU'\*) 

Das sind die Würdenträger, die den durchJauchtigsten 
Fürsten, *^His TraTisparencg ihe Duke"^) — die Übersetzung 
des deutschen Durchlaucht ist nicht übel — oder *'if. & 
H, ihe Ditke" zur Seite stehen. 

In Pumpernickel tührt zur Zeit — als die (Jesellschaft 
Dubbin-Sedle^^ sich daselbst aufhält — AnrcUus Victor, der 
XVn, seines Kamens, sein mildes Regiment; mit der Herr- 
schaft erbte er auch den Namen vom Vater, das ist so 
Sitte an den deutschen Höfen^ und übrigens klingt Aurelius 
Victor XVH» nicht schlechter als Ludwig XH^. 

Der Herzog ist recht leutselig; wenn er sich zeigt, 
nickt er jedermann freundlich zu;*) er hat auch künstlerische 
Neigungen, er komponiert und seine Opern hätten fast das 
Theater ruiniert, freilich war hauptsächlich der KapeU- 
meisier schuld ; seither werden seine Opern nur im Privat- 
zirkel aufgeführt, ebenso wie die Komödien seiner FrauJ) 

In den vereinigten Reichen Kalbsbraten-Pumpemickel 
legiert Philibert Sigisfnund Fmanurl Maria : **the Magnificmt" 
•"«ennt ihn das Volk in Hinblick auf die Erbauung des all- 
bekannten Brunnens auf dem Marktplatz von Kalbsbraten.^) 
Der Gothasche Älmanach gibt eine genaue Beschreibung 
des Staates und des Hauses dieses Fürsten. Seine Mutter 
Emtlia Kunegunda Thomasina Clmrleria Emanuela Luisa 

1) XVn, 185. 

^) Weimar hatte 1BI6 eine konstttationells Verfassung erhalten. 
8) XVn, 202 f. 
*) XVU, 186. 

ft)n, 302; vgl II, 297: "Ihe TrcmapamU famiip" ; U, 802: "ihe 
Transparent earriogm*'. 
•) IT, B02. 
7) n, 308, — 8) XVII, 184. 



- 68 - 



Georgina, Prinzessin von ^ Saxe*Pnmp€rfnckeV\ brachte ihrem 
Vetter, dem Vater des regierenden Herzogs, ein Anrecht 
auf Saxe-Pumpernickel, welches denn auch unter ihrem 
Sohne mit Kalbsbraten vereinigt wurde,') 

Der fürstliche Hofstaat ist recht groß angelegt. Der 
Herzog hat seine Kammer hen'en, seinen Privatsekretär,*) 
seinen Stallmeister^ die Herzogin ihre Beschließerin, ihre 
Hofdamen, ^just like amj oiher and more potetit potetHaies",^) 
Dann ist natürlich auch ein Hofmarschall da*) und eine 
ganze Menge von **ofßcers qf household''; selbstverständlich 
auch ein " Bodij-Phijsieian", Dr, Glauber, ^) 

Die Herzogin -Witwe von Pumpernickel hat natürlich 
ihren eigenen Hofstaat, ihre alten Hofdamen, ihren eigenen 
Hof-Kavalier.'^) 

Und ganz so wie in Pumpernickel ist es auch in Kalbs- 
braten : der Herzog hat seinen Hofoiarschall, seine Kanmier- 
herren, die Herzogin ihre Ehrendamen imd Hofifräulein, ^) 

Ein " Oherhofarchikci and Kunst- u. Bauinspecior"^) hat 
in Pumpernickel die Oberaufsicht über die Bautätigkeit; 
sein Werk — sein Name ist Lormzo von Speck — ist der 
großherzogliche Palast, sind die Schild erhäuschen vor dem* 
selben^) sowie der berühmte Brunnen mit seinen etwas un- 
klaren allegorischen Figuren und Gruppen.*^) 

Auch Kalbsbraten hat seine Prachtbauten : einen großen 
neuen Palast, von Victor Aurelius XIV, begönnet], Mon- 
plaisir — Monblaisir nennen ihn die biederen Sachsen — , 
und nur aus Geldmangel unvollendet; er ist ganz nach 
dem Muster von Versailles angelegt: Haine^ Terrassen, 
Wasserwerke/*) die bei den großen Festlichkeiten spielen, 
bei denen auch die ganze Flucht der Zimmer des Schlosses 



1) Ebeuda; die Sitte der Tautaanienliäufung ist namentlich in 
katholisoh&u Kreisen Deutschlands ganz gewöhnlich; ebenso sind 
weibliche Kamen bei Männern an zweiter oder späterer Stelle^ dem 
Französischen nachgeahmt, nicht selten. 

*) n, 309. — ») II, 306. - *) Ebenda. - *) U, 305. — «) H, 902. 

7) XYH. 105. Der Spott tlber den großartig angelegten Hof ist 
nicht unberechtigt. Der Hof war der glÄnxendste unter den kleinen 
Höfen Deutschlands, namentlich zur Zeit, als Thackeray dort war, 
tmter Karl Friedrich ; vgl. Vehse, ß. a. 0. 28. Bd., p. 330 f. 

«) XVIl, 1&5, mil - ») XTII, 185. - 'ö; XVII, 184 f. 

») n, 306 1\ 



4 

i 

j 

4 



- 69 — 



dem Publikum geöffiiet ist. Besonders hervorgehoben er- 
scheint ein von Aurelius Victor XV, erbauter Pavillon mit 
mythologischen Wandgemälden (Baeohus und Ariadne), der 
nach des Erbauers Tode von dessen sittenstrengen Witwe 
Barbara wieder geschlossen wurde. *) Natürlich gibt es auch 
JögdachJösser, Sommerresidenzen: Grogwitz *•) in Pumper- 
nickel^ Siegmundslnst in Kalbsbraten.®) 

Man darf bei diesen Schilderungen nicht gerade allein 
und vorzugsweise an Weimar denken, die Satire ist hier 
ganz allgemein gegen die Nachahmung von Versailles an 
den deutsehen Höfen gerichtet und bei Thackeray fast 
typisch. Man vergleiche nur die Schilderungen des Hofes 
sm X im ^ Barry Lt/ndott' oder auch einzelne Abschnitte 
in den "^Fmir Georges'\ 

Natürlich hat jeder der beiden Staaten auch eine Armee. 
Die von Pumpernickel hat sich erst im letzten Feldzng 
bewährt. Jetzt ireilich in Friedenszeiten hat sie eine weniger 
rauhe Beschäftigung, Die Kapelle spielt morgens am Aurelius- 
platz, abends geben die Lerute Statisten im Theater ab* 
Außer dem Musikkorps gibt es zahlreiche Offiziere '^and 
I believe, a few men\ die hauptsäcldich den Wachdienst 
versehen ; drei oder vier versehen in Husarentmiform Palast-- 
dienst; zu Pferde hat sie noch niemand gesehen^ aber es 
ist ja auch Friedenszeit *^and whither ihe dmice should fhe 
hussars ride?*'^) 

Kalbsbraten-Pumpeniickel entsendet drei imd einen 
halben Mann zum Deutschen Bunde, kommandiert von 1 Ge- 
neral (ExcelltmctfK "^ Major-Generalen, 64 Offizieren niederen 
Grades, alle Edelleute und Ritter des herzoglichen Ordens 
und fast alle groüherzogliche Kämmerer, Dazu gehört auch 
eine Musikbande von 80 Spielleuten. Bei Waterloo hat die 
Armee sich mit Ruhm bedeckt, nur drei Mann kehrten 
zurück, der Eest wurde in Stücke geschlagen/'^) 

Auch mit Orden sind diese Staaten sehr wohl versehen; 
die verschiedensten Tierax'ten und Heiligen sind vertreten 
und anläßlich der Hochzeit des Erbprinzen von Pumper- 
nickel geht ein ganz tüchtiger Ordenregen nieder.*) 

») n, 307. - 2) Ebenda. 
») X\ai, iRL - * i II, 308, 
»)XVII, 186. - ß) II. 3(>Z 




— 70 — 

Die äußere Politik spielt eine große Holle. Die Groß- 
staat€iii sind durch Botschaften vertreten*) und namentlich 
England und Frankreich ringen in Pumpernickel lun den 
Einfluß. Jeder der beiden Rivalen hat seine Partei bei Hofe, 
Karikaturen fliegen hin und her. Depeschen gehen nach 
London und Paris; schliei31ich gelingt es der englischen 
Politik durch Vermählung des Erbprinzen mit der von eng- 
lischer Seite vorgeschlagenen Prinzessin von Schlippenschloppm 
einen völligen Sieg zu erringen.*) — Auch Pumpernickel- 
Kalbsbraten hat seine äußeren Verbindungen, Es steht in 
Handelsverbindung mit Hambiu-g, das bei Abschluß der- 
selben dem Herzog ein Faß Austern zum Geschenk macht,*) 
Der klugen Politik, die zur Vereinigung von Pumpernickel 
und Kalbsbraten führte, ist bereits gedacht worden. 



Das gesellschaftliehe Leben ist sehr rege* Da 
ist einmal das Theater in Pumpernickel; streng geschieden 
sitzen Adel und Bürger;*) man hört gute Musik, Mozart^ 
Beethoven, Cimarosa, die bede\itendsten Kräfte geben Gast- 
rollen. Auch das Theater von Kalbsbraten ist nicht schlecht, 
Goethe^ Schiller, die beste Musik wird gepflegt;*) natürlich 
fehlt auch das Ballett nicht/) 

Im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Veranstaltungen 
stehen vor allem die Hoffeste : Ein Ball bei Hufe sieht bis 
400 Personen versammelt, die Pompentfaltung ist außer- 
ordentlich:^) dann einfachere Diners imd Gesellschaften. 
Die Fremden sind freundlich aufgenommen, wenn sie durch 
das Ministerium des Äußeren und das Hotmarschallamt 
passiert sind,®) namentlich die Engländer sind gern gesehen 
am Hofe zu Pumpernickel.'*) 

Alljährhch wiederkehrende Feste sind die Feiern der 



>) I, 87; II, a(>>, m^\ III, 88 f u. a. 
^ U, 309 ff. 
'*)XYII, 21 L 

*} Die Scheidung bestand noch 1848; vgl. Vehse, a, a. 0, 28, 
p. 331. 

^) XVU, 206. 

•)xvn, 191, 

7^1, 306; X\T[, l^t: 



•*)n, 303 t; xvn, 

") U, 308, 306. 



190, 



I 



I 



Geburtstage des Fürstenpaares:*) die Wasserwerke von 
Moiiplaisir spielen, der großherzogliche Palast ist geöffnet^ 
im Theater ist freier Eintritt; auch sonst ist fiir Belusti- 
gungen aller Art gesorgt.*) 

Auch eine besouders große Feier, die Festlichkeiten 
anläßlich der Vermählung des Erbprinzen von Pumpernickel, 
tuhrt uns Thackeray vor : Feuerwerk, mit Wein und Bier 
rinnende Fontänen, allerlei Volksbelustigungen („Baum- 
kraxeln" etc.) und filr die feineren Kreise ausgesuchtere 
V*ergnügungen : Trente-et-quarante und Roulette.^) 

Größere Diners sind in Kalbsbraten eine Seltenheit, 
dagegen sind einfache Teegesellsehaften an der Tages- 
ordnung.*) Daneben gibt es auch kleinere Abendgesell- 
schaften, Tanz fiir die Jungen, Whist, Ecarte fih* die Alten. 
Zur Winterszeit unternimmt man auch Schlittenpartien nach 
benachbarten Ortschaften, wo eine kleine Tanzunterhaltimg 
stattfindet; auch das „Schlittenrecht" vergißt Thackeray 
nicht zu erwähnen,'^) 

Die „G-esellschaft" imifaßt natürlich nur die Adelakreise, 
aus denen uns Thackeray einige ganz gelungene T^^pen 
vorführt unter Antührung der ganzen Familienverhältnisae 
und Stammbäume : Die Stadtberiihmtheit, den großen 
Architekten Lormizo voit Speck, der sogar in Italien studiert 
hat und jedem Fremden das Bild des von ihm erbauten 
Brunnens auf einem Pfeifenkopf dediziert,^) oder der Kanzler 
O&ho Siffistmmd Freifherr von Schlipjyenschlopp, der sich eines 
uralten Adels rühmen kann, ebenso wie seine Frau, eine 
geborene von Kartoffelstadt,') 



1) Eine EinfÖhnuig der Gattin Karl Friedrichs, der rassischen 
Großfürstin Maria; v^l. Velise, a. a. O. 28, Bd., p. 321 f.; U, mi. 

2) Die Erwähnung des Ziidranges der Landbevölkerung gibt 
Thackeray Gelegenbeit auch die Volkstracht kurz zu streiten: "peoph 
in red petticoats and velvet head-dresses, or with three-comered hats and 
pipea in their mouÜis'\ U, 307. 

») H, 311 f. — Der SchiHening dttrtit© wohl die Vermählnng des 
Erbprinzen Karl Friedrich mit der Großt\lrstin Maria Modell gestanden 
haben (1H03), wenn sie anch im allgemeinen trei ist. 

*J XVII, -209. 

») xvn, -jod. 

•) XVII, 187. 

^) XVIL ^1-2 f ; vgl n, 311 u* a. 




— 72 — 

Die Gewohiilieiten sind^ bei aller Würde und Äbschlieliuug 
I gegenüber den gewöhnlichen Sterblichen, doch nur die einer 
Kleinstadt. Jeder kennt seinen lieben Nächsten genau, kennt 
seine ganzen Toilettenangelegenheiten, weiß die Medizin, die 
ihm der Arzt verschrieben, sowie den ganzen Verlauf' der 
Krankheit zu beschreiben,*) Natürlich, kleine Hof- und 
StÄdtekandä leben werden liebenswürdig kolportiert, daß der 
Herzog einmal eine kleine Geschichte mit einer Kunst* 
reiterin hatte,-) daß der Erbprinz eine Liaison unter- 
halte^) u* s. t 

Auch ästhetische Zirkel gibt es in Kalbsbraten, unter 
denen der OUilia von Schlippenschlopps mit seiner Zeit- 
schrift der yfKartoffclkranz** ^) wohl der hervorragendste ist. 
Ottilia ist kein unbetleutendes Wesen, das nur, wie in der 
guten alten Zeit, Pudding machen tind dergleichen gelernt 
hat: sie hat in der Straßburger Pension ^an eftcydopmiic 
leaming'' genossen, Sprachen, Malen, Singen, hat sich in 
allen Wissenschaften umgesehen, kurz, ein Blaustrumpf 
bester Güte, der aber trotz der höheren Sphären, in denen 
sich sein Geist bewegt-, doch recht materialistischer Begimgen 
fähig ist, namentlich wenn es sich um so seltene Lecker- 
bissen handelt, wie Axistem, 



In den Schilderungen von PmnpemickeP) und Kalbs- 
braten ist außerordentlich viel Autobiographisches, das heraus- 
zusuchen nicht Aalgabe der vorliegenden Arbeit ist. Die 
Schilderungen sind aber jedenfalls auch von kultuiiiistori- 
schem Literesse. Sie reihen sich an die Schilderungen im 

1) XYU, 201. 

3) XVn, 197. 

*) XVJI, 2<J3ff. Daß derartige literarisch-ästhetische Zirkel in 
Weimar existierten, ist unzweifelhaft. Man vergleiche nur — aattlr* 
lieh in gehörigem Äbetond — den Zirkel der Schwiegertochter Goethes 
und feeine Zeitschrift, das „ Chaos ". 

h Gleichfalls in Pumpernickel zur Zeit des Breißigjährigeii 
Krieges spielt: *'Men'8 Wi/es No. IV: IV — 's Wifi'\ seit der Ver- 
Öifentlichung erst wieder in Strai/ Papers, Sil ff, gedruckt. — Eben- 
falls deutsche Kleinstadtverhältnisee streift, ^*Ä stränge man just 
dUcovereä in Germany'' (Stand. Ed. vol. XXVI), ein Schildbürger- 
sttlckchen — ein bezechter englischer Student wird fttp^ einen Halb- 
barbaren gehalten — das der Vollständigkeit halber hier angeführt sei. 



4 



^ Barry Lynd4m*\ beziebimgsweise gehen ümi& irorauB. Diese 
Idemen Diiodezfiirsten mit ihrer Großmannssucht, mit dem 
' Glauben an ihr Gottesgnadentum — Karl Friedlich von 
Weimar hatte etwas derartiges an aich — , immer bemüht, 
es Ludwig XIV. nachzutun, kleine „Sonnenkönige" zu 
spielen^ diese Herren, die ihre halbe Million Untertanen 
aussogen, wo sie nur konnten, faßt Thackeray diesmal von 

■ der heiteren Seite auf und geht ihnen nicht so scharf zu 
Leibe wie später im "^Batry Li/fidon*' oder den **Four 
Georges". 

Es ist nicht Weimar allein, das er im Auge hat^ wenn 
auch Weimarer Verhältnisse in erster Linie in Betracht 
kommen ; es ist auch nicht das Weimar Karl Augusts, das 
Weimar Goethes, Schillers; es ist das Weimar Karl Fried- 
richs, ein Kleinstaat und eine Kleinstadt wie andere. 




» 



I 



Varia. 

Deutsche Universitäten und Studenten: Auf 
seiner Rheinreise hatte Thackeray Gelegenheit, in Bonn die 
Verhältnisse an einer deutschen Universität und in deutschen 
Studentenkreisen kennen zu lernen; ebenso vielleicht auch 
während des Weimarer Aufenthaltes in dem benachbarten 
Jena. Unter den Karikaturen der Weimarer Zeit finden 
wir die Skizze einer Mensur und eines Studenten jener 
Tage**) Was Thackeray selbst in Bonn gesehen, läßt er 
auch seinen Clive sehen, Kommers, Mensiu*.-) Die Kickle- 
burys haben Gelegenheit auf der Rheinfahrt Bonner Stu- 
denten in ihrer malerischen Tracht zu sehen, die National- 
farben auf den Kappen, langes blondes Haar, tüchtig 
zerschmiüte Gesichter und — schmutzige Hände.*) Die 
ünreinlichkeit Ist übrigens ein Vorwurf, den Thackeray den 
deutschen Studenten jener Zeit nicht so ganz mit Unrecht 
macht. Auch die beiden Studenten, die nach Pumpernickel 
von der benachbarten Universität (mit dem bezeichnenden 
Jf amen Schoppenhausen; gekommen sind, sind keine Muster 



*) Thadcerayana, 1^)2 ii. 
2J V, 3CIL 

3) xin, 20. 



HJ4. 



von Reinlichkeit-*) Die lange Pfeife mit dem Wappen &t 
dem Pfeifenkopf verläßt sie nie, Ihr Gespräch dreht sich 
um die ihnen nächstliegenden Dinge: Fuchs, Burschi Phi- 
lister, Kneipe, Mensur, dann auch Becky, über deren Stimme 
der eine die charakteristische burschikose Bemerkung macht : 
'*Saufefi und Siti^en go not togeiher^J) Auch sonst erwähnt 
Thaokeray die Leipziger Burschen*) oder Heidelberger 
Studenten.^) Diesen nicht gerade allzusehr anziehenden 
Typen setzt er auch einen Musterstudenten gegenüber, 
Lorenzö von Tische an der berühmten Universität von Kräh- 
winkel, der wirklich studiert, Kollegia besucht imd nichts 
zu tun hat mit dem Kneipenleben, ein Muster nicht nur 
für Krähwinkel, sondern auch fiii* Bonn, Jena, Halle, für 
Salamanca und Bologna und was noch alles. ^) 

Das deutsche StudentenUed ist Thackeray nicht fremd* 
In ""The Adventure^ of Philij/' bringt er eine freie Nach- 
dichtung von Karl Mi c hl er s altem Lied „Wein, Weib, 
Gesang", *" Luther",^) später in die Balladen als "Dr. LuÜter's 
Spnn** übernommen* Unberechtigterweise wurde in die 
Balladen aufgenommen die von Charles Lever herrührende 
Übersetzimg von C. G. L. Macks «Der 
herrlich 



von C. G. L. Macks »Der Papst lebt 
in der Welt**, als ''Commanders of the faith* 

fuV* in jjRebecca und Rowena'^ eingeschaltet.^) 

Ein recht nettes, wenn auch stark karikiertes Bild 
gibt uns Thackeray von der Laufbahn eines Theologen des 
18. Jahrhunderts.*) Der recht mitteilsame Kandidat erzählt 
Barry sein Leben: mit 16 Jahren beherrschte er Latein, 
Griechisch, daneben Französisch, Englisch, Arabisch; ein 
Legat von 100 Reiehstalem ermöglicht ihm, die Universität 
zu beziehen, wo er sich auch mit Lektionen foilhilft; eine 
These über die Quadratur des Zirkels, eine Disputation 
im Arabischen gegen Professor StnimpflF, die südlichen 
europäischen Sprachen, Sanskrit, die nordischen Idiome, 

>)n, 33Ö. 

2) n, 346. 

») II, 345. 

^) XIX, 12a 

») Straif Paj>ent, 183 ft'. 
«) X, im, 215. 
n Xin, 178. 
8) XIX, 86 f. 



4 



- 75 — 



I 



Russisch kennzeichneii die Studienbalm dieses Polyhistor, 
der bedauert, eine (xelegenheit, Chinesisch zu lernen^ ver- 
säumt zu haben. Geldmangel zwingt ihn dann, sein Studium 
bis zu einem günstigeren Zeitpunkt aufzugeben; da bietet 
sich ihm Gelegenheit eine Pfanne zn erhalten, er hält seine 
Probepredigt, aber das Schicksal will es anders, er wird 
gepreßt J) 

Auch den deutschen Adel bespricht Thaekeray 
gelegentlich. Abgesehen von den satirischen Schilderungen 
in Pumpernickel und Kalbsbraten, mit den oft recht cha- 
rakteristischen Namen, und auch an anderen Stellen, ist es 
namentlich der verarmte aber immer noch hochstolze Adel, 
den er hernimmt, der Count de Reineck und Mademoiselle 
de Reineck in ihren "faded silk gomi$'\ die sie während der 
Saison in der Residenz ruiniert hat, aber aus Ökonomie 
immer noch trägt, mit ihrer Gesellschafterin, mit der sie 
vor der Welt recht freundlich umgeht, die aber höchst 
selten ihren Lohn erhält,*) oder die abenteuernden jüngeren 
Söhne im 17* und 18, Jahrhundert, der älteste erhält die 
Güter, die jüngeren werden Priester oder Soldaten.^ 

DaÜ Thaekeray auch die deutsche Industrie nicht 
übersieht j daß er die Dresdener Porzellanfabrikation, ^Dresden 
China", „Dresden shepherds and sheperdesses^, die ja in 
England sehr behebt waren, ^) „Berlin gloves'*'*) etc. erwähnt, 
ist bei der Verbreitung dieser Ailikel in England eigentlich 
ganz natürhch. 

Auf religiöae Verhältnisse kommt Thaekeray, 
außer in den bereits erwähnten Bemerkungen über die 
religiösen Anschauungen in deutscheu Fürstenhausern und 
über den Religion.swechael, wie ihn einzelne Fürsten zur 
Zeit des Dreißigjährigen Krieges trieben/) auch noch im 
"Denis DuvaV* zu sprechen. Hier handelt es sich speziell um 
die religiösen Verhältnisse im Elsaß, an der französisch- 
deutschen Grenze, um den Gegensatz zwischen ^'ihe German 



1) XIX f. 

«)xni, 12. 

9) Siehe den Grafeü Oalgenstem in der Catherine, 
^) X, 179 u. a. 
»)in, 381; IV u. a. 
«) Strmj Papers, 37Ö. 




^ 76 



Chureh" C'the Refonned Church of ihc Augsburger Coftfession'*) 
und 'Hhe Freneh Church", der die Protestanten aus Frank- 
reich vertrieb iiiid sie in Winchelsea eine neue Kolonie 
gründen ließ, und der auch jetzt Unheil im Hause des 
Hen-n van Zabem (Savemej stiftet: die Frau von Zabem 
wird katholisch, der Erzbischof von Straßburg hat dabei 
die Hand im Spiele. 

Überhaupt der Elsaß und seine Zustände ei'scheinen 
im "^ Denis DuvaV öfter gestreift, *JÄc Alsatiani jargmi oj 
Frenrh and German'* bringen die auswandernden Protestanten 
auch nach England hember und er ^ird wiederholt in Bei- 
spielen vorgeftihrt. Auch die Besitznahme des linksseitigen 
Rheingebietes durch Frankreich wird im '^Denis Duvar' er- 
wähnt. 

Das deutsche Wirtshaus und Hotel findet in 
Thackeray auch seiuen Schild erer. In " Vanity fair^' gibt er 
uns ein© ganz hübsche Schilderung einer Wirtsstube zweiten 
Ranges, ""a Gtnnan inn in fair titne" : immer voll Rauch 
und Biergeruch, an schmutzigen Tischen, mit Speiseresten 
und vergossenem Bier^ Tii'oler Handschuhhändler, Lein- 
wandhändler aus den unteren Donauländem, Studenten, 
Kartenspieler, Dominospieler u. s. f. *} Natürlich mit dem 
englischen Komfort in den deutschen Hotels scheint es 
schlecht zu stehen,*) namentlich in Straßburg ''that odious 
huggy Strasbourg''.^) Ganz köstliche Skizzen gibt er von den 
deutschen Kellnern, den ''skepless German tvaiters'':^) *\ , , Herr 
OberkeUneTy who swaggers as becomes the Oberkellner of a house 
frequented bg ambassadors: who contradirts us io our faces, 
and whose oten countenance is omammted wiih yesivrdaijs heard, 
of whieh, or of ang pari of his clothing, the graceful youth 
does not appear to have divested himself ^nce last we hft kirn. 
We recogtiize, soniewhat dingy and faded, the elahorate shirt- 
front whieh appeared ai yesterday*s banquet. Fareicell, Herr 
Oberkellner! May we never see your handsome countenance, 
washed or unwashed, shaveti or unshorn, againr^) 



1) n, 344. 
«) XIII. 156. 
«) V, 434. 
*) V, 399. 
5) XUI, 129, 



— 77 — 

Es wären nun nur noch einzelne nebensächliche Kleinig- 
keiten zu notieren: die Vorliebe der deutschen Mädchen fiir 
das Walzertanzen, ^) das Tabakrauchen, das in Deutschlemd 
viel früher eingebürgert war als in Englsaid,*) die deutschen 
Weinmarken und dergleichen mehr. 

Zum Schlüsse sei noch auf die Namen bei Thackeray, so- 
weit deutsche Verhältnisse in Betracht kommen, hingewiesen. 
Die Personennamen sind entweder recht charakteristisch 
nach der Beschäftigung gewählt oder aber, und das ist der 
gewöhnliche Fall, sie sind ganz willkürlich gewägt, nach 
deutschen Speisen „Speck", „Eyer** u. dgl. Ebenso geht 
es mit den Länder- und Lokalnamen „Pumpernickel", 
„Kalbsbraten", daneben aber auch „Krähwinkel", eine Be- 
zeichnung der deutschen Satire. 



ScMußwort. 

Thackeray ist kein Bahnbrecher für deutsche Kultur 
in England gewesen, wie Wordsworth und Coleridge imd 
später namentlich Carlyle. Er bringt nichts Großes, Neues ; 
seine Übersetzungspläne bleiben unausgefiihrt, die wenigen 
Übertragungen deutscher Balladen fallen in die erste Zeit 
seiner literarischen Tätigkeit und sind wohl nicht allzuhoch 
anzuschlagen. Von einem Einfluß der deutschen Literatur 
vollends kann kaum gesprochen werden. Thackeray ist groß 
geworden in der Schule der Swifl, Smollett, Sterne und 
namentlich Fieldings. 

Über deutsche Musik weiß er seinen Landsleuten nichts 
Neues zu sagen und die bildende Kunst der Deutschen 
berührt er, der doch den Kunstkritikern öfters ins Hand- 
werk pfuscht, kaum gelegentlich. Seine Betrachtung deutscher 
Geschichte, namentlich Friedrichs des Großen, steckt ganz 
in den Vorurteilen seiner Zeit. Wo er zeitgenössische Zu- 
stände schildert, bilden dieselben immer nur den Hinter- 
grund für seine persönlichen Erlebnisse. 

1) XVII, 191. 

-2) XVII, 164 f, 181; XIX, 221; XIU, 146. 



— 78 — 

Neue Wege hat er nicht betreten, neue Blicke nicht 
eröfihet. Trotzdem darf man ihn nicht unterschätzen. Er 
gehört jedenfalls zu denen, die neben Carlyle für die Ver- 
breitung und das Verständnis deutschen Geistes und deutscher 
Zustände wirkten, wenn er auch keine zusammenhängende 
Arbeit in dieser Richtung gebracht hat. 



WIENER BEITRÄGE 

ZÜB 

ENGLISCHEN PHILOLOGIE 



UNTER MITWIRKUNG 



Dr. K. LÜICK 

OBD. FBOF. DER KNOL. PHILO- 

LOOIS AN DER UKIYERSITÄT 

nf GRAZ 



Dr. R. FISCHER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILO- 
LOGIE AM DER UmYERSITÄT 
IN IHM8BRUCK 

Dr. L. KELLIER 

AO. PROFESSOR DER ENGL. 
PHILOLOGIE AN DER UNI- 
VERSITÄT IN CZERNOWITZ 



Dr. i. POGiTSCHER 

ORD. PROF. DER EHOI.. PHIL(>> 

LOOIE AN DER DBUTBGBa 

UNIVERSITÄT » PRAO 



HERAUSGEGEBEN 



Db. J. SCHIPPER 

ORD. PROF. DER ENGL. PHILOLOGIE UND WIRKLICHEM MnOLIKDR DER 
KAISERL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN 



XXVIII. BAND 



WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. U. K. HUF- UND UNIVEBSITATS-BUCHHInDLER 

1908 



ANDREW MÄRYELLS 



POETISCHE AVERKE 



VON 

ROBERT POSCHER, Dr phil. 

(WIEN) 




WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 

K. ü. K. HOF. UMD UKIVSBSlTlTB-BUOHHlMiyLIB 
1908 



Alle Rechte, intbetoadere das der Übersetzung, vorbehalten . 



K. k. Universitäts-Buehdruokorei aStyria" in Graz. 



Vorwort 



Uie86 Arbeit verdankt itire Entstehung dem Zufalle, 
daiJ mir eines Tages im englischen Seminar unserer Uni- 
versität ein Buch in die Hände kam, das der Vorstand des 
genarmten Inatitutes, Herr Hofrat Prof, Dr. J. Schipper, 
damals gerade fiir dasselbe angekauft hatte, eine billige 
Ausgabe von **3IarvelVs Poems and Saiires'\ London^ Ward, 
Lock & Co. (o. J.) Ich nahm das Buch mit nach Hause 
und weil manches darin mir gefiel, so gedachte ich, einen 
kleinen Aufsatz für die Zwecke des Seminars darüber zu 
schreiben. Da ich aber während meiner Beschäftigung 
fand, daß Marvell von den Literarhistorikern bisher über 
Gebühr vernachlässigt worden ist, so erweiterte sich mein 
Plan, und ich habe mich nunmehr bemüht, mein Thema 
möglichst erschöpfend zu behandeln. 

Es ist natürlich, daÜ ich den nicht selbständigen Teil 
der Arbeit, das heißt das Biographische, möglichst ein- 
geschränkt habe, wie ja auch der Titel kein y,Leben" des 
Dichters verspricht. Auf die biographischen Angaben aber 
ganz zu verzichten, war dennoch ausgeschlossen, da für 
Marvell vielleicht mehr als für manchen andern Dichter 
der Satz gilt, daß sein Dichten ohne Kenntnis seines 
Lebensganges nicht verständlich ist. Und imi den Zu- 
sammenhang seiner Dichtung mit seinen Lebensumständen 
noch deufchcher zu machen, habe ich den hoflfentlich nicht 
tadehiswerten Versuch gemacht, die notwendigen biogra- 
phischen Angaben nic-ht fortlaufend von der Geburt bis 
zum Tode, sondern eingeteilt stets vor den entsprechenden 
einzelnen Perioden seines Schaffens zu geben, wie diese 
sich meines Erachtens leicht von selbst abgrenzen. 




— VI — 

Diese Arbeit war so ziemlich in der vorliegenden 
Gestalt bereits im Jahre 1906 fertig; gelegentlich eines 
Ferienaufenthaltes in Oxford im darauffolgenden Jahre 
ergaben sich noch einige kleine HinzuAigungen, da mir 
dort mehrere in den Periodical Indices der Bodleiana ver- 
zeichnete Kritiken zugänglich wurden. 

Mein verehrter Lehrer, Herr Hofrat Professor Dr. J. 
Schipper, hat die Veröffentlichung durch memchen Bat- 
schlag gefordert, wofiir ihm aufrichtiger Dank gesagt sei. 

"Wien, im Juli 1908. 

Dr. R. Poscher. 



Literatur. 



Folgende Werke sind dieser Arbeit zu Grunde gelegt worden: 

**Th€ Complete Works in Verse and Prose of Andrew Marveü", ed. with 
Memorial IntroducHon and Notes hy the Rev. Dr, Alex, B, Gro- 
sart, in 4 vols., London 1872, — Vol. I: Verse. 

Diese Ausgabe, die einzige vollständige, nur in 156 Exemplaren 
*'for private ciraUation'' gedruckt, konnte natürlich trotz ihrer Vorzüge 
Marvell nicht in weiteren Kreisen bekannt machen. Das strebt erst 
die in jüngster Zeit erschienene Ausgabe von 

O. A. Aitken an: "Poems" und "Satires", London 1892, Lawrence dt 
Buller; zweite billigere Ausgabe in "TJie Muses* Library", 
RouÜedge & Sons, 1901, 
Die im Vorwort erwähnte Ausgabe, die als Nr. 22 in der Samm- 
lung "The World's Library of Standard Books" erschien, enthält ein 
^'Memoir", dessen Verfasser nicht genannt ist, mit manchen unrichtigen 
Angaben, femer sinnstörende Druckfehler und einige überflüssige 
Anmerkungen. Eine Anfrage an die Verlagsbuchhandlung ergab die 
sonderbare Antwort, sie habe "no means of ascertaining", wann und 
durch wen die Ausgabe besorgt wurde. Sie dürfte ein englischer 
Nachdruck der amerikanischen Ausgabe von 1881 sein; da ihre An- 
merkungen mit den wiederholt von Grosart zitierten der Ausgabe von 
1726 übereinstimmen, war jedenfalls diese, direkt oder indirekt, die 
Grundlage. 

Die neueste, etwas zu umfangreiche Biographie 
^* Andrew Marvell" by Augustine Birrell (in "English Men of Letters",) 

London 1905, Macmülan & Co,, 
habe ich erst während meines Aufenthaltes in England kennen ge- 
lernt und benutzt, wo angegeben. Während Birrell (S. 7) die Aus- 
gabe Grosarts mit R^cht "invaluahle" ueimt, hat sie E.K.Chambers 
in einer Kritik im 42. Bande der "Academy", p. 230, sehr schroff "badJy" 
gescholten und außerdem dem neueren Herausgeber Aitken zum Vor- 
wurf gemacht, daß er eine Würdigung Marvells unterlassen habe. 

Sehr gut ist der Artikel über A. Marvell im 
"Dictiofiary of National Biography", vol. 36, 

wo auch die älteren Ausgaben der Werke Marvells aufgezählt sind, 
auf die zurückzugehen heute nicht notwendig ist, ebensowenig wie 



— vm — 



auf die älteren, nun entwerteten Biographien, da Ghrosart sie nicht 
nnr benutzt, sondern auch verbessert hat, indem er auf die dokumen- 
tarischen Quellen zurückgeht: aufgezählt sind dieselben bei Gr o sart, 
vol, I, p, XV ff., und bei Aitken, ''Foenis", p. LXVIU ff. 

Die Kenntnis der meisten minderbedeutenden, zum Vergleiche 
herangezogenen zeitgenössischen Dichter vermittelte das bekannte 
Sammelwerk 

''The FoeU of Great-Britain", Edinburgh 1796, 

Die Grundlage für Anordnung und Behandlung des Stoffes im 
metrischen Teile bildete 

J. Schippers „EngliscJie Metrik'', Bonn 1881— 1S88, 

Die Titel von Werken und Zeitschriflen, die nur ein- oder 
zweimal zitiert werden, sind in die Fußnoten verwiesen. 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Vorwort V 

Literatur VII 

I. Analytischer Teil. 

Biographie: Eltern, Schule, Jugend, Universitätszeit .... 1 

Erste dichterische Äußerungen 1 

Heise nach dem Kontinent 1 

Vorschule (1637— 1660) 2 

„nP02 KAPPOAON TON BA2IAEA'' 2 

„Ad Augustum Caesarem" 3 

„Lanceloto Jos. de Maniban^^ 3 

"Flecknoe", erste Satire 4 

Bezug auf Dryden und Wemicke 4 

Inhalt und Ton 6 

Metrische Eigentümlichkeiten 7 

Rückkehr nach England 7 

Politische Lage daselbst 7 

Gelegenheitsgedichte aus dieser Zeit B 

"üpon the Death of Lord Hastin^s" 8 

Mischung antiker und christlicher Ideen 9 

"To Rieh. Lovelace" 9 

Bedeutung beider Gedichte für Marvells polit. Beurteilung lO 

"Tom May's Death" l4 

Abschluß der Polemik gegen den angeblichen „Royalismus^^ 16 

Stilles Landleben des Dichters im Hause Fairfax 19 

L Periode (1650— 1662) 19 

Allgemeine Züge derselben , 19 

Gruppierung der Gedichte 20 

Zusammenhang zwischen lateinischen u. englischen Dichtungen 20 

„Epigramma in duos montes" 20 

"Upon the Hill and Grove at Billborow" 21 

"Apnleton-House" 22 

Typisches Renaissancegedicht mit Gartenszenen und drasti- 
schen Vergleichen 23 

"Hortus" — "The Garden" 2<7 

,.Ros" — "Drop of Dew" 28 

Aus Senecas "Thyest" 29 

"Nymph, Complaining the Death of her Fawn" 29 

Liebeslieder 31 

I. Mower Songs 31 

"Dämon the Mower" 31 



— X — 

"The Mower against Gardens*^ 8*2 

"The Mower to the Glow -Worms" 88 

"The Mower's Song" 88 

"Ametas and Thestylis" 83 

IE. Pastorale (Schäfer-)Gedichte 3i 

Allgemeines, Theorie 86 

"Clorinda and Dämon" 86 

Allegorische Deutong 36 

"Dialogue between Thyrsis and Dorinda" 87 

"Daphnis and Chloe" 87 

"Yonng Love" 88 

"The Gallery" 89 

"The Pictore of Uttle T. C." 89 

Emblematische Poesie 89 

"To his Coy Mistress" 40 

Bester Ausdruck des Carpe diem! 41 

"The Match" 41 

Auf Mary Fairt'ax zu beziehen? 42 

"The Unfortunate Lover" 43 

Verschiedene Deutungen 44 

"Mourning" 44 

in. Beflektierende Gedichte 46 

"Definition of Love" 46 

Pessimismus 46 

"Eyes and Tears" 47 

"The Coronet" 48 

Muster Donnes? 49 

Geistliche Gedichte 50 

"Dialogue between Soul and Body" 60 

"Dialogue between Soul and Pleasure" 60 

Formelles 51 

"Music's Empire" 69 

Auf Lord Fairfax bezüglich 52 

"The fair Singer" 68 

"Doctori Wittie'» — "To Dr. Witty" 68 

Bezug auf Mary Fairfax 64 

Fortsetzung der Biographie: 

Bekanntschaft mit Milton und Cromwell 64 

Beamter der Bepublik 66 

M. P. für Hüll 65 

Politische Verhältnisse . 66 

Periode (1652-1660) 56 

Cromweliian Poems: 56 

"Horatian Ode" 67 

Berühmtheit derselben 68 

^•Bermudas" 58 

"Doctori Ingelo" 60 

"Auf Cromwells Bild" 61 

Früher Milton zup:eschriebeu 61 

"Auf Oliver St. John" 62 

"The first Anniversarv under tlie Lord Protector" .... 68 

Detailmalerei 64 

Stilistische Eigenheiten 65 

"The Character of Holland" 68 

Kontroverse Hazlitt — Leigh Hunt 70 



— XI — 

Seite 

"Admiral Blake's Victory»' 71 

"Two Songs" erstes 72 

Zweites Mochzeitsgedicht 74 

"Death of the Lord Protector" 76 

M., der Dichter Cromwells 78 

m. Periode (1660-1678) 79 

Politische Zustände unter Karl 11 79 

Schluß der Biographie 80 

Parlamentstätigkeit, Freund Miltons 80 

Prosawerke 81 

Verssatiren 81 

AUpemeines 82 

"Last Instructions to a Painter" 83 

"Advice to a Painter" 87 

"Farther Instructions" 88 

Abfassungszeit 89 

"Clarendon*s House Warming" 90 

"üpon his House" 91 

"Upon his Grandchildren" 92 

"The Loyal Scot" 92 

"Blood's Stealing the Crown" 94 

"Bludius et Corona" 94 

"Britannia and Raleigh" 96 

Zitierung Spensers 96 

"A Historical Poem" 97 

"On the Lord Mayor and Aldermen" 98 

"Nostradamus' Prophecy" 99 

"On the Statue in Stocks-Market" 100 

"On the Statue at Charing Cross" 101 

"Dialogue between two Horses" 103 

Abfassungszeit 106 

Urteile über die Satiren 106 

''In Eunuchum Poetam" 107 

"On Paradise Lost" 108 

"An Epitaph" 109 

„Scaevola Scoto-Britannus" 109 

Pseudo-Marvellische Gedichte 110 

II. Systematischer Teil. 

1. Literarhistorische Stellang 111 

Büd der Zeit 112 

Klassifikation der Gedichte 113 

Einfluß Horazens 114 

Einflub anderer klassischer Dichter 116 

Tot^ngespräche 116 

Stellung zu modernen Dichtem 116 

Stellung zu Spenser 116 

Stellung zu Ben Jonson 116 

Stellung zu Flecknoe, Cleveland etc 117 

Stellung zu Dryden 117 

Stellung zu Milton 118 

Stellung zu Davenant, Chaucer, Waller, Denham 120 

Stellung zu Donne-Cowley 120 

Marvells Vielseitigkeit 123 



- xn — 

8«lte 

Wirklichkeit in der Dichtung 12S 

Gelegenheitsdichtong und Satiren 128 

Einige Urteile 124 

2. Ton und Stilmittel 126 

Pastorales, Conoetti, Bilder 127 

Lange Perioden 129 

Skurrile Vergleiche 190 

Inkonsequenzen 190 

Einzelne Stilmittel 181 

Sprichwörtliches 132 

Figur der ^Verschränkung" 182 

Mittel der Satire, spezielle 188 

I. Hyperbel 138 

II. VSTortspiel 184 

Einkleidungen 186 

8. Sprache und Grammatik 186 

Altertümliches 186 

Freiheiten 187 

Absolute Partizipialkonstruktion 187 

Füllwörter 188 

Fremdsprachliche Einflüsse 198 

4. Metrik 139 

A. Silbenmessung imd Wortbetonung 189 

B. Reim 142 

Reimfrage im 17. Jahrhundert 148 

C. Versarten 144 

Septenar 144 

Fünfbaktiger Jambus 144 

Viertaktiger Jambus 147 

Andere jambische Maße 149 

Viertaktige Trochäen 150 

Jambisch-anapästische Verse 160 

D. Strophenbau 162 

Unstrophische Gedichte 162 

Geleitartige Strophen 152 

Refrain 158 

Gleichmetrische 168 

Ungleichmetrische 164 

Zweiteilige gleichgliedrige 165 

Zweiteilige ungleichglieonge 156 

Dreiteilige 155 

Ungleichmetrische und ungleichrhythmische 166 

Italienische Nachbildungen 167 



I. Analytischer Teil. 

Andrew Marvell wurde am 31. März 1621 zu Winestead 
in Holdemess, Yorkshire, geboren. Als sein Vater eine Stelle 
als Pfarrer und Lehrer zu Hüll erhielt, übersiedelte auch 
die Famüie dorthin. Der kleine Andrew erhielt den ersten 
Unterricht von seinem Vater, einem edlen, freisinnigen, 
immer tätigen Manne, und kam 1633 als si/s(ir ins Trinity 
College zu Cambridge. Bekehrungseifiige Jesuiten, denen 
er, wie Chillingsworth, Crashaw u. a., in die Hände fiel, 
brachten ihn von der Universität weg nach London. Aber 
der alte Marvell erfuhr davon, machte ihn in einem Buch- 
händlerladen ausfindig und brachte ihn wieder an die Uni- 
versität zurück, wo Andrew seine Studien bis 1640 mit 
Eifer fortsetzte. Aus dieser Zeit, einer denkwürdigen Zeit 
der englischen Geschichte, stammen die ersten dichterischen 
Äußerungen Marvells, Beiträge zur "Musa Cantabrigiensis" 
vom Jahre 1637, ein griechisches und ein lateinisches Ge- 
dicht an den König Karl L^) 1638 wurde Marvell "JB. A^ 
Zwei Jahre später verlor er seinen guten Vater auf tragische 
Weise. Dieser ertrank, ein Opfer seiner Ritterlichkeit, im 
Humber. Leigh Hunt hat dieses Ereignis in seinen Essay 
^'On Stichs" eingeflochten. ^) — Der junge Andrew gehörte 
der Universität bis zum Jahre 1641 8m; im September 
dieses Jahres wurde Dominus Marvell mit einigen anderen 
von der Universität verwiesen, wahrscheinlich einer jugend- 
lichen Torheit wegen. Sein weiterer Bildungsgang war 
derselbe wie der eines jeden „Kavaliers" im 17. Jahr- 
hundert, nicht nur in England, sondern bekanntermaßen 
noch mehr und länger in Deutschland — bis auf Lessing: 
nach der Universitätszeit kommt die Bildungsreise, "fe 
grand tour" ; wer Geld hatte, machte sie auf eigene Kosten, 
wer keines hatte, als Reisebegleiter eines Glücklicheren. 

») Grosart, voll, p, 397 ff. — Aitken, Poems, 185f, 
2) "A Tcdefor a Chimney Corner, . /', ed. Edw. Ollier, L.1887, p.l65. 
Poscher, Marvells poetische Werke. 1 



So ging auch Marvell auf ReiseUj von 1642 bis 1646, nach 
Frankreich^ HoUand, der Schweiz, Spanien, Italien* Wir 
finden Anspielungen auf diese Keise in manchen seiner 
Gedichte; in "Appleion'ffou$c'\ in "The GaUeryl", in ''The 
ßrsi Anniversarff of the Oovtmment ander His Hlghuess the 
Lord Protedö/* und anderen, also in Gedichten, die — 
wie sich zeigen wird — zu ganz verscliiedenen Zeiten 
entstanden sind. Einige Gedichte aber sind durchaus Pro- 
dukte dieser Reise, und zwar das lateinische Gedicht auf 
Dr. Lancelot Maniban und die Satire '*FleclmQe*\ Dagegen 
kann das Gedicht *'27*e Charfxcter of Holland'*, wie aus dem 
Inhalt hervorgeht, erst auf einer späteren Reise entstanden 
sein, wenn wir überhaupt annehmen wollen, daß es an Ort 
und Stelle geschrieben ist. 

Diese bisher erwähnten Erstlingsgedichte Mar- 
vells aus der Universitäts- und Reisezeit, zusammen mit 
einigen Gelegenheitsgedichten nach der Rückkehr, von der 
noch zu sprechen sein wird, bezeichnen wir füglich als 

Torschiile 
des Dichters, die demnach von 

1637—1649/50 

reicht. Wie fast jeder Dichter des 17. Jahrhunderts bat 
auch Marvell mit Gedichten in lateinischer Sprache 
begonnen und ist später zu Gedichten in der Muttersprache 
übergegangen. Das wird besonders deutlich, wenn wir 
sehen, daß unter seinen frühesten englischen Gedichten 
Übersetzungen von eigenen Gedichten in lateinischer 
Sprache sind. 

Marvell trat mit seinen ErstUngsprodukten sofort 
vor die OÖentlichkeit, denn die beiden erwähnten Ge- 
dichte aus der Üniversitätszeit erschienen in der "Musa 
Cantabrigimsis** vom Jahre 1637. Das griechische Gedicht 
^nPO:^ KAPWÄON TON BäIIäEA- ist ein kurzes Ge- 
dicht in Distichen, in dem er mit der ominösen Zahl „fünf*' 
spielt; die fünf Kinder des Königs würden einst der Nach* 
weit von ihm, dem Könige, wie ein lebender „Pentateuch** 
Zeugnis geben. Kein besonders poetischer Gedanke also, 
sondern ein gezwungener Vergleich, der in jener Zeit, im 



4 



4 




3 — 



• 



17. Jahrhundert, gar nicht originell ist: das allegorische 
Ausdeuten der Zahlen — 3, 5, 7, 12 — sehr oft das 
Hineindeuten bei Dingen, die damit nichts zu tun haben, 
ist ja häutig zu finden. Auch bei Marvell selbst wird uns 
diese Spielerei nochmals begegnen. 

Das zweite Gedicht au den König ist eine lateinische 
,, Parodie*^ auf Horazens „Ad Augustum Caesarem*', beginnend 
mit den Worten: „Jam satis pestis . . ." Zwar in sehr er- 
gebenem Tone, aber zugleich in dringender Weise erfleht 
er Abhilfe gegen das Unglück des Volkes vom Herrscher, 
Hier meldet sich schon der zukiinltige Politiker, der Demo* 
krat, der Vertreter des Volkes. 

Das nächste Gedicht in der chronologischen Reihen- 
folge, wahrscheinlich um 1644 auf der Reise in Paris ent- 
standen, ist wieder ein lateinisches Gedicht, das schon die 
humoristische Ader unseres Dichters zeigt: „Cmdanit qui 
legendo seripiuram, descripsit fornmm, sapientiam sortemqm 
mUhoris, Jliustrissimo viro IhnUno Lanceloto Josephe de 
Manihan^ grammatomanti^ . Es ist offenbar unter dem frischen 
Eindruck des Erlebnisses geschrieben, das eben ein solches 
ist, daÜ man entweder gleich oder gar nicht darüber lacht. 
Marvell scherzt hier über die graphologischen Experimente 
des gelehrten Abb4, der ihm aus seinen Schriftzügen 
Vergangen lieit, Gegenwart und Zukunft oflfenbarte. Wir 
£nden in diesem Gedichte bereits in mehrfacher Hinsicht 
Keime angedeutet, die später weiter ausgebildet werden; 
erstens seine humoristisch - satirische Ader, hier noch in 
leichter, scherzender Weise, und zweitens, was bei einem 
Gedicht in lateinischer Sprache freilich doppelt nahege- 
legen ist, die Verwendung klassischer Gelehrsamkeit, 
die wir überall bei Marvell — aber nicht bei Marvell 
allein — finden. Man war ja im 17* Jahrhundert kein 
Dichter, wenn man kein gelehrter Dichter war. Aber auch 
kulturhistorisch ist dieses Gedicht äußerst interessant, da 
wir hier eines der ältesten Zeugnisse über die Kunst der 
Graphologie vor uns haben, die ja im 17. Jahrhundert 
ihren Ausgangspunkt hat. Auffällig ist, daß Marvell so 
„aufgeklärt" über diese Bestrebungen spottet, — die ja 
heute schon wissenschaftlichen Charakter haben * — , nach- 
dem er an zahlreichen Stellen seiner übrigen Gedichte 

1* 





— 4 — 

ganz vom Olauben an den EinfluJ] der Oestime, an As 
logie und ähnliches, eingenommen ist 

In dem satirischen Gedicht '^Flecknoe, an English 
ai Borne*' haben wir das erste englische Oedicl 
Marvells yor uns, wenn wir nicht annehmen wollen, dl 
auch hier ursprünglich ein jetzt verlorenes lateinisches 
Grunde lag. Wenn auch nicht die SchluiJverse deutlich 
aussprächen, daß der Dichter noch zu Born weilte, als er 
das Gedicht schrieb, so würden wir es doch aus formeUen_ 
Gründen unbedingt als einen seiner ersten Versuche 
kennen, an der unbeholfenen Art, wie er Metrum und Ve 
behandelt. Leigh Hunt, der das Gedicht in seiner Sehr 
** Wit and Hutnour'' *) erwähnt, sagt, daB es in demselt 
Geiste der Übertreibting geschrieben sei wie Marvell 
"Charcieier of Holland" und auch dieselbe Rauheit di 
Versifikation zeige. So weit kann man mit ihm gehe« 
aber nicht mehr, wenn er die Vermutung ausspricht, dies 
Rauheit sei beabsichtigt, um das heroische Versmaß den 
satirischen MaJJen des Horaz näher zu bringen. An 
manchen SteUen scheinen ja Taktumstellung und Enjambe* 
ment als KuDstmittel angewendet zu sein; aber diese Fälle 
sind gewLÜ meist unbewußt, dem natürlichen SprachgeftiM 
folgend, entstanden und sie werden weitaus von den FälleB 
übertroffen, wo die Unregelmäßigkeiten störend wirken, 
also gewiß unbeabsichtigt sind. 

Der Held des Gedichtes ist Richard Plecknoe,*) 
irischer Geistlicher und Poet, mit dem Marv^ell in 
zusammenkam* Er war ein römisch-katholischer Prieste^ 
legte aber seine Würde nach der Restauration nieder. Er 
war bedeutend älter als Haryell, starb jedoch im selben 
Jahre wie dieser. Durch seine Werke — meist geistlicl 
Gedichte — hat er sich nicht bekanntgemacht Sein Nai 
wurde vielmehr durch literarische Satire berühmt, da 
Marvells Spott^ der den Anlaß zu dieser Bedeutungsfixier 
gab. Dryden war es, der, den Gedanken Marvells at 
greifend, seine Satire gegen den Dichter Shadwell **J 
Flecknoe'* betitelte, also Sohn des Flecknoe (1682); ok 

*) London 1882, S. 221. 

^) Vgl« die Anmerkung bei BirreU, p. BO, und "ZHcHonar^ 



xioM 



die Voraussetzung und Kenntnis der Satire Marvells, durch 

die der Name Flecknoe eben gleichbedeutend mit ^Poetaster** 
wurde^ hätte also Drydens Satire keinen Sinn, Die Fiktion 
Drydens ist dann die, daß Flecknoe den Thron der Dumm- 

Pheit an seinen Nachfolger Shadwell abtritt, der Dryden 
dadurch geärgert hatte, daß er ihm Inferiorität vorwarf 
und außerdem sein begünstigter Rivale um die Stelle 
des poet laureate war. Dadurch, daß der deutsche Dichter 
Wernicke {1661—1726) in seiner gegen den Hamburger 
Opemdichter Postel gerichteten Satire ^3ans Sact^s'* wieder 
Drydens Satire aufgreift, hat Marvell indirekt sogar auf 
die deutsche Literatur eingewirkt. 

Der Inhalt des satirischen Gedichtes von MarveU 
ist ein rein persönlicher, biographischer- Der Dichter er* 
zählt in der ersten Person. Er sucht den geistlichen Dichter- 
ling in seiner Dachkammer zu Rom au£ Die Türe der- 
selben besaß die lobenswerte Eigenschaft, wenn man sie 
öfiiiete, gleich die halbe Kammer auszutäfeln, dank der 
Kleinheit der letzteren. Flecknoe begrüßt den Besucher mit 
schwungvollen Versen ohne Ende; müde geworden, geht 
er zur Laute über. Und so wie von zwei, auf denselben 
Grund ton gestimmten Instrumenten, wenn das eine berührt 
wird, das andere alsbald, „von der Luft und von geheimen 
Sympathien** bewegt, mittönt, so brummte des Sängers 
hungriger Magen als Echo mit, als er mit seinen gich- 
tischen Fingern über die Laute kratzte. Der gntmütige 
Besucher verstand die zarte Anspielung und lud ihn zu 
einem Mahle zu sich. Da aber der poetische Priester so 
mager war, daß er stets befürchten mußte, seine kostbare 
Seele könnte aus der durchsichtigen Hülle unversehens 
entschlüpfen, umwickelte erst dieses ^Bas-relief von einem 
Menschen^, wie stets beim Ausgehen, seinen sogenannten 
Leib mit Papier, und zwar mit dem Papier, auf dem seine 
Verse geschrieben waren. Dann gingen sie, der Besucher 
voraus, — weil aus der kleinen Kammer der zuletzt Ein- 
getretene immer zuerst hinaus mußte. Auf der Stiege be- 
gegneten sie einem Fremden, der zu Flecknoe hinauf wollte. 
Da die Stiege zu schmal war, jemand vorüber zu lassen, 
gingen sie schließlich alle zusammen hinunter und begaben 
sich in Marvells Wohnung, dort ein Mahl einzunehmen. 




ii 



6 — 



Solange Flecknoe den Mund voll batte, war alles gut. 
Sobald er aber fertig war, zog er schon seine Mannskripte 
hervor, mit denen er ausgestopft war, bis auf einen Bogen, 
den er unbedingt als Hemd brauchte. Marvell vergleicht 
ihn mit dem sagenhaften Pelikan, der sich das eigene Herz 
aus der Brust reilit Dann mußte der unglückliche Marvell 
es über sich ergehen lassen, die elenden Gedichte von dem 
zweiten Gast elend deklamieren zu hören, — so elend, daß 
es auch dem schlechten Verfasser zu arg war imd er den 
Vorleser beschimpfte, worauf er forteilte, uni| den Zwischen* 
fall poetisch ausnutzend, seinen Zorn schnell in Verse zu 
bringen. Erleichtert atmete Marvell auf, als er die Besacher 
los war; von einem Maler aber ließ er die Szene auf die 
Leinwand briogen, um das Bild in der Peterskirche als 
Votivtafel aufzuhäugen. Aus diesem Schluß 

''— ^ " and go now^ 

To hang it in Saint Peter'9 for a vow," 
sehen wir also, daß Marvell noch in Rom war, als er das 
Gedicht schrieb* Auch der Ausdruck '*w^ youthful hrea$t'^) 
deutet auf die Jugend des Verfassers, 

In Zeile 100 fallt ein Seitenhieb auf die katholisch© 
Trinitätslehre. Eine unästhetische, gemeine Stelle (Z, 135) 
zeigt, daß Mai'vell iu Paris auch die Nachtseiten dieser 
Stadt studiert hatte. Seine klassische Bildung bringt er 
hier, wie überall, an, indem er von Melchisedech, Antiochia, 
von Phalaris etc. spricht. 

Marvell arbeitet in diesem Gedicht mit dem Haupt- 
mitiel der Persiflage, der komischen Übertreibung, 
die seiue Stärke ist, wie auch ''The Ckarade?' of Hollund" 
zeigt, und mit absichtlichen Mißverständnissen, also Wort- 
spielen, worauf im Kapitel „Ton und Stilmittel '^ zurück- 
zukommen sein wird. 

Geschrieben ist die Satire in fünftaktigen, paarweise 
gereimten Jamben^ im heroic coupht; von den metrischen 
Schwächen des Gedichtes wurde bereits andeutungsweise 
gesprochen, auch ist der Metrik ein eigenes Kapitel ge- 
widmet Nichtsdestoweniger scheint es nicht unpassend, 
von diesem ersten englischen Gedichte Marvells gleich 
hier noch einiges darüber zu sagen: 

~ iTVera 25. 



4 



— 7 — 

Von der Taktumstellung, die zur Vermeidung der 
Monotonie nötig ist, macht er nur mäßigen Gebrauch; 
mehr Gebrauch macht er vom Enjambement (zirka SO^o), 
danmter oft sehr harte Fälle, was freilich unter Umständen 
zur Komik beitragen kann; 

*' OS if I were \\ possessed"; (Vv. 21/22), 

" to do\\ wiih truth"; (Vv. 164/165), 

" I was 'I deligMed"; (Vv. 97/98). 

Oft ist Enjambement der einen Zeile verbunden mit 
Taktumstellung zu Beginn der zweiten Zeile: 

"— — — tumed my buming ear 
Totcards ihe verse " (Vv. 81/82) 

oder Vv. 41/42 

" wiih his gouty fingers cratols 

Over the lute ". 

Mit Ausnahme des Falles 

" my new made friend 

Did, OS he threatened, " (Vv. 113/114), 

WO es sich um einen eingeschobenen Satz handelt, der 
durch die vorhergehende Taktumstellung wirksamer ge- 
macht wird, wirken die Freiheiten meist unschön, weil 
die Sprache sehr abgehackt klingt. Die leichteren, erlaubteu 
Freiheiten, wie Vollmessung der schwachbetonten End- 
silbe, Verschleiftmgen etc. brauchen hier nicht besprochen 
werden. 

Nachdem dieses Gedicht noch auf der Beise ge- 
schrieben ist, haben wir während mehrerer Jahre nach 
seiner Bückkehr in die Heimat (1646) keine dichterischen 
Denkmale von Marvell, so wie wir auch bezüglich seiner 
Lebensumstände während der ersten Jahre nach der Beise 
nichts Bestimmtes wissen. Er hatte in der Fremde bessere 
Zustände gesehen, als die waren, die er nun in England 
sehen muBte: die „blutige Bevolution**, die Flucht und 
Gefangennahme Karls I., seine Bünrichtung, den Bürger- 
krieg, den endlichen Sieg des Parlamentes und CromweUs. 

Erst aus dieser Zeit, aus dem Jahre 1649, haben wir 
wieder dichterische Nachrichten von Andrew Maxvell. Es 
ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß er die dazwischen- 
liegenden Jahre nicht stumm geblieben ist, aber es ist uns 



nichts erhalten, — was wir freilich kaum zu bedauern 
haben, denn gewiß waren es nur ein paar nichtesag^mle 
Gelegenheitsgedichte. 

^Gelegenheitsgedichte^ sind auch die beiden 
aus dem Jahre 1649 erhaltenen Gedichte Marvells,*) die im 
folgenden besprochen werden. 

Das erste ist ein Trauergedicht **Up<m the ßeath af 
the Lord Hmtings'*, eines jungen, zwanzigjährigen Adeligen« 
der am 24. Juni 1649 starb. Der Sitte oder Unsitte der 
Zeit gemäß wurde sein Tod von einer ganzen Beihe von 
Dichtem und Dichterlingen besungen^ in einer ganzen 
Sammlung von Gedichten, die unter dem Titel '*Lachr^mae 
Mitsarufn" vereinigt wurden; darunter waren auch Herrick» 
Denham und Dryden, dessen erstes Gedieht überhaupt 
seine hier enthaltene „Träne" für Lord Hastings war. Da- 
zumal wurde die Gelegenheitsdichtung — naturlich nicht 
die im hohen Goetheschen Sinne — schwunghaft betrieben; 
es konnte niemand zur Welt kommen, heiraten oder 
sterben, ohne gebührend besungen zu werden, meist von 
Leuten, die den „Helden" gar nicht kannten und nur auf 
Bestellung oder in der Erwartung einer Vergütimg dichteten: 
ein je nach ihrer Bedeutung für sie mehr oder minder 
einträgliches Geschäft, das auch in Deutschland, sogar 
von dem Begründer der deutschen Benaissancepoesie, der 
theoretisch dagegen Stellung nahm, von Opitz, betrieben 
wurde. Man erschrickt förmlich, wenn man Sammlungen, 
wie die ''Poeis of Gr€ai-Britain'\ durchblättert, vor der Un- 
masse dieser ungenießbaren Gelegenheitsgedichte* 

Ob Marvell den Verstorbenen gekannt hat, geht ans 
dem Gedichte nicht hervor, obwolil er Vertrautheit mit 
den Familienverhältnissen desselben zeigt; denn diesd 
konnten ihm ja von den Bestellern mitgeteilt worden sein, 
wie es sehr oft der Fall war. Der poetische Wert ist ein 
geringer. Er führt aus: Hastings mußte sterben, weil er zu 
gut und zu vorgeschritten war für diese Welt, So wie in 
Athen ein Mann durch den Ostrazismus verbannt wurde, 
wenn er seine Mitbürger zu überragen drohte, so ist es auch 
mit Hastings im Erdenstaate geschehen; weil er alle zu über- 

1) Oeämckt hei GTostLTt,vülI,p, 148, 152 ff. — Aitken, Paem^f 
p. 101, 104. ' 



4 



*l 






$ 



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flügeln drohte, wurde er durch Ostrazismua in den Himmel 
verbannt. Alle Götter freuen sich dort seiner Ankunft, nur 
zwei nicht: HymeUj der zum Zeichen des Schmerzes seine 
safrangelben Grewander zerreißt und Äskulap, der sich fttr 
sich und den Arzt schämt, der jenen nicht retten konnte, 
um so mehr als dieser Arzt, Mayern, der Vater der Braut 
des jungen Mannes war* Aber leider, „die Kunst ist lang, 
das Leben aber kurz'', — eine wörtliche Übersetzung des 
lateinischen „ars hmja, vita brevis est^. 

Also ein Gedicht^ das wie alle dieser Art von rüh- 
menden Vergleichen lebt Auf die Verlobte des Verstorbenen, 
die "virgin midotv\ spielt auch Dryden in seinem Ge- 
dicht^) an. Lobenswert ist bei Marvell auiier der Er- 
findungsgabe wenigstens die konsequente Durchführung 
der ungewöhnlichen Vergleiche. Eine Eigeutümlichkeit 
fallt uns hier zum ersten Mal auf, die wir noch oft bei 
Marvell finden können, die auch lur das 17. Jahrhimdert 
charakteristisch ist: die Vermischung von antiker Mytho* 
logie mit christlichen Vorstellungen: in demselben Himmel, 
in dem Hymen und Äskulap auftreten, halten Engel ihre 
Turniere ab und ein ewiges Buch liegt dort auf; — eine 
speziell christliche Vorstellung. 

Das zweite der erwähnten Gelegenheitsgedichte ist der 
Gedichtsammlung „Lucasta'' (1649) des Richard Love- 
lace-) vorangestellt. Der Lihalt dieses **2b his ffonoured 
Frietid J/r, Richard Loveluce'* betitelten Gedichtes ist für die 
folgende Betrachtung wichtig. 

Marvell erscheint hier als ^laudator temporis aoti**. 
Er klagt über die Verderbtheit der jetzigen Zeit und be- 
dauert, daß die Bargerkriege die Bürgerkrone verunziert 
hätten. Der habe jetzt den meisten Ruhm, der gegen 
fremden seinen eigenen anmaßend ausspiele. Auf jeder 
Geistesblume sitze die Raupe der Schlechtigkeit. Die Luft 
sei voll von Insekten: Wortpickem, Papierratten, Bücher- 
skorpionen, verderbten Geistes ungestalten Söhnen. Die bar- 
bierten Zensoren werfen auf jede Zeile ein reformierendes 
Auge. Wenn einer schuldlos sei, werde er, eben weil 
schuldlos, angeklagt. Auch Lovelace's y^Lucasta^ werde an- 

^)Ghb€ Edition, p. 335. 

« "JHctionafy of Naiional BioQraphy", t?ol. XXXTV, p, 168 ff. 





— 10 — 



gefeindet werden* Der eine, der sie liest, werde vielleicht 
behaupten, es seien Parlamentsprivilegien dadurch verleUt 
worden; ein anderer werde das Buch verbieten, weil Kent 
durch den Autor seine erste Petition schickte u, s, w», 
Dennoch könne Lovelace sicher sein, denn die schöne: 
Frauen werden ihm einmütig zu Hilfe kommen, wenn sie 
hören, daß ihr Lovelace, der so wild gegen Feinde und so 
«art gegen schöne Frauen sein kann, in Gefahr sei. Einer 
der Frauen^ die im Eifer auch ihn, Marvell. für einen 






bereit^ ■ 

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Gegner hält, ruft dieser zu: „Nein, auch ich bin 
für ihn 2U sterben! Aber Lovelace steht so hoch, daß ihm 
der Haß der Feinde nicht schadet und er auch der Hilfe 
seiner Freunde nicht bedarf" 

An sich ist dieses Gedicht ebenso unbedeutend wie 
die meisten dieser niedrigen Gattung. Für uns ist diese»1 
Gedicht sowie das vorhergehende Leichengedicht aber 
deshalb wichtig, weil Grosart sie heranzieht, um "/1/if, 
Strang rotjalism^* des folgenden Gedichtes auf den Tod des 
Thomas May, sowie einiger Strophen in der "Horaiian Ode* 1 
MarvelJs zu erklären imd darzutun^ daß unser Dichter, der] 
doch in seinen Satiren später einen so heftigen Ton gegen] 
das Königtum anschlägt, wenigstens um diese Zeit noc 
ein getreuer Royalist war, ^) 

Diese Behauptung ist vollkommen unbegründet. Es 
soll daher im folgenden versucht werden, zu beweisen, daß 
erstens die zwei letztbesprochenen Gedichte ohne jede Be- 
weiskraft pro oder kontra, wirklich nichtssagend sind und 
dann zweitens, daß das Gedicht auf Tom May nicht im 
mindesten einen ^'strong royalisni'' zum Ausdruck bringt, der 
bei Marvell überhaupt nicht zu finden ist und also in den 
zwei ersteren Gedichten auch nicht quasi im Keim ent* 
halten sein kann. 

Nehmen wir das erste Gedicht, ^auf den Tod des Lord 
Hastings"^, Selbst wenn man „cum studio ** an die Lektüre 
geht, darin etwas finden zu wollen, wird es nicht gelingen. 
Sind es vielleicht die Zeilen 19 bis 26, die „verdächtig" 
sind ? Das ist ein ganz harmloses poetisches Bild, das 
Marvell zu seinem lobevollen Gedicht eben gerade braue 



^) Groaart, vol. I, p, XLI u. ö. 




— 11 — 

konnte, in Ermanglung eines besseren oder schlechteren, 
ohne jede weitere Bedeutung: 

"But 'tis a maxim of that State, (hat turne, 
Lest he become like them^ taste more than one; 
Therefore ihe democratic stars did rise, 
And all that worth from hence did ostracize.'* 

Der Ausdruck ''that State" kann kaum auf England 
allein bezogen werden, sondern ist hier wohl gleichbedeutend 
mit **the world", der Erdenstaat; es wäre auch unpoetisch, 
ihn so eng zu fassen. Er tut einen allgemein gültigen Aus- 
spruch : es ist immer so, wenn einer auf der Welt zu hoch 
strebt, macht er sich mißliebig, weil der Neid erwacht.^) 

Wollte man den Ausdruck wirklich konkret fassen, 
so wäxe noch einzuwenden, daß der junge Lord sich ja 
mit der Politik gar nicht beschäftigt hatte, von ihr nichts 
zu leiden hatte, also er mit ihr oder besser diese mit 
ihm auch nicht in Zusammenhang gebracht werden kann. 
Demnach ist "all that worth" nicht allgemein und in politi- 
schem Sinne zu fassen, sondern bestimmt und gleich- 
bedeutend mit „Hastings". Das ''did rise" macht dabei 
keine Schwierigkeiten; abgesehen davon, daß ja der Tod, 
das Hinweggenommenwerden Hastings', etwas Vergangenes 
ist (. . . did . . J, während der Neid, die Maxime der Welt, 
immer besteht (. . . 'tis . . »), kommen ähnliche Gegenüber- 
stellungen von Präsens und Präteritum wie hier "His" und 
"did" ohne kontrastierende Absicht bei Marvell öfters 
vor; 2) also ist diese nur scheiübare, berechtigte Auffälligkeit 
für den Sinn in unserer Auffassung keineswegs hinderlich. 

Ziehen wir femer die geschichtlichen Tatsachen heran, 
so sehen wir, daß es nicht angeht zu sagen, daß sich da- 
mals in England ein Zug geltend machte, der dem Ostra- 
zismus gleichkäme. Karl I. war hingerichtet, aber nicht 
verbannt worden; der große Fairfax war Lord; Cromwell, 

*) Wie richtig meine Vermutung war, bewies mir ein glück- 
licher Zufall nach Vollendung dieser Arbeit: Bei der Lektüre Heines, 
der Marvell sicher nicht kannte, fand ich in dessen „Einleitung zur 
Prachtausgahe des ,Do7i Quichotte^'' ganz denselben Gedanken, ja 
sogar das Wort „Ostrazismus" wieder. — (Abschnitt 13: „Die Ge- 
sellschaft ist eine Republik . . ." etc.) Möglicherweise liegt in beiden 
Fällen ein klassischer Autor als gemeinsame Quelle zu Grunde. 

-) Vgl. S. 187 dieser Arbeit. 



12 



der Mann au« dein Volke, war doch Lord-Protektor tmd 
man bot ihm die Königskrone an; immer zeigte sich also 
noch eine aristokratische Tendenz. Demokratie im strengen 
Sinne ist al^o ebensowenig vorhanden gewesen als Ostra- 
sdsmus. 

Und nach all dem Detail: Betrachten wir das Gedioht 
als Ganzes in seiner Gattimg. Es ist ein Gelegenheits- 
gedicht, ob ein bezahltes oder nnbezaUtes, es finden sich 
nicht die mindesten herzlichen Töne darin, nur schwtdstiges, 
unnatürliches Lob. Ja, auch herzliche Töne hätten für 
diese Frage mid jene Tage nichts zu bedeuten, wenn wir 
uns S5um Beispiel an das weltberühmte „Ännchen vofi Tharau' 
erinnern, jenes innige, ergreifende Lied himmelhochjauch- 
zender Liebe, das so sehr Volkslied geworden ist, daß 
viele den Namen Simon Dachs, des Dichters, gar nicht 
kennen — , das doch nur ein Gelegenheitsgedicht für die 
Hochzeit eines Bekannten war, das freilich ein echter 
Dichter schrieb. Solche Gelegenheitsgedichte, wo der 
Mantel immer nach dem Winde gedreht wird, dürfen uns 
nie zu weitgehenden Schlüssen verleiten. So ist unser Schluß, 
daß auch aus diesem Gedichte kein Schluß gezogen 
werden kann. 

Ahnliches gilt von dem Gedichte an Lovelace, das 
gewiß persönliche, konkrete Anspielungen auf englische 
Verhältnisse enthält. Aber auch hier zieht Grosart ohne 
Not weitgehende Schlüsse. Marvell klagt zwar über die 
Bürgerkriege, aber er sagt doch nicht, daß gerade die 
Demokraten oder Republikaner daran schuld seien. Er 
klagt über die „barbierten Zensoren", offenbar Geistliche, 
und über ihre Rigorosität, die noch die der Presbyterianer 
übertreffe. Das ist die uralte Zensurklage, die noch heute 
nicht verstummt ist. 

Ferner: beide Gedichte wurden gedruckt. Und 
Marvell durfte doch nicht so schreiben, daß ihn die Zen* 
soren, über die er ohnehin klagt, de facto inhibieren konnten. 
Die Gedichte freUich, in denen er kräftig über die Re- 
gierung loszieht, worden damals nicht gedruckt, 

Marvell war Fanatiker nur für Wahrheit und Recht, 
wo immer er sie fand. Er, der offen genug war, die Fehler 
des Freundes ebensowenig zu übersehen, wie die 



L3 — 



Seiten des Feindes, wäre auch freimütig genug gewesen, 
daJ3 er das Königtum offen mid direkt verteidigt hätte, 
wenn das seine Überzeugung gewesen ware. 

Ich wage zu hoflfen, daß meine Widerlegung der 
Ansicht Grosarta Beweiskraft genug besitzt, um sogar noch 
eine Stelle herbeiziehen zu können, die Grosart sonder- 
barerweise entgangen sein maß» welche scheinbar sehr gut 
für seinen Zweck gepaüt hätte, jene Stelle im ''Diahgue 
between the two horses'*^) nämhch, wo es von dem hinge- 
richteten König Karl heißt: 

*' — at last on the $caffolä hc was left in the lurdt, 
By knavts, mho cried up themselves for the churdi; — ''. 

Auch nur ein scheinbarer Beweis für einen Roya- 

lismns, in Wirklichkeit nichts anderes als die nmbefangene 
Äußerung eines vorurteilsfreien Mannes, dessen Gerechtig- 
keitssinn es empörte, zu denken, wie Karl L von denen, 
für die er sich in die Bresche gestellt hatte, von 
"arcftftühojjs and bishop», ard^äeacons amd detms" 

dann im Stiche gelassen wurde ; Marvell spricht hier nicht 
für Karl, sondern gegen die Geistlichkeit 

Passend gegenüberstellen kann man dieser Offen- 
herzigkeit eine andere Stelle aus demselben Gedicht, wo er 
von Crom well sagt (Vv. 156/157) : 

"/ fredtf dcdare it, I am for old Koll; 

Tfwugh his ffovernment did a ttffant re$emble" 

Also eine bewunderungswürdige Freimütigkeit nach 
allen Seiten, die uns Marvell liebgewinnen läßt, ftir den 
man seine eigenen Verse') zum Motto wählen kannte: 
*'Truth*s OS hold a» a Uon; I am not afraid!** 

All diese Ausführungen waren notwendig, aber sie 
wären nicht notwendig gewesen, hätte nicht Grosart als 
königstrener Engländer, offenbar in dem psychologisch be- 
greifbaren Bestreben, Marv^ell, der ihm als Dichter Heb 
war, auch als Politiker in den Schein eines, wenigstens 
eine Zeit lang, ^ braven^ Bürgers zu setzen, in sein Leben 
und seine Beurteilung einen Widerspruch hineingebracht, 
der ursprüngUch nicht darin war. 

1) Grosart, voll, p.361ff., VerslSTf. — Aitken, SaUrts, p,109. 
^ "Dialogue beiw. the 2 Hor8es'\ V. 124 



— 14 — 



Nun können wir uns ktirzer fassen bei der Besprechung 
des letzten Gedichtes dieser ^Vorschule'', das Qrosart also 
gänzlich als einen AusfluÜ des Royalismus ansieht Es ist 
die Satire **Tam Map's Death'^ zu deren Verständnis es 
nötig ist, einige Worte über ihren Helden zu sagen. Thomas 
May*) war der Sohn eines Adeligen in Susaex, 1696 geboren; 
er studierte am Sidney College zu Cambridge, wo er seinen 
"jB. A,*' machte. Er betätigte sich als lyrischer und drama- 
tischer Dichter, lieferte eine Übersetzung des Lucan und 
schrieb eine ,,History of the Long Parliameni of EnglancT^ 
dessen Sekretär er am Ende war. Er war zuerst ein eifriger 
Anhänger des Königs und der Hofpartei; als aber seine 
Hoffnung, der Nachfolger Ben Jonsons als Hofdichter 
zu werden, getäuscht wurde und diese Würde auf Sir 
William Davenant überging, fiel er ab und wurde ein 
erbitterter Feind des Königs. Daher die Zusammenstellung 
dieser drei Personen und der Vorwurf des Renegatentums 
in Marvells Satire, dem May auch als Trinker und schlechter 
Poet verhaBt war. May starb am 13. November 1660 und 
aus Anlaß seines Todes schrieb Marvell seine Satire. 

Die Einkleidung dieses in l^eroic coupkis geschrie- 
benen Gedichtes ist die eines Totengespräches, jene 
aus der klassischen Poesie stamm eüde, im Mittelalter und 
noch im 17. Jahrhundert bei allen Völkern sehr beliebte 
Form, die wir auch bei Marvell nochmals finden (in ''Tlie 
Loyal Scoi*y 

Der Inhalt nun ist: Tom May, der so unversehens 
ins Jenseits gelangt war, als ob man ihn trunken dorthin 
transportiert hätte, schaute beim Betreten des El3^siums 
suchend herum nach den ihm sonst als Wegweiser dienenden 
Wirtshauaschildern, Endlich glaubt er einen guten Bekannten, 
einen dicken Wirt, zu sehen und geht auf ihn zu. Es war 
aber Ben Jonson, der im Kreis der alten Poeten, unter 
Lorbeer sitzend, von Helden und alten Geschichten sang 
und von dem doppelköpfigen Geier, der Brutus und Cassius 
frißt, die Volksbetrüger. Sobald er aber May herankommen 
flieht, ändert er seinen Sang und parodiert den Anfang 
%ns Mays Lucan-Übersetznng *^Pfiarsatm\ Inzwischen war 



4 



4 



A) LHcttonari/ of NaL Biogr,, vol XXXVTI, p. UM, 



15 



^ 
^ 



Tom May „zu sich selbst und äu ihnen gekommen'^ — sehr 
gut! — und wollte im Kreise Platz nehmen. Ben aber, 
empört ob der Anmaßung^ erhob sich und trieb mit seiner 
Lorbeerrute, der selbst Virgil und Horaz gehorchen^ den 
Eindringling scheltend hinweg* Er nennt ihn einen schlechten 
Poeten und einen schlechten öeschichtsschreiber, er wirft 
ihm ftuch seine Käuflichkeit vor Er tadelt, daß May die 
alte römische Republik als Muster für England hingestellt 
habe^ obwohl für Rom tmd England nicht dasselbe Maß 
passe; denn nicht Unwissenheit verführe ihn, sondern be- 
wußte Bosheit. Weil ein Würdigerer als er, Davenant^ 
den Lorbeer trage, darum sein Zorn, in den er die anderen 
mit hinein verwickeln wolle. Nicht solche Parteinahme sei 
die Aufgabe der Dichtung, sondern wenn Gewalt freie 
Richter einschüchtert und feige Priester, dann sei es Zeit 
für den Poeten, blank zu ziehen und als Einzelner für die 
aufgegebene Sache der Tugend zu kämpfen. Und wenn das 
Bad des Reiches zmückwii*belt und die verrenkte Achse der 
Welt kracht, dann singe er von altem Recht und besseren 
Zeiten, suche das bedrückte Gute tmd klage erfolgreiches 
Verbrechen an. May aber habe als erster den fleckenlosen 
Stand des Dichter« beschmutzt, sieh losgelöst von der 
heiligen Kunst, um sich aus einem Zeitungsschreiber zum 
Spartakus zu machen. Das gerechte Schicksal habe ihn 
jedoch dahingerafft, bevor er den Tod des großen Karl 
berichten konnte; und — was seinen niedrigen Geist noch 
tiefer kränkte — er mußte Davenant, seinen Rivalen^ lebend 
zurücklassen. Zwar habe man May, als den Sekretär des 
Parlamentes, mit allem Pomp zu Westminster begraben; 
hier aber könne er keine Ruhe finden, da der große Spenser 
dort liegt und der verehrte Chaucer, dei'en Staub sich 
gegen ihn erheben werde. Und auch hier im Elysium dürfe 
sein Geist nicht länger weilen; er weist ihn fort in den Hades, 
wo Cerberus und Megära nach ihm schnappen werden. 

Das ist der Inhalt des Gedichtes, den Grosart als 
"Blronff roi/alism** bezeichnet. Die springenden Punkte sind: 

1* daß Marvell Brutus und Caaeius VolksbetrUger nennt, 

2. daß er sagt, das Muster der römischen Republik 
passe nicht für England, 

3. daß er den König Karl I. "great Clmrles*' nennt, 




4. daB er einen Antiroyalisten wie Maj' überhaupt und 
noch dazu durch den Mund des höfischen Ben Jonson augreifk. 

Nehmen wir die Punkte einzeln her: 

Ad 1> Brutus und Cassius, wenn man sie überhaupt 
in einem Atem nennen darf bei ihrer notorischen Ungleich- 
heit, sind insofern vielleicht betrogene Volksbetrüger, als 
sie das Volk zu einer Tat hinrissen, die den erhofllen und 
versprochenen Erfolg nicht hatte; sie stürzten das Volk 
in den Bürgerkrieg und konnten den endlichen Imperia- 
lismus doch nicht aufhalten. Diese Auffassung von der — 
milde gesprochen — Unzweckmäßigkeit des Beginnens der 
beiden ist mit einer republikanischen oder antiroyalistischen 
oder demokratischen Gesinnung um so eher vereinbar, als 
das Volk es war, das dadurch zu Schaden kam, und nicht 
die Autokratie; solche „heroische Verbrecher", wie sie 
Schiller nennt, spielen immer ein gefährliches Spiel: 
gelingt der Wurf, so sind sie Volksbeglücker, mißlingt er, 
sind sie Volksbetrüger. Und wer kann verbürgen, daiJ der 
scharfe Ausdruck „Volksbetrüger" nicht durch den Keim 
veranlaüt worden ist? 

Ad 2. Ohne Erörterungen des Verfassungsrechtes: daß 
England nicht nach dem Muster der römischen Republik 
eingerichtet werden kann, ist eine erlaubte Privatansicht 
Marvells, die wohl viele teilten und teüen und deren 
Richtigkeit bis heute durch Tatsachen wenigstens noch nicht 
widerlegt wurde. DaU aber Marvell gegen Republiken 
überhaupt war, ist mit seinen Worten doch nicht ge- 
sagt, denn zum Beispiel den vereinigten Generalstaaten der 
Niederlande und der venezianischen Republik zollt er an 
anderen Orten Anerkennung genug. 

Ad 3, *'Gr€ar Charles ist einfach*) ein stehendes Bei- 
wort ohne prägnante Bedeutung, hier aber außerdem in 
Gegensatz zu ^'little mind*' in der nächsten Zeile gesetzt; 
noch in einer viel späteren Zeit, wo über Marvells Anti- 
royalismus kein Zweifel mehr bestehen kann, spricht er, 
wieder ohne Prägnanz in das Wort zu legen, von "(Äe 
'roffaV race of Stuarts".^} 

*) Trotzdem auch Aitken, Poents^ p, XXV^ Wichtigkeit in den 
Ausdruck legt. 

'^) '*A historical poem*\ Y, 55. Er bezeichnet hier bloß den Stand 
damit, keine Erhabenheit. 



^^ 



— 17 — 



Äd 4. Um diesen Punkt zu erklären^ ist es nötige sich 
das Bild Marvells vor Augen zu halten, das fi'eilicli hier 
nicht vollständig entwickelt werden kann: ihm, dem hooh- 
gesinnten Manu, den ein Karl IL nieht bestechen konnte, 
obwohl er es versuchte, der nie mit den Wölfen heulte, 
konnte ein Mensch wie May, ein Renegat, nicht sympathisch 
sein, auch wenn es zufällig seine Partei war, zu der jener 
übergegangen war. May wollte um seiner persönlichen 
Sache willen, daß 

*'<iU Oh World he sei on fiame" (V. 59). 
Marvell wollte Recht und Ordnung für alle. Er war gewiß 
nicht als blutroter Republikaner zur Welt gekommen; allein 
schon in den Universitätsgedichten, die noch Grosart *' loyal" 
nennt, spricht er von — imd bittet um — Reformierung 
der Zustände. Wo man alles fiir gut findet, bedarf es keiner 
Abhilfe, Auch sein Freund Mil ton ist von einem anfangs 
milden zu einem immer radikaleren Standpunkt vorge- 
schritten. Ein Royaliat war Marvell also nie. Und er hatte 
nach der Restauration noch so schön Gelegenheit gehabt, 
einer zu werden ; die Anekdote von seiner Refiisierung 
einer durch den Lord- Schatzmeister Danby persönlich über- 
brachten carie-blanche des Königs wird in allen Biographien 
erzählt. 

Daß die Verdammung Mays gerade Ben Jonson 
in den Mund gelegt wird, scheint den tatsächlichen Um- 
ständen ganz zu widersprechen. Aber bei näherer Be- 
trachtong stellt sich dieser Umstand als ein beabsichtigtes 
Mittel zur Verstärkung der Wirkung dar: Ben Jonson und 
Tom May waren sehr gute Freunde; Jonson nennt ihn 
einmal einen '^inUrpreter *twixt gods and men" und schrieb 
ein Begleitgedicht für Mays Lucan- Übersetzung (1627) 
und zu der zweiten Ausgabe der Fortsetzung des Lucanus, 
die May unter dem Titel *'Suppianen(um Lucani auihore 
Tho* Mayy AngU*' verölientlichte, schrieb Ben Jonson 
**Difjnissimo Viro Thomae Mayo — amico suo summe hmio- 
rando" ein Vorwort, *) Umgekehrt schrieb May Lobgedichte 
auf Ben Jonson: *'An Ekgif upmi Benjamin Jonsofi*\ den 
^Künig der englischen Poesie", wie er ihn nennt*) Als 

1) Ben Jonson» PoHical Workt, ed, Ounmngham, PolIU^ p.S9i. 
V A, a, 0, p. 60i, 
Pose her, MAivellB poet. Werke. S 




Ben Jenson starb, war May noch fester Boyalist; erst als 
seine Hoffnung, Bens Nachfolger zu werden, scheiterte, 
wurde er Renegat, 

Daher klingt es viel stärker, wenn es sein einstiger 
Freund im Leben ist, der von dem Überläufer nichts wissen 
will und über ihn das Urteil spricht. Zugleich aber ist es 
wieder ein Beweis für Marvells Vorurteilslosigkeit, wenn 
er den Haupbvertreter der elisabethinischen Hofdichtimg 
so hoch stellt und ihm zugleich seine eigene Theorie und 
seine hohe Auffassung von der Dichtkunst in den Mund legt. 

Da Birrell und teilweise auch Aitken den Ausspruch 
Grosarts von Marvells RoyaUsmua nachsprechen, so soll 
kurz an einigen Punkten auch die Haltlosigkeit ihrer 
Argumentation gezeigt werden. 

Wenn Mar v eil wirklich ein so getreuer Hoyalist ge- 
wesen wäre, wie seine Kritiker heute leicht sein können 
und wie auch er es heute wohl wäre, dann hätte ihn doch 
Thomas Baker, der ihm der Zeit nach viel näher stand 
als wir heutzutage, nicht ^the bitter Republican'^ genannt, 
wie Birrell selber zitiert (p. 24), Auch hätte der royaUstisohe 
Dryden kaum Marvells Namen in tadelndem Sinne als 
identisch mit Pamphletist gebraucht (ebd.)* Und Birrell 
selber hilft öich über die doch auch ihm nicht sehr loyal 
and ropal vorkommenden Satiren ndt einem gefährlichen 
Saltomortale hinweg: **There are some keated ej^pressions m 
Ihe satires, which prohahly gavc nse to the belief that M, was 
a Bej/ublican" (ebd, und ähnlich p. 219). Und warum hat 
der royalistisehe Kektor der St.-Giles-Kirohe nicht erlaubt, 
ihm ein Grabdenkmal aufzustellen?^) Und warum nennt 
sein Gegner Parker ihn mit Verachtung "/Ae servani of 
Cromwell and ihe frimd of Miltoti'?*) — Nun dürften der 
Beweise genug sein. 

Rätselhaft erscheinen im ersten Augenblick die 
Zeilen 75 und 76: 

^*Yet wtt$t thüu taken hence with equal fate, 
Before thou couldst ijrcat CHarUs^s death rclaie*^; 

nachdem doch Karl I. Anfang 1649 hingerichtet wurde, 
[»während May erst Ende 1660 starb. Die Erklärung ist, daß 

Vi Aitkeü, Poems, p, XLVIU, 
') A 1 1 k e n, Poems, p. LIT. 



— 19 - 

May in seiner ^'History of the Long ParliamenV\ soweit sie 
erschienen ist, nicht bis zum Jahre 1649 kam, da ihm das 
"equalfate"^ das heißt der Tod, sein Werk nicht vollenden ließ. 

Damit ist die Betrachtimg der dichterischen Vorschule 
Marvells beendet, in "Üer seine Art noch nicht ausgeprägt, 
sondern in manchen Keimen erst angedeutet ist. Der Gattung 
nach sind es lauter Gelegenheits*gedichte, nämlich 
Gedichte, die aus oder zu einem bestimmten äußeren An- 
laß geschrieben wurden, nur interessant für des Dichters 
Weiterentwicklung und Charakter, poetisch aber wenig 
wertvoll. Da die meisten davon aber gedruckt wurden, 
sind es mehr als dichterische Exerzizien, wie man es von 
einer Vorschule leicht annehmen könnte. 

Fahren wir nun fort in der Betrachtung von Marvells 
äußerer imd innerer Entwicklung. 

Wir stehen also beim Jahre 1660. In dieses Jahr 
fällt ein für Marvells ganzes Leben wichtiges Ereignis: er 
kam als Sprachlehrer der zwölfjährigen Mary in das Haus 
des ersten Generals Lord Fairfax^) — der sich damals 
auf seine Besitzung Nun- Appleton -House in Yorkshire 
zurückgezogen hatte — und damit in Berührung mit den 
Häuptern des Commonwealth. Die hier verlebte kurze 
Zeit war offenbar die glücklichste seines Lebens. Bio- 
graphisch ist für diese drei Jahre des Landaufenthaltes 
unseres Dichters nur wenig zu sagen ; es waren stille Jahre 
mit wenig äußeren Erlebnissen, aber ganz der Dichtung 
geweiht. Die Liebe zog ein in sein Herz; hier lernte er 
"to read in Natureis mystic book". *) Ganz dem entsprechend 
sind die Gedichte dieser seiner, von 

1660—1652 

reichenden 

Ersten Periode.*) 

(Eenaissance-Gedichte.) 

Es sind meist lyrische Gedichte, Renaissance- 
Dichtung nach der Mode der Zeit; die von dem dortigen 

1) Nebenbei bemerkt, wohl aach ein gewichtiges Zeugnis für 
den Irrtum Grosarts: Ein Fairfax, der Führer des Parlaments- 
heeres, hätte sich wohl keinen „Boyalisten^ ins Haus genommen. 

«) "Appleton^Hause'* V. 684. 

^ Hier ein Wort über meine Gruppierung der Gedichte im 

2* 



— 20 — 

Lokale angeregten atmen Glück und Zuftiedenheit, 
alle haben die Liebe zur Natur gemeiDsam; ihr Lilialt h 
im großen und ganzen durch die zwei Worte des Dichters 
gegeben, der die ganze Eenaissance- Dichtung und Marvell 
mehr als zeitgenössische Dichter beeinäuüt hat: Horazens h 
f,Beaii4S ille qui procul negotüs" und das ^Carpe thtm!'' | 
Gedichte, welche diesen Grundsätzen zu widersprechen 
scheinen, sind bloß Verirrungen der Modelaune, 

Die Reihenfolge der einzelnen Gedichte inner- 
halb dieser drei Jahre festzustellen^ ist nicht möglich; wir 
können aber dem Inhalt und der Form nach immer mehrere 
in Gruppen zusammenfassen, die wohl in der folgenden 
Weise anzuordnen sind. 

Voran, aber keineswegs dem dichterischen Werte 
nach, stellen wir zwei^ respektive drei, landschaftliche 
oder naturbeschreibende Gedichte, Lobgedichte 
auf Lord Fair fax, die an das Lokale von Nun-Appleton 
in Yorkshire anknüpfen. 

Wir sehen wieder das allmähliche Fortschreiten Mar- 
vells von der lateinischen zur englischen Dichtung, denn 
das erste und das zweite dieser Gedichte sind inhaltlich 
eigentlich verwandt, wenn auch nicht gleich, das eine in 
englischer Sprache ist nur eine Erweiterung des andern 
in lateinischer Sprache ; einige Zeilen kommen direkt einer fl 
Übersetzung gleich. Das lateinische Vorlagegedicht führt 
den Titel: „Epigramma in duos motUes, Amosclivium et Bil- 
bormm** — Farfacio, wobei das Wort ^^Epigranmia^' in dem 
weiteren Sinne des 17, Jahrhunderts gefaßt ist. Der Dichter 
kontrastiert den Charakter der beiden genannten Berge; 
der eine wild und steil, der andere grün und sanft ansteigend ; 
die Natur jedoch vereinigt beide unter einem Herrn, dem 



I 



Vergleich zu anderen: Die Ausgabe Aitkens spricht von '^PoemM" 
und ^'Saures**; das ist^ streng genommen, zu verwerten, weil die 
(Vers-)Satiren auch Gedichte sind, während dies© Einteilung leicht 
die entgegengesetzte Meinung hervorrufen konnte. — Grosart hin- 
gegen teilt in so viele Gruppen — sieben — , daB die Grenzen sich 
wieder verwischen und man Gedichte der einen Gruppe ebensogut 
in eine andere einreihen konnte. — Ich habe die Gedichte dagegen 
gattungsweise, chronologisch in die sich von selbst ergeben- 
den charakteristischen Abschnitte oder Periode» seines Lebens ein- 
gereiht. 




— 21 



» 



^ 



to 



großen Lord Fairfax, zu dessen Besitz sie gehören. Er 
beschreibt dann die Fernsicht und schließt mit einer 
galanten Anspielung auf Maria Fairfax. Für heutige Be- 
griffe ist es allerdings sonderbar^ daß der neunun dz wanzig- 
jährige Lehrer seine zwölQährige Schülerin besingt, — was 
eigentlich noch mehr von den folgenden (jredichten gilt, 
weil speziell in diesem Gedichte die Erwähnung nur flüchtig 
ist; in jener Zeit jedoch ist das nichts Ungewöhnliches; 
dieses Gedicht unterscheidet sich von der eigentlichen 
Gelegenheitadichtung ja nur durch den fehlenden materiellen 
Zweck. Überdies kann man hier in diesen Fällen noch die 
Fraueuverehning gelten lassen, während ja Marvell in einem 
andern Falle zum Beispiel einen zwanzigjährigen jungen 
Adeligen besungen hat, der nicht einmal den a priori- An- 
spruch der holden Weiblichkeit aufzuweisen hat. 

Die englische Erweiterung dieses Gedichtes heiÜt 
^"Upon the Hill and Grove ai Billborow'\ Nachdem in diesem 
sowie im folgenden, in viertaktigen jambischen Reimpaaren 
geschriebenen Gedichte der Zurückziehung des Lord Fair- 
fax vom Militärdienste gedacht wird, die im Jahre 1650 
erfolgte, weil er nicht gegen Schottland kämpfen wollte, 
sind diese Gedichte wahrscheinlich in der zweiten Hälfte 
16B0 oder Anfang 1661 entstanden, Marvell rühmt wieder 
die sanfte Schönheit des Hügels von Bülborow mit seinem 
bauragekrönten Gipfel, wo man die Waffen des großen 
Meisters Fairfax rasseln hört. Eine linde Brise flüstert mit 
den Bäumen und sie sprechen von den Taten des Helden, 
die Famas Wangen schwellen machten, dem früher andere 
Haine und Berge gefielen, nämlich Haine von Lanzen and 
Berge von Leichen. „Wahr sprecht ihr**, ruft ihnen der 
Dichter zu, ^aber genug! Er flieht ja sein Lob, gerade 
deshalb zieht er sich von den Prunkfesten in euren Schatten 
zurück; er liebt die Höhe nicht, wenn sie nicht zagleich 
Zuriickgezogenheit bietet.** 

Das Gedicht hat den Vorzug einer nicht übermäßigen 
Länge vor dem nächsten voraus. Wir dürfen wohl annehmeUj 
daß es wirkliche Bewunderung ist, die aus ihm spricht; Mar- 
vell hatte ja Gelegenheit, mit dem ^großen^ Fairfax täglich zu 
verkehren. Man merkt, daß das Gedicht überarbeitet und 
gefeilt ist; er macht vielleicht sogar den onomatopoetischen 




Versuch, die wuchtige Unregelmäßigkeit der Berge durcli 
den Vers auszudrücken: 

" Which dö, with yöur höok-ihf^uldertd height, 
The earih deform, ^ — " (Vir. 11/12). 

Sogar in diesem Gedichte, das doch so wenig Anlaß 
bietet, flihrt er Pairfax* Gattin als ,, Nymphe^ Vere ein, 
also im Benaisäancekostam. Bemerkenswert ist seine gewiß 
ernst gemeinte Behauptung von den Bäumen: 



j 



**— ihey, 'tw crtdibUf have sense^ 

Aß we, of love and rtver^nce/' (Vv. 49/50) 



d 



I 



also eine Art Naturglaube, den wir^ f&r Marvell charakte- 
ristisch, wiederholt finden werden* 

Von einer ermüdenden Länge, die nur durch wenige 
schöne Stellen, die wie Oasen erfrischen, unterbrochen wird, 
ist das letzte Fairfax gewidmete Gedicht: ''Appleton-Home'\mm 
dessen Beginn an Ben Jonsons "Petishtirsf' erinnert, ^fl 
Wie alle diese landschaftlichen Gedichte jener Zeit — auch 
im Deutschen bei Opitz — haben wir hier Verbindung 
von Lokal Schilderung mit Lobpreisung eines edlen 
Geschlechtes verbunden, dessen Geschichte ab ovo bis auf 
den momentanen Träger des Namens gegeben wird, der . 
natürlich immer der Beste und Größte ist. Der Gedanken- 
gang dieses Gedichtes bewegt sich ununterbrochen in 
Parallelen, respektive Antithesen. Der Inhalt dieser acht^dy 
hundert Zeilen kann nur andeutungsweise gegeben werden. ^M 
Er beginnt mit dem alten horrorvacui: kein Geschöpf liebt 
den leeren Raum, alle Tiere haben der Größe entsprechende 
Wohnungen, nur der Mensch braucht lebend mehr Platz 
als tot und baut sich riesige Paläste* Hier in Appleton- 
House ist es anders: ein kleines Haus, das große Menschen 
bewohnen, Fairlax und Vere. Rundum ist es von einer 
reichen Natur, von Gärten, Wiesen, Feldern, Wäldern um- 
geben. Und nun die sonderbare Anknüpfung: „Während 
wir mit langsamen Blicken diese (Umgebung) betrachten 
und bei jedem Schritte stehen bleiben, können wir bequem 
den Gang der Schicksale dieses Hauses erzählen.^ Das 
geschieht auch sehr ausführlich. Zuerst war es ein Kloster, 
in dessen Nahe eine blühende Jungfrau wohnte^ eine reiche 
Erbin, auf deren Schätze die Äbtissin lüstern war. Li einer 



- 23 — 



I 



hundertdreißig Zeilen langen Rede schildert diese ihr die 
Freuden und Vorteile des Kliosterlebens, derentwegen sie 
ihren irdischen Bräutigam, den jungen William Fairfax 
aufgeben soU. Halb mit List, halb mit Gewalt hält sie das 
Mädchen dann im Kloster zurück. Der junge verlassene 
Held gibt seinem Groll in einem zwei Dutzend Zeilen langen 
Monolog Ausdruck, in dem er natürlich auf die Nonnen, 
diese ^'hjpocrite ivitches'\ nicht viel Schmeichelhaftes sagt. 
Er verschafft sich einen behördlichen Freilassungsbefehl 
für seine Braut und als derselbe im Kloster keine Wirkung 
tut, greift er zur Gewalt und stürmt das Gebäude. Hier 
bricht der Satiriker in Marvell durch, es beginnt eine fast 
Chaucerische humorvolle Schilderung: einige Nonnen 
halten dem Eindringling ihre hölzernen Heiligen entgegen^ 
die anderen suchen ihn wie einen höllischen Geist mit dem 
Weihwasserwedel zu verscheuchenj aber trotzdem dringt 
der liebende, zornige Jüngling zu seinem Bräutchen vor: 
nicht einmal die zur Schau gestellten Reliquien halten ihn 
auf, an denen nichts echt war als die Juwelen. Zur Strafe 
für den Widerstand gegen den behördlichen Befehl ^\nirde 
das Kloster aufgehoben und das Haus dem nun mit seiner 
Braut vereinigten WilUam Fairfax zugesprochen. Deren 
Sohn aber ist der „groÜe" Lord Paifax, der weltberühmte 
Held, der sich nach seinen kriegerischen Erfolgen wieder 
hieher zurückzog und aus militärischer Liebhaberei rundum 
fünf Gärten in Form eines Forts anlegte. 

Nun folgt eine für Marvell charakteristische ausfuhr- 
liche Beschreibung einer Garten szene, die neben allerlei 
Sonderbarkeiten wirklich poetische Schönheiten enthalt und 
deshalb ausführlicher wiedergegeben werden soll: 

Wenn im Osten der Morgenstrahl die Farben des Tages 
auehäugt, summt die Biene durch die Alleen und schlägt 
Reveiile. Dann schlagen all die Blumen ihre schläfrigen 
Lider auf und entfalten ihre seidenen Wappenbanner und 
füUen sich mit neuen Ladungen von Duft. Und wenn ihr 
Herr vorübergeht oder ihre Herrin — Fairfax' Gattin — , 
dann geben sie duftende Salven ab. Wie zur Parade sind 
die Blumen in ihren besten Farben aufgestellt, in schöner 
Ordnung, Tulpen, Nelken, Hosen in Reih und Glied. Wenn 
aber der wachsame Posten am Himmel um den Pol herum- 




geht, falten sie ilire Blätter an den Stamm, wie die Fahnen 

an den Schaft gerollt werden. Und die Bienen schlafen 
als Schildwachen unter Waffen, in Blomenkelchen einge- 
schlossen. 

Nach einer zeitgemäUen Reflexion des Dichters, dafi 
das schöne England jetzt leider andere Heere sieht als 
Blumenarmeen, wird die Naturbetrachtung fortgesetzt und 
er beschreibt den Ausblick, den er von den anderen Seiten 
des Walles genießt, die ungeheuren Wiesen, in deren 
lau gern Grase die Menschen sich wie unter Wasser fort- 
bewegen. Die Szenen wechseln öfters als im Theater. 
Denn es kommen die Schnitter und ziehen diurch die 
Wiesenflut wie die Juden durchs rote Meer, Er vergleicht 
die Mäher auch mit Soldaten, das Gemähte sind die 
Toten und 

**the women (hat icith forks it fling 

Da reprcscnt the pillaging*-; — 

eine sehr unbeholfen klingende Stelle, die aber natürlich 
ganz ernst zu nehmen ist. Und dann tanzen die ^ Sieger'^ 
noch auf dem „Schlachtfelde" und der gesunde Schweiß 
der Mäher duftet wie Alexanders Schweiß (!) und wenn 
Bie sich am Ende des Tanzes küasen, so ist das frische 
Heu auch nicht süßer als ihr Kufl(!!) — eine starke Ge- 
schmacklosigkeit. Aber MarveJl vergleicht eben mn jeden 
Preis. Auch das ist ziemlich skurril, wenn die Heuhaufen 
mit den Pyramiden von Memphis oder mit römischen 
tumulis verglichen werden. Die gemähte Fläche schildert 
er als so glatt wie den Boden der Arena zu Madrid vor 
Beginn des Stierkampfes — eine Erinnerung an Spanien« 
Nach mehreren ähnlichen Vergleichen wendet er sich 
dem Walde zu, der so dicht zu sein scheint, als ob die 
Nacht darin verschlossen wäre; im Inneren aber zeigen sich 
Gänge von korinthischen Säulen, die Nachtigall singt und 
die höchsten Eichen neigen sich herab, um ihrem Liede zu 
lauschen. Er schildert sein glückliches Leben unter den 
Bäumen und Tieren des Waldes» der ihm als ein wunder- 
bares Mosaik erscheint „Dreimal glücklich,** ruft er aus, 
„wer gelernt hat, in der Natur geheimnisvollem Buche zu 
lesen,'* Nachdem er auf schwellendem Moose ausgeruht 
hat> geht er durch die WaldstraUe, wo die Bäume wie 



4 





— 26 — 

eine Leibwache vor ihrem Herrn zu jeder Seite zurück- 
zutreten scheinen. 

Dann gibt er sich dem Vergnügen des Angelns hin, 
verbirgt aber rasch seine Geräte, als Maria daherkommt, 
weil er sich schämen würde, von ihr bei einer so nichtigen 
Beschäftigung gesehen zu werden. Sie ist jetzt der Gegen- 
stand seines Gesanges. Alle Dinge scheinen sie zu be- 
grüßen, selbst die Sonne scheint sorgsamer hinabzusteigen 
und weil sie sich schämt, daß Maria sie zu Bette gehen 
sieht, verbirgt sie ihr Haupt in glühenden Wolken. Die 
Dämmerung bricht herein, alle Wesen hat eine Andacht 
ergriffen, schweigend schauen die Menschen den saphir- 
beflügelten Nebel. Die Urheberin all dieser Schönheit aber 
ist eben Maria, denn alle Dinge streben ihr zu gefallen 
und ihre Schönheit zu erreichen; aber nichts ist so rein, 
so stolz, so süß, so schön wie sie; nicht Flüsse, Wälder, 
Wiesen, Gärten. Selbst die elysischen Gefilde müssen 
zurückstehen hinter einer Gegend, die Maria verschönt. 

Das ungefähr ist der Faden dieser umfangreichen 
Dichtung. "Appleton-Hotise" gehört zur Gattung der natur- 
beschreibenden Gedichte wie die zwei vorhergehenden. 
Marvell hat hier allerdings soviel als möglich die Be- 
schreibung durch Erzählung von Vorgängen umgangen: 
im ganzen aber ist es doch ;,malende Poesie", was 
äußerlich schon dadurch deutlich wird, daß er öfters von 
*'scenes", das heißt Tableaux, spricht, die wie in einem 
Panorama aufeinanderfolgen. Er geht quasi durch die Be- 
sitzung des Lord Fairfax hindurch und macht Moment- 
aufnahmen, zu denen er einen verbindenden Text schreibt. 
Dieser Text besteht aus Vergleichen und Bildern, zu denen 
er die ganze Welt plündert; Rom, Griechenland, Ägypten, 
Spanien — der Nil, das rote Meer — die Juden und das 
englische Parlament — die Pyramiden und die tumuli — 
Noah, Lilly, Davenant — Geschichte, Geographie, Astro- 
logie, Mathematik, Zoologie — alles muß herhalten, ihm 
Stoff für seine Gleichnisse zu liefern. Es ist mehr Gelehr- 
samkeit oder Bildung als Poesie in diesem Gedichte; 
freilich weiß man dann die wenigen hochpoetischen Stellen 
um so höher zu schätzen. Diese sind lauter Naturbilder : die 
wunderschöne Schilderung des Morgenanbruches (Vv.289/300): 



- 26 — 

"When in (he east the moming ray 
Hangs out the colours of the day, 



Then flotcers their drowsy eyelids raise, 
Their silken ensigns each displays" u. s. w. 

Die Schilderung des Waldeszaubers ist ebenso schön wie 
die Schilderung des Sonnenuntergangs (Vv. GölffO- 
'T/t^ sun 

Seema to dcscend tcith greater care 
And, lest sfte (Mary) see htm go to htd, 
In hluMng clouds conceals his head." 

Staunen muß man über manche Ausdrücke, die uns ganz 
modern anmuten, wie der Vergleich mit Seide oder **(he 
sapphire-tvinged misf* (V. 680). Interessant fiir uns Deutsche 
ist auch die Stelle (V. 619/620): 

•' — Uke a guard ofi either side 
The trees before their Lord dicide" 

die uns unwillkürlich an die wunderbare Komposition 
Abts „Waldandacht" erinnert.^) 

Es tut einem förmlich leid, den Mann, der solch 
poetischen Ausdrucks fähig ist, gleich darauf wieder gans 
im Fahrwasser seiner Zeit zu sehen und Vergleiche zu 
finden, die besser in ein Scheffelsches feucht-wissenschaft- 
liches Lied passen würden, wie den erwähnten, wo die 
Süßigkeit eines Kusses mit nichts anderem als mit — Heu 
verglichen wird. Es wäre femer ein Rätsel, das selbst ein 
Ödipus kaum lösen könnte, wenn man fragen wollte : „Was 
sind ,die mit Wind geladenen Kanonen der Liehe*"? Antwort 
nach Marvell: „Die Seufzer'' (Z. 716). 

Wir lachen heute über derartiges, aber freilich im 
17. Jahrhundert galt das als fein imd geistreich ; das war 
der ungünstige Einfluß der Italiener und ihrer cancetti, der 
Marinismus. Und der ist eben nicht MarveU vorzuwerfeüi 
sondern auf das Konto der Mode jener Zeit zu setzen. 

\> f.DauD gehet leise, nach seiner Weise. 
Der liobe Herrgott durch den Wald. 



Die Bäume denken: Nun laßt uns senken 
Vorm lieben Herrgott das Gezweig/ 



— 27 — 

Wie in dem griechischen Gedicht an den König, 
finden wir auch in diesem Gedichte die Spielerei mit der 
Zahl fünf, und zwar ist hier der Ausgangspunkt von den 
fiinf Sinnen ganz deutlich. 

Eine Stelle (V. 456), an der Davenant erwähnt 
wird, ist ohne Kommentar nicht zu enträtseln; Grosart 
hat sie zuerst (I, 49) falsch gedeutet und erst durch die 
Angaben eines Dr. Brinsley Nicholson (vgl. Grosart, 
vol. II, p, XLIII) richtig erklären können, als wirklich auf 
William Davenant bezüglich, mit Anspielung auf eine in 
dessen Werken vorkommende Stelle. 

Inhaltlich mit den besprochenen Gedichten am nächsten 
verwandt sind zwei Paare von Gedichten, die auch an 
einen Garten anknüpfen und ungefähr um dieselbe Zeit, 
nämlich 1650/51 entstanden sein werden. 

Es sind lateinische Gedichte Marvells und dessen 
eigene, sehr freie Übersetzung, respektive Bearbeitung. 
Des ersten Paares : „Hortiis" — in lateinischen Hexametern 
— und "The Garden*' — in neun achtzeiligen Strophen aus 
viertaktigen, paarweise reimenden jambischen Verszeilen 
geschrieben — gemeinsamer Inhalt ist das Lob der „ahna 
quies" ("fair Quiet") und ihrer Zwillingsschwester „sim- 
plicitas'^ ("Innocence"), die der Dichter hier zu Nun- Appleton 
gefunden, nachdem er sie in der Gesellschaft der Menschen 
umsonst gesucht hat, zwei Himmelsblumen, die eben selbst 
wieder nur unter Blumen, also in der freien Natur ge- 
deihen. Der Inhalt in beiden Gedichten ist derselbe, nur 
sind die Zeilen nicht immer in derselben Reihenfolge tiber- 
setzt; auch fehlen im lateinischen Gedicht die Zeilen, 
welche den bemerkenswerten Ausspruch enthalten: „Zwei 
Paradiese sind's in einem, im Paradies allein zu leben^ 
(V. 63/64). Viele Menschen mühen sich ab, die Palme, den 
Lorbeer, die Eiche zu erringen« Ein einzelnes Beis krönt 
höchstens ihre Arbeit, während alle Blumen und Bäume 
sich vereinen, die Kränze der Erholung zu flechten. Diese 
weitgehende Vorliebe Marvells fUr die Einsamkeit ist ein 
Charakteristikum dieser Periode und dadurch erklärbar, 
daß er jetzt, nach den aufregenden häßlichen Vorgängen 
in der Stadt bei den „geschäftigen Menschen^ die sim- 
plicitas und die alma quies um so wohltuender empfand 



— 28 ^ 



und sich glücklich fohlte im Zusammensein mit der un- 
verdorbenen Natur, ''far off the public $tage*\ wie er sich 
in einem gleichzeitigen Gedichtchen ausdrückt Den Schluß 
des Gedichtes '*The Gardm'\ ''verses, — — — ßdl of a 
witty delicacy'', zitiert Leigh Hunt in dem Essay "Old 
Bencher's of the Inner Temple'\^) und er gibt Marvell den 
Beinamen 'Hhe garden-loving pocV*,^) 

Die englische Übersetzung von „RffS*', betitelt **Ä 
Ihop ofl)ew*\ hat eine so eigenartige, künstliche meti^iache 
Form,^) daß wir wohl eine spätere Entstehungszeit des 
englischen Gedichtes annehmen müssen. Der Inhalt ist eine 
Parallele zwischen dem Tautropfen und der menschlichen 
Seele: Aus dem Busen des Morgens vergossen, fließt der 
lichte Tau in die blühenden Rosen; aber unbekümmert 
um seine neue, schöne Wohnung — da er noch der lichten 
Begion gedenkt^ wo er geboren worden — schließt er sich 
in sich selbst ein und faßt in der Ausdehnung seiner kleinen 
Kugel sein heimatliches Element ein. Er schätzt die 
purpurne Blume gering und berührt sie kaum, wo er auf- 
liegt; sondern zu den Himmeln emporblickend, glänzt er 
als seine eigene Träne, weil er so lange von seiner Sphäre 
getrennt ist. Rastlos rollt er und unsicher, zitternd, daß 
er nicht unrein werde; bis die warme Sonne sich seiner 
Qual erbarmt und, ihn verdunstend, ihn wieder zu den 
Himmeln zurückhaucht. — Ebenso verachtet die Seele, 
dieser Tropfen in der Menschenblume, in Erinnerung ihrer 
früheren Höhe die süßen Blätter des irdischen Lebens, sie 
dreht sich wie der Tautropfen immer weg, die Welt rings- 
um ausschließend, hier auf Erden verachtend, dort im 
Himmel liebend; leicht und gern geht sie von hinnen; 
indem sie sich unten nur immer auf einem Punkte bewegt, 
strebt sie doch immer hinauf. — So destillierte auch der 
heilige Tau, das Manna; weiß und rund, kalt, gefroren hier 
auf Erden; aber sich auflösend, eilt er in die Glorie der 
allmächtigen Sonne« 

Der Vergleich ist von großer Zartheit und Innigkeit. 
Im ersten Teile legt er in die Gestalt des winzigen Tau* 

») Campkie Works, London 1892; p. 7Ji. 

«) Ebendort, p. 13L 

«) Vgl S. 157 dieser Arbeit. 




— 29 — 



^ 



1 



tröpfchenSi das ilim in seiner Kugelf orm als die voll- 
kommenste Gestalt erscheint, eine ganze Welt mensch- 
licher Empfindungen, Und die Parallele mit der menseh- 
lichen Seele, diesem flüchtigen und doch nie vergehenden 
Tautropfen der Menschenblume, ist keineswegs gezwungen, 
sondern leicht und ansprechend ausgemalt. Den Schluß 
aber möchte man gern vermissen; er bildet nur einen Ab- 
fall und ist zu trocken gelehrt nach dem früheren zarten 
Bilde. 

Einsamkeit und Ruhe ist anch der Tenor eines kurzen 
Gedichtes, der Übersetzung einer Chorstrophe From Seneca's 
'* Tltffestes**, Akt II, in viertaktigen trochaischen Versen in 
der Reimstellung a a a h b r c d e d efff, durchaus stumpf 
und ohne Enjambement, was sonst bei diesem Metrum 
selten ist;^) doch kommt hier die Kürze in Betracht Mar- 
vell spricht den Wunsch aus, unabhängig von Hofgunst, 
fern von der Biilme der Öffentlichkeit als stiller Mann 
seine Tage zu verbringen und dereinst klaglos zu sterben, 

Cowley*) hat dieselbe Chorstrophe etwas ausfuhr- 
licher in vier- und fünft aktigen, paarweise reimenden 
jambischen Versen übersetzt; von gegenseitiger Beein- 
flussung kann aber keine Rede sein. 

Eines der schönsten Gedichte Marvells, eines der 
wenigen, die bekannter geworden sind, ist betitelt '*Th€ 
Nt^mph, Complainint) the Deaili qf her Fat€n*\ Es hat einen 
so lebendigen Ton, daÜ man wohl auf den Gedanken 
kommen könnte, es sei kein abstraktes Phantasiegedicht; 
allein es auf Marv" Fairfax zu beziehen wie Grosart, scheint 
doch aus dem Grunde unpassend, weil das dreizehnjährige 
Mädchen — wenn schon besungen — doch nicht gut die 
Rolle der verlassenen Geliebten übernehmen kann. Es ist 
ein unstrophisches Gedicht aus paarweise reimenden vier- 
taktigen Jamben in Monologform, Es enthält die rührende 
Klage eines Mädchens, dem übermütige Jäger sein weites, 
zahmes Rehkalb angeschossen haben, ihre einzige Freude, 
das ihr treuer war als der Geliebte Sylvio, der es ihr ge- 
geben, bevor er sie verließ. Sie erzählt, wie sie es auf- 
gezogen und mit ihm gespielt hat. Die Beschreibung der 

1) X Schipper, Engl Metrik, 11,393. 
ä) PodU of Greai Briiain, ml V, p. 430, 




— 30 — 



Weiße des Tieres, die Schilderang des Eosengartens tmd 
andere Details^ die hier nicht gegeben werden können, sind 
hochpoetisck Das Rehlein stirbt dann und das trostlose 
Mädchen vei-spiicht ihm, bald nachzufolgen ins Elysiam. 
Dieses Gedicht gehört entschieden zu denjenigen 
Marvells, von denen Hazlitt*) sagt, sie seien '*miisieal as 
in Apollo* s lute*\ und Leigh Hunt:') "sfveel and fuU öf 
over-ßowinf} fanetf*\ Es ist nicht zu bestreiten, daß das 
Gedicht ein lebhaftes, dramatisches Element besitzt und 
wunderbar den traurigen naiven Ton des klagenden Mädchens 
trifft, daü der Dichter hier von jeder Übertreibung und 
Lächerlichkeit sich fernhält. Der Gedanke, daß ein ver- 
lassenes Mädchen sich mit einem zahmen Reh tröstet, 
findet sich auch bei Browne in dessen ** Pastorais", I, 4, 
Wir sehr dem Dichter immer und überall der Gelehrte in 
den Nacken schlägt, können wir daraus ermessen, daß 
er selbst in diesem sonst so natürlichen, naiven Gedicht 
— zwar nicht in allzu aufdringlicher Weise wie in **Appl^ 
ion-HoHse" — der jungen Nymphe gelehrte Kenntnisse 
in den Mund legt: sie spricht von den Heliaden, den 
Schwestern des Phaethon, die aus Schmerz über den Ver- 
lust des Bruders so sehr weinten, daß sie, in zitternde 
Pappeln verwandelt, noch heute Bemsteintränen weinen; 
sie spielt ferner auf die versteinerte Niobe an, spricht von 
Diana, vom Elysium etc. Eine merkwürdige Selbstironi© 
spricht aus den Worten: 

"Bwf StfUm sfOfm had nu; beffuiled; 

This (-th© fawn) tfared tarne, UfkÜe He grew wild^ 

And quüc regardless of my mnari 

Left me his fawfij hut took his hcart.*' 

Marvell muß ein großer Tierfreund gewesen sein, sonst 
hätte er nicht das Kebkalb mit so viel Liebe beschrieben 
und gesagt (V, 16): 

'^Even bta^U mwt he with jmHce ilam," 
Das beweisen auch zahlreiche andere Stellen^ an denen er 
den Tieren eine höhere Fähigkeit zuspricht, eine Art 
Tierseele, 



4 



1 

4 



*) "Lrciure« on the EnffUnh poets and the Engl eomic wriUr^\ | 
London 1899, l //, p. 109, $9 ff. 

^) " Wü and Himour'\ London 1882, p, 214 f. 




- äi - 

Zum Schlüsse ser noch eine wegen ihrer wörtlichen 
Übereinstimmung mit einem großen deutschen Dichter, 
mit Qrillparzer, interessante Stelle erwähnt. Bei diesem 
sagt Berta in der „Ahnfran^ (I,)^ als sie ihrem Vater von 
der Rettung durch Jaromir erzählt: 

„Und, mein Vater, für das Alles, 
Was er erst für mich getan, 
Könnt' ich wen'ger als ihn lieben?" 

Und bei Marvell heißt es Z. 44 f: 

" could I lese, 

Than love ü ? " 

Eine sonderbare, unabhängige Übereinstimmung, die auch 
auf keine gemeinsame klassische Quelle zurückgehen kann. 
Haben wir bis jetzt einzelne, größere Gedichte Mar- 
vells betrachtet, so wenden wir uns jetzt der Menge 
kleinerer Gedichte zu, die in dieser Periode ent- 
standen. Die Mehrzahl davon sind Liebeslieder. Wir 
wollen sie folgendermaßen gruppieren: 

1. Mower Songs, 

ländlich-idyllische Dichtungen geringen Umfanges, deren 
Personen in der Maske von Mähern auftreten. Was für 
alle diese Lieder gilt, ist, daß sie eine ziemlich glatte 
Metrik aufweisen, daß sie durchgefeilt sind. 

(1,) "Dämon ihe Mower" ist ein Gedicht von elf acht- 
zeiligen Strophen aus paarweise reimenden viertaktigen 
Jamben. Der Mäher Dämon besingt seine unglückliche 
Liebe zu Juliana. Die Sonne brennt wie ihre Augen, seine 
Sorge ist schneidend wie seine Sichel, seine Holfnungen 
sind verwelkt wie das Gras. In diesem Tone geht es fort; 
er bringt also alles in Bezug auf sich, auf seinen Stand. 
Seine Tränen sintj die einzige Feuchtigkeit, ihr Herz ist 
das einzig Kalte l3ei dieser Hitze. Nichts kann Juli an a 
rühren, sie erhört ihn nicht im geringsten, obwohl er be- 
kannt und berühmt ist auf allen Wiesen, die er gemäht 
hat. Wie glücklich hätte er leben können, hätte nicht Amor 
Disteln in sein Leben gesät! Als er sich in seiner Acht- 
losigkeit selber niedermäht und zu Boden fällt, tröstet er 
sich selbst, denn diese Wunden der Sichel sind gering 
gegenüber jenen, die unglückliche Liebe schlägt; leicht 



— 3Ö - 



^liMlt man Fleischwuiiden durch Auflegen von KrauternJ 
aber die Wunden, die Jalianas Augen schlagen^ heilt nur 
der Schnitter Tod. _ 

Das Gedicht ist also ein Bollenlied, ganz a la^ 
müde des 17. Jahrhunderts, bei dem man der theoretischen 
Vorschrift nach merken muß, dai3 hinter dieser EoUe eine 
Person von größerer Bildung steht. Dieser Vorschrift ge- 
nügt Marvell auch, denn ein Naturkind würde nie auf so 
krasse Vergleiche verfallen wie sein Mäher. Schnitter» -- 
lieder waren nach den Schäferliedern eine der beliebtesten mä 
Formen der Zeit, für beide gilt dieselbe Vorschrift.*) Spe- 
ziell diesem Gedichte ist ein übertrieben pathetischer Ton 
eigen* Unfreiwillig humoristisch aber wirkt Strophe 6, wo 
der Held sich selbst so vorstellt: 

''/ am (fie mower JJamon, hwtifn 

Through all (he meadown 1 ktwe momC* 

Wem klingen da nicht die Verse im Ohr: 

**Sutn piu8 Äenecus, — — — — 

— — — — fama ^*pfr acüiera nott4s*\ 

(Virg. Aeneis^ /, 378137 

eine SteUe, die im Original schon sonderbar genug klingt, 
zumal der Leser ja weiü, daß es des Äneas eigene Mutter 
ist, der er sich so unbescheiden vorstellt. 

(JI^.J "The Mower a^ainsi Gardens" ist in paarweise ge- 
reimten^ abwechselnd fünf- und viertaktigen jambischen 
Versen geschrieben, vielleicht ein versuchter Ersatz des 
antiken Distichons, bei dem auch immer zwei angleiche 
Zeilen dem Baue und Sinne nach zusammengehören. Der 
Mäher beklagt hier, daß die Menschen Blumen in Gärten 
ziehen, statt mit der freien Natur zufrieden zu sein, und 
daß sie dabei mit ihrer Gärtnerkunst willkürlich Blumen- 
bastarde ziehen. Nachdem Marvell in "Appleion-Housef' ge- 
rade Gartenszenen mit solcher Vorliebe schüdert — auch 
in "The NpnpV* und "TAc Garden" — ist dieses garten« 
feindliche Gedicht eigentlich eine Inkonsequenz; doch wendet 
er sich wohl nur gegen die Auswüchse der französisch* 
holländischen Gartenkunst, die damals, wie die fremde Mode 
überhaupt, in England eindrang, wie sie im Barockstil, in 
dem Gesclmörkelten der Gärten von Versailles und Fontaine- 




i) VgL S, 841 dieser Arbeit. 




- 33 — 

bleau ihren Ausdruck fand, während die mehr wilden eng- 
lischen Parks aus der Mode kamen. Unser Schiller hat 
ja noch über englische imd französische Gartenkunst ge- 
schrieben und dabei der ersteren den Vorzug gegeben, 
sieht jedoch eine Verbindung beider, nach seinem gewöhn- 
lichen Vorgang, für das Ideal an. 

Mehr liedartig, aus vier vierzeiligen Strophen aus 
paarweise gereimten viertaktigen Jamben bestehend, ist 
(3.) ^'The Mower to the Glow- Worms": Diese lebenden Lampen, 
bei deren Schein die Nachtigall spät singt, die keine üble 
Vorbedeutung, sondern nur den Zweck haben, wandernden 
Mähern den Weg zu beleuchten, fär ihn leuchten sie ver- 
gebens, denn seit er Juliana liebt, ist sein Sinn so aus 
der Ordnung gebracht, daß er sich nie zurechtfinden wird. 

Noch mehr gefeiert wird die böse Juliana in 
(4,) ''The Mower's Song", einem öedicht aus fünf sechs- 
zeiligen Strophen in viertaktigen Jamben; das einzige 
Gedicht Marvells, in dem der Refrain durchgeführt 
ist, und zwar ist dabei die letzte Zeile zu sechs Jamben 
erweitert. Der Inhalt ist strophenweise: 1. Sein Sinn 
war einst so heiter wie all diese Wiesen, seine Hoffnungen 
waren grün wie das Gras, — bis Juliana kam — und nun 
seinen Gedanken und ihm tut, was er dem Grase tut. 
2. Aber die Wiesen erblühen nach dem Mähen wieder um 
so firischer und grüner, er dagegen siecht in Sorgen dahin, 
seit Juliana kam und . . . etc. (Refrain). 3. Die Wiesen feiern 
lustige Maispiele, während er im Gegenteil niedergetreten 
daliegt, seit Juliana kam und . . . etc. 4. Was aber die 
Blumen nicht aus Mitleid mit ihm tun, will er an ihnen 
aus Hache tun und Blumen und Gras und er sollen 
gemeinsam zu Grunde gehen, denn Juliana kam und 
sie . . . etc. B. So sollen die Wiesen, die fiiiher Gefährten 
seines frischen, heiteren Sinnes waren, jetzt auch das 
Wappenschild werden, mit dem er sein Grab schmückt; 
denn Juliana kam, und sie tat ihm, was er dem Grase tat. 

Dem Inhalte nach gehört zu den Mäherliedem auch 
(5.) ''Ämetas and Thestylis Mdking Ray-Ropes". Es ist ein 
witziger Dialog zwischen den zwei genannten Personen 
während der Arbeit. Gut getroffen ist der neckische Ton 
der beiden, die sich am Ende dennoch „kriegen^ ; besonders 

Po 8 eher, Marvells poet. Werke. 8 



- 34 — 



das Mädchen ist herzig mit seiner Schnippischkeit. Der 
Keiz des Qanzen liegt in der Kürze und Prägnanz des 
Dialogs, die in Prosa nicht gut wiederzugeben sind. Den 
Namen Thestylis^ der sich auch in Miltona ''UAUetfro"^ 
findet, verwendet Marvell auch in ''Appleion^nott$t\ nach 
Virgils Ecl, II, 10 (Grosart). 

Wir sehen also, daß in allen diesen Mäherliedern 
eine Juliana eine Rolle spielt und daß alle atrophisch 
sind, mit Ausnahme von Nr. 2. Vielleicht sind diese Liebes- 
lieder nicht bloß Modedi chtung^ sondern beziehen sich auf 
eine Dame aus Marvells Bekanntschaft^ nachdem der Name 
Juliana kein allgemein gebräuchlicher Modename ist wie 
die anderen ; einen sicheren Anhaltspunkt bietet seine 
Biographie jedoch nicht. Die glatte Versifikation, die der 
Dichter all diesen Liedern zu teil werden ließ, obwohl er 
sie nicht veröffentlichte, beweist, daß er offenbar selbst 
daran Gefallen fand. — Nach Grosart*) scheinen die 
Mäherlieder Marvells auf William Allingham's ''Mowcr- 
Satigs'* nicht ohne Einfluß gewesen zu sein. 

Ähnlichen Charakter hat die zweite Gruppe, 

2. Pastorale Gedichte. 

Die Schäferdichtung war die beliebtaste Mode- 
gattung des 17. Jahrhunderts und Marvell hat sich ihr 
nicht entzogen. Es ist dieselbe Richtung, die in D entsteh - 
land durch die ^Pegnitzschäfer^ vertreten ist. Interessant 
ist die auf diese Gattung bezügliche Äußerung Draytons 
in seiner Vorrede zu den **Pastop*als'*'^): Er versteht unter 
'*Pa$torals** Dialoge oder andere Reden in Versen, welche 
Hirten und ähnlichen Personen in den Mund gelegt sindj 
diese Pastorais sind, *'as all öihn* fop'ms of poesie** von den 
Griechen und aus zweiter Hand von den Lateinern über- 
nommen worden, (Diese Einräumung einer wichtigeren 
Rolle für die griechische Poesie scheint demnach in 
England früher durchgedrungen zu sein als in Deutschland.) 
Der Gegenstand und die Sprache sollen einfach sein. 
Trotzdem können die höchsten Dinge der Welt darin be- 
rührt werden. Derjenige aber, welcher fast nichts Pastorales 

») Vof, J, p. LXIX. 

s) FoeUf of Greüi^BHiain, UI, 568. 



— 35 — 

in seinen "PastoraW hat — und das sagt er von sich 
selbst — handelt oflFener, wenn er '*detracto velamine" von 
den höchsten Dingen spricht. Der erste Bang gebührt den 
griechischen Pastoralen von Theokrit, dann Virgils 
BukoUken; in dem Gesang der Engel an die Hirten bei 
der Geburt des Herrn sei die pastorale Poesie geheiligt 
worden. Das Hauptgesetz der Pastorale wie das jeder Poesie 
ist ''decorum'\ Spenser hätte genug getan für die Un- 
sterblichkeit seines Namens, schlieJ3t er, wenn er uns nichts 
hinterlassen hätte als den "Shepherd's Calendar". — Also 
lauter sehr laxe, ungenaue Definitionen und Gesetze, die 
den größten Spielraum lassen. 

Den Ausgangspunkt in England bilden bekannter- 
maßen Sidney und Spenser, die wieder unter italieni- 
schem Einfluß stehen. Dann schrieb fast jeder Dichter 
Pastorais, und zwar bemerkt man, daß dieselben immer 
kürzer werden, das heißt vielmehr, Sidney, Spenser und 
andere schrieben umfangreiche Werke, oft in vielen Büchern, 
in Schäfereinkleidung, Schäferromane in Versen ; diese Ein- 
kleidung wurde dann so beliebt, daß sie überall durchdrang, 
so daß man jetzt jedes kleine lyrische Gedicht in diese 
Einkleidung brachte. Vor Marvell schrieben solche kleinere 
pastorale Gedichte: Cowley, Waller, Denham, Donne, 
Drayton, Suckling, Lovelace, Browne und viele 
andere. Im allgemeinen ist der Wert dieser Gedichte kein 
großer; ein sehr scharfes Urteil fällt Bleibtreu in seiner 
Literaturgeschichte.^) Auch bei Marvell sehen wir, daß 
diese a la mode - Dichtung, die nicht vom Herzen kommt, 
auch nicht zu Herzen geht und nur dort Interesse hat, 
wo sie sich an den Verstand wendet, das heißt, wo sie 
philosophisch- allegorisch ist. Der poetische Wert muß dabei 
freilich zurücktreten. Ausnahmen kommen natürlich vor 
und bei Marvell relativ mehr als bei anderen. 

Am meisten der Definition Draytons entsprechend, 
nämlich in Dialogform, sind die nächstfolgenden Ge- 
dichte dieser Art. 

In ^'Clorinda and Dämon'* erscheint das Mädchen als 
die Werbende und der Schäfer ist der Spröde. Sie will 



1) Bd. /, 132 ff. 

3* 



— 36 — 



ihn zu einem Schäferstündchen verlocken durch Schilderung 
von einsamen Quellen, Grotten, blumigen Wiesen etc. Er 
aber achtet nicht darauf und entschuldigt seine Unauf- 
merksamkeit dadurch, daß er ihr erzählt, daB er Pan be- 
gegnet sei, der zu ihm Worte sprach, die seinen Schäfer- 
verstand übersteigen; am Schlüsse vereinigen eich beide 
zu einem Loblied auf Pan, von dem die Wiesen singen, 
die Höhlen tönen und die Quellen murmeln. 

Warum Goldwin Smith in seiner Bemerkung über 
Marvell inWards ''English Poeis''^) gerade dieses Gedicht 
als das beste dieser Art nennt, ist nicht recht einzusehen. 
Es steht gewiß hinter '*Daphm$ and Chlo€" zurück* Daß 
der Schäfer hier als der Spröde erscheint und das Mädchen 
als die Drängende^ ist ein in der internationalen Schäfer- 
dichtung nicht ungewöhnliches Motiv, das schon zu einer 
Zeit vorkommt, wo dieselbe noch nicht Modedichtung war, 
nämlich in *'Robin and Mahpi\ einem alten schottischen 
Hirtengedichte von Robert Henryson und sich noch 
bei Goethe findet 

Zeile 4 ist das Wort 'Uo hlazon** in der Ursprünge 
liehen Bedeutung gebraucht, nämlich ,,$chüd^ni'\ das heißt 
auf einem Schilde sichtbar darstelleUj daher die Wiese das 
Wappenschild Floras. Das Lob Pans geht bei Marvell 
wahrscheinlich auf S p e n s e r zurück, den er so hoch ver^ 
ehrte, der Pau in seinem '^Shepherd*s Calendur** als Gott 
der Schäfer besingt. Es scheint mir aber bei dem ent- 
sagenden Charakter des Gedichtes nicht ausgeschlossen, 
daß unter ^Pan" Christus zu verstehen sei, der dem 
Schäfer höher steht als irdische Lust und Sinnlichkeit. 
Deutlich miteinander identifiziert sind Fan als Gott der 
Schäfer und Christus zum ersten Male bei Milton (Strophe 8 
der *'Mymn an the Nativity"): 

"- — ihe mighty }*an 

Was kindlif come to Uve with them l/elaw/' 

Auch Dryden nennt Christus in *\Umd and Panther" 
*'hle$S€d Pan*' (c.I, ik284) und ''mighiy Pan* (c. II, v.711). 
In einem der berühmtesten religiösen Gedichte des 17, Jahr- 
hunderts, das in alle Sprachen übersetzt wurde, in Fr, Spees 
,,Trutsnachtigall'* erscheint Christus als „Schäfer Daphnis**. 

») LmdoH 1880, vol. II, p. 383, 



i 



I 



— 37 — 

Es sprechen also eine Reihe von Parallelen fär die Richtig-» 
keit dieser Deutung. 

Geschrieben ist das Gedicht in viertaktigen, pasurweise 
gereimten jambischen Verszeilen, die wiederholt gebrochen 
werden, da der Schluß der Reden der Personen oft in die 
Versmitte fallt und so häufige Cäsuren entstehen ; die Folge 
ist eine dramatische Bewegtheit. 

Das zweite Gedicht in Dialogform ist "Ä Dialogiie 
between Thyrsis and Borinda*\ ebenfaDs voller concetti; 
Thyrsis schildert der Dorinda auf ihr Verlangen das Ely- 
sium, wie er es sich vorstellt, so anziehend, daß sie bereit 
ist, sofort mit ihm zu sterben; er ist einverstanden und 
sie gehen zusammen wilden Mohn pflücken, den sie in 
Wein trinken wollen, um sanft zu entschlummern. — Zu 
rühmen ist, daß Msurvell wenigstens den übertrieben naiven 
Ton, den er einmal angeschlagen, beibehält und sich auch 
keiner Anachronismen schuldig macht. 

Einen etwas scherzhaften Ton zeigt "Daphnis and 
Chloe'\ ein Gedicht von siebenundzwanzig Strophen von 
je vier umschlossen reimenden, viertaktigen trochäischen 
Verszeilen. Der Inhalt ist folgender: Der Schäfer Daphnis 
muß von Chloe scheiden, die er lange vergeblich umworben 
hat. Bei der Trennungsnachricht legt sie die Sprödigkeit 
plötzlich ab. Er, sonst so erfahren im Umgang mit Weiber- 
herzen, wußte das eine nicht, daß es, um ein Fort einzu- 
nehmen, am besten sei, die Belagerung scheinbar außsu- 
heben — eine Taktik, die schon Carew^) empfiehlt. Daphnis 
zeigt also unverhohlen seinen Schmerz und verpaßt dar- 
über die günstige Gelegenheit. Er wiD auch der Trennung 
nicht verdanken, was seine Gegenwart ihm nicht gewinnen 
konnte. Er schwört aber, sich an Amor zu rächen, und 
reißt sich los. Von nun an gibt er sich nicht mehr mit 
spröden Jungfrauen ab, sondern fiihrt ein loses Leben mit 
minder spröden Schäferinnen, eine Nacht bei dieser, die 
andere bei jener verbringend. 

Wenn man das Gedicht zum ersten Male liest, liest 

») Carew in "Poets of QreaUBHtain'' (III, 678): 

" only they 

Conquer Love that run atoay." 



— 38 — 



fnan ea mit Gefallen bis Strophe 24; man hofft, da]} 
Daphnis ChJoe durch seine Worte mürbe macht, und er- 
wartet eine heitere Zähmung der Widerspenstigen; ea 
wäre gewiß hier nicht das Banalste, wenn sie sich am 
Schlüsse ^kriegen** würden; aber als Dichter des 17. Jahr- 
hunderts konnte sich Marvell jetzt nicht die Gelegenheit 
entgehen lassen, einen „witzigen" spitzfindigen Schluß 
anzubringen, der uds allerdings nicht gefallen kann; nicht 
der ^Frivolität^ wegen, die einen prüden englischen Kritiker 
veranlassen könnte^ über das Gedicht den Stab «u brechen, 
sondern mehr ans ästhetischen als moralischen Gründen. 
Jeder unbefangene Leser muß nach der ersten Lektüre 
bedauern, daB das so hübsch angefangene Bildchen auf 
diese Art „verpatzt** wird. 

In den folgenden Gedichten ist die Schäfereinkleidung 
nicht so streng durchgeführt, aber aus gewissen Einzel- 
heiten gehören sie doch auch zur p astoralen Gruppe. 

'*Young Love** ist an ein junges Mädchen gerichtet, 
mehr Kind noch als Jungfrau, So wie Königreiche, um 
fremde Ansprüche an die Krone von vornherein nichtig 
zu machen, ihren König in der Wiege krönen, so krönt 
der Dichter sie schon jetzt mit seiner Liebe, um allen 
Rivalen zuvorzukommen. — Dieses schöne Bild ist leider 
nicht verdientermaüen schön ausgedrückt, vor allem ist das 
Gedicht zu lang für diese Parallele mit seinen acht vier- 
zeiligen Strophen aus kreuzweise gereimten, vi er taktig- 
trochäischen Versen. Ein noch heute existierendes Sprich- 
wort findet sich in Strophe 6: 

"0/ this need we'U viriue make." 

Grosart vennutet, daß dieses Gedicht auf Mary Fair- 
f ax, Marvells junge Schülerin, geht. Das Alter derselben, 
13 oder 14 Jahre, würde ja für die Situation stimmen. 
Sonderbar uiülSte uns ein solches Verhältnis gewiB an- 

. muten, der Ton dieses Gedichtes ist teilweise gar nicht 
platonisch. In "Äppktofi-Honse" besingt er freilich auch 
[arj* FairfaXj aber in konventionell -überschwenglichen 

^Versen. Hat Marveil Marj^ wirklich geliebt, so haben wir 
ein ähnliches, auch unsicheres Beispiel in der Literatur 
an dem Earl von Surrey, der die im Kindesalter stehende 



— 39 



l 



Geraldin©, Tochter des Earl of Kildar, in berühmten 
Sonetten besang. 

Weniger Natur und leider auch weniger Kunst als 
Künstelei finden wir in **TAe Galhry'\ einem Geclicht von 
sieben aclitzeiligen Strophen aus viertaktigen, paarweise 
reimenden jambischen Versen, Der Dichter ladet seine Ge- 
liebte zur Besichtigung der Galerie ein, die er in seinem 
Herzen eingerichtet hat. Auf einem Bilde ist sie als un- 
menschliche Mörderin gemalt^ die gegen Männerherzen 
gi'ausame Marterwerkzeuge verwendet, wie schwarze Augen^ 
rote Lippen, gekrauste Haare. Anf der gegenüberhegenden 
Seite ist sie als Aurora in der Morgendämmerung gemalt. 
Auf dera nächsten Bilde prophezeit sie sich selbst aus den 
^-^inge weiden des Geliebten, wie lange sie noch schön bleiben 
Iterde, und dann wirft sie dieselben dem Geier zum Fraß 
von (!) So erscheint sie noch auf vielen Bildern. Ihm aber 
gefällt am besten das Bild^ wo sie in der Stellung gemalt 
ist, in der er sie zuerst sah, das darum auch gleich am 
Eingang in die Galerie hängt; hier ist sie im Schäfer- 
kostüm, mit offenem Haare^ beschäftigt Blumen zu pflücken, 
um damit ihr Haupt zu krönen und ihren Busen zu füllen» 

Ganz mechanisch also, an der Hand einer Bilder- 
erklärung wird die Geliebte in verschiedenen Masken 
vorgeführt, eine übrigens im 17. Jahrhundert nicht unge- 
wöhnliche Methode, wo man, wie später in der romanti- 
schen Schule, eine Vereinigung der Künste pflegte, die die 
sogenannte ^e n b 1 e m a t i s c h e P g e s ie" mit sich brachte. 
Auch Marveil hat noch ein zweites „Bildergedicht**, das 
wir deshalb gleich hier anschließen, ein Gedicht, das nur 
der Text zu einem hier wirklich vorhandenen Werke der 
bildenden Kunst ist, das ihm zu einigen Reflexionen An- 
laß gibt: 

''Ttie Fkiure of Little T. C. in a Prospect of Flower^' 
iBt auch metrisch interessant, weil es von der Schablone 
abweicht: es sind fünf Strophen zu je acht Zeilen, von 
denen die ersten sechs regelmäßige viertaktig-j ambische 
Verse sind, während die vorletzte Zeile nur zweitaktig ist, 
die letzte jedoch fünf Takte hat, also f ^ ** '' ^^ ^'^^). 

Der Dichter schildert zuerst die Anmut des mit Blumen 
apielenden Kindes und überlegt dann, welche Rolle das 




— 40 — 



jetzt noch so uuschiildigQ Mädchen einst in der Welt 
spielen werde, sobald es zu seiner vollen Schönheit er- 
wachsen sein werde. — Einzelne Stellen des Gedichtes 
sind ganz hübsch, das Lob örosarts '*a lovely poefH*' gut 
aber doch nur im Sinne des 17. Jahrhunderts. 

Wie bereits einmal bemerkt, wo sich Marvell dem 
Zwange der Mode — dort der Gelegenheitsdichtung, hier 
der Schäferdichtung — entzieht, wird er viel anziehen- 
der. So in dem Gedichte ''To hi$ Coy Mistre^'*. Et? ist 
ein an seine Geliebte gerichteter Monolog: Er würde 
sich aus ihrer Sprödigkeit nichts machen, wenn nur Kaum 
und Zeit den Menschen in größerem Maße zugemessen 
wären. Dann könnte sie am Gangesufer Kubine suchen, 
während er am Ufer des Hmnber weilte; dann könnte sie 
sich ihm verweigern bis zur Bekehrung der Juden. Hundert 
Jahre wollte er verwenden, ihre Augen zu besingen, zwei- 
hundert Jahre, jede Brust zu be wundem, und dreißigtausend 
für das Übrige. Und erst im letzten Weltalter \^airde er 
zu ihrem Herzen vorschreiten. Denn sie verdient es eo, 
und er würde es billiger gar nicht tun. — Aber leider 
höre er den geflügelten Wagen der Zeit schon hinter 
seinem Rücken daherbrausen ; ihre bewunderte Schönbeit 
werde nicht bleiben und sein Lied nicht in ihre Gruft 
dringen. Und sie, die sich so lange ihre jungfräuliche Un- 
berührtheit bewahrt habe, müsse sich ganz den Würmern 
überlassen. Die flammende Glut werde zu Asche; sie 
würden beide im Grabe liegen und das Grab sei zwar ein 
schöner, stiller Ort, aber kein Ort zum Küssen. „D'nim laß 
uns die Zeit genießen, solange der Morgentau der Schön- 
heit auf deinem Antlitz liegt, solange die Seele noch vom 
Lebensfeuer glüht und lieber die Zeit gleichsam in unseren 
Freuden verschlingen, als daü die Zeit uns mit ihren lang- 
sam kauenden Backen verschlingt." 

Dieses Gedicht aus paarweise reimenden viertaktigen 
Jamben ist eiu wahres Schmuckkästchen voll schöner, an- 
ziehender Bilder, eines der besten Gedichte Andrew 
Marvells. Die räumliche Ausdehnung ist durch die Ent- 
fernung von Ganges und Humber charakterisiert ; das Bild 
der Geliebten am Ganges erinnert an Heines ^Fluren des 
Ganges^, der also schon Marvell als ein Ort erschien, würdig 



4 



4 




— 41 — 

der Gegenwart der Geliebten. Anziehend und treffend sind 
Bilder wie 'Hime's unnged charioV\ "deserts of vast etemity", 
'*the yoiUhful hue sits on thy skin like mamingdew", 'Hhe iron 
gates of life" etc. Das Ganze ist die Ausführung des "Carpe 
diemr — ''let us sport us, white we may!" — „Pflücket die 
Böse, eh' sie verblüht/''; ein Gedanke, der freilich nicht neu 
ist, der aber nie veraltet und bei dem es eben auf die in- 
dividuelle Ausfiihrung ankommt. Der Ton des Marvellschen 
Gedichtes ist ein schalkhaft humoristischer, wie wir ihn 
selten bei dem ernsten Dichter finden; wir sehen also, 
daß er aller Töne fähig war. Es ist, wie Grosart 
bemerkt, ein Ausfluß jener echten genußfreudigen £e- 
naissancestimmung, die selbst das Grab noch als einen 
'^fine and private place'* betrachtet. Wie aus dem Gedichte 
femer hervorgeht, muß Marvell auf die Juden nicht gut 
zu sprechen gewesen sein, denn hier sieht er in ihnen die 
verstocktesten NichtChristen: "tili the conversion of the Jews" 
hat wohl den Sinn von "ad calendas graecas". 

Drayton und Donne haben gleichfalls Gedichte 
*'To his coy love" geschrieben, die Marvell aber nichts ge- 
boten haben. Draytons') Gedicht ist viel sinnlicher gehalten, 
reicht aber nicht entfernt an das Marvells heran. Auch 
ein Vergleich mit Milton drängt sich auf: Das Bild von 
der alles verschlingenden Zeit kann durch Miltons Gedicht 
"On Time" ("to be written on a clock-case") nahegelegt sein, 
aber Marvell gibt uns mit wenigen Worten eine weitaus 
sinnlichere, lebendigere Vorstellung als Milton mit vielen 
Strophen. 

Interessant in der Form und auch geistreich im In- 
halt ist "The Match", die Durchführung einer Parallele und 
einer Antithese, die bis ins 19. Jahrhundert beliebte (im 
Deutschen meines Erinnems zuletzt bei Körner wieder- 
holt vorkommende) Gegenüberstellung „Das bin ich" — 
„Das bist du". Dabei gibt es eine zweifache Methode: es 
korrespondieren entweder zwei aufeinanderfolgende Strophen 
miteinander, also abwechselnd eine masculine und eine femi- 
nine — wenn man so sagen darf — ; oder es wird zuerst 
die eine Person in einer Reihe von verschiedenen charakte- 

1) Poets of Great'Bntain, UI, 585. 



42 — 



risierenden Strophen abgetan, dann kommt die Point©, die 
erste Kulmination ; dann folgt die zweite Serie von Strophen 
auf die zweite Person und die korrespondierende Pointe, 
Diese zweite Art wendet Marveü hier an, und zwar korre- 
spondieren die Strophen 1 und 5, 2 und 6, 3 und 7, 4 und 
(8-|-9); Strophe 10 ist dann für beide gemeinsam. 

Das Gedicht gebort freilich nur dem Namen Celia 
und der tändelnden Manier tiach zu den ^schäferlichen** 
Dichtungen, unterscheidet sich aber von den streng pasto- 
ral en so angenehm, daß es auf diesen Namen leicht ver- 
zichten kann. Der Inhalt des in vierzeiligen Strophen aus 
abwechselnd vier- und drei taktigen, kreuzweise gereimten, 
daher septenarischen Eindruck machenden Versen abge- 
faßten Gedieh tchens ist kurz der folgende: Die Natnr. 
— als Frau aufgefaJit, also, wie im 17. Jahrhundert fast 
selbstverständlich, personifiziert — hatte längst einen Schatz 
von Kostbarkeiten angesammelt, um einst gegen schlechta 
Tage gesichert zu sein: die glänzendsten Farben, kost** 
barsten Essenzen und feinsten Wolilgerüche hatte sie auf- 
gestapelt und sorgsamst verschlossen ; aber die Gleichheit 
zog das zusammen, was sie abgesondert gelegt hatte imd 
aus dieser Verbindung ging eine vollkommene Schönheit 
hervor — „und das war Celia**. 

Die Liebe — gleichfalls als Personifikation — hatte 
seit langem Vorräte an Feuerungsmaterial angesammelt,^ 
damit sie — im Englischen passender „er" ^ Amor = 
"Love" — als Greis nicht frieren müsse; hinter starken 
Riegeln lagen Schwefel, Naphta etc, streng gesondert. Aber 
durch die Nachbarschaft angezogen, vereinigten sich all 
diese StoiFe durch magnetische Kraft und aus all dem 
Feuerzeug ging ein heijies, loderndes Feuer hervor — 
„und, Celia, das bin ich!" 

So sind sie beide allein die Glücklichen und Beichen, 
während die ganze andere Welt natürlich arm ist, indem 
sie den ganzen Vorrat der Natur und der Liebe in sich 
tragen. 

Es scheint, daß wir dieses Gedicht auf Mary Fair* 
fax beziehen müssen. Die Begründung meiner Annahme 
ist die: Die Heldin dieses Gedichtes heißt Celia, In dem 
späteren Gedicht „an seinen Freund Dr. Witty^ stellt 



— 43 — 

Marvell als Muster for die Übersetzer eine Caelia hin, 
die zwar jetzt die Sprachen Frankreichs and Italiens lerne, 
aber in diesen fremden Sprachen doch nnr echt englische 
unverdorbene Gedanken ausspreche. Darüber, daß diese 
Caelia niemand anderer ist sAs Mary Fairfax, die unser 
Dichter eben in den "tongues of Fratice and Italy" unter- 
richtete, kann kein Zweifel bestehen. Die Heldin von '*The 
Match" heißt auch C e 1 i a. Da somit Namensgleichheit vor- 
liegt, können wir wohl mit Sicherheit schließen, daß auch 
^^ The Match" sich auf Mary bezieht, die Marvell ja wieder- 
holt besang und möglicherweise auch liebte, wie Grosart 
bei ^'Young Love" vermutet, der aber nicht auf den eben 
dargelegten Zusammenhang gekommen ist, der seine Ver- 
mutung ja bekräftigen würde. Wenn Celia auch ein beliebter 
Benaissancename ist, der sich zum Beispiel auch in Ben 
Jonsons Nachahmungen des Catull findet, so wird doch 
Marvell nicht zufallig für verschiedene Personen denselben 
Namen benutzen, wenn diese nicht miteinander identisch 
sind. Von einer Leidenschaft Marvells für Maria wird man 
nichtsdestoweniger doch nicht sprechen dürfen, weil man 
auf diese poetischen Freundschaftsäußerungen im 17. Jahr- 
hundert sehr wenig geben kann; echt ist nur der H8J3. 

Lassen wir auf dieses glückliche Paar zwei unglücklich 
Liebende folgen, einen Mann und eine Frau. 

"jThe Unfortunate Lover" ist nicht nur weniger anziehend 
als das vorige Gedicht, es ist direkt unerquicklich. Auch 
formell ist es nicht bedeutend, es sind achtzeilige Strophen 
von viertaktig -jambischen Reimpaaren. Es bietet eine 
Häufung von krassen, gesuchten Vergleichen und Bildern, 
die alles in der Schäferpoesie Erlaubte und MögUche über- 
schreiten, eine versifizierte Abgeschmacktheit. 

Er gibt die Biographie dieses „unglücklichen Lieb- 
habers*^. Schon sein Eintritt in die Welt ist sonderbar 
genug. Bei einem Schiffbruch wurde seine Mutter, als sie 
ihn noch unterm Herzen trug, von den Wellen auf einen 
Felsen geworfen, so heftig, daß ihr Leib zersplitterte und 
er, the lover, dabei ins Leben gesetzt oder geworfen wurde. 
So führte die Natur zur Feier seiner Geburt die „Maske" 
der kämpfenden Elemente auf; Seeraben umkrächzten das 
Wrack und nahmen den verwaisten Ausgeworfenen in ihre 



— 44 — 



Obhut. Sie nährten ihn mitHoflFnung und Luft; und während 
der eine Babe ihn fütterte^ hackte ihm der andere am 
Herzen. So lebt er und schwindet zu gleicher Zeit dahin, 
ein Amphibiura von Leben und Tod. Und wenn der Himmel 
ein blutiges Schauspiel sehen will, müssen er und das 
Schicksal auf scharfe WaflFen miteinander kämpfen. Er 
kämpft zwischen Flammen und Wogen, ein zweiter Ajax. 
Mit der einen Hand kämpft er gegen den Donner, mit der 
andern sucht er den Felsen zu fassen, von dem ihn die 
Woge immer wieder zurückreiOt. 

Diese flüchtige Inhaltsangabe zeigt schon, aber noch 
nicht genug, welch unertreuliche Verwirrung von Vor* 
Stallungen uns zugemutet wirr]. Der Held ist zugleich ein 1 
Prometheus (Z. 35), ein Ajax (Z. 48), ein Odysseus (Z. 53) 
und noch verschiedenes andere. Örosart meint ^): **'17i€ iiw- 
foriunate hver* seems a versification of some of the incidents] 
in a tah of romance,'* Das könnte nur solch ein Bitter- 
und Schauerroman gewesen sein, wie sie im '*Z)o» Quichotte" 
ein verdientes Autodafe erleiden. Vielleicht aber ist es 
erlaubt anzunehmen — und man greift förmlich gern zu 
diesem Ausweg, um Marvell von diesem Gedichte zu 
„retten", — dali es nicht ernst gemeint ist, sondern satirisch 
oder parodistisch* Besonders die Strophe 2 ist es, die diesen 
Gedanken eindringlich nahelegt; denn das ernst zu nehmen, 
ist zu viel verlangt. Auch die fünfte Strophe ist ähnlich 
bänkelsängerisch; wenn ein Dichter sagt: *'They fed himi 
up uyith höpes'\ so ist das poetisch noch ernst; wenn er - 
aber sagt: ''They fed him up iriih hrqws and air'\ so will 
er durch diese — hoffentlich — absichtliche Zusammen- 
stellung offenbar lächerlich wirken ; will er es nicht, dann 
um so schlimmer für ihn. Die letzte Strophe, wo alles 
heraldisch ausgelegt wird, ist auch verwirrend ; diese ist es 
off'enbar, die Grosart zu seiner Vermutung geführt hat C*he \ 
in s(ortf onhj rules . . /'>* 

Nicht viel ertreulicher ist *''Mounung'\ in dem eine 
Liebende vorgeführt wird, der der Geliebte gestorben ist 
Geistreich ist das Gedicht nicht oder es ist es auf die Art des 
17, Jahrhunderts, die uns heut© als das Gegenteil vorkommt. 



») Vol T, IS5. 




— 46 — 

Es beginnt mit der überflüssigen Frage, was die Tränen 
bedeuten, die seit kurzem aus Chloras Augen fallen; eine 
Frage, die der Dichter sogleich selber beantwortet: sie 
befeuchtet den Boden, wo einst ihr toter Strephon lag. 
Manche Leute, sagt er, schließen, daß die Freude jetzt 
wieder ihrer so Herr geworden sei, indem sie alles Traurige 
in Form von Tränen aus den Augen entfernt und die 
wässerige Gabe nicht dem Begräbnis des alten, sondern 
der Einführung eines neuen Geliebten gelte. Er aber, der 
Dichter, behalte sein Urteil still bei sich, bestreite aber 
nicht, was die anderen glauben; doch ist er überzeugt, daß, 
so oft Frauen weinen, sie aus Kummer weinen. 

Ein sehr banaler Schluß, wenn man nicht schon das 
ganze Gedicht banal nennt. Er zeigt, wie verschieden 
der Wert von Marvells dichterischen Erzeugnissen ist, daß 
er, der sonst fast zu viele Gedanken in wenige Zeilen 
hineinpreßt, hier ganz gedankenlos und platt ist. Man ver- 
zeihe, aber das ist direkter Unsinn: Er sagt: 

1. er behalte sein Urteil für sich, 

2. er bestreite nicht, was die andern glauben, 

3. er sei sicher, so oft Frauen weinen, sind sie be- 
kümmert. Eines widerspricht doch dem anderen; denn 

1. er behält sein Urteil eben nicht für sich, 

2. er bestreitet doch was die Menschen sagen, und 

3. ist es ganz und gar nicht sicher, daß die Frauen 
wirklich nur weinen, wenn sie Kummer haben. — Und 
eigentlich ist nicht nur die Eingangsfrage, sondern das 
ganze Gedicht überflüssig, denn er weiß ja und sagt ja, 
warum Chlora weint, nämlich um ihren Strephon. 

Das sind die zwei unglücklichsten Gedichte, die Mar- 
vell geschrieben hat. 

Schon diese Gedichte enthielten viel Reflexion, hatten 
aber doch eine schwache Handlung oder die charakteristische 
schäferliche Einkleidung. Die durchaus reflektierenden 
Gedichte fassen wir in der nächsten Gruppe zusammen. 

3. Reflektierende Gedichte. 

Auch in diesen geht Marvell ganz in den Spuren der 
Zeit, überall ein Nachahmer und nur in den Cromwell- 



46 — 



Dichtungen und in den Satiren vermöge ihres ehrlichem 
Pathos und ihrer Impetuosität selbständig und führend. 
Diese Reflexionsgedichte sind Philosophie oder Mystik in 
Versen, theoretisch-abstrakt, dem Gelehrten naheliegend, 
nüchtern und kiihl. Den meisten ist überdies ein pessi* 
mistischer Zug eigen, so *^Eyes and Ttars" oder "Definitwn 

**Deßniiion of Love'* besteht aus acht vierzeiligen 
Strophen aus viertaktigen, kreuzweise gereimten jambischen 
Versen. Schon der Titel ist bezeichnend: er definiert 
die Liebe ganz theoretisch gelehrt. Seine Definition hat den 
Fehler, daß sie nur für ihn paÜt und nicht allgemein genug 
ist, — sehr begreiflich, denn bisher hat eben noch nie- 
mand die Liebe richtig definiert. Seine» des Dichters oder 
Helden, Liebe wurde von „Verzweiflung" aus der „Un- 
möglichkeit^ gezeugt Da das Schicksal stets mit neidischem 
Auge auf eine vollkommene Liebe herabsieht, hat es diese 
zwei Liebenden auf entgegengesetzte Pole gestellt, so dafi 
sie nie zusammenkommen können. Schiefe Linien und schiefe 
Liebe können sich treffen, aber ihre Liebe ist so genau 
parallel, daß sie sich nie treffen können. Und so definiert 
er seine Liebe als die Konjunktion(- Verbindung) der Geister 
und Opposition(-6egeüüberstellung) der Sterne — also mit 
astronomischen Ausdrücken. Eine viel einfachere, bessere 
Definition der Liebe hat Drayton gegeben:*) 
"What U hve, but the desirt 
Of that thiriff Üiat ftinry wisheUi^'* 

Marvells Pessimismus in der Liebe ist wie eine Vor- 
ahnung Heines, Freilich, welch ein Unterschied zwischea 
den beiden! Die Gegenüberstellimg der Liebenden auf den 
zwei Polen ist nichts anderes als der Heineache stereotype 
Gegensatz in Form und Sprache des 17. Jahrhunderts, das 
gleich die Pole in Bewegung setzt: 

,^EiD Fichtenbaum steht ains&m Er träumt von einer Palme, 
Im Norden auf kahler Höh\ Die fem im Morgenl&nd 

Ihn schläfert; mit weiüer Decke Einsam und «schweigend trauert 
Umhüllen ihn Eis und Schnee, Auf brennender Felseawand," 

Ist das nicht derselbe Gegensatz ? Aber wie viel mehr 
liegt in den wenig Worten !• Wenn vielleicht Heine hier 

1) Poetö 0/ Great-Britain, lU, 600. 



— 47 — 

ebensowenig ernst empfunden hat, so hat er es doch ver- 
standen, Empfindung in die Verse zu legen. Das versteht 
Marvell nur in den seltensten Fällen, die auch gebührend 
betont werden. Heine war eben — vom Menschen Heine 
reden wir nicht — ein bedeutender Dichter; Marvell war 
ein viel edlerer Mensch, aber ein geringerer Dichter. Daß 
er der Empfindung unfähig war, soll nicht behauptet werden; 
sie kommt aber nur an wenigen Stellen zum Ausdruck, wo 
er, den Zwang der Mode abstreifend, natürlich ist. Es ist 
dem verfehlten Geschmack der Zeit ins Schuldbuch zu 
schreiben, daß hier von Natur nichts zu finden ist. 

Den pessimistischen Zug finden wir auch in "Eyes 
and Tears*'. Dieses Gedicht läßt sich in vierzehn vierzeilige 
oder sieben achtzollige Strophen zerlegen, die aus viertaktig- 
jambischen Reimpaaren bestehen. Den Inhalt bildet ein 
überschwengliches Lob der Tränen. Die Natur habe es weise 
eingerichtet, daß wir mit denselben Augen sehen und weinen, 
so daß die Augen, wenn sie ein Ding als nichtig erkannt 
haben, gleich bereit sind, es zu b,eweinen. Alles auf der 
Welt, selbst das Lachen, werde zu Tränen; die Tautropfen 
sind die Tränen der Blumen. Glücklich diejenigen, die 
weinen können und ihre Augen im eigenen Wasser baden, 
um sie rein zu halten. Nicht geschwellte Segel, nicht der 
keuschen Frau schwangerer Schoß, noch die finchtbare 
Cynthia selbst ist so schön, wie zwei vom Weinen ge- 
schwollene Augen, behauptet er im übertriebenen Stil des 
17. Jahrhunderts. 

Die Vorliebe für Tränen ebenso wie für Blumen ist 
ein Charakteristikum für Marvell; zwar hat auch Carew 
ein Lob der Tränen,^) aber diese werden dort dem Lachen 
gegenübergestellt, ohne daß entschieden wird, was von 
beiden das Gesicht der Geliebten mehr verschönt. Das 
meistgebrauchte Substantiv bei Marvell ist wohl "flo wer", 
dann dürfte "tear" kommen. Einige Stellen in diesem Ge- 
dichte erinnern an den ''Drop of Dew" und an die *'Nymph'\ 
wo auch selir viel von Tränen die Rede ist; die Nymphe 
weint, das Rehkalb weint, die Bäume weinen, der Himmel 
weint, sogar der Stein weint. Wenn er also in "Eyes and 
tears" behauptet, daß die menschlichen Augen den Vorzug 

1) Foets of Great'BHtain, III, 676. 



— 48 — 



y WO ebenfalls nichtmenschliche Geschöpfe 

einen Beweis ans seiner 

zu müssen, indem er erzählt^ 



haben, allein weinen zn können, so widerspricht er sich 

selbst. Groaart^j fuhrt eine Stelle aus Shaksperes **As 

you like. iC an 

weinen, und glaubt aui^erdem 

eigenen Erfahrung anführen 

er habe einst einen kleinen Terrier beim Tode seines Herrn 

bitterhch weinen und gleich darauf sterben gesehen. Viel* 

leicht könnte gar auch der Hund der ''Dame Siris" hier 

erwähnt werden- Daß Mai-vell au mehreren Stellen in vollem 

Ernste den Tieren menschliche Empfindungen zuschreibt, 

wurde schon früher erwähnt 

Daß Marvells lateinische Dichtung auch um diese 
Zeit nicht ganz aufhörte, beweist der Umstand^ daß er 
einige Zeilen dieses Gedichtes auch lateinisch ausgeföhrt' 
hat»^ Grosart druckt auch^) einige Stellen aus kritischen 
Urteilen ab, welche zeigen, daJ diesem Gedichte von 
mehreren Seiten hohes Lob zu teil wurde, das dasselbe 
unserer Ansicht nach kaum verdient. 

Von den noch übrigen Gedichten dieser Periode und 
dieser Gruppe sind die drei folgenden 

geistliche Dichtungen. 

Sie zeigen mystische Einflüsse, wie das verwandte Ge- 
dicht ''.4 Dr(^ of Detc*\ 

*'Th€ CormieV zeigt zugleich Anklänge an die Schäfer- 
dichtung, die ja im 17. Jahrhundert sogar in die geistlich- 
religiöse Dichtung eindrang, wo ihr durch die Vorstellung 
vom guten Hirten schon vorgearbeitet war; auch das 
'*Paradise Lost*' enthält ja pastorale Elemente. Alles ist in 
diesem Gedichte Marvells in mystisch- allegorischer Be- 
deutung: Die Domen, mit denen der Mensch Christus 
immer von neuem krönt, sind die Sünden ; die Kosen, aus 
denen der Mensch Kränze flicht, sind die vergängliche 
irdische Lust, die Schlange, die nur Christus überwinden 
kann, ist wohl das Böse im allgemeinen. Eigenartig ist die 
metrische Komposition des Gedichtes. Es hat jambisch- 
ungleichmetrischen Rhythmus und ist unstrophisch ge- 

1) Vol. l p. 9t 

ä) Abgedruckt bei Grosart, Ij 91. 

«) Grosart, I, p, LXVl 




— 49 — 



schrieben; doch kann man folgende BesUrndtdile unter- 
scheiden: drei Quartette, die nur durch die Reimstellung 
(umschließend), nicht auch durch die Taktzahl aymmetrisch 
sind; dann vier Zeilen in gekreuzter Stellung und dann 
lein ftir sich getrennt regelmaÜiger Schluß, nämlich zwei zu 
'Anfang und zu Ende von einem Reimpaare umschlossene 
Terzette. Wir sehen hier also eine komplizierte metrische 
l Struktur wie im '*l}r&p of Dew*\ welche zwei Oedichte die 
rkünstlichsten Marvells überhaupt sind, wohl unter 
italienischem EinÜuB, der sich ansonsten weniger in den 
Formen als in dem marinesken Stile bemerkbar macht. 

Der Titel und der Hauptgedanke dieses Gedichtes 
gehen wahrscheinlich auf eines von Donne zurück, das 
schon durch die italienische Überschrift seinerseits wieder 
auf irgend eine italienische Vorlage hinweist, nämlich „La 
Corona^. Nur in zwei Fällen, hier und bei der Be- 
schreibung von „Holland^, kann man Marvell ein bestimmtes 
Gedicht eines andern Dichters direkt an die Seite stellen. 
Man kann daher Marvell nicht den Schüler eines be- 
stimmten Dichters nennen, er hat nur die allgemeinen Züge 
der Zeit. Da Grosart in seinen Anmerkungen öfters so 
nebenbei von einer „Reminiszenz^ an Donne spricht — ge- 
rade bei diesem Gedichte aber nicht — , so könnte man 
leicht diesen für Marvells Lehrmeister halten. Um diese 
irrige Ansicht nicht aufkommen zu lassen und zugleich ad 
, oculos zu demonstrieren, daß Marvells Metrik, wenn auch 
Illicht immer glänzend, doch die Donnes noch oft übertriflft, 
so sei dessen Gedicht als dasjenige, das noch den gröliten 
Einfluß auf Marvell hatte, — absolut ist auch dieser nicht 
groÜ, — in seiner Gänze hiehergesetzt: 

Zi9 Corona* 

Dngn at my hands this crown of prayer and ptaUe, 
Weao'd in mij lone dtVQut melandioly, 
Thou ichich of good liaste, yea, art tre<imtriff 
All dmtigtng unchang*dj Ancient of days; 
But do notf with a vile crown of fraü hojf», 
JUward mg Muse's white sinceritg, 
Hut what thg thomg vrown gain^d that givc me, 
A crown of ghrg, which does flower always : 
77ie ends crown our worh*, hut ikou crow*nst aur ends, 
For at our ends bet/ttt» onr etidlcsn rest; 
Foicbor, Marvollfi {loet. Werke. 4 



■^- BO -^ 



Tlie fini hmt miä now tealously passest, 
With a sWtm§ mjher thirst mit »oul attends, 
'Tis time Üuit heart and voke be Ufted high, 
Sakdliön io aii that wtU i» nigh. 

Jedermann wird zngeben müssen: viel verdankt ihm 
MarveJl nicht. 

Die folgenden zwei religiösen Gedichte sind in Dialog- 
form abgefaßt: 

".4 Diahgm between the Sotd and Body" ist ein Wechsel- 
gespräch zwiBchen Seele tmd Leib, wie es schon im Alt- 
englischen vorkommt, aus vier Strophen, von denen die 
drei ersten je zehnzeilig sind und die letzte vierzehnzetlig 
ist, alle aber aus viertaktig-j ambischen Reimpaaren be- 
stehend. — Die Seele beklagt ihre Gefangenschaft im 
mensohlichen Körper, der so vielen Krankheiten und 
Schwächen unter worlen ist. Der Leib antwortet mit einer 
Gegenklage über die Tyrannei der Seele, die ihn nur leben 
laut, um ihn bald sterben zu lassen. Nach längerem Streit 
hat der Körper das Schlußwort mit dem Vorwurfe der 
Obermacht der Seele, die ihm mehr Leiden aufdränge als 
er ihr: falsche Hofinungen, Furcht, imglückliche Liebe, Haß, 
alle Leidenschaften gehen ja von ihr aus. Am Schlüsse 
der unvermeidliche Vergleich, und zwar hier von einer bei 
Marvell öfters herangezogenen Kunst, der Architektur, ge- 
nommen; auch am Beginn von ^^Appleton-Honse" und an 
mehreren Orten spricht er von den Architekten ; an dieser 
Stelle ist sogar das Reimwort dasselbe wie dort, nämlich 

Der '^Diahgue hetween the Besolved Soul and Created 
Pleasure' ist ein Wortgefecht, in dem die Seele den Sieg 
davonträgt. Die Struktur des Gedichtes ist die folgende: 
Den Beginn bildet ein Aufgesang von zehn paarweise 
reimenden, viertaktigen jambischen Verszeüen, Dann setzt 
der eigentüche Dialog ein. ^'Pleasure" beginnt mit sechs 
Zeilen in vier taktigem trochäischen Rhythmus in der 
Stellung a h a b € c, die auch zeigen, wie der trochäische 
Rhythmus aus dem jambischen durch konsequente Fort- 
lassung des Auftaktes entstanden ist, zumal nicht nur die 
Zeilen der Seele jambisch gehalten sind, sondern in der 
zweiten Hälfte des Gedichtes auch Verse vorkommen, 



4 



^ 



jambischer und trocliäischer Rhythmus wechseln. All das 
ist kein Zufall, sondern man erkennt darin die bewiiJJte 
künstlerische Absicht, durch das verschiedene VersmaÜ die 
verschiedenen Personen oder Personifikationen voneinander 
zu unterscheiden, zu charakterisieren, dasselbe Bestreben, 
das sich im Drama oft durch Anwendung des Dialektes 
geltend macht. Hier spricht die weichere Seele in Jamben, 
einem Versmaß, das mit Auftakt beginnt, während das 
lebhaftere, energischere ''Fleasure* in einem abrupteren Vers* 
maß ohne Auftakt spricht Wir können in dem Gedichte 
deutlich einen Abschnitt oder Einschnitt bemerken, gekenn- 
zeichnet durch den eingeschalteten Chorus (V. 46 — 50), 
*'Pkasur€* sind immer vier Zeilen in den Mund gelegt, der 
**Sour' nur zwei Zeilen, was auch in berechneter Weise 
der Natur der Sache entspricht, denn die Verführung braucht 
mehr Worte als die Zurück weisimg; nur die erste, einleitende 
Strophe des Dialogs ist, wie erwähnt, sechszeilig. Anderer- 
seits ist die letzte Strophe des ersten Teiles — ''Soul' — 
ausnahmsweise vierzeilig; innerhalb dieser zwei von der 
Begel abweichenden Strophen herrscht Symmetrie : "Pleasure'' 
hat stets vier Zeilen, paarweise gereimt, aus viertaktigen 
Trochäen, *'iSa?*Z" zwei Zeilen, paarweise gereimt, aus vier- 
taktigen Jamben. Dann kommt der Chorus, sechs jambische 
Zeilen ^^^ ^^ ^, Nach diesem Wendepunkt herrscht wieder 
volle S^Tnmetrie, nicht mit dem ersten Teile, sondern 
innerhalb des zweiten: "P/<fa.*fMre" hat immer wieder vier 
Zeilen, aber in zweifacher Weise verändert gegenüber 
denen des ersten Teiles, nämlich abwechselnd eine viertaktig- 
trochäische und eine drei taktig-jambische Zeile J ^^ " ^, so 
daß also eigentlich zwei durch Reim aufgelöste siebentaktige 
Langzeilen dahinter stecken. Den Schluß bildet ein Chorus 
von vier gekreuzt reimenden, viertaktigen jambischen Zeilen. 
Der Inhalt ist ein schon im Altenglischen und bis 
auf die Neuzeit behandelter Stoff, der Widerstreit zwischen 
der entschlossenen Seele und dem irdischen Vergnügen, 
daa versuchend an jene herantritt. '* Pleasttre*' sucht ''SouV 
durch Schmeicheleien und Versprechungen liir seine Freuden 
zu gewinnen, **S(mr aber schlagt dieselben aus, worauf der 
Chor seinen Beifall ausspricht. Auch gegen erneute Ver- 
lockungen bleibt **Söur' standhaft und der Chorus ver- 

4» 




spricht ihr dafor^ für den Yerzioht auf irdiBche Eitelkeit, 
die ewige himmlische Seligkeit 

Wir fiuden hier unter anderem wieder den meta- 
physischen Glauben an eine Seele der Blumen; femer ist 
das hohe Lob der Musik bemerkenswert in der Antwort 
der Seele, — natürlich als Meinung des Dichters ausga» 
sprechen — , daß, wenn irgend etwas sie zurückhalten könnte, 
es nur die Musik sei. 

Dieses Lob der Musik bietet einen passenden Über- 
gang zu „Mtmc's Empire'% einem Gedicht in l^eraic Couplets. 
Wenn Mar \ eil hier die Orgel als eine Stadt darstellt^ in 
der die Familien der Töne wohnen, wenn Jung&au Diskant 
den Manu BaB heiratet, so entspricht das ganz der ver- 
bildlichenden, versinnlichenden Ausdrucksweise, die wir 
auch sonst bei Marveü finden. Deren Nachkommenschaft., 
die Laute, die Viole, das Kornett, büdete wieder Kolonien ; 
die einen benutzten den Wind, die anderen Saiten, um den 
Triumph des Menschen zu singen. Die Vereinigung aller, 
die Musik, ist das Mosaik der Lüfte. Der Schluß ist eine 
persönliche Anspielung, die nicht ganz sichergestellt ist: 
Die Musik selbst aber, heißt es, buidigt wieder einem 
gütigeren Herrscher, der, wenn er auch die Musik seines 
eigenen Ruhmes flieht, doch mit der Musik die Hallelujahs 
der Himmel verstärkt* Zuerst vermutete ich, daß MarveU 
hier auf einen Komponisten geistlicher Richtung anspiele, 
der die Musik zu Ehren des Himmels wie ein gütiger 
Eroberer leitet und beherrscht; das **gentler'' könnte auch 
den Gedanken nahelegen, daß eine Dame gemeint sei, eine 
Musikerin. Gegenwärtig aber scheint es mir am wahrschein- 
lichsten, daß sich diese Stelle auf Lord Fair fax bezieht, 
der ja während seiner Zurückgezogenheit Kunst, Literatur, 
Poesie und Musik pflegte, Ausschlaggebend erscheint die 
vorletzte Zeile: 

" Wha, thouffh he ßies the mimc of hu praiM", 

welche ganz mit der Charakteristik Fairfaxs in dem früheren 
Gedichte *'üpon Ihe HiU and Grove at Billhorow" über- 
einstimmt : 

**That courage its own ptams flies", 

also ein auffälliger Umstand, der Beachtung verdient. 



— 63 — 



» 



» 



M i 1 1 n 3 Gedicht '*At a solmun Music** hat auf Mar- 
vell keinen Einfluß geübt» 

Indirekt wird die Macht der Musik oder eigentlich des 
Qesanges auch in einem Liebesgedicht gepriesen, betitelt: 

''Tlie Fair Singer'\ einem Gedicht aus drei Strophen 
zu je sechs tiinflaktig-j ambischen Versen in der Stellung 
ah ah € e. Es tuhrt den Gedanken aus, daß die schone 
Sängerin über doppelte "Waffen verfüge, das heißt durch 
ihre Schönheit das Auge und durch ihren Gesang das Ohr 
des Bewunderers fesselt. Natürlich geht dieses Gelegenheits- 
gedicht auf eine Dame von Marvells Bekanntschaft, mög- 
licherweise auf Mary Fairfax, die er ja wiederholt besang; 
wahrsoheinlich aber geht es auf Franziska, eine Tochter 
Cromwells; das kann man vielleicht daraus schließen, 
daß er im Gedicht ^auf den Tod des Lord-Protektors" 
von Franziska spricht, die ihren Vater durch ihren 
Gesang stets erheitert habe ; in diesem Falle wäre das Ge- 
dicht wohl etwas später entstanden. 

Das waren die Gedichte, welche dieser Periode den 
Hauptcharakter verleihen. 

Zum Schlüsse müssen aber noch zwei Gedichte Er- 
wähnung finden, die chronologisch schon in die Nähe von 
''HortHs*\ ''The Garden'' etc* gehört hätten, indem sie bis 
längstens 1661 geschrieben sind, während die besprochenen 
Mäher- und Schätergedichte bis 1653 reichen ; doch sollte 
deren Zusammenhang nicht unterbrochen werden. Es sind 
Empfehlungsgedichte für die Übersetzung von Primroses*) 
^Errores Vulgv' durch seinen Bekannten Dr. Robert Witty, 
die im Jahre 1651 erschien; das eine Gedicht» in lateinischen 
Distichen abgefaßt, bUeb ungedruckt, während das enghsche 
in der Ausgabe der ''Populär Errors" 1651 erschien. Das 
lateinische Gedicht „Dignissimo siw amico Doctori Wiitie, de 
iranskUione vulgi errorum D. Primrofni*\ in dem er eingangs 
die Federpest, die Schreibwnt der Zeit bespricht, ist durch 
nichts weiter bemerkenswert als durch eine interessante 
Äußerung über den Tabak, der gegen Ende des 16. Jahr- 
hunderts durch englische Kolonisten aus Virginia nach 
England eingeführt worden war* Dr, Wittys Buch erhält 
ein dick aufgetragenes Lob. 



) Vgl Bktionmy of NaUtmal Biagraphy, voL XLVI^ p. 38^, 




64 — 



Das englische Gredicht za demselben Anlasse **Ib 
his Worthif Friend Dr. Witty, tqmi hts Translation of tke 
'Populär Errors'" 1651, ist in paarweise gereimten fünf- 
taktigen Jamben geschrieben. Hier gibt Marvell eine voU- 
ständige und richtige Theorie der Übersetzungs- 
kunst, Ein Übersetzer, der zu frei übersetzt, macht sich 
zum Autor eines Buches, aber er ist ein schlechter Über- 
setzer* Wer bei einer Übersetzung verschönem zu sollen 
glaubt, wird ein Fälscher. Und nun stellt er den Über- 
setzern ein Muster vor: Caelia, deren Englisch reicher 
flielit als der Tagus — eine Reminiszenz an die Jugend- 
reise — j lernt jetzt die Sprachen Frankreichs und Italiens; 
doch sie ist noch immer Caelia; ihre eingeborene Schön- 
heit ist nicht italienisiert, ihr keuscher Sinn nicht fran- 
zösisiert worden; wenn sie auch andere Sprachen spricht, 
ihre Gedanken sind doch echt englisch. Von ihr sollten die 
Übersetzer lernen. Dr. Witty aber habe die Bedingungen 
der Übersetznngskunst eo genau erfüllt, daß man weder 
etwas wegnehmen noch etwas hinzufügen könne. 

Das Mädchen Caeliaj das er einführt, ist niemand 
anderer als seine Schülerin Mary Fair fax, die er ja in 
den **tongu€s of France and Italy" unterrichtete; — ein 
Bezug, der sich bei Grosart niclit angedeutet findet, den 
wir aber bereits einmal zu einer Identifizierung heran- 
gezogen haben.*) 

Damit sind wir beim Jahre 1652 angelangt, zu dessen 
Beginn Marvell das freundliche Haus zu Appleton, seine 
geistvolle, schöne Schülerin und die reizende Umgebung 
veriieü. Durch Fairfax war Marvell mit dem Latin Secretary 
of the State, John Milton, bekannt geworden. Dieser 
empfahl nun Marvell in einem Briefe vom 21. Februar 
1652*) an den Präsidenten des Staatsrates Bradshaw, dies- 
mal ohne Erfolg, Vielleicht geschah es auch auf Miltons 
Empfehlung, daÜ Marvell nun der Erzieher von William 
Dutton, Cromwells Neffen, wurde, mit dem er zu Eton 
im Hause eines John Oxenbridge^) wohnte, eines re- 
publikanisch gesinnten Geistlichen, der der politischen Ver- 

1) "The Matc7i'\ sieh S. 43 dieser Arbeit 

^ Abgedruckt bei Grosart, vol^I, p, XXXVlI. 

«) Über ilin vgl. Grosart, vol.II, p,3, 5. 



» 



^ 



k 



hältnisse halber eine Zeit seinea Lebens auf den Bermudas- 
inseln zugebracbt hatte. Auf seine Schilderungen und Schick- 
sale geht Marvells sehönes Gedit^ht „Bermudas" zurück. 
Da eine genaue Biographie zu geben nicht unsere Aufgabe 
ist, genügt es, bezüglich des brieflichen Verkehrs Marvella 
mit Milton und Crom%v©ll auf Grosart (Band I, S. XXXIX, 
XL) zu verweisen. 

In einem Briefe an Milton vergleicht er dessen 
^Defensio secunda" als ein Monument von Miltons gelehrten 
Siegen mit der Trajanssaule ; ein Vergleich, der offenbar 
durch Erinnerung an seinen Aufenthalt in Rom veranlaßt 
wurde und der uns zugleich zeigt, wie Marvell mit seiner 
Dichtung doch auch in der Wirklichkeit steht, das 
heiüt, seine poetischen Vergleiche auch ans der Anschauung, 
aus dem Leben holt, was ihn später besonders zum politisch- 
satirischen Dichter befähigt. 1657 wurde Marvell endlich 
Miltons Stütze als Assistant Laiin Secretary, Im nächsten 
Jahre starb Cromwell und Marvell widmete ihm die würdige 
^Horazische Ode**, das einzige aus diesem Anlasse ent- 
standene Gedicht, das Aulrichtigkeit und persönhehe Zu- 
neigung atmete 

Überhaupt ist Marvell recht eigentlich der Dichter 
Cromwells und des Protektorats; dabei ist von Bedeutung, 
daii er Cromwell persönlich nahestand, schon vermöge 
seiner amtlichen Stellung ; er würdigt vollauf seine Ver- 
dienste, ist aber andererseits der einzige Panegyriker, der 
such seine Schwächen nicht übersieht Im selben Jahre 
wurde Marvell noch infolge seiner Verbindungen von der 
Stadt Hüll zu ihrem Vertreter im Parlament gewählt; er 
saß also noch im Parlament Richard Cromwells* 

Und dann, bald^ kam der Zusammenbruch der Republik 
und die Re staurat i on des Königtums, die bei so vielen 
einen Umschwung herbeiführte und auch bei Marvell, aber 
nicht als Mensch, sondern nur als Dichter: er wird Satiriker, 
wie wir sehen werden. Vorläufig sind wir wieder mit der Restau- 
ration bei einem großen, natürlichen Einschnitt angelangt. 

Vielleicht ist es gut, da die Gedichte dieser zweiten 
Periode Marvells, wie wir sehen werden, politische sind, 
schlagwortartig die politischen Ereignisse jener Zeit zu 
skizzieren : 




':^ 66 — 

Kach der Hinrichtung des Königs und der Einrichtung 
Commonwealth begab sich Cromwell nach Irland 
imd warf mit größter Raschheit und Härte den Aufstand 
der Royalisten zu Gunsten des Prinzen von Wales nieder, 
eilte dann nach Schottland, wo Karl 11. als König anerkannt 
worden war und schlug die Schotten bei Dunbar (1651). 
Durch die Navigationsakte (Oktober 1661) war die junge 
Republik in Krieg mit den dadurch geschädigten Nieder- 
landen verwickelt worden, in dem der englische Admiral 
Blake über van Tromp und de Ruyter 1662 und 1663 
glänzende Siege erfocht. Inzwischen war Cromwell nach 
London zurückgekehrt, das widerspenstige Parlament wurde 
mit Gewalt auseinandergesprengt (1653) und am 16, Dezem- 
ber 1653 übernahm Cromwell als Lord-Protektor die oberste. , 
Regierung. 1664 wurde mit Holland ein günstiger Friedl 
geschlossen; im folgenden Kriege mit Spanien eroberte' 
Blake Jamaika und eine Silberflotte der Spanier; und 
Diinkirchen kam an England. Die ihm angebotene Königs- 
krone lehnte Cromwell ab, erhielt aber dag Recht, seine 
Nachfolger zu bestimmen. Nach fortwährenden Schwierig-« 
keiten löste Cromwell auch das neue Parlament auf; am 
3. September 1658 starb er; sein Sohn Richard folgte ihm* 
Dieser schien anfangs in seiner Macht gefestigt, war aber 
zu schwach, sie aufrecht zu erhalten ; so bereitete sich un- 
gehindert die Auflösung vor, von Royalisten und Katholiken 
geschürt, und schon im Mai 1660 hielt Karl II. seineu 
Einzug als König. 

Die Gedichte Marvells, welche diese Epoche ausfüllen, 
stehen alle in Bezug zu dem gröÜten Manne derselben, 
Cromwell; wir nennen daher, diesmal in Übereinstimmunj 
mit Grosart, diese Gedichte der 



Zweiten Periode 
(1652—166«) 

Cromwellian Poems, 

Voranzustellen ist ein Gedicht, das inhaltlich unbedingt 
hieher gehört, der Abfassungszeit nach aber bereits de 
firüheren, allerdings kurzen Periode hätte vorangestellt' 
werden müssen, da es 1650 bereits geschrieben wurde. Es 



— 57 — 



I 



steht ftlao, obwohl politischen Inhaltes, nicht in Wider- 
spruch mit Marvells Charakter und Neigungen 1650 — 1662, 
die wir mit den Schlag werten *'für off ihe public stagü*\ 
'*alma quies'\ ''soUiudv" bezeichnet haben. Denn es entstand 
ziemlich gleichzeitig mit Gedichten wie das fiir ^Lovelace^ 
und das aul' TjTom May", wo er ja an den Tagesfragen 
noch lebhaften Anteil nahm. Zugleich aber beweist dieses 
zeitliche Zusammenfallen der genannten Gedichte mit diesem, 
daß der dortige angebliche Koyalismus tatsächHch nicht vor- 
handen sein kann, denn dieses bisher noch nicht genannte 
Gedicht, eines der besten Marvells, ist die erhabene 

*'Horatian Ode upon CromweU's Return frmn Irekwd'\ Ihr 
Inhalt ist groß und erhaben wie der Ausdruck. Dieses 
Gedicht^) hat in jeder Hinsicht hohe Bedeutung. Es ist 
Marvells Auseinandersetzung mit den herrschenden und 
unterlegenen Gewalten, eine klare Rechnung. Er sieht 
Cromwells Auftreten als die Fügung des Schicksals an, 
er betont (und in späteren Gedichten immer wieder), daß 
Cromwell lu^prünglicb gar nicht für das Kriegshandwerk 
bestimmt und geschaffen war, daß er ein friedlichea Privat- 
leben führte, bis ihn das Schicksal herausriß, aber dann so 
unbeirrt und sicher, wie mechanisch, als Werkzeug einer 
höheren Macht sein Werk begann und zu Ende führte. 
Gleich einem reinigenden Blitze sei er vom Himmel gesandt 
worden, das Werk der Zeit zu zerstören, das hei Üt, das alte 
Königtum in neue Formen zu gießen. Wo größere Geister 
kommen, muß eben das Kleinere Raum machen. Er rühmt 
Cromwells persönliche Tugenden, seinen Mut und seine 
Klugheit. Zugleich aber findet er überraschend anerkennende 
Worte für den hingerichteten König Karl I., der sich auf 
dem Schafott in besserem Lichte zeigte als wähi'end seiner 
Regierungszeit und dessen gemessene, chevalereske Haltung 
er rühmt; aber behaupten zu wollen, daß eigentlich Karl I, 
der Held dieser Ode an C r o m w e 1 1 (!) sei, wie Birrell 
(p, 64) tut, ist doch viel zu weit gegangen. Der blutige 
Anfang sei aber kein schlechtes Zeichen für die Republik 
gewesen. Noch sei kein ganzes Jahr verflossen und schon 
sind die Iren bezwungen. Wenn Marvell aber die Hoffnung 

ij Birrell {p.64) gibt die Oesohiohte der OberUefenmg diesea 
Geliebtes. 




— 58 — 



ausspricht, Crom well werde jederzeit wie ein abgerichteter 
Falke, der seine Pflicht getan, auf den ersten Ruf' wieder 
zurückkehren, so hat er sich getäuscht und eigentlich seinem 
eigenen SchlulJappell widersprochen ; dieser wurde zur Tat- 
sache: Cromwell schritt fort auf dem einmal betretenen 
Wege, denn^ wie Marvell sagt: 

"The mme arU Uiot did f^ain 

A poiceff mtist il maintain.'^ 

Ein günstiger Zufall iiihrte mich darauf, daß diese 
Worte nicht originell, sondern ein Zitat aus Sallust 
„De coniuratione CatiUnae"^ 2, 4, sind.^) 

Marvell nennt sein Oedicht *'A Horatian Ode" und 
bezeichnet damit die hohe Meinung, die er selbst davon 
hatte und mit Recht, denn "owc of the hast hwum bui atnong 
tiie gründest tchich the English language possesses'' nennt 
Erzbischof Trench von Dublin*) das Gedicht Und Gold- 
win Smith^) sagt von dieser „Ode'^: ''Better than anyihwg 
ehe in our language this poem gives an idea of a grand 
Horatian measure^ as well as of the diction and spirii of an 
Horatian OdeJ' Das Gedicht verdient diese Lobsprüche. 
Es liegt eine Wucht und Grölie in Ausdruck, Form und 
Inhalt, bei gleichzeitiger Einfachheit: abwechselnd immer 
ein viertaktiges und ein dreitaktiges jambisches Beimpaar. 
Die wenigen Enjambements und Taktumstellungen, die er 
sich erlaubtj sind äußerst geschickt angebracht und dienen 
zur Belebung und zur Hervorhebung markanter Stellen. 
Störende Freiheiten begegnen uns hier kein einziges Mal 

Wie erwähnt, entstand dieses Gedicht noch vor Mar vells 
weltfremder Periode, Nach dieser bildet, inhaltlich und der 
Zeit nach, eine Brücke zu den rein politischen Cromwell- 
Dichtungen das halb idyllische, halb politische, vielgerühmte 
Schifferlied „Bermudas'^, wohl um 1653 entstanden und 
durch die Erzählungen und das Geschick des genannten 
John Oxenbridge veranlaßt, ünsti^ophisch, in paarweis 
gereimten viertaktigen Jamben, zwischen einem Eingang 
und einem Ahgesang von je vier Zeilen, wird das eigent* 

1) Vgi R Heines ^Framösüche Zustäfide", 1. Brief , 6, Ahmii, 

^ Tgl. ßrosart, voL I, p, LXVU; eben dort auch eine Äußemng 
aus PowelVs "Ämong my books" f London 1870], 
ß) Ward's "English Fatts", U, 383. 



4 



liehe Lied, das die Schiffer, die emigrierten Engländer, 
angeblich Bingen, in direkter Bede gegeben, Sie singen das 
Lob des Höchsten, der sie zu dieser zwar kleineren, aber 
glücklicheren Insel, als es ihre heimatliche ist, geführt hat, 
wo ewiger Frlihling herrscht und wo sie sicher sind vor 
Stürmen sowohl als auch vor Prälatenwut. 

In diesem kleinen, aber schönen Gedicht finden wir 
Anklänge an einzelne Stellen des naturbeschreibenden Ge- 
dichtes ** Appleion' Hause' \ Eine neue Note bei Marvell ist 
jetzt der Groll gegen die Prälaten, den wohl Oxenbridges 
Erzählungen in ihm schürten^ und der sich später in den 
Satiren immer wieder äuUert: wie Marvell hier von '*prelaies 
rage'' spricht, so redet er in ''Blood's Stealing ihe Croum*' 
von '*prtlafe's crueUt/'; er räumt also den Prälaten einen ge- 
wissen Vorzug in diesen Untugenden ein. Der Bezug auf die 
Protestanten Verfolgungen unter Karl I. macht dieses Gedicht 
zugleich zu einem politischen- Vergleiche sind auch hier 
zahlreich, aber sie sind nicht störend^ sondern anziehend 
und wirksam, obwohl er die Insel fast als ein zweites 
Schlaraffenland schildert. Die Stelle 

**He hajujs in lihaäfH the oranffe brighi, 
Like (foldtfit lamps in a green nighi*' 

klingt wie eine Vorahnuug des Goethe sehen 

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blähn, 
Im dunklen Laub die Goldorangen glükn?^ 

und es kann für Marvell nur ehrenvoll sein, derart den- 
selben Gedanken wie unser großer Dichter, mit denselben 
Worten fast, ausgedrückt zuhaben;^) auffällig, daß beide, 
in allem sonst so verschieden, an einem Dinge dasselbe 
charakteristisch finden, was an und fm- sich nicht unmittel- 
bar naheliegt. Gewiß ist der Umstand in Rechnung zu 
ziehen, daß ja beide in Italien gewesen sind. 

Aus dem Jahre 1G54 stammen mehrere lateinische 
Gedichte Marvells, die auf CromwelJs auswärtige Politik 
Bezug haben, 1654 schickte Cromwell eine Gesandtschaft 

1« Die wiederholte Heranziehung deutscher Dichter und Ver- 
hältnisse bedart* wohl kainn einer Eechtfertigung, wenn solch ein 
Vergleich sich von selbst aufdrängt; — Goethe, Heine, Leseing etc. 
können ebetisogut zum Vergleich für englische Dichter dienen wie 
umgekehrt Shakspere, Chaucer, Byron etc. für deutsche. 



L 



— 60 - 



nach Schweden, um die Königin Christine, die „Ama* 

2one des Nordens^, für seine Pläne zn gemeinschaftlichem 
Vorgehen zu gewinnen. Der eine der Bevollmächtigten, 
Dr. In gel o/) war ein Bekannter des Dichters und an 
ihn ist sein folgendes lateinisches Gedicht gerichtet. Doch 
fiihrt der Titel, die Adresse, eigentlich irre, denn nicht mn 
eine Beglückwünschung oder Lobpreisung Ingelos handelt 
es sich^ wie man daraus schließen könnte, sondern um eine 
derart geschickt maskierte Verherrlichung Christ inen s. 
Nur der Eingang des von Grosart ins Englische über- 
tragenen Gedichtes „Dociori In(}do, cum Domino Whitloekr^) 
ad lieginam Sneeiae delegato a Protectore, residniH, epistola'*^ 
wendet sich direkt an Ingelo und spricht dabei von dem 
Lande, in das jener jetzt gehe. Damit ist der Übergang 
auf Ohristina, die Beherrscherin, schon geboten. Nun preist 
Marvell sie, die Jungfrau, die über Männer herrscht, hinter 
der selbst Englands Stobs, Elisabeth, zurückstehen müßte. 
Er hat ihr Bild gesehen, das an ihren großen Vater Gustav 
Adolf erinnert. Dann rühmt er ihre wissenschaftlichen Be- 
strebungen, \vorauf er zu den politischen Verbältnissen 
übergebt. Er hofft auf baldigen Abschlnli des Vertrages, 
der für beide Teile von Nutzen sein werde. — Sonderbar 
ist diis Detail, daß Marvell ausdrücklich Christinas wohl- 
geordnetes Haar rühmt, durch das sie schon zeigen wolle, 
daß sie stets an Regeln und Gesetze sich binde, während 
die Geschichte uns ausdriicklich überliefert, daß diese viel 
umstrittene, jedenfalls originelle Frau ein üppiges Locken- 
haar besaß, auf das sie keinerlei Sorgfalt verwendete; so 
daß Marvella Schilderung nach dem Gemälde — falls diese 
Einkleidung überhaupt nicht bloß Fiktion ist — der Wahr- 
heit vielleicht ebenso wie dieses direkt widerspricht. Daß 
das Lob sehr dick aufgetragen ist, ersieht man schon aus 
der sehr kurzen Inhaltsangabe ; es ist das eben wieder der 
in derartigen Gedichten im 17. Jahrhundert gebräuchliche, 
übertreibende Stil. Auf den ersten Blick scheint es sonder- 
bar, daß Marvell, der ja damals (1664) noch nicht in Öffent- 
licher Stellung war, Ereignisse besingt, die in den Kreis 
der engeren Politik gehören. Aber Marvell verkehrte ja in 

V Dtctimary of Nat Biogr,, val. XXVm, p, 4S^, 

V Didionrny of Nat. Biogr,, vol. LXL p. 110 ff. 



p 



— 61 ~ 

Kreisen, die die führenden genannt werden müssen, mit 
Fair fax, Milton, Bradshaw^ Cromwell; er konnte 
also schon der Personen, wenn nicht der Sache wegen 
Interesse daran haben. Und wann auch Dr* Ingelo im Ge- 
dicht selbst nur eine nebensächliche Rolle spielt^ so gehörte 
er doch wahrscheinhch zum Freundeskreise Marvells, zu 
dem wohl auch der im Gedicht genannte Roger zn zählen 
sein wird. 

Die erwähnte Gesandtschaft hatte der Königin Christine 
auch ein Bild CromweUs zu überreichen- Gleichsam als 
Aufschrift fiir dasselbe schrieb Marvell folgendes „Epigramm": 

„Haec est quae toties inimicos umbra fugavit^ 
At sub quÄ cives otia leota tarunt.^ 

Die eben erwähnten Umstände persönlicher Natur im 
Verein mit diesem Epigramm sind bestätigende Beweise 
fiir die Autorschaft Marvells betreffs eines Gedichtes 
von vier lateinischen Distichen, das unter dem Titel „Ad 
Christinam Suecorum Ileginam Nomtm Cromwelli'^ die Ehre 
hatte, von früheren Herausgebern Miltons diesem zuge- 
schrieben zu werden^) und das in den Ausgaben Marvells 
unter dem identischen Titel ^In Eandtm [i e, Efßt^iem 
CromwelU] lieginae Sueciae Ttansmissam^ dem obigen Epi- 
gramm iblgt. Das Argument^ mit dem es Milton zugeschrieben 
werden konnte, ist^ daß es ja Miltons Aufgabe als Laiin 
Secretarg war, solche offizielle Gedichte zu verfassen. Aber 
Milton hat das Gedicht nie für sich in Anspruch genommen. 
Vielleicht hat er Marvell^ mit dem er ja schriftlich und 
mündlich verkehrte und der ihm als Verehrer Cromwells 
bekannt war, mit der Abfassung dieser Kleinigkeit beauf- 
tragt, falls nicht Marvell aus eigenem Antrieb diese Zeilen 
ihm zur Verfügung stellte. Die Autorschaft Marvells ist 
durch den umstand erwiesen, daü dieses Gedicht in der 
Folio-Ausgabe vom Jahre 1681 gedruckt erscheint, die von 
des Dichters Witwe^) *'HHder his own hand-writing'' veran- 
staltet wurde und deren Authentizität Grosart in allen 



1) Z, B. in ''PoeU of Öreat-Britain*\ voi V, jh 199; um dieses 
längere Gedicht bandelt es sich, nicht um die vorher erwähnten zwei 
Zeilen, wie BirreU, p. 68, tUIschlich meint. 

2) Die freilich von manchen Biographen als eine Fiktion er- 
klärt wird* YglGrosart (pro) und D irr eil, p.222f, (kontra). 




- 62 ^ 

Punkten nachgewiesen hat,*} Auch gehören diese lateinischen 
Gedichte organisch zusammen. DaJ3 wir dann eigentlich 
zwei Gedichte Marvells auf Cromwells Bild haben, ist auch 
nur scheinbar auffällig: das kurze Epigramm ist einfach 
eine Bilderiii schritt ohne Beziehung auf die schwedische 
Gesandtschaft ; das zweite Gedicht dagegen wurde erst aus 
Anlaß der Übersendung des Bildes an Christina geschrieben. 
Auch der hervorragende Herausgeber und Biograph MiltonSf 
Professor Masson, gibt in seinem grolien Werke*) 
Autorschaft Marvells zu. 

Dieses Gedicht ist Cromwell selbst in den Mund 
legt, als ob er oder das BUd selbst zur Empfängerin sprechen 
würde: „Siehe^ Christina, Du leuchtender Stern des Poles, 
welche Furchen der harte Helm meiner Stirn eingedrückt 
hat ! Wenn auch alt, gehe ich dennoch gewappnet. Und 
während ich den Willen eines großen Volkes vertrete, 
neigt sich Dir in Verehrung mein Haupt." 

Indirekt mit Cromwell in Verbindung steht das chrono- 
logisch nächste Gedicht '*/n Legaimiefn Donüni OUveri 
St. John\^) der 1654 in die Vereinigten Staaten der Nieder- 
lande geschickt wurde, um den ersten Seekrieg zwischen 
England und Holland, der durch die Navigationsakte ent- 
standen war, durch einen Vertrag zu beendigen. Da die 
Engländer siegreich gewesen waren, so konnte er wie ein 
zweiter Quintua Fabius Maximus „Krieg oder Frieden!** 
wählen lassen und es gelang ihm auch, den für England 
gtinstigen ^acte van seclusie** abzuschlieBen. Großen Dingen 
sind oft bedeutsame Namen gegeben, sagt Marvell. So auch 
ihm, der gesandt ist, den Holländern frischen Krieg oder 
neue Verträge zu bringen, der die Schlüssel zum Janastempel 
in den Händen hält. Er braucht kein Pergament und keine 
doppelzüngigen Worte ; sein Name ist eine Botschaft, die 
alles sagt: Oliver oder St. John!, Krieg oder Frieden können 
die Holländer wählen. 

Aus dem Jahre 1654 stammt auch ein umfangreiches 



1) Grosart^ Bd.I, p.lV, 46 u, ö, 

2) "Poetical Work^ of John M^ton'*, 1874, vol, U, p. 343 ff. ; 
Ohbe Edition, 1899, p. 459. 

'^) Dktionar^ of National Biogi\, voLL., p, 151 ff., 164. 



— 63 - 

Gedicht von vierhundert viertaktig -jambischen Zeilen, 
t^roie eoupkts, daa 1655 anonym veröffentlicht wurde, das 
einzige politische Gedicht Marvells, das vor der Restauration 
gedruckt wurde; der Grund, weshalb ihm dieselbe später 
nicht so schadete, wie zum Beispiel Miltou, Es ist be- 
titelt: **The ßrst Anniversanj of the Government ander His 
Hif/hness the Lord Protector/' Es setzt mit einem stimmungs- 
vollen Bilde ein. Wie ein ins Wasser geworfener Stein 
darin versinkt, niu* ein flüchtiges Kräuseln hervorrufend, 
so verschwindet der einzelne Mensch im Meer der Zeit, 
deren Kreise sich über ihm schließen und glätten. Nun 
kontrastiert der Dichter : C r o m w e 1 1 allein durchläuft mit 
Kraft Bonnengleich die Jahre und vollbringt in einem Jahre 
Taten von Zeitaltern, während Monarchen immer nur Pläne 
machen, die sie dann ihren Nachfolgern als Erbe hinter- 
lassen* Das ist eine echt Marvellische Stelle, der den Satiriker 
nie ganz verleugnen kann. Ebenso verhält es sich mit den 
folgenden Zeilen des Gedichtes, in denen die törichte An* 
m&ßung der Könige und ihre Ungerechtigkeit drastisch 
gegeißelt wird. Mit ihnen kontrastiert er wieder Cromwell : 
Wie Amphion durch seine Leier die rauhesten Steine ge- 
fügt und so das siebentorige Theben erbaut hat, geradeso 
kam Ordnung in das Staatswesen, als Cromwell das Re- 
gierungsinstrmnent stimmte. Und obwohl Steine noch leichter 
zu beherrschen sind als der Sinn der Menschen, Cromwetl 
fügten sich doch alle. In dieser Art geht es weiter, stets 
Vergleich und Kontrast. Die Lenker der Staatsschiffe, die 
Fürsten, sehen aoF Cromwell wie die Schiffer auf die Ge- 
stirne, Wie glücklich könnten alle ihre Pläne durchführen, 
wenn sie seinem Vorbild folgen möchten. Aber leider liegen 
sie alle noch im Banne Roms. Der Dichter droht dann den 
schlechten Fürsten, wenn das Schicksal es ihm vergönne, 
sie einst aufzurütteln aus ihrer königlichen Faulheit; vor- 
läufig will er bescheiden hinter dem glorreichen Cromwell 
stehen, in dem höchste Macht und höchste Güte zusammen- 
treffen. Unvermittelt kommt Marvell dann auf einen Un- 
glücksfall Cromwells zu sprechen, der^ als er einst selbst 
lenken wollte, von den Pferden aus dem Wagen geschleudert 
wurde, ohne sich jedoch zu verletzen; diese Schilderung 
der scheuenden Pferde erinnert lebhaft an eine ähnliche 




— 64 — 

Episode in der „Uias". Ebenso unvermittelt betont er dann 
wieder, wie in der ^Horatian Ode*^, daß es fllr Cromwell 
keine Freude war, sein ihm @o teures Privatleben aufgeben 
zu müssen, um den Wagen des eigensinnigen Volkes zu 
lenken. Was er aber seit damals getan, dazu drängte ihn 
eine höhere Macht* Zuerst war er der Herrschaft abgeneigt. 
Als aber er, der so mächtig geworden war wie Gideon, 
der jüdische Kriegsheld, sah, wie andere zerstörten, was 
er geleistet, oder Nutzen zogen aus dem, was ihm zukam, 
da gebot er den Schmarotzern Halt! Um ein Bild fiir 
Cromwells tatkräftiges Eingreifen zu finden, zieht Marvell 
eine Erinnerung an seine große Reise heran: Einst auf 
hoher See, als Stürme tosten, der Kurs verloren war und 
Meteore flogen, als Steuermann und Passagiere verzweifelten, 
da faßte ein fi-ischer Bursche das Steuer und mit sicherer 
Hand, um die anderen unbeküimnert, rettete er sich selbst 
samt den übrigen. Nach diesem Vergleich aus der Nautik 
folgt ein anderer aus der Landwirtschaft: Nur für andere 
pflanzte Cromwell den Weinstock der Freiheit, nicht selbst 
trunken von ihrem Weine. Der Dichter verflucht dann jene 
Gottlosen, die frohlockt hätten, wenn Cromwell ein Unglück 
zugestoßen wäre, und freut sich um so mehr, daß für Cromwell 
jetzt jede Gefahr vorüber ist und er mächtiger dasteht als 
je. Um die Freude auszudrücken, die er und alle Guten 
über den glücklichen Umschwung in Cromwells Geschick 
empfanden, folgt nun ein schön ausgeführtes Bild in 
Detailmalerei, das die folgende Übertragung ins Deuteche 
wiederzugeben versucht: 

^^Als einst der erste Mensch zum ersten Mal 

Aufsteigen sah die Sann' aus tauigem Tal, 

Da folgten seine Augen mit hiuauf 

Und wieder abwärts ihrem stolzen Lauf 

Und als sie seinem BHck entschwaiid| o weh! 

Glaubt er ertrunken sie im tiefen See, 

Und rings die Welt bedeckte schwarre Nacht, 

Und bleiche Sterne halten Totenwacht. 

Nachtvögel nur, der Rabe und die Eul*, 

Erheben mit Gekrächai sich und Geheui — 

Des Menfiohen Augen halten weinend Wacht, 

Nicht wi^end, daß zum Schlaf bestimmt die Nacht 

Dnd immer kehrt noch gegen Westen sich 

Sein Bück, wo ihm ihr hehrer Glanz erblich. 



^ 



I 



^ 



,DurfV icti mir einmal schauen dich, o sag*? 
Ist denn ein Tag nicht länger als ein Tag?* — 
— Da blickt nach Osten plötzlich er zurück — 
Und trifft der Sonne lächelnd heitren Blick." 

Mag es meiner Übersetzung auch nur unvollkommen 
gelungen sein, die Schönheiten des Originals wiederzugeben, 
ao kann sie doch andeuten^ welche Perlen man in Marvells 
längeren Gedichten, wo man sie gar nicht vermuten würde, 
eingestreut findet; Stellen, aus denen mancher moderne 
Dichter ein separates Gedicht gemacht haben würde. Man 
sieht, wie gedankenreich Marvells Dichtung ist; denn ein 
nicht gewöhnlicher — mein«es Erinnerus nirgend sonst 
behandelter — , aber höchst poetischer Gedanke ist es : 
Welche Gefühle müßte ein Mensch Sahen oder kann der 
erste Mensch gehabt haben — wenn wir auf diese Vor- 
stellung eingehen — , wenn er das strahlende Auge des 
Tages verschwinden sieht und noch nicht weiß, daJi es am 
nächsten Morgen wiederkehrt? 

Wir haben eigentlich mitten in einem Vergleiche ab- 
gebrochen: So freudig überraschend, wie dem Menschen 
die Sonne wiederkehrte, tauchte Cromwell, dem düstere 
Kacht zu drohen schien, wieder auf, so daß die anderen 
Fürsten erschreckt emporfahren. Indem nim Marvell einem 
derselben seine Verwunderung über die unerwarteten 
Leistungen der englischen N'ation und seine Furcht aus- 
sprechen läßt, daß dieselbe noch alle Reiche trlbutär machen 
werde, wenn der schreckliche Cromwell noch länger ihr 
Führer bleibe, legt der Dichter sehr geschickt einem Gegner 
Cromwells Worte der höchsten, wenn auch un\riUigen 
Anerkennung in den Mund, um nicht selbst als Schmeicliler 
zu erscheinen und dabei doppelt zu wirken, indem er daran 
ebenso geschickt den SclJuß knüpft: Mehr als Cromwells 
Feinde sagen, kann er zu seinem Lobe auch nicht sagen. 

Wie in allen größeren Gedichten Marvells wechseln 
hier Lobgedicht, Satire, Sentenzen und rein lyrische Stellen 
miteinander ak In den Vergleichen tritt die gelehrte 
klassische Bildung des Autors wie immer zu Tage; einen 
sehr ausgedehnten Gebrauch macht er speziell in diesem 
Gedichte von biblischen Anspielungen, er zitiert die 
Genesis, das Buch der Richter, das Buch der Könige» Er 

P OBC her, Marvells poet. Werke. 5 




— Ge- 



flieht Ausfälle auf die im 17. Jahrhundert so vielfach in 
England, Italien und Deutschland ~ hier von Qrimmels- 
hausen, Chr. Weiss© u, a, — mit Becht angefeindete ^ Ratio 
Status*', die raison d*Eiat ein, die so viel Unheil anrichtete 
und den Deckmantel für jede Willkür bildete ; femer Aus- 
fälle auf die religiösen Fanatiker und Sektierer. Es finden 
sich auch Stellen, die direkt anarchistisch klingen, so wenn 
er gegen Rom wettert, das er (V. 113) mit demselben groben 
Schimpfnamen belegt wie Byron.Vi Hieher gehört auch 
die Stelle, die uns Aufschluß gibt über seine Pläne, die 
uns zeigt, daß er weitausgreifende, groJäe Absichten hatte, 
die freilich nicht ganz in Erfüllung gingen, wenn er den 
Fürsten zuruft : (Vv. 119 ff.) 

**If graciou8 Hemtn to my life give length, 
Lcisure to timef and to my wetikncss strcfigth, 
Theti shall I once with gravcr acce^its »hake 
Tour regai sloth and your long slionbers wake.'* 

MarveU hat die Änderung freilich nicht erlebt, ab«r 
man kann mit Recht annehmen, wie Leigh Hunt tut,*) 
dafi er durch seine politischen Satiren keinen unbeträcht- 
lichen Anteil hatte an der Vertreibung der Stuarts. Er 
spricht also hier dieselbe hohe Meinung von der Aufgabe 
der Dichter aus wie ähnlich in *^Tom May's Deaih-': (Vv. 65/66) 

"Then is the poefe Urne, *tis Ihen he draws, 
Änd smgle, fights forsaken Virtue's cause,'* 

Auch in '*I%e Loyal Scot*' äußert er sich auf ähnliche 
Weise; er weist der Poesie somit einen Zweck, eine 
patriotisch-politische Aufgabe zu. Die Zeilen 
131 — 148 sind eine förmliche Utopie. Als einsichtsvoller 
Mann spricht er aber auch ganz offen von *'our brutish 
fury" (V. 177). 

Den hohen Ton der „Horazischen Ode" hat er in 
diesem Gedicht nicht erreicht, vielleicht auch nicht ange- 
strebt ; sein Lob ist für den heutigen Geschmack oft doch 
zu übertrieben. Wie aber in* der „Horazischen Ode*^ schon 
und öfters, betont er auch in diesem Gedichte ausdrücklich, 
daß Cromwell ursprunghch nicht für Krieg und Politik 

i) '*The Beformcd Tramform€d'\ JT. Teil, 3, Siene, V, 26 f. 
«) " Wit and Humour'\ p. 214 ff, (Londmt 18d*JJ 



67 — 



geschaffen war, daß er als ein Werkzeug in der Hand einer 
höheren Macht handelte und auf dem einmal betretenen 
Wege fortschreiten mußte, wollte er sich nicht um alle 
Früchte seines Wirkens gebracht sehen. Die Stelle 



P 



"So have I see» cU sea 



^'* (V. 265) 



ihm 



wo unter den ^'corposanim** das Sankt Elmsfeuer gemeint 
ist (wie Groaart dazu bemerkt), zeigt, besonders durch das 
scharfe „Ich*^, daß der Dichter nicht, wie es ein Epiker 
sollte — und ein kleines Epos ist es ja — , über der Er- 
zählung stehfcj sondern daß er mit seiner Person hervor- 
und mitten in die Ereignisse tritt und für sich und von 
sich spricht. 

Jene Stelle, die teilweise in deutscher Übertragung 
gegeben wurde^ bildet den ersten Teil eines Vergleiches, 
und es verdient Erwähnung^ daß die beiden verbindenden 

„So wie — — — — , 8 ^ durch nicht 

weniger als achtzehn volle Verszeilen getrennt sind — was 
deutlich die Ausführlichkeit seiner Vergleiche illustriert — , 
wenn auch speziell dieser Fall einer der stärksten ist; be- 
zeichnenderweise ist das keine gelehrte Stelle, sondern ein 
Vergleich aus der Natnr ; und man kann sie zu jenen zählen, 
die Hazlitt^) ''musical as in Apollo' s lute" nennt. 

Ein Satz, der ganz modern Englisch anmutet, obwohl 
schon bei Bacon^) vorgearbeitet ist, lautet: 

*^The ocean is the fountain of command; 

But that mice took, we [L e. othera] captives are on land;"^) 

ein Grundsatz^ den die Engländer rücksichtslos durchzu- 
führen stets bereit sind. 

Der Vera ist in diesem Gedichte sehr gut behandelt: 
Taktumstellung und Enjambement sind meist beabsichtigt 
oder zumindest nicht störend, Verschleifungen kommen in 
' dem ganzen Jangen Gedicht nur in verscliwindender Zahl von 

I Umgekehrt dagegen verwendet er zur Ausfüllung oft 

iden Infinitiv mit /o, wo derselbe grammatisch nicht stehen 
müßte. 



1. 



1) Sieh S. 80, Ai}m 
^) Birrell, p, Gö, 
^) '*Fir8t Anniver^ary » 



(Vv. 369/370) 



5* 



68 



Bezüglich einiger rein sachlich-historischer Bemerkun- 
gen sei auf Grosarts Noten verwiesen. 

Chronologisch das nächste Gedicht ist eine Satire in 
heroic couphts, die durch das darin enthaltene Lob auf die 
Republik und Crom well mit den eigentlichen ''Cromwdlian 
Poenis'* in Zusammenhang steht: **Thv Charader of Hollan^^ 
nach Grosarts Berechnung*) zwischen 2. Juni und 31. Juli 
1653 oder 5. April 1654 geschrieben. Es ist eine Verspottung 
Hollands mittels krasser Übertreibung Zuerst macht sich 
der Dichter über die Kleinheit und die geologische Be- 
schafl'eoheit dieses Landes lustig, das eigentlich den Namen 
^Land** gar nicht verdiene; es sei ja nur der Auswurf des 
Meeres, die Anschwemmung britischen Sandes. Obwohl die 
Holländer die gröBte Mühe darauf verwenden, ihr biJ3chen 
festes Land gegen das Meer zu sichern, so zeigt dieses 
ihnen doch oft genug, daß es wirklich ein „rttare liberum'^ 
sei, aber in anderem Sinne als jene meinen, das heiBt^ indem 
es nach Beheben das Land überschwemmt. Die Fische sitzen 
dort oft zu Tische, aber nicht als Speise, sondern als Gäste. 
Sodann verspottet Marvell ihre Verwaltung: Wer mit der 
Schaufel am besten umgehen kann, wird Deiohgraf; einer 
bekleidet oft mehrere Amter, denn diese Halbmenschen, 
halb trocken, halb naB, vertragen auch weder volle Freiheit 
noch volle Knechtschaft. Nun nimmt der Dichter ihre 
Beligion vor; es sei kein Wunder, meint er, daß so viele 
Holländer sich bekehrten, da ja so viele Apostel Fischer 
waren wie sie ; überdies tauft sie das Meer immer wieder. 
Er stichelt auch auf die Sektenbildung in den Niederlanden, 
aus denen ja auch der im früheren Gedichte mit Verachtung 
genannte Thomas Müntzer stammt* Amsterdam sei eine 
schlechte „Gewissensbank", wo jede GlaubensmÜDze Annahme 
findet. Die Plumpheit der Holländer gibt ihm zu dem 
Wortwitz Anlaß, daß sie zwar einst einen unter sich hatten, 
der „Cwilis^ hieß, aber nie einen, der „höflich^ war. Er 
nennt die Holländer undankbar. Den Engländern, denen 
sie alles verdanken, haben sie die Verträge gebrochen und 
&llen jetzt über die junge Kepublik her. Aber sie empfingen 



>) Vol. l, p. 2äl; 
1673 oder 1674. 



nicht wie Aitken, ''Saiires**, p*lM, angibt, 



— 69 - 



ihren Lohn, daß die See vor Lachen schäumte. Die englische 
Bepublik ebbt nur, um gleich darauf höher zu fluten. Und 
der junge Herkules — England — wird die eiebenköpfige 
niederländische Hydra erwürgen. Der neue Staat, dieser 
Liebling der Götter, schließt Marvell, habe nichts zu furchten, 
solange Dean, Monk und Blake, die drei Admirale, die 
drei Spitzen des „Dreizacks des Neptun*' sind und Cromwell, 
der Jupiter, den Pluto der Holle unschädlich macht. 

Diese Inhaltsangabe, die infolge der Gedrängtheit nicht 
beanspruchen kann^ genau genannt zu werden, leidet noch 
unter dem Umstände, daß e^ unmöglich ist, jene Stellen 
treffend wiederzugeben^ deren Sinn in einem Wortspiel 
liegt, einem Kunstmittel, das in keinem andern Gedichte 
80 viel gebraucht wird wie hier. Es sei hier nur auf 
Seite 134 f. dieser Arbeit verwiesen, wo die Wortspiele im 
Zusammenhang erörtert werden. Diese Wortspiele von 
dem ''Cfiaracter of Holland*' finden sich aber nur im ersten 
Teile des Gedichtes, der bis Zeile 100 reicht und die 
eigenthche Satire bildet; denn von dieser Stelle an ist es 
keine Satire mehr, sondern ein ernstes Gedicht zum Lob 
der Republik und ihrer Helden, Cromwell, Monk^ Dean 
und Blake, für die er sich eine ganze Mythologie zurecht- 
legt, wobei dann Englands Feinde in Pluto allegorisiert 
werden, DaÜ bei der starken Übertreibung viele Unrichtig- 
keiten vorkommen, ist selbstverständlich. 

Dieses Gedicht Marvella ist möglicherweise nicht 
originell^ denn eine "Description of Hollami" findet sich in 
Butlers "Itemains'\ Es ist nicht sicherzustellen, welches 
Gedicht das früher entstandene ist, noch auch, ob der eine 
Dichter das Werk des andern kannte. Die Verspottung 
der gedemütigten Holländer war damals ja allgemein. 
Vielleicht darf man schließen, daÜ Butlers Gedicht das 
frühere war, weil es bedeutend kürzer ist, so daß Marvells 
Gedicht — aber nur der erste Teil — eine Erweitening 
wäre. Der zweite Teil ist gewiß selbständig. Gemeinsam 
ist den Gedichten Butlers und Marvells nicht nur der In- 
halt, die Verspottung Hollands, sondern auch das Mittel 
der Verspottung ist bei beiden Dichtern dasselbe, nämlich 
beabsichtigte Übertreibung. 

Dieses Gedicht Marvells hat einen Streitpunkt zwischen 




— 70 



Hazlitt*) und Leigh Hunt^) gebildet, in ihrer Theorie 
über das Komische, wozu sie es beide als Beispiel 
verwerten, Leigh Hunt sagt, die besten zwei Stücke 
komischer Übertreibung, die er kenne, seien, vom "Hudu 
hras" abgesehen, Butlers '*Description of Holland** und 
Marvells Gedicht. Er zieht Mar\^ells Satire vor ^ — über- 
haupt sagt er von unserem Dichter gegenüber Butler '*Ac 
exceUed htm in poetry" — , da sie sich durch größere Ver- 
schiedenheit der Kontraste auszeichne. Er sagt, wir können 
dicBe Verse nie ohne Lachen lesen. *^The jest of this effusim^ 
lies in the intmtional and excessive f^aggeration*^ also eine 
Übertreibung wie in *'Flecknoe*\ für welche Satire er auch 
das höchste Lob hat. 

Im Gegensatz zu ihm steht Hazlitt: Seine Meinung 
von Marvell als Lyriker ist keine geringe, er lobt die 
Eleganz und Zartheit in den beschreibenden Stücken 
(sweei as in ApoUo's lutcj, was aber die Satiren betreflTe^ 
BD sei Marvell dem „affektierten und gekünstelten** Stile 
der Zeit zugetan gewesen, den der Kritiker überhaupt 
tadelt. Als Beweis dafür nennt er ''Fkcknöe*\ Die Satire 
auf die Holländer sei ein Beispiel für die gezwungene, 
weithergeholte Methode der Behandlung des Gegenstandes ; 
und dieselbe Stelle, die Leigh Hunt aus Bewunderung 
des Witzes gesperrt druckt, druckt auch Hazlitt ab, um 
die Lächerlichkeit zu demonstrieren: 

'^The fish oft'times ihe burghers (Usposseasedf 
And saif twt as a meat^ but as a guest" eto. 

Wie so oft auf der Welt hat wohl keiner ganz nnrecht. 
Bewundernswert ist ja die fast unerschöpfliche Leichtig- 
keit, mit der Marvell Gegensatz auf Gegensatz und Über- 
treibung auf Übertreibung häuft Aber, obwohl wirklich 
komische Stellen sich finden, Übertreibung verträgt man 
nur bis zu einer gewissen Grenze; und der Fehler, in den 
Marvell verfallt, ist, daß ihm die Kürze fehlt. Ich bedaure, 
nicht mehr unter dem frischen Eindruck der ersten Lekttire 



i) Hazlitt, ''Lectures on the English Foets . . .'\ 1899, S, 69ff. 
(II. T,: The Englüh Comic Wi-iters). 

*) ''Ä Tale for a Clümnetj Corner and other Eiaayif'' % Leigh 
Sunt, Londofi 1887 ^ S. 54 f, —Leigh Hunt/* Wii afid Humour**, London 
288:9, S. 33 ff., 218. 



— 71 




za stehen; doch glaube ich auch in diesem Falle in das 
übertriebene Lob Leigh HuntSj bei aller Zuneigung für 
Marvell, nicht einstimmen zu können. 

Das folgende Gedicht ist wieder ein Ruhmesblatt für 
die Republik j respektive für den bereits im vorigen Ge- 
dichte genannten Seehelden Admiral Blake: ''Chi the Victory 
obiained by Ädmiral Blake omr the Spaniards^ in the Bay of 
Santa Cruz in the Island of Teneriffe, 1657'\ Diese Schlacht 
fand am 20. April statt; die Nachricht davon kam früher 
nach England als Blake selbst, der noch auf der Heim- 
reise erkrankte und bald starb (Grosart). Der Dichter setzt 
nicht mit der Schilderung der Schlacht ein, sondern mit 
der Abfahrt der spanischen Silberflotte von Amerika nach 
Europa, die mit groBer Vorsicht meist bei Nacht fuhr, um 
nicht abgefangen zu werden. Auf den kanarischen Inseln, 
eren Reichtum Marvell ähnlich schildert wie in „Ber- 
mudas*', machten die Spanier halt. Nun folgt eine sehr 
patriotische, aber sehr naive Begründung: Weil das die 
besten Inseln sind, verdienen sie auch die besten Herren 
zu haben — das sind natürlich die Engländer ! Wie Marvel! 
früher den Holländern vorgeworfen hatte, so wirft er nun 
den Spaniern vor, wie unrecht sie taten, den Frieden mit 
England zu brechen. Die vor Santa Cruz vor Anker 
gegangenen und gelandeten Spanier be wundem die stolze 
Höhe des Pik von Teneriffa; in ihrer Brust jedoch, sagt 
der Dichter, trugen sie einen noch höheren Stolz, In dem 
Gedichte aber steht der englisohe Stolz leider dem spanischen 
nicht nach. Die Spanier zogen, als sie von der Annäherung 
der englischen Flotte erfuhren, die SchiflFe zur Versohanzung 
ans Land und erwarteten getrost die Ankunft Blakes. Nach 
einer ermunternden Rede an seine Leute begann dieser die 
Schlacht Schiffe sanken, andere flogen in die Luft; am 
Ende war die spanische Silberflotte zerstört; so errang 
Blake selbst auf unfruchtbarem Meere Lorbeer für sich 
und England, Am Schlüsse bricht eine menschlichere, 
mildere Ansicht bei Marvell durch; er wünscht^ daß alle 
Schätze der Welt in ein so tiefes Grab versenkt würden 
wie dieses Silber, denn dadurch würde die Ursache vielen 
Streites aus der Welt geschafft sein und das Land würde 
dem Meere seinen Frieden verdanken. 




— 72 — 



Diese heraic Cjouphis machen keinen er&eulichen Ein- 
drucki weil der Patriotismus in ihnen zum Chauvinia- 
mus gesteigert ist. Marvell wurde gewiß nicht mit der- 
selben Gemütsruhe und Bonhomie seine Schlußfolgerung 
gezogen haben, wenn die versenkte Silberflotte zutallig 
eine englische gewesen wäre ; ein seltsam e i n s e i t i g-phil- 
antbropischer Standpunkt also. 

Wir sehen in diesem Gedichte wieder die Vermischung 
der Gattungen und den Standpunkt des „«</ piciura sit 
poesis'' oder der Poesie als „redende Malerei" , mithin die 
Verwechslung von Sukzession und Koexistenz — nach 
Lessing — ^ wenn er von seiner dichterischen Tätigkeit 
sagt^ er ^male eine Szene**, das heißt ein Bild. Die grauen- 
volle Schilderung des Kampfes entspricht der Vorliebe des 
17. Jahrhunderts, das ja auch in den sogenannten Er- 
bauungabüehem und in Beisebeschreibungen Schilderungen 
von Greueln und Martern häufte. 

Die Vorstellung der Schlullzeilen, wo Fama sich auf- 
macht und an allen Orten die Siegesnachricht mit ihrer 
Trompete verkündet, ist eine Variante der alten Virgil- 
schen Vorstellung, 

Marvell stellte seme Muse auch in den Dienst zur 
Feier von Familienereignissen im Hause des Lord Pro- 
tektors. So schrieb er zur Vermählung von Cromwells 
Tochter Mary mit Lord Fauconberg im November 
1657^) zwei ''Songs on fhc Lord Fauronherg and ike Lady 
Marp Oromweir in Schäfereinkleidung. Im ersten ''S(mg'\ in 
viertaktigen jambischen Versen, sind der Bräutigam als 
Schäfer EnHymion und die keusche Luna»Cynthia, um die 
er wirbt, die Personen. Aus den einleitenden Zeilen des 
Chores erfahren wir, daß jetzt» wo alles schläft, selbst Astro- 
logen und Wölfe (1), der Schäfer Endymion allein auf dem 
Hügel länger wacht als der Mond. Er fleht Cynthia, die 
Hüterin der Sterne, um Erhönmg seiner Liebessehnsucht 
an* Sie aber gibt ihm zur Antwort, sie habe genug mit 
ihren Schafen zu tun — eine ähnliche Antwort wie in dem 
alten schottischen Gedicht von '^Mohin and Makgn\ Nach 
wiederholten Bitten und ebenso vielen Abweisungen spricht 



1) Grasart, /, 142. 



^ 73 — 



• 



ihm der Chor, der offenbar mit seinem guten Engel oder 
der Hoffnung identisch ist, Mut und Trost zu: auch Au- 
chises sei nur ein Schäfer gewesen und doch habe ihn 
Lunas jüngere Schwester im Schatten des Ida erhört So 
ermutigt^ versucht Endymion Latmos' Gipfel zu erklimmen; 
doch unfähig, ihn zu erreichen, fleht er sie nochmals an, 
sich doch zu ihm herabzulassen. Ihre Abwehr ist schon 
minder schroff und plötzlich hören wir, daß sie inzwischen 
wirklich schon herabgestiegen ist, denn sie sagt: „Dietäe 
Höhle ist dunkel." Er aber freut sich, denn da kann sie 
niemand sehen^ imd wenn Cynthla drinnen strahlt, ist die 
Hoble ja sein Himmel. Der Chorus stimmt den Jubel- 
gesang an : „Heil dir, Endymion ! Denn du hast CjTithias 
Gunst gewonnen und Jupiter selbst billigt eure Liebe; 
denn wer ehrlich und tapfer und weise ist, ist auch den 
Göttern lieb.^ 

Dieses Gedicht ist keines der unerfreulichen, aber eS 
ist in einem Tone geschrieben, der uns heute fast zweifeln 
laßt, ob wir lachen dürfen oder nicht; an einigen Stellen 
fühlt man sich trotz alles Dekorums dazu versucht ; warum 
auch nicht, nachdem wir es ja mit einem Hochzeits- 
gedicht zu tun haben. Einen etwas scherzhaften Ton durfte 
sieh also Marvell selbst diesen hohen Personen gegenüber 
erlauben. Einige Wendungen, die lächerlich wirken könnten, 
sind aber gewiß, in der damaligen Zeit, ernst gemeint. 
Beachtenswert ist^ daß dieses Hochzeitsgedicht sich von 
zeitgenössischen, ähnlichen Gedichten sehr dadurch unter- 
scheidet, daß alles Frivole und Derbsiniiliche darin fehlt. 

Die Vermutung in Grosarts Anmerkung, daß die 
Stelle von den Sternen, den mächtigen Kivalen, sich auf 
Karl (H) bezieht, der aus politischen Gründen Cromwells 
Tochter heiraten wollte, ist wohl abzuweisen, denn Karl 
wollte nicht Mary, sondern die älteste Tochter heiraten 
und übrigens bedarf die Stelle von den Sternen in ihrem 
Zusammenhang keine fernliegende Auslegung. 

Endymion sind stets vier, Cynthia zwei Zeilen in den 

iMund gelegt, mit einmaliger Ausnahme, Diese Verszeilen 
des Dialogs sind alle regelmäßige viertaktige Jamben. Der 
Chorus tritt dreimal in Aktion tmd jede dieser drei 



— ll 



mäBigsten: sechs Zeilen, vierbaktig-jambisch und paarweise 
reimend. Di© zweite Chorstrophe in der Mitte des Ge* 
dichtes besteht gleichfalls aus sechs Zeilen dieser Art, die 
fünfte Zeile aber ist dreitaktig und die sechste ist fiinf- 
taktig; diese reimen weiblich. Die letzte Chorstrophe be- 
steht ans acht Zeilen nach dem Schema 2433^44^^ ^^^ 
also am unregelmäßigsten, 

'*T}ie Secöfid Song'* hat ebenfalls Schäfereinkleidung; 
die Personen sind zwei Schäfer, Hobbinol und Thomahn, 
und die Schäferin Phillis. Diese will zur Vermählung der 
Tochter Menalcas (= Cromwells) mit dem Sohne des nörd- 
lichen Schäfers (Lord Fauconberg) Blumen winden, aber 
Thomalin sagt ihr, daÜ keine von den vorhandenen Blumen 
fär die Braut schön genug sei. Auch der grüne Zweig, den 
sie dann nehmen will, sei überflüssig, weil in Menalcas 
Halle Lorbeer genug wachse, den dieser selber pflanzte — 
ein Lob auf Cromwell, Dann naht die Braut selbst; der 
eine Schäfer vergleicht sie mit neugewaschenen Schafen. 
Auch an den Bräutigam legt er seinen Schäfermaßstab an. 
Sie begrüBen das Paar dann mit einem Chorgesang, in 
dem sie der Freude Ausdruck geben, dall jetzt auch andere 
heiraten können, denn vor Marina und vor Dämon durfte 
kein anderes Paar es wagen. 

Dieses Lied ist für den Hochzeitstag selbst bestimmt, 
während das erste offenbar der Verlobung galt. In beiden 
haben wir also Schäfereinkleidung, in beiden einen Chor. 
Der Unterschied dabeiist der, daß im ersten Liede das 
liebende Paar selbst redend auftritt, während im zweiten 
nur von ihm gesprochen wird. Im ersten Liede ist der 
Chorus unsichtbar und unbestimmt gelassen, im zweiten 
ist er sichtbar und besteht aus den Personen des Liedes. 
Gemeinsam ist beiden "Songs*' — nicht als Hauptsache, 
sondern in zweiter Linie — das Lob Cromwells, den er 
im ersten Liede unter Jupiter, im zweiten unter dem 
Schäfer Menalcas versteht. Die Schäfemamen hat der 
Dichter offenbar Spensers ''Shepherd's Calendar" entlelmt. 
In diesem zweiten ''Song'* ist die Einteilung formell die, 
daß die Männer immer je vier Zeilen sprechen, während 
das Mädchen zwei Zeilen spricht. Abweichend vom ersten 
^*8üfig'' haben wir hier viertaktige trochäische Reimpaare. 



* 



i 




— 75 



Di© Chorstrophe allein ist jambisch^ achtzehn-, respektive 
zwanzigzeilig, die ersten zwei Zeilen kehren nämlich am 
Schlüsse (Z. 19 u. 20) als Refrain wieder. M 

Den Abschluß der Reihe der ''Cromweliian Poetus" 
bildet ein umfangi*eiches Gedieht von 324 paarweise ge- 
reimtenj fünft aktig-jambischen Zeilen: ^*Ä Poein upon the 
Deaih of His Late Highness ihe Lord Froietior" (f 3. Sep- 
tember 1668). Der Inhalt ist nur scheinbar ein wirres 
Durcheinander, in Wirklichkeit geht Marvell ganz geordnet 
vor. Zuerst spricht er von der Vorsehung, die stets für 
Cromwell sorgte; diese wollte ihm einen Tod geben, der 
sein herrliches Leben nicht entstellte. Nach einem Ver- 
gleich aus dem Theater folgt die uns schon bekannte Be- 
tonung, daii Cromwells Natur keine kriegerische war; er 
war nur das Werkzeug des erzürnten Himmels. Aber sein 
Herz war sanft imd milde. Drum sollte auch sein Ende so 



sem* 



^ Liebe" und „ Kummer'^ wurden also mit der Aus- 



führung des Urteils betraut. Jetzt kommt die Vorgeschichte 
seiner Krankheit, eine psychologische Motivierung. Eine 
schleichende Krankheit ergrifif Elisa, seine Lieblingstochter, 
und da litt er jeden Schmerz mit. und als die Nome 
endlich ihren Lebensfaden abschnitt, war auch Gromwells 
Schicksal entschieden und er^ der sich selbst so oft un- 
sterblich gezeigt hatte, starb aus Mitleid für jemand 
andern; so wie der Weinstock, der lange fruchtbar stand, 
wenn zulallig ein Ast von ihm geschnitten wird, auch 
selber welkt und stirbt. Neben echtem Pathos finden wir 
nun auch unnatürliche Spitzfindigkeiten, die uns kalt 
lassen, so gut sie auch gemeint sein mögen ; so die 
folgende Steile, wo die Sterne, nachdem die Todes art 
entschieden ist, die Todesstunde für Gromweil festseitzen 
sollen^ wobei sie sich für den 3. September entscheiden, 
den Gedächtnistag der glorreichen Schlachten von Dunbar 
und Worcester, damit, wenn er an diesem Tage sterbe, 
seine Feinde, die sein Tod erfreuen würde, dennoch des 
Tages mit Schmerzen gedenken müssen, während seine 
Freunde in der Erinnerung an diese Ruhmestaten zugleich 
einen Trost finden.'*) 

*) Sieh S, 153 diej^er Arbeit. 

«) Nocb Byron CVhilde HaroMs Pügrimage', IV, 86) stellt die 



76 -. 



Dann bespricht der Dichter Cromwells Bedeutung 
für England und die Welt Er war der erste, der Waffen 
in die Hand der Religion gab, er lehrte die Soldaten^ den 
inneren Panzer des Glaubens zu tragen und Gott und 
sonst nichts zu fürchten.*) Keinem gehorchte der 
Himmel je so, seit Gideon die Sonne zum Stehen brachte. 
Wie er seine eigenen Kinder liebte, so liebte er auch als 
Kinder des Höchsten alle Menschen, Alles, was er tat, tat 
er für sie. 

Nun wird Marvell ganz persönlich. Er klagt, daß 
er ihn nicht mehr sehen werde; wenn Crom well aus der 
Tür trat mit seiner ehrfurchtgebietenden Gestalt, schien 
es, als trete Mars durch das Tor des Janustempels ; doch 
wurde der Eindruck stets durch eine freundliche Miene 
gemildert. Jetzt aber ist seine Stimme verstummt, die klug 
dem Arm oft Arbeit ersparte. welche Nichtigkeit der 
menschlichen Dinge! klagt er. Und doch lebte solch un- 
vergängliche Größe in seinem vergänglichen Körper. Nun 
kommt ein konsequent durchgeführter Vergleich. Er glich 
der Eiche, die ihre Äste gegen Himmel streckt und ihre 
Wurzeln durch die Erde; und wenn Jupiter den Blitz aus- 
schleudert und auch seinen eigenen Baum nicht verschont 
und lim fällt und nun der Eiese ausgestreckt daliegt am 
Boden, da sehen wir erst seine volle Größe, die wir, 
solange er stand, nicht richtig abschätzen konnten* So 
fallen auch mit Cromwell seine Schatten, und reiner und 
größer steht er da, da er tot ist. Noch in fernen Zeiten 
wird man sein Lob singen und sich an seinem Namen be- 
geistern. Am Schlüsse des Gedichtes verwendet der Dichter 
andeutungsweise das beliebte Motiv des Zusammentreffens 
des.Helden mit den Heroen der Vorzeit in der Unter- 
welt, ein Motiv, das sich in ausgeprägterer Weise, in der 
Form eines wirkliehen Gespräches, bei MarveU noch zwei- 
mal (in "Tmn Mm/s Deatli* und in ''The Loyal Scot") .findet. 



Bedeutung dieses Tages, des 3. Septembers, für Cromwell susaimmeizi, 
indetn er sagt, daß dieser Tag, der ihm alles gab, auch wieder 
alles nahm. 

*) Kann als eine noch frühere Vorahnung des Bismarck- 
sohen geiltigelten Satzes als die bisher als älteste bekannte lo 
Haoines „Ätfiatie" hervorgehoben werden. 



- 77 - 



Das Ende bildet ein Blick in die Zukunft: wie auf das Ge* 
witter der Regenbogen folgt, ho folgt Richard auf Oliver, 
der Sohn dem Vater, der Friede auf den Krieg, wie ein 
befruchte nder^ milder Regenschauer auf die strafende Sint- 
flut; eine Hofinung Marvells, die aber bekanntermaßen 
nicht in Erfüllung ging. 

Der ganz persönliche Charakter dieses Gedichtes 
bringt es mit sich, daß wir von einer eigentlichen Ein- 
kleidung nicht sprechen können; der Dichter erzählt ein- 
fach, er tritt als Historiograph oder Biograph auf, aber 
nicht des ganzen Lebens, sondern nur alles dessen, woraus 
er Cromwells Tod ableitet. Er führt eine mythologisch- 
allegorische Maschinerie ein, "ZiOve'\ "Griefe ,,Prcviden€€'\ 
'*Fat€'\ *'Nature*' und ''DeatW* stellt er als Wesen hin, er 
personifiziert sie. Daß er so oft Vergleiche mit dem 
Theater zieht, ist auffällig, da Marvell niemals Drama- 
tiker war und auch die Bühnen damals geschlossen waren. 
Die Länge des Gredichtes gibt ihm wie im *'First Anni- 
versary , . .*' und allen umfangreichen Gedichten Gelegen- 
heit, seine Kunst im Bau langer, verwickelter, aber dennoch 
klarer Perioden zu zeigen. Konstruktionen von 3, 4, 
ö Sätzen im Ausmaße von 10 bis 20 Verszeilen sind keine 
Seltenheit. Um eine Vorstellung von Cromwells Wert zu 
geben^ vergleicht er ihn, aber nicht mit einem Vorbilde, 
sondern gleich mit einer ganzen Reihe: mit König 
Arthur wegen seiner Tapferkeit, mit Edward dem Be- 
kenner wegen seiner Frömmigkeit, mit Gideon wegen 
seines Einflusses im Himmel und auf Erden, mit Mars, 
David, Moses, Josua, Jupiter; aus der ganzen Welt- 
geschichte und aus der Mythologie — ohne deren Kenntnis 
ein Verstehen MarveUs ebenso ausgeschlossen wäre wie 
bei der ganzen Renaissancedichtung — greift er seine Ver- 
gleichsgegenstände heraus, in buntem Durcheinander, nur 
um seinem Lobe größeren Nachdruck zu verleihen. Einen 
Anklang an volkstümliche Poesie und einen Kunstgriff 
derselben finden wir in den Zeilen 281—285: 
**As long as ricerji to tlie sea sball tun, 
Äs long as Ci/nthia shall relieve ihe sun, 
While stags shall fly unto Oit foresis tfiick, 
White she^ delighi tlie grasag down» to pick, 
A» long asfuture tiute sitcceeds Üie poät * . .,'' 




— 78 — 



also in der Anhäufung von Sätzen, die mit „so latig*^ be- 
ginnen, zum Ausdruck der Unendlichkeit; wie im Volks- 
lied auf eine solche Aufzählung als Schluß meist folgt: 
— „so lang werd' ich dich lieben** — ist hier natürlich 
die Pointe: so lang wird Cromwells Andenken dauern.^) 

'*/ saw him deadr beginnt er seine eigentliche Klage; 
80 wie er früher in diesem Gedichte sagt: "-Sa have Zsem 
a vine . . /* (und im '*First Atinivef^sary": '*So have / s^en 
ai sea . . /'); das Hervortreten des „Ich" also. Er schildert 
ja seinen persönlichen Eindruck von dem Toten, den 
er ja so oft persönlich gesehen. Aus jeder Kleinigkeit ent- 
nehmen wir, daß es kein Fernstehender war, der Cromwell 
hier besang, sondern ein Verehrer und Freund, der seinen 
persönlichen Umgang genoÜ; so, wenn er den Eindruck 
beschreibt, wenn Cromwell morgens aus seinem Zimmer 
unter die Harrenden trat; wenn er die einzelnen Mitglieder 
seiner Familie kennt, die häuslichen Freuden Cromwells 
schildert und auch das Leiden seiner Lieblingstochter Elisa. 
Um so anerkennenswerter bei diesem hohen Lobe ist Mar- 
vells Unparteilichkeit, mit der er zugibt, daß Crom- 
well auch seine Schattenseiten hatte — ein schönes Gegen- 
stück zu der Unparteilichkeit gegenüber einem Feinde in 
der „Horazischen Ode". 

Solcherart und wenn wir alle seine ''Cromwellian Paems^* 
überblicken^ ist Marvell der eigentliche Dichter 
Cromwells, trotz Waller, Dryden etc. Diese haben 
Cromwell auch besungen, aber weil Nützlichkeitsgründe 
gerade dafür sprachen; in formvollendeten Gredichten hat 
Dryden fast in einem Atem den Tod Cromwells beklagt 
und die Rückkehr Karls IL besungen. Das hätte Marvell 
nie über sich gebracht. Wo er lobt oder tadelt, da kommt 
es ihm aus dem Herzen. Als Dichter Cromwells*^) hätte 
Andrew Marvell wohl in den Literaturgeschichten Er- 
wähnung verdient. Von Wallers Gedicht '^Upon ihe 



1) Ygl. die interessante paxodistische Wendung dieser Stelle^ 
der Beteuerung der unendUclien Dauer« bei Pope im Sohlnßpassu^ 
des dritten canto seines "Eape of ihe Lock'\ und ernst iin vierten 
Pmioral "Wint€r*\ zehnte Zeile vom ÖchinJä, der hier entweder auf 
Marvell selbst oder eine mit ihm gemeinsame Quelle (?) zurückgeht. 

^} Birrell nennt ihn (3, 71) den LawrcaU des Protektorats. 



; 



4 



- 79 — 



^^death of ihe Lord Prot€ctor*\ in dem derselbe gleich Mar- 
vell von dem Sturm bei Cromwells Tod allegorischen Ge- 
^■brauoh machte rühmt Bleibtren,*) der mit seinem Lob 
^PgewiU sparsam ist, den hohen ernsten Ton; und nicht mit 
Unrecht, Aber mit noch mehr Recht verdiente Marvells 
Gedicht Erwähnung und Lob; vor allem aber die groß- 
artige **Horatian Ode'\ die von allen englischen Be- 
urteüem gerühmt wird*") Es ist wirklich nicht einzusehen^ 
warum der Name Marvells weniger bekannt und genannt 
werden sollte als der eines D e n h a m oder Waller. 
^^ Nun treten wir in die Betrachtung der dem Leben 

^" und der Dichtung nach letzten Periode Andrew Marvells 
ein, die von der Restauration bis an sein Ende 
reioht, 

^m Dritte Periode, 

H (1660—1678.) 

^m Es wird sich auch hier empfehlen, kurz den Q^ng der 

historischen Ereignisse während dieser Zeit sich ins Ge- 
dächtnis zu rufen. 

Fast genau ein Jahr nach Richard Cromwells Ab- 
dankung hielt der zurückgerufene Karl IL seinen Einzug in 
London, Gleich am Beginn seiner Regierung zeigte sich 
sein Charakter, indem die feierlich versprochene Amnestie 
nicht gehalten wurde; die hochkirchlichen Artikel wurden 
mit Zwangsmaßregeln durchgesetzt; andererseits fanden 
seine katholisierendeu Tendenzen Ausdruck durch seine 
Vermählung mit einer portugiesischen Prinzessin. Da er 
fortwährend Geld brauchte^ wurden die Parlamentsmitglieder 
bestochen. Im übrigen waren ihm seine Maitressen wichtiger 
als alle Staatsangelegenheiten; dasselbe gilt von seinem 
Bruder. Auch bloß um Geld zu erhalten, gab er sein Heer 
zum Kriege gegen Holland her^ den Ludwig XIV. unglück- 
lich ftihrte. Die allgemeine Unzufriedenheit wuchs. Da man 
die katholischen Neigungen des Königs kannte, so galten 
seine Freunde, die Katholiken und der Papst, als Anstifter 
alles Unheils, das das Volk traf, zum Beispiel auch des 

») Gench. il engl Lit, /, 134/. 

3) Vgl. i4uch Äitken, "Poems'\ p,LXV,; ferner A. Chr. B e Q- 
fion, *'EMa*fs*\ London 1896, p, 84 f. 



m 



— 82 - 



ins öffentliche Leben, in die Politik eintritt, hört seine 
Dichtung auf ^ wenn wir unter Dichtung Lyrik verstehen. 
Eigentlich ^Dichter'^ wollte ja Marvell nicht sein: er hat 
seine Produkte der Phantasie bei Lebzeiten im Polt ver- 
schlossen gehalten. Jetzt, in der dritten Periode» bringt er 
seine politischen Gefiihle in Verse, seine Anschauungen, 
Spott und Klagen ; jedes bedeutende politische Ereignis 
sowie die unterlaufenden Privat-Intriguen erwähnt er in 
seinen Satiren, oft in buntem Durcheinander. Sein spotten- 
der Tadel und Unwille richtet sich stets gegen das wirk* 
lieh Verkehrte und Schlechte, wenn auch vielleicht in der 
Hitze der Parteigefechte mancher Gegner zu oft vorge* 
nommen wird. Ausgezeichnet ist die Charakterschilderung 
mit einzelnen^ wenigen Strichen: dabei entfaltet er einen 
glänzenden, freilich meist bitteren Humor. Gewii3 ist anzu- 
nehmen, daß er vieles schrieb, respektive hinwarf, was 
nicht auf uns gekommen ist. Dieser Flüchtigkeit der 
Abfassung entspricht oft die schlechte metrische Form, die 
rüde Behandlung des heroic coupht, in dem die meisten 
Satiren veriai3t sind. 

Nach dem Gedichte „auf den Tod des Lord Pro- 
tectors" im Jahre 1658 haben wir eine Lücke von mehreren 
Jahren in Mar^^ells poetischer Tätigkeit; auch seine Kor- 
respondenz fehlt während dieser Zeit So wenig diese wohl 
ganz unterbrochen blieb, so wenig wird seine Dichtung 
ganz ausgeschaltet gewesen sein; aber erhalten ist uns 
nichts. Eine Erklärung bilden seine teils privaten, teils 
offiziellen großen Reisen , die in jene Zeit fallen* Die Kor- 
respondenz beginnt dann Ende 166Ü| während die Dichtung 
erst 1667 wieder einsetzt, also nach einer Paus© von fast 
einem Jahrzehnt. 

Das Milieu seiner Satiren, denn das sind jetzt seine 
Dichtimgen, ist das der führenden Kreise in der Zeit 
raffinierter Schlechtigkeit, in der sich der englische Hof 
nur mit dem zu Paris vergleichen konnte ; kurz gesagt, die 
Zeit der Restauration, die nur eine Übergangszeit war zur 
"ghrious rebeiiion*\ jene Zeit, die jedem lebhaft genug vor 
Augen steht, wenn er den Namen Karl IL hört, von dem 
Thackeray sagt, er war ein Schuft, aber kein Snob.^) 

*) Snahsbuch, 2. Kap, 



4 
4 



4 



— 83 



L 



Andrew Marvell ist ein englischer Juvenal im kleinen; 
ohne etwas zu verschönern^ sagt er alles direkt heraus, 
nennt die Laster bei ihrem wahren Namen, daher er oft 
Ausdrücke gebraucht, die nicht salonfähig sind. Den Inhalt 
dieser Satiren zu geben, ist eine undankbare Sache, denn 
ohne den Witz, der nur im Original richtig wirkt, ver- 
lieren sie viel von ihrem Keize, ja, sinken oft für den 
heutigen Leser, der nicht vorher mit den geschichtlichen 
Werken oder Memoiren jener Zeit sich vertraut gemacht 
hat, zu einer bloJ^en Aufzählung von Namen herab, die 
freilich fÜi* die Zeitgenossen ihren bestimmten^ wirksamen 
Begriffsinhalt hatten. 

Das erste, aus dem Jahre 1667 erhaltene Gedicht, 
von ungeheurer Länge, eine Verschronik mit satirischer 
Tendenz, ist betitelt: ''The last Instructions to a Painter 
about the Dutch Wars, 1667/' Die Einkleidung ist, wie 
der Titel andeutet, die, daß er angeblich einem Maler in 
den Pinsel diktiert, was er malen soll, wobei sich natürlich 
Gelegenheit ergibt, über alles mögliche zu sprechen.^) 
Diese Form ist nicht originell, was Marvell im Titel C'Lasi ) 
und in den Anfangszeiten zugibt: 



^*Äfi€T iwo HitifxgSf tww our Lady ^'toif, 
To end Her picturf, daes Hie third iime waiV 



*^Dame Staat'' hat also dem Maler schon zweimal 
gesessen und jetzt kommt die dritte Sitzung. Unter den 
ersten zwei „Sitzungen" meint er die gleich angelegten, 
aber in royalistischem Sinne gehaltenen Gedichte gleichen 
Titels von Waller^) imd Denham®). Eine genaue Inhalts- 
angabe des dreiteiligen, rund 1200 Verse umfassenden Ge- 
dichtes würde zu weit führen und hätte keinen besonderen 
Wert. Zur Erklärung der Bezüge, die heute ohnehin keine 



^) Diese Voratissetzung gebort demnach in die Rubrik „Ver- 
mischung der KuQätgattungen^ : Wenn er ,, Szene auf Szene^^ an 
uns %*orüberziehen läßt ("^ ÄppleiofuHouse'') , so ist das Vormisohuiig 
der Dichtungtjgüttuugen: Epik und Drama. Das Drama bringt er 
noch ifi die Gedicbte in der "Horatian Ode^ und dem Gedicht auf 
Cromwells Tod. Er spricht selbst von der Vennischtmg der Kunst- 
gattungen : '■poeiic pkture, paintcd poetry''. C^Instructwns , . /% V. 8Ö6,) 

2) BicUmary of Nat Biogr,, toi LIX, p. 1^3ff. 

»} Ebenda vol. XIV, p. 346 f. 



— 84 — 



vollständige mehr ist, sei auf Gros arts Noten ^) verwiesen. 
Ich begnüge mich, im folgenden die technischen Mittel 
seiner Satire aufzuzeigen und die Vergleiche zu geben^ auf 
denen der Witz beruht. 

Am Eingang setzt er von dem Maler voraas, da£ er 
ohne Farben malen könne, so wie England ohne Schiffe 
Seekriege führen muiJ ; ein Hieb auf die Vernachlässigung 
der Marine, Den Namen des Henry Jermin of St. Albans, 
eines Glücksritters und Weiberjägers, benutzt er zu einem 
Wortspiel; er sieht in ihm gleich zwei Heilige vereint, 
St German und St. Alban. Die Herzogin von York, ge- 
borene Nan Hyde, preist er als die größte Erfinderin, die 
von der Royal Society diplomiert zu werden verdient; sie 
habe es verstanden, die so oft gesuchte Maschine zu er- 
finden, mit der man ein Mädchen, nachdem es geboren 
hat, wieder zur Jungfrau machen kann; auch bringe sie 
es zu Stande, königliche Erben in weniger Monaten zu 
produzieren, als gewöhnliche Mütter sonst aushalten müssen; 
ein direkter Vorwurf der Kindeaunterschiebung, Er er- 
wähnt ihre chemisch en Studien, denen sie es verdankt, 
lästige Eivalinnen mittels einer harmlosen Schokolade ins 
Jenseits befördern zu können. Dann spottet er in sehr 
derben Auadrücken über Lady Castlemain, eine abgeblühte 
Dame^ die sich in ihren Groora verliebte und sich seinet- 
wegen frisch aufpuderte. In längerer Ausführung wendet 
er sich nach dieser gesellschaftlichen Satire dem Paria* 
ment zu, das er mit leichtsinnigen Spielern vergleicht, 
die um das Wohl des Volkes würfeln. Die ^'Eüceise^', die 
zur Bestechung nötig sei, nennt er ein Ungeheuer mit 
tausend Köpfen, das alles verschlingt. Humorvoll ist die 
Zusammenstellung : 

"Thick was tht; moni»if^{= Nebel); and the FTouse f= Parl&meDti /r«* 

thinr (V, 285.) 

Die Beden im Parlament schildert er als einen 
Kampf; auf der einen Seite stehe eine einige Partei, die 
Korruption, während die anderen Parteien zersplittert sind. 
Den Poeten Edmund Waller läßt er als frumpct-gmeral 
auftreten. Marvells Kenntnis der italienischen Dichter zeigt 



i) Vol l p. 288 ff. 



— 85 — 

ein Zitat aus "Orlando (furioso)^ famous in rotnanc€^\ Wie 
seJir der Dichter als Parlamentsmitglied die eharakte- 
riatisehen Gewohnheiten der einzelnen kannte und aufs 
Korn nehmen konnte, zeigt der Passus, wo einer der 
Tapferen, ermüdet, om sich zu erholen, weggeht '^to breathe 
a while tobac'\ Die Rettung vor dem Überfall der Steuer- 
vorlagen briugt an diesem Tage "a gross of Engltsh geniry*\ 
der er hohes Lob widmet. Auf ihrer Fahne ist der heil. 
Dunstao abgebildet, wie er den Teufel in die Nase zwickt. 
Ergötzlich ist die Sentenz: 

'■ What frosts to fruiU, what arsaiic to the rate, 

What to fmr Denham mortui dmcalate}) 

What an account io Carter H, thai and mort 

A parliament ü to (Jie Omncellor," (Vv. 841—344.) 

Geradezu haarsträubend aber sind Dinge, deren Wahr- 
heit leider historisch verbürgt ißt: 

"Now Moräaimt may witkin Äw castle-tower 

Imprison parents and their child defloiver.'' (Vv, 349/860,) 

Man muß nur staunen, daß Marvell nicht mehr dar- 
über sagt, aber "nerves were tough in those dags'% wie 
Birrell (p. 95) bei einer andern Gelegenheit meint. 

Clarendon, den Lord Chancellor — den Verfasser der 
*'Hisiory of the Rebetlion'* — ^ dem er später eine eigene 
Satire widmet und der der Gegenstand seines besonderen 
Hasses war, vergleicht er ironisch mit dem allmächtigen 
Jupiter, wie er im Palast© thront, eifrig um den Frieden 
besorgt, damit — sein Geld in Sicherheit sei, so die 
höchsten Angelegenheiten des Staates seinen Privatinter- 
essen unterordnend. Mitten hinein fällt eine Äußerung über 
die Aufgabe der Dichtung, übereinstimmend mit seinen 
anderweitig ausgesprochenen Grundsätzen: durch Bloß- 
stellen und Lächerlichmachen des Lasters will er bessern ; 
also die Horazische Nützlichkeits- oder Zweckbetonnng 
in der Dichtxing. Dann spottet er über die englische Flotte: 
im ersten Jahre des Konfliktes zeigte man sie bloß, im 
zweiten wurde sie geteilt und im dritten war sie überhaupt 
nicht mehr vorhanden. Ahnlich charakterisiert er das Ver^ 
halten des Lord-Kanzlers im Augenblicke der Gefahr durch 



1) Anspielung auf die erwühnte Vergiftung 8. 84. 




— 86 



Holland: zuerst gibt er Beföhle, dann widerruft er sie und 
zuletzt gibt er überhaupt keine. Marvell benutzt also 
wiederholt das Moment der komischen Aufeinanderfolge, 
die Klimax. Oder: er sagt etwas atis und macht dann 
solche Einschränkungen, daJi die erste Aussage aufgehoben 
und nichtig ist. Zum Beispiel: dem Führer, der gegen 
die Holländer ziehen soll, sagt man, es stehe alles zu 
seiner Verfügung; nur sind die SchiflFe ungetakelt, die 
Forts unbemannt, das Geld ausgegeben, Monsieur Lewis 
(Ludwig XrV. von Frankreich) will trotz Versprechungen 
und Verwandtschaft nichts von Hilfeleistung wissen, dafür 
schickt er ein gefühlvolles Teilnahmsschreiben mit Zitaten 
aus Seneca. Nun bekrittelt er den unglücklichen Krieg 
gegen die Holländer. Man schickte den berühmten Monk 
gegen sie, aber erst als De Buyter schon in die englischen 
Gewässer eingedrungen war. Hier finden wir wieder das 
persönliche Hervortreten des Dichters mit den wohl- 
bekannten AVorten "So have I seen . . /* Dann setzt eine 
Schlachtschilderung ein: Sprag eilt beim Herannahen der 
Holländer von Sheniess nach Chatham, er in der Front, 
die Mannschaft ihm nach : was gewöhnlich als Zeichen des 
Mutes gilt, wenn es gegen den Feind geht, ist natürlich 
hier, auf der Flucht, eine LächerUchkeit Er kontrastiert 
sodann ' die Zeiten an dem Aussehen der Schiffe. Den 
Namen des Kapitäns Daniel benutzt er wieder zu einem 
Wortspiel: als dieser sich an Bord der Übermacht gegen- 
über sah, hielt er sich für Daniel in der Löwengrube; 
nur war er weniger kühn und zog es vor zu entfliehen. 
Auch den Namen des Schiffes **Lo//a? Londmt'* benutzt er 
zu einem Wortspiel, indem er sagt, daÜ „London" jetzt 
zum dritten Male brannte: — früher nämlich die Stadt 
London 1666 und noch früher, 1665, ein Schiff „London'^. 
Bei der Schilderung dieser unglücklichen Schlacht von 
Chatham (12: Juni 1667) vergeht dem Dichter der Humor 
und die ganze Bitterkeit bricht durch. Dann aber verhöhnt 
er die Sucht, für da^ Unglück einen Sündenbock zu finden; 
er stellt ironisch eine Reihe von Fragen, wer an dem und 
dem Unglück schuld sei, und immer ist die Antwort im 
Reim *^Petr, so daÜ wir durch sechzehn Zeilen hindurch 
diesen Reim haben. Er gibt ironisch recht: gewiJJ, hat 



i 



4 




■^ 8T — 



I 



I 



der Erbauer Pett die Schiffe überhaupt nicht gebaut, so 
hätten sie nicht verlorengehen können. Dann beschreibt er 
den Wiederzusammentritt des vertagten Parlamentes, neue 
Känke von Seite Hjde- Ciarendons und des Speakers 
Turner, des Koches, wie er ihn nennt, der es wohl ver- 
stand, jede „Sauce" für Whitehalls, das heiJit des Königs 
Verdauung herzurichten. Auf Turner geht auch eine etwas 
derbe Stelle: 

''His patimt püi ke eauld hold langer (hau 

An urinal, afui nt like anff henJ' (Vv* 831/832.) 

Zum Schlüsse läßt er von dem fiktiven Maler den 
König malen, in einer Vision, ein nacktes AVeib vor ihm, 
mit oflenem Munde, gefesselten Händen und einer Binde 
vor den Äugen, aus denen Tränen flieiJen. Während der 
König nachdenkt, ob es England oder der Friede war, 
erscheint schon eine neue Vision, der Geist seiner Vor- 
fahren Heinrichs IV. von Frankreich und Karls L Der erste 
zeigt ihm seine Wunde in der Brust und Karl zeigt ihm 
den roten Streifen um den Hals und spricht leise Worte 
2U ihm. Infolgedessen beschließt er am Morgen Clarendons 
Absetzung. Am Schlüsse spielt Marvell auf Karls IL Kunst- 
liebhaberei an, der ja selber malte und dichtete. 

An diese Satire, das heißt an diesen ersten Teil der- 
selben, der ernst und hoffnungsvoll endet, schließt sich 
eine Bitte "7b the King'': Wenn man die Sonne mit dem 
Fernrohr betrachtet, so sehe man^ daß sie Flecken auf- 
weist, die sie nie verlassen, die ihre Krankheit sind. So 
möge auch der König die Muse nicht tadeln^ die ihm die 
Flecken zeigte, die sein Licht entstellen, jene Leute näm- 
lich, die Königreich und König trennen wollen, indem sie \ 
sich zwischen Volk und Herrscher stellen. 

Der *'Second Part'* der *'Imtructi4)tis'\ bei Grosart 
unter dem Subtitel ^' Advice to a Pmnter*% wendet sich 
gegen den Herzog von York, späteren James II., und 
seinen papistischen Kreis; dessen Überzeugung sei, ein 
Prinz von Geblüt dürfe alles tun: 

**And I do Batf ii, therefare f«V ihe ImV* (Y, 36 ) 

Marvell bedauert die zweite Gattin desselben, die un- 
glückliche gold lockige Maria Beatrix d^Este, die in ein 




— 88 — 



fremdes Land keim, schwacher Hoflhungen wegen, einst 
Königin zu werden, die aber, gleich ihrer Vorgängerin 
von der ansteckenden Krankheit ihres ansBchweifenden 
Mannes infiziert, jung starb. Als Ratgeber all dieser 
Schlechtigkeit betrachtet er den demütigen Heuchler 
Clifford. Auf einen andern Ratgeber, Lord Bellasis, 
mÜDzt der Dichter das herbe Wortspiel (Vv. 83 — 86) : 
"The hera once got hanwur Inj Im mcord : 
He got hie weaith by breakmg of Hü word, 
And nmo his daugkUr he hath got tütth child,** 

Am Schlüsse spricht sich dennoch Vertrauen und 
Hoffnung auf Besserung aus- Klügere als die Genannten 
hätten schon versucht, England zu ruinieren und es hat 
es ausgehalten. Um so eher werde es den Bestrebungen 
solcher Toren entgehen. 

Wieder schließt sich daran eine Anrede **2b ihe King**, 
den er bittet, Mitleid zu haben mit dem Throne, der 
nicht durch ihn, sondern durch andere erschüttert werde. 
Er mahnt ihn, sich zu hüten, daß er nicht Krone und 
Leben zugleich durch einen falschen Bruder (James) und 
einen falschen Freund (Talbot) verliere. Eine ziemlich 
deutliche Sprache. 

Im '*Tkird Part*' oder ^'Fariher Instructions'* endlich 
will er Rom und London auf einem Gemälde haben, um 
Gericht zu halten über die zwei ausgearteten Herrscher; 
Karl I. und Aurelius klagen über ihre entarteten Nach- 
folger, Karl IL und den neuen Papst, die Lieber zu ihren 
Maitressen als zu ihren Regierungsgesehäften gehen. Er 
verspottet den Staatsrat, wo bei vollen Bechern über das 
Soliicksal einer armseligen Nase entschieden wird — eine 
Anspielung auf die Grausamkeit gegen Sir John Coventry, 
die öfters wiederkehrt. Zum Schlüsse läßt er die Olympia 
malen, Karls neueste Maitresse Neil Gwynne, die Schau- 
spielerin, im Kreise ihrer Anhänger. Dieser Teil schließt 
bezeichnenderweise nicht mehr **To the King'\ 

Wir haben sicher anzunehmen, daß ein solch um- 
fangreiches Gedicht nicht in einem Atem geschrieben 
wurde, auch nicht einmal der erste Teil. Daß der zweite 
und dritte Teil spätere Anhängsel sind, ist evident. Am 
80. August 1667 wurde Clarendon, der in Ungnade gefallen 



p 

4 



— 89 - 



» 



^ 



war, abgesetzt. Der gröüte Teil von Parti ist offenbar 
vor diesem 30, August geschrieben, weil Clarendon 
noch als in voller Macht sitzend und mit solchem Haß 
geschildert wird, wie man ihn dem gefallenen Gegner 
nicht mehr entgagenbringt. Mit den Zeilen der Vision des 
Königs ( Vv. 877/878) 

*'The wonärons night the penswe king revohes, 
And rising straighi, on Hitd^r's disgrace rcmhfs/* 

sind wir beim 30* August angelangt und die hoffnungs- 
volle Stimmung des Dichters am Schlüsse entspringt der 
Voraussetzung, daß von nun an mit der Entfenmng 
Ciarendons und dessen üblen Einflusses auf den König 
wieder bessere Zeiten für England kommen würden. 
Zwischen dem ersten und zweiten Teile miiß ein größerer 
Zwischenraum liegen^ in dem Clifford sich zu einer äiiu- 
lichen Stellung hinautjgearbeitet hatte wie vordem Claren- 
don. Auch ist in diesem zweiten und dritten Teile von 
Holland nicht mehr die Bede. Der zweite Teil scheint im 
Jahre 1669 geschrieben zu sein, denn in diesem Jahr© war 
es^ wo die katholischen Element© unter der Führung des 
Herzogs von York die Oberhand gewannen. Grosart ver- 
sucht keine Zeitbestimmung durchzuführen, weist aber in 
einer Anmerkung^) darauf hin, daß der Name Danby^ der 
im Gedichte vorkommt, falsch sein muÜ; denn der Titel 
eines Earl of Lktnhif wurde erst 1674 verliehen and so 
spät ist das Gedicht sicher nicht entstanden, denn da 
lebte der geschilderte Clifford gar nicht mehr. Auch 
andere Gründe können angeführt werden : Für 1674 paßt 
die ganze Konstellation nicht mehr; 1674 war ein neuer 
Krieg mit Holland^ den Marvell gewiü nicht unerwähnt 
gelassen hätte. Ferner würde sich dann ergeben, daß der 
sogenannte dritte Teil vor dem zweiten geschrieben wäre. 
Aus allen Gründen können wir also für Part II das Jahr 
166!^ ansetzen, — Part HI ist frühestens Ende 1670 ab- 
gefaßt,-) das ergibt sich aus den Anspielungen auf Frank- 
reich und aul* **(h(' phfjer*\ Neil Gwynne, jene Schau- 

») Bä. l, 319, 

-) Aitken vertauscht die Stellung des hier sogenannten zweiten 
und dritten Teiles und nimmt für seinen zweiten Teil C'Forther Instr/') 
l&il^ für den dritten C'Advice") 1678 als Entstehungeaseit an. 




00 



Spielerin, die dem König in Dr^'dens Stücken so gefallen 
hatte, daß er sie zu seiner Maitresse machte. 

So sind diese ''Instmciions to a Painter' ein ausführ- 
liches Zeitgemälde, von nicht engbegrenztem Lokal, in dem 
er mit beizender Ironie und schlagendem Witz alle mög- 
lichen Personen und Ereignisse, Parlamentösitzungen und 
Schlachten, Betrügereien und Liebeleien, List und Ge- 
walt etc. etc. vorfuhrt. 

Mitten in den langen Zeitraum hinein, während 
welchem diese vielen Hunderte Verse geschrieben wurden, 
fallen auch noch andere selbständige Satiren. Claren- 
don, den Marvell schon in den *' Instructions*' so arg her- 
nimmt, ist der Gegenstand derselben; es ist begreiflich, 
daß Marvell seinen politischen Gegner nicht mit zu hellen 
Farben zeichnet. 

'* Ciareudon* s HoHse-Wünnin(f\ in viel lebendigerem 
Tone und anziehenderer Form geschrieben» besteht aus 
achtundzwanzig Strophen zu je vier Zeilen von viertaküg- 
jambisch-anapästischem Rhythmus in gekreuzter Reim- 
stellong. Die Äbfassungazeit dieser Satire läÜt sich ziemlich 
genau feststellen: Sie setzt Clarendon noch auf dem 
Gipfel seiner Macht voraus und erwähnt andererseits das 
„grolie Feuer** von London schon; der Tag dieses Ereig- 
nisses, der 2, September 166B, ist der temiitms a quo und 
die Absetzung Clarendons am 30- August 1667 der tertninus 
ad qtienu 

Marvell bezichtigt Clarendon in diesem Gedichte 
direkt verbrecherischer Handlungen. Clarendon hatte sich 
ein prächtiges Palais erbaut^ Clarendon-House, und zwar 
nach Marvells Vorwurf auf öffentliche Kosten. Gleich ein- 
leitend und durch den selbstverständlichen Ton, in dem 
das gesagt wird, um so krasser wirkend, nennt er ihn die 
Ursache des Krieges, der Pest imd des Feuers, den Be- 
trüger von England und Flandern. Er läßt Clarendon die 
Mittel und Wege bedenken, sein Haus möglichst billig zu 
bauen. Strophe 4 ist zu frivol, um wiedergegeben zu 
werden. Um ganz klassische Beispiele nachzuahmen, er- 
bettelte er sieh vor allem, wie Dido, ein Stück Land, das 
seinen Namen trug — ein Wortspiel mit seinem eigent- 
lichen Namen Hyäe — hide — Haut, Er hatte seinem könig- 



4 

^ 
4 




— 91 — 



» 



^ 
^ 



liehen Herrn so manches Luftschloß gebaut, er selber 
wollte aber in einem solideren Gebäude wohnen. Geld 
nahm er, wo er es nnr kriegen konnte; ja^ der Teil der 
Geistlichen entging nur mit Not seinen Händen; — zu- 
gleich ein scharfer komischer Seitenhieb auf die Geist- 
lichkeit wie bei Goetlie und Heine. Der folgende Anwurf, 
daß Clarendon Steine von St. Paul's gestohlen habe, ist 
der ungerechteste, denn Clarendon bezahlte die zur Re- 
paratur von St, PauTs Caihedral bestimmten Steine, die er 
für sich benutzte (Grosart), Er trieb Steuern ein und schwur, 
seine Patente nicht zurückzunehmen ''no, would the wholc 
parUameni kißs hini behhur, Da er auÜerdem den königlichen 
Steuereinnehmer zum Freund hatte, so war der Palast 
bald fertig, von einer Kuppel gekrönt, damit er angesichts 
der niedergebrannten Stadt sich seines Besitzes um so 
mehr freuen könne. Der Dichter findet die Lage des Ge- 
bäudes sehr praktisch^ weil Clarendon durch Hijde Park 
hindurch leicht nach Tißhurn kommen könne und auch der 
Stall nahe ist, damit er nicht weiter habe als ein Ochse, 
wenn er einst seiner Verbrechen wegen gleich einem 
solchen öffentlich am St, James' fair geröstet würde. 

Auch in diesem Gedichte arbeitet Marvell viel mit 
Vergleichen; aber hier sind sie nicht unwillkommen, 
der gan^e Witz liegt in einem gelungenen Vergleiche, 
Wieder legt er sich keine Schranken auf: Vergleiche aus 
der Zoologie — Eisvogel^ Salamander, Ochsen — aus der 
Geschichte — Rhodope, Amphion, Dido, Pharao — kommen 
nebeneinander vor. Einzelne Stellen sind wohl absichtlich 
übertrieben und ungerecht, manche auch ziemhch derb, 
aber das Ganze wirkt erheiternd. 

Marvell war freundlich genug, für das neue Hans 
auch eine Inschrift zu verfassen: *' lipon His noi(se'\ die 
der glückliche Besitzer wohl weder bestellt hat noch an- 
bringen Heß ; in derselben wird es als die Gruft bezeichnet, 
die von den holländischen Geldern für seinen Vaterlands- 
verrat erbaut worden sei, in der die Gebeine des betro- 
genen Paulus, Bestechungen, Schandgelder etc. liegen. 
Formell ist das kurze Gedicht sehr schwach; es ist eben 
gar nicht ausgearbeitet; es sind ud gleichtaktige jambische 
z^euen ^ ^ ^ ^ ^ g. 




n — 



Auch ein Epigramm ^^Upon ffisf-Clarendon^s) Grand- 
children'* sclmeb Marvell, das zum ersten Male bei Grosart 
abgedruckt ist: Ciarendons Enkel sind die Kinder seiner 
Tochter Anne Hyde, Gemahlin des Herzogs Jakob von 
York; ein Sohn war gestorben, der andere dem Tode nahe 
und Marvell sieht darin ein gerechtes Opfer tiir Lady 
Denhams Geist, die von der eifersüchtigen Herzogin, eben 
Nan Hyde, mit Schokolade vergiftet worden sein soll. 

Um dieselbe Zeit (1667) entstanden ist auch ein Ge- 
dicht, das wir eine pathetische Satire nennen können, 
die auch zu dem holländischen Kriege lq Bezug steht^ 
betitelt '*The Loyal Scot" und geschrieben in keroic couplets. 
Es hat eine literarische Anknüpfimg. Cpt, Douglas, der 
Held des Gedichtes, war bei Chatham auf seinem Schiffe 
von den Holländern verbrannt worden (12* Juni 1667). Sein 
Geist gelangt in die Unterwelt und dort wollen ihn die 
alten Heroen würdig begniUen. Zu diesem Zwecke be- 
auftragen sie den Geist des Dichters G I e v e 1 an d ^) (1630 bis 
1669), der ein lateinisch-englisches Gedicht ^^Rebellis Scotas** 
geschrieben hatte, in welchem er die schottische Nation 
satirisierte, gleichsam zur Strafe und BuJ3e dafür, den neu--* 
angekommenen Helden, der ja ein Schotte war, in Versen 
zu begrüBen* Diesem, also einem bekehrten Gegner, ist 
das Lob Douglas^ in den Mund gelegt. Er beginnt mit 
der Preisung von Douglas' Schönheit, Jugend und Kühn- 
heit tmd schildert nun seinen Heldentod, „Und dieser 
Held war ein Schotte! — Darum keine Feindschaft mehr 
zwischen England und den Schotten! Warum auch? Hat 
die Natur die beiden Länder so getrennt? Soll ein da- 
zwischenfließender Flui] alles so scharf trennen, daß Feind- 
schaft nötig ist? Wohnt an einem Ufer die Tugend und 
am andern das Laster? Nein, nicht die Natur macht eine 
Grenze, die Geistlichkeit ist es, die sie für gut findet. 
Alle Litaneien sind darum falsch, weil die Stelle fehlt r 
,Und erlöse uns vom Zorn des Bischofs*. Wenn auch König- 
reiche sich vereinen, die Chnrch stellt sich immer in Oppo- 
sition zur KirkJ) Sie hetzen alle auf, um alle zu beherrschen. 

1} "Dietionanj of Nat Biogr/', vol. XI, p, 51, 
2) Auch bei Drummond findet sich ein Epigramm über die 
Feindseligkeit von dmrch und kirk (Poets of Great BrUain, vol. IV, p. 689), 



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— 93 



I 



I 



Was das Meer vereint — England und Schottland — , das 
trennt ein Bischof. Eä gibt doch nur zwei Nationen anf der 
Welt, die Guten und die Bösen, und diese sind überall 
vermischt. Drum soll ein König, ein Glaube, eine Sprache, 
«ine Insel sein;" Am Schlüsse entschuldigt sich CJeveland- 
Marvell wegen seiner langen Ansprache und bittet Douglas, 
ihm seine früliere Satire zu vergessen. Dieser erwidert, 
daß er wegen seiner Aufrichtigkeit sein Freund sein wolle 
und warnt ihn nur, daU er, seine Verwandlung fortsetzend, 
nicht noch gar ein eifernder schottischer Presbyter werde. 
Dieses Lobgedicht, in dem zugleich Marvells satirische 
Ader zum Ausdruck kommt, benutzt wie '^Tom May's 
DeaW das tu'alte Lukianische Motiv der Toten- 
gespräche, der Gespräche in der Unterwelt. Zugleich 
haben wir hier einen krassen Fall von Vermischung 
antiker und christlicher religiöser Vorstellungen, denn 
Cpt. Douglas sehnt sich beim Brande des SchiflFes in den 
Himmel hinauf und dann kommt er doch in die elysischen 
Gefilde hinunter. Grosart bemerkt, daJJ aus dem abrupten 
Eingang des Gedichtes (Zeile 15: ''Not so brave Douglas. . /*)^) 
hervorgehe, daJi es urspiünglich nicht selbständig geplant 
war, sondern einen Teil der *' Instructions** bildete. Ich 
wüJJte aber nicht, an welcher Stelle der ''Instructions" 
man dieses Gedicht und diese Anknüpfung "(Not so . , .'*) 
passend einschieben könnte. Deshalb glaube ich eine bessere 
Erklärung vorschlagen zu können: Ich halte die Worte 
*'Not so brave Douglas . . ." einfach für eine direkte An- 
knüpfung an, respektive Widerrufung von Clevelands 
Satire "Eebeüis Scotus'\ die mit den Versen endigt: 

^*A Scotj whcn from the ^allows-tree goi laase 
Dropä inio StyXj and iums a Solana goose," 

Daraui' paßt ganz gut aus dem Munde des zur Buße 
verhaltenen Dichters Cleveland das revo zierende 

''Not 8o brave Douglas , . /' 

Das wiU ja offenbar auch Zeüe 14 sagen. 

In der Mitte des Gedichtes vergessen wir ganz, daß 




1) Aitken, "Pom«", p. USß, druckt "As so. 
Sinn ergibt. 



was keinen 



94 



wir es mit einem gewissen Douglas zu ton haben, wir 
hören nur eine ganz allgemeine Apologie für die Einheit 
von England und Schottland sowie eine Verwünschung 
der alles trennenden Kirche. Die schonen Gedanken, die 
Marvell hier ausspricht, goldene Worte, hat er selbst nicht 
immer befolgt; erinnern wir uns seiner Satire gegen 
Holland und des Hasses gegen die Spanier, Aber jet^t 
wuUte er^ daß die Engländer, so wie die anderen Völker, 
selbst schuld waren an ihrem jeweiligen Erfolg oder Miß- 
erfolg. Man wird es nicht als Indifferentismus ansehen, 
sondern als abgeklärten Standpunkt über den niedrigen 
Parteiungen, wenn er sagt: 

*'The World in all doth hui iwo natums bear: 

The good, ihe baä — and (hwe miaed cvcjywftere.** 

Die folgenden zwei Gedichte gehen auf ein Ereignis 
des Jahres 1671 zurück Ein gewisser Colonel Bio od ver- 
suchte die englische Königskrone aus dem Tower zu 
stehlen, um mit diesem Pfand in den Händen seinen ver- 
meintlich oder wirklich zu Recht bestehenden Forderungen 
rückständiger Zahlungen aus dem Staatsschatz größeren 
Nachdruck zu verleihen. In der Verkleidung eines Geist- 
lichen wäre ihm der Streich auch gelungen, wenn er nicht 
im letzten Momente abgestanden wäre, weil er den ent- 
gegentretenden AVächter nicht töten wollte.*) Diesem Vor- 
fall widmet MarveU zwei Gedichte, ein engUsohes und ein 
lateinisches von je acht Zeilen, "üpofh Blood's Stealing the 
Crown^* in heroic Couplets und „Bbidius et Coröna'\ mit 
ziemlich übereinstimmendem Inhalt. Die Tat selbst bietet 
ihm nur den Hintergrund zur Satire gegen den Klerus, 
Die Pointe ist die, daß Bloods Streich gewiß geglückt 
wäre, hätte er mit dem Prieaterrock auch die Priester- 
grausamkeit angenommen. Eine solche Kleinigkeit nähert 
sich natürlich einem Epigramm, mit welchem Titel man 
im 17. Jahrhundert auch noch längere Gedichte bezeichnete; 
hier ist das Wort schon wegen des "üpon** zu ergänzen» 
Auch ist eine Zweiteilung vorhanden, wie sie nach 
L es sing das Charakteristikum für das Epigramm ist. 




I 

I 



J) Grosart, pol I, p, 383/, 




— 96 — 



I 



Zwischen 1670^) imd 16743), nach Grosart«) im 
Jahre 167B geschriebeu, ist die pathetische Satire ''Britannia 
and Iialei(jh'\ gleichfalls in htroic coupleiH, aber mit sechs 
'Hriplets" an verschiedenen Stellen. Die Einkleidung ist, wie 
der Titel bereits vermuten läßfc^ ein Dialog, zwischen der 
personifizierten Britannia und dem groüen Raleigh, der sich 
aber sehr einem Mo n o 1 o g nähert^ indem Raleigh im ganzen 
nur zwölf Zeilen spricht. Ein dramatisches Element ist 
schon im Eingang nicht zu verkennen: eine Person tritt 
hilferufend auf, der Angerufene erscheint und fragt nach 
dem Grunde, und das bietet den AnlaÜ zur Erzählung. Dem 
Tone nach Ist dieses Gedicht eines der stärksten^ heftigsten ; 
^ie Angriffe gegen den König, der aber teilweise noch 
immer als der Irregeführte hingestellt wird^ gegen die 
GeistUchkeit, den Thronfolger, die Minister und Katgeber, 
wie Lauderdale, sind so vehement, daß es ganz selbstver- 
ständlich ist, daß so etwas nicht gedruckt werden konnte. 
Die entflohene Britannia erzählt dem erscheinenden Raleigh 
von der Maitressenwirtschaft am Hofe, von der Ungerechtig- 
keit Karls, den sie umsonst durch Erinnern an die schot- 
tischen Revolutionen auf gute Wege zu bringen gesucht 
habe. Marvell droht also direkt mit Revolution und stellt 
eine Hinrichtung auch dieses Königs als nichts Unmögliches 
hin, Auch seinen Holt gegen die Franzosen, die den Hof 
korrumpierten, verbirgt er nicht. Bemerkenswert ist die Ein- 
führung von '[famed Spenser\ der auf Britannias Veran- 
lasstuig in *'lofiy notes* Titdor's blessed rate besingt und Karl 
die groUe Elisabeth zum Vorbild hinstellt. Wie Grosart 
meint, handelt es sich hier nicht um den großen Spenser 
in persona, sondern es soll eine Anspielung auf eine Satire 
jener Tage sein, in welcher Spenser oder sein Geist redend 
eingeführt worden war. Diese Form ist nichts Ungewöhn- 
liches ; auch Marvell fuhrt den Geist eines Dichters redend 
ein — in *^Thfi Lmjal Scof und '*Ttfm 3lay*s Deatli\ Da uns 
aber nicht der mindeste Anhaltspunkt über die Existenz 
einer solchen j^Spensersatire" vorliegt und Grosart seine 

1) Grosart, voL i, p. 334^ Anm. 

^ Weil der dariu erwähcte Osbome nur bis 1674 diesen Titel 

von diesem Jahre an nber Eari of Daoby hieß. 
«) Grosart^ voL IV, p. 435, 




— 96 — 



Vermutung durch nichts stützen kann, dürfen wir wohl an- 
nehmen, daÜ Marvell hier den grolien Spenaer selbst 
einfuhren will, ohne den Umweg einer solchen zeitgenössischen 
Satire. Die zeitliche Entfernung bildet für den Dichter kein 
Hindernis; auch ^E^aleigh^ ist der Geiet eines längst Ver- 
storbenen, eine dichteiische Lizenz. Für diese Ansicht spricht 
auch das Epitheton ,,f(tmed'* Spettser, das man eher dem 
wirklichen Spenser zulegen wird, als einer dichterischen 
Nachbildung. Spenser hat ja tatsächlich in der vierten Ekloge 
seines **Sh^herd*s Calendar*' das Lob der Tudors, das heißt 
Elisabeths gesungen. Ein Bild, dem Größe nicht abzuleugnen 
ist, ist jenes, in dem Königin Elisabeths Regierung und ihr 
Ende mit '*« glorioiiB setiing sun' verglichen wird, der die 
Blicke des Volkes von fem nachfolgen. Britannia hält dem 
König auch "trtith's mirror*' vor; aber eine Dame in fran- 
zösischem Kostüm kommt dazwischen und hält dem schon 
halbgewonnenen König nun Ludwig XFV^. zum Muster vor, 
mit seiner Ränkepolitik. Grosart*) sieht in derselben eine 
Personifikation Frankreichs in Gestalt von Karls Schwester, 
der Herzogin Henriette von Orleans; doch brauchen wir 
kaum soweit suchen; die Dame dürfte eher eine, in jener 
Zeit in allen Literaturen, auch in der deutschen satirischen, 
vorkommende Personifikation des Macchiavellismus 
überhaupt sein, dessen Grundsätze diese Dame in lehr- 
hafter Weise vorträgt, die freilich am besten von Lud* 
wig XIV. und Mazarin befolgt worden sind, Auch in dem 
nicht von Marvell herrührenden, ihm fälschlich zugeachrie- 
benen Gedicht **Oceana and Britannia" kommt ein Hieb auf 
Nicolo (= Nicolo Macchiavelli) vor. An Virgil erinnern 
uns die Zeilen 100 ff: 

**Three spotkss virgins to your bed l'U bring" etc., mit 
denen die Verführerin Karl, wie Minerva den Äolus, für 
sich gewinnen will. Der Hauptangriff richtet sich eigentlich 
gegen den Duke of York, den Schwiegersohn Clarendona, 
und Lauderdale, Wie bei den Gedichten liir Lovelace, 
Hastings etc. schon hervorgehoben wurde, atmet dieses 
Gedicht förmlich Revolution, Umsturz und Republikanismus^ 
als dessen Muster ihm ^Hhe serene Veneiian State" erscheint, 



4 



») VoL I, p, 334. 



97 - 



wohin sich Britannia begeben will, um neue weise Lekren 

enipfangeu. Es ist denn doch zu willkürlich gehandelt, 

Jie eine Zeile (140) aus diesem Gedichte herauszuheben 

" 'Tis godlihe good io 8<we a falling hing** 

und^ alles andere vergessend oder nicht achten wollend, 
das als einen Beweis fiir Marvells royalistische Ge- 
sinnung anzusehen, wie Grosart es tut. — Am Schlüsse 
^des Gedichtes findet sich ein Gedanke ausgesprochen, der 
Gedichten des 17. Jahrhunderts öfters durchklingt, näm- 
*lich eine Aufforderung zum Zuge gegen die Türken und 
den Halbmond; für einen Engländer ist dieser Gedanke 
aber weniger naheliegend als für die deutschen politischen 
^■Dichter jener Tage. 

B Um die Wende der Jahre 1673/74, vielleicht direkt 

als Neu Jahrsgedicht gemeint, entstand "A Historical 

kToenr\ Der Dichter vergleicht in diesem in funftaktigen 
jambischen Reimpaaren abgefaiJten Gedichte König Karl 
^ mit dem Sohne Kishs, des Juden, der in Verbannung lebte, 
bis das Volk ihn heimberief und, was mehr ist, ihm zugleich 
Geld schickte. Marvell führt wieder eine sehr aufreizende 
Sprache» Als Karl ins Land kam, nahm er gleich einem 
Untertanen sein Weib weg und machte sie zur königlichen 
Ifaitresse. Sein besserer Bruder starb, dafür blieb der böse 
James am Leben, der die schwangere Konkubine eines 
andern heiratete, Nan Hyde. Seuchen und Krieg suchten 
die Lisel heim. Die Holländer flohen aber sofort vor dem 
schwarzen Tod und vor dem beulenentstellten Gesicht des 
Herzoge. Er macht ihm direkt den Vorwurf, London in 
Flammen gesteckt zu haben. Unter den Tudors blühte 
England; jetzt ist ein Weiberknecht König, dem die Be- 
I stochenen ihre eigenen Weiber imd Töchter darbringen wie 
^Keinem Moloch. In ebenso heftiger Weise wendet sich der 
^■Dichter nun den Priestern zu. '^Priests were the firsi dduäers 
^gof mankind'*; sie sind stolzer als Luzifer und reden dabei 
der Welt ein, daß sie es sind, die gehorchen. Dann greift 
er die Ratgeber des Königs an; Lauderdale, Osbom und 
James mit seinen Römlingen tyrannisieren den König und 
das Land ; den Letztgenannten, James, beschuldigt er sogar 
direkt des beabsichtigten Königs- und Brudermordes auf 

Poseber, M&nells |)öot. Werke. 7 



römidche Einflüsterung Ein. Unrl er schlieÖt mit der ver- 
zweiflungsvollen Frage: Wenn einer als Kronprätendent 
schon solches UngUick anrichten kann, was ist zu erwarten, 
wenn er selbst König sein wird? 

Diese Aufzählung aller Schandtaten von der Heim- 
berufiing Karls an erinnert an die Pseudo-Marvellischen 
'*I{opal R€Söltäions\^) Da Oöbome Mitte 1674 Eariof Danby 
wurde, ist das Gedicht vor dieser Zeit geschrieben ; anderer- 
seits starb Hyde 1673; nachdem sein Tod erwähnt wird^ 
können wir das Gedicht, wie anfangs geschehen, nm die 
Wende 1673/74 ansetjsen* Um diese Zeit war auch der Haß 
gegen die Katholiken, Schotten und Irlander besonders 
heftig. Marvells Hai3 wäre bei dem sonst so konzilianten 
Manne fast unbegreiflich, wenn wir nicht bedächten, daß 
die Worte ^Katholik", ^ Protestant **, ^Schotte** und ^Ire** 
in jener Zeit viel mehr sagten als heute. Marvell ist auch 
nicht immer so friedlich gestimmt und leidenschaftalos wie 
in ''The Loyal Seoi"; er gibt hier die Vermutung, daß die 
Katholiken im Einverständnis mit James und Clarendon 
London in Flammen gesetzt hätten (*'Greal Firt*), nicht 
nur hier übrigens, sondern auch euadem Ortes, als sichere 
Tatsache. 

Gelungenen Humor und Witz atmet in Ton und Inhalt 
die ''Bailad an the Lord-Mayor, and ihe Court of Aklerwen, 
pre^eiäing ihe King and ihe Duke of York, each with a Capy 
of his Freedonif Anno Dorn, 1674'\ bestehend aus achtzehn 
Strophen von anapästisohem Rhythmus nach dem Schema; 
{^ %X^ % V}' J^®^ historische Anlaß ist im Titel genannt 
Der Dichter verspottet zuerst die Spießbürger, die zwar 
kein Geld haben um Brot zu kaufen und ihre vom Feuer 
zerstörten Häuser wieder aufzubauen, wohl aber fiir solche 
Speichelleckereien. Er wendet sich gegen den unwürdigen 
König, der so viele Schulden und Bastarde habe, für die 
London aufkommen müsse. Mit fast unbegreiflicher Nach- 
sicht meint er schließlich, bis der König der Torheiten 
müde gew^orden, würde es vielleicht besser werden. Dann 
stellt er eine Reihe satirischer, höhnischer Fragen, was 
wohl die Schachtel enthalte, die dem Herzog James gebraq 



1) Sieh Anm, S. 110 dieser Arbeit. 



— 99 — 



I 



werde. Pillen fär seine Krankheiten? Das wäre zu spät. 
Möglicherweise sei darin Hostie imd Monstranze, das passe 
für ihn. Er begünstige eine französische Regierung und 
habe ein itahenisches Weib und eine italienische (römische) 
Religion. Er meint endlich, den Londonern werde nicht zu 
helfen sein, bis sie ein zweites Mal abbrennen. 

Wie ersichtlich^ handelt es sich hier nicht nur um 
politische, sondern sehr stark um persönliche Satire. Der 
Hanptreiz liegt in dem lebhaften höhnischen Ton, den das 
Metrum ermöglicht. 

Den Bezügen zufolge stammt aus dem Jahre 1676*) 
das Gedicht ^'Nostnuiamus' Prophecy", in heroic Couplets ge- 
schrieben« Hier ist die Einkleidung die, daJJ dem alten, 
sagenhaften Nostradaraus Prophezeiungen in den Mund ge- 
legt werden fiir die Zeit Karls II; ein dankbares, oft als 
Mittel der politischen Satire gebrauchtes Motiv, so noch 
bei Beranger, dem gi'öBten politischeo Chansonnier, und 
seinem Übersetzer Chamisso, Die Prophezeiungen werden 
hier wie „ein Blatt von Nostradamus' eigener Hand" gegeben. 
Ohne jede Einleitung beginnt der Seher seine Rede, deren 
feierliches Pathos durch Alliteration am Anfang gehoben 
werden soll: 



h 



*'For faults and follies London' i doom «Äo/I fix, 
Ami she must ^ink in flames in sixty-si.c, 
Fire-balls shaU fhj . , r 



^ 



Er prophezeit also das ^ große Feuer '^^ das damals 
den Papisten und Irländem in die Schuhe geschoben wurde. 

Die Stadt werde sich zwar schöner als früher wieder 
erheben, bis zum Himmel, wo die Rache wohnt. Wenn ihre 
Richter sie verraten, wenn ihre Priester sie betrügen werden, 
wenn Schauspielerinnen (die Maitressen des Königs, Neil 
6w>Tine, Moll Davis etc*) die Rolle von Königinnen spielen 
werden ; wenn — nun folgen einige schauderhafte Verse 
über die Unzucht am Hofe, besser Verse über die schauder- 
hafte Unzucht am Hofe — ; wenn, geht es dann weiter, 



1) Nach Orosart, t>ohI^ p.340; der Ckronologie nach gehörte 
dieses Gedicht also bedeutend später eingereilit, doch schien es un- 
vorteilhaft, den stofTUcheD Zusammenhaog der folgenden Gedichte 
zu unterbrechen. 

T 




100 



die Banken ausgeraubt werden^ kein Wort, kein Eid güt^ 
wenn den Königsstubl ein schwatzender Betrüger einnehmen 
wird, den die Männer verlachen und die Weiber be- 
herrschen ; wenn einer Minister wird, der nur mit der Zunge 
umgehen kann, und einer — Lauderdale — das Haupt der 
Hierarchie, der früher schottischer Dissenter war; und wenn 
ein schurkischer Schatzmeister in einem Jahre sich reich 
und das Volk arm machen wird ; und wenn ein englischer 
PrinÄ — James, Duke of York — die Engländer verachteD 
und Franzosen ehren wird; wenn die Magna Charta nicht 
mehr gelten wird; — dann werden die Engländer einen 
größeren Tyrannen kennen lernen^ als die Geschichte je 
aufzuweisen hatte, ihre Weiber werden seiner Lust preis- 
gegeben sein und ihr ßeichtom seiner Verschwendung und 
wie die Danaiden werden sie sich seinetwegen mühen, um- 
sonst, denn er wird nie genug haben. Holland und Venedig 
werden sie dann um ihre Freiheit beneiden; diese preist 
Marvell ja auch bi ''Briiannia and Baleigh*\ Und er schließt: 
Zu spät aber werden die Frösche einsehen, was sie sich 
selbst erbeten haben, und werden Jupiter wieder bitten, 
sie zu befreien; — also mit einer Anspielung auf die be- 
kannte Äsopische Fabel. 

Wir haben also die alte, ewige Klage über Karl, 
James etc,, nur in neuer Form, der Form der Prophe- 
zeiung — natürlich von Dingen, die bereits Tatsache sind. 

Wieder eine andere Form der Satire wendet Marvell 
in den nächsten drei Gedichten an, nämUch die Satire mittels 
eines Bildwerkes, einer Statue. Die ersten zwei druckt 
Grosart nach der Ausgabe von 1776 ab, die wieder auf 
Manuskripte Marvells zurückgeht, also authentisch isL 

Das ''Foem on the Statue in Stocks-Market*' besteht aus 
fünfzehn vi erzeiligen, jambiseh-anapäatischen Strophen, mit 
einer geringen Anzahl von weiblichen Eeimpaaren, die 
offenbar nur zufällig sind; die übrigen sind stumpfe Reim- 
paare. 

Der Inhalt ist folgender: Als Sir Robert Viner aus 
unredlich gewonnenem Gelde in Stocks-Market ein Reiter- 
standbild des Königs Karl 11. aufführen ließ, hielten das 
einige für eine edle Handlung, Nach Marvells Meinung 
war es vielmehr eine Bosheit, am Gebui1:stage des Königs 



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- 101 — 



» 



p 



p 



ein Ding zu enthüllen, das mehr einem Affen als einem 
König ähnlich sei, so daJ3 die Marktweiber nebenan sich 
Instig machen, die auf ihren Körben viel graziöser reiten* 
Aber, meint er^ ein Marktplatz, wo stets gefeilscht und 
gebandelt wird, sei sehr passend für den König, der auch 
immer schacherte und auch selbst verkauft wurde von seinen 
Untertanen, Diese Statue sei schmachvoller als alle hollän- 
dischen Karikaturen, die aus Anlaß des Krieges erschienen. 
Nicht 80 sehr den Künstler als vielmehr den Stifter, Sir 
Viner, hält Marvell Tiir den Schuldigen, da dieser seinen 
Lehensherru so zum Hanswurst mache. Oder wollte er mit 
den bedeckenden Tüchern quasi den Mantel der christlichen 
Nächstenliebe über seine Fehler breiten? Sir Robert ver- 
sichert zwar, daiJ der Bildhauer bereits an der Verbesserung 
arbeite* Aber der Dichter meint, das sei umsonst, denn 
den König könne kein MeiJJel mehr ändern. Versuchen 
möge man es immerhin, deon trotz allem sei er noch immer 
besser als sein bigotter Bruder, der Duke of York. 

Nachdem die verspottete Statue am Geburtstage des 
Königs, also am 29. Mai, enthüllt wurde, wie es in dem 
Gedichte hervorgehoben wird, und da femer am Ende vom 
Dezember und dem kommenden Frühjahr die Bede ist, so 
geht hervor, daß dasselbe im Herbst 1672') (eventuell 1673) 
geschrieben ist. Die Satire liegt in den abwechselnden 
Bezügen auf das Bild und auf den wirklichen König; so 
wenn er zum Beispiel sagt, der Bildhauer ist daran, den 
König (in eftigie) auszubessern und dann bemerkt, so ein 
König (Karl IL in persona) sei nicht mehr zu ändern ; 
gegenüber dem späteren '*DiuUgue betweeti thc iwo horses*' 
ist die Satire hier noch ziemlich milde und nur indirekt 
gegen den König gerichtet. 

Dasselbe ist der Fall in ''The Statue ai Charing- 
Crosse'*, in demselben Versmaß, aber in gekreuzten Reimen 
geschrieben. Diese Statue ist die Karls I., die der 
Dichter zum Gegen stände nimmt, bevor sie enthüllt 
wurde. Er knüpft zwar an die Statue an, aber nicht 
gegen den hingerichteten König Karl L wendet er eeine 



■ *) Vgl. Aitken, „Satires**, p, 166, Hinweis auf Bericht 

London Gajtetle für 30, Mai 1672. 



der 




— 102 — 



Satire, in edler Befolgung des *^De moriuis nil nisi bmie*^ 
sondern gegen den Errichter Lord Osbome-Danby und 
nebenbei gegen Karl IL und den Hof. Er vergleicht ihn 
mit den Personen der italienischen Stegreifkomödie, mit 
Skaramuz und Policinell, dem Prahlhans und der lustigen 
Person, bo mit einem Worte seinen Charakter zeichnend. 
An die Umgebung anknüpfend fragt der Dichter sich, 
warum Charing-Cross sohon so lange mit Brettern ver- 
schlagen, abgesperrt sei, und stellt Vermutungen an, was 
hinter den Planken gebaut werde. Eine Bühne kann es 
wohl kaum werden, denn fiir den König, der so gern 
Skaramuz oder Pohcinell spielt, sei Whitehall ein schöneres 
Theater, Für eine Uhr passe der Platz deshalb nicht^ weü 
es dem Hofe gewiü unangenehm wäre, einen Maßstab der 
so schlecht angewendeten Zeit in solcher Nähe zu haben. 
Endlich errät der Dichter das Richtige: die Figur des toten 
Königs soll hier zu Pferde zu sehen sein. Glaubt vielleicht 
Schatzmeister Danby, dali die Untertanen, denen die 
Zahlungen eingestellt wurden, durch den Anblick eines 
Königs entschädigt werden V Er wollte sich wohl nur nicht 
von seinem Schwager beschämen lassen, der zu Stocks- 
Market eine Statue aufstellen lieB, drum läßt er hier am 
Fleischmarkt auch eine errichten, vielleicht um auf die 
Schlachtbank der Parlamentarier anzuspielen. Daß die 
Vollendung so lange dauert, scheint Marvell begreiflich 
bei einem Manne, der bereits zweimal das Parlament ver- 
tagte; er vertagt eben jetzt auch den König. Dann schildert 
Marvell au einem drastischen Beispiel die Machinationen 
der Geldbeschafiung und Stimmenwerbung durch Bestechung 
der Abgeordneten. Am Schlüsse gibt er den Rat, man möge 
bei der Aufstellung darauf achten^ daß die Statue das Gesicht 
nicht dem Palaste von Whitehall zuwende ; denn wenn 
auch von Erz, würde es sie doch kränken, einen so miß- 
ratenen Sohn stets im Auge zu haben* 

Der Witz besteht also wieder darin, daß von der Statue 
Dinge ausgesagt werden, die nur von lebenden Menschen 
gesagt werden können. Dieses Gedicht ist natürlich später 
entstanden als das frühere, da die Statue zu Stocks-Market 
in Strophe 8 dieses letzten Gedichtes als schon vorhanden 
erwähnt wird, aber auch nicht viel später, da 1676 schon 



I 




103 



» 



I 



I 



beide Statuen fertig standen und im Gedichte die zweite 
ak nicht vollendet vorgeführt wird,^) 

Das dritte und letzte Gedicht, das an Statuen anknüpft, 
'ist der äußerst interessante ''Dkihgue hrtwetn iwo Horses'\ 
vohl die beste Satire Marvells überhaupt. Sie zerfällt 
eigentlich in drei Teile: 1. *'Th€ IntroducUön'* ; 2. **The 
Dialoyutr ; 3, **Couclusion'\ 

'*Thc Infröduetion' gibt uns eine Rechtfertigung dieser 
köstlichen Einkleidung» zwei Pferde über ihre Herren sich 
unterreden zu lassen* Das Sprechen der Tiere nimmt 
offenbar von der Tiersage seinen Ausgang, wo diese zu- 
gelegte Fähigkeit schon mancbmal zu satirischen Seiten- 
bieben benutzt wird, aber noch nicht die Haupt^che ist, 
Bedende Tiere, aber in allegorischer Bedeutung^ finden 
wir ja in '*Hind and Panther', in ..Fuchs und LamnC\ **Etd€ 
und I^achtigaW* etc. und noch früher. Mir ist aber kein 
Fall erinnerlich^ wo zwei Pferde auftreten würden, sei 
es in der cDglischen oder einer andern Literatur, Dagegen 
hat Cervantes ein „Zwiegespräch der beiden Hunde" 
geschrieben, ebenso Burns in späterer Zeit Dun bar 
fahrt sich selber einmal als alten Grauschimmel ein,^ 
Marvell nun erzählt: In profanen sowohl als in heiligen 
Berichten lesen wir von Tieren, die artikulierte Worte 
auegesprochen haben; Elstern und Papageien können reden, 
auch Statuen und Bilder haben schon gesprochen. Er zitiert 
Li^dus imd die Geschichte des Phalaris von Äkragas, Friar 
Bacons sprechenden Kopf und den Esel des Propheten 
Balaam. Zu Rom und Delphi gaben Steine und Watfen 
Antwort. Heutzutage noch haben die frommen Katholiken 
Heiligtümer, welche sprechen. Warum sollen also nicht 
die Unterredungen zweier lebloser Pferde Glauben finden? 
Dann nennt er die Pferde, die er meint, nämlich die der 
Statuen von Wool-Church und Charing- Gross, die, 
wie in den früheren Gedichten erwähnt wurde, von Lord 
Danby und Sir Robert Viner enichtet werden. Er begründet 
die Unterredung: Als die beiden Fürsten, des langen Sitzens 

») YkL Brief Marvells vom 24. Juli 1675 : " äoe» not yei ne 

ihe ligUr 

-') William Dufihar. Sein Leben unditeine Gedickte, Von J.Sehipp er. 
1884. S. 2^. 



104 



müde, sich nachts herabbegaben und inkognito fortstahlen, 
fanden sich die zwei Rosse, der eherne Hengst und die 
weüJmarmorne Stute, nach gegenseitigen Komphmenten za 
folgendem 

*'Dialogue* zusammen. Es beginnt nun eine Art sen^attok. 
Die Pferde sprechen alternierend, eines über Karl L und 
eines über Karl 11. Von dem letzteren heißt es, dali er 
sich ''Defender of the Faith" titulieren läßt und doch gar 
keinen Glauben hat» Die Pferde raisonnieren über des Königs 
Schulden, die herabgekommene Flotte, die Undankbarkeit 
der Stuarts, die Maitressen des Königs, die Feilheit des 
Parlamentes. Sie charakterisieren ihre Reiter dadurch, daß 
sie sich . gegenseitig erzählen^ wohin dieselben jetzt ge- 
gangen sind : der eine ging, Bischof Land zu besuchen, 
der andere, einen Schreiber zum Hahnrei xu machen, Karl L 
war ein verzweifelter Fechter für Mitra und Stola: aber 
auf dem Schafott wurde er von den feigen Schurken, für 
die er kämpfte, im Stiche gelassen. Karl U. hingegen fechte 
nur für seine Vettebi. War Karl I. ein blindwütiger Löwe, 
90 ist Karl II* ein geiler Bock; beide sind schlecht genug. 
Aber Nero sei doch dem Sardanapal vorzuziehen. De Witt 
und Cromwell waren wackere Männer, obwohl sie Feinde 
waren; das eine Pferd sagt (Vv. 156^168): 

**I ftedy declare it^ I am for old Noll. 

Though his govemmetU äiä a ttfranl reatmble. 

He made England greal and fm enemies tremble,** 

Das ist wieder eine hochwichtige Stelle, sie zeigt 
Marvell im besten Lichte, beweist seine Unbefangenheit 
und Vorurteilslosigkeit und reiht sich würdig der 
Stelle über Karl I. in der ''Horaiian Ode'' an. — Dann 
sprechen die zwei Pferde über ihre Erwartungen oder viel* 
mehr Befürchtungen von Seite James\ Duke of York> 
wenn er einst zur Herrschaft kommen würde. Ihr Resum^ 
ist: T,Nie werden die Dinge besser werden, bevor nicht 
die Herrschaft der Stuarts zu Ende sein wird*** Damit 
schließt prägnant das Gedicht, das heißt der Dialog. An- 
gehängt ist noch die 

'*Conchision*\ in der der Dichter selbst das Wort 
ergreift: Wenn zu Rom die Tiere sprachen, bedeutete das 
schreckliche Ereignisse. Das werde auch für England der 



I 





— lOB — 



I 



Fall sein. Dann folgt eine äuJierst gelungene^ aber sehr 
laszive Stelle über das Benehmen der beiden Pferde. Der 
Scblui} hat ©in reines Augenblicksgepräge, er bezieht sich 
auf ein Edikt Karls II., das die Schließung der Kaflee- 
häuser, als Orte politischer Diskussion, anordnete und fordert 
die Aufhebung desselben, 

Aus diesem Schlüsse hatOrosart die Abfasaungs- 
zeit des Gedichtes genau festgestellt: Das Edikt wurde 
am 29. November 1676 erlassen und am 8. Jänner 167B 
bereits zurückgezogen. Daher muß das Gedicht zwischen 
diesen zwei naheliegenden Punkten abgefaßt sein. Diese 
Zeitbestimmung ist gewiß richtig, nur hat die scharfe 
Grenze nach rückwärts (29. November) nicht für das ganze 
Gedicht, sondern bloß für die *'Conclusion' Geltung, Es 
springt in die Augen, daß ''Diahgue** und '^Conclusion" m 
einem sehr lockeren Zusammenhang stehen; ja, nach dem 
so prägnanten Schlüsse des Dialogs ''Wfien ihe reign of 
the Une of ihe Stuarts is c^ded'' wird die Wirkung durch 
die "Conchmon" nur geschwächt* Wir können daher mit 
Sicherheit annehm en^ daß der Dialog, ohne die **Con* 
chisian'^ zuerst als selbständiges Gedicht verfaßt ist, 
an das aus Anlaß des provokanten Kaffeehaus -Ediktes 
später, freilich nicht viel später, noch die *'Concliisi(m" 
ohne jeden inneren Zusammenhang angehängt wurde. 

Das Gedicht trägt in der Überlieferung der verschie- 
denen Drucke hinter dem Titel die Jahreszahl ^1674**, 
die auch Grosart abdruckt. In der Anmerkung erklärt er 
auf Grund seiner erwähnten Berechnung diese Angabe des 
alten Druckes für unrichtig, AUerdings habe ich auch bei 
einem Gedichte eines andern Dichters jener Zeit, das mit 
dieser Statuenfrage zusammenhängt, das Datum ^1674" 
nach dem Titel angegeben gefunden; es ist Wallers 
Epigramm ''On (he Statue of Kintj Cfmrles L ai Charing 
Cross, in the year UJ7 4'\^) Erklärlich ist diese zweimalige 
unrichtige Angabe nicht ; dennoch müssen wir uns für die 
Berechnung Grosarta entscheiden; es ergibt sich also: 
1. Abfassungszeit des Gedichtes auf die „Statue zu Stocks- 
Market*^i Herbst 1672 (8. 101 dieser Arbeit) ; 2. Abfassung«- 
Mit des Gedichtes auf die -Statue zu Charing* Gross"; 



') FoeU of Great-Britain, pol V, p, 49$. 




A 



106 — 



zweite Hälfte 1676 (S. 103, Anm, i, dieser Arbeit); 3. Ab- 
fassungszeit des „Dialogs der zwei Pferde** : Ende 1675, 
und zwar speziell die **Conclusion" sswischen 29- Novem- 
ber 167B und 8, Jänner 167ti (vorige Seite). 

Über die Bedeutung dieses interessanten Gedichte« 
für die politische Beurteilung Marvells wurde schon ge* 
legenblich der AViderlegung des „ Royalismus'^ auf Seite 13 
gesprochen* In der Einleitung kommt des Dichters allge- 
meine Bildung und Belesenheit zum Ausdruck; er kennt 
die abergläubischen Gebräuche bei den Griechen, Körnern, 
Juden, Christen und verfolgt sie durch die ganze Welt- 
gescliichte bis herauf in seine eigene Zeit; er kennt Livius 
so gut wie die mittelalterlichen katholischen Mirakeln. In 
erster Linie richtet sich seine Satire hier gegen Karl IL 
und dessen Bruder James. Die Sehnsucht nach den Tudors 
spricht sich in keinem Gedichte so heftig aus wie hier; 
während die feilen zeitgenössischen Dichter, wenn sie auch 
nicht blind waren für den Unterschied, von den Tudors 
schwiegen und die Stuarts priesen. In der "Conclusion" 
sehen wir, daß auch Marvell nicht frei ist von den Derb- 
heiten seiner Zeit; eine Tatsache, die ihn natürlich flir 
den heutigen Engländer a priori ungenießbar macht; 
während wir, ohne Lob dafür zu finden, bedenken, daß 
auch ein Goethe, derselbe Goethe, der hohe Oden und 
Hymnen und duftigste Lyrik schrieb, verschiedene nicht 
,, salonfähige'* Stellen im y,Faust** und etwas Ahnliches wie 
Marvell in Nn 4 der **Politika*' und den „Beruf des 
Storches" schrieb — um nur einiges zu nennen. 

Formell besteht das Gedicht aus vierzeiligen Strophen, 
aus viertaktig- jambisch - anapästischen Beimpaaren, mit 
männlichen und weiblichen Reimen, worüber mehr im Ab- 
schnitt „Metrik" gesagt wird. 

Die Satiren Marvells wurden nun im Zusammenhang 
betrachtet. Wir haben gesehen, daß Marvell wirklich, wie 
Grosart sagt,*) den Sarkasmus des Aristophanes, den 
Stachel des Juvenal und den beißenden Witz des Tereuz 
vereinigt 

So uneingeschränktes Lob wird den Satiren unseres 
Dichters freilich nicht von allen englischen Kritikern «u 

») Vol. 1, p, xxri. 



— 107 — 



teil. So sagt Benson^) von ihnen, sie seien *'öf ihe coarsesit 
h%nd*\ obwohl er auch zugibt, daß sie schöne Stellen ent- 
halten. Chambers sagt in seiner Besprechung von 
Aitkens Ausgabe in der *'Acadenty'\^) dali sie kein Gegen- 
stand sind, bei dem man gern verweilt, während Aitken 
(p, LVm) sehr gut von Marvell spricht, Birrell tadelt 
die inhaltliche und formelle Rauheit wiederholt, doch 
findet auch er „großes Vergnügen"") an Marvells Satiren, 
E. Gosse*) hält den Dichter für einen Schüler Cievelands 
in der Satire und Henry Rogers^) spricht ihnen politische 
Bedeutung zn. Mary Russell Mitford **) erinnert an das 
Lob Swifts, der Marvell auch nachahmte. Gegen den Vor- 
wurf der Gemeinheit oder Bösartigkeit nimmt G. Dawson^) 
den Dichter in Schutz; er sagt ganz richtig, Satiren sind 
nur dann verdammenswert, wenn sie gegen Gutes ge- 
richtet sind; Marvell aber wendet sich gegen das wirklich 
Schlechte. Auch dürfen wir Marvell ^ den Dichter des 
17. Jahrhunderts, nicht nach den Anstandsregeln des 
20. Sftkulums richten, die er nicht kannte» 

Es sind nun noch einige kleinere, nicht satirische Ge- 
dichte zu erwähnen, die, wenn auch in dieser Periode ent- 
standen, doch das durch den Titel „Satiren'^ bezeichnete 
Gepräge derselben nicht zu ändern vermögen. 

Die beiden folgenden Gedichte beziehen sich auf zeit- 
genössische Dichter, Das erste ist ein wenig bedeutendes 
Gedicht ,Jn Eunuthum Poetam'\ die Person ist uns nicht 
bekannt. Marvell tröstet den Ungenannten, er brauche 
sich nicht unfruchtbar zu nennen, wenn er auch nicht An- 
teil habe an den Freuden und Leiden der Ehe; er um- 
arme und befmchte dafür die neun Musen imd seine Verse 
seien die Kinder dieser Vereinigung. 

Das andere Gedicht ist Marvells bekanntestes, 
wenn auch nicht bestes; es sind die in der Ausgabe von 
1674 zum ersten Male Miltona groiSem Epos vorange* 

') ''Esmtfs", London 2896, p. 87, 

^) Vol 42, p, 23Qff. 

3) p. 230 f. 

<) ''Fnmi Shakspere to Pope'\ Camhtidge 1885, p. 192, 211— 22L 

») "Essai^Sj Crüical and UioyraphimV\ Lofidon 187 4, vol. 1, 

<>) **Iiecolkctiom of a IMerary Life", London ltiö2, voL IJl, p. 250ff. 

1) "Biographical Jjeciure»*\ Lonäofi 1886, p. 89. 




108 



druckten Vers© '^On Paradise Lost'\ eine der wenigen zeit- 
genöasischen Würdigungen dieses Werkes. Das Gedicht 
ist zu bekannt aus den Aasgaben Miltons, als da£ sein 
Inhalt hier wiedergegeben werden müßte. Seinen Wert er- 
hält dieses Empfehlungsgedicht durch den Umstand, daß 
Marvell hier in einer Zeit zu MÜton steht, in der niemand 
von ihm weder politisch noch poetisch wissen wollte. 
Andererseits wäre dieses Empfeblungsgedicht heute so ver- 
gessen wie alle seinesgleichen, wenn es eben nicht das 
"Faradise Lost'* wäre, das empfohlen wird. Interessant ist 
es wegen Marvells theoretischer Stellungnahme fiir Miltons 
reimlosen Vers: charakteristisch genug ist, daß dieses 
Lob der Beimlosigkeit in gereimten Versen, 
fünftaktigen jambischen Reimpaaren , gesungen wird, von 
einem Dichter, der in seiner Praxis nie einen reimlosen 
Vers schrieb» So stehen sich Theorie und Praxis diametral 
gegenüber. Er gibt ja selbst zu: '"/, transported by the 
mode . . /\ Rühmenswert ist die Bescheidenheit, mit der 
sich Marvell selbst nicht zu den Dichtem rechnet, zu den 
wü'klich großen nämlich, durch die Unterscheidung 
"Th€ potts tag (htm, we far fasHion wcar*\ 

Eine poetische Leistung ist das Gedicht ja auch 
wirklich nicht und Benson spricht direkt von "awJcward 
and utjlt/ linc8'\^) 

An die Schlußverse von Marvells Empfehlungsgedicht 
anknüpfend^ sagt Masson in seiner Ausgabe Miltons^ ^ 
mau sehe daraus, wie der Reim f[ir den Dichter wirklich 
nur ein Zwang sei, indem Marvell genötigt ist, auf '*offend'* 
einen Reim zu suchen und deshalb statt eines besser 
passenden Wortes *'eommend'' nehmen muß; daraus ersehe 
man die Superiorität des reimlosen Verses Miltons. — 
Etwas Wahres ist gewiß daran, nämlich an der ersten 
Hälfte der Behauptung; ansonsten reizt sie zum Wider- 
spruch; denn es wurde schon von vielen beobachtet, daß 
trotz der Reimlosigkeit auch Milton oft des Metrums 
wegen sich zu überflüssigen Verbreiterungen und Wieder- 
holungen hat verleiten lassen. Vers, ob mit oder ohne 
Reim, ist eben nicht Prosa. 

^) Emȧ fty K Cbr, B ensoD, London 18B6, p. 85, 
«) Massons Milton^ Bd. III, S. 110, 



■ 



^- 109 — 



I 



I 



I 



Bas Gedicht Mai-vells enthält scharfe Ausfälle auf 
D r y d e n, den er als Toum-Baißcs verspottet Dryden hatte 
nämUch, angeblich nach eingeholter Erlaubnis, Miltons 
**Paradise Losf dramatisch in Szenen zerlegt als '^Tiie 
State of Innocettce*' (1674), ein Drama, daa allerdings nicht 
aufgeführt wurde, Grosart versucht noch eine andere 
Deutung des ''Tonm-Bcujes**, worauf bei Besprechung der 
Stellung Marvells zu anderen Dichtem zurückzukommen 
sein wird. 

Als vorletztes Gedicht ist eine Grabschrift zu er- 
wähnen, in viertaktigen jambischen Reimpaaren ge- 
schrieben, deren Datum und Person wir nicht ermitteln 
können, Sie ist für eine Dame verfaßt und atmet schein- 
bar wirkliches GefühL **Än Epitaph upon ..." ist die Be- 
zeichnung in den Ausgaben, In Wirklichkeit haben wir 
uns die Sache so vorzustellen, daß auf dem Grabstein oben 
der Name der Verstorbenen steht und dann unmittelbar 
das Gedicht; denn dieses beginnt: **Enmi(jh; and leave (he 
rest io Farne", das heißt also: es genügt, den Namen zu 
nennen; ihr Name ist Lob genug. Zu sagen, daß sie in 
einem so lockeren Zeitalter als reine Jungfrau lebte und 
in der Zeit, wo das Laster ein Ruhm war, sich ihrer 
Tagend nicht schämte — das alles ist wahr, aber be- 
deutungsvoller ist, daß sie tot ist! 

Ahnlich, wie wir schon öfters gefunden haben, daß 
Marvell das Lob maskiert, geschieht es auch hier, indem 
er sagt, es sei gar nicht nötig, das und das zu sagen, und 
es dabei doch sagt« 

Einige lateinische Epitaphien, die wahrecheinliah von 
Marvell herrühren, aber nicht sicher, sind ganz in der her- 
kömmlichen Art der Durchsohnittsgrabechriften der Zeit, 
bestellte Gelegenheitsware, die nicht zur Dichtung ge- 
rechnet werden kann. Grosart druckt sie auch gar nicht 
ab, dagegen finden sie sich in der anonymen Ausgabe, 
wahrscheinlich nach der von mir nicht benutzten Ausgabe 
von 1776, sowie in den ''MisceUaneous Poems*' by A, Mar- 
vell, London 1681, die ich in Oxford einsah. 

Dem Datum nach das letzte oder letzterhaltene Ge- 
dicht Marvells ist ein lateinisch-satirisches, betitelt „Scae^ 
vola ScoiO'Britannu8*\ das Grosart ins Englische übertragen 





110 



hat. Die VeranlassuBg war der miBluDgene Mordanschlag 
einea schottischen Fanatikers auf den verhaßten Erzbischof 
Sharp im Jahre 1668. Der Täter, James Mitchell, wurde 
eingekerkert, entfloh, wurde wieder festgenommen und 
nach langer Haft 1678 zur Tortur gebracht, die er mit 
großer Festigkeit ertrug, weshalb ihn Marvell hier ab 
zweiten Scävola feiert. So wie der römische Scävola den 
Tyrannen Porsena schreckte, so schreckte der schottische 
Scävola den Tyrannen Shai-p; auch er habe Dreihundert 
hinter sich, die ausfuhren werden, was ihm nicht gelang, 
wenn der Tyrann nicht nachgibt. 

Aus den Daten der Ereignisse geht hervor, daB das 
Gedieht in der ersten Hälfte des Jänners 1678, also im 
Todesjahre Marvells, geschrieben ist. 

Fälschlieh sind in den Ausgaben Marvells seit der 
Thompsons mehrere Gedichte aufgenommen, die nicht von 
Marvell herrühren können. Von dreien — **Hod(fe^s Vision 
from ihe MoHument'\ **Oceana and Britannia*, ''Ro^al Eeso- 
lutians'' — weist Grosart^} unwiderleglich nach, daß de, 
zufolge enthaltener Bezüge auf Ereignisse nach Marvells 
Tode, sicher nicht von diesem herrühren können; während 
einige andere zwar Satiren auf Ereignisse früherer Zeit 
Bind, deren Autorschaft aber Marvell wohl nur deshalb 
zugeschrieben wurde, weil er an anderen Stellen dieselben 
Ereignisse satirisiert. Nachdem es aber in jener Zeit 
anonyme Satiren in großer Anzahl gibt, sind wir nicht 
berechtigt, diese ohne weiteren Anhaltspunkt Marvell zu- 
zusprechen. Manchmal tut es einem wirklich leid, so be- 
sonders bei der köstlichen Satire ''Royal Mesohitions",^) die 
ganz in modemer „Serenissimus^* Manier gehalten ist. 
Natürlich müssen wir von einer Besprechung dieser Ge* 
dichte abstehen. 

Damit ist die Betrachtung von Marvells sämtlichen 
poetischen Werken beendet, 

^ ^} Voil, p. LVni—LXIV. 

^) Gedruckt bei Grosart, vol. I, p, 431, und hei Aitken, 
*'Satires'\ p, 21ß. 



I 



IL Systematischer Teil. 

Im bisherigen ersten Teile der Arbeit wiird© verancht, 
Marvell durch Einzelheiten verständlich zu machen und 
nahezubringen. Im zweiten Teile soll versucht werden, das 
Gefnndene in ein System zu bringen, die Fäden aufzuzeigen^ 
mittels deren er mit seinem Jahrhundert zusammenhängt 
und worin er sich von seinen Zeitgenossen unterscheidet. 



Literarhistorische Sti^Ilung:. 

Andrew Marvell war ein Dichter zu einer Zeit, die 
der Dichtung nicht günstig war, obwohl eine beträchtliche 
Anzahl von Dichtenden in ihr lebte, der Zeit der Bevo* 
lution imd der Restauration, Es war die Zeit^ wo 
politische and religiöse Gegensätze dem Bürger die Waffen 
in die Hand drückten, wo der starre Puritanismus eich zum 
Vertreter des Geistes Gottes machte und jeden, in dem der 
„Geisf* nicht war, als Feind betrachtete, dem er sich als 
harter Gegner in der Tat zeigte ; der ein morsches König- 
tum niederwarf, dessen vielleicht nicht schuldigstes Opfer 
König Karl I, w^ar; die Zeit, in der aus dem einfachen 
Landmann Cromwell das Haupt der englischen Republik 
wurde, das fremde Völker fürchteten» aber auch ein Haupt, 
das die untergebenen Glieder mit Willkür beherrschte; die 
Zeit, wek'her dann nach dem in Heuchelei und Frömmelei 
ausgearteten, bald verfallenen Puritanismus die Reaktion 
der Zügellosigkeit, Unzucht und Frivolität, auch des Witzes 
zwar, folgte, die der zurückgerufene Karl IL als fran- 
zösische Mode mit nach England brachte, der nur zurrechten 
Zeit starb, um vielleicht dem Schicksal seines Vaters zu 
entgehen, durch das er sich nicht warnen ließ, bei dem das 
sprichwörtliche „Chtrchez la femme'* die Setzung in den 
Plural verlangt, da zahlreiche Maitressen den König be- 
herrschten, die wieder von Nebenakteuren gelenkt wurden : 
ein Puppentheater, bei dem dem Volke die Tränen in die 




— 112 - 



Augen kamen; dazu Krieg, Feuer, Pest; die richtige Vor- 
bereitung, mit einem Wort, zur zweiten, unblutigen "ghriaus 
rebclUon', die bald darauf über seinen Nachfolger Jakob 
hereinbrach, der schon als Duke of York genug getan 
hatte, um sein Schicksal zu verdienen. 

Das war die politische und reli giöse Signatur 
der Zeit, ein aufreibender Kampf im Inneren, zu dem noch 
Kämpfe im Ausland hinzukamen. 

Die soziale Konstellation war dem entsprechend: Auch 
in der Gesellschaft zuerst die Herrschaft des ehrUchen, 
aber plumpen Paritanismus, dessen zweites Wort immer 
Gott war; dann die Herrschaft der „Kavaliere", bei denen 
stets eine geistreiche Phrase und eine Zote abwechseku ^* 
Die Extreme folgen einander. 

Und nun zum literarischen Ausdruck der Zeit: 

Der bekannteste dichterische Name jener Periode ist 
der Miltons. Aber wir können ihn nicht zum Maßstab 
der Zeit und zum Maßstab fär Marvell machen. Denn, wenn 
wir den Namen John Milton hören, so denken wir unwill- 
kürlich an den Dichter des '*Paradis€ Losi'% den englischen 
Klopstoek, — und Marvell war kein religiöser Dichter. Er 
hat etwas mit dem jungen Dry den gemeinsam, aberDryden 
ist vor allem Dramatiker. So müssen wir Marvell, da es 
eich hier nur um Lyrik handelt, an der Menge der ge* 
ringeren Dichter neben und nach Milton messen, den 
^Kavalieren'*, wie sie Bleib treu im ersten Bande seiner 
bekannten Literaturgeschichte nennt, — Hervorbringer 
einer Menge von fingierten Liebesliedem in der pastoralen 
Mode und einer erdrückenden Masse von Gelegenheits- 
dichtungen. Diese sind, vom Theater abgesehen, der lite- 
rarische Ausdruck der Zeit. Wir können, wohlgemerkt, 
Marvell an ihnen messen; wir können ihn aber nicht 
unter sie zählen. Er war weder ihr Freand — in politischer 
Beziehung; noch ihr Schüler — in poetischer Beziehung. 

Wenn wir die Zeit als eine endlose Wellenlinie an* 
sehen, indem jedes Prinzip nach Erreichung der Kulmination 
verflacht und dem nächsten, heranreifenden, Platz macht 
und so fort, so können wir sagen, daJ3 Marvell zugleich 
auf zwei Wellenbergen steht; das heißt, einerseits ist er 
noch Puritaner, wenn auch nicht im finstersten Sinne 



i 



I 
I 

4 




— 113 — 



rtes, in seinem ehrlichen» geraden, rechthchen Sinne; 
and andererseits, mit Bezug auf die formelle Seite, ist 
er^ wenigstens eme Zeitlang, ein Kind der jüngsten Zeit, 
ein Dichter der tändelnden, schäferlichen Mode und ein 
B Satiriker. Eine seltsame Kombination, von der mir kein 
* zweites Beispiel bekannt ist — von Miltons ''Minor Poems'' 
aus dem angetührteu Grunde abgesehen. 

■ Zahlen spreclien. Wir haben von Marvell 

25 Liebesgedichte und ßeflexionsgedichte, darunter 
13 in Schäfer- oder idyllischer Einkleidung, 

110 Gedichte an bestimmte Personen, darunter 2 in 
Schäfereinkleidung, 
3 commendatory poems, 
2 literarische Satiren und 
15 politische Satiren.^) 
Die Hauptmasse also Mode- (Seh äfer-)Dichtung und 
Gelegenheitsgedichte, ergo ein Kind der Zeit, ein Re- 
naissancedichter, ä la Drayton, Carew, Suekling, 
■ Browne, Pletcher^ Crashaw, Donne, Cowley, Waller, Denhanx, 
in welcher Reihe ja auch, freilich nur sozusagen im ^Neben- 
fach^j Ben Jonson schon, dann Milton und Drydon mittaten. 
H Aber Marvell ist nicht der Schüler eines dieser; er 

™ steht nicht unter deren Einfluß, sondern unter demselben 
£in£uÜ, unter dem diese schon standen, nämhch dem Ein- 
flüsse der internationalen, in erster Linie der italienischen 
ßenaissancedichtuDg, die wieder von der antiken Richtung 
abhängig ist ; die Kichtung des sogenannten Marinismus 
also, die in Deutschland durch den „Schwulöf^ der zweiten 
Schlesier vertreten ist, deren Hauptkennzeichen a) die 
pastorale Einkleidung, ft^ das Kunstmittel der cimcetti Bind; 
eine Fortsetzung des Euphuismus, der eigentlich nicht viel 

• älter ist und schon alles im Keime enthält. 
Von bleibendem Wert ist freilich diese Renaissance- 
dichtung nicht gewesen, diese Liebeslieder stehen trotz des 
aufgebotenen riesigen Apparates unendlich weit hinter den 
schlichten, ergreitenden der mittelenglischen Zeit zurück; 
aber so wegwerfend dürfen wir sie doch nicht behandeln, 



*) Die drei Teile der "InsirucHons to a painter^' nur als e i n Ge- 
dicht gezählt ; die lateinisohen Gedichte sind nicht miteinbezogen. 
Po seil er. MttrvoJls poel. Werke, g 



^ 114 — 



wie es Bleib treu tut; die guten Leute können ja nichts 
dafür, daß sie in einer Zeit lebten, wo die Mode ihnen so 
diktierte; und der Mode entgegentreten konnten sie nicht. 
Auch Milton, neben Crom well der starkgeietigste Mann der 
Zeitj hat das nioht vermocht ; erat im Alter, von der Welt 
abgeschlossen, hat er es versucht Die Renaissancemode 
war eben allmächtig, nicht nur in der Literatur, auch in 
der Architektur der Häuser von außen, in den geschnörkelten 
Möbeln innen, in den Gartenanlagen, in der Tracht der 
Leute, überall finden wir sie. Was Marvell speziell an- 
belangt, so ist er, der nirgends die Extreme liebt, auch 
hier kein Extremer; dem war seine klare, nüchterne Natur 
entgegen; er macht die Mode gezwungen mit; so ist er 
auch in den concetti, dem Unding, das auch er nicht ab- 
streifen kann, doch viel mäßiger als zum Beispiel Cowley, 
Donne und andere. 

In erster Linie haben wir bei Marvell den Einfluß 
Horazens. Der Grundgedanke seiner ländlichen Gedichte 
ißt das bekannte „Beatus ilU qui procttl neßotiis . . .** (in 
'' Appleton- ffome'\ ''HortHs'\ ''The Gardm*\ '*Rös'* und vielen 
anderen). Demselben Gedanken folgend, übersetzt er auch, 
gleich Cowley, die Chorstrophe „Stet quiamque volet . . .* 
aus Senecas '*ThtfesV\ Ohne gegenseitige Abhängigkeit 
geht dieser Gedanke auch durch ähnlicbe Dichtungen seiner 
ungefähren Zeitgenossen Donne, Ben Jonson, Mitten 
(„II Penseroso^J, Cowley, Waller, Denham C*Cooper's Hiir: 
" . , , Happiness of sweet retired cantenf') und erreicht in 
Pope einen Höhepunkt. 

Ein anderer, unendlich oft variierter Gedanke ist das 
Horazische „ Carpe diem ! ", am schönsten ausgedrückt in 
dem launigen, schalkhaften Gedichte '*To his coy mi$tres^\ 
— auch wieder bei den genannten Dichtern zu finden, be- 
sonders bei Waller. 

Das ^Ars hngUy vita brevis'' nach Hippokrates und 
Horaz fanden wir sogar wörtlich in der Schlußzeile des 
Gedichtes ^jauf den Tod des Lord Hastings": 
"Art indeed is long^ hui Lift is short," 

Das lateinische Gedicht „Ad Regetn Carolum*' nennt 
sich selbst eine ^Parodia^ auf Horazens „Ad Atu/ttstum 
Caesar em** i ^Carnu, I, 2. ^ 



1 
i 



— 115 — 



I 



Auch in den Episteln ahmt er Horaz nach, zum 
Beispiel „Episiola Doctori Ingelo . . ,^ und „Dodori Wittie'^, 
Also Horaz auf allen Linien ; halb auf dessen Rechnung, 
halb auf die des Landaufenthaltes zu Nun-Appleton zu 
setzen ist der ''out of door^-Charakter seiner Poesie^ den 
viele Engländer hervorheben,'^) 

Dann finden wir auch den Einfliii3 Virgils: Wie in 
der „Aneide" Minerva dem Aolus eine reine Jungfrau ver- 
spricht, um ihn für ihre Plane zu gewimien, so verspricht 
die Personifikation des Macchiavellismus dem König Karl 
**thr€e spotless mrgins'\ Auch die Figur der Fama^ die ihre 
Backen schwellt, malt er nach Virgil. 

An Homer erinnert die Stelle im ''Fir.^i Anniversary*\ 
wo das Benehmen der den Führer abschleudernden Rosse 
geschildert wird. 

Einflüsse Catulls sind zwar nicht so mit den Händen 
zu greifen, finden sich aber in MarveUa Liebeslyrik wie 
in der ganzen Renaissance, besonders bei Ben Jonson. 

Marvell kennt Asop (im *^Dialogue beiween two horses*^ 
und hat oflTenbar von ihm den Tierglauben übernommen. 
Auch Seneca kennt er, denn er übersetzt aus ihm. Auf 
antiken Einfluß geht auch die wichtige Form der Toten- 
ge spräche zurück, die ihm besonders zur Satire dient. 
(*'Tom Mays Dmtii\ ''Tiie Loyal Seot"; q. v.) Marvell pflegt 
nur die ältere, echtere Art dieser Gespräche, nämlich zwischen 
wirkhch Verstorbenen in der Unterwelt; nicht aber auch 
die Wanderungen Lebender in die Unterwelt. S a 1 1 n s t 
zitiert er in der *'fforatian Ode'', 

Nach den Alten haben auf Marvell als Mittelsmänner 
die modernen Nachahmer derselben, besonders die Italiener 
und seine eigenen Landsleute, eingewirkt (8 pensers 
*^Shepher(Vs Calendar'*, Sidney etc.), von denen er, gleich 
anderen, die Schäfemamen Hubbinol, Dämon, Thjrsia, 
Clorinda etc. übernimmt. Er befolgt die von diesen theo- 
retisch geäuiierten und praktisch betätigten Vorschriften,*) 
Ein Unterschied zwischen Spenser und Marvell bei diesen 
Schäferdichtungen ist, abgesehen von der sonstigen ße- 

i) Gosse, "From Sfmlspere to Pope*, Cambr. 1885, /?. 219 f; 
ferner ''Academtf, vol 51, p, 478: ebd. ml. 42, p.U3Öf. 
*) Vgl. Seite 84 f. dieser Arbeit. 




— 116 — 



deutiiDg^ daß Spenser seine Schäferdichtung zu praktischen 
Zwecken benutzt hat, nämlich um sich Gönner zu erwerben, 
um die Leute anzusingen oder ihnen für etwas zu danken, 
während Marvell für sich dichtet, wenn vielleicht auch 
mancher Schäfemame Personen seiner Bekanntschaft ver- 
birgt, wie zum Beispiel ausnahmsweise in den y,Two SongB*^ 
für die Hochzeit von Cromwells Tochter; Mary Fairtax 
fuhrt er als Nymphe ein. 

Bloß antiken Einfluß zeigt Marvell in den Satiren; 
dieser ist aber bei einem gelehrten Dichter natürlich; die 
Satiren sind es also^ wo Marvell am selbständigsten ist, 

Betrachten wir Marvells Stellung zu den Dichtern, 
welcher er in seinen Dichtixngen besonders gedenkt, so 
haben wir vor allem Spenser und Ben Jonson, Thomas 
May und Richard Flecknoe, Dryden, Lovelace und Milton 
zu nennen. 

Von seiner Bewunderung fiir Spenser warde bereits 
gesprochen ; er gibt ihm das Beiwort "fame(V\ Inwiefern 
er nur sein Schüler zu nennen ist, wurde eben gesagt, 
Spenser ist aber Hofdichter ^ Marvell steht dem Hofe 
feindlich gegenüber, freilich einem anders beschaffenen. 
Marvell ist auch dem Schäferkostüm nicht so unwiderruf- 
lich verfallen wie Spenser; dieser sagt alles im Schäfer- 
kostüm ; während Marvell dort, wo der große Ernst durch- 
bricht^ immer die Maske abwirl't, als ob das wahre Gefühl 
die glatte Decke sprengen würde* 

Ben Jonson führt unser Dichter in ''Tom Mays 
Death" redend ein; er legt ihm scharfe Worte in den Mundf 
mit denen der Renegat May aus der Versammlung der 
Poeten in der Unterwelt hinausgewiesen wird. Er läßt vor 
seiner Rute Virgii und Horaz erzittern. Ben Jonson spricht 
die hohe Meinung von der Aufgabe und der Pflicht der 
Dichtkunst aus, eine utilitaristische Meinung, die eigene 
Meinimg Marvells, die uns bereits bekannt ist. Da er Ben 
Jonson also zum Organ seiner Meinung macht, hatte er 
oflenbar eine hohe Achtung vor ihm, obwohl Ben Jonson 
der Gresinnung nach nicht auf Marvells Seite stand ; fireilich 
waren fiüher die Gegensätze nicht so schroff gewesen und 
Marvell war stets hochdenkend genug, auch anderen ihr 
Recht widerfahren zu lassen. Dem widerspricht nicht, daß 



4 
4 



— 117 — 



er zu Beginn dieses Gedichtes über Jonsons gutes Aus- 
sehen scherzt, indem er ihn mit einem Wirte verwechselt 
werden laut, — ein harmloser Scherz des Satirikers^ dessen 
Spitze mehr gegen den betrunkenen May gerichtet ist als 
gegen Ben. Daß Jonson ihn auch direkt beeinflußte, liegt 
als bei dem Nachahmer Catulls, dem Übersetzer des „Beatus 
Ula . . .'* (''Happy is he thai front all business clear . . ."), nahe 
genug. Man stelle nur das Marvelliache '*Lct us .^port us 
while we mat/* C'To his cotj Misiress'\) neben das JonsoDsche 
'^Come^ mtf Celia, let us proüe^ 
While wt maij^ the Sports of love^"^) 

Was Marvell in demselben Gedichte von May meint 
und denkt, ist in der Inhaltsangabe ausführlich genug dar- 
gelegt und begründet worden. Dasselbe gilt bezüglich 
Flecknoes, der den Gegenstand seiner ersten literarischen 
Satire bildete. 

Cleveland, den er in der Satire "77ie Lot^al Scot'' 
auftreten läßt und den er dadurch ehrt, daß er ihm seine 
eigene Ansicht aussprechen läßt, dürfte er, als einen der 
wenigen ehrlichen politischen Gegner, hochgeschätzt haben. 

Lovelacö, dessen Name ohne Ursache etwas be- 
kannter ist als der Marvells, nennt dieser seinen teuren 
Freund und schätzt ihn in seinem Widmungs- und Geleit- 
gedicht, der herkömmUchen Art nach, höher als er ihn 
wohl in AVirklichkeit stellte. 

Dagegen ist seine Stellung gegenüber Dryden eine 
entschieden feindselige. Der Angreifer scheint Mar^'-ell ge- 
wesen zu sein, wenigstens ist kein früherer Angriff seitens 
Dryden bekannt. Das Gedicht Marvells auf Miltons '*Para^ 
dise LqsV ist voll temperamentvoller Ausfälle auf Dryden, 
wegen dessen Dramatisierung dieses Epos (1674); offenbar 
verleitete unsern Dichter die große Verehrung fiir Milton 
dazu* Die Ausdrücke "soiw? le^s skilful hamr und ''vo room 
is here for writers hß, hiU to detect ihtir ignoraner or theff' 
gehen alle auf Dryden und seinen ''State of Innocmc€'\ 
der kurz vorher erschienen war. Er ist es auch offenbar, den 
Marvell hier unter dem Namen ''Town-Batjes'' versteht; 

^^While ihe Towit- Bai/es wriies all the while and s^iells, 
And iike a pack-horse Urea wüHout His bells,'' 

i) Ed, Ciifmingham, III, ^66. 



r_ 118 _ 



während Grosart in der Anmerkung zu seiner Ausgabe 
Dryden gar nicht erwähnt, sondern meint, "Tofmi-Bayes** 
sei entweder die anglizierte Form von „Bavius^ oder es 
bedeute Monday, "the Ciiy-poet'\ wie ihn Ben Jenson 
nennt, also Town-Bayes = Town-Laureate. Da ein© andere 
etymologische Erklärung nicht existiert, und auch mir 
nicht gelungen ist, hat diese letztere von Qrosart etwas 
für sich. Andererseits aber liegt es doch näher, auch diesen 
Angriff auf Dryden zu beziehen^ da es nicht wahrscheinlich 
ist, daJJ Marvell in dem einen Gedicht gleich zwei Männer 
angriff, von denen der eine in gar keiner Beziehung zu 
MUtons ''Paradise Losf stand* Dryden rächte sich für 
Marvells Ausfälle, indem er im Vorwort zur „Religio Laici' 
Martin Marprelat mit ihm vergleicht, *'the Marveü 0/ 
thüse timeSt ike ßrst presbyierian scrihbler who sanctified libels 
and scurnlity to thc use of the good old cause" J) Daß Dryden 
es andererseits nicht verschmähte, an Marvells **Flecktto^' 
anzuknüpfen mit seinem ''Mac Fleckrwe", wurde bereits*) 
hervorgehoben. Auf wessen Seite das bessere Recht war, 
ist ziemlich klar. Dryden konnte Marvell auch politisch 
nicht angenehm sein; denn derselbe Dryden, der Crom- 
wells Tod in Versen beweinte, als dessen Sohn Richard in 
der Regierung festzusitzen schien, besang kaum achtzehn 
Monate später, als die Restauration gefolgt war, mit Waller 
und anderen die Rückkehr Karls IL; ja, er verglich eine 
seiner Dirnen mit — Cato! Das konnte ein Marvell nicht 
verzeihen, 

Marvells Stellung zu seinem jetzt berühmtesten Zeit- 
genossen, Milton, der aber damals gar nicht berühmt 
und nur von wenigen anerkannt war, geht zur Genüge 
aus seinem begeisterten Eintreten für dessen '*Paradis€ Last'* 
hervor, wenn auch, wie immer, ein Teil der Begeisterung 
auf das Konto der herkömmlichen Art der conimmdatory 
Verses gesetzt werden muü. Die persönliche Bekanntachaft 
der beiden Männer datierte seit ungefähr 1662, wie aus 
Miltons Empfehlungsbrief hervorgeht; offenbar ist Lord 
Fairlax der Vermittler gewesen ; imd Milton wieder empfahl 
Marvell an Bradshaw und OromweU, wodurch er ja später 

') Dn/dm's Poetical Worts, cd, Cunningham, vol. lH, p. 190. 
2) Sieh S. 4 u, 5 dieser Arbeit. 



Ü 



Ü 





— 119 — 

ßein Amtskollege wurde. Und es zeigt wieder Marvells 
ehrenhafte, herzgewinneude Persönlichkeit, daß er 
Milton nicht vergaß, als er ihn nicht mehr brauchen konnte, 
sondern dieser seiner bedurfte, und daß er mannhaft für 
ihn gegen den minder edlen Parker auftrat und auch im 
Parlament den Vielgehaßten in Schutz nahm. Der Milton- 
Biograph Mark Pattison^) bedauert nur, daß Marvell 
statt seines schwachen Lobgedichtes keinerlei Aufzeich- 
nungen über seinen Verkehr mit Milton hinterlassen hat; 
bemerkenswert ist eine Äußerung Marvells über Milton im 
^^Rehtarsal Transprosed*' J) 

Ein direkter literarischer Einfluß Miltons auf 
Marvell ist nicht vorhanden. Gemeinsame Züge finden sich 
freilich, so der Glaube an die Macht der Sterne,*) die Ver- 
gleiche aus der Bibel mit den alten jüdischen Helden, mit 
Samson — an "Samsmt Agonistes" denkt Marvell offenbar bei 
der Erwähnung Samsons am Schlüsse seines EmpfehJungs- 
gedichtes für Milton — , mit dem Ungeheuer Le\aathan etc., 
was aber nicht auffallend ist Daß Marvell für die Heim- 
losigkeit Miltons theoretisch eintritt, sie aber selbst nicht 
pflegt, wurde schon erwähnt Marvell und Milton sehen die 
"Welt mit ganz verschiedenen Augen an: Beide sind unzu- 
frieden, empört über die herrschenden Zustände. Milton 
besitzt Pathos, Marvell Satire. Milton zieht sich endlich 
geärgert von der Außenwelt zurück und versenkt sich in 
die Zeit des Paradieses. Marvell wird immer heftiger in 
seinem erbitterten Kampfe, dessentwegen er auch die 
eigentliche Dichtung aufgab, während Milton geradezu 
zur Dichtung gedrängt wurde, abgesehen von den anderen 
Umständen, die dabei mitwirkten. 

Im Gedichte „Auf Tom Mays Tod" nennt Marvell 



1) ''Mütmi' (Mii^lush Mai of LettersJ, p. 131 f. 

2) Grosart, vol III, p, 498-^00; ebd. p. 35 m. 494 über 
Butlers "Hudthras'\ 

^) Die Astrologie stand damals in gebildeten Kreisen io hohem 
Ansehen. William Lilty, der größte Astrologe der Zeit, sagte in 
jährlichen Aljuanachen die politischen Ereignisse vorher j er wurde 
auch zu Rate gezogen, a!s Karl I. aus Carisbrook-Castle fliehen 
wollte. Butler verspottet ihn im ''Hudibrm** als öidrophel. Vgl 
*'Mudibras'\ II, HI 



120 



femer Davenant gegenüber May mit Auszeichntmg **one 
ttmn thee more wortht^"; tmd Chane er erhält ebendort das 
Beiwort *^reverend": — übrigens ein ständiges Beiwort für 
Chaucer auch bei anderen Dichtem, z, B. Dimbar. 

Ein conimendaiory poem für Dn Witty zeigt die stereo- 
type Übertreibung bei der Würdigung von dessen Über- 
setzungskunst 

An Waller und Denham, Dichter der Gegenpartei, 
haltlose Gesellen, knüpft Marvell insofern an, als er den 
Gedanken ihrer '* Instructions to a painter*^ die für Karl 
Partei nehmen^ aufgreift und ^nach zwei Sitzungen'^ Lady 
State einer dritten, längeren unterzieht, und so seine viel 
umfangreicheren ''Instructions", äußerst aggressiv gegen den 
König und die Regierung, schrieb. Auch erwähnt er beide 
Dichter in diesem Gedichte selbst, den einen als Parlaments- 
mitglied, den andern in sehr verächtlicher Weise.*) Mit 
Waller hat er noch mehrere Themen gemein. Waller schrieb 
*'0f a war wiih Spain and ßiiht ai sea" in heroic couphts; 
Marvell ''Chi the Victorij of Blake over ihe Spaniards . . .** In 
anderem Zusammeohang wurde schon erwähnt, daß Waller 
ebenso wie Manuell ein '*Pöem upon the death of the Lord 
Proteetür' schrieb und beide darin von dem Sttirm bei 
Cromwells Tode allegorischen Gebrauch machen, ohne daß 
ein weiterer Zusammenhang erkennbar wäre. 

Da Grosart, der treffliche Herausgeber, in seinen 
Anmerkungen öfters so nebenbei von „Reminiszenzen'* an 
Donne, Cowley etc. spricht und auch der Artikel im "Dic- 
tionartj of National Biographij' Marvell zur „Schule** 
Donnes und Cowleys rechnet (eine solche gibt es gar nicht, 
das ist eben ^Renaissance- Lyrik^), so muß entschieden be- 
tont werden, daß Marvell von Donne und Cowley 
absolut unabhängig ist; von einem bestimmten Ein- 
flüsse kann nicht gesprochen werden, wohl aber von Ein- 
Aussen (Plural !), und zwar sind das die allgemeinen Einflüsse 
der Zeit, der Mode, der Tradition. Eine ^Schule Donne- 
Cowley'^ existiert noch weniger als die sogenannte ^zweite 
schlesische Schule'^* Diese „Schule" ist eben die pastorale 
Richtung, der jeder Zeitgenosse angehörte, vielleicht mit 



1) ?v. 164, 2m. 



- 121 - 



alleiruger Ausnahme Butlers. Unter ^Schule** versteht man 
doch immer etwas Abgesondertes, Partielles und gerade 
nicht das Allgemeine » Universelle. 

GewiU, wir erinnern uns sogleich an Marvells ''ün- 
fortunatr Lover'\ der ''Definition qf Love'\ ^'Mourning** und 
ähnlicher Unnatürlichkeiten, wenn H a z 1 i 1 1 *) sagt: 
^'Donne's Muse suffers continual pangs and ihroes; his thoaghis 
are ddivered hg ike Caesarcan sedion'*: sowie wenn er be- 
merkt, daß Donne Gelehrsamkeit filr Poesie hielt» Aber 
das ist kein Charakteristikum für Donne oder Marvell 
speziell, sondern allen Zeitgenossen gemein; man gehe 
nur die betreffenden Bände der *'Po€is of Great Brituin'* 
flüchtig durch und man wird staunen, überall dasselbe zu 
finden. 

Und gehen wir zu den Einzelheiten: Auch Donne 
besingt einen Öarten, besingt Bilder; auch er höhnt die 
Schismatiker zu Amsterdam, auch er verehrt Spenser: 
lauter Allgemeinheiten, die nichts beweisen. Das größte 
ist noch, daß auch bei Donne sich das Bild vom Auf- 
fangen der Tränen in einer kristallenen Phiole findet 
Das einzige Gedicht Donnes, das wahrscheinlich wirklich 
auf Marvell eingewirkt hat, ist Donnes ,,La Corona*', ent- 
sprechend dann Marvells *'The Coronet", Ein Blick auf 
Seite 49, wo das Muster vollständig abgeschrieben wurde, 
genügt, um zu bestätigen, daß auch dieses ihm außer der 
allgemeinen Idee und dem Titel, der nicht einmal Dounes 
Eigentum ist, sehr wenig geboten hat. 

Es wäre verfehlt zu schließen, Marvell könne der 
Üler Donnes deshalb gewesen sein, weil Donne nach 

Ausspruche Ben Jonsons ein großer Dichter war, 
während Marvell es nicht war. Donne war gar kein großer 
Dichter, Ben Jonson nennt ihn freilich anläßlich der üb- 
lichen gegenseitigen Komplimeutierung einmal ''the ddight 
of Phoi'bus and each 3hise"; darauf ist aber ebensowenig 
zu geben, als wenn Marvell einen Lovelace oder Witty 
bis in den Himmel erhebt. Und Marvell ist Donne gegen- 
über nicht zu verachten; Hazlitt nennt ihn eines besseren 



JC>lg€ 



B >) "The Englinh Cotmc Writ^ra** (wie 9. aO, Arno. 1^ dieser Ar- 

beit), p.64. 



122 



Zeitalters würdig und findet manohe seiner Verae ^süß 
wie auf Apollos Laute**.*) 

Und so wie Marvell in der pastoral en Dichtung 
von Donne unabhängig ist, ist er es auch, ja noch mehr, 
wenn möglich, in der Satire. Donne schrieb auch Satiren, 
aber lauter allgemeine Satiren, Satiren auf schlechte Poeten, 
auf den Aberglauben, über die Heuchelei etc«, während 
Marvells Satire eine direkt persönliche Satire, meist 
mit Namensnennung der Person ist. Andererseits ist Donne 
bedeutend vielseitiger in der Metrik, er hat längere und 
kürzere Verse, mehr sangbar, liedartig verbunden. Marvell 
hat das nicht nachgeahmt. Überhaupt müüte man ihn einen 
sehr schlechten, unfolgsamen ,,Schuler" nennen, denn Donnes 
Lyrik ist, obwohl dieser ein Geistlicher war, viel sinnlicher 
und nackter, besonders in den Hoclizeitsgedichten, wo in 
sehr deutlicher Weise von den Freuden der Brautnacht 
gesprochen wird. Derartiges finden wir bei Marvell nicht 

Und Cowley gleicht Marvell nur in der Ehrlichkeit ; 
Cowley war nämlich Royalist, und zwar einer der wenigen 
ehrlichen. Er hatte den Mut, Cromwell bei dessen Leb- 
zeiten zu tadeln. Dichterisch hat Cowley Marvell gar nicht 
beeinfiuJJt. Er hat weder seine sogenannten Pindaric Ödes 
nachgeahmt, noch solche Verstiegenheiten wie Cowleys 
*'0f Plauts", ein Herbarium in Versen, auch so trocken 
'wäe ein solches. Von Cowleys '^Mistress'\ einer Sammlung 
von Liebesgedichten, die das einzige in Betracht Kommende 
wäre, sagt sein Biograph in den "Poets of &rc€U Britmn*\^ 
daß *'suhiJeiy and far-feAched conceit usurp (he senfimefiis of 
passion and nature*; sowie das auch von Marvell gilt, gilt 
es von dieser ganzen „Schule". 

Marvells eigentliche dichterische Tätigkeit ist auf 
wenige Jahre beschränkt. Von den Vorübungen der 
Universitätszeit abgesehen, haben wir seine lyrische, Be- 
naissanceperiode auf die Jahre 1650 — 1652/53 beschränkt 
gesehen, allerdings seine fruchtbarste Zeit, Seine politischen 
Gedichte und Satiren bilden keine geschlossene Keihe, 
sondern sind gelegentlich geschrieben, einzeln über viele 
Jahre verstreut, am dichtesten gegen sein Lebensende zu, 

«) Sieh S. 90, Aiun* 1» dieser Arbeit 
2) Val \\ p. 204, 



4 
4 



4 



— 128 — 



Um so auffallender ist bei der nicht groiien Zahl seiner 
Gedichte seine Vielseitigkeit. Derselbe Marvell^ der 
in der zweiten Hälfte seines Lebens so wuchtige Satiren 
gegen seine politischen Gegner schleudert, schreibt in der 
ersten Zeit zarte Hirtengedichte und findet so innige Tone 
wie in *'Ä Drop of Dew*\ so galante wie in **Daphnis and 
Chloe^\ so gutmütig* humoristische wie in seiner *'Ct>;/ 
3Iistress'\ Seine Prosasohriften, von groJdem Um- 
fange, berechtigen ihn zu dem Titel eines ausgezeichneten 
Prosaisten. 

k Seine umfassende Bildung, die sich überall zeigt, 

könnte uns in Erstaunen setzen, wenn wir nicht bedächten, 
daß dieselbe etwas Notwendiges bei jedem Dichter des 
17* Jahrhunderts ist. Zwar noch von manchem Aberglauben 
befangen, nähern sich diese Leute, auf ihre Weise und 

Kür ihre Zeit, einem Konversationslexikon oder dem 
toetJieschen allumfassenden Ideal, dem Hen-kal-patL Dabei 
iebt Marvell, ein Politiker, noch viel mehr im Leben 
und in der Wirklichkeit als andere. Über seine Lite- 
raturkenntnis wurde gesprochen, als die fremden Ein- 
flüsse erörtert wurden. Er kennt aber nicht nur die klassische 
Literatur, auch die zeitgenössischen fremden Literaturen^ 
die italienische Stegreifkomödie; mit ihrem Skara- 
muz und PoHcinell vergleicht er ja Karl IL; er spricht 
auch von ''Orlamlo, famous in romance' (''Instructions to a 
painter", 275) und von ''thefahulous huut of Che vy- Chase'* 
C'Layal Scot", 70). 

Das 17. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Ge- 
le genheitsdichtung; aber wenn die übrigen Dichter 
diesem Meere Ströme zutllhi^en, so ist Marvells Beitrag 
nur ein bescheidenes Bächlein, solange das Wort Gelegen- 

theitsdichtung im engereu Sinne genommen wird. Im weiteren 
Sinne ist freilich eigentlich Marvells ganzes Dichten Ge- 
legenheitsdichtung. Zur erstereu Gattung zählen seine 
Geleitverse — für Lovelace, Witty, Milton; seine Leichen- 
gedichte — für Cromwell, Hastings, seine Hochzeits- 
gedichte. Zur zweiten Art gehört alles übrige, die Crom- 
ttjellian Poems j die keine leeren Lobhudeleien sind, manche 
seiner lyrischen Gedichte, alle Satiren. Ein negativer Be- 
weis dafür ist auch der Umstand, daß wir bei ihm nie 



— 124 



allgemeine Satire, Satire aut die Mode oder die im 
16. und 17. Jahrhundert so beliebte ^»Satire auf aUe Stände*^ 
finden, sondern immer direkte persönliche Satire^ die 
freilich eher dem Nichtverstanden- und Vergessenwerden 
anheimfällt. Ein Zag, der durch seine ganze Dichtung^ 
durch jede Periode hindurchgeht^ ist, daß die Satire, wenn 
auch nur in kleinen Seitenhieben, sich überall, ja sogar 
in Liebesgediehten findet. ^| 

Charakteristisch fiir Marvell ist die Mischung von ^m 
modern -wissenschaftlichen Vorstellungen und Über- 
bleibseln des Aberglaubens. Er pflegt die mittelalter* 
liehe Spielerei mit der Zahl „fünf"^ (in dem griechischen 
Gedicht, in ^^Apphton-Houae**); er glaubt an den Einfluß 
der Gestirne wie Milton, an eine Seele der Tiere ("Nympli\ 
''Hill and Grove at Bilborow\ "First Anniversar (^"J, an Vor- j 
herkündigungen C'Death oj ihe Lord Protector"), er hatj 
noch den „Horror vacui** der Alten ('*Nature haieih 
etnpimess\ in der '^Horaiian Ode*\ ''Appleton- Hause'' ); erj 
zieht aber die Mathematik zu Vergleichen heran, spricht 
vom Femrohr, vom Mikroskop, spottet über Graphologie, j 
ja wir finden eine ganz moderne Ansicht, die in Deutsch- 
land Herder zuerst aussprach, nämlich die Betonung des 
Einflusses des Milieu, des Klimas, der Umgebung auf 
den Menschen; so sagt er, daß die Mode es sei, welche 
die Dichter beherrsche, und ein anderes Mal heißt es: 

**Our wits have drawn th'infection of our ttmcs** C*Lovelace*^), 

Noch ein Wort über seine Stellung als Satirike r. 
Leigh Hunt*) sagt: ''Andrew Marvell — — is ihought\ 
io have had wo mean hand in putiimj an end io ihe dtßiasiy 
of ihe Stuarts, His wit kelped io retider them ridiculous, and , 
his iniegrity added weight to the siing/* Von Butler, dem 
bedeutendsten Satiriker der Gegenpartei, unterscheidet sich 
Marvell wesentlich im Leben und in den Werken : Der 
erstere verbrachte sein ganzes Leben in banger Hoffnung 
auf die Gunst des Hofes ; zugleich geschmeichelt und ent- 
täuscht, sah er keine seiner Hoffnungen sich erfüllen* 
Marvell, keine "mercetiarg pen'* wie May, wies die ihm 
angetragene Hofgunst, die Bestechung durch Lord 

^) ** Wit anä Humonr\ p. J^Uff, 



— 125 — 



d 



Danby zurück und blieb sein Leben lang frei und unab- 
hängig, Butler schrieb, der Hauptsache nach, nur ein großes 
komisches Epos, während Marvell — in Versen — kein 
einziges großes, aber viele kleinere satirische Gedichte 
schrieb. Mar\'ells Berühmtheit bei den unmittelbaren Nach- 
kommen bestand auch nur in seinen Satiren, das zeigt der 
Umstand, daÜ viele Satiren in den **Pömi8 of State Äffairs" 
ihm zugeschrieben wurden, die nicht von ihm herrühren, 
wie Grosart zeigt. Seine Ironie erinnert Leigh Hunt*) 
mitunter an Swift, der ihn ja bewimderte,^) 

Es ist nirgends meine Absiebt gewesen, Marveil 
größer zu machen als er ist, aber unter den „Dichtem 
geringerer Bedeutung neben Milton^ kann ihm vielleicht 
auch ein Platz in Körtings .^G^rundriß** werden, wenn 
schon um nichts andern willen als seiner **Ni/mph'\ '^Ber- 
mudas'*, "Horaiian Ode*\ des **Dialogms oftwo horses" wegen. 
Cowley zum Beispie! ist als Dichter um nichts be- 
deutender als Marvell und doch ist sein Name so bekannt, 
weil er durch das ''rumhUng measure of his CkieSy whidi was 
calh'd Pindaric*' die englische Poesie für ein halbes Jahr- 
hundert zum Nachteil des Geschmacks und der Natürlich- 
keit beeinfluß te, wie sein Biograph in den **Poets of Great 
Britain'\ vol F, sagt Macdonald, der Herausgeber von 
''Englands Äntqjhon'' (AlacmUlan & Co.) sagt p. 247 : ein 
paar halbe Dutzend seiner Gedichte sind mehr wert als 
alle Verse Cowleys, Die Äußerungen von Hazlitt, Leigh 
Hunt, Swift über Marvell wurden bereits mehrfach 
zitiert. Grosart stellt an den Schluß seiner biographischen 
Skizze einige Zeilen aus einem Sonett Words worth's, 
der Marvell unter die großen MäDner rechnet: 

*'Hanih ihat penn'd, and ton^iues that uUered 
Wisdmn, beUer nmt^," 

Das spezielle Lob Leigh Hunts ist gewiß über- 
trieben, immerhin ist es ein Zeichen, daß Marvell nicht 
ganz zu vergessen ist, daß er dort in Gesellschaft von 
Chaucer, Butler, Jonson, Swift, Goldsmith etc. als Vertreter 
des englischen Witzes und Humors erscheint. Mark 

>) " Wit and Rumour'\ p, 34, 218. 

^) Die Zuäammeust«llui2g der Urteile über seine Satiren aut 
S. 107 hatte auch ebensowohl an diese Stelle gepaßt. 



— 126 — 



Pattiso n*) nennt ihn einen kongenialen Geist Miltons, 
"ineorf^*ptiblc amid povertif, unbowed Inj de/eat". Gewiß muß 
Andrew Marvell jedem^ der «ich mit ihm beschäftigt, teuer 
sein, wenn auch mehr als Mensch denn als Dichter* AUzn- 
bekannt ist Marvell auch den wenigen nicht, die sich über 
ihn äuÜem* 80 spricht Hazlitt von einem Gedicht 
den Tod des Königs Karl I., in dem Marvell diesem, ob 
politischer Gegner, Gerechtigkeit widerfahren läßt, und 
hinzu, daß er das Gedicht selbst nicht kenne, sondern 
davon sprechen hörte. Ein Gedicht Marvells auf Karls Tod 
gibt es nun nicht, wohl aber stimmen diese Aassagen auf 
einige Strophen der ^Horazischen Ode^, die er gewiß 
meiut.^) 



d 



Ton und Stilmittel. 

Hier könnte man trennen: Lyrische Gedichte 
flud Satiren. Es ist klar, daß der Ton in beiden verschied eu 
Äin muß. Der Hauptunterschied ist: die IjTischen 
Gedichte, mit Ausnahmen natürlich, sind nnnatürlich 
schwulstig, voll *'auri'ate tcf^nis*\ in den Satiren aber herrscht 
die Sprache des Lebens, uatiirlich und öisch. Manches^ 
was den Ton der Eenaissancelyrik anbelangt, mußte bereits 
im Laufe des vorigen Kapitels erwähnt werden, sollte nicht 
um der Systematik willen das Verständnis seines Wesens 
leiden, Grosart sagt von Marvells Renaissancegedichten, ■) 
es sei darin Frische und Zartheit, Reinheit, Phantasie, 
Melodie, passender Symbolismus und zugleich realistische 
Treue, Einfachheit und zugleich Tiefe, Land- und Blumen- 
duft, Sonnenschein auf Tau und Rosen. Zum Glück ist das 
nicht ganz aus der Luft gegriffen, allein für alle Gedichte 
gilt es doch nicht; es ist auch vieles, was Grosart als 
kennzeichnend hervorhebt, kein besonderes Verdienst Mar- 
vells, sondern der Stempel des Jahrhunderts; sowie wir 
umgekehrt Marvell manches nicht zum Busen anrechnen 
dürfen; manche lächerlich scheinende Übertriebenheiten 
sind eben Marinismus, Mode, wie wir sie auch bei Milton 

1) „Milton" in "Englüh Mm of Lettern", p,131f. 
^) Zusammenstellung einiger lobender Urteile auch in HarUey 
Coleridgea ''Life of Ä. MatvelV, Hüll 1835, p,32ff, und p. 51 f. 
8) Voll, p. XXXVI. 



— 127 — 



^tind Opitz finden. Marvell hat auch das SüJiliche wnd die 
stark versinulichenden Ausdrücke der Schäferdichtung und 
spricht viel von Weihrauch, Blumen, Bernstein, Purpur, 
B Kristall und Seide» Die Reflexionspoesie, jener Teil der 
Renaissancelyrik, wo ohne pastorale oder ländliche Ein- 
kleidung Gedanken und Reflexionen, oft mit ermüdender 
Breite, ausgesponnen werden, ist auch nicht speziell Mar- 
vellisch; „UAlhgro^ und ^11 Penscroso*^ von Mi 1 ton ge- 
hören hieher, wir finden sie dann bei der ganzen Reihe der 
früher genannten Dichter dieser Periode, ihre Ausläufer 
findet sie bei Pope, Auswüchse dieser an sich nicht be- 
sonders „poetischen^ Poesie sind es, wenn die Brüder 
Fl et oh er den menschhchen Körper als „Purpurinsel** dar- 
stellen oder Cowley uns ein „Herbarium*^ in Versen gibt 
Wir haben eben im 17. Jahrhundert statt Gefühl Sentenzen 
und Reflexion. Dr. Johnson nennt die ganze Gattimg auch 
metaphysischePoesie, ein Titel, der viel zu viel sagt. 
Am unglücklichsten zeigt sich diese Art bei Marvell in der 

■ *'Definiiion of lA>ve*\ *'The Unfortunate Lover", ''Etfes and 
Tears'*; am vorteilhaftesten dagegen in der *iC«>// Misiress*\ 
die man hieherreehnen muß, die sich sehr angenehm von 
der sonstigen Art dieser Gedichte, nicht nur bei Marvell, 
abhebt. Gewöhnlich läuft alles darauf hinaus, einen spitz- 
findigen Wortwitz j eine Nachahmung der italienischen 
jfConcetii*', anzubringen. Daraus geht hervor, daß die 

W Schwäche oder Stärke in den Vergleichen liegt. 

f Die Bilder zu seinen massenhaften Vergleichen, die 

in keinem Gedichte und in keiner Satire fehlen, nimmt 
Marvell überall her. Ihr AVert ist ein sehr verschiedener, 
die einen sind flach, banal, trivial; die anderen wieder sind 
wahre Perlen, überraschend imd dabei doch natiirlich, an- 
mutig und lebendig. Die schönen sind sein Verdienst, die 
schlechten aber nicht sein persönlicher Fehler, sondern die 
Folge des Geschmackes der Zeit. Betrachten wir nur einige 
seiner Quellen: Marvell nimmt seine Vergleichsobjekte 
zum Beispiel ans Büchern: aus der Bibel — Saul, David, 
Simson, die jüdischen Helden und Köm'ge ; auch daa Manna, 

I der Turm zu Babel, das Rote Meer; aus den Klassikern — 

■ Dido, Rhodope; er benutzt auch die ganze antike Mytho- 
H logie. Er nimmt die Vergleiche aber auch aus dem Leben: 



12B — 



aus der Architektur — , er vergleicht den Staat mit einem 
Gebäude*) oder den Wald mit einem Gebäude;^) die Orgel 
vergleicht er mit einer Stadt;*'') oder aus der Nautik: in 
*yE^e3 and Tears'' und im ''Characier of Holland"; auch der 
Vergleich vom Staatsschiff kommt vor;*) er nimmt Bilder 
aus der Herald ik^) und aus der Astron omie;*) zu den 
Vergleichen aus der Malerei,*) der bildenden Kunst, ge- 
hört auch der Vergleich mit Mosaik: er vergleicht den Wald 
mit einem Mosaik^) und die Musik nennt er ein Mosaik 
der Luft;^ andererseits ein Vergleich aus der Musik: 
Cromwell stimmt das Regieningsinstrument;*) zu den Ver- 
gleichen aus dem Militär lebend gehört auch der lächer- 
liche von den mit Wind geladenen Kanonen der Liebe, den 
Seufzern. Am schönsten sind die aus der Natur ge- 
nommenen Bilder; das ist seine Spezialität, hier malt er 
entzückende Qenrebildchen. Besonders die Gartenszenen 
sind hier zu erwähn en, von denen wir in ^^Äppleton- Honst' 
welche finden; das Erwachen des Tages vergleicht er hier 
mit dem Reveilleschlagen in den Garnisonen, die Blumen 
sind die TrQppen> die Biene der Trommler, die Blumen 
halten Parade ab; dieses konsequente Festhalten von 
militärischen Vergleichen ist hier keineswegs sinnlos oder 
zufällig, sondern sehr wohl beabsichtigt und auch passend, 
weil Lord Fair fax, dem ja das Gedicht gewidmet ist, 
durch und durch MHitär wan Freilich sinlct er bei solchen 
Schilderungen manchmal zu einer bloBen Aufzählung 
(enumeratio) herab ^ wie in '* Apphton - House'^ an einigen 
Stellen. Sehr häufig zieht Marvell die Blumen zum Ver- 
gleiche heran; damit hangt zusammen, daii auch vom Tau 
oft die Rede ist. In der zarten, vergleichenden Natur- 
schüderung erinnert Marvell an den Deutschen Brockes, 
doch ist er frei von dessen Tendenz, Marvell vergleicht 
stets Gegenstände der Natur mit solchen der Kunst, zum 
Beispiel den Waid mit einem Mosaik, die Wiese mit einem 
Tuche etc.; aber nie umgekehrt. Ermüdend wird er dort, 
wo er ein Ding mit einer ganzen Serie von Vergleichen 

M "AppUton-House", "First Anniversary'', "Tom Mav*s JJmth.'' — 
«) "Appkton-IIotisc/' — 3j *fMusic*s Empire:' — ^) *'First Annivet- 
mrtf." ^ 5) ''Unfoiiunate lMver'\ — «) ''Definition o/ Love/* — ') ''Tke 
OaÜer^/' 




— 129 — 



belegt, zmn Beispiel, wenn er in "The Nymph, Vomplaining 
ike Dmih qf her Faum*' bescLreibt, wie das Rehkalb weint; 

*^Se€ how ii meeps! ihe Uars do come 
Sad, slototy, drüppin^ Uke a gum; ... 1 
So fceep« the ufounded baham; m ... 2 
The holif frankincenae doth flow; ... 3 
The brotherkas MeUadeä ... 4 

Meli in Buch amber UarB ag thtH** 

Also gleich vier Vergleichsgegenstände für eine Sache! 
Und das ist nicht die ärgste Stelle. Oft ist das eine Glied 
eines Vergleiches so weit ansgesponnen (10 — 20 Verse), 
dai3 man Mühe hat, den Wendepunkt der Periode zu finden ; 
so zum Beispiel in der ins Deutsche übertragenen Stelle 
aus **The first Anniversar^*', wo zwischen dem einleitenden 
^So wie" und dem schließenden ^. , , so ♦ * ♦" nicht weniger 
als achtzehn Zeilen stehen. Aber gerade solche Stellen, 
die im Zusammenhange des Gedichtes eigentlich störend 
wirken, sind, als selbständiges Ganzes herausgehoben, oft 
die «chönsten Perlen seiner dichterischen Kunst. 

Auch um die Dauer^ die Länge auszudrücken, benutzt 
Marvell die Häufung von Bestimmungen. Um zu sagen, 
Cromwells Name werde ewig dauern, sagt er: 



"Am long OS rivers ta the sea shall run. 
Ah hng as Cgnthia shall relieve the «i«. 
White gi€tgs ahaü fly tmto 0ie foreata thid\ 
Whtle sheep deUght the gras9nf downs to pick^ 
Äs lottg as future Urne aucceeds the past — 
Alwags th*j honour, praüe a»ul name ahall last" 



Besonders die politischen Gedichte sind es, die ilim 
Gelegenheit geben, so imgeheuer lange Perioden zu 
bauen. Im *'First Anniversary" beginnt zum Beispiel der 
erste Teil einer Periode mit Zeile 16; jetzt zählt er alle 
Fehler und Untugenden der Könige auf und erst Zeile 45 
ist die Peripetie : ** While CramweU . . /' und nun folgen 
natürUch lauter rühmenswerte Eigenschaften, Unmittelbar 
darauf, in demselben Gedichte, vergleicht er Cromwell mit 
Amphion ; der Vergleich beginnt *'So tvhett Amphiofi . . /* 
Zeile 49, und erst Zeile 67 wendet er sich zu Cromwell: 
**Such was , . /' Äußerst auffällig ist es, wenn Prädikat 
und Objekt so weit getrennt sind wie im *' First Anni- 

Fo seh e r» Murvvlis poet. Werke» 1) 



130 



versari/\ Zeile 266: '*So have I sem at sea* when . , /* jetzt 
ein ELoschub von sieben Zeilen, dann erst das Objekt 
**. . . some histy niate . . /' Bei seinen Grleichnissen verliert 
er aber nie den Faden, er führt ^^ie konsequent durch: 
Oliver Cromwell vergleicht er mit dem reinigenden Ge- 
witter, das über das Königtum niederging; und der milde 
Richard, sein Sohn, der ihm folgte ist der versöhnende 
Regenbogen darauf. Oder: Cromwell war im Leben wie 
eine Elche, so fest und unerschütterlich und so groß, daB 
man untenstehend die richtige Höhe gar nicht ermessen 
konnte; so wie man erst bei der gefällten Eiche die Hohe 
80 recht ermessen und würdigen kann, so auch sind bei 
Cromwells Tode seine Schatten mit ihm gefallen und wir 
erkennen ilin erst richtig. Manche Bilder Marvells sind 
nicht neu, so, wenn die Ernte mit einer Schlacht verglichen 
oder wenn der Tod ein Schnitter genannt wird. Leider 
dürfen wir hier auch die lächerlichen Vergleiche nicht 
vergessen; einer der stärksten ist wohl der zwischen dem 
Schweiße der Schnitter xmd dem wohlriechenden Schweifle 
Alexanders deßGroüen; nicht minder kopfschüttelnd hören 
wir auch in ''AppletonSouse' die Süüigkeit eines Kusses 
mit — Heu verglichen. Daß ihn die Heuhaufen an ägyptische 
Pyramiden erinnern, ist noch ganz gelinde. Man glaubt 
eine Parodie auf hypermoderne Art zu hören, wenn die 
weite Ebene mit einem vom Fabrikanten Lily zum Trocknen 
ausgespannten Tuche verglichen wird. Tief durchdacht 
dagegen ist es, wenn er die Freiheit mit dem langsam 
wachsenden Weinstock vergleicht, dessen Frucht auch 
trunken machen kann. Eine Inkonsequenz, eine Katachrese, 
f finden wir in " Applet on'ffmisc\ wenn er England mit einem 
Paradies vergleicht, das mit einem ^wässerigen**, statt mit 
einem feurigen Schwerte „umgeben" ist, worunter er daks 
Meer versteht. 

Eine Inkonsequenz des Stiles, die allerdings mit den 
Vergleichen nichts zu tun hat, ist femer die an vorkommenden 
Stellen bereits angedeutete skrupellose Vermischung von 
antiker Mythologie und christlichen Vorstellungen, 
die wir unter anderen auch bei Milton finden; sie kommt 
schon in ''The Kin(/\s Quair* vor, charakteristisch aber erst 
im 17. Jahrhundert* Wir fanden sie im Leichengedicbte fär 



I 



- 131 — 

Hastings, in ''Tke Nymph" und im "Loyal Scot". Wenn wir 
dort zum Beispiel Hymen unter den Engeln finden, so ist 
das eine ümkebrung des modernen K 1 i n g e r sehen ,, Christus 
im Olymp**. 

Wenden wir uns wieder zu Marvells Stilmitteln; 
die wichtigsten sind folgende: Ausrufe sind, dem abge- 
schliffenen Charakter der Schäferdichtungen entsprechend, 
in denselben nur selten, meist solche der unglücklichen 
Liebe: „Äh mef Ah mef^ oder "OA my fearsT In den Ge- 
dichten politischen Inhaltes kommen sie häufig vor, und 
zwar meistens gehäuft ; so im Gedicht auf Cromwells Tod : 

''0 human glory vainl death! toingsl 

worihlesa world! transiiory ihingar (Vv. 255/266) 

oder "0 shamef sinT Apostrophe kommt gleichfalls 
meist in den State Poems vor, in den Gedichten an Crom- 
well, Blake, Douglas und in den Satiren: "Fond menT 
("Victory of Blake") oder "FondboyT ("Loyal Scot"); ''Foul 
architectr ("Toni May's Death"); er spricht Cromwell an: 
" — thou, the war's andfortune's son", in der "Horatian Ode"; 
er spricht auch die Muse an : "Say, Muse . . /' ("Instructions") 
und den Pegasus ("Loyal Scot"). Asyndeton ist häufig 
in den „Instructions'': 

^'Of birth, State ^ wit, strength, courage/* (266) 
"Confiision, folly, treachery, fear, neglect"; (610) 
"Sinners, govemors, fanners, hankers, patefitees" 

C*Clarendon*s House - Warming") 

oder eine Häufung von lauter Eigennamen: 

''Languard, Sherness, (rravesend, and üpnor? Pett."^) 
"Jermain, Fitz- Gerald, Loftus, Porter, Scot."^) 

Die häufigste Figur ist die Antithese, sowohl ein- 
fache als doppelte, strenge durchgeführt: 

*'/ liked his project, the success did fear** ^ 
"Make himself faty his king and people bare" ^) 
" — less usefull where he rtwst desired, 
Far what he least affected was admired." ♦) 
"ßut those (= rights) da hold or break, 
As tnen are sträng or weakj*^) 

Einige Gedichte sind durchaus nur die Durchfährung 
und Ausführung einer Antithese, respektive Parallele; 

1) "Instructions/' — ^) "On Paradise Lost/' — ^) „Nostradatnus' 
Prophecy/' — -*) ''DeaUi of the Lord Protector," — ^) "HoraUan Ode/' 

9* 



132 



BO ''Tlie Match'\ *'A Drop of Dmc*\ teilweise auch ^^AmeUis 
and Thestylis, making Hay'ropes'\ Die beiden ersten sind 
zugleich Allegorien. Die Ellipse ist selten: 

"Seeinff how Uitk (we are), ißt cottfesa how greaf'^} (he was). 

'* Common heauties siay {iiXi) fifieeti"^) — zu ergänzen; before 
they can be laved. Die H5^perbel ist, und zwar die ko- 
mische Hyperbel, ein Hauptmittel seiner Satire, Ohne 
Satire, aber humoristisch, findet sie sich in seiner "Coy 
Mistress\ Offenbar unter dem nachhaltigen Einflüsse des 
Studiums der hebräischen und klassischen Poesie steht der 
reiche Gebrauch der Personifikation, Auch hier beruhen 
ganze Gedichte darauf: ''Ä Dialogue heiween the SoiU and 
Body*', "A Dialogue betwem the Besolved Soul and Oreated 
Pkasure'*. Fast alle abstrakten Begrifie werden personifiziert: 
Love, Deathf Time, Fama, Fate, Hope eto* sind handelnde 
Personen, Britannia tritt hilfeflehend auf, die macchiaveUische 
Politik wird als Dame eingefiihrt. Pars pro toto steht 
einige Male: ^'loaden sails*'^) statt loadeii ships^ denn Segel 
können ja nicht beladen sein; statt head sagt er ''temples". 
Stich omythie kommt in *' Clor in da and Danton" vor, und 
zwar gewöhnliche, das heil3t, Rede und Gegenrede bestehen 
aus je einer Zeile; aber auch gebrochene Zeilen, und hier 
wieder einmal gebrochene und zweimal gebrochene, gibt es* 
Etwas Ahnliches wie Stichomji;hie finden wir im ''Dialogue 
between two Horses'\ wo Rede und Gegenrede auch Schlag 
auf Schlag folgt, aber stets zwei Zeilen zusammengehören* 
Sprichwörtliche Wendungen finden sich auch einige 
Male: 

''Th£ trial neUher coaU nor Ues," (^'^pJeton-J9btw^', 196.^ 

"Of this fieed wc*ü virtue make." C'^f'^^^ff Looe/') 

*^AXways he commands that payi/' C* Instructions/*) 

''. . . OÄ poor (ts church rata" (**IHalogue between iwo Horses/') 

Eine nur einmal vorkommende, überhaupt sehr seltene 
Figur, die mir im Englischen jener Periode nur noch bei 
Drummond aufgefallen ist, ist die sogenannte Figur der 
yjVerschränkung**, die aus dem Indischen stammt.*) Bei 

' n "Deaih of the Lord Proiecior:' 
s) '*Toung Love." 
«) "Eyes and Tears.'' 
*) Vgl. Bolte iu Herrigs „Ai'chiv für das Studium 



I 



H 



— 133 — 

Drummond ist dieselbe aasgebildeter als bei unserem 
Dichter: 

12 8 12 3 

"JPor sireams, juice, hcUm ihey are, which guench, küla, charms, 

12 8 1 2 3 

0/ god, deaih, heü, the wraih, ihe life, the harms." 

Bei Marvell werden die Glieder verworfen und die 
Verschränkung ist nur zweifach, dafür aber vierteilig: 

12 3 4 

"She yei mare pure, stoeet, straight and fair, 

4 3 2 1 

Than gardenSj woods, meads^ rivers are;"^) 

abo eine symmetrische Umkehrung der Glieder. Eventuell 
könnte man auch folgende Stelle aus dem „Dialog der zwei 
Pferde" hieherrechnen (Z. 103): 

12 12 

'' . . . Wkich augments and securea his oum profit and peace." 

Anklänge an das Volkslied — etwas Seltenes in jener 
Zeit — sind es vielleicht, wenn die Dauer, die Länge 
durch eine Aufzählung ausgedrückt wird im Gedicht auf 
den Tod Cromwells; femer das Motiv, daß das Bild der 
Geliebten im Herzen aufgehängt ist,^) und die Spielerei 
mit dem „Das bin ich — das bist Du".^) Das Wort- 
spiel ist wieder ein Hauptmittel der Satire und wird als 
solches separat besprochen ; ohne Satire kommt das Wort- 
spiel mit Namen vor: so mit dem Namen Christina, bei 
dem auf Christus angespielt wird, und bei Zerlegung des 
Namens Oliver St. John. 

Zusammenhängend erörtern wir nun Marvells Mittel 
der Satire. Wir können insgesamt vier derselben imter- 
scheiden. 

I. Komische Übertreibung (Hyperbel): Zer- 
streut findet sich dieselbe überall, einige Gedichte aber 
leben ganz davon; vor allem *'Flecknoe, an English Priest 



neueren Sprachen", Bd. 112, S. 265; daselbst zwei andere Zitate aus 
Drummond, obiges aber nicht; dieses findet sich in **Foet8 of Great 
Britain", vol. V, p, 661. In späterer Zeit wendet Sterne öfters ähn- 
liche kunstreiche Stellungen an {"Tristram Shandy^', Kap. 88, 86 und 
öfter). 

1) "Appleton-Hotise'\ V. 695/96. 

2) '^The (iallery" 

3) "The Match." 



— 134 — 



at Rome\ in zweiter Linie "The Characier of Rolland". In 
Flecknoe vergleicht er das kleine Zimmer mit einem Sarge; 
wenn man die Tür öffnet, bedeckt sie die halbe Wand 
wie eine Tapete ; der Priester ist so mager, daÜ das Licht 
durch ihn hindurch kann, weshalb er sich in Papier wickelt. 
Holland nennt er den unverdauten Auswurf der See, die 
Anspülung britischen Sandes etc., also krasseste Über- 
treibung. 

n. Wortspiel, in erster Linie in *' Holland"^ in 
zweiter in ^^Flecknoe" und in den politischen Satiren. 

1, Doppelsinn: Er spricht zum Beispiel vom ,,mare 
Ubertitn'' (freies Meer) mit dem zweifachen Sinn aj frei 
für die Schiffahrt, wie die Holländer es meinen, und 
b) das Meer kann Holland überschwemmen, wie es will. 
Die zweifache Bedeutung von to gd liegt folgendem Wort- 
spiel zu Grunde;*) 

*'The hero once got honour by his sword: 
Hc got his iceaith hy brtHiking of his word; 
And now füs daugkier ht ha» got with child/' 

Höchst erheiternd wirkt in ''Tarn Mat/s Deaih" 
"— — Mag to htm seif and them was cöm^\ 
also er war zu sich selbst und zu ihnen gekommen; das 
heifit, er war nämlich berauscht gewesen. 

Mit etwas weniger Recht setien wir die zwei folgen- 
den Beispiele in diese Rubrik: 

" Uiey 

Marne strove (= striTen) to isle ihis monarch from thia ialtß) (= England), 

wobei das erste io i$le ^^ isolate ist; und aus dem **IHalogue 

hetweeti two Horses'\ 

"For giring no mare ihe rogues are prorogued/^ 

2. Direktes Mißverständnis, Auffassen des un- 
passenden Sinnes: Auf der Stiege von Flecknoes Haus 
treffen sich zwei, der eine will hinaui', der andere hinunter; 
infolge der Enge der Stiege können sie nicht aneinander 
vorüber. Erzürnt — keiner will nachgeben — ruft der eine : 
"1 tmll make the way hereT und meint: Ich werde mir schon 
Platz machen und dich hinunterwerfen ; der Bedrohte aber 

*) "Imtructwns'r jj, Vv, SaSö. 

«) Ebd. V. 20 von "To the King" nach Pari L 




I 
I 



135 



faßt die Worte anders auf, nämlich : „Ich werde dir gleich 
Platz machen'^ und bedankt sich noch schönstens: "S*r, 
yau'U do me a great favour\ 

3, Daö Spielen mit dem Namen von Personen : 
Unter den HoÜäudern war einst einer, der Civilis hieß, 
aber nie einer, der so (i, e, höflich) war. Die „Hol! anders** 
nennt er Half-andcrs, Halbraänner, indem er den Namen 
zerlegt und eine Hälfte griechisch anffaÜt. Den Namen des 
Fisches Poor-John wendet er auf den Evangelisten 
Johannes an. Der böse Jermjn Earl of St AI bans 
braucht nichts vom Könige zu fürchten, weil dieser sich 
hütet^ gleich zwei Heilige zu beleidigen: St. German und 
St. Albau, Bei Hyde, Earl of Clarendon, stichelt er auf 
hide^ die Haut. 

Daü sind die prägnantesten Fälle des Wortspiels, 
Über zwei andere, nur einmal vorkommende Arten der 
Satire sieh S. 86. 

Marvell stellt seine Gedichte gewöhnlich nicht ein- 
fach hin wie ein Bild ohne Rahmen, sondern er gibt eine 
Einkleidung. Wir finden unter anderem die Ein- 
kleidung eines Spazierganges in ''Hill and Groue ai Bü- 
hörQw'\ *'Api>leton-House" : einer Bildererkläruug, also en- 
blematische Poesie, in **The GaUen/\ **Ins{riHiions to a 
painter"; nicht selbständig auch die Form einer Vision im 
ersten Teil der '*InstrHcimis'\ Die Form eines Monologs ist, 
außer den ^Ich^-Gedichten, vertreten durch ,,Tbe Nijmph'\ 
*^ Bermudas', ''Dämon the Möwer\ Als Anrede an eine 
zweite Person ist der Monolog in '*Young Love'\ **Tq his 

»Cot/ Misiress'* gedacht. 
Neun Gedichte sind in der Form eines Zwiegespräches, 
eines Dialogs, abgefaßt, darunter zwei Satiren. Der Dialog 
in den Schäfergedichten steht ganz innerhalb der Grenzen 
dieser Gattung, das heiij^ es sind subtile, spitzfindige Reden, 
concetii In ''Chrinda and Dämon'' nähert sich der Dialog 
der Stichomythie, in '*Britannia and Ralvigh'' nähert er 
«ich einem Monolog. Eine besondere Abart des Dialogs 
ist das Zwiegespräch von Tieren im "Dialogufi beiween 
iwö Horses", ferner die wichtige Art der Gespräche in der 
■ Unterwelt, Totengespräche also. Hieher kann man 
K femer den '*Dialogue beiween the Soul and the Body" und 



— 138 — 

BloB des Metrums wegen als Füllwort, grammatiaoh 
unberechtigt^ gebraucht Marvell oft does oder do ohne 
Emphase: ''does f ante** (statt fames von to fame): oder 
''who — triumphantlti do live" statt who live^ 

Einige seltene Wörter hat Grosart in Anmerkungen 
erklärt. Zu einem derselben ist jedoch noch etwas za be- 
merken; es ist dies das Wort *'ihe holt-felster" in] 
*'Äppleton'nouse'\ V. 638. Grosart setzt /eistet* gleich mit 
selter, das er von to seil, sohl ableitet, hoH-fcisicr oder -sdter * 
ist also einer, der das Holz verkauft, ein Forstmann. Die 
im Vorwort erwähnte anonyme Ausgabe druckt hoUs-elster^ 
wobei wohl an die Elster gedacht wurde, die bekannte 
Yogelgattung. Das aber ist absolut unmöglich und ialsch, 
denn dann hieße es im Zusammenhang, daß ein Vogel 
einen andern Vogel vertritt; der Sinn soll jedoch sein, 
daß ein Vogel (the hewel) den Dienst eines Menschen ver- 
sieht oder nachahmt, eben des holt-felsters. Murrays 
*'Nete English T)ictionary*\ voL V, p, 346, col 2, erklärt 
''holt -ff Ister, i. e, holt-f eller, a woödcutter' ; das entspräche dem 
Sinne; es wird hier auch die Stelle aus Marvells Gedicht 
unter den Belegen zitiert. 

Bei Marvell, dem aprachenkmidigen Manne, können 
uns fremde Einflüsse auf die Sprache nicht ver- 
wundem; es sind französische, italienische, lateinische, also 
romanische Einflüsse, die uns auffallen. Hieher geboren 
Wörter wie basso-reUevo und soiana (*'Flecknöc'\ 63, 74j, 
s&raglio und virtuoso (*'Britanma and BaleigK\ 119), devote 
('\ippleton'House*\ 152), corposaints C*First Änniver$ar^\ 
270J, incognito ("Diahgue betwemi iwo Hörsc$'\ 32j, Spani- 
scher Abstammung ist der Ausdi*uck to beat tht dian ] 
( "AppletoH'House'^ 292), die Reveille schlagen, vom spani- 
schen dia, lateinisch dieSf dimi, Akkus, dimia.^) Lateinische 
Formeln sind infecta re (*'lHstructiotis'\ 460), templum pacis 
C'Upofi Clarendon* s House**)^ mediator (**Fkcknop*\ 155 h 
mare liberum (**Character of Holland'*, 26); mit lateinischer 
Endung steht amphtbii f*'Äppleton'HoHS€*\ 774). Bonne mine 
(ebd. 660) und dykgrave f'Character of Holland*", 49) sind 
französische, respektive holländische Ausdrücke, desgleichen 



>) Grosart, lol 1, p. 45. 



— 139 — 

brandwine statt hrandy (ebd. 115). Eigenartigen Gebrauch 
macht Marvell vom Worte **orient" oder "oriental", in der 
Bedeutung licht, hell, bunt; so orientest colours ('*The 
Match", 5), the Orient dew C^Brop of Dew''), auch in Prosa 
(Birr eil, |). 111, Z. 18)] in anderer Bedeutung in ** Appleton- 
House'\ Z. 109. Auch Milton spricht von Orient colours. 
Bemerkenswert ist endlich die Klopstockische, episch- 
dialektische Art der Anwendung des Komparativs 
in superlativischer Bedeutung: our brighter robes 
(''Appleton-House**, 120); thy death more noble (**The Loyal 
Scot", 157); the rougher stones ("First Änniver$ary'\ 51) und 
in der ''Horatian Ode" : 

" — with Äw keener eye 

The axe*8 edge did try" 

Nun wenden wir uns zum letzten Kapitel dieser Ab- 
handlung. 

Metrik. 

(J. Schippers „Englische Metrik"", I. Teil, Bonn 1882, 
n. Teil in zwei Bänden, Bonn 1888/89, auf welchem Werk 
die Behandlung und Einteilung dieses Abschnittes beruht, 
ist im folgenden stets nur kurz als „Metrik'" zitiert.) 

A. Silbenmessung und Wortbetonung. 

Hier zeigt sich ein Schwanken zwischen mittelenglischen 
und neuenglischen Prinzipien, zwischen germanischer und 
romanischer Aussprache; je nach den metrischen Bedürf- 
nissen tritt Verschleifung oder Vollmessung der Flexions- 
und Ableitungssilben ein, eine große Erleichterung für den 
Dichter. Eine ganz allgemeine Regel dafür läßt sich nicht 
aufstellen. Die eigentlichen, lyrischen Gedichte sind ge- 
ringerer Willkür unterworfen, während der ''long verse", das 
heroic cou2)let, oft sehr gewaltsam auf fünf Hebungen ge- 
bracht wird. 

Einige Beispiele der Betonung romanischer Endsilben 
auf französische Art sind: cönquerör,^) cönfessour,^) nec^ssit^,^) 



1) ''Music's Empire." — 2) ''Death of the Lord Protector*\ 178. — 
3) ''Character of Holland'', 37. 



— 140 — 



l5«»j?/) härmmi^,^) informäiiön,^) mtmciän^) bei Substantiven; 
bei Adjektiven: impiolis,^) cörmptible,*) väliänty^) sphi^riedl^*) 
pässaljU^}) 

Desgleichen bei germanischer Endsilbe; ireasurir,'^ 
exdmmingS} perfecting^?) präctising ;*) iänish6$;^^) gräss- 
hoppärs,^^^) märhi^rs,^^'^) philösoph&}^y) 

Vollmessiing und Verschleifung der schwachen Silben 
kommt sogar an einem und demselben Worte vor: 

"And thfye want nöthing h^avän edn qffÖr^'^ai) 
"Just h^v'n thee, like Tir^as, iö regMÄe . . .f'^ 

ja, in ein und derselben Zeile kommt es mit verschiedener 
Betonung vor in ''Bntannia and Raleigh'* (66): 

*^Thu8 heaven's desitjfis 'fiainsi hdavhi ^Öu shaU tum,'* 

Meist aber ist heaven einsilbig; so noch im "JDea^A of 
ihe Lord Frutedor** (160), **0w Paradise Lost" (5); als ein- 
silbige Senkung kommt heav'n in ''The Loyal Scot" (30) vor; 
Beispiele für Zweisilbigkeit des Wortes sind noch im '*Foem 
upm the Death of the Lord Proiector*\ V, 166, 184. Vollge- 
messen wird delug^s (im Reim aui* seas) im eisten der Tico 
Stmgs (21), confederaciesV) Einsilbig ist show'ra}^'^) Viel 
schlechter klingt die schwache Endung in der Hebung: 
cr^dibU,^^^^) öracUs}^^) miracUs,^^^) spectaclc}^ PeöpW^\) wird ein- 
mal zweisilbig genommen. Die schwache Betonung der 
Flexionssilbe -ed ist in der Senkung nicht auffällig: gai- 
nH,^^) deserved,*) whigtdi^} und kommt unzähhge Male vor. 
Stets einsilbig ist flowers,^^) showers, ^^^) power, ^'^) 

Die Eigennamen werden sehr willkürlich behandelt: 
Äera/fe,!^ Mekhisedek,''') Helmdesr^) nMi/h's,^'} Elf/siüm'^) 
und El^sium,^) the CönfessouK^^) 

1) «i^air Singer"', 2-^. — «) '*Fieckm^\ 19, ;». — ») "On PtmiäiAe 
Lö»i*\ 24. — *) ''Charader of HoUand'\ 134. — ») ''Flecknoe'\ Uö. - 
^)''Appkion-I{ome"; a)52; ^i) 500. — "^ ** Kostradamus' Prophecy*\ 35, — 
») ''The Gallert"; a) 11; [i) 24. — »•) 'Music'« Empire', 15. — ^J 'Victüflf 
of Blake", 23, — ^^) ''AppUton-Hou^e"; ^)371; ^) 381 ; i)5et; ^) 4$; 
i) 74 ; t) im. — 1«) "Blake"; a) 41t ?) 29130; i) 31. — ^^ "O» Paradtit 
Lo9t^\43. — ^ '*ünfortunate Lover", 42. — ^) ^'Character of Holland'^ 
102. — W) *'Dea(h of ike Lord Pro(e€tor*\ a) 19, ^) 12t — '«) "Etfe» and 
Tears", 19; a) 23, — ") ^'Beßmtiofi of Love*\ 16, — ^) ''Charncier of 
Holland'^ 138. — »») "Fkcknoe", 3. — ^) *'The Nymph'\ 99, — «) '^Applr- 
i&t^Home'\ 401. — ^) ''Thffrm and Dorinda*\ 19; a) 30. — ^ ''Death 
of the Lord ProUctar", 178, 



'en I 

I 



— 141 — 

Kontraktion von will und shall kann zwar, muß aber 
nicht stattfinden; zum Beispiel: 

''sh^ü ere long conf^s"'^) . . . 
"öf ^is n€(fd we'ü virtue mäke^*^) 

oder ril bring ;^) dagegen '*yet w6 will mdke . . ."*) 

Betonung des Artikels, ein Fehler, der durch schwe- 
bende Betonung ausgeglichen wird, ist sehr häufig, zum 
Beispiel : 

'*T?ien Musick, the mosaic of the ear"; ("Music's Empire", 17) 
"X liked his project, the sticcess did feaar"^) 

ebenso in "TAe Death of the Lord Protector", V. 160, ''The 
Character of Holland", V. 111, "Britannia and Raleigh", 
V. 108, etc. Das Gegenteil, ebenso häufig, ist die Elision 
beim Artikel, respektive Verschleifung desselben: th'alU 
s6eing «wn/«) th'öcean's slow allüvion,^^) tK Apostl6s,^^) tVEng- 
lish,'^) auch "Flecknoe", Vv. 13, 36, 64; "Britannia and 
Baleigh", Vv. 83, 84; ''Nostradamus' Prophecy", Vv. 34, 37; 
vor Spiritus asper in '^Äppleton-House", V. B38; dagegen ohne 
Bücksicht auf den Hiatus : to adore in demselben Gedichte, 
V.3B. 

Apokope ist seltener: 

"Then might y'ha'daüy his aff^ction spy*d,"«) 

oder in ''Britannia and Baleigh", V. 146, eventuell der er- 
wähnte Fall ''Appleton-House", V. B38. 

Sjmkope kommt oft vor: fun'rcds,^) tim'rous,^^) with'r- 
ing,^?) entsprechend der moderneren Aussprache; femer 
in "Flecknoe", 48, ''Instructions to a Painter", Vv. 4, 14B, 
811 etc., etc. 

Aphärese ist nicht minder häufig: 'scaped,^^) durch 
Kontraktion des it: 'tis, 'twas,^^) femer in "Character of 
Holland", 12, 26; "Instructions to a Painter", 62, 244, 816; 
"Britannia and Ealeigh", 88, 132; "Second Song" der "Two 
Songs", V. 11. 

Synärese ist besonders bei ever, never gebräuchlich, 

1) ''Viciory of Blake"', 45; a) 137. — 2) ''Young Love", 19. — 
3) "Bntannia and Raleigh", 100. — ^) "Coy Mistresa", 46. — ») "On 
Paradüe Losr, 12. — ß) ''Character of Holland"; a)5; ß) 58. — ^) "Nostra- 
damus' Propliecxj", 37. — ») "Beath of the Lord ProUctor", 43. — 
9) ''Death of the Lord Proteciar", 108; a) 180; ß) 55. — lo) "Victory of 
Blake", 72. — i^j "Characiw of Holland", 60. 



142 



die dann einailbig sowohl als Hebung als auch als Senkung 
stehen; ferner or aus over;^) direkt eine Ausnahme ist 
e^'cr, zweisilbig gebraucht, in **The Pidure of Litile T, C . . ." 
///, 5; Ins aus in hi$ findet sich in *'FJ€ckvae*% V. 70, 
*'Britannia and Jlalelg}i% 36; ^'Lasi Instructimis'\ 98; prä- 
gnant ist wheres'&e (wkere-so-evcrj in *'ÄppIetofi'Hou$e' (673) 
und in *'Th€ Gardm** (28). Ähnliche Fälle zeigen "£ri- 
iannia atid Rahigk'\ Y\ 138; Vidonj of Blake'\ 45; ''In- 
structions to a Painter\ 164, '*Our* ist sowohl einsilbig als 
zweisilbig; Beispiele dafür sind "Appleion'Hötise'^ Vv. 100, 
107; ''üpm the Hill and Groue at Bilborow*\ Yv* 70, 71. 



B. Reim. 



4 

i 



Hieher gerechnet wird auch die Alliteration; dieselbe 
steht regellos in tonmalerischer Absicht zur Verstärkung 
der Feierlichkeit am Beginn von *'Nosiradamm Prophecy*'; 
andere Fälle sind kürzer: **m the eradle Aroum their hing**^ 
und Vers 16 des ^'Historical Poem*\ Hell and heaveii\ *'boli$ 
and hones* im ''Diahgue hetwecn the Soul and Body'' sind 
naheliegende Verbindungen, In den lyrischen Gedichten, 
wo man sie am ehesten als Schmuck vermuten würde, 
findet sich kein weiterer Fall von Alliteration. Die folgenden 
Beispiele sind sämtlich aus Satiren: 

'^Th*aU'8€€inQ 8un never gazed on sw!h a sighV';^ 
'^Mofe wished far, and §Hore welcome ü than sletp";^) 

"Of wind*» and water' 9 ragt they fearful bc*';^^) 
"From Gambo gold, and from the Ganges gemsJ' *) 

Diese Fälle und die in Part I, 896, und Pari II, 
dürften sämtliche sein. 

Assonanz kommt nur einmal vor: '^hy hook and by 
crook*\^) 

Der Reim ist gewöhnlich bei Marvell stumpf oder 
männlich; klingender Beim kommt in den jambischen^ 
lyrischen Gedichten nur einmal in zweifelhafter Weise vor, 
nämlich im ersten der '*Two Sonys', 33J34; ebenso zufällig 
ist derjenige in den "Instructions'^ 749J750, 7671768, beide 
sind nicht sichere Fälle ; unzweifelhaft klingender Beim ist 

') '*M<mmm(y\ o. — «) ''Toung Love", 27, — ^ ''(M the Victory qf ■ 
Biake'% 137; t>) 18; ß) 15. — ^)'*Lak Imtruciiom io a PainWr'\671. — 
*) ''Ülarendon's Home -Warming", 60. 



n 



— 143 — 

jedoch ganz am Schlüsse des dritten Teiles dieses Gedichtes: 
"püy — city*\ Nicht selten jedoch ist klingender Reim in 
den jambisch- anapästischen Gedichten, wo davon die Bede 
sein wird. 

Gleitender Reim kommt nicht vor. Reicher oder 
rührender Reim findet sich in den ** Instructions'', 8131814, 
im Gedicht auf ''The Death of the Lord Protector", 2061207, 
"On the Lord Mayor and Aldermen", XIII, 1/2. Gleicher 
Reim, eigentlich ein Fehler, findet sich im letztgenannten 
Gedichte XVIII, 3/6, Gebrochener Reim kommt öfters vor: 
im ''Dialogue betiveen the two Horses'\ Vv. 21/22, 27/28, 65/66, 
76/76; ''On the Lord Mayor . . /', 5/^. Doppelreim fand ich 
nicht. Erweiterten Reim können wir in dem Gedichte ''On 
the Statue at Stocks Market" annehmen: "and tom — and 
born"; *'a thing — a king" (Vv. 11/12, 47/48). 

ünakzentuierter Reim und Binnenreim ist vermieden. 
Unrein ist der Reim in ''Äppleton-House", 9/10. 

Durchgereimt ist die satirische Stelle in den "Jw- 
structions", V. 721 — 736, also ein längerer Abschnitt, der 
durchaus auf ''Pett" reimt. 

Marvell hat kein einziges reimloses Gedicht 
geschrieben, trotz seiner theoretischen Stellungnahme für 
die Reimlosigkeit in dem Gedichte ''On Paradise Lost". Die 
Frage, hie Reim, hie Reimlosigkeit, tauchte im 17. Jahr- 
hundert auf und spann sich bis in die moderne Zeit fort. 
Schon 1611 schrieb Samuel Daniel eine „Verteidigung 
des Reimes'^, in welcher er bewies, 'Hhat rhyme is thefittest 
hannony of words". 

Im Gegensatze dazu setzte Milton seinem ** Paradise 
Lost" eine kritische Erörterung der metrischen Frage voraus, 
in der er seinen Vers ''heroic verse without rhyme" nennt, 
dem Homers und Virgils gleich ; der Reim sei die Erfindung 
eines barbarischen Zeitalters, ein Hindernis für die wahre 
Poesie, ''of no true musical delight"; dieses letztere stimmt 
bei den meisten seiner Zeitgenossen. Aber es ist bezeichnend, 
daß Milton es überhaupt für nötig fand, seinen Versuch 
der Reimlosigkeit erst zu rechtfertigen; ja, in seinen kleinen 
Gedichten hat Milton selbst stets den Reim verwendet. 
Dazu paßt geradezu die Inkonsequenz Marvells in seinen 
empfehlenden Begleitversen "On Paradise Lost", die schon 



— 144 — 

betont wurde.') Bemerken mui3 man dazu aber, daß es so* 
nach von MarvelU Seite eine Ungerechtigkeit war^ Dryden 
seine ^Reimerei'* vorzuwerfen. 

C. Vers arten. 

Der Septenar kommt in seiner langzeiligen Form 
bei Marvell nicht vor, dagegen durch Reim zu zwei vier- 
und dreitaktigen Kurzzeilen aufgelöst in ''The Match**, ganz 
regehnäßig, dem üblichen Gebrauche gemäß nur stumpf, 
gekreuzt reimend. Enjambement von einer Periode zur 
andern kommt dabei nicht vor. 

Der Alexandriner ist nicht vertreten. 

Die meist angewendete Versart, der Länge der Gedichte 
nach^ ist der f ü n f t a k t i g e j a m b i s c h e V e r s, fortJaufend 
und stumpf als ''heroic coupleV\ Nur einmal findet er sich 
in anderer Reimstelhing bei strophischer Gliederung in 
einem lyrischen Gedichte **I%e Fair Singer^\ drei Strophen 
zu je sechs Zeilen in der Reimstellung a b a b c c^ sehr 
regelmäßig gebaut; nur einmal kommt dabei Verschleiiung 
des Artikels vor vokalisch anlautendem Substantiv vor 
(Wadvdntage) und einmal VoHmessung des -ed der Fleiions- 
silbe (fjaitiMj: das einzige Enjambement (11/12) ist zum 
Ausdruck der Lebhaftigkeit sehr gut angebrachtw Takt^ 
Umstellung kommt in diesem Ij^rischen Gedichte nur zwei- 
mal vor; die Betonung vidor^, hdrmony kajin nicht als 
Fehler gelten. Über die Cäsur läßt sich bei einem so kurzen 
Gedichte keine Regel aufstellen. 

Nun das erzählende herok coupkt; der Artikel im 
"DicHonarp of Natiofial Biography" (vol, XXX VI) sagt! 
*^His (MarvelVs) Unes are hasiy and rough Acir«, and in em- 
ploifing the heroic couplet, Marvell is ncver completely master 
of hi$ insirtmimt.'* Dazu ist zu bemerken, daß ein Teil der 
in dieser Art abgefaßten Gedichte Jugendarbeit unseres 
Dichters ist, während die Mehrzahl — die Satiren — nur 
flüchtig hingeworfen sind^ ohne jede Feile, da sie auch 
nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. Das ist sicher: 
So schlechte Yerse wie sein Zeitgenosse Donne') baut 



>) Sieh Seite 106. 



145 



Marvell nicht» Bei der ungleichmäBigen Behandlung sieht 
man noch deutlich, welche Gedichte ausgefeilt und welche 
nur skizziert wurden. Zu den ersteren, glatteren gehören die 
Widmungs- oder Gelegenheitsgedichte für Hastings^ Love- 
lace — in dieaem wird Presb^ienj, also nach griechischer 
Art, betont — , das Gedicht an Dr, WiUy^ *'0n Paradise 
Losf\ "Musics Empire'* etc, in denen häufiger, passender 
Gebrauch von Tafcturastellungen, seltener des Enjambe- 
menis gemacht wird. Die stumpfen Cäsuren sind in der 
Überzahl, epische kommen nicht vor. An einigen Stellen 
der Gedichte in htroic coupJets stehen auch Triplets (a a a) 
statt der Reimpaare, zum Beispiel in **Adincc io a Painter" 
(IL Part der "Instmciions''} Yv. 25^27, 30—32; **Britanma 
and Ilaleigir, Vv. 30—41, 56—58. 

Öfters, besonders bei dieser Art von nichtlyrischen 
Gedichten, ist schwer zu entscheiden, ob man Takt- 
umstellungen oder bloß Tonhöhe zu Eingang eines Verses 
anzunehmen habe. Fehlender Auftakt kommt nicht vor. 
Stumpfe Cäsur ist viermal so häufig als lyrische, meist 
nach dem zweiten Fuße. Wenn wir zwei gleich lange Ge- 
dichte vergleichen, zum Beispiel ''Oh thv Vidorij obiained 
6y Blake" und "The Loyal Scot'\ so finden wir ein Ver- 
hältnis der Ungleichheit; das letztgenannte Gedicht ist 
reicher an Taktunistellimgen und Cäsuren, auch weist es 
eine größere Anzahl romanisch betonter Wörter auf; 
andererseits ist das Enjambement hier verhältnismäßig 
selten. Wir finden also keine feste Regel, keinen be- 
stimmten Maßstab. Einige sehr vom Schema abweichende 
Zeilen finden wir in beiden Gedichten; so entspricht Z, 166 
in **The Viciory of Blake , , J' an Unregelmäßigkeit der 
Z. 135 des *'Lm/al Scot*\ Z. 75/76 des ersteren Gedichtes 
(admire : higher) und Z, 77/78 (givm : heatmt) ^ind nicht als 
weiblicher Reim, sondern einsilbig, stumpf zu fassen. In 
Z. 49 steht das Substantiv in der Senkung, respektive in 
schwebender Betonung, was hier nicht fehlerhaft, sondern 
eine Hervorhebung des prägnanten Adjektivs ist: *^Your 
worih io all ihesc isles a jüsi right brhtgs/* Wie immer, ist 
der Artikel je nach Bedarf zu verschleifen oder steht in 
der Hebung, ebenso ist ein Wort einsilbig oder zweisilbig; 
zum Beispiel das schon erwähnte Wort heaven (** Blake* s 

Poseber, Maryclb poet. Werke. lÜ 



— 146 — 



Victortr, 41 — "Loffal ScoV\ 30), Wir bemerken also 
deutlich, daß der Versbau MarveUs in den gröüeren 
epischen Gedichten \\e\ unregelmaÜiger ist als 
in den rein lyrischen, was uns aber nicht berechtigt» 
zu sagen, daß Marvell dieses Versmaß nicht handhaben 
kann. 

'*TAe First Anniversary . , /\ fast 400 Zeilen lang, hat 
22% Taktumstellungen, aber einen sehr geringen Prozent- 
satz Enjambements; die Cäsuren sind nicht stark aus- 
geprägt und nicht fest. Das Füllwort do, does (da leiid, 
does dratv etc.) kommt der Taktierung wegen mehrmals 
vor. Ebenfalls des Metrums wegen gebraucht der Dichter 
die altertümliche Form thou ixercisedst (V, 231); gezwungen 
ist die Betonung cönqfienki (Z* 32)^ wo also die Flexions- 
endung sogar in der Hebung steht. Ähnlich verhält es 
sich im allgemeinen mit dem kürzeren "Poem upon the 
Death 0/ the Lord Protect o/\ in dem Z. 207/208 {served : de- 
served) als stumpf anzunehmen ist, was bei Marvell immer* 
hin Erwälinung verdient; schwebende Betonung, Taktum- 
Stellung im Inneren des Verses kommt auch einige Male 
vor (Vv. 40, 156, 160, 248 f, 268 etc.). Ziemlich regebnäßig 
ist **Tam May*s Death* \ Eine doppelte Senkung im Inneren, 
die durch Verschleifung nicht zu beseitigen ist, zeigt 
V, 44 des ''Historical Pöern'*: 

" With n^nham*s find Cctrntfitßc's Inf^cM plöL" 

V. 96 hat doppelte Senkung im vorletzten Fuß. 

Betrefis des Gedichtes ^'Fkchnoe" wurden bereits an- 
läßlich der Besprechung S. 6. 7 einige metrische Freiheiten 
erwähnt, auch^ daß Leigh Hunt die Rauheit der Versi- 
fikation als eine beabsichtigte Nacbalmiung der satirischen 
Versmaße des Horaz erklärt So groß auch ansonsten 
der Einfluß dieses Lateiners auf Marvell ist, scheint diese 
Annahme doch verfehlt und unbegründet zu sein, um so 
mehr, als ich in Schippers ,,Metrit' keine Andeutung 
ähnlicher Versuche von derartigen Nachbildungen sati- 
rischer Versmaße bei den Zeitgenossen gefimden habe, 
von denen Leigh Hunt wie von allgemein Bekanntem 
spricht,^) Daß ''Fiecknoe" prozentuell die meisten Enjambe- 

») *'Wit and Humoitr'', 221. 




- 147 — 



ments und Cäsuren aufweist, bewirkt schoD der lebhafte, 
dramatische Ton der ErzähluBg. Der Umstand, daJ3 En- 
jambement und darauffolgende Taktumstellung sehr oft 
miteinander verbunden sind^ ferner fehlende Senkungen, 
ach webende Betonung, bewirken, daß der Rhythmus ziem- 
lich verloren geht und das Ganze sich der Prosa 
nähert. Ahnliehe Eigentümlichkeiten zeigt '*The Cha- 
racter of Holland''; fehlerhaft sind Verse wie Z. 33, wo der 
in der Hebung stehende Artikel auch durch schwebende 
Betonung nicht ausgeglichen werden kann. Verunglückte 
Verse sind zum Beispiel: 

'And silenL Nothmg now dint^r stdifed" f'^Fltcknoe'*, 57), 

WO man eigentlich nur vier Hebungen hat, wenn man un- 
gezwungen liest; ähnlich sind folgende Fälle: 

'*llis önlfj^imp6saibhi is tö be rieh'* 
oder anders gelesen; 

'*Hü ötdtj imposMible^ü to be rieh"; ("Fkckno€^\ ßß) 

'*And hdw (%mpö89ibÜ!) he tndtU yet wirö" C'Fltchioe*\ 14^) 

'*A teäter Berad^s, büiter Colöss'* ("Charaeter of Hollafid'*, 94). 

So barbarisch muß man manche Verse behandeln, 
will man nicht auf die fünf Hebungen verzichten, .aller- 
dings sind das die ärgsten Fälle, denen gegenüber die 
*' Insirudions" , die natürlich bei ihrer riesigen Länge alle 
möglichen erwähnten Freiheiten aufweisen, noch ziem- 
lich regelmäßig genannt werden müssen, bei üren rund 
250 Taktumstellungen zu Versbeginn, zwei Dutzend im 
Versinneren, respektive schwebende Betonungen, und dem 
seltenen Vorkommen des Enjambements, das sie etwas ab- 
gehackt klingen läßt. 

Der viertaktig -jambische Vers ist das ge- 
bräuchlichste Versmaß der rein lyrischen Gedichte, daher 
fast immer in strophischer Verw^endung zu treffen; neun- 
zehn Gedichte sind in demselben abgefaßt. Dieses Vers- 
maß ist mit größerer Feinheit behandelt und auch künst- 
licher variiert* Er versucht sogar manchmal Tonmalerei, 
Die Taktumstellung ist meist eine rhetorisch-emphatische: 

'^Flt} fiom Ümr vkes, , /* ('*Apphton-HonJie*' 221) 
*'FhJ from th€ir hün , . /' ('*Appkton-Hoitse'* 223) 

'^Viifiacience, (hat " ("Appkion-House*' 355) 

"Cöme mie infant " C^Young Love"). 

10* 



— 148 — 



In den Gedichten der ersten Zeit ist das Enjambe- 
ment oft störend statt verbindend. Wenn eine Cäsar auf- 
tritt, erscheint sie meist als stumpfe Cäsar nach dem 
zweiten FnÜe; möglich ist sie aber an allen anderen 
Stellen, Lyrische Cäsnr kommt im dritten Fuße vor 
('*3Iourmng\ 15, 21). Epische Cäsm* meidet Marvell; nur 
''Tltp Nymph*\ V. 4, kann eventuell mit epischer Cäsar ge- 
lesen werden: 

"Who kiUed thee, \\ Thim n^^ diä$t alive . . .", 
während bei der Betonung; 

"irfto kOkd tm, II Th^ ne'er diä$i alim . . .% 

also bei lyrischer Cäsur, das ^Hhou** wirksam hervorge- 
hoben und mit dem Vorhergehenden kontrastiert wird. 
Ein schlechter Vers in diesem Versmaß ist: 

"TTäö here hos the haltfelsier's care" C*^ppkt&n-HQU8e'\ 53$), 

mit fehlender Eingangasenkung und doppelter Senkung 
im letzten Fiil3e, wodurcli der jambische Rhythmus ganz 
verloren geht. 

Das Enjambement ist natürlich in den erzählenden 
Gedichten zahlreicher als in den lyrischen ; sehr reich 
daran ist "TAr Nt/mph . , .", das auch die meisten Cäsuren 
aufweist. Die Reims tellung ist meist eine paarige, in 
zweiter Linie gekreuzte; in einigen Gedichten findet sich 
eine künstlichere Anordnung, Die Abwechslung wird nicht 
durch den verschiedenen Versausgaug hervorgerufen — 
derselbe ist gewöhnlich stumpf — , sondern bloÜ durch 
den Stropheubau. Klingender Reim kaxm nur in der 
mittleren Chorstrophe des ersten der ''Twi) Songs** even- 
tuell angenommen werden. Reimhrechung habe ich nur im 
Dialog angetroffen, an die beiden Sprechenden verteilt. 
Doppelte Senkung im Inneren des Verses ist äußerst selten 
anzunehmen, da dieselbe durch Silbenverschleifung be- 
hoben wird* Fehlende Eingangssenkung findet sich nur zu 
Beginn von ''The Pidure of Liitle T. C . . /' allein. Fehlen 
der Eingangssenkung u n d doppelte Senkung im Inneren 
finden wir in '*The Hill aml Grove at Bilborow", Vv, 14,61; 
und in Z. 13 des ,,Epitaph upon , . •". Unschön klingt 
der folgende Vers wegen des ähnlichen Klanges neben- 
einanderstehender Silben: (**HiU and Grove ai Bilborow'*, 26) 



» 



f 



— 149 — 

"And in unmcied (fttalnesa Htunda'*. 

Doppelte Taktumstellung, zu Beginn der Zeile und 
nacli der Cäsur, zeigt '^ The Hill and Grove at Bilhorow'\ V. 42: 

"Fear of the master^ and respect 
Of ihe greai mßnpK did ii protect;*' 

femer ''The Garden % V. 48 **Äppleton'House'\ 309, S90, 
Dieses umfangreichste Gedicht dieser Gruppe hat 14 7o Takt- 
umsteUungen. Die Folge der in diesem Gedicht geringeren 
Freiheiten ist eine gewisse Einförmigkeit; es ist auch ein 
Jugendwerk, Die lyrischen Cäsaren sind speziell in diesem 
Gedicht nicht selten (Vv, 305, 462, 492 etc,). Doppelte Ein- 
gangssenkung tmd fehlende Senkung im Inneren zeigt 
V,595: 

''While the wind^ \\ cöoUnff thrc^tgh the btkgha . , /' 

Spezi eU von diesem langen Gedichte abgesehen, helfen 
Marvells sonstige, oft groBe Freiheiten doch den Reiz 
dieses Metrums zu erhuhen^ der ihm überhaupt eigen ist 

In abwechselnd fünf- und viertaktigen jam- 
bischen, paarweise reimenden Verszeilen abgefaßt ist 
''Tlie Mower against Gardens'\ fortlaufend geschrieben, doch 
gehören immer zwei und zwei Verse zusammen. Vielleicht 
ist das Versmaß dieses Gedichtes von Marvell als ein Ersatz 
des klassischen elegischen Versmaßes beabsichtigt, dessen 
strengerer Form entsprechend sich der Dichter auch keine 
Freiheiten gestattet, von einigen Taktumstellnngen abge- 
sehen, streng taktierend. Wie beim Distichon Hexameter 
und Pentameter zusammengehören, so würden hier immer 
ein Fünftakter und ein Viertakter zusammengehören. 

In vier- und dreitaktigen jambischen Versen 
geschrieben ist allein die einzig dastehende **Horatian Ode\ 
in freier Nachahmung des Ho razi sehen OdenmalSes; es 
reimen abwechselnd immer zwei aufeinanderfolgende vier- 
taktige und zwei aufeinanderfolgende dreitaktige Verse, 
also ^\^\i die mit klassischer Strenge gebaut sind; auf- 
fallend ist nur against (Z* 37), das durch schwebende Be- 
tonung des Verses gemildert wird* 

In meist viertaktigen, ein paarmal dreitaktigen, teUs 
stumpf, teils kUngend endigenden jambischen Versen ist 

10»* 



— 150 — 



das kurze, unbedeutende Gedicht "Upon Clarendon* $ Rouse" 
geschrieben. 

In jambisch-ungleiohtaktigen Versen ist nur 
ein Gedicht geschrieben, *'The CormicV\ das auch in strophi- 
scher Beziehung (q. v.) vereinzelt dasteht Es sind drei-, 
vier- und fünftaktige Jamben gemischt Kunstvoll ist die 
Vermischung von nnglei ch taktigen und ungleichmetri- 
scben Versen in **A Drop of Deu?'\ drei-, vier- und fünf- 
taktige jambische Verse und ein Einschub von sechs 
trochäischen Versen, Die kunstvolle Architektur dieses Ge- 
dichtes ist ebenfalls im „Strophenbau** erörtert. 

Der viertaktige trochäische Vers ist stets 
strophisch verwendet, nur ötumpf reimend, aber in jeder 
Eeimstellung. Das Enjambement spielt auffalligerweise 
hier bei Marvell nicht die große Rolle, die es sonst bei 
diesem Verse spielt („Metrik^ ^ 11, 393), DaJJ die Cäsur keine 
Holle spielt, ist natürlicher. Die Chorstrophe des zweiten der 
^^Two Smigs'* ist jambisch, während das übrige Gedicht voll- 
kommen schematisch trochäisch ist Diese Vermischung 
von jambischen tmd trochäischen Versen ist konsequent 
durchgeführt in dem ^'Dialogue beiween ihe Besolved Soul and 
Created Pl€asure*\ wo Soul in viertaktigen Jamben, Pleasure 
in viertaktigen Trochäen spricht, welche stets paarig reimen; 
im zweiten Teile des Gedichtes ist die Vermischung noch 
inniger, indem in den Eeden einer Person viertaktige 
trochäische und dreitaktige jambische Verse (oder trochäische 
Verse mit Auftakt) gemischt sind, die gekreuzt reimen. Im 
^'Diahgue bettvem Thyrsis and Dortnda" sind regellos drei-, 
vier- und fünftaktige jambische (33) und trochäische Verse 
(15) gemischt, so daß nur die paarweisen Reime den prosa- 
ähnlichen Eindruck mindern. 

J a m b i 3 c h-a napästisohe Verse verwendet Marvell 
ausschließlich zur Satire. Hier erreicht er die größte Mannig- 
faltigkeit; er verwendet stumpfe und klingende Verse in 
paar weiser und gekreuzter Reimstellung. Bei den gekreuzten 
viertaktigen Verszeilen tritt die ursprüngliche Entstehung 
dieses Metrums aus dem achttaktigen Vers durch einge- 
schobenen Reim deutlich hervor ( „Mcirik'^^ 11, 400, 410), 
Der bewegte Ton ist dem satirischen Zwecke äußerst an- 
gemessen und die ungezwungene Beweghchkeit der Cäsur 



— 161 — 



trägt dazu mit bei. Durch eine fiehlende Senkung wird der 
dritte Fuß öfters jambisch (in ^'Clareixdmts House-Wanning" 
ist das sechzehnnial der Fall und zweimal im zweiten Fuße); 
auch kann der erste, gewöhnlich jambische Fuß anapäatisch 
sein. Der zusammenhängende achtt aktige anapästische 
Rhythmus ist hergestellt, wenn 

I, a\ stumpf endigt und a, (oder h) anapästisch beginnt, 
zum Beispiel 19/20:^) 

"Those idoU ne^er 9poke, but are miracles döne 
B^ a di^üj a priest, a friar or a nun"; 

desgleichen *'Clarmdon^s Eouse -Wanmng'\ ^/4, ISjli etc. 
n, a\ klingend endigt und a^ (b) jambisch beginnt: 

^/lO: "PhcUarin fiad a bull, which, 09 graw emthora t^U y^, 
Wöulä roar like a devil with a man in fm bdly**; 

ebenso 25J26; ''Clarendon s House- War ming*\ 17118, 19120 etc. 
und andererseits ist der anapästische Rhythmus unter- 
brochen, wenn entweder 

in, a\ klingend endigt und a^ (h) mit einem Anapäst 
beginnt, so 7j8: 

"Livy teils a stränge stoTif, can hctrdly he f^lSwed, 
Thut a säcrißced ox, tohen Ms ffuts toere out, beUowed^': 

desgleichen ISjU, 21122, 23124, 27128 etc. oder wenn 

IV. üi stumpf endigt und a^ (b) jambisch beginnt: 

1/2: "TFe read, in profane and (in) sacred rec^ds, 

Uf hiaxtSf which have uttered artictdate tcords*' ; 

femer so in 5/4, 5j6, 11112, 15\lß, 17118, 29(30, Sl\32, 
33134 etc. 

Insgesamt, bei Betrachtung aller hiehergehörigen Ge- 
dichte C'Dialoffue beiwem two Horses'\ '' Clarendon' s House- 
Warming*\ "Poew on the Statue at Stocks- Market*' und '*0n 
ihe Statue at Charing Crosse'') kommt der Fall I 74mal, der 
Fall n 29mal, der Fall III 22mal und der Fall IV Somal 
vor, ergo 103mal zusammenhängender, 107mal unter- 
brochener anapästiecher Rhythmus ; also ziemliches Gleich- 
gewicht 

In anapästischem Rhythmus ist auch die Ballade 
**0» the Lord Mayor and Court of Aldernien . . ," geschiiebenj 

*) Alle Beispiele, wenn nicht anders angegeben, aus '*IHalogue 
btiiutHn ihe two H&rses*\ 



i 

d 



— 152 — 



und zwar in Zeilen zu zwei und drei Takten; rein ist der 
anapästische Rhythmus nur in wenigen Strophen durch- 
geliihrt (VI, YH, X— XII), häufig ist der zweite Takt der 
Zeile ein Jambus. Die dritte (oder sechste) Zeile ist stets 
klingend endigend und man kann sonach dieses Versmaß 
als aus dem siebentaktigen jambisch*anapästischen Vers 
entstanden auffassen; das ist besser in der Form zu ersehen, 
in der Grosart dieses Gedicht abdruckt, zum Beispiel 
Strophe 12: 

"Hi» words nar Im oa^ mnnoi hmd htm to troih, 
Ana he '^alues Wit credit or hi€t*r$f . , /' 

während die Ausgabe von Aitken den Baim auch fiirs 
Auge deutlicher macht: 

'*J5fw tcoftfe nor hia oath 

Cannot bind him <o trotk 

And he value» fwt credit or Äwriary/* 

Das leitet uns schon hinüber zum Strophenbau. 

D, Strophenbau. 

Ünstrophiflch, nämlich in fortlaufenden Keim- 
paaren geschrieben, sind vi erimdz wanzig Gedichte Mar- 
vells, die meist nur in mehrere ungleich lange Sinnes- 
abschnitte zerfallen. In viertaktigen Jamben dieser Art 
sind geschrieben: ''üpon the Hill and Grove at Bilhorow'\ 
**AppleioH'House*\ also landschaftlich-beschreibende Gedichte, 
ferner ''The lit/mph, Complaining the Death of Her Faum" 
und ''CoijMistress''; das kurze ^*Epi(aph upon . . /'. Das kleine 
Gedicht '^Upon His fClarefidons) House'^ enthält auch drei- 
taktige Jamben, ^*Clormda and Danton" ist eigentlich weder 
fortlaufend noch strophisch geschrieben, sondern zerfSJlt in 
längere und kürzere Redeabschnitte des „Dialogs". In fort- 
laufenden fiinftaktigen jambischen Reimpaaren, also in 
heroic Couplets, sind siebzehn Gedichte geschrieben.*) 

Qeleitartige Strophen. 

Eine inhaltlich geleitartige Eingangs- und SchluÜ- 
strophe („Metrik*', II, 794), respektive Auf- und Abgesang 
zeigt das monologische '*Benmuias'\ Desgleichen haben wir 

^) Wobei alle Teile der "InairucHons^* zusammen als ein Gedicht 
zählen. 



— 153 — 

in "Clorinda and Dämon" eine vierzeiüge, auch äußerlich 
als '* Chorus" kenntlich gemachte Schlußstrophe. Eine auch 
formell unterschiedene Eingangs- und Schlußstrophe zeigt 
der erste der "Two Songs", zu Beginn einen sechszeiligen 
'* Chorus" und einen achtzeiligen am Schlüsse; der zweite, 
**Second Song", hat eine nur formell getrennte Schlußstrophe. 
Der *'Dialogue between the Besolved Soul and Created Pleasure" 
weist eine zehnzeilige Eingangsstrophe als Anrede auf, 
ist durch einen achtzeiligen, formell abweichenden ** Chorus" 
in zwei Teile geteilt und wird durch einen vierzeiligen 
*' Chorus" geschlossen. Ein formell nicht abweichendes, aber 
durch die Aufschrift "To the King" gekennzeichnetes 
**Envoy" haben Part I und Part II der '* Instructions"; femer 
hat der ^'Dialogue between two Horses" eine *'Introduction" 
und eine ''Conclusion". Rechnet man auch den 

Reftain 

als Strophenform, so kommt das Gedicht *'The Mower's Song" 
in Betracht, das einen leicht variierten Refrain von zwei 
ungleichen Zeilen hat, dreimal 

"WJien Juliana came cmd she, 

What I do to Ihe gross, does to my thoughts and me"; 

und zweimal '*For Juliana came. . ." Femer wiederholen 
sich am Ende der Chorstrophe des ^'Second Song" die zu 
Beginn derselben stehenden Verse: 

*^Joy to that happy pair, 

Whose hopes united banish out despairJ* 

Gleichmetrische Strophen. 
Zweiteilige, gleichgliedrige — verdoppelte — unteilbare. 

Aus vierzeiligen Strophen von viertaktig-j ambischen 
Versen in paarweiser Stellung (^ " * 5) bestehen nur "JBer- 
mudas" und teilweise der erste der *'Two Songs"; in ge- 
kreuzter Stellung (^^^5) ''TheMower te the Glow -Worms", 
'^Definition of Love", ''Mouming". 

Verdoppelte Strophen nach der ersten Art, achtzeilig, 
finden wir in "TAe Garden", *'Damon the Mower", *'Eyes and 
Tears'\ ''The Gallery", ''The Unfortunate Lover", also häufiger 
verwendet als die einfachen Strophenarten. Eine Erweiterung 



— 154 — 

dieser Versart zu einer zehnzeiligen Strophe sind die ersten 
drei Strophen des ^*Diahgue between ihe Soul and Body**, 

Vierzeilige Strophen, im Dialog manchmal zweizeiligj 
paarweise reimender viertaktiger, trochäischer Verszeilen 
finden wir im ^'Secotid Sotig* (exlusive Chorstrophe), gekreuzt 
reimend in *'Ametas and Thesfi/li$'\ sowie '*Toung Love*\ 
mnschlieüend in ''Daphnis and Chloä"; hier haben wir also 
die größte Variation, 

Vierzeilige Strophen von funftaktigen jambischen 
Reimpaaren (" ^* ^ 5), welclie hier das einzige Mal strophisch 
verwendet sind, zeigt **Mimc's Empire". In sechszeiligen, 
eigentlich nicht teilbaren Strophen aus funftaktigen jambi- 
schen Versen in der Stellung a b a b c c ist *'Thi' Fair Sififfer'* 
geschrieben. 

Während alle bisher erwähnten Strophenarten durch- 
aus stumpfen Ausgang der Verszeilen zeigen, findet man in 
der nächst erwähnten stumpfe und klingende Versausgänge 
in willkürlicher Mischung; es sind Strophen aus vier 
jambisch-anapästischen, viertaktigen Versen, und zwar ent- 
weder in paarweiser Reimstellung wie im '^Diulogue bei wem 
the twö Horses'* und im *'Poem on the Statue in Siock$- 
Market" oder in gekreuzter Reimstellung in ** Ciarendons 
ffouse-Warmitig" und in '*Tke Statue at Charing Crosse**, 

Gleicbmetrisch ist ferner das von Marvell überseute 
zweite Chorlied aus Senecas **Thyesf\ das man in zwei 
siebenzeilige Strophen zerlegen kann — obwohl es un- 
strophisch gednickt erscheint — , von viertaktig- trochäischem 
Rhythmus mit der Reimstellung aaabbcc-\-ded e f f f^ 

wobei also keine Kongruenz der Strophen vorhanden ist. 



Ungleichmetrische Strophen. 
ZweiteÜlg-glelohgliedrige. 

In vierzeiligen Strophen von abwechselnd vier- und 
drei taktigen jambischen, gekreuzt reimenden Versen, also 
nach der Formel (4 3 ^ J) ist ''The Match" geschrieben, 
einreihbar unter § 292^ ,,M€trlt\ II; also aus einem durch 
Mittelreim aufgelösten septenarischen Reimpaare ent* 
standen. 



- 166 — 

Eine überhaupt seltene Strophenart, flir die sich nicht 
einmal in „Metrik** II ein Beispiel findet (vgl. jedoch § 244), 
die aber unter § 299 des genannten Werkes einzureihen wäre, 
zeigt **The Mower dgainst Gardens", das zwar bei Grosart in 
äußerlich unstrophischer Form gedruckt ist: es sind vier- 
zeilige Strophen von paarweise gereimten jambischen Versen, 
abwechselnd fünf- und viertaktig (5454) ; eine Hypothese 
über die Bedeutung dieser Strophe wurde S. 32 dieser 
Arbeit ausgesprochen. 

Zu den zweiteilig-gleichgliedrigen ungleichmetrischen 
Strophen gehört auch die jambisch-anapästische Strophen- 
art der Ballade **0n the Lord Mayor and Court of Aldermen", 
bestehend aus 18 Strophen nach der Formel ^ 2 T ^ 2 3' 
(sieh auch S. 151 f.), eine interessante Abart der Schweifreim- 
strophe, die auch bei Denham vorkommt (,, Metrik" II, 
§ 287 y S, 515); der Ton ist anziehend und frisch wie in 
einer echten Bänkelsängerballade. 

Zweiteilige ungleichgliedrige! 

Die einfachste und zugleich strengst gebaute ist das 
Versmaß der "Horatian Ode", vierzeilige Strophen aus ab- 
wechselnd vier- und dreitaktigen jambischen Reimpaaren 
("4^3)? ^^® ™®^ vielleicht als eine durch Umstellung der 
geteilten Verse von zwei Septenaren entstandene Variante 
dieses genannten Metrums auffassen imd unter § 322 der 
„Metrik**, S, 559, einreihen kann. 

Dann gehört hieher die achtzeilige Strophe des Ab- 
gesangs im **Second Song", paarweise reimende, ungleich- 
metrische Jamben ^ 4 s ö'^^I t ^^^ren zweite Hälfte der 
Strophenart des §323 der „Metrik** entspricht; femer die 
mittlere „Chor^^strophe des *'Dialogne between Resolved Soul 
and Created Pleasure" (sieh S. 1B6). 

Dreiteilige. 

Dreiteilig ist die Strophenart des '*Mower*s Song", 
nämlich zwei jambisch-viertaktige Reimpaare « « ^ ^ ver- 
bunden mit einer als Refrain stets wiederkehrenden 
canda eines jambisch-ungleichmetrischen Reimpaares, also 



- 156 — 



); diesö Strophenart steht am nächsten einer 



/a a b b CC 

vonDryden verwendeten (* ** ^ ^J^) (,,M€trik'*IlS.64i). 
Ungleichmetrisch dreiteilig ist auch die Chorstrophe im 
ersten der "Two Songs'* « « ^ ^ ^ ^^ Büeher wollen wir auch 
die schwer zn schematisierende Strophenart des '^Piciurt' of 
Utile T, C. . , /' setzen ; im ganzen achtzeilig, besteht sie aus 
sechs nicht immer teilbaren, viertaktig-jambisohen Zeilen 
in der Stellung ab a c cb, denen eine cauda ^ ^ folgt. 



Ungleichmetrlsch und ungleichrhythmisch 

ist **Thyr$is and Dorinda\ nur dem Sinne nach in Eede- 
abschnitte geteilt, die an die zwei Sprechenden verteilt 
sind, von verschiedener Zeilenzahl : in dem meist viertaktig- 
jambischen Gedichte sind eben gelegentlich, wahrscheinlich 
unbeabsichtigt, weil regellos, (16) trochäische und drei- 
taktige und fünf taktige Verse eingestreut. 

Im "Diahjgue beiween fhe Resolved Sotd and Created 
Pk(isure' finden wir eine mannigfache Mischung von un- 
gleichmetrischen und ungleichrhylihmischen Versen, aber zum 
Unterschied vom frühergenannten Gedichte nicht regellos. 
Nach der zehnzeiligen paarreimigen jambischen Eingangs- 
strophe beginnt Pleasure das Gespräch mit einer sechs- 
zeiligen Strophe in viertaktigen Trochäen in der Stellung 
a b ü h c €, worauf Soul mit einem viertaktig-jambischen 
Reimpaar antwortet und Pleasure wieder mit einer vier- 
zeiligen trochäischen Strophe repliziert; nach mehrmaligem 
Wechsel in dieser Art schlieft Sotil mit vier Zeilen; dann 
gibt der "Choms*' seine Meinung ab in einer zweiteiligen 
ungleichgliedrigen ungleichmetrischen Strophe <* ^ ö a*c€. 
Diese eingeschobene Chorstrophe bildet einen Wendepunkt; 
nun beginnt, formell nur, ein zweiter Teil, in dem Pleasure 
jetzt in Strophen nach der Formel f ^ J ^ spricht, wobei 
a trochäisch, ß jambisch ist Den Scbluil bildet ein Chor 
in jambischen Versen « ^ " J. 

In den folgenden zwei letzten Fällen kann man 
eigentlich von strophischer Gliederung, die nämlich auch 
akustisch zur Geltung käme, nicht mehr sprechen; doch 



— 167 - 

finden wir hier eine feindurchdachte, komplizierte formelle 
Gliederung färs Auge. 

"The Coranef* ist jambisch ungleichmetrisch, man 
kann es folgendermafien zerlegen: 

abba»cddc*effe'ghgh'ii'klm*klm*nn; 

5 854545545 4 5 

das heißt in Worten : drei Quartette, jedes in umschließen- 
der Brcimstellung, aber von verschiedener Yerslänge, ein 
Quartett gekreuzter viertaktiger Zeilen und zwei, von je 
einem Brcimpaare zu Anfang und zu Ende eingeschlossene 
Terzette fünftaktiger Jamben. 

Noch künstlicher ist die Architektur von **A Drop of 
I)euf*y nämlich: 

abc»abc»ffe»gg»hh* -f 
8 4 8 4 48 8 4 8 2 6 .^-4 

i x ± 1. 

i i •kk*ltnlin*nn* (o n (o n • q> q> • r $ r 8 • t t • u u; 

4 6 iTö 6 j 4 "|6 4 T T j 4 6 "^T 

wobei wieder die griechischen Buchstaben Trochäen be- 
zeichnen. In der zweiten Hälfte herrscht also in der 
graphischen Darstellung eine künstliche symmetrische Form. 
Als Schwäche muß man es bezeichnen, daß die Sinnes- 
abschnitte keineswegs diesem metrischen Schema ent- 
sprechen, was der Grund daftLr ist, daß dasselbe fiir das 
Ohr nicht zur Geltung kommt. Gewiß sind diese zwei 
kompliziert gebauten Gedichte Nachahmungen italienischer 
Kunstformen, aber auch die einzigen bei Marvell; die 
übrigen metrischen Kunststücke der Benaissancedichter 
macht Marvell nicht mit, offenbar aus Unvermögen; ein 
formgewandter Dichter ist er ja nicht. Marvell gehört 
auch zu denjenigen Dichtem der Zeit Miltons, die kein 
einziges Sonett geschrieben haben (f^Metrik** II, 866). 



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? 



^s^ 




1 



Veröffentlicliangen des Deutschen Instituts 
fOr Außenpolitische Forschung 

Herausgegeben von Professor Dr. Friedrich Berber 



Band VII 

DEUTSCHLAND-ENGLAND 
1933-1939 

Die Dokumente 
des deutschen Friedenswillens 




1943 



ESSENER VE R L AG S AN S T ALT 



DEUTSCHLAND-ENGLAND 
1933-1939 

Die Dokumente 
des deutschen Friedenswillens 

Herausgegeben von 

Professor Dr, Friedrich Berber 

4. Auflage 

12.— 19. Tausend 




1943 



ESSENER VERLAGSANSTALT 



Die ÄchTift wini in der NS.«Bibüo^iiphie geführt. 

Berlin, den "20. 9« 1941 
Der VoniUende der Parieiamtlichen Prorungakommiision 
tum SchuUe dei NS.-SehriUtums 



Die Wiedergabe der Reden de» FOhrers 

erfolgt mit Genehmigung des ZentralverUiges der NSDAP. 

Pran2Eher Nachf., G.ra*b,H., 

München- B er hn 



Alk Bcchtc vorbehalten 

Copyright 1940 by Essener Verlagsangtalt G, m. b. FL, Esaen 

Säte und Druck: Nationai-Zeitung, Verlag und Druckerei, G.nub.ll.« Ftsen 

Printcd in Germany. Verla gsnummer l^ 



\m 






INHALT 



Vorbemerkung 


7 


Einleitung . 


9 


1933 .. . 


13 


1934 . 


31 


1935 . 


4& 


1936 . 


83 


1937 . 


109 


1938 . 


129 


1939 


171 



Vorbemerkung 



Der vorliegende Band bringt einhundertsechs Dokumentenstücke 
in deutscher Sprache. Naturgemäß war es nicht möglich, sämtliche 
Dokumente im vollen Text zu bringen. Es wäre dadurch nicht nur der 
Umfang des Bandes unverhältnismäßig angewachsen, sondern auch 
die mit ihm verfolgte eigentliche Absicht — lediglich die deutsch- 
englischen Beziehungen im politischen Gesamtzusammenhang der 
Jahre 1933 — 1939 darzustellen — vereitelt worden. Infolgedessen sind 
im wesentlichen nur diejenigen Fälle der Dokumente veröffentlicht 
worden, die mehr oder weniger unmittelbar das deutsch-englische Ver- 
hältnis betreffen. Wo der zum Abdruck gebrachte Auszug den Zu- 
sammenhang nicht deutlich genug erkennen ließ, ist versucht worden, 
im Zwischentext ergänzend das Notwendige zu sagen. Die einzelnen 
Dokumente tragen laufende Nummern, die am Seitenrand verzeichnet 
sind. 

Die im Urtext fremdsprachigen Dokumente sind in deutscher 
Übersetzung gebracht worden, und zwar ist, soweit bereits eine getreue 
Übersetzung vorlag, diese übernommen, andernfalls eine eigene Über- 
setzung vorgenommen worden. Die Dokumente sind nach Möglichkeit 
amtlichen Quellen entnommen ; nur soweit solche nicht vorlagen, sind 
andere, nach Möglichkeit primäre Quellen benutzt. 

Bei fremdsprachigen Dokumenten bedeutet „E'* oder „F", daß 
an dem angegebenen Fundort das betreffende Dokument in englischer 
oder französischer Sprache vorliegt. Durch „D" wird die deutsche 
Übersetzung nachgewiesen. 

Bisher unveröffentlicht waren die nachfolgend aufgeführten Do- 
kumente: 3, 8, 10, 13, 39, 41, 45, 49, 54, 55, 56, 61, 78. Zahlreiche 
Dokumente werden zum ersten Male in deutscher Sprache veröffent- 
Ucht. 



Einleitung 



Als im Herbst 1918 das im Felde unbesiegte deutsche Volk sich 
zu Friedensverhandlungen bereit erklärte» hatten die Alliierten und 
insbesondere ihr wichtigster und aktivster Teil, GroDbritannien, die 
Neuordnung Europas nach ihren eigenen Grundsätzen, Kriegszielen 
und Deklarationen frei in der Hand. Insbesondere Deutschland gegen- 
über hatten sie nunmehr, nach dem Sturz der kaiserlichen Regierung 
und nach der Errichtung eines demokratischen Systems, die Möglich- 
keit, ihre in Millionen von Flugblättern vertretene Propaganda these^ 
ihr Kampf gelte nicht dem deutschen Volke, sondern nur der deutschen 
Führung, in die Wirklichkeit umzusetzen und Deutschland als in jeder 
Hinsicht gleichberechtigten Partner in die neue europäische Staaten* 
gemeinschaft aufzunehmen. Daß nichts dergleichen geschah, dali viel- 
mehr das deutsche Volk in schmählicher Weise hintergangen und seiner 
primitivsten Lebensrechte beraubt wurde, ist die allseitig anerkannte* 
eindeutige Ursache all der Leiden und Verwirnmgen, die den euro- 
päischen Kontinent in den letzten zwanzig Jahren heimsuchten und 
die schließlich zu einer erneuten Entfachung des erst so kurze Jahre 
gelöschten Kriegsbrandes führten. Damit ist aber zugleich die ein- 
deutige Schuld derjenigen, die für dieses Versagen und für diesen 
Verrat verantwortlich waren, festgestellt. 

Es wird für kommende Generationen, die die Ereignisse der letzten 
zwanzig Jahre aus historischem Abstand betrachten werden, immer 
ein verwunderliches Rätsel sein, wie sich die Friedensmacher von 1919 
denn eigentlich die weitere Regelung des von ihnen geschaffenen Zu- 
siandes vorstellten. Denn über seine Unzulänglichkeit, ja Unmöglich- 
keit waren sich eigentlich alle einig. Aber sie legten trage die Hand in 
den Schoß und warteten auf die heilende Kraft der Zeit, auf eine Ent- 
wicklung, die diesen ungesunden Zustand zur Normalität zurückführen 
würde, auf ein Wunder. 

Und dieses Wunder, das herbeizuführen diese Schuldigen nichts, 
das zu verhindern sie alles taten, ereignete sich. Die in den Feind- 
ländem längst als Reaktion auf ihre unsinnigen Maßnahmen gefürch- 
tete innere Entwicklung Deutschlands trat ein: der Nationalsozialis- 
mus ergriff in Deutschland die Maclit. Zugleich aber — und darin lag 
das W^under — stellte diese zur Macht gekommene Regierung ein aus- 
gesprochenes Friedensprogramm, ein Programm der friedlichen Revi- 
sion, des peaceful change auf, statt, was nicht verwunderlich, sondern 
natürlich gewesen wäre, eines Programms des Hasses, der Gewalt, der 



1 — nr 



10 



DeutschTand - Enj^Iand 



Revanche. Das war die zweite große Chance der „Sieger** des Welt- 
krieges seit 1919: in enger Zusammenarbeit mit dem nationalen, aber 
friedliebenden Deutschland für die Beseitigung der gröbsten Sinnlosig* 
keilen und Härten des Versa Uler Systems, für die Wiederaufrichtung 
einer europäischen Ordnung zu wirken, sich den eigenen Völkern gegen- 
über für die Notwendigkeit der Maßnahmen auf die veränderte Macht- 
lage wie auf die hoffnungslos gewordene internationale Wirtschaftslage 
zu berufen und die Gerechtigkeit der elementaren deutschen Forde- 
rungen durch die eigene Teilnahme anzuerkennen, Italien ist unter der 
Führung seines genialen Staatschefs MussoHni diesen Weg gegangen. 
Kngland, das diesem Weg friedlicher Revisionen allein volle Wirksam- 
keit verleihen konnte, hat sich ihm versagt. Und dabei war es gerade 
die Freundschaft mit Engtand, auf die das ganze auOenpolitiscbe 
Programm des Führers hinzielte. 

Adolf Hitler ergriff die Macht in Deutschland mit dem festen und 
eindeutigen außenpolitischen Programm, das er bereits 1924 in seinem 
Kampfbuche niedergelegt hatte: wenn irgend möglich ein Bündnis 
mit Italien und mit England zu erreichen. Dadurch war nach seiner 
Überzeugung sowohl den deutschen Interessen wie dem Weltfrieden 
am besten gedient. Sechs Jahre lang hat er dieses Ziel durch immer 
erneute Vorschläge und Angebote zu verwirklichen gesucht und Frie- 
denspolitik getrieben. Daß sie endlich gescheitert ist, ist einzig und 
allein Englands Schuld. England hat alle die Jahre hindurch eine 
wahre Verständigung zwischen den beiden Völkern abgelehnt und 
hintertrieben, England hat die immer wiederholten deutschen Vor- 
schlage für einen dauernden Frieden als zu radikal und als zu kühn 
empfunden^ während doch die völlig verfahrene europäische Situation 
nur mit radikalen und kühnen Maßnahmen gerettet werden konnte. 
Es hat in hochmütiger Verblendung auf die deutschen Vorschläge 
nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Herzen hingehört, 
wälirend doch ein Zusammenkommen der beiden so verschiedenen 
Partner nur bei konzentriertester Aufmerksamkeit auf die gemein- 
same Aufgabe möglich gewesen wäre. Es hat jede ihm dargebotene 
Möglichkeit viel zu langsam begriffen und immer zu spät ergriffen, 
statt blitzschnell bei dieser einzigartigen Chance, aus dem selbst- 
verschuldeten Wirrwarr ohne einen neuen Krieg herauszukommen» 
zuzugreifen. Es hat den Sonderbotschafter des Führers, Hibbentrop, 
mit Unverständnis empfangen, statt in der Entsendung des engsten 
außenpolitischen Vertrauten des Führers die eminente Geste der 
Freundschaft zu sehen. Seine Presse hat die von englischen Vorstel- 
lungen vielfach abweichenden inneren deutschen Verhältnisse mit 
feindseligem Hohn und mit giftiger Kritik überschüttet, statt alles zu 
tun, um die beiden Völker, von deren gegenseitigem Verstehen die 
Zukunft des Kontinents abhing, in Freundschaft einander näher- 
«ubringen. England hat sich, statt die lebendige Kraft des deutschen 
Volkes anzuerkennen und sich mit ihr zu verbinden, auf die antiquierte 
und schemenhafte Lehre vom Gleichgewicht der Mächte zurückgezogen, 
die ihm die sti&ndige Intervention auf dem Kontinent gegen jede er- 



Einleitung 1 1 



starkende Macht gebot. Es hat schließlich im Verfolg dieser Doktrin 
sich dem unter seiner genialen Fuhrung zusehends erstarkenden 
Deutschland in den Weg gestellt, wo immer es konnte, hat auf seine 
berüchtigte Tradition der Einkreisung zurückgegriffen, hat überall 
den Widerständen gegen Deutschland den Rücken gesteift und damit 
schließlich jenen Brand heraufgeführt, den gerade England im Inter- 
esse seiner so leicht verletzlichen Herrschaft überall in der Welt unter 
allen Umständen hätte vermeiden sollen. 

Die einzelnen Etappen dieses verhängnisvollen Weges seit 1933 
sind in der nachfolgenden Sammlung dokumentarisch nachgewiesen. 
Dabei kommen in wissenschaftlicher Objektivität beide Seiten gleich- 
mäßig zu Wort. Das englische Versagen, die englische Schuld tritt 
damit nur um so deutlicher in Erscheinung. Die britische Linie stellt 
sich dabei trotz allen Schwankens im einzelnen als eine durchaus gerad- 
linige heraus: Deutschland sollte nicht stark werden, Deutschland 
sollte schwach bleiben, Deutschland sollte in den Fesseln von Ver- 
sailles bleiben. Angesichts dieser dokumentarisch nachgewiesenen Linie 
erscheint das heute mit immer größerer Offenheit verkündete englische 
Kriegsziel, Deutschland zu Versailles zurückzuführen, ja ihm noch weit 
über Versailles hinausgehende Fesseln anzulegen, als Konsequenz der 
allzu häufig durch tönende Phrasen getarnten wahren britischen außen- 
politischen Linie. Das deutsche Volk wird dafür sorgen, daß dieses 
britische Programm diesmal nicht in Erfüllung geht. 

Berber 



1] Das Jahr 1933 15 



Bereits die erste Begegnung des Führers mit der britischen Politik 
fährte zu Erfahrungen^ wie sie Deutschland seit 1933 immer wieder machen 
mußte. Die erste Auseinandersetzung des nationalsozialistischen Deutsch- 
land mit Großbritannien knüpfte sich an die Abrüstungsfrage, bei der die 
Außenpolitik des Führers nach Lage der Umstände Anfang 1933 ein- 
setzen mußte. Durch die von Großbritannien, Frankreich, Italien und 
Deutschland abgegebene Erklärung vom 11, Dezember 1932 war Deutsch- 
land grundsätzlich die Gleichberechtigung „in einem System, das allen 
Nationen Sicherheit bieteV, zugestanden worden. Statt dieses feierliche 
Versprechen einzuhalten, suchten die Westmächie nach der Machtergrei- 
fung die grundsätzlich zugestandene Gleichberechtigung durch endlose 
Diskussionen in Genf zu zerreden und gegenstandslos zu machen. Am 
16. März 1933 endlich legte der britische Ministerpräsident MacDonald 
einen neuen Abrüstungsplan vor. Die Stärke der Heeres-, Flotten- und 
Luftstreitkräfte, die Dauer der Dienstzeit der Landstreitkräfte wurden 
festgelegt und eine qualitative Abrüstung erwogen. Die Bestimmungen 
des Abschnitts V des Versailler Vertrages sollten durch diese Bestim- 
mungen ersetzt werden. Der MacDonald- Plan bedeutete zwar eine be- 
schränkte Rüstungsangleichung, stellte aber nicht im entferntesten die 
Deutschland bereits zugesicherte Rüstungsgleichheit mit den hochgerüsteten 
Westmächten her, die sich bislang stets ihrem Abrüstungsversprechen 
entzogen hatten. Er genügte auch keinesfalls den Erfordernissen der deut- 
schen Sicherheit; wurde doch Deutschland z. B. kein einziges Flugzeug 
zugestanden. Obwohl also der MacDonald- Plan für Deutschland alles 
andere als befriedigend war und weit hinter den bereits gegebenen Ver- 
sprechungen zurückblieb, hat sich der Führer gleich in seiner ersten 
programmatischen Reichstagsrede, die er als Kanzler hielt, positiv zu 
dieser englischen Anregung geäußert. Der Wille zur deutsch-englischen 
Zusammenarbeit steht also am Anfang der nationalsozialistischen Außen- 
politik. 



Aus der Reichstagsrede des Führers vom 23. März 1933 

Das deutsche Volk will mit der Welt in Frieden leben. Die Regie- 
rung wird aber gerade deshalb mit allen Mitteln für die endgültige 
Beseitigung einer Scheidung der Völker der Erde in zwei Kategorien 
eintreten. Die Begriffe von Siegemationen und von Besiegten können 



^»r^ 



16 



r»eut«''hfflnd * Kn)?fnnfl 



nicht ais eine dauernde Basis freundschaftlicher Beziehungen der 
Völker untereinander gelten. Die ewige Offenhaltung dieser Wunde 
führt den einen zum Mißtrauen, den anderen zum HaO und damit 
zu einer allgemeinen Unsicherheit. 

Die nationale Regierung ist bereit, jedem Volke die Hand zu einer 
aufrichtigen Verständigung zu reichen, das gewillt ist, die traurige Ver- 
gangenheit endlich einmal grundsätzlich abzuschlieOen, Die Not der 
Welt kann nur vergehen, wenn innerhalb der Völker und unterein- 
ander durch stabile Verhältnisse wieder Vertrauen geschaffen wird. 
Denn folgende Voraussetzungen sieht die nationale Regierung für die 
Behebung der allgemeinen Wirtschaftskatastrophe als notwendig an: 
erstens eine unbedingte Autorität der politischen Führung im Innern 
zur Herstellung des Vertrauens in die Stabilität der Verhältnisse; 
zweitens eine Sicherstellung des Friedens durch die wirklich großen 
Nationen auf lange Sicht zur Wiederherstellung des Vertrauens der 
Völker untereinander; drittens den endlichen Sieg der Grundsätze der 
Vernunft in der Organisation und Fuhrung der Wirtschaft sowie eine 
allgemeine und internationale Entlastung von Reparationen und un- 
möglichen Schuld- und Zinsverpflichtungen. 

Leider stehen wir vor der Tatsache, daß die Genfer Konferenz 
trotz langer Verhandlungen bisher kein praktisches Ergebnis erzii 
hat. Die Entscheidung über die Herbeiführung wirklicher Abrüstun 
maßnahmen ist immer wieder durch das Aufwerfen technischer Einzel 
fragen und das Hereinziehen von Problemen, die mit Abrüstung nichts 
zu tun haben, verzögert worden. Dieses Verfahren ist untauglich. Der 
rechtswidrige Zustand einer einseitigen Abrüstung und der daraus 
resultierenden nationalen Unsicherheit Deutschlands kann nicht länger 
dauern. Als ein Zeichen des Gefühls der Verantwortung und des guten 
Willens erkennen wir es an, daß die britische Regierung in ihren letzten 
Vorschlägen in Genf den Versuch gemacht hat, die Konferenz endlich 
zu schnellen Entscheidungen zu bringen. Die Reichsregierung wird 
jede Bemühung unterstützen, die daraufgerichtet ist^ einer allgemeinen 
Abrüstung wirksam zu dienen und dabei den schon längst fälligen 
Anspruch Deutschlands auf Gleichberechtigung sicherzustellen. 

Allein seit vierzehn Jahren sind wir abgerüstet, und seit vierzehn 
Monaten warten wir auf ein Ergebnis der Abrüstungsverhandlungen. 

Umfassender noch ist der Plan des Chefs der italienischen Regie- 
rung, der großzügig und weitblickend versucht, der gesamteuropäischen 
Politik eine ruhige und folgerichtige Entwicklung zu sichern. Wir 
messen diesem Plan die ernsteste Bedeutung bei. Wir sind bereit, auf 
dieser Grundlage in voller Aufrichtigkeit mitzuarbeiten an dem Ver- 
such, die vier Mächte Deutschland, Italien, England und PVankreich 
zu einer friedlichen politischen Zusammenarbeit zusammenzuschließen, 
die mutig und entschlossen an die Aufgaben herangelit, von denen das 
Schicksal Europas abhängt. 

Aus diesem Anlaß empfinden wir besonders dankbar die ver- 
ständnisvolle Herzlichkeit, mit der die nationale Erhebung Deutsch- 
lands in Italien begrüßt worden ist. Wir wünschen und hoffen, daß 




^^ M 



n 



Dfis Jahr 1933 



17 



Gleichheit der geistigen Ideale die Grundlage für eine stetige Vertie- 
fung der freundschafthchen Beziehungen zmschen den beiden Ländern 
sein wird. 

Ebenso legt die Reichsregierung, die im Christentum die uner- 
schütterlichen Fundamente des sittlichen und nioralisrhen Lebens 
unseres Volkes sieht, den größten Wert darauf, die freundschaftlichen 
Beziehungen zum Heiligen Stuhle weiter zu pflegen und auszugestalten. 

Gegenüber unserem Brudervolk in Österreich empfinden wir alle 
das Gefühl der innersten Anteilnahme an seinen Sorgen und Nöten. 
Die Reichsregierung ist sich in ihrem Handeln der Verbundenheit des 
Schicksals aller deutschen Stämme bewußt. 

Die Einstellung zu den übrigen einzelnen fremden Mächten ergibt 
sich aus dem bereits Erwähnten. Aber auch da, wo die gegenwärtigen 
Beziehungen heute noch mit Schwierigkeiten belastet sind, wollen wir 
uns ehrlich bemühen, einen Ausgleich zu finden. Allerdings kann die 
Grundlage einer Verständigung niemals die Aufrechterhaltung der 
Unterscheidung in Sieger und Besiegte sein. 

Wir sind denn auch der Überzeugung, daß ein solcher Ausgleich 
in unserem Verhältnis zu Frankreich möglich ist, wenn die Regierungen 
die sie betreffenden Probleme beiderseits wirklich weitschauend in 
Angriff nehmen. 

Gegenüber der Sowjetunion ist die Reichsregierung gewillt, freund- 
schaftliche, für beide Teile nutzbringende Beziehungen zu pflegen. 
Gerade die Regierung der nationalen Revolution sieht sich zu einer 
solchen positiven Politik gegenüber Sowjetrußland in der Lage. Der 
Kampf gegen den Kommunismus in Deutschland ist unsere innere 
Angelegenheit, in den wir Einmischungen von außen niemals dulden 
werden. 

Die stadtspolitischen Beziehungen zu anderen Mächten, mit denen 
uns gemeinsame Interessen verbinden, werden davon nicht berührt. 

Das Verhältnis zu den übrigen Ländern verdient auch in der Zu- 
kunft unsere ernsteste Aufmerksamkeit, insbesondere zu den großen 
überseeischen Staaten, mit denen Deutschland seit langem durch 
Freundschaft und wichtigste wirtschaftliche Interessen verbunden ist. 

Das Schicksal der Deutschen außerhalb der Grenzen des Reiches, 
die als besondere Volksgruppen innerhalb fremder Völker um die 
Wahrung ihrer Sprache, Kultur, Sitte und Religion kämpfen, wird 
uns stets bewegen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für die den 
deutschen Minderheiten garantierten internationalen Rechte einzu- 
treten. 

(Verhandlungen des Beichdiagcs, Bd. 457, S. 30f.) 



Dieses Zeichen des Gefühls der Veraniwortung und des guten Willens 
Deutschlands war über die Sache hinaus ein deuUicher Wink an die eng- 
lische Adresse, Er begegnete hier zunächst keiner Bereitschaft zur Ver- 
ständigung mit dem neuen Deutschland. Die Machtübernahme durch den 
Nationalsozialismus hatte in England Panik, Feindseligkeit y Kreuzzugs- 
Blimmung und die Geneigtheit ausgelöst, sich schulmeisterlich in die 

DtutacMand-England 2 ' 



18 Deutschland - England [2 

inneren deuischen Verhältnisse einzumischen. Dadurch ist die erste Etappe 
charakterisiert. 

Widersinnige Putschgerüchie und Gerede von Kriegsgefahr veran- 
laßten bereits am 2. März 1933 die erste der nun in langer Reihe folgenden 
Deutschland-Debatten im Unterhaus. Der deutschen Botschaft in London 
gingen Hunderte von Protestresolutionen gegen angebliche Vorkommnisse 
in Deutschland zu. Jüdische Firmen in England drohten mit dem Boykott 
deutscher Waren. Die Presse tat das ihre zur Förderung dieser feindseligen 
Stimmung. Fast alle englischen Korrespondenten in Deutschland waren 
ohne jedes Verständnis für den Umbruch. Sie hatten vor 1933 nur mit 
der Linken verkehrt. Neue unvoreingenommene Männer wären erforderlich 
gewesen. Am 30. März 1933 beschäftigten sich Unter- und Oberhaus zum 
erstenmal in anklägerischem Tone mit der Lage der Juden in Deutsch- 
land. Hier haben diese Debatten über interne deutsche Angelegenheiten 
natürlicherweise ernstliche Verstimmungen ausgelöst. In einer leidenschaft- 
lichen antideutschen Aussprache im Unterhaus am 13. April, gegen die 
deutscherseits amtlich Beschwerde erhoben wurde, hielt Winston Churchill 
eine Rede, in der er die Gerechtigkeit des Versailler. Vertrages verleidigle. 
Er erklärte sich gegen die deutsche Gleichberechtigung in der Rüstung und 
malte das Schreckgespenst eines nahen Krieges an die Wand. Auch der 
Premierminister MacDonald sprach sich am 16. Mai unfreundlich gegen 
Deutschland aus. 

Der Fährer ließ sich durch diese Verdächtigungen nicht irre machen. 
Er ging zielbewußt seinen Weg, Deutschland die Gleichberechtigung zu 
gewinnen, weiter. In seiner Reichstagsrede vom 17. Mai brachte er 
die Kriegsgerüchte zum Schweigen und gab einen unmißverständlichen 
Beweis seines Friedenswillens. Er legte die Berechtigung der deutschen 
Forderungen dar, bekannte sich erneut zum Gedanken der Abrüstung auf 
der Grundlage des MacDonald-Plans und zeigte Wege zu ihrer praktischen 
Verwirklichung. 



2. Aas der Reichstagsrede des Führers vom 17. Mai 1933 

Deutschland wäre auch ohne weiteres bereit, seine gesamte militä- 
rische Einrichtung überhaupt aufzulösen und den kleinen Rest der ihm 
verbliebenen Waffen zu zerstören, wenn die anliegenden Nationen 
ebenso restlos das gleiche tun. Wenn aber die anderen Staaten nicht 
gewillt sind, die im Friedensvertrag von Versailles auch sie verpflich- 
tende Abrüstung durchzuführen, dann muß Deutschland zumindest 
auf der Forderung seiner Gleichberechtigung bestehen. 

Die deutsche Regierung sieht in dem englischen Plan eine mögliche 
Grundlage für die Lösung dieser Frage. Sie muß aber verlangen, daß 
ihr nicht die Zerstörung einer vorhandenen Wehreinrichtung auf* 
gezwungen wird ohne die Zubilligung einer zumindest qualitativen 
Gleichberechtigung. Sie muß weiter fordern, daß eine Umwandlung 
der heutigen von Deutschland nicht gewünschten, sondern uns einst 
vom Auslande auferlegten Heereseinrichtung Zug um Zug erfolgt, im 



2] Das Jahr 1933 19 

Maße der tatsächlichen Abrüstung der anderen Staaten. Dabei erklärt 
sich Deutschland im wesentlichen damit einverstanden, eine Über- 
gangsperiode von fünf Jahren für die HersteHung seiner nationalen 
Sicherheit anzunehmen, in der Erwartung, daß nach dieser Zeit 
die wirkliche Gleichstellung Deutschlands mit den anderen Staaten 
erfolgt. 

Deutschland ist femer ohne weiteres bereit, auf die Zuteilung von 
Angriffswaffen dann überhaupt Verzicht zu leisten, wenn innerhalb 
eines bestimmten Zeitraumes die Rüstungsnationen ihrerseits diese 
Angriffswaffen ebenfalls vernichten und durch eine internationale 
Konvention die weitere Anwendung verboten wird. 

Deutschland hat nur den einzigen Wunsch, seine Unabhängigkeit 
bewahren und seine Grenzen schützen zu können. Nach dem Ausspruch 
des französischen Kriegsministers im Februar 1932 werden die zum 
großen Teil farbigen Überseestreitkräfte sofort in Frankreich selbst 
verwendet. Er rechnet sie deshalb ausdrücklich zu den Heimatstreit- 
kräften. Es entspricht daher nur der Gerechtigkeit, diese Streitkräfte 
bei der Lösung dieser Frage zu berücksichtigen. Es widerspricht der 
Gerechtigkeit, militärisch völlig ausgebildete Reservisten während ihres 
Urlaubs nicht in Anrechnung zu bringen, aber Polizeikräfte, die nur 
für Polizeizwecke bewaffnet und ausgebildet sind, für Deutschland der 
Heeresstärke zuzuzählen. Gänzlich aber unmöglich ist es, Verbände, 
die allein politischen oder volkserzieherischen oder sportlichen Zwecken 
dienen, überhaupt keine militärische Ausbildung genießen und keine 
militärische Ausrüstung besitzen, in Deutschland auf die Heeresstärke 
anzurechnen, in anderen Ländern aber überhaupt nicht zu sehen! 

Demgegenüber würde sich Deutschland jederzeit bereit erklären, 
im Falle einer gegenseitigen internationalen Kontrolle der Rüstungen 
bei gleicher Bereitwilligkeit der anderen Staaten die angeführten Ver- 
bände dieser Kontrolle mit zu unterstellen, um ihren vollständig un- 
militärischen Charakter eindeutig vor aller Welt zu beweisen. Dabei 
wird die deutsche Regierung kein Waffenverbot als zu einschneidend 
ablehnen, wenn es auf alle Mächte Anwendung findet. Soweit indes 
Waffen anderen Mächten gestattet bleiben, können die Waffen der 
Verteidigung Deutschland allein nicht für alle Zukunft verboten wer- 
den. Wir sind dabei bereit, von dieser unserer Gleichberechtigung nur 
in einem durch Verhandlungen festzustellenden Umfange Gebrauch 
zu machen. 

Alle diese Forderungen beinhalten nicht eine Aufrüstung, sondern 
ausschließlich nur ein Verlangen nach Abrüstung der anderen Staaten. 

Ich begrüße dabei noch einmal namens der deutschen Regierung 
den weitausschauenden und richtigen Plan des italienischen Staats- 
chefs, durch einen besonderen Pakt ein engeres Vertrauens- und Ar- 
beitsverhältnis der vier europäischen Großmächte: England, Frank- 
reich, Italien und Deutschland, herzustellen. Der Auffassung Musso- 
linis, daß damit die Brücke zu einer leichteren dauernden Verständigung 
ffeschlagen werden könnte, stimmt die deutsche Regierung aus innerster 
Überzeugung zu. Sie wird das äußerste Entgegenkommen zeigen, so- 



20 Deutschland - England [2 

fern auch die anderen Nationen zu einer wirklichen Überwindung etwa 
entgegenstehender Schwierigkeiten geneigt sind. 

Der Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, von 
dem ich heute nacht Kenntnis erhielt, verpflichtet desgleichen die 
deutsche Regierung zu warmem Danke. Sie ist bereit, dieser Methode 
zur Behebung der internationalen Krise zuzustimmen, denn auch sie 
ist der Auffassung, daß ohne die Lösung der Abrüstungsfrage auf die 
Dauer kein wirtschaftlicher Wiederaufbau denkbar ist. Sie ist bereit, 
sich an diesem Werk der Inordnungbringung der politischen und wirt- 
schaftlichen Verhältnisse der Welt uneigennützig zu beteiligen. Sie ist, 
wie ich schon eingangs betonte, ebenso überzeugt, daß es heute nur 
eine große Aufgabe geben kann, den Frieden der Welt zu sichern. 

Sie erkennt auch ohne weiteres an die Richtigkeit der für die 
heutigen Rüstungen unter anderem verantwortlichen Gründe. Allein 
ich fühle mich doch verpflichtet, festzustellen, daß der Grund für die 
heutigen Rüstungen Frankreichs oder Polens unter keinen Umständen 
die Furcht dieser Nationen vor einer deutschen Invasion sein kann; 
denn diese Furcht hätte ihre Berechtigung ja nur im Vorhandensein 
jener modernen Angriffswaffen auf der anderen Seite, die erheblich 
stärker sind als die Mittel der modernen Verteidigung. Gerade diese 
modernen Angriffswaffen aber besitzt ja Deutschland überhaupt nicht 
— weder schwere Artillerie noch Tanks, noch Bombenflugzeuge, noch 
Giftgase! Die einzige Nation, die mit Recht unter der Furcht vor einer 
Invasion leiden könnte, ist die deutsche, der man nicht nur die An- 
griffswaffen verbot, sondern sogar das Recht auf Verteidigungs- 
waffen beschnitt, ja selbst die Anlage von Grenzbefestigungen unter- 
sagte. 

Deutschland ist nun jederzeit bereit, auf Angriffswaffen zu ver- 
zichten, wenn auch die übrige Welt ihrer entsagt. Deutschland ist 
bereit, jedem feierlichen Nichtangriffspakt beizutreten ; denn Deutsch- 
land denkt nicht an einen Angriff, sondern an seine Sicherheit! 

Deutschland würde in der Verwirklichung des großherzigen Vor- 
schlages des amerikanischen Präsidenten, die mächtigen Vereinigten 
Staaten als Friedensgaranten in Europa einzuschieben, eine große Be- 
ruhigung für alle die erblicken, die sich aufrichtig zum Frieden be- 
kennen. 

Wir haben aber keinen sehnlicheren Wunsch als den, beizutragen, 
daß die Wunden des Krieges und des Versailler Vertrages endgültig 
geheilt werden, und Deutschland will dabei keinen anderen Weg gehen 
als den, der durch die Verträge selbst als berechtigt anerkannt wird. 
Die deutsche Regierung wünscht, sich über alle schwierigen Fragen 
politischer und wirtschaftlicher Natur mit den anderen Nationen fried- 
lich und vertraglich auseinanderzusetzen. Sie weiß, daß jeder militä- 
rische Akt in Europa auch im Falle seines vollständigen Gelingens, 
gemessen an seinen Opfern, in keinem Verhältnis steht zum möglichen 
endgültigen Gewinn. 

Die deutsche Regierung und das deutsche Volk werden sich aber 
unter keinen Umständen zu irgendeiner Unterschrift nötigen lassen. 



-^m 



Das Jahr 1933 



21 



die eine Verewigung der Disqualifizierung Deutschlands bedeuten 
würde. 

Der Versuch, dabei durch Drohungen auf Regierung und Volk 
einzuwirken, wird keinen Eindruck zu machen vermögen. 

Es ist denkbar, daß man Deutschland gegen jedes Recht und 
gegen jede Moral vergewaltigt; aber es ist undenkbar und ausge- 
schlossen, daß ein solcher Akt von uns selbst durch eine Unterschrift 
Rechtsgültigkeit erhalten könnte. 

( Verhandlungen des Beichstags, Bd. 457, S. 52f.) 

Die Hede vom 27. Mal J933 hat die inier nationale Lage erheblich 
tnhpannl. Der Hauplausschuß der Abrüstungskonferenz, die bereits sech- 
zehn Monate tagte, nahm seine zeilweilig unterbrochenen Beratungen 
wieder auf. Aber nur langsam und schleppend wurde die erste Lesung 
des englischen Planes beendet. Die Sicherheitsfrage (europäische Gewalt- 
verzichlserklärung und europäischer Hilfeleistungspnki) schob sich wieder 
dazvnschen. In den Unterausschüssen führte der Widerstand Frankreichs 
und seiner Verbündeten zu langwierigen und scharfen Auseinander- 
Setzungen, Englands Hallung war zwiespältig. Seine Vertreter haben sich 
ohne Nachdruck für den Plan ihres Premiers eingesetzt. Es beginnt bereits 
die Linie, die dann zu seiner Preisgabe durch die englische Regierang 
führen sollte. Stall sofort die zweite entscheidende Lesung folgen zu 
lassen^ hat sich der Hauplausschuß am 29. Juni bis zum 16, Okiober 
vertagt, angeblich um die festgefahrene Konferenz durch direkte Ver- 
handlungen zwischen den Begierungen wieder flottzumachen. Der deutsche 
Vertreter hatte sich der Vertagung verständlicherweise widersetzt. Der 
französische Vertreter hatte sich bereits für die Durchführung der zu 
beschließenden Abrüstungsmaßnahmen eine ^.notwendige Probezeit' vor- 
behalten. Davon war im MacDonald-Plan nichts enthalten gewesen, 
Frankreich wollte ihn zu seinen Gunsten umgestalten, wollte Deutschland 
erneut einer diskriminierenden Sonderkontrolle unterwerfen und dadurch 
Deutschlands Gleichberechtigung hintertreiben. Die Verhandlungspause 
gab Frankreich den Spielraum dazu. Ebenso halle Frankreich damals den 
üon Mussolini vorgeschlagenen Vierer pakl entwertet, England hat das 
alles schließlich hingenommen und mitgemachi. 

Die allgemeine Stimmung des Mißtrauens und der Feindseligkeil 
hatte sich in England seil Beginn des Jahres kaum gewandelt, ja war eher 
noch gewachsen. Am 26, Mai halle der Außenminister Simon wieder 
mit Hinblick auf das Reich von der Krankheit der Mächlebeziehungen 
orakelt. Die Lage in Europa müsse sich bessern^ Zusammenarbeit an die 
Stelle des Argwohns treten. Am 5. Juli verbreitete er sich im Unter- 
haus über die deutsche Innenpolitik, Deutscherseits wurde dazu amtlich 
durch W,T,B, energisch Stellung genommen. England glaubte sich be- 
rechtigt, hiergegen durch seinen Geschäftsträger in Berlin offiziell Prolet 
zu erheben. Im Auswärtigen Amt wurde dieser aber als unbegründet ah- 
gelehnl. Der Vorfall ist symptomatisch für die damaligen Beziehungen, 



22 



Deutschland < England 



13 



AufzeichDUDg des Leiters der England- Abteilung im Auswärtigen 
Amt, Ministerialdirektor Dieckhoff, vom 10> Juli 1933 



Der engliBche Geschäftsträger suchte mich heute auf und teilte 
mit, er sei von Sir John Simon beauftragt, dem Herrn Reichsmioister 

eine Mitteilung zu überbringen, deren Wortlaut er mir vorlas. 

Ich habe Mr. Newton geantwortet, daß ich selbstverständlich die 
message von Sir John Simon dem Herrn Reichsminister unterbreiten 
würde, ich glaubte, ihm aber schon jetzt die Antwort des Herrn 
Reichsministers mitteilen zu können, da der Herr Reichsminister, 
dem die bevorstehende Beschwerde bereits am Freitag von unserer 
Botschaft in London angekündigt worden sei, mich noch vor seiner 
Abreise mit Weisung versehen habe. Unser Standpunkt sei folgender: 
So sehr wir verstünden, daß bei einer Debatte über den auswärtigen 
Etat im Unterhaus auch deutsche Fragen diskutiert würden, so nähmen 
wir doch an der Art und Weise, wie dies in der Sitzung vom 5* Juli 
durch die meisten Abgeordneten geschehen sei, Anstoß und erblickten 
hierin eine Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten. Sir John 
Simon habe sich in seiner die Debatte zusammenfassenden Rede 
(deren wörtliche Vorlesung ich Herrn Newton nicht ersparte) mit dem 
Inhalt der Reden der Abgeordneten identifiziert, und wir müßten 
daher auch in seiner Rede eine Einmischung in unsere internen Dinge 
erblicken. Trotzdem hätten wir in dem Bestreben, die durch die immer 
wieder, übrigens ganz einseitig aus England nach Deutschland herüber« 
klingenden unfreundlichen Töne verschlechterten deutsch-englischen 
Beziehungen nicht noch mehr verschlechtern zu lassen, die deutsche 
Presse gebeten, in ihren Kommentaren zur Debatte und zur Rede von 
Sir John Simon möglichst zurückhaltend zu sein. So sei die Anmerkung 
des W.T.B. entstanden, die, wie Mr. Newton sicher zugeben werde, 
in durchaus ruhigem Tone abgefaßt sei und nichts enthalte was ,,in- 
flammatory** wirken könnte. 

Was den Passus über die lialb verhungerten Menschen anlange, , 
80 sei in dem Kommentar des WT.B, nicht behauptet^ daß Sir John 
Simon diese Bemerkung getan habe; Sir John Simon habe aber, als 
Herr Lansbury die Anfrage wegen der hungernden Frauen und Kinder 
in Deutschland (vgl. S. 349 des Hansard) an ihn richtete und im späteren 
Verlauf der Debatte in einer zweiten Ansprache von den \äelen Menschen 
sprach, die in Deutschland halb verhungert leben (vgl. S. 453 des 
Hansard), die Anfrage nicht abgelehnt, sondern habe sich durch die 
Wendung ,,I appreciate the importance of the Suggestion'* gewisser- 
maßen mit ihr indcntifiziert. 

Das von beiden Seiten in freundschaftlichem Ton geführte Ge- 
spräch endete damit, daß ich Mr. Newton sagte, hier würde es — wie 
schon mehrfach besprochen — sehr begrüßt werden, wenn nicht nur 
die Parlamentsdebatten, sondern auch die sich immer wiederholenden 
Protestversammlungen, die vielen kritischen Reden und Zeitungs- 
artikel über die inneren deutschen Dinge in England allroähhch auf- 



3] Das Jahr 1933 23 

hörten und wenn die englische Öffentlichkeit sich diesen Fragen gegen- 
über dieselbe Reserve auferlegen würde, die sie z. B. bei den Vorgängen 
in den Vereinigten Staaten, auch wenn sie' ihnen innerlich noch so 
kritisch gegenübersteht, zu beobachten pflege. Gerade die englische 
öffentliche Meinung verstehe es, in solchen Fragen eine bemerkens- 
werte Disziplin zu üben, wenn sie nur wolle. 

Zum Schluß sagte ich Herrn Newton, daß von uns aus über seine 
Demarche nichts veröffentlicht werden würde. Sollte sich aber die 
Presse oder das Unterhaus mit diesem Protestschritt beschäftigen, 
so würden wir gezwungen sein, zu erklären, daß wir den Protest als 
unbegründet abgelehnt hätten. 

(Aus den Akten des Auswärtigen Amtes.) Dieckhoff 

Nach der Vertagung der Abräslungskonferenz trat deren Präsidium 
zum erstenmal am 9. Oktober wieder zusammen. Inzwischen hauen sich 
die beiden Westmächte auf eine neue Verhandlungsgrundlage geeinigt, 
die einer Sabotage des MacDonald- Plans gleichkam. Während des Som- 
mers war von Paris und London gegen das nationalsozialistische Deutsch- 
land ein heftiger Pressefeldzug geführt worden. Die These von dem Unruhe- 
stifter und Friedensstörer Deutschland gab den Westmächten den Vor- 
wand, jede unmittelbare Abrüstungsmaßnahme zu verweigern. Durch vier- 
jährige Rüstungskontrolle, die formell als „allgemein'' bezeichnet wurde, 
praktisch jedoch als einseitige Kontrolle Deutschlands verstanden war, 
sollte das nötige Vertrauen hergestellt und erst nach dieser Bewährungsfrist 
mit der tatsächlichen Abrüstung der hochgerüsteten Staaten begonnen 
werden. Das war für Deutschland unannehmbar. Der Reichsminister des 
Auswärtigen, Freiherr von Neurath, brachte in einer Rede vom 15. und in 
einem Interview vom 21. September 1933 den deutschen Standpunkt klar 
zum Ausdruck. Auf der Völkerbundversammlung, die am 25. September 
begann, äußerte sich die wachsende Deutschfeindlichkeit. Am 6. Oktober 
notifizierte die Reichsregierung der englischen und italienischen Regierung 
noch einmal, daß sie am MacDonald-Plan festhalte und bereit sei, die 
Reichswehr in ein kurzdienendes 200 000-Mann-Heer umzuwandeln 
Aber England hatte seine Schwenkung zum französischen Standpunkt 
bereits vollzogen. Am 14. Oktober ersetzte der englische Außenminister 
Simon den alten Plan durch einen eigenen neuen. Wieder verwies er auf 
die „gegenwärtige ungeklärte Lage Europas'' und auf „das neuerdings so 
heftig erschütterte Vertrauen" . Außerdem eignete ersieh den französischen 
Vorschlag an. Deutschland wurde die Gleichberechtigung verweigert. Es 
sollte einer neuen demütigenden Kontrolle unterworfen und die Abrüstung 
sollte um vier Jahre vertagt werden. England trifft somit die historische 
Schuld, die Abrüstung zunichte gemacht zu haben. Durch Englands 
Schachzug wurde den Verhandlungen zwischen dem abgerüsteten Deutsch- 
land und seinen hochgerüsteten Weltkriegsgegnern jede tragfähige Grund- 
lage entzogen. Mochte die britische Regierung dann auch noch mehrere 
Monate lang sich den Anschein geben, als sei ihr ehrlich an Ab- 
rüstungsverhandlungen gelegen, so hatte sie durch diese Preisgabe des 
MacDonald-Planes offen dokumentiert, daß sie im Grunde eine Ab- 



24 Deutschland - England [4 

räsiung nicht wollte. Daraufhin schied Deutschland aus der Abrüstungs- 
konferenz aus und kundigte seine Mitgliedschaft beim Völkerbund, Die 
Reichsregierung wandle sich mit einem Aufruf an das deutsche Volk und 
legte ihm die Gründe dar. 



^' Aafruf der Reichsregierung vom 14. Oktober 1933 

zum Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk sind sich 
einig in dem Willen, eine Politik des Friedens, der Versöhnung und 
Verständigung zu betreiben als Grundlage aller Entschlüsse und jeden 
Handelns. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk lehnen daher 
die Gewalt als ein untaugliches Mittel zur Behebung bestehender Diffe- 
renzen innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft ab. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk erneuern 
das Bekenntnis, jeder tatsächlichen Abrüstung der Welt freudig zu- 
zustimmen mit der Versicherung der Bereitwilligkeit, auch das letzte 
deutsche Maschinengewehr zu zerstören und den letzten Mann aus 
dem Heere zu entlassen, insofern sich die anderen Völker zum gleichen 
entschließen. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk verbinden 
sich in dem aufrichtigen Wunsch, mit den anderen Nationen einschließ- 
lich aller unserer früheren Gegner im Sinne der Überwindung der 
Kriegspsychose und zur endlichen Wiederherstellung eines aufrich- 
tigen Verhältnisses untereinander alle vorliegenden Fragen leiden- 
schaftslos auf dem Wege von Verhandlungen prüfen und lösen zu 
wollen. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk erklären 
sich daher auch jederzeit bereit, durch den Abschluß kontinentaler 
Nichtangriffspakte auf längste Sicht den Frieden Europas sicher- 
zustellen, seiner wirtschaftlichen Wohlfahrt zu dienen und am all- 
gemeinen kulturellen Neuaufbau teilzunehmen. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk sind erfüllt 
von der gleichen Ehrauffassung, daß die Zubilligung der Gleichberech- 
tigung Deutschlands die unumgängliche moralische und sachliche Vor- 
aussetzung für jede Teilnahme unseres Volkes und seiner Regierung 
an internationalen Einrichtungen und Verträgen ist. 

Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk sind daher 
eins in dem Beschlüsse, die Abrüstungskonferenz zu verlassen und aus 
dem Völkerbund auszuscheiden, bis diese wirkliche Gleichberechtigung 
unserem Volke nicht mehr vorenthalten wird. 

Die Deutsche Reichsregicrung und das deutsche Volk sind ent- 
schlossen, lieber jede Not, jede Verfolgung und jegliche Drangsal auf 
sich zu nehmen, als künftighin Verträge zu unterzeichnen, die für jeden 
Ehrenmann und für jedes ehrliebende Volk unannehmbar sein müssen. 



S] 



Das Jahr 1933 



25 



in ihren Folgen aber nur zu einer Verewigung der Not und des Elends 
des Versailler Vertragszuslandes und damit zum Zusammenbruch der 
zivilisierten Staatengemeinschaft führen würden. Die Deutsche Reichs- 
regierung und das deutsche Volk haben nicht den Willen, an irgend- 
einem Rüstungswettlauf anderer Nationen teilzunehmen; sie fordern 
nur jenes Maß an Sicherheit, das der Nation die Ruhe und Freiheit 
der friedlichen Arbeit garantiert. Die Deutsche Reichsregierung und 
das deutsche Volk sind gewillt, diese berechtigten Forderungen der 
deutschen Nation auf dem Wege von Verhandlungen und durch Ver- 
träge sicherzustellen. 

(WTB, vom 14. Oktober 1933.) 

Der deulsche Schrili vom 14. Oktober 1933 rief in der inier nalionalen 
Presse einen Siurm der Entrüslung hervor: Dealschland, nicht, wie e^ 
in Wahrheit der Fall war^ England, habe die Abrüstungskonferenz^ jadie 
ganze Abrüstung sabotiert, um ungehindert auf rüsten zu können und um 
sich zu einem neuen Kriege vorzubereiten. Dem sind der Führer selbst 
und rieichsaußenminisler von Neuraih noch mehrfach im Wahlkampf 
zur Volksabstimmung und Beichslagswahl vom November 1933 entgegen- 
getreten: Deutschland kämpfe nicht um Eroberungen ^ sondern um sein 
Lebensrecht, um Sicherheit und Gleichberechtigung, 

Wie stellte sich England zur neuen Lage? Außenminister Simon 
erläuterte am 17. Oktober in einer Rundfunkansprache und am 7, No- 
vember während der außenpolitischen Debatte des Unterhauses den 
Standpunkt der Regierung. Er zeigte dabei ein gewisses formelles Ent- 
gegenkommen und eine Distanzierung von Frankreich. yyWUr Engländer 
verstehen Deutschlands Gefühle gut,'' Dennoch blieb Deutschland für 
England der einzige Schuldige. 



Aus der Unterhausrede des britischen Außenministers Sir John Simon 
vom 7. November 1933 

Warum verstimmten Deutschland diese Vorgänge? Wir müssen 
uns in die deutschen Gefühle hineindenken, was immer sie auch getan 
haben. Wir müssen begreifen, warum Deutschland diese Erbitterung 
zur Schau getragen hat. Dieser ganze Zeitaufwand, der zu keinem Er- 
gebnis führte, war nicht nur schmerzlich, sondern er muBte auch 
Deutschland immer ungeduldiger machen. Wir alle besitzen genügend 
gesunden Menschenverstand und Einsicht dafür, daß man sich nicht 
darüber zu wundern braucht . . . 



Heute handelt es sich nur noch um die politische Frag^, wir 
Deutschlands Forderung nach Gleichberechtigung und Frankreichs 
Wunsch nach Sicherheit miteinander in Einklang gebracht werden 
können. Dies ist ein schwieriges Problem. Auf der einen Seite steht 
die Erinnerung an eine frühere Invasion und die daraus entstandene 



26 Deutschland - England [6 

Furcht, auf der anderen Seite die Erinnerung an die Niederlage und 
die Erbitterung über die dadurch erlittene Demütigung. Keines dieser 
beiden Gefühle kann unnatürlich genannt werden. Deshalb ist die 
Politik Großbritanniens darauf gerichtet gewesen, keines der beiden 
Argumente zu leugnen oder zu verkleinern, sondern sich um eine 
Versöhnung zwischen ihnen zu bemühen . . . 

So bedauerlich auch Deutschlands jüngster Schritt ist und so 
ungerechtfertigt er auch erscheint, ist dies doch kein Grund dafür, 
die Tür, die Deutschland ins Schloß geworfen hat, als abgeriegelt und 
versperrt zu betrachten. 

Großbritannien wird jede vorhandene Möglichkeit benützen, um 
mit Deutschland ebenso wie mit den anderen Mächten in Fühlung zu 
bleiben. 

(E: Parliamentary Oebates. House of Gommons. Bd. 2Sl, Sp. 46 f., 58, 62f. — 
D: Der Völkerbund, Nr. 83/84, S. 9f.) 

Die Reichsiagswahl vom 12. November 1933 erbrachte ein ein- 
mütiges Bekenntnis des deutschen Volkes zur Außenpolitik der Reichs- 
regierung. Bereits Ende Oktober hatte Adolf Hitler neue diplomatische 
Verhandlungen zur Durchsetzung des deutschen Standpunktes in der 
Rüstungsfrage begonnen. Bei ihm lag die Initialive. Er wollte kein ufer- 
loses Wettrüsten^ sondern durch Verhandlungen eine maßvolle Begrenzung, 
Wieder wandte er sich mit seinem Angebot zunächst an England und 
Italien. Bei England konnte angenommen werden y daß es zwischen 
Deutschland und Frankreich vermitteln würde. Die Besprechungen dienten 
der Erklärung der deutschen Forderungen und Ziele. Sie wurden zusam- 
mengefaßt in der Denkschrift der Reichsregierung vom 18. Dezember. 
Nach der Jahreswende gingen die Rüstungsbesprechungen weiter. 



Denkschrift der Reichsregierung vom 18. Dezember 1933 über die 
Rüstungs- und Gleidibereditignngsfrage 

I 

Die Deutsche Regienmg vermag angesichts der Haltung, die die 
hochgerüsteten Staaten, insbesondere Frankreich, in den Genfer Ab- 
rüstungsverhandlungen eingenommen haben, leider nicht den Glauben 
zu teilen, daß im gegenwärtigen Zeitpunkt mit einer ernsthaften 
Durchführung der allgemeinen Abrüstung gerechnet werden kann. 
Sie ist überzeugt, daß die Wiederaufnahme von neuen Bemühungen 
in dieser Richtung ebenso ergebnislos bleiben würde, wie die seit- 
herigen jahrelangen Verhandlungen. Sollte diese Befürchtung nicht 
zutreffen, so würde dies niemand mehr begrüßen als die Deutsche 
Regierung. 

Ohne die vielen Gründe im einzelnen zu untersuchen, die für die 
Auffassung der Deutschen Regierung sprechen, wird man an zwei 
wesentlichen Tatsachen nicht vorbeigehen können: 



6] Das Jahr 1933 27 

1. Eine Herabsetzung der Rüstungen der anderen europäischen 
Staaten ist praktisch nur denkbar, wenn sie von allen Nationen 
der ganzen Welt übernommen wird. An die Möglichkeit einer 
solchen allgemeinen internationalen Abrüstung glaubt aber 
heute niemand mehr. 

2. Die Ereignisse der letzten Monate lassen die Wahrscheinlichkeit, 
in einigen Ländern eine selbst von den Regierungen ernstlich 
beabsichtigte Abrüstung den Parlamenten dieser Staaten mit 
Erfolg zur Ratifikation vorlegen zu können, mehr als zweifelhaft 
erscheinen. 

Aus diesem Grunde glaubtt die Deutsche Regierung nicht mehr 
länger einer Illusion nachhängen zu können, die geeignet ist, die Be- 
ziehungen der Völker untereinander eher noch mehr zu verwirren als 
zu verbessern. Sie glaubt daher unter Berücksichtigung der konkreten 
WirkKchkeit folgendes feststellen zu müssen: 

a) Deutschland hat als einziger Staat die im Friedensvertrag von 
Versailles festgelegte Abrüstungsverpflichtung tatsächlich durch- 
geführt. 

b) Die hochgerüsteten Staaten gedenken nicht abzurüsten oder 
fühlen sich hierzu nicht in der Lage. 

c) Deutschland hat ein Recht, auf irgendeine Weise seine Gleich- 
berechtigung auch in bezug auf seine Sicherheit zu erlangen. 

Von diesen Feststellungen ging die Deutsche Regierung aus, als 
sie ihren letzten Vorschlag zur Regelung des Problems machte. Der 
Hinweis darauf, daß Frankreich in Genf einem präzisen Abrüstungs- 
programm zugestimmt habe, ändert an diesen Feststellungen nichts. 
Denn das Programm, an das hierbei offenbar gedacht ist, enthielt 
Bedingungen, die Deutschland unmöglich annehmen konnte, und die 
die Deutsche Regierung deshalb gezwungen haben, die Genfer Ab- 
rüstungskonferenz zu verlassen. 

Falls entgegen der Überzeugung der Deutschen Regierung die 
anderen Nationen trotzdem zu einer vollständigen Abrüstung sich 
entschließen sollten, so gibt die Deutsche Regierung von vornherein 
ihre Bereitwilligkeit kund, einer solchen Konvention beizutreten und 
ebenfalls abzurüsten, wenn nötig bis zur letzten Kanone und bis zum 
letzten Maschinengewehr. 

Sollte insbesondere Frankreich bereit sein, nach einem präzisen 
Abrüstungsprogramm abzurüsten, so bittet die Deutsche Regierung 
um zahlenmäßige Angabe der Abrüstungsmaßnahmen, die Frankreich 
vornehmen will (Personal, Material, Dauer der Durchführung und 
Zeitpunkt des Beginns, zahlenmäßige Kontrolle der Durchführung). 

Die Deutsche Regierung vermag nicht einzusehen, wie die An- 
passung der deutschen Rüstungen an die deutschen Sicherheitsbedürf- 
nisse und ihre teilweise Angleichung an den Rüstungsstand der Nach- 
barstaaten zu einer allgemeinen Rüstungsvermehrung und zum Beginn 
eines Wettrüstens führen sollte. Die deutschen Vorschläge beziehen 
sich ausschließlich auf defensive Rüstungen. Sie sind so gemäßigt, 



28 Deutschland - England [6 

daß die Überlegenheit der französischen Rüstungen weiter bestehen 
bleibt. Sie schließen im übrigen deshalb jedes Wettrüsten aus, weil 
danach die hochgerüsteten Staaten verpflichtet werden sollen, ihre 
Rüstungen nicht weiter zu erhöhen. 

Der Vorschlag der Deutschen Regierung geht dahin: 

1. Deutschland erhält die volle Gleichberechtigung. 

2. Die hochgerüsteten Staaten verpflichten sich untereinander, 
eine weitere Erhöhung ihres derzeitigen Rüstungsstandes nicht 
mehr vorzunehmen. 

3. Deutschland tritt dieser Konvention bei mit der Verpflichtung, 
aus freiem Willen von der ihm gegebenen Gleichberechtigung 
nur einen so maßvollen tatsächUchen Gebrauch zu machen, daß 
darin keine offensive Gefährdung irgendeiner anderen euro- 
päischen Macht zu sehen ist. 

4. Alle Staaten anerkennen gewisse Verpflichtungen einer humanen 
Kriegsführung bzw. einer Vermeidung gewisser Kriegs waffen in 
ihrer Anwendung gegen die zivile Bevölkerung. 

5. Alle Staaten übernehmen eine gleichmäßige allgemeine Kon- 
trolle, die die Einhaltung dieser Verpflichtungen prüfen und 
gewährleisten soll. 

6. Die europäischen Nationen garantieren sich die unbedingte Auf- 
rechterhaltung des Friedens durch den Abschluß von Nichtan- 
griffspakten, die nach Ablauf von 10 Jahren erneuert werden 
sollen. 

II 

Nach Vorausschickung dieser grundsätzlichen Ausführungen will 
die Deutsche Regierung zu einzelnen Fragen des Herrn Französischen 
Botschafters folgendes bemerken: 

1. Die Zahl von 300 000 Mann entspricht der Heeresstarke, die 
Deutschland angesichts der Länge seiner Landesgrenzen und 
angesichts der Heeresstärke seiner Nachbarn benötigt. 

2. Die Umwandlung der Reichswehr in ein 300 000-Mann-Heer mit 
kurzer Dienstzeit wird naturgemäß mehrere Jahre in Anspruch 
nehmen. Für die Dauer der Umwandlungsperiode ist auch die 
finanzielle Seite von maßgebender Bedeutung. 

3. Die Zahl der Defensivwaffen, die Deutschland beansprucht, 
müßte der Normalbewaffnung einer modernen Verteidigungs- 
armee entsprechen. 

4. Das Tempo der Durchführung der Bewaffnung müßte Hand in 
Hand mit dem Tempo der unter Ziffer 2 behandelten Umwand- 
lung der Reichswehr gehen. 

5. Die Deutsche Regienmg ist bereit, einer internationalen, perio- 
disch und automatisch funktionierenden allgemeinen und glei- 
chen Kontrolle zuzustimmen. 

6. Zu welchem Zeitpunkt diese Kontrolle einzusetzen hätte, ist 
eine Einzelfrage, die erst entschieden werden kann, wenn eine 
Einigung über die Grundfragen erzielt ist. 



7. Art und Charakter der SA. und SS, werden von der Umwand* 
lung der Reichswehr in ein 300 000-Mann-Heer mit kurzer 

Dienstzeil nicht berührt. 

Die SA. und SS. sind keine militärischen Organisationen und 
werden dies auch in Zukunft nicht sein. Sie sind ein unzertrennlicher 
Bestandteil des politischen Systems der nationalsoziaHstischen Revo- 
lution und damit des nationalsozialistischen Staates. Sie umfassen 
rund 2^ Milhonen Männer vom 18. Lebensjahr bis in das höchste Alter 
hinein. Ihre einzige Aufgabe ist, durch diese Organisation der politi- 
schen Massen unseres Volkes eine Wiederkehr der kommunistischen 
Gefahr für immer zu verhindern. Ob von diesem System einmal weg- 
gegangen werden kann oder wird, hängt ab von dem Bleiben oder der 
Beseitigung dieser bolschewistisch-kommunistischen Gefahr. Mit mili- 
tärischen Dingen haben diese dem früheren marxistischen Reichs- 
banner und dem kommunistischen Rotfrontbund gegenüberstehenden 
nationalsozialistischen Organisationen überhaupt nichts zu tun. Der 
Versuch, die SA. und die SS. mit dem Reichsheer in eine militärische 
Verbindung zu bringen, sie als militärische Ersatzformation anzu- 
sprechen, geht von jenen pohtischen Kreisen aus, die in der Beseiti- 
gung dieser Schutzeinrichtung des nationalsoziaHstischen Staates die 
Möglichkeit einer neuen Zersetzung des Deutschen Volkes und damit 
eine neue Förderung kommunistischer Bestrebungen erblicken. 

Um die Eigenart der SA. und SS. als politische Organisationen 
einer allgemeinen geistigen und körperlichen Immunisierung gegen- 
über den Gefahren einer kommunistischen Zersetzung zu belegen, lehnt 
es die Deutsche Regierung nicht ab, bei den Kontrollen über die Durch- 
führung der Konvention den Nachweis für die genaue Einhaltung dieser 
Erklärungen zu erbringen, 

8, Die Deutsche Regierung ist bereit, dem Gedanken einer Fest- 
legung allgemeiner Bestimmungen über politische Verbände 

und vor- oder nachmihtärische Organisationen in den einzelnen 
Ländern näherzutreten. 

9. Die Beantwortung der Frage der Kontrolle dieser Organisa- 
tionen in den verschiedenen Ländern ergibt sich aus dem, was 
am SchluB von Ziffer 7 hinsichtlich der SA. und SS. ausge- 
führt ist, 

10. Der Inhalt der Nichtangriffspakte, zu deren AbschluO die 
Deutsche Regierung mit allen Deutschland umgebenden 
Staaten bereit ist, ergibt sich aus der Praxis der Nachkriegs- 
zeit. 

11.0b und inwieweit dabei im Verhältnis zwischen Deutschland 
und Frankreich der im Jahre 1925 abgeschlossene Locamo- 
Rheinpakt zu besonderen Überlegungen Anlaß gibt, ist eine 
juristisch-technische Frage, die der späteren Einzelverhand- 
lung vorbehalten bleiben kann. 

r2. Die Deutsche Regierung ist jederzeit bereit, die zwischen 
Deutschland und Frankreich auftauchenden Streitfragen auf 
den hierfür am besten geeigneten Wegen gütlich zu bereinigen. 



30 Deutschland - England [6 

III 

Der Gedanke einer abstimmungslosen Rückgliederung des Saar- 
gebietes wurde lediglich zu dem Zwecke zur Erwägung gestellt, um, 
wenn möglich, die mit der Abstimmung unvermeidlich verbundene 
Erhitzung der öffentlichen Meinung in Deutschland und Frankreich 
zu umgehen und der Bevölkerung des Saargebietes die Erschütterungen 
durch einen Wahlkampf zu ersparen, dessen Ausgang nicht zweifelhaft 
sein kann. Wenn die Französische Regierung den Standpunkt ein- 
nimmt, einer abstimmungslosen Rückgliederung nicht zustimmen zu 
können, so betrachtet die Deutsche Regierung diese Frage damit als 
erledigt. 

IV 

Nachdem die Deutsche Regierung nunmehr wiederholt ihre Auf- 
fassung über die Regelung der Abrüstungsfrage in aller Offenheit dar- 
gelegt hat, kann sie sich von einer Fortführung der Besprechungen 
nur dann einen Erfolg versprechen, wenn jetzt auch die anderen Re- 
gierungen sich unzweideutig darüber äußern, welche Stellung sie zu 
dem Standpunkt der Deutschen Regierung einnehmen und wie sie 
sich ihrerseits die Behandlung des Problems in seinen konkreten 
Einzelheiten denken. 

(Schwendemann: Abrüstung und Sicherheit. Bd. II, S. 518ff.) 



1934 



> Sr "-^ 



Uvi> AuUi L'J31 



33 



Da sich eine allgemeine A brüst itnQ als Illusion erwiesen halle, mußte 
die Verwirklichung der deutsehen Gleichberechlignng auf anderem Wege, 
und zwar auf dem der Angleiehnng des deulschen BüsUingsniveaus an 
das der Umwelt, gesucht werden. Deutschland forderte eine Defensivarmee 
Don 300 000 Mann mit kurzer Dienstzeit, Die Ileichsregierung erhal hierzu 
die Stellungnahme der anderen Regierungen, Die britische antwortete nach 
der französischen und vor der italieni sehen mit einem Memorandum vom 
29, Januar 1934. Sie kam im Unterschied zn der französischen Antwort 
den deutschen Hüstungsforderungen ein gutes Stück entgegen. Sie akzep- 
tierte sie außer denen zur Luftrüstung; diese mitten Deutschland noch 
zwei Jahre vorenthalten bleiben; außerdem sollle es nach Genf zurück- 
kehren. 



Aus der Denkschrift der britlsdien Regierung zur Rüstungs* und 
Gleidiliereditigungsfrage vom 29. Januar 1934 



7. 



8. Die Regierung Seiner Majestät ist der Ansicht, daß eine inter- 
nationale Einigung bezüglich der Rüstungen nur erreicht werden kann, 
indem man hinsichtlich der drei Hauptfragen (a) Sicherheit, (b) Gleich- 
berechtigung, (c) Abrüstung eine befriedigende Regelung trifft. Sämt- 
liche drei Themen sind in dem Konventionsentwurf behandelt worden, 
und der Zweck des vorliegenden Schriftstücks besteht darin, darzu- 
legen, wie unter den gegenwärtigen Umständen und im Lichte der 
Forderungen und Vorschläge, die von verschiedenen Seiten vorgebracht 
worden sind, der Inhalt des Konventionsentwurfs zum Zweck einer 
allgemeinen Verständigung in gewissen Einzelpunkten abgeändert oder 
erweitert werden könnte* Die Regierung Seiner Majestät hat die von 
den Regierungen Frankreichs, Italiens, Deutschlands und anderer 
Länder im Laufe des kürzhchen Meinungsaustausches vorgebrachten 
Auffassungen sorgfältig geprüft. Vor fast einem ,Iahre hat es die Rc- 
gierung Seiner Majestät übernommen, dem Hauptausschuß der Ab- 
rüstungskonferenz den vollständigen Text eines Vertragsentwurfes 
vorzulegen. Die jetzt vorgeschlagenen leichten Abänderungen des 
Textes dieses Konventionsentwurfs sind diejenigen, welche auf Grund 
späterer Mitteilungen und Überlegungen am besten geeignet erscheinery^^TI^ 



konkrete Ergebnisse herbeizuführen 

9. Sicherheit. Teil I des Konventionsentwurfs handelte von 

OeutBchiiiod- England 3 



poai 






34 Deutschland - England [7 

Sicherheit. Auf Grund einer Neufassung, die am 24. Mai 1933 einmütig 
gebilligt wurde, besteht er nunmehr aus vier Artikeln, von denen drei 
vorsehen, daß im Falle einer Verletzung oder einer drohenden Ver- 
letzung des Kellogg-Paktes eine sofortige Beratung zwischen den 
Signatarmächten der Konvention verlangt werden kann und stattfinden 
soll zu dem Zweck, den Frieden zu wahren, gute Dienste für die Wieder- 
herstellung des Friedens zur Anwendung zu bringen und für den Fall, 
daß es sich als unmöglich herausstellen sollte, den Frieden auf diese 
Weise wiederherzustellen, die Streitpartei oder die Parteien zu be- 
stimmen, die die Verantwortung trifft. In der jetzigen Fassung werden 
diese Bestimmungen also lediglich durch eine Verletzung oder eine 
drohende Verletzung des Kellogg-Paktes zur Anwendung gebracht. 
Die Regierung Seiner Majestät hält diese Bestimmungen für äußerst 
wichtig. Die Verbindung zwischen dem Sicherheitsgefühl und dem 
Frieden der Welt ist jedoch so vital, daß die Regierung Seiner Majestät 
zu diesen Artikeln noch weitere hinzufügen möchte. Ihrer Ansicht 
nach ist es wichtig, den Grundsatz der Beratung im Falle der Ver- 
letzung oder drohenden Verletzung des Kellogg-Paktes auf den Fall 
der Verletzung oder drohenden Verletzung der Abrüstungskonvention 
selbst auszudehnen . . . 

Ein weiterer Beitrag zur Sache des Friedens und der Sicherheit 
durch Minderung jeglicher Spannung oder Unruhe, welche zwischen 
Deutschland und den es umgebenden Staaten besteht, wird durch die 
Bereitwilligkeit des deutschen Reichskanzlers zum Abschluß von Nicht- 
angriffspakten mit allen Nachbarn Deutschlands geliefert. Derartige 
Pakte dürften keinesfalls die bestehenden Verpflichtungen zur Auf- 
rechterhaltung des Friedens auf Grund von Verträgen wie der Völker- 
bundssatzung, dem Kellogg- Pakt und den Locarno- Verträgen 
schwächen, sondern müssen im Gegenteil diese Verpflichtungen 
ausdrücklich wieder bestätigen; die Regierung Seiner Majestät kann 
keinen Zweifel darüber hegen, daß, wenn solche Pakte ausdrücklich 
in Verbindung mit der Konvention eingegangen würden (für welche 
die Regierung Seiner Majestät aus den weiter unten aufgeführten 
Gründen ebenso wie für die Pakte zunächst einen Zeitraum von zehn 
Jahren für angebracht hält), dürfte ihr praktischer Wert für die 
Schaffung eines Sicherheitsgefühls nicht bestritten werden. 

Die Regierung Seiner Majestät ist der Ansicht, daß die hier bei 
dem Punkt „Sicherheit** zusammengestellten Anregungen insgesamt 
ein Ganzes ausmachen, das allgemeine Annahme verdient. Sie glaubt 
erwarten zu dürfen, daß diese Regeln und Verpflichtungen, wenn sie 
feierlich übernommen wären, nicht leichthin verletzt werden würden 
und daß jeder Verletzung am zweckmäßigsten und wirksamsten be- 
gegnet würde, wenn die Regierungen und Staaten zusammenberufen 
würden, um Frieden und Einigkeit zwischen den Völkern gegenüber 
dem Friedensstörer und Vertragsverletzer zu wahren. 

10. Gleichberechtigung. Die Fünf-Mächte-Erklärung vom 
11. Dezember 1932 hat im Zusammenhang mit der Abrüstungsfrage 
den Grundsatz der „Gleichberechtigung in einem System der Sicherheit 



7] Das Jahr 1934 35 

für alle Nationen'' aufgestellt und erklärt, daß dieser Grundsatz in 
einem Abrüstungsabkommen Verwirklichung finden soll, das eine 
wesentliche Herabsetzung und Begrenzung der Rüstungen herbeiführt. 
Von dieser Erklärung ist die Regierung Seiner Majestät niemals zurück- 
getreten, und sie bestätigt jetzt aufs neue, daß sie an ihr uneingeschränkt 
festhält. Im vorigen Abschnitt dieses Memorandums ist versucht wor- 
den, die wesentlichen Faktoren der Sicherheit zu bestimmen, ohne 
die die notwendigen Bedingungen für ein angemessenes Abrüstungs- 
abkonmien nicht erfüllt sein würden. Aber die Regierung Seiner Maje- 
stät zögert nicht zu erklären, daß der Grundsatz der Gleichberechtigung 
in der Rüstungsfrage nicht weniger wesentlich ist als der Grundsatz 
der Sicherheit — beide müssen praktisch zur Anwendung gelangen, 
wenn eine internationale Verständigung über die Rüstungen erreicht 
werden soll. Die nachstehenden Vorschläge sind ebenso wie der Kon- 
ventionsentwurf selbst in diesem Geiste gehalten und stellen eine 
praktische Erfüllung dieses Grundsatzes dar. 

11. Abrüstung. Die Regierung Seiner Majestät entnimmt mit 
Freude aus den Erklärungen des Herrn Hitler, daß Deutschland dar- 
auf verzichtet, den Besitz von „Angriffswaffen** zu beanspruchen, und 
sich auf eine normale „Verteidigungsbewaffnung** beschränkt, wie sie 
für die Armee benötigt wird, die in dem Abkommen für Deutschland 
vorgesehen würde. Überdies macht der deutsche Kanzler diesen Vor- 
schlag in der Annahme, daß die schwergerüsteten Staaten nicht bereit 
sind, auf Grund des Abkommens irgendeinen Teil ihrer jetzt bestehen- 
den Waffen aufzugeben. Wie bereits in Ziffer 7 dieses Memorandums 
gesagt, ist die Regierung Seiner Majestät keineswegs bereit, sich diese 
letzte Annahme zu eigen zu machen; sie muß darauf bestehen, daß 
nur eine Vereinbarung, die sowohl eine Herabsetzung wie eine Be- 
schränkung der Rüstungen enthält, den Namen einer Abrüstungs- 
konvention verdient. Außerdem besteht noch ein weiterer Grund, 
weshalb die Regierung Seiner Majestät die Tatsache besonders hervor- 
hebt, daß die Erklärung des deutschen Kanzlers, auf Angriffswaffen 
zu verzichten und nur das zu beanspruchen, was zur normalen Ver- 
teidigung notwendig ist, sich auf die Annahme gründet, daß die hoch- 
gerüsteten Mächte nicht bereit sind, ihre eigenen Rüstungen irgendwie 
zu vermindern. Wenn nämlich diese Annahme sich als unzutreffend 
erweist, so wird der Umfang dessen, was Deutschland benötigt, sich 
notwendigerweise verringern. Ein positiver Beitrag der hochgerüsteten 
Mächte zur Abrüstung wird also dazu helfen, das Niveau allgemein 
herabzusetzen, und müßte also nach dem Ermessen der Regierung 
Seiner Majestät die Forderungen verringern, die Deutschland andern- 
falls vielleicht zu stellen geneigt wäre. 

12. Die nachstehenden Abänderungsvorschläge zu dem Abkom- 
mensentwurf gehen von der Annahme aus, daß die Vereinbarung auf 
zehn Jahre abgeschlossen wird. Sie sind verfaßt worden, nachdem 
Anregungen und kritische Äußerungen von allen anderen Seiten aufs 
vollständigste und sorgfältigste geprüft worden waren, und stellen 
nach Ansicht der Regierung Seiner Majestät eine Lösung dar, auf 

8* 



36 Deutschland - England [8 

die man sich unter den obwaltenden Umständen gut einigen 
könnte. . . 

20. . . . Die ernsten Folgen, die ein Mißerfolg der Abrüstungs- 
konferenz nach sich ziehen würde, stehen jedermann klar vor Augen 
und bedürfen keiner weiteren Hervorhebung. Die Politik der Regierung 
Seiner Majestät auf internationalem Gebiet ist vor allem anderen dar- 
auf gerichtet, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß durch eine all- 
gemeine Verständigung diese Folgen vermieden werden. Wenn die 
Verständigung erreicht und die Rückkehr Deutschlands liach Genf 
und in den Völkerbund erzielt wird (und dies sollte eine wesentliche 
Bedingung der Einigung sein), so würde die Unterzeichnung des Ab- 
kommens eine neue Perspektive internationaler Zusammenarbeit er- 
öffnen und einen neuen Grund für die internationale Ordnung legen. 

(E: Cmd 4512. — D: Schwendemann: Abrüstung und Sicherheit. Bd. II, 
S. 543 ff.) 

Frankreich lehnte die deutschen Rüstungsforderungen ab, Italien 
vertrat den deutschen Standpunkt, — Verhandlungen der vier europäischen 
Mächte kamen wieder in Gang, In der zweiten Februarhälfte 1934 be- 
suchte der englische Lordsiegelbewahrer und Unterstaatssekretär im Aus- 
wärtigen Amty Eden, Paris, Berlin, Rom, um Erkundungen über die 
Beurteilung des englischen Memorandums durch die drei anderen Mächte 
einzuholen. In Berlin wurde Eden vom Führer empfangen, und es fanden 
mit allen maßgebenden Persönlichkeiten Besprechungen statt, Sie nahmen 
einen befriedigenden Verlauf und gaben Klarheit über die friedlichen 
Absichten und die Verständigungsbereitschaft der Reichsregierung, In 
einem in Prag aufgefundenen Bericht vom 15. März äußerte sich der 
Gesandte der Tschechoslowakischen Republik, Jan Masarijk, über 
Edens Rechenschaftsbericht und ein Gespräch, das er mit dem Lordsiegel- 
bewahrer nach seiner Reise gehabt hatte. 

Aus dem Bericht des tschechoslowakischen Gesandten in London 
vom 15. März 1934 

Die Rede wurde in der Presse im ganzen günstig aufgenommen, 
an einigen Stellen wird auf ihre zu große Vorsichtigkeit verwiesen. 
Tatsache ist, daß Eden den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, in 
Erwartung einer endgültigen Antwort aus Paris. Die Antwort Winston 
Churchills machte im Parlament keinen kräftigen Eindruck; es ist 
nämlich allgemein bekannt, daß Winston eine Phase der alarmierenden 
Psychologie durchmacht und ständig auf die nahe Möglichkeit eines 
Krieges und die Notwendigkeit der Rüstungen verweist. 

Ich habe heute mit Eden gefrühstückt, der in seinen Äußerungen 
ebenso vorsichtig wie im Parlament war. Eine Verzeichnung verdient, 
daß mir Eden sagte, er habe mit Hitler eine fünfstündige Unterredung 
gehabt, und daß Hitler auf ihn einen sehr guten Eindruck gemacht 
hat. Er hält Hitler für einen ehrlichen Fanatiker, der den Krieg nicht 
will. Mein persönlicher Eindruck ist, daß Eden die Beförderung zum 



9] Das Jahr 1934 37 

Lordsiegelbewahrer und die gleich darauf folgende Reise durch Europa 
ein wenig in den Kopf gestiegen. Eden ist verhältnismäßig sehr jung, 
und das Leben hat ihn recht verwöhnt. Ich habe schon von mehreren 
Eden freundlich gesinnten Seiten Befürchtungen gehört, daß das über- 
große Selbstbewußtsein seiner Karriere schaden könnte, die so außer- 
gewöhnlich versprechend begonnen hat. 

(Aus den Akten des tschechoslowakischen AuOenministeriums.) 

Am 13, März 1934 hat die Reichsregierung die Situation noch einmal 
zusammenfassend gekennzeichnet. Selbst in England entstand der Ein- 
druck: Deutschland ist verständigungsbereit, Frankreich lehnt ab. Ein 
Rüstungsstand wie der im Versailler Vertrag festgelegte kam für Deutsch- 
land auf keinen Fall mehr in Betracht. Davon gingen alle neueren Vor- 
schläge aus, auch die französischen, Deutschland forderte jetzt für sich 
nur das Minimum dessen, was es zu seiner Sicherheit und Verteidigungs- 
möglichkeit brauchte. Es verzichtete von vornherein auf alle Angriffswaffen 
und wollte jede noch so weitgehende Rüstungsbeschränkung annehmen, 
wenn dies auch die anderen Mächte taten. Das Einverständnis der deut- 
schen, englischen und italienischen Regierung stand fest. Frankreich 
schloß sich nicht an. Es wollte weder selbst abrüsten noch Deutschland 
Gleichberechtigung bewilligen. Stur hielt es am Versailler Vertrag und 
am Völkerbund als dessen Hüter fest. Deutschland sollte in diesen Völker- 
bund und in dessen Abrüstungskonferenz zurückkehren. England bemühte 
sich um die Fortsetzung der Verhandlungen und war sogar bereit, eine 
Durchführungsgarantie zu übernehmen, die es aber nicht im Sinne einer 
Garantie des Status quo und einer Verstärkung der Verpflichtungen aus 
Artikel 16 der VB. -Satzung verstanden wissen wollte. Es suchte Frank- 
reich zunächst auf das englische Memorandum vom 29. Januar fest- 
zulegen, abgeändert entsprechend den von Adolf Hitler Eden gemachten 
Vorschlägen. Der deutsche Standpunkt ist am 16. April in den „Er- 
läuterungen'' nochmals konkretisiert worden. 



Erläuterungen der Reichsregierung vom 16. April 1934 zur Frage 
der Verwirklichung der Gleichberechtigung 

Die Deutsche Regierung ist bereit, das Memorandum des Ver- 
einigten Königreichs vom 29. Januar 1934 als Grundlage für eine 
Konvention anzunehmen, jedoch unter dem Vorbehalt gewisser wich- 
tiger Änderungen. Die Deutsche Regierung hält es für unmöglich, zwei 
Jahre lang auf anjgemessene Mittel zur Verteidigung in der Luft zu 
warten. Sie wünscht, vom Beginn der Konvention an eine Verteidi- 
gungsluftflotte von Flugzeugen mit kurzer Reichweite, zu der keine 
Bombenflugzeuge gehören würden, zu besitzen. Die zahlenmäßige 
Stärke dieser Luftflotte würde 30 Prozent der zusammengerechneten 
Militärluftstreitkräfte der Nachbarn Deutschlands oder 50 Prozent 
der MiUtärluftflotte Frankreichs (d. h. derjenigen, die es in Frankreich 
selbst und in seinen nordafrikanischen Gebieten besitzt) — je nach- 



38 



Deutschtand • England 



[9 



dem, welche Zahl die geriogere ist^ nicht überschreiten. Diese Forde- 
rung erhebt die Deutsche Regierung ohne Präjudiz für das Ergebnis 
der in dem Memorandum des Vereinigten Königreichs vorgeschlagenen 
Untersuchung über die Luftfrage, die, wie vorgeschlagen, stattfiaden 
würde, und die wenigstens die Bombenflugzeuge abschaffen sollte. 
Deutschland verlangt während der ersten fünf Jahre einer zehn Jahre 
laufenden Konvention keine hierüber hinausgehende Zahl von Mihtär- 
flugzeugen; aber nach diesen fünf Jahren verlangt es, daß die nötigen 
Herabsetzungen und Erhöhungen vorgenommen werden, so daß es 
am Ende der zehn Jahre dauernden Konvention volle zahlenmäßige 
Gleichheit mit den Hauptluftmächten erhalten würde. Die Deutsche 
Regierung wäre bereit, auf der Grundlage der Gegenseitigkeit der 
Festlegung der von dem Reichskanzler am 21. Februar Herrn Eden 
angegebenen weiteren Vorschriften zwecks Sicherstellung des nicht- 
militärischen Charakters der SA. und der SS, zuzustimmen, wobei dieser 
Charakter durch ein System der Kontrolle überwacht werden würde. 
Diese Vorschriften würden besagen* daß die SA. und SS. 1, keine Waffen 
besitzen, 2. keine Ausbildung mit Waffen erhalten, 3. nicht in militä- 
rischen Lagern zusammengezogen oder ausgebildet werden, 4, weder 
direkt noch indirekt durch Offiziere der regulären Armee ausgebildet 
werden, 5. keine Felddienstübungen vornehmen oder daran teil* 
nehmen dürfen. Die Deutsche Regierung ist ferner bereit, zuzustimmen, 
daß die Rüstuogsherabsetzungen der anderen Mächte bis zum Ende 
des fünften Jahres der Konvention hinausgeschoben werden, so daß 
die in dem Memorandum des Vereinigten Königreichs vorgesehenen 
Abrüstungsmaßnabmen erst während der zweiten fünf Jahre der 
Konvention durchgeführt würden. Alle anderen in dem Memorandum 
des Vereinigten Königreichs gemachten Vorschläge, soweit sie von 
diesen Änderungen nicht berührt sind, wie z. B. bezüglich der Kon- 
trolle, werden von der Deutschen Regierung angenommen. Die Deutsche 
Regierung erkennt auch weiterhin die Locarnoverträge an, Sie steht 
auf dem Standpunkt, daß die Rückkehr Deutsehlands in den Völker- 
bund erst nach Lösung der Frage der .Abrüstung und vor allem ihrer 
Gleichberechtigung erörtert werden kann. 

(Seh wende mann: AbrüBlung und Sieherheil. Bd. II, S. ^06 f.) 

Zwischen Deukchland und Halten sowie in gewisser Hinsicht auch 

mit England war über die Bäslungsfrage Einmütigkeil erzielt. Frankreich 
aber brach durch seine Antwort nole an England vom 17. Aprit 1934 alte 
Verhandlungen über Büslungsbegrenzungen brüsk ab. Es griff Deutsch- 
land mil schweren Beschuldigungen an, von denen es sicher sein konnte y 
daß sie in England mit Zustimmung aufgenommen werden würden: Die 
kurz vorher erfolgte Veröffentlichung des deutschen Wehretals beweise^ 
daß Deulschtand ohne Rücksicht auf die noch schwebenden Verhandlungen 
in großem Stile aufrüste. Das könne Frankreich nicht zulassen. Adolf 
Hitler war^ wie Reichsaußenmini sler von Neuralh am 27. April vor 
Presseuertrelern noch einmal ausdrücklich unlerslrich, zn weitgehendem 
Entgegenkommen ^ zur Verständigung und zum baldigen Abschluß einer 



10] Das Jahr 1934 39 

Konvention bereit gewesen. Er konnte aber die Sicherheit und das Schicksal 
seines Landes nicht vom Gutdünken und Ermessen anderer Länder ab- 
hängig machen. Nach jenem ,^ein** hatte er die Handlungsfreiheit 
zurückgewonnen . 

In diesen Tagen schwerwiegender Entscheidungen hatte der deutsche 
Botschafter in London eine interessante Unterredung mit König Georg V., 
über die er am 25. April telegraphisch berichtete. 



Telegramm des deutschen Botschafters in London, von Hoesdi, an 10. 
das Auswärtige Amt vom 25. April 1934 

Ich war gestern und. . . (fehlt ein Wort) bei König und Königin 
in Windsor zum Wohnbesuch eingeladen. Neben Hofstaat und mir 
waren nur noch der soeben von einer Weltreise zurückgekehrte Prinz 
Georg und der neuernannte britische Botschafter für Brüssel, Sir 
Esmond Ovey, nebst Gemahlin anwesend. 

Nach gestrigem Abendessen zog König Georg mich in ein langes 
politisches Gespräch. König, der sich über schwebende Probleme gut 
unterrichtet zeigte, gab zunächst eine kurze Schilderung der deutsch- 
englischen Beziehungen in der Nachkriegszeit. Er ausführte, wie sich 
englische Stimmung gegenüber Deutschland nach Kriegsende schnell 
verbessert und schließHch einen beträchtlichen Grad freundschaft- 
lichen Verständnisses erreicht habe, bis dann nach der Umwälzung 
in Deutschland mit überraschender Schnelligkeit ein Umschwung ein- 
getreten sei. Diesen Umschwung zurückführte Monarch in erster Linie 
auf Behandlung Judenproblems und auf von ihm selbst als übertrieben 
bezeichnete Nachrichten über Konzentrationslager. Ich gab zu beiden 
Punkten die entsprechende Aufklärung und gewann dabei Eindruck, 
daß König Judenfrage nicht mehr ganz so schroff beurteilt, wie dies 
z. B. in seiner Unterhaltung mit Herrn v. Neurath im Juni v. J. zum 
Ausdruck gekommen war, und daß er auch dem deutschen- Vorgehen 
gegen Kommunismus gewisses Verständnis entgegenbringt. 

Monarch zuwandte sich dann Abrüstungsproblem und ausdrückte 
lebhaftes Bedauern, daß die in Wehrhaushalt erkennbar gewordene 
vorzeitige deutsche Aufrüstung Lösung Abrüstungsfrage so überaus 
erschwert habe, indem er meinte, Einigung hätte erzielt werden können, 
wenn Deutschland Aufrüstung bis nach Abschluß Konvention hinaus- 
geschoben hätte. Dabei betonte er, daß er Deutschland keineswegs 
andere Absichten als die Schaffung einer Defensivrüstung unter- 
schieben wolle und auch durchaus anerkenne, daß Deutschland sich 
noch bis vor kurzem an Vertragsbestimmungen gehalten habe. Im 
Anschluß daran fragte er mehrfach, ob denn Deutschland seine De- 
ferilivaufrüstung aus reinen Prestigegründen oder zum Zweck der 
Verteidigung gegen mögliche Angriffe wünsche, indem er betonte, 
daß ihm der letztere Beweggrund unbegreiflich erscheinen würde, da 
ja Deutschland von niemand bedroht werde. Ich ausführte dem- 



40 Deutschland - England [10 

gegenüber, daß großes Land im Herzen Europas nicht ewig ungerüstet 
bleiben könne, wenn die übrigen Staaten ihre Abrüstungsverpflich- 
tungen nicht erfüllen, und daß die weitere Aufrechterhaltung einer 
Rechtsungleichheit fünfzehn Jahre nach Kriegsende ein Unding sei. 
Ferner verwies ich auf die unerträgliche Situation des ungerüstcten 
Deutschlands mit seiner tragischen Grenzziehung im Osten inmitten 
der höchstgerüsteten Staaten Europas. König Georg stand niclit an, 
das Diktat von Versailles abfälhg zu kritisieren, wobei er den Krieg 
an sich als einen menschlichen Irrwahn verantwortlich für solche 
bedauernswerte Folgen machte. 

Anschließend hieran sprach Monarch über Gefahren der künftigen 
Entwicklung. Er ausführte, Deutschland habe ja mehrfach Versiche- 
rungen abgegeben, daß es kein Wettrüsten zur See mit England be- 
absichtige. Auch deckten sich ja deutsche und englisclie Bestrebungen 
in bezug auf völlige Abschaffung der U-Boot-Waffe. Trotzdem ver- 
bleibe für England mit seiner überaus verwundbaren Hauptstadt die 
Sorge auf dem Luftgebict. Vor allem aber in Frankreich errege deut- 
sches Streben nach Defensivaufrüstung eine wahre Panik, und diese 
französische Furcht vor der deutschen Gefahr sei das eigentliche 
Hindernis für den Abschluß einer Abrüstungskonvention. Komme es 
zu keiner Konvention, so werde man unfehlbar in eine Periode des 
erneuten Wettrüstens hineingeraten und damit zu Zuständen gelangen, 
die denen der Vorkriegszeit ähnelten und die mithin die Gefahr eines 
Krieges in sich tragen würden. Er selbst sei von Wahnsinnigkeit 
eines Krieges in seinem tiefsten Innern überzeugt und habe sich zur 
Richtlinie gemacht, daß, solange er lebe, England in keinen Krieg mehr 
verwickelt werden sollte. Dementsprechend werde er alles tun, um 
kriegerische Möglichkeiten auszuschließen in der festen Überzeugung, 
daß ein neuer Krieg den Untergang für alle bedeuten würde. Je länger 
man aber mit einer Lösung zögere, desto gefährlicher werde Lage 
werden, da die heranwachsende jüngere Generation die Schrecken des 
Krieges nicht kenne und seine Nutzlosigkeit wohl nicht so verstehe, 
wie die Generation der Kriegsteilnehmer. Es laste daher auf den 
Staatsmännern die verantwortungsschwere Pflicht, die Völker, die 
selbst sicherlich nicht den Krieg wünschten, auf die Bahn einer wechsel- 
seitigen Verständigung zu führen. 

Ich entgegnete, Begründung französischer Haltung mit Furcht 
genüge nicht; es käme dazu, wie zum Beispiel das jüngste Buch Tar- 
dieus zeige, der Wunsch Frankreichs, seine Position als Sieger zu 
wahren und seine Abneigung, mit Deutschland auf gleichem Fuße 
zu paktieren. Deutsche Regierung und insbesondere Reichskanzler 
persönlich hätten alles Denkbare getan, um Verständigung mit Frank- 
reich herbeizuführen, wie wiederholter Verzicht auf Elsaß-Lothringen 
und Vereinbarung mit Polen er\^'iesen. In Abrüstungsfrage seien wir 
mit Italien völlig und mit England nahezu einig, und nur der obstfnate 
Widerstand Frankreichs verhindere immer wieder das Zustande- 
kommen einer Konvention. Auch jetzt bleibe Deutschlands Wunsch 
nach Verständigung mit Frankreich nach wie vor bestehen, und es 



U] Das Jahr 1934 41 

sei reine Verbohrtheit, wenn Frankreich in die immer wieder aus- 
gestreckte Hand nicht einschlage. Ich anschloß hieran Hinweis auf 
die verschiedenen Kundgebungen Reichskanzlers, in denen Friedens- 
wille so überzeugend zum Ausdruck gekommen sei, und betonte, daß 
deutsche Politik allein darauf hinausgehe, in Frieden und Gleich- 
berechtigung das neue Deutschland aufzubauen. 

König ableugnete nicht Hartnäckigkeit französischer Regierung, 
verwies aber dabei auf überaus unbequeme Einstellung französischer 
öffentlicher Meinung, die von Hetzern wie Pertinax irregeleitet werde. 
Er sprach auch von der schwierigen innerfranzösischen Situation und 
schien Lage in Frankreich als recht unsicher und sorgenvoll anzusehen. 
Zu meinem Erstaunen bezeichnete er General Weygand als ein Element 
der Vernunft und bemerkte, Weygand habe sich neuerdings in Richtung 
auf Verständigung orientiert. Er kenne Weygand gut und erwarte im 
Sommer seinen Besuch in England. Friedenspolitik des Reichskanzlers 
anerkannte König unumwunden und sprach mit Achtung von deut- 
schem Regierungsoberhaupt, wobei er allerdings beanstandete, daß 
andere deutsche Stellen gelegentlich in Reden Absichten und Auf- 
fassungen kundgäben, die mit Friedenspolitik Kanzlers nicht in Ein- 
klang zu bringen seien. 

König abschloß Unterredung mit einem erneuten Appell an 
Deutschland zu verständnisvoller Mitarbeit zum Abschluß einer Ab- 
rüstungskonvention, die unter allen Umständen zustandegebracht 
werden müsse. Ich gewann in Unterredung Eindruck, daß König 
Deutschland gegenüber verständnisvoll und rechtlich eingestellt ist, 
daß aber die Sorgen um die aus dem Abrüstungsproblem sich mög- 
licherweise ergebenden Zukunftsgefahren bei ihm augenblicklich alles 
andere überschatten. 

(Aus den Akten des Auswärligen Amtes.) Hoescll 

Milien zwischen den Abrüslungsverhandlungen ereignele sich ein 
charaklerislisches Zwischenspiel: Die brilische Regierung erhob Einspruch 
gegen das von Deutschland cuis zwingenden wirlschafllichen Gründen er- 
klärle Transfer-Moralorium hinsichllich des Diensles der Dawes- und 
Young-Anleihe: England besland auf den in Versailles erpreßten, später 
sicherheitshalber , .kommerzialisierten'' Tributen, 



Note der britischen Regierung vom 26. April 1934 11. 

Der Botschafter Seiner Majestät empfiehlt sich dem Reichs- 
minister des Auswärtigen und gibt sich die Ehre, im Auftrag des 
Staatssekretärs des Auswärtigen Seiner Majestät festzustellen, daß 
die Regierung Seiner Majestät schwere Bedenken gegen jeden Vor- 
schlag der Anw^endung eines Transfer-Moratoriums auf die Dawes- 
oder Young-Anleihe erheben würde. Diese Anleihen wurden im Ein- 
verständnis der beteiligten Regierungen aufgelegt und werden gegen- 
wärtig gemäß den auf der Londoner Konferenz von 1924 und den 



42 



DeutBchland - England 



[12 



Konferenzen im Haa^ und in Paris 1930 getroffenen Vereinbarungen 
verwaltet. Die Regierung Seiner Majestät vertritt mit Nachdruck die 
Auffassung, daß in der gegenwärtigen Behandlung dieser Anleihen 
keinerlei Änderung eintreten sollte. Sir Eric Phipps ist beauftragt, 
hinzuzufügen, daß — sollte ein Moratorium auf die Reichsanleihen 
Anwendung finden — hierdurch offensichtlich der Wiederherstellung 
des deutschen Kredits auf weite Sicht größte Schwierigkeiten bereitet 
würde. Die Regierung Seiner Majestät hegt die ernsthafte Hoffnung, 
daß kein derartiger Vorschlag der deutschen verantwortlichen Stellen 
auf der kommenden Konferenz vorgelegt oder angenommen werden wird. 
(Aus den Akten des Auswärtigen Amtes.) 

Auch nach der französischen Note vom 17, April 1934 tat man in 
England so, als gehe das Eingen um die Abrüslung weiter. Englische 
Kirchenfährer riefen zur Abrüsiung auf. Sie sahen darin ,,die moralische 
VerpfliiMiing gegenüber Deulschland'\ Nach wie vor sollte die Abrüstung 
Grundlage einer allgemeinen Verständigung sein. Die eigentliche Aktion 
aber lag an ganz anderer Stelle, Immer latder wurden nämlich neben 
diesen Stimmen andere, die nach einer eigenen Aufrüstung^ insbesondere 
nach einer ausreichenden Luflrüstung üerlangten. Die britischen Lufi- 
streilkrafle seien völlig ungenügend für den Heimatschutz, hieß es in der 
Unterhaussitzung vom 8. März, Derselbe Büldwin, der am 23, April zugabf 
daß Deutschlands Wunsch nach Verstärkung seiner Luflflolie berechtigt 
sei, forderte, daß England sich stärker machen müsse. Denn wenn es 
Sanktionen im Rahmen des Völkerbundes durchführen wolle, müsse es 
für den Krieg bereit sein. Sanktionen sind Krieg, Am 19. Juli hat 
Batdwin als Lordpräsident des Haies das Programm der englischen 
Luftrüstung bekanntgegeben. Am 30. Juli fand darüber die Aussprache 
im Unterhaus slalL Dabei sprach Baldwin das Wort^ Großbritanniens 
Grenze liege am Rhein, 



^2* Au8 der Unterhausrede des Lordiirisidenten dee Rates, 

Stanley Baldwin^ vom 30. Juli 1934 

Wir sind hierzulande allzu sehr geneigt anzunehmen» daß alle 
Völker von den gleichen Idealen beseelt sind wie wir. Das trifft gegen- 
wärtig nicht zu. Es sind in der Welt Anzeichen für eine Art der Macht- 
ausübung vorhanden, die einen Geist atmet, der im Falle seines Er- 
starkens das Ende alles dessen bedeuten würde, was wir in unserem 
Lande hochhalten und was in unserem Sinne das Leben lebenswert macht. 

Lassen Sie uns niemals folgendes übersehen: Seit die Luft eine 
Rolle spielt, gibt es die alten Grenzen nicht mehr. Wenn Sie an die 
Verteidigung Englands denken, dann denken Sic nicht mehr länger 
an die Kalkfelsen von Dover, Sie denken an den Rhein. Dort liegt 
unsere Grenze. 

(E: Parllamenlary Debates, Hause of Commons. Bd. 292, Sp. 233fl. — D: 
Freund, Weltgeschichte der Gegenwart in Dokumenten, Bd. J, S. 362f.) 



iq Das Jahr 1334 ^ 

Englands Rückkehr in den Machtkampf der Weli^ die mit der noch 
lange umkämpften Aufrüstung einsetde, halte üon Anbeginn eine deutsch- 
feindliche Spitze. Die Propaganda stellte die deutsche Rüstung, die 
detdsche Luftflotte als den Gegner hin, der England zu solchen Lasten 
neigte. Seit Mitte des Jahres 1934 trat in England ein Umschlag zu 
offener Feindschaft gegen Deutschland und eine offene Abkehr von der 
Abrüstungspolitik ein. England ließ hinfort der französischen Politik 
in dieser Frage freien Lauf. Der Locarno-Pakt war daher schon im Juli 
1934 entwertet und gegenstandslos gemacht. Durch Englands Vermittlung 
und mit seiner Empfehlung wurde am 12. Juli in Berlin der fran- 
zösische Vorschlag des Ostpaktes überreicht, der nach den Absichten seiner 
Urheber ein verkapptes französisch-russisches Bündnis gegen Deutsch- 
land enthielt. Die Aufrüstungspropaganda wurde lebhafter. 



1935 



13] Das Jahr 1935 47 



Trotz der im Laufe des Jahres 1934 eingeirelenen Wendung zu einer 
noch beionier deutschfeindlichen Stimmung hatte sich in England aus 
einflußreichen Persönlichkeiten ein kleiner Kreis, der die Herbeiführung 
besserer deutsch-englischer Beziehungen anstrebte, gebildet. Der bekannteste 
Vertreter dieser Gruppe, der inzwischen verstorbene, gewissenLabour-Kreisen 
nahestehende Lord Allen of Hurtwood, weilte im Januar 1935 zu Besuch 
in Deutschland und wurde am 25. Januar vom Fährer empfangen. 
Außerdem wurden Frontkämpferbesuclie ins Auge gefaßt. Am 11. Juni 
beglückwünschte der Prince of Wales die British Legion, den eng- 
lischen Frontkämpferverband, zu ihrem Entschluß, eine Delegation nach 
DeutscMand zu entsenden. 



Aufzeidinung über die Unterredung 13. 

zwischen dem Führer und Lord Allen of Hurtwood 
am 25. Januar 1935 

Lord Allen eröffnete das Gespräch, indem er sich für den ihm 
gewährten Empfang wärmstens bedankte. Er wies darauf hin, daß er 
keinen offiziellen Besuch in Berlin abstatte und auch nicht im amt- 
lichen Auftrag der englischen Regierung handele. Er habe aber den 
Auftrag vom englischen Ministerpräsidenten MacDonald erhalten, eine 
Botschaft des guten Willens zu überbringen. Zwar bestünden in der 
englischen öffentlichen Meinung noch Zweifel über manche Ereignisse 
in Deutschland. Es sei aber ein starker Wechsel der Meinungen zu- 
gunsten Deutschlands festzustellen. Das Bedauern über die in den 
letzten zwanzig Jahren begangenen politischen Fehler nehme zu und 
damit der Wunsch, sich über die noch bestehenden Mißverständnisse 
zu einigen. Die europäische politische Lage errege insofern große Be- 
sorgnis in England, als man mit dem offensichtlichen Bestreben anderer 
Mächte, eine neuerliche Einkreisung Deutschlands vorzunehmen, nicht 
einverstanden sei. Um diese Entwicklung aufzuhalten, sei eine Ver- 
ständigung zwischen England und Deutschland, die später in einer 
allgemeinen Rüstungsvereinbarung ihren Niederschlag fände, von be- 
sonderer Wichtigkeit. 

Der Führer und Reichskanzler dankte Lord Allen für seinen 
Besuch; angesichts des Umstandes, daß aus der englischen Presse ein 
Bild über die wahren Verhältnisse in Deutschland nicht zu gewinnen 



48 Deutschland - England [ 1 3 

sei, bezeichnete er als besonders erfreulich, wenn bedeutende Eng- 
lönder sich selber von der ruhigen Lage in Deutschland überzeugen. 
Diese innere Ruhe sei eine Voraussetzung für Deutschlands Wieder- 
aufbau. Deutschland brauche für vierzig bis fünfzig Jahre ungetrübten 
Frieden; denn der Krieg reiße mehr ein, als was zehn Jahre Frieden 
aufbauen. Die jetzige Generation habe nicht die Aufgabe, einen neuen 
Krieg vorzubereiten, sondern die Folgen des Weltkrieges zu liquidieren. 

Das deutsche Regime sei auch, ohne sich um äußere politische 
Erfolge bemühen zu müssen, von großer innerer Stärke. Wenn Deutsch- 
land an der Erhaltung des Friedens ebenso interessiert sei wie die 
anderen Mächte, so sei klar, daß zur Erreichung dieses Zieles Deutsch- 
land Anspruch auf vollkommene Gleichberechtigung und Sicherheit 
seiner Grenzen habe. Zur Förderung des Friedensgedankens in der 
Welt habe er im Laufe des letzten Jahres zwei wichtige Erklärungen 
abgegeben: Durch die Vereinbarung mit Polen sei eine allgemeine 
Beruhigung in Europa eingetreten. Das gleiche müsse man erwarten, 
nachdem er der französischen Regierung nach der Saarabstimmung 
wiederholt zu verstehen gegeben habe, daß Deutschland keine territo- 
rialen Forderungen irgendwelcher Art mehr an Frankreich zu richten 
habe. Damit seien alle Voraussetzungen geschaffen, die die Gewähr 
für eine friedliche Entwicklung in sich schlössen. Die eben erwähnten 
Erklärungen seien in voller Öffentlichkeit abgegeben worden. Deutsch- 
land habe damit selbst vor aller Welt die Gründe zerstört, die in einem 
Teil der öffentlichen Meinung der Welt als Grundlage der deutschen 
Rcvanchelust betrachtet worden seien. Dieser deutsche Beitrag zur 
europäischen Befriedung sei im Verhältnis zu dem, was andere Nationen 
nach anderen Kriegen geleistet hätten, größer und bedeutungsvoller. 

Deutschland hat niemals die im Vertrag von Versailles zum Aus- 
druck kommende Auffassung einer eigentümlichen politischen Moral 
angenommen. Zwar hat sich Deutschland mit dem durch den Vertrag 
geschaffenen tatsächlichen Zustand abfinden müssen. Es lehnt aber 
nach wie vor die Bestimmungen des Vertrages ab, die durch die Diskri- 
minierung und ungleiche Behandlung Deutschlands bis jetxt nur 
eine Quelle der Beunruhigung gewesen sind. Das deutsche Volk habe 
Jahr für Jahr auf eine Einkehr zu einer besseren Einsicht gewartet. 
Statt dessen seien bei fast allen unseren Nachbarn größere Rüstungen 
festzustellen. Besonders zwei Ereignisse erfüllten uns mit Sorge. ?.u- 
nächst die Tatsache, daß unsere Vorschläge auf dem Gebiet der Ab- 
rüstung abgelehnt worden seien, und dann die Tatsache, daß die labilen 
politischen Verhältnisse in Frankreich einen häufigen Wechsel von 
Regierungen zur Folge hätten, die ihre innere Schwäche durch außen- 
politische Erfolge auszugleichen suchten. Der Völkerbund habe Deutsch- 
land das Gefühl der Sicherheit nicht gegeben. Deutschland könne aber 
nicht darauf warten. Dies solle nicht bedeuten, daß Deutschland jede 
Zusammenarbeit mit anderen Nationen ablehne. Dagegen sehe Deutsch- 
land in dem heutigen System, Kollektivpakte zu schließen, über 
deren Tragweite sich einzelne Teilnehmer gar nicht im klaren sein 
könnten, eine große Gefahr für den Frieden Europas. 



13] Das Jahr 1935 49 

Der Führer und Reichskanzler erläuterte diesen Gedanken an 
dem Beispiel des Ausbruchs der Feindseligkeiten zwischen Rußland 
und Polen. 

Deutschland sei jederzeit bereit, eine Rustungsvereinbarung mit 
England abzuschließen. Auf maritimem Gebiet habe Deutschland 
keinerlei Ehrgeiz, mit England in Wettbewerb zu treten. Es sei daher 
bereit, sich in einer derartigen Vereinbarung auf etwa 35 Prozent der 
englischen Flottenrüstung zu beschränken. Selbstverständlich verlange 
Deutschland die Gleichberechtigung in der Luft, sei aber jederzeit zu 
einem Abkommen mit England über die Parität der Luftrüstung im 
Verhältnis zur stärksten kontinentalen Luftmacht bereit. Die deutsche 
Rüstung zu Lande würde für England niemals eine Bedrohung sein. 

Das bisherige Verfahren, um zu einer Rüstungsvereinbarung zu 
gelangen, sei völlig hoffnungs- und aussichtslos. Es handele sich jetzt 
darum, einen Kristallisationspunkt zu finden, von dem eine neue 
Initiative ausgehen könne. Diese sähe er in einer Rüstungsvereinbarung, 
die zunächst zwischen England und Deutschland geschlossen würde. 

Lord Allen bemerkte zu diesen Äußerungen, die der Führer und 
Reichskanzler selbst nicht als Vorschläge, sondern als politische Ge- 
danken bezeichnete, daß England zweifellos nicht davon abgehen 
könne, sich mit den anderen Nationen zu beraten, bevor es eine der- 
artige Rüstungsvereinbarung mit Deutschland abschließe. 

Der Führer und Reichskanzler erwiderte, daß eine solche Kon- 
sultation wenig Erfolg haben würde, da die anderen Nationen eben 
nicht bereit seien, von ihrem Rüstungsstand abzugehen. 

Auf die Frage Lord Aliens, ob die deutsch-englische Rüstungs- 
vereinbarung etwa auch die Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe- 
leistung einschließen könnte, erwiderte der Führer und Reichskanzler, 
daß dies keinesfalls in Frage käme. Die Vereinbarung solle lediglich 
die Begrenzung der Bewaffnung zum Ziele haben. Ihr Zweck sei, einen 
allgemeinen Wettlauf in der europäischen Aufrüstung zu verhindern. 
Die Folge eines solchen Abkommens würde voraussichtlich zunächst 
sein, daß Italien sich der Vereinbarung anschließe. In dieser Lage 
würde auch Frankreich schließlich nichts anderes übrigbleiben, als 
sich zu fügen. 

Lord Allen betonte noch einmal den Wunsch zur Verständigung 
mit Deutschland. Gleichzeitig habe aber die englische Regierung ein 
großes Interesse an regelmäßiger Zusammenarbeit mit anderen Na- 
tionen. Der Reichskanzler habe in der letzten Zeit wiederholt den An- 
spruch auf Gleichberechtigung öffentlich formuliert. Er, Lord Allen, 
glaube, daß die englische öffentliche Meinung und damit gleichzeitig 
die englische Regierung vorteilhaft darauf reagieren würden, wenn der 
Reichskanzler bei einer sich bietenden Gelegenheit eine Erklärung 
abgebe, in der er sich sowohl zur Zusammenarbeit mit Europa bereit 
erkläre als auch seine Stellungnahme dazu präzisieren würde, wie 
Deutschland sich verhalten werde, wenn ihm die Gleichberechtigung 
gewährt worden sei. 

Der Führer und Reichskanzler entgegnete hierauf, daß es für ihn 

Deutschland-England 4 



W Deutschland - Engbind [13 

nicht leicht sei, eine solche Erklärung abzugeben, da Deutschland seit 
Dezember 1932 schlechte Erfahrungen gemacht habe. Die französische 
Presse fange schon jetzt an, Bedingungen an die Gewährung der 
Gleichberechtigung zu knüpfen. Auf derartige Bedingungen werde 
sich Deutschland niemals einlassen. Teil V des Vertrages von Versailles 
müsse ein für allemal gelöscht werden. Deutschland würde aber niemals 
zustimmen, daß an die Stelle dieses Abschnitts des Friedensvertrags 
ein neues Statut träte, durch das Deutschland neue Bedingungen auf- 
erlegt würden. Was Deutschland freiwillig unterschreibe, werde es 
auch stets halten. Sobald er darüber Gewißheit habe, daß ein derartiges 
neues Statut nicht beabsichtigt sei, werde er auch zu der von Lord 
Allen als erwünscht bezeichneten Erklänmg bereit sein. 
(AuH rlon Akten den Aimwfirtigen Amtes.) 

An der Jahreswende 1934I3S ließ sich Englands Poliiik Deuiscidand 
gegenüber etwa dahin charakterisieren: England erstrebte Deutschlands 
Einordnung in ein festes System, das Deutschland der Möglichkeit unlielh- 
samen selbständigen Vorgehens berauben sollte. Es sollte durch Beitritt 
zu entsprevlienden Pakten und Abmachungen einen Beweis seines Friedens- 
willens geben. Der Ostpakt, die lUickkehr in den Völkerbund und auch die 
Abrüstungs frage wurden in diesem Zusammenhang wieder erörtert. Die 
letztere hatte Baldwin durch eine Bede im Unterhaus vom 28, Noveml^er 
1934 neuerdings angeregt. Er nannte zwar die deutschen Büstungen die 
wichtigste Quelle der Beunruhigung; sie seien aber nun einmal eine Tal- 
sache, und es sei notwendig, Ktarlieit über Deutschlands Absichten und 
Pläne zu erhalten, Xu diesem Zn^cke müßten die Verhandtungen zwischen 
den Mächten wietler aufgenommen werden. 

Man konnte also auch in Engtand nicht länger umhin, den deutschen 
Standpunkt anzuerkennen : Abschnitt V des Versailler Vertrags war M^ 
eine neue Begelung unter Wahrung der iHillcn Gleichbcrechligung Deutsch- 
lands mußte an seine Stelle treten. 

Im Januar 1935 kamen englisch-französische Besprechungen wieder 
in Gang und führten zu der Londoner Erklärung vom 3, Februar 1935, 
Eine allgemeine Begelung der Büstungsfrage wurde ins Auge gefaßt. Aber 
gemäß der französischen These wurde auch der .X^rganisalion der Sicher- 
heit gedacht und dabei an den Ostpakt erinnert, Deutschland soltle ferner 
in den Völkerbund zurückkehren. Endlich wurde ron der Möglichkeit 
eines Lufipaktes ztvischen Deutschland, England, Frankreich, Belgien 
und Italien, den fünf Locarno- Partnern, gesprochen. Auch diesmal kam 
der Führer den andern entgegen. Im Interesse des Friedens iiH>Ute Deutsch- 
land gemeinsam mit den Slächten prüfen, wie sich die irefahr eines Weä- 
rüstens vermeiden ließe. Es hieß in der deutschen Anttrort vom 14, Februar 
793S, daß „wwr der in der britisch-französischen \'erlautbarung zum 
Ausdruck kommende (reist freier } ereinharung avischen souveränen 
Staaten zu dauerhaften internationalen Begelungen auf dem Gehide der 
Rüstungen führen kann**. Deutschland slimmle auch einem Lufipaki zu. 
Die Atmosphäre schien sich zu reinigen. Am 7.?. Januar 79S5 haue die 
Saarabstimmung jenen eindeutigen deutschen Sieg gebracht, vor dem sich 



14] 



Das Jahr 1935 



51 



auch die französische Regierung loyal heugte. Nunmehr waren nach dem 
Worte des Führers alle ierriiorialen Streitfragen zwischen Deutschland 
und Frankreich erledigt. 

Dennoch nahmen die schon in Gang gekommenen Abrüslangsüerhand- 
langen eine ungünstige Wendung, Die englische Regierung, die sie an- 
geregt halte, hat sie auch sabotiert. Die neue Rüslungs vorläge , die sie am 
2L März 1936 im Parlament einbrachte, wurde mit einem Weißbuch be- 
gründet, in dem Deutschland der Bedrohung des Weltfriedens und des 
Bruchs des Versailler Vertrages bezichtigt wurde. Unter Bezug auf eine 
in Deutschtand vor sich gehende Aufrüstung wurden eigene Rästungs- 
Verstärkungen und ein Umbau atler englischen Streitkräfte zu Wasser, Land 
und in der Luft angekündigt, Engtand hatte eine vollzogene Tatsache ge- 
schaffen^ ehe es noch zu irgendwelchen Verhandlungen hatte kommen können. 



Aus dem britiBchen Rüstungs-Weißbudi vom 1* März 1935 



Teil III 

8. Die Lage war Mitte vorigen Sommers wie folgt: 

(1) Die Abrüstungskonferenz war dem Wesen nach zum Stillstand 
gekommen. Es war offensichtlich, daß weitere Verbandlungen durch 
die Tatsache gehemmt werden würden, daß Deutschland nicht nur 
entgegen den Bestimmungen des Teils V des Versailler Vertrages offen 
in großem Maßslab aufrüstete, sondern auch seinen Austritt aus dem 
Völkerbund und der Abrüstungskonferenz erklärt hatte. Auch Japan 
hatte seinen Austritt aus dem Völkerbund erklärt. Alle größeren 
Mächte, außer dem Vereinigten Königreich, vermehrten ihre Rüstungen. 

(2) Ins einzelne gehende, sorgfältige Untersuchungen wurden 
über die ernsten Mängel unserer Verteidigungsstreitkräfte und -mittel 
angestellt. Es wurde festgestellt, daß Land und Empire sich nicht mehr 
in einem angemessenen Verteidigungszustande befänden» wenn nicht 
ein Programm in Angriff genommen würde, das sie neu ordnete und 
modernisierte. Sollte daher trotz aller unserer Bemühungen, Frieden 
zu halten, ein gegen uns gerichteter Angriff stattfinden, so würden 
wir nicht in der Lage sein» unsere Seeverkehrswege, die Ernährung 
unserer Bevölkerung oder die Verteidigung unserer wichtigsten Städte 
und ihrer Einwohner gegen Luftangriffe zu sichern. Überdies liegt 
der große Wert des Vertrages von Locarno für unser Land in seiner 
abschreckenden Wirkung auf etwaige Angreifer, Diese wird aber wesenl- 
lieh abgeschwächt durch die von allen Signataren geteilte Erkenntnis, 
daß, falls unsere Verpflichtung klar ist, unsere Mitwirkung doch nur 
wenig entscheidende Wirkung haben kann. Die gleiche Erwägung 
würde natürlich auch auf jedes andere System gemeinsamer Sicherheit 
anzuwenden sein, dem wir angehören würden. 

9. Unter obigen Umständen war sich die Regierung Seiner Majestät 
bewußt, daß sie ihrer Verantwortung nicht gerecht werden würde, 
wenn sie, bei uneingeschränkter Fortführung ihrer Bemühungen um 



54 Deutschland - England [15 

Folgendes waren die von dieser Kommission bestätigten Arbeiten 
der Zerstörung der deutschen Wehrkraft und ihrer Mittel: 

A. Heer 

59 897 Geschütze und Rohre 
130 558 Maschinengewehre 
31 470 Minenwerfer und Rohre 
6 007 000 Gewehre und Karabiner 
243 937MG.-Läufe 
28 001 Lafetten 
4 390 MW.-Lafetten 
38 750 000 Geschosse 
16 550 000 Hand- und Gewehrgranaten 
60 400 000 scharfe Zünder 
491 000 000 Handwaffenmunition 
335 000 t Geschoßhülsen 
23 515 t Kartusch- und Patronenhülsen 
37 600 t Pulver 
79 500 Munitionsleeren 
212 000 Femsprecher 
1 072 Flammenwerfer 
31 Panzerzüge 
59 Tanks 
1 762 Beob.-Wagen 
8 982 drahtlose Stationen . 

1 240 Feldbäckereien 
2 199 Pontons 

981,7 t Ausrüstungsstücke für Soldaten und 
8 230 350 Satz Ausrüstungsstücke für Soldaten 

7 300 Pistolen und Revolver 
180 MG.-Schlitten 

21 fahrbare Werkstätten 
12 Flakgeschützwagen 
11 Protzen 
64 000 Stahlhelme 
174 000 Gasmasken 

2 500 Maschinen der ehem. Kriegsindustrie 

8 000 Gewehrläufe. 

B. Luft 

15 714 Jagd- und Bombenflugzeuge 
27 757 Flugzeugmotoren. 

C. Marine 

Zerstörtes^ abgewracktes, versenktes oder ausgeliefertes Kriegs- 
■ehiffmaterial der Marine: 

26 Großkampfschiffe 
4 Küstenpanzer 



15] Das Jahr 1935 ^ 

4 Panzerkreuzer 
19 Kleine Kreuzer 
21 Schul- und Spezialschiffe 
83 Torpedoboote 
315 U-Boote. 

Bemerkungen zu A und B 

Femer unterlagen der Zerstörungspflicht: Fahrzeuge aller Art, 
Gaskampf- und zum Teil Gasschutzmittel, Treib- und Sprengmittel, 
Scheinwerfer, Visiereinrichtungen, Entfernungs- und Schallmeßgeräte, 
optische Geräte aller Art, Pferdegeschirr, Schmalspurgerät, Feld- 
druckereien, Feldküchen, Werkstätten, Hieb- und Stichwaffen, Stahl- 
helme, Munitionstransportmaterial, Normal- und Spezialmaschinen 
der Kriegsindustrie sowie Einspannvorrichtungen, Zeichnungen dazu, 
Flugzeug- und Luftschiffhalien usw. 

Nach dieser geschichtlich beispiellosen Erfüllung eines Vertrages 
hatte das deutsche Volk ein Anrecht, die Einlösung der eingegangenen 
Verpflichtungen auch von der anderen Seite zu erwarten. 

Denn: 

1. Deutschland hatte abgerüstet. 

2. Im Friedensvertrag war ausdrücklich gefordert worden, daß 
Deutschland abgerüstet werden müsse, um damit die Voraus- 
setzung für eine allgemeine Abrüstung zu schaffen, d. h. es war 
damit behauptet, daß nur in Deutschlands Rüstung allein die 
Begründung für die Rüstung der anderen Länder läge. 

3. Das deutsche Volk war sowohl in seinen Regierungen als auch 
in seinen Parteien damals von einer Gesinnung erfüllt, die den 
pazifistisch-demokratischen Idealen des Völkerbundes und seiner 
Gründer restlos entsprach. Während aber Deutschland als die 
eine Seite der Vertragschließenden seine Verpflichtungen er- 
füllt hatte, unterblieb die Einlösung der Verpflichtung der 
zweiten Vertragsseite. Das heißt: Die Hohen Vertragschließen- 
den der ehemaligen Siegerstaaten haben sich einseitig von den 
Verpflichtungen des Versailler Vertrages gelöst! 

Allein nicht genügend, daß jede Abrüstung in einem irgendwie 
mit der deutschen Waffenzerstörung vergleichbaren Maße unterblieb, 
nein: es trat nicht einmal ein Stillstand der Rüstungen ein, ja im 
Gegenteil, es wurde endlich die Aufrüstung einer ganzen Reihe von 
Staaten offensichtlich. Was im Kriege an neuen Zerstörungsmaschinen 
erfunden wurde, erhielt nunmehr im Frieden in methodisch-wissen- 
schaftlicher Arbeit die letzte Vollendung. Auf dem Gebiet der Schaffung 
mächtiger Landpanzer sowohl als neuer Kampf- und Bomben- 
maschinen fanden ununterbrochene und schreckliche Verbesserungen 
statt. Neue Riesengeschütze wurden konstruiert, neue Spreng-, Brand- 
und Gasbomben entwickelt. 

Die Welt aber hallte seitdem wider von Kriegsgeschrei, als ob 
niemals ein Weltkrieg gewesen und ein Versailler Vertrag geschlossen 
worden wäre. 



56 DeuUchland - England [15 

Inmitten dieser hochgerüsteten und sich immer mehr der modern- 
sten motorisierten Kräfte bedienenden Kriegsstaaten war Deutschland 
ein machtmäßig leerer Raum, jeder Drohung und jeder Bedrohung 
Jedes einzelnen wehrlos ausgeliefert. Das deutsche Volk erinnert sich 
des Unglücks und Leides von fünfzehn Jahren wirtschaftlicher Ver- 
elendung, politischer und moralischer Demütigung. 

Es war daher verständlich, wenn Deutschland laut auf die Ein- 
lösung des Versprechens auf Abrüstung der anderen Staaten zu drängen 
begann. Denn dieses ist klar: 

Einen hundertjährigen Frieden würde die Welt nicht nur ertragen, 
sondern er müßte ihr von unermeßlichem Segen sein. Eine hundert- 
jährige Zerreißung in Sieger und Besiegte aber erträgt sie nicht. 

Die Empfindung über die moralische Berechtigung und Notwen- 
digkeit einer internationalen Abrüstung war aber nicht nur in Deutsch- 
land, sondern auch innerhalb vieler anderer Völker lebendig. Aus dem 
Drängen dieser Kräfte entstanden die Versuche, auf dem Wege von 
Konferenzen eine Rüstungsverminderung und damit eine internatio- 
nale allgemeine Angleichung auf niederem Niveau in die Wege leiten 
zu wollen. 

So entstanden die ersten Vorschläge internationaler Rüstungs- 
abkommen, von denen wir als bedeutungsvollen den Plan MacDonalds 
in Erinnerung haben. 

Deutschland war bereit, diesen Plan anzunehmen und zur Grund- 
lage von abzuschließenden Vereinbarungen zu machen. 

Er scheiterte an der Ablehnung durch andere Staaten und wurde 
endlich preisgegeben. Da unter solchen Umständen die dem deutschen 
Volke und Reiche in der Dezember-Erklärung 1932 feierlich zugesicherte 
Gleichberechtigung keine Verwirklichung fand, sah sich die neue 
Deutsche Reichsregierung als Wahrerinder Ehre und der Lehens- 
rechte des deutschen Volkes außerstande, noch weiterhin an solchen 
Konferenzen teilzunehmen oder dem Völkerbund anzugehören. 

Allein auch nach dem Verlassen Genfs war die Deutsche Regierung 
dennoch bereit, nicht nur Vorschläge anderer Staaten zu überprüfen, 
sondern auch eigene praktische Vorschläge zu machen. Sie übernahm 
dabei die von den anderen Staaten selbst geprägte Auffassung, daß 
die Schaffung kurzdienender Armeen für die Zwecke des Angriffs 
ungeeignet und damit für die friedliche Verteidigung anzuempfehlen sei. 

Sie war daher bereit, die langdienende Reichswehr nach dem 
Wunsche der anderen Staaten in eine kurzdienende Armee zu verwan- 
deln. Ihre Vorschläge vom Winter 1933/34 waren praktische und 
durchführbare. Ihre Ablehnung sowohl als die endgültige Ablehnung 
der ähnlich gedachten italienischen und englischen Entwürfe ließen 
aber darauf schließen, daß die Geneigtheit zu einer nachträglichen 
sinngemäßen Erfüllung der Versailler Abrüstungsbestimmungen auf 
der anderen Seite der Vertragspartner nicht mehr bestand. 

Unter diesen Umständen sah sich die Deutsche Regierung ver- 
anlaßt, von sich aus jene notwendigen Maßnahmen zu treffen, die eine 
Beendigung des ebenso unwürdigen wie letzten Endes bedrohlichen 



16] Das Jahr 1935 57 

Zustandes der ohnmfichtigen Wehrlosigkeit eines großen Volkes und 
Reiches gewährleisten konnten. 

Sie ging dabei von denselben Erwägungen aus, denen Minister 
Baldwin in seiner letzten Rede so wahren Ausdruck verlieh: 

„Ein Land, das nicht gewillt ist, die notwendigen Vorsichtsmaß- 
nahmen zu seiner eigenen Verteidigung zu ergreifen, wird niemals 
Macht in dieser Welt haben, weder moralische noch materielle Macht." 

Die Regierung des heutigen Deutschen Reiches aber wünscht nur 
eine einzige moralische und materielle Macht; es ist die Macht, für 
das Reich und damit wohl auch für ganz Europa den Frieden wahren 
zu können ! 

Sie hat daher auch weiterhin getan, was in ihren Kräften stand 
und zur Förderung des Friedens dienen konnte: 

1. Sie hat all ihren Nachbarstaaten schon vor langer Frist den 
Abschluß von Nichtangriffspakten angetragen. 

2. Sie hat mit ihrem östlichen Nachbarstaat eine vertragliche Rege- 
lung gesucht und gefunden, die dank des großen entgegenkommenden 
Verständnisses, wie sie hofft, für immer die bedrohliche Atmosphäre, 
die sie bei ihrer Machtübernahme vorfand, entgiftet hat und zu einer 
dauernden Verständigung und Freundschaft der beiden Völker führen 
wird. 

3. Sie hat endlich Frankreich die feierliche Versicherung gegeben, 
daß Deutschland nach der erfolgten Regelung der Saarfrage nunmehr 
keine territorialen Forderungen mehr an Frankreich stellen oder er- 
heben wird. Sie glaubt damit, in einer geschichtlich seltenen Form die 
Voraussetzung für die Beendigung eines jahrhundertelangen Streites 
zwischen zwei großen Nationen durch ein schweres politisches und 
sachliches Opfer geschaffen zu haben. 

Die Deutsche Regierung muß aber zu ihrem Bedauern ersehen, 
daß seit Monaten eine sich fortgesetzt steigernde Aufrüstung der 
übrigen Welt stattfindet. Sie sieht in der Schaffung einer sowjet- 
russischen Armee von 101 Divisionen, d. h. 960 000 Mann zugegebener 
Friedenspräsenzstärke, ein Element, das bei der Abfassung des Ver- 
sailler Vertrages nicht geahnt werden konnte. 

Sie sieht in der Forcierung ähnlicher Maßnahmen in anderen 
Staaten weitere Beweise der Ablehnung der seinerzeit proklamierten 
Abrüstungsidee. Es liegt der Deutschen Regierung fern, gegen irgend- 
einen Staat einen Vorwurf erheben zu wollen. Allein, sie muß heute 
feststellen, daß durch die nunmehr beschlossene Einführung der 
zweijährigen Dienstzeit in Frankreich die gedanklichen Grundlagen 
der Schaffung kurzdienender Verteidigungsarmeen zugunsten einer 
langdienenden Organisation aufgegeben worden sind. 

Dies war aber mit ein Argument für die seinerzeit von Deutsch- 
land geforderte Preisgabe seiner Reichswehr! 

Die Deutsche Regierung empfindet es unter diesen Umständen als 
eine Unmöglichkeit, die für die Sicherheit des Reiches notwendigen 
Maßnahmen noch länger auszusetzen oder gar vor der Kenntnis der 
Mitwell zu verbergen. 



58 



DeuUchlaDd • En^rland 



U6 



Wenn sie daher dem in der Rede des englischen Ministers Baldwin 
am 28. Noveraber 1934 ausgesprochenen Wunsch nach einer Auf- 
hellung der deutschen Absichten nunmehr entspricht, dann geschieht es: 

1. um dem deutschen Volk die Überzeugung und den anderen 
Staaten die Kenntnis zu geben, daB die Wahrung der Ehre und Sicher- 
heit des Deutschen Reiches von jetzt ab wieder der eigenen Kraft der 
Deutschen Nation anvertraut wird; 

2* aber, um durch die Fixierung des Umfanges der deutschen 
Maßnahmen jene Behauptungen zu entkräften, die dem deutschen 
Volke das Streben nach einer militärischen Hegemoniestellung in 
Europa unterschieben wollen. 

Was die Deutsche Regierung als Wahrerin der Ehre und der 
Interessen der Deutschen Nation wünscht, ist, das AusmaO jener Macht- 
mittel sicherzustellen, die nicht nur für die Erhaltung der Integritsit 
des Deutschen Reiches» sondern auch für die internationale Respek- 
tierung und Bewertung Deutschlands als eines Mitgaranten des allge- 
meinen Friedens erforderlich sind. 

Denn in dieser Stunde erneuert die Deutsche Regierung vor dem 
deutschen Volk und vor der ganzen Welt die Versicherung ihrer Ent- 
schlossenheit, über die Wahrung der deutschen Ehre und der Freiheit 
des Reiches nie hinausgehen und insbesondere in der nationalen deut-. 
sehen Aufrüstung kein Instrument kriegerischen Angriffs, vielmehr* 
ausschließlich der Verteidigung und damit der Erhaltung des Friedens 
bilden zu w^ollen. 

Die Deutsche Reichsregierung drückt dabei die zuversichtliche 
Hoffnung aus, daß es dem damit wieder zu seiner Ehre zurückfindenden 
deutschen Volke in unabhängiger gleicher Berechtigung vergönnt sein 
möge, seinen Beitrag zu leisten zur Befriedung der Welt in einer 
freien und offenen Zusammenarbeit mit den anderen Nationen und 
ihren Regierungen. 

{Raichsgesetiblatt, 1935, Teil 1. Nr. 28.) 

Mit ruhiger Entschlossenheii hat der Führer das deutsche Votk durch 
die internationale Krise gesteuert, die der deutsche Schritt vom 16, März 
1936 zur Foige hatte. Die Mächte erhoben Einspruch, jedoch kam es nicht 
zu einem gemeinsamen Schritt, Auch hier ging England wieder voran, 

1 6. Protestnote der britischen Regierung vom 18. März 1935 gegen die 

Einführung der Wehrpflicht 



1. Ich beehre mich, Ihnen im Auftrage des Königlichen Staats- 
sekretärs für Auswärtige Angelegenheiten mitzuteilen, daß sich die 
Königliche Regierung in dem Vereinigten Königreich genötigt sieht, 
der Deutschen Regierung ihren Protest gegen die von ihr am 16. März 
verkündete Entscheidung zu übermitteln, die allgemeine Wehrpflicht 
einzuführen und den Friedensrahmen des deutschen Heeres auf 36 Divi- 
sionen zu erhöhen. Nach der Bekanntgabe über eine deutsche Luft- 



1^ Das Jahr 1935 59 

macht ist eine solche Erklärung ein weiteres Beispiel für eine einseitige 
Aktion, die, ganz abgesehen von der grundsätzlichen Seite der Frage, 
geeignet ist, die Unruhe in Europa in ernster Weise zu erhöhen. Der 
Vorschlag einer englisch-deutschen Zusammenkunft, die in einer Woche 
stattfinden sollte, ergab sich aus dem Inhalt der englisch-französischen 
Mitteilung vom 3. Februar und der deutschen Antwort vom 14. Februar, 
die durch weitere Besprechungen zwischen der Königlichen Regierung 
und der Deutschen Regierung ergänzt worden sind. Die Königliche 
Regierung hält es für notwendig, auf den Inhalt dieses Dokumentes 
besonders hinzuweisen. 

2. Die Londoner Mitteilung vom 3. Februar stellte einerseits fest, 
daß vertraglich begrenzte Rüstungen nicht durch einseitige Aktion ab- 
geändert werden können, erklärte aber andererseits, daß die Britische 
und die Französische Regierung zu einer allgemeinen Regelung geneigt 
seien, über die zwischen Deutschland und den anderen dächten frei 
verhandelt werden solle. Diese allgemeine Regelung sollte über die 
Organisation der Sicherheit in Europa nach den in der Mitteilung an- 
gegebenen Richtlinien Bestimmungen treffen und gleichzeitig Rüstungs- 
vereinbarungen festlegen, die für Deutschland die einschlägigen Be- 
stimmungen des Teiles V des Versailler Vertrages ersetzen sollten. 
Die Mitteilung führte weiter aus, es sei als Teil der ins Auge gefaßten 
allgemeinen Regelung anzusehen, daß Deutschland seine aktive Mit- 
gliedschaft im Völkerbund wieder aufnehme, und skizzierte schließlich 
den Inhalt eines Luftpaktes zwischen den Locarnomächten, der als 
Abschreckungsmittel gegen Angriffe wirken und Sicherheit vor plötz- 
lichen Luftüber fällen gewährleisten sollte. 

3. Die Antwort der Deutschen Regierung zehn Tage später be- 
grüßte den Geist freundschaftlichen Vertrauens, den die englisch- 
französische Mitteilung zum Ausdruck brachte, und stellte in Aussicht, 
daß die Deutsche Regierung die in dem ersten Teil der Londoner Mit- 
teilung enthaltenen Fragen einer eingehenden Prüfung unterziehen 
werde, femer die Zustimmung, daß der in der Mitteilung zum Ausdruck 
gebrachte Geist freier Verhandlungen zwischen souveränen Staaten 
allein zu dauerhaften internationalen Regelungen auf dem Gebiet der 
Rüstungen führen könne. Im besonderen begrüßte sie den Vorschlag 
über einen Luftpakt. Die deutsche Antwort endete mit der Erklärung, 
daß die Deutsche Regierung es vor Eingehen auf die vorgeschlagenen 
Verhandlungen für erwünscht halte, in besonderen Besprechungen mit 
den in Frage kommenden Regierungen eine Anzahl von grundsätz- 
lichen Vorfragen zu klären. Zu diesem Zweck lud sie die Königliche 
Regierung ein, mit der Deutschen Regierung in einen unmittelbaren 
Gedankenaustausch einzutreten. 

4. Da die Königliche Regierung sich vergewissem wollte, daß hin- 
sichtlich des Umfanges und des Zweckes der vorgeschlagenen englisch- 
deutschen Unterhaltung kein Mißverständnis bestehe, richtete sie 
am 2L Februar an die Deutsche Regiemng eine weitere Anfrage, auf 
die diese am folgenden Tage antwortete. Das Ergebnis war eine end- 
gültige Übereinstimmung zwischen den beiden Regierungen, daß der 



60 Deutschland - England [16 

Zweck der beabsichtigten Zusammenkunft sein sollte, die Unterhaltung 
über alle in der englisch-französischen Mitteilung behandelten Fragen 
ein Stück weiter zu führen. Auf dieser Basis hat sich die Königliche 
Regierung darauf vorbereitet, den von der Deutschen Regierung vor- 
geschlagenen Besuch in Berlin auszuführen. 

5. Was ins Auge gefaßt war, waren also „eine allgemeine, frei 
zwischen Deutschland und den anderen Mächten zu treffende Rege- 
lung" und „Vereinbarungen über Rüstungen, die für Deutschland die 
Bestimmungen im Teil V des Versailler Vertrages ersetzen sollten". 
Dies ist stets das Ziel der Politik der Königlichen Regierung gewesen, 
und auf die Erreichung dieses Zieles hat sie alle Bemühungen in Genf 
und sonstwo gerichtet. Aber das Zustandekommen einer umfassenden 
Einigung, die auf Grund allgemeiner Übereinstimmung an die Stelle 
der Vertragsbestimmungen treten soll, kann nicht erleichtert werden, 
wenn man jetzt als eine bereits getroffene Entscheidung Heeres- 
personalstärken bekannt gibt, die alle seither in Vorschlag gebrachten 
erheblich überschreiten — überdies Stärken, die, falls sie unverändert 
aufrechterhalten werden, die Einigung mit anderen ebenfalls stark be- 
teiligten Mächten schwieriger, wenn nicht unmöglich machen müssen. 

6. Die Königliche Regierung wünscht keineswegs, die durch den 
vorbereiteten Besuch etwa geschaffene Gelegenheit, ein Einver- 
nehmen zu fördern, ungenutzt vorübergehen zu lassen. Aber unter den 
neugeschaffenen Umständen hält sie es vor der Ausführung dieses 
Besuches für nötig, die Deutsche Regierung auf die obigen Gesichts- 
punkte aufmerksam zu machen. Sie wünscht, darüber Gewißheit zu 
haben, daß der Deutschen Regierung das Zustandekommen des Be- 
suches mit dem Umfang und Ziel der Unterhaltung, wie früher verab- 
redet, so wie es oben im Abs. 4 ausgeführt ist, noch erwünscht ist. 

(E: Cmd. 4848. — D: Berber, Locarno. S. 99ff.) 

Die britische Anfrage, ob die Reichsregierung zu weiteren Verhand- 
lungen bereit sei, wurde bejahi. Der Außenminister Sir John Simon hat 
sich auch in der Unterhausdebatle vom 21. März 1935 mit einer Ver- 
wahrung begnügt. Die kriegsgefährliche Verschärfung der Lage erfolgte 
durch den Schritt der französischen Regierung, die am 20. März 1935 den 
Völkerbund anrief, um hier die Anklage gegen den „Vertragsbrüchigen'' 
zu erheben und ihn aburteilen zu lassen. Aber auf der Pariser Bespre- 
chung der drei Westmächte vom 23. März 1935, auf der für den 11. April 
1935 die Konferenz in Stresa beschlossen wurde, beharrte die englische 
Regierung auf ihrem Entschluß, erst die Informationsreise der beiden 
englischen Minister nach Berlin, die schon vor dem 16. März 1935 ver- 
abredet war, durchzuführen, ehe ein weiterer Schritt erfolgte. 

Am 25. und 26. März 1935 waren der englische Außenminister Sir 
John Simon und der Lordsiegelbewahrer Eden in Berlin, während der 
Pressesturm noch mit unverminderter Stärke weitertobte. In Gegenwart 
des Führers fanden die Besprechungen statt. Nach dem am 26. März 1936 
ausgegebenen Kommuniqui fanden sie in „offenster und freundschaft- 
lichster Form** statt und fährten zu einer „vollständigen Klarstellung der 



17] Dag Jahr 1935 61 

beiderseitigen Auffcusungen'*. Die Gesamtheit der europäischen Probleme: 
Abrüstung, Luftpaki, allgemeiner Konsullalivpaki, wurden besprochen. 
Die Reichsregierung halle bereits in ihrem Kommuniqui vom 10, Sep- 
tember 1934 den Beitritt zum Ostpakt aus naheliegenden Gründen ab- 
gelehnt. Dabei blieb es. Sie war aber zu jeder Art internaiionaler Zu- 
sammenarbeit bereit, die den Frieden Europas sichern und festigen 
könnte. Darum sprach sie sich auch positiv für den ins Auge gefaßten 
Luftpakt aus. Sir John Simon konstatierte in seiner Erklärung vor dem 
Unterhause vom 28. März 1935, daß die Besprechungen „beträchtliche 
Meinungsverschiedenheilen zwischen den beiden Regierungen** ergeben 
kälten. In seiner Unterhausrede vom 9. April 1935 berichtete er über die 
Absichten der deutschen Politik der Freiheil, Ehre und Gleichberechtigung, 
in der vom 10. April 1935 über die Ansichten der europäischen Regie- 
rungen, die Eden inzwischen in Moskau, Warschau und Prag festge- 
sUllt halte. 



Aus der Unterhausrede des britisdien AuBenministers Sir John Simon 17. 
vom 9. April 1935 über das Ergebnis seiner Berliner Besprediungen 

Hinsichtlich des sogenannten Ostpaktes, der zuerst von dem 
verstorbenen Außenminister Barthou im vergangenen Sommer angeregt 
wurde, hat Reichskanzler Hitler klar zum Ausdruck gebracht, daß 
Deutschland nicht gewillt ist, einen Ostpakt zu unterzeichnen, der 
Deutschland zu gegenseitiger Unterstützung verpflichten würde. Ins- 
besondere ist Deutschland nicht bereit, einen Pakt zu gegenseitiger 
Unterstützung mit Rußland einzugehen. Andererseits wurde erklärt, 
daß Deutschland einen Nichtangriffspakt zwischen den in Osteuropa 
interessierten Machten, der eine Konsultation für den Fall eines 
drohenden Angriffs vorsieht, begünstigen würde. Hitler ist unter den 
gegenwärtigen Umständen nicht bereit, die Einbeziehung Litauens in 
irgendeinen Nichtangriffspakt in Aussicht zu nehmen. Die Deutschen 
schlugen ferner vor, daß, falls trotz dieses Nichtangriffs- und Konsul- 
tativpaktes Feindseligkeiten zwischen zwei vertragschließenden Mäch- 
ten ausbrechen würden, die anderen vertragschließenden Mächte sich 
verpflichten sollten, den Angreifer in keiner Weise zu unterstützen. In 
einem anderen Zusammenhang verwies Hitler allerdings auf die Schwie- 
rigkeit, den Angreifer zu bestimmen. Über seine Ansicht für den Fall 
befragt, daß irgendwelche Unterzeichner eines solchen Nichtangriffs- 
paktes untereinander ein Abkommen über gegenseitige Unterstützung 
abschließen, erklärte der Reichskanzler, daß er diesen Gedanken für 
gefährlich und anfechtbar halte, da er nach seiner Meinung darauf 
hinauslaufe, Sonderinteressen einer Gruppe im Rahmen des weiteren 
Systems zu schaffen . . . 

Was den Gedanken eines mitteleuropäischen Paktes angeht, der 
auf der französisch-italienischen Zusammenkunft in Rom näher be- 
sprochen worden ist, hörten wir in Berlin, daß die deutsche Regierung 
den Gedanken eines solchen Abkommens nicht grundsätzlich ablehnt, 



62 



Deutschland - England 



[17 



aber seine Notwendigkeit nicht einsieht und eine große Schwierigkeit 
in der Bestimmung des Begriffs „Nichteinmischung** in bezug auf 
Österreich erblickt. Hitler gab jedoch zu verstehen, daß für den Fall, 
daß die anderen Regierungen einen mitteleuropäischen Pakt abzu- 
schließen wünschten und sich auf einen Wortlaut einigen könnten, die 
deutsche Regierung diesen in Erwägung ziehen würde . . . 

Hinsichtlich der Landrüstungen stellte Reichskanzler Hitler fest, 
daß Deutschland 36 Divisionen benötige, die eine Höchstzahl von 
550 000 Soldaten aller Waffengattungen einschließlich einer DivisioE 
SS und militarisierter Polizeitruppen darstellten. Er versicherte, daß 
es in Deutschland keine halbmilitärischen Verbände gäbe. Deutsch- 
land, so erklärte er, beanspruche, über alle Waffen typen zu verfügen, 
die andere Länder besitzen, und sei nicht bereit, auf den Bau gewisser 
Typen zu verziehten, solange andere Länder sie ebenfalls besitzen. 
Falls andere Länder gewisse Typen aufgeben, so würde Deutschland 
das gleiche tun. Hinsichtlich der Seerüstungen beanspruche Deutsch- 
land unter gewissen Vorbehalten 35% der britischen Tonnage und in 
der Luft Gleichheit mit England und Frankreich, vorausgesetzt, daß 
sich die sowjetrussischen Luftstreitkräfte nicht derart entwickelten, 
daß eine Überprüfung dieses Verhältnisses notwendig werde. Wenn 
irgendein allgemeines Abkommen über die Begrenzung der Rüstungen 
erreicht werden könnte, wäre Deutschland bereit, ein System dauernder 
und automatischer Überwachung anzunehmen und ins Werk zu setzen 
unter der Voraussetzung, daß eine solche Überwachung in gleicher 
Weise für alle Mächte Anwendung findet. Hitler erklärte, daß die 
deutsche Regierung dem in der Londoner Vereinbarung enthaltenen , 
Vorschlag eines Luftpaktes zwischen den Locarnoraächten günstig " 
gegenüberstehe. 

In der Frage des Völkerbundes berief sich Hitler auf seine im Mai 
1933 abgegebene Versicherung, daß Deutschland im Völkerbund nicht 
weiter mitarbeiten würde, falls es weiter als das behandelt würde, was 
er als Land minderen Rechts bezeichnete, und er machte beispiels- 
weise geltend, daß sich Deutschland in einer untergeordneten Stellung 
befinde, wenn es keine Kolonien besitzt. 

(E: Paräamenlary Debatcs, House of Commons. Bd. 300» Sp, 984 ff, — D;^ 
Hamburger Monatshefte für Auswärtige Politik, Mai 1935, S. 8 f.) 



Auf die Konferenz nach Stresa, die am IL April 1935 begann, 
gingen die Mächte keineswegs ah eine geschlossene Fronl mit einheit- 
lichem Willen. Am 14. April kam ihre Schlußresolulion heraus. 
Wiederum wurden der Osipakl, die österreichische Frage, der Luftpakt 
für Westeuropa^ die Ahrüstung, Locarno, aber auch so revisionislische 
Fragen wie der Abrüstungssland Ungarns^ Österreichs und der Türkei 
erörtert. Die Siresamächie bekundeten ihre völlige Einigkeil, ,,stcA mit 
allen geeigneten M titeln jeder einseiligen Aufkündigung von Verträgen 
zu widersetzen''. Eingehend hat man sich daneben mit den Fragen einer 
Friedenssicherung in Osteuropa beschäftigt. Hier war seit Monaten die 
französische Außenpolitik sehr aküv. Im September 1934 war die Sowjet- 



18] Das Jahr 1935 63 

Union in den Völkerbund geholif am 5. Dezember 1934 das französisch- 
russische Protokoll^ der Vorläufer des Pakles vom 2. Mai 1935, unler- 
xeichnei worden. Die französisch-russische Entente sollte das Ruckgrat 
des künftigen Ostpaktes bilden, zugleich aber sollte sie auch die Achse der 
europäischen Paktpolitik werden. In deren Netze suchte man Deutschland 
zu verstricken. Simon teilte in Slresa die Auffassung des Führers zum 
Ostpakt mit. Die deutsche Reichsregierung präzisierte ihren Standpunkt 
noch einmal in einem Kommunique vom 15. April 1935. Sie nahm grund- 
sätzlich zum ganzen Paktsystem Stellung und sprach sich für bilaterale 
Pakie, wie den mit Polen vom 26. Januar 1934, und gegen automalische 
militärische Beistandsverpflichtungen aus. Die Unterstützungspakte 
waren nach deutscher Ansicht mehr ein Element der Friedensstörung als 
ein solches der Friedenssicherung, die Unteilbarkeit des Friedens mehr 
die Unteilbarkeit eines ausbrechenden Krieges. 



Aus den Besdilüssen der Konferenz von Stresa vom 14. April 1935 18. 

2. Die Auskünfte, die sie erhalten haben, haben sie in der Absicht 
bestärkt, daß die Verhandlungen hinsichtlich der Entwicklung fort- 
gesetzt werden sollen, welche bezüglich der Sicherheit in Osteuropa 
erstrebt wird. 

3. Die Vertreter der drei Regierungen prüften von neuem die 
österreichische Lage; sie bestätigten die englisch-französisch-italieni- 
schen Erklärungen vom 17. Februar und 27. September 1934, durch 
die die drei Regierungen anerkannten, daß die Notwendigkeit, die Un- 
abhängigkeit und Unversehrtheit Österreichs aufrechtzuerhalten, auch 
weiterhin ihre gemeinsame Politik bestimmen werde. Hinsichtlich des 
französisch-italienischen Protokolls vom 7. Januar 1935 und der eng- 
lisch-französischen Vereinbarung vom 3. Februar 1935, in welchen 
die Absicht bekräftigt wurde, sich gemeinsam über die Maßnahmen 
zu beraten, die im Falle der Bedrohung der Unversehrtheit und Un- 
abhängigkeit Österreichs ergriffen werden müssen, kamen sie überein 
zu empfehlen, daß Vertreter aller im römischen Protokoll genannten 
Regierungen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zusammenkommen 
sollen, um die mitteleuropäische Vereinbarung abzuschließen. 

4. Hinsichtlich des vorgeschlagenen Luftpaktes für Westeuropa 
bestätigten die Vertreter der drei Regierungen die Grundsätze und das 
einzuschlagende Verfahren, wie sie in der Vereinbarung vom 3. Fe- 
bruar vorgesehen sind, und sie kamen überein, das Studium dieser 
Frage wirksam fortzusetzen mit der Absicht, einen Pakt zwischen den 
fünf in der Londoner Vereinbarung genannten Mächten sowie alle 
zweiseitigen Abkommen abzuschließen, die ihn begleiten können. 

5. Indem sie sich dem Problem der Rüstungen zuwandten, haben 
die Vertreter der drei Mächte daran erinnert, daß die Londoner Ver- 
einbarung ein Abkommen vorsah, das frei mit Deutschland verhandelt 
werden sollte, um an die Stelle der entsprechenden Bestimmungen von 
Teil V des Versailler Vertrages zu treten, und sie haben das kürzliche 



64 DeuUchland - England [19 

Vorgehen der deutschen Regierung und den Bericht Sir John Simon's 
über seine Unterredungen mit dem deutschen Reichskanzler über diese 
Frage sorgfältig und besorgt erörtert. 

Es wurde mit Bedauern festgestellt, daß die Methode der ein- 
seitigen Aufkündigung, die von der deutschen Regierung in einem 
Augenblick angewandt wurde, als Schritte eingeleitet waren, um ein in 
freier Weise verhandeltes Abkommen über die Rüstungsfrage zu er- 
reichen, das öffentliche Vertrauen in die Sicherheit einer friedlichen 
Ordnung untergraben hat. Darüber hinaus hat das groOe Ausmaß der 
verkündeten deutschen Wiederaufrüstung, deren Programm bereits 
mitten in der Ausführung begriffen ist, die zahlenmäßigen Schätzungen 
entwertet, auf die sich die Anstrengungen für eine Abrüstung bisher 
begründeten, und die Hoffnungen erschüttert, von denen jene An- 
strengungen inspiriert waren . . . 

Schlußerklärung 

Die drei Mächte, deren politisches Ziel die kollektive Aufrecht- 
erhaltung des Friedens im Rahmen des Völkerbundes ist, sind völlig 
einig in dem Bestreben, sich mit allen geeigneten Mitteln jeder einsei- 
tigen Aufkündigung von Verträgen zu widersetzen, die den europäischen 
Frieden gefährden könnte, und werden zu diesem Zweck in enger und 
freundschaftlicher Zusammenarbeit vorgehen. 

(E: Cmd 4880. — D: Hamburger Monatshefte für Auswärtige Politik, Mai 
1935, S. 9f.) 

Am 15. April 1935 begann der ^,Prozeß gegen die Geschichte** in 
Genf. Die Resolution des Völkerbundrates vom 17. April 1935 sprach 
eine Verurteilung Deutschlands aus^ das durch sein eigenmächtiges 
Handeln den Versailler Vertrag gebrochen habe und die Sicherheit 
Europas bedrohe. Die deutsche Regierung hat gegen diesen Versuch 
einer erneuten Diskriminierung protestiert. Aber sie begnügte sich nicht 
hiermit. 

Die Zeichen der Zeit deuteten überall auf Sturm. Die Wolken des 
Abessinischen Krieges standen drohend am Horizont. Der kommende 
französisch-russische Pakt verschob alle Machtverhältnisse. Deutschlands 
Wehrmacht als Mittel der europäischen Friedenssicherung war notwendiger 
denn je zuvor. Nur durch einen Abbau und Beseitigung der Versailler 
Nachkriegsordnung war in der Mitte Europas überhaupt der Friede auf 
die Dauer zu erhalten. In dieser Situation entwickelte der Führer sein 
großes Friedensprogramm vom 21. Mai 1935. Daran knüpfte die oft 
schwer entwirrbare diplomatische Aktion der folgenden Monate mannig- 
fach an. 

19. Aus der Reidistagsrede des Führers vom 21. Mai 1935 

Wenn das heutige Deutschland für den Frieden eintritt, dann 
tritt es für ihn ein weder aus Schwäche noch aus Feigheit. Es tritt für 
den Frieden ein aus einer anderen Vorstellung, die der National- 
sozialismus von Volk und Staat besitzt. Denn dieser sieht in der macht- 



19] Das Jahr 1935 65 

mäßig erzwungenen Einschmelzung eines Volkes in ein anderes, 
wesensfremdes, nicht nur kein erstrebenswertes politisches Ziel, son- 
dern als Ergebnis eine Gefährdung der inneren Einheit und damit der 
Stärke eines Volkes auf lange Zeit gerechnet. Seine Lehre lehnt daher 
den Gedanken einer nationalen Assimilation dogmatisch ab. Damit 
ist auch der bürgerliche Glaube einer möglichen „Germanisation" 
hinfällig. Es ist daher weder unser Wunsch noch unsere Absicht, 
fremden Volksteilen das Volkstum, die Sprache oder die Kultur weg- 
zunehmen, um ihnen dafür eine fremde deutsche aufzuzwingen. Wir 
geben keine Anweisung für die Verdeutschung nichtdeutsclier Namen 
aus, im Gegenteil: wir wünschen dies nicht. Unsere volkliche Lehre 
sieht daher in jedem Krieg zur Unterjochung und Beherrschung eines 
fremden Volkes einen Vorgang, der früher oder später den Sieger inner- 
lich verändert und schwächt und damit im Erfolge zum Besiegten 
macht. 

Wir glauben aber auch gar nicht daran, daß in Europa die durch 
und durch national erhärteten Völker im Zeitalter des Nationalitäten- 
prinzips überhaupt noch national enteignet werden könnten! Die 
letzten 150 Jahre bieten hier belehrende und warnende Beispiele mehr 
als genug. Die europäischen Nationalstaaten werden bei keinem 
kommenden Krieg — abgesehen von vorübergehenden Schwächungen 
ihrer Gegner — mehr erreichen können als geringfügige und im Ver- 
hältnis zu den dargebrachten Opfern gar nicht ins Gewicht fallende 
volkliche Grenzkorrekturen. 

Der permanente Kriegszustand, der aber durch solche Absichten 
zwischen den einzelnen Völkern aufgerichtet wird, mag verschiedenen 
politischen und wirtschaftlichen Interessenten vielleicht als nützlich 
erscheinen, für die Völker bringt er nur Lasten und Unglück. Das Blut, 
das auf dem europäischen Kontinent seit 300 Jahren vergossen wurde, 
steht außer jedem Verhältnis zu dem volklichen Resultat der Ereig- 
nisse. Frankreich ist am Ende Frankreich geblieben, Deutschland 
Deutschland, Polen Polen, Italien Italien usw. Was dynastischer 
Egoismus, politische Leidenschaft und patriotische Verblendung an 
scheinbaren tiefgreifenden staatspolitischen Veränderungen unter 
Strömen von Blut erreicht haben, hat in nationaler Beziehung stets 
nur die Oberfläche der Völker geritzt, ihre grundsätzliche Markierung 
aber wesentlich kaum mehr verschoben. Hätten diese Staaten nur 
einen Bruchteil ihrer Opfer für klügere Zwecke angesetzt, so wäre der 
Erfolg sicher größer und dauerhafter gewesen. 

Wenn ich als Nationalsozialist in allem Freimut diese Auffassung 
vertrete, dann bewegt mich dabei noch folgende Erkenntnis: Jeder 
Krieg verzehrt zunächst die Auslese der Besten. Da es in Europa aber 
einen leeren Raum nicht mehr gibt, wird jeder Sieg — ohne an der 
grundsätzlichen europäischen Not etwas zu ändern — höchstens eine 
ziffernmäßige Vermehrung der Einwohner eines Staates mit sich 
bringen können. Wenn aber den Völkern daran soviel liegt, dann können 
sie dies, statt mit Tränen, auf eine einfachere und vor allem natür- 
lichere Weise erreichen. Eine gesunde Sozialpolitik kann bei einer 

Deutschland-England 5 



€6 



Deutschland - England 



[19 



Steigerung der Geburtenfreudigkeit einer Nation in wenigen Jahren 
mehr Kinder des eigenen Volkes schenken^ als durch einen ICrieg an 
fremden Menschen erobert und damit unterworfen werden könnten. 

Nein! Das nationalsozialistische Deutschland will den Frieden 
aus tief innersten weltanschaulichen Überzeu^ngen. Es will ihn weiter 
aus der einfachen primitiven Erkenntnis, daß kein Krieg geeignet sein 
w^ürde, das Wesen unserer allgemeinen europäischen Not zu belieben, 
wohl aber diese zu vermehren. Das heutige Deutschland lebt in einer 
gewaltigen Arbeit der Wiedergutmachung seiner inneren Schäden. 
Keines unserer Projekte sachlicher Natur wird vor 10 bis 2€ Jahren 
vollendet sein. Keine der gestellten Aufgaben ideeller Art kann vor 
50 oder vielleicht auch 100 Jahren ihre Erfüllung finden. Ich habe einst 
die nationalsozialistische Revolution durch die Schaffung der Bew^egung 
begonnen und seitdem als Aktion geführt. Ich weiO, wir alle werden 
nur den allerersten Beginn dieser groOen umwälzenden Entwicklung 
erleben. Was könnte ich anders wünschen als Ruhe und Frieden? 
Wenn man aber sagt, daß dies nur der Wunsch der Führung sei, so 
muß ich darauf folgende Antwort geben: Wenn nur die Führer und 
Regierenden den Frieden wollen, die Völker selbst haben sich noch nie 
den Krieg gew^ünscht ! , . . 

Als im Jahre 1919 der Friede von Versailles dem deutschen Volk 
diktiert wurde, war der kollektiven Zusammenarbeit der Völker damit 
zunächst das Todesurteil gesprochen worden. Denn an Stelle der Gleich- 
heit aller trat die Klassifikation in Sieger und Besiegte. An Stelle des 
gleichen Rechts die Unterscheidung in Berechtigte und Hechtlose. 
An die Stelle der Versöhnung aller die Bestrafung der Unterlegenen, 
An die Stelle der internationalen Abrüstung die Abrüstung der Be* 
siegten. An die Stelle der Sicherheit aller trat die Sicherheit der Sieger, 

Dennoch w^urde noch im Friedensdiktat von Versailles ausdrück- 
lich festgestellt, daß die Abrüstung Deutschlands nur vorausgehen 
soll zur Ermöglichung der Abrüstung der anderen. Und nun ist an 
diesem einen Beispiel festzustellen, wie sehr die Idee der kollektiven 
Zusammenarbeit gerade von denen verletzt wurde, die heute ihre 
lautesten Fürsprecher sind. . . 

Wenn ich von diesen allgemeinen Betrachtungen nun übergehe zu 
einer präzisen Fixierung der vorliegenden aktuellen Probleme, so 
komme ich zu folgender Stellungnahme der deutschen Reichsregierung. 

1. Die deutsche Reichsregierung lehnt die am 17. März erfolgte 
Genfer Entschließung ab. Nicht Deutschland hat den Vertrag von 
Versailles einseitig gebrochen^ sondern das Diktat von Versailles wurde 
in den bekannten Punkten einseitig verletzt und damit außer Kraft 
gesetzt durch die Mächte, die sich nicht entschließen konnten, der von 
Deutschland verlangten Abrüstung die vertraglich vorgesehene eigene 
folgen zu lassen. Die durch diesen Beschluß in Genf Deutschland zu- 
gefügte neue Diskriminierung macht es der deutschen Reichsregierung 
unmöglich, in diese Institution zurückzukehren, ehe nicht die Voraus- 
setzungen für eine wirkliche gleiche Rechtslage aller Teilnehmer ge- 
schaffen ist* Zu dem Zweck erachtet es die deutsche Reichsregierung 



19] 



Das Jahr 1935 



67 



als notwendig, zwischen dem Vertrag von Versailles, der aufgebaut ist 
auf der Unterscheidung der Nationen in Sieger und Besiegte, und dem 
Völkerbund, der aufgebaut sein muß auf der Gleichbewertung und 
Gleichberechtigung all seiner Mitglieder, eine klare Trennung herbei- 
zuführen. 

Diese Gleichberechtigung muß eine praktische sein und sich au! 
alle Funktionen und alle Besitzrechte im internationalen Leben er- 
strecken. 

2. Die deutsche Reichsregierung hat infolge der Nichterfüllung der 
Abrüstungsverpflichtungen durch die anderen Staaten sich ihrerseits 
losgesagt von den Artikeln, die infolge der nunmehr einseitigen ver- 
tragswidrigen Belastung Deutschlands eine Diskriminierung der deut- 
schen Nation für unbegrenzte Zeit darstellen, Sie erklärt aber hiermit 
feierlichst, daß sich diese ihre Maßnahmen ausschließlich auf die mora- 
lisch und sachlich das deutsche VoSk diskriminierenden und bekannt- 
gegebenen Punkte beziehen. Die deutsche Regierung wird daher die 
sonstigen, das Zusammenleben der Nationen betreffenden Artikel ein- 
schließlich der territorialen Bestimmungen unbedingt respektieren und 
die im Wandel der Zeiten unvermeidlichen Revisionen nur auf dem 
Wege einer friedlichen Verständigung durchführen. 

3. Die deutsche Reicbsregierung hat die Absicht, keinen Vertrag 
zu unterzeichnen^ der ihr unerfüllbar erscheint, sie wird aber jeden frei- 
willig unterzeichneten Vertrags auch w^enn seine Abfassung vor ihrem 
Regierungs- und Machtantritt stattfand, peinlich einhalten. Sie wird 
insbesondere daher alle au3 dem Locarnopakt sich ergebenden Ver- 
pflichtungen so lange halten und erfüllen, als die anderen Vertrags- 
partner auch ihrerseits bereit sind, zu diesem Pakte zu stehen. Die 
deutsche Reichsregierung sieht in der Respektierung der entmilitari- 
sierten Zone einen für einen souveränen Staat unerhört schweren 
Beitrag zur Beruhigung Europas. Sie glaubt aber darauf hinweisen 
zu müssen, daß die fortgesetzten Truppenvermehrungen auf der an- 
deren Seite keineswegs als eine Ergänzung dieser Bestrebungen anzu- 
sehen sind. 

4. Die deutsche Reichsregierung ist jederzeit bereit, sich an einem 
System kollektiver Zusammenarbeit zur Sicherung des europäischen 
Friedens zu beteiligen, hält es aber dann für notwendig» dem Gesetz 
der ewigen Weiterentwicklung durch die Offenhaltung vertraglicher 
Revisionen entgegenzukommen. Sie sieht in der Ermöglichung einer 
geregelten Vertragsentwicklung ein Element der Friedenssicherung, 
in dem Ahdrosseln jeder notwendigen Wandlung eine Aufstauung von 
Stoffen für spätere Explosionen. 

5. Die deutsche Reichsregierung ist der Auffassung, daß der Neu- 
aufbau einer europäischen Zusammenarbeit sich nicht in den Formen 
einseitig aufoktroyierter Bedingungen vollziehen kann. Sie glaubt, daß 
es richtig ist, sich angesichts der nicht immer gleichgelagerten Inter- 
essen stets mit einem Minimum zu begnügen^ statt diese Zusammen- 
arbeit infolge eines unerfüllbaren Maximums an Forderungen scheitern 
zu lassen, Sie ist weiter der Überzeugung, daß sich diese Verständi- 



68 Deutschland - England [19 

gung mit einem großen Ziel im Auge nur schrittweise vollziehen 
kann. 

6. Die deutsche Reichsregierung ist grundsätzlich bereit, Nicht- 
angriffspakte mit ihren einzelnen Nachbarstaaten abzuschlieOen und 
diese durch alle Bestimmungen zu ergänzen, die auf eine Isolierung 
der Kriegführenden und eine Lokalisierung des Kriegsherdes ab- 
zielen. Sie ist insbesondere bereit zur Übernahme aller Verpflichtungen, 
die sich daraus für die Lieferung von Materialien und Waffen im Frie- 
den oder Krieg ergeben mögen und von allen Partnern übernommen 
und respektiert werden. 

7. Die deutsche Reichsregierung ist bereit, zur Ergänzung des 
Locarnopaktes einem Luftabkommen zuzustimmen und in seine Er- 
örterung einzutreten. 

8. Die deutsche Reichsregierung hat das Ausmaß des Aufbaues 
der neuen deutschen Wehrmacht bekanntgegeben. Sie wird davon 
unter keinen Umständen abgehen. Sie sieht weder zu Lande noch zur 
Luft noch zur See in der Erfüllung ihres Programms irgendeine Be- 
drohung einer anderen Nation. Sie ist aber jederzeit bereit, in ihrer 
Waffenrüstung jene Begrenzung vorzunehmen, die von den anderen 
Staaten ebenfalls übernommen würde. Die deutsche Reichsregierung 
hat von sich aus bereits bestimmte Begrenzungen ihrer Absichten 
mitgeteilt. Sie hat damit am besten ihren guten Willen gekennzeichnet, 
ein unbegrenztes Wettrüsten zu vermeiden. Ihre Begrenzung der deut- 
schen Luftrüstung auf den Stand einer Parität mit den einzelnen an- 
deren westlichen großen Nationen ermöglicht jederzeit die Fixierung 
einer oberen Zahl, die dann miteinzuhalten sich Deutschland bindend 
verpflichten wird. 

Die Begrenzung der deutschen Marine liegt mit 35% der englischen 
mit noch 15% unter dem Gesamttonnagement der französischen 
Flotte. Da in den verschiedenen Pressekommentaren die Meinung be- 
sprochen wurde, daß diese Forderung nur ein Beginn sei und sich ins- 
besondere mit dem Besitz von Kolonien erhöhen würde, erklärt die 
deutsche Reichsregierung bindend: Diese Forderung ist für Deutsch- 
land eine endgültige und bleibende. 

Deutschland hat weder die Absicht noch die Notwendigkeit oder 
das Vermögen, in irgendeine neue Flottenrivalität einzutreten. Die 
deutsche Reichsregierung erkennt von sich aus die überragende Lebens- 
wichtigkeit und damit die Berechtigung eines dominierenden Schutzes 
des britischen Weltreiches zur See an, genau so wie wir umgekehrt 
entschlossen sind, alles Notwendige zum Schutze unserer eigenen kon- 
tinentalen Existenz und Freiheit zu veranlassen. Die deutsche Re- 
gierung hat die aufrichtige Absicht, alles zu tun, um zum britischen 
Volk und Staat ein Verhältnis zu finden und zu erhalten, das eine Wie- 
derholung des bisher einzigen Kampfes zwischen beiden Nationen für 
immer verhindern wird. 

9. Die deutsche Reichsregierung ist bereit, sich an allen Bestre- 
bungen aktiv zu beteiligen, die zu praktischen Begrenzungen uferloser 
Rüstungen führen können. Sie sieht den einzig möglichen Weg hierzu 



19] 



Dos Jahr 1935 



69 



in einer Rückkehr zu den Gedankengängen der einstigen Genfer Kon- 
vention des Roten Kreuzes. Sie glaubt zunächst nur an die Möglich- 
keit einer schrittweisen Abschaffung und Verfemung von Kampf* 
mitteln und Kampfmethoden, die ihrem innersten Wesen nach im 
Widerspruch stehen zur bereits geltenden Genfer Konvention des 
Roten Kreuzes, 

Sie glaubt dabei, daß» ebenso wie die Anwendung von Dumdum- 
geschossen einst verboten und im großen und ganzen damit auch 
praktisch verhindert wurde, auch die Anwendung anderer bestimmter 
Waffen zu verbieten und damit auch praktisch zu verhindern ist. Sie 
versteht darunter alle jene Kampfwaffen, die in erster Linie weniger 
den kämpfenden Soldaten als vielmehr den am Kampfe selbst un- 
beteiligten Frauen und Kindern Tod und Vernichtung bringen. 

Die deutsche Reichsregierung hült den Gedanken, Flugzeuge ab* 
zuschaffen, aber das Bombardement offenzulassen, für irrig und un- 
wirksam. Sie hält es aber für möglich, die Anwendung bestimmter 
Waffen international als völkerrechtswidrig zu verbannen und die 
Nationen, die sich solcher Waffen dennoch bedienen wollen, als außer- 
halb der Menschheit und ihrer Rechte und Gesetze stehend zu verfemen. 

Sie glaubt auch hier, daß ein schrittweises Vorgehen am ehesten 
zum Erfolg führen kann. Also: Verbot des Abwerfens von Gas-, 
Brand- und Sprengbomben außerhalb einer wirklichen Kampfzone, 
Diese Beschränkung kann bis zur vollständigen internationalen Ver- 
femung des Bombenabwurfes überhaupt fortgesetzt werden. Solange 
aber der Bombenabwurf als solcher freisteht, ist jede Begrenzung der 
Zahl der Bombenflugzeuge angesichts der Möglichkeit des schnellen 
Ersatzes fragwürdig. 

Wird der Bombenabwurf aber als solcher als völkerrechtswidrige 
Barbarei gebrandmarkt, so wird der Bau von Bombenflugzeugen da- 
mit bald als überflüssig und zwecklos von selbst sein Ende finden. 
Wenn es einst gelang, durch die Genfer Rote-Kreuz-Konvention die 
an sich mögliche Tötung des wehrlos gewordenen Verwundeten oder 
Gefangenen allmählich zu verhindern, dann muß es genau so möglich sein, 
durch eine analoge Konvention den Bonibenkrieg gegen die ebenfalls 
wehrlose Zivilbevölkerung zu verbieten und endlich überhaupt zur 
Einstellung zu bringen, 

Deutschland sieht in einer solchen grundsätzlichen Anfassaug 
dieses Problems eine größere Beruhigung und Sicherheit der Völker 
als in allen Beistandspakten und Militärkonventionen. 

10, Die deutsche Reichsregierung ist bereit, jeder Beschränkung 
zuzustimmen, die zu einer Beseitigung der gerade für den Angriff 
besonders geeigneten schwersten Waffen führt. Diese Waffen umfassen 
erstens schwerste Artillerie und zweitens schwerste Tanks, Angesichts 
der ungeheuren Befestigungen der französischen Grenze würde eine 
solche internationale Beseitigung der schwersten Angriffswaffen Frank- 
reich automatisch den Besitz einer geradezu hundertp^^^zentigen 
Sicherheit geben. 
I 11. Deutschtand erklärt sich bereit, jeder Begrenzung d laliber- 



70 



Deutschland * England 



[19 



stärken der Artillerie, der Schlachtschiffe, Kreuzer und Torpedoboote 
zuzustimmen. Desgleichen ist die deutsche Reichsregierung bereit, 
jede internationale Begrenzung der Schiffsgrößen zu akzeptieren. Und 
endlich ist die deutsche Reichsregierung bereit, der Begrenzung des 
TonneDgehalles der U-Boote oder auch ihrer vollkommenen Beseiti- 
gung für den Fall einer internationalen gleichen Regelung zuzu- 
stimmen. 

Darüber hinaus aber gibt sie abermals die Versicherung ab, daß 
sie sich überhaupt jeder internationalen und im gleichen Zeitraum wirk- 
ßam werdenden Waifenbegrenzung oder Waffenbeseitigung an- 
schließt. 

12. Die deutsche Reichsregierung ist der Auffassung, daß alle 
Versuche, durch internationale oder mehrstaatliche Vereinbarungen 
eine wirksame Milderung gewisser Spannungen zwischen einzelnen 
Staaten zu erreichen, vergebliche sein müssen, solange nicht durch 
geeignete Maßnahmen einer Vergiftung der öffentlichen Meinung der 
Völker durch unverantwortliche Elemente in Wort und Schrift, Film 
und Theater erfolgreich vorgebeugt wird. 

13. Die deutsche Reichsregierung ist jederzeit bereit, einer inter- 
nationalen Vereinbarung zuzustimmen, die in einer wirksamen Weise 
alle Versuche einer Einmischung von außen in andere Staaten unter- 
bindet und unmöglich macht. Sie muß jedoch verlangen, daß eine 
solche Regelung international wirksam wird und allen Staaten zugute 
kommt* Da die Gefahr besteht^ daß in Ländern mit Regierungen, die 
nicht vom allgemeinen Vertrauen ihres Volkes getragen sind, innere 
Erhebungen von interessierter Seite nur zu leicht auf äußere Einmi- 
schung zurückgeführt werden können, erscheint es notwendig, den Be- 
griff ,, Einmischung'* einer genauen internationalen Definition zu unter- 
ziehen. 



(Verhandlungen des Reichstags. Bd. 458, S. 42, 43, 53/55.; 



Schon einen Monat nach der Rede des Führers wurde Pankl 8 seines 
Friedens programmes durch das deutsch-englische FloUenabkommen vom 
18, Juni 1935 erfüllt, Deutschland erkannle die Lebenswichligkeit der 
britischen Flotte als dominierenden Schutzes des britischen Weltreiches 
an und erbrachte gleichzeitig einen Beweis schöpferischer Politik, die nur 
auf der Achtung der t/eiderseitigen Lebensinieressen aufgebaut sein 
konnte. Dieser praktische Erfolg auf dem Gebiete der Büstungsbeschrän- 
kung war erzielt durch eine offene Aussprache and Verständigung zu 
zweien. Deutschtand konnte nichl auf seine Sicherheit zur See ver ziehten, 
aber es wollte die Floltenrivatität vermeiden, die vor dem Weltkriege 
1914J18 den deutsch-englischen Gegensalz aufs äußerste verschärft und 
unheilbar gemacht hatte. Darum sollte künftig die deutsche Flotte in einem 
festen zahlenmäßigen Verhältnis zur englischen gehalten werden. Das 
deutsch-englische FloUenabkommen war eine Tat, die Deutschlands und 
des Führers Wunsch nach freundschafllichen Beziehungen mil England 
§0 eindeutig und offenkundig wie nur irgendmöglich dokumentierte. 



I 



20] 



Das Jahr 1935 



71 



DeutsdL-eogliBdies Flotten abkommen vom 18* Juni 1935 

1. Schreiben de^ Staatssekretärs für Auswärtige Angelegen- 
heiten Sir Samuel Hoare an den Außerordentlichen und 
Bevollmächtigten Botschafter von Ribbentrop 



20. 



Foreign Office, den 18, Juni 1936. 



Euere Exzellenz 1 



L Während der letzten Tage haben die Vertreter der Regierung 

des Deutschen Reiches und der Regierung Sr* Majestät im Vereinigten 
Königreich Besprechungen abgehalten, deren Hauptzweck darin be- 
stand, den Boden für eine allgemeine Konferenz zur Begrenzung der 
Seerüstungen vorzubereiten. Ich freue mich, Euerer Exzellenz nunmehr 
die formelle Annahme des Vorschlages der Regierung des Deutschen 
Reiches, der in diesen Besprechungen zur Erörterung gestanden hat, 
durch die Regierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich mitzu- 
teilen» wonach die zukünftige Stirke der deutschen Flotte gegenüber 
der Gesamtflottenstärke der Mitglieder des Britischen Common- 
wealth im Verhältnis von 35 zu 100 stehen solJ, Die Regierung Sr. 
Majestät im Vereinigten Königreich sieht diesen Vorschlag als einen 
außerordentlich wichtigen Beitrag zur zukünftigen Seerüstungs- 
beschränkung an. Weiterhin glaubt sie, daO die Einigung, zu der sie 
nunmehr mit der Regierung des Deutschen Reiches gelangt ist und die 
Bie als eine vom heutigen Tage ab gültige dauernde und endgültige 
Einigung zwischen den beiden Regierungen ansieht, den Abschluß 
eines zukünftigen allgemeinen Abkommens über eine Seerüstungs- 
begrenzung zwischen allen Seemächlcn der Welt erleichtern wird, 

2, Die Regierung Sr, Majestät im Vereinigten Königreich stimmt 
weiterhin den Erklärungen zu, die von den deutschen Vertretern im 
Laufe der kürzlich in London abgehaltenen Besprechungen bezüglich 
der Anwendungsmethoden dieses Grundsatzes abgegeben wurden. 

Diese Erklärungen können folgendermaßen zusammengefaßt 
werden: 

a) Das StÖrkeverhälLnis 35 zu 100 soll ein ständiges Verhältnis 
sein, d. h, die Gesamtlonnage der deutschen Flolte soll nie einen Pro- 
zentsatz von 35 der Gesamttonnage der vertraglich festgelegten See- 
streitkräfte der Mitglieder des Britischen Commonwealth oder — falls 
in Zukunft keine vertraglichen Begrenzungen der Tonnage bestehen 
sollten — einen Prozentsatz von 35 der tatsächlichen Gesamttonnage 
der Mitglieder des Britischen Commonwealth überschreiten* 

b) Falls ein zukünftiger allgemeiner Vertrag über Seerüstungs- 
begrenzung die Methode der Begrenzung durch vereinbarte Stärke- 
verhältnisse zwischen den Flotten der verschiedenen Mächte nicht ent- 
halten sollte, wird die Regierung des Deutschen Reiches nicht auf der 
Einfügung des in dem vorhergehenden Unterabsatz erwähnten Stärke- 
verhältnisses in einen solchen zukünftigen allgemeinen Vertrag be- 
stehen, vorausgesetzt, daß die für die zukünftige Begrenzung der See- 



72 Deutschland - England [20 

rüstungcn darin etwa angenommene Methode derart ist, daO sie 
Deutschland volle Garantien gibt, daO dieses Stärkeverhältnis aufrecht- 
erhalten werden kann. 

c) Das Deutsche Reich wird unter allen Umständen zu dem Stärke- 
verhältnis von 35 zu 100 stehen, d. h. dieses Stärkeverhältnis wird von 
den Baumaßnahmen anderer Länder nicht beeinflußt. Sollte das all- 
gemeine Gleichgewicht der Seerüstung, wie es in der Vergangenheit 
normalerweise aufrechterhalten wurde, durch irgendwelche anormalen 
und außerordentlichen Baumaßnahmen anderer Mächte heftig ge- 
stört werden, so behält sich die Regierung des Deutschen Reiches das 
Recht vor, die Regierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich auf- 
zufordern, die auf diese Weise entstandene neue Lage zu prüfen. 

d) Die Regierung des Deutschen Reiches begünstigtauf dem Gebiete 
der Seerüstungsbegrenzung dasjenige System, das die Kriegsschiffe 
in Kategorien einteilt, wobei die Höchsttonnage und das Höchst- 
kaliber der Geschütze für die Schiffe jeder Kategorie festgesetzt wird, 
und das die jedem Lande zustehende Tonnage nach Schiffskate- 
gorien zuteilt. Folglich ist die Regierung des Deutschen Reiches bereit, 
grundsätzlich und unter Vorbehalt des nachstehenden Absatzes das 
35prozentige Stärkeverhältnis auf die Tonnage in jeder beizubehalten- 
den Schiffskategorie anzuwenden und jede Abweichung von diesem 
Stärkeverhältnis in einer oder mehreren Kategorien von den hierüber 
in einem zukünftigen allgemeinen Vertrag über Seerüstungsbeschrän- 
kung etwa getroffenen Vereinbarungen abhängig zu machen. Derartige 
Vereinbarungen würden auf dem Grundsatz beruhen, daß jede Er- 
höhung in einer Kategorie durch eine entsprechende Herabsetzung in 
anderen Kategorien auszugleichen wäre. Falls kein allgemeiner Vertrag 
über Seerüstungsbegrenzung abgeschlossen wird oder falls der zu- 
künftige allgemeine Vertrag keine Bestimmung über Kategorienbe- 
schränkung enthalten sollte, wird die Art und das Ausmaß des Rechtes 
der Regierung des Deutschen Reiches, das 35prozentige Stärke- 
verhältnis in einer oder mehreren Kategorien abzuändern, durch Ver- 
einbarung zwischen der Regierung des Deutschen Reiches und der Re- 
gierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich im Hinblick auf die 
dann bestehende Flottenlage geregelt. 

e) Falls und solange andere bedeutende Seemächte eine einzige 
Kategorie für Kreuzer und Zerstörer behalten, hat das Deutsche 
Reich das Recht auf eine Kategorie für diese beiden Schiffsklassen, 
obgleich es für diese beiden Klassen zwei Kategorien vorziehen würde. 

f) Hinsichtlich der Unterseeboote hat das Deutsche Reich jedoch 
das Recht, eine der gesamten Unterseeboottonnage der Mitglieder des 
Britischen Commonwealth gleiche Unterseeboottonnage zu besitzen, 
ohne jedoch das Stärkeverhältnis 35 zu 100 hinsichtlich der Gesamt- 
lonnage zu überschreiten. Die Regierung des Deutschen Reiches ver- 
pflichtet sich indessen, außer den im folgenden Satz angegebenen Um- 
ständen mit ihrer Unterseeboottonnage über 45 v. H. der Gesamt- 
Unterseeboottonnage der Mitglieder des Britischen Commonwealth 
nicht hinauszugehen. Sollte eine Lage entstehen, die es nach Ansicht 



"^ * ^ 



20] 



Das Jahr 1935 



73 



der Regierung des Deutschen Reiches notwendig macht, von ihrem 
Anspruch auf einen über die vorgenannten 45% hinausgehenden Pro- 
zentsatz Gebrauch zu machen, so behalt sich die Regierung des Deut- 
schen Reiches dag Recht vor, der Regierung Sr. Majestät im Ver- 
einigten Königreich davon Mitteilung zu machen, und sie ist damit 
einverstanden» die Angelegenheit zum Gegenstand freundschaftlicher 
Erörterungen zu machen» bevor sie dieses Recht ausübt, 

g) Da es höchst unwahrscheinlich ist, daß die Berechnung des 
35prozentigen Stärkeverhältnisses in jeder Schiffskategorie Tonnage- 
zahlen ergibt, die genau teilbar sind durch die zulässige Tonnage für 
Schiffe dieser Kategorie, kann es sich als notwendig herausstellen, daß 
AnglcichuDgen vorgenommen werden müssen, damit das Deutsche 
Reich nicht daran verhindert wird, seine Tonnage voll auszunutzen. 
Es ist daher abgemacht worden, daO die Regierung de^ Deutschen 
Reiches und die Regierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich 
vereinbaren werden, w^elche Angleich ungen zu diesem Zweck erforder- 
lich sind. Es besteht Einigkeit darüber, daß dieses Verfahren nicht zu 
erheblichen oder dauernden Abweichungen von dem Verhältnis von 
35 zu 100 hinsichtlich der Gesamtflottenstärken führen soIK 

3. Hinsichtlich Unterabschnitt c der obigen Erklärungen habe 
ich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die Regierung Sr. Majestät im 
Vereinigten Königreich von dem Vorbehalt Kenntnis genommen hat 
und das darin erwähnte Recht anerkennt, wobei Einverständnis 
darüber besteht, daß das Stärkeverhältnis von 35 zu 100, falb zwischen 
den beiden Regierungen nichts Gegenteiliges vereinbart wird, auf- 
rechterhatten bleibt, 

4* Ich habe die Ehre, Euere Exzellenz um eine Mitteilung darüber 
zu bitten, daß die Deutsche Regierung anerkennt, daß der Vorschlag 
der Deutschen Regierung in den vorstehenden Absätzen dieser Note 
richtig wiedergegeben ist. 

Ich habe die Ehre zu sein usw. 

Samuel Hoare 



IL Schreiben des Außerordentlichen und Bevollmächtig- 
ten Botschafters von Ribbentrop an den Staatssekretär 
für Auswärtige Angelegenheiten Sir Samuel Hoare 



Euere Exzellenz! 



London, 18. Juni 1935. 



Ich beehre mich. Euerer Exzellenz den Empfang des Schreibens 
vom heutigen Tage zu bestätigen, in dem Sie die Freundlichkeit hatten, 
mir im Namen der Regierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich 
folgendes mitzuteilen: 

(Es folgt die wörtliche Wiedergabe der Abschnitte 1 bis 3 aus dem 
Schreiben des Staatssekretärs Sir Samuel Hoare.) 

Ich beehre mich. Euerer Exzellenz zu bestätigen, daß der Vor- 
»chlag der Regierung des Deutschen Reiches in dem vorstehenden 



74 



DeuUchland * England 



[20 



Schreiben richtig wiedergegeben ist und nehme davon Kenntnis, daß 
die Regierung Sr. Majestät im Vereinigten Königreich diesen Vor- 
schlag annimmt. 

Die Regierung des Deutschen Reiches ist auch ihrerseits der An- 
sicht, daß die Einigung, zu der sie nunmehr mit der Regierung Sr. Ma- 
jestät im Vereinigten Königreich gelangt und die sie als eine vom heu- 
tigen Tage ab gültige Einigung zwischen den beiden Regierungen an- 
sieht, den Abschluß eines allgemeinen Abkommens über diese zwischen 
allen Seemächten der Welt erleichtern wird, 

Ich habe die Ehre, zu sein usw. 

Joachim von Ribbentrop 

■ Außerordentlicher und Bevollmächtigter 

^ Botschafter des Deutschen Reiches 

(E: Cmd. 4930, — D: Völkerbund und Völkerrecht, 1935/36, S. 269ff.) 

I Außer dem Fhiienabkommen war die Heichsregierung seit längerem 

auch zu einer Verständigung über die Luflrüsiung bereit gewesen. Naiur- 
gemaß machle sie aber ihre Zustimmung zum Luftpakl von der An- 
erkennung der deuischen Luftmackl abhängig^ und zwar in der Pariiät 
mit den Luftflotten der einzelnen Weslmächie. Bezeichnenderweise verlor 
die französische Regierung ihr Interesse am Luflpaki, als die deutsche 
ihre Zustimmung erteilte. Sie verlangte bilaterale Abkommen innerhalb 
des Luftpakies^ schob wieder den Osipakt in den Vordergrund und ver- 
langte Deutschlands Zustimmung hierzu, Ja^ die Verwirklichung des 
Luftpükles sottle nur gleicfizeitig mit den Verhandlungen über den Ost- 
pakt und die anderen Punkte des Londone r Kommuniques vom 3. Februar 
1935 erfolgen. Luflpakt und östpakl bildeten fortan ein unheilvottes 
Junktim. Gerade solcher Verkoppelung von mehreren schwierigen Fragen 
hatte der Führer in seiner Bede vom 21. Mai 1935 ah höchst unpraklisch 
widerraten. Im übrigen hatte er immer wieder Beistandspakte militä- 
rischen Charakters abgelehnt. Er hatte an Stelle dessen Nichtangriffs- 
pakte mit den einzelnen Nachbarstaaten Deutschlands angeboten. Er 
befand sich, was hervorgehoben zu werden verdient ^ mit dieser Einstel- 
lung zu den Ostpaktfragen in Übereinstimmung mit der polnischen Re- 
gierung, 

Über alle diese Fragen wurden seit Mai 1935 monatelange diplo- 
matische Verhandlungen geführt. Seit Juni 1935 war die Außenpolitik 
der englischen Regierung wegen ihrer Haltung im Abessinienkonflikt 
und wegen des sowohl im eigenen Lande wie besonders in Frankreich 
heftig angegriffenen Flollenabkommens mit Deutschland in großer Be" 
drängnis. Die englisch-französischen Beziehungen waren damals so 
stark getrübt und auf französischer Stile von Mißtrauen so durchsetzt, 
wie sie es wohl seil 1931 nicht mehr gewesen waren. In erster Linie war 
hieran das Floltenabkommen schuld. Um die französische Verstimmung 
auszugleichen^ machte sich die britische Regierung wider ihr besseres 
Wissen den französischen Standpunkt zum Luflpakt und Ostpaki zu 
eigen. Am 11. Juli 1935 hielt der damalige Außenminister Sir Samuel 



21] 



Das Jahr 1935 



75 



Hoare im Unterhaus eine sehr kühle Bede, in der er an den Führer 
appellierle, durch seine Zustimmung zum Osipaki die atlgemeine Regelung 
der europäischen Fragen zu fördern. Er machte sieh die These von der 
f^Unieilbarkeil des europäischen Friedens" zu eigen und konstruierte ein 
englisches Interesse an dem Ostpakt. Dies konnte angesichts der Sowjet- 
pakle in Deutschland nicht mehr verfangen. Daß aber in England der 
Wind wieder umgescfitagen war^ zeigte sich auch darin, daß wieder , wie 
kurz nach der Machtübernahme^ innerdeutsche Angelegenheiten gegen 
Deutschland ausgebeutet wurden und eine neue Hetzweite über das Land 
ging. 

Aus der Unterbausrede des britischeii AußeiuDiniBtere 21. 

Sir Samuel Hoare vom 11* Juli 1935 

Uns liegt an einem Luftpakt, der eine Beschränkung der LufU 
flotte einschließt. Schon vor zehn Jahren, lange bevor die Lnftraacht 
ßo furchtbar wurde in ihrer Schnelligkeit, ihrer Wirksamkeit und zer- 
störenden Gewalt, wie sie es jetzt ist, erschien mir die Gefahr eines 
Knockoutschlages so groß, daß nur das Abschreckungsmittel einer 
nahezu überwältigenden Luftflotte die Welt vor einer großen Kata- 
atrophe bewahren könnte. Ich glaube, diese Ansicht wird von der großen 
Mehrheit der ehrenwerten Mitglieder geteilt. Wir alle wünschen einen 
Luftpakt. Wir alle wünschen Beschränkungen der Luftflotte. Es mag 
sich dann die Frage erheben : Warum kann nicht unverzüglich ein Luft- 
pakt abgeschlossen werden, wenn wir doch alle den Luftpakt und 
eine Beschränkung der Luftmacht wünschen? 

Ich glaube, wenn ich die Frage einem Komitee des Hauses vor- 
gelegt habe, wird man sehen, daß das Problem nicht ganz so einfach 
ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die grundlegende Be- 
dingung für einen Luftpakt ist, daß alle fünf Mächte ihm zustimmen 
müssen. Es ist nicht immer leicht, fünf Mächte zu einer Übereinstim- 
mung über irgend etwas zu bringen, sei es auch nur über die Verhand- 
lungsbasis, 

Im Falle des Luftpaktes ist der Sachverhalt der — - es führt zu 
nichts, Tatsachen zu übersehen — , daß einige der Regierungen, unter 
ihnen die französische, die Ansicht vertreten, daß der Frieden ein 
unteilbares Ganzes ist und daß man nicht zu einem Zeitpunkt ein 
Teilproblem behandeln kann, sondern daß alle Teilprobleme zusammen 
behandelt werden müssen. Wir wollen dieser Ansicht einmal Rechnung 
tragen; erlauben Sie mir, sie zu analysieren, damit wir sehen, wie weit 
sie durch die augenblickliche Situation gerechtfertigt ist, wie weit es 
eine Tatsache ist, daß der Frieden eins und unteilbar ist, und ob es un- 
möglich ist, sich mit einem Teilproblem zu beschäftigen, bevor man 
sich mit dem Gesamtproblem beschäftigt . . . 

Lassen Sie mich die Behauptung» daß der Frieden ein einziges 
Ganzes ist, dadurch illustrieren, daß ich versuche, eine Frage zu beant- 
worten. Es ist die Frage: Was hat Großbritannien mit einem Ostpakt 
zu tun? Das heißt mit einem Nichtangriffspakt in Osteuropa. Lassen 



m 



76 Deutschland - England [21 

Sie mich dem Hause erklären, was ich für Großbritanniens Interesse 
an einem Ostpakt halte, und desgleichen, was ich für das Interesse 
Großbritanniens an einem Nichtangriffspakt in Zentraleuropa halte. 
Es kann sich nicht um weitere Verpflichtungen handeln. Der Aus- 
schluß weiterer Verpflichtungen auf unserer Seite, worauf in der Ver- 
gangenheit häufig angespielt worden ist, schließt aber nicht unser 
Interesse an einer Regelung der Fragen aus. 

Es gibt viele Regierungen in Europa — ich brauche sie nicht zu 
nennen — , die das Zentrum und den Osten Europas für Gefahren- 
zonen halten. Einige gehen soweit zu glauben, daß eine Übereinkunft 
im Westen, beispielsweise über den Luftpakt, losgelöst von einer 
Regelung der übrigen Friedensfragen, die Gefahr im Osten noch größer 
machen würde, als sie jetzt ist. Ich kann zwar diese Befürchtungen nicht 
ganz teilen, stimme aber insofern bei, als ein Kriegsausbruch im Zen- 
trum oder im Osten Europas, nach unserer Erfahrung zu urteilen, 
wahrscheinlich zu einem allgemeinen Konflikt führen würde und daß 
es darum wesentlich ist, sich unverzüglich mit allen möglichen Ge- 
fahrenzonen zu befassen. Das ist der Grund, weswegen der britischen 
Regierung so sehr daran gelegen ist, einen Ost- und Donau-Nichtan- 
griffspakt sobald wie möglich abgeschlossen zu sehen. 

Es gab eine Zeit, in der der deutsche Reichskanzler einem Ostpakt 
ablehnend gegenüberstand. Die Vorschläge waren in einer Form ge- 
macht worden, die er nicht akzeptieren konnte. All das hat sich jedoch 
jetzt geändert. Der deutsche Kanzler willigte bei der Stresakonferenz 
ein, daß kein Einwand erhoben werden würde gegen den Abschluß 
von Beistandspakten durch andere, vorausgesetzt, daß von Deutsch- 
land nichts weiter erwartet wurde als Nichtangriffsverträge, Konsul- 
tativabkommen und die Beistandsverweigerung gegenüber dem An- 
greifer. Der deutsche Kanzler erklärte weiterhin in seiner letzten Rede : 
Die deutsche Reichsregierung ist grundsätzlich bereit, Nicht- 
angriffspakte mit ihren einzelnen Nachbarstaaten abzuschließen und 
diese durch alle Bestimmungen zu ergänzen, die auf eine Isolierung der 
Kriegführenden und eine Lokalisierung des Kriegsherdes abzielen. 

Die französische Regierung hat die deutsche Regierung davon be- 
nachrichtigt, daß sie die deutschen Vorschläge als Verhandlungs- 
grundlage annimmt. Ich glaube, der Donaupakt kann auf ähnliche 
Weise erreicht werden. Es besteht daher nach der Ansicht der Regie- 
rung Sr. Majestät keinerlei Grund mehr, daß der Abschluß eines Ost- 
paktes nicht schnelle Fortschritte machen sollte. Die Regierung Sr. 
Majestät hat der deutschen Regierung ihre Ansicht über diese Fragen 
ausführlich dargelegt. 

Es steht nun in der Macht des deutschen Kanzlers, einen wirk- 
lichen Beitrag für die Sache des Friedens zu liefern, einen Beitrag, der 
eine Ursache der Beunruhigung bei vielen Regierungen, nicht nur in 
Mittel- und Osteuropa, sondern auch in Westeuropa, beseitigen wird. 
Ich möchte wagen, ihn dringend zu bitten, diesen Beitrag zu geben. 
Ich glaube in der Tat, er würde seiner eigenen Sache dienen, wenn er 
diesen Beitrag lieferte. Er selbst sprach in seiner Rede vom 21. Mai 



22] 



Das Jahr 1935 



77 



sehr freimütig» und ich weiß, er wird nicht verstimmt sein, wenn ich 
ebenso freimütig spreche. Wir hier — und in der Tat die weite Welt — 
sind nicht nur durch Deutschlands Aufrüstungsprogramm, sondern 
aych durch gewisse andere Phänomene des neuen Deutschland beun- 
ruhigt worden. Nichtsdestoweniger haben wir den Kanzler bei seinem 
Wort genommen und haben erst in den letzten Wochen einen prak- 
tischen Beweis dafür gegeben, indem wir das Flottenabkomraen mit 
ihm abschlössen* 

(E: Parliamentary Debntes, Houstj of Commons, Bd. 304, Sp, 5J3ff, — D: 
Weltgeschichte der Gegenwart, Bd. 3» S. 30yrf.) 

Am 22. Juli 1936 ieille dm britische Hegierang der Iratizösiscken ihre 
Bereilschafi zum Abschluß bilateraler Abkommen innerhalb des Luft- 
paktes mit, Sie war also auch in diesem Punkte der französischen Forde- 
rung entgegengekommen, Sie machte aber die Voraussetzung, daß diese 
Abkommen nur das Zustandekommen eines allgemeinen Lufipakles tpe- 
fördern und nur mit ihm wirksam werden sollten. In einem Gespräch 
mit dem deutschen Botschafter von Hoesch vom 23. Juli 1935 entwickelte 
Hoare noch einmal den Standpunkt seiner Bede vom IL Juli: keine 
Forischriile in der Verhandlung des Luftpaktes ohne Fortscliritle in der 
Verhandlung des Ostpakies* Eine Weisung im Sinne dieses Junktimg 
erhielt der englische Geschäftslräger in Berlin am L August 1935, Am 
gleichen Tage vertrat Hoare diese Forderung abermals vor dem Unter- 
haus. Das Junktim wurde die These, mit der England im Verein mit 
Frankreich den Luflpakl endgültig sabolierle. 



Instruktion des Außenministers Sir Samuel Hoare an den britisdien '«^S. 
Geschäftsträger in Berlin, Newton, vom 23. Juli 1935 



Auf meine Bitte hat mich der Deutsche Botschafter heute nach- 
mittag aufgesucht. Im Unterhaus wurde bereits angefragt, ob der 
Reichskanzler irgendwie auf meinen Apell an ihn in der Außenministe- 
riumsdebatte vom 11. Juli geantwortet habe; auch verlautete in Berlin 
gerüchtweise^ daß die Deutsche Regierung selbst erwäge^ sich darüber 
zu beklagen, daß ich für die deutsche Lage nicht genügend Verständnis 
aufgebracht hätte. Unter diesen Umständen schien es für mich am 
besten, die strittigen Fragen sofort mit dem Botschafter zu besprechen. 

2. Zunächst sagte ich, daß ich sehr stark auf eine Antwort auf 
meine Bitte, der Kanzler möchte den Abschluß eines Ostpaktes er- 
leichtern, gehofft hatte. Der Botschafter wies auf den Abschluß des 
französisch-russischen Bündnisses hin, auf die Nutzlosigkeit des Faktes» 
sowie auf die Tatsache, daß ein Abschluß des Paktes das französisch- 
nisöische Bündnis wieder gutmachen würde. Ich erwiderte, daß ich 
als praktischer Mann in jedem Fall zu dem Schluß gekommen sei, daß 
der von der britischen, wie auch von der Deutschen Regierung ge- 
wünschte Luftpakt unerreichbar bleibt, wenn nicht gleichzeitig ein 



78 



Deutschland • England 



m 



Fortschritt in der Angelegenheit des Ostpaktes zu verzeichnen ist. 
War der Ostpakt so zwecklos, wie es die Deutschen hinstcüen, warum 
sollten sie dann zugeben, daO er einera von ihnen in Wirklichkeit ge- 
wünschten Luftabkommen im Wege steht? Der Botschafter erklärte 
daran fhin^ daß neben den deutschen Einwendungen auch noch von 
Polen Einwendungen erhoben würden und daß diese in den kürzlich 
stattgefundenen Unterredungen zwischen Herrn Beck und dem Reichs- 
kanzler in Berlin zur Sprache gekommen seien. 

3. Ich bestand weiterhin auf dem Ostpakt/Warum, fragte der Bot- 
schafter, bestand ich so sehr darauf? Warum hatte ich es in meiner 
Rede unterlassen, viele der anderen in der Reichskanzlerrede an wich- 
tiger Stelle vorgebrachten Fragen zu behandeln? Hierbei überreichte 
er mir ein Exemplar der Reichskanzlerrede und las mir auch eine ganze 
Reihe Absätze daraus vor. Ich sagte ihm, daß meine Rede keineswegs 
als Antwort auf die Reichskanzlerrede gedacht war. Die Antwort 
darauf ist bereits in der unmittelbar darauffolgenden Rede des Herrn 
Baldwin erfolgt. Meine Rede befaßte sich nur mit einem, und zwar 
nur mit dem einen Gegenstand, nämlich die Dinge wieder in Gang zu 
bringen, die stillzustehen schienen, und um auf einem Gebiet, das 
durch unüberwindliche Schwierigkeiten völlig blockiert zu werden 
drohte» wieder Bewegungsfreiheit zu bekommen. Gewiß wolle der 
Reichskanzler ebensoviel Bewegung wie ich. Tatsächlich schien mir 
der Wunsch nach Bewegung der eigentliche Inhalt seiner Rede zu 
sein. Wolle er denn nicht verstehen, daß, wenn es im Luftpakt Bewe* 
gung gfbt, es auch auf den anderen Gebieten, und insbesondere auf 
dem des Ostpaktes Bewegung geben muß? 

4. Der Botschafter versprach mir, alle meine Ausführungen im 
einzelnen sofort nach Berlin weiterzuleiten. Vor seinem Weggang 
machte er nochmals dieselbe Feststellung wie zu Beginn unserer 
Unterredung, nämlich daß die Deutsche Regierung die Tür vor dem 
Ostpakt nicht zugeschlagen habe, und daß, wenn auch für den Ab- 
schluß ernsthafte Schwierigkeiten beständen, doch keine gegenteilige 
Entscheidung getroffen sei. 

Samuel Hoare 
(E: Cmd. 5143. Nr. 34. ^ O: Eigeoe OberseUung.) 



23, Aus der Instruktion des AuBenministers Sir Samuel Hoare an den 
britischen Geschäftsträger in Berlin, Newton, vom 1. August 1935 



Ich bat den Deutschen Botschafter, heute morgen bei mir vorzu- 
sprechen zwecks Rücksprache über die Lage des Luftpaktes. Ich 
wiederholte zunächst, was ich schon oft vorher über die Notwendigkeit 
gesagt habe, die Verhandlungen über den Ostpakt in Angriff zu neh- 
men, wenn wir überhaupt eine Aussicht haben sollen, diesen Luftpakt 
in die Wege zu leiten. Der Botschafter wiederholte einige frühere Fest- 
stellungen über den Ostpakt, Er fügte jedoch hinzu, daß er mir er- 



25] Das Jahr 1935 79 

freulicherweise eine mündliche Nachricht seiner Regierung über die 
Stellung der Locamomächte unter dem französisch-russischen Vertrag 
übermitteln könne . . . 

(E: Cmd. 5143. Nr. 36. — D: Eigene Obersetzung.} 

Ao8 der Unterhaasrede des britischen Außenministers Sir Samuel 24. 
Hoare vom 1. August 1935 

Bezüglich der Frage eines Ostpaktes werden sich die Herren noch 
der gestern von mir erteilten Antwort entsinnen. Ich wiederhole sie 
nochmals. Ich betrachte den Abschluß eines Ostpaktes als eines der 
wichtigsten Momente auf dem Gebiet der europäischen Entwicklung. 
Mir ist es durchaus klar, daß, wenn wir auf dem Gebiet des Ostpaktes 
nicht weiterkommen, es sehr schwierig sein wird, einen befriedigenden 
Fortschritt mit dem Luftpakt und einigen anderen Maßnahmen zur 
Befriedung und Versöhnung Europas zu verzeichnen. Sie, meine 
Herren, dürfen versichert sein, daß ich diesen Standpunkt der Deut- 
schen Regierung, wie auch anderen europäischen Regierungen gegen- 
über weiterhin geltend machen werde. Ich selbst sehe keinen Grund, 
warum, so wie die Dinge augenblicklich liegen, ein Ostpakt nicht ab- 
geschlossen werden sollte, auch bin ich sicher, daß, wenn es zum Ab- 
schluß eines Ostpaktes kommt, dieser als eine Versöhnungsmaßnahme 
in Mittel- und Osteuropa angesehen und eine große Hilfe für den Ab- 
schluß eines Luftpaktes darstellen wird, weil er nicht nur von uns 
selbst, sondern auch von der Deutschen Regierung gewünscht wird. 

(E: Parliamentary Debates. House of Gommons. Bd. 304, Sp. 2962f. — D: 
Eigene Obersetzung.) 

Am S. August 1935 erhob die englische Regierung in einem Memo- 
randum an die Reichsregierung dringliche Vorslellungen, die auf den Ab- 
schluß eines kollektiven Nichtangriffspaktes hinzielten. 



Aus dem Memorandum der britischen Regierung vom 5. August 1935 25. 

Wenn die Deutsche Regierung es unterlaßt, so zu handeln und 
fortfährt, sich in dieser Sache auf das zu beschränken, was in der Rede 
des Kanzlers vom 21. Mai gesagt wurde, indem sie außerdem die Rede- 
wendung „Nachbarstaaten** eng auslegt als Staaten, welche an 
Deutschland angrenzen, dann scheint nicht zu erwarten, daß ein Fort- 
schritt gemacht werden kann. Es gäbe gewiß keine Hoffnung, daß die 
französische Regienmg befriedigt sein wird, und das Ergebnis wird so 
sein, wie es Herrn von Ribbentrop und dem deutschen Botschafter in 
London dargelegt wurde, daß die Aussichten auf den Luftpakt, dem 
Seiner Majestät Regierung und, wie sie bis jetzt verstanden hatten, 
auch die deutsche Regierung solch große Bedeutung beimessen, wohl 
eitel sein möchten. Seiner Majestät Regierung hofft daher ernstlich, 



M Deutachland - England [» 

daß die deutsche Regierung einwilligen wird, in einen kollektiven 
Sicherheitspakt auf Nicht-Angriff nicht nur Litauen (das Partner 
einer Lösung der Memelfrage ist), Polen und Tschechoslowakei, sondern 
auch Lettland, Estland und Rußland einzuschließen . . . 

Seiner Majestät Regierung wünscht daher die besondere Auf- 
merksamkeit des Kanzlers auf diese Bemerkungen zu lenken im Hin- 
blick auf den Nachdruck, welchen er in seiner Rede im Reichstag am 
21. Mai auf die Bedeutung einer friedlichen Regelung in Europa legte. 
In seiner Rede erklärte der Kanzler, daß die Deutsche Regierung zu 
jeder Zeit bereit wäre, an einem System kollektiver Zusammenarbeit 
zur Sicherung des Friedens in Europa teilzunehmen. Er bezog sich 
nicht nur auf das große Ziel, welches die Deutsche Regierung im Auge 
hatte, sondern gab seiner Meinung Ausdruck, daß solch ein Ziel nur 
Schritt für Schritt erreicht werden könnte. Diese Ansicht entspricht 
genau der von Seiner Majestät Regierung, und der Staatssekretär des 
Auswärtigen wiederholte sie im Unterhaus am 1. August. Unter diesen 
Umständen vertraut Seiner Majestät Regierung ernstlich darauf, daß 
sich der Kanzler als ersten Schritt zur Erfüllung des großen Zieles der 
Befriedung Europas, worauf er sich in seiner Rede bezog, zu einem 
kollektiven Nicht-Angriffspakt mit den 6 Oststaaten auf der Linie des 
deutschen Entwurfs, der Sir John Simon in Berlin mitgeteilt wurde, 
bereitfinden wird. 

Seiner Majestät Regierung wird dankbar sein, wenn ihre An- 
sichten in baldige und günstige Betrachtung gezogen werden können 
und hofft sehr, daß des Kanzlers Antwort einen schnellen Fortschritt 
in naher Zukunft in einer Angelegenheit, der sie soviel Bedeutung bei- 
mißt, erlauben wird. 

(E: Cmd. 5143. Nr. 37. — D: Eigene Übersetzung.) 

Seit dem Sommer 1935 wurden die Verhandlungen über Lufipaki, 
Oslpakl, Locarno und Kollekiivpaki durch den Ahessinischen Krieg, der 
am 3, Oktober 1935 ausbrach, und den neuen Vorstoß der Komintern in 
den Hintergrund gedrängt. Die britische Regierung hat auf diplomati- 
schem Wege noch mehrmals an die Beantwortung ihres Memorandums 
vom 5, August 1935 erinnert, Freiherr von Neurath teilte am 23, Oktober 
1935 dem englischen Botschafter in Berlin mit, daß eine Antwort unter 
den obwaltenden Umständen nicht opportun sei. Anfang Dezember 1935 
regte Sir E. Phipps an, die Verhandlungen über einen Luftpakl wieder 
zu eröffnen. Hoare beurteilte die Aussichten skeptisch. Er wollte auf 
keinen Fall die bekannten französischen Wünsche ignorieren. Immerhin 
gab er dem Botschafter in Berlin am 5. Dezember 1935 die Weisung, 
beim Führer festzustellen, „welche konkrete Bedeutung er Verhandlungen 
auf der Basis der Rede vom 21. Mai 1935 beimesse*'. Zu diesem Zweck 
erörterte er nochmals die dreizehn Punkte des deutschen Friedenspro- 
gramms. 

Es ist bezeichnend, mit welch unerhörter Oberflächlichkeil dabei ein 
so enbcheidend wichtiger Vorschlag wie der des Verbots des Bombenab- 
wurfs außerhalb von Kampfzonen von britischer Seite abgetan wurde. 



Das Jahr 1935 



81 



Nicht zuMzl war es auch diese Ünfähigkeii der Engländer^ große und 
auf den ersten Blick undurchführbar scheinende Vorschlage aufzugreifen 
Und ni verwirklichen, welche die deutsch-englischen Verhandlungen in 
allen Fragen immer wieder zum Scheitern verurteilten. 



Aus dem Telegramm des Außenministers Sir Samuel Hoare 

an den britisdien Botschafter in Berlin, Sir Eric Pliipps, 

vom 5. Dezember 1935 



26. 



6. Zur Orientierung von Ew. Exzellenz darf ich hier erklären, dnQ 
einii*« bei diesen Punkten aufgeworfene Fragen, namentlich bei Punkt 
l, 2, 3- 4 und 5 der Führerrede vom 21. Mai 1935, überhaupt keine 
Verl' -fragen sind, sondern grundsätzliche Meinungsäußerungen 



der i 



n Regierung. Andere von diesen Punkten (namentlich 



die Teile von Punkt 8 betr. Land- und Seestreitkräfte und Punkt 11 
betr, Seerüstung) behandeln entweder eine Frage (Landstreitkräfte), 
die jetxi sowohl von Deutschland ab auch von Frankreich als im Augen- 
blirk unlösbar bezeichnet wird^ oder Seefragen, die bereits im Flotten- 
abkommen vom letzten Juni beliandelt oder bei der Flottenkonferenz 
zu behandeln sind. Punkt 9 behandelt die Abschaffung von gewissen 
Waffen und Kriegführungsmethoden, insbesondere das Verbot des 
Bombenabwurfs außerhalb der Kampfzone; ich glaube, daß der Reichs- 
imzler, ebensowenig wie auch wir, der Ansicht ist, duQ dieses Ergebnis, 
»s von der Zustimmung vieler Mächte abhängt, in der allernächsten 
Zukunft erreicht werden dürfte. 

7. Die in den dreizehn Punkten, die in nicht allzuferner Zeit 
Gegenstand einer Aussprache sein dürften, enthaltenen Fragen sind: — 

1. Der Hinweis in Punkt 6 auf die Dereitwilligkeit der Deutschen 
Regierung zum Abschluß von zweiseitigen Nichtangriffspakten 
mit Nachbarstaaten; 

2. Der Hinweis in Punkt 7 und 8 auf den Luftpaki und Beschrän- 
kung der Luftstreitkräfte; 

3* Der Hinweis in Punkt 10 auf die Beschränkung von schweren 

Waffen; und 
4, Der Hinweis in Punkt 12 und 13 auf das Nichteingreifen in 

Österreich. 
{El Cmd. &143. Nr. 45. — D: Eigene Cber»etzui)g,) 



D^Uelüand^Englaiid 6 



1936 



■PlüMM 



r^^^^ -me^ 



t7] 



Das Jahr 1036 



85 



Ilätte der damalige britische Premierminister Baldwin nicht das an- 
maßende und überhebliehe Wort von der englischen Grenze am Rhein 
gepragl\)^ so wäre das Interesse Englands an dem wichtigsten Ereignis 
des Jahres 1936, an der \V tederherslellung der deutschen Wehrhoheit im 
Hheinland, völlig unversiändlich. Jenes Wori erleichtert das Verständnis 
der britischen Politik^ wenn auch nicht das Verständnis ihrer Berech- 
tigung. 

Am 7. März 19S6 waren die deutschen Truppen in das nach dem 
Locarno- Vertrag und nach Art. 42 ff. des Versailler Vertrages entmiU- 
larisierle Fiheinland einmarschierL Am Mittag desselben Tages gab der 
Fährer in einer Reichstagsrede die politischen und rechtlichen Gründe an, 
die Deulschland diesen Schritt erlaubten. Er besiätigle auch bei dieser 
Gelegenheil seinen beständigen Wunsch und sein aufrichtiges Bemühen 
um eine allgemeine Verständigung mit England und Frankreich. 



Aus der Keidistagsrede des Führers vom 7. März 1936 



27. 



ich habe mich in den letzten drei Jahren bemüht, langsam, aber 
stetig die Voraussetzungen für eine deutsch-französische Versiündigung 
zu schaffen. Ich habe dabei nie einen Zweifel darüber gelassen^ daß zu 
den Voraussetzungen dieser Verständigung die absolute Gleichberech- 
tigung und damit die gleiche Rechts Wertung des deutschen Volkes 
und Staates gehört. Ich habe aber be\Mißt in dieser Verständigung 
nicht nur ein Problem gesehen, das auf den Wegen von Pakten gelöst 
wird, sondern ein Problem, das zunächst den beiden Völkern psycho- 
logisch nahegebracht werden muß, da es nicht nur Verstandes-, sondern 
auch gefühlsmäßig vorbereitet werden soll. Ich habe daher auch oft 
den Vorw^irf bekommen, daß meine Freundschaftsangebote keine 
konkreten Vorschläge enthalten hätten. Dies ist nicht richtig. Was 
konkret zur Entspannung der deutsch-französischen Beziehungen 
überhaupt vorgeschlagen werden konnte, habe ich auch mutig konkret 
vorgeschlagen. 

Ich habe einst nicht gezögert, mich dem konkreten Vorschlag 
einer Rüstungsbegrenzung von 200 000 Mann anzuschließen. Ich habe 
mich, als dieser Vorschlag dann von den verantwortlichen Verfassern 



^ g, oben S. 42. 



86 Deutschland - England f 

selbst preisgegeben wurde, mit einem ganz konkreten neuen Vorschlag 
ao das französische Volk und an die europäischen Regierungen ge- 
wandt. Auch der 300 OOO-Mann-Vorschlag erfuhr Ablehnung. 

Ich habe eine ganze Reihe weiterer konkreter Vorschläge zur Ent- 
giftung der öffentlichen Meinungen in den einzelnen Staaten und zur 
Reinigung der Kriegführung und damit letzten Endes zu einer wenn 
auch langsamen, so aber sicheren Abrüstung gebracht. Es ist ein ein- 
ziger dieser deutschen Vorschläge wirklich berücksichtigt worden. 
Der realistische Sinn einer englischen Regierung hat meinen Vor- 
schlag der Herstellung einer dauernden Relation zwischen der deut- 
schen und englischen Flotte, die ebenso den Bedürfnissen der deut- 
schen Sicherheit entspricht, wie umgekehrt Bedacht nimmt auf die 
enormen überseeischen Interessen eines großen Weltreiches, ange- 
nommen, und ich darf wohl darauf hinweisen, daO bis heute noch dieses 
Abkommen der praktisch einzig existierende wirkliche verständnisvolle 
und daher gelungene Versuch einer Rüstungsbegrenzung geblieben ist. 
Die Reichsregierung ist, wie Sie wissen, bereit, diesen Vertrag durch 
eine weitere qualitative Abmachung mit England zu ergänzen. 

Ich habe den sehr konkreten Grundsatz ausgesprochen, daß die 
Sammel Programme einer internationalen Paktomanie ebenso w^enig 
Aussicht auf Verwirklichung besitzen wie die Generalvorschläge einer 
unter solchen Umständen von vornherein schon als undurchführbar 
erwiesenen Weltabrüstung. Ich habe demgegenüber betont, daß nur 
schrittweise an diese Fragen herangetreten werden kann, und zwar 
nach der Richtung des vermutlich geringsten Widerstandes hin. Ich 
habe aus dieser Überzeugung heraus den konkreten Vorschlag auch 
für einen Luftpakt entwickelt, unter der Zugrundelegung gleicher 
Stärken für Frankreich, England und Deutschland. Das Ergebnis 
war zunächst eine Mißachtung dieses Vorschlages und dann die 
Hereinführung eines neuen, in seinem militärischen Ausmaß unbe- 
rechenbaren osteuropäisch-asiatischen Faktors in das europäische 
Gleichgewichtsfeld . 

Ich habe mich jahrelang also mit konkreten Vorschlägen abge- 
geben, altein ich stehe nicht an zu erklären, daß mir mindest ebenso 
wichtig wie die sogenannten konkreten Vorschläge die psychologische 
Vorbereitung für die Verständigung erschienen ist, und ich habe auf 
dem Gebiete mehr getan, als ein aufrichtiger fremder Staatsmann 
jemals überhaupt auch nur erhoffen durfte. 

Ich habe die Frage der ewigen europäischen Grenzrevisionen aus 
der Atmosphäre der öffentlichen Diskussion in Deutschland genommen. 
Man steht leider nur zu oft auf dem Standpunkt — und dies gilt be- 
sonders für ausländische Staatsmänner — , daß dieser Einstellung und 
ihren Handlungen keine besondere Bedeutung zukommt. Ich darf 
darauf hinweisen, daß es mir genau so möglich gewesen wäre, als 
Deutscher die Wiederherstellung der Grenzen vom Jahre 1914 mo- 
ralisch als mein Programm aufzustellen und pubhzistisch und orato- 
risch zu vertreten, so wie das etwa französische Minister und Volks- 
fübrer nach dem Jahre 1871 getan haben. 



[2™ 



27] Das Jahr 1936 87 

Meine Herren Kritiker sollen mir auch auf diesem Gebiet nicht 
jede Fähigkeit absprechen. Es ist viel schwerer für einen Nationa- 
listen, einem Volk zur Verständigung zuzureden, als das Um- 
gekehrte zu tun. Und es würde für mich wahrscheinlich leichter ge- 
wesen sein, die Instinkte nach einer Revanche aufzupeitschen, als das 
Gefühl für die Notwendigkeit einer europäischen Verständigung zu 
erwecken und dauernd zu vertiefen. — Und dieses habe ich getan! 
Ich habe die deutsche öffentliche Meinung von Angriffen solcher Art 
gegen unsere Nachbarvölker befreit. 

Ich habe aus der deutschen Presse jeden Haß gegen das französi- 
sche Volk entfernt. Ich bemühte mich, in unsere Jugend das Verständ- 
nis für das Ideal einer solchen Verständigung hineinzubringen, und 
zwar sicher nicht erfolglos. Als vor wenigen Wochen die französischen 
Gäste in das Olympische Stadion in Garmisch-Partenkirchen einzogen, 
da hatten sie vielleicht Gelegenheit festzustellen, ob und inwieweit 
mir eine solche innere Umstellung des deutschen Volkes gelungen ist. 

Diese innere Bereitwilligkeit aber, eine solche Verständigung zu 
suchen und zu finden, ist wichtiger als ausgeklügelte Versuche von 
Staatsmännern, die Welt in ein Netz juristisch und sachlich undurch- 
sichtiger Pakte zu verspinnen. 

Dieses Bestreben von mir war aber doppelt so schwer, weil ich 
in derselben Zeit Deutschland aus der Verstrickung eines Vertrages 
lösen mußte, der ihm seine Gleichberechtigung raubte, an dessen Auf- 
rechterhaltung aber — ob mit Recht oder Unrecht ist nebensächlich — 
das französische Volk geglaubt hat interessiert sein zu müssen. 

Ich habe dabei gerade als deutscher Nationalist für das deutsche 
Volk noch ein weiteres besonders schweres Opfer bringen müssen. Es 
ist bisher, wenigstens in der neueren Zeit, noch nie versucht worden, 
nach einem Krieg dem Verlierer souveräne Hoheitsrechte über große 
und alte Teile seines Reiches einfach abzusprechen. Ich habe nur im 
Interesse dieser Verständigung dieses schwerste Opfer, das man uns 
politisch und moralisch aufbürden konnte, getragen und wollte es 
weiter tragen, nur weil ich glaubte, einen Vertrag aufrechterhalten 
zu sollen, der vielleicht mithelfen konnte, die politische Atmosphäre 
zwischen Frankreich und Deutschland und England und Deutschland 
zu entgiften und das Gefühl einer Sicherheit auf allen Seiten zu ver- 
breiten. 

Ja, darüber hinaus habe ich oft und auch hier in diesem Hause die 
Auffassung vertreten, daß wir nicht nur bereit sind, diesen schwersten 
Beitrag für die europäische Friedenssicherung zu tragen, solange auch 
die anderen Partner ihre Verpflichtungen erfüllen, sondern daß wir 
in diesem Vertrage überhaupt den einzig möglichen, weil konkreten 
Versuch einer europäischen Sicherung erblicken wollen. 

Ihnen, meine Abgeordneten, ist der Inhalt und der Sinn dieses 
Vertrages bekannt. Er sollte zwischen Belgien und Frankreich einer- 
seits und Deutschland andererseits für alle Zukunft die Anwendung 
von Gewalt verhindern. Durch die schon vorher abgeschlossenen 
Bündnisverträge Frankreichs ergab sich leider die erste, wenn auch 



88 Deutschland - England [28 

den Sinn dieses Rheinpaktes noch nicht aufhebende Belastung. 
Deutschland leistete zu diesem Pakt den schwersten Beitrag, denn 
während Frankreich seine Grenze in Erz, Beton und Waffen armierte 
und mit zahlreichen Garnisonen versah, wurde uns die fortdauernde 
Aufrechterhaltung einer vollkommenen Wehrlosigkeit im Westen 
aufgebürdet. Dennoch haben wir auch dies erfüllt in der Hoffnung, 
durch einen solchen, für eine Großmacht so schweren Beitrag dem 
europäischen Frieden zu dienen und der Verständigung der Völker 
zu nützen. 

(Verhandlungen des Reichstags, Bd. 458, S. 6*Jff.) 

Es war bezeichnend^ daß die durch Außenminister Eden vor dem 
Unterhaus bekanntgegebene Stellungnahme der britischen Regierung 
weder auf die tieferen Rechtsgründe des deutschen Vorgehens, noch auf 
die Wiederholung des deutschen Verständigungswunsches einging^ sondern 
sich auf den formalistischen Einwand beschränkte, Deutschland habe 
durch die einseitige Auflösung des Locarno-Vertrages die internationale 
Lage erschwert. 

28. Aus der Unterhausrede des britisdien Außenministers Eden vom 
9. März 1936 zur Wiederbesetzung des Rheinlandes 

Nach dem Empfang dieser Mitteilung durch den deutschen Bot- 
schafter erklärte ich Sr. Exzellenz, daß er irgendwelche ins einzelne 
gehende Bemerkungen über ein Dokument von dieser Bedeutung 
nicht von mir erwarten könne, ehe ich nicht Gelegenheit gehabt 
hätte, es durchzuarbeiten und mich mit meinen Kollegen über die 
dadurch geschaffene Situation zu besprechen. 

Gleichzeitig sagte ich Sr. Exzellenz, daß ich eine Bemerkung aller- 
dings sofort machen müsse. Ich sprach mein tiefes Bedauern aus über 
die Mitteilung, die mir der Botschafter über die Aktion der deutschen 
Regierung hinsichtlich der entmilitarisierten Zone gemacht hatte. 
Der deutsche Botschafter werde würdigen können, daß dies auf die 
einseitige Aufhebung eines freiwillig eingegangenen und freiwillig 
unterzeichneten Vertrages hinauslaufe. 

Ich hatte eine deutliche Erinnerung an die Erklärung, die mir der 

Reichskanzler bei unserem ersten Zusammentreffen in Berlin über den 

Locamovertrag machte. Er machte eine klare Unterscheidung zwi- 

len diesem Vertrag und dem Vertrag von Versailles und betonte, 

Deutschland den Locamovertrag freiwillig unterzeichnet hätte. 

Ich sagte dem Botschafter, daß mir die Auffassung der deutschen 

ierung hinsichtlich der Auswirkungen des französisch-sowjctrussi- 

jen Paktes auf den Locamovertrag bekannt sei. Diese Auffassung 

*de jedoch von den übrigen Signatarmächten des Vertrages nicht 

ilt, und wenn die deutsche Regierung trotz der Ansicht der übrigen 

atarmächte ihre Schlußfolgerungen noch aufrechterhalte, dann 

i ein geeignetes Schiedsverfahren zu ihrer Verfügung. 



Das Jahr 1936 80 



Ich fürchtete, daß die unvermeidliche Wirkung der einseitigen 
Aufhebung dieses Vertrages auf die Regierung Sr. Majestät und auf 
die öffentliche Meinung in Großbritannien bedauerlich sein würde. 

Was nun den letzten Teil der Mitteilung des Botschafters betrifft, 
80 erklärte ich, daß die Regierung Sr. Majestät diesen genau prüfen 
müsse, aber daß die Erklärung über die deutsche Haltung gegenüber 
dem Völkerbund zweifellos außerordentlich bedeutungsvoll sei. Der 
Botschafter unterrichtete mich daraufhin, daß die Entscheidung der 
deutschen Regierung hinsichtlich des Völkerbundes weitgehend ihrem 
Wunsch zuzuschreiben sei, den häufig von dem Premierminister und 
mir geäußerten Ansichten entgegenzukommen, in denen wir nach- 
drücklich betonten, daß die Politik der Regierung Sr. Majestät sich 
auf den Völkerbund und die kollektive Sicherheit gründet. 

Deutschland, sagte er, sei bereit, sich dieser Politik anzuschließen, 
und knüpfe keine Bedingungen an seine Rückkehr in den Völkerbund. 

Wenn die deutsche Regierung erwarte, daß die Völkerbunds- 
satzung im geeigneten Zeitpunkt aus dem Versailler Vertrag gelöst 
und die Frage der kolonialen Gleichberechtigung geregelt würde, seien 
dies keine Bedingungen, sondern Verhandlungsgegenstände nach voll- 
zogener Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund. 

Ich beabsichtige nicht die Bedeutung der deutschen Mitteilung, 
über die ich dem Hause berichtet habe, zu unterstreichen. Gleich- 
lautende Memoranden sind den übrigen Signatarmächten des Locarno- 
vertrages, nämlich Frankreich, Italien und Belgien, übermittelt 
worden. 

Bevor ich jedoch zu Bemerkungen allgemeiner Art übergehe, 
möchte ich das Haus über die Schritte unterrichten, die in der un- 
mittelbaren Zukunft getan werden müssen. 

Die französische und die belgische Regierung haben mit vollem 
Wissen und im Einverständnis mit der Regierung Sr. Majestät be- 
antragt, daß der Völkerbundsrat sobald als möglich einberufen werden 
soll, um die Sachlage zu prüfen. Ich muß dabei betonen, daß der 
Völkerbundsrat das für diesen Zweck zuständige Organ ist. 

Der Rat wird, wie verlautet, am nächsten Freitag zusammen- 
treten, und vor dieser Tagung kann natürlich keine Entscheidung 
getroffen werden. Aber morgen wird in Paris ein Meinungsaustausch 
stattfinden zwischen den Vertretern der vier Locarnomächte ohne 
Deutschland, der übermorgen in Genf fortgesetzt werden wird. Die 
Regierung Sr. Majestät wird bei diesen Besprechungen durch den 
Lordsiegelbewahrer Lord Halifax und mich vertreten sein. 

Ich habe dem Haus nun einen Bericht über die jüngsten Ereig- 
nisse gegeben, mit einigen Anmerkungen dazu. Ich habe dem Haus 
außerdem die Einzelheiten des in der nächsten Zukunft einzuschlagen- 
den Verfahrens, soweit sie mir bekannt sind, mitgeteilt. 

Aber die ehrenwerten Mitglieder werden zweifellos schon jetzt 
einige Andeutungen erwarten über die Gedanken und Absichten, 
mit denen die Vertreter der Regierung Sr. Majestät in Genf an ein 
Problem herangehen müssen, dessen Entwicklung bis jetzt noch in 



00 



Deutachland * England 



[29 



einigen wichtigen Punkten undurchsichtig ist. Das ist sicherlich 
wünschenswert, denn niemand kann die Bedeutung der stabilisieren- 
den Kraft einer klarsichtigen und einigen britischen Meinung auf die 
europäischen Angelegenheiten in diesem kritischen Zeitpunkt übersehen. 
Wir wollen uns nicht täuschen, der Kurs, den die deutsche Re- 
gierung eingeschlagen hat, indem sie einseitig Verpflichtungen aufhob, 
die sie freiwillig eingegangen ist, und indem sie gleichzeitig so handelt, 
als ob diese Verpflichtungen nicht beständen, kompliziert und er- 
schwert die internationale Lage. 

(E: Parliomentary Debates. Hause of Commons. Bd. 309, Sp. 181411.. — D: 
Weltgeschichte der Gegenwart, Bd. 3. S. 3641.) 

Verhandlungen über gewisse Einschränkungen der Bemilifarisierung 
des Bheinlandes, zu denen Deubchland bereil war^ scheiierlen daran^ 
daß von englischer Seite Forderungen gestellt wurden^ die nach wie vor 
eine schwere und durch nichts begründete einseilige Bescfiränkung der 
deutschen Hoheitsrechle bedeutet hallen. Es kam daher — ähnlich wie 
ein Jahr vorher in der Frage der deutschen Wehrfreiheil — zu einer er- 
neulen Diskriminierung Deutschlands durch den in London lagenden 
Völkerbundsrat. 



'^' Amtliche Verlautbarung über die Mitteilung des britischen 

ÄuBenministers Eden an den deulsdien Botschafter in London 
vom 11. März 1936 



Es wurde bekanntgegeben, daß Herr Eden nach der außerordent- 
lichen Sitzung des Kabinetts am Mittwochabend den deutschen Bot- 
schafter Herrn von Hoesch sah und ihm sagte» daß man die ernste Be- 
urteilung der gegenwärtigen Situation durch die britische Regierung 
schwerlich übertreiben könne, Herr Eden teilte dem Botschafter mit, 
daß am folgenden Tag eine zweite Sitzung der Locarnomüchte statt- 
finden würde und daß sich die britische Regierung daher berechtigt 
fühlte, Herrn Hitler zu bitten, sobald als möglich einen spontanen 
Beitrag zu einer Regelung zu liefern, 

Herr Eden gab dann den Umfang des zu leistenden spontanen 
Beitrags an. Er schlug vor, die deutsche Regierung möge, um die Auf- 
richtigkeit ihrer Wünsche darzutun, 

L alle Truppen bis auf eine symbolische Zahl aus der Rheinland- 
zone zurückziehen; 

2. die Zahl nicht vermehren; 

3. es übernehmen, die Zone nicht zu befestigen, wenigstens nicht 
während des Zeitraumes, der nötig sei, um die Pakte zu ver- 
handeln und die internationale Situation einzurenken. 

'«'r (Herr Eden) sei sicher, daß, wenn die deutsche Regierung eine 
^ntane Geste machen würde, dies ein wertvoller Beitrag zur 
lung der internationalen Situation sein würde, 
e Times vom 13. März 1936. — D: Eigene Übersetzung.) 



32] Das Jahr 1936 91 

Amtliche Verlautbamng über die Mitteilung des deutsdien 30. 

Botsdiafters in London vom 12. März 1936 an Außenminister Eden 

Eine Diskussion über dauernde oder vorübergehende Beschrän- 
kungen unserer Souveränität in der Rheinlandzone kann für uns nicht 
in Betracht kommen. 

Um der französischen Regierung ein Eingehen auf die deutschen 
Vorschläge zu erleichtern, will der Führer und Reichskanzler aber 
seine von Anfang an bekundete Absicht, die Wiederherstellung der 
Souveränität im Rheinland zunächst nur symbolisch in Erscheinung 
treten zu lassen, in folgender Weise präzisieren: 

Die Stärke der im Rheinland friedensmäßig in Garnisonen sta- 
tionierten Truppen wird vorerst nicht erhöht werden. 

Es besteht bis auf weiteres nicht die Absicht, diese Truppen näher 
an die französische oder belgische Grenze heranzuführen. 

Das vorstehend gekennzeichnete Maß der militärischen Wieder- 
besetzung des Rheinlandes gilt für die Dauer der schwebenden Ver- 
handlungen. Dies setzt allerdings eine gleiche Einstellung auch auf 
französischer und belgischer Seite voraus. 
(DNB. vom 13. Mftrz 1936.) 

Resolution des Völkerbundrates vom 19. März 1936 31 . 

Der Völkerbundrat stellt auf Ersuchen Belgiens und Frank- 
reichs vom 8. März 1936 fest, daß die Deutsche Regierung gegen Artikel 
43 des Versailler Vertrages verstoßen hat, indem sie am 7. März 1936 
militärische Streitkräfte in die durch die Artikel 42ff. des besagten 
Vertrages und durch den Locarnopakt demilitarisierte Zone einrücken 
und dort Fuß fassen ließ, und fordert den Generalsekretär in Anwen- 
dung von Artikel 4 Abs. 2 des Locarnopaktes auf, den Signatar- 
mächten dieses Paktes von dieser Feststellung Mitteilung zu machen. 

(F: S. d. N. Journal Officiel, April 1936, S. 340. — D: Berber: Locarno- 
S. 287 f.) 

Wenn auch die britische Regierung in dieser ihre Lebensinteressen 
überhaupt nicht berührenden Frage nicht bereit war, einem Sanktionsvor- 
schlag zuzustimmen^ so gingen die von ihr an Deutschland gestellten Zu- 
mutungen doch so weit, daß Außenminister Eden sich genötigt sah, auch 
in der englischen Öffentlichkeit lautgewordene Bedenken zu beschwichtigen. 

Aus der Unterhausrede des britisdien Außenministers Eden 32. 

vom 26. März 1936 

Es ist kein Geheimnis, welche Haltung die französische und die 
belgische Regierung einnahmen. Sie erklärten, daß es ihnen nicht 
möglich wäre, mit Deutschland zu verhandeln, bevor irgendeine 
Aktion in die Wege geleitet sei, die zeigte, daß die Gültigkeit inter- 
nationaler Verträge aufrechterhalten bliebe. Als wir fragten, welche 



92 Deutschland - England [32 

Vorschläge sie in dieser Richtung machten, sagte uns die französische 
Regierung, daß es ihrer Ansicht nach notwendig sei, daß Deutschland 
seine Truppen aus der Zone zurückziehen solle, in die es entgegen den 
Verpflichtungen eines von ihm unterzeichneten Vertrages einmar- 
schiert war. Als wir fragten, wie diese Forderung durchgesetzt werden 
sollte, wenn Deutschland sich weigern würde, wurde uns geantwortet: 
Wenn die Zurückziehung auf keine andere Weise erreicht werden 
könnte, dann sollte sie durch einen steigenden Druck, beginnend mit 
finanziellen und wirtschaftlichen Sanktionen, durchgesetzt werden. 
Wir teilten diesen Standpunkt nicht. Wir verkannten wieder die 
Schwere des begangenen Vertragsbruches noch die Folgen für Europa, 
aber wir hielten es für unsere gebieterische Pflicht zu versuchen, durch 
Verhandlungen das Vertrauen wiederherzustellen. Dies war unser Ziel 
von der ersten Stunde an in diesen kritischen vierzehn Tagen ; wir haben 
durchweg versucht, wiederaufzubauen. Aber — wir müssen dieser Tat- 
sache insAuge sehen — es ist unmöglich wiederaufzubauen, wenn nicht die 
Grundlagen gut und wahrhaftig gelegt werden können, und die Grund- 
lagen können dann nicht gut und w^ahrhaftig gelegt werden, wenn 
einige Beteiligte glauben, daß das Gebäude schließlich doch nur das 
Schicksal seiner Vorgänger teilen wird. Es ist unsere Aufgabe gewesen, 
eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, in der diese Verhand- 
lungen stattfinden konnten. Dies waren allgemein die Gesichtspunkte 
beim Beginn. 

Wir dachten, der Lordsiegelbewahrer und ich, daß es bei der Be- 
schaffenheit der gegenwärtigen Phase internationaler Beziehungen klug 
wäre zu versuchen, unsere Kollegen dahin zu bringen, daß der Schau- 
platz der Verhandlungen von Paris nach London verlegt würde. Sie 
willigten ein, und das Ergebnis war, daß die Tagungen des Rates und 
der Locarnomächte in London stattfanden. Es waren viele Tage an- 
gespannter und sogar kritischer Verhandlungen. Der schwierige Kern- 
punkt unseres Problems blieb immer: Wie sollte das internationale 
Recht verteidigt werden? Wie sollten wir — woran uns selber am 
meisten lag — diese schwierige vorläufige Periode überbrücken, bis 
die Verhandlungen beginnen konnten? Das Weißbuch enthält drei 
Vorschläge für diesen Zweck. Es fordert Deutschland auf, dreierlei zu 
tun: den Streit über das Verhältnis vom französisch-sowjetrussischen 
Pakt zum Locarnopakt vor den Haager Gerichtshof zu bringen; eine 
Befestigung der entmilitarisierten Zone zu unterlassen und einer inter- 
nationalen Truppe für die vorläufige Periode zuzustimmen. 

Ich möchte jeden in diesem Hause, der diese Forderung für zu 
weitgehend hält, bitten, sich an unseren Ausgangspunkt in Paris zu 
erinnern, an die Forderung, die damals erhoben wurde, und die ganz 
folgerichtig und berechtigt auf Grund des Wortlautes des Vertrages 
selbst erhoben werden konnte. Ich muß klarstellen, daß diese Vor- 
schläge stets Vorschläge gewesen sind. Sie sind kein Ultimatum, 
noch weniger ein „Diktat". Wenn bei der internationalen Truppe die 
Schwierigkeit läge, und wenn die deutsche Regierung einige andere 
positive Vorschläge statt dessen machen könnte, dann würde die Re- 



331 I^as ^^^^ 193G ^3 

gierung Sr. Majestät völlig bereit sein, an die übrigen beteiligten 
Mächte heranzutreten und zu versuchen, ihre Zustimmung dazu zu 
erhalten; aber man muß zugeben, daß ohne einen positiven Beitrag 
von deutscher Seite die Aufgabe derer, deren einziges Ziel und ein- 
ziger Ehrgeiz die Ermöglichung dieser Verhandlungen ist, fast un- 
möglich ist. 

(E: Parliamentary Debates. House of Commons. Bd. 310, Sp. 1443 ff. — D: 
Weltgeschichte der Gegenwart, Bd. 3, S. 419 f.) 

Der Führer hal sich durch das Verhalten der britischen Regierung 
in der Bheinlandfrage — das im übrigen in einem bemerkenswerten 
Gegensatz zur öffentlichen Meinung in England stand — nicht entmutigen 
lassen, seine konstruktiven Pläne für die Neuordnung Europas in einem 
großzügigen Friedensplan niederzulegen^ der den Westmächten am 
31. März 1936 in Form eines Memorandums übergeben wurde, 

Memorandum der Reidbsregierung vom 31. März 1936 33. 

(Deutsdier Friedensplan) 

Mit aufrichtiger. Zustimmung hat die Deutsche Regierung von 
dem Botschafter v. Ribbentrop erfahren, daß es der Wunsch der 
Britischen Regierung und des britischen Volkes ist, baldmöglichst mit 
den praktischen Arbeiten für eine wahre Befriedung Europas zu be- 
ginnen. Dieser Wunsch deckt sich mit den innersten Absichten und 
Hoffnungen des deutschen Volkes und seiner Führung. Es erfüllt 
daher die Deutsche Regierung mit um so größerem Bedauern, daß sie 
nicht in der Lage ist, in dem ihr am 20. März übergebenen Entwurf 
der Vertreter der Locarnomächte eine taugliche und fruchtbare Grund- 
lage für die Einleitung und Durchführung einer solchen wahrhaften 
Friedensarbeit erkennen zu können. 

Es fehlt diesem Entwurf in den Augen des deutschen Volkes und 
in den Augen seiner Regierung jener Geist des Verständnisses für die 
Gesetze der Ehre und Gleichberechtigung, die im Leben der Völker 
zu allen Zeiten die erste Voraussetzung für die Abmachung freier und 
damit geheiligter Verträge bilden. 

(2) 1 , Die Deutsche Regierung glaubt es dem heiligen Ernst der in 
Frage stehenden Aufgabe schuldig zu sein, sich in der Feststellung der 
negativen Seite des ihr übergebenen Memorandums auf das Allernot- 
wendigste zu beschränken. Sie will aber dafür versuchen, durch eine 
Erweiterung und Klärung ihrer am 7. März ausgesprochenen Vor- 
schläge von ihrer Seite aus den Beginn einer konkreten Arbeit der 
europäischen Friedenssicherung zu erleichtern. 

(3) Zum Verständnis ihrer «Ablehnung der einzelnen diskriminieren- 
den Punkte sowie zur Begründung ihrer konstruktiven Vorschläge muß 
die Deutsche Regierung folgendes grundsätzlich erklären: 

Die eingeklammerten Zahlen stammen aus der englischen Obersetzung des 
deutschen Memorandums und sind in den Text hier oben eingeschaltet worden, 
weil der britische Fragebogen (u. S. 101 ff.) auf die Zahlen mehrfach Bezug nimmt. 



94 



Deutschland * England 



13^ 



(4) Die Deutsche Regierung hat soeben vom deutschen Volk unter 
anderem ein feierliches Genera Imandat erhalten zur Vertretung des 
Reiches und der deutschen Nation nach zwei Richtungen: 

1. Das deutsche Volk ist entschlossen, unter allen Umständen seine 
Freiheit^ seine Selbständigkeit und damit seine Gleichberechtigung 
EU wahren. Es sieht in der Vertretung dieser natürlichen internatio- 
nalen Grundsätze des staatlichen Lebens ein Gebot der nationalen 
Ehre und eine Voraussetzung für jede praktische Zusammenarbeit der 
Völker, von der es unter keinen Umständen mehr abgehen wird, 

2. Das deutsche Volk wünscht aus aufrichtigstem Herzen mit 
allen seinen Kräften mitzuhelfen am großen Werk einer atigemeinen 
Versöhnung und Verständigung der europäischen Nationen zura 
Zweck der Sicherung des für diesen Kontinent, seine Kultur und seine 
Wohlfahrt so notwendigen Friedens. 

(5) Dies sind die Wünsche des deutschen Volkes und damit die 
Verpflichtung der Deutschen Regierung. 

(6) Die Deutsche Regierung möchte weiter in Anlehnung an ihre in 
der vorläufigen Note vom 24, März 1936 schon mitgeteilte grundsätz- 
liche Einstellung noch folgendes bemerken: 

A. Deutschland hat im Jahre 1918 den Waffenstillstand abge- 
schlossen auf Grund der 14 Punkte Wilsons, Diese sahen keinerlei Ein- 
schränkung der deutschen Souveränität im Rheinland vor. Im Gegen- 
teil: Der hauptsächlichste Grundgedanke dieser Punkte war» durch 
eine neue Völkerordnung einen besseren und dauerhaften Frieden auf- 
zubauen. Er sollte im weitesten Umfange dem Selbstbestinimungs- 
recht gerecht werden, und zwar ohne Rücksicht auf Sieger oder Be- 
siegte ! 

B. Der Königlich Britische Außenminister hat in seiner Rede vom 
26. März über die entmilitarisierte Zone mitgeteiUi daO diese letzten 
Endes nur als Ablösung für eine eigentlich von Frankreich im Jahre 
1918 angestrebte Lostrennung des Rheinlandes errichtet wurde. Aus 
dieser Feststellung ergibt sich, daß die entmilitarisierte Zone selbst 
nur als Folge der vorausgegangenen Verletzung einer auch die Alliierten 
bindenden Verpflichtung entstanden ist, 

C. Die Demilitarisierungsbestimmungen des Versaiüer Vertrages 
basierten demnach selbst auf der Verletzung einer Deutschland ge- 
gebenen Zusicherung und besaßen als einziges rechtliches Argument 
nur die Gewalt. Sie sind vom Versailler Vertrag in den Locarnopakt 
übernommen worden nach einer neuerlichen Rechtsverletzung, näm- 
lich der Besetzung des Ruhrgebietes, die selbst von englischen Kron- 
juristen als Rechtsbruch bezeichnet worden ist, 

D. Der sogenannte ,, freiwillige Verzicht** auf die Souveränität 
Deutschlands in diesen westlichen Provinzen des Reiches ist mithin 
eine Folge des Versailler Diktats und einer Kette von sich hier an- 
schließenden schwersten Bedrückungen des deutschen Volkes, wobei 
insbesondere hingewiesen werden muß auf die furchtbare Not- und 
Zwangslage des Reiches infolge der Rheinlandbesetzung. 

I (7) Wenn daher von Seiten der Britischen Regierung heute erklärt 



33] Da6 Jahr 1936 95 

wird, daß man wohl von einem Diktat von Versailles gesprochen habe, 
aber doch niemals von einem Diktat von Locarno, so muß die Deutsche 
' Regierung mit der Gegenfrage antworten : 

„Gab es oder kann es überhaupt in der Welt ein großes Volk 
geben, das freiwillig und ohne äußersten Zwang einseitig auf seine 
Hoheitsrechte, und zwar in diesem Fall auf das primitivste Recht 
der Verteidigung seiner eigenen Grenze verzichtet hat oder verzichten 
würde?** 

(8) Trotzdem aber hat das deutsche Volk diesen Zustand 17 Jahre 
lang ertragen und noch am 21. Mai 1935 erklärte der Deutsche Reichs- 
kanzler, daß „die Deutsche Reichsregierung in der entmilitarisierten 
Zone einen für einen souveränen Staat unerhört schweren Beitrag zur 
Beruhigung Europas sieht*', und daß die Reichsregierung „alle aus 
dem Locarnovertrag sich ergebenden Verpflichtungen so lange halten 
wird, als auch die anderen Vertragspartner bereit sind, zu diesem 
Pakt zu stehen**. 

(9) Die Deutsche Reichsregierung hat bereits in ihrer vorläufigen 
Note vom 24. März 1936 darauf hingewiesen, daß der von Frankreich 
mit Sowjetrußland abgeschlossene militärische Vertrag dem Locarno- 
pakt sowohl die rechtliche als aber besonders die politische Grund- 
lage und damit die Voraussetzung seiner Existenz entzogen hat. Es 
erübrigt sich, hierauf noch einmal näher einzugehen. Denn: 

Es ist kein Zweifel, daß die Tendenz, Europa mit Militärbünd- 
nissen zu durchziehen, überhaupt dem Geist und Sinn der Aufrichtung 
einer wirklichen Völkergemeinschaft widerspricht. Es wächst die 
große Gefahr, daß aus dieser allgemeinen Verstrickung in militärische 
Allianzen ein Zustand entsteht, der jenem gleicht, dem die Welt den 
Ausbruch ihres furchtbarsten und sinnlosesten Krieges mit in erster 
Linie zu verdanken hatte. 

(10) Es liegt nun nicht im Vermögen einer einzelnen Regierung, eine 
solche von bestimmten Großmächten eingeleitete Entwicklung zu 
verhindern, allein es gehört zum pflichtgemäßen Auftrag jeder Re- 
gierung, innerhalb der Grenzen des eigenen Hoheitsgebietes Vorsorge 
vor jenen Überraschungen zu treffen, die sich aus einer solchen un- 
durchsichtigen europäischen Militär- und Kabinettspolitik ergeben 
können, 

(11) Die Deutsche Regierung hat daher nach der vorliegenden Ent- 
wicklung, die eine Aufhebung der juristischen und politischen Grund- 
lagen und Voraussetzungen des Locarnopaktes bedeutet, sich auch 
ihrerseits als an diesen Pakt nicht mehr gebunden erklärt und die 
Souveränität des Reiches über das gesamte Reichsgebiet wiederher- 
gestellt. 

(12) Die Deutsche Regierung ist nicht in der Lage, ihren zur Sicher- 
heit des Reiches unternommenen, nur deutsches Reichsgebiet betreffen- 
den und niemand bedrohenden Schritt der Würdigung eines Gremiums 
zu unterstellen, das selbst im günstigsten Fall nur die rechtliche Seite, 
aber unter gar keinen Umständen die politische zu beurteilen in der 
Lage ist. Dies gilt um so mehr, als der Völkerbundrat bereits eine Ent- 



96 Deutschland - England [33 

Scheidung getroffen hat, die die rechtliche Beurteilung der Frage prä- 
judiziert. 

(13) Die Deutsche Regierung ist weiter der Überzeugung, daß ein 
solches Urteil nic