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Full text of "Nachgelassene Briefe und Schriften"

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Stfter Band 



BRIEFE 

VON UND AN LASSALLE 

BIS 1848 



L^4-Co4-M 



FERDINAND LASSALLE 

NACHGELASSENE BRIEFE UND SCHRIFTEN 



HERAUSGEGEBEN VON 

GUSTAV MAYER 



ERSTER BAND 



1.9-2.1 

DEUTSCHE VERLAGS -ANSTALT, STUTTGART- BERLIN 
VERLAGSBUCHHANDLUNG JULIUS SPRINGER, BERLIN 



BRIEFE 

VON UND AN LASSALLE BIS 184Ö 



HERAUSGEGEBEN VON 

GUSTAV MAYER 



1.9-2.1 \' 

DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT, STUTTGART- BERLIN 
VERLAGSBUCHHANDLUNG JULIUS SPRINGER, BERLIN 



♦ 

Aüe Redjte vorbchahen 

♦ 

Copyright »92t 

by Deutsdie Verlags ^Anstalf, StuOgart 

♦ 



Printeo 



-■•-vio''"V 



Vorwort 



Als in mir vor nahezu drei Jahrzehnten der Entschluß keimte, 
^ diesen Nachlaß aufzuspüren, da gab es noch keine ordent- 
liche Biographie Lassalles, mein Wunsch aber war, sie zu schreiben. 
Heute besitzen wir Hermann Oncken's schönes Werk, und ob- 
gleich das Material erst jetzt vollständig sich erschließt, schiene 
es mir ein überflüssiges Beginnen, die ganze Arbeit aufs neue 
in Angriff zu nehmen. Mich wenigstens würde diese Aufgabe 
jetzt nicht mehr locken, auch wenn ich frei wäre, an sie heran- 
zutreten, wenn nicht andere angefangene Arbeiten die Pflicht 
mir auferlegten, erst sie zum Abschluß iai bringen. Doch nicht 
bloß vom Biographen, ebenso vom Herausgeber ist zu fordern, 
daß er mit dem Geist gründlich vertraut sei, dessen lebendige 
Spuren er auszugraben unternimmt. Mit Lassalle beschäftige ich 
mich seit meiner Studentenzeit, und als ich später die Geschichte 
des in seinem Zeichen stehenden Abschnitts der deutschen Arbeiter- 
bewegung schrieb, mußte ich alle auf seine Person bezügüchen 
Quellen, soweit sie damals erreichbar waren, durchforschen. 

Darf ich mich so für einigermaßen vorbereitet halten, die 
Herausgabe dieses Nachlasses zu übernehmen, so traten mir doch 
auch Schwierigkeiten entgegen, mit denen es fertig zu werden 
galt. Lassalles schriftlicher Nachlaß ist zu umfangreich, als daß 
daran gedacht werden konnte, ihn vollständig zu veröffentlichen. 
Vie^e ganze Stücke , aber auch einzelne Abschnitte und Absätze 
mußten ausscheiden, und dennoch in der Publikation alles Platz 
finden, was irgend geeignet schien, das stürmische Leben des 
Volks tribunen, die Zeit, in die es fiel, die Bewegung, der es angehörte, 
in volleres Licht zu rücken. Besonders durfte nichts fortbleiben, 
was zu einem reicheren und tieferen Verständnis der geschlossenen 
und dabei doch so komplizierten Persönlichkeit Lassalles bei- 
tragen konnte. Auch auf Menschen, die in seinem Leben eine 
bedeutendere Rolle spielten, war das Augenmerk zu richten, und 



=■= VI =- 

auf Mitteilungen, die in charakteristischer Weise in die Zeit- 
verhältnisse hineinleuchteten, acht zu geben. Im Nachlaß Lassalles 
fanden sich nicht bloß Briefe, die an ihn gerichtet waren, sondern 
auch überaus zahlreiche Briefe von ihm selbst. Viele davon lagen 
freilich nur in Konzepten vor, und diese boten der Entzifferung 
nicht unerhebliche Schwierigkeiten, weil sie zumeist von einer 
stark abkürzenden, flüchtigen und an Siegeln reichen Handschrift 
zu Papier gebracht waren. Der Leser erhält überall Kenntnis, wo 
Worte, denen Sinn und Wert zukam, nicht mit eindeutiger Sicher- 
heit gelesen werden konnten. Für Orthographie und Interpunktion 
wurden die Gesichtspunkte befolgt, die bei der Pubhkation mo- 
derner historischer Dokumente neuerdings allgemein Anerkennung 
gefunden haben, Auslassungen wurden überall kenntlich ge- 
macht. Lassalle hat seinen Namen erst nach seiner ersten Pariser 
Reise französiert. Dennoch trug ich kein Bedenken, in den Über- 
schriften und Anmerkungen ihm von vornherein den Namen zu 
geben, unter dem er in der Geschichte fortlebt. 

Einem Herausgeber geziemt Zurückhaltung. Nicht jeder hat 
es gern, daß ihm menschliche Dokumente, die er zum erstenmal 
kennen lernt, sofort erklärt und ausgedeutet werden. Gerade der 
feiner Besaitete empfindet Beflissenheit leicht als Aufdringlich- 
keit. Lieber verweilt er erst einmal stumm vor dem Bilde und 
läßt es allein für sich sprechen. Es empfahl sich also, die wissen- 
schaftliche Ausmünzung des reichen Materials, das diese Bände 
erschließen, nicht gleich hier vorzunehmen. 

Wofür aber jeder Leser dankbar sein wird, das sind tatsäch- 
liche Mitteilungen, die er nicht immer selbst bereit haben kann 
und die ihm dennoch den Sinn des Gebotenen erst voll verständlich 
machen werden. Ebenso erwünscht dürfte es manchem sein, 
wenigstens in Kürze auf jene Punkte der Biographie hingewiesen 
zu werden, über die die Briefe und Schriftstücke, die er hier hest, 
neue Aufklärung verbreiten. 

Freude macht es mir. Dank auszusprechen. An erster Stelle 
gebülirt er dem Herrn Fürsten Hermann von Hatzfeldt-Wilden- 
burg. Mit feinfühligem Verständnis hat er die Pflichten begriffen, 
die ihm der Besitz eines so eminent politischen Nachlasses auf- 
erlegte, persönliche Bedenken beiseitegestellt, um diese wissen- 
schaftliche Publikation zu ermöglichen. Warmen Dank schulde 



= VII ============: 

ich Herrn Archivdirektor Professor Dr. H. Wendt in Breslau, 
der für die Zwecke dieser Veröffentlichung voll Eifer allen Spuren 
nachging, die sich von Lassalles Leben in seiner Heimatstadt 
Breslau noch auffinden ließen, und wertvollen Ertrag zutage 
förderte. Herr Archivdirektor Dr. Joseph Hansen in Köln half 
mit einer Bereitwilligkeit, die ich hier nicht zum erstenmal er- 
probte, einige rheinische Persönlichkeiten, die in den Briefen er- 
wähnt werden, zu identifizieren. Endlich möchte ich auch die 
emsige und geduldige Mitarbeit nicht verschweigen, die mir bei 
der Entzifferung der Briefkonzepte Lassalles und bei dem Ver- 
gleich der Texte meine Frau und Fräulein Hedwig Engelhorn 
aus Straßburg im Elsaß leisteten. 

Die ganze Pubhkation ist auf fünf Bände berechnet. Daß es 
sich keineswegs bloß um eine dürftige Nachlese handelt, beweist 
gleich dieser erste Band. Hier zuerst erhalten wir abgesehen 
von allem andern ausreichende Aufklärung über das biographisch 
wichtigste Problem in Lassalles Leben, auf die Frage nämlich, 
wie er zum Soziahsmus gelangte. 

Berlin -Lankwitz, im November 1920. 

Gustav Mayer. 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Zur Geschichte des Nachlasses ^ 

Zur Einführung in den ersten Band i7 

1. Lassalle an den Vater. 21. Juni 1840 45 

2. Isidor Gerstenberg an Lassalle. 20. September 1840 46 

3. Lassalle an die Eltern. 8. Januar 1841 47 

4. Lassalle an den Vater. 3. April 1841 4» 

5. Lassalle an den Vater 5^ 

6. Lassalle an den Vater. 20. Mai 1841 5^ 

7. Aus dem Tagebuch des Handelsschülers. Um Pfingsten 1 841 ... . 54 

8. Aus dem Tagebuch des Handelsschülers. Sommer 1841 57 

Q. Lassalle an den Kultusminister J. A. F. Eichhorn. 31. März 1842 . . 63 

IG. Lassalle an den Kultusminister J. A. F. Eichhorn. 31. März 1842 . . 67 

11. Kultusminister Eichhorn an Lassalle. 24. August 1842 70 

12. Eingabe Lassalles und anderer Studenten an den akademischen Senat 

der Universität Breslau 1843 7^ 

13. Lassalle an Theodor Creizenach. 1843 . 72 

14 — 16. Liebesbriefe an Unbekannte 76 

17. Lassalle an den Vater. Frühling 1844 ^3 

18. Lassalle an den Vater. 13. Mai 1844 85 

19. LassaUe an den Vater. 17. Mai 1844 9i 

20. Lassalle an den Vater. 21. Mai 1844 93 

21. Lassalle an den Vater. 12. Juni 1844 99 

22. Lassalle an die Mutter. 30. Juli 1844 106 

23. Lassalle an den Vater. 6. September 1844 114 

24 — 27. Lassalle an Lonni Grodzka. Winter 1844 — 1845 ^3^ 

28. Dr. Arnold Mendelssohn an den Bankier Joseph Mendelssohn. Anfang 

Januar 1845 i53 

29. Arnold Mendelssohn au Lassalle. 6. April 1845 158 

30. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 14. Mai 1845 160 

31. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 16. Mai 1845 161 

32. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 28. Mai 1845 162 

33. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 5. Juni 1845 ^"^3 

34. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 13. Juni 1845 ^^4 

35. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 21. Juni 1845 164 

36. Arnold Mendelssohn an Lassalle. i. JiUi 1845 '^5 

37. Alexander Oppenheim an Lassalle. Anfang Juli 184S ^^^ 

38. Arnold Mendelssohn au Lassalle. 10. Juli 1845 ^^ 

39. Alexander Oppenheim an Lassalle. 10. Juli 1845 '^7 



^— IX = 

Seite 

40. Lassalle an Baron Hubert von Stücker. Juli 1845 . r68 

41. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 13. Juli 1845 . 189 

42. Arnold Mendelssohn an Lassalle. August 1845 190 

43. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 26. August 1845 . igi 

44. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. August 1845 • . . ; 192 

45. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. Anfang September 184S '94 

46. Lassalle an das Bankhaus Mendelssohn & Co. 1 1 . September 1845 196 

47. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. Sommer 1845 .... 2öi 

48. Lassalle an das Bankhaus Mendelssohn & Co. 19. September 1845 . 202 

49. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. 2. Oktober 1845 • • . 204 

50. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. 5. Oktober 1845 • • • 205 
■51. Lassalle an den Bankier Joseph Mendelssohn. Oktober 1845 .... 206 

52. Freiherr Hubert von Stücker an Lassalle. 6. September 1845 • • • 209 

53. Lassalle an Freiherr Hubert von Stück er. 6. September 1845 ... 210 

54. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 11. September 1845 213 

55. Lassalle an Arnold Mendelssohn, Alexander Oppenheim und Albert 

Lehfeldt. September 1845 213 

56. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 18. September 1845 ....... 231 

57. Alexander Oppenheim an Lassalle. 19. September 1845 233 

58. Albert Lehfeldt an Lassalle. 19. September 1845 234 

59. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 22. September 1845 236 

60. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 26. September 1845 238 

61. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 8. Oktober 1845 238 

62. Lassalle an einen Unbekannten. Oktober 1845 239 

63. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 17. Oktober 1845 240 

64. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 29. Oktober 1845 240 

6$. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 4. November 1845 242 

66. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 12. November 1845 244 

67. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 18. November 1845 245 

68. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 24. November 1845 245 

69. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 30. November 1845 246 

70. Lassalle an Wilhelm Lehfeldt. Ende November 1845 248 

71. Fürst Pückler-Muskau an Lassalle. 29. Januar 1846 253 

72. Lassalle an Fürst Pückler-Muskau. Ende Januar 1846 254 

73. Lassalle an Fürst Pückler-Muskau. Ende Januar 1846 256 

74. Lassalle an Alexander von Humboldt. Ende Januar 1846 258 

75. Alexander von Humboldt an Lassalle. Ende Januar oder Anfang 

Februar 1846 259 

76. Lassalle an Alexander von Humboldt. Ende Januar oder Anfang 

Februar 1846 259 

??. Alexander von Humboldt an Lassalle. Februar 1846 260 

78. Lassalle an Generalleutnant Graf A. L. F. von Nostitz. 1 5. September 1846 261 

79. GeneralleutnantGrafA.L. F. von Nostitz an Lassalle. 20. Septembar 1846 261 

80. Lassalle an Generalleutnant Graf A. L. F. von Nostitz. Ende Sep- 

tember 1846 262 

81. Generalleutnant Graf A.L- F. von Nostitz an Lassalle. 13. Oktober 1846 264 



— X =:.. — ^==:r-— 

Seite 

82. Lassalle an Generalleutnant Graf A.L. F. von Nostitz. Ende Sep- 

tember 1846 265 

83. LassaJle an Arnold Mendelssohn. 28. September 1Ö46 267 

84. Lassalle an Heinrich Heine. Anfang Oktober 1846 26(> 

85. Lassalle an Arnold Mendelssohn. Oktober 1846 275 

86. Heyman Lassa! an den Sohn. 13. Oktober 1846 277 

87. Lassalle an Alexander von Humboldt. 25. Oktober 1846 27& 

88. Alexander von Humboldt au Lassalle. 31. Oktober 1846 281 

89. La.ssalle an Heinrich Heine. November 1846 281 

90. Lassalle an Arnold Mendelssohn. November 1846 285 

91. Lassalle an Arnold Mendelssohn und an Karl Grün. Mitte Novemben846 287 

92. Lassalle an den Vater. Ende 1846 2ga 

93. Lassalle an den Vater. Dezember 1846 291 

94. Heyman Lassal an den vSohn. 21. Dezember 1846 296 

95. Lassalle an den Vater. 31. Dezember 1846 300 

96. Lassalle an den Vater. 6. Januar 1847 3*^5 

97. Lassalle an Arnold Mendelssohn. Februar 1847 3°9 

98. Lassalle an Arnold Mendelssohn. März 1847 3'° 

99. Lassalle au den Vater und die Gräfin Hatzfeldt. 11. April 1847 • • 3^3 

100. Lassalle an Arnold Mendelssohn. Mai 1847 317 

loi. Carl Grün an Lassalle. 11. Mai 1S47 318- 

102. Arnold Mendelssohn an Lassalle. 21. Mai 1847 321 

103. Carl Grün an Lassalle. 25. Mai 1847 324 

104. Lassalle au Arnold Mendelssohn. Anfang Juni 1847 326 

105. Lassalle an Arnold Mendelssohu. Juni 1847 328 

106. Arnold Mendelssohn an die Gräfin Hatzfeldt. 8. Juli 1847 .... 329^ 

107. Lassalle an Arnold Mendelssohn. 8. oder 9. Juli 1847 336 

108. Arnold MendeLssohu an Lassalle. Oktober 1847 337 

109. Lassalle an Graf Gemens von Westphalen. 16. Dezember 1847 . . 338 
iio. Lassalle an Graf Clemens von Westphalen. i. Januar 1848 .... 345 

111. Graf Clemens von Westphalen an Lassalle. Sommer 1848 353 

112. Lassalle an den Vater. Sommer 1848 355 

113. Lassalle an Alexander Weill. 20. Juü 1846 357^ 



Zur Geschichte des Nachlasses 



Wir können diesen literarischen Nachlaß der ÖffentHchkeit nicht 
übergeben, ohne der wechselvollen Schicksale zu gedenken, 
denen er unterworfen war. Wie konnte es geschehen, daß diese zuerst 
hitzig umstrittenen Papiere am Ende fast in Vergessenheit gerieten oder 
wenigstens so verschollen, daß nicht einer der zahlreichen Autoren, 
die Lassalles Leben imd Entwicklung darstellten, den Weg zu dieser 
reichen Quelle fand? Und wie erklärt es sich, ungeachtet der nicht 
mehr erwarteten Fülle wertvollsten historischen Materials, welches sich 
hier erschheßt, daß sich dennoch das eine oder andere Stück, auf das 
wir gespannt sein durften, nicht mehr an seinem Platze fand? 

Bevor ihn bei jenem Pistolenduell im Gehölz von Carouge, das er 
selbst provoziert hatte, die Kugel traf, die ihn auf den Tod verwundet 
niederstreckte, hatte Lassalle auf dem Gericht in Genf ein selbstge- 
schriebenes Testament hinterlegt; der Historiker des römischen Erb- 
rechts war sich natürhch bewußt, daß dies nach dem in dem Kanton 
geltenden Code Napoleon durchaus gestattet war. Das Testament ist 
seither oft gedruckt worden imd sein Inhalt ist allgemein bekannt. Uns 
kümmert hier nicht, was der Testator darin über seinen Besitz an 
materiellen Werten verfügte, welche Legate er austeilte, selbst nicht, 
was er über seine kostbare Bibliothek bestimmte. Wichtig darf uns 
nur jener Passus sein, der die Verfügung über seine hinterlassenen 
Papiere enthält. Seine ,, sämtlichen Briefschaften und Papiere" ver- 
machte Lassalle der Gräfin Sophie Hatzfeldt. ,,Die gelehrten vmd schrift- 
stellerischen Aufsätze vmd Notizen imter diesen" sollte sie an Lothar 
Bucher ,,ausliefern", dem auch das Eigentum an sämtHchen schrift- 
stellerischen imd gelehrten Werken des Erblassers zugesprochen wurde. 

Eigenthch konnte der Sinn dieser Bestimmungen nicht zweifelhaft 
sein. Mit klaren, er durfte wähnen, nicht mißzudeutenden Worten 
spricht Lassalle aus, daß er die Gräfin Sophie Hatzfeldt, seine Lebens- 
freimdin imd nächste Vertraute, mit der Ordnung seines schriftlichen 
Nachlasses beauftragte, daß er ihr den Besitz und damit die erste 
Verfügung über diese Papiere zusprach. Nur dasjenige sollte sie Lothar 
Bucher aushändigen, was dieser mit größerer Fachkenntnis und Sach- 
kunde beurteilen konnte: das gelehrte und schriftstellerische Material, 

Maver Lassalle-Nachlass. I I 



ausgearbeitetes sowohl wie Fragmente und Zettel. Doch hat einmal 
der Mensch die Augen geschlossen, und war er selbst, wie in unserem 
Fall, einer der stärksten Willensakkumulatoren, die die moderne Ge- 
schichte kennt, so mag sein geschriebenes Wort noch so klar auf dem 
Papiere stehen, unter eigenwilligen Umständen wird es doch zum Spiel- 
ball des vielgestaltigen, proteusartigen Lebens mit seinen willkürlichen 
Wechselfällen und nie vorauszusehenden Überraschungen. Solchem 
Schicksal fiel jetzt auch der Nachlaß des Mannes anheim, dem sich 
in tiefschürfenden Untersuchungen das Testament als ,,die Fortpflan- 
zung und Unsterblichkeit des subjektiven Willens" enthüllt hatte. 

In wiederholten Telegrammen *) mußte erst die Gräfin, die nicht 
von dem Lager des vSterbenden wich, auf die Schwere der Verwundung 
hinweisen, bevor die Mutter imd die Schwester Lassalles sich ent- 
schlossen, nach Genf abzureisen. Als sie hier am Nachmittag des 
I. September eintrafen, hatte der große Agitator bereits seinen letzten 
Atemzug getan. Die Gräfin behauptet imd eidesstattliche Versiche- 
rungen Georg und Emma Herweghs mid Wilhelm Rüstows, des Sekun- 
danten Lassalles, die im Original vorliegen, bestätigen, auch spricht 
alle Wahrscheinhchkeit dafür, daß die beiden Frauen hier in Genf von 
Lassalles Testament erfuhren und daß sie ausdrücklich und wiederholt 
aufgefordert wurden, von Inhalt und Gestalt Kenntnis zu nehmen, 
von der Echtheit sich zu überzeugen. Weshalb sie solches unterließen, 
bleibe dahingestellt. Nach Breslau zurückgekehrt, gab die unselbständige 
alte Frau Rosalie Lassal, vermutlich unter dem Einfluß ihres Schwieger- 
sohnes Ferdinand Friedland, eine eidesstattliche Erklärung ab, daß ihr 
nähere oder gleich nahe Verwandte ihres ,,am 31. August zu Genf ohne 
Hinterlassung eines Testamentes verstorbenen, in Berlin ansässig 
gewesenen Sohnes Ferdinand Lassalle nicht bekannt seien". Diese Ver- 
sicherung aber verschaffte ihr ohne weiteres die Autorisation, sich in 
den Besitz der Erbschaft zu setzen. Sie bezog mm also die Berliner 
Wohnung des Verstorbenen, ließ sämtliche dort befindliche Schreib- 
tische durch den Schlosser öffnen und bemächtigte sich der darin be- 
findlichen Papiere, von denen viele nach außerhalb fortgeschafift wurden. 
Die Gräfin Hatzfeldt behauptet wohl zu Recht, dies sei geschehen, obwohl 
Frau Lassal genau gewußt habe, daß ihr Sohn seine Papiere ihr ver- 
macht und daß von ihm als Testamentsvollstrecker der Assessor a. D. 
Lothar Bucher und der Rechtsanwalt Aurel Holthoff bestellt waren. 



^) Für die Gründe der Verzögerung vgl. ,, Nordstern", 29. Oktober 1864: 
Nachrichten über die Mutter Ferdinand Lassalles. Danach hätte die Schuld bei 
F. Friedland gelegen. Der Wortlaut der Telegramme und der Antworten ist ab- 
gedruckt im ,, Nordstern" vom 19. November: Erwiderung auf die sogenannten 
„Nachrichten über die Mutter Ferdinand Lassalles". 



Eben noch hatte der häßliche Streit um Lassalles Leiche, von dem wir 
hier schweigen dürfen, das leidenschaftHche Temperament der viel- 
geprüften Frau aufs stärkste entflammt. Nim wurde dem Pietätsgefühl 
der treuesten Freundin I^assalles von neuem eine tiefe Wunde geschlagen. 
Denn mit der Vollmacht der Mutter versehen, betrat diese Räume, 
die ihr ein Heiligtum waren, als der erste, gebärde te sich hier als 
Herr und durchwühlte die verborgensten Briefschaften, ein Mann, 
gegen den der Verstorbene bis zuletzt tödlichen Haß empfimden 
hatte. 

Zu weit führte es, sollte hier ausführlich erzählt werden, warum sich 
bei Lassalle gegen den Ritter von Friedland, der in Wahrheit ein In- 
dustrieritter war, so imfreundliche Empfindungen festgesetzt hatten. 
Heinrich Heine, der, ein König im Exil, diesen Menschen als seinen 
, .Leibspion", Hofjuden und Hofnarren verwandte, schildert in einem 
Brief an seinen Bruder Gustav vom 21. Januar 1851 ,,Calmonius" — so 
nannte er ihn nach dem Hof Juden Friedrichs des Großen fast immer — 
als ein ,, ausgezeichnetes Spitzbubengenie". Ein , .Mensch ganz ohne 
Kenntnisse" tmd „ohne Vernimft" begriffe dieser doch die heterogensten 
Verhältnisse instinktartig und besäße eine Kombinationsgabe, die ihn 
zu einem bedeutenden Menschen machen würde, wenn er nicht dabei 
das Unglück hätte, auch der größte Lügner zu sein tmd sich selbst noch 
mehr als andere zu belügen." ^) Dem Dichter galt Friedland als ein 
Original, das ihm immer wieder ein „amüsantes Rätsel" war tmd dessen 
Besuche er sich schon deswegen gefallen ließ, weil er für seine Frau, 
Lassalles schöne Schwester, eine besondere Zuneigung hegte. Solche 
künstlerische Duldsamkeit und Neugierde, die den Dichter zu dem 
Abenteurer hinzog, war einem Menschen wie Lassalle fremd. Er fand 
sich in mannigfachen geschäftlichen Angelegenheiten, die ihn mit dem 
Schwager verbanden, immer wieder von diesem betrogen. Wie er am 
Ende seines Lebens über Friedland dachte, bezeugt ein temperament- 
voller Brief an diesen vom 16. November 1862, in dem er ihn einen 
Parasiten tmd eine Hyäne, die Leichen tmd Gräber bestiehlt, nennt. 
In einem anderen Brief vom 3. Mai 1864 bittet er den Breslauer Rechts- 
anwalt Szarbinowski, so viele Prozesse wie möglich gegen den „Schurken" 
anzustrengen und die ,, Kanaille an den Galgen" zu schlagen. , .Er- 
würgen Sie ihn in einem Prozeßnetz von eisernen Maschen, ich werde 
zeitlebens Ihr dankbarster Schuldner sein und Ihnen niemals genug 
vergelten können . . . Ich werde kein Opfer scheuen, meine Ansprüche 

^) Heine-Reliquien. Neue Briefe und Aufsätze Heinrich Heines. Heraus- 
gegeben von Maximilian Preiherrn von Heine-Geldern und Gustav Karpeles. 
Berlin 191 1, S. 64 ff. Vgl. dort auch S. 154 ff. Heines Brief an Friedland vom 
14. August 1846 und S. 316 flf., die Briefe Mathilde Heines an Friedland. 



an Friedland durchzufechten imd Rache an diesem Schurken zu nehmen, 
als das meiner Zeit ..." 

Der pietätlosen Willkür der Familie rasch ein Ziel zu setzen, wurde 
die Pflicht der Testamentsvollstrecker. Wirklich ergriffen sie schleunige 
Maßregeln. Es lag nicht bloß im Interesse der Gräfin Hatzfeldt, sondern 
in dem aller Legatare, zu denen auch Bucher und Holthoff gehörten, 
daß die preußischen Gerichte Lassalles in der Schweiz ausgestelltes 
und niedergelegtes Testament für gültig anerkannten. So beantragte 
und erwirkte nunmehr Rechtsanwalt Holthoff, gestützt auf eine in 
Genf legalisierte Abschrift desselben, bei dem Berliner Stadtgericht die 
Arrestienmg des Nachlasses. Man wird niemals mit Sicherheit fest- 
stellen können, wieviel und was von Lassalles Papieren Ferdinand Fried- 
land oder sein Schwiegersohn, der Kammerherr von Türk aus Meiningen, 
als dieser Arrest erging, bereits fortgeschafft hatten. Zu der Anlegimg 
der Siegel hatte sich in der Wohntmg die Gräfin Hatzfeldt eingefvmden, 
während die Testamentsvollstrecker nicht zugegen waren. Hierbei be- 
hauptet sie in einer späteren Eingabe an den Oberstaatsanwalt am 
Kammergericht (vom 31. Juli 1866), von Herrn von Türk gehört zu haben, 
daß „ein großer Teil der Effekten und Papiere Ferdinand Lassalles schon 
ins Ausland versendet waren". Auch die Kisten, die bei der Siegelung 
sich noch zur Stelle befanden, hätten bereits Adressen nach Wien, 
Breslau und Meiningen getragen. Der größte Teil des schriftlichen Nach- 
lasses ist, wie wir sehen werden, später in die Hände der Exekutoren 
zurückgekehrt und das meiste davon, Lassalles Verfügung gemäß, der 
Gräfin übergeben worden. Da bündige Angaben fehlen, so bleiben nur 
Vermutungen gestattet über das, was Lassalles Verwandte entfernt 
haben könnten. In erster Reihe Heße sich an solche Papiere denken, 
die von der sehr unglücklichen Ehe der Friedland, in der Lassalle ver- 
schiedene Male vermittelt hatte und die später ganz gelöst wurde, 
Zeugnis ablegten. Mit dem Verlust dieser Dokumente könnte sich die 
Forschimg zur Not abfinden. Schmerzlicher ist, daß die Originalkonzepte 
von Lassalles Briefen an Heinrich Heine und Heines Briefe an ihn sich 
nicht mehr vorgefunden haben. Gewiß wird hier nicht immer auf liebe- 
voller Weise von Calmonius die Rede gewesen sein. Dennoch läßt sich 
nicht mit voller Gewißheit behaupten, daß er oder sein Schwiegersohn 
diese Briefe beiseite geschafft haben. Lassalle hatte nämlich im März 
1863 Adolf Strodtmann, dem Biographen Heines, Briefe des Dichters 
überlassen. Ob die Rückgabe noch bei seinen Lebzeiten erfolgt ist, 
entzieht sich unserem Wissen. Strodtmann erwähnt in seinem Dank- 
schreiben vom 30. März 1863 den Brief Heines vom 11. Februar 1846, 
den Karpeles später veröffentlicht hat. Zugleich spricht er von ,, Strei- 
chungen", die Lassalle vorgenommen habe, und von dem, ,,was fort- 



geschnitten ist" und bittet wenigstens um eine Restitution. Sollte 
Lassalle selbst Originalbriefe Heines zerschnitten haben ? Was I.assalies 
Briefe an Heine betrifft, so besagt eine Erklärung Lassalles in der 
„Neuen Rheinischen Zeitung" vom 31. August 1848, daß er, als das 
Zerwürfnis zwischen ihm und dem Dichter eintrat, durch seinen 
Freimd Dr. Arnold Mendelssohn diese Briefe habe zurückfordern 
lassen. ,,Sie verblieben bei den Papieren Mendelssohns vmd gerieten 
von da in die Hände des Prokurators." Wir bezweifeln, daß Lassalle 
sie zurückerhalten hat. 

Es kam also zum Prozeß zwischen den Testamentsvollstreckern imd 
den Legataren und der Familie des Erblassers. Diese erklärte jetzt das 
Testament für unecht und bestritt, daß der Verstorbene überhaupt 
in der Lage gewesen sei, im Auslande rechtsgültig zu testieren. Auf 
alle Fälle verlangte sie die Vorlegung des Originaltestaments, wohl weil 
sie wußte, daß das in Genf geltende Recht die Auslieferung einer solchen 
Urkunde an ein fremdes Gericht untersagte. Nun erklärte aber Notar 
Dufresne, in dessen Gewahrsam Lassalles letzter Wille ruhte, seine 
Bereitschaft, das Testament persönlich nach Berlin zu bringen, damit 
das dortige Gericht sich von seiner Echtheit imd Gültigkeit überzeugte. 
Obgleich diese Kvmde die prozessualen Aussichten der Testaments- 
exekutoren sehr verbesserte, verstanden diese sich dennoch zu einem 
Vergleich, den die Gegenseite jetzt anbot imd der am 31. Mai 1865 mit 
dem Assessor Julius Friedländer, als dem Generalbevollmächtigten der 
Mutter Lassalles, zustande kam. 

Besonders Lothar Bucher scheint viel daran gelegen zu haben, daß 
man sich verständigte. Gerade vollzog sich die große Wendung in 
seinem Leben, auf die sein letzter Brief an Lassalle den Freund vor- 
zubereiten begonnen hatte. Der Demokrat und politische Flüchtling, 
der bis vor kurzem im vertrauten Umgang mit dem sozialen Revolu- 
tionär gelebt hatte, wurde Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt mid in 
Kürze vertrauter Mitarbeiter des preußischen Ministerpräsidenten. So 
herzhch zu Anfang, so respektvoll noch in der Folge seine Briefe an die 
Gräfin klangen, man meint ihnen doch anzumerken, wie der ganze Streit 
um den Nachlaß Lassalles ihm lästig zu werden beginnt. In den ersten 
Monaten nach dessen Tode hatte er sich noch in einer bescheidenen 
Stelltmg beim WolfFschen Telegraphenbureau befunden, die seinen be- 
deutenden Gaben in keiner Weise Genüge tat. Da hatte er mit der ihres 
großen Beschützers beraubten Gräfin in nahem freimdschaftlichen Verkehr 
gestanden, und sein kluger Rat, auf den Lassalle so großen Wert gelegt 
hatte, war ihr zuteil geworden, wo sie dessen bedurfte. Sophie vonHatz- 
feldt bereitete damals eine VeröffenÜichung vor über die Umstände, die 
Lassalles Tod herbeigeführt hatten; Bucher stand ihr dabei zur Seite, 



und als gleichzeitig Moses Heß auf ihren Wunsch eine französische Aus- 
gabe des Bastiat-Schultze vorbereitete, schrieb er für die Einleitung 
biographische Aufzeichnungen über den Verfasser. Nun aber beschäf- 
tigten ihn bald andere Dinge: er findet sich imter Bergen von Akten 
vergraben, Vorträge bei dem neuen Chef gilt es sorgfältig vorzubereiten, 
auch die Ausführung des Testaments seines eigenen Vaters erfordert 
kostbare Stunden. Dabei lasteten die Pflichten, die ihm als Testaments- 
vollstrecker Lassalles oblagen, nicht allein auf seiner Zeit. Bucher 
hielt auf die neue Stellung; er hoffte, in ihr etwas leisten zu können. 
Bismarck selbst hatte ihn herangezogen, aber den Bureaukraten , in 
deren Mitte er verpflanzt war, bUeb seine Vergangenheit noch lange 
verdächtig. Durch Robert von Keudell, der ihm freundlich gesinnt 
war, erfuhr er, wie sehr man ihm nachtrug, daß er mit Lassalle so nahen 
Umgang gepflogen hatte. War die Furcht des an sich schon höchst 
Vorsichtigen so unbegründet, daß er als Testamentsvollstrecker des 
Agitators noch in einen Sensationsprozeß verwickelt werden könnte? 
Man begreift, daß ihm an einer gütlichen Abwicklimg gelegen sein mußte ! 
In dem Abkommen gaben die Testamentsexekutoren jene Legate preis, 
die Lassalle Rüstow, Herwegh, Eduard Willms, dem Sekretär des All- 
gemeinen Deutschen Arbeitervereins, imd Johann Baptist von Hoff- 
stetten zugedacht hatte, der seit Ende 1864 gemeinsam mit Schweitzer 
den ,,Socialdemokrat" erscheinen ließ. Die Ansprüche der Gräfin 
Hatzfeldt zu schmälern, war niemandem beigefallen. Lediglich ideelle 
Gründe bestimmten sie, sobald sie von jener Abmachung Kenntnis er- 
hielt, den entschiedensten Protest einzulegen. Sie hatte, schrieb sie 
Bucher, ,, einen feierlichen Eid geschworen, jeden, der sich an dem 
Andenken Ferdinand Lassalles versündigt, zu bestrafen". Das aber taten 
in ihren Augen die Testamentsvollstrecker, indem sie jetzt ,,ein rechts- 
gültiges Testament" durch Vergleich mit den , .habgierigen Erben" 
umstießen. Auf juristische Spitzfindigkeiten wollte sich diese Frau, die 
nur der Stimme des Gefühls zu folgen gewohnt war, nicht einlassen. 
Ihr war nicht mit Interpretationen von Lassalles letztem Willen gedient, 
sein Testament verkündete klar und bündig, wie er es gehalten zu sehen 
wünschte; wer auch nur irgendeiner seiner Bestimmungen die Erfüllimg 
versagte, verriet den Toten, dem sie ewige Treue geschworen hatte. 
Als er sich zu jenem Vergleich bereit fand, der einen Teil der Legatare 
auf den Weg des Prozesses drängte, ihm selbst, dem Vermögenslosen, 
und seinen näheren Bekannten aber den sofortigen Genuß des ihnen 
zugedachten Anteils sicherte, da wußte ein so feiner Menschenkenner 
wie Bucher, daß er es mit der Gräfin endgültig verdarb. Denn für sie 
gab es — er schrieb es ihr — zwischen Freimd und Feind keine Mitte. 
Aber hatte Lassalle ihm nicht mehr bedeutet als Sophie von Halzfeldt? 



Und auch auf den intimen Verkehr mit Lassalle hatte Bucher, als sein 
persönhcher Vorteil es gebot, Verzicht leisten wollen. Der ,, Boden des 
Sentiments", von dem die leidenschaftiiche Frau sich durch nichts ent- 
fernen heß, war nicht der Boden, aus dem dieser viel Umhergetriebene, 
der sich nach fester Verwurzlung sehnte, seine eigentiimhchen Kräfte 
sog. Den Bruch schon voraussehend, schrieb er der Gräfin am 2. Jimi: 
,,Ich weiß, daß nichts, was ich sage oder sagen könnte, Sie umstimmen 
wird, \md begnüge mich daher, Sie zu erinnern, daß es sich jetzt nicht 
mehr um die Willensfortsetzung des Erblassers — sein Wort, wie Sie 
wissen — , sondern um Ihren Willen handelte. Gewiß haben Sie die 
Überzeugtmg, daß die beiden Willen identisch sind ; mir aber bleibt in 
diesem nach dem Tode entstandenen, von dem Testator nicht vorher- 
gesehenen Konflikte kein anderer Maßstab als der, wie ich meinen eigenen 
Willen, wie ich meine eigene Mutter behandelt zu sehen wünsche."^) 

Aber reichte dieser ,, Maßstab" wirklich aus, um alles zu recht- 
fertigen, was die Gräfin ihm zum Vorwurf machte? Was immer sonst 
noch sie gegen ihn einzuwenden hatte, es wiegt doch leicht neben der Be- 
handlung, die er dem schriftlichen Nachlaß Lassalles zuteil werden heß, 
als dieser jetzt, in Erf üllimg des Vergleichs, von der Familie den Testa- 
mentsvollstreckern zugestellt wurde. Bis zu ihrem Tode hat Sophie 
von Hatzfeldt Bucher nicht verziehen, was er da gegen sie vollführte! 
Im November 1865 hat dieser Bismarck eine ausführhche Darstellung 
seiner Bekanntschaft mit Lassalle vorgelegt, die sich — worauf es ihm 
damals besonders ankommen mochte — bis ,,auf gewisse, nach seinem 
Tode eingetretene Verhältnisse" erstreckte. Von der Gräfin spricht 
das kluge Schriftstück ^) als von einer außerordenthchen Frau, die an 
allen Arbeiten ihres Freundes mit eindringendem Verständnis den 
lebendigsten Anteil genommen hätte. Da sie aber. Lassalles Auslegung 
des römischen Erbrechts folgend, nicht bloß „den Willen, auch den 
Eigensinn des Erblassers zu perpetuieren" trachte, so hätte sie sich all- 
mähhch in die Vorstellimg eingelebt, die Verkünderin des Willens zu 
sein, den der Verstorbene unter den gegenwärtigen Umständen haben 
würde. Und hier berührt Bucher den Punkt, der ihn, wie er selbst 
gesteht, in ein Dilemma der peinlichsten Art gebracht und ihm die 
bittere Feindschaft der Gräfin zugezogen habe: ,,Er betrifft die Brief- 
schaften des Verstorbenen, die er ihr vermacht hatte". 



1) Bacher stelle sich damit erst recht ,, gänzlich auf deu Boden des Ser- 
timents, nur eines schlechten und ungesetzlichen," schrieb die Gräfin am 9. Juni 
an Gustav Schönberg. Ihr leidenschaftlicher Brief ist abgedruckt bei Schul- 
mann, Zum Streit am das Erbe Lassalles, Archiv für Geschichte des Socialis- 
mus usw., Bd. V, S. 464 f. 

-) Moritz Busch, Tagebuchblätter. Leipzig 1899; Bd. III, S. 106 ff. 



Über das, was damals geschah, liegen von Bucher selbst zwei Dar- 
stellungen vor, die spätere in der el)en erwähnten Denkschrift für Bis- 
marck, die frühere in einem Brief vom 9. Juni 1865 an die Hauptbe- 
teihgte. Beide Berichte stimmen in den wesentlichen Punkten überein, 
in anderen ergänzen sie sich. Gestützt auf den formal gewiß unanfecht- 
baren Standpunkt, die Testamentsvollstrecker müßten wissen, was 
ihnen übergeben wurde und was sie weiter übergeben, nahm Bucher 
es als ein Recht, ja sogar als eine Pflicht in Anspruch, die Korrespondenz 
Lassalles einer Durchsicht zu unterziehen, bevor sie endgültig der Be- 
sitzerin übergeben würde. ,,Die Ausführung der letztwilligen Ver- 
ordnimg, wie Lassalle sich dieselbe gedacht," schrieb er der Gräfin in 
jenem Brief vom 9. Juni, , .nämlich, daß die Papiere ohne Vermittlung 
eines Dritten sofort in Ihren Besitz übergingen, ist einmal durch den 
Gang der Ereignisse vereitelt". Weil aber die Gräfin sich gegen die 
Vorstellvmg sträube, daß Lassalles Papiere der Zensur des Assessors 
Friedländer und Holthoffs, mit dem sie sich überwerfen hatte, unter- 
liegen sollten, so werde er allein die Bücher vmd die Papiere durchsehen 
und die Verantwortung übernehmen, die sich hieran knüpfe. In dem 
Bericht an Bismarck heißt es, daß der Nachlaß den Testamentsvoll- 
streckern von den Erben in zwei Kisten übergeben wurde. Als Bucher 
am 9. Juni der Gräfin Bericht erstattete, war offenbar erst die eine 
Kiste bei ihm eingetroffen; wenigstens erwähnt er die andere nicht. 
Hier spricht er zuerst von einem Paket, das Briefe der Schwester Lassalles 
an die Eltern enthalten, und das er herausgenommen habe, ,,um es der 
Friedland zuzustellen". Bereits darin sah die Gräfin eine eigenmächtige 
Handlung, denn Lassalle sei durch Erbschaft in den rechtlichen Besitz 
aller Papiere seines Vaters gelangt. Ungleich mehr bedeutete, was 
Bucher weiter mitteilte: ,, Endlich habe ich," schrieb er ihr, ,, einige 
Briefe von Frauen und Mädchen an Ferdinand zerstört, verbrannt, 
welche kompromittierend für die Schreiberinnen, gefährlich für den 
Frieden von F'amilien und zum Teil so obszönen Inhalts waren, daß man 
sie einer Dame nicht übergeben konnte. Ich war nach langer heimhcher 
Überlegung zu dem Resultat gekommen, daß ich als Gentleman tmd 
Freund Lassalles so handeln mußte, dem Buchstaben des Testaments 
entgegen, glaubte übrigens auch auf Grund § 7 Teil I Lit. 4 A. L. R. 
mich vor dem formellen Rechte verteidigen zu können." Noch deutlicher 
hat sich Bucher dann zu Bismarck über die Beweggründe ausgelassen, 
die ihn zu seiner auf jeden Fall ungewöhnlichen Handlimgsweise be- 
stimmten: Er hätte gefürchtet, die Gräfin könnte diese Briefe ver- 
öffentlichen, er machte sich anheischig, Zeugen dafür beizubringen, 
daß sie sich mit solchen Gedanken getragen, und deshalb redete er sich 
ein, ,, sittlich verpflichtet" gewesen zu sein, die Papiere zu verbrennen. 



Anders als er urteilte begreiflicherweise Sophie von Hatzfeldt. 
Obgleich „todkrank", antwortete sie auf seine Mitteilimg postwendend 
in einem von Leidenschaft zitternden Brief. Lassen wir an dieser Stelle 
die Beschuldigiingen beiseite, die sie gegen Buchers private Moral 
erhob, übergehen wir auch, wie sie dessen Verhältnis zu Lassalle be- 
urteilte ! Lauschen wir hier nur dieser einen flammenden Klage : Bucher 
habe sich unterfangen, ,,in das ihm versagte Vertrauen" Lassalles ,, ein- 
zubrechen", er war nicht befugt, darüber zu richten, ,,ob der Testator 
sein Vertrauen gut placiert hat". Durfte er dort, ,,wo er findet, daß 
ihm dies aus irgendeinem Grunde zweckmäßig seinen Plänen er- 
scheint", dem Legatar Papiere ,, stehlen" oder gar zu dem ,, wahrhaft 
unglaublichen Mittel" greifen, ,, fremdes Eigentum heimlich und eigen- 
mächtig zu vernichten?" ,,Mir allein," ruft die Gräfin aus, ,, gehörte 
das Recht, nach meinem Gewissen mit den Papieren zu verfahren . . . 
Mich nicht einmal in Kenntnis zu setzen, damit ich mein Recht ge- 
setzHch geltend machen kann, sondern sofort die Papiere beliebig zu 
verteilen und zu vernichten, steht ohne Beispiel da." Sophie 
von Hatzfeldt war damals fast sechzig Jahre alt: ,,Ich hätte fast ge- 
lacht," schreibt diese Frau, die das Leben in allen seinen Tiefen kennen 
gelernt hatte, ,,als ich las, daß Sie aus Prüderie die Korrespondenzen, die 
ich, wie Sie ja wußten, sämtlich gelesen hatte, verbrannt haben wollen. 
Mit welchem Recht? Sind Sie mein Vormimd? . . . Der Standpunkt 
des Gentleman, den Sie . . . herauskehren wollen, ist mir ekelerregend. 
Glauben Sie wirklich, mit diesem plumpen Gaukelspiel dem gesunden 
Menschenverstand ins Gesicht schlagen zu können? Vor allen Dingen, 
mein Herr, ist man ehrlicher Mann. Der Gentleman tut noch 
mehr, als seine Pflicht als ehrlicher Mann ist. Aber das wäre denn 
doch zu bequem, die Pflichten ganz zu verleugnen, imd sich gerade 
daraufhin als „Gentleman" hinstellen zu wollen." In einem Wort, 
das die Gräfin einige Tage zuvor hatte fallen lassen und das sein Brief 
vom 2. Juni wiederholte, fand Bucher die Formulierung ihrer entgegen- 
gesetzten Auffassung, die auch er gelten zu lassen bereit schien. ,,Ich 
stehe auf einem andern Boden als Sie," hatte sie gesagt, ,,auf dem 
Boden des Sentimejits, nennen Sie es, des Wahnsinns." Wenn Bucher 
in diesem Falle überhaupt auf dem Standpimkt eines Sentiments stand, 
so war es jedenfalls nicht der eines Sentiments, für das die Freundin 
Lassalles Verständnis aufgebracht hätte. Die Gräfin hat es sich damals 
nicht nehmen lassen, gegen Bucher bei der Staatsanwaltschaft eine 
Denunziation wegen Veruntreuung und Unterschlagung einzureichen. 
Sie warf ihm sowohl die Vernichtung der Liebesbriefe vor wie ,, teilweise 
Vernichtimg des hterarischen Nachlasses", eine Beschuldigimg, auf die 
noch zurückzukommen sein wird. Auf ihre Anzeige vom 12. April 1866 



=: 10 ■ 

erhielt sie am 23. Juni den Bescheid, daß hinsichÜich des literarischen 
Nachlasses von Untreue nicht die Rede sein könne, da das Eigentums- 
recht daran Bucher zustand. Aber auch bei der Vernichtimg der Liebes- 
briefe könne eine Beschädigung des Vermögens der Gräfin „kaum be- 
hauptet werden", da die literarische oder sonstige Verwertimg der- 
artiger Briefe kaum rechtlich in Betracht kommen könne. Überdies 
fehle der ,,böse Vorsatz", denn darin müsse Buchers Angabe Glauben 
beigemessen werden, daß er mit seiner Handlungsweise ledighch von den 
Gefühlen, die Schreiberinnen der Briefe zu schonen, geleitet worden sei. 
Aus den Beschuldigungen, die Sophie von Hatzfeldt in ihrer leiden- 
schaftlichen Autwort an Bucher erhebt, muß wenigstens die eine heraus- 
gehoben werden, die mit der Möglichkeit rechnet, daß er noch andere 
Briefe als die jener Frauen aus dem Nachlaß beseitigt haben könnte. 
Die Gräfin fragte: ,,Ist vielleicht eine gewisse Korrespondenz mit 
Ihnen, als Sie F. Lassalle so völlig, auch aus Nützlichkeitsgründen 
nach dem Antwortschreiben^) verleugneten, auch als kompromittierend 
beseitigt?" Die Schreiberin meinte also Briefe Buchers an Lassalle, 
allenfalls auch die Konzepte von LassaUes Antworten. Daß Lassalle 
Briefe an einen so nahen Freund wie Bucher zuvor im Konzept nieder- 
geschrieben hätte, ist kaum anzunehmen. Was aber Buchers Briefe an 
ihn betrifft, so hat ja Sophie von Hatzfeldt selbst nach Jahren einen Teil 
davon veröffentlichen lassen, ein anderer Teil fand sich jetzt im Nach- 
laß. Nim weist zwar trotzdem dieser Briefwechsel immer noch Lücken 
auf, die Briefe aber liegen vor, in denen Bucher 1863 Lassalle erklärte, 
weshalb er vor ihm die ,, Flucht" ergriffe. Um die gleiche Zeit be- 
schäftigte Bucher eine Herzensangelegenheit, in der Lassalle sein 
Vertrauter war; die Gräfin behauptet, es habe sich um eine reiche 
Partie gehandelt. Nicht unmöglich erscheint uns, daß Bucher sich 
für berechtigt gehalten haben könnte, Mitteilungen, die hierauf Bezug 
hatten, beiseite zu schaffen. Ein Zufall will, daß in der Brieftasche, 
die LassaUe bei seinem Duell trug, noch die letzten Zeilen steckten, die 
Bucher ihm geschrieben hatte und die dem Freunde von dem Scheitern 
jenes liebeshandels Kenntnis gaben, nicht ohne durchblicken zu lassen, 
daß der Umgang mit ihm das Vertrauen der Dame ungünstig beein- 
flußt hätte. Der Brief schheßt mit der Bitte, ,,das Kapitel Weiber" 
möge hinfort tabu zwischen ihnen bleiben. Kein zureichender An- 
haltspimkt liegt für die Annahme vor, daß Bucher aus politischen 
Rücksichten dem Nachlasse Briefe entnommen hätte. Wenn sich von 
Lassalles Verkehr mit Bismarck oder mit Männern seines Gefolges hier 

^) Gemeint ist natürlich das „Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee 
zur Beniiiuig eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses vom i. März 1863". 



- II ======:z=::=:rnr 

keine Spur erhalten hat, so gab es, sofern überhaupt Schrifthches von 
Belang vorgelegen hat, was wir bezweifeln möchten, eher andere, denen 
daran gelegen sein konnte, es nicht an die Öffentlichkeit dringen zu 
lassen. 

Ivassalle hatte, wie wir schon wissen, seine Briefschaften der Gräfin, 
dagegen Bucher seine gelehrten und schriftstellerischen Aufsätze ver- 
macht. Für die Forschung ist es ein Glück, daß Bucher nicht allzu 
hohen Wert darauf legte, diese Manuskripte vollständig in seine Hände 
zu bringen. Auch macht man ihm noch keinen Vorwurf, wenn man fest- 
stellt, daß der nunmehrige Adlatus Bismarcks für die Hinterlassen- 
schaft Lassalles nicht die gleiche Pietät aufbrachte wie die Gräfin, die 
ihr ganzes ferneres Leben dem Kultus des toten Freundes weihte. Eine 
Reihe bisher unbekannter wissenschafthcher Arbeiten Lassalles, die 
für seine Biographie wertvoll sind, bheb so mit dem übrigen Nachlaß 
vereinigt imd vor dem ungewissen Geschick bewahrt, dem Buchers 
Papiere anheimfielen. Daß dieser mit Manuskripten Lassalles recht 
willkürlich umgehen konnte, beweist das Schicksal der Disposition zu 
jenem nationalökonomischen Werk, das den Agitator in den letzten 
Jahren seines Lebens beschäftigte und das er, als er die Kisten im 
Sommer 1865 öffnete, an sich genommen hat. Im Dezember des gleichen 
Jahres ließ ihn nämlich die Gräfin, obgleich es zwischen ihnen zum 
Bruch gekommen war, durch Vermittlung Hans von Bülows um die 
Auslieferung dieser Blätter ersuchen. Er aber schlug die Bitte ab. Die 
Gründe, die er anführte, waren eigentümlicher Art. Einmal knüpfe 
sich für ihn, schrieb er der Gräfin, an diese Blätter seine nähere Be- 
kanntschaft mit Lassalle: ,,Sie hatten einem langen Streit zugrimde 
gelegen, er hatte sie mir mit nach Hause gegeben zum Kopieren. Ich 
habe sie, im Spätherbst des Jahres 1861, in mein Tagebuch kopiert tmd 
die Flecke, die sie tragen, sind die Spuren eines Schneegestöbers, in 
dem ich sie ihm zurückgebracht." Als zweiten Grund führte er an, er 
wolle „um Lassalles willen" verhindern, daß der Inhalt voreilig ver- 
öffentlicht würde. Jahre wären vergangen, seit Lassalle diese Blätter 
geschrieben, er selbst habe inzwischen viel auf dem Felde gearbeitet, 
die Wissenschaft habe nicht stillgestanden. Namen thch ein Pimkt, 
auf dem die Disposition wesentlich tmd der angehängte Plan praktischer 
Operation ganz beruhe — die Ricardosche Grundrententheorie — gelte 
nicht mehr für richtig. Er wisse, daß auch Lassalle in den letzten 
Jahren seines Lebens über Ricardo, ,,um das mindeste zu sagen, zweifel- 
haft war." Kurzum, er könne in die Veröffentlichvmg der Disposition 
oder, ,,was damit gleichbedeutend wäre", in die Aushändigung des 
Manuskripts nicht willigen. Zu seiner ,, eigenen Beruhigung" aber werde 
er die Frage, ,.ob die Veröffentlichung dem schriftstellerischen Namen 



Ivassalles zuträglich sei'", Rodbertus vorlegen. Der Denker von Jagetzow, 
von dem bekanntlich die Auflehnung gegen die Ricardosche Grund- 
rententheorie ausgegangen war, erteilte unverweilt die Auskunft, die 
Bucher zu erhalten wünschte. Aus dem Inhalt der paar Blätter schloß 
Rodbertus, daß der Plan aus verhältnismäßig früher Zeit stamme, und 
wies darauf hin, daß der Verfasser wichtige Teile gestrichen habe, ohne 
dazu gekommen zu sein, sie durch etwas anderes zu ersetzen. Auf dieses 
Gutachten, das an geeigneter Stelle vollständig mitgeteilt werden wird, 
berief sich Bucher und schrieb am 15. Januar 1866 der Gräfin, er glaube, 
den Willen Lassalles zu exekutieren, indem er diese Scripta vernichte. 
Lange nach ihrem Tode hat er in einem Gespräche mit Poschinger ^) 
ausdrücklich versichert, daß er die Papiere nicht vernichtet und es der 
Gräfin nur geschrieben habe, um ferneren Forderungen von ihrer vSeite 
zu entgehen. Verhielt sich dies aber so — und wir haben keinen Anlaß, 
die Angabe anzuzweifeln — , dann hätte Bucher Vorsorge treffen müssen, 
daß Lassalles Entwurf nicht verloren ging. Denn die ökonomische 
Wissenschaft ist auch bei Rodbertus nicht stehengeblieben und sie 
konnte das Recht beanspruchen, in der Folge auch sein Urteil zu über- 
prüfen. In Buchers Nachlaß ist das Manuskript nicht aufgefunden 
worden. So wird auch die wohlwollendste Kritik ihn von dem Vor- 
wurf der Fahrlässigkeit nicht freisprechen können. 

^ . 

Mochte man auch die einen oder anderen Stücke ihr vorenthalten 
haben, die Gräfin Hatzfeldt befand sich jetzt tatsächlich im Besitz 
der schriftHchen Hinterlassenschaft ihres großen Freimdes und hätte 
ihr die Verwendung geben können, die ihrem unbegrenzten Pietäts- 
gefühl angemessen erschien. Gewiß hat sie sich, so lange sie lebte, mit 
dem Plan getragen, auf Grund dieses reichen Materials, das sie hütete, 
dem Freunde ein würdiges biographisches Denkmal zu setzen. Doch 
wie imgünstig waren die Zeitverhältnisse einem solchen Vorhaben ! 
In den ersten Jahren nach Lassalles Tode beschäftigte die Gräfin, wie 
wir schon hörten, vornehmlich der Gedanke, den aberteuerlicheu Unter- 
gang ihres Helden vor der Mit- und Nachwelt durch Veröffentlichung 
aller auf den Vorgang bezüglichen Dokumente in ein versöhnendes 
Licht zu rücken. Darauf erst sollte anscheinend die eigentliche Lebens- 
beschreibung Lasfalles an die Reihe kommen. Lothar Bucher, Bern- 
hard Becker, Wilhelm Liebknecht waren nacheinander die Mitarbeiter 
der seltsamen Frau — aber mit allen hat sie sich überworfen. Dann 
stürzte sich die Gräfin trotz Buchers kluger Warnung in die Wirren, die 



H. von Poschinger. Ein Achtiind\-ierziger, Bd. III, S. 332, 



— =^ 13 — = 

den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein heimsuchten; dieser bog, 
wenigstens faßte »Sophie von Hatzfeldt es so auf, von dem Wege Lassalles 
ab, und ihn zu bekämpfen, gründete sie ihren eigenen lyassalleanischen 
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.^) Wieviel Zeit und Kraft ver- 
schwendete, von Unwürdigen nicht selten ausgebeutet, auf jene Sekten- 
kämpfe diese Frau, die im Grmide der Arbeite rbewegimg fernstand, sie 
niemals recht begriff, zu ihr hingezogen allein durch das trotzige Ver- 
langen, das deutsche Proletariat bei dem orthodoxen Buchstaben des 
LassaUeschen Programms festzuhalten! Aber die deutsche Arbeiter- 
bewegung ließ sich nicht durch die fromme Willkür einer Einzelnen auf- 
halten, sie wuchs hinaus über die Organisationsform imd die Grundsätze, 
die dem großen Agitator, als sie ganz klein war, zweckmäßig erschienen 
waren ! Schweitzer hatte sich wenigstens noch als Nachfolger imd Fort- 
setzer Lassalles bekannt. Aber Bebeis und Liebknechts Stern stieg auf, 
und sie erklärten es als eine ihrer vornehmsten Aufgaben, den Lassalle- 
kultus aus den Herzen der deutschen Arbeiter auszurotten. Deshalb 
wurden sie von der Gräfin glühend gehaßt, und sie erwiderten die Ge- 
fühle, die jene ihnen entgegenbrachte. Als aber 1875 die Reste der 
Lassalleaner mit der Partei der neuen Führer verschmolzen, versank 
für Sophie Hatzfeldt vollends die Hoffnimg, die Arbeiterbewegung 
bei der Richtung festzuhalten, die Lassalle ihr gegeben hatte. Wahr- 
scheinhch damals begann sie sich von neuem mit dem schriftHchen 
Nachlaß Lassalles zu beschäftigen. Gemeinsam mit Fritz Mende, der 
■die Hatzfeldtsche Richtung des LassaUeanismus vorübergehend im 
Reichstag vertrat und den die Siebzigjährige in ihrem stillen Hause in 
Heddemheim mit mütterlicher Liebe betreute, brachte sie in die Fülle 
der Papiere eine gewisse Ordnimg hinein. Ihn hatte sie offenbar be- 
stimmt, wenn sie stürbe. Lassalles Nachlaß an sich zu nehmen und in 
ihrem Geiste zu verwalten. 2) Aber das Schicksal wollte es anders; die 



1) Die Beteiligung der Gräfin Hatzfeldt an der sozialdemokratischen Bewegung 
wird bisher am ausführlichsten behandelt bei Gustav Mayer, Johann Baptist 
von Schweitzer und die deutsche Sozialdemokratie. Ein Beitrag zur Geschichte 
der deutschen Arbeiterbewegung. Jena 1909. 

^) Wahrscheinhch hatte die Gräfin vor Mende auch andere PersönHchkeiten 
ins Auge gefaßt, um die Papiere, an denen ihr Herz hing, für die Öffentlichkeit 
zu bearbeiten. Von einem solchen Versuch, der scheiterte, berichtet die ,,\Vage" 
vom 9. März 1877 in einer Anzeige von Georg Brandes Lassalles, die wahrschein- 
lich der Herausgeber, Dr. Guido Weiß, geschrieben hat. Weiß war zwar zuletzt 
ein Gegner Lassalles gewesen, nahm aber als MitgUed der gleichen Burschen- 
schaft, als Landsmann, als ehrlicher Demokrat und feingeistiger Schriftsteller 
doch starkes Interesse an dessen PersönUchkeit. Hier spricht er, offenbar auf 
Grund genauer Information, von dem an Briefen, Entwürfen und Bruchstücken 
sehr reich gewesenen schriftlichen Nachlaß, der ,, nicht ungeteilt gebUeben" sei. 
Ein umfänghcher Teil desselben wäre später einem Berhner Schriftsteller über- 



alte Dame überlebte den soviel jüngeren Mann. Mendes schriftlicher 
Nachlaß blieb in dem Hause stehen, wo er Unterkunft gefunden hatte, 
und so erklärt es sich, daß bis heute seine Papiere und die der Gräfin, 
zu denen die Lassalles ja ebenfalls gehörten, eine Einheit bilden. Gerade 
einige der wertvollsten Briefschaften Lassalles fanden sich unter Mendes 
Skripturen, andere, die sorgfältig verschnürt waren, hatte die Gräfin 
noch bei Mendes Lebzeiten mit der Aufschrift versehen, daß sie nach 
ihrem Tode sofort an diesen auszuliefern wären! 

Noch einmal, bevor sie starb, hat die vereinsamte Frau, die seit 
Mendes Tod die letzte Fühlimg mit sozialdemokratischen Kreisen verloren 
hatte, es versucht, den ihr so teuren Nachlaß in Hände zu bringen, die 
seine Bedeutung für die deutsche Arbeiterwelt würdigen und ihn mit 
Pietät einer späteren Generation aufbewahren würden. In dem politisch 
so bewegten Sommer des Jahres 1878 war sie nach Berlin gekommen; 
sie wollte damals Lothar Bucher, dem sie niemals verziehen hatte, 
durch die Veröffentlichung seines Briefwechsels mit Lassalle Schaden 
zufügen. Die Greisin mag es einige Überwindimg gekostet haben, als 
sie sich entschloß, im Reichstag Bebel aufzusuchen imd diesem politi- 
schen Gegner den Nachlaß ihres geliebten Fretmdes anzubieten. Doch 
Bebel, der nicht leicht vergaß, mißtraute der Frau, gegen die er Jahre 
hindurch die bittersten Kämpfe geführt hatte. In jenen Wochen stand 
das Sozialistengesetz zur Diskussion; er fürchtete, daß hinter dem hoch- 
herzigen Anerbieten sich geheime Machenschaften der Reaktion ver- 
bargen. Später ist ihm zum Bewußtsein gekommen, wie verkehrt er 
in jener Stimde gehandelt hatte, er hat es lebhaft bereut und öfters 
den Wimsch geäußert, es möchte doch noch möglich werden, den Nach- 
laß Lassalles für das Archiv der sozialdemokratischen Partei zu er- 
werben.-^) 

Sophie von Hatzfeldt entschlief am 25. Januar i88r in Wies- 
baden. In ihrem Testament fanden sich besondere Bestimmungen 
weder über den schrifthchen Nachlaß Lassalles, noch über seine 
BibHothek, aus der sie in den ersten Jahren nach seinem Tode 
eine öffentliche Stiftimg zu machen entschlossen gewesen war. So 
wurde nun ihr Sohn, Graf Paul Hatzfeldt, der kurz nach ihrem 
Tode das Staatssekretariat des Auswärtigen und 1885 Deutschlands 
Vertretmig in London übernahm, der rechtmäßige Erbe auch der 
Lassalleschen Hinterlassenschaft. Die Jahre des Sozialistengesetzes 



geben worden, der sich aber einer Arbeit, die seinem SchaflFenskreise ganz ferrt 
lag, nicht unterziehen wollte und deshalb das Anerbieten ablehnte. ,, Seitdem 
ist es von diesen Papieren still geworden." 

^) Diese Darstellung schöpft aus persönlichen Gesprächen des Herausgebers 
mit August Bebel. 



— ^=-- 15 ^ -^ ^= 

und die sich anschließenden Jahrzehnte, während derer das deutsche 
Volk immer schärfer in jene zwei Nationen zerfiel, die der junge Disraeli 
schon ein halbes Jahrhvmdert früher in England wahrgenommen hatte, 
konnten dem kaiserlichen Diplomaten, der in ganz anderen Welten 
lebte, keinen Anreiz geben, der Veröffentlichimg der Lassalleschen 
Papiere näherzutreten. Davon kormte um so weniger die Rede sein, 
als bis zum Herbst 191 9 die Hatzfeldtsche Familie selbst nicht einmal 
wußte, ob diese sich wirklich in ihrem Besitz befanden. Aus Gründen, 
die uns hier nichts angehen, hatten nämlich sowohl Graf Paul wie Fürst 
Hermann Hatzfeldt, sein einziger Sohn und Erbe, bis dahin niemals 
die Kisten geöffnet, in denen sich Sophie von Hatzfeldts schrifthche 
Hinterlassenschaft befand. Und so kam es, daß die Kunde von den 
Papieren Lassalles im Laufe der Jahrzehnte eine fast sagenhafte Ge- 
stalt erhielt und daß die Hoffnung immer seltener und immer zaghafter 
hervortrat, die ,, verlorene Handschrift" möchte noch einmal ans Tages- 
hcht treten. 



Der Wunsch, sie wieder aufzufinden und der Wissenschaft zu er- 
schließen, hatte den nimmehrigen Herausgeber niemals wieder ver- 
lassen, seit er 1892 begann, seine Doktorarbeit über Lassalle als National- 
ökonomen, die heute mit Recht verschollen ist, auszuarbeiten. Er 
entsinnt sich noch jenes Winterabends des Jahres 1893, wo er, veran- 
laßt durch seinen damaligen Lehrer, den verstorbenen Professor Georg 
Adler, auf der Redaktion des ,, Vorwärts" den alten Liebknecht auf- 
suchte, um von ihm Auskunft zu erhalten. Dieser verwies ihn an die 
Familie Hatzfeldt, er legte ihm aber auch nahe, sich an Friedrich Engels 
in London zu wenden, der Lassalles Briefe an Marx in Verwahrung 
habe. Der junge Student, der noch keine wissenschafthche Leistimg 
aufzuweisen hatte, fühlte sich nicht berufen, so anspruchsvolle Schritte 
zu unternehmen. Im Lauf von zwanzig Jahren wandte er sich darauf 
zu wiederholten Malen an die Erben der Gräfin Sophie; jedesmal ward 
ihm in liebenswürdiger Form die Antwort, daß Gründe vorlägen, die es- 
verhinderten, seinen Wünschen für absehbare Zeit eine Erfüllung in 
Aussicht zu stellen. EndHch fand er im Herbst 1915 in Brüssel die 
Gelegenheit, in mündlicher Unterredung dem Fürsten Hermann Hatz- 
feldt von der Bedeutung des Lassalleschen Nachlasses für die deutsche 
Geschichtswissenschaft ein Bild zu entwerfen und sein Interesse auf 
Lassalles Testament hinzulenken. Drei Jahre später trat der Fürst 
selbst an ihn heran, und nun endlich wurde die Erlaubnis erteilt, auf 
dem Schlosse Sommerberg, wo der Nachlaß der Gräfin ruht, nach 
Lassalles Papieren zu forschen. 



:- :^ == l6 = = 

Aber es waren schlimme 2^iten, als dem Herausgeber endlich die Er- 
füllimg des Wunsches in Aussicht gestellt wurde, dem er so lange nach- 
gegangen war! Nieraals vergißt er den Oktobertag, an dem er in Berlin 
die EinwiUigung des Fürsten eben erhalten hatte und mm Unter den 
Linden auf die erste große revolutionäre Kmidgebung stieß, die vor 
der russischen Botschaft stattfand. Es folgten die Wochen des Zu- 
sammensturzes : unsere Truppen fluteten zurück, mit dem ganzen linken 
Ufer des Rheins wurde auch der Rheingau von einem über den hart- 
näckigen, heldenmütigen Widerstand erbitterten siegreichen Feind 
besetzt. Weiße und schwarze Franzosen bewohnten von nun ab viele 
Monate hindurch den Sommerberg. Bis der Friedensvertrag in Weimar 
angenommen wurde, erhielt selbst der Fürst nur ganz selten Nach- 
richt von seinem schönen Besitz. Aber diese Nachrichten lauteten 
zeitweise recht beunruhigend; die Gefahr blieb erkennbar, daß der so 
hartnäckig gesuchte Schatz im letzten Augenblick noch der Wissenschaft 
für immer verloren gehen könnte. Daß solche Befürchtimg sich nicht 
erfüllte, war nicht zuletzt der tapferen Frau zu danken, die auf dem 
Landsitz als Platzhalterin des Besitzers waltete. Frau Prudentia Kraf ts 
Namen verdient, mit der Geschichte des Lassalle-Nachlasses verknüpft 
zu bleiben. Eine Pause, die mit den Einquartierungen eintrat, nutzte 
der Fürst, seines Versprechens eingedenk, sogleich, um selbst nach dem 
Sommerberg zu eilen. Gemeinsam mit dem Historiker, dem er den 
ehrenvollen Auftrag erteilt hatte, wollte er, bevor wiederum neue Fran- 
zosen erschienen, imtersuchen, ob Lassalles Nachlaß wirklich auf dem 
Speicher seines Schlosses sich befände. Was waren das schöne, milde 
Septembertage, an denen aus eingestaubten Kisten unter zahllosen 
Akten und Dokumenten versteckt zum erstenmal die Handschrift 
LassaUes auftauchte ! An den folgenden Tagen wurde die Nachforschung 
mit Eifer fortgesetzt, vmd jeden Abend konnte der Herausgeber seinem 
fretmdlich anteilnehmenden Wirt von neuen wichtigen Fimden be- 
richten. Am längsten hielten sich die Briefe von Karl Marx und Rod- 
bertus an Ferdinand Lassalle versteckt. Gerade an dem Morgen, als 
sie zum erstenmal durchgeprüft wurden, erschien ein französischer 
Offizier, der für den folgenden Tag neue Einquartierung ankündigte. 
So galt es, die aufgefundenen Schätze vor verständnisloser Willkür 
schleunigst in Sicherheit zu bringen. Doch die Dokumente wogen, ihr 
Umfang war groß, vieles war fortzuschaffen. Dabei durchsuchten die 
Franzosen damals noch alles Gepäck, das aufgegeben wurde. Am 
Ende gelang es, auch diese Fährnis zu überwinden, weibliche Klugheit 
und Hilfsbereitschaft triumphierten, und Lassalles Nachlaß gelangte 
von niemandem behelligt in das imbesetzte Gebiet hinüber. 



Zur Einführung in den ersten Band 



Für die Zeit von 1840 bis 1848, die dieser erste Band des Nachlasses 
umspannt, also für Lassalles fünfzehntes bis dreiundzwanzigstes 
l^bensjahr, flössen die Quellen, die seine geistige mid seelische Ent- 
wicklung verstehen lehrten, bisher ziemlich spärlich. Tiefe Einblicke 
in sein Wesen gewährt seit bald dreißig Jahren das einzigartige Tage- 
buch des Untersekvmdaners des Breslauer Magdalenen-Gymnasiums 
und des I^eipziger Handelsschülers, das mit imbeirrbarer EhrHchkeit 
geführt wurde. Aber diese Aufzeichnimgen brechen schon mit dem 
Jahre 1841 ab, und dahinter klaffte eine Lücke, die nur unzureichend 
ausgefüllt werden konnte. Die Intimen Briefe an Eltern imd Schwester, 
die Eduard Bernstein 1905 herausgab, bereichern unser Wissen um 
Lassalles Studentenzeit, in der Geist und Charakter bei ihm ihre end- 
gültige Form annahmen, bloß um einen Brief an den Vater aus dem 
Jahre 1844 imd um einen Brief an die Schwester aus dem Jahre 1845. 
Ergiebiger war diese Publikation für die beiden letzten Jahre des Zeit- 
raums, auf den sich hier unser Augenmerk richtet. Wenn man aber 
Jetzt seinen Nachlaß erblickt, gewinnt man den Eindruck, daß Lassalle 
diejenigen seiner Briefe an die Eltern, die er selbst des Aufbewahrens 
für wert hielt, nach dem Tode des Vaters oder auch schon früher an 
sich genommen hat. In der Tat erschheßt auch für die Jahre 1846 bis 
1848 dieser Nachlaßband ganz neue Quellen für seine Biographie. 
Wie das Tagebuch werden die Intimen Briefe in den Anmerkungen 
-überall herangezogen, wo sie das Material, das hier mitgeteilt wird, 
in wesentlichen Punkten vervollständigen helfen. 

Als 1891 Paul lyindau das Jugendtagebuch herausgab, glaubte er 
noch, zu momentane oder zu impulsive Ausdrücke des Schreibers 
abschwächen zu sollen. Er hielt sich dabei nicht frei von einer Prüderie, 
die tms heute ebenso sonderbar anmutet, wenn wir an Paul Lindau, 
wie wenn wir an La-ssalle selbst denken. Der Herausgeber dieser PubU- 
"kation fühlte sich nicht berufen, überschäumende Äußerungen einer 
kraftvollen Persönlichkeit abzuschwächen. Am wenigsten paßte Zag- 
haftigkeit zu einem Menschen von der Furchtlosigkeit vmd charakter- 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 2 



vollen Geschlossenheit Lassalles. Ein ganzer Mann, trug er seine 
Fehler und Schwächen unbedenklich zur Schau und machte es nie- 
mandem schwer, sie aufzufinden ; er war sich bewußt, daß seine wert- 
vollen imd bedeutenden Eigenschaften die anderen überschatteten. 
Bei einigen Briefen gebot es die Rücksichtnahme auf das Pietäts- 
gefühl noch lebender Personen, einzelne Sätze fortzulassen. Doch es 
sei gleich hier ausdrücklich hervorgehoben, daß diese Auslassungen 
nirgends das Verständnis des Zusammenhanges trüben. Einem glück- 
lichen Zufall war es zu danken, daß das Original jenes Jugendtage- 
buchs einer wissenschaftlichen Durchsicht unterzogen werden konnte.^) 
Die Beschreibung einer Reise des Handelsschülers nach Halle und 
Dresden, die Lindau fortgelassen hatte, wurde unserer Veröffentlichung 
eingefügt und bildet hier jetzt das einzige Stück, das nicht aus dem 
eigenthchen Nachlasse Lassalles, der dem Fürsten Hatzfeldt gehört, 
stammt. 

IL 

Ferdinand Lassalle wurde am ii. April 1825 in Breslau als der 
einzige Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Von der 
Umgebimg, in der er aufwuchs, von seinen Kindheits- und Schul- 
jahren in ihrem äußeren Verlauf, von den Eindrücken, die sie ver- 
mittelten, und den Einflüssen, denen sie ihn aussetzten, entwirft Her- 
mann Oncken in seiner schönen Lassalle-Biographie ^) ein anschau- 
hches Bild, auf das wir hier verweisen dürfen. Dort mag man nach- 
lesen, wie der frühreife Knabe sich den Aufenthalt auf dem Gymnasium 
verleidete imd wie er nun von dem Vater, der ihn lieber hätte studieren 
lassen, sich ausbat, daß er eine Handelsschule besuchen dürfe. Wie er 
aber nach Leipzig auf eine solche kam, wurde ihm bald offenbar, daß 
das Schicksal anderes mit ihm vorhatte, als ihn Kaufmann werden 
zu lassen; am besten liest man im Jugendtagebuch selbst nach, wie 
hier der erwachende Genius sich seines künftigen Wegs bewußt zu 
werden begann. Daß der spätere Demagoge bereits auf der Handels- 
schule von seiner agitatorischen Begabung Gebrauch gemacht habe, 
hatten einige seiner dortigen Mitschüler, imter anderen der Agrarhisto- 
riker August Meitzen, gelegentlich erzählt. Doch erst jetzt erhalten wir 
aus einem Brieffragment an den Vater (Nr. 5) einen unmittelbaren 



^) Das Tagebuch gehörte damals dem Berliner Antiquar Paul Graupe, dem 
hier für die Herleihung Dank abgestattet sei. Seither soll es in den Besitz des 
Germanischen Museums übergegangen sein. 

*) Hermann Oncken: L«assalle. Eine pohtische Biographie. 3. Aufl. Stutt- 
gart und Berlin 1920, Deutsche Verlags- Anstalt. 



=-^-= 19 — ^-=. 

Eindruck von dem revolutionären Treiben des Siebzelin jährigen. Der 
Wirkung dieser Schilderung wird es nicht Abbruch tun, daß sie auf 
einem zerfetzten Blatt nur lückenhaft auf uns gekommen ist. Bereits 
hier zeigt sich Lassalle ganz von dem Gedanken erfüllt, um den auch 
später all sein Sinnen kreiste, von dem der Revolution: schon wurde 
sein Vorbild Robespierre, dem er im Grunde wenig ähnelte, schon be- 
ansprucht er, in der ,, gewaltigen Krise" die erste Rolle zu spielen. Er 
rühmt sich, daß er mit der , .glühendsten Beredsamkeit" die ,, herr- 
lichsten Reden" halte, und daß er überdies noch jeden einzelnen der 
Schüler für sich bearbeite. So erblicken wir bereits in nuce den Agi- 
tator der kommenden Tage. 

III. 

Ungewißheit herrschte bisher über die näheren Umstände, unter 
denen sich bei Lassalle der Übergang von dem Handelsschüler zum 
Studenten vollzog. Wo und wie konnte er sich zum Abiturium v^or- 
bereiten, zu welchem Termin hat er es bestanden? Dokumente, Notizen, 
Hinweise, die sich im Nachlaß fanden und zu erfolgreicher Akten- 
nachforschvmg den Anstoß gaben, halfen das Dimkel zu lichten, das bisher 
über diesem Abschnitt seines Lebens lagerte. Nachdem Heyman Lassal 
dem Wimsch des Sohnes stattgeben und ihn auf die Handelsschule 
gebracht hatte, bestand er nun auch darauf, daß Ferdinand sie bis 
zum Abschlußexamen besuchte. ,,Mein Vater," so hatte dieser am 
13. September 1840 in sein Tagebuch geschrieben, ,,will, daß ich aus- 
harre imd ein Jahr in der ersten Klasse bleibe, um dann mit dem 
Zeugnis der Reife abgehen zu können. »Sonst hätten ihm seine Opfer, 
die er mir gebracht, nichts genützt. Das viele Geld, das ich ihm 
koste, und das ihm so schwer ankommt, das wäre ja herausgeworfen. 
Nein, und wenn ich noch so viel zu dulden hätte, ich will diese 
anderthalb Jahre standhaft ertragen." Doch alle guten Vorsätze 
hinderten ihn trotzdem nicht, im August 1841 die Handelsschule 
Knall und Fall zu verlassen und zwar, wie von nxm ab als sicher 
anzunehmen ist, dem ausdrücklichen Wunsche des Alten entgegen. 
Als Ferdinand bereits nach einigen Monaten am Breslauer Matthias- 
Gymnasium das Abiturientenexamen bestehen wollte, hat er eine 
Vita verfaßt, die sich trotz eifrigen Suchens nicht wieder auffinden 
ließ. Aber wir erfahren aus einem Bericht der Prüflingskommission 
an den Unterrichtsminister Eichhorn, und eine Eingabe, die Lassalle 
an diesen machte und die wir hier abdrucken (Nr. 9), bestätigt es, 
daß er selbst darin auf seinen ,, Kampf mit dem Vater um die Standes- 
wahl " zu sprechen kam. Der Schulrat, der ihn, wie wir gleich sehen 



— —- 20 ■ 

werden, unter allen Umständen zu Fall bringen wollte, konstruierte 
aus diesem Konflikt mit dem Vater eine besondere ,,Impietät", aus 
der er einen ,, Mangel an Charakterreife" ableitete. Genaueres er- 
fahren wir dann noch aus einer Notiz, die Gräfin Sophie Hatzfeldt 
bald nach Lassalles Tode machte, als sie, mit einer Veröffentlichung 
über seinen Untergang beschäftigt, mehrere Federn in Bewegimg ge- 
setzt hatte, um dafür eine kurze biograj^hische Einleitimg zu schreiben. 
Was sie hier aufzeichnete, mag etwas romanhaft ausgeschmückt 
sein, aber es geht wohl doch sicherlich auf Lassalles eigene Erzählung 
zurück. Vom Angesicht des Vaters verbannt, berichtet sie, habe er sich 
in eine Dachstube des elterlichen Hauses zurückgezogen, wo ihn nur 
Mutter und Schwester besuchten. Hier nun habe er auf eigene Faust, 
so wird — übrigens mit veränderter Handschrift — weiter erzählt, 
bloß mit Hilfe von Büchern mid einiger Stunden in der Woche, die 
ein mit der Familie bekannter Professor dem Knaben gab, sich zum 
Examen vorbereitet. Aus den Akten des Matthias-Gymnasiums er- 
sehen wir, daß dessen erster Mathematiker, Professor Brettner, ihn 
damals in seinem Fach unterrichtete. Daß er aber auch im Deutscheu 
Privatunterricht genoß, beweist eine Reihe von Aufsätzen, die, von 
Lehrerhand sorgfältig korrigiert, im Nachlaß sich fanden und nur in 
jener Vorbereitungszeit entstanden sein können. 

Um diese Zeit lernte ihn der aus Kempen im Posenschen gebürtige, 
spätere angesehene Publizist und Breslauer Stadtverordnete David Honig- 
mann (1821 — 1885) kennen, dessen I/ebenserinnerungen für Lassalles 
Biographie bisher noch nicht herangezogen wurden. ,,Er entwickelte 
einen eisernen Fleiß," so berichtet dieser ,,um seine lückenhaften 
Schulkenntnisse zu erweitem. Er ging oft tagelang nicht aus und 
empfing uns in einem eleganten Samtschlafrock miter einem wüsten 
Haufen von Büchern und Papieren. Schon damals beschränkte er 
sich nicht auf das Nächstliegende, sondern trieb gleichzeitig mit 
uns literarisch-philosophische Allotria." Davon wird weiterhin noch 
zu sprechen sein.^) 

Lassalle meldete sich also zum Ostertermin 1842 bei dem König- 
lichen katholischen Matthias-Gymnasium, wo mit ihm noch zwölf 
andere ,, Wilde" das Examen bestehen wollten. Nun machte jedoch 
ein Paragraph des Prüfungsreglements die Zulassung davon abhängig, 
daß man in der Sekunda mindestens eineinhalb Jahre zugebracht, 
diese selbst aber vor wenigstens zwei Jahren verlassen haben müsse. 
Daß Lassalle die erste Bestimmung nicht erfüllte, teilte Direktor 



^) David Honigmanas Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/45) 
im Jahrbuch für jüdische Gescliichte und I/iteratur, Bd. 7 (1904) S 133 f. 



21 

Wissowa, wie es seine Pflicht war, am 20. Jaiiuar 1842 dem Proviiizial- 
schulkollegium mit, imd dieses verfügte daraiif seine Zurückweisung, 
„bis auch bei ihm vier Jahre vom Eintritt in die Sekunda an verflossen 
sein würden". Wann jedoch hätte lyassalle bei dem abschlägigen 
Bescheid einer Behörde sich ohne weiteres beruhigt? Das fiel dem 
Siebzehnjährigen so wenig ein wie später dem Agitator. Und wirklich, 
er setzte seinen Willen durch. Auf ein Gesuch, das er am 19. Februar 
an den Minister richtete, erfolgte drei Tage vor dem mündlichen Examen 
der Bescheid, die Teilnahme sei ihm gestattet. Aber schon hatten die 
schriftlichen Arbeiten begonnen ; der lateinische Aufsatz und die mathe- 
matische Arbeit waren vorüber, sie mußte er im Direktoratszimmer 
allein nachholen. Mit der Leitimg des Examens als Regierungskommissar 
war nicht, wie man erwartet hatte, der Schulrat Dr. Vogel, sondern 
der Konsistorialrat und Professor der Theologie an der Breslauer Uni- 
versität Dr. David Schulz betraut worden. Nicht ganz durchsichtig 
sind die Gründe, welche diese ,, Säule des vulgären Rationahsmus in 
Schlesien", wie sein Biograph ihn nennt, mit solchem Ingrimm gegen 
Lassalle erfüllten. Zwar durfte der formale Gesichtspmikt, daß der kecke 
junge Mensch in kürzerer Zeit zur Matura kommen würde als andere, 
welche der gewöhnlichen Schullaufbahu gefolgt waren, offiziell nicht 
mehr ins Treffen geführt werden, nachdem das Ministerium sich 
darüber hinweggesetzt hatte. Dennoch hatte L,assalle unzweifelhaft 
recht, wenn er in seiner späteren Beschwerde Eichhorn zu verstehen 
gibt, wie stark das ProvinzialschuUcoUegium ihm seinen Appell an den 
Minister verdacht habe. Aber ob Schulz es allein aus diesem Gnmde 
auf einen schweren Konflikt mit dem Direktor und allen Lehrern, die 
Lassalle prüften, hätte ankommen lassen? Ungern legt man per- 
sönliche Motive imter, wo eigentlich sachliche ausreichen sollten. 
Aber muß man nicht bedenldich werden, wenn man aus Wissowas 
Rechtfertigungsschreiben an den Minister erfährt, wie Schulz un- 
mittelbar vor der Fortsetzung des Examens nach der Mittagspause 
sich zu einigen der prüfenden Lehrer darüber aufhielt, daß Lassalle 
schon jetzt das Abiturium bestehen wolle, während sein eigener Sohn, 
der auf dem Magdalenen-Gymnasium mit jenem in derselben Klasse 
gesessen habe, erst in die Prima käme ? Nicht nur tmter biographischem, 
sondern auch unter allgemein schulgeschichtlichem Gesichtspunkt 
kommt den Akten des Matthias-Gymnasiums über den Verlauf von 
Lassalles Examen Bedeutung zu. In allen wesenthchen Punkten 
bestätigen sie vollauf, was Lassalle in seinen beiden hier mitgeteilten 
Briefen an Eichhorn berichtet: Die Lehrer, die dafür hielten, daß er 
schriftlich und mündlich eines der besten Examina gemacht hätte, er- 
klärten ihn einmütig für reif, der Schulrat aber übte auf sie eine unerhörte 



Pression aus. Er schreckte selbst davor nicht zurück, auf eigene Faust 
die günstigeren Zensuren der Lehrer umzustoßen und durch schlechte 
zu ersetzen, am Ende brach er, indem er erklärte, die volle Verant- 
wortung zu übernehmen, den Widerstand des Direktors und der Ivchrer. 
Daß diese sich in der entscheidenden Konferenz nicht eben helden- 
mäßig benommen hatten, gestanden sie hernach selbst ein; in ihrer 
aller Namen schrieb der Direktor in einem Rechenschaftsbericht au 
die vorgesetzten Behörden, die Kommission habe eine klägliche Rolle 
gespielt, weil sie ,, durch Heftigkeit und Drohungen sich einschüchtern 
und zur Anerkennung fremder Absicht, mithin zur Selbstherabwürdigung 
zwingen" ließ. Wie völlig es der königliche Kommissarius an Ob- 
jektivität fehlen ließ, beweist das Schicksal von Lassalles deutschem 
Aufsatz. David vSchulz' wissenschaftliches Hauptbestreben war, die 
wesentlichsten Ideen des Urchristentums auszumitteln und auf rationa- 
listische Weise mit der Humanität zu versöhnen. Wir wissen nicht 
authentisch, ob das Thema des Abiturientenaufsatzes, das eine ,, Ent- 
wicklung des Begriffs Humanität" verlangte, von ihm persönhch ge- 
stellt war. Das Lehrerkollegium meinte, jeder unbefangene Beurteiler 
werde finden, daß es eigentlich über den Gesichtskreis so junger Leute 
hinausginge. Nun hatte Julius Zastra, ein besonders bewährter Lehrer 
im Deutschen, in Lassalles Aufsatz zwar ,, viele aus Lektüre geschöpfte 
Reminiszenzen" festgestellt, ,,die dem Gegenstand mehr oder weniger 
fernliegen, auch nicht immer ganz gründlich aufgefaßt sind", aber er 
hatte das ,,glückHche Talent der Darstellung" und die ,, große Ge- 
wandtheit im Ausdruck" für sein Urteil entscheidend sein lassen. Weil 
aber Schulz außer auf Lassalles I/cbensbeschreibung seinen ,, Haupt- 
angriff" auf diesen deutschen Aufsatz richtete, erachtete die Prüfungs- 
kommission es für geraten, sich noch einmal ausführlicher mit ihm zu 
beschäftigen. Das Urteil, das sie fällte, ist beachtenswert genug, 
um wörtlich mitgeteilt zu werden: ,,Dem von den Schriften mancher 
der neuesten, zumal jüdischer Schriftsteller angeregten Lassal war 
Humanität mit Toleranz und Liberalismus in leicht möglicher Begriffs- 
unsicherheit als eines erschienen und manche moderne Zeitidee und 
Lesefrüchte hatten sich ihm dabei dargeboten, aber Geist und Sprach- 
gewandtheit waren uns darin in einem Grade wie bei keinem anderen 
der Geprüften erschienen, und insofern hatten wir die Arbeit für die 
beste gehalten." Wie verständnisvoll erscheint dies Urteil der Lehrer, 
die übrigens, wie sie bezeugen, Lassalle eben erst kennen lernten, neben 
dem, welches der königliche Kommissarius ihnen oktroyierte! Er gab 
schlankweg die folgende Note: ,,Sein deutscher Aufsatz über den Begriff 
der Humanität ist ein Gemisch von unverdauten und mißverstandenen 
Phrasen ohne rechtes Verständnis für die Sache, ohne Plan und mit 



=^= 23 - 

zahlreichen sprachlichen und orthographischen Fehlern, besonders ohne 
richtige Interpunktion, die auch sonst bei den übrigen Arbeiten fehlt." 

So vollständig Lassalle im Recht war, so wenig gelang es ihm doch 
bei diesem ersten Kampf mit den Behörden, sich sein Recht zu erstreiten. 
Obgleich er, wie die Gräfin berichtet, Eichhorn, der sich im Gefolge 
des Königs gerade in Erdmannsdorf in Schlesien aufhielt, seine ,, Bitt- 
schrift" persönlich überreichte, blieb Schulz Sieger; Lassalle mußte 
sich fügen imd ein Jahr warten. Erst Ostern 1843 hat er dann, wieder- 
um am Matthias-Gymnasium, diesmal unter dem Schulrat Dr. Vogel, 
das Abiturium bestanden. Im deutschen Aufsatz mußte er die Frage 
beantworten, welche Verdienste Kaiser Karl den Namen des Großen 
erworben hätten. Sein Reifezeugnis ist vom 21. April 1843 datiert. 

Ein bezeichnendes Licht auf Lassalles Charakter wirft es, wie er 
sich zu dem Mann, der ihm zweifellos bitteres Unrecht zugefügt hatte, 
stellte, als diesem selbst drei Jahre später die Regierung übel mit- 
spielte. Weil Schulz als ausgesprochener Gegner des Pietismus sich 
an der Redigierung einer Erklärung beteiligt hatte, die eine freiere 
Organisation der protestantischen Kirche forderte , enthob eine 
Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. vom 26. September 1845 ihn 
seines Platzes im Konsistorium.^) Nun griffen bekanntlich im Vor- 
märz die freiheitlich gesinnten Elemente jede Maßregelung, die von 
reaktionärem Geist eingegeben war, auf, um in der Form von Sym- 
pathiekundgebimgen für das Opfer Gesinnungen kundzutun, die sie 
in direkter Form nicht aussprechen durften. Noch überlegten die 
Breslauer Stadtverordneten, zu denen auch Lassalles Vater von 1841 
bis 1849 gehörte, ob sie dem Magistrat vorschlagen sollten, Schulz 
zum Ehrenbürger zu ernennen oder ob sie gar wagen wollten, in einer 
Adresse an den König dem Bedauern über die Amtsentsetzimg des 
Konsistorialrats Ausdruck zu geben. Am Ende begnügten sie sich 
mit einem Geschenk und einer Glückwunschadresse zu Schulz' Geburts- 
tag. Den jungen Lassalle aber hatte dieser an sich unbedeutende 
Konflikt inzwischen bereits so stark erregt, daß er, sicherlich wohl 
für den Vater, der sich ihrer bedienen sollte, eine Eingabe der Stadt- 
verordneten und des Magistrats an den König entwarf, in der über die 
Amtsentsetzung des ,,in den weitesten Kreisen unserer Stadt hoch- 
geachteten geistlichen Beamten" Klage geführt wurde. Wo öffent- 
liche Fragen zur Entscheidung standen, traten stets bei Lassalle persön- 
liche Gegensätze in den Hintergrtmd. Der Entwurf dieser Eingabe 
wird gemeinsam mit ähnlichen Schriftstücken an einer anderen Stelle 
dieser Pubhkation seinen Platz finden. 

'} JuUus Stein, Geschichte Breslaus im 19. Jahrhundert. Breslau 1884. 
S. 1671, 193 f. 



IV. 

Lassalle bezog also nicht, wie alle seine Biographen bisher an- 
genommen haben, schon 1842, sondern erst Ostern 1843 die Univer- 
sität. Die beiden ersten Seraester studierte er in seiner Heimatstadt, 
den Sommer 1844 und Winter 1844/45 war er in Berlin, den Sommer 
1845 in Breslau, den Winter 1845/46 wieder in Berlin immatrikuliert. 
Danach wurde er, weil er keine Kollegien mehr belegt hatte, im 
Sommer 1846 aus dem Album der Universität gelöscht. Die Briefe, 
die er aus Berlin an den Vater schreibt, lassen erkennen, daß seine 
selbständige Natur sich von der Teihiahme an den Vorlesungen keine 
wesenthche Förderung versprach, daß er aber noch höher als die 
allgemeinen die Fachkollegien schätzte. So hat er, wie der Ivehrer 
ihm wiederholt bezeugt und wie seine Hefte erkennen lassen, während 
seiner drei Breslauer Semester ,,mit rühmlichstem Fleiß" bei dem 
Philologen Friedrich Haase gehört, an dem ihm sympathisch sein 
mochte, daß er wegen Teilnahme an der Burschenschaft früher 
Drangsale erlebt hatte. Bei Haase belegte er der Reihe nach Er- 
klänmgen von Sophokles Oedipus Tyrannos, Griechische Altertümer, 
Bedeutimgslehre und Syntax der lateinischen Sprache und Methodik 
des philologischen Studiums und Unterrichts. Auch Richard Roepell, 
der Schüler L,eos und Rankes, bestätigt ihm, daß er seine Vor- 
lesungen über Geschichte der neuesten Zeit ,, recht fleißig" besucht 
habe, während der reaktionäre Philosophieprofessor Braniss, der ihm 
nichts geben konnte, bloß Lassalles ,, Meldung bescheinigt". 

Den beiden frühen Semestern in Breslau gehören in diesem Bande die 
Stücke Nr. 12 und 13 an, die von den zwei verschiedenen Richtungen 
Kunde geben, in die sein Interesse sich damals erstreckte. Bekannt ist, 
daß er in die Burschenschaft der Raczeks eingetreten war, die einem radi- 
kalen Geist huldigte und aus der nicht bloß zufällig auch noch andere 
demokratische PoHtiker von Ruf hervorgegangen sind. Die Vorgänge, 
die zu der hier zuerst abgedruckten Adresse an den Akademischen 
Senat die Veranlassung gaben, sind schon anderswo erzählt worden.^) 
Zu Anfang des Winters 1843/44 war nämlich der in Königsberg kon- 
silnerte politische Lyriker Rudolf Gottschall nach seiner Heimatstadt 
Breslau gekommen, um hier seine Studien fortzusetzen. Aber noch 
bevor seine Immatrikulation erfolgt war, wurde er in einen akade- 
mischen Skandal verwickelt. Die Studenten hatten in einer Vorlesung 

^) Vgl. Gründung und Butwickluag der Breslauer Burschenschaft. Pestgabe 
zu ihrer fünfzigjährigen Jubelfeier am 26. und 27. Oktober 1867 den alten Herren 
dargebracht von der (alten) Breslauer Burschenschaft, Breslau 1867; ferner Die 
alten Raczeks, Breslau 19 17, und Rudolf von Gottschall, Aus meiner Jugend, 
Berlin 1898, S. iigff. 



ihrem Mißfallen darüber Ausdruck gegeben, daß Professor Braniss gegeu 
Ludwig Feuerbacb, die jungbegelsche Philosophie wie überhaupt gegen 
radikale Ideen zu Felde zog. Als sie von dem Studenten Hermann 
Grieben, einem späteren Redakteur der , .Kölnischen Zeitung", in der 
,, Breslauer Zeitung" deswegen zur Rede gestellt wurden, schrieb Max 
von Wittenburg, der an der Spitze der Burschenschaft stand, eine 
Studentenversammlung aus, in der Grieben sich wegen seiner Zeitungs- 
polemik rechtfertigen sollte. Diese Versammlung wurde vom Senat 
untersagt, aber dennoch abgehalten und stark besucht. Wittenburg, 
Gottschall imd — das erstemal, daß man ihn öffenthch hörte — 
Lassalle waren die Redner. Die Übertrettmg des Verbots führte 
dahin, daß Wittenburg konsihiert und Gottschall, dessen Lieder die 
Burschen sangen, aus der Stadt verwiesen wurde. Als er nun ein 
glänzendes Komitat erhielt, wurden die Studenten, die sich daran 
beteihgt hatten, wiederum zur Untersuchimg gezogen, Anders (Casca) 
konsiliiert, mehrere, unter ihnen Lassalle, mit Karzer bestraft. Gott- 
schall hatte gerade eben in Breslau sein Trauerspiel ,, Robespierre" 
geschrieben, dessen Entstehung Lassalle schon aus Anteilnahme für 
den Helden mit Interesse verfolgen mußte. Aus dem April 1845 hegt 
uns die Nachricht vor, daß der Verfasser ihm in Berlin, wohin l^eide 
inzwischen übergesiedelt waren, das Manuskript geliehen hatte. Der 
Einfluß, der von Max von Wittenburg damals ausging, legt die Ver- 
mutung nahe, daß er einen in Lassalles Nachlaß befindhchen 
größeren Aufsatz verfaßt haben könnte, der, überschrieben: Der Ver- 
rat an der deutschen Burschenschaft, allgemeinen pohtischen Inhalts 
ist, aber in seiner Fortsetzvmg, die fehlt, eine Polemik gegen den Bimdes- 
bruder und späteren Breslauer Redakteur August Semrau enthalten 
haben muß. 

Die andere Umgebung, in der Lassalle als Breslauer »Student sich 
bewegte, hat bisher überhaupt noch keine gründlichere Untersuchung 
erfahren. Bei seiner starken jüdischen Bevölkerimg, die aus dem 
polnischen Hinterland fortwährend Zustrom gerade auch von geistig 
regsamen Elementen erhielt, war Breslau, besonders seitdem Abra- 
ham Geiger seinen Wirkungskreis hierher verlegt hatte, einer der 
Hauptschauplätze geworden, auf denen damals die von der Ortho- 
doxie sich frei kämpfenden geistigen Kräfte innerhalb des Judentums 
Anschluß an die ihnen verwandten oder ihnen parallel gehenden gei- 
stigen Strömungen der deutschen protestantischen Welt suchten. Ging 
Abraham Geiger selbst keineswegs so weit wie seine Freunde vom 
Reformverein, die M. A. Stern, Gabriel Riesser und Theodor Creizenach, 
sträubte er persönlich sich auch gegen ,,das Junghegeltum mit seinem 
Subjektivitätsdünkel" und seinem ,, gemeinen Ankämpfen gegen alle 



-^ ^^ — =^ 26 . ^— 

Demut in der Menschenbrust",^) so konnte er doch nicht verhindern, 
daß bei einigen der Jünger, die ihn umgaben, die Halhschen und 
Deutschen Jahrbücher enthusiastischen Anklang fanden. Gerade mit 
diesen jüngeren Elementen aber trat P'erdinand Lassalle in der Zeit, 
als er sich noch zum Abiturium vorbereitete, in engere Beziehung. In 
seinen schon obenerwähnten Jugenderinnerungen berichtet David Honig- 
mann, wie er gemeinsam mit seinem Landsmann Bernhard Fried- 
mann, der in der Beherrschung der Dialektik von ihnen weitaus der 
geschulteste gewesen sei, und dem viel jüngeren Ferdinand Lassalle 
sich damals in die Doktrinen der Hallischen und Deutschen Jahrbücher 
vertieft habe. Gemeinsam mit ihnen und mehreren anderen Studenten 
imterrichtete um diese Zeit Lassalle zeitweise an einer Art freiem 
Vorgymnasium, das die aus Polen einwandernden mit regem Bildungs- 
trieb ausgestatteten, aber in ihren Schulkenntnissen vernachlässigten 
Talmudjünger für die höheren Gymnasi alklassen vorbereitete. Ob 
der junge Eduard Lasker aus Jarotschin, der spätere Führer der 
deutschen Nationalliberalen, der diesen Kurs besuchte, auch an dem 
griechischen Unterricht, den Lassalle gab, teilgenommen hat, ist uns 
nicht bekannt. Jenes Vorgymnasium stand in enger Verbindung mit 
dem 1842 von Geiger gegründeten Lehr- und Lese verein. Diesem ist ein 
von dem jungen Ferdinand Lassalle verfaßtes längeres Gedicht gewidmet, 
das er auf die Rückseite einer Faktura aus dem väterlichen Geschäft 
gekritzelt hat. Die vielen Anspielungen auf Vorgänge in diesen Kreisen, 
die es enthielt, konnten wir nicht entziffern, auch der Sinn ist nicht 
durchweg verständlich, aber soviel liest man heraus, daß in dem Lehr- 
ivnd Lese verein eine junghegelianisch gesinnte Opposition, mit der 
Lassalle sympathisiert, sich störend bemerkbar machte und daß diese 
Opposition sich alsbald über alle konfessionellen Schranken fortsetzte 
und der Sinnenlust das Wort redete: 

,,Zwar glaubt er mid sein Mephisto an Gott noch und Inkarnation 

Und an Dreieinigkeiten und an die Passion. 

Sie haben zur Gottheit gesetzt sich den dialektischen Fluß. 

Wenn der sich in Frau'n inkarnieret, erhält er manch glühenden Kuß, 

Und Leier und Wein und Küssen, das ist die Dreieinigkeit 

Und die Passion für diese, ,,das sitthche Pathos" der Zeit. 

Und weil das Diesseits geblieben, das Jenseits aber nicht mehr, 

So zieh'n sie aus Mahomeds Himmel die Houris zur Erde her." 

Von der Religion seiner Väter hat Lassalle sich zwar äußerlich 
niemals formell getrennt. Im Innern entfremdete er sich ihr schon 

') Abraham Geiger, Nachgelassene Schriften, herausgegeben von t,udwig 
Geiger, Bd. V, Berlin 1878, S. 167. 



als Stmlent, je tiefer er sich in Hegel versenkte, während gleichzeitig 
manche Gedanken Ludwig Feuerbachs bei ihm Eingang fanden. Daß 
er aber zu Anfang seines Studiums noch starkes Interesse für eine Re- 
formation des Judentums besaß, zeigt der Brief Nr. 13, der von seinem 
Bemühen Kunde gibt, mit den leitenden Männern der jüdischen Reform- 
bewegung in direkte Verbindung zu treten. Für alles, was auf diesen 
speziellen Gegenstand Bezug hat, verweise ich auf meinen Aufsatz: 
, .Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung" in der Monats- 
schrift „Der Jude", herausgegeben von Martin Buber, 5. Jahrgang 1920, 
vS. 26 ff. 



V. 

In emem besonderen Umschlag befanden sich im Nachlaß die Kon- 
zepte zu einer Anzahl an unbekannte weibliche Wesen gerichteter 
Liebesbriefe von Lassalles Hand, die sämtlich weder eine Orts- noch 
eine Zeitangabe verraten. Auf diesen Umschlag hatte die Gräfin Hatz- 
feldt die folgende Bemerkung gesetzt: ,, Liebesbriefe, geschrieben von 
Ferdinand Lassalle, als er 18 Jahre alt war. Nur berücksichtigungs- 
wert als Zeichen der grenzenlosen Leidenschaftlichkeit, mit welcher er 
alles erfaßte. Die Gedanken noch völlig imklar, ungeläutert, lassen 
schon im Keim den künftigen Lassalle erkennen, der sich wenige 
Jahre später so herrlich und selbstbewußt klar entwickeln sollte." 
Wie weit die Altersangabe, die die Gräfin hier macht, wörtlich zu 
nehmen sei, darüber ließe sich streiten. Trotz der bewimdernswerten 
Pietät, die sie auf die Erhaltung und Ordnung der Papiere Lassalles 
verwandte, war ihre stärkste Seite nicht historische Genauigkeit. Wir 
sind wenig unterrichtet über I^assalles intime Verhältnisse zu den 
Frauen in dieser frühen Zeit. Rudolf Gottschall, der ihn in Berlin 
öfter in seiner Studentenwohnung aufsuchte, erzählt von einer Epoche 
vornehmer Liebesabenteuer, die er dort anfangs durchlebt tmd von 
Liebesbriefen im LTmfang von einigen Bogen Konzeptpapier, die er 
in echtem Romanstil an vornehme Damen gerichtet habe. Später habe 
er mehr Naturkinder geliebt, er sei zu den Gretchen und Klärchen 
herabgestiegen. Neue Aufschlüsse gewähren uns die sehr ausführ- 
lichen Berichte, die sein nächster Freund, mit dem er in Berhn auch 
zusammenwohnte, Dr. Arnold Mendelssohn ihm erstattete, nachdem 
er im Frühling 1845 nach Breslau zurückgekehrt war. Sie erlaubten 
wenigstens von einem Teil der Briefe festzustellen, wem sie zugedacht 
waren und wann sie geschrieben wurden. Sein Herz besaß damals 
die Gesanglehrerin Lonni Grodzka, von der wir hier erfahren, daß 
er sie 1844 kennen lernte. Die übrigen Briefe könnte man eher mit 



der Gräfin Hatzfeldt dem Achtzehnjährigen zutrauen. Von ihnen 
ist einer an eine Dame namens Emma gerichtet, Ü1x;r die wir weiter 
nichts wissen, ebensowenig läßt sich über die verheiratete Frau sagen, 
an die er die anderen beiden Briefe schrieb. Daß es sich bei ilmen um 
bloße Stilübungen gehandelt haben sollte, ist nicht wahrscheinlich. 
Höchst bezeichnend für den Autor ist, daß er leidenschaftliche Ergüsse 
wie diese erst ins Konzept geschrieben hat. 

Feiner mid ernster waren aber die Fäden, die lyassalle an Lonni 
Grodzka knüpften, mit der Arnold Mendelssohn, in dessen Eltern- 
hause sie verkehrte, ihn bekannt machte. Soweit sich sehen läßt, war 
es dieser gewesen, der gewünscht hatte, daß Lassalle mit der jungen 
Künstlerin am Himmelfahrtstage 1844 jenen Ausflug machte, auf dem 
ihr Verhältnis sich schürzte. Zwar liebte Mendelssohn selbst seit fünf 
Jahren das Mädchen, das er ,,vor lauter Liebe nicht ansehen konnte". 
Dennoch spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß Lassalle es ihm 
nicht gegen seinen Willen abspenstig machte, sondern daß er ihm 
damit viel eher einen Wunsch erfüllte. Zum Verzicht bestimmte 
Mendelssohn seine Vermögenslosigkeit, die ihn sehr drückte, andere, 
nicht so leicht erklärhche Gründe mochten ihn in dem Entschluß be- 
stärkt haben. Selbst traute er sich nicht die Kraft zu, das Mädchen, 
dem auch er nicht gleichgültig war, von sich zu stoßen. Die Ivonni 
war eine weiche und empfindliche Seele. Ihrer Kunst inbrünstig 
hingegeben, verlangt es diesen ,, allzu unselbständigen Efeu", wie 
Mendelssohn sie nennt, doch beständig nach dem Stamm, ,,an dem sie 
sich emporranken könnte". Sie habe, schreibt von ihr der Arzt, der sie 
aus liebendem Herzen studiert hatte, an ihre nächste Fretmdin, keine 
jener glänzenden und eitlen Eigenschaften, welche die Augen blenden 
imd das Herz kalt lassen. Im Gegenteil, sie fessele durch unschein- 
bare und nur ein feineres Gefühl bei längerer Bekanntschaft gewinnende 
Tugenden. Zwar sehe sie sehr viele Menschen, aber sie bleibe in einem 
ganz äußeren Verhältnis zu ihnen. Sie lebe in der Tat ganz äußerlich, 
und gerade deshalb bleibe ihr Inneres imberührt. Sie lebe jahrelang 
in einer Einbildung, ohne einen wirklichen Beweis von dem zu haben, 
was sie sich einbilde. Auf dieses fein empfindUche und doch schon 
nach dem starken Lebensgefährten ausschauende Mädchen konnte ein 
JüngHng wie Lassalle, bei dem sich zu einem stürmischen Temperament 
mid einer imponierenden Geistigkeit bereits eine imgewöhnliche 
Bestimmtheit des Charakters gesellte, wohl Eindruck machen. Er 
mußte sie freilich von dem Augenbhck an erkälten, wo er, der entfernt 
nicht daran dachte, sich aufs lieben zu verpflichten, sie mit Fordenmgen 
bedrängte, denen ihre noch bürgerlich gebundene Vorstellung wider- 
strebte. Nachdem es aus solchem Grunde zwischen ihnen zu dem 



Bruch gekommen war, den die hier abgedruckten Briefe veranschau- 
hchen, hat Lonni, und wir glauben es ihr, Mendelssohn gestanden. 
daß sie das Verhältnis zu Lassalle gern aufgelöst habe. 

Nicht genug zu bedauern ist für die Kenntnis dieser ganzen in 
Lassalles lieben grundlegenden Epoche, daß sich seine Antworten auf 
Mendelssohns so ausführhche Briefe nicht erhalten haben. ^) Mit der 
Lösung der persönhchen Beziehmigen hatte Lassalle keineswegs das 
menschhche Interesse für die jimge Musikerin verlassen, so merk- 
würdig die Art auch sein mochte, auf die er dieses in den nächsten 
Monaten betätigte. Aus seinen Briefen an Lonni erfahren wir von 
einem Fluch, den er ihr beim Abschied mitgab, der sie stark erregte 
und um dessen Zurücknahme sie ihn bat. Wollte Lassalle etwa 
diesen Fluch zur Wahrheit machen, als er fortan im Bimde mit 
Mendelssohn, der nur seine Aufträge ausführte, darauf hinarbeitete, 
daß das Mädchen einen reichen Mann heiratete? Mendelssohns Liebe 
zu dem ,,Wurm" — so heißt sie hinfort in seinen Briefen — war keines- 
wegs erloschen, und als Lonni ihm jetzt gestand, wie gut sie ihm früher 
gewesen sei, imd daß sie ihn noch immer zu lieben glaube, wurde er 
auf eine harte Probe gestellt. Aber sie ließ er das nicht merken; viel- 
mehr bemühte er sich, alle Bedenken zu zerstreuen, die sie gegen ihren 
reichen Freier, den Gutsbesitzer I^evonius aus Russisch-Polen, vor- 
brachte, dessen HäßHchkeit sie abstieß, wenn auch die zarte Zuneigimg, 
die sie bei ihm wahrnahm, einigen Eindruck auf sie machte. Obgleich 
Mendelssohn diesen Mann noch keinmal gesehen hatte, so bestimmte 
er, der alle seine Weisungen von Lassalle bezog, das Mädchen am Ende, 
Levonius ihr Jawort zu geben. Im Sommer 1845 finden wir es ver- 
lobt imd den Bräutigam bereit, aus Liebe zu Lonni seinen Wohnsitz 
nach Berlin zu verlegen. 



VI. 

Aus Mendelssohns Briefen an I^assalle, die sich im Nachlaß in 
großer Fülle finden, wurden für diese Pubhkation nur solche Abschnitte 
ausgewählt, denen für die Biographie Lassalles oder für die politische 
tmd Geistesgeschichte der Zeit Bedeutung zukommt. Arnold Mendels- 
sohn wurde etwa 1818 als Sohn Nathans, des jüngsten Sohnes des 
Philosophen Moses Mendelssohn, der in späteren Jahren nach Berhn 
zog und hier als Stcmpelrevisor lebte, in Neisse geboren. Er war also 
ein Nefie des Kommerzienrats Joseph Mendelssohn mid ein Vetter des 
Komponisten FeUx Mendelssohn-Bartholdy. Mit geistigen Gütern 

1) Nachforschungen bei den Kindern von Arnold Mendelssohns Bruder 
erwiesen sich leider als erfolglos. 



^■' ^=^ 30 — - -3^^ 

war auch der Zweig der begabten P'amilie, dem dieser Freund lyassalles 
angehörte, reich ausgestattet. Daß ihm aber die welthchen Glücks- 
güter versagt waren, lastete, wie wir schon sahen, auf Arnold Mendels- 
sohn, der in seiner Lebensführung anspruchs\-oll war und auf die Unter- 
stützvmg der reichen \'er\vandten sich ungern angewiesen sah. In 
seinen Briefen holt er sich immer wieder bei Lassalle Rat, welche Wege 
irinzuschlagen wären, um von dem einen oder anderen Mitglied der 
Bankierfamiüe ein Darlehen herauszuziehen. 

Wie es geschehen konnte, daß er, der so ^•iel Ältere, in den Bann 
des Jüngeren, er, der fertige Arzt, zur fast willenlosen Hingal^e an den 
jungen Studenten kam, darüber erhalten wir völligen Aufschluß erst 
aus seinem Brief vom Januar 1845 (Nr. 28) an seinen Onkel Joseph 
Mendelssohn, den Begründer und damaligen Seniorchef des großen 
Bankhauses. Deuthcher noch erschließt sich ihr ganzes Verhältnis und 
sein Ablauf aus den nachfolgenden Briefen. Arnold Mendelssohn 
wird durch Lassalle zu Hegel geführt, gemeinsam lesen sie die Phä- 
nomenologie, Lassalle kommentiert sie ihm, natürlich legt er sie ihm so 
aus, wie er sie sich deutet, sie ziehen zusammen in eine Wohnung, 
ihm als dem ersten entwickelt auch Lassalle sein eigenes System, zu- 
mal die Gedanken über die Kluft zwischen der geistigen imd der realen 
Wirklichkeit, die nur die Revolution überbrücken könne. Stets hat 
Lassalle den größten Wert darauf gelegt, die Einzelnen für seine Ge- 
danken zu gewinnen. Mendelssohn ist der erste, den er erobert, und 
niemals wieder hat er einen anderen so völlig von seinen alten Wegen 
abgeführt, so ganz sich zu eigen gemacht. Darüber hinaus wird, ob- 
gleich diese Hegelianer das Gefühl als eine minderw^ertige Kategorie 
auszuschalten trachten, Mendelssohn der treueste ,, männliche Freund", 
den das Leben Lassalle beschert hat. 

Gleich die ersten Briefe, die dieser ihm schreibt, nachdem er selbst 
im Frühhng 1845 nach Breslau zurückgekehrt war, lassen ims erkennen, 
wie völlig der bald Dreißigjährige in seinem Bann sich befand, in wie 
weitem Maße er sein Wesen in all seinen Verfaserungen dem willens- 
stärkeren Freunde ausgeliefert hatte. Wie bezeichnend sind dafür 
schon die wechselnden Anreden, mit denen er sich an Lassalle wendet. 
Bald heißt dieser ,,Mein Fremid und Gebieter", bald ,,Mein Einziger", 
,,Mein Fernando", ,,Mein Freund Cortez der Neuzeit", ,, Meister über 
die Geister", ,,Kerl aller Kerle", bald ,,Der eingeborene Sohn Vater 
Hegels", die ,, Durchdringung des absoluten Wissens und des Seins". 
Und wenn Albert Ivchfeldt, den Lassalle im vSommer von Breslau nach 
Berhn schickt, damit Mendelssohn und ihr anderer Freund, der Re- 
ferendar Felix Alexander Oppenheim, diesen leichten Vogel imter ihre 
Fittiche nähmen, ihn als ,, Kenner der Höhen und Tiefen", als , .Gauner- 



=^ 31 -- ^ =r:^-. 

ineister" und ,, Alter greiser Jüngling" anredet, so sind auch das Bezeich- 
nungen, die er mehr oder weniger v'on dem älteren Gefährten gehört 
haben wird. Mendelssohn enthüllt die ganze Wesensverschiedenheit, 
die ihn von Lassalle trennt, wenn er am 13. Juli 1845 dem stürmi- 
scheren Freunde bekennt: ,,Mir fehlt der Geist und I/ebensmut Ca- 
sanovas, vielleicht aber auch ist es vielmehr der schroffe Gegensatz 
meines inneren Werts und meiner Realität, der mich quält ..." Unter 
diesem Gegensatz litt Lassalle nicht und wenn er ihn empfand, so 
fühlte er in sich die Kraft, ihn durch die Stärke des eigenen Willens 
zu überbrücken. Lassalle erfüllte damals etwas wie Wahlverwandt- 
schaft mit dem großen italienischen Abenteurer, der ihn von Kind 
an angezogen hatte, aber sein Kriegsmanifest an die Welt vom Sep- 
tember 1845 (Nr. 55) zeigt mis bereits klar, wie deutlich er sich be- 
wußt machte, daß er über jenes ,, schöne liederhche Subjekt" weit hinaus- 
schritt, weil er, im Gegensatz zu jenem, der nur auf sein kleines 
besonderes Dasein bedacht war, sich bereits damals stets und im höchsten 
Ernst als ,, Träger und Apostel einer Gottesidee" auffaßte. Doch von 
Lassalles geistiger Entwicklung in den Jahren seines Werdens sollte 
bei diesen bloß einleitenden Bemerkungen noch nicht die Rede sein. 

Von dem heiteren, aber zugleich von zahlreichen gesellschaftlichen, 
geschäftlichen und privatpolitischen Interessen erfüllten Leben, das 
der junge Studiosus in Berlin in den Sttmden, wo er nicht studierte, 
geführt hatte, findet sich in den Briefen, die Arnold Mendelssohn von 
Frühling bis Herbst 1845 ihm nach Breslau schreibt, noch mancher 
Nachklang. Den Studenten Lassalle, wie er leibt und lebt, glauben 
wir vor uns zu sehen, wo derFremid ihn in einem Brief als den Menschen 
schildert, ,,der eine Stimde vor dem Spiegel steht, um sich das Hals- 
tuch in beabsichtigter Nachlässigkeit in die nötigen Falten zu werfen". 
Wenn er übrigens hernach, zur Zeit des Kassettenprozesses, dem Richter 
den Beweis erbringen wollte, daß er als Studiosus das Leben eines 
sehr wohlhabenden jungen Mannes geführt habe, so kann ihm das 
nicht schwer gefallen sein. Im Nachlaß finden sich heute noch Bündel 
von Rechnimgen, aus denen sich nachzählen ließe, wie zahlreiche 
Flaschen von Medoc, Larose, Sherry, Ungarwein imd Champagner er 
damals mit seinen Freimden in den vornehmsten Berliner Hotels aus- 
gestochen, wieviel Geld er für Korsofahrten ausgegeben \md welche 
Svunmen er zum Schneider getragen hat. 

Man weiß, daß Lassalles Freundschaft Arnold Mendelssohn zum 
Verhängnis geworden ist. Als dieser im Jahre 1846 alle seine hoch- 
fliegenden wissenschaftlichen und politischen Pläne hinwarf, um der 
Gräfin Sophie von Hatzfeldt in den Kämpfen mit ihrem Gatten zu 
Hilfe zu eilen, da folgte ihm auch der Frevmd von Berhn in die Rhein- 



provinz. Am 20. August entwandten er und Alexander Oppsnheim, 
der zuletzt Assessor am Karamergericht in Berlin gewesen war, der 
Baronin Meyendorf, der Mätresse des Grafen, jene Kassette, in der 
die Freunde fälschlich ein für diese bestimmtes Schenkungsdokument 
vermuteten, dessen Realisierung die Gräfin Sophie und ihren jüngsten 
immündigen Solin schwer geschädigt hätte. Zwar gelang es M^ndels- 
solm anfangs ins Ausland zu entfliehen, er weilte zuerst in England, 
dann in Frankreich und Belgien ; aber durch Oppenheims Freisprechung 
sicher gemacht, kehrte er im Juni 1847 nach Deutschland zurück, 
wurde in Köln alsbald verhaftet und am 11. Februar 1848 zu fünf 
Jahren Zuchthaus verurteilt. Gelang es auch den Bemühungen seiner 
Famihe, eine Milderung des Urteils durchzusetzen und im Mai 1849 
sogar seine Haftentlassung zu erwirken, so ließ sich dies doch nicht 
erreichen, ohne daß er sich verpflichten mußte, Deutschland auf immer 
zu verlassen. Wir finden ihn danach zuerst als Militärarzt im Dienst 
der imgarischen Revolutionsarmee, später mit Bem, dem er bei seinem 
Tode zur Seite stand, und mit anderen ungarischen Flüchtlingen in 
der Türkei. Im Frühjahr 1854 fiel er, kurz bevor I.assalles orientalische 
Reise diesem die Gelegenheit geboten hätte, ihn, den ,, liebsten, einzigen 
Freimd", wie er ihn auch später noch nannte, wiederzusehen, in Bajazid 
an der persischen Grenze dem Typhus zum Opfer. In einem Bericht 
des Ungarn Kmetz über Mendelssohns Tod, der sich tmter Lassalles 
Papieren fand, heißt es: ,,Der arme Teufel, vom Schicksal gepeitscht 
und gehetzt, voll Empfindung imd Phantasie, im ganzen ein ganz 
gewiß guter Kerl . . . mußte sich bis an den Fuß des Berges Ararat 
packen, um dort, jung, von der ganzen Welt verlassen, in einem lyoch 
wie ein Hund auszuhauchen." 

Einige der Briefe, die Mendelssohn noch in späteren Jahren an 
Ivassalle schrieb, werden in dem folgenden Band dieser Pubhkation 
zum Abdruck kommen. 

Wenig zu sagen ist über Felix Alexander Oppenheim (geb. 1819) 
und über Albert I^ehfeldt, die neben Mendelssohn die jungen Leute 
waren, die Ivassalle in seiner Studentenzeit am stärksten zu sich heran- 
gezogen hat. Oppenheim gehörte einer sehr reichen Königsberger 
Bankierfamilie an und war sechs Jahre älter als Ivassalle. Soweit seine 
Briefe an diesen sich erhalten haben, sind sie nicht sonderlich be- 
merkenswert; immerhin lassen sie einen gründlichen, klugen und auch 
feinen Menschen erkennen. Nachdem er bei dem Kassetten abenteuer 
mit blauem Auge davongekommen war, scheint er unter dem Ein- 
fluß seiner Familie sich alsbald von seinem dämonischen Freunde vmd 
Verführer getrennt zu haben. Zum mindesten fand sich im Nachlaß 
nichts, was auf spätere Beziehimgen zwischen ihnen hindeutete oder 



=^=r^ 33 ^ -= 

was auch nur erkennen ließe, was in der Folge aus ihm geworden ist. 
In einem seiner Briefe zitierte Oppenheim im Jahre 1845 wörtlich eine 
Äußerimg I^assalles zu ihm, die ims denkwürdig erscheint, weil wir 
hier zum erstenmal einem Verlangen begegnen, dem der Politiker 
später so oft in denkwürdiger P'orm Ausdruck gegeben hat: ,,Bei mir 
tmd den Meinigen," schreibt bereits der Zwanzigjährige, , .dulde ich 
nie Illusionen. Was in der Tat ist, muß man sich auch auszusprechen 
tmd einander zu gestehen gewölinen ..." 

Noch geringere Bedeutung hatten lyassalles Beziehungen zu Albert 
lychfeldt, der in den Brieten nach dem Kneipnamen, den er bei den 
Raczeks geführt hatte, stets Isolani heißt. Lassalles langer Brief an 
Lehfeldts Verwandte (Nr. 70) zeigt, daß er mehr durch Zufall dazu 
gekommen war, sich um diesen oberflächlich begabten, aber haltlosen 
und ihm ganz wesensverschiedenen jungen Menschen zu bekümmern. 
Er befördert ihn im Sommer 1845 von Breslau nach Berlin, damit 
Mendelssohn und Oppenheim, denen er genaue Instruktionen gibt, 
ihm hier seine Laster abgewöhnen und ihn zur Arbeit erziehen. Da 
er ein gewandter und anregender Gesellschafter ist, führen diese auf 
Lassalles Veranlassung ihn bei verschiedenen angesehenen und reichen 
Familien, besonders bei den Mendelssohns ein, und der Plan taucht 
auf, ihn mit einer Mendelssohn oder einer — Bethmann-HoUweg zu 
verheiraten. Aber Lehfeldt ließ vom Bummeln und Schuldenmachen 
auch jetzt nicht ab ; nachdem viel Geduld geübt worden war, beschließt 
der Freimdeskreis am Ende seine Ausstoßung. Am meisten erschüttert 
ihn, daß auch Lassalle sich von ihm abkehrt. Bettelbriefe, die er in 
den folgenden Jahren an diesen richtet, lassen erkennen, daß er immer 
noch weiter gesunken war. Sein späterer Lebensweg weist ins Dunkle. 

VII. 

Eine eigenartige Persönlichkeit, die des Stichs ins Abenteuerliche 
aicht entbehrte, war der Baron Hubert von Stücker, mit dem 
wir um diese Zeit Lassalle in freundschafthchem Umgang finden. 
Als Sohn des bergischen Advokaten Ferdinand Stücker zu Bensberg, 
war er bürgerlichen Ursprungs. Jener hatte zur Franzosenzeit sich 
an die Spitze bewaffneter Bauern gestellt, um die heimatliche Land- 
schaft von dem Eindringling zu befreien; als ihm dies mißglückte, 
focht er hernach in österreichischen Diensten und beschloß seine Tage 
als Oberst und Reichsfreiherr auf einem der Güter, die er sich in Böhmen 
erworben hatte. Über die Jugend und den Bildungsgang des Sohnes, 
der 1808 geboren, 17 Jahre älter als Lassalle war, wissen wir kaum 
etwas. Aus den Akten v/ird bekannt, daß Hubert 1832 die Herrschaft 

Mayer, I. assal'.e-N'acliIasj. I ^ 



Ilultschin im Kreise Ratibor in seinen Besitz brachte. Er verkaufte sie 
indes bereits wieder 1836 und erwarb dafür das in demselben Kreise 
gelegene Schillersdorf, wo I^assalle einmal oder öfter sein Gast gewesen 
ist. Dazu kaufte er 1843 Marquartowitz und 1844 noch einmal Hul- 
tschin, aber diese und noch ein paar andere Güter in der gleichen Gegend 
veräußerte er schon wieder 1845 an den Freiherm von Rotlischild, 
dessen Familie noch heute Schillersdorf gehört. Aus dem großen 
Manuskriptbrief Lassalles an Stücker (Nr. 40) erfahren wir, daß er den 
imsteten Baron, nachdem dieser sich seines Grundbesitzes entledigt 
hatte, bestimmen wollte, in den preußischen Staatsdienst zu treten, 
um hier den fortgeschrittenen Ansichten, zu denen er sich bekannte, 
so w'eit es ginge, Geltung zu erkämpfen. vStücker war aber allem An- 
schein nach ein zu unruhiger Geist, als daß er sich zu einer solchen 
reibungsvollen Arbeit im Dienst der Allgemeinheit entschließen konnte. 
Stärkeren Reiz übte es auf ihn, die großen flüssigen Gelder, die sich 
in seiner Hand angesammelt hatten, bei industriellen Unternehmungen 
werbend anzulegen. Indes auch für solche Wünsche wußte LassaUe Rat. 
Ein Jahr zuvor hatten sein Vater und sein Schwager Friedland die 
Breslauer Gaskompagnie ins Leben gerufen, die sich mit der Gasver- 
sorgung ganzer Städte beschäftigen wollte. Sie übernahmen zuerst die 
Beleuchtung der schlesischen Hauptstadt und fanden dafür die finan- 
zielle Mitarbeit der ersten Breslauer Bankhäuser. Schwieriger ge- 
staltete sich der Versuch, die notwendigen Kapitalien aufzutreiben, 
als sie bald danach einen entsprechenden Vertrag mit der Stadt Prag 
abschlössen und sich nun bemühten, dies Geschäft ebenfalls in Gang 
zu bringen. Für die abenteuerlichen Pläne, die ihn damals erfüllten, 
beanspruchte der junge Ferdinand Lassalle viel Geld, und er ging des- 
halb keiner Unannehmlichkeit aus dem Wege, wofern sie nur eine An- 
knüpfung bot, um diese Sache perfekt zu machen. Zum Sommersemester 
1845 scheint er Berlin nur deshalb verlassen zu haben und nach Breslau 
zurückgekehrt zu sein, um bei derartigen Bemühungen aktiver mitwirken 
zu können. In seinem Nachlaß fanden sich aus dieser Zeit, ganz von 
seiner Hand geschrieben, zwei ein wenig voneinander abweichende 
Entwürfe zu einem Kontrakt, laut dessen Baron Stücker je nach seinem 
Belieben entweder nur für die Beleuchtmig Prags oder auch für weitere 
Unternehmungen mit einem Kapital von 150 000 fl. in die Breslauer 
Gaskompagnie eintreten sollte. Aber dieser Vertrag kam nicht zustande, 
sonst hätte LassaUe sicherlich nicht einige Wochen später seine persön- 
lichen Beziehimgen zu den Inhabern des Berliner Bankhauses Mendels- 
sohn & Co. für den gleichen Zweck auszunutzen gesucht. 

Noch Ende November 1845 spukt in seinem Briefwechsel mit 
Dr. Arnold Mendelssohn ,,das verfluchte Gasgeschäft", und dieser 



-- = — 35 -= - = 

meinte, es wäre doch des Teufels, wenn ,,Phosphoros" nicht einmal 
eine Gasanstalt fertig kriegen sollte. Aber von Stücker, auf dessen 
,, Rekruten" die Berhner Freunde Lassalles im Sommer vielleicht noch 
überschwenglichere Hoffnungen als er selbst gesetzt hatten, ist es in 
diesem Zusammenhang nunmehr still, imd eine Begegnung Lassalles 
mit ihm in Berlin zu Anfang September endete mit einem Mißklang. 
(Briefe Nr.52und53.) Doch zu einem regelrechten Bruch kam es zwischen 
ihnen damals nicht. Denn nach Mitte Oktober schrieb Lassalle, wie 
w^ir aus des anderen Antwort ersehen, an Mendelssohn noch einmal von 
des Barons ,, Bekehrimg". Das ist freilich auch alles, was wir erfahren. 
Und es ist trotzdem anzunehmen, daß eine Entzweiung oder eine 
mit der Zeit zunehmende Erkältung sie bald darauf ganz auseinander- 
führte. 

Übrigens läßt sich Stückers vSpur nur noch einige Jahre weiter 
verfolgen. Im Februar 1847 erwarb er in Breslau ein Grundstück und 
einige Monate später das Bürgerrecht. Bei Beginn der Revolution 
stand er hier neben Graf Eduard von Reichenbach im Vordergrund 
der demokratischen Bewegung und redete, während er den Klassen- 
kampf ablehnte, einer entschiedenen sozialen Reform das Wort, die 
durchgreifen, das materielle Sein und nicht die leere Form umfassen, 
zur Tat werden und sich nicht auf Räsonnements beschränken dürfe. 
Ein ,,Beitrag zur Lösung der Frage politisch-sozialer Reform in Preußen", 
den er noch 1848 in Dresden drucken ließ, zeigt einige Berührungen 
mit der Gesellschaftsauffassung des jungen Lassalle. Er verlangt das 
aktive Aufgehen des Individumns in die ,, allseitige Verbrüdenmg", 
und er begreift die Entwicklungsgeschichte der Menschheit als die 
„Geschichte des wechselseitigen Kampfes um Wohlstand". Im März 
1848 gehörte der Baron zu der Deputation, die dem König die Wünsche 
der Breslauer Bürgerschaft übermittelte; aber er spielte nicht lange 
die Rolle eines Wortführers der Breslauer Demokratie. Nachdem er 
sich anfänglich durch Geldspenden für die Hebung des Notstandes 
imd durch die Stiftung von Waffen für die Bürgerwehr sehr populär 
gemacht hatte, geriet er bald in den Verdacht, ein russischer vSpion 
zu sein und im geheimen für reaktionäre Zwecke Waffen aufzusammeln. 
Eine Untersuchung wurde eingeleitet imd ergab seine Unschuld. Jedoch 
ihr Ergebnis hatte Stücker in Breslau nicht abgewartet, sondern der 
Stadt den Rücken gekehrt, in der er wie eine zeitgenössische, ihm nicht 
holde Broschüre^) behauptet, ,,den meisten wie ein Stückchen Komö- 



^) Katzeumusikalische Notenblätter aus Breslau, als Beitrag zur Würdigung 
demokratischer Personen und Zustände, allen politischen Gaunern und Jesuiten 
zu Ehren und dem deutschen Volke zum Studium vorgehalten von Abraham 
Spießbürger. Sondershatisen 1848. 



k 



— 36 — 

fliaut oder noch etwas mehr" erschicueu war. Über sein späteres 
Schicksal ließ sich nur noch wenig Greifbares in Erfahrung bringen. 
Sein Todesjahr ist uns unbekannt. 

Keines Kommentars bedürfen die Briefe Lassalles an das Bank- 
haus Mendelssohn & Co, und au dessen Seniorchef Joseph Mendels- 
sohn. Immerhin ist bedauerlich, daß sich weder in seinem Nachlaß 
noch in dem Archiv der alten Firma die Kopien der Antworten, die 
ihm zugingen, erhalten haben. Arnold Mendelssohn hat es hernach 
bereut. Lassalle veranlaßt zu haben, den Weg über den alten Joseph 
Mendelssohn zu nehmen, statt einen der jüngeren Chefs, Paul oder 
Alexander Mendelssohn, mit der iVngelegenheit zu befassen. Wahr- 
scheinlich hat die Firma damals ernsthafte Erkundigungen eingezogen, 
am Ende sich aber gesagt, daß ein solches Geschäft, wie Lassalle ja 
selbst angedeutet hatte, ihrem eigenthchen Arbeitsbereich fern läge. 
Vermuthch wollte Arnold Mendelssohn den Freund ü.])et den voraus- 
zusehenden Mißerfolg seines Schrittes trösten, als er ihm am 3. No- 
vember 1845 trotzdem ermutigend schrieb: 

„In Felseuklüften, Mauergründen 
Ist Gold gemünzt und imgemünzt zu finden. 
Und fragt ihr mich, wer es zutage schafft: 
Lassais Natur allein und Geisteskraft." 



VIII. 

Merkwürdige Abwandlungen erlebte Lassalles Verhältnis zu Hein- 
rich Heine. Der Leipziger Handelsschüler war, wie sein Tagebuch 
beweist, hingerissen von dem Buch der Lieder und begeistert für die- 
,, alles zerschmetternde Kraft der Sprache" und die ,, tötende Ironie" 
des stammverwandten großen deutschen Dichters. Bekannthch machte 
sich, seitdem Heine den toten Börne, den Abgott aller deutscheu 
Republikaner, angegriffen hatte, damals bei der revolutionär gesiimten 
Jugend eine starke und entschiedene Abneigmig gegen den zum poli- 
tischen Parteimann so gänzlich ungeeigneten Dichter bemerkbar. 
Und selbstverständlich kam auch dem jungen Lassalle die Kunde zu 
Ohren, daß Heine von der Sache der Freiheit abgefallen sein sollte. 
Doch er will nicht ohne weiteres glauben, daß dieser Mann, den er so 
innig verehrt, sich die Jakobinermütze vom Kopf gerissen und einen 
Tressenhut auf die Locken gedrückt habe. Eher neigt er dazu, es für 
eine Ironie zu halten, daß Heine sich als Royalisten bekannte. Zwar 
ist er nicht blind gegen Heines Schwächen ; sollte er, der Willensstärke . 
nicht unhebsam verspüren, wie zart und gebreclilich der Wille, zumal 



— = 37 — = 

der politische Wille des Dichters war? Noch aber überwog um vieles 
seine }3ewimdermig für den »Sänger der berauschenden Liebeslieder 
tmd für den genialen, respektlosen, rebellischen »Spötter, zu dem imiigc 
Wahlverwandtschaft ilm hinzog. 

Wie vollkommen änderte sich dies alles, als Lassalle, von I^eipzig 
nach Breslau zurückgekehrt, von der Philosophie Hegels ergriffen 
Avurdel Nim sank die geniale Individualität in seiner Wertung, und 
auf dem Altar der Verehrimg des werdenden Sozialisten erschien als 
die Gottheit, der er fürder nicht mehr untreu wurde, das Allgemeine. Es 
war völUg unbekannt, daß Lassalles früheste philosophische »Schrift, *) 
deren gewaltige Bedeutimg für seine Biographie Hermann Oncken richtig 
gesehen hat,") obgleich auch er bloß ihren Titel wußte, sich zu 
einer gnmdsätzlichen Auseinandersetzung mit Heines Wesen aufgipfelt. 
Der einflußreichste zeitgenössische deutsche Dichter wird dem jungen 
Pathetiker der Idee sclilechthin zum Prototyp jenes ,, leeren Ich", das 
sich der , .sittlichen Substanz" gegenüberstellt, das sich frei von ihr 
weiß imd sie Lüge schilt, statt sich ihr hinzugeben. Und streng urteilt 
er jetzt ab über Heine, dieses ,,im gemeinsten Realismus befangene 
Subjekt", den Dichter der Frivolität imd des Frevels, über sein ganzes 
Schaffen, über seine ,, Poesie der Hurerei". Bloß einen mildernden 
Umstand will er ihm zugestehen: auch dieses inhaltlose, nüchterne, 
seiner selbst gewisse Subjekt empfinde hie imd da die I^eerheit des 
Iclis und sehne sich dann nach seiner Erfüllung. 

Kaum zwei Jahre vergehen, und im Dezember 1844 betritt Lassalle, 
^■on seinem Schwager Friedland, der den Dichter seit Jahren kennt, 
eingeführt, Heines Wohnung in Paris. Alsbald sehen wir ihn mit 
all dem »Sturm, der ihm innewohnte, um die Freundschaft des Dichters 
werben: er erringt nicht allein sie, sondern dazu Bewimderung für 
seine jenem unfaßbare Willensstärke. Um I/assalles Wendung zu ver- 
stehen, erinnern wir uns, daß inzwischen mit Heine eine Veränderung 
vorgegangen war, die auf diesen Jüngling ihren starken Eindruck 
nicht verfehlen konnte. Das Revolutionsgerede der Liberalen mit 
seinen vielleicht unvermeidhchen philisterhaften Zügen hatte dem 
mokanten Genius, wenn es ihn nicht geradewegs abstieß, nur ein 
Lächeln abgenötigt; neuerdings aber war es Karl Marx iiersönlichem 
Einfluß gelungen, aus dem Dichter, der zugleich ein großer, wenn auch 
ganz weltlicher Prophet war, gewaltige Töne der Anklage gegen eine 

^) Die ,,Grimdzüge zu einer Charakteristik der Gegenwart niit besonderer Be- 
rücksichtigung der Hegeischen Philosophie" werden gemeinsam mit philosophischen, 
soziologischen und ökonomischen Fragmenten I<a5»salles zu einem späteren Bande 
(lieser Publikation vereinigt werden. 

") Hermann Oncken, I/assalle, 3. Aufl., S. 32. 



— 38 — 

übermütige Bourgeoisie, des Mitgefühls für eiu verelendendes Proletariat 
hervorzulocken. Wie mußte aber das gerade auf diesen jungen Menschen 
wirken, der nicht nur die ganze weltgeschichtliche Bedeutung der 
proletarischen Bewegung sich l^ereits klar machte (vgl. Brief Nr, 2i), 
sondern schon selbst bei sich den dumpfen Drang verspürte, in Zu- 
kmift an ihre Spitze zu treten! 

Nun lagen Heine in der Zeit, als Lassalle in Paris eintraf, zwei 
private Wünsche sehr am Herzen. Eben kündigte sich das herauf- 
ziehende Siechtum zum erstenmal in seiner ganzen Schrecldichkeit bei 
ihm an ; vielleicht Rettvmg oder doch Linderung versprach er sich noch, 
wenn er seinen Jugendfreund, den großen Chirurgen Diefifenbach in 
Berhn konsultieren könnte. Kaum weniger aber beschäftigte ihn eine 
materielle Sorge: Im Dezember 1844 war sein Onkel, der Hamburger 
Millionär Salomon Heine, gestorben, xmd dessen Erbe, sein Vetter 
Carl Heine, erwies sich nicht geneigt, ihm auf Lebenszeit die Rente 
zuzusichern, die er bis dahin erhalten hatte. Ohnehin entschlossen, 
Himmel und Hölle aufzubieten, um seine Ansprüche durchziisetzen, 
fand Heine in dem jungen Lassalle jetzt den Berater, dem er auf das 
aufmerksamste zuhörte, den Freund, auf dessen rührige Energie er die 
größte Hoffnung setzte. In der Tat bot Lassalle, nach Berlin zurück- 
gekehrt, sofort alles auf mid setzte sich vorbehaltlos ein, um zu er- 
reichen, daß dem Dichter die Reise nach dort gestattet würde. Es 
war das nicht einfach, denn der verwegene Spötter, dem vieles auf dem 
Kerbholz stand, hatte noch vor ganz kurzem in dem revolutionären 
Pariser ,, Vorwärts" den ätzendsten Hohn auf Preußen und die Person 
Friedrich Wilhelms IV. ausgegossen. Nicht weniger eifrig erwies sich 
Lassalle bei dem Bemühen, dem neuen Freunde in dem ,, Hamburger 
Erbfolgekrieg" den Sieg zu erstreiten. Für die erste Aktion versprach 
er sich am meisten von der Hilfsbereitschaft Alexander von Hum- 
boldts, der bei dem König als der akkreditierte Gesandte für die humanen 
tmd kulturellen Wünsche jener oppositionellen Kreise gelten konnte, 
denen das Ohr des Monarchen sich sonst nicht öffnete. Aber obgleich 
Friedrich Wilhelm IV. persönlich überzeugt war, daß das Berliner 
Publikum sich um ,,den alten Mann mit den Gesichtsschmerzen" nicht 
sonderlich kümmern würde, so mußte er sich doch von seinem 
Minister erinnern lassen, daß Heine wegen Majestätsbeleidigimg xmd 
Aufreizmig zur Unzufriedenheit imter Anklage stünde und seine Ver- 
haftimg zu gewärtigen hätte, sobald er preußischen Boden beträte. 
So geschah es, daß der Dichter nicht noch einmal nach Deutschland kam. 

Da Humboldt für eine Intervention bei Heines Hamburger Ver- 
wandten nicht zu haben war, so wandte Lassalle sich deswegen, von 
Vamhagen von Ense an ihn empfohlen, an den Fürsten Pückler- 



^ " =" 39 = ^ == 

Muskau. Und der „Lebendigste aller Verstorbeneu", wie der Dichter 
später unter ^\nspielung auf dessen bekanntestes Werk den ,, wahl- 
verwandten Zeitgenossen" anredete, willfahrte diesem Wunsch. (Vgl. 
Brief 71 ff.) Auch den Komponisten Meyerbeer, der seinerzeit Salomon 
Heine bestimmt hatte, die Rente, die er dem Neffen zahlte, zu einer 
lebenslänglichen zu machen, den Komponisten Jacques Offenbach imd 
den Bankier Joseph Mendelssohn versuchte lyassalle zu ähnlichen 
vSchritten zu l>ewegen. Als er aber Heine davon berichtete, gestand 
dieser gerührt, daß er soviel ,, Liebeseif er" bis dahin noch von nie- 
mandem erfahren, ,, soviel Passion und Verstandesklarheit vereinigt 
im Handeln" noch bei niemandem angetroffen habe. Man lese seinen 
<lankerfüllten Brief an Lassalle vom 10, Februar 1846. 

Und trotzdem sollte diese Freundschaft, die so vielverheißeud be- 
gonnen, keine lange Dauer haben. Heine war von Natur bloß zum 
Schauen bestellt. Lassalle aber forderte Handehi nicht allein von sich, 
sondern auch von denen, die er als seine Fretmde betrachtete. So kam 
es, daß er, kurz darauf selbst in Händel verstrickt, den Charakter des 
Dichters verkennend, dessen Mitwirkung bei einer Presseaktion für 
die Gräfin Hatzfeldt beanspruchte, deren Sache er nun ganz zu der 
seinen gemacht hatte. Wie stark seine Enttäuschung war, als jener 
sich zu der Gegenleistimg, die er von ihm forderte, nicht bereit zeigte, 
fühlen wir aus der überscharfen Art heraus, mit der er auf Heines Ab- 
sage reagierte. Schon einmal, im März 1846, hatte der Dichter sich 
geweigert, mit dieser Angelegenheit sich zu befassen, er tat es damals 
mit der eigentlich ganz richtigen Begründung, es spräche für Lassalles 
Unerfahrenheit, daß er ihm mit einem Auftrag käme, der mehr in das 
Gebiet der Sueschen Romane gehöre.^) Damals fühlte sich dieser 
nicht verletzt, wenigstens zeigte er es nicht; er nahm wohl an, Heine 
könne nicht wissen, in wie hohem Maße er sich mit der Sache der 
Gräfin identifizierte. Nachdem er aber an den Rhein übergesiedelt 



*) Heines Briefe an Lassalle vom 10., 11. Februar und 7. März 1846 findet 
man heute am bequemsten in Heine-Briefe, herausgegeben von H. Davis, Berlin 
1907, Band II, einen weiteren Brief vom 27, Februar uud einen anderen un- 
datierten, ebenfalls aus dem Jahre 1846 in Karpeles' kritischer Au.sgabe von 
Heines Werken, Band IX unter Nr. 506 und 507. Lassalles Briefe an Heine, 
von denen dieser Band zwei mitteilt, waren bisher unbekannt. Kr hat sie von 
ihm, wie an anderer Stelle erzählt wird, nach ihrem Bruch durch Mendelssohn 
zurückfordern lassen, und bei dessen Verhaftung gelangten sie in die Hände der 
Behörden. Wir wissen nicht, ob sie dort verbheben sind. In Heines Nachlaß 
mag sich somit nur der einzige spätere Brief Lassalles an ihn, von dem wir 
wissen, gefunden haben. Über Friedlands Bemühungen, Heines Nachlaß an die 
preußische oder österreichische Regierung zu verkaufen, vgl. Heine-Reliquien usw. 
S, 316 £f. 



— -= 40 "'- 

war, hatte Lassalle im Spätsommer 1846 sich vorgenommen, selbst 
nach Paris zu reisen, um dem Freunde in mündlichem Gespräch 
die Revolution, die in seinen Lebensverhältnissen eingetreten war, 
anschaulich zu machen. Doch der Kassettendiebstahl und was mit 
ihm zusammenhing, mochten ihn zurückhalten, und so entschloß er 
sich, in einem Brief (Nr. 84) Heine den ,, herzempörenden Roman" 
zu schildern, in dem er jetzt eine ,, Rolle zu übernehmen für gut ge- 
funden" habe. Er zweifelte nicht, daß es ihm gelingen müßte, den 
Widerstrebenden zu überreden, doch noch an dem journaHstischen 
Kesseltreiben teilzunehmen, das er gegen den Grafen Edmund von Hatz- 
feldt eröffnen wollte. Wider alles Erwarten erzielte sein Brief diese 
Wirkung nicht: Heine versagte sich, er antwortete zunächst überhaupt 
nicht; in der Folge mußte es Arnold Mendelssohn, der in Paris mit 
ihm verkehrte, übernehmen. Lassalle wissen zu lassen, daß ihm die 
in manchem Kampf bewährte Feder des großen Polemikers nicht zur 
Verfügimg stünde. Wenn aber Lassalle deswegen Heine geradezu als 
einen Verräter behandelte, so stimmte ihm selbst der getreue Mendels- 
sohn, wie uns sein Brief vom 21. Mai 1847 beweist, nicht oline weiteres 
zu. In seiner ungeheuren Enttäuschtmg schrieb er jetzt dem mn 
soviel älteren Dichter einen Brief, von dem er selbst sagte: ,,Er 
war das Ärgste an kalter Malice, was ich je geschrieben." Zu 
Mendelssohn äußerte er, Heine werde sich diesen Brief wohl nicht unter 
den Spiegel stecken. War es auch nicht das erstemal, daß der Dichter 
sich den Vorwurf der Charakterlosigkeit gefallen lassen mußte, hatte 
er gerade von Seiten der jungen Generation dies besonders während der 
letzten Jahre öfter zu hören bekommen, so empfand er es doch un- 
gemein schwer, daß ihm Worte von so schonungsloser Härte der junge 
Mensch ins Gesicht schleuderte, der auf ihn, den großen Skeptiker,^ 
den imgewöhnhchsten Eindruck gemacht, in dessen opferbereiter Hin- 
gabe er sich gesonnt hatte. Noch 1850 spricht Heine zu dem Vater 
des jungen ,, Gladiators" von den ,, schrecklichen Härten", die dieser 
sich ihm gegenüber deshalb habe zuschulden kommen lassen, weil er 
sich ,,in sein dunkles Treiben" nicht hineinziehen ließ imd seiner Leiden- 
schaft mit kalten Vemimftgründen begegnete. Während der Dichter 
aber von seiner Matratzengruft aus zu dem Vater hier die Hoffnung 
äußert, den Sohn vor seinem Tode noch wiederzusehen, schildert er 
ihn dem eigenen Bruder gegenüber ein Jahr später in ganz schwarzen 
Farben. Die Darstellung, die er in einem langen Brief an Gustav Heine 
am 31. Januar 1851 von dem Ablauf seiner Beziehungen zu Lassalle 
gibt, entbehrt nicht der subjektiven Wahrhaftigkeit. Objektiv an- 
gesehen, schießt auch er freiüch übers Ziel hinaus, wo er sich zu der 
Behauptung versteigt. Lassalle habe ihn ausgebeutet, indem er. imter 



41 ~ 

dem Vorgeben sein Freund zu sein, sich Ijei den angesehensten Per- 
sönhchkeiteu Zutritt und Sympathie verschaffte. Was er einst tmter 
dem Eindruck der ersten Bekanntschaft an Varahagen von Ense über 
ihn geschrieben hatte, ungefähr das wiederholt er noch hier, nachdem 
ihre Wege sich getrennt hatten: nie habe ein junger Mensch durch 
sein Wesen wie durch seine Persönhchkeit, besonders durch seine 
Geistesschärfe ,,imd die meinem träumenden Charakter fehlende 
Energie" ihm mehr zugesagt wie dieser junge Lassalle. Freilich, solange 
die geniale Energie des künftigen Volkstribunen zu seinen Diensten 
war, hatte Heine vor seiner ,,an Irrsinn grenzenden Willenszähigkeit" 
nicht solches Grauen empfunden. Jetzt aber schildert er ihn als einen 
,, furchtbaren Bösewicht", dem er Fälschimg, Diebstahl und Mord 
zutraue, und der, seit er ihn damals besuchte, eine rasche Entwicklung 
zum Schlechten durchgemacht habe. Als jener damals in Paris zu ihm 
kam, habe er sich seiner Angelegenheiten angenommen. At>er es war 
nicht immer ihm zum Segen: ,,Er goß Öl ins Feuer, verhetzte mich 
zu den größten Fehlgriffen, die vielleicht keine gewesen wären, wenn 
ich seinem Rate energisch Folge geleistet hätte." Lassalles , .schändliche 
Ränke gegen den Grafen Hatzfeldt" und seine ,,Anmutimgen", ihn 
in solche zu verflechten, hätten ihn damals bestimmt, ,,tatsächhch 
mit ihm zu brechen", und seither bestünde zwischen ihnen bloß ,,das 
Verhältnis einer wechselseitigen Schonung". 

Während der Dichter mit Lassalles Vater und Schwester auch 
weiterhin in freundschaftlichen Beziehimgen blieb, haben er selbst und 
Heine sich, soweit bekannt ist, nicht wiedergesehen. Unerquickhch 
war der -tVnlaß, der 1850 noch einmal einen Brief austausch verursachte. 
Was Heine damals schrieb, verrät sein gleichzeitiger Brief an den 
alten Lassal und auch Ferdinands Antwort, von der sich im Nach- 
laß das Konzept vorfand. Es handelte sich dabei um die Gasaktien, die 
Heine sich von Friedland hatte aufschwatzen lassen. Für den Verlast, 
den er bei dem Zusammenbruch der Gesellschaft „Iris" erlitt, wollte 
er zu Unrecht den jungen Lassalle verantwortlich machen. Doch dieser 
hatte ein unwiderstehliches Argument, mit dem er sich rechtfertigte: 
,,Als wenn ich, wenn ich irgendeine Ahnung von dem traurigen Aus- 
gang des Geschäfts gehabt hätte, geduldet haben würde, daß mein 
Vater sein Vermögen hineinsteckte. Als wenn wir nicht selbst 
unser Vermögen durch den Industriegeist meines Herrn Schwagers 
und freilich auch durch nicht vorherzusehende Krisen verloren 
hätten."^) 



^) Vgl. hierzu auch die Heine-Reliquien a. a. O. S. 30 f. die Darstellung, die 
Karpeles über Heines Beteiligung an dem Gasgeschäft gibt. 



42 



IX. 

Als Heine sich ihm versagte, mußte I^assalle zufrieden sein, daß 
Karl Grün für den Pressefeldzug gegen den Grafen Hatzfeldt sich 
ihm zur Verfügung stellte. Dieser PubHzist, der, 1817 in Lüdenscheid 
geboren, schon als Student mit seinem Antipoden Karl Marx in Be- 
rührung gekommen war, hatte sich bei dem Aufschwung der oppo- 
sitionellen Presse im Jahre 1842 mit der Gründung der ,, Mannheimer 
Abendzeitung", die von Süddeutschland aus der ,, Rheinischen Zei- 
timg" so schneidig sekundierte, im radikalen Lager einen geachteten 
Namen geschaffen. Das nähere Interesse Lassalles dürfte sich aber 
wohl erst auf ihn gerichtet haben, als er Grüns Buch über die soziale 
Bewegimg in Frankreich und Belgien kennen lernte. Arnold Mendels- 
sohn spricht davon mit Wärme in seinem Brief vom 29. Oktober 1845 ; 
die Darstellung der Systeme der Sozialisten und Kommunisten inter- 
essierte ihn daran im gleichen Maße wie Grüns Kritik. Zugleich gestand 
er freilich, daß er das Gefühl habe, über beiden zu stehen, weil ja 
ihn ein Adler — er meint Lassalle — zur Sonne trage. Lassalles per- 
sönliche Bekanntschaft mit dem beredten Wortführer eines humani- 
tären Sozialismus datierte von seiner ersten Pariser Reise. Allem 
Anschein nach war es auch Grün, der ihn mit dem damals berühmtesten 
Kämpfer gegen das Privateigentum, mit Proudhon, zusammenführte. 
Daß Lassalle diesen kannte und in Paris anscheinend öfter mit ihm 
zusammengekommen war, erfahren wir zum erstenmal aus dem Brief, 
den er am 11, April 1847 vom Gefängnis aus an seinen Vater richtete. 
Grün, der Ende 1844 in der französischen Hauptstadt eintraf, stand 
mit Proudhon in einem intimen fortlaufenden Verkehr; wie man 
weiß, machte es ihm Marx zum Vorwurf, daß er den großen Auto- 
didakten zu seinem Schaden mit Hegel infiziert habe. Als Agitator 
betätigte sich Grün damals eifrig in der so überaus zahlreichen Kolonie 
von deutschen Handwerksgesellen, die in Paris bestand. Hier aber 
stieß er auf einen Gegner, der am Ende das Terrain behauptete. Das 
war Friedrich Engels, dem damals schon die ,, Duselei" und die , .fried- 
lichen Beglückungspläne" des ,, wahren Sozialismus" ein Greuel waren, 
und der sie vom Boden des Klassenkampfes aus, auf dem er und Marx 
bereits standen, als ,, antiproletarisch" und ,,kleinbürgerUch" aufs 
äußerste bekämpfte. 

Nun waren freilich Lassalles freundschaftliche Beziehimgen zu 
Grün ebensowenig von langer Dauer wie die zu Heine. Noch ver- 
mochte der junge Heißsporn sich anderen nicht anzupassen und über- 
warf sich leicht mit jedem, der sich seinen Anordnungen nicht ohne 
weiteres fügen wollte. Schon Grüns Briefe an ihn, die dieser Band 



— ^ 43 

mitteilt (Nr. loi und 103), zeigen, daß der Ältere mit der Behandlimg 
nicht zufrieden war, die er durch den Herrn Generalbevollmächtigten 
(kr Gräfin Hatzfeldt erfuhr. Die Broschüre gegen den Grafen Hatzfeldt, 
deren Abfassung er damals übernommen hatte, scheint niemals zu- 
stande gekommen zu sein. Ein sehr gereizter und geradezu peinlicher 
Austausch von Unliebenswürdigkeiteu zwischen den beiden erfolgte 
immittelbar, nachdem Lassalle von der Anklage der Verleitung zum 
Kassettendiebstahl vom Kölner Assisenhofe freigesprochen war. Da- 
mals tauchten nämlich plötzüch Lassalles Briefe au Grün aus den 
Jahren 1846 und 1847, die uns deshalb fehlen, in den Händen des 
Staatsprokurators auf. Ohne sich erst die Zeit zu nehmen, hinreichend 
Erkundigungen einzviziehen, beschuldigte I^assalle, der in diesen Tagen 
stark erregt gewesen sein muß, in der , .Neuen Rheinischen Zeitung" 
vom 14. August 1848 seinen ehemaligen Vertrauten, er habe ,,als Dank 
für erwiesene Dienste" diese Briefe dem Kaufmann von Stockum, dem 
Agenten des Grafen von Hatzfeldt, ausgeliefert. In Wahrheit lag es 
aber anders: ebenso wie Lassalles Briefe an Heine hatte die Behörde 
auch Lassalles Briefe an Grün unter den Papieren vorgefunden, die 
sie bei Mendelssohn beschlagnahmte. Auch im weiteren Verlauf der 
Polemik benahm Lassalle sich wenig delikat: er sprach von Grüns 
,, Demaskierung" und rühmte sich, wiederum vor der Öffentlichkeit, 
damit, daß er ihm bei seiner Ausweisung aus Paris im April 1847 ^^~ 
aufgefordert eine Summe überschickt habe. Grüns ,, Letztes Wort" in 
der „Neuen Rheinischen Zeitung" vom 9. September lautete dahin, 
daß er Lassalle erlaube, ,,alle Details eines früheren freimdschaftlichen 
Verhältnisses", das er oft genug bedauert habe, ,,mit oder ohne Belege 
vor dem Publikum auszuwaschen". Für seine Person lehne eres ab, die 
Preßpolemik fortzusetzen, stehe jedoch persönlich Lassalle zu jeder 
gewünschten Antwort zur Verfügung. 

Nicht Aufgabe dieser einleitenden Bemerkungen darf es sein, 
zu untersuchen, wie Lassalles ,, Kommunismus" beschaffen war, als 
er mit Grün und Proudhon in Paris zuerst in Berührung kam oder 
inwieweit er Einflüsse von ihrer Seite erfuhr. Die Frage ließe sich 
nicht absondern von der umfassenderen nach Lassalles Weg zum 
Sozialismus, die auf Grund der neu erschlossenen Quellen einer tiefer 
schürfenden Darstellung bedarf. — 

Die knorrige, sicher in der eigenen Weltanschauung ruhende, dabei 
doch so humane, menschliche Wirrnis tief begreifende und nur mit 
zarter Hand anfassende Persönlichkeit des Grafen Clemens von 
Westphalen verdiente wohl, daß man ihrem Leben einmal ein- 
gehender nachspürte. An die breite Öffentlichkeit trat der weithin 
angesehene und reich begüterte westfälische Magnat am sichtbarsten 



-^ ^^^^ — z^ 44 

während des Kölner Bischofs Streits, wo er, ein entschiedener Ver- 
teidiger der Ansprüche der kathohschen Kirche, die unter Friedrich 
Wilhelm III. von der preußischen Regierung befolgte Pohtik scharf 
bekämpfte, tmd dann ein anderes Mal 1866, als er Bismarcks Revo- 
lution von oben nicht anerkennen wollte und auf seinen Sitz im 
Herrenhaus verzichtete. Er habe, schrieb er in dem Brief, durch 
den er das tat, seinen Homagialeid dem preußischen König ge 
schworen als einem fürstlichen Mitgliede des zur dauernden Einigung 
Deutschlands unkündbar geschlossenen Staatenbundes. Mit dem 
,, Bundesbruche" und dem Hinfall jener unerläßlichen Bedingung 
seines Eides müsse er ,,nach den unbeugsamen Gesetzen einer un- 
wandelbaren Rechtslogik" auch diesen selbst als hinfällig geworden 
erachten. Derartige aus historischem Recht geschöpfte Argumente 
hätten bei dem überwiegend aus Feudalen zusammengesetzten Herren- 
hause zum mindesten ein achtrmgsvolles Verständnis beanspnichen 
können. Aber der dem Preußen eigentümliche Mangel eines differen- 
zierten Persönlichkeitsgefühls siegte selbst in dieser Runde. Das 
über jenen Brief ,,tief entrüstete" Haus entschied sich, den Grafen 
Westphalen aus seiner Mitte auszustoßen mid Wilhelm I., von 
Bismarck beraten, billigte diesen Beschluß, der dem am Boden 
hegenden historischen Recht einen neuen Tritt versetzte. 

Für Ivassalles raffinierte Fähigkeit, Menschen zu behandeln, er- 
bringen seine Briefe an den Grafen Westphaleu ein neues Beispiel. 
Die unüberbrückbare Kluft, die trotz aller seiner Aunäherungs- 
\ersuche zwischen dem frommen Katholiken und dem revolutionären 
Hegelingen offen bleibt, erfährt eine blitzartige Beleuchtung dort, 
wo der Graf die Hochwertung des Allgemeinen, mit der Ivassalle 
steht und fällt, ablehnt und bekennt, daß für ihn nur der einzelne 
Mensch Bedeutung habe. 

Dieser erste Band der Nachlaßpublikatiou bricht ab immittelbar 
bevor Ivassalle, aus dem Gefängnis befreit, in die I^age kommt, an der 
deutschen Revolution von 1848 teilzimehmen. 



U^SS.UI.E .\N DEN VATER. (Original.) 

[Poststempel T<eipzig, 2i. Jxmi 40.]!) 
Geliebter Vater! 

. . . betrachtet hatte, dieser springt in die Fluten, holt mit Leichtig- 
keit jene Austern und fristet dadurch sein und Ardents Leben. Was 
soll ich das Bild fortsetzen? Vom grimmigsten Durste gepeinigt, 
starrt Ardent die Kokospalme an, die sich vor ihm erhebt. Er weiß, 
die Milch ihrer Nüsse würde seinen Durst stillen, aber die Palme ist 
zu hoch, er kaim nicht hinauf. Wieder ist es der Neger, der ihn rettet. 
Und Ardent, der in den Zirkeln Londons gefeierte geistreiche Ardent, 
gesteht es mit Scham ein, daß er hilflos sei wie ein Kind! Doch genug, 
ich habe mich von meinem Ideengange zu weit führen lassen. Ich 
wollte Dich bloß recht sehr um die Erlaubnis bitten, schwimmen zu 
lernen, tmd ich glaube auch, meine zärtliche Mutter wird nichts da- 
gegen haben, wenn sie bedenkt, daß sie mich wohl mehr Gefahren 
aussetzt, wenn ich nicht schwimmen lerne, als wenn dies geschieht. 
Meine Arbeiten sollen gar nicht dadurch gestört werden ; ich will recht 
gern eine Stunde früher, um 4 aufstehen und von 4 bis 5 meine 
Schwimmstunden nehmen. 

Nun, gehebter Vater, Adieu. Es küßt Dich tausend Mal 

Dein dich liebender Sohn 

Ferdinand. 

Meine vielgeliebte Mutter! 

Ungemein hat es mich gefreut, aus Deinem Brief zu entnehmen, 
daß es Gott sei Dank mit Deiner Gesundheit geht. Daß Du in ein 



^) Der Anfang des Briefes fehlt. Er ^v^lrde am 19. Juni geschrieben. S. Tage- 
buch, S. 165. Die Erlaubnis zum Schwimmen wurde erteilt. Aber ungehalten 
darüber, daß er in den großen Ferien nicht nach Hause kommen sollte, schrieb 
Lassalle am 18. Juli in sein Tagebuch: ,,Will ich mich über vier ganze ^^'ochen 
mit Schwimmen amüsieren, werde ich ziüetzt eine Ente werden." 



-- ^- =- 46 = — 

Bad reisen willst, ist mir lieb zu vernehmen, nur laß Dich, ich bitte 
Dich um Gottes willen, dadurch nicht abhalten, Michaeli nach Leipzig 
zu kommen zu Deinem Dich liebenden Sohn 

Ferdinand. 

Schwester und Cousine Rikchen zu grüßen. Warum schreiben 
beide nicht? Onkel Friedländer,*) Lachs, Orgler-) zu grüßen. 



ISIDOR GERvSTENBERG^) AN IJVSSALLE. (Original.) 

Hamburg, 20. Sept. 1840. 

. . . Aber Du bliebst zurück in Verhältnissen, die Dir nicht völlig 
behagten. . . . Nun, lieber Junge, ich bitte Dich recht dringend^ alles 
anzuwenden, um Dir das zwar erzwungene, aber dennoch freundschaft- 
liche Verhältnis zu Deinen Pflegeeltern ^) zu erhalten. Du bist so klug 
als ich. Du weißt ebensogut, noch besser, wie Du handeln sollst, allein 
Du bist sehr auffahrend, und der Hitzkopf läuft oft mit der Vernunft 
davon; nur in Fällen Deines Ärgers, die meinem Wvmsche nach gar 
nicht statthaben mögen, bei Dir aber dennoch unvermeidlich sind, 
nur dann gedenke der Worte, der Bitte Deines 

Isidor. 

Ich glaube Deine Eltern tmd Fräulein Schwester schon bei Dir 
und Dich deshalb auf der Freude höchstem Gipfel, in der Wonne des 
Wiedersehens so geliebter Personen . . . Na, ich kann mir Deine Mutter 
(lenken! In die Schule gehen darfst Du sicher nicht, Du kämst ja um 
wieviel tausend Küsse zu kurz. 



1) Der Vater von I,assalles Schwager Friedland. Schwester und Cousine 
Rikchen ist Lassalles Schwester Friederike. 

2) Angestellter im Geschäft des Vaters. 

3) Isidor Gerstenberg war Lassalles nächster Freund in seiner Breslaucr 
Schülerzeit. Im Jiigendtagebuch ist überall von ihm die Rede. Später ging 
er nach England und wurde hier ein hervorragender Finanzmann. Er war es 
anscheinend, der später Lassalles Bekanntschaft mit Lothar Bucher vermittelte. 
Gerstenberg starb 1876. Näheres über seinen Lebenslauf in P. Lindaus Ein- 
leitung zu Lassalles Jugendtagebuch S. 35 f. 

*) Karl Gottlob Hander, Lassalles Pensionsvater in Leipzig, leitete eine 
Privatschule. Vgl. über ihn P. Lindau im Tagebuch S. 139. 



--= 47 = ^ = 

3- 
LASSAIXP: an die Eltern. (Original.) 

[Pcststeinpel Leipzip, den 8. Jamiar 1841.] 

Geliebte Eltern! 

Mir ist's, als wenn 's ein Traum gewesen wäre, als ob ich noch träume 
und ich möchte mir die Augen reiben, um mich vom Gegenteil zu über- 
zeugen. Soviel ist gewiß, war's ein Traum, so war's ein schöner, und 
ich will Morpheus um solche Träume bitten. Sie sind mir lieber als 
die triste Wirklichkeit hier! Aber beim wimderbaren Gott! der Über- 
gang ist plötzlich! Vor wenig Tagen noch in Breslau ^) in dem Hause 
meiner angebeteten Eltern, wo ich aus den Armen meines geliebten 
Vaters in die meiner zärtlichen Mutter, tmd von dieser an den Hals 
meiner liebenswürdigen Schwester flog, wo ich nur Liebe atmete und 
nur Liebe mich umfing — und jetzt wieder hier, in den ,, Regionen des 
Hasses", wo man das Wort auf die Wagschale legt, ehe man es aus- 
spricht, wo man die Blicke bewacht! — Wenn ich zurückdenke imd 
alles, was ich bisher erlebt, die Revue passieren lasse, so finde ich, daß 
ich noch nie acht so glückliche Tage verlebt habe. 

Wahr ist der Ausspruch des Weltweisen : Der Mensch selbst ist die 
Ursache der meisten imd größten Widerwärtigkeiten, die ihm be- 
gegnen. Daß ich den Satz auf meine Kosten bestätigt sehen nmß! 
Ich selbst war es ja, der sich herausriß aus dem väterhchen Haus. Wie 
oft bat mich nicht meine gute Mutter : Bleibe bei uns, und noch klingen 
mir die Worte meines Vaters im Ohr, die er sagte in der Stunde des 
Scheidens: Du wirst Dich oft zurüclcwünschen in das Haus Deiner 
Eltern, trotzdem, daß Du jetzt hinauszukommen verlangst. Ja, Vater, 
Deine Prophezeiung ist längst eingetroffen. 

Doch genug damit. Die Sache ist vorbei (obwohl noch zu ändern), 
und es ist nicht billig, daß ich andern das Herz schwer mache, weil 
ich voreilig gewesen. 

Meine Reise ist, wie ich Euch schon in meinem vorigen Briefe ge- 
sagt habe, ohne große Abenteuer und ohne das geringste Malheur von- 
statten gegangen mid hatte ich das Glück, auf der ganzen Tour hin- 
länglich Gesellschaft zu haben. 

Bis Görlitz unterhielt mich mein beschnurrbärteter Reisegefährte, 
der den Krieg von 1813 (nichts ist mir verhaßter, als diesen Krieg 
,, Freiheitskrieg" nennen zu hören) und die polnische Revolution mit- 
gemacht. Stoff zum Erzählen hatte er also genug. In Görlitz kam ich 

^) Lassalle war in der Weilinachtswoche zur Silberhochzeit der Eltern in 
Breslau gewesen. 



-- = — = 48 --— — — 

früh morgens um 5 an, und ließ, Deinen Befehlen gemäß, mich in den 
Gasthof zum ,, Braunen Hirsch" bringen, wo ich mich ins Bett legte 
mid bis 8^2 Uhr schlief. Ich hatte eben den Zettel an Euch, geliebte 
Eltern, geschrieben und wollte ausgehen, ihn auf die Post zu bringen, 
als die gegenüberliegende Tür aufging und Herr A. Reißner heraus- 
tritt. Wir freuten uns beide sehr, uns hier zu treffen; er erbot sich, 
mir einen Brief mitzunehmen, und ich übergab ihm den, den Ihr hoffent- 
lich erhalten haben werdet. Da ich bis Nachmittag um 4 Uhr in Görhtz 
bleiben mußte und die Aussicht hatte, mich höchlich zu ennuyieren, 
so war mir dieses Renkon tre doppelt gelegen. Auch tadelte Herr Reißner 
meinen Reiseplan sehr. Er meinte, wenn ich früh morgens um 5 weiter- 
gefahren wäre, so wäre ich Nachmittag um 4 in Dresden gewesen, hätte 
da die Oper besuchen und dann noch bis andern Morgen um 6 schlafen 
können. Aber das war vorbei, und ich wäre um alles in der Welt Deinem 
Plan nicht untreu geworden. Herr Reißner vmd ich, wir vertrieben 
uns die Zeit, so gut es gehen konnte, wir plauderten, aßen etc. Unter 
anderm schlug ich ihm vor, einen Tausch zu machen, er solle statt 
meiner nach I^eipzig als Handelsschüler, ich als Herr Reißner nach 
Breslau gehen. Er wollte aber nicht und schützte vor, seine Frau 
würde ihm das sehr übel nehmen. Als ich ihm darauf versicherte, ich 
würde alles Mögliche tmi, um sie über den Verlust zu trösten, wollte 
er sich halb zu Tod lachen, ging aber meinen Vorschlag doch nicht ein. 

Geliebte Eltern; nächstens folgt die Fortsetzung. Heut muß ich 
schließen, denn es ist 10^2 Uhr und mein Licht seinem Erlöschen nah! 
Ich schicke Dir, geliebter Vater, nur noch hier inliegend eine Rechnung. 
Den Betrag möchte ich sehr gern bis Dienstag haben; da habe ich 
wieder Stunde, und da die Rechnung quittiert ist, so schickt es sich 
doch, sie bald zu bezahlen. Du wunderst Dich gewiß, daß ich noch 
immer Stimde habe; ja, ich wundere mich auch; aber ich nehme die 
Lektionen mit noch einem, der sehr langsam begreift, und da muß ich 
mich schon bequemen. 

Adieu, geliebte Eltern, und Du, geliebte Schwester. 

Euer Ferdinand. 



4- 
LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

[Poststempel ]>ipzig, 3. April 1841.] 
Geliebter Vater. 

Es ist dies wahrscheinlich der letzte Brief, den ich Dir vor der 
Messe schreibe, und eben darum wird er vielleicht auch kürzer ausfallen 



- - -= 49 = - = ■- ==^ 

als die übrigen; aber es ist natürlich! Wozu sich eines so schlechten 
Auskimftmittels, wie das Schreiben ist, bedienen, wenn man sich bald 
Aug' gegen Aug' alles sagen kann. — 

Zuvörderst vielen Dank dafür, daß Du mir versprochen, bei Deiner 
Anwesenheit hier füir Reitunterricht zu sorgen Es ist dies aber auch 
ein Glück für mich und Dich und ein Unglück für die Papierhandlungen 
I^eipzigs imd die Post! Ich lese nämlich gerade Jean Jaques Rousseau 's 
Emile ou De l'education und hätte, wenn Du nicht eingewilligt. Dich 
so lange mit Zitaten von Rousseau, die auf meinen Gegenstand passen, 
als wären sie dazu gemacht, überschüttet, bis Du nachgegeben. — 

Aber ist es nicht schon eine Verderbtheit an und für sich, Rousseau 
zu lesen?!! Gewiß, gewiß, und wenn Ihr mir's diesmal noch verzeiht, 
will ich 's gewiß nicht wiederum! — Also, was wollt' ich sagen? Ja so, 
tausend Dank für die Gewährung meiner Bitte, obgleich es mir lieber 
gewesen, wenn ich schon jetzt meine Reitstvmden hätte beginnen 
können, vun die Ferien minder ennuyant zu machen. Aber vielleicht 
werde ich eine kleine Reise von zwei, drei Tagen machen, auf jeden 
Fall will ich fleißig spazieren gehen. Bitte, schicke mir so schnell wie 
möglich etwas Geld; ich habe keins, und in den Ferien bedarf ich dessen 
gerade am meisten, sowohl weim ich verreise als wenn ich hier bleibe. 
Die Ausflüge in die Umgegend sind trotz ihrer Ländhchkeit ohne Geld 
nicht zu bewerkstelligen. 

Unser Examen ist glücklich und ohne einen besonders bemerkens- 
werten Umstand vorübergegangen; bereits bin ich auch ein Schüler 
der ersten Klasse. Über Deine Besorgnis, ich möchte nicht versetzt 
werden, mußte ich lächeln! Das hätt' ich kaum so ruhig hingenommen, 
wie Du es mir anempföhlest. Das war auch das Einzige, wozu ich Schieben 
hätte zwingen können. 

Übrigens habe ich mich mit Schieben sozusagen ausgesöhnt! ') Als 
ich nämlich, wie bei ims Sitte, vor den Ferien mich bei ihm empfehlen 
wollte, so traf ich ihn mit unserm Inspektor Herrn Schierholz allein im 
Zimmer. Jetzt oder nie, dacht' ich, ist der Augenblick da, wo Du Dich 
vielleicht mit Schieben besser setzen kannst. Zwar ist es eine Art 
Heuchelei, von Reue zu sprechen, wenn man den Haß im Herzen trägt; 
aber der Gedanke an Dich überwog. ,,Du bist es Deinem Vater schuldig," 
dacht' ich, und ,,Schurken wollen betrogen sein". „Herr Direktor, begann 
ich, ich hoffe, daß es mir gelingen wird, mir in künft'gem Jahr Ihre Zu- 
friedenheit besser zu erwerben, als im verflossenen." Er horchte auf — 
das schien er von mir nicht erwartet zu haben. Nun ich einmal im Zuge 

^) Tagebuch, S. 250, i. April. August Schiebe war der Direktor der Handels- 
scdiule, die I,assalle in Leipzig besuchte. Er starb 187 1. Vgl. über ihn Lindau 
a. a. O. S. 141 f. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. ^ 



-= 50 — = 

war, ging's leicht weiter, „Nehmen Sie mein Versprechen, daß ich 
mein Betragen ändern werde." Nun fing Schiebe an. Was Er sagte, 
kannst Du Dir denken; er machte mir ein paar Komplimente über 
meinen Verstand, hunzte mich herunter über mein verbranntes Ge- 
hirn, warf mir vor, daß ich ihm keinen Glauben schenke etc. Als ich 
ihm drauf versicherte, ich sei erstens im allgemeinen überzeugt von 
allem, was er sage, im besondem aber sei ich davon überzeugt, daß 
ich ein durch und durch verbranntes Hirn haben müsse, war er schon 
bedeutend beruhigt! Kurz, als wir schieden, waren wir die besten 
Freunde. Ich glaube indes kaum, daß diese Fretmdschaft lange Bestand 
haben wird. 

Ich habe wirklich schon so viel verschiedene Perioden mit dem Alten 
durchgemacht, daß ich sie Dir schwerlich ganz klar machen kann. 

Für heut leb wohl, geliebter Vater ! Deinen Wimsch, Pessach in der 
Garküche zu essen, werde ich erfüllen. Ich wünsche Dir, der geliebten 
Mutter, Rikchen, Ferdinand und allen Verwandten vergnügte Feier- 
tage, Es ist das erstemal, daß ich den Zeider^) nicht in meinem väter- 
lichen Hause hören kann. Ob Dein, ob meiner guten Mutter Blick 
nicht manchmal auf der »Stelle weilen wird, wo früher Euer gehebtes 
Jungel saß?^) Adieu! 

Dein Ferdinand. 

Lachs, Orgler zu grüßen! Gute Feiertage! 



5. 

LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 
Fortsetzimg. ^) ^) 

l,eip2dg [ohne Datum]. 

die Folgen dieser beiden Begebenheiten denken 

alles revolutionär, sogar die Luft die Jeden Tag kann 

der Aufruhr losbrechen gewaltige Krise. Was mich be- 
trifft, ich liebe wo das Volk sich plötzlich seiner Kraft 

wird und nur noch nicht weiß, was es wollen oder große 

Märmer nehmen sich gewöhnlich an, und führen es weiter 

Was ich für eine Rolle bei diesem 

darüber kaimst Du schwerlich im Zweifel sein Zufall der 



*) Der bei den orthodoxen Juden feierlich begangene Vorabend des Passahfestes. 

2) Vgl. Tagebuch S. 251, 5. April. 

3) Das Wort „Fortsetzung" von Lassalles Hand. Das Vorhergehende fehlt. 
*) Die Punkte bezeichnen die Stellen, wo Stücke des Briefes abgerissen sind. 



Mühe überheben die Revolution Reife zu bringen, und 

selbst dieses Fach Jeden Tag halte ich in der Klasse trotz 

der zu werden die herrlichsten Reden von 

Robespierre tmd entzünde mit allen Feuerworten .... glühendster 
Beredsamkeit, die mir zu Gebote steht, die naßkalten deutschen Jüng- 
lingsherzen. Ich bin hinten imd vom imd auch wenn 's nottut in der 
Glitte, doch leider, leider ist unsre Handelsschule keine Ecole Poly- 
technique, imd meine herrlichste Rede wird vergessen über das Mittag- 
essen, und der größte Mut, den ich entzündet, verdampft vor dem 
finster grollenden BHck Schiebens. Doch verdanke ich meiner Be- 
mühimg, daß die revolutionäre Stimmung ohne neue Nahnmg schon 
14 Tage anhält, was immer schon viel ist, um so mehr, da mich eine 
Art Grippe für einige Tage auf mein Zimmer fesselte. Doch hatte dies 
wiederum einiges Gutes, denn indem mich sehr viele Schüler einzeln 
besuchten, entging mir der Stand der Begebenheiten nicht, und meine 
Reden für einen einzelnen gehalten, hatten noch größere Wirkung, indem 
ich das vorliegende Individuum bei seinen Ivieblingsideen imd Schwach- 
heit Doch zweifle ich an dem Gelingen meines Werkes, 

klug um ims jetzt auch nur die mindeste Gelegenheit die Ge- 
legenheit bei den Haaren herbeizuziehen Juste-milieuaner 

nicht bewegen. Ich werde mich wahrscheinlich nach und 

nach zurückziehen vielleicht noch das Vergnügen haben an der 

zu bleiben, wofür ich zwar keine Furcht habe, fühle 

mit Schiller ,,der Starke ist am [mächtigsten allein]", aber ich habe keine 
Lust das zu sein, was de[r Franzose] unübersetzbar ,,le dupe" nennt, 

xmd zwar noch die unter mir stehen. Doch genug davon. — 

Da ich Deinen so wie der geliebten Mutter Sinn im 

allgemeinen kenne, und auch weiß Interesse ist, daß Ihr im 

besondem für Eure [Glaubensge]nossen fühlt, wie reg der Eifer ist, 

mit zu helfen sucht, so glaube ich Euch mir 

indem ich Euch Gelegenheit gebe, einen Ve[rein] , der zwar erst 

kurze Zeit besteht, aber dennoch schon höchst segensreich gewirkt hat. 
Unter dem Namen ,Jeschuat- Achim" (Bruderhilfe) hat sich nämlich 
voriges Jahr hier ein Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger jüdi- 
scher Studierenden gebildet, dessen Nützhchkeit umso größer ist, da 
die Anzahl der hiesigen jüdischen Studenten nicht gering ist und es 
doch gänzhch an jüdischen Familien hier fehlt, von denen sie Unter- 
stützung erhalten könnten. Die Art der Beiträge etc. ersiehst Du aus 
den Statuten, die ich beilege. Ich für meinen Teil habe von meinem 
Taschengeld 12 Gr. monatlich unterzeichnet. Beiläufig, jener Mann, 
von dem ich Dir hier sagte, er wäre nicht ohne Einfluß auf meinen Ent- 
schluß und billigte ihn, ist der erste Direktor dieses Vereins; ich habe 



52 ^^^ ^ 

bei seinem Namen, den Du tmter denen der Direktoren finden wirst, zwei 
Kreuze gemacht. Herr Dr. Freimd, der jetzt in Breslau wahrscheinlich 
ist, kennt ihn gut; erkimdige Dich bei ihm über V. Meyer. Herr Bieber, 
bei dem ich neulich war, läßt Dich grüßen, und nun leb wohl. 

Dein Dich liebender Sohn 

Ferdinand. 

Mutter, Schwester, Ferdinand ^) zu grüßen. Wo bleiben meine 
Hemden ? 



LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

I/cipzig, d. 20. Mai 1841. 
Geliebter Vater! 

Wenn mein letzter Brief nicht so zusammenhängend und ausführ- 
lich war, wie er es hätte sein sollen, so mußt Du deshalb nicht auf mich 
zürnen. Du warst kaum abgereist, hättest mir noch nicht geschrieben ; 
mein Brief hatte also nur zum Zweck, zu verhüten, daß Du imd meine 
geliebte Mutter meinetwegen in Unruhe wären; auch hatte ich gar 
keinen Stoff mehr zu schreiben. ,,Wie, wirst Du mir entgegnen, Du 
hast Deinem Vater nichts zu sagen?" Ach ja, zu sagen tausenderlei, 
aber nicht zu schreiben ! 

Daß Du mein Taschengeld von i Rt. 8 Gr. auf 3 Rt, erhöht hast, 
hat, wie ich Dir wohl erst nicht zu versichern brauche, mein Herz mit 
Freude erfüllt. Tausend Dank dafür Dir vmd demjenigen, der diese 
große und heilbringende Idee in Dir geweckt hat. Um so mehr über- 
raschte und erfreute mich dieser Akt der Liebe tmd der Billigkeit, da 
Du doch kurz vorher bei mir gewesen, ohne daß ich zu Dir davon ge- 
sprochen hatte. Freilich hatte ich mir vorgenommen, mit Dir davon 
zu reden. Aber was hatte ich mir nicht alles vorgenommen ! Ich woUte 
Dich bitten um Erhöhiing des Taschengeldes, um Reitstunde und tausend 
andere Dinge von Wichtigkeit für mich, deren Besprechung ich bis 
auf Deine Ankunft verschoben hatte; — doch als Du da warst, da 
vergaß ich daran oder berührte sie nur ganz oberflächlich. Als Du 
fort warst, fielen alle diese Lieblingswünsche mit erneuter Gewalt auf 
mein Herz; doch mm war's zu spät — ich mußte resignieren. Desto 
erfreulicher war also der Inhalt Deines Briefes für mich. Glaube aber 
nicht, geliebter Vater, daß mich die Erhöhung meines Taschengeldes 



*) Ferdinand Friedland, Lassalles Schwager. 



^^ 53 --= 

liederlich machen wird ; im Gegenteil, sie wird mich sparsamer machen. 
Ich war nie geneigter Geld auszugeben, als wenn ich bloß 8 — 12 Gr. 
hatte, besaß ich aber einige Taler, so wurde ich ordentlich knickerig; 
zwischen dem Nichts und dem Wenig existiert bei mir kein Unter- 
schied, eine desto größere Kluft aber zwischen Viel vmd Wenig. Es 
geht vielen Leuten so, und daher mag es auch kommen, daß die Reichen 
im Verhältnis genommen gewöhnlich geiziger sind als die Armen. 

Die IG Taler von Bielefeld habe ich mir nicht für mich geben 
lassen; hätte ich ihrer bedurft, so würde ich sicherlich sie mir von Dir 
haben geben lassen, der Du zwei Tage früher erst abgereist warst; und 
abgerechnet davon, wären Oppenheim und Bielefeld die letzten, bei denen 
ich einen Pump anlegen möchte. Aber ich brauchte sie für einen Freimd, 
den ich aus einer schrecklichen Verlegenheit riß. Spätestens in vier Wochen 
werde ich sie zurückerhalten und sie Dir dann ganz oder zum Teil 
übersenden, wie Du das haben willst. Ich sage ganz oder zum Teil, 
denn die 2 Taler, die Du mir zurückließest, sind für Bedürfnisse aus- 
gegeben, und obwohl ich jetzt hinreichend Taschengeld habe, so bin ich 
doch darin ein völliger Pedant, daß ich an ein strenges Absonderungs- 
system halte, mein Taschengeld, das sozusagen mein ist, imd das 
ich nicht zu verrechnen brauche, genau, fast äng(st)Hch von dem 
trenne, das für meine Schulbedürfnisse ist, das ich nur verwalte und 
von dem ich genaue Rechenschaft ablegen muß. Diese letzte Kassa 
also ermangelt der Fonds und bedarf einer neuen Füllimg. 

Im übrigen ist mein Leben vergnügt, einfach imd ruhig. Ich tue 
meine Pflicht in der Klasse, was mir nicht schwer wird; bin ich aus 
der Klasse heraus, dann wende ich mich von den Zwangsarbeiten an 
die Studien meiner Neigung imd übe mich im Denken. Deinen Freund 
Biber werde ich nächstens besuchen, da ich weiß, daß es Dir Vergnügen 
macht; Deinem Rate gemäß ,, arbeite ich an mir", doch habe ich den 
Schmerz zu sehen, daß ich immer noch nicht besser werde. 

Schreibe mir bei Gelegenheit ein Urteil über meine Hefte; ich bin 
eitel und habe es gern, gelobt zu werden. — Eigen thch wollte ich in den 
Pfingstf eiertagen eine Reise nach Dresden imd in die Sächsische Schweiz 
machen, doch würde, da Mittwoch schon die Ferien beginnen. Deine 
Erlaubnis zu spät eintreffen, und ich lasse demgemäß die Reise für 
diesmal. Lebe wohl! Ich bin Dein 

Dich ewig liebender Sohn 

Ferdinand. 

Dich, geliebte Mutter, und Dich, goldenes Rikchen, küsse ich 
tausendmal. Nächstens schreibe ich Dir, meine Mutter, einen langen, 
langen Brief. Es ist ein sehr großer Übelstand! Ich weiß Dir nichts 



- 54 = 

zu schreiben; mit dem Vater kami ich doch noch von Geschäften 
sprechen ; mit dergleichen aber möchte ich Dich nicht ermüden, zu Dir 
möchte ich lediglich von meiner I^iebe reden, und das läßt sich nicht 
zu Papier bringen. Wenn man's noch so feurig niederschrieb, es klingt 
nachher so matt! 

Lachs imd C. Orgler zu grüßen. 



7- 
AUS DEM TAGEBUCH DEvS HANDELSSCHÜLERS. (Original.) 

[Um Pfingsten 1841.] 

Die Stimmung, in der ich hier in Leipzig lebe, ist, geUnd zu sagen, 
die unbehaglichste von der Welt. So schön auch der Lenz blüht in 
meinem Herzen und um mich herum, so nimmt doch alles eine düstere 
Farbe an, weim ich mein Auge auf die Szenen wende, die mich um- 
geben. Vom Schtdjammer will ich nicht reden, den bin ich gewöhnt; 
was mich aber mehr ergriff als Dinge, die mich näher angingen, war 
die Krise, die jetzt zwischen Hander und seiner Frau eingetreten war. 
Es widerte mich an, zu sehen, wie ein Gatte alle Mittel gemeiner, plumper 
List gegen seine Frau anzuwenden [sie!], die schwach genug ist, in die 
Falle zu gehen, und wie er nachher mit der raffiniertesten Schlechtheit 
ihr eben daraus ein Verbrechen macht, wie ein Mann, nachdem er das 
ganze Vermögen seiner Gattin durchgebracht, die verächtlichsten 
Mittel anwendet, Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um noch die 
letzten 2000 Taler herauszupressen, die letzten 2000 Taler, die ihr von 
ihrer Mitgift gebheben waren, die letzten 2000 Taler, die einmal seine 
Kinder vor dem Bettelstab schützen könnten. Ärgerte mich auf der 
einen Seite die Schlechtigkeit und die ausgesuchte Heuchelei, mit 
welcher der Kerl sie verstecken sollte, so ärgerte mich andrerseits ihre 
Schwäche und übermäßig große Leichtgläubigkeit. L^nd sah ich auch 
wie bei Fritz ^) ein richtig schlagendes, warm fühlendes Herz, das sich 
nicht scheute, dem Heuchler zu begegnen und für seine Schwester zu 
sprechen, so sah ich auch die Folgen, die ihm aus einer gutgemeinten 
Tat entsprossen, wie die Bosheit Handers weit genug ging, daß er 
sich nicht schämte, ein gemeiner Angeber zu werden, wie Fritz dann 
im Gefängnis sogar von seiner Schwester, derentwillen er hingekommen 
war, auf die imdankbarste Weise kalt im Stiche gelassen wurde und 
gänzlich verlassen war, wenn nicht noch ich und Enke uns seiner 



^) Ein Bruder der Prau Hander, der mit Lassalle befreundet war. 



— — - 55 — -=r 

annahmen. Kein Wunder, daß das alles einen Eindruck auf mich machte, 
einen Eindruck, der, glaube ich, wesentlich dazu beitrug, daß ich 
drei Wochen krank wurde. Ich war von solchem Ekel erfüllt, daß ich 
nicht wußte, wie mir helfen. Hander mußte ich verachten, in letzter 
Zeit hatte er sich gegen mich auf die kriechendste Weise benommen, 
doch als er sah, daß ich mich nicht täuschen imd übertölpeln ließ, fuhr 
er mit doppelter Wut gegen mich los und nahm die Zuflucht zu seinem 
gewöhnlichen Mittel, der Verleumdung. Ich begnügte mich damit, 
von meiner Höhe herab ihn mitleidig zu belächeln. 

Jetzt kam der Tag, an dem Fritz loskommen sollte, aber auch 
Leipzig verlassen mußte. Das lag in Handers Plan, denn ,, fürchten 
mußt' er die gerechte Rache des freien Marmes, den er schwer gereizt". 

Enke und ich, wir begleiteten ihn. Sonntag morgens um 6 Uhr 
zogen wir ab und hatten unter fortwährendem Geplauder Halle sehr 
bald erreicht. 

Wir kehrten im Gasthaus ,,Zum goldenen Ring" ein und nachdem wir 
uns umgekleidet, gingen wir aus, die Stadt und ihre Merkwürdigkeiten 
zu besichtigen. Halle mit seinen engen und winkligen Gassen, seiner 
veralteten aber dabei nicht gotischen Bauart macht gewiß auf jeden 
Besucher keinen erfreulichen Eindruck. Obwohl es zum mindesten 
26 000 Einwohner hat, so ist es doch im eigentlichen Sinne des Worts 
so verbaut, daß man es für ein ganz unbedeutendes Städtchen halten 
würde. Auf dem Markte fielen mir sogleich zwei große eherne Löwen 
in die Augen: 

,,Zu Halle auf dem Markte, 
Da stehen zwei eherne Löwen. 
Ei, du hallischer Löwentrotz, 
Wie hat man dich gezähmt! 

Zu Halle auf dem Markte, 

Da steht eine große Kirche, 

Die Burschenschaft und die Landsmannschaft, 

Die haben da Platz zum Beten." ^) 

^) Lassalle zitiert hier, wie fast immer, ungenau. Bei Heine heißt es: 

,,Zu Halle auf dem Markt, 

Da stehn zwei große I,öwen. 

Ei, du hallischer lyöwentrotz. 

Wie hat man dich gezähmet!" 
Den zweiten Vers des Gedichts läßt Lassalle fort, den dritten führt er richtig 
an, nur daß es in der ersten Reihe wiederum Markt, in der letzten ,,dort" statt 
,,da" heißen muß. 



= 56 : ^ =^ 

Und Heine hat recht, wie hat man den hallischen Löwentrotz ge- 
zähmt! Die Burschenschaft mid die Landsmannschaft, die müssen in 
der Tat in dem Kolleg stecken oder beten, den ganzen Tag traf man 
keinen auf der Straße, auch hört man nicht das geringste von ihnen, 
desto häufiger aber trifft man Blaujacken mit roten Aufschlägen, die 
übermütig die Melodie brummen: ,, Unser, unser sind die Stimden und 
der Lebende hat Recht." FreiHch ist das auch der praktischste Beweis 
für Recht oder Unrecht! Auch der alte Roland steht traurig imd einsam 
da und wartet noch immer ungeduldig auf den Augenbhck, wo der 
auf dem Kyffhäuser losgeht, der Rotbart, aber der fragt seinen auf- 
wartenden Zwerg: ,, Fliegen die Raben noch um den Berg?" — ,,Ja." 
— „So geh mal auf den Gipfel und sieh, ob der Roland zu Halle schon 
losgebrochen ist." Und wird die Frage verneint, so versinkt er wieder 
in sein dumpfes Brüten; so wartet einer auf den andern rnid wir ver- 
geblich auf alle beide. 

Wir gingen, nachdem wir die Kirche andächtig durchschritten, in 
die Sahne. Durch ein höchst einfaches Pumpwerk, das von Dampf in 
Bewegung gesetzt wird, wird die Sole aus dem Bergwerk herausgebracht 
und imter der Erde hinaus in die Sahne geleitet. Wir begaben uns 
dahin. Von dem Oberaufseher, der, wie alle Beamten bei der vSaline, 
eine eigentümhche, ziemhch altdeutsche Tracht trug, nämlich eine 
große Weste, die, weit ausgeschnitten, ihm bis über den nicht unbe- 
trächtlichen Bauch ging tmd mit großen bleiernen Kuppeln besetzt 
war, vmd die als Knöpfe fungierten und an welche sich eng anliegende 
sogenannte ,, Kniekurze" anschlössen, erhielt ich sogleich eine Erlaubnis- 
karte vmd begab mich mm mit meinen beiden Begleitern an die Arbeits- 
stätten, wohin ims ein Führer, der, wie alle Arbeiter in dem Bergwerk, 
bis auf ein Paar kurze lederne Hosen der tmerträglichen Hitze wegen 
ganz nackt war, mitgegeben wurde. Wir gelangten zuerst in die so- 
genaimte ,, Pf arme", ein Zimmer von etwa 25 Fuß Breite, das fast 
gänzlich durch einen tief hölzernen Kessel ausgefüllt ward. In diesen 
Kessel mm, der beständig mit heißem Wasser gefüllt ist, wird die Sole 
geleitet und solange darin gelassen, bis sich das Wasser gesättigt hat, 
d ann wird das Salz, denn solches ist es bereits, auf den Trockenboden 
gebracht, wo es, in enge Fächer gedrückt, gewöhnlich acht bis zehn Tage 
Zeit braucht, um zu trocknen. In diesem Zimmer ist die Hitze ge- 
wöhnhch 45 bis 50 Grad. Ist das Salz völlig trocken, so ist es bereits 
in dem Zustand, in welchem man es zu Speisen gebraucht, imd wird 
auf Karren nach der Niederlage gebracht. Das Salzbergwerk hier ist 
so bedeutend, daß es in jeder Stunde 50 Scheffel liefert. 

Aus dem Trockenboden kamen wir in den Rauchfang, der sich 
unter der Pfanne befindet tmd das Wasser in ihr stets in einer Temperatur 



-— — --^ 57 — — 

von 100 Grad Celsius erhält. Der Rauchfang wurde geöffnet und der 
Rauch, der herausdrang, drohte uns für einige AugenbUcke zu ersticken; 
nichtsdestoweniger muß jeden Tag die Asche herausgeschafft werden; 
da wegen der schrecklichen Hitze die Leute nicht nahe heran können, 
so bedienen sie sich Schaufeln von wohl lo Fuß Länge. Unser Führer 
ergriff jetzt ein ungeheures Schüreisen, sprang in den Rauchfang und 
warf die Asche von oben hinunter. Es gewährt einen pittoresken An- 
blick, immerwährende Ströme glühender Asche, der Lava vergleich- 
bar, henmterstürzen vmd durch ihre Menge das Feuer fast ersticken zu 
sehen. Dabei den nackten muskulösen Mann mit der ungeheuren Stange, 
einem Zyklopen nicht unähnlich, wie sie Virgil in seiner Äneide beschreibt. 

Nachdem ich meinem Führer ein gutes Trinkgeld für seine guten 
Dienste gegeben, gingen wir wieder in die Stadt. Auf dem Wege imter- 
hielten wir uns mit einigen der berühmten Halloren dieser Stadt, die bei 
der Saline angestellt sind, das Salz zu kochen. Einer von ihnen produzierte 
sich auch, indem er von einer ziemhch hohen Brücke ins Wasser sprang, 
hinaus zum Ufer schwamm, ausstieg, um sich von neuem hineinzustürzen. 

In der Stadt sahen wir uns das von dem berühmten Francke ^) ge- 
stiftete Waisenhaus an, aßen ziemlich schlecht zu Mittag in imserm 
Hotel und gingen dann hinaus nach dem Giebichenstein, wo den nach- 
mittag gerade Fischerstechen war. Schon auf dem Wege trafen wir 
auf Vorbereitimgen der Festlichkeiten, die heute vor sich gehen sollten. 
Mit khngendem Spiel zogen die Bauern der Umgegend und die Fischer, 
teils als Bergknappen, teils als Militär zu Pferde, teils als wilde Mohren 
angekleidet, hinaus nach dem Giebichenstein. Dort angekommen, 
fanden wir auch schon die Saale völlig besetzt mit lustig sich durch- 
einander bewegenden Gondeln und kleineren Kähnen, die, von den 
verschiedenartigsten Masken angefüllt, einen überaus angenehmen Einr 
druck machten. Wir hielten ims jedoch vorderhand nicht lang dabei 
auf, sondern bestiegen sogleich die Ruine. 



8. 
AUS DEM TAGEBUCH DES HANDELSSCHÜLERS. (Original.) ^ 

[Sommer 1841.] 
Mundts ,,Trarara blase, deutsches Posthorn" siunmend, schwang 
ich mich, freudig und getrost den kommenden Dingen entgegensehend, 

*) August Hermann Francke (1663 — 1723), der bekannte Pietist, Schüler 
Speners, Lehrer Zinzendorfs. 

2) Das Folgende ist von dem Vorherstehenden nur durch zwei leere Seiten 
getrennt, auf die Lass.ille gewiß die Erlebnisse seiner letzten Leipziger Tage 
hatte aufzeichnen wollen. 



— 58 

auf den Dampfwagen. Leipziger Handelsschüler die Hülle und Fülle 
verleideten mir zwar immer noch die Behaglichkeit, aber nach und 
nach fing ich an humaner zu werden. Noch einmal sah ich die Lebewohl 
winkenden Tücher Fl. und Zanders, noch einmal schauten Herrn Dr. M.^) 
so wohlwollende und liebev'olle Blicke mich an, und dann ging's fort 
im brausenden Galopp, fort über Berg und Stein und Stock, ,, Die Toten 
reiten schnelle". 

Ich war wirklich zu rein seelenvergnügt, dem Zwange entronnen 
xmd wieder einmal unabhängig und frei zu sein, als daß ich schon hätte 
auf Beobachtungen ausgehen wollen; ich war dazu noch zu harmlos, 
vmd das ist natürhch. Wenn man sich in eine Ecke drückt und die 
Worte imd Handlungen von luibefangenen Mitreisenden auf die Wag- 
schale legt, sie innerhch belacht oder sich darüber mokiert, so heißt 
das eigentlich auf Kosten seiner Mitmenschen leben. Der wahrhaft 
gut kindliche Mensch beobachtet nicht, er gibt sich mehr, Beob- 
achtungsgabe gehört tmter die großen Eigenschaften, nicht aber unter 
die Tugenden, gehört unter die notwendigen Eigenschaften eines Welt- 
mannes, aber nicht unter die eines Menschen. Und ich bin manchmal 
Seelen vergnügt genug, nur gut zusein. Solch ein Augenblick war's damals. ^j 
Ich begann also, ohne daran zu denken, schon Charaktere studieren zu 
wollen, indem ich das auf den weiteren Teil meiner Reise verschob, 
ein ziemlich lebhaftes Gespräch mit meinen Nachbarn. So erreichten 
wir Station um Station und gaben tms (von den andren weiß ich das 
nicht, ich rede jetzt von mir im Plural), als wir uns Dresden näherten, 
mit Entzücken der schönen Aussicht hin, die sich unsern Blicken er- 
öffnete. Wie durch ein infernales Tor brauste jetzt der Wagen in den 
Tunnel, zwei Minuten vergingen in der Finsternis, die nur zuweilen 
durch das Flimmern einer glühenden Kohle unterbrochen wurde, und 
dann gelangten wir wieder ans rosige Licht (ein lautes Ach ! entfuhr allen) . 

Wir waren in Dresden. Ich besorgte mein Gepäck, ließ es in einen 
Fiaker bringen, setzte mich hin und rief meinem Kutscher zu: Hotel 
de Saxe. Wir durchfuhren einige Straßen und . . .^) den Neumarkt 
imd hielten dann vor einem nicht eben im modernen Stil gebauten 
Hause. Es war das Hotel de Saxe, das erste Hotel Dresdens. 

Ich stieg aus. Der Kellner kam. Eine Stube, rief ich ihm zu, imd 
bringen Sie mein Gepäck hinauf. Als ich indes den Kutscher bezahlt 
hatte . . .*) bemerkte mir der Hotelier mit sehr höflicher Miene, der 



*) Wer Fl. und Dr. M. waren, ließ sich nicht mehr feststellen. Für Friedrich 
Robert Zander vgl. die Anmerkung auf S. 113. 

2) Das Wort war nicht genau zu lesen. Es könnte auch eine Abkürzung 
für Donnerstag sein. 

^) und *) Hier steht ein unleserhches Wort. 



— =-= 59 ^= 

Oberkellner habe sich geirrt, Nr. 93, die er noch frei glaubte, sei vor 
einigen Minuten vergeben. Ich glaubte, er zweifle an meiner Zahlungs- 
fähigkeit und sagte daher mit einem sehr vornehmen Air, es wäre 
mir sehr lieb, hier Platz zu finden, weil ich mehrere Briefe hier zu emp- 
fangen gedenke. Er erwiderte, es tue ihm sehr leid, allein es sei jetzt 
gerade die Jahreszeit, wo sich so viele Fremde in Dresden befänden; 
ich würde in wenigen Hotels Unterkommen finden, außer vielleicht 
in Stadt Frankfurt, wo, wie er wisse, noch einige Stuben zu haben 
wären; es wäre dies ein sehr gutes Hotel, imd alle Briefe, die an mich 
ankämen, wolle er dahin besorgen. Nach kurzem Besinnen sagte ich, 
ich will nach Hotel de l'Europe, wo, wie ich wußte, Fritzsch und die 
zwei Nordländer wohnten. Er rief seinen Hausknecht, befahl ihm, 
mein Gepäck zu nehmen tmd mich hinzuführen, bemerkte mir noch, 
in einem oder zwei Tagen würden gewiß Logis in seinem Hause ge- 
räumt werden, ich könnte dann seinem Hotel die Ehre widerfahren 
lassen, so daß mein ganzer Verdacht, den ich erst gefaßt hatte, ver- 
schwand, um so mehr, da er das ganze Gespräch, die Mütze in der Hand 
geführt hatte. 

Ich ging also ins Hotel de l'Europe, wo ich wegen Mangel an Platz 
nur eine Stube hinten 'raus bekommen konnte. Ich schrieb sogleich 
nach Leipzig, man solle mir meine Nadeln und Ring, die ich daselbst 
vergessen, nachschicken und erkundigte mich, ob ich noch ein Billett 
zur heutigen italienischen Oper bekommen könnte. Der Kellner schickte 
mir den Lohnbedienten des Hotels hinauf, es war dies ein ältlicher, 
stark nach Spirituosen riechender Mann, der mich immer ,, gnädiger 
Herr" tituHerte, da er ja nicht wissen konnte, daß ich ein Demokrat 
bin. Ich wollte ihm schon verbieten, mich so zu heißen, allein da fiel 
mir ein, ich könnte einen Herrn in Wien am Ende zu hören bekommen, 
hier nenne man jeden Lumpen so, tmd ließ es daher beim gnädigen 
Herrn sein Bewenden haben. Da er [den] Stand eines Lohnbedienten ein- 
nahm, so brauche ich nicht zu erwähnen, daß er sehr geschwätzig war, 
was ja einen notwendigen Teil seines Handwerkes ausmacht. Er brachte 
mir nach vieler Mühe ein Parterrelogenbillett; denn es wurde heute 
Lucia di Lammermoor gegeben, die meisten Billetts waren schon 
drei, vier Tage vorher vergeben. Ich ging mit meinem Cicerone in 
die Bildergalerie; da es schon elf war imd ich also nur noch 
eine Stunde bleiben konnte, kaufte ich mir keinen Katalog, konnte 
mir keines der Gemälde näher, d. h. wie es diese Kvmstwerke er- 
forderten, sümdenlang beschauen, sondern miißte flüchtig diese Säle 
durcheilen, angefüllt mit den herrlichsten Schätzen der herrlichen Kirnst. 

Obgleich ich bisher noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, viele und 
ausgezeichnete alte Gemälde zu sehen und noch weniger die verschiedenen 



^ - ^ ^ 60 ^^- : — 

Schulen miteinander zu vergleichen, so hatte ich immer die höchste 
Verehnmg und Liebe für die italienischen Schule. Nicht wegen der 
religiösen Sujets der ewigen Kreuzesabnahmen etc., die sie sich zum 
Gegenstand macht, aber des Ideellen wegen, das sie in jede Sache 
bringt, des geistigen, tiefgefühlten Ausdrucks wegen, mit dem sie jedes 
Gesicht erlebt. Und am Ende wurde sie trotz der rehgiösen und katho- 
lischen Gegenstände dennoch protestantisch. Eben weil sich die Katho- 
hken ihre Heiligen, ihre Madonnen so sehr mit menschlichen Eigen- 
schaften dachten, so entstand eine Rehgion des Fleisches, die eigent- 
hch zum Teil in dem Kathohzismus als SinnenreHgion zu liegen scheint 
und liegt, ihm aber zuletzt über den Kopf wuchs vmd ihn bekämpfte. 
Ja, es liegt ein tiefer Sinn darin, den freilich die Philister nicht ver- 
stehen, wenn Heine sagt, Tizian reformierte mit den Lenden seiner 
Venus ebenso gewaltig wie der Wittenberger Mönch mit seinen 
95 ^) Thesen an der Schloßkirche. 

Ich durchflog die Säle. Mit der idealen Schönheit der Florentiner 
Maler wetteiferten die wirklich hübschen, manchmal erhaben schönen 
Gesichter der Dresdner Damen, welche die Salons anfüllten. Und 
welcher Ärger, wenn sie an eine Madonna kamen, von der sie sich 
besiegt bekennen mußten, luid welcher Triumph, wenn sie sich sagen 
koimten, daß ihre Reize die größeren wären. Ich kam vor eine Venus, 
die, auf dem Rasen ausgestreckt hegend, ihre nackte Gestalt im Bache 
beschaute. Diese nackten schwellenden Formen, dieses weiße blendende 
Fleisch, das elastisch hin und her zu wogen schien, diese kühn hervor- 
tretenden Lenden, das gänzliche Fehlen einer Bedeckung oder eines 
Feigenblattes, alles verriet den großen Meister, der es wagen durfte, 
der Natur völhg getreu zu bleiben. 2) Ich wollte es bisher nicht glauben, 
aber jetzt fühlte ich's: es gibt eine Art heihger Wollust, sie ergriff 
mich, und ich bebte fast am ganzen Körper; wäre ich allein gewesen, 
ich hätte anbetend niedersinken können. Neben diesem hing ein großes 
Gemälde, vor dem sich eine Masse Damen versammelt hatten, die aber 
alle verstohlene Blicke nach meiner Venus warfen. Dicht neben mir 
stand eine Dame, die mit mehr Aufmerksamkeit und weniger Gene 
die Göttin betrachtete. Ein hoher geistiger Ausdruck lag in dem wahr- 
haft schönen Gesicht. Auf ihm lagerte ein Trutz, dessen Ursache ich 
erforschen wollte. Ich heftete meine Blicke attf sie und las in ihren 
schwarzen Feueraugen, die unverwandt auf das Gemälde gerichtet 
waren, und las in ihrem stolzen Bhck und las in dem höhnischen Zucken 
der Oberlippe das Bewußtsein ihrer Überlegenheit. Köimte mich, 

^) Lassalle schreibt: 96. 

*) Lassalles Beschreibung stimmt besser auf die ruhende Venus des Palma 
Vecchio als auf die des Giorgione, die sich beide in der Dresdner Galerie befinden. 



- -^^ 6i ^= 

so sprach Aug' und Lippe, und wollüstig hob sich der Busen, könnte 
mich diese Masse sehen, die jetzt bewundernd vor der Leinwand steht, 
wie würde des Meisters Bild verdunkelt, wenn sie meine Reize sähe, 
diesen Busen und diesen — in dem Augenblick fiel ihr Aug' auf den 
hinter ihr stehenden ältUchen Mann mit abgelebten eingefallenen 
Zügen, es war ihr Gatte, tmd das alles, sprach ihr Aug' weiter, indem 
ein tief zuckender Schmerz über ihr Gesicht flog, tmd alle diese Reize 
für einen — . 

Beiläufig muß ich bemerken, daß vielleicht in keiner Stadt Deutsch- 
lands die Damen so wenig prüde sind wie hier in Dresden. Es mag 
dies vielleicht zum Teil mit an den Verhältnissen liegen. In Dresden 
ist ein Hofstaat, täglich Assembleen, zu welchen audi die mittleren 
Beamten, besonders aber die Leute von Geist gezogen werden, und 
zudem gibt es in Dresden noch viel armen Adel, der indes seinem Rang 
gemäß noch leben soll wie seine Voreltern vor 200 Jahren. Am meisten 
drückt dies die Frauen, besonders wenn sie schön und geistreich sind 
und in Mise, Putz etc. nicht zurückstehen wollen. Es hat sich daher 
ein ganz eigener Gebrauch in Dresden eingeschlichen, der die Fremden 
sehr begünstigt. Kommt nämlich ein Fremder nach Dresden, der Lust 
hat, einen Louisdor oder auch nur 2, 3 Reichstaler auszugeben, so 
braucht er nur zu Madame Probst zu gehen tind ihr seinen Wunsch 
vortragen. Diese läßt dann durch einen ihrer Spione eine verheiratete 
Frau rufen, gewöhnlich Assessorfrauen oder Grafen etc., kurz Hof- 
damen, die sich dann dem Fremden, von dem Grundsatz ausgehend, 
er kenne sie nicht, reise nur durch, und eine Sünde, die nicht entdeckt 
wird, sei gar keine, völlig hingibt. Aber auch außerdem hat jede Dame 
von Ton in Dresden ihren erklärten Cicisbeo,^) der freilich nicht so sehr 
schnell zum Ziel kommt wie so ein beglückter Fremder. 

Von der Bildergalerie ging ich in mein Hotel, wo ich sehr gut 
Table d'hote aß, ich lernte da den jimgen Kurt kennen, den Sohn 
des Gastwirts, der früher ebenfalls Handelsschüler war. Um 2V2 
holte mich mein Lohnbedienter ab, er wischte sich den Schweiß von 
4er Stime und sagte: ,, Gnädiger Herr, ich habe Ihnen eine Gesell- 
schaft verschafft, mit der sie Rüstkammer vmd Grünes Gewölbe be- 
suchen können." Ich warf mich in grande toilette und folgte meinem 
Cicerone. 

Wir kamen in den Zwinger, wo ich bereits eine Gesellschaft fand, 
die meiner harrte. Eine Tür wurde geöffnet, und wir traten ein an 
die Stätte, wo die Überreste eines längst vergangenen Alters sich be- 
fanden. Alte Bilder und Gesichte, alte Märchen, die mir die Amme 



^) Italienisch: Hausfreund. 



:-=:^ ■- ^^ 62 ^^ 

einst erzählt, tauchten in mir auf, als ich durch lange, lange Säle schaute, 
angefüllt mit den seltsamsten Waffen, mit den alten ritterlichen Figuren 
zu Fuß und zu Roß, die trotzig dastanden in ihren erzenen Rüstimgen 
mid, ihr gutes Schwert in der Hand, auch noch Schrecken einflößen 
zu wollen schienen. Nachdeukhch blieb ich vor dem Feldherrnstab 
Pappenheims stehen. Wie oft schwang er ihn, wenn sein Auge blitzte 
und seine Wange in der wetternden Feldschlacht! Wie oft führte er 
mit ihm zum Sieg, wie oft flohen die Feinde vor seinem Anblick! Und 
wie oft legte er ihn aus der starken Hand, um liebend ein Mädchen zu 
umfangen, das sich ihm, dem großen Helden, anbetend hingab. ,, Stock, 
Stock," sagte ich leise vor mich hin imd wog ihn nachdenklich in der 
Hand tmd glitt grausend mit den Fingern über die Einschnitte hin, 
..könntest Du sprechen, was würdest Du mir erzählen, welche alte, alte 
Geschichten würdest Du aufdecken ; Du warst bei Leipzig und bei Lützen, 
was für seltsame Sachen würdest Du aufdecken können." Und der Stab, 
vielleicht von meiner Hand berührt, schwankte unruhig hin imd her 
und stieß an einen anderen ganz mit Perlenmutter bedeckten Stock. Es 
war Tillys Konunandostab. Da hingen sie, diese beiden Stäbe, für eine 
Sache geführt, aber von so verschiedenen Händen. Die Sonne sandte 
einige Strahlen durch das Fenster, welche sich spiegelten an dem Perlen- 
mutter des Tillystabes. Ich glaubte den Brand von Magdeburg drin 
leuchten zu sehen. Unseliger Stab, wie oft gabst Du ein Zeichen zur 
Hinmordung von Greisen, zur Schändung von Jungfrauen, zur Plünde- 
rung von glücklichen Fluren, Wie schwer liegt der Tag von Magde- 
burg auf Dir! 

Aber unser Führer rief, tmd mit einem Spnmg von 50 Jahren traten 
wir in das Zelt Kara Mustafas. Drin hing spöttisch Sobieskis Anthtz. 
Oh, wüßte er, wie 1792 und 1830 Österreich den Dienst vergolten, den 
er ihm brachte ! ^) 

Aus der Rüstkammer gingen wir fast betäubt von dem, was wir 
gesehen, in das Grüne Gewölbe. Weniger als die Schätze des Altertmns 
imd die großen historischen Erinnerungen, von denen man in der 
Rüstkammer ergriffen wird, interessierten mich die imermeßliche Menge 
Diamanten, die im Grünen Gewölbe durch ihren Glanz blenden. Merk- 
würdig waren einige alte römische Mosaikporträts und mehrere von 
Dingelhof er, der im 16. Jahrhimdert in der wohllöblichen Reichsstadt 
Nürnberg lebte. Auch sah ich einige Porträts von Ritter Mengs,^) dem 



^) Kara Mustafa war der türkische Großvezier, der 1683 die vergebliche 
Belagerung Wiens leitete und von König Johann Sobieski am Kahlenberg ge- 
schlagen wurde. 

2) Rafael Mengs (1728 — 1779), der bekannte Porträtmaler. 



63 ^ ^ 

spanischen Hofmaler, dessen Bekanntschaft ich in Cas. M.^) gemacht 
habe. 

Von dem Grünen Gewölbe begab ich mich auf die Brühische Terrasse, 
promenierte ein wenig imd wurde von meinem Bedienten abgeholt, um 
ins Theater zu gehen. Es war mir geglückt, noch ein Billett fürs Amphi- 
theater zu erhalten. Ich trat hinein; der Anblick, der sich mir darbot, 
war wirklich reizend; das Gold, welches überall verschwendet ist und 
in einem Meer von Licht sich spiegelt, blendet fast. Überall, wo man 
hintritt, sich anlehnt, sich hinsetzt, sitzt und geht man auf rotem 
Samt. Die Malerei des Plafonds ist kostbar, an jeder Seite die Porträts 
der Fürsten der Dichtkunst. Ich lehnte mich an einen Pfeiler und fing 
an, die Gesellschaft zu beobachten. Das waren alles Ivcute, denen 
man es auf den ersten Bhck ansehen kormte, daß sie zum Hofe ge- 
hörten. Das sprach sich deuthch aus in dem falschen Blick und in dem 
erzwungenen Lächeln um den Mundwinkeln. Wer es nicht aus der 
Physiognomie ersah, konnte es desto leichter aus der Unterhaltung 
entnehmen. Zu meiner Linken saß eine elegante Dame in einem Alter 
von 30 bis 36 (denn genauer wird es ims nie geUngen, das Alter einer 
Dame, die Routine hat, zu bestimmen). Sie war leidlich hübsch imd 
hatte besonders hübsche Zähne und niedhche Hände; auch trug sie 
Sorge, auf die einen durch ein fortwährendes Lächeln, auf die anderen 
durch häufiges Gebrauchen ihres Fächers aufmerksam zu machen. 



9- 

LASSALLE AN DEN KULTUSMINISTER J. A. F. EICHHORN. 
(Konzept von Lassalles Hand.) 

Breslau, 31. März 1842.2) 
Hochgebietender Herr! 

Ew. Exzellenz wollen gnädigst verzeihen,^) werm ich es wage, mich 
nochmals an Hochdieselben in einer Angelegenheit zu wenden, in 
welcher Ew. Exzellenz schon einmal für mich zu entscheiden die Gnade 



^) Wahrscheinlich meint L,assalle Casanovas Memoiren. Der berühmte ita- 
lienische Abenteurer, mit dem er sich später (s. S. 228 f.) so entschieden kontrastierte. 
hatte auf ihn schon damals einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Er spricht 
bereits von ihm am 10. März 1841 in seinem Tagebuch. 

^) Bei den Akten des Kgl. Matthias-Gymnasiums befinden sich die Abschriften 
der Originalien dieser beiden Eingaben, die das Ministerium dem Direktor 
Wissowa eingeschickt hatte. Daraus wird als das Datum, an dem Lassalle sie 
abgehen ließ, der 5. April ersichtüch. 

^) Im Original steht: entschuldigen. 



— - 64 — 

hatten. Aus meinem ersten Gesuch vom 19. Februar wird Ew. Excellenz 
belcannt sein, daß ich mich bei dem hiesigen St.-Matthias-Gymnasium 
zum Abiturientenexamen gemeldet, daß mir aber die Zulassung von 
dem Kgl. Provinzialschulkollegium verweigert worden. Ich wagte 
es darauf, mich an Ew. Exzellenz selbst zu wenden, tmd Hochdie- 
selben hatten die hohe Gnade, mir meine Bitte zu gewähren. Die 
schriftlichen Arbeiten hatte ich bereits früher mit den andern Abitu- 
rienten zusammen abgefaßt, zufolge der huldreichen Erlaubnis von 
Seiten Ew. Exzellenz wurde ich mm auch zum mündhchen Examen 
zugelassen, nach stattgehabter Prüfung aber für unreif erklärt. Trotz- 
dem nun, daß meinem immaßgeblichen Urteile nach weder meine 
schriftlichen Arbeiten noch meine mündliche Prüfimg einen so un- 
glücklichen Ausgang verdient hätten, würde ich mich dennoch bei 
einem Schicksale beruhigt haben, das ja so vielen zuteil wird, wenn 
hier nicht noch einige Umstände obgewaltet hätten, welche mich ver- 
anlaßten, ja welche es mir zur Pflicht machten, den Entschluß zu er- 
greifen, den ich jetzt auszuführen im Begriff bin. Man hat mir zwar 
von vielen Seiten diesen Schritt als einen mißhchen bezeichnet, allein 
ich vertraue auf die Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsliebe des höchsten 
Entscheiders, an den ich mich jetzt wende, und auf meine gute Sache. 
Als ich nämlich als erste Antwort auf meine Bitte die Zuschrift 
von der Geheimen Kanzlei des königlichen Ministeriums der Medizinal- 
angelegenheiten erhalten hatte, welche besagt, daß das hiesige Kgl. Pro- 
vinzialschulkollegium vermittelst eines Dekrets vom 26. Februar ver- 
anlaßt worden sei, Bericht zu erstatten, begab ich mich mit dieser 
Zuschrift zu Herrn Professor Wissowa, Direktor des St.-Matthias- 
G5Tnnasiums, um zu erfahren, was ich etwa noch dabei zu tun hätte. 
Herr Direktor Wissowa, welcher memte, daß die Entscheidung Ew. Ex- 
zellenz, selbst wenn sie günstig ausfiele, schwerlich vor der mündhchen 
Prüfung, welche schon in vierzehn Tagen stattfinden sollte, eintreffen 
werde, riet mir, zu Herrn Regierungsrat Vogel, Kurator des St.-Matthias- 
Gymnasiums zu gehen und um Erlaubnis nachzusuchen, unterdes die 
mündhche Prüfung mitmachen zu dürfen. Herr Direktor Wisscwa 
trug mir auf, Herrn Regierungsrat Vogel in seinem Namen zu sagen, 
daß meine schrifthchen Arbeiten mich völlig berechtigten, den glück- 
lichsten Ausgang zu hoffen; ja er selbst wolle, bewogen durch meine 
schrifthchen Arbeiten, im Namen des Gymnasiums bei dem Provinzial- 
schulkollegium für mich ein kommen, ob mir vielleicht, wenn die Ent- 
scheidimg Ew. Ezxellenz bis zur mündhchen Prüfimg noch nicht ein- 
getroffen wäre, unterdes erlaubt würde, das mündliche Examen mit- 
zumachen. Als ich nun Herrn Direktor Wissowa darum ersuchte, gab 
er mir einen Bericht an den Herrn Regierungsrat Vogel mit, welcher 



- 65 — 

später von einem Freunde des Herrn Regierungsrat meinem Vater selbst 
gezeigt wurde, und dessen wesentlicher Inhalt also lautete: ,,Ich komme 
im Namen des Gymnasiums bei einem hochwohllöblichen Schul- 
kollegium ein, daß dem F. Lassal gestattet werde, einstweilen das 
mündliche Examen mitzumachen, und sehe mich hierzu durch die 
Arbeiten des genannten Schülers veranlaßt. Seine lateinische Arbeit, 
<iie von großer Bekanntschaft mit der Latinität zeugt imd seine mathe- 
matische sind völlig reif, seine griechische hat er in Versen abgefaßt, mid 
seine deutsche ist die beste von allen Abiturienten." — 

Nach solchen schriftlichen Arbeiten könnte die Unreife nur durch 
ein auffallend schlechtes mündliches Examen motiviert werden; aber 
mein mündliches Examen war — ich muß mich hier eines Ausdrucks 
bedienen, der vielleicht den Schein der Anmaßung auf mich wirft, aber 
es wäre töricht, aus übel angebrachter Bescheidenheit Umstände, die 
mir nützlich und förderlich sein müssen, zu verschweigen — mein 
mündliches Examen, besonders in den Hauptgegenständen, war eines 
der besten, und ich berufe mich dabei auf das Protokoll ^) imd auf die 
eidhche Aussage sämtlicher Herren I,ehrer. — Noch mehr. In dem 
oben angeführten Bericht des Herrn Direktor Wissowa ist meine deutsche 
Arbeit für die beste von allen Abiturienten erklärt, tmd doch sagt mein 
Zeugnis, welches ich deswegen hier beilege, daß man gerade in meiner 
deutschen Arbeit den Grund zur Unreife gefunden. — 

Wenn es ferner in meinem Zeugnisse heißt, daß sich aus meiner 
Lebensbeschreibung deutüche Zeichen von Charakterunreife ergäben, 
so weiß ich in der Tat nicht, was damit gemeint ist. Oder bezieht sich 
diese Stelle vielleicht darauf, daß ich in meiner I^ebensbeschreibimg 
erzählt, wie ich zwar zum Handelsstand bestimmt gewesen, mich aber 
aus innerm Drang zu den Wissenschaften hingewendet habe? Ist es 
etwa so neu, so unerhört, daß Jünghnge, den ihnen vorgezeichneten 
Weg verlassend, sich dorthin wenden, wohin sie Geschmack imd Neigung, 
Beruf imd Gefühl hinziehn? Und warum will man das, was man bei 
andern nicht mißbilligt, vielleicht gar lobt, bei mir so tadelnswert 
finden ? Alle Welt sah eine lobenswerte Festigkeit und ein Gereiftsein 
<ies Charakters darin, daß Luther sein Lieblingsstudium, die Theologie, 
nicht dem Studium der Rechte aufopfern wollte, warum ist es bei mir 
ein Zeichen von Charaktenmreife, daß ich den Handelsstand mit den 
Wissenschaften vertauschen will? 

Und dennoch, Ew. Exzellenz, dennoch würde ich trotz des lebhaften 
Bewußtseins, daß mir nicht Recht geschehen, trotz der offenbaren 
Widersprüche jenes Berichts und dieses Zeugnisses in Betracht meiner 



^) Das Protokoll bestätigt Lassalles Darstellung vollkommen. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. 



=^ 66 — = 

Jugend, mich damit tröstend, daß es mir ein andermal besser glücken 
werde, die Sache dabei ihr Bewenden haben lassen, wenn mich nicht 
Besorgnis für die Zukunft quälte und mir Schweigen unmöglich machte. 
Man hat mich nur allzu deutlich den Hauptgrund meines Durchfallens 
darin ahnen lassen, daß das ganze hiesige Kgl. ProvinzialschulkoUegium 
und also auch der die Prüfung leitende Konsistorialrat auf mich er- 
zürnt wäre, weil ich es gewagt, nachdem mir die Zulassung zu dem 
Examen verweigert worden war, an Ew, Exzellenz zu appellieren. Frei- 
lich gestehe ich ein, daß dies kühn, daß dies gewagt gewesen, aber soll 
ich dieser kleinlichen Rücksicht aufgeopfert werden? Weil ich von dem 
Rechte, das der Staat einem jeden seiner Untertanen einräumt, von 
dem Rechte, an eine höhere Instanz zu appellieren, Gebrauch machte, 
soll ich gekränkt und unterdrückt werden ? Und wenn ich so unglück- 
hch gewesen bin, den Unwillen des ganzen hiesigen Kgl. Schulkolle- 
giums auf mich zu ziehen, wie kann ich wissen, ob dieser Unwille damit 
befriedigt ist, mich einmal durchfallen zu lassen, ob er mir nicht noch 
das zweite, das dritte Mal in den Weg tritt imd mich am Studium 
hindert? — 

Ich submittiere daher ganz imtertänigst, daß Ew. Exzellenz ge- 
ruhen möchten, die Akten, bei welchen sich wahrscheinlich jener Bericht 
des Herrn Dr. Wissowa befinden wird (widrigenfalls ich Ew. Exzellenz 
ganz untertänigst ersuche, sich besagten Bericht von dem Herrn Re- 
gierungsrat Vogel edieren zu lassen), zu requirieren, um meine Arbeiten 
einer Berliner Kommission zur Beurteilung vorzulegen. 

Wenn Ew. Exzellenz befehlen sollten, daß ich das mündhche Examen 
noch einmal mache, so bin ich gern erbötig, sofort nach Berlin zu 
kommen, um mich von einer dortigen Kommission prüfen zu lassen. 

Auf jeden Fall bin ich überzeugt, daß Ew. Exzellenz meine Bitte 
nicht imbeachtet lassen und meiner gekränkten Ehre Genugtuung 
verschaffen werden. 

In der tiefsten Ehrfurcht und Hochachtung 

Euer Exzellenz 

ganz imtertänigster Diener 

Ferdinand Lassal. 



67 



10. 



I.ASSAI.LE AN DEN KULTUSMINISTER J. A. F. EICHHORN. 
(Konzept von Ivassalles Hand.) 



Breslau, 31. März 1842. i) 



Hochgebietender Herr! 



Dies ist ein Privatbrief. — ^) 

In meinem ausführlichen Bericht habe ich meine Beschwerde Ew. 
Exzellenz vorgelegt, in diesem Privatbrief wiU ich Dinge erwähnen, 
die ich in meinem Interesse, die ich in dem Interesse der weisen Ver- 
waltimg Ew. Exzellenz nicht unerwähnt lassen darf. — 

Ich war mit der besten Hoffnung an mein Abiturientenexamen 
gegangen, völlig beruhigt durch die Aussage des Herrn Direktor 
Wissowa, der mir einen Tag vor der mündlichen Prüfung sagte: 
,,Ihre schriftlichen Arbeiten sind der Art, daß Sie, wenn Sie nicht 
ein durchaus schlechtes mündliches Examen machen, sicher durch- 
kommen." 

Mein mündliches Examen war nun auch vielleicht das beste ge- 
wesen, ich konnte daher ohne Beunruhigung die Entscheidung erwarten, 
obgleich schon folgender außerordentlicher Umstand, den ich einen 
Tag vor der Bekanntmachung des Urteils in Erfahrimg brachte, daß 
nämlich der königliche Bevollmächtigte Herr Konsistorialrat Schulz, 
noch denselben Abend nach der mündhchen Prüfung sich meine 
Arbeiten einzig und allein, nachdem er sie schon einmal durchgesehen 
imd zurückgeschickt, nochmals holen ließ, mir ein böses Omen war 
und mich einen schlimmen Aasgang befürchten ließ. Aber das ein- 
stimmige Urteil aller meiner Kameraden, daß, wenn ich durchfiele, 
keiner von ihnen für reif befunden werden könnte, gab mir meinen Mut 
wieder. An dem zur Entlassimg der Abiturienten bestimmten Tage 
wurden von dem Kgl. Kommissarius, Herrn Konsistorialrat Schulz, 
die für reif Befundenen vorgelesen. Ich befand mich nicht unter ihnen 
— ich war ohne jede Angabe irgendeines Grundes durchgefallen. Ich 
begab mich zu Herrn Direktor Wissowa. ,,Ich weiß, was Sie mir sagen 
wollen," rief er mir zu. ,, Kommen Sie morgen um neun Uhr wieder; 
daß es uns nicht leicht gewoiden ist, Sie fallen zu lassen, können Sie 
daraus ersehen, daß die Konferenz, die sonst in einer halben Stunde 



1) Vgl. Anmerkung 2 auf S. 63. 

2) Alle hier und auf anderen Seiten gesperrten Worte wurden im Original 
von I,assalle ein- oder mehrfach unterstrichen. 



— = 68 = 

beendigt ist, heute nur Ihretwegen drei Stunden gedauert hat." Am 
folgenden Tag begab ich mich zur bestimmten Stunde zu Herrn Wis- 
sowa. „Es ist mir Heb, daß Sie kommen," sagte er, ,,denn ich fühle das 
Bedürfnis, mich mit Ihnen auszusprechen. Es hat sich gestern ein 
unerhörter Fall ereignet, ich und alle Ivchrer haben für Sie gestimmt 
und doch, doch mußten wir dem Kommissarius weichen, aber lassen 
Sie sich das zum Trost gesagt sein, ich imd meine Ivchrer, wir haben 
uns geschämt vor sämtlichen Abiturienten; es hat sich ein tiefes, 
unauslöschliches Gefühl der Beschämung unsrer bemächtigt.^) Alle 
Lehrer haben Sie für reif erklärt, aber der Kommissarius sagte, er ließe 
Sie nicht durch." Ich fragte nach den Gründen. ,, Erstlich hat es Ihnen 
bedeutend geschadet," entgegnete darauf Herr Wissowa, ,, daß Sie gegen 
den Spruch des Schulkollegiums beim Minister eingekommen sind, 
dann hat sich Herr Schulz nicht gescheut, in der Konferenz als Grund 
anzugeben, daß sein Sohn, welcher mit Ihnen zusammen auf dem 
Magdalena-Gymnasium in Tertia gewesen, und der damals fleißiger 
war als Sie, doch jetzt erst nach Prima kömmt, während Sie schon 
Ihre Maturitätsprüfimg machen wollten. 2) Ich sagte darauf, fuhr Herr 
Wissowa fort, als ich sah, daß alle Lehrer Sie für reif erklärten : ,, Wohlan, 
Herr Rat, so will ich vorlesen, daß auf Ihren ganz besonderen Antrag 
die Entscheidung über Lassal suspendiert ist." 

,, Wagen Sie es, erwiderte ihm Herr Schulz, wagen Sie es, ans Schul- 
kollegium zu appellieren! Ich nehme alles auf meine Kappe, ich weiß, 
der geht bis zum Minister, allein ich setze es auch beim Ministerium 
durch. Ich nehme alles auf meine Kappe," wiederholte er stark be- 
tonend. Ich fragte darauf Herrn Direktor Wissowa, warum er die 
Sache nicht habe bis an das ProvinzialschulkoUegium gehen lassen. 
,,Weil," erwidert er, ,,da Herr Schulz dort Vortragender Rat ist, es Ihnen 
nichts genützt, uns nur UnannehmHchkeiten zugezogen hätte. Wir 
haben uns harte Dinge von Herrn Schulz müssen sagen lassen," fuhr 
Herr Wissowa fort, und seine Stimme zitterte ob der unverdienten 
Kränkung, die er erlitten. ,,Es ging so weit, daß Herr Schulz mich 
und meine Lehrer, Männer im Amt, beschuldigte, von Ihnen bestochen 
zu sein, worauf ich aufstehen und feierlichst gegen solche Worte pro- 



^) In Wissowas Antwort auf die Rüge, die ihm wegen seiner offenen Äuße- 
rungen zu Lassal die Provinzialbeliörde zukommen ließ, heißt es: ,,Von unserer 
Beschämung habe ich, soviel ich weiß, nicht gegen Lassal gesprochen, obwohl 
wir sie empfunden, obwohl ich sie am meisten Lassal gegenüber empfunden 
habe." 

2) Diese Äußerung hatte Schulz nicht in der Konferenz, sondern am Tage 
des mündlichen Examens zu einigen der Lelrrer getan, die er zu beeinflussen 
suchte, damit sie Lassal durchfallen ließen. 



- — 69 - - — 

testieren mußte." Dies sind die eigenen Worte Herrn Direktor Wisso- 
was, die ich Ew. Exzellenz mitteile, damit Wahrheit und Recht aus- 
gemittelt werden können. Wollen Ew. Exzellenz sich von der Wahr- 
heit des Gesagten überzeugen , so ersuche ich ergebenst, Herrn Direktor 
Wissowa und sämtliche Herren Lehrer eidlich darüber zu vernehmen. 
Ich fragte nun nach meinem Zeugnis. „Ihr Zeugnis ist," antwortete 
er mir, ,, trotz der Einräumungen, die wir dem Herrn Schulz machen 
mußten, um doch eine Unreife zu motivieren, ist Ihr Zeugnis [sie!] 
mehr als gut. Der Kommissar ius hat es noch nicht unterschrieben, 
doch können Sie es heute nachmittag empfangen. Ich begab mich nach- 
mittags zu ihm. ,,Es tut mir leid," sagte Herr Wissowa, „Ihnen Ihr 
Zeugnis noch nicht geben zu kckinen, allein es muß ein neues abgefaßt 
werden. Herr Schulz war heute hier imd weigerte sich, Ihr erstes 
Zeugnis zu imterschreiben, weil es zu gut war und er fürchtete, vSie 
würden weitere Schritte tun." 

Also, Ew. Exzellenz, ich mußte durchfallen, weil der Sohn des 
Konsistorialrat Schulz noch nicht so weit ist, sein Abiturientenexamen 
machen zu können, mein Zeugnis mußte verschlechtert, mußte ver- 
fälscht werden, weil das erste zu gut schien, weil man ahnte, ich würde 
mich im Gefühl meiner gerechten Sache an eine höhere Instanz wenden, 
weil man fürchtete, daß bei einem so guten Zeugnisse, wie das erste 
war, alles zu klar am Tage liegen würde. Und noch werden Hochdieselben 
aus diesem erkünstelten Zeugnis ersehen können, daß mein mündliches 
Examen ein gutes gewesen sein muß; was das schriftliche betrifft, so 
existieren noch die Arbeiten, deren Beurteilung ich dem weisen Er- 
messen Ew. Exzellenz überlasse. — 

Ich konnte nicht umhin, dieses willkürhche und pflichtvergessene 
Betragen des Herrn Konsistorialrat Schulz Ew. Exzellenz mitzuteilen, 
und ich bin überzeugt, daß Ew. Exzellenz mir die befriedigendste Genug- 
tuung verschaffen werden. Ich bin überzeugt, daß Hochdieselben 
nicht dulden werden, daß unter der weisen Verwaltung Ew. Exzellenz 
ein schuldloser junger Mann zum Opfer falle der Willkür imd Eitel- 
keit eines einzelnen Beamten. Es handelt sich hier nicht um eine 
imbedeutende Sache, es handelt sich um die Unterdrückung eines 
Individuums, das seinem Staat einst nützlich sein und ihm seine Kräfte 
widmen will. Sprechen Ew. Exzellenz nicht selbst mir Recht, so habe 
ich die traurige Gewißheit, selbst mit den besten Kenntnissen in jedem 
Examen, das ich hier mache, durchzufallen. Aber eben diese Gewiß- 
heit war es, welche mir den Mut gab, an Ew. Exzellenz zu schreiben. 
Was soll man sagen, was denken, wenn in dem liberalsten imd erleuch- 
tetsten Staate Deutschlands, wenn in Preußen, das besonders in diesem 
Fache, im Schulwesen, allen übrigen lyändem Europas ein Muster 



— ' --= 70 — 

geworden ist. unter der hohen Verwaltung Ew. Exzellenz Dinge, wie 
die erwähnten, nur möglich sind? 

In tiefster Ehrfurcht und Hochachtung 

Euer Exzellenz 
ganz gehorsamster Diener 

Ferdinand I^assal. 



II. 

KUIvTUSMINIvSTER EICHHORN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 24. August 1842. 

Nachdem der über Ihre Vorstellungen vom 5. April erforderte 
Bericht des Königlichen ProvinzialschulkoUegiums zu Breslau erstattet 
ist und ich von den vollständigen, Ihre Prüfimg betreffenden Verhand- 
lungen, denen auch Ihre schriftlichen Arbeiten beigefügt waren, Ein- 
sicht genommen habe, kann ich die gegen das Ihnen zu erteilende 
Maturitätszeugnis hervorgehobenen Bedenken nicht unbegründet finden 
und muß Ihnen daher überlassen, bei einer Maturitätsprüfvmgs- 
kommission, deren Wahl Ihnen freigestellt wird, sich einer abermaligen 
Prüfimg zu unterwerfen. 

Der Minister der geistlichen, 

Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten 

Eichhorn. 



12. 

EINGABE LASSALLES UND ANDERER STUDENTEN AN DEN 
AKADEMISCHEN SENAT DER UNI\rERSlTÄT BRESLAU. 
(Konzept von Lassalles Hand.) 

Einem hochwohlweisen akademischen Senat! 

Der akademische Senat hat am 5, d. M. dem Stud. iur. Max 
von Wittenburg das Consilium abeundi erteilt. Als Gründe dafür 
wurden dem in Rede Stehenden angegeben i. der von ihm verfaßte 
Artikel in Nr. 265 der Breslauer Zeitung, 2. wurde ihm Bruch des 
Versprechens vorgeworfen, weil er die von ihm einmal berufene 
Versammlung im Auditorium N. I zur Besprechung des Griebensschen 



— =^ 71 ^= 

Zeitmigsartikels, nicht, wie er Seiner Magnifizenz versprochen, ver- 
hindert habe. 

Es sei fem von tms, uns über die Triftigkeit dieser Gründe oder 
über die nach richterlichem Erkennen gefällte Strafe irgendein Urteil 
zu erlauben. 

Zwei Dinge aber sind wir durch unser inneres sittliches Gefühl 
gezwungen, vor dem hohen akademischen Senat auszusprechen: 

1. Witten bürg hat in dem erwähnten Artikel der Breslauer Zeitimg 
nur die Gesinnung tmserer aller ausgesprochen. Sind wir imschuldig, 
so ist es Wittenburg im gleichen Grade. Ist er straffällig — wohlan, 
wir sind 's im selben Maß wie er. 

2. Bezeugen wir ihm femer, daß er im Anfang der Versamm- 
limg im Auditorium vms den Willen Seiner Magnifizenz mitteüte 
und ims aufforderte, auseinanderzugehen, weil uns keine Jurisdiktion 
zustände. 

Wir antworteten ihm, wir haben ims nicht versammelt, um 
irgendeine Jurisdiktion uns anzumaßen, sondern aus dem einzigen 
Grunde, um dem Stud. Grieben Gelegenheit zu geben, einige 
dvmkle, leicht falsch zu deutende Stellen seines Artikels näher zu 
interpretieren. 

Ein hochweiser Senat sieht ein, daß Wittenburg alles, was in seinen 
Kräften stand, um die Versammlung aufzulösen, in seiner Aufforderung 
an ims, auseinanderzugehen, treulich vollbracht imd erfüllt hat. Er 
hat sein Ehrenwort gelöst. Uns aber an der Vollf iihnmg tmseres Willens 
zu hindern, stand nicht in seiner Macht. Wenn er später das Wort 
ergriff, so geschah das nur, um sich gegen den ihm gemachten Vor- 
wurf der Gesinnungslosigkeit zu verteidigen. Darum noch einmal, 
gleiche Straflosigkeit, gleiche Müde für Wittenburg oder gleiche Strafe 
für uns alle! — 

Ein hoher akademischer Senat wird die Motive, die ims zu diesem 
Schritt treiben, nicht verkennen. 

Das ist keine kecke Herausforderung der Strafe, das ist keine über- 
mütige und leichtsinnige Verachtung, die wir den Gesetzen beweisen. 
Ein ganz, ganz anderes treibt uns an zu diesem »Schritt. 

An den Vergehen, deren man Wittenburg beschuldigt, haben wir 
uns alle gleich beteiligt. Jetzt, da ihn die Folgen dieser Vergehen 
treffen, ziemte es uns schlecht, wäre es moralisch feig von uns, nur auf 
unsere Sicherheit bedacht, uns zurückzuziehen und die unheilsvollen 
Folgen der Tat, die von uns allen kam, mit verdoppelter Wucht auf 
sein einzig Haupt fallen zu lassen. Wir haben unbesonnen gehandelt 
— es sei, der unbesonnenen Handlung wollen wir nicht noch die niedrige 
liinzufügen. 



— =-- 72 -=- 

Wir haben gegen das geschriebene Gesetz verstoßen, wir wollen 
wenigstens nicht das ewig ungeschriebene Gesetz verletzen, von 
dem die Antigone des Sophokles schön sagt: 

ov yri(> ri rvv ye xd)(d'is, dX).' neC TTore 
ij»; ravTa, yoiSelg olSev t's otov rpävi]}) 

Darum noch einmal : gleiche Straflosigkeit für Wittenburg oder gleiche 
Strafe für uns alle. 

In tiefster Ehrfurcht 

F. Lassal. W. Anders. F. Zipffel. F. Geisheim. C. Kock, 
C. Lorenz. M. Guttentag. H. Deutsch, stud. phil, H. 
Preuß, stud. med. B. Klein, stud. med. E. Simon, 
stud. phil. J. Hasak, stud, juris. J. Stelzer, stud. phil. 
G. Schirrmann, stud. phil. E. Benner, stud. med. 



13. 
LASSALLE AN THEODOR CREIZENACH.2) (Konzept von I,assalles 
Hand.)" 

C1843.] 
Verehrter Herr Doktor! 

Mit nicht geringer Freude habe ich aus den Zeitungen vernommen, 
daß [in] Frankfurt a. M. von Ihnen ein Verein ins Leben gerufen worden 
sei, welcher es zum Zweck hat, die Fesseln einer verrosteten Orthodoxie 
zu sprengen und die Autonomie des menschlichen Geistes in seine 
innerhalb des Judentums mm länger als anderthalb Jahrtausende unter- 
drückten, aber unveräußerlichen ewigen Rechte wieder einzusetzen. 
Einem solchen Vereine, dessen unbestreitbares und unmittelbarstes 
Resultat es sein muß, das Judentum mit der Zeitbildung zu vermitteln, 
sich nicht anzuschließen, hieße ein Indifferentismus für die menschheit- 
lichen Interessen, der an Irreligiosität grenzt, Sünde. Ich trete hiermit 
Ihrem Verein bei und ersuche Sie demnächst um Mitteilung der Bedin- 
gungen des Beitritts sowie um die Übersendung der von Ihnen und 

^) Antigene Vers 456 — 457: 

„Denn heut und gestern leben nicht, nein, ewig sie 
In Kraft und niemand hat gesehn, von wann sie sind." 
*) Theodor Creizenach (1818 — 1877), der Dichter und Iriterarhistoriker, 
erster Herausgeber des Briefwechsels Goethes mit Marianne von Willemer. 1843 
einer der Hauptbegründer der jüdischen Reformbewegung, trat er später, 1854, 
selbst zum Christentum über. 



den Herren Dr. Steni *) und Rießer^) erschienenen Schriften, um mich 
aus diesen ausführhcher über die zugnmde Hegenden Prinzipien zu 
imterrichten. — 

Nicht unerfreulich, glaube ich, wird es Ihnen sein, zu hören, daß 
Sie sich aus Breslau mit Gewißheit die größte Teihiahme versprechen 
können. Daß unter den Juden Breslaus hinsichtlich religiöser An- 
gelegenheiten eine gewisse Regsamkeit herrscht, werden Sie aus den 
hiesigen Rabbinatswirren ') hinlänglich ersehen haben. Ich selbst habe 
es mir hier angelegen sein lassen, Interesse für die jetzt unter so gün- 
stigen Auspizien ins lieben tretende Idee zu erwecken, und es freut 
mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Männer aus den angesehensten 
jüdischen Familien, ja Männer sogar, die durch eine Reihe von Jahren 
Ober Vorsteher der hiesigen Gemeinde gewesen sind, sofort bereit sind, 
diesem Verein beizutreten, sobald sie nur etwas Näheres über dessen 
Organisation werden vernommen haben. 

Auch in betreff unseres Rabbiners Herrn Dr. Geiger*) können wir 
Erwartungen hegen, und nicht geringe. 

Ehe ich aber meinen Brief schließe, erlauben Sie mir noch eine Frage : 

Sie fassen den Mosaismus als die höchste Abstraktion der Urzeit, 
also als eine historische Substanz, die, wie jede geschichtliche Idee, 
vermöge ihrer Natur genötigt ist, [sich] einer absoluten Entwicklung 
und Fortbildung zu imterwerfen. AI? das letzte Stadium der Ent- 
wicklimg, welches der Mosaismus als solcher erreicht hat, dürfte das 
rabbinisch-talmudische Judentum zu nennen sein. Der Talmud aber, 
obgleich wir ihn theoretisch als eine organische Weiterbild img des 
Mosaismus fassen müssen, ist bereits mit den Anschauungen und 
Theoremen der Gegenwart in Widerspruch geraten; er bleibt bestehen. 
Als geschichtliche Substanz, für die Praxis aber muß er negiert werden. 
Bei dieser Negation des Talmud tritt nun meines Erachtens ein 
Dilemma von nicht geringer Erheblichkeit ein. Sie nennen sich die 
jüdischen Protestanten. Es ist nun die Frage, inwieweit diese Analogie 
mit dem Protestantismus durchgeführt werden soll. Wollen Sie mit 



*) Moritz Abraham Stern (1807 — 1894), seit 1829 Privatdozent, seit 1848 
außerordentlicher, seit 1859 ordentlicher Professor der Mathematik an der Uni- 
versität Göttingen. Vater des Historikers Alfred Stern. 

*) Gabriel Rießer (1806 — 1863), der bekannte Hberale Politiker und Vorkämpfer 
für die Gleichstellung seiner Glaubensgenossen. 

') Zwischen der orthodoxen Richtung der Breslauer Judenschaft, die sich um 
den Rabbiner Tiktin scharte, und einer liberalen, die Geiger führte, war es zu 
mehrjährigen heftigen Kämpfen gekommen, die in jüdischen Kreisen viel Staub 
aufgewirbelt hatten. 

*) Abraham Geiger (1810 — 1874), seit 1838 zweiter Rabbiner in Breslau, war einer 
der Führer der liberalen Bewegung innerhalb des Judentums, vgl. ;Einleitung S. 25. 



— — - 74 = 

konsequenter Analogie das Judentum auf den altbiblischen Mosaismus 
zurückführen? Auch der Protestantismus hatte das Bestreben, auf das 
Urchristentum zurückzugehen, aber auch er konnte dies Ziel, das er 
sich gesteckt (die vmgeschichtliche Idee), so wenig realisieren wie es 
heute der Religion gelingen würde, den altbiblischen Mosaismus ins 
Leben zurückzurealisieren, die überfliegende Transzendenz einer über- 
wimdenen Phase des Geistes nicht mehr in seine Gegenwart hinein- 
bilden. Vielmehr entfernt er sich unbewußt trotz alles Strebens nach 
jenem Ziel, trotz seiner Glaubens- und Gemütsinnerlichkeit auf der 
einen Seite ebenso weit von ihm, als es auf der andern Seite der Katholi- 
zismus mit seiner Werkheiligkeit, seiner starren Äußerlichkeit \md 
seiner Kanonisierung der weltlichen Künste getan ! Daher kommt es, 
daß der Begriff des Protestantismus mit dem der apostolischen Zeit 
vms nicht identisch ist, sondern daß der Protestantismus mit seinem 
Ideale des Urchristentums und seinen Zugeständnissen an die schlechte 
Wirklichkeit, seinem Notstaat tmd seiner Ehe etc. imbewußt zu einer 
ganz neuen Stufe des Geistes geworden ist, sich einen ganz neuen In- 
halt herausgestaltet hat.^) 

Wir nun, denen die Entwicklimgen in der christlichen Welt zur 
Belehnmg gedient haben, wir müssen bewußt zu Werke gehen, wir 
müssen uns hüten vor dem Unternehmen, Rückgang zu gebieten dem 
dialektischen Fluß der Geschichte imd aus seinem Bette eine längst 
verschlungene imd zum Petrefakt gewordene Masse herauszuholen, um 
sie zum Fimdament imserer lebensvollen Gegenwart zu machen. Es 
kann in der Geschichte auch nicht davon die Rede sein acta agere. 
Die Geschichte gleicht darin dem menschlichen Organismus. Sie kann 
nie eine bereits verdaute Substanz zum zweiten Mal in ihren zersetzen- 
den Prozeß aufnehmen, weil sie schon in dem ersten alle Säfte und Nah- 
rungsstoffe aus ihr gezogen. Und ganz abgesehen von der Unmöglich- 
keit vmd Unrealisierbarkeit eines solchen ungeschichtlichen Schrittes, 
die ims das Beispiel des Protestantismus selbst bekimdet, befinden wir 
ims heute in einer wesentlich andern Lage. Der Protestantismus mußte, 
vim die Welt aus den allm [ächtigen] Banden des Katholizismus zu be- 
freien, sein Ideal rückwärts suchen. (Und indem er dies zu tun glaubte, 
wurde er zum selbständigen Träger einer epochemachenden Idee. Wir 
dürfen weder rückwärts blicken, noch bezeichnen wir einen wesentlich 
neuen, erst durch uns gewordenen Standpunkt des Geistes.) Wir haben 
das nicht mehr nötig, ja wir dürfen das nicht mehr. Wir finden ^) viel- 



^) Von ,, vielmehr" au ist der Absatz in dem Konzept, das viele Ein- 
fügungen enthält, aber auch viele dadurch notwendig werdende Streichungeo 
vorzunehmen unterläßt, durchgestrichen. 

2) Von ,,mehr" bis ,, finden" ist im Konzept durchgestrichen. 



mehr unser Ideal vor uns. Uns ist von ganz andern Händen bereits 
die Meta gesteckt worden, nach deren Erreichung wir mit so langsamen 
und so schnellen Schritten, als es tunlich ist, streben müssen. 1517 
war der Protestantismus ein weltbewegender Fortschritt, 1843 würde 
ein jüdischer Protestantismus im strikten Sinn ein vollendeter Rück- 
schritt sein. Er würde den Schein auf tms werfen, als wären wir ohne 
Sinn imd Verstand an den großen geschichtlichen Phänomenen und Ent- 
wickltmgen der christlichen Welt vorübergegangen, als wollte man uns 
absperren von den Einflüssen imd den Lehren, die uns die Historie seit 
dem sechzehnten Jahrhundert gegeben hat. Der Protestantismus hat 
sich zum Rationalismus und dieser zur modernen Philosophie umgebildet. 
Das Judentum mit dieser letztern zu vermitteln, dürfte wohl, wenn 
ich nicht irre, als der Kern Ihrer Bestrebungen anzunehmen sein. 
Allerdings aber dürfte vorderhand noch freie imgehinderte Parrhesie 
innerhalb des Judentums nicht anzuraten sein. Unsere heutigen Juden 
und sogar die gebildeten sind noch zu wenig geläutert durch das kritische 
Feuer, um das sogleich gutwillig aufzugeben, was sie bisher für ihr 
Teuerstes und Eigenstes zu halten gewohnt waren. Nichtsdestoweniger, 
glaube ich, müssen wir uns hüten, einen positiven Glaubensinhalt auf- 
zustellen, der deswegen, weil er jene Theorie noch nicht erreiche, in 
kurzer Zeit mit der Zähigkeit des Bestehenden sich ihr ebenso starr 
gegenüber stellte als das talmudische Judentum den neuen reformato- 
rischen Bestrebungen. Das Dilemma, das ich bezeichnet, ist also ein 
doppeltes und kurzweg das: Der Talmud ist zu negieren, an die Re- 
staurienmg des Mosaismus kann nicht gedacht werden, was werden 
Sie also als positiven Glaubensinhalt aufstellen? Ein solch positiver 
Glaubensinhalt dürfte aber wohl unumgänglich nötig werden. Ferner: 
mit dem wahren Vollgehalt unseres Wissens und Denkens frei 
herauszutreten, ist noch nicht möglich. Zugleich muß aber darauf 
gesehen werden, nicht zu weit zurückzubleiben hinter den Errimgen- 
schaften der deutschen Wissenschaft imd besonders darauf, daß nicht 
der Glaubensinhalt, der jetzt zu konstituieren, wenn er herausgetreten 
aus der Form seiner Flüssigkeit tmd sich zur historischen Gestalt ver- 
festigt hat, seinerseits sich in den Gegensatz werfe zu der über ihn 
hinausgegangenen Theorie und seinerseits eine starre Schranke bilde, 
die erst imter den wiederholten Streichen der Theorie gestürzt werden 
müsse, um Fortgang möglich zu machen. — 

Was die zuerst erwähnte Schwierigkeit in bezug auf die Konsti- 
tuienmg eines dogmatischen Systems betrifiFt, so glaube ich, es dürfte 
am geratensten sein, die Entwicklung des Mosaismus beizubehalten, 
soweit sie vor dem kritischen Forum der Vernunft bestehen kann. 
Es dürfte vielleicht hier das Beste sein, die Interpretation des Talmuds 



— 76 - - 

beizubehalten, soweit sie vor dem Forum der gesunden Vernunft be- 
stehen kann. Wenigstens würde dies einen unendlich freien Spielraum 
gewähren. Auch dem Protestantismus konnte es nur durch seine freie, 
innerliche, oft höchst willkürliche Exegese des Evangeliums gelingen, 
sich eine Zeit lang in dem Ansehen zu erhalten, als sei er wirklich der 
Wieder hersteller jenes frühesten Christentums und der wahren Begriffe 
der apostolischen Zeit ... 



14 — 16. 

IJEBESBRIEFE AN UNBEKANNTE. (Konzepte von Lassalles 
Hand.) 

AN EMMA. 

[Ohne Datum.] 
Mein Fräulein ! 

Noch einmal wage ich es, noch einmal will ich versuchen, mir Ge- 
hör zu verschaffen, Gehör um jeden Preis der Welt!! Zweimal haben 
Sie es verschmäht, verschmäht, mich auch nur anzuhören, als ob die 
Sprache meines Mundes etwas Entweihendes hätte, als ob sie ver- 
unreinigte, was sie mit ihrem Atem berührt . . . Sie haben mich ver- 
urteilt, ohne mich zu hören . . . mich verdammt, ohne mich zu Wort 

kommen zu lassen . . . Das ist hart . . . Emma . . ., das ist grausam 

. . . Aber, und wenn Sie zehnmal härter wären als Diamant und 
wenn Sie das Mitleid nicht dem Namen nach kennten, beim lebendigen 
Gotte, Sie sollten mich dennoch hören, anhören bis zum letzten 
ersterbenden Ton das Lied, . . . das ich Ihnen zu singen habe, ein Lied, 
so voll von tiefer Trauer und Klage und Zorn . . . und Verachtung!! . . . 
doch der Grundton ... ist Klage . . . ! ! 

Ach, . . . wenn Sie wüßten, was ich gelitten seit jenem ersten Abend . . . 
Eine Beute der qualvollsten Widersprüche mühe ich mich umsonst, 
mir das unerklärliche Rätsel Ihres Benehmens zu lösen, zu deuten . . . 
Oh . . . man glaubt ja so gern, was man hofft, ich möchte so geni 
mit dem Himmelslichte der Hoffnung alles bekleiden, . . . was ich sah, 
was mir widerfuhr. Aber einen Augenblick dann und . . . nein, dann 
verschwindet diese selbstgemachte Illusion, diese Fata Morgana eitler, 
sich selbst betrügender Hoffnung. Dann sehe ich meinen Zustand 
nüchtern, wie er ist . , . in seiner nackten Wahrheit, . . . kalt . . . grau- 
sam . . . hoffmmgslos ... Es ist ausgemacht . . . Emma . . . Sie lieben 
mich nicht. 

Ach, Emma, es ist etwas Unbegreifliches in Ihrem Benehmen, das 
übersteigt meine Fassungskraft . . . wirrt meinen Verstand. 



Warum haben Sie meinen Brief verschmäht , Emma ! Warum, 
warum beharrten Sie in Ihrer unbegreifHchen Weigervmg, als ich . . . 
ich selbst . . . ihn mit zitternder Hand Ihnen reichte? Dies ängstliche 
Beben meiner Hand mußte Ihnen die stumme und doch beredtste 
Sprache meiner lyiebe sein . . . Und . . . doch so hart ... so grausam . . . 
so unerbittlich . . . Als ich in dieser namenlosen Qual vor Ihnen saß, 
mein ganzes Wesen sich in die eine stumme Bitte: Nimm, nimm, auf- 
gelöst hatte, aus jeder Miene die ungeheure Qual sprach, die mich 
verzehrte . . . sieh, Mädchen, ein Weib, das Milch an eines Weibes 
Brust gesogen, hätte das gerührt . . . Du nur bliebst marmorn kalt, 
Dein ganzes Wesen ein frostiges Nein . . . Ich habe keine Bezeichnung, 
keinen Namen für diese Grausamkeit! . . . Warum nahmst Du nicht 
meinen Brief, Emma . . . 

Doch . . . vielleicht . . . vielleicht steht mir diese Frage nicht zu . . . 
Dann aber zu einer andern, zu der ich sicherlich berechtigt bin. 
Warum, wenn Du wirklich gleichgültig gegen mich bist . . . wie ich 
wohl nur zu bald die traurige Gewißheit haben werde, daß Du es bist — 
warum dann, jenen ersten Abend, als mich die Glut meiner Leidenschaft 
es wagen ließ. Dir durch den Blick meines Auges, durch Druck der 
Hand zu sagen, wie ich Dich liebe . . . anbete . . . warum setztest Du 
damals nicht mir Kälte . . . oder empörten Zorn , . . und der Sitte 
Gesetz entgegen? Oh, hättest Du es damals getan, vielleicht, vielleicht 
wäre es mir gelungen, diese Liebe im Keim . . . noch ungeboren zu er- 
sticken. Seitdem ist sie angewachsen . . . mächtig groß . . . zum Riesen 
geworden, dessen Herr ich nicht bin, der mich hierhin [wirft ^)] und 
dorthin imd meiner Ohnmacht lacht . . . jetzt kann ich nur noch sein 
Opfer werden . . . Warum erwidertest Du den Blick meines Auges, . . . 
den Druck meiner Hand ? Wolltest Du mich nur spielend zum Gott er- 
heben . . . um mich dann um so schrecklicher, vernichtender aus dem 
Himmel meines eingebildeten Glücks zu reißen? Das, das wäre teuf- 
lisch ! ! Sollte gemeine Eitelkeit . . . armseliger Stolz Dich verlockt 
haben, mir Vernvmft, Selbständigkeit, mein ganzes Ich zu rauben, nur 

um einen Triumph zu feiern ! ! Solltest Du . . . barmherziger Gott 

Kokette sein?!! Sieh... dann fluchte ich Dir, Mädchen... und 
hätte ein Recht dazu. Nein, . . . nein . . . verzeih mir, es nur zu denken 
ist Sünde . . . Aber schon an dem Wahnwitz dieses Gedankens magst 
Du erkennen, wie ich gemartert bin . . . was ich leide. Liebst Du 
mich . . . Liebst Du mich nicht . . . Das ist die Frage, die mich ärger 
schüttelt, mächtiger mich empor und hinunter schnellt auf der Leiter 
der Gefühle, als der tolle Nordwind den Kahn auf offener See. Der 

*) Unleserlich. 



=^== 78 

Druck Deiner Hand hat es mir zugeschworen, daß Du mich liebst, 
und der Bhck Deiner Augen hat es mir zugetnmken, und in 
diese Himmelsmelodie schreit Deine Weigerung ein entsetzliches 
gelles Nein. 

Weigert man sich anzunehmen den Brief, den Boten der Liebe, 
vom Mann, den man liebt? 

Siehst Du, was ich von Dir verlange, warum ich Dich bittend be- 
schwöre, und wozu ich das Recht habe es zu fordern ... ist nur, daß 
Du lösest diesen zum Wahnsinn treibenden Zweifel. Liebst Du mich 
oder — und warum triebst Du dann Dein Spiel mit mir??! War jener 
weiche Druck Deiner Hand, war jener selige Blick Deines Auges- er- 
logen, oder war es Deine Weigerung?? Das, das sollst Du mir sagen. 
Weiter verlang' ich ja nichts . . . Entweder macht mich das, was Du 
sagst, zum Gott . . . oder . . . wenn meine Hoffntmg zu vermessen 
wäre, nun, so reiße ich mich los aus dem Netz, das einer Kokette Ge- 
fallsucht um mich geschlimgen, und reiße das Herz mit . . . Alles . . , 
alles kann ich ertragen nur nicht das Rätsel . . . Gnade . . . Gnade, 
o löse das Rätsel. 

Sieh . . . jenen Abend, als ich fortgesetzt eine Stimde lang trotz 
aller argwöhnischen Blicke imserer Umgebimg, trotz der unwürdigen 
Beaufsichtigung Deines Onkels Dir den Brief immer tmd immer zu- 
steckte, ihn auf Deinem Schoß verbarg — ach, Göttin, was empfand 
ich, als mein irrender Finger über Deine Glieder glitt — in Dein Tuch 
ihn hüllte, da, als es Dir mit einer Handbewegimg mich zum frohsten, 
seligsten Menschen umzuschaffen vergönnt war, tmd Du, mitleidlos 
meiner Qual mich überlassend, ihn immer und immer verschmähtest, 
da, als ich in des Herzens Angst und Verzweiflung, fürchtend, es gehe 
vorüber der Moment, den die Götter gewährt, in der Stadt ilin zwischen 
Arm und Busen Dir barg und Du dies Blatt, auf das ich ausgeströmt 
hatte den ganzen warmen Quell meines Lebens . . . großer Gott ... in 
den Straßenkot gleiten ließest, da bemächtigte sich meiner gerechter 
Zorn und Haß und Verachtvmg, es empörte sich der letzte Rest der 
Männlichkeit in mir, ich fühlte, daß ich das nicht verdient, von keiner 
Frau, wer sie auch sei, ich stürzte fort . . . ich war namenlos elend . . . 
aber ich wollte Dich vergessen, verachten. 

Nie will ich Dir sprechen von den Leiden dieser Nacht. Ich wollte 
Dir trotzen, mich abhärten, . . . Dich sehend gleichgültig bleiben und er- 
starken in meiner Verachtung. Darum kam ich nach K . . .^) Ach . . . 
hätte ich es nicht getan ! Da zum ersten Male erfuhr ich die Ohnmacht 
meines stolzen Willens; wie ich Dich sah, sah diesen Blick, der mich 



^) Das Wort ist unlesbar. 



— 79 - — 

verfolgt wie der Fluch eines Vaters, zerbrach wie Glas mein eiserner 
Vorsatz . , . ich liege wieder zu Deinen Füßen und fleh um Gnade . . . 
Gnade . . . Bewillige sie dem also Gequälten. Du hast mich grausam 
bis zur Neige leeren lassen den Kelch des Leidens, habe nun Mitleid, 
laß mich mm kosten, wie süß Deine Milde. Eine einzige Stunde, 
eine halbe auch nur muß ich Dich allein und ungestört 
sprechen. Das ist alles, worum ich Dich bitte. Bestimme Wo und 
Wann! Schreibe es mir oder laß es mir sagen durch Dein Mädchen, die 
mir treu ist! Eben kommt mein Freund und meldet mir Du, daß Du 

bei Weiß bist . . . Soll ich hin, Dich sehen . . . nicht ■ ■ 

Zwei Stunden habe ich gekämpft und bin wieder unterlegen. Ich 

werde jetzt nicht mehr dagegen ankämpfen, sondern mich rückhalt- 
los auf Gnade und Ungnade Dir ergeben. Es gilt keine Wehr gegen 
den Starken . . . Ich will hin . . . ich werde Dich sehen. 

Dienstag abend. 

Ach, Emma, was bin ich glücklich! Ich hab' Dich gesehen . . . hab' 
Dich gesprochen . . . vmd wenn auch nicht alles, so hast Du doch viel 
genommen von meiner Qual . . . hast mir die Himmelsspeise der Hoff- 
nung gereicht . . . Du hast es mir versprochen, ich soll Dich sehen . . . 
Dich sprechen . . . allein und ungestört. Nur zwei Dinge versteh' ich 
nicht. Zuerst als ich Dich um die Zusammenkunft bat, antwortest 
Du : wozu ? Fragt man auch wozu den Mann, den man liebt . . . ? Wozu 
Dich sehen, wozu Dich sprechen? Nun, ich glaube, um Dich zu sehen, 
um dich zu sprechen. Um eine Viertelstunde lang wieder ein Gott zu 
sein, nachdem ich drei Tage mit jedem Paria, jedem bewußtlosen Tier 
getauscht hätte. Denn das ist ja das Vorrecht der Menschennatur, zu 
erklimmen auf rasend die Leiter der Lust und dann wieder in des Wehs 
tiefuntersten Abgrund sich zu verlieren. 

Und dann, was ist das für eine Verleumdung, von der Du sprachst? 
Was um alles in der Welt soll ich gesagt haben? Nicht ein Wort über 
Dich ist diesen Lippen entflohen, nur inbrünstige Seufzer der Liebe. 
Oder mit welchem Geifer haben sie den hellen Glanz meines Rufes 
bespritzt? Oh, antworte, damit ich die Verleumdung zuschanden mache, 
daß sie vor sich selbst erröten soll. Oh, glaube ihnen nichts, diesen 
Menschen, denn Lüge ist das Wort ihrer Zvmge tmd Berechnung der 
Blick ihres Auges; ich erwarte heut, spätestens morgen, daß Du mir 
sagst, schreibst, wenn ich Dich sprechen soll. Bei dem Gedanken, daß 
dieser Augenblick nah ist, zirkuliert mein Blut rascher, meine ganze 
Seele flammt diesem Augenblick entgegen. Bis dahin ist jede Freude 
schal, jeder Genuß tot für mich, und ich habe das schreckliche Schick- 
sal, ein wandelnder abgeschiedener Geist in Hoffnimg auf künftige 



8o = 

Erlösung zu leben. Oh, diesmal kehre das Märchen sich um . . . und 
Du, reizende Prinzessin und Fee, erlös, erlös den von Dir bezauberten 
Ritter. 

Dein L. 
Noch einmal, bestimme Ort und Stunde. 



AN EINE JUNGE FRAU. (Konzept.) 

I. 

[Ohne Datum.] 

In Fieberhitze liege ich, und meinen ganzen Körper überläuft ein 
leiser Schauer, der sich umsetzt in die verzehrendste Glut, meine 
Blutgefäße dehnen sich bis zum Zerspringen, losgebunden martert 
mich meine Phantasie mit Gebilden der Lust, so voll zugleich von im- 
erträglicher Folterqual, daß mir der rote Zorn aus dem Auge springt, 
mein ganzes Leben ist aufgegangen in Wollust, in im aussp rechliche 
Wollust nach Dir . . . 

Alles Feste ist aus mir gewichen, ich habe mich aufgelöst in un- 
endliches Begehren xmd Sehnsucht; in Sehnsucht? Nein, fort mit dem 
kalten blauäugigen Ausdruck, nein, in gierigen Durst und zähne- 
knirschenden Hunger, in Durst nach Blut und Hunger nach Fleisch — 
und es ist Dein Leib, nach dem ich hungere und Dein Blut, das ich 
dürste, Dir zu saugen aus Busen und Lippe . . . 

Nein, neiti, ich mag sie nicht länger tragen die Qual der Selbst- 
verzehrung, herauswälzen muß ich den I^avastrom aus dem Vesuv 
meines Innern. Ergebung, Verzichten ist meine Sache nicht, ich muß 
es Dir sagen, Du mußt mich hören ... so höre mich, Weib . . . 

Weib, höre mich . . . ich will ruhig zu Dir sprechen und kalt. Sieh, 
ich habe nie ein Bedürfnis gekannt, ich bin es gewohnt, daß die tausend- 
armige Erfüllung meilenweit vorhereilt einem jeden meiner Bedürf- 
nisse, sie befriedigt, eh sie entstehen . . . Seitdem ich Dich gesehen, ist 
der Teufel meines Blutes freigeworden und schüttelt mich wie der 
Sturm das Schiff, und ich kann ihn nicht bekämpfen und mag ihn nicht 
bekämpfen ; ihn bekämpfen wäre Todessünde gegen den obersten Gott, 
den Gott der Wollust und des Fleisches. 

Weib, weißt Du, was Schönheit ist? Sie ist die körperliche Offen- 
barung Gottes, und die Wollust ist die große heilige Passion für den 
fleischgewordenen Gott. 

Seitdem ich Dich sah, schwindet mein Blut unter der austrocknenden 
Glut, die Du erregt hast, dorrt mein Fleisch: Mir ist, als sähe ich fahl 



^:=^ 8l 

werden den Glanz meines Auges und welk die Haut meiner Glieder. 
Mir ist, als legt' ich in jeder Minute Menschenalter zurück. Du mußt 
löschen diese trockne Glut, Ich sage Dir, Du sollst, Du mußt sie 
löschen. 

Ich will nur eine Nacht von Dir imd will meine Seligkeit hingeben 
für diese Nacht. Ich will mich auflösen in Deinem Arm in dieser Nacht. 
Tropfenweis sollst Du meine ganze Mannheit trinken in dieser einen 
Nacht. Ich verspreche Dir Himmelsseligkeit für diese Nacht, aber , . . 
ich muß sie haben . . . hörst Du? Ich muß sie haben, diese Nacht. Ich 
will aus Deinem I^eib ein Kind zeugen in dieser Nacht, das der Gott 
werden soll künftiger Geschlechter. 

Du wirst sie mir nicht verweigern diese eine Nacht, weh mir und 
Dir, wenn Du es tätest. 

Schütze nicht Prüderie vor, nicht Sittsamkeit, nicht Pflicht der 
Ehe, ich weiß, Du verlachst sie, diese Borniertheit des Bürgers, die 
er Tugend nennt, diese Ammenmärchen der Großmutter. 

Entweder ich verstehe es nicht mehr, aus dem Blick die Seele des 
Menschen zu lesen, oder mir [sagt] die feuchte Wollust Deines Auges, 
Dir genügt nicht die hektische Umarmung Deines Graukopfs . . . oh . . . 
komm zu mir . . . und wenn unsere Lüste um die Wette rennen, will 
ich die Deinigen zu Tode hetzen. 

Bist Du fromm, so will ich einen Priester zwingen, daß er Dir Abso- 
lution erteile, aber Du bist es nicht, auf Deiner Stirne thront lyuzifer, 
der gefallene imd darum dreimal schönere Engel der Schuld und der 
Wollust. 

Bist Du gewöhnt an die fade Weise unserer Galants in Courtoisie 
und Ritterdiensten, , . . nun laß ihn Dir vergehen, diesen Geschmack, 
ich muß ohne alle Umschweife glücklich werden . . . ich habe nicht 
Zeit zur Geduld eines Laffen, oder willst Du Ritterdienste? Gut, auch 
das, aber erst diese Nacht, erst eine Nacht, dann will ich Berge 
ebnen. 

Oder wirst Du die alte abgebrauchte Farce .spielen und entrüstet 
sein wollen und von Verzeihung sprechen ? ? ! ! ! Oh, Du hast nichts zu 
verzeihen, ich mag sie nicht, Deine Verzeihung, ich will Deine Iviebe; 
nein, ich will auch Deine Liebe nicht. Du bist zu stolz, zu lieben oder 
geliebt zu werden. Ich will Deinen Besitz. 

Aber, wärest Du grausam, verweigertest Du, was ich fordere, Un- 
glückselige, nun, höre, so antworte mit Hohn . . . mit Kälte, Ver- 
achtung . . . daß sich das Feuer meiner Liebe verwandeln möge in die 
Flammen eines Hasses, dessen Gluten ein Gebirge von Eis schmelzen 
würden. Auch dann hab' ich mich wieder ... So oder so. Ich muß 
mich wiederfinden. Leb wohl! 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 6 



= 82 = 

II. 

[Ohne Datum.] 

Ich habe Ihnen diesen Brief imadressiert geschickt ... es war eine 
törichte, unbesonnene Folge meiner Fieberlaune, die alle Ruhe und 
Nüchternheit aus mir verscheucht hatte . . . Ihnen . . . Ihnen . . . zu- 
zumuten, von einer Dienstmagd einen unadressierten Brief anzunehmen! 
mit einer Dienstmagd Geheimnisse zu haben!! — Verzeihen vSie diese 
Unbesonnenheit, die Sie verschuldet. — 

Sah ich Ihren Namen doch überall . . . allüberall . . . Da war Dein 
Name . . . imd hier . . . und dort . . . und da auch! ! ! Wie hätt' ich ihn 
nicht sehen sollen auf dem weißen Raum meines Briefes, jenes Blattes, 
das ich, kaum geschrieben, zitternd von mir warf. 

Hab' ich doch alles vergessen . . , alles, seitdem ich Dich sah! . . . 
Was ich sonst wollte . . . und dachte — es gleicht den verwischten 
Schriftzügen eines verblichenen Pergaments . . . Dein Bild . . . Dein 
Name hat sich darüber gelegt wie ein ewig verhüllender vSchleier. 

Alles hab' ich vergessen . . . tmd bin tot geworden für alles . . . 
fortgerissen haben es die Wellen des Stroms, des elektrischen »Stroms, 

den Ihr Anblick entzündet . . . Eins, eins nur weiß ich ich muß 

Dich haben. 

Schreiben Sie mir . . . Schreiben Sie mir, ... ob und was ich zu er- 
warten und ich eile . . . ich komme . . . ich komme hin zu Dir 

Meine Adresse ist Ferd. ly poste restante . . Ach, schreibe 

mir! ! Sie werden mir antworten . . . Sie werden es . . . Oder, beim . . . 
Nein — nein, es kann, es wird nicht sein — Sie werden mich nicht 
lassen . . . nicht so lassen, ein Spiel aller Möglichkeiten, die meine 

Phantasie mir eitel hoffend vorspiegeln würde . . . nein, nein lieber 

— wenn es sein muß . . . wenn nein, so nimm sie zusammen 

die Kraft und schreibe mir ein Nein, ein kaltes frostiges Nein ■ mid 

ob dies Nein auch wäre ein Leichentuch, geworfen über das Paradies 

meines Lebens ich will Dich nicht anklagen ... Dich nicht — 

hörst Du?? ... Du sollst frei ausgehen, aber antworte mir . . . ant- 
worte mir . . . beim heiligen Gott!!! — schreib' dieses Nein, wenn Du 
Mut hast. 

Weib — mich durchfährt ein entsetzlicher Gedanke. — Wenn es 
denkbar wäre . . . wenn Dich der elende Kitzel armseliger Eitelkeit 
lockte. Dein Spiel zu treiben. Dein kleines Spiel mit meiner Riesen- 
leidenschaft, wenn Du mit mir spielen wolltest — Ha ! — Glück auf zum 
Spiel — wag es.^) 



1) Ein wesentlich längeres, aber nachher durchgestrichenes Konzept dieses 
Briefes steht auf dem gleichen Fohobogen, auf dem sich das Konzept des vor- 
stehenden Briefes befindet. Schon dies deutet darauf hin, daß die beiden Briefe 



83 ======== 

17- 

LAvSSAIXE AN DEN VATER. (Original.) 

[Frühling 1844.] 
Geliebter Vater! 

Wenn Du in Deinem letzten Schreiben mir Befürchtungen aus- 
drücktest ob meiner „subversiven Tendenzen" wegen, so kann imd muß 
ich Dir die tröstliche Beruhigtmg geben, daß Du in betreff dessen ganz 
unbesorgt sein magst. Es ist eine ganz unnötige Furcht, daß ich etwa 
mit meinem Revolutionspathos auf die Gasse stürzen werde; grade 
ich, der ich in Hegelscher Schule geschult worden bin, weiß am besten, 
wie man hierzu vor allem die Zeit abwarten muß und ein Individuum 
auf keine andre Weise als der zur Beschleimigtmg eines solchen Er- 
eignisses beitragen kann, die Bildung und Philosophie zu verbreiten. 
Auch kannst Du in betreff meiner Studien ganz unbesorgt sein. Meine 
Tätigkeit ist jetzt eine begrenzte imd auf die Produktion meines S^'-stoms 
gerichtete,mitderen Anfangich wohl erst in zwei Jahren anfangen kann. 
Denn 2 bis 3 Jahre werde ich mindestens zu Vorarbeiten imd Vorstudien 
brauchen, ehe ich dazu komme, die Feder einzutauchen. Und es soll 
mir noch lieb sein, wenn ich mit 2, 3 Jahren lange. Das Material ist 
zu riesenhaft. Unter solchen Umständen, wo noch dazu mein Doktor- 
examen vor der Tür liegt, ^) habe ich eben nicht Zeit, müßig zu gehen. 
Es drängt mich, wie natürlich, mein Werk zu schreiben. Denn einmal 
ist es wirklich Zeit, der immer mehr einreißenden Unwissenschaftlich- 
keit imd Flachheit ein Ende zu machen, und dann, wie ich mein Werk 
geschrieben habe, bin ich ein gemachter, weltberühmter Mann, jetzt 
doch immer ein obscurus homo. Warum sollte ich damit zögern, in 
das Ivicht meines Ruhmes herauszutreten? Gnmd also über imd über 
zum Fleiß. Und daß dieser ein meiner Natur nicht grade Fremdes ist, 
weißt Du ja wohl. Ich werde also, falls ich in Berlin bleibe, immer 
eine ganz passable Zeit arbeiten, komme ich aber nach Breslau mit 
ungeteiltem Eifer mich erheben und über meinen Stofi hermachen. 
Sei also ganz unbesorgt. — Wie mir hervorzugehen scheint, so warst 
Du diesmal nicht zur Leipziger Messe ? Wie steht es zu Prag ? Ferdinand ^) 

an die gleiche Person gerichtet sind. In dem durchstrichenen Konzept droht 
lyassalle noch mit überschwenglichen Worten der Empfängerin, daß er, wenn 
sie nicht antworte, hinter ihr stehen werde ,,ein zürnender Dämon der Rache, 
des Zornes", daß er sie schonungslos verfolgen werde: ,, Verdorren und welken 
soll unter dem Brodem meines Hasses alles, was dich anlacht. Es soU die Auf- 
gabe, die einzige Bestimmung meines Daseins werden. Dich langsam lächelnd 
zu vernichten." 

^) Bekanntlich hat I/assalle niemals das Doktorexamen gemacht. 

^) Ferdinand Friedland, Lassalles Schwager. 



======= 84 

war so gütig, meinen Wunsch sofort zu erfüllen, und zwar auch so 
energisch wie nur irgend möglich, wofür ich ihm sehr dankbar bin. 
Doch kann ich über den Erfolg nichts berichten, da ich leider Malheur 
gehabt. Sonnabend erhielt ich Ferdinands Brief. Montag begab ich 
mich zu Meyerbeer, traf ihn jedoch nicht; der Bediente sagte mir, 
daß er überhaupt sehr unsicher zu treffen sei, seiner Dienstangelegen- 
heiten wegen.*) Am ehesten treffe man ihn noch von 2 bis 3. Ich ging 
in dieser Zeit den andern Tag hin; er war jedoch wieder nicht zu Haus; 
mir kam es ganz so vor, als wenn Meyerbeer für Unbekannte überhaupt 
nicht zu treffen sei, was ich ihm gar nicht verdenken kann, besonders 
da er in der Tat hier sehr geplagt ist. Mir blieb also nichts übrig, wollt 
ich nicht noch x-mal vergeblich kommen, als Friedlands Brief tmd eine 
Karte von mir mit Adresse dort zu lassen. Das war Dienstag. Nim 
warte ich, daß Meyerbeer die Initiative ergreift. Sollte ich bis Mittwoch 
nichts gehört haben, so gehe ich wieder einmal hin, und dann werde ich 
ihn wohl treffen. — Das war Pech, wie gesagt, und fast geht mir da- 
durch der Hauptzweck, den ich hatte, verloren. Wenn ich ihn erst 
gesprochen, werde ich F. schreiben. 

Inliegend sende ich Dir einen Brief an Stücker, 2) den ich Dich nach 
Schillersdorf zu besorgen bitte. 

Himdert und zehn Mal habe ich ntm schon angefragt, ob Rikchen 
einen Brief von mir durch Stranz erhalten hat, noch keine Antwort 
bekommen. Als ich Dir einmal auf einen Punkt nicht antwortete, so 
folgertest Du daraus, daß ich Deine Briefe nachlässig lese. — 

Ich erwarte hier schmerzlich Humboldts^) sich immer mehr ver- 
zögernde Ankunft. 

Auch möchte ich gern wissen, wie es mit meiner Militärangelegen- 
heit steht, imd Du würdest mich verbinden, wenn Du mir den Stand 
dieser Sache ausführlich expliziertest. Ich weiß natürlich nicht, wie 
Du es gemacht hast. Wenn Strantz*) vielleicht dabei nützlich sein 
kann, so wird er sehr bereit sein, wenn ich ihm deswegen schreibe. 

Das schöne Wetter, das wir jetzt haben, stimmt mich sehr fröhlich. 
vSonst bin ich keine jener gepanzerten Grasmücken, die da piepsen, 
wenn die vSonne scheint, diesmal aber lacht mir der lycnz in der Tat 
allen Unmut weg und es umsummen mich die Verse Ariosts: 

^) Meyerbeer war seit Spontinis Tod (1842) Generalmusikdirektor an der 
Berliner Oper. Friedland war seit lange gut mit ihm bekannt. 

2) Baron H. von Stücker, damals ein Freund Lassalles, vgl. Einleitung S. 33. 

3) Mit Humboldt ist Lassalle im Hause Joseph Mendelssohns bekannt geworden. 
*) Unbeträchtliche Briefe eines Generalleutnants von Strantz I aus dem 

Jahre 1846 fanden sich im Nachlaß. Wegen ,, Brustschwäche bei Anlage zu 
Brustkrankheiten" erhielt Lassalle am 3. August 1847 in Breslau den Halb- 
invalidenschein. 



85 =========== 

Doch als die Sonne nun am Himmelsbogen 
Das milde Tier des Phrixus neu verklärt 
Und Zephir fröhlich kommt herangezogen 
Und süßer Frühling mit ihm wiederkehrt, 
Da brechen atich Graf Rolands Wundertaten 
Mit holden Blumen aus und neuen Saaten. 
Adieu! ich werde mir ein Pferd nehmen imd etwas ausreiten! 

Was sagst Du zu den Überschwemmungen überall? Ach, das nützt 
ims nichts. Das Wasser ist ein wäßriges Element, Wenn es aber eines 
Tages Feuer wird regnen vom Himmel und Schwefelströme brechen 
aus der Erde, dann Hosiaima! dann ist gekommen die Zeit 

so das heilige Ilion sinket, 

Priamus auch imd das Volk des lanzenkundigen Königs. 
Seitdem einst der Herrgott so cavaherement sein Ehrenwort darauf 
gegeben, unsere Sünden niemehr durch eine Sündflut fortzuschwemmen, 
ist nur noch möglich, sie durch Fegefeuer fortzufegen. Das tut aller- 
dings noch weher! 

Leb vielmal wohl Deinem Ferdinand. 

Dich, vielgeliebte Mutter, grüße tmd küsse ich vielmal. Du tust 
mir wirklich Unrecht, wenn Du zürnst, daß ich Dir nicht schreibe, 
Gefühle aufzuzeichnen hat etwas Unmögliches und dazu überaus Lang- 
weiliges, Sentimentales. Und man langweilt sich hier grade nach genug. 
Jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Leute ihrer Langeweile entfliehen 
zu können glauben, wenn sie Berlin verlassen, aber 

Um das Roß des Reiters schweben, 

LTm das Schiff die Sorgen her. 

Muß hier die Langeweile heißen, die geht mit ihnen nach Paris und 

Italien, Sie werden sie nicht los, und wenn sie die Hemden wechselten. 

Denn sie hat sich wie Flöhe in den Körper eingebissen. Leb wohl imd 

langweile dich nicht. -r>, • t^ j- j 

° Dem Ferdmand. 

Schwester küsse ich. 



i8. 

LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

Geliebter Vater! 

Soeben habe ich Deinen schon lang mit Ungeduld erwarteten Brief 
erhalten imd beeile mich sofort, ihn zu beantworten. — Wenn ich 



Berlin, d. 13. Mai 1844. 
[Poststempel.] 



= 86 .= 

Dir bisher über mein Studium etc. nichts geschrieben, so hat das seinen 
natürlichen Grund darin, daß ich immer vollauf von anderem zu sprechen 
hatte und meine Briefe auch so schon die Grenzen eines bescheidenen 
Schreibens, d. h, den für einfaches Porto gewährten Raum wohl über- 
stiegen haben. 

Ich wollte hier recht viel Collegia hören; ich besorgte mir also ein 
Verzeichnis derselben und zog mir alle mir etwa interessanten Collegia 
heraus; da hatte ich denn jeden Tag 8 Stimden besetzt. Dabei wäre 
mir also keine Zeit zum Arbeiten übriggeblieben, ich strich also mit 
blutendem Herzen mehre[re], behielt jedoch 5 — 6 Collegia täglich übrig. 
Aber es sollte ganz anders kommen. Es ist zum Verzweifeln! Vierzehn 
Tage habe ich bei Gabler ^) und bei Trendelenburg 2) I^ogik gehört imd 
will ein Schurke sein, wenn sie etwas andres als das bekannteste 
fadeste Zeug gesalbadert haben. Und was das Schlimmste ist, man 
kann die Professoren nicht einmal anklagen, nicht ihr ist die Schuld; 
nein, es steht in der Tat so schlimm mit der philosophischen Bildung 
der akademischen Jugend imd ihrer Fassungsgabe, daß man so vor- 
aussetzungslos an sie treten muß, daß man ein so vollkommenes Nichts 
bei ihnen vorfindet, wie der liebe Gott, als er die Welt zu schaffen sich 
entschloß. Aber was sollte ich in diesen Vorlesungen? Es wäre die 
unverzeihlichste Sünde gegen meine Zeit, die mir so teuer ist, gewesen. 
Ich war kurz entschlossen, ich machte Tabula rasa, ich gab sämtliche 
philosophische Collegia wieder ab imd behielt nur die Logik von 
Gabler, d, h, ich nehme sie an und bezahle sie, weil ich ein Collegium 
logicum postiert haben muß, aber ich besuche sie nicht, wenigstens 
vorläufig nicht, in 6 Wochen will ich wieder einmal hingehen und sehen, 
ob der Mann, wenn er an die I/)gik selbst gekommen, denn bis jetzt 
treibt er sich seit 14 Tagen noch immer in der Einleitung herum. Ver- 
stand angenommen hat. Nie hatte ich eine Ahnung davon, daß man 
Hegel, sage Hegel, so langweilig vortragen kann, ich summte unwill- 
kürlich immer im Kolleg die Verse der Johanna 

,,Hätt' er mein Auge, wie stund' ich oben",^) 

oben! d. h. nämlich auf dem Katheder. Was Trendelenburg betrifft, 
diesen Stolz der Berliner Studierenden, dieser soi disant Stürzer des 
Hegeischen Systems, die Hoffnung imd der Hort aller guten Christen, 
so wunderte [ich] mich über das Nichtssagende seiner Vorträge weniger. 

1) G. A. Gabler (1786 — 1853) war seit 1835 Hegels Nachfolger in der Pro- 
fessur der Philosophie an der Berhner Universität. 

2) F. A. Trendelenburg (1802 — 1872) war seit 1837 ebenfalls Ordinarius für 
Philosophie an der Berliner Universität. 

3) I^assalle zitiert hier, wie so oft, ungenau. Bei Schiller heißt der Vers: 

,,Hätt' er mein Auge, oder stund' ich oben". 



=^===_ 87 -^ 

„Wer bist Du, Ärmster, und was kannst Du geben?" 

Seine subjektive, willkürliche, ganz äußerliche Reflexionsmethode 
kann einen an die objektive dialektische Methode gewöhnten Hegelianer 
bis zum Erbrechen langweilen. 

Schelling ^) hat noch nicht angefangen ; wenn er lesen wird, will ich 
der Kuriosität wegen ein paarmal hingehen, natürlich kann ich nichts 
von seinen Vorlesimgen erwarten als Intuition und Mystik. Bei Trende- 
lenburg Reflexion, bei Schelling Intuition, bei den Hegelianern Lange- 
weile tmd Fadaisen, Trivialitäten in der höchsten Potenz, aber nirgends 
Philosophie, es ist zum Totschießen ! Aber nein, es ist bloß zum Weg- 
bleiben eingerichtet. 

Ich besuche bloß zwei Collegia. i. bei Benary^) Einleitung in die 
Bücher des Alten Testaments; jeden Tag außer Sonnabend und Sonntag 
von 9 bis 10; dies Kolleg ist interessant; man lernt viel Kritik, der Mann 
gibt eine Masse Material etc. ; überhaupt sind die Realdisziplinen weit 
besser dran ; hier sind fast alle Collegia gut und interessant, man erhält 
wenigstens in jedem eine Masse stofflichen Wissens, das man sich ja 
selbst nach Belieben verarbeiten kann; nur die Philosophie liegt im 
argen. 

Das andre Kolleg, das ich besuche, ist bei Panofka,^) über die Denk- 
mäler der griechischen Kirnst, wöchentHch einmal Sonnabend von 2 bis 
3, sehr interessant. 

So hab' ich täglich nur eine Stunde Kolleg, während ich früher mir 
sechs entziehen woUte, ich habe also, dank sei's der Ivangweiligkeit 
unserer Professoren, fast die ganze Zeit für Selbststudium, das einzig 
fruchtbare, frei. 

Meine Zeiteinteilung imd sonstige Ivcbensweise kurz zu schüdern, 
verhält es sich so mit ihr. Ich stehe früh etwas vor 4 Uhr auf, arbeite 
bis 9 Uhr Hegel, um 9 gehe ich ins Kolleg, um 10 komm ich zurück, 
ziehe mich aus, Schlafrock, Pantoffeln imd Nachthemde an und arbeite 
bis abends 10 Uhr tmunterbrochen ; um 10 Uhr lege ich mich schlafen. 
Ich ziehe mich immer, wenn ich um 10 Uhr früh aus dem Kolleg komme, 
aus, sagte ich, weil ich den Tag nie wieder ausgehe, ich esse nämlich 
gewöhnlich zu Hause Mittag; nur zweimal die Woche höchstens gehe 
ich zu Mittag essen. Wenn ich zu Hause esse, so esse ich Butterbrot, 
überhaupt habe ich mir das Essen in hohem Grade abgewöhnt. Früh 



^) Schelling, von Friedrich Wilhelm IV. hinberufen, um den Einfluß der 
Hegeischen Schule zu bekämpfen, lehrte seit 1841 an der BerHner Universität. 

2) Karl Albert Agathon Benary (1807 — 1861) war Privatdozent der klassischen 
Philologie an der BerUner Universität. 

3) Theodor Ponafka (1800 — 1858), der bekannte Archäologe, war seit 1843 
außerordenthcher Professor an der Universität. 



=: 88 — = 

morgens trinke ich, der ich zu Hause gleich drei Buttersemmehi fraß, um 
4 Uhr eine leere Tasse Kaffee, ohne das mindeste zu essen, bis xMittag 
12 Uhr; da esse ich etwas Butterbrot, nachmittags trinke ich wieder eine 
leere Tasse Kaffee, und um 7 Uhr esse ich wieder einige Butterschnitten 
als Abendbrot. Dabei empfinde ich aber nicht den geringsten Hunger 
des Tages über und befinde mich überhaupt ausnehmend wohl dabei. 
Ich gehe nicht zu Mittag essen, einmal der Ersparnis wegen, dann aber 
hauptsächlich, weil ich, wenn ich Mittag nicht ausgehe, eine Masse 
Zeit erspare und den ganzen Tag ununterbrochen arbeiten kann. Von 
4 früh bis abends 10 sind 18 Stunden, da geht eine für Kolleg und zwei 
[für] An- und Ausziehen, Essen etc. ab, bleiben noch 15 Stunden, da 
kann man schon etwas tim ; und bin ich mit meinen Arbeiten sehr zu- 
frieden, was viel sagen will, denn ich bin die strengste Behörde gegen 
mich selbst, strenger als irgendein andrer sein könnte oder selbst dürfte. 

Für den Sommer will ich mir das Kaffeetrinken, da es doch kost- 
spielig ist, abgewöhnen; das wird mir weiter nicht schwer fallen; aber 
als ich auch dem Zigarrenrauchen entsagen wollte, ging es nicht. Merk- 
würdig, mit der größten Leichtigkeit trage ich andere Entbehrungen, 
aber diese fällt mir zu schwer. Jetzt trage ich mich mit dem Projekte, 
die Butter zu kassieren. 

Übrigens will ich das alles nicht gesagt haben, um etwa die ,,Rach- 
mones"^) zu erregen ; ich könnte ja mit meinem Gelde auch besser leben, 
aber ich will nun einmal meine Bedürfnisse auf das Minimum reduzieren. 
— Mit dem Vorladen hat es nichts auf sich gehabt. Es ist eine bloße 
Formahtät, daß jeder, der auf einer Universität in politische Demonstra- 
tionen verwickelt und deshalb bestraft worden ist, wenn er auf eine 
andere Universität kommt, wie ein Kind die Hände falten und sagen 
muß: ,, Nicht wieder tun", oder vielmehr, daß ihm eine Ermahnung, 
dies nicht wieder zu tun, vorgelesen wird, imd er sie unterschreiben 
muß. Zu diesem Zweck war auch ich vorgeladen. 

Daß Du Iv. .2) . . die 15 Rt. nicht gegeben hast, daran hast Du 
äußerst und durchaus Recht getan, und hat es mich mit 
einiger Indignation erfüllt, daß er sie nur fordern konnte. Das heißt 
Deine imd meine Güte mißbrauchen. 

Deine Befürchtimgen, es möchte hier, da Klocke^) da ist und ly. 
kommen will, der Breslauer Tanz wieder losgehen, wie auch Deine 



*) Hebräisch: Mitleid. 

2) Mit I/. ist wahrscheinlich Albert Lehfeld gemeint, vgl. S. 32. 

2) Klocke, ein Verbindungsbruder I,assalles, studierte Philosophie ; er wanderte 
später nach Amerika aus. Vielleicht war er ein Sohn des Kaufmanns Klocke, 
der damals Stadtverordneten Vorsteher und ein Hauptführer der Liberalen in 
Breslau war. 



89 ===== 

Ermahnungen bei dem „Abschnitt des Lebens", an dem ich stehe, 
sind ziemlich übrig. Ich dächte, Du wüßtest doch meinen Willen in 
Punkto dessen, und an meiner Festigkeit zu zweifeln, ist erst gar grund- 
los. Wenn ich Festigkeit xmd Stärke genug besaß, um (im Winter) 
Deinen Bitten, ja Deinen Tränen widerstehen zu können, sollte 
ich nicht Festigkeit genug besitzen, um Anlockungen von meinen 
Freunden widerstehen zu können? Aber damals war das nötig und 
recht, von dem jetzt das Gegenteil nötig und recht ist. Ich frage, 
sehe ich darnach aus, wie einer, der verführt werden kann und sich 
verführen läßt? Habe ich meinen Schwerpunkt in andern oder wurzle 
ich nicht vielmehr mit aller Kraft und Klarheit des selbstbewußten 
Geistes in mir selber? Ich bestimme mich und mein Handeln nur von 
innen heraus. Oder bin ich etwa ein heißblütiger Jüngling? Un- 
besonnen? Ich habe Dir das schon oft erklärt, ich bin ein Mann, 
in der vollsten Bedeutung des Wortes ein Mann, nur daß ich mit der 
männHchen Gereif theit die Tatkraft tmd Energie des Jünglings ver- 
binde. Was macht denn den Menschen zum Mann? Die Erfahrung. 
Aber wie lumpig, wie winzig sind die Erfahnmgen, die der einzelne 
aus den Begebnissen tmd Vorkommenheiten seines einzelnen Lebens 
zieht, wie gering an Zahl, wie unbedeutend an Inhalt! ! Wie beschränkt 
seine Sphäre und folglich das, was er kennen lernen, erleben und er- 
fahren kann! Anders mit dem Philosophen; er macht die Erfah- 
rungen der ganzen Welt- und Völkergeschichte von Anno i 
bis auf den heutigen Tag zu den seinigen, sie, diese großen 
Erfahrungen diese Inbegriffe der göttlichen Weisheit 
werden zu seinen Errungenschaften. Er hat so viel Er- 
fahnmg, als wenn er von looo vor Christus bis 1844 nach Christus gelebt 
hätte; er reift mit einem Worte in dem Prozeß des geschicht- 
lichen Lebens, er wird von dem geschichtlichen Leben, d. h. 
von Gott selber, geschult. So bin ich gereift, so bin ich geschult, 
und damit basta! — 

Auch sehe ich gar keinen ,, Abschnitt", an dem ich stände. Ich 
finde durchaus keinen „Abschnitt" darin, ob ich in Breslau oder Berlin 
studiere. Das ist ja eine ganz gleichgültige Lokal Veränderung. Ein Ab- 
schnitt aber ist nur das, was tief \md eingreifend in das innere Leben 
des Geistes eindringt und da unauslöschliche Spuren zurückläßt, ein 
Abschnitt ist eine qualitative Umgestaltung des Geistes selber, eine 
Phase, ein Stadium in dem Entwicklimgsprozeß des Geistes selber. 
Also bitte, bitte, zeige mir den Abschnitt, an dem ich stehe. Ich zähle 
nur drei Abschnitte in meinem Leben, d. h. drei Phasen, und es gibt 
keine Phase mehr für mich, denn ich habe die höchste Phase des gegen- 
wärtigen Geistes erreicht und kann mich nur innerhalb dieser, d. h. 



— 90 = 

nur quantitativ ausbilden. Die drei Phasen aber, die ich durchgemacht, 
sind die: von meiner Geburt an bis ich nach Leipzig ging, oder kurz 
vorher, in welchem Abschnitt ich ein dummer Junge war, von meinem 
Aufenthalt in Leipzig an, wo ich meiner inneren Leere bewußt wurde 
imd von einem unbestimmten, imklaren Sehnen, sie zu erfüllen, er- 
griffen wurde. Ein dunkler Drang, der mich damals aus meiner Sphäre 
herausriß, ohne mir doch bestimmten positiv erfüllten Inhalt geben zu 
können. Das dauerte bis vor 2V2 Jahren. Und vor 2V2 Jahren häutete 
ich mich zum dritten Mal. Die Philosophie trat an mich heran, imd sie 
gebar mich wieder und von neuem im Geiste. Diese geistige Wieder- 
geburt gab mir alles, gab mir Klarheit, Selbstbewußtsein, gab mir zum 
Inhalt die absoluten Mächte des menschlichen Geistes, die objektiven 
Substanzen der Sittlichkeit, der Vemtmft etc., kurz, sie machte mich zu 
der sich selbst erfassenden Vernunft, d. h. zum selbstbewußten 
Gott (d. h. zu dem sich als Erscheimmgsform tmd Verwirklichung 
des Göttlichen begreifenden Geist). Wer aber einmal ein Gott war, 
wird nie wieder ein dummer Junge!!! 

Übrigens tust Du Klocken sehr unrecht, er sehnt sich ebenso 
wie ich nach Arbeit und ist ein sehr tüchtiger Charakter imd willens- 
fester Kerl. 

Apropos, Du kannst alles, was Du willst, mit dem Kondukteur 
schicken, denn sie kommen selbst mit der Eisenbahn nach Berlin. 
May^) wenigstens erhält und schickt seine Briefe regelmäßig mit dem 
Kondukteur. 

Du schriebst mir in Deinem vorigen Briefe eine ganze Masse Deiner 
Freimde, die ich besuchen soll. Ich werde damit sehr sparsam sein. 
An alten Leuten habe ich nichts, zu Soireen will ich nicht ein- 
geladen sein, imd junge Leute wie Söhne, Doktoren und ähnliches 
Gesindel bei ihnen kennen zu lernen, will ich meiner Zeit wegen erst 
gar nicht. Ich habe viel zu tun, mir brennen die Nägel auf den 
Fingern ! 

Warum schreibst Du mir nichts über Ferdinand Cohns Ankunft? 
Und besonders warum schreibst Du mir nichts über den Stand der 
Gasangelegenheiten?? Warum schreibt mir Mutter, Ferdinand, 



1) Ein entfernter unbegüterter Verwandter, den Lassalle damals aufgefordert 
hatte, seine Wohnung, Unter den Linden, bei dem Schneider Tomaschek, mit 
ihm zu teilen. Vgl. hierzu seinen Brief an den Vater vom 24. April (Intime 
Briefe etc. S. 19 ff.)- Dort heißt es u. a. : ,,Auch ist es immer angenehm, einen 
treuen Menschen bei sich zu haben, und außerdem habe ich an May noch einen 
halben Kammerdiener . . . Natürlicherweise sagte ich May, sowie er faul, un- 
gezogen würde, würde ich ihn ohne weitere Umstände sofort zu meiner Woh- 
nung hinaus expedieren." 



— 91 = 

Rikchen nicht? Ich lasse sie indessen alle vielmal grüßen. Mit den 
10% C. Aderholz hat es seine Richtigkeit. Wieviel Du einem jeden 
meiner Buchhändler zu bezahlen hast, habe ich Dir ja in meinem letzten 
Briefe angegeben, die darin angegebenen Summen sind alles netto 
Summen, von denen der Rabatt bereits abgezogen. Bezahle nicht mehr, 
als ich Dir angab. Apropos, schicke mir einen Erlaubnisschein, daß 
ich hier studieren darf, denn ein solcher war bereits bei der Immatri- 
kulation nötig. Man sagte mir, ich solle ihn bald nachbringen. Schließ- 
lich bitte ich Dich, Deine Briefe meiner pekimiären Verhältnisse wegen 
künftig zu frankieren. Obgleich ich gern 6 Sgr. für einen Brief von Dir 
bezahle, so ist ja noch der andre Fall da, daß ich den Brief bekomme 
imd Du ihn bezahlst. Ungleich vorteilhafter für mich, denn ehe ich mir 
6 Sgr. am Mittagessen [ab] spare, so kommt des vielen Brotgenusses 
wegen eine vierwöchentliche Verstopfimg regelmäßig dabei heraus. 
Schreibe recht bald Deinem Dich über alle Maßen liebenden Sohne 

Ferdinand. 



19. 

LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

[Berlin, 17. Mai 1844.] 
[Poststempel.] 

Geliebter Vater! 

Eine Bitte, die ich an Dich zu richten, ist die Veranlassimg dieses 
Briefes. Ich fange kurz und ohne Einleitimg an. Meine Bedürfnisse 
hier belaufen sich auf folgendes: 

Für Wohnung (ich bin, als May hereinzog, etwas ge- 
steigert worden im Preis von meiner 
Wirtin, weil nach ihrer Logik derselbe 

Raum für 2 Personen teurer als für eine Rt. 6.15 

Für Kleiderreinemachen, Stiefelputzen ,, i. — 

Für Mittag imd Abendbrot zusammen ,, 4. — 

Wie das zugeht, daß ich mit 4 Rt. für Mittag und Abendbrot reiche, 
will ich Dir erklären. Zweimal in der Woche gehe ich Mittag in die 
Restauration, das macht 12 Sgr. und per Monat Rt. 1.18, bleiben noch 
5 Mittage imd 7 Abendbrote in der Woche. Ein Mittag- oder Abend- 
brot zu Haus kosten mich i Sgr. 3 Pf. Denn an einem Brot für 2V2 Sgr. 
habe ich über viermal, macht für einmal etwa 7 Pf. und mit einem 
halben Pfunde Butter a 5 Sgr. lange ich auf 7—8 Mahlzeiten, brauche 



- ^=" 92 = 

also für eine Mahlzeit an Butter nicht ganz 8 Pf., an Brot wie oben 
ausgerechnet 7 Pf., zusammen also für eine Mahlzeit 15 Pf. od. i Sgr. 
3 Pf. Solcher Mahlzeiten sind nun in der Woche 12 (siebenmal zu Abend 
und fünfmal zu Mittag), im Monat 48; ich brauche also 48 gute Groschen 
oder Rt. 2. — Dazu kommen die zwei Mittagsmahlzeiten, die ich beim 
Restaurateur esse ä 6 Sgr. und die mich also i Rt. 18 Sgr. kosten ; es 
beträgt also die Summe der Mittags- und Abendmahlzeiten per Monat 
3 Rt. 18 Sgr., ich habe in der Rechnimg dafür 4 Rt. angesetzt. 

Für Frühstück (Ich habe den Kaffee sowohl vor- als nach- 
mittag aufgegeben; früh esse ich an seiner Statt 
für 6 Pf. Semmel; der Kaffee ist mir ohnehin 

schädHch) — .15 

Für Zigarren 3. — 

Für Wäsche i.io 

Für Licht i.io 

Für Holz (ich verteile die Kosten für Holz auf alle Monate) i.io 

Für Collegia i.io 

Für etwaige unvorhergesehene Fälle als Taschengeld . , — .15 

Summa Rt. 20.25 

Für Kleidung brauche ich dies Jahr noch gar nichts. 

Du siehst also, daß ich sehr brillant leben und dennoch, da ich 
für den Monat 337» Rt. erhalte, monatlich Rt. 12.15 ersparen kann, 
das macht jährlich netto Rt. 150. — (Ich habe oben aber in der Spe- 
zifikation alles noch zu den höchsten Preisen gerechnet.) 

Für das künftige Jahr und von dem ab, falls das Gasgeschäft nicht 
ins Leben tritt, bin ich entschlossen, diesen Rt. 150.- — zu entsagen und 
meinen Wechsel auf Rt. 250. — zu beschränken. Ich könnte ja noch 
billiger leben, wenn ich eine Wohnung für 2 — 3 Rt. nehme und würde 
in ihr mir so gut gefallen wie in der bisherigen; was aber das jetzige 
Jahr betrifft, so bin ich entschlossen, diese Rt. 150. — auf Bücher aus- 
zugeben, um den Kreis der mir nötigen Bücher zu vervollständigen 
und womöglich abzuschließen. Nun kann ich gegenwärtig eine ganze 
Partie mir unentbehrlicher philologischer Bücher kaufen; ihr Laden- 
preis (es sind aber die besten Werke, die ich mir doch anschaffen müßte) 
beträgt über 350 Rt. ; der antiquarische beträgt Rt. 100. — , wenn ich sie 
auf Zeit nehme, wenn ich aber bar bezahle, so kann ich noch 17 Prozent, 
vielleicht auch 20 Prozent erhalten, so daß sie mich dann nur 80 Rt. 
kosten würden. Ich richte daher die Bitte an Dich, mir diese Rt. 80. — 
auf mein Konto auszuzahlen und mir jeden Monat den oben angegebenen 
Überschuß von Rt. 12.15 abzuziehen. Daß ich diese Ausgabe machen 
kann, ohne meine Kräfte zu übersteigen, habe ich Dir durch die obige 



= 93 = 

Rechnung gezeigt. Ich bitte Dich aber, schicke mir umgehend 
spätestens Montag diese Rt. 80. — , denn ich unterhandle bereits 
8 Tage um diese Bücher, imd es gelang mir nur, bis Mittwoch Zeit zur 
Besinnung für mich auszuwirken; bis dahin sollen sie nicht verkauft 
werden; denn, wie Du Dir denken kannst, handeln sehr viele um diesen 
Posten, es fehlt ihnen nur wie mir die große Summe baren Geldes. 
Hat aber erst eine echte philologische Spürnase diesen Schatz entdeckt, 
dann ist er fort für mich. 

Also bitte, erfülle diesen Wunsch aufs schleimigste Deinem Dich 
innig liebenden Sohn 

Ferdinand. 

NB. Alle etwaigen Beiträge und Beisteuern muß ich höflichst und 
dankbarst ablehnen. Teils sollst Du durch meine Büchersucht (obgleich 
es diesmal nicht bloße Liebhaberei, sondern wirklich Bedürfnis ist) 
nicht leiden, teils will ich mm einmal Bücher haben, die ich für mein 
eignes Geld gekauft. 



20. 

LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

Berlin, d. 21. Mai^) 1844. 
[Poststempel Berlin, 3. Juni.] 

Geliebter Vater! 

Ich kann Dir nicht verhehlen, daß ich mit Deinen Briefen, auf die 
ich mich doch immer so sehr freue, äußerst unzufrieden bin. Selbst 
Du schreibst mir nur so spärlich, so kärglich, als sich nur tim läßt, 
zwei kleine Seiten et voilä tout! Was soll ich erst über die andern sagen! 
Die liebe Mutter schreibt mir grade so viel Zeilen, als ich Seiten er- 
warte, Rikchen schreibt gar nicht, sondern verspricht nur zu schreiben, 
tmd Ferdinand endlich verspricht nicht und schreibt auch nicht, läßt 
mit einem Wort gar nichts von sich hören. So geht es in unausgesetzter 
Stufenfolge, im fortlaufenden Progreß bis zum totalen Nichts herunter. 
Und beklagt Euch nun nicht etwa, Ihr hättet nichts, wovon Ihr mir 
schreiben könntet. Hab' ich etwa mehr Stoff, große Ereignisse etc. 
zu berichten? Ganz im Gegenteil. Aber wie kommt es, daß meine Briefe 
stets so viel Bogen als die Eurigen Seiten füUen? Das macht, weil ich 



1) Im Original ist das Wort ,,May" durchgestrichen und von offenbar fremder 
Hand durch ,Juni" ersetzt. Da aber der Poststempel 3. VI. lautet, so muß die 
ursprünghche Angabe die richtige sein. 



— =^ 94 = 

Euch sogar von den kleinsten, minutiösesten Einzelheiten Bericht ab- 
lege, die an und für sich ganz uninteressant sind, von denen ich aber 
doch glaube, daß sie für Euch ein gewisses Interesse haben werden, 
und zwar aus dem einfachen Grunde, weil selbst das Kleinlichste und 
Unwichtigste Wert und Bedeutung erhält, wenn es sich auf eine Person 
bezieht, an der man einen gediegenen und inhaltsvollen Anteil nimmt. 
Ihr aber, statt Euch in dieser Hinsicht meine Briefe zum Muster zu 
nehmen, berichtet mir gar nichts von alledem, was innerhalb Eurer 
vorgeht, laßt mich in völliger Unwissenheit darüber, wie Ihr lebt, was 
Euch grad amüsiert, ennuyiert, kurz beschäftigt. Ihr werdet mir ant- 
worten: Kleinlichkeiten! Das weiß ich, aber ich wiederhole es Euch, 
so kleinlich diese Kleinlichkeiten sind, so werden sie getragen 
von den konkreten Verhältnissen, auf die sie in Beziehung stehen. 
Das Faktum ist an und für sich nichts ; — aber es bezieht sich auf Persön- 
lichkeiten; diese sind seine Träger, diese verleihen ihm Farbe, Ton, 
lyicht, Bedeuttmg, Wanne, Dasein, Leben. 

Also bessert Euch, und das Gesagte gilt auch für Dich, lieber Vater, 
Deine Briefe sind allzu karg, sie stehen im umgekehrten Verhältnis 
zu Deiner Güte. Was Ferdinand betrifft, so bin ich in allem Ernste 
so böse auf ihn, wie ich's kaum zu sagen weiß! Sechs Wochen 
bin ich von Hause fort, und er hat noch nicht einmal einen Gruß, ge- 
schweige einen Brief mir beigefügt. Das ist eine Indolenz, eine Faulheit 
und Lieblosigkeit, die gar nicht zu entschuldigen ist. Ich glaube, wenn 
er jetzt zu meiner Tür hereinträte — ich spräche nicht mit ihm ! 

Du erkundigst Dich, lieber Papa, so angelegentlich nach den Exami- 
natorien, die man mit uns anstellen will, tmd irre ich nicht, so empfindest 
Du eine kleine geheime Schadenfreude darüber, daß ich nun auf der 
Schuljimgenbank säße imd mich examinieren und dressieren lassen 
müßte. Aber glücklicherweise, so weit ist es noch nicht. Einige der be- 
deutendsten Professoren hier haben zu beharrlichen Widerstand geleistet. 
So erzählt man folgende zwei Antworten, die eine mehr als anekdoto- 
rische Glaubwürdigkeit haben. Eichhorn soll nämlich zuerst mehreren 
der ausgezeichnetsten Professoren privatim jedem seinen Vorschlag 
gemacht haben. Marheineke ^) soll ganz überrascht gewesen imd in der 
ersten Bestürzung ihm die Worte entfahren sein: ,,Aber Exzellenz, 

sind Sie verr ," worauf er sich schnell sehr tölpisch verbesserte, 

indem er sagte: „Aber Exzellenz, sind Sie nicht gescheut?" Neander^) 

1) Philipp Marheineke (1780 — 1846), seit 181 1 Professor der Theologie an der 
Berliner Universität, war in seiner Fakultät die angesehenste Persönhchkeit, die 
auf dem Boden der Hegeischen Philosophie stand. 

2) Der Kirchenhistoriker J. G. W. Neander (1789 — 1850), eigentlich David 
Mendel geheißen, gehörte der Berhner Universität seit 18 13 an. 



— = 95 = 

soll, als ihm der Minister seinen Plan mitteilte, ruhig geantwortet haben: 
,, Exzellenz, wenn das durchgeht, so gehe ich nach Tübingen und werde 
dort Privatdozent." 

Dieser Widerstand machte den Minister stutzig. Er wollte seinen 
Plan nicht ganz aufgeben, ihn ä tout prix durchzusetzen schien be- 
denklich. So wählte man denn mit der erbärmlichen Halbheit, die für 
unser ganzes jetziges Regiertmgssystem bezeichnend ist, einen sehr 
fein ersonnenen Mittelweg. Eichhorn erließ an die einzelnen Fakultäten 
und die betreffenden Professoren ein Ministerialreskript, in welchem 
er ihnen anzeigt, es wäre ihm lieb, wenn die Herren Professoren mit 
ihren Kollegien ein Examinatorium verbänden, auf daß ,,ein innigeres 
Verhältnis von lychrenden imd Lernenden hergestellt würde" (die ge- 
wöhnliche abgedroschene Phraseologie). Doch solle keiner der Herren 
Professoren dazu genötigt sein, wenn er es nicht aus freien Stücken 
für gut befinde; auch ,, sollten die Herren Studierenden nicht genötigt 
sein, wenn sie ein Kolleg annähmen, mit dem ein solches Examinatorium 
verbunden sei, auch dies letztere zu besuchen. Man wolle alles dem 
freien Willen der Herren Studierenden und Professoren anheimstellen, 
man werde ja am besten dabei sehen, ob der Vorschlag Anklang findet" 
und was der Salbaderei mehr ist. 

Demnach haben nun die einen der Professoren solche Examinatoria 
eingerichtet, die andern nicht. Besonders in der philosophischen 
Fakultät haben sie Eingang gefunden. Man ist jedoch nicht verbunden, 
sie zu besuchen, und ich tue es daher nicht, und wie ich glaube, halten 
es die meisten ebenso. — Der Ausweg aber, den der Minister ersonnen, 
ist äußerst fein. Er wußte wohl, daß er niederträchtige Augendiener 
genug finden wird, denen der leiseste seiner Winke Befehl ist. Und 
besonders in der philosophischen Fakultät hat er sie gefunden. O diese 
Philosophie, diese feile Kokette! Aber dafür mag sie auch dereinst 
zusehen, wo sie ihre Schande, wo sie ihre Scham verbergen soll, wenn 
man ihr die Maske der Ehrbarkeit von dem verbuhlten Gesicht gerissen, 
wenn sie in ihrer häßlichen Nacktheit dasteht und ihr die Gassenbuben 
auf der Straße nachzischen. 

So steht z. B. in einer Ermahnimg, die die hiesigen Studierenden 
bei der Immatrikulation empfangen, folgender klassischer Satz: ,,Wir 
sind weit entfernt, der größeren Zahl vmserer Zuhörer zuzutrauen, sie 
seien in der höchst untergeordneten Ansicht befangen, welche die 
Wissenschaft nur als ein Mittel des Lebensunterhaltes anerkennt; 
wiewohl diese wahrhaft unsittliche Betrachtungsweise manche 
Gemüter beherrscht." Ist das nicht die Unverschämtheit bis zum 
Exzeß getrieben ? Hier wird von Staats wegen der Idealismus gepredigt, 
aber freihch, der Wisch ist 1818 gedruckt, damals durfte man noch so 



— 96 ====== 

reden. Seit der Zeit haben sich die Jahrbücher^) die Mühe genommen, 
und mit ihnen die ganze neuere Entwicklung, der Welt zu zeigen, was 
Idealismus ist, wenn er die Wissenschaft durchdringt. Da hat man denn 
dies Kokettieren mit der Sittlichkeit gar bald fahren lassen müssen. 
Die Schminke wurde heruntergerissen und es blieb — die Metze. Das 
ist der große Schritt, der in der neueren Entwicklung getan wurde. 
Die Leute wurden auf ihre Konsequenzen hingedrängt; die 
Gegensätze erhielten ihre richtige Stellung. Der Schleier 
fiel, und nackt mußte alles hervortreten. Der Staat aber, dieser alte 
Sünder, besitzt nicht einmal jene ungeheure innere Kraft, die wir an 
manchem großem Verbrecher, wie z. B. Richard 11.,^) bewundern müssen 
trotz allen Abscheus, jene Kraft, die Hülle fallen zu lassen und hervor- 
zutreten und zu sagen: Ja, ich bin 's! Solches Selbstvertrauen hat er 
nicht, weil er wohl weiß, wie ihm die Kraft fehlt, va banque zu sagen 
der Welt, und darum kokettiert er noch immer und möchte allzugern 
seine Blöße mit den Lappen und Lumpen bedecken, die man ihm 
doch nun einmal abgerissen hat. Daher dies Kokettieren, dies Buhlen 
mit der Zeitbildung, dem Fortschritt, der Wissenschaft etc. Ein solch 
großer Sünder wie Richard, der mit der Überwucht seiner geistigen 
Kraft auf sich selber fußt, ist ein tragischer Anblick; ein solch gemeiner 
Sünder aber, der an sich selbst verzweifelnd in der Heuchelei seinen 
Schutz sucht, ein erbärmlicher, ein ekelerregender Anblick. So unser 
Staat! 

Unerbittlich aber treibt die Zeitbildung das sich schminkende Alte 
dazu, seine wahre, seine ungeschminkte Stellung und Physiognomie 
einzunehmen. Zuerst macht der Staat der Zeitbildimg Konzessionen, 
d. h. er kokettiert und buhlt noch mehr. Aber bald geht das nicht 
mehr, die Anforderungen werden immer größer, immer mehr verlangen- 
der, immer gründlicher; will er nicht, indem er immer mehr zugibt, 
endlich sich selbst aufgeben, so muß er — es hilft ihm aus diesem 
Dilemma kein Gott und kein Teufel — zurück, er muß seine wahre 
Stellung einnehmen, er wird auf seine Konsequenz gestoßen. Zitternd 
macht er diese Rückschritte, aber er macht sie. Wenn er vorhin in 
Gefahr war, sich in den Strudel und Abgrund des Neuen (der Huldigung 
des Zeitgeistes durch Konzessionen) fortreißen zu lassen, so hat ihn, 
kaum der Szylla entronnen, jetzt die Charybdis gepackt, der entgegen- 
gesetzte Strudel, der ihn unentrinnbar in seinen Trichter hinunter- 
zieht. Durch die Reaktion der Zeit getrieben und gestoßen, muß er 



^) Die Halleschen und ihre Fortsetzung die Deutschen Jahrbücher, das Organ 
der junghegelschen Schule. 

^) I,assalle meint offenbar Richard III, 



— — 97 — 

eine Verkleidung nach der andern fahren lassen und sich endlich in 
seiner ganzen Nacktheit und Häßlichkeit dem allgemeinen Tageslicht 
darstellen; das ist das Aufflackern der Lampe, die letzte Kraftanstren- 
gung, ehe sie verHscht. Es ist indes ein Doppeltes erreicht worden: die 
Zeitbildung hat sich mehr verallgemeinert und ist in ihren Anforde- 
rungen immer ungenügsamer, immer unbändiger, immer gründlicher 
geworden; der Staat, um sich hiegegen zu schützen, hat den entgegen- 
gesetzten Weg machen müssen, je mehr sie fordert, desto mehr muß 
er verweigern, immer gewaltsamer hält er sie sich vom I^eibe, immer 
gründlicher, immer blutiger wird der Konflikt; endlich hat der Staat 
seine ganze Wahrheit, seine Spitze erreicht; durch den doppelten zurück- 
gelegten Weg ist er doppelt weit von der Zeit und ihrem Wollen ent- 
fernt; das ist dann die Periode, wo der Staat von keinem, keinem 
{selbst einem so friedlichen Bürger wie Du) länger mehr ertragen wird, 
er hat seine Spitze erreicht und — schlägt um. Und nun ist die Zeit, 
wo die Fleischwerdung Gottes wieder vor sich geht, wo die Wirklich- 
keit beschattet und befruchtet wird vom Geist Gottes. Es kommt 
•die lyust der Inkarnation des Gedankens. Der Geist drückt seinen 
Stempel wieder auf der spröden Wirklichkeit; und die so lange, so 
qualvoll Getrennten leben wieder in fröhlicher Einheit und Durch- 
dringung, Und diese Arbeit der Gottverwirklichung, die Lust und 
Anstrengung der Negation und die Inkarnation des Heiligen Geistes 
nennt man im gewöhnlichen lyebeu eine Revolution. — 

Darum, lieber Vater, freue ich mich jedesmal, wenn ein Rück- 
schritt geschieht, ich freute mich, als die Lehrfreiheit aufgehoben 
wurde, und freue mich, wenn die Lemfreiheit aufgehoben wird, und 
wenn alle und jede Freiheit bis zu der des Essens und Trinkens auf- 
gehoben wird, mir schon ganz recht; und wenn halb Preußen nach 
Spandau und Sibirien geschickt und geköpft und stranguliert wird, 
ist niemand vergnügter darüber als ich. Nichts bringt mich aus meinem 
philosophischen Gleichmut, und ich zweifle auch nicht und schwanke 
nicht und werde nicht beängstet und bekümmert, sogar selten zornig, 
sondern ich lächle ruhig, weil wir die Enden der Dinge voraus sehen 
und sage mir Homers Vers: 

Kommen wird einst der Tag, wo die heilige Ilios sinket, 
Priamos und das Volk des lanzenkundigen Königs. 

Und je größer der Rückschritt, desto näher die Auferstehung oder 
wie das Volk sagt: ,,Wenn die Not am höchsten" etc. Und darum 
würde ich auch im Notfall ein Examinatorium ertragen und selbst 
noch mehr. Die Frage ist nur die, wie man etwas trägt mit der 
Indolenz und der dumpfen Vertiertheit und Gleichgültigkeit des 

Mayer, L.issdlle-Nachlass. I m 



========= 98 ^ 

polnischen Bauers oder mit dem ganzen Ingrimm des denkenden 
Mannes. 

Neulich habe ich eine Art Landpartie gemacht. Dorchen ^) wohnt 
nämlich in einem Sommerlogis, im Tiergarten, wirklich ausgezeichnet 
schön. Da sie mich sehr bat, sie einmal früh morgens da zu besuchen, 
und ich mir neulich ohnedies eine Erholung machen wollte, ging ich 
früh um 5 Uhr hinaus und wurde erst, denke Dir, abends um 7 von ihr 
fortgelassen. — Auch bei der Eschwe machte ich neulich einen Besuch; 
sie war sehr freundlich. — In meiner Lebensweise ist keine Änderung 
eingetreten, die ausgenommen, daß ich die Butter kassiert habe und 
mir statt ihrer Wurst kaufe, da habe ich ein ebenso billiges und weit 
nahrhafteres Essen. Die Mutter bitte ich vielmal, mir einige Hemden, 
Oberhemden wie Nachthemden zu schicken; ich lange mit den meinigen 
nicht gut, da ich im Sommer die Woche drei Hemden brauche. Doch 
müssen sie feiner sein, als die mir Papa gekauft hat, denn diese sind 
sehr ordinär, und für einen anständigen Mann ist ein feines Hemde 
das erste Bedürfnis. Du wunderst Dich vielleicht, daß ich plötzlich 
auf eine Toilettensache Rücksicht nehme; aber ich glaube, man sei 
entweder ein Sansculotte, wie ich in Breslau war, und was eigentlich 
das Allervernünftigste ist, oder, wenn man schon eine Rücksicht auf 
seine äußere Erscheinung verwendet, kleide man sich fein, worunter 
ich nicht ,,nach der Mode" verstehe, sondern in reiche Stoffe. Den 
Mittelweg der ,, ordentlichen und ärmhchen Kleidung" mag ich nicht gut 
leiden. — Ich rechne mit Sicherheit darauf, daß Du nicht einen, sondern 
wenigstens zwei bis drei Tage bei mir zubringen wirst, bei Gelegenheit 
der Messe. Ich habe einigen Grund, dies zu fordern, denn Du hast mich 
von I^eipzig aus nicht besucht. — Wenn Du mir das je ne sais quoi 
schickst, das Onkel Moritz mir mitgebracht hat, so sieh doch, ob Du 
nicht O'Connells^) Porträt beifügen kannst. 

Wenn ich nicht einen ebenso ausführlichen Brief von Dir er- 
halte, so soll mein nächstes Schreiben in einer Nußschale Platz, 
haben. 

Dein Dich von ganzem Herzen und ganzer Seele liebender Sohn 

Ferdinand. 



^) Wahrscheinlich die Schwester des Schwagers Friedland, also eine Cousine 
Lassalles. 

2) Die Begeisterung für den großen irischen Agitator war in den deutschen 
freiheitUchen Kreisen damals eine allgemeine. Nur Friedrich Engels hatte bereits 
1843 vom kommunistischen Standpunkt aus gegen O'Connell Partei ergriffen^ 
Vgl. Gustav Mayer, ,, Friedrich Engels", Bd. I, Berhn 1919, S. 133. 



— 99 ====^ 

21. 

IvASSAIvIvE AN DEN VATER. (Originalfragment.) 

Mittwoch, (1. 12. Juni 1844. 
Geliebter Vater! 

So leid es mir tut, auch diesen Brief muß ich mit einem Vorwurf 
beginnen. Mein Schreiben hast Du Mittwoch erhalten und erst Montag 
Dich zur Beantwortung entschlossen. Diesmal war es umso grau- 
samer, als die mannigfachen Breslauer Neuigkeiten mich in bezug auf 
Euch, meine Geliebten, etwas in Unruhe versetzten. 

Deinen vorletzten Brief nebst Schinken habe ich ebenfalls erhalten, 
Du schriebst mir darin, ich solle dem Kondukteur 5 Sgr. geben, ich 
wurde aber zur Salzsäule vor Schreck, als er 12V2 Sgr. forderte. Ich 
bot ihm endlich 7V2 Sgr. ; auch damit begnügte er sich nicht. Nichts 
in der Welt aber konnte mich dazu bringen, ihm die beträchtliche 
Summe von 12^/2 Sgr. auszuzahlen, um so mehr da Du mir ausdrück- 
lich von 5 Sgr. geschrieben, und so ging ich denn gern den Vorschlag ein, 
den er mir machte; er nahm nämlich von mir gar nichts und sagte, 
er wolle das lieber mit Dir abmachen. 

Dem Onkel Friedländer mache meine beste Empfehlung, viel Dank 
für den schönen Schinken, ich habe ihn mit dem besten Appetit ver- 
zehrt, obwohl nicht bis zu Ende, da ich sehr vorsichtig bemerkte, daß 
er bereits überzugehen anfing. Von Schmeißen habe ich nicht gelitten. 
Sowohl bei Schinken als auch in andern Beziehungen weiß ich mir das 
Geschmeiß gar trefflich vom Leibe zu halten! 

Von Max habe ich bis heute vergeblich einen Besuch erwartet. Da 
er nicht zu mir kommt, so werde ich dieser Tage mich einmal zu ihm 
begeben. An Tante und Rikchen Baum bitte ich Grüße bestellen 
zu lassen. 

Gestern hat mich Meierstein besucht; es hat ihm viel Mühe ge- 
kostet, mich aufzufinden. Ich freute mich sehr mit ihm, ich liebe solch 
joviale Leute, besonders unter Kaufleuten; diese fröhliche und heitere 
Lebenslaune ist das beste Einbalsamierungsmittel, um die zerfressenden 
Würmer und Maden des stinkenden egoistischen Geschäftsgeistes der 
Krämerzimft vom Körper abzuhalten. 

Den I. Juli oder vielleicht schon den 25. oder 26. Jimi werde ich 
meine Wohnung ändern. Ich war zwar mit meiner bisherigen Wohnung 
sehr zufrieden, und übersah ihr gern die kleinen Schattenseiten, die sie 
hatte, z. B. daß sie drei Treppen hoch ist imd daß man beständig die 
Fenster geschlossen haben muß, weil man sonst vom Gerassel der Wagen 
am Studium verhindert wird. Aber eine Schattenseite hatte sie, die 



— = 100 = 

alle sonstigen Annehmlichkeiten weit überwog. Die Wirtin ist nämlich 
eine reine Canaille von einer Frau. Als Mai zu mir zog, erhöhte sie 
den Preis um 1^/2 Rt. Ich mußte es mir leider gefallen lassen. Für die 
Commodite (es befindet sich nämlich kein Abtritt, sondern nur ein 
Nachtstuhl da) 5 Sgr., endlich noch für das Reinmachen der Kaffee- 
maschine (denke Dir!) i Sgr. täglich, obgleich ich sie doch außerdem 
für Bedienung bezahlte. Das letzte nun interessierte mich weniger, 
denn ich gab bald das Kaffeetrinken ganz und gar auf und hatte daher 
auch für das Reinmachen der Maschine nichts zu bezahlen. Nichts- 
destoweniger ärgerte mich ihre Unverschämtheit. Neulich aber machte 
sie mir vollends einen Skandal. Im heißen Sommer nämlich ist es doch 
unumgänglich nötig, daß man mehreremal des Tages frisches Wasser 
braucht. Als ich nun neulich danach klingelte, erhielt ich keins und als 
ich wieder klingelte, ließ sie mir sagen: Wenn ich so oft frisches Wasser 
wolle, müsse ich sie dafür besonders bezahlen, sie müsse ebenfalls für 
die Fahrten Wasser bezahlen, die sie sich heraufholen lasse. Ich ließ 
ihr antworten, man müsse bei ihr am Ende die Luft bezahlen ; sie müßte 
mir zwar eigenthch Wasser bringen, da ich mich jedoch mit ihr nicht 
zanken wolle, so möge sie es nur sein lassen. — Es dauert nicht lange, 
so wird meine Tür aufgerissen ; mit untergestemmten Armen, mit furien- 
gleichem Blick stürzt meine Wirtin herein und macht mir ein Geschrei, 
das man unten hören konnte. Ich blieb jedoch ganz ruhig und ermahnte 
sie nur sänftiglich, baldigst meine Stube zu verlassen, in widrigem Falle 
würde ich sie so hinauswerfen, daß ihr Hören und Sehen vergehen solle. 
Darauf fand sie es denn für gut, sich zu verziehen. Ich habe mir bereits 
eine Wohnung gemietet, die alle Wünsche noch mehr befriedigt als die 
jetzige und nicht teurer ist. Kleine Kirchgasse Nr. 2, eine Sackgasse, 
Quergasse von den lyinden, parterre. Da werde ich von nun an wohnen 
und möchte gern, da mir dies von meiner neuen Wirtin freigestellt ist, 
schon den 26. oder 27. hinziehen. Lieb wäre es mir, wenn Du mir bis zu 
dieser Zeit das Geld für das künftige halbe Vierteljahr schicktest, denn 
ich bin diesen Monat etwas knapp an Geld. 

Aber sage mir nur, warum lassen denn die Breslauer Behörden die 
Soldaten nicht aufmarschieren, mit Ruten bewaffnet, um die mutwilligen 
Breslauer Gamins nach Hause zu jagen? Warum duldet man, daß die 
öffentliche Ruhe und Sicherheit von Straßenbuben drei Tage hindurch 
gestört wird? Ich kann das in der Tat nicht begreifen! Ich bin wahr- 
haft entrüstet über diese Langmut bei den Breslauer Vorfällen.^) Die 



^) Die Unruhen in Breslau hatten an den Abenden des 6. und besonders des 
7. Juni stattgefunden. Vgl. darüber Juhus Stein, ,, Geschichte der Stadt Breslau 
im 19. Jahrhundert", Breslau 1884, S. 166 f. Die Gärung in Breslau war doch 



= lOI 

Ruhe uud Sicherheit des gesellschaftlichen Zustandes ist doch bei Gott 
etwas zu heiliges, um ein Tummelplatz zu sein für den Mutwillen 
fenstereinwerfender Gassenbuben. Etwas anderes ist es, im Namen 
der Idee eine ideeverlassene Wirklichkeit aufzuheben und eine neue 
Manifestation imd Entäußenmg des ewigen Wesens aus sich heraus 
in die Äußerlichkeit des Seins zu vollbringen, — das hat aber nichts zu 
schaffen mit jener Keckheit losen, kindischen Gesindels. Der gesellschaft- 
liche Zustand, so unberechtigt er auch ist, so gewiß er auch bald zurück- 
genommen vmd versenkt werden wird in den Abgrund jenes Wesens, das 
ihn aus seiner Unendlichkeit gesetzt hat, ist ein Unantastbares, Heiliges 
gegenüber dem frevelhaften Spiel willkürlicher, losgebundener Kräfte. 

Etwas ganz anderes ist es mit den Peterswaldauer und Langen- 
bielauer Vorfällen.^) Hier ist es Ernst, blutiger Ernst! Merkt Ihr etwas? 
Hört Ihr 's gewittern am Horizont? Fürchtet Euch nicht, es wird dies» 
mal vorübergehen, und noch einmal vorübergehen — aber dann wird's 
einschlagen! Du schreibst, wir leben in einer bewegten Zeit. Jawohl, 
sehr bewegt, aber der heiligen Jungfrau sei's Dank, daß die Zeit endlich 
zur Bewegung gekommen, daß sie sich aufzuraffen anfängt aus der 
alten sündhaften Indolenz, in die sie verfallen! 

,, Gerissen ist die Zeit aus den Gelenken," aber die neue Hamlet- 
natur fährt im Gegensatz zu der alten so fort: ,,Wohl mir, daß ich ge- 
boren bin, sie wieder einzurenken." 

Oder seid Ihr denn wirklich so stockblind, taub, dumm, an allen 
vSinnen gelähmt und geschlagen, daß Ihr nicht merkt, was das alles zu 
bedeuten hat? Die Not, das Unglück, die Entzweiimg mit dem gesell- 
schaftlichen Zustand, die sich jetzt in so vielen Phänomenen kundtut, 
durch so unzählige Prismen bricht, Weberarmut imd Aktienschwindel, 
das ist auf das engste innerlich verknüpft und ein Eines, die Prismen 
imd Strahlenbrechungen nur verschieden, das Ivicht, der Strahl der 
eine. Alle diese verschiedenartigen Phänomene sind Möwen, Möwen 
sag' ich Euch, Sturmvögel, die da verkünden, daß der Sturm des neuen 
Geistes im Anzug sei. 

-^vohl durch die Nachricht hervorgerufen worden, daß Truppen aus Brieg, 
die durch Breslau kamen, zur Herstellung der Ruhe in den Weberdistrikten be- 
stimmt waren. 

^) Über die bekannten Vorgänge, die sich Anfang Juni im Eulengebirge 
abgespielt hatten, unterrichtet noch immer am besten Wilhelm Wolff, ,,Das 
Elend imd der Aufruhr in Schlesien" (geschrieben Ende 1844). Der Aufsatz, der 
zuerst 1845 in dem von Püttmann herausgegebenen ,, Deutschen Bürgerbuch" 
erschien, ist heute am bequemsten zugänghch in Wilhelm Wolff, ,, Gesammelte 
Schriften", herausgegeben von Franz Mehring, Berhn 1909. Es wäre zu wünschen 
gewesen, daß diese Sammlung noch einige der Artikel aufgenommen hätte, die 
Wolff um diese Zeit in der ,, Breslauer Zeitung" veröffenthchte. 



— ^ = = 102 =r=T =r 

Wird man mir nun endlich glauben, daß an den modernen Prophe- 
zeiungen doch etwas dran ist? He, was sagt der Direktor? Oder sind 
auch diese Bewegungen alle nur bedeutungslose, zufällige, spurlos 
vorübergehende und ohne sein tiefes [?] und treibendes Prinzip als 
ihren Hintergrund zu haben? 

Nein, nein, man täusche sich nicht. Das ist der Anfang jenes Krieges 
der Armen gegen die Reichen, der fürchterlich nah ist. Das sind die 
ersten Regungen imd Zuckungen des Kommunismus, der theoretisch 
und praktisch unsere Adern erfüllt und durchdrungen hat. Das sind 
die ersten krampfhaften Anstrengungen, die der Embryo im Mutter- 
leib macht, wenn er sich losringen will zum Fürsichsein und zur Tages- 
helle, Das sind die ersten Wehen. Und nun frage ich Euch, was sind 
das für Ärzte, die, wenn die Mutter in den Wehen liegt, ihr die Gebär- 
mutter ängstlich und fest zuhalten? Glaubt man so eine Geburt verhindern 
zu können? Aber das Kind wird sich seinen Ausweg bahnen, — nur die 
Mutter wird dabei zertrümmert werden, die Schale nur wird zerspringen 
tmd mit Recht, denn das neue Wesen ist die Wahrheit des alten und 
ein höheres Dasein. Die Mutter hat ihren Zenit erreicht und ihre 
Bestimmung erfüllt, indem sie zur Quelle eines neuen Wesens wurde. 
In dieses ist ihre Lebenskraft hinübergeströmt, sie selbst, die Quelle, 
ist versiegt, was will sie noch? Nur im Einzelleben erhält sich die 
Mutter neben dem Kinde, aber auch hier ist es ja klar und deutlich, 
wie ihr Fürsichsein hinübergegangen ist in das aus ihr Geborne, tmd wie 
sie abnimmt mit dem Zunehmen des Kindes. 

Die Weber sind also endlich auf die Idee gekommen, selbst ein 
Komitee zubüden zur , .Abhilfe der Not der armen Weber imd Spinner 
im Gebirge", und ich glaube gewiß, daß ihr Plan auf die lyänge der Zeit 
nachhaltiger und gründlicher wirken wird, als sogar der, den Ferdinand 
dem Komitee vorgelegt hat. 

Und wie bewußt das alles zugegangen. Hast Du gelesen? Als mau 
dem Volk den Vorschlag machte, die Fabrikhäuser niederzubrennen, 
verwarfen sie dies einstimmig. ,,Denn", sagten sie, ,,damit würde imser 
Zweck nicht erreicht. Die Fabrikanten sind verassekuriert; sie würden 
den Schaden ersetzt bekommen; und unser Zweck wäre verfehlt, sie 
so arm zu machen, wie wir selbst sind!" Das ist schon nicht mehr rohe 
Vernichtungswut, das ist schon klare, selbstbewußte Zwecktätigkeit. 

Man stopfe sich die Ohren zu, das wird nichts helfen. Die Gesell- 
schaft ist nicht bloß leicht an ihrer Oberfläche bewegt, sie ist in ihren 
Untiefen — im innersten Eingeweide erschüttert und durchwühlt. 

Es wäre sehr leicht, den Zusammenhang der großen Krise in unserer 
finanziellen Welt damit aufzuzeigen. Die jetzige Verlegenheit und 
Krise ist nur der unabweisbar notwendige Ausfluß unseres ganzen 



====== I03 ■ 

konimerziellen Systems, ja sie ist sogar nur die Blüte desselben. Es 
geht damit wie immer. Eine soziale Idee taucht auf und verwirklicht 
sich. So nun gesetzt, zeigt sie zuerst ihre Berechtigung auf ; sie begründet 
das Glück der Völker, wie sie deren Schöpfung und substantieller Inhalt 
ist. Aber als bestimmte historische Idee hat sie in der Bestimmtheit 
selbst die Negation an sich, in dem, was ihre Fülle und inhaltsvolle 
Bedeutung war, erweist sie sich auch die Mangelhaftigkeit an sich zu 
haben, das ihr fehlende Moment. Eine theoretische Idee, wenn sie den 
Niederschlag in die Praxis erlebt, zeigt in diesem Niederschlag als 
Praxis erst alles das auf, was theoretisch im Keim in ihr lag. Hier erst 
in der Praxis wird sie sich selbst durchsichtig und klar, denn sie ent- 
faltet hier in allem Reichtum der entwickelten Form, in der äußerlich 
herausgebildeten Fülle der Konkretion, was sie theoretisch nur an sich 
war, was da in ihrem Innern noch verborgen und zusammengefaltet 
schlummerte. Indem sie sich aber vollständig zur Praxis gemacht, 
d. h. indem sie alle ihre Momente als seiende (nicht mehr bloß ideelle) 
aus sich heraus gesetzt hat, geschieht ein anderes. Als bestimmte 
Idee trägt sie in der Bestimmtheit die Negation, Begrenzung, den 
Mangel, das fehlende Moment an sich. Dies fehlende Moment ist das, 
■wodurch sie in eine höhere Substanz aufgelöst wird, auf welche es selbst 
das Hindeuten und über sich Hinausweisen ist. Dies fehlende Moment 
setzt sich nun aber ebenfalls, wie die andere, als Seiendes. Das fehlende 
Moment aber, die Mangelhaftigkeit, als Seiendes gesetzt, ist nicht 
mehr bloß, wie in der theoretischen Betrachtung die Grenze, Bestimmt- 
heit, das Unberechtigte, sondern als Seiendes gesetzt imd am Sein ist 
es das Unglück, das Zerreißen der frühern Harmonie, die Zerrüttung, 
die Auflösung der ganzen bisherigen Gestalt in eine neue. Diese aus- 
brechende Zerrüttung kann mithin nicht als eine Unwahrheit oder Zu- 
fälligkeit betrachtet werden, sie ist die notwendige Folge des früheren 
ungetrübten Glückes, derselbe historische Gedanke nur von der Seite 
seiner Grenze aufgefaßt und sich darstellend. Grenze aber imd Be- 
stimmtheit oder bestimmter Inhalt imd Nichtsein eines andern Inhalts 
sind identisch. So sind also jenes Glück und dieses Unglück nur die 
beiden Seiten ein und desselben Gedanken. Ja noch mehr. Das fehlende 
Moment und sein Gesetztsein, die Zerrüttung, ist die Wahrheit, die 
letzte Konsequenz, somit die Blüte einer bestimmten historischen Idee 
und das Auflösen und Übergehen der vorhandenen Gestalt in eine neue. 
So ist der Tod die Wahrheit des lycbens, der Mensch selbst ist nicht 
■ein Sich-als-Mensch-, als Individuum-Erhalten, sondern ein sich Zum- 
Menschen-Machen, ein Übergehen in einen neuen Menschen. So ver- 
halten sich auch die historischen Ideen zueinander. So hat also eine 
jede soziale Theorie, indem sie Praxis geworden, indem sie sich in 



-^ 104 = 

die Äußerlichkeit entlassen, alles aus sich herausgerungen, was in ihr 
war, und ihren ganzen Inhalt ausgestellt und aufgezeigt. Ist das 
Positive ihres Mutterschoßes erschöpft, so stellt sich das fehlende 
negative Moment in der Praxis dar als Ruin, Einsturz und Zer- 
rüttung, das aber wiederum vielmehr zu einem schönem und hohem 
Dasein wird. 

Was die soziale Idee des Handels, oder bestimmter vmser kom- 
merzielles Handelssystem betrifft, so ist es klar genug, daß sich beide 
bald erschöpft haben werden. Unser jetziges kommerzielles Handels- 
system ist das der unbeschränkten Handelsfreiheit. Voran ging ihm 
das ganze Mittelalter hindurch das System der Monopolisienmg ; das 
Unzureichende, Mangelhafte dieser Theorie kam endlich zum allge- 
meinen Bewußtsein. Bereicherung einzelner auf Kosten der All- 
gemeinheit, und die Folge davon der Ruin des Handels und der Industrie. 
Das Fehlende hiezu imd seine Ergänzung war die Freiheit der Konkurrenz, 
die formale Gleichsetzung aller. Das sah man seit Colbert ein; man 
gab den Handel frei. Die Folge davon war: Aufblühen des Handels 
und der Industrie, ungehinderte Kraftentfaltung, Wohlstand der Länder, 
schöpferischer Wetteifer. Aber die andere Seite des Negativen konnte 
nicht ausbleiben. Die Gleichstellung der unbeschränkten Konkurrenz 
war nur eine formale. Der Reichere, mit mehr Mitteln und Kräften 
versehen, verschlang und absorbierte die Unbemittelten. Mit ge- 
doppelter Schnelligkeit wuchs dies Verhältnis nach beiden Seiten zu. 
Das Geld spielte sich somit endlich von der einen Seite ganz hinüber 
und konzentrierte sich auf der andern; also allgemeine Armut tmd 
enormer Reichtum einzelner. Länder wie England, wo der Handel 
vorherrschend, zeigen diese Erscheinung auf das schärfste ausgeprägt. 
Auch Deutschland folgt nach. So ist man an dasselbe Dilemma ge- 
kommen, gegen das die Handelsfreiheit das Rettungsmittel sein sollte. 
Denn auch dies System, das System der unbeschränkten Konkurrenz, 
zeigte das ihm Fehlende, seine Negative auf. Die freie Konkurrenz hatte 
den gesellschaftlichen Zustand in einen offenen Kriegs- tmd Fehde- 
zustand verwandelt, wo der Reiche den Armen, der Unredliche den 
Redlichen bekriegte imd erdrückte. Der Vorteil des einen nur er- 
rungen auf Kosten des andern. Dieser Zustand der allgemeinen gesetz- 
lichen Befehdung gewährt das erschütterndste Schauspiel der extrem- 
sten Unsittlichkeit, Depravation. Bereits hat die Konkurrenz den 
Wohlstand und Handel selbst wieder ruiniert. Bald wird die Ver- 
teilung des Geldes noch imgleicher geworden sein, bald wird der 
tiers etat, der mittlere Bürgerstand, so verarmt sein wie der vierte 
Stand der Proletarier und mit ihm gemeinschaftliches Interesse 
haben. 



Auf das innigste hiemit hängt der Aktienhandel zusammen. Ich 
glaube aber, es ist besser, sein Verhältnis zur Idee des Handels über- 
haupt und seiner Gestaltrmg, als sein Verhältnis zum jetzigen Handels- 
s5-stem allein zu betrachten. 

Der Handel entsprang aus dem realen Bedürfnis nach den unent- 
behrlichsten Gegenständen. Darum war er in der ältesten Zeit Tausch- 
handel. Es wurde Ware gegeben und Ware dafür eingetauscht; 
das Treibende hierzu war eben das reelle Bedürfnis selbst. Darauf 
trat der Handel auf seine zweite Stufe. Es wurde ein allgemeines 
Tauschmittel erfunden, das Geld. Das Verhältnis war nun dieses, daß 
Ware eingetauscht wurde gegen Geld. Auch hier handelt es sich 
noch um die Ware, die Sache, das natürliche Bedürfnis selbst. »Sie 
war Bedürfnis, sie wurde gefordert imd dafür ein Äquivalent gegeben. 
Das Verhältnis ist noch dasselbe von Seiten des Käufers; von Seiten 
des Verkäufers geht es bereits in die dritte Stufe über. Der Handel er- 
reicht endlich seine dritte Stufe; durch die Übergangsbrücke des Bankier- 
handels, wo Geld für Geld verkauft wird, gelangt er zu dem Agiotage- 
oder Differenzenhandel, von dem der Aktienhandel nur eine Abart ist. 
Hier ist es denn dahin gekommen, daß die Ware und das natürliche 
Bedürfnis nach ihr, das zum Handel geführt, gänzlich verschwindet. 
Es kommt beim Agiotagehandel gar nicht mehr auf die Sache selbst 
an, diese ist gleichgültige Unterlage, es handelt sich hier nur um die 
Differenz, den Unterschied im Kurs. Man sieht leicht, daß der Handel 
so, dem natürlichsten Bedürfnis entsprungen, sich endlich zur größten 
Unnatürlichkeit und dem gesteigertsten Raffinement entwickelt hat. — 
Der Handel hat seine Stadien durchloffen,^) er hat Welten miteinander 
vermittelt, Schätze von Bildimg, Geist, Wohlfahrt, Glück in Fluß ge- 
bracht; ich brauche aber das negative Moment nicht erst hervorzu- 
heben; er hat entsittlicht, korrumpiert, und jetzt endlich überschlägt 
er sich selbst, wie das notwendig; er, der Bereichernde, macht arm, 
saugt aus. Der Handel hat alle seine Stufen erklommen, er hört auf; 
das heißt, er geht aus seiner höchsten Unsittlichkeit und Widernatür- 
lichkeit über in den Zustand der Sittlichkeit. Der Handel hört auf, 
die Fabrikation bleibt. Doch davon ein andermal. 

Jetzt leb mir wohl. Tausend, tausend Dank der geliebten Mutter 
für ihren schönen Brief. Ich küsse sie im Geiste imendlich oft und 
schreibe ihr nächstens einen besonders adressierten Brief. Daß bei 
Rikchen und Ferdinand meine Ermahnungen auf tauben und un- 
fruchtbaren Boden fallen würden, konnte ich mir denken! Immerhin I 

Euer Euch liebender Sohn 

Ferdinand. 

») Siel 



— -— io6 — = 

22. 

IvASSAI^LE AN DIE MUTTER. (Original.) 

Berlin, d. 30. Juli 1844. 
Geliebte Mutter! 

Es ist so, wie ich Dir bei Deiner Anwesenheit in Frankfurt gesagt. 
Das Verhältnis hat sich völlig umgekehrt. Der Sohn ist ein fleißiger, 
regelmäßiger Briefschreiber geworden, der Vater schreibt seltener, 
sparsam, läßt viele Posttage unbenutzt vorübergehen. Ja, der Sohn 
hat dich so sehr an seine außerordentliche Ordentlichkeit gewöhnt, 
daß, als er einmal zwei Tage später als gewöhnlich schreibt, man ihm 
indirekte Vorwürfe macht, spricht, ,,man wolle nicht richten" etc., 
während man doch vergißt, daß man denselben Brief, über dessen zu 
langes Ausbleiben man schmollt, weit länger imbeantwortet hat im 
Pult liegen lassen. Ist nicht dieser Vorwurf selbst indirekt das größte 
I/)b meiner sonstigen außerordentlichen Pünktlichkeit, an die man 
sich so gewöhnt hat, daß ein Rückfall in eine nur gewöhnliche Pünkt- 
lichkeit bereits auffallend erscheint? Siehst Du, auf diese Weise ver- 
steht meine Eigenliebe sich selbst aus dem Wermut des Tadels das 
[sie!] Honig des I/obes zu bereiten! — 

Ja, man hat auf den König geschossen ! ^) Ein Zufall ließ mich fast 
Augenzeuge bei dem Vorfall sein. Es war ^j^ auf 9 Uhr, und ich befand 
mich eben auf dem Wege in die Universität, als herbeistürzende Personen 
und am Schloß die dichte Volksmasse verkündete, es müßte etwas 
Ungewöhnliches vorgefallen sein. Ich eilte hinzu und sah noch den 
Missetäter von der Wache abführen und den königlichen Wagen in der 
Ferne verschwinden. Bei Gott! Die Gefahr war groß; die eine Kugel 
durchdrang den königlichen Mantel imd streifte die Brust so nahe, 
daß sie eine harte rötliche Geschwulst auf derselben verursachte. Sie 
hat also selbst das naokte Fleisch berührt. Doch, wie Pindar singt, 
über dem Haupt der Herrscher, da wacht der Vorsehung Hand. Die 
andere Kugel schlug der Königin durch den Hut. Ich sprach den 
Gendarm, der während des Vorfalls dicht neben dem Frevler ge- 
standen und sich dann seiner Person bemächtigt hatte. Er mußte mir 
aUes bis ins Detail erzählen. Doch geben die Zeitungen jetzt zusammen 
den Vorfall richtig und erschöpfend, und ich will Dich daher nicht mit 
einer Schilderung langweilen. Die offizielle Mitteilung des Ministeriums 
aber ist imgenau und unvollständig; auch ist da der Verwundung 
nicht erwähnt, wenn man sie so nennen kann. Auf der Frankfurter 



1) Am 27. Juli hatte das Attentat des Storkower Bürgermeisters H. L. Tschech 
auf Friedrich Wilhelm IV. stattgefunden. 



— — :^ 107 ■ —^=13=: 

Eisenbahn mußte der König eingerieben werden. — Es läßt sich in 
der Tat nicht leugnen, daß das königliche Paar bei dieser so dringenden 
Gefahr große Fassung an den Tag gelegt hat. — Wenn Dir aber Zeitungs- 
berichte zu Gesicht kommen, daß das Volk etwa wie das empörte 
Meer getobt und den Verbrecher habe in Stücke reißen wollen, so 
glaube ihnen nicht. Ich war dabei. Es gab sich allerdings ein gewisser 
Unwillen kund, der aber doch im ganzen lau genannt werden kann. 
Man vernahm nur das halb mutwillige Geschrei: ,,Haut ihn, haut ihn," 
von Totschlagen, Zerreißen oder irgend solchen Akten der Volks- 
justiz, wenn das sittliche Gefühl, der moralische Zorn in der Tat wie 
ein empörtes Meer seine Dämme gebrochen hat, war, merkwürdig 
genug, nicht die Rede. Ich war vielleicht die Person, welche den tiefsten 
Unwillen empfand von allen Gegenwärtigen. Denn wenn das Individuum 
»uf allgemeine Weise und für alle den bestehenden Zustand der Dinge 
aufhebt, so ist sein Tun Gesetz, wenn aber auf einzelne Weise ist es 
Verbrechen; hat es sich nun gar in seinem Tun losgelöst von dem All- 
gemeinen und erfaßt sich und sein Tun nur als einzelnes und für ein- 
zelnes, so ist es Schandtat, die umso verabscheuenswerter, wenn sie 
gegen das geht, was der beseelte Ausdruck des Allgemeinen ist. — 
Drum muß auch Deine Ermahnung, nicht unbesonnene Reden etwa 
verlauten zu lassen, mir ein I^ächeln abnötigen. Wie sehr ist darin 
meine ganze Anschauung verkannt! Hätte ich darüber zu bestimmen, 
ich würde den Kerl von unten nach oben rädern lassen. 

Heut hab' ich auch noch eine Bitte. Ich habe nämlich etwas in 
Ausfühnmg gebracht, wozu ich schon, wie Du vielleicht in Frankfurt 
von mir gehört hast, während der Messe mich halb und halb entschloß. 
Ich habe nämlich wieder Reitstunden genommen. Ich hätte dies 
schon früher getan, aber die Kostbarkeit dieses Vergnügens hielt mich 
davon ab. Jetzt vereinigte sich vieles, um mich dennoch dazu zu be- 
stimmen. Erstlich ließ mich der Abschluß unseres Gasgeschäftes die 
Ausgabe mit etwas gleichgültigeren Augen betrachten. Dann trug dazu 
bei, daß Du mir gar so sehr die Sorge für Bewegung ans Herz gelegt 
hast und mir schon in Breslau Ärzte das Reiten als die für meinen 
Unterleib zweckmäßigste empfohlen haben ; ferner wünschte ich auch 
wohl, es jetzt zu lernen, weil ich, wenn ich dies nicht noch während 
meiner Studenten jähre tue, später doch vSchwerlich dazu kommen und 
Muße wie Lust haben dürfte; und endlich mag ich mir nicht verhehlen, 
daß nach angestrengter Arbeit mir einmal eine Erholung so lieb wie 
am Ende auch vielleicht nötig ist. Wenn der Gedanke fort und fort 
gearbeitet hat — imd die Arbeit des Gedankens ist die ergreifendste — , 
hat auch der ausdauerndste Geist eine Zerstreuung nötig, im wört- 
lichsten Sinne eine Zerstreuung im Gegensatz gegen die Sammlung, 



io8 =, 

in der er sich sonst befindet. Solche Erholung gewährte mir nun iu 
Breslau mancherlei, von dem Vergnügen zu geschweigen, das Ihr mir 
gewährtet und das ich gar nicht unter die Kategorie „Erholung" rechnen 
mag, weil es viel zu positiv genußgebend ist gegen dies bloß negative 
Moment des sich Ausniheus. Hier bin ich lediglich auf mich re- 
duziert. Das aber, was man mir vielleicht als solches Erholungsmittel 
empfehlen könnte, das Besuchen von Gesellschaften, wird mir bald 
ganz und gar unmöglich werden. Es wird damit immer ärger. Jedes- 
mal, wenn ich aus solcher ,, Gesellschaft" zurückkehre, bin ich unend- 
lich angestrengter, als wenn ich Tag und Nacht en suite gearbeitet habe. 
Es erschöpft mich mehr als das andauerndste geistige Tim, mich iu 
diesen hohlen Formen zu bewegen, wo alles gar so saft- und marklos, 
so hohl, so unwahr, mit einem Wort so blasiert. Es ist mir fast un- 
möglich, auch nur zu vegetieren in der Nähe dieser Geistesarmut und 
Leerheit, zu der sich als Zugabe so oft noch Leerheit des Herzens ge- 
sellt. Mir ist dann immer, wenn ich zurückkehre, so leer imd hohl zu- 
mute, als wäre ich ihrer einer und bin zu ermattet, selbst um etwas 
zu tun. Es legt das deutlichste Zeugnis ab von der Unwahrheit unseres 
gesellschaftlichen Lebens, daß man, um Erholung zu suchen, sich aus 
ihm, dem Gebiete der Geistigkeit, sich zurückziehen muß iu den Schoß 
des Naturlebens. Und ich bin doch sonst kein Verehrer des ,, idyllischen 
Naturtreibens", nicht so begeistert für Naturbetrachtung, Naturlebeu, 
schöne Gegenden etc. etc. wie eine Klasse der modernen Affen, die in 
ihrer Geistesarmut nichts mehr zu verehren und lieben affektieren als 
eben die Geistestotheit, die Bewußtlosigkeit der Natur. Man könnte 
sagen, der Mensch verkenne eben das absolut Höhere, den Stempel 
des freien Geistes iu ihm, wenn er sich so wegwirft an die Natur. Aber 
freilich, diese Leute haben keinen Geist, den sie verkennen oder weg- 
werfen könnten! Und ich sogar muß das Naturleben und den Genuß 
der Waldeinsamkeit vorziehn dem, was die heutige gesellschaftliche 
Welt bieten kann. Und ich verehre doch sonst so sehr den mensch- 
lichen Geist, in jedem Ausdruck, jeder Gestaltung, die er sich gegeben, 
in jeder Form, iu die er sich gegossen, denn sie sind eben Formen des 
göttlichen Geistes und enthalten in sich seinen ganz weltbildenden 
Inhalt imd in ihren Stufen sein geschichtliches Sein vmd Werden! 
Und darum sind alle die geschichtlichen Stufen, mid selbst die sich 
widersprechendsten tmd die in der Erscheinimg unnatürlichsten, so 
groß, so gewaltig und (sogar die, die der Welt, die sie geschaffen, das 
Bild der vollendetsten Unnatur und Häßlichkeit aufgeprägt haben) 
für den Denker so schön, weil sie eben nichts bedeuten als den Geist, 
der seine Tiefe und seinen Reichtum in ihnen auslegt und darstellt. 
Um mich bestimmter zu erklären, es ist nicht alles schön, wie z. B. das 



— =: log - 

Griechentum, aber es ist alles tief, und für den Denker ist das Tiefe 
das Schöne. Man kann z. B. das indische Leben dumpf und aller Selbst- 
heit entbehrend finden, aber das tiefe Prinzip läßt sich dabei nicht 
verkennen, das Hinausgehen des Individuums über seine körperliche 
Besonderheit und Vereinzelung in der Hingabe und dem Aufgehen in 
die eine allgemeine, zusammenhängende, aber noch starre Natur- 
substanz. Und jener Mangel an Freiheit in der indischen Welt und au 
Individualität beruht eben auf dem Versenken in diese eine unend- 
liche Substanz. Man kann — und mit allem Recht - — sagen, daß die 
Welt des hebräischen Volkes das Bild, wenn man so will, der vollendet- 
sten Häßlichkeit darbiete, der äußersten Gedrücktheit des Menschen 
vor Gott, der innersten Zerrissenheit und Haltlosigkeit, kurz der voll- 
kommensten Selbstentfremdung des Geistes. Die jüdische Welt ist, 
wie sich Hegel darüber treffend ausdrückt, ,,die Welt der erbärmlichen 
Persönlichkeit". Hier hat der Geist allen Halt verloren und windet 
imd krümmt sich wie ein Wurm im Staube vor der abstrakten Gottheit. 
Und wie in der jüdischen Anschauung diese Wesenlosigkeit und Zer- 
rissenheit sich durch alles Menschliche und Natürliche durchzieht, so 
in der jüdischen Geschichte das Unglück. Denn das Unglück ist das, 
was jenem innern Gebrochensein seinem Begriffe nach entspricht. 
Und wie der Hebräer in seiner Anschauung und seinem Bewußtsein 
das Unglück schon in sich trägt eben als jene Zerknicktheit und als 
das Bewußtsein seiner absoluten Wertlosigkeit, so muß sich auch das 
Unglück äußerlich in der Geschichte des jüdischen Volkes als sein 
Schicksal realisieren. Und es realisierte sich auch in den Exilen und 
seinem spätem Geschick und Knechtschaft. Die jüdische Religion ist 
die Religion der harten Knechtschaft vor dem abstrakten Geiste, Gott; 
und so ist auch sein Schicksal das der harten Klnechtschaft. Die Ge- 
schichte hat kein Volk aufzuweisen, das mit so namenlosem Leiden 
verfolgt worden wäre, als das jüdische, aus dem einzigen Grunde aber, 
v/eü die geistige Stufe, die die Welt in dem jüdischen Volke überwinden 
mußte, die Stufe der Zerrissenheit, der Knechtschaft, des Unglücks 
ist. Die ganze jüdische Welt, religiöse, politische etc. wird ihrem 
Geist und Bewußtsein wie ihrer äußerlichen Geschichte nach am 
besten zusammengefaßt als die Welt des Unglücks. Das Unglück aber, 
nämlich, wie es hier auftritt, als die Zerknicktheit und Haltlosigkeit 
in sich selbst des menschlichen Geistes ist: das ästhetisch Häßliche. 
Und doch welch spekulativer Kern liegt für den Denker in dieser Häß- 
lichkeit der Gestaltung! In dem jüdischen Volke hat der Geist dies 
tiefe Bewußtsein seiner selbst erreicht, daß er gebrochen hat mit seiner 
äußerlichen kreatürlichen Erscheinimg, mit der ganzen Natur selbst. 
Er hat sich als das Höhere erfaßt gegen alle Natur und Kreatürlichkeit, 



=: HO =r 

der er iu allen vorangehenden Religionen hingegeben war. Die Natür- 
lichkeit und Endlichkeit ist ihm das Wesenlose, die absolute Wesenheit 
fällt ihm in den abstrakten Geist. Er ist aber festgehalten in der Sphäre 
dieses Wesenlosen, er ist selbst dies Wesenlose als Kreatürliches und 
Körperliches gegen den abstrakten Geist, der der Herr ist des an imd 
für sich wertlosen Weltalls. vSo ist er festgebannt in die Natur und 
hat sie selbst an sich, sie, die er als das absolut Nichtige erkannt gegen 
die Abstraktion. Und darum der Bruch mit der Welt. Er ist sich 
selbst das absolut Nichtige und das ist der Quell seiner Zerrissenheit 
und seines Unglücks. Der innere Bruch des Menschen mit sich selbst 
ist der Grund dieser Entzweiung ohne Versöhnimg. Und so sehr daher 
auch die Gebilde der jüdischen Welt aller objektiven, plastischen Schön- 
heit entsagen müssen - — denn Schönheit beruht auf Harmonie, auf 
Einheit des Menschen mit sich selbst, hier aber ist diese 
innere Einheit absolut gestört, der Mensch in sich selbst gebrochen, — 
so sehr also, wie gesagt, ihre Gestalten der Schönheit entbehren, so 
sehr man sogar diesen heillosen Riß und Zwiespalt eine Entfremdimg 
des Geistes, ja die härteste Selbstentäußerung, die er überhaupt in 
der Geschichte vollbrachte, nennen mag, so darf doch nicht die Tiefe 
dieser Härte übersehen werden, das, was das punctum saliens dieser 
»Selbstentäußerung ausmacht, nämlich: daß der Geist sich erfaßt 
hat als seine absolute Realität und Wahrheit nicht in der 
Natürlichkeit als solcher habend, daß er sein Wesen als 
die Freiheit der Abstraktion gegen diese Natürlichkeit, 
die früher seine Substanz ausmachte, begreift. Indem so sich 
der Geist seines Höhern, der Abstraktion bewußt wird, stellt sich dies 
vollendetere Bewußtsein zuerst als Riß dar des Menschen und Geistes. 
— So [stellt sich] ^) für den Denker grade das, was die Häßlichkeit des 
Judentums bildet, als seine Schönheit, wenn man so will, dar. Der 
Mensch verlor hier alle innere Einheit mit sich, aber er mußte sie ver- 
lieren einmal, um des Wesens seines Geistes bewußt zu werden. Die 
Periode dieses Schmerzes ist das Judentum; die schöne Einheit des 
Menschen ist zugrunde gegangen, vmd ohne Ersatz dafür, denn der 
Gott, an den es sich weggeworfen, d, h. der Geist, wie es sein Wesen 
erfaßt hat, ist noch nicht die totale Fülle des Geistes, sondern nur erst 
die kalte Einseitigkeit der Abstraktion. Und darum ist dieser Riß ohne 
Versöhnung, die ihm erst im Christentum wird, wo der Geist als der 
totale erfaßt wird in dem Prinzip der Liebe. — 

Oder man könnte der römischen Welt vorwerfen, wie sie doch so 
prosaisch, so kalt wäre gegen die poetische Schönheit des Griechen- 



') Im Original steht: ist. 



= III = 

tums! Und wer wollte die Wahrheit dieses Vorwurfs leugnen! Aber 
das bei weitem tiefere Prinzip des Römertums darf nicht übersehen 
werden vmd ist grade der Grund dieser Prosa. Im Römertum hat der 
Geist die äußerhche F'orm, die objektive Plastik, als die er sich in der 
griechischen Welt erfaßt, zerbrochen; er ist dafür mehr in seine Tiefe 
heruntergestiegen, er weiß sein Wesen gegen die griechische Harmonie 
des Geistigen und Sinnlichen gegen die Formschönheit als das 
Innerliche, freilich wiederum zuerst abstrakt, also als die abstrakte 
Verständigkeit. Der kalte bloße Verstand ist, was die Römerwelt 
so groß gemacht hat, sein Wesen ist das Utilitätsprinzip, seine Welt- 
anschauung die, daß alles dient seinem für sich seienden, verständigen 
Ich, Durch diese Innerlichkeit erweist sich das Römertum als das 
Höhere gegen die griechische Welt, in der der Geist sich noch nicht in 
sich gesammelt und in sich eingekehrt, sondern in Äußerlichkeit des 
Schönen ausgegossen war. 

Oder man kann von der vollendeten Widematürlichkeit der christ- 
lichen Welt sprechen. Und diese Widematürlichkeit und Verzerrung 
läßt sich durchaus nicht leugnen. Aber die christliche Religion hat 
grade die allerspekulativste Bedeutimg. Diese imendliche Tiefe liegt 
darin, daß in dem Christentum die Entfremdimg des Geistes von sich 
selbst bis ins äußerste Bxtrem zugespitzt ist und noch weit hinaus- 
gegangen über den Riß des Judentums, daß aber zugleich andrerseits 
und eben darum, weil dieser Zwiespalt seinen Gipfel erreicht, bereits 
die Versöhnung des Geistes mit sich vorhanden ist. Dieser Widerspruch, 
die absolute Entzweiung und die absolute Versöhnung, ist der tiefe 
Inhalt des Christentums (das Wie davon auszuführen oder auch nur 
andeuten zu wollen, würde diesen Brief sechs Bogen lang machen). 

Nun also kannst Du fragen, wenn wir jederzeit auf diese Weise 
ihre Schönheit abzugewinnen wissen, und böte sie auch äußerlich das 
Bild der äußersten Verzerrung dar, warum nicht auch unserer Zeit, 
der Zeit, in der wir leben ! Oh freilich kann ich das, ja ich muß das sogar. 
Will ich denn leugnen, daß Vernunft in unsrer Zeit und in allen ihren 
Institutionen und Sphären, wie in dem staatlichen so auch in dem 
geselligen Leben ? Oh, im Gegenteil ! Ewig wahr bleibt, was Hegel sagt: 
Das, daß eine Zeit etc. als rein und vernünftig etc. gescholten wird, 
beruht nicht sowohl auf dem Mangel an Vernunft in der Objektivität 
(jener Zeit etc.), als vielmehr auf der Ohnmacht der (subjektiven) Ver- 
nunft, sich in ihr zu erkennen. Und war je eine Zeit groß und inter- 
essant für den Denker, so ist es die unsere, ja, die unsere ist unendlich 
größer als alle andern. In unserer Zeit haben die Widersprüche in allen 
Sphären, religiösen, staatlichen, sozialen die höchstmögliche Höhe er- 
stiegen, zur feinsten Spitze zugespitzt; und zugleich ist die Lösung 



— ^ 112 

aller dieser Widersprüche schon vorhanden, wie natürlich, wenn sie 
einmal ihr extensivstes und intensivstes Dasein erreicht haben; die 
große Hand ist schon beschäftigt an der Lösung dieses gordischen 
Knotens. Aller Widerspruch, den die christliche Idee in sich barg, 
hat sich endlich auch ausgeschüttet, und die ganze Wirklichkeit und 
jeder Winkel in ihr, sogar der bloß gesellige Verkehr der Menschen, ist 
von diesem Widerspruch durchdrungen. Und wie interessant ist, wie 
sehr das höchste' Vergnügen gewährend, sogar alle die kleinen Ver- 
hältnisse des geselligen Umgehens etc. nicht so geistlos als bloße Fakta 
zu betrachten, sondern als Resultate zu begreifen, als Resultate der 
einen großen Verzerrung, oder was dasselbe, der einen großen 
Idee, die imser gesamtes staatliches wie religiöses und (im höhern Sinne) 
soziales Leben durchzieht. Also, wirst Du sagen, halte Dich an dieses 
luteresse, hier hast Du ja das Anziehende und Reizgewährende der 
Gegenwart, warum diese herbe Unbefriedigung in ihr? Hier aber 
kommen wir zu der differentia specifica, zu einem ganz kleinen Um- 
stand, der einen himmelweiten Unterschied begründet. So lang ich 
die Gegenwart und ihre Institutionen nur als Folie und Objekt 
des Gedankens betrachte, beut sie mir in der Tat das innigste und 
gediegenste Interesse und Vergnügen, so gut wie die indische Dumpf- 
heit, die jüdische Verzerrung und die römische Prosa, ja bei weitem 
mehr, ihres tieferen Gehaltes wegen. Dieses Interesse aber gewährt sie 
nur, solange sie Objekt des Denkens. Der Gedanke ist kalt, ist ichlos. 
Die Institutionen der Gegenwart sind aber nicht nur Objekte des Ge- 
dankens, denn sie sind noch gegenwärtig. Ich soll auch sein in 
ihnen, sein mit Fleisch und Blut, in ihnen leben. Da wird aber nicht 
nur der Gedanke, da wird Kopf, Herz, Gefühl, Fleisch, Blut, der ganze 
Mensch tangiert. Tief sind sie, diese Verhältnisse, tmd gedankenvoll ; 
aber liebenswürdig, nein, bei Gott, liebenswürdig, das sind sie nicht. 
Beglücken, befriedigen können sie nicht den, der in ihnen lebt. Wie 
hoch ich auch das Prinzip der jüdischen Welt stelle, hätte ich in 
ihr leben mögen? Gewiß nicht, denn grade das eigentümliche Prinzip 
des jüdischen Volkes war es, das jeden Hebräer zum Unglück ver- 
dammte. Diese Rosenfarbe haben diese Epochen nur als Objekt des 
Gedankens, dem es nur darauf ankommt, die Vernunft zu erfassen 
in der Objektivität. Lebt man in ihnen, so gestaltet sich das Verhält- 
nis ganz anders, da tritt die Verzerrung, die Karikatur, die Herz- und 
Geistlosigkeit schroff entgegen, das Unglück. Und so sehr ich auch 
all diese Verschrobenheit nicht als sinnloses, unerklärliches Faktum 
fasse, so sehr ich sie auch fassen mag als Resultat einer Stufe des 
Begriffs, einer histo ischen, vernünftigen Idee, so ist sie doch als 
Resultat und Faktum und — gleichviel, ob ich mir dies Faktum 



113 =r^. 

erklären kann oder nicht — es beleidigt, es verletzt durch sein 
Dasein. 

Darum also ka/in ich Vergnügen nicht finden in der Verschrobenheit 
und Unnatur unseres geselligen Treibens, darum kann ich darin nicht 
einmal ausharren, darum isoliere ich mich und muß mein Vergnügen, 
meine Erholung wo anders suchen. — Doch ich bin ziemlich abge- 
kommen \'on dem Punkt, zu dem ich hinauswollte. Ich woUte zeigen, 
daß mir unser geselliges L^ben keine Erholung gewähren kann und daß 
ich diese also in Dingen suchen muß, die, wenn sie auch den Geist 
nicht geradezu erregen, ihn doch nicht abstoßen und verletzen. Dies 
also, wie die oben angeführten Motive der Bewegung und des Wunsches, 
diese Fertigkeit mir anzueignen, ließen mich über die nicht geringe 
Ausgabe von zwölf Talern hinwegsehen, und ich nahm einen Kursus 
Reitstunde. Leider sah ich, daß ich von früher her nichts mehr behalten, 
wohl deswegen, weil ich nie eigentlich was drinnen gelernt hatte. Denn 
ich nahm nur einen einzigen Kursus in Breslau, und das ist zwei Jahre 
her. Jetzt bin ich auch hier mit meinen 24 Stunden zu Ende. Auch 
habe ich in der Tat mich dabei ganz ausgezeichnet amüsiert und auch 
etwas Rechts gelernt. Mein Sitz ist fast vollkommen. Nur mit der 
Führung des Pferdes haperts noch sehr. Es wäre also, um dieser Fertig- 
keit mich vollkommen zu bemächtigen, und so daß ich sie nicht wieder 
sobald vergesse, nötig, einen zweiten Kursus von 24 Stunden zu nehmen. 
Wenn ich mich aber auch zu einer solchen Höhe der Liederlichkeit 
hinaufschwingen konnte, einmal zwölf Taler auszugeben, so kann doch 
für das zweite Mal davon auch gar nicht die Rede sein. Meine Kasse 
tritt mit einem diktatorischen Veto auf. Darum richte ich an Dich 
die Bitte, mir zu diesem Endzweck zwölf Taler zu schenken. Wenn Du 
mir diese Bitte erfüllst, so wirst Du mir ein nicht unbedeutendes Ver- 
gnügen machen. Jedoch wie Du willst. Ich bin auch nicht böse, wenn 's 
nicht ist. 

Mein Freund Zander ^) kehrte neulich mit seiner Mutter und Schwester 
von Rügen durch Berlin nach I<eipzig zurück. Er war überfahren 
worden, der arme Junge, auf der Reise; zudem war ihm das Geld aus- 
gegangen und befand sich also seiner Damen wegen in arger Verlegen- 
heit. Hier Häuser anzugehen, genierte ihn, weil er von seinem Vater 
keine Kreditbriefe mitgenommen und er darin allerdings blöder ist 
als Dein Sohn, z. B. in Teplitz, Marienbad, Hirschberg etc. war. Er 
eröffnete mir seine Verlegenheit. Ich half ihm auf, indem ich mir von 



^) Robert Zander war in Leipzig einer von Lassalles liebsten Freunden 
gewesen. Vgl. von ihm R. Z(ander), ,, Meine Jugenderinneningen an Ferdinand 
Lassalle", Gartenlaube 1S77, Nr. 41. Zu seiner Schwester Rosalie fühlte L. sich 
damals stark hingezogen. 

Mayer, Lassalle-Naclilass. I 3 



— — = 114 

Eschwe 30 Rt. geben ließ und sie ihm lieh. Nach Verlauf von vier Tagen 
hatte ich sie bereits wieder erhalten. 

Max ^) kommt fast täglich zu mir. Gutmütig scheint der Jtmge in 
der Tat zu sein, und werde ich es also wenigstens dadurch bei weitem 
leichter haben. Hast Du den Brief an Hassak gefälligst besorgt? 

Ich freue mich sehr, daß Ihr Euch neulich so gut in Fürstenstein 
amüsiert habt. Macht doch manchmal solche Ausflüge, Jedes Ver- 
gnügen, das Ihr Euch vergönnt, ist mir, wenn Ihr mir es erzählt, als 
hätt' ich es mitgenossen und noch lieber bei weitem. Die Kinderchen 
Alfons, Elisabeth haben sich doch erholt? Was macht meine viel- 
gehebte Schwester Rikchen? Weim sie aus dem Bade gekommen, 
schreibe ich ihr. 

Jetzt, vielgeliebte Mutter, lebe wohl ! Indem ich Dich noch tausend- 
mal umarme imd küsse, bleibe ich Dein Dich ewig liebender Sohn 

Ferdinand. 

Den lieben Vater bitt' ich herzlich zu grüßen; er soll mir die Mutter 
ja nach Altwasser und später hierher schicken mit Rikchen und mir 
auch schreiben, wie es mit der Anschaffung des Kapitals für das Gas- 
geschäft steht. 



23. 
IvASSALIvE AN DEN VATER. (Original.) 

Berlin, 6. September 1844, 
Vielgeliebter Vater! 

Sehr schön ist es von Dir imd weiß ich Dir herzhchen Dank dafür, 
daß Du die Geschichte mit jenem Briefe vergessen willst und Dich sogar 
für entschädigt erklärst. Gestehe ich doch sehr gern ein, daß es ein 
faux pas war. Nur war mein Unrecht deshalb nicht so groß, weil ich 
das Wort ,, Ironie" nicht in dem bittern imd scharfen Sinne nahm, 
den es sonst eigentlich hat. Ich würde von der dummen Geschichte 
am liebsten völlig schweigen, doch will ich nur kurz sagen, was ich 
eigentlich unter Ironie meinte. Die ersten Sätze Deines damaligen 
Briefes enthielten offnen Tadel, die folgenden erklärten diesen Tadel 
für Scherz, und darauf gabst Du zuletzt selbst die Gründe an, die meinen 



*) Vielleicht meint Lassalle seinen Vetter Max Friedländer, den späteren 
Redakteur der „Neuen Freien Presse" in Wien. Vgl. über ihn N. Rjasanoff, 
,,Karl Marx und die Wiener Presse" in ,,Der Kampf", Wien VI, 6, i. März 1913. 



= 115 

Schritt rechtfertigten. Ich nun faßte jenen ersten scherzhaften, schein- 
baren Tadel für wirklichen. Deine Beistimmung darauf erklärte ich 
mir so, Du hättest Dir überlegt, es sei doch einmal ein fait accompli und 
nicht zu ändern, Du wolltest mich also nim, da es doch vorbei sei, nicht 
erst beimruhigen, und zuletzt die Gründe, die Du für mich selbst an- 
führtest, daß ich mich nicht in Landmessers etc. Kategorie^) fallen 
lassen kann, diese Gründe faßte ich für nur scheinbar ernste Äußerungen 
imd vielmehr für Hänseleien. Ich glaubte, Du wolltest mich damit 
necken und indirekt andeuten, als hätte ich etwa aus bloßer Eitelkeit und 
um mich von der Kategorie: Landmesser etc. zu unterscheiden, dieses 
Faktum^) veranlaßt. Du siehst also, daß ich mit dem Wort Ironie eine 
sehr gutmütige Bedeutung verband. Eine andere schwebte mir in der 
Tat nicht vor, und wäre es auch halb wahnsinnig gewesen, eine andere 
Ironie von Dir für möglich anzunehmen als eben höchstens eine solche 
harmlose Neckerei, die aber mich auch dann als unangenehm berührte, 
weil sie doch nur ein gutmütiges Hinwegsehn über jenes Faktum aus- 
zudrücken schien, nicht aber das, was es doch in der Tat war und was 
ich forderte, ein vollkommenes Damiteinverstandensein. — 

Und nun wäre denn diese Geschichte erledigt; wieviel Bogen aber 
hat das erfordert, was mündhch mit zehn Worten abgetan gewesen wäre. 
Die Industrieausstellvmg ist hier nun schon seit längerer Zeit eröffnet 
imd ist es in der Tat eine wahrhaft großartige Konzentration imseres 
Gewerbfleißes vmd seiner Produkte. Hat doch sogar die französische 
Kommission, die aus Paris zur Besichtigung imserer Ausstellung her- 
geschickt wurde, eingestanden, daß sie bisher noch gar keinen Begriff 
von deutscher Industrie gehabt hätten und daß er sich hier erst ihnen 
eröffne. In Paris sei die Ausstellxmg großartiger gewesen, aber nicht so 
geschmackvoll. 

Für mich selbst hat diese Industrieausstellimg größeres Interesse, 
als Du vielleicht geglaubt haben magst, doch ist es allerdings ein anderes 
Interesse als das begrifflose Anstaunen der gedankenlosen Menge, die 
sich Maul aufreißend jetzt in den Sälen des Zeughauses drängt, oder 
als das nicht weniger begrifflose sogenannte ,, Verstehen" derMaschinen- 
und Industriekundigen. Nicht einer von diesen Industriellen selbst 
weiß den Begriff der Industrie zu erfassen, ihre wahre Bedeutung, 
imd wenn sie über die Macht der Industrie sprechen, imd daß sie die 
Seele unsrer Zeit sei, so bleibt dies ein hohles unfruchtbares Geschwätz. 
Allerdings ist die Industrie die Seele unserer Zeit, aber das Wie davon, 
das begreifen alle deutschen Fabrikanten mit der Pariser Kommission 



^) Hier sind die ursprünglichen Worte mit anderen Worten durchschrieben, 
so daß der Text nicht genau zu lesen ist. 



^ — ii6 = 

zusammen nicht, trotz ihrer in die Einzelheit gehenden Kenntnisse! 
Sie sind in dieser Beziehung ebenso bewußtlos wie die Räder ihrer 
Maschinen selbst, ganz ohne Bewußtsein dessen, was sie sind und tun. 
Dieses Bewußtsein findet sich grade bei denen, denen man die Industrie 
so gern entgegensetzt, den Philosophen. Und diese selbe Industrie, die 
man uns fortwährend entgegenhält, ist gerade Wasser auf unsre 
Mühle; vmd das ist der Humor davon, daß wir grade mit den WafiFen 
siegen, mit denen man uns anzugreifen gedenkt. In der Tat aber ist 
der Begriff der Industrie nicht so leicht zu haben und wesentlich im 
Zusammenhang mit der Geschichte der neuesten Zeit und nur aus 
diesem Zusammenhange zu begreifen. — Was ich tun will, ist nur das, 
ihn anzudeuten; den Begriff der Industrie selbst, seinen Zusammen- 
hang mit unserer Zeit und seine Bedeutung für dieselbe. — 

Das, was das Christentum spezifisch von den früheren Perioden der 
Welt abscheidet, ist das Prinzip der absoluten Berechtigung 
aller Persönlichkeit. Dieses Prinzip predigt das Christentum offen 
in der Bibel, den Dogmen, den Kirchenvätern, es drückt es indirekt aus 
einmal in der Mensch- vmd Person werdung Christi, des Sohnes Gottes, 
und zweitens in dem mit gutem Recht von der Kirche allen ketzerischen 
Sekten gegenüber so hartnäckig festgehaltenen Dogma von der Persön- 
lichkeit Gottes (des Vaters) selbst. Das Christentum verwirklicht zu- 
nächst dies Prinzip der absoluten Berechtigung aller Person konsequent 
in der Sphäre der Religion: in der Seligkeit aUer Subjekte im Himmel, 
ohne Unterschied. Zu zeigen, wie das Christentum dies Prinzip auch 
in der Wirklichkeit, in staatlichen, kirchüchen Institutionen etc. ver- 
wirklicht, erforderte eine Philosophie des ganzen Mittelalters. Der 
Inhalt des ganzen Mittelalters ist i. das Setzen dieses Prinzips, 2. seine 
Negation, und 3. seine Verwirklichung in seiner Negation. Doch tut 
dies auch näher nichts zur Sache. — Die französische Revolution nun 
ist es, die die Aufgabe über sich nimmt, dies Prinzip der absoluten Be- 
rechtigimg aller Persönlichkeit in der Sphäre der diesseitigen, wirk- 
lichen Welt, des Staates etc., zu realisieren. 

Im Mittelalter war die Berechtigung des Subjekts nicht die abstrakt 
allgemeine gewesen; nicht dies Formale, Subjekt, Person zu sein, hatte 
genügt, sondern die Berechtigimg und Anerkennung des Subjekts war 
daran geknüpft, daß es erfüllt sei mit dem substantiellen, bestimmten 
Geiste. Das ist die Idee des Standes, die im Mittelalter auftritt, das 
Subjekt ist anerkannt, insofern es die Bestimmtheit, den Inhalt des 
substantiellen Geistes des Standes in sich aufgenommen und in sich 
hat, insofern es zu dieser Substantialität gehört, Mitglied eines Standes 
ist. Die zwei absolut berechtigten Stände waren Adel und Geistlichkeit. 
Dies muß jedoch nicht so angesehen [werden] , als wenn damit das Prinzip, 



= 117 ^ 

das ja schon das Christentum aufstellte, das Prinzip der absoluten 
Berechtigung aller Person, Subjektivität vollkommen negiert gewesen 
wäre. Das Christentum hat nicht das Prinzip der abstrakten Be- 
rechtigung der Person, wonach das Subjekt, schon weil es Subjekt, 
Mensch ist, auch an und für sich anerkannt und berechtigt ist (dies 
Prinzip in seiner abstrakten Form und Allgemeinheit spricht vielmehr 
erst der neue Humanismus und tatsächlich dann die Revolution aus), 
das Christentum bindet die absolute Anerkennung des Subjekts, die 
ewige Seligkeit, daran, daß es sich mit dem spezifischen, substantiellen 
Geiste der christlichen Religion erfülle, daß es Christ sei. Die Erfüllung 
dieser Bedingung jedoch ruht einzig imd allein in den Händen der 
freien Subjektivität. Anders bei den Juden oder Griechen, bei welchen 
als absolutes Prinzip der Geltung die Nationalität hingestellt war, die 
Bedingung: diesen bestimmten substantiellen Volksgeist in sich zu 
haben. Denn hier konnte die Subjektivität nicht durch ihr freies Wollen 
und Vollbringen diese Bedingung lösen, sich mit diesem Inhalt erfüllen, 
sondern sie war hier an die Naturschranke gebunden: in diesem Volke 
geboren zu sein. Aber diese Naturseite und -schranke der Nationalität 
hatte das Christentum aufgehoben imd die Möglichkeit, sich zu dieser 
absoluten Geltung zu erheben, zu diesem Anundfürsichsein, in die 
innere Freiheit der Subjektivität selbst gelegt. Die Subjektivität er- 
hebt sich hier durch sich zu dieser Vollendung ; der objektive Inhalt, 
an den sie gebunden ist, von dem sie erfüllt sein muß, wenn sie an und 
für sich sein, allgemein anerkannt sein soll, den kann sie sich durch 
das freie Fürsichsein ihrer eignen Subjektivität verschaffen. Daher 
muß alle Bedingung, alles Objektive, von welchem die christliche 
Welt das Subjekt abhängig macht, wenn es gelten will, so sehr es objektiv 
ist, dennoch eben so sehr seiner Natur nach schlechthin erreichbar 
sein für das Subjekt; das Subjekt muß in dieser seiner freien Innerlich- 
keit und Subjektivität das absolute Mittel haben, sich jenes Inhalts 
bemeistern, die objektive Aufgabe lösen zu können. So ist es mit der 
Exklusivität der christlichen Religion selbst (die eben als solch ob- 
jektiver Inhalt für jedes Subjekt hingestellt wurde), so auch im Mittel- 
alter mit dem Priesterstand. Die Möglichkeit, zu demselben zu gehören, 
ist eben nur von der freien Selbstbestimmung und Innerlichkeit des 
Subjekts abhängig. Es ist für jedes Subjekt schlechthin möglich, durch 
Vertiefung in den religiösen Geist allem Irdischen und Zeitlichen zu 
entsagen imd dadurch in den Priesterstand, seine ehrende Anerkennung 
xmd religiöse Geweihtheit einzutreten. So ist in letzter Instanz das 
Subjekt von nichts anderem als solchem abhängig, da dies andere 
wiederum nur von der freien Innerlichkeit des Subjekts abhängig ge- 
macht, das Subjekt also sozusagen in einer Kreislinie durch dies andere 



ii8 — 

hindurch in sich zurückgebogen ist. — Ebenso verhält es sich ur- 
sprünglich mit dem Adel, der schon bei den Germanen diesen Charakter 
der Freiheit, der Subjektivität trug, wie denn überhaupt der durch- 
greifendste Charakterzug der germanischen Nationen der der absoluten 
Innerlichkeit, der sogar trotzigen Persönlichkeit und Subjektivität ist, 
ein Charakterzug, der diese Nationen eben dazu befähigte, die haupt- 
sächlichen Träger des christlichen Geistes zu werden. Der germanische 
Adel basiert seinem Ursprünge nach auf nichts anderm als auf der 
Vollendung des Subjekts: Die hohe innere Vortrefflichkeit, die Voll- 
kommenheit seiner Subjektivität, die das Subjekt in seinen Taten, 
Tapferkeit etc. an den Tag legt, ist es, die ihm diese Achtung und Rechte 
verschafft. Adlig wurden die ausgezeichneten Krieger, die sich auf 
den Erobertmgszügen hervorgetan etc., der Adel selbst der lyohn und 
Preis solcher Großtaten. Wir wollen hier nun nicht weiter den Begriff 
des Adels verfolgen als Stand der Tapferkeit, dessen Subjektivität so 
sehr zur Allgemeinheit erweitert und von dem allgemeinen Geiste er- 
füllt ist, daß er für die Erhaltung des Staates, des allgemeinen Geistes, 
sittlich genug ist, in den Tod zu gehen, seine Persönlichkeit aufs Spiel 
zu setzen etc. Es genügt, daß der Adel eben auf nichts beruht, als auf 
der Manifestation der Innern Vortrefflichkeit des Subjekts, auf der 
Vollendung des Subjekts in sich. Weit entfernt also, dem Prinzipe der 
Subjektivität entgegen zu sein, erhebt er grade das Prinzip der ab- 
soluten Subjektivität auf den Schild und spricht es aus, wie das Subjekt 
alles erringe und erlange durch seine eigene freie, alles vermögende 
Persönlichkeit und deren Kraft. — Um den Adel zu erringen, bedarf 
es nur einer gleichen Vollendimg der eignen Subjektivität. — 

Nun aber kommt das weitere. — An den Adel und die Geistlichkeit ist 
die Berechtigung im Staatsleben im Mittelalter geknüpft und, wie oben 
gesagt, um an und für sich berechtigt zu sein, muß das Subjekt mit 
dem substantiellen Geist eines dieser beiden Stände erfüllt sein, zu einem 
dieser Stände gehören; zugleich haben wir gesehen, daß die Idee dieser 
Stände selbst nichts als die unendliche Subjektivität, also nichts weniger 
als dem Prinzip der absoluten Persönlichkeit und ihrer Berechtigung 
entgegengesetzt ist. Nim aber wird der Adel erblich. Das höchste 
Insichsein des Geistes, das innerlichste Prinzip der subjektiven Voll- 
endung schlägt zur Natürlichkeit, zur Geschlechtsfolge um, die Inner- 
lichkeit in die Äußerlichkeit, die geistige Subjektivität in die Natür- 
lichkeit der Geburt. Die Deduktion der Notwendigkeit dieses Um- 
schlagens der Innerlichkeit in das Sein hat die Rechtsphilosophie zu 
führen. Uns interessiert hier mehr das Faktura und seine evidenten 
Folgen. — Das Subjekt ist hier wiederum dazu gekommen, abhängig 
zu sein, von einer Natürlichkeit. Diese Zufälligkeit, in einem Stande 



= 119 = 

geboren zu sein, kann sich das Subjekt nicht nehmen und nicht geben, 
es ist eine Bedingung, zu deren Erfüllung es nicht das Mittel an seiner 
eigenen Subjektivität hat. An dies Natürliche, der Idee der freien 
Subjektivität und Innerhchkeit Entgegengesetzte wird der Vollgenuß 
im Leben und die staatliche Berechtigimg vmd Freiheit geknüpft; der 
Oeist ist damit zu dem Harten gekommen, sich abhängig zu setzen 
von dem absolut Geistlosen, der Zufälligkeit der Natur, Das Prinzip 
<ler unendlichen Subjektivität imd ihrer alleinigen Berechtigung, 
das in den verschiedensten Stufen die ganze christliche Welt regierte, 
-dies Prinzip der absoluten Innerlichkeit, hat sich weggeworfen und 
verloren an die Äußerlichkeit des Seins, seine lebendige Innerlichkeit 
ist unterworfen der Totheit der natürlichen Beziehung. — Dagegen 
nun erhebt sich der Geist in der Kraft seiner innern Unendlichkeit. 
Die Idee der absoluten Berechtigimg aller Subjektivität verneint es, 
daß sie, diese Subjektivität, diese imendliche freie Innerlichkeit, ge- 
bunden sei an die starre Dingheit und Äußerlichkeit der Kasten und 
Standesunterschiede. — Diese faktische Negation trägt in der Ge- 
schichte den Namen ,, französische Revolution". Wie zunächst dies 
Prinzip auftritt, ist es noch abstrakt. Die Revolution richtet sich 
"dagegen, daß der mittelaltrige Staat die Berechtigung des Subjekts 
an das Erfülltsein mit dem substantiellen Geist des Standes bindet. 
Der Staat war, wie gesagt, durch diese an sich richtige Idee, daß das 
Subjekt um an und für sich zu sein, substantiell erfüllt sein müsse, 
dazu gekommen, das Freie, Subjektive der toten Äußerlichkeit des 
Seins vmterzuordnen, die Revolution im extremen Gegensatz hiezu, 
«rgreift das strikte Gegenteil dieser Idee der realen Erfülltheit des 
Subjekts durch den substantiellen Geist. Die Revolution stellt das 
Prinzip der absoluten Berechtigung der abstrakten Persönlichkeit auf. 
Das Subjekt braucht nicht mehr, um an tmd für sich zu sein, von 
irgendeiner realen Substanz, von irgendeinem geistigen Inhalt 
beseelt und erfüllt zu sein (was doch selbst das erste Christentum 
forderte, indem es das unbedingte Postulat der Christlichkeit 
avif stellte), sondern es genügt jetzt das ganz allgemeine, das ganz 
abstrakte, das bloß Formale: Subjekt, Person zu sein. Dies schlecht- 
hin Allgemeine, das bloße ,, Mensch tum" sollte hinreichen, um dem 
Subjekt die höchste Realität, Würde und Geltung, das Recht eines 
Citoyen actif, eines den Staat produzierenden Bürgers zu verschaffen. 
Noch nie war das Prinzip der absoluten Subjektivität in dieser Höhe 
der nacktesten Abstraktion aufgetreten. Es war dies auch erst jetzt 
möglich, nachdem sich die entgegengesetzte Idee des substantiellen 
Erfülltseins der Subjektivität bis zu der Gebundenheit und Verknöche- 
nmg in den Naturschranken getrieben hatte. Der Held dieses ab- 



120 

strakten Pathos ist Robespierre und der getreueste Ausdruck desselben 
einmal die Erklärung der Menschenrechte und dann auf praktischem 
Boden die Konstitution, die Robespierre 1793 dem französischen Volke 
gab. In dieser Konstitution ist der Begriff des Citoyen (die Unterschei- 
dung zwischen dem Citoyen und dem Citoyen actif, die in der frühern 
Constitution war, findet sich in dieser nicht mehr) von nichts, gar 
nichts abhängig gemacht, als eben dem, Mensch zu sein; wenn man 
nicht etwa das für etwas rechnen will, daß bestimmt ist, um Citoyen zu 
sein, müsse man sechs Monate in einem Kanton wohnen. Das Subjekt 
ist also so, wie es ist an und für sich berechtigt. Hiemit hatte sich 
denn das Prinzip der absoluten Berechtigung aller Persönlichkeit zu 
seiner feinsten Spitze zugespitzt, zu der inhaltleeren Abstraktion 
der Subjektivität zusammengefaßt. Dies abstrakte Pathos ist aber 
seiner Abstraktion imd Leerheit wegen ein unwahres. Das formale: 
Subjekt, Mensch zu sein, reicht in der Tat nicht hin, um ihn sofort der 
höchsten Würde und Realität, des Staatsbürgertums, teilhaftig werden 
zu lassen. Der Mensch, so wie er schlechtweg Subjekt, also Natur- 
produkt ist, ist noch nicht absolut, an imd für sich. Zu diesem An- 
undfürsichsein gelangt er erst, wenn er seine Subjektivität, diese 
Form, erfüllt mit einem realen, substantiellen Inhalt. Aber welcher 
Inhalt sollte dies Erfüllende sein, und damit Bedingung sein, von der 
die Würde des Staatsbürgers, des Freien, abhängen sollte? Das war 
die Frage, die damals entstand. — Die Idee der abstrakten Subjektivität, 
die Robespierre vertrat, konnte eben dieser ihrer Abstraktion wegen 
sich nicht länger halten, sie mußte untergehen ; aber wer sollte sich an 
seine Stelle setzen? Die Macht der Standesmiterschiede, die eben von 
dieser Idee der abstrakten Subjektivität so siegreich und blutig be- 
kämpft worden war, dieser alte Gegensatz? Gewiß nicht! Das wäre 
ein bloßer Rückschritt gewesen, und die Geschichte hat keinen Rück- 
schritt, der nicht zugleich ein Fortschritt wäre. Nicht einmal die Gironde 
konnte sich an Robespierres Stelle setzen; es geschah auch wirklich 
nicht, trotzdem daß man es gewöhnlich annimmt. Wer aber denn? 
Eine wesentlich neue Idee imd Macht. — 

Ehe wir zu dieser neuen Idee übergehen, vorerst noch einen Blick 
auf den Inhalt und Begriff der Freiheit der französischen Revolution. 
Wir haben schon gesehen, daß die französische Revolution die Idee 
der absoluten Subjektivität nur abstrakt erfaßte, inhaltsleer. Dieselbe 
Inhaltslosigkeit zeigt sich uns, wenn wir den Begriff der Freiheit, den 
die französische Revolution aufgestellt, ins Auge fassen. Die Freiheit 
der französischen Revolution ist die nur abstrakte, inhaltsleere; nicht 
unsere Freiheit, die im Gegensatz hierzu als die substantielle zu be- 
zeichnen wäre. Unsere Freiheit (die Freiheit der modernen Philosophie) 



= 121 

besteht darin, daß wir den objektiven Begriff als die Macht und vSub- 
stanz wissen, der wir uns schlechterdings hingeben, von der wir uns 
schlechterdings erfüllen und bestimmen lassen müssen. Es wird 
uns nicht so gut, tun zu können, was wir wollen, oder lassen zu können, 
was wir wollen. Überall tritt ims der Begriff entgegen und sagt: 
,,Ich bin der Herr Dein Gott." Dieser Begriff aber ist der sittliche all- 
gemeine Geist, die unendliche Bejahimg unseres Wesens, der bis jetzt 
charakterisierte ,, schwere Dienst" ist zugleich verbunden mit der 
Freudigkeit der Religiosität. — Wir sind auf diese Weise gänzlich ent- 
nommen imserer subjektiven Willkür; wir sind zwar durchaus autonom 
und frei, es gibt keine äui3ere Macht, von der wir uns bestimmen lassen, 
wir bestimmen uns schlechthin selbst, aber dies bestimmende Selbst 
ist nicht unser empirisch vereinzeltes, unsere individuelle Lust, sondern 
dies Selbst ist das allgemeine Selbst wiederum : der Begriff. Indem wir 
so schlechthin von ihm bestimmt sind, sind wir dabei doch nur von 
unserm affirmativen eignen Wesen, von unserm eignem Begriff, 
aber durchaus nicht von einem ,, Andern" etc. bestimmt. Von Willkür 
[ist] also bei uns nicht die Rede. Eher ist unsere Freiheit eine ver- 
klärte Notwendigkeit, verklärt nämlich deshalb, weil an die Stelle 
der kalten fremden Macht des Fatum unser eignes Wesen gesetzt 
worden ist. 

Anders mit der Freiheit der französischen Revolution. Die Freiheit 
der französischen Revolution ist die der absoluten Bestimmungslosig- 
keit. Das Ich steift sich hier darauf, von nichts, nichts anderm bestimmt 
werden zu können, als eben von seinem rein einzelnen Ich. Der 
wahre Name einer solchen abstrakten Freiheit ist vielmehr: Willkür. 
Das Ich erfaßt sich hier als die spröde Punktualität, die nur auf sich 
bezogen und für sich selbst Totalität sei. Diese atomistische Welt- 
anschauung, wo eben das Ich sich als ein solches zusammenhang- 
loses Atom begreift und sich demgemäß isoliert, in dieser punktuellen 
Abgeschlossenheit nur für sich geht, würde vielmehr einen wahrhaft 
sittlichen Staat unmöglich machen, denn sie würde seine einfache 
sittliche Totalität in die Vielheit dieser Punkte zersprengen. Dies 
Prinzip der subjektiven Willkür, wo das Ich, von nichts anderem als 
seinem Ich tmd Belieben bestimmt, tun und lassen kann, was es nur 
irgend will und beliebt, ist nicht sowohl eine Freiheit des Staates, als 
vielmehr eine Freiheit vom Staate selbst und seinen objektiven 
Mächten. Glaube nicht, daß ich der französischen Revolution etwas 
in den Schuh gieße, wenn ich ihr diesen abstrakten Freiheitsbegriff 
vindiziere. Dieselbe vorhin angeführte Konstitution Robespierres 
spricht es mit klaren dürren Worten aus, die Freiheit des französischen 
Bürgers bestehe eben darin, daß es ihm erlaubt sei, ä faire tout ce que ne 



122 

nuit pas ä autrui. Für das Ich- ist nur wieder das andere Ich und dessen 
individuelle, ichliche Interessen eine Schranke. Von einem Objektiven, 
Allgemeinen ist hier nicht die Rede. Jeder, isoliert für sich, geht seinen 
einzelnen Zwecken nach, und daß er dies ungehindert kann, insofern 
er nicht so ein anderes Ich verletzt, daß er dies kann, ohne wie früher 
von einem Allgemeinen, wie Staat etc. beschränkt und in den Dienst 
der Allgemeinheit gebannt zu werden, — das ist eben seine Freiheit. 
Diese Freiheit ist somit die Idee der absoluten Bestimmungslosigkeit 
oder die Idee der vollkommensten persönlichen Unabhängigkeit. 
(Beiläufig. Glaube deswegen nicht, daß ich die französische Revo- 
lution heruntersetzen oder niedrig achten und geachtet wissen will. 
Ganz im Gegenteil. Nachdem das einzelne Ich so lange im Mittelalter, 
in der Kirche, im feudalen vmd absolutistischen Staate, in dem Dienst 
•eines Allgemeinen gehalten war, welches (Allgemeine) nicht die Seele 
und Bejahimg, sondern vielmehr die Negation des Ich war, nachdem 
alle Autonomie und Selbständigkeit so lange und so schmählich da- 
niedergelegen hatte unter der Macht von Schranken des Standes etc., 
war nur der vollendete Gegensatz (aber darum der noch abstrakte) 
möglich, daß nämlich alle diese Macht des toten Allgemeinen, das bisher 
das Ich knechtete, es auf alle Weise hemmte, in den Schoß des einzelnen 
Ich selbst hinein- und zusammensank. Das Ich hatte sich empört gegen 
eine Substanz, die es nur fesselte; es wandte sich damit gegen jede 
solche Substanz und stellte ihr als das Wesenhafte gegenüber die Idee 
der imbeschränkten freien Ichheit, Einzelnheit. Das Weitere, was in 
tmsrer Philosophie geschah, das eigne Ich selbst als Substanz zu 
fassen, das war ein Schritt, der damals schlechthin unmöglich war, 
der erst möglich und notwendig wurde, als die Idee der französischen 
Revolution, die Idee der unbeschränkten Ichheit, dieser Gegensatz 
gegen seinen mittelalterlichen Gegensatz, sich sattsam ausgetobt 
hatte. — Bemerke übrigens, wie in der französischen Revolution die 
Idee der abstrakten Freiheit Hand in Hand geht mit der oben auf- 
gezeigten und erörterten Idee der abstrakten Subjektivität. Das sind 
nur zwei Seiten eines und desselben Gedankens. Oder vielmehr, die Idee 
der abstrakten Freiheit zeigt nur dasselbe dem Inhalte nach, was die 
Idee der abstrakten Subjektivität der Form nach zeigt. Weil die fran- 
zösische Revolution die Idee des Subjekts noch abstrakt faßt, das 
Subjekt noch nicht faßt wie es substantiell erfüllt ist, bringt sie es 
auch noch nicht zur Idee der substantiellen Freiheit. Oder von 
einer anderen Seite: Weil die französische Revolution die Idee des 
Subjekts nur noch formal faßt (siehe oben), bringt sie es auch nur 
zur formalen Freiheit (des unbeschränkten Könnens und Lassen- 
Xönnen etc.). 



Aber weiter. — Wir haben gesehen, daß die Freiheit der 
französischen Revolution nichts andres war, als die Idee der absoluten 
Bestimmungslosigkeit, der vollendeten persönlichen Unabhängigkeit. 
Diese Idee der vollendeten persönlichen Unabhängigkeit muß sich noch 
weiter ausbilden. Der Staat kann dem Subjekt nur die persönliche 
Unabhängigkeit nach ihrer formalen Seite hin (als Anerkennimg 
dieser Unabhängigkeit, Staatsfreiheit etc.) garantieren, er kann nur 
dies Formale aussprechen: daß das Subjekt schlechthin unabhängig 
sei und nicht nötig habe, sich von einem andern bestimmen zu lassen, 
abzuhängen. Die wahrhafte reale Unabhängigkeit konnte auch der 
Staat Robespierres dem Subjekt nicht geben. Wahrhaft, realiter un- 
abhängig ist das Ich nur dann, wenn es um sich einen Kreis geschlossen 
hat, dessen alleiniger Mittelpimkt es selbst ist, wenn innerhalb dieses 
Kreises alle Bedingungen fallen, die es für sich, seine Existenz, Leben 
braucht, so daß das Ich nicht nötig hat, aus diesem seinem Kreise her- 
auszutreten imd sich auf die Kreise anderer Ichs einzulassen. Mit einem 
Wort, realiter imabhängig ist das Ich nur dann, wenn es selbst, für 
sich, ohne andere zu brauchen, die Bedingungen hat, die für seine 
Existenz nötig sind : Besitz, Eigentum, Geld. Im Gegensatz gegen 
diese reale Unabhängigkeit des Ichs, die der Staat als solcher, selbst 
die Republik, nicht gewähren kann, ist die Freiheit, die der Staat 
ausspricht, nur die formale Anerkennimg der Unabhängigkeit des 
Individuums; was nützt diese, wenn das Ich in der WirkUchkeit, um 
seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen, an andere verwiesen und also 
realiter von ihnen abhängig ist?! Der Staat spricht die Freiheit und 
Gleichheit der Individuen nur als Recht aus, aber als nur Recht, 
bloßes formales Recht, noch nicht als absolut ausgeführtes Recht. 
Das Individuum ist trotz aller Anerkennung seiner Rechtsansprüche 
auf Freiheit, Gleichheit, persönliche Unabhängigkeit doch nichtsdesto- 
weniger vollkommen abhängig, unfrei, wenn es diese Bedingungen 
seiner Existenz, Eigentum, Besitz etc., nicht in sich selbst hat. Erst wenn es 
diese Bedingimgen innerhalb seines eignen Kreises hat, dann ruht es 
vollkommen frei , unabhängig innerhalb der Pfähle seines Eigentums, 
wie Gott in seiner Stemenschanz. Und darum entsteht nun und von 
dieser Zeit an das Haschen und Ringen des Subjekts nach Be- 
sitz, Eigentum, Geld — das ist der Materialismus. Der Materia- 
lismus ist nichts anderes als das Streben imd die Arbeit des Ich, seinen 
selbsteigenen Kreis um sich zu ziehen, seine persönliche Unabhängigkeit, 
die nur noch als formales Recht ist, auch wirklich auszuführen, sie 
zu vollenden, sich an der Dingheit des Eigentums das Gefühl seiner 
vollkommenen Ichheit und deren vollendeter Selbständigkeit zu 
geben. Und darum entsteht in jenem Augenblicke der Materialismus 



und wird eine Weltmacht. Sieh, das war etwas Hartes, sehr Hartes 
für den Geist, aber seine eigne notwendige Fortentwicklung. Der 
Idealismus der französischen Revolution, die Idee der absoluten 
Freiheit, d. h. der absoluten persönhchen Unabhängigkeit und Be- 
stimmungslosigkeit, muß, um diese seine Unabhängigkeit imd Bestim- 
mungslosigkeit, seine vollkommene Freiheit auszuführen, also grade 
um seinen Idealismus zu verwirklichen, sich selbst zu der 
Geist- und Ideallosigkeit des Materialismus entwickeln! Es ist also 
sehr ungründlich und seicht, zu glauben, wenn man die Masse unserer 
Materialisten sieht, diese Leute erhielten sich gegen alle Idee und 
Geist, weil sie sich in der Tat um alle ideellen Interessen nicht kümmern 
und wäre ihr bloßes Bestehen schon ein Beweis, daß man sich gegen 
die Idee, den Geist absperren könne. Im Gegenteil haben sie sich uns 
erwiesen, selbst nur eine Stufe des Geistes, und zwar grade des revolu- 
tionären, freiheitskämpfenden Geistes zu sein, so wenig sie auch davon 
eine Ahnung haben. Darum ist der Materialismus auch erst ein Produkt 
dieser neuesten Zeit. Er ist noch nie vorher in der Geschichte auf- 
getreten. Er ist ein Produkt dieser neuesten Zeit, denn er ist ein Produkt 
und Stufe des neuen Idealismus und Geistes. Der Materiahsmus, der 
Materialismus zu sein glaubt, ist vielmehr nur das Resultat und die 
Vollendung des abstrakten Idealismus, der Idee der abstrakten 
Freiheit (und doch zugleich der strikte Gegensatz gegen allen Idealis 
mus und Freiheitsinteressen. Das ist die sogenannte Dialektik der 
Geschichte). — 

Und nun schnell noch eine andere Konsequenz. — Wir haben oben 
gesehen, wie die Freiheit der französischen Rev^olution zu ihrem Inhalt 
hatte die abstrakte Ichheit, dasich, das sich als spröde Punktualität, 
als Atom, das schlechthin für sich ist, erfaßt und sich in dieser Einzelheit 
isoliert hinstellt, das Ich, das nicht schlechthin regiert und bestimmt 
ist von dem objektiven Begriff, dem sittlichen Wesen des allgemeinen 
Geistes, sondern an seiner abstrakten Einzelheit festhält. Ich habe 
schon oben dies Prinzip der abstrakten Freiheit als das Prinzip der 
Willkür charakterisiert, ich habe schon oben gesagt, wie es die sitt- 
liche Totalität des Staates in atome für sich seiende und für sich gehende 
Punkte zersprengen müsse, wie es nicht eine Freiheit des Staates 
l>egründe, sondern ein Freisein vom Staate und seinem objektiven 
Geiste. Dies, daß wenn das Ich sich als nicht regiert vom objektiven 
Geiste als für sich seiendes Atom erfaßt, der vStaat sich in die Vielheit 
dieser Einzelnen auflösen müsse, dies, daß das Ich, welches nur für 
sich und nicht schlechthin dem allgemeinen Geiste ergeben ist, in diesem 
seinem abstrakten Fürsichsein, als dieser atome Punkt gegen alle die 
anderen ebenso isolierten Punkte gehen müsse (es kann nur gegen diese 



125 — 

ebenso atome Punkte gehen, nicht gegen eine Allgemeinheit, denn diese 
besteht ja gar nicht, die Totahtät der Allgemeinheit ist ja eben in die 
Vielheit der Punktualität der Einsse aufgelöst) — ■ dieser Kampf 
aller gegen alle ist eine logische Folgerung des Begriffs, die sich 
demgemäß auch verwirklichen muß. Zwar zuerst ist noch in der Kon- 
stitution Robespierres gesagt, es stände einem jeden nur frei ä faire 
tout ce que ne nuit pas ä autrui — aber das ist nur noch der Schein im 
Anfange, als könne das Ich, wenn es nun einmal nicht dem Allgemeinen 
schlechthin ergeben, sondern für sich ist, so friedlich hinbestehen 
neben den anderen Ichs. Dieser Schein muß sich aufheben. Auch der 
Begriff, wie er als bloß logischer auftritt, ist noch nicht entwickelt, 
seine Konsequenzen ruhen noch in ihm und treten erst dann heraus; 
ebenso ist es mit der Wirklichkeit des Begriffs — der Geschichte. 
Wenn ich einmal alles tun und lassen kann, was ich will und was nur 
einem andern nicht schadet, wenn ich nicht vielmehr alle meine Energie 
tmd Kraft darauf verwenden muß , um den sittlichen allgemeinen 
Geist zu bereichern und zu gestalten, wenn ich nicht mit aller Intensität 
meiner Fasern und Nerven für diese objektive Substanz, das allge- 
meine Wesen, streben muß, schlechthin muß, wenn ich es nicht 
immerwährend aus mir zu produzieren habe, mit meinem ganzen 
Können für dies Objektive, Allgemeine zu wirken habe — dann bin ich 
angewiesen, dann habe ich mich zurückgezogen in meine einzelne, 
abstrakte, empirische Ichheit, und dies abstrakte Ich ist das, welches, 
indem es bloß für sich geht, eben um für sich zu gehen gegen alle 
anderen geht, die ebenso ihrerseits als gleiche isolierte Punktuali täten, 
Atome für sich und gegen die anderen gehen. Dies ist der Kampf 
aller gegen alle, der seine Verwirklichung und Organisation in der 
Geschichte findet in dem — System der freien Konkurrenz. Wir 
leben noch in diesem Kampfe, er ist die gegenwärtige Weltlage; man 
ruiniert den andern, man stößt ihm auf erlaubte Weise den Dolch 
in die Brust, eben um sich das zu verschaffen, was, wie wir gesehen 
haben, das abstrakte Ich bedarf zu seiner Unabhängigkeit, den Besitz, 
und um sich an diesem das Gefühl und die Versicherung seiner voll- 
kommenen Freiheit und Unabhängigkeit zu geben. — 

Nun aber zurück zu der Idee der absoluten Berechtigung der ab- 
strakten Subjektivität, die wir oben S. 5 ^) besprochen imd dann liegen 
gelassen haben, indem wir zu ihrem Inhalt, der französischen Freiheit, 
übergingen. Wir haben von diesem Inhalte, der Freiheit, den Übergang 
zu dem Materialismus gemacht, wir müssen ihn nun auch von der Seite 
der Form machen, sehen, wie die Idee der Berechtigung der abstrakten 

1) S. 117 f. 



=^ 126 — 

Subjektivität ihrerseits ebenso in die Idee des Eigentums übergeht — 
und dann werden wir bald am Ziele sein. Wir haben oben dort also ge- 
sehen, wie die Revolution das Prinzip der absoluten Berechtigung der 
abstrakten Subjektivität aufstellt, wie sie sich gegen das Mittelalter 
wendet, welches die Geltung imd Berechtigimg des Subjekts, sein An- 
undfürsichsein, daran knüpft, daß es erfüllt sei von dem realen 
substantiellen Standesgeist. Diese an sich richtige Idee, daß das Subjekt, 
um an imd für sich zu sein, substantiell erfüllt sein müsse, war in den 
Standesunterschieden zur Naturschranke umgeschlagen. Die Revolution 
zerschlägt mm die Standesunterschiede, sie zerschlägt rmd leugnet es, 
daß das Subjekt, um an und für sich zu sein, um zu gelten, irgend- 
einer substantiellen ErfüUtheit, irgendeines Objektiven bedürfe, sie 
spricht es aus, daß vielmehr dies, Subjekt zu sein, die bloße Innerlich- 
keit der Subjektivität, das Höchste und Berechtigende sei. Die Re- 
volution hatte unleugbar recht, wenn sie leugnete, daß die freie 
Innerhchkeit imd Subjektivität von der Naturbestimmtheit, von dieser 
toten Objektivität, abhängig gemacht werden dürfe. Aber als dia- 
metraler Gegensatz zu der entgegengesetzten Verkehrtheit des Mittel- 
alters sprach sie dies an sich Wahre: daß das Subjekt, dies vollkonmien 
freie Innerhche, doch nur von seiner eigenen freien Innerlichkeit ab- 
hängen könne, daß es von nichts derartigem Objektiven abhängen 
könne, zu dessen Erreichung es nicht in seiner freien Subjektivität und 
Innerlichkeit das absolute Mittel habe, so aus : Das Subjekt sei schlecht- 
hin an imd für sich und bedürfe dazu wie zu seinem Anerkanntsein und 
Gelten durchaus keiner ErfüUtheit von einem spezifischen substantiellen 
Geiste; die Subjektivität, weit entfernt an irgend etwas Objektives ge- 
bunden zu sein, sei für sich selbst das Höchste. Dies Prinzip der im- 
beschränkten imd unbedingten Subjektivität stellt die Revolution 
auf, und wir haben es oben als das Prinzip der abstrakten Subjektivität 
bezeichnet. Dieses Prinzip aber ist, wie gesagt, eben seiner Abstraktion 
wegen unwahr. Der Mensch in dieser ganz formalen Bedeutung, bloß 
Mensch zu sein, wie er also auch schon als Wilder Naturprodukt ist, 
ist überhaupt erst an sich Mensch, erst die reale Möghchkeit eines 
wahrhaften Menschen, noch nicht seine Wirklichkeit; wie könnte er 
also auf die höchste Wirklichkeit des Menschen, auf die eines Staats- 
bürgers Anspruch machen. Dazu genügt allerdings die bloße Subjekti- 
vität nicht und bedarf es dazu vielmehr in der Tat des Erfülltseins mit 
einem objektiven, substantiellen Inhalt. — Von dieser Seite angesehen 
also ist diese Idee der Revolution unwahr; die Welt empfindet das Un- 
wahre und die Leerheit, Abstraktheit dieses Prinzips; die Unwahrheit 
dieses Pathos führt seinen Helden, Robespierren, auf die Guillotine. 
Aber was nun? Die Revolution hatte es negiert, daß das Subjekt für 



— 127 — 

seine höchste staatliche Freiheit irgendeines objektiven substantiellen 
Inhalts bedürfe. Jetzt wird diese Negation negiert. Die Welt sehnt sich, 
wieder ein Objektives, Substantielles zu finden, von dessen Erfülltsein 
sie die sonst leere und abstrakte Subjektivität abhängig machen könne 
(in bezug auf die vollendete Realität des Staatsbürgers). Aber welcher 
Inhalt sollte dies sein? Welcher konnte es sein? Offenbar mußte ein 
solcher Gedanke, Begriff gefunden werden, welcher einmal die beiden 
extremen Gegensätze, die Standesunterschiede des Mittelalters und die 
abstrakte Subjektivität der Revolution in eine höhere Einheit 
zusammenfaßte imd vereinigte, sie beide als Momente in sich hatte; 
zugleich aber, wie die Revolution der diametrale Gegensatz gegen die 
Standesimterschiede des absolutistischen Staates war, mußte dieser 
neue höhere Begriff seinerseits der diametrale Gegensatz gegen dies 
Prinzip der französischen Revolution selbst sein. Diese beiden Seiten 
mußte der Begriff vereinen, der jetzt auftreten imd sich Geltung ver- 
schaffen sollte. Diese beiden Seiten, daß er die Gedanken der Standes- 
unterschiede und der Revolution in eine höhere Einheit zusammen- 
fassen und doch zugleich wiederum nur der abstrakte und extreme 
Gegensatz der Revolution selbst sein sollte — diese beiden Seiten 
scheinen vielleicht unvereinbar, und doch ist dies grade das Gesetz 
aller geschichtlichen Bewegimg. Dieser Gedanke, der diese beiden 
Seiten in der Tat in sich vereinte, ist nichts anderes als der Begriff 
des — Eigentums, nichts anderes als der Gedanke, die höchste Realität 
des Subjekts als regierender tmd gesetzgebender Staatsbürger im 
Zensus vom Eigentimi abhängig zu machen. Es ist tmschwer zu sehen, 
wie dieser Gedanke jene beiden Momente in sich hat. Er vereint den 
Gedanken der Standesimterschiede mit dem der Revolution, denn: 
von jenem Gedanken hat er dies Moment in sich, daß das Subjekt, 
um an imd für sich zu sein, um seiner vollendeten Würde als gesetz- 
gebender Staatsbürger zu genießen, nicht genug habe an dieser seiner 
bloßen, abstrakten Subjektivität, sondern erfüllt sein und repräsen- 
tieren müsse ein Objektives, Substantielles (dies Objektive ist eben nun 
das Eigentum, der Besitz) — das Prinzip der Revolution hat er ebenfalls 
als Moment in sich, denn: er gibt der Subjektivität ihre freie selbst- 
eigne Unendhchkeit und Innerhchkeit zurück, er macht sie nicht, wie 
der Standesunterschied, von der toten, der Subjektivität unzugäng- 
lichen Objektivität abhängig, von der Natürlichkeit der Geburt,, 
also von einem Inhalte, der der Subjektivität bei all ihrem freien sub- 
jektiven Tun schlechthin unerreichbar und entnommen ist, sondern er 
macht sie, im Eigentume, von einem Inhalt abhängig, zu dessen Er- 
langung sie eben das absolute Mittel an ihrer Subjektivi- 
tät selbst hat. Der Besitz kann erworben werden durch das freie 



^— 128 — 

Handeln der Persönlichkeit, durch das Ich und sein Können 
und Tun — im Stande muß man geboren sein. (Die vollendete 
Möglichkeit des Erwerbs ist dem Ich noch dazu im System der freien 
Konkurrenz gegeben.) — 

So ist denn der Gedanke des Eigentums in der Tat die höhere 
Einheit, welche die entgegengesetzten Momente der Standesunter- 
schiede und der abstrakten Persönlichkeit (des Revolutionsprinzips) 
in sich aufgenommen hat. Ich sagte aber auch noch, dieser Ge- 
danke müsse zugleich wiederum der strikte und abstrakte (extreme) 
Gegensatz des Revolutionsprinzipes sein. Und das ist er denn 
auch in der Tat. Denn wenn die Revolution das Prinzip der ab- 
strakten Persönlichkeit auf seiner äußersten Spitze aufstellt und diese 
Persönlichkeit von nichts abhängen lassen will, von nichts, nicht 
einmal von dem substantiellen Geist des Standes, so macht das Eigen- 
tumsprinzip, der Zensus, die Persönlichkeit und ihre höchste Geltung 
abhängig — von dem durchaus Unpersönlichen, von der bloßen 
Ding hei t des Geldes, Besitzes, der Materie. Die Persönlichkeit hat, 
nachdem sie sich auf das äußerste getrieben und alles ihr äußerliche 
negiert hat, sich an ihren totalen Gegensatz, an das schlechthin Un- 
persönliche, an das rein Stoffliche weggeworfen. Gegen diesen Gegen- 
satz kann selbst der zwischen dem Adel imd der Revolution als gelinde 
erscheinen. Denn wenn die Persönlichkeit vom Standesunterschied 
abhängig gemacht ist, so ist doch selbst der Adel noch ein Innerliches 
gegen diese völlige Selbstentäußerung des Geistes seiner ^) an die totale 
Äußerlichkeit, an die Dingheit. — Das sind die beiden Momente, die 
das Prinzip des Eigentums enthält; wir werden sehen, wie sie sich 
weiter entwickeln. Vorerst einen Blick auf die Geschichte, um zu sehen, 
daß sie mit der Entwicklung des Begriffs gleichen Schritt hält. — Mit 
dem Sturze Robespierres wurde auch seine Konstitution gestürzt und 
1795 eine neue Konstitution gegeben, welche den Unterschied zwischen 
dem bloßen Citoyen und dem Citoyen actif wieder einführt; Citoyen 
actif ist nur der, der eine Contribution directe zahlt ; um Wähler endlich 
zu sein, muß man ein Einkommen von 150 bis 200 Tagarbeiten besitzen. 
Seit der Zeit wuchsen diese Bestimmimgen noch in quantitativer Hinsicht. 
Prinzipiell aber wurde damals das Eigentum als bedingendes Prinzip 
festgesetzt — und dies nie wieder aufgehoben. Seit dieser Zeit ist 
das Eigentum und ihr Repräsentant, die Bourgeoisie, das allein Mächtige 
in Frankreich, und wenn auch in geringerem Grade in den andern Ländern. 
Ferdinand, der die französischen Zustände aus eigener Anschauung 
kennt, wird Dir sagen können, daß dort weder der König noch der 

M Sic! 



— =^^=- 129 — = 

Adel noch die Geistlichkeit die Macht hat, die der Besitz, das Geld 
hat. — 

Was sich also bis jetzt ergeben hat, ist: i. das Eigentum, der Besitz, 
als der objektive Inhalt, mit dem es seine sonst leere Subjektivität 
erfüllen, den es in sich aufgenommen haben und repräsentieren müsse, 
um an und für sich zu sein und sich zur vollendeten, jetzt formalen wie 
realen Unabhängigkeit und Freiheit zu erheben, 2. das Haschen und 
Ringen der Subjekte nach diesem Besitz vmd damit der vollendeten 
Unabhängigkeit, der Materialismus, dieser bereits oben charakterisierte 
Kampf aller gegen alle, der sich seine Organisation gibt in dem System 
der freien Konkurrenz und sein absolutes, geeignetes Mittel hat in 
der Industrie. Die Industrie, sage ich, ist das geeignete, absolute 
Mittel hiezu. Der Handel wäre es nicht; denn im Handel handelt es 
sich um das objektive Substrat des Handels, die Sache selbst, die 
Ware. Die Industrie hingegen ist es, in der das Prinzip der freien 
Subjektivität, der Persönlichkeit, seine entsprechende Verwirklichung 
und Geltung findet. In der Industrie handelt es sich nicht sowohl um 
das objektive Substrat, den Stoff selbst, sondern vielmehr um die den 
Stoff formierende bearbeitende Persönlichkeit. Wenn im Handel der 
Wert durch die Sache selbst bestimmt ist, so kommt es hier vielmehr 
auf die Bearbeitung an. In der Industrie kann sich die Subjektivität 
und ihre freie Innerlichkeit, das Talent, zeigen und Geltvmg verschaffen, 
in der Industrie erringt das Subjekt sich das Objektive — den Besitz — 
gerade durch die Tätigkeit und Ausbeutung seiner Persönlichkeit, 
InnerUchkeit, Subjektivität, durch sich, vmd zwar durch das AUer- 
subjektivste in ihm, durch seine Fertigkeit, Geschmack, Talent. Darum 
ist die Industrie, in welcher das Subjekt immittelbar durch das Mittel 
seiner Subjektivität sich jenen objektiven Inhalt verschafft, der adäquate 
Weg zur Erringung des Besitzes, der Besitz selbst der substantielle 
Inhalt, an den die Geltung der Subjektivität geknüpft werden kann 
eben deswegen, weil es, das Subjekt, in sich selbst das Mittel für die 
Erlangung jenes Objektiven hat. Und darum tritt nun die Industrie 
auf und wird ebenfalls eine Weltmacht und erlangt eine Höhe, von der 
man früher keine Ahnung hatte. — 

Bis jetzt haben wir das ,, Woher" der Industrie untersucht; wir 
wollen nun, wenn auch kürzer, ihr ,, Wohin" untersuchen. Wir haben 
oben (S. 10 zu Ende und S. 11 zu Anfang)^) gesehen, daß die Idee, das 
Eigentum (imd also formal genommen die Industrie, — insofern diese 
eben das formale Mittel für die Erreichung des Eigentums ist) als die 
-objektive Bedingimg aufzustellen, von der die Vollendung und das 



') S. 127. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 



— 130 -. ..= 

Anerkanntsein der Subjektivität abhängig gemacht wird, zwei Momente 
oder Seiten in sich schließt. Die eine dieser Seiten war die, nach welcher 
dies Eigentumsprinzip die schroffen Gegensätze der Standesunterschiede 
und der abstrakten Subjektivität der Revolution zu einer höhern Einheit 
in sich faßt, indem es das Subjekt abhängig macht von einem Objektiven, 
das doch nur wiederum innerhalb des Kreises und der Macht der Sub- 
jektivität selbst liegt; die andere Seite aber war die, daß das Eigen- 
tumsprinzip selbst zugleich der diametrale und abstrakte Gegensatz 
des Revolutionsprinzips ist, indem in ihm die Persönlichkeit sich 
abhängig gemacht hat von dem schlechthin Unpersönlichen, der 
äußerlichen starren Dingheit der Materie, von dem Gelde. Diese 
beiden Seiten und Momente konstituieren das Wesen und Schicksal 
des Eigentum- imd Industrieprinzips. Jene erste Seite ist es, die es zur 
positiv berechtigten Zeitidee erhebt, und der es seine Macht 
und Verwirklichung verdankt; die zweite Seite aber ist das Negative 
in ihm, der Keim seines Todes in ihm selbst. (Beiläufig: jede 
geschichtliche Erscheinung muß diese zwei Seiten in sich haben; 
ohne die erste könnte sie gar nicht entstehen, und ohne die zweite, 
wenn sie nicht den Keim des Todes in sich selbst trüge, nicht 
vergehen.) 

Der Mensch hat in dem Staat der Industrie sich zuerst abhängig ge- 
macht von seiner formierenden, bearbeitenden Tätigkeit, von seiner 
eigenen Subjektivität — das ist das erste Begriffsmoment, welches es 
möglich (sogar notwendig) macht, daß diese Industrie ein Reich gründet, 
eine Zeit und Staaten beherrscht; — der Mensch hat aber vielmehr 
ebensosehr in der Industrie tmd ihrem Staate sich, diese freie Lebendig- 
keit und Innerlichkeit, von dem durchaus Toten und rein Sachlichen, 
von der starren Dingheit abhängig gemacht — das ist das entgegen- 
gesetzte ebenso wahre Moment des Begriffs, das nun auch in der Ge- 
schichte sich handgreiflich darstellen und zeigen muß. Es zeigt nun 
die Industrie in ihrem realen, praktischen Verlauf dies entgegengesetzte 
negative Moment des Begriffs. Wie? So. Solange die Möglichkeit be- 
steht, daß der Mensch sich in und durch die Industrie Eigentum er- 
wirbt und damit die objektive Bedingung, die ihm der Staat stellt, 
erfüllt, solange er sich wirklich durch seine subjektive, bearbeitende 
Kraft dies Eigentum erringt und erringen kann, — solange herrscht 
das erste Moment des Begriffs, daß das Subjekt nur von seiner eigenen 
Subjektivität abhänge und auf dieselbe angewiesen sei. Das entgegen- 
gesetzte Moment, daß der Mensch vielmehr von dem ihm schlechthin 
Äußerhchen, dem total Unpersönlichen, dem Geld, der Dingheit ab- 
hängig gemacht sei, — dies zeigt und setzt die Industrie in ihrem eigenen 
Prozesse so: daß sie sich in zwei Teile, wenn man so will, zerlegt, welche 



===== 131 ==^ == 

eben jene beiden Momente, das Subjekt und die Materie, repräsentieren. 
Das erste sind die Subjekte, die an ihrer negativen, formierenden sub- 
jektiven Kraft imd Tätigkeit das absolute Mittel und Material der 
Industrie selbst — die Subjektivität — an sich tragen und geltend 
machen, das sind die Arbeiter. Das zweite ist die Macht der toten 
objektiven Materie, der Dingheit; sie wird repräsentiert durch die — 
Kapitalisten. Diese haben an ihrem Kapital, Gelde jene objektive 
Materie, jene Stofflichkeit, die ihre Macht an ihnen zur Schau stellt 
und auslegt. Dies nun, daß die Subjektivität sich vielmehr weggeworfen 
an das schlechthin Unpersönliche, an die bloße materielle Stofflich- 
keit des Geldes und von ihr abhängig gemacht habe, zeigt sich in 
der organischen Lebensform, in der die Industrie sich verleiblicht 
hat, in- dem System der freien Konkurrenz, so, daß der Nicht- 
kapitalist von dem Kapitalisten besiegt wird. Dieser Sieg des 
Kapitalisten über den Nichtkapitalisten ist nichts anderes als der 
Sieg der objektiven Materialität des Stoffes, des Geldes, der 
Sieg der Dingheit über die subjektive, bearbeitende Tätig- 
keit, über die Persönlichkeit, Subjektivität und ihre Kraft. 
Daher die Not der Arbeiter und das ihre Bedeutuns: für die Industrie, 
daher die Not, die noch immer größer werden wird imd muß. — Damit 
ist mm ein Doppeltes geschehen; indem es herausgekommen ist, daß 
das Subjekt sich doch nicht durch all sein innerhches Tun den Besitz, 
das Geld verschaffen kann, ist, in dem Zensus, dem Individuum die 
Freiheit im Staate und ihre formale Anerkennung versagt. Zugleich 
wird in dem ntm entzündeten allgemeinen Kampf imd Streben nach 
Geld und dadurch, daß dies eben der Kapitalist siegreich an sich zieht, 
seine wirkliche persönliche Unabhängigkeit auf das Entschiedenste 
negiert. Es ist somit durch den eignen Prozeß der Industrie klar und 
deutlich gesetzt, dargelegt, daß in dem auf das Eigentumsprinzip 
basierten Staat die Persönlichkeit, das Subjekt sich abhängig gemacht 
und hingegeben habe an die Dingheit, an das Extrem aller Innerlich- 
keit imd Subjektivität, an die reine Äußerlichkeit des Stoffes, Zu 
diesem quasi Abfall von sich selbst hatte es das Prinzip der Persönlich- 
keit durch seine eigene Entwickltmg gebracht. Aber die Idee der Sub- 
jektivität, absoluten Persönlichkeit ist einmal das treibende Rad in 
der ganzen neuen Geschichte. Diese Idee mußte wohl dazu kommen 
(wie jeder sich entwickelnde Begriff), sich in den absoluten Gegensatz 
ihrer selbst zu verkehren, aber aus dieser Spannung und diesem Gegen- 
satz nimmt sie sich ewig wieder in sich zurück. Sie hatte sich gesetzt 
unter die Macht des Stoffes, sich, die Persönlichkeit, selbst abhängig 
gemacht von einem Objektiven, das der Subjektivität als solcher 
schlechthin unerreichbar ist; aus diesem Verluste ihrer kehrt sie zu 



132 .=:==== 

sich selbst zurück und setzt nun vielmehr jene Objektivität (des Stoffes, 
die Dingheit des Geldes etc.) als schlechthin subsumiert unter die Subjek- 
tivität, als schlechthinund von vorneherein zugehörig der Persönlichkeit — 
der Kommunismus. Im Kommunismus wird die freie unendliche Sub- 
jektivität wieder in ihre ewigen, unveräußerlichen Rechte eingesetzt. 
Im Kommunismus wird alle Subjektivität, Persönlichkeit als das Un- 
endliche, als das Übergreifende ausgesprochen, dem jenes äußer- 
liche Objektive, der Besitz, weit entfernt gegen sie, die Persönlichkeit, 
eine Instanz sein zu können, vielmehr absolut unterworfen und an- 
gehörig sei. Die Idee der Subjektivität kommt im Kommunismus 
zu der Höhe und Ausbildung, sich, der Subjektivität, eben 
weil sie Subjekt, Person ist und der absoluten, unendlichen Be- 
rechtigung wegen, die dies, Person zu sein, mit sich bringt, 
die Objektivität, den Besitz schlechthin zu vindizieren ■ — ■ 
das wird ausgesprochen in dem Satze von der gleichen Berechtigung 
aller Person auf gleichen Besitz, Gütergemeinschaft etc. Die Zeit er- 
laubt mir nicht, die Gliederungen des Kommunismus näher durch- 
zunehmen imd zu verfolgen. Kr tritt in seiner rohesten Gestalt gleich 
auf, nachdem in der Konstitution von 1795 das Eigentum als Prinzip 
für die Staatsfreiheit hingestellt worden, im Jahre 1796 in der Ver- 
schwörung Babeufs und seiner Genossen, entwickelt sich dann immer 
mehr, bildet sich zu den sozialistischen Theorien St. Simons und Fouriers 
aus, die ihren Grundgedanken nach ebenfalls zum Kommunismus ge- 
rechnet werden müssen, wird dann zum eigentlichen Kommunismus, 
spaltet sich wiederum in verschiedene Sekten, als die Travailleurs 
egalitaires, die Refonnistes und kommt endlich zu seiner vorläufig 
höchsten Gestalt, dem ikarischen Kommunismus, den Cabet gestiftet 
und vertritt (aber auch in dieser Gestalt, so tief und wahr seine auf- 
gezeigte Bedeutung, ist er noch abstrakt und einseitig). 

So hat sich denn die Idee der absoluten Berechtigung aller Sub- 
jektivität, die das Prinzip der Revolution ist, nachdem sie sich zu ihrem 
Gegensatz, dem Gefesseltsein an die tote Objektivität der Sache um- 
gebildet, jetzt wieder aufgenommen, und zwar, wie Du siehst, in einer 
unendlich potenzierten, weit intensiveren Gestalt. Der radikalste 
Republikaner hatte nicht daran gedacht, diese ganze Sphäre der ob- 
jektiven Welt, sogar das Eigentum, der Subjektivität und ihrer im- 
endlichen Berechtigimg zu vindizieren. Weit entfernt also, daß der 
Staat der Bourgeoisie ein Rückfall sei gegen die Republik, ist er nur 
dieser gezeigte Fortschritt der Idee zum Kommunismus. Die abstrakte 
Egalite der Revolution ist hier zur wirklichen Gleichheit, die ,, Freiheit 
und Gleichheit", die in der Revolution als bloß formales Recht 
existierte, wobei denn der einzelne, wenn er arm, bedürftig etc, war, 



der Unfreiheit, Abhängigkeit, Ungleichheit reahter durchaus nicht ent- 
nommen war, zum absolut ausgeführten Recht geworden. Dabei 
will ich Dich auf ein oben berührtes geschichtliches Gesetz aufmerk- 
sam machen. Ich sagte beim Übergang von der Revolution in den 
Eigentumsstaat: Es müßte die neue Idee, die jetzt kommen sollte, 
einmal die beiden vorhergegangenen Gegensätze der Standesunter- 
schiede und der Revolution als Momente in sich fassen, zur höheren 
Einheit vereinen und dann der strikte Gegensatz der Revolution selbst 
sein. Ich zeigte auch von der Idee des Eigentums, daß sie diese beiden 
Anforderungen erfülle. Ebenso nmi muß es jetzt mit dem Kommunis- 
mus sich verhalten. Er muß einmal die Einheit der unmittelbar vorher- 
gegangenen Gegensätze, des Revolutionsprinzips und des Eigentums- 
staates und doch wiederum die strikte Negation und Gegensatz des 
Eigentumsstaates, des Industrialismus selbst sein. Er ist die sin der 
Tat auch, und wir hätten den Übergang daher wiederum so machen 
können. In dem Eigentumsstaat war das Subjektive an die tote Ob- 
jektivität gebunden imd in sie verkommen. Dies setzte sich, wie breit 
besprochen, in dem Prozeß der Industrie und seinen Folgen. Es mußte 
sich, nachdem man so im Gegensatz zu dem unbedingten Subjektivis- 
mus der Revolution die Wahrheit des objektiven Momentes in das 
Extreme verfolgt hatte, die an und für sich seiende Wahrheit 
und Berechtigung des Subjekts wieder hervortun, das subjektive 
Moment, zugleich aber konnte eben die Errungenschaft des Eigen- 
tumsstaates, nämlich die Wahrheit und Berechtigung auch dieses 
Objektiven, nicht verloren gehen. Der Kommunismus erfüllt beides. 
Er erlöst das freie Subjekt aus den Banden der toten Objektivität, 
in denen es gehalten war, er erkennt seine absolute Berechtigung, seine 
an mid für sich seiende Wahrheit an, denn er vindiziert das Eigen ttun 
dem Subjekte, eben weil es Subjekt ist, aber er anerkennt auch die 
Wahrheit mid Berechtigung jener objektiven vSphäre. In der Revo- 
lution war das Eigentum als etwas durchaus Gleichgültiges betrachtet 
worden für das Subjekt, seine Freiheit, staatliche Vollendung und 
Gelttmg ; im Kommunismus wird dagegen die Wahrheit und Bedeutung 
dieses Objektiven, des Eigentums so sehr anerkannt, daß es sogar zur 
Devise und Parole erhoben wird. Das ist das Moment, das der Kommimis- 
mus vom Industriestaate hat, und so ist er denn die Einheit beider. 
Er ist aber auch die vollkommene Negation des Eigentumsprinzips ; 
nun das brauch' ich erst nicht zu beweisen, das wird mir jeder Mann 
von Vermögen zugeben. 

Du hast nun gesehen, daß der Kommunismus seine ideelle Be- 
rechtigung einmal hat, und es hilft daher kein Zittern vor dem Fieber; 
er wird sich, wie jede Stufe des Begriffs, schon durchsetzen; es ist auch 



— 134 = 

gar nicht so etwas Hartes, es sind schon weit härtere Übergänge da- 
gewesen. 

Nun aber noch eins. Der Kommunismus ist, wie aus allem bis- 
herigen klar, die unmittelbare Weiterbildung des Industrialismus etc. 
vmd, als unmittelbare Fortentwickltmg, daher auch unmittelbare Ne- 
gation des Eigentumsprinzips etc. Es muß aber aus allem bisherigen 
noch etwas klar sein, das nämlich, daß die Industrie selbst nichts 
ist als die erste noch verhüllte Gestalt des Kommunismus. Daß 
dem so ist, muß, wie gesagt, nach dem frühern deutlich sein und 
brauchte kaum angedeutet zu werden. Der Kommunist polemisiert 
am heftigsten gegen die radikalen Demokraten, die Republikaner, 
tmd zwar deswegen, weil diese nur die formale, staatliche Freiheit 
und Unabhängigkeit des Subjekts erzielen, die reale Vollendung des 
Subjekts aber, die Richtung und Teilnahme auf das Objektive, den 
Besitz unberücksichtigt lassen. Ganz ebenso unterscheidet sich dem 
Begriff nach der Eigentumsstaat der Bourgeoisie von der Republik, die 
er stürzt, indem er eben diese Richtung des Subjekts auf das Objektive, 
seine Erfüllung dadurch und seine Vollendimg daran als das Höchste 
setzt. Beiden, dem Eigentumsstaat und dem Kommunismvis, gilt als 
höchstes Ziel und als der das Subjekt zur Vollendung bringende Inhalt, 
dieser objektive Inhalt eben, die Materie. Die Industrie nun ist, wie 
wir gesehen haben, nichts als die Form des Eigentumsstaates. Die 
Form, in der die Individualität darauf ausgeht, dies Ziel ihrer Vollendung 
zu erreichen. Das ist auch die Tendenz des Kommunismus. Das Unter- 
scheidende dabei ist aber das: Die Individualität ist im Eigentums- 
staate, wie wir oben gesehen haben (als Folge des Freiheitsbegriffes 
der Revolution), die empirisch vereinzelte Ichheit, nicht die Individua- 
lität, in der sich die Totalität des Staates abspiegelt; die einheitliche 
feste Form des Staates ist vielmehr in diese atome Stücke zersprungen, 
die, wie oben geschildert, rein für sich seiende Ichs im Kampf mit- 
einander jeder für sich dies Ziel erreichen wollen. Seit der Revolution 
ist der französische Staat aufgelöst in diese nebeneinander seienden 
Atome. Der Kommunismus erfaßt zuerst wieder, aber noch dunkel 
und unklar, den Gedanken des Staates oder der Gesellschaft als eines 
organischen Ganzen. Er will daher die vereinzelten Ichs diesem 
Kampfe, der in der heutigen Form der Industrie geführt wird, ent- 
nehmen und sie das Ziel als organische Totalität erreichen lassen — imd 
daher kommt es, daß die verschiedensten kommunistischen Fraktionen 
als Hauptforderung aufstellen — eine Organisation der Industrie. 
— Dadurch mm, daß der Kommunismus diese Idee der Organisation, 
der einheitlichen Totalität aufstellt, hat er an sich (aber auch nur an 
sich) den Begriff des Staates der objektiven Sittlichkeit, der 



— 135 =^ 

eine Konsequenz unserer Philosophie ist. Zu zeigen, wie der Kom- 
munismus vermöge seiner eigenen Natur übergehen muß in diese 
absolute Idee und wie er sich für jetzt noch von ihr prinzipiell unter- 
scheidet, würde wiederum vier Bogen fortnehmen, darum nichts davon 
für heute. 

Aber der Kommunismus ist ebenso an sich die Idee dieses Staates 
und sein Postulat, wie die Industrie an sich Kommunismus ist und 
sein Postulat. — 

Jetzt hat sich uns der vollständige Begriff der Industrie ergeben 
und seine Bedeutung für die Gegenwart wie seine Wurzel und Genesis. 
Wir haben gesehen, daß es der eine Grundgedanke ist, der da lebt im 
Materiahsmus, im Staat der Bourgeoisie (der auf dem Eigentum basiert) , 
in der Industrie und sogar im Kommunismus. Es ist der eine, oben 
entwickelte Begriff, der im Materialismus sich darstellt als innere 
Gesinnung des Subjekts, im Eigentumsstaat als objektiv 
realisierter Begriff; dieselbe innere Gesinnung des Subjekts 
stellt sich dar als sich äußernde, verwirklichende Tätigkeit in 
der Industrie, als Kampf aller gegen alle, der seine leibliche 
Realisation hat in dem System der freien Konkurrenz; dieselbe 
sich äußernde Tätigkeit, die Industrie, aber als entnommen dem Kampf 
der für sich seienden Ichs, als organisierte sittliche Totalität im 
Kommunismus. — Über den Kommunismus besonders müßte eigent- 
lich noch unendlich vieles gesagt und unterschieden werden, vielleicht 
ein andermal. — 

Da hast Du nun den Begriff der Industrie; den haben aber vor- 
läufig noch sehr, sehr wenige; und es gehört in der Tat die ganze 
Energie des begrifflichen Erkennens dazu, diese proteusartigen Ge- 
stalten festzuhalten, von diesen verschleierten Saisbildern den Iris- 
schleier zu ziehen und das anscheinend bloß Materielle sich durchsichtig 
zu machen. Und Du wirst mir nun recht geben, wenn ich sage, daß 
■die große Blüte der Industrie, die sich jetzt in Deutschland zeigt, der 
unwiderlegliche Vorbote und Beweis ist, daß Deutschland nicht mehr 
weit von der Krise entfernt ist. Die Arbeiterunruhen zeigten bereits, 
daß die Industrie in ihrem eigenen Prozesse das in ihr negative Moment, 
wie ich oben sagte, zu setzen anfängt. Nim, möge sie es setzen! Die 
Industrie hat hier die Waffen aus dem Zeughause vertrieben; man 
nimmt das für ein Zeichen des Friedens und weiß nicht, daß die Blüte 
der Industrie vielmehr das Zeichen des bereits nahen, blutigsten Krieges 
ist. — Ich hätte gern früher Dir den Brief geschickt, aber es war nicht 
möglich. Ich habe über drei Tage daran geschrieben, sieben Stahlfedern 
dabei abgenutzt und 39 Zigarren dabei verbraucht. Ich würde Dir gern 
manches andere noch schreiben, aber wenn ich nicht schnell mache. 



^==== 136 ^^--: ---= 

versäume ich auch die heutige Post, und dann ängstet Ihr Kuch am 
Ende. Wann reist Du nach Leipzig? Warum willst Du mich nur auf 
einen Tag besuchen? Ich möchte sehr gern auf 2, 3 Tage nach Leipzig 
kommen. — Wenn ich auch durch den vorigen Brief Dich nicht ent- 
schädigt habe für den Dir gemachten Ärger, so hoff' ich doch, durch 
diesen es getan zu haben. Du könntest mir diesen Brief nach Leipzig 
mitbringen. Denn ich habe vieles da niedergeschrieben, was ich bloß 
bisher gedacht habe, und es ist bequem, das niedergeschrieben zu be- 
sitzen. Denn es kostet immer dieselbe Arbeit wieder, es zu Papier zu 
bringen, wenn man es wieder einmal braucht. So aber hat man feste 
Anhaltspunkte. Blochmann ^) war in der Tat da, gesprochen habe ich 
ihn nicht, denn ich traf ihn nicht tmd konnte nur meine Karte ab- 
geben. Die Tante Pine hat mir geschrieben, ich hätte ihr gern jetzt 
Antwort geschrieben, doch kann ich es wirklich nicht, ich bin durch 
dies dreitägige Schreiben ganz matt und müde. Den geliebten einzigen 
goldenen Professor der Geschichte küsse ich viel tausendmal, ebenso 
meine einzige vielgeliebte Schwester. Sie wollten ja jetzt nach Berlin 
kommen? Daß sie das ja nicht unterlassen! Wenn Ferdinand durchaus 
nicht schreiben will, so mag er es immer lassen. Es kräht kein Hahn 
darnach. Aber warum schreibt mir auch Rikchen nicht?!?! Auf 
Bibers Zigarren freue ich mich sehr. Ich brenne. Dich baldigst wieder- 
zusehen. 

Dein Dich innig liebender Sohn 

Ferdinand. 



24—27. 
LASSALLE AN LONNI GRODZKA. (Konzepte von Lassalles Hand.) 
[Undatiert. Wahrscheinlich Berlin, ^^'inte^ 1S44 — 1845.] 

I. 

Mein letztes Wort. 

Der gestrige Tag hat meinen Entschluß zur Reife gebracht, wir 
müssen wissen, wie wir miteinander stehen, was wir voneinander zu 
erwarten haben. Und wenn Du es auch für geratener zu halten scheinst, 
mich dies nicht wissen, mich zu keiner Gewißheit kommen zu lassen, 
so sollst Du Dich doch nicht über Mangel an Ehrlichkeit meinerseits 
zu beklagen haben. Ich will offen und deutsch zu Dir sprechen, selbst 



^) Der Sachverständige der Breslaner Gas-Kompagnie, an der Heymann Lassal 
beteiligt war. 



auf die Gefahr hin, Dir zu offen zu erscheinen. Es sind nun wieder drei 
Tage vergangen, seit jenem Überfall, den ich bei Dir wagte — und die 
vSache steht noch trotz Deines festen Versprechens, mir eine Zusaunnen- 
kunft zu geben, wo ich Dir sagen möge, was ich Dir zu sagen habe, 
ganz wie zuvor. Noch immer angebunden am Narrenseile meiner Liebe 
und Geduld, flattere ich auf, flattere ab, bald glücklich, wenn es Dir 
gefällt auf einen Moment, bald wieder, je nach Deiner L,ust, mir selber 
zum Ekel. Ich kann es mir nicht länger verbergen, ich spiele eine lache r- 
liche Figur, eine erbärmliche Rolle. Siehst Du, das ist etwas sehr 
Demütigendes für mich, das sagen zu müssen, für das Selbstgefühl 
eines Mannes, wie ich bin. Liebe ist mehr als Stolz, doch darf man sich 
drum nicht ,, wegwerfen". Ich glaube, ich habe Dir genug Beweise 
meiner Liebe gegeben, willst Du andre — ich will Dir jeden geben, 
nur den nicht, daß ich, Deiner Laune zur Lust, andern zum Gelächter, 
mir selber zum Ekel ein Narr sei, vergessend alles, was ich mir schuldig 
bin. Verlangst Du das, so sieh Dich nach jemand um, der verächtlich 
genug ist, ein solches Verlangen zu erfüllen. Ich tue es nicht, und 
wenn diese unselige Leidenschaft mich aufzehrte, GHed für Glied, Bluts- 
tropfen für Tropfen, nein — ich tat es doch nicht. Ich weiß nicht, ob 
Du von der Stärke meiner Liebe zu Dir einen Begriff hast, aber von der 
Stärke meines Willens hast Du sicher keinen. Ich will mich nicht länger 
so demütigen, und wenn Du von dem Mann, den Du lieben sollst, diese 
Verächtlichkeit verlangst, daß er sich also in den Staub treten lasse 
und zu Deiner Laune Spielzeug sich herabwürdige — so bedauere ich 
Dich, mich selber aber beklag' ich. Trotzdem, daß diese unselige Leiden- 
schaft mir meine Besonnenheit geraubt, meinen Verstand geblendet 
hat, hat sie mir genug noch übrig gelassen, um wenigstens meine Lage 
\ollkommen beurteilen zu können. 

Es sind nur zwei Fälle möglich. Entweder Du liebst mich — dann 
wirst Du mir jene Zusammenkunft gewähren, denn sie ist nötig, denn 
ich muß endlich Dir sagen, was ich Dir zu sagen habe. Oder Du ge- 
währst sie mir auch nicht — dann liebst Du mich nicht; dann sind wir 
fertig, und dann entsteht nur noch die Frage, warum Du mir jene Gunst- 
bezeigungen gewährt hast, die ein Weib nur geben darf einem Mann, 
den sie liebt? Merk es Dir, Mädchen. Ein Weib, das wie Du getan, 
einen Mann drückt, an sich preßt, der Blicke heißeste ihm zuwirft, 
ohne ihn zu lieben, ist — eine Dirne. Es gibt keinen Ausweg für Dich; 
entweder Du liebst mich — oder Du gehörst jener verv^^orfenen Klasse 
von Geschöpfen an, deren Namen die Welt nur mit Erröten nennt. 
Denn was das Wesen der Jungfrau ausmacht, ist nicht das Jungfern- 
häutchen, ein gleichgültiger Lappe Fleisch, sondern die innere Keusch- 
heit und Scham. Wende Dich an wen Du willst, und man wird Dir 



--=— = 138 ^^^ -^ = 

sagen, das Weib, das einem Manne, den sie nicht wahrhaft liebt, derlei 
Beweise der Gunst schenkt, ist niedrig, gemein und verworfen. Ent- 
weder Du bist das alles oder Du liebst mich. Bist Du das, so wird 
der Gedanke, was Du bist, mir den Kampf erleichtem, mich von 
Dir loszusagen. Jemehr meine Verachtung zunimmt, desto mehr wird 
meine Liebe abnehmen, und ich fürchte, es wird noch ein schrecklicher 
Überschuß bleiben von jener ersten. 

Nun entstünde selbst dann noch die Frage, warum ermutigtest Du 
mich? Entweder, weil Du Dein loses Spiel mit mir treiben wolltest 
imd ich Dir eine amüsante Eroberung bin? Nun, den Fall haben wir 
eben abgehandelt. Nur muß ich Dir sagen, daß Du sehr wenig Umsicht 
gezeigt hast, zu glauben, ich wäre so wie jene Laffen, mit denen Du 
in Oppeln verliebte Abenteuer hattest. Fast, wenn Du so rein zu Kurz- 
weil nur Dein Spiel mit mir getrieben, wäre es mir Pflicht, Dich zu strafen 
und ernst und schwer zu bestrafen. Es wäre um so mehr Pflicht, als 
Du noch viele finden dürftest, die Du ungescheut opfern kannst Deiner 
niedem Eitelkeit, und die nicht zu strafen vermögen, wie ich kann. 
Und wollte ich Dir eine Lehre geben, bei Gott, sie sollte eine vernichtende 
sein; und schwerlich wieder so bald reizte Dich der Kitzel buhlerischer 
Eitelkeit. Doch bin ich nicht in der Laune dazu und — wünsche Dir 
Glück, daß ich's nicht bin. Verdient hast Du alles, ohne Schontmg, 
ohne Gnade. Doch mag ich nicht zum Schergen, zum Vollstrecker 
selbst der gerechtesten Strafe an Dir mich hergeben, und sei's auch 
nur, weil Du das unverdiente Glück hattest, von mir geliebt zu werden. 

Oder war es mehr als bloße Kurzweil? 

Oder hast Du mich vielleicht unter dem Gesichtspunkt betrachtet, 
daß ich eine ,,gute Partie" sei? Dann hast Du zu der andern Gemein- 
heit noch die niedrige Berechntmg gefügt. Wenn Du so arm, so be- 
klagenswert bist, da zu berechnen, wo ich liebe — dann leb mir gleich- 
falls wohl. Und glaubtest durch teilweises Gewähren, teilweises Ver- 
sagen mich umso sichrer und fester zu ködern? Schade nur, kluge 
Rechnerin, daß Du Dich dann wieder in mir verrechnet hast. Mich 
fesselt nichts als Liebe. Das Weib, dessen Liebe stärker ist als sie, an 
der halte ich, von der lasse ich nicht, die gebietet über mich und läßt 
mich alles andere vergessen. Das Weib, das stärker ist als ihre Liebe, 
ihre Liebe meistern und berechnen kann, das ist Fastenspeise, die mag 
ich nicht. Ein Weib, das sich schrankenlos hingibt ihrer Liebe, das ist 
der leibhaftige Gott auf Erden ; Schmach über den Wicht, der von einem 
solchen Weib läßt, wenn er es gefunden, der sie nicht festhält und sei's 
mit der letzten schwindenden Kraft seines Lebens, und sei's mit dem 
letzten krampfhaften Zucken seiner Glieder. Ein Weib, das ihre Liebe 
selbst berechnet, verdient nur noch, daß man den großem Rechen- 



=^ — — = 139 ^- — === 

meister ihr zeige, daß man sie verführe. Ich mag weder unter dem 
Gesichtspunkt einer ,, amüsanten Eroberung" noch unter dem einer 
,, guten Partie" betrachtet werden. Ich will, daß Du mich liebst, wie 
ich Dich, oder mir sagst, daß Du mich nicht liebst, offen und ehrlich 
mir meinen Laufpaß gibst. Mich aber so schweben zu lassen zwischen 
Himmel und Erde, das ist gewissenlos, das ist verbrecherisch. Seit- 
dem ich Dich kenne, hast Du es dahin gebracht, daß ich mich meiner 
selbst schäme, daß ich meiner selbst überdrüssig geworden bin. 
Das ist zu viel. 

Noch einmal, diese erbärmliche Figur, diese Rolle, die lächerlich 
und verächtlich zugleich, spiele ich nicht länger mehr; und wenn Du 
das verlangst und das Liebe nennst, so habe ich das satt und Dich 
satt. Und wenn Dein Bild mir in das Herz gewachsen wäre, und müßte 
ich es mit eisernen Klammem herausreißen und verblutete auch das 
Herz sich selbst — heraus muß es. Le coeur se brise ou se bronce. 
Aber das merke Dir: ,, Unwürdiges erträgt kein edler Geist," ich auch 
nicht länger. 

Heut besuch' ich Dich, um Dir diesen Brief zu geben. Von Stund' 
an siehst Du mich nicht und nirgends mehr. Liebst Du mich wirklich, 
— so wirst Du mir jene eine Zusammenkunft gewähren imd mir Ort, 
Zeit und Stunde schriftlich bestimmen, den Zettel mir durch Karoline 
schicken. Nachdem ich so vieles erduldet, kannst Du über die kleine 
Inkonvenienz fortsehen. Auch will ich nach einigen Tagen hinschicken, 
um zu erfahren, ob Du etwas an mich abgegeben. Gewährst Du mir 
diese Bitte nicht — dann liebst Du mich nicht, daim will ich mühen. 
Dich zu vergessen. Ob mir das gehngen wird, weiß ich nicht, aber 
keineswegs, und liebte ich Dich mehr als mein eignes Leben, wie ich es 
zu meinem Unglück tue, keineswegs würde ich dieser Leidenschaft, 
die darm eine unwürdige wäre, nachgeben, keinesfalls würdest Du mich 
wiedersehn. 



II. 

Sie empfangen Ihren Broche und Ihren Gürtel zurück.^) 
Ich gedachte, sie beide zurückzubehalten, zurückzubehalten als ein 
Angedenken — eines Traumes, den ich einst gehabt . . . Sie fordern 
sie . . . so nehmen Sie sie denn hin , . . Sie haben Recht ... sie gebühren 
mir nicht, diese Zeichen. Der Broche ist der Hüter des Busens . . . der 
Gürtel der Hüter des jimgfräulichen Schoßes . . . wie gebührten mir 



^) Hier folgen im Konzept durchgestrichen die Worte: ,,die ich Ihnen jenen 
Abend löste". 



solche Symbole ? ! Diese Pfänder, sie wären die Pfänder und Abzeichen . . . 
Ihres Besitzes ... sie wären . . . eine Ivüge ... in meinen Händen!! 

Nehmen Sie ihn hin . . . diesen Gürtel, den ich nicht lösen durfte . . . 
Ich zürne nicht, Lonny . . . aber höre mich . . . der Fluch, den ich Dir 
mitgebe auf Deinen Weg, soll der sein : . . . Das, was Du der Liebe frevent- 
lich verweigertest, sollst Du einst hingeben ohne Liebe einem Mann, 
den Du nicht liebst . . . der Dich nicht liebt . . . Du sollst es hingeben 
gleichgültig der Gleichgültigkeit . . . der Berechnung . . . Deinem Gotte, 
der Konvenienz . . . Du sollst es hingeben, weil . . . weil es in einem 
Kontrakte ausbedimgen worden ... in einem Heiratskontrakt I 

Das ist nicht mein Fluch, das ist der Fluch, den Du selbst über 
Dich ausgesprochen . . . Du hast die größte Sünde begangen . . . Du hast 
Dein eignes Leben zerrissen. Du hast die Seele vom Leibe ge- 
trennt. . . Der Liebe, dieser Seele, hast Du Deinen Leib vorenthalten, 
so werde Dein Leib genossen imd besessen seelenlos . . . ohne Liebe. 

Du hast Dich entzwei gespalten, wohl, so sei's denn, es werde Dir, 
wie Du gewollt . . . Deine Liebe bleibe ohne die Erfüllung der lyeiblich- 
keit . . . Deine Körperlichkeit und ihr Genuß ohne Weihe und Beseligung 
des Geistes . . . der Liebe . . . Deine Liebe sei ein bloßer Geist, ein 
irres luftiges Gespenst, das sich einen Körper sucht und Dein Körper 
ein Klumpen Fleisch, in dem keine Seele wohnt. Du hast einen doppelten 
Fluch über Dich herabgerufen. Du hast die zwiefache Gemeinheit be- 
gangen, die Seele vom Körper, den Körper von der Seele zu reißen. 
Du hast den imsittlichsten Ehebruch begangen . . . Du hast die heiligste 
Ehe gebrochen . . . die Ehe zwischen Körper und Geist. Du gabst 
Deine Seele mir und hast mir Deinen Körper vorenthalten. 

Liebe denn mich mit Deinem Geist, ohne mir zu gewähren die Ehe 
mit Deinem Körper . . . und dort gib hin Dein Fleisch, ohne dabei zu 
sein mit Deiner Seele . . . 

Wehe, Mädchen, Dein Unglück ist zugleich Deine Sünde. Erfülle 
das schreckliche Geschick lebend in zwei gerissen . . . doppelt tot . . . 
ein körperloser Geist, ein seelenloser Leib . . . Deine Seele wird nach 
Körper hungern. Dein Körper nach einer Seele schreien . . . 

Sei hier mit dem Gedanken, mit der Regung Deines Herzens, dort 
mit dem Zucken Deines Fleisches, lebend zerrissen. 

Du hast verschmäht die Heiligung der Liebe ... so werde ent- 
heiligt . . . Du hast verschmäht die Weihe des Geistes . . ., so werde 
entweiht. 

Doch eins noch . . . eins haben Sie zurückgelassen jenen Abend . . . 
es ist eine goldige spitze Nadel . . . Die Nadel gebührt mir, die lasse ich 
nicht. Merk es Dir, Mädchen, es ist das Motto Deines Lebens. Deine 
Liebe ohne Leib; Dein Leib ohne Liebe. Das Heilige, die Liebe, bleibe 



141 



unwirklich, körperlos Deine Wirklichkeit, Dein Körper unheilig. Es 
ist alles, was mir zukommt, von Ihrer Liebe die Nadel, die spitze Nadel. 
Die Nadel, sie ist das Treffende, das stechend Treffende, ist das Symbol 
Ihrer Liebe . . . 



III. 

Warum willst Du noch einen Brief, Mädchen? Warum willst Du 
mir noch einmal die Qual des Schreibens, Dir die Folter, die unsägliche 
Folter des Lesens bereiten? ? Armes Kind, Du möchtest, daß ich meinen 
Fluch zurücknehme, den ich Dir nachgeschleudert. Törin! Als ob 
ein Fluch in Erfüllung ginge, weil man ihn ausspricht! Als ob der Fluch 
nicht die sich selbstvollziehende, imterirdische Macht wäre, als ob eine 
Erfüllimg davon abhinge, ob ihn ein Mund verhängt oder zurück- 
nimmt!! Törin, der Fluch knüpft sich an die Sünde selbst — nicht 
an die Verwünschung. Lonni, ich fluche Dir nicht, denn — ich — 
tmd wenn ich Dir fluchte, es wäre eine ohnmächtige, eitle Verwünschimg. 
x\ber Du hast die sündige Tat begangen, so hast Du selbst den Fluch 
ausgesprochen über Dich, der unnachsichtig seine Vollführung nach 
sich zieht. Du hast die sittlichen Wesenheiten beleidigt, verletzt, das 
sind nicht bloße Traumgebilde, Abstraktionen, das sind die geistigen 
Mächte der Menschheit, die erwecken Dir die rächende Erinnys. Wer 
in Einklang lebt mit diesen geistigen sittlichen Mächten und Wesen- 
heiten, wer ihr Gebot ehrt und vollführt, der vollbringt seine Pflicht 
— und dem lohnen sie mit dem freudigen Bewußtsein der erfüllten 
Pflicht — mit der Einheit zwischen Sollen imd Wollen, mit dem Glück. 
Wer ihnen widerstrebt, sich ihnen freventlich widersetzt, der verletzt 
seine Pflicht, verscherzt das Glück seines Lebens; an dessen Fersen 
heften sie sich, sühneheischend, geben ihm die innere Qual des blutigsten 
aller Schmerzen, die innere Gebrochenheit, das marternde Bewußtsein 
verfehlter Pflicht; er hat das Sollen nicht vollführt, so ist er zerrissen 
in Sollen imd Sein. Der Einklang zwischen Sollen tmd Sein ist das einzige 
Glück, der Zwiespalt zwischen ihnen der alleinige Quell des Unglücks. 
Den Riß beging, wer verletzt das Sollen, die sittliche Wesenheit und ihr 
Gebot, — der ruft den Zwiespalt hervor, der stiehlt ihm den inneren 
Frieden, raubt ihm den Schlaf, vergiftet die Freude; es ist beides über 
ihn gekommen, Sünde und Unglück. Die Tat, die sündige Tat allein 
verhängt den Fluch, die Tat allein kann ihn zurücknehmen, besänftigen 
die rachefordernde finstere Macht. 

Siehe, schon geht der Fluch in Erfüllung, schon vollbringt die 
Erinnys, die gekränkte sittliche Macht, ihr düsteres Werk. Dein Brief, 



142 =: = 

er atmet die gräßlichste innere Pein, den qualvollsten Zweifel. Und 
wäre es noch ein Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht, der Dich 
zerreißt! Ein Unglück trägt sich leicht, man kann leicht entsagen 
der Freude, dem Genuß und dem Glück, wenn die Pflicht es gebietet. 
Aber die Pflicht steht auf der Seite Deiner I^eidenschaft. Was Dein 
Unglück macht, ist zugleich Deine Sünde, es ist nur ein Wahn, ein 
finsterer unglücksvoller Wahn, der Dir zugleich das Glück und den 
Genuß Deines Lebens stiehlt und Dich zur Sünderin, zur Verbrecherin 
macht, da macht, wo Du Tugend zu üben glaubst. 

Armes Kind, wie nehme ich Dir diesen Wahn? Wie gieße ich Dir 
ins Herz mein Wissen, meine Erkenntnis?! Was bei mir selbst Werk 
von Jahren, von jahrelanger, ernster Arbeit war, wie soll ich Dir es 
geben in einer Stunde, mit einem Male, wie soll ich den Kranz eines 
Hauses aufsetzen, zu dem ich den Grimd noch nicht gelegt?!! 

Sieh, ich versprach Dir, zu beruhigen Deine Zweifel, und ich hatte 
mein Wort gehalten. Du solltest sie ja erfahren, die neue Weisheit, die 
in die Welt gekommen, Du solltest klar werden, sonnenklar, doch ge- 
hörte Zeit dazu. Vom Munde solltest Du meine Worte mir küssen, und 
so sollten sie Eingang finden durch das offene Tor des Herzens in den 
widerspenstigen Kopf. Fest haftet am Weibe das Wort des geliebten 
Mannes. Das Herz hilft ihm in der schweren Arbeit der Vernunft. 
Das Wissen, die Einsicht, sie sollte ja kommen, sie wäre gekommen, 
nur sollte Deine Liebe stark genug sein, Dich mir zu geben, sie sollte 
das Fundament sein, auf das ich den Dom des Wissens gegründet 
hätte; aber Deine Liebe allein, auch ohne Wissen, auch gegen Dein 
Wissen, die Stärke Deiner Liebe, Deines Gefühls, mußte Dir den Mut, 
die Kraft geben, völlig mir zu gehören. Diesen Mut — diese Kraft — 
haben liebende Weiber. 

Du hattest sie nicht — was soll ich tun, nun tun? Zu Deiner Ver- 
ntmf t sprechen ? Wenn schon Dein Herz zu schwach war, wie kann ich 
auf die Stärke Deines Kopfes hoffen ! Mei ne Worte — und eine Weiber- 
vernunft!! Wenn Dein Starkes, Dein Herz imterlag, wie soll das, was 
so unendhch schwächer am Weibe, wie soll Dein Kopf siegen ? Du 
gläubige Lonni, wenn Dein starker Glaube, Dein Glaube an mich, 
nicht stark genug war, wie sollte es Deine Einsicht?!! 

Wenn Du mir nicht glaubtest, wie willst Du mich verstehen — 

Und doch gleichviel — ich kann — ich mag Dich nicht lassen — 

ein beklagenswertes Opfer der Dummheit und Unvernunft, des Wahn- 
sinns und seines Götzendienstes. Du sollst. Du darfst nicht imglück- 
lich sein. Du, nein Du sollst nicht fallen als eines jener tausend un- 
glücklichen Opfer, die jährlich, die täglich geschlachtet werden dem 
Unsinn und seinem blutigen Dienst. Also, mein Mädchen, neige Deinen 



^ ^^ 143 = . .=^ 

Kopf zu mir vind lausche meinen Worten. Was ich Dir geben will, ist 
der Beweis, daß Deine Pflicht identisch ist mit Deiner Leidenschaft, 
daß beide mit gleich gebieterischer Stimme dasselbe fordern. Und möge 
die Kraft der Wahrheit imd l,iebe. meiner Zunge die Allmacht ver- 
leihen, daß sie das Wunder vollbringt, in einer Stunde, in einem 
Briefe, mit einem Schlage Dir den Wust langjähriger Vorstellungen, 
eines eingenisteten Wahnes aus Herz vmd Busen zu reißen. 

Das Tier begreift sich als rein einzelnes Dasein. Die Kontinuation 
und Erhaltung seines vereinzelten natürlichen Lebens ist es, was 
die Sorge und Aufgabe seines Daseins bildet. Einer Allgemeinheit, einer 
Gattung angehörig, begreift es sich nicht als solches, als Individuum 
einer Gattimg, als das Subjekt und die Verwirklichung seiner all- 
gemeinen Gattimgsidee; es vollbringt nur die natürlichen Prozesse der 
Ernährung etc., die zur Fortsetzung seines auf sich beschränkten 
einzelnen, physischen Daseins erforderlich sind. Der Lichtpunkt des 
tierischen Lebens, der Akt, in welchem es unmittelbar heraustritt aus 
seiner körperlichen Abgeschiedenheit, die ihm als sein Wesen gilt, in 
welchem es seine Isoliertheit, seine Verfangenheit unmittelbar auf- 
gibt und sich zur Gattung erhebt — ist die Begattung, der Zeugungs- 
prozeß. In der Begattung sprengt es die fixe Grenze seines Körpers, 
das feste abgeschlossene Eins, als welches es die Natur hingestellt hat, 
es tritt heraus aus der körperlichen Einzelnheit, die es sonst als sein 
Wesen mit allen seinen Kräften verteidigt — es wächst mit andern zu- 
sammen, es macht sich zur Gattung, es erzeugt die Gattung. Die 
Bedeutung dieses Aktes ist nicht mehr die anderer natürlicher Prozesse 
wie Ernährungsprozeß etc., die Kontinuation, Erhaltung des einzelnen 
physischen Lebens, sie ist unmittelbar das Wirken für die Allgemein- 
heit, die Gattung. Aber die Bedeutung des tierischen Zeugungsprozesses 
ist nur an sich selbst diese allgemeine, ist nur an sich das Wirken 
für die Gattung. Für das Tier, für es hat dieser Akt nicht diese 
tiefe Bedeutung, es hat nicht das Bewußtsein, sich in diesem Akt aus 
seiner Individualität, Vereinzelung zur Allgemeinheit, Gattung zu er- 
heben — denn das Tier kann nicht zur Vorstellung der Gattung kommen. 
Die Vorstellung der Gattung erfassen, hieße denken — das Tier wird 
zu der Zeugung getrieben wiederum durch das Gefühl seiner rein ein- 
zelnen, sinnlichen Lust. So ist es in dem Akt, in dem es unmittel- 
bar sich über seine Einzelnheit zur Gattung erhebt, wiederum gebunden 
an sein sinnliches einzelnes Eins. Es ist das das Wesen des Tiers^ 
in das es gebannt ist, das es nicht verlassen kann. 

Das, wodurch der Mensch sich abscheidet vom Tier, ist, daß für 
ihn die Gattung existiert. Für das Tier existiert die Gattung 
gar nicht; es weiß nicht von ihr, es bezieht sich nur auf einzelnes, die 



einzelne Speise, die es grade frißt, diese Mauer da, an der es sich stößt. 
So bezieht es sich immer nur auf den Gegenstand als auf einzelnen. 
Aber es bezieht sich auch seinerseits als einzelnes auf ihn, d. h. der 
Gegenstand ist nur für ihn da, insofern er das Gefühl seiner I,ust und 
Unlust erregt, seine Einzelnheit berührt. Das Tier begreift selbst sich 
nur als einzelnes. Dies sich als einzelnes auf einzelnes zu beziehen, 
dies, daß es den Gegenstand und sich selbst immer nur als sinnliches, 
einzelnes erfaßt — heißt fühlen. (Ich fühle etwas, insofern dieser 
einzelne Gegenstand meine einzelne Ichheit berührt.) Für den Menschen 
existiert der Gegenstand als allgemeiner, d. h. er kann ihn erfassen, 
auch ohne daß er seine Sinnlichkeit, Einzeluheit berührt — er kann ihn 
denken. Für den Menschen existiert auch die Gattung; er erfaßt die 
Vorstellung der Allgemeinheit, Gattung, und er begreift die Gattung 
als ein Wesen, sich selbst als ein gattungs loses allge- 
meines Wesen, dies heißt Denken. Darum sagt man, daß sich der 
Mensch durch das Denken vom Tier imterscheidet. Der Mensch erfaßt 
die Gattung als sein Wesen. Als das Substantielle, d. h. Wesentliche 
gilt ihm nicht seine Individualität, sondern der allgemeine menschliche 
Geist, der Geist der Gattung, der seine Wirklichkeit nur hat, seine 
Lebensform nur findet in dem geistigen Subjekte, dem Menschen, 
zugleich aber hinausgeht über jedes Individuum, sich in keinem Indivi- 
duum erschöpft, sondern sich durch alle hindurchzieht. Die Gattung, 
der Geist, existiert nur als diese Vielheit einzelner Menschen vmd Ge- 
schlechter, sie ist wirklich, existiert nur i n diesen Individuen ; zugleich 
aber greift sie über jeden einzelnen. Das Wesentliche in ihm ist der 
Geist, der an der Individualität hat seine Wirklichkeit und seine un- 
wesentliche Besonderung. Durch die Individualität, geistige wie körper- 
liche, ist das Ich vom Ich getrennt; aber die Individualität ist ja viel- 
mehr nur die unwesentliche Besonderimg meines allgemeinen Wesens. 
Das Wesen des Menschen ist die Gattung. Dies sein allgemeines Wesen 
ist eben allein gemein, es ist der Punkt, wodurch das Ich identisch ist, 
eins ist mit dem andern Ich, das zu seinem Inhalt dasselbe Wesen 
(die Gattung) hat, dessen Form nur die Individualität ist. Das ist die 
Einheit des Individuums mit dem Allgemeinen, mit der Gattung. 

Der Mensch also erfaßt die Gattung als sein Wesen, er hat das Be- 
wußtstein seiner Identität, Einheit mit dem Allgemeinen, der Gattung. 
Er betätigt dies Bewußtsein. Er tritt heraus aus der Isoliertheit, Ver- 
einzelung des Naturzustandes. Darum sagt man: Der Mensch ist ein 
geselliges Tier. Das Ich genügt sich nicht in seiner Alleinigkeit, es fühlt 
seine Einheit mit dem anderen Ich; dieser Trieb ist es, der die Gesell- 
schaft entstehen läßt, der den Menschen herausreißt aus seinem bloß 
einzelnen kreatürlichen Dasein und der Sorge dafür, der ihn Staaten 



=- 145 = 

gründen, Gesetze geben lehrt. Dies, daß er Staaten gründet, sich Ge- 
setzen tmterwirft, ist die Manifestation dessen, daß er sein Wesen in 
dem Allgemeinen findet, sich als eins mit ihm weiß. Das Tier, das sich 
als einzelnes erfaßt, lebt gesetzlos, gehorchend dem Triebe seiner 
einzelnen Lust und Unlust. In seinen körperlichen Verrichtungen ge- 
hört der Mensch sich imd seiner Einzelnheit an. Der Staat, das Gesetz 
sind die Wohnstätten, die sich das allgemeine Wesen des Menschen der 
Gattimg aufbaut. Das Gesetz ist der ausgesprochene allgemeine Wille, 
der Staat der realisierte, verwirklichte, allgemeine Geist. Darin, daß 
der Mensch sich unter die Herrschaft der Gesetze begibt, ist es aus- 
gesprochen, daß der einzelne Wille identisch sein solle und sei mit dem 
allgemeinen, darin, daß er Staatsbürger wird, ist es ausgesprochen, 
daß nicht die Individuahtät, die Einzelnheit des Menschen ihm das 
Höchste sei, daß vielmehr der Zweck des einzelnen Subjekts die Arbeit 
und der Dienst für das allgemeine Wesen der Menschheit, der Gattxmg 
sei; er ist die Manifestation, die tatsächliche*) Bekundung dessen, 
daß der Einzelne nur in der Identität und Einheit mit der Allgemein- 
heit sein Wohl finde. Dem Menschen ist das Allgemeine, die Gattung, 
sein Wesen. Darum besteht sein Glück und Pflicht darin, für das All- 
gemeine, die Gattimg zu wirken. Denn alle Pflicht besteht nur darin, 
dem Wesen zu gehorchen, das Wesen zu vollbringen und ihm im Konflikt 
die Unwesentlichkeit, die Einzelnheit zu opfern. Die Hintenansetzung 
des Wesens gegen die Einzelnheit, die unwesentliche Endlichkeit, ist — 
die Sünde. Wie nennt Ihr doch, Mädchen, den Menschen, der sich auf 
sich beschränkt, sich isoliert, dem seine Einzelnheit der Zweck und der 
Gott seines Lebens ist, der sein einzelnes Ich, sein empirisches Dasein 
und Wohl, seine eigenen kleinen endlichen Interessen höher anschlägt 
als das Wohl des Allgemeinen, der Gattung? Nun, Ihr nennt ihn einen 
Egoisten. Ein solcher Mann, der sein Wesen als das Einzelne erfaßt, 
hat sich des Menschentums begeben, er hat sich auf die Stufe des Tieres 
gestellt in das einzelne Ich, er ist das häßlichste Laster — ist die Un- 
sittlichkeit. Die Sitte (eines Volkes, Landes) ist das verwirklichte, 
geltende allgemeine Wesen der Individuen; die Sittlichkeit besteht 
in der Vollführung der Sitte, also darin, sich seinem Allge- 
meinen hinzugeben, seine Einzelnheit zu erfüllen mit dem 
Allgemeinen. Die UnsittHchkeit ist das Verletzen der Sitte, sie ist 
der Frevel, sich nicht in Einklang zu setzen, zu erfüllen mit dem All- 
gemeinen, sie ist die Sünde, sich, seine Einzelnheit, zu widersetzen dem 
Allgemeinen, die Störrigkeit des Ich, das die allgemeine Wesenheit 
seinem Ich aufopfert. 



^) Das Wort ist nicht deutlich zu entziffern. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 



- r= 146 = 

Die Sittlichkeit ist die Einheit des Individuums und des Allge- 
meinen. Die Unsittlichkeit ist der Zwiespalt zwischen ihnen. Die 
Sittlichkeit ist das Heraustreten des Individuums aus 
seiner Individualität, das Sichhingeben an das Allgemeine. 
Die Unsittlichkeit ist das Laster, sich zu verschanzen in 
seine Ichheit, Individualität, sich zu sperren gegen das 
Allgemeine — sich behaupten zu wollen als dieses feste, dem All- 
gemeinen verschlossene, auf sich beschränkte Ich. Ich hab' es schon 
vorhin gesagt, der Akt, in dem der Mensch es erfaßt, daß sein Wesen 
nicht seine Einzelnheit, Individuahtät, sondern das Allgemeine, die 
Gattung sei, ist das Denken. Er betätigt ihn in seinem Wirken für die 
Allgemeinheit als Denker, Staatsmann. Darum ist das Tun des Philo- 
sophen, Staatsmarmes, so sittlich, weil es die Allgemeinheit als solche 
zimi Zweck hat. 

Dieser Inhalt aber, daß das Individuum identisch, eins sei mit der 
Allgemeinheit, der Gattung, daß das Allgemeine sein eigenes Wesen 
ausmache, ist für den Menschen nicht nur in der Form des Gedankens 
vorhanden — so als Gedanke vorhanden, treibt er ihn zum Wirken für 
die Gattung — , dieser selbe Inhalt ist für ihn auch in der Form des 
Gefühls, der Empfindung, Dieser Inhalt in der Form des Gefühls 
ist — die Iviebe. 

Weißt Du, was Liebe ist, Mädchen? In der Liebe empfindet das 
Ich seine Ichheit als ungenügend, es sehnt sich, herauszutreten aus 
seiner Alleinigkeit und Abgeschlossenheit, es fühlt das Bedürfnis nach 
anderem Ich, es will heraus aus seiner Getrermtheit, sich zusammen- 
schließen mit dem anderen Ich, es empfindet es, daß nicht seine Indivi- 
dualität, Besonderheit, sondern seine Einheit mit andern sein Wesen 
sei. In der Liebe wird es als Gefühl für den Menschen, daß nicht seine 
Einzelnheit, daß vielmehr die Einheit mit dem Allgemeinen sein Wesen 
ausmache. Die Liebe ist die gefühlte Einheit der Individuen. 
Ich sage, die Liebe die gefühlte Einheit des Ichs und des Allgemeinen, 
der Gattung, diese Identität aber nicht in der Form des Gedankens, 
sondern des Gefühls, der Vorstellung. Du erinnerst Dich, daß 
ich Dir schon oben sagte: wenn ich mich in der Weise des Gefühls zu 
einem Gegenstand verhalte, so beziehe ich mich als einzelnes auf ihn. 
als einzelnen. Insofern ich einen Gegenstand, Inhalt denke, habe 
ich ihn in seiner Allgemeinheit, insofern ich ihn fühle oder vorstelle, 
habe ich ihn, denselben Inhalt, aber als einzelnen. Denke den Begriff 
des Menschen, so hast Du die allgemeinen Wesenheiten des Menschen 
überhaupt, stelle Dir einen Menschen vor, so verwandelt sich derselbe 
allgemeine Inhalt, den Du eben als gedachte Allgemeinheit, als Be- 
griff hattest, in einen einzelnen Menschen. Der Inhalt bleibt derselbe. 



— 147 = 

aber er nimmt die Gestaltung der Einzelnheit des Eins an, dieser all- 
gemeine Inhalt tritt als einzelnes Bild vor Deine Seele. Es liegt schon 
im Wort, Lonni, denke Dir einen Baum, mm so hast Du die allge- 
meinen Begriffseigenschaften eines Baumes imd weiter nichts, stelle 
Dir aber einen Baum vor, nun so stellst Du eben einen Baum vor 
Dich hin. Du siehst einen einzelnen Baum, der jene Eigenschaften hat, 
jene allgemeinen Eigenschaften haben nur die Form einzelner Ge- 
staltung, die Form der Einzelnheit angenommen. Denke das allgemeine 
menschliche Wesen, so hast Du seine allgemeinen Wesenheiten, Eigen- 
schaften, stelle es Dir vor, so tritt es in der Form eines einzelnen 
Menschen personifiziert gestaltet vor Dich. Der Inhalt bleibt, nur 
daß die Vorstellung ihm die Gestalt des seienden Eins gibt. 

Ich sagte, die lyiebe ist die gefühlte vorgestellte Einheit des 
Ichs mit dem allgemeinen menschlichen Wesen. Das allgemeine mensch- 
liche Wesen wird also gefaßt nicht in der Weise des Gedankens, des 
Begriffs, also nicht das allgemein menschhche Wesen als [das] allge- 
meine, sondern dieser Inhalt, das allgemeine menschhche Wesen, nimmt 
Personifikation, Gestaltung, die Form des Ivcbens, der Einzelheit, Indi- 
vidualität an ; dieser allgemeine Inhalt wird wiederum zu einem einzelnen 
Ich, zu einem Individuum, das nur die Gestaltung, die Personifikation, 
gleichsam der Repräsentant des allgemeinen menschlichen Wesens, der 
Gatttmg ist. 

Der Denker wird sich im Denken bewußt seiner Identität mit der 
Gatttmg als der gedachten Allgemeinheit, als dieser imendlichen Viel- 
heit von Individuen imd Geschlechtern, der Liebende seiner Identität 
mit der Gattung als vorgestellter Allgemeinheit, also nicht mit der 
Allgemeinheit als gedachte, als die unendliche Vielheit der Einzelnen 
und Geschlechter, sondern als die Allgemeinheit, die die Form der 
Einzelnheit angenommen. Darum zieht die lyiebe das Individuum zum 
Individuum, das Ich fühlt seine Einheit mit dem von ihm getrennten, 
ihm entgegengesetzten, dem andern Ich. In der Liebe fühlt das Ich 
seine Bedürftigkeit, die Sehnsucht, herauszutreten aus seiner Egoität, 
aus seiner Alleinigkeit. Die Liebe ist darum eine sittliche Macht, die 
Sittlichkeit selbst, weil sie das Ich aus seiner trotzigen Isoliertheit und 
Vereinzelung, was, wie wir oben sahen, die Unsittlichkeit, der Egois- 
mus ist, herausreißt. Darum sagt man es weit imd breit, darum priesen 
schon die alten Griechen die Liebe als eine sittigende Macht, als eine 
Macht, die Löwen und Tiger bändige, weil sie den Menschen zwingt, 
aufzugeben die Wildheit imd Trotzigkeit seiner natürlichen Vereinze- 
Ixmg, sich hinzugeben der Allgemeinheit, der Gattung, der Menschheit. 
Darum sagten die Alten in ihren Schöpfungsmythen, daß die Liebe 
das erste der weltbildenden Prinzipien sei, daß die Liebe das dunkle. 



148 — 

gärende, kämpfende Chaos zu dem Kosmos der lichtvollen geordneten 
Welt umgeschaffen, weil die Liebe Einheit und Einklang bringt in das 
wilde Toben und Streiten der einzelnen nur auf sich bezogenen Kraft, 
darum sangen die Dichter der Griechen, daß die Liebe die Staaten 
und Gesetze gegründet habe, weil Liebe zuerst die Menschen aus dem 
Naturzustand, aus der wilden Einzelnheit des Ich heraushob, weil die 
Liebe den Mensch zum Menschen zieht. Die Liebe hat die Gesellschaft 
gebildet; darum sagt der Christ: ,,Gott ist die Liebe imd so ihr in der 
Liebe seid, seid ihr in Gott"; denn die Liebe ist das Einssein mit der 
Gattung, mit Gott. Darum sagt der Christ: die Liebe ist das Himmel- 
reich, denn die Liebe ist das Leben nicht in der Ichheit, dieser Körper- 
lichkeit und Irdischkeit, sie ist das Leben in der Gattimg, dem Reiche 
und Dasein Gottes. Darum ist Christus das Wesen der Liebe, weil er 
für die Allgemeinheit, die Gattung seine Ichheit aufgegeben, hingeopfert 
imd den Tod des Kreuzes auf sich genommen hat. Und wer ein Christ 
sein will, der tue wie Christus tmd gebe hin seine Einzelnheit, sein 
Ich, Leib und Seele an die Allgemeinheit, an die Gatttmg. Darum ist 
der jüdische Gott der Gott des Egoismus, darum ist er so tief unsitt- 
lich, weil er kalt verharrt, einsam auf seiner einsamen Höhe, in ab- 
geschlossener Alleinigkeit das herzlose in sich beruhende Ich, darum 
ist der christliche Gott ein so tief sittliches Wesen, weil ihn in der 
Überfülle seiner Vollkommenheit das Bedürfnis der Sehnsucht er- 
greift nach einem Wesen, das ihm gleich sei, ihn das Ich der Himger 
nach einem Du, und er steigt herunter von dem kalten einsamen Thron, 
auf dem er gesessen als Gott der Juden, und zeugt sich seinen einge- 
borenen Sohn. 

Jetzt weißt Du, was Liebe ist, sie ist, um es noch einmal zu wieder- 
holen, das Gefühl imd die Sehnsucht nach der Einheit des Ichs und 
des Allgemeinen, der Gattung, die sich in der Form des andern Ichs 
darstellt. Aber die Liebe ist erst nur noch die Sehnsucht nach dieser 
Einheit, nach diesem Aufgehen in der Allgemeinheit, in Gott. Wie 
den Denker die Erkenntnis, daß er eins sei mit dem Allgemeinen, treibt, 
diese Einheit mit dem Allgemeinen zu verwirklichen durch die Tat, 
durch das Wirken für die Gattung, wie es ihn treibt, das Gesetz zu geben, 
das die ausgesprochene Übereinstimmung des einzelnen und allge- 
meinen Willens ist, wie es ihn treibt zur Arbeit für den Staat und dessen 
Bildung, der die konstituierte, verwirklichte Einheit des einzelnen und 
allgemeinen Wesens ist, so treibt es in der Liebe den Menschen, die Sehn- 
sucht, das Streben nach der Einheit seines Ichs mit dem anderen Ich 
zu verwirklichen, wirklich wahrhaft eins mit ihm zu werden. Die bloße 
Liebe ist nur das Gefühl, daß diese Einheit mit dem anderen 
Ich das Wesen sei; die Wirklichkeit aber ist noch die dem Wesen 



-= 149 = 

entgegengesetzte, sie ist der Hohn gegen das Wesen; in der 
Wirklichkeit sind ja die beiden Ichs, die als das Wesen ihre Einheit 
fühlen, nicht eins, körperlich abgetrennte Individuen. Das Wesen, 
die Einheit ist nur noch ein bloßes Sollen, das noch nicht ist, ihr Sein, 
ihre Existenz ist noch entgegengesetzt dem Sollen. Denn das Sollen 
ist die Einheit, imd das Sein ist noch die Getrenntheit. Ihr Wesen ist 
die Einheit, aber ihr Sein, ihre Körperlichkeit und Existenz ist die 
getrennte, das Sein ist noch nicht unterworfen tmd durchdrungen von 
dem Wesen. Die Körperlichkeit, dieser letzte Trotz des Ich und 
diese letzte Schanze der bei sich verharrenden Ichheit, die das Un- 
wesenthche ist, sträubt sich gegen das Wesen und will sich, ihre 
körperliche getrennte Existenz, fixieren und bewahren gegen das Wesen, 
das die Einheit ist. Das Sein die Getrenntheit, sträubt sich gegen das 
Sollen, gegen das Machtgebot des Wesens, die Einheit. 

Siehst Du, Mädchen, das ist ein schrecklicher Zustand. Die beiden 
großen Mächte, die das AU bilden. Sollen imd Sein, Wesen und Existenz, 
Seele und Ivcib, Idee und Wirklichkeit sind auseinandergerissen. Das 
Sollen ist ohne Sein und das Sein ohne Sollen, dem Sollen entgegen- 
gesetzt; das, was sein soll, ist nicht, imd was ist, soll nicht sein; 
das Wesen hat keine Existenz tmd die Existenz ist wesenlos. Das Wesen, 
die Einheit ist ohne die Erfüllung des Seins, und das Sein, die Getrennt- 
heit, Körperlichkeit, ist ohne die Weihe des Wesens, ist dem Wesen 
und seinem Machtgebot entgegengesetzt, ist die Sünde gegen es. Mäd- 
chen, das ist ein schrecklicher Zustand, das ist Dein Zustand, Mädchen, 
das ist die Trennimg vom Sollen und Sein, Seele und Leib, 
von der ich Dir neuhch sprach. Das ist zugleich die Sünde, die häß- 
lichste, die einzige wahrhafte aller Sünden: die Unsittlichkeit. Denn 
es ist das letzte Zucken des Ich, wenn es seine Ichheit, seine störrische, 
trotzige Einzelnheit hingeben soll dem Allgemeinen, der Einheit. Der 
Körper ist die letzte Existenz des Ichs als bloß einzelnen Ichs, der 
Körper sein einzelnstes Eigenümi; er ist der letzte Schutzwall, 
hinter den sich das unsittliche Ich zurückzieht, das seine Einzelnheit 
nicht hingeben will der Einheit, dem Allgemeinen. 

Da, Lormi, erhebt sich das Wesen, das Sollen, die Einheit in seiner 
ganzen Kraft. Weißt Du, was Rehgion ist? Religion ist die Begeiste- 
rung für das Wesen gegen die Existenz, für das Sollen gegen das 
wesenlose Sein. (Ich erinnere Dich an das, wovon ich neulich mit 
Dir sprach, an die christlichen Märtyrer.) Religion ist die Treue gegen 
das Wesen imd sein Machtgebot. Religion ist die Verwirklichung und 
Vollführung des Wesens, des Sollens, zum Trotz der störrischen gegen 
das Wesen sich sperrenden Existenz. Die Liebe wird zur Religion, 
Das Wesen, das Sollen unterwirft sich die sich gegen es sträubende 



= 150 = 

Wirklichkeit, die Getrenntheit des körperlichen Seins. Die Einzelnheit 
wird auch aus dieser ihrer letzten Verschanzung herausgetrieben und 
muß sich hingeben dem Wesen, das die Einheit mit dem andern Ich ist. 
Der Körper, diese absolute Einzelnheit und Getrenntheit, gibt seine 
Einzelnheit auf ; wie der Geist der beiden Liebenden eins und identisch 
ist, so werden die Körper jetzt eins, die Schranke wird durchbrochen, 
die Getrenntheit verschwindet, die Seelen fließen zusammen, aus zwei 
Leibern wird einer, ein wunderbarer Organismus. Mann und Weib 
in der Umarmung, das Bild der Gattung. Jetzt ist die Liebe erst wirk- 
lich, das Sollen ist ausgeführt, die Einheit beider Ichs verwirklicht, 
das Wesen und sein Gebot vollzogen. Der Zeugungsprozeß ist der 
Zenitpunkt der Liebe. Jetzt erst ist vollkommen gebrochen die Un- 
sittlichkeit der Einzelnheit, denn jetzt erst ist vollständig mit Fleisch 
imd Blut das Ich aus seiner Einzelnheit herausgetreten. Jetzt erst ist 
die Einheit vollbracht. Darum nenne ich den Zeugungsakt einen 
gottesdienstlichen Akt, denn in ihm wird das Wesen vollzogen, die 
Einheit des Ichs mit dem Allgemeinen, der Gattung. Diese Einheit 
gelangt in ihm zur Existenz, wird Wirklichkeit, Sein. Der Zeugimgs- 
akt ist die Inkarnation, die Fleischwerdung Gottes, was nichts anderes 
heißt, als er ist die Wirklichwerdung und Vollziehung des bis dahin 
nurinnern Wesens, der Einheit mit der Gattimg. — Es ist ein bemerkens- 
werter Tiefsinn der deutschen Sprache, daß sie die Worte Gattung 
und Begattvmg aus einem Stamme gebildet hat. — Sich begatten 
heißt sich der Gattimg hingeben — und die in diesem Akte erreichte, 
verwirklichte Einheit ist keine flüchtige, vorübergehende. Das Produkt 
dieses Aktes ist ein permanentes — es erscheint das Kind. Indem 
das Ich seine Ichheit hingegeben hat an die Gattung, hat es sich zur 
Gattung erweitert, zur Gattung gemacht, hat es die Gattung hervor- 
gebracht, erzeugt, und die Gattung erzeugt sich nur, entsteht nur, 
indem das Ich sich ihr hingibt; das sich der Gattung hingebende Ich 
ist der Lebensquell der Gattung. Das Kind ist das äußerliche, ehrende 
Zeichen, daß das Ich seine Einzelnheit aufgeschlossen hat der Gattung. 
Darum galt es bei den alten Griechen als eine Würde und Ehre, Kinder 
zu haben, und die Kinderlosigkeit wird noch als eine Schande be- 
trachtet im ganzen Morgenland. — 

Nun, Lonni — ich muß abbrechen; ich wollte Dir einen Brief 
schreiben und bin auf dem Wege, Bücher anzufüllen. Genug für heute, 
vielleicht, daß ich es fortsetze ein andermal. Soviel glaube ich Dir 
klar, sonnenklar gemacht zu haben, daß das Recht, die Pflicht, das 
Wesen, die Sittlichkeit, die Religion auf selten Deiner Liebe, auf meiner 
Seite stehen ; — auf der Seite DeinerWeigerung steht die Unsittlichkeit des 
in seiner Einzelnheit verharren wollenden Ichs, die Irreligiosität. Wähle ! ! 



— 151 — =^ 

Das wirst Du eingesehen haben, daß es das Höchste ist, sich mit 
Bewußtsein hinzugeben der Gattung. Unbewußt, ohne es zu wollen 
und wissen, tut es auch das Tier in der Fortpflanzung. Unbewußt 
wirkt auch der eigensüchtigste Krämer in seinem kleinlichsten, nur auf 
sich berechneten egoistischsten Tun für die Gattung. Denn das ist 
die große Ironie, daß der Einzelne auch in seinem einzelnsten Tun 
und Treiben, auch da, wo er nur sein eigenes einzelnstes Geschäft zu 
treiben gedenkt, dennoch gezwungen ist, ohne und wider seinen Willen 
Allgemeines zu veranlassen, für die Gattung zu arbeiten. 

Mit Bewußtsein und Willen aber sich der Gattung, der Allgemein- 
heit hingeben, das ist das Höchste, das Göttlichste, was der Mensch 
erreicht. Darum sollst Du mit Bewußtsein und Willen aussprechen, 
daß Du Deine isolierte trotzige Einzelnheit ausziehen, daß Du ein- 
ziehen willst in das Reich der Sitthchkeit, in das Himmelreich, in die 
Einheit mit der Allgemeinheit, der Gattung, dem anderen Ich. lyonni, 
wähle! 

IV. 

Mein Mädchen! 

Es ist das letzte Mal, daß ich mir diese trauliche Anrede erlaube 

— das letzte Mal sei sie Dir noch von Herzen gegeben. 

Es ist eine schmerzliche, unangenehme Pflicht, die ich zu erfüllen 
im Begriff bin, aber ich habe immer dafürgehalten, daß wenn zwei 
Personen, die sich wert waren, durch irgendwelche Umstände veran- 
laßt, dazu kommen, ihre Liaison aufzulösen, am besten tun, sich darüber 
klar zu machen, es sich gegenseitig einzugestehen. Es liegt allerdings 
etwas überaus Unangenehmes darin, sich, besonders wenn das Verhält- 
nis zarter Art war, dies geradezu heraus zu sagen; und die Folge davon 
ist, daß, da die belebende Innerlichkeit erloschen ist, das Verhältnis 
sich noch eine Zeitlang als äußerliches hinschleppt, man den offenen 
Bruch scheut, sich gegenseitig geniert und unbequem ist. 

Ein Beweis mehr, wie die Menschen sich von allen ihren selbst- 
gemachten Verhältnissen zwingen, knechten, peinigen lassen. 

Das soll nicht sein. Ein Wort bricht diese Kette, ein Wort befreit 
von dem Albdrucke, den der tote Leichnam gewesener Liebe ausübt, 
ein Wort läßt wieder frei atmen. — So will ich es denn aussprechen, 
dieses Wort. 

Du hattest mir keine Leidenschaft zu erwidern; versagt ist Dir 
der frisch springende Quell warmen Blutes ; vielleicht daß weißer Fisch- 
saft in Deinen Adern langsam fließt — ich verzieh Dir das, ich ging in 
meiner Nachsichtigkeit vmd Resignation so weit, daß ich von Dir nicht 



= 152 =^= 

verlangte, was Du doch nicht leisten, erfüllen konntest — nämlich 
Leidenschaft — , ich begnügte mich mit dieser stumm, fleischlosen Liebe, 
mit diesem Gespenst und seinem mitternächtigen Umgang, Schon 
einmal hatte ich Dich verlassen, weil sich die ganze GöttHchkeit meiner 
Natur, die ungeteilt eins, Geist imd Fleisch in vmgetrennter Durch- 
dringimg, gegen dies sieche, abgeschiedne Geisttum, gegen diese roman- 
tische Seelenschwabbelei empörte. Ich hatte Dich verlassen — ich sah, 
daß Dir dies Schmerz machte, und ich kehrte zurück und ergab mich 
in diese Kreuzigung. Da endlich fügtest Du zu der Liebeskälte, die 
Deine Natur ist, auch noch die entschiedenste Gleichgültigkeit, die 
frostigste Rücksichtslosigkeit hinzu; während sechs Wochen, während 
eines Zeitraums, innerhalb welches Du dreimal um ein Theaterbillett 
schreiben konntest, gewannst Du nicht die Zeit, mir ein Wort, ein 
einziges Wort, eine Silbe zukommen zu lassen. — Du scheinst 
mit großem Gleichmut abzuwarten, mit einem Gleichmut, der, wie 
er auch sonst bezeichnet werden mag, jedenfalls doch eher alles andre 
als eben Liebe ist, ob ich je wieder zurückkehren würde oder nicht. 

Da sah ich deutlich, daß ein eisiger Wintersturm zerstört hatte, 
was in Deinem Herzen für mich blühte. 

Ob es mich traurig macht — ich muß mich darein finden. Deine 
Liebe zu mir hat faktisch aufgehört; so bleibt mir nur eins, mir keine 
Illusionen zu machen imd wären sie die tröstlichsten, als liebtest Du 
mich noch wie ehedem, mir diese kalte nackte Wahrheit: ,,Du liebst 
mich nicht," ohne schonende Selbsttäuschtmg einzugestehen, das 
Paradies, vor dem sich abwehrend der Engel mit dem feurigen Schwert 
(der Teufel Deiner Gleichgültigkeit, statt des feurigen Schwertes 
einen Eiszapfen in der Hand) gelagert hat, auch freiwiUig aufzugeben 
— und sich zu schicken in die Zeit. ,, Schicket Euch in die Zeit, denn es 
ist böse Zeit." — 

Ich versuchte damals noch eins. Ich ging zu Dir imd stellte Dir 
Dein Unrecht vor, und außer mehreren Abgeschmacktheiten erfuhr ich 
nichts, als daß Du Deine Leidenschaft zu mir bekämpfen, unterdrücken 
wolltest. Eine Leidenschaft, die nie dazu kommt, sich selbst billigen 
zu können, sich hinzugeben dem Glück und der göttlichen Freude ihrer 
Existenz, eine Leidenschaft, die fortwährend selbstmörderisch die 
Hand an sich selbst zu legen droht — ist sehr langweilig oder sie muß 
tragisch enden. 

Um Dich tragisch enden zu lassen, bin ich Dir zu gut, mein Kind, 
imd die Langweile langweilt mich. 

So leb denn wohl. 

Deine Gefühle für mich vermag ich nicht zu berechnen, ich aber 
werde stets Dein ergebenster treuster Freund, Dein Diener sein. 



-^ = 153 = 

Nicht ohne Absicht wählte ich die Vignette dieses Briefes, ein 
Christusbild. 

So möge er denn wieder einziehen in das Herz, aus dem ich ihn 
vertrieben, in diesen Tempel, der eine Zeitlang einem andern Gotte 
geweiht war, in diesen Tempel, der mein Altar, mein Heiligtum war 
eine schöne kurze Zeit. 

Aber nein, warum sollte ein Tempel, den Apollo verläßt, der glänzende 
Gott des ewigen Lichtes, sogleich in die düstere Öde des Klosters sich 
wandehi? Viel sind ja der heitern griechischen Götter, und der Sohn 
Asklepios^) folgt auf seinen strahlenden Vater. 

So sei es denn, imd zu des Griechen Gebet Sprech' ich ein christ- 
liches Amen. 



28. 

DR. ARNOLD MENDELSSOHN AN DEN BANKIER JOSEPH 
MENDELSSOHN. 2) (Abschrift.) 

[Berlin, Auf. Jan. 1845.] 

... Es war im November, als mir Lassal, wie es seine Weise ist, 
meinen Wünschen zuvorkommend, das Anerbieten machte, zu ihm zu 
ziehen. Es ist unschwer zu sehen, mit welcher Freude ich dies An- 
erbieten ergreifen mußte. Schon längst hatte ich mich gesehnt, meine 
Stube in der Oranienburger Straße bei meinen Eltern zu verlassen, ich 
hatte längst eingesehen, was ich einem Manne von Deiner Lebens- 
erfahrung wohl erst nicht auseinanderzusetzen brauche, daß ich dort 
in einem so entlegenen Teile der Stadt, zumal bei der Ärmhchkeit und 
Beschränktheit meiner ganzen äußern Existenz, in der Welt, wo so un- 
geheuer viel auf ÄußerUchkeiten ankommt, niemals Praxis erhalten, nie 
sozusagen Karriere machen könnte . . . Wenn also schon diese äußere 
Rücksicht auf meine Existenz hinreichte, um mir das so freimdliche 
Anerbieten Lassais äiißerst willkommen zu machen, so hatte ich noch 
dazu einen vielleicht noch gewichtigern innern Grtmd dafür. Es wird 
Deinem Blick wohl nicht entgangen sein, daß seit meiner Bekannt- 
schaft mit Lassal eine radikale Umändenmg mit mir vorgegangen 
ist, ich eine ganz andere Richttmg erhalten. Durch ihn wurde ich 



^) Mit dem Sohn des Asklepios ist Dr. Arnold Mendelssohn gemeint. 

2) Joseph Mendelssohn, der älteste Sohn Moses Mendelssohns, der Begründer 
des noch heute bestehenden großen Berliner Bankhauses Mendelssohn & Co. 
Lassalle war durch seinen Freund Arnold Mendelssohn bei den verschiedenen 
Mendelssohnschen Familien eingeführt worden. 



-— 154 = 

zur Philosophie hingeführt, aber er begnügte sich nicht damit, mich 
zu ihr bloß hinzuführen, auch etwa zu ihrem Studium anzuregen, er 
übernahm auch die Arbeit, mich in sie einzuführen, er war mein 
Mystagog in den Mysterien dieser Wissenschaft, und einen bessern 
hätte ich mir schwerlich wünschen können. Es ist aber die jetzige 
Philosophie nicht etwa wie viele frühere ein abstraktes metaphysisches 
Gerede und Verstandesraisonnement, sondern eine Wissenschaft, die 
sämtliche positive Realdisziplinen zu ihrem Inhalt und ihrer Basis 
hat, zugleich aber ihnen erst ihren Wert verleiht. Daher kam es, daß 
meine Stellung zu meiner eigenen Fachwissenschaft, der Medizin, jetzt 
eine ganz andere wurde. Früher hatte ich sie ohne lyust und Liebe wie 
ein Metier betrieben. Jetzt lernte ich den Gedanken in ihr erkennen, 
die Vernünftigkeit dessen begreifen, was mir früher nur zusammen- 
hangloses, äußerliches, unvernünftiges Material gewesen zu sein schien. 
Das Handwerk wurde mir zur Wissenschaft. Daß aus dieser meiner 
Erkenntnis für mich [die] wichtigsten Folgen in bezug auf meine medi- 
zinische Produktivität und Kenntnis erwachsen, ergibt sich mit Not- 
wendigkeit. Ich hoffe und glaube, daß Du den innern Zusammen- 
hang dessen, was ich hier nur so von weitem angedeutet habe, auch in 
der Tat begreifst und mich nicht für ,, schwärmerisch begeistert" hältst, 
dem ja auch meine ganze ruhige Natur und mein Alter, das die Jüng- 
lingsjahre wohl überschritten, widerspräche. Daß man diesen Zu- 
sammenhang meist nicht einsieht, liegt nur in der gänzlichen Unbe- 
kanntschaft imserer gebildeten Welt mit dem, was wahrhaft Philosophie 
ist. Die Philosophie ist in der Tat wie jene Geheimsprache der gibel- 
lineschen Dichter, über die Du so Interessantes mitteilst, das esoterische 
Besitztum einiger weniger. ^) 

Aber noch andres vmd gerade das Entgegengesetzte habe ich von 
der Philosophie erhalten. Denn wenn ich bisher gesagt, daß ich durch 
sie zu dem ,, Gedanken" kam, so kam ich nicht weniger durch sie zu 
dem Glücke des Seins, nämhch zu der innern Beruhigung. War ich 
früher ein griesgrämlicher Kerl gewesen, dem es nirgendwo recht 
war und am allerwenigsten in seiner eigenen Jacke und Haut, war 
ich von allem Existierenden unbefriedigt gelassen, so konnte und 
mußte ich jetzt vielmehr dies tadelsüchtige, mißmutige Wesen fahren 
?assen, als ich dazu kam, die Vernunft, die Wahrheit, den Gedanken in 
dem Existierenden zu begreifen. Oh, es ist ein ganz eignes Glück, er- 
löst zu sein aus der leeren Unzufriedenheit des Liberalismus, aus diesem 
tadlerischen Besserwissen, das sich nirgends wohl imd zuhause fühlt, 
dem die ganze Welt und Wirklichkeit sinn- und gedankenlos, ein Regi- 

*) Joseph MendeJssohn, Bericht über Rossettis Ideen zu einer neuen Er- 
läuterung des Danfe und der Dichter seiner Zeit. Berlin 1840. 



— — 155 = 

ment des Unsinns ist. Es ist ein ganz eignes Glück, eine heitre Freude, 
die Vernunft zu schauen im Vorhandenen, sich nicht mehr bloß ge- 
drückt, verneint zu fühlen, sondern die Existenz als die des Gedankens 
zu wissen und sie somit bejahen zu können und den beruhigten Aus- 
spruch des jüdischen Gottes tun zu können, der von seinem Himmel 
herimtersehend sagt: ,, Alles ist gut." Den Wert dessen fühlt man be- 
sonders, wenn man früher dazu gekommen war, zu sagen: Alles ist 
schlecht. Der Ernst der Philosophie ist ein heiterer Ernst, denn er 
führt von jenem gallsüchtigen liberalen [Weg fort] ^) zur Heiterkeit der 
Weltanschauimg. Ich kann von lyassal oder von der Philosophie, was mir 
eigentlich identisch ist und zusammenfällt, jenes von Hegel [geltende] ^) 
Wort sagen: ,,Und mit der wirklichen Welt hat er mich wieder ver- 
söhnt." 

Um aber der Gedankenfülle und des Glücks der Philosophie wahr 
teilhaftig zu werden, bedurfte es natürlich der gründlichsten, tief ein- 
dringendsten Kenntnis und Studiums; ein Studium, welches durchaus 
nicht so leicht und in so kurzer Zeit absolviert werden kann, ein Studium, 
welches, wenn man es von sich aus allein betreibt, Jahre, Jahre des 
eifrigsten Bemühens erfordert. Unbegreiflich in dieser Beziehung 
muß Lassal erscheinen, der in einem doch noch so jimgen Alter etwas 
vollendet vmd vollbracht hat, was sonst eine Arbeit von Dezennien 
verlangt und einer Arbeit von Dezennien so selten gelingt; erklärlich 
ist es mir erst, seitdem ich weiß, wie er von seiner ersten Jugend an 
durch seine ganze frühreife Bildung seinem Alter stets um zehn Jahre 
vorausgeeilt war, wie er in einem Alter von 13 bis 16 Jahren, wo wir 
andern sonst Kinder zu sein, Jünglinge zu werden pflegen, seine ganze 
Jünghngsperiode durchlebte, wie er da in einem äußerst tollen bunt- 
bewegten Leben sich die Hörner ablief und, worauf man gewöhnlich nicht 
mit Unrecht soviel Gewicht legt, sich ,,Ivebenserfahnmgen" sammelte; 
das zurückgelegte sechzehnte Jahr fand, so paradox es klingen mag, 
diesen aller Gewöhnlichkeit enthobenen Menschen als einen erfahrenen 
Mann; wie er ferner durch seine wahrhaft eminente Geisteskraft im 
zehnten Teil der Zeit das vollbringt, wozu wir andern die zehnfache 
brauchen, und wie er endlich durch seine riesenhafte Energie, durch den 
ausdauerndsten Fleiß von seinem sechzehnten Jahr ab jedes Jahr zu 
dreien sich umschuf. Bloß durch diesen letzten Umstand gelang es ihm, 
sich eine so enorme Masse empirischer Kenntnisse zu verschaffen, 
die ihm den Namen eines Gelehrten vindiziert. 

Mir nun wäre es bei der so großen Schwierigkeit des Gegenstandes 
durch mein vorgerücktes Alter, besonders aber durch meine so sehr viel 



Die eingeklammerten Worte sind nicht genau zu entziffern. 



— 156 

Zeit raubenden praktischen Verhältnisse fast unmöglich gewesen, mit 
Erfolg Philosophie zu studieren, wenn ich es auf dem gewöhnlichen 
naturwüchsigen Wege, bloß auf meine eignen Mittel angewiesen, 
hätte tun sollen. — Dadurch, daß I^assal mir gesagt, er unternähme, 
mich in die Philosophie einzuführen, gemeinschaftlich mit mir zu 
studieren, wurden mir Berge von Schwierigkeiten aus dem Weg ge- 
räumt und an Zeit imglaublich viel erspart. Auch so — ich arbeite 
seit August mit Lassal — habe ich kaum noch den allerkleinsten Teil 
dessen hinter mir, was ich durchmachen muß, tun im wirklichen Besitz 
der Philosophie zu sein, aber das glückliche Gehngen des Anfangs, der 
Fortschritt, den ich täglich an mir sehe und wahrnehme, die täghch 
wachsende Kraft, bürgt mir für den Ausgang. 

Wenn mir so nur dadurch, daß ich mit L,assal arbeiten konnte, das 
Gelingen eines Unternehmens möglich wurde, zu dessen Beginn ich 
sonst bei meinem Alter, SteUimg etc. kaum den Mut gehabt hätte, 
so liegt es auf der Hand, daß [bei] meiner durch äußere Verhältnisse 
in Anspruch genommenen und sozusagen zerstückelten Zeit und bei 
Lassais geregelter, durch die vielfachsten Studien besetzten Zeit- 
einteiltmg mein Zusammenarbeiten mit ihm dadurch mißhch frag- 
mentarisch und gelähmt war, so daß ich auf diese Weise nicht auf die 
gewünschte Art vorwärts kommen konnte. Deshalb machte mir Lassal, 
meinem eignen Wunsche zuvorkommend, das Anerbieten, zu ihm zu 
ziehen, und aus diesem angeführten innem Gnmde war mir dies Aner- 
bieten so überaus willkommen.^) 

Wie imendlich rascher ich dadurch in meinem Studium vorschreite, 
habe ich, seitdem ich bei ihm wohne, gesehen; ja ich habe, was früher 
nur auf negative Weise, jetzt auf positive Weise gesehen, nämlich, daß 
nur durch ein Zusammenwohnen bei ihm ich die mir nötige Arbeit 
überwinden kann. Dies Zusammenwohnen mit ihm, wodurch ich jede 
Stunde meiner zerstückelten Zeit, ohne ihn allzusehr zu stören, benutzen 
kann, gleicht die eigen tümhchen Schwierigkeiten vmd Hindemisse aus, 
die mir aus meinem vorgerückten Alter, meiner Praxis etc. entspringen. 
Ich wohnte jetzt also mit lyassal. Vor kurzer Zeit nun eröffnete mir 
dieser, daß er der imleugbaren viel UnannehmHchkeiten wegen, die 
das Wohnen in Chambres gamies mit sich bringt, sich eine eigne Woh- 
nimg miete imd daselbst einrichten wolle. Er begleitete diese Er- 
öffnimg mit dem Anerbieten, mit ihm zu ziehen. Ich nahm dies, wie 
natürlich, wiederum unbedenkhch und sehr gern an. Ich dachte im 
Augenblick nicht daran, daß dazu irgend etwas anderes erforderlich 
wäre. Erst als ich sah, daß Lassal anfing, sich sehr elegant zu möblieren. 



*) Seit Mitte November 1844 wohnten sie zusammen. 



= 157 =- ^ ^ 

fiel mir ein, daß wir ja jetzt eine unmöblierte Wohnung nähmen und 
daher eine Selbstanschaffung von Meubles etc. und eigne Wirtschafts- 
einrichtimg nötig sei. Ich sah sofort, daß sich der Ausführung dessen, 
soweit es mich betraf, in meiner gänzlichen Mittellosigkeit ein un- 
bezwingliches Hindernis entgegensetzte. Zwar machte mir Lassal 
mit seiner gewohnten Liberalität sofort das Anerbieten, mir auch mein 
Zimmer, den für mich bestimmten Teil der Wohnung zu möbheren, 
und drang mit seiner ganzen Freundlichkeit in mich, dies von ihm an- 
zunehmen. Aber so wunderbar dies auch klingen mag, ich schlug dies 
unerbittlich aus. Es scheint ein Widerspruch darin zu liegen, es scheint 
vielleicht eine krankhafte geistige Schwäche, eine Art SentimentaUtät 
von mir zu sein, daß ich mich so hartnäckig dagegen sträube, von einem 
Menschen, dem ich so imendlich viel, meine ganze innere Entwicklung 
verdanke, nun auch etwas anzunehmen imd zu empfangen, was, wenn 
auch an und für sich nicht unbedeutend, doch gegen den innern Reich- 
tum, den er mir verlieh, gehalten, eine wahre Kleinigkeit ist. Die 
meisten Menschen würden, wie gesagt, dies nur für diesen Widerspruch 
nehmen; es kommt darauf an, das bewegende Motiv dieses scheinbaren 
Widerspruchs aufzufassen. Dies Verständnis wird darum selten sein, 
weil zu ihm psychologische Kunde imd, wenn ich so sagen [darf], ein 
feineres Gefühl gehört. Du wirst mich verstehen, wenn ich Dir sage, 
daß ich darum so fest widerstrebe, dies von Lassal anzunehmen, grade 
weil ich ihm schon so viel, so unendlich viel verdanke, daß sich meiner 
das drückende Gefühl bemächtigt, bei einer Vermehrung dessen, was 
ich ihm schulde, meine ganze Ichheit, meine ganze Selbständigkeit an 
ihn hin zu verUeren. Ich will gar nicht davon sprechen, daß vielleicht 
sogar die Möglichkeit vorhanden wäre, daß ich ihn durch die Annahme 
seines Anerbietens irgendwie, wenn auch immer nur wenig oder augen- 
bhcklich, inkommodiere. Jedenfalls bleibt dieses fest stehen: Wenn 
ich ihm schon imendlich viel [Inneres]^) verdanke imd derartiges, daß 
es nach Geld- oder dergleichen Taxen, wie Du zugeben wirst, gar nicht 
abzuschätzen ist, so hat für dies aus freier Liebe Gegebene die freie 
Liebe, ja das Geben selbst bezahlt. Um keinen Preis aber möchte ich 
zu ihm, grade weil ich ihm so viel verdanke, in das Verhältnis äußerer 
Abhängigkeit treten. Daß ich Lassal die innern Wohltaten, mit 
denen er mich so verschwenderisch überschüttete, meinerseits nicht 
vergelten kann, stört mich schon seiner Unmöglichkeit wegen nicht. 
Wenige Menschen wären imstande, sich ihm gegenüber, wenn er zu 
ihnen in ein Verhältnis träte, anders als annehmend zu verhalten. Es 
würde aber nach alledem etwas unendlich Niederdrückendes, ja Er- 



^) Das eingeklammerte Wort war nicht genau zu entziffern. 



- 158 

drückendes für mich, durch das Band materieller Abhängigkeit ge- 
fesselt zu werden. Es würde den ganzen freien und kräftigen Flug 
meines Selbstbewußtseins, den ich in letzter Zeit genommen habe, 
niederziehen und lähmen das Bewußtsein, ganz das Geschöpf eines 
andern Menschen zu sein. Es würde, wenn auch wahrhaftig nur von 
meiner, nicht von seiner Seite, sogar mein Verhältnis zu ihm gestört 
werden durch dies Bewußtsein meiner totalen Unselbständigkeit 
ihm gegenüber. — Ich mag mit einem Wort von meinem Freund nicht 
ausgehalten werden. Daß ich also Lassals Anerbieten annehme, das 
geht, wie genügend erörtert, durchaus nicht und in keiner Weise, So 
bliebe mir nur noch der Fall übrig, überhaupt nicht mit Lassal zu- 
sammen zu ziehen. Das aber geht, wie Du aus dem oben Auseinander- 
gesetzten ersehen wirst, ebenfalls nicht. Es würde mich unendlich 
zurückbringen in meinen Studien, würde mich um Jahre, Jahre, wenn 
nicht für immer, von der Erreichung meines mir gesteckten Ziels ent- 
fernen. Ich befinde mich also in der imangenehmen Lage, zwischen 
zwei Fällen zu stehen, welche beide, gleich schlimm, für mich iimere 
Unmöglichkeit sind. 

Diese beiden Klippen zu umschiffen, dieser Szylla tmd Charybdis 
gleich auszuweichen, wird mir nur durch Deine Hilfe möglich sein . . .^) 



29. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 6. 4. 45, 
Mein lieber Freund! 

Nach dem leidigen Ausspruche der Kassandra: ,,Das Verhängte 
muß geschehen," hast du nun unsere gute Stadt Berlin verlassen, und 
Deine Witwen imd Waisen wenden ihre Blicke andächtig und sehn- 
süchtig nach Breslau, wie der Muselmann, wenn er mit seinem An- 
gesicht sich nach Mekka wendet tmd sein Gebet verrichtet. Hoffentlich 
wird auch Deine Hedschra nur das Vorspiel einer Rückkehr sein, die 
der des Propheten an Furchtbarkeit für seine Feinde nichts nachgeben 

^) In seiner Antwort vom 12. Januar lehnt Joseph Mendelssohn ab, dem Neffen 
den von ihm erbetenen Vorschuß von 250 Rt. zu gewähren. Arnold sei auf dem 
Wege gewesen, sich als Arzt eine Praxis zu schaffen. Die Bekanntschaft mit 
Lassalle führe ihn, so besorge er, davon ab: ,, Lassalle ist ein vermögender junger 
Mann, er kann tun und sich beschäftigen auf jede ihm beliebende Weise, und 
ihm behagt das Grübeln in übersinnhche Kenntnisse, in Philosophie. Du weißt 
wie ich — ganz unphilosophischer Geist diese abstrakte Philosophie ansehe. Ich 
halte sie für nichts anderes als ein geistiges Spiel, etwas besser als Karten- oder 
Schachspiel, womit man aber keinen Hund aus dem Ofen lockt." 



wird Selbige Hedschra ist aber so eilig erfolgt, daß Dein Omar nur 
einen Teil der ihm gewordenen Aufträge hat ausführen können: Deine 
Sachen nämlich sind Sonnabend vormittags noch von den Leuten 
Moreau Valettes (der Name klingt wie aus einem Roman von Spießt) 
oder Cramer:^) Stoßt die Humpen an, Banko den Fetzen) abgeholt 
worden xmd werden daher wohl nach Deinem Wunsch eintreffen. Als 
ich aber gegen 12 Uhr auf das Universitätsgericht kam und mit dem 
Tone der größten Assurance Deine Exmatrikel forderte, sammelte sich 
ein Rudel Pedelle um mich, die mich auf verschiedene Art oder Unart 
angrinsten und mir die tröstliche Versicherung gaben, ich würde eine 
bestimmte Antwort über dieselbe bekommen, wenn ich in ungefähr 
acht Tagen wiederkommen wollte. Ich machte daher sogleich einen der- 
selben zu meinem speziellen Vertrauten, indem ich ihm nach Deinem 
Gnmdsatz seine Hoffnimgen zum voraus erfüllte, und erlangte zum 
mindesten das Versprechen, daß er die Sache so schnell als möglich 
besorgen wolle; die Matrikel mache schon die Runde und er werde 
darauf sehen, daß die Herren sie nicht liegen ließen. Ich selbst werde 
täglich einmal auf dem Gericht erscheinen und meine Anwesenheit 
möglichst unangenehm machen, auf daß man die Sache beschleunige, 
um mich loszuwerden. 

, . . Was mich betrifft, so erhielt ich Freitag abends einen Besuch 
von Gottschall, der Dich noch zu treffen hoffte, das Nest aber zu seinem 
großen Bedauern leer fand. Als ich ihm seinen Robespierre zurückgab, 
so fletschte er in seiner gewohnten Weise grimmig lachend die Zähne 
tmd erzählte, daß er sich vorgenommen habe, seine Stücke vorläufig 
drucken zu lassen, weil er die Nichtigkeit der Hoffnung einsähe, daß 
sie jetzt aufgeführt werden würden . . . Sonnabend war ich abends bei 
Dirichlet.^) . . . Unser Gespräch wurde . . . durch die Ankunft Pauls*) 
unterbrochen. Mit diesem ging ich nach Hause imd erzählte ihm unter- 
wegs, daß Du mich verlassen habest. Als er mich fragte, warum Du nach 
Breslau gegangen seist, schob ich erst Deine Schwester vor, übrigens 
aber auch, wie ich sagte, wegen einer Arbeit, die er ungestörter dort 



^) Chr. H. Spieß (1755 — 1799). Verfasser von Rittergeschichten in der Art 
des Rinaldo Rinaldini. 

2) K. G. Cramer (1758 — 1817), Verfasser von Ritter- und Spektakekonianen, 
ein Liebling des Leihbibliothekenpublikums. 

3) Peter Gustav Lejeune Dirichlet (1805 — 1859), seit 183 1 außerordenthcher, 
seit 1839 ordentlicher Professor der Mathematik an der Universität Berhn, war 
seit 1832 mit Rebekka, der jüngeren Schwester Felix Mendelssohn- Bartholdys, 
verheiratet. Vgl. über die Mendelssohns das bekannte Buch von G. Hensel, „Die 
Famihe Mendelssohn", Berlin 1882. 

*) Paul Mendelssohn (18 13 — 1874), der jüngere Bruder Fehx Mendelssohn- 
Bartholdys, war bis zu seinem Tode einer der Inhaber des Bankhauses. 



— i6o — ^ = 

vollenden kann. Er fragte mich darauf, ob Du uns vielleicht mit einer 
neuen Religion beschenken wollest (wie kommt der Mann auf diese 
Frage?), worauf ich ihn etwas vornehm ansah und ihn fragte, ob er 
ein derartiges Geschenk etwa für überflüssig halte? Und er gestand 
dann ein, daß es mindestens mit der Religion, wie sie bisher bestanden 
hat, schlecht bestellt sei. Übrigens fragte er mich, ob ich nicht auch 
nach Breslau gehen würde, da ich mit Dir so befreundet wäre, worauf 
ich ihm sagte, sehr gern, wenn ich nicht an die Scholle bisher gebunden 
wäre, vorläufig werdet Ihr mich hier noch nicht los. (Ich dachte dabei : 
Herr, gedenke der Athener.) 

Im Sonntagsverein war es gestern industriell. Herr Guyau [?], der 
amerikanische Logiker, Herr Kimze, ein anderer Freund Wilhelms, 
dieser und ich Ärmster, der jeden Augenblick empfand, wie freund- 
lich es von Dir war, fast jeden Sonntag Deines Hierseins mit mir in 
meiner Familie zuzubringen und die Himmelfahrt mit Lonni zu 
unternehmen, um doch als irgendwo seiend auch etwas zu tun. Soviel 
ist mir klar, daß ich mir, bevor ich dazu komme, auch etwas imter den 
Leuten zu tun (Du weißt, was ich meine), die Herzspitze abnagen werde, 
daß ich Dich nicht mehr hier habe und erst drei solcher verdammter 
Dinger schreiben soll, welche die übertägigen Menschen Briefe nennen, 
ehe ich wieder ein Wort von Dir höre. Vorliegender hat übrigens, wie 
ich bemerke, bald das befohlene Maß erreicht, und ich beeile mich, 
Dich nur noch zu benachrichtigen, daß ich von vergessenen Sachen 
nur eine Unterhose und einen Teil vom Ariost gefunden habe. Letzteren 
will ich Dir mit einer Gelegenheit, z. B. mit meinem Bruder nach 
Breslau nachsenden. — Auf eine Antwort habe ich vorläufig keine 
Ansprüche, und indem ich mich mit dem Angesicht wieder nach Mekka 
wende und Gott tmd den Propheten um siegreiche Waffen anflehe, 
zeichne ich mich als Deinen Freund tmd Diener 

Omar Mendelssohn. 



30. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 14. 5. 45. 
Lieber Bruder in Christo! 

. . . Sehr begierig bin ich zu hören, wie Dir mein Schwager^) und meine 
Schwester geschienen haben. Der andere, von dem ich Dir einmal 
sprach und Dich fragte, ob Du ihn vielleicht sehen möchtest, heißt 

^) Eduard Kummer (18 10 — 1893), ^^^ berühmte Mathematiker. Er war seit 
1842 ordentlicher Professor in Breslau. 



i6i — 

Jacobi und ist Professor der Geschichte. Wenn es Dir einmal recht 
sein wird, und Du hast ihn noch nicht bei meinem Schwager gesehen, 
so werde ich Dir eine Karte an ihn schicken, doch nehme ich nach 
Deinem Brief fast Anstand, Dich noch mit jemand bekannt zu machen, 
dem Du doch wahrscheinlich auch ein fürsorglicher Vater sein würdest 
(Du hebes greises Haupt von 20 Jahren), Du hast vorläufig für jemanden, 
der ein solches Werk ^) vorhat wie Du, genug Menschlein um Dich herum, 
für welche Du auf die verschiedenste Weise sorgst. Sehr neugierig bin 
ich unter anderm, was denn Dein ältester Sohn, der Baron ^j, verbrochen 
haben mag, daß er in solche Ungnade gefallen ist; furchtbar ist der 
Herr in seinem Zorn, doch er wendet es alles zum Guten. 

. . . Humboldt kommt diesen oder künftigen Monat zurück, weil 
der König nicht, wie erst beschlossen war, an den Rhein, sondern nach 
Preui3en imd Schlesien geht. Wirst Du ihn besuchen, wenn er etwa 
sich in Breslau aufhielte? Mit angenagter Herzspitze 

Dein Omar-Mendelssohn. 



31. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 16. $. 45. 
Mein Freimd und Gebieter! 

Ich will heute schon den folgenden Brief begiimen, weil einiges 

über den kleinen Hoffnimgsvollen ^) mitzuteilen ist Im Bett 

fragte er mich, ob ich mir denn nach meinem Vorsatz den Entwurf 
Deines Systems*) abgeschrieben hätte, er wünsche gar sehr, ihn sich 
wieder ins Gedächtnis zurückrufen zu köimen. Wenn Du ihn aber in 
einer müßigen Sttmde einmal für mich kopierst, so tust Du mir nicht 
allein wieder einmal einen bedeutenden Liebesdienst, sondern Du tust 
außerdem etwas Zweckgemäßes. 

Gestern habe ich im Hotel Abendbrot gegessen, Dames und Schrader 
stürzten alsbald auf mich ein mit der Frage, ob ich Nachricht von Dir 

^) Lassalle hatte schon begonnen, an Heraklit zu arbeiten. 

2) Lassalle hatte an Baron Stücker einen äußerst ,, beleidigenden Brief ge- 
schrieben". 

^ Alexander Oppenheim, mit dem Mendelssohn nach Lassalles Fortgang von 
Berhn zusammenwohnte. 

^) LassaUes Entwurf zu einer ,, Philosophie des Geistes" befindet sich im 
Nachlaß und wird in dem Band dieser Publikation, der seine unveröffentUchteu 
Fragmente und Aufsätze bringt, veröffentlicht werden. 

Mayer, Lassalle-NachUiss. I H 



=::"- l62 - 

hätte. Ich setzte mich an emen besondeni Tisch, heß Dames neben 
mir sitzen, mir das Epos Deiner Taten noch einmal von diesem Rhapsoden 
vortragen; er konnte Dein Benehmen nur billigen; obgleich, wie er 
sagte, ihn die endliche Ohrfeige doch überrascht hätte; er vermißt 
seineu guten Kunden sehr und staunte, als er von mir hörte, daß Du 
außer Ecarte spielen auch noch arbeiten könntest, daß Du sogar letzteres 
noch lieber tätest. Übrigens hat er von jemandem, den er mir jedoch 
nicht zu nennen wußte, von Deiner Gelehrtheit gehört und war über- 
rascht durch den Ruf derselben in Verbindung mit Deiner Jugend . . . 
Bei Mendelssohns, wo ich zu Tisch war, ist bisher noch nichts Be- 
sonderes vorgefallen . . . Man bemerkt, daß ich jetzt angenehmer in 
der Gesellschaft sei, als während Deines Hierseins, wo ich, von stiller 
Bewimderung Deiner hingerissen, immer dagesessen hätte, ohne ein 
Wort zu sprechen. Du aber habest auch nichts für die Gesellschaft 
getan, sondern Dich eigentlich nur mit dem Alten ^) eingelassen . . . 



32. 
ARNOIvD MENDEIvSSOHN AN EASSAIXE. (Original.) 

[Poststempel 28. Mai 45.] 

Du, 

denn so kann ich Dich ja nur nennen, da Du ja das einzige Ich bist, 
dem ich ganz Ich bin, die höhere Einheit, in der ich als Moment auf- 
gehoben bin, in der ich mich mit meinem Andern vermittle. — Dein 
Brief hat mir eine höchst freudige Überraschung bereitet, da ich ihn 
nicht erwartet hatte. Dein Leben, wie Du es mir beschreibst, ist des 
Werkes würdig, welches Du vollbringst; was Du eigentlich leistest, 
ist mir dieser Tage erst wieder an einem Diesen klar geworden; ich 
las nämlich die englische Revolution von Dahlmann.^) Das Buch ist 
gewiß eines der bessern historischen imd doch, wie äußerlich sind die 
Sachen, wie äußerlich die Charaktere betrachtet; ich mußte während 
des lycsens fortwährend an die Phänomenologie denken, und indem ich 
mir das Kapitel von dem seiner selbst gewissen Geiste, dem Gewissen 
oder dem Bösen zurückrief, wurden mir die Gestalten dieser Zeit so 
durchsichtig, daß ich die größte Lust bekam, Dahlmann immerfort zu 
rüffeln. Cromwell z. B. nennt der Mann einen phantastischen Heuchler 
imd erzählt selbst, daß er, als er in dem letzten Jahr seines Lebens 



1) Joseph Mendelssohn. 

^) Friedrich Christoph Dahlmann, der bekannte Geschichtsclireiber und Poli- 
tiker. Seine Geschichte der enghschen Revolution war 1844 erschienen. 



i63 

viel durch äußeres Unglück und durch Krankheit gelitten hatte und in 
sich gebrochen war, auf dem Sterbebette seinen Kaplan iragte: Ist es 
möglich, vSterry, daß einer aus der Gnade fallen kann? Nein, es ist 
nicht möglich! Nun, so bin ich sicher, denn daß ich einmal in der 
Gnade war, das weiß ich gewiß. — Auf Deinen Heraklit bin ich höchst 
begierig. Ich finde, daß Hippokrates Heraklitischer Philosoph ge- 
wesen ist imd kann mich daher, da Heraklit, wenn auch abstrakt, die 
Idee des Prozesses fand, als den echten Nachfolger des Hippokrates 
betrachten. 

Was Du \'on dem Gasgeschäft nebst Stücke r-Lichnowskyschen Sub- 
sidien schreibst,^) ist Manna in der Wüste ; denn das unendhche Subjekt, 
das kein Geld hat (nämlich ich), hat zwar im Geiste seine Grenze zu 
einer Schranke herabgesetzt, aber als sinnliches Dieses ist es ihm immer 
noch eine Grenze, an dessen scharfen Kanten es sich alle Augenblicke 
den Kopf stößt . . . 



33. 
ARNOIvD MENDELSSOHN AN I.ASSAIvIvE. (Original.) 

Berlin, 5. G. 45. 

. . . Die Geschichte mit Hecker und Itzstein"^) wird hier vielfach be- 
sprochen, man ist sehr empört, besonders die faden Liberalen, wie Paul, 
Behr usf. erheben ein großes Geschrei; Arnim,^) der die Sache auf 
seine Verantwortung hin ausgeführt haben soll, soll seine Entlassung 
erhalten. Auch über die Kabinettsorder gegen den Homöopathen 
Arthur Lutze und über die katholischen Dissidenten wird hin- imd her- 
geredet, die obigen Kerle nennen den König einen Heuchler und Schuft, 



*) Für Baron Stücker und das Gasgescliäft vgl. die Einleitung S. 331". 

'^) Friedrich Hecker und Adam von Itzstein, die bekannten süddeutschen 
liberalen Politiker, waren am 25. Mai 1845, als sie sich auf der Durchreise in 
Berlin auflüelten, aus Preußen ausgewiesen worden. Dieser Willkürakt hatte in 
allen freiheithch gesinnten Kreisen die größte Empörung hervorgerufen. Im 
Breslauer Stadtverordnetenkollegium, dem Lassalles Vater seit 1841 angehörte, war 
der Beschluß, in der Angelegenheit eine Immediateingabe an den König zu richten, 
zuerst angenommen, dann ziurückgenommen worden. In die Polemik, die sich 
hieran knüpfte, wollte sich auch LassaUe mit einer den Professor Regenbrecht 
befehdenden Zuschrift an die ,, Breslauer Zeitung" mischen, die sich noch im Nach- 
laß befindet. 

3) Adolf Heimich Graf von Arnim- Boitzenburg, der :Minister des Innern, 
trat damals tatsäcMich zurück. Er wurde bekanntlich am Tage nach der März- 
revolution von Friedrich Wilhelm IV. an die Spitze der Regierung berufen. 



= 164 — 

die Klugem lächeln und nennen ihn einen Narren und sehen besonders 
die erstere als ein deutliches Signum pathognomonicum dieser Krank- 
heit an. — Heut oder morgen werde ich nach Charlottenburg gehen, 
um die Atrophia weiter zu betreiben; es wäre höchst vorteilhaft, mein 
teuerster Freund (jetzt will ich vielmehr Dein teuerster Freund 
sein), wenn Du mir noch vorher, ehe ich diese Geschichte wirkhch 
zum Klappen gebracht habe, ein kleines Detachement senden könntest, 
ich bin noch immer in allen meinen Evolutionen durch Truppenmangel 
auf das empfindhchste gehemmt; Oppenheim, der höchst ruhig bezahlt 
und gegen den ich noch kein Sterbenswörtchen von der aus Amerika 
gekommenen Geldnot habe fallen lassen, kann ich unmöglich anpumpen; 
kannst Du nicht auf Deinen Stückerschen Besitzungen eine kleine 
Brandschatzung erheben? 



34- 
ARNOLD MENDEI^SOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, den 13. 6. 45. 

Mein Einziger! 

. . . Übrigens: wie der Hirsch nach dem Wasser, so dürstet meine 
Seele nach Dir; die Menschen ennuyieren mich im allgemeinen gründ- 
lich ; gehörig aushalten werde ich es erst können, wenn ich dazu kommen 
werde, sie nicht bloß behandeln zu wollen, sondern sie wirklich zu be- 
handeln, d. h. als Werkzeuge zu unserm Zweck gebrauchen. Ich bin 
noch immer zu kleinlich und furchtsam, was Du sehr wahr eine 
Schwäche des Bewußtseins nennst; aber Du hast ja bis jetzt Geduld 
— und welche Geduld gehabt, es kommt bei mir alles, aber by and by, 
wie der Engländer sagt. 



35- 
ARNOI.D MENDEI^SOHN AN I^ASSAI^LE. (Original.) 

Berlin, 21. 6. 45. 

lyieber Getreuer! 

. . . Über die Hecker-Itzsteinsche Geschichte gebärdet man sich 
hier wie toll und stellt sich, als ob man eine ganz neue Entdeckung ge- 
macht hätte daran, daß unsre Regierimg willkürlich verfährt und 
die Pohzeihimde eben Hunde sind. Ich möchte dem liberalen Pack, 



— i65 

Paul und Konsorten, zuweilen in die Zähne schlagen, wenn sie mir 
ihre Gesinnvmg auftischen und meinen Beifall fordernd losräsonieren. 
. . . Morgen kommt Humboldt aus Kopenhagen zurück, leider ist 
mein Buch^) noch immer nicht fertig. Habt Ihr in Breslau etwas von 
den beiden Reden gehört, welche der König an die Stadtverordneten 
in Königsberg imd dann an das Offizierkorps gehalten hat? Er hat 
beide Teile 'nmtergemacht wie dumme Jimgens imd sie seiner Un- 
gnade versichert. Zu den erstem hat er gesagt: Alle Unruhen gingen nur 
von einigen Schreiern aus und wenn sich nur zwanzig I^eute von tüch- 
tiger Gesinnvmg in der Provinz zusammentäten, könnten sie dieselben 
leicht imterdrücken. Der süße Dusel, in welchem dieser Mann lebt, 
ist in der Tat bewundernswert. Das Ministerium soll über die Hecker- 
Itzsteinsche Geschichte zerfallen und der König willens sein, Arnim 
den Abschied zu geben. 



36. 
ARNOIvD MENDELSSOHN AN LASSAI^LE. (Original.) 

Berlin, i. 7. 45. 
Lieber Freund! 

... In politicis ist es hier jetzt sehr lebendig; die schnatternden 
Gänse räsonieren, was Zeug hält. Wenn Du ein oder das andere dieser 
Gerüchte mitgeteilt haben willst, z. B. daß die Königsberger anständige 
I^eute bei der Ankunft des Königs alle nach Pillau gefahren sind, dort 
ein Dejeuner gehalten haben, von welchem aus die Stadtverordneten 
zurückgefahren sind und ihm ihre Aufwartung gemacht haben, wobei 
jene famose Rede von der Ungnade erfolgte, daß dieselben ihm hierauf 
eine Adresse übersandt haben sollen, welche hier in Abschrift zirkulieren 
soll, worin sie sagen, sie seien Bürger des preußischen Staates; als 
solche hätten sie Pflichten imd Rechte; die ersten erfüllten sie tmd 
würden auf die letzteren halten, wobei es Ihnen auf die Gnade oder 
Ungnade des Einzelnen nicht ankommen könne usf., wenn Du der- 
gleichen wissen willst, so will ich es künftig ausführlicher mitteilen. 2) 

^) Der Mechanismus der Respiration und Zirkulation oder das explizierte 
Wesen der Lungenhyperaemia, Berlin 1845. 

2) Auch in voraufgehenden Briefen findet sich schon allerhand innerpolitischer 
Klatsch. Bei der bekannten Ausweisung von Hecker und Itzenstein macht sich 
.Arnold Mendelssohn über andere Mitgheder seiner Familie lustig, die aus Liberalis- 
mus über diesen Gewaltakt außer sich geraten waren. Überall zieht er, der 
gelehrige ..Omar" seines , .Mohammed" l^assalle, eine scharfe Trennungslinie 
zwischen sich und den LÄberalen. Nur Johann Jacobi scheint in seinen Augen 
noch Gnade zu finden. Auf diesen bringt er bei einem Königsberger Fest, das 



=:=:^ l66 ,,,,^^ 

37- 
ALEXANDER OPPENHEIM AN I.ASSALIvE. (Original.) 

Undatiert [Anfang Juli 1845.J 

Lieber Lassal! 

Von der nochmaligen Durchsicht meiner soeben vollendeten zweiten 
Proberelation wende ich mich einen Augenblick ab, um Ihnen noch 
herzliche Grüße hierdurch zu übersenden, denen ich jedoch als Anlage 
sogleich eine Bitte beifüge, darin bestehend, daß Sie mir eine Abschrift 
Ihres System-Stockes zukommen lassen, den Sie mir jenes Abends in 
strada del moro ^) mit Erläuterungen mitteilten, damit ich in lichten 
Zwischenräumen (das sind die Augenblicke, in denen ich mich mit 
Pandekten, die dies dilucida intervalla rücksichts eines furiosus nennen, 
nicht beschäftige) mich daran erbauen mag. Träufeln Sie dem 
Examinanden Balsam in seine Wunden . . . Mit Wünschen für das beste 
Wohlergehen für Sie und Ihr Werk. 



38. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 10. 7. 45. 

Lieber Freund! 

Alexander brachte mir Deinen Brief augenblicklich zum Lesen; er 
war mit dem Grunde, warum Du ihm Deinen Abriß nicht senden wolltest, 
nicht einverstanden. Ich sagte ihm, wie es durchaus nicht tauge, die 
Resultate der Philosophie ohne den Weg der Vermittlung sich an- 
eignen zu wollen, indem die wahre Erkenntnis nur durch den Weg der 
Vermittlung zu erlangen sei, welcher die Resultate von selbst mit sich 



damals in Berlin veranstaltet wurde, einen Toast aus. In der FamiHe Mendels- 
sohn gut I,assaUes Freund um diese Zeit bereits als ,,ein Fourier, ein Kommunist". 
Der eigene Vater, mit dem er schlecht steht, nennt ihn so. Dies berichtet Arnold 
Mendelssohn am 22. Juli an Lassalle. Da er damals seinen Vetter Paul Mendels- 
sohn um ein Darlehen augegangen war, so fügt er dort hinzu: ,,Zum Glück habe 
ich bei Paul nie etwas Bestimmtes gesagt in dieser Beziehung, er hat nur so ein 
allgemeines je ne sais quoi gegen mich, mein Mäskchen weissagt ihm verborgenen 
Sinn. Der kann vorläufig das Senkblei so tief aussenken, wie er will, er soll keinen 
(Jrund in mir finden, selbst für den Lokalverein habe ich mich nicht einmal näher 
interessiert." Der ,, Lokalverein" ist natürhch der Verein für das Wohl der 
arbeitenden Klassen, in dem damals die sozial empfindenden Elemente des Bürger- 
tums sich zum erstenmal sammelten. 
^) Mohrenstraße. 



: ' mr 167 r—^== _ -^ 

führe; er würde nichts von dem Abriß verstehen. Er meinte, wie er 
jetzt von sich noch gar nicht verlange, alles zu verstehen, wie er aber 
den Weg der Vermittlung einschlagen wolle. 

. . . Sage mir ein Mittel, wie ich mich in der Dialektik zu üben habe; 
das Beste wird wohl das sein, was Du mir schon geraten hast, daß ich 
nämlich wieder holen thch versuche, die Entwicklung, welche ich eben 
gelesen habe, auf dem Papier wiederzugeben. Ich finde mich grade in 
dieser Hauptsache ganz besonders schwach ; ich weiß weder den Begriff 
gehörig festzuhalten, noch auch ihn nachher übergehen zu lassen, 
natürlich nur, wenn ich dies selbst tim will; beim Lesen habe ich den 
Fehler, welchen Du oft bemerktest, als ich noch das Glück hatte, mit 
Dir zu lesen, daß ich den Übergang nicht scharf genug merke; wenn 
Du ihn machtest, ging mir immer erst ein Licht auf. 

Die Berliner haben über die Itzstein-Heckersche Geschichte schon 
zwei Witze gemacht: Weil Frankenberg, der badische Gesandte, um 
8 Uhr noch schlief, sagen sie, er sei der erste Achtschläfer, bisher habe 
mau nur von Siebenschläfern gehört. Von Itzstein und Hecker sagen 
sie: Sie sind wegen Unpäßlichkeit wieder fortgeschickt worden. 

Deinen herrlichen Brief über Robert habe ich auch noch nicht be- 
antwortet (vorstehende Geschichten sind von ihm) ; ich suche in meinem 
Benehmen, soviel ich vennag, Deine Vorschriften auszuführen; ihm 
wirklichen Ekel an sich beizubringen, wird etwas Zeit kosten . . .^) 



39- 
ALEXANDER OPPENHEIM AN LASSALLE. (Original.) 

Dresden, 10. Juli 1845. 

. . . Ihre Ratschläge über den ersten Angriff werde ich befolgen. 
Ich erlange dadurch mutmaßlich einen Plan, wie ich am besten zu 
Werke gehe, den ich sonst vielleicht erst nach vielem Mühen würde ge- 
funden haben. Ich habe mir den Feuerbach hierher mitgenommen; 
ich werde mit Arnold Jahrbücher-) lesen; die Rechtsphilosophie habe 
ich Lust, bevor mit einem andern zusammen, zunächst mir allein 
durchzunehmen . . . Auch will ich nicht darauf bestehn, daß Sie mir 
eine Abschrift Ihres Grundrisses senden; ohne jedoch für jetzt meinen 

') Wesen und Charakter des Assessors Robert, eines Neffen der Rahel, Latte 
Mendelssohn in einem Brief an Lassalle vom 2^. Juni ausführlich geschildert. 
Er nannte ihn dort einen ,,ziemhch reichen Menschen, Siiitier, frivoles Subjekt". 

-) Die von Arnold Rüge herausgegebenen Halleschen, später Deutschen Jahr- 
bücher, das Hauptorgan der junghegelschen Schule, das aber bereits im Januar 
1843 unterdrückt worden war. 



i68 =- = 

desfallsigen Wunsch aufzugeben, Ihnen meine von der Ihrigen ab- 
weichende Meinung darüber mitteilen. Die dahin gehenden Tatsachen, 
die Sie anführen, erkenne ich als richtig: das unverteidigt Bleiben eines 
Geschriebenen, das Mißliche im Verständnis eines aphoristisch Aus- 
gedrückten, zumal des in Rede stehenden. Nicht aber kann ich dem, 
was Sie daraus gefolgert haben, und dem darauf beruhenden Resultate 
beitreten . . . 



40. 

IvASSAIvLE AN BARON HUBERT VON STÜCKER. (Konzept von 
lyassalles Hand.) 

[Wohl Juli 1845.]^) 
I/ieber, teurer Baron! 

Als ich mich in Salzbrunn weigerte, Ihnen die letzte und positive 
Antwort zu geben auf Ihre Frage, tat ich dies nicht, wie Sie etwa 
glaubten, um Zeit zu gewinnen, mir den Inhalt meiner Rede in langer 
tmd künstlicher Überlegung zurechtzulegen — was ich Ihnen zu sagen 
habe, steht lange und lebendig vor meiner Seele — , es geschah mit 
gutem Gnmd und Vorbedacht. Das gesprochene Wort tönt mächtig 
hinein in das Innere, aber getragen vom Hauche des Mimdes verfliegt 
es mit ihm. Es begeistert imd packt und erregt zur Tat des Augenbhcks 
— aber seine Wirkung ist auch beschränkt auf den Augenblick und 
sein flüchtiges I/cben. Und später lächelt man wohl seines damaligen 
Enthusiasmus, mid die Schuld daran, daß man so tief ergriffen gewesen, 
scheint nicht die Wahrheit des Wortes, des Gesagten, sondern viel- 
mehr die augenblickliche Stimmung und Laune des Hörenden oder 
des Redners Gewalt zu tragen. Man meint dann, wäre man nur gerade 
bei kaltem und nüchternem Verstand gewesen, hätte der Redende 
nicht so gut vorgetragen — man hätte gleich damals die Unwahrheit 
der Sache durchschaut. Das Wort, weil es ein lebendiges ist, stirbt, 
wenn sein tönendes Leben ausgeklungen. Zwar man hat es gehört, 
es existiert fort in unserm Innern, Empfindung, Gedächtnis, aber das 
ist nur die tote Weise seiner Existenz, das ist nur der verblaßte Schatten 
seiner Wirklichkeit, den Schatten lächelt man fort, vergißt, verwischt ihn. 

Sehen Sie, zwischen uns, vmd diesmal besonders, soll das nicht 
sein! Das zur Schrift gewordene Wort ist, kann man zwar sagen, 

*) Lassalle war im Juli in Salzbrunn. Am 13. Juli fragt Arnold Mendelssohn 
ihn: „Was hast Du in Deiner Provinz in Salzbrunn gemacht? War es nicht 
möglich, eine kleine Brandschatzung für den Chevalier Isolani und mich aus- 
zuschreiben?" 



= 169 — rrr 

gleich tot geboren, aber eben darum ist es eine feste und unveränder- 
liche Existenz, ewig frisch, dauernd sich selbst gleich. Die Schrift ist 
Gegenstand und Sache der Vernunft tmd der kalten Überlegung, wie 
das gesprochene Wort Sache des Gefühls. Einen Brief kann man sich 
stets in jeder Stimmung, jedem Geisteszustand immer wieder vor- 
nehmen und so die Probe machen, ob sich bewähre kalt und objektiv 
die Wahrheit des Gesagten. Über die Wahrheit eines Geschriebenen 
kann man sich selbst, wenn man will, keine Illusionen machen. Die 
Wahrheit eines Geschriebenen kann man selbst, wenn man will, sich 
nicht fortlächeln imd fortwischen. Das Gesprochene hat keine andere 
Weise fort zu existieren als die der Eriimerung. Die Erinnerimg aber 
legt sich wie ein v^erlöschender Schwamm auf das gesprochene Wort 
und sein helles Kolorit. Die Farbe des Geschriebenen bleibt ewig in 
ihrer ersten Frische, sie ist gefirnißt, verdunkelt nicht das geschriebene 
Wort, steht da, ehern, fest, eine Mauer. Darum spreche man zu 
einem Weibe, wenn man es fangen will. Darum schreibe man einem 
Mann, wenn es sich um Sachen handelt nicht des Augenbhcks, sondern 
des ganzen überlegten Ernstes. Darum schreibe ich Ihnen. Und dann 
läßt sich vieles schreiben, was sich nicht sagen läßt. 

Und kaum einen Tag angekommen, eile ich an die Erfüllung meines 
Versprechens, eines Versprechens, das ich erfüllen würde, auch wenn 
ich es nicht gegeben, weil es mir mehr als Versprechen, weil es mir 
Pflicht ist. 

Ausführlich werde ich sein müssen, imd ich fürchte, es wird mir 
nicht gelingen, mich kurz zu fassen. Aber, imd wenn der Brief zum 
Bogen, der Bogen zum Buch sich weiten sollte, dennoch will ich mit 
imerbittlicher Geduld Ihnen alles sagen, was ich Ihnen zu sagen habe. 
Und scharf mitimter und verletzend werde ich reden müssen. Auch 
scheue ich das nicht imd werde es nicht zu vermeiden suchen. Maria 
Stuart zwar fleht, wie sie sich zur Elisabeth wendet: 

Wie soU ich!) 

Die Worte klüghch stellen, daß sie Euch 
Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen! 
O Gott, gib meiner Rede Kraft und nimm 
Ihr jeden Stachel, der verwunden könnte! 

Maria aber spricht zu einem Weib, ich habe es mit einem Mann zii 
tun. Ich achte Sie genug, um zu wissen, daß Sie mich geduldig bis zu 
Ende lesen werden. Und ich habe ein Recht dazu, zu schreiben, wie 



^) Bei Schiller heißt es: 

Womit soll ich den Anfang machen, wie 
Die Worte usw. 



lyo - =: 

ich mag und jedem Worte Dasein zu geben, das mir in die Feder quillt. 
Das Recht dazu gibt mir der tiefinnige Ernst (Anteil wäre ein viel zu 
schlappes und wässeriges Wort dafür), das sittliche Pathos, mit dem 
ich spreche. Denn wenn je irgend etwas, so schreibe ich diesen Briet 
mit meinem innersten Herzblut, Wenn es früher ein Vorrecht 
der Jesuiten war, die Beichtiger zu sein der Könige, so ist es billig und 
zeitgemäß, daß das Recht jetzt an die Philosophen übergegangen ist. 
Der Beichtiger aber kann und muß vergessen Stand, Rang, Vornehm- 
heit, Stolz und alle übrigen Eigenschaften dessen, zu dem er spricht. 
Sollte sich an irgendeiner Stelle der Baron oder sonst irgendeine 
menschliche Schwäche in Ihnen regen, so denken Sie, daß es Liebe 
war, die mich diesen vielen Bogen langen Brief in meinen mir gestohlenen 
Nächten schreiben ließ — und ich denke, Sie werden ruhig bis zu Ende 
lesen. Denn er spricht im Namen Gottes, d. i. die Idee zu den sünd- 
haften Menschen . 

Und um gleich mit der Hauptsache anzufangen, wissen Sie, Baron, 
was das Schrecklichste, der härteste Vorwurf ist, den wir dem be- 
stehenden Zustand der Dinge zu machen haben? Es ist der Vorwurf, 
daß nach dem jetzigen Zustand des Eigentums nur wenige Bevorzugte 
in den Stand gesetzt sind, auf eine des Menschen würdige Weise leben, 
d. h. sich mit geistigen Dingen beschäftigen, den Geist zum Gegenstand 
ihrer Tätigkeit machen zu können. Es ist der wesentliche und einzige 
Unterschied des Menschen von der Tierheit, daß er nicht nur physisches, 
sondern ein höheres, daß er geistiges Dasein hat. Die w^ahre und höchste 
Bestimmung des Menschen ist es somit, den Geist zum Gegenstand 
seiner Arbeit zu machen. Daß dies durch unsere jetzt Geltung habende 
Theorie des Eigentums so vielen Millionen Menschen verwehrt ist, daß 
durch unsere bestehenden Eigentumsverhältnisse so viele Millionen 
gezwmigen sind, ihr ganzes Leben auf ihres Lebens Fristuug zu ver- 
wenden, daß es ihnen schlechthin unmöglich gemacht ist, geistiges 
Dasein zu haben, zu existieren. Geistiges zum Inhalt ihres Tuns zu 
machen, weil sie genötigt sind, alle ihre Kräfte und Zeit hinzugeben, 
um den Hungertod von sich abzuwehren, um ihre materielle Existenz 
nur sich zu sichern, daß somit so viele Millionen Menschen zu Parias 
verdammt, auf die Stufe der Tierheit hinabgezwängt sind, — das ist 
der schwere Fluch, der auf unserer Zeit und ihren Institutionen, Staat 
imd Eigentum, lastet, und der unnachsichtlich seine Vollstreckung 
nach sich zieht. Die Eumeniden aber, die düsteren Nachtgestalten, 
die diesen Fluch vollstrecken w-erden, das sind — die Proletarier. Das 
eben Angegebene, und nichts anderes, nicht die bloße Besitzlosigkeit, 
ist der Begriff des Proletariats. Ich z. B. wäre kein Proletarier imd 
wenn ich kein Hemd auf dem Leibe hätte, imd ebensowenig könnte 



raaii einen Bettelniönch oder Eremit, der, von Wurzeln lebend, sich in den 
Gedanken vertieft, einen Proletarier nennen. Der Begriff des Prole- 
tariats ist eben nur der, wegen der Sorge für seine leibliche Existenz, 
wegen des Mangels an der unmittelbaren Realität, Eigentum genannt, 
keine geistige Weise seines Daseins zu haben. Baron! Dieser Fluch, 
unter dessen Gewicht unverschuldet das Proletariat seufzt — Sie 
haben ihn mit freiem, nein, mit willkürlichem, frevelhaftem Willen 
über sich ausgesprochen, diese Kette, an die den Proletarier die eherne 
Notwendigkeit geschmiedet, Sie haben sich freiwillig an sie gefesselt, 
Sie, einer jener Bevorzugten, zu deren Gunst jene ganze große Mensch- 
heit ^) leidet. Ohne Not und mit willkürhch frevelhaftem Willen haben 
Sie sich begeben der geistigen Weise zu existieren, abgelegt und von sich 
geschmissen den eigentlichen Adel und Wert des menschlichen Da- 
seins, das Leben als Geist und in der Arbeit des Geistes, ohne Not 
und mit willkürlichem, frevelhaftem Willen haben Sie sich zu dem 
gemacht, was der Proletarier durch sein unbesiegbar Geschick ist, 
zum Paria, imd auf sich genommen sein trauriges, bejammernswürdiges 
Los!! Gleichmäßig, wie .selten einer, bevorzugt durch Geburt, Ver- 
mögen und, was unendlich mehr ist, durch eine seltene Befähigung 
des Geistes, ja schon ausgerüstet mit einem großen Maße mannig- 
fachen Wissens haben sie zum Inhalt ihres Lebens gemacht den Mist 
und das Vieh. Zur ausschließenden Weise und Qualität Ihres Wirkens 
haben Sie gemacht die niederst roheste, das Düngen der Erde, das 
Bewässern der Wiese, das Mästen des Viehs; zur Ausdehnung ihres 
Wirkens den Punkt, ethche Morgen I^andes. Alle ihre großen formellen 
Eigenschaften verlieren, wie notwendig, bei einem so gewählten Inhalt 
ihren Wert, ja sie werden zur Karikatur. Ihre uuermüdhche Tätigkeit 
ist die eines Holzhackers, denn sie bringt nichts vor sich, sie bietet das 
komische Schauspiel eines immerwährenden Tuns, ohne doch je 
etwas getan zu haben, es müßte denn auch, Holz gespalten zu haben, 
für etwas gerechnet werden. Ja, diese Tätigkeit, die verehrenswürdig 
war bei einem Staatsmann oder Denker, anerkennenswert bei einem 
für seine Existenz kämpfenden Tagelöhner, verzerrt sich bei Ihnen 
um so mehr zur Karikatur, weil sie, wie sie nichtig und kleinlich, so 
auch unnütz und grundlos ist, alles notlos überflüssige Selbstabracke- 
nmg. Und sagen Sie mir nicht, daß Sie durch Ihren Geist sowie durch 
dessen bereits errungene, erarbeitete Bildung und Wissen sich himmel- 
weit von dem Proletarier unterscheiden. Grade die Wahrheit dieses 
Einwurfs macht Sie doppelt schuldig, doppelt sündig. Sie gleichen 

^) Hier siud zwei AVoite, die nicht zu entziffern waren, ausgelassen. Das 
ganz« Konzept dieses Briefes besteht ans Abkürzungen und Siegehi. 



- 172 

den jüdischen Mädchen, die auch etwas Musik lernen und Literatur 
sich beibringen lassen, um dann, wenn sie erst einen Mann bekommen, 
es gründlich und für immer über die Sorge für die schmutzige Wäsche 
und die neueste Hutfasson zu vergessen. So haben auch Sie in Ihrer 
Jugend Tüchtiges getan und gelernt, um das Meiste und Beste daran 
dann als Mann — zur Vollkommenheit zu bringen, auszuüben, zu 
betätigen?? Nein, um es dann wie unnütz aufgespeicherten Quark in 
irgendeinem Winkel Ihres Gedächtnisses hegen zu lassen!! War so- 
viel Schärfe des Verstandes, ja, was höher ist, philosophische Vemunft- 
anlage, soviel Aufwand von Kenntnissen, ein vieljähriges Studium 
nötig, um dann, Baron!! ein Landbauer zu werden??!! — Wie man 
ein Holzhacker sein kann, das begreife ich; aber wie man bei der Energie 
und dem Reichtum Ihres Geistes, bei der Weite Ihrer Gesichtspunkte 
ein Holzhacker sein kann, — das begreife ich, der alles Begreifende, 
nicht. — Und doch, um Ihnen und mir nicht imrecht zu tun, auch Sie, 
trotzdem das alles durch und durch bis auf den i-Punkt wahr, ja das 
Gesagte noch die Wahrheit nicht erreicht, trotz dem allem sind Sie 
keine Anomalie, sind Sie nur eine Erscheinung imd ein Zeichen Ihrer 
Zeit und aus dem Zusammenhang mit dieser Zeit vernünftig zu be- 
greifen und zu erklären. Diese Ihre Bedeutung will ich Ihnen jetzt 
aufzeigen. Es ist hier der Ort nicht für lange philosophische Entwict:- 
lungen. Drum will ich nur an einige Fakta erinnern und nicht, wie ich 
eigentlich versucht wäre, [mich] darauf einlassen, deren Bedeuttmgen in 
ihrer ausgeführten und erschöpften Tiefe darzulegen. Doch soll das, 
was ich sagen werde, für imsem Zweck hinreichen. 

Die Alten kannten nur ehrenvolle Gattungsarten ^) menschlicher 
Tätigkeit, die auf die allgemeinen Objekte gerichtete Tätigkeit, eine 
Gattvmg, die drei Arten in sich schließt : Die staatproduzierende Tätig- 
keit des Staatsbürgers, diese höchste vollendete Praxis, die die reinste 
Idealitas selbst ist, weil sie ja eben nichts ist als die Verwirklichimg 
der Idee in Staat, Gesetz etc. Und dann die Beschäftigimg mit dem 
rein Allgemeinen in seinem eigensten Äther, mit der Philosophie, die 
wiederum die reine Praxis selbst ist, weil sie ja die Mutter, der Quell, 
der Begriff alles dessen ist, dessen Realität nur Gesetz, Recht, 
Staat sind. 

Auch die Kunst galt als solche ehrenvolle Tätigkeit, doch braucht 
sie nicht besonders genannt zu werden, weil sich die Künstler nie vom 
aktiven Staatsleben zurückzogen, wie die Philosophen oft taten! Übri- 
gens gilt für sie ganz derselbe Gesichtspunkt, sie ist ebenfalls nur die 
Verwirklichung der Idee des Allgemeinen in der vSphäre des Sinnlichen, 



^) Ursprünglich stand das Wort „Gegenstände". 



— 173 

des Stoffes. Alle anderen Beschäftigungen: Landbau, Handwerk etc., 
wurden von den Griechen den Sklaven überlassen, wurden für Un- 
ehren voll und freier Männer imwürdig gehalten. Es liegt eben dann 
der oben besprochene tiefe Begrifif, daß nur die Richtung auf die Idee 
und deren Ver\^'irklichung eine des Menschen würdige Tätigkeit sei, 
daß der Mensch als Geist nur den Geist zu seinem Gegenstande 
machen müsse, daß jede andere Existenz als die geistige, jede Be- 
schäftigimg mit bloß materiellem Ungeistigen eine des wahrhaften 
Menschen, des Freien, xmwerte sei. Dieser Begriff war bei den Alten 
eine Folge aus der streng objektiven Anschauung, die sie durch ihr 
ganzes Leben gehabt. Kimst, Staat, Philosophie sind rein objektive 
Gegenstände, bei deren Schöpfung sich das Individuum wesentlich 
der objektiven, allgemeinen Substanz, der Idee als Zweck [?] hingibt. 
Anders beim Handel imd Gewerken. Hier, obgleich zuletzt auch eine 
Art relativ Allgemeines herauskommt, Nationalreichtum etc., hat das 
Individuum erstens zu seinem unmittelbaren und bewußten Zweck 
nicht die Idee, den Geist, das Allgemeine, sondern sich als Subjekt, sein 
empirisches abgeschlossenes Ich. Zweitens ist der Akt des Vollbringens 
selbst, das Handeln, Fabrizieren, Landbauen, ein imgeistiger, der 
höchstens eine Tätigkeit und Berechnung des Verstandes, nicht aber 
des Begriffs, des Geistes erlaubt. Bei der Produktion von Kunst- 
werken, von Staat vmd Philosophie schöpft das Individuum aus der 
Substanz, dem Volksgeist, denn es verwirklicht die allgemeine, objektive 
Zeitidee vmd arbeitet ebenso für die Substanz, den Volksgeist. Darum 
ist dies Tun so würdig, so reich, so ehrenvoll. In Gewerken, Handel, 
Landwirtschaft, die in umfassendem Maße, wie von Ihnen betrieben, 
in bezug auf die Verstandestätigkeit, die sie zuläßt, etwa der Industrie 
gleichgestellt werden kann, ist dies Kleinliche, Ärmliche vorhanden, 
daß das Individuum aus seiner Einzelheit vmd für seine Einzelheit 
arbeitet. Von einem Substantiellen wie Volksgeist, Idee [ist] hier nicht 
die Rede. Und das ist, wie schon gesagt, der Grvmd davon, daß bei den 
Alten, denen das Objektive das allein Geltende war, derlei Gewerbe so 
verachtet wurde. Das mußte sich natürlich ändern mit dem Christen- 
timi vmd dessen Entwicklung besonders. Das Christentum nämlich 
führt, im Gegensatz zu den Alten, das Prinzip von der Unendlichkeit 
und dem absoluten Gelten des Subjekts in die Welt ein. Man sieht so- 
gleich ein, wie in einer von diesem Prinzip beherrschten Welt, in einer 
Welt, in der das Subjektive als das Unendliche, Berechtigte, Absolute 
gesetzt ist, die Gewerktätigkeit, die ja eben das Bemühen mid Beziehen 
der Subjektivität auf sich und die Bedürfnisse ihrer Besonderheit, 
diese Arbeit für die Realisierung seines subjektiven Ichs, dessen Selb- 
ständigkeit vmd Alleinigkeit ist, Platz greifen kann. Es muß jetzt 



= 174 ^-=^- ^ =^ 

diese sich auf sich beziehende Tätigkeit, diese Geschäftigkeit für die 
Verwirklichung, Ausbreitung und Befriedigung seiner als Subjekt 
seines besonderen Ichs, den Schimpf verlieren, womit sie der objektive 
Sinn der Alten gebrandmarkt. Denn es wird ja jetzt das Interesse 
des Subjekts als das Unendliche, das Moment, »Subjekt zu sein, als 
das Höchste, Absolute gewußt. Darum schafft das Christentum in seiner 
Fortbildung, und schon das Mittelalter, einen Stand, oder vielmehr 
ein Kollektiv von Ständen, eine ganz neue Welt — : Die bürger- 
liche Gesellschaft: dies ist eine spezifisch durch das Christentum 
begründete, auf die Welt gekommene Existenz. Die Alten hatten das 
gar nicht. Sie hatten weder ihre Existenz, noch kannten sie ihrem Be- 
griff nach eine. Die bürgerliche Gesellschaft ist etwas ganz anderes 
als der Staat ist und muß genau von ihm unterschieden werden. Der 
Staat ist die leibhaftige Existenz, Realität des objektiv Allgemeinen, 
des Begriffs der Idee, die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Korpora- 
tionen, Zünften etc. ist das System, in welchem das Ich seiner Besonder- 
heit, Einzelheit und deren Bedürfnis Befriedigung verschafft. Der 
Zweck des Ichs ist hier nur das Ich, es ist der nur auf sich bezogene 
Punkt, aber indem es für seine Besonderheit nur dadurch sorgt, daß 
es die Besonderheit und Bedürfnisse anderer Ichs befriedigt und für 
sie arbeitet, wie sie ihrerseits für es, tritt die Kategorie der Wechsel- 
wirkung hier ein, und es kommt als Resultat des Prozesses die bürger- 
liche Gesellschaft, ein obwohl nur relativ Allgemeines zustande. 

Ich sagte, daß diese Schöpfung durch das christliche Prinzip not- 
wendig bedingt gewesen. Doch ist sie nicht sofort tmd mit dem ersten 
Beginn des Christentums aufgetreten. Und das hat seinen guten Grund, 
der in der Bestimmtheit gelegen, in der das christliche Prinzip zuerst 
auftrat. Denn zuerst, und so bis an das Ende des Mittelalters fort, 
weiß das »Subjekt seine Absolutheit nicht als reale, diesseitige, sondern 
zuvörderst erst als rehgiöse Subjektivität, als absolut. Die »Sphäre, in 
der es sich zu verwirklichen strebt, istdieder Rehgion, der transzendente 
Äther des Himmels. Die Gegenwart und die reale Arbeit für sie wird 
überhaupt noch perhorresziert, dem Subjekt gilt als das Höchste seine 
subjektive Unendlichkeit, aber als jenseitige, als im Himmel. Sein 
ganzes Interesse ist gerichtet auf sich, auf seine Vollendung und 
Herrlichkeit, auf die Realisierung seiner Subjektivität, aber als rehgiöse, 
das ist auf seine Sehgkeit. Das Gemeinschaftliche, was diese ganze 
große Zeit regiert, ist der Zug imd die Arbeit des Subjekts für seine 
Subjektivität, aber als ideelle, für die Privatsehgkeit, die Heilslehre, 
die Rettung der Seele. Weil man sich also gegen die Gegenwärtigkeit, 
Realität, Diesseitigkeit überhaupt noch negativ verhält, sie gering 
achtet, so ist eben der auf sie gerichtete Stand, der Stand des gewerk- 



- = 175 =^^- 

tätigen Lebens noch hinteuangesetzt und verachtet. Die beiden ehren- 
vollen Stände, deren Bildung (im Gegensatz zum Gevverbstand) hier 
nicht zu entwickeln ist, teilweise aber schon in dem bereits Gesagten 
Hegt, ist Geisthchkeit und Adel. 

So entsteht zwar, vom christlichen Prinzip, das eben das besondere ^) 
der Subjektivität ist, begünstigt, der dritte Stand mit seinen Schöp- 
fungen: Städten, Korporationen, Zünften und bildet sie schon am 
Ende des ii. Jahrhunderts immer mehr aus, ist aber, weil das christ- 
hche Prinzip noch in der Phase ist, daß es die Besonderheit, 
Subjektivität als bloß ideelle, als jenseitige, transzendente 
sieht und faßt, unterdrückt und herabgesetzt den beiden andern 
Ständen gegenüber. Je mehr besonders von der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts ab der Reahsmus, der Empirismus sich auftut, desto mehr 
entwickelt sich und wächst ganz konsequenterweise der Wohlstand 
des tiers etat der Gewerke und Städte. Man fängt an, den BUck aus 
dem Himmel auf die Erde zu kehren, sich hier einzuleben und es sich 
heimisch zu machen. Die Tatsachen, in denen sich diese neue Geistes- 
richtung verwirklicht, sind die merkwürdigen,^) wohl alle in dieser Zeit 
wie auf einen Schlag auf den Ruf des Geistes nacheinander gemachten 
mannigfaltigen Entdeckungen, Erfindungen: Magnetnadel, Schieß- 
pulver, Buchdruckerkunst, Amerikas Entdeckimg etc., und Hand in 
Hand die Blüte von Handel, Industrie, Schiffahrt, der Reichtum der 
Städte, besonders der italienischen Handelsstaaten etc. Aber prinzipiell 
tritt immer noch der dritte Stand w'eit zurück hinter Adel und Geist- 
lichkeit. 

Da endlich, mit welcher Notwendigkeit, infolge welcher Bewe- 
gimgen etc. ist hier zu untersuchen nicht Zeit, halten wir uns nur an 
die Fakten, schreibt die Welt, zumeist infolge der Vernichtung des 
christlichen Gottes imd des Glaubens daran durch \"oltaire und die 
Aufklärung, den Absagebrief dem transzendenten Ideahsmus des 
Christentums. Das tiefe Prinzip des Christentums war, wie wir oft 
gehabt,^) das Subjekt und seine Unendlichkeit. Das eigentliche Christen- 
tum suchte diese Unendlichkeit des Subjekts als rehgiös transzendente 
im Himmel als Sehgkeit. Diese Transzendenz schwindet nun, und es 
geht somit, wenn man will, das christliche Prinzip imter. Was aber 
noch zeugungsfähig war im Christentum und demgemäß bleibt, ja 
jetzt erst weltbeherrschend hervortritt, ist auch die Unendlichkeit 
und Geltimg des Subjekts, aber diese als die reale, gegenwärtige, dies- 
seitige gefaßt. Das Subjekt sucht sich, seine \"ollendung und Geltung 



^) Dies Wort ist nicht ganz eindeutig zu entziffern. 
2) Sic! 



=^=====:^== 176 - 

nicht mehr als überirdische, ätherische, sondern als reale, hiesige, es 
sucht seine Seligkeit und Geltung auf Erden. Zuerst ward diese Un- 
endhchkeit und Geltung des Subjekts als formale begriffen, als Frei- 
heit — die französische Revolution. Die Freiheit aber wird selbst 
zuerst nur als formale, nur ideelle, als nur Recht, als Staatsfreiheit 
begriffen Sie erinnern sich gewiß noch aus dem Briefe, den ich Ihnen 
vorlas und ich kann deshalb hier kürzer sein, wie der Übergang geschieht 
von hier, von defnur formalen ideellen Freiheit, zur realen wirklichen, 
zum ausgeführten Recht. 

Das, woran das Subjekt wirklich das Gefühl und Gewißheit seiner 
realen Unabhängigkeit und Geltung hat, ist das Gold, Eigentum, Be- 
sitz. Der Zug des Subjekts nach seiner realisierten Selbständigkeit, 
Freiheit, das Streben des Subjekts als das einzelne Subjekt aber reaUter 
da zu sein rmd zu gelten, ist das Streben nach Geld, Eigentum, Besitz. 
Dieses reale Dasein, das Geld, ist aber das Geltende, das, wodurch das 
Subjekt gilt. Erst wenn ich halte, was ich brauche, ist meine Freiheit, 
Unabhängigkeit, Selbständigkeit, kurz meine ganze innere Unendlich- 
keit wahrhaft ausgeführt und reahsiert. Das Streben nach realisierter 
Freiheit ist der Materialismus, und davon ^) beginnt nun die große Treib- 
jagd nach dem, wodurch das Subjekt ist und gilt. Das Subjekt gibt 
sich an der Dingheit des Geldes ein Selbstgefühl und Gewißheit seiner 
selbst und dessen ausgeführter Freiheit, Unendlichkeit. 

Und daran entzündet sich das rastlose Haschen und Ringen nach 
Besitz, der die wirklich gewordene Freiheit und Vollendung des Sub- 
jekts ist. 

Indem dies Prinzip nun an die Tagesordnung gekommen ist, hat, 
da es zugleich das Prinzip und der Begriff des gewerktätigen Standes 
ist, dieser, der tiers etat, den Adel besiegt und seine Gleichstellung er- 
fochten. Der unehrenvolle Stempel, mit dem diese bloß auf sich und 
seine besondere beschränkte Arbeit des Subjekts, diese Tätigkeit für 
sein Ich imd dessen rein ichliches Interesse in allen Zeiten, wie wir 
gesehen bei den Alten, wie selbst noch im Mittelalter, ja bis an die 
Schwelle des 18. Jahrhimderts heran, aufgedrückt gewesen war, wird 
jetzt ausgelöscht. Dieser Stand und seine Tätigkeit wird zu Ehren 
gebracht, eben weil sein Gedanke, die Richtung des Subjekts auf seine 
subjektive Einzelheit und deren Interessen Realisienmg imd Geltung 
jetzt zur Zeitidee überhaupt geworden ist. Sie erinnern sich gewiß 
noch aus meinem vorhin schon erwähnten Brief, wie die höchste Form, 
welche dies dem Handel, Gewerke, der bürgerlichen Gesellschaft in 
gemeinschaftlicher Aufgabe zugrunde liegende Prinzip, wie die höchste 



^) Dies Wort könnte man auch entziffern für: daran. 



— ^ = -^77 = 

Verwirklichungsform, sag' ich, die dies Prinzip findet — die Industrie 
ist — und ebenso der Papier- und Differenzenhandel, dessen spezifischen 
Zusammenhang mit diesem Prinzip ich hier nicht erst skizzieren 
will. vSeitdem ist es die Industrie vmd der tiers etat, der die Welt 
beherrscht. 

Aber zu dem vollständigen Triumph des tiers etat gehörte nicht 
nur, daß er die Gleichstellung neben anderen erzwang, der tiers etat 
hat mehr getan, er ist der alleinige Stand geworden, er hat die anderen 
Stände gezwungen, von ihrem Prinzip ab und in ihn überzugehen. 
Er hat sie verschlungen. Der Kampf um die Dingheit, in welcher das 
Subjekt das Gefühl seiner realisierten Unabhängigkeit, Freiheit, seine 
imendliche Selbstgewißheit hat, der Kampf um das Geld, der sich als 
losgebundener Krieg aller mit allen im System der freien Konkurrenz 
organisiert, ergreift die ganze Welt. Das Haschen nach Erwerb unter- 
wirft sich schommgslos unerbittlich jeden Stand, selbst den Adel. 
Das Prinzip des Adels ist nicht das des Erwerbs, sondern das Erhalten. 
Er hat, was er braucht, und verzehrt, was da ist, denn die Natur, der 
lyandbesitz bringt es wieder. Das ist die sogenannte altadhge Gesinnung. 
Das Prinzip des Erwerbs ist ausschließlich, wie wir gesehen, Prinzip 
des tiers eatat, imd indem der Adel sich auf den Erwerb eingelassen, 
ist er imbewußt aus sich heraus vmd in den tiers etat übergetreten. 
Darum machte es mit Recht soviel Aufsehen, als die ersten Adligen 
in Frankreich Fabrikbesitzer wurden. Aber weil, wie gezeigt, das Prinzip 
des Erwerbs Zeitidee ist, hat es alles verschlungen, alles sich unter- 
worfen ausnahmslos: Beamte, Adel, Fürsten. Der Adel treibt Handel 
wie der Bürger, nur verdeckter. . Der höchste Adel sogar, der königliche, 
ist nicht freigeblieben, und die Prinzen von Preußen treiben Aktien- 
handel, Alles geht jetzt bunt durcheinander, industrielle Adlige, ge- 
adelte Industrielle, krämernde Barone, baronisierte Krämer. 

Und darum sagte ich oben, Baron, daß Sie ein Zeichen der Zeit sind 
und eine Erscheinung, die nur im Zusammenhang mit ihrer Zeit be- 
griffen werden kann. Sie sind nur verschltmgen von dem allgemeinen 
Wirbel, der alle fortgerissen. Sie teilen nur die allgemeine Verrückt- 
heit der Zeit, diesen rastlosen Himger, der durch die Speise, die er zu 
sich nimmt, nicht gestillt wird, sie tanzen nur mit diese Tarantella, 
von der alle ergriffen. Was Sie Rothschild vorwerfen, es findet ebenso 
bei Ihnen selbst statt, nur dort ist es groß, hier ist es klein. Aber es 
ist derselbe Taumel.^) 



^) Merkwürdig ist bei alledem mir, daß Lassalle selbst den Baron veranlaßt 
hat oder zum mindesten veranlassen wollte — ob es zum Abschluß kam, ent- 
zieht sich unserer Kenntnis — , in die Breslauer Gaskompagnie seines Vaters und 
seines Schwagers Friedland als stiUer Teilhaber einzutreten. In Lassalles Nach- 
Mayer, Lassalle-Nachlass. I j2 



- 178 =====^= 

Somit wären Sie erklärt, d. h. die Möglichkeit, ja sogar die Not- 
wendigkeit einer Erscheinung wie Sie, die sonst ganz unbegreiflich 
wäre, ist somit eingesehen. Sind Sie aber damit gerechtfertigt ? ? 
Durchaus nicht. 

Und sagen Sie mir nicht, es läge wenigstens eine Entschuldigung 
oder vielleicht gar eine Rechtfertigung für Sie darin, daß Sie der Zeit- 
strömung folgten. So tief und wahr dies Prinzip ist, so sehr es die Seele 
unsrer Zeit genannt werden muß, so sehr liegt es schon in seinen 
letzten Zügen; es hat herausgestellt bereits die schrecklichen Konse- 
quenzen, zu denen es sich und die Welt bringen mußte. Und um alles, 
selbst das Wichtigste unerwähnt zu lassen, halten wir uns nur an die 
eine mizertrennliche Rücksicht dieses Prinzips. Wie früher, im Mittel- 
alter, weil sich das Subjekt als nur ideelles, transzendentes faßte, alles 
in die geträumte Idealität, in ein geträumtes Himmelreich aufging, 
so geht jetzt, wo sich das Subjekt im Gegensatz hierzu als nur reali- 
stisches, als nur empirisches [faßt], alles in dem gemeinen Realismus 
und die schlechte Wirklichkeit, in den gemeinen (nicht den wahren) 
Materialismus imter. Alles wahrhaft geistige Dasein und Tätigkeit — 
imd hier langen wir an dem Punkt an, von wo wir am Anfang dieses 
Briefes ausgingen — wird durch dieses endlose Ringen nach der Materie 
sich und anderen unmöglich gemacht. Das Kennzeichen des Menschen, 
der Geist und dessen auf sich gerichtetes Tun, dieser wahre Adel, wird 
fortgeschmissen, mit Füßen getreten über diesem emsigen geistlosen 
Mühen — nach der Dingheit und deren Besitz. Das Haben ist es, dem 
der Geist und die Existenz als Geist am Kreuze geopfert wird. Wenn 
Tausende in diesen Krieg müssen , weil sie nur in seinem Gewühle 
und Brand sich die Möglichkeit ihrer bloß physischen Existenz er- 
kaufen können, wenn andere Tausende immerhin hinein mögen , weil 
sie doch zu nichts Besserm als zu diesem kleinlichen Tun und Treiben 
zu verwenden wären, was rechtfertigt Sie, was entschuldigt 
Sie??!! Sie haben genug, um bequem, anständig, ja glänzend exi- 
stieren zu können. Sie haben genug, um im Falle Ihres Todes Ihrer 

Familie ein gleiches Los zu hinterlassen Sie werden mich und 

sich nicht so betrügen wollen, daß Sie mir sagen, daß Sie an diesem 
Kampf nur aus Notdurft teilnehmen ! ! ■ — — Oder vielleicht war etwas 
davon der Fall, als Sie sich zuerst in das Geschäftsleben stürzten. Nun, 



laß findet sich, in zwei voneinander leicht abweichenden Exemplaren, der völlig 
von seiner Hand geschriebene Entwurf eines Kontrakts, demzufolge Stücker zur 
Ausfülurung der Beleuchtving Prags 150000 Fl. zur Verfügung stellen soll. Es 
handelt sich dabei also um genau dasselbe Geschäft, um dessentwilJen wir Lassalle 
im August 1845 i^it Joseph Mendelssohn und seinem Hause in Verbindung treten 
sehen. Vgl. die Einleitung S. 34 f. 



^ 179 — 

jetzt ist es jedenfalls nicht mehr. Kehren Sie also als Sieger daraus 
zurück. Was wollen Sie noch darin? 

Sie werden mir jedenfalls zugeben, daß ich einen Mann und seine 
Fähigkeiten, das, was er zu leisten vermag, zu beurteilen verstehe; 
Sie werden mir ebenso zugeben, daß ich kein Schmeichler bin. Nmi, 
Sie mit Ihrem Geiste, Ihrem Können, Sie hätten, wären Sie nur konse- 
quent zu einer Partei gestanden, gleichviel zu welcher, zur konser- 
vativen oder zu der imserigen, Sie hätten bei der seltnen Veranlagung, 
bei Ihrem Geist, Stellimg, Vermögen, Kenntnis, Energie ein Führer, 
eine Koryphäe der einen oder der andern Partei werden müssen. Was 
sind Sie jetzt geworden?! Ein unbedeutender schlesischer Edelmann, 
den niemand kennt, den niemand nennt! War das des Pudels Kern, 
Baron?! Heißt das mit seinem Pfunde wuchern? Wenn das nicht 
Selbstmord ist an seinem besten Teile, so weiß ich keinen. 

Ja, wären Sie konsequent gewesen! Und hierbei komme ich auf 
einen Pimkt, den ich schon mündlich mit Ihnen besprochen. Ich habe 
es Ihnen bereits gesagt, es gibt nichts, was Ihre Überzeugungen mehr 
Lüge strafte als Ihr Leben, nichts, was Ihrem Leben mehr Hohn spräche 
als das, was Sie für Ihre Überzeugung ausgeben! Ich habe es Ihnen 
schon gesagt, wie Sie den Widerspruch mit sich selbst, den Abfall vom 
Heiligsten, von der eignen Überzeugung in ein System gebracht haben. 
Erlassen Sie mir die leichte, aber vmerquickliche Mühe, diese traurige 
Wahrheit durch die Details Ihres Lebens darzutim. Im Detail zumal 
könnte manche Inkonsequenz mehr oder minder verzeihlich wenigstens 
zu sein scheinen. Bleiben wir also beim Großen und Ganzen stehn. 
Und welches Faktum aus Ihrem ganzen Leben können Sie mir an- 
führen, worin Sie das, was, wie Sie mir gegenüber sagen, Ihre Idee imd 
Überzeugung ausmacht, verwirklicht, ausgeführt hätten ? Welches ? 
Welches? Nur zehn, in Ihrem ganzen reichen Leben nur zehn, nur drei, 
nur Eins!! Nicht Eins, bei Gott!! Und das ist kein Wunder, wenn 
man gleich den Zuschnitt seines Lebens im Ganzen und Großen 
so macht, daß er seiner Idee und Überzeugung widerspricht, so kann 
man ihr dann wie natürlich auch im einzelnen nicht nachleben imd hat 
kaum noch die Gelegenheit und Möglichkeit dazu. Und lassen Sie sich 
hier nicht durch Begriffsverwechslungen irreführen, und sagen Sie 
mir nicht, Sie hätten Ihrer Unabhängigkeit schon manches Opfer 
gebracht. Ihrer Unabhängigkeit ! ! Ja, das glaub' ich. Aber Ihre einzelne 
trotzige egoistische Unabhängigkeit und das, was den Inhalt unsrer 
Idee tmd Überzeugung ausmacht, die Sache des Allgemeinen, sind 
zweierlei. Ihrer Unabhängigkeit haben Sie geopfert, d. h. zu deutsch, 
der traurigen und atomistischen Isolierung Ihres Ichs, in das Sie sich 
hineingewickelt haben, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Diesem 



= i8o 

ärgsten und kältesten Egoismus haben Sie gefrönt!! Ich habe vorhin 
die Existenz, die Sie sich gewählt haben, nur von der Seite ihrer Geist- 
losigkeit angegrififen. Ich könnte es noch bei weitem schärfer von der 
Seite ihrer Sündhaftigkeit. Es ist die größte geistige und sittliche 
Verwahrlosung, die größte geistige und sittliche Depravation, wenn 
sich das Ich in sich tmd seine Haut zurückzieht und, sich so auf sich 
beschränkend, den allgemeinen Geist stehn imd gehn läßt, wie er mag 
und wie er kann. Dieses sündhaftesten Egoismus haben Sie sich schuldig 
gemacht, diese traurige und gottverlassene atomistische Isolierung 
haben Sie mit sich vorgenommen, und das ist die andere Seite des 
Standes, den Sie ergriffen, und hängt damit genau zusammen. Der 
Stand der Industriellen ist der Stand dieser nur auf sich bezognen 
isolierten Atome, und das ist der andere Grund, weshalb früher dieser 
Stand so verachtet wurde, bis dann diese Atomistik, dieser sich nur 
auf sich beschränkende Egoismus der Individuen, wie wir oben ge- 
sehen, Zeitprinzip wurde. Mitglieder dieses Standes können sich sonst 
noch, insofern ein Individuum mehr ist als sein Stand, an dem All- 
gemeinen beteihgen; insofern sie diesem Stand angehören, in der 
eigentümlichen Tätigkeit ihres Standes können sie es nicht. (Grade 
umgekehrt mit Adel, Beamtenstand, Geistlichkeit.) Diesen Ständen 
angehörende Individuen können wohl als Individuen egoistisch sein; 
insofern sie aber diesen Ständen angehören, ist ihre Tätigkeit auf ein 
objektiv Allgemeines bezogen. Und Sie haben auch sonst nicht durch 
ein Hinausgehen über diesen Stand die ihm fehlende Richtung auf 
das Allgemeine ergänzt. Sie sind einzig geblieben ein nur auf sich 
bezogenes Atom; ein kalter und trockner egoistischer Punkt. Wie 
reimt sich das, Baron, mit Ihren Reden von Idee rnid Überzeugimg 
und der allgemeinen Sache? Und sage ich zuviel, wenn ich sage, alles, 
was Sie tun, schlägt allem, was Sie sagen, ins Gesicht imd straft es 
Lügen? Und wissen Sie, wie man das nennt, wenn man in der 
Praxis seine eignen Überzeugungen so verläßt? Man nennt das 
Gesinnungslosigkeit, Baron! Und einen noch weit scharfem 
Namen hat man dafür, wenn man so in abstracto der Idee huldigt, 
um in der ganzen Reihe seines Handelns so schmählich von ihr ab- 
zufallen. Man nennt es frivoles Kokettieren mit der Idee. 
Mit einem Weibe mag man ohne innern Ernst liebäugeln und 
kokettieren, nicht aber mit der Idee, mit seiner und anderer Über- 
zeugung. 

Wenn man diesem Gott huldigt, so muß man ihm auch opfern. 
Merken Sie sich das, Baron, sonst ist's der niedrigste Fleck, mit dem 
man sich beschmutzen kann; ist Verrat, ist Entweihung, ist frivoles 
Spiel mit Heiligem. Ich habe nichts dagegen, wenn man ein Baals- 



— -= i8i — 

diener ist und dem goldnen Kalbe opfert, aber dann habe man auch 
den Mut tmd bekenne sich zu Baal!! 

Und bei Gott, glaubte ich, daß es das bei Ihnen wäre, — ich gäbe 
mir nicht die Mühe um Sie und schriebe Ihnen diesen Brief. Aber 
nein, ich weiß es besser, es ist nicht dies bewußte falsche Spiel bei 
Ihnen, es ist nur ein, obwohl'bei Gott auch nicht sehr rühmliches un- 
bewußtes laisser-aller, ein Verträumen der Pflicht, ein Schlaf des 
Geistes! Wohl, ich wecke Sie! — 

Fragen Sie mich nun: aber um Gottes willen, was soll ich tun?, so 
liegt die positive Antwort bereits vollständig in allem bereits Gesagten 
und ist nur noch herauszugreifen. Zwei Wege liegen Ihnen offen, imd 
Sie haben die Wahl zwischen ihnen. Einen von beiden müssen Sie er- 
greifen. Zuerst zum ersten. 

Werden Sie Staatsdiener. Die Tätigkeit des Staatsdieners ist 
die höchste praktische und ebenso ist sie reine Tätigkeit im Dienste 
der Idee, die höchste Verwirkhchung dieser. Dieser Stand ist das 
gerade Gegenteil von dem, was Sie jetzt sind, er ist das Ivcben imd 
Wirken für das Allgemeine imd seinen Dienst. Und meinen Sie um 
Gottes willen nicht, und versuchen Sie nicht, sich das einzureden, als 
wäre Ihnen in der Stellung des Staatsbeamten nicht eben mehr als jetzt 
die Möglichkeit gegeben, für unsre Idee und Überzeugung zu wirken. 
Weim ein Mann von Intelligenz heute schon viel kann, so kann ein 
solcher in der Stellimg eines Staatsbeamten, zumal einer solchen, wie 
Sie sie bald einnehmen würden, grade das Vierfache. Ich weiß sehr 
wohl, daß Sie in einer solchen Stellung nicht gegen Vorschrift, Gesetz 
und Instruktion handeln können, und bin gar nicht tmsinnig genug, das 
zu verlangen. Was Sie tun müssen, nun, das müssen Sie tun. Aber 
die imendlich vielen Fälle, wo alles oder so vieles dem Ermessen und 
der Willkür des Beamten anheimgestellt ist! Unendliches läßt sich 
da ausrichten. Und kein Staat eignet sich so dazu als unsrer, als 
Preußen. Weil in keinem der einzelne Beamte eine so relativ freie Stel- 
lung hat, weil in keinem der Willkür des einzelnen Beamten so viel 
überlassen ist als bei ims. Man hat das tmd mit Recht imter dem Namen 
Bureaukratie verschrien. Es ist wahr, die Tyrannei unsrer Gesetze 
wird noch vermehrt durch die Willkür imsrer Beamten, die in allen 
Fällen, wo ihnen das Gesetz nicht hindernd in den Weg tritt, wo etwas 
ihrer subjektiven Entscheidung anheimgestellt ist, die Tyrannei unsrer 
Gesetze noch schärfen imd vergrößern, es ist wahr, es ist schlimm, 
daß es so ist, aber — da es einmal so ist, gut, so ist es eine Form, deren 
wir ims auch zu unserm Nutzen bedienen, die wir auch zu unserm 
Vorteil handhaben können. Da so vieles in die freie Willkür des Be- 
amten fällt, so kommt es nur darauf an, daß viele freie, intelligente 



l82 - ^ = 

Männer unsrer Partei in den Beamtenstand treten, um in allen den 
Fällen, wo etwas in die eigne Willkür des Beamten gestellt ist, um in 
allen den Fällen, wo andre Beamte zu dem Nachteil der guten Sache 
entschieden hätten, gerade für sie zu entscheiden, wo andere noch 
mehr, als das Gesetz befiehlt, sie tmterdrückt hätten, soviel das Gesetz 
erlaubt, ihr Luft zu machen. Für die nächste Gegenwart kommt alles 
darauf an, daß Männer imsrer Partei die Beamtenstellen in ihre Hand 
bekommen, und wir niüssen dies zu erreichen suchen selbst unter der 
Larve des Konservativismus, wenn es nicht anders geht. Ich weiß, 
Sie werden, wenn Sie und noch tausend Gleichgesinnte Beamte sind, 
das System nicht umstoßen, unsern Staat nicht zu einem freien machen 
können. Aber das soll auch gar nicht sein. Worauf alles ankommt, 
und was Männer unsrer Partei in solcher Stelltmg tun können, 
zu tun Gelegenheit finden, das ist, uns manchmal Luft zu machen, 
manchmal soviel als möglich vSpielraum zu verschaffen, während 
konservativ gesinnte Beamte ihn über die Grenze des Nötigen hinaus 
ims verengen. Alles kommt auf solchen Spielraum an. Wir benutzen 
den unerbittlich und meisterhaft, wir können uns freier regen, und da- 
durch wächst unsre Kraft, und macht man uns gar heut die Klappen 
wieder zu, die man uns gestern aufgemacht hat, so haben wir doch ge- 
wonnen, wir haben die freiere Kraftbewegung von gestern bis heute 
gewonnen und sind dadurch stärker geworden, haben an Kraft zu- 
genommen und sind nun stark genug, eine andre Klappe uns selbst 
zu öffnen. Man muß hier Zins auf Zins schlagen, dann wächst unser 
Kraftkapital selbst durch Geringes so schnell und bedeutend. Wir 
wären z. B., dies ist eine anerkannte Tatsache, lange noch nicht so 
weit, wenn nicht unser höchster Beamter, unser König, eine kurze 
Zeit liberale Anfälle gehabt hätte. Er hat uns für eine kurze Zeit viele 
unsrer Fesseln gelockert. Dann auch allerdings hat er sie um so fester 
angezogen. Hat er es dadurch ausgeglichen? Gott behüte. Während 
der Zeit, daß die Fesseln locker waren, haben wir uns Bewegung machen, 
unsre Armmuskeln ertüchtigen können. Wir sind stärker geworden. 
Nim reißen wir mit ganz andrer Gewalt an unsrer Kette imd haben 
manche schon gesprengt. 

Aber Sie werden sagen, das sei eben auch nur [in] der Stellung des 
Königs möglich. Gott behüte. Ich erinnere nur an Bomemann,^) den 
Vorsteher des Oberzensurkollegiums. Der hat durch seine freisinnigen 



^) Friedrich Willi. I,udw. Bornemann (1798 — 1864) präsidierte seit 1843 dem 
von Friedrich Wilhelm IV. ins Leben gerufenen Oberzensurgericht. Die hberale 
Gesinnung, die seine Urteile bekundeten, bewirkte, daß er im März 1848 im Mini- 
sterium Camphausen Justizminister wurde. (Allgemeine Deutsche Biographie, 
Bd. 3, S. I73-) 



- i83 

Entscheidungen uns mehr genützt als ein Heer von Skriblem unsrer 
Partei. Welchen Spielraum für eigenes Gutdünken wird z. B. wieder 
uusem Beamten bei den christlich-katholischen Angelegenheiten ge- 
lassen!! Und besonders bei dem System des Widerspruchs, der System- 
losigkeit, mit der jetzt bei uns regiert wird, sodaß der eine Tag reak- 
tionäre, der andere liberale Maßregeln gebärt, daß man heut den 
Pietisten Bunsen,^) morgen den lyiberalen Böckh^) zum Unterrichts- 
minister machen will, heut, wo oft so vieles von den eingeholten Gut- 
achten der Beamten abhängt, was kann da nicht ein Beamter in höherer 
oder niedrigerer Stellung nach oben und unten hin tun und nützen. 
Alles, was ein Individuum nur irgend tun kann, kann es da und auf 
diesem Platze tim. Und ferner grade darum, weil unser Volk noch so 
philiströs ist, ist die Wirksamkeit eines Beamten zehnmal größer als 
die andrer Leute. Mit welch gewichtiger Autorität klingt es an die 
Ohren unsres Volkes, wenn ein Beamter sich im liberalen, im pro- 
gressistischen »Sinn einmal ausspricht. Wir andern werden gleich kurz- 
weg Schreier genannt. Warum hat Schöns^) ganz gewöhnliche 
Broschüre ,, Woher und Wohin" so tmgeheures Aufsehen gemacht, 
so viel gewirkt? Weil es aus dem Munde eines Beamten kam. Es ist 
schlimm, daß unser Volk noch so philiströs ist imd so an der Beamten- 
autorität hängt, aber da es einmal so ist, gut, so benütze man auch das. 
Und für die Ereignisse erst, denen wir entgegengehen, ist es von 
dem imberechenbarsten Nutzen, von Notwendigkeit, daß Männer 
imserer Partei Beamte sind imd ihre Hände mithaben an dem großen 
Staatsruder. Sehen Sie, Baron, das ist wahrhafter Ernst und Tun und 
Wirken für die Allgemeinheit, für die Freiheit. Wenn eine Revolution 
kommt, sich an ihr beteihgen — das ist leicht und mehr Wollust als 
Mühe, aber diese Kleinkrämerei, diese Detailhandlungen für die Freiheit 
auf sich zu nehmen, das ist mühsamer, aber verdienstlich, aber not- 
wendig. Wenn wir nicht diese Detailhandlung auf ims nehmen, wir 
rücken noch ein halbes Jahrhundert nicht von der Stelle. 

^) Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen (1791 — 1860), der bekannte 
Diplomat und Gelehrte, der Freund und Gesinnungsgenosse Friedrich Wilhelms IV. 
{Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 3, S. 541.) 

2) August Böckh (1785 — 1867). Der große Philologe gehörte der Berliner Uni- 
versität seit ihrer Gründung an. Vgl. über ihn Steck in Allgemeine Deutsche 
Biographie Bd. 2, S. 770, Max Lenz, Geschichte der Universität Berlin, Bd. II passim. 
Lassalle hegte eine große Verehrung für seinen I,ehrer Böckh. 

^) Theodor von Schön (1773 — 1856), der bekannte Mitarbeiter des Freiherm 
vom Stein, von 18 16 bis 1842 Oberpräsident seiner Heimatprovinz Ostpreußen 
und Oberhaupt der dortigen Liberalen. ,, Woher und Wohin?" war, im Oktober 1840 
geschrieben, ursprünghch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, aber ihr 
doch bekannt geworden. 



=r^^:^ 184 

Unendliches ist schon auf diese Weise getan worden und noch mehr 
wird so getan werden. 

Das aber, Baron, will ich, zu Ihrer Ehre gesagt, nicht glauben, 
daß Sie mir entgegnen könnten, daß Sie Ihre ,, Unabhängigkeit" nicht 
opfern können. Ich habe Ihnen schon vorhin gesagt, was der wahre 
Kern dieser Unabhängigkeit ist. Es ist der trockenste und kälteste 
Egoismus, das trotzige Beruhen des Ichs auf sich. Nein, bei Gott, 
ich denke nicht so gering von Ihnen, daß ich glauben sollte, Sie könnten 
nicht aufgeben diesen kleinen erbärmlichen Trotz des Ichs, wo es sich 
um große reale Zwecke handelt, um die substantielle Idee selbst und 
deren Verwirklichvmg, um den neuen Geist und dessen Fleischwerdung. 
Diesem Rieseninhalt gegenüber kann nur ein Zwerg sich groß und schwer 
genug dünken, daß er sich dagegen in die Wagschale legen dürfe. Sie 
wissen es, Baron, ich bin wie bald keiner ein begeisterter Anhänger 
der Freiheit, und Sie können von mir von vornherein nicht erwarten, 
daß ich der Servilität, dem duckenden Kriechen das Wort spreche. 
Aber diesem substantiellen Zweck imd der Tätigkeit dafür, diesem 
neuen Geiste und der religiösen, der sittlichen Arbeit für seine Ver- 
wirklichung zu entsagen, weil — um nicht einmal bei einem Minister 
antichambrieren zu müssen, bei Gott, das wäre der dümmste und 
niedrigste, der gemeinste Egoismus, den ich denken kann. 

Wenn ich mir überlege, wie Sie alles das ebensogut wissen wie ich, 
wenn ich bedenke, wie es Ihnen leicht war, mit Ihrem Geist, Energie, 
Kenntnissen, Vermögen, Klugheit die höchste Stellung selbst sich 
zu erringen, halte ich mir die Hände vor die Stirn und hasche vergeblich 
nach einer Antwort auf die Frage, warum Sie das nicht schon alles 
getan haben. 

Noch einmal, Baron, treten Sie heraus aus diesem häßlichen Egois- 
mus, der Sie entstellt, der Ihrer unwürdig ist, ja der Sie Ihrer selbst 
unwürdig macht, sprengen Sie die harte schlechte Schale spröder Hart- 
näckigkeit, die sich verdumpfend um Sie zieht. Lassen Sie nicht so 
seltenes Talent, so seltenes Vermögen und Vorzüge ungenutzt zugrunde 
gehen. Es ist der Sünden größte, geistige Besitztümer zu verwahr- 
losen. Sie werden uns nicht für uns allein gegeben. 

Seien Sie nicht zu gleicher Zeit so gottlos und so unklug, so frivol 
gegen den Geist tmd sein sittliches Machtgebot imd so miß verkennend 
Ihren eignen Vorteil. Denn selbst wenn Sie nur Ihren eignen Vor- 
teil suchten, Sie fänden ihn in dieser Sphäre glänzender als dort als 
Viehhirt! — 

Wollen und mögen Sie es aber durchaus nicht, obwohl Sie es sollten 
imd müßten — gut denn, zum zweiten. Und hier muß ich dann zuvor 
den größten imd unverzeihlichsten Widerspruch besprechen, dessen 



i85 

Sie sich schuldig gemacht. Es ist Ihnen gelungen, sich in den verschieden- 
sten Fächern eine Masse und zum Teil bedeutender, achtungswerter 
Kenntnisse zu erwerben. Es ist Ihrem Ehrgeiz gelungen, sich einige 
Bekanntschaft mit der Philosophie zu erwerben, — wieso kommt es, 
Baron, daß es Ihnen bei der penetranten Sagazität und bei der so 
großen imermüdlichen Strebsamkeit Ihres Geistes nicht unüberwind- 
liches Bedürfnis, nicht Notwendigkeit war, sich das vollkommene Ver- 
ständnis, den wahrhaften Besitz der Philosophie zu verschaffen? Sie 
haben gerade genug von ihr kennen gelernt und sich mit ihr beschäftigt, 
um einsehen zu können, daß sie der Schlüssel ist zu allem Existierenden 
und seinen Rätseln, der Ariadneknäuel, mit dem allein in der Hand 
man durch das ganze Labyrinth geschichthchen und natürlichen Da- 
seins hindurch zur Vernunft dringen kann, daß sie die Antwort gibt 
auf die Frage nach dem, 

Was die Welt 

Im Innersten zusammenhält. 

Sie haben genug von ihr kenneu gelernt und etwa gesehen, daß sie 
die allein seligmachende Wissenschaft ist, weil sie allein in allem, was 
da ist, dieser Masse sonst sinnlos scheinender Existenz, den Begriff 
der Vernunft uns finden lehrt, daß die Philosophie es ist, die, wie sie 
erst aus den andern Wissenschaften resultiert, so diesen erst Würde 
tmd Wert verleiht; mit einem Wort, Sie haben gerade soviel von der 
Philosophie kennen gelernt, als hinreicht, rechten Hunger nach ihr 
zu bekommen, — wieso kommt es, daß Sie mit dem Hunger sich be- 
gnügt, bei dem Hunger stehengeblieben sind?? Wer begnügt sich 
mit Hunger??!! Oder haben Sie den Hunger schon für die Speisung 
selbst gehalten ? Glaubten Sie damals etwa schon im Besitz der Philo- 
sophie zu sein, weil Sie von ihrer Existenz Ahnimgen hatten ? — Selt- 
samer Mann ! Die meisten Menschen, die gebildetsten sogar, leben und 
sterben, ohne von dem, was Philosophie wahrhaft ist, auch etwas nur 
zu ahnen. Das läßt sich begreifen. Diesen geht nichts ab, weil sie 
den Wert nicht kermen dessen, was ihnen abgeht. Sie hingegen hauen 
sich mühsam Bahn durch das dichte Gestrüpp, das den andern auch 
das bloße Dasein dieses Tempels verbirgt tmd — begnügen sich nim, 
draußen stehen bleibend, ihn von außen anzugaffen, und statt ihr Werk 
zu vollenden und hineinzudringen in das Allerheiligste, genügt es 
Ihnen, in äußerHcher Betrachtimg den Bau, dessen Kern Sie nicht 
gesehen, verwundert lobzupreisen, oder wenn einmal ein Erzpriester 
hinein- imd hinausgeht, einen sehnsüchtig verstohlenen Blick durch die 
Vorhänge zu schicken. Noch einmal, wie konnten Sie in der Philosophie 
auf halbem Wege stehen bleiben ? Klingt es Ihnen nicht wie Vorwurf 



— ^= i86 

ins Herz hinein, so oft Sie den Namen Philosophie vernehmen? Und 
wenn Sie so oft bewundernd und lobpreisend davon sprechen, fühlen Sie 
da nicht eine gewisse Leere ? Haben Sie nicht ein ungeklärtes Gefühl 
von Unbefriedigtheit innerlich, ein gewisses Gefühl von Leere und Hohl- 
heit, das selbstverschuldeter Mangel immer gezeigt ? Fehlt es Ihnen, um 
sie ganz zu begreifen, sich ganz in ihren Besitz zu setzen, an Befähigung? 
Aber wenn einer dazu Befähigung mitbringt, so sind Sie es. Und Sie 
werden mein Wort als vollwichtig annehmen müssen. Oder fehlt es 
Ihnen an Zeit? Dazu an Zeit? Fühlen Sie die Ironie, Baron? Oder 
an Geld imd Mittel zum Studium? Oder an was sonst? Oder drängte 
Sie die Überzeugung zum praktischen Leben? Nun, dann gestehen 
Sie wenigstens, Baron, daß Sie nicht einmal den schönen und großartigen 
Egoismus besitzen. Es gibt auch einen solchen, wie es z. B. der Goethesche 
war. Dieser prächtige Egoismus besteht darin, mit nur auf sich ge- 
richtetem Blick als das Höchste zu wissen seine eigene theoretische 
Vollendimg in sich, sich nie nach außen und für andere zu kehren, 
nur sich zu vollenden, an sich nur zu arbeiten imd zu glätten und sich 
zu freuen der eignen abgeschlossenen Schönheit. Das Subjekt hat 
dann nur sich zum einzigen Zweck, aber es bringt sich zur höchsten 
verklärten Vollendung. So war Goethe. Ist man dann auch keine Eiche, 
unter deren weitreichendem Schatten dankbar Geschlechter ruhen, ist 
man auch eine unfruchtbare Palme, so ist man doch eine Palme ge- 
worden, unfruchtbar, einsam, zwecklos, doch schön, eine schlanke, 
himmelanragende Gestalt, die den Kranz wohl verdient, den sie trägt. 
Hat man dann auch keine Dimension in des Lebens Tiefen gewonnen, 
so doch in seine Höhe, und man überragt den Niveau des Gemeinen. 
Ist man kalter Stein auch geblieben, hat man dann sich auch nicht 
zum Menschen gemacht, der den lebendigen Gott in der Brust trägt, 
so doch zur schönen, plastisch abgerundeten Gestalt, zum Kunstwerk. 
Wie man aber ein toter Steinblock bleiben mag, wenn man ein Marmor 
ist, geschaffen, eine Götterstatue aus sich zu formen, wer erklärt 
das, wer begreift das??! Fehlte Ihnen der schöne und große 
Egoismus, Baron, alles hintenan zu setzen für seine eigne höchste 
Vollendimg und Verklärung, alles gering zu achten, dagegen sich 
vollkommen zu machen und selig und mangellos und vollendet? 
Kannten Sie nur den plumpen spießbürgerlichen Egoismus des 
Krämers ? ? 

Seltsamer, seltsamer Mann! Auch hier, wo es Ihre eigne Bildung 
betraf, dieselbe Laxheit, dieselbe Halbheit, dieselbe Schwäche! Hatte 
ich ein Recht, zu sagen, daß Sie ein System sind des Widerspruchs mit 
sich? Wer reimt es zusammen diese Energie und diese Schlaffheit, 
diese Kraft und diese Schwäche ! 



i87 ■ 

Wohl also, Baron, wenn Sie Staatsmann nicht werden wollen, so 
ziehen Sie sich zurück und machen Sie gut diese Sünde an sich und 
leben Sie der Wissenschaft, leben Sie der Philosophie. Auch hierin ist 
es Ihnen vergönnt, die Hände nach dem Höchsten zu strecken. Sie 
haben dann ebenso der Allgemeinheit gelebt. Und es ist nicht zu spät. 
Einen dieser beiden Wege wählen Sie, welchen Sie wollen, aber einen 
müssen Sie wählen. Noch ist's nicht zu spät! 

Aber bald ist's zu spät, Baron. Glauben Sie mir, wie es im Ivcben 
der Völker eine Notwendigkeit gibt, so gibt es im lieben der Individuen 
ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen, das man Vor- 
sehung nennen könnte. Einmal hat jeder sein Glück in der Hand 
und ist auch seines Glückes Schmied. Schlimm ihm, wenn er den Augen- 
blick nicht zu nützen versteht! Manchmal kehrt, wie ein gnädiges Ge- 
schenk der Götter, der Augenblick zurück, wenden zu können das 
ganze fast schon vertane lieben, auszulöschen die Folge des Irrtums, 
ungeschehen zu machen jeden Fehlgriff. Weh dem, dem dieser zweite 
Geburtstag, der da tilgt sein früheres lieben, unerkannt vorübergeht. 
Er hascht ihn nicht zum dritten Male wieder. Solch ein Augenblick 
ist's hier bei Ihnen. Ihre Güter haben Sie verkauft;^) durch kein Ver- 
hältnis, keine Verwickltmg sind Sie an Ihre bisherige I^ebensweise ge- 
knüpft. Sie stehen wieder so frei und freier da als damals, wo Sie zuerst 
über Ihre Lebensrichtung entschieden. Solche Augenblicke sind über- 
haupt äußerst selten in dem Leben eines Geschäftsmannes. Betrachten 
Sie es als eine Vorsehung, daß ich gerade in diesem Augenblick, wo 
Sie, in der Blüte jugendlicher Manneskraft, wieder ungebunden, durch 
nichts Äußeres in Ihrem Entschluß auch nur gehemmt, dastehen, als 
Mahner vor Sie trete. Entrönne Ihnen dieser Augenblick, — Sie kauften 
ihn nie wieder. Heute haben Sie nur mit sich und Ihrem inneren Ent- 
schluß zu kämpfen. Lassen vSie die günstige Zeit vergehen, und wenn 
Sie dann gar wollen, halten Sie äußere Verwickltmgen für immer zurück. 

Die Geschichte jedes Landes und jedes Weltteils lege ich als Be- 
weisstelle auf den Tisch, die Millionen gewesener Menschengeschlechter 
rufe ich als Zeugen auf, — noch nie hat ein Mann von Geist ungestraft 
seine Bestimmung verfehlt! Und die Strafe dafür ist die schrecklichste ! 
Sie ist der innere unendliche Jammer, die quälende Reue über ein ver- 
lorenes Dasein. Sie ist der Ekel und die Blasiertheit und der Über- 
druß an sich selbst und der eignen Existenz, Baron. So gewiß Sie 
Ihre Bestimmung verfehlt haben, wenn Sie bleiben, was Sie sind, so 
gewiß entgehen Sie dieser nagenden Natter und ihrem langsam ver- 

^) An die Rothschilds. Noch am i8. Oktober 1845 rät Arnold Mendelssohn, 
wenn Stücker sich in BerL'n ankaufen wolle, zu dem Hause seines Vetters Paul 
Mendelssohn in der I,eipziger Straße. 



giftenden Biß nicht. Schon zuckt es manchmal bei Ihnen und stellt 
sich ein, lassen Sie es nur erst zu spät sein — lassen Sie es nur andauern, 
ein wenig, und es wird deutlicher kommen. • — Der Mensch ist be- 
stimmt, das Größte, das Höchste zu tun, zu dem er fähig. Sie werden 
mir nicht sagen, daß Sie zu nichts Besserm fähig sind als zu dem, 
was Sie geworden. 

Was ich Ihnen schrieb, ich habe es klar und deutlich, Silbe für 
Silbe bewiesen. Sagen Sie Nein, wenn Sie können. Und ein andrer 
mächtiger Sekundant steht mir zur Seite imd zeugt unwidersprechlich 
für die Wahrheit dessen, was ich sagte: Die eigne Ermattung, die Sie 
fühlen, die Blasiertheit, die sich Ihrer — leugnen Sie, wenn Sie können — 
schon nach und nach, schon langsam und langsam bemächtigt. Diese 
Blasiertheit ist die unzertrennliche Folge davon, wenn ein großer 
Mensch die Kraft, die er erhalten zur Arbeit für reale substantielle 
Zwecke, imgenutzt in die Luft verpuffen läßt. Wer keinen Zweck hat, 
der ihn regiert und ausfüllt und ihn auszufüllen fähig ^) ist, hat keinen 
Inhalt ; wer keinen Inhalt und keine Kraft hat, der lebt still und glück- 
lich, wenn das gelebt haben heißt. Wer Kraft aber hat tmd keinen 
Inhalt, der ist verloren, der nagt sich selbst an, der frißt sich selbst auf, 
der ist verloren. Ich erinnere Sie an das, was ich Ihnen von Gentz^) 
sagte. Hüten Sie sich, Baron! 

Nun, ich habe gesprochen. Ich erwarte und fordere von Ihnen 
baldige und ausführliche Antwort auf das, was ich Ihnen sagte. Baldige 
imd ausführliche Antwort, verstehen Sie mich? Sie haben mir in Salz- 
brunn Ihr Ehrenwort darauf gegeben; und außerdem, die Achtung, 
die Sie mir schuldig sind, gebietet Ihnen, diesem meinem Wunsche 
nachzukommen. Und auch ernste Antwort verlange ich. Drei Nächte 
ununterbrochen von lo Uhr bis 6 Uhr morgens, drei Nächte hinter- 
einander habe ich an diesem Brief gesessen und geschrieben. Meine 
Glieder brechen mir, und meine Augen fallen mir zu. Drei Nächte 
habe ich kein Bett gesehn — das habe ich nicht getan, um ein Kompli- 
ment von Ihnen zu erhalten über meinen geistreichen und philosophi- 
schen Brief ! ! Ich verlange ernsthafte Antwort! Nur eins noch. Glauben 
Sie mir, wenige, sehr wenige Menschen nur schätze ich so hoch, liebe 
ich so innig, daß ich sie der Mühe für wert hielte, ihnen einen solchen 
Brief zu schreiben. Warum ich Sie so liebe? Nun, ich weiß es wohl, 
derm ich mache mir alles, auch jedes Gefühl, klar und durchsichtig. 



*) In I^assalles Konzept steht: wenig. 

2) Friedrich von Gentz (1764 — 1832), der berühmte Pubhzist. Der anfäng- 
hche Bewunderer der französischen Revolution wurde bekannthch später eine 
Hauptstütze des reaktionären System Metternichs. Vor einem ähnhchen Weg 
dürfte I,assalle in jenem Gespräch, auf das er anspielte, den Baron gewarnt haben. 



■ -- = _ i89 —— 

Unklarheit ist mir ziemlich identisch mit Unglück. Aber dies Warum 
geht Sie nichts an ! Aber es sollte mir leid tun, wenn ich Sie mit Un- 
recht liebe, Baron. 

Herwegh schließt seinen Brief an den König: 

Ich weiß, man hört den Sänger nicht, 

Man stellt den Toren vor Gericht 

Und wirft ihn in die Schar der Tollen.^) 

Nun, ich habe nicht wie ein Poet, sondern, wie ich glaube, wie ein 
Philosoph, nicht wie ein dichterischer, sondern wie ein denkender 
Kopf geschrieben. Und dennoch, Baron, — ich fürchte, ich fürchte!! 
Nun werden Sie mich nicht vor Gericht stellen und in die Schar der 
Tollen werfen — aber ich fürchte, ich fürchte, Sie werden ,, lächeln 
imd beharren". Nun, wie Sie wollen, Baron. Ich hab' getan, was ich 
gesollt. Dixi et salvavi animam meam. 

Aber bei Gott, es sollte mir leid sein, Baron! — 



41- 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 13. 7. 45. 
Mein Einziger! 

. . . Mir fehlt der Geist und Lebensmut Casanovas, vielleicht aber auch 
ist es vielmehr der schroffe Gegensatz meines inneren Wertes und 
meiner Realität, der mich quält, während Casanova nur eben das 
schöne lüderliche Subjekt war. Besonders seine Lust auf Weiber muß 
ich ihm beneiden; von der Liebe, ja von den Weibern überhaupt, hast 
Du mich so radikal kuriert, wie ich nur wünschen kann, meine Patienten, 
die ich je haben sollte, zu kurieren . . . 

. . . Der König geht jetzt an den Rhein, um Viktorchen dort drei 
Tage bei sich zu haben, und diese Partie soll 800 000 Taler kosten. 
Dieser Tage habe ich Weitlings Garantien der Harmonie und Freiheit 
gelesen. Es ist merkwürdig, was dieser Kerl in seinem rüden Denken 
für richtige Sachen ausgedacht hat. Du und ich stehen ihm sehr hoch. 
Der alten Welt droht er besonders damit: Wenn Ihr uns auf diese 
letzte Feder drückt, dann sollen unsre Philosophen den fürchterlichen 
Brander loslassen; es soll eine Moral gepredigt werden, wie noch nie 



^) Lassalle zitiert auch hier ungenau. Bei Herwegh heißt es: 
Ich weiß, man hört die Sänger nicht. 
Man stellt die Freien vor Gericht 
Uni wirft sie in die Schar der Tollen. 



— - . - igo — • - 

eine gepredigt worden ist, eine Moral usf., und zwar in den großen 
Städten, wo es von armen Leuten, Faulenzern und Umsonstfressern 
wimmelt.^) Ich bekomme für meine Entdeckung 2) soviel Kommerz- 
stunden, wie irgendein andrer in einem Jahr sich erwerben kann; dies 
sind nämlich die außergewöhnlichen Arbeitsstunden, für welche man 
die Genüsse bekommt; z. B. eine Flasche Champagner für 12 bis 
18 Stunden; in Weithngs Staat kann ich also eine ganz hübsche 
Champagnerfete geben; ich lade Dich unterdessen dazu ein. 

Dein Arnold. 



42. 
ARNOIvD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

[Ohne Datum, etwa August 1845.] 

. . . Ich will Dir noch meines geehrten (soll heißen hochgeöhrten) 
Herrn Schwagers Meinung über Dich resp. mich, die ich heut erfahren 
habe, mitteilen, bitte Dich aber um meinetwillen, laß ihn ungestraft 
seiner Wege gehen. Ich fragte ihn, hast Du denn L. schon einmal 
besucht? Nein, ich habe offenherzig gestanden gar keinen Anknüp- 
fungspunkt mit ihm. Weißt Du das so gewiß? Ja; denn Lassal ist 
ein Mensch ohne sittliche Grundlage. So? Was heißt das? Ihm ist 
nichts heilig, und er wird Dich ebenso mit Füßen treten, wenn es ihm 
zum Vorteil gereicht. Ich: Meinst Du seinen Vorteil als den eines 
Einzelnen? Ja. Nun, so sage ich Dir, daß ich weiß, daß, wenn L- mich 
mit Füßen tritt, ich es als von meiner Seite verdient annehmen werde. 
Du wirst daraus wenigstens ersehen, daß wir in einem hohem Sinne 
Freunde sind, als dies alltäglich der Fall ist. Von einem solchen Verhält- 
nis hatte er natürlich gar keinen Begriff, und ich fühlte mich nicht be- 
rufen, ihm denselben beizubringen. Darauf, daß ich ihm sagte, daß 
ich es für den glücklichsten Zufall in meinem Leben hielte, daß ich 
Dir grade schon zu der Zeit begegnet sei, zu welcher es geschah, und 
daß ich Dich auch bald interessiert hätte, konnte er natürlich nur die 
Afterweisheit bringen, daß ich vielleicht später einmal das nicht mehr 
als ein Glück schätzen würde, was ich heut dafür hielte. Ich sagte ihm, 
ich würde dies ruhig erwarten, bis dahin müßten wir wenigstens beide 
unser Urteil suspendieren. 

^) Vgl. W. Weitling, , .Garantien der Harmonie und Freiheit", Jubiläums- 
ausgabe, herausgegeben von Mehring, Berhn 1908, S. 236. Die erste Auflage 
war bekannthch Ende 1842 erschienen. 

2) Mendelssohn hatte eine Entdeckung auf dem Gebiet der pathologischen 
Anatomie gemacht. 



191 - = 

43. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 26. 8. 45. 
Dein heutiger Brief, den ich der häufigen Erwähnung des (salva 
venia) Drecks zu danken habe, hat mir mehr P'reude gemacht, als 
der Dreck, wenn Du ihn auch in einigen tausend Exemplaren des 
Bildes unsres geliebten Königs gesandt hättest; alter Brahmin, in diesem 
Briefe spricht ja die Empfindung und daß Du auch die bei aller Deiner 
Weisheit behalten hast, ist zwar eine Wahrheit, welche ich schon öfter 
zu erfahren die Gelegenheit hatte, welche mich aber immer, wo sie 
sich wieder bei Dir äußert, axd das tiefste imd wohltätigste berührt; 
es ist die durch das Feuer des Gedankens geläuterte Empfindung, das 
reine lautere Gold der Menschennatur, das nur nach dieser Läuterung 
in seinem vollen Glänze strahlt. Daß Du mich eben zu würdigen ver- 
standst, war es, wie Du wohl weißt, was mich Dir unbedingt hingab und 
was es Dir zur wenn auch zuweilen imangenehmen Pflicht machte, mich 
aus meinem kleinen Kreise, aus dem Kreise meiner Kleinlichkeit heraus- 
zureißen, Du fandst an mir ein bildsames Element, mein bisheriges 
Leben hat jedoch und mein künftiges wird es noch mehr zeigen, daß 
es Dir auch gelungen ist, den Teig zu formen. Ich selbst, wie ich ge- 
wesen bin, ehe ich Dich kannte, bin nur zu einem unscheinbaren Momente 
meines jetzigen Ich herabgestmken, und zugleich ist es in meinem Ge- 
dächtnis vorhanden, wie Du das gemacht hast, mich aus mir heraus- 
zuziehen. Aber auch dies ist nicht bloß eine tote Erinnerung eines Ge- 
schehens, sondern es hat sich mir alles in Wesenheit umgesetzt, und 
ich kann Dich nachträglich auch in den alltäglichsten Dingen, die wir 
zusammen hatten, nur bewundern; ich bin vielleicht der erste, der es 
vollkommen anzuerkennen imstande ist, wie sehr Dein Wissen Tun und 
Dein Tvm und Können Wissen ist. Daß Du darum kein Sterngucker 
zu sein brauchst, um auch zu wissen, daß ich durch Dick und Dünn 
bei Dir ausharren werde, si iractus illabatur orbis,^) weiß ich nachträg- 
lich auch. Denn ich bin eben dabei, mir jene Wissenschaft, welche das 
Wesen des Menschen erkennt, zu eigen zu machen und glaube nicht 
mehr zu den letzten Kennern derselben zu gehören, wenn auch mein 
Wissen noch nicht ein solches Kunstwerk ist, wie es sich in Deiner 
Persönlichkeit darstellt, sondern ich im Gegenteil in meiner Innerlich- 
keit ein so sehr andrer bin als in der Äußerlichkeit, daß ich dadurch 
in die größten Widersprüche und Ungeschicklichkeiten (quoad Paul) 
verfalle . . . Eine philosophische Abhandlung werde ich nicht für Dich 



^) ,,Wenn die Welt in Scherben fiele." Horaz Oden III, 3. 



192 : 

ausarbeiten, indem ich jetzt noch nichts zu schreiben wüßte, was 
wert wäre, von Dir gelesen zu werden ; laß mich noch ruhig eine Weile 
in meiner InnerHchkeit fortarbeiten, ich glaube jetzt mit Gewißheit 
versprechen zu können, daß Du nach und nach mit mir nicht unzufrieden 
sein wirst . . . 



44- 
LASSALLE AN DEN BANKIER JOSEPH MENDELSSOHN. (Kon- 
zept von Lassalles Hand.) 

Breslau, August 1845. 

Entschuldigen Sie, wenn ich, Sie in der ländlichen Zurückgezogen- 
heit, ^) die Sie gewählt haben, störend, in Ihrer sommerlichen Muße 
unterbrechend, Ihr Augenmerk für einen Augenblick durch einen Ge- 
schäftsantrag, den ich Ihnen zu machen im Begriff bin, auf die Sorgen 
und Beschäftigungen des Winters zurücklenke. 

Es dürfte Ihnen vielleicht durch mich selbst bekannt sein, daß mein 
Schwager, Herr F. Friedland, die Gasbeleuchtung der beiden Städte 
Breslau und Prag durch Kontrakte mit den betreffenden Magistraten 
übernommen hat. 

Das erste dieser beiden Geschäfte ist bereits mit den ersten Bankier- 
häusern Breslaus, v. Löbbeckke, Ruffer, Eichborn, Schiller, ^) in der 
Weise eines Aktiengeschäftes realisiert. 

Das zweite Unternehmen, Prag betreffend, welches sowohl wegen 
des bei weitem günstigeren Kontrakts, den wir von dem Prager Magi- 
strat erlangt, als auch wegen des größeren Flammenkonsums Prags 
ein noch weit vorteilhafteres Resultat als Breslau verspricht, sind wir 
gesonnen, in Gesellschaft nur eines Bankierhauses auf eigne Mittel 
auszuführen. Obwohl uns nun hierzu von verschiedenen Seiten bereits 
Anträge gemacht worden sind, würde es für uns — und speziell für 
den Schreiber — ein ganz besonderes Vergnügen in sich schließen, 
durch dieses so vorteilhafte Geschäft mit Ihrem hochachtbaren Hause 
in Verbindung treten zu können. — Erlauben Sie daher, daß ich Ihnen 
in der Kürze den unentbehrlichsten Sachbestand mitteile. Das Ge- 
schäft erfordert zu seiner Reasilierung, die Kosten natürlich nach dem 
Maximum angesetzt, ein Kapital von 100 000 Rt. — Hiervon sind 



^) Kommerzienrat Joseph Mendelssohn befand sich auf seinem I,andsitz in 
Horchheim am Rhein, der heute ein Diakonissenhaus ist. 

2) Lassalle nennt hier die ersten Bankhäuser des damahgen Breslau: C. T. 
Iröbbeckke & Comp., Rxxfier & Comp., Eichborn & Comp., Schiller und Müller. 



— —- 193 ^ = ^ = 

bereits 30 000 Rt. auf Kaution, Anschaffung von Grundstücken, Her- 
stellung von Gebäuden, Verfertigung von Röhren, Gasometer etc. ver- 
wandt worden. Mein Vater, der Kaufmann Heyman Lassal in Breslau, 
der mit den oben Genannten ebenfalls bei dem Breslauer Unternehmen 
bedeutend beteiligt ist, ist bereit, zur Ausführung des Prager Geschäfts 
ein Kapital von 40 bis 60 000 Rt. herzugeben. 

Was wir suchen, ist demnach ein Partizipant mit einem Kapital 
von 120 oder iio 000 Rt. 

Was wir bieten, ist 

a) vollkommene Sicherheit des gesuchten Kapitals; 

b) einen überaus günstigen, mit dem Prager Magistrat geschlossenen 
Kontrakt, der uns in den Preisen, die wir von den Privaten zu 
nehmen für gut befinden, durchaus nicht limitiert; 

c) die Garantie, die darin liegt, daß der rühmlichst bekannte 
königliche Kommissionsrat Blochmann zu Dresden, der I^iter 
und Anleger der Gasanstalten zu Leipzig und Dresden, unser 
kontraktlich verpflichteter Techniker ist; 

d) die sowohl aus der sorgfältigsten, hier wie natürlich nach dem 
Minimum angesetzten, Aufnahme des Prager Flammenbedarfs, 
sowie auch der Vergleichung mit den Büchern und Resultaten 
von lycipzig und Dresden hervorgehende, zur Gewißheit ge- 
steigerte Wahrscheinlichkeit eines nach Abzug sämtlicher Be- 
triebskosten, zu denen auch die 4 — 5% Verzinsung des ge- 
samten Kapitals gerechnet wird, verbleibenden reinen Gewinns 
von minimum 86 400 Rt. per annum ; 

e) bieten wir dem resp. Partizipanten außer der Verzinsung seines 
Kapitals einen dem Verhältnis seiner Kapitalseinlage gemäßen 
Anteil an jenem netto Gewinn von 86 400 Rt., wie er Ihren 
billigen Forderungen betreff dieses Punkts entsprechen dürfte ; 

f) genießt unser resp. Partizipant in bezug auf die Administration 
völlig gleiches Anrecht mit uns, um diesen Einfluß für die von 
seinem Interesse erforderten Maßregeln zu verwenden; es steht 
ihm ebenso frei, sich in bezug auf die Administration durch 
einen Kommissarius in loco vertreten zu lassen. 

Wetm Sie nun, geehrter Herr, natürlich in dem Fall, daß wir Ihnen 
durch Selbsteinsicht in die Bücher und Tabellen die sub d) angegebene 
Rentabilität des Geschäftes nachweisen und ferner Ihren Anforderungen 
betreffs der Partizipation an dem Gewinn nachzukommen imstande 
sind — geneigt sein sollten, sich auf ein derartiges Unternehmen in der 
gedachten Weise einzulassen, so würde ich Ihnen, geehrter Herr, die 
betreffenden Papiere und nähere Bedingungen entweder einsenden, oder 

Mayer, Lassalle-Nachlass. 1 X "? 



= 194 - = 

vielleicht auch, was mir vorteilhafter scheint, mein, wie Sie wissen, 
altes Projekt betreffs einer Rheinreise ausführen und Ihnen dabei in 
Horchheim das Nähere mitteilen. Allerdings liegt Ihnen sowohl die 
Art des Unternehmens selbst als auch sein Ort und Schauplatz ziemlich 
weit ab, doch dürfte ein zu gleicher Zeit so sicheres imd lukratives Ge- 
schäft in unserer industriellen Zeit einem so umfassenden Hause wie 
dem Ihrigen schon zuzutrauen sein. 

Es sollte mir lieb sein, wenn ich auf diese Weise die Veranlassung 
gewesen wäre, eine Geschäftsverbindung zwischen Ihrem hochacht- 
baren Hause und dem meinigen herzustellen. Das Interesse war groß 
genug für mich, um mich zu veranlassen, meinen Studien auf eine Stunde 
den Rücken kehrend und mich auf ein mir ziemlich fernes Feld be- 
gebend, Ihnen diese Mitteilung zu machen. 

Da Ihnen die Persönlichkeiten meines Vaters und Schwagers un- 
bekannt sein dürften, so gebe ich Ihnen zur Einziehung näherer Aus- 
kimf t über meinen Vater die Herren Breest & Helpke, Naim, Löwe & Co., 
Pac. Abr. Meyer an, Geschäftsfreunde meines Vaters in Berlin. 

Sie dürften eine Sie in jeder Beziehung befriedigende Auskunft 
erhalten. — 

Der anderweitigen uns gemachten Anträge wegen wäre es mir 
wünschenswert, wenn Ihre Antwort, ob Sie Sich bei gedachtem Ge- 
schäft zu beteiligen gedenken, sobald es Ihnen tunlich, erfolgte. Wollen 
Sie selbige an Heynian Lassa 1 in Breslau adressieren. 

Ich empfehle mich Ihnen wie Ihrer verehrten Frau Gemahlin An- 
gedenken. 

Indem ich ein inniges Lächeln nicht unterdrücken kann über die 
kleine Verwunderung, die Sie empfinden werden, mich von Geschäften 
reden zu hören, bin ich 

mit der ausgezeichnetsten Hochachtimg 

F. Lassal. 



45. 
LASSALLE AN DEN BANKIER JOSEPH MENDELSSOHN. (Konzept 
von der Hand Lassalles.) 

[Breslau, Anfang September 1845.3 

Ihren so freundlichen Brief vom . . nebst einer Zuschrift Ihres Berliner 
Hauses, das mich um Mitteilvmg der nötigsten auf das in Rede stehende 
Geschäft bezüglichen Papiere anging, erhielt ich am 31. vorigen Monats. 



— 195 = 

Obgleich nun seit der Absendung meines ersten Briefes an Sie, ge- 
ehrter Herr, sich der Stand der Sachen geändert hatte, insofern näm- 
lich von Seiten eines andern Hauses die Unterhandlungen mit uns so 
lebhaft geführt worden waren, daß weniges nur noch zu ihrem defini- 
tiven Abschluß fehlte, hielt ich es dennoch für meine Pflicht, Ihnen 
meiner Offerte gemäß dies Geschäft offen zu halten. Indem ich also eine 
einstweilige Suspension jener anderweitigen Beziehmigen bewirkte, reiste 
ich den i. September nach Berlin, um daselbst Ihren Herren Associes 
die Einsicht in die betreffenden Papiere zu eröffnen, Ihr Herr Sohn 
^vird Ihnen wohl berichtet haben, wie er aus dem Kontrakt, den Büchern 
für Leipzig und Dresden, wie aus den Berechnungen für Prag jetzt 
auch die Gewißheit von der so großen Rentabilität dieses Unternehmens 
geschöpft hat. 

Es war natürlich durch die Natur der Sache unmöglich, diese An- 
gelegenheit in den 4 Tagen meines Berliner Aufenthalts, zumal bei 
Ihrer Abwesenheit, zu irgendeiner Bestimmtheit zu bringen, besonders 
da es unsre eigne Absicht zwar war, aus Gründen, die ich Ihrem 
Herrn Sohn^) auseinandersetzte, das Geschäft zu beeilen, nicht aber 
zu übereilen. 

Da es zur Beschleunigung dieser Angelegenheit nun hauptsächlich 
darauf ankommt, daß Sie selbst, hochgeehrter Herr, nähere Einsicht 
davon nehmen, habe ich es Ihrem Herrn vSohn freigestellt, sich die be- 
treffenden Papiere zur Übersendung an Sie kopieren zu lassen. Der- 
selbe zog es vor, nur von dem Kontrakt Abschrift zu nehmen, mich 
aber um die abschriftliche Einsendung einiger Hauptstücke zu er- 
suchen. Ich werde diese binnen einigen Tagen besorgen. 

Ich wiederhole Ihnen, geehrter Herr, die Zusicherung, die ich bereits 
Ihrem Herrn Sohne gab, daß wir nämlich bei sonst gleichen Bedingungen 
ein Vergnügen darin setzen werden, dieses Geschäft nur mit Ihnen 
abzuschließen, vorausgesetzt, daß Sie nicht durch allzulanges Zögern 
den Fall, das Unternehmen mit Ihnen zu Ende zu bringen, zu einem 
unwahrscheinlichen machen. 

Meine Rheinreise werde ich wohl auch für diesen Sommer, aus 
mehreren Gründen bewogen, aufgeben. Denn zuerst fängt bereits an, sehr 
schlechtes Wetter einzutreten. Dann aber hat mir auch Ihr Herr Sohn 
gesagt, daß Sie wahrscheinlich schon Ende dieses Monats Horchheim 
verlassen werden. So werde ich denn dies Jahr das Vergnügen nicht 
haben, Sie auf Horchheim zu besuchen, und zugleich hebt sich der 
praktische Zweck auf, den ich mit meiner Reise verbinden wollte. Eine 



^) Alexander Mendelssohn (1798 — 1871). Er führt in dem Briefwechsel I<assalles 
mit Arnold Mendelssohn stets den Spitznamen Wappenschild. 



_ ni:^ 196 =z 

Reise aber zu keinem andern Zweck als dem des Vergnügens unter- 
nehmen würde ihrer Müßigkeit und Zwecklosigkeit willen den ent- 
gegengesetzten Eindruck auf mich hervorbringen, mir Langweile ver- 
ursachen. Ich liebe es sehr, mich nebenbei zu amüsieren, aber meine 
Natur erfordert, daß ich dabei als Hauptsache einen bestimmten in- 
haltsvollen Zweck, sei's in der praktischen Welt, sei's in der Welt des 
Wissens vor mir habe. Die Sorge für das bloße Vergnügen und Zer- 
streuungen füllt nicht aus, ermüdet. Ohne Zwecktätigkeit ist kein 
Genuß im Dasein. Wenigstens gilt das von mir so. Ich bin nicht kontem- 
plativ genug, um im bloßen Beschauen fremder Gegenden und fremder 
Herren I^änder ausfüllendes Interesse zu finden. Und so vertage ich 
denn diese Reise bis aufs nächste Jahr, wo mich dies und jenes Motiv 
an den Rhein und vielleicht noch weiter ruft. 



46. 

LASSALLE AN DAS BANKHAUS MENDELSSOHN & CO. IN 
BERLIN, (Konzept von der Hand Lassalles.) 

Breslau, d. 11. Sept. 1845. 

Ich überschicke Ihnen Ihrem Wimsche gemäß in der möghchst 
kürzesten Zeit die Papiere, die Ihnen am nötigsten sein dürften, um 
Ihnen eine bleibende Übersicht über die Natur des fraglichen Unter- 
nehmens zu gewähren, und die für sich allein hinreichend sind, um 
eine solche Übersicht auch dem geübten Blick Ihres Herrn Joseph 
zu verschaffen, obgleich selbiger das reichlichere Material, das mir 
in Berlin zu Gebote stand, nicht einsehen konnte. — 

Ich gehe daran, die beifolgenden Tabellen mit einigen näheren Be- 
merkungen zu begleiten. Das wichtigste der Papiere ist das Heft Nr. I. 
betitelt: Zusammenstellung der Ausgaben und Einnahmen in Dresden. 
Ich nenne dieses Heft das Wichtigste, weil es nirgends auf einer Be- 
rechnung, Schätzung oder Annahme, sondern durchaus auf den fest- 
stehenden Tatsachen von Dresden beruht, somit die Fol. 12 dieses 
Heftes angestellte Untersuchung, ,, welches Resultat würde Dresden 
geben, wenn wir es beleuchteten", in nichts auch nur die imaginäre 
MögHchkeit einer getäuschten Erwartvmg zuläßt, vielmehr faktisch 
die Gewißheit herausstellt, daß Prag wegen seiner in jeder Beziehung 
imgleich vorteilhafteren Verhältnisse auch ein migleich größres Resultat 
erzielen wird als das Fol. 12 a angegebne. Ich werde unten diesen 
Ptmkt einer genaueren Erörterung unterwerfen. 



-^ 197 = ^-^ 

Zur größeren Bequemlichkeit sind die Seiten der Tabellen mit Zahlen 
und Buchstaben bezeichnet, auf die ich mich hier beziehe. — Auf P^ol. i 
vmd Fol. I a finden Sie in roter Tinte die Zahl (= 1034) der unbe- 
stimmten Abonnenten, d. h. derer, die olme Kontrolle am Ende des 
Jahres nur das zu bezahlen haben, was sie nach eigner Schätzung 
an Gas konsumiert. Vergleichen Sie damit desselben Heftes Fol, 8 
imten. • — Fol. ib bis Fol. 2 läuft die Zahl der Ijestimmten Abonnenten, 
welche mit jenen unbestimmten die Summe von 3705 gibt, wozu die 
Fol. 8 vermerkten Theaterflammen, deren Zahl für das Jahr 1842 = 673 
ist, addiert werden müssen. Fol. 3 bis 5 folgt die vSumme der Ab- 
nehmer (nicht der Flammen). Fol. 5 ist noch die Zahl der Straßen- 
flammeu angegeben. — Fol. 6 bis Fol. 7 die Darlegung des Dresdner 
Geschäftsjahres 1S42, woraus sich ergibt, daß Dresden ohne Nutzen 
gewirtschaftet. — Fol. 8 bis Fol. 11 folgt die Berechnung der Brennzeit, 
des Gaskonsums, des Kosten preises per Flamme etc., eine Tabelle, 
aus welcher Sie bei gehöriger Benutztmg in zweifelhaften Fällen stets 
Auskunft erhalten werden. ■ — 

Fol. 12 endlich beginnt die Berechnung, welches Residtat Dresden, 
dessen Bilanz keinen der Rede werten Gewinn nachweist — was durch 
den Zweck geboten ist, den die Stadt bei Errichtung dieses Instituts 
vor Augen hatte — , in vmsern Händen abwerfen würde. Der Tabelle 
zugrunde gelegt mid mit ihr zu vergleichen ist die Dresdner Bilanz 
von 1843 (Fol. 16 bis 17). Diese Berechumig, welche durchwegs auf 
die faktischen Dresdner Zahlenverhältnisse basiert ist, weist einen 
Revenueu-Ertrag von Rt. 39 182. — nach. Dieses Resultat wurde er- 
langt, indem nur zwei Umstände berücksichtigt wurden: i. der Unter- 
schied des Preises, zu dem Dresden Gas verabreicht (vgl. Fol. 45 die 
Parallele der Preise der verschiedenen Gasinstitute) und unsrer Preise 
(= dem Minimum der englischen Preise). 2. Der Mehrbetrag Gas, 
den wir an dieselbe Zahl Abonnenten absetzen, weil wir dem Grund- 
satz andrer Privatgesellschaften gemäß, außer auf Gaszählern, die 
teurer sind, nur bis wenigstens um 10 Uhr Gas verabreichen (Dresden 
dagegen auch bis 7 und 8 Uhr). Die größeren sich für diese größere 
Quantität ergebenden Produktionskosten sind Fol. 14 und 15 berechnet 
und Fol, 12, wie billig, veranschlagt. Es hat sich die Tabelle seilest 
an die geringe in Dresden stattfindende Anzahl von Abonnenten 
(— 4378) gehalten mid hiervon die 673 Theaterflammen zu 2 Rt. 
15 Sgr. p. Mille Kbf., die restierenden 3705 eigentlichen Abonnenten 
zum niedrigsten Satz der englischen Compagnie berechnet. Vgl. 
Fol. 12 a (zu 20 Rt. per Flamme). Durch die Berücksichtigung 
dieser beiden Pmikte bloß hat die Tabelle eine Revenue von 
39182 Rt. nachgewiesen. Sie hat somit mehrere sehr wesent- 



— — 198 

liehe Verhältnisse nicht in Anschlag gebracht, an die ich 
hier kurz erinnern will. 

1. Unter den 4378 Dresdner Abonnenten brennen (siehe Fol. i a, 
Fol. 8) 1034 ohne Kontrolle und bestimmte Angabe, lediglich bezahlend, 
was sie nach eigner Schätzung konsumiert. Es steht fest, daß diese 
Abonnenten, wenn sie nicht noch Schaden machen, jedenfalls nicht 
den geringsten Nutzen gewähren. Wir wie jede andre Privatgesell- 
schaft verabreichen nicht Gas ohne Kontrolle und auf unbestimmte 
Zeit (außer auf Gaszählern, die ja dann wieder selbst Kontrolle sind). 
Wenn Dresden somit diesen 1034 ohne Nutzen Gas gibt, würden wir 
solchen beziehen; diese 1034 konsumieren nach Fol. 11 vmten 3713 Mille 
Kubikfuß, die also, die Produktionskosten p. Mille nach Dresdner Ver- 
hältnis zu I Rt. 8 Sgr. gerechnet, den Verkaufspreis zu Rt. 3.10. — 
wiederum einen nicht veranschlagten jährhchen Nutzen von über 
Rt. 8000. — abwürfen. 

2. Wir haben, wie Ihnen Fol. 15 sagt, auch für die Privaten das 
Gaskonsimi per Stunde auf 5 Kubikfuß angesetzt, wie für die Straßen- 
üammen; das ist aber, wie Sie aus Vergleichimg mit Fol. 8 bis 11 
ersehen können, um ^/g Kubikfuß per Stunde, somit um 10 % zu reich- 
hch. Der Grund, daß die Zimmerflammen 10 % weniger konsumieren, 
ist der fehlende Wind und I,uftzug, der bei den Straßenflammen eine 
schnellere Absorption hervorbringt. Bei dem Gasquantum von 26.564 
Mille Kubikfuß (Fol. 15), das Mille zu i Rt. 8 Sgr., würde das wiederum 
eine nicht veranschlagte Ersparnis von Rt. 3300. — zirka jährlich 
bewirken. 

3. Die Billigkeit, Nähe und der größre Gasgehalt der Prager 
Kohle. Blochmann versichert uns, daß uns die Erzeugung von i Mille 
Kubikfuß in Prag auf 18 g. G. zu stehen kommen würde. 

4. Der bedeutend billigere Preis des Eisens in Böhmen gegen Sachsen ; 
die billigeren Arbeiterlöhne etc. etc. 

5. Endlich haben wir nur nach der Zahl von Privatabonnenteu 
= 3705 gerechnet, dürften aber bei einer Stadt von 130 000 Ein- 
wohnern, die in bezug auf Ivcbhaftigkeit und Verkehr ihresgleichen 
sucht, auf 5000 Abonnenten rechnen. Wenn Sie diese fünf Umstände in 
Zahlen verwerten, würden Sie finden, daß das Resultat der auf Dresden 
basierten Berechnung das Tabelle IV Fol. ib erzielte Resviltat von 
86 000 Rt. wohl noch übertrifft. 

Zu dieser Tab. IV Fol. ib bemerke ich, daß, wenn wir hier Zinsen 
von einem Anlagekapital von nur 160 000 Rt. gerechnet haben, dies 
nach der nach Prager lyokalpreisen angestellten Berechnung geschehen 
ist, die, wie ich Ihnen in Berlin gezeigt, ein Anlagekapital von 157 000 Rt. 
nachweist. Wir haben dagegen in unserer auf Dresden basierten Be- 



= 199 ========= 

rechmmg Fol. 12 Zinsen von einem Kapital von 200 000 Rt. ange- 
nommen. Anderes wird Ihnen bei geringer Müh' deutlich sein, besonders 
wenn Sie sich unserer Berliner Mitteilimg entsinnen, und bedarf der 
.Krörterimg nicht. — • 

In bezug auf tmser Anlagekapital rufe ich Ihnen ins Gedächtnis 
ziurück, daß, wie Sie aus den Leipziger Papieren ersehen haben, Leipzig 
181 000 Rt. gekostet hat. Da nun I/Cipzig alle Vorstädte, Promena- 
den etc., wir nur das Zentrum Prags beleuchten, so wird Ihnen, weim 
Sie sich einen Leipziger Plan nehmen imd damit unsern Prager Plan 
vergleichen, dessen Sie sich wohl noch entsinnen, schon der bloße 
Augenschein zeigen, daß wir kein größres Kapital als Leipzig brauchen 
können. Wenn Prag bedeutend größer ist als Leipzig, so wird das 
vollkommen dadurch aufgewogen, daß Leipzig seine Röhren und 
Anlagen über die ganze weitläufige Peripherie der Stadt ausdehnt, 
wir nur über den innem festen Teil. 

Wenn Sie ferner Anstoß dran nahmen, daß Berlin nur 7200 Flammen 
an Private absetzt, so will ich außer dem richtigen Erklärungsgrund, 
den Sie damals selbst mir angaben, nur noch nachträglich darauf hin- 
deuten, daß dies die eigne tmkontrollierte Angabe der Engländer ist, 
und daß diese wohl schwerlich es in ihrem Interesse fanden, den ganzen 
Umfang ihres Gewinnes wissen zu lassen. — 

Soll ich noch einmal die Natur des Geschäfts und alle dabei ent- 
stehenden Fragen kurz erörtern, so reduzieren sich diese auf drei: 

1. Ist das Geschäft, Städte mit Gas zu beleuchten, an und für sich 
und im allgemeinen ein vorteilhaftes? 

2. Wenn das Geschäft im allgemeinen auch vorteilhaft ist, wie 
ist der besondre Fall bei der besondern Stadt beschaffen? 
D. h. wie sind die kontraktlichen Bestimmungen in Hinsicht der Preise 
der Flammen, wie ist das öffentliche Leben der Stadt, wie sind die 
Eisen- xmd Kohlenpreise? 

3. Werden wir imstande sein, die Anstalt technisch vollkommen 
gut herzustellen? 

Die erste Frage werden Sie Sich selbst beantworten, für die dritte 
genügt der Ruf Blochmanns, imd über die zweite wird Ihnen jeder Aus- 
kunft erteüen können, der irgend mit den Prager Verhältnissen be- 
kannt ist. Es gibt keine Stadt Deutschlands ohne Ausnahme, die 
durch ihre spezielle Natur sich so für ein derartiges Unternehmen 
eignete. 

Nach diesen drei Fragen ließe sich nur noch etwa eine vierte auf- 
werfen: ,,Kann man den resp, Leuten die geforderte Kapitalsquote 
anvertrauen imd die gewisse Überzeugung haben, daß die jedesmaligen 
Raten zu dem bestimmten Zweck verwendet werden?" 



— 200 — =- 

Diese Frage — sollte sie auftauchen — dürfte wohl von dem notori- 
schen und in dieser Beziehung selten zu nennenden Renommee meines 
Vaters genügend beantwortet werden. Sollte diese Frage wirklich in 
Betracht kommen, so gäbe es zwar auch hiefür hinreichende Aushilfs- 
maßregeln, doch würde ich es für augemessen erachten, bei derartigen 
Präsumtionen unsere Unterhandlungen für geendigt anzusehen. Ich 
mache diese Bemerkung nur in bezug auf eine Äußerimg Ihres Herrn 
Alexander,*) die, wiewohl in unbestimmter, aber zweideutiger Weise 
etwas von dieser vierten Frage in sich zu haben schien. — 

Noch muß ich eines bedeutenden Irrtums gedenken, der in einer 
Ihrer Einwendungen enthalten war. Wie Sie Sich erimiem werden, 
sind unsere Gasometer zu folgenden Preisen notiert: 

I Gasometer nebst Tank zu 30 000 Kubikfuß zu Rt. 12 000, — 
I Gasometer nebst Tank zu 90 000 Kubikfuß zu Rt. 16 000. — 
I Gasometer nebst Tank zu 20 000 Kubikfuß zu Rt. 10 900. — 

Sie meinten, daß wir uns irrten, indem die Gasometer der englischen Ge- 
sellschaft zu Berlin das Doppelte kosteten. Vielmehr ersuche ich Sie, 
sich von den englischen Agenten Elliot & Ullmann auf Ihrem Platz, 
die Preiskurante einhändigen zu lassen, woraus Sie ersehen werden, 
daß unsere Gasometer sämtlich zu höheren Preisen notiert sind, als 
uns die englischen kosten würden. Es geschah das, weil wir sie in 
Deutschland werden arbeiten lassen. — 

Für den Fall, daß Sie Sich entschließen, das Geschäft nicht zu 
machen, rechne ich auf Retoursendung dieser Papiere. Daß Sie für 
jeden Fall diskreten Gebrauch davon zu machen haben, wäre über- 
flüssig Ihnen zu bemerken. Sie wissen vielmehr selbst, daß wir Ihnen 
durch Übersendung dieser Papiere ein Vertrauen beweisen, welches 
man eben nur einem Hause wie dem Ihrigen erzeigen kann. — 

Haben Sie die Güte, diesen Brief als Beilage zu den angefügten 
Papieren Ihrem verehrten Herrn Joseph zu übermachen. — 

Ich fordere Sie wiederholt auf, sich, wenn Sie das Geschäft interessiert, 
möglichst wenig Zeit zu lassen vmd zeichne Ihrer Antwort ent- 
gegensehend, 

mit Hochachtimg 

F. I.,assaL 



1) Alexander Mendelssohn. 



201 



47- 



LASSALLE AN DEN BANKIER JOSEPH MENDEI^SOHN, 
COBLENZ. (Konzept von der Hand Lassalles.) 

Breslau, d [1845]. 

Endlich erhalte ich die gewünschten Papiere, die ich mich beeile, 
Ihnen sofort zuzufertigen. Sie werden sich aus selbigen die Gewißheit 
holen, daß unsere Kostenanschläge durchaus nicht unter der Wirklich- 
keit geblieben sind. Da unsere nach den teuern Leipziger Preisen an- 
gestellte Berechnung 200 000 Rt., die nach Lokalpreisen 157 000 Rt. 
nachweist, so ergibt sich daraus die Durchschnittszahl von 180 000 Rt. 
Nichtsdestoweniger haben wir die Zinsen von 200 000 Rt. gerechnet, 
sowohl in der beigefügten Ertragsberechnung als auch in imserm auf 
Dresden basierten Anschlag, den Sie besitzen imd hierüber nachsehen 
wollen, und sind trotz des mutmaßlichen Wenigerbedarfs gern bereit, 
für alle Eventuahtäten diesen unsrer Zinsenberechnung zugrtmde 
gelegten auch unsrer Geschäftsregulierung zugrtmde zu legen. Daß 
aber das gebrauchte Kapital das Maximum von 200 000 unmöglich 
übersteigen — wenn erreichen — kann, das mögen Sie sich, wenn 
ihnen die beigefügten Papiere nicht hinreichen, von Herrn Kommissions- 
rat Blochmann bestätigen lassen. Schon das Faktum kann genügen, 
daß Leipzig, welches, weil dort die ganze Stadt samt all den Vor- 
städten, Promenaden beleuchtet, 20000 Fss. Röhren mehr ge- 
braucht hat, als für Prag erforderlich, doch nur 182000 Rt. gekostet 
hat, was Sie alles bei Herrn Blochmann in Erfahrung bringen können. 

Um Ihnen jedoch zu zeigen, wie sehr unsere Berechnungen selbst 
Tatsachen sind, füge ich Ihnen einen vom Prager Bauamt revisierten 
Kostenüberschlag tmseres Prager Maurermeisters für Anlage sämtlicher 
Gebäude bei. Seine Forderung für die Herstellung der Gebäude be- 
läuft sich, wie Sie sehen, auf 17 692 Fl. oder 12 385 Rt. Doch sind 
hier ein Feuerungshaus und ein Gasometerhaus nicht mit inbegriffen, 
die nämlich erst später nötig werden. Dies Feuerungshaus nur seinem 
Preise nach zu 1950, das Gasometerhaus zu 2850 gerechnet, ergibt 
das für sämtliche Gebäude eine Summe von 17 185 Rt. Vergleichen 
Sie mm damit in unsrer Kostenzusammenstellung Tab. II Ruhr. Ge- 
bäude, so finden Sie, daß daselbst für Gebäude 17 930 Rt. gerechnet 
sind, noch mehr also, als der Maurermeister, der doch auch wieder 
seine Forderung leicht noch verkleinern dürfte. Wir bitten Sie, auf 
dies Papier acht zu haben, weil wir es zurückgeben müssen. 

Ebenso werde ich Ihnen, wenn Sie wünschen, binnen wenigen 
Tagen eine jetzt noch in Dresden befindliche, von Herrn Blochmann 



— - 202 - 

verfertigte, bis [zu einem] ^) Taler spezifizierte Berechnung der Kosten 
des Röhrensystems übersenden, die Ihnen ebenso die Faktizität der 
übersandten Kostenanschläge beweisen wird. 

In dem die Ertragsberechnung enthaltenden Hefte finden Sie Fol. 8 
bis Fol. 10 noch nähere Bemerkungen über das Verhältnis von Prag 
imd Breslau und Fol. 7 eine Tabelle, welche das Resultat enthält, 
welches das unlängst mit der Kohle von Burchtihrah (2 Meilen von 
Prag) angestellte Experiment geliefert hat. Wir schickten 430 Schiffe 
dieser Kohle nach Leipzig, wo Herr Blochmann sie durch Herrn Below, 
der imter ihm der Ivcipziger Anstalt vorsteht, probieren ließ. Das Re- 
sultat war ein unverhofft günstiges. Diese Kohle liefert p. ^ 4V2Cf. Gas, 
während wir (f. 3.) nur auf 3V2 Cf. gerechnet haben; hierdurch wird 
nicht nur der Kohlenbedarf zur immittelbaren Gaserzeugung ver- 
mindert, sondern ebenso bedeutend weniger Kohle als Heizimgsmaterial 
gebraucht, ebenso Kalk zum Reinigen etc. etc., und endlich zeigt 
Ihnen die Tabelle, daß diese Kohle per Scheffel 1^2 Scheffel Koks 
liefert, während wir (f. IV.) nur auf nicht ganz ^/^ gerechnet. Ebenso 
mit Teer etc. Wenn Sie nach genügender Durchsicht dieser Papiere 
zum Geschäftsabschluß entschlossen sein sollten, so sind wir bereit, 
ims nach Berlin oder Dresden, wenn Sie, wie mir aus Ihrem Schreiben 
vom 29. hervorzugehen scheint, dies wegen der Anwesenheit B. vor- 
ziehen sollten, zu begeben, und ersuche ich Sie, mir dann für diesen 
Zweck die Zeit Ihrer Anwesenheit in Dresden mitzuteilen. 

Ihrer Antwort entgegensehend, zeichne ich 



48. 

IvASSALIvE AN DAS BANKHAUS MENDElySSOHN & CO., BERLIN. 
(Konzept von der Hand Lassalles.) 

Breslau, d. ig. Sept. 45. 

Sie äußern in Ihrem letzten Schreiben den Wunsch, die Berechnimg 
der Kosten für die Anlage zu erhalten, wenn, fügen Sie hinzu, mir 
nicht aus irgendeinem Grunde daran läge, ,, selbige für mich zurück- 
zubehalten". 

Wie wenig ich Grund habe, dieses oder irgendeins der auf das Ge- 
schäft bezüglichen Papiere Ihrer vollkommenen Einsicht vorzuenthalten, 
haben Sie vielleicht zur Genüge daraus entnommen, daß ich Sie in BerHn ^) 



^) Die eingeklammerten Worte sind unleserlich. 
3) Vgl. die Anmerktmg auf S. 209. 



•-^ = 203 =_ 

aufforderte, Sich Selbst von sämtlichen Papieren, unter denen ja auch 
die Kosten, Abschrift fertigen zu lassen, ein Vorschlag, den Sie jedoch 
nicht akzeptierten. — ■ Gegenwärtig aber bin ich nicht mehr imstande, 
Ihren Wimsch zu erfüllen, da sämtliche Berechnungen und Tabellen 
sofort nach der Abschrift des Ihnen zugesandten Auszugs an unsere 
anderweitigen Verbindungen hin abgegangen. Ich kann somit, so leid 
es mir tut, Ihrem Begehr nicht nachkommen. 

Ein anderes höchst interessantes Aktenstück aber, das uns soeben 
von einem imserer Agenten eingeschickt wird, verabsäume ich nicht, 
Ihnen beizulegen. Es enthält die Bedingungen, unter welchen die 
englische Imp. Comp, in Wien Gas verabfolgt. Sie werden daraus er- 
sehen, wie enorm diese Bedingungen sind, imd wie weit wir in unseren 
Annahmen unter der Wirklichkeit geblieben sind. Der niedrigste Satz 
der Engländer ist, wie Sie ersehen, für 100 Kubikfuß 40 d., also für das 
Mille = 400 d. oder 4 Taler 20 Sgr., der höchste vSatz = 52 pro Himdert, 
also pro Mille = 6 Taler 2 Sgr. , während wir durchweg nur pro Flamme 
20 Taler, also nicht einmal 3^/e per Kubikmille gerechnet haben. 

Wie xmgeheuer das Geschäft ist, welches wir Ihnen antragen, können 
Sie Sich aas der Vergleichimg der Wiener Verhältnisse mit dem Ham- 
burger Kontrakt augenfällig zusammenstellen. Die Hamburger wie 
Sie erhalten 6 Mcb. = 2 Taler 12 Sgr. pro Mille imd geben dabei 
nach 40 Jahren die Anstalt imentgeltlich ab. Es muß also selbst bei 
dem niedrigen Preise von 2.12 ein solches Resultat sich ergeben, daß 
es imstande ist, für den Verlust des ganzen Anlagekapitals, das ja den 
Hamburgern fonds perdu ist, zu entschädigen und außerdem noch 
einen ein solches Unternehmen lohnenden Gewinn abzuwerfen. Ur- 
teilen Sie, was die Engländer in Wien bei ihren Preisen von 4.20 bis 6.2 
verdienen mögen! 

Fragen wir aber, wie kommt es, daß Deutschland wiederum den 
Engländern einen solchen Schatz in die Arme wirft, ihnen eine solche 
Gewinn quelle in seinem Herzen öffnet; warum kommt der Nutzen 
solcher Institutionen [?] nicht dem Inland zugute, warum bilden sich 
nicht inländische Gasgesellschaften, besonders da in technisch-wissen- 
schaftUcher Beziehung Deutschland, wie sich an Dresden tmd Leipzig 
gezeigt hat, noch Besseres zu leisten vermag, so dürfte der Grund nicht 
mit Unrecht in der Schwierigkeit der deutschen Kapitalisten ^) gefunden 
werden. 

Übrigens fällt es in die Augen, wie vorteilhaft diese hohen Preise 
in Wien auf tms wirken. Da den Pragern durch die Natur der Ver- 



^) Im Text steht Cot. Vielleicht, daß ein Leser dies Wort noch anders ent- 
ziffert! 



204 ~ - — —^ ^ 

hältnisse l)ei jeder Parallele, die sie ziehen, Wien immer zunächst vor 
Augen liegt und am meisten Einfluß auf das Prager Urteil ausübt, so 
können unsrc Preise die in unsern Tabellen angesetzten, wenn wir 
sonst wollen, weit üljerschreiten und doch noch äußerst billig im Ver- 
gleich gegen die Wiener Preise erscheinen. 

Wenn es erlaubt ist, in einem Geschäftsbrief persönlicher Be- 
ziehungen zu gedenken, so wollen Sie, Herr Alexander, Ihrer sehr ge- 
achteten Frau Gemahlin die A^ersicherung meiner innigen Ergel^enheit 
überbringen. 

Haben Sie die Güte, Gegenwärtiges nebst Einlage, nachdem Sie 
Gebrauch gemacht, Herrn Joseph, dem ich mich vielmal empfehle, zu 
übersenden, und genehmigen Sie die Versicherimg meiner Hochachttmg. 
mit der ich mich zeichne 



49- 
IvASSALLE AN DEN BANKIER JOSEPH IMENDEI.SSOHN. 
(Konzept von der Hand Lassalles.) 

d. 2. (?) Okt. 45. 

Mit Bezugnahme auf mein letztes Schreiben und der damit ver- 
bundeneu Übersendmig unseres Kostenanschlags, deren Empfang Sie 
mir noch nicht angezeigt, übermache ich Ihnen hiermit die detaillierte 
Berechnung für die Kosten des Röhrensystems zu Breslau. In diesem 
Hefte befindet sich ein Bogen, welcher die nötige Erläuterung enthält. 
Derselbe wird Ihnen auch sagen, w'e nach den bereits geschlossenen 
Kontrakten mit den Hütteuwerken wir bei Breslau Rt. 7206.20, 1:>ei 
Prag 12 460 gegen unsern Anschlag ersparen. 

Über die Kosten der Gebäude haben Sie bereits ähnliche Beweise 
in Händen. 

Was die Gasometer betrifft, so können Sie deren Preise leicht selbst 
in Erfahrmig bringen. Wir beabsichtigten früher 3 Gasometer auf- 
zustellen; jetzt wollen wir andrer Vorteile wegen dafür 2 Gasometer, 
einen zu 90 000 F., einen zu 50 000 F. herrichten, wobei wir noch die 
Kosten eines Gasometerhauses Rt. . . .^) ersparen. 

Ich würde Ihnen noch über mehrere mehr [oder] weniger wesentliche 
Pimkte Auseinandersetzungen machen und Ersparnisse nachweisen, 
wenn ich nicht einesteils glaubte, daß Sie sich bereits bei Herrn Kom- 
missionsrat Blochmann von der reichlichen Hinlänglichkeit unserer 
Kostenanschläge versichert haben oder eben versichern, und v/enn 



^) Die Zahl ist nicht ausgefüllt. 



^ 205 =.-^ 

Sie nicht bereits erfahren hätten, daß die Engländer in Berlin jetzt 
eine Flamme für den jährlichen Preis von 2^2 Taler, ja, wenn sich der 
Abnehmer auf mehre Jahre verpflichtet, für 1V2 Taler per annmn 
hefern. Der frühere Preis war 20—24 Rt. Wo so kolossale Tatsachen 
eine so deutliche Sprache sprechen, ist jede Auseinandersetzung in 
Worten und Zahlen füglich überflüssig. Eine Vergleichung der Ihnen 
überschickten Wiener Preise und der jetzigen Berliner Preise über- 
trifft an Bündigkeit und schlagender Eindringlichkeit alles, was über 
unseru Gegenstand gesagt werden kann. 

Wollen Sie mir die Empfangnahme meiner letzten Sendung sowie 
der jetzigen gefälligst anzeigen. 



50. 

Ij^SSALIvE AN DEN BANKIER JOSEPH MENDEI^SSOHN. 
(Konzept von der Hand Lassalles.) 

Breslau, d. 5. Okt. [1845]. 

Mit Vergnügen habe ich aus Ihrem geehrten Schreiben vom 29. Sept. 
ersehen, daß Sie in bezug auf unser vielbesprochenes Geschäft nun zu 
einer gewissen Entschließung gekommen zu sein scheinen. In Ihrer 
Absicht, [daß] einer der Herren Ihres Hauses nach Prag reise, können 
wir Sie nur bestärken imd wird es uns eine angenehme Pflicht sein, 
die Resultate unserer Tätigkeit alldort Ihrer Musterimg vorzuführen. — 
Es scheint mir aus Ihrem Briefe hervorzugehen, daß Sie, wie mir Ihr 
Herr Sohn schon in Berlin diesen Wunsch äußerte, sich zu Herrn 
Kommissionsrat Blochmann zu begeben gedenken, um sich durch 
die Auskunft dieses ausgezeichneten Technikers über alle Ihrem eigenen 
Verständnis ferner liegenden Punkte zu vergewissern; ein Vorhaben, 
das wir ganz in der Ordnung finden, und zu dem ich bereits Ihrem 
Herrn Sohn meine Einwilligimg erteilte. 

Wenn Sie jedoch schreiben, Sie wünschten vmsere Kostenanlagen 
einem Ihnen vertrauten Sachverständigen vorzulegen, so können wir, 
wie natürlich, nicht damit einverstanden sein, einen Fremden, zumal 
einen Sachv^erständigen, einen Blick in eine der Herzkammern imseres 
Geschäftsorganismus werfen zu lassen. 

Diese sich fast von selbst verstehende Weigerung kann um so weniger 
unbiUig scheinen, als die beiden Eigenschaften, um die es sich allein 
Ihnen hier handeln kann, Sachkenntnis imd Redlichkeit, Herr ^) 



^) Der Name ist 'inausgefüllt. 



= 206 — 

beide in einem so gleich ausgezeichneten Grade besitzt, daß jede andere 
Autorität neben der seinigen als überflüssig, ja als vmtergeordnet er- 
scheinen muß. Was die geforderte Übersendung der Kostenberechnung 
betrifft, so sehen Sie mich damit in einiger Verlegenheit. Wie ich 
Ihnen schon in meinem Schreiben vom 19. mitteilte, so haben wir 
sofort nach dem für Sie gemachten Auszug unsere Papiere an imsere 
anderweitigen Verbindungen abgesandt, weshalb ich in jenem Briefe 
den von Ihnen geäußerten Wmisch, Ihnen nachträglich noch die Kosten- 
berechnungen zu senden, nicht erfüllen konnte. Um Ihrem billigen 
Verlangen nachträglich doch noch nachkommen zu können, schrieb 
ich an jenen Ort, um eine Kopie der von Ihnen gewünschten Papiere 
zu bewerkstelligen. Seit einigen Tagen sehe ich nun bereits täglich der 
Ankunft dieser Papiere mit Ungeduld entgegen. Ich rechne mit Ge- 
wißheit darauf, daß sie in der kürzesten Zeit hier eintreffen müssen, wo 
ich sie Ihnen dann umgehend übermachen werde. 



51- 
LASSALIvE AN DEN BANKIER JOSEPH MENDELSSOHN 
(HORCHHEIM). (Konzept von der Hand Lassalles.) 

Breslau [wohl Okt. 1845]. 
Geehrter Herr! 

In Ihrer geehrten Zuschrift vom 15. äußern Sie die Besorgnis, wir 
könnten ims durch die Unterhandlung mit Ihnen abhalten lassen, 
anderweitig abzuschließen, so daß, falls die Vereinigimg mit Ihnen 
nicht zustande kommt, mis dadurch ein realer Schade entspringen 
könnte. Dieselbe Befürchtung hat mir Ihr Berhner Haus bereits einige 
Male schriftlich zu erkennen gegeben, ja mich sogar ,, inständigst" 
ersucht, nicht aus Rücksicht für Sie imser Interesse zu beeinträch- 
tigen. 

Es liegt in diesen Äußerungen eine solche Teilnahme an meinem 
Interesse und dem der mit mir liierten Personen, daß ich nicht umhin 
kann, Ihnen meinen aufrichtigen Dank dafür auszuprechen. — Ich 
kann Ihnen indes die Versichenmg geben, daß Sie in dieser Beziehung 
ganz imbesorgt sein mögen. Es versteht sich wohl von selbst, daß wir 
als Geschäftsleute unsre Vorliebe und persönlichen Motive nicht so 
weit ausdehnen werden, um dem wahrhaften Interesse unserer Sache, 
des Geschäftes irgend etwas zu vergeben. Und wenn es natürlich war, 
daß ein persönliches Interesse — das meinige — bei meinem Vater 



— 207 - — 

und Schwager billige Berücksichtigung [fand], so ist es ebenso natür- 
hch, daß alle persönlichen Rücksichten sich unterordnen müssen, wenn 
sie etwa mit unserm gemeinsamen eigenen Interesse in Konflikt ge 
raten. Wir wären wenig imstande, die großartigen Unternehmungen 
zu leiten, denen wir vorstehen, wenn dies nicht unser oberster Grund- 
satz sein sollte. 

Ich sehe, daß einige meiner Äußerungen mißverstanden und von 
Ihnen, besonders aber von Ihrem Berhner Hause so aufgefaßt worden 
sind, als kaprizierten wir ims darauf, mit Ihnen dies Geschäft zu ordnen 
und hätten jede andre Liaison deswegen abgebrochen. Es läßt ims dies 
in einem zwar bessern Lichte erscheinen, als wir es verdienen, aber 
auch zugleich in einem sehr unkaufmännischen. Ich muß daher gegen 
diesen jedenfalls falschen Schein protestieren und will Ihnen kurz den 
Verlauf der Sache, die nun schon verschiedene Perioden in sich zählt, 
explizieren. 

Meine wahrhafte Hochachtung, und wenn ich es so nennen soll, 
Anhänglichkeit für Sie, Herr Mendelssohn, bewog mich, Ihnen den 
Antrag zu machen. — Als ich Ihr erstes Schreiben aus Horchheim er- 
hielt, worin Sie auf meine Offerte eingehen, war nun nicht mehr mein 
bloßes Interesse im Spiel, es war jetzt feste Verbindlichkeit für 
mich geworden, Sie das Unternehmen, wenn Sie wollten, realisieren 
zu lassen. Wir mußten Ihnen mm erst die notwendigen Papiere vor- 
legen imd Ihre Antwort entgegennehmen, ehe wir, wenigstens nach 
luisem Begriffen, anderweitig irgendwie agieren konnten. Bis diese 
unsre Verpflichtimg erfüllt war, hätten wir, seien Sie überzeugt, imter 
keinen Umständen abgeschlossen. Aber eben um dieser Verpflichtimg 
nachzukommen und zugleich unsrerseits wieder freie Hand zu erhalten, 
reiste ich nach Berhn, legte Ihren Herren Associes die Papiere [vor] 
und äußerte mich im angegebenen Sinne gegen sie. Da die Antwort, 
wie vorauszusehen, unbestimmt, so waren wir imsrer Verpflichtung 
frei und ledig und konnten wieder uns frei bewegen. Der Zweck meiner 
Reise war der, unsre Pflicht gegen Sie zu erfüllen. Diese Pflicht er- 
losch mit meiner Abreise, und die Sache kehrte wieder auf den früheren 
Standpunkt des bloßen einzelnen persönlichen Interesses zurück, das so- 
wohl ich als auch mein Vater, der größte Hochachtung für Sie hegt, darein 
setzten, möglicherweise diese Angelegenheit mit Ihnen zu ordnen. Aber 
sollte ich nötig haben, einem so großen Geschäftsmann bemerklich zu 
machen, daß alle diese persönliche noch so große Rücksicht immer in 
den Grenzen verbleiben wird, die ihr unser eignes Interesse notwendig 
setzt? Nach meiner Rückkehr setzten wir unsre anderweitigen Unter- 
handlungen demgemäß wieder fort, wenn wir sie auch nicht so be- 
schleunigten, als dies vielleicht sonst geschehen wäre, um Ihnen Zeit 



^ ^ — 208 — 

zur Besinnung zu lassen. Aber seien Sie versichert, daß wir durchaus 
nicht mehr Zeit auf das Spiel setzen werden, als wir eben bequem zu 
verlieren [haben]. Und so wenig ich befürchte, daß Sie aus Rücksicht 
für uns sich übereilen werden, so wenig brauchen Sie die Besorgnis 
zu hegen, daß wir aus Rücksicht auf Sie mehr Zeit oder irgend andres 
verlieren werden, als wir eben entbehren können. Seien Sie überzeugt, 
daß wir nie so weit gehen werden, unser eigenes Interesse außer 
Augen zu lassen, und daß die Rücksicht, die wir Ihnen allerdings in 
einem höhern Grade als irgendeinem andern angedeihen zu lassen 
geneigt sind, dennoch nur so weit geht, als es unser eignes Interesse 
erlaubt. 

Ihre anderweitige Befürchtung, auf die Sie großes Gewicht zu legen 
scheinen, daß in B. nach Erbauung ^) es nicht leicht sein würde, jemand 
zu finden, der fähig wäre, mit der Leitung beauftragt zu werden, kann 
ich sehr kurz widerlegen. Denn zuerst sind nicht so außerordentliche 
Eigenschaften, wie Sie zu glauben scheinen, erforderlich, um das Institut, 
wenn es einmal erst eingerichtet ist, zu leiten. Vielmehr genügt dafür 
der gewöhnliche Schlag der Techniker, jeder Eisenbahningenieur würde 
diese Stellung vollkommen atisfüllen und können Sie über die Wahrheit 
dieser Bemerkung bei Blochmann oder seinem Sohn in Berlin Erkundi- 
gtmgen einziehen. Endlich aber ist der ganze Kollisionsfall nicht vor- 
handen und was Sie suchen zu müssen meinen, ist vielmehr schon 
geftmden. Denn zuerst hat Herr Blochmann diese Anstalt zu leiten 
während der ganzen Dauer seines Lebens, zweitens wird uns dieser 
ausgezeichnete Mann unter ihm gediente und bewährte Leute für die 
Verwaltung zu Prag übergeben, und endlich besitzen wir an dem Herrn 
Dr. Hahn, Dozent der Chemie und Physik und Oberlehrer an dem 
technischen Institut Blochmanns, dessen Schwiegersohn er ist, einen 
im vollendetsten Maße tüchtigen ^) dem wir die gleichen Inspektionen 
über Breslau und Prag übergeben wollen. Überdies garantiert Bloch- 
mann sowohl für diesen seinen Schwiegersohn als für die Leute, die 
er uns nach Prag liefert, Sie sehen somit, daß wir dreimal gedeckt 
sind. 

Meine frühereu Schreiben, imsre Tabellen und zuletzt die Wiener 
Preise werden Sie wohl empfangen und sich bereits eine feste Meintmg 
herausgebildet haben, die ich begierig bin, zu vernehmen.^) 

^) Diese Stelle ließ sich nicht mit voller Bestimmtheit entziffern. 
2) Hier fehlt ein Wort. 

2) Der Abschluß mit dem Hause Mendelssohn & Co. ist nicht zustande ge- 
kommen. 



= 209 - — 

52. 
FREIHERR HUBERT VON STÜCKER AN LASSAIXE. (Original.) 

Berlin, am 6. Sept. abends g Uhr [1845]. i) 
Euer Wohlgeboren. 

Soeben nach Hause gekommen, finde ich ein Billett von Ihnen, 
vielmehr wird mir ein solches von dem lyohndiener lächelnd über- 
reicht — des Inhalts: ,,I,assal grüßt Sie imd findet, daß es vielleicht 
zu verlangen gewesen sein dürfte, daß Sie seine Rückkimft abwarteten, 
xxva. sich ihm zu empfehlen." 

Abgesehen davon, daß Sie mit Ihren Freunden zu Tische kamen 
und diese auf Ihre Rückkunft zu warten aufforderten, ich daher im 
allgemeinen keinen Grtmd hatte, mich unter die Ihrigen zu zählen; 
abgesehen ferner davon, daß mein Aufenthalt hier viel zu kurz ist, 
um die Zeit einer gehaltlosen Förmlichkeit zuzuwenden, für das Sie 
mein Abwarten ansehen mußten, angesichts der freundschaftlichen Er- 
gebenheit, mit der ich Ihnen von jeher zugetan war — abgesehen 
nun von allem dem und vielen anderen Entschuldigimgsgründen, die 
mir zu Gebote stünden, um meine scheinbare Unaufmerksamkeit zu 
rechtfertigen, kann ich nicht begreifen, wie Sie dazu berechtigt sich 
erachten können, von mir das zu verlangen, was ich nur aus reiner 
Cberzeugtmg zuzugestehen oder aus demselben Motive zu verweigern 
gewohnt bin. - — Ich verachte alle Fesseln und würden mir selbe selbst 
von meinem geachtetsten Freunde als Preis gegenteiliger f revmdschaft- 
licher Gesinnung geboten. Ich bin gewohnt, mich frei im Ivcben zu 
bewegen und muß selbst auf das Wohlwollen derjenigen verzichten, 
die der gehaltlosen Form eine größere Geltimg zuzugestehen gemeint 
sind, als ich es eben wünschen und erwarten kann. 

Genehmigen Sie übrigens die wiederholte Äußerung meiner Hoch- 
achtimg, in der ich mich zeichne 

Euer Wohlgeboren 

ganz ergebener Diener 

Fh. Hubert v. Stücker. 



*) Lassalle war, wie schon die vorstehenden Briefe erkennen ließen, am 
I. September, xua das Bankhaus Mendelssohn für das Gasgeschäft, das ihm so 
am Herzen lag, zu gewinnen, auf einige Tage nach Berhn gekommen und im 
Hotel de Brandenbourg abgestiegen. 



Mayer, Lassalle-Nachlass. F 



»4 



210 



53- 

IvASSAIvLE AN FREIHERR HUBERT VON STÜCKER. (Konzept 
von der Hand Lassalles.) 

[Berlin, 6. Sept. 1845, Abend.] 

Ich lasse mich nicht in Höfhchkeiten überbieten und beginne da- 
her mit 

Ew. Hoch wohlgeboren. 

Nach dem Billett, das ich soeben von Ihnen zu erhalten die Ehre 
habe, scheinen wir beinah' die Rollen vertauscht zu haben. Ich bin 
es diesmal, der an leeren, nichtssagenden Formalitäten festhält und 
Wert drauf legt, während Sie in Ihrem Brief wahrhaft sansculottisch 
herumspringen, ,,alle Fesseln verachten", stets , .gewohnt sind, sich 
frei im Leben zu bewegen", mit Achselzucken auf , .gehaltlose Formen" 
herabsehen, ja in Ihrem bodenlosen Terrorismus so weit gehen, , .selbst 
auf das Wohlwollen derer zu verzichten, die der gehaltlosen Form eine 
größere Geltung zugestehen", als Sie es wünschen. Zuerst erschrecke 
ich, indem ich sehe, welches Monstrum von veralteten gehaltlosen 
Vorurteilen, welche Rumpelkammer von leeren nichtssagenden For- 
malitäten ich doch eigentlich bin, imd brauche einige Minuten Zeit, 
um mich von dieser plötzlichen Selbsterkenntnis und der Zerknirschung., 
in die sie mich versetzt, zu erholen. Nachdem ich mich verpustet, 
gehe ich daran, Ihren Brief im einzelnen zu beantworten. Rätselhaft, 
lieber Baron, bleibt mir zuerst der Satz. ,, Abgesehen davon, daß Sie 
mit Ihren Freunden zu Tische kamen und diese auf Ihre Rückkunft 
zu warten aufforderten, ich daher im allgemeinen keinen Grimd hatte, 
mich unter die Ihrigen zu zählen." 

Also weil ich nicht mit Ihnen, der Sie ja ohnedies da aßen, sondern 
mit andern drei Freunden, die bloß durch meine Gegenwart veranlaßt, 
dort dinierten, zur Tafel kam, hatten Sie keinen Grund, ,,sich unter 
die Meinigen zu zählen??" Daß ich Sie nicht zu warten aufforderte,^ 
ei, das hat seinen Grund in der rücksichtsvollen Beobachtung des 
äußern Unterschiedes zwischen uns, den ich trotz der freundlichen 
Gleichstellung Ihrerseits nie ungeschickt genug war, außer Augen zu 
lassen. An mein Gefolge konnte ich diese Forderung richten; sie an 
Sie laut und öffentlich zu richten, hätte ich mir nie erlaubt, ich hätte 
Sie ja damit schlechtweg in eine Klasse mit meinem andern Gefolge 
geworfen, hätte Sie mir nichts dir nichts so als meinesgleichen be- 
handelt! Ich weiß zugut, was mir ziemt, als daß ich das je getan. 
Aber innerlich machte ich durchaus auf diese Rücksicht als auf eine 
-mir schuldige Anspruch. Als Weltmann, Baron, kennen Sie die Nuance 



=^ 211 - — 

sehr wohl, den Unterschied, daß man seinerseits eine Artigkeit äußer- 
lich nicht beansprucht und sich doch grade darum verletzt fühlt, wenn 
sie uns nicht von der andern Seite entgegengebracht wird. Sie sind 
in einem heillosen Irrtum befangen, wenn Sie schreiben, ,,Sie begriffen 
nicht, wie das zu verlangen" [ich] mich berechtigt erachten kann, was 
Sie nur aus freier Überzeugung zu erweisen oder zu verweigern gewohnt 
sind. Es kommt hier, wie überall im Leben, nicht nur darauf an, was 
ich Lust habe, einem andern zu gewähren, sondern auch was dieser 
andre mit Recht fordern kann. Daß ich diese kleine Artigkeit fordern 
konnte, werden Sie nicht leugnen können, wenn Sie bedenken, wie ich 
in bezug auf Sie nichts fast als e i n e fortgesetzte Reihe von Artigkeiten 
bin. Doch darüber noch später. Zudem haben Sie — und das ändert 
den Sachbestand ein wenig — , als ich mich von der Tafel erhob, mir 
gesagt: ,,Ich sehe Sie doch noch bei Ihrer Rückkunft?" Ich antwortete, 
daß ich in 15 Minuten zurück sein werde. Nichtsdestoweniger imd 
trotz dieser Äußerung war ich, als ich mich 15 Minuten drauf in Ihr 
Zimmer begab, düpiert. Sie waren ausgefahren und nicht in Geschäften, 
lieber Baron, sondern spazieren gefahren. Wenn Sie nicht auf mich 
warten wollten, warum beurlaubten Sie sich nicht von mir, als ich die 
Tafel verließ? Heißt das nicht, Ew. Hochwohlgeboren, einen aller- 
dings sehr ohne alle und jede Formalitäten behandeln??! Und war 
es eine bloße Formalität, wenn Sie meine Rückkunft erwarteten, um 
mir Adieu zu sagen? Wäre es nicht vielmehr ein Akt der Herzlich- 
keit gewesen? Der vornehme Mann und die gemeine pauvre bürger- 
liche Gesinnung verleugnen sich doch nie. Ich hätte es für einen Aus- 
druck und Betätigung Ihrer ,, herzlichen Freundschaft" für mich ge- 
faßt. Sie wissen das besser. Sie sahen eine bloße Formalität darin. 
Sie werden sich freilich vom Standpunkt der Abstraktion aus ver- 
teidigen und sagen: Ihre herzliche Gesinnung bleibe bestehen auch 
ohne solche betätigende Akte. Allerdings, allerdings, es gibt eine Ge- 
sinnung auch ohne alle und jede betätigende Akte. Doch lassen wir 
die Ironie und kommen zur Sache. Sie haben in Ihrem Briefe die Frage 
nicht richtig gestellt. Richtig gestellt lautet die Frage also : , ,Wie kommen 
Sie, Lassal, dazu, diesmal soviel Gewicht auf eine Formalität zu legen, 
da ich doch wohl weiß, daß Sie im Grimde nichts davon halten." Und 
das will ich Ihnen denn beantworten. Sie wissen, daß nach dem MaJ3- 
stabe, mit dem ich die Menschen messe, wir ims vollkommen gleich 
stünden, daß vor diesem stolzen Maßstab des Unendlichen alle endlichen 
Unterschiede zusammensinken. Nichtsdestoweniger habe ich Sie, Sie 
werden mir das Zeugnis geben müssen, vor andern nie aus diesem 
Gefühl der Gleichheit heraus behandelt, vielmehr immer mit der 
exquisiten Höflichkeit, die sonst immer nur eine Folge und Begleiterin 



- =:^ 212 - := 

der Unterordnung ist. Ich tat das, weil es Sie irgendeinmal hätte un- 
angenehm und peinlich berühren können, in Gegenwart von Zeugen so 
als meinesgleichen von mir behandelt zu werden, und ich lieber wollte, 
daß Sie sich, wie manchmal geschah, über zu große Höflichkeit, als 
über taktloses Fraternisieren von meiner Seite beklagten. Aber eben 
grade darum halte ich um so mehr darauf, daß Sie die Form, die ich 
Ihnen gegenüber so streng beobachtete, auch Ihrerseits gegen mich 
nicht außer Auge setzten. Es wäre ja sonst ein leoninischer Kontrakt. 
Es würde sich unmerklich der Ton zwischen ims einschleichen, als ge- 
bührte Ihnen als ein Recht diese Submission von meiner Seite, ohne 
daß Sie derartiges zu erwidern hätten. Behält man die Form bei, so 
müssen eben beide sie beibehalten. Schmeißt man sie weg, müssen 's 
eben wieder beide tun. Da es nun oft Unpassendes in sich hätte, wenn 
ich die äußere Form gegen Sie nicht beobachten wollte, so muß ich sie 
beibehalten. Aber eben darum ist diese Notwendigkeit auch für Sie 
vorhanden. Außerdem, formelle Verstöße von meinesgleichen ertrage 
ich, ohne sie auch nur zu bemerken. Leuten, die dem Stande — 
also dem Scheine nach — über mir stehen, — erlaube ich sie nicht. 
Eine große Eigenschaft habe ich mit Ihnen gemein, Baron, ich bin 
verteufelt mißtrauisch. Ihr Aristokraten seid doch nun einmal alle 
verflucht von Geburt aus, und es ist eine besondere Gnade des Herrn, 
wenn er einen von Euch erleuchtet. Da muß man Euch aber nie trauen 
und immer zusehen, ob Euch nicht der alte Adam in den Nacken stößt. 
Aus allen diesen Gründen werden Sie mir zugeben, daß Ihre Handlung 
eine Rücksichtslosigkeit — imd ich verdiene Rücksicht — ja selbst, 
Teurer, ein kleiner Beweis von Nicht beachtimg war (um nicht Nicht- 
achtung zu sagen). Was sollten z. B. die Besitzer des Hotels davon 
denken, die Monate hindurch Zeugen meines aufmerksamen Benehmens 
gegen Sie gewesen? Offenbar mußten sie glauben, daß Sie im Rechte 
seien und daß diese Ergebenheit meinerseits, diese Rücksichtslosigkeit 
Ihrerseits der zwischen uns bestehende Ton wäre. Ich war demnach 
gezwungen, die Unangemessenheit Ihrer Handlungsweise 
auf Sie zurückfallen zu lassen. Darum schrieb ich eine offne 
Karte. Sie wissen, daß ich zu stolz bin, um eitel zu sein, aber Sie werden 
mir recht geben, wenn ich nicht erlaube, mich en bagatelle zu behandeln. 
War das nicht Ihre Absicht, so war's doch Ihre Tat, Ich habe nichts 
getan als Ihre Handlimgsweise desavouiert. Das mußt' ich. Somit 
wäre denn gerechtfertigt, was ich getan. 



- 213 

54- 
ARNOLD jNIENDELSSOHN AN LASSALIvE. (Original.) 

Berlin, ii. 9. 45. 
Mein Junge! 

So hast Du uns denn wieder verlassen, aber Deine kurze Gegenwart 
war von höchst wohltätigem Einfluß auf mich ; es wurde für mich zwar 
aus unsem Briefen [klar], daß wir in unserm Verhältnis dieselben ge- 
blieben sind, oder daß das, was wir geworden, uns nicht entfremdet, 
sondern mich nur um so inniger an Dich geknüpft hat. Durch Deine 
Gegenwart kam das Moment der sinnlichen Gewißheit, das einzige, 
welches fehlte, hinzu. Ich habe dieser Tage ruhig für mich und mit 
Alexander^) fortgearbeitet, und ich muß hierbei erwähnen, wie ich mit 
seinen Fortschritten, vorzüglich mit seinem ersten Verständnis über 
Erwarten zufrieden bin. Wir haben dieser Tage die Beobachtung der 
imorganischen und organischen Natur begonnen, und er versteht mit 
einer Leichtigkeit, von der ich, als ich es mir Dir las, keine Ahnung 
hatte. Ich habe mir überlegt, worin dies liegen möchte, und glaube 
den Grund darin gefunden zu haben, daß ich, als ich Dich kennen 
lernte, eben ganz in die Natur versenkt war; ich war ein wirklicher 
Empiriker, dem nur das Sein Wahrheit hat. Das Sein war nur als 
Gedanke gegenwärtig, aber meine Gedanken waren mir eben nur als 
Sein gegenwärtig; es war das Härteste und Schwerste für mich, den 
Gedanken als Gedanken festzuhalten, gegenwärtig zu machen, daher 
die Freude, wenn es mir gelaug, den Gedanken durch Deine meister- 
hafte Darstellung als Gedanken zu sehen, daher die nicht zu über- 
windende Schwierigkeit, den Gedanken für mich selbst zu erzeugen 
und darzustellen 



55- 

LASSALLE AN ARNOLD MENDELSSOHN, ALEXANDER OPPEN- 
HEIM UND ALBERT LEHFELDT. (Abschrift von Arnold 
Mendelssohn.) 

[Mitte September 1845.2)] 

Triumviri ! Ich bin glücklich abgereist, wie Ihr wißt, und glücklich 
angekommen, wie Ihr Euch denken könnt. Hier in meinem Closet 
wächst mir, um mich eines Sprichwortes zu bedienen, der Heraklit 

^) Alexander Oppenheim. 

2) Der Brief trifft in Berlin am 17. September ein. Oppenheim und Lehfeldt 
bestätigen den Empfimg am 19. September. 



=z==^:^=:=:=^ 214 - 

zum Hals und die Geschäftsaligelegenheit zum Hintern hinaus, und 
ich sehne mich recht, mir Erholung zu verschaffen durch ein Geplauder 
mit Euch, ob es gleich auch eine verflucht lederne Erholung ist, Papier 
v^oUzukritzeln. Ich bin diese Zeit über teilweise deswegen in iibelra 
Humor, weil ich auch nicht dazu komme, etwas Philosophisches in die 
Hand zu nehmen oder auch nur darüber nachzudenken, so nimmt 
mich der philologische Wust in Anspruch. Und es sind nun schon 
drei Monate her, daß ich den Philosophen in mir gewaltsam schweigen 
lasse. Die einzige Genugtuung, die ich dafür habe, ist, daß mir der 
philologische Mist unter den Händen zum Berge anschwillt und ich 
denen, die auf solche Dinge stolz sind, werde sagen können: ,, Macht's 
mir einmal nach." Immer eine beschränkte trübselige F'reude! Genug 
davon. Ich bin zum Räsonieren aufgelegt, imd wenn meine Stimmung 
aushält, sollt Ihr einen langen Brief bekommen, der besonders für 
Dich. Klex, und für Dich, Arnold, einiges Interesse haben dürfte. Aber 
wie gesagt, wenn meine Laune nicht aushält, so ist's nicht meine Schuld. 
Ich kann oft nicht schreiben über gewisse Dinge, weil ich zu gründlich 
bin und immer das, was ich bespreche, erschöpfen möchte. Das kostet 
verflucht viel Zeit und ist langweilig und beschwerlich, schriftlich zu tun. 

Wir haben in Berlin, als wir uns trennten, gerufen: Vainquons! 
Wenn uns jemand gehört, hätte er uns vielleicht mit Fug für verrückt 
halten können. Vainquons! In welchem Kampf, Kampf gegen wen, 
um welchen Preis ? Mit welcher Waffe ? Mit welchem Fug ? Aus welchem 
Grund?? Wenn ich diesen Brief schreibe, so geschieht dies wie wohl 
auch für Arnold, besonders für Dich, Klex, da wir noch nie dazu ge- 
kommen sind, diese Materie zu behandeln imd ich Dir einige Aus- 
einandersetzungen schuldig bin, die, obwohl nur leise Andeutimgen, 
genügen werden. Dir manches zu erklären von unserm persönlichen 
Tim imd Treiben, was Dir sonst vielleicht befremdender geblieben 
wäre. Es handelt sich nicht nur um einen Krieg, sondern um einen 
vollkommen bewußten Krieg, um einen Krieg, zu dem wir von unserm 
Gotte, der Idee, ermächtigt und berechtigt sind; kurz um einen Re- 
ligionskrieg. Welches ist er? 

Um doch einen Voraussetzungs- und Anknüpfungspunkt zu haben, 
lege ich als Basis meinen Brief über die Industrie ^) zugrunde, dem Du, 
Arnold, so oft die unverdiente Ehre angetan, ihn ausgezeichnet zu 
finden und dessen Inhalt sich Klex, obgleich er ihn nur einmal gehört, 
so gut als möglich vergegenwärtigen mag. Er ist hier als Voraussetzung 
und Basis um so passender und bequemer, weil er uns sogleich in die 
Mitte der Sache versetzt, um die es sich eigentlich handelt. 



^) Vgl. Nr. 23 den Brief an den Vater vom 6. September 1844. 



= 215 — 

Wir hatten in diesem Brief gesehen, wie der Zug des Subjekts, seine 
innere Unendhchkeit auszuführen und zu realisieren, mit der Herr- 
schaft der Bourgeoisie, dem Industriestaat dieser Begriff dazu gelangt, 
sich zu verwirklichen und in seiner gegen die bisherige frühere 
Form konsequentesten Form, die aber zugleich auch seine härteste 
Entäußerung genannt werden muß. Denn er verliert hier seine innere 
geistige Unendlichkeit an seinen allgemeinsten und zugleich härtesten 
Gegensatz hin, an die tote Materie, die Dingheit, das Geld. Ihr werdet 
Euch dessen genugsam entsinnen. Der Geist hat sich in die Knecht- 
schaft der toten Materie des Geldes begeben, das er als das Ausgeführt- 
sein seiner inneren persönlichen Unabhängigkeit weiß, das er als das 
reale Dasein seiner unendlichen Subjektivität, als die Realität 
seines Idealismus anschaut. Es entzündet sich somit der Zug nach 
der Realisierung seiner innern unendlichen Freiheit, d. h. der Materialis- 
mus, der sich in der Industrie als System der freien Konkurrenz organi- 
siert, als mörderischer Kampf aller gegen alle. Der Kampf ist darum 
so imerbittlich schonungslos und feindselig gegen die andern, weil 
der Begriff des Ichs, Subjekts nicht in seiner Wahrheit gefaßt wird, 
wo er jedem Ich immanent ist, weil er nicht durch die innere Bildung 
sich angeeignet wird, die eine geistige Masse ist, von der ich einem 
anderen nichts entziehe, wenn ich mich ihrer auch bemächtige, die ich 
vielmehr dadurch nur vermehre, sondern weil er in seiner entäußerten 
Form gefaßt wird als diese dem Ich fremde, jenseitige äußerliche 
verteilte Dingheit. Es ist das Schreckliche vorhanden, daß ich die 
Reahtät meines Fürsichseins, dies innerste eigenste Eigentum, 
in der Gewalt der andern sehe (das Geld). Das Fürsichsein ist somit 
außer sich (aus sich heraus) gekommen, es sieht sich abhängig imd 
in der Gewalt der andern. Zu allen Zeiten war das Geld das Befriedi- 
gungsmittel der Persönlichkeit, des Genusses, der Besonderheit in mir. 
Der Bruch aber war sonst nicht so blutig, weil diese Besonderheit als 
im wesentlich, ja oft als schlechte gewußt wurde. Das Ich konnte 
sich immer in der jedesmaligen Substanz, Zeitidee befriedigen, wenn 
€S auch der Realität des einzelnen genußvollen Fürsichseins entbehrte. 
Jetzt aber ist die Substanz keine andere mehr gegen das Fürsichsein; 
das einzelne Fürsichsein wird vielmehr als einzige Substanz ge- 
wußt, die geldlose Person hat somit die Möglichkeit ihres Genusses 
als Einzelwesen wie zugleich ihr substantielles Dasein und Be- 
stehen verloren. Indem die Substanz, wie Ihr Euch erinnert, in das 
Fürsichsein selbst hineinsank, ist das Eigentum jetzt der ganze Um- 
fang des Daseins des Subjekts; denn es ist eben das realisierte einzelne 
atome Fürsichsein; dieselbe ist aber zugleich jetzt Substanz, so daß 
das Eigentum das ganze Wesen der Person erfüllt und bildet, seine Sub- 



: 2l6 — 

stanz, wie (was jetzt damit identisch) die Befriedigung seiner Einzelheit 
ist. In frühem Zeiten konnte sich der Eigentumslose für den ab- 
gehenden Genuß der Einzelnheit durch sein Ivcben in Gott, dem All- 
gemeinen, Staat trösten. Alle diese Substanz, Gott ist jetzt gleichfalls 
das Geld. Der Proletarier, der Eigentumslose, sieht somit die Sub- 
stanz, wie sein eigenstes unv^erlierbares Besitztum, das Fürsichsein 
außer sich, er ist nichts, er ist eine leere Hülse, wertlos. — Das ist 
der Zustand. Und dies sein Fürsichsein wird ihm von den andern, 
die daran die Realität ihres eignen Selbst haben, vorenthalten; 
das ist die Wut, die Erbitterung. Indem der höchste Wert ins Eigen- 
tum hineingesunken ist, wird es jetzt begierig an sich gerissen, es ist 
somit, sozusagen, als ob jetzt gleichsam weniger Eigentum auf der 
Welt wäre; früher war es ein weit wertloseres Dasein, von dem und 
jenem gewünscht, von andern gleichmütig hingegeben, gut für den. 
der es hatte; jetzt, wo jeder sich sein Teil daran nehmen will, wo es allein 
zum Kampfe entzündet, konzentriert es sich in den Händen der Sieger, 
die Eigentumslosen verlieren selbst das Wenige, was sie hatten ; der 
Mangel daran größer, die Not durch das Streben danach blutiger, geht 
bis zum Hungertode. Wie gesagt, früher weniger ein Ziel des Strebens, 
war es billiger; jetzt ist es, als ob weniger davon vorhanden wäre. 
Daher die Erscheinung, daß grade jetzt mit der Blüte der Industrie 
diese fürchterliche Armut, von der früher keine Spur vorhanden. — 
Die heutige Welt ist dieser organisierte Räuberzustand. 

Aber was hat das für einen Bezug auf tmsere Persönlichkeit? 
Wir sind keine Proletarier, wir haben, was wir brauchen. Überdies, 
wir sind Philosophen; wie könnte es uns um das Geld zu tun sein! — 
Voyons! Es gibt für die neue Philosophie, für meine Philosophie nur 
eine Religion, nur eine berechtigte Gottesidee. Nach der Seite der 
Form sie ausgesprochen, ist sie die Selbstrealisation und Voll- 
ziehung des Willens. Das Vollziehen des Denkens und WoUens, 
das Realisieren und Ausführen des innern Begrififs ist der einzige 
gottesdienstliche Akt, die Inkarnation des Geistes. Es ist zugleich 
die einzige wahre Wollust, der wahre Genuß, sich selbst 
zu genießen, das heißt dem Denken, Wollen Sein zu verleihen. In der 
Realität den Schein des Andersseins aufzuheben und mich den 
Begriff darin zu setzen, das ist der Selbstgenuß und der Genuß des 
andern. Das absolute Gebot dieser Religion ist, mich auszuführen, 
das sich in miunterbrochnem Flusse realisierende Denken. Die Sünde 
ist, wie ja auch die Christen zugeben, das dem Begriff, Geist Negative. 
Sündlich ist somit die Realität, die eine Sprödigkeit, Negativität be- 
wahren will gegen den Geist, Begriff, das Freie, Schöpferische. Das- 
selbe, was uns Pflicht ist, ist uns auch Genuß. Unsere Pflicht, wie 



=-~ 217 - ^ 

mir Genuß, ist die Hochzeit zwischen Denken und Sein, Geist und 
Wirklichkeit, die VoUbringung dieser heiligen Ehe. Ungehemmt soll 
der Gedanke sich selbst gewähren lassen und wenn bisher in jedem 
Zeitalter nur ein bestimmter Gedanke verwirklicht wurde und die 
Wirklichkeit somit eine Schranke gegen jeden andern höhern Be- 
griff war, so handelt es sich jetzt nicht mehr um die Realisation einer 
bestimmten Form, sondern es soll dem Gedanken das Recht seiner 
Unendlichkeit wiedergegeben werden. Bisher verhielt es sich so, daß 
jede Produktion des Geistes, indem er sie setzte (also sein eignes Kind 
und Werk), immer zur Schranke für ihn selbst und sein weiteres Produ- 
zieren wurde und sich immer gegen ihn absperren und festhalten wollte, 
„als von Gott eingesetzte Wirklichkeit imd Obrigkeit". Aber er ist 
der Gott, der sie einsetzt und wieder in seinen innem Abgrund zurück- 
nimmt, er läßt sich nicht binden an seine einzelne schöpferische Tat. 
Jetzt, wo er sich als dieses freie Tun und Schaffen erkannt hat, muß 
er sich auch als solches das Recht der Praxis vindizieren und be 
wahren. Es handelt sich nicht mehr um das Realisieren dieses oder 
jenes bestimmten Gedankens, sondern um das Freigeben des Denkens 
überhaupt. Eigentlich hat seit Anfang der Geschichte der Geist diese 
Allmacht geübt, aber der Prozeß seines Sichvollbringens wurde ge- 
hindert, weil der bestimmte Gedanke, den er vollbracht, sich mit der 
Zähigkeit der Existenz festhielt gegen die neue Geburt seines Mutter- 
schoßes. Das waren die immer so langen Perioden des Übergangs, des 
Wehs, der Zerrissenheit, des Unglücks. Die Schöpfung des Geistes 
nahm immer eine Fremdheit und Selbständigkeit gegen ihren Er- 
zeuger an. Eigentlich, sage ich, hat der Geist seit je diese Allmacht 
und Souveränität geübt, aber jetzt erst ist ihm diese Allmacht zum 
Bewußtsein gekommen, für ihn geworden. Er muß somit jetzt 
als bewußte, für sich seiende Allmacht, als für sich seien- 
der Geist, das ist als subjektiver Geist dies Souveräni- 
täts — recht ausüben. So mich wissend als der Herr der Erde, 
vor dessen Feuerhauche nichts Endliches besteht, schaue ich mich 
um, imd die Erde ist der Schemel meiner Füße, und der Himmel ist der 
Thronhimmel meiner Herrlichkeit. Ich bin nicht das losgebundne 
Tier der Willkür, das sein tolles Gelüste verwirklicht. Denn das ist 
der Unterschied: die Willkür ist das den objektiven Wesenheiten 
der Menschenbrust, den absoluten geistigen Mächten, dem ob- 
jektiven Begriff Negative, der Wille ist deren Position, ihre 
Bejahung. Diese absoluten Wesenheiten des Geistes sind Vernunft, 
Freiheit, lyiebe usf. Unvernunft, Unfreiheit, Nichtliebe — das ist 
die Willkür, das ist das dem Begriff des Menschen nicht Entsprechende. 
Was somit meine Pflicht ist, ist mein Genuß, denn es ist die Be- 



2l8 

jahung meines eignen Selbsts, es ist Pflicht, denn es ist die Be- 
jahung des objektiven Wesens, des objektiven Geistes, Begriffs. Mein 
Wille ist somit nicht der bloß formelle (die Willkür) , denn er hat seinen 
erfüllenden bestimmten Inhalt an sich selbst. Die Willkür ist die 
Abstraktion von dem, was sein soll und muß, also das sich selbst 
(dem Begriff) Negative, das Sichbejahen, weil hier das Ich als Substanz 
gefaßt wird, ist das Entgegengesetzte, die Position des Begriffs. Ich 
muß wissen, denn der Geist ist objektiv wesentlich dies; für sich zu 
sein, also sich zu erkennen, sich zu wissen; Unwissenheit ist Abstraktion 
von diesem konkreten Inhalt, ist Willkür, Ich muß lieben, denn der 
Geist ist wesentlich dies : aus seiner Alleinigkeit, Besonderheit heraus- 
zutreten und sich zusammenzuschließen mit den andern, ich muß 
den Leib des geliebten Weibes umarmen, mich vermählen ihrem Schoß, 
denn der Zeugungsakt ist die körperliche, darum reale wirkliche Voll- 
ziehung der Einheit des Ich und Du, die früher als nur Sehnsucht 
vorhanden war. Sie nicht genießen, hieße den Willen, die Innerlich- 
keit nicht realisieren; die objektive Macht nicht erfüllen, wäre Ab- 
straktion und Negation des Begriffs. Mein Genuß ist somit nicht das 
ausgelassene Tun der Willkür, er ist das sich gliedernde System der 
objektiven Bestimmungen des Geistes, die gebieterisch ihre 
Bejahung, ihr Sein fordern. Wenn die Askese Qual ist, so ist sie nicht 
weniger gottlos. Noch einmal, es herrscht hier nicht das blinde Walten 
des Tiers, denn die erste und substantiellste Bestimmimg in diesem 
Reich ist das Wissen, das Fürsichwerden des Geistes als alle Realität. 
Es kann die Willkür nicht stattfinden, weil in diesem Reich des freien 
Geistes das Negative überhaupt (hier nicht in seiner formalen Be- 
deutung, sondern als Negation des Begriffs genommen) verbannt ist; 
unmöglich ist Diebstahl und Mord, denn freigegeben ist die Realität, 
die Erde und ihr Genuß, imd sie ist anerkannt als unverlierbares Eigen- 
tum des Ich und ist ihm imterworfen wie eine Eigenschaft ihrem Wesen, 
dasich, weil es existiert, hat das Recht zur Existenz und ihrem Genuß . 
unnütz ist Meineid und Betrug und geheiligt ist der Ehebruch. Weil 
der Geist wesentlich ist für sich zu sein, hat er sich zu bejahen als für 
sich seiender, er hat sich zu verschaffen den Genuß seines Für- 
sichseins. Er hat alle seine Momente in sich zu bejahen, seinen Ge- 
danken, seine Vorstellung, seine sinnliche Leiblichkeit. So verwirk- 
liche ich mich nach dem ganzen ungeheuren Reichtum meines Inhalts. 
Ich forsche tmd handle und genieße den Frauenleib. 

Und wenn das Wesen des Geistes das Allgemeine ist (Wissen, 
Idee usf.), so ist das Moment des Fürsichseins, womit das der sinn- 
lichen besondern subjektiven Existenz zugleich gegeben ist (denn 
für sich seiend ist der Geist nur als dieser wirklich existierender. 



einzelner), nicht weniger allgemein mid wesentlich und ebensogut 
Substanz im Geiste, und ich bejahe mich nach der Seite meiner Existen z 
und Besonderheit und \'erschaffe mir die Lust an ihr. 

So mich wissend als alle Realität, als die Macht alles Seins, das 
nur ist, insofern das Ich es gesetzt, in diesem tmgeheuren Bewußtsein 
schaue ich mich noch einmal um — imd finde mich geknebelt und 
gefesselt an Hand und Fuß. Gebannt, gewaltsam zurückgehalten in 
der innern Unendlichkeit des Gedankens, der die Lust ist, sich zu 
vermählen mit der Erde, ist mir gewährt die Bejahung des Gottes, tmd 
alle Erde, alles Dasein ist nur das realisierte, personifizierte Nein des 
freien Denkens, Begriffs; die daseiende Negation; und ich bin ver- 
flucht zu sein und zu wandeln ein abgeschiedner Geist, ein blutloser 
Schatten der Unterwelt. Aber der Schatten der Unterwelt ist dies 
Mark- und Machtlose, weil er getrunken hat den Becher der Ver- 
gessenheit. Damit tritt er ein in die stygische Nacht. Ich aber 
habe in mir den hellen Tag des Wissens. Das Wissen ist die furcht- 
barste W^affe, denn sie greift über über sich und erfaßt auch das andere, 
ihr Gegenteil. Und ich greife in den Schacht meines Wissens und frage: 
Wessen Fluch ist so mächtig und lastet so schwer auf mir? Ich sehe 
einen Thron, vmd als Karyatide trägt ihn ein Gott. Aber der Thron 
ist nur noch ein Stück Holz mit Sammet überschlagen, und der Name Gott 
ist ein Schall, der kein Echo mehr findet. Lange gestürzt hat sie beide 
die Zeit, den König Dantons Henkerbeil und den Gott die Hure der 
Vernunft. Ihre Leichen nur modern noch unbegraben, ein Drache be- 
wacht sie, dem man opfert die Welt. Dieser neue imd stärkere Gott 
ist, wir haben es gesehen, der Besitz, das Eigentum, das Geld. 
Ihr erinnert Euch noch aus meinem Brief,^) wie sich das Geld als Sub- 
stanz, Zeitidee entwickelte. Der rohe inhaltslose, nur formale, ab- 
strakte Subjektivismus der Revolution will sich aus dieser seiner In- 
haltslosigkeit heraus mit der Objektivität, Realität zusammenschließen. 
Es gilt nun nicht mehr das bloß innerliche subjektive formale Ich, 
sondern das objektivierte realisierte Ich. Nicht mehr diese abstrakte 
Spitze des Ich, das Ich, wie es von Natur ausist als bloße Form, sondern 
das entäußerte Ich, das die Arbeit durchgemacht hat (im Gegensatz 
zur natürlichen Berechtigung). Dieser Gedanke ist ganz richtig. Aber 
weil der Übergang von dem Moment des rein atomen besonderen 
Ichs (dies war — die Unabhängigkeit — der Inhalt der französischen 
Revolution) ausging nicht vom allgemeinen Ich, das der Begriff 
ist, so war mit der Konsequenz des Begriff's die folgende Stufe: das 
realisierte besondere Fürsichsein, d. h. das Geld, Eigentum. Das 

^) Siehe S. 12S f. 



— 220 — = 

Wissen ist eine Objektivität, die aber zugleich innerhalb der ideellen 
Innerlichkeit eingeschlossen bleibt, während die Geschichte nach dem 
Gesetz des strikten Gegensatzes dann als auf die nur Objektivität 
(also schlechte, äußerliche Objektivität) fiel. Das Wissen, Bildung ist 
ebenso eine Entäußerung des beschränkten ungezognen Ichs, aber 
eine solche, die nicht zur Jenseitigkeit gegen das Ich, Ichlosigkeit fort- 
geht, wie das Geld. Das Wissen ist diese spekulative Einheit des Aller- 
objektivsten und zugleich Allerinnerlichsten. Erst hierbei kann sich der 
Weltgeist beruhigen. Kurz will ich noch andeuten, daß es in philo- 
sophischer Beziehung sehr interessant ist zu bemerken, wie bei dem 
Weltabschluß, der nach meinem System jetzt bevorsteht, der Geist 
sich noch einmal in das ihm entgegengesetzteste formalste Extrem aus- 
einanderlegt: in Geld (das keine andre Bedeutung hat als die abstrakte 
allgemeine des Sein, Realität überhaupt), also in Sein und Denken 
(Wissen). Er muß zur voUkommnen ewigen Versöhnung, nachdem 
er den ganzen reichen Weg der Geschichte durchgemacht, sich noch 
einmal auf seinen abstraktesten Gegensatz reduzieren (denn wenn immer 
ein Gegensatz zwischen Denken und Sein stattfand, so hatte der sonst 
immer einen besonderen eigentümlichen Inhalt). Ebenso ist es inter- 
essant zu sehen, wie jetzt, wo das System des Rechts sich aufheben 
soll, wird und muß, es zu seiner ersten ärmsten Bestimmung 
zurückkehrt (des Eigentums) und diese zum Inhalt seiner reichsten 
Form (des Staates) macht; aber diese erste Bestimmung und Form 
ist die Grundlage alles übrigen, denn sie ist das feste Realisiertsein, 
Dasein des Willens als äußerlichen. Das Recht, ehe es sich aufhebt, 
macht noch einmal sein formales Grundgesetz, aus dem allein 
die andern festen Institutionen, Staat usf. folgen, zum ganzen 
Zeitinhalt. Ist dieses formale Grundgesetz (Eigentum) aufgehoben, 
stürzen alle andern bestimmten Realisationen, die als diese bestimmte 
fest sein sollen, von selbst, die etc. Staatsform überhaupt. Wie ich ja 
schon oben sagte, daß es eben sich darum jetzt handle, nicht dies oder 
jenes, sondern das feste Realisiertsein des Willens überhaupt, die 
bestimmte Form überhaupt zu stürzen und sein Realisieren ungehemmt 
freizugeben. (Was ich da über das Recht sagte, ist ein ziemlich schwieriger 
Punkt, worüber ein andermal mehr; es ist nämlich interessant zu 
sehen, daß jede besondre Disziplin zuletzt, ehe sie für immer fällt, 
ihren ganz allgemeinen bloß formalen Begriff zum eignen Inhalt 
macht, so der Staat im Absolutismus die Form des Staats über- 
haupt (die Einheit des allgemeinen Willens), in der Religion im 
Deismus den Formbegriff der Religion überhaupt (den Zug 
des Subjekts vom Endlichen zum Caput mortuum des inhaltlosen 
höchsten Wesens) , so im Recht im Eigentum das harte feste 



= 221 

Dasein des Willens als einzelnen, exklusiven und besondern Daseins 
überhaupt). — 

Das Geld also, habe ich gesagt und haben wir gesehen, ist dieser 
Fluch, der da lastet auf dem freien Subjekt, der ihm wehrt, einzutreten 
in das Paradies, in den Fluß des Selbstverwirklichens. Seit ich das 
gesehen, habe ich Haß geschworen - — und mit Recht jedem, der da be- 
sitzt. Das Geld ist die einzige Institution, gegen die ich meine Waffe 
kehre, alles andre lohnt sich der Mühe nicht, die Hand sich naß zu 
machen oder doch nur, insofern es hierauf Bezug hat. Das Geld ist 
der Schlüssel zu der versperrten Realität (in der jetzigen Welt), 
ist das Tor, durch das allein der Weg in die Wirklichkeit und den Selbst- 
genuß in ihr führt. Einst zwar wird kommen der Tag, wo wir stürzen 
diesen glühenden Moloch imd ihm nachwerfen seine Priester in die ver- 
zehrenden Flammen. Das Ich, das sich als alle Realität erkannt hat, 
das für sich seiende Allmacht ist, braucht nicht zu warten auf die Herde, 
kann es wagen, auf seine eigne Faust glücklich sein zu wollen. 
Soll das in seiner Majestät für sich seiende Ich warten auf seine Er- 
lösung, statt sich selbst zu erlösen? Warten auf den allgemeinen 
Landsturm und bis die österreichische Landwehr nachrückt? Soll 
ich bis dahin knien vor diesem Gott und ihn anerkennen und das 
Kreuz atif mich nehmen seinetwegen ? Aber um nicht vor ihm zu knien, 
um seine Herrschaft nicht gezwungen zu sein anzuerkennen, gibt es 
bei diesem, wie bei jedem andern Gott nur das eine Mittel, daß man 
ihn in seine Gewalt bekomme, aus seiner Jenseitigkeit und Tran- 
szendenz herausreiße und ihn unter die Macht seines Fürsichseins 
bringe. So wurde ich Herr über den christlichen Gott, indem ich 
ihm entriß den Schein der Jenseitigkeit für mich imd Selbständigkeit 
gegen mich, indem ich ihn enthüllte als das eigne tote Wesen meines 
eignen lebenden Geistes. Um also frei zu sein von dem neuen Gott, 
handelt es sich mir darum, denselben Prozeß zu wiederholen, dies 
übermächtige Wesen herauszureißen aus seiner Jenseitigkeit und 
unter mein Fürsichsein zu bringen. Wie es aber beim christ- 
lichen Gott, weil er eine nur geistige Entäußerung war, mit dem nur 
theoretischen Kampf genügte, wie der Hahnenschrei genügte, um das 
Gespenst zerfließen zu lassen, so ist jetzt das Harte vorhanden, daß es, 
weil der neue Gott auch eine materielle reale Existenz hat, weil er die 
ärgste reale Selbstentäußerung des Ich ist (das Ich als Gegen- 
stand gesetzt, das ist das Geld, denn das Geld ist diese Gegen- 
ständlichkeit, die sofort die Bedeutung hat, nicht bloß Gegenständlich- 
keit, sondern allgemeines Gelten, Ich zu sein), so bedarf es hier 
des realen Kampfs. Oder ist mir vielleicht durch den Zufall des 
Reichtums der Kampf schon erspart, hab' ich genug von Natur aus? 



• 222 = 

Zuerst, wenn ich diesen Gott wahrhaft besiegt haben und frei von ihm 
sein soll, muß ich, wie schon gesagt, unbedingt ihn durch den Prozeß 
imd die Macht meines Fürsichseins errungen haben (id est Ver- 
dienen, Erwerben), wenn er auch durch Naturzufall mein ist, bleibt er 
immer drum fremd und jenseits, denn er floß dann nicht aus meinem 
Fürsichsein, meine Einzelnheit hat sich nicht bewährt an ihm. Und 
dann: Wer, der nicht der hektischen Moral der Entsagung folgt, wer, 
der der Theorie lebt von der Selbstvollziehung des Willens, kann 
sagen, er hat genug??!! Kann ich siegen in diesem Kampf? Ich 
muß es. Denn die Macht, gegen die ich mich in Bewegung setze, das 
Geld, ist nur das tote, entäußerte Wesen meines eignen Ich. Das 
Ich bin ich selbst, aber nicht als totes und darum bloß passives Wesen, 
in mir ist das Ich als bei sich seiende Lebendigkeit, ausgerüstet 
mit der Macht des Negativen. Das Lebendige aber ist durch seine 
Rührigkeit und Negativität die Macht über das Tote, bloß Seiende. 
Und darum bin ich an sich Sieger, noch ehe den Kampf ich beginne. 
Ich, der Herr der Erde, entschließe mich zum Kampf gegen eine Macht, 
die keinen Inhalt hat, als den, die ReaHtät, das Sein überhaupt zu 
sein. Ich gehe somit gegen meinen abstraktesten und darum härtesten 
Gegensatz, gegen das reine Sein, darum ist der Sieg der schwerste 
aller, weil ich den unnahbaren allgemeinsten Gegensatz bezwingen 
soll, weil das reine Ich versteinert in der Form der reinen Gegen- 
ständlichkeit ruht, vmd ich es aus diesem härtesten Zauber erlösen 
soll. Aber auch dieser Gegensatz hält nicht aus gegen das Denken, das 
Denken ist dennoch Einheit seiner tmd des Gegensatzes, drum ist der 
Sieg mir sicher. Der Sieg ist mir sicher, weil ich den Gegensatz durch- 
schaut und als den meinigen und mich als die Einheit seiner und des 
Ich erkannt habe. Somit habe ich theoretisch und an sich den Sieg 
schon errungen, das andre zu mir aufgehoben. Der Sieg gegen das 
reine Sein ist mir sicher, weil ich das reine Wissen bin. Dies aber beides 
ist Sein und Wissen. Was aber das Denken vermag, das vermag ich; 
das Denken als diese reine Positivität ist das Ohnmächtige ; Macht hat 
es nur in mir, der ich seine lebendige Spitze bin. In mir erhält es die 
negative Gewalt. Wohlan, zum Kampf! Indem ich mich zum Kampf 
entschließe, erzittert die Erde in ihrer Grundfeste und es erdröhnt der 
Bau der geistigen Welt in seinen Tiefen. Was wird das für ein Kampf 
sein, welches Völkerrecht gilt in ihm? Voyons! Ich wiederhole es, 
es ist das Schrecklichste von allem vorhanden, das eigne Fürsich- 
sein ist außer sich gekommen. Wir leben in diesem fürchterlichen 
Zustande vmd lachen, und viele merken es nicht. Will man ihn ge- 
schildert, lies Rameaus Neffe. Klex. Unsinnig abgeschmackt ist Goethes*) 
*) Vgl.Werke, Ausgabe letzter Hand, Stuttgart undTübingen 1830. Bd. 36,8. 199- 



223 ^= ^"- 

Urteil darüber. Die wahre Bedeutung dieses gräßlichen Werks ist 
die, eine Schilderung des Zustandes zu sein, von dem ich spreche. Denn 
damals zu Diderots Zeit, kurz vor der Revolution, war dieser Zustand 
eben der herrschende geworden. Staatlich anerkannt wurde er zwar 
im Staate der Bourgeoisie, mit dem Zensus, dem Sturz Robespierres, 
aber Ihr werdet es begreifen, daß etwas immer erst unmerklich all- 
gemeine Weltlage, allgemeine Sitte schon geworden sein muß, 
ehe es dazu kommen kann, als solche ausgesprochen zu werden, aus- 
gesprochene Sitte und Wille, d. i. Gesetz zu sein. Lies Rameau; 
es ist eine Schilderung von der gänzlichen Zerrissenheit und Unsittlich- 
keit, die in die Welt gekommen; nichts Festes gilt, alles Gesetz und 
Substanz der Sitte hat sich aufgelöst, der Handelnde weiß sein Tun 
selbst als die ärgste Niederträchtigkeit und gesteht es ohne Scham, 
ja, er weiß sich etwas damit, diese Niederträchtigkeit Wort zu haben 
und zeigt sie noch im Tun der andern. Von der Schamlosigkeit geht 
er über zum größten Stolz und schämt sich, Scham empfunden zu 
haben, er weiß sich selbst als den apportierenden Hund und setzt 
einen Triumph darein, diese Verleugnung alles Würdigen und Sitt- 
lichen zu sein. Der Grund und die Bedeutung aller dort bis ins Detail 
geschilderten Verwirrung ist dieser härteste Widerspruch des Be- 
griffs, das Urteil, in das damals die Welt ausbrach: Das Fürsich- 
sein ist die Dingheit. Das Fürsichsein ist somit außer sich ge- 
kommen und schaut sich als ein Ding an; es hat seine menschliche 
Würde verloren und weiß, daß ihn, diesen Geist, ein andrer in der 
Tasche hat. Um sich zurückzugewinnen, tut es das Verkehrte, 
das zugleich die größte Konsequenz ist: es schmeißt sich an die Ding- 
heit hin. Das Fürsichsein wird erkauft mit einer Mahlzeit des reichen 
Gönners, der eben dadurch das Gedoppelte tut, indem er ihm gewährt 
den Genuß seines Fürsichseins, ihm dieses zurückgibt und zugleich 
wieder raubt, indem er ihm zeigt, daß sein Fürsichsein außer sich ge- 
kommen und als dieses Ding in seiner, des Gönners Tasche sei. Rameau. 
seinerseits weiß auch, daß das Fürsichsein ein Ding sei, und gesteht 
es ein, und dies Geständnis, in das er ausbricht, ist der Schmeichelton, 
mit dem er benebelt den Gönner; er schmeißt sich fort, um sich zurück- 
[zu]erhalteu. Schändlichkeit, Betrug, Niedertracht sind ihm bedeutungs- 
lose Silben, ja allgemeines Recht geworden. Denn was ist Betrug etc.? 
Nichts als die Verkehrung der allgemeinen Wesenheit in das einzelne 
Dasein und dessen Vorteil. Das Gute ist diese Tautologie: das All- 
gemeine als das rein Allgemeine zu wissen. Das Schlechte ist die Ver- 
kehrung dieses Verhältnisses, die Aufwendung und Verzehrung des 
schlechthin Allgemeinen für das empirisch Besondre. Aber dieselbe 
Verkehnmg ist ja jetzt Weltlage und allgemeines Gesetz ge- 



: - . = ■- 224 

worden, denn die Weltlage ist das Urteil: Das Fürsichsein ist ein Ding 
und ist somit die Verkehrung des rein Allgemeinsten in die Kategorie 
des sinnlichen, besondern Daseins selbst, die Dingheit, Materie. Er 
weiß also den Betrug als das Innere der Welt, als das sie beherrschende 
geheiligte Gesetz, weiß ihn als sein Recht. Weil es nicht Rameaus 
Urteil ist: Das Fürsichsein ist ein Ding, empfindet er die Zerknir- 
schung (die Ichlosigkeit) vor seinem Gönner und weiß ihn als Herrn 
und Gott. Aber in diesem Urteil ist zugleich der Gegensatz gegeben, 
das Übergreifen des Ichs in die Dingheit, der Satz, daß es es selbst und 
auch sein Gegenteil sei. Das Urteil hat auch die Seite in sich, daß die 
Dingheit vielmehr nur ein Prädikat sei, das da haftet an dem Fürsich- 
sein, seinem Subjekt. Nach dieser Seite ist die totale Empörung vor- 
handen. Das Fürsichsein nimmt sich in sich zurück und weiß, daß es 
nicht so etwas Totes und Verächtliches wie ein Ding sei. Indem das 
Fürsichsein kein Ding ist, kann der Geber, indem er ihm jene Dingheit 
abläßt, seine freie Innerlichkeit nicht fesseln und hat sich keinen An- 
spruch auf sein Fürsichsein, keinen Dank verdient um ihn. Er emp- 
findet vielmehr vor dem Geber, der bei jenem Urteil stehen bleibt, die 
tiefste imgeheuerste Verachtimg, und weil er ihn doch zwingt, sein 
Fürsichsein als Ding hinzunehmen, den empörtesten Haß. Er 
richtet gegen ihn den Betrug und weiß, damit ihm kein Unrecht zu tun, 
denn er vollführt nur des Gönners selbstgebilligtes Urteil, selbstdiktiertes 
Gesetz (wie vorher gezeigt). Darum in Rameau diese Mischung von der 
tiefsten Verworfenheit und dem edelsten Stolz, dieser Mischmasch von 
Niedrigkeit und Würde, von Gemeinheit und Gesinnung. Es ist das 
herüber- und hinübergehende Urteil: Das Fürsichsein ist ein Ding 
und die Empörung, das freie Fürsichsein als Ding ansehen zu sollen. 
So ist Rameau. Er ist so verworfen, weil er so substanzlos ist. Die 
Mächte, Vernunft, Freiheit, Liebe verkehrt er in die Dingheit für den 
Genuß seines einzelnen Daseins. Es gibt nichts, das diese Frivolität 
nicht für Geld verwertet. Aber wie keiner in einem ganz substanz- 
losen Treiben aushalten, wie jeder, auch der Verworfenste ein 
Objektives braucht, an das er sich anranke und über dem er vergesse 
die Eitelkeit des leeren Ich, so auch Rameau. Ein Objektives gibt 
es, das er liebt, über dem er sich selbst vergißt, eine Substanz, die 
grade darum eine so begeisternde und Besinnung beraubende Macht 
auf ihn ausübt, weil er sonst ewig im leeren Kreise seines besondern 
gemeinen Daseins bleibt, und glücklich hat Diderot als diese objektive 
Substanz, die ihn zum Taumel hinreißt, die ihn sein Ich vergessen läßt, 
die Musik gewählt. Ich habe hier keine Zeit, mich noch in ästhetische 
Abhandlimgen einzulassen, aber wenn die Musik, wie jede Kunst ein 
Objektives, Substantielles ist, so ist ihr Inhalt der ganz Einzelne, 



^---^- — 225 

Unmittelbare, der Laut der Empfindung. Dies subjektive besondere 
Gefühlsleben bildet den Inhalt der Musik. Ihr Inhalt hat sich noch 
nicht zu dem Allgemeinen (dem Gedanken) befreit, er ist der unmittel- 
bare Einigungspunkt des rein Allgemeinen und Besondern: die Emp- 
findung. Es ist somit die Musik die Form der Substanz, die Rameau, 
diesem in sein rein besondres Dasein versenkten Geist, am nächsten 
liegt. Hätte sich Rameau zum Objektiven in seiner reinen adäquaten 
Form, dem Gedanken, erheben können, so wäre er Wissen und hätte 
auch nicht die Stellung zur Welt, die er hat. Es würde sich dann das 
widersprechende Urteil aufgehoben haben tmd er wäre Meister über 
den Gegensatz. Das Wissen ist diese Meisterschaft, weil es sein reines 
Gegenteil, den Begriff des Seins erfaßt: 

Wer sie nicht kennte 
Die Elemente, 
Wäre kein Meister 
Über die Geister. 

Rameau weiß die beiden Seiten des Urteils nicht zusammenzubringen, 
er hat noch nicht durchschaut die ihn neckenden Abstraktionen, die 
ihn sich gegenseitig in die Arme werfen, darum kann er das elemen- 
tarische Wesen nicht besiegen. Sein Kampf ist dagegen sein unge- 
heuerster Selbstverlust. Er ist Knecht, und wenn er sich empört, 
ist er abstrakt frei, verliert die Realität und den Teil daran, die Mahl- 
zeit an des Herrn Tisch, er beschränkt sich dann auf seine abstrakte 
Innerlichkeit, sein realitätsloses Ich, wie er dann wieder der ich- 
losen Dingheit Knecht ist. 

Das wäre Rameaus Stellung. Wie wird die des Philosophen, des 
erscheinenden, selbstbewußten Gottes sein? Rameau selbst, noch in 
dem Urteil, daß das Fürsichsein ein Ding sei, befangen, erkennt somit 
seine Ohnmacht und die Macht der Dingheit über ihn an. Was ihm 
wird, sein Schicksal, ist nur die Bejahung dieses seines Selbstgeständ- 
nisses. Wie sich der als alle Realität für sich gewordne Geist gegen 
diese Weltlage verhält, ist aus allem bisherigen klar. In sich ist er 
Meister geworden über die Verwirrung und beherrscht sie sicher und 
unwandelbar. Denn das Urteil, daß das Fürsichsein ein Ding sei, hat 
er in seinen Begriff aufgelöst, daß das Fürsichsein dies sei, sich in seinen 
Gegensatz umzuschaffen und sich in ihm als freie Idee zu erhalten; 
er hat es aufgelöst in das Urteil, daß die Vernunft alle Realität und 
Schöpfermacht sei. Er hat den Weltzustand durchschaut, erkannt das 
wahre Wesen dieses Irrtums. Indem er das Fürsichsein, Selbstbewußt- 
sein ist jener Vernunft, die alle Realität ist, kommt ihm das Recht der 
Vernunft zu, Sein zu sein. Er fordert das Sein als das Seine, der 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I je 



=: 226 = 

Zorn, mit dem er sich gegen die Außenwelt wendet, ist darum ein 
zwar durch das Wissen ruhiger, aber zehnmal verderblicherer. Er 
weiß das Sein als sein Recht, als den Boden» in dem er seine Schöp- 
fungen auszulegen hat und findet es als sein Anderssein, Alle Existenz 
hat die Bestimmung des Negativen für ihn, ist der Hohn gegen sein 
»Sichvollführen. Der Gegensatz ist jetzt darum noch ärger, weil das 
Wissen sich schon als Einheit seiner und des Gegensatzes erkannt hat, 
eigentlich weiß, daß es selbst alles Sein ist — -und es doch nicht 
hat. Der Geist hat den Schein des Anderssseins aufzuheben und es 
als das Seine zu zeigen. Er hat das Recht des Würgengels, denn 
die Existenz ist die von Gott abgefallne, die daseiende Sünde. Es 
kann somit von keiner Schonung die Rede sein in diesem Kampf, das 
einzige Recht, das gilt, ist das Recht der Vernichtung. Nichts be- 
sondres wird anerkannt, denn der Krieg ist unternommen nicht zu 
diesem und jenem Zweck, sondern zur Unterjochung der Existenz, 
Sein selbst. Das Ich hat das göttliche Recht auf seiner Seite aus zwei 
Gründen (die immer zusammen treffen müssen, doch das ist zu weit- 
läufig), denn zuerst findet es bereits bestehend den Kampf aller mit 
allen, den tödlichen Streit der atomen Individuen zu ihrem gegenseitigen 
Ruin und dem Genuß ihrer Besonderheit. Nach der Hegeischen Straf- 
theorie ist die Vernünftigkeit der Strafe die: daß keinem Ich etwas 
angetan wird, sondern vielmehr seine eigne Sentenz an ihm vollzogen; 
man behandelt es somit nicht vom Standpunkt andrer herab, sondern 
nach dem Recht, das es selbst gelehrt. Indem ich mich beteihge an 
dem Kampf gegen alles, was Mensch heißt, lasse ich diesen Geschöpfen 
nur widerfahren den Begriff, den sie selbst aufstellen, folge und handle 
nach ihrem eignen Recht. Wir haben in jenem Brief gesehen, heute 
genugsam berührt, wie das gegenseitige Vernichten, um daraus sein 
eignes Fürsichsein zu gewinnen, Weltlage und Zeitbegriff ist. Er ist 
das gemeinsame, aber unbewußte Tun aller. Bei mir ist es bewußtes 
geworden. Das ist der Hauptpunkt, weswegen mir der Sieg gewiß ist. 
Es schlingt sich um diesen verwirrten Räuberzustand der Welt ein 
Schein sittlicher Bestimmungen, sittlichen Zusammenlebens, 
An sich aber und in Wahrheit ist das Tun der Individuen der gegen- 
seitige Ruin, doch das ist er nicht für sie; für sie ist der Schein der 
sittlich geordneten Welt. Wo sie also in ihrem Kampf auf eine der Be- 
stimmungen dieses sittlichen Systems stoßen, da — weil die Substanz 
nur an sich ihnen nichts mehr gilt, wohl aber noch für sie den Schein 
hat zu gelten — scheuen sie sich und haben Respekt und wagen es nicht, 
sie bewußt und systematisch zu verletzen. So kämpfen sie — mit 
gebundnen Händen. Denn wenn ich für das Fürsichsein kämpfe, so 
ist das ein Kampf auf Leben und Tod und muß aus allen Kräften ge- 



=: 227 =^^^^^= ^ = 

führt werden. Ja, der Widerspruch ist sogar der totale. Denn ihr be- 
sonderes atomistisches unsittUches Fürsichsein, für das sie kämpfen, 
ist der Gegensatz der Substanz und kann nur siegreich bestehen, 
wenn ihm diese geopfert wird. Sie aber kämpfen für diese Besonder- 
heit, die das Nicht der Substanz ist, und scheuen sich doch, die Substanz 
zu verletzen. Darum bin ich übermächtig. Denn indem ich, was jene 
an sich unbewußt tun, bewußt systematisch vollbringe, weiß ich 
die Nichtigkeit dieser Substanz und bin ungebunden. Gleich vor mir 
sind alle Mittel, nichts ist so heilig, daß ich es schonte, und ich habe 
errungen das Recht des Tigers, das Recht zu zerreißen. Für mich ist 
femer außer dem Recht, das mir die Menschen geben durch ihr eignes 
Tun, mein Recht, das Recht des Begriffs (das siehe oben) 
Sichselbstrealisieren des Willens, dem man gottlos vorenthält die 
Realität. Das Geld ist dieser Schlüssel der Wirklichkeit: 

Wenn Du sechs Hengste zahlen kannst 
Sind ihre Kräfte nicht die Deinen? 

Jawohl und es gilt, diesen Schlüssel zu erringen. Welches ist die Waffe 
zum Kampf? Sie wird sich konsequent ergeben. Man erweise den 
Ichs immer ihr eignes Recht. Die Welt sagt: ,,Das Fürsichsein ist ein 
Ding"; gut, man nehme diese fürsichseienden Subjekte nicht nach der 
Würde ihrer menschlichen Existenz, deren sie sich durch jenes Urteil 
selbst begeben, man nehme nach dem Urteil diese Ichs als Dinger und 
mache von ihnen den Gebrauch der Dingheit, man zehre sie auf achtungs- 
und schonungslos für sein Fürsichsein, man benutze sie. Man betrachte 
ihre Innerlichkeit, ihr Fühlen und Seelenleben als ein Ding und wirt- 
schafte damit. Soweit ich die Macht habe über das Innere eines Men- 
schen, werde ich sie schonungslos mißbrauchen. Die Kategorie der 
Innerlichkeit selbst, Lieben, Fühlen, Wissen ist diesen Menschen gegen- 
über, mit denen mich kein Band zusammenhält, — ich diene einem 
andern Gott und spreche eine andre Sprache, wir verstehen uns nicht 
und haben nichts Gemeinsames in uns — zu einem Objekt, toten Dasein 
geworden, mit dem ich Handel treibe, das ich verwerte, denn das 
Fürsichsein ist ja ein Ding geworden. Meine Macht ist die, daß ich 
durch die Innerlichkeit, über die ich als das Wissen Macht habe, 
mich mit der Dingheit zusammenschließe. 

Wir haben in unserm damaligen Brief *) gesehen, daß der konsequente 
Weg zur Erreichung des Eigentums die Industrie ist, denn sie ist die Aus- 
beutung der subjektiven formierenden Tätigkeit ; und wir sahen damals, 
daß ja im Eigentum ein Objektives gefunden werden sollte, das dennoch 
dem Subjekt durch seine eigene Subjektivität schlechthin erreichbar 

^ S. 129 f. 



228 ^ r- 

sein sollte. Darum sagten wir, daß die Industrie der adäquate Weg zur Er- 
ringung des Eigentums wäre, weil sie ja eben das Geltendmachen des 
subjektiven Talents etc. ist. Sie ist geeigneter als der Handel, denn im 
Handel handelt es sich nur um das objektive Substrat, die Ware, weil 
sie die Selbstausbeutung des Subjektiven ist. Aber es gibt einen konse- 
quentem Weg. Die Industrie läßt sich trotz des in ihr vorhandnen 
subjektiven Moments immer noch auf das Materielle als Substrat ein, 
an dem sie ihre Arbeit setzt. Sie gerät damit wieder in das Äußerliche, 
dem Subjektiven entgegengesetzte Stoffliche hinein, und damit hängt 
das Resultat zusammen, das sich in der Industrie herausstellt, daß das 
Subjekt doch nicht durch seine freie subjektive Tätigkeit an sein 
Gegenteil, das Geld, heran kann, sich vielmehr an die Herrschaft des 
Objektiven, Stofflichen fortgeschmissen hat. Dies bekundete der Sieg 
des Kapitalisten über den Nichtkapitalisten, den Arbeiter, der bloß 
von seiner Subjektivität Gebrauch macht. Dieser kann aber deshalb 
nicht an das Geld heran, weil er sich mit seiner innern subjektiven 
Tätigkeit auf den vStoff gewandt hat, sich wieder somit an sein reines 
Gegenteil verloren, über das er keine Macht hat. Die Arbeit des Sub- 
jekts, wenn sie Erfolg haben soll, darf sich nicht an ihr Gegenteil, den 
Stoff, hin verlieren imd sich somit des subjektiven Moments wieder 
entäußern, sie muß einen Stoff wählen, der selbst wieder in die Inner- 
lichkeit eingeschlossen bleibt, über den sie somit Macht hat. 
Dieser Stoff ist die Kategorie der Innerlichkeit selbst, die Menschen- 
brust. Mit dieser treibe ich Industrie, das ist das Material meiner 
Arbeit, das mir somit kein sprödes ist. Die Innerlichkeit arbeitet hier 
in der Innerlichkeit, Grau in Grau. Die Innerlichkeit wendet sich also 
nicht mehr zu dem ihr Äußerlichen hin und entäußert sich somit 
nicht mehr, sondern arbeitet in ihrem eignen durchsichtigen Stoff, der 
ja sie selbst ist. Das Subjekt verwertet seine eigne innerste Subjektivität 
und wuchert mit ihr, ohne sich auf das ihr Spröde einzulassen, den 
realen Stoff. Und seht, ich kann kein Wort sprechen, ohne daß die Ge- 
schichte mir sofort Ja zuschreit. Denn ungefähr in Rameaus Zeit, 
etwas später bis zur Revolution, sehen wir auf einmal solche Erschei- 
nungen entstehen, solche sich durch sich selbst verwertende Subjekte, 
die Industrie treiben, erwerben wollen, ohne ihre Subjektivität in 
das ihr Entgegengesetzte, den realen Stoff und die an ihn geknüpfte 
äußerliche Arbeit, hineinfallen zu lassen, Erscheinungen, einzig in der 
Welt, noch nicht dagewesen in der Geschichte, die die jetzige Zeit erst 
ins Leben rufen konnte, Cagliostro, St. Germain, Casanova^) etc. Ihre 

*) Alexander Graf von Cagliostro (eigentlich Joseph Balsamo, 1743 — 1795) ; der 
Graf von Saint -Germain (1784), dessen eigentlicher Name nicht bekannt ist, galt als 
sein Lehrer; Giovanni Jacobo de Seingalt oder Casanova (1725 — 1798). 



— 229 ===^==^= 

Bedeutung ist die aufgezeigte. Und mit bewunderungswürdigem Takt 
nennt die Welt diese Intriganten: Industrieritter. Die Welt nannte 
gewöhnlich Abenteurer, Gauner etc. solche ihre Subjektivität verwertende 
Männer. Selbst Schriftsteller, I^eute von der Feder galten ihr lange 
Zeit nicht viel besser. Sie wußte selbst nicht warum. Es ist aber des- 
wegen, weil sie bei diesen Leuten das objektive, materielle Substrat 
vermißte, wie ja auch der Schriftsteller seine Subjektivität verwertet, 
ohne ein äußeres Dasein als ihr Material zu nehmen, von der Ver- 
wertung seiner Innerlichkeit lebt, ohne sich auf die reale Arbeit 
mit der Materie einzulassen, wie der Fabrikant. Aber die Fabrikanten 
sind entweder Gauner im Stoff (denn Gauner ist überhaupt dies: 
sich seine Innerlichkeit bezahlen zu lassen) oder die Abenteurer 
sind revera Industrielle. Der Geist der Subjekte selbst also wird von 
ihnen genommen als Material, und sie zeigen daran ihre subjektive 
bearbeitende Kraft. Sie packen die Leute bei ihrer Substanz, Glauben, 
Lust, Ehrgeiz, Begeisterung und wirtschaften nach Herzenslust mit 
diesen Faktoren der Menschheit. (Man lese Casanovas Memoiren, 
Großkophta etc.) Das Tun dieser Subjekte ist aber darum so erbärm- 
lich imd eitel, weil es substanzlos ist. Ich bin kein St. Germain, kein 
Casanova, bin kein Cagliostro. Ich bin Diener und Herr des Begriflfs, 
Priester des Gotts, der ich selber bin und bin Mann des Wissens und 
seines Ernstes. Jene waren frivole Subjekte, und wie ihr Kampf 
ihr höchstes Recht war, so war er ihr höchstes Unrecht zugleich, sie 
kämpften für ihr frivoles Gelüst, für die inhaltlose unwahre Lust 
ihres kleinen besondern Daseins. Dem opferten sie auf, was 
für sie selbst die substantielle Macht war. Ich bin Träger und 
Apostel einer Gottesidee und habe die Pflicht, mich der Erfüllung 
imd Realisation dieses substantiellen Inhalts zu weihen. Was ich tue, 
weiß ich als sittliche Forderung des Begriffs. Jene Männer 
hatten zu ihrer Waffe nichts als den kleinen Betrug; ich schwinge die 
Waffe des Zeus, den Blitz des Wissens. Der Erfolg jener Männer war 
darum so klein, weil sie in demselben Standpunkt befangen, von 
diesem Standpunkt aus gegen ihn kämpften. Siegreich bezwungen 
kann er nur werden von dem höhern Standpunkt der Substanz aus, von dem 
ich herunter kämpfe. Weil ich — durch das Wissen — diesen Standpunkt 
verlassen habe, bin ich Herr über ihn, denn ich kenne seinen sich selbst 
verborgnen Geist, seine ihm selbst verborgne Wahrheit. Ein jeder Stand- 
punkt kann mit Erfolg nur von einem neuen höhern bekämpft werden. 
Durch ihre Substanzlosigkeit, durch das Fehlen eines substantiellen 
realen Zweckes, geben jene Männer ein bei allem Interesse doch 
hohles Schauspiel, aus demselben Grunde geht ihr Erfolg nicht ins 
Große und Dauernde, wie ihr Kampf nicht der systematische ist. — 



— 230 -- 

Und noch eine Waffe lege ich an und muß ich anlegen, die ich oben 
schon hätte anführen sollen. — Als ich oben mich rüstete zum Kampfe 
mit dem Weltlauf und die Siegesgewißheit hatte an dem stolzen Urteil : 
Das Fürsichsein, das Denken ist alle Realität und Sein; als ich dem 
Sein mit diesem Urteil alle eigne Selbständigkeit gegen mich nahm 
und nun in den Kampf schritt, um diese Bedeutung des Seins (nämlich 
die, daß es nur das Meine und keine Instanz gegen mich sei) aufzu- 
zeigen, — da mußte ich erst untersuchen, ob ich das, was ich an der 
äußern Realität, Welt, dar tun wollte, auch an meiner eigensten Reali- 
tät, meiner Leiblichkeit, bewahrheitet habe. Wenn ich das Urteil 
bewähren wollte gegen alle äußere Realität, mußte ich es zuerst an 
meiner eignen eigensten subjektiven Realität, an meinem Körper be- 
währt haben, bewährt haben an ihm das Urteil, daß alles Dasein nichts 
für sich eignes und nur das Sein des Gedankens sei. Und ich brach 
den Trotz meines Körpers. Ich hob auf den Unterschied zwischen ihm 
imd meinem Willen, raubte ihm jede Eigenheit und selbständige Physio- 
gnomie, alles Feste in ihm mußte flüssig werden und widerstandslos 
sich gewöhnen, zu empfangen den Stempel des Gedankens. 
Aus einem selbsteignen Dasein, das er sein wollte, setzte ich ihn herab 
zumDaseinmeines Willens, zwang ihn, der Widerschein nur zu sein 
meines gewollten Innern. Ich — wurde Schauspieler, plasti- 
scher Künstler, meine ganze I^iblichkeit ist das Dasein meines 
Willens, der Ausdruck der Bedeutung, die ich in sie lege. Der zitternde 
Ton meiner Stimme und der leuchtende Glanz meines Auges, jedes 
Zucken der Miene hat knechtisch und in unimterbrochner Flüssigkeit 
wiederzugeben das Gepräge, das ich ihm aufdrücke, die Leidenschaft, 
von der ich will, daß sie grade jetzt mich belebe, durchleuchte, die Seele, 
von der ich will, daß sie jetzt aus mir spreche. Ich hab' es an mir wahr 
gemacht, daß das Sein nur das Sein des Gedankens sei, und so schnell 
wie der Gedanke wechselt, so schnell muß mir wechseln mein Körper, 
der Schein, der aus ihm spricht. Von Kopf bis zur Zeh' bin ich nichts 
als Wille, und Schlafen und Wachen gilt mir gleich. Arnold mag es 
Dir sagen, Klex; er fürchtete sich einst, als er sah, wie kein Haar Sein, 
kein lyOt Fleisch an mir wäre und alle diese feste Weiblichkeit nur der 
selbstlose Widerschein des gesetzten durchleuchtenden Innern; halb im 
Scherz, halb im ernsthaften Grauen nannte er mich den ,, wandelnden 
Tod". So habe ich getilgt in mir selbst alles feste selbsteigne Sein, es 
bewährt an mir, daß das Sein, die Realität nur die tmselbständige 
Existenz des Fürsicliseins ist, sein Abdruck, und so diese Waffe zu den 
andern fügend, so 

Arm in Arm mit mir. 

So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken. 



= ^ - 231 — 

Ich habe den Willen zur Vernichtung und die Mittel dazu, Weh zu 
verbreiten und Unheil über die Menschen, die mein Atem berührt. 
Mein Füllhorn ist von unheilsschwangerem Bauch, als die Büchse der 
Pandora, und das Unglück haftet sich an meine Ferse, Herakht sagt: 
,,Der Weise, ob Gott, ob Tier — der von allen Getrennteste." Dieser 
Tiergott stehe ich da und schaue nicht meinesgleichen. Was wollen 
die übertätigen Menschenkinder? Aber dies mein Vemichtungsrecht 
gilt nur gegen das Sodom und Gomorra der gott- und substanzlosen 
Welt. — Nur ein Band gibt es, aber ein Band gibt es auch, das mich 
fesselt ■ — gleiche Beteiligung an der Substanz, Priester zu sein des- 
selben Begri£fs, der Ernst für das Wissen, der Eifer für die Negation. 
Gegenwärtig hänge ich. außer daß ich meinen Vater liebe, mit keinem 
als mit Euch zusammen. Aber wer mich an der Seite der Substanz 
packt, der hat mich dauernd gepackt. So war's mit Arnold. Als ich 
Dich, Klex, kennen lernte, schätzte ich Dich ab wie ein Ding, wie 
jeden Menschen, nach meinem Grundsatz. Aber ich empfand eine 
wahrhaft sitthche Freude, als ich sah, daß das Ding wahrhaft ein 
Ich sei. Wer das Pathos der Substanz hat, hat auch die Mission der 
Propaganda. Bei Dir aber, Klex, war es nicht, wie bei Arnold mein 
aktives Auftreten, was Dich heranzog, es war Deine rein eigne Selbst- 
tätigkeit, die den Eifer in Dir weckte nach der Substanz des Wissens, 
diesem wahrhaften Dasein des Menschen und Dich erlöste aus dem 
zeitlichen Fegefeuer eines zwecklosen blasierten Daseins. — 

Da habt Ihr nun mein Kriegsmanifest gegen die Welt, und wenn 
Ihr mit mir einverstanden seid, so unterschreibt es. Wer aber jetzt 
mit mir Vainquons! ruft, — der weiß wenigstens den ganzen Inhalt 
dieses kleinen Worts. — 



56. 
ARNOLD MENDEIvSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

[Berlin, 18. 9. 45.] 

Dein Brief ^) ist von Dir, das ist genug. Isolani *) wird Dir in Versen 
sagen, was es für einer ist, Klex will Dir nicht sogleich antworten, 
sondern ihn noch lesen und wieder lesen. Wir sprachen nach der Lesung 
über Dich, Deine Familie, endlich über den kommenden Zustand; 



^) Der vorige Brief Nr. 55, das „Kriegsmanifest gegen die Welt". 
2) Isolani ist der Name, den Albert I^ehfeldt bei den Raczeks geführt hatte 
lind der ihm nun auch bei den Berliner Freunden verblieb. 



z=.==^= 232 =— 

Du weißt, daß ich dabei ins Feuer gerate, und so wurde eine solche 
Stimmung unter uns, daß Klex, der phlegmatische Klex, mit einem 
Seufzer sagte, ich wünschte, es ginge morgen los statt übermorgen, und 
sich eifrigst danach erkundigte, wo Weitlings Garantien, von denen 
ich ihnen erzählt hatte, zu haben wären. Sein Brief an Dich wird 
Dich über sein Werden näher belehren, Du magst daraus abnehmen, 
daß er schon reif ist zu pflücken und gepflückt zu werden, ob er willens 
sein wird, eine Armee ins Feld zu stellen,^) denn, so wie ich glaube, ist er 
es imstande, da seine Familie außerordentlich viel auf ihn hält. Er 
ist nur bekannt als ein höchst verständiger, höchst solider Mensch, 
nicht wie ich, als ein zwar geistreicher aber etwas hirnverbrannter 
Schwärmer. Doch Du wirst ja sehen, wie es ist und wirst das Rechte 
tun. Könntest Du dadurch zu Michaehs schon herkommen (Klex 
sagte vor dem Zubettegehen, ich bin sehr begierig, ob er kommen wird 
oder nicht, es scheint mir, daß er nicht kommen wird, obgleich er bei 
seinem Hiersein es sicher zu wollen schien) oder kämst Du auf eigne 
Kosten her. Du würdest nicht noch einmal dieser Stadt den Rücken 
wenden müssen, schon Klex würde das nicht zugeben, und ich bin auch 
nicht mehr so dumm wie ich war, daß ich Dein Tun auf den zähen 
alten Joseph anstatt auf Paul oder einen andern meiner reichen Ver- 
wandten oder Bekannten hinleitete. Doch was soll ich da lange hin 
und her schreiben. Du wirst tun, wie Du Macht hast. 

Dieser Tage griff ich mir in der I/Ogik vor und las das Leben, [um] 
dem Klex das Kapitel Beobachtung des Organischen, worin Hegel 
die göttliche Gabe derUndeutlichkeit in hohem Grade ausübt, genügend 
zu erklären. Ich verstand natürlich das Kapitel in der Logik voll- 
kommen, aber was das beste dabei war, ich sah die folgenden Kapitel 
voraus, und mir fiel dabei besonders Fouriers^) Lehre von der Berechti- 
gimg der Triebe ein. Denn der Mensch ist Trieb als das Lebendige, als 
der seiende Begriff, die seiende Negativität; so ist er das Tier, das 
Fürsichsein, welchem das Sein die Bedeutung des Negativen hat, er 
ist die Begierde, die das Sein, das ihr andre, nur zerreißt, nur vernichtet, 
weil sie nur so für sich wird, was sie an sich ist, weil sie nur das ist, 
sich zu setzen. Aber der Mensch hat sich im Prozeß der Geschichte 
als das gesetzt, was er an sich ist, er hat den Trieb verwirklicht, hat 
ihn gegenständlich erzeugt, d. h. er weiß sich als die seiende Negativität. 
Somit ist er nicht mehr bloß Trieb, nur die seiende Negativität, sondern 
er ist die Negativität als Negativität, das sich seiner bewußte, das freie 

^) In der Sprache der Freunde hieß dies: Geld zur Verfügung zu stellen. 
Auch von Truppenmangel, Entsendung von Detachements, Brandschatzungen, 
Schlachtfeld, Feldzug usw. sprechen sie in der gleichen Bedeutung. 

^) F. M. Ch. Fourier (177-? — ii''37). der berühmte französische Soziahst. 



■^ : -: _ 233 = 

Erkennen, der Trieb; diese einzelne seiende Negativität ist das All- 
gemeine, ist sich seiner bewußt, ist Bewußtsein geworden. Dies im- 
gefähr, dachte ich mir, mag der Gedanke sein, der Fourier zu der lychre 
von der Berechtigung der Triebe brachte, imd ich beschloß, ihn zu 
lesen. Der ganze Kerl ist mir so durchsichtig (ich habe angefangen, 
ihn durchzublättern) und bei aller Rudität seines Denkens so interessant, 
daß ich die größte Lust habe, über ihn etwas zu schreiben . . . Warum 
ich Dir eigentlich dies alles schreibe, möge der und jener wissen, ich 
weiß es nicht, aber ich habe es eben schreiben müssen, weil ich es ge- 
schrieben habe, weil ich augenblicklich nichts anderes denken kann 
als Deinen Brief. So ersehe ich in dem, was ich eben wahrscheinlich 
nicht gut und systematisch geschrieben habe, auch den Grund davon, 
daß der Gegenstand immer erst zu seiner extremsten Form gediehen 
sein muß, ehe er in sich zurückgehen kann oder daß die reine Form 
erst Inhalt, Substanz, Zeitidee geworden sein muß, ehe sie als solche 
erkannt werden kann. Es ist eben das, daß das Ich erst als Substanz, 
als Sein sich gegenständlich geworden sein muß, ehe die Substanz, 
das Sein als Ich erkannt werden kann. Es ist die Natur des Begriffs, 
der reinen Negativität, sich in sein absolutes Gegenteil abzustoßen, 
d. h. sich, der die reine Form ist, als Sein zu setzen, nur so ist das Sein 
das seinige . . . Nun, ich bete zur absoluten Idee, zu Dir, Klex und mir, 
sie möge Dir einige lumpige tausend Taler verschaffen, daß Du her- 
kommst und uns in der Geschichte, in ihren Einzelnheiten die göttliche 
Natur des Begriffs imd sein Tun, was wieder ein und dasselbe ist, nach- 
zuweisen; wir werden zu Deinen Füßen den Worten Deines Mundes 
lauschen, wie die Tiere des Waldes den Tönen von Orpheus I^eier, Du 
weißt, auch die Bäume des Waldes, ja die Steine, glaube ich, horchten 
ihm zu, aber die Tiere allein konnten ihm folgen auf seinen Wegen, 
denn es ist ein Geschenk der Gottheit, daß sie sich losgerissen haben 
von der Erde und frei ihrem Triebe folgend sich bewegen. 

Dein Arnold. 



57. 
ALEXANDER OPPENHEIM AN LASS ALLE. (Original.) 

Berlin, 19. Sept. 1845. 

. . . Du hast uns Dein Wissensbekenntnis ^) übersandt. — Gleich im 
Anfang imsrer Bekanntschaft — das Bekannt-sein darf nicht als das 



^) Siehe oben Nr. 55. 



— = 234 

Sehen der Physiognomie und Kennen des Namens verstanden werden — 
war mir wohl klar, daß Dein Handehi nicht I^aune war, daß Deine 
Handlungen nicht eine zufällige Willkür verwirklichten. Wir haben 
aber nie über Deine Persönlichkeit miteinander gesprochen, vielmehr 
war ich darauf beschränkt, sie mir selbst zu konstruieren. In Deinem 
Briefe hast Du sie nun mir klar und vollständig dargelegt, funditus; 
hast mich in den Stand gesetzt, jede Deiner Handlimgen zu begreifen, 
da ihre Seele der Begriff ist; und ich stimme mit meiner ganzen Leib- 
Seele in den Ruf ein: vainquons. Ich bin schuldig, Dir zu zeigen, wie 
d. i. daß ich Dich begriffen habe. Dies vermag ich für jetzt nicht. 
Ich sträube mich dagegen, erst zu urteilen, dann zu fassen; der Inhalt 
Deines Briefes ist mir aber noch nicht sattsam geläufig, ich bin noch 
zu wenig einheimisch in dem gewölbten Hause der Philosophie, als 
daß ich darlegen wollte, was davon auch mir gehört. Die Bemerkung 
mag schon jetzt hier einzeln ihren Platz finden, daß ich den Punkt, 
der die Mittel betrifft, mittelst deren der Kampf zu führen und zu 
glorreichem Ende zu führen, in manchem Betracht noch am wenigsten 
überwunden habe. Dies ist aber, wie gesagt, nur der Ausdruck eines 
unmittelbaren sentiments; der Inhalt dieser Bemerkung ist noch roh 
und muß erst durchs Denken verarbeitet werden, womit er alsdann 
eine bestimmte Form erhalten oder schwinden wird . . . 



58. 
AIvBBRT LEHFELDT AN I,ASSAIJ,E. (Original,) 

Berlin, 19. September 1845, 
d. h. am zweiten Tage nach 
Empfang Deines Briefes; - — 
des Briefes, von dem der Dichter 
sagen würde: O Du Brief! 

Ich suche vergebens, welchen von Deinen Titeln ich wohl als An- 
rede in meinem Heutigen gebrauchen könnte, und finde keinen! Ich 
erlaube mir deshalb, ihn folgendermaßen zu beginnen: 

Großer General, 
Feldherr des Geistes! 

Wenn ich mir nicht, was einem vollkommenen Gentleman tmerläß- 
lich ist, abgewöhnt hätte, über irgend etwas zu erstaunen — ich wäre 
erstaimt über Deinen Brief ^) — Brief? O wie pauvre klingt dies Wort — 
Schreiben — nein! Epistel! — nein! ich will sagen über Dein ge- 



^) Siehe oben Nr. 55. 



== ^ = 335 =^ 

schriebenes Ereignis, oder über Dein briefliches Glaubensbekennt- 
nis, oder über Dein in Form eines Briefes erlassenes Manifest — wenig- 
stens: über Deinen Brief brief, gewissermaßen (Brief) 4! — 

Ich bin es gewohnt, die gewöhnlichen Maßstäbe an Dir vergebens 
zu versuchen ; so wird es auch bald mit der Sprache werden. Wir werden 
müssen verschiedene neue Worte für Dich erfinden ; — heute wenigstens 
klingt mir meine Prosa etwas mager für Dich: ich werde deshalb wenig- 
stens in gebundener Rede fortfahren: 

Beim Glühwein gestern Abend las uns Arnold den gewaltigen, 

Den briefigsten der Briefe, den enormen ungestaltigen. 

Wir saßen wie Apostel da und hingen ihm am Munde, 

Es war das Evangelium vom allcrneusten Bunde; 

Es war von dem, was kommen wird, die wunderbare Kunde, 

Es war vom nächsten Kriegeszug der Wacheruf der Runde, 

Es war die Analysation der großen Zeitenwunde, 

Es war ein großes lychrgedicht : vom Wuchern mit dem Pfunde! 

Jetzt bin ich alle Reime los, bloß Hrnide nicht und Stunde; — 

Nun! — Als der Brief zu Ende war, da schliefen schon die Hunde, 

Vergangen war die Mitternacht, es klang die erste Stunde! 

Die erste Stunde, ja, bei Gott, wenn klingt die erste Stund', 

Der Freiheit erste Stunde, wann!? wann schlafen alle Hunde?! 

Daß ich nur jetzt es sage gleich, es war mir schier verdrießlich, 

Was Du zu meinen scheinst, der Brief war' mir wohl ungenießlich. 

Ich habe ihn von Anfang an bis an das End' verstanden, 

Trotzdem mein gutes Ich noch klebt an subjektiven Banden. 

Wohl weiß ich, was es heißen soll: daß just es Ding geworden 

Das Fürsichsein; und daß deshalb man rauben darf und morden. — 

Ich habe, wie der Dichter stets, etwas von Gottes Gnaden, 

Und Resultate ohne erst mühvollen Weg zu waden. 

Und meinst Du, daß mir fehlt deshalb Diplom und auch Berechtigung. 

Weil ich nicht weiß, warum zum Krieg wir haben die Ermächtigung? 

So mein' ich, daß der Kampf mir ziemt, schon bloß als Proletarier — 

Unmöglich ist der Reim hierauf — es reimt bloß Proletarier! — 

Auch glaub' ich, keine Zeit wird je sein wollen ohne Dichter, 

Drum achte meine Existenz, Erhabenster der Richter: 

Denn wer soll einst, wenn Ihr gesiegt, Ihr philosoph 'sehen Ringer, 

Von Eurer neuen Herrlichkeit sonst werden der Besinger? 

Drum will ich so wie ich es kann bei Euren Fahnen streiten. 

Und dann Euch den Triumphgesang des neuen Siegs bereiten. 

Auch kann ein jeder wohl mit Müh' aus Stahl ein Schwert sich schleifen 

Und mancher wohl mit größrer Müh', Philosophie begreifen. 



. __ 236 

Doch mit der allergrößten Müh', sich nie zum Dichter ringen, 
Wer nicht dazu geboren ward, geboren ward zum Singen! — 

Den Tag nach Deiner Abreise war ich bei Stücker, nachdem er mich 
nämlich an jenem letzten Mittag im Hotel de Brandenbourg speziell 
dazu aufgefordert. Ich traf ihn zu der festgesetzten Zeit nicht, hinter- 
ließ meine Karte und das Gedicht.^) Er hat sich aber weder sehn noch 
hören lassen, und ich kam zu der Überzeugung, daß er wohl ein 
Flegel sein möchte ... 



59- 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 22. 9. 45. 

. . . Was Klex anbelangt, so bin ich begierig, was zwischen Euch 
Schreibweise vorgehen wird; ich wünschte sehr, Du könntest hier sein, 
weil Du alles aus ihm machen kannst, ich weniger. Er hält zwar viel 
auf mich, aber ich bin ihm doch schon gewöhnlich, auch hat er mich 
noch nichts im sozialen Krieg vollbringen sehn, und es mag ihm die 
Sache erscheinen, daß Du wohl fähig sein möchtest, auch etwas zu voll- 
führen, was Du Dir vornimmst, daß ich mir aber nur Hirngespinste 
mache, als wäre ich Moor. Natürlich sagt er mir nichts dergleichen, 
aber ich merke es. Auch ist er noch nicht genug philosophisch gebildet, 
um Deinen Brief ^) in seinem ganzen Umfang und seiner Tiefe zu verstehen 
und ist auch daher noch nicht mit seinem Willen dabei. Er versteht 
sich höchstens dazu, geschehen zu lassen und mit seinem Wissen dabei 
zu sein; Du würdest nach meiner Meinung auch seinen Willen sehr 
bald erobern. Nach Empfang Deines heutigen Briefs, den ich erst las 
und ihm dann gab, kam er herein zu mir und sagte: Wir müssen 
doch dem Lassal schreiben, daß, wenn das Geschäft Mitte November 
abgeschlossen ist, dies keineswegs zu spät ist für das folgende Semester. 
Ich antwortete, daß Du das vielleicht auch schon wüßtest, daß das 
Eintreten eines größern Wechsels daher auch wohl von einem andern 
Umstände abhängen müsse; jedenfalls wollen wir es ihm schreiben, 
erwiderte er. Du siehst, daß er größern Teils uns gehört, daß aber bei 
ihm das fehlt, wovon ich nicht sagen kann, ob es bei ihm bleibende 

^) Unbekannt mit Lassalles Brief an Stücker (s. o. Nr. 40) feiert Lehfeldt hier 
den Baron, weil er ,,der Mutter Erde sich verbündet": 

,,Man weiß von Herkules, wer sie berühret, 
Dem hat sie neue Macht stets zugeführet! — " 

2) Siehe oben Nr. 55. 



— 237 

Naturbestimmtheit sein wird, oder ob es bisher nur durch sein Nicht- 
wissen und dadurch, daß er von Anfang an Vermögen hat, hervor- 
gebracht ist, nämlich die Negativität, der Trieb, der Zug nach dem 
andern. Er ist nicht lebendig, ich weiß nicht, ob er es werden wird; 
kann ihm einer den Odem einblasen, so bist nur Du es , . . 

d. 23. 

Gestern fuhr ich mit Klex spazieren; wir kamen aufs Reisen zu 
sprechen, und er sagte, ein paar Jahre wolle er reisen, und zwar ge- 
denke er künftiges Jahr zu beginnen; es ging aus dem Gespräch hervor, 
daß er nur geblieben sei und noch bleiben werde, um mich nicht zu 
verlassen, daß er aber abziehen will, sobald er mich anderweitig ver- 
sorgt sieht, natürlich wurde dies nicht ausgesprochen. Ich zeigte ihm, 
daß er jetzt und noch längere Zeit ganz ohne Nutzen und somit auch 
ohne Vergnügen reisen werde, daß die andern Städte und Menschen 
mit diesem oder jenem Modifikatiönchen eben dieselben seien, daß er 
aber im Begriff sei, vom Baum der Erkenntnis zu essen, daß er daher 
bald dazu kommen werde, ein Leben ohne Tätigkeit, d. h. Tätigkeit, 
die etwas tut, die Selbstbetätigung, unerträglich zu finden; ein solches 
sei aber das zwecklose, sogenannte Vergnügungsreisen,^) wo man die 
äußern Dinge auf sich wirken lasse, ohne sich selbst dagegen tätig zu 
verhalten. Er gab mir zu, daß er vielleicht auch nur kurze Zeit reisen 
werde. Also, Meister über die Geister, Du siehst, ich arbeite Dir zweck- 
gemäß vor, aber ich kann Dir auch nur vorarbeiten, das Vollbringen 
wird Deine Sache bleiben. Was mir besonders noch nicht gefällt, ist, 
daß er sich bei seinen Juristicis noch nicht so ennuyiert, wie ich mich 
bei den Medicinis ennuyierte, auch daß er sich selbst und auch den 
andern gegenüber sich noch immer für denselben hält, der er war, d. h. 
die Veränderung, die offenbar vorgegangen ist, noch nicht merkt oder, 
•wenn er sie merkt, nicht merken läßt. Doch vielleicht ist das auch sehr 
gut, denn er ist dann um so gefährlicher für die andern, wenn er wirk- 
lich zum Wissen und Willen kommt, wie mir das nicht mehr zweifelhaft 
scheint. Deinen Brief lasse ich noch immer in seinem Sekretär liegen; 
ich habe gesehen, daß er ihn einmal für sich gelesen hat, auch werde 
ich ihn noch einmal mit ihm lesen, denn er hat die ganze Bedeutung 
desselben noch nicht verstanden. Nächstens ein mehreres über andre 
Dinger (denn so lange Klex nur aus Gefühl, aus Gutmütigkeit so handelt, 
Avie er es tut, ist er eben auch noch Ding, welches erst Fürsichsein zu 
■werden hat). 

Dein Arnold. 

^) Vgl. lyassalles identische Ansicht darüber in dem Brief an Joseph Mendels- 
sohn Nr. 45. 



^^ =: 238 — 

60. 

ARNOLD MENDEivSSOHN AN I,ASSAI,IvE. (Original.) 

[Berlin] 26. ). 45. 

. . . Im Bett fragte er ^) mich, wie steht es mit Deinem Plan zur 
Reise; ich sagte, wie Du weißt, nicht gut, Lassal scheint mit Stücker 
etwas gehabt zu haben und wird daher wohl nicht für mich von ihm 
fordern. Mit Müller geht es mir auch noch nicht gut genug, daß ich 
mich an ihn wenden könnte. ,,Mit Deinen Verwandten wird es auch 
nichts sein?" Das kann man noch nicht wissen, wenn I^assal mit ihnen 
zu tun bekommt, so erhält er auch Geld von ihnen für mich. 2) ... Er 
fing darauf an, aus Dahlmanns Geschichte der französischen Revolution 
zu lesen, wo Voltaire angeführt wird, der die Revolution voraussieht 
und sagt: Unsre glücklichen Kinder, das Spektakel wird ungeheuer 
werden, wenn ich doch noch etwas davon erleben könnte. ,,So wird 
es uns auch gehen," sagte Alexander, ,,wir können auch nur wünschen." 
,,Oho, der Unterschied zwischen jenen Ivcuten und uns ist sehr klar. 
Du vergißt, daß wir Lassals Stufe D^j sind; jene sahen die Revolution 
nur als notwendig voraus, wir wissen und wollen ihren Inhalt, wir 
werden sie machen; wenn wir nur erst hier fest sitzen und Geld haben, 
dann wollen wir Berlin wenigstens bald auf den Kopf stellen." Dies 
unser Gespräch . . . 



61. 
ARNOLD MENDELSvSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 8. 10. 45. 

. . . Du schreibst, Du hättest sollen eine Reise nach Paris *) machen ; 
Klex sagte, als er den Brief gelesen hatte, ich solle Dich doch darauf 
aufmerksam machen, daß Du zu der Reise auch 600 Rt. wenigstens 
brauchst und daß Du diese lieber dazu verwenden möchtest, um eben 
schon künftigen Monat herzukommen. Ich machte ihm begreiflich, 
daß Du diese Reflexion, wenn sie in der Sache läge, wohl selbst machen 
würdest, daß es daher mit der Reise nach Paris noch eine andre Be- 



*) Alexander Oppenheim. 

2) Vgl. Lassalles Briefe an Joseph Mendelssohn. S. oben Nr. 44 bis 51. 

^) In lyassalles Philosophie des Geistes ist Stufe D ,,der Geist, der sich be- 
wußt ist seiner als des sich zur WirkUchkeit entlassenen und diese zu sich auf- 
hebenden Tuns". 

*) I<assalle trat erst im Dezember seine erste Pariser Reise an. 



== 239 — 

wandtnis haben müsse. Vielleicht seien Geschäfte damit verbunden, 
sie müsse doch ausgeführt werden, wenn Du sie auch nicht machen 
wolltest. Die Ungeduld, die Du hinsichtlich der Entscheidung Deines 
Herkommens hast und die Du als fieberhaft bezeichnest, teile ich so 
sehr, daß ich dadurch mit allem andern, was mir im Kopf herumgeht, 
außerstand gesetzt bin zu arbeiten, intensiv genug Hegel zu lesen; 
dabei nun noch Deinen Umgang entbehren und mich nicht für tage- 
lange Gespräche mit andern Menschlein durch ein paar Worte mit 
Dir zu entschädigen, hol' mich der Teufel, das ist hart. Ich habe keine 
Freude am Manne und — am Weibe erst gar nicht, obgleich usf. 
siehe Hamlet. Als Du gehen wolltest von Berlin, fragte ich, mit wem 
soll ich denn umgehen, wenn Du fort bist? Häng' Dich, sagtest Du, 
das wird das Beste sein. Blasser Schurk', ich sage Dir, wenn Du nicht 
bald kommst und ich ernstlich unter Deinen Fahnen fechten kann, 
so mache ich das Wort wahr, obgleich ich mich nicht halb so gern 
hängen möchte, als manche andern in dieser gottlosen zähen Welt. 
Gestern war Klex' Geburtstag; ich habe ihm Sallets ^) Atheisten und 
darüber eine Jakobinermütze geschenkt, und einen Brief dazu ge- 
schrieben . . . 



62. 

I.ASSAI.LE AN EINEN UNBEKANNTEN. Fragment. (Konzept von 
der Hand Ivassalles.) 

[Oktober 1845.2)] 

Was wollen Sie eigen thch? Kümmern Sie sich nicht um Sachen, 
die Sie nichts angehen. Sie haben für das Wohl der Stadt zu sorgen, 
nicht für das Wohl des Staates. Das ist meine Sache. vSie beschuldigen 
mich der Parteinahme und sind doch selbst Partei! Denn Sie sehen 
nur auf Reden der ChristHchkatholischen ^) imd Lichtfreunde. Wir 
stehen als Menschen gleich, Sie aber sind Untertan, imd ich bin Herrt 
Ich brauche und will mich von gewöhnlichen Menschen nicht bestimmen 
lassen. Wissen Sie, was Sie zu tun haben? Der Obrigkeit gehorchen, 
die Gewalt über Sie hat. Ich habe diese Gewalt und werde sie ge- 



1) Des schlesischen Dichters Friedrich von Sallet (18 12 — 1845) Schrift: ,,Die 
Athaistea aai GDttlosen unserer Zeit" war erst nach seinem Tode 1844 erschienen. 

2) Dies Konzept steht avif demselben Bogen wie das zu Lassalles Brief an 
Joseph Mendelssohn vom Oktober: „Mit Bezugnahme etc." S. oben Nr. 49. 

^) Das Wort ist, wie alle Worte dieses Konzepts, stark abgekürzt. Es lautet 
im Text: Chrstkthlschn . 



- 240 : 

brauchen. Das versichere ich Sie. Was eine allgemeine Synode be- 
trifft, so werde ich sie seiner Zeit berufen, doch auch nur dann, wenn 
es mir gefallen wird. Ich lasse mir nichts abzwingen.^) 



63. 
ARNOIvD MENDELSSOHN AN LASSAIvLE. (Original.) 

Berlin, 17. 10. 45. 

Obgleich ich von Tag zu Tag glaube, Dich hier ankommen zu sehn, 
weil ich gar keine Nachricht von Dir erhalte, so will ich Dir dennoch 
so oft schreiben, als etwas Mitteilenswertes vorhanden ist. Bethmann- 
Hollweg ^) wird erster vortragender Rat im Ministerium des Kultus und 
ist dem Gerücht nach als der Nachfolger Eichhorns designiert, wenn 
derselbe mit der Zeit abgehen oder abgegangen werden sollte. Er 
wird also eine nicht unwichtige Persönlichkeit für Dich, ganz abge- 
sehen von seinem vielen Gelde. Zu einem jungen Manne, der bei ihm 
aß, hat er gesprächsweise einmal gesagt: Man müsse Gott danken, 
wenn man täglich trocken Brot zu essen habe. Vielleicht läßt er sich 
bestimmen, uns auch Butter auf dasselbe zu liefern . . . 



64. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 29. 10. 45. 

. . . Doch jetzt einige Worte aus dem Reiche Gottes; Karl Grün 
hat ein Buch herausgegeben: Die soziale Bewegung in Frankreich und 
Belgien,^) welches ich dieser Tage mit großem Vergnügen gelesen habe. 
Es sind Briefe an seine Frau und Studien, wie er es nennt, an vielen 
Stellen vorzüglich geschrieben. Du weißt, daß ich sehr unbewandert 



^) Über Adressaten und Inhalt dieses Briefes läßt sich nichts irgendwie 
Sicheres aussagen. 

2) Moritz August von Bethmann-Hollweg {1795 — 1877), der namhafte Jurist 
und Politiker war 1845 zum Mitghed des Staatsrats ernannt worden. Kultus- 
minister wurde er bekanntlich erst unter der neuen Ära. Von ihm, seinen un- 
verheirateten Töchtern, seinem Reichtum, zu denen die Freunde sich irgendwie 
Zugang verschaffen wollten, ist in diesen Briefen öfters die Rede. 

3) Karl Grün, ,,Die soziale Bewegimg in Frankreich und Belgien". Briefe 
und Studien. Darmstadt 1845. 



= 241 = 

bin in den französischen Zuständen, und das Buch war mir daher durch 
die Tatsachen, die es enthält, schon sehr interessant; sowohl diese, 
nämlich die Systeme der vSozialisten und Kommunisten, als besonders 
Grüns Kritiken wurden mir doppelt interessant, weil ich über allen 
stand, von einem Dir nicht unbekannten Adler zur Sonne getragen; 
ich sah, wie diese verschiedenen Gestalten des Bewußtseins die Ge- 
burtsstätte des Herrn, des Begriffs umdrängten, würde Papa Hegel 
sagen, imd wie die gewappnete Pallas dem Haupte des Zeus nächstens 
entsteigend ihr unwiderstehliches: ,,es werde Licht" in das Chaos hin- 
einrufen wird. Man wird die Augen ziemlich aufreißen. 

Folgende Stelle muß ich Dir joci causa abschreiben, sie ist eine von 
den besseren, hat mich aber aus guten Gründen besonders angesprochen; 
Grün kritisiert Pierre I^eroiix^) und dessen Meinung von ScheUing und 
Hegel und sagt: 

„Ihr Franzosen, laßt den Hegel in Ruhe, bis ihr ihn versteht. Trinkt 
einmal ein Jahr lang keinen Kaffee, keinen Wein; erhitzt Euer Gemüt 
durch keine aufregende Leidenschaft; laßt den Guizot regieren und 
Algier unter die Herrschaft Marokkos kommen ; sitzt auf einer Mansarde 
imd studiert die Logik nebst der Phänomenologie. Wenn Ihr dann 
endhch nach Jahresfrist mager und mit rot angelaufenen Augen in die 
Straßen herabsteigt und meinetwegen über den ersten Dandy oder 
öffentlichen Ausrufer stolpert, laßt Euch das nicht irren. Denn Ihr 
seid mittlerweile große und mächtige Menschen geworden. Euer Geist 
gleicht einem Eichbaum, den wimdertätige Säfte ernährten; was Ihr 
anseht, das enthüllt Euch seine geheimsten Schwächen; Ihr dringt 
als erschaffene Geister dennoch ins Innere der Natur, Euer BHck ist 
tötend. Euer Wort versetzt Berge, Eure Dialektik ist schärfer als das 
schärfste Guillotinenbeil. Ihr stellt Euch ans Hotel de Ville — und die 
Bourgeoisie ist gewesen, Ihr tretet ans Palais Bourbon — und es zer- 
fällt, seine ganze Deputiertenkammer löst sich in das Nihilum album 
auf, Guizot verschwindet, Ludwig Phihpp erblaßt zum geschichtlichen 
Schemen, und aus all diesen zugrunde gegangenen , .Momenten" erhebt 
sich siegesstolz ,,die absolute Idee" der freien Gesellschaft. Ohne Scherz, 
den Hegel könnt Ihr nur bezwingen, wenn Ihr selbst vorher Hegel 
werdet. Wie ich schon oben sagte: Moors Gehebte kann nur durch 
Moor sterben." 

Leb wohl, Moor, ich küsse Dich zu wiederholten Malen und danke 
Dir, daß Du Dich und mich gemacht hast. 

Dein Arnold, 



^) Pierre I,eroux (1797 — 1871), der französische Sozialist. 

Mayer, Lassalle-Ndchlass I l6 



: 242 : 

65. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 4. ii. 45. 

. . . Du hast mich während Deiner hiesigen Anwesenheit gefragt, 
wohin die Logik in Deinem System zu stehen komme; leider habe ich 
den Bau desselben nicht so im Gedächtnis, wie ich sollte, um es genau 
zu wissen; ich denke aber, auch sie steht, wie alles bei Dir, begrifflich 
tmd historisch auf derselben Stelle, also am Ende von Stufe C oder 
Anfang von Stufe D.^) Es ist die begriffene Auflösung, der Schlüssel der 
vorhergehenden Welten tmd das ewige Naturgesetz der dann folgenden 
ungehemmten Verwirklichung des Subjekts, das Wissen des ersten 
absolut wissenden Subjekts, die zum Wissen von sich herausgearbeitete 
Stufe B und C. Doch ich quäle mich vergebens, ich werde es doch 
nicht sagen, wo sie hinkommt, ich will es lieber verschweigen ; Du bist 
daher auch ganz sicher, daß ich es keinem andern sage und ein Plagia- 
rius an Dir werde. Meinem Schwager habe ich, als er mich fragte, ob 
ich deim ein philosophisches System hätte, geantwortet: Ja, Dir, aber 
auch nur Dir werde ich vorläufig antworten: Nein. 

Dieser Tage las ich ein Buch von Friedrich Engels, dem einen Vater 
„Der heihgen Famihe",^) ,,Die Lage der arbeitenden Klassen in England," 
ein recht verdienstliches, mühsames Werk; er hat es mit einer engHsch 
geschriebenen Dedikation den englischen Arbeitern gewidmet; es hat 
mich zum Überiluß in meiner Wut bestärkt, in meinem Grimm ge- 
stählt, ich habe das Herz pochen für das Wohl der Menschheit gefühlt, 
welches nicht in den Wahnsinn des Eigendünkels übergeht, sondern 
als der ruhige Zorn des Wissens die Zeit des Hervorbrechens, des Seins 
erwartet. Übrigens ist es unmöglich, daß es in England noch lange Zeit 
bei dem verdeckten sozialen Kriege bleibt, der sich nur von Zeit zu 
Zeit durch dieTurn-outs der Arbeiter oder durch einzelne Demolierungen 
von Fabriken usf. in einen offnen verwandelt, die Chartisten sind, 
wie das Buch zeigt, in gewaltiger Anzahl vorhanden, gewinnen täglich 



^) Lassalles Skizze seines philosophischen Systems ist ein überaus schwer ent- 
zifferbares, von schwierigen Abkürzungen wimmelndes Manuskript. Das System 
besteht aus vier Hauptstufen, die sich zum Teil noch in Unterstufen und diese 
wiederum in Unter-unterstufen gliedern. 

2) ,,Die heihge Famihe", die bekannte Streitschrift von Marx und Engels gegen 
den bei der Ideologie verharrenden Flügel der Junghegelianer, namentlich gegen 
Bruno und Edgar Bauer, war Anfang 1845, Engels ,,Ivage der arbeitenden Klassen 
in England" einige Monate später erschienen. Leider besitzen wir keinerlei Äuße- 
rungen Lassalles, die uns belehrten, inwieweit er diese und die anderen Schriften und 
Aufsätze, die Marx und Engels bis dahin veröffentUcht hatten, damals schon 
kannte. 



^=^ 243 - — == 

an derselben und wissen vollkommen, was sie wollen und was sie zu 
tun haben, um es zu erreichen. Im März 44 legten 40 000 Kohlen- 
gräber den Kohlenkönigen einen Vertrag durch eine Deputation vor, 
den sie sich von ihrem Agenten (dem sie jährlich 1200 Pf. St. bezahlen) 
hatten aufsetzen lassen, und da die Könige sagten, sie hätten es nur 
mit einzelnen Arbeitern zu tun und erkennten die Verbindung nicht 
an, so legten die 40 000 ihre Hacken nieder; jeder bekam aus den Fonds 
der Gesellschaft 2V2 Sh. wöchentlich für einige Monate. Mit welcher 
Grausamkeit die Könige ihre Gegenmaßregeln, welche sie durch das 
Truck- und das Cottagesystem in der Gewalt haben, in Ausführung 
brachten, ist interessant, noch viel interessanter die Siege, welche 
Roberts,^) ihr Agent, erfocht. Es kam so weit, daß man Kohlen aus 
.Schottland nach Newcastle bringen mußte (to carry coals to New- 
castle heißt Hunde nach Bautzen führen). Sie wurden endlich doch 
besiegt, dies hat aber gar nichts zu sagen, denn sie sind hierdurch aus 
ihrer lyCthargie aufgerüttelt worden, sind erklärte Chartisten geworden, 
woran sie früher nicht dachten (40 000 so auf einmal ist eine gesunde 
Anzahl), und Roberts wurde von einer andern Assoziation engagiert. 
Denn das Schönste bei der Sache ist, daß, als die liberale Bourgeoisie 
die Reformbill ^) durchsetzen wollte, sie ihre Arbeiter zum Stimmgeben 
brauchte und in ihrer gottverlassnen Dummheit eine Bill durchsetzte, 
welche die Arbeiterassoziationen gesetzlich machte, so daß der sich 
immer mehr verallgemeinernde Krieg der Arbeiter gegen die Mill -Lords 
vollkommen organisiert tmd gesetzlich garantiert ist. Da ich nicht 
weiß, wie viel Du von den dortigen Verhältnissen kennst imd ob Du 
das Buch von Engels gesehen hast, so will ich Dir noch ein Gedicht 
abschreiben, welches die Ansicht der Fabrikarbeiter ausspricht; die 
Form ist interessant, es klingt zuweilen ein Reim in einen einzelnen 
Vers hinein, Mitte und Ende reimt, es ist dies die alte englische Balladen- 
form; z. B. im Byron: 

Beware, beware, of the black friar 

Who sitteth by Norman stone 

For the mutters his prayer in the midnight air 

And his mass of the days, that are gone usf. 

Wahrscheinlich geht das ganze Gedicht im Englischen so, Engels 
hat es in seiner Übertragung nur zuweilen: [Hier folgt die Abschrift 

1) Der Advokat W. T. Roberts aus Bristol. Vgl. hierzu bei PYiedrich Engels 
a. a. O. 2. Auflage. Stuttgart 1892. S. 256 ff. 

^) Die Reformbill, die das Wahlrecht zum Unterhaus auf eine bedeutend 
breitere Basis stellte, war nach langen Kämpfen in- und außerhalb des Parlaments 
im Juni 1832 Gesetz geworden. 



des Gedichts „König Dampf", vgl. Friedrich Engels, Die Lage der 
arbeitenden Klasse in England, 2. Aufl., Stuttgart 1892, S. 188 f. ^j]. 

Was meinst Du zu dieser Arbeitermarseillaise ? Ist sie nicht schöner 
und wahrer wie Gottschalls Bauernlied im Thomas Münzer, was Dir. 
so gefiel? Und doch ist das I/ied von einem Arbeiter Edward P. Moad 
in Birmingham. Wunderbar, wunderbar, sagt ein Schulmeister in 
einem Scottschen Roman . . . 

Schreibe Du mir nur auch bald einmal wieder, wenn Du auch noch 
keine besseren Nachrichten mitteilen kannst; ich empfehle Dir das Buch 
von Karl Grün, Dich etwas zu unterhalten, ist es gut genug. Du weißt, 
ich muß viel von einem Buche halten, wenn ich es für so viel halte. 
Leb wohl! 

Dein Arnold. 



66. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 12. 11. 45. 

. . . Zuletzt sagte ich ihm: 2) Du hast noch etwas, was Dir unser 
Kleiner (damit meine ich Dich) hoffentlich bald abgewöhnen wird; 
Du weißt nicht, daß Du über die Börsen einer Masse von Leuten zu 
gebieten hast. Dies wollte er nicht glauben, ich sagte ihm, er solle nur 
warten bis Du kommst. Du würdest ihm diese unsre kleinste Kirnst 
nicht vorenthalten. Da er noch zwei Doppelfritze bei sich führte, so 
teilten wir diese redlich, es war das erste Mal, daß er vollständig von 
seinem Fürsichsein abließ und der erscheinende Gott mitten vmter uns 
war. Er fragte nach Isolan. Ich erzählte ihm, daß ich ihm einen Brief 
von Dir vorenthalten hätte und warum. Wir beschlossen einstimmig, 
mit der Ausführung des Urteils auf Dich zu warten, ich werde morgen 
hingehen und ihm Eßmarken kaufen; macht er dann noch dumme 
Streiche, so hol ihn der Teufel, der Großinquisitor-Kardinal, ich habe 
das meinige getan, d. h. was ich konnte. Also, Herzensfreund, Kerl aller 
Kerle, komm, wir werden alles hier vermögen. Wenn ich bisher nichts 
für Dich gewonnen habe, so habe ich Dir den kleinen Klex, den Du 
gewonnen hattest, erhalten, und sein Werden beschlemiigt ; ihn ganz 
zu etwas, zu einem wissenden Subjekt zu machen, dazu bist Du, der 



*) Eine etwas anders lautende Übersetzung des ,, König Dampf" veröffentlichte 
Engels damals in dem von Moses Hjß in ßlberfeld herausgegebenen ,, Gesellschafts- 
spiegel, Organ zur Vertretung der besitzlosen Volksklassen", 1845, S. 162. 

2) Alexander Oppenheim. 



— =^^ 245 = 

Meister nötig. Ich bin nur ein armer stümperhafter Jünger; jedenfalls 
haben wir beide den Willen, aus uns was zu machen, was wir unsrer 
Natur nach werden können. 

67. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 18. 11. 45. 

. . . Diesmal, mein Freund, scheinst Du und der Gott dieser Welt 
Euch nachdrücklich gepackt zu haben und die Götter sind gerettet, 
sobald Du diesmal gesiegt hast. Möge es recht bald gehngen, die Zeit, 
wo die Philosophie darin bestand, daß der einzelne nicht über den lang- 
samen Gang des Weltgeistes ungeduldig wurde, ist vergangen, das 
absolute Wissen ist umgeschlagen in die absolute Praxis. Gestern 
abend habe ich mit Klex Deinen Brief noch einmal gelesen, den langen; 
er hat ihn jetzt, soweit es ihm möglich, verstanden; die Vorgänge, 
welche ims äußerlich in letzter Zeit betroffen, haben dazu gedient, 
das Allgemeine, den Begriff, für ihn zu besondern und das Besondere 
ihn als ein Allgemeines anschauen zu lassen. Du wirst in kurzer Zeit 
Wunder bei ihm wirken. Ich hatte den Brief bisher bei mir; er sagte, 
laß mir ihn wieder hier, überhaupt werde ich, ehe der letzte Inhalt 
des Rechts, die bloß formale Bestimmung desselben, aufgehoben wird, 
das Eigentum an diesen Brief mir vindizieren, denn hauptsächlich ist 
er für mich geschrieben . . . Kennst Du ,,Die letzten Philosophen" von 
Heß?^) Eine nicht unwichtige Broschüre, 

68. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 24. 11. 45. 

. . . Stoff will ich für Dich schon sammebi, komm nur her und be- 
arbeite diese Dinger, wie Du Macht hast, ich verstehe jetzt Deinen ganzen 

1) Moses Heß (1812 — 1875), der bekannte deutsche Sozialist und später Vor- 
läufer des Zionismus, hatte 1845 unter dem Titel „Die letzten Philosophen" eine 
Streitschrift gegen Bruno Bauer und Stirner veröffeuthcht. Da Mendelssohn auf 
diese Polemik gegen „Der Einzelne und sein Eigentum" hinweist, so muß man 
annehmen, daß er und vermuÜich auch Lassalle von Stimers Werk, das Ende 
1844 erschienen war, Kenntnis hatten. Daß wir hierüber nichts Authentisches 
wissen, bleibt um so bedauerhcher, als in Lassalles ,, Kriegsmanifest gegen die Weif 
(vgl. Nr. 55) an einigen Stellen eine Beeinflussung durch Stirners paradoxes Buch 
sich als recht wahrscheinhch aufdrängt. — Über Moses Heß wird demnächst eine 
eingehende und materialreiche Biographie von Theodor Zlocisti erscheinen. 



- 246 — = 

Plan so vollkommen wie Du, bin aber mir bewußt, daß ich selbst nur 
als ein geringer Handlanger bei Ausführung desselben tätig sein kann ; 
vielleicht gelingt es Dir noch, etwas mehr aus mir zu machen.^) 

In der Logik habe ich nämlich dieser Tage den subjektiven Zweck 
imd seine Objektivierung studiert; ich habe darin nicht bloß gefunden, 
wie systematisch und logisch wahr Du auch in den kleinsten Dingen 
verfährst, sondern bin auch der Erkenntnis, was ich physiologisch 
und philosophisch durch meine Entdeckung geleistet habe, wiederum 
näher gerückt; wir werden darüber sprechen. Wie freue ich mich, 
mit Dir einst die Logik lesen zu können; nach meiner Verheiratung, 
nicht wahr? Ist es nicht die vom Begriff (F. Lassal) in die absolute 
Notwendigkeit verkehrte Zufälligkeit, daß der Erstgeborne des neuen 
Phöbus Apollo der neue Asklepios ist? Und wenn Du mich künftig 
mit einem Stock wegjagtest, durch die Logik mußt Du mir noch helfen, 
ich werde mich nicht so abweisen lassen, wie Gans von Hegel. Ich 
setze übrigens einige Hoffnungen auf mich; ist unser besonderes 
Fürsichsein erst begründet, so will ich schon graben im Schachte der 
Erkenntnis, daß es eine Lust sein soll auch für Dich . . . 



69. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, 30. Nov. 1845. 

. . . Ich sitze bei mir, lese De la Prusse d'tm inconnu^) und denke, 
daß Du Dienstag mir geschrieben hast, Du wirst kommen. Donner- 
wetter, es war der Teufel, wenn der Phosphoros nicht einmal eine 
Gasanstalt fertig kriegen sollte . . . 

Daß Dein Schwager in Paris ist und geschrieben hat, das Ge- 
schäft sei so gut wie abgemacht, behagt mir übrigens noch nicht 

^) Mendelssohn spricht vorher von seinem Verkehr mit dem Assessor Robert: 
,,Sein Vater ist ein Mann von großem Vermögen." Darm heißt es: ,,Ich werde 
durch ihn die Bekanntschaft eines Assessors Schütte machen, der kürzUch 200 ge- 
erbt hat." Darauf folgt sogleich ,, Stoff usw." s. o. Immer wieder sind die Freunde 
darauf aus, die Bekanntschaft reicher Leute zu machen und entweder diese selbst 
oder auch bloß ihre Börsen für ihre Sache zu gewinnen. Wie diese ,, Sache" von 
ihnen aufgefaßt wurde, würden wir unendlich klarer sehen, wenn wir die Briefe 
I,assalles, von dem alle Initiative ausging, besitzen würden. 

2) Das Buch: De la Prusse et de sa domination sous les rapports pohtiques et 
rehgieux sp^cialement dans les nouvelles provinces. Par un inconnu Paris 1842 
ist das Werk eines kenntnisreichen und fein beobachtenden französischen katho- 
hschen Demokraten, das heute unter Verhältnissen, deren Wiederkehr bei uns 
niemand für möghch gehalten hätte, ein erneutes Studium sehr verlohnt. 



ganz, weiß der Teufel, was ich gegen Deinen Schwager habe, er scheint 
mir aber immer ein windiger Bursch; doch Du würdest uns so viel 
nicht schreiben, wenn Du nicht selbst sicher wärst, daß die Sache so 
ist; also vainquons . . . 

Der Inconnu sagt: ».l'Allemand est l'homme du devoir, patient, 
lent, mais infatigable, d'un esprit qui s'etend moins et creuse plus 
(der Mann weiß nicht, daß nur die Tiefe die Breite ist) aussi difificile 
ä remuer que terrible une fois mis en mouvement et peu accessible 
au decouragement; homme d'habitude, il se laisse trop facilement 
dominer par eile. Poussant la probite jusqu'au rigorisme, son indecision 
tient le plus souvent moins ä la faiblesse qu'au scrupule; d'une ima- 
gination plus reveuse qu'ardente, il est plutöt homme de theorie 
qu'homme d'action et de pratique," 

Wenn der Inconnu wirklich ein Franzose ist, hat er sich nicht 
schlecht in den Deutschen eingelebt. Sehr interessant ist, wie die 
neuem Männer des Wissens in Frankreich, vor allen Proudhon, wie 
ich in Grün lese, ganze Deutsche sind; Proudhon der Proletarier ist 
in seiner jetzigen Debeusweise ein deutscher Gelehrter im bessern 
Sinne des Worts; er sitzt in seiner Mansarde in seiner Bluse, weiß 
die Welt als die seinige und studiert deutsch. Als ihm Grün Feuer- 
bachs lychren mitteilte (Grün ist ein abstrakter Menschheitler), wurde 
er ganz warm und sagte: Mais, c'est l'accomplissement de Monsieur 
Strauß.^) Wir wollen sehen, was der Inconnu in zehn Jahren von den 
Deutschen sagen wird. Dabei fällt mir ein, kennst Du eine Stelle aus 
Heines Salon, in welcher er die deutsche Revolution prophezeit und 
auch von den Helden derselben, den modernen Berserkern, Kantianern, 
Fichtianern tmd Hegelianern spricht ? Solltest Du sie (mirabile dictu) 
nicht kennen, so lies sie nach Tische, wenn Du etwa von vielem 
Essen schläfrig sein solltest; der kleine blonde Liebesdichter spricht 
da wie die Posaime des Jüngsten Gerichts, es ist das in seiner Furcht- 
barkeit Schönste, was ich von ihm gelesen habe; und dabei hat er doch 
I/assal und die Lassalianer noch nicht gekannt. So ein Dichter ist ein 
merkwürdiges Tier. Der arme Kerl soll übrigens krank sein, unter 
anderm bfind werden, wie mir Robert erzählt. Doch nun habe ich 
genug geplauscht, ich komme mir vor wie eine alte Base, die ihr 
Ivieblingskind in den Schlaf singt oder erzählt; die Götter mögen es 
verleihen, daß ich bald diese Funktion wirklich wieder übernehme. 
Wir haben ja den Ariost noch nicht ausgelesen. 

Dein Arnold. 



1) David Friedrich Strauß (1808 — 1874), der mit seinem „Leben Jesu" (1835) 
den Anstoß zu der Radikalisierimg der Hegelschen Schule gegeben hatte. 



: 248 ■ 

70. 

LASSAI.LE AN WIIvHElyM LEHFELDT. (Konzept von Lassalles 
Hand.) ^) 

[Breslau, Ende November 1845.] 
Sehr geehrter Herr! 

Zu meinem wahrhaften Bedauern sehe ich mich genötigt, Ihneu 
einige Mitteilungen zu machen, zu denen ich mich verpflichtet halte 
trotzdem, daß der Inhalt meiner Nachricht Sie nicht weniger unan- 
genehm und schmerzlich berühren wird, als es mir peinlich ist, Sie 
davon in Kenntnis setzen zu müssen. 

Ich bin unterrichtet von der edeln und großmütigen Weise, mit 
welcher Sie sich diesen Sommer Ihres Vetters Albert Lehfeldt ange- 
nommen haben, um diesem die Möglichkeit zu geben, in Berlin sein 
Examen zu beenden tmd seine nicht zu rechtfertigende L,ebensweise 
mit einer arbeitsamen und tätigen Existenz zu vertauschen. Dieser 
großmütige Akt, mit dem Sie Ihrem Vetter die Mittel zu seinem Aufent- 
halt in Berhn bewilligten, ist es, der es mir zur Pflicht macht, Ihnen 
mitzuteilen, welchen Erfolg bis jetzt Ihre und meine Güte gehabt 
hat. — In bezug auf letztere ist es nötig, daß ich Sie mit einigen Worten 
über mein Verhältnis zu Ihrem Vetter tmterrichte. — 

Als ich Anfang dieses Sommers von Berlin nach Breslau zurück- 
gekehrt war, benützte Ihr Vetter, den ich aus meiner früheren Uni- 
versitätszeit etwas kannte, den Zufall, der mich manchmal in öffent- 
lichen Gärten mit ihm zusammenführte, um sich gewissermaßen um 
meinen Umgang zu bewerben. Obwohl er mir durch sein einnehmendes 
Wesen gefiel, war meine Zeit doch zu sehr in Anspruch genommen, 
als daß ich mich auf eine nähere Bekanntschaft mit ihm hätte ein- 
lassen mögen. Ein Zufall war ihm auch dazu behilflich. Ich befand 
mich eines Nachmittags mit ihm im Konzert bei Liebich, als er von 
meiner Seite fortgerufen wurde. Einige Minuten drauf forderte mich 
ein Herr im Namen Ihres Vetters auf, ihm einige Schritte zu folgen. 
Ich verheß mit ihm den Garten imd in ein benachbartes Haus geführt, 
fand ich daselbst Ihren Vetter Albert in den Händen von drei Exe- 



1) Die Antwort Wilhelm Lehfeldts ist datiert Glogau, 24. November. Noch 
am 30. November beschwört Lehfeldt-Isolani in einem Brief Lassalle, ihn nicht 
zu verstoßen: „Alle Welt mag mich verlassen: ich mache mir keinen Pfifferling 
daraus, — Du bist der Einzige, den ich nicht missen kann ! — Hörst Du, es ist 
mir unmöglich, Dich zu verüeren." Noch wiederholt hat sich Lehfeldt, mit dem 
es weiter bergab ging, Lassalle angeboten. Dieser hat ihn auch als untergeord- 
neten Agenten 1847 in seinen Kämpfen für die Gräfin Hatzfeldt verwandt. Aber 
selbst hierbei bewährte er sich nicht. 



— -=^ 249 — 

kutoren, die ihn eben in das Inquisitoriat abführen wollten. Dabei 
befand sich ein Herr Speyer, der Inhaber eines hiesigen Kleidermagazins, 
der den Verhaftbefehl vermöge einer Schuldforderung von 32 Rt. 
an Albert erwirkt hatte. Die unglückliche Miene Ihres Vetters flößte 
mir Mitleid ein: Er beschwor mich, ihn zu retten. Dazu kam, daß ein 
gewisses natürliches Gefühl in mir sich sträubte, einen Menschen gleich- 
sam von meiner Seite wegen einer Geldforderung arretieren und in 
das Gefängnis werfen zu lassen. Genug, ich leistete Herrn Speyer 
selbst Bürgschaft für den Belauf seiner Forderung, und dieser stand 
dafür sofort von der Ausführung des Verhaftbefehls ab. — 

Sie werden wissen, wie es zu gehen pflegt. Für einen Menschen, 
dem man einmal eine Wohltat erwiesen, interessiert man sich. Ich 
ließ mir seine Verhältnisse mitteilen, die allerdings sehr traurig waren. 
Ich unterstützte ihn auf jegliche Weise, ermunterte ihn, sein Examen 
zu machen und versprach ihm, wenn er sich nur anderweitig noch 
eine partielle Unterstützimg verschaffen könnte, das Nötige für seine 
anständige Existenz in Berlin zu ergänzen. Kurze Zeit darauf teilte 
er mir mit, daß er sich an Sie gewandt und daß Sie ihm 200 Rt. für 
sechs Monate bewilligt hätten. Als Ihr Vetter nach Berlin reiste, gab 
ich ihm die nachdrücklichsten Empfehlungen an zwei meiner intimsten 
Freunde mit, denen ich es zur Pflicht machte, ihm auf jede Weise 
auszuhelfen, ihm nötiges Geld zu bewilligen, ihn in gute und große 
Häuser einzuführen, damit er den Geschmack verhere an schlechter 
Gesellschaft imd endhch darauf zu halten, daß er sohde lebe und fleißig 
arbeite. Diese Freunde waren der Dr. med. Arnold Mendelssohn, 
ein Neffe des Bankiers, ein junger Mann, der hinlänglich besitzend, 
was er für seine eigene anständige Existenz braucht, doch weniger 
imstande ist, viel für andere zu verwenden, und der OLG.-Assessor 
Alexander Oppenheim, ein Bruder des Königsberger Bankiers, der, insehr 
reichen Verhältnissen lebend, Mittel imd Wille genug hatte, um Albert 
eine durchaus unabhängige und angenehme Lage zu verschaffen, wenn 
dieser irgend von seinen ausschweifenden Bedürfnissen nachgelassen 
hätte. Ich hoffte, daß diese beiden Herren durch das Beispiel ihrer 
Solidität und Tätigkeit Ihren Vetter würden bewegen können, einen 
gleichen Ivcbenswandel anzunehmen. 

Meine Freimde nahmen sich Ihres Vetters mit dem von mir er- 
warteten, vielleicht übergroßen Eifer an. Um sein Betragen besser 
beaufsichtigen zu können, mieteten sie ihm zwei Stuben in demselben 
Haus imd auf derselben Etage, auf welcher sie wohnten, bezahlten 
seine Rechnung etc. etc. Man behandelte ihn mit der größten Liebe. 
Als sein Bruder, ich glaube in Leipzig, krank wurde, gab man ihm 
Geld, hinzureisen. 



================= 250 : 

Aber schon gegen Ende September bekam ich von ihnen einen 
Brief, in dem sie mir mitteilten, daß Alberts lycbensweise sehr be- 
denklich wäre, daß er fast gar nicht mehr arbeitete, viele Nächte außer 
dem Hause zubrächte und alle ihre Gegenvorstellungen umsonst seien. 
Ich schrieb darauf Ihrem Vetter einen sehr ernsten Brief, in dem ich 
ihm sein Bild vorhielt uu,d ihm ankündigte, daß, wenn er seine lyebensi 
weise nicht ändere, ich und meine Freunde ihn verlassen würden. Am 
dieses mein Schreiben, aus welchem er in seinen hier beigelegten 
Briefen manchmal Sätze anführt, schrieb er mir eine sehr reuige 
Antwort. 

Aber Ende Oktober meldete mir der Dr. Mendelssohn, daß er in Er- 
fahrung gebracht, Albert habe auf die niedrigste Weise bei Kellnern 
etc. Schulden gemacht, in verrufenen Gesellschaften gespielt etc. ; es 
kompromittiere ihn, länger mit einem derartigen Menschen umzugehen. 
Vielleicht hatte der Umstand ungünstig gewirkt, daß eine eingetretene 
Wohnungsänderung ihn der unmittelbaren Beaufsichtigmig meiner 
Freunde entzog. Zugleich schickte mir der Dr. Mendelssohn einen 
wiederum sehr zerknirschten Brief von Albert an ihn, in dem er ihn 
bittet, seine schlechten Streiche mir und Oppenheim geheim zu halten. 
Ich lege diesen Brief Ihres Vetters an Herrn Dr. Mendelssohn Ihnen 
bei. Wollen Sie selbigen jetzt lesen. (Es ist der mit Brief Nr. i be- 
zeichnete blaue Zettel.) 

Ich schrieb dem Doktor, man solle noch einmal Albert vergeben, 
seine Schulden bezahlen und sein Besserungsversprechen annehmen. 
Es geschah. Aber vor einigen Tagen erhalte ich wiederum ein Schreiben 
von Dr. Mendelssohn, in dem er mir zeigt, daß sich die schlechten 
Streiche Ihres Vetters täglich häuften und daß er und Oppenheim sich 
demgemäß gänzlich von ihm zurückziehen müßten. Zugleich legt er 
mir einen Brief von Albert an ihn, (Mendelssohn) und Oppenheim, 
welchen ich ebenfalls Ihnen hier übersende, [bei]. (Es sind die mit 
Brief II a und b bezeichneten beiden Zettel.) In diesem versichert 
[er] ^) z. B., daß er seit drei Tagen nichts gegessen habe, Dr. Mendels- 
sohn fügt dabei unten die Bemerkimg hinzu, daß er am ersten dieser 
drei Tage 3 Rt. für ein Theaterbillett ausgegeben. — 

Wenn Sie diesen Brief Ihres Vetters werden gelesen haben, werden 
Sie sehen, daß man um alles in der Welt Albert nicht länger in Berlin 
lassen kann. Ich glaube immer noch nicht, daß er ganz verloren ist. 
Aber in einer so großen und so verführerischen Stadt wie Berlin, wo er 
solchen Anlaß und Gelegenheit findet für seinen liederlichen, empören- 
den L,ebenswandel, ist er es sicher. Er muß durchaus in eine kleine 



^) Das Wort: versichert ist nicht deutlich zu entziflFeru. 



= 251 = — = = 

Stadt gebracht werden, wo ihm auch nur die Möglichkeit seiner bis- 
herigen Aufführung abgeschnitten ist, — 

Was aber seine Entfernung aus Berlin noch notwendiger macht, und 
was mich am meisten dazu bewogen hat, Ihnen diese unangenehmen 
Eröffnungen zu machen, ist die Rücksicht nicht so auf Albert als auf 
Ihre Familie. Nach seinem beigelegten Brief und Sätzen darin wie 
diesem z. B. „Früher oder später wird mich die Not bei meinem er- 
finderischen Geist auf Dinge führen, die es gut ist allein getan zu haben" 
etc. werden Sie sehen, daß Sie mit jedem Tag, den Ihr Vetter in Berlin 
länger zubringt, Ihren Namen unberechenbarem Affront aussetzen. 
Er scheint jetzt in einer Stimmung zu sein, die in einer Stadt wie Berlin, 
wo alle Gelegenheit zur Ausführung gegeben ist, das Schlimmste be- 
fürchten läßt. 

Sie werden gestehen, daß ich vielleicht am meisten Grund habe, 
mich über empörenden Undank zu beklagen. Ich will nicht von dem 
sehr beträchtlichen Geldaufwand reden, den ich und meine Freunde 
an ihn verschwendet haben, nicht davon, wie ich selbst vor meinen 
Freunden durch das Benehmen Ihres Vetters kompromittiert bin — 
was mich in der Tat am meisten empören mußte, ist der Inhalt des 
letzten, Ihnen übersandten Briefes Ihres Vetters, wo er statt irgendein 
Dankesgefühl für so viel erwiesene Wohltaten zu bezeigen — was ich nicht 
verlange — , in einer unglaublich überspannten Begriffsverwirrung 
von Rache spricht dafür, daß man ,, seinen Gewohnheiten entgegen- 
getreten sei", d. h. dafür, daß man sich die leider vergebliche Mühe 
gab, ihn aus einem mauvais sujet in einen ordentlichen mid anständigen 
Menschen umbilden zu wollen. Die feindliche Stimmung, die in diesem 
Briefe herrscht, werden Sie so wenig wie ich begreifen können. Sie 
ist nur zu erklären durch die Verwirrung seines exaltierten Geistes, 
der durch seine maßlosen Begierden nahe dran ist, sich bis zur Ver- 
worfenheit zu verlieren. In meinem ersten Unwillen habe ich Herrn 
Speyer hier sagen lassen, er möge sich zur Deckung seiner Schuld- 
fordervmg nur wieder an Ihren Vetter wenden. Indessen bin ich, wenn 
Sie sich irgendeinen Erfolg davon versprechen, wenn Sie selbst noch 
irgendeine Hoffnung auf Ihren Vetter setzen, gern bereit, ihn von dieser 
Verbindlichkeit zu befreien und auch sonst noch alles in meinen Kräften 
Stehende zu tun, um ihm zu seinem Fortkommen und Besserung be- 
hilflich zu sein. — Ihr Vetter hat schönes und nicht zu verkennendes 
Talent, aber nicht zum Studium; hiezu mangelt ihm jeder Fleiß; er 
wird es nie dazu bringen, ein Examen zurückzulegen; Herr Assessor 
Oppenheim, der seine juristischen Kenntnisse untersucht hat, hat 
mir mitgeteilt, daß sie gleich niül sind. Zudem bleibt Ihrem Vetter 
beim Studium zuviel freie Zeit, als daß er nicht von den bösen lausten, 



~~-= -==^^ 252 — 

die ihn beherrschen, fortgerissen werden sollte. Wenn Sie ihm aber, 
geehrter Herr, eine untergeordnete Stellung, die seine ganze Tätigkeit 
und Zeit gebieterisch in Anspruch nimmt und ihm nicht Raum läßt, 
seinen verderblichen Neigungen nachzugehen, verschaffen wollten, so 
dürfte das den besten Erfolg erwarten lassen. Wenn er z. B. in irgend- 
einer untergeordneten kleinen Provinzialstadt eine Anstellung in einem 
Eisenbahnbureau oder selbst in einem Comptoir (nur dürfte er nicht mit 
der Kasse zu tun haben) erhalten könnte, so wäre es noch nicht ganz 
immöglich, aus ihm, der neben seinem strafbaren Leichtsinn auch 
bereits eine Verderbnis des Herzens zu verraten anfängt, einen brauch- 
baren und in seiner Sphäre nützlichen Menschen umzuschaffen, während 
er jetzt eine Last seiner Familie ist, die alle Minute befürchten muß, 
ihren so ehrenwerten Namen durch eine nichtswürdige Handlung be- 
fleckt zu sehen. 

Verzeihen Sie mir, wenn ich mir erlaubte, Ihnen Vorschläge zu 
machen; es geschah unter der Voraussetzung, daß Sie wie ich gesonnen 
sind, noch einen Versuch zu machen, ehe wir Ihren Vetter seinem 
unfehlbaren schimpflichen Geschick überlassen. Dann dürfte viel- 
leicht der von mir gegebene und aus einer vollständigen Kenntnis 
seines Charakters geschöpfte Rat zu beachten sein. Es würde nur 
gerecht sein, wenn ich nach dem empörenden Undank, den ich erfahren 
habe, mich "gänzlich von Ihrem Vetter lossagte. Nichtsdestoweniger, 
ich wiederhole es, bin ich gern bereit, wenn Sie sich seiner noch annehmen 
wollen, auch meinerseits ihn nicht zu verlassen. Dann ist es das Not- 
wendigste, ihn auf das schleunigste aus Berlin zu entfernen, wo jede 
Minute seines Aufenthalts eine verbrecherische Handlimg befürchten 
läßt. Schon mache ich mir Vorwürfe, daß ich einige Tage habe ver- 
streichen lassen, ehe ich es über mich gewinnen konnte, Ihnen diese 
Mitteilimg zu machen. Vielleicht dürfte ein Aufenthalt in Görlitz, 
bei seiner Mutter, die er zu lieben scheint, segensreich auf ihn wirken. 

Ich muß Sie bitten, daß Sie Ihrem Vetter nichts davon mitteilen, 
daß Sie durch mich in die Kenntnis dieser Dinge gesetzt sind. Wenn 
er in seinem Briefe an meine Freund [e] sagt, er müsse sie hassen, weil 
sie seinen Gewohnheiten tmd Prätensionen entgegengetreten,^) imd 
werde sich zu rächen suchen, so sehen Sie wohl, daß er bei dieser exal- 
tierten Weise meinen gut gemeinten, in Ihrem und seinem Interesse 
geschriebenen Brief an Sie einen ,, Verrat" etc. nennen und sich gleich- 
falls zu , .rächen" suchen würde. Er hat einst einem Gläubiger hier 
gedroht, ihn nächtlich zu überfallen imd krank zu prügeln. Vielleicht 
dürfte er diesen ,, Verrat" auf ähnliche plumpe oder weniger plumpe 



^) Hier sind einige Worte unleserlich. 



— -..^^ 253 — :=^ 

Weise wie durch Schmähungen, Verleumdung rächen wollen. Ich 
bin kein Raufbold; mir ist mein körperliches Wohlsein und mein ge- 
selliger Ruf viel zu lieb, als daß ich diese Güter der Wut eines so rach- 
süchtigen, verderbten und undankbaren Menschen, der nichts mehr zu 
verlieren hat, aussetzen sollte. Jedenfalls werden Sie gestehen, daß 
ich in dieser Angelegenheit traurige, empörende Erfahrungen genug 
gemacht habe — und Sie werden nicht Ursache sein wollen, daß selbige 
noch vermehrt werden! Wollen Sie daher Ihrem Vetter nie weder 
von diesem Brief noch von seinem Inhalt irgend etwas mitteilen. 
Beschränken Sie sich darauf, ihm zu sagen, daß Sie durch Ihre Ver- 
wandten in Berlin von seinem schlechten Lebenswandel in Kenntnis 
gesetzt sind. Sehen Sie zu, wie Sie unter irgendeinem Vorwand ihn 
aus Berlin entfernen können. Denn sollte er merken, daß Sie von seinem 
Leben rmterrichtet sind, würde er schwerlich um irgendeinen Preis 
Berlin verlassen. Vielleicht schreiben Sie ihm, daß seine Mutter krank 
sei imd ihn zu sehen wünsche oder daß er nach Glogau kommen solle 
etc. Dann sprechen Sie ein ernstes Wort mit ihm; vielleicht, daß Ihr 
Ansehen Wirkung auf ihn hat. Noch einmal, wenn Sie ihm eine be- 
schränkte, untergeordnete und seine ganze Tätigkeit in Anspruch 
nehmende Tätigkeit in einer kleinen Stadt verschaffen, so wird viel- 
leicht sein Lebenswandel, der mit eine F'olge seine Überspannung 
ist, die auch aus seinem Briefstil spricht, nüchterner werden und sich 
ändern. Jedenfalls werden Sie und seine Mutter davor gesicherter sein, 
Schande an ihm zu überleben.^) Mit der Bitte, mich jedenfalls von 
dem Entschluß, den Sie gefaßt, zu benachrichtigen und diesen langen 
Brief, den ich wie eine Gewissenspflicht betrachtete, zu entschuldigen, 
bin ich . . . 



71- 
FÜRST PÜCKLER-MUSKAU2) AN LASSALLE. (Original.) 

Berlin, Donnerstag. [29. Januar 1846.] 
Mein Herr! 

Ich überschicke Ihnen hierbei meinen Brief 2) an Herrn Heine in 
Hamburg, um dessen genaue Adresse ich bitte, sowie um die baldige 

1) Sic! 

^) Fürst Hermann von Piickler-Muskau (1785 — 1871), der bekannte Reise- 
schriftsteller und bedeutende Gartenkünstler. 

3) An dem gleichen Tag schickte Pückler seinen Brief an Carl Heine ,,zur 
Durchsicht" an Varnhagen „als Beweis, daß ich Ihrem Wunsche, mich für Heine 
zu verwenden imd Herrn Lassalle, so weit meine Kräfte reichen, ernstlich zu 
unterstützen, treu nachgekommen". 



=^ 254 = 

Rücksendung des Briefes. Ich habe nichts dagegen, daß Sie eine Kopie 
davon nehmen, doch werden Sie einsehen, daß es in Herrn Heines 
eignem Interesse hegt, daß bevor das Resultat des Briefes bekannt 
ist, die größte Verschwiegenheit darüber beobachtet werde; hat er 
aber keine Wirkimg, so überlasse ich es Herrn Heines eignem Er- 
messen, ob er ihn benutzen lassen will oder nicht, jedoch versteht 
sich nur wörtlich, ohne Auslassung noch Veränderung, denn ich habe 
geschrieben, wie ich denke, und dessen scheue ich mich vor keinem 
Publikum. 

Empfehlen Sie mich Herrn Heine, wenn Sie an ihn schreiben, 
und genehmigen Sie die Versicherung meiner aufrichtigsten Hoch- 
achtung. 

P. S. Ich habe auch Gelegenheit gefunden, mit Herrn und Madame 
Godefroi ^) über H. Heines Angelegenheit zu sprechen und von beiden 
die bereitwiUige Versicherung erhalten, sich teils selbst, teils durch 
den ihnen befreundeten Schwager 2) des Hamburger Herrn Heine bei 
demselben für seinen Vetter zu verwenden. Ich rate Ihnen nun, Herrn 
Mendelssohn imd Herrn Meyerbeer zu gleichzeitigen Anregungen 
in dieser Sache zu vermögen, imd zwar nicht in banaler, sondern kräf- 
tiger Weise, worin ich gern mit gutem Beispiel vorangegangen bin. 



72. 

LASSALLE AN FÜRST PÜCKLER-MUSKAU. (Konzept von 
I^assalles Hand.) 

[Berlin, Ende Jaijuar 1846.] 

Mein Fürst 

Ew. Durchlaucht! 

Wie sollte ich Worte finden, um die bis zur Begeisterung gesteigerte 
Bewimderimg auszudrücken, die Ihr beifolgender Brief in mir ent- 
zündet hat? 

Nicht nur, daß ich mir den besten und glücklichsten Erfolg von 
ihm verspreche, — auch wenn ich ganz absah von Ihrem und meinem 
Zwecke, auch wenn ich ihn ganz an mid für sich und unabhängig von 
jeder äußern Zweckbeziehung betrachtete, mußte das hohe sittliche 
substantielle Pathos, das Ihr Schreiben durchweht, erhebend auf 
mich wirken. Ich mußte diesen Brief abermals und abermals lesen! — 



1) Gemeint ist wohl Johann Cesar Godeffroy, vielleicht aber auch ein anderes 
Mitghed der bekannten Hamburger Großkauf mannsfamihe. 

2) Dr. Adolf Halle, Präses des Hamburger Handelsgerichts. 



-^ 255 

Zwar weiß ich sehr wohl, daß meine eigne Meinung über einen 
Brief, den Ew, Durchlaucht aus Liebe zu Heine und aus Treue gegen 
Ihre eigne Überzeugung niedergeschrieben haben, ja daß sogar schon 
diese wenigen Worte überfließender Bewunderung Ew. Durchlaucht 
vis-cL-vis streng genommen eine Unschicklichkeit sind. Nichtsdesto- 
weniger — ich müßte weniger warm fühlen, als ich fühle oder Ew. 
Durchlaucht müßten in Ihrem Schreiben minder mächtig die tief- 
innersten Saiten des menschlichen Geistes angeschlagen haben, als es 
geschehen ist. wenn es mir gehngen sollte, so ganz zurückzudämmen 
den ausbrechenden Strom meiner Bewunderung. 

Und ich habe mich dieser um so weniger zu schämen, als Ew. Durch- 
laucht soeben mitten in einer Welt, in der nichts so perhorresziert 
und dem Ridikül gleichgesetzt wird als sittliche Wärme, den Beweis 
gehefert haben, wie wenig exzeptionelle und wahrhafte Menschen sich 
binden an die Gesetze dieser seichten Klugheit. 

Ich habe der gnädigen Erlaubnis Ew. Durchlaucht gemäß von dem 
Briefe Kopie genommen, einmal um, wenn dies nicht gegen die Wünsche 
Ew. Durchlaucht geht, eine Abschrift Heinrich Heine^) zuzusenden, 
und femer um einige Stellen dieses Schreibens in die Gedenktafeln 
meines Innern einzugraben. 

Daß ich im übrigen das ehrende Vertrauen Ew. Durchlaucht zu 
würdigen wissen und keinen Gebrauch von dem Briefe machen werde, 
brauche ich kaum hinzuzufügen. 

Mit Herrn J. Mendelssohn habe ich bereits Rücksprache genommen 
tmd wenn auch mit einiger Schwierigkeit ihn bewogen, die Teilnahme 
in dieser Angelegenheit nicht abzulehnen. Er hat sich einige Tage 
Bedenkzeit über die nähere Art imd Weise seiner Einwirkimg aus- 
gebeten. Sobald ich Gewißheit habe, werde ich nicht ermangeln, Ew. 
Durchlaucht von dem Resultat meiner Unterhandlung mit ihm per- 
sönhch Nachricht zu geben. ^) Ich warte dieses Resultat nur ab, um 
sofort Herrn Meyerbeer für diese Angelegenheit zu interessieren. 



^) Heine schreibt darüber am 10. P'ebruar an Lassalle. U. a. heißt es dort: 
,,daß hier einer der letzten Ritter der alten Geburtsaristokratie den Empor- 
kömmlingen der neuen Geldaristokratie noch zuletzt eine Lektion gibt über das 
Thema der Elire, und zwar zum besten des beleidigten Genius . . . Das plumpe 
selbstische Krämertum, ich hätte fast gesagt: das Bürgertum, findet hier seine 
kläghche Niederlage; und an Verhöhnung wird es nicht fehlen, zumal von seiten 
der allermod ernsten Gegner der jetzigen Geldherrschaft. Sie wissen, welche Leute 
ich meine . . ." 

2) Vgl. Heine an Lassalle, 10. Februar 1846: ,, Wenn Mendelssohn nicht schreiben 
will, so ist mir das ganz recht, denn sein Schreiben würde doch in diesem Augen- 
blick nichts fruchten, wogegen später ein bloßer Antrag der Vermittlung von 
seiner Seite von entscheidendem Nutzen sein kann." Joseph Mendelssohn war 



— — 256 ^ ^ = 

Daß Ew. Durchlaucht mit Herrn und Madame Godefroi Rück- 
sprache genommen, vermehrt nicht wenig die günstigen Aussichten 
auf Erfolg, die ich hege. Noch will ich bemerken, daß, wenigstens nach 
Heinrichs Meinung, der Schwager des Bankiers (Herr Dr. Halle), an 
den Herr tmd Madame Godefroi sich wenden wollen, grade der ist, 
der am hauptsächlichsten das feindselige Verhalten Herrn Carl Heines 
hervorgebracht hat. 

Die Adresse des Bankiers ist: Herr Carl Heine, Hamburg. 

Erlauben Sie, mein Fürst, daß ich Ihnen noch einmal wiederhole 
den Ausdruck meiner tmbegrenzten Hochachtung und tief innigen Ver- 
ehrung, mit der ich mich zeichne . . . 



73- 
IvASSALIvE AN FÜRST PÜCKI.ER-MUSKAU. (Konzept von der 
Hand I^assalles.) 

[Ende Januar 1846.]!) 
Mein Fürst! 

In bezug auf die Angelegenheit Heinrich Heines, nach Berlin kommen 
zu dürfen — eine Angelegenheit, die Sie mit so warmem Eifer zu der 
Ihrigen erhoben haben — , kann ich Ihnen gegenwärtig eine Mitteilung 
machen, die Sie vielleicht für nicht ganz unwichtig finden werden. 

vSie selbst wie auch Vamhagen haben mir den Einwurf gemacht, 
man könne den von Heine angegebnen Grund, krankheitshalber hierher- 
zukommen, damit zurückweisen wollen, daß Berhn nicht in solchem 
Grade ausgezeichnete Ärzte besitze, um dies als Gnmd einer Reise 
von Paris hierher hinlänglich zu motivieren. 

Dieser Emwurf ist jetzt als beseitigt zu betrachten. — In einer 
Unterredung, die ich gestern abend mit Dieffenbach ^) gehabt, habe 
ich diesen dahin vermocht, zu erklären, ,,er wolle es mit Sicherheit 



ein Freund Salomon Heines gewesen; er widmete diesem nach seinem Tode eine 
kleine Gedenkschrift, in der auch auf dessen Verhältnis zu Heinrich Heine mit 
einigen für beide Teüe Sympathie ausdrückenden Bemerkungen eingegangen wurde. 

^) In dem Briefwechsel zwischen Fürst Hermann von Pückler-Muskau imd 
Vamhagen von Ense, herausgegeben von Ludmilla Assing-GrimelH, Berlin 1874, 
S. 402, ist Carl Heines abschlägige Antwort an Pückler abgedruckt. Sie ist vom 
2. Februar datiert. Pückler hatte ihm am 28. Januar geschrieben. LassaUe war 
bei Vamhagen durch Heine, bei Pückler durch Varnhagen eingeführt worden. 

2) Johann Friedrich DiefFenbach (1794 — 1847), der berühmte Chirurg, war 
ein Jugend bekannter Heines und nahm an seinem Ergehen lebendigen Anteil. 



— -^ 357 = 

unternehmen, die Gesundheit Heines vollkommen herzustellen, falls 
«ich dieser einer Kur und Diät in Berlin unterwerfe". 

Dieffenbach hat mir erlaubt, mich überall, wo ich es für geeignet 
halte, auf diese seine Worte zu beziehen, die er im erforderlichen Fall 
allerorts und mit dem größten Nachdruck wiederholen will. 

Ich übergebe dies Faktum Ew. Durchlaucht, um davon den geeig- 
neten Gebrauch zu machen. Bei den glücklichen und erfolgreichen 
Operationen, die Dieffenbach gerade an imserm Hof vorgenommen 
hat, läßt sich nicht zweifeln, daß diese Erklärung ins Gewicht fallen 
und wenigstens den obigen Einwurf beseitigen wird. 

Was mich mit Hoffnung erfüllt für die Sache Heines, ist die Wärme, 
mit der die zwar sehr kleine, aber gesuchte Anzahl seiner Freunde 
ihm zu dienen bereit ist. 

Ew. Durchlaucht in Ihrer gedoppelten Stellung als Fürst unter 
den Reihen unserer Schriftsteller und unseres Adels haben sehr wohl 
begriffen, wieviel Heine sich versprechen darf von Ihrem Schutz und 
welchen Rechtsanspruch er auf ihn hat. 

Dieser Mann, von der geistlosen Menge gehaßt und mit Kot be- 
worfen, ausgestoßen und betrogen durch die Bassesse seiner eigenen 
Krämerfamilie, dieser Mann, der angegriffen hat imd sich vergangen 
an allem, was da existiert, hat ein Einziges immer hochgehalten sein 
I/eben lang. 

Dies Einzige, für das er alles andre hingeopfert, dessen Kultus 
unwandelbar er treu geblieben, und auf dessen Schutz er nun gerechten 
Anspruch hat — das ist der Geist, der Schutz des Geistes und seiner 
Fahnenträger. 

Ein Bild des Genius, der unter den stumpfen Keulenschlägen der 
Mittelmäßigkeit zu erliegen droht, ruft er zu seiner Hilfe den Geist auf. 

Das der Rechtsanspruch, den Heine auf Ihren Schutz hat, das 
der Grund, warum Ew. Durchlaucht selbigen ihm so warm ge- 
währen. 

Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich es wage, Ihnen ins Gedächt- 
nis rufen zu wollen, wie sehr mein Freund Ihrer Protektion be- 
nötigt ist. 

Ich danke Ihnen vorläufig im Namen meines Freundes, bis er es 
bald und besser sicherlich selbst tut, für den Widerhall, den sein 
Hilferuf in Ihrem Brief gefunden, und zeichne günstigen Mitteilimgen 
entgegensehend . . . 



^ayer, I.assallc-Nacblass. I jj 



^258 -^ =: = 

74- 

IvASSALI/E AN ALEXANDER VON HUMBOLDT. (Konzept von 
der Hand Lassalles.) 

[Ende Januar 184/5.] 
Ew. Exzellenz 

verzeihe», wenn ich es wage, in der Angelegenheit Heinrich Heines/) 
in der Sie mir letzthin so warm Ihren mächtigen vSchutz versprachen, 
Ihnen eine vielleicht nicht ganz unerhebliche Mitteilung zu machen. 

In einer Unterredung, die ich gestern mit dem Geheimrat Dieffen- 
bach hatte, hat mir dieser die Erklärung abgegeben, ,,er wolle es mit 
Sicherheit unternehmen, Heines Gesundheitszustand herzustellen, falls 
sich dieser einer Kur und Diät in Berlin unterwerfe". Herr Geheimrat 
Dieffenbach hat mir erlaubt, überall, wo es von Nutzen sein könne, 
mich auf diese seine Erklärung zu beziehen, die er allerorts mit allem 
Nachdruck zu wiederholen bereit sein würde. 

Er sagte mir auch, daß er sich bereits in ähnlicher, wenn auch nicht 
so strikter Weise gegen Ew. Exzellenz selbst geäuiSert habe. Ich teile 
dies Ew. Exzellenz zu beliebigem Gebrauch mit für den Fall, daß man 
vielleicht Heines Krankheit und Hoffnung auf Herstellung hier nicht 
als stichhaltigen Grund seiner Reise gelten lassen wollte. Für diesen 
Einwand wenigstens dürfte dann bei den glückhchen Operationen, die 
Dieffenbach grade am hiesigen Hofe vorgenommen hat, .obige Er- 
klärung wohl genügend sein. Noch kann ich Ew. Exzellenz anzeigen,, 
daß ich gestern^) mit Sr. Durchlaucht, dem Fürsten Pückler-Muskau, 
in derselben Angelegenheit Rücksprache genommen. Seine Durchlaucht, 
ein begeisterter Freund Heines, glaubt zwar, nicht allein, wohl aber 
in einer Allianz mit Ew, Exzellenz, sich die Möglichkeit eines glück- 
hchen Erfolgs versprechen zu dürfen. 

Ew. Exzellenz würden viel Gnade für mich haben, wenn Sie mir 
erlauben wollen, Nachricht über das Resultat Ihrer hohen Verwendung 
bei Ew. Exzellenz einzuziehen. 

Schließlich wage ich es, die Bitte an Ew. Exzellenz zu richten, 
mir gnädigst eine Zeit zu bestimmen, in welcher ich Ew. Exzellenz, 
um Ihren Rat einzuholen, auf einige Minuten von einer anderen An- 
gelegenheit desselben Mannes, für den Sie Achtung und ich Liebe 
hege, im ter halten darf. 



^) Lassalle war der Überbringer des Briefes gewesen, den Heine selbst in be- 
treff seiner Reisewünsche am II. Januar an Humboldt gerichtet hatte, vgl. S. 38. 

2) Lassalle hatte Pückler am 26. Januar zuerst aufgesucht, aber verfehlt. 
Dieser wollte, wie er Varnhagen schrieb, den Besuch am folgenden Tag erwidern. 



= 259 

Da ich wolil weiß, wie kostbar die Zeit Ew. Exzellenz ist, würde 
ich diese Bitte nicht wagen, wenn mich nicht der schöne Ruhm, den 
Ew. Exzellenz in so hohem Grade genießen, sich für den Geist und den 
Genius in allen Sphären imd Feldern zu interessieren, dazu ermutigte. 

Wärmer als ich es auszudrücken vermag, danke ich Ew. Exzellenz 
für den hohen Schutz imd Anwalt, den mein hilfsbedürftiger Freund 
in Ihrer großartigen Denkmigsweise gefmiden tmd bin . . , 



7d- 
ALEXANDER VON HUMBOLDT AN LASSALLE. (Original.) 

Dienstag. [Ende Januar oder Anfang Februar 1846.] 

Wie sollte ich Ihre Ungeduld tadeln; aber bei dem Vertrauen, 
mit dem mich Herr H[einej persönlich beehrt, darf ich wohl hoffen, 
daß man von meinem besten Willen, meiner unerschrockensten Tätig- 
keit und meiner Kenntnis der hiesigen Verhältnisse genugsam über- 
zeugt ist. um nicht die Mittel zu vervielfältigen und gerade dadurch 
zu stören, was ich zu erlangen strebe.^) Ich werde, sobald ich Ge- 
wißheit erlangt habe, Herrn H[eine,l, seinem Wunsche gemäß, un- 
mittelbar schreiben vmd Ihnen zugleich davon auch Nachricht geben. 

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung 

Ew. Wohlgeboren 
gehorsamster 

A. Humboldt. 

76. 

LASSALLE AN ALEXANDER VON HUMBOLDT. (Konzept von 
der Hand Lassalles.) 

[Berlin, Ende Januar oder Anfang Februar 1846.] 

Ew. Exzellenz! 

Mit Bedauern ersehe ich aus den gnädigen Zeilen Ew. Exzellenz, 
daß Ew. Exzellenz aus meinem Schreiben zu schließen scheinen, als 
hätte ich aus dem einen oder dem andern Grunde es für nötig 
gehalten, in der in Rede stehenden Angelegenheit noch andere Hilfe 
und Vermittlung als die Ew. Exzellenz anzurufen. 



^) Heine schrieb an I,assalle am 10. Februar: ,,An Humboldts Sympathie 
habe ich nie gezweifelt, sein Brief ist offenherzig und es schlägt darin ein 
warmes Herz." 



- 200 - 

Dem ist durchaus nicht so. 

Bei Gelegenheit eines Gesprächs mit Seiner Durchlaucht dem Fürsten 
Pückler-Muskau, in welchem ich ihm einen Auftrag Heines in bezug auf 
seine sehr derangierten und traurigen Familienverhältnisse ausrichtete 
— eine Angelegenheit, in der ich nach dem dringenden Wunsche Heines 
sehr gern den Rat Ew. Exzellenz einholen möchte, falls Ew. Exzellenz 
die Gnade haben wollte, mir dies zu gestatten — , glaubte ich Seiner 
Durchlaucht als einem erklärten Freund Heines, auch jene andere Ab- 
sicht Heines durch die Vermittlung Ew. Exzellenz hierherkommen zu 
dürfen, ausnahmsweise nicht verschweigen zu müssen. 

Seine Durchlaucht erklärte mir, daß er ebenfalls in dieser Sache 
sich bei Ew. Exzellenz verwenden wolle. Einerseits konnte ich diese 
freiwillig angebotene Vermittlimg nicht zurückweisen, andererseits hielt 
ich es für meine Pflicht, Ew. Exzellenz sofort davon Kenntnis zu geben. 

Ew. Exzellenz sehen somit, daß durchaus nicht von meiner Seite 
die Absicht, die Hilfe zu ,, vervielfältigen" vorhanden war. Im Gegen- 
teil weiß ich, von aller Ungeduld entfernt, die Angelegenheit meines 
Freundes wenn irgendwo, so in den Händen Ew, Exzellenz nach allen 
Seiten hin auf das beste aufgehoben. 



ALEXANDER VON HUMBOLDT AN LASSALLE. (Original.) 

Sonntags. [Berlin, wohl Februar 1846.] 

Da ich Heines Brief durch Ihre Güte empfangen habe, so glaube 
ich doch, daß es besser ist, wegen der Antwort Ihre Güte von neuem 
in Anspruch zu nehmen. Es ist leider nicht, gar nicht geglückt! *) Darf 
ich Sie gehorsamst bitten, mich morgen Montags mit Ihrem Besuche 
zu beehren, um i Uhr. Ich werde Ihnen dann den Brief an Heine, 
den es mir schmerzhaft gewesen ist zu schreiben, einhändigen. 
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung 

Ew. Wohlgeboren 
gehorsamster 
A. v. Humboldt. 

^) Die ablehnende Autwort des Ministers von Bodelschwingh Jan Humboldt 
ist vom 28. Januar datiert. Humboldts Antwort an Heine findet sich bei Ad. 
Strodtmann, Heines Leben und Werke. | 2. Aufl. Berlin 1874, S. 336. P'riedrich 
Wilhelm IV. hätte es trotz Heines , .schändlichem Spottgedichte auf Preußen" 
menschlicher gefunden, ihn den Berliner Arzt konsultieren zu lassen. Aber die 
Pohzei wußte, wie Humboldt für sich aufzeichnete, „dem ihr fremden Zartgefühl" 
des Königs erfolgreich zu widerstehen. 



— 201 z =z 

78. 

LASSAIXE AN GENERALLEUTNANT GRAF A. L. F. VOX 
NOSTITZ.^) (Konzept von Lassalles Hand.) 

[15. Sept. 1846.3 
Ew. Exzellenz 

werden sich entsinnen, daß im vorigen Winter einige Erörterungen 
zwischen Ew. Exzellenz und mir stattfanden, weil Sie den Verdacht 
hatten, als hätte ich Ihren Diener bestechen wollen, Korrespondenzen 
zwischen Ihnen und dem Direktor des Grafen Hatzfeldt mir zur Lesvmg 
einzuhändigen. Sie werden sich entsinnen, daß ich Ihnen erklärte, 
ich würde, falls Sie Ihren mir geäußerten Verdacht nicht zurücknähmen, 
auf eine strenge Untersuchvmg des Vorfalls antragen, worauf Sie sofort 
die Sache niederzuschlagen imd mich um deren Geheimhaltung zu er- 
suchen für gut fanden. 

Heute äußerte Herr Graf Alfred Hatzfeldt ^) einem Offizier, der ihm 
einen Auftrag von mir für seinen Vater überbrachte, ,,ich hätte Sie 
damals fußfälHg gebeten, die Sache nicht untersuchen zu wollen". 
Demgemäß bin ich in die Notwendigkeit versetzt, von Ew. Exzellenz 
die bestimmte imd umgehende Erklärung zu fordern, ,,ob dies wahr 
oder gelogen" imd ,,ob meine obige Darstellimg des Vorfalls richtig 
sei oder nicht". Wenn Ew. Exzellenz mir diese Erklärung nicht um- 
gehend übersenden, so haben Sie dadurch meine Ehre angetastet und 
gefährdet, zu deren Reinigimg ich die nötigen Mittel zu ergreifen wissen 
würde. 



79- 
GENERALLEUTNANT GRAF A. L. F. VON NOSTiTZ AN 
I^ASSAIvLE. (Original. Nach Aachen adressiert.) 

Hannover, den 20. Sept. 1846. 

Ew. Wohlgeboren 

Schreiben vom 15. habe ich erhalten. — Was im allgemeinen den 
Versuch der Bestechung für Ausheferung meiner Briefe anbetrifft, so 
ist Ew. Wohlgeboren bekannt, daß ich die in meiner Stellung so unver- 

*) Graf A. I,. F. von Nostitz (1777 — 1866), Blüchers Adjutant in den Jahren 
18 13 — 18 15, dann Generaladjutant des Königs, war mit einer jüngeren Schwester 
der Gräfin Sophie Hatzfeldt verheiratet. 

-) Graf Alfred von Hatzfeldt (1825 — 191 1) war der ältsete'Sohn ^Sophie von 
Hatzfeldts, der aber .-um Vater hielt. - 



' ■ 262 ==================^ 

meidliche Untersuchung der Polizei übertragen, ohne eigens von meiner 
Seite einen Verdacht äußern, noch eine Person namhaft machen zu 
können. — Die Polizei hat allein gehandelt. Ew. Wohlgeboren kennen 
den Verlauf der Sache und wissen, daß ich nach näherer Kenntnis- 
nahme derselben keinen Wert mehr auf die fernere Ermittelung legen 
wollte. Ich tat daher Ihren Wünschen gemäß freiwillig darauf Ver- 
zicht, ohne von dem mir von Ew. Wohlgeboren dafür gemachten An- 
erbieten Gebrauch zu machen. — Das von dem Universitätsgericht 
aufgenommene, von Ihnen unterzeichnete Protokoll weist das Sach- 
verhältnis nach. 

Seit jener Zeit habe ich das allerdings sehr eigentümliche Ereignis 
als völlig beendigt betrachtet, soviel ich weiß, nie mehr darüber ge- 
sprochen, es zu vergessen gesucht. — Ob von seiten der in Kenntnis 
gesetzten Behörden oder den im Antrag konkurrierenden Personen 
überhaupt und was darüber gesprochen worden, weiß ich nicht. 

Ich hoffe, Ew. Wohlgeboren werden meinem ganzen Benehmen 
in dieser Angelegenheit wohl die ihm gebührende Anerkennung nicht 
versagen können. 



80. 

LASSALLE AN GENERALLEUTNANT GRAI^ A. L. F. VON 
NOSTITZ. (Konzept von der Hand Lassalles.) 

[Coblenz, Ende September 1846.] 
Ew. Exzellenz 

sehr geehrte Zuschrift vom 20. September habe ich einer Abwesenheit 
von Aachen wegen erst heute erhalten und beeile mich, Ew. Exzellenz 
im allgemeinen meinen Dank auszusprechen, zugleich aber auch darauf 
aufmerksam zu machen, daß Ew. Exzellenz geehrtes Schreiben keine 
offen und strikte Antwort auf meine höchst einfach gestellte Frage enthält. 
Meine Frage lautete dahin: i. ,,0b es wahr sei, daß ich Sie (wie 
Herr von Landsberg*) und Graf Alfred Hatzfeldt durch Sie selbst gehört 
zu haben behaupten) in Berlinfußf all ig darum gebeten habe, die Sache 
niederzuschlagen. 2. Ob ich Sie überhaupt auf irgendeine andre Weise 
darum gebeten habe, oder ob Sie nicht vielmehr die Niederschlagung 
vornahmen, ohne von mir auch nur darum ersucht worden zu sein. 
Ew. Exzellenz erinnern sich, daß ich mir Ihnen damals die Alternative 
zu stellen erlaubte, entweder von dieser Geschichte, in die ntm einmal 

^) Engelbert Freiherr von Landsberg-Steinfurt war mit einer ^Schwester der 
Gräfin Sophie von Hatzfeldt verheiratet. 



263 ===z=== 

mein Name, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, hineinverwickelt 
war, gänzlich, besonders in Privatkreisen, zu schweigen oder im Gegen- 
falle gewiß zu sein, daß ich selbst durch eine von mir anhängig gemachte 
Untersuchung darüber und durch Übergabe des Vorfalls an die Öffent- 
lichkeit die Möglichkeit unangenehmer Gerüchte im Keim ersticken 
wolle. Von dieser Ew. Exzellenz von mir mit aller Ew. Exzellenz 
schuldigen Achtung, durchaus aber nicht bittweise gestellten Alter- 
native entschieden sich Ew. Exzellenz, den ersten Fall zu ergreifen. 
Mir selbst war totale Geheimhaltung und totale Veröffentlichung der 
Sache gleich recht, nur daß ich die so beliebten gewissen Mitteilungen 
nicht dulden wollte. Da Ew. Exzellenz nun das erstere bei weitem 
vorzogen, die anhängige Untersuchung sofort ohne mein Wissen sogar, 
als ich sie noch im Gange glaubte, niederschlugen und mir mit Hand 
und Mvmd versprachen, nie im Privatgespräch meinen Namen hinein- 
mengeu zu wollen, mir auch sagten, Rücksichten, die mir völlig unbe- 
kannt, machten Ihnen eine totale Unterdrückung des Vorfalls wün- 
schenswert, so hatte ich meinerseits keinen Grund, Ihren Wünschen 
tmd Absichten entgegen zu sein. So sehr mm auch die Bestätigimg 
dieser Sacherzählung schon aus dem Briefe Ew. Exzellenz erhellt, den 
ich eben zu beantworten die Ehre habe, so ist doch, worauf es mir 
allein ankömmt, jene oben sub i und 2 gestellte Frage, wenn auch 
an sich doch nicht mit klaren Worten und entschieden beantwortet. 
Und Ew. Exzellenz werden einsehen, daß man, wo es sich um Ehre 
handelt, nicht zu pedantisch skrupulös sein kann. Ich muß also schon 
Ew. Exzellenz soweit inkommodieren, daß ich meine Bitte wiederhole, 
dies doch ja umgehend und so kurz und undiplomatisch wie möglich 
zu tim; da Ew. Exzellenz, woran ich nach dem ehrenvollen und weit- 
verbreiteten Klang Ihres Namens keinen Augenblick zweifelte, ent- 
schlossen sind, wie Ihr Brief zeigt, der Wahrheit die Ehre zu geben, 
so muß ich Sie auch sehr dringend ersuchen, es doch in der unweit- 
läuftigen xmd einfachen Form zu tun, in der die Wahrheit am liebsten 
auftritt, mit einer ganz kategorischen Beantwortung meiner Fragen, 
die allen Ausflüchten und allen unwürdigen Windungen, die die Ver- 
leumdung, ehe sie sich ergibt, als letztes Mittel zu ergreifen pflegt, 
von vornherein den Weg versperrt. Zur Entschuldigung und Recht- 
fertigimg meiner so dringlich gestellten Forderung brauche ich Ew. 
Exzellenz bloß zu sagen, daß es sich hier um meine Ehre handelt. 
Ein Mann von der militärischen Stellung und dem Privatcharakter 
Ew. Exzellenz wird wissen, daß dieser Rücksicht gegenüber jede andre 
schwinden muß, daß ein Angriff auf die Ehre mit mehr Entschiedenheit, 
Konsequenz und Erbitterung zurückgewiesen werden muß, als einer 
selbst auf Besitz tmd Leben. 



- 264 - 

8i. 

GENERALLEUTNANT GRAF A. L. F. VON NOSTITZ AN 
LASvSALLE. (Original. Nach Aachen adressiert.) 

Zobten, d. 13. Okt. 1846. 

Auf Ew. Wohlgeboreu Schreiben erwidere ich, daß, als mir der 
Bestechungsversuch für Aasliefening meiner Briefe offiziell angezeigt 
wurde, die Stellung zur Person des Königs und zum Staat es mir zur 
Pflicht machte, der Polizei die nötige Anzeige zu machen. Die Polizei 
hat hierauf selbständig gehandelt, mir waren die näheren Umstände 
und die beteiligten Personen völlig unbekannt. Ew. Wohlgeboren 
sprachen den Wunsch der Niederschlagung fernerer Untersuchimg aus 
und wollten mir dafür etwas entdecken, was tausendmal wichtiger sei 
als das Auffinden des Urhebers der versuchten Bestechung. Daß dies 
Verlangen von Ew. Wohlgeboren fußfällig ausgesprochen ist, ist völhg 
imrichtiger Zusatz; — ich hatte meinerseits durchaus kein persönliches 
Interesse, die Niederschlagung der L^ntersuchung zu veranlassen, ich 
konnte aber auch ebensowenig einen Wert darauf legen, den Fortgang 
derselben zu veranlassen, nachdem ich die nähere Veranlassung des 
Geschehenen deutlich erkannt. 

Ich willigte daher in die Niederschlagung der ferneren Untersuchung 
und sprach den diesseitigen Antrag, welcher von mir allein nur aus- 
gehen konnte, gegen den Universitätsrichter aus. Nachdem der Herr 
Prorektor ihn genehmigt, erhielt ich folgendes Protokoll: 

Berlin, d. 1. Aprü 1846. 

Der Herr Generaladjutant Sr. Majestät des Königs, Generalleutnant 
Graf von Nostitz, hatte dem unterzeichneten Universitätsrichter den 
Wunsch zu erkennen gegeben, die Angelegenheit, bei welcher der Stu- 
diosus Lassal beteiligt sei, seitens der akademischen Behörde nicht 
weiter verfolgt zu sehen. Da der Herr Rektor, welchem der Universitäts- 
richter von dem Verlangen des Herrn Grafen von Nostitz und den 
bei der Sache in Betracht zu ziehenden Momenten mündlich Mitteilung 
gemacht hatte, sich ebenfalls bereit erklärte, diesem Wunsch zu ent- 
sprechen, so ward dem Studiosus Lassal — welcher zu heut bestellt 
worden war — eröffnet, daß durch Anzeige des Polizeirat Hoferichter 
sein, des Komparenten Benehmen gegen den Schreiber des Grafen von 
Nostitz, Wachtmeister Oelze sowie gegen den Diener Pohl in betrel? 
der Privatkorrespondenz des Herrn Graten zur Kenntnis der akade- 
mischen Behörde gelangt und durch die Aussagen der vollkommen 
glaubwürdigen Zeugen Oelze und Kommissionär Krüger als ein solches 
dargestellt sei, dessen ein gebildeter und ehrenhafter junger Mani^ 



--= 265 =^^ 

sich nicht sollte zuschulden kommen lassen. Es würde daher eine weitere 
Untersuchimg und strenge Rüge an sich gerechtfertigt sein. — Die 
akademische Behörde wolle jedoch auf den Wunsch des Herrn Grafen 
von Nostitz Abstand nehmen in der Erwartung, daß der Herr Lassa! 
sich fortan jeglicher Einmischung in die Angelegenheiten des Herrn 
Grafen von Nostitz enthalten werde. 

Vorgelesen und unterschrieben 

F. Ivassal. 
Trendelenburg, Lehnert, 

z. Z. Rektor. Universitätsrichter. 

Ich war mit diesem Protokoll zufrieden, lehnte jedoch die mir von 
Ew. Wühlgeboren zugesagte wichtige Mitteilung ab; einer Wieder- 
aufnahme der sistierten Untersuchung werde ich kein Hindernis in 
den Weg legen, falls diese von Ew. Wohlgeboren gewünscht werden 
sollte. 

Da sowohl bei der Einleitung der Untersuchung mehrere Behörden 
als mehrere Personen Kenntnis des Protokolls erhalten hatten, so ist 
es sehr natürlich, daß über so etwas Ungewöhnliches manches gesprochen, 
auch irrtümlich beigefügt wird. Ich meinesteils konnte kein entferntes 
Interesse haben, darüber Mitteilungen zu macheu, 

Ew. Wohlgeboren werden sich bei genauer Prüfung gewiß über- 
zeugen, daß dies hier Gesagte alles enthält, was ich auf das erhaltene 
Schreiben zu erwidern vermag. 



82. 

IvASSALLE AN GENERALLEUTNANT GRAF A.|; L. F. VON 

NOSTITZ. (Original- Konzept.) 

[Ende Sept. 1846.] 

Erst heute erhalte ich das Schreiben Ew. Exzellenz und beeile 
mich, Ew. Exzellenz für die Erfüllung meines Wunsches und die ver- 
ursachte Mühe meinen Dank abzustatten. Nur will ich noch bemerken, 
daß mir in der Zuschrift Ew. Exzellenz aufgefallen, daß ich Ihnen 
in Berlin die Mitteilung eines Geheimnisses angeboten haben soll. 
Diese Meinung Ew. Exzellenz kann sich nur auf ein Mißverständnis 
oder auf ungenaue Erinnerung gründen. Ich entsinne mich, daß ich 
dxirch das so große Wohlwollen, das mir Ew. Exzellenz in Ihren Ge- 
sprächen versicherte, zur Gegenseitigkeit geneigt und genötigt Ew. 
Exzellenz, indes ganz im abhängig von der Bestechungsaffäre und ihrem 



-- ^- 266 — = 

Arrangement [?], eine jedoch höchst erlaubte und höchst loyale Mit- 
teilung zu machen gedachte, die nicht im mindesten den Namen eines 
„Geheimnisses" verdiente und die ich dann zu machen unterließ, weil 
ich mich überzeugte, daß sie nicht, wie ich anfänglich irrtümlich ge- 
glaubt, Ew. Exzellenz von Interesse sein könnte. Das, was Ew. Exzellenz 
mir von einem Geheimnisse schreiben, muß sich nun wohl hierauf 
beziehen, da mir sonst nicht bekannt ist, ein Geheimnis zum Berufungs- 
zweck [ ?] mit Ew. Exzellenz gehabt zu haben und überhaupt Geheim- 
nisse gegen irgend andres auszutauschen in meiner Art nicht gelegen 
ist. Sonst erinnere ich mich von dem Inhalt der wenigen Gespräche, 
die ich mit Ew. Exzellenz zu führen die Ehre gehabt, nur, daß Ew. 
Exzellenz mich auf das Freundlichste Ihres Wohlwollens versicherten 
und mich von dem Verkauf Ihres Besitztums Muskau ^) unterhielten; 
Ew. Exzellenz teilten mir mit, daß Ihre Vermögensverhältnisse es Ihnen 
unmöglich machten, Ihren Anteil an Muskau länger zu behalten, daß 
Verlängerung dieses Besitzes ruinierend auf Sie wirken müßte, daß 
Sie es nur in der Absicht mitgekauft, dem Grafen Hatzfeldt, dessen 
finanzielle Umstände den Alleinerwerb der Standesherrschaft nicht 
ermöglichten, zu Hilfe zu kommen. Als ich so freimütig war, Ew. 
Exzellenz zu erwidern, dies nehme mich um so mehr wunder, da ich 
vielmehr gehört, der Graf Hatzfeldt habe Ew. Exzellenz auch für Ihre 
partielle Akquirierung die Gelder vorgeschossen, fühlten sich Ew. 
Exzellenz veranlaßt, mir zu beteuern, ,,Sie hätten, so wahr Sie vor 
mir säßen, nicht einen Groschen vom Graf Hatzfeldt erhalten." Das 
Wohlwollen, das mir Ew. Exzellenz durch diese unerwartet vertrau- 
lichen Mitteilungen erwies, bewirkte, daß mir diese Worte Ew. Exzellenz 
verbauter im Gedächtnis verblieben sind. Außerdem entsinne ich 
mich noch, daß Ew. Exzellenz mit Bezug auf Ihre Stellung zuerst dem 
Vorfall eine politische Bedeutung beizumessen schienen, dann aber 
meiner Bemerkung, daß ein Angriff auf die Papiere Ew. Exzellenz 
schwerlich politischer Natur sein dürfte, beipflichteten. Ew. Exzellenz 
schieden von mir mit der gnädigen Versicherung, stets mir zu Dienst- 
leistungen bereit sein zu wollen. Dies ist alles, worauf sich der kurze 
Verkehr, den ich mit Ew. Exzellenz zu führen die Ehre hatte, be- 
schränkte. 

Ich bin indes Ew. Exzellenz für Ihre letzte Zuschrift dankbar und 
bin mm in den Stand gesetzt, nötigenfalls öffentlichen Gebrauch von 
ihr zu machen, obwohl in der Weise, daß ich mit Ihrem geehrten Briefe 



^) Die Standesherrschaft Muskau im Regierungsbezirk Liegnitz war 1S45 vom 
Fürsten Pückler an den Grafen Edmund von Hatzfeldt und von diesem 1846 
an den Prinzen Friedrich der Niederlande verkauft worden. 



267 - 

zur Berichtigtmg der in ihm enthaltenen oben auseinandergesetzten 
Ungenauigkeit meine jetzige Antwort verbinden muß. falls Ew. Ex- 
zellenz nicht vorziehen, durch ein nochmaliges, von jener Unrichtigkeit 
befreites Schreiben mich dieser Weitläufigkeit zu überheben. 



83. 
LASSALI.E AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Original.) 

[28. September 1846.] 

Beifolgendes Paket enthält 20 Napoleons. 

Du bist ein kompletter Narr. Und es geht bei Gott fast zu weit, 
daß ich in einer Zeit, wo ich so schon so vielgequält bin, noch für Deine 
Narrheiten Geld, Zeit, Mühe und Ärger verwenden muß. Wodurch 
habe ich Dir schon Anlaß gegeben, zu glauben, daß ich Dich je im 
Stiche lassen könnte? Wodurch? frag' ich. Glaubst Du, daß mein 
Herz so klein ist wie Dein Gehirn? Und wie soll ich jetzt auf die Idee 
kommen, Dich im Stich zu lassen? Jetzt, wo ich nicht den geringsten 
Grund zur Unzufriedenheit mit Dir habe?? Deine fortgesetzten Soup- 
90ns, daß ich Dich im Stich lassen könnte, dürften höchstens zeigen, 
daß ich solches von Dir zu befürchten habe. Denn kein Mensch kömmt 
auf einen Gedanken, der seinem eignen Wesen widerspricht. Ich habe 
noch nie geglaubt, daß Du mich im Stich lassen würdest oder könntest. 
La force est bonne. Ich will Dir selbst überlassen. Dein Mißtrauen 
imd Deinen Unglauben zu charakterisieren und Dich dafür zu ohr- 
feigen. Dein Argwohn ist aber auch eine Infamie gegen mich. Dein 
Verdacht eine Ehrlosigkeit und die tiefste Beleidigung meiner — ■- nein, 
das ist nicht wahr. Du hast Dich noch weit tiefer dadurch beleidigt 
als mich. — 

Also um Dir die Rätsel aufzuklären. Ich war die ganze Zeit in 
Koblenz, und Deine Briefe wurden mir trotz Deines bestimmten Wunsches 
doch nicht nachgeschickt,*) weil ich zufällig den noch weit bestimmteren 
Befehl zurückgelassen, jeden Brief, der für mich käme, dazubehalten. 



^) Mendelssohn hatte sich nach dem Kassettendiebstahl im „Mainzer Hof" 
in Köln zuerst nach England geflüchtet. Mit einem Paß auf den Namen Gold- 
smith versehen, den er sich dort verschaffte, war er dann in die Nähe der 
preußischen Grenze gegangen und hatte von hier aus mehrere Briefe an I/assalle 
geschrieben, die diesen nicht erreichten. Danach erst hatte er mit seinem letzten 
Geld sich nach Paris gewandt. Man lese den Brief, den er am 25. September 
nach seiner Ankunft in Paris an Heinrich Heine schrieb, in Heine-Reliquien, Neue 
Briefe und Aufsätze Heinrich Heines. Berlin 191 1, S. 201 f. Vgl. avich den hier 
folgenden Brief Lassalies an Heine (Nr. 84). 



— : 268 — =. 

So komme ich denn gestern, den 27., hier an und finde Deine drei Briefe 
auf einmal. Sofort schickte ich Dir den Paul ^) nach. Ich gab ihm 4 lyouis- 
dor für sich und 50 Rt. für Dich und den Befehl, Dir bis Brüssel nach- 
zureisen und wenn er Dich nicht finden könnte, bis dahin in Brüssel 
Frau V. M.-) aufzusuchen oder zu diesem Zweck nach dem Haag zu gehen. 
— ■ Abends erzählt mir Herr Rener,^) Herr Seligmann wäre bei mir ge- 
wesen, ich eile hin, um zu erfahren, was er will und ersehe mm Deinen 
pitoyablen Brief und Deine Adresse in Paris. Ich schicke Dir meine 
letzten 100 Rt. mit dem Befehl, Dich nach Brüssel imd dem Haag zu 
begeben und die M. genau zu beobachten, Paul'n. wenn Du ihn triffst, 
die 50 Rt., die er für Dich hat, abzunehmen, sie mir nach Köln zu 
schicken, wenn es irgend geht, oder sie an Dich zu nehmen, wenn Du 
sie dringend brauchst. 

Antworte mir sofort an Herrn Rener in B., ob Du den Brief erhalten, 
mache Dich sofort nach Brüssel auf, und teile mir Deine dortige Adresse 
mit. Ich kann Dir übrigens ziemlich gute Nachricht geben. Mein Vater 
ist hier angekommen, schon wieder abgereist, binnen 10 bis 14 Tagen 
werde ich ein Hilfskorps von 2000 Rt. von ihm erhalten. Gegen den 
Grafen haben wir einen Prozeß erhoben, der ihn vernichten wird — 
den Prodigalitätsprozeß, d. h. Antrag gestellt, ihn für einen Verschwender 
zu erklären und unter Kuratel zu stellen. Er wird dieser Tage durch- 
gehen, d. h. der Antrag. Sieh zu, ob Du den Grafen vielleicht in Brüssel 
triffst. Ich bin von seinem Aufenthalt nicht unterrichtet. Verschone 
mich mit ähnlichen Dummheiten für die Zukunft. Du solltest un- 
gefähr wissen, daß ich ungefähr ebenso gern meine beiden Augen im 
Stich lassen würde wie Dich. 

[Oktober 1846.]'^ 

Voranstehendes ist der Brief, den ich Dir durch die Adresse Neißer 
gesandt habe. Ich habe ihn jetzt zurückerhalten imd schicke ihn Dir 
wieder, da er doch für Dich bestimmt war. Dagegen sind die 20 Napoleons 
nach hierher retoumiert. Dies hat man nun, alle diese dummen Un- 
gelegenheiten und Kosten von der Seligmann angegebenen Adresse 
Neißer, Denn sonst hätte ich es schon damals an Heine geschickt. 



1) Graf Paul von Hatzfeldt, der jüngste Sohn der Gräfin Hatzfeldt. S. S. 14- 

2) Frau von Meyendorf. 

^) Der Besitzer des Hotel ..Bellevue" in Deutz, wo die Gräfin Hatzfeldt und 
Lassalle damals ihren Wohnsitz hatten. 

*) Der vorstehende Brief war, ohne den Adressaten zu erreichen, an I<assalle 
zurückgekehrt. Dieser schickte ihn noch einmal ab und setzte das Nachstehende 
hinzu. Inzwischen hatte er bereits die beiden folgenden Briefe an Heine und 
Mendelssohn abgeschickt. 



~ 269 — 

Ich schicke Dir also heut inliegend einen loo-Rt. -Schein. Zeige mir 
richtigen Empfang an. 

Was Deine letzten Briefe betrifft, so muß ich Dir sagen, daß Deine 
Superklugheit mir nicht gefällt und nicht richtig ist. Ich habe mir 
nie über irgend etwas Illusionen gemacht, höchstens manchmal andern. 
Dennoch verhalten sich die Dinge zum Glück nicht gerade so, wie Du 
sagst. Ich ersehe aus allem nur, daß Du in Paris unseren Freunden 
gegenüber die Dinge nicht aus dem richtigen Gesichtspunkt verteidigt 
hast. Erlasse mir, den Beweis schriftlich zu führen. Wer sich von 
ims Illusionen macht, bist Du, wenn Du auf Max irgendeine Hoffnung 
setzst. Wenn ich Dinge schreibe, wie z. B. die Geldentziehimg, so 
meine ich nicht, daß Heine und Grün viel wirklichen Unwillen darüber 
empfinden werden, wohl aber, daß man unwillig darüber perorieren kann 
in den Zeitimgen. Wie niedrig übrigens Geldentziehungen sind, ist 
nicht schwer zu beweisen und braucht bloß darüber Heine au seine 
Interjektionen in seiner Verwandtschaftsangelegenheit zu denken. 

Schreibt doch, bei der Schönheit und dem bekannten Geist der 
Gräfin Hatzfeldt begriffe man nicht, wie der Graf sich zu solchen 
Dingen verleiten lassen konnte für eine so ungraziöse Frau wie 
Madame Meyendorf. Seht das nicht als eine Kleinigkeit an, sondern 
wiederholt es oft. 

Sowie ich in bezug auf die Zeit kann, komme ich gleich nach 
Paris. Die Meinung hier gestaltet sich immer mehr für uns. Der 
Kleine*) wird freigesprochen. Leb wohl. 



84. 

LASSALLE AN HEINRICH HEINE. 2) (Abschrift von der Hand 
eines Schreibers des Assisenhofs.) 

[Anfang Oktober 1846.] 
Lieber Heine, 

Vielgeliebter Freund! Ich wollte dieser Tage zu Ihnen herüber- 
kommen, um mit Ihnen eine höchst dringende Angelegenheit, in der 
Ihre Hilfe mir von der höchsten Wichtigkeit ist, zu besprechen. Allein 

^) Alexander Oppenheim. 

2) Am 7. Oktober hatte Arnold Mendelssohn von Paris an Lassalles Vater 
geschrieben: ,,Wenn Sie die Adresse Ihres Sohnes wissen, so schreiben Sie ihm 
doch gefälligst, daß Heine und besonders ich schmerzlichst auf Nachricht von 
ihm warten. Schreiben Sie uns zugleich, wo er ist; es ist für ihn sehr wichtig, 
wenn wir korrespondieren können; Sie wissen die Adresse Heines, wie er mir 
sagt ..." 



— =r 270 — - 

Geschäftsverwicklungen nageln mich für den Augenblick an, ich kann 
nicht absehen, wenn mir eine Reise nach Paris möglich ist. vSo muß 
ich denn brieflich Ihnen diese Angelegenheit entwickeln, obwohl das 
viele Mißlichkeiten and Unvollkommenheiten mit sich bringt und ich 
dabei die Sehnsucht meines Herzens, Sie, mein lieber, lieber Freund, 
wieder einmal mit leiblichen Augen zu schauen, das gedankenvolle 
Haupt mit dem feingeschnittenen spöttisch zuckenden Mimd vor mir 
zu sehen, nicht befriedigen kann. Es wird Ihnen gewiß durch Zei- 
timgen und lügenhaftes Privatgeträtsch manches über den Kassetten- 
diebstahl, dessen Motive etc. zu Ohren gekommen sein. Alles, was 
Sie darüber gehört habeii mögen, so wahr es auch sei, ist falsch. Denn 
so wahr es auch ist, ist es doch jedenfalls halb und unvollständig. Und 
jede Halbheit und Unvollständigkeit ist Falschheit. I^eider kann ich 
Ihnen brieflich schon der Länge wegen nicht alle Details des herz- 
empörenden Romans mitteilen, in welchem ich jetzt eine Rolle zu 
übernehmen für gut gefunden habe. Also nur Umrisse. Die größte 
Bewunderung der seltensten geistigen Eigenschaften und des reinsten 
IdeaUsmus hat mich mit dem dauerndsten tiefsten Interesse und der 
unverbrüchlichsten Treue für die Gräfin von Hatzfeldt erfüllt. Wenn 
dies Interesse noch durch irgend etwas gesteigert werden konnte, so 
war es durch die maßloseste Empörung über die imbeschreibliche 
Reihe der grausamsten Mißhandlungen, der ehrlosesten Infamie, mit 
welchen seit dem Jahre 1822 dieses unschuldige und bewundernswürdige 
Weib aus dem einzigen Grunde, weil sie reiner, besser imd durch- 
geisteter war als die seelenlosen Fleischklumpen, mit denen eine un- 
gerechte ironische Geburt sie in Verwandtschaft gebracht, unaus- 
gesetzt überhäuft wurde. Sie haben mir oft die alte, seit Menschen- 
gedenken stets wiederkehrende Elegie geklagt, wie Sie um des I/cbens 
Blüte gekommen sind, scheiternd an der einen großen gemeinschaft- 
lichen Klippe, die uns allen droht, an der faulen Gesinnungslosigkeit, 
der Gemeinheit und Perfidie jener Filzläuse, die annoch als die furcht- 
bare Majorität in der Welt herumwimmeln. Andere haben auch ge- 
litten wie Sie und viele mehr als Sie. Wenn aber anders dem größeren 
Unglück und der größeren Reinheit die größere Ehrfurcht gebührt, so 
müssen wir alle mit abgezogenem Hut dastehen vor dem Unglück 
dieses Weibes. Nicht der Zufall ist so empörend, daß sie gerade einen 
Mann gefunden, der ... sie 22 Jahre auf eine gar nicht zu beschrei- 
bende Weise mißhandelt hat, sondern daß unter ihren zwei Brüdern, stark 
durch ihre gesellschaftliche Stellimg, tmter ihren Schwägern und Vettern, 
unter allen diesen Fürsten, Herren und Grafen, die — die Beweise 
liegen mir vor — alle ganz so wie ich überzeugt sind von der Schlechtig- 
keit des Grafen imd dem ungerechten Schicksal seiner Frau, sich nicht 



= 271 = 

einer fand, der ihre Rechte gewahrt und sich ihrer angenommen hätte 
auf kräftige Weise, nicht einer, der sie nicht seines eigenen Vorteils 
wegen, seiner eigenen Bequemlichkeit zulieb verraten und verkauft 
hätte. Nun, Sie haben ja auch erfahren, was eine Familie ist, und 
werden das begreifen. Ja noch mehr, diese Brüder haben sie bis jetzt 
geflissentlich in Unkenntnis über ihr gesetzliches Recht erhalten, um 
sie durch dieses, wie durch jedes andere Mittel (Gewalt, Entziehung 
des Lebensunterhaltes) zu verhindern, den Rechtsweg gegen ihren 
Gatten zu ergreifen . . . Das letzte war nun das, daß er, da er 
mit ihr in Gütergemeinschaft lebt, die sie nach seinem Tode in 
sehr glänzende Lage setzen würde, sein und ihr Vermögen auf eine 
systematische Weise verschenkt und ruiniert. Die letzte dieser Schen- 
kungen war an eine . . . Frau von Meyendorf, die lange in Paris als 
russischer Spion gedient hat im Interesse ihres Mannes, der nicht zu 
verwechseln ist mit dem russischen Gesandten zu Berlin. Solchem 
Beginnen zu begegnen, wollte ich nun eine Prodigalitätsklage gegen 
den Herrn Grafen anstellen (die jetzt in der Tat auch anhängig gemacht 
worden ist). Zu diesem Zwecke war der Besitz des noch dazu imter 
einer Simulation vorgenommenen Schenkungsakts an die Meyendorf 
wichtig, und zu diesem Zwecke wollte sich der Assessor Oppenheim 
und Dr. Mendelssohn seiner bemächtigen. 

Bereits hat sich die deutsche Presse mit Unwillen über den Grafen 
ausgesprochen, so die Aachener Zeitung vom 6. September, die Augs- 
burger Allgemeine vom 21. und der Rheinische Beobachter vom 28. 
und besonders vom zq. September,^) welch letzteren ich hier beilege. 
Teils aber ist das noch lange nicht genug, teils ist vor allem nötig, daß 
das Journal des Debats vorzüglich, wie die französische Presse 
überhaupt, und ebenso die Times darüber mehrere fulminante Artikel 
bringen. Der Zweck dieser Artikel ist i. den Grafen total und schonungs- 
los zu ruinieren, ihm zu zeigen, daß er verloren sein würde, wenn die 
Gräfin ausführlich ihre Leidensgeschichte drucke, 2. den Brüdern der 
Gräfin, die sie bisher preisgegeben haben, um nicht durch Unter- 
stützimg Skandal zu provozieren und sich hierin zu verwickeln, zu 
zeigen, daß sie durch längere Preisgebung ihrer Schwester sich in den 
Augen Europas der Infamie schuldig machen würden, und um sie somit 
zu bewegen, ihrer Schwester jetzt zur AbschHeßung eines vorteilhaften 



1) „Rheinischer Beobachter", 28. September, der Artikel vom Rhein, 22. Sep- 
tember und ,, Rheinischer Beobachter", 29. September, der Artikel Düsseldorf, 
26. September. Die erste Korrespondenz betont besonders die delikaten und 
unangenehmen Verhältnisse, die weit besser nicht vor das Forum der Öffentlich- 
keit gebracht würden, die zweite, daß ein Prozeß einen „merkwürdigen Beitrag 
zur Charakteristik unserer höchsten Stände liefern" müßte. 



272 =: 

Arrangements kräftige Hilfe zu leisten. Deswegen müssen die Artikel 
so gehalten sein, daß sie den Grafen rückhalt- und schonungslos an- 
greifen, ebensosehr deutlich auf die ebenso große moralische Schuld 
und Verächtlichkeit hindeuten, die die Brüder aus gemeinem Egoismus 
und feiger Herzlosigkeit durch ihr . . . » ^) alles auf sich genommen 
haben. Zugleich aber müssen diese Angriffe auf die Brüder durchaus 
nicht so direkt sein, daß ihnen der Rücktritt immöglich gemacht oder 
daß sie gar zu sehr (ein wenig schadet nichts) erbittert werden. Zu- 
gleich aber muß doch wiederum der Tadel ihres Benehmens sehr deut- 
lich fühlbar sein. Die Grenzen sind hier sehr schwer anzugeben. Ihr 
feiner Takt und große Geübtheit, Ihr divinatorisches Urteil wird sie 
erraten. Der Standpunkt, von dem diese Geschichte aufgefaßt wird, 
muß ein allgemeiner [sein], ihr gedankenvolles Auge wird in der Tat sehr 
leicht die soziale Bedeutung von dieser Affäre durchsehen. Man muß 
sprechen von der feudalite allemande, von der brutalite allemande etc. 
Der Standpunkt, von dem das Journal des Debats die Sache zu er- 
zählen hat, wird am besten der sein: Wir Deutschen hätten immer 
mit so ungeheurer Zopfsittlichkeit [?] gesprochen, mit enormer Gering- 
schätzigkeit dabei auf die französische 2) herabgeschaut und bei ihren 
berühmten Prozessen lyafarge^) etc. einstimmig die weiten Mäuler ge- 
öffnet und geschrien, das sei bei \ms unmöglich. Nun muß das Journal 
des Debats die Geschichte erzählen und die Mißhandlungen skizzieren 
(wie ich dies ungefähr in einem Aufsatz getan, den ich zur Entgegnung 
eines infamen Artikels in den Grenzboten *) geschrieben und den ich 
Ihnen zur ungefähren Norm überschicke) imd muß dann so schließen: 
,, Ereignisse, wie sie hier vorliegen, wären trotz der vielberühmten 
Sittlichkeit der Deutschen und Unsittlichkeit der Franzosen in Frank- 
reich nicht möglich gewesen, denn wenn sich wohl auch in Frankreich 
ein Barbar solcher Sorte wie der Graf H. finden könnte, so hätte doch 
eine so mißhandelte Frau, wenn sie keinen Verwandten hätte und ein- 
sam und schutzlos in der Welt dastände, bei dem lebhaften Ehrgefühl 
der frivolen Franzosen, in jedem Fremden einen Schützer gefunden. 



1) Das hier fehlende Wort bezeichnet der Abschreiber als unleserlich. 

2) Diesen Satz dürfte der Abschreiber nicht ganz richtig gelesen haben. 

') Der Fall der Frau Pouch-Lafarge (1840) war einer der sensationellsten 
Kriminalprozesse, die Frankreich erlebt hat. Die geistvolle und literarisch be- 
gabte Frau v.ujde beschuldigt, ihren Gatten ermordet zu haben. 

*) Mit dem ,, infamen Artikel" meint Lassalle vermuthch die Notiz in den ,, Grenz- 
boten" 1846, III, S. 462. Nach Lassalles ,, Entgegnung" habe ich aber vergebens 
gesucht. Der Wortlaut des Briefes läßt wohl erkennen, daß sie geschrieben, 
aber nicht, daß sie auch gedruckt wurde. Noch im Februar 1847 (vgl. unten 
Nr. 97) fragt Lassalle bei Mendelssohn an: ,,Ist der Aufsatz in den , .Grenzboten" 
erschienen?" 



Nur bei dem stumpfen Egoismus vmd der seelenlosen Lauigkeit der 
Deutschen, zumal bei der Zerfahrenheit imd sittlichen Verkommenheit 
unseres privilegierten Adels, sei eine derartige zwanzigjährige, allen 
Gesetzen tmd jeder Menschlichkeit hohnsprechende Niedertretung einer 
Frau, die noch dazu einen Kreis von mächtigen nahen Verwandten 
und somit angeborene Beschützer hat, denkbar". 

Wie gesagt, zur Norm dessen, wie weit Sie in Ihren Angaben zu 
gehen haben, diene das in diesem Brief Gesagte, Ihr Takt, der Aufsatz 
von mir, den ich hier beilege und der Aufsatz im Rheinischen Beob- 
achter vom 2g. September. Außerdem lege ich Ihnen bei ein gedrucktes 
Exemplar der Prodigalitätsklage mit den Bescheinigimgen, Zeugen- 
aussagen etc. Obgleich darin nur das allerwenigste gesagt ist, so werden 
Sie schon hieraus Dinge ersehen, die Sie mit staunendem Unwillen 
erfüllen werden und das affreuse Bild des Grafen in seinen Umrissen 
vor Ihre Seele treten lassen wird. Ich habe es drucken lassen, weil 
nötigenfalls volle Öffentlichkeit eintreten soll, dann würde die Emittie- 
rung dieser gedruckten Prozeßakten den Anfang bilden imd in kurzer 
Zeit die Memoiren der Gräfin von 1822 ab darauf folgen. Bisher 
aber ist mit diesen gedruckten Exemplaren die strengste Diskretion 
noch beobachtet worden, und ich nehme Ihnen ebenso das feste Ver- 
sprechen ab, keinem außer meinem Doktor^) und Grün dieses Exemplar 
zu zeigen oder auch nur davon zu reden, daß ein solcher Druck vor- 
handen sei. Faktische Details daraus, insoweit sie nicht 
schon in dem Aufsatz des Rheinischen Beobachters vom 
29. September und meinem beigelegten Aufsatz enthalten 
sind, sollen Sie auch nicht daraus in den Zeitimgen mitteilen, weil 
sonst Hatzfeldt zu bestimmt wissen würde, daß die Artikel von uns 
ausgegangen. Solche Aufsätze müssen mm alle Pariser Blätter, vor 
allem aber das Journal des Debats enthalten, welches den meisten 
Eindruck auf die Familie machen würde. Ebenso muß umgehend ein 
solcher Artikel in der Times erscheinen, weil Hatzfeldt, wie ich höre, 
nach England reisen, ich ihm seinen dortigen Aufenthalt aber gleich 
versalzen will. Ebenso müssen Sie ähnliche Aufsätze an alle deutsche 
Blätter, mit denen Sie in Verbindung stehen , vorzüglich an die Augsburger 
Allgemeine [schicken] und diese dahin bewegen, Aufsätzen im entgegen- 
gesetzten vSinne die Aufnahme zu verweigern. Kurz, Sie müssen alles, 
Ihren ganzen Einfluß für mich in die schnellste und eiligste Anwendung 
bringen. Sie müssen sogar alles das für mich tim, was Sie für sich 
selbst nicht ttm würden. Mein ganzer innerer Mensch steht bei dieser 
Angelegenheit auf dem Spiel, imd ihre glückhche Zuendefühnmg oder 



^) Arnold Mendelssohn. 

May er, Lassalle-Kacblass. I jg 



-^ 274 — 

wenigstens der öffentliche Triumph dieser armen Frau gilt mir mehr 
als alles, was mein Leben persönlich berührt. Ich würde Sie nicht mehr 
von Angesicht zu Angesicht sehen, wenn Sie nicht sofort in der an- 
gegebenen Weise imd auf das allerschnellste Himmel und Erde in Be- 
wegung setzen würden. 

Ebenso lassen Sie Grün rufen. Legen Sie ihm diesen Brief nebst 
seinen Beilagen vor, und wenn persönliche Freundschaft und eine gute 
Sache Hebel sind, die seine Feder schärfen und ihn in Tätigkeit setzen 
können, so soll er augenblicklich seinerseits alle deutschen und fran- 
zösischen Blätter, mit denen er in Verbindimg, mit Aufsätzen anfüllen, 
ebenso seine Berliner Frexmde wie C. Meyer^) darum ersuchen etc. Bereits 
zwei Tage spätestens nach Empfang dieses muß das Journal des Debats 
einen fulminanten Aufsatz enthalten. Donnern und spotten Sie um 
die Wette, alle Zeitimgen, die solche Aufsätze enthalten, haben Sie 
die Güte, mir sofort nach Köln zu senden poste restante an Herrn 
D. Lassalle adressiert. Auch wenn Sie krank sein sollten, lassen Sie 
sich nicht abhalten, meine stürmische und flehentliche Bitte sofort 
in der nachhaltigsten Weise zu erfüllen. Bedenken Sie, wie für mich 
hierbei ganz andere Dinge als leibliches Wohlsein auf dem Spiele stehen. 
Wenn Sie je nur mäßig mein Freund gewesen, so werden Sie es mir 
jetzt beweisen, ebenso Grün. Ich wiederhole Ihnen, soll das Manöver 
nützen, so muß es mit der größten Eile ausgeführt werden. Sie können 
auch den Artikel des Rheinischen Beobachters vom 29. September als 
ersten Trompetenstoß in dem Journal des Debats abgedruckt erscheinen 
lassen. Den Doktor grüßen Sie mir, ich bin heut zu beschäftigt, sonst 
würde ich ihm schreiben. Drücken Sie einen Kuß auf seine treuen Lippen, 
sagen Sie ihm, daß ich ebenso gern meine beiden Augen im vStich lassen 
möchte wie ihn, er soll sich die 20 Louisdor holen, die unter der Adresse 
Dr. Neißer'^) poste restante für ihn in Paris liegen, ich habe sie den 
29, September von hier abgeschickt, und gewiß sein, daß ich fortfahren 
werde, ihn zu unterstützen, obwohl spärlich, weil ich gerade selbst 
nicht viel habe. Er soll in Paris bleiben. Ich komme im Lauf von 
14 Tagen hin. 

Ihr Freund. 



1) Möglicherweise wäre C. Meyer ein Schreibfehler, und es wäre Eduard Meyen, 
der bekannte Berliner radikale Journalist, gemeint. 

2) Vgl. S. 268. 



= 275 -=- 

85. 
LASSALIvE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Abschrift von der Hand 
eines Schreibers des Assisenhofs . ) 

[Oktober 1846.] 

Geliebter Doktor! 

Ich habe Deinen Brief erhalten, es ist mir heb, daß durch die Gräfin 
d'Agoult^) bereits einige Artikel im Constitutione 1 und der Presse wie 
dem Corsaire Satan eingerückt waren und ich somit von einer Seite her 
imterstützt wurde, wo ich's nicht ahnte. Auch daß diese Artikel der 
Gallinani Messenger 2) besorgt sind. Schicke mir umgehend die in Rede 
stehenden Nummern des Constitutione!, Presse, Corsaire Satan und 
Gallinani Messenger 2) Das genügt aber nicht im geringsten und muß 
durchaus tmd vorzüglich das Journal des Debats foudr[oyante drei 
Artikel enthalten, zwei mindestens, und zwar solche, die nicht bei der 
Erzählung dieses einzelnen Faktums in Köln 3) stehenbleiben imd etwa 
daran bloß starke Bemerkungen über den Grafen knüpfen, — wie in 
dieser Weise der Artikel des Rheinischen Beobachters vom 29. September 
sehr gut getan, der ursprünghch eins mit dem der Augsburger Allge- 
meinen vom 21. September vieles enthält, was die Augsburger als zu 
stark nicht aufgenommen, sondern das Journal des Debats muß sich 
noch mehr ins allgemeine verbreiten, wie ich z. B. in dem beigelegten 
Probeaufsatz getan und mit tödlicher Indignation von dem Grafen 
imd den Verwandten reden, von der zweiundzwanzigj ährigen Infamie 
des Grafen gegen seine Frau und Mißhandlungen, so schrecklich, daß 

— der Vergleich fehlt mir — , weil nichts sich damit vergleichen läßt, 
aber ich will für Heine die letzte anführen, daß nämlich: der Graf 
wieder jetzt der Gräfin die Gelder gekündigt hat, um sie auf diese Weise 
an der Betreibimg ihrer Prozesse zu hindern und ihre Verwandten dies 
dulden, daß also hier der Fall vorliegt, daß man durch brutale Gewalt 
eine Frau von der Erlangung ihres Rechts auf dem Rechtswege hindert. 

— Das muß Franzosen empören. Victor Hugo sagt: faire pleurer une 
femme, quelle lächete! Hier liegen aber noch ganz andere Dinge als 

^) Marie de Flavigny, Gräfin d'Agoult (1805 — 1876), die unter dem Pseudo- 
nym Daniel Stern schrieb, die Freundin Franz Iviszts, die Mutter Cosima 
Wagners. 

2) Das von 1822 bis 1S52 erschienene Theater- und Literatur blatt ,,Le 
Corsaire" führte den Doppeltitel von September 1844 bis März 1847. ^i^ ^^8' 
lische Zeitung Gallignani Messenger erschien in Paris seit 18 14. 

^) Unter dem ,, einzelnen Faktum in Köln" versteht L,assalle die Entwendung 
der Kassette der Baronin von Meyendorf, der Mätresse des Grafen Edmund 
von Hatzfeldt durch Mendelssohn und Oppenheim am 21. August 1846. 



: 276 - 

ein faire pleurer vor, vor allem muß also das Journal des Debats 
sich hierüber vernehmen lassen, das ist vielleicht schwierig, aber bei 
Heines Verbindungen und Freundschaft mit Jules Janin ^) muß es mög- 
lich sein, und er muß mit der größten Energie hier für mich handeln, 
sonst hat er keinen Funken Freundschaft für mich und keinen Funken 
Ehrgefühl überhaupt. Aber ich ereifere mich imnötig, denn er wird 
für mich handeln und mit aller Energie, Er liebt mich, glaube ich, 
so sehr wie Du selbst sogar. Ebenso muß die Times sich aussprechen 
Es wird Keinen leicht sein, auf irgendeine Weise dies zu bewirken. 
Daß etwaige Verbindungen Heines mit der Meyendorf hier auch nicht 
im geringsten in Betracht kommen können, nun, das ist wohl nicht 
erst der Erwähnung wert. Ebenso muß Heine an die Augsburger 
schreiben. Aber ich zweifle auch keinen Augenblick, daß er und Grün 
mich auf das allerkräftigste imterstützen werden. Die Partei der Unter- 
drückten verläßt sich hoffentlich nicht. Zudem hat ja diese ganze 
Angelegenheit eine tief Hegeische philosophische Bedeutung und 
Hintergrund. 

Warum Du Grün Deinen wahren Namen verschwiegen, kann ich 
nicht absehen. Glaubst Du, daß ein Freund von mir Dich verraten 
würde, so wäre schon die philosophische Partei, der er angehört, ab- 
gesehen von der persönlichen Ehrenhaftigkeit, Bürge genug. 

Ich schicke Dir die rekommandierten Absendungsscheine über 
einen Brief, den ich für Dich an Neißer^) geschrieben. Laß Heine diesen 
Brief lesen, küsse mir meinen geliebten teuren Fretmd vielmal, viel- 
tausendmal. Weiß Gott, es tut not, daß mich die wenigen Freimde, 
die ich habe, sehr lieben. Was ich in dieser Zeit alles leide, davon hat 
kein erschaffener Mensch eine Ahnung und werde ich es Dir vielleicht 
einmal mündlich erklären können. Wieso kommt es, daß Du mir nichts 
über ein Einwirken von Dir auf Heines Gesundheit schreibst? Es war 
ja ein lyieblingsplan von uns, daß Du ihn heilen solltest? Schicke mir 
den Paß von Hoppe ^) zurück. Grüße Grün. Ich hoffe es dahin zu 



^) Jules Janin (1804 — 1874), französischer Kritiker und Romanschriftsteller, 
übte als langjähriger Chronikschreiber des Journal des Debats einen starken Einfluß 
auf die Pariser öffenthche Meinung aus. Er stand mit Heine, mit Alexander 
von Humboldt und anderen namhaften Deutschen in guten Beziehungen.' 

2) Neißer ist ein Deckname] für^ den^ aus Neiße gebürtigen Mendelssohn. 
Vgl. auch S. 268 imd 274. 

^) Wilhelm Hoppe war I,assalles Bedienter gewesen, trat aber, nachdem er 
von dem Agenten des Grafen, dem Kaufmann von Stockum in Düsseldorf, be- 
stochen worden war, im Kassettenprozeß als ein Hauptbelastungszeuge gegen 
ihn auf. Vgl. Lassalle, Der Kriminalprozeß wider mich wegen Verleitung zum 
Kassettendiebstahl oder Die Anklage der moralischen Mitschuld. Ein Tendenz- 
prozeß (Köln) 1848 passim. Als Lassalle sich im Frühling 1847 in Berlin auf- 



— 277 ^ ^ 

bringen, daß jemand sich in Paris etabliert. Leb wohl. Sage Heine, 
daß ich es ihm nie vergessen [werde], ^) was er für Dich tut. 

Warum schreibt Heine mir nicht?? Ich erwarte umgehend von 
ihm Brief. 



86. 
HEYMANLASSALAN DEN SOHN. (Original. Nach Köln adressiert.) 

Breslau, d. 13. Oktober 46. 
Mein vielgeliebter Sohn! 

Dein hebes Schreiben vom 4. habe ich seiner Zeit richtig empfangen 
und wenn ich solches anstatt Freitag erst heute beantworte, so magst 
Du hierin nichts anderes suchen, als die einfache Ursache, daß ich Dir 
nicht nur schreiben, sondern auch die Absicht hatte, meinem Schreiben 
auch einen materiellen Inhalt beifügen wollte [sie!], und daß ich trotz 
aller Mühe dies erst heute bewerkstelligen kann. Fast verletzend sind 
Deine ewigen Bemerkungen über das Mißtrauen und die Äußertmg, 
daß Kaufleute nur Hy^Dotheken als Sicherheit betrachten. Nach meinem 
Ermessen verdiene ich dergleichen Bemerkungen nicht. Du weißt nur 
zu gut, mein vielgeliebter Sohn, daß ich Dich sehr lieb habe, daß ich 
zu allen Zeiten viel mehr für Dich verwendet, als es je meinen Ver- 
hältnissen angemessen war und es mit Bereitwilligkeit und gerne ge- 
geben, allein das Unmögliche kann man nicht möglich machen. Ich 
übersende Dir anliegend abermals 500 Rt., sage fünfhundert Taler, 
es ist alles, was ich zusammenbringen konnte, und daß es mir schwer 
geworden, magst Du schon aus der Verzögerung ersehen, daß ich trotz 
Deines Verlangens umgehender Antwort Dich vier Tage lang warten 
ließ, ohne antworten zu können. Sei überzeugt, geliebter Sohn, daß, 
wenn ich es imstande wäre, so würde ich Deinem Wunsche entgegen- 
gekommen sein. Allein ich sage mit Luther: Gott helfe uns beiden, 
ich kann nicht weiter! — 

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß sich Deine Angelegen- 
heiten bald auf eine solche Weise gestalten, daß Du nicht solchem 
drückenden Kummer ausgesetzt sein mögest, obschon ich, ehrUch ge- 
standen, für das Gelingen der Prozeßangelegenheit keine sonderliche 



hielt, denunzierte er den ihm sehr imbequemeu Menschen wegen Hausdiebstahl. 
Vgl. Akten betreffend die Zensur und den Debit der über die Gräflich von Hatz- 
feldtsche Angelegenheit erschienenen Druckschriften und Abhandlungen 1846/49, 
Geh. St.-Axchiv. 

') Hier ist im Tert ein Wort ausgelassen. 



— 278 =r: 

Hoffnung hege, keineswegs [in] solcher kurzen Zeit, als Du den Aus- 
gang zu hoffen gezwungen bist. Ein solcher Prozeß kann sich noch 
viele Jahre verzögern, und wenn die Gräfin in der Zwischenzeit nicht 
ihre gewöhnliche Apanage bekommt, wo willst Du die laufenden Aus- 
gaben decken? Ich möchte mit dem frommen Psalmisten ausrufen: 
,,Wenn ich meine Augen der Zukunft zuwende und frage, woher soll 
Hilfe mir kommen? Die Hilfe ist von dem Herrn, der Himmel und 
Erde geschaffen." — Nach einem Gerüchte, welches hier zirkuhert, 
soll der Prodigalitätsprozeß abgewiesen sein ^) — schreibe mir wenig- 
stens ausführlich über alles, besonders wegen Oppenheim 2). Welche Aas- 
sichten sind für ihm [sie!]? — Heute empfange ich einschreiben von 
unserem Fretuide,^) ich lege Dir solches bei und überlasse es Dir, es 
zu beantworten — wie es scheint, bist Du wohl von der Ansicht 
zurückgekommen, daß er zu Anfang des künftigen Monats bei Dir 
sein soll — . Ach, herzensgeliebter Sohn, wenn die Zeit doch schon 
käme, wo Du wieder bei uns wärest — Gott weiß, wie fem dieser 
heißersehnte Moment sein mag? 

Ich habe Dir sonst nichts mitzuteilen, als daß die liebe Mutter Dich 
herzlich imd tausendmal grüßt, sie hat natürlich nur Dein kurzes 
Schreiben gelesen. Rikchen aus Prag hat uns gestern wieder geschrieben 
und Dich herzlich grüßen lassen, und ich bekümmerter Vater schicke 
Dir meine Tränen und meine lyiebe. 

Lassal. 
Schreibe mir bald Antwort. 



87- 
IvASSAIvLE AN ALEXANDER VON HUMBOLDT. (Konzept von 
Lassalles Hand.) 

[Köln, 25. Oktober 1846. j 

Ew. Exzellenz 

wollen gnädigst verzeihen, wenn ich, der schon so oft als Bittender 
Ew. Exzellenz zu nahen gewagt habe, mir noch einmal erlaube, in dieser 
Eigenschaft mich an Ew. Exzellenz zu wenden. Wenn aber je, so 
dürfte diesmal die Freiheit, die ich mir nehme, durch individuelle wie 
durch allgemeine Rücksichten imd Gründe zu entschuldigen sein. 



^) Die Prodigalitätsklage der Gräfin gegen ihren Gatten war am 28. September 
al« „nicht gehörig substantiiert" zurückgewiesen worden. 

2) Oppenheim wurde am 24. November von den Assisen frdgesprochen. 
^) Arnold Mendelssohn. 



279 — = 

Zwei meiner intimsten Fretmde, der Assessor A. Oppenheim mid 
der Ew. Exzellenz bekannte talentvolle Dr. Mendelssohn, der Neffe 
des Ew. Exzellenz so befreundeten Bankiers Herrn Joseph Mendels- 
sohn, sind, wie Ew. Exzellenz unstreitig schon durch die öffentlichen 
Blätter in Erfahrung gebracht haben werden, wegen der zu Köln ver- 
suchten Saisierung gewisser Papiere der Baronin von Meyendorf, der 
erste in Köln in gefänglicher Haft, der zweite flüchtig und steckbrief- 
lich verfolgt. Die Ursache, welche meine Freunde zu einem derartigen 
Schritt veranlaß te, war die tiefe Empörung über namenlose Mißhand- 
lungen, mit denen seit zwei Dezennien der Graf von Hatzfeldt-Kins- 
weiler seine imglückliche, von ihm selbst verleumdete Gemahlin und 
ihren jüngsten Sohn Paul^) überhäuft. Das letzte Faktum in dieser Reihe 
von Ereignissen war, daß Graf H. der Baronin von M., mit der er in 
einem Verhältnis steht, imter der Simulation einer Schuld, die enorme 
von ihm imd seinen Erben zu zahlende jährliche Rente von 25 000 Fs. 
verschrieb und für die zweimonatliche Verzögervmg der Zahlung eine 
Konventionalstrafe von Fs. 200 000. — bestimmte. Durch diese Sehen 
kung war das Vermögen der nicht durch das Majorat gesicherten gräf- 
lichen Kinder und ihre dereinstige Existenz vollkommen gefährdet, 
ja ruiniert. Um nun das Vermögen dieser unschuldigen Kinder zu retten 
imd über die systematische Absichtlichkeit, die in der Handlimgs- 
weise des Grafen von Hatzfeldt nicht zu verkennen ist, empört, fühlte 
sich der Assessor O., der seit lange der juristische Geschäftsführer 
der Gräfin von Hatzfeldt ist, veranlaßt, mit Hilfe seines Freundes, 
des Dr. Mendelssohn sich jenes Schenkungsaktes bemächtigen zu wollen, 
um ihn bei Gericht vorzulegen und annullieren zu lassen. Die An- 
gelegenheit der beiden Herren kommt nun bereits gleich im Anfang 
der Assisen, die den 2. November beginnen, zum Spruch. 

So interesselos und rein einem gewissen chevaleresken Rittersinn 
entflossen nun auch die Handlungsweise der beiden Angeklagten da- 
steht, so können doch ihre Freunde sich der bangen Bef ürchttmg nicht 
erwehren, die nicht abzuleugnende Violence des Versuchs mit einer 
alle künftige Existenz ruinierende Gefängnisstrafe geahndet zu sehen. 
Der einzig sichere Weg, die Angeklagten einer vielleicht übereilten, 
jedoch immer höchst ehrenwerten Motiven entflossenen Handlung 
zu entziehen, wäre der, die huldreiche Gnade Seiner Majestät zu im- 
plorieren, in Betracht jener ehrenden Motive eine Niederschlagvmg der 
Untersuchvmg allergnädigst erfolgen lassen zu wollen. Es liegen aber 
vielleicht noch triftigere Gründe vor, Seine Majestät zu bewegen, in 



*) Graf Paul von Hatzfeldt (1S31 — 1901), der spätere hervorragende deutsche 
Diplomat. 



— =^- 280 

dieser Angelegenheit Ihre könighche Gnade und Machtfülle walten 
zu lassen. Es sind bei dem Herrn Assessor Oppenheim Papiere ge- 
funden worden, die jedenfalls vor den Assisen zu voller Publikation 
kommen würden tmd die, das gesammelte Material über den über alle 
Begriffe unsittlichen Lebenswandel des Grafen Hatzfeldt enthaltend, 
sehr viele der vornehmsten rheinischen Geschlechter auf das Tödlichste 
kompromittieren müßten. Zu gleicher Zeit müßte, wenn eine Unter- 
drückung dieser Sache nicht gelingt, das einzige Verteidigungssystem 
der Angeklagten darin bestehen, zur moralischen Purifikation ihrer 
selbst wie der Gräfin von Hatzfeldt die Motive ihrer Tat und den em- 
pörenden Lebenswandel des Grafen von Hatzfeldt und das Übermaß 
seiner Gewalttätigkeit offen und rückhaltlos darzustellen. Die Akten 
des von der Gräfin von Hatzfeldt angestellten Prodigalitätsprozesses 
nebst den Beweisstücken, die ein staunenerregendes Gemälde von der in 
den höchsten Klassen des Landes herrschenden UnsittlJchkeit aufrollen, 
müßten dann, zu diesem Zweck bereits gedruckt, sofort emittiert 
werden, um als ebenso viele tausend Zimgen die Sache der An- 
geklagten vor der Jury und dem öffentlichen Gewissen siegreich beredt 
zu führen. 

Ich erlaube mir, Ew. Exzellenz ein Exemplar dieser Prozeßakten 
beizulegen, damit Ew. Exzellenz darin die Wahrheit meiner Angaben 
ersehen mögen. Noch ist von diesem Druck nicht der geringste Ge- 
brauch gemacht und wage ich es daher, Ew. Exzellenz um gnädige 
Diskretion zu ersuchen. Wenn Seine Majestät nur einen einzigen Bhck 
in diese Akten und Beweisstücke zu werfen geruhte, so würde Sie daraus 
sehen, wie nicht nur die Familie H., sondern ebenso oder noch mehr 
die Familien Nesselrode, Hompesch und viele andre sehr hochgestellte 
Personen auf das Schontmgsloseste hierdurch vernichtet würden.^) 



') Der Schluß dieses Konzepts liegt nicht vor. Dagegen befindet sich im 
Nachlaß der Schluß des Reinkonzepts zu dem Brief an Humboldt vom 1 9. Ok- 
tober, der den gleichen Gegenstand behandelte. Dort hieß es u. a. : ,,so würden 
denn Ew. Exzellenz sich den feurigsten und heißesten Dank aller Freunde und 
Verwandten des Angeschuldigten, vor allem aber des Unterzeichneten verdienen, 
wenn Sie, Exzellenz, durch Ihren hohen Einfluß und mächtige Verwendung, wie 
durch genaue Bekanntmachung Seiner Majestät mit allem hier Angegebenen auf 
eine Niederschlagung hinwirken zu wollen die Gnade hätten. — Noch wage ich 
es, Ew. Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, wie sehr diese Angelegenheit, 
die bereits in den ersten Tagen November zum Spruch kommt, der höchsten 
Eile bedarf. Eine huldreiche Antwort Ew. Exzellenz, inwiefern Ew. Exzellenz 
meine heiße Bitte einer gnädigen Gewährung würdigen wollen, und inwiefern ich 
mich Hoffnungen hingeben kann, würde mich zu Köln poste restante antreffen. 

Indem ich nochmals meine Kühnheit mit der Stärke und I^oyaUtät meiner 
Beweggründe, sowie mit der mir wie ganz Europa bekannten Gesinnung Ew. 



- 28l — 

88. 
ALEXANDER VON HUMBOLDT AN LASSALLE. (Original.) 

Potsdam, den 31. Oktober 1846. 

Nach dem Wvmsche, den Euer Wohlgeboren in Ihrem Briefe vom 
25. Oktober äußern, schicke ich Ihnen die Druckschrift und auch die 
Specimina facti, welche Ihr Brief vom 19. Oktober enthält, zurück. 
Ich bin weit davon entfernt, Ihnen für das Vertrauen, womit Sie mich 
haben beehren wollen, zu danken. Wie würde ich mich in eine so un- 
erfreuliche, unheimliche Sache gemischt haben! Die Dokumente sind 
bei mir in einem verschlossenen Kasten liegen geblieben. Seine Majestät 
der König würde auf keine Weise ,,aus souveräner Macht", wie Sie 
sagen, eingegriffen haben, und die Mitteilung an den König, der mit 
dem Geheimen Kabinett solche juridische Dinge behandelt, würde 
dem Geheimnis, worin Sie das Ganze verhüllt wissen wollten, gar nicht 
entsprochen haben. Da ich fast alle Personen kenne, die sich gegen- 
seitig anklagen, so bitte ich Euer Wohlgeboren, mir nicht mehr über 
diese gehässige Angelegenheit zu schreiben. 

Mit der vollkommensten Hochachtung 

Euer Wohlgeboren 
ganz ergebenster 

A. V. Humboldt. 



89. 

LASSALLE AN HEINRICH HEINE. (Abschrift von der Hand eines 
Schreibers des Assisenhofs.) 

[November 1846.] 

Lieber Heine! 

Als ich gestern Doktors ^) Brief erhielt, in welchem er mir in einem 
Wust von undeutlichen beschönigenden und ziemhch sinnlosen Phrasen 
meldet, daß Sie den geringen Freundschaftsdienst, um den ich Sie er- 



Exzellenz entschuldige, die nie eine Gelegenheit vorübergehen läßt, Ihren weisen 
Einfluß segensreich zu verwenden, zeichne ich mit der unbegrenztesten Ver- 
ehrung und Dankbarkeit. 

Ew. Exzellenz 
ganz ergebenter 
F. Lassalle." 
') Arnold Mendelssohn. 



■ 282 - 

sucht, oder vielmehr den ich von Ihnen gefordert, nicht erfüllen 
können und wollen, wollen und können — da war ich allerdings eine 
Minute lang betäubt, so betäubt wie etwa ein Ungläubiger, der eben 
ein Wunder sich ereignen sieht, das seine fünf Sinne nicht wegleugnen 
und doch auch nicht erklären können. Aber ich versichere Sie, ich 
war auch nur eine Minute lang erstaunt. 

Es ist unter allen Umständen ein nützliches Wort: nihil admirari! ^) 
Warum sollten Sie nicht eben auch sein wie so viele andere ? Sie haben 
ganz recht. — 

Soll ich Sie erinnern an das, was ich für Sie tat, soll ich Ihnen 
den Brief schicken, in dem Sie mir schreiben: ,,Noch nie hat ein Mensch 
das für mich getan, was Sie," ^) soll ich mich soweit erniedrigen, Ihnen 
vorzuerzählen, was ich für Sie getan, getragen und geopfert habe? 
Sicher nicht! Nur soviel: Nie hätte ich für mich getan [was ich ge- 
tan habe] für Sie, nie für mich [ — bei^)] Pückler, Vamhagen, 
Meyer[beer,Offen] *) bach, Mendelssohn etc. etc. antichambriert und 
gebettelt, mich verhaßt gemacht durch Bitten, die man ebenso un- 
gern erfüllte wie abschlug, imd meinen keimenden Kredit durch 
unverschämte Forderungen erschöpft. 

Glauben Sie, daß ich das damals nicht alles wußte, wie ich durch 
Betreibimg und so grenzenlos eifrige Betreibung Ihrer Angelegenheiten 
mir schadete, sogar bei Ihren Freunden schadete, die ich mit [zwei 
Worte imleserlichj ^) auf ihnen lästige imd fatale Schritte hinzwang, 
ein Verfahren, durch das, wie Sie wissen werden, man sich am meisten 
verhaßt macht. Man kann einen Menschen mit der Perseveranz auf 
diese Weise wohl zu der vorliegenden Handlung hin zwingen (und 
das tat ich) — aber der Baum ist einem dann für immer abgestorben 
und wird dem tmgestümen Forderer nie mehr eine Frucht oder Blüte 
tragen. Alle diese Menschen hätten mir sehr gerne dies und das ge- 
währt, wenn ich mit meinen Fordenmgen für Sie nachgelassen imd sie 
nicht mit so eiserner Konsequenz an diesen imd jenen Stichwörtern 
festgehalten hätte. Ich habe mir alle diese Menschen verschlossen und 
abgeneigt gemacht — Ihretwegen. Sie wissen, was es heißt, seinen 
Kredit erschöpfen. Das war sogar mit Ihren Freunden der Fall. 
Denken Sie, was Ihre Feinde, von denen Berlin wimmelt, erst 
dachten. 



^) „Nichts bewundern", der Anfang der Horazischen sechsten Epistel. 
-) Heine schrieb am lo. Februar an I^assalle: ,,Noch nie hat jemand so viel 
für mich getan." 

3) Vom Herausgeber ergänzt. In der Abschrift ist liier ein Stück abgerissen. 
*) Auch hier ist ein Stück abgerissen. 
^) Von der Hand des Abschreibers. 



283 — 

Ich fing damals an, in Berlin eine gesellschaftliche Karriere zu 
machen mid eine Art Reputation zu bekommen, die ich zu mir sehr 
wichtigen Dingen anzuwenden gewußt hätte. Aber nun verbreitete 
sich durch Pücklers und Hmnboldts Plaudereien das Gerücht, ich wäre 
der erklärte Freund — Heines. Bei einem geschickten Rückzug und 
Preisgabe Ihrer, Ihnen gegenüber motiviert durch einen mindestens 
ebenso guten Brief, wie mir der Doktor schreibt, wäre viel zu verdienen 
gewesen. Ich tat es nicht vmd erlebte, daß sich manche Person von 
Bedeutvmg tmd Wichtigkeit von mir zurückzog. Ich stand gut mit 
Eichhorn,^) er hatte mit mir, ich mit ihm Pläne. Da fragte er mich, 
ob es wahr sei, daß ich diese und diese Demarchen für Sie gemacht. 
Aber ich war unerfahren genug, die Treue gegen einen Freund im 
Konflikt höher zu halten als die Karriere. Ich sagte ja, sprach auch 
bei ihm für Sie, vmd die listigen grauen Äuglein Seiner Exzellenz haben 
mir nie wieder zugelächelt. Doch — ich bin auch ein ,, junger un- 
erfahrener Mensch". 

Eriimern Sie sich jener frohen Stunde an Ihrem Kamin, wo Sie 
mir sagten: ,,Ach, wenn Sie erst so viel Erfahrungen gemacht haben 
werden wie ich!" ^) Es mag was Wahres daran sein, nimmer aber hätte 
ich mir träumen lassen, daß ich an Ihnen diese Erfahnmgen machen 
sollte! Genug davon. 

Glauben Sie nicht, daß ich sehr genau die Beweggründe, die Sie 
abhalten, kenne? 

Mein Freund, mir können Sie nicht einreden und weismachen, 
was Sie dem Doktor einreden können. Dazu kenne ich Pariser Um- 
und Zvistände zu genau. 

Sie sind faul, Sie sind vornehm, Sie wollen sich wohl bemühen 
für mich, aber nicht unter Ihrem Namen. Sie treiben die Güte in der 
Tat so weit, mit Weill,^) der Ihnen doch so zuwider, darüber zu reden, 
und Artikel in den Corsaire Satan einzuschwärzen, aber der vornehme 
Heine würde nicht mit seinem Konfrater Jules Janin sprechen oder 
offiziell sich bei den Pariser Redaktionen bemühen. Und warum? 
Unter andern könnte es ja die Gräfin Merlin'*) erfahren, die eine 
Fretmdin der Meyendorf, und diese imd jene etc., und sehr viele 
persönhche Verbindungen könnten schief dazu sehen. 

Es soll unmöglich sein? Und ist doch der Gräfin d'Agoult möglich 
gewesen. Was die kann, können Sie sicher auch, und Sie könnten doch 



^) Anspielung auf Lassalles Habilitationsabsichten vgl. S. 315 Anm. i. 
-) Ähnlich Heine an Lassalle, 7. März 1846. 

3) Vgl. s. 357. 

*) Die Gräfin Mercedes Merlin {1788 — 1852), eine Spanierin von Kuba, unter- 
hielt in Paris einen glänzenden Salon, sie schrieb Memoiren und Reisebriefe. 



den Artikel aus dem Rheinischen Beobachter übersetzen etc. Un- 
möghch, hören Sie, Heine, ohne Ihnen zu nahe zu treten, aber — wären 
Sie in Geldverlegenheit mid wären dabei 5000 Fr. zu gewinnen — hol' 
mich und Sie der Tevifel — es würde Ihnen bald möglich sein. 

Sie wissen, Heine, was die Philister in ganz Deutschland über Ihren 
Charakter schreiben. Sie wissen, was ich dazu dachte. Aber wahrlich, 
ich sage Euch, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde etc. etc. 

Lieber Heine, glauben Sie nicht, daß ich leidenschaftlich schreibe. 
Heut bin ich äußerst ruhig tmd sehr abgekühlt. Und wenn ich leiden- 
schaftlich wäre, wer hat denn immer früher so sehr ,,die seltene Eini- 
gimg von Passion imd Verstandesklarheit bewundert?"^) Nur die Er- 
fahrung geht mir ab — Gott behüte mich vor den Folgen Ihrer Er- 
fahrung, Fretmd. 

Vielleicht darf man Ihrem kranken Zustande Ihre Antwort zugut- 
halten. Vielleicht ja aber schwer, man könnte wohl Ihrem Zustande 
eine Unklarheit des Kopfes zuguthalten, das aber liegt nicht vor. Was 
vorliegt, ist sehr klarer, abgequirlter Alltagsegoismus imd Erbärm- 
lichkeit, ist Seichtigkeit des Herzens. 

Aber dennoch will ich's Ihnen auf einen Tag lang zugute halten. 
Aber auch nicht länger. Ich wiederhole Ihnen, daß Sie Artikel, ganz 
ebenso fulminant wie die von mir geschickten, im Journal des Debats, 
Times tmd Allgemeiner Augsburger umgehend erscheinen lassen sollen. 
Ich beharre avif meinem Verlangen. 

Tun Sie es nicht, so ist es mir auch recht. 

Ich bin tmaussprechlich gleichgültig geworden. Tmi Sie es nicht, 
so kann sich die Meyendorf imd Merhn rühmen, wessen sich selbst 
Dionys nicht rühmen konnte, nämlich daß ihretwegen 

„der Freimd dem Freunde gebrochen die Pflicht'". 

Denn gerade herausgesagt, imd das ist meine sehr ruhige Meinung: 
Sie haben mir Pflicht, Liebe imd Treue gebrochen. Wenn Sie es 
bei diesem dreifachen Treubruch sein Bewenden haben lassen wollen, 
so werden Sie einen sichern Profit machen. Sie werden der Unbe- 
quemlichkeit meiner Forderungen für immer ausgewichen sein und nie 
mehr erleben, daß ich mich je wieder in freundlichem noch feind- 
lichem noch gleichgültigem Sinne an Sie wende. Einen Ehren- 
platz werden Sie immer bei mir einnehmen, ich würde Sie nämlich 
obenan stellen auf die Liste meiner ,,Erf ahrungen". 



^) So schrieb Heine in seinem berühmten Brief vom 3. Januar 1846, der 
Lassalle bei Vamhagen von Ense einführte und den der Überbringer 1848 in 
der ,, Neuen Rheinischen Zeitung" drucken heß. 



^ ^.^ 285 .^= 

Wollen Sie also nicht, so schreiben Sie mir ein kurzes ,,Nein", ich 
komme dann selbst nach Paris, um, was mir an Ihrem Soutien abgeht, 
durch persönliche Gegenwart zu ersetzen. Übrigens brauchen Sie sich 
dann in diesem Falle durchaus nicht vor meinem Besuche zu fürchten. 
Ich erspare andern und mir gerne meine Gegenwart, wenn sie doch nur 
beschämend und demütigend wirken kann. 

Übrigens wiederhole ich, daß ich es durchaus begreiflich finden 
werde, wenn Sie Ihre Faulheit, Vornehmheit und einige Verbindimgen 
mit der Merlin etc. in der einen Wagschale mir tmd dem unsichern 
Nutzen von mir in der andern vorziehen. Es hat ein jeder das im- 
bestrittene Recht der Gesinnimgslosigkeit, ein teures Beiwerk der 
Freiheit, das ich Ihnen nicht verkümmern will. 

Mein Freund schreibt mir, daß Sie imgehalten wären über das 
große Briefporto, ja ,, wütend" darüber, Bitte tausendmal um Ent- 
schuldigimg, ich hatte nicht gedacht, daß eine solche Ausgabe für 
einen Freund Sie derangieren könnte. Ich lege hier das Rembourse- 
ment bei, diesen Brief erlaube ich mir noch imter der alten Adresse 
und imf rankiert zu schicken, und nun — Gott befohlen, ich grüße Sie 

Lassalle. 



90. 
LASSALLE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Original.) 

[November 1846.] 

Mein guter Doktor, meine liebe gute Fundgrube von Sozialität. 
Begib Dich angesichts dieses zu Heine und sieh mal zu, ob sich sein 
Animus geändert hat oder nicht. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, 
den er sich bei Gott nicht tmter den Spiegel stecken wird, er war das 
Ärgste an kalter Malice, was ich je geschrieben.^) Wenn er nicht sofort 
meinen Wünschen nachkömmt, so breche ich entschieden und für immer 
mit ihm rmd will nichts von ihm hören. Du tust jedoch besser, Dich 
dessenungeachtet im freundschafthchen Verhältnis mit ihm zu erhalten. 
Was Du mir in seinem Auftrage als Unmöglichkeit darstelltest, ver- 
dient diesen Namen durchaus nicht, ja es ist sogar für Heine nicht 
einmal schwierig, sondern bloß xmangenehm, mühevoll und penible. 
Ich habe ihm das wahre Iimere dieser Unmöglichkeit auseinandergesetzt 
und will mich nicht ennuyieren, es noch einmal Dir zu schreiben. Ich 
beziehe mich daher in dieser Hinsicht auf meinen Brief an ihn. Ich 

') Siebe Nr. 89. 



— 286 

kenne die Pariser Verhältnisse zu genau, um mir etwas weismachen 
zu lassen. Dir hat er etwas weisgemacht. Daß Grün bereitwilliger ist, 
mich zu imterstützen, ist tüchtig und schön von ihm und läßt sein 
Charakter nicht anders erwarten. Ich werde ihm in 8 bis 14 Tagen 
durch Dich so etwas wie 500 Fr. übersenden können, und könnt Ihr nvm 
sofort das Manöver beginnen. Dabei bitte ich Dich, vor Augen zu haben 
folgendes : Die Artikel des Corsaire Satan sind, der eine besonders, etwas 
gar zu lügenhaft, für den Corsaire Satan^) ist das nun recht gut, aber 
für die ernsten Journale muß das etwas anders, strenger sich an die 
Wahrheit haltend sein. Verbreitung über die allgemeinen Mißhandlungen 
gegen die Gräfin, aber nicht detailliert. Muß über die Bassesse der Ver- 
wandten gesprochen werden, aber nicht in implacabler Weise. Demi 
eben sind wieder neue Unterhandlungen im Gange und etwaiger Frieden 
zu gewärtigen. Ist nun aber schon soviel über den Grafen gesagt, daß 
er gar nichts mehr zu fürchten hat, so wird er sich zu nichts verstehen. 
In dieser Beziehimg diene mein neulicher Brief an Heine, den Du ja 
gelesen haben wirst, zum Muster, ebenso der Rheinische Beobachter 
vom 19. September und mein in jenem Brief beigelegter Probeaufsatz 
an die Grenzboten. Dieser letztere geht schon sehr weit in Erzählung 
der Details, imd müßt Ihr vielmehr weit eher unter dem Niveau dieses 
Artikels (nämlich in bezug auf die Detailangabe der früheren Miß- 
handlungen) bleiben, als ihn überschreiten. Versteh' mich wohl. Das 
Urteil, daß Ihr in den Aufsätzen über den Graf zu fällen habt, muß 
so vernichtend als möglich sein; aber die Erzählung seiner Infamien 
muß sich vorläufig mehr auf die letzte Aachener Geschichte beschränken 
und das frühere nur im allgemeinen und phrasenartig berühren. Aus 
den gedruckten Prozeßakten sollt Ihr keinerlei Data mitteilen, die nicht 
schon in dem Rheinischen Beobachter und meinem oft bezogenen 
Probeaufsatz, der in dieser Beziehimg schon an die äußerste Grenze 
des möglichen geht, mitteilen. Und habe ich die strengste Order, Dich 
zu bitten, mir diese gedruckten Prozeßakten umgehend zurück- 
zuschicken. Auch ist es eine falsche Politik von Dir, den Kölner Coup-) 
immer als eine action blamable hinzustellen, er muß vielmehr durch- 
aus in Schutz genommen und als chevaleresken Rittersiim bekundend 
dargestellt werden, ganz wie es der Rheinische Beobachter vom 29. Sep- 
tember getan hat. 

Überschickt mir immer sofort jede Zeile, die von Euch in irgendeiner 
Zeitung in dieser Angelegenheit geschrieben wird. Wenn ich will, daß 
Ihr den AngriS durch genauere Mitteilung älterer Details verstärken 

^) Der Corsaire Satan war ein ziemliches Skandalblatt. Geleitet wurde es 
von Le Poitevin-Saint Alme. 
2) Den Kassettendiebstahl. 



^=^==r== 287 ===:=:^=^ 

sollt, werde ich diese immer Euch angeben imd es schreiben. Vergeßt 
die deutschen Zeitungen nicht. Ein oder zwei fulminante Artikel 
in den Debats imd Times ist Hauptsache. In den englischen Blättern 
muß positiv dargetan sein, wie der Graf den Charakter eines Gentleman 
mit Füßen getreten. Der Ausdruck von ihm in dem Corsaire „homme 
debauche et brutal" ist gut und muß in den Debats wiederkehren. 
Sprecht viel davon, daß man die Gräfin wiedermn der größten Not 
(la plus grande detresse) preisgegeben, um sie an der Verfolgimg des 
Rechtswegs zu hindern, wie dies immer die brutale Taktik seit 20 Jahren 
waa-. Mein lieber guter Doktor, Du weißt nicht, wie ich mich sehne. Dich 
wiederzusehen imd eine Flasche Champagner mit Dir zu trinken. — 
Hoffentlich wirst Du den Schein über die 10 an Neißer adressierten 
Louisdor in meinem letzten Brief erhalten und Dir ihre Erhebung keine 
.Schwierigkeit gemacht haben. 

Übrigens steht es fest, daß der Asse.ssor freigesprochen wird; ich 
werde Dir übrigens in bezug auf ihn einige Mitteilungen machen, die 
Dich so erstaunen werden, daß Du — Leb wohl und grüße Grün herzlich 

Dein Freund. M 



91. 

l^SSALLE AN ARNOLD MENDE13S0HN UND AN KARL GRÜN. 
( Abschrift von der Hand eines Schreibers des Assisenhofs.) 

[Nach Mitte November 1S46.] 
Teuren Fretmde! 

Ihr habt eine kleine Dummheit begangen, indem Ihr an Bercht^) 
habt Artikel abgehen lassen. Ich habe Euch allerdings gesagt, er würde 
für was sein. Aber deshalb diu:! tet Ihr ihm doch keinen Artikel schicken. 
Denn geschah es anonym, so war dies verdächtig, geschah es mit Euren 
Namen, so war dies hinreichend für ihn, uiLsere »Sache zu erkälten. 
Werm dies aber auch nicht gewesen wäre, hätte es doch keinesfalls einen 
Nutzen haben können, denn wenn er einmal für \\x\s, gewonnen war, so 

1) In einer Anschrift der Gräfin Hatzfeldt heißt es u. a.: „Der Artikel für 
die Grenzboten ist in den Partikularitäten zu stark und ausführlich. Wir leben 
jetzt hier in Erwartung der Assisen. Sie wissen, in welche Verlegenheit, in welche 
Gefahr uns die Handlungsweise des O. gestürzt hat. Weitere Details kann ich 
darüber nicht schreiben." 

^) Friedrich August Bercht (1790 — 1861) wurde 1844 an die Spitze des neu 
begründeten „Rheiiüschen Beobachters" berufen, der gegründet wurde, um den 
Interessen der Regierung in der Rheinprovinz als Organ zu dienen. Vgl. Rhei- 
nische Briefe und Akten etc., herausgegeben von Joseph Hansen a. a. O. S. 6510. 



— -^ 288 =^ 

konnte ich ihm doch am besten selbst Artikel geben. Nun hat er zwei 
Tage darauf, nachdem ich Euch die Mitteilung, daß er für uns sein 
wollte, machte, total die Farbe geändert. Und vor zwei Tagen hat er 
einen Artikel gebracht, wo es heißt, Dr. Mendelssohn wäre jetzt in Paris 
tmd daraus könne man schließen, aas welcher Quelle die Artikel in den 
französischen Blättern herrühren. Was habt Ihr ihm geschrieben? 
Unter Eurem Namen? 

Indessen ist dies bloß eine kleine Unannehmlichkeit; nützen hätte 
er uns gekonnt, schaden kann er uns aber nicht, dazu ist sein Blatt 
viel zu sehr gehaßt und diskreditiert. — Es ist jetzt kein Zweifel mehr, 
ich habe mit der Canaille den liguierten Adel gründlich geworfen. 
Es war eine furchtbare I/igue, die gegen uns manövrierte: Hatzfeldt, 
Fürstenberg, Mettemich, Nesselrode, kurz alles, was vom großen 
Adel hier vorhanden ist. Und es schien einige Tage, als könnten wir 
nicht aufkommen. Aber dann habe ich mich aufgerafft, und der Erfolg 
hat meine vSchritte wunderbar begünstigt. Weißt Du, was ,,ambire" 
heißt? Seit zehn Tagen habe ich es gründlich kennen lernen in der 
Praxis, die ich davon machte. Die Kommunisten und Radikalen, etwas 
liberales Volk sogar, das, gesinnungstüchtiger als einsichtig, von mir 
begeistert wurde, hat Wunder getan. Die Jury sind gegen Hatzfeldt 
eingenommen, einige haben sogar beschlosseu, den 24.^) darauf zu 
dringen, daß Oppenheim alles enthülle über Hatzfeldts Leben, was ihn 
mit solcher Indignation erfüllt habe. 

Die Presse hat Wunder getan. Daß Ihr Verbündeten hier den ent- 
scheidenden Streich getan, wie in der Mannheimer^) vom 3., so jetzt in 
der Trierer vom 12., wie sollte ich meinen Dank dafür stark genug 
aasdrücken können? Indes waren wir darin auch nicht faul. Die Mann- 
heimer Zeitung vom 14. hat einen Aufsatz von mir, aus dem Ihr sehen 
mögt, was Grobheit ist, obgleich ein guter Teil durch die Zensur noch 
gestrichen wurde; ich habe ihn imter Gladbachs^) Namen hingesandt. 
Indes war nötig, daß hier ein Provinzblatt sich damit zu schaffen mache, 
und das schien kaum zu erlangen zu sein. Sie hatten sich den Rücken 
gedeckt und mit allen Provinzialblättern herrliche Vorkehrungen ge- 



^) Am 24. November 1846 hatte sich Alexander Oppenheim vor den Köhier 
Assisen wegen des Diebstahls der Schatulle der Baronin Meyendorf und der Ver- 
nichtung von gerichthchen Überführungsstücken zu verantworten. Er wurde 
freigesprochen. Die Verhandlungen gegen ihn erschienen als Broschüre bei der 
Stahlschen Buchhandlung in Düsseldorf unter dem Titel: Der Schatullenprozeß 
in Köln. 

2) Mit der ,, Mannheimer Abendzeitung" verbheb Carl Grün auch nach seiner 
Ausweisimg aus Baden (1842) in guten Beziehungen. 

^) Anton Gladbach, Lehrer in Mühlheim an der Ruhr, Vertrauter der Gräfin 
Hatzfeldt und I^assalles, 1848 Mitghed der preußischen Nationalversammlung. 



— 289 

troffen. Aber ihre Machinationen sind doch zuschanden geworden, 
und grade, wo sie 's am wenigsten erwartet. Sie hatten die meisten 
Blätter zum Stillschweigen gebracht, in der Rhein- und Mosel- und 
Elberfelder Zeitung führten sie aber ihre Angriffe. Berichtigungen 
dahin waren umsonst von ims abgegangen, da nahm ich meinen Ligue,^) 
den Hauptkorrespondenten der Elberfelder, so ein, daß er dem Redak- 
teur den Krieg erklärte, wenn er nicht einige Artikel aufnähme, die er 
besorgen wolle. Und durch ihn brachte ich nun Wächters^) Betrügereien 
und noch einen andern Artikel hinein, ich lege sie beide bei. Besonders 
der Artikel, der über die neue Betrügerei handelt, ist äußerst wichtig 
und hat allgemein für uns gestimmt. Er erscheint morgen zusammen 
mit der Trierer vom 12. in der Kölnischen Zeitung abgedruckt. Ein 
neuer Artikel — unendlich gründlich — ist in der Elberfelder \mter- 
wegs. Die Trierer Zeitung vom 16. hat einen an einigen Stellen etwas 
ungeschickt geschriebenen Artikel von Decher [P] gebracht. Ebenso 
ist an die Aachener und an die Berliner Zeitung geschrieben. Seht be- 
sonders, ob Ihr den Artikel der Elberfelder vom 15. November nicht 
abdrucken oder gründlich besprechen könnt in den französischen 
Blättern und der Trierer Zeitung und Mannheimer. Jedenfalls wollen 
wir darüber Berichte machen imd diese Fourberie jetzt zum Thema 
für einige Artikel nehmen. Ihr könnt nicht glauben, welche Wirkung 
dies wohlerhaltene Kreuzfeuer der Journale hervorgebracht hat. Unsre 
Gegner sind ganz bestürzt. Die EnthüUimg des neusten Betrugs hat 
sie getroffen wie Donner, besonders da sie jetzt sehen, sie können sich 
auch nicht auf die gemieteten Journale verlassen. Ein Adliger, der 
mit der Hatzfeldt-Clique Berühnmg hat, derselbe, der mir bei der 
Elberfelder geholfen — verrät mir die meisten ihrer Schritte und Be- 
mühungen. Die Redakteure der Kölnischen Zeitung sind zwar nicht 
zu bewegen, vor geendigtem Prozeß für uns zu sprechen, sind aber 
überzeugt worden von unserem Recht und für uns gestimmt. Schickt 
mir einen französischen Artikel für Armand Bertin, ^) schreibt besonders 
kräftig an die Mannheimer, die hier noch gelesener ist als die Trierer. 
Auch für die Schlesische Zeitung habe ich Sorge getragen. Die 100 Taler 
nebst Druckheft wirst Du erhalten haben bereits. Also, wackere 
Trommler, werdet nicht müde, schlagt Reveille. Geht mir trommelnd 
voran. 



^) Sic! Der Schreiber hat hier wie an anderen Stellen ganz mechanisch und 
gedankenlos abgeschrieben. OffensichtUche Schreibfehler wurden gleich im Text 
richtiggestellt. 

2) Direktor Wächter stand seit langen Jahren im Dienste des Grafen Hatzfeldt. 

^) LouisMaria Armand Bertin (iS 10 — 1854), Redakteur am Journal des D^bats. 

.Mayer, Lissalle-N'achlass. jg 



- 290 — = 

Die Mannheimer und Trierer haben nun die Sache Grüns wegen 
zur Parte.isache gemacht, unterstützt wurde dies durch die Zuschriften 
der hiesigen Sozialisten und Kommunisten. 



92. 
IvASSAl^LE AN DEN VATER. (Original. Fragment.) 

[Ohne Datum, ■vvohl Ende 1846] 
Geliebter Vater! 

Nie ist wohl jemand mehr Unrecht getan worden als mir heute 
von Dir mit der Äußenmg, ich liebte Dich nicht mehr. Und wenn Du 
dies dahin ermäßigen wolltest, ich Hebte Dich nicht mehr wie früher, 
so hättest Du erst gar unrecht, ich hebe Dich vielmehr bei weitem 
mehr; und wie wäre das auch anders möglich? Mit jeder Sorge, die ich 
Dir mache, steigert sich das ungeheure Kapital von Verpflichtungen, 
das ich gegen Dich habe, wächst meine Schuld gegen Dich, vermehrt 
sich unbegrenzt meine Neigung, Dir meine Liebe zu beweisen, tmd grade 
weil ich dies Gefühl für jetzt nicht befriedigen kann, steigert sich 
dies Gefühl, wie ganz psychologisch, ins Überschwengliche. Ich glaube^ 
das ist klar, ebenso klar ist zugleich, daß ich der gefühlloseste, nieder- 
trächtigste Schuft sein müßte, wenn dies nicht so wäre. Noch nie 
hat ein Sohn einen Vater gehabt, wie ich an Dir, noch nie hat ein Sohn 
durch besondre Umstände eine so heilige Verpflichtung avif sich ge- 
fühlt, diesem Vater alles zu ersetzen, was die Welt ihm sonst an Leid 
zugefügt hat. Muß Dir vielmehr nicht meine Treue gegen die Gräfin 
und ihre Sache, statt Dir das Gefühl zu erregen, ich hätte Deiner ver- 
gessen, den Beweis liefern, wie unerschütterhch, wie unbegrenzt meine 
Hingebung und Liebe für alle Wesen ist, die sich Anspruch darauf 
erwerben, die meinem Herzen nahe getreten sind? Und wenn ich für 
eine andre Person so denke und handle, wie unbegrenzt muß dann 
meine Treue zu Dir sein? Der Beweis ist klar. Ein Mensch schlägt 
in seinen Handlungen, wenn sie überlegt sind, nie aus der Art, er 
verleugnet nie seinen Charakter darin; in dem, was ich für die Gräfin 
tun würde, siehst Du einen Teil von der Hingebung, die ich in abso- 
lutem Maße für Dich betätigen würde. 

Daß ich Dir Sorge mache, leugne ich nicht, und grade das, wie ich 
gesagt, vermehrt noch meine unaussprechliche Liebe zu Dir, Weh zu 
tun einem Wesen, das man liebt! Das ist hart. Sehr hart. Aber sieh, 
alles, was ich verlange, ist, daß Du auch mich gerecht beurteilen sollst. 
Und dann wirst Du zugestehen, daß sich in meinen Handlungen keine 



291 - 

Lieblosigkeit gegen Dich, sondern Pflichtgefühl ausspricht. Ich habe 
nicht in übermütigem Ivcichtsinn gehandelt. Sonst würde ich mich 
selbst anklagen des Verbrechens gegen Dein liebes Haupt; aber ich 
habe mir keinen Vorwurf zu machen, keinen einzigen, ich habe 
gehandelt, wie ich mußte, ich durfte nicht anders! Du wirst doch 
auch einen Mann zum Sohn haben wollen imd nicht einen feigen, 
egoistischen und haltlosen Burschen?! Wenn ich mich ehrlos, pflicht- 
vergessen benehmen würde gegen . . .^) 



93- 
LASSAIvIvE AN DEN VATER. (Original. Fragment.) 

Paris [Dezember 1846]. 

Hotel Mirabeau. 
6 rue de la Paix. 

. . .er hat — Hunger ertragen, sage Hunger und Elend, derSou hat 
ihm gefehlt^) — und er hat kein einzigesmal gemurrt — aus Freundschaf t 
zu mir und aus Treue für seine Überzeugvmg; er hat mich selbst seine 
ganze Not erst kennen gelehrt, als mir Hilfe möglich und sie vorüber 
war; er hat mir treuer angehangen als die Juden ihrem Moses, denn er 
ist mir auch durch eine Wüste gefolgt, ohne Quell und Manna wie ein 
gehetztes Reh von den Häschern verfolgt, imd er hat nicht ein einziges- 
mal gemurrt wie sie. — 

Durch die vielen Siege, die wir erfochten, ist nun der Graf sehr 
gedemütigt tmd zum Frieden geneigt geworden. Der Justizrat Holthoff , ^) 
der die letzten Friedensverhandlimgen vermittelte, sagte mir: ,.Der 
Graf selbst ist mürbe imd völlig gebrochen, es sind nur noch seine 
Ratgeber, die seinen verzweifelnden Mut aufrechthalten, er selbst 
würde bereits alles aufgeben." Durch andre Personen habe ich nun 
erfahren, welches der einzige Umstand ist, auf den die Ratgeber des 
Grafen ihre Hoffnung gründen. Dieser Umstand ist — unsere Mittel- 
losigkeit; sie hoffen, und diese Hoffnung hält den Grafen allein noch 
aufrecht, daß, wenn er die Sache nur noch etwas hinzöge, die materielle 
Not uns beugen wird. — Die Gräfin hat gemäß den rheinischen 
Gerichtsformalitäten den Grafen durch einen Gerichtsvollzieher auf- 
fordern lassen, sie bei sich aufzunehmen und ihr die seit Oktober rück- 



^) Hier bricht der Bogen ab. 

2) Gemeint ist Arnold Mendelssohn. 

3) Justizrat Dr. Franz Ferdinand Holthoff, Stadtrat und Advokatanwalt in 
Köln, starb schon Ende 1847. 



- 292 =^ — 

ständigen Gelder auszuzahlen, er hat auf das erste eine ausweichende, 
auf das zweite eine abschlägige Antwort gegeben; besser verlangten 
wir es nicht; das war alles, was wir nötig hatten, um den Prozeß ab- 
zukürzen; es ist sofort die Klage auf Sustentationsgelder eingereicht, 
und da er leider verweigerte, seine Frau bei sich aufzunehmen und sie 
auswärts zu vmterstützen, so ist ohne alle Widerrede dieser Prozeß 
auf summarischem Wege unbedingt in zwei bis drei Monaten, alle 
Instanzen eingerechnet, gewonnen. Es handelt sich, ob wir diese zwei 
bis drei Monate werden aushalten können, ohne vom Hunger gezwungen 
zu werden. 

Die Sache kommt jetzt zur Entscheidung, und beide Parteien raffen 
ihre Kräfte zu entscheidenden Streichen zusammen. Wer diesmal 
Sieger bleibt, der hat die Sache ausgefochten. Demgemäß versucht 
der Graf, sich noch einmal aufzuraffen und uns das einzige va banque 
zu bieten, das ihm noch möglich ist. Er hat der Mannheimer und 
Trierer Zeitung Calomnieprozesse an den Hals geworfen, für die gegen 
ihn darin ausgesprochnen Verfolgung etc. Diese Zeitimgen müssen 
natürUch den Verfasser der Artikel nennen, imd wenn sie mich nun 
nennen müssen, so trifft der Prozeß mich. Nach rheinischen Gesetzen 
gilt die exceptio veritatis (d. h. die Rechtfertigung der Beleidigimg 
durch den Nachweis der Wahrheit) nicht (in Paris gilt es) und so würde 
ich denn in einem Zeitraum von 14 Tagen zu — 12 bis 18 Monaten 
Gefängnis verurteilt sein. Dann allerdings, wenn ich eingesperrt 
wäre, hätte der Graf gewonnen, dann müßte die Gräfin schütz- und 
ratlos nachgeben, drum ist auf diesen Coup seine letzte Hoffntmg ge- 
richtet. Von diesem Sturm zum voraus imterrichtet, habe ich mich 
nach Paris begeben, um hier ein Individuum aufzutreiben, welches die 
Verfasserschaft und Verantwortlichkeit für alle vorausgegangenen imd 
beliebig folgenden Artikel übernimmt. Das ist hier sehr leicht, weil 
hier die exceptio veritatis gilt, der Graf also schon vor Pariser Forum 
den Prozeß nicht wagen kann, weil er riskierte, daß ihm hier alle seine 
Schändlichkeiten bewiesen werden und die Öffentlichkeit eines Pariser 
Prozesses noch ein ganz anderes Ding ist als die eines Kölner. Zweitens 
aber gibt es hier eine ganze Klasse Individuen (besonders Schriftsteller), 
die es sich zum Erwerb machen, die Verantwortlichkeit für fremde 
Preßvergehen auf sich zu nehmen und — für Geld — nötigenfalls die 
Strafe abzusitzen. Ich habe auch eine Menge gefunden, die bereit 
dazu sind und für 5000 Fr. etwa sich als Verfasser nennen würden für 
die vergangenen imd zukünftigen Injurien. Dann wäre also auch der letzte 
Streich des Grafen in die Luft geführt vmd seine Ergebung vor der Tür! 

Zu diesem Zweck, zu dem Zweck, meine Anhänger zu bezahlen, die 
stürmisch Sold fordern imd bei längerer Verzögerung nichts mehr für 



= 293 ======.-= 

mich tun würden, während ich ihre Hilfe mehr als je noch brauche, 
zu dem Zweck, die Prozeßkosten zu bestreiten, die in zwei Monaten 
goldene tausendfache Früchte bringen werden, zu dem Zweck, einige 
drückende Schulden bezahlen zu können, zu dem Zweck, mit der 
Gräfin etc. ein bis zwei Monate imsere täghchen Bedürfnisse gesichert 
zu haben, — brauche ich eine letzte Sendung Geld. Vor allem sei 
ruhig und erschrick nicht, wenn ich eine große Zahl ausspreche! Ich 
brauche — fünftausend preußische Taler auf einen Schlag, und zwar 
müssen sie in einem an mich indossierten Wechsel auf Schaaffhausen 
in Köln mir übersandt werden. Dieser ist nämlich der Bankier des 
Grafen, und wenn ich vormittags mich mit einem solchen Wechsel 
bei Schaaffhausen präsentierte, würde nachmittags der Graf davon 
unterrichtet sein. Dies wäre von dem höchsten, entscheidenden Nutzen. 
Mich im Besitze einer solchen Summe zu wissen, zu wissen, daß seine 
letzte, auf unsere materielle Not gerichtete Hoffnung falsch und nichtig 
sei — das würde ihm den Rest geben. Wahrscheinlich würde dies allein 
genügen, um ihn zur Anknüpfung von Friedensverhandlungen und zum 
Nachgeben zu bringen. Werde nicht verdrießlich, weil ich eine solche 
Summe fordre imd höre eine kurze Auseinandersetzung mit Deiner 
alten Güte an. Zuvörderst glaube mir, was es Dich auch kosten 
mag, es mir zu schicken — glaube mir, es kostet mich bei weitem 
mehr, sie zu fordern. Seit vier Tagen wälze ich mich mit diesem 
Briefe herum, dessen Notwendigkeit mir lichtvoll vor der Seele steht 
imd den ich mich nicht entschließen kann, Dir zu schicken. Aber es 
muß sein. So muß ich auch den Mut und das Herz dazu haben. Ich 
will es vernünftig betrachten. Bei meiner Anforderung kommen zwei 
Fragen in Betracht, i. Ob es Dir überhaupt auf irgendeine Weise 
möglich ist, mir das Verlangte zu schicken für den Augenblick, 2. Ob 
ich es verantworten kann, eine Smnme von Dir zu leihen, deren 
Restitution immer nicht sicher ist (nach gewöhnhchen Begriffen) und 
deren Verlust Dich vielleicht ruinieren würde. — 

Die erste Frage ist bald erledigt. Wenn Du die Summe aufnehmen 
und Dich dem Verlust derselben aussetzen willst, so kannst Du mir 
sie leicht schicken, wenn Du auch nachher den Verlust nicht ertragen 
könntest. Die zweite Frage : ist es aber unter solchen Umständen und 
da ich voraussetze, daß Du ihren Verlust nicht würdest ertragen können, 
,, menschlich", daß ich eine solche Summe fordere; diese Frage er- 
ledigt sich auf folgende Weise. Was trifft ein, wenn ich die Surmne 
nicht erhalte? Daß ich dann keinen Stellvertreter erkaufen könnte 
imd also auf viele Monate für Preßvergehen ins Gefängnis spazieren 
müßte. Diese vorübergehende Unannehmhchkeit ist das wenigste. 
Wenn ich aber die Sache, deren ich mich angenommen, nicht durch- 



— — 294 

setzen könnte, was würde die Folge für mich sein? Du kennst mich ein 
wenig. Ich habe es mir zur Herzenssache gemacht, die Sache dieses 
unglückseligen gemißhandelten Weibes, dieses so guten Weibes durch- 
zuführen. Ich habe mich angesaugt an diesen Vorsatz mit allen Saug- 
fasern meines Organismus; ich habe mich angekrampft daran mit 
aller Stärke meines Willens. Mein Wille ist mein ganzer Mensch! 
Es ist mir, daß ich es grade heraussage, I^ebensfrage geworden. 
Ich sinne nur das, ich denke nur das, ich fühle nur das! Mein ganzes 
Dasein, mein ganzer Geist hat sich daran angeklammert, und er springt 
in Stücke, wenn er davon lassen muß. Wenn ich durch die materielle 
Not gehindert werde, der Frau ihr Recht zu verschaffen, woran ich 
meine Freunde, meine Jugend, meine Blüte, unsre Ehre, unsre Frei- 
heit und Deinen Schmerz gesetzt habe — dann — was würde eintreten.^ 
Ich würde mich einhüllen in meinen Gram und drin ver- 
gehen. Du wirst es begreifen (andre mögen es übertrieben finden) — 
eine so starke Natur ich auch bin, oder vielmehr grade weil ich eine 
so starke Natur bin — ich würde von Stund' an an gebrochnem 
Herzen sterben; wie ein schwindsüchtiges Mädchen, an dem der 
Wurm nagt. Ich würde mich in eine Einsamkeit, in einen Winkel der 
Erde zurückziehen imd würde mich auffressen und auf nagen vor Gram! 
Ich würde eine I/Ciche sein, auch schon während meines Lebens, das 
ich schwerlich lang ertrüge. Ich bin anders wie andre Menschen, 
wenn ich mir was zu Herzen nehme, frißt's mir die Eingeweide ent- 
zwei! Die vSchmach, die das Weib erlitten, die schmähhche gottver- 
gessne BrutaUtät, mit der man sie zertreten will, der Widerstand, den 
ich gefunden, die Güter, die ich dran gesetzt, die Siege, die ich erfochten, 
glorreich und unglaublich erfochten habe, alles das hat mich mit einer 
absorbierenden Leidenschaft durchfacht, und wenn ich nach all diesen 
ungeheuren Anstrengungen und Siegen, nach der Beseitigung der un- 
behaglichsten Schwierigkeit so nahe meinem Siege, ja seiner gewiß, 
an ein paar tausend Talern scheitre, siehst Du, dann gehe ich dran 
zugrunde. Dann bin ich quitt mit allem, was die Welt trägt, dann 
kann ich vielleicht — auch nur vielleicht — noch ein Scheinleben 
führen, aber die Blüte, aber die Elastizität, die Spannkraft meines 
Geistes ist geknickt, und ich werde sein dumpf und fühllos wie der 
Blödsinn. Mit welchem Rechte aber kann ich deswegen fordern, daß 
Du, um meinen Ruin zu verhüten. Dich selbst dem Ruin aussetzest? 
Das will ich Dir erklären. Wärest Du wie ein andrer Vater, würde ich 
es nicht tun. Aber weil ich weiß. Du -Guter, daß ich Dein Alles bin, 
Deine einzige Freude, alles in einer Person, was Dich am Leben fesselt 
und den Glanz der Hoffnung in Deinen Augen leuchten läßt — sieh, 
so ist es meine Pflicht, so muß ich Dich fragen: ,, Willst Du nicht Dein 



- — =^- 295 — 

Alles, Dich selbst, einsetzen, um Dein Alles, mich, zu retten?" Ich mußte 
Dir nur sagen, was auf dem Spiele steht, daß mein ganzes Ich — es ist 
mein fürchterlichster Ernst — auf dem Spiele steht, und daß diese 
Deine Hälfte noch zu retten ist, wenn Du nur Mut genug hast, die 
andre einzusetzen, dazuzusetzen — daß sie aber ganz gewiß und 
für immer verloren ist, wenn Du diesen Mut nicht hast! Ich fordere 
es nicht, ich laß Dir nur die Wahl. Ich würde es Dir nicht einmal er- 
zählen, um Dir die Qual der Wahl zu ersparen, werm ich nicht fürchtete. 
Du könntest mir dann einst sagen, warum hast Du mir das nicht ge- 
sagt? Warum hast Du es nicht in mein Wissen und Wollen gestellt? 
Warum hast Du es mir nicht möglich gemacht. Dich zu erhalten, und 
sollte ich alles dafür aufs Spiel setzen, und sollte ich mich noch dazu 
wagen, da Du doch weißt, wieviel Du mir giltst? Um diesem Vorwurf 
zu entgehen und weil Wahrscheinlichkeit, ja Gewißheit da ist, daß 
Du mich und Dich zurückgewinnst, wenn Du das Spiel nur wagst, — 
darum sage ich es Dir. Ich sag' es Dir, weil, wenn Du das va banque 
nicht bietest, nicht zu mir, der einen Hälfte, noch Dich selbst, die 
andre Hälfte setzst, ich ganz verloren bin und mit mir Dein bester 
Teil, alles Schöne Deines Lebens, alles, wofür Du lebst! Ich sag' es 
Dir, weil Du mir sagen könntest: ,, Warum hast Du mir vorenthalten, 
daß die Frage so fürchterüch entscheidend ist, daß sie lautet: ,,Sein 
oder Nichtsein", ich habe oft in meinem Leben mein ganzes Vermögen 
an Geschäfte gewagt, warum zweifeltest Du, daß ich es freudig für 
Dich wagen würde, wenn ich nur wußte, daß ein Ausweg unmöghch 
ist?" — Damit ich vor dieser Frage dann nicht zu verstummen brauche 
und dann nicht erröten muß, das Lebensglück von vier Menschen und 
Deines mit vernichtet zu haben, weil ich den Mut zu einer Forderung, 
den Mut zu einer Auseinandersetzung nicht hatte, darum spreche ich 
und stelle es in Deine Wahl! — 

Willst Du mir also schicken, so muß es umgehend sein (gegenwärtig 
habe ich hier keine 4 Fr., doch das macht nichts, ich werde morgen 
vSchmuck verkaufen, die Gräfin hat noch 100 Rt. ! !) und muß auf einmal 
die ganze Summe sein, und beobachte die oben angegebene Formahtät, 
lege den an mich indossierten Wechsel in einen Brief an mich, den Du 
rekommandierst, drum mache ein Kuvert, das Du auch rekommandierst 
und an H. Rener ^) adressierst. Zugleich schreibst Du noch einen andern 
Brief an mich, worin Du mir meldest, daß Du mir das Geld an Rener 
geschickt und adressierst ihn inwendig an mich, auswendig an Herrn 
Justizrat Holthoff, Köln, Kunibertskloster, zugleich schreibst Du noch 
einen Brief, in dem Du mir dasselbe meldest und adressierst ihn gar 



M Siehe oben S. 268 Anm. 3. 



- - 296 - I 

nicht an mich, sondern inwendig an Herrn F. Goldschmidt, auswendig 
an Herrn Forrer, Rue Quincampoix No. 8, Paris. 

Nun leb mir wohl, Du Guter, Vielgequälter, aber Du merkst wohl, 
wer einen so fürchterlichen Brief so fürchterlich kalt und besonnen 
schreiben kann, dem muß recht durch und durch und fürchterlich ernst 
und gar nicht schreiberlich zumute sein. Ich denk', ich zahl' Dir's 
einst wohl noch wieder, was Du getan und gelitten. Ich halte Wort 
und zahle. Leb wohl, leb mir wohl, mein guter . . . 



94- 
HEYMAN LASSAIv AN DEN SOHN. (Original.) 

Breslau, den 21. Dez. 46. 

Ohne viele Weitläufigkeiten kurz zur Sache. Du verlangst von mir 
5000 Rt., erklärst mir, daß Du diese Summe durchaus haben mußt, und 
daß im entgegengesetzten Falle die Welt und die Freude für Dich ab- 
gestorben und daß das Leben fast eine Last für Dich wäre ! Werm ich 
Dich nicht so lieb hätte, so würde ich Dir einen ganz derben Brief ge- 
schrieben haben und Dir eine solche Redensart strenge gerügt haben. 
Allein ich bin Dir viel zu gut, ich habe Dir gegenüber niemals den 
Standpunkt als Vater angenommen, ich abstrahiere auch heute davon 
imd sprechen wir über Deine Angelegenheit offen und leidenschaftlos 
wie ehrliche I^eute. Ich will Dir keine Vorwürfe machen, daß Du die 
friedliche Heimat verlassen und in das feindhche Leben hinausgegangen 
tmd eine fremde Angelegenheit zu einer Lebensfrage für Dich gemacht, 
einen Kampf begonnen auf Leben und Tod, welchen durchzuführen Du 
wohl die geistigen Mittel haben magst, aber nicht die materiellen; ich 
sage, ich will Dir keine Vorwürfe machen, sondern die Sachen nehmen 
so wie sie eben sind. — Also damit die Gräfin Hatzfeldt eine gesetzhche 
Rente von soundsoviel Taler tmd diese und jene Nebenbedingungen alle 
so geordnet werden,^) wie Du oder die Gräfin es wünscht, also darum 
die Lust zum Leben aufgeben, das nicht Dir, sondern von Gott und 
Rechts wegen kraft des heihgen Rechtes der Liebe und innigen 
Freundschaf t noch mir, nur mir allein gehört, dies ist weder rechüich 
vernünftig. Denn die Gräfin Hatzfeldt kann ebensogut mit 1 5 Mille ^) leben 
vmd kann ebensogut auf diese oder jene günstige Bedingimg verzichten, 
wenn es sein muß und es nicht anders zu machen ist. Meine Antwort 
auf Deine Forderung ist also folgende. vSei überzeugt, daß wenn ich 

1) Sic! 

-) Diese Geldangabe war nicht genau zu entziffern, 



— 297 — -= 

5 Mille hätte oder sie durch Kredit aufzubringen wüßte (es ist nämlich 
seit dem Fallissement des Kommerzienrat Ferdinand vSchiller ein solches 
Mißtrauen hier, daß ein Bruder dem andern nicht ohne hinlängUches 
Unterpfand borgt), also wenn ich sie mir darlehensweise zu verschaffen 
wüßte, ich würde sie Dir bei Gott dem Allmächtigen geben, und zwar 
nicht, weil ich die Überzeugung habe, daß, wenn ich dieses Kapital 
gebe, Du am Ziele Deiner Wünsche wärest, denn diese Ansicht ist mir 
nicht so maßgebend, da ich nun schon zum dritten Male sehe, daß Du 
Dich über die materiellen Kräfte, welche zu diesem Feldzuge nötig 
sind, getäuscht. Einmal, als Du von Berhn fortgingst, sagtest Du, ich 
bin mit Geld hinreichend versehn — nicht drei Monat später, als ich von 
Wien nach Hause kam, fand ich einen Brief vor, worin du 200 Louisdor 
als Darlehn fordertest; ich kam zu Dir und machte Dir die Aussicht, 
nach Kräften Geld zu senden; allein bald fordertest Du anstatt 1000 Rt. 
mindestens 2000 Rt., imd jetzt sind noch nicht drei Monat vorüber 
und Du forderst wieder 5 Mille. Dennoch aber würde ich Dir die 5 Mille 
geben, weil das Geld nur dann einen Wert für mich [Wert] hat, wenn ich 
es für solche Zwecke verwende, die mir heb und teuer sind, und wer ist 
mir wohl teuerer als Du? — Aber bei Gott dem Allmächtigen, der in 
meinem innersten Herzen wohnt, ich habe es nicht und kann es nicht 
beschaffen, dennoch aber will ich mein möglichstes tun, . . .') auch Fried- 
land, der mittlerweile wohl in Paris angekommen ist. . .-) mir fällt 
eben ein gewisser . . .^) eines [Barons] *) ein, welcher sehr oft zu uns kam, 
Friedland und H. Heine kennen ihn genau, auch Panofka^) kennt ihn 
gut . . .*) Allein es ist eine bekannte Fabel, daß die Regierung über 
das Tierreich wechselt und daß in dem Jahr, wo der Fuchs den Thron 
besitzt, der Löwe sich vor ihm bückt. — Also selbst in dem Falle, 
wenn Du ein kleines oder großes Zerwürfnis mit ihm hattest, so gehe 
zu ihm, ich schreibe ihm auch heute in Deiner Angelegenheit, und ich 
zweifle nicht, daß er meinem Wunsche nachkommen wird. — Dann will 
ich Dir im Vertrauen noch etwas mitteilen. Wir haben die Gasbeleuch- 
tung für Pest in Ungarn angenommen. Der Kontrakt ist bereits länger 



^) Hier sind sechs Zeilen durch Tinteastricha vallkoiiitnea ualeserlich gemacht. 

2) und 3) Hier sind wiederum einige Worte unkennthch gemacht. 

*) Dies Wort ist auch teilweise radiert, so daß es nicht mit voller Sicherheit 
zu entziffern war. 

^) Gemeint i.st wahrscheinUch Theodor Panofka (1800 — 1858), der beliannte 
Archäologe, ein geborener Breslauer, bei dem I,a.ssalle in Berlin Vorlesungen 
gehört hatte. 

*) Hier sind wiederum sechs Zeilen unkenntlich gemacht. Einzelne Worte, 
die dazwischen stehen geblieben sind, lassen den Sinn in keiner Weise erkennen. 
Nicht unwahrscheinlich ist, daß der alte I<assal sich hier in abfälliger Weise 
über seinen Schwiegersohn Friedland geäußert hatte. 



- — ^- —^ 298 

als zwei Monat abgeschlossen und wird stündlich von der Königlichen 
Regierung ratifiziert erwartet, wie gesagt, wir erwarten ihn stündlich. 
Sobald er morgen kommt, so reise ich gleich den darauffolgenden Tag 
nach Paris, zum Schein, um unseren Unterhandlungen mit der Iris in 
der Nähe beizuwohnen, im Grunde aber bloß deshalb, um zu sehen, 
was für Dich zu tun. — Nehme dieses nicht bloß als eine sogenannte 
entfernte Aussicht, denn ich wiederhole Dir, der Kontrakt ist bereits 
zwei Monat abgeschlossen, wir haben sogar schon die Kaution gelegt. 
Es fehlt bloß noch die Ratifikation, eine bloße Förmlichkeit; sobald 
diese eintrifft, so gehe ich nach Paris. — Hiervon aber sage aus doppelten 
Gründen nichts an Ferdinand, einmal, würde es ihm unlieb sein, daß 
ich hinkomme, und er nicht allein die Unterhandlungen leiten kann — 
zweitens ist er zwar ein guter Junge, allein es ist keine edle Natur in 
ihm, und wahrscheinlich werden ihm ^) soviel Aufopferung seitens meiner 
für Dich unangenehm berühren, glaube mir, ich kenne ihm^) genau und 
werde Dir einmal seinerzeit Beweise davon geben. — 

Dann habe ich mit Strantz^) gesprochen. Dieser hat an die Gräfin 
geschrieben und angefragt, ob sie ein Arrangement treffen will. Dann 
will er sofort hinreisen, ich habe ihm aber gesagt, daß er dem Fürsten 
die Überzeugung verschaffen muß, daß wenn ein Arrangement zustande 
kommen soll, er ihr vor allen Dingen Geld senden muß, da die Mittel- 
losigkeit der Gräfin der einzige Umstand ist, welche den Grafen be- 
stimmen,3) das Arrangement von sich zu weisen. Es ist also leicht mög- 
lich, daß von da aus auch in wenige Tage 3) Geld kommt. Vielleicht 
ist es Dir auch möglich, die Gräfin zu bestimmen, daß sie an dem ^) Bruder 
in kurzen Worten schreibt, daß sie bereit sei, ein Arrangement ein- 
zugehen, nur muß er ihr sofort eine Geldsendung machen — Du 
bist klug genug, um über diese Angelegenheit den rechten Ausweg zu 
finden — die . . .*) hat mich nicht überrascht, da Du in Deinem Brief 
seiner gar nicht erwähntest, so wußte ich gleich, daß hier etwas vor- 
geht. Auch habe ich . . F) Prozeßverhandlung vor den Assisen ^) eine 
Frage nämlich, die er in bezug auf Dich getan, mir nicht erklären 
können. — Arnold grüße ich vielmal, überlege Dir alles wohl reifh'ch 
mit ihm und damit gut. — • 



1) Sic! 

2) Mit einem Generalleutnant a. D. von Strantz I, einem Freund des Grafen 
KeyserUngk, der ihn mit der Gräfin Hatzfeldt bekannt gemacht hatte, stand 
I,assalle Anfang 1846 in Verbindung. Es liegt ein Brief vom 31. Januar vor, 
worin dieser als ,,treu ergebener Freund" ihm ,,viel Glück zu der bewußten 
Aventure" wünscht. 

3) Sic! 

■*; und ^) Hier sind einige Worte ausradiert. 

**) Lassal meint den Prozeß gegen Alexander Oppenheim. 



- = -^ 299 = 

Und nun noch eins. Du sagtest immer zu mir, wenn ich belehrend 
über eines oder das andere zu Dir sprach, da sagtest Du immer, Deine 
Erfahrungen wären so alt wie die Weltgesichte, ^) Du wärst ein Mann 
von 40 Jahren mit Jünglingsfrische. Nun rechtfertige doch diese 
Ansicht. Wenn also jemand, der noch nie etwas Unangenehmes im 
I^ben erfahren hat, aus Übermut, wenn ich mich so ausdrücken muß, 
aus seinem Lebensverhältnis hinaustritt, sich in ein ihm ganz fremdes 
hineindrängt, hier aus reinem Übermut einen Kampf beginnt, imd das 
Resultat nicht gleich so ist, wie er es wünscht oder er sich das in seiner 
erhitzten Phantasie ausgemalt hat, hat dieser deshalb ein Recht zu er- 
klären, ich bin mit der Welt und ihren Freuden quitt? — Junger Gelb- 
schnabel ! Ich habe Dir in meiner lyeidensgeschichte,^) die ich Dir neu- 
lich nicht ohne Absicht in kleinen Umrissen geschildert, gezeigt, welche 
schweren Prüfungen ich unverschuldet erfahren, wie das Schicksal 
mich getreten. Kühn imd mutig bin ich ihm entgegengetreten, und 
auch heut in meinem vorgerückten Alter wäre ich stark genug, manche 
Prüfung zu ertragen, ohne die Lust zum Leben zu verlieren, solange 
nämlich, als ich mit frohem Blick auf Dich hinsehen kann. Ich könnte 
noch heut Prüfungen tragen, und Du bist beim ersten Treffen schon 
feige wie ein junger Offizier, der mit Sporn und Waffe ein gewaltiges 
Getöse macht und den Pulverdampf nicht ertragen kann; gehe hin 
und schäme Dich einer solchen Äußerung. Wenn ich gutmütig genug 
bin, Dich für alles, was Du mir angetan, zu entschuldigen, von dieser 
Schuld spreche ich Dich nicht frei — bis Du sie offiziell zurücknimmst 
und sagst: pater peccav^i; in dem ersten Gefecht, welches noch nicht 
einmal ganz verloren ist, muß man nicht alle Kriegeslust aufgeben. 
Sonst habe Dir heute nichts zu melden, als Dich zu bitten, mir bald 
zu schreiben und ausführlich zu schreiben, grüße mir Deinen Freund 
Mendelssohn. 

Ich küsse Dich tausendmal 

Dein Vater. 

Die liebe Mutter grüßt Dich. 

Wie mir Strantz soeben mitteilt, ist der Ehekontrakt in bezug auf 
die Gütergemeinschaft nicht klar ausgesprochen und läßt sich hier- 
gegen begründeter Einwand machen, weshalb der Kvmofcky den Prozeß 
nicht übernehmen wollte, wenn dem so ist, und man bedenkt, daß die 
Gräfin schon einige zwanzig Jahre lang in Ärger vmd Kummer verlebt 



^) LavSsal meinte: Weltgeschichte. 
2) Lassa] schreibt Ivcidens Gesichte. 



300 - 

und nun noch vielleicht eine Zeitlang prozessieren kann und dann 
noch ein zweifelhaftes Ende, so wäre es doch wohl vernünftiger, sich 
aus dem Dilemma zu ziehen und einen Vergleich von 1 5 000 Rt. Rente 
anzunehmen. — 



95- 
LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

Paris, 31. Dez. [46]. 
Hotel Mirabeau, 6 rue de la Paix 

Geliebter Vater! 

Deinen Brief habe ich erhalten vmd muß Dir zuvörderst, ehe ich 
in das einzelne eingehe, sagen, daß er mich mit wahrhafter Freude, 
mit wirklicher Bewunderung erfüllt hat. Er hat mir zwar nicht ge- 
holfen, aber er hat mir eine imendliche Freude über Dich verursacht, 
einen wahrhaften Stolz auf Dich, ich habe ihn dem Dr. Arnold M. vor- 
gelesen, der grade da war, imd wir haben einstimmig erklärt, daß Du 
mit mir der einzige Mensch auf der Welt bist, im hohen Sinne des Wortes. 
Was mich daran so entzückt hat, ist nämlich der wirklich ungeheure 
Idealismus, der männliche Akzent, der sich darin ausspricht. Du 
hast zwar Unrecht zu glauben, daß mir der Mut ausgegangen, mich 
hat es vielmehr gefreut, ihn bei Dir in einem so ungeschwächten Grade 
wahrzunehmen. Ein weichlicher wehmütiger Brief hätte lange nicht 
einen so gestmden Eindruck auf mich gemacht, als dieser trotz seiner 
unrichtigen Voraussetzungen. Es weht in ihm der Atem eines Mannes. 
Du kennst mich sehr gut. Du wußtest, daß man mir so schreiben muß. 

Praktisch also hat mir der Brief nicht geholfen, er hat die Unge- 
heuern Verlegenheiten, in denen ich mich befinde, nicht im geringsten 
vermindert, da mir eben nur Geld helfen kann. Hat er mir aber nicht 
geholfen, so hat er mich doch erquickt. Die einzelnen Unrichtigkeiten 
des Briefes erschöpfend schriftlich zu widerlegen, habe ich nicht nötig, 
da ich darauf rechne, daß Du umgehend zu mir reisest imd sogar 
hoffe, daß selbst dieses Schreiben Dich nicht mehr in Breslau antrifft. 
Nur auf einiges Wenige will ich oberflächlich eingehen. Zuerst also hast 
Du unrecht zu glauben, daß mir der Mut ausgegangen sei. Noch hält er 
felsenfest, meine Freunde nennen mich den,,kriegerischen",d.h. ich habe 
noch immer und selbst mehr als je das unbesiegliche, imerschütterte Ver- 
trauen, daß ich alsSieger aus dieser Sache herausgehen werde. Sollte dies 
dennoch nicht der Fall sein, ja, dann gestehe ich ein, daß es mit meiner 



301 ==^======== 

geistigen Existenz aus wäre; dies mußt Du nicht so benennen, ,,es sei 
mir in dem ersten Trefifen mit der Welt der Mut und die Kraft ge- 
brochen", sondern weil ich diese Sache so ganz und gar zu der meinigen 
gemacht, mein ganzes Ich, mein Denken und Sein total an sie hin- 
gegeben habe, muß ich mit dieser Sache stehen oder fallen, je nachdem 
sie am Ende aller Enden definitiv gewonnen oder verloren wird. Aber 
ich werde sie nicht verloren geben, und sollte ich noch Jahre ohne Hilfe 
von außen dran arbeiten müssen, und sollte ich mit den Nägeln mich 
wehren! Nicht nur mein Lebensmut wird mir gebrochen sein, wenn 
ich sie verloren gegeben habe, sondern eigentlich so: ich werde sie nicht 
eher verloren geben, bis mir mein Lebensmut gebrochen ist; solange 
nur noch ein Funke in mir glüht, wird er zur Flamme werden für diesen 
Zweck, dem ich meinen ganzen Geist und Willen hingegeben, bis ich 
ihn durchgesetzt habe. Daß Dir vom persönlichen Standpunkt aus 
ein Unrecht damit geschieht dadurch, daß ich, wie Du Dich ganz richtig 
ausdrückst, eine fremde Angelegenheit so sehr zu der meinigen machte, 
— das will ich nicht leugnen, dies zeigt sich ja jetzt schon darin, daß 
Du gezwimgen bist, entweder mich im Stiche zu lassen und somit den 
Verlust meiner so sehr zu riskieren, oder von der andern Seite so große, 
so empfindliche Opfer, wenn auch nicht bringen, doch wagen mußt, 
um nur Deinen Sohn zu soutenieren. Dir ist damit ein Unrecht angetan, 
das ist richtig, eine Gewalt angetan, denn die Sache ist Dir fremd und 
geht Dich nichts an, und Du hattest ältere und sehr, sehr heilige Rechte 
auf mich. Aber dies Unrecht ist nicht das meinige, es ist die Schuld 
der Verhältnisse, des Kontrastes zwischen Idee und Wirklichkeit, 
Nicht meine »Schuld ist es, denn ich habe mich für eine gute imd ge- 
rechte Sache begeistert, imd die Begeisterimg hierfür ist schön, und 
der Mensch soll nicht sein ein so persönliches Tier, daß er sich nur 
interessiert für etwas, das an seinem immittelbaren Dasein hängt. 
Nicht meine Schuld, sondern höchstens mein Verdienst, wenn auch 
zugleich meine Dornenkrone ist es, daß ich empfänglich bin für die 
Idee und für das in sich Gerechte und den Mut und die Treue habe, 
diese Gesinnung zur Tat zu treiben. Wenn ich nicht war, was die 
andern Menschen: ein pulsierender Leichnam, so mußte diese Sache, 
so wie ich sie kenne, meine Liebe imd meinen Zorn, die beiden Pole 
meines Willens, erwecken, und nun sie mich an den beiden Fäden meines 
Geistes gepackt hat, nun sie in Anspruch genommen meine Liebe 
und meinen Zorn in ihrer ganzen Weite, gehöre ich ihr natürlich auch 
ganz an, da mein Körper bloß der stumme Diener und das Gefäß meines 
Willens ist: wenn sie mir nun doch verloren geht, so geht mit verloren, 
was sich so untrennbar, so konvulsivisch fest daran geklammert hat, 
meine Liebe und mein Zorn, d. h. der ganze Umfang meines Geistes, 



=^=^=::=:===^= 302 

und es geht mir wie einem Vogel, der ausgeweidet wird. Freilich ist 
dies ein Märtyrertum für Dich, aber es ist ebenso mein eignes Märtyrer- 
timi imd darum nicht meine Schuld. Ein Zimmer kann man schließen, 
daß nicht die Luft hineindringt, aber den Geist kann man nicht ab- 
schließen und absperren von den Gedanken, die ihn erregen, anfüllen 
und absorbieren. Du hättest ebenso gelitten und noch mehr, wenn 
ich für irgendeinen andern großen Zweck, der in der Welt noch nicht 
die Stätte seines Daseins, sondern seine verfolgende Macht hat, zum 
Propagandisten geworden wäre. 

Was die einzelnen Ratschläge betrifft, die Du mir gibst, so ver- 
hält es sich damit folgendermaßen. Mit dem Paragraphen aus dem 
Code Civil, der den Mann verpflichtet, die Kostenvorschüsse und Ali- 
mente gleich zu geben, hat es seine Richtigkeit, aber da dieser Prozeß 
erst vor acht Tagen eingereicht wurde, nachdem der Graf die durch 
Gerichtsvollzieher ihm zugegangene Aufforderung zu zahlen und die 
Gräfin zu sich zu nehmen, abgeschlagen, so kann es mit diesem Prozeß 
bei der Langsamkeit des Koblenzer Gerichts noch vier bis sechs Wochen, 
und im Fall daß ihm Appellation verstattet wird, noch einige Wochen 
länger dauern. In zwei Monaten, höchstens drei ist dieser Prozeß 
allerdings gewonnen, aber eben weil ich diese große Gewißheit habe. 
Dir dann das Geld wiedergeben zu können, forderte und fordere ich 
es unterdes. Wenn ich daran zweifelte, würde ich alles andre eher 
erdulden, als Dich so traurigem Opfer aussetzen. Du hast unrecht zu 
sagen, ich hätte mich bisher in den materiellen Hilfsmitteln verrechnet ; 
die erste Summe ging drauf durch großes Unglück, Leichtsinn imd 
bedeutende Ausgaben; damals war ich im Glück und sorgte nicht; die 
zweite Summe, die 1500 Rt., die ich von Dir erhielt, hielt ich nicht 
für zureichend, das ganze Drama damit zu beendigen, aber ich habe 
damit den ersten Akt, die Freisprechung Oppenheims, erlangt, der 
Graf hat umsonst 40 000 Rt. dafür verpufft, urteile, ob dies Geld nicht 
seinen tausendfachen Nutzen gehabt und Wunder getan hat; ohne 
diese lumpigen und bekackten 15000 Rt. war die Gräfin, ich, Oppen- 
heim, Arnold total ruiniert und verloren; es krähte kein Hahn mehr 
nach uns. Urteile, was Hilfe zur rechten Zeit ist! Sie haben uns 
gerettet; fehlten sie damals im Augenblick, nicht 100 000 Rt. 
hätten es später wieder gutmachen können. Und so fordre ich zum 
zweitenmal eine Nothilfe; diesmal soll sie entscheidend sein, und des- 
halb habe ich gleich so viel gefordert und nach genauer Berechnung, 
wo ich immer die schlimmsten Fälle annahm, den Bogen so scharf 
gespannt. Diesmal gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß die Summe 
für die Beendigung der ganzen Sache ausreichen soll. — Was die 
Verantwortlichkeit für die Artikel betrifft, so kann die Gräfin sie nicht 



'- 303 ==--^ 

übernehmen, da sie nach rheinischem Gesetz ganz derselben Strafe 
wie eben ein andrer auch verfiele (und außerdem noch aus andern 
weitläufigen, aber ebenso wichtigen Gründen), der junge Graf noch 
weniger, denn dies würde ja den größten moralischen Abscheu erregen, 
wenn ein fünfzehnjähriger Sohn Artikel geschrieben haben sollte, in 
denen sein Vater zum ,, Gebrandmarkten" gestempelt ist. Wenn er 
erwachsen wäre, ginge das; aber so würde man ja sagen und mit Recht, 
daß die Gräfin den abscheulichsten Abus von ihm mache. A. Weill 
kenne ich genau, aber ich habe noch andre lycute, die es noch eher, 
besser und zu billigerem Preise auf sich nehmen, als es der furcht- 
same Weill täte. Aber keiner tut es ohne Geld. Du schreibst, für 
meine Freiheit müßte jedes noch so schwere Opfer gebracht werden, 
daraus glaubte ich, daß Du mir zu diesem Zwecke Geld übersendest; 
aber ich fand keins im Briefe; hast Du Friedland etwa ein Akkreditiv 
übersandt für mich? Er hat mir nichts davon gesagt; zu weniger als 
ich damals schrieb, übernimmt keiner die Verantwortlichkeit; kaum 
noch zu diesem Preise; die Zeit eilt, alle Tage können die Redakteure 
des Wartens müde werden und mich nennen, dann ist es nicht mehr 
zu redressieren, also ,, braver Mann, braver Mann, eile Dich, es nahet 
die Not sich fürchterlich". 

Wenn Du nicht umgehend, persönlich kommen kannst, so schicke 
jedenfalls umgehend Geld, ich kann Dir die Summe nicht vorschreiben, 
aber so viel Du irgend kannst; es ist für den moralischen Eindruck 
auf den Grafen sehr gut, wenn die Summen auf Schaaffhausen in Köln 
und nicht in kleinen Rationen, sondern in imponierenden Massen 
kommen. Du wirst einsehen, daß dies sehr wichtig ist; eine Meinung 
von meiner Stärke, die ich ihm beibringe, hat ebensoviel und noch 
mehr Wert als eine Stärke, die ich wirklich besitze. Ich erlebe hier alle 
möglichen Erfolge und Sukzesse, nur Geld, Geld mangelt; ich war schon 
in der fürchterlichsten Not, da kam Friedland; der republikanische 
Stolz in der Brust schwand mir nicht vor der Not, sondern er ver- 
schwand vor der Macht und der unbedingten Aufopferung, mit der 
ich meinen Zweck verfolge. Urteile, ob diese Sache Gewalt über mich 
besitzt, wenn ich Dir sage, daß ich mich zu wiederholten Malen vor 
ihm demütigte. Er hat mich auch nicht im Stich gelassen; ich gab 
ihm Schmuck zum Verkauf und er machte mir unterdessen Vorschüsse; 
der kleine Preis, den ich für den Schmuck erzielen werde, wird mir 
wohl durch den Betrag dieser Vorschüsse schon aufgezehrt sein. Du 
kennst Friedland. Ein Opfer werde ich von ihm nicht erlangen können^ 
vielleicht einige wenige hundert Francs , so hat er zwar genutzt, um die 
Not bis zum erträglichen Verkauf des Schmuckes zu heben ; aber wirk- 
liche Hilfe ist von ihm nicht zu erwarten, ob wir uns zwar gut ver- 



=- 304 — — -== 

tragen, also eile Dich, eile Dich sehr. Alle meiue Operationspläne 
scheitern, weil ich kein Geld habe. Ich wäre schon von hier nach Deutsch- 
land zurückgeeilt, aber der Geldmangel bindet mich; Du hast unrecht, 
zu glauben, daß sich alles darum handelte, ob die Gräfin 15 000 oder 
30 000Rt. erhält; so wichtig dieser Punkt auch ist, so wäre es noch das 
geringste. An zwei Bedingungen hat sich die Sache zerschlagen. Der Graf 
will, daß sich die Gräfin bei der Scheidung als Mitschuldige erklären 
lasse. Das kann eine Frau, das kann besonders die Gräfin dem Grafen 
gegenüber nicht; das würde ihm für später eine furchtbare Waffe hefem. 
Dann zweitens will der Graf, daß Melanie zu einer Verwandten kömmt 
und die Gräfin auf sie renonciere. Also die Mutter soll auf die Tochter, 
auf das heiligste Recht, verzichten! soll sich selbst entehren, indem 
sie sich für unfähig erklärt, ihre Tochter bei sich zu haben. Könnte 
man sich selbst so erniedrigen, eine dieser Bedingimgen zu tmter- 
schreiben, so können doch jedenfalls beide zusammen nicht ein- 
gegangen werden. Dies würde ein erdrückendes Ensemble abgeben. 
Darum habe ich nicht meine Jugend und Karriere aufs Spiel gesetzt, 
meine Freiheit gewagt und dem besten Vater solchen Kummer ver- 
ursacht, darum nicht die Existenz meiner Freunde mit auf die Karte 
geworfen, darum nicht Zuchthaus riskiert, um zuletzt mit solcher 
Schande abzutreten. Das Geld ist es nicht allein. 

So vieler Schweden adeliges Blut, 

Es ist für!) Gold imd Silber nicht geflossen. 

Mit solcher Schande verlasse ich diesen Kampfplatz nicht! 
Ebenso will Hatzfeldt seiner Frau kein Domizil gewähren; sie soll sich 
also expatriieren lassen! Unter solchen Bedingungen würde sie selbst 
sein halbes Vermögen ausschlagen. Geld ist viel — aber nicht alles. So 
steht der Fall, mein Vater und Freund. — Schreibe Deinen nächsten 
Brief in zwei Exemplaren, einen nach Köln, einen nach Paris unter den 
bekannten Adressen; das Geld lege in dem nach Köln geschickten 
Schreiben bei. Noch besser ist es, wenn Du Dich umgehend zu mir 
begeben kannst. Aller Wahrscheinlichkeit nach wirst Du mich 
aber schon in Köln und nicht mehr in Paris treffen. Logiere in Köln 
im Hotel Bellevue, wo Du jedenfalls mich oder die Gräfin oder Nach- 
richt von mir triffst. Aber ,, braver Mann, braver Mann, eile Dich, 
es nahet die Not sich fürchterlich". Jetzt ist keine Zeit mehr, wieder 
hin und her zu schreiben, sondern es brennt entsetzlich auf die Nägel. 
Es wäre schon viel verloren, wenn nicht der Schmuck und Friedland 
ausgeholfen, aber jetzt sind beide Hilfsmittel (die eigentlich nur eins 
bilden) erschöpft, und es ist kein Tag zu verlieren. 

*) Graf Wrangel in Wallensteins Tod sagt: ,,um Gold und Silber". 



-— — -= ^ 305 — — 

Wenn Du irgend, irgend kannst, so komme selbst, ich habe Sehn- 
sucht, Dein Hebes Antlitz zu schauen und mich dran zu wärmen. 
Jedenfalls schicke Geld umgehend und in imponierenden Zahlen. 
Du mußt, wenn Du irgend kannst, diesmal schon nach Tausenden 
zählen. 

Küsse die Mutter, grüße die Schwester und den Landrat und leb 
wohl. Wie ist es mit den bewußten Akten? 

Dein Dich liebender 

Ferdinand. 

Trotzdem, daß der Bankrott Schillers mir meine eigne Angelegen- 
heit so sehr erschwert, kann ich doch nicht umhin, mich zu freuen, 
daß die „ersten Männer der Stadt'* so schnell und so fürchterlich von 
der Nemesis ereilt sind. Denkst Du noch an jene Worte? So trium- 
phiert man über den Sturz seiner Feinde, während man selbst im Drecke 
ist. So gedenke ich auch noch über den Sturz andrer Feinde zu trium- 
phieren. 



96. 

LASSALLE AN DEN VATER. (Original.) 

Paris, 6. Jan. [1847]. 

Hotel Mirabeau. 6 tue de la Paix. 

Gehebter Vater! 

So ein trauriges Geschäft es auch für mich ist, Dir einen Mahn- 
und Klagebrief nach dem andern zu schicken, zwingen mich doch die 
Umstände dazu. Du rechnest gewiß darauf, daß mir durch Friedlands 
Gegenwart und Deinen Brief aus der gröbsten Not wenigstens geholfen 
sei. Ich muß Dir daher ausführlich erzählen, wie dieser verächtlichste 
imd gemeinste aller Menschen mit mir mngegangen ist. Als er ange- 
kommen war (denselben Tag), war ich gerade im Begriff, Dir den ersten 
Brief zu schicken, den ich Dir von hier aus geschrieben habe ; ich kormte 
ihn aber nicht abschicken, weil ich kein Geld hatte, ihn zu frankieren. 
Ich ging also zu Friedland, bewillkommnete und küßte ihn, sagte ihm, 
es sei mir in der Zwischenzeit recht traurig gegangen, tmd beim Weg- 
gehen bat ich ihn um 40 Frcs., indem ich ihm sagte, daß ich den 
Brief an Dich sonst nicht abschicken könnte. Er verweigerte sie mir, 
indem er sagte, er bekäme sie von Dir nicht wieder. Als ich ihn des- 
halb auslachte, ergoß er sich in eine Flut der bittersten Vorwürfe gegen 

Mayer, Lassalle-Nachlaös. I 20 



306 =:r=r.-== — 3^^,,,,,,^ 

Dich, indem er mir eine Menge unbedingt lügenhafter Dinge von Deinem 
schmutzigen Benehmen gegen ihn und von einer Berechnung erzählte, 
die Du ihm gegen alles Fug und Recht gemacht haben solltest, und 
Dich dabei mit feindseligem Invektiven angriff und besudelte, als 
ich wiedersagen kann und will. Ich antwortete ihm nur, wenn er glaubte, 
von Dir und mir diese 40 Frcs. nicht wiederzuerhalten, so könne er sie 
mir ja doch wohl schenken!, worauf er erwiderte, daß ich ihm so viel 
nicht wert sei. Ich nahm ganz ruhig meinen Hut und ging, worauf 
er mir sie gab. Am andern Tag ging ich zu ihm, stellte ihm meine 
I^age nach allen Seiten hin auf das herzlichste vor und schilderte ihm 
vieles, was ich gelitten, und bat ihn, mir mit 5000 Frcs. zu Hilfe zu 
kommen. Er schlug mir das nicht nur ab, sondern er schlug es mir 
auch auf die unwürdigste, beleidigendste, herzloseste Weise ab, indem 
er mir immer wiederholte, es wäre das ein leichtes für ihn, aber ich 
sei ihm nicht so viel wert, imd sich regelmäßig, wenn ich dagegen ruhige 
Einwürfe machte, [sich] auf Dein Benehmen gegen ihn berief, daß Du 
ihn in Breslau hättest Hunger sterben lassen etc. und daß er sich hier- 
für jetzt an mir revanchieren wollte. Als ich also sah, daß nichts mit 
ihm zu machen sei, brachte ich ihm Diamanten, die mir Juweliere in Paris 
eben auf den Wert von 4500 Frcs. abgeschätzt hatten, und bat ihn, 
sie für mich zu verkaufen, weil es ihm leichter sei. Als dieser verfluchte 
Jude sah, daß ich noch Diamanten besäße, wurde er höflicher. Er nahm 
sie und gab sie einem Courtier zum Verkaufe. Doch dauert das hier 
sehr lange, wenn man einen guten Preis herausbringen will, so daß 
sie der Courtier noch bis heute nicht verkauft hat. Unterdessen aber 
ließ ich mir von Friedland auf dieses Unterpfand und den daraus zu 
machenden Erlös Vorschüsse machen, so daß ich in Rationen von 20, 
40, 80, und einmal auch 600 Frcs. immer nach stundenlangen Bitten 
endlich an 1200 Frcs. von ihm empfangen hatte, mit denen ich dann 
die notwendigsten der zu machenden Ausgaben bestritt. Einige Tage 
drauf saß er bei mir mit dem Dr. Arnold am Kamin, ich stellte ihm 
vor, wie die Gräfin in Köln keinen Sous besäße,^) kurz es gelang uns, 
sein Herz zu rühren, und er gab mir 11 25 Frcs. auf Köln, die er an die 
Gräfin indossierte, und die ich ihr schickte. An demselben Tag abends, 
nachdem er diese ,, großmütige" Handlung verübt, erhielt er Deinen 



*) Die Gräfin hatte am 3 1 . Dezember an Mendelssohn nach Paris geschrieben : 
,,Es steht hier so schlimm, daß es uns nicht mögUch ist, länger allein auszu- 
halten . . . Ich schreibe ihm (lyassalle) heute sehr dringend darüber, er kann 
ja auch sehr leicht bald wieder nach Paris, jetzt aber ist er dringend nötig hier, 
unterstützen Sie mich darin, daß er augenblicklich kommt, denn ich kann Ihnen 
versichern, ich wäre imstande, sonst zu den extremsten Mitteln zu schreiten." 
(Dieser Brief liegt in einer Abschrift des Schreibers beim Assisenhof vor.) 



— =- 307 

Brief, er kam zu mir und sagte mir, Du hättest mich auf 600 Frcs. 
bei ihm akkreditiert. Den Brief wollte er mir nicht zeigen. Zugleich 
aber sagte er mir, daß es ihm nicht einfiele, mir auf Dein Wort und 
Akkreditiv einen Pfennig zu geben, daß er nach den frühern Vor- 
gängen von Dir überzeugt wäre. Du gäbest ihm nichts wieder, daß er 
mit Dir gar nichts zu schaffen habe noch zu schaffen haben wolle und 
mir persönlich noch weit eher borgen werde als auf Dein Akkreditiv. 
Zugleich aber war er Jude genug, die 2325 Frcs., die er mir bereits vor 
Eintreffen Deines Akkreditiv, also auf seine eigne Rechnung und Ge- 
fahr oder auf die Diamanten gegeben hatte, nachträglich auf Rech- 
nung Deines Akkreditivs setzen zu wollen, sie mir als seine Großmut 
in Anrechnung zu bringen und sie sich von Dir bezahlen zu lassen. 
Kr forderte von mir eine Quittung, daß er sie mir auf Deine Rechnung 
gegeben habe. Ich verweigerte sie ihm natürlich, da er sie mir vor 
Eintreffen Deines Akkreditivs gegeben und mir überdies zu wieder- 
holten Malen feierlich erklärt hatte, er würde mir auf Dein Wort gar 
nichts geben. Nichtsdestoweniger will er sie Dir in Anrechnung bringen, 
ich protestiere aber durchaus dagegen, daß Du ihm einen Pfennig 
davon gibst, weil er sie mir auf eigne Rechnung und die Diamanten 
gegeben. — 

Jetzt erhalte ich seit sieben Tagen täglich Briefe aus Köln, die 
mich auf das eiligste dahin rufen, weil, wenn ich nicht umgehend 
komme, sämtliche Prozesse in die größte Verwirrung geraten und ver- 
loren gehen und liegen bleiben und noch viele Gefahren drohen, 
die ich schriftlich nicht auseinandersetzen kann. Meine Geschäfte 
hier sind erledigt, und es ist mir so wichtig als mein rechtes Auge, 
daß ich fort kann. Dort gehen mir Prozesse von 40 000 Rt. verloren, 
alles andre stockt wegen meiner Abwesenheit schon seit Wochen, 
hier verzehre ich ganz umsonst teures Geld. Um aber abreisen und 
nur die notwendigsten augenblicklichen Geschäftsausgaben be- 
streiten zu können, brauche ich mindestens 3000 Frcs. Ich ging also 
zu Friedland und bat ihn um diese. Bei dieser Gelegenheit erhaschte 
ich Deinen Brief und sah, daß Du mich auf 3000 Frcs. (und nicht auf 
600, wie er mir vorgelogen) bei ihm akkreditiert hättest. Nichtsdesto- 
weniger gibt er sie mir nicht. Obgleich er keinen Heller dabei aus 
eignem wagt, denn was er mir schon gegeben, ist mehr als überflüssig 
durch die Diamanten gedeckt, deren Verkauf ich nur nicht abwarten 
kann, und die neuen 3000 Frcs., die ich will, sind durch Dein Akkreditiv 
gedeckt. Nichtsdestoweniger verweigert er mir. Dein Akkreditiv mir aus- 
zuzahlen, obgleich [ich] ihm vorstellte, ich müßte nach Köln und würde 
im Notfall meine Sachen zurücklassen und aus meinem Hotel fortlaufen. 
Obgleich ich ihn mit Tränen stundenlang gebeten, verweigert er mir. 



=^ ^ • __ 308 — = 

Dein Begehren zu erfüllen. So bin ich in der fürchterlichsten Verlegen- 
heit tmd weiß nicht, was ich anfange. Nur so viel weiß ich, daß ich 
binnen höchstens 2 — 3 Tagen 3000 Frcs. haben muß. Du siehst, welches 
Unrecht Du mir getan hast, mir Geld auf Friedlaud anzuweisen, und 
ich verbitte mir ein für allemal ernstlich Anweisungen auf ihn. Du 
hast mir in Deinem letzten Brief verschiedenen guten Rat erteilt, aber 
es ist nicht Rat, den ich brauche, mit Rat bin ich versehen, ich brauche 
Geld, Geld, Geld!! Das ist das einzige, was mir helfen kann und hilft, 
imd ich bitte Dich, mir reinen Wein einzuschenken und entweder 
meinen exorbitanten Forderungen nachzukommen, indem Du mir 
augenblicklich mehrere tausend Taler schickst oder mir rund heraus 
zu erklären, daß die leidigen Verhältnisse Dich zwingen, passiver Zu- 
schauer zu bleiben und ich von Hause keine Hilfe mehr zu erwarten 
habe. Schreibe mir nach Köln. Noch eins. Ich verbitte mir sehr, 
daß Du, wie Du wieder getan, mit Rikchen über mich und meine 
Angelegenheiten korrespondierst. Sie hat mir bei ihrer Anwesenheit 
hier mit ihrer dummen kindischen Schwatzhaftigkeit sehr empfind- 
lichen Schaden getan, so daß ich ihre Plauderei zum Teufel wünsche. 
Jetzt hat sie aber in einem Briefe an ihren Mann einige so törichte 
und so lieblose Äußerungen in ihrer schlechten Dummheit und dummen 
Schlechtigkeit über mich getan, daß sie von Stund' an bis in alle Ewig- 
keit tot für mich ist, und ich nie mehr erinnert sein will, daß noch ein 
Grasafif' lebt, der sich meine Schwester nennt. Wenn Dein beklemmtes 
Herz sich in Brieten Luft machen muß, so schreibe an mich. An meine 
Schwester verbitte ich mir's. Oder ich schreibe Dir wahrhaftig nur 
noch über Wetter und Regen. 

Sende, o sende mir umgehend nach Köln die erlösende, goldne 
Manna. Ich verschmachte durstig wie der Tiger in der Wüste, ich 
werde wahnsinnig vor Durst. Wenn Du einzige 10 000 Taler in Deinem 
Vermögen hast, so sende mir die Hälfte, Leb wohl, komme bald, 
noch bälder schicke Geld, aber viel muß es sein, mit 5000 Rt. bin ich 
für immer aus der Affäre. 

Dein Sohn Ferdinand. 
Grüße die gute Mutter. 



309 



97- 
LASSAI.IvE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Konzept.) 

Arnsberg, d. i) Febr. 47. 
Lieber Doktor! 

Sehr beschäftigt, kann ich heut bloß drei Worte melden. Ich schicke 
Dir inliegend einen Brief an Friedland und die Anweisung zurück. 
Du kannst jetzt, wenn's nicht anders ist, die Anweisung gegen die 
Diamanten eintauschen. Will er sie durchaus mir selber bringen, so 
gibst Du ihm die Anweisung nicht, sonst schickst sie mir zurück. Lieber 
ist mir, wenn er Dir die Diamanten gibt. — Diese Woche erhalten 
wir Geld, zwar soviel wie ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein, 
indes schicke ich Dir 100 Rt. davon. Manches andre, besonders über 
die Presse, meist Vergnügliches wäre zu berichten. Ist der Aufsatz 
in den Grenzboten erschienen? Ich konnte sie noch nicht zu Gesicht 
bekommen. Lies doch auch die Voß und Spenersche von einem ganzen 
Monat rückwärts nach und schreibe mir dann, was und in welchen 
Nummern was gestanden, ich kann sie hier nicht zu Gesicht bekommen. 
Gruß an Grün. Schicke die Briefe nur nach Köln, sie werden besorgt; 
dieser Tage mehr. Die Presse verhält sich so : Der Rheinische Beobachter 
schweigt ganz, die Augsburger hat am 4. Februar eine rein faktische der 
Weserzeitung entlehnte Meldung der Annahme des Prodigalitätsprozesses 
gebracht, die Rhein- und Mosel-Zeitung schwieg eine ganz geraume Zeit, 
bis sie den 11. (P)^) Februar wieder mit einem ziemlich dummgemeinen 
Artikel auftritt, von der Elberfelder schont man die Gräfin und macht 
nur heftige Angriffe auf mich den 30. J anuar, 3. ( P)^) Februar. Diese Artikel 
sind wichtig zu lesen, weil sich aus ihnen mancher Schluß auf die jetzige 
Gemütsstimmung des Grafen ziehen läßt. Ich natürlich halte es unter 
meiner Würde, mich zu verteidigen gegen die vorgebrachten Dumm- 
heiten, ich halte es auch für völlig unnötig. Wenn Grün es für nötig 
hält, so mag er es tun. Die Bremer- und Weserzeitung kommt nicht 
nach Köln, daher weiß ich nicht, ob unsre Artikel drin standen! Sieh sie 
nach und schreib mir darüber. Die Kölnische nimmt nichts. Wir machen 
eben einen Versuch mit der Aachner. Die Vossische ist uns günstig. Die 



^) Den Tag läßt I/assalle unausgef üUt. Die Gräfin Hatzfeldt verließ, wie aus 
einem Brief des Grafen Clemens von Westphalen an sie sich ergibt, vermutlich 
mit Lassalle Arnsberg am 17. Februar. Sie hatten sich dort aufgehalten, um für 
die Gräfin den morahschen und finanziellen Beistand des Grafen Westphalen zu 
erlangen, der ihnen auch zugesagt und gewährt wurde. 

2) Von I,assalles Hand. 



310 =^ — = "- 

Spenersche soll es auch geworden sein, wie ich höre. Rave ^) unterhandelt 
durch Zuccalmaglio ^) mit mir, ich habe ihm einen Lesebrief zukommen 
lassen und will den Erfolg abwarten. Was Deine Assisenangelegenheit 
betrifft, so habe ich in Köln viele Demarchen deswegen gemacht, wobei 
mir hinderlich war, daß Grundschöttel (Oberprokurator), den ich etwas 
kannte, aus Köln versetzt ist, noch hinderlicher, daß Holthoff krank 
war die ganze Zeit. Jetzt geht er indes wieder aus, und ich werde 
nun nächstens Nachricht haben. Er gab mir den sehr vernünftigen 
Rat, jedenfalls zu warten mit Deiner Ankunft, bis er die Papiere Oppen- 
heims (die zerrissenen Briefe) herausgekriegt haben würde, damit es 
nicht mehr möglich sei, bei Gelegenheit Deiner einen Tanz mit mit 
wegen der Zerreißung etwa aufzuführen. Unmöglich sei dies, sobald 
das corpus delicti fort sei, sonst nicht. Er wollte sie bmnen 2 — 3 Wochen 
haben. Hast Du noch keine Antwort von Berlin von wegen der Wen- 
dung Deiner family an den Justizminister.' Übrigens sagen mir auch 
alle einfältigen Bürger, Geschworene etc., die ich spreche, daß Deinet- 
halben nicht die geringste Gefahr vorhanden sei. 3) 

98. 
IvAvSSALIvE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Abschrift von der 
Hand eines Schreibers des Assisenhofs. Nach Paris gerichtet.) 

[März 1847.] 
Lieber Doktor! 

Die scheinbare Inkonsequenz mit Westphalen, über die Du mir 
sprichst, will ich Dir zunächst erklären. W. hatte in seinem Schreiben 
um die höchste Diskretion gebeten, und es war natürhch Pflicht, sie 
zu bewilligen. Einige Zeit später schreibt er in seinem Briefe über 
das Akkreditiv: „Auch wird sich das bald herumtragen und den Cha- 
rakter einer Demonstration annehmen."^) Ich schloß daraus natürlich. 



^) Dr. Bernhard Rave (geb. 1801) war ursprünglich Arzt, später der Reihe 
nach Redakteur verschiedener rheinischer Blätter, besonders der Rheinischen 
Allgemeinen Zeitung, dann 1844— 1854 der Elberfelder Zeitung. 

2) Vinzenz von Zuccalmagho (1806 — 1876) Notar und Schriftsteller, schrieb be- 
sonders über niederrheinische Landeskunde. 

3) Der Brief ist ohne Untersclmft. 

*) Graf Westphalen hatte am 17. Februar aus Laer an die Gräfin geschrieben: 
„Und drittens die Wiederholung meiner Bitte: sagen Sie nichts von dem, was 
in diesem Briefe steht, vorderhand wenigstens an niemanden. Wenn ich sage 
aus Schonungsgefühl für mich — so werden Sie das zwar nicht verstehen, aber es 
dennoch vielleicht berücksichtigen." Danach hieß es in einem Briefe vom 
23. Februar: ,, Durch mein Wechslerhaus in Paderborn werden Sie dieser Tage 
einen Kreditbrief auf ein Kölner Haus erhalten; auch das wird sich bald herum- 
sprechen und damit zugleich eine Demonstration sein . . ." 



^ , ^ — 311 =^ 

daß er nun nichts mehr gegen das Bekanntwerden einzuwenden hätte, 
und wollte also das Faktum sofort in den Zeitungen, und zwar in der 
Kölner Zeitimg melden, die in der ersten Überraschimg dem einfachen 
Bericht des Faktums wohl die Spalten geöffnet hätte. Aber die Gräfin 
konnte sich dazu nicht entschließen, sie fürchtete trotz aller meiner 
Schlüsse, die ich aus jenem Satze W.'s zog, er würde es ihr übelnehmen; 
ich konnte sie nicht dazu bringen, ihre Einwilligung zu geben; ich erbot 
mich, an Westphalen direkt zu schreiben und Erlaubnis zu bitten; 
aber auch das gestattete sie nicht, weil es unzart wäre, und bat mich, 
einige Zeit zu warten. Umsonst stellte ich vor, daß wir den allein 
günstigen [Moment] der ersten Überraschung dadurch verlören. End- 
lich zehn Tage später erhielt ich die Erlaubnis von ihr dazu. Aber das 
Faktum war nun bereits lange in der ganzen Stadt bekannt, die ersten 
Tage hatte es große Verwunderung erregt, nachher, wie alles, was 
man bereits zwei Tage weiß, schien es gewöhnlich und in der Ordnung 
zu sein. Als nun in Cötgens^) Auftrag ein Herr von Kessel^) die Notiz 
an Brüggemann ^) gab, war dieser bereits unterrichtet davon und ver- 
weigerte die Aufnahme, die er in der ersten Überraschung bewilligt 
hätte. Nun gab Kessel ohne unser Wissen die Sache in den Rheinischen 
Beobachter, der sie auch nahm. Ich begriff, als ich es dort las, sofort 
den Vorteil, schrieb an Westphalen, dies sei ohne mein Wissen geschehen, 
nun aber, da es einmal öffentlich sei, wolle ich's in der Presse benutzen, 
und schrieb gleichzeitig in die Triersche und Mannheimer Zeitung. 
Vorher erschien noch die dumme Notiz in der Trierschen, die Kessel 
ohne mein Wissen saft- und kraftlos hingeschickt. Gestern aber er- 
schienen meine Artikel darüber in der Trierer, Mannheimer und einer 
von Zuccalmaglio in der Vossischen. Indes das Faktum hat noch viel 
Stoff in sich, behandelt es nach Leibeskräften. NB. Von dem Brief, 
den Westphalen*) Kettler schrieb und aus dem ich Dir eine Phrase mit- 
teilte, darf gar nichts gesagt werden! 

Was Deine Angelegenheit betrifft, so fragte ich neulich Holthoff, 
ob ich Dich nun kommen lassen solle. Er meinte, es sei keine Gefahr 
bei, doch wäre es noch klüger, 6 — 8 Wochen zu warten; er läßt Dir 



^) Über Adam Cötgen ließ sich trotz aller Nachforschung nichts in Erfahrung 
bringen. 

2) Nach einer freund Uchen Mitteilung von Herrn Professor Dr. Joseph Hansen 
in Köln dürfte es sich um. den damals in Köln ansässigen Steueraufseher Karl 
von Kessel gehandelt haben. 

^) K. H. Brüggemann (18 10 — 1887), der bekannte Burschenschaftler und 
Nationalökonom war 1845 — 1855 leitender Redakteur der Kölnischen Zeitung. 

*) Hier fehlt ein Wort, das der Abschreiber nicht lesen konnte und deshalb 
unverständhch hingezeichnet hat. 



312 ^ 

sagen, daß er sehr gerne mit Dir tauschen möchte. — Kr hat die zer- 
rissenen Papiere requiriert, noch keinen offiziellen Bescheid vom Ober- 
prokurator erhalten, unter der Hand aber gehört vom Parkettvorsteher, 
daß man noch immer an einer Untersuchung gegen mich arbeite. Wird 
die Herausgabe der Papiere offiziell verweigert (ich möchte sie gerne 
vor Deinem Eintreffen haben), so würde ich Dich doch bald kommen 
lassen, was auch Oster i) fürs beste hält, und der Chance Trotz bieten, 
daß man bei Gelegenheit Deines Prozesses den gegen mich wieder 
aufnimmt oder vielmehr mit dem Verfahren beginnt. 

Sonst hat mich Dein Brief vielfach erfreut und mir sehr wohl getan. 
Von allen Bändern, die ich je geknüpft und knüpfen werde, soll unseres 
das festeste bleiben. Meine Prophezeiung aus Wallenstein ist ja schon 
teilweise in Erfüllung gegangen, von allen, die wie auf 'ne große Nummer 
ihr Alles setzten auf mein einzig Haupt, haben mich schon manche 
im Stich gelassen, andere werden es mit der Zeit, wir aber wollen bei 
einander ausharren, ob Gutes komme, ob Böses. — 

Die Geschäfte gehen gut, die Prozesse schreiten vorwärts, obwohl 
langsam, mehrere Donnerkeile werden nächstens niederfallen auf das 
Haupt des Sünders, auch für den Landtag ist gesorgt. Grüns Artikel 
in der Mannheimer war wtmderschön. Grüße ihn und halte, da er so 
gut schreibt, ihn an zum Vielschreiben. Grüße Proudhon^) den Papa, 
viehnal von mir. Die Adresse der Bauern, 3) die abgegangen, habe ich 
an die Trierer und Mannheimer geschickt. Aber Walthr*) schrieb mir 
zurück, eine Kabinettsorder verbiete den Druck der Adresse als solcher, 
ich solle den Inhalt derselben in Korrespondenz einkleiden. Das tat 
ich gestern, indem ich gestern Walthr einen in einer blödsinnigen Stim- 
mung sehr geistlos geschriebenen Artikel schickte. Ich schicke Dir 
die Adresse, damit Grün sie zu Artikeln benutze, was aber sehr schnell 
geschehen [muß]. Nim leb wohl. 

Dein Ferdinand. 



^) Oster war Instruktionsrichter im Prozeß Oppenheim gewesen. 

2) Proudhomme, wie in der Abschrift steht, dürfte ein Schreibfehler sein. 

3) Die Bauern von Schönstein im Siegerland richteten Beschwerden über Be- 
drückung durch den Grafen Hatzfeldt an den König und an den Vereinigten 
Landtag. Man lese auch den Brief an den Vater aus dem Gefängnis, in dem Lassalle 
diesen in imperativster Form auffordert, der Gräfin sofort Geld zu leihen, damit 
sie der Bauemdeputation, die nach Berlin an den Landtag wolle, das Reisegeld 
geben könne. Vgl. Intime Briefe etc. a. a. O. S. 31 ff. 

*) Friedrich Walthr (geb. 1810) war der Redakteur der Trierer Zeitung, unter 
dessen Leitung das bis dahin ziemlich regierungsfreundhche Blatt ins oppositionelle, 
ja ins sozialistische Fahrwasser geriet. Vgl. Rheinische Briefe und Akten zur 
Geschichte der pohtischen Bewegung 1830 — 1850. Gesammelt und herausgegeben 
von Joseph Hansen, Essen 19 19, S. 392. Über Walthr vgl. auch Friedrich Engels 
an Karl Marx, 18. Sept. 1846 in Band I S. 38, ihres Briefwechsels. 



-^ =^ 313 - — 

Die Gräfin ist mit Recht böse auf Dich, daß Du ihr nicht schreibst. 
Mein rücksichtsloses Geschäftswesen bietet ihr wenig Erheiterung, und 
es ist an meinem ganzen Ich keine erheiternde und komische Seite, wie 
ich sie oft mit Vergnügen in Deinen Briefen bemerkt. Ich will also 
absolument, daß Du der Gräfin alle acht Tage mindestens einmal einen 
zwei Bogen langen Brief schreibst, worin Du Beobachtungen und Ge- 
danken ablagern kannst; er wird angenehmer sein als gedruckte Lektüre 
und ansprechender. Da Du jetzt für uns nichts zu tun hast, so sei 
Dir die [Erfüllung] ^) meiner Bitte so ernst, als beträfe sie ein wichtiges 
Geschäft. Sie betrifft auch eins der wichtigsten, die Launen der Gräfin, 
für die ich keine remedia mehr besitze . . . 



99- 
LASSALLE -\N DEN VATER UND DIE GRÄFIN HATZFELDT. 
(Original.) 

[11. April 1S47.] 

Ja, heut ist der 11. April, mein Geburtstag! Ich will mir daher 
auch einen Feiertag draus machen, ich lege Arbeiten und Bücher fort 
und schicke mich an, einen Brief zu schreiben, nicht über trockene 
Geschäfte, sondern einen heiteren Brief voll zweckloser Plaudereien. 
Gewiß denkt man heute sehr sorgenden Herzens an mich und stellt 
sich wunder wie groß mein Unglück und meine Trauer vor, daß ich 
meinen Geburtstag im Kerker! 2) zubringen müsse. Wie kann ich alle 
die traurigen Gedanken, die man sich grade jetzt in dieser selben 
Stvmde, in der ich schreibe, um mich macht, besser widerlegen, als 
indem ich den Beweis führe, daß ich zur selben Stunde in höchst ange- 
nehmer Laune, humoristisch gestimmt beschäftigt war, einen heitern 
Brief zu schreiben. Zwar weiß ich noch nicht genau, an wen ich eigent- 
lich diesen Brief adressieren werde, an die verehrte Frau Gräfin oder 
an meinen lieben, heben Vater. Indes es bleibt sich ziemlich gleich. 
Denn obgleich es kein Geschäftsbrief ist, könnte mir doch noch irgend 
etwas darauf Bezügliches einfallen und somit eine Lesimg von seiten 
der Frau Gräfin erheischen. Auch haben Sie mir, gnädige verehrte Frau, 
erst letzten Dienstag den Erweis gegeben, daß Sie auch an meiner 
bloßen Person bei weitem mehr Anteil nehmen, als ich Recht und 
Verdienst habe zu beanspruchen. Ihnen hierfür meinen Dank sagend. 



*) Der Schreiber setzt in Klammem: unleserlich. 

■2) I,assaile saß vom 26. März bis 4. Mai 1847 ^^ Untersnchungshaft. Er %var 
angeklagt, private Papiere des wegen Kassettendiebstahls verhafteten Alexander 
Oppenheim widerrechtlich vernichtet zu haben. Doch er wurde freigesprochen. 



— =^ 314 ^:=^^= ^ — — -.=^ 

bitte ich Sie, dieses bunte Durcheinander von Geschwätz, wenn Sie 
es gelesen, meinem Vater zustellen zu wollen. 

Wogegen ich zunächst meine Bemühungen richten möchte, wäre, 
die übertriebenen Vorstellungen von dem großen und exzeptionellen 
Unglück, das mich betroffen haben soll, von der Traurigkeit meiner 
Lage etc. zu bekämpfen. Jeder, der mich näher kennt, weiß, daß ich 
die Eigenheit habe, passenden Ortes einen ziemlich trivialen Vers eines 
sehr mittelmäßigen Dichters gern zu zitieren, nämlich Matthissons 
Worte : 

,,Auch Leiden, sind sie vergangen, 
Laben die Seele wie Regen die Au!" 

Aber dieser sehr triviale Vers eines sehr mittelmäßigen Dichters hat 
mir einst sehr gute Dienste geleistet und sich mir seitdem unauslösch- 
lich eingeprägt. Es war in meiner Schulzeit, ich mochte ungefähr zwölf 
Jahre alt sein, als ich mich eines Sonnabends mit einer sehr schlech- 
ten Zensur nach Hause begeben sollte, um sie meinem damals äußerst 
strengen Vater zu präsentieren, vor dem ich eine infernalische Angst 
hatte. Ich schwankte daher nur, ob ich bloß davon und in die weite 
Welt laufen oder mich gleich lieber in den Stadtgraben werfen sollte. 
Indem ich mich ernstlich einer Diskussion über dies Dilemma mit mir 
selbst hingab, und ich hätte sicherlich eins oder das andre getan, denn 
es war mir verzweifelt zumute und an Resolution fehlte es mir nicht, 
fielen mir plötzlich die oben zitierten Verse Matthissons ein imd gössen 
einen wimdersamen Balsam in mein wundes Herz. Ich fühlte mich 
neu gestärkt, meine Tränen trockneten, und ich setzte mir selbst mit 
ungeheurer Altklugheit ausemander, wie ich in einigen Jahren, wenn 
ich erwachsen wäre, das Leid, dem ich jetzt eben entgegenging, be- 
lächeln würde und wie es Vater selbst mit mir belächeln würde. Diese 
Vorstellung legte sich wie eine Rüstung von Stahl um meinen Gedanken- 
gang, ich dachte während der größten Unannehmlichkeiten, die ich 
zu Hause hatte, immer nur an die Zeit, wo Vater und ich über diese 
Futilitäten lächeln würden. Seit der Zeit aber habe ich nie wieder 
Matthissons Verse vergessen, sie sind ein Vademekum für mich geworden, 
wie denn starke Jugendeindrücke nie verlöschen. Ich sage, Sie, gnädige 
Frau, Du, lieber Vater, haben Unrecht zu glauben, daß die Lage, in die 
ich gekommen, meiner sonstigen Verhältnisse. Stellung und Aussichten 
wegen eine so exzeptionelle und unerhörte wäre. Leute aus den besten 
Verhältnissen des Lebens, die früher imd nachher auch wieder die 
besten Stellimgen einnahmen, saßen schon gefangen, ich erinnere nur 
an Richard Plantagenet Löwenherz von England, der zehn Jahre in 
einem österreichischen Turm saß; oder da Damen ihre Geschichts- 



-— -- = 315 ^==^ =-= --= 

kenntnis gewöhnlich aus historischen Romanen schöpfen, an den Duc 
de Beaufort, Enkel Henri IV, der neun Jahre in der Bastille saß. Die 
Namen der Dichter, Gelehrten, Staatsmänner, die in neuerer Zeit saßen, 
würden Bücher füllen. Von allen aber, die je saßen, hat keiner mit 
so günstigen Aussichten gesessen, so schnell wieder freizukommen 
wie ich. 

Vor allem aber muß ich eine Äußerung meines lieben Vaters hier 
inkriminieren, die derselbe neulich tat, weil sie eine total unkritische Auf - 
fasstmg verrät. Er sagte mir das letztemal, als er mich besuchte: ,,Ach, 
muß ich Dich hier in einer Kriminal Untersuchung wiederfinden, 
während ich glaubte, Dich auf dem Katheder^) wiederzufinden?!" 
Er macht also offenbar aus einer Kriminalhaft und dem Katheder 
Gegensätze, was aber total falsch ist; vielmehr ist heutzutage das 
Katheder als der direkte, grade Weg, die eigenthche Vorhalle zum 
Kriminalgefängnis zu betrachten. Soll ich das erweisen? Nun, das ergibt 
sich von selbst aus den Namen aller der Gelehrten und Schriftsteller, 
die bereits Festungsarrest, selbst Festungsstrafe auf ihrer Katheder- 
karriere gefimden, andere befinden sich eben in Kriminaluntersuchung 
gleichfalls wegen Schriften unerlaubten Inhalts. Andere sind eben der 
Majestätsbeleidigung angeklagt. Gestern las ich in der Zeitung, daß 
eben Steckbrief gegen Stadtgerichtsrat Simon 2) in Breslau seiner 
Kritik des Patents vom 3. Februar wegen erlassen sei, ein sonst höchst 
respektabler Mann. Wie kann mein Vater Katheder und Kriminal- 
gefängnis in Gegensatz bringen? Das streitet wider alle Erfahrung. 
Und wenn mich nicht die besondere Verwicklung der Umstände auf 
vorübergehende Zeit (denn seiner Zeit dürfte ich dahin zurückkehren) 
von meiner Kathederkarriere abgezogen hätte, so wäre es sehr mög- 
lich immerhin, daß mich heute mein Papa ebenfalls in einem Kriminal- 
gefäugnisse fände, aber in einer Kathedersache, was jedenfalls weit 
bedenklicher und unangenehmer wäre. Und kommt Zeit, kommt 
Rat. Proudhon wurde wegen seines Buches ,,Qu'est-ce que la pro- 
priete?" vor die Assisen zu Besan9on gestellt. Ehe die Sitzimg 
begaim, kam ein Courier aus Paris, das öffentliche Ministerium solle, 
wenn Proudhon von der Jury für schuldig befunden würde, den schwer- 
sten Straf antrag stellen. Hätte die Jurj' Proudhon für schuldig 

^) Lassalles ursprüngliche Absicht war, sich in Berhn an der Universität zu 
habilitieren. Noch auf eine Anfrage des Ministers des Innern vom 2. Juni 1847 
berichtet der Berhner Polizeipräsident von Puttkammer: ,,Lassal, welcher übrigens 
nicht doctor promotus ist, sondern seiner Angabe nach nur die Lizenz zu Vor- 
lesungen bei der hiesigen Universität jedoch vergebUch nachgesucht hat." 

2) Heinrich Simon (1805 — 1866). der hberale Politiker, hatte eben seine be- 
kannte Broschüre ,, Annehmen oder Ablehnen" erscheinen lassen. 



= — — 3i6 

beftmden, so hätte er zwölf Jahre Galeere bekommen!! Zwölf Jahre 
Galeere dafür, daß er sich des Schlafes beraubt, um ein großes und 
gedankenvolles Buch zu schreiben, welches durchaus nicht einmal 
aufregend geschrieben ist, welches bloß streng kritisch und wissen- 
schaftlich das Eigentum behandelt! Zwölf Jahre Galeere! Dagegen 
sind ja unsre Strafen in Preußen noch ein Kinderspiel. Zwölf Jahre 
Galeere für ein Werk, das ihn zum Mitglied der Akademie hätte machen 
sollen ! Ich werde nie den Eindruck vergessen, den es auf mich machte, 
als mir einst Proudhon dies im Cafe Hollandais erzählte. Es war kein 
Eindruck des Schreckens, es war vielmehr eine ungeheure und unver- 
wüstliche Gleichgültigkeit, die sich meiner bemächtigte gegen alle 
positiven Strafkategorien, wenn sie mit dem Wesen des Menschen, 
dem innern Gotte, in Widerspruch stehen. Sie erinnern sich gewiß 
gnädige Frau, der schönen Verse, mit welchen Prutz die Parabase in 
seiner Komödie ^) schließt: 

„Das hab' ich versucht, imbekümmerten Sinns 
In die eignen Rhythmen verloren 
Aufhorchend allein auf der Grazie Wink: 
Und ich hab', ja ich hab' es vergessen, 
Daß über mich her langnasig gebückt 
Ein Gensd 'armes auf das Blatt mir geschielt hat!" 

Dies wäre allen denen zu antworten, die sich etwa darüber entsetzen 
wollten, daß ich in eine Kriminaluntersuchung geraten. Aus allen 
diesen ziemlich unzusammenhängenden Erörterungen wird jedenfalls 
das mit großer Gewißheit hervorgehen, daß ich mich auch heute an 
meinem Geburtstag durchaus nicht in niedergedrückter mid beklemm- 
ter, vielmehr selbstvergnügter und heitrer Stimmung befinde, daß 
Sie also das große Mitleid mit mir immerhin etwas mäßigen können. 
Ich habe die Behauptung oft aufgestellt (aber nie ihre Wahrheit leb- 
hafter gefühlt als jetzt, wo ich in den Fall gekommen bin, sie praktisch 
zu erproben), die Behauptung, daß kein äußerer Umstand Macht hat 
über den Geist, wenn er ,, übereinstimmt mit sich selbst", sich billigen 
kann, mit sich identisch ist, wenn er sein Tun bejahen kann. Nur der 
mit sich selbst in den Gegensatz getretene, innerlich zwiespältig 
gewordne Geist ist unglücklich. Ich erinnere mich, in vielen Stunden 
meines Lebens trauriger gewesen zu sein, als jetzt während der ganzen 
Zeit meiner Haft. Und wenn z. B. meine Haft zur Folge hätte, innern 



^) Die „Politische Wochenstube", Zürich und Winterthur, 1845, S. 63. 
I,. zitiert, wie fast immer, ungenau. Statt ,, auf horchend" heißt es bei Prutz ,,atif- 
machend". Femer steht dort: ,Ja, ich hab', ich hab' es vergessen." 



317 == 

Ärger und Hader aufzuheben für die kommende Zeit meiner Freiheit, 
so wollte ich mit Enthusiasmus diese Haft selbst mit noch weit grö- 
ßeren Entbehrungen noch sechs Monate tragen, ohne den Mund zu 
verziehen. 



100. 

LASSAIvLE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Original.) 

Berlin [Mai 1847],^) 
Lieber Doktor! 

Dein letzter Brief hat mir Deinen vorletzten erst verständhch ge- 
macht. In Deinem vorletzten schien mir zu liegen, daß Du Dich von 
mir lossagst. Dein letzter interpretierte ihn vielmehr dahin, daß Du 
glaubtest, ich wolle mich von Dir lossagen! Ich weiß nicht, wie Du 
zu diesem Glauben gekommen bist oder was Dich dazu berechtigt. 
Daß ich Grün die Vorwürfe gemacht, die er hinreichend verdient, tmd 
von denen er keinen widerlegt hat? Daß ich durch Dein Nichtschreiben 
empfindhch berührt war imd diese Empfindlichkeit äußerte? Du mußt 
wohl nicht ganz bei Dir selbst gewesen sein, als Du den vorletzten Brief 
schriebst, denn er würde sogar, was ich nie bei Dir gefunden, eine ge- 
meine Gesinnung von Dir verraten. Du sagtest, ich glaubte, weil ich 
Euch Geld schickte, ein Recht [zu] habe[n]. Euch so zu behandeln !! 2) 
Ich pflege meine Rechte und Prätensionen auf meinen Geist zu grün- 
den; hast Du mich je sie so pöbelhaft begründen sehen? 

Sieh also, wohin Du geraten bist in Deinem Ärger. Indes, genug 
davon; damit Du mich nicht wieder einmal mißverstehst, gebe ich 
Dir für jetzt und alle künftige Zeit das Versprechen, daß ich gar nie 
daran denke, mich ,,von Dir loszusagen". In meinem Busen wenigstens 
sind keine neuen Götter aufgegangen. Ich denke wie sonst. Und das 
,, Lossagen" von Freunden (wenn sie sich nicht ä la Heine zuerst durch 
Verrat losgesagt) war nie eine vorstechende Eigenschaft von mir. 

Na, lassen wir's imd schreibe mir wieder einmal einen Brief, frei 
von diesen törichten Mißverständnissen. Ich hatte Deiner im Ge- 



1) Lassalle wohnte vom 12. bis 31. Mai in Berlin in Luz' Hotel und kehrte 
an diesem Tage nach Köln zurück. Er hatte dort auch eine Begegnung mit 
dem Vater, welchen er, wie er zur Polizei bemerkte, mehrere Jahre nicht ge- 
sehen und mm hier habe treffen woUen. In diesen Aufenthalt fällt die Episode, 
bei der er sich in eine Beratung der 141 oppositionellen Abgeordneten des Ver- 
einigten Landtags einschleicht und hinausgesetzt wird. Vgl. die BerUner Korre- 
spondenz vom 14. Mai in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 18. Mai. 

2) Sic! 



= ^- 318 ^ 

fängnis luid in schlimmer Stunde viel mit Liebe gedacht; äußere 
Beweise von Teilnahme habe ich während dieser Zeit keinen von 
Dir erhalten; an Deiner innern Teilnahme zweifelte ich nicht; Dein 
Brief, den ich erhielt, als ich frei wurde, konnte mich auch nicht grade 
angenehm berühren. Indes, es sei abgetan. Vielleicht komme ich 
nächstens mal zu Dir, Deine Reise nach Köln zu besprechen. 

Hatzfeldt steht auf einer Federspitze. Wie den frommen Glauben 
der Völker bewa£fnen jetzt wir sogar den Arm der Könige gegen ihn. 
Es könnten verwunderliche Dinge eintreten, über die ich mich nicht 
verwundem würde. ^) 



lOI. 

CARL GRÜN AN LASSALLE. (Original. 

Brüssel, 11. Mai [1847]. 
Lieber Freimd! 

Obgleich es seit einiger Zeit sehr mißlich geworden ist, mit Dir 
imd der Gräfin zu konfer eren, wie mir das aus allem Benehmen während 
meines Aufenthaltes in Belgien tmd im besondern aus Deinen beiden, 
letzten Briefen an mich und den Doktor nur zu klar geworden ist, so 
muß ich doch in den sauren Apfel beißen, namentlich auch, um nicht 
abermals einer ,, positiven Pflichtverletzung" angeklagt zu werden. 
Daß ich nicht schon gestern schrieb — vorgestern langte Deine Sen- 
dung hier an — , rührt von persönlichem Unwohlsein her, das zur Stunde 
noch nicht durchaus beseitigt ist. 

Es ist beinahe lächerlich, wenn Du auf Deinen übereilten, nur 
durchs Gefängnis zu entschuldigenden und vielleicht nur von mir, 
der auf das innere Wesen des Menschen, nicht auf Äußeres fußt, ent- 
schuldigten Briefe von vier Bogen noch immer behauptest, Du seiest 
in Deinem ,, guten Rechte" gewesen, mir einen Sermon zu lesen, und 
um kategorisch, ohne weitere Rück- und Umsicht, auf eine Anfertigung 
der Broschüre ä bride abattue zu dringen . . . Als ich den bewußten Artikel 
in die Mannheimer Abendzeitimg schrieb, auch die Andeutung in der 
Trierer machte, sollten das zwei vSchreckschüsse sein, die mich der 
Broschüre selbst überheben würden ... Da Du nun aber so sehr darauf 
drängst, ich Dich auch bis dahin für viel abgesperrter von aller Kom- 
munikation nach außen hielt, wie einen Menschen ansah, der nur vun 
so dringlicher wird, je weniger er draußen au courant bleibt, so ließ ich 



^) Graf Westphalen bemühte sich damals, den König für die Sache der Gräfin 
zu gewinnen. Aber der Versuch bheb ohne Erfolg. Vgl. S. 338. 



--===■■ 319 

fordern und forderte selbst die Papiere . . . Denn Du weißt, ich tue etwas 
für Dich, und hast mir dies Zeugnis selbst unaufgefordert erteilt. Mittler- 
weile — zwischen dem Aufenthalt in Ostende und Brüssel — drehen 
sich die Dinge in Berlin so, daß möglicherweise die Broschüre nicht 
auf den Landtag berechnet sein konnte, weil eine konstituierende 
Versammltmg daraus zu werden drohte und ich mich sehr gehütet 
haben würde, den Grafen H. anzugreifen, während mein Volk die 
höchsten staatlichen imd Rechtsfragen diskutierte — soviel ich für 
Freunde tue, so bin ich mir selbst doch immer etwas schuldig, und 
grade darauf, was ich mir selbst schuldig bin, beruht das, was ich 
für andere tun kann, und was Du mir vielleicht in zu hohem Maße 
zutraust. Erst als ich in Brüssel bin, erscheint der Bescholtenheits- 
gesetzentwurf, in den ich meine ,,Nase" mindestens so früh ,, gesteckt" 
habe, als der Herr Generalbevollmächtigte ^) selbst. Nim hatte ich 
keine Papiere, keinen zuverlässigen Menschen in Berlin, dachte mir 
die Gräfin schwankend hinsichtlich der Offerte meines Bruders, wußte 
durchaus nicht — ich wiederhole es — , daß Du als Kreuzspinne fort- 
während in der Mitte des Gewebes saßest. Da schrieb ich selbst an 
die Gräfin. Hierauf kommt Deine unbegreifliche und für jeden andern 
verletzende Antwort; hier sah ich zuerst, daß Du sogar als Diktator 
angesehen sein willst, wenn Deine Untergebenen gar nicht wissen, ob 
Du das Szepter noch in der Hand hast. Hätte ich Dich als Gesetz- 
geber im Gefängnis gewußt, so würde ich mit Dir parlamentiert haben; 
da ich Dich zur Hälfte ohnmächtig glaubte, unterstand ich mich, 
eine höchsteigene Meinung zu haben, und schrieb, ,,wenn es Zeit ist". 
Daß das so sehr vmter der hauteur Deiner Einsicht ist, bedauere ich 
von Herzen. Aber die Lage der Dinge zwingt jeden vernünftigen 
Menschen dazu, den rechten Moment abzuwarten, ich gebe Dir mein 
heiliges Wort, daß ich nicht zweimal gegen den Grafen schreibe. Die 
Diskussion über einen Gesetzentwurf hatte also begonnen; damit 
dieser Entwurf Gesetz imd folghch anwendbar würde, bedurfte es 
der Debatte. Es war von vorneherein gewiß, daß in der Zweiten Kammer 
eine Opposition im Sinne der Beschränkung, d. h. laxerer Grundsätze 
hinsichthch der Bescholtenheit, auftreten würde. Du wirst mir ein- 
räumen, daß ich nicht im Sinne der Strenge, der moralischen Inqui- 
sition auf den Landtag einwirken will und wollen kann. Er muß sich 
aussprechen, er muß sein Votum abgeben, das Gesetz muß fertig 
sein, ehe ich sage, es paßt auf den und den. Anders ist es mit dem 
Grafen von Westphalen, anders mit einzelnen Deputierten, die sofort 
einen Antrag stellen mögen; denn sie sind Einzelne, gebrauchen ihre 

*) I/assalle. 



— ■ ' 320 — 

ständischen Rechte, ich aber bin ein Stück Allgemeinheit und darf 
nur im Namen der Allgemeinheit reden, muß mich sogar sehr in acht 
nehmen, der bevormmidenden Regierung auch nur scheinbar in die 
Hände zu arbeiten. Auf der andern Seite ist es ebenso absolut not- 
wendig, daß ich den Grafen beim Zipfel der Allgemeinheit fasse; d. h. 
daß ich ihn mit dem Bescholtenheitsgesetz in Verbindung bringe. 
Denn im übrigen ist er so bodenlos ruiniert, daß alle Blätter, die keinen 
Parteieinfluß erfahren haben, ihn rücksichtslos verdammen. Das haben 
wir erreicht, und das will und brauche ich nicht zu wiederholen. Das 
ist double emploi und verdorbene Zeit und Mühe. Der Gesetzentwurf 
wird also Gesetz mid vermutlich gleichzeitig der Landtag bis zum 
Herbst vertagt. In diesem Zwischenravmie — wenn er eintritt — 
dürfen wir kein Pulver verschießen, sondern mit dem Herbst haben 
wir einfach auf dem Markte zu sein. Wird der Landtag nicht vertagt, 
was wir in einigen Tagen schon vollständig und bestimmt wissen, so 
ändert sich die Sache, imd der Graf kann auf der Stelle angegriffen 
werden. Wenn Du jetzt eigensinnig bist imd meinst, es sei jeder Augen- 
blick recht, man solle den Missetäter ä tout temps verdonnern, so 
sage ich Dir, daß ich die bereits durch die Zeitungen vollbrachte Ver- 
donnerung als solche nicht wiederhole, daß wir zu deren Ausbeutung 
vor wie nach die Zeitungen haben, daß ich, wenn ich die Broschüre 
schreibe, die rechte Zeit haben muß, damit sie etwa so laute: ,,Das 
preußische Bescholtenheitsgesetz und der Graf H." Der erste Titel 
war natürlich rein willkürlich und konnte in dem Falle bleiben, als 
kein Gesetzentwurf vorgelegt wurde. Dieser Entwurf bindet uns, 
wenigstens mich. Und diese meine Ansicht ist so sehr begründet, daß 
selbst die extravagante Äußerung: Wenn der Graf H. vom Landtage 
davonkommt, so sind wir rettimgslos blamiert! noch immer wahr 
bleibt. Er kommt nämlich nicht davon, sei es, daß der Landtag jetzt 
gleich beisammen bleibt oder seine zweite Hälfte in den Herbst fällt. 
Du siehst, lieber Freund, wie alles in der Ordnung ist, dafern ich 
das Einverständnis zwischen rms als fortwährend ungestört betrachte. 
Dazu wird aber von Deiner Seite zweierlei erforderlich sein: i. daß 
Du nicht solche Briefe schreibst wie den langen an mich; der Brief 
an den Doktor ist zunächst dessen Sache und geht mich nur zur Hälfte 
persönlich etwas an, insofern ich mir von Deiner Seite 2. etwas bessere 
Rechnimg ausbitte. Ich weiß nicht, ob Du mich genug kennst, um 
zu wissen, mit welchem Widerstreben ich darauf eingehe. Aber ich 
versichere Dir, daß, wenn Du mit mir rechnen willst. Du die vier Spezies 
bei mir in aller Ordnung finden sollst. Ich habe lange keine größere 
Konfusion gesehen als in Deiner Etablierung eines sogenannten 
Ausgabenbudgets für uns. Was sind das für 200 Rt, die der ,, junge 



321 ^ ^3= 

Grün" bekommen hat, imd von denen ich kein Sterbenswort weiß? 
200 Rt. sind 750 Franken, die mir, ich weiß gar nicht wieso, inwiefern, 
weshalb, warum angerechnet werden. Grade soviel als ich im ganzen 
1847. Jahre nach Christi Geburt überhaupt von Dir entlieh oder ange- 
wiesen erhielt, oder wenn Du willst, für äußere Mühewaltimg bekam . . . 
So ist die Wahrheit der Sache, mein Bester, was meine Person betrifft, 
nicht mehr und nicht weniger, und ich wiederhole Dir, daß über die 
Hälfte von mir gar nicht gefordert, sondern aus freier Einsicht in das 
Mißliche meiner augenblickhchen Lage mir zugesandt worden ist und 
sich schon aus diesem Grunde wenig eignet, in eine Rechnung gebracht 
zu werden. Nicht ich rechne auch hier, denn ich habe Dir zu wieder- 
holten Malen gesagt, es gibt und wird immer Dinge geben, die der Frei- 
heit vmd nicht der Ökonomie angehören. Bringst Du aber die Ökonomie 
in die Sachen der Freiheit hinein. Du Mensch des Pathos, so werde ich 
meinerseits Ökonom ohne Pathos. Und d'e pathoslose Ökonomie muß 
immer recht behalten gegen die pathologische Ökonomie. 

Auf vieles andere in Deinem gegenwärtigen Gebaren gehe ich nicht 
ein, das läßt sich nicht gut schreiben, wohl aber besprechen, und ich 
hielte es für äußerst gut und notwendig, wenn wir uns zwei bis drei 
Tage lang einmal sähen. Die Reise hierher ist nicht so arg, daß Du 
sie nicht unternehmen könntest. Und meinst Du, ich könne auch etwas 
tun, so bin ich bereit, nach lyüttich zu kommen, wo Du mir Tag, Stunde 
tmd Gasthof bestimmen kannst, ökonomischer ist es aber, wenn wir 
tms in Brüssel sehen, weil ich hier Quartier habe imd Deine Reise von 
Lüttich nach Brüssel durch die meinige von Brüssel nach Lüttich 
aufgehoben wird. 

Diesen Brief überliefere ich wahrscheinlich wieder einer erkleck- 
lichen Zahl von Mißverständnissen. Aber das kann nichts helfen. 
Salvavi animam meam. 

Dein Freimd. 

Faubourg de Naraur 
174. Chaussee d'Etterbeek. 
(Briefe ins Caveau royal.) 

102. 
ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Original.) 

Brüssel, 21. 5. 47. 
Mein Freund! 

Obgleich Dein Brief an mich immer noch manches enthält, womit 
ich nicht ganz einverstanden bin, so hat er mir insofern wohlgetan, 
als ich gesehen habe, daß wir uns schon verständigen werden, wenn 

Mayer, Lassalle-NachUss. I -• 



-= 322 - 

wir uns einmal wiedersehen; ein großer Teil meines Ärgers kam daher, 
daß ich, mein ganzes Dasein, alles, was ich mit Dir getan und von Dir 
gelitten habe, in Dir zu einem höchst imtergeordneten Momente ge- 
worden zu sein schien, daß Du mir nach meiner Meinung wie Deinem 
Vasallen, Deinem Leibeignen begegnetest, der ich nie war und nie- 
mals werden werde. Eine gemeine Gesinnung werde ich Dir nie ver- 
raten können, weil ich keine habe, vmd es ist mir heb, daß Du Dich 
wenigstens erinnerst, nie eine bei mir gefunden zu haben. ^) Vielleicht 
ruft dies bei Dir einen kleinen Zweifel hervor, ob ich denn wirkhch 
aus einem bloß aus meiner Leber kommenden Ärger mich bis zu einer 
gemeinen Gesinmmg verirren könne, oder ob nicht vielleicht in meinem 
Hirn irgend etwas vorgegangen sei, was mich grade so an Dich schreiben 
ließ, wie ich geschrieben habe. Behalte meinen Brief nur, wie Du mir 
geschrieben hast, daß Du es tust, ich will ihn Dir Wort für Wort ver- 
teidigen, ohne Dir im mindesten eine gemeine Gesinmmg meinerseits 
zugeben zu können. 

Was das Lossagen anbetrifft, so mißverstehst Du es; verraten habe 
ich nie irgend jemand und bin, wie es mich dünkt, eine von den Naturen, 
denen ein sogenannter Verrat schwer ankommen würde; obgleich ich 
nun gar nicht zugeben kann, daß Heine Dich verraten hat, so habe 
ich, wie ich glaube. Dir bisher einige kleine Beweise davon geliefert, 
daß ich in dem, was Du Treue nennen würdest, etwas stärker bin als 
Heine. Götter, mein Freund, habe ich überhaupt nicht, ich bin ein 
Atheist wie Du, am allerwenigsten aber habe ich neue Götter, sondern, 
wenn ich in Deutschland zum Teil durch mein eignes Studium, zum 
Teil durch unser gemeinschaftliches Studium der Philosophie (mein 
Frevmd, wir haben zusammen die Phänomenologie gelesen; ich habe 
nicht die Spur von dem vergessen, was ich dabei gelernt habe, sondern 
nur noch einiges dazu gelernt) ein nur theoretischer Atheist war, so 
bin ich es durch das Leben imd meinen Aufenthalt in Paris praktisch 
geworden. Wie ich das Lossagen betrachte und wie ich es gemeint 
hatte, so hattest Du Dich faktisch von mir losgesagt, mit andern Worten, 
Du schienst vergessen zu haben, daß ich ein freier Mann bin, der durch 
die Substanz des Wissens an Dich gebimden ist imd nicht durch eine 
bewußtlose Empfindimg, der es Dir vorhergesagt hat, er werde seine 
äußeren und inneren Kräfte Dir zu Gebote stellen, weil Dein Wissen, 
Deine Einsicht ihm weiter zu sein schien als die seinige, obgleich er 
sich für sich keinen weiteren Vorteil davon verspreche, weil es in der 
menschhchen Natur liege, das Werkzeug nicht als das sich Gleiche 
zu betrachten, sondern eben nur als brauchbaren Stoff. Jetzt, wo 



^) Siehe oben Brief Nr. loo. 



= 323 = 

Du in Deinem Briefe wenigstens nicht mehr ewige Dankbarkeit von mir 
der Gräfin gegenüber verlangst (weil, wie Du selbst sagst, sie mit einer 
bis zum Wahnsinn gehenden Verschwendung zehntausend Mittel in 
Bewegung gesetzt hat, die nichts helfen konnten, ein Verfahren, worin 
ich eben weiter nichts sehen kann, als große Neigung für Dich imd 
Nichtachtung des Geldes, vielleicht noch einige Ungeschicklichkeit, die 
richtigen Mittel zu wählen), jetzt bist Du mir wieder verständig genug, 
um mir selbst das Zeugnis ausstellen zu können, daß ich mein Wort 
gehalten habe. Wer hat Dich aber berechtigt, mir nach allem, was 
ich getan habe, zu sagen, zur Liebe könntest Du mich freilich nicht 
zwingen, ich möchte Dir doch Ausweis über die Diamanten geben, in 
einem Augenblicke das zu sagen, wo ich den jungen Grün gewonnen 
hatte, der Gräfin zur Seite zu stehen und ihr etwas rechnen zu helfen 
(für große Rechenmeister werdet Ihr Euch doch beide nicht halten 
wollen, Du wenigstens hast mir in Paris einige eklatante Beweise davon 
geliefert), wer hat Dich berechtigt, mich ohne meine Zustimmung auf 
Ration zu setzen und mir zu schreiben: Hier hast Du 25 Rt., den 6. Juni 
erhältst Du wieder 25 Rt. usf. (wörtlich aus Deinem letzten, verzeih' 
mir den Ausdruck, liederhchen Brief), während ich gar nicht mehr weiß, 
warum ich nicht so schnell als möglich nach Köln gehen soll, was ich 
bisher nur immer aufgeschoben habe, weil Du glaubtest, es würde 
hierdurch eine Gefahr für Dich entstehen, die doch nun aber gänzlich 
vorüber ist? Nein, mein Lieber, Du hast mir gar nichts zu verzeihen, 
wie Du in Deinem letzten Brief Miene machst, es zu tun, wohl aber 
habe ich Dir manche Nachlässigkeit in bezug auf mich und meine 
Angelegenheiten zu vergeben, was ich gern tun werde, wenn ich nur 
wenigstens Geld genug hätte, hier fortzukommen, wenn ich nur über- 
haupt wieder zu meinen Personalpapieren, die mir höchst wichtig sind 
und um deren Besorgung ich Dich jetzt neun Monate vergeblich bitte, 
kommen kann. A propos de ces moutons. Du mußt doch wissen, wo 
Du den Koffer damals aufgegeben hast, als Du ihn mir nach Brüssel 
nachschicktest; hier ist er nicht, und ich f ordre Dich daher noch ein- 
mal auf. Dich dort, wo er aufgegeben worden ist, danach zu erkimdigen, 
vmd wenn er nicht da ist, ihm einen Laufzettel nach Brüssel nachzu- 
senden, damit ich ihn wiedererhalte. Hörst Du, ich verlange diesen 
kleinen ,, äußern Beweis Deiner innern Teilnahme"; um den ich so 
lange imd so oft vergebhch gebeten habe. Daß Du mir schreibst, , .viel- 
leicht" komme ich nächstens mal zu Dir, hat mich auch geärgert, daß 
Du noch nicht gekommen bist und dies , .vielleicht" ^) schmeckt, wenn 
Du es nicht übel nimmst, etwas stark nach dem Generalbevollmäch- 



^) Siehe oben Brief Nr. 100. 



— ^=^ 324 — 

tigten, den der Teufel holen soll, wenn er nicht „gewiß" und „alsbald" 
mir entweder Geld schickt, daß ich nach Köln gehen kann, oder, was 
mir noch lieber wäre, mir das besagte Geld bald brächte, denn die 
beiden Unterbevollmächtigten ^) imd verschiedne andre Bevollmäch- 
tigte sind hinsichtlich ihres Geldbeutels höchst ohnmächtig geworden. 
Wie Teufel kommst Du nur plötzlich darauf, den Grafen Clemens 2) zu 
schonen und mir in obbesagtem, wie ich ihn nenne, liederlichem Brief 
zu schreiben, alles müsse seine Grenzen (Du und Grenzen) haben, 
wenn er der Gräfin 10 000 Rt. geborgt habe, so folge noch nicht, daß 
er wieder 10 000 Rt. borgen werde usf. i. a oder aleph, wie Du 
sagst, wenn Du höchst gründlich widerlegst, habe ich durchaus nicht 
behauptet, daß die Gräfin immer bloß 10 000 Rt. vom Grafen Clemens 
borgen kann, denn 10 000 Rt. sind nach Adam Riese 10 mal looo Rt. 
2. ß oder beth steht die Sache grade so, daß, wenn er 10 000 Rt. 
geborgt hat, er grade deshalb gern mehr borgt. Geh' mir, ich will 
zu Bett gehn, sonst wollt' ich Dir beweisen, daß der Generalbevoll- 
mächtigte entweder außer den Grenzen, die er kennen gelernt hat, 
selber etwas begrenzt, um nicht zu sagen beschränkt geworden ist oder 
daJ3 er andre Leute für zu beschränkt hält, wenn er meint, sie ver- 
ständen die Sache nicht wenigstens ebenso wie er.^) 



103. 
KARI. GRÜN AN I.ASSAI.I.E. (Original.) 

Brüssel, 25. Mai 47. 

Lieber Lassalle! 

Deinen Brief habe ich vorgestern abend erhalten und will es vor- 
läufig machen wie Du, das heißt, ich will unpraktische Erörterungen 
beiseite lassen. Wenn Du aber in Deinem Briefe an den Doktor,*) 
den ich doch hoffenthch lesen darf, wieder von , .Vorwürfen sprichst, 
die ich reichhch verdient",^) so muß ich das allen Ernstes zurückweisen, 
denn ich habe auch nicht noch den leisesten verdient. Ich weiß immer 
zu genau, warum ich etwas tue. Und Du mußt Dir schlechterdings das 
Befehlen etwas abgewöhnen und nicht immer Lob und Tadel austeilen 
wollen. Ich kann Dir die ruhige Versicherung geben, es ist gut für 

^) Mendelssohn und Karl Grün. 

2) Graf Clemens von Westphalen. 

^) Auch dieser Brief ist nicht unterzeichnet. 

') Arnold Mendelssohn. 

^) Siehe oben Brief Nr. 100. 



— == 325 -==^ 

Dich, daß Du Freunde hast, die in der Welt auch noch etwas anderes 
sehn als den Grafen H. Dieser letztere wird dadurch nur um so sicherer 
niiniert. 

Was nun die Sache betrifft, d. h. die „endliche" Broschüre, die 
höchst wahrscheinlich ziemlich miendlich ausfallen dürfte, so wird 
sie bereits in diesem Augenblicke disponiert und im Kopfe zurecht- 
gelegt. Das Schreiben muß das wenigste werden. Hier in Brüssel 
bin ich aber nicht in der Stimmimg, sie zu schreiben, sondern ich bin 
verstimmt und körperhch leidend. Mein kleiner Junge ist bei mir, 
tmd so viele Freude er mir macht, so hindert er mich, bei meiner hiesigen 
Gar^oneinrichtung an jeder größeren Arbeit. Ich kann nur die Jour- 
nahstik besorgen. In diesen Tagen ziehe ich nach lyüttich, miete 
mich dort sommerlich ein, schaffe dem Jungen eine Wärterin an und 
tue dann nichts anderes als die Broschüre schreiben. Du wirst so ge- 
fällig sein und so einsichtig, zu bedenken, in welchem Derangement ich 
mich befinde, imd welche gar nicht mit Geld zu erkaufende Bequem- 
lichkeiten mir abgehen. Hierfür, aber auch nur hierfür, d. h. von dem 
Augenblick an, wo ich schreiben will, muß ich um Deine Nachsicht 
bitten, denn sonst hast Du allerdings recht, bei gutem Winde und 
flotter Fahrt legt man diesen Weg in drei Nächten zurück. Von Lüttich 
werde ich Dir sofort meine Adresse schicken imd hoffe, daß Du mich 
dort besuchst. Über den Druckort müssen wir uns verständigen, denn 
Belgien ist mein letztes Ivuftlocb, das ich mir in keiner Weise ver- 
stopfen will. Ich halte, wie Du früher, Mannheim für den besten Ort, 
und T. P. Grohe [?] übernimmt den Druck gewiß, da er Absatz zu 
hoffen hat und ich wenigstens direkt kein Honorar verlange. Über 
alles das haben wir tms zu bereden. 

Da ich nun vermute, dieser Brief trifft Dich noch in Berlin, so 
habe ich eine Bitte an Dich, die Dir nicht mit dem frivolen Undank 
Heines vergolten wird. Ich muß nämlich absolut wissen, wie ich mit 
den Preußen stehe, ob und was sie gegen mich haben, ob ich irgend 
beunruhigt werde, falls ich nach der Heimat zurückkehre. Oder, um 
mich in Deinem kategorischen Stile auszudrücken tmd im Stile des 
,, Vertrauens", welches meine Frau zu Dir hat: Mach' mir die Rückkehr 
nach Preußen möglich, ohne Gefahr. Du kannst ja alles, was Du ordent- 
lich willst, also wolle ordenthch ! Du darfst mir aber nicht vorschützen. 
Du habest jetzt zu viel anderes zu tim, denn dann willst Du nicht 
ordentlich, und Du darfst kein halbes Werk tun, das mich zwischen 
Tür und Angel läßt, denn das heißt nicht wollen. Wie mich dünkt, 
treten in diesem Augenbhcke gewiß mildere Observanzen ein, tmd wenn 
etwas gegen mich im Schilde geführt werden sollte, würde man es 
sicherlich auf einige Fürsprache herausnehmen. Siehst Du, Freund, 



— — 326 =============^=^ 

das ist der erste Fall, wo ich keine abschlägige Antwort mehr haben 
soll. Wir wollen sehen. 

Femer: So sehr mich Deine desolaten Kostenzustände dauern, 
imd so sehr ich weiß, was es heißt, kein Geld haben, so bin ich doch 
in großer Verlegenheit, wo ich anders Mittel herbekommen soll als 
von Dir. Mein Pariser Budget läuft noch einige Wochen fort, nun muß 
ich in Lüttich mieten, das Notdürftigste kaufen und leben. Dieses 
Extraordinaire, wie in der französischen Finanz die außerordentlichen 
Kredite heißen, weiß ich nicht zu beschaffen, da ich meine Quartal- 
gelder erst Ende Juni beziehe und die ordentlichen Steuern auch nur 
die ordentlichen Ausgaben decken. Kannst Du mir helfen, so schicke 
mir poste restante nach Lüttich, so weit denke ich noch zu kommen. 
Bemerken muß ich Dir dabei, daß ich in diesem Augenblick den Posten 
von 100 Rt. empfindlich spüre, denn der könnte mir grade helfen. 
Aber wie Du mit außerordentlicher ökonomischer Schärfe sagst: Die 
Summen, die ich ausgegeben, habe ich nicht mehr. Und doch beruht 
auf diesem Satze das sittliche Weltgebäude. 

In Doktors Briefe sprichst Du vom „frommen Glauben der Völker", 
darüber werde ich Dich einmal später examinieren. Der fromme Glaube 
der Völker ist nicht die Gerechtigkeit, die wir wollen, und wenn Du 
Dich nur auf den frommen Glauben der Völker stützst, so bist Du 
verloren. Jeder Sieg im Reiche des Geistes besteht darin, daß man 
den linken Fuß auf den frommen Glauben der Völker setzt und den 
rechten auf das unfromme Eiland der Zukunft. Bleibt man zu weit 
auf dem frommen Glauben der Väter stehen, so springt man ins Wasser. 
Will man gar nicht darauf stehen, so fällt man wieder hinein. Aber 
den Arm der Könige bewaffne Du nur, denn der liegt sonst müßig; 
weißt Du die Zivilhsten zu exploitieren, so verminderst Du die Un- 
produktiven, und das ist die Aufgabe der Weltgeschichte. 

Lebe mir wohl, wie Du zu sagen pflegst, und mach' Deine Sachen 
ordenüich. Da ich nicht beten kann, so will ich so lange fluchen, bis 
Du reüssierst. 

Dein Freund. 

104. 

LASSALLE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Original.) 

[Anfang Juni 1847.] 
Lieber Doktor! 

Ich schicke Dir hier inhegend 25 Rt., einige Tage nach der An- 
kunft Deines Briefes (acht bis zehn Tage) bin ich hier angekommen; die 
Sendimg ist noch verspätet worden, weil Cötgen sie übernehmen wollte. 



= 327 — 

Ich bin mit deu schriftlichen Arbeiten, Materialzusammenstellungen 
und Exposes für die Ehescheidungssache (fin de non recevoir, Gegen- 
klage, Denkschriften etc.) so fürchterlich überhäuft, daß ich Tag 
und Nacht zu Hilfe nehmen muß, sonst hätte ich Dir mehres ge- 
schrieben ; es ist jetzt hohe Zeit, daß Du endlich wieder nach Deutsch- 
land zurückkehrst, ich warte nur ab, die Ausarbeitungen für die Klage 
fertigzumachen, um nach lyüttich zu kommen und mit Dir nach vor- 
her erfolgter Anzeige an den Generalprokurator zurückzukehren; ich 
muß abwarten, die Ausarbeitungen beendigt zu haben, damit ich 
alsdann während Deiner Haft meine Tätigkeit voll und ungeteilt Dir 
widmen kann, — Wenn Du fragst: ,,Wer gibt Dir das Recht, mich auf 
ein Fixum (25 Rt. per Monat) zu setzen?"^) so ist Deine Frage schon 
ein Irrtum. Ich habe Dich nicht darauf gesetzt, sondern niemand 
anders als die drayurj.^) Nur den Zahlenausdruck der Notwendigkeit zu 
finden war meine Sache, und natürlich meine allein, da das Material 
dazu, Budget, Einnahme, Ausgabe mir allein, nicht Dir bekannt ist, 
ich also nur die Zahl ermitteln konnte. Daß sie vorläufig unsre Ver- 
hältnisse noch übersteigt, werde ich Dir mündhch ausrechnen können. — 
Wir haben neulich (d.h. die Gräfin) einen groi^n Ärger gehabt. 
Der junge Grün,^) dem die Gräfin rein aus Erkenntlichkeit gegen seineu 
Bruder einen ihr sehr schwer ankommenden Dienst erwiesen, hat ihr 
neulich in meiner Abwesenheit aus heiler Haut einen sehr groben Brief 
geschrieben, worin er ihr ankündigt, ,,daß er kein Interesse für ihre 
Sache mehr haben könne". Als hätte mau ihn drum gebeten! Damit 
aber nicht genug, hat er die Sache bis zu der Infamie getrieben, mehre 
sehr unangenehme Dinge herumzuplaudem. Ich weiß nicht, was ich 
davon denken soll. Es hatte kein Mensch ihm etwas getan. Cötgen 
ist wütend auf ihn, er behauptet, er habe es aus Ärger getan, daß wir 
ihm nicht die Rolle gegeben. Das wäre doch zu kleinlich. Ich würde 
mehres über die Sache geschrieben haben, wenn nicht Cötgen Euch 
spräche, der Euch seinen Unwillen mündlich äußern wird über dies 
fabelhafte Betragen. Grüße C. Grün und leb wohl. Der Stockum *) 
hat Wind, daß die Diamanten versetzt sind. Ich werde in kürzester 
Zeit sie einlösen müssen schon deswegen, und dann um sie zu verkaufen. 
Schreibe mir, ob Du gegen Sendung von 250 Rt. sie sofort erhalten 

^) Siehe oben Brief Nr. 102. 

2) Notwendigkeit. 

3) Albert Grün (geb. 1822), ein Bruder Carl Grüns, später als Dichter und 
ästhetischer Schriftsteller bekannt. 

*) Der Kaufmann von Stockum in Düsseldorf, der Geschäftsführer des Grafen 
Hatzfeldt. In seiner Verteidigungsrede im Kassettenprozeß nennt lyassalle ihn 
„diesen Hauptmann einer organisierten Zeugenbestecherbande". Auch Graf von 
Westphalen beurteilte ihn imgünstig. 



= 328 = 

und zurückschicken kannst. Die Nachforschungen nach dem Koffer 
sind bisher vergeblich gewesen. Ich begreife die Sache nicht, werde 
nächstens selbst nach Bonn gehen. Teile mir Deine Adresse mit 

Dein F. 

105. 

IvASSAIvLE AN ARNOLD MENDELSSOHN. (Original.) 

[Juni 1847.3 
Lieber Doktor! 

Es tut mir sehr leid, daß Dich Cötgen neulich nicht getroffen hat; 
ich hatte ihm einen kurzen Brief für Dich imd 25 Rt. übergeben; die 
25 Rt. ließ er bei Grün zurück, den Brief brachte er mir wieder. — Ich 
empfinde oft großes Bedürfnis, Dich zu sehen, imd sehne mich recht 
danach, Dich mal wieder zu haben, sollte Dir dies allerdings nicht 
schreiben, da Du mir wieder wie neulich entgegnen könntest, daß dies 
Sentimentalität sei. — Eben machte ich wieder eine neue Demarche 
wegen Deines Koffers. — Ich wünschte. Du könntest hier sein imd 
sehen, wie sich der Graf im großen und kleinen täglich blamiert imd 
alles zu seinem Nachteil ausschlägt. Unsre Angelegenheiten sind in 
bisher imerhörter Blüte. leider ist es unmöglich, zugleich zu handeln 
und auch der Historiker seiner eignen Taten zu sein, sonst würde ich 
Dir ausführlich schreiben. Es ist jetzt gewiß, daß auch das letzte 
Schwert, die Ehescheidungsklage, dem Grafen aus der Hand geschlagen 
wird, es ist gewiß, daß wir herausstellen können, daß er als Standes- 
herr nie irgendwo anders domiziliert gewesen sei, noch sich domizilieren 
darf als zu Schönstein. Dann kann er die Ehescheidimgsklage nicht 
anstellen, weil sie nach gemeinem Recht nicht recevabel ist, dann 
gelten auch die kurkölnischen Bestimmungen über Gütergemein- 
schaft, imd es ist damit auch fürs Vermögen eine Million gewonnen. 
Wir haben jetzt Wind und Wellen für uns. Quälten ihn früher die 
Zeitungen, so lassen wir dieses geringere Oualmittel jetzt aus Über- 
häufung mit Geschäften weniger angebaut und quälen ihn mit realen 
Quälereien. In vier Wochen wird er fürchterlich bezahlen müssen, 
Geld, wirkliches Geld. Dann kommen auch für Dich bessere Zeiten. 

Cötgen erzählt mir die fürchterlichsten und gemeinsten Dinge über 
Albert Grün ; er sagt, er mache sich ein Geschäft daraus, die empörend- 
sten Lügen über uns in die Welt zu setzen, weil wir ihn nicht engagiert 
haben. Er sei schon vor Monaten zu ihm (Adam) gekommen und hätte 
von der Gräfin 600 Rt. haben wollen! Ist der Kerl verrückt? — Aber 
solche Niedrigkeiten wie Cötgen, dem man doch glauben kann, sie 
mir erzählt, verstimmen mich, wenn sie von einer Seite herkommen. 



=^-=^ 329 -- == 

von der man sie nicht erwartet. Auch über Carl Grün bin ich etwas 
empfindlich; schrieb er doch Cötgen gleich, er solle zu ihm kommen, 
um sich zu beraten, wie sie ihre Ehre reinhalten; hat also den Ver- 
leumdungen seines Bruders bereitwillig Glauben geschenkt; auch von 
Dir wimdert mich, daß Du nach alledem mit einem Menschen dieser 
Art, der solche Gemeinheiten über uns verbreitet, so vertraut Freund 
sein kannst. 

Adieu, leb wohl, ich hol' Dich nächstens. 

Dein Ferdinand. 

106. 

ARNOLD jVIENDELSSOHN AN DIE GRÄFIN HATZFELDT. 
(Original.) 

Arresthaus, d. 8. Juli [1847].^) 

Madame ! (Seit ich in Paris war, nenne ich Sie noch lieber nur so, 
als mit einem andern Ihrer hundert Titel.) Erlauben Sie mir, Ihnen 
einen guten Abend zu wünschen und etwas mit Ihnen zu plaudern; 
ich küsse Ihre schöne Hand, die etwas abgemagert ist seit der Zeit, 
wo ich sie nicht berührt habe und beginne eine Rede über den Zaun 
der Zähne zu schicken, welche lautet wie folgt: 

Ich weiß nicht, ob Ihr Generalbevollmächtigter, mein ehemaliger 
Freund I,., Ihnen den Brief, den er aus Brüssel von mir erhalten, ge- 
zeigt hat, ebensowenig weiß ich, ob Sie seine Antwort, welche ich durch 
Grün in Lüttich erhielt, gesehen haben — wenn dies aber beides der 
Fall war, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß es grau- 
sam von Ihnen gewesen ist, diesen Brief abgehen zu lassen, weil weder 
Sie noch L. den geistigen Prozeß kennen, der in mir vorgegangen ist, 
seit ich nicht das Glück hatte, Sie zu sprechen, und weil Sie daher 
nicht wissen, wie unempfindlich ich gegen die Grobheiten unseres 
Freundes L. geworden bin; wenn ich nicht, wie ich es durch meine 
Erfahrimgen jetzt wirklich bin, der reine Verstand, der wandelnde 
Tod wäre, so hätte mich dieser Brief tief geschmerzt, und ich habe es 
nicht verdient, daß Sie mir Schmerz bereiten, wenn Sie es irgendwie 
vermeiden können. 

Daß ich mit L.s Handlimgsweise nicht mehr übereinstimme, habe 
ich schon lange gewußt, habe es ihm auch in meinen Briefen gesagt. 

1) Mendelssohn hatte sich in der Hoffnung, die dann so bitter enttäuscht 
wurde, daß er nur kurze Zeit im Gefängnis bleiben und bald freigesprochen sein 
werde, dem Gericht gestellt. Vgl. darüber u. a. I,assalles „Manuskriptbrief" an 
Sophie Sontzeff in ,,Eine l4ebes-Episode aus dem Leben Ferdinand Lassallci", 
Leipzig 1878, S. 57. 



= 330 ^ = 

Er hat aber keine Zeit gehabt, dieselben zu lesen oder zu verstehen, 
und so ist er denn sehr erstaunt, den Fuchs, den er früher so gehänselt 
hat, ganz resolut und wacker wiederkommen zu sehen. Ich weiß aber 
auch, so sehr verständig bin ich geworden, daß dies weiter nichts be- 
deutet, als daß wir uns eben lange nicht gesehen und gesprochen haben, 
daß der eingetretene Zwiespalt sich heben muß und wird. Wenn Sie 
aber jenen Brief gelesen haben, so müssen Sie einen Mann, der der- 
gleichen von einem anderen erträgt, verachten, imd wenn Sie mich 
früher für einen Schwächling gehalten haben, der zu allem, was jener 
will, ja sagt, so muß ich Ihnen jetzt, wo ich nicht ja sage und dennoch 
eine solche Behandlung ertrage, in einem noch schlimmeren lyichte er- 
scheinen; dies leide ich aber nicht, und da Sie mir nicht haben das 
Glück zuteil werden lassen, Ihnen mein Buch vorzulesen,^) so werde 
ich Ihnen diesen Brief schreiben. ly. muß ihn vorlesen, Sie, Adam*) 
und Paul müssen bei einer Flasche Champagner sitzen imd zuhören, 
dies ist mein , .letzter Wille". 

Also, wie der alte Hegel zu beginnen pflegte, • — jener selbige ly. sagte 
mir den letzten Abend vor meiner Gefangenschaft, ,,er könne nicht 
mehr mit mir umgehen, weil ich roh und vmgebildet geworden wäre", 
ich erwiderte ihm, ,,daß er mit mir nicht umzugehen gezwungen sei, 
wenn er nicht wolle", da ich wußte, daß die Sache nicht so ernstlich 
war, als sie aussah. Meine Roheit bestand nämlich darin, daß, als er 
mit seinem gewohnten Ungestüm, mit welchen er die Menschen wie die 
Pferde reitet, von mir forderte, ich soUe mit ihm zu Ihnen gehen, ich 
erwiderte: Nein, ich will nicht; was soll ich auch jetzt bei der Frau; 
wenn ich frei sein werde, komme ich. Da diese Roheit der letzte Vor- 
wurf ist, den ich erhalten habe, so will ich mit ihr anfangen, und in 
diesem Briefe zeigen, daß ich der geistreiche Rameau bin, obgleich 
ich nicht mehr der Zerrissene bin, wie jener es war, daß ich so geist- 
reich bin, daß ich von Ihnen und von L. weiß, daß Sie nicht bloß 
die Gräfin Sophie von Hatzfeldt-Kinsweiler tmd er Ihr Generalbevoll- 
mächtigter ist, sondern daß Sie beide auch Menschen und daher, wenn 
der geistreiche Rameau will, gezwungen sind, die lyeiterder Gefühle, 
die er hat, mit ihm emporzuklettem, weil, wie der Esel von Tasso sagt: 

Ein Gott mir gab, zu sagen, wie ich leide, 

freilich ist dazu auch notwendig, daß Sie hören, was ich sage, deshalb 
mein obiger ,, letzter Wille"; auch dieser Brauer Adam schmeichelt 
sich, ein Mensch zu sein, und was der Graf Paul noch nicht ist, das soll 
er im Umgang mit mir schon noch werden, denn nur der lycbende hat 

^) Das Manviskript Mendelssohns befindet sich nicht im Nachlaß Lassalles. 
") Adam Cötgen. 



===== o^J- — 

Recht. Gelingt es mir, in Ihnen allen Mitgefühl zu erregen, so wird der 
grobe ly. nachher zugeben müssen, daß ich nicht roh und ungebildet, 
sondern ein geistreicher und freier Mensch bin, wenn ich auch vor- 
läufig im Pütz am Klüngel ^) sitze. 

Ich habe hier Augenblicke, von denen ich glaubte, daß sie bei mir 
nicht mehr möglich wären, Augenblicke, wo ich Euch alle, die Ihr das 
Menschenantlitz tragt, hasse, dies Geschlecht, welches die Ägypter 
in dem Symbol der Sphynx so tief aufgefaßt imd dargestellt haben, 
daß es heute noch wahr ist. Ja, Ihr tragt alle das menschhche Antlitz, 
Ihr habt aber Ivöwenklauen, mit denen Ihr Euch gegenseitig die Ein- 
geweide aus dem Leibe reißt; Ihr nennt Euch Menschen, tmd weil Ihr 
nicht wißt, was das ist, weil Ihr nicht verständig seid, sondern 
den Gott oder die Bestie, die in Euch sitzt, frei schalten und walten laßt, 
weil Ihr Eurer Empfindung folgt, ohne zu bedenken, was Ihr tut, 
tretet Ihr Euch gegenseitig zu Boden, traut Ihr Euch kaum so weit, 
als Ihr Euch sehen tmd beobachten könnt. Ja, Ihr seid gezwungen, 
einen Menschen wie mich in den Pütz am Klüngel zu bringen und ihn 
wie einen Mönch des Mittelalters in einsamer Zelle mit tausendfacher 
Todespein zu quälen; pfui über Euch! Hier sitze ich mm, xmter mir 
■wird geklopft, ich weiß nicht was, aber jeder Schlag scheint mir von 
der Decke herunter auf meinen Kopf geführt zu werden; draußen 
sägen sie Bretter, vmd jeder Strich der Säge scheint mir durch meinen 
armen Schädel zu gehen, auf dem Gange wird gescheuert und der 
Kerkermeister klappert mit seinen Schlüsseln umher. Wenn ich nicht 
ein verständiger Mann wäre, so würde ich hier eine wilde reißende 
Bestie, ja es gibt Momente, wo ich es wirklich bin tmd den Inspektor, 
den dümmsten Menschen, den ich seit langer Zeit gesehen habe, 
sehr übel behandeln würde, wenn das Tier in mir nicht so sehr ge- 
bändigt wäre, als es der Fall ist; Adam kam neulich in einem solchen 
Moment zu mir, wenn ich nur an ihn gekonnt hätte, ich hätte ihn jämmer- 
lich durchgeholzt, denn auch dieser alte Adam hat ein Menschen- 
gesicht, er versteht es aber, was das sagen will, wenn ich ihn durch- 
holze, und diesen seinen Verstand würde ich stark gemißbraucht haben. 

Erlauben Sie mir, um von diesem tragischen Gegenstand, dem Pütz 
am Klüngel, seinen Schlössern tmd Riegeln und sonstigen Annehmlich- 
keiten wegzukommen, auf einen komischen Gegenstand überzugehen, 
der sich seit einiger Zeit Ihren Generalbevollmächtigten nennt imd un- 
geheuer wild und großartig gegen mich tut. Dieser Gegenstand ist 
aber mein alter Freund L., vor dem ich mich nicht im mindesten fürchte. 

^) Das Kölner Gefängnis befindet sich in der Straße Klingelpütz. Hier stand 
früher ein Brunnen, der einem gewissen KUngehnann gehörte. (Nach einer 
freundlichen Mitteilung Joseph Hansens.) 



^ == 332 — ■- 

wenn er selbst bevollmächtigt wäre, eine Generalsuniform anzuziehen, 
was doch nicht einmal der Fall ist. Damit aber dieser Gegenstand 
nicht zu sehr lache und vor lauter Lacheu nicht weiterlesen könne, 
will ich ihn sehr ernst anreden imd folgendermaßen zu ihm sprechen: 
Herr Generalbevollmächtigter der Frau Gräfin, fanatischer Proprietär, 
langbeinige Zikade, gefräßige Canaille! Ich will Dir einmal einen 
kleinen Spiegel vorhalten, damit Du Dir nie wieder einfallen läßt, 
mich roh oder ungebildet zu nennen, und um Dich die ganze Wahrheit 
dessen, was ich sagen werde, fühlen zu lassen, werde ich ernst beginnen 
und nur wieder nach und nach komisch werden. 

Mein Freund, Du vereinigst in Dir drei Persönlichkeiten des National- 
konvents ; Du bist elegant und intrigant wie Tallien,^) der Bräutigam 
der Gräfin Sophie Cabarrus, Du bist nicht ganz so liederhch, aber ebenso 
gefräßig und genußsüchtig wie Barere, Du bist nicht so tugendhaft, 
aber ebenso grausam imd blutdürstig wie Robespierre, imd unwissend 
bist Du, wie alle drei zusammengenommen. Du erhältst von mir einen 
Brief, in welchem ich Dir anzeige, daß ich ein Werk geschrieben habe, 
in welchem ich die tiefsten philosophischen Wahrheiten gefunden und 
in einer schönen Form dargestellt habe, daß ich in der geistigen Vereini- 
gung mit Goethe und Napoleon, deren Gespräch in der Fensternische 
zu Erfurt ich mitangehört habe, eine Wollust empfand, die mich über- 
wältigte, so daß ich ohnmächtig vom Stuhle fiel, eine Wollust, wie 
ich sie nie in den Armen eines Weibes gekannt habe, so daß ich jenen 
Tag zu sterben meinte und mich erst den folgenden Tag durch ein 
Brechmittel so weit herstellte, daß ich wieder Lebensmut bekam, 
Appetit auf verschiedne Dinge, die ich lange entbehrt habe ; — in diesem 
ganzen Brief, den ich noch in der vollen Freude der vollbrachten Zeugung 
an Dich schrieb, der sich schmeicheln darf, mich mit Hegels Philo- 
sophie bekanntgemacht zu haben, Hesest Du nichts, als daß ich die 
Diamanten der Gräfin verkauft habe, übersiehst dabei, daß ich sie für 
ein geringes Zugeid wiederkaufen, wenigstens ähnliche bekommen kann 
xmd schreibst mir, ich sei ein wahrer Dieb, ein Narr, ein Esel und ein 
dummer Junge ; ich weiß nicht, was noch weiter vorgekommen ist, ich 
zerriß den Brief, ehe ich ihn ganz gelesen hatte, weil Grün bei mir 
war und ihn nach mir lesen wollte ; denk' einmal darüber nach und sage 
mir dann, was aus Dir geworden ist, wohin Du absoluter Philosoph in 
der Not der schweren Zeit oder in der schweren Not der Zeit geraten 

^) Jean Lambert Tallien (1769 — 1820) heiratete die Gräfin Jeanne Marie 
Therese [nicht Sophie] Caban-us (1775 — 1835) nach dem Sturze Robespierres, 
zu dem er mitgewirkt hatte. Bardre de Vieuzac (1755 — 1841), Vorsitzender des 
Konvents beim Prozeß I<udwigs XVI., nach dem Sturz Robespierres zur Depor- 
tation verurteilt, nach dem 18. Brumaire amnestiert. 



= 333 ==^ 

bist! Ist das vielleicht die Bildung, die mir noch abgeht, daß ich nie zu 
irgendeinem Menschen, am wenigsten zu meinem besten Freunde, so 
reden konnte oder kann, — so muß ich Dir sagen, daß ich mich dafür 
bedanke, so gebildet zu werden, ich bleibe lieber so roh, wie ich es bin. 
Weißt Du, daß Da nicht einmal so f rei bist wie mein Nachbar, der Rameau 
Kleine,^) der mich so liebgewonnen hat, daß er mir am zweiten Tage 
meines Hierseins erklärte, er müsse mich bewachen, er sei mein Spion, 
der am ersten Tage mich als seinesgleichen, als einen denkenden 
freien Mann erkannte, der, wie er sich in seiner philosophischen Un- 
schuld ausdrückt, hundert Stufen über ihm stünde, während Du, der 
Philosoph, mich für wahnsinnig erklärtest. Rameau Kleine werde 
ich befreien, er will mein Reitknecht werden; ich habe ihm erklärt, 
daß er durchaus nicht mein Einecht sei, wenn ich ihn auch bezahle, 
damit er mein Pferd besorge, weil er dies besser versteht als ich, welche 
Lehre ihm äußerst gut mundete, so sehr, daß er in der Stube herum- 
springend versicherte, man könne gar nicht wissen, was er noch für 
Rosen pflücken werde. 

Hast Du denn ganz und gar vergessen, daß es noch etwas anderes 
gibt als Geld oder Dinge, die man für Geld haben kann, weißt Du 
nicht mehr, daß etwas existiert, was man den menschhchen Willen 
oder meinetwegen den Geist nennt, etwas, was sich nie erkaufen läßt, 
wenn man es auch bezahlen kann und muß? Weshalb bin ich denn so 
lange mit Dir gegangen, warum habe ich denn alles ertragen, was Du 
mir angetan hast? Hast Du mich vielleicht dafür bezahlt? Nimm 
Dich in acht, ja zu sagen, denn dann kommen wir auf den Standpunkt 
Proudhons: Combien me devez-vous? Combien vous dois-je? und 
diese Rechnung dürfte nicht zu Deinen Gimsten ausfallen, während 
Du in Paris gegen Grün und mich behauptetest, diese Formel enthalte 
nicht die Werke der Liebe. Wenn Du vergessen hast, was Liebe zwischen 
Männern oder Freundschaft ist, so will ich Dich daran eriimem; es ist 
nur gleiches Wissen. Als wir vor einem Jahr bei Tietz in Berlin 
dinierten, sagte ich Dir: Ich werde mit Dir gehen, wohin es auch sei, 
ich werde tun, was Du von mir verlangst, weil Deine Einsicht mir eine 
weitere zu sein scheint als die meine; ich weiß zwar, daß Du mich 
zum Teufel jagen wirst, wenn Du erreicht hast, was Du willst, weil 
dies nach meiner Meinung so in der menschlichen Natur liegt, ich 
verspreche mir keinen Vorteil von meinem Gehorsam, ich werde aber 
doch so handeln. Nun, mein Teurer, habe ich mein Wort gehalten? 



^) Kleine war wegen Straßenraub verurteilt worden. Ein undatierter Brief 
Mendelssohns an die Gräfin bittet diese, sich beim Prinzen Friedrich — der in 
Düsseldorf lebte — und beim Minister von Mühler für ihn zu verwenden. 



= — 334 ^= 

Bin ich nicht noch gehorsam gewesen, als ich meine Einsicht weiter 
wußte als die Deine, weil ich jeden Vorwurf von Deiner Seite unmög- 
lich machen wollte, und hast Du nicht ferner mein Wort gelöst, welches 
Du bei Tietz für eine kindische alberne Furcht ausgabst, indem Du 
neuhch abends erklärtest, ,,Du könntest nicht mehr mit mir umgehen?" 
Ich will Dich jetzt nicht an alles erinnern, was Du mir angetan hast, 
bei einer Flasche Champagner, die ich mit Dir trinken werde, wird 
sich das besser machen, ich wollte Dich nur ein klein bißchen sehen 
lassen, wie äußerst wenig ich wahnsinnig bin, so wenig, daß ich 
sogar weiß, daß Du es auch nicht bist, wenn Du Dich auch ein bißchen 
in eine Ecke verrannt hast. Jetzt zur Gräfin zurück. 

Sehn Sie, Frau Gräfin, ein Mann muß einen andern verstehen, 
um ihn zu kennen, er muß die Wahrheit im Verstände haben, sonst 
hat er sie gar nicht; eine Frau aber fühlt, was ein Mann ist, mehr 
als sie ihn versteht; eine Frau ist durch das Gefühl fast immer in der 
Wahrheit, wenn sie dieselbe auch nicht im Verstände hat. Sie achte 
ich nun vorzugsweise vor vielen andern Frauen, weil Sie eine so intelli- 
gente, erfahrene oder gebildete Frau sind, daß Ihr Verstand sogar bei 
Ihnen sehr häufig im Niveau mit Ihrem Gefühl ist, eine bei Frauen 
sehr seltne und daher um so achtenswertere Eigenschaft; ich habe 
dieselbe bisher nur bei meiner verstorbnen Mutter in einem ähnlichen 
Grade gefunden als bei Ihnen, ich habe Sie daher sans comparaison de 
l'äge et de la beaute schon öfter mit ihr verglichen. Wenn ich erst 
wieder frei bin, so fordre ich von Ihnen, daß Sie Ihrem Bevollmäch- 
tigten verbieten, mich so zu reiten, wie dies bisher geschehen ist, so 
daß meine Seiten noch immer von seinen Sporenstreichen bluten, ich 
verlange nicht, wie der kleine Oppenheim, ihn gar nicht mehr zu sehen, 
im Gegenteil, aber ich kann den Kleinen wegen seiner Gefühle und 
seiner Handlimgen nicht so hassen, wie Sie beide dies zu tun behaupten, 
imd zwar aus dem Grunde, daß Ihr alle nach und nach Gefühls- oder 
Gemütsmenschen geworden seid, Sie wie der Kleine, während ich der 
einzige Verstandesmensch unter Euch bin und von meiner olympischen 
Höhe herab ruhig mit einem aus Freude und Schmerz gemischten Ge- 
fühl auf Euch Menschlein herabsehe, die Ihr die andern und Euch selbst 
mit Euren Gefühlen quält. 

Frau Gräfin, wenn Sie wirklich so böse auf mich sind, wie L. mich 
das in seinem Briefe glauben machen wollte, so tun Sie sich durchaus 
keinen Zwang an, es ist mir nie eingefallen, von jemandem Dankbarkeit 
zu verlangen, wenn ich etwas für ihn getan habe; am wenigsten ist 
mir dies in dem Verhältnis von mir zu Ihnen in den Sinn gekommen. 
Wenn Sie mich nicht mehr gern bei sich sehen, so wird mich das nicht 
verhindern, glücklich zu werden, weil ich jetzt ein so freier Mensch, 



335 - ^" 

die deutschen Philosophen sagen, ein so fest in sich begründetes und 
auf sich beruhendes Ich oder Selbstbewußtsein bin, daß nichts in der 
Welt imstande ist, mich zu erschüttern, meine Ruhe oder mein Glück 
zu stören. Wohl aber sind Sie imstande, mein Glück zu befördern, 
ja, Sie haben es sogar augenblicklich in der Hand, es zu begründen; 
so wie ich frei bin, werde ich Ihnen sagen, wie. Ich ersuche Sie (ich 
wünsche wieder aus dem ernsten Tone herauszukommen), kaufen Sie 
sich das Dings, was Arnold Mendelssohn heißt, es ist augenblicklich 
äußerst billig zu haben, da es seit einem Jahr oder seit drei Jahren 
sehr im Preise gesimken ist, noch ein Jahr oder so etwas, und das Dings 
wird so teuer geworden sein, daß Sie es mit all Ihrem Gelde nicht werden 
kaufen können, und wenn Sie auch sehr, sehr reich werden. Lachen 
Sie über diese kaufmännischen Formeln, glauben Sie aber vorläufig, 
daß eine tiefe, tiefe Wahrheit dahinter steckt, eine Wahrheit, welche, 
wenn die Menschen sie erst wissen werden, sie viel glücklicher machen 
wird, als sie es jemals bisher in diesem irdischen Jammertal gewesen 
sind; es ist die Formel, welche ich von dem Commis Proudhon ge- 
lernt habe, Sie selbst haben ja in Ihrem Leben genugsam erfahren, 
was hinter der Minne und Ehre der Adligen steckt. Wenn Sie mein 
Buch sich hätten von mir vorlesen lassen, würden Sie wissen, welche 
ungeheure Tiefe darin liegt, vorläufig erinnere ich Sie daran, daß als 
ich in Verviers drei Tage von Brot und Birnen gelebt hatte und darauf, 
mich von Ihnen verlassen glaubend, nach Paris ging, mir Freund L. 
schrieb, daß ich ein Narr sei, während Sie darunter setzten, daß ich 
die treues te Seele sei, die Sie kennten. Frau Gräfin, ich bin noch 
weit mehr als eine treue Seele, denn die ist ein Hund auch, ich bin aber 
gar ein verständiger Mann, und das ist noch etwas ganz anderes als 
eine treue Himdeseele. Wenn ich damals nicht so verständig gewesen 
wäre, zu wissen, daß Sie mir deshalb kein Geld schickten, weil Sie ent- 
weder selber keins hatten, oder, da ich auch nicht einmal Antwort er- 
hielt, weil Sie meine Briefe, in welchen ich meine Lage schilderte, nicht 
erhalten hätten, wenn ich nicht damals ein verständiger Mann gewesen 
wäre, so hätten Sie bei einer treuen Hundeseele, wie z. B. bei Ihrem 
Johann oder L.s Franz nicht das gefunden, was L. damals Narrheit 
und Sie Treue nannten. Wie gesagt, wenn Sie erst öfter mit mir ge- 
sprochen haben werden, oder wenn ich Ihnen erst werde was vorlesen 
können (Adam hat jetzt das Manuskript an den Buchhändler zur An- 
sicht geschickt), dann werden Sie all das verwirrte Zeug, was ich Ihnen 
hier geschrieben habe, ganz verstehen, weil ich dort systematisch den 
Berhnern bewiesen habe (erst hier in Köln habe ich erfahren, daß ich 
es meinem Freunde L. auch erst beweisen muß), daß in meinem 
Wahnsinn mehr Methode war und ist als in Hamlets. Jetzt bin ich 



— ' =^- 336 ^ =r 

aber außerordentlich müde und werde daher etwas schlafen; ich bin 
so sehr ein soziales Tier, ein Mensch, daß mir hier in meiner Zelle 
nur wohl ist, wenn ich schlafe. 

Ihr 

Freund A. M. 

107. 
I,ASSAI.I,E AX ARNOIyD MENDEIvSSOHN. (Original.) 

[Köln, 8. oder 9. Juli 1S47.] 

Ich bitte Dich, mir so wortgetreu als möglich Abschrift Deiner 
Aussage zu schicken. Wenn Du glaubst, weil Dein zweites Verhör so 
lange ausbleibe, daß man Nachforschungen in Brüssel und Paris über 
Dein dortiges Leben macht, bist Du wohl im Irrtum. Das geht die 
Leute hier wenig an; man setzt ja auch nicht voraus, daß Du dort 
weitere Kassetten gestohlen. Die Sache verhält sich vielmehr so : Dein 
zweites Verhör soll wahrscheinlich Dein Schlußverhör sein (war auch 
bei mir so der Fall), und vor dem Schluß verhör des Angeschuldigten 
müssen sämtliche Zeugenverhöre stattgefunden haben, weil mit Deinem 
Schlußverhör eben die Akten geschlossen werden. Daher kannst Du 
wohl noch acht Tage und länger auf ein Verhör warten. 

Hast Du Zigarren? Auf welcher Nummer sitzst Du? Wie heißt 
Dein Schließer? Ist Dir das Essen erträglich? Darüber antworte 
mir ausführhch, damit die geeigneten Anstalten getroffen werden 
können. Deinen Brief an die Gräfin habe ich eben erhalten und gelesen; 
natürlich kann ich ihn jetzt nicht beantworten, werde dies aber viel- 
leicht nächstens ausführlich tun. Aus dem Schlüsse ging nur hervor, 
als hättest Du ein Verlangen. Du hast aber vergessen, es auszusprechen. 
Sprich doch aus, was Du willst, man kann es aus dem Briefe selbst 
nicht ersehen. 

Im übrigen hoffe ich. Dir wohl noch beweisen zu können, daß 
Du mit allen Deinen Behauptungen sehr im Unrecht bist. Daß ich 
ein Gefühls- und kein Verstandesmensch sei,^) wimdert mich zu hören; 
bisher habe ich weder von Dir noch von andern diese Behauptung ge- 
hört. Komisch ist vielmehr folgender Gegensatz, Du schimpfst auf 
das Gefühl und lobst Dich als Verstandesmenschen. Ich aber, lieber 
Doktor, muß Dir sagen, daß ich finde nach reiflicher Erwägung, daß 
Dein Gefühl ganz das alte, gute, unverdorbene geblieben. Dein Ver- 
stand aber sich sehr verworren hat. So dumm es vielleicht ist von 
mir, es zu sagen, weil eine solche Behauptung den andern immer nur 



^) Siehe den voraiifgehenden Brief Nr, 106. 



= 337 

eigensinniger macht, ich finde, daß Deine Denkkraft sich erstaunlich 
verwirrt hat. Du hast ein Bestreben, Paradoxes, Neues zu wissen 
und vorzutragen. Bei Lichte besehen sind die Dinge alt und gewöhn- 
lich, nur als Momente wahr, und um sie zu neuen Dingen zu machen, 
wirst Du paradox und unverständlich. Ich weiß nicht, welche neue 
Weisheit Dir während Deiner Abwesenheit aufgegangen. Ich selbst 
bin im ganzen auf dem alten Niveau meines Denkens und Wissens ge- 
blieben; jedenfalls habe ich, wie Du wohl gestehen wirst, eine große 
Fähigkeit im Verstehen. Aber trotz aller Mühe kann ich mir bei 
Deinem ganzen Brief, auch das, was Du mir sonst geschrieben imd 
gesagt, hinzunehmend, nichts, sage gar nichts denken, insofern 
es Neues sein soll; denn die Berechtigung der Realität hatten wir, 
dünkt mich, schon in Berlin intensiv anerkatmt. Ich bin deshalb neu- 
gierig auf Dein Werk; vielleicht fehlt Dir nur die Gabe, Dich im Vor- 
trag und kurzen Briefen klar zu machen; ich fürchte aber. Deine Denk- 
kraft ist verworren worden und die Gedanken sind in eine erschreck- 
liche Konfusion gekommen. Was ich neulich von Deinem Werk hörte, 
war nicht geeignet, ein günstiges Vorurteil über es zu wecken. Es 
schien auch imklar werden zu wollen. Ich bitte Dich wirkhch, sieh zu, 
den springenden, irrhchtelierenden Gedankengang etwas an die lang- 
weilige logische Stange zu gewöhnen. — Ich fange an, mit den Resultaten 
meiner Arbeit mit Dir durch Phänomenologie und Logik sehr tmzu- 
frieden zu sein, unzufriedener deshalb mit mir als Dir. 
Im übrigen grüße ich Dich tausendmal und herzhch 

Dein Lassalle. 



io8. 

ARNOLD MENDELSSOHN AN LASSALLE. (Abschrift von der 
Hand eines Gerichtsschreibers. — Aus dem Gefängnis.) 

(Wohl Oktober 1847.] 

Dein Spott hinsichtlich meiner ärzthchen Tätigkeit trifiFt mich 
insofern, als ich ein guter Arzt nur war, jetzt aber ein wohlverwahrter 
Gauner und Dieb bin, der vielleicht nie wieder dazu kommt, zu sein, 
was er war. Du verlangst, ich solle Dich lassen wie Du seist; wie wohl 
wäre mir, wenn ich auch noch wäre, was ich war, na! — vielleicht ge- 
lingt es mir noch einmal, in die Gesellschaft zurückzukehren, in welche 
ich eigentlich gehöre, die im Pütz hausende ist es doch nicht ganz, eher 
würde ich mich in Siegburg zu Deinem Freund Loe ^) sperren lassen. 

') Freiherr Maximilian von Loe-Allner, Landrat des Kreises Siegburg, Führer 
der katholischen Partei auf dem rheinischen Landtag, war seit 1846 geisteskrank. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 22 



338 =- 

Ich habe an den Oberprokurator geschrieben, ob meine Sache nicht 
beschleunigt werden kann, damit ich nicht noch drei Monate Vor- 
arrest aushalten muß. Der Koramissionsrat hat mir Deinen Gruß 
bestellt, auch er begreift nicht, warum und wieso man mich so lange 
sitzen läßt, ohne mir irgendeine Antwort, genannt Anklage, zu geben. 
Dein Hexeneinmaleins verstehe ich auch nur halb und halb; soll ich 
es ganz verstehen, so fühle ich auch so etwas von der ewigen Dankbar- 
keit, zu welcher Du mich einmal aufgeforderst hast, und wünschte 
nur, ich könnte dieselbe anderswie bewähren, als durch solche Ge- 
schichten wie jene im Mainzer Hofe. 

Leb wohl. Dein Brief hat mir eine frohe Stunde gemacht, etwas, 
was ich seit ungefähr drei Monaten nicht gehabt habe . . . 



109. 

LASSALLE AN GRAF CLEMENS VON WESTPHALEN.i) (Original- 
konzept.) 

Düsseldorf, 16. Dez. 1847. 
Sehr geehrter Herr Graf! 

Wie Sie nicht anders werden erwartet haben, verfolge ich Sie auch 
nach Berlin hin mit Berichten . . . 

Von Friedensverhandlungen haben wir seit Ihrer Abreise nichts 
mehr gehört; vielmehr scheinen diese Absichten wieder gänzlich ver- 

1) Graf Clemens August Graf von Westphalen zu Fürstenberg (1805 — i88sy 
seit 1843 verwitwet, war in Westfalen der Führer der katholisch-ständischen. 
Opposition gegen die preußische Kirchenpolitik und besonders jener radikalen 
Richtung gewesen, die die sofortige Wiedereinsetzung des Erzbischofs von Droste 
gefordert hatte. Wegen seines energischen Auftretens beim König zeitweise in 
Ungnade gefallen, hatte er seinen Wohnsitz vorübergehend nach Bayern verlegte 
Von dort heimgekehrt, nahm er sich jetzt der Sache der Gräfin mit Wärme an. 
Anfang Juli 1847 machte er in einer persönlichen Unterredung den erfolglosen 
Versuch, Friedrich Wilhelm IV., der der Gegenseite geneigter war, umzustimmen. 
Er berichtet der Gräfin ausführlich darüber am 7. Juli. Der König verwies ihn 
noch an Thile, den er aber auch ,,ganz entschieden" gegen die Gräfin einge- 
nommen fand. I<assalle war zu Verhandlungen mit dem Grafen, der übrigens 
auch im Vereinigten Landtag saß, anscheinend Anfang, sicher wieder Ende Juni 
in Berlin. Der Graf redet ihn in seinen Briefen ,, Verehrter Freund" an. Schon 
am 23. Februar 1847 hatte er der Gräfin geschrieben, Lassalle wolle ihm seinen 
,,Ultramontanismu.s" nicht verzeihen und ihn zu Hegel bekehren. Er werde sehen, 
was er sich davon assimilieren könne. ,,Vor allem aber grüßen Sie ihn herzlich 
von mir, auch er ist mir eine erfreuliche Begegnung im Leben und eine Bekannt- 
schaft, die ich gern festhalte." Auch Graf Edmund von Hatzfeldt, der Gatte 
der Gräfin Sophie, weilte zum Vereinigten Landtag in Berlin und wurde damals- 
einige Male vom König zur Tafel geladen. 



-'—- 339 

schwundeu zu sein. Wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß (die Tochter 
des Justizrats Müller sagte es einem Bekannten, von dem ich es habe), 
hat sich der Graf eine französische Schandbroschüre ^) gegen die Gräfin 
schreiben lassen und Müller gefragt, ob er diese heimhch drucken und 
verbreiten oder anonym in den Buchhandel geben solle. Was Müller 
antwortete, weiß ich nicht; aber dies Faktum beweist hinreichend die 
Gesinnungen des Grafen und die Illusionen, die er sich macht. Es be- 
weist auch, daß es hohe, hohe Zeit, daß ich anfange, ernstlich daran 
zu denken, unsere Klage herauszugeben, was ich, wie ich mir Muße 
gewinne, vorbereiten will. Sonst könnte einem wahrhaftig noch be- 
gegnen, daß man den rechten Augenblick damit versäumt. 

Gegen die Verbindung der Klagen hat der Graf appelliert, was ihm 
aber nichts nützen kann. 

Ihre Anwesenheit in Berlin kann uns, recht angewendet, sehr nütz- 
lich sein. Vor allem würde ich Sie bitten, die Geh. Räte Esser, 
v. Oppen, Liel und Breuer beim Revisions- und Kassationshofe sowie 
den Präsidenten vSethe kennen zu lernen, ganz oder teilweise, und mög- 
hchst auf die Gesinnung dieser Herren en f aveur de notre cause wirken 
zu wollen. Denn diese Herren sind es eigentlich, die das ganze Schicksal 
in Händen haben, da sie sowohl über den Prodigalitätsprozeß als über 
den Alimentationsprozeß im Zeitraum weniger Monate das entscheidende 
Urteil zu sprechen haben. 

Diese Herren können eigentlich mehr tun in der Sache als Seine 
Majestät selbst! Dabei ist zu bedenken, wieviel Einfluß und derlei 
Hilfsquellen Hatzfeldt aufbieten kann, so daß Konterminen sehr nötig. 
Nun sind Sie aber der einzige, wie Sie wissen, der influence zugunsten 
unserer Sache ausüben kann. Im allgemeinen bin ich sehr gegen das 
nur zu oft schädliche forcierte Streben, ,,influenzieren", ,,klüngeln" zu 
wollen. Weil man damit bloß dann etwas ausrichtet, wenn man es 
von Personen durch Rang, Einfluß und Stellung betreiben kann. Dann 
aber hilft es auch ungeheuer. Es ist daher keinem Zweifel unterworfen, 
daß Sie, wenn Sie sich nur ein wenig en quatre setzen wollen, die größten 
Resultate hervorbringen können. 

Machen Sie die Bekanntschaft der genannten Herren sämtlich, was 
Ihnen nicht schwer werden kann. Vergessen Sie nicht, daß ja Ihr 
bloßer Name bei der Gesinnung dieser I^eute die beste Empfehlung 
und Introduktion ist. Auch ein Seigneur zu sein, ist ein Geschenk 
Gottes, wenn man zur rechten Zeit davon Gebrauch zu machen weiß. 



1) ,, Memoire inedit relatif ä Madame la Comtesse Sophie de Hatzfeldt, Paris 
1847." Lassalle heißt in diesem Pamphlet immer Jacques Lassalle. Ihm sei der 
ganze Konflikt nixr ,,un moyen immanquable de speculation financiere". 



= 340 =^ - = 

Im Februar wird in Berlin zugleich der Alimentationsprozeß und 
über die Annahme des Prodigalitätsprozesses entschieden. Daß Sie mit 
Liel sprechen, würde vielleicht um so nötiger sein, als er von der Gegen- 
partei sehr bearbeitet werden soll. Sie haben ja auch viele Freimde 
in Berlin, vielleicht können Sie den einen oder andern dahinterspannen. 
Kurz, machen Sie diesmal ungewöhnliche Anstrengungen. 

Ferner bitte ich Sie, Thile^) zu besuchen und ihm dabei eine Schei- 
dimgsklage beizubringen. (Vielleicht sprechen Sie ihm gelegentlich 
über die Affäre mit Ivilljeström^) und nehmen ihn gleich dagegen ein, 
was sehr günstig wäre. Wer das erste Wort hat, behält gewöhnhch 
recht.) 

Im allgemeinen wäre es mir sehr lieb, wenn Sie die Scheidungs- 
klage an einflußreiche Leute (Canitz^) z. B. etc.) gäben. Die drei Exem- 
plare haben Sie doch mitgenommen; wenn nicht, schreiben Sie mir 
gleich, daß und wieviel ich Ihnen schicken soll. 

Endlich glaube ich, daß es vielleicht jetzt, grade jetzt und viel- 
leicht sonst nie wieder, am Orte wäre, wenn Sie Seine Majestät mit 
einer nochmaligen Privataudienz und — aber energischen — Beschwerde 
belästigten. Sie haben jetzt einen ganz kostbaren Vorwand dazu. 
Sie können nämlich Seiner Majestät sagen, daß Sie in Befolgung seines 
könighchen Willens, der eine friedliche Ausgleichung wünschte, alles 
getan hätten, diesen Zweck zu erreichen, daß Sie bei der Gräfin die 
offenste Bereitwilhgkeit gefunden hätten, daß Sie auf Hatzfeldts Er- 
suchen zweimal nach Düsseldorf gekommen wären, wie erbärmhch 
schon das erstemal Hatzfeldt der Verhandlung sich entzogen, imd 
wie schnöde und beleidigend er sie das zweitemal abgebrochen, wie 
er gar keinen Frieden wolle, wie er nur gezwungen werden könne, wie 
er seinen ganzen Stand auf das skandalöseste kompromittiere und sich 
der ganze Stand durch ihn beleidigt fühlen müsse. Zuletzt müssen 
Sie ihm geradewegs sagen, wie unsre Sache ganz anders wäre, als 
Seine Majestät und die Welt dächten, wie Sie dreiviertel Jahre jetzt 
darauf verwendet, sie auf das genaueste und gewissenhafteste zu 
durchforschen ; daß Sie die gegenseitigen Reprochen kennten, imd die 



^) General Gustav von Thile, der Kabinettsminister und Vertraute Friedrich 
Wilhelms IV. 

2) Gegen Leutnant von Lilljeström in Ehrenbreitstein, einen Freund des 
Grafen Paul, war von seinem Regiment ein Ehrengerichtsverfahren eingeleitet 
worden, weil er sich weigerte, den Verkehr mit der Gräfin und ihrem Sohn ab- 
zubrechen. Lassalle verfaßte für ihn eine Verteidigungsschrift, die sich im Nach- 
laß vorfand. 

3) K. F. W. Freiherr von Canitz und Daliwitz (1787 — 1850), war 1845 — 1848 
preußischer Minister des Auswärtigen. Westphalens Bruder war mit einer Tochter 
des Ministers verheiratet. 



— 341 ^ 

sonnenklare Überzeugung erlangt hätten, es sei hier ein Weib miß- 
handelt und mit Füßen getreten worden wie nie wieder, daß unsre 
Sache die allergerechteste der Welt sei, daß Seine Majestät unfehlbar 
ganz ebenso urteilen würde, wenn er die Sache ebenso kennen würde 
wie Sie ; imd dabei geben Sie ihm zur Instruktion gleichfalls eine Schei- 
dungsklage. Sagen Sie ihm, die Sache sei der Art geworden, daß, wenn 
er, der König, Hatzfeldt nicht zur Raison bringe, Sie ein Ehrengericht 
über Hatzfeldt beantragen würden, weil Sie für besser hielten, daß ein 
einzelner, der es verdiene, zugrundegehe, als daß ein Stand geschändet 
wird. 

Nennen Sie das nicht Ideen eines ,,tmgestümen Drängers". Er- 
lauben Sie mir vielmehr eine kurze Kritik des Systems, das Sie bisher 
eingeschlagen. Bei der Großartigkeit Ihres Geistes werden Sie das 
nicht unbescheiden finden; denn nichts, was zur Sache nötig ist, ist 
tmbescheiden. Ich glaube Ihnen aber bündigst beweisen zu können, 
daß Ihr bisheriges System falsch, nicht zweckgemäß war. Erlauben 
Sie zimächst, daß ich einmal auf den Brief zurückkomme, den Sie an 
Thile von Laer aus schrieben und uns vorlasen (in Düsseldorf). Ich 
sagte damals nichts, weil es vorbei war. Jetzt erlauben Sie mir eine 
Bemerkung. Sie sagen in dem Brief, daß ,,die Sache der Gräfin doch 
nicht so schlecht sei, als man glaube" etc. Aber ich bitte Sie, was 
soUte das für einen Eindruck machen? Wer in aller Welt soll sich 
interessieren, wer seine Ivanze einlegen für eine Sache, die bloß ,, nicht 
so schlecht ist!" nach den Worten ihres Vertreters selbst bloß 
,, nicht so schlecht!" Für eine solche Sache wird niemand die Hand 
in kaltes Wasser stecken, und mit Recht! Sie müssen sagen, daß die 
Sache ,,so gut, so durchaus gut und gerecht und sonnenrein" sei, dai3 
man als Mensch gezwimgen sei, daran Anteil zu nehmen. Was soll 
der annehmen, zu dem Sie sprechen, wenn alles, was Sie für die Gräfin 
vorbringen, wenn die ganze Behauptimg, zu der sich der erste Vertreter 
der Gräfin erhebt, darin besteht, ihre Sache sei bloß ,, nicht so schlecht?" 
Welchen Eindruck, frage ich, soll das machen? Ist das nicht fast ein 
halbes Eingeständnis von der Zweideutigkeit der Sache? Sprechen 
Sie von der ,, Gerechtigkeit, von der himmelschreienden Gerechtigkeit" 
dieser Sache; dann wird Sie jeder wenigstens verwundert anhören 
und sich die Sache noch einmal überlegen und betrachten. Sprechen 
Sie aber nicht von Ihrem Mitleiden; das zu teilen wird keiner sich 
berufen finden. Und zu einer Sache, die bloß ,, nicht so schlecht" ist, 
kann man sich nur mitleidig verhalten, nicht anerkennend. Wenn Sie 
bloß behaupten, daß unsre Sache nicht so schlecht sei, so werden Ihre 
Standesgenossen, Thile imd der König, Ihnen noch verdenken, auf unsre 
Seite getreten zu s^^^ein, nicht von Ihnen gleichfalls herübergezogen werden. 



— 342 

Glaubten Sie zu einem solchen halben Verfahren dadurch genötigt 
zu sein, weil einmal unsre Sache in jenen Kreisen so ganz und gar 
verloren sei? Dann hatten Sie gewiß um so mehr unrecht. Denn will 
man einmal eine in der öffenthchen Meinung entschieden verlorene 
Sache dennoch wieder zum Siege bringen, so kann dies — eine Er- 
fahrvmg, die Sie im Leben und in der Geschichte tausendmal bestätigt 
finden können — gar nicht oder nur dadurch geschehen, daß man 
die ganz entgegengesetzte, ganz extreme Ansicht aufstellt, und was 
bisher als Schande hingestellt war, als Pflicht etc. proklamiert, was 
als ausgemacht schmutzig galt, als sonnenrein behauptet. Bloß dadurch 
geschieht, was vor allen in solchen vSachen geschehen muß. Vor allen 
nämlich muß man dadurch, daß man den Leuten durch die extremen 
Ansichten imponiert, sie verwundert, sie dadurch veranlassen, sich 
mit der Sache, über die sie bisher schon ein fertiges Urteil zu haben 
glaubten, noch einmal zu beschäftigen, sie noch einmal etwas genauer 
zu betrachten. Halbe Behauptungen faßt die Welt nur als eine milder 
ausgedrückte Bestätigung ihres eigenen Urteils. Um ein Vorurteil 
zu erschüttern, braucht man die Paradoxe! Hat man das Glück, 
in einem Ansehen zu stehen, wie Sie es genießen, so wirkt man mit 
einer solchen Behauptung immer allermindestens so viel, daß die Leute 
erschüttert werden und die Sache noch einmal gründlich betrachten, 
was bei einer guten Sache der Sieg selbst ist. 

Daß, sehr verehrter Herr Graf, das System, welches Sie befolgt, 
trotz aller Erfolge, die Sie veranlaßt haben, dennoch die Sache nicht 
zu Ende bringen kann, zeigt sich auch praktisch deutlich und schlagend. 
Von dem Augenblick an, wo sich ein Mann wie Sie, von solchem Rang 
und Einfluß, verbunden mit solcher Persönlichkeit, an die Spitze imsrer 
Sache setzte, hätte Hatzfeldt zittern, einen Frieden um alles in der 
Welt suchen müssen. Statt dessen ist er vor wie nach übermütig, 
und statt einen Frieden zu suchen, repoussiert er ihn. Trotz aller 
objektiven Erfolge, die Ihr Auftreten erwirkt hat, ist es auf Hatzfeldt 
selbst, auf ihn subjektiv, sans consequences gebheben. Hier aber 
handelt es sich grade um den subjektiven Erfolg, d. h. um die Wir- 
kung auf Hatzfeldts Person und Vorstellung. Wenn der rechte und 
entscheidende Erfolg noch nicht eingetreten, so liegt es also nur daran, 
daß Ihre Langmut Sie abgehalten hat, die Macht, die in Ihrer Autorität, 
Ruf, Stellvmg etc. Ihnen zur Disposition steht, rückhaltlos anzuwenden. 

Gebrauchen Sie Ihre Macht und Sie werden sehen, welche Resultate , 
welche ganz andre Resultate wir erleben. Wir sehen jetzt, daß mit 
dem Diplomatisieren nichts gewonnen wird (auch ich hatte manch- 
mal schwache Stunden, wo ich daran glaubte); ziehen wir Nutzen 
aus der Lehre, ergreifen wir nun einmal den Weg des Brüskierens. 



- — = 343 = 

Vielleicht hat Sie von der Anwendung der letzten rigueur bisher der 
Gedanke abgehalten, daß das letzte Mittel, mit aller Energie aufzu- 
treten, Ihnen noch inamer unbenommen bliebe. Das ist aber einer 
von jenen Gedanken, von denen ich glaube, daß sie die meiste Schuld 
am Mißlingen der meisten Unternehmungen tragen. Es gibt für jede 
Sache und für jedes Wirken der Person darin eine Zeit, die nie mehr 
einzuholen. So wenig die Familie jetzt, wenn sie auch wollte, energisch 
auftreten kann, so wenig — wenn auch in geringerem Maße — werden 
Sie es können, wenn Sie erst ein Jahr in diesen Angelegenheiten älter 
geworden sind. Bis dahin nicht mit rigueur, mit letzter Energie ge- 
handelt zu haben, macht unmöglich, von da ab energisch zu handeln. 
Später haben Sie keinen Grund mehr, etwas zu tun, was Sie nicht 
heute schon tun, weil alle Gründe, zu handeln, heute schon vorliegen. 
Neue moralische Untaten kann nach dem schon Vorgefallenen Hatz- 
feldt nicht mehr begehen, und — vergessen Sie nicht — um das Recht 
der Entrüstung zu haben, braucht man ein flagrant delit. Man 
kann sich nicht plötzlich über etwas empören, was man schon jahre- 
lang duldet. 

Mit unserer Scheidungsklage ist die Sache in die letzte Phase ge- 
treten, das letzte ,, Recht der Entrüstung" gegeben. Ist diese auch 
erst alt, so ist die Gelegenheit zum kräftigen Handeln für immer vorbei. 

Wie oft, ist auch hier wieder der erste Impuls der richtige gewesen. 
Wären Sie Ihrem ersten Impulse, in welchem Sie jenen Brief an Kettler 
schrieben, gefolgt, so stände die Sache bereits ganz anders. Dann 
aber gaben Sie sich der Idee einer schonenden, vermittelnden Aus- 
gleichung hin. Ich war schon damals dagegen. Ich kann das wohl 
berühren, da Sie zu den seltenen, sehr seltenen Menschen gehören, 
denen gegenüber man recht gehabt haben darf! Wäre aber jener 
Schonungsversuch damals auch am Orte gewesen, so ist er es heute 
gewiß nicht mehr, nachdem wir xms von den übermütigen Resultaten 
überzeugt, die das auf Hatzfeldt ausübt. 

Ich wiederhole Ihnen, gebrauchen Sie die Macht, die Sie haben; 
er will es nicht anders. 

Es fällt mir nicht im mindesten ein, daß Sie mir vielleicht irgend- 
ein Wort dieser freimütigen Erörterung, die sich sogar eine ,, Kritik" 
erlaubt, übelnehmen könnten. Nach allem ist das Interesse, das Sie 
für die Gräfin haben, ebenso groß wie das meinige; es ist in ganz dem- 
selben Grade Ihre Sache, in welchem es meine ist. Es ist daher nur 
meine Pflicht, Ihnen die Mittel zu bezeichnen, die, meiner Meinung 
nach, einer Sache nottun, für die Sie sich so sehr interessieren. Es ist 
nach meiner Denkimgsweise mir Pflicht, mir selbst eine Kritik zu er- 
lauben, wo sie in Ihrem Interesse vielleicht nützlich sein kann. Es 



= 344 = 

ist nicht eine Gefälligkeit, die ich von Ihnen in meiner Sache bean- 
spruche; es ist ebensosehr ein Rat, den ich Ihnen in Ihrer Sache, in 
einer Sache, welche die Ihrige ist, erteile. 

Wie jeder Künstler^ wie jeder Schöpfer, wie jeder Mensch mit Or- 
ganisationstrieb, wollen Sie Ihr Werk gewiß auch vollendet sehen. 
Der Weg dazu aber ist einzig der gezeigte. 

Ich habe meine Meinung feierlich zu Protokoll gegeben, eine Meinung, 
die nicht aus leidenschaftlichem Temperament entspringt, die viel- 
mehr eine Frucht der kältesten Überlegung ist. Es hilft nur das Mittel 
der äußersten rigueur, und jetzt ist wie nie wieder der Moment, beim 
König, Thile etc. es zu versuchen. 

Dixi et salvavi animam meam. 

lyieb wäre es mir auch, wenn Sie sich imseren Advokaten am Kassa- 
tionshofe, Dr. Dom, Große Friedrichstraße Nr. 70, mal holen ließen, 
ihn um den Stand unsrer dortigen Angelegenheiten befragten etc. etc. 
Nicht alles, was geschieht, ist zur schriftlichen Mitteilimg geeignet 
und dermoch bei mündlicher interessant. So daß Sie vielleicht Neuig- 
keiten hören, die er uns nicht geschrieben hat. Es würde aber besonders 
auch einen anfeuernden tmd belohnenden Eindruck auf die Ambition 
des Herrn Dorn machen, wenn Sie ihn mal rufen ließen. Und grade 
wir müssen vorzüghch auch auf die Ambition unserer Advokaten zu 
wirken suchen. 

Übrigens werden Sie in ihm einen, wie ich glaube, der Gräfin sehr 
ergebenen eifrigen Mann finden, einen sehr tüchtigen Juristen, aber 
sonst von nicht erschöpfendem oder umfassendem Verstände. Die 
Gräfin ist gegenwärtig in Köln mit der Einrichtimg des Hauses beschäf- 
tigt; die Gegner haben wirklich eine eigentümlich lumpige Weise von 
Guerillakrieg. Sie laufen umher tmd suchen der Gräfin die nötigen 
Einrichtungen zu erschweren imd unmöglich zu machen, indem sie 
den Lieferanten etc. durch allerlei Vorspiegelungen, sie würden nicht 
bezahlt werden etc., Angst einjagen. 

Die Gräfin, wie natürlich, als Frau ärgert sich über solche Steck- 
nadelstiche ungeheuer. 

Brauchen Sie vielleicht gleich Hefte der Klage, so können Sie selbige 
sich von Herrn Dom, dem ich morgen zwölf Exemplare schicke, geben 
lassen. 

I/Cben Sie tausendmal wohl und bedenken Sie, daß die Gräfin von 
Ihnen sagen muß imd sagt, wie es in jener alten Tragödie^) heißt: 

,,Du bist mir Vater, Du Sohn, Du Bruder und liebende Mutter." 



^) Ob sich Ivassalle hier nicht irrte und ihm die Worte der Andromäche,. 
Hias VI 429 vorschwebten : ^ Exzo^, dra^ av ftöi iaai Ttarriq xai tzotvm fi^^o T 



= 345 = 

Mit der Versicherung meiner unwandelbarsten Verehmng und 
Hochachtung zeichne ich 

Ew. Hochwohlgeboren 

herzUchst ergebener 

F. Lassalle. ^) 



HO. 

LASSALLE AN GRAF CLEMENS VON WESTPHALEN. (Original- 
konzept. 2) 

Köln, I. Januar 1848. 

Sehr verehrter Herr Graf! 

Mit einem pax vobiscum schließt Ihr gestern erhaltener Brief, 
einem Zuruf, dessen herzlich warmer Ton sich versöhnend über den 
Inhalt Ihres Schreibens legt und auch mir Versöhnvmg über die neulich 
vielleicht etwas schrofif von mir hingestellten Differenzen sichert. Von 
Herzen stimme ich in dies pax vobiscum ein, d. h. ich denke nicht daran, 
die in meinem letzten Schreiben ausgesprochenen Meintmgen wieder- 
holen imd weiter verteidigen zu wollen, hätte dies auch ohnehin nicht 
weiter getan noch tun können; denn meine Stellung zu Ihnen ist nur 
die eines Vortragenden Rats einem Souverän gegenüber, der freie imd 
xmgeschminkte Sprache liebt. Habe ich also meine Deduktion vorr 
getragen, so habe ich meine Pflicht erfüllt; daß Sie meine Ansicht 
ganz oder teilweise biUigen, sie bald, allmählich oder gar nicht akzep- 
tieren, darauf kann ich durch Wiederholung und weitere Entwicklung 
meiner Meinung ohne töricht zu sein, nicht hinwirken wollen. Denn bei 
Ihrer umfassenden Intelhgenz können Sie sich alle Gründe, die ich 
etwa noch für meine Ansicht beibringen könnte, ebensogut oder besser 
selbst sagen; auch sind Sie so gerecht, daß Sie für eine differierende 
Meinung, die ich Ihnen briefUch vortrage, auch gewiß selbst den Ad- 
vokaten machen und sie in meinem Interesse auch gegen sich selbst 
verteidigen. Siegt in diesem Plädoyer, das Sie innerhalb Ihrer selbst 
halten, meine Theorie nicht, so wäre es arrogant, zu glauben, als könnte 



^) Der Graf antwortete am 25. Dezember von Berlin aus, daß Lassalles 
Schreiben „nicht die geringste überzeugende Wirkung auf ihn ausgeübt habe". 
Als ,, sonnenrein — durch und durch gut und gerecht, sei ihm die Sache der 
Gräfin noch nie erschienen. Diese seine Ansicht habe jedoch auf seine ..Ge- 
sinnungen" nicht den minaesten nachteiligen Einfluß: ..Denn wer ist sonnen- 
rein? und somit pax vobiscum." 

2) Dieser Brief ist. mit unwesentUchen Variationen, als Brouillon und aL? 
Reinkonzept im Nachlaß vorhanden. ' 



■ — 346 — = 

ich ihr durch verlängerte Rede diesen Sieg verschaffen. Sie haben 
sich gewiß zugunsten meiner Ansicht gesagt, was sich zugunsten der- 
selben nur sagen ließ. Haben vSie dieselbe dennoch unrichtig gefunden, 
so muß ich schweigend warten, was die Zeit bringt; kann höchstens 
wieder einmal bei Gelegenheit einer Krise, eines ungewöhnlich geeig- 
neten Zeitpunktes etc. mit meinem ,,Ceterum censeo Carthaginem esse 
delendam" auftreten. Beiläufig will ich nur bemerken, daß Sie meinen 
Brief schroffer aufgefaßt haben, als er war. Denn nirgends glaube ich 
gesagt zu haben, daß Sie mit den ,, nicht so schlecht" der Sache der 
Gräfin mehr geschadet (!) als genützt hätten. Ich sagte nur, daß 
durch eine direktere Behauptung ein größerer Nutzen hätte entstehen 
müssen. — Also was die Differenz vmserer praktischen Ansichten betrifft, 
stimme ich vorläufig von Herzen in Ihren freundlichen Friedensruf ein. 

Aber aus der innersten Tiefe meines Wesens muß ich den feier- 
lichsten, den energischsten Protest einlegen gegen die theoretische 
Anschauung, die Sie über die Gräfin und deren Angelegenheit aus- 
sprechen. Hier ist es Pflicht gegen mich selbst und die von mir ergriffene 
Sache, nicht durch Schweigen Mißverständnisse aufkeimen zu lassen, 
und selbst mit pedantischer Ausführlichkeit den Standpunkt zu wahren, 
von dem ich und, wie ich bisher glaubte, auch Sie diese Angelegenheit 
betrachtete. Es ist mir Pflicht, um der Achtung sogar um der ,, Inte- 
grität" willen, die ich in Ihren Augen ambitioniere. 

Sie sagen nämlich, es sei Ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, 
die Sache der Gräfin für ,,ganz und gar sonnenrein" für ,, durch und 
durch gut und gerecht" zu halten. Wollte die Gräfin sich derart dar- 
stellen, so sei dies ein verfehltes Streben, welches nötig mache, Ge- 
heimnis auf Geheimnis zu wälzen, eine Last, welche sie zu Boden drücken 
müsse. Sie seien der Ansicht, die Gräfin habe sich sehr vieles in ihrem 
Leben zuschulden kommen lassen . . . 

Wo soll ich anfangen, um die himmelweite, weltumfassende Kluft 
zu schildern, die sich plötzlich — doch hoffentlich schnell verschwin- 
dend — zwischen Ihren und meinen bisher von mir für so identisch 
gehaltenen Standpunkten auf tut? Sie glauben nicht, wie sehr ich Sie 
in diesem Augenblicke herwünsche, um mich erschöpfend aus vollem 
Herzen mit Ihnen aussprechen zu können. Immer und immer wieder 
besehe ich Ihre liebe, mir so bekannte Schrift und kann mich kaum 
überzeugen, daß wirklich diese Worte von Ihnen herrühren, möchte 
mich selbst gern eines Mißverständnisses beschuldigen, und in der 
Tat ein Mißverständnis irgendeiner Art muß dabei sein — oder ich 
verstehe mich auf keinen Menschen mehr. 

Verzeihen Sie, wenn sich mein frappiertes, betroffenes Gefühl zu- 
nächst in Interjektionen Luft macht, aber das Ereignis dieses Briefes 



= 347 = 

hat meine Gedanken wirklich in solchen Aufruhr und Konfusion ge- 
bracht, daß ich mich erst ein wenig sammeln muß, um logisch verständig 
sprechen zu können! 

Sie versagen der Gräfin und ihrer Sache das Prädikat ,, sonnen- 
rein" etc. . , . 

Herr Graf ! Verehrer Goethes, des Westöstlichen Diwans Bewundrer, 
muß ich Ihnen gegenüber erst noch ausdrücklich bemerken, meine 
Überzeugung wenigstens sei die, daß grade in der freien und unbe- 
dingten Hingabe an die Macht der Liebe der Beruf die Sittlichkeit, 
das Wesen, die Reinheit des Weibes bestehe! 

Und ist diese Sittlichkeit nicht um so begeisterter, wo sie in Wider- 
spruch mit äußerlichen Rücksichten und Vorteilen, mit Weltmeinungen 
und wesenlosen Geboten, mit sogenannten Ehepflichten tritt? Wo sie, 
dem Gotte gehorchend, die endlichen, kleinlichen Verhältnisse und 
Interessen der Welt mit Füßen tritt? Ist nicht der Ehebruch, wo er 
aus wahrer und freier innerer Neigung resultiert, die größte, ja die ein- 
zige Tat des Weibes? Ist nicht das Weib, das den Pachtkontrakt der 
Ehe auf ihre unsterbliche Seele, auf ihren damit zum seelenlosen Ding 
entweihten Leib anerkennt, eine kläglich , .verkümmert" christliche 
Erscheinimg, ein Haufen Fleisch ohne menschlichen Wert ? Pocht nicht 
an alle Rippen der Zeit der ungestüme Drang, die Liebe tmd ihre un- 
endhche Genußberechtigung zu befreien von den Martyrpflöcken, an 
die sie der hektische Geist christlicher Moral bisher genagelt, die Iden- 
tität der Menschenleiber nur auf die innere Identität der Menschen- 
herzen zurückzuführen? 

Wenn sich nun dies alles so verhält, worüber wie ich bisher Grund 
zu haben glaubte, anzunehmen, zwischen Ihnen und mir kein Ja und 
Nein obwalten könne, so kann also ein Weib nur auf dreierlei Weise 
ihre schön menschliche Bestimmtmg entweihen. Einmal wenn sie ver- 
trocknend an Seel' und Leib 

,, durchs Leben gehet ohne Wunsch". 

Das ist also, wie Ihr Vorwurf zugibt, in casu nicht der Fall. Zweitens, 
wenn sie mit dem Körper irgendeinen noch so verfeinerten Handel 
treibt, ihn berechnend hingibt. Und dies ist wahrhaft sündig und un- 
rein, während die Hingabe in Liebe die größte Keuschheit des Weibes 
ist. Sie kennen die Gräfin hinlänglich, am gewiß mit mir überzeugt 
zu sein, daß solche Herzensverderbtheit niemandem fremder ist als 
grade ihr. Ist sie doch grade, wie Sie gewiß tausendmal bemerkt 
haben werden, ausnahmsweise fast z u sehr von jener candeur des Geistes 
geheiligt, welche nicht erlaubt, Seel' und Gefühl zu entstellen, ver- 
stellen und zum dienenden Moment herabzuwürdigen. Grade dieser 



- 348 = 

intensive Idealismus ist Hauptschuld mit an dem Unglück, in das sie 
in der Wirklichkeit geraten. 

Eine ekle, jedenfalls eine befleckte Erscheinung ist ferner ein Weib, 
mit welchem das Fieber abstrakter Sinnlichkeit fortrast gleich dem 
wildgewordnen ungezügelten Roß, ein Weib, das statt Liebe einen 
nur scel- und geistlosen Körperkontakt sucht, statt in der körperlichen 
Einigung den sitthchsten Kultusakt, den Gottesdienst der Leiber, zu 
feiern, sich der Mensch an Menschen bindenden Macht der Seele hin- 
zugeben, nur einen ruhelosen, imschönen Kitzel befriedigt, imd daher, 
um den Unterschied praktisch anzudeuten, Verhältnisse schließt, die 
nicht auf geistiger Sehnsucht beruhen, z. B. mit geistig ganz untergeord- 
neten Subjekten, etwa Bedienten etc. Nun hat man die Gräfin oft als 
solch eine Art von Messaline schildern wollen, ich glaube die Lächer- 
lichkeit dessen ergibt sich, wenn man sie acht Tage gesprochen hat. 
Ich habe ihr Leben aufs genaueste durchstudiert und untersucht; sie 
ist aber sicherlich von keinem Vorwurf reiner als von diesem; immer 
und ewig, was wohl aus ihrem ganzen Wesen mit absoluter Gewißheit 
sich ergibt, war das Herz und dessen wenn auch romantisches Vibrieren 
das bestimmende Moment ihres Lebens tmd Leidens. Auch fällt mir 
nicht ein, daß Sie dies etwa gemeint haben sollten. Das ist un- 
möghch. 

Nach diesen drei ,, Todsünden" aber, die ein Weib begehen kann, 
gibt es auch noch eine vierte Sünde, die man, um weiter in der Kate- 
chismen-Sprache zu reden, eine Sünde „gegen den Heiligen Geist 
nennen könnte". 

Ein Weib kann sich nämlich von den drei Sünden rein erhalten 
und wahrhaft lieben, auch der Liebe sich hingeben, in scheuer Be- 
drücktheit aber xmd mutloser Unterordnung tmter vorhandnes Vor- 
urteil und Meinung eine Heuchlerin sein, eine Prüde spielen, ja selbst 
theoretisch die Grtmdsätze der sogenannten christlichen Tugend tmd 
bürgerlichen Moral verteidigen, proklamieren, über die Grundsätze 
richtiger Menschhchkeit, nach welchen sie im stillen selber handelt, 
in der Welt mit großem Geräusch imd moralischem Augenverdrehen 
den Stab brechen. — Nun, in der heutigen Welt läßt sich das keiner 
gar so sehr übelnehmen; nicht jeder ist ein Heros, nicht jeder hat den 
sittlichen Mut, seine Meinung zu bekennen, nicht jeder ist groß genug, 
für die Substanz seines Denkens und Fühlens den Bruch mit bequem 
gepolsterter Wirklichkeit zu vertragen. 

Aber wie unendlich höher steht nicht ein Weib, welches sittlich 
und rein genug ist, ihre Überzeugung, das Dogma von der freien Liebe 
zu proklamieren und selbst das Kreuz des Leidens auf sich zu nehmen 
für die frei bekannte Gottesidee! 



— 349 ^ ^ =^ 

Sie kennen gewiß das Leben der Gräfin genau genug, um zu wissen, 
daß grade das freie Bekenntnis ihrer Idee, diese höchste Sonnen- 
reinheit, zu der sich der Mensch erheben kann, ihr sowohl Hatzfeldt 
als dann auch der Welt gegenüber am meisten geschadet hat. Hätte 
sie heucheln wollen, sie hätte sich vollkommen wohl durchs Leben 
schlagen können; hätte sie nur scheinbar abgeschworen, nur scheinbar 

— denn die Welt will den Schein — verleugnet ihr inneres befreites 
Bewußtsein, nur scheinbar den Af terheihgenschein ums Haupt gewoben 

— nie hätte sie dann in die heillose Lage geraten können, in die man 
sie lange genug hinabgedrückt hat; sie hätte umbuhlt vom Glück durchs 
Leben gehen können, jedenfalls in der Vernünftigkeit herkömmhcher 
Wirtschaft hausbackene Bequemlichkeit gefimden, statt, ein weib- 
licher Faust, die Leiden einer Menschheit in sich aufzunehmen und zu 
erschöpfen. 

Grade darum inkarniert sich mir in der Sache der Gräfin — mehr 
als in den hohlen und abstrakten Theorien der Liberalen und Landtags- 
stürmer — die Sache der Menschheit, die Passionsgeschichte der mensch- 
lichen Freiheit und edler Genußberechtigung. 

Es wird von Ihnen nicht bestritten werden, daß die Befreiung, die 
Freigebung der Liebe eine der sozialen Arbeiten ist, für welche sich 
die Kräfte unsrer Zeit mit am meisten begeistern müssen. 

Ehe der Menschengeist mit Erfolg die ganze gegenständhche Wirk- 
lichkeit sich erobern und zum ungetrübten Element seiner Freiheit 
umschaffen kann, muß er erst sein unmittelbarstes Dasein, seinen eigen- 
sten Tempel, seinen Leib zur freien Stätte seines Waltens errungen 
haben. Aber die soziale Befreiung der Geschlechter kann nur vom 
Weibe und seiner mutigen Hingebung an die Macht an den Genuß 
der Liebe ausgehen. Und wo ein Weib hierfür leidet als mutige Be- 
kennerin, leidet sie als Vorkämpferin für die große Sache der Mensch- 
heit, tmd es ist Pflicht der ganzen befreiungssüchtigen Menschheit, ihr 
beizuspringen imd Gut imd Blut aufzuopfern zu ihrem Schutze. Wäre 
nicht grade aus diesem Punkt das Geschick der Gräfin entflossen, 
wäre es nicht grade das, was Hatzfeldt und die Welt der Gräfin vor- 
wirft, hätte sie Hatzfeldt ganz ohne diesen sogenannten Grund aus 
bloßer Gemütsroheit mißhandelt — ich erhebe meine Hand zum Him- 
mel und schwöre Ihnen, nie wäre mir beigefallen, also zu handeln, 
wie ich gehandelt und, des eignen Ichs uneingedenk, mich in einen 
Kampf zu stürzen, der mich aufreibt und meine beste Tatkraft hin- 
zehrt, der meine Aussichten auf unmittelbare Zukunft für noch lange, 
lange Jahre vernichtet hat. 

Denn es wäre ihr Geschick, obgleich bejammernswert, dann nur 
ein individuelles gewesen; man konnte dann nur Mitleid für sie 



— = 350 — = 

empfinden, wie etwa für ein armes Kind, das von barbarischem Vater 
mißhandelt wird. Dafür die Lanze einzulegen und als irrender Ritter 
durch die Welt zu toben, wäre lächerlich; ein individuelles Los nur 
kann in solchem Falle gebessert werden; für etwas bloß Individuelles 
braucht sich ein andres Individuum nicht mit Haut und Haar in die 
Schanze zu schlagen; in einem solchen Falle kann für die Sache der 
Menschheit nichts gewonnen werden. Denn daß man eben z. B. Kinder 
nicht mißhandeln solle, ist längst ein Gemeingut der Menschheit, und 
eine einzelne sonderbare Abweichung lohnt sich nicht den Schweiß 
und die Kosten eines Kreuzzugs. Hier aber handelt es sich um mehr; 
ein großer, denn ein wahrer Mensch wird hier gekreuzigt für eine Idee, 
die sich in ihm inkarniert hat, für eine Idee, die eine der beiden Herz- 
kammern unseres Zeitorganismus bildet. 

Es ist die neue Frühlingsidee, die von den verbündeten Geistern 
christhcher Dogmatik und der Bourgeoisie-Moral mit Füßen getreten, 
mißhandelt, zu Tode gepeinigt wird ! Es ist ein Weib, das unsere Idee 
sogar theoretisch bekennt, sie trotz allem Pardonanbieten nie ver- 
leugnen wollte, und dafür leidet. 

Unsere Sache, Ihre Sache, meine Sache, die Sache unsrer aller, 
die wir denken und frei fühlen, wird hier verhandelt! Darum ist es 
unsre Pflicht, zu Hilfe zu eilen, darum fühle ich es als eine Pflicht, 
eine Parteipflicht, für das bedrängte Banner zu streiten, solange ich 
ein Glied noch regen kann. Hätte das nicht stattgefunden, was Ihrem 
Brief zufolge die Sonnenreinheit trübt, wäre also der Fall nicht sozial, 
sondern bloß individuell — noch heute zöge ich mich zurück, der Wissen- 
schaft folgend, die mein Beruf; Leben imd Kraft wahrlich nicht für 
ein Sandkorn versplitternd. 

Und ebensowenig würde ich mir erlaubt haben, dann Bitten und 
Anforderungen an Sie zu stellen, wie ich sie so oft und wiederum letzt- 
hin gestellt habe, wenn es sich nämhch meiner Anschauung nach hier 
nur um individuelles Mißgeschick und dessen Linderung, wenn es 
sich nicht zugleich um das Ringen eines Gottesbewußtseins handelte, 
von dem auch Sie mächtig durchglüht sind, um die Passion eines In- 
dividuums für eine Idee, für welche deren Träger alles und sich selbst 
ins Feuer schicken. Sie sehen also, daß von diesem jedenfalls in [sichj 
selbst konsequenten Standpunkt, dessen Grundanschauung Sie teilen, 
ich allerdings von intensivster Sonnenreinheit sprechen kann. 

Diese Sonnenreinheit wäre vielmehr nicht da, wenn die Gräfin 
im bürgerlichen Sinne unschuldig wäre, oder wie Sie schreiben 
, »Geheimnis auf Geheimnis wälzt". Grade weil sie echt menschlich 
gehandelt, grade weil sie den sittlichen Mut hat, dies zu bekennen, 
weder Leben noch Bewußtsein feig heuchelnd entstellt, darum grade 



= 351 =- — - 

ist sie sonnenrein, darum grade ist ihr I^eid heilig, heihg, drei- 
mal heilig. 

Und sollte das alles nicht auch Ihre Überzeugung sein ? Oder wena 
Sie lieben und Ihre Liebe auf eine Ehefrau fällt, ziehen Sie dann vor. 
mit einem innern Sündenbewußtsein zu lieben, sich die Feier der- 
selben zu versagen oder, wenn die Konsequenz nicht soweit geht, sich 
derselben mit Zerknirschung über die eigne Unvollkommenheit statt 
mit Gottfreudigkeit hinzugeben? All das ist schon deshalb nicht mög- 
lich, weil Sie, auch abgerechnet von Ihrem Denken und ihrer Bildung, 
wie Goethe sagt, eine ,, Natur" sind. Und wie paßte das zu den licht- 
vollen Theorien, die Sie so oft gesprächsweise aufgestellt (ich erinnere 
z. B. an das, was Sie über die Alvenslebensche Geschichte sagten), 
wie paßte das zu der Begeisterung, mit der Sie jenes Gedicht ,, Sehn- 
sucht" aus dem Diwan zitierten, jene Worte des weltlichen Heilands 
,,auf zu höherer Begattung?" 

Sollte aber wirklich Ihr Brief Ihre wesentliche Überzeugimg aus- 
drücken, und nicht vielmehr, wie ich durchaus glaube, das Resultat 
einer flüchtigen Stimmung sein — dann, ich gestehe es, ist Ihr Auf- 
treten für die Gräfin, Ihre großartige Handlungsweise vielleicht um 
so edler — aber mir schlechthin unbegreiflich, Sie selbst mir schlecht- 
hin ein Rätsel. 

Ich muß gestehen, Ihr Brief hat mich tief traurig berührt, trauriger, 
als Sie gewollt und beabsichtigt. Denn sollten selbst Sie wirklich so 
denken, wie aus Ihrem Briefe folgt, ja — dann könnte man fast ver- 
zweifeln an dem endlichen Sieg des Humanismus über den finstern 
Geist der Selbsttötung und Askese. Ja, diese meine Ausführung ist 
mir zum Schutz meiner Integrität sogar abgenötigt. Denn wäre die 
Sache nicht wirklich sonnenrein und durch und durch gut und gerecht 
— nimmermehr hätte ich, auch ganz abgesehen von der Pflicht gegen 
mich selbst, so weit gehen dürfen, wie ich gegangen bin für eine nicht 
ganz reine Sache. Ich habe in diesem Kampfe vielfach andre und 
kollidierende Pflichten unterordnen müssen, sogar Gesetze verletzt — 
das darf man nicht aus Mitleid und Teilnahme, das darf man in dem 
revolutionären Akt, wo man Praxis macht für die innere imendliche 
Idee der endhchen ideelosen Welt gegenüber, wo dann diese äußere 
Welt alle Berechtigung und Heiligkeit verliert, wo jede andere Pflicht 
schweigen muß und der Aufruf der Bergpredigt wiederum ergeht ,,Ihr 
sollt Vater und Mutter, Weib und Kind verlassen und mir folgen"! 

Nur für eine sonnenreine Sache durfte ich handeln wie ich ge- 
handelt. 

Aber, wie gesagt, wenn ich Ihre ganze Erscheinung und Wesen, 
soweit ich sie kenne, durchdenke, geht mir mit freudiger Klarheit 



— ^ ^=-352 = 

daraus hervor, Ihr Brief drücke nicht Ihre wirkliche Überzeugung 
und Wissen aus; er verdankt seine Entstehung der flüchtigen Verstim- 
mung einer Stunde, hervorgerufen etwa durch dieses oder jenes Wort 
meines letzten Briefes. Solches begegnet auch großen vmd objektiven 
Männern gar oft; solches ist diesmal auch Ihnen begegnet und hat Sie 
Worte flüchtig auf das Papier werfen lassen, die im Widerspruche 
mit Ihrem Wesen und Denken. 

Sie schreiben mir zwar, daß Ihre Ansicht auf Ihre Gesinnung, d. h. 
Ihr praktisches Wohlwollen für die Gräfin keinerlei Einfluß habe, 
imd insofern erschiene diese ganze Diskussion überflüssig. Aber ich 
bin nun einmal ein Idealist, imd bei Männern, die ich achte, kommt 
es mir noch mehr auf ihre theoretische Anschauimg und Würdigung 
einer Sache an, die ich vertrete, als auf die praktische Hilfe. Nur Leute, 
deren Geist mir interesselos ist, kann ich mich entschließen, nach der 
Theorie des Nutzens zu behandeln, ihre Früchte hinnehmen, ohne mich 
um ihr Wesen und dessen Beistimmung zu kümmern. 

Die Frau Gräfin habe ich übrigens Ihren Brief nicht lesen lassen, 
um ihr eine traurige Empfindimg zu ersparen, die bei ihrer Weise zu 
fühlen und ihrem jetzigen Nervenzustand intensiver gewesen wäre, 
als eigentlich Grund dazu da, da sie sich jetzt mit Vorliebe Schmerz- 
gefühlen hinzugeben pflegt. Ich erwähne dies nur, damit Sie nicht 
etwa zufällig in Ihrem nächsten Briefe an die Gräfin von unsrer Dis- 
kussion oder dem Inhalte dieses Schreibens sprechen. 

Ich wollte Ihnen noch viel über das Hauptthema dieses Briefes 
zusätzlich sagen, aber die Finger erlahmen mir, und die Geschäfte 
rufen. Das übrige also mündlich. Nochmals lege ich Ihnen ans Herz, 
wenn irgend möglich auf die Revisions- und Kassationsräte einzu- 
wirken. Haben Sie Dorn gesprochen? Wissen Sie dann Näheres über 
Meyer? Schreiben Sie mir doch auch, wie lange Sie noch in Berhn 
bleiben. Es ist mir nötig, dies zu wissen. 

Mit unveränderlicher herzlicher Verehnmg Euer Hochgeboren 

ergebener 

F. Ivassalle. 
Viel Glück zum neuen Jahre und möge es ims allen siegreich sein! 



= 353 = 

III. 
GRAF CLEMENS VON WESTPHALEN AN LASSALLE. (Original.) 

[Sommer 1848.] 
Werter Freund! 

Getrost kann ich Ihnen die entschiedne Versicherung geben, daß 
ich nicht richtend habe verfahren wollen, als ich mich zu den letzten 
Äußerungen über das Leben und die jetzige Lage unsrer Freundin 
veranlaßt sah. — Zu durchdrungen bin gerade ich von der Wahrheit, 
daß die Quelle unendhchen Übels in der Welt nur darin zu suchen, 
daß die Menschen, statt in sich selbst zu gehn — statt ihre eignen 
Handlungen denkend an den Folgen zu prüfen — statt an die große 
unfehlbare Lehrmeisterin in der Schule wahrer Weisheit — die eignen 
Erlebnisse sich zu halten, die dann ja einem jedem zu sagen stets 
bereit: , .Manches hast du vorgenommen — Vieles ist dir schlecht be- 
kommen und ich muß dich schelten," denn ,,Reue sollst du doch einmal 
in der Welt empfinden, so bekenn getreu und fromm deine schwersten 
Sünden, aus des Lebens irren Weiten sammle dich und such beizeiten 
dich zurechtzufinden"^) — statt des Fegens und Aufräumens vor der 
eignen Türe meine ich, man sich viel zu viel einer um den andern 
bekümmert, und damit denn nichts gewinnt, als daß die charakter- 
losen Menschen noch schwankender und charakterloser werden, die 
charakterfesten aber im Widerstehn gegen den fremden Einfluß, im 
Behaupten- und Rechtfertigen-woUen, sich in falschen Konsequenzen 
oft nur länger und fester noch verbeißen, und darüber zur eignen 
Besinnung gar nicht, oder doch erst viel zu spät gelangen. — 

Äußerte ich also: auch unsre Freundin mag manches im 
Leben zu bereuen haben — und meinte ich etwa unter manchem 
andern auch damit speziell ihre früheren Beziehungen zu Männern 
als solchen, so überließ ich es, selbst in meinen eigensten Gedanken, 
sicher doch nur ihr, ob sie sich eines oder mehrerer Fälle bewußt werden 
möchte, in denen sie sich einer der drei von Ihnen sehr richtig artiku- 
lierten Todsünden gegen die Liebe mehr oder weniger schuldig ge- 
macht. — Nur das eine meine ich mit Bestimmtheit: daß wenn , . . 
aus all diesen Verhältnissen auch nicht ein Freund ihr geblieben, 
sie dann diese Verhältnisse — insoweit sie sich wenigstens auf noch 
lebende beziehen — auch sämthch bereuen, sich ihrer sämtlich 
schämen müsse; statt aus diesem — ich will nur sagen durch un- 
bedachte, leichtsinnige, frivole Wahl selbst verschuldetem Ergeb- 



*) Goethes Generalbtichte. 

Mayer, Lassalle-Nachlass. I 2^ 



-— = 354 "— 

nisse, für den Rest des Lebens weiter nichts hinüberzunehmen als 
Anfeindung, Kampf und Verfolgimg anderer; und das eitle und in der 
Anwendung der durch den Zweck geheiligt werden sollenden Mittel 
von Lug und Trug und Vertuschung so höchst gefährliche Streben, 
sich selbst den Schein stets ungetrübt gebliebener Sonnenreinheit zu 
geben. — 

Glauben Sie mir, werter Freund! es ist ein großer Moment im 
Leben, in welchem man über sich selbst zur Besinnung kommt, — 
nicht jeder ist dessen fähig, auch hängt er nicht allein von einem selbst 
ab, — er ergibt sich meist erst durch das Zusammentreffen von Um- 
ständen, und die Gelegenheit kommt nicht immer wieder. Aber auch 
schon darum müßte er gewahrt und festgehalten werden, weil — je 
früher — er dann ein um soviel höherer Gewinn fürs Leben, das dann 
in diesem zweiten Abschnitte uns und andern erst alles wieder 
zugutekommen läßt, was wir überhaupt erlebt, selbst — imd ich möchte 
wohl sagen, vorzugsweise, auch imsre begangenen Fehler — unser 
gesamtes Sündenregister; ob groß — ob klein, ist dann gleich viel. — 
Mir nun — grade im entschiednen Gegensatz der von Ihnen auf- 
gestellten Theorie — ist das Individuum alles, und — um mich in 
einem philosophischen Barbarismus zu ergehn — die Verallgemein- 
heitung der Idee gar nichts, eben weil ich an sie nicht glauben 
kann, sie mir mindestens viel zu fern liegt, um nicht lieber meine nächste 
Tätigkeit dem nächsten Individuum zuzuwenden, als sie in unberechen- 
bare Zukunft — ins Blaue zu vergeuden. 

Und so liegt mir denn in unserm Fall auch wesentlich nur daran, 
daß tmsre Freundin — nicht etwa in Kalendern künftiger Zeitrech- 
nungen für imverschuldetes Martyrtum mit rotgedruckten Lettern 
prangen möge, einer emanzipierten Frauenwelt zum erbaulichen Vor- 
bild ungebundenen Venusdienstes, sondern nur daran, daß sie je eher 
je lieber zum Nachdenken über sich selbst gelange, — es sich gestehn 
und es begreifen lerne, daß auch sie — ich will nur sagen manches 
dumm — manches schlecht gemacht, daraus aber den doppelten Ge- 
winn ziehe: einmal sich der undankbaren Mühe entschlagen zu können, 
jeden ihrer Schritte, selbst jeden Fehltritt als sonnenrein quand meme 
vertreten zu müssen; — dann auch, mit der Eröffnung des Begriffs 
über die eigne Fehlbarkeit zugleich begreifen lerne, wie nicht sie 
allein, sondern auch andere dazu kommen können, und ohne darum 
schon unsrer Verachtung verfallen zu müssen, schlechter zu handeln, 
als sie wirklich sind. Und somit wie immer 

Ihr aufrichtiger Freund 

V. Westphalen. 



— 355 — 

112. 

IvASSALLE AN DEN VATER. (Original.)^) 

[Sommer 1848.] 
Lieber Vater! 

Wundre Dich nicht darüber, daß der Ton dieses Briefes sehr ge- 
reizt und heftig sein könnte. Ich bin hier im Gefängnis sehr reizbar 
geworden, was ganz natürlich ist, so daß ich über Deine Zeilen, die ich 
sonst bloß ignorieren würde, mich jetzt recht tüchtig ärgere. Ich sehe, 
Du beabsichtigst es mit mir zu machen, wie die Verwandten Mendels- 
sohns es mit ihm gemacht haben, d. h. mich durch den unglaublichen 
Wahnsinn Eurer weisen Ratschläge hinzurichten. Aber es liegt mir 
viel zu viel an meiner Freiheit imd an dem glücklichen Ausgang dieser 
Prozedur, als daß ich mich Euren Ratschlägen zu Gefallen verurteilen 
lassen sollte. Frage Mendelssohn, ob dieser sogenannte gute Rat, den 
er akzeptiert zu haben jetzt bitter bereut, nicht einzig und allein die 
Quelle seiner Verurteilung war. -) Man hat es mit mir — nicht Du allein — 
auch schon so versucht. Ich werde daher stets wütend, wenn man mir 
mit diesem ,, guten Rat" kömmt. O Eure Weisheit! — Es ist ja auch 
ganz natürlich, daß all dieser Rat ein Unsinn ist. Denn ein Rat, wenn 
er ein guter sein soll, muß aus der Individualität des einzelnen 
vorliegenden Falls hergenommen sein, nicht aber ein allgemeiner Er- 
fahrungssatz. Das sind nur Gemeinplätze, die man umkehren kann 
wie einen Handschuh. Den individuellen Fall kennt aber außer mir 
und Schneider^) niemand genau genug, um einen wirklich guten Rat 
geben zu können. 

Soviel über Euren Rat im allgemeinen. Nun aber zu dem wirklich 
empörenden Satze Deines Briefes: 

,,In keinem Falle sollst Du es Dir in den Sinn kommen lassen, den 
Belastungszeugen Bestechung vorzuwerfen etc., sondern dies den 
Advokaten überlassen." 

Ich mußte mir die Augen reiben, als ich diesen unerhörten Wahn- 
sinn gelesen. 



*) Von der Hand der Gräfin Hatzfeldt steht auf dem Brief die Bemerkung: 
,,F. Lassalle an seinen Vater aus dem Gefängnis in Köln während der Unter- 
suchung bzw. Kassetten-Diebstahl." Lassalle war Mitte Februar in Potsdam 
verhaftet und nach Köln in Untersuchungshaft überführt worden. Vor den 
Assisen stand er vom 5. bis 11. August. Bekannthch wurde er freigesprochen. 
Einige andere Briefe an den Vater aus dem Gefängnis in Intime Briefe etc. a. 
a. O. S. 38 S. 

2) Vgl. Lassalles Äußerungen hierüber in seinem ,, Manuskriptbrief" an Sophie 
Sontzeff a. a. O. S. 58 f. 

•'') Lassalles Advokat in Köln. 

Mayer, Lassalle-Xachlass. I gl* 



— = 356 — =.=. 

Wer war der Tollhäusler, der diesen illuminierten Rat gegeben? Wie 
denn ? Ich soll nicht vorwerfen ? Drei bis vier Stunden werde ich bloß 
über diesen Punkt sprechen und einen Meineid nach dem andern mit 
der Evidenz eines Mathematikers nachweisen. 

Ich wollte Dir manches andere noch schreiben, aber für heute ist 
es mir nicht möglich. Meine Aufregung ist zu groß. Habe ich denn 
nicht genug mit meinen Gegnern zu tun, wollen auch noch meine Freunde 
mich durch den Ballast ihrer Dummheiten niederdrücken? Macht 
einen denn das Gefängnis nicht mürbe genug, wollt Ihr mich durchaus 
auch noch mit Eurem trostlosen Unverstand mürbe machen? Wollt 
Ihr mir das letzte bißchen Kraft, das ich wie durch ein Wunder noch 
in den Glieder behalten habe, mir noch herausmartern mit Eurer Weis- 
heit, Euren Gemeinplätzen und Eurem Rate, mit Eurem Kleinmut und 
dem aufreibenden Ärger über Eure Dummheiten? Es ist sehr schwer, 
hier den Verstand zu behalten, aber wahrhaftig, wenn die Sache noch 
Monate dauerte, ich würde ihn über Eure Ratschläge verloren haben. 

Du erinnerst mich an die Opfer, die Du mir gebracht und verlangst 
dafür nur, daß ich mich auf drei Tage Eurer Meinung akkommodiere. 
Aber in drei Teufels Namen, soll ich mich denn Dir zulieb verurteilen 
lassen? Ist es Dir nicht heber, wenn ich freikomme? Weißt Du, wer 
Mendelssohns Schicksal auf der Seele hat? Sein Bruder mit seinem 
Rate. 

Geht, geht, handelt und wandelt, verkauft Pfefferkuchen und dreht 
Düten, werdet Stadträte und was Ihr wollt, das versteht Ihr vortreff- 
lich, aber wollt nicht mir armen Menschen, der ohnehin fast unterliegt 
unter der Zahl seiner Feinde und nur mühsam sich durchschlägt, wollt 
nicht mir den Sieg unmöghch machen, indem Ihr mit Eurer Liebe und 
Eurem Unverstand mir die Hände haltet, die ich doch frei brauche, 
um das Schwert zu schwingen und meinen Feinden zu entgehen! Gott 
schütze mich vor meinen Freunden. 

Ich soll nicht so frech sein! »So frech! Herr und Heiland! Wie 
frech? Wie ich sonst bin. Ich bin nie frech. Ich verabscheue die 
Frechheit, denn sie ist gemein. Aber den edeln Stolz Hebe ich. Diesen 
soll ich ablegen? Soll kleinmütig auf der Bank stehen, soll nicht mit 
dem Blitze des Selbstbewußtseins auftreten? Mein Untergang wäre 
dann gewiß. 

Ich bitte Dich, wenn Du mir eine einzige Liebe erweisen willst, 
gib mir keinen Rat mehr. Es macht mich müde, wütend, kraftlos. 
Du willst ja doch meine Freisprechung. Warum rätst Du mir also zu 
Dingen, die das Gegenteil notwendig herbeiführen müssen? Handle 
draußen, wirke auf die Jury, das ist Deine Aufgabe; nicht 
mir raten. 



= 357 ^ 

113. 

LASSAIvLE AN ALEXANDER WEILIv.^) (Originalkonzept. Nach 
Paris adressiert.) 

Köln, d. 20. Juli 48. 

Erzgauner, Schuft, aus dem Bagno entsprungner Spitzbube, in- 
famer Taschendieb! 

Erst neulich las ich in einem französischen Blatte die Veröffentlichung 
einer Erklärung, zu deren Ablegung Sie einst in Frankfurt durch die 
Fui3tritte eines ehrlichen Mannes gezwimgen wurden und in welcher Sie 
selbst erklärten, der niederträchtigste und infamste Verleumder zu sein. 

Hat diese Lektion Sie, verworfner Gatmer, nicht bessern können? 
Sie greifen wieder zu dem Gewerbzweig der Verleumdung und schreiben 
meinem Vater, Heine hätte Briefe von mir, die mich kompromittieren, 
und wollen auf diesen Titel von ehrlichen Leuten Geld erpressen. Selbst 
die frechste Lüge ist Ihnen nicht zu schlecht, wenn sie Ihrem Spitz- 
bubenmetier Vorteil verspricht. Briefe, die mich kompromittieren! 
Elender, wie konnten Sie so ungeschickt lügen! Wissen Sie nicht 
einmal die Leute zu beurteilen, an denen Sie Ihr Gaunerhandwerk aus- 
üben wollen? Wissen Sie nicht, daß man Leute, deren Gewissen rein, 
deren Handlungsweise stets nobel war, durch keine mystische Lüge 
beunruhigen kann? Feierlich gebe ich Ihnen die Erlaubnis, alle meine 
Briefe an Heine zu pubUzieren. Sie würden der Welt nur zeigen, wie 
große Verdienste ich mir um einen ihrer größten Dichter erworben. 

Sie aber, elender Taschendieb, werde ich für diese Lüge, die Sie 
meinem Vater zu schreiben wagten, seinerzeit zu strafen wissen. Weim 
ich nach Paris komme — doch, was wollte ich Ihnen tun ? Sie sind zu 
sehr gewöhnt, daß man Ihnen öffentlich ins Gesicht speit, Sie öffent- 
lich ohrfeigt, als daß Sie dies noch unangenehm berühren könnte. Doch 
Geduld, es harrt Ihrer noch das Bagno. Seien Sie sicher. 

Infamer und dummer Spitzbube, der Sie von dem Schmutze andrer 
Leute sich nähren. Suchen Sie sich künftig wenigstens, um, Blatt- 
laus, Ihre Nahrung zu ziehen, Leute aus, deren Handlungen wenigstens 
wirklich schmutzig und faul sind, nicht aber Charaktere sans täche. 
Auf solchen findet sich kein Stoff für Maden. 

Dies zur vorläufigen Notiz, Made, Ihrer Bestraf img werde ich denken. 

F. Lassalle. 



1) Alexander (eigentlich Abraham) Weill war ein aus dem Elsaß gebürtiger 
Journalist, der von Paris aus in zahlreiche deutsche oppositionelle Zeitungen 
korrespondierte und viel mit deutschen Flüchtlingen verkehrte. Auch auf fran- 
zösisch schrieb er Broschüren und in die Zeitungen, u. a. auch in das Skandal- 
blatt Corsaire Satan. 



Druck der Deutschen Verlags«» Anstalt 
in Stuttgart 







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