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Full text of "Sitte und Brauch der Südslaven: Nach heimischen gedruckten und ungedruckten Quellen"

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SITTE UND BRAUCH 



DER 



SÜDSLAVEN. 



NACH HEIMISCHBIH 



OSDfirrCKTST^^ UND XJNGEDKXJOKITEN QUELLEN 



TOV 



DR. FRIEDRICH S. ERAÜSS. 



m AUPTSAGB DD AMTEBOPOLOOIBCHSN OE8SLL8CHAFT Qf WISM. 



ilnETH, 1885. 



ALFRED HOLDER 

K. HOF- UND ÜNIVRR8ITÄT8-BUCHHÄNDLBK 

KOTHKBTmjllMSTRABflR 15. 



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HABVM» C0UB6E UMMl 

AFR 13:385 









•7 






Alle Rechte rorbehalten. 



HERRN 



FERD. FREIH. von ANDRIM-WERBÜRG 



IN LIEBE UND DANKBARKEIT 



ZUO£EIONET. 



Hoch wohlgeborener Freiherr ! 



Es gibt nicht wenige strebsame Menschen, die es bei allem 
Fleiss und dem besten Willen doch nicht vorwärts bringen können, 
weil es ihnen stets an Gelegenheit fehlt, ihr Bestes zu leisten. 
Ihre Kräfte zersplittern sich auf kleine, wenig nutzbringende Ge- 
schäfte, ihr Lebensmuth sinkt; müde, den Kampf ausdauernd weiter 
zu fuhren, zerfallen sie alsbald mit der Welt und sich selbst. Wer 
ein Auge hat, solche Unglückliche zu erkennen, der kann sie Tag 
für Tag bald in dieser, bald in jener Gestalt durch die Strassen 
schleichen sehen. 

Mir wäre es vielleicht ähnlich ergangen, wenn mich mein 
leuchtender Stern zur guten Stunde Ihnen nicht zugeführt hätte. 
Im Mai des Vorjahres kam ich mit Empfehlungen von meinem 
hochverehrten Lehrer Prof. Friedrich Müller und dem leider zu 
früh verstorbenen v. Hochstetter, Ihrer Freunde, zu Euer Hoch- 
wohlgeboren, als dem Präsidenten der anthropologischen Gesellschaft 
in Wien. Ich wollte eine ethnographische Forschungsreise zu den 
Südslaven unternehmen und suchte um ein Empfehlungsschreiben 
von Seiten der Gesellschaft an. Euer Hochwohlgeboren Hessen sich 
in ein Gespräch mit mir über die Ziele meiner Studien ein und 
beauftragten mich, ein Werk über das Gewohnheitsrecht der Süd- 
slaven auszuarbeiten. Der Gedanke, ein solches Werk zu liefern, ist 
mir als einem Specialisten auf dem Gebiete der südslavischen 
Volkskunde nicht fremd gewesen, mich überraschte und beglückte 
das Vertrauen, welches von so massgebender Seite in meine Kraft 
gesetzt wurde. Ich willigte von Herzen gern auf den Antrag ein 
und vertagte meine Reise bis zur Vollendung der Aufgabe. 

Fast fünf Monate verbrachte ich an Ihrer Seite in Alt-Aussee, 
von Morgens früh bis Abends spät nur der Arbeit ergeben. Sie 
iOTgi**n mit väterlicher Fürsorge für mich, beschafften die nöthi- 
sen Behelfe und unterstützten mich mit Rath bei der Arbeit. 
Jede Zeile wurde sorgfältig gelesen und besprochen. Meine Ge- 
danken klärten sich, mein Eifer wuchs täglich, stündlich. Eines 

Kranft», Sitte a. Gewohnheitsrecht d. SOdsl. I 



VI 

solchen Wegweisers hatte ich mich, bis auf Friedrich Müller, 
während meiner ganzen Studienzeit nicht erfreut. In dieser kurzen 
Zeit bin ich geistig um fünf Jahre reifer geworden. Einem solchen 
Lehrer kann man Zeitlebens nie genug danken. Nun ist das Werk 
fertig. Gestatten mir. Euer Hochwohlgeboren, Ihnen dasselbe wid- 
men zu dürfen. Ihnen hat es die Wissenschaft vor Allem zu danken, 
dass dieses Werk zu Stande gekommen. Unter Ihren Anspielen 
soll es auch in die Welt ausziehen. 

Fertig sei dieses Werk, sagte ich. Was Goethe vor fast hundert 
Jahren über die Ausarbeitung seiner Iphigenie (am 16. März 1787 
aus Caserta) sagte, das gilt auch in diesem Falle: »So eine Arbeit 
wird eigentlich nie fertig. Man muss sie für fertig erklären, wenn 
man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan hat.« »Fertig« 
kann man nicht sagen, weil der Stoff, den das Werk behandelt, 
selbst nichts Fertiges, Abgeschlossenes ist, sondern als ein immer 
Werdendes und sich in mannigfacher Gestalt Veränderndes auftritt. 
Von diesem Standpunkte aus betrachtet, ist es klar, dass der 
Arbeiter sich der Methode naturwissenschaftlicher Forschung be- 
dienen muss. Die moderne Ethnographie ist aber nicht blos eine 
naturwissenschaftliche Disciplin, sondern auch eine Geisteswissen- 
schaft im weitesten Sinne des Wortes. Sie erforscht den Menschen als 
Menschen, um die Erkenntniss zu erweitern und den geistigen Besitz- 
stand der Völker gegenwärtiger wie vergangener Zeiten festzustellen. 

Es lag mir ferne, ein sogenanntes vergleichendes ethno- 
graphisches Werk zu liefern. Heutigen Tages wird in dieser Rich- 
tung viel zu viel Humbug getrieben. Vergleiche kann man nur 
dann mit Erfolg versuchen, wenn über die Beschaffenheit und den 
Zustand des Vergleichungsstoffes durchgehends Klarheit herrscht. 
So wie es gar häufig vorkommt, dass in Sprachen, die durchaus 
in keiner auch nur entfernten Verwandtschaft zu einander stehen, 
ganz gleichlautende Wortformen im Gebrauche sind, so trifft es 
sich auch bei ethnischen Erscheinungen, dass auffällige äussere 
Uebereinstimmung auf den ersten Blick zu verzeichnen ist. Wer 
solchen Erscheinungen auf den Urgrund zu kommen nicht vermag, 
sondern leichthin sich durch die Aeusserlichkeit verführen lässt, 
geräth oft auch mit bestem Willen wider Willen auf Irrwege. Statt 
zu nützen, schadet er. 

Vor Allem lag es mir ob, festzustellen, was den Südslaven 
zugehörig sei. Das ist eben die schwierigste Frage. Die lässt sich 
in einem Athem nicht beantworten. Seit zwei Jahrtausenden ist 



VII 

der Balkan der Tummelplatz verschiedenster Völker gewesen. Viele 
sind untergegangen. Ihre Sprachen sind verschollen; nur leere 
Namen hie und da spärlich verzeichnet, geben Kunde von der Ver- 
gangenheit. Kein Volk verschwindet aber spurlos, weil in der Natur 
nichts verloren geht. Wer kann gleich ermessen, was echt südslavisch, 
was erborgt, ererbt, aufgedrungen ist? In Steiermark, Kärnten und 
Krain, und zum grossen Theile in Istrien uud im Küstenland Dal- 
matiens, hat deutsches und italienisches Volksthum auf die Slaven zer- 
setzend eingewirkt, in Bosnien, der Hercegovina und Serbien räumte 
durch Jahrhunderte der Islam mit den Slaven auf, in Thracien und 
Macedonien nisteten sich Bulgaren ein, dann kam wieder der Türke 
und der Araber. Auch das Griechen thum, weniger die Albanesen, 
Magyaren und Romanen, hinterliess deutliche Spuren im Südslaven- 
thnm. Wer auf solchem Boden nach echt südslavischem Wesen 
fahnden will, muss mit zarten Bosenfingern tasten können, muss 
mit scharfen Augen beobachten und wiederholt und unermüdlich 
beobachten. Nur auf diese Weise wird es ihm gelingen, einen Ur- 
typus herauszufinden. Die Natur bewahrt äusserst getreu einmal 
geschaffene Formen. Sobald etwaige Hemmnisse beseitigt sind, kehrt 
sie wieder zur alten Bildung zurück. 

Daran halte ich fest. Nicht aus alten vermorschten Hand- 
schriften von Evangelienübersetzungen und den Statuten verschie- 
dener Gemeinden und Duodezherzogthümer wollte ich ein Gewohn- 
heitsrecht der Südslaven herausspintisiren, ins volle Leben der 
Gegenwart hiess es hineingreifen. Erlebtes, Empfundenes festhalten 
und wahrheitsgetreu darstellen. 

Das Vorhandene musste vor Allem innerhalb der engeren 
Grenzen des Sprachgebietes der Südsiaven nach Thunlichkeit ge- 
sammelt und gesichtet werden, dann durfte ich ruckweise eine 
Bewegung in den Baum der Vergangenheit wagen, und endlich, 
wenn mich auch dies nicht zum Ziele führte, um eine Erscheinung 
zo erklären, behutsam nach Analogien bei verwandten Völkern 
suchen. Es ist aber häufig schon ein grosser Gewinn, wenn man, 
ohne jede weitere Schlussfolgerungen zu ziehen, gewisse Erschei- 
oongen gewissenhaft beschreibt, denn damit ist der Boden für 
spatere Arbeiten gelegt. Im Sturme lassen sich auf dem Gebiete 
ethnographischer Forschung keine grossen, überraschenden, welt- 
erschutternden Ergebnisse erobern. 

Sitte und Brauch der Südslaven der Jetztzeit sollen darge- 
stellt werden. Ich begreife unter Jetztzeit im weitesten Sinne des 



VIII 

Wortes einen Zeitraum von 80 — 100 Jahren, soweit eben That- 
sachen von zuverlässigen Gewährsmännern im Laufe dieser Spanne 
Zeit beobachtet und beschrieben wurden. Hier lässt es sich verhält- 
nissmässig noch am leichtesten der ungetrübten Wahrheit auf die 
Spur kommen, zumal wenn Einer die Eigenarten verschiedener 
Berichterstatter von Jugend auf durch langjährige üebung gewisser- 
massen instinctiv herauszufühlen kennen gelernt hat. Einmal bin 
ich leider von dieser Bahn abgewichen, als ich das zweite Capitel 
dieses Werkes drucken liess. Es sollte eine üebersicht der gesell- 
schaftlichen Zustände bei den Südslaven älterer Zeit sein. Ich las 
viel, dachte viel nach, man sieht dem Capitel die grosse Gedanken- 
arbeit nicht leicht ab, volle Klarheit in dem Zwielicht zu finden^ 
war mir eben so wenig vergönnt, als meinen Vorgängern, den süd- 
slavischen Historikern von Profession. Der Unterschied zwischen 
mir und ihnen besteht nur darin, dass sie gewöhnlich in vollem 
Glauben die Vergangenheit darstellen, als wären sie überall dabei 
gewesen, während ich von Haus aus in diesen Dingen ein Ketzer 
bin. Die ältere Geschichte der Südslaven ist nicht meine Geschichte. 
Sie leiht meiner Phantasie keine Flügel, sie macht mir nicht warm, 
nicht kalt. Ich heische Beweise für eine Behauptung, und für die 
Beweise weitere Beweise. Nun fand sich nicht, was ich suchte, so 
entstand die dürftige Skizze ^lus der älteren Zeit«. 

Ich tröste mich mit der Gegenwart. Die wird für spätere 
Geschlechter auch ein Alterthum sein. Unsere Aufgabe ist es, nach 
besten Kräften die Gegenwart zu erforschen. Das ist eine gar harte 
Arbeit, weil die Gegenwart nicht stille steht, weil sie Vergangen- 
heit und Zukunft in Einem ist, weil uns in ihr volles, pulsirendes 
Leben in tausenderlei Gestaltungen umgibt. Darum hält es auch 
so schwer, das Gewohnheitsrecht eines Volkes zu schreiben, üebei 
die Südslaven ein Werk dieser Art zu liefern, ist um so schwieriger 
weil man doch eigentlich kein, seinen gesellschaftlichen Lebens- 
bedingungen nach ganzes Volk vor sich hat. Die Interessen des 
Slaven in Steiermark sind zum grossen Theile grundverschiedei 
von den Interessen der Serben in der Sumadija oder gar des Slavei 
in Macedonien. Spricht man demnach von einem Gewohnheitsrecht 
der Südslaven, so wird man in diesem Falle doch nur von dei 
allgemeinen ßechtsanschauung des Volkes sprechen dürfen. Diese 
Kechtsanschauung fusst aber so ziemlich bei allen südslavischei 
Stämmen auf derselben Grundlage, dcMin Sitte und Brauch, Volks- 
glaube und Volksdichtung sind überall wesentlich gleich. Der Unter- 



IX 

schied in dieser Bichtung ist zwischen den Stämmen beiläufig der- 
selbe, wie die Mundarten einander gegenüber Abweichungen auf- 
weisen. Wohl ist bei den sogenannten Neuslovenen in Steiermark, 
Krain und Kärnten in Bezug auf Bechtsgewohnheiten wenig zu 
holen, denn das Deutschthum hat hier viel zu feste Wurzel gefasst. 
Man kann hier zuweilen kaum aus Trümmern der üeberlieferung 
weitere Belege für anderweitig wohl beglaubigte Sitten und Bräuche 
aufbringen. Die eigentliche Zufluchtsstätte yerhältnissmässig unver- 
ßlschten Südslaventhums war und ist noch immer das felsenreiche 
Hochland der Hercegovina und der Crnagora und zum Theile auch 
Bosnien. Serbien bietet bei weitem weniger, wenngleich die grie- 
chische Kirche durch ihre Lethargie nicht allzusehr mit alther- 
gebrachten Anschauungen aufräumte. Das serbische Flachland war 
doch immer stark fremden Einflüssen zugänglich. Ueber die Bul- 
garenlande lässt sich gegenwärtig nicht viel sagen, weil die bis- 
herigen Aufzeichnungen über das Volksthum der dortigen Slaven 
noch überaus mangelhaft sind. 

Die Südslaven haben eben so wenig als die Deutschen einen be- 
sonderen volksthümlichen Ausdruck für »Gewohnheitsrechte. Letzterer 
Ausdruck wurde in die deutsche Sprache von Savigny und Puchta 
eingeführt. Bogi§i6, der erste wissenschaftliche Arbeiter auf dem 
Gebiete des südslavischen Gewohnheitsrechtes, übersetzte das Wort 
mitobiöajno pravo. Genauer drückte sich vorBogiäi6 derHistorio- 
graph der Crnagora, Medakovi6, aus. Dieser gebraucht einmal in 
seinem Schriftchen über die Crnagora die Wendung uobiöajeno 
pravo, d. h. das zur Gewohnheit gewordene Becht. Das ist aber noch 
immer nicht dasselbe, was Gewohnheitsrecht. Dieses ist nichts 
anderes als Volksbrauch. Was bei einem Volke Brauch ist, das 
gilt ihm zu Becht und demnach ist es ein Gesetz. Das besagt auch 
das serbisch-kroatische Sprichwort: 

Stari obicaj gotov zakon. 
Ein alter Brauch, ein ausgemachtes Gesetz. 

Dieses Sprichwort ist aber entschieden jüngeren Ursprunges, 
denn obiöaj und zakon bedeuten ganz dasselbe, nämlich »Brauch« 
oder »Gesetz«, nur mit dem Unterschiede, dass zakon in letzterer 
Bedeutung auch' für Staatsgesetz gebraucht wird, während obiöaj 
oder naviöaj (navada), neuslovenisch §ega (Lehnwort aus dem 
Deutschen), sowie das türkische Lehnwort ad et, den Brauch als 
Gewohnheit oder besser gesagt Gepflogenheit bezeichnet. 
I>as schliesst freilich nicht aus, dass obiöaj ganz in der Bedeutung 



Gesetz Anwendung finden darf. So z. B. in einem Volkswitz, 
im Srpski letopis von 1859, S. 106, abgedruckt steht: To je 
starina obiöaj svet, da nikad nema§ veselog dana a da ti 
Stogod ne presedne (rekao neki kom je 2ena umrla al u isti ma 
obruöje popuealo i vino se prosulo). »Das ist von Alters her 
heiliges Gesetz (heiliger Brauch), dass man nie einen fro 
Tag erlebt, ohne dass man zugleich nicht auch irgend ein I 
erführe,« sagte Jemand, dem sein Weib starb, im selben Aus 
blicke aber auch das Eeifwerk von den Fässern absprang und 
Wein ausrann. Erläutert wird die grosse Bedeutung des Braue 
z. B. durch das neuslovenische Sprichwort (es findet sich in 
Zeitschrift Novice von 1857, S. 339, aus Bistrice): 

Navada je Selezna srajca. 
Der Brauch ist ein eisernes Hemde. 

Der Kroate sagt, das Hausrecht Jedermanns achtend : 

Svaka kada svoj obicaj ima. 
Jedes Heim bat seinen (Rechts-) Brauch. 

Und ferner ist das Sprichwort üblich: 

I noö ima svoj obißaj. 
Auch (selbst) die Nacht bat ihren (Rechts-) Brauch. 

Mit BQcksicht darauf, dass sich mit den Zeiten auch 
Ansichten der Menschen ändern, gebraucht man das Sprichw 

Drugo vreme, drugi obit^aji. 
Andere Zeit, andere (Rechts-) Bräuche, 

oder man sagt, Bezug nehmend auf den verschiedenen Brauch 
der Welt: 

Kolko zaTiSaja, tolko navicaja. 
!j . So viel Heimaten, soviel (verschiedener Rechts-) Bräuche. 

'i Das bulgarische 'Sprichwort mahnt, man dürfe alten Bra 

'\ nicht verlassen: 

! Starj t ad et ne ostavaj, 

• denn : 

» V staro selo nov a d e t ne biva. 

! In einem alten Dorfe gilt kein neuer (Rechts-) Brauch. 

'-^ Man hält am Alten, weil es eben alt ist und daran n 

gerüttelt werden darf. Alten Brauch bekritteln, ist unstattl 
Der Brauch besteht und muss befolgt werden. Das kroatisch- 
bische Sprichwort sagt richtig: 

Obicaju nema uvek razloga. 
Man kann nicht immer von (jedem) Brauch den Grund angeben. 

Der Brauch ist das allerheiligste Heiligthum des Vol 
Daher heisst es im hercegovinischen Sprich worte: 



XI 

Ery uSini a ne postavi zla zakona. 
üebe Blatrache, nar stelle keinen bösen (Rechts-) Brauch auf. 

Der eigentliche Ausdruck für Bechtsbrauch ist wohl zakon. 
Dies geht z. B. aus dem bosnischen Yolksliedchen hervor: 

Sarajevo ognjem izgorjelo! 

§to u tebe zli zakon postade, 

Da se Ijnbe bnle udovice 

Ostavljaju lijepe djevojke. 
Sarajevo, sollst in Feuer aufgehen! 
Weil ein bOser Brauch in dir entstanden. 
Denn man minnt um Wittwen, Türkenfrauen, 
Und die schonen Mädchen lässt man sitzen! 

Dass zakon ganz dasselbe bedeute, was obiöaj oder adet, 
ersieht man auch aus den Redensarten: 

Vsjeko selo i zakon im (bulgarisch). 
Na sjeko selo i zakon (bulgarisch). 
Jedes Dorf hat seinen eigenen (Rechts-) Brauch, 
oder (kroatisch): 

Ne kroji staromu sein novoga zakona. 
Schneide einem alten Dorfe keinen neuen Brauch zu, 
oder: 

Toga zakona nema ovdjenak. 
Diesen Brauch gibt es hier nicht, 

oder aus folgenden drei bulgarischen Sprichwörtern: 

Nuzda zakon ne glieda. 
Noth achtet auf keinen Brauch. 

Der Deutsche sagt entsprechend: Noth kennt kein Gebot. 

Oder: 

Nu2da zakon razvalja. ' 

Noth zerstört den Brauch, 

oder: 

Nu2da zakon izmenjava. 
Noth ändert den Brauch, 

oder, wie das entsprechende kroatische Sprichwort ausführlicher 
läutet : 

Nuida i zakon mijenja a nevolja oöiju nema. 
Noth selbst ändert den Brauch, das Elend aber hat keine Augen. 

Ein Bechtsbrauch besteht überall, 

Jest zakon i u paklu. 
Selbst in der Hölle gibt es einen Bechtsbrauch. 

Vuk Earad2i6 übersetzt in seinem Wörterbuche zakon 
mit »die Beligion, der Glaube, religio«. Das ist unrichtig. Als 
Belege für seine Auslegung führt Vuk Bedensarten an, wie: »Koga 
si ti zakona? — Ne donosi zakon«. Fragt ein Bauer den andern so, 



XII 

so weiss er von vorneherein, dass der Angeredete ein Christgläubiger 
sei. Er erkundigt sich wohl auch nicht nach dem Glauben, sondern 
nach dem Ritus der Secte, welcher der Angeredete angehört. 
Zakon ist eben Ritus. Glaube aber heisst vjera oder vjeroiz- 
p V i j e d a n j e, wie die Herren von der Schriftsprache, das^deutsche 
Wort »Glaubensbekenntnisse nachmodelnd, zu sagen pflegen. Zakon 
kann daher als ein rein kirchlicher Ausdruck zur Bezeichnung der 
Eucharistie, des heiligen Abendmahles angewendet werden. So fuhrt 
Vuk als Beispiel die Wendung an: hajdemo na zakon. Da zakon 
den Volksbrauch auch ganz allgemein bezeichnet, so darf es nicht 
befremden, wenn das Volk sich dieses Ausdruckes für »Sprach- 
gebrauch« bedient. Ich habe dies erst vor einigen Tagen erfahren, 
als ich mit einem Bauer von Brod nach dem Dörfchen B e b e r i n 
fuhr. Auf dem Wege bei dem Dörfchen Ruiöice ist ein neues 
Schleusenwerk errichtet worden. Derartige Schleusen sieht man hier 
zu Lande ziemlich selten. Ich wollte nun den Volksausdruck fQr 
Schleuse wissen und fragte den Bauer: 

Striko, a kakvi je to bis? (Vettercheu, was ist denn das für Teufels werk?) 

Ta to je älajsa. (Aber das ist ja eine Schleuse.) 

Ama striko, kakva te Slajsa napala, ja ne znam §ta je to. 

(Aber Yetterchen, was hat dich für Schleuse angefallen, ich weiss nicht, was 

das ist.) 

Aa, po nasem zakonu se to ka2e zapor. 

(Nach unserem Sprachgebrauche nennt man das einen zapor = eine Sperre.) 

Die Sprache hat keinen besonderen Ausdruck für Staatsgesetz. 
Es heisst auch zakon. Das Volk differenzirt auf die einfachste 
Weise Gewohnheitsrecht und Staatsgesetz. Wenn z. B. ein Richter 
ein Urtheil fällt, das gegen den Volksbrauch verstösst, so pflegt 
das Volk seine Rechtsanschauungen über den vorliegenden Fall zu 
besprechen, und zum Schluss der Auseinandersetzung heisst es 
gewöhnlich: 

To pise u paorskom zakonu. 
So steht es geschrieben im Bauerngesetze. 

Paorski ist natürlich ein Lehnwort aus dem Deutscheu. 
Verstanden wird es wohl im ganzen Süden, selbst in Serbien. Der 
angeführte Satz findet sich z. B. als »serbische« Redewendung im 
Srpski letopis vom Jahre 1865, S. 248, verzeichnet. Für die Bul- 
garen habe ich keinen Beleg auftreiben könoen. Ebenso merkwürdig 
als zweifelhaft ist die Wendung uzakonjeni obiöaj (d. h. codi- 
ficirtor Brauch), welche von Vrcevic, einem Hercegovac in den 
Mund gelegt wird. Im Niz srpskih pripovijedaka (domazet, S. 218) 



XIII 

dieses Volksschriftstellers steht der Satz: Ja dobro znam na§ od 
pamtivijeka uzakoDJeni obiöaj i ko se od sjega liöi taj se bracke 
odrife. (Ich kenne wohl unseren seit Menschengedenken codificirten 
Brauch, und wer sich von ihm losschält, der sagt sich von der 
Brudergemeinschaft los.) Was weiss ein Hercegovac von einem 
codificirten Gewohnheitsrecht? Woher aber doch die Wendung? 
Vr6eTi(S war Jahre lang Secretär des Fürsten Danilo, der auf Grund 
der Volksbräuche eine Art von bürgerlichem Gesetzbuch verfasste 
oder richtiger codificiren Hess. Das bedeutet uzakoniti obiöaj, 
einen Brauch zum Staatsgesetz machen. Vr6evi6 blieb das Wort 
picken, er hatte es ja oft genug gehört, so dass er es schliesslich 
für echt volksthümlich hielt und darnach gebrauchte. Statt »Gesetz- 
bach« sagt der Südslave »Gesetzgeber«: zakonik. Ich hörte einen 
siaTonischen Dorfrichter (selski glavar) sagen, als er einen Bauer 
wegen Waldfrevels zu einer Geldbusse verurtheilte: Mani me se 
brate« §to je tvoj did smijo usidi drva kolko je ktio. Sad plati pa 
Suti. Jo se dr2im zakonika. (Lass' mich, Bruder, damit in Buh\ dass 
Dein Grossvater Holz fällen durfte, so viel er nur wollte. Jetzt zahl' 
und schweig*. Ich halte mich an den Gesetzgeber.) Er hätte auch sagen 
können: tako je u zakonu (so steht es im Gesetz), das wäre aber für 
den Bauer vielleicht weniger verständlich gewesen, denn zakon in der 
Bedeutung von Staatsgesetz ist relativ neueren Ursprungs. Scheinbar 
widersprechen dem zwei angebliche Sprichwörter der südungarischen 
Serben (abgedruckt in der Matica srpska vom Jahre 1867, S. 324): 

Sto yise zakona, to viSe nereda. 
Je mehr Gesetze, desto mehr Unordnung. 

iSto YiSe zakona, to manje pravice. 
Je mehr Gesetze, desto weniger Gerechtigkeit. 

Diese Sprüche stammen schwerlich aus dem Volksmunde. 
Der südslavische Bauer weiss von einer Mannigfaltigkeit der Gesetze 
blutwenig, bekümmert sich auch nicht darum, kann auch keine 
darauf bezüglichen Sprichwörter haben. Wären diese zwei Sätze 
wirklich im Volke gebräuchlich, so fänden sie sich wohl auch sonst 
noch wenigstens in einer anderen Sprichwörtersammlung verzeichnet. 

Das Bechtsbewusstsein des Südslaven ist ein stark entwickeltes, 
denn der Mann im Volke hat in seiner Art hohe Begriffe von Ehre 
and Kechtschaffenheit. Dies spiegelt sich im Sprichworte ab: 

Sve za lice a lice za ni za sto. 
Alles fdr die Ehre, die Ehre aber um keinen Preis. 

Folgerichtig sagt der Bulgare: 



XIV 

Podobrie öesno da umries a ne bezöesno da Sivjees. 
Besser in Ehren zu sterben, als ehrlos zu leben. 

Daher gilt das Wort: 

Podobrie 6estno siromasestvo a ne bez6estno bogatstvo. 
Besser ehrliche Armutb, als unehrenhafter Keichtham. 

Und ehrenvoll für den Südslayen ist der Spruch: 

Ako ne moze da bode öovjek habavec i bogat kakto 

zelaet to moSe da bode dobr i cesten. 

Kann der Mensch auch nicht nach Wunsch schon und reich sein, 

so kann er doch wohl gut und ehrenhaft sein. 

Für die hohe Werthschätzung von Ehre zeugt auch das Yi 
der Kroaten und Serben: 

Bolje na postenom putu i raraati neg na nepostenom jahati. 
Besser auf ehrlichem Wege sogar zu hinken, als auf unehrlichem zu rei 

denn, wie ein anderes Sprichwort sagt: 

Bolje litra po§tenja neg centa zlata. 
Besser ein Liter Ehre, als ein Centner Gold. 

Darnach muss sich der Mann immer an Becht und Billig 
halten, denn: 

Ko pravo öini pravo 6e i doöekati. 
Wer recht handelt, wird auch Recht erleben, 

denn: 

Nema prave ve^ere do one s pravdom stecene. 
Es gibt kein rechtes Abendessen als ein durch Recht erworbenes. 

Durch Rechtthun erwirbt man sich Freunde, denn: 

y 

JSto je pravo to je svakom drago. 
Was recht ist, ist Jedermann lieb. 

Der Rechtschaffene findet auch vor Gott Gefallen: 

§to je pravo i Bogu je drago. 
Was recht ist, ist auch Gott lieb. 

Daher sagt man auch: 

Bog pravdu brani. 
Gott vertheidigt das Recht. 

Gott kann nur so und nicht anders handeln, denn es heisst: 

Bog je pravo. 
Gott ist das Recht. 

Da versteht man auch die Tragweite des Sprichwortes: 

Pravo sjedi, pravo i sudi. 
Das Recht (= Gott) sitzt (zu Gericht), das Recht richtet auch. 

Also bewahrheitet sich der Spruch: 

Jaöe pravo nego mac. 
Das Recht ist stärker als das Schwert, 

und weil das Recht das stärkste ist, ist es auch nicht um 
bringen : 



XV 

Pravdu ne nbi ako öes ja svu izprebijati. 
Die Gerechtigkeit vermagst da nicht za todten, magst da ihr wohl alle Glieder 

zerschlagen. 

Weil die Gerechtigkeit unbezwinglich ist, so kann das Unrecht 
Niemand auf die Dauer in Wahrheit aufhelfen, denn: 

Pravda je roma al dostiSoa. 
Die Gerechtigkeit ist an einem Fasse lahm, sie holt aber doch ein, 

oder, wie mein Mütterchen zu sagen pflegt: 

Bog nije nago al je plätan. 
Gott Oberstarzt sich nicht, aber er ist doch ein gater Zahler. 

Das ist ein kroatisches Sprichwort. Das bulgarische räth an 
als einzig sicheres Hilfsmittel im Leben: Gerechtigkeit: 

Ako pravda ta ne poroogne krivda ta ne ste nikoga. 
Wenn das Recht nicht hilft, das Unrecht hilft Niemandem aaf. 

Aehnlicher Volkssprüche gibt es noch die schwere Menge, 
noch mehr aber solcher, die das Gegentheil besagen. Wenn man 
bedenkt, unter was für Leid und Drangsal die Südslaven seit jeher 
gelitten, so hat man auch den Schlüssel zu diesem Bäthsel, wenn 
es überhaupt ein Bäthsel genannt werden darf. Es ist leider fast 
weltbekannt, wie wenig Rechtssinn einem grossen Bruchtheile der 
südslavischen Beamten innewohnt. Das Volk ist mit den Staats- 
gesetzen nicht vertraut, findet auch selten ehrliche Rechtsanwälte, 
lind daher ist der Justizbeamte in kleineren Orten ein unum- 
schränkter Herr und Gebieter und nicht selten ein Volksbedrücker. 
Dieser Tage fand im Broder Bezirke die Wahl eines Abgeordneten 
für den Landtag statt. Ich machte die Wahlcampagne mit, um bei 
dieser Gelegenheit die Bechtsanschauungen des Volkes besser kennen 
2Q lernen. Einer der Candidaten versprach den Bauern goldene 
Berge. Vor Allem fast vollkommene Steuerfreiheit. Ne 6ete vi§e 
planati toliku carinu ! Ihr werdet nicht mehr eine so grosse Steuer 
ID den Kaiser entrichten, sagte der Candidat. D'rauf ein Bauer : A 
znate gospodine, u nas je riö: nije car te2ak al su cari6i 
teiki. (Na, wissen Sie, Herr, wir haben ein Sprichwort: Der 
Kaiser ist uns nicht schwer, doch die Kaiserlein 
sind eine Last.) Die Kaiserlein thaten dazu, dass im Volke 
Sprichwörter entstanden, wie: 

Cija vlada tog i pravda. 
Wessen die Herrschaft, dessen auch die Gerechtigkeit, 

oder: 

U kog sila n tog i pravo. 
Wessen die Gewalt, dessen auch das Recht, 



XVI 

Un 'li'Jtzkes*: iAski •cöl 
lUu'Ml und (hwsili mhlmji^.ü einander aus: 

Wo Gewalt kam« I^e€bt Alrschied sahm, 

0iU*r, wio <;in andere» Sprichwort denselben Gediuiken ausdrückt: 

iitUi pravda rr<r4i ne rredi fUa a gde rredi sila ne rredi prarda. 
Wo HfcUi Hill, |(ilt nicht Gewalt wo aber Gewalt gilt, gilt kein Becht. 

Von HO mau(;h(jni Beamten gilt das Wort des Volkes: 

Zna i djaro iio je pravo al sTejedno De man. 
AiK'.h d»r Tf.uftil wcImh wa« Itecht beiMHt, doch er schert sich trotzdem nicht dämm, 

d(Min irianduir Uicbter denkt wie der Teufel, nach dem bulgarischen 
H|irlnhworti*: 

J'ravda ta kisela a krivda ta slasdka. 
I)aN Kocht ivt sauer, das Unrecht süss. 

Troton ein Ueicher und ein Armer vor den Richterstuhl eines 
KU ^oHinulon liichlers, bewahrheitet sich zumeist das Wort: 

Vcliki (>ovük (^OHpodar) veliko pravo, mall öovek malo pravo. 
Kill Kromidr Herr (reicher Mann), ein grosses Recht, ein kleiner Herr, ein 

kleines Recht, 

doiin, nach dem Sprich worte: 

Odjo novao govori i pravda kadsto suti. 
Wo Ucld Npricht, schweigt zuweilen selbst die Gerechtigkeit. 

Wouu sich dorgloichon öfters im Jahre vor den Augen des Volkes 
«büjnoU» Yorliort dio Obrigkeit jedes Ansehen, wird das Bechtsbe- 
\^'US8tüoiu dos Volkos im Allgemeinen herabgedrückt. Erst vor Kurzem 
vinuaUm ioh in Novi Mikanovci aus dem Volksmunde den Spruch: 

Ko pati na pravicu ne muze kravica. 
W«M auf di<^ tii'r^chtiirkoit Rücksicht nimmt der melkt das Eahlein nicht. 

loh ihoiUo diosos Sprichwort als eine Merkwürdigkeit meinem 
Mau^^ivhou mit l>rauf sie: Sinkole moj, toj red'enici vec brada sida, 
1^1 jo ov«» jh^ starija: pravica nadkrilila krivicu. (Sinn lieb* Söhnlein, 
%Ul^$^^ S)\ruch hai schon einen grauen Bart, doch noch älter ist 
j^^ttor andere Sj^uch: Die iiertvhiigkeii hat da^: Unrecht überflügelt) 
l.oU\e\t^'i b«v^U5ijrt auch die bul^:an^che Varianie: 

IV; l^u*j:iirt^ vicuk: u::d fuhlx clvu nicii anders als seine 
lvÄ,ici .n SU\v\;:i:v, V.t» K'vtV. er. S:n::. 



XVII 

Euer Hochwohlgeboren ersehen aus diesen wenigen Sätzen, 
wie das südslavische Volk über Recht und Unrecht denkt. Dieses 
ganze Werk ist nichts anderes, als eine Erläuterung von Volks- 
anschauungen, die in lebendiger üeberlieferung erhalten geblieben 
sind. Die Bewahrerin der üeberlieferung und Behüterin der gesell- 
schaftlichen Ordnung ist die Familie, die Verwandtschaft. Die 
Familie beruht auf Blutsverwandtschaft. Aus ihr entwickelt sich 
die Sippe, aus verwandten, weitverzweigten Sippen bilden sich 
Stämme. Hier hört die Blutsverwandtschaft auf. Was aber die 
Stämme eines Volkes einigt und an einander kittet, ist die gemein- 
same Sprache, in der sie dichten und streben, weben und leben. 
Aus den Geisteserzeugnissen des Volkes erkennt man das Volk. 
Was es liebt, was es hasst, was es glaubt, was es scheut, künden 
Sage und Lied. Wie liederreich ist nicht das südslavische Volk! 
Heber fünfmalhunderttausend Verse aus dem Volksmunde sind bis- 
her schon gedruckt. Doch dieser Born ist unerschöpflich. Da ver- 
i^iummt das Vöglein Nachtigall und verliert den Preis im Gesänge. 
Eia bulgarisches Volkslied meldet die Mähr: 

Sang an einem Sonntagsmorgen 
Eine Nachtigall im Garten. 
Sprach zur Nachtigall ein Mägdlein : 
— Nachtigall, o liebe Schwester, 
Lass uns um die Wette singen. 
Siegst du über mich im Sänge, 
Sei dein eigen dieser Garten, 
Dieser Garten mit den Blnmen. 
Sieg' ich über dich im Sänge, 
Sei mein eigen diese Wiese, 
Diese Wiese mit dem Grase. — 
Sangen Beide um die Wette. 
Ward besiegt das Nachtigällchen 
Von der Maid im süssen Sänge. 
Sie gewann ihr ab die Wiese, 
Diese Wiese mit dem Grase. 

Das Volkslied, besonders das lyrische, bot mir reichen Stoff 
dar für die Schilderung des Familienlebens. Nahezu der ganze 
Band behandelt nichts Anderes als das Familienrecht. Es musste 
nach einer allgemeinen üebersicht über die Verwandtschaftsver- 
hältnisse und einer Darstellung des Familien- und Sippenlebens 
auch auf die Entstehung der engeren Familie eingegangen werden. 
Da war es angezeigt, südslavisches Liebesleben zu schildern. Das 
Capitel Liebeszauber rechtfertigt sich von selbst. Hierin offenbart 



XVIII 

sich ein Stück Volksmoral von nicht zu unterschätzender Bedeui 
für die Kenntniss der Volksseele. Nun durfte ich getrost die H 
Zeitsgebräuche beschreiben. Daran schliesst sich, wie von selbst, 
Frage, auf welche Weise die engere Familie sonst noch erwe 
werden kann. So entstanden die Capitel »Adoption und Arrogati 
» Gevatterschaf tc, »Wahlbruderschaft« und » Gastfreundschaft c. 
Verhältnisse der Familie sind damit natürlich nicht besproc 
der Band ist aber genug umfangreich geworden, es war angez 
abzuschliessen. 

Die Quellen habe ich regelmässig angegeben, aus welchen 
die Lieder geschöpft. Bei Liedern, die sich fas t in jeder gross 
Sammlung als Varianten aufgezeichnet finden, unterliess ich 
Quellenangaben, um das Werk nicht unnütz zu belasten. Die üe 
Setzungen sind fast ausschliesslich von mir, denn ich nahm 
meist vordem noch nicht verdeutschte Lieder auf. Ich entle 
— aus Pietät — der Talvy drei Lieder, — aus Trägheit — 
Lieder Siegfried Eapper, und einmal Gerhard ein Spinnerin 
lied. Letzteres Lied ist in der Verdeutschung kein Volkslied n 
sondern ein Kunstlied nach südslavischem Motive, aber es g 
mir doch zu sehr, und darum nahm ich es auch auf. Ich war 
der üebersetzung allezeit bestrebt, wort- und sinngetreu zu ü 
setzen. Das üebersetzen ist eine Kunst. Wie weit ich es in di 
Kunst gebracht, darüber mögen Andere zu Gericht sitzen. Ich 1 
mein Bestes gethan, um dem deutschen Leser einigermassen we 
stens eine Ahnung von der vollendeten Schönheit der slavis* 
Originale beizubringen. 

Ein anderes, sehr wichtiges Hilfsmittel waren mir die Spi 
Wörter. Seit Jahren sammelte ich mit besonderer Vorliebe sol 
Schatz von Volksweisheit. Es gibt wohl einige grössere Sammlun 
z. B. die von Vuk, von Stojanoviö, von Danici6, von Cola 
aber das Meiste liegt in verschollenen Kalendern und Zeitschr 
begraben. An tausend noch ungedruckte Sprichwörter sandte mir i 
wackerer Freund Vid Vuleti6 Vukasovi6 aus Dalmatien ein, 
viele sammelte mein alter Mitarbeiter Dr. Philipp Low, viele, 
viele zeichnete ich noch als Gvmnasiast auf, überdies schickte 
mein bewärter Freund Nikola Tordinac des bosnischen Frai 
kaners Ju ki 6 ungedruckte Sammlung ein, kurz, es stehen mir J 
in Allem über vierzigtausend Sprichwörter zur Verfügung. Di 
fanden an siebenhundert in diesem Buche Verwerthung. Es 
nicht alle Kechtssprichwörter, alle aber, denke ich, sind chan 



XIX 

Ls irisch f&r das Volk. Ich gebrauchte sie so, wie sie vom Volke ange- 
rskndt werden, als Bekräftigung einer Sitte, eines Brauches, einer 
Anschauung, hütete mich aber wohl, von ihnen immer auszugehen. 
iftit dem Sprichwort steht es so, es kann Alles und auch nichts 
beiiveisen, es kommt eben auf die Anwendung an. 

Eine Art von Sprichwörtern sind die Pitalica. Merkwürdig 
Ist das Wort, merkwürdig die Sache. Es sind kleine, zugespitzte 
Tragen, auf die eine kurze, zugespitztere Antwort folgt. Jede Pitalica 
^ngtmit pitali, d. h. »sie fragten«, an. Daraus wurde ein Nomen 
gebildet. Viele Pitalice sind thatsächlich nichts anderes, als Sprich- 
wörter in Frage und Antwort gefasst, die meisten aber laufen auf 
einen Witz aus. üeber die Pitalice konnte ich nicht hinweggehen. 
Jedes Volk hat eigenen Witz, eigenartigen Humor. Es gibt auch 
einen Humor im Recht, und das Recht wird erst durch die Kennt- 
üiss dessen verständlich, was im Volke als humoristisch gilt. An 
vierzehnhundert Pitalice von ungleichem Werthe veröffentlichte 
TukVröevi6, der rastloseste Sammler unter den Südslaven, in 
der nunmehr vergessenen Zeitschrift Srpska zora, manche finden 
sich auch in alten Kalendern, einige habe ich selbst gesammelt. 
Bei den Vrßevi6'schen Pitalice fügte ich jedesmal in Klammern die 
Z*hl der betreffenden Pitalica ein. Bei den Sprichwörtern musste 
ich aus Raummangel auf Quellennachweise verzichten. Manches 
Sprichwort ist übrigens so alltäglich, dass ein solcher Nachweis 
S^nz überflüssig erscheint. Wenn ich aber in allen Quellen nur ein- 
^ü dem einen oder andern Sprichworte begegnet war, so war es 
^ohl nothwendig, die Quelle anzugeben. 

Die Volkssage und das Volksmärchen waren gut zu verwenden. 
Hier schildert sich das Volk selbst und malt mit Behaglichkeit 
Sitte und Brauch aus. Im Märchen sticht mehr das Ausser- 
gevröhnliche, Ungeheuerliche auf, die Sage theilt dichterisch ver- 
klärte Thatsachen mit. In der Sage und im Märchen sind auch die 
meisten Erinnerungen an uralte Rechtssjmbolik aufbewahrt, durch 
welche so manche Rechtsanschauung der Gegenwart klarer be- 
leuchtet wird. 

Mit den angeführten Mitteln allein wäre es indessen mit 
dem besten Willen kaum möglich, eine wissenschaftlich sachgemässe 
und befriedigende Arbeit über das Gewohnheitsrecht zu liefern. 
Niemand vermag sich selbst objectiv zu schildern. Es müssen auch 
die Stimmen derjenigen vernommen werden, die durch ihre höhere 
Bildung gewissermassen über dem Volke stehen und das Volk aus 



XX 

eigener Beobachtung in dieser oder jener Hinsicht genauer kennea 
gelernt haben. Als stimmberechtigt gelten mir nnr Leute, die au 
der Mitte des Volkes entsprossen, ohne Hass und Eifer Gesehene.* 
und Erlebtes berichten. Auch der Tourist erlebt und sieht mancher- 
lei, doch leider wimmelt es von allen mugliehen und unmöglichen 
Schnitzern in der schon ziemlich grossen Touristen-Berichterstatterei 
über die Südslaven. Ich Termeide es, um des lieben Friedens 
willen, irgend einen der Tissots namhaft zu machen. Keiner ist 
zweimal lesenswerth. Ich geniesse die Ehre der persönlichen Be- 
kanotschaft eines solchen grossen Mannes. Selbiger Forscher hat 
zwei dicke, iilustrirte Quartbände über Serbien und Bulgarien in 
die deutsche Büchersee stechen lassen. Er gerirt sich als der 
hervorragendste Kenner südslavischen Tolksthums. Und dieser 
gründliche Mann kann serbisch und bulgarisch weder sprechen noch 
schreiben. Hat in seinem Leben kein südslavisches Buch gelesen. 
Was ihm an Wissen fehlt, ersetzt er, wie soll ich nur sagen, durch 
unTerwüstliche Ueberzeugungstreue. Durch Kameraderie bat * es 
dieser Herr in deutschen Landen zu einer gewissen Berühmtheit 
gebracht, mit unserer Wissenschaft steht es aber, Gottlob, nicht 
so schlecht, dass wir solcher Gewährsmänner bedürften. 

In der That ist das Material über südslavische Sitten und 
Gebräuche sehr gross, nur ist es leider fast unzugänglich, denn es 
ist doch gar zu zerstreut in alten Volkskalendern und sonstigen 
Volk.sbüchern. Vieles bergen Zeitschriften. Seit fünfzehn Jahren 
betrieb ich aus eitel Liebe und Lust zu unserem Volksthum diese 
Leetüre. Ferne von der Heimat, blieb ich mit der Heimat in 
engt^r Fühlung. Ich besass für mich eine Welt, von welcher die 
deutsche Welt keine Vorstellung hatte. Nun ward mir die Gelegen- 
heit geboten, darzuthun, was ich gelernt. So mangelhaft und unzu- 
reichend diese Arbeit auch ist, ich habe sie doch mit meinem 
H^-rzblute geschrieben, immer bemüht, die Wahrheit zu sagen, ohne 
Kücksicht darauf, ob sie Jemand genehm oder unangenehm sein 
dürfte, ob sie Nutzen öder Schaden stiften wird. Ich habe die 
}M'nützt*»n Quellen nicht blos trocken namhaft gemacht, sondern 
auch ihren Werth nach Thiiulichkeit besprochen und eine Literatur 
ans Tageslicht gezogen, von der selbst unter den Südslaven kaum 
vi(*r Menschen eingehende Kenutuiss besitzen. 

Die Kritik dieser Quollen ist wesentlich verschieden von der 
Kritik, welche von Philologen bei Herausgabe alter Texte oder bei 
grammatischen Untersuchungen angewandt wird. Eine Handschrift 



XXI 

vst bald copirt, eine Untersuchung über den Gebrauch des Aocu- 
aatiys bei Horatiuis bald geschrieben. Zu solchen Arbeiten braucht 
man nicht so sehr starken Geist als starkes Sitzfleisch zu haben. 
\3iisere Quellen kann dagegen nur Jemand mit Erfolg benützen, 
der ans dem Volke hervorgegangen ist, das Volk mit Liebe studirt 
und die Leute gründlich kennen gelernt hat, die über das Volk 
berichten. Einmal besitzt er yon Haus aus durch die Kenntniss 
der Volkssprache und des Volkslebens die Mittel, um einen Volks- 
schriftsteller beurtheilen zu können, dann hilft ihm auch die lange 
Hebung, zumal wenn er sich nebenbei auch mit dem Studium des 
VolJLsthums verwandter Völker beschäftigt hat. 

Auf diesem Specialgebiete hat sich unter den Slaven besonders 
Prof Dr. Valtazar Bogi§i6 hervorgethan. Im Jahre 1864 ver- 
öffentlichte er in der kroatischen Zeitschrift Knjiievnik den 
ersten Theil einer leider nie vollständig erschienenen Abhandlung : 
»Deber die Wichtigkeit des Sammeins von Volks- und Rechts- 
gewohnheiten bei den Slaven«. (0 va2nosti sakupljanja narodnijeh 
praTnijeh obiöaja kod Slovena.) Durch diese Studie wies er der 
SUnstik neue Bahnen. »Das eigentliche Ziel des Büchleins war,< 
^ sehrieb Bogidi6 achtzehn Jahre später, »auf Grund von That- 
Sftchen, die aus zeitgenössischen Schriftstellern geschöpft waren, den 
Nachweis zu liefern, dass bei uns (d. h. den Südslaven) nicht wenig 
Bechtsgewohnheiten noch in lebendiger Kraft bestehen (da jo§ 2ive) ; 
(ferner wollte ich zum Sammeln anregen, durchaus mich aber nicht 
i^uf eine tiefere Kritik der Quellen bezüglich ihrer geringeren oder 
grösseren Glaubwürdigkeit einlassen.« Bogi§i6 hat mit Nutzen die 
finindsätze J. Grimmas und anderer deutscher Foxscher sich zu 
^igen gemacht und in der Einleitung zusammengefasst. In der 
Abhandlung selbst hat er weder das Volkslied noch die Volks- 
v^age herangezogen. Zu Anfang eines jeden Abschnittes führt er 
zusammenhanglos eine Beihe slavischer Volkssprichwörter an. Als 
(juellenverzeichniss ist das Schriftchen wohl noch zum Theile werth- 
vuli. Wie es sich bei einem Südslaven eigentlich von selbst ver- 
>teht berücksichtigte Bogi§i6 am eingehendsten eben die Südslaven 
und druckte unter Anderem auch die Antworten einiger Freunde 
il». bei denen er besondere Erkundigung eingeholt. Er führt sie 
namentlich an: Graf Nikolaus Puci6 (Pozza), der berühmte dalma- 
tinii^che Dichter (aus Ragusa) und der Franziskanermönch Simon 
MiliDovi6 aus Zengg referirten über Dalmatien, der damalige 
Schulinspector Vukeli6 über die Bunjevci in der nunmehr auf- 

Krauts. SitU o. Oewohnbeitnrecht d. SQdal. II 



xxu 

gelösten Militärgrenze und Peter Y asilijev d 2 a k o y aus Leskovci 
über Bulgaren. Die Berichte dieser Männer fanden auch in meinen 
Buche, soweit sie Neues darbieten, gewissenhafte Yerwerthung. 

Im selben Bande des EnjiSevnik, S. 600 — 613, publicirU 
Bogi§i6 347 Fragen über das Gewohnheitsrecht der Südslayen. Diesei 
Fragebogen erschien nachträglich in 4000 Exemplaren besonders 
und wurde im ganzen Süden an Schullehrer und Priester zui 
Beantwortung eingeschickt. Ein Theil des auf diese Weise erlangter 
Materiales erschien im Jahre 1874 in Agram unter dem Titel 
»Der Sammler zur Zeit noch bestehender Bechtsgewohnheiten be: 
den Südslaven. Entworfen, gesammelt und geordnet yon Y. Bogi- 
^16. Erstes Buch. Herausgegeben von der südslavischen Akademie 
der Wissenschaften und Künste.« (Zbornik sadaSnjih praynih obi- 
(^ja u ju2nih Sloyena. Osnovao skupio uredio Y. Bogi§i6 etc 
S. LIX +710.) Die Einleitung bis S. XLYII hat mit dem Abdruckt 
der Antworten nichts zu schaffen. Bogi§i6 bespricht nämlich die 
Stellung der Professionsjuristen zu dem Studium des Gewohnheits- 
rechtes und citirt Ansichten verschiedener deutscher, französischer 
und russischer Gelehrten. Yon S. XLVIII — LIX macht er des 
Weiteren seine Berichterstatter namhaft und fügt daran noch einige 
Bemerkungen an über den Werth des gebotenen Stoffes. Der Stoff isfl 
in der Weise geordnet, dass auf jede Frage die darauf erfolgter 
Antworten einfach der Reihe nach abgedruckt sind. Yon einer Yer- 
arbeitung des Stoffes ist hier keine Bede. Nur einmal, auf S. ölt 
bis 615, ist ein kleiner Ausatz zu einer Yerarbeitung genommen 
Einen grossen Theil des Stoffes konnte ich bei meiner Arbeit seh 
gut verwerthen, ein nicht geringer Theil dieser Sammlung ist abe^ 
wissenschaftlich nicht verwendbar, denn die Berichterstatter liessej 
sich nur zu oft die einfältigsten Dinge zu Schulden kommen. 

Es beantworteten den Fragebogen folgende Herren: 

Aus Bulgarien: St. Z aha rijev, Lehrer in Tatar-PazarJ- 
^iik (ein vortrefflicher Beobachter, schreibt kurz und gut) und 
P. OdÄakov, Lehrer in Komrat in Bessarabien (Specialist in 
Hochzeitsgebräuchen). Die Antworten dieser Herren liess Bogisic 
aus der bulgarischtMi Mundart iu dio kroatische übertragen, nui 
die vereinzelten Sprichwörter blieben unangetastet. 

Aus Serbien: Z. Kadoujic, Priester im Sabacer Kreis 
K. Gvjetkovic, Gericht<:schrt'iber (Ljubovijski und azbukovaeki srez) 
M. Krstic, Lehrer (Rogjevski und azbuk. srez), D. Jovanovic 
stud. jur. (gurgusova^ki oder knjaievski okrug). 



xxni 

Ans Bosnien: Die Franziskaner 0. Marti6 and E. Had- 
2iristi6. 

Ans der Hercegovina, Crnagora und der Bocca: V. Vrßevi6 
(einer der erfahrensten Kenner des Volkes; f ^^ August 1873); 
ans der Hercegovina und der Eatunska nahija in der Crna- 
gora: L. VukaloYic (der bekannte Insurgentenanführer) und 
sein Sohn Bogdan, und M. SredanoYi6 (mündlich von Bogigi6 
befragt). 

Aus Dalmatien: M. Beusan, Pfarrer (2upa und Konavli), 
Lncijanoviö, stud. phil. (Insel Lagosta = Lastoyo); J. Su§ak, 
sind. phil. (Zengger Gegend); Conte J. Dede- Jankovi6 (Zaraer 
Kreis): St. L j üb i§a (als ausgezeichneter Erzähler bekannt) referirte 
mändlich über Budva (PastroTi6i); P. Magud, Seecapitän (Konavli); 
U. Marino yi6, stud. jur. (Makarska). 

Ans dem Banat: KarakaSeyiö, Lehrer. 

Aus Syrmien: Mijat Stojanovi6 (Semliner Gegend). 
!Jonst hat sich dieser Mann als Sammler um die Volkskunde be- 
deutende Verdienste erworben, in diesem Falle sich aber nichts 
weniger als ausgezeichnet). P. Andri6, Pfarrer (Peterwardeiner 
G^end) und F. Ti^ak, Lehrer in Stara Pazva. 

Aus Slavonien: M. Vali6, Lehrer in Garöin bei Brod 
Bnd V. Schmidt, stud. jur. 

Aus Kroatien: S. Valdec, Pfarrer (Kreuzer Comitat); 
M-Zngschwerdt, Lehrer (Varazdiner G.) ; S. Ku6ak, Professor 
^n Agram; Beloäevi6, desgleichen; N. Radi 6, Pfarrer (2um- 
kerak): D. Vurdelja, Lehrer in Titel (an dem Manne ist ein 
Humorist yerloren gegangen) und J. Potoönjak, Techniker (Novi 
im Vinodol). 

Von Slaven aus Steiermark, Krain und Kärnten waren keine 
Beitrage eingeflossen. 

Es ist mitunter wahrhaftig keine geringe Aufgabe gewesen, 

ans dem Gewirr widersprechender und unzureichender Angaben den 

wahren Thatbestand herauszufinden. Nur wer die ganze einschlägige 

Volksliteratur der Südslaven einigermassen studirt hat, kann aus 

dem >Sammler< in ethnographischer Hinsicht einen rechten Gewinn 

zif'ben. Prof. Bogi^ic musste dieses Material entweder in der Art, 

wie ich es versucht, verarbeiten, oder die Antworten, wie sie gehen 

ond stehen, drucken lassen. Er hat das Letztere gethan, ohne sich 

des Näheren sonst irgendwie auszusprechen. Aus der Art und 

Weise, wie die Herren die eine oder andere Frage verstanden oder 

n* 



XXIV 

missverstanden und beantwortet, schöpfte ich die Kriterien über die 
Zuverlässigkeit der Angaben im Ganzen, sowie im Einzelnen. Ich 
habe das ganze dicke Buch zehnmal von Anfang bis zu Ende 
genau gelesen und mir über jeden Berichterstatter ein ürtheil 
gebildet. Einen anderen Ausweg hat der Ethnograph nicht, wenn 
er gründlich und gewissenhaft arbeiten mag. Er muss mit der 
Auffassung eines jeden dieser Berichterstatter rechten, von welchen 
nicht ein einziger Schriftsteller von Beruf ist, die meisten aber 
Männer aus dem Volke sind, und sonst nie, ich will mich einer 
classischen Wendung bedienen, >zur Feder gegriffen« haben. 

Als ich dieses Werk in Angriff nahm, schrieb ich an den 
hochverdienten Veteran südslavischer Volkskunde, Herrn Professor 
Matija Valjavec in Agram, und ersuchte ihn um einige Bücher. 
In einigen Tagen war ich schon im Besitze der Bücher und einer 
sehr umfangreichen, bisher noch ungedruckten Sammlung von Auf- 
zeichnungen über kroatische und neuslovenische Bräuche. Das war 
eine freudige üeberraschung ! Unaufgefordert und ungebeten sandte 
er mir diesen Schatz ein, damit die Wissenschaft gefördert, und 
in der Welt Liebe zu unserem Volksthum erweckt werde. Ich habe 
viel und mit grossem Nutzen aus diesem M9,nuscript geschöpft. 
Ein grosser Theil des Capitels über Liebeszauber beruht auf Notizen 
des Prof. Valjavec. üeber Bräuche in Kroatien berichtete mir 
noch mein Freund Dr. Philipp Low in Kreuz. Ein feiner Kenner 
kroatischen Volksthums. Aus Slavonien unterstützte mich besonders 
mein Freund Nikola Tordinac, Caplan in Ivankovo. Er sam- 
melte an tausend Volkslieder und stellte sie mir zur Verfügung. 
Im Einverständnisse mit ihm übergab ich diese Lieder unserer 
anthropologischen Gesellschaft zur Publication. Auch verdanke ich 
ihm eine Beihe sehr werthvoUer alter slavonischer Kalender. Herr 
Vid Vuletiö Vukasoviö, Lehrer zu Curzolla in Dalmatien, 
als ausgezeichneter Erzähler und Sammler weit über südslaviscbe 
Lande hochgeschätzt, überliess mir seine reiche Sammlung von 
Volksliedern, Sagen, Märchen und Sprichwörtern. Auch er schenkte 
seine Sammlung, wie Herr Tordinac, unserer Gesellschaft, deren 
Mitglieder zu sein, Beide die Ehre haben. Mein Freund, Hauptmann 
Karl Gröber, der bekannte Dolmetsch südslavischer Volkslieder, 
übergab mir seine Aufzeichnungen, die er in Bosnien während der 
Occupation gemacht. Herr Vjekoslav Pretner, der sich als 
Herausgeber und Bedacteur der Zeitschrift Slovinac um die 
heimische Volkskunde bedeutende Verdienste erworben, versäumte 



XXV 

es diesmal ebensowenig als sonst, meine Anfragen zu beantworten 
nnd mir gewünschte Behelfe zuzuschicken. Mit Büchern versorgten 
mich noch unter Anderen mein verehrter Lehrer aus Po2ega, Herr 
Prof. Franz Eog6al, Don Mili6evi6, der Herausgeber des 
HercegovaSki Bosi^ak in Mostar, Herr Gj. Medakovi6 in Belgrad, 
Herr Fran Levec, Bedacteur des Ljubljanski Zvon in Laibach 
und die Studentenverbindung Srpska Zorain Wien. Mundlich 
pflog ich Erhebungen in Wien bei den Herren P. üzolac und 
Dimi6, Beide geborene Likaer, Herrn J. Herzog aus Slavonien 
und Herrn S. Jovanovi6, einem Bulgaren aus der Umgebung 
Tön Sriedec. 

Auf meiner jetzigen Forschungsreise zu den Südslaven gelangte 
ich vor drei Wochen nach Novi Mikanovci, da singen die Mädchen 
im Reigen: 

MikanoTci, DOrflein auf dem BergleiD, 

Da mein DOrfleiD, liegst an meinem Herzlein. 

Ich nahm den Weg geradeaus zur letzten Baulichkeit des 
Dorfes, zum Schulhause auf der Anhöhe, allwo die blauäugige, 
blondgelockte Königin von Mikanovce thront. Die sammelte an sech- 
zehnhondert Volkslieder, Sagen, Märchen, Bäthsel, Sprichwörter und 
Ueinerer Beiträge zum Volksglauben und übergab mir den Schatz als 
Geschenk für unsere anthropologische Gesellschaft. Als Abgesandter 
der Gesellschaft dankte ich dem Fräulein Elothilde Euöera nach 
^tsudslaviscbem Brauche, nach der Weisung des Volksdichters: 

Zieh* die Mütze nnd verneig' dich bis zur schwarzen Erde. 

Komme ich ein zweitesmal in dieses Dörflein, so will ich 
mich vor diesem Mädchen dreimal verneigen, denn sie hat mich 
durch die sorgfältige Ausarbeitung des Registers zu meinem Werke 
2ofs tiefste verpflichtet. 

Also haben Zeit, umstände und gute Menschen zusammen- 
gewirkt, dass ich in verhältnissmässig kurzer Zeit diesen Band, als 
'ien ersten Theil eines grösseren Werkes, in die Welt schicken kann. 
Jr-h fühle mich für meine anstrengende Geistesarbeit reichlich schon 
dadurch belohnt, dass mir Euer Hochwohlgeboren und Prof. Friedrich 
Müller ihre Zufriedenheit ausgesprochen haben. Wohl werden, wie 
es immer der Fall ist, Andere anders urtheilen. Die Zahl der Alles- 
^iesserwisser ist seit jeher grösser gewesen, als die Zahl der schaffen- 
den Schriftsteller. Sollten sich, durch mein Werk angeregt, neue 
Kräfte diesen Studien zuwenden, so bin ich der Erste bereit, neidlos 



XXVI 

fremde LeistuDgen aDzuerkennen. Mein Grundsatz war stett 
dieser Richtung das kroatische Sprichwort: 

Tko zna bolje, rodilo mn po]je. 
Ist wer auf besserer Spur, gedeihe ihm die Flur. 

Morgen reise ich nach Bosnien, um dort Land und Le 
zu studiren. Ich werde Euer Hochwohlgeboren regelmässig ü 
die Erfolge meiner Erhebungen Bericht erstatten. Möge indes! 
mein edler Gönner, in guter Erinnerung behalten, seinen alle 



Brod a. d. Save, den 22. September 1884. 

getreu ergebenen 

Krauss. 



Inhalts-Verzeichiiis. 



_, Seite 

^11 Brief ai den Präsidenten der anthropologiechen Qeeellechaft in 

Wien V-XXVI 

I. Die Sippe. Umfang der verwandtschaftlichen Beziehungen . . 1—14 
II. Ans der älteren Zeit. Zupa, pleme, oböina 15—31 

III. Ans der neueren Zeit. Das bratstvo. Die Entstehung der Zu- 

namen (Familiennamenj. Das Sippenfest. Das pleme . . . 32—63 

IV. Die Hansgemeinschaft 64—78 

V. Die Vorstände und Verwalter einer Hausgemeinschaft . . . 79—91 

VI. Von den Rechten und Pflichten der Hausgenossen einander 

und der ganzen Gemeinschaft gegenQber 92—103 

V 1 1. Vom beweglichen und unbeweglichen Gut einer Hausgemeinschaft 104—107 

VIII. Tbeiinng der Hansgemeinschaft 108-128 

Liebesleben 129—158 

Liebeszauber 159—182 

I. Liebesentzweiung 183—196 

>^ll. MädchenverfQhrung und Blutschande 197—227 

^111. Bigamie und Concubinat 228—244 

^1 V Hädcbenraub (grabet, otmica) 245-271 

X.V Die Aussteuer 272-298 

^Vl Die Wahl för's Leben 299—330 

^^11. Heiratsbedingungen. Das Lebensalter, in welchem man heiratet. 
Die Reihenfolge, nach welcher Verwandte und Geschwister 
heiraten. Ehehindernisse. Zeitraum zwischen Verlobung und 
Hochzeit. Literatur über Hochzeitsgebräuche. Das Hochzeitslied 331 — 353 

.^Viii. Werbung und Verlobung 354—379 

XlX. Die Hochzeit 380-453 

XX. Das Beilager. — Besuch und Gegenbesuch 454-465 

XXI. Der Erbtocbtermann 466—481 

XXII. Das Weib 482-529 

UlU. Die junge Mutter und das Kind 530-559 

XXIV. Die Ehescheidung 560-575 

XXV. Das Witwenrecht 576-582 

XXYI. Vormundschaft 583-590 

XXYli. Adoption und Arrogation 591—605 

XXVill. Gevatterschaft. Kumstvo, kum. kuma, (kumica), kumce, big. 

krstnik (Der T&ufling). kumöad, djever, djeverstvo .... 606-618 

XXUL Waklbruderscbaft und Wahischwesterschaft 619—643 

XXX. Die Bastfireundschaft (Do^ek) 644-658 

Hfgister 659-681 

BeHcbtignngefl 682 



I. 

Die Sippe. 

(Serb. kroat. STOJta; nsloT. svojita; bulg. svoinstvo, soj; 

nsIoY. auch 2 1 a h t a. ^) 

Umfang der verwandt8chaftiichen Beziehungen. 

Die gesammte gesellschaftliche Ordnung bei den südslavischen 
^olksstämmen beruht wesentlich auf der Grundlage verwandtschaft- 
licher Beziehungen. Dieselben sind bei den yerschiedenen Stämmen^ 
^cht überall in gleichem Masse scharf ausgeprägt, vielmehr treten 
^^ischen den einzelnen Gegenden die schärfsten Gegensätze hervor, 
^or allen anderen nehmen die Stämme der Crnagora, der Herceg- 
OTina und zum Teil die Bewohner der Bocca di Cattaro, namentlich 
'^ Umkreise von Budva (Stamm Fastroviöi), gegenwärtig noch 
^üie Ausnahmsstellung ein, insoferne als bei ihnen das Bewusstsein 
<l«r Zusammengehörigkeit der von ein und demselben Vorfahren 

') Svojta (sYojbina in Dalm.) in altserb. Denkm. svojtb, collect. 

affines^ die Verwandtschaft, z. B.: odb svojti knezb Ivan^ SanBtiÖb. 

Vettere Belege bei Daniöid. ije^. iz srp. st. III. S. 92. Adj. svojstvbnB olxtiog, 

fiQiiliaris. sksts.: sva (sein); griech.: 0(p6g, io^; lat: saus; lit.: savas. — 

^oj. wOrtL das Angesetzte, snskd. sad; griech.: iiT; lat: sdd; wie von 

rod (sDsk. yrdhi, wachsen), rOj (Bienenschwarm), so von s&d: s6j. In der 

Bedeotnng Sippe nur bei den Bulgaren gebräuchlich (vergl. OdiakoY im 

Zbomik S. 18 u. 379). Im serb. Volksliede in der Bedeutung Stand, Rang: 

»mlidi Drei so ja gospodskoga«. Vuk im rijeönik S. 699. a. b&lt soj irrtümlich 

ftr ein türkisches W. — 2lahta. pol.: ölachta; 2ecb.: Slechta. Lehnw. 

US d. Deutsch, altd.: slahta; mittelbd. : slahte; altfr. slacht. Verwandt- 

»chafl, neubd.: 6e -schlecht Belege bei Matzenauer. Ciii slova 

▼ 5lOT., s. V. 

") Die südslavischen Schriftsteller sprechen von einem »südslavischen 
Stamme« (pleme Jugoslovina oder jugoslavensko pleme), dann wieder 
loa einem neoslovenischen, kroatischen, hercegovinischen, montenegrinischen, 

Craat«. Sitte n. GewohnheiUrecbt d. SQcUl. 1 



abstammenden Familien, noch immer das ganze Volksleben ti 
durchdringt. 

Derartig blutsverwandte Familien bilden unter sich eil 
politische (territoriale) und sacrale Vereinigung mit gemeinsam 
Grundbesitz. Dieser Verband wird bratstvo (Bruderscha 
griech. (fgargfa) genannt. Aus mehreren bratstva, die ihren Urspru; 
von einem gemeinsamen Urahn ableiten, entwickelt sich das plen 
(Stamm, griech. yv^i}). Zur weiteren Uebersicht über diese V( 
hältnisse scheint es rathsam, zunächst die engeren yerwandtscha: 
liehen Beziehungen , und zwar die nächste Blutsanverwandtschs 
ins Auge zu fassen. 

Die Südslaven unterscheiden im Allgemeinen sehr genau d 
Abstufungen und Gliederungen der Verwandtschaft. Eines mu 
man sich dabei stets gegenwärtig halten, dass nur der Mann sowo 
im öffentlichen Leben als daheim in Verwaltungsangelegenheit< 
mitzählt. Die Sprache betont dies, indem sie nur den Mann a 
einen Menschen ßovjek (alt: ßloTJeki») bezeichnet. Das We 
tritt überall in den Hintergiund. Sie ist nur das Mittel zur Weite 
Verpflanzung der »Menschen«, die Gebärerin »2ena« {yvv^). Dah 
kommt der weiblichen Linie der männlichen gegenüber nur eil 
untergeordnete Bedeutung zu. 

Wir wenden unsere Aufmerksamkeit demgemäss zuerst d 
männlichen Linie zu. Man zählt acht bis neun Glieder in av 
steigender und ebensoviel in absteigender Linie. Tatsächlich pfle 
in Gegenden, wo fremder Einfluss vorherrscht, die Zählung eil 
minder sorgfältige zu sein. Die Neuslovenen zählen nur vi 
Glieder. In Makarska, einem kleinen Städtchen zwischen d< 
Cetina und Neretva, und in der Umgebung zählt man nach Mar 
novi6 blos mehr vier Glieder. Dasselbe gilt nach Badi6's Zea( 
nisse für ^umberak in Kroatien. Dies erklärt sich von selbs 
Im Küstenlande sind diese Verhältnisse die Folge der Alles nive 
lirenden Meeresnähe, während unter den Neuslovenen und zu 
Theil unter den Kroaten die deutsche Cultur den Zersetzung 
process bewirkt hat. Zugschwerdt behauptet gar, das Vo 

serbischen, bulgarischen »Stamme« (pleme), um die ein und dieselbe Mnnd^ 
redenden Bewohner einer Gegend von den Bewohnern einer anderen Gege 
ethnographisch zu unterscheiden. Dasselbe Wort dient aber auch zur Bezei« 
nnng einer tribns und ausnahmsweise einer gens. Aus dem Zusammenhan 
in welchem das Wort gebraucht wird, geht auch seine jeweilige Bedentn 
hervor. Ich nahm keinen Anstand, darin meinen Landsleuten zu folgen. 



wisse in Bednja in Kroatien überhaupt nichts mehr von einer 
Keihenfoige der Glieder. In ihrem yoiien Umfange ist diese Be- 
hauptung Zugschwerdt's nicht stichhältig. Was man nicht mehr 
weiss, ist lediglich das Bechtsverhältniss, in welchem ein entfernter 
Scitenyerwandter zur Sippe oder auch der Familie im engeren Sinne 
einerseits und die Sippe zu dem Einzelnen, dem Individuum anderere 
seits steht. Auf einer solchen Stufe befinden sich z. B. die Syrmier. 
Für StroSinciin Syrmien wird uns wenigstens von A n d r i 6, einem 
xnyerlässigen Gewährsmanne, berichtet, dass das Volk die Gliederung 
x^&r noch kennt, aber nimmer recht auseinanderzuhalten versteht. 
Einen untergeordneten Werth besitzt in unserem Falle Vröevi6's 
Zengniss für die Hercegovina, die Crnagora und die Bocca, 
wenn er sagt: »Selten vermag einer genau die verwandtschaftlichen 
Abstufungen zu unterscheiden, ausser hie und da ein alter Mann; 
&W auch nicht jeder Pfarrer oder Mönch versteht sich darauf, 
wenn die Sache auch nur einigermassen verwickelt ist, sondern 
inan wendet sich in zweifelhaften Fällen an den Vladika, damit 
«lieser die Sache entscheide!« Dieser Satz mag wohl allein für 
Trebinje, wo Vrßevi6 Consul gewesen, einige Berechtigung 
besitxen, für die Crnagora und die Hercegovina im Allgemeinen 
l^t er sie gewiss nicht, wie dies uns ausdrücklich von Vukaloyiö 
bestätigt wird. Er sagt nämlich: »So viel ich weiss« — wenn es 
überhaupt Einer wissen konnte, so war es Vukaloviö, der gewiegte 
Volksmann — »unterscheidet das Volk die Glieder (koljena) der 
Verwandtschaft, und zwar fängt man bei den Brüdern als dem 
ersten Gliede zu zählen an, ihre Kinder bilden das zweite Glied 
Q*8.w.; so zählt man weiter bis zum achten Gliede.« Vukaloviö 
denkt hierbei an die männlichen Seitenlinien. Wir können darauf 
vor der Hand nicht eher eingehen, als bis wir die gerade Linie 
^gestellt. Ich will dies im Folgenden durch ganz genaue Be- 
zeichnungen klar machen. 

Die männliche Linie wird kurzweg rodja oder rodbina, 
Venrandtschaft, genannt. Ein verheiratetes Weib sagt z. B. wenn 
iie ihren Angehörigen im Stammhause eiuen Besuch abzustatten 
im BegrüFe ist: idem u rodbinu (ich gehe zur Verwandtschaft). 
Ebenso würde sich ein Mann ausdrücken, der in der Fremde weilt. 
Des Gatten Verwandtschaft nennt die Frau svekrbina, der Gatte 
<lie Verwandtschaft seiner Frau tazbina. Im Gegensatz zur 
leiblichen Linie heisst die männliche debela krv (dickes Blut), 
maika krv (männliches Blut), mu^ka loza (männliche Bebe) oder 



auch kurzweg krv (Blut) — svojtapokryi (die Blutsverwan 
Bchaft) — oder loza (Bebe) — loza po kryi (die Bebe nach d 
Blute), bulg.: lozen, koren (Wurzel), soj (Stand), oSter (ser 
kroat.: ostoije, sto2er = Mittel- und Stützpfahl) genau 
Treffend drücken die Neuslovenen diesen Unterschied durch r 
(Wachstum, Verwandtschaft) und prirod (Zuwachs) aus. lA 
theilt die männliche Linie in sechzehn oder achtzehn Glieder 
(koljena = Eniee; in kroat.: rozgve = Abzweigungen, o< 
svrSi "B Ableger), und zwar in neun oder acht aufsteigei 
und ebensoviel absteigende Glieder. 

Die Benennungen der aufsteigenden Glieder') sii 
I. Glied. (Koljeno): Mann und Weib als Vater und Mutti 
d. h. Eltern. 
(Mann. In Kroatien und unter den Slovenen mi 
ebenso bei den Bulgaren : md2. Suprug (Gespoc 
Sonst ßovjek, der Mensch xot i^ox^'- Voj 
(Krieger, im Volksliede; ursprünglich: ffausj 
nosse). — Das Weib: 2ena, supruga, s 
dru2nica (Genossin).) 
Vater: otac, bäbo, neuslov.: oöe, gen.-eta, bv 
bagto. Koseworte: tata, 6a6a 6a6e, dak; 
(in der Lika), 6aöko, 6a le (in der HercegOTii 
sonst nur im Volksliede), bulg.: öiöo; babajl 
(Lehnwort aus dem Türkischen) und roditelj (n 
im Volksliede). 
Mutter: mater, mati. Koseworte: majka, ma 
öica, maja, nana; roditeljka (im Volkslied* 
Eltern: roditelji, naroditelji (im Volkslieds 
(Nach Uzelac gewöhnlich in der Sayegegend.) 
II. Glied. Grossyater und Grossmutter. 

(Grossvater: djed, djedo; in Ragasa das Vol 
6a6e stari, die Adeligen: Gospar stari (d 
alte Herr), nsL : ded oder stari o(^e, bulg.:dja( 
starec, Koseworte: djeko.) 

*) Literatur. 1. Die Referenten bei Bogidiö. 2. Slovinac. Jah 
VII, Nr. 7, S. 107—108: Imena rodbine i svojbine (in Dalmatien). 3. Koti 
rokodelske 1855, S. 250 und 254. Slovenski rodovnik ilahte in sTakovS^i 
pis. Janez Zalokar. 4. Opisanje na Eratovskata kaza von £. Earanov 
Period. spis. Brajla 1876, S. 127. 5. schöpfte ich aus Volksliedern, Sagen i 
Märchen. Eine etymologische Erklärung jeder Benennung zu geben, ist l 
nicht am Orte. 



Grossmutter: baba, Eoseworte: babica, baka, 
majka stara, gospa stara (wie zuvor). 

. Glied. ürgrossYater und ürgrossmutter. 

(ürgrossyater: pradjed, usL: predded oder 

stari stari oSe; big.: pradjado; dialektisch: 

pradido. 
Ürgrossmutter: prababa, nsl.: predbabioa 

oder stara stara mati; bulg.: pranana.) 

IV. Qlied. ürurgrossvater und ürurgrossmutter. 

(ürurgrossvater: prapradjed oder Sukundjed, 
dialektisch: Sokundjed, Sakundjed(Dalm.)9 öo- 
kundjed, öukundjed (in Serbien), kuSumdjed 
und kugundjed (in Dalmatien). 

ürurgrossmutter: praprababa, djedova baba. 
Sukumbaba sagt man nach dem Zeugnisse CTJe- 
toviö's nie. Vurdelja meint, in der Lika nenne 
man die Ahne im neunten Oliede äokundbaba; 
er vermuthet dies blos, doch mit Unrecht. Unser 
Gewährsmann im SloYinac führt dagegen die 
Formen an: Sukunbaba, Sokunbaba und pra- 
prababa.) 
^.Glied. Vater und Mutter des Ururgrossvaters: 

otac i matiprapradjeda, pra§ukundjed(Dalm.). 

n. Glied. Grossvater und Grossmutter des Ururgross- 
vaters: 
djed i baba prapradjeda, prapraSukundjed 
(Dalm.). 
fll. Glied. Urgrossvater des Ururgrossvaters: 
pradjed prapradjeda. 

UI. Glied. Ürurgrossvater des Ururgrossvaters: 
prapradjed prapradjeda. 

IX. Glied. Der Vater vom Ürurgrossvater des Ürurgross- 
vater s : 
praSokundjed prapradjeda. 

In absteigender gerader Linie: 

1. Glied. Vater und Mutter (wie oben). Bei der Zählung 
sagt man statt »Vater und Mutter« (otac i mati) 
gewöhnlich nur kor Jen (die Wurzel). 



6 



II. Glied Kinder. Sohn, Tochter. Zwillinge: dvojJ 

blizanci. Zwillingsohn: dyojinac, dvonja 
Drillinge: trojci. 

(Kinder: djeca, Kind: diete, nsl.: otrok. 

Sohn: sin; Koseworte: sinak (voc. sinko); ( 
einzige Sohn : s. jedinorodjeni; der erstgeborei 
pjvorodni oder prvorodjeni, rani (der Fri 
geborene. Im Volksliede: räno moje kralje? 
Marko = du mein Erstgeborener, Königssohn Marl 
Der Spätgeborene: poskupak, po8kupnik(po2 
sin, Dalm.), derPosthume: posmröak, posmrto 
(ein posthumes Mädchen: posmrßica, posm 
n i c a). 

Tochter: bulg.: d§6erja, nsl.: hßi, serb.-croi 
k6er, §6er, kci, §6i, 6i (in Slavonien und zi 
Theil in Bosnien). Kosew.: gcera, §6erka, k6e 
k6erka, 6erka). In der Anrede sagt die Mut 
zu ihrer Tochter gewöhnlich sinko (Söhnchen). \ 

III. Glied. Enkel. Der Enkel, «die Enkelin. 

(Enkel: unuße, Mehrz.: unuöici; collecÜT: uu 
6ad; der Enkel, unuk, vnuk, nsl.: auch 
novec; die Enkelin: unuSica, ynuöica; n 
vnukinja, sinovlja^ sinkina; als Sohn o 
Tochter der Tochter beziehungsweise des Eidac 
höerovlik, zetnik, hßerovlja, zetina.) 

IV. Glied. Urenkel: 

prannußad. Derürenkel, nsl.: Tnuöi6, sinovh 
sinovßi6; hßerovlevik, hßerovlevkina. 

V. Glied. Ururenkel: 

prapraunucad, Sukununuöad. 

VI. Glied. Ururenkelskinder: 

prapraunuöadi djeca. 

VII. Glied. Enkel der Ururenkel: 

unu5ad prapraunußadi. 



^) Z. B. : Pitala Söer majlcu: oöu 11 poci s komSijom Jovom doTe^e 
sielo? — Ja te sinko tamo ne Saljem (Pitalice Nr. 210). Fragte eine Tocl 
die Matter: Soll ich Abends mit Nachbar Jovo in die Spinnstube gehen? 
Ich, mein SOhnchen, schick dich nicht hin. — Ein Bekannter aus der Ci 
gora sagte mir, in seiner Heimat nenne auch der Vater seine einzige Tochi 
moj sin (mein Sohn). 



\1II. Glied. Urenkel der Ürurenkel: 

praunuöad prapraunuöadi. 
IX. Glied, ürurenkel der ürurenkel: 

Sukununuöftd Sukununnöadi. 

Die Beihenfolge der Glieder in gerader Linie zählt man ein- 
fach an den Fingern ab. Bei der Zählung der yerwandtschaftlichen 
Grade der Seitenlinien, die ja zusammengesetzt sind, bedienen sich, 
nach Odiakoy, die Bulgaren Maiskörner oder Bohnen. Vor 
Jahren sah ich selbst im Dörfchen Sulkovce in Slayonien, als 
die Hausgemeinschaft Deliji6 sich auflöste, wie der Hausälteste 
seinen Hausgenossen den gemeinsamen Stammbaum mit Stroh- 
halmen, die er auf dem Tische oi'duete, zu veranschaulichen suchte. 

Zur Bezeichnung der einzelnen Mitglieder der aufsteigenden 
und absteigenden männlichen sowie der weiblichen Seitenlinien 
gebraucht das Volk folgende Ausdrücke: 

1. Der Bruder des Grossvaters oder Oheim des 
Vaters: prastric, yeliki stric (in Dalm.); nsl.: stari 
stric. 

2. Die Schwester des Gatten oder Oheim des Vaters: 
velika teta, pratetka, prastrina; nsl.: stara mati 
po odetu. 

3. Der Bruder des Vaters oder Ohein^: stric (im Gegen- 
satze zum Bruder der Mutter heisst man in Dalmatien den 
Vatersbruder stric rodjeni (der geborene Oheim); Kosew.: 
striko, (Si6 (Dalm.), öiöa (in der ehem. Militärgrenze und 
in Bulgarien), dundo, d o n d o (in Dalm.), öiöa und striko 
gebraucht man in vielen Gegenden in der Anrede an einen 
älteren Mann. (Vrgl. das Deutsche: Vetter, Gevatter.) 

4. Die Ehegattin des Oheims väterlicherseits, d. h. 
Frau des Vatersbruders: strina, strinaöa (Dalm.), 
Kosew.: strika. (Auch in der höflichen Anrede, wie stric, 
wenn man ein unbekanntes Frauenzimmer, das in den mitt- 
leren Jahren steht, anspricht. Zu einem unverheirateten 
jungen Mädchen sagt man seko (Schwesterchen), zu einer 
jungen Frau snaho (aus: sinaha = die des Sohnes) 
(Schnur, seko und snaho sind Vocative). Ein VtTeib, das sich 
noch als snaha betrachtet, nimmt es sehr übel auf, wenn 
sie mit strino angeredet wird. Sie entgegnet wohl: »Kakva 
strina? strigli te vragovi!« (Was für eine strina? die 



8 



Teufel mögen dich scheren!) Zu einem alten Weibe n 
man bako.) 

5. Des Vaters (besonders: der Matter) Schwester, Ba 
Muhme, Tante: teta, tetka; nsl.: neben teta au(di strin 
Eosew.r teca; bulg.: lelja. 

6. Die Schwiegertochter, den Brüdern ihres Mann 
die Schwägerin: suaha, snaja, snäya,snäa, snftS 
suaSica;nsI.: sinaha, nevjesta, neyesta, neva; lel 
terer Ausdruck inder Lika, sonst nur poetisch; nach üzela 

7. Der Vater des Oatten der Schnur gegenübe 
der Schwiegeryater; nsL: tast, STekry, svek 
(Syekar in Dalm.)i bei den Nsl. der Schwester und d( 
Bruder der Schnur gegenüber: syaker; bei den Bus 
eyci nennt die Schnur ihren Schwiegeryater 6äle (Vät< 
chen), desgleichen die Syrmierin, die bääa oder bäöa sa 

8. Der Grossyater des Oatten der Schnur gege 
über: prasyekar; die Grossschwiegermutter: prasyekr^ 

9. Die Mutter des Gatten der Schnur gegenüb« 
die Schwiegermutter: nsl. taSöa; syekrya. Eose^ 
syekryica; bei den Nsl. dem Bruder und der Schwes 
der Schnur gegenüber: syakernja. 

10. Die Brüder des Gatten seiner Frau gegenüb 
Schwäger: nsl.: deyiri, syakeri; kroat., serb., bl 
djeyeri (eigen tl. Brautführer). In Serbien nennt die Schi 
gerin nur den ältesten Bruder ihres Mannes: djeyer, 
übrigen erhalten Kosenamen; der zweite Schwager: bra 
(Brüderlein), der dritte: Miloje (der liebe), der yierl 
Miloica (der kleine liebe), der fünfte, der jüngste: djei 
(Kosewort yon djeyer, ein deminutiy) u. s. w. In der Li 
ist djeyer nur ein CoIIectiy für die Schwäger. Den erst 
und ältesten Schwager nennt die Schwägerin brajen (Bi 
derlein), den Zweitältesten: brajo(in der Lika; allein na 
ü z e 1 a c) (Brüderchen), den drittältesten : b r a c o (Brüderche 
den yierten: slado (der Süsse) u. s. w, 

11. Die Schwestern des Gatten seiner Frau gege 
über, Schwägerinnen; die Schwägerin: zao^ 
zalya, zäva; nsl.: deyirina, syakerina; Mann 
Schwester : 1 j § y § a (die Schönere, für 1 j e p S a. Die junge Fi 
räumt den Preis der Schönheit ihrer Schwägerin aus Li< 
ein); für die zweite: §ö6a (die Zuckerne, für Sekern 



9 

für die dritte: zlata (das Goldkind); fQr die vierte: kadi- 
vica (Sammtblume) ; für die fünfte: seja (Schwesterlein) 
XL 8. w. (in Serbien). 
.2. Die Frau des Bruders des Gatten, Schwägerin: 
nsl.: dcTirnja, svakernja; serb.-kroat. : j e t r y a ; bulg.: 
jetorva (etorva). Die Frauen der Brüder sind einander: 

jetrve. (ifvangig). 

13. Brüder, bra6a. Bruder: brat; nsl.: pristni brat; 
Eosew.: brajo, ba6a, baja. 

14. Schwestern, sestre; nsl.: pristna sestra, leibl. Schw.; 
collectiv: sestrenice. Schwester: sestra; Eosew.: 
seka, sekica, seja, s^ie, sela. 

lö« Brüder durch denselben Vater oder dieselbe 
Mutter, Stiefbrüder: polubraöa (Halbbruder). Stief- 
bruder: polubrat; nsl.: popoli, nepristni brat. 

^* Schwestern durch denselben Vater oder die- 
selbe Mutter, Stiefschwestern: polusestre. Ein- 
zahl: polusestra; nsl.: popoli; nepristna sestra. 

1^* Stiefvater: oSuh (in Novi im kroat. Eüstenlande : o t a c) ; 
nsl.: oöem, maSuh. 

l^« Stiefmutter: bulg.: ma§(iha, kroat., serb.: maöaha, 
macuha, ma6eha, ma6ija; nsl.: maöoha, pisana 
mati. 

^d. Die Einder der zweiten Frau, die sie aus erster 
Ehe mitbringt: bulg. :privodgad (collect.) ; serb.-kroat. : 
pastoröad. Stiefkind: bulg.: dovedeniöe, zavar- 
niöe, höhnisch: privodko; serb.-kroat.: pastoröe; 
nsl. : popoli. 

20. Stiefsohn: pastorak; bulg.: pastorok; demin.: pa- 
storöiö; nsl.: pasterk, pesterk. 

21. Stieftochter: pastorka,pastorkinja; nsL: paster- 
k i n j a. 

22. Sohn und Tochter des Bruders des Gatten: Sohn: 
djeverißiö, Tochter: djeverißna. 

23. Geschwisterkinder : striöeviöi, bratuöeda; nsl.: 
bratanöini. 

24. Der Neffe und zwar dem Oheim, d. h. dem Bruder des 
eigenen Vaters gegenüber: sinovac, demin.: sin ovo e 
(brati6 in Zagorje); nsl.: bratanec. 



10 

26. Die Nichte dem Bruder des eigenen Vaters \ 
genüber: sinovka, sinovica, sinoykinja, bra 
nica (Dalm.); nsL: bratanöina. 

26. Der Neffe in Bezug auf die Schwester sein 
Vaters: :brati6, bratani6, bratanac. 

27. Die Nichte in Bezug auf die Schwester ihr 
Vaters: braticna,bratanica,bratu6eda; nsL: bi 
tanöina.: 

28. Vettersohn, Neffe: striöeviö, striniö:; bulg.: ma 
öiöo: nsi. : striönek;: dessen Sohn: striöniönek.. 

29. Vetterstochter. Nichte: striniönaj strißevk 
bulg.: malka lelja;nsl.: striöina; ihre Tochter: stri 
niöina. 

Da Pflegeeltern und Adoptiveltern zu ihren Pflegekindern u 
Adoptivkindern in demselben Verhältniss wie natürliche Eltern 
ihren eigenen Kindern stehen, so müssen hier auch die eiosch 
gigen Bezeichnungen mitgetheilt werden. 

30. Pflegeeltern:hranitelji; Pflegevater: hranite! 
Pflegemutter: hraniteljka. 

31. Pflegesohn: hranjenik, nahranko, nahranöe. 

32. Pflegetochter: nahranka, hranjenica. 

33. Adoptivvater: pooöim; pootac (nicht hinreichend 1 
gläubigt). Adoptivmutter: pomajka oder pooßin 

34. Adoptivkinder: posinöad {[?] collectiv); Adopt: 
söhn: posinak. Adoptivtochter: posinka. In S 
bien pok6erka. (Das Wort ist eine Neubildung. Das dui 
dasselbe angedeutete Verhältniss war und ist noch geg( 
wärtigden Südslaven wesentlich fremd. Po6erka sagt n 
nicht, wie Vurdelja angibt, weil dem Worte ein Dopp 

' sinn zukommt. Es bedeutet nämlich auch Hetzjagd.) 

Bei den Neuslovenen und den Serbokroaten wird die Zähk 
der Vetterschaften nicht anders als in Deutschland in den Ade 
familien, die einen alten Stammbaum besitzen, vorgenommen; • 
Bulgaren dagegen zählen, rein äusserlich betrachtet, anders. Man zft 
nämlich nach Odiakov's Bericht in Bulgarien folgendergesta 

I. Grad. Der Vater. 

II. Grad. Leibliche Brüder^) (prvi rodeni bratja), 
können abstammen von einem Vater und einer MutI 

■) Unser GewährsmaDn hat sich ganz unzweifelhaft verschrieben, als 
die leiblichen Brüder als ersten Grad hinstellte (Zbornik S. 380). Die Bechn 



11 

oder von zwei Vätern und einer Mutter, oder von 
zwei Müttern und einem Vater, oder von zwei Vätern 
und zwei Müttern. Die Kinder von drei Vätern oder 
Müttern nennt man dovedeniöi-ta oder zavar-r 
niöi-ta. 

1^^- Grad. Die ersten Brudersenkel (bratovöeta prvi, 

strikovßeta). 

VI. Grad. Die zweiten Brudersenkel (vtori bratov- 

6eta, strikovi^eta maiki). 

VIII. Grad. Die dritten Brudersenkel (treti bratovßeta 

oder treti strikovöeta). 

Ganz so zählten auch schon die alten Bulgaren: npbsafl; 
BbTopaH BpaToyH§;\a; in einer Urkunde aus dem Jahre 1262. 

Der technische Ausdruck für das Aufstellen eines Stamm- 
Wmes bis über die Eukelkinder hinaus lautet in Serbien (bezeugt 
für den Ljubovijski und Azbukovaöki srez und das Drina^ebiet von 
Cvjetovi6j dijeli ti pleöe, d. h. das Schulterblatt theilen. 
I<^b glaube in dieser Redensart eine biblische Beminisceuz er- 
l'licken zu dürfen. 

Die weiblichen Seitenlinien. Bei. den Kroaten, Serben 
QDd Slovenen werden, wie bemerkt, die verwandtschaftlicheui Be- 
gehungen zu den weiblichen Seitenlinien geringer gestellt als die 
zo den männlichen. Nach Zaharijev machen die Bulgaren in 
Tatar Pazardiik und der Umgebung eine Ausnahme hiervon, indem 
^'(^ beide Linien gleich setzen. Das ist schwerlich richtig. 



*^rdc ja nicht stimmen. Vrgl. GjorgjcVukißeviö. srodstvu kao preponi 
^^ n. s. w. (Von der Verwandtschaft als Ehehinderniss nach dem Siirchen- 
f«chtc der orthodoxen Kirche.) Im Srpski letopis, B. 110 (1866), S. 141. Wenn 
^ diese Abhandlung richtig würdige, so bietet uns Odiakoy nur die Ver- 
^dtschaftsgrade der o. Kirche, die dieses System von den Byzantinern ent- 
iehat hat. Anf das Gewohnheitsrecht des südslavischen Volkes wurde in der ent- 
l^bnten Form keine Rücksicht genommen. Dafür nahm auch die überwiegende 
Hebrxahl des Volkes keine Rücksicht auf dieses System. Das Kirchenrecht yer- 
^etet Heiraten unter Verwandten achten Grades, das Volk dagegen billigt 
^en unter Verwandten vierten, ja selbst dritten Grades (unter den Neusloveneu). 
^ir sprechen darüber noch besonders. Weil einige solcher Fälle in jüngster 
2eit auch in Serbien vorkamen, fühlte sich Vukideviö bemüssigt, die Grund- 
sätze des canonischen Rechtes ein für allemal klarzustellen, kümmerte sich 
dibei aber nicht im Geringsten um die Anschauungen seines Volkes in' dieser 
ffin^icht. 



12 

Die weibliche Seitenlinie bezeichnet man mit Senska lo 
(weibliche Bebe), tanka krv oder 2enska k. (dünnes Blut 0( 
weibl. B.). Der deutlicheren üebersicht halber können wir die we: 
liehe Seitenlinie in zwei Abstufungen theilen. 

I. Die mütterliche Anverwandtschaft: üjöeYina u 

tetöeyina. 

L Der Mutter Bruder, der Oheim: ujak, ujac; m 
ujec; Kosew.: ujo; bulg.: vujßo, Kosew.: ßißo (sti 
nerodjeni, d. h. nichtleibliche Oheim, in Dalmatien). 

2. Die Frau des Bruders der Mutter, die TanI 
ujna; bulg.: vujna; Demin. als Kosew.: ujnica; n: 
ujkinja. 

3. Der Mutter Schwester, Tante: teta, tetka, tec 
bulg. : 1 e 1 j a ; nsl. : u j n a (t e t a f ür die Schwester des Vate 

4. Der Mann der Mutterschwester, Oheim: teti 
tetac (Mehrzahl: tetkovi, tetci); nsL: ujnjak. 

5. Sohn des Mutterbruders, Vetter: uji6; nsl.: uji 
nik; Enkel des Mutterbruders: ujä(iYi6, dieVett 
ujöeyidi. 

6. Tochter des Mutterbruders: ujnigna, ujöi(^i 
nsl.: ujnina. 

7. Sohn Ton des Vaters Schwester: teti6; nsl.: t< 
nek, teternek. 

8. Tochter des Vaters Schwester: tetiSna, teöeTi 
nsl. teterina, tetina. 

Gewöhnlich nennt man die Söhne des stric, der tetka i 
des ujak kurzweg braöa (Brüder), ihre Töchter sestre (Schi 
Stern), die ganze Nachkommenschaft aber rechnet man bis z 
vierten Gliede, in Bulgarien bis zum fünften, zur svojta, 
Anverwandtschaft im Allgemeinen. Einen weitläufigen Vetter ne: 
man kurzweg rodjak, Anverwandter, ist^s ein Frauenzimm 
rodjakinja. 

II. Schwägerschaft: tazbina. 

1. Der Vater der Gattin zu ihrem Manne, derSchw 
gervater: punac, täst (fast ausschliesslich nach meii 
Erfahrungen nur im Gebrauche bei den Altkatholik« 
starac (im Savegebiete) ; nsl.: täst. 

2. Die Mutter der Gattin, die Schwiegermutt 
punica, taSta (bei Altkatholiken), baba (im Savelan* 



4. D( 



13 

praneTJesta, den Angehörigen ihres Schwiegersohnes 
gegenfliier; nsl.: t&g6a. In der Mehrzahl punice bedeutet 
das Wort die ganze Sippe der Gattin. Z. B. nekakav zet 
dodje u punice (irgend ein Eidam kam auf Besuch zu den 
Schwiegereltern): zelovi Guupunicama öaljivi i bezobrazni 
(Eidame pflegen auf Besuch bei ihrer Schwägerschaft ge- 
spassig nnd unverschämt zu sein). (Srpske narüd. pripov. 
sakupio Vuk. St. Karadäiö, Wien 1870, S. 281. Num. 4.) 
Der Gattin Bruder, Schwager: äurjak, äura; nai.: 
devir; bulg. : Surja. Der Gatte dem Schwager gegenüber 
Eet: Eidam. Mehrz. Sureri (im Volksliede), gewöhnlich: 
Surjaci. 

Der Qattin Schwester, Schwägerin: sväst, sräja, 
svastica, svastika; buJg.: baldenza; nsl.: devirina. 
der ehem. kroat.-slar. Miiitärgvenze sind die slavischen 
^orte für 2. und 4. durch das deutsche »Schwager* und 
>8chwägerin< in der Form Sogor und sogorica selbst im 
Volke, nicht blos in den Städten, Terdrängl worden. 

5. Der Mann der Schwester meiner Gattin zu mir 
und ich zu ihm, Schwager: paSanac, paSenac, 
paSo (faäo in der ehem. Miiitäigrenze), pasenog (in Dal- 
maL); bulg.: bad2anak; nsl.: devirnjek, svekernjek. 

6. Der Schwestermann zu ihrer Schwester, Schwa- 
ger: STOJak (in Serbien), s¥äk (in Kroatien); nsl.: svak. 

7. Die Gattin des Bruders meiner Frau. Schwä- 
gerin: Surjakinja, Surnaja; bulg.: gurnjajka; nsl.: 
devirnja, avekernja, svaknja. 

8. D«r Sohn des Bruders meiner Gattin: 9nri(!ii^(iu 
der ßocca); nsl.: devirnik, svekirnik, 

9. DurSchwesterSohnzu ihremBruder,demOheim. 
Neffe: ueiak (netjak); nsl.: sesternik. 

tO. Der Schwester Tochter zu ihrem Bruder, dem 
Oheim, die Nichte: ne^akioja (netjakinja); nsl. 

sesterina. 

ffe, mit Bezug auf die Tante mütterlicher- 
Ite, Scliwestersohn: sestri6, seslriCid (letzteres 
!h Enkelkind, Sohn des Neffen). 

tchte, mit Bezug auf die Tante mQtterlicbei> 
Schwestertochter: sestriäna, sestri^nja. 
»trii^ina. 



14 

Die ganze Verwandtschaft der Frau wird kurzweg von ihre 
Manne und dessen Angehörigen prijateIjStina (Freundscha: 
genannt. Die Männer sind ihnen prijatelji (Freunde), die Frau 
prijateljice, prije (Freundinnen). Daher gebraucht man in d 
Anrede an fremde Personen nie den Ausdruck prijatelj od 
prijateljica. 

Zur Blutsanverwandtschaft werden ferner auch diejenigen Eind 
fremder Leute gerechnet, die mit Jemand von derselben Mutt 
gesäugt wurden, die Milchgeschwister. Das ist die rodbii 
po mlieku. »Waren von zwei Kindern,« sagt Vröevii, »die 
derselben Mutterbrust gesäugt, das eine (das rechtmässige Ei 
der Mutter) ein Knabe, das andere ein Mädchen, so können die 
niemals eine Ehe eingehen. Sind es Beide Mädchen, so lieb 
und achten sie einander wie leibliche Schwestern; sind es Brüd 
wie leibliche Brüder.« 

Ausserhalb der Blutsanverwandtschaft , doch nicht mint 
geachtet, sind die Wahlverwandtschaften oder Freun 
Schäften: die Gevatterschaft (kumstvo), die Wal 
bruderschaft und Wahlschwester schaft (pobratii 
stvo und posestrimstvo) und die Gastfreundschaft (do2e 

üeber die Wahlverwandtschaften handeln wir am Schlas 
dieses I. Bandes. Wir beginnen mit dem bratstvo und plem 
weil die Darstellung dadurch einfacher und durchsichtiger wir 
und übergehen dann auf die Hausgemeinschaft. Da die Hausgemei 
schaft nunmehr eine in tiefem Verfall begriffene Institution if 
soll auch die Theilung der Hausgemeinschaft gleich vorne b 
sprochen werden. 

Pleme und bratstvo sind in der Gegenwart nur auf eini 
ziemlich engen Bezirk beschränkt und können wohl für sich alle 
behandelt werden, ebenso die Hausgemeinschaft, die als die me 
allgemeine Erscheinung wieder eine besondere Erörterung erheiscl 
Zudem hat man bezüglich der Hausgemeinschaft bei den Südsiav 
in älterer Zeit so gut wie gar keine Nachrichten. Nicht eina 
der Name »zadruga«, der doch allgemein verbreitet zu sein scheii 
wird in den älteren Schriftdenkmälern mehr als vorübergehe 
kurz erwähnt. Schon um des historischen Excurses willen, c 
wohl unerlässlich ist, empfahl es sich, auf denselben gleich < 
Behandlung jener Institutionen folgen zu lassen, die zumeist dui 
diesen Excurs erläutert werden. 



n. 

Aus der älteren Zeit 

(Zupa^), pleme, oböina.) 

Die ältesten, zuverlässigen Nachrichten über das Vorkommen 
sUyischer Stämme auf dem Balkan führen auf die zweite Hälfte 
^^ VI. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung zurück. Die Slaven 
werden als die Geissei des byzantinischen Reiches geschildert. Es Stouffc 
hält sehr schwer, aus den romanhaften Berichten der Chronisten 
^ber die Art und Weise der slavischen Einwanderung, die bis gegen 
dts Ende des IX. Jahrhunderts gewährt zu haben scheint, etwas 
Gndgiltiges festzustellen. Sicher ist, dass schon am Anfange des 

Literatur. Die Nachrichten Aber die iape fliessen sehr spärlich und 
^em trflbe. Es sind uns weder die Namen aller in pe bekannt» noch kann man 
SQttQ die Lage einer jeden inpa bestimmen. Allgemeine Bemerkungen über 
^ iapa xnr Zeit Dnlan^s, stellte zusammen aus DuSan's Gesetzbuch 
^- K r 8 1 i 6 zuerst in den Anmerkungen zu seiner Uebersetzung der 
>Geiehichte der slavischen Rechtsgebräuche« von V. Macieiowskj (Istorija ^ 
iltTenskih praTa od dra Vaclava Macieiovskog. preveo i sa svoim primjedbama, 
koje se na srpsko pravo odnose, popunio dr. N. E. Budim 1856) und bald 
^«f in einem besonderen Aufsatz, der im 6 1 a s n i k (VII.) erschien. 
IL'i Buch, das seinerzeit Tiel Aufsehen erregte, ist ein seltsames Gemisch 
Ton Kohlerglaube und Ansätzen zu wissenschaftlicher Forschung. Erstiö's 
We ist saftiger als M.*s Braten. Durch die gründliche lexikographische 
hblication Gj. DaniSiö*s »Rje^nik iz knjiievnih starina srpskih« 1863 
(Wörterbndi aus den serbischen literarischen Alterthümem) ist Krstiö's Arbeit 
Mhezu überflüssig geworden. Wichtig ist Fr. Raöki^s Abhandlung »Domaöi 
ÜHoi igodopisi« im Enji^emik I, 1864, S. 198 — 222, wo er über »Presbjteri 
IHodeatis regnum Slavorum« sein Urtheil abgibt. Die Chronik besitzt 
v^en der ziemlich genauen geographischen Bestimmungen, die sie bietet, 
QB«n bedeutenden Werth. Von Raiki kommt noch in Betracht die Abhand- 
'ug »Borba juinih Slovenaza driavnu neodvisnost u XI vieku« (Der Eampf 
^^ Sfidslareo um ihre staatliche Unabhängigkeit im XI. Jahrhundert) im Rad 



16 

XI. JahrhüDderts slarische Vorposten bis an die änssersten Spit» 
Griechenlands, nach Sicilien und selbst Tereinzelt bis an die Nor< 
kfisten Afiikas yorgedrungen waren. Zar selben Zeit hatten drei sfi 
slaTische Stämme, die Kroaten, Serben und die später nach den Bo 
garen benannten Slaven unter dem Drucke der mächtigeren 6ren 
nachbam, xu seibstständigen Staatengebilden sich gestaltet. Na( 
den bisher leider noch viel zu wenig durchforschten Yolksüberlief 
rungen (Volksliedern, Sagen, Märchen, Sprichwörtern) zu urtheile 
brachten alle drei Stämme aus ihren yorigen Wohnsitzen in d 
neuen Marken dieselben Sitten und Bechtsgewohnheiten mit. Hi 
aber wurden die engyerwandten Stämme durch äussere Einflfia 



jogoslavenske akademije XXIV, S. 80 ff. Die allgemeine Einleitang (posorilte 
der Schaoplatz) S. 80 — 89 enth&lt einige Angaben, die für ans sehr wichtig tin 
Das Gepräge gediegener Gelehrsamkeit tr&gt an sich Mijo Bralni6*g ünte 
snchnng Aber die Zape im kroatischen Staate xur Zeit der heimischen DjDisti 
(2ope n Hrvatskoj driavi za narodne Dinastije. Rad jngosl. ak. XXV. S. 81— fii. 
Femer Ton Demselben : »Manidpija n hnratskoj driavi xa narodne dinastije.« (DI 
Monicipien im K. S. n. s. w.) im Rad XXXh, S. 83— lOS. Beide Schriftcbci 
können als Mnster besonnener Kritik hingestellt werden. Als Ergänsnng dies 
RadoslaT Lopaiiö*s Monographie über die Gemeinde Draganiö inKroatiei 
(Obi^ina Draganiöka. Zagreb. 18^, S. 16.) WerthToU, wenngleich nnsaveriissig 
ist J. YolSiö's Aufsatz: »Nekdanje sodniltro isterskih obdin« (J}it diemalig* 
Gerichtsbarkeit der Gemeinden in Istrien) in den NoWce gospodarake, obrtnSk 
in narodne Ton Bleiweiss 1861. Volciö scheint lediglich ans der Volks 
Überlieferung geschöpft zu haben. V. hat sich ein unsterbliches Yerdiesi 
erworben durch fleissiges und ausgezeichnet getreues Sammeln der Yolksflber 
liefemngen in Istrien. Leider sind seine Aufzeichnungen selbst noch mA 
gesammelt erschienen. — Ueber das p lerne und bratstTo in unserem Jiki 
hundert haben wir wohl nicht viele, aber sehr zuverlässige Nachrichten, ^ 
uns einigermassen Ersatz fär die mangelhafte Ueberlieferung der älteren 2ei 
gewähren. Die bisher angeführten Untersuchungen leiden stark unter dem FeUfl 
dass ihre Verfasser auf die noch bestehenden Verhältnisse blutwenig Badnieh 
nahmen. Für die Neuzeit kommen in Betracht: Vnk*s Artikel bratstvoi» 
prezime im Rije^nik (S. 40b und S. 571ab, 572a); Medakoviö im 2ivot 
obi£aji Cmogoraca (bratstvo S. 77—79, pleme 79^81); die Biogitphi 
Luka Vukalovid*s von Jovan Nakiöenoviö im Letopis matice sipsl 
1874, S. 159—192. Nach mündlicher Ueberiieferung. Mehr Novelle als Geschiehti 
Für uns wichtig die Nachricht Ober das bratstvo Vnkaloriö S. 161, 164^ 16i 
Werthvoll ist M. Gj. Mili6evi<5's Monographie über das pleme der Vase 
jevid in der Hercegovina (im Glasnik srpskog ucenog druitva XXII, 186 
S. 67 — 78). Vorzügliches statistisches Material. Die ausführlichsten und beste 
Nachrichten über das pleme und das bratstvo bieten die Berichte Vnkalov^' 
(von Bogi£i6 selbstständig zu einem Aufsatz abgerundet) und Ljubila^sil 
Zbomik von Bogisiö. Sonstige Quellen, die gelegentlich benutzt wurden, werde 
an den betreffenden Stellen angef&hrt 



17 

in verschiedene Entwickelungsbahnen gedrängt. Am ehesten ver- 
wischten die alten gesellschaftlichen Einrichtungen bei denjenigen 
slarischen Stämmen, welche Bulgarien in Besitz nahmen, denn sie 
hatten den hartnäckigsten Widerstand von Seiten der früheren 
B«wohner des Landes und der Byzantiner zu besiegen. Selbst aus 
den ältesten Nachrichten erhält man nur ungenügende Aufschlüsse 
ül)er die ursprünglichen gesellschaftlichen Zustände dieser Ein- 
wanderer. Sogar die alten slayischen Namen der wichtigsten staat- 
liehea Einrichtungen wichen griechischen Benennungen. Zudem 
kommt noch in Betracht der zersetzende Einfluss der ugrischen 
Einwanderer. (Vergl. Eaöki, Borba, S. 101—107.) 

Im Allgemeinen war die politische und geographische Lage der 
drei südslavischen Beiche einer freien heimischen Culturentwickelung 
iingünstig. Auf der einen Seite galt es, allezeit gegenüber dem ost- 
r^mischen Beiche gewappnet dazustehen, freilich einem inwendig 
f&alen Staatswesen ohne festen Halt, das sich aber als Erbe alt- 
griechischen und weströmischen Buhms und einstiger Macht- 
stellung betrachtete und selbst durch die Ueberleibsel der alten 
Coltiu einen bedeutenden Einfluss behauptete. Vom Westen her 
l^^dringte die Südslayen, namentlich die Kroaten und Slovenen, 
i^ deutsche Beich, welches seine Marken gegen Osten auszudehnen 
und XU befestigen bestrebt war. Durch das dalmatinische Küsten- 
land von der BaSa bis zur Neretva und durch die zahkeichen 
Inseh kamen ferner die Südslaven in unmittelbare Berührung mit 
^t aufstrebenden Bepublik Venedig, die eine wohlberechnete 
Colonialpolitik mit Erfolg betrieb und um so gefährlicher wurde, 
j< mehr sich ihre eigene heimische Ver^ssung bewährte. Das ^ 
^tische Meer bildete kein Hinderniss der Ausbreitung des Bo- 
inanenthums, vielmehr begünstigte es dieselbe auf die nachhal- 
tigste Weise. Zum Ueberfluss erstand den Südslayen im Bücken 
g^n das Ende des X. Jahrhunderts ein neuer Gegner im magya- 
rischen Beiche. Alle diese Nachbarstaaten beobachteten den Süd- 
sliTen gegenüber eine aggressive Politik. Die Slaven konnten diesen 
nntblässig anstürmenden Feinden umsoweniger erfolgreich die 
Spitxe bieten, als sie durch kein gemeinsames staatliches Band 
^t verknüpft, sondern im Gegentheil in kleine Sippen zersplittert 
^en, von welchen jede ihre besonderen Interessen zu wahren 
snehte. Was sich noch an Selbstständigkeit unter solchen Verhält- 
nissen behaupten liess, war sehr wenig, und selbst dieses Wenige 
mtbste im XV. Jahrhundert dem Anprall der Türken schaaren 

Kraa«i, Sitte n. Gewohnheitsrecht, d. Sudtl. 2 



18 

unterliegen. Einige wenige slavische Sippen fanden in demFeIs€i 
lande der Hercegovina und der Grnagora eine schützende Zuflucht! 
Stätte, und hier haben sich bis auf die Gegenwart die meisU 
Beste alter, echt slavischer Eechtsgebräuche und Sitten erhaltet 

Den Yortrab des südslavischen Einwandererzuges bildeten d 
Kroaten, die gegen das Ende des V. und am Anfange des VI. Jah 
hunderts in Dalmatien und im südlichen Pannonien sich ansäss 
machten. Zwei Chronisten, der Chronist von Diociea und der £i 
priester Thomas berichten, es wären ihrer zwölf »tribus« gewesc 
Das lateinische tribus entspricht in diesen Berichten dem in d( 
ältesten Urkunden, sowie in der Jetztzeit in diesem Sinne gebr&uc 
liehen slavischen Worte pleme. Wenn die Nachricht überhao 
zuverlässig ist, so waren dies zwölf bedeutendere plemena. I 
stärksten plemena in der Grnagora und der Hercegovina zählen he 
tigen Tages 4 — 5000 wehrbare Männer. Nehmen wir 4000 als c 
Durchschnittszahl an , so mochten die kroatischen Einwandei 
48 — 50.000 Mann gezählt haben. Eechnet man hinzu noch Ih 
läufig ebensoviel Frauen und Kinder, so ergäbe sich rund die Zi 
von 150.000 Seelen. Eines muss man sich dabei vor Augen halb 
dass diese 150.000 Menschen nicht unter Anführung eines einzig 
Oberhauptes in die neue Heimat gezogen, sondern in kleiner 
Abtheilungen eingewandert sind. Es ist höchst wahrscheinlich, di 
die plemena bei der Besiedlung des Landes beisammen blieben, 
den einzelnen Ortschaften, die man innerhalb des occupirten G 
bietes vorfand, liess sich je ein bratstvo eines pleme nied< 
während die übrigen bratstva desselben pleme von dem umliegend) 
Gebiete Besitz ergriffen . 

Jedes pleme erhielt auf diese Weise einen von den ander 
plemena abgegrenzten Wohnbezirk, den man 2upa nannte. D 
gewählte Oberhaupt einer 2upa hiess 2upan. Das Wort Supi 
ist echt slavisch und lässt sich wenigstens bei allen östlieiü 
slavischen Sippen nachweisen. Ursprünglich diente wohl das Wi 
zur Bezeichnung und als Name des Familienvaters; altpr. supft 
bedeutete die Hausmutter, ebendasselbe das lit. 2upone. D 
goth. siponeis ist der Name für Schüler (discipulus, ver) 
Grimm, Gramm. II, 180): einer, der einer Gemeinschaft, eil 
Sippe angehört. Das lateinische pro-säp-ia (vergl. Festus, p. 22 
Stamm, Geschlecht, Abstammung, von Cicero als ein veraltel 
Ausdruck hingestellt, gehört gleichfalls hieher. Das Wort in di 
Sinne, wie die Südslaven pleme gebrauchen, bei Sallust. log. I 



10 

10: homo ueteris prosapiae ac multarum imaginum. In der Be- 
dentung Hausgesinde, Familie gebraucht das Volk in der 
Lika noch heutigen Tags 2upa. Wo es in einem Hause yiel 
Gesinde gibt: verheiratete Männer mit Frauen und Kindern, sagt 
Ton ihnen der Hausälteste: »ich habe eine zahlreiche 2upa« 
(q mene je nmogo 2upe), oder es ruft ein Fremder, der ms Haus 
kommt und viele Leute um das Herdfeuer oder beim Essen erblickt, 
beglückwünschend den Hausältesten mit den Worten an: »0 Haus- 
Terweser, fürwahr, du hast eine zahlreiche 2upa!« (0 domaöine, 
mnogo 11 ima§ 2upe!). Vurdelja im Zbornik, S. 7. Ebenso findet 
sich iupa auch einmal bei dem Eagusaer Dichter Hannibal 
Liici6 (1480 — 1540) in seinen »Skladanja« (Poesien) angewendet; 
ein Beweis, dass ehedem 2upa allgemein die engere Sippe bezeichnet 
Ittben mochte.^) 

Das Wort 2upa hat im Laufe der Zeiten in Bezug auf seine 
Bedeutung verschiedene Wandlungen durchgemacht. Es bezeichnet 
ferner sowohl eine Dorfgemeinde (p a g u s), einen Grenzbezirk 
(districtus), Weideplätze (pascua), zuweilen auch das pomoer- 
iuD einer Stadt. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass man 
Bicht immer genau bestimmen kann, ob der Besitz eines bratstvo 
oder eines pleme gemeint sei. Es gab gewiss ehedem, sowie noch 
pgeowärtig bratstva, die kein pleme bildeten und zu keinem pleme 
gehörten. Bei Constantin Porphyrogenetes und in zwei Urkunden 
kroatischer Könige aus dem Jahre 1071 und 1078 kommt das 
Wort 2upa als ein bei den Südslaven üblicher Ausdruck zum 
^tenmal vor, und zwar bei Constantin graecisirt in ^ovnavia^ sonst 
in Urkunden in der lateinischen Form suppa. Der Chronist von 

') leb sprach darüber mit Herrn Uzelac, dessen engere Heimat die 

lika ist. U. betheaerte mir, er habe niemals in der Lika 2apa im angegebenen 

Sniie anwendeo bOren, d^egen oft in der Gegend von Ragasa(?). Vnrdelja 

U»e da etwas erfanden. Dies klang mir buchst anwabrscbeinlicb ; denn der- 

(Udien erfindet man nicht. Herr Dimiö aus Ostrovica in der Lika, den 

idi gleichfalls befragte, meinte : »pa kaiu al ue u nasera sein, U nas <5e re^i 

inüna« (Na, man spricht so, doch nicht in unserem Dorfe. Bei uns sagt man 

MEim — Gesellschaft). Die strittige Frage findet eine einfache Lösung. Der 

grtscere Tbeil der Bewohner Lika's ist, wie ich später anführen werde, aus der 

BercegoTina eingewandert, der Rest aus Bosnien, wo iupa für Hausgesinde 

lieht gebraucht wird. Uzelac und Dimiö stammen aber ab von bosnischen 

CBwanderem. Die Abkömmlinge der Bosnier unterscheiden sich von jenen der 

HcreegoTcen vielfach sowohl mundartlich als in ihren Gewohnheiten. Es würde 

■dl Terlohnen, diese Yerb&ltnisse einer besonderen Untersuchung zu unterziehen. 

2* 



20 

Diociea gebraucht für 2upa abwechselnd iuppania, prouinc 
und regio, hingegen bietet die kroatische Chronik eines ün( 
nannten (bei Eukul.jevi6 im Arkiv za pov. jugosl. I, 19) < 
richtige Schreibung 2upa. Comitatus für 2upa findet sich zi 
erstenmale in einer Urkunde aus dem XI. oder XII. Jahrhand 
und in der Chronik des Erzbischofs Thomas. (Vergl. die Na( 
weise bei Bra§ni6 a. a. 0., S. 46 f.) 

Jede 2upa bestand aus mehreren Dörfern, die, wie man t 
des serbischen Kaisers Duäan Gesetzbuche ersieht, einem Einzig 
gehörten, oder das Besitzthum Mehrerer bildeten. Die Besit: 
waren entweder Edelleute oder Priesterschaften oder der Kaiser selb 
In DuSan's Gesetzbuche werden so zersplitterte 2upe smesne in 
(gemischte 2upe) genannt. Eine 2upa konnte auch selbstständig se 
In dem erwähnten Gesetzbuche werden nämlich unterschieden, em 
seits kaiserliche zupe, dann freie 2upe, solche die Eigenthum d 
Geistlichkeit oder yon Edelleuten sind und andererseits freie Städi 
Daneben werden 2upe als Städten zugehörig erwähnt. Gegenwärt 
heisst 2 u p a Pfarre, ein Pfarrer 2 u p n i k , hingegen dient die Nebe 
form ^upanija für Comitat und der 2upan ist der Obergespa 

Neben den 2upe unterschied man noch katune (sing, katui 
regiones pastoriae. Sennereien, Striche, die nur von Viehzuc 
treibender Bevölkerung bewohnt waren, und kraji^ta (sing, b 
jiäte) confinia. Zu einem katur pflegten immer mehrere Famili 
vereint zu sein, so z. B. werden 35 Familien im katun Golub 
vici erwähnt. Aus einer Bestimmung im Gesetzbuche des serbisch 
Kaisers Stjepan ürog (1240—1272), welche gegen diejenig 
2upe gerichtet ist, welche ein in ihrer Mitte liegendes Dorf, d 
zur 2upa nicht gehört, angreifen würden, vermuthe ich, dass ( 
krnjiSta den zusammengeschmolzenen Resten der vorslavischen £ 
wohner gehörten. Zur Zeit des Kaisers Stjepan waren dieselben f 
jeden Fall schon ganz slavisirt. Dass die krajiSia nicht seit Ait< 
her slavisch waren, darauf deutet der Name hin. 

So wie sich mit der Zeit ein bratstvo, wenn es gedi< 
in mehrere bratstva schied, die aber durch das gemeinst] 
Band eines pleme unter einem 2upan-vojvoda in Fühlung blieb< 
so entwickelten sich aus einem pleme allmälig neue plemei 
die untereinander in demselben Verhältnisse standen, wie < 
bratstva eines pleme. Das mächtigste pleme beanspruchte 1 
sich eine gewisse Oberhoheit über die übrigen, und sein Oberhau 
der 2upan, nahm einen dem entsprechenden höheren Sang über * 



21 

fibrigen 2ap&ni ein. So entwickelte sich unter den Südslaven aus 
kleinen Anfingen der Staat. Ursprünglich war der bedeutendste 
unter den 2upani blos der »primus inter pares«, er hiess in Serbien 
Teliki inpan (der grosse 2upan), in Kroatien dagegen erhielt 
erfrOhzeitig den fremden Namen knez (aus dem deutschen Eunig, 
König. Die Grundbedeutung dieses Wortes ist Erzeuger, Vater). 
Knez zur Bezeichnung des obersten aller Volksheerführer (vojvode) 
erhielt sich bis in die Gegenwart in der Crnagora. Nur wird 
gewöhnlich, besonders im Ämtsstil der Fürst durch die secundäre 
Form knjaz bezeichnet, während knez als Name des Vorstandes 
eines bratstvo dient. In Serbien nannte sich noch Nemanja I. 
einen yeliki 2upan und als solchen nennt er auch seinen Sohn 
Stjepan, der ihm auf dem Throne folgte. Nachdem Vukagin 
<i«n Sohn DuSan's, üro§, von der Herrschaft verdrängt hatte, 
nannte sich der jeweilige serbische Herrscher bald kralj, bald 
knez oder auch despot. Selbst Kaiser Du§an heisst sich in den 
ersten Jahren seiner Begierung kralj. Jeder dieser fremden Namen 
bietet für sich ein Stück südslavischer Culturgeschichte. 

Neben knez und veiiki 2upan kam auch der Name b a n (Herr) 
^or. Er hat sich bis in die Gegenwart erhalten als Bezeichnung des 
obersten Civilbeamten oder Gouverneurs von Kroatien und Slavonien. 
Das Verhältniss der Gleichberechtigung zwischen dem knez 
ond den übrigen 2upani erlitt auch dann keine Wesentliche Wand- 
iiuig, als der kleine kroatische Bundesstaat in engere Beziehungen 
n dem Karolingerhofe im Westen getreten. Die kroatischen kne- 
lori Trpimir (in der zweiten Hälfte des IX. Jahrhunderts) und 
Vnncimir suchten wohl deutsche Einrichtungen daheim einzu- 
Abren, doch konnten sie nur im Einverständniss mit den 2upani 
Aenderungen .vornehmen. Unter knez Tomislav und seinen Nach- 
folgern im X. Jahrhundert erstarkte immer mehr die Machtstellung 
<ks knez und in demselben Masse schwand die Macht der 2upani 
im knez gegenüber, dem sie nicht mehr als Gleichberechtigte, 
sondern als ünterthanen galten. Der knez war nun ein wirklicher 
Herrscher, ein König geworden. Den ersten kroatischen König Z v o- 
fiimir machte Papst Gregor VII., der sich diesen Liebesdienst, 
der ihn gar nichts kostete, theuer bezahlen liess. Wenn sich auf 
itT Balkanhalbinsel niemals ein Staat bilden konnte, der alle slavi- 
jfchen Stämme in sich vereinigt hätte, so ist dies nur dem Einflüsse 
des Papstthums, oder deutlicher ausgedrückt, der intensiven Con- 
cnrrenz zwischen ost- und weströmischer Kirche zuzuschreiben. 



22 

Jede 2upa hatte zu ihrem Schutze wenigstens eine und nac 
Umständen auch mehrere feste Burgen, die gewöhnlich an unzi 
gänglichen, von der Natur selbst schon wohl geschützten Ortei 
an steilen Gebirgsausläufern, auf Flussdeltas oder auf Inseln ud 
in sumpfigen Gegenden aufgeführt waren. Zahlreiche Buinen ii 
ganzen slayischen Süden legen davon deutliches Zeugniss ab. Di 
Türken haben nur äusserst selten Burgen gebaut, sie begnügte 
sich damit, die vorgefundenen zu besetzen und in brauchbarem Zi 
stand zu erhalten. 

Es war die Pflicht einer jeden 2upa, eine Burg aufzuführ« 
und für ihre Erhaltung Sorge zu tragen. Darauf bezieht sich eL 
Bestimmung in DuSan's Gesetzbuche: >Za grad zidanje. Gdje se gr 
obori ili kula, da ga napravje gra2dane togazij grada; 2upa S 
est priedjel togo grada.« (Bei Safalik, § 109.) (Bezüglich des Bau 
einer Burg. Wo eine Festung oder eine Burg einstürzt, sollen d 
Bürger dieser Stadt dieselbe wieder herstellen, desgleichen [soll daz 
beitragen] die 2upa, welche die Umgebung dieser Festung bildet.) AI 
Baumeister wurden zuweilen Ausländer berufen. Die 2upa war ferne 
verpflichtet, die Wächter für die Festung zu bestellen. Nach den 
Gesetze der freien Gemeinde Vinodol war selbst die Geistlich 
keit davon nicht befreit. Unterhalb der Burg in der Ebene l!^ 
gewöhnlich in einiger Entfernung die Stadt. Bragniö vermnthe 
nicht mit Unrecht, dass analog dem öechischen Brauche, auch be 
den Südslaven auf dem freien Felde zwischen Burg und Stad 
zuweilen die Versammlungen der 2upa stattfanden. Als Befehls 
haber einer jeden Burg war ein besonderer Burgvogt, Castellao 
bestellt. Ursprünglich wohl von der 2upa gewählt, ernannten späte 
die Könige den Domcastellan. Die Burg war der politische und i: 
älterer Zeit auch der religiöse Mittelpunkt der ganzen 2upa. Hie 
versammelten sich die Aeltesten der 2upa zu gemeinsamen Ben 
thungen, von da zogen sie in den Kampf, hier fanden sie Zuflud 
vor Feindesaugriffen. 

Die Burgen verloren bei den Südslaven frühzeitig an Bedeutunj 
besonders im Küstenlande, wo sich auf Grund der altrömischen Man 
cipien, freie Städte entwickelten. Die übrigen Ortschaften einer iuj 
unterschieden sich vom Hauptsitz des pleme dadurch, dass sie nie! 
mit Ringmauern versehen waren und auch nicht dieselben Bechi 
genossen. Es entstand mit der Zeit sogar ein Antagonismus zwischc 
solchen befestigten und offenen Ortschaften der zupa. Dies ersiel 
man auch aus einem Gesetze Dusan's (bei §af. § 160): »Cai 



Tuaki da pmti kode ^amo pojde, giadi» vBsaki do 2upe i iupa 
do iu|ie i paki äupa do grada.« {Dem Kaiser soll man auf allan 
wnxn Wegen das Geleite geben, jede Stadt bis zur £upa, die zupa 
(lit lar [nächsten] £upa und wieder die 2upa bis zur Stadt) 

Cm die Burgen hemm legten verbündete Hausgemeinschaften 
dun Grund zu Dorfniederlassungen. Daher kommt es, dass seit 
ithr zahlreiche Dörfer als Namen Fatronymika tragen. Das 
Sr»t<>m der Einzelhöfe und Einzelwirthsehaften, dem mau im 
MiMaller in Deutschland häufig begegnet, war den Südslaven 
gaoi und gar fremd. Ein Stamm blutsverwandter Hausgemein- 
ichaneu nahm einen grösseren Landstrich in Besitz und legte in 
d« Ümgebnng ihrer Hätten') grosse gemeinsame Felder an, die 
fie als gemeinsanieg Kigenthum betrachteten und den Anordnungen 
d«» Turstandes des bratsfcvo entsprechend bebauten. In der Hercego- 
tiu, Crnagors und der Bocca stehen, wie wir später ausfuhr- 
licbfr darlegen wollen, diese alten Einrichtungen noch immer in 
Kaß. Dieses com muu istische Landwirthschafts-System hat sich 
tWn so unverändert in manchen Theilen Russlands erhalten und 
lisjt sich auch in Deutschland nachweisen, wo man z. B. im Re- 
^(rnngsbezirlc Trier Gehöferschaften und im Siegerlande 
Htnbergsgenossenschaften vorfindet. Die Gehöferschaften 
tisdErb enschaften,ErbgenoesenschafteD. entsprechend 

R4PdslaTischen baStine, wie wir gleich sehen werden) wie 
babergsgcnossenschafteu sind Verbände von Grundbesitzern, 
nBciDcinschaftliches Eigenthum heute Überwiegend aus Nieder- 
besteht. Oefter hommeu grössere Genossenachafteu vor, die 
!>cb DIkt mehrere Gemeindetluren erstrecken. Ganz vereinzelt finden 
ticb innerhalb einer Gemeinde mehrere solche Verbände neben- 
'iBUiler. Die Regel ist, dass jede Gemeinde eine eigene Genossen- 
Khlß nrnfasst. Dass diese Genossenschaften ursprünglich ausnahms- 
W ins sämmtlichen Hofbesitzern der Gemeinde bestanden haben, 
ius Gehüferschaft oder Haubergsgenossenschaft und politische 
Groii^inde früher zusammeügefaüen sind und nur verschiedene Secten 
i)r>s«lben Gemeinwesens vertreten haben, dies lehrt uns die Betrach- 
tng der &ltea und neuen Agrar Verfassung der Südslaven. Schwache. 
itwr Doch immer deutlich erkennbare Deberreste dieser, wir dürfen 

■) OewObnUcb lagm ijie HQtten jeder Haa^gemeinEchaft aaf einer dieser 
taf eborigeo Pftrcelle, so dass sehr häufig aos einer Hausgemeinschaft. 
da dcb la nene anflOitf, eio ganie« Dorf eatstand. 



24 

es ruhig sagen, indogermanischen Einrichtung finden sich auch h 
den Siebenbürger Sachsen. (Vergi. die Capitel Nachbarscha 
and Genossenschaft in Fr. Fronius*: Bilder aus dem säe 
sischen Bauernleben in Siebenbürgen, 1883, 2. Aufl. S. 82 — 10< 

Das gemeinschaftliche Erbgut in Liegenheiten hiess u 
heisst noch gegenwärtig baätina, djedina. In der kroatisch 
Chronik wird der ganze Staat als didina (Grossyatersgut) genani 
Im Gesetz von Poljica lauten die Ausdrücke für den gemein 
Gutsbesitz ba§6ina, didinstyo. Eine andere Bezeichnung 1 
Erbgut des Stammes im weiteren Sinne kommt in serbisch 
Urkunden vor plemeni>§tina (bonum gentilicium). Wie es si 
eigentlich yon selbst versteht, gliederte sich jede 2upa, die ursprün 
lieh wohl nur aus einem pleme bestand, späterhin in mehrere piemei 
und so konnte von plem eni>§tine einer 2upa gesprochen werden, 
z. B. heisst es in einer Urkunde (Monum. serb. ed Miklo§i6. 24J 
tko bi koje plemeni>§6ine odi> korena u hlivanskoj 2upi (gegen 
Lievno in Bosnien) und S. 377: potvrdismo ih u vsihi> nil 
piemeni>§6inah. Daneben findet sich das Adjectiv plemenit ge: 
tilicius, als ständiges Eigenthum des pleme neben baStina (Monao 
serb. 106) : dasmo u baStinu i u piemenito Ijudem dubrovaökieni 
vasB BatB. (Wir gaben den Bagusaern als baStina und plemenil 
ganz Bat.^). Ib. S. 217: bje§e mu piemenito (ta) 2upa. (Diese iap 
gehörte seinem pleme von Alterszeit an.) 

So wie hier verschiedene Namen zur Bezeichnung ein ud 
desselben Gegenstandes in Anwendung kamen, so war es auc 
anderweitig der Fall, nur mit dem unterschiede, dass sich in alle 
Fällen nicht mit gleicher Bestimmtheit angeben lässt, wen ud 
was ein Name bezeichnet. Yojvoda, 2upan, knez, ban, bolja 
glavar können sich unter umständen auf einen und denselbe 
Würdenträger beziehen. Es kommen dabei in Betracht das Jahrhunde 
und die Gegend, in welcher einer dieser Namen angewandt ward 
Doch selbst in ein und derselben Gegend und im selben Jah 
hundert wechselten diese Bezeichnungen ihre Bedeutung, so da: 
es wirklieh schwer fällt, immer das Richtige herauszufinden. I< 
will es versuchen, im Allgemeinen die angeführten Namen a 
angegebene Weise zu differenziren. 

Der glavar ist das Oberhaupt im Allgemeinen, üeber denknt 
habe ich schon gesprochen. Was über den ban zu sagen war 

M Name eines Dorfes. 



ins fasBt kurz eine Notiz bei Joann. Cinnamas aus dem 
XIII. JabrhuDdert susaininen, wo der baa als Stellvertreter des 
Königs genannt wird (3, 111, S. 117, vergl. Mikloäiä. Lex. pal. 

gr. Ist. S. 11, b.): iJ? Ji ü jl^f av nop^. ßKiotm Ji 6 ui ne^' Itait-^ tpfnan- 
[jiaent lepiijr xiiliovitii' oSvrot iijr ''pjffli') otl fiuxQi'ir »Ti^i ^yydXito. 

Schwierig und verwickelt ist die Frage über die Stellung des vojvoda. 
Wie schon der Name es deutlich bezeugt, war der vojv-jda 
(Heerführer, Herxog) der oberste Anführer der suplemenici, 
li« Phytengenossen in Kriegszeiten , während die Verwaltung im 
Frieden dem iupan oblag. In ältester Zeit war der Jupan gewiss 
lugleicb auch vojvoda. Diese Frage in allen ihren Kntwi ekeln ngs- 
plAüen zu verfolgen, wSre für den Historiker eine dankenswerthe 
iufgibe. Schon zur Zeit Dnäan's war der vojvoda in Serbien nur 
m^hr Pin General, der in Allem dem Herrscher Gehorsam zu leisten 
liMte, Indi'ssen blieb dem vojvoda im Heere noch immer eine sehr 
Meati.-ude Stellung eingeräumt. Der Herrscher folgte dabei dem 
ilten Brauche, Indem er des vojvoda. Ansehen stärkte. Im Gruude 
»ir *j nur eine scheinbare Coneession an das Volk, denn nicht 
iis Volk, sondern der Herrscher bestellte den vnjvoda, das Volk 
OucbW, wie es gegenwärtig in der Crnagora thetlweise noch der Fall 
»'■.den Ernannten nur formell wählen oder bestätigen. Ueber die 
^htioiUfomiDenheit, welche DuSan seineu Vojvoden zugestand, gibt 
»u die IIU. Bestimmung seines Gesetzbuches Äufschluss, wo es 
fcuMt: »Na Vbsakoj vojseje da obladajuti. vojyodja koliko i car. 
Hu poTelJfvajutb, da ihb sluäa vbsakb, aäte li kto priesluäa, da 
■O (4tfc tozi oanlideEije, boje i onemzi, koji bi cara priesluSali, i 
nJoTe tnali i telici, koji au na vojseje, da iaih sudje vojvodje. a 
iifc niekto.' (Bei jeder Truppenabtheitung soll der Vojvoden Machi- 
tvUkvmmenheit der kaiserlichen gleichkommen. Ihren Befehlen 
»U unbudingt gehorcht werden, die Widerspenstigen trifft aber 
'l'^selbe Strafü, als wenn sie dem Kaiser selbst den Gehorsam 
•»iweigerD würden; über die kleinen und grossen Strafl^lle, die 
im H»re vorkommen, haben einzig und allein die Vojvoden abzu- 
>rih«i]«fl.) In Bulgarien waren noch zur Zeit des Kaisers Stephau 
^atwl die Vojvoden äe/ont; zumeist auch die obersten Civilbeamten 
*f lapa. Constantin nennt die Vojvoden fuyiarävn tüi- öotaj-mMir. Die 
^Todea bildeten don höchsten Landesadel, der den grOssten Einflnss 
tif die StutsaugelegenLeiten ausübte und der Träger des Volks- 
'•«■BHttseiDS war. Die Adeligen hiesseu auch Boljari. {Bei 
'"ijUntin porphyr. tioinij«,-. Avarisch: -beled« = proceres. Von 



26 

den Bulgaren entlehnten die übrigen Slaven das Wort bolja 
Sechs boljari, welche als die g r o s s e n (y e 1 i k i) bezeichnet wnrd( 
standen neben dem Kaiser an der Spitze des Staates; die übrig 
waren entweder Hofbeamte oder die höchsten Würdenträger in d 
Provinzen, d. h. in den 2upe. (Vergl. Raßki, a. a. 0., S. 97 
Der boljar verdrängte bald den vojvoda als Civilbeamten. In Bi 
garien schwand am ehesten die altslavische Demokratie vor c 
Alles vergewaltigenden Tyrannis der Herrscher, in deren Interes 
es lag, alle Erinnerungen an die Vergangenheit auszumerzen. 

Zur Zeit des sinkenden serbischen Seiches, am Schlüsse d 
XIY. und am Beginne des nächsten Jahrhunderts war der Nan 
vojvoda nicht viel mehr als ein erblicher Titel, vielleicht auch ohi 
Amt. Gebräuchlich war der Titel eines veliki voJYoda (Grosi 
herzog, Erzherzog). Aus dem Stammbaum des veliki yojvoda vc 
Bosnien, San dal Hraniö, der des knez Lazar Tochter Helen 
geehelicht, ersieht man, wie die Würde eines veliki vojvoda in d< 
Familie erblich war, indem sie immer auf den ältesten Sohn, de 
Stammhalter, sich fortpflanzte. (Vergl. Srbski spomenici von P. I 
Tvrdkoviö, Belgr. 1840, I.) In den Urkunden der Verfallszei 
besonders in den Urkunden bosnischer Könige, findet man häuf 
neben den Unterschriften der Adeligen auch die von Vojvoden, ui 
zwar mitunter den Unterschriften der knezevi und 2npani nacl 
gesetzt. Bemerkenswerth ist, dass die Söhne, und wie mit gross* 
Wahrscheinlichkeit Ersti6 vermuthet, die nächsten Verwandt« 
eiues veliki vojvoda knez o vi genannt werden. Nach des Vaters AI 
leben erbte dessen Titel, wie zuvor gesagt, nur der älteste Soh 
die übrigen Söhne hiessen einfach wie vordem knezevi. 

Nicht minder lehrreich ist die Betrachtung, wie des 2npa] 
Macht, mit der ihn das Volk bekleidet, nach imd nach auf d( 
Kaiser übergeht und eine Gemeindeverfassung unter dem DrucI 
der Staatsverfassung zum leeren Scheinbilde verwittert. 

In den ersteren Zeiten des Königthums, aus welchen w 
zuverlässige Nachrichten besitzen, war der Supan der Vorstand d 
administrativen, judiciellen und militärischen Verwaltung in sein 
2upa. Bezüglich seiner Amtsverwaltung war er dem Herrscher ui 
dann dem Volke im Landtage und in den Versammlungen d 
2upa verantwortlich, während er dem Provinzgouverneur und Stel 
Vertreter des Herrschers, d. h. dem ban, gegenüber voUständ 
unabhängig dastand, ausgenommen in gewissen Angelegenheite 
die den ganzen Staat betrafen. 



f 



27 

• 

Der Supan war Mitglied des obersten Sathes oder Gollegiums 

der Volksältesten, mit welchen im Vereine und in Uebereinstim- 

mmig der Herrscher die wichtigeren Staatsgeschäfte, sowohl legis- 

lati?er als administrativer Natur zu erledigen pflegte. Man ersieht 

dies ans der Urkunde des knez Trpimir Tom 4. März 862, wo er 

sagt, er habe ein Kloster erbaut im Einyerständnisse mit allen 

seinen 2upani (commune consilium meis cum omnibus zuppanis). 

lu einer Urkunde des Königs Petar Kregimir vom 5. Nov. 1069 

heisst es: nna cum nostris iupanis— cogitari cepi. (Weitere Belege 

heiBraSniö, a. a. 0., S. 40.) 

Die Einkünfte des 2upan waren von derselben Art, wie die- 
jenigen, welche in die Staatscasse flössen. Er erhielt zur Nutz- 
niessung einen Theil des unvererblichen Staatsgrundbesitzes, den 
dritten Theil der Abgabe (tributum) der 2upa, welcher er vorstand, 
ferner einen Theil der Steuern und Gebühren (vectigal) und gewisse, 
durch das Gesetz bestimmte Jahresgeschenke (donaria saecularia) 

Bei den Chronisten und in Urkunden der Könige wird der 
(>&n als dux, der Supan zuweilen als com es bezeichnet. Der 
com es war ein Hofwürdenträger ursprünglich nach deutschem 
Vorbilde. Häufig geschah es, dass ein c o m e s zum 2 u p a n und 
ein lupan zum com es ernannt wurde. Der älteste Fall einer 
solchen Amtsvermengung stammt aus dem Jahre 1069. Zwei Jahr- 
linnderte später ist der 2upan schon vollständig im Hofschranzen- 
^m aufgegangen. Es gab einen zupanus cavallarius, zu- 
P^nus palatii, zupanus pincernarius, zupanus comi- 
^issae. Im XIY. Jahrhundert heissen manche ^upani castelani, 
^icecastelani, es sind nunmehr blosse Staatsbeamte, die vom 
Herrscher eingesetzt werden. Nur der b a n behielt mit seiner 
Stellung auch seinen Namen. So wird z. B. im XIII. Jahrhundert 
^i& banus totius Slavoniae erwähnt. (S chwan d tner, 
Scriptores rerum hungaricarum, II, S. 126.) 

Gegen Ende des XIV. Jahrhunderts fiel die Würde eines vom 
^olke selbst erwählten 2upan mit der eines Gemeindevorstandes 
(eines Municipiums) zusammen. Die Municipien *) im slavischen 
Sfiden im Mittelalter sind entweder zum Theil slavisirte altrömische 
öder griechische Municipien (z. B. Draö-Dyrrhachium), oder solche, 
(Jie sich selbständig aus sich selbst heraus entwickelt haben (z. 6. 

'; Vergl. Manicipija n hrvatskoj driavi za narodoe dlDastije. Von M. 
Briinid, im Rad XXXIL, S. 82-103. 



28 

Belgrad). In letzteren haben sich noch bis auf die Gegenws 
die meisten Spuren altslavischer Bechtsgewohnheiten erhalten. Vi< 
solcher Gemeinden hatten ihre eigenen Statuten, d. h. Gesetzbuch 
in welchen das Gewohnheitsrecht codificirt war; erhalten sind i 
z. B. das Gesetzbuch von Poljica und das Ton Vinodol.^) 
braucht eigentlich gar nicht hervorgehoben zu werden, dass m 
hier kein unverfälschtes slavisches Volksrecht vor sich hat. Immi 
hin gewähren sie einen tiefen Einblick in das Gebaren der frei 
slavischen Landgemeinden, üeber die ob6ina Dragani6 
Kroatien lieferte Lopa§i6 eine gute Studie, aus welcher wird 
Wichtigste mittheilen wollen. 

»Das Oberhaupt der Gemeinde Dragani6 hiess bis zu 
Jahre 1808 2upan. Die Verwaltung und Gerichtsbarkeit lag m 
in der Hand von Männern, die von den plemena der Gemein( 
aus der Mitte der Angehörigen des pleme gewählt wurden. I 
fiathe des pleme standen an Seite des 2upan ein Fiscal (fisl 
zwei Gemeindeälteste (staresine), welchen letzteren die Aufsic 
über die Gemeindewaldungen oblag, ferner zwölf Adjuncten (eigen 
lieh Geschworene, prise2nici), ebensoviele Forstgehilfen (lugai 
und zwölf Fiurbeamten (biri6i ^). Diese Obrigkeit wurde alljährU 
am Tage des hl. Philipp (am 1. Mai, dem alten Frühlingsfesttao 
vor der Pfarrkirche (2 u p n a crkva) des hl. Georg zu Sipko gewäb 
In den Bänken dieser Kirche >u navadne hi2e suda obdine u kota 
Dragani6kom« (in dem herkömmlichen Gemeindegerichtshaus 
Kreise Dragani6) oder im Schatten der Linden von Gudci, wo m 
gegenwärtig die steinernen Gerichtsstühle sieht, versammelte si 
die Gemeinde >na sbor u navadni stol sudbeni« (zur Berathai 
zur herkömmlichen Gerichtssitzung), damit sie in Gegenwart >2apa 
u plemeni i drugih plemenitih Ijudih« (des 2upan des pleme und c 
übrigen Männer des pleme; plemeniti Ijudi sind freie Adelige) v< 
handle und urtheile »po zakouu Draganickom plemenitoj bra6i Di 
ganiöanom« (nach dem Dragani6er Gesetze den edlen Brüdern (Phyle 
genossen) von Dragani6). >Die ehrsame Gerechtsame« (po§tovai 
pravda) beruft sich zu öfteren in ihren Entscheidungen auf dasGeset 

V) Ueber die codilicirten Gesetze bei den Südslaven aas älterer Zeit, li< 
eine geiliegene Untersucbuni: vor von Bogisiö: Pisani zakoni na slovenskc 
jugn Agram 1872. 

') V u k im Wörterb. unter b i r o v bemerkt : -Der Unter-Knez im Do 
genus magistri vici.'^ Im Ungarisclien kennt man den biros als Gatsbeamt 
Es ist ein slavisches Wort ; b i r a t i sammeln, wählen ; snskrtst. : b h a r, traf 
sammeln; griech. : yfo; lat.: f e r. 



29 

buch von Dragani6. Die Entscheidungen versah der 2upan ntiil dem 
»pleme-Petschaft aller Brüder« (peöat plemenski vse bra6e). Das grosse 
und das kleine Siegel verwahrte der 2upan. Das Gemeindesiegel 
wird noch gegenwärtig in Dragani6 gezeigt. Auf demselben ist 
eine Lyra, rechts der Mond, links ein Stern eingravirt. Oberhalb 
befinden sich die Buchstaben N. D. (Nobilium Dragani6). Der 
iupan konnte selbstständig keine Entscheidungen treffen, sondern nur 
»mit Willen und Genehmigung aller Brüder« (z voljom i do- 
poS^DJem vse bratje). Wenn Jemand von der Gemeinde etwas zu 
fordern oder eine Klage vorzubringen hatte, so musste er sein An- 
liegen vor dem ganzen pleme in der Kirche, wo es tagte, vor- 
bringen (priti pred vse pleme v klupi stol navadni). Als im 
Jahre 1680 ein Untergebener des Commandirenden von Karlovac 
gegen die Gemeinde Draganic eine Klage anstrengte, Hessen die 
Dragani6 dem General Joseph Johannes Graf von Herberstein 
melden: »Der Kläger soll kommen, wir wollen ihm Becht und 
Geniigthuung leisten, wie es unser Becht und unser Gesetz (Ge- 
wohnheitsrecht) mit sich bringen.« (Neka tu^itelj dojde, ho6emo 
iDu pravicu i zadovoljStinu vuöiniti kako pravica i na§ zakon do- 
i^osi.) Der Kläger sei übrigens schon bei ihnen gewesen, »doch 
xo ungelegener Frist und Zeit, als die Gemeinde nicht versammelt 
^K der 2upan allein konnte aber, zufolge unseres gewohnten 
Bechtes, ohne uns keine Genugthuung leisten«. (Dolazio v nevu- 
godnn dobu i vrime, kade ni bilo nas ob6ine skupa, a 2upan mu 
^m, kako je nag zakon prez nas ni mogal zadovoljgcine vuöiniti.) 
»Die Hauptaufgabe der Gemeindeobrigkeit (oböinsko stare- 
Sinstvo) bestand in der Verwaltung des Gemeindegutes, der Mühlen, 
Ackerfelder und des ungeheuren Gemeindewaldes. Die Aeltesten 
(stare^ine) wachten sorgsam und gewissenhaft darüber, dass der 
Grenzbezirk (kotar = Kreis) nicht verringert werde, und wehrten 
standhaft alle Angriffe der angrenzenden Gemeinden und Guts- 
Wen ab. Jede fremde Einmengung in die Rechte der Gemeinde 
diesen die Dragani6 aufs Entschiedenste zurück, und immer hing 
^ lediglich vom pleme ab, ob ein Fremder ins bratstvo aufge- 
nommen werden und ob man einem das Mitnutzniessungsrecht auf 
(l^ Gemeindegut einräumen soll. Die Dragani6 besassen das Recht, 
^e Liegenschaften ausgestorbener Familien ihres pleme einzuziehen, 
ebenso Jemand, der sich dem althergebrachten Rechte der Gemeinde 
nicht fügen mochte, aus dem bratstvo auszuschliessen und seinen 
Xaroen im »Wahlbuch« (izborna knjiga) zu streichen. 



30 

> Auswärtige konnten einen Grundbesitz, besonders Weingärt 
im Gemeindebezirke, nur vom zupan und dem stareSinstvo in öffei 
lieber Sitzung erlangen. Der Pachtschilling in Naturalien (gorni( 
von solchen Grundstücken wurde »unter die Brüder« (medju brai 
vertheilt. Noch heutigen Tages thun sich die Gemeindemitglie« 
von Draganic nicht wenig darauf zugute, wenn zu Georgi il 
stareSine aufs »Kautel' des Grafen Nugent bei Karlovac zieh 
um den Jahrespacht von einem Eimer Wein und einem Mets 
Weizen abzuholen. Zu den Rechten des pleme in der Gemeii 
Dragani6 gehörte noch die Nutzhiessung aller Regalien, freie Schai 
wirthschaft, Jagd, Fischerei und die Erhebung des Marktgeldes. 

»Im Allgemeinen betrachteten sich die Dragani6 als wal 
Freie und Edelleute (plemi6i). In den Gemeindeacten unterfi 
tigten sie allezeit »nobiles« und »generatio nobilium«, slavisc 
plemenita bra6a Draganici«. 

Letztere Bemerkung regt die Frage an, wie bei den So 
slaven der Adel entstanden sei. Wenn man von dem durch d 
Herrscher gemachten Adel absieht, und nur den alten Bauemad< 
der sich auf Grundbesitz und Zugehörigkeit zu einer grossen ui 
starken Sippe gründet, in Betracht zieht, so kann man diese! 
Erscheinung in ihrer Entwickelung beispielsweise auch bei d* 
germanischen Stämmen ebensogut als überall in der Welt ve 
folgen, wo eine ackerbautreibende Bevölkerung in vorwiegeod 
Anzahl vorhanden war. Den ältesten Adel stellten bei den SQ 
slaven die engeren Sippen der 2upani, bani und vojvode vor. £ 
seiner Einwanderung bestand der grosse Stamm der Kroaten a 
zwölf plemena oder rodovi (Geschlechtersippen). In jedem plei 
war eine Familie, aus deren Mitte nach Volksbrauch und Gewoh 
heitsrecht die 2upani und bani gewählt wurden. Diese zwölf bevo 
zugten Familien bildeten den ältesten kroatischen Adelsstand, m 
noch im XIV. Jahrhundert wurde nur der als Adeliger anerkani 
der seinen Stammbaum von einer dieser Familien ableiten konni 

Im Memoriale des Erzbischofs Thomas von Spalato werd* 
die Namen dieser zwölf Familien genannt : Kaä6i, Eukari, Subii 
Cudomiriöi, Svaei6i, Cithi, Gusi6i von Karin und Lapak, Poli» 
Lasnicici, Jamemetovi6i und Tugomirici. In einer späteren ürkun> 
wird noch einer Familie Mogorovi6 Erwähnung gethan. Diese A 
von Adeligen mehrte sich fortwährend, je mehr neuer 2upe ei 
standen. Im XIV. Jahrhundert gab es in Kroatien schon neunun 
zwanzig 2upe. (Braänic zählt sie auf a. a. 0., S. 41 — 46.) D 



31 

Chronist von Diociea aus dem XIL Jahrhundert macht im nörd- 
lichen Dalmatien drei 2upe namhaft, im Zahumje ihrer neun, in 
derTravunja ebensoviel, im Podgorje elf, in der Zeta zehn. ^) Ausser- 
dem weiss er noch einige anzuführen. (Zusammengestellt bei 
Baöki. Enjifevnik I, S. 210 ff.) Achtundzwanzig 2upe zählt 
endlich Daniöiö im Wörterbuche auf. Einiger 2upe im X. Jahr- 
hundert in Bulgarien erwähnt Baöki im Bad XXIV, S. 97. In 
einer alten bulgarischen Chronik (istoriöeski pametnik) aus dem 
Xn. Jahrhundert wird erzählt, das bulgarische Kaiserreich wäre 
in neun iupe, oder wie man sie in Bulgarien nannte, Enja- 
I e V s t V a eingetheilt gewesen. (Nach M. D r i n o v in Ju^nie 
Slavjane i Vizantija v X. viek, Moskau 1876, Cap. III.) Von den 
meisten 2upe weiss man nicht viel mehr als den Namen, ohne 
auch nur weiter ihre Lage annähernd bestimmen zu können. Mit 
den iape und den plemena sind auch ihre Adeligen, die plemeni- 
ia§i, Tom Schauplatze abgetreten. Es gibt überall in Bosnien, in 
der Hercegovina und in Kroatien — in Serbien sehr wenige — 
Familien, die sich eines alten Stammbaumes berühmen; die aller- 
wenigsten besitzen aber zugleich die Mittel, um ihrem Adel zur Geltung 
Vi verhelfen. Manchen dient er nur zum Verderben, weil sie es 
nut ihrer Würde nicht vereinbar finden, zu arbeiten und einem 
fachen Erwerbe nachzugehen. 

^) Zahninje nnd Travnnja lagen im Gebiete der heutigen Hercegovina 
uid des benachbarten Dalmatiens bis Eonao^e und Risno. Podgoije und die 
Zeti omfassten das gegenwärtige Gebiet der Crnagora, die Bocca den nord- 
^dien Theil der Hercegovina nnd Albanien von Gusinje bis zu Skadar. 






IIL 

Aus der neueren Zeit 

Das bratstvo. — Die Entstehung der Zunamen (Familiennamen). - 

Das Sippenfest. — Das pleme. 

Vor Allem sei bemerkt, dass man den Institutionen bratstvo ^ 
und pleme gegenwärtig nur mehr in der Hercegovina, der Crna 
gora und in der Bocca di Cattaro (dem blossen Namen nach auci 
noch in der Lika) begegnet. Der Excurs über die Entstehung de 
Familiennamen kann ferner nur ein historisches Interesse für siel 
in Anspruch nehmen, nicht etwa deshalb, als wäre dieser Proce» 
im Volke selbst schon ausgetragen, sondern lediglich, weil die 
neuen Nameu von den Staaten nicht mehr anerkannt werden. 
Das Sippenfest schliesslich bezieht sich nur auf die altgläubigen 
Südslayen ; wenn es aber vereinzelt auch in katholischen Gemeinden 
begangen wird, so ist dies häufig ein zuverlässiger Beweis, dass 
die betreffenden Geschlechter ursprüuglich der altgläubigen Secte 
angehört haben. 

*; Bratstvo. (Sktzt. : bhr&-tar, dav.: bhr&ta =» Bruder, zend: bri- 
tar, lat. nmbr.: frftter; griech.: (St. yp«-wp,) dav.: (fQu-rrig, (fQarnQ, Thär 
nehmer einer ifouTQCa (hom. (fQfiTnrjh entsprechend dem sfidslav. bratstvenik; 
goth.: bröthar; ahd. : bruodar, altsl.: bratr'B, altpr.: brati-s. Di* 
gewöhnliche Herleitung ist die von der Wurzel bhar im Sinne von suitel- 
tare, nutrire nasci, crescere. Ausführliche Nachweise bei Curtinit 
Gr. Etjm. s. v. — In den ksl. ältesten Denkm. : bratr'Bstvo und brS" 
tkstvo für kirchliche Bruderschaft, griech. «cFfAyöri;?, lat.: fraternitae.— 
In altserb. Urkunden zur Bezeichnung der weltlichen Bruderschaften d. h. der 
volkstümlichen bratstva: gewöhnlich die Form: bractvo, vergl. me- 
num. serb. 320, 393 öfters. Vergl. Danißic, rjec, iz srp. st. s. v. Bei Gj. Ba- 
rak ovic aus dem XVI. Jahrhundert einmal: braSöina in der VerbinduDg 
ni rodnu bras^inu na pamoc^ sad nimam« (nicht einmal die leiblichen Ange 



33 

Das bratstvo nimmt nach LjubiSa, der für Budva be- 
richtet, seinen Anfang mit der Trennung blutsverwandter Brüder, 
die jeder für sich auf gemeinsamen Grund und Boden ein neues 
Heimwesen gründen. Wenn die Nachkommen und Zweiglinien der 
&US einer Hausgemeinschaft ausgetretenen Brüder in yerwandt- 
sehaftlicher Fühlung bleiben und gewisse, gegenwärtig fast aus- 
schliesslich territoriale Angelegenheiten gemeinsam berathen und 
besorgen, so bilden sie ein bratstvo. Jedes männliche Mitglied eines 
bratstvo ist ein bratstvenik (Mehrz. bratstvenici). Der 
Entstehung neuer bratstva sind keinerlei zeitliche Grenzen gesteckt, 
^ie es sich nach dem Bemerkten eigentlich von selbst versteht. ^) 

Die Anzahl der Mitglieder einzelner bratstva ist verschieden. 

Es gibt bratstva mit dreissig, fünfzig und auch welche mit 
sieben- bis achthundert Mitgliedern. Altersschwache Greise, Kinder 
nnd selbstverständlich auch die Frauen sind dabei nicht mitein- 
gerechnet. Man zählt nur die waffentüchtigen Männer (die p uäke^), 
d.h. die Flinten), die in den Kampf ausziehen können, um 
einen gemeinsamen Feind anzugreifen oder auch abzuwehren. 
I)er einzelne bratstvenik gewinnt, mag er selbst noch so tapfer 
sein, nur als Mitglied eines starken bratstvo Stellung und Einfluss 






^ngen meines bratstvo habe ich jetzt zum Beistand), vergl. Dan. ak. rjeS. 
I* V- Aid Nebenformen neben der im Titel angefahrten sind in der Gegenwart 
Sebriachlich: bractvo, brastvo und vielleicht brasto, wofern letztere 
^ona, die sich nur vereinzelt bei Vuk, nar. pjesm. 1824, I, XXXVII findet, 
^^t tof einem Druckrersehen beruht. 

^) Dass bei den Griechen im Altertbam die Phratrieen anf denselben 
Endlagen beruhten, das muss wohl Jedem, der denken will, ohneweiters ein- 
l«Qchten. Was für sonderbare Deutungen von Zanftphilologen versucht werden, 
^•iebt man ans der Zusammenstellung verschiedener Meinungen und Ansichten 
Ton Tiri doctissimi nee non inlustrissimi in den »griechischen Staatsalter- 
^em< von Dr. H. Brandes. Leipzig (Brockhans) 1870, S. 52 ff. Da heisst 
4 Ton den Phratrieen : »Es scheint eine Verbindung der Geschlechter zu einem 
^ demselben Gottesdienste gewesen zu sein, and diese Verbindung ward 
K^Htijch best&tigt durch Aufnahme ins Staatssjstem. Man richtete zwölf 
''batrieen, jede von dreissig Geschlechtem ein. Ihre Namen waren wahrschein- 
^ TOD einem ihrer vornehmsten Geschlechter hergenommen •« u. s. w. So viel 
'^orte, so viel Irrthümer, konnte man getrost ausrufen. So geht es, wenn man 
^ historische Entwicklung einer Institution nicht erforscht und von einer 
^«rgleichenden Ethnographie nichts wissen wiU. 

*y Deutsch. Lehnw. ahd.: buhsä; mhd. :bühse; mlai: buzis, griech.: 
'nffii; altsL: pnifcka; nsl , serb., kroat.: puska, puksa; bulg.: puSk; 
migj.: puska. 

Craa«j, Sitte u. Gewohnheitsrecht d. Sfidsl. 3 



34 

I 

im Stamme. Bekannt ist der sprichwörtlich gebrauchte Vers 

Volksliedes : 

Zlo janaku u bratstvu nejaka. 
Uebel dran ist ein Held in einem schwachen bratstvo, 

denn, wie das Sprichwort besagt: 

Nejaku bratstva nejaka i pravda. (Vnk, nar. posl. 200.) 
Eines ohnmächtigen bratstvo Becht ist auch schwach, 

dagegen heisst es: 

Jakn bratstva jaka i pravda (ib. St. 108). 
Eines starken bratstvo Recht ist auch stark. ^) 

Durchschnittlich gilt ein bratstvo, das zweihundert »Flint 
zählt, als ziemlich stark. Starke bratstva in der Hercegovina s 
die: Sekulari, S6eki6i, Baleyiöi, Lutovci, Zagradja 
LuSßani, Bogavci, Meri6i, Vemij6i, Gjokovi6i u.s.ii 
in der Crnagora die: Erakoviöi, Raiöevi6i, Petrovi6i ( 
diesem stammt die gegenwärtig regierende Linie ab), Popo^ 
Eustud, Radoni6, 2utkovi6, Prasi6, Kovaöevi6, K 
vokapiö, Vukoti6 u. s. w., ^) in der Bocca die: Ljubi 
Ivanovi6,*) VrCevi6, Crnßi6 u. s. w. 

In der Lika hat das bratstvo gegenwärtig nur mehr e 
secundäre Bedeutung als eine Gemeinschaft verwandter Famili 
die ein und denselben Schutzheiligen verehren. Meine Gewäl 
männer sind üzelac und Dimi6. In der Lika sagt man 
bratstvo: pleme."^) Wie in der Anm. auf S. 19 bemerkt wui 
stammen die Likaer aus der Hercegovina und Bosnien. Es 



^) Ein Yolkswitz ans der Crnagora lantet : Pitali seljani popa: £ij( 
bratstvo najviäe i najjaße n naSoj zemlji? — Ealagjerovi<^ä. Fragten die Dö; 
den Pfarrer: Wessen bratstvo ist das zahlreichste und stärkste in nnsc 
Lande? — Das der Mönchlein. (Vrievid, Pitalice 68.) Der Pfarrer lebt 
ein Bauer, wenn er leben will, sonst kann er leicht mit seiner Familie 
hungern. Die Mönche dagegen leben theils vom Bettel, theils von d«n rei« 
Dotationen ihres Klosters. — Kalugjer, ein Lehnwort aus dem Spätgriechisd 
KaXoyiQog, urspr. : einer von schönem glücklichen Alter, später Mönch, 
lugjer ist der Name der griechisch-nichtunirten Mönche. — Ein Spricht 
lautet: Dok je u sein ien& ne treba se kalugjer 2eniti. So lange es im D 
Weiber gibt, braucht ein Kalugjer nicht zu heiraten. 

^) Vergl. Mili^eviö a. a. 0. 

') Vergl. Medakovi(3 a. a. 0. 

^) Vergl. Hercegov. Bosiljak. Mostar 1883, 1, 2. S. 5, 20 f. 

^) Wohl deshalb, we'l sich daselbst pleme uud bratstvo ihrem Umd 
nach, gewöhnlich decken. 



35 

möglich, dass die bosnischen Anköaimlinge, die in ihrer Heimat 
Katholiken waren und erst in der Lika der Secte der Orthodoxen 
sich anschlössen, von den HercegoYcen auch zugleich neben dem 
neuen Bekenntniss die Institution des bratstvo annahmen, woferne 
sie nicht schon, aus der Heimat diese Einrichtung mitbrachten. Die 
Einwanderung fand vor 200 Jahren statt. Damals war, wie man 
gleich aus einer zuverlässigen Urkunde ersehen wird, in derCrna- 
gora und in der Hercegovina der Ausdinick pleme fQr bratstvo 
üblich. Für pleme gebrauchte man in der Gmagora den Aus- 
druck nahija, ebenso in der Hercegovina, wo die Türken die 
Landesherren waren. Nur für das Küstenland und die ErivoSija 
ist die Sache zweifelhaft. Daselbst hat man unter pleme höchst 
wahrscheinlich die Phyle, nicht aber das bratstvo verstanden. 

Nach den Angaben von üzelac und Dimi6 gibt es gegen- 
wärtig in der Lika noch folgende plemena und bratstva. 

f 

1. Pleme Bukavina (aus der Hercegovina), zwei bratstva in 
Trnovac und Lovinjac. Katholiken. Feiern als solche 
keinen Sippenpatron. 

2. P. Kne2evi6 (a. d. H.), ein bratstvo, bei üdbina. Alt- 
gläubige. Sippenp. hl. Nikolaus. 

3.P.Budisavljevi6 (a. d. H.), ein bratstvo in Medak(?) bei 
üdbina. Altgl. Sippenp. hl. Nikolaus. 

*P.Kosanovi6 (a. d. H.), ein bratstvo in PlaSki bei üd- 
bina. Altgl. Sippenp. hl. Nikolaus. 

5P. Dimi6 (aus Bosnien), ein bratstvo in Ostrovica bei 
Gospi6. Altgl. Sippenp. hl. Nikolaus. 

OP. Mandi6 (angeblich aus Serbien) in Oraöac. Altgläubige. 
Sippenpatron ist nicht hl. Nikolaus, sondern ein anderer 
Heiliger, dessen Name meinen Gewährsmännern nicht 
recht erinnerlich war. 

'P. üzelac (aus Bosnien), ein bratstvo in Ondi6 bei üdbina. 
Altgl. Sippenpatron hl. Nikolaus. 

üeber die Bechtsverhältnisse der Angehörigen eines bratstvo zu 

einander konnte ich nichts in Erfahrung bringen, ausser dass der 

OrtSTorstand knez genannt und von den Ortsältesten gewählt 

werde. Die Würde des knez sei ferner in jedem bratstvo in einer 

bestimmten Familie erblich. Die Grenzverwaltung, welche in der 

Lika an 150 Jahre bestanden, hat mit der alten Institution des 



36 

bratstvo yon Orund aus aufgeräumt. Strenge betrachtet, hat d; 
bratstvo auch in der Crnagora, in der Hercegovina und im Eüstei 
lande ein gleiches Loos erfahren. 

Es sind gerade 130 Jahre verflossen, als der Metropolit d 
Cmagora VasilijePetrovi6, ein verbissener Feind Oesterreicl 
an das StaatscoUegium der auswärtigen Angelegenheiten in Peter 
bürg ein Memorandum über die Wehrkraft der Cmagora überreich! 
Er veranschlagte diese auf 40.000 Mann. Hiebei Unterschlupf 
ihm ein kleines Versehen, indem er nämlich das Küstenland u 
die ErivoSija und nebenher auch die Hercegovina zur Grnago 
rechnet, Gebiete, die damals nicht mehr als in der Gegenws 
montenegrinischer Oberhoheit untergeben waren. Die denkwürdi 
Urkunde findet sich abgedruckt in der Crnogorka Nr. 2, S. J 
In der Cmagora und der Hercegovina bezeichnete damals nah 
dasselbe was heutigen Tags pleme ausdrückt. Das bratstvo wi 
in der Urkunde pleme genannt. Nach meinem Dafürhalten ist 
ein Irrthum, wenn der Metropolit auch die bratstva im Eüstei 
lande und der Ejrivoäija plemena nennt, denn es fehlt dann ein 
Bezeichnung für das eigentliche pleme. Yasilije hilft sich Qbe 
diesen Punkt dadurch hinweg, dass er den betreffenden pleme 
Namen anführt. In allen den genannten Gebieten, ausser in Grba 
im Eüstenlande, hiess das Oberhaupt des p 1 e m e {(pvirj) v o j v o d a (i 
Grbalj gubernator, in der C. auch vojv. oder serdar), der Vorstan 
des bratstvo in der Crnagora und der Hercegovina knez, im Eüstei 
lande sudija (Bichter) (beiden PaStrovi6i) oder kapetan, in d* 
Ej'ivoäija glavar. In der Crnagora gab es ausserdem einen gube 
nator, dem zwei serdari als oberste Heerführer untergeordn 
waren. Im folgenden Yerzeichniss, des Metropoliten setze ich, u 
einer Verwirrung vorzubeugen, überall statt pleme bratstvo ei 
woferne im Texte der erstere Ausdruck den letzteren vertritt. 

In der Crnagora gab es im Jahre 1754 folgende plemei 
(Nahien) und bratstva: 

1. Eatunska nahija mit zwölf bratstva. In derselben b 

findet sich die Residenz des Metropoliten und des Gube 
nators. Sie hat zwei serdaren und zwölf knezi. (Jed 
serdar stand einem besonderen pleme vor.) 

2. Bijeöka nahija mit sechs bratstva; hat einen vojvo< 

und sechs knezi. 

3. Crmniöka nahija mit sieben bratstva ; hat einen vojvo< 

und sieben knezi. 



37 

4. Sestanska nahija mit vier bratstva; hat vier knezi. 
£. Spiö und Suäanj mit zwei bratstva; hat zwei knezi. ^) 
<. Zeta mit vier bratsva; hat vier knezi. 

7. Grahovo und die Yilusi mit vier bratstva; haben einen 
vojvoda und drei knezi. (Das ist wohl so zu verstehen : der 
knez des vierten bratstvo ist zugleich vo j voda des pleme, 
welches aus den vier bratstva gebildet wird. Bei 4, 6 
und 6, wo keines vojvoda Erwähnung geschieht, waren 
die bratstva von einander wohl unabhängig, d. h. sie 
gehörten schwerlich zu einem pleme. Die nahija war 
demnach in diesen Fällen eine rein territoriale Bezeich- 
nung.) 

5. PjeSivaök.a nahija mit fünf bratstva; hat einen vojvoda 

und vier knezi. 
9. Bjelopavli6ska nahija mit fünf bratstva; hat einen 
vojvoda und fünf knezi. 

10. Piperska nahija mit vier bratstva; hat einen vojvoda 

und drei knezi. 

11. Bovaöka nahija mit drei bratstva; hat einen vojvoda. 

12. LjeSanska nahija mit sieben bratstva ; hat einen vojvoda 

und sechs knezi. 

Im Eüstenlande (Primorje): 

1. Pa§trovi6ska nahija mit vier bratstva; hat vier sudije 

(Richter) und vier kapetani (Hauptleute). 

2. Orbalj mit vier bratstva; hat einen gubernator und 

vier kapetani. 

3. Das pleme Miholjani hat drei kapetani. (Hier wird 

pleme in der modernen Bedeutung gebraucht. Es bestand 
aus drei bratstva.) 

Im Gebirgslande (Brda) der Erivoäija: 

1. Euöi mit acht bratstva. Sie haben einen vojvoda über 

allen (acht) plemena (bratstva), jedes bratstvo hat aber 
seinen besonderen glavar. 

2. Bratono2i6i mit zwei bratstva; haben einen vojvoda. 



^) Marko Draf^oviö, der Heransgeber der Urkunde, bemerkt hierzu: 

'^pi6 und Su§anj sind nach dem letzten Kriege zufolge des ungerechten 

Schlusses des Berliner Congresses an Oesterreich zugefallen.« Da trifft das 

5pnchwort zu: Pusti koku na stolicu ona o<5e i na policu. (Lass die Glucke 

lof den Sessel, so will sie gleich auch auf den Schrank hinauf.) 



38 

3. Elimenti; spalten sieb in sechs bratstva, über die ei 

Yojvoda als Oberhaupt (stareSina = der Alte) aller El 
menti bestellt ist. 

4. H 1 i und Kastrat! mit vier bratstva ; haben einen vojvod 
Die drei letztgenannten Stämme waren allein Katholiken, d 

übrigen gehörten zur Secte der Altgläubigen. 

Aus der Hercegovina werden vom Metropoliten folgende a 
der türkischen Oberhoheit unterstehende Nahien angeführt : 1. Nit 
§i6i, 2. Banjani, 3. Pivljani, 4. Drobnjaci, 5. Gaöan 
6. Trebinjani, 7. Popovljani und 8. die Zupci. 

Von allen den hier mitgetheilten Namen südslavischer ph 
mena kommen in der Gegenwart nur noch einige vor. Die alte 
Stämme sind entweder aufgerieben oder durch neue verdräng 
worden. Es bewahrheitete sich an ihnen das Wort des Volks 
dichters : 

Vrieme gradi Diz Eotoro kale, 
Vrieme gradi, vrieme razgradjaje. 

>Die Zeit erbant längs Cattaro Bargen, die Zeit erbaut isie, die Zeit zerstc 

sie wieder.« 

Politisch vertreten wird jedes bratstvo durch ein von alL< 
bratstvenici gemeinsam gewähltes Oberhaupt. Man nennt il 
glavar (das Oberhaupt, vonglava das Haupt, altpr. : gall 
let. : g a 1 V a) oder stareSina (besonders in der Bocca, der A 1 1 • 
Stamm: sta; scr.: sthavira; goth.: stiurs, altsl. stari» ali 
oder knez (in der Crnagora) oder mit Bezug darauf, dass er iJ 
Kriegszeiten auch als Anführer des bratstvo-Contingentes ins Fek 
zieht, kapetan (Capitain) oder s er dar (türk.) oder vojvods 
(Herzog). Vojvoda heisst er besonders in dem Falle, wenn er deoQ 
stärksten bratstvo im pleme vorsteht. In geringeren Streitsachen 
ist der glavar auch Richter seiner bratstvenici. In schwierigeren 
Fällen sitzen nämlich Friedensrichter zu Gericht. In öffentlichen 
Angelegenheiten ist er befugt, eine allgemeine Versammlung allei 
bratstvenici einzuberufen. Er führt den Vorsitz, leitet die Ver- 
sammlung nach altem Brauch und kann sie nach Gutdünken auf 
lösen. Ihm steht die Executive und an manchen Orten (besonder 
in der Hercegovina) auch eine discretionale Gewalt zu. Er ist de 
Vertreter des bratstvo nach Innen und Aussen. Im Kriege win 
ihm ein Fahnenträger beigegeben. 

In den Versammlungen haben nur die jeweiligen Haus 
vorstände Sitz und Stimme. Die übrigen schreien blos mit: j 



39 

o^er nein: Die Gegenstände der Berathung sind mannigfaltig: 
die Kirche, der Gottesacker, die Triften, Quellen, Wälder, Grenz- 
verrückungen, Theilungen Ton Hausgemeinschaften, ehedem berath- 
^chlagte man auch über Raubzüge, üeberfälle u. s. w. 

Ein bratstTO bewohnt je nach seiner Seelenanzahl ein oder 

auch mehrere Dörfer ganz ausschliesslich, doch gibt es auch solche 

bratstva, die nur aus einigen Häusern eines Dorfes gebildet sind, 

doch wissen die Mitglieder eines jeden Hauses sehr wohl, welchem 

bratstTO sie angehören, mögen in demselben Dorfe auch mehrere 

bratstva vorhanden sein. Die Zusammengehörigkeit der einzelnen 

Häuser eines bratstvo, selbst wenn diese an den verschiedenen 

Enden des Dorfes sich befinden, zeigt sich schon darin, dass ihre 

Grundstücke zumeist aneinander grenzen. Ebenso ist man darauf 

bedacht, dass in einem Kriegsfälle alle waffenfähigen Männer eines 

bratstvo vereinigt kämpfen. 

Im bratstvo treten »Alle für Einen und Einer für Alle in 
jeder Hinsicht ein. Diese Solidarität offenbart sich besonders bei 
der Blutrache. Die Blutrache wird noch in der Gegenwart in der 
Cmagora und in der Hercegovina ausgeübt, ja selbst in der Bocca 
ist es der österreichischen Regierung, trotz der eifrigsten Bemühun- 
gen, bisher noch nicht gelungen, diesen Brauch vollständig aus- 
zurotten. Wir kommen darauf im zweiten Bande ausführlich zu 
sprechen, hier sollen nur kurz die Pflichten der bratstvenici bei 
einer solchen Gelegenheit hervorgehoben werden. 

Wenn ein Mitglied eines bratstvo irgend ein Mitglied eines 
^dern bratstvo tödtet, so sind alle bratstvenici des Ermordeten 
verpflichtet, ihn zu rächen, und zwar pflegen sie, falls es ihnen 
uieht gelingt, des Mörders selbst habhaft zu werden, den Erst- 
'^tea aus dessen bratstvo, der ihnen gerade in die Hände fällt, 
^hneweiters zu tödten. Bei alledem ist es den Leuten nicht ganz 
gleichgiltig, durch wen der Mord gesühnt wird, falls sie den Mörder 
l^rynik, der Blutschuldige) nicht selbst tödten können. Um ihm 
einen recht tiefen uod empfindlichen Verlust beizubringen, sucht 
^ an seinem Vater oder Bruder oder seinem Sohne, wenn er 
erwachsen ist, Blutrache zu nehmen. Erst dann, wenn dies durchaus 
flieht gelingen will, nimmt man mit anderen Verwandten vorlieb. 
^Veiber und unmündige Kinder werden unter keiner Bedingung 
f m Blutrache getödtet. 

/ Wenn Frieden geschlossen wird, so können nicht etwa Ein- 

t lelne für sich den Frieden schliessen, sondern das ganze bratstvo 



40 

unterhandelt mit dem andern bratstyo, ferner, vermag der 1 
oder dessen Haus nicht allein das Sühnegeld (zuweilen h 
und ein, gewöhnlich hundert und vierundzwaniig Ducaten 
engeren Familie des Oetödteten zu leisten, so schiesst das 
bratstvo das Geld zusammen. 

Die bratstvenici betrachten sich untereinander als Anyer^ 
und darum heiratete früher Niemand aus seinem bratstyo. ] 
Gegenwart ist man in dieser Hinsicht um Vieles nachsic 
geworden. 

Die bratstyenici unterstützen einander nicht blos, wei 
Sühnegeld zur Tilgung einer Blutschuld zu leisten ist, s< 
springen einander bei jeder Gelegenheit hilfreich bei. Wem 
einem bratstvenik das Haus abbrennt, so sammelt er zuei 
seinem bratstyo milde Beiträge zum Wiederaufbau seines ] 
und erhält auf jeden Fall früher als sonst wo die nöthige 1 
Stützung. Ferner, wenn ein armer Mann heiraten will, ab( 
den grossen Kosten, die eine Hochzeit erheischt, nicht aufko 
kann, so verheiratet ihn sein bratstvo aus eigenem Säcke 
hilft ihm auf jede Weise. 

Kirche, Friedhof, Weideplätze, Mehl- und Stampfmühle 
gemeinsames Eigenthum in einem jeden bratstvo. 

Wir gedachten schon früher des Kaufvorrechtes, da 
bratstvenik dem bratstvenik gegenüber besitzt. Trifft es siel 
einmal, dass Niemand aus demselben bratstvo die Liegei 
ankaufen mag, so ist noch immer ein Fremder nicht bere 
als Käufer aufzutreten, sondern es geniessen die Angeh 
anderer bratstva desselben pleme das Yorkaufrecht. 

Bei der Anknüpfung verwandtschaftlicher Beziehungen 
Angehörigen verschiedener bratstva, tritt das Bewusstseii 
engeren Zusammengehörigkeit unter den bratstvenici eines bi 
ganz deutlich zu Tage. Wenn z. B. ein Mann aus einem bi 
dem Kinde eines Angehörigen eines anderen bratstyo zu G« 
steht (kumuje), so nennen sich die Angehörigen beider bi 
gegenseitig kumovi, Gevatter. Ebenso wenn ein Mädchc 
einem bratstvo in ein anderes hineingeheiratet hat, so benenn 
alle die neuen bratstvenici des jungen Weibes prijatelji (Fr 
Yergl. S. 14 die Bemerkung am Schlüsse der Nomenclati 
weiblichen Seitenlinien). Die bratstvenici sind besonders 



M ^'ergl. VröevicS Kiz narodnih pripov. S. 88. 



41 

htig auf die Wahrung der Ehre ihres bratstvo. Darum suchen 
z. B. die bratstvenici eines stattlichen bratstvo auf jede mögliche 
t und Weise zu verhindern, dass nicht etwa ein Mädchen aus 
em biatstvo in ein geringeres hineinheirate, ebensowenig wird 
gegeben, dass ein Bursche ein Mädchen aus einem geringeren 
ktst?o heimführe. Ein Sprichwort lautet: 

Jako bratstvo brzo zapliöe. 
Ein starkes bratstvo geräth leicht (schnell) in Händel. 

Durch die Verbindung mit einem schwächeren bratstvo fühlt 
*'h das mächtigere zurückgesetzt, hingegen gewinnt es durch Yer- 
hwägerung mit einem starken bratstvo einen starken Verbündeten. 

Stirbt eine Familie bis auf «ine Erbtochter aus, so kann 
Ibstverständlich zu ihr in das verödete Heim nur ein Angehöriger 
les andern bratstvo hineinheiraten (vergl. das Capitel: »DerErb- 
chtermann«). Er muss sich aber in das neue bratstvo erst ein- 
nfen. Der Eintrittsbetrag macht in der Bocca nach LjubiSa 
HK) Aspren (= acht Thaler) aus, abgesehen von den Gebühren, 
e der Kirche zu entrichten sind, und des Festmahles, das den 
■nen bratstvenici gegeben werden muss. 

Schmiede sind aus dem bratstvo ausgeschlossen. Sie nehmen 
Qe derart verachtete Stellung ein, dass sich kein halbwegs recht- 
haffenes Haus mit einem Schmiede verschwägern will. Dieselbe 
'Scheinung trat auch in der alten servianischen Genturienein- 
eilung des römischen Volkes hervor, wo die Schmiede den nie- 
igsten Centurien zugetheilt waren. Ein Schmied ist daher auf 
■h selbst angewiesen und kann nur wieder die Tochter eines 
hmiedes heiraten. Der Grund dieser Ausnahmsstellung ergibt 
'h von selbst, wenn man bedenkt, dass bei einem durchaus 
kerbautreibenden Volke nur die Grösse des Grundbesitzes und 
s Sorgfalt, die man auf seine Bearbeitung verwendet, zu Achtung 
rhilft. Folgerichtig müssten Opankenmacher, Wagner, Tischler 
ch verachtet werden. Dies tritt aber deshalb nicht ein, weil 
r Südslavische Bauer, wo er noch sich selbst überlassen ist, wie 
der Cmagora und der Hercegovina, diese Fertigkeiten von früher 
gend allein auszuüben gelernt hat. Als Gewerbetreibenden be- 
fnet man Tischlern, Opankenmachern und Wagnern nur in Nie- 
niDgen, in Städten und grösseren Dörfern. Gewöhnlich betreiben 
se Handwerker nebenbei noch sehr stark Ackerbau, da ihnen 
neist ihr Gewerbe die Bedürfnisse für den Lebensunterhalt nicht 
reichend zu decken vermag. 



42 

Stammsagen der bratstva und Entstehung der 

Familiennamen. 

Jedes bratstvo, sowie die zu einem pleme vereinigten bratstva 
weist eine Stammsage auf, die den Urahn verherrlicht. Man liebt es 
die Lebenszeit des Stammvaters in eine längst entschwundene Ver 
gangenheit zurückzuverlegen. Ihm werden alle möglichen und unm5g 
liehen Heldenthaten zugeschrieben. Ein Zug pflegt in den Sagen den 
noch auf Thatsachen zu beruhen, wenn die Sagen nämlich von der 
Einwanderung des Stammvaters in die neue Heimat berichten. Die 
Njegu§ in der Crnagora erzählen z. B., dass sie vor Zeiten am 
Abhänge der Njegug-Alpe in der Hercegovina ansässig gewesen und 
von dort nach der Crnagora eingewandert wären. Sie theilen sich 
in zwei starke bratstva: die Erakovi6 und Bai6evi6. Es waren 
ihrer zwei Brüder, Erak und Rai6 (wohl Baja, denn Bai6 seihst 
ist ein Patronymikon). Von Erak stammen die Petrovi6 (das 
gegenwärtige Fürstengeschlecht), die Popovi6, Eustud ab, von 
Bai6die: Badonic, 2utkovi6, Prasiö (nach Med akovi6 a.a.O.). 

Das alte und weitverzweigte pleme der Vasojevi6 in der 
Hercegovina leitet seinen Ursprung von vier Brüdern ab, von Vaso, 
Pipa, Krasta und Hota. Nach Vaso's bratstvo wurde das 
ganze pleme Yasojevi6i benannt. Von Pipa rühren die Piperi 
in Piperi her. Dieses bratstvo verzweigte sich frühzeitig und ist 
über mehrere Dörfer unter verschiedenen Namen angesiedelt. Von 
Krasta stammen die Er asten i6i ab. Sie bewohnen Beka im 
albanesischen Grenzgebiete. Ihr Wohnbezirk heisst Be£ka ma- 
le sija. Sie sind zum Mahomedanismus übergetreten. (Mili£evi6 
behauptet, es gäbe auf Gottes Erdboden keine böseren Menschen 
als die Krasteni6.). Von Hota leiten die Hoti in der malesija 
von Skadar (Scutari) ihren Ursprung ab. Sie sind zum Theil 
Mohamedaner, die Mehrzahl aber Katholiken. 

In derNahija Vasojevi6 gibt es nach Mili6evi6 noch mehrere 
plemena, die sich für Nachkommen Pipa's halten. Unser Gewähr»* 
mann verwechselt hierbei ganz gewiss pleme mit bratstvo. Wie 
viele ältere plemena es daselbst gibt, das lässt sich aus der An- 
zahl der Schutzheiligen, die in dieser Nahija gefeiert werden, genan 
bestimmen. Die eigentlichen Vasojevic feiern den Tag des hL 
Alexander (30. August). Die übrigen plemena feiern entweder den 
hl. Nikolaus oder hl. Johannes oder den Erzengel oder die 
hl. Petkovica (Freitag, Frühliugsgöttin der vorchristlichen Zeit) 
oder den hl. Pantelija. 



43 

Die Stammsage der Ürliö-Iyanoviö in der ßocca erzählt 
Grgur Ivanoviö, im IlercegovaCki Bosiljak ^) Ihn begeisterte 
sie zu einem sehr schwulstigen Heldengedichte. Davon soll der 
Leser dieses Buches Terschont bleiben , doch die eigentliche Sage 
verdient mitgetheilt zu werden , weil sie deutlich zeigt , wie sie 
«figentlich entstanden sein mag. Grgur erzählt: 

>Die IvanoTiö leiten ihren ältesten Ursprung (svoju sta- 
rinu) aus Bosnien her. Jomko Marnaviö (als Geschichtsforscher 
eine ganz unbekannte Grösse) beweist, dass eine Zweiglinie dieses 
weitTerzweigten Stammes im fünfzehnten Jahrhundert aus Russ- 
Und nach Slavonien, Ungarn und Bosnien eingewandert ist.« 
(Mumaviö scheint keine anderen Belege für seinen Beweis beige- 
bricht zu haben, als das Vorkommen des Namens Ivanoviö in den 
drei Ländern, dadurch aber ist sein ganzer Bericht hinfällig. Der 
Name iTanoviö ist unter den Südslayen verhältnissmässig nicht 
minder häufig anzutreffen, als in Deutschland die Namen Mayer 
oder Müller. Unter den Südslaven zeigt sich in neuerer Zeit viel- 
fach das Bestreben, seinen Ursprung aus Bussland, sowie ehedem 
ans Italien, abzuleiten. Gewisse Leute legen darauf einen grossen 
Werth, etwa so, wie sich Mancher in Deutschland etwas darauf 
XQgnte thut, dass er von französischen Emigranten abstammt. Un- 
wahrscheinlich ist Marnavi6's Annahme schon deshalb, weil die 
^geblichen russischen Auswanderer gewöhnliche Bauern gewesen, 
<lie gewiss keine Documente, Adelsbriefe etwa, aus ihrer Heimat 
mitbrachten.) »Kurz bevor das bosnische Königreich zerfiel, trennten 
sich einige von der Sippe Ivanoviö und zogen zurück nach Ungarn, 
einige blieben in Slavonien, einige endlich gingen über den Sava- 
tnd Bosnafluss. Von Doboj an der Bosna zog ein Theil in die 
Bocca, ein anderer in die Crnagora, und zwar nach 2upanjce und 
Imotsko. Von diesem bratstyo trennten sich zuerst zwei Familien, 
die nach Enin und Petrovo polje übersiedelten. In Imotsko sie- 
delte sich als erster Rado Ivanovi6 an, während seine zwei Brüder 
Joraj und Bajko die Abhänge von Grab bei Erstatice anbauten, 
fisjko fand dort eine neue Heimstätte, Gjuro wurde vom Tode 
iberrascht. Sein Sohn Tadija zog gegen das Meer hin und gelangte 
in das DraSniöko podkamenje (Klippenstrand von DraSnice), von wo 
las er sich über Kolivrat nach DraSnice bei Duböac und Podo- 



V HercegoYa^ki bosiljak. Mostar 1833, Nr. I. und II, S. 5, 
(i 3od 21. 



44 

beri6 begab. Vom Tadija stammt das im Küstenlande mächtigste 
pleme ab. Es zählt an 500 Seelen. Lauter ungestüme, halsstarrig« 
Leute, die in aller und jeder Beziehung sich streng an alte Sitte, 
alten Brauch und alte Tracht halten. Von Tadija wurde Ivan 
geboren, von Ivan Tadija, von Tadija Grgur, von Grgur Stjepko, 
von Stjepko Tadija. Dieser nannte sich der erste Ivanoviö ürlid 
Während der häufigen Kriegszüge gegen die Türken war er ein feu- 
riger Mitstreiter der serdare (Gros sprofosen, Generalgewaltigen) des 
Küstenlandes. — Um den Beginn des Krieges von Kandia (1663) 
begab er sich mit den übrigen Serdaren nach Venedig. Dort 
wurden sie im Dogenpalaste für ihre Heldenthaten ausgezeichnet 
Als sie den Palast verliessen, ging Jeder seines Weges, Tadija aber 
steckte nach Brauch der Bewohner des Küstenlandes (na primorskn) 
den Finger ins Ohr und Hess die gebräuchliche ooooooo-Melodie 
erschallen (udari popjevku na okavsku). Die Venezianer Yer- 
spotteten ihn, weil ihnen ein solcher Gesang ganz und gar an- 
gewohnt war: >Gvard6 come urla quel serdaro Dalmato!« DaToa 
blieb dem Tadija bei seinen Geschlechtsgenossen (suplemenjaci) 
der Beiname (priziv) ü r 1 i 6 , daher Ivanovi6 ürliö. Später ver- 
tauschte man diese zwei Namen. (Wie dies aufzufassen ist, er- 
klären wir gleich weiter unten.) Heutigen Tages schreiben sieb 
alle nur Urli6. Von Tadija stammen Ivan und Peter ab, voD 
Ivan Mato und Stjepan, von Stjepan Ivan. Von Ivan Stjepanot 
entspross Grgur, von Grgur Mato.« Mato ist der Grossvatei 
unseres Gewährsmannes, der sich Grgur Urlid-Ivanovi6 nennt 

Vom bratstvo der K o v a ö e v i 6 in der Crnagora erzählt die Stamm- 
sage, der Urahn sei der Vater zweier Ueberläufer (uskoka) geweseBi 
die das Schmiedehandwerk erlernten und dann nach Graliovo fiüeh- 
teten. Einer von ihnen siedelte sich für ständig dort an. Seine 
Nachkommen, d. h. das ganze gegenwärtige bratstvo heisst KoTi* 
öevi6. Dies ist aber nur, ich will mich der für den Deutsche! 
verständlicheren griechischen Bezeichnung bedienen, das Eponymoa 
der Phratrie, denn es hat noch überdies jedes Haus (ku6a oder wii 
man in der Crnagora zu sagen pflegt, ognji^te = Feuerstätte), oder 
mehrere Häuser, die von einem Grossvater abstammen, haben ihre! 
besonderen Familiennamen. Das bratstvo Kova^evi6 zerfällt z. & 
in mehrere Häuser, die Jankovic, Milutinovic, Perovi6 u. s. w. 
Schliesslich kommt noch jedem Mitglied eines Hauses und eines 
bratstvo ein besonderer Name zu, dem der Vatersname, und wenn 
dieser letztere häufig vorkommt, so dass eine Verwechslung statt- 



45 

finden könnte, aach noch der Name des Grossvaters hinzugefügt 
wird. Die Patronyniika der Individuen endigen nicht wie gewöhn- 
lich die Namen aaf -i 6, sondern entweder auf -o y oder -i n. Z. B. : 
Petar Jovov (Peter Sohn des Jovo) oder Nikola Pavla Ili- 
jini (Nikolaus Sohn des Paul Eliassohn). Daher hat jeder ein- 
lelne männliche Angehörige eines bratstvo folgende Namen: 

1. Einen Taufnamen, z. B.: Joyo. 

2. Den Namen des Vaters in adjectiyischer Form, z. B.: Jovo 
Petrov (Jovo Peterssohn, wenn der Vater Peter heisst). 

3. Gibt es in demselben Hause mehrere, die Joyo Petrov 
heissen, so setzt man noch des Grossvaters Namen in ad- 
jectivischer Form hinza, z. B. : Jovo Petra Markova 
(Jovo des Peter Markussohn, wenn der Grossvater Markus 
hiess). 

4. Hiezu kommt noch der Name des Hauses. Heisst dieses 
Jankoyi6, so lautet der Name unseres Jovo: Joyo Petra 
Markova Jankoviöa (Jovo, des Peter Markussohn [des 
Hauses] Jankovi6). 

5. Schliesslich kommt noch hinzu der Name des bratstvo, 
also: Jovo Petra Marko vi6a Jankoviöa Kovaöe- 
vi6a [Joyo, Sohn des Peter Markussohn (aus dem Hause) 
Jankovi6 (aus dem bratstvo) Kovaöevid]. 

Es Yersteht sich eigentlich Yon selbst, dass man auf öster- 
rnchischem Gebiete auf eine weniger scharfe Unterscheidung und 
Feststellung der Namen stossen muss. Erstens sind die b rätst va 
veniger bedeutend und zweitens stehen die den HercegOYcen stamm- 
verwandten Bocchesen schon weit mehr als die ersteren unter dem 
finfloss der westlichen Cultur. Dies wird uns trefflich durch den 
Bericht Ljabi§a*s beleuchtet, der über die Gegend von BudYa 
Mgende Auskunft gibt: »Die Hausgemeinschaften oder Familien 
(die »oder« ist hier nicht zulässig, weil sich die beiden Begriffe 
iieht decken) haben ausser dem Namen des bratstvo gewöhnlich 
keinen anderen Namen, sondern nur hie und da einen Beinamen 
(ladimak^), der entweder nach einer Person oder einer Oertlich- 
keit gebildet wurde. Das bratstvo der Markovi6 ist beispiels- 
weise getheilt in die Crnöani (nach dem FlQsschen Cr na) und 
in die Brije2ani (nach brijeg, der Berg, zubenannt). Es gibt 
nehrere Familien in einem bratstvo, die solche Beinamen führen. 

*) In Serbien sagt man noch bezeichnender : prozviSte — Rufnamen. 



46 

Im üebrigen kann man im Allgemeinen sagen, dass die einzeln« 
Familien eines und desselben bratstyo ausser dem Namen d( 
bratstvo untereinander noch jeweilig den Vaters- oder Grossvaten 
namen, wo es Notb thut, in Anwendung bringen: also die Famili 
des Peter Nikolaus Sohn L j u b i § a's oder des Peter Niko*s Pete» 
söhn LjubiSa's.« 

Mit Ausnahme des Phratrieneponymons gebraucht man denF 
nach die übrigen Namen lediglich nur zur Individualisirung inner 
halb des bratstvo selbst, während ein Einzelner vor Nichtange 
hörigen seines bratstvo blos den Namen des letzteren nennt, b 
unseren Beispielen also Eovaöevi6 oder Ljubiäa. Der Crno* 
gorac versteht den Ausdruck prezime (Zunamen) nicht, sagt He 
dakoviö, er kennt nur das bratstvo. Würde Jemand einen Cnie 
gorac fragen: »Wie lautet dein Zuname?« so würde ihn der 6e 
fragte nicht verstehen, sondern antworten: »Was hast du gesagt? 
(kako reße?). Fragt man aber: »Welchem bratstvo gehörst di 
an?« so erhält man gleich eine richtige Antwort. 

Ungenau drückt sich Vuk aus, wenn er a. a. 0. von de 
Namengebung in der Cmagora und der Hercegovina sagt: >I 
der Cmagora und der Hercegovina hat unser Volk seine Zuname 
(p r e z i m e n a , das Wort ist, wie bemerkt, den Grnagorcen nid 
bekannt), mit welchem sich die Familien (porodice) von Glied s 
Glied benennen, so wie es im übrigen Europa der Fall ist« Di 
ist oder besser war nicht richtig, als ja aus einem bratstvo sie 
mehrere mit eigenen Namen herausentwickeln konnten. Am weni| 
sten zuverlässig ist Yuk's Hinweis auf das »übrige Europa«. 1 
fährt nun fort: »In Serbien aber bestand dieser Gebrauch bis ai 
die Gegenwart nicht, sondern Jeder benannte sich nach seinei 
Vater, indem er an des Vaters Taufnamen, wenn dieser auf j 
oder 0, oder auf einen Consonanten auslautete, ein ovi6 oA 
evi6. wenn auf a ein einfaches i6 anhängte; z. B. : Mi 1 an -o vi 
Milog-evi6, Miloje-vi6, Ranko-vi6, Mile-t-i6. Wennabi 
einem der Vater vor der Mutter verstarb, so bildete man den Zi 
namen nach dem Taufnamen der Mutter; z. B.: von Buia-BniU 
von Smiljana-Smiljani6, von Peruna-Peruni6i6. Ebew 
machten es Diejenigen, die aus der Hercegovina oder aus der Cni 
gora in Serbien sich niederliessen, indem sie nach dem Brauch 
des Tieflandes ihre alten Zunamen nach nnd nach ausznlassei 
manche auch zu vergessen pflegten. Wenn man bei Manchen noe 
des alten Namens gedachte, so geschah es häufig nur mehr u 



47 

Spott. Mir (Vnk) erzählte der zu Karagjorgje's Zeit ziemlich ange- 
sehene Anführer Namens Mladen, er stamme eigentlich aus 
Drobnjak, aus dem Dorfe TuSimnje, aus der Sippe Cerovid, er 
hiess aber nach seinem Vater Milanoviö. Erst seit dem Jahre 
1804 kam der Brauch in Serbien auf, besonders unter angesehe- 
neren Leuten, den Zunamen nicht mehr nach dem väterlichen 
Tanfnamen zu bilden, sondern denjenigen beizubehalten, den ihre 
Torfahren oder ihr Vater schon geführt. Auch im österreichischen 
Eiiserstaate, in Südungarn benannten sich unsere Leute, wie in 
Serbien, nach dem väterlichen oder mütterlichen Zunamen, bis 
ihnen die Landesherren dieses untersagten ; besonders weil sie 
sahen, dass in einer und derselben Familie mehrere Zunamen vor- 
kamen. Daher blieb der Name, den einer nach seines Vaters oder 
seiner Mutter Namen gebildet, von nun ab der ständige Zuname.« 
In keinerlei ursächlichem Zusammenhange steht folgende An- 
nahme und die daran geknüpfte Schlussfolgerung Vuk^s: »Wahr- 
scheinlich ist in der Grnagora und den ihr angrenzenden Gebieten 
die Blutrache der Hauptgrund, weshalb die Leute an ihrem alten 
Namen festhalten, damit nämlich Derjenige, der daran denken 
würde, Jemand zu tödten, sogleich wissen kann, mit wem er in 
Streit gerathen muss und wem er das Blutgeld schulden werde. 
In Serbien aber gab es keine solche Blutrache und konnte auch 
keine geben, eben darum brauchte man sich an den alten Zunamen 
nicht zu halten.« Die weitere Bemerkung, die er an das Gesagte 
tnschUesst, können wir uns füglich erlassen. Wahr ist hingegen, 
was er fernerhin berichtet, dass die Türken, wenn sie den haraö 
(die Steuer) einsammelten, Jeden nach dem Namen seines Vaters 
•der seiner Mutter aufriefen und sich sonst blutwenig darum be- 
kfimmerten, wie sich einer benenne ; ungerechtfertigt ist aberVuk's 
daraus gefolgerter Schluss: »Eben darum besteht noch heutigen 
Tages bei uns der Brauch, dass man viele Leute mehr nach ihrem 
Tanfnamen als bei irgend einem Zunamen kennt und anruft.« Vuk 
kat das Leben von Dorfleuten im Auge und gerade deshalb ist 
seine Bemerkung nicht zutreffend. Es ist ja selbstverständlich, 
dass man auf dem Dorfe, wo Einer den Andern ganz genau kennt, 
besonders wenn man mit Jemand zusammen aufgewachsen ist, 
denselben nur bei seinem Taufnamen anrufen wird. Ist es ein 
febr häufig vorkommender Name und spricht man mit jemand 
Dritten über den Träger dieses Namens, so ist es wieder selbst- 
verständlich, dass man eine nähere Bezeichnung in irgend einer 



48 

Form dem Namen hinzufügen wird, um den Unterredner in keine 
Zweifel darüber zu lassen, wen man meint. Das Nächstliegen 
ist, dass man ein Patronymikon hinzusetzt. Und was ist denn d 
Patronymikon sonst als ein Taufname in adjectivischer Fora 
Richtig dagegen ist es, dass die mahomedanisirten Slaven in Bc 
nien ihre alten slavischen Zunamen beibehalten haben, weil a 
dieselben ihnen verschiedene Bechte verbrieft sind. In enger 
Kreisen gebraucht man freilich trotzdem neue Patronymika. 

Besonders bemerkenswerth ist das, was uns Yröeviö a 
der neuesten Zeit über die Namengebung in der Hercegovina, Cra 
gora und der Bocca mittheilt. Sind wenige Söhne im Hause, i 
wird der Name nicht verändert, sind ihrer aber viele, so bildi 
man ein Patronymikon. »Hätte mein seliger Vater Stefan, 
erzählt Vröevic, »viele Söhne gehabt — wie z. B. Jug Bogdao 
(dieser hatte neun Söhne, wie aus den Volksliedern als bekann 
vorausgesetzt werden kann), »nach dem seine Söhne Jugovi6 
hiessen — so würde schwerlich wohl Jemand mich oder mein 
Brüder Vröevic, sondern Stefanovi6 oder Stevovi6 nennei 
Ja, kehrte ich heute nach Risano zurück (der nunmehr verstorben 
VrSevi6 lebte, als er dies vor zehn Jahren schrieb, als österreichi 
scher Consul in Trebinje), man würde mich Vuko Stevanoi 
und wohl kaum Einer Vuko Vröeviö nennen. Wenn ein Vat( 
einen bis fünf Söhne hat, so ändert ihnen die Bevölkerung jem 
Gegend niemals ihren Stammnamen (korjenito ime).« 

Auch die Bulgaren bilden auf gleiche Weise Patronymifa 
indem sie den Vatersnamen in ein Adjectiv auf ov umwandeli 
Z.B.: Gagov, Hreljkov, Mu§mulov, Zabunekov, Tun 
bekov, Batulov, DradXov, Lodov, Radomirovu. s. i 
(Vergl. Miladinovci, Big. nar. pjes., S. 629.) Namen auf i 
kommen unter den Bulgaren nicht vor. 

Bei den Slovenen und Kroaten im engeren Sinne sind gleicl 
falls Patrouymika sehr häufig, doch endigen diese weder auf o 
noch auf i 6. Zumeist sind es Adjectiva, die zugleich als Demini 
tiva und Koseworte gebraucht werden. Z. B. : L u k e c (der kleii 
Lukas), S t e p e k (der kleine Stefan), M a r t i n e k (der kleii 
Martin), Juri na (Georg's), Lukina (der Lukas), Jendrec (d< 
kleine Andreas) u. s. w. Eine Ausnahme davon machen die Zi 
namen, die aus Frauennamen entstanden sind. Wir wiederhole: 
dass solche Namen dann entstanden, wenn nach dem Ableben d 



UaDii«s die Gattin mit uumfindi^eD Kindern liinterlilieb. Nur 
di^e NainuD endigen auf i 6. Z.B. Klaric, Bariä, MariC u. s. w. 
Ethnographisch lehrreich ist die Thatsache, dass Thiernameu 
als »Iche in unveränderter Form überaus selten hei den Serben iu 
Serbien, bei den Bulgaren, den Hereegovcen und Crnogorcen fast gar 
meht, sehr selten in Bosnien und Slavonien, dagegen in Kroatien und 
tat« den SlOTenen sehr häufig als Zunamen rorkommen: z.B.: 
Zijec (Base), Lisica (Fuchs), Ml^ (Maus), ^takor (Ratte) 
II. !, w. ; bierin offenbart sich unverkennbar der übevhanduehmendu 
frtmde Einfluss. Femer sind in unferänderter Form als Zunamen 
nch die Namen von Handwerken beihehitlten worden; z, B. Reäe- 
lar (Reutermacher), Ti ä Ijar (aus dem deutschen Tischler), Kovaö 
(Huiied). Lou^ar (Töpfer), Tkalec (Weber), Varga (Baueru- 
stifffUchuster) u. s. w. Nicht selten sind Namen nach Tagen oder 
MonaiHH, 7. B.: Snbota (Samstag), Nedelja (Sonntag), Sviben 
lM»ii ; sie sind wohl daher genommen, weil der Erste, dem man diesen 
1x1" jcDön Namen beigelegt, an dem Tage oder in dem Monate 
gt^lwran wurde. Auch sonst wird die Erinnerung an besondere 
Ereignisse durch den Zunamen festgehalten, den man der bei dein 
betteffenden Ereignisse raeistbetheiligten Person beigelegt, z. B. : P o- 
gflrelac (der Abbrändler). Krajiän ik (der Grenzbewohner), Pol- 
_ j»t (der in der Ebene wohnt), Novosel (der ein neues Dorf 
KjIBtodet hat) u. s. w. Ein Drittbeil aller sOdslavischen Zunamen 
^^^■tf tirsprünglicbe Spilzuamen zurück. Unter den SQdslaven 
^^^HNiIiI in Stadt wie Dorf Jeder, mag er hoch oder nieder sein, 
V|K einen Spottnamen, der ihm sein ganzes Leben haften bleibt. 
Di«M Eigen ihümlicbkeit tfaeilen die SQdslaven mit allen Süd- 
tlldera im Allgemeinen. Die Thiernamen als Zunamen führen 
aiaml auf Spottnamen zurück. Die Spitznamen vererbten sich 
Ünfig TOD Vater auf Sobn und wurden in Fatronymika umge- 
nndelt. 

I. Beispiele fQr Spottnamen, die keine Zunamen sind: Im 
Borfe Diroselo in der Lika führt der Hausälteste Petar Obra- 
ioTifi den Spottnamen Trtica (das Sehweifstllefc von einem ge- 
tnient-n Geflügel), Todor Obradoviß Maglov heisst Brkljar 
(•iT Schnurbärtige), Peter 0. Maglov Buvar (der voll Flöhe 
it), I> m i t a r 0, M, V r i i n a (der Knoten), In den zwei Häuseru 
)'njiiori6 beissen die Mitglieder des einen iUe (etwa mit Ro- 
ükate xa übersetzen), das andere Pa r i p i n a (ein zaundürrer 
lÜi-ppcr). — Aus Stubiea in Kroatien: Tikec (der Stotterer?). 

■ «••-. IHHfu (irwoliDhrttsrFcilt d. SUdal. 4 



4 



50 

Mikec (der Blinzler), Vuhas (der lange Ohren hat). — A 
Pleternica'in Slavonien: Pilosop*) (der Philosoph; der Ma 
bekam den Namen, weil er immer über die tiefe Bedeutung * 
Sternzeichen im Kalender nachgrübelt), Peciguz (Ä.... brat 
der Mann pflegt im Winter mit dem Bücken gegen das Fei 
gekehrt, sich zu wärmen. Die Bauemherde sind kaum einen Seh 
hoch, daher ist der Spitzname leicht erklärlich). 

2. Beispiele von Spottnamen, die Zunamen geworden sii 
MlatiSuma (Waldverwüster aus Serbien), Pecirepa (Büb 
brat er), Pr2ibaba (Altweiberröster), Maökobrk (Katzenschn 
hart), Eukayiöiö (Kukukssohn; der Eukuk gilt den SQdslai 
als Sinnbild sowohl des janimervollen Elends als der knechtisct 
Feigheit), Magara§eyi6 (der von einem Esel abstammt. I 
Esel gilt den Südslaven nicht so wie den Deutschen als Sinnb 
der Dummheit, sondern der niederträchtigen Verschmitztheit n 
Schufterei). (Aus der Hercegoyina, Crnagora und der Bocc 
Benak (der Trottel), Peßenka (der Braten), Zuboviö (d 
grosse Zähne hat) (aus Slayonien) u. s. w. 

Für Bosnien sagt M a r t i 6 , dass bei den Katholiken oral 
Zunamen Yorkommen, z. B.: Ilic, Jozi6, Tom 16, die Altglä 
bigen aber (d. h. die Serben) würden nach ihren Eltern zubenani 
In der Anmerkung fragt Bogi§i6: >Sollte es denn möglich sei 
dass es noch immer keine ständigen Zunamen gibt?« — Bis i 
Kurzem, als Bosnien noch unter türkischer Verwaltung sich befai 
konnte dies ja noch immer geschehen. Das Volk bleibt über 
bei seinem alten Brauch, wo es nicht durch äussere Verhältnif 
von demselben abgebracht wird. Martid's Bericht ist um so glan 
würdiger, als erstens keine Veranlassung für ihn vorlag, eine soIg 
Behauptung aus der Luft zu greifen; zweitens, weil die AltgU 
bigen überhaupt sehr zähe Anhänger alter Bräuche sind, n 
drittens, weil sie doch Niemand daran hinderte, bei ihrem alt 
Brauche der Namengebung zu verbleiben. Die Türken künlmert 
sich ja nie um derlei Angelegenheiten der Raja, sobald diese o 
pünktlich ihre Abgaben entrichteten. 

^) Er führt sonst den Namen P i t k o v, aber auch das ist ein Spitxnu 



61 



Krsno ime. Das Sippenfest. 

In welchen Qebieten sich das bratstvo bis auf die Jetztzeit 
erhalten hat, das wurde hier schon mehrmals hervorgehoben. Wie 
es 8icb aber nicht anders erwarten lässt, finden sich Spuren dieser 
Institution auch bei den übrigen Südslaven. Wenn auch die Namen 
bratstvo und bratstvenici in Vergessenheit gerathen sind, so hat sich 
doch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit verwandter Sippen 
im Volke nicht verloren. Dies zeigt sich alljährlich bei der gemein- 
samen Feier eines und desselben Schutzpatrons, beim Sippenfeste, 
dem sogenannten krsno ime. (In den monum. serb.: kr'BstBuo 
ime nomen baptizmatis. KrBStb von xQiaxog, ime Name, skt. 
näma. goth. ahd. namo, pr. emnes. ir. ainm. arm-anün.) 
Sinnentsprechend lässt sich k. i. mit »Tag der Taufe« übersetzen. 
Eine Annahme, dass die Südslaven vor ihrem Uebertritte zum 
Christenthum keine Sippenfeste gefeiert, zerfällt angesichts der 
^elen Thatsachen, die dagegen sprechen. Medakovid meint nämlich, 
die Sippenfeste wären erst durch das Christenthum eingeführt 
▼Orden. Bemerkenswerth ist es, dass die Sippenfeste an Stelle alt- 
heidnischer Festfeiern getreten sind, die im Frühling, im Hoch- 
sommer und im Winter, zur Zeit der Jahreswende begangen wurden. 
An solchen Festtagen fanden wohl die ersten Massenübertritte 
xQm Christenthum statt. Das alte Fest wurde beibehalten, doch 
QAter einem neuen Namen. ^) Vereinzelt begegnet man auch in 
dem Namen selbst vorchristlichen Erinnerungen, so z. B. : wenn 
der bL Pantelija (Panteleimon) und die hl. Petka (die Freitag, 
Venus — Aphrodite) als Sippenheilige verehrt werden. 

Von den altheidnischen. Feiern haben sich vorzüglich drei 
erhalten: das Maifest, das Fest der Sommer- und der Winter- 
Wnnenwende; diese waren und sind noch gegenwärtig allgemeine 

^ Bogiiiö (Knjiievnik III, S. 426) macht bezüglich des krsno ime eine 

^^ richtige sachliche Bemerkung, die wiederholt zu werden wohl verdient: 

*diss d&s gegenwärtig noch übliche Sippenfest (k. i.) in einem inneren Zusam- 

^ohange mit der vorchristlichen Feier des Penaten der Hausgemeinschaft steht, 

^ durch den bei mehreren slavischen Völkern noch heutigen Tages nach- 

^«ifbiren Glauben an einen solchen (Haus-) Geist bestätigt. Die Grossrussen 

^aen den Hausgeist noch gegenwärtig Domovoj, Hozjain, djed, die 

fi«inruüsen: Gospodar. Ja bei den Eleinrussen erhielt sich bis auf den heu- 

tiim Tag ein echter, rechter Cultus dieses unsichtbaren Familien-Schutzgeistes« 

B. ü. w. — Vergl. im Nachfolg, die Darstellung der Festgebräuche bei krsno ime. 



52 

Volksfeste. Daher begehen die meisten südslavischen Sippen Hei- 
lige, deren Fest von der Kirche um die angegebene Zeit angesetzt 
worden. Es sind dies: der hl. Georg (Qjurgjeydan, am 23. Mai), , 
der hl. Johannes (Jovanjdan, am 24. Juni), der ErzengeLj 
Michael (Arangjelovdan, am 29. September), der hl. Nik 
laus (Nikoljdan am 6. December), der hl. Demetrius (Mi- 
trovdan, 26. December) u. s. w. Nach Vuk's Zeugniss feiern die 
Bulgaren im Timokgebiet als Sippenheiligen den hl. Nikolaui 
Die übrigen Bulgaren begehen kein krsno ime. Die Sippen, dL ^ 
davon eine Ausnahme machen, behauptet mein Gewährsmann^ 
S. Jovanoviö, wären alle von Ursprung aus Serbien eingewandert. 

So wie in der Grnagora, der Hercegovina und in der Bocea 
die Sippen einen allgemeinen, von ihrem Stammvater herrfihrendeir 
Sippennamen haben, so benennen sich die übrigen altgläubiges 
Südslaven vorzugsweise nach ihrem Schutzheiligen. Dasselbe ist 
wohl auch in den 'drei genannten Gebieten der Fall, nur tritt 
letzterer Name in den Hintergrund. Der vom gemeinsamen Sippen- 
heiligen gebildete Name bildet unter den Altgläubigen eine Art 
Erkennungszeichen. Es gibt: Gj u rgj ev§ taci, MitrovStaci, 
Nikoljitaci, JovanjStaci, Arangjelovätaci n. 8.w. 

Dem Sippenfeste kommt im südslavischen Volksleben eine » 
grosse Bedeutung zu, dass es füglich keiner Entschuldigung bedtrf^ 
wenn wir hier eine kurze Schilderung der üblichen Festordniu^ 
entwerfen. *) 

Das ganze Jahr hindurch trifft der Hausälteste Yorbereitungeii 
zur würdigen Feier dieses Festtages. Der Südslave hegt nämlich 
den Glauben, dass an diesem Tage der Schutzpatron (svetitelp 
selbst zu ihm in das Haus komme. Daher sagt man geradeaus 
zur Bezeichnung, dass der hl. Tag herangenaht ist: »dofiao mi je 
sveti Jovan ili sveti Gjuragj u ku6u.« (Es ist mir der hl. Johannes 
oder der hl. Georg ins Haus gekommen.) Am Vorabende dieses 



^) Literatur: Karad2i6, Zivot i obii^aji n. s. w. S. 69 — 85. krsnO 
ime. Wohl der beste Artikel im ganzen Buche, trotz aUem Mangel an Kritik* 
— Medakovid. 2iyot i obiöaji Crnogoraca. S. 64 — 67. M. meint, das Fe^ 
sei in Brauch gekommen, als das Christenthum unter den SttdslaTen AofiiihD^ 
gefunden, sonst ist die Schilderung ausgezeichnet. — Vröevid, Tri gliTO^ 
svecanosti. Krsno ime, S. 84— 144; theilt sehr hühsche Volkslieder mit, docb 
stehen diese in keinem inneren Zusammenhange mit dem Feste. — Vodopi^ 
im Zagrebaaki zabavnik 18G3, S. 1G7-168. theilt Trinksprüche ans lUgnsa mit 
Sind kritisch nicht unanfechtbar. — B. Petranoviöim Glasnik srp. tt?« 
dr. 1871. S. 318—337. Werthlos. 



53 

Tages geht ein Bursche durch das Dorf, hält vor jedem Hause an, 
sieht die Kopfbedeckung ab und trägt mit lauter Stimme seine 
Einladung vor: > Gottes und euer Haus! Es lässt euch mein Vater 
Coder Bruder) grüssen, damit ihr Abends zu ihm auf ein Glas 
Xranntwein kommt. Was der hl. (folgt der Name des Schutz- 
-patrons) gebracht, wollen wir nicht verbergen. Kommt, kommt 
jtuf jeden Fall.« Die nächsten Angehörigen des bratstvo aus einem 
smderen Dorfe kommen ungeladen. Fernestehende werden aber 
l)esonders ausgezeichnet, indem man ihnen Jemand ins Haus 
schickt, der einen Apfel oder eine Pomeranze als Symbol der Freund- 
schaft überreicht. (Vergl. Gap. Gastfreundschaft.) Mancher Gast 
bringt auch dem Hausherrn als Gegengeschenk einen Apfel. 

Am Yorabeude des Festtages kommen drei Priester (popa) 
ins Haus, um alle Hausgenossen mit geweihtem Gel zu weihen. 
I Man giesst in ein Glas ein wenig Wein und Gel, stösst eine 
i Flintenkugel zu Pulver, schüttet dasselbe in das Glas und rührt 
^es mit einem Stäbchen durch; hierauf legt jeder von den 
Priestern ein Stück Feuerschwamm vor sich hin. Dies bleibt so, 
bis man das erste Gebet verrichtet hat. Sobald man dann aus 
dem Evangelium zu lesen anföngt, zünden die Priester ihre Kerzen 
^. Der Hansälteste mit seinen Hausgenossen beugt sich unter 
die Stole, während die Gäste baarhaupt abseits stehen. 

Nach beendigtem Gebete bringt der Hausälteste drei Weichsel- 
^thcben. Der älteste Priester nimmt eines davon, tunkt es in jenes 
61as ein und bestreicht damit zuerst dem Hausältesten, dann den 
übrigen Hausgenossen die Stirne und wirft zuletzt das Rüthchen 

• _ 

1B8 Feuer. Ebenso macht es der zweite Priester, während der 
dritte noch seine zwei Vorgänger und sich auf diese Weise ein- 
tet, ehe er das Stäbchen ins Feuer wirft. 

Die Priester müssen aus demselben bratstvo stammen, in 
welchem sie wirken. 

Nach den Ceremonien setzen sich die Gäste zu Tische. Keiner 
^on den Hausgenossen darf mit ihnen Platz nehmen. Der Haus- 
Uteste besorgt baarhaupt die Bedienung. Nachdem die Gäste ge- 
^ttigt aufstehen, setzen sich erst die Hausgenossen und werden 
^Qf gleiche Weise vom Hausältesten allein bedient. 

Am nächsten Tage besucht man frühzeitig die Kirche. Der 

flausälteste entrichtet der Kirche und den Priestern gewisse Ge- 

i>übren. Nach dem Gottesdienst begibt man sich zur Festmahlzeit 

in Jas Festhaus. W^ährend der Mahlzeit stehen alle Hausgenossen, 



54 

sowie der Hausälteste baarhaupt um den Tisch herum und mm 
tern unablässig die Gäste auf, zuzugreifen. Es herrscht der Qlaub 
dass, während die Gäste speisen, der Sippenheilige auf des Hau 
ältesten rechter Schulter stehe, damit er von da aus Alles sehe 
und hören könne. ^) Frauen dürfen nicht zu Tische sitzen. 

In der Hercegoyina und der Crnagora ist es Brauch, sobal 
die Mahlzeit anhebt, dass ein Knabe aus dem Hause vor de: 
Bildniss des Hauspatrons steht und eine gabelförmige Buthe in d< 
Hand hält; um die Buthe ist eine ziemlich lange Kerze aus ge 
bem Hauswachs gewunden. Ganz unzweideutig erkennt der Fo 
klorist in dieser gabelförmigen Buthe diewunsciligerta od< 
f.lugegerta oder wünschelruote der alten Deutsche; 
Sie hatte gleichfalls die Form einer Gabel. Der Knabe mit diesi 
sonderbaren Kerze bringt daher sinnbildlich dem Schutzheiligen d 
Wünsche der Hausgenossen entgegen. Ist kein Knabe unter d( 
Hausgenossen, so befestigt man die Buthe vor dem Bilde und wicke 
nach und nach die Kerze ab, bis sie ganz herunterbrennt. 

Beim ersten Glas Wein — an manchen Orten erst bei 
dritten — wird ein Trinkspruch zu Ehren Gottes ausgebracht. D 
Priester oder der Dorfschulze (knez) oder wer gerade den Vorsi 
am Tische hat (der dolibaia), erhebt sich und sagt zum Haoi 
ältesten: »Zünde das Licht zu Ehren des Sippenheiligen an (krsD 
svije6u) und bringe Weihrauch, damit wir zu Ehren Gottes trinken. 
Der Trinkspruch ist^stereotyp. Heidnische Eeminiscenzen finde 
man in demselben ebensowenig als in den vielen anderen, die ai 
diesem Tage gesprochen werden ; das einzige Bemerkenswerthe sin< 
die A ssonanze n, die trotz ihrer Farblosigkeit stark an die Gleich- 
klänge alter Zaubersprüche gemahnen. 

Erster Trinkspruch: >Zu einem grossen, glücklichen Augenblick« 
und zur holden Ehre Gottes ! Zur Gesundheit des hl. (der Name dei 
Sippenhl.), des hl. Nikolaus des Wanderers, der hl. Jungfrau und des U 
Erzengels, des hl. Georg und aller Heiligen, der Gottgefälligen, di< 
da sitzen um den Thron des Herrn, auf dass sie beistehen dieses: 
Bruder, Hausältesten und seinen Freunden, wo einer auch weilec 
mag dass Er sie ihm bewahre und dass sie ihm zu Hilfe seien 
Sollte ihm Jemand kein Freund sein, dass Gott seinen Sinn um* 
wandle, auf dass er ein Freund werde. Sollst gesund sein, HanS' 

*) Nach dem Volksglauben sitzt Jedermann sein Scbntzgeist auf d< 
rechten Schalter. Deshalb spuckt der Bauer immer links ans, wenn er ansspnck 



55 

Diester! Auf deine Gesundheit und Jedermanns, der dir Gutes 
^Anseht!« 

Zweiter Trinkspruch: »Gott soll ihn uns erhalten, ihn und 

?ein Dach (eigentlich den Trambaum auf dem Hause, pars pro 

t^oto) und seinen Samen; wo sein Pflug hingeht, dort soll Samen 

Bufspriessen. Sein Samen soll sich uns yeryielfältigen, am meisten 

Skhev sein menschlicher.« (Da ni ga bog saöuva, njega i njegovo 

^Ijeme, njegOTO sjeme, kudjen mu ralo odilo, tudjen mu sjeme ro- 

dilo: da mu se sjeme sjemeni a Ijudsko najbolje!) Der Südslaye 

lanterscheidet dreifachen Samen: zemaljsko sjeme (Erdsamen), 

skotsko (thierischen) und Ijudsko (menschlichen). Gewöhnlich 

\iebt man alle drei namentlich hervor, sowohl in SegensprQchen 

als in Flüchen. 

Darauf nimmt der Vorsitzende den Festlaib vom Tische 
und schneidet ihn kreuzweis bis zur Mitte durch. Dieses Brod 
heisst krsni somun. Ueber diesem Laibe sind zwei Brodstangen 
^OD der Dicke einer Kinderfaust kreuzweise gelegt. Die Enden 
laufen in fingerartige Ausschnitte aus. Wo sich die Stangen kreuzen, 
ist ein Eindruck gemacht , gleich einem Siegelabdruck auf einer 
Hostie. (Man nennt (das Brod) die Hostie proskura oder p o s k u r a, 
aus dem Griechischen nQogtpoQd,) Der Vorsitzende hält nun den 
I^ib mit beiden Händen an den zwei Viertelstücken und streckt 
den Laib so seinem älteren Nachbar zu mit den Woii;en : »Wohlan, 
6eTatter! Lass uns beten und sehen, wer yon uns den unteren 
"Hieil abbrechen wird.« Aller Augen richten sich auf die Partner, 
^oU Erwartung, wer als Sieger hervorgehen wird. 

Wer das grössere Stück erlangt, thut darüber so froh, als 
^äre ihm wer weiss was für Gut zugefallen. Gleich darauf reicht 
der Vorsitzende die übrigen zwei Viertel dem Hausältesten hin, 
Qm mit ihm auf dieselbe Weise das Brod zu brechen. Die sym- 
l^lische Bedeutung dieses Brodbrechens ist gar nicht schwer zu 
^nnitteln. Das Brod ist das Sinnbild des häuslichen Segens, des 
('lücks, der Zufriedenheit, der menschlichen Wohlfahrt überhaupt, 
^ie ans einem Märchen meiner Sammlung henrorgeht, ist der 
Brodlaib auch das Sinnbild des Lebens. Wenn eine Hausgemein- 
^baft sich auflöst, schrieb mir Herr Tordinac in lyankovo in 
SlaTonien. so zerschneidet der bisherige Hausälteste ein Laib Brod 
ioso ?iel Theile, als sich die Gemeinschaft auflöst, und reicht jedem 
neuen Familien oberhaupte ein Stück. In unserem Falle räth man 
vohl aus dem grösseren Stück, das einer abbricht, wem mehr 



56 

Glück und Segen im kommenden Jahre zufallen wird. Diese mein 
Auffassung wird noch dadurch .erhärtet, dass einer von den Gäste 
die ersten zwei Viertheile zerstückelt und unter alle Anwesende 
vertheilt. Jeder soll einen Antheil an dem Segen haben. Dt 
dritte Viertelstück behält der Hausälteste für seine Hausgenosse 
für den andern Tisch, das vierte Stück endlich wird dem Sippes 
heiligen geweiht. Der Priester stellt das Brod nämlich vor sie 
hin und steckt die Weihkerze in dasselbe, damit sie bis ans End 
der Mahlzeit brenne. 

Die Bulgaren im Timokgebiete und die Serben im eigentliche 
Serbien pflegen in den Festlaib, der jedesmal sehr gross ausfalll 
einen ganzen Karpfen zu verbacken. Wann der Priester zun 
Segen ins Haus kommt, so schneidet er den Laib in der Mitt 
durch. Die eine Hälfte behält er für sich, die andere nimmt de 
Hausälteste. Weil aber der Priester immer darauf bedacht is 
die Hälfte, in welcher der Karpfen steckt, für sich mit Beschia 
zu belegen, so sorgt der Hausälteste dafür, dass der Karpfen derar 
in den Laib verbacken wird, dass man nicht merkt, auf welche 
Seite er liege. Der Priester zertheilt nun das Brod auf gut Glück 
Oft sucht man den Priester dadurch zu täuschen, dass man gerade 
die Seite, wo der Fisch sich nicht befindet, etwas höher anknetet 
Der Hausälteste bildet sich recht viel darauf ein, wenn es ihm 
gelang, den Priester zu prellen. 

Nach jedem Trinkspruche wird ein Lied von den anwesenden 
Reigenmädchen und Burschen angestimmt. Diese Lieder enthalten 
selbstverständlich Anspielungen auf die persönlichen Vorzüge Des- 
jenigen, auf dessen Wohl getrunken wird. Bei einem alten Manne 
preist man seinen bedächtigen Sinn, seinen klaren Verstand, bei 
einem rüstigen Manne den Heldenmuth, auf den man stolz ist : z. B.: 

Der Helden Augen mh'n aufeinander. 
Wo auch ein Held weilt, er sei am Platze. 
Ein guter Held ist immer am Platze. 
Wohl der Gemeinschaft, der er verbrüdert, 
Der er verbrüdert, mit der er Wein trinkt. 

Jeder Anwesende erhält seinen Trinkspruch; indessen werden 
in der Regel so viel Trinksprüche ausgebracht, als man Wein nur 
vertragen kann. Nach der Mahlzeit tanzt man auf der Tenne Beigen. 
Bemerkenswerth ist es, dass nur hier, so wie bei einer Hochzeit, 
Männer paarweise einen Kriegstanz aufführen und dabei fortwährend 
aus den Gewehren schiessen. Bei Anbruch der Nacht tanzt ma; 



\1' 



}Li- 



57 

in der Stube Beigen und schiesst aus den Fenstern. Die Lustbar- 
keit endet Mhestens zwei Stunden nach Mittemacht. In Slavonien 
pflegt das Fest zwei Tage zu dauern. In der Crnagora und in 
Serbien feierte man den Sippenpatron ehedem volle acht Tage hin- 
durch. Heutigen Tags ist selbst eine dreitägige Feier eine Seltenheit. 

Pleme. Der Stamm. 

Das bratstyo hat sich aus der Hausgemeinschaft, das pleme aus 
dem bratstTO herausgestaltet. Das pleme verhält sich zum bratstvo, 
wie letzteres zur Hausgemeinschaft. In der Jetztzeit gibt es nur noch 
in der Crnagora und zum kleinen Theil in der Hercegovina welche 
plemena, und auch diese wenigen TJeberlebsel einer ehedem allge- 
meinen Institution führen nur ein Scheindasein. Jedes pleme war ein* 
Staat un Staate. So lange ihre Macht nicht gebrochen war, konnte sich 
kein einheitlicher, festgefugter südslavischer Staat bilden. An den 
plemena, die ihre Sonderinteressen allezeit verfolgten, scheiterten das , 
boatische, das bosnische und das altserbische Beich. Das letzte freie 
«tldslavische pleme war das der Vasojeviö in der Hercegovina. 
Bis zur Zeit D a n i I o*s , des knez der Crnagora, waren sie sowohl 
^on der Crnagora als von der TQrkei ganz unabhängig. Ihr Qebiet 
^asste zwölf bis vierzehn Stunden in der Länge und Breite. 
Die nahija Vasojevi6 zählte sechsundfünfzig Dörfer. Der 
Haaptort war Berane mit einer Bevölkerung von 1000 Seelen. 
Die Vasojeviö konnten 4000 Mann ins Feld stellen. Die Mehrzahl 
<i^r Yasojeviö waren und sind noch Mahomedaner, die sich mit 
ihren christlichen Brüdern in Friedenszeit schlecht und recht Ver- 
den, oft letztere bekämpften; in Kriegsgefahren aber trat das 
^ligiöse Bekenntniss vollständig in den Hintergrund. Die Yasojeviö 
^hleo, nach Mili5evi6, zehn starke bratstva. Leider spricht 
^ich unser Gewährsmann über die ethnographisch am meisten wich- 
^»een socialen Verhältnisse der Vasojeviö nicht weiter aus. 

Es gibt plemena, die blos aus fünf bis sechs bratstva zusam- 
mengesetzt sind. Solche plemena sind verhältnissmässig jungen 
Crsprungs. Sie unterscheiden sich von den alten und grossen ple- 
inena schon äusserlich dadurch, dass der pleme-Namen mit dem 
Znnamen der dasselbe bildenden bratstva identisch ist. 

Im Jahre 1860 bestand die Crnagora aus sieben alten, starken 
piemena. Das mächtigste war das der Bijelopavli6i (Bijelici), 



58 

die dreitauseDd »Flinten '^ zählten. Die übrigen plemena biesse 
Cetinjani, NjeguSi, Öekli6i, Cevljani, Cuci und Pj 

^ • • • 

8 1 Y 1 C 1. 

£s ereignet sich zuweilen, dass sich ein einschichtiges brätst 
unter den Schutz eines fremden pleme begibt, sich demselben s 
schliesst. Nach Medakovid soll dies ehedem häufiger vorgeko: 
men sein. Ein solches bratstyo wird p o s e li c a (zugesiedc 
genannt. Die neuen suplemenici (Phylengenossen) sind gewöl 
lieh Einwanderer, die gezwungen waren, aus ihrer alten Hein 
zu scheiden. Dergleichen kam in jüngster Vergangenheit mehrfa 
vor, als es den Bocchesen und KrivoSijani auf österreichischem ( 
biete zu enge geworden. Trotz der grossen Gastfreundschaft, < 
man den Ausgewanderten in der Crnagora gewährt, ist ihr I 
.nicht zu beneiden. Wie arg musste es den 2000 Erivo^ijani > 
gangen sein, dass sie sich entschliessen konnten, auf Gnade u 
Ungnade in ihre alten Sitze zurückzukehren ! In den Fünfzig« 
Jahren war das bratstyo der Kosieri aus der Hercegovina na 
der Crnagora eingewandert und hatte sich dem pleme der Bije 
payliöi angeschlossen , musste aber von demselben arge Bedrücku 
erdulden, bis sie endlich yon der Rieöka nahija gegen je 
Vergewaltigung in Schutz genommen wurden. 

An der Spitze eines pleme steht ein Stammesoberhaupt (gl 
var plemenski oder yojyoda). Noch yor zwanzig Jahi 
wählten in der Crnagora die plemenici allein ihren Yojyoda (ver 
Medakoyiö a. a. 0.. S. 80), und zwar wusste jedesmal ( 
stärkste bratstvo eines pleme Einen aus eigener Mitte zum tojtc 
zu erheben. In manchem pleme war die Würde eines vojyoda s 
Altersher in einer Familie erblich. Gegenwärtig ernennt die Reg 
rung die vojyode, lässt sie aber formell yon den plemena in <i 
pleme-Versammlungen bestätigen. Früher, bis zu Danilo, ha 
die Regierung blos das Recht, den yon seinem pleme erwählt 
yojyoda zu genehmigen. Die Türken brachten schwere und bhti 
Opfer, ehe sie in der Hercegovina mit diesem Rechtsbrauche yo 
ständig aufgeräumt. So wurde z. B. Luka Vukaloyiö im Jahre ISf 
wie er selbst im Zbomik erzählt, yon seinem pleme in Zupei 
der Hercegovina zum vojvoda erwählt, trotzdem die türkische B 
gierung dagegen war. Als sie die Volkswahl endlich gut hiess, 
war es zu spät. Der Mann spielte yor zwanzig Jahren eine 
grosse politische Rolle, dass es sich wohl verlohnt, etwas ausf&l 
licher über ihn zu berichten. 



Xaica Yiikalovij, durch seinen eigenen und des Volkes 

UleD Bp&ter veliki vojvada (Grossherzog) der HercegoTlna, 

ttammte ans Zupci, einer alten Ortschaft, im Kadiluk von Tre- 

liDJe. Das Doi-f zählt an 300 Häuser, die mehreren bratstva eines 

pleme aogehSren. Von Altersher waren die Zupci halb unabhängig 

TOD der ttlrkischen Regierung. Sie bildeten eine freie Gemeinde 

RiitSelbstTerHaltung. Das Volk wählte sich selbst seinen glavar, 

Teichen djt> tärkische Regierung blos anerkannte und bestätigte. 

Di« gewUilten glavari verwalteten das Dorf, erhoben die Steuer 

(lanC) tmd lieferten dieselbe an die Türken ab, die sich dann um 

nicht« weiter bekümmerten, in Zupci wurden die glavari seit 

H«DScbengedenkeD aus dem bratstvo Vnkatoviö gewählt. Dieses 

Iwtstro zeichnete sich seit jeher durch Heldenmuth und wohl 

lieh durch Reichthuiu aus, so dass das pleme es gewisseimassen 

l&r «elbstveretäudlieh hielt, wenn der glavar (bneai) immer ein 

Vuhlorifi war. 

Im Jahre 1835 traten die Türken mit grosser Entschiedenheit 
»af, am den letzten Rest von Selbständigkeit der Zupci zu ver- 
Biebtfln. Sie tödteten fünf Brüder Lako Vu k a I ovifi's, des Vaters 
Lnh'j nnd zwangen ihn, mit seiner Familie die Flucht zu ergreifen. 
Cmer Gewährsmann Nakißenovifi stellt die Sache etwas poeti- 
KiiH dar, indem er Lako als einen Märtyrer seines Glaubens, der 
Fiftbeit und seines Volkes bis in den Himmel erhebt. Für Jemand, 
ia diesen Ftitteraufputz von Haus aus kennt, fällt es aber auch 
Hiebt schwer, den wahren Sachverhalt herauszuschälen. Vier Jahre 
t»rweilte Lako in Herceg-Novi auf österreichischem Gebiete 
niid lauerte auf eine günstige Gelegenheit, um wieder zurdck- 
ifbna EU können. Im Jahre 1839, als die Türken gerade ander- 
■«lig stark beschäftigt waren, erhoben sich die Zupci wie ein 
Huo, verjagten den von den Türken eingesetzten glavar und 
i*Ug(>a die Türken, Lako zurückzuberufen und denselben als glavar 
*va Zupci anzuerkennen. Acht Tage nach der Wiedereinsetzung 
Uki)'g erschien Asanbeg Hasulbegoviii mit einer Truppe in 
Zope), nahm Lako 500 Tbaler ab und vergiftete ihn, erzählt 
-'^kkl^öviG, denn Lako erkrankte einige Tage darauf und fand 

tttBffi Tod. 

Lnka war damals 15 Jabre alt. Seine Mutter zog nach Bos- 
lupD >n ibr«r svojta, ihren Sohu Lnka aber gab sie zu einem 
BadiauBschiflcr nach Trebinje in die Lehre. Als zwanzigjähriger 
ßarsche kehrt« Luka Lakov nach Zupci zurück. Sein Erstes war, 



60 

dass er sein Stammhaus in Vertheidigungszustand brachte. Dara 
versammelten sich die Volksäl testen, um Luka zu begrüssen. Z 
fällig war die Stelle eines glavar erledigt. Als sich Luka d 
Leuten zeigte, riefen Alle: »Es lebe unser kapetan Luka!« 1 
Herbste 1852 berief Luka alle glavari der Hercegovina zu eii 
Berathung in die bijela gora ein. Sein Ansehen war damals i 
Lande schon so gross, dass wirklich die bedeutendsten gia?) 
seiner Einladung Folge leisteten. Hier machte er sich zum Tel: 
vojvoda und ernannte einige seiner Vertrautesten zu vojyode. ^ 
sich Luka fast ein Jahrzehent gegen eine weitaus überlegene Mac 
behauptete, wie er Heldenthaten vollbrachte, die den Heldenthat 
der Marathonkämpfer würdig angereiht zu werden verdienen, ka: 
hier nicht weiter berührt werden. Seine Stärke lag aber do 
einzig darin, dass er die alten Traditionen des Volkes neu l)elebi 
Wäre er nur halb so viel Diplomat als Krieger gewesen, so wd 
vielleicht heute die Hercegovina ein freies Fürstenthum. 

Am unverkennbarsten hat sich die alte Institution der voJTO* 
bis in die Neuzeit in der Crnagora erhalten. 

Dem vojvoda sind die knezovi der bratstva untergeben, eben 
die Fahnenträger (barjaktari) eines jeden bratstvo. Seine Mach 
Stellung ist sowohl im Frieden als in Eriegszeiten eine nicht ui 
bedeutende. In Friedenszeiten liegt in seiner Hand sowohl d 
judicielle als executive Gewalt. Die kapetani sind die Vollstreck 
seiner Befehle. An ihn appellirt man von den Entscheidungen d 
kapetani der bratstva. Im Kriege steht ihm das ins gladii i 
Einige vojvode, die stärkeren plemena vorstehen, sind zugleich Hi 
glieder des Senates in Cetinje. 

lieber die Art und Weise der Wahl eines vojvoda in d 
Crnagora gibt Medakovic (2ivot i obiöaji Crnogoraca, S. 81—8 
einen schätzbaren Bericht, den wir vollständig hier anführjen wolle 
weil uns die nebenbei gemachten Bemerkungen auch genug wicht 
erscheinen. M. sagt regelmässig statt vojvoda glavar und sti 
vojvodstvo glavarstvo oder auch kne2tvo. Daran darf mi 
keinen Anstoss nehmen, weil ja, wie bemerkt, diese Bezeichnung! 
neben einander gebräuchlich sind. Der Bericht lautet: 

»Es ist ein altes erbliches ßecht der Crnogorcen, dass s 
sich selbst ihre glavari wählen dürfen. So wie sie daran am erst 
Anfange ihres gesellschaftlichen Lebens festhielten, so halten s 
auch noch gegenwärtig daran fest. Es kommt selten vor, dass ( 
Glavarenheim ausstirbt, die Cruagorei behaupten sogar, dass 



Tall bisher noch nie TorgekommeD. Das glavarstvo pflegte man 
Weder um Geld zu verkaufeu, noch (mit einer andern Würde) zu 
T^rUuscben. Nur die Vukotifi haben in der Mitte des XVIII. Jahr- 
buDderts mit den Badoniß ihr gnvernodurstvo (= glavarstvol 
Br ein serdarstvo eiugetauscht. Der Name guvernadur 
(goTemttore) stammt von den Venezianern, denen die Crnagorci 
in den Kriegen gegen die Türken Beistand leisteten. In späterer 
Zeit verkaufte Vickovi^ aus Vu(?ji dol aus (dem plemej Cek- 
116i sein glavarstvo (km-ätto) um hundert Ducaten an den Priester 
Stanifia Matanovi^. Dies war das erste Beispiel, dass Jemand 
glaTarstTo veränssert, Viekorid war arm und zudem ein 
dtVät (wohl auch arme Leute), Matanovid dagegen besass genug 
Odd und konnte leicht kaufen. 

Das glavarstvo wurde stets durch das Schwert errungen, nie 
ud nimmer aber um Geld eingehandelt. Ein erschachertes gla- 
TWlTO hat nie einen rechten Werth, 

Stirbt ein glavar und hinterlSsst er einen oder mehrere Söhne, 
fo liegeben sich die übrigen glavari (= kuezovi der bratstva) des 
pl*nie nach erfolgter Berathung zum Landesherrn und bitten ihn 
im seine Genehmigung, dass sie den jungen glavar an die Stelle 
Md in die Machtvollkommenheit dea Verstorbenen einsetzen dürfen. 
(Ä, schildert den Itrauch unter Fürst Danilo, der die Macht der 
^nri ziemlich einzusebränken verstanden). Nachdem ihnen der 
E^Epudar dies gestattet, lassen die glavari im ganzen pleme 
hadthuD. dass an dem und dem Tage alle wehrhaften Leute am 
S^vChalicben Berathangsorte sich versammeln sollen. Jeder, der 
*iDf Flinte trägt, Irift't am bestimmten Tage dort ein. Da wird 
hisreichend Wein, Raki, Brod und Braten herbeigeschafft. Naeh- 
^ sich alle Berufenen an diesem Berathungsorte versammeU, 
stellen sich alle glavari im Kreise auf, in der Mitte aber steht der 
Utwie glavar mit dem jungen, den man in Amt. und Würden 
WDi-g Vaters einzusetzen beschlossen. 

Nnn umfasst jener älteste glavar den jungen glavar um den 
fiflrtel, dreht ilin dreimal um sich herum und spricht; 'Tritt nun. 
""«D lieber Sohn, an die Stelle deines Vaters! Wir haben dich 
ft'*lea mit Glück, damit du uns, so wie es deine Ahnen (stari) 
(«tesen. glücklich und wacker seist und als s t ar eäi n a (der 
ll[*', OI>eih&upt) unseres pleme dastehsti» Während der Alte den 
Junten hirnmdrebt. stehen die übrigen glavari im Kreise um die 
bemai; die übrigen Angehörigen des pleme sitzen indessen 



62 

und sprechen den Getränken zu. Nach Beendigung der Ceremonie 
rufen die glavari den Leuten zu: »Feuer! Er soll uns glücklich 
sein, so wie es seine Altyorderen gewesen!« Das gesammte pleme 
springt auf die Beine, man schiesst drei Salven aus den Gewehren 
ab, und damit ist die Wahl des glavar beendet. 

Diesem (neuen) glayar zollt das ganze pleme dieselbe Ver- 
ehrung, wie jenem früheren. Der Crnogorac achtet seinen glavar 
hoch; er räumt ihm immer den Ehrenplatz am oberen Ende des 
Tisches ein, im üebrigen aber beachtet er ihn nicht mehr als jeden 
anderen Crnogorac. Einen glavar setzt man nur in dem Falle ab, 
wenn er sich im Kampfe nicht als Held bewährt und in Angele- 
genheiten des Volkes, z. B. in richterlichen Dingen, nicht genug 
Verstand und Geschicklichkeit an den Tag legt.« 

Die Angehörigen eines pleme, sofern sie nicht ein und dem- 
selben bratstvo angehören, dürfen ohne weiteres unter einander Ehen 
schliessen. Im Grossen und Ganzen hat das pleme gegenwärtig nur 
mehr einen territorialen Charakter, die politischen Besiehangen 
zwischen den bratstya kommen weniger in Betracht. 

Die territorialen Grenzen der einzelnen plemena sind genaa 
festgesetzt, besonders genau in der Crnagora, wo es an Weide- 
plätzen keinen üeberfluss gibt. Man würde es um keinen Preis 
zugeben, dass die Heerden eines fremden pleme ausserhalb seines 
pleme-Gebietes weiden. In Folge solcher Vorkommnisse geschieht 
es häufig, ehedem war's an der Tagesordnung, dass einzelne ple- 
mena einander aufs Blut befehden. Ebenso wehrt man fremd« 
plemenici von seinen Cisternen ab. Fliessende Wässer sind in 
diesem Felsenlande äusserst selten. 

Oeffentliche Arbeiten, z. B. Herstellung von Wegen, Kirchen 
u. s. w., besorgen die plemenici des pleme, auf deren Gebiete sieh 
der Weg oder die Kirche befindet, andere plemena bekümmern sich 
wieder nur um ihre eigenen Angelegenheiten. 

Bezüglich der gegenwärtigen Grundeigenthums- Verhältnisse im 
pleme und bratstvo, in der Hercegovina und der Crnagora, wäre 
Folgendes zu bemerken. Jedes pleme hat seine Weideplätze, auf 
welchen alle seine bratstva ihre Heerden auf die Weide treiben 
dürfen. Man nennt diese gemeinsamen Weideplätze mu§a (gemein- 
sames Gut). (Die Bulgaren in der Moldau nennen m u § i j a den 
ganzen unbeweglichen Besitz einer Familie. Alle Mitglieder der 
Familie haben ja gleichen Antheil daran.) üeberdies hat jedes 
bratstvo einen besonderen, umzäunten Weideplatz, den man za- 



63 

brana (Wehr, Verbot) oder cjelina (das Ganze, insoferne als es 
mit Anderen nicht getheiit werden muss) nennt. Alle Haus- 
gemeinschaften nnd Familien eines bratstvo besitzen das Recht, 
ihre Heerden auf dieser mu§a weiden zu lassen, indessen spart man 
gerne die mu§a zur Heugewinnung auf, oder man lässt die Heerden 
nnr ein, wenn man sie fQr den Verkauf mästen will. Vorangehen 
muss dem Eintriebe aber ein Besehluss des ganzen bratstvo. Man 
bestimmt einen Tag, gewöhnlieh den Grossjungfrauen tag, von wo 
ab jede Hausgemeinschaft ihre Heerden in die mu§a einlassen 
darf. Hausgemeinschaften eines' fremden bratstvo dürfen selbst- 
verständlich auf fremden mu§e ihre Heerden nicht weiden lassen. 
Oft entstehen blutige Fehden in Folge der Nichtbeachtung fremden 
Bechtes. Jede Hausgemeinschaft hat schliesslich auch ihren beson- 
deren Weideplatz, den man ograda (Umzäunung) heisst. 

Die einzelnen plemena haben ferner auch einen besonderen 
H&in (dubrava), wo sie allein Holz föllen dürfen. In kleinerem 
Massstabe besitzen auch die bratstva Forste. Das Nutzniessungs- 
recht ist dasselbe wie bei den Weideplätzen. Hausgemeinschaften 
haben äusserst selten einen eigenen Forst, weil es an Waldungen 
in der Bocca, der Crnagora und der Hercegovina überhaupt keinen 
(leberflnss gibt. 

Wir gehen nun über zu der engeren socialen Grundlage der 
sadslavischen Stämme, zur Betrachtung der Hausgemeinschaft. Die 
Suitheilung des Stoffes ergibt sich von selbst. Wir wollen zuerst 
die Hausgemeinschaft in ihrer Blüthe und zuletzt in ihrem Zerfalle 
beleachten, vorher aber die gegenseitige rechtliche Stellung des Vor- 
standes und seiner Hausgenossen erörtern. Nachdem wir dargethan 
hiben werden, wie sich Hausgemeinschaften auflösen, können wir 
zwanglos auf die Hochzeitsgebräuche übergehen, d. h. die Entste- 
hung neuer Familien durch Eheschliessungen darstellen. 



IV. 

Die Hausgemeinschaft.') 

Bei den Neuslovenen in Steiermark, Erain und Kärnten 
die Institution der Hausgemeinschaft unter dem Einflüsse 
Deutschthums schon im vorigen Jahrhundert bis auf die Bez 
nung der Sache ausgelebt gehabt. Unter den Kroaten, Serben 
Bulgaren ist die Hausgemeinschaft zwar noch nicht auf di 
Standpunkte angelangt, doch nicht mehr weit davon entf 
Der natürliche Communismus, der in der Hausgemeinschaft s( 
Ausdruck findet, unterliegt täglich mehr dem Drucke, welche] 
modernen Anschauungen auf das Volk ausüben. In jedem 
zelnen macht sich das Bestreben geltend, Selbständigkeit zi 
langen, sein eigener Herr zu werden. Es kann im Interesse * 
Staatswesens gelegen sein, dieser Strömung entgegenzuarbc 
dieselbe einzudämmen ist aber ein Werk der Unmöglichkeit. I 
den Zerfall von Hausgemeinschaften entwickeln sich in man 
Gegenden fast unerträgliche Zustände. Eine allgemeine Yerari 
stellt sich alsbald als die nächste Folge ein. Doch Armuth 
Noth sind die besten Erzieher und Bildner. Der arme Ackerb 
der vom Erträgniss seiner Felder nicht mehr leben kann, wird 
Handel- und Gewerbetreibenden. Sein Gesichtskreis erweitert 
je mehr er mit Fremden verkehrt. Er bequemt sich den i 



^) Literatur. 0. Utjeäenoviö, Die Hanscommanion der Südt 
Wien 1859. Viel Declamatlon, wenig Thatsächliches. — Miliieviö, P 
zadminoga stanja Srba seljaka, im Glasnik srpske slovesnosti IX. 1857 
altet. Ergiebig sind die Nachrichten im Zbornik von Bogi§iö, der 3 
richte enthält. (Bogisiö schrieb mir im Herbste, dass er eine Special 
über die Hansgemeinschaft unter der Feder habe.) Meine BerichterstAtt« 
Quellen vereinzelter Nachrichten, welche ich sonst biete, gebe ich jed 
wo es angezeigt ist, genau an. 



^ell^ehkftiicliea ZnstäDden an, ohne abt>r mit den alten Üeber- 
fefüruDgen ganx la brechen. Auf heimischem Grunde entwickelt 
nch «ioe neue heimische Cultur, die nach vollzogenem Uebergaogs- 
frwesse reichlich die ältere ersetzen dürfte. 

Im kroatischen Landtage warfen die Badicalen zu wieder- 
kalUDmalen den Magyaren alle Schuld zu, dass die Hausgemein- 
lehiften in der ehemaligen Militärgrenae iu vollständiger Auflösung 
ktgriffen seien. Man thut den Magyaren hierin wirklich Unrecht. 
[)*r Process der Auflösung findet nämlich nicht blos in der Mili- 
ilrgreme statt, sondern im gauzeu Süden, u. zw. ist dieser Process 
uine nnerwartete Erscheinung, sondern eine alte Thatsache, die 
lieh in der Gegenwart unter günstigeren Verhältnissen für dieselbe 

Ciclm vollzieht. Die Ansnahmsgesetze, die in der Militärgrenze 
rrscblen, erschwerten in einem hohen Grade die Theilungen 
^« Familienbestände. In den fibrigen Theileu von Kroatien und 
DiTonien waren wieder die Grundherren gegen die Zersplitterung. 
(ar Erl&uterung soll hier über die Stnbicaer l'farre in Kroatien 
itr Bericht eines Ungenannten im Zbornik vollständig angefahrt 
fttien. Es geht nämlich aus diesem Berichte ganz deutlich hervor, 
bit das Volk selbst und nicht die Regiernng zur Tbeiinng drängt. 
Di» Theilungen geschehen sogar selten officiell. Doch hören wir 
|l(D Bericht, der, wohlgemerkt, ans dem Jahre 1865 stammt. 
I •Bentigen Tags bildet die Separalfamilie die Regel. Dagegen 
pb(rte sie bis zum Jahre 1848 zu den grössten Seltenheiten, 
fem die Grundberreu, in deren Hand alle Macht über das Volk 
K. liessen keine Theilungen zu. ausser ausnahmsweise, wenn 
MDdent wichtige Gründe dafür vorhanden waren: sei es, dass 
n Hauswesen zu viel Mitglieder zählte, oder dass sich die Uaus- 
noagen fortwährend sankten und stritten. Die Theilung geschab 
wl auch nur unter der Bedingung, dass die Getrennten neue 
biu ge D) ei nsc haften für sich gründen mussten (ein Vater mit 
Boeu Eindera oder BrQdeni], und zwar unter neuem Namen oder 
Ich unter Beibehaltung des alten, der dann noch ein Prädicat 
(bell, z. B.: KovaLMT; donji (K. der untere, d. h. der am 
Itorrn Ende des Dorfes wohnt) und KovaCiiS gornji (K. der 
Wt*), dtakor seljanski (S. im Dorfe) zum Unterschiede von 
kl Sukor, der sich anf einer Einschiebt augesiedelt. Nach dem 
I» 1^48 nahm die Zersplitterung in Separatfamilien derart 
krband. (bt^s gegenwärtig nur wenige Hausgemei bschaften anzu- 
■r«D sind. Vor dem Jahre 1848 zählte die Pfarre Gornja Slu- 



: 



66 

bica beiläufig 360 Heimwesen, von denen kaum drei bis > 
getheilt waren. Zwei Jahre darauf (1850) war schon jede füi 
Hausgemeinschaft getheilt, nach ferneren vier Jahren (1854) i 
je fünf Hausgemeinschaften drei. Sechs Jahre später kam i 
mehr eine Hausgemeinschaft auf fünfzig Heimstätten. Indessen fa 
nicht immer eine absolute Theilung statt, denn es gibt noch hei 
eine Menge Hauswirthschaften, die sich in gewisser Beziehung 
unzertheilt betrachten. Die Leute arbeiten gemeinschaftlich, leisl 
gemeinschaftlich ihre Abgaben und haben nur einen Hausverwes 
der sie in der OefiTentlichkeit vertritt, nur der Ertrag des Bode 
der Wein, die Feldfrucht, das Heu u. s. w. werden getheilt. 
gibt auch solche (alte) Häuser, wo die getrennten Familien n< 
das Zugvieh gemeinschaftlich haben und in Gemeinschaft die Ste 
entrichten (das hat der Mann schon zuvor gesagt), doch verze 
jede Abtheilung das, was auf sie enteilt, für sich. Die Mehrz 
von den Theilungen fand unter den jeweiligen Hausgenossen ] 
vatim statt, eine grosse Minderzahl rief das Gericht zur Entscl 
düng auf, d. h. die DorMtesten; verschwindend gering ist a 
die Zahl jener, die einen Ingenieur in Anspruch genommen. Da 
kommt es, dass man officiell von der Theilung einer Hausgeme 
Schaft zumeist so gut wie nichts erfährt.« 

In diesem Sinne sprechen sich auch die übrigen Beric 
erstatter aus Kroatien aus: Potoönjak, Kasimovi6, V 
delja, Tomi6, Valdec, Zugschwerdt u. s. w. Radi6, 
über 2umberak berichtet, sagt gar, im ganzen Bezirke gäbe 
nicht eine einzige Hausgemeinschaft mehr. Herr Low schrieb d 
dass im Kreuzer Comitat noch in jedem Dorfe einige Hausgeme 
Schäften vorkämen. Dasselbe gilt von Slavonien. Die meis^ 
Hausgemeinschaften trifft man im Savelande und in den Gebir 
gegenden an, und zwar vorzugsweise unter der altgläubigen BeT 
kerung. In Dalmatien, in der Hercegovina und in der Boc 
ebenso wie in Bosnien, wo ein karger Boden sorgfältigste Bearl 
tung erheischt, zwingt meistens die Noth das Volk, bei der al 
Institution zu bleiben. Diese Nothwendigkeit gelangt auch 
Sprich Worten zum Ausdruck, z. B. : 

Zadrnzna kuda tece imuca. 
p]in communistisches Heimwesen erwirbt Reichthömer, 

oder man wendet den Vergleich an : 

Sto je punija koSnica Cela, sve je te2a. 
Je voller der Korb mit Bienen, desto mehr wiegt er. 



67 

Bestimmter drückt sich das Volk in folgenden Sprich- 
wörtern aus: 

Jednog nema ni Da jela a kamo li na cyela. 
Ein Veieinzelter gelangt nicht einmal zum Essen, geschweige denn zur Arheit, 

oder man sagt: 

Inokoitina siromaStina : 

Malo nnka, dosta maka, 

Eukn samu i na vagana. 
Einzelwirthschaft (ist gleichbedeutend mit) Armnth: 
Wenig Nocken, genug (Folter)qnalcn, 
Weh' einem Vereinzelten selbst bei einer vollen Schüssel. 

In besonders unfruchtbaren Theilen der Crnagora, der Bocca 
und Hercegovina war und ist Einzelwirthschaft durch die Umstände 
selbst geboten, weil ja eine grössere Gemeinschaft von dem un- 
bedeutenden Ertrage des Bodens bei grösstem Fleisse nicht leben 
klonte. Dafür ist daselbst das bratstvo.noch erhalten geblieben. 

Wenn man unseren Berichterstattern Glauben schenken darf, 
so gehört die Hausgemeinschaft in Serbien nur mehr der Geschichte 
&D. Mir liegen die Nachrichten im Zbornik vor und Miliöeyiö's 
Eneieyina Srbija (Belgrad 1876). Letzteres ist ein dickleibiges 
Bach, das sehr viel zusammengewürfeltes Material, sagen wir zu- 
gleich, zuverlässiges Material enthält, leider ist aber dasselbe nicht 
gesichtet. Ich liess mich*s nicht verdriessen, das ganze Buch durch- 
iQsehen und was für die Hausgemeinschaft in Betracht kommt, 
herauszuschreiben. 

Nach Badonjic gibt es im Sabacer Kreise keine Haus- 
gemeinschaftenmehr. Miliöevi6 bestätigt diese Thatsache mittel- 
bar, indem er von Hausgemeinschaften in der genannten Gegend 
überhaupt nichts zu melden hat. Nach Erst i 6 ist im Rogjevski und 
Axbakovaöki srez des Drinagebietes Hausgemeinschaft nunmehr eine 
seltene Erscheinung. Dasselbe sagt Miliöeviö S. 568. Im Gurgusovaöki 
<Mler Knjeievski (Ene2evaöki) okrug, meint Jovanoviö, habe es 
einmal Hausgemeinschaften gegeben. Miliöeviö schweigt. Nach 
<le8 Letzteren Zeugniss (S. 210) gehört es im Jagodinski okrug 
^^choQ zu den Merkwürdigkeiten, wenn zwei Brüder ein Haus bilden, 
^^ch demselben sind die Hausgemeinschaften im Beogradski okrug 
sehr selten (S. 114), im Smederevaöki okrug »zerfallen sie, ehe sie 
Doch entstanden« (S. 170), im Kragujevaßki okrug seien dieselben 
Tom Grund aus erschüttert (S. 299), im Rudniöki okrug fanden 

sich welche vereinzelt im Gebirge, wo der Boden unergiebig ist; 

5* 



68 

was M. Yom Valjevadki okrug sagt (S. 412), lässt mich im Zweifel 
ob er meint, dass einst hier reiche Hausgemeinschaften bestandei 
oder noch bestehen. M. hat unstreitig als Sammler grosse Ver- 
dienste sich erworben, doch sobald er etwas glossirt, dann ist '5 
gefehlt. Er besitzt eine eigene Vollkommenheit darin, Thatsachen 
durch einen windigen Wortschwall zu entwertheu. üeber Haus- 
gemeinschaften im Ü2i$ki und EruSeya^ki okrug weiss er gar nichts 
zu berichten. Im Ca£anski, Aleksina£ki, Crnore^ki, Krajinski, Po- 
Sarevaöki und Cuprijski okrug stosse man noch hie und da aaf 
eine Hausgemeinschaft (S. 693, 815, 921, 1025, 1075, 1138). 

Nicht um ein Haar besser ist der Stand der Hausgemein- 
schaften in Bulgarien. Zaharijev, der nüchternste und zuTer- 
lässigste Beobachter Bogi§i6's, hat von Hausgemeinschaften über- 
haupt keine Kunde. Od2akov weiss von dieser Institution ia 
seiner engeren Heimat eigentlich auch nichts Sicheres zu berichten, 
doch soll es in der Gegend Yon Vidin, Sofija und anderswo, z. B. 
um Tmovo und RuSöuk herum, dergleichen geben. Mein Bekannter, 
Herr StojanJovanoTiö, der als Photograph die Umgegend Ton 
Sofija vielfach begangen hat, erzählte mir, es fänden sich wohl in 
jedem Dorfe zwei, drei Hausgemeinschaften, mehr aber nicht. Aaf 
meine Frage, wie viel Leute in einer solchen Hausgemeinschaft 
vereinigt wären, meinte er, höchstens 10— 15 Menschen, der Vater 
mit seinen unverheirateten Kindern. »Das ist ja keine Haus- 
gemeinschaft,« bemerkte ich. Darauf schwieg er. Nach KaranoT*s 
Bericht im Periodi^^. spisanje (I. Hft., XI, 1876, S. 128) scheint es 
in der Gegend von Kratovo wohl Hausgemeinschaften zu geben; 
denn er sagt, die Heimwesen auf den Dörfern zählen (durchschnitt- 
lich) 30—40 Seelen. Man lebe noch >po starovremski« (nach der 
Sitte der alten Zeit). An der Zuverlässigkeit dieses Berichtes darf 
man vielleicht mit Recht zweifeln. 

Mit Absicht stellte ich diese üebersicht über den Stand der 
Hausgemeinschaften voran, ehe ich, was man füglich vor allem 
Anderen erwartet, die entsprechende Bezeichnung, d. h. den Namea 
für H. besprochen. Es gibt nicht einen Namen, sondern ihm 
viele, die man nur dann recht versteht, wenn man das Vonn- 
gehende genau gelesen. Es ist ein allgemein verbreiteter Irrthum, 
dem man nicht blos bei deutschen, sondern auch bei slavischen 
Schriftstellern begegnet, dass bei allen Südslaven die Hausgemein- 
schaft z a d r u g a genannt wird. Die Neuslovenen und Bulgaren 
kennen dieses Wort überhaupt nicht, im Provinzialkroatien ist das- 




Ellw wenigstens in der Gegenwart dem Volke fremd, in Dalmatien 
Bdet es sich nur vereinzelt in der angegebenen Bedeutung; spe- 
lUli in der Bocea, der Crnagora und der Hercegovina wird es, wie 
ktn gleich ersehen wird, in einem anderen Sinne gebraucht. 
Kichweisbar ist das Wort zadruga für Hansgemeinschaft nur im 
S«e- und Drinagebiet, der Heimat der ikavätina. M Den Irrthum 
licbeint hauptsächlich Vuk und die Aufnahme des Wortes in die 
Gniii<lgesi>tzt> der ehemaligen Militärgrenze verschuldet zu haben. 
j Da* Wort selbst ist jüngeren Ursprungs. Mikloäiö führt in seinem 
alisU?. Vocabular nicht einen einzigen Beleg an, der das Gegen- 
tbftil beweisen würde. Zadrnga bedeutet Gemeinschaft im All- 
geiDÜDen (xa praep. entsprechend dem grinch. Jio, drugi>, adj- =• 
I tÜDi, alter; altpr.: draugi, Ut. : draugas, let.: draugü). 
, im Sprichwort: 

Covek bei xadrog« kao bei mlce. 
1 Uenscb ohne Geinetnscliaft (ist) gleichsam ohne Hand. 

einfach diese Thatsache für sich betrachtet auch sein mag, 
» bt sie trotzdem weder Ton südslavischen noch deutschen Schrift- 
richtig erfasst worden. Man stösst in dieser Hinsicht zu- 
«(ileo aaf Undeutlichkeiten, die nur das Eine deutlich beweisen, 
i^W der Schreiber die Verhältnisse oberflächlich kennt. So findet 
I. B. in der jüngst erschienenen »Geschichte der österreichi- 
«ken Militirgrenze- von Dr. J. H. Schwicker (Wien 1883), 
«ii«m sonst äusserst gewissenhaften und zuverlässigen Quellen- 
Virlce, auf S. 234 die Bemerkung: >Die eigenthümliche Institution 
<luHauscommunion oder der Familiengemeinschaft ist ohne Zweifel 
^Ulitigchen Ursprungs nnd wurde von den einwandernden und 
ISflltigen Serben und Kroaten auf das diesseitige Gebiet verpflanzt. 
Ei Itildet nämlich die Hauscommunion nur eine Fortsetzung der 
idrnga (Zadrnga).* Hanscommunion nnd Familiengemeinschaft 
liml (lurchana nicht dasselbe ; letzteres ist ja auch das bratstvo (oder 
(Inne in der Lika), dann kanu füglich von einer (neuen) Ver- 
^luxttDg keine Itedo sein, weil doch auch bei den früheren sla- 
iBciien Bewohnern derselben Gegenden diese Einrichtung üblich war. 
Fie man aber die Hausgemeinschaften als eine Fortsetzung der zadrnga 
Bansgemeinschaft} bezeichnen kann, ist mir nicht erklärbar. Die zwei 

andart, deren CbarakteriEtikoii ein gedehntes i bildet, das in 
i aJiTiceii Mundarten dorch ie, ije, je oder ein gedehntes e vertreten wird. 



70 

Worte bedeuteten im Kanzleistil der Militärgrenze ein und 
selbe. Solche Missyerständnisse entspringen gewöhnlich aus ( 
mangelhaften Kenntniss der Volkssprache. Ein richtig erkli 
Wort bietet zuweilen schon für sich ein Stück Entwickeln 
geschichte, das keiner weiteren Erläuterungen bedarf. I 
zur Sache. 

Die Gesellschaft, der man sich angeschlossen, nennt 
d r u 2 i n a. Es spricht z. B. das Oberhaupt einer Yerbinc 
seine Genossen an mit den Worten: Moja brado i moja dru2i 
(Meine Brüder und meine Gemeinschaft!). Die Mitglieder 
Gemeinschaft sind z a d r u 2 n i (sing, z a d r u 2 a n), d. h. 
Genossen mit einander verbunden. So heisst es z. B. im Spi 
wort: 

Zadrnian janak posla radi, 

d. h. ein junger (rfistiger) Mann schliesst sich nor der Arbeit wegen 

Gesellschaft an. 

Das einzelne Mitglied einer zadruga ist der Gesamml 
gegenüber ein z a d r u g a r (Mitgenosse), ein d r u g (Tergl. 
Wort im Capitel pobratimstvo am Schlüsse dieses B.). Zur 
teren Erläuterung des Wortes zadruga führe ich noch VröeY 
Bericht im Zbornik an, wo er sagt: »In der Bocca, Crnagora 
Hercegovina kennt man den Namen zadruga zur Bezeichnung e 
Heimwesens oder einer Familie nicht, doch wird dasselbe in 
derem Sinne, so viel ich weiss, in folgenden Fällen angewai 
1. Wann das Hausgesinde im Sommer mit den Heerden auf 
Alpe zieht. Die Aufsicht über die Heerde führt eine p 1 a n i i 
(Aelplerin, Sennerin), und je ein Bursche öoban (Hirte). 
Zwei melken, buttern, bereiten Euse und Rahm und treten 
Tage des hl. Demeter damit den Heimweg an. Die Sennerhfi 
nennt man staje, und die ganze Gegend, wo die Heerden wei 
k a t u n. (Aus diesen Worten geht hervor, was auch sonst beb 
ist, dass die Hirten auf den Alpenweiden unter sich eine Gern 
Schaft bilden. Dieselbe heisst wohl in den genannten Gege] 
zadruga.) 2. In der unteren Mora^a in der Crnagora ist ein 
ausgedehnter Landstrich, dessen Bewohner Serben aus der '. 
cegovina sind, die vor Zeiten sich hieher geflüchtet und ein 
(jetzt üskoci, die Ueberläufer, genannt) gegründet. So oft 
ihnen ein neuer Ueberläufer zugesellte, so wurde er ihr d 
oder druievni brat (verbündeter Bruder) oder ein brat 



rljfha (Bruder oLne Sünde ^). (Die auf diese Weise zu einer 
iemeiDSChaft zusainmengewürfelte Gesellschaft wird wohl als za- 

ga beieichnet.) 3. In diesen Qegeaden, sagt Vrßaviß schliesa- 
licb, nflrde man zadruga anwenden, wenn ein ganzes Dorf oder 
:m kneievina gemeinschaftlich eine Kirche, Wege odi^r Cisternen 
■ibaut, wenn man aus dem Dorfe oder den Äipenhilrden Wölfe 
mtreiU, oder Räubern nachsetzt oder Pferdediebe gemeinsam rer- 
(ulgt* n. s. w. 

Lehrreich ist die Betrachtung der Ausdrücke, die man ge- 
knnoht, um eine Hausgemeinschaft zu bezeichnen. In Makarska 
ig Dalmatieu sagt man skiadna brada (einige, eintiüchtige 
Brüder). Es macht sich hier das Bestreben geltend, zugleich eine 
iJ'finilion der Hausgemeinschaft zu geben. Noch auffälliger drückt 
oiiti sif.b in Konavii ans, wenn man für Hausgemeinschaft sagt; 
nendijeljena braca (nicht getbeilte Brüder). Nach Vu k ai o- 
<ic und SredanoTii5 bezeichnet das Volk in der Hercegoviua 
Ulli kat. nahija eine Hausgemeinschaft mit zadru^na ku6a (ge- 
tDeinscbafÜiches, communistisches Hauswesen) eder mit zadru- 
loi SU Ijudi (es sind Leute, die sich verbündei); wenn aber viele 
liitglieder in einem solchen Heimnesen vorhanden sind, so ist dies 
'in .gutes Uaus< oder ein •reiches Haus« (d o b r a ku 6 a ili 
'»dgtta ku6a). Nach Beusau und JMagud fa5rt man im Ra- 
pisa« Kreise nie das Wort zadruga, Bouderu allezeit neodijel- 
j«Da kuiJa (ein nicht getheiltes Heimwesen). Merkwürdig ist 
T»U6'9 Bericht über das ehem. Broder und Gradiäkaer Regiment: 
•Bitr sagt man im Aligemeinen, ohne Rücksicht darauf, ob es 
«0« rereiarelte oder verzweigte Familie ist: Haus (^ku^a), und 
nu wird erstere ein kleines (mala), letztere velikakufa 
(iro6ie.i Haus) genannt. Andere Namen sind hier nicht gebräucb- 
hdi.> Dem kann ich aus Erfahrung widersprechen. lu Sibinj, 
l)riitvce, Zagradje, PetroToselo, Kobas, Jasenovae u. s. w., in Ort- 
sdufteo, die ich sehr oft besucht, wo ich nur mit dem Bauern- 
»Ike in Berührung gestanden, da hörte ich immer für Hausge- 
BfiBschaft den Namen zadruga. Mir war dies umsomehr aufge- 
icb mich nie eulsinnen konnte, im Provinzialslavonien, 
in meinem Heimatsdorfe Pleternica, je vom Volke 
itwB Namen gehört zn haben. Bei uns sagt man eben nur 

') lB>«fcriie oba« SOnde, &ls leibliche BrSdei nach der Volkaftnacbaanng 
* (tttdigtr VereiaigaDg Tan Mann und Weib entspriessea- Davon genaaer im 
■ Brilagei-. 



72 

velika oder mala ku6a. Ich besprach dies vor Kurzem mi 
meinem hier in Wien weilenden Schwestersohne, der bis zu seinen 
16. Jahre Pleternica eigentlich kaum verlassen, denn dass e^ 
in dem zwei Stunden davon entfernten Po2ega das Gynmasiuin 
besuchte, kommt dabei nicht in Betracht. >Ja,« meinte er, »wie 
kannst Du nur behaupten, dass man bei uns das Wort zadmgt 
nicht gebraucht! Ich habe es lO.OOOmal gehört.« — »Vom Volke 
in Pleternica?« — »Freilich, freilich.« — »Nun, so nenne mir 
doch einige zadruge!« — Nach einigem Nachsinnen: »£ pa hh 
Kustud« (nun das Heimwesen Eustud). — »Was ist das ffir 
ku6a?« fragte ich, als wären die Kustud mir unbekannt — »Ama 
velika ku6a za Boga !« (Aber ein grosses Haus, um Gottes Willen). 
— »Siehst Du, jetzt hast Du den richtigen Ausdruck gebraucht. 
Würden die Kustud von sich selbst sagen, dass sie eine zadrugi 
bilden?« — »Nie, aber man nennt sie so.« — »Wer nennt sie 
so?« — »Der Lehrer und der Notar.« Man ersieht aus diesem 
Gespräche, wie unzuverlässig die Angaben sogenannter Gebildete] 
zu sein pflegen und wie sorgfältig man fragen muss, um die Wahr- 
heit zu erfragen. Meinem Freunde ist der Ausdruck zadruga toi 
der Schule und aus Büchern her so geläufig, dass er ihn ohne- 
weiters auch dem Volke zuschreibt, welches davon nichts weiss 
Pleternica zählt 1 75 Häuser, darunter sind drei Hausgemeinschaftei 
von 18 — 25 Seelen. Man sagt von ihnen »oni su skupa« {sU 
sind beisammen). Im Zagorje in Kroatien gebraucht man den Aus- 
druck skupöina (Gemeinsamkeit), daneben auch die allgemeine- 
ren Bezeichnungen druätvo (Gesellschaft) und bratstvo (Brndef' 
Schaft, Gebrüder). Ich verweilte vorsätzlich so lange bei dieses 
Gegenstande, um an der Hand von Thatsachen darzulegen, wie eine 
Bezeichnung durch die Schriftsprache irrthümlich als allgemeuer 
Volksausdruck hingestellt wird. Nicht die Hausgemeinschaft an sich 
selbst, sondern die Verwandtschaft ist die Grundlage der 
gesellschaftlichen Ordnung bei den Südslaven. Die Hausgemeifi- 
Schaft ist nicht mehr als ein Verein, gewöhnlich im zweiten oder 
dritten Grade blutsverwandter Menschen, die im selben Gehöfte 
wohnen, ein gemeinsames Vermögen besitzen, unter einander gleich- 
berechtigt sind und sich in der Verwaltung gemeinsamer Angelegen« 
heiten den Anordnungen eines von allen Mitgliedern in üeberein 
Stimmung gewählten Hausverwesers fügen. 

Ein Hauswesen nennt man im Allgemeinen bei allen Sfld 
slaven, ohne Rücksicht auf die Zahl seiner Mitglieder, ku6a, bulg 



kSta, nst.: feößa, altsl.: köSta. Die GrundhedeatuDg des Wortes 
isi »ZuflachtsstStte* oder genauer >em geschützter Ort*. Im Pro- 
miialkroatieo hCrt man daneheu auch Aea Ausdruck bi^a (Tergj. 
dis deutsche Haus). Dom bezeichuet die Heimstätte im weiteren 
Siue des Wortes, 2. B. im Spricbworte: 

Svod je pofi al je doma doci. 
Hau aoU überall bingeben, doch eoll man anch heimlcomiiiet], 

«kt: 

Udula »e moina da je clje doma. 
Die H&id hat gebeiratet. nai damit äe nicht dabeim weile. 

1d der Hercegovioa, Cmagora und der Bocca nennen die 
Midchen, so lange sie im Eiternhause weilen, dasselbe dorn, und 

njchdem sie ausgeheiratet, rod (Verwandtschaft), das neue Heim 
digegcn dorn. Man sagt z. B. in diesem Sinne: 

Sroj je dorn a tudj je rod- 
Du Heim ist {bliits)Terwandt, die Verwandtschaft aber fremd, 

Ni dugo camat u rod, ni gladovat u dorn. 

K* lil nicht gut, Unge Besuche äet Verwandtschaft zu macbeu, ooch daheim 

in hungern- 

Die eigentliche Wohnstätte bezeichnet man in der Hercego- 
'iu mfl dem törkischen Worte odzak (Rauchfang) oder auch mit 
'im (Bancb. snskt.: dbfimas, lat.: fumus, lit.: dumai, ahd.: 
loqm) (anch in der Crnagora), in Kroatien, Slavonien und Serbien 
naeitl mit ognjiSte, Feuerstätte. Ognji^te heiest in grosseren 
HiDS^meiDscbaften das eigentliche Haus, in welchem sich die 
l%lieder tagsflber Kumeist aufhalten, wofern sie nicht mit Feld- 
wteiten beschäftigt sind. Das ognjiäte bewohnt der Hausverweser 
■Bit Eeioer Familie gewöhnlich allein. Nach ihm heiset es in 
BldTa (PafltroTifii) domaöina, d. h. des Hausverwesers (Hans). 
ItiHee Stammhans mit den angebauten Wohnungen der übrigen 
Uilfiiieder bildet zumeist einen bufeigenfSrmigen Halbkreis. Die 
Wthnnngen Letzterer sind blosse Schlafkammern. Man nennt sie 
^trunein kUti. klijeti (aitsl. : kliet-i., lit.: kUtis, let.: 
iletH. mbd.: gldt, nhd.: kleete, mit.: cleta) oder kiljeri 
IWiDw. aus dem Oriech. : »fii<or. Dieses ein Lehnw. aus dem Lat. 
• IIa), lumeist meines Wissens in Slavonien unter den IkaTci. 
den Sijaci im Poäegaer Comitate in Slavonien wird Stala 
JtAll) dafikr gesagt. In Istrien hSrt man wieder ein italieoisches 
irt knmora (camera). In der Hercegovina, Crnagora und 



74 

der Bocca nennt man alle Gebäude, die sich an das Haus 
schliessen, potkutnjica oder podvornica (unterhalb des Hau 
befindlich, u. d. Hofes b.); po j a t a ist die eigentliche Fruchtkamn 
Dagegen heissen in Syrmien p o j a t k e oder auch v a j a t e 
kleinen Kammern der Hausgenossen. Ein vereinzeltes Heimwei 
Ton wenig Mitgliedern nennt man zumeist inokosna kn6a, ii 
kostina (altsl.: inok'B, russ.: inoka, goth.: einahu, yei 
snskt.: eka eins; vereinzelt), oder mit Hinblick darauf, dass t 
einzelte Heimwesen in Folge der Zersplitterung grosser Hai 
gemeinschaften entstanden: del, delitba, Theil," Theilung, oc 
sebenjak, osebenjak (in der Lika), der für sich ist, ( 
sich vom Ganzen losgesagt hat, oder jedin, der Einzige, Verei 
zelte mit Bücksicht auf die Person (o b j e d i n i o s e , er hat si 
vereinzelt). Seine Wirthschaft ist nun ein j e d i n s t v o. In Kona^ 
sagt man: odijeljena ku6a, ein abgetheiltes Haus. In Sl 
vonien, speciell in der Gegend von Po^ega nennt man eine enge 
Familie (Mann, Weib und Kinder) s a m c i (skt. : s a m a s simil 
griech.: äua 6fi6g^ lat.: simul, goth.: samana), die Alleinseie 
den. Die Bulgaren drücken sich auf gleiche Weise, wie die Sert 
kroaten aus, indem sie die engere Familie als Bruchstück eio 
Hausgemeinschaft auffassen und demgemäss sagen : o t d j e 1 e i 
s i 2 i V j e j e (sie leben abgetheilt), b a § k a (abgesondert), s a m 
öjak gospodar v kSt si (ein einziger Herr in seinem Haus 
Ein Mensch, dem alle Verwandten gestorben sind, so dass er gi 
auf sich angewiesen ist, bezeichnet sich als samö(h)ran (si 
selbst ernährend; fem. samö(h)rana, samö(h)ranica). »i 
alter Mann, der keinen Verwandten mehr hat, sagt von sie 
»Samohran sam, nemam nikoga, nego ja i bala mi< (Bin ein Mensc 
der sich allein ernährt, habe Niemand als mich und meinen Bot) 
oder »samohran sam kao okresano drvoc (ich stehe vereinsamt i 
wie ein Baum, dem alle seine Aeste abgehackt wurden).« (Vnrdelji 
Wie man aber aus Stellen im Volksliede ersieht, nennt das Vol 
auch eine alleinstehende Witwe, selbst wenn sie einen Sohn ba 
eine samohranica: 

Pogazi mi samoranu majka! 
Wag' es nur, meine aUeinsteheiide Mutter mit Füssen zu treten! 

oder (der in der Ferne weilende Sohn erkundigt sich nach dei 
Befinden seiner verwitwetten Mutter): 

Je 1 mi ziva samorana majka! 
Lebt meine Mutter u. s. w. 



Das Mend des Vereinsamten, von einer grosseren Gemein- 
K^all Losgetrennten, drückt das Volk treffend im Sprichworte 



KtlUl Losf 

m 

W 



Inokosnik ma^enik. 

Ein Vereinislter, ein Gemarterter, 



lEOcksicht darauf, dass er in Allem und Jedem nur auf 
iesen ist: 



lookoenik i 
Der Vereitelte ii 



lapovjedft i sin Ja. 
t sowohl Herr als Diener- 



Wie dabei ein Hanswesen gedeiht, lehrt das Sprichwort: 



lluokosna kaia prazna pefiina. 
Tereinieltes Hans eine leere HOble. 



^^^Plbcb übertrieben erweisen sich die Angaben filterer und 
iülw Schriftsteller über die Zakl der Mitglieder einer Haus- 
Ipmeinschaft. Man fabelt von 100, 200, selbst von 300 Seelen. In 
'Vt^beit lässt sich im ganzen Süden im Laufe dieses Jahrbun- 
;4(ll9 kaum eine Hausgemeinschaft von 70 Mitgliedern nachweisen. 
lUfine Mutter erzählte mir, es habe im Jahre 1835 in GEaj in 
lEtntien eine Hausgemeinschaft von 60 Seelen gegeben. Nun traf 
|(! sich, dass ein altes Mütterchen hinter dem Ofen (in der Hölle] 
4brb nnd man ihren Abgang nicht eher wahrnahm, als bis der 
lUdiiiam in Verwesung gerieth. Darauf zwang der damalige 
iSrandhcrr von Gaj, Graf Jankovic. die Leute zur Theilung. 
I^'QD eine Hausgemeinschaft fünfzig Seeleu zählt, so gilt dies 
l^'it und breit im Lande als eine Merkwürdigkeit. So lebten z.B. 
b J»hro 1867 im Dorfe Griiica im pleme der Vasojevifi im Hause 
Öiej gewissen Ai^enija Vokajlov 65 Seelen. Solche grosse Haus- 
iHneinscb&ften bestanden vereinzelt noch vor 20 Jahren auch in 
KtMtiea, Slavoniea und Serbien, üeber die Bulgaren liegen keine 
hTetlässigen Berichte vor. Die Durchschnittszahl schwankt zwischen 
5—85 Personen. 

Fkdt immer sind die Mitglieder einer Hausgemeinschaft Bluts- 
fnwidt«. gewöhnlich zweiten und dritten, hOchst selten vierten 
H(r gar f&nften Grades, selbstverständlich in männlicher Linie. 
^'«Do nach einer Theilung die neuen Heimwesen in nächster 
Sicbbarsrbafl des alten gegründet werden, so nennt man die neueu 
ABiiedln&gen, wenngleich sie ohnehin in einem Dorfe belegen sind. 
t^lo (in der Lika und im Zagorje), und zwar wird der Name vom 
des Stammhauses entlehnt. Es ist nichts Anderes als eine 



76 

neue Gasse, die einen Namen erhält. So z. B. gibt es ein 
selo Ealiniö im Dorfe Baduö in der Lika. Höchst zweifelhaft er- 
scheint mir die Nachricht des Ungenannten im Zbornik, S. 12, 
der da sagt, in der Stubicaer Pfarre nenne das Volk eine zadrugt 
oder ku6a gleichfalls selo. Der ganze Bericht leidet an ündeuUick- 
keit. Es heisst: >Es kommt vor, dass das Volk ein ganzes Dorf 
von mehreren Häusern nach einem Hause benennt, z. B. Bepiie- ; 
Tofs elo, dies bedeutet einen pagus von mehreren Häusern, die 
von B e p i 6 bewohnt werden. Doch auch das Haus selbst oder 
die zadruga Bepi6 nennt man selo, denn selo bedeutet bei dem 
hiesigen Volke auch eine zadruga oder ku6a; daher der N&me 
c e 1 s e 1 e c fQr den Herrn der zadruga, die der Herrschaft (go- 
spoSöina) dreihundert Arbeiter zur Bobot (tlaka oder klaki) 
stellt.« Der Fehler leuchtet auf den ersten Blick ein. Celoselee 
kann unmöglich den Vorstand einer Hausgemeinschaft bezeichnen, 
vielmehr ist er der Dorfschulze, Derjenige, »der das ganze Dorf 
vertritt«. (Altsl.: cieli», ganz, lit.: c§las, skt.: kaljas, goth.: ' 
heils, ahd.: heil.). Zadruga bedeutet offenbar in der Gegend j 
von Stubica dasselbe, was in der Lika »pleme« und in der Her- | 
cegovina »bratstvo«, nämlich die Gemeinschaft verwandter Familien. ' 

Der Ungenannte verwechselt die Ausdrücke s61o, Dorf, und j 
s§lo (serb.: sijelo) Ansiedlung. Wahrscheinlich ist der Unterschied 
in der Betonung nunmehr verwischt. 

Haus und Hof sammt den Wirthschaftsgebäuden heisst mm \ 
s e I i § 6 e oder k u £ i § 6 e. Ein Heimwesen, in dem Alle aus- 
gestorben sind, ist ein p r a z d o (leeres) oder p u s t o (wüstes) 
seli§6e oder kuöig6e. Der neue Ansiedler ist ein pustoselee 
(ein Mann, der sich auf einem verödeten Ort ansiedelt). 

Ein Hauswesen kann von aussen einen Zuwachs erhalten, 
entweder, indem Jemand in das Haus zu einer Erbtochter hinein- 
heiratet, oder der Hausvater adoptirt Jemand, oder der Fremde 
yergesellschaftet sich rein aus geschäftlichen Bücksichten mit dem 
Hause und zieht in dasselbe ein. Z. B. : es sterben in einem Hause 
Alle bis auf einen alten Mann ab, der es nun für gerathen findet, 
in eine Hausgemeinschaft einzutreten, wofür er derselben seinen 
Besitz verschreibt. Letzteres Verhältniss braucht keiner weiteren 
Erläuterungen, da der Aufgenommene als vollberechtigter Hans- 
genosse betrachtet wird. Ueber den Erbtochtermann und den 
Adoptirten spreche ich in besonderen Abschnitten. 



77 

Der Vnmä&, der sich eiaer Hausgemeinschaft angeschlossen, 
\ti priselica, doselica oder naselica oder d o n a- 
llica genannt. Die zwei ersteren Worte bedeuten »der Hinzu- 
Biedelte«, das dritte bezeichnet den •Angesiedelten«, das vierte 
KDen. der Gich einem Angesiedelten nachträglich angeschlossen hat<. 
ilgenden Unterschied, welchen der Ungenannte zwischen prise- 
\ti und doselica aufstellt, versteht man aus einem sachlichen 
runde nicht recht. Es heisst nämitch a. a. 0.: »priseliti se, 
, i. auf ein selo oder in eine zadiuga kommen nnd Theiluehmer 
pr ihrer Rechte werden; doseliti se, d. i. auf ein selo oder 
I eine Kadniga kommen, doch nicht mit denselben Rechten, als 
jtDD sich Jemand priseli (anschliesst), sondern grösstentheils un- 
|Ö»ten, anch sieht man es nicht gerne, wenn der Betreffende aus 
hcm entfernten Dorfe stammt. Einen solchen Mensehen nennt 
Ha eten auch einen doselica.« Wenn diesen Worten ein Sinn 
iUommt, so kann es nur der sein, dass man in Stuliica einen 
liBacbeD, der in den engeren Gemeindeverband (s£Io) anfgenom- 

Ewird, als priselica, einen andern aber, der sich frei an- 
tll, ohnß das Zuständigkeitsrecht zu erlangen, als doselica 
ichoet. Wie ein Fremder wider den Willen einer Hausgemein- 
tiiifi, sich in derselben als Eindringling einnisten kann, darüber 
Ibt unser Gewährsmann keinerlei Aufschluss. 

BeiOglicb der Bulgaren ist d 2 a k o v's Bericht merkwürdig, 
toi er etwas als ein unauffälliges Ereigniss hinstellt, was bei den 
Btokroaten gegen das Gewohnheitsrecht arg Verstössen würde. 
kttgt: >Es ereignet sich zuweilen, dass eine verwitwete Schwe- 
wt mit ihren Kindern 2U den Brüdern zurückkehrt, und späterhin 
pbea diwe Kinder, auch wenn sie herangewachsen, gar nicht 
it(D in diesem Hause.« In Serbien und Kroatien lässt man wohl 
«Weib, das Witwe geworden, wenn sie darauf besteht, in ihr 
Rtriicfaes Heim wieder zurückkehren, doch ihre Kinder mnas sie 
|i ihre» Mannes Haus lassen. Davon späterhin mehr, Odiakov 
Arint üich keint? Rechenschaft über den Begriff zadriiga gegeben 
[haben, denn sonst würde er nicht fortwährend die engere Fa- 
llit als Hausgemeinschaft hinstellen. Ueber einen ganz vereinzelt 
tebenden Fall berichtet nach HiJrensagen Valiß. In den Sech- 
Kr-Jahren soll es im Dorfe Hrtkovci bei Varazdin geschehen 
da$s xw«i einander gar nicht verwandte Familien zu einer 
Kgomeinschaft sich vereinigt haben, doch wäre dieselbe gar 
I witder in BrOcbe gegangen, >weil der in einer Uausgemein- 



78 

Schaft nothwendige Hausfrieden uicht aufrecht erhalten werdt 
konnte«. So zeigt es sich denn, nach dem bisher Gesagten, a 
unzweifelhaft, dass die Hausgemeinschaft ihrem Wesen nacl 
durchwegs nur auf der nächsten Blutsverwandtschaft beruht. Fremd 
Elemente gelangen aber in dieselbe nur ausnahmsweise, und zwa 
ist es immer nur ein Einzelner, der aufgenommen wird. KnechU 
und Mägde, die gegen Entlohnung in einer Hausgemeinschaft 
dienen, und sobald man ihrer nicht mehr bedarf, entlassen werden, 
zählt das Volk selbstverständlich nicht mit unter die eigentlichen 
Mitglieder einer Hausgemeinschaft. 



V. 

ie Vorstände und Verwalter einer Hausgemeinschaft. 

Von selbst dringt sich der Vergleich auf zwischen dem Vor- 
ande der altrömischen Familie und dem Vorsteher einer südsla- 
schen Hausgemeinschaft. Der Hausvater (pater familias) bei den 
^mem war Alles in Allem, ein unumschränkter Herr und Gebieter 
)er die Seinigen und das Vermögen des Hauses, bei den SQd- 
aren hingegen ist der Hausvater einer Hausgemeinschaft lediglich 
?rwalter eines Vermögens, auf welches er kein grösseres Anrecht 
sitzt, als irgend einer der erwachsenen männlichen Hausgenossen. 
' ist blos der Erste unter mehreren ihm Gleichberechtigten.) 

Man erkennt dieses Verhältniss zum Theil auch schon aus 
'n Namen, mit welchen man den Vorstand nennt. Keiner bezeich- 
^t ihn nämlich als den Besitzer und Herren des Vermögens. Ent- 
'der bezeichnet ihn der Name als den Aeltesten, oder stellt ihn 
imittelbar als das Oberhaupt hin, oder bezieht sich auf seine 
genschaft als Verwalter. Bei den Neuslovenen hiess der Vor- 
ind, so lange noch die Institution der Hausgemeinschaft bei 
Jen bestand, glavar, in Slavonien sagt man noch gegen- 
rtig ku6e glava (des Hauses Haupt) und in Bulgarien 
avatar (glava; griech. : xty«^!}, pr. : g a 1 1 ü, lit. und let. : 
Iva). Mit Bezug darauf, dass er gewöhnlich eines der ältesten 
nnlichen Mitglieder der Hausgemeinschaft ist, nennt man ihn 
h staregina (der Alte), bulg.: starejäina oder djado (Gross- 
r'f). Am gewöhnlichsten ist die Bezeichnung doma6in, bulg.: 
aakin, domaStin, kStovnik (ein substantiyirtes Adjectiv 
eh domesticus). Das Wort kann nur so genügend erklärt 
.len, wenn man es in dem Sinne auffasst, dass es Denjenigen 
?ichnet, der sich mit den häuslichen Angelegenheiten beschäf- 



80 

tigt. Dasselbe drückt stopan, stupan, stopanin aus. Das Fe- 
minimum stopanica ist bei den Kroaten noch gegenwärtig der 
Name für die Köchin und Verwalterin der Speisevorräthe, in Sfid- 
Ungarn auch für die HausTorsteherin. 

Gospodar als Name für den Hausvorstand ist jüngeren 
Ursprungs. Hierher gehören auch die Lehnworte aus dem Türki- 
schen: gazda, öorbadSija, saibija (evsaibija, mjulksaibiji). 
Corbad2ija wird nur in Bulgarien gesagt. In Slavonien ist der 
Ausdruck gazda gleichbedeutend mit dem deutschen >Hen<. 
Ferner nennt man so auch den Hausyater einer engeren Familie, 
wenn man betonen will, dass er wirklich alleiniger Herr des Hauses 
ist. In kleinen Hauswesen herrscht gewöhnlich Armuth und Un- 
frieden zwischen Mann und Weib. Wo nichts ist, da streitet man 
am liebsten um die Herrschaft. So hörte ich z. B. oft den >Pan- 
duren« Pan£i6 in Seoce bei Po2ega sein Weib Manda anschreien: 
Suti kujo, ja gazda u ku6i, ja tvoj gazda! (Schweig, Hündin, ich 
bin Herr im Hause, ich Dein Herr !). Da war er aber immer be- 
trunken. Im Herbste des Jahres 1875 schlug er sie todt. 

Nur einer kann Herr sein, das besagt auch das Sprichwort: 

V jedno kSto jedin je glara. (bulg.) 
In eiuem Hause ist nar einer der Kopf, 

oder: 

y jedno k§to dvama gospodarja ne biva. (balg.) 
In einem Hause kann es keine zwei Herren geben, 

denn : 

Dve pameti u jednoj ku6i ne valja. 

Zwei Intelligenzen ^) in einem Hause taugen nicht 

Dieser Grundsatz muss bei jeder Art zadruga (Gemeinschaft) 
aufrecht erhalten werden, z. B. wenn sich zwei Menschen zu einem 
geschäftlichen Unternehmen yerbinden, muss Einer von ihnen die 
Leitung allein führen, während der Andere gewissermassen als 
stiller Compagnon, wie man im deutschen Handel sagen wftrde, 
seine Kräfte einsetzt. Daher das Sprichwort: l 

Ja gospodar, ti gospodar, pa ko de torbu nosit? 
Ich Herr, du Herr, ja wer wird dann den Schnappsack tragen ? 

Von einer Wahl des doma6in seitens der Hausgenossen kann 
nur uneigentlich gesprochen werden. Die Hausgemeinschaft wird 
nicht zum geringsten Theile durch die Autorität der älteren Mit* 



^) pamet, Verstand. Im Deutschen ohne Mehrzahl, d'rumdas Fremdwort 



gli«der deraelben zusammengebaUen. Was der WQrdigste und 

Besonoenst« imLer ihnen sagt, das hat Geltung. Wer sich in der 

Gemeinschaft im Laufe def Zeit am meisten bewährt und Ächtung 

vor AUeo erworben hat, der wird leicht auch stillschweigend als 

domaiin anerkannt. Hat ein Hausverweser das 60. Jahr zurückgelegt, 

so muss er Ton selbst die Leitung an einen Anderen übertragen. 

QeiriJhnlich hESlimmt er selbst seinen N'achfolger, entweder seinen 

iltesten Sohn oder, wenn Brüder da sind, den jüngeren Bnider. Stirbt 

>l<-r duma^.in unversehens, so ernennen nach Uebereiukouimen die 

L leWlebenden einen aus ihrer Mitte Kum Nachfolger, auf den mau 

h Ml verlassen kann, dass er seine Stelle gut ausfüllen wird. 

^^L Unser ungenannte Gewährsmaun aus der Stubicaer Pfarre in 

^^BMÜen berichtet darQber Folgendes: "Wurde der alte domaciu 

■ ihgeutzt oder ging er mit dem Tode ab, so verwaltet der die 
I adniga, der den Vorgänger sonst Öfters schon vertreten, sein 
I Bnder oder Sohn oder sonst Einer von den geistig gereifteren im 

■ Huse, durch den er sich öfters vertreten liess oder mit dem er 
I iCineiDSchaftlich zu arbeiten pUegte. Ist kein solcher da oder 

■ liitte der verstorbene doma6in Niemand zum Nachfolger bestimmt, 
I *) iKrathen die älteren Männer (m u 2 i) unter einander und ver- 
I tnmn die Hausverwaltung Demjenigen, in Bezug auf dessen Person 

■ t>^ lieh geeinigt. Oft bestimmt ihn die geistliche oder weltliche 
I Obrigkeit, natürlich mit Käcksicht auf die öffentliche Meinung 

■ <$o maienju drugoga svieta), welche beiläufig den Tauglichsten be- 
I wifline[.< Von einer Wahl im wahren Sinne des Wortes ist also 
I «ch hier nicht die Hede. Zugschwerdt (über Bednja) streitet 
I tb«ili&upt das Vorkommen einer Wahl ab. -Der doma6in wird 

sJ BicJit gewählt, sondern es zieht Derjenige die Verwaltung an sich, 
J ^ die ladrugari auch früher schon als den Nachfolger betrachtet.< 
I Kl komme auch darauf an, ob es Einer versteht, die Verwaltung 
/ U «ich au reissen. >In strittigen Fällen entscheidet die Obrigkeit.« 
I GUo.'iOwenig erfahren wir von einer Wahl in Dalmatien. Der älteste 
I Soka od«r Bruder wird Verwalter des Hauses. Ist man mit ihm 
I utufriedeji, eo schreitet man zur Theilung. Erst 16 (Serbien) 
I O0d Milinovi6 (ebd.) gebrauchen freilich das Wort Wahl, nur 
I tffll^rieht ihre Schilderung der Bedeutung des Wortes nicht. Nur 
I in dem einen Falle, den Ersti6 anführt, könnte von einer Wahl 
4Ü(! Bede sein, wo eine alleinstehende Witwe jemand Fremden die 
V«TW»ltung übertrügt. Dies würe aber doch nur die Wahl eines 
! Tonniuides. Ersti^ sagtn&mltch: >In Fällen, wo l-iuler unmündige 

K r4a*>. Situ ■. Gnolmlidlircrlit d. Sd<IbI. >> 



82 

Kinder übrig bleiben, oder auch ihre Mutter mit ihnen^ und ein 
grosses Vermögen da ist, die Kinder aber viel benöthigen, ersucht 
man den ersten Nachbar oder Vetter, oder sonst einen Verwandten 
(öiöu ili drugog svojtu), der nun befiehlt und mit der »häuslichen« 
Oekonomie so lange yerwaltet, bis die Kinder herangewachsen oder 
die Witwe geheiratet«. ^) 

Fra Marti6 orakelt in seinem Berichte, wenn er sagt: 
»Sobald der Eine (doma6in) abtritt, nicht lange drauf (do malo) 
setzt man einen Andern ein.« Dieses »do malo« scheint wohl nichts 
Anderes als eine überflüssige Bedensart zu sein, lässt man sie 
aber aus, so besagt der ganze Satz eigentlich nichts. Es fragt sich 
darum, ob nach dem Bücktritt des einen sogleich ein anderer do- 
ma6in bestellt wird, oder ob das Heimwesen eine Zeit lang ohne 
definitives Oberhaupt dasteht. Bei den Kroaten und Serben gibt 
es gewiss kein solches Intervallum. Scheinbar spricht dag^ea 
Magud*s Bericht ausKonavli. Ich neige aber der Ansicht zn, dtss 
M a g u d einen speciellen Fall, der sich einmal nur in seiner Sippe 
zugetragen, hier voreilig verallgemeinert, wenn er eine Art Inter- 
regnum nach dem Bücktritt oder der Absetzung des alten domafin 
eintreten lässt. Was noch mehr gegen Magud spricht, ist die 
ganz unglaubliche Dauer der provisorischen Verwaltung. Offenbar 
liegt hier ein Ausnahmsfall vor. Doch hören wir Magud selbst: 
»Noch am selben Abend, nachdem man übereingekommen, dass 
man den alten (nämlich den alten domaöin) absetzen soll, wählt maD 
an seine Stelle einen neuen, doch nur auf Zeit (na vrijeme), ohne 
ihm ganze Vollmacht zu ertheilen. Erst nachträglich, wenn er seine 
Eignung (zu der Stelle) bewiesen, bestätigt man ihn definitiv. Von 
diesem provisorischen doma6in sagt man nicht, er sei doma£i0* 
sondern öini od domaöina (er thut vom doma6in, d. h. er ver' 
sieht die Obliegenheiten eines doma6in. Diese Wendung ist übri' 
gens dem Italienischen nachgemcdelt, sie verstösst gegen die sla^ 
vische Sprache). Im alten Hauswesen Magud machte Mato i^ 
Hausherrn vom Jahre 1807 bis 181 1 (öinio od domaöina). Als später^ 
hin die Leute erkannten, dass er der richtige Mann sei, da sagtel* 
sie eines Abends zu ihm: >Na geh, bleib Du doma6in!< (Najde* 
ostani ti doma6inom!) Von diesem Augenblicke ab war er deT 
wirkliche doma6in. Auf keinen Fall ist er auch nur im Geringstel^ 
ein Despot und man kann sagen, dass er gar nicht das Hans he^ 



*) Wie man sieht, ist unser Gewährsmann eben kein Meister des Still 



lebt, sondern nur die Wirthscbaftsangelegenheiten verwaltet 
nnd diö Anordnungen der Hausgenossen vollzieht.« üas Letztere 
gilt im Atigemeinen durchaus nicht, wie wir bald nachweisen 
«erdeD; denn der doniacin ist keineswegs das blosse Werkzeug 
«einer Milgenofsen. Höchst verdächtig erscheint mir ferner das 
osttni ti domat^inom, denn ostati (bleiben) wird bei den Serbo- 
kiK&teD — ich spreche von der Volkssprache und nicht vom Gaili- 
muhias der Schriftsprache — nur in localer Bedeutung ange- 
intdet-, J5. B. im Volksliede (Jevrosima spricht zu ihrem Sohne 
Muko): 

Ostun Marko u babinom dvora! 
Bleib, HurkoH. auf der väterlichen Burgi 

In Sprichwörtern: Ostajeä kao feca na dnu (Du bleibst wie der 
SUi am Boden, an Grunde), Osto mo je donia tobolac (Der Köcher 
ui Hun daheimgebüeben], ostat s ovolicijem uosom (mit einer so 
UngüD Nase »iirfickbleiben) u. s. w. Diese drei Sprichwörter sind 
r^B aus Dalmatien (Danii!i6, posl. 91) und beneisen klar das 
bälgte. Wober hütte denn auch der Dalmatiner jenen speciäach 
^«atMhen Gebniucb von »bleiben«. Der Dalmatiner sagt: budi 
Uta it d. oder: da si nam ti d. Ich glaube, die ganze Geschichte 
TOD öiesein sonderbaren Interregnum in den Bereich der Familien- 
t»gn verweisen zn dürfen. , 

Anders steht die Frage bei den Bulgaren, bei welchen mau 
in dir That auf ein Interregnum nach dem Ableben des Haus- 
^»(iKers stösst. Zaharijev meldet: 'Nach Ableben des Haus- 
wird die Familie nach allgemeiner Verabredung vierzig 
idnrch verwaltet, dann überträgt man die Verwaltung einem 
leteren Mitglieder.- In üebereinstimmung mit Z. sagt 
;oT : *Man wählt den domakin nicht sogleich, sondern nach 
^Wäg Tagen. Provisorisch verwaltet ein älterer Hausgenosse, oder 
^Qeschiekteste unter Allen. Später wählt man denselben gewöbn- 
licli loch zum wirklichen domakin.* Diese auffällige Abweichung 
tom Brauche der übrigen SUdslaven beruht nach meinem Dafür- 
'»Jttn gewiss nicht auf altslavischer Grundlage, sondern dürfte 
*Bf i^iae kirchliche Satzung zurückzuführen sein, die eine vieriig- 
'^ige Trauer in diesem Falle vorschreibt. Gegenwärtig bat mau 
*Bdie religiöse Vorschrift als solche vergessen. Der Brauch ist zum 
^^«meinen gewohnheitsrechtlicben Gesetze erhoben worden. 

Noch merkwürdiger klingt, was Zugschwerdt aus Lepoglava 
■vKlfster lTani6 in Kroatien berichtet, dass nämlich daselbst 




84 

die Hausleute alljährlich einen neuen Hausverwalter wählen; in 
Bednja komme dies nicht vor. Aus dem Texte geht nicht hervor, 
ob Zugschwerdt einen besonderen oder einen allgemeinen Fall 
im Auge hat. Letzteres ist ganz unwahrscheinlich, ersteres aber 
ganz gut denkbar. Man lässt die einzelnen Mitglieder probeweise 
j e ein Jahr das Haus verwalten. Füllt er seine Stelle zur Zufrieden- 
heit der Mitgenossen aus, so wird man ihn wohl schwerlich ab- 
setzen. Im ^abacer Ereis in Serbien lässt man nach Badonji6 
den Zufall entscheiden, indem man lost und zwar auf folgende Weise: 
Zu Weihnachten knetet man in den Teig zum Festfladen eine Silber- 
münze, oder ein Weizen-, oder Maiskörnchen oder eine Bohne ein 
und bäckt den Fladen. Um die Essenszeit, nachdem man um die 
Sofra, auf welcher der Fladen liegt und eine Kerze brennt, herum- 
stehend gebetet, nimmt der doma6in den Fladen und bricht iha 
in so viele Stücke, als Männer da sind, die auf das doma£instvo 
reflectiren. Wer in seinem Stück die Silbermünze vorfindet, dei 
wird dann domadin. Dieses Wahlverfahren, meint Badoigid, ver- 
schwinde indessen allmälig. Allgemein war es aber gewiss nie. 
wie er anzunehmen scheint. Ehedem war ja immer der Aelteste in 
der Sippe Hausverweser und formell ist er es noch heutigen Tages 
Dies zeigt sich an grossenFesttagen, wo der älteste an der Spitze des 
Tisches sitzt, die Trinkspijiche ausbringt, die Gäste begrüsst u. s. ir 
Wenn es gegenwärtig fast regelmässig vorkommt, dass jüngere 
Leute die Verwaltung an sich reissen, so ist dies ein arger Verstoss 
gegen das Gewohnheitsrecht. Die Folge davon ist der Zerfall dei 
betreffenden Hausgemeinschaft. Die Achtung vor der Autorität des 
Alters ist in Allem und Jedem ehedem massgebend gewesen, daher 
konnte der altersschwache doma6in, der seine Stelle niederlegte, 
auch seinen Nachfolger bestimmen. Ein Sprichwort sagt : 

U stara glava a u mlada sDaga. 
Der Alte hat Kopf (Verstand, Einsicht), der Jonge aber Kraft. 

Ein anderes zieht die Schlussfolgerung daraus: 

Mladji je da slmSa a stariji da zapovijeda. 
Der Jüngere ist da, um zu gehorchen, der Aeltere aber, um zu befehleOf 

und ferner: 

Ead stariji zbori mladji treba da Sati. 
Wenn ein Aelterer spricht, muss der Jüngere schweigen, 

oder bündiger ausgedrückt: 

U mladjega pogovora nema. 
Der Jüngere hat keine Einsprache (zu erheben). 



Daher das Sprichwort: 

t*togod sturiji refe i mloäji ne [loHJeCe. 

ffmt iinnier ein Aeltcret sogt, der Jüngere erbebt keinen Einspruch (oder, er 

straft ihn leine Lögen). 

^0 man dagegen sündigt, dort geht Alles schief: 

Gje le stELriji oeslnSa, ta Bog ne pomaga. 
Wo man snf die Worte des Adteren oicbt achtet, da hilft Gott nicht. 

Bei einem Volke, das in solchen Anschauungen lebt, kann 
ni^ieh keine Hede, seia von einer allgemeinen Wahl des Haus- 
Ultiten in den Hausgemeinschaften. Bestätigt wird dies durch die 
An ond Weise, wie man in der Crnagora, Hercegovina und der 
Bocu den neueo doniadin anerkennt. Besondere Ceremonien finden 

Mwfth) nicht statt, sondern lediglich eine Achtungsbezeugung, 
I auch sonst älteren Leuten von jüngeren zutheil zn werden 
Darfiber berichtet VnSevi*;; »Wenn der alte domacin (im 
fe) nms Leben gekommen, oder anderswie plötzlich aus dem 
MtQ geschieden ist, ohne früher seinen Nachfolger bestimmt zu 
ktben, so versammelt sich das ganze Hausgesinde (ku6aa üeljad) 
U4 der Aelteste uuter ihnen hebt beiläufig so zu sprechen an: 
'Jl Brüder und meine Kinder! Des Hauses Haupt haben wir ver- 
'"na and nun sind wir ohne Haupt geblieben, doch hat unser 
^*tar {oder Vettert uns an seiner Statt nach göttlicher Ordnung 
*!* «eine Nachfolger zurückgelassen, an uns ist es nun, seinen 
Niaiea und seine Ehre vor der Welt zu erhalten, vermögen wir 
•ii« nicht, 80 ist es unsere Schande, unsere Ehre wird 7emn- 
Clinpft. Doch lasst uns brüderlich unter einander beratheu, wen 
*ir heat« an seine Stelle ernennen (imenovati) werden.« Der 
h'Hstftlteste ergreift nach ihm das Wort und spricht etwa so : 
'U braucht es keinerlei Berathung. denn wir wollen keinen neuen 
"nuch dem alten Lande aufdräageu (ne 6emo novi zakon staroj 
^Oilji me^ti). Das ist Deine Sache. Dir steht sie auch (gut) an. 
'^n lenke und verwalte, nnd Gott wird unser Bestes besorgen, das 
*lltn Gott! Siehe, ich bin der allererste, der Dich als den Haus- 
^t«slen (starjeäinu od ku<^e) anerkennt uud Dir die Hand kOsst.* 
^r «rbebt sich bei diesen Worten und küsst ihm die Hand. Doch 
'Aj^t sich (sonst) der neue domaf^in von den Männern, die das 
1^. Jahr schon znrückgelegt haben, die Hand nicht küssen, son- 
^ra kQBst sich mit ihnen ins Gesicht. Die Kinder und Frauen 
^ ftber zum Handkusse zu und küsst sie dann jedes auf die— 



86 

Stirne.« Man beachte das >no7 zakon staroj zemlji«, und man siehi 
dass es wirklich nur ein neuer Brauch ist, wenn zuweilen ei 
Hausvorstand gewählt wird. Diese Erscheinung ist eben nur de 
regelmässige Vorläufer der baldigen Theilung einer Hausgemeinsehafl 

Abgesetzt wird ein domaöin in folgenden Fällen: 

1. Wenn er das 60. Lebensjahr erlangt und seine Büstigke: 
verloren hat; fast ausnahmslos entsagt der Alte allein seiner Steih 
Der neue doma6in betrachtet ihn aber doch als Bathgeber i 
schwierigen Angelegenheiten, ohne dessen Gutachten kein Ding voi 
Belang in Angriff genommen werden darf. 

2. Wenn er dem Hause durch sein Benehmen in der Oeffent- 
lichkeit Schande bereitet, sei es, dass er wegen eines Yerbrecheos 
gerichtlich verurtheilt wird, oder er zeigt sich öfters betrunken, 
oder verschwendet sonst auf eine Weise das gemeinsame Vermögen 
zum Nachtheile der Mitgenossen. 

3. Wenn er seinen Hausgenossen gegenüber parteiisch Tor- 
geht und sich dadurch verhasst macht. 

4. Wenn ihn ein hartnäckiges körperliches oder geistiget 
Leiden an der Erfüllung seiner Pflichten hindert. 

Der missliebige domacin wird ohne viele Umschweife abge- 
setzt. Bens an erzählt den Vorgang folgendermassen : »Gewöhn- 
lich geht eine Verabredung unter den Männern voraus, und ist di 
Sache schon reif geworden, so erhebt sich eines Abends nach deP 
Abendessen der Aelteste unter den Hausgenossen und sagt den 
doma6in beiläufig: >Du hast Dir J)ieses und Jenes zu Schulden 
kommen lassen.« Er zählt ihm nun alle seine Sünden auf na* 
schliesst mit den Worten: >Du taugst nicht als Lenker. N. s€ 
unser domaöin!« (Neka bude doma6inom N.) Von diesem Augen* 
blicke übergehen alle Rechte eines doma6in auf den Bezeichneten.« 

In einer Hausgemeinschaft kann, so lange Männer da sind, 
nie ein Weib das Oberhaupt sein. In einzelnen Familien ist du 
Weib der Herr im Hause, wenn der Mann kein Mann ist, doch dai 
Sprichwort sagt: 

Gdje 2ena kuci kucu tu nema küce ni kaöüta. 
Wo das Weib das Haus beherrscht, da gibt es weder Haas noch Gehöft 

Ebensowenig wird ein bartloser Jüngling zum Vorstand eines Haas< 
eingesetzt, denn: 

Pamct kucom vlada. 
Verstand lenkt ein Haus, 



87 
während es doch heisst: 

Mladost ludost. 
Jugend Unverstand. 

Der Hausverweser muss ein ganzer Mann sein, vor Allem 
aber ausgereift, denn wie das Sprichwort besagt: 

Domaöin s glavom a Öeljad s radnjom. 
Der Haasverweser mit dem Kopf, das Gesinde mit der Arbeit. 

Wie etwas im Hause schief geht, so munkeln sich die Nachbarn 

gleich zu: 

S glave riba smrdi. 
Vom Kopf stinkt der Fisch. 

Dagegen preist man glücklich ein Haus, das eines tüchtigen Vor- 
standes sich erfreut. Daher das Sprichwort: 

Blago kaöi, koja ima dobra i pametna domaöina. 
Wohl dem Hause, das einen guten und verständigen Vorstand hat. 

Daram sagt auch das Sprichwort zum Lobe eines guten doma6in : 

Dobar domadin valja viSe od dva oka da ima. 
Ein guter Hausvorstand ist mehr werth als ein Augenpaar, 
oder: 

Yüe vrede gospodarove o6i neg obe ruke. 
Des Hausherrn Augen sind mehr werth als beide Hände. 

Deutlicher ist das entsprechende bulgarische Sprichwort, welches 
aach angibt, wessen Hände gemeint sind : 

Edno oko domakinsko svrdva poveSe od dvie röcje sluginski. 
£in Auge des Hausvorstandes bringt mehr zustande als zwei Dienerhände. 

ft bewahrheitet sich gar zu oft das Sprichwort: 

Nije gazde kod kuöe nema nikog kod kuöe. 
Ist der Hausvorstand nicht zu Hause, ist Niemand zu Hause, 

Diid femer: 

Bez gazde i tovar plaSe. 
Ist der Hausvorstand nicht dabei, weint sogar der Packesel. 

Ceberall muss der HausTorstand ein scharfes Auge haben, sonst 
wird AUes yemachlässigt. Daher entstand das Sprichwort: 

Ono polje najbolje rodi po kojem gospodar hodi. 
Jenes Feld trägt die beste Frucht, welches vom Hausvorstand wird besucht. 

Für die Fehler des Hausvorstandes müssen gewöhnlich die Diener 

>fi3sen : 

Ead 86 gospodar spotakne moraju sluge ramati. 
Wann der Hausherr strauchelt, müssen die Diener hinken. 



88 

Vom Hausvorstand hängt auch der gute Buf des Hauses ab, taugt 

er nichts, taugt das ganze Haus nichts; der doma6in muss immtr 

entschieden im Auftreten sein, sonst geht Alles fehl. Ein weidi- 

müthiger Mensch kann nicht befehlen, und mit Becht heisst es im 

Sprichwort: 

U meka domaöina nevaljala sva 6e]jad. 
Im Hanse eines weichherzigen HansTorstandes ist das ganze Gesinde nichts nnti. 

Das Gesinde hat sich nur um die Ausführung der Arbeiten n 
kümmern, Zubereitungen zu Festlichkeiten gehen sie nichts an 
Dieser Bechtsgrundsatz wird bestätigt durch das Sprichwort: 

Öeljad Talja da rade a §to je n knöi za svetkovanje, to öe svr§iti domaöin sao. 

Das Hansgesinde mnss arbeiten, was dagegen das Begehen Ton Festen im Haise 

anbelangt, das wird der Haasvorstand schon allein vollenden. 

Der domadin bekleidet im Grunde nur eine Ehrenstelle, die 
ihm nichts abwirft, ausser Glanz und Hochachtung von Seiten seiner 
Hausgenossen. In Bosnien pflegt die jüngste Bäuerin im Hause, dem 
doma6in, nachdem sie ihm nach Brauch Abends die Füsse gewaschen, 
die grosse Zehe zu küssen. In seiner Gegenwart darf nicht geraucht 
werden, er erlaubte es denn, darf nicht musicirt, nicht getanzt werden, 
80 lange er es nicht genehmigt ; er setzt sich der Erste an die Sofiii 
er fluigt an zu essen, er theilt vor, seinen eigenen Kindern zuerst, dts 
ist sein Vorrecht; er bricht das Brod (den Fladen) in Stücke und 
hat seinen eigenen Esslöffel, der beim Kochen nicht benfitzt werden 
darf; der doma6in geht am stattlichsten gekleidet daher, darf aUe- 
zeit ins Wirthshaus, doch nicht allzuoft. An Festtagen und tt 
seinem Namenstage kommen die Hausgenossen im Gänsemarsdi, 
küssen ihm die Hand und sprechen: >Es sei Euch ein froher 
Festtag!« oder > Guten Morgen!« Des doma6in Pflichten beschreitt 
annähernd vollständig Yurdelja. Eigentlich ist eine besondere 
Angabe der Pflichten überflüssig, denn Alles, was das Heimwesen 
angeht, obliegt, mit Ausnahme der weiblichen Arbeiten, der Auf- 
sicht und Obsorge des domacin. Es liegen mir an zehn Octaf- 
Seiten Berichte vor, doch in allen wird wesentlich nicht mehr 
gesagt, als dieser eine Satz enthält. Indessen soll doch Ynrdelji 
zu Wort kommen: >Den Mitgenossen gegenüber hat der doma6in 
das Becht des stareäinstvo, d. h. sein Bath wird bei einer 
häuslichen Berathung an erster Stelle berücksichtigt. Wenn der 
d m a 6 i n abwesend ist, kann, ausser in Ausnahmsfällen, im 
Familienrathe kein Beschluss von Bedeutung gefasst werden. Er 
hat das Becht, vorzugsweise darauf zu schauen, dass der Beschluss 



r grmeiiischafiliohen Borathung ausgeführt ffeide, auch kann er 
fteo Hausgenossen naoh Thunlichkeit an eeine Fäicht erinneru. 
er H&nsälleste (stareSina) hat das Recht, das Haus oder die 6e- 
iinsch&ft vor der Obrigkeit in alleu jenen Angelegenheiten zu 
Utreten, welche auf die ganze Hausgemeinschaft, d. h. aller ihrer 
UtgUeder, Bezug haben. Dem Vermögen der Gemeinschaft gegen- 
ber hat er das Recht der Aufsicht und Verwaltung. Ohne sein 
Vissen und seine Zustimmung darf über keinerlei Sache von 
rgend welchem Belange irgendwie verfügt weiden. Er ist Ter- 
^cbtet, jedem Hausgenossen gegenüber gerecht zu sein, und darf 
Bch anf keinerlei Weise anf den Befehlshaber binausspielen, son- 
dern hat sich nur als einen aus der Zahl mehrerer Gleichberech- 
figtr lu hetrachten, deren gemeiusames Vermögen ihm blos zur 
y«rv(lluDg anvertraut worden. Bei Beratbungen darüber kommt 
j&m our eine Stimme zu, nur pflegt mau auf dieselbe einen 
Ipiiserea Werth zu legen. Er ist verpflichtet, den Hausgenossen 
Toriuingen: woher Dieses oder Jenes angeschafft werden soll, was 
iujththue, was man kaufen, was verkaufen müsse, wie dies geschehen 
Wl u, B, w. Das Baargeld der Gemeinschaft hat er in der Hand. 
b darf davon nur zum Vortheil der Gemeinschaft etwas ausgeben, 
ibnD er ist für Alles rechenschaftspflichtig. Er ist verpflichtet, die 
Ihre und das Ansehen seines Heimwesens überall zu vertreten und 
IhiDe Hausgenoasen vor ungerechten Anfallen Anderer zu verthei- 
iig»n, sie auf den Weg der Eechtschaffenheit und jedweder Tüch- 
^*H zu führen nnd nach bestem Wissen und Gewissen zu unter- 
^fittn. Er ist verpflichtet, sich sowohl für ihre körperliche als 
pi«tige Nahrong zu kümmern und ihren Vortheil bei jeder Zeit 
bd Gelegenheit nach Möglichkeit zu wahren. Er hat das Recht 
pid wohl ist es auch seine Pilicht, Streitigkeiten, die unter den 

^nossen entstanden sind, zu schlichten, und in jeder Be- 
ug auf Buhe und Ordnung zu achten und für ihre Aufrecht- 
Ulliug IQ sorgen.« 

Icfa könnte noch acht Stück, zum Theil noch längere Decla- 

fiber die Rechte und Pflichten des Hausverwesers an- 

, es dürfte aber leicht auch die mitgetheilte als hinreichend 

dieo werden. 

Die Hansverweserin hetsst unter den Kroaten und 
ben gewöhnlich doma£lca, unter den Bulgaren domakinka 
lieh kdtOTnica), Selten hört man stare^ica (starjeSica in 
|,ia Serbien), daneben stopanlca, in Kroatien (Provinz) 



00 

in neuerer Zeit gospodarica und gospodinja. Wo letztere 
Ausdrücke üblich sind, da heisst der Hausverweser auch nieht 
d m a 6 i n sondern gospodar. Hausverweserin ist gewöhnUeh 
die Gattin des domaöin, häufig aber wird dazu die yerständigste 
und repräsentationsfähigste unter den Weibern bestellt. Oft um* 
geht man mit Absicht die Gattin des domaöin, um die Controla 
zu erleichtern. 

Die Pflichten der doma6ica bringt YrSeviö unter fol- 
genden Rubriken, die sich wohl um ein Bedeutendes erweitern 
liessen. a) »Sie hat jedem Weibsbild im Hause anzuordnen, was Ar 
Arbeit sie verrichten soll, und darauf zu schauen, dass Nienund 
müssig dasitze; b) hat sie Wolle und Lein zum Spinnen ann- 
schaffen; c) hat sie darauf zu schauen, dass sowohl Wollstoffe ib 
Leinen u. s. w. gewoben werden, und später die fertigen Stücke 
nach den Bedürfnissen der einzelnen Mitglieder zu yertheilen; 
d) muss durch ihre Hände alle Speise und Trank gehen, welche \ 
das weibliche Hauspersonal zugewiesen bekommt ; e) hat sie Frem- ■' 
den und Verwandten gegenüber, die als Gäste ins Haus kommen, 
die Honneurs zu machen, und sorgfältig darauf zu achten, daii 
Jedermann zufriedengestellt werde ; f) muss sie den doma6in dafOt 
in Eenntniss setzen, was für den Einen und den Andern zu Markts 
gekauft werden soll, wenn der betreffende Gegenstand zu Hanse 
nicht angefertigt werden kann, z. B. Opanken, einen (Leder-) Gflrtd, 
(Tuch-) Hosen, Mützen u. s. w. ; g) hat sie darauf zu schauen, dtiB 
die Mädchen, besonders die Hirtinnen, allezeit spinnen oder Franenr 
Strümpfe und Socken stricken, Kopftücher, Yortücher, Seitentaachaft 
sticken und mit Quasten verzieren, und wenn derlei Arbeit nkik 
vorhanden wäre, dass sie die Ausstattungswäsche (pr6ija, mho) tU 
das älteste, heiratsfähige Mädchen verfertigen helfen.« 

Mädchen müssen immer arbeiten, denn das Sprichwort ngt* 

ZaludDa moma docna vi^ja doma. 
Eio Mädel, das zu nichts taugt, sieht spät ein (eigenes) Heim. 

Die Pflichten der Haus Verweserin fasst kurz das Sprichw^x^ 
zusammen : 

Domadica kuöom vlada. 
Die Haasverweserio verwaltet das Haus. 

Alle Rechte der doma6ica bestehen darin, dass sie ^ 
schweren Feldarbeiten nicht unbedingt selbst mit verrichten 
dass man es ihr nicht zu stark ankreidet, wenn sie heinüi 
Quentchen Speck aus der Vorrathskammer stiehlt und ihrem 




91 

iQsteckt, und dass sie auch an Wochentagen etwas sauberer als die 

Anderen gekleidet einhergehen kann. 

Das Adtribnt der doma6ica ist der Schlüsselbund, sie hat 
ja Alles unter ihrer Aufsicht. Im Yolksiiede sind der Königin, 
als der domadica in der Burg, auch die Schlüssel zu den Yer- 
liessen anverti-aut. So heisst es z. B. im bulgarischen Volksliede: 

Bis da naht die königliche Schwieger, 

Mit sich bringt den goldenen Bund von Schlüsseln, 

und das finstVe Burgverliess eröffnet, 

Frei enüässt die finsteren Eingesperrten. 

Die doma6ica muss überall ihr Auge haben. Wenn das 
Sprichwort vom domaöin sagt: 

Domaöinovo oko ku6a. 
Des Hausverwesers Auge das Haus, 

1 h. je nachdem das Auge des Hausverwesers auf das Haus schaut, 
dimich schaut letzteres aus, so ist nicht minder zutreffend das 
Sprichwort von der domaöica: 

Bolje kuva gazdariöino oko neg redu§a i vatra. 
Besser kocht der Hansverweserin Auge als die Schaffnerin und das Feuer. 

Und wonach man erkennt, ob eine Hausverweserin tüchtig oder 
minder tüchtig ist, gibt ein anderes Sprichwort an : 

Dobra ta koStovnica po koSto to sja poznava (bulg.). 
Nach dem Haus erkennt man die Hausverweserin. 

Nächst der d o m a 6 i c a sind die wichtigsten weiblichen 
Pereönlichkeiten in einer grossen Hausgemeinschaft die plan in ka 
(die Sennerin), welche sich um das Melkvieh zu bekümmern und 
das Haus mit Milch, Butter, Eäse u. s. w. zu versorgen hat, und 
dum die eigentliche s t o p a n i c a, die Wirthschafterin in der 
Eftehe, die Köchin. Die stopanica hat wohl ein sehr schwieriges 
Oeschäft, zumal sie auch die fertigen Speisen auf dem Kopfe den 
Arbeitern aufs Feld hinaustragen muss. (Vergl. Sagen und Märchen 
der Südslaven, . II. B., S. 73, N. 61. Der gehobene Schatz.) Weil 
die Arbeit so aufreibend ist, ist nicht eine Frau ständig s t o p a- 
^ica, sondern die Weiber wechseln der Reihe nach ab, daher 
heisst die jeweilige Schaffnerin r e d u S a oder r e d a r a (an welcher 
^e Keihe ist, ordinata). Doma6ica, planinka und r e- 
^'^saheissen in der Lika maje (Meier, sing. maja). Eine 
^'^^ Bansverweserin sein, sonst geht die Hauswirthschaft zu Grunde, 
^^ wie es hübsch poetisch im Sprichworte ausgedrückt wird: 

Gdje je mnogo maja, tu je malo jaja. 
Gibt's wo Tiele Meier, da gibt's dann wenig Eier. 



[ 



VI. 

Von den Rechten und Pflichten der Haosgei 
einander und der ganzen Gemeinschaft gegei 

Im Allgemeinen theilen sich die Mitglieder sowol 
Hausgemeinschaft als einer Separatfamilie in jQngere und 
erwachsene Leute, oder in verheiratete und unverheiratt 
Der ledige Mensch gilt nichts, wie es im Sprichworte heisj 

Ludo mlado neieojeno. 
ThOricht, jung, unverheiratet 

In der Hausgemeinschaft geniesst der Mann volle Be^ 
alle Pflichten, die einem Einzelnen aufgebürdet werden i 
mochte er schon früher getragen haben — sobald er Y 
einer Einzelfamilie, d. h. Familienvater wird. Eine gans 
Unterscheidung nach dem Alter findet nicht statt. Die A 
unserer Gewährsmänner sind ziemlich schwankend. Der üng( 
aus Stubica sagt: »Die Hausgenossen theilen sich in E 
(bis zum zehnten Lebensjahre) ; Hirten (bis zum sechzehnten ] 
jähre). Vom sechzehnten Jahre ab pflegt man sie schon zu 
arbeit heranzuziehen und betrachtet sie als Erwachsenere. 1 
zwanzigsten Lebensjahre zählt man sie schon unter die reife 
tore). Dies ist das Alter, in welchem beide Geschlech 
heiratsfähig betrachtet werden. Mit dem vierundzwanzigstel 
ist der Jüngling schon ein Mann (m u 2) und kann über siel 
frei verfügen, wenngleich das Volk das Mannesalter ers 
dreissigsten Lebensjahre ab zählt. Das Greisenalter zählt d: 
gerade vom zurückgelegten sechzigsten Lebensjahre an. . 
Leute wissen überhaupt selten, wie alt sie sind, es sagte es 
denn der Priester« (als Matrikelführer). Man ersieht tm 
Gesagten, dass man nicht die volksthümliche, sondern die h 



< Eintbeilnng Tor sieb hat. Mit dem zwanzigst^u Jahre muss 
iD sich in Oesteireich-Üngarn abfitellen liisseii, im vierundzwaQ- 
Eten wird man bargerlich selbständig, mit dem sechzigsten Jahre 
ie in der ehemaligen Mililärgrenze die Militärpflicht des Mannes 
'. Sehr vorsichtig drückt sich Stojanovid aus, der über die 
Ittliner Gegend berichtet: .Man theüt die Leute ein: I. in un- 
.ndige Kinder, 2. Hirten und Hirtinnen, 3. Arbeiter (Burschen 
I Mädchen, momci i gjevojke), 4. Leute (Männer, m u- 
r i) and Weiber, 6. in Greise und Greisinnen {starei i habe), 
in keiner Arbeit mehr taugen.« Was die übrigen Bericht- 
tolter sagen, ist nicht erwähnenswerth, bis auf die Angabe 
rstiÄ's (Bogj. und Azb. srez), der wohl die richtigen und 
lin unverUssigen Anschauungen des Volkes niedergeben dürfte, 
nagt: -Die Mitglieder einer Hausgemeinschaft theileu sich 
teas in Kinder (deca). Diesen Namen behalten die mänu- 
bea Kinder so lange, bis sie die Feldarbeiten mit verrichten 
Uen, besonders bis sie zum Mähen genug anstellig sind, und 
I weiblichen, bis sie zu Jungfrauen heranzureifen anfangen (dok 
Be st&Qu d j e V i ö i t i), wo sie etwas putziger dahergehen, die Haare 
1 den Fez schlingen und zu den Versammlungen (s a b o r i) vor 
f Kirche Zutritt finden. Hierauf (zweitens) nennt man die jungen 
it« Burschen und Mädchen (momci i djevojke), momc i 
I die Burschen heiraten, djevojke bis die Mädchen unter die 
flW kommen. (Drittens,) der Mann heisst djetii5 (Bursche), 
Adern er geheiratet, bis zor Zeit, wo er zu altern anfügt, das 
|ib m I a d a (die Junge), bis es ergraut. Viertens, heisst der 
im. dessen Haar weisslich zu scbimmem anfangt, ü i ä a (Vetter), 
I Wöib unter denselben Verhältnissen s tri na (Muhme). Fünf* 
I nad letztens, wenn die Leutchen schon ganz gealtert sind 
I uch hölzerner Stützen sich bedienen müssen, nennt man sie 
i4 (QrossTtter) und b & b a (Grossmutter). Also man tbeilt 
lisKrmassen sowohl das männliche als weibliche Geschlecht in 
f Stufen ein. Nach den Jahren etwa das männliche Geschlecht: 
il* (Kind) bis zu 15, mo m ak (Bürschlein) bis zu 20, djetid 
"«h<!)l't8 an 40, öiöa (Vetter) bis zu 50, djed (Grossvater) 
' "»» Todi.. Das weibliche Geschlecht : d i j e t e (Kind) bis zu 13, 
3*' oj k a (Mädchen) bis zu 30, m I a d a (junge Frau) bis zu 30 
fr ^irfle doch zu nieder gegriffen sein. Das Weib heisst nach 
r/^" Srfahningen solange miada, als ihre Schwiegereltern am 
IT *BUt> oder auch bis der jüngere Brnder ihres Mannes ein 



94 

Weib sich heimgeführt), s t r i n a (Muhme) bis zu 40, b a b 

(Mütterchen) bis zum Tode.« 

Diese Eintheilung ist deshalb bei unserer Betrachtung wichtij 

weil es sich darum handelt, zu entscheiden, wer eine Stimme ii 

Käthe hat. Die Weiber auf keinen Fall, wenngleich das Sprich 

wort sagt: 

Dobro je kadkad i ienu posluSat. 

Gut ist's, hie und da einmal auch dem Bathe seines Weibes za folgen. 

Doch das ist nur Scherz, denn das Weib kommt auf geraden 

Wege überhaupt nie zu Wort; sobald sie sich muckst, ruft mu 

ihr zu: 

Zeno# jezik za zube kad mui govori, 

Weib, mit der Zunge hinter die Zähne, wann der (Dein) Mann redet, 

und das Weib schweigt, mehr aus äusserem als innerem Drangt 
»Jeder verheiratete Mannc^ sagt Vr£evi6, »schlägt wenigstens einmal 
im Monat sein Weib braun und blau, oder streicht ihr eine Oh^ 
feige übers ganze Gesicht auf, sonst sagt man gleich, er fftrdito 
sich vor seinem Weibe«. Volkssprichwörter erhärten dies, so i. & 
folgendes : 

Eo £enu ne bije ono öovjek nije. 
Wer sein Weib nicht prügelt, das ist kein Mensch, 

oder : 

ienn i konja udri, oko 2eli§ da su ti pokomi« 
Schlag* (Dein) Weib und Pferd, wenn Du willst, dass sie Dir gehordiei« 

oder: 

Udri ienn i zmiju po glavi. 

Schlag* ein Weib und eine Schlange auf den Kopf. 

Das Weib wird in eine Reihe mit dem Teufel gestellt: 

Neki se vrag boji krsta, neki to|jage. 
Der eine Teufel fürchtet sich vor dem Kreuze, ein anderer vor einer Stange 

Das Weib darf sich weniger bemerkbar machen als die HofhflndiB: 

Euöka nek laje a £ena nek mu(^i. 
Die Hündin mag bellen, das Weib aber soll das Maul halten. 

Eingehender besprechen wir die Lage des Weibes in einefl 
besonderen Capitel: »Die Stellung des Weibes.« Hier nmsflfl 
so viel erwiesen werden, dass das Weib keine Stimme im BaJsi 
hat, ebenso wenig kommen Kinder und altersschwache Leat^ 
Betracht, denn: 

Teiko kuöi kojom mladost vlada. 
Weh* dem Hause, in welchem Jugend die Herrschaft ffthrt 



95 

Das Alter wieder muss sich von Allem zurückziehen, denn: 

Starost, Dejakost. 
Alter, Ohnmächtigkeit, 

U starca kosti grohoöu, 
Brzo öe starac pod ploöu. 

Bei einem alten Manne klappern die Knochen, 

Bald mnss ein alter Mann unter die (Grabes*) Tafel (sinken). 

s Alter ist auch dem Spotte ausgesetzt: 

Star Tuk, gotova maftara. 
Ein alter Wolf, ein fertiger Faschingsnarr. 

d doch beruht lediglich auf der Autorität, die der Aeltere vor 
n jüngeren Mitgliede der Hausgemeinschaft besitzt und behauptet, 
se ganze Institution. Wo der Gehorsam und die Unterordnung 
den, da zerßllt früher oder später das Heimwesen. Die Rechte 
8 Einzelnen sind in der Hausgemeinschaft ganz gering, denn Jeder 
ISS zu Gunsten Aller womöglich allen Sonderwünschen zu ent- 
;en verstehen. Diesmal liegen mir vierzig Berichte vor. Es ist 
^entlieh lehrreich zu sehen, wie sich die Berichterstatter ab- 
ihen, allgemein giltige Normen über die Rechte der Hausgenossen 
fzQstellen, es gelingt aber Keinem. Sechsunddreissig unserer 
^währsmänner bewegen sich in einem Kreise von Tautologien; 
Betracht kämen nur die Berichte des Ungenannten aus Stubica, 
igschwerdt's, VrCevi6's, Odiakov's und etwa Mili8evi6's 
lasDik 1857, S. 149 f.). 

In Gegenden, wo noch vereinzelt Hausgemeinschaften alter 
t bestehen (in der Crnagora, Bocca und der Hercegovina), da ist 
r Hausgenosse im Grunde genommen ein unbesoldeter Haus- 
iecht. Er hat Anspruch darauf, sich sattessen zu dürfen, muss 
m Hause die allemöthigste Gewandung erhalten ; das Haus muss 
im die Tochter ausheiraten, d. h. die Kosten des Hochzeitsmahles 
tigen, und wenn er stirbt, den Priester, der ihn einsegnet, be- 
iMen, Das ist wohl Alles; wenn es ihm nicht behagt, so kann er 
'W dem Verbände der Gemeinschaft austreten. Vröevi6 zählt als 
►lachte und Pflichten« eines Hausgenossen auf: »Er ist ver- 
lachtet, alle Aufträge des doma6in pünktlich auszuführen, sei 
•»1 dass er zu Markte gehen oder etwas kaufen oder verkaufen 
•*U Die d m a 6 i c a ist verpflichtet, jedem Mitgliede regelmässig 
*^^imal des Tages zu essen zu geben. Diese Mahlzeiten finden statt: 
• ^'D 10 Uhr Morgens ruöak (die Mahlzeit, die kurz abgethan wird, 



96 

das Frühstück); 2. um 2 Uhr Nachmittags uSina (a-Si-n-a, dat 
Genossene; skst. : d2iy; vergl. lat.: vi-ta; griech.: /sz-c^}, das 
Mittagessen, und 3. bei Anbruch der Dämmerung das Nachtmahl, 
veöera. 

Hier wäre noch zu bemerken, dass die Frauen nie mit 
den Männern zusammen essen. Nachdem die Männer abgespeist, 
setzen sich die Frauen zu dem hin, was übrig geblieben. Während 
die Männer nachtmahlen, steht allezeit die jüngste Schnur da ood 
hält ihnen eine brennende Fackel als Leuchte. Wann sich die 
Frauen zum Nachtmahl hinsetzen, leuchtet ihnen immer das jüngste 
Mädchen. Der ungenannte aus Stubica spricht vom Essen nichts, 
dafür variirt er das Thema vom Gehorsam. Alle Rechte und Pflich- 
ten eines Hausgenossen bestehen nur in Gehorsam und wieder 
Gehorsam. Abgesehen von UtJeSenovic's Auslassungen, ist 
des ungenannten Bericht für Kroatien noch das Ausführlichste 
und Beste, was kroatisch über die kroatische Hausgemeinschift 
gesagt worden, darum mag die ganze Stelle hier unterkommeo: 
»Jedes Mitglied der Hausgemeinschaft hat nach den Anschauimgeft 
unseres Volkes gleiches Becht und gleiche Verpflichtung. Jader 
hat gleiches Anrecht auf Nutzniessung des GesammtvermügeiB 
der Hausgemeinschaft, vor Keinem darf irgend etwas vom Gemelli- 
samen verborgen werden, überall hat Jeder seinen Antheil, denii 
das Volk sagt: 

«Svaki koji se trudi i muM ima pravo na ooo §to se priskrbi.« 
> Jeder, der sich plagt und abmüht, besitzt ein Recht auf das Erwoibeie.« 

(Dies ist wohl ein Bechtsgrundsatz des Volkes, doch in dieefl' 
Form kein Sprichwort, als was es der Ungenannte ausgibt. Du 
Volkssprichwort lautet kurz und bündig: 

Eo radi i raduje. 
Wer arbeitet, der erfreut sich auch daran.) 

»Deshalb ist der d o m a6 i n verpflichtet, jeden Einzelnen g^eieh- 
mässig zu betheiligen xfad zu versorgen, auf seine Gesundheit A 
schauen und ihn sowohl gegen die üebergriff'e Einzelner als aich 
der Gesammtheit zu schützen, damit ihm kein Unrecht geschehe; 
jeder Einzelne aber hat das Recht, vom doma6in Bechenschit 
zu fordern, wohin dieser oder jener Gegenstand gekommen, wM 
mit Diesem oder Jenem geschieht. Doch auch gleiche Pflichtea: 
Jeder muss zu jeder Zeit ohne Umschweife oder Verzögemngtt 
dorthin gehen, wohin ihn der domai^in schickt. Nur die Weihl 



g«niesseQ kein gleiches Recht mit den Männern. Ein verheiratetes 
Wifib muss sich am Beschaffung der n5thigen Leibwäsche fUr sich, 
ihre Kisdor and ihren Mann, auch für ihres Mannes Brüder bekUm- 
mem, wenn letztere ohne Mutter oder unverheiratet sind. In die 
Angelegenheiten des Hauses dürfen sich die Weiber schon gar 
Dicht hineinmengen (Weib, Maul halten.'), denn sobald sie sich in 
männliche Geschäfte hineinmengeu. entsteht ein grosser Wirrwarr. 
Ein Madchen hat aber zweifache Pflichten: den Männern gegen- 
über, dass ea alle Erwachsenen, selbst die ihr gleichalterigen, als 
Wesen höherer Art betrachte und hochachte, den Weibern gegen- 
über, dass es die älteren von Arbeiten verschone und sie in Allem 
ni Jedem verehre. Die Mädchen waschen den älteren männlichen 
Haasgeuussen die Füsae, ebenso den Fremden (Gästen), denn es 
Hin eine Schande, wenn ein Gast im Hause übernachtete, ohne 
ihm die Füsse gewaschen würden.« 

Zagschwerdt (aus Bednja) weiss von eigentlichen Rechten 
1 nichts zu melden, sagt aber, wenn es einem Mitgliede nicht 
nelit ist, so kann er bei der Obrigkeit sein Recht suchen. Die 
Ffilehten des Hausgenossen bestehen aber in gemeinschaftlicher 
Arbeit. Eine Notiz bei Zugschwerdt ist allein bemerkenswerth : 
■An vielen Orten in der Fosavina (Saveland) hat alljährlich eines 
m den mSimlichen Mitgliedern der Hausgemeinschaft sein soge- 
MMiteä Jahr (svoje leto). Jedes Jahr hat eiu Anderer von den 
Huigenossen das Recht, ein ganzes Jahr hindurch anf Verdienst 
HUBgehen. Vom Erworbenen muss er sich, sein Weib und Kind 
Utiden und im Nothfalle davon zur Tilgung der Schulden 
lir Bansgemeinschaft beisteuern.* Dasselbe berichtet Milinovi6 
IBS der Umgegend von Zeng. Das sind Ausnahmsverhältnisse, die 
sicli in Folge der grossen Armuth gewisser Striche an der Save 
fotnickelt haben. In reicheren Heimwesen kommt dergleichen, in 
SitTosten wenigstens, sonst nie vor. 

L'eber ähnliche Verbältnisse des serbischen Landvolkes im 
Allgemeinen sehrieb MilifiuviiS vor 27 Jahren: »Jedes Mitglied 
in Hanagenieinscbaft darf sich, wann das Heimwesen leiert, oder 
dab«'im nichts zu tbnn ist, auswärtig ein paar Heller ver- 
gehen. Was er verdient, ist und bleibt sein Eigenthum, 
— er bat das Recht!!), das Verdiente in die Casse der Haus- 
■•inschafl fliessen zu lassen. Der doma^in ist verpflichtet, 
•dt»t wenn er bestimmt weiss-, dass der Betreffende Geld besitzt, 
Falle dieser irgend eine ehrenvolle Verpflichtung auswärts Uber- 

Sraa**. SUI* ■. Giwohnheitarrchl d. Sud>1. T 



98 

nimmt (als Gevatter, Brautführer, oder irgendwohin zu Graste geht 
ihm aus der allgemeinen Gasse so viel zu geben, damit er doi 
dem Hause keine Unehre mache. Wenn der Mann ein bische 
über die Schnur hauen will, so steht es ihm frei, wenn er Privat 
vermögen dazu besitzt.« 

Es will mir fast scheinen, als machten sich alle Bericht- 
erstatter diesesmal ein wenig lustig über die Zustände in dei 
Hausgemeinschaft. Sie drücken damit unbewusst den allgemein 
empfundenen Gedanken aus, dass diese Institution sich überlebt 
hat. Am Sachlichsten spricht noch OdSakov, wenn er von der 
angeblichen bulgarischen Hausgemeinschaft erzählt: »Die Hechte 
eines Hausgenossen sind folgende: er darf an der häuslichen 
Berathung theilnehmen und Meinung und Stimme abgeben, hat An- 
spruch auf eine anständige Bekleidung, dass sein Weib und seine 
Kinder nicht anders als die übrigen Weiber und Kinder in dei 
Gemeinschaft bekleidet werden, hat Anspruch auf ein Tabakgeld, 
falls er Baucher ist, hat das Recht, (zuweilen) Gäste zu empfangen 
und zu bewirthen, kann ein abgesondertes Häuschen für sein Weib 
und seine Kinder beanspruchen, darf eigene Einrichtungsgegen- 
stände, Wiesen, Felder, Weingärten, eine Heerde u. s. w. besitiea 
wenn er sich dieses für sein Geld gekauft oder durch die Mitgifl 
seines Weibes erhalten hat. Er hat das Recht an einem Feiertage 
der Ruhe zu pflegen, das Wirthshaus zu besuchen oder zu Gast 
zu gehen, einmal im Leben auf den hl. Berg Athos zu pilgern« 
die Spinnstube zu besuchen, in die Kirche, das Erlöster und auf 
den Markt mit Weib und Kindern zu gehen. Seine Pflichten sind: 
allen Befehlen des d o m a 6 i n und den Beschlüssen des ELausvateff 
pünktlich Folge zu leisten, zum Vortheil des Heimwesens Üifttig 
zu sein, das gemeinschaftliche Gut, als wäre es sein Privatvermögeiii 
zu behüten; er muss daraufschauen, dass sein Weib dem domaiii 
unbedingten Gehorsam leiste und ihren Pflichten nachkomme, er 
muss sie zu Friede und Eintracht mit den Hausleuten verhalten u.8.w.« 

In diesem Berichte ist mancherlei auffällig. Vor Allem di« 
Behauptung, dass das Haus alle seine Mitglieder kleiden mnsi 
Dies ist thatsächlich nur in beschränktem Masse der Fall. Dti 
Haus hat nicht mehr als den Rohstoff zur Verarbeitung den Weihen 
zu liefern. Ferner darf der Einzelne so gut wie nie ein grösseres 
Privatvermögen, am allerwenigsten Liegenschaften besitzen. Diei 
verstösst nämlich gegen das südslavische Gewohnheitsrecht, wie ei 
sich im Sprich worte offenbart, z B. wenn eines lautet: 



99 

Dok smo zajedno neka nam je na jedno. 
> lange wir gemeinschaftlich wirthschaften, soll auch (Alles) gemeinschaftlich 

sein, 

1er: 

Ead je na jedno guvno, neka je i u jedan ambar. 

^enn es auf einer Tenne (gedroschen wird), soll es auch in eine (und dieselbe) 

Fruchtkammer (kommen). 

Mag einer auswärts was immer verdienen, das Erworbene 
DQQSs der Gemeinschaft zu Gute kommen. Man begründet dieses 
Recht mit Hinweis auf die communistisehe Einrichtung im Bienen- 
h&ashalt : 

Eo u cvijet, ko u med a sve u jedno uli&te. 
Der eine auf Blumen, der andere auf Honig, AUes fliesse aber in einen Honigstock. 

Wenn Einzelne Privatvermögen besitzen, so erweckt dies bei 
den Anderen regelmässig Misstrauen und die Vermuthung, dasselbe 
sei zum Theil dem gemeinsamen Vermögen entzogen. Ein Sprich- 
wort sagt : 

Zajedniöko tecivo najveöi je amanet. 

Gemeinsames Vermögen (Erworbenes) ist das grOsste Gewissenspfand, 

und ein anderes Sprichwort gibt die Strafe an, welche Denjenigen 
trifft, der etwas unterschlägt: 

Pri sakrivenu amenetn ruka se sijeöe. 
Wer ein anvertrautes Gut Terheimlicht, dem wird die Hand abgehauen. 

Vielleicht ist in diesem Sprichworte ein altes Gesetz im Volks- 
kewusstsein erhalten geblieben. 

Wer das auswärts Erworbene nicht zu Gunsten Aller hergibt, 
der macht sich nach dem Gewohnheitsrechte unmöglich im Heim- 
wegen. Das Sprichwort sagt: 

Eo u kuöu ne donosi taj iz kuöe ne iznosi. 
Wer dem Hause nichts zuträgt, der darf auch nichts aus dem Hause tragen. 

Wenn Einer auf eigene Faust in die Welt zieht, um zu er- 
werben, so kann ihn die Hausgemeinschaft nur in dem Falle 
nringen, einen Theil des Erworbenen ihr abzuliefern, wenn sie ihm 
n seinem Geschäftsfond etwas beigesteuert hat. Missglückt das 
Totemehmen, so findet der Unternehmer immer noch eine sichere 
lOflucht in seinem Stammhause, denn sein Anrecht auf das Stamm- 
nt bleibt ihm selbst nach dreissig Jahren ungeschmälert. In der 
ammlung hercegovinischer Volkslieder von Vröevid findet sich 
n Stück, worin erzählt wird, wie Einer, Bajo aus Pivlje, 
^m es im Heimatsdorfe zu enge geworden, nachdem er in allen 



90 

iu neuerer Zeit gospodarica und gospodinja. Wo letzter 
Ausdrücke üblich sind, da heisst der Hausverweser auch nich 
d m a 6 i n sondern g o s p o d a r. Hausverweserin ist gewöhnlicl 
die Gattin des domaöin, häufig aber wird dazu die verständigst« 
und repräsentationsfähigste unter den Weibern bestellt. Oft rm 
geht man mit Absicht die Gattin des domaöin, um die Controld 
zu erleichtern. 

Die Pflichten der domaöica bringt YrSeviö unter fol- 
genden Rubriken, die sich wohl um ein Bedeutendes erweitern 
Hessen, a) »Sie hat jedem Weibsbild im Hause anzuordnen, was Ar 
Arbeit sie verrichten soll, und darauf zu schauen, dass Niemand 
müssig dasitze; b) hat sie Wolle und Lein zum Spinnen anxn- 
schaffen; c) hat sie darauf zu schauen, dass sowohl Wollstoffe ils 
Leinen u. s. w. gewoben werden, und später die fertigen Stücke 
nach den Bedürfnissen der einzelnen Mitglieder zu vertheilen; 
d) muss durch ihre Hände alle Speise und Trank gehen, welche 
das weibliche Hauspersonal zugewiesen bekommt ; e) hat sie Frem- 
den und Verwandten gegenüber, die als Gäste ins Haus kommen, 
die Honneurs zu machen, und sorgfaltig darauf zu achten, disi 
Jedermann zufriedengestellt werde ; f) muss sie den doma6in dira 
in Eenntniss setzen, was für den Einen und den Andern zu Markte 
gekauft werden soll, wenn der betreffende Gegenstand zu Haaee 
nicht angefertigt werden kann, z. B. Opanken, einen (Leder-) Gürtel, 
(Tuch-) Hosen, Mützen u. s. w. ; g) hat sie darauf zu schauen, diu 
die Mädchen, besonders die Hirtinnen, allezeit spinnen oder Fnmei- 
strümpfe und Socken stricken, Kopftücher, Yortücher, Seitentaschn 
sticken und mit Quasten verzieren, und wenn derlei Arbeit nidt 
vorhanden wäre, dass sie die Ausstattungswäsche (pr6ija, roho) ft 
das älteste, heiratsfähige Mädchen verfertigen helfen.« 

Mädchen müssen immer arbeiten, denn das Sprichwort sigt: 

ZaludDa moma docna vidja doma. 
Ein Mädel, das zu nichts taugt, sieht spät ein (eigenes) Heim. 

Die Pflichten der Hausverweserin fasst knrz das Spricliwfrt 
zusammen : 

Domadica kucom vlada. 
Die Hausverweserio verwaltet das Haus. 

Alle Rechte der doma6ica bestehen darin, dass sie die 
schweren Feldarbeiten nicht unbedingt selbst mit verrichten mM 
dass man es ihr nicht zu stark ankreidet, wenn sie heimlich Ol 
Quentchen Speck aus der Vorrathskammer stiehlt und ihrem Eiadi 



91 

lasteckt, und d&ss sie auch an Wochentagen etwas sauberer als die 
Anderen gekleidet einhergehen kann. 

Das Adtribut der doma6ica ist der Schlüsselbund, sie hat 
ja Alles unter ihrer Aufsicht. Im Yolksiiede sind der Königin, 
&ls der dorn a6ica in der Burg, auch die Schlüssel zu den Yer- 
liessen anvertraut. So heisst es z. B. im bulgarischen Yolksiiede: 

Bis da naht die kOuigliche Schwieger, 

Mit sich bringt den gold'nen Bund von Schlüsseln, 

und das finstVe Bnrgverliess eröffnet, 

Frei entlässt die finsteren Eingesperrten. 

Die doma6ica muss überall ihr Auge haben. Wenn das 
Sprichwort vom domaöin sagt: 

Domaöinovo oko ka6a. 
Des Hausverwesers Auge das Haus, 

i h. je nachdem das Auge des Hausverwesers auf das Haus schaut, 
darnach schaut letzteres aus, so ist nicht minder zutreffend das 
Sprichwort von der domadica: 

Bolje kava gazdaridino oko neg reda§a i vatra. 
Besser kocht der Hansverweserin Auge als die Schaffnerin und das Feuer. 

Und wonach man erkennt, ob eine Hausverweserin tüchtig oder 
minder tüchtig ist, gibt ein anderes Sprichwort an: 

Dobra ta koStovnica po koSto to sja poznava (bulg.). 
Nach dem Haus erkennt man die HausTcrweserin. 

Nächst der d o m a 6 i c a sind die wichtigsten weiblichen 
Persönlichkeiten in einer grossen Hausgemeinschaft die planinka 
(die Sennerin), welche sich um das Melkvieh zu bekümmern und 
das Haus mit Milch, Butter, Eäse u. s. w. zu versorgen hat, und 
dann die eigentliche stopanica, die Wirthschafterin in der 
Sfiche, die Köchin. Die stopanica hat wohl ein sehr schwieriges 
Geschäft, zumal sie auch die fertigen Speisen auf dem Kopfe den 
Arbeitern aufs Feld hinaustragen muss. (Vergl. Sagen und Märchen 
der Südslaven, . II. B., S. 73, N. 61. Der gehobene Schatz.) Weil 
die Arbeit so aufreibend ist, ist nicht eine Frau ständig stopa- 
nica, sondern die Weiber wechseln der Reihe nach ab, daher 
heisst die jeweilige Schaffnerin r e d u § a oder r e d a r a (an welcher 
die Reihe ist, ordinata). Doma6ica, planinka und r e- 
du Sa heissen in der Lika maje (Meier, sing. maja). Eine 
muss Hausverweserin sein, sonst geht die Hauswirthschaft zu Grunde, 
kier wie es hübsch poetisch im Sprichworte ausgedrückt wird: 

Gdje je mnogo maja, tu je malo jaja. 
6ibt*s wo viele Meier, da gibt's dann wenig Eier. 



VI. 

Von den Rechten und Pflichten der Hausgenossen 
einander und der ganzen Gemeinschaft gegenüber. 

Im Allgemeinen theilen sich die Mitglieder sowohl einer j 
Hausgemeinschaft als einer Separatfamilie in jüngere und ftlten, j 
erwachsene Leute, oder in verheiratete und unverheiratete en. 
Der ledige Mensch gilt nichts, wie es im Sprichworte heisst: 

Ludo mlado neienjeno. 
ThOricht, jang, anverheiratet 

In der Hausgemeinschaft geniesst der Mann volle Bechte — 
alle Pflichten, die einem Einzelnen aufgebürdet werden kSnnei, 
mochte er schon früher getragen haben — sobald er Vorstaal 
einer Einzelfamilie, d. h. Familienvater wird. Eine ganx achaift 
Unterscheidung nach dem Alter findet nicht statt. Die AngalMl 
unserer Gewährsmänner sind ziemlich schwankend. Der üngenanoli 
aus Stubica sagt: »Die Hausgenossen theilen sich in Kinder 
(bis zum zehnten Lebensjahre) ; Hirten (bis zum sechzehnten Leboi^. 
jähre). Vom sechzehnten Jahre ab pflegt man sie schon snr Fdi* 
arbeit heranzuziehen und betrachtet sie als Erwachsenere. Mit dtfl' 
zwanzigsten Lebensjahre zählt man sie schon unter .die reifen (m^ 
tore). Dies ist das Alter, in welchem beide Geschlechter 
heiratsfähig betrachtet werden. Mit dem vierundzwansigsten Jikn 
ist der Jüngling schon ein Mann (m u i) und kann über sich sdM 
frei verfügen, wenngleich das Volk das Mannesalter erst TM 
dreissigsten Lebensjahre ab zählt. Das Greisenalter zählt das Volk 
gerade vom zurückgelegten sechzigsten Lebensjahre an. AeltM 
Leute wissen überhaupt selten, wie alt sie sind, es sagte es ihiiei 
denn der Priester« (als Matrikelführer). Man ersieht aus dM 
Gesagten, dass man nicht die volksthümliche, sondern die bürgtf- 



i 



103 

»Wie Du wiUst,« oder: »Wenn Du meinst, dass es so am besten 
sei« u. s. w. 

Derselbe Brauch herrscht auch bei den Bulgaren nach Od- 
iakov^s Zeugniss: »Gewöhnlich herrscht Einstimmigkeit, doch 
kommt es auch yor, dass auf Zureden des domaöin Alle bis auf 
Einen einem Antrage zustimmen, doch wird der Antrag auf keinen 
FaU zum Beschluss erhoben, wenn jener £ine seine Zustimmung 
daia versagt. In solchen Fällen bemühen sich Alle, den Hals- 
starrigen zu überreden und umzustimmen. Häufig ruft mau auch 
sein Weib, seine Einder, die Anverwandten, den Schwiegervater 
und seine Mutter zu Hilfe, damit diese ihm das Jawort abge- 
winnen. Da stürmen Alle auf ihn ein und reden ihm beiläufig so 
su: >6eh' denn, so Dir Gott helfe, stimm* auch Du bei, damit 
Dieses so geschehe, wie wir es wünschen, damit das Haus nicht 
zerstört werde, damit wir nicht ins Gerede der Leute kommen 
(da nas ne znadu drugi), damit es die Nachbarn nicht hören, 
damit sich die Welt über uns nicht lustig mache!« Selten kommt 
^ in solchen Fällen vor, dass keine Einstimmigkeit erzielt würde.« 
Das ist ein wahr gezeichnetes Bild aus dem Volksleben. Auf 
der Einstimmigkeit Aller fusst das ganze Gebäude der Hausgemein- 
schaft. Einigkeit muss in Allem und Jedem herrschen, denn wie 
das Sprichwort sagt : 

[ Slagom rasta male stTari 

A nesloga sve pokvari. 

I 'Durch Eintracht gedeihen kleine Sachen, die Uneinigkeit verdirbt aber Alles.« 

r 

Kin anderes: 

SgoYoma dnizina i v petk blago jade (balg.). 
Einträchtige Haaslente essen auch am Freitag Fleisch, 

Oder: 

SgOTorna drniina i vino pije. 
Einträchtige Hausleute trinken auch Wein, 

und schliesslich: 

Sloina braöa dvore sagradiSe. 
Einträchtige Brüder erbauten wohl Gehöfte. 



VII. 

Vom beweglichen und unbeweglichen Gut einer 

Hausgemeinschaft 

Die übliche Bezeichnung: »bewegliches und unbewegliches 
Gut« ist für die südslavischen Verhältnisse eigentlich unzulässig. 
Es kann nur die Bede sein von einem unveräusserlichen Stamm- 
gut, oder unzweideutig ausgedrückt, von einem ererbten Gute und 
von einem überschüssigen Vermögen oder Besitz, den man nöthigen- 
falls ohne umstände verkaufen kann. 

Es gibt eine ganze Beihe von Ausdrücken für das unTe^ 
äusserliche Erbgut. Dieselben gehen nebeneinander her. Fast alle 
sind überall bekannt, nur wird hier dieser, dort jener Ausdruck 
vorgezogen. Der allgemeinste ist wohl b a § t i n a (hereditas, solott 
natale ; b a § t a, bulg. : Vater ; b a § t i n a ist urspitLugliclr ein Ai^i 
Väterliches). Daneben kommen oöevina und oöinstvo. 
vor. Die Berichterstatter Bogi§i6's stellen diese zwei Worte ab 
gleichwerthig hin, indessen besteht meines Wissens wenigstens in 
Slavonien doch ein Sinnunterschied zwischen ihnen, insofeme näm* 
lieh, als 6 i n s t V den Antheil des väterlichen Gutes bezeichoet, 
den man einem aus dem Familienverbande ausscheidenden Mit* 
gliede ausfolgt. Im selben Sinne spricht man von einem mate* 
rinstvo (d. i. das mütterliche peculium). 

Djedovina, bülg.: djadina, heisst das Stammgut mit 
Bücksicht darauf, dass es seit Alters her der Hausgemeinschaft 
angehört. Daneben kommt auch die Bezeichnung s t a r i n a vor 
(antiquitas, das aus alter Zeit stammende). Man gebraucht das 
Wort aber auch in dem Sinne von Antiquität (z. B. für ein ur- 
altes Bild, Messer, Schwert u. s. w.). 



105 

Gnmd und Boden mit dem Betriebsgeräthe, das zur Bewirth- 
chaftang auf jeden Fall da sein muss, nennt man in der Her- 
«goTina, Cmagora und der Bocca stoSer^ daneben akar (türk.), 
n der Umgegend von Semlin s t e 2 e r (Fehm-) Stange, (Heu-) Stange, 
Xuay altsl. auch s t o g -b) , um Stara Pazva ste^erina. Letzteres 
i^'ort ist übrigens fraglich. Bei den Pa§trovi6i und auch sonst 
rereinzelt in Syrmien t e m e 1 j {^siUiiov, Fundamentum), im Za- 
forje korenika (radices, ^ififUov, Sktst.: kar. secare; griech. 
no, xoQfdos; ahd. : sker; and.: skurn, Iit.:karna; serb.-kroat.: 
sora, Binde). Fraglich ist korjenina. Bei den Bulgaren und 
m Gurgusovaöki srez in Serbien: muljk, in Serbien allein auch: 
mal (Die Etymologie dieser Worte ist dunkel.) 

Das Vermögen im Allgemeinen heisst imanje, imutak, 
imetak imu6e (Habe). Mit Hervorhebung des Erworbenen : s t e- 
ievina, namentlich nennt man steöevina das Vermögen, 
welches Mann und Weib während ihres ehelichen Zusammenlebens 
gemeinschaftlich erworben. Bei den Neuslovenen 2itek, bei den 
Kroaten 2itak (altsl.: 2 i t 'b k 'b vita), gleichbedeutend mit imanje. 
InSlavonien und Serbien bezeichnet man damit nur die Nahrung, 
insofeme als der Beichthum an Nahrungsmitteln ein Haus in guten 
Bof bringt. Dem kroatisch-serbischen steöevina entspricht bei 
den Bulgaren s t o k a (bei den Ersteren bedeutet stoka die Schaf- 
beerden) und für 2itak: 2iva stoka (das Erworbene, Lebende). 

Die Ausdrücke grünt (in der Militärgrenze) und d o b r o 
(das Gut) sind der erstere wörtlich dem Deutschen entlehnt, der 
letztere blos eine üebersetzung aus dem Deutschen. ^) 

SuSak berichtet zwar, man sage im Cetinathale »dobroc so- 
wohl für bewegliches als unbewegliches Gut, er fährt aber fort 
mit der Bemerkung : ili imanjeku6no (oder das Hausvermögen). 
Dts Zweite ist allein richtig, das erstere aber kennt er blos aus 
^r Literatur und imputirt es irrthümlich dem Volke. Vereinzelt 
fodet sich der Ausdruck d o m a 6 i j a (in Bednja in Kroatien nach 
Zogschwerdt) oder doina6nost(in Konavli nach B e u s a n) 
im Sinne von fundus instructus. 



*) Das Wort dobarce (Gütchen), welches soviel in den Novellen der 
leoereo serbisch-kroatischen Schriftsteller hemmspukt, ist ebenso abgeschmackt, 
nt die meisten serbisch-kroatischen Novellen. Do bar und dobro sind ja im 
ddslavischeD ethische Begriffe, Abstractionen, deren Uebertragang als Namen 
Ir das deutsche ^GvlU im Sinne von »'Besitz, Vermögen« durchaus unstatthaft 
t und dem Volke unverständlich bleibt. 



106 

Haus und Hof und Wirthschaf tsgeräthe (pokuöstvo, po 
kujstvo, marva, das Bindvieh, stada, die Heerden, miteinge 
rechnet, und Alles was drum und dran hängt) dürfen von einem Ein 
zelnen ohne Zustimmung aller Mitglieder der Hausgemeinschaft 
selbst der zwölfjährigen Knaben, sogar der Frauen, die sonst kein« 
Stimme im Bathe haben, nicht veräussert werden, denn es istda^ 
Gemeingut aller Hausgenossen. Zutreffend bemerkt VriSeviö: 
> Solange in einer Familie auch nur ein männliches Wesen existirt, 
würde Niemand das Geringste vom s t o 2 e r veräussem, ebenso- 
wenig als sein Weib oder Kind losschlagen. Dagegen kann mm 
sonstige Grundstücke (solche wohl, die man nicht von den Vor- 
fahren überkommen, sondern selbst erworben) oder einen Theil der 
Heerden in grosser Nothlage verkaufen.« unsere modernen Ge- 
setze nehmen darauf natürlich wenig Bücksicht. 

Mit Y r ^ e V i 6 stimmen die übrigen Berichterstatter toU- 
kommen überein. Der Vollständigkeit halber will ich OdiakoT'f 
Bericht über das hiehergehörende Gewohnheitsrecht der Bulgaren 
anführen, weil das bisher Gesagte dadurch gut erläutert wird. Mu 
ersieht aus Od2akov*s Worten ganz deutlich, dass er unter Haus- 
gemeinschaft die engere Familie versteht, nicht aber das, wif 
Yr^evi6 meint. Dies muss umsomehr hervorgehoben werden, weil 
die Bechte des Hausvaters, der doch im Grunde der eigentlidt^ 
Besitzer des ganzen Vermögens ist, grösser sind als die einei 
gewählten Hausverwesers einer Hausgemeinschaft. Letzterer ist 
nur Miteigenthümer, nicht alleiniger Herr. Nun der Bericht: 

>Die Mitglieder einer Hausgemeinschaft halten fest daM 
dass man das Stammgut unangetastet bewahren und zum mil- 
desten in demselben guten Zustande den Nachfolgern überlassd 
muss, in welchem man dasselbe von seinen Vorfahren erfaattek 
Ja, Alle sind sogar bestrebt, nach Möglichkeit den Besitz zn ver* 
mehren und Capitalien anzuhäufen, um den Nachfolgern eind 
gewissen Beichthum zu hinterlassen. Wenn Jemand irgend etwu 
von seinem unbeweglichen Gute, und selbst von dem beweglichei, 
wenn dasselbe zu den unumgänglich nothwendigen Betriebstfldcei 
gehört, verkauft, so betrachtet das Volk ein solches Vorgehen ab 
eine Sünde und Schande. Auch findet sich nicht eher ein Käufer 
drauf, als bis alle Söhne die Erklärung abgegeben, dass sie mit 
dem Verkaufe einverstanden sind. Ja die Kinder besitzen sogu 
das Becht, etwas zurückzukaufen, wenn ihre Vorgänger ein Diog 
veräussert haben. Bei der Veräusserung solcher Sachen pflegi 



107 

Volk dem Verkäufer darüber Vorwürfe zu machen: >Was 
t Du da vor! Schau, dass du dies für Deine Kinder lässt. Du 
rst im Stande, auch den Hut vom Kopfe zu verkaufen ! Bewahre 
5 f&r Deine Kinder und Kindeskinder auf, damit sie Deiner 
lenken.« (Kakro to si namjeril! glje daj da go ostaviS na dje- 
a si. Ste si prodade i kalpakja ot glavota. Pazi go za djeca 
inuki, da tja spomjanuvat.) Wenn Einer ein Grundstück ver- 
ssert, so hält man ihn für verrückt, und sagt: »0 Gott, Wahn- 
la hat ihn erfasst, dass er sein Vermögen verkauft!« (Bah Bo2e! 
podluda li go je zela, da si prodava stokoto !) An einer zweiten 
«Ue: >Zu den verkäuflichen Dingen gehören: der Ertrag des 
)deDS und der Nachwuchs der Hausthiere, ferner alte Pferde, 
:hsen, Schafe und Ziegen. Wiesen und Weingärten können nicht 
iräussert, sondern nur wieder für Wiesen und Weingärten um- 
tauscht werden. Die Gegenstände, die man veräussern darf, 
lissen stoka za prodan (imam stoke za prodan, ich habe — 
i verkaufen). Unter die verkäuflichen Sachen zählt man : Frucht, 
ehl, Wein, Branntwein, Käse, Obst im Allgemeinen u. s. w. ün- 
irkänflich sind: Bottiche, Branntweinkessel, Wagen, Ackerochsen, 
is Ackergeräthe, und auch die Pferde. Von letzteren sagt das 
mchwort : 

Bez kon kSta ne moie iiviti. 
Ohne Pferde kann das Haus nicht sein (leben).« 

Dasselbe fast mit denselben Worten sagen auch unsere 
)rigen Gewährsmänner ans. Alle stimmen in dem Einen überein, 
£s nur das üeberflüssige verkauft wird, und zwar nur in dem 
ille, wenn es die Noth erheischt. 

In älterer Zeit besassen die einzelnen Mitglieder einer Haus- 
meinschaft nie ein besonderes Privatvermögen. Alles war ge- 
einsames Eigenthum, was auch der Einzelne erwerben mochte. 
ii allgemein gebräuchliche Ausdruck für Privatvermögen, pr6ija 
DS dem griech. ngoCjuov die Mitgift), weist klar darauf hin, woher 
wohnlich Männer (in der Hausgemeinschaft) ihr Privatvermögen 
ben. In neuerer Zeit kommt durch den Einfluss der Schrift- 
raehe auch das heimische Wort : osobina (osobnost, 
p § t i n a) in allgemeineren Gebrauch, ein Wort, das ursprüng- 
h nur (persönliche) Eigenschaften oder Eigen thümlichkeiten, nicht 
»r persönliches Eigenthum bezeichnete. 



VIII. 

Theilung der Hausgemeinschaft 

Es können die Veranlassungen und Gründe, die zur Theilung 
einer Hausgemeinschaft fuhren, mannigfacher Art sein, fast immer 
aber haben Weiber ihre Hand dabei im Spiele. Dies wird duitk 
eine Beihe Volkssprichwörter genugsam bestätigt: 

iene brada dijele. 
[Weiber theilen (entzweien, trennen) Brüder, 
oder: 

Tudja krv braöa dijeli. 
Fremdes Blnt trennt BrQder, 

denn: 

ZU jezici braöa zavade. 
Böse Zangen verarsacben Bruderzwist. 

Zo jezik (böse Zunge) und 2ena (Weib) gelten als sinnverwandte 
Worte. Ein Sprichwort lautet: 

Gdje je mnogo iena, mira a kuöi nema. 
Wo es viele Weiber gnbt, da gibt's im Hanse keinen Frieden. 

Als schlimmster Leumund eines Mädchens gilt, wenn man ihr 
nachsagt : 

Ova bi moma kaön razdijelila. 
Dieses Mägdlein würde eine Theilnug des Hauses veranlassen. 

Auf die Unverträglichkeit der Frauen im Hanse wird \id&A 
in Volksliedern Bezug genommen. Es heisst im Sprichworte: 

Zena donese u kuöo sreöa ili nesre<3a. 
Das Weib bringt entweder Glück oder Unglück ins Haus. j 

Ein Weib zufriedenzustellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn: 

Zena ima viSe bava u glavi neg kose na glavi. 
Ein Weib hat mehr Flöhe im Kopfe als Haare anf dem Kopfe. 



109 
iher kommt es, dass : 

Sa ienama ni djavo na kraj ne izadje. 
Mit Weibern nicht einmal der Tenfel ans Ziel kommt. 

In Kroatien sagt man, des Teufels Grossmutter (vra^a baba) 
vrerkstellige immer und jedesmal die Theilung einer Hausgemein- 
laft. In einem Yolksliede (Ynk. nar. pj. IL 10) schlägt ein 
nder dem andern vor, dass sie heiraten sollen. Darauf entgegnet 
r Andere : 

Lasno bi se brate iienili; 
AI kad tn^je seje sastavimo, 
Tndje <3e nas seje zavaditi, 
BaSka de nam dvore pograditi. 

'^ Leicht konnten wir Brüder nns verheiraten; doch sobald wir fremde 
dehen zusammenbringen* werden ans die fremden Mädchen einander ver- 
iden; sie werden uns getrennte Gehöfte erbauen <r (d. h. sie werden es dahin 
Dgen, dass die Brüder zur Theilung schreiten und Jeder ein besonderes Heim 
1 errichtet.) 

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht das Sprichwort: 

e macke oko jednog mUa, dva psa oko jedne kosti i dve iene u jednoj kuöi 

nikad se ne sloiiSe. 

ei Katzen über eine Maus, zwei Hunde über einen Knochen und zwei Weiber 

in einem Hause können nie einig werden. 

Fragte mal ein Wahlbruder, der mehrere Jahre in der Fremde 
(Teilt und eben nach Hause gekommen war, seinen daheim ge- 
ebenen Wahlbruder: >Du, hast Du Dich von Deinem Bruder 
lion abgetheilt?c — »Er allein hat geheiratet, ich bin noch ledig.« 

Kam ein Bursche auf die Freite. Fragte ihn sein zukünftiger 
hwiegerrater : >Hast Du Dich von Deinen übrigen Brüdern schon 
getheilt?« — »Hab' Qott sei Dank, keinen einzigen.« ^) 

Es heisst im Sprichworte: 

Zmija i iena stvar je jedna. 
Schlange und Weib ist ein und dieselbe Sache. 

In einer Hausgemeinschaft, in welcher mehrere Weiber sind, 
ichte Jede gerne doma^ca sein. Die eine, welche nach altem 
lach doma^ica ist, vermag es mit bestem Willen nicht, immer 
en recht zu thun. Jede glaubt sich von der doma6ica bei der 
"theilung von Hanf, Wolle u. s. w. verkürzt. Da gibt es immer 
Lgen. Dem Manne wird mit Thränen so lange zugesetzt, bis er 
Harnisch kommt und mit den übrigen Hausgenossen in Streit 
Ith. Ein Wort gibt das andere, und das Ende vom Lied ist: 

«) Vreevid PitaHce, Nr. 356. 



110 

TheiluDg. Darum soll ein ganzer Mann auf die Thränen seines 
Weibes nichts geben. Das Sprichwort sagt: 

Ke veruj ieDskom plaSn ni kolik pasjem SantaDJu. 
Glaub' dem Geplärr' eines Weibes nicht soviel, als dem Lahmgehen eines Hnndei. 

Oder man sagt auch: 

2enske snze i pasje ramanje sve jedno je. 
Weiberthränen und Hundes Hinken ist ganz ein und dasselbe. 

Doch auch den Mann trifft arger Tadel, wenn er auf das Gewftsdi 
seines Weibes achtet: 

Koj to skia 2eni, toj e dvaS iena (bulg.). 
Wer auf sein Weib hört, der ist ein doppeltes Weib. 

um dem fortwährenden Unfrieden zu steuern^ schreitet man end- 
lich zur Theilung, denn: 

Bolje se i dijeliti nego mrziti. 
Es ist noch immer besser, eine Theilung Torzunehmen, als einander in htiNB. 

Nur bedingt wahr ist aber folgendes Sprichwort: 

Gdje braöe tu i dijela. 
Wo Brüder sind, da gibt es auch Theilung. 

Eines darf man hiebei nicht ausser Acht lassen, dass nämlu^ 
wie schon früher einmal bemerkt, in der Gegenwart der SüdsbTa 
immer mehr zum Separatismus hinneigt. In Bulgarien, wo die 
Hausgemeinschaft nahezu ganz aufgehört hat, konnten daher txA 
folgende Sprichwörter entstehen, denen man kaum welche serbisek- 
kroatische Varianten anreihen könnte: 

Sjeki da se znae svoeto. 

Jeder soll wissen, was sein Eigenthum sei, 

oder : 

Sjeki je gospodar na kätoto si. 

Jeder ist Herr (nur) in seinem eigenen Hause. 

Wie tief die Abneigung gegen das Zusammenleben in Gemeii- 
schatten im Volke wurzelt, beweist folgendes Sprichwort: 

Ortaikoto mjeso ku6ata ne jedot. 
Des Genossen Fleisch mag nicht einmal eine Hflrdin fressen. 

unwillkürlich denkt man da an das serbische Sprichwort: 

Nema smrdijivije mrcine nego Sto je 6oiQek. 
Es gibt kein stinkenderes Aas als der Mensch ist. 

Als Grund, weshalb man zur Theilung schreitet, wird n- 
weilen auch angegeben, das alte Heim biete nicht hinreichende 
Räumlichkeiten für alle Angehörigen desselben. Darauf antwortet 
zutreffend ein Sprichwort: 



111 

Nije kuda tiesna ako nisu deljad biesna. 
Das Hans ist nicht enge, Trofem das Hansgesinde nicht wahnwitzig ist 

Kurz und bündig fasst Yurdelja die Ursachen, die zur 
Theilung von Hausgemeinschaften führen, unter folgenden sechs 
Punkten zusammen: 

1. »Die Uneinigkeit der Weiber im Hause, denn Jede will 
gerne Herrin sein ; oder es kommt auch vor, dass die Kinder (ver- 
schiedener Weiber) in Streit gerathen, oder wenn nur ein Kind 
das andere berührt, die Weiber gleich mit Messern auf einander 
losgehen, einander beschimpfen, zurechtweisen u. s. w. Daraus ent- 
springt Uneinigkeit, die führt nur zu bald zum Zerfall] und zur 
Theilung der Hausgemeinschaft. Eh' man sich's gedacht, ist die 
Theilung schon da. 

2. Privatvermögen im Hause (pr6ija u ku6i). Die ein Privat- 
Termögen besitzen (pr6ija§i), schauen mehr auf ihr eigenes als auf 
dis Vermögen der Gemeinschaft; reissen Alles an sicli, wo sie 
Aur irgend einer Sache habhaft werden können, wobei sie es mit 
dem Vermögen der Hausgemeinschaft nicht allzu genau nehmen, 
h Folge dessen sinkt der Wohlstand des Hauses; der starjeSina 
bnn so einem Treiben nicht ruhig zusehen, er muss die Betref- 
fenden zurechtweisen, der Schluss ist — Theilung. 

3. Wenn der starjeäina und sein Weib hinter dem Bücken 
der Hausgenossen sich gütlich thun und das gemeinsame Vermögen 
▼erprtssen, oder auch, wenn der starjeSina mit der Verabreichung 
der nöthigen Nahrung an seine Hausgenossen knickert und spart, 
Während die Leute, so lange das Zeug hält, gut leben wollen, so 
k<>mmt es bald zur Theilung. 

4. Wenn ein Soldat viele Kinder hat, den Hausgenossen es aber 
Khwer föllt, für ihn und seine Kinder zu arbeiten und sie auszu- 
^ten. (Dies galt selbstverständlich nur, so lange die Militärgrenze 
lestand.) 

5. Wenn einer der Hausgenossen ein Faulpelz ist und grund- 
sätzlich der Arbeit aus dem Wege geht, oder wenn Einer unglück- 
licherweise sich aufs Stehlen verlegt, die übrigen Hausgenossen 
^ter die Schande nicht ertragen wollen, so drängt man darauf, dass 
kr BetreflFende ausgeschieden wird. 

^ 6. Wenn die Hausgemeinschaft zu viel Mitglieder zählt, so dass 
ne Theilung sich von selbst empfiehlt.« 

Der letztgenannte Fall tritt wohl äusserst selten ein. Eines 
s K a ti n a in Kroatien, den mir meine Mutter erzählte, gedachte 



y 



112 

ich schon an einer früheren Stelle, einen zweiten erzählt Mili- 
6evi6 (a. a. 0.). Ich will ihn hier wiedergeben: >Es erschüttert 
tief des Menschen Gemüth die Theilung einer solchen Hausgemein- 
schaft, die in Eintracht und Liebe lebte, wo die Mitglieder darin 
wetteiferten, wer den Anderen im Fleisse überholen wird. Da wird 
der Mensch mit Bedauern erfüllt, selbst wenn die Sache durchaus 
nicht bedauert zu werden verdient. . . . Man verarge mir's nicht, wens 
ich eines Falles Erwähnung thue, der vor 60—70 Jahren (M. schrieb 
dies im Jahre 1864) in meiner Sippe vorgefallen. Man gedenkt nock 
heutigen Tages seiner mit einem besonderen Gefühle. 

Mein ürgrossvater Mili6, der unsere Sippe aus Alt-Serbien 
hieher verpflanzte, erlebte es, dass er in seinem fünfond- 
achtzigsten Jahre von sich und seinen Brüdern eine so laU- 
reiche Nachkommenschaft um sich sah, dass es ihm schon nimmer 
thunlich erschien, Alle in einer Hausgemeinschaft zu belassen. 
Darum berief er an einem Ferialtage seine Söhne, seine Bruden- 
kinder, seine älteren Enkel mit ihren Frauen vor sich und redete 
sie so an: »Kinder, ich will Euch sagen, dass der Bienenkorb na 
schon übervoll geworden und es nöthig sei, dass ein Schwärm a«t* 
fliege. Flechtet leere Stöcke, hebt die Kappen ab, damit die Bienei 
die Winternahrung nicht aufzehren.« Die Leute stehen ganz Te^ 
duzt da und wissen nicht, was dies zu bedeuten habe, bis er ihntt 
ganz deutlich sagt, es sei eine Theilung unumgänglich nothwendig. 
Darüber allgemeine Bestürzung, einige fangen sogar zu weinen !!• 
In der Meinung, Einer aus ihrer Mitte habe Anlass zu diesem 
Vorschlag gegeben, forderten sie vom Alten, er solle ihnen den Ba* 
treffenden namhaft machen, damit sie ihn in Stücke hauen. >Nidift 
doch, meine Kinder,« erwiderte der Greis, »niemand Anderer ib 
nur ich allein will die Theilung. Mir selbst thut es am meistü : 
leid, dass von nun an, was unser hiess, unser, euer, deraa 
heissen wird ; ich erachte es indessen für besser, dass man sdiQi : 
jetzt zur Theilung schreite und Ihr nicht abwartet, bis Ihr so alt , 
wie ich geworden.- 

Gewohnt, in Allem und Jedem ihrem Grossväterchen Folge n 
leisten, wurde von den Söhnen die Theilung vorgenommen. Dw 
kleinen Kinder konnten aber lange Zeit noch später die vollzogst 
Thatsache nicht begreifen und wussten nicht zu unterscheiden, wen 
dieses, wem jenes Haus gehöre. Sie hielten sich Tagsüber hier ual 
dort auf und schliefen, wo sie eben die Nacht überraschte. Es M : 
auch vorgekommen, erzählt man, dass die Kinder helllant Wä\ 



neu aDfingeu, wenn man ihiiea sagte: °GeL' Jedes heim, das ist 
it Eaer Heitu !> 

Theilangen, die auf eine so friedliche Weise vor sieh gehen. 
d Qberauü selten. Mag die Anzahl der Hausgenossen noch so gross 
1 nnd die ■Wolinungsräumlichkeiten noch so wenig den Bedflrf- 
tta entsprechen, so weicht man doch gerne einer Theilung aus, 1 
km j^der Einzelne dem (jemeinwohle zu Liebe seine Berjuemlich- 1 
it D])f(>rt. Wahr ist in diesem Falle das schon oben angeführte I 
richwort : I 

Nije ka^a tiesna abo nisQ feljad biesDt. I 

t BelikQianK itt nicht in enge, sofern das Haasgedode nicht wahnwitzig i^t. ' 

Es trifft sich aber Kuweilen, dass nur ein Milgiied der Hauf- 
imeinschaft zur Theilung drüngt oder auch gedrängt wird. Ohne 
Iftigen Grund, aus lauter Uebermuth wird Niemand eine Theilung , 
^hren, auch kann er seinen Willen nicht ohneweiters durch- ■ 
tien. Es gibt aber Menschen, die um jeden Preis Tollständig I 
Ubhängig sein wollen und lieber manche Bequemlichkeit und 1 
iv«ilen grosse Vortheile, wie deren z. B. die Hausgemeinschaft 
cut, missen mögen, ehe sie Anderen dienen. Manche fassen auch 
r Teihältniss zum Hausrorsland wie ein Dienstverhältniss auf. i 
l> suchen sich damit zu rechtfertigen, dass sie das Sprichwort j 
illltr«D: I 

Bolje i pomanji gospodar biti oe^ slnga aaJTeui. 
luv (dbet tiD kleinerer Hansben sein, all der grOeste (angesebeUEte) Diener. 

Gewöhnlich stänkert der Theilungsbegierige so lange, big seine 
usgeDOSSen seiner überdrüssig worden und ihn gewissermasseu 
ln[t«ss«D- Nach Jankovic ist in Kotari und Bukovica im Zaraer 
■eis« folgender Brauch Sblich: Will ein Mitglied aus dem Ter- 
tnde An Hausgemeinschaft gänzlich austreten, scheut sieb aber, 
M ausdrOcklich zu sagen, so macht er (Abends) im Hause, in 
tiger EuLfernung von der allgemeinen Feuerstätte (auf dem Herde) 
k äeh ein besonderes Feuer an. Dies ist das sinnbildliche Zeichen, 
in er Ton den üebrigen sich lostrennen will. I 

Nach Magud steht dem Einzelnen durchaus nicht das Becht 
t eiD« Theilung zu begehren. Es muss wenigstens der dritte 
koi (Inr Mitglieder fOr eine Theilung überhaupt gestimmt sein. 

Efi gibt drei Arten von Theilungen. Eine rollständige, 
ijed« Familie einzeln fär sich einen neuen Herd gründet (man 
[t iD diesem Falle: razdielili oder podielili su se=sie 
MA «ich zertheilt}, eine beschränkte, nach welcher difl J 

[ r * B • • . Stn* D. GrwabBti(i(ir«bl d SDdil. g M 



114 

Familien nur abgetheilt wohnen und jede für sich Haus f&hrt, wäh- 
rend die Grundstücke auch weiterhin gemeinschaftlich bebaut werden 
(man sagt odielili su se = sie haben sich abgetheilt), nni 
schliesslich gibt es noch eine Ausnahmstheilung, wo man, wu 
schon ei*wähnt, ein störriges Mitglied aus dem Verbände ausstösst 
[odielili su ga = sie haben ihn (von sich) abgetheilt]. 

Bigenthümliche Verhältnisse haben sich in Bezug auf Theilnnj 
im Eüstenlande entwickelt, wo das Volk auch Handel treibt. Eigent- 
lich ist dieser Ausdruck nicht ganz zutreffend, denn die Küstenlän- 
der sind im Qrunde bis auf die Gegenwart Ackerbauer, geblieben nur 
Einzelne aus dem Volke pflegen sich auf Handel und Schiffahrt zo 
verlegen. Hausgemeinschaften betreiben selten Handel, üeber einen 
vereinzelten Fall berichtet Kohl in seiner Beisebeschreibung (Beise 
nach Istrien, Dalmatien und Montenegro, II, 415). Auf Lossin pie- 
colo habe zu seinerzeit das Geschäftshaus Vi doli 6 fünfzig Haos- 
genoisen gezählt. Die Vidoli6 sollen ihre Commanditen und Comp- 
toire in Alexandrien, Constantinopel, Odessa, Taganrog, in allei 
Eüstenstädten des Schwarzen Meeres gehabt haben. Besonders gla&b- 
würdig klingt die Sache nicht, zumal aus dem Munde Eohri; 
der kramt wie die meisten Beisebeschreiber, sehr gerne Merkwürdig- 
keiten aus. 

Die Begel ist, dass reiche Hausgemeinschaften nichts dagegei 
haben, wenn Einer aus ihrer Mitte Eauffahrer wird. Er thuc diel 
aber auf eigene Gefahr und Verantwortung. Es liegt mir ein recht 
ausführliches und ganz zuverlässiges Zeugniss darüber vor, du 
werth ist, hier ganz wiedergegeben zu werden, unser Gewähramiu 
ist Magud. Er berichtet: »Mag ein Mitglied in der HansgemeiB* 
Schaft nicht weiter verbleiben, so begibt er sich aufs Meer od« 
tritt in Jemandes Dienste. Das Haus versorgt ihn mit einer voU" 
ständigen Bekleidung. Er behält aber das Becht, wenn es ihm ia 
der Fremde nicht mehr behagt, zu jeder Zeit wieder in sein Stamn* 
haus zurückzukehren. Es kommt auch zuweilen vor, dass EiM 
ohne jeden Antheil aus der Hausgemeinschaft austritt, ein Hui 
sich erbaut und ganz abgesondert für sich lebt, ohne dass ihm 
Hausgemeinschaft irgend etwas geben würde. Doch derlei bilc 
jedenfalls eine Ausnahme. So z. B. trat aus vor vierzig Jahren (< 
Bericht ist aus dem Jahre 1867) Mato, der Sohn MichaeFs, aus 
Verbände des Hauses Maglid und erbaute sich ein eigenes 
Die Hausgemeinschaft Magud gab ihm gar nichts, dafür war il 
aber, so lange er noch Mitglied der Hausgemeinschaft gewi 



linmer gestattet, Handel zu treiben nnd dnrcfa Handel sich zu 
I bereichern. Von diesem Gelde kaufte er sieh ein Haus und Liegen- 
iKhaften (baSti na). Man liess ihn also vielleicht deshalb leer aus- 
I |<h«n, weil man (die Hausgemeinschaft) wusste, er besitze Geld, oder 
■mU anch darum, weil M&to's Vater Mihajlo und Mihajlo's Bruder 
^^HLH&usgemeinscbaft rerblieben. Hier obwaltete demnach die 
^^^H Mato sei ausgetreten, um auswärts Gewinn zu suchen, 
H^Bft habe er daheim nichts zu fordern, nach dem Grundsätze 
WSpriehworte) : 

I Ko doma radi taj i raduje. 

■ Vcr dthsim arbeitet, der (alleiol bat auch das Recht, an dem Erworbenen »ich 
I zu erfreuen. 

I Es gibt genug solcher Fälle, besonders in den wohlhabenderen 
Uiusera in Eonavli, dass Einer ohne Antheil aus dem Verbände 
llDstritt. So schieden z. B. Einzelne aus aus den Häusern Mosta- 
Ihisif, Klai£, Skipa, GlaviiS u. A., und siedelten sich ent- 
H|fafiili Bagusa (Dubrovnik) oder sonst wo im uabeu Küetenlande 
^^Bfe gebt so zu. Jedes halbwegs reiche Raus betrachtet es als 
^^^Brensacbe, unter seinen Mitgliedern einen Seekapitän oder 
LtDfiiiann zu zählen. Das Haus selbst geht dem Betreffenden 
; dis Hand, damit er sein Ziel erreiche. Abgesehen tod der 
n Ehre, bringt dies dem Hause auch Vortheil, denn es ist 
r gat. einen Menschen zu haben, der durch sein Capital im 
ile dem Hause beispringen kann, üebrigens ist es kein 
B OpTer, wenn ein reiche» Haus, das ohnehin über hinreichende 
Mtakräfle verfQgt, eines seiner Mitglieder der Feldarbeit ent^ 
. Es trifft sich aber, dass so ein Befreiter durch seiue Geschäfte 
', i:it, weite Reisen zu machen und mit der Stadt in enger 
Hing lu stehen. Nun übersiedelt er mit der Zeit in die Stadt 
ir in ihre nächste Nähe, so dass ihn an seine Hausgemeinschaft 
r mehr ein moralisches Band fesselt. Sokhe reichgewordene 
tte «der deren Nachkommen würden sich schämen, einen Antheil 
I der väterlichen oder gross väterlichen Hausgemeinschaft zu 
dergleichen kommt selbst gegenwärtig uuter dem Schulze 
t QsterriHchischen Gesetzes äusserst selten vor. Es ereignet sich 
doch hin und wieder, dass ein verarmter Sohn, oder sogar 
Bakel des Uebersiedelten zuiiiekkebrt und wieder ins alte Nest 
Q^DummcD wirii, das sein Vater oder sein Grossvater verlassen. 
noch sagt man, er fahre kein besoudera angenehmes Dasein da- 
■t. wofem er nicht zu arbeiten versteht.' 



116 

In der Hercegovina, Bocca, Crnagora und zum Theil auch 
Serbien, überall in Gegenden, wo sich echt slavisches Volksthu 
yerhältnissmässig rein erhalten, obwalten auch in der enger 
Familie die Bechtsgrundsätze der Hausgemeinschaft. Eltern, c 
erwachsene Söhne haben, können durchaus nicht nach eigenem 60 
dünken über das Vermögen des Hauses verfügen. Der Vater i 
nichts weniger als unumschränkter Herr über seine Söhne, wie eti 
ein pater familias z. Z. der römischen Bepublik. Die Söhne sii 
als Besitzer des Gesammtvermögens dem Vater gleichgestellt ni 
können daher ihren Vater zu einer Theilung zwingen. Vrßeri 
dem wir eine darauf Bezug nehmende Nachricht verdanken, scheii 
empört gewesen zu sein über dieses Verhältniss zwischen YtU 
und Söhnen, wenn er sagt: »Jeder Hausgenosse hat das Bech 
wann immer es ihm beliebt, eine Theilung für sich zu forden 
doch liegt dies weder in seinem Interesse, noch ist es seiner Ebi 
zuträglich, denn er vereinsamt sich (postaje inokosan) und Jed< 
schilt sein Thun frech, weil er sich von seinen Brüdern losgetreim 
Wenn die Eltern wollen, so folgen sie ihm einen stattlichen The 
des Gesammtvermögens aus, wenngleich mit schwerem HeriA 
und so mancher Vater sagt zu einem solchen Sohne: »Magst I 
nicht so leben, wie*s Gott befiehlt, mag ich Dir, so lange ich let 
auch nicht einen Stein geben!« 

Das Ganze ist halb und halb ein müssiges Gerede, denn 
ist gleichgiltig, ob der Vater will oder mag, er muss wollen. Di 
bezeugt ausdrücklich vojvoda Vukalovi6, wohl der grfindliehi 
Kenner dessen, was in der Hercegovina als Becht gilt. Er beriebft 
Folgendes: > Jedes erwachsene männliche Mitglied einer Has 
gemeinschaft hat das Becht, eine Theilung zu begehren. Sehfii 
riger ist dies in einer kleineren Familie, wenn der Vater oid 
lebt; denn er kann sagen, er gebe nichts heraus, doch gewöhaüi 
gibt man dem Vater zur Antwort: »Wir leben nicht im Eflstai 
land (d. h. in Dalmatien), wo der Vater Alles ist, die Kinder ik 
nichts sind!« Und bei Gott, sie zwingen ihn, dass er dem Sdoi 
der sich von ihm lostrennt, einen kleinen Theil ausfolgt.« 

In Bulgarien, wo das byzantinische Becht auf das heimisd 
Gewohnheitsrecht zersetzend eingewirkt hat, ist auch die Antoriti 
des Familienvaters genug befestigt, um die Separat] onsgelQste d 
Haussöhue zu zügeln. Vollständig freilich nicht, denn dem Sohne stli 
noch immer wenigstens das Becht zu, von seinem Vater eine beschrid 
Theilung, wie wir sie genannt, zu fordern. Dem betreffenden Sek 



117 

1 ein besonderes Wohnhaus angewiesen, er führt nun ein selb- 
idiges Hans, muss aber auch fernerhin in Gemeinschaft mit 
er und Brüdern den ungetheilten Grund und Boden bestellen, 
lers nach dem Ableben des Vaters, wenn die Mutter, oder 

Vaters Bruder, oder der ältere Bi-uder Hausvorstand ist, da 
n jeder Sohn seinen auf ihn entfallenden Theil nehmen und 
d von den üebrigen lossagen. (Vergl. Zaharijev und Od iakov 

Zbornik, S. 329.) 

In Dalmatien, der Hercegovina und der Crnagora kann bei 
ler Theilung der Vater die Hälfte des Gesammtvermögens für 
:h in Anspruch nehmen. Die Söhne müssen sich mit der andern 
Ufte begnügen. Eigentlich beruht das grössere Becht des Vaters 
f einer Fiction. Angenommen, der Vater hat drei Söhne. Es 
rd eine vollständige Theilung vorgenommen. Einer der Söhne 
mmt den Vater auf, oder richtiger, der Vater schliesst sich einem, 
Q er am liebsten hat, an. Er und dieser Sohn sind nur ein Factor, 
i selbstverständlich in der neuen Wirthschaft wie ehedem in der 
ten, der Vater Hausvorstand wird. Von dem in vier gleiche 
beile getheilten Vermögen nimmt nun der Vater zwei Theile, 

h. die Hälfte, für sich und den Sohn, mit dem er fernerhin 
(meinsam wirthschaften will. Nach dem Ableben des Vaters ist 
T eine Sohn, der ihn verpflegte, auch sein alleiniger Erbe. Zieht 

aber der Vater vor, allein für sich zu bleiben, so erhält er, wie 
ier seiner drei Söhne, nur den vierten Theil des Vermögens zu- 
cheilt. Als alleiniger Herr seines Antheils kann er auch testa- 
entarisch frei darüber verfügen. 

Der Vater darf sich den besten Antheil aneignen. Gewöhnlich 
hält er für sich das Stammhaus. Ausser dem, ihm wie jedem 
ner Söhne gebührenden Antheil bekommt er noch als gewesener 
iQsvorstand oder Hausältester ein besonderes Geschenk, das man 
arjeSinstvo nennt. Auf ein solches Geschenk hat jeder 
lusvorstand bei einer Theilung ein Anrecht. Im Zaraer Kreise 
int man diese Draufgabe izvrStina (Ausführung s- [seit.] 
be). Za izvrStinu, d. h. für die Schlichtung der Theilung, 
commt der gewesene Hausvorstand einen kleinen Lohn. 

Die Eltern bleiben in der Begel mit ihrem jüngsten Sohne 
ter einem Dache. 

Die Theilung wird fast ausnahmslos nicht eher vorgenommen, 

bis durch gemeinschaftliche Arbeit der Hausgenossen und auch 
• übrigen Dorfbewohner für jede der sich lostrennenden Familien 



118 

ein eigenes Haus aufgeführt worden. Die hilfreichen Mitarbeite 
erhalten für ihre Leistungen gar keine Entschädigung in Geld 
weder in diesem besonderen Falle, noch wenn überhaupt ein neue: 
Wohnhaus errichtet wird. Die Leute werden blos verköstigt. De 
Bau eines neuen Hauses pflegt zuweilen für das ganze Dorf so vie 
als eine lange Beihe Festtage zu bedeuten. Daher das Sprichwort 

Kad 86 knda gradi, selo se brani. 
Wenn ein Haas aufgeführt wird, mästet (nährt) sich das ganze Dorf. 

Wenn ein an sich ohnehin nicht besonders grosser Besitz io 
viele Theile zerstückelt wird, so geschieht es leicht, dass jeder der 
Betheiligten zu kurz kommt. Um diesem üebelstande einigermassen 
abzuhelfen, kommt es sehr häufig vor, dass der Vater zu Gunsten 
seiner Söhne auf seinen Antheil unter folgender Bedingung Verzicht 
leistet : die Söhne ^nd verpflichtet, ihn jährlich mit so und so Tiei 
Mehl, Oel, Wein, Geld, Kleidung und sonstigen Lebensbedürfnissen 
zu versorgen, so dass er sorgenlos (als Ausgedinger osebujek, 
s t a n a r) leben kann. Nun wird das Vermögen gleichmässig unter 
die Brüder vertheilt. Der Vater aber bleibt bei seinem LiebUngs- 
söhne. (Für die Gegend von Makarska bezeugt von Marinovid.) 
Es gilt als selbstverständlich, dass die Eltern sich so viel vom BesiU 
zurückbehalten, dass damit ihre Begräbnisskosten (ukop, uko* 
p i n a) einmal gedeckt werden können. Jeder Bauer sieht nämlich 
wenigstens so viel zu erübrigen, dass ihm nach seinem Ableben ein 
anständiges Begräbniss zu Theil werde. In Slavonien pflegt mm 
einen leichtsinnigen Verschwender mit den Worten zu ermahnen: 

Ne rajtaj brate, nei iroat ni za nkop! 
Verschwende nicht so, Bruder, Du wirst sonst nicht einmal fttr Dein Begribiitf 

etwas hinterlassen. 

Der schlimmste Leumund, den man einem Verstorbenen nachsagea 
kann, ist: 

Nije mn se na$lo ni za nkop! 
Man hat bei ihm nicht einmal so viel Geld gefanden, am ihn begraben zn konnei' 

Darum hält Jeder auf seine alten Tage Einkehr und ßngt an n 
sparen : 

Neka mi se za akopa nadje. 
Man soll fär mein Begräbniss (sei. Geld) finden, 

wie es im Gorski Vienac heisst. Selbst in der Hausgemeinscbift 
werden die Begräbnisskosten nicht aus der gemeinsamen Gasse be* 
stritten. Jeder muss bei Zeiten in dieser Hinsicht für sich sorgen. 
Wenn der Verstorbene Söhne hinterlässt, so müssen dieselben 



EoBten tragen, wie sie denn in jeder Beziehung den letzten Veiffl- 
gungen ihres Vaters garecht zn werden trachten. Das Volk glaubt, 
»ie Vröeyiß bezeugt, dass, wenn ein Sohn den letzten Willen 
Hin« Vaters unerfüllt lassen würde, die Seele des Vaters den 
Bflhn anf jener Welt herb tadeln werde, so lange aber der Sohn 
noch lebe, ihm aus dem Grabe fluche. Ausserdem würde das ganze 
M einen solchen Sohn, als den ruchlosesten ReHgionsveräcbter 
(Wukonib, wörtlich Einer ohne Glauhenssatzungen) betrachten. 
Hi[ Beug darauf sagt ein Sprichwort : 

Ko ottiDU änia ne namiri, svoju gubi. 

Vrr tdn«8 Vaters Seele nicht befriedigt, verliert die eigene (<t. ti, bringt sich 

um sein eigenes Seelenheil). 

Im Drinagebiete in Serbien nimmt bei einer Theilung der 
Vit«r xii<mlich yiel voin Gesammtrermögen, um sich ein stattliches 
Begrabniss zu sichern. Die ukopina beträgt nach Krsti6 ein 
*itr xwei Binder, 1 — 3 Schweine, einige Schnfe und auch einen 
Ufiüen Theil von der übrigen Heerde. üeberdies behält er noch 
••iBige Morgen ') Ackerfeld, Gartengrund u. s. w. Dieser unbeweg- 
licb« Besitz tiWt nach dem Ableben des Vaters demjenigen Sohne 
n. bei dem er bis an sein Ende gelebt und der ihn bestattet. 

Es ist eine Art Ausgedinge, wie bemerkt, welches den Eltern 
Wrjelen Tbeilungen von den Söhnen geboten wird. Eltera sträuben 
'gen so lange es nur möglich ist; denn gewöhnlich ist ihr 
bejammernsnerthes. In einer serbischen Volkssage (Krauss, 
und Märchen d. Südsl., II, Nr. 61, S. 104—6) weiss sich 
titer Vater, der sein ganzes Vermögen an seine zwei Söhne 
tligctret«n, durch List sein Schicksal zu verbessern. Seine Schnuren 
tebteten meiner nicht im geringsten mehr. Da klagte er den Söhnen, 
l'fetftr'ihm ein Sack Geld abhanden gekommen; eines der Weiber 
lae das Geld entwendet haben. Diese leugnen Stein und Bein, 

*) Im Texte: uekoilio fluga lemtje (einige Pflöge Land). Es sei mir 
I b*i ttnt ipTschliche Bimerknng gc^taitei, die eigentlich gar nicht hieher ge- 
"" ;jrflr d»i deaUch« Morgen. Joch. Jnchhart liest man in kroatischen 
I immef jutro l— Hor|{eD). Dan Wort iit unzweifelhaft auc dem 
1 flberaetit, wenngleich Vnk im Worterb. angibt, es »ei in der Vnj- 
ItUleb. Das Volk ■«Ib>t gagt entweder plug lemlje (wie an der 
Un Stelle), d- li. so viel als man (an einem Tage nämlich) aufpSflgen 
, «der JktDi (da» Äafgeackerle) in Slavonien, oder einfach dau oranja 
a Tag ■ekcrn). Jntm (a]t«l. ntro} bedvatet im Volksmnnde nar die Zeit 



120 

da sie seit dem Ableben der Schwiegermutter die Stabe 
Schwiegervaters nicht ein einziges Mal betreten. Nun mQssen 
den Alten pflegen; denn die Söhne wollen sich den Schatz n 
entgehen lassen. Später einmal erzählte der Vater in galer La 
den Söhnen, er habe nie einen Schatz besessen, er habe s< 
Schnuren nur zu ihrer Pflicht zurückrufen wollen. Er schli 
mit dem Sprichworte: 

Bolje je umeti nego 11 imati, samo pravo i dobro radeöi. *) 
Besser Verstand haben (können) als Vermögen haben, wenn man nur thnt, 

recht and gut ist. 

Denselben Vorwurf varürt eine zweite Sage (aus Slavonit 
»Die gnädige Frau Schwiegertochter« (a. a. 0., S. 270 — 274 ^). Ai 
die König Lear-Sage ist bei den Südsiaven allgemein verbreitet; n 
braucht dabei natürlich an eine Entlehnung nicht zu denk 
Dergleichen Fälle kamen gewiss sehr oft vor, wie ja aus d 
Sprichworte hervorgeht : 

Bolje je s mniem od gumna do gnmna nego od sina do sina. 

(Ein altes Mütterchen spricht:) 

Besser mit dem Gatten von Tenne zu Tenne (betteln), als von einem Sohn 

andern gehen. 

Die grosse Hausgemeinschaft unterscheidet sich von 
engeren Familie wesentlich dadurch, dass ihre Mitglieder, ni 
wie in der engeren Familie, im ersten, sondern im zweiten, dril 
oder fünften, oder gar noch in weiterem Grade einander bli 
verwandt sind. Bei der Theilung einer Hausgemeinschaft wird 
Fiction aufrecht erhalten, als lebten die Söhne des Mannes, der 
Heimwesen ursprünglich gegründet; demnach wird die Theil 
nach Gliedern (in stipites) oder Zweiglinien und nicht nach 
Anzahl der Köpfe (in capita), selbstverständlich sind damit 
männlichen Mitglieder gemeint, regelrecht vorgenommen. Vurd( 
berichtet, das Volk (?) würde es für gerechter betrachten, w 
bei einer Theilung nur Rücksicht auf die Anzahl der erwachse 
männlichen Mitglieder genommen würde. Das ist gewiss nicht 
Rechtsanschauung des Volkes. Gesetzt den Fall, in der Haasgem< 
Schaft H. leben die Enkel dreier Brüder A., B. und C. A. und 
sind gegenwärtig nur durch je einen männlichen Nachkomi 
vertreten, während von C. fünf erwachsene männliche Enkel lel 
Wie kämen die Nachkommen A. und B.'s dazu, ihr grossväterlii 

*) Srpske narodne pripovedke. Skopie Gjorgje K. Stefan ovid. 1871, 
*) Pußke pripoviedke i pjesme. Sabrao M. Stojanovic. 1867, S. 82- 



121 

irbe (bagtina) Ton den Nachkommen C/s sich yerkürzen zu 
assen ? Unter Erbgut (bagtina, djedina) versteht man in diesem 
Falle nur das unbewegliche Gut. Ehe ich darauf näher eingehe, 
will ich Magud's classischen Bericht, durch welchen die Frage 
ganz klargestellt wird, hier anführen. 

»Die Theilung wird nach Gliedern (po koljenima) vorge- 
üommen, ohne Rücksichtnahme auf die Frauen (d. h. wohl der 
weiblichen Seitenlinien). Man geht hierbei natürlich auf jene Mit- 
glieder zurück, wo man weiss, dass von ihnen die Verzweigung in 
Glieder ihren Anfang genommen. Diese genealogische Erinnerung 
ist in verschiedenen Familien (sollte heissen : Hausgemeinschaften) 
sehr verschieden. In manchen hat sich die üeberlieferung bis ans 
siebente und achte Glied erhalten, in manchen dagegen erinnert 
m&o sich kaum des vierten Gliedes (selbstverständlich in aufstei- 
gender Linie). Gewöhnlich kennt man in reichen Häusern besser 
&ls in armen seinen Stammbaum. Als Beispiel einer genealogischen 
Tabelle vergl. den Stammbaum der männlichen Mitglieder der Hausge- 
meinschaft Magud, wie er sich im Gedächtnisse der Hausgenossen 
erhalten (S. 122). (Sonst ist er nirgends als im Zb. schriftlich 
Aufgezeichnet.) 

Magud*s Hausgemeinschaft ist noch nicht getheilt; doch wenn 
^ dazu käme, so müsste nach der Rechtsanschauung des Volkes 
^Pavo, den Sohn Gjuro's, als den einzigen Zweigspross M i h a j 1 o*s, 
des Sohnes Matö III., die Halbscheidt des gesammten unbeweg- 
liehen Gutes fallen, die andere Hälfte theilten aber gleichmässig 
ttoter sich die Söhne Mato des Grossen: Pavo und Mato der 
Mfiller. Findet die Theilung vor dem Ableben des unverheirateten 
Pavo, Gjuro's Sohn, nicht statt, so bleiben als Erben des Ge- 
sammtvermögens Pavo und Mato der Müller und deren Kinder. 
Mato der Seemann, der Sohn Mihajio's III., würde, wenngleich er 
noeh am Leben ist, keinen Antheil erhalten, weil er vor langer 
Zeit ans der Hausgemeinschaft ausgetreten und sich einen eigenen 
Beruf erwählt. Ebenso würden leer ausgehen die Nachkommen 
des Marko, des Sohnes des Mato lY. und Gjuro's, Mato's Sohn, 
die längst ans dem Verbände geschieden.« 

unter das unbewegliche oder richtiger gesagt, unter das Erb- 
gut, lählt man auch alle Haus- und Wirthschaftsgeräthe. 

Die Feldfrucht und die übrigen Nahrungsmittel werden in 
manchen Gegenden gleichmässig an alle Personen der aufgelösten 
Hausgemeinschaft vertheilt. Dadurch wird einigermassen wenigstens 



122 




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r dto alK-ruächste Zukunft der Uebelstand gemildert, der durciil 
) UDglvicho Vertheilung des unbeweglichen Gutes unter die In- I 
ressenten entstehen muss. 1 

Die noch nicht eingeheimste Frucht auf dem Felde wird in , 
wie eiDgetbeilt, die Wiese in grössere Stücke, und zwar in der 1 
Feise, dass abwechselnd zwei Jahre der eine Losgetrennte, das 
lebst« Jahr ein zweiter ehemaliger Hausgenosse dieses StQck I 
lihe. Hen uud Stroh wird nach Garbenhaufen rertheilt, ent- i 
^rechend der Anzahl Hansvieh, das Jeder besitzt. Der Eine theilt, j 
ff Andere trifft die Wahl, Der Dünger wird entsprechend der ] 
Wgg* des Grundbesitzes, der Jedem zuföUt, nach Wägen oder I 
^H||^ (tranje), der Bienenstand nach den StSckea vertheilt. | 
HBrnrdeJ ja.) j 

IHI Ist's in der Lika Brauch. Gewöhnlich aber wartet man, 1 
b die Peohsung eingebracht ist, und nimmt dann die Theilung vor, 
der auch es bleibt jedem der Theilbaber die Fetdfrucht, die auf 
(Idmu Antheile reift. Nur in Fällen, wenn z. B. auf dem be- i 
reffenden Grundstücke besouders werthvolle Früchte gedeihen, etwa 
^«n. Oel, so wartet man die Lese ab und schreitet dann erst j 
Bi Theilung. 

An nisncfaeu Orten wird nach V röe viö's Zeuguiss »die 
'nicht jeder Art, das Getränke, der Käse, das Schmalz, der Syrup, I 
U Wolle, d»8 Gespinnst, das Tuch und die noch in der Wehe ' 
ttg^nile Leinwand ohne Unterschied an alte Mitglieder vertbeilt, 
liDeist aber nur an Diejenigen, die sich auch bei der 
tniimting oder Herstellung der betreffenden Sache betheüigt 
liien. Letzteres bezeugt für Kotari und Bukoviea auch 
■an k o V i f. Derselbe berichtet ferner, dass die Frauen keinen 
lfd. sondern nur eine Abfertigung erhalten, welche in Lebens- 
lilteln für die Dauer eines Jahres besteht, d. h, man gibt jedem 
tohi*irateten} Weibe, Bofera man etwas zu geben hat, je fQnftovar 
fiultbierladung : jeder tovar ^= 100 Maass) Frucht. Ein kleines 
Und bekommt aber so viel Frucht, als das Hemd seiner Mutter 
**ra kann. 

In Serbien wird auch das Kind im Mutterleibe bei dieser 
llegenheit bedacht. Die Mutter nimmt für dasselbe so viel sie 

ihrem Schotte forttragen kann. (Radonjiä). Wenn unsere i 
in^en Quellen Ober diesen Fall mit Stillschweigen hinweggehei 
dart mao daraus keineswegs schliessen. als ob das Betbeiligea J 
ungebomen Kindes nur in Serbien üblich sei. Nach J 



124 

den Rechtsanschauungen des Volkes muss bei jeder Theilung auch 
das Kind im Mutterleibe bedacht werden, vorausgesetzt, dass die 
Schwangere betheiligt wird. Ein klassisches Beispiel dafQr bietet 
eine Sage aus Slavonien (E r a u s s , Sagen und Märchen d. SüdsL, 
II, Nr. 51, S. 73 — 75). Der Fall ist freilich ein anderer als 
der bei der Theilung einer Hausgemeinschaft. Ein junges Weib, 
deren Mann als Soldat eingerückt war, fand während seiner Ab- 
wesenheit im Felde einen Topf Ducaten. Sie erzählte von dem 
Fund ihrem Schwager, dieser hob den Schatz und gab die Hälfte 
dem Weibe. Als er nach einigen Tagen seinen Antheil überzählen 
wollte, fand er statt der Ducaten nur Kohlen in der Truhe. Er 
nahm die Kohlen, ging zur Schwägerin und nahm eine neue 
Theilung vor. Die Kohlen hatten sich bei der Vermischung mit 
den Ducaten des Weibes wieder in Gold verwandelt. Noch zweimal 
geschah dem Schwager dasselbe. Nun sprach er zu dem Weibe: 
»Wir wollen noch einmal die Kohlen und die Ducaten auf einen 
Haufen thun, aber auf eine andere Weise theilen. Sag mir, Scbwi- 
gerin, bist Du vielleicht in Hoffnung?« »Ja,< erwiderte sie, »schoa 
seit mehr als einem halben Jahre.« »So müssen wir denn tod 
Rechtswegen die Ducaten in drei Theile theilen. Dir, dem Kind« 
und mir, Jedem gleich viel.« Nachdem so getheilt worden, ver' 
wandelten sich des Schwagers Ducaten nimmermehr zu Kohlen. 

Sto je pravo i Bogn je drago. 
Was recht ist, ist auch Gott lieb. 

Erwachsene Mädchen bekommen bei der Theilung ein ode: 
zwei Rinder, kleine Mädchen ein Schaf oder eine Ziege oder eil 
Kalb als zukünftige Mitgift. Ist ein solches Mädchen späterhii 
Braut geworden, so schiessen alle ihre Brüder, wennglßich sie ge 
trennt leben, die Hochzeitskosten zusammen und heiraten auf dies 
W^eise ihre Schwester gemeinschaftlich aus. Bis zu ihrer Ter 
heiratung bleibt das Mädchen im Hause desjenigen Bruders, de 
ihr am meisten wohl will. 

Kinderlose Witwen gehen bei der Theilung fast ganz leer ao^ 
ausgenommen der neue Hausvorstand, unter dessen Schutz <B< 
Witwe sich stellt, gibt ihr aus freien Stücken etwas Grund und BodeB. 

W^itwen, die Kinder besitzen, namentlich männliche Kinder^ 
erhalten, wie es sich von selbst versteht, den auf die Knaben ent- 
fallenden Autheil zur Verwaltung ausgefolgt. 

W^aisenmädchen, die weder Eltern noch einen Bruder mehl 
haben, schliessen sich demjenigen der Theilungsgenossen an, dei 



125 

sie das grösste Wohlwollen hegt. Einer von den Leuten muss 
. der Waise auf jeden Fall annehmen, mag ihm die Sache auch 

nicht bequem erscheinen. Ehe man nicht fest sich darüber 
inigt, wer die Waise aufnehmen wird, darf zur Theilung über- 
ipt gar nicht geschritten werden. (Zeuge für die Lika ist 
irdelja.) 

Das Privatvermögen (osobina, osopStina, pr6ija) der einzelnen 
tglieder kommt bei der Theilung des Gesammtvermögens nicht 

Betracht. Jeder behält sein Eigenthum ungeschmälert; denn 
emand sonst als nur Derjenige, der es erworben, hat einen An- 
nich darauf. Von dem, was Jemandes selbsterrungenes Eigenthum 
;, pflegt der Betreffende zu sagen : 

Moje pa boije. 
Mein und Gottes ist das Ding. 

Die Formalitäten bei der Tlieiiung. 

Es kommt selten vor, dass die Theilenden ganz glatt darin 
ch einigen können , welcher Theil dem Einen , welcher dem 
Ddem zufallen soll. Wenn es glatt geht, so nimmt einer der 
iteressenten die Theilung vor, indem er die Habe in annähernd 
eiche Theile theilt. Darauf spricht er zu den üebrigen: »Nun, 
äblt!« Ihm selbst steht das Becht der Auswahl nicht zu, son- 
TQ er muss sich mit dem Theil begnügen, den keiner seiner 
sherigen Hausgenossen wählen mochte. (Vukaloviö.) Dadurch 
^hert man sich vor einer allenfalls möglichen üebervortheilung. 
inD man auf diese Weise sich nicht einigen, so wird entweder 
lost oder man bestellt Schiedsrichter. Zuweilen lassen selbst die 
hiedsrichter durch das Los entscheiden, welcher Theil wem zu- 
lien soll. 

Das Los heisst 2drieb. Die ursprüngliche Bedeutung des 
Ortes ist »Füllen«. Aus Knochen junger Pferde verfertigte man 
e Knöchel zum Losen. Wie aus der Wendung 2drijeb vaditi 
in Los herausnehmen) hervorgeht, wurden die Knöchel aus einem 
bleu Gegenstande gezogen. Diese Art des Losens ist gegenwärtig 
:ht mehr üblich. Man hat die genannte Wendung, sowie eine 
dere, zdrieb m etat (werfen, legen), oder idrieb postavljat, 
er wie die Bulgaren sagen tjelglöt 2drebje (Losziehen), auf 
i Losen mit Strohhalmen oder dünnen Uolzstäbchen übertragen. 
*]Ieicht ist letztere Art des Losens durch die Italiener den Süd- 
ren zugekommen. Darauf weist wenigstens der im Küstenlande 



126 

und in der Crnagora — wie bezeugt wird — ausschliesslich ge- 
brauchte Ausdruck bruSkete (na bruSkete metati; Buschette» 
bruscbette nennt mau durchwegs in Jtalien das Losen mit Stroh- 
halmen. Es gibt auch ein Spiel giuocare alle buschette , Halm 
ziehen. Auch den Slayen und Germanen wohl bekannt). In der 
mittleren Hercegovina sagt man für Los kura. Es ist offenbar 
ein Fremdwort. 

Den Vorgang beim Losen schildert V r ö e v i 6 so : »Wo die Brüder 
nachgiebig und einträchtig sind (wie kommt's dann zur Theilong?) 
und redlich nur das Rechte wollen, vollziehen sie leicht unterein- 
ander die Theilung. Die Brüder, so viel ihrer sind, sitzen im Hanse 
(ku6a, hier das grosse Wohnzimmer) und theilen das unbewegliche 
Gut, indem sie Stück für Stück beiläufig abschätzen und die Werthe 
vergleichen und ausgleichen. Nachdem sie mit der Theilung fertig 
geworden, ziehen sie Lose (me6u bruSkete), und nun auf gut Glfick 
(na sre6u) was wem zufällt. Sind ihrer z. B. vier Brüder, so nehmen 
sie vier Strohhalme von verschiedener Grösse «und bestimmeo, 
welcher Halm welchen Antheil bezeichnen soll. Der längste Halm 
bedeutet den Antheil des ältesten, der kürzeste den Antheil des 
jüngsten Bruders, gewöhnlich zieht ein kleiner Knabe die Halme. 
Sind ihrer nur zwei Brüder, so theilt der ältere das Yermögeo, 
und der jüngere Bruder hat die Wahl.« 

Bei diesem Vorgange darf keines der Weiber zugegen sein, 
wie man denn Weibern zu den Berathungen der Männer überhaupt 
keinen Zutritt einräumt. 

Kann mau sich, wie bemerkt, auf die angegebene Weise nicht 
einigen, so bestellt man Schiedsrichter. Man nennt sie dobri 
Ijudi (gute, brave Leute) oder poSteni Ijudi (ehrliche Leute) 
oder bracki pogadjalci (die brüderlich gesinnten Errather, 
d. h. Richter, Leute die das Richtige zu treffen wissen). Jeder 
Theilhaber bestellt einen Schiedsrichter; sind der Brüder zwei, 
so bestellt man zwei Schiedsrichter. Können auch diese die Sache 
nicht austragen, so wird, nach Beusan, noch ein dritter Schieds- 
richter berufen. Dem Schiedsspruch des Dritten müssen sich die 
Parteien unbedingt fügen. Nach Marino vi c beruft man zuweilen 
Leute aus einem anderen Dorfe, um jede Parteilichkeit hintan« 
zuhalten. 

Ueber die Schiedsrichter berichtet Vurdel ja Folgendes: »Die 
»guten Leute«, die mau einlädt, damit sie die Theilung einer 
Hausgemeinschaft vornehmen, sind Leute aus dem Dorfe, die allge- 



127 

n im ganzen Orte als weise , ehrenhaft und gerecht wohlange- 
sn sind, weshalb sie vom Volke »ehrliche Leute« genannt 
den. Die Hausgenossen gehen zu ihnen hin und ersuchen sie, 
möchten sich auf einen Augenblick zu ihnen bemühen, denn 
e Theilung werde vorgenommen. Die guten Leute fordern für 
6 Bemühung keinerlei Lohn. Die Hausgenossen pflegen ihnen 
\ Erkenntlichkeit für den erwiesenen Dienst einen Gegendienst 
i freien Stücken zu leisten. Man stellt ihnen einen Mäher oder 
le Schnitterin , vertritt den Einen oder Andern der Ihrigen 
f der Wache, oder erweist ihnen sonst eine Gefälligkeit. — Den 
hluss bildet eine gute Mahlzeit, an welcher alle Interessenten 
eilnehmen.« 

Etwas sachlicher gehalten ist der Bericht Milinovi6's, weil 
den Vorgang bei der Theilung selbst schildert: »Die guten Leute 
eilen vor Allem das Gesammtvermögen in so viele Theile, als 
rer sein müssen, ohne zu bestimmen, was wem zufallen soll, 
iraaf wenden sie sich an alle Parteien mit der Frage: »Ist's so 
it und gerecht?« Heisst man es gut; so rufen sie ein Kind, 
mt dieses die Lose ziehe (2drijeb vadi). Ist man mit der Thei- 
Dg nicht zufrieden, so trachten die Leute , den als zu gering 
gesetzten Theil durch Zugabe zu vergrössern, oder die vor- 
oommene Theilung als die alleinig richtige hinzustellen. Während 
r ganzen Dauer der Theilung thun sich die guten Leute gütlich 
dem Hause (und auf Kosten des Hauses), das sie theilen, und 
guter Letzt, nachdem die Theilung in Ordnung gebracht, da 
ihlzeiten Alle gemeinschaftlich. Gewöhnlich brennt bei dieser 
Jegenheit auf dem Tische eine Kerze, wie zu Weihnachten, 
im Toaste spricht der gewesene Hausvorstand den guten Leuten 
inen Dank aus und ermahnt in ausführlicher Rede seine bishe- 
[eo Hausgenossen, sie mögen auch fernerhin als Nachbarn, so 
e sie bisher als Hausgenossen, in Friede und Eintracht mit 
laoder leben.« 

Im Drinagebiete fordern die guten Leute, nach Kr st 16 
ien Ersatz für ihren Zeitverlust, wenn die Theilung sich mehrere 
ge hinzieht, und zwar muss man ihnen so viele Arbeiter stellen, 
Jeder Tage versäumt hat. 

In der ehemaligen Militärgrenze wurden die Theilungen halb 

eiell vorgenommen. »Die Hausgemeinschaft,« sagt Vali6, »bezahlte 

Schreiber, nur hat noch Keiner mit dieser Bezahlung gross 

ban (samo se tom plaöom jo§ nijedau nije pohvalio), die übrigen 



128 

Leute, die dazu beordert werden, müssen ihre Pflicht ohne Entgeh 
vollziehen.« 

In Slavonien ist dies anders. Durch die Auflösungen von 
Hausgemeinschaften haben sich sehr viele Beamten Beichthömer 
gesammelt. Dem Notar oder Stuhlrichter fölit jedesmal der Löweo- 
antheil zu. Zuletzt heisst es: »Die Regierung taugt nichts.« 

Vorigen Herbst schrieb mir mein wackerer Mitarbeiter Tor- 
dinac, in der Gegend von Ivankovo sei folgender symbolischer 
Brauch bei Theilungen üblich: »In so viele Theile als die Haas- 
gemeinschaft sich theilt, in so viele Stücke zerschneidet der bis- 
herige Hausvorstand einen Laib Brod und reicht jeder Partei ein 
Stück.« Die Symbolik ist leicht zu erklären. Der Mann deutet 
wohl an, dass von nun an Jeder sein eigenes Brod haben, essea 
und es sich selbst schneiden wird ; diesmal sei es das letzte Hil* 
wo es ihnen ein Anderer schneide. Der Brauch scheint allgemeia 
verbreitet zu sein oder er ist es zum Mindesten gewesen. Darauf 
weist vielleicht jenes Sprichwort hin, welches man anwendet, wenn 
man sagen will, dass getrennte Liebe nicht mehr geeint werdefl 
kann.^ Das Sprichwort lautet: 

Bazijomljena proja ne moie se viäe sastaTiti. 
Ein entzweigebrochenes Maisbrod kann nicht mehr zu einem Ganzen TerbondeB 

werden. 

Scheinbar widerspricht diesem ein anderes Sprichwort: 

I bra<5a se dile pa se opet mire. 
Anch Brüder theilen sich ab (entzweien sich) und schliessen dennoch Friedeii 

Das Sprichwort will offenbar nichts Anderes besagen, als ditf 
selbst getrennte Brüder, die doch gewiss einander grimmigste Feini* 
Schaft nachtragen, wieder gut werden, wie sollten sich da nicht 
fremde Menschen, wenn sie sich einmal zerkriegt, wieder aussöhnüt 
Auf den tiefen Hass, der zwischen Brüdern zu obwalten pflll^ 
nimmt auch eine Pitalica^) Bezug: Pitali sudci iiSletove: »Kifl 
vam je najmuönije umiriti?« — »Najteüle mu2a i 2enn.« — »Ini 
koga?« — »Brata sa bratom.« Fragten (vom Staatehestelite) Ri^tff 
Friedensrichter (Bauern): »Wen hält's Euch am ^plhsamsten iutw* 
söhnen ?< — »Am schwierigsten Mann und Weib.« — »und w«l 
noch?« — »Bruder und Bruder.« 



^) Nr. 701. Sie stammt unzweifelhaft ans der Bocca. Kar hier gab es fnkbci 
(sowie natürlich auch jetzt noch) sudci. Ferner nennt man daselbst dieFriedent 
richter gewöhnlich kmetovi. Kmet bedeutet in diesem Falle tear i^ozi 
den Bauer, d. h. den Hausältesten, der als Friedensrichter fangiren kann. 



IX. 

Liebesleben. 

du Maid, bei deines Auges Feuer, 

Warfst du einen Blick auf mich, den Armen, 

Sonnenfener wflrde mich dorehglOhen ! 

Bo»9tUeh4§ VoUuilUd, 

Die SQdsIaven lieben nicht anders als sonst Menschen in der 
'elfc liebten nnd noch lieben. Menschen sind, was Menschen immer 
aren. Doch die Liebe ist nnerschöpflich, sie ist unerschöpflich an 
teü Gedanken, die immer neu bleiben, und an neuen Oedanken, 
e auch nimmer veralten. Das Wenige, worin sich die Völker der 
tle, wenn sie lieben, von einander unterscheiden, das liegt nur in 
r Axt und Weise, in welcher man die Liebe zum Ausdruck zu 
Ingen pfl^t. Die Liebeslieder verschiedenster Völker gleichen 
Ji ihrem Inhalte nach auf ein Haar, der ganze Unterschied liegt 
sentlich nur in der Form. Die sQdslavische Volkspoesie ist n.un 
jeder Hinsicht so reich an den mannigfaltigsten Orundtönen 
d Formen, dass eine Eunstpoesie mit ihr, wenigstens in der 
Unat, gir nie in die Schranken treten kann. Ich befürchte wohl 
bt mit Unr^t, dass dieses Capitel als eines der schwächsten 
ganzen Buches gelten dürfte ; denn wer könnte auch alle Arten der 
beswerbung beschreiben ? Ein deutscher Dichter, nicht der letzte 
hier dieser Erde, Platen meine ich, fragt: 

Wer beschriebe 

Lenzestriebe ? 

Wer die Liebe? 

Wer das Ich? 

Antwort gibt ein Verliebter im Volkslied: 

Wenngleich der Himmel papieren war', 
Und jedes Sternlein ein Schreiberle wär\ 

r aot«« Sitte n. 6«wolmhett«recht d. SOdsL 9 



Und schriebe ein jedes mit sieben Hand', 
Sie schrieben doch meiner Liebe kein End\^) 

Ich muss mich wohl begnügen, einige Gelegenheiten zu schi/' 
dern, bei welchen sich die jungen Leute ihre Liebe offenbaren. Als 
die auffallendsten bei den Südslaven nenne ich 1. das Fensterln 
(aSikovanje türk.); 2. den Beigen (kolo); 3. die Bittarbeit (mOba, 
tlaka, bulg.: tika, pomo6); 4. die Spinnstube und die Sitzung 
(preio), sijeio, stlo, posijelo, posjed, sedeljka (balg.: 
sjedanki), igraliSte oder bubaljica genannt. 

1. DasFensterin. Es war einmal in Sarajevo ein Jüng- 
ling, der hiess Omer. War ein stattlicher Junge, dieser Omer, 
schöner als alle türkischen und christlichen Burschen in und an 
Sarajevo. Er hält auch viel auf sein Aeusseres, kann schön taf 
der Tamburica spielen und zur Tamburica spielend, gar lausehig 
singen. Wenn an Sommertagen der Schatten sich herabsenkt and 
die Nacht heranbricht, da ergeht sich Omer durch die Oassen and 
Strassen der Stadt Sarajevo und singt zur Tambura: 

Tamburice, meines Lebens Stütze, 
Durch dich hab^ ich Hunger viel ertragen, 
Durch dich lernt' ich oft des Durstes Plagen. 
Um die Tag' und Jahre muss ich klagen. 
Die durch dich in Nichts mir hingeflossen ! 
Mein Gesang ertönte, Tamburica, 
Unter eines holden Mägdleins Fenster, 
Asanbegoviö's vielschmucken Njera, 
Njera's, die mich keines Blickes würdigt. 

Omer war kein Nachtschwärmer, doch nannte man ihn liTj 
den ASik-Omer (Ständchen-Omer), weil keine Sommernacht Vt\ 
übergehen durfte, an der er nicht gewissenhaft unterm FeilW 
der schönen Njera Wache gestanden, auf der Tambura gespielt oll 
gesungen. Bald sang er: 

Nebelheim, ^) was sollen deine Nebel? 

Steht's in Flammen, oder rast ein Pesthaueh? 

Nicht in Flammen steht's, noch rast ein Pesthauch, 

Nebelheim verhüllt sich nur in Nebel 



^) Deutsches Volkslied. Ich wählte des Keimes halber die dentidt« 
Variante.'; Der Gedanke, genau in denselben Worten, kehrt io der sfldalaTitckaj 
Volkspoesie überaus häufig wieder. 

') Maglaj. >§ta se ono Maglaj zamaglio?« Magla — der Nebel. — Daai 
die Ableitung des Namens Maglaj von »magla« auf einer Volkaetymol^fpil 



131 

Vor den Augen einer Mädchenschönheit, 

Schön Fatima's, ihrer Mutter Schosskind, 

Wo die Maid, die Schönheit, Blicke hinwirft, 

Da erglüht so Jung wie Alt in Liebe ; 

Es erglühen Paschas und Weziren, 

Es erglühen Agas und Spahias, 

Auf dem Marktplatz air die reichen Kaufherrn. 

D wieder: 

Wunderhold ist, traun, Alaga's Liebchen! 

Solcher Schönheit rühmt sich Bosnien nimmer. 

Weder Bosnien noch Hercegovina. 

Wenig frommt ihr alP die holde Schönheit, 

Denn Alaga achtet ihrer gar nicht. 

Sondern schwärmt in Lieb' für Omer's Goldkind, 

Das im Käfig einsam aufgesprossen. 

Das nicht weiss, worauf die Frucht gedeihet. 

Wo die Frucht und wo die Schiller-Weine. 

Ein ander Mal wieder stimmte er an: »Oingen aus die 
e Banjaluka's,« oder: »Seide spann der Mutter einzig 
dkind,« oder: »Am Bajräm und Ramazän, dem 
ten,« oder: »Traurig klagt im Kerker ein Oe- 
g'ner,« oder: »0 Du Maid, bei Deines Auges Feuer, 
rfst Du einenBlick auf mich, den Armen, Sonnen- 
er würde mich durchglühen!« 

So spielte und sang Omer zur Tambura unter den Fenstern 
*D Njera*s, immer hoffend, sie werde sich seiner erbarmen und 
•"ensterläden öffnen, damit er ein Wort zu ihr sprechen und ihr 
n könne, dass er sie wie seine Augen liebe. So oft Omer unter 
a's Fenster sich stellt, löscht sie das Licht aus und verhängt das 



t, ist selbstverständlich. In der bulgarischen Variante (Milad. n. big. p. S.407, 
73) wird Belgrad (Weissenbnrg) von dem Sänger apostrophirt. Die Variante 
rnug hfibsch ; ich will ihr in der Anmerkung wenigstens einen Baum gOnnen : 

Weissenbnrg, woher stammt deine Weisse? 

Ohne Grund ist wohl nicht deine Weisse. 

In dir weilt Marie die Weissenburger. 

Ihr Gesicht ist wie die helle Sonne, 

Ihre Augen sind wie schwarze Trauben, 

Ihre Brauen sind wie schwarze Egel 

Und ihr Hals ergl&nzt wie Mondschein nächtlich, 

Daher stammt dir, Weissenbnrg, die Weisse. 

9* 



132 

Fenster. So ergeht es ihm heute, so morgen, so übermorgen, Tag flr 
Tag. Omer lässt sich aber nicht entmuthigen, er kommt wieder, spidt 
auf und singt. Omer wird dessen nicht leicht überdrüssig. Ein Spring- 
insfeld ist ASik-Omer. Sein Vater lebt, seine Mutter lebt, Frau Sorge 
Noth drückt ihn nicht. Es währte aber nicht lange, da starben seine 
Eltern, auf seinen Schultern ruhte nun des Hauses Last, er blieb 
allein mit seinem jüngeren Bruder und jüngeren Schwester. Jetxt 
heisst es, Haus führen und Brod erwerben. Doch immer noch ist 
Njera Omer's grösste Sorge und schmerzlichste Herzenswunde. BiM 
hat er seinen Kummer um den Verlust der Eltern Tergessen und 
wieder greift er zu seiner Tamburica, seines Lebens Stütze, sucht 
wieder seinen alten Standplatz unter dem Fenster der schönen 
Njera auf, stimmt traurige Lieder an, wie eine Natter, die sieh 
in eine Spalte verfangen; gramerfüllten Herzens, mit thränenvoikr 
Stimme klagt er der schönen Njera, wie ihn grimmes Leid heiiB- 
gesucht, wie den Wanderer, den in wüster Oegend tiefes Donkd 
der Nacht überfällt. Eiagegesänge lässt er zu seiner Tambnriet 
erschallen, als klagte und jammerte er am Orabe seiner Elten. 
Schön Njera nennt er seiner Augen Licht, seine Gesundheit, seil 
Glück und seine Freude, sein hehres Mondenlicht, seinen heD- 
blinkenden Morgenstern, und so hofft er stets, sie werde skk 
seiner erbarmen und seine Wunden heilen machen. Eines AbeiA 
steht Omer unterm Fenster der holden Maid und singt zur Tue 
bura, da öffnet Njera das Fenster und spricht : »Gott steh* Dir biii 
Omer; was treibst Du? Deine Lieder sind mir längst zuwidft 
Gerne wollte ich Dir folgen und Deine treue Geliebte sein. Dl 
stehst mir zu Gesicht; doch, mein Held, ich bin arm, Dn M 
arm. Wie sollen wir gemeinschaftlich leben und uns mit Bnl 
nähren? Vom Tamburaspiel und Gesang kann man nicht lebei.) 
Diese Schilderung der Liebesbewerbung Omers' gibt ein trett* 
ches Bild von der Art und Weise, wie die mahomedanisirten SlATei 



») M. Stojanovi6, Puöke pripoviedke. Zagr. 1867, S. 176—178: »OMtt 
Njera i dram jezika« (Omer, Njera und eine Drachme Zunge, d. b. die Zim|i^. 
spitze). Es ist die allbekannte Geschichte von Shylock, dem ^^"^"•"« i* 
Venedig, die uns hier in sfldslavischer Fassung begegnet Der alte Jade lakv 
borgt dem Omer 30 Beutel Gold auf sieben Jahre ohne jeglichen Zins; Ml 
Omer das Anlehen nicht zur bestimmten Frist zurückerstattet, ist der Jiift 
berechtigt, ihm die Zungenspitze abzuschneiden. Der Jude wird um sein gilM 
Becht geprellt, nur verliert er nicht obendrein seine Tochter wie bei Sbakespcttd 
Dieselbe Erzählung wie bei Stojanoviö auch von Fr. Jukiö in Vras*s Cols« 
Hft. VI, 1847, S. 11—20. Stojanoviö hörte die Erzählung in Semlin 1866 



Bosaien, aber auch die Andersgläubigen hier wie sonst überall i 

Süden um die Liebe eines Mädchens werben. Nicht immer ist 

r iSikovanje Ton günstigem Erfolge begleitet, so heisst es in i 

«m Volksliede: i 

Unterm Fenster warb der Jahr' ich dreie, i 

Nicht zum Vor- und nicht zum Naehlheil war mir's. 1 

Viel glüctlicher war ein anderer Ständchenmacher: I 

— Sprich, wo warst Du gestern Abends, Mijo V ■ 

— Wo ich war, die Zeit ist nicht verloren. I 
Sah mir an das allerschQnsle Mägdlein. 

Süsser Blick, du lächeltest ja mir zu. 

Irr' ich nicht, so fällt die Maid noch mir zu. 

Im Allgemeinen mnss man das gew6huliche aSikovauje von 
nu ausserguwShn liehen auseinander halten; anders wird bei Tag, 
tders bei Nacht gefensterlt; ein anderer Brauch herrscht bei 
Irteo, ein anderer bei Christen; die sogenannten Pranken (bos- 
Iwh« Juden, die ans Spanien im 15. Jahrhundert eingewandert) 
tbtn ihre eigenen Gebräuche, die mit den Tolkstbümlichen iu i 
Haem Zusammenhange sich befinden. 1 

Das gewöhnliche aSikovanje pflegt an Sonn- und Feiertagen I 
ituufinden, denn da man nichts zu thun hat, kann man sich 
kht einem längeren Getändel widmen. Auf der Rückkehr aus 
ir Gesellschaft oder vom Gottesdienste sehen einander die jungen , 
nte and sagen sich, was sie einander 2U sagen haben. Da das { 
täebta immer unter Aufsicht ihrer Eltern oder eines nahen An- ' 
mrandten ausgeht, damit sie nicht in 'schlimmen Ruf komme 
|et gar in bOse Gesellschaft geratbe, so sprechen die Augen der 
lebenden mehr als ihre Zunge, >Eine Maid ist wie ein Spiegel, 
■ jeder Hauch trübt, darum muss man Spiegel und Mndchen 
AI behüten,« lautet ein Sprichwort. 1 

Es gibt indessen einige Festtage im Jahre, an welchen man 
b jangen Leuten unbeschränkte Freiheit mit einander zu Ter- 
Ifcrea einräumt; bei Christen zu Weihnachten und in der Fastenzeit, 
i Uoslimen am Bairamfeat. Au solchen Festtagen versammeln sich 
är«r« jnnge Bur.'schen, gewöhnlich fünf, sechs oder sieben und 
knefaen In Gemeinschaft ein nahes Dorf. Jeder von ihnen ist 
lüich gekleidet. Mancher ist auch bewaffnet, oder trägt über 
I Schalt«! eine soha, oder in der Haud einen nad£ak, oder. 
|e tergija. oder bugarija, eine tambura oder einen karadnnj,' 
1 sie aufspielen und kurze Liebeslieder singen. 



134 

Fünf bis sechs Tage lang streifen so die Burschen von Dorf 
zu Dorf, und wohin sie kommen, überall gewährt man ihnen Gast- 
freundschaft. Zu essen und zu trinken erhalten sie überall im 
üeberfluss, denn so fordert es der Brauch, ohne dass sie dafOr dis 
Geringste zu entrichten hätten. Wer sich weigerte, die Gtesellschtft 
bei sich aufzunehmen, würde nicht blos der allgemeinen Yerachtong 
anheimfallen, sondern auch die Bache der Beleidigten zu gewärtigei 
haben. Man lacht noch heutigen Tags über den Schabernack, des 
diese braven Leutchen (ovi po^teni Ijudi) einem filzigen Alten an- 
gethan, der sie zur Mahlzeit (u2ina) nicht einladen wollte. Ab 
dieser Geizhals seine Nachbarn pflichtschuldigst zum Mahle geladen 
und ihnen um den Tisch herum die Plätze angewiesen, da schlichen 
die Burschen leise zu ihm ins Haus und in die Küche, nahmen 
zuerst aus den Töpfen das abgekochte Fleisch heraus und fOlltet 
sie mit Speideln (Holzscheiteln), nahmen dann aus der Backpfiuue 
die pita (ein National-Euchen) und legten dafür eine grosse Stein- 
tafel hinein ; nachdem sie alle Speisen verdorben oder ausgetauscht, 
entfernten sie sich ebenso sachte als sie gekommen. Als der ish 
ma6in die Speisen auftragen liess, da hatte er und seine Nachbm 
was zu schauen: statt der Speisen lauter Holz und Steine. Der 
Bauer gerieth über diesen Streich, dessen Urheber er sogleich errieth, 
in wilden Zorn, der nützte ihm übrigens gar nichts, ebensoweniif 
als seine Flüche. Den ganzen Vorgang in der Stube belauschtem 
die Ehrenmänner (poStenjaci) unterm Fenster und fassten den Be* 
schluss, noch denselben Abend an dem Filz für seine Beschimpfnngem 
sich zu rächen. Als die Nacht hereinbrach, kamen sie wieder zn seinett 
Hause, fingen all sein Geflügel ab und erwürgten es, zerstörtes 
den Hühnerstall und rissen ein Stück vom Hausdach herab, diiB 
suchten sie das Weite. 

Oft kommt es vor, dass die Burschen einem bekannten Geif* 
halse wider seinen Willen einen Besuch abstatten. Während er 99 
aus dem Hause in Güte und mit Schelte zu vertreiben sacUk 
macht sich jeder der Burschen etwas zu schafiTen ; die Einen setstt 
sich ums Feuer herum, die Anderen führen mit dem Geizhals Bed« 
und Gegenreden, um seine Aufmerksamkeit von den £rsteren ah» 
zulenken. Fndlich geben sie sich zufrieden und erklären ihm, tt 
wollen mit Gewalt in seinem Hause durchaus nicht sein, dtfi 
gezwungene Lieb* thue Gott leid, im üebrigen wären sie ihm fli 
seine Zurückweisung nicht minder dankbar, als hätte er sie wiit 
lieh aufs Beste bewirthet. Nach ihrem Abzüge mag der gute FremA 



136 

le lieben Wtmiler sehen, unter der Bacbpfanne bieoBt ein grosses 
mer, der Kuchen oder das Brod ist gänzlich verbrannt, der eine 
leisentopf ist mit Kohlen angefüllt, in dem andern siedet ein 
Ruhn saoimt den Federn, im dritten steckt gar eine abgesottene 
^tse u. 8. w. Würde der Beschädigte bei Gericht Klage erheben, 
10 lade er auf sich grossen Schimpf, abgesehen davon, dass ihm 
,&f 'braven Leute* (poäteni obrazi) bei günstiger Gelegenheit dies 
gehörig heimzahlen würden. 

Wo immer ein oder mehrere Mädchen in einem Hause weilen, 
darf man bei Tag zw jeder Stunde zu ihnen auf Besuch kommen 
(Bitilrlich in christlichen Häusern), mögen die Burschen aus dem- 
»llwn oder einem fremden Dorfe sein. Nur ein Gebot gilt für 
Alle, das Niemand ungestraft übertreten darf. Man muss bray 
(pofteno), d. h. anständig dasitzen. Keiner darf den Andern irgend- 
*i«lteleidigen oder ungeniemende Beden fahren. Wer sich erdreistet, 
ein Hädcben zu berühren oder zu ihr ein unanständiges Wort zu 
»pwehen, wird auf der Stelle abgeschaflft. Da heisst es: »Und 
pb« Du nicht willig, gebrauch ich Gewalt.« 

Die Burschen sitzen gemeinschaftlich, essen, trinken und 
mtlcrbalten sich gemeinschaftlich, als wären sie alle leibliche 
Brüder oder friedliche Hausgenossen, doch sobald die Nacht heran- 
lirichl, Terschwindet alle Lieb' und Treue und verkehrt sich in bö- 
Mit* Tücke. Die Burscheu aus dem Dorfe geben wohl acht, wohin 
^ie Anderen Abends hingehen werden, und legen sich in einen 
Silit«rbalt, um ihnen heimzuleuchten.') Da werden oft die fürchter- 
licisten Kämpfe einander geliefert. Die wilde Schlägerei fangt 
Eeaftholich mit harmlosen Sticheleien an, dann fällt plötzlich ein 
St«in, dann ein zweiter Stein, dann fährt man mit Prügeln auf 
tiunder los und nicht selten zieht man die Messer und gebraucht 
Schiessgewehre. Nur die Flucht der einen Partei macht der 
Echligerei ein Ende. Am nächsten T^e geschieht des nächtlichen 
rorfklles mit keiner Silbe Erwähnung, während man im Stillen 
b Vorbereitungen trifft, um die in der vergangenen Nacht an- 
F>tiiue Schmach an ihren Urhebern zu rächen. Wer eiuen solchen 
Wl Tor'ä Gericht brachte, würde in keine Gesellschaft mehr zuge- 
(D werden, auch könnte ihm das Gericht blutwenig helfen, d& 

*) Ve^L lue sdiGne Scbildemng einer solchen PrQgelei in einem ilkve- 
■ Dorf«, bei Stojanovi«, Slik« n. a. w. S. 174- 17T. Die ffOheres 
1 einem ungenannten her. 



136 

die Schuldtragenden Stein und Bein alle Mitwissenschaft ablengnei 
oder sie bestechen den Bichter und rächen sich noch ärger an dei 
Verräther. 

Das aäikovanje der Moslimen bei Tage muss man m 
eigenen Augen mitangesehen haben, sonst kann man sich darc 
keine rechte Vorstellung machen. Die jungen Türken dürfen, wi 
schon angedeutet, zu den Mädchen eben so wenig ins Haus kommei 
als diese zu ihnen. Sobald nun die Mädchen in irgend einen 
Hause zu singen anfangen, eilen die türkischen Burschen vonalleo 
Seiten herbei. Der eine trägt seine äargija, der andere eine tam- 
burica und spielt yor dem Hause, jeder aber hat auf jeden Fall 
seinen öibuk mit. Gewöhnlich hocken sie sich unter dem Fenster 
nieder, heben den Eopf in die Höhe und starren die Mädchen an. 
In dieser Stellung gerathen sie zuweilen ganz in Verzückung and 
vergessen auf sich und ihre Umgebung. Die Pfeife geht ihnen aus, 
fällt auf die Erde oder ihnen auf den Schoss. Es wird gar nicht 
wahrgenommen. Hören die Mädchen zu singen auf und entfernen 
sie sich yom Fenster, da kehrt den Schwärmern das Bewusstseio 
wieder zurück, sie blicken verdutzt um sich, reiben sich den Hals, 
ergreifen den öibuk, stehen auf, strecken sich, holen zum Zeichea 
ihrer Bewunderung weit mit den Händen aus und treten ab, nicht 
ohne sich Einer dem Andern gegenüber zu berühmen, was fQr ein 
wunderbarer Eunstgenuss ihnen zu Theil geworden. 

Wenn die Mädchen den jungen Leuten bei Tag nicht von 
selbst sich zeigen, Letztere aber die Lust anwandelt, einen Ohren- 
schmaus zu gemessen, so gehen sie vor das Haus, wo das Mädchen 
ihrer Liebe wohnt, und bitten sie, am Fenster zu erscheinen. §ar- 
gija oder tamburica, je nach dem Musikinstrumente, auf den 
man aufspielt, lautet der Kunstausdruck für diese Art des Heraofl- 
rufens der Mädchen. Oben theilten wir ein kleines Tamburaliedchei 
mit, hier führen wir einen Liebesgesang an, der zu Sargija gesungei 
wird. '^) 

^) £ako SU se ozidali lautet die stehende Wendung, die so Tiel iL' 
wie sie sich ummauert« bedeutet. Die Metapher ist sehr charakteristisch« & 
sehr waren sie vom Gesänge bezaubert, dass Jeder, wie von einer Maner od 
baut, auf seine Umgebung vergass. Hat sich Einer gut angegessen und rfll|H 
vor Behagen — das gilt nicht als unanständig — so sagt wohl Einer xu d« 
Glücklichen: »Alaj si se ozido!« (Traun, Du hast Dich ummauert!) 

'; Er kommt in vielen Varianten vor, z. B. bei Juki6, bei Ili<L 



137 

Krank im Herzen, litt ein Leid Andrija^). 
Oberm Haupte hing ihm die äargija^). 
Krank Andrija sprach zu der äargija: 
»Siehe da, o sadefli') Sargija ! 
Oft hast du mich Hungrigen gesättigt, 
Oft mich Durstigen mit Wein gekräftigt. 
Hast ans Fenster mir gelockt die Mägdlein, 
An das Hausthor Witwen, schmucke Weiblein. 
Nun, ich weiss nicht, wem ich dich vererbe. 
Wenn ich dich dem Brüderchen vererbte. 
Junges Blut ist^s, er zerreisst die Saiten; 
Wenn ich dich dem Schwesterchen vererbte — 
In dir steckt, o Sargija, ein Teufel, 
Und die Schwester ist ja selbst ein Teufel. 
Solche Zweie mussten sich entzweien.« 

Die eigentliche Zeit zum agikoyanje ist die Nacht. Unter 
em Schatz sind die Verliebten sicher vor Spähern und Gaffern. 
I Sehnsucht, mit welcher die Nachtstunden von dem Geliebten 
beigewünscht werden, drückt sich anmuthig in folgendem Volks- 
leben aus: 

Abenddunkel, o mein lieb' Gemunkel, 
Abendbeten, wie bist du erbeten! 
Mitternacht, o Mitte meines Glückes! 
Morgengrauen, vor dir muss mir grauen ! 
Wusst' dies Grauen um die Lieb' zu Frauen, 
Nie und nimmer gab' es Morgengrauen! 

In einem andern Liedchen erzählt der Geliebte, wie er nach 
ise gehastet sei, um Abends seine Geliebte zu sehen. Die Ge- 
lte hatte ihre Freundinnen im Hause zur Spinngesellschaft ver- 
unelt. Spät ward*s, der Geliebte kam nicht vor das Fenster, und 
eilig zogen die Freundinnen daraus die Schlussfolgerung, der 
sehe sei der Geliebten untreu geworden, er werde wohl eine 
lere als Bräutchen heimführen: 

') Jnki^. Bosanski prijatelj. I, S. 35. Im Texte steht fflr Andrija »Ivo« 
wird mir Tem&nftiger Weise diese kleine Freiheit nicht verargen. Das Lied 
ei Jnkiö onr ein Brnchstück. Vollständig bei II iö, Narodni slavonski obi- 
ilgram 1846. 

'; Eine Art tarn bar a von besonderer Länge. 

*) Mit Perimatter besetzt. 



138 

Mittag rief der Rufer aus vom Thurme 
Und aus Travnik eilt' ich heim im Sturme. 
AkSam ^) rief er aus — ich war zu Hause, 
Jaeija^ — da war ich vor dem Fenster, 
Vor dem Fenster meiner Herzensfreundin. 
Bei ihr sassen Freundinnen und spannen, 
Spannen Herzleid meiner Herzensfreundin: 
> Freundin, bald ist Deines Freundes Hochzeit, 
Eine Andere führt er heim als Bräutchen . . .€ 

Wüssten zufälligerweise die Burschen um den nächtlicheB 
Zusammenkunftsort der Mädchen nicht, so bedienen sich Letitere 
eigener Kunstgriffe, um die Säumigen heranzulocken; sie pochen 
an die Fensterläden, lachen laut oder hQsteln, und wenn die Bar- 
schen diese Zeichen hören, beeilen sie sich, den Wunsch dtf 
Mädchen zu erfüllen. Sind die kleinen Kniffe nicht im Stande, die 
Aufmerksamkeit der Burschen zu erregen, so wird ein Liedchfli 
angestimmt, z. B. dieses: 

Leuchte Mond, du trügerische Leuchte, 
Mag im Mondlicht dein Geliebter kommen, 
Dass er nicht im Koth die Schuh' beschmutze, 
Nicht bestaub' die seid'nen Pluderhosen .... 

oder so: 

Komm', o komm', Geliebter mein 

Abends an das Fensterlein u. s. w. 

Ertönen diese lieblichen Lockrufe, so yersammeln sich die 
Burschen yor dem Fenster, ins Haus selbst dürfen sie nicht treiefii 
ausgenommen, der Hausälteste würde ihnen dies ausnahmsweise 
gestatten. Der Bursche, dessen Geliebte am Fenster lauscht, klimmt 
zu ihr hinauf, während seine Genossen unten Wache halten, un 
jede Störung fernzuhalten. Nachdem der Bursche mit seinem 
Schätzlein einige Worte gewechselt, steigt er wieder herab und 
hält seinerseits Wache, während ein Zweiter ans Fenster hinanf- 
klettert, falls seine Geliebte dort anwesend ist; befindet sie sich 
nicht dort, so begeben sich die Burschen vor ihr Hans, nnd M 
geht es durch den ganzen Ort, bis alle Burschen d'r&nkommen. 
Hat ein Mädchen mehrere Verehrer, so verfolgen sich diese unter 
einander mit grimmigstem Hass, der hat nicht selten die blutigsten 

') Das vierte Gebet der Mahomedaner, nach Sonnenantergang. 
«) Die fünfte Betzeit. 



139 

hlägereien zur Folge. Wer als Sieger ans dem Kampfe hervor- 
ht, erzählt dann nächtlicher Weile der Geliebten von seinem Siege. 
de Art yon Nachtschwärmen, sowie das a§ikovanje, ist während 
tr Zeit des Quadragesimalfastens auf das Strengste verpönt. 

Dass die SQdslaven nicht durchgehends verliebte Schwärmer 
id, die in eitel Minnedienst aufgehen, bezeugt eine Elugheits- 
^el, die man häufig zu hören bekommt: »Wenn der Mensch 
cht eiiimal eine blinde Schindmähre nehmen mag, ehe er sie 
sehen, um wie viel weniger wird er blindlings eine Pei*son ins 
ins sich einwirthschaften, mit der er bis an sein Lebensende 
len Brei anblasen muss.« (Yergl. Cap. Wahl der Braut.) 

Wir theilen im Folgenden mehrere Ständchenlieder aus ver- 
biedenen Gegenden mit. Solche unscheinbare Liedchen gewähren 
len tieferen Einblick in das Gemüthsleben des Volkes, als es 
B schwunghaftesten Auslassungen des redegewandtesten Schrift- 
^Uers gewähren könnten. Wir zerpflücken hier die Blumen nicht, 
Ddem pflücken sie nur und bringen sie dem Leser dar, damit er 
■h an ihrem Dufte und ihrer Farbenpracht ergötze und erfreue. 

In einem slovenischen Volksliede stellt der Sänger das Mad- 
en sinnig als ein kleines Yöglein hin, das ein Männchen sucht. 
ie ein Vöglein, das im Gesträuch am Wegraine piept und haust, 
ntzt auch er, der Liebste, nichts, doch sie theilt ja gerne mit 
Q seine Armuth. Was ihm das Mädchen bisher verschwiegen, 
) erräth und verräth der liebende Sänger. So wünschte er, dass 
zu ihm spräche und er gäbe ihr so Antwort. 

Ein VOglein fliegt, ein Vöglein fliegt. 

Ein Vöglein fliegt ihm nach: 
»Nimm mich, nimm mich, nimm mich, nimm mich, 

Winzig kleiner Vogel du!« 
— Was geb' ich dir, was geb' ich dir. 

Winzig kleines Vögelein? 
Meine Kost ist, meine Kost ist 

Winzig kleines Würmelein. 
Meine Labung, meine Labung 

Pfützlein trüb' im Radge1eis\ 
Meine Wohnung, meine Wohnung 

Winzig kleines Dorngesträuch. 
Was geb' ich dir, was geb' ich dir. 

Winzig kleines Vögelein? 



140 

»Nimm mich, nimm mich, nimm mich, nimm mich, 
Winzig kleiner Vogel du! 

Deine Kost soll meine Kost sein, 

Winzig kleines Würmelein. 
Deine Labung, meine Labung 

Pfützlein trüb' im Radgeleis\ 
Deine Wohnung, meine Wohnung 

Winzig kleines Dorngesträuch. 
Und dein Herzlein soll mein Herzlein 

Sein, ein einzig Herzelein!« 

— Zieh' zu mir nun, zieh' zu mir nun, 
Winzig kleines Vögelein! ^) 

Minder verblümt leiht ein Bursche in folgendem Liedclien 
seinen inneren Gefühlen durch eine Frage Ausdruck. Das Mädciien« 
zur Jungfrau noch nicht ausgereift, versteht seine Frage gaus 
gut, doch sie ist zu bescheiden, und wagt es nicht selbst, ilicn 
darauf eine bestimmte Antwort zu geben. 

Mägdlein, auserles'nes Mägdlein, 
Magst du reif zur Minne sein? 

— Bürschlein, auserles'nes Bürschlein, 
Komm' doch her und sieh' allein ! ^) 

Solche derb sinnliche Lieder kommen sehr selten in den Volks- 
liedersammlungen vor, weil sich die Sammler dergleichen aufm- 
nehmen scheuen, das Volk singt indessen noch viel > kräftigere« 
Lieder. Wenn ich einmal dazu komme, meine Sammlung zu Te^ 
öffentlichen, so wird wohl Mancher erstaunen über die gewaltige 
»Unmoralität«, die in so vielen Liedern aufs Schönste herausge- 
strichen wird. Lüsternheit wird indessen nicht gepriesen, sondern 
blos zur Erheiterung erzählt und besungen. Jung und Alt hört mit 
Vergnügen zu, man lacht und scherzt gerne über einen guten Ein- 
fall, sobald er gut gegeben wird. 

Sehr häufig besingt man den Eindruck, den der Anblick 
eines schönen Leibes auf den Zuschauer macht. Wem in der Brust 
ein loderndes Verlangen erglüht, der ist seiner Sinne nimmt^r 



*j Valjavec, Narodne prip. S. 298 f. 

^) Aus meiner Sammlaog südslavischer Volkblieder. Das Liedchen ist ans 
der Cmagora. 



141 

r. Alles opfert er leichten Herzens hin, wenn er nur das Eine 
dchen kann. 

Katharina, o du niedlich Mägdlein! 

Lieblich piepte Mägdlein Katharina. 

Katharina piepte wie ein Rebhuhn, 

Girrte süss und lieblich wie ein Täubchen. 

Um den zarten schlanken Leib hernieder 

Floss ihr los' des blonden Haares Fülle. 

Liess die Maid ihr weisses Linnenhöschen 

Fallen auf die zarten weissen Fersen. 

Dies gewahrt ein Burschlein jung und thöricht. 

Und er spricht zur Maid und redet an sie: 

»Holdes Mägdlein, Mägdlein Katharina! 

Stumm und sprachlos werd ich, Katharina, 

Wahnsinn fasst mich, Mägdlein, irre werd' ich. 

Will verkaufen, Mägdlein, will verschleudern 

Alles was ich hab' und nicht hab', Mägdlein, 

Nur um dich, o Mägdlein, dich zu freien!« 

Drauf entgegnet Mägdlein Katharina: 

»Unbesonnen bist du, jung und thöricht. 

Nicht verkaufe, Narr, und nicht verschleudere 

Väterlich' und mutterliches Erbtheil. 

Hat ein Gott mich dir bestimmt zu eigen. 

Komm' ich selbst schon dir ins Haus, o Närrchen!« ') 

In einem andern Liedchen ^) wünscht sich der Bursche 
Its Anderes, als nur jahrelang das Mädchen bewundern zu 
inen. Er wird aber auf das Nichtige seines Wunsches von dem 
ichen aufmerksam gemacht. 

du Mägdlein, anmuthsvoll und stattlich, 

Will als Sclave Jahre drei dir dienen. 

Deinen schlanken Wuchs mir täglich anschau'n. 

Schwarze Augen, deine feinen Brauen, 

Dein Gesichtchen roth, dein Honigmundchen, 

Diesen weissen Hals und weissen Busen. 

— »Ei, wie thöricht bist du, jung und thöricht! 

Sag', was frommt und taugt dir blosses Anschau'n? 

Volle Augen gibt's, doch leere Hände.« 



1) Mflad. balg. n. p. S 380, Nr. 299. 
^ EVendas. S. 402, Nr. 360. 



142 

Seinen Liebesgram schildert ein Barsche in r&hrender Eltge: 

Mägdlein, o Mägdlein, du schwarzäugiges Mägdlein I 

Tag's, da seh' ich dich nur, träum' bei Nacht von dir nur. 

Liegst auf weichem Lager, auf der rechten Hand mir, 

Auf der weichen Decke, auf dem rechten Arm mir. 

Aus dem Traum erwach' ich und will dich umarmen, 

Und will dich umarmen, doch ich find' dich nimmer. 

Und ich sprech' zum Bette: »0 du Bett, Du Wüste! 

Wohin ist das Mägdlein?^ — Spreche zu der Decke : 

»0 du Federbette, wohin ist das Mägdlein? 

Eben war es hier noch auf der rechten Hand mir, 

Auf der rechten Hand mir, auf dem rechten Ärmel« ') 

Wenn sich wahre Liebe zu Liebe gesellt, so kann sich du 
Liebespaar weder im Leben noch im Tode von einander trenneB: 

Burschlein zum Mägdlein also sprach: 
»Mägdlein, o liebes Mägdlein, hör'! 
Morgen ist grosser Feiertag, 
Muss in den Wald auflesen Holz. 
Während ich mir dort sammle Holz, 
Sammelst du einen Blumenstrauss. < 
Wie sie es also ausgemacht. 
Hielten sie auch getreu ihr Wort. 
Ging um das Holz das Bürschlein aus, 
Blumen zu sammeln seine Maid. 
Hieb sich das Bürschlein durch die Hand, 
Biss eine Schlange seine Maid. 
Beide auf einmal starben da. 
Ihm vor der Kirche grub man's Grab, 
Hinter der Kirch' begrub man sie. 
Doch aus dem Grab' wuchs er heraus, 
Wuchs aus dem Grab als Rosenstock, 
Mägdlein als Rebe wuchs heraus. 
Wuchsen und wuchsen so zugleich. 
Beide vereinten sich zuletzt. 
Was sie vereinte, war die Lieb'.^) 

2. Der Reigen. Es wäre wohl eine lohnende Aufgabe, die sti* 
slavischen Volkstänze, die doch eine erstaunliche Mannigfaltigkot 

») Milad. bulg. n. p. S. 418, Nr. 397. 
«) Ebend. S. 455, Nr. 497. 



143 ■ 

ifweisen, genau zu beschreiben. Dies würde nur einem Fachmann, 
Dem Tanxmeister gelingen, mir wohl schwerlich. Es gehörte 
Jrigeos eine solche Beschreibung nohl in den Kahmen dieses 
Werkes liinein. Ich muss mich aber damit begnügen, einige der be- 
iDt^aderen Volksspiele und Volkstänze mitzutheilen, bei welchen 
)D jungen Leuten Gelegenheit geboten wird, sich ihre Liebe gegen- 
Itig in offenbaren. Vielleicht lächelt Jemand ungläubig über 
btere Bemerkung, Als Entgegnung führe ich eine classisohe 
»Ue an ans einer Novelle meines Freundes Korajac, des Torzüg- 
^sten Schilderers südslavischen Volkslebens: ') >Bel dem einfachen 
laeruToIke (den Sijaci) ist dies keine leichte Sache, wollte der 
(liebte mit der Geliebten an einem einsamen Orte zusammen- 
Bffen. Die Sijaci sind, wie alle Gebirgsbewohner, Leute von nn- 
idorbenem Schlage. Die Eltern bewachen ihre Kinder nicht 
iders als wie das eigene Augenlicht. Es kann daher auch 
cht einmal im Traum Jemand einfallen, dass das Liebespaar 
I^Ddno im Hause nuter vier Augen sich sprechen könnte. Viel- 
iebt meint aber Einer, dass wohl sehr leicht ein Ziegenhirt mit 
ber Ziegenbirtin, ein Schweiahirt mit einer Schweinhirtin u. s. w. 
I eioem einsamen Orte zusammenkommen können. Doch auch 
u gehört zu den Unmöglichkeiten. Die Zicgenhirtinnen sind 
Uier beisammen und nie entfernt sich eine von der andern. 
Uselbe gilt von den Schweinbirtinnen. Vielleicht meinst du aber, 
W die Spinnstube (prelo) der Ort sei, wo der Geliebte mit der 
eliehtea nnbelauscbt verkehren kann. Weit gefehlt. In der Spinn- 
bW ist ebenso wie bei der möba *) oder im Reigen eine grosse 
^Ihchaft zugegen. Da merkt mau wohl, duss von sogenannten 
ttodezvous* im Volke keine Rede sein kann. Ja, aber aufweiche 
^(ise erklären sich junge Leute ihre Liebe? Nun auf folgende, 
1 Sonn- oder Feiertagen versammeln sich die Burscheu und 
Adehen im Reigen (kolo), an Arbeitstagen bei der möba oder in 
* Spinostnbe (prelo). Der Bursche wirft dem Mädchen, in das er 
lliebl ist, öfters Blicke zu, und wenn nun sein Blick sich mit 
U ihrigen begegnet, so dreht sich der Bursche tlugs auf die 
tinti Seit« um oder senkt die Augen zu Boden oder fängt ver- 

■) Di« Pfahlbaaeni (i^gad). Eine Erzahlune tau deu EfidslaTiEChen Volks- 
n. Tom Vilim Korajac. Deotsch too F. S. Kranss. 

^ Alf Ht mbbt. die freivrilltge ArbeitEkistuai;, die von FreundeD Dud , 
t einem Freunde geleistet viid. komme ich 
tcl lu iprecben. 



4 



144 

legen an, die Knöpfe an seinem Leibel zu zählen, wahrem 
Mädchens Lippen ein süsses Lächeln umspielt — damit hat 
sich gegenseitig die Liebe erklärt. Der höchste Grad von Li 
bezeugung — doch erlauben sich derlei nur wenige verteufelt 
Burschen — besteht darin, dass der Bursche das geliebte Mä< 
ein wenig in den Arm kneipt, worauf ihm das Mädchen mi 
Hand entweder über die Finger oder über die Schulter, oder y 
sie gerade trifft, einen leichten Schlag versetzt. Doch darf so 
bei Leibe nicht vor den Eltern oder vor älteren Leuten gesch 
und zu dem betone ich nochmals, wagen dergleichen nur ge 
drachenblütige und verteufelte Windbeutel . . .€ Im Grosses 
Ganzen trifft wohl diese Schilderung auf Gebirgsbewohner zq. 
habe selbst sehr oft solchem Augen- und Mienenspiel znges 
und zwar gerade in Golobrdo in Slavonien, das Eorajac in s 
Novelle schildert. Aber schon in den Thälern kann man die V 
nehmung machen, dass sich die jungen Leute im Beigen viel 
bewegen. Ich hebe hier nur zwei besondere Beigenspiele h( 
in welchen noch ziemlich deutlich die Erinnerung an uralte I 
Zeitsgebräuche erhalten ist. 

Das Polsterspiel (jastuöak, vanjkuSak in Slav 
und Kroatien; tronjak im Banat, in Bosnien, in Serbien u. 
genannt). Sonst befindet sich in der Mitte des Beigens der D 
sackpfeifer, beim Polsterspiele aber legt man in die Mitte des 
gens ein Polster. Jede einzelne Person im Beigen wird beso 
angesungen. Es ist gewöhnlich ein und dasselbe Lied, das i 
stimmt wird, nur setzt man in dem betreffenden Anrufungs 
den Namen einer anderen Person ein. Sobald einer der T 
oder Tänzerinnen angerufen wird, so tritt er in den Ereis 
nimmt das Polster in die Hände. Sobald der Beigen den e 
Vers eines bekannten Liedchens zu singen anhebt: 

Welch ein Honigmündchen hat das Aennchen! 
so wirft der im Beigen Stehende das Polster vor die Person 
mit der er sich küssen wird. Die Betreffende tritt aus dem Kr 
kniet mit Dem, der sie gerufen hat, zugleich auf das Polster ni 
sie küssen sich, stehen auf und wenden sich bald auf diese, 
auf jene Seite um. Die angesungene Person tritt darauf n 
in den Beigen ein, während die gerufene in der Mitte bleibt 
sich auf gleiche Weise ablösen lässt. Schon 1116, der dieses 
beschreibt, macht aufmerksam auf die diesem Spiele entsprecl 
indische Heiratsceremonie. (Asiat. Besear. »Jahrbücher der 



145 

ir<, II, S. 307.) An der von^ihm angezogenen Stelle heisst es: 
T Vater der Braut, um den Bräutigam in aller Würde zu 
}faDgen , bringt ihm ein Polster aus zwanzig Blättern von 
ssagras geflochten, mit dem dreimaligen Ausrufe »das Polster!« 
r Bräutigam antwortet: »Ich nehme das Polster an,« legt das- 
be unter seine Füsse und spricht das Gebet u. s. w.« 

Von den Beigenliedern, die man beim Polsterspiel zu singen 
egt, hier einige Beispiele. Folgendes Liedchen ist mir recht 
it im Gedächtnisse, weil ich es selbst gar oft mit im Reigen 
!SUDgen habe. 

Igra kolo, igra kolo na dvadeset i dva, 
U tom kolu, u tom kolu lipa Mara igra 
Kakva Mara, kakva Mara medna usta ima, 
Da me o6e, da me o6e poljubiti §njima 
Volio bi, volio bi neg dvadeset i dva 
Ljubi Marc, ijubi Marc koga tebi drago. ^) 
Es tanzt der Reigen zu zweiundzwanzig. In diesem Reigen tanzt die 
'böne Marie. Was für einen Honigmund Marie hat. Wollte sie mich 
üt ihm küssen, lieber wäre es mir als zweiundzwanzig. Küss' Marie 

den, der Dir gefällt.« 

Ein zweites Liedcheu, das hier gleichfalls wegen seiner 
ariante im Texte mitgetheilt wird, lautet: 

Cije li su tarabice? 
Cija li su vrata? 
Oija li je lipa Mara 
Od suvoga zlata ? — 

*) Eine Variante dieses Liedchens bei Stojanoviö a. a. 0., S. 294 f., 
Salbei Ilic a. a. 0., S. 211. Die ersten vier Silben werden bei Letzterem 
cht wiederholt Das ist ein nicht unwichtiger Umstand, denn wenn es zehn- 
Ibiee Verse sind, so mass auch die Melodie eine andere sein. Ich hOrte obige 
L^äQDj; an Terschiedenen Orten mit derselben Melodie singen. Der lange, 
eizehn- und Tienehn silbige Vers ist bei den SQdslaven noch immer das 
eentliche Versmass der Hochzeitslieder. Hält man an dem yierzehnsilbigen 
erbe fest , so ist der Anklang an einen uralten Hochzeitsbrauch noch 
i\ anzweifelhafter. Bei Die lautet der erste Vers: »Igra kolo u dTadeaet 
ha.« Warum man gerade diese Zahl nennt, ist mir nie klar geworden. Wie 
Iten traf es sich, dass wir mehr als fünfzehn den Reigen tanzten. Dass das 
2r dem Volke selbst nicht mehr verständlich ist, dafür spricht die Variante 
' den fiiiiften Vers, die Hiö anmerkt: »nego dukat i dva« (als ein Ducate und 
ei). Dies ist gewiss nichts Anderes^ als ein verfehlter Erklärungsversuch. Wer 
; denn sonst je so unlogisch gezählt. Mir ist überhaupt in der südslavischen 
Ikspoeäie kein zweites derartiges Additionsbeispiel bekannt. 

Kraotfl, Sitte u. Gewohnheitsrecht d. SUdsl. 10 



146 

Petrove su tarabice, 

Petrova su vrata, 

Petrova je lipa Mara 

Od suvoga zlata. ^) 
t Wessen ist die kleine Planke? wessen ist die Thüre? Wessen 
die schöne Mara, aus lauterem Golde? Peter^s ist die kleine Plai 
Peter's ist die Thure, Peter's ist die schöne Mara aus lauterem Gold 

In Bulgarien wählen an gewissen Festtagen im Jahre, 

die Mädchen aus der ganzen Umgegend an einem bestimm 

Orte, gewöhnlich vor oder um eine Kirche Reigen tanzen, 

Burschen sich ihre Bräute und pflegen ihnen bei dieser Gelegen! 

zugleich ein Yerlobungspfand zu geben. Oft besorgen die Elt 

diese Angelegenheit, nachdem ihnen der Bursche das Mädel 

seiner Wahl bezeichnet hat. So wirbt ein Bursche selbst um 

Hand bei einem Mädchen, indem er sie einlädt, neben i 

zu tanzen : 

Komm', Stojna, blonde Stojna! 

Tanz' an meiner Seite Reigen. 

Will ein Glas voll Wein Dir geben, 

Einen goldenen Ring im Glase. 

Sollst ihn tragen bis zu Ostern. 

Denn ich freie Dich nach Ostern, 

In den Ferien nach Ostern. ^ 

Nicht minder als der Reigen ist bei den Südslayen auch 
Einzelntanz von Paaren beliebt. Ob wir es hier mit einem ursprü 
lieh slavischen Taoz zu thun haben, bezweifle ich aus mani 
fachen Gründen, vorzüglich weil des Einzelntanzes in den alt« 
Volksliedern gar nicht und in den jüngeren höchst selten Em 
nung geschieht. Ferner pflegt man ihn doch nur in Gegenden, 

^) In der Variante, die ich sehr oft im Reigen mitgesungen, Unten 
3. nnd 4. Vers: 

Cije H je ono lufe, (Wessen ist wohl jenes Püppchen [Liebchen].) 
.Sto kroz prozor guce? (Das durchs Fenster girrt?) 
Die Scblussverse : 

Mamino je ono luöe u. s. w. (= Mütterchens ist jenes Püppchen.) 
Die südslavische Volkspoesie kennt nur die Assonanz, nnd nur in 
artigen kurzen Reigenliedern einen Reim. Das sicherste Kennzeichen des 
falls der Volkspoesie erblicke ich in dem immer häufigeren Auftreten des Rei 
Schon durch den einen kleinen Umstand, dass in der von mir mitgeth< 
Variante der Reim aufHllliger ist, erkennt man die jüngere Fassung. 
«) Milad. bulg. n. p. S. 397, Nr. 34G. 



147 

luTch fremde Elemente, namentlich deutsche, seit jeher stark beein- 
finsst worden sind, so z. B. in Slavonien, zum Theil in Kroatien und 
durchgehends in Krain. Ili6 erblickt in dem gegenseitigen Haschen 
nnd Fliehen des Tänzers und der Tänzerin eine mittelbare Erinne- 
niiifr an jene Zeiten, wo die Burschen gewöhnlich ihre Bräute sich 
rauben mussten. Diese Ansicht beruht gewiss nur auf einer Ober- 
flächlichkeit, denn es fehlt ihr jede innere Begründung. Wir theilen 
hier Linnhardt*s Beschreibung^) mit, aus der man unzweifelhaft 
ersieht, dass wir den echt deutschen Nationaltanz vor uns haben, 
wie er unter den Deutschen in Steiermark und Tirol allgemein 
fibüch ist. »Er ist ungemein lebhaft und künstlich. Mann und 
Weib scheinen einander wechselweise zu fliehen, sie dreht sich 
mit einer Geschwindigkeit, die zu bewundern ist, bald vor ihm, 
bald Dach ihm her; er setzt ihr nach, stampft, jauchzt, springt 
in die Höhe, bewegt den ganzen Körper. In dem Augenblicke, da 
er sie haschen will, entwischt sie ihm durch eine plötzliche Wen- 
dung. Oft aber ergreift er sie doch und hebt sie jauchzend im 
Triumphe empor, u. s. w.« 

Gesellschaftsspiele bieten jungen Leuten die beste 
Gelegenheit, einander ihre Zuneigung zu offenbaren. An solchen 
Spielen sind die Südslayen sehr reich. Von den meisten solcher 
Spiele, die in der Kegel mit einem Beigentanz verbunden sind, 
Usst sich wohl mit Becht sagen, dass ihnen, wenn auch nicht 
oichweisbare Erinnerungen an den alten Brauch des Mädchen- 
nuibes oder der Werbung oder der Hochzeit, so doch auf jeden 
fa\ eine Nachahmung derartiger Gebräuche zu Grunde liegt. Im 
Folgenden bieten wir zwei Beispiele solcher Gesellschaftsspiele, die 
^rifeTi6^ in Risano beobachtet hat. 

1. Dnrcli grünes Laubgewinde. 

Man wählt von der einen Seite eine Anzahl Burschen, und 
eben so viele Mädchen und junge Frauen von der anderen Seite, 
die Barschen fassen einander bei der Hand, ebenso die Mädchen, 
ond nun stellen sich die zwei Parteien in einer Entfernung von 
frei bis vier Schritten einander gegenüber auf. Die Burschen rücken 

') Geschichte von Krain, II, S. 302. 

•) Srpske narodne ifj^re, koje se zabave radi po sastancima igraju. Pokupio 
opisao Vuk Vrieriö. Biograd 1868, S. 29-30. 

10* 



148 

singend auf die Mädchen an, während sich diese in demselben Ma^^ 
zurückziehen. 

Die Burschen singen : Durch grünes Laubgewinde. 
(Nun ziehen sie sich zurück, während die Mädchen vorrücken nnd singen:; 

Ruft Ihr wohl zu uns hieher? j 

Die B. : Wohin sonst als hin zu Euch ? 
Die M. : Was ruft Ihr denn her zu uns ? 
Die B. : Habt Ihr welche Mädchen dort ? 
Die M. : Haben ihrer wohl genug. 
Die B. : Wollt Ihr Eine geben uns ? 
Die M. : Auch nicht eine Einzige. 
Die B. : Nun bei Gott, so gibt's Gewalt. 
Die M. : Der liebe Gott zerbricht Gewalt, 

Wenn Gewalt zu Gott nicht fleht. 

Zuletzt wagen die Burschen vereint einen Sturm auf das 
Mädchen, welches sie aus dem Frauenreigen herauszureissen Torber 
verabredet haben ; doch die übrigen Mädchen halten die Eine so 
fest, dass es den Burschen zuweilen sehr schwer fällt, den Sieg 
davon zu tragen. Die Zuschauer lachen und lärmen dazu. Die 
Männer rufen den Burschen zu: »Muth, ihr Falken, raubt kühn! 
Vorwärts, Brüder I« Die Frauen muntern gleichfalls ihre Vertrete- 
rinnen auf: »Muth, Wachteln! Lasst Euch nicht! Fest zusammen- 
halten! Verrathet Euch nicht!« u. s. w. ') 

Die Burschen führen das entrissene Mädchen auf den Fiats, 
setzen sich um dasselbe herum und lassen sie eine Zeit lang nickt 
frei. Inzwischen kommen die anderen Männer und beglückwünsche! 
die Burschen wegen der Heldenthat, die sie da vollbracht, u^i 
wegen der Jagdbeute, die sie eben gemacht. 



^) Dieses Spiel, meint Vröeviö, müsste man mit eigenen Angen mitanwbe>* 
nm sich ein Urtheil zu bilden über die liebevolle, doch arglose Flamme der «bA 
wie der andern Partei, wenn sie za zerren anfangen nnd mit aller Kraft dli 
Mädchen zu entreissen suchen. Vr^eviö macht in seinen Schriften gerne toMi ^ 
Bemerkungen, nm Yon Yomeherein beim Leser den Verdacht nicht aafkeimei n 
lassen, dass irgend einmal etwas ^Unanstündiges" bei unserem Volke TorkonuiS 
kann. Solche Ehrenrettungen sind ganz überflüssig. Sobald etwas durch Biaack 
und Sitte zugelassen wird, so ist es auch anständig. Einen andern Mftti' 
Stab kann der Ethnograph nicht gelten lassen. 



149 

2. Tanz, o Paulis, maoh' einen Tanz. 

IQ bis fQnfz^bn Paare bilden ein Quarre oder einen hohlen 
§uplje kolo), wie man diese kreisrunde Form des Beigens 
id zwar folgt auf jeden Burschen ein Mädchen. Einer der 
i Spieler befindet sich allein in der Mitte. Er duckt sich 
id stützt sich wie ein Lahmer auf einen Stock. Er thut so, 
e er sich aufrichten, föUt aber gleich wieder zusammen, 
iuthun, dass er wirklich auf den Füssen nicht stehen 
dessen singt der Beigen: 

Tanz, o Paulus, mach' einen Tanz! 
Wir geben dir gelbe Stiefel, 
Damit du uns tanzest. 
Damit du uns tanz'st! 

ilus spricht mit verstellter Stimme wie ein Kranker und 

Einen Tanz kann ich nicht machen, 
Bin ja lahm am Fuss 
Bin ja lahm am Fuss! 

Beigen: 

Tanz, o Paulus, mach' einen Tanz u. s. w. 

tet ihm der Beihe nach allerlei werthvolle Gegenstände 

einen Sammthut, einen seidenen Gürtel, Waffen, ein Pferd, 

ilus antwortet immer wie oben ; als man aber zuletzt Fol- 

ngt: 

Wir geben Dir ein Mägdlein fein, 

Jung und rosenroth, 

Wag' einen Tanz, wag' einen Tanz ! 

^t er flink wie ein Hirsch auf die Beine, hüpft so hoch 
und singt zur Antwort: 

Tanzen werd' ich, hupfen werd' ich, 
Füsse sind gesund, Füsse sind gesund! 

reisst er das Mädchen, das er liebt, aus dem Beigen und 
b ihr in der Mitte. Nach einer Weile spielt ein Anderer 
le, bis Alle drankommen; den, der als Letzter drankommt, 
in scherzweise den »Wähler« (izbiraö) und das Mädchen 
jchtuch< (otiraQ, gleichsam als haben die besseren und 
i Mädchen schon früher ihre Wahl getroffen und geheiratet, 
er, der Bursche, weil er so lange wählte, die schlechteste 



Wahl getroffen und sich nun mit- einem Wischtuche von einem 
Mädchen begnügen müsse. ^) 

Der gewöhnliche Spiel- und Tanzplatz der jungen Welt ist 
der Plan vor der Dorfkirche oder dem Kloster. Es lässt sich viel- 
fach sicher nachweisen, dass, wo gegenwärtig Kirchen oder Klöster 
stehen, in yorchristlicher Zeit heidnische Cultusstätten sich befin- 
den, hier pflegte sich das Volk damals noch mehr als jetzt heiterea 
Spielen hinzugeben. An viele Orte wird das Volk durch uralte Er- 
innerungen hingezogen. An anderen Orten dagegen siedelten sieh 
um Kirchen Bauern an, und so entstanden neue Dörfer. Daher 
stammt auch der häufig wiederkehrende Dorfname Prnjavor (aus 
TKfQi vuov). Das natürlichste ist, dass die Leute an Festtagen gerne 
sich am geheiligten Mittelpunkte ihrer Ansiedelung yersammelit 
Bei dieser Gelegenheit berathen die Männer ihre Angelegenheiten, 
die älteren Mütter üben sich in höherer Kritik, Burschen ond 
Mädchen aber tanzen Reigen. In einem Volksliede fordert die 
Schwester den Bruder auf: 

Komm, o Bruder, hin zum Kloster, 
Wollen uns die Mädchen anschauen, 
Schöne Mädchen, schmucke Burschen. 

^) Sprichwörtlich »Izbira£ nadje otira6« (der Wähler, d. h. wer laifi 
zaudert, ehe er eine Wahl trifft, findet ein Wischtuch). So in einem YoUnlitiii 
das S. Dragoni im Hercegovacki Bosiljak, 1883, Nr. 3, S. 39, ans der Hff' 
cegovina mittheilt: 

Aennchen sucht den allerbesten Kämpen 

Und erwählt den schiefen . . Janko. 

Darum strafte sie die alte Mutter: 

»0 verdammt sei mein TOchterchen Aennchen! 

Warum wählst Du keinen besseren Kämpen! 

Sondern wählst den schiefen . . Janko! 

So viel als es gibt im Jahre Tage, 

So viel warben wohl um Deine Liebe. 

Mochtest doch in Keinen Dich verlieben, 

Als in Janko, trag ihn fort das Wasser !< 

— Straf mich nicht, o meine liebe Mutter! 

Mit dem ich mich neckte, den erwählt ich, 

Lange wählt ich und fand nun ein Wischtuch. — 
Skim se rugah toga i izabrah ; rad (eigentlich : gerne) iubnö pa aa^H^ 
otirac. Diese Wendung zeigt einerseits, wie volkstümlich das Spiel ist, wU 
andererseits, dass aus der Wahl beim Spiel zuweilen eine Wahl fOrs Leben «iri. 
Zugleich ersieht man aus dem Liedchen, dass nicht immer die Barschen wihki» 
wofern die Redewendung in unserem Liedchen nicht metaphorisch za 
sein wird. 



151 

Hier verliert so mancher heissblütige Bursche Herz und Yer- 
Uand; hin ist die Ruh im Innern. Darauf haben es die Mädchen 
einzig abgesehen. Drum wenden sie alle grossen und kleinen Künste 
an, um ihr Ziel zu erreichen. Später aber, hat sich einmal der 
Vogel verfangen, dann ist's aus mit dem Sprüngemachen. So singt 
das Mädchen im Volksliede : 

Skoöi noga, kad se udam onda tebi pokoj dam! 
Spring, mein Fuss, bin ich vergeben, dann will ich dir geben RuhM 

3. Die Bittarbeit, üeber die Rechtsverhältnisse, welche 
diesem Brauche zu Grunde liegen, soll im zweiten Bande dieses 
Werkes gehandelt werden. Hier sei nur so viel davon erwähnt, als 
mm einfachen Yerständniss des Brauches nothwendig erscheint. 
Wenn in einer Wirthschaft die Arbeit dringend verrichtet werden 
muss, das Haus aber nicht über hinreichende Arbeitskräfte verfügt, 
^0 bittet der Hausherr die arbeitskräftige Jugend des Dorfes, dass 
sie ihm Alle zusammen an einem Tage die Arbeit besorgen. Man 
arbeitet bei dieser Gelegenheit unentgeltlich. Gewöhnlich finden 
die mdbe, diese Bittarbeiten im Herbste statt, wenn die reife 
fmcht rasch eingebracht werden soll. An Sonn- und hohen Feier- 
tagen, wo ohnehin Niemand, auch nicht einmal für sich arbeiten 
Qiag, sind selbstverständlich die möbe ausgeschlossen. Die Moslimen 
oahmeD, so lange sie die Herren waren, darauf wohl keine Rück- 
sicht, sondern zwangen die Leute auch an den grössten Feier- 
tagen zur Arbeit. Die reife Saat im Feld' kann ja nicht warten, 
wie es im Volksliede heisst. Darum verziehen auch die Heiligen 
diese Uebertretung der Festtagsruhe: 

Sonntags mäh'n die Christen ihre Ernten. 
Sieh', da weh'n drei Wolken über ihnen ! 
Eine birgt den Donnerer Ilija, 
Eine birgt die flammende Marija, 
Eine birgt den heil'gen Pantelija. 
Also spricht der heiFge Pantelija: 
»Schick' den Donner, Donnerer Ilija! 
Schick' dein Feuer, flammende Marija! 
Selber will ich meinen Sturmwind senden !< 
Darauf jedoch die flammende Marija: 
> Schicke nicht den Donner, o Ilija, 
Nicht den Sturm, o heiliger Pantelija, 
Meine Flammen werd' auch ich nicht senden! 



152 

Denn dem Türken kann der Christ nicht trauen, 
Und im Feld' die reife Saat nicht warten!« ^) 

Wenn man Türken gezwungen Bittarbeit leisten musste, dt 
war wohl von Liebesbewerbimgen keine Bede. Anders, wenn min 
sich einem Freunde zu Liebe yersammelt. Es ist ein gewöhnlicher 
Festtag. Die Mädchen putzen sich wie zu einem Feste heraus and 
bieten Alles auf, um zu gefallen. Unter fröhlichem Sang r^i 
sich die fieissigen Hände, Burschen und Mädchen suchen es einander 
zuvorzuthun. Es ist dies eine Art Schaustellung seiner eigene 
Leistungsfähigkeit. Man will gefallen, erobern und erobert werden. 
Ist Derjenige, der die Leute um ihre Hilfe angeht, eine beliebte 
Persönlichkeit im Dorfe, so folgt Jedermann seiner Einladonf^ 
und bei der Arbeit geht es zu wie auf einem Jahrmarkte, toll 
und bunt. Die Arbeiter werden aufs Festlichste, als wäre es der 
Tag des Hauspatrons, mit Speise und Trank bewirthet. Sobald mit 
dem Untergang der Sonne die Arbeit gethan ist, begibt sich die 
ganze Gesellschaft in das Haus des Mannes, für den man geir- 
beitet. Man isst, trinkt, singt und tanzt dort oft bis Mitternachi 
So manches Pärchen tanzte und sang sich bei der mdba in die 
Ehe hinein. Gruppenweise verlässt man gegen Morgenanbrach die 
Stätte der Fröhlichkeit und singend kehrt man dann heim ins 
eigene Haus. 

4. Die Spinnstube (prelo). Im Winter, wann Flur nnd 
Wald schneebedeckt sind, wenn man die Arbeiten im Freien sein 
lassen muss, versammeln sich an den langen Abenden die Barschen 
und Mädchen des Dorfes gewöhnlich in einem und demselben 
gastfreundlichen Hause, um dort zu arbeiten und sich zu nnter* ^ 
halten. Bei dem matten und schwanken Schimmer der Kien- j 
späne können die Mädchen nur spinnen; die Burschen erzählen ^ 
oder singen gemeinschaftlich mit den Mädchen oder spielen tsf 
der tambura oder den gusle. Manche Liebschaft wird hier tng^ : 
spönnen, manches Bürschlein fangt sich hier im Garne, und inleM 
ist nichts so fein gesponnen, endlich kommt es an das Licht der 
Sonnen. In vielen Gegenden mussten solche Zusammenkünfte ins 
mancherlei Gründen behördlich untersagt werden. Der Braach ist 
aber stärker als alle Behörden und erhält sich noch immer frisA 
wenigstens in den von der Heerstrasse entlegeneren Dörfern. Toi* 

*j Deutsch von Kap per. 



153 

t müsste ein Ersatz für diese UnterhaltuDgen geschaffen werden, 
Qu hörten sie von selbst auf. Besser unterhält man sich kaum 
Burgtheater als in einer südslavischen Spinnstube. Hier ist Alles 
ben. Alles Bewegung. Die Burschen überbieten einander an Witz 
d Scharfsinn, um die Anwesenden in eine heitere Stimmung zu 
rsetzen. Man erzählt Schnurren uud Schnacken ^) und hält so 
lochen guten Freund zum Besten. Wer keinen Spass versteht, 
m schwillt bald die Zornesader; wird er nicht rechtzeitig vor 
B Thüre gesetzt, so ist die Balgerei fertig. So weit kommt es 
»rigens recht selten. Sobald Einer auszuarten anfängt, hebt man zu 
Igen an, und die Buhe ist gleich wieder hergestellt. Der Folklorist 
Jin in der Spinnstube die reichste Ausbeute an Erzeugnissen des 
)Iksgeist€S machen. Die meisten Frauenlieder, die man bisher 
fgezeichnet hat, wurden in den Spiunstuben gedichtet und ge- 
Dgen. Hier zwei Beispiele besonderer Spinnstubenliedchen : 

Eine Spinngesellschaft lädt die Kamerbegin, 
Wohl sehr gross war ihre Spinngesellschaft, 
Hundert Burschen und dreihundert Mädchen. 
Schickt die Burschen in das ob're Stockwerk 
Und die Mädchen in das untere Stübchen. 
Wache hält der kleine Junge Mi§ko. 
Als die Mitternacht war angebrochen. 
Schrie Gewalt der kleine Junge MiSko. 
Zu den Mägdlein waren fort die Burscblein, 
Gleich wie Lämmer unter wilde Schafe.*) 

Folgendes Lied ist ein Wechselgesang der Spinnerinnen:^) 

Spannen junge Spinnerinnen, 
Spannen Flachs zu feinen Linnen, 



*) Wir besitzen eine ganze Sammlnng solchen Volkswitzes, lauter Ltlgen- 
^ichten nnd Abderitenstreiche, die Vnk Vröeviö in Dalmatien, der Crna- 
'1 und der Hercegoyina gesammelt. Erschienen unter dem Titel: »Narodne 
tiri^DO zanimljive podruga2ice< in Ragusa 1883, D. Pretner. 

*) Bei Ilid, S. 220. 

») Der Text bei Vnk im Zivot i obicaji, S. 58 und Pjesme, I, 240, über- 
irieben »Prelja i car« (Die Spinnerin und der Kaiser), umfasst blos 19 Verse, 
fache, schmucklose Verse, während Gerhard, dessen ganz freie Umdichtung 

biete, daraas ein Kunstlied bildete. (Gesänge der Serben, IL Aufl., S. 231). 

nehme seine Uebertragung auf, weil ich mich unfähig fühle, dasselbe besser 

echoner zu Übersetzen. 



164 

Spannen spät bei Lampenschein; 
Doch vor allen andern Mädchen 
Drehte Röschen glatt ihr Fädchen, 
Dreht ihr Fädchen rund und fein. 

Und es dringt zum Ohr des Caren, 
Wie ein Kind, so jung an Jahren, 
Fleissig sich zum Rädchen hält; 
Schickt ihr Flachs zu einem Wocken, 
Blond und weich wie Röschens Locken: 
»Röschen spinne mir ein Zelt!« 

>Und von dem, was noch« — so schreibet 
Ihr der Car — »Dir übrig bleibet, 
Die mit Spinnen Du vertraut. 
Davon magst Du Kleider spinnen, 
Hochzeitskleider und darinnen 
Mir im Arme ruh'n als Braut.« 

Klug ist Röschen, voller Pfiffe; 
Federchen vom Weberschiffe 
Schicket sie dem Car ins Haus. 
»Car, was Du, vermag nicht Jeder. 
Car, hier hast Du eine Feder 1 
Mach' mir einen Webstuhl d'raus. 

Und von dem was noch« — so schreibet 
Röschen ihm, »Dir übrig bleibet, 
Werd ein Lusthaus aufgebaut ; 
In dem Lusthaus will ich wohnen, 
DVinnen Kunst und Fleiss belohnen. 
Dir im Arme ruh'n als Braut.« 

Häufig wird Hochzeit gespielt. Eigene Lieder werden 

gesungen, z. B. folgendes, iu der Gegend von Ljeskovci *) in 

garien : 

Rankte sich eine Rebenranke, 

Traminerranke rankte sich 

Rings um die Burg von Trnovo. 

Peter umzäunte einen Zaun, 

Milka dazu ihm Reiser trug. 

Peter und Milka, ihr seid 

Für einander geschaffen. 

^) Odiakov im Zbornik bei Bogisiö. 



155 

n Schluss heisst es: 

Ruft den Priester zur Trauung, 

Hier ist das Tuch für den Priester, u. s. w. 

Jedesmal, nachdem man ein solches Liedchen zu Ende ge- 
Qgeo, beglückwünschen alle Anwesenden das Mädchen und den 
irschen, als wären sie ein Brautpaar. Die jungen Leute gehen 
f den Scherz ein und sprechen ihren Dank aus. Der Bursche 
t nun das Becht, den ganzen Abend an der Seite des Mädchens 

sitzen, doch nur an diesem Abend. ^) 
Manch pfiffiges Pärchen findet es weit angenehmer, irgendwo 

grünen Wäldchen ungestört zu kosen, als in der dumpfen Spinn- 
ibe unter aller Augen verstohlen Händedrücke austauschen. Der 
ng in die Spinnstube gilt den Eltern gegenüber nur als Vorwand, 
1 sich vom Hause entfernen zu können. So zeigt im Volksliede^) 

ältere erfahrenere Schwester ihre jüngere bei der Mutter an : 

Mutter, Mutter, glaub' nicht Deiner Tochter. 
Lass sie nicht ins Dorf hin in die Spinnstub'.^) 
»In die Spinnstub\< bat sie, >Iass mich gehen!« 
Doch die Hündin sah die Spinnstub' gar nicht. 
Ging nur fort mit ihrem Liebsten tändeln, 
Tändeln ging sie, mit dem Teufel spielen. 

Die Spinnstubenversammlungen leiden wohl an mancherlei 
ielständen, gegen welche schon der berühmte südslavische Hu- 
rist ReIkovi6*) vergebens eiferte. Li seinem vielgelesenen Ge- 
hte »Der Satyr« schildert er zuerst die goldene Jugendzeit und da 
sst es : »Die erste Schule fängt Abends an und hört vor Mitter- 



^) Sehr schone Schilderungen der Unterhaitangen in der Spinnstnbe lie- 
en StojanoTiö in den »Slike iz üvota hrvatskoga naroda«, S. 148 — 162, und 
idiö in den >6osan6ice«, S. 48—65. 

*) Baivanske pesme. Sknpio i izdao Stevan Boskoviö, II. izd. 
. Sad. 1879, S. 32, Nr. 102. Eine Sammlung allerliebster, süsssinniger, sinn- 
er Liebesliedchen. Stabreim, Binnenreim, Endreim, zugespitzte, kurze, tref- 
ie Gedanken, lebensfrohe Stimmung, das ist das Merkmal dieser Volkspoesie, 
es Terglimmenden Abendrothes einer sonnigen poetischen Vergangenheit. Tor- 
ac sjrndte mir tausend solcher Lied eben ein, die er selbst mit einigen 
inden und Freundinnen gesammelt. Sobald ich dazu komme, will ich sie 
ifentiichen. 

*) U selo uprelo. 

*) Matija Ante Relkoviö (1732—1798). Sein Satyr üi divi 6ovik (Der Satyr 
der Wildmensch) ist zu Dresden 1761 erschienen. Die Verse stehen auf 



156 

nacht nicht auf. Sie wird von Burschen und Mädchen besacht 
Die Mädchen bringen allerlei Arbeiten mit. Die eine Gespiniui, 
die andere blaue Seide und dann sticken sie dort Busenlatze uid 
Aermel. Willst du wissen, was sie noch lernen? Ich will dir ihre 
Plagen schildern. Die Mädchen lernen spinnen, die Burschen zu 
Tambura spielen, Beide aber stehlen und liebeln. Sie stehlen MeU 
und Bindsschmalz, backen Fladen (pite) und allerlei Naschweil, 
Honigkuchen (gurabie) und Pflaumenmuskuchen (pekmeseti6e), back« 
Mehlspeisen aus Weizenmehl, Schmalz und Honig (alve) und kleiie 
Vögel aus Teig, und Manche redet sich damit aus, dass hierbä 
gar keine Unredlichkeit mit unterlaufe, denn sie stehle aus des 
Hause nicht das Geringste, da ihr ja die Mutter Alles gibt. Viel- 
leicht gibt dir die Mutter diese Dinge, doch das ganze Hans weiai 
nichts dayon, sondern man wundert sich, wohin Dieses und Jenei 
verschwunden sei, indessen schleppt die saubere Jungfer Alles ii 
die Spinnstube fort. Die Burschen wieder stehlen den Tabak, der 
unter dem Dache an einen Faden (zum Trocknen) aufgehängt ist« 
u. s. w. Aber auch für Denjenigen, der die Spinnstube hält, ist ei 
auf die Dauer nicht vom Yortheil, wenngleich er auf fremde Di- 
kosten lebt, von den Beiträgen seiner Oäste nämlich. Er und M 
Gesinde durchwachen die Nächte und verschlafen die Tage. In Folp 
dessen geht es mit dem Wohlstande des Hauses immer mehr nie* 
derwärts. Mit Becht bemerkt 1116, dass Jemand, der zum erstes- 
male in ein slavonisches Dorf kommt, auf den erstea BÜ€k 
leichthin das Haus herausfinden kann, in welchem die SpimoLStabet* 
gesellschaften abgehalten werden. Das Haus ist fast immer anck 
äusserlich in einem verwahrlosten Zustande, dem Einsturz nikl 
und voll Schmutz. 

Viel harmloser verlaufen die geselligen Zusammenkünfte in 
Sommer unter dem Linden- oder Maulbeerbaume, der in jedes i 
Dorfe an Sonn- und Feiertagen den Sammelpunkt der Dorfbewohner^ 
bildet. Hier wird über alles Mögliche verhandelt. Die jungen Lenti 
tanzen Beigen oder spielen, die älteren Frauen schauen m oder 
ringen untereinander um die Palme in der höheren BedeknnsC 
Stojanovi6 meint gelegentlich, er habe es nie begreifen köniMi 
wie die Weiber in dem tollen Wirrwarr einander verstehen. Ob w 
sich auch wirklich verstehen! 

derselben Höhe kflnstlerischer Formvollendung wie die in Eortüm*8 Jobsia4e» 
Es sind klägliche Knüttelverse. Dies zur Rechtfertigung meiner einfachen Wieder- 
gabe in zwangloser Rede. 



157 

Wir gedenken hier noch einer besonderen Art von Zusammen- 
ft bei einem Mädchen, wie es Brauch im kroatischen Küsten-^ 
de ist. Diese Zusammenkunft wird im Volke mit dem Worte 
ij (aus dem deutschen »frei«) bezeichnet. »Zwei, drei oder auch 
hrere Burschen begeben sich Abends, gewöhnlich nach der zehnten 
lüde, zu einem Mädchen, pochen an der Thüre und fordern Ein- 
s. Wenn sie eingelassen werden, setzen sich Alle in der Küche 
k den Herd herum, auf welchem das Mädchen ein Feuer anzündet, 
m unterhält sich nun mehrere Stunden lang, zuweilen bis zum 
)rgeDgrauen. Ein Bursche geht nie allein auf die »fraj«, ausge- 
ounen, es ist die Zeit nicht ferne, wo er sich mit dem Mädchen 
rmält.« ^) unser Gewährsmann, der diese Notiz zur Erklärung 
ler sonst unverständlichen Stelle eines von ihm mitgetheilten 
Irchens gibt, meint, dass man bei Leibe bei dieser Sache an 
chts Unmoralisches denken darf. In Wahrheit verhält sich die 
che so, wie es mir noch als Knaben ein kroatischer Bauern- 
irsche erzählte. Die Burschen, die das Mädchen besuchen, pflegen 
it ihr geschlechtlichen Umgang. Kommt das Mädchen nun in 
segnete umstände, so steht es ihr frei, unter ihren Verehrern 
nen als den Vater des Kindes zu bezeichnen, und dieser muss sie 
im heiraten. Selbstverständlich bleiben dann die übrigen Be- 
Jrber aus. 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass zuweilen die Ge- 
bt« den Geliebten ohne Vorwissen der Eltern zu sich Nachts 
reinlässt. So bittet in einem bulgarischen Volksliede der Geliebte 
I Geliebte, dass sie ihm Einlass gewähre; die Geliebte wollte 
me, doch sie kann nicht. 

»Auf, gelieble Nedo, öffne mir, 

Oeffne die Thür', die kleine ThürM« — 

»Kann nicht Geliebter, Trauter, aufstehen, 

Mutterchen liegt an meiner Seite, 

Legte den Arm, Geliebter, über mich,« u. s. w.*) 

Durch viele Variant;ien, auch durch bulgarische, ist die 
'tte zwischen Jüngling und Mädchen bekannt, wo die jungen 
ite wetten, dass sie die Nacht hindurch auf demselben Lager 

>) Narodne pripovidke i pjesme iz hrvatskoga primorja. Pobiljezio ih 
&o MikuUiö. Kraljevica 1876, S. 170. 

») Blgarski n. p. MUad. S. 392, Nr. 334. 



158 



nebeneinaüder liegen wollen, ohne mit einander anzubandeln 
(da ne sje zadevat '). Der Bursche setzt ein Pferd , das Mäd- 
chen ihre Kiste mit der Ausstattung ein. Der JQngling legt sich 
auf die Seite und schläft gleich ein. Das Mädchen aber kann 
nicht einschlafen. Die Serbin fiucht dem kaltblütigen Burschen« 
weckt ihn auf und sagt: »Dein ist das Halsband (das hat sie 
eingesetzt), werde doch meiner froh!« Die Bulgarin, die ein Böss- 
lein verwettet, sagt dagegen yiel hübscher: 

>Narr, erwache, wache, ich bin unterlegen, 

Dir gehört das Rösslein, Dir gehör^ auch ich an !« 



^) Ebendaselbst, S. 393, Nr. 336. 



X. 

Liebeszauber. 

Er liebt mich — von Herzen? — mit Schmerzen? — 
ein wenig? — oder gar nicht? 

Die DnUtche, ein MaaeeUebchen zerpflUekend. 

Im Süden reift ein Mädchen bald heran, mit fünfzehn Jahren 
sie heiratsßlhig, zehn Jahre später ist sie schon ein altes Weib. 
> Jugendschönheit verblüht nur zu rasch. Voll Verzweiflung 
t das alternde Mädchen den neuen Lenz herannahen; denn 
ler hat noch Niemand um ihre Hand angehalten. Entweder 
1 in diesem Jahre einen Mann, oder ins kühle Grab hinab. Ein 
zes, ergreifendes Volkslied erzählt davon: 

Den Georgstag flehte an ein Mägdlein, 
»0 Georgstag, Lenzeslust und Freude! 
O Georgstag, kommst ins Land du wieder. 
Sollst mich nicht bei meiner Mutter fmden. 
Sondern schon von einem Mann geworben, 
Angeworben oder schon gestorben, 
Beim Geliebten oder kühl im Grabe!« ^) 

Ein Mädchen kann den Zeitpunkt, wo sie vermählt wird, nie 
log schnell herbeiwünschen, ihn zu erfahren, ist ihr das Aller- 
rhtigste. So fragte z. B. eine Tochter ihre Mutter: »Mütterchen, 
3 wollten die Leute, die gestern Abends bei uns waren?« — 
ei Gott, Kind, wir haben Dich mit des Schulzen Sohn verlobt.« 
>Ich frage nicht mit wem, sondern wann ist der Hochzeitstag?« 
Allgemeinen wird ein Mädchen nicht viel befragt, ob sie den 
' von ihren Eltern bestimmten Mann auch heiraten mag. Die 

*) StojanoTiö. Pa6ke prip., S. 282. Eine unvollständigere Variante bei 
k h 405. Auch bei II iö, narod. ob., S. 130. Oefters in Samlanmgen. 



160 

Tochter muss sich als folgsames Eind in den Willen ihrer Eitern 
fügen. Sie ist ja nur eine Waare, die nicht allzulange lagern darl 
Darum betet das Mädchen zu Gott, er möge ihr wenigstens einen 
Mann bescheren, zu dem sie mit der Zeit eine Zuneigung empfin- 
den könnte. Mehr verlangt sie sich nicht. Wenn sie aber anch 
diesen Wunsch nicht in Erfüllung gehen sieht, dann fühlt sie sich 
als das unglücklichste Wesen auf dieser Welt. Rührend ist die 
Klage eines jungen Weibes, das an einen rohen Mann gefesselt 
wurde : 

Wo ich ging und wo ich stand, flehte ich zu Gott: 

Gib mir Gott, doch einen Mann, den ich lieben kann ! 

Hab^ gebetet, hab' gefleht, nichts hat es gefrommt, 

Nun gab Gott mir einen Mann — der mich täglich schlägt. ^) 

Einen schmucken jungen Mann, den Mann ihrer Wahl n 
bekommen, dünkt jedem Mädchen, auch der Südslavin, als das 
höchste Glück. Im Uebermasse ihrer Glückseligkeit mOchte sie dis 
ganze Welt beglücken, Denjenigen aber, der ihr die frohe Botschifk 
überbrächte, in allerhöchstem Masse. Aus der Unzahl von Volks- 
liedern, die dies zum Vorwurf haben, mag je ein kroatisches ^ und 
bulgarisches hier angeführt werden. 

Ein jugendfrisch' Mägdlein früh' am Morgen aufstand. 

Früh' am Morgen aufstand, glatt das Haar sich kämmte, 

Und das Mägdlein nahm da den bereiften Kübel, 

Und das Mägdlein lief da hin zum hohen Berge, 

Hin zum hohen Berge, hin zur kühlen Quelle. 

Dort hat sie ihr braunes Rösslein angetroffen. 

»He, mein braunes Rösslein, was führt Dich wohl hieher? 

Was führt Dich wohl hieher, wo weilt denn Dein Reiter?« — 

»Fort ist jetzt mein Reiter, fort ins eb'ne Hochland, 

Fort ins eb'ne Hochland, Schiller- Weine holen; 

Wollen Schiller trinken, wann er Hochzeit feiert. 

Wann er Hochzeit feiert, mit Dir Hochzeit feiert.« — 

»War' jrewiss ich dessen, dass er mich wird freien, 

He ! mein braunes Rösslein, dann wollt' ich dir geben, 

Dann wollf ich Dir ^'eben «ins dem Schosse Hafer, 

Dann wollt' ich Dir geben aus dem Busen Heulein, 



M Kurelac, Jacke. S. 250, St. 571. 

-) Kukuljevic, Narodne pje^nle puka hrvatskoga, S. 238. 



161 

Dann wollt' ich Dir geben Striegel für die Mähnen, 
Dann wollt' ich Dir geben Perlen in die Mähnen, 
Dann wollt' ich Dir geben echte Silberhufe.« 

Im bulgarischen Volksliede ruft ein Mädchen Gott an, er 
öge ihr einen tadellosen Burschen aus dem kaiserlichen Heere 
L Theil werden lassen. Die Wendungen der Anrufung lernen wir 
äter noch in einem bosnischen Liede kennen, indessen mögen 
? auch hier stehen, damit das anmuthige Lied nicht zerstückelt 

?rde. 

Eingeschlummert war ein Rosenmägdlein, 

Unter einem Rosenstrauch im Garten. 
Winde wehten, lösten los ein Röslein, 
Fiel das Röslein auf des Mägdleins Busen. 
Aus dem Traum fuhr auf das Rosenmägdlein, 
Und sie flehte laut zu Gott in Sehnsucht : 
Gib, o Gott, mir eines Falken Augen, 
Gib, o Gott, mir eines Schwanes Fittich, 
Dass ich über's Hochgebirge fliege, 
Ueber dreimal neun der steilen Höhen, 
Mich hinablass' unter's Heer des Kaisers, 
Und mir dort erwähl' ein braves Bürschlein, 
Der den Wein verabscheut und den Raki, 
Der Kaffee nicht trinkt, Tabak nicht kauet. 
Vom Kaffee wird schwarz das Herz im Leibe, 
Vom Tabak das Haus mir vollgespieen ; 
Rakitrinker — ungekost bleibt's Mägdlein, 
Und vom Wein wird angespie'n die Decke. 
Gib, o Gott, mir Stickrahm' aus Krystallglas, 
Gib, o Gott,* mir Nadeln und auch Seide, 
Möchte eine Smilje^) -Decke sticken, 
Möcht' bedecken mich und meinen Kämpen, 
Möchte sehen, wie da schläft mein Kämpe. ^) 

*) Sandruhrkraat. Die zarten, goldgelben Blüthen zu Stränsschen ge- 
onden, bilden den Lieblingsschmack der Mädchen. 

«) Bolg. nar. p. Milad, S. 393, Nr. 348. V/enn wir im Texte darauf hin- 
rieben, dass die Art der Anrufung auch in einem bosnischen Liede vorkommt, 
» wollten wir durchaus damit nicht stillschweigend etwa die andere Hälfte des 
Atdei als specifisch bulgarisch hinstellen. Das Lied wird in mannigfachen 
'arianten im ganzen Süden gesungen. Eine hercegovinische Variante lautet: 

Boga moli u majke djevojka, 
Daj mi Boie iglu od biljura, 

Kran SS, Sitte o. Gewofanbmisreclit d. SQdsl. 11 



162 

Es sagt wohl ein Sprichwort: 

Nema sela divojaökog ko ni hajduökoga. 
Es gibt ein Mädcbendorf so wenig als ein Räuberdorf, 

doch zutreffend ist auch ein anderes Sprichwort: 

Svakoj nevjesti Ireba svatova. 
Jedes reife Mädchen braucht die Hochzeit, 

oder in einer andern Fassung: 

II je mala nevjesta il velika jednako djevera i§te. 
Ob kleines, ob grosses Mädchen, jede verlangt nach dem Brautführer. 

Ein gutes Mädchen darf ruhig abwarten, es kommt die Zeit, 
es kommt der Werber, nach dem Sprichworte: 

Dobra konja i u Stali nadju. 
Ein gutes Pferd findet man (entdeckt der Pferdekäufer) auch im Stilk. 

Um wie viel glücklicher als ein verliebtes Mädchen ist der 
verliebte Bursche ! Er darf frei um Liebe werben und sein Liebelei 
— mit Einverständniss der Eltern, selbstverständlich — inA 
heimführen, das Mädchen aber muss warten, wie es im Sprifik- 
worte heisst: 

Mom^e sja 2eni koga §te a momiöe koga ga iskat. (bulg.) 
Der Bursche heiratet, wann e r will, das Mädchen aber, wann man m 

sie wirbt. 

Nur einmal im Jahre gestattet die Sitte den Mädchen eine 
freie Äeusserung ihre Liebe. Am Palmsonntag, in dem Monate, 
wo im Süden die Natur nach kurzem Winterschlafe in ein neufiSi 
blühendes, blumenreiches Lenzeskleid sich hüllt, da weicht vor den 
milden Sonnenglanze auch das harte Eis der Sitte, doch nur f&r 
einen Tag, für eine Nacht. Das genügt ja. Wenn Einer mit grösstir ' 



I svakoje svile iz Misira, 

Da saSijem jorgan od behara. 

Da pokrijeni sehe i bcc^ara. 

Da ja vidim kako becar spava. 
>Zu Gott fleht ein ledipes Mädchen (ein Mädchen, das bei der Matter 
noch ist): Gib mir, o Gott, eine Nadel ans Krrstall und Seide jeder Art loi 
Egrpten. damit ich eine Decke aus Feldblumen zusammennähe, damit ich nidl 
und den Burschen zudecke damit, ich seh', wie «ler Bursche schläft.« 



163 

tereitvriUigkeit auf einen Antrag eingeht, so gebraucht man das 

•prichwort : 

Bunar kiti, udavala bi se. ^) 

>ie bekränzt (mit Blumenkränzen) den Brunnen, sie möchte gerne heiraten. 

Dieses Sprichwort nimmt 'auf die Volkssitte Bezug, welche 
rir hier meinen. Am Vortage des Palmsonntags bringen die heirats- 
ustigen Mädchen in die Spinnstube jede etwas weisses Weizen- 
lehi, Schmalz, Eier, Käse, Rahm u. s. w., und backen trockene 
machen und Butterfladen (gibanice) und thun sich recht gütlich, 
'ür den Abend halten die Mädchen Blumen in Bereitschaft: 
üiabenkraut (driemavac, wörtl. Schlummerkraut), Kamillen (Sabljak, 
%tl. Froschblume), Veilchen (Ijubice, wörtl. Liebchen), Hyacinthe 
mmbul, tfirk.) und Epheu (brSIjan), winden daraus Kränze und 
^kränzen mit diesen Kränzen die Brunnen, Wasserkübel und 
inrnnenkränze jener Häuser, in welchen heiratsfähige Burschen 
lind. Das Mädchen, das einen bestimmten Burschen heiraten 
nöchte, windet um den Brunnenschweugel ein Tüchel, bedeckt den 
Bmimenkranz mit schön gestickten, buntfarbigen Handtüchern und 
l^ischtüchem. Die ersehnte Schwiegermutter legt dem Mädchen 
^ das an dem Brunnenschwengel angebundene Tüchel Gegen- 
[esehenke hinein: einen geflochtenen Kuchen, einen Schmuck, 
rockenen Käse, Obst u. s. w. Vor dem Anbruch der Morgenröthe 
ntchten die Mädchen mit dem Aufputzen fertig zu sein; wann es 
[not, kommt das liebesbedürftige Mägdlein und holt die Gegen- 
eschenke; halb will sie und halb will sie nicht gesehen werden, 
^ie Liebe trägt aber den Sieg über mädchenhafte Schüchternheit 
UOD. »Oft wird aus dem Scherz,« sagt unser Gewährsmann, 
vthrer Ernst, und wirklich halten die Angehörigen des bezeich- 
^ten Burschen um die Hand des betreffenden Mädchens an.« 

Der Palmsonntag ist der Tag der Liebesahnungen. Nachdem 
e Palmkätzchen in der Kirche eingesegnet worden, tummeln sich 
? Burschen heim. Wer zuerst nach Haus oder ins Dorf kommt, 
r wird das Jahr über glücklich sein,*) zu dem schlagen die 



*) M. StojanoTiö, Sbirka hrvatskih narodnih poslovicab i rieöih. 
preb. 1866, S. 39 f. Die darauf folgende Erläuterung schildert die Sitte in 
ronien, speciell in der ebem. slav. Milit^rgrenze. 

>) Die M&dcben tragen zu Ostern Jede einen Korb voll Schinken, Braten, 
ich nnd sonstiges Esswerk in die Kirche zum Segen. Welches von den 
iehen nach dem Segen zuerst aus der Kirche sich heraus drängt, die wird 

11* 



164 

Barschen mit den Palmenrüthchen aufeinander los; wer sieb 
der Stärkere erweist, bekommt ein schöneres Weib, ^) wer un 
liegt, der wird auch ein Weib darnach freien, das ihn alie^ 
prügeln wird. ^) 

Am Ostermontag (veliki ponedeljak) fasten die jungen L< 
den ganzen Tag. Vor dem Schlafengehen legen sich die Mädc 
unters Kopfkissen Hosen von Burschen, die Burschen aber K 
tücher von Mädchen^). Dann sieht man den Liebsten oder 
Liebste im Traume. 

Kommt Philippi ins Land (am 1. Mai), so halten sich 
Burschen an den Mädchen schadlos. Die verliebten Burschen 
geben sich in den Wald, suchen^) schöne, schlanke Lindenbä 
aus, schmücken sie aufs Beste und stellen die Bäume yor 
Fenstern der Liebsten auf. Bald erfährt man, wer verliebt 
Damit tröstet man ein Mädchen, das sich nach einem I 
haber sehnt, ohne einen zu finden. Vielleicht traut sich 
schüchterne Junge nicht, seine Liebe der Maid zu gestehen, 
wie? hat sie vielleicht einen Liebsten, und hält nur vor der ^ 
das süsse Geheimniss im Herzen treu verschlossen? Doch 
Alles wird man bald erfahren, wie das Sprichwort sagt: 

1 Filiplje 6e do6i i pro6i, vidit 6e se i njezina lipa. *) 

Philippi wird kommen und wird gehen ; man wird dann auch 

Linde sehen. 

Ledig bleiben wird einem Mädchen fast wie ein Verbr« 
angerechnet. Leidet die Arme an und für sich schon genu; 
trägt auch der Spott der Welt viel dazu bei, dass sie ihr 
noch schmerzlicher empfindet. So z. B. herrscht in Cakove 
Murlande der Brauch, dass die jungen Burschen des Ortei 
Aschermittwoch Röhricht herbeischleppen, daraus Bündel m; 



die Allererste in diesem Jahre einen Mann bekommen. Ans Zajezda inK] 
nach der Handschrift Prof. Valjavec's. 

*) Aus Varazdin. Von Demselben. 

•) Aus LopaSica. Von Demselben. 

') Aus Gubasevo im Zagorje. Von Demselben. 

♦) Ehedem war die Sache mit grossem Vergnügen Terbanden, 
wärtig pflegt gewöhnlich eine Klagte wegen Waldfrevel die nächste F< 
sein. Darum sieht man alljährlich immer seltener Maibäume. 

*) Stojanoviö a. a. 0., S. ^)2. 



165 

id an den Hausthüren unverheirateter Mädchen befestigen. ^) Es 
bt bösmfithige Menschen, die sich ein eigenes Geschäft daraus 
lehen, das Lebensglück Anderer zu untergraben. Das geschieht 
ispielsweise, nach dem Volksglauben, wenn Jemand einem Bur- 
ben oder einem Mädchen ein Bein stellt oder ihnen vor den 
Issen mit dem Besen kehrt, denn im ersteren Falle wird das W - 
öck des Mädchens oder des Burschen zu Falle gebracht, im letz- 
ten Falle kehrt man ihnen das Glück weg. *) 

Allgemein verbreitet ist der Glaube, dass Mädchen die Liebe 
iger Männer durch Zauberkünste erzwingen können!^) Allge- 
m bekannt ist folgender sinnige Zauber: Das Mädchen gräbt 
iErde aus, in welcher die Fussspur des geliebten Burschen sich 
Gfedrfickt hat, gibt die Erde in einen Blumentopf und pflanzt die 
^venblume. Das ist die Blume, die nicht welkt!^) So wie 
gelbe Blume wächst und blüht und nicht hinwelkt, so soll auch 
Liebe des Burschen zu dem Mädchen wachsen und blühen und 
ht verwelken. Im Volksliede gesteht ein Mädchen dem Geliebten, 
s sie auf diese Weise gezaubert. Der Bursche selbst erzählt: 

Abends ging ich durch die Pfirsichgasse, 

Unter Pfirsichbäumen stand mein Liebchen. 

Ich erbat von ihr mir eine Pfirsich. 

Leise macht das Liebchen mir den Vorwurf:- 

Deine Mutter hat mich scharf getadelt, 

Dass ich junges Blut Dich hätt' verzaubert. 

Nein, ich that^s nicht, Gott kann mir's bezeugen. 

Nur die Spur hab' ich Dir aufgegriffen, 

Hab' auf ihr gepflanzt die Niewelkblume. 

Welk' nicht. Liebster, bis Du mich besucht hast!^) 

Ein anderes Mädchen, das von ihrem Geliebten in Stich ge- 
en wird, gesteht wie jene, dass sie gezaubert. Nun, da ihr der 

•) Nach der Handschrift Prof. Valjavec's. 

') Aas Ladbreg. Nach den Anfzeichnangen desselben Gewährsmannes. 

') Die technischen Ausdrficke dafür lanten zamagjati, Qvradati 
niii. Ceber die Etymologie dieser Worte vergl. Mittheihngen der Wiener 
Topolog. Gesellschaft, Bd. XIV (1884): »Südslavische Hexensagen« von F. S. 

, a s s • S. 15 a b. 

*) Die Todtenblame (calendnla officinalis) im Deutschen, weil man sie anf 

>eni pflanzt 

*) Narodne pjesme Banov. Vergl. Fr. Eurelac im Rad jag. ak. 
V, S. 60. Ebend. Bd. LXII, S. 25, in T. Maretiö's Abhandlang. Letzterer 



166 

Geliebte, ihr Stolz, untreu geworden, wendet sie den Zauber iiUB 

BCsen : 

Glaubst, mein Stolz, ^) ich musst' vom Leben scheiden, 

Weil du mich vom Herbste ab wirst meiden?^ 

Doch, mein Stolz, ich bitt' dich nun und nimmer. 

Wart' nur, wart', ich Mädchen trotz' dir immer ! 

Ich, ein Mädchen, tausendfach durchtrieben, 

Arg durchtrieben, brauch' gar nicht dein Lieben. 

Kenn' nicht Zauber, hab' dich nicht verzaubert. 

Hab^ ich dir die Spur auch ausgegraben, 

Unter Niewelkblumen sie vergraben. 

Welk', mein Stolz, ich brauche nicht zu welken. 

Kann zur Stelle einen Ander'n haben ! ^) 

Um sich Jemandes Liebe zu erwerben, wendet man gar mtfi- 
nigfachen Zauber an. Zaubertränklein sind nicht ungewöhnlidi. 



kennt aber dieses und das folgende Liedchen nicht. Die vier Schlossverse iMtÄ 

im Texte: 

A ja nisam, za to i bo^ znade. 

Veö Sto sain ti stopu ujagmila. 

Na njojzi sam neven usadila: 

Ne ven, dragi, dok do mene dodjeS. 

Dazu macht Kurelac a. a. 0. die Bemerkung: »Usvojiti onn gn^ 
zemlje. na ku stupila noga dragoSeva; ono djevoj6e Sto ja ima sada istooBoi' 
cini ciniti.« 

*) Diko. Im Savelande und in Südungarn, im Munde des verii«*** 
Mädchens die ständige Bezeichnung für den Geliebten. 

2) Im Texte: »^to me ne 6eä na jesen uzeti, — Weil du mich im H«Aj** 
nicht heiraten wirst. — Des günstigen Reimes wegen sah ich mich genAt]n|ti 
den Gedanken weniger scharf auszudrücken. 

») Bacvanske p. Bo§kovi6, S. 6. Die fünf letzten Verse im TeöK 
äini ue znam, cinjenica nisam; 
Ako sam ti stopu izkopala. 
I pod iuti neven zakopala, 
Veni diko, ja venuti ne<5a. 
Dok sam rekla ja sam drugog stekla. 
Pod iuti neven — unter die gelbe Niewelkblame. Die Pointe ii 
Schlussverse ist im Texte schärfer, als ich sie leider in der VerdeotKW 
habe; wörtlich: »Im selben Augenblicke, wo ich's sage, habe ich nur id* 
einen andern Liebhaber erworben> (auf gezwickt, würde ein Wiener Yontal^ 
mädel sagen). In einem Volksliede wird einem Mädchen die Wahl geltMCB. <i 
.sie ihren Bruder oder den Geliebten vor dem sicheren Tode retten will ft 
entscheidet sich für den Bruder: -»denn.*^ sagte sie, »einen Geliebten kioB iAi 
gleich bekommen, ich brauche blos einmal das Dorf entlang za gehen; eiiS 
Bruder aber bekomme ich nimmer wieder*^. 



167 

ie sie zubereitet werden, weiss ich nicht. Ich kenne aber 

le Zauberspeise. In P in Siayonien trug sich vor acht 

hren ein Fall zu, der mir noch gut im Gedächtnisse haftet. 
se Bäuerin diente lange Jahre bei einem verwitweten Eauf- 
anne als Wirthschafterin, ersparte einige hundert Gulden und 
gte städtische Kleider an. Zaundurr und garstig war das Weib, 
»er sie hatte ein Herz, das glühte in stiller Liebe für den Staats- 

iwalt von P , der war aber ein mürrischer Hagestolz und 

legte mit den Leuten wenig Umgang. Um des verehrten Mannes 
&genliebe zu erringen, schlachtete Janja — so heisst das Weib, 
e lebt noch — an einem Sonntage im Neumond um die Mitter- 
icbtsstunde eine schwarze Katze, riss ihr das Herz heraus, zer- 
&ckelte es und verbuk es in einen Kuchen ; diesen Kuchen schickte 
e am nächsten Tage dem Staatsanwälte zum Frühstück. Der 
achen musste, wenn er die beabsichtigte Wirkung haben sollte, 
if nüchternen Magen gegessen werden. Leider wies der Staats- 
iwalt die Gabe zurück, während Janja's Nachbarin, der die ge- 
dtete Katze gehörte, einen Heidenscandal erhob und sich nicht 
er beruhigte, als bis sie von der Katzentödterin fünf Gulden als 
satz für die Katze erhalten. 

Noch weniger einladend ist folgende Zauberspeise. Will Einer, 
SS Jemand zu ihm in Lieb* entbrenne, so muss er auf nüchternen 
Igen drei Pfefferkörner verschlucken ; späterhin, nachdem er sich 
tleert, die Körner aus seinem Abgang heraussuchen, trocknen 
d zu Pulver stossen. Dieses Pülverchen wird in einen Kuchen 
iacken und der Geliebten oder dem Geliebten zum Essen 
jeben. *) 

Es war gleichfalls vor acht Jahren. Ich besuchte damals die sie- 
lte Gymnasialclasse. Jeden Mittwoch Nachmittags pflegte ich im 
Ifajahre mit meinem Mitschüler H., einem wackeren Jungen, vor der 
dt mich zu ergehen. Einmal kam uns ein hübsches, brünettes, sech- 
Djähriges Mädchen entgegen, die Tochter eines Opankenmachers, 
der ich wusste, dass sie in meinen Genossen ganz vertollt sei. Sie 
Letzterem eine rothe Kose an und bat ihn, daran zu riechen. Er 
t es und gab sie mir. Ich roch gleichfalls an der Rose, stand ganz 
Lubt da und vermeinte, augenblicklich vor Uebelkeit umsinken 
müssen. Mein Genosse packte das Mädchen beim Halse und 

*> Aii8 der Gegend von Varazdin; nach der Handschrift von Prof. 
javec. 



168 

schrie sie an: »Gesteh*, nicht wahr, Du hast die £ose mit irgend 
etwas getränkt, um mich zu behexen (da me obmamig)?« Er würgte 
sie so sehr, dass sie kaum »nemoj za Boga (thu*s nicht, um Gotte: 
Willen !)€ sagen konnte. Dann warf er sie zu Boden und zwang sie 
die Böse aufzuessen. Dadurch, meinte er in allem Ernste, werd< 
der Zauber unschädlich gemacht. Ich habe das Mädchen vor de 
Wuth meines Freundes in Schutz genommen, d. h. ich hielt si 
fest und er schlug darauf los. So sehr er auch auf das Mädche 
losschlug, sie gab keinen Laut Yon sich. Wir alle Drei hatten da 
mals guten Grund, den Vorfall nicht auszuposaunen; ich führe ih 
nur an, weil das Mädchen wirklich eingestanden, dass sie mit d» 
präparirten Böse den Burschen sich geneigt machen wollte. 

Ein anderes, allgemein bekanntes Mittel, um sich Jemand« 
Zuneigung zu erwerben, besteht darin, dass man von des Beire 
fenden Kopf einige Haare zu bekommen trachtet. Diese wicke 
man in ein Läppchen ein und trägt das Läppchen am bloss€ 
Leibe am Herzgrübchen. Es genügt aber auch ein Zipfel voi 
Hemde der geliebten Person. Will man, dass die Geliebte oder de 
Geliebte zu uns komme, so wirft man im Neumonde den Zipfe 
vom Kleide oder das Haar ins Feuer und lässt es verbrennen. Vod 
einer ähnlichen Zauberei erfahren wir aus einem bekannten Volks- 
liede. ') Ein Bursche verguckt sich in ein hübsches Mädchen und 
wirft ihr als Liebeserklärung eine Quitte und einen Apfel zu, doch 
das Mädchen, Ivan's Schwester, verschmäht seine Liebe, geräth in 
Zorn und 

Wirft die gelbe Quitte auf den Anger, 

Vor die Fusse schleudert sie den Apfel, 
Auf den grünen Anger fällt die Quitte, 
In das kalte Wasser rollt der Apfel. 
Als dies sähe der verschämte Stojan, 
Schwer fiel dieses auf das Herz dem Knaben; 
Eilig springt er auf die leichten Füsse, 
Und er geht nach seinem weissen Hofe; 
Schreibzeug und Papier nimmt er zu Händen, 
Hexet und behext die Schwester Ivan's. 
Siehe ! er verfasst vier Zauberbriefe. 
Einen schreibt er, wirft ihn in die Flammen: 

*) In Dachstehender Fassunjj bei Vuk, I, 646. Deutsch von Talvy. Könnt 
deutscher sein. Ich citire die Jakobs nur aus Pietät. Sie hat's um die Sädslavc 
wohl verdient. 



169 

»Du nicht brenne, Brief ! nicht du, o Blättlein! 
Sondern die Vernunft der Schwester Ivan's!« 
Schreibt 'nen andern, wirft ihn in das Wasser: 
»Wasser! nicht entführe Brief und Blättlein, 
Sondern die Vernunft der Schwester Ivan^s!« 
Schreibt 'nen dritten, wirft ihn in die Winde: 
»Nicht entführet, Winde! Brief und Blättlein, 
Sondern die Vernunft der Schwester Ivan's!« 
Legt 'nen vierten unters Haupt sich nächüich: 
»Du nicht lieg' hier, Brief, nicht du, o Blättlein! 
Lieg' statt deiner hier die Schwester Ivan's!« 
Kurze Zeit nur war seitdem vergangen. 
Da erhob Geräusch sich vor der Thüre, 
Klopft am Ring — sieh' da, die Schwester Ivan's! 
»Mach' die Thür' auf, wenn Du Gott erkennest! 
Mach' die Thür' auf, mich verzehren Flammen!« 
Still ist Stojan, ihr kein Wort erwidert. 
Und noch einmal ruft die Schwester Ivan's: 
»Mach' die Thür' auf, mich entführt das Wasser! 
Mach' die Thür' auf, wenn Du Gott erkennest! 
Mich entführt der Wind bis in die Wolken!« 
Auf nun springet der verschämte Stojan, 
OefTnet ihr vom Buchsbaumholz die Thüre, 
Nimmt das Mädchen bei den weissen Händen, 
Führt hinein sie in die weissen Höfe. 

In manchen Gegenden des slavischen Südens, für die Bocca 
ugt es Vrßeviö,^) ist es Brauch, dass am Georgstage je drei 
itsfähige Mädchen früh Morgens sich an einen Fluss (yoda, 
itlich Wasser) begeben, um dort zu zaubern. Das eine Mäd- 

trägt in der Hand Hirse (proso), die Andere im Busen ein 
^sb^chenreislein (grabovu granöicu). Es wendet sich, am Flusse 
langt, eines von den zwei Mädchen an die Dritte, die nichts 
hat: »Wohin des Weges?« Antwort: »Ich gehe an den Fluss, 
it man mich und Dich und diese da, die vor Dir steht, bald 
dem Elternhause) führe (na vodu da vode).« Darauf richtet 



'; Bei Vuk Karadiiö in 2:ivot i obiöaji, S. 29. Vuk nennt zwar, wie 
inlich, seinen Gewährsmann Vröeviö nicht. Es f^t aber ftlr Jemand, der 
n die Darstellungsweise Beider hineingelebt hat, gar nicht schwer, das 
thom eines Jeden von ihnen heraas zu sondern. 



170 

sie an die Hirseträgerin die Frage: »Was hast Du in der] 
Antwort: »Hirse, damit man um mich und Dich, und um di 
die vor Dir steht, wirbt (proso, da prose).« Dann fragt i 
andere Mädchen mit dem Weisshuchenreislein im Busen: 
trägst Du im Busen?« Antwort: »Weissbuchen, damit ma 
und Dich und diese da, die vor Dir steht, entführe (gr 
grabe). « 

Derselbe Brauch kommt auch in Bosnien^) vor. 'W 
Yor dem Hause Beigen getanzt wird, entfernen sich heimlic 
vier Mädchen an einen Ort, wo sie sich unbeobachtet g 
Die Eine von ihnen hat die Hand voll Hirsesamen und s< 
die Hand, als wenn sie säete. Fragt die Freundin : »Wa 
Du da, Schwesterchen?« »Ich säe Hirse, damit man mich 
auch Dich und diese an Deiner Seite.« Die Dritte: »Die Hi 
Dir gedeihen, uns aber soll man glücklich werben, Amen!« i 
proso, da prose i mene i tebe i tu kraj tebe.« »Proso ti i 
nas izprosili. Amen!«) 

Aehnlich zaubern die Mädchen auch in der Crnagora 
Grahovo versammeln sich des Winters die Mädchen ui 
bringen den Tag mit Geplauder und mit Essen und Trinken 
die Zauberstunde da ist, vertheilen sich, die Mädchen zu Zwei 
sprechen lispelnd zu einander: 

Maka: Ja 6u muza crnooka! (Ich will einen schwarzäugigen 
S t a n a : Ja visoka ! (Ich einen hochgewachsenen.) 
Maka: Ja junaka! (Ich einen Helden.) 
Stana: Ja na noge laka, (Ich einen Leichtfüssigen,) 

Da ugrabi glavu u Turaka! (damit er Türkenköpfe [leicht] 
Maka: Ja plemi6a gospodiöiöa ! (Ich einen Edelmann, ein feines H 
Stana: Ja od juna^ke ku6e Krivokapi6a ! (Ich einen aus dem 

stamm der Krivokapiö.) 
Maka: Ja poätena! (Ich einen Ehrenmann.) 
Stana: Da bude§ ti i ja skoro izpro§ena! (Du und ich soll 

kommen an den Mann.) 

*) Obiöaji srpskog naroda u Bosni. Opisao Bogoljab Petr 
Im Glasnik srpskog ucenog druitva 1871 (Bd. XXIX), S. 255, Nr. 13. 
richte dieses Mannes darf man nur dann anführen, wenn sie, wie i 
auch anderweitige Bestätigung erhalten. 

•) J. Popovic-Lipovac in der Srpska zora 1880, S. 151. 
endlos langen Aufsatz über die Crnogorka. Neun Zehntel von dem, ws 
die Tugenden der Crnogorka declamirt, ist seine Erfindung. 



171 

Man merkt den Beim in den Antworten Stana^s. Diejenige gilt als 
eheste Prophetin (gatalica), die pm schlagfertigsten antworten kann. 

Weitaus am bekanntesten und verbreitetsten ist folgender 
'auch, den heiratslustige Mädchen befolgen. Das Mädchen sucht 
1 Eleefelde drei oder sieben vierblättrige Kleeblätter, wenn sie 
D siebenblättriges findet, so genügt dies allein, und legt ihren 
lud vor dem Schlafengehen sich unters Eopfpolster. Sie darf den 
uizen Abend mit Niemand sprechen und muss mit dem Gesicht 
m Fenster abgewandt liegen. Hat sie schon einen Liebhaber, so 
ird sie von ihm auf jeden Fall träumen, hat sie aber noch keinen, 
• wird sie ihn als Traumgesicht sehen. ^) 

In Kroatien suchen die Mädchen und Burscheu am Georgs- 
ge auf dem Felde nach siebenblättrigen Kleeblättern (detelu 
limemi batvami). Der Verliebte muss den Kiee dem Gegenstand 
iner Liebe in die Tasche oder sonst wohin stecken, dann ist er 
ir Gegenliebe gewiss. ^) 

Auch sonst hält man es für ein grosses Glück, yierblättrige 
let?blätter zu finden. Wer solche mit sich herumträgt, dem ge- 
Jiht jedes Geschäft und gelingt jedes Vorhaben. 

Sympathetischer Mittel gibt es mancherlei. Eine annähernd voU- 
ändige Sammlung von dergleichen Mitteln wäre ein äusserst werth- 
•iler Beitrag zur Völkerpsychologie und die sicherste Grundlage 
r die Beurtheilung specifisch nationaler Mythenbildungen. Die 
^heinungen in der Thierwelt, Liebesbewerbung und Paarung, 
rner Naturerscheinungen, deren Wirkungen für die Pflanzenwelt 
•hithätig sind u. s. w., werden in einem tieferen Zusammenhang 
X den inneren Trieben und Wünschen der Menschen gedacht. 
Des von Dichtern vielfach besungene Zeitalter der Anthropo- 
irphisirnng der leblosen Umgebung ist auf dem Balkan noch 
Ige nicht entschwunden. Alles hat Leben und Denkkraft, Alles 
m des Menschen Schicksal beeinflussen. Zuweilen liegt die Sache 
\z klar, so z. B. wenn das Mädchen (in Bulgarien) beim Begen- 
ter ins Freie tritt und das Liedchen singt: 

Vau vali d2d, 
Da sja rodi r2, 
Da si kupö möz! 
-öme, ströme Regen, — Damit der Roggen gut gedeihe, — Damit 

ich mir einen Mann kaufe l«« 

*) Aas Poiega in SlavonieD. 

*) Aus Varazdin nach der Handschrift Prof. Valjavec's. 



172 

oder eiu Bursche anstimmt: 

Vau vali d2d, 
Da sja rodi (^enica, 
Da si kupö 2enica ! ^) 
»Ströme, ströme Regen, — Damit der Weizen gut gedeihe, — Dunrt 

ich mir ein Weibchen kaufe!« 

Ohne weiteres verständlich ist folgende Symbolik: Wem 
Hund und Hündin bei der Paarung zusammenhängen, muss mu 
mit einem seidenen Tüchel über sie fahren und mit diesem TQckel 
gelegentlich die Person, deren Liebe man geniessen will, dreimil 
berühren, indem man sich mit dem Tüchel zuflichelt.^ 

Besondere Aufmerksamkeit erregt die Art und Weise, wie 
junge Leute, namentlich Mädchen, durch Zaubereien ihre Zukunlt 
erschliessen wollen, d. h. den sudjenik (den vom Schicksal b«- \ 
stimmten Lebensgefährten, oder den Zeitpunkt des Eintritts in da 
Ehestand) zu errathen suchen. Verschiedene Anzeichen werden ii 
gewünschten Sinne gedeutet, so glaubt man z. B. in Kroatien, das eil 
Mädchen, welches im Frühjahre das erste Mal gleich zwei Schwalb» 
zusammen fliegen sieht, noch im selben Jahre heiraten wird.^) Selbst- 
verständlich gilt nicht jeder Tag im Jahre als günstig für & ] 
Beobachtung und Erforschung von Erscheinungen, ans denen mu ^ 
die Zukunft erschliessen kann. Zumeist fallen die günstigen Tap 
mit bedeutenden Zeitwechseln zusammen , zumeist mit Festläget, 
die an Stelle vorchristlicher Feier getreten. Eine tiefergehende 
Besprechung und Erläuterung dieses Volksglaubens gedenke 
ich mit der Zeit, so Gott will, in meinem Hauptwerke über die { 
Sagen und Märchen der Südslaven zu liefern. Hier, wo es sicfc 
mehr darum handelt, die Volksanschauungen für sich kennen n 
leinen, dürfte eine übersichtliche Gruppirung des Stoffes vordeiiuuil 
genügen. Ich beginne mit der Mantik, die man am häufigsten itt 
Laufe des Jahres anstellen kann, mit den: 

I. Zaubereien am Vorabende eines Dienstags, Frei- 
tags oder Sonntags im Neumonde. 

L Das Mädchen nimmt das erste Stück Brod beim Nacht- 
mahl, tunkt es ins Salzfass, steckt es dann in den Mund, kint ei 

*) Blgarskij naroden sbornik . . . . izdaden od Vasilija CoUkoT»- 
Belgrad lb72, S. 133. 

») Aus Va r a z d i n , aus der Handschrift Prof. V a 1 ] a v e c's. 

') Aus L u d b r e g in Kroatien : ebendaselbst. 



173 

a wenig, nimmt es mit der rechten Hand heraus, lässt es — 
lies unbemerkt von den Anderen — in die Schürze gleiten und 
achtmahlt ruhig weiter. Nach dem Nachtmahl nimmt sie ihren 
löffel, die Gabel und das Messer, die sie während des Essens auf 
eden Fall gebraucht haben muss, sei es auch nur, dass sie ein 
käck Brod an die Gabel gesteckt hätte, und wickelt alle drei 
Stocke in ihre Schürze ein. Bevor sie sich zu Bett begibt, nimmt 
ue ein Spiegelchen zur Hand, besieht sich drin und spricht dabei : 
»Glänzender Spiegel, so wie du mich jetzt zeigst, dass ich mich 
Mhön besehen kann, so zeige mir auch im Traum den mir beschie- 
denen Mann!« Hierauf gibt sie auch das Spiegelchen in den Schurz, 
legt noch ein Weberschi£flein und Kämme dazu, wickelt Alles sorg- 
Bitig ein und legt es auf das Kissen, auf dem sie Nachts ruhen 
vird. Nun stellt sie sich vor das Heiligenbild und betet so gut 
Bie*s versteht zu Gott. Wenn sie schon im Bette ist, nimmt sie 
ilie Schürze mit den eingewickelten Dingen, legt sie unter das 
Kopfkissen, macht dreimal über das Kissen das Kreuzeszeichen, 
spricht wiederum ein Gebet, gewöhnlich das Vaterunser und sagt 
nun Schlüsse: »Ich flehe dich an, o Herr, und du befiehl, dem 
Manne, der mir bestimmt ist, dass er mir im Traume erscheine; 
venn er sich jenseits eines Gewässers befindet, hier ein Schi£flein 
Bnd ein Ruder (das Weberschi£flein und der Lö£fel); wenn er sich 
jenseits eines Waldes befindet, hier hat er eine Axt (das Messer); 
Duss er über Dornen und Gestein setzen, hier hat er eine Gabel. 
Er mag kommen, hier findet er Brod und Salz, damit wir gemein- 
Bch&ftlich davon gemessen, Kämme, damit wir uns kämmen, Spiegel, 
damit wir uns besehen und zusammen zum Traualtare schreiten. ^) 

II. Das Mädchen fängt eine Spinne, steckt sie in ein Rohr 
Qid stopft dasselbe an beiden Enden zu. Vor dem Schlafengehen 
Nenkt sie aller Heiligen, macht dreimal das Kreuzeszeichen über 
las Kopfpolster und spricht: >0 du Spinne, du kletterst in die 
I^hen und in die Tiefen, ' suche meinen mir vom Schicksal be- 
timmten Mann auf und führe mir ihn als Traumgesicht vor. 



') Vuk im iivoi i obiSaji, S. 323 (aus Syrmien). Einen zweiten Bele^ 
ti MiliceTiö, im Glasnik S. 96. Das Mädchen haucht den ersten und letzten 
i«j«eD nur an und steckt sie in die Tasche. Beim Schlafengehen nimmt sie 
HD Messer mit ins Bett, sondern nebst den Bissen nur den Spiegel und einen 
olxsplitter (iver) statt des Weberschiffleins. (Brauch im Tieflande von Serbien 
- Sami — and in Belgrad.) Mili^eviö berichtet, dass dieser Zauber nur zu 
eorgi im Schwünge sei. 



174 

Führst du ihn her, so lasse ich dich am Morgen wieder frei, 
du weiterhin durch die Welt ziehen kannst, wenn du mir ihn 
nicht herführst, so werd' ich dich zerdrücken!«^) 

III. Am Vorabende eines der genannten Tage legt das 
chen sieben Silberzwanziger unter das Kopfkissen, macht da 
dreimal das Kreuzeszeichen und spricht: »Du mir Ton Gotl 
stimmter Maun, zögere nicht länger, sondern erscheine, sei es 
nur im Traume, damit wir dieses Geld überzählen, damit ich 
meinen Brautanzug mir kaufen gehelc^) 

lY. Das Mädchen begibt sich bei Sonnenniedergang io 
Wald, reisst ein Stück von dem Epheu ab, auf den eben die le 
Strahlen der untergehenden Sonne fallen, windet einen Kranz d; 
und spricht: »0 liebe Sonne im Untergehen! So wie du 
diesen Kranz siehst, so klar und schön lass mich im Traume 
Denjenigen sehen, der mir von Gott zum Manne bestimmt 
Sodann setzt sie sich den Kranz auf den Kopf und sagt: >6 
Kranz, du wirst verwelken, wenn du mir nicht meinen mir bestim 
Mann herführst, damit er dich herabnimmt !€ Hierauf umwi 
sie den Kopf mit einem Tuch, so dass Niemand den Kranz i 
nehmen kann. Nachts vor dem Schlafengehen betet sie no( 
Gott und begibt sich mit dem Kranze auf dem Kopfe zur Bn 

V. Das Mädchen gibt einer jüngst verheirateten Freundi 
Vorabende des ersten Sonntags im Neumonde, seitdem die Frei 
verheiratet ist, ihr Zopfband. Die junge Frau befestigt dami 
eigenes Haar und spricht vor dem Schlafengehen: »Mein E 
des Mädchens Zopfband ! lass mich unter meinem Kranze trau 
an wessen Seite sie (das Mädchen) am Altar stehen und mit 
sie ihren Kranz (d. h. ihren Namen) tauschen wird!« *) 

VI. Zauberei am Neumond. Wenn das Mädchen 
zufällig den Neumond erblickt, bleibt sie sogleich stehen, sc 
ein Kreuz, sagt dreimal ein Gebet und spricht zum Monde: > 
hehrer Mond am Himmel ! Du übersiehst die ganze Erde und s 
auch den Mann, der mir bestimmt ist. Lass es geschehen, 
auch ich ihn im Traume sehe; mag er wo immer in der 
w«»ilen, so steht er doch auf der Erde, die du überschauest: 



») Vuk a. a. 0., S. 324. 

3) Ebend. S. 32<;. 

•"•) Ebend. 

*) Ebend. S. 325. 



175 

Qebme ich von dieser selben Erde und lege mir sie unter den 
Kopf.« Hierauf bückt sie sich, nimmt mit den Fingern ein Bischen 
Erde, wo sie mit dem rechten Fuss steht, trägt die Erde bis zum 
Abend verborgen bei sich, legt sie vor dem Schlafengehen unter 
das Kopfkissen, schlägt darüber dreimal ein Kreuz, betet zu Gott, 
legt sich auf die rechte Seite nieder und gibt Niemand auf seine 
Fragen eine Antwort. ') 

VII. Zauberei am Theodors-Samstag. Das Mädchen 
ertheilt einem befreundeten alten Mütterchen am Vorabende dieses 
Tages den Auftrag, ihr aus der Kirche gekochten Vt/'eizen, der vom 
Priester eingesegnet worden, mitzubringen. Das Mädchen nimmt 
den ganzen Tag weder Speise noch Trank zu sich. Abends vor 
dem Schlafengehen betet sie vor dem Bilde des Hauspatrons, bittet 
im Vergebung ihrer Sünden, legt den gekochten Weizen unters 
Kopfkissen, schlägt dreimal über die Stelle ein Kreuz, legt sich 
aaf die rechte^ Seite nieder und spricht mit Niemand, sondern betet 
ununterbrochen zu Gott, bis sie zuletzt im Gebete auch einschläft.^) 

Am Vortage dieses Tages pflegen in der Grnagora die Mädchen 
nach dem Kirchgange unverwandt in die auf dem Himmel dahin- 
liehenden Wolken zu schauen, so lange, bis sie in einer Wolke die 
Gestalt und das Bild ihres Zukünftigen zu erblicken vermeinen.') 

VIII. Am Georgstage. In Ceklinj in der Crnagora 
b^ben sich die Mädchen bei Tagesanbruch zum Brunnen Wasser 
kolen und schauen so lange in die Brunnentiefe hinab, bis sich 
Are Augen mit Thränen füllen und sie sich einbilden, sie sähen 
ia der That im Wasser das Bild ihres Zukünftigen. *) 

In der Krajina in Serbien sammeln die Mädchen am Vor- 
abende des Georgstages Blumen auf dem Felde, winden sie zu 
Sträussen und bestimmen die Sträusse einzelnen Burschen, deren 
liebe sie sich erhoffen. Diese Sträusse werden in später Nacht- 
^de an einen freien Ort, z. B. auf das Hausdach, hingelegt und 
^ zum Morgengrauen dort liegen gelassen. Der Bursche, auf 
iessen Strauss der meiste Thau liegt, so glaubt das Mädchen, 
^erde ihr in diesem Jahre am meisten in Liebe zugethan sein. 
He Vorbereitungen müssen sehr geheim betrieben werden, damit 
^jemand etwas davon merkt, denn sonst wird der Zauber zunichte. 

») Vnk a. a. 0., S. 324. 

«) Ebend. S. 325. 

*) PopoTiö-Lipovac a. a. 0., S. 151. 

*) Derselbe am selben Orte. 



176 

Böswillige Burschen wissen darum und lauern nur darauf, wie sie 
die Sträusse stehlen können. Gelingt der arge Streich, so hilt mta 
dafür, dass dem betreffenden Mädchen für dieses Jahr ihr Glflek 
gestohlen worden. Das Mädchen giämt sich darüber gar sehr.') 

Manche Mädchen sammeln zu dem genannten Zwecke Alant« 
(inula helenium) (oman trava = Betäubungskraut, Vertolloogs- 
kraut) und sprechen beim Hinlegen der Sträusse die Worte: »Ter- 
tollungskraut, du mein leiblicher Bruder, lass den und den in Lick 
zu mir yertollen!« (Omane brate rodjeni, pomami toga i toga a 
mnom !) ^) 

In Kroatien pflegen Mädchen kurz vor Oeorgi ein Mariei- 
fröschlein (kralovsku Labien) zu fangen und in eine Schachtel n 
stecken. In den Deckel wird eine kleine Oeffnung gemacht« sodau 
vergräbt man die Schachtel in einen Ameisenbau. Man mnss Dir 
wohl Obacht geben, dass man den Frosch eher vergräbt, als er eis* 
mal gequakt. Denn hört man den Frosch noch zuvor quakeo, ii 
wird man ganz gewiss taub. Den Frosch holt man aus dem Ameisei- 
häufen am nächsten Neumond heraus, dann reisst man dem Frosek 
die ünterkiefergabel aus und spendelt diese Gabel dem Bursehai 
(bezw. dem Mädchen), wann er an Einem vorübergeht, nnbemerb 
ins Gewand. Der Betreffende steht nun ganz im Liebesbanne dei 
Mädchens. *) 

IX. Am Johannisfeste. Ivanje (Johannistag) und Eriei 
(Johann isfeuer), zwei Wörtchen, die wie elektrische Funken in 
Herzen und Gemüthe des südslavischen Bauernvolkes tausend tolle, 
lebenslustige, verliebte und glückliche Gedanken entzünden! Wau 
um mitternächtlicher Stunde auf steiler Höhe der mächtig anfge* 
schichtete Holzstoss helllodernd gen dunkelblauen sternebesäetei 
Himmel harzduftende Feuerflammen züngelt, da tanzen Bursehei 
und Mädchen jauchzend und singend um das Feuer gar scbnell- 
füssigen Reigen. Zauberhaft die Nacht, die Feuerglnth, zauberhift 
der schnelle Reigen, Alles ist bezaubert. Alles zaubert. >In Eameol 
gora in Kroatien werfen die Hirten in den Kries neun dreij 
Weinrebeustöcke. Wann diese in hellen Flammen stehen, springen 
heiratslustipfen Burschen durch das Feuer. Wem der Sprung geling 
wer sich nicht vtMsengt, der beweibt sich noch im selben Jahr.«*) 

>) Miliccvic im Glasnik. XXIL S. 93. 

«) Ebendaselbst S. 94. 

') Aus Varazdin. Handschrift des Prof. Valjavec. 

*) Valjavec in der Handschrift. 



177 

VidoYec in Kroatien entzünden je zwei Mädchen und ein 
sehe um die zehnte Nachtstunde gemeinschaftlich einen Eries. 
an der Eries ganz in Feuer gehüllt ist, ^ springen die drei Ge- 
schafter durchs Feuer hindurch. Wer von ihnen am weitesten 
ingt, wird am frühesten heiraten. Später versammeln sich die 
rsehen und Mädchen. Letztere tanzen allein den Beigen, eben 
die Burschen. Da stösst und drängt der Bursche ureigen in den 
dchenreigen, und bei welchem Mädchen der Beigen reisst, das- 
be wird als Weib sich gerne von ihres Mannes Seite losreissen. ^) 

Früh Morgens vor Anbruch des Morgenrothes pflanzt ein Weib, 
8 einem Liebespaare gewogen ist, in einer Schale Weizenkörner, 
K sie vom Burschen und vom Mädchen erhalten. Falls zwei von 
n aufgeschossenen Hälmchen zusammenhalten, so wird aus dem 
ebespaar ein Ehepaar. Wenn auf der einen oder andern Seite 
D Hälmlein geringelt steht (zafrknjena stoji), so wird er oder sie 
Den Bing bekommen. Wenn auf der einen Seite die Hälmlein 
B röthliche spielen, so wird der Bursche guter Dinge sein, sind 
e Hälmlein auf der andern Seite blass, so wird die Maid manch 
loriges erfahren.^) 

Id Serbien pflanzt das Mädchen allein den Weizen. Am Petrus- 
(fe schaut sie nach, wie der Weizen aufgeschossen; sind die 
Umlein geringelt, so wird die Maid, sagt man, noch im selben 
ihre sie hverheiraten. 

Manche Mädchen schütten am Vorabende des Johannisfestes 
is Weisse von einem Ei in ein Glas Wasser und steilen das Glas 
»er Nacht unter den Dachvorsprung. Frühmorgens rathen sie dann 
s den Formen des Eiweisses, ob sie bald an den Mann kommen 
rden. *) 



Valjavec in der Handschrift. 

*) Ebendaselbst (ans Vidovec). 

») Vnk Karadliö im rijeönik (1852), S. 216 a.; wörtlich wiederholt in 
rot i obiaaji (1867), S. 68. — Miliöeviö, Glasnik, XXII (1867). S. 105. 
li^eTiö saj;^ dasselbe, ganz dasselbe was Vnk sa^, nennt ihn aber nicht 
•eine QneUe. Die nnbedeutenden Yerändemngen, die M. Yornahm, berech- 
cn ihn keineswegs, seine Vorlage zn verschweigen. Oder vielleicht doch? 
1 nrtheile selbst. Ich setze die Worte Beider her: 



Miliöeviö: 
»Ponegde devojke metnn n lonac 
zerolje na Ivanj dan i posejn nekolko 
ko zma senice, pa na Petrov dan zma pscnice pa na Petrov dan gledajn 
[aJQ, kako je nikla ili nklijala : ako , kako je nikla ili klijala. Ako sn klice 

i^ r a a 4 « , Sitte u. Gewohnheitsrecht d. Sfldsl. 12 



Vuk: 

>Gdjeftto djevojke metnn na Ivanj 
n lonac zemlje i n njn posijn ne- 



178 

In Kroatien (Varazdin, nach Prof. Valjayec's Handschrift) 
üben letztere Mantik die Mädchen zu Weihnachten, zur Zeit der 
Mitternachtsmette. Sie bilden sich ein, dass das Ei eine bestimmte 
Form annehme : ist^s ein Stiefel, so wird das Mädchen einen Stiefel- 
macher heiraten, ist's ein Pflug, einen Bauern n. s. w. (ako poea 
o£e znati kakov bu meSter njejn mu2, najvleje jajce vn vodupredi 
nek k polnoSki pojde, a gda dimo dojde onda se vre z jajca ni- 
prayi nekaj : ako je (^i2ma onda dobi (^i^mara, ako plug onda t^ 
iik2L i t. d.). 

X. Zauberei am Pfingstf este. Am ersten Pfingsttige, 
wenn die Kirche mit grünem Gras bestreut ist, nimmt das Mädeh«, 
wenn man zum erstenmal niederkniet, mit der rechten Hand drei- 
mal unter dem rechten Knie grünes Gras, flicht daraus noch wik- 
rend des Knieens einen Kranz, steckt ihn auf die rechte Hiad, 
verlässt sodann die Kirche, schwingt vor der Kirche den Knix 
nach allen vier Weltgegenden und spricht leise in sich : »Du H 
von Gott bestimmter Mann ! Magst du weilen, wo immer, kou 
schnell, um diesen Kranz zu holen, denn der Kranz wird verwelkeii 
mein Angesicht verblühen!« Zu Hause hängt sie den Erani u 
das Heiligenbild und legt ihn Abends unters Kopfkissen, indes 
sie den ihr bestimmten Mann beschwört, zu kommen, ehe der Erui 
verwelkt. *) 

In Slavonien, in der Gegend von Po^ega, pflegen M&dchen flij 
Pfingsten, wenn eine helle Mondnacht ist, aufs Feld hinanszogekei. 
Auf dem Wege sprechen sie mit Niemand und schauen sieh 
keinen Preis um, mag was immer vorgehen. Auf dem Felde s 
mein sie Blumen und flechten einen Kranz, den sie am nfiel 
Tage in der Kirche mit Weihwasser besprengen. Natürlich 
sie Niemand dabei sehen. Tagsüber wird gefastet. Nachts, 
schon Alles schläft, geht das Mädchen in den Hof hinaus, 
den Kranz in vier Stücke und wirft jedes Stück nach einer an 
Himmelsgegend. Die Zauberformel habe ich vergessen. Als si 

sn klice savijene kao prsten onda vele, ' savijene kao prsten, onda Tele» dl 

da 6e se one godine udati. U ot^i Ivanja ' se te godine udati. Neke opet 

dne gdjekoje djevojke metnn bjelance u oci Ivaoja dne u ^a§a vode 

od jajeta u c^asu vode te prenodi pod i ostave pod strehom di prenoti. 

strehom, pa na Ivanj dan u jutru po sutra dan Dekako po tome p( 

njemu nekako pogadjaju, hoce li se hode li se te godine udati.« 
skoro udati.' 

M Vuk in 2ivot i obicaji. S. 326. 



179 

ier achtjähriger Knabe fand ich am Pfingsten einmal solche Eranz- 
Dücke im Hofe unseres Nachbars, des Eepenikschneiders BoSnjak. 
eine Tochter Therese sah mich aber und trieb mich mit einem 
»locke aus dem Hof hinaus, nachdem sie mir die Eranzstücke weg- 
[enooimen. Abends erzählte sie meiner Schwester von der Zauberei, 
ch belauschte die Mädchen und erfuhr so, weshalb ich denn eigentlich 
{esüchtigt wurde. Das Mädchen heiratete im selben Jahre einen 
SayemüUer bei Eoba§. 

Wenn ein Mädchen Wolle zum Weben aufgelegt hat und sie 
verwebt, so misst sie die Leinwand nie früher, als sie mit der Auf- 
lage fertig geworden. An dem Abend, wo sie die Arbeit zu Stande 
gebracht, nimmt sie die Leinwand herab, misst sie aber nicht, 
sondern legt sie ungemessen auf das Polster, macht dreimal darüber 
das Kreuzeszeichen, betet und spricht: »0 Gott! wer immer mein 
mir bestimmter Mann sein mag, schick' mir ihn im Traume zu, 
damit wir diese Leinwand ausmessen, damit ich in der Früh für 
mieh und für ihn das Hochzeitshemd daraus zuschneiden kann.« 
Hierauf begibt sie sich zur Ruhe, legt sich auf die rechte Seite 
lieder und mag mit Niemand sprechen. 

Bei allen den angeführten Zaubereien hütet sich das Mädchen, 
ii der Früh, wenn sie aufsteht, mit irgend Jemand zu sprechen, 
beTor sie das Ereuz gemacht. Auch schaut sie nicht aufs Fenster, 
bsTor sie sich noch einmal das Traumgesicht dieser Nacht toII- 
sUodig vergegenwärtigt. Man glaubt nämlich, jeder Traum ent- 
idiwinde dem Gedächtnisse, wenn man beim Erwachen sogleich 
tifs Fenster schaut. *) 

XI. Wer den Vortag vor St. Andreas, St. Lucia und den 
Arei Einigen fastet, der wird sein zukünftiges Weib alsTraum- 
llsicht schauen. Eine andere Anweisung räth, man müsse am Tag 
ftt hl. Andreas, der hl. Barbara und zu Fasching den ganzen 
hug fasten, Abends vor dem Schlafengehen einen Weiberrock unters 
topfUssen legen, und man werde im Traume seine zukünftige 
itbensgefährtin schauen. ^ Dieser Glaube ist nicht blos in Eroatien 
^eim, sondern auch in der Crnagora und in Serbien nachweisbar. 

Bei den Bjelopavlici (Crnagora) legt am Abend des ersten 
^es der Charwoche das heiratslustige Mädchen das Nachthemd 
irer kürzlich yerheirateten Freundin an und spricht während des 

*) Vok in ÜTot i obiSaji. S. 324. 

*) Aas Varazdin, nach der Handschrift des Prof. Valjavec. 

12* 



180 

Anziehens: »Gib Gott, dass ich Jungfrau (N. N.) in diesem £ 
meinen Bräutigam als Traumgesicht sehe, so wie meine Fre 
in diesem Hemde ihren Mann (N. N.) gesehen«. ^) In S( 
überreicht die jüngstverheiratete Freundin der noch ledige 
Hochzeitsgewand mit den Worten: »Folge meiner Spur!« (Po< 
mojim tragom!)^) 

XII. Am Faschings fasttag müssen die Mädchen 
ganzen Tag über sich des Genusses von Speise und Trank enth 
und wann's zur Mitternachtsmette läutet, dreimal den Ann 
Speidelholz in die Stube hineintragen. Sind die Speidel in ge 
!&hl, so wird die Maid im nächsten Jahr heiraten; ist's ein< 
gerade Zahl, so bleibt sie ledig.') 

Xni. Zu Neujahr (mali bo2i6 = kleine Weihnac 
war oder ist noch immer Brauch (in Zajeöar und ümgel 
Serbien), dass sich die Mädchen am Vorabende versammeln, • 
Kessel mit Wasser füllen, und jedes je einen Ring oder sons 
Erkennungszeichen ins Wasser werfen und den Kessel irgendi 
einen Winkel der alten Burg über Nacht stehen lassen. Am i 
sten Morgen Früh stellen sich die Mädchen wiederum am s 
Orte ein, haben ein Kind mit, bilden einen Kreis um den E 
und singen Lieder, die auf gutes oder minder gutes Glück 
weisen. Nach jedem Liede zieht das Kind einen Ring aus dem £ 
heraus. Das Mädchen, deren Ring erscheint, wird nun g 
eines solchen Glücks theilhaftig werden, als das Lied anzeigte 
gesungen wurde. Man nennt dies Ringsingen (pevanje prste: 

XIY. Nicht minder sinnig, wenn auch etwas derber i 
Auffassung, ist ein verwandter Weihnachts brauch in Bo5 
Nach dem Mittagsessen sammeln die Mädchen alle Knochen 
Tische auf und legen sie auf die Thürschwelle hin. Jeder Ko* 
bekommt den Namen eines heiratsfähigen Mädchens, sei es 
aus dem Hause oder dem Dorfe. Nun treten die Mädchen al 
und passen auf, welchen Knochen der Schäferhund zuerst u. 
davontragen wird. Nach derselben Reihenfolge werden, glaubt 
auch die Mädchen heiraten. Deren Knochen zuletzt davonget 
wird, die kommt zuletzt an den Mann. Dieses Spiel gesc 



*) Popovi<S-Lipovac a. a. 0« 
») MilicSevic a. a. 0., S. 133. 
') Valjavec a. a. 0. Handschrift. 
«) M i 1 i 6 e V i 6 a. a. 0., S. 127. 



181 

leim vor dem domaöin, damit man sich vor ihm nicht schämen 
886. Jenes Mädchen, dem der Hund zuerst das > Glück gebahnt« 
^u prokröilo), wird Ton den Freundinnen geneckt mit den 
>rten : > Hoff auf Hochzeitsleute, Schwesterchen ! Dich wird Einer 
allerersten holen, wie der Hund den Knochen ! < (Nadaj se, sejo, 
ktOTim ! po te 6e najprije do6i, kao pas za kost !) ^) 

Eine uralte, bei allen indogermanischen Völkern nachweisbare 
;te liegt folgendem Glauben zu Grunde. Das Mädchen, das im 
iben Jahre noch zu heiraten wünscht, nimmt zur Mitternacht- 
ette einen Apfel mit und beisst in den Apfel im selben Augen- - 
icke, wo der Priester mit erhobenei& Crucifix den Segen über das 
rsammelte Volk spricht. ^) 

Auf dem Glauben an ein zweites Gesicht beruht ein anderer 
iQber, den Mädchen in der heiligen Nacht auszuüben pflegen, 
^ill ein Mädchen erfahren, was für einen Mann sie bekommen 
?rde, so bedeckt sie am Weihnachtsabend den Tisch, legt ein 
eissbrod, einen Teller, Löffel, eine Gabel und ein Messer darauf 
>d begibt sich zu Bett, doch darf sie nicht einschlafen. Um die 
ittemachtsstunde erscheint der Geist ihres zukünftigen Mannes 
id schleudert auf sie das Messer hin. Fällt das Messer so glück- 
'h, dass das Mädchen unverletzt bleibt, so wird sie glücklich hei- 
ten und einen guten Mann bekommen ; wird sie aber durch das 
esser verwundet, so muss sie bald darauf sterben. ') 

Einen verwandten Zauber der GeisterbeschwöruDg versuchen 
diesem Abend auch Burschen. Wann alle übrigen Hausleute 
die Kirche fort sind, siebt der heiratslustige Bursche im Dun- 
lo, ganz nackt dastehend, Asche durch ein Sieb. Da erscheint im 
lükel seine Zukünftige, packt ihn dreimal bei der Nase und geht 
xler ihres Weges. *) 

Alljährlich am Weihnachtsabend pflegen heiratsfähige Mädchen 
i die zehnte Stunde, wenn es das erste Mal zur Mette läutet, 
chmolzenes Blei in ein Glas kaltes Brunnenwasser zu giessen 
1 aus den Formen des Bleies die Zukunft zu prophezeien.^) Ich 
>st sah als Knabe solchem Spiele zu. Das Mädchen duckte sich 



>) B. Petranovid a. a. 0., S. 254, Nr. 11. 
') Ans Varazdin. Nach der Handschrift des Prof. Valjavec. 
') Aas G i b i D a. Von Demselben. 
*) Aas Varazdin. Von Demselben. 

*; So in Prelok im Murlande» nach der Handschrift desselben Gewährs- 
le*. 



182 

im Thürwinkel nieder und goss das Blei. Manche rathen aus den 
phantastischen Bildungen auf die Beschäftigung ihres Zukünftigen, 
Andere nehmen die Bleistückchen heraus und halten dieselben — 
immer noch hockend — gegen die Thüre, um im Schattenbilde 
das Bild des Ersehnten zu erblicken. Gewöhnlich deuten die 
Mädchen unter Anleitung eines alten Mütterchens. Die Eine glaubt 
mit aller Bestimmtheit in dem Schatten einen Schuster, die An- 
dere einen Tischler, das alte Mütterchen einen Müller erkennen 
zu dürfen. Eine trifft am Ende doch das Wahre, die Zukunft 
erweist es ja bald. 

Den grössten Zauber übten aber zu aller Zeit und zu jeder 
Jahreszeit die Mädchen durch ihre Schönheit aus. , Jedes Mädchen 
sucht ihren angeborenen Zauber zu erhöhen. Der kosmetischen 
Mittel gibt es eine Unzahl. Ich führe nur eines an, weil dasselbe 
ein Ausfluss althergebrachten Feldcultus ist. Zu Pfingsten gehen die 
Mädchen Tor Sonnenaufgang hinaus auf die Felder und waschen 
ihre Gesichtchen mit dem Nachtthau, der auf dem blühenden 
Weizen sich gelagert, »doch das gilt als Sünde c.>) Was liegt aber 
an der Sünde, wenn sich durch die Sünde das Lebensglück errei- 
chen lässt, wie es im Sprich werte heisst: 

Djevojku obraz udaje a pretile sapi konja prodaju. 
Durch ihr Gesichtchen kommt das Mädchen, ein Pferd durch sein feietei 

Kreuz an den Mann. 

Nicht das Herz, nicht das Gemüth, sondern nur das Gesicht giU 
den Ausschlag, nach dem Sprichworte: 

Lice curu udaje a srce odaje. 
Durch's Gesichtchen bekommt das Mädchen einen Mann, ihr Herz aber ist 

ihr Verräther. 

Einem schönen Weibe gegenüber erlahmt jede Kraft; daher du 

Sprichwort : 

Pre 6e§ djavola nadbiti neg lepu 2enu. 

Eher vermöchtest du den Teufel als ein schönes Weib besiegen. 
Nur daraus erklärt sich das urkräftige Sprichwort: 

Lepo lice i §ugavu guzicu uda. 

*) -»Ali ovo je greh.« Aus Varazdin. Von Demselben. 



XI. 



Liebesentzweiung. 

Alles erträgt mancher Mensch leichter als fremdes Glück, 
ir Neid schadet nicht immer nur dem Neider, oft erreicht er 
in Ziel und vernichtet Anderer Glück. Menschen sind, was Men- 
den immer waren. Es gibt auch unter den Südslayen Leute, die 
ch ein eigenes Geschäft, möchte man glauben, daraus machen, 
reu Nebenmenschen Glück und Frieden zu rauben. Wir widmen 
eser Gattung Unmenschen ein eigenes Capitel, weil das süd- 
ivische Volkslied in reicher Abwechslung über solche ünfrieden- 
ifter zu melden weiss. Alte und junge Weiber sind es haupt- 
chlich, die eine Braut verleumden und Alles aufbieten, um ein 
latpaar einander zu entfremden. Mit Hinblick auf solche Yor- 
mmnisse mag das Sprichwort entstanden sein: 

More, oganj i 2ena tri najve6a zla. 
Meer, Feuer und Weib (sind) die drei grössten Uebel. 

eiber, namentlich alte Weiber können nichts Anderes als ver- 
imden, behauptet rundwegs ein anderes Sprichwort, denn: 

Svaka je baba djandrljiva. 
Jedes alte Weib ist klatschsüchtig (zänkisch). 

agte ein Sohn den Vater: »Bellt mehr ein Hund oder eine Hündin?« 
>Mein Sohn, Deine Mutter kann*s weit besser als Beide« (Fita- 
e, 117). Man fragte einen verheirateten Mann : »Gibt's ein hefti- 
res Weh als einen Schlangenbiss?« — »Wohl, die Zunge meines 
?ibes< (ebend., 58). Man fragte den Teufel: »Wen schickst du 
deiner Statt, falls du gerade stark beschäftigt bist?« — »Ein 



184 

altes Weib« (ebend., 97)J) Von einem alten Weibe heisst es im 

Sprichworte : 

Jedna glava a dvadeset jezika. 

Ein Kopf, doch zwanzig Zungen. 

Wären es wenigstens gewöhnliche Zungen. Das südslavische Sprich- 
wort bedient sich eines sehr drastischen Vergleiches, wenn es Yon 
einem klatschsüchtigen alten Weibe sagt: 

Pru^ila jezik kao krava posran rep. 
Sie streckte ihre Zunge aus, wie die Kuh ihren besch .... nen Schwanx. 

Die neuslovenische Variante dieses Sprichwortes lautet: 

Babe tak z jezikom migajo kak pes z repom. 
Alte Weiber bewegen so ihre Zunge wie der Hund seinen Schwans. 

Nach der Sage hatte schon die ürmutter Eva eine solche 
Zunge. Das traf sich so: Als Gott den Adam aus Erde geformt, 
lehnte er ihn an einen Zaun zum Trocknen, hauchte ihm ein» 
Seele ein und Adam ward lebend. Er hätte gern geheiratet. Di 
befahl ihm Gott einzuschlafen und nahm ihm im Schlafe eis» 
Rippe. Gott war damals ein bischen zerstreut, und schaute henim, 
währenddem stahl der Hund die Rippe. Gott lief dem Hunde 
nach , konnte ihm aber das Rippenstück nicht mehr abjageiu 
sondern erwischte nur ein Stückchen Tom Hundeschwanz, und nu 
erschuf er aus dem Hundeschwanz das Weib. Also darum beweget 
alte Weiber ihre Zunge wie der Hund seinen Schwanz.^ 

Aus den letzteren zwei Sprichwörtern erklärt sich nun toi 
selbst die Entstehung des folgenden: 

Tri 2ene, jedna guska, öitav vaSar. 
Drei Weiber, eine Gans, ein ganzer Markt. 

Die Entzweiung von Brautleuten, von Liebesleuten, ist das Wert 
des Teufels, doch der Teufel hilft sich nach dem Sprichwort«: 

Kuda vrag ne mo2e babu §a]je. 
Wo der Teufel nichts ausrichtet, (dorthin) schickt er ein altes Weih. 

Aus diesen Sprichwörtern ergibt sich, nebenbei bemerb, 
auch der Massstab zur Beurtheiiung der Achtung, welche das Weih 



*) Ein altes Weib ist noch ärger als -der Teufel selbst. Vergl. die lionisM 
Sagen im 11. Bd. meiner Sagen und Märchen: Nr. 93, S. 187 — 191; Xr. Hl 
S. 250 f.; Nr. 113, S. 254-257; Nr. 152. S. 404— 410 und öfters. 

') Izviestje kr. gimn. u Varazd. 1874,5. Narodn. prip. priobi^cje M Ytlh 
avec, S. 45. Aus Lotmerg in Steiermark. 



185 

n Allgemeinen bei den Südslaven geniesst. Nun Tersteht man 
ach folgendes Sprichwort: 

PuSki, konju i 2eni ne treba vjerovati. 
inem Gewehr, einem Pferde und einem Weibe braucht man nicht 
a trauen (darf man keinen Glauben schenken, vjerovati hat nämlich 

die eine so wie die andere Bedeutung). 

^ verleumdete Mädchen kann nicht einmal gegen ihre Yer- 
amderinnen klfigerisch auftreten, denn nach dem Sprichworte ist 

Budali, 2eni i djeci kadija za plotom. 
Einem Narren, einem Weibe und Kindern der Kadi hinterm Zaun. 

Um ein Mädchen einem jungen Manne, der um ihre Hand 
irbt, abspenstig zu machen, reden ihr die bösen Weiber ein: 
Was willst denn, mit Dem anfangen ? Er hat ja im Hause nichts, 
icht einmal so viel, um ein Mäuslein damit vergiften zu- können, 
in fertiger Bettler ; ist immer kränklich, ist hektisch, ist gries- 
rimig, was soll Dir dieser Wicht? So ein wildes Mädel verdient 
iüen besseren Barschen. Eine Nöthigung ist ja bei Dir nicht; 
illst Du Dich so jung schon in Ketten schmieden? Dieser Sauf- 
old, dieser Drache — den bringt Niemand satt. Ein Verschwender 
^t er ; des Kaisers Geldbeutel thät* für ihn nicht genug tief sein. 
h Tagedieb, ein Strolch ist er, der verdient kein ehrenwerthes 
feib. Was soll Dir dieser zerlumpte Kerl. Der schlägt mit seinen 
uigen Händen gleich d*rein; na, und die langen Nägel, die er 
&t! Mit Dem thät*st Du immer in Sorge und Sünde leben« ^) u. s. w. 
^m Barschen dagegen bläst man die Ohren voll mit Redens- 
rten, wie folgende: »Was brauchst Du so ein Weib? Sie ist voll 
ift wie eine buntgefleckte Schlange. Mit Der könntest Du nicht 
iders auskommen, als wenn Du ihr immer ein gezücktes Schwert 
Dter die Nase hieltest. Bei Der wird es nicht lange dauern, und 
e hat Euer ganzes Haus zerstört (indem sie nämlich zur Theilung 
rftogte). Ein Tratsch weib ist sie, faul ist sie, dass sie nicht ein- 
U drei Zugpferde von der Stelle rühren könnten. So im Hain 
dchte sie auf der faulen Haut sitzen. Eine Herumstreicherin ist 
^ schleppt sich Jedem nach, hat mit Dem und Jenem eine 
ndelei gehabt. Jung gewohnt. Alt gethan. Von einer Arbeit hat 
' gar keine Vorstellung, fast möchte man glauben, dass sie ver- 
ttelt ist, als hätt' sie etwas von einer Waldfrau an sich. Lass* 



* > V Q r d e I j a bei B o g i S i c im Zbornik. 



186 

doch so ein Mädel fahren, Du findest Mädel, wo Du nur hindenkst 

Dir steht jede Thür' angelweit offen« u. s. w. 

Ein altes Sprichwort nimmt auf solche Yerleumdongen Beiug. 

Es lautet: 

Niti hvalim Radojka, nit je dobra djevojka. 

Weder lob' ich Radojko, noch ist es ein gutes Mädchen (um das er 

wirbt). 1) 

Durch solche Reden gelingt bösen Menschen ihre schlimme 
Absicht. Kommen der Geliebte und die Geliebte später einmal zn- 
sammen, so klagen sie sich wohl ihr Herzeleid, wie dies so dnini- 
tisch lebhaft ein Volkslied aus SCLdungarn zum Ausdrucke bringt: 

Wenn ich ärmstes Mägdlein wie die Sonne glänzte, 

Wie die Sonne glänzte, wie ein Fluss dahinzögt 

Wie ein Fluss dahinzog', wie ein Stein verstummte, 

Könnt' ich's, Mägdlein, doch nicht allen Leuten recht thun. 

Wenn ich Maid alleine, alle Fluren mähte, 

Alle Fluren mähte, alle Arbeit thäte. 

Alle Arbeit thäte. Berge ebnen thäte, 

Könnt' ich's Mägdlein, doch nicht allen Leuten recht thun. 

Richte Gott, o richte über böse Zungen, 

Die uns zwei Geliebten uns're Liebe trübten. 

Mir im Herzen Deine, Dir im Herzen meine. 

0, verflucht sei, Liebster, Deine eig'ne Mutter! 

— Fluch' ihr nicht, o Liebste, nichts hat sie verschuldet, 

Dies allein verschuldet haben Deine Feinde, 

Deine argen Feinde, meine bösen Freunde.*) 

Flüche sind des Mädchens einzige Schutzwaffe gegen ihre 
Verleumder und sie macht davon ausgiebigen Gebrauch. 

Fein dichterisch ersonnen ist die Lage eines Mädchens, du 
ihre Verleumder in dem Augenblicke belauscht, als diese ihren 
Zukünftigen die Ohren voll blasen. Das Lied (aus Bosnien), dai 
wir meinen, ') lautet : 

Zeitlich Früh erwacht das schmucke Mädchen, 
Vor dem Morgen, vor der Sonne Strahlen, 
Früh erwacht sie und zu Gott sie betet: 
»Schenk', o Gott, mir scharfe Falkenaugen, 

') Daniaiö, Poslov. S. 84. Vergl. Stojan. PosL S. 168. 
^) Karelac, Jacke. S. 100, St. 36^5. 
') Jukiö. Bosanski prijatelj. II. 



187 

Schenk^ o Gott, mir weisse Schwanenfittich' 

Und das grün' Gefieder eines Pfaues, 

Möchte über Nevesinje fliegen,. 

Möchte hin zum höchsten Auslug fliegen, 

Möcht' erschauen den Mann, der mir bestimmt ist.« 

Gott beschied ihr scharfe Falkenaugen, 

Und beschied ihr weisse Schwanenfittich', 

Er beschied ihr graues Pfau'ngefieder, 

Und sie fliegt dann über Nevesinje, 

Fliegt hinauf dann auf den höchsten Auslug, 

Und erschaut den Mann, der ihr bestimmt ist. 

Bei ihm sitzen arge drei Verleumder, 

Sinnen auf die Maid viel schlimmen Leumund. 

Einer spricht: »Die ist gar träg^ und schläfrig,« 

And'rer spricht: »Die stammt aus böser Sippe,« 

Dritter spricht: »Die keift wie eine Natter.« 

— »Dass Euch gleich — Ihr argen Maid-Verleumder! 

Der da sagt, ich wäre trag' und schläfrig. 

Schlaflos sei er bis zum Tag Georgi. 

Der da sagt, ich stamm' aus böser Sippe, 

Mit dem Stamm' soll er entwurzelt werden. 

Der da sagt, ich keif wie eine Natter, 

Eine Natter soll sein Herz umschlingen, 

Soll an seinem Herzen überwintern. 

Am Georgstag ihm am Herzen nisten. 

Mitte Sommers fliegen aus die Vöglein, 

Ihre Vöglein, bunt' Gezücht von Nattern!« 

Am tiefsten schmerzt eine falsche Beschuldigung, wenn man 
dem Mädchen vor den Werbern ins Gesicht schleudert. Von 
»m solchen Schlag erholt sich die Schwergekränkte nimmer, 
gte des Gatten Schwester ihre Schwägerin, die eben am Save- 
r (Bosnien) Tausendguldenkraut sammelte, warum sie denn immer 
)lass sei. Gab die junge Frau zur Antwort : 

Als beim Mütterchen die Deinen warben, 
Waren neun es, die da um mich warben. 
Gaben neun mir Ringe, Heiratspfänder. 
Sie beschenkten meine ganze Sippe, 
Nur nicht eine hochbetagte Muhme. 
D'rob ergrimmte nun die Muhm' gewaltig, 



188 

Lachte höhnisch, sprach vor Allen also : 
»Schöne Werber, noch schöner das Mägdlein! 
Doch es frommt ihr wenig ihre Schönheit, * • 
Trägt ein lebend' Kind ja unterm Gürtel. c 
Drum erblich für immer mir das Antlitz, 
Meiner Muhme, keines Andern wegen. 
Meiner Muhme, — Blitz und Donner treff sie ! 

Mitunter gelingt es wirklich den bösen Hexen, Lieb' von LieV 
zu entzweien. Die arme Verlassene stösst nun die grimmigsten 
Flüche gegen die ünheilstifterinnen aus, flucht dem treulosen Ge- 
liebten, flucht seiner Buhlin, flucht ihren Hochzeitslenten. Seh^ 
Angelika eilte voll süsser Hoffnung, bald ihrem Oeliebten ange- 
traut zu werden, zum klaren Gebirgsquell und sammelte wilde 
Bösen, um ihren Bräutigam damit zu schmücken. Müde schlief sie 
auf grünem Basen ein, ohne darauf zu achten, dass ihr die 
Sonnenstrahlen ihr weisses Antlitz schwarz färbten. Da kommt 
ihr die Kunde, ihr Geliebter freie eine andere Maid, üeberwältigt 
von schwerem Weh, bricht sie in Flüche aus. Es ist ein bosnisches 
Volkslied,^) auf das wir hinweisen. Es lautet deutsch: 

Aus dem Berge quillt die Quelle, 

Quillt so klar und kühl. 
Auf dem Felsen blühten Rosen, 

Blühten Rosen roth. 
Pflückte Rosen Angelika, 

Schön Angelika. 

Pflückte ein gar schönes Sträusschen, 

Und dann schlief sie ein. 
Sieh', da nah't ein junger Bursche 

Aus des Mädchens Dorf, 
Fasst das Mädchen an dem Händchen, 

Schön Angelika. 

»Wache auf, o liebes Mädchen, 

Warum schliefst Du ein? 
Sieh', es welken Deine Rosen, 

Die Du abgepflückt.) 
Dich verlassen hat Dein Liebster, 

Freist schon eine Maid. 

*) B 8. prij. IV, S. 179. 



J 



189 

Der, für den Du Rosen pflöcktest, 

Wird nun nimmer Dein.« 
Und es spricht das schöne Mädchen, 

Schön Angelika: 

»Mögen welken, mögen trocknen. 

Nun mir's nimmer frommt. 
Da Er von mir abgefallen, 

Dem ich sie gepflückt. 
Mag getrost die Maid er freien. 

Ich verwehr's ihm nicht. 

Jedes Ross soll gleich verenden. 

Sitzt darauf die Braut. 
Werde krank der Zug der Fuhrer, 

Fuhr' die Braut nicht heim. 
Er, der Held mag wild ergrimmen. 

Nimmer lieb' er sie. 

Wann der Marmor wird gesprächig, 

Sprech' auch Er mit ihr. 
Wann mit Trauben prangt die Weide, 

Prang' auch Er mit ihr. 
Klarer Himmel, o bewölk' dich. 

Treffe sie dein Blitz!« 

Eine andere arme Verlassene sieht ihren treulosen Geliebten 

nückt an ihrem Hause vorübergehen. Ihr Herz bricht vor 

In heiler Verzweiflung flucht sie ihren schwarzen Augen : 

Schwarze Augen, möchtet ihr erblinden ! 
Alles schaut ihr, hättet heut' ihr's nimmer, 
Wie mein Liebster bei dem Hof vorbeiging, 
Eine Blume trug in seinen Händen, 
Auf den Schultern ein gesticktes Tüchlein, 
Das ein and'res Liebchen ihm gegeben! 
Zweige waren d'rauf gestickt in Menge. 
So viel Zweige auf dem Tüchlein waren, 
So viel Herzenswunden mag er haben. 
So viel Aeste an den Zweigen waren, 
So viel Herzensqualen mög'. er leiden ! ^) 

M Bei Vuk, I, 365. Deutsch von Talvy. 



190 

In noch höherem Masse muss sich die Verlassene Qbei 
Treulosigkeit ihres Geliebten kränken, wenn sich dieser zum Uc 
fluss noch über sie lustig macht. In folgendem Liede aus Eros 
flucht das Mädchen dem Ungetreuen, tröstet sich aber zugl 
mit der Hoffnung, dass ihr das Schicksal einen Anderen 
Ersatz bestimmen wird. 

Mägdlein, sprich, bei Deiner Liebe frag* ich, 
Thut's Dir leid, dass ich Dich sitzen lasse? 
— Leid, Leid, mein Herz will mir zerspringen ; 
Weisst Du, Untreu, wie Du mir geschworen, 
Dass Du niemals mich wirst sitzen lassen? 
Nun geschieht^s, Du nimmst Dir eine AndVe. 
Wusst' die Rabin, wo die Wunden schmerzen, 
Stund' die Rabin neben keinem Falken, 
Stund' kein Mädchen neben einem Burschen. 
Geh\ mein Liebster, zu dreitausend Teufeln, 
Mir bestimmt das Schicksal einen Andern.^) 

Die Flüche einer Verlassenen lasten selbst im Grabe d( 
schwer auf dem Treulosen, nie und nimmer findet er Ruhe. 

Starb der Mutter, starb ihr einzig Söhnlein, 
That der Mutter leid, es zu begraben, 
Zu begraben fern von ihren Höfen. 
Trug's hinaus denn in den grünen Garten, 
Grub es ein im Kühl der Pomeranze, 
Ging hinaus zum Grab' dann jeden Morgen : 
»Kondo, Söhnlein, ist Dir schwer die Erde? 
Oder drücken Dich die Ahornbreiter?« 
Kondo d'rauf, ihr Söhnlein, aus dem Grabe : 
> Nicht, Mutter, ist mir schwer die Erde, 
Nicht auch schwer die Ahornbrettlein, Mutter; 
Was mir schwer ist, sind der Mädchen Flüche! 
Wenn sie seufzen, dringt es bis zum Himmel, 
Wenn sie klagen, bebt die ganze Erde, 
Wenn sie weinen, thut es Gott weh selber!'^) 

*) Hrvatske narodne pjesme, sakupio Ferd. Rik. Plohl-Herdtii 
m. Bd. 1876. S. 9. 

*) Bei Vuk, I, 3G8. Deutsch von Kapp er. Die eben angefahrten 
Liedchen kommen fast in jeder Volkslieder-Sammlung vor. Z.B. bei Eak 
e V i ö S. 186, K u r e 1 a c, J a <5 k e, S. 280, St. 636. 



191 

Wie häufig es vorkommt, dass einem Mädchen ihr Verlobter 
spenstig gemacht wird, ersieht man schon aus dem Spruche des 
erbers in der Crnagora, wenn er zu den Eltern des Bräutigams 
it: »Wir fahren die Braut heim, falls uns Jemand nicht das 
iel verdirbt (ako tko ne oSteti, wörtlich: wenn nicht Jemand 
len Schaden anthut).« Martinovi6 bemerkt noch zur Erläuterung : 
loSina se nahodi, da ortete djevojci tako narok, nu to je naj- 
i grieh, koj ne mo2e nikad oproSten biti u pravom zakonu. (Es 
den sich eine Menge Leute, die einem Mädchen ihren Buf so 
rderben ; das ist aber die grösste Sünde, die in einer wahren Beligion 
i eine Vergebung erlangen kann.) In einem serbischen Volksliede 
rd erzählt, wie der Friedenspender Elias an einem Sonntage den 
il. Nikolaus fiberredet, Eähne auszurüsten, um Seelen Verstor- 
aer von dieser auf jene Welt hinüber zu befördern. Die Heiligen 
hen gemeinschaftlich ans Werk und leisten den Seelen Fähr- 
innsdienste. Alle Seelen gelangen hinüber ins Jenseits, 

Nur drei Seelen können nicht: 

Eine Seele sündenschwer, 

Die den Kum (Taufpathen) zog vor's Gericht; 

Eine Seele sundenschwer. 

Die dem Nachbar lang' gegrollt; 

Und die sündenschwerste Aller, 

Die verleumdet eine Jungfrau! 

Wie tief im Volksgemüthe der Glaube wurzelt, dass die Ent- 
eiiing von Brautleuten die grösste Missethat sei, ergeht auch 
"aus hervor, dass man glaubt, kein Priester vermöge einer solchen 
Qderin Absolution zu ertheilen. Die Sünde ist so gross, dass man 
h vorerst den schwersten Bussübungen unterziehen muss, wenn 
>n von ihr bei der Beichte losgesprochen werden will. Sie ist 
gross, dass selbst Todte ins Leben wieder zurückkehren, um, 
*ör die Sündige zu bestrafen. Professor Valjavec theilte mir eine 
?e aus Varazdin mit, in welcher diese Gedanken zum Ausdruck 
angen. Die Sage lautet: »Es war einmal ein Bursche und ein 
dchen, die wollten einander heiraten, doch ein Mädchen wusste 
Zwei eins beim anderen so zu verleumden, dass sie sich für 
Der trennten. Dieses Mädchen ging zur Beichte und beichtete 
^e Sünde. Da konnte ihr der Klosterbruder keine Absolution 
[eilen, sondern legte ihr folgende Busse zuerst auf. Sie müsse 
dem ersten Todesfalle, der im Orte vorkommen werde, die ganze 



192 

Nacht hindurch mutterseelallein bei dem Verstorbenen Wac 
halten. Nun traf es sich, dass gerade ihr Oheim starb, und i 
war sehr erfreut, dass sie gerade ihren Oheim werde bewach 
müssen ; denn vor dem hatte sie sich ihr Lebelang am wenigst 
gefürchtet. So blieb sie denn bei ihm und betete an seiner Sei 
zu Gott. Da auf einmal als um Mitternacht die zwölfte Stnn 
schlug, richtete sich der Todte auf. Seine Nichte erschrak 
gewaltig, er aber machte ihr schwere Vorwürfe, weil sie die Miss 
that begangen, indem sie nämlich jenes Brautpaar auseinander g 
bracht habe. Dies sei eine gar schwere Sünde; er müsse sie ni 
martern. Sie werde eines qualvollen Todes sterben. Steht auf, gel 
hinaus und bringt einen Hammer und N^el herein. Er fasste s: 
und nagelte sie bei Hand* und Füssen an der Bank an; ali 
musste sie sterben. Jetzt war sie Ton ihrer Sünde erlöst, er &b< 
legte sich wieder ruhig auf die Bahre hin.« 

Wenn eine Verlobung aufgelöst wird, so knüpft sich zunächs 
daran die Rechtsfrage, ob und in welchem Masse der einen ud 
andern Partei ein Ersatz geleistet wird. Hierin ist man i: 
verschiedenen Gegenden yerschiedener Anschauung. Nach den 
Volksliede genügt es, wenn das Mädchen zurücktritt, dass sie ihren 
Verlobten seine Verlobungspfänder zurückstellt. In einem Lied 
(aus Serbien) knüpft das Mädchen, das nur auf Befehl ihrer Elten 
vom Geliebten lässt, noch die Bitte an, er möge ihren Ruf schonen 
sie sinke ohnehin bald ins Grab: 

• 

Gab die Maid dem Burschen wohl zurück den Trauring: 
— Nimm den Ring, o Bursche, gram sind Dir die Meinen: 
Vater, Mutter, Bruder, selbst die traute Schwester! 
Thu' mich nur nicht, Bursche, in Verruf noch bringen. 
Denn ich Aermste bin ja ein unglücklich Mädchen; 
Säh^ ich Basilikum, spriesst mir lauter Wermuth ! 
Wermuth, Wermuthblümlein, weh', mein bitter Blümlein 1 
Mit dir werden meine Hochzeitsleuf sich schmücken. 
Wann sie mich leidvolle hin zu Grabe tragen.*) 

Einem andern Mädchen, das aus üebermuth die Verlobnni 
rückgängig macht, droht der Zurückgewiesene, er werde ihr di 
Haare abschneiden. In der Anmerkung zu dem folgenden Lied 
theilt der Aufzeichner mit, dies sei ein alter Brauch gewesen, d« 

') Vuk, Nar. pjesme. 



195 

»\6h mag mich mit ihr nicht trauen lassen«, so zieht er sich da- 
durch in dem Masse den Hass des Volkes zu, dass man ihn auf 
scYiimpfliche Weise (na sramotu) mit Gewalt zur Trauung zwingt, 
oder er muss in die Welt entfliehen und darf sich nimmermehr 
in der Heimat blicken lassen. Trifft es sich in einem solchen 
Fälle, dass seine Eltern noch einen zweiten Sohn haben, so ver- 
loben sie ihn gewöhnlich mit dem yerlassenen Mädchen, nur darf 
der Bursche von ihr nicht um vieles jünger sein, denn sonst 
kommt es gar nie vor, dass ein jüngerer Bursche ein Mädchen, 
das älter als er wäre, heiraten würde. Ist kein zweiter heirats- 
Ahiger Sohn da, so kann man die Sippe des Flüchtigen nicht un- 
mittelbar angreifen, weil sich das Dorf ins Mittel legt und die 
zwei Sippen mit einander aussöhnt. Man stattet einfach den Ver- 
lobnngsring zurück mit den Worten: 

Nije im bilo od boga sudjeno!« 
Es war ihnen nicht von Gott bestimmt gewesen. 

In Bulgarien sind es merkwürdigerweise zumeist die Bräute, 
. welche die Verlobung rückgängig machen. Häufig ist die Habgier 
des Mädchens der einzige Beweggrund, dass die eine Verlobung auf- 
gelöst und eine zweite mit einem Andern geschlossen wird. Ver- 
bricht oder schickt z. B. ein Zweiter dem Mädchen als Handgeld 
(remk) hundertundzwanzig Ducaten, während der Erste nicht mehr 
tls 80—70 opfern mag, so lässt die Braut diesen fahren und wählt 
den Andern. So erzS^lt OdSakov, der unzweifelhaft gerade in 
^ freigebiger Stimmung war, als er diesen Bericht schrieb. Die 
Höhe des Hand- und Eaufgeldes ist durch Brauch und Sitte ziem- 
liA festgesetzt auf 100—1000 Groschen, wie wir an einer andern 
Stelle theils durch Volkslieder, und theils durch Od^akov's eigene 
^orte, die er gelegentlich gebraucht, nachweisen. Die Entschul- 
digung» die das Mädchen gebraucht, wenn sie ihr Wort bricht, ist 
S^wöhnlich das Sprichwort: 

Ako rjekohmi, ne go otsjekohmi, 

^er wie die serbisch-kroatische Variante lautet: 

Ako rekoh ne posjekoh. 
Hab' ich's gesagt, so hab ich's doch nicBt durchgehauen, 

d. It das eigentliche Verhältniss war noch kein fest abgemachtes 

gewesen. Bei Eaufabmachungen reichen sich Käufer und Verkäufer 

£e Hand, ein Dritter versetzt ihnen auf die Hände einen Schlag 

13* 



104 

der Bursche muss aber dreifachen Ersatz leisten; weil er das 
Mädchen in Verruf gebracht, wodurch für sie ein grösserer Nach* 
theii als für ihn erwächst. Ist dies geordnet, so trifft den Barschen 
kein weiterer Vorwurf, da man die Verlobung immer noch auflösen 
kann, so lange die Trauung nicht vollzogen ist.« In Bezug auf die 
Bewirthung, für die kein Ersatz geleistet werden müsse, ist V. in 
einem argen Irrthum befangen. Gerade die Bewirthung muss be- 
zahlt werden, denn nicht das Mädchen, sondern ein Dritter, das 
ganze Haus, bestreitet die Kosten des Empfanges der Werber. 
Besonders dieser eine Punkt wird von allen unseren übrigen Ge- 
währsmännern in den Vordergrund gedrängt. So sagt z. B. Valdec: 
»Gospodari traSe, da im se plati veöera potroSena«. (Die Heiren, 
d.h. die Männer in der Hausgemeinschaft fordern, dass man ihnen die 
Auslagen des Nachtmahls bezahle.) In Eotari und Bukoyicaim Zaner 
Kreise, begnügt man sich nach Jankovi6 keineswegs mit der 
einfachen Bückgabe der empfangenen Geschenke. Wenn die Sippe 
der im Stich gelassenen Partei zahlreich und mächtig ist, so sucht 
man vorerst die andere Partei durch Drohungen zu zwingen, dts 
gegebene Wort einzulösen. Lässt sich dieae nicht einschfichteri« 
so fängt man an, ihr die Häuser anzuzünden, Bäume zu flllen, 
das Vieh zu tödten und hundert andere Bosheiten gegen sie ans-' 
zuüben, bis endlich Frieden geschlossen wird, sei es, dass man aif 
die Verlobung wieder eingeht oder dass man ein gefordertes Bosse« 
geld für die angethane Schmach und Schande erlegt Es kommt 
derlei wohl ziemlich selten vor, versichert unser GewährsmiUL, 
doch geschieht es zuweilen bei solchen Anlässen, dass es aseb 
Mord und Todtschlag absetzt. 

In einem so rücksichtslosen Vorgehen drückt sich nnzweifei* 
haft ein starkes Ehrgefühl und Bechtsbewusstsein ans. Das spridt 
sich auch im Sprichworte aus: 

Sve za lice a lice za ni za§to. 
Alles (muss eingesetzt werden) für die Ehre, doch die Ehre ist vß 

nichts feil. 

Es wäre gewiss auffallend, wenn die Anwohner von Zara allein 
auf diesem Standpunkte unter ihren Bruderstämmen sich befänden 
In der ganzen Bocca, in der Hercegovina und der Cmagora ist 
man in dieser Hinsicht sogar womöglich noch empfindlicher. 
Vröevi6 berichtet: »Träfe es sich zußllligerweise, dass ein Barsche 
ein Mädchen sitzen Hesse, d. h. wenn er ihren Eltern nämlich sagte: 



196 

mag mich mit ihr nicht trauen lassen«, bo zieht er sich da- 
.h in dem Masse den Hass des Volkes zu, dass man ihn auf 
mpfliche Weise (na sramotu) mit Gewalt zur Trauung zwingt, 
' er muss in die Welt entfliehen und darf sich nimmermehr 
1er Heimat blicken lassen. Trifft es sich in einem solchen 
le, dass seine Eltern noch einen zweiten Sohn haben, so ver- 
!n sie ihn gewöhnlich mit dem verlassenen Mädchen, nur darf 

Bursche von ihr nicht um vieles jünger sein, denn sonst 
imt es gar nie vor, dass ein jüngerer Bursche ein Mädchen, 

älter als er wäre, heiraten würde. Ist kein zweiter heirats- 
iger Sohn da, so kann man die Sippe des Flüchtigen nicht un- 
ttelbar angreifen, weil sich das Dorf ins Mittel legt und die 
ai Sippen mit einander aussöhnt. Man stattet einfach den Yer- 
QDgsring zurück mit den Worten: 

Nije im bilo od boga sudjeno!« 
Es war ihnen nicht von Gott bestinmit gewesen. 

In Bulgarien sind es merkwürdigerweise zumeist die Bräute, 
lebe die Verlobung rückgängig machen. Häufig ist die Habgier 
$ Mädchens der einzige Beweggrund, dass die eine Verlobung auf- 
löst und eine zweite mit einem Andern geschlossen wird. Ver- 
lebt oder schickt z. B. ein Zweiter dem Mädchen als Handgeld 
mk) hundertundzwanzig Ducaten, während der Erste nicht mehr 
60—70 opfern mag, so lässt die Braut diesen fahren und wählt 
n Andern. So erzählt Odiakov, der unzweifelhaft gerade in 
ir freigebiger Stimmung war, als er diesen Bericht schrieb. Die 
he des Hand- und Eaufgeldes ist durch Brauch und Sitte ziem- 
li festgesetzt auf 100—1000 Groschen, wie wir an einer andern 
ilie theils durch Volkslieder, und theils durch Od2akov's eigene 
)rte, die er gelegentlich gebraucht, nachweisen. Die Entschul- 
niDg, die das Mädchen gebraucht, wenn sie ihr Wort bricht, ist 
vöbnlich das Sprichwort: 

Ako rjekohmi, ne go otsjekohmi, 

^r wie die serbisch-kroatische Variante lautet: 

Ako rekoh ne posjekoh. 
Hab' ich's gesagt, so hab ich^s doch nicBt durchgehauen, 

h. das eigentliche Verhältniss war noch kein fest abgemachtes 

resen. Bei Eaufabmachungen reichen sich Käufer und Verkäufer 

Hand, ein Dritter versetzt ihnen auf die Hände einen Schlag 

13* 



198 

(Denn) vor Gott ist's eine grosse Sunde, 

Und vor Menschen viel verhasst und schändlich, 

Eines Mädchens Lebensglück vernichten. 

Ihre TJnbeflecktheit verleiht dem Mädchen einen grösseren Wertb 
als der grösste Beichthum, denn: 

Bolji je dobar glas nego zlatan päs. 
Besser ein guter Ruf als ein goldener Gürtel, 

heisst es im Sprichworte, und mit einem andern warnt man eine 

Unerfahrene : 

Oekaj divojko vrimena, ne gubi imena! 

Wart', Mädchen, (deine) Zeit ab, verlier' (deinen guten) Namen oichtl 

Bezoöna djevojka narok gubi. 

Ein schamloses Mädchen verliert den guten Ruf, 

denn: 

Izgubila stid naSla sramotu. 

Scham verloren, Schande gefunden. 

Freilich : 

Zlu 2enu öuvat je zaiudu. 

Ein schlechtes Weib zu hüten ist vergebens. 

Andererseits gehört auch nicht viel Kunst dazu, ein Mädchen zu 

bethören, wie das Sprichwort sagt: 

Nije junaötvo curu prevarit. 

Es ist kein Heldenstück, ein Mädchen zu betrügen. 

Ein bulgarisches Sprichwort begründet dies mit: 

2ena dlgokosa plitkoumna. 
Das Weib hat langes Haar und einen seichten Verstand, 

oder wie die kroatisch-serbische Variante sagt: 

U iene je duga kosa a kratka pamet. 
Das Weib hat langes Haar, doch kurzen Verstand. 

Doch auch den Verführer mag man zuweilen entschuldigen, weil 

Ljubav 2enska mre2a vra^ja. 
Frauenliebe, teuflisches Netz. 

Wie leicht fehlt man, 

Ko nij[e falio, ko li ne 6e ? 
Wer hat nie gefehlt, wer wird nie fehlen? 

Die Antwort darauf: 

Niko bez grijeha do samoga Boga. 
Ohne Sünde ist Niemand, ausser Gott allein. 



Die Liebe hat ihre eigene Sprache. Sie drückt den Gedanken 
nicht blos durch Worte aus und lässt kalt, wie die Gedanken, 
die man in Worte kleidet. Sie ist so schnell wie der Gedanke, sie 
ist ein unaussprechlicher, unausschöpflicher Gedanke, der immer 
und immer wieder Millionen liebender Gedanken entzündet. Ein 
Lächeln, ein leiser Händedruck genügen, schon sind die Sinne verwirrt: 

S pogleda na smieh, sa smieha na grieh. 
Vom Blick zum Lächeln, vom Lächeln zum Fall (zur Sünde). 

Liebe, Liebreiz, Winke der Gunst und Alles, was ein Herz darbeut 
^Qd ein Herz erwidert, wenig frommt*s, leiht nicht die Gelegenheit 
^m Athem und Dasein. Doch wann hat es je Liebenden an Ge- 
legenheit gefehlt? Die findet sich immer, und schliesslich behält 
das Sprichwort Becht: 

Gje dvoje mlado di§e tu treöe gmi2e. 
Wo zwei junge Leute athmen, da kriecht ein Drittes, 

Oüd: 

Da bi mimo sedjelo ne bi 6\ido vidjelo (bulg.). 
War' sie (das Mädchen) ruhig gesessen, hätt^ sie kein Wunder erschaut, 

(d. h. erlebt). 

Ein Wunder kann's eigentlich nicht genannt werden, denn: 

Mlada utroba plod dava. 
Junges Eingeweide gibt Frucht. 

Ein Wunder ist's um so weniger, als man doch weiss, dass: 

Gje kokot, tu ima svega i svaSta. 
Wo ein Hahn ist, da gibt es Alles und Allerlei. 

Und: 

Kad soko oblijede na prazno ne 6e. 

Wenn der Falke kreist, lässt er sich auf etwas Leeres nicht nieder. 

liässt sich ein Mädchen nur ein wenig mit ihrem Liebhaber ein, 
dann ist's schon gefehlt, denn: 

Ko ne öuva prsi, ode i podkutnjica. 
Wer die Brüste nicht behütet, hin ist auch das Unterhaus. 

Dies bekräftigt auch noch folgendes Sprichwort: 

Ko s vragom tikve sadi o glavi mu se lome. 



t^ Wer mit dem Teufel Kürbisse pflanzt, dem zerschellen sie am Eopfe. 



200 

Jedes Mädchen soll sich Eines merken: 

Sokolu je da lovi a prepelici da se öuva. 
Der Falke muss auf Jagd ausgehen, die Wachtel aber muss sich in Obacht 

nehmen. 

Doch nicht jedes Mädchen, das verführt wurde, ist die Verführte, 
sie mag auch wohl die Verführerin sein: 

Dok kuja repom ne mahne psi za njom ne idu. 
Ehe die Hündin mit dem Schweife nicht wedeh, gehen ihr keine 

Hunde nach. 

Und von Mancher kann man sagen: 

Tra^ila krava junca pa ga i nasla. 
Es suchte die Kuh einen Stier und fand ihn auch. 

Ein schwacher Trost bleibt am Ende sowohl der Verführten, als 
dem Verführer, wenn man ihnen Vorwürfe macht: 

Ni na me postalo ni svrSilo. 
Bin weder die (der) Erste, noch die (der) Letzte. (Wörtlich : An mir hat e» 
nicht den Anfang genommen [ist^s nicht entstanden], an mir hat es kein 

Ende genommen.) 

Hartherzige Mensehen sagen von einer Gefallenen kurzweg: 

Sto je tra2ila, to je i dobila. 
Was sie gesucht, das hat sie gefunden. 
Oder man fragt, wenn man mit Jemand einen solchen Fall bespricht. 
in humoristisch-satirischem Tone: 

Za§to SU ti djevojko meke sise? 
Warum sind dir, Mädchen, die Brüste weich? 

und beantwortet sich selbst im Namen des Mädchens die Frage mit: 

Sve s moga meka obraza. 
Alles wegen meines weichen Gesichtes. 

Obraz bedeutet so viel als Gesicht, Antlitz und auch in übertrage 
nem Sinne Ehre. Weil sie sehr weite Begriffe von Mädchenehr* 
hat, deshalb sind auch ihre Brüste weich. 

Auf jeden Fall ist das Mädchen für immer unglücklich ge- 
macht, denn: 

Prije roka dade pa se ne udade. 

Vor der Frist gab sie's her und kam an den Mann nicht mehr. 

Man bedauert die Gefallene, doch man richtet sie nickt 
mehr auf. Die Armuth kann sie auch nicht rechtfertigen. Ibi 



201 

gt: >Ma da je i sirota, da je samo ostala poStena.« (Mag sie 
ich arm sein, war* sie nur ehrenhaft geblieben.) Gewöhnlich 
iräth die Tochter der Mutter, der Sohn dem Vater nach; man 
acht die Eltern fQr die Fehler ihrer Kinder verantwortlich: 

Kakav otac takav sin, kakva majka takva k6i. 
Wie der Vater so der Sohn, wie die Mutter so die Tochter, 

ler: 

Kud 6e kru§ka te izpod debia? 

Wohin könnt' die Birne fallen als unter den Baum? 

Etwas ganz Anderes ist es, wenn ein Mädchen wegen irgend 
nes körperlichen Gebrechens keinen Mann findet und im Eltern- 
iuse altern muss. Vor Bohheiten ist freilich auch diese Be- 
iuernswerthe nicht gefeit. Sentimental und zimperlich in der 
^ahl seiner Ausdrücke ist der Südslave in solchen Fällen selten, 
ler richtiger gesagt nie. Bohheiten mag ich nicht anführen, man 
um derlei auch anderswo als unter den Südslaven zu hören be- 
)mmen. Bohheiten gehören doch im Grunde genommen zu den 
Qsnahmen, in der Begel sucht man die Aermste mit Berufung 
if eine höhere Schicksalsordnung zu rechtfertigen, indem man sagt : 

Nije joj bilo sudjeno. 
Es war ihr nicht bestimmt, 

imlich je zu heiraten ; oder : 

Rodila se pod nesretnom znjezdom. 
Sie ist unter einem unglücklichen Stern geboren worden. 

Ire Anverwandten suchen sich selbst zu beruhigen und meinen: 

Nije ostala u rodu po djavoljoj no po bo2joj volji. 
le blieb nicht in der Verwandtschaft (d. h. im Elternhause) nach des 

Teufels, sondern nach Gottes Willen. 

io bitteres und leidenvolles Leben führt sie trotzdem, ihr Los 
t aber dennoch ein günstigeres, als das einer Gefallenen, denn : 

Ako je i izgubila srecu nije obraz ni du§u. 
enn sie auch ihr Glück, so hat sie doch ihre Ehre und Seele nicht 

eingebüsst. 

Sonst findet der Mensch immer und bei jeder Gelegenheit, dass 
ganz unverschuldet in unangenehme Verhältnisse hineingerathen. 
s Unglück (nesreöa) muss schliesslich alle Verantwortung für der 
nschen wirkliche und eingebildete Fehler übernehmen. Die süd- 



202 

slayische Volksdichtung hat sich dieses Gedankens bemächtigt 
ihn sinnig in folgenden Zeilen zum Ausdruck gebracht: 
Im Gebirge klagte laut das Unglück,. 
Klagte bitter und vergoss viel Thränen : 
»Lästig ist mir längst der Menschen Wahnsinn. 
Sie vertollen, handeln immer unklug, 
Doch die Schuld, die trifft allein mich Unglück.« 
Wie gesagt, ein Mädchen, das einen Fehltritt gemacht, 
nicht nur gewöhnlich die Aussicht verloren, sobald einen Mani 
bekommen, sie muss sich auch mancherlei Demüthigungen gefa 
lassen. Man nennt sie gleich, sobald sie sich muckst, die £ 
(kurva). In den Städten heisst man die Gefallenen, wenn si( 
ihrem Treiben fortfahren, bluduice (die Verirrten). Dem W 




kommt aber noch eine andere Bedeutung zu. Bludnica heisst i 
Vagabundin, die aus der Fremde Gekommene. Eines muss : 
immer festhalten. Das Bordellwesen war noch vor fünfzig Jal 
im slavischen Süden etwas unbekanntes, vollends in den 
genden, wo die Türken die Herrschaft ausübten. Die Türken 
deten derlei um keinen Preis. In den grösseren und klein 
Städten in Krain, Steiermark, Kroatien, Slavonien, Dalmatien 
nun auch in Serbien, leider auch in Bosnien seit der Occupai 
dann in Bulgarien, seitdem dieses Land selbständig gewoi 
gibt es sehr viele Lusthäuser, deren Bedarf an Menschenwaare 
Theil auch durch deutsche und ungarische Seelenhändler gedeckti 
Jedes Frühjahr fahren donauabwärts von Wien und Pest aus fünf 
sechshundert solcher, dem Verderben geweihter zumeist schon 
dorbener Geschöpfe. Die Südslavin aus dem Bürgerstande sinkt zuw< 
sehr tief, so z. B. gibt es in den Hauptstädten, in Pest, Sarajevo 
in Wien unter den Verlorenen recht viele Südslavinnen. Das gr 
Contingeut liefert Steiermark, dann Kroatien zumeist aber Ser 
Noch am Anfange dieses Jahrhunderts waren die Str 
die man über eine Gefallene verhängte, wirklich furchtbar. 



203 

Zagorje in Ejroatien wurde die Unglückliche in ein Marterholz 
(triica) gesteckt. Dasselbe hatte vorstehende Form: Siehe S. 202. 

Mit A wurden die Hände, mit B die Füsse der Büsserin ein- 
gezwängt, a c sind die Oeffnuugen, durch welche die Biemen ge- 
zogen wurden, um die Bretter zusammenzuziehen. Zuletzt wurden 
das obere und untere Schraubenbrett zusammengezogen, so dass 
die Arme zusammengekauert dasass. ^) Noch jetzt erinnert daran 
das Sprichwort, mit welchem man ein Mädchen zurechtweist, das 
eine gebückte Haltung hat : 

Dr2i se kao kurva u trlici. 
Sie hält sich wie eine H . . . im Schraubstock. 

Es liegen uns zuverlässige Zeugnisse dafür vor, dass bei den 
Südslaven eine Gefallene ehedem den Kopfputz, den sie als Mädchen 
tng, ablegen und sich nach Art der verheirateten Frauen und der 
Witwen kleiden musste. Dieser Brauch hat sich, wenn anders 
Badiö's Zeugniss einen Werth besitzt, nur noch in 2umberak in 
Kroatien erhalten. Vor 20 Jahren erzählte Milinovi6 Bogi§i6 
[vergl. Knji2. S. 30), dass die Mädchen im nördlichen Dalmatien 
^iner Gefallenen, die es wagt, mit einem Mädchenputz vor der 
Kirche oder auf dem Markte oder sonst wo an einem öffentlichen 
Orte zu erscheinen, ihr dieses Abzeichen unter Schimpf und Spott 
berabreissen und mit den Füssen zertreten. Zehn Jahre später 
^ar dieses Vorgehen schon ausser Uebung gekommen, wie man 
to den Berichten im Zbornik ersehen kann. »Halb bemitleidet, 
halb verachtet man eine Solche,« meint Bens an. Manche zieht 
B8 auch vor, nach einer solchen Geschichte in die Stadt zu gehen 
iod dort als Dienstmädchen sich zu verdingen. 

In Stara Fazva in Syrmien darf die Gefallene nur dann, wenn 
Kie doch heiratet, was heutigen Tages wenigstens in ganz Slavonien 
immer häufiger wird, da man in dieser Hinsicht nicht mehr wie 
früher ängstlich ist, bei der Trauung keinen Myrtenkranz tragen. 
Dass sich dies in den letzten zehn Jahren geändert hat, dafür 
iprechen verschiedene Anzeichen. Im ehemaligen GradiSkaer und 
Broder Regiment ist man schon sehr lange über alle Bedenken 
tinweg. Man witzelt über die pikante Geschichte, doch klebt kein 
reiterer Makel an der Gefallenen. In Bosnien und in Serbien 



*) Ein solches Marterwerkzeug sah ich vor Jahren unterm Gerumpel in 
Bier Casematte in der Festung Altgradiska. Darnach Hess ich das Bild 
iferügen. 



204 

ergeht es der Aermsten wohl sehr schlimm, denn es hält schwer, 
dass sie je heiraten kann, ausser ihr Verführer erbarmt sich ihrer. 
In Bulgarien übt man grosse Nachsicht mit «einer Verirrten. Hau 
hat sie zwar, wie Odiakoy sagt, nicht besonders gern, doch be- 
schimpft man sie nicht, vielmehr wird sie allgemein bedauert. Nor 
darf sie mit den übrigen Mädchen im Beigen nicht mittanxen. 
Das Volk richtet nicht selbst über die Verirrten, sondern sagt 

mitleidig : 

Bog da im sodi! 

Gott soll über sie richten! 

Sinnentsprechender müsste man diesen Satz mit »Gott soll 
ihnen gnädig sein« übersetzen. Der Verführer muss entweder das 
Mädchen heiraten oder ihr für die geraubte Jungfräulichkeit (mo- 
minstvo) ein Bussgeld zahlen. Sonst nehmen sich die Priester der 
Sache an und verweigern der Dulderin das heil. Sacrament In der 
Hercegovina und im südlichen Dalmatien, sowie auf den Insdi, 
dringt das Volk in den Verführer, besonders wenn das Mädchen ii 
andere Umstände geräth, dass er das Mädchen heirate. Weigert er 
sich, so wird er aus dem Dorfe und der ganzen Gegend vertrieba, 
sein Erbantheil aber Wlt der Verlassenen und dem Kinde tb 
Eigenthum zu. Wenn ein Vater bei seiner Tochter, oder ein Bmdcr 
bei seiner Schwester Jemand ertappt, so darf er ihn nicht bin 
durchbläuen, sondern auch auf der Stelle tödten; denn man Ult 
dafür, dass die Schande dem ganzen Hause angethan sei. Die sttl- 
slavischen Altkatholiken verfolgen den VerfQhrer auch noch aas 
einem andern Grunde. Man glaubt nämlich im Allgemeinen, das 
ein Dorf, in welchem man den Verführer nicht zwinge, seil 
Opfer zu heiraten, von Hagel und Schauer heimgesucht wird. Be- 
sonders werde dies dann eintreten, wenn das Mädchen ihre Leibes- 
frucht tödtet. Die Katholiken machen sich über diesen Glaubei 
ihrer Brüder gerne lustig. Sie bedünken sich in dieser Hinsidt 
um Vieles aufgeklärter, wenn sie als den Urheber eines Wetter- 
schadens ihren Pfarrer hinstellen, der sich angeblich an seiner 
Gemeinde wegen der rückständigen Gebühren auf diese Wein 
zu rächen sucht. Ich kenne einen Pfarrer, der nach einem Hagel- 
wetter von seinen erbitterten Dörflern beinahe erschlagen worden 
wäre. Kehren wir indessen zur Sache zurück. 

Die Südslaven sind, wie wir es schon betont haben, in allen : 
jenen Gegenden, wo sie mit fremder Cultur in keine nähere Be- 
rührung gelangen, äusserst darauf bedacht, dass keine Unsittlich- 



205 

t aufkomme. Aus deu zuletzt angeführten Gründen wird daher 
^h die Verführung und Nothzucht als ein Capitalverbrechen be- 
.chtet und darnach bestraft. 

Wie man in älterer Zeit darüber gedacht, darüber liegt ein 
thentisches Zeugniss in einem Volksliede vor. Der Fall trug sich 
i Jahre 1573 im Eüstenlande zu. Der spanische Herzog Don 
irlos, der gerade damals zur Zeit der heftigen Kriege Spaniens 
^en die Türken, zu Noyi als Oberster der Besatzung zum Schutze 
^s Landes sich befand, erkühnte sich bei einem Streifzuge, zwei 
^aisenmädchen aus Ferasto Gewalt anzuthun. Die Ferastaer rächten 
ich dafür dadurch, dass sie seine Braut nothzüchtigten ; nach dem 
lechtsgrundsatze, wie es im Liede heisst: 

Sto je nami uzajmio to smo njemu odvratili. 
Was er uns geborgt hat, das haben wir ihm zurückerstattet. 

ndern schlagen sie dem Verführer die Bechte ab und reissen ihm 
ie Lippen aus, mit welchen er die Mädchen geküsst. Ich führe das 
lerkwürdige Volkslied in getreuer TJebersetzung an. Es lautet: 

b zu Novi auf der Veste spanische Soldateska hauste, 

Wohl vorübergehend, 
iese Spanier, die gewohnt sind, Bubenstreiche auszuführen. 
Ines Tages zog Don Carlos, der Besatzung Haupt und Führer 

Reiterschaarenführer, 
it den Rittern aus zu Rosse, wollt' das ganze Land besehen, 
ügt's am selben Tag der Zufall, dass zwei Waisen aus Ferasto, 

Beide Dienerinnen, 
'ohl im Auftrag ihres Herren, übers Land selbander gingen, 
der Au begegnet ihnen mit den Rittern Held Don Carlos, 

Reiterschaarenführer. 
lat den beiden Waisenmädchen ihre Ehr' und Würde rauben, 
s die Waisen heim nun kamen nach dem biederen Ferasto, 

Beide Dienerinnen, 
i erzählten ihrem Herren sie die ganze Sache treulich. 
hnell hineilt davon die Kunde durch's weissschimmernde Ferasto, 

Durch das biedere Städtchen, 
r Berathung kamen alle Ferastaer nun zusammen: 
her sollen aus Ferasto spurlos schwinden uns're Brüder, 

üns're theu'ren Brüder! 
' den spanischen Beritt'nen gut wir dieses Treiben heissen !« 



206 

Alle alsogleich beschlossen, einen Späher auszusenden 

Nach dem Städtchen Novi, 
Wollten so erkunden lassen Ort und Zeit zur Rachenahme, 
Und zu diesem Zweck erwählten sie den Vukomir Boianov, 

Den bewährten Helden, 
Der sollt^ Alles fein erspähen, die Gelegenheit erkunden. 
Nicht ganz volle sieben Tage lag auf Lauer Vuk Boi^anov, 

Späher aus Perasto; 
Kehrt' am achten Tage heimwärts, ins weissschimmernde Perasto. 
Und im Perastaer Rathe hielt nun Vukmir eine Rede^ 

Dieser muth'ge Kämpe: 
»Thu's Euch Allen Kund und Wissen, Perastaer kühne Helden! 
Hört, am Morgen früh aus Novi brechen auf die Ritter alle, 

Spaniens grosse Helden! 
Und voran an ihrer Spitze zieht Don Carlos, jener Herzog. 
In der Biela ^) und im Lande will er jetzt die Zehnten sammeln. 

Hoch, die spanischen Helden!« 
Schlüssig wurden damals alle Perastaer sammt und sonders. 

Als sich auf die Erde stille niedersenkte nächtlich' Dunkel, 

Welch' ein nächtlich' Dunkel! 
Stachen sie auf ihren Kähnen in die dunkelblaue Meerfluth. 
Und die mitternächt'ge Stunde traf sie an dem kühlen Bronnen, 

Jugend aus Perasto. 
Legten in den Hinterhalt sich, um des Bronnens kühl' Gewässer. 
Als das morgenröthlich' Frühlicht hellen Tag verkündend, aufstieg, 

Morgenröthlich' Frühlicht, 
Hell erglänzt' die Morgenröthe und die Sonne sprang weit aufwärts. 
Führt' ein bös' Geschick zur selben Stund' die Ritter fort aus Novi, 

Spanische Beritt'ne, 
Und voran an ihrer Spitze ritt Don Carlos selbst, der Führer. 
An Don Carlos' Seite siehst du reiten mit sein treues Liebchen, 

Junge spanische Schönheit. 
Rast zu halten an dem Bronnen, Hessen sich die Helden nieder. 
Da enthüllten die Peraster ihre Flinten langen Laufes, 

Jugend aus Perasto. 
Legten an, die langen Flinten, zückten ihre scharfen Schwerter. 



*) Bijela (sei. gora), d. h. das weisse Gebirge zwischen GrahoTo, i 
KrivoSija, Korjeniö und Trebinje 



207 

reiundvierzig spanische Helden Hessen da ihr junges Leben. 

Spanier dreiundvierzig, 
nverwundet fiel Don Carlos unsVen Helden in die Hände, 
achten auch sein treues Liebchen Isabella zur Gefangenen, 

Holdes spanisches Bräutchen, 
le bezwang^i Lsabella vor Don Carlos eigenen Augen, 
'eint' gar bitter, sie, die Junge, sich ihr weiss' Gesicht zerfleischend. 

Junge spanische Schönheit; 
och auf ihre Klagen gaben die Peraster ihr zu Antwort: 
Pluche nicht, o Isabella, Perastaern Heldensöhnen, 

Jungen Perastaern, 
andern fluch' allein, o Bräutchen, Deinem Bräutigam Don Carlos, 
ine Schuld blos haben wir ihm, wie es Recht ist, abgetragen, 

Carlos, Deinem Brautmann !c 
nd sie hieben nun Don Carlos ab die starke Heldenrechte, 
nd sie rissen ab Don Carlos diese schandbefleckten Lippen, 

Ja, dem Herzog Carlos, 
ie den Mund der Waisenmädchen jüngst geküsst gewaltsam hatten, 
öhnen mögen ihn Genossen und die Völker dieser Erde, 

Den viel kühnen Helden; 
i^hickten ihn darauf nach Novi, in die stolze, weisse Veste. 
Is nun Isabel erfahren, warum und wie so's geschehen. 

Junge spanische Schönheit, 
^tzt sie eigenhändig an den weissen Hals sich an das Messer. 



)n der Zeit wird dieser Bronnen nur genannt das Grab der Spanier. 

Jenes kühle Wasser, 
>ch man nennt es gegenwärtig auch das kühle Grabeswasser. 
ese That Tollbrachten damals Heldensöhne aus Perasto, 

» Junge Perastaer, 
essen nicht auf sich beruhen als Erinnerung Schimpf und Schande, 
ese That vollbrachten damals Grenzbewohner, edle Ritter, 

Wack're Grenzbewohner, 
len gegenwärtigen Helden viel Gesundheit, viele Freuden ! ^) 



*) Nftrodne pjesme iz starijih najviSe primorskih zapisa sknpio i 

srijet izdao V. BogiSiö 1878, S. 150—153. Diese Sammlang ist von einer 

londeren Wichtigkeit fftr das Studium der südslavischen Yolksepik, besonders 

il uns hier eine lange Reihe kleiner Epen, abgesehen von ihrem inhaltlichen 

rrthe. in einer nunmehr vergessenen Versart, der sogenannten bugarStica 



208 

In der Hercegovina ist man in dieser Hinsicht noch ge 
wärtig unerbittlich streng. Yuk Yr^eviö erzählt uns in sei 
Buche: »Niz srpskih pripovijedaka«, S. 129 — 137 und 83—90, : 
Verführungsgeschichten, die in Bezug auf die Eenntniss der V( 
rechtspflege von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind, 
beide ; Fälle von Friedensrichtern entschieden wurden. Der ( 
Fall trug sich im Jahre 1859 zu. Yröeyiö war offenbar bei 
Verhandlung zugegen gewesen und sein Bericht verdient die GL 
Würdigkeit eines stenographischen Protokolls. Der Sachverhalt 
in einigen Worten der, dass der Bursche Milutin Gruji 
(Sohn des Grujica) zu gleicher Zeit drei Mädchen aus seinem D 
geschwängert hatte. Milutin's Eltern und die Eltern der drei H 
chen geriethen bei der Entdeckung dieser Thatsache in Venw 
lung. Die Schande traf nicht blos Einzelne, sondern das »gi 
Volke. Daher sollte das ganze Volk über die Verirrten zu 6er 
sitzen und durch die von Alien gemeinsam gewählten zwölf F 
densrichter ^) das ürtheil Wien lassen. Bei anders gearteten St 
tigkeiten wählen nämlich die besonders betroffenen Parteien i 
Vertrauensmänner. 

An einem Sonntage wurde zuerst die Vorberathung gepflo| 
Der Priester trug dem Volke die Sache vor. Es ist wohl am tu 
zeigtesten, wenn wir Vr6evi6's classische Darstellung beibehal 
und sie deutsch wiedergeben. 

Der Priester: Habt ihr Brüder von dem Unglück i 
der schweren Sünde schon vernommen, die unser Dorf von 6n 
aus zerstörten? 

Der Enez: Davon wissen, Priester, schon die Dorfkinder 
erzählen, wie denn erst nicht die Männer und Weiber. Jedemu 

(vergl. obige Versart), fiberliefert sind. Es ist ein leider bisher noch wsp 
gebührend gewürdigtes Verdienst B o g i S i d*s , diese Lieder ihrem ganien 1 
fange nach gerettet und ihren Charakter auf das Eingehendste dargethu 
haben. Er war es, der die enge innere Abhängigkeit der Ragafaer-difanal 
sehen Eunstdichtung von dieser Volksdichtung anfs Unzweidentigste (ii 
Einleitung zu der Ausgabe, S. 89-^120) nachgewiesen hat Eine selbst o 
flächliche Vergleichnng dieser V($lksdichtungcn mit den Homerischen I 
würde eine ganze Menge sogeiranntcr Honierfragen, namentlich die metris 
Natur, ganz einfach ihrer endgiltigen Lösung zuführen. Bogidi^ hat in der 
leitung den Boden dafür geschaffen. Die viri illustrissimi oder inlastriss 
wie sie anitzo zu sagen pflegen, haben natürlich davon keine Notix genom 
^) Ueber die Friedensrichter gedenke ich im IL Bd. dieses Wi 
zu handeln. 



t' 



209 

)ftet seinen Blick auf Dich, Priester, und wartet Dein Zeichen 
), dass wir den Aussatz aus unserer Hürde entfernen. Hier 
n ich, hier Du, hier sind alle Hausältesten. Wir wollen nun 
erathschlagen, wie und was zu thun sei; denn jetzt hat es mit 
em Hinausschieben sein Ziel. 

Ein Hausältester: Ja, wozu soll da erst berathschlagt 
md die kostbare Zeit der Sühne wegen der angethanen Schmach 
md Schande vertrödelt werden ? Wer gesündigt hat, der soIFs auch 
büssen. Augenblicklich den Hund und die Hündinnen steinigen; 
nur kurzen Process machen. 

Der Priester: Das geht nicht so, mein holdester Gevatter, 
wie Du Dir das denkst. Leichter ist's, in die Sünde hinein zu 
gerathen, als für sie ein Heilmittel ausfindig zu machen. Sie sind 
nicht die Ersten und nicht die Letzten, die da gesündigt. Man 
nnss vorerst Alles und Alle hören und dann zuletzt ein ürtheil 
ftUen. 

Ein Bursche aus der Menge: Hör' mich, Priester und 
Volk ! Ich habe, ich schwöre es bei diesem Gotteshause, von Milu- 
& selbst gehört, als er sein Unglück bitter bereute, wie er 
U die Sünde hineingerathen ; an seiner Seele haftet sie; die Mäd- 
dien aber sagten aus, dass er ihnen Gewalt angethau. Dagegen 
entnehme ich aus den Beden meiner Mutter und meiner Muhme 
AngjnSa, dass eine derartige Schandthat nicht durch Gewalt, son- 
^rn nur aus freier Liebe zu Stande kommt. Also ist weder der 
'enfel schwarz noch seine Grossmutter weiss, wie man zu sagen 
ti^. Sowohl meinen Genossen als die Mädchen trifft gleiches 
Verschulden. Was sie gesucht, das haben sie gefunden. Ist's nicht 
io, Brüder ? 

Das Volk: Deine Bede soll man in Silber fassen. Gut war's 
psprochen. 

Der Enez: Das mein' ich auch, doch wo immer ein Jün- 
|irer über einen Aelteren zu Gericht sitzt, da hilft Gott nicht. 
Kommt, und Ihr werdet hören, wie wir die Angelegenheit ins 
Beine bringen werden. Erwählt ausser mir und dem Priester noch 
iBbn Bauern, und was wir dann für Becht befinden, darauf müsst 
Ikr eingehen, denn auch wir, gerade wie Ihr, sehen nicht viel 
i«iter als unsere Nase reicht Bleibt gesund bis aufs Wiedersehen. 

Am nächsten Sonntag waren Alle zur Stelle vor der Kirche. 
hs Verhör wurde vom Priester begonnen, indem sich dieser an 
lilutin wandte und ihn fragte: Sprich, unglücklicher Sohn, was 

Krauts, Sitte a. Gewohnheitsrecht d. SQdsL 14 



210 

hast Du mit diesen unseren Schwestern gemacht? Sprich < 
Wahrheit, denn Dein Grab ist bereit, wenn Du die Wahrhi 
unterdrückst. 

Milutin: Ich weiss, dass ich ein- für allemal meiner Eh 
verlustig geworden bin. Jetzt, wo ich den Tod yor Augen sei 
ist's an mir, die Wahrheit zu beichten, geschehe das Eine weni| 
stens, dass ich meine Seele rein in jene Welt bringe, wenn i( 
schon meine Ehre nicht rein mit ins Orab nehme. So hat sicli 
zugetragen, so wahr ich sterben möge mit dem Namen Gottes ai 
den Lippen : Ich hatte mich mit der Heimkehr vom Markte verspäte 
d'rum verdoppelte ich meine Schritte ; am Flüsschen ereilte i( 
diese drei Mädchen. Gott mag über sie richten. Sie assen Brc 
und tranken abwechselnd aus einer Eürbisflasche Wein. Sie fo 
derten mich auf, ich soll mich an ihrer Seite niedersetzen, üo 
ich folgte ihrer Einladung zu meinem Unglück; nahm ein Stüc 
Brod und einen Bissen Eäse aus meinem Täschchen heraus, mkl 
mich aus und riss nach unserem Brauch etwas derbere Wit» 
denn ich sah, dass sie mich gut aufnahmen, und mir war es gl 
nicht unlieb. Als wir genachtmahlt hatten, war die Nacht aoci 
schon da und ich sagte: »Gehen wir, damit wir uns nicht Ter 
späten. < D'rauf diese alle Drei wie aus einer Eehle: >Spät ist: 
schon geworden, übernachten wir hier; wir brechen dann Früh mä 
der Morgenröthe auf.< Ich verlor den Verstand und blieb. Als« 
mich schläferte, sagte ich: »Gute Nacht« und schlug mich t« 
ihnen seitwärts und legte mich auf einem Felde nieder. Indessa 
fingen die an, etwas unter einander zu wispeln, und dann schlogtf 
sie eine Lache auf, als müssten sie vor Lachreiz bersten. Doch id 
that so, als hörte ich nicht, und schlief bald ein, als wäre ich ib* 
geschlachtet. Tief in der Nacht, siehe, da sind die alle Drei bd 
mir, fangen mich an zu streicheln, zu umhalsen und zu herzen, wie'i 
die Mutter nie gethan, die mich geboren hat. Bei Gott, Bräder 
wisst, Blut ist kein Wasser und der Teufel ackert nicht und grM 
nicht, sondern umfliegt den Sünder, raubt ihm den Verstand, i 
dass der Mensch keine Müsse findet, über seine Seele und Ehr 
nachzudenken. Nun geschah, was bis auf den heutigen Tag ünti 
diesem himmlischen Hute noch nie geschehen; doch ich schwül 
es Euch noch einmal bei Himmel und Erde, beim Kreuze diest 
Erde und der ganzen Welt, dass, wenn diese Drei nicht zu na 
kommen, sie von mir aus so rein hätten erwachen können, i 
wären wir von einer Mutter geboren worden. 



211 

Der Enez: Hört Ihr's, Mädchen? Was sagt Ihr darauf? 
ne gab auch nur mit einer Silbe eine Antwort auf diese Frage, 
dem alle Drei weinten bitterlich. — Sprecht, fuhr der Knez 
'^ zum Sichschämen war es ein andermal an der Zeit, jetzt 
t Ihr uns aber antworten, ist's Wahrheit, was Milutin da 
Ihlt? 

Die Mädchen schwiegen, als wären sie von Stein. Man schickte 
und Milutin nun zu ihren Eltern heim. Das Volk wählte 
Huf zehn der gewissenhaftesten Bauern, damit diese im Verein 
t dem Priester und dem Enez diese schwierige Angelegenheit 
em Ende zuführen. Diese Zwölf blieben an dem Orte, während 
h die Menge nach Hause begab. Der Priester ergriff zuerst das 
ort. Seine Bede, die Vröeviö wohl sehr getreu und genug aus- 
lirlich mittheilt, gipfelt in dem Gedanken, dass er alle Schuld 
me auf den Verführer wälzen möchte. Ihn unterbrach der Enez; 
r ^b folgendes Geschichtchen zum Besten, um ein Präcedens 
schaffen: »Ein Mann hatte einen jungen Stier und da bat er 
üen Nachbar, er soll ihm erlauben, dass der Stier auf des Nach- 
rs Wiese einige Tage weide. »Das geht nicht an,c entgegnete 
n der Nachbar, »denn auch ich habe drei Eühe, die auf dieser 
lese weiden. Du kannst aber Deinen jungen Stier mit einem 
rick an den Zaun anbinden, damit er am Rain weide.« Der 
tno dankt, thut so und geht nach Hause. Als die Eühe den 
Igen Stier bemerkten, rannten alle drei zu ihm hin, der Stier 
er, wie ja schon ein Stier ist, that einen gewaltigen Satz, riss 
:h vom Stricke los, lief mit den Eühen auf der Wiese herum 
d verursachte einen ungeheueren Schaden.« — Nun frage ich Euch: 
er hat den Schaden verursacht, der Stier oder die Kühe? 

Alle: Bei Gott, die Eühe. 

Der Enez: Nun, so halten wir diesen Weg fest und wir 
langen ans Ziel. 

Einer von den Bauern: Du hast gut gesprochen, Enez, 
Jh will es mir scheinen, als wär'st Du doch auf einen Abweg 
nthen, indem Du alle Schuld auf die Mädchen wälzest und den 
rschen leer ausgehen lässt. 

Der Enez: Gefehlt, gefehlt! Ich will nur das Eine klar 

[^hen, dass sie zu ihm, nicht er zu ihnen gekommen. Und noch 

': Der Falke muss auf die Jagd ausgehen, und die Wachtel 

>.< sich in Obacht nehmen. Das Uebel ist nun da. Theilen wir 

14* 



212 

es in vier Theile. Ich habe blos meine Meinung gesagt, nicht gleich 
verdammt. 

Nach langwieriger Berathung fällten sie einstimmig folgenden 
» brüderlichen ürtheilsspruch . 

1. Mass Milutin Grujiöiu eines von diesen dreien Mädchen, das 
ihm am besten gefällt, ehelichen. 

2. Die anderen Zwei sollen nach ihrer Entbindung ihre zwei 
Kinder ihm zuschicken und er soll diese als Vater aufnehmen 
und bei der Taufe als seine rechtmässigen Kinder eintragen lassen. 

3. Damit Milutin für die begangene Sünde in tiefster Seele 
vor Gott Eeue thue und seine Ehre vor der Welt reinwasche, 
muss er im ersten Kampf, der gegen die Türken stattfinden 
wird, vollständig unbewaflfnet Sturm laufen und sei es einem leben- 
den oder todten Türken die Waffen entreissen, und auf diese Weise 
den Beweis liefern, dass er Ehre und Heldenmuth zu schätzen 
versteht. ^) 

4. Den anderen zwei Mädchen konnten wir kein Bassgeld 
oder eine Sühnung auferlegen, ausser die: sie werden zuschauen 
müssen, wie die übrigen Dorfmädchen, jede zu ihrer Frist, heiraten, 
während ihnen nichts Anderes übrig bleibt, als hinzualtern und einst 
am väterlichen Herde die ergrauten Zöpfe zu flechten.« 

Für den Oesterreicher um vieles interessanter ist der zweite 
Fall, weil er sich in jüngster Vergangenheit, und zwar im Jahre 
1874 auf österreichischem Gebiete in der Bocca di Cattaro zuge- 
tragen hat. Es muss sehr auffallen, wenn nicht einmal ein so offen 
daliegendes Verbrechen, wie Nothzucht, ausgeübt an einem unreifen 
Mädchen, der politischen Behörde zur Anzeige gebracht, sondern 
darüber von Friedensrichtern aus dem Volke abgeurtheilt wird. 
Um so sonderbarer muss dies wohl einem österreichischen Staats- 
bürger erscheinen, wenn er sieht, dass unter den yierundzwansig 
bestellten Friedensrichtern zwölf Crnogorcen sind, die über einei 
österreichischen Staatsbürger mit zu Gericht sitzen. Man miss- 
verstehe mich nicht. Aus mir spricht keineswegs eine Gering- 
schätzung der Crnagora und ihrer Bewohner, die unzweifelhaft eil 
stark entwickeltes ßechtsgefühl besitzen, nur scheinen mir die 

^) Uuser Gewährsmann erzählt ferner : Zwei Mädchen kamen mit Knaka 
das dritte mit einem Mädchen nieder. Milutin lief im Jahre 1875. als die Bay 
revoltirte, ganz unbewaffnet jrepen eine Abtheilunp Türken Starm und fand W 
dieser Gelegenheit einen Heldentod. 



213 

Herren der Croagora am wenigsten berufen, über Gut und Blut 
eines Oesterreichers, und wäre derselbe der allerniedrigste Ver- 
brecher, je zu urtheilen. Die Erklärung dieser allerdings sehr auf- 
fälligen Thatsache, dass ein Oesterreicher Crnogorcen als compe- 
tente Richter ansehen mag, ergibt sich von selbst, wenn man 
erwägt, dass die Bewohner der Bocca sowohl durch verwandtschaft- 
liche Bande als auch in ethnographischer Beziehung den Crna- 
gorcen nähergerückt sind. Zudem ist in unserem speciellen Falle 
<iie beschädigte Partei ein Crnogorac. 

Der Sachverhalt war in Kurzem folgender: Lako Popoviö's 
fünfzehnjähriger Sohn Luka, aus dem Dorfe . . . vac in der 
Bocca, weidete mit Stana, dem neunjährigen Töchterchen des Pe- 
nSä Eezunov aus Z ... z in der Crnagora gemeinschaftlich Ziegen 
und Schafe. Stana war nämlich von ihrem armen Vater bei Lako 
Pöpovi6 verdingt worden. Am Klein -Jungfrauentag war es, als 
Stana weinend zu ihren Eltern in die Crnagora nach Haus gelaufen 
kirn. Fragten sie ihre Eltern, was ihr fehle. Das Mädchen: »Bei 
'»Ott, Mütterchen, zuvor setzte sich Lakov's Sohn Luka zu mir 
^d warf mich im Walde, wo uns Niemand hören, geschweige denn 
^hen konnte, zu Boden und richtete mich schändlich zu , dass ich 
selbst nicht weiss, was mir ist, nur so viel weiss ich, dass mir 
*e Seele aus dem Leibe fährt.« Zur Schlichtung dieses Falles 
^den von jeder Partei zwölf Friedensrichter bestellt. Wir greifen 
^Q wichtigeren Theil der Berathung heraus, weil man aus der 
Art und Weise des Gedankenaustausches der Eichter am Besten 
4ie Bechtsanschauung des Volkes kennen lernt. 

Ein Crnogorac: Wir sind da unser vierundzwanzig wie zu 

<inem Blutgericht wegen Todtschlages versammelt, doch ist PeriSa^s 

Afigelegenheit weit schwieriger zu entscheiden, als wegen eines Mordes 

^urtheilen, denn Ihr vernahmt ja seine Worte : »Eher hätt' ich's 

lako verziehen, wenn er mir zwei Männer ermordet hätte, als 

^e Geschichte, die sich in seinem Hause ereignet hat.« Jeder 

voo uns lege die Hand ans Herz und denke sich seine Seele vor 

fiottes Bichterstuhl, und sage selbst, was er selbst eher verzeihen 

würde. Wenn Ihr nun, Brüder, meint, dass wir den PeriSa ange- 

tboen Schimpf gleich doppeltem Mannesmord abschätzen , so 

ntheilen wir darnach; hab' ich etwas Uebereiltes gesagt, hier 

vtien Weisere als ich. Kein Baum fällt gleich nach dem ersten 

ixthieb. 



214 

Ein Bocchese: Euer Wort ist das bessere und beachte 
werthere, doch gestattet mir, Brüder, dass ich auf diese Bede e 
Einrede erhebe. Du sprichst wahr und recht, dass PeriSa's Schmi 
durch Geld nicht gesühnt werden kann, doch kann wieder k 
üebel ohne neues Uebel geheilt werden, und da wollen wir von r 
üebeln das kleinere wählen. Woher nähme der unglückliche 1a 
den doch nicht das geringste Verschulden trifft, so viel Geld he 
Was wissen die zwei dummen Kinder, was bös, was gut, was a 
ständig, was unanständig sei ? Wer von i;ns kann es auf sei 
Seele nehmen und behaupten, dass die Zwei mit Bewusstsein si 
vergangen? Niemand ist daran schuld, als nur der verfluchte u 
unreine Satan — er bleibe fern von uns — der sich auf der AI 
mit den Kindern zu schaffen gemacht hat. Luka zählt kaum fui 
zehn, das Mädchen nicht recht zehn Jahre; Kinder sind's, na 
Kinderart verfielen sie in ein teuflisches Spiel. PeriSa's Tochter i 
von keinem gereiften Burschen, sondern von einem Kinde g 
schändet worden, und wenn es auch nicht ganz schicklich ist, 
auszusprechen, so ist's doch nach meiner Meinung wenigstens wal 
dass sie schwerlich, bis sie heranwächst, deshalb ihr Lebensglü 
einbüssen wird. Deshalb urtheil' ich, Lako soll dem Periäa das Sfih 
geld für einen Todtschlag erlegen (hundertundvierundzwanzig Gol 
ducaten). Ich weiss wohl, dass diese Summe dem Peri§a zu gerii 
erscheinen wird, Lako wieder wird das Gegen theil behaupten, den 
wenn er alle seine bewegliche und unbewegliche Habe verkauft' 
er könnte noch immer nicht mit dem Gelde aufkommen. Wie ich 
versteh, red' ich. Bin dabei Keinem von Euch nahe getretei 
denk* ich. 

Ein Crnogorac: Verzeih' mir. Du verstehst Dich wahriul 
göttlich aufs Auseinanderziehen des Einschlags! Doch, wie mi 
sieht, schaust Du Dich auf den Seitenweg nicht um, sondern bi: 
vom Wege abgewichen. (Zu allen Bauern gewendet:) Brüder, weB 
wir die Absicht haben, dass wir Crnogorcen Wasser auf Periäi 
Mühle, Ihr Bocchesen dagegen auf Lako's Mühle hinlenkt, : 
wird weder Perisa noch Lakov von dem Brei schlecken, den « 
auskochen, sondern es gerathen zwei Stämme bis auf den leUl 
Mann in Streit auf Leben und Tod ; denn Jedem ist seine Eh 
lieb und werth, nicht minder als dem Kaiser die seine, und < 
Sünde fallt auf die Seele desjenigen — 

Die Bocchesen (zugleich): Verzeih', dass wir Dir ins W 
fallen, lass' uns auch Deine Meinung höreu, dann wollen wir < 



215 

len bei den zwei rechten Enden gemeinsam anziehen, und er 
'd, so Gott will, nicht reissen! 

Der Crnogorac: Hört nun, Brüder, was ich in meinem 
pfe ersonnen. Wir wollen die Uebelthat weder zwei noch einem 
dtschlage gleichwerthig schätzen, sondern schätzen wir sie gleich 
lem ganzen und halben Todtschlage, d. h. zu hundertundvier- 
dachtzig Goldducaten. Mögt Ihr darauf Dicht einwilligen, so ist 
rechtschaffener, dass Jeder von uns wieder dorthin gehe, woher 
gekommen. Wir haben dann nichts berathen und nichts gethan. 
ollt Ihr so, Brüder Crnogorcen, auf meinen Vorschlag eingehen? 

Alle Crnogorcen: Bisher hörte die Welt auf Deine Bede, 
id so wollen wir auch nicht Deinen Worten widersprechen. Doch 
inz so, wie Du sagst, billiger nicht einen türkischen Pfifferling. 

Ein Bocchese zu seineu Landsleuten: Was nun, 
rüder? Hier hört der weitere Streit auf. Ich willige ein. Was 
leint Ihr? 

Die Bocchesen: Wir wollen Deine Worte auch nicht in 
en Koth treten, ja, wir willigen ein. 

Nach langwieriger Berathung und Auseinandersetzung, wie 
lao das festgesetzte Bussgeld am vortheilhaftesten verwerthen 
hnte, fasste man folgenden Beschluss und liess ihn zu Papier 
ringen : 

ürtheilsspruch. 

Wir hörten genau an den Streitfall und kamen ins Beine 
^zäglich des Unglücks, das dem Mädchen Stana, Tochter des 
eri§a Eezunov, durch das Bürschlein Lako, den Sohn des Lako 
opovi6, zugefügt worden. Einstimmig sprachen wir das ürtheil, 
^s PeriSa die Stana als sein Eind wieder annehme und sie erziehe; 
mer dass Lako Popovi6 für seinen Sohn hundertundvierundachtzig 
oldducaten zahle, und zwar hat er dieses Geld nicht PeriSa ein- 
ihändigen, sondern bei einem Dritten sicher zu verzinsen, bis zu 
T Zeit, wo Stana heiratsfähig sein wird. Sollte dann Lako das 
ädehen seinem Sohne zum Weibe bestimmen, so soll er das 
idchen heimführen und darf das besagte Geld beheben. Widrigen- 
Is er nicht geneigt sein wird, seinen Sohn mit Stana zu ver- 
iden, so hat er das Geld sammt den angewachsenen Zinsen der 
ina als ihre Mitgift auszufolgen, damit sie einen Anderen, den 
das Schicksal bestimmen wird, heiraten kann. Dies haben wir 
tgesetzt und unterzeichnet zum Zeichen des ewigen gegenseitigen 
edens. Des walte Gott zu guter Stunde! 



216 

Wir wollen noch kurz eines dritten von Vrfieviö mitgetheilten 
Falles einer Mädchenverführung gedenken.^) Unser Gewährsmann 
verbürgt die Geschichte als »eine Begebenheit aus unserer Zeit in 
der Hercegovina«. Der wesentliche Unterschied zwischen der vorher 
erzählten und folgender Begebenheit besteht darin, dass keine Noth- 
zucht vorliegt, sondern das Mädchen sich selbst hergab. Erschwert 
wird aber die Sachlage dadurch, dass der Verführer ein verheirateter 
Mann ist. Der Sachverhalt ist dieser: Marko Todorov oder Niko- 
lijin — Vrßevi6 führt merkwürdigerweise an den zwei Stellen, wo 
er Marko's Vater nennt, jedesmal einen anderen Namen an — 
hatte ein seit drei Jahren schwer darniederliegendes Weib. Es wir 
eine alleinstehende (inokosna) Familie. Mann und Weib allein im 
Hause. In seiner Bedrängniss ersuchte Marko seinen Nachbar HüoS 
Peri6, er möge seine erwachsene Tochter Stana für die Zeit, bis 
die Kranke gesund wird, bei ihm in Dienst treten lassen. Miloi 
hatte viel Leute und wenig Brod im Hause und liess sich leiclit 
bewegen. Ein Jahr später kommt eines Tages Milo§* Weib gau 
ausser sich zu ihrem Mann aufs Feld gerannt und er/ählt iluDi 
dass ihre Tochter Stana von Marko geschwängert sei. MiloS greift 
nach seinen Waffen, eilt ins Dorf zum Priester und Enez, theSt 
ihnen den Fall mit und schliesst mit der Drohung: »Wenn Ihr für 
meine verschwärzte Ehre kein Heilmittel ausfindig macht, so find' 
ich selbst eines und dies noch längstens bis morgen. Sagt dann 
nicht, Ihr hättet von nichts gewusst ! Wisst, der Mensch gibt Alles 
für seine Ehre, die Ehre aber um keinen Preis der Welt her. Anf 
Eure Seele, Euer Glück und Euer Gedeihen föUt's, wenn meii 
Haus und das Haus meines Nachbars Marko verlöscht. Bleibt mir 
gesund!« 

Der Priester und der Dorfschulze beriefen schleunigst vd 
den nächsten Tag alle Hausältesten zu einer öffentlichen VersamiD* 
lung vor der Kirche ein. Die einleitenden Gespräche zur eigent- 
lichen Verhandlung sind so wichtig zur Kenntniss der Rechts- 
anschauungen des Volkes, dass es sich von selbst rechtfertigt, wem 
wir sie dem Wortlaute nach anführen. 

Der Priester, nachdem er dem Volke den Fall mitgethäit: 
>Was nun, Brüder?« 

Das Volk, einstimmig: Marko und Stana steinigen 
Kurzen Processi 



>) A. a. 0., S. 116-121. 



217 

Der Enez: Was sagst Du, Priester? Steht es so in den 
Ichern ? 

Der Priester: Nach den Büchern Moses, nach welchen 
:h unsere Vorfahren richteten (da ist der Priester wohl sehr un- 
ssend gewesen), geht das an, doch nach Christus' Evangelium 
rf derlei nicht geschehen, ausser das Volk lädt die Sünde auf 
) eigene Seele. 

Das Volk: Wir wissen nicht, was in den Büchern steht, 
eh die Sünde laden wir Alle auf unsere Seele. Man soll sie stei- 
gen zum abschreckenden Beispiel für die ganze Welt. Besser, 
SS die Zwei mit ihrem Kopf büssen, als dass so schwere Sünden 
f unserem ganzen Volke lasten bleiben. 

Dagegen sprach der Knez. Zuerst müsse man die Schuldigen 
rhören und dann dürfe man erst richten. Marko gestand seinen 
^hltritt ein. Nach dem alten Rechts grün dsatze, nach welchem ein 
umüthiger nicht getödtet werden darf, war er nun seines Lebens 
'her. Man stellte ihm und Stana jetzt die Wahl anheim, ob sie 
'h steinigen lassen oder auf jeden Fall dem ürtheile der Friedens- 
ihter fügen wollen. Sie wählten das Letztere. Nach langer Debatte 
irde folgendes ürtheil verkündigt: 

»Stana, die Tochter des Milo§, muss wieder zu Marko ins 
ms zurückkehren, wo sie niederkommen und ein Jahr lang ihr 
nd aufziehen soll. Nach Ablauf eines Jahres muss Marko, wenn 
der Zwischenzeit sein krankes Weib stirbt, Stana nach göttlicher 
tzung heiraten. Stirbt aber Marko*s Weib nicht, so ist er ver- 
ichtet, Stana in ihr Elternhaus zurückzuschicken, ihr in baarem 
Ide hundert Thaler zu zahlen, ihr einen Ochsen, eine Kuh und 
auzig Stück Schafe zu übergeben, ferner ihr jedes Jahr, bis sie 
'ht an den Mann kommt, je zwei Ladungen Frucht abzuliefern. 
^ Kind bleibt Marko, der sein Vater ist.« 

Mit diesem ürtheilsspruche erklärten sich beide Parteien ein- 
standen und schwuren dem Volke und das Volk ihnen, dass sie 
lab in Frieden weiter leben werden. Sollte sich aber jemals 
er im Dorfe finden, der der einen oder anderen Partei aus dem 
ichehenen je einen Vorwurf machen würde, so wird der Betref- 
de dem Dorfe zwölf Goldducaten Strafgeld zahlen müssen. Wie 
Q aus den angeführten Belegen ersieht, ist der Verführer be- 
jsigt, die Verführte, wenn es nur irgendwie angeht, zu heiraten. 
$ wird uns auch durch die Volkslieder sattsam bestätigt. Ein 



leispiel für viele mag genügen. *) Das Lied, das wir gleich mit- 
deilen, stammt, wie es unzweifelhaft aus der Erwähnung des 
•elavenhandels im Küstenlande hervorgeht, aus einer älteren 
Periode der Volksdichtung. Spätestens gehört es in die Mitte des 
origen Jahrhunderts. Bealistischer und dichterisch zugleich ao- 
luthiger kann man wohl eine Verführung nicht schildern, als 
ies dem Volksdichter hier gelungen ist. Die Heldin und der Held 
ind moslemisirte Slaven. Das hat weiter nichts an sich, denn die 
'olksdichtung hebt nie, wenigstens in der lyrischen Dichtung 
iemals, den Glaubensunterschied hervor. Schöne Mohamedanerinnes 
erden nicht minder als schöne Christinnen durch den Sänger 
erherrlicht. Es sind ja die eine wie die andere Slavinnen. Doch 
ören wir das Lied. 

Rüstete sich Aga Asanaga, 
Ins Küstenland Sclaven einzuhandeln. 
Ueberliess der Schwester das Gehöfte. 

— Schweslerlein, Du schliess' mir früh die Warten. 
Lass' die Kumra früh um Wasser gehen. — 
Schwesterlein befolgt den Rath des Bruders. 
Pflegte früh die Warten abzuschliessen. 
Schickte früh um Wasser ihre Sclavin. 
Siehe da, am Wasser Regien Begov. 

— Sprich, o Kumra, wo schläft Dir die Fata? 

— Hör', bei Gott, ich schwör's, o Regien Begov, 
Fata schützen wohl neunfache Thore, 
An den Thoren halten neune Wache, 
Und zudem wacht noch ein Pfauenvogel. 

— Nimm doch, Kumra, hier die zwölf Ducaten, 
Und bezeche mir die Schaar der Wächter, 
Und bestreich' mit Fett der Pfauin Federn. 
Thun die Kämpen sich beim Weine gütlich, 
Putzt sich rein die Pfauin ihre Federn, 
Nah' ich leis' und herze ab Fatima. — 
Kumra nimmt sogleich die zwölf Ducaten, 
Und bezecht mit Wein die Schaar der Wächter, 
Und bestreicht mit Fett der Pfauin Federn. 
Thatcn sich beim Wein die Kämpen gütlich. 
Putzte sich die Federn rein die Pfauin, 



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*) Srj'ske naroJne ]»e<ine skuj»io po Sreinu 3. M. PanCevo 1875, S. 



219 

Kam der Beg verstohlen auf die Warte. 

Fata löste eben los den Gürtel — 

Wohl verwundert sprach nun Mägdlein Fata: 

— Siehe da, bei Gott, Du Beglen Begov? 
Was für Winde wehten Dich zu mir her? 
Oder fielst Du, Beg, gar aus den Wolken ? — 
Um den Seidengurt umfasst er Fata.* 

Wirft sie hin auf weiche Lagerpölster, 
Kos't mit ihr bis nah' ans Morgengrauen. 
Und es bat ihn innig Mägdlein Fata: 

— Traute Seele, Du. mein Beglen Begov, 

Geh, thu' mir mein Haar doch nicht verwirren. 
Geh', thu' mir's Gesichtchen nicht verschandeln. *) — 
Doch mein Beg, der hörte nicht auf Fata. 
Er verwirrte ihr das Haar, das blonde. 
Und verschandelte ihr weiss' Gesichtchen. 
Morgens, als der helle Tag erschienen. 
Sprang der Beg hinab vom steilen Walle, 
Von dem Wall hinab, aufs Gras, das grüne. 
Doch das Mägdlein blieb im Schlaf versunken. 
Leise nahte Kumra, ihre Sclavin. 

— Auf, Fata, schon ist's Tag geworden. 
Die Gespielinnen sind schon am Stickrahm', 
Du nur, Fata, lässt Dich gar nicht blicken. — 
Doch da naht auch Aga Asanaga. 

Ihm entgegen eilt das Mägdlein Fata. 
Doch es spricht nun Aga Asanaga: 

— Lieb' Schwesterlein, o Du Mägdlein Fata, 
Was ist Dein Gesichtchen so verschandelt? 
Ja, woher denn die verwirrten Haare? 

— Lieb' Brüderchen Aga Asanaga, 

Aus dem Käßg war entfloh'n mein Vöglein, 
In den Garten flog es unter Blumen. 
Dicht Gestrüpp verwirrte mir die Haare, 

*) Durch Bisse. Verliebte pflegen einander im Liebeätaumel zu beissen. 
>aher rührt ini Deutschen die Redensart her: ^Er hat sie zum Fressen gern.« 
bekannt ist auch jene tragische Dorfgeschichte B. Auerbach*s: >Das Tonele 
ttit der gebissenen Wang\c Der liebestolle Bursche beisst sein Liebchen, das 
Tooele, in die Wange. Das Mädchen flieht ihn von da ab und schenkt ihre Gunst 

Jäger u. s. w. 



220 

Traf mich hart ein Ast vom Mandelbaume. 

Hat mein weiss' Gesichtchen mir verschandelt. — 

Doch es spricht nun Aga Asanaga: 

— Lieb' Schwesterlein, o Du Mägdlein Fata, 

Das ist wohl kein Ast vom Mandelbaume, 

Das sind Beglen Begov's scharfe Zähne. — 

Schreibt ein Brieflein Aga Asanaga: 
»Beglen Begoviö, mein lieber Eidam! 
Komm ums Mädchen, sammle Hochzeitsleute. 
Brauche keinen angebiss'nen Apfel, 
Noch im Hof ein abgeherztes Mägdlein«.^) 

In Gegenden, wo das slavische Element durch ein fremdes 
stark beeinflusst wird, erscheinen die Folgen der Beeinflussung seliea 
von grossem Segen. Durch die Zähigkeit, mit welcher namentlich 
der Südslave an seinem Yolkstbume hängt, trifft es sich nur n 
häufig, dass er selbst ihm überlegene Völker, soweit sie mit ikiB 
in Berührung treten, ihres Volkstums, und zwar des wiebtigsteA 
Hebels eines Volkes, ihrer Sprache entwöhnt und ihnen dafür die 
seine beibringt. In Ungarn nimmt augenscheinlich der Slavisirongs- 
process immer mehr zu. Die Slaven gewinnen räumlich an Aus- 
dehnung, aber sie verflachen sich zugleich, denn die andere Seite 
eines Volksthums, der sittliche Kern, schwindet. Die Slaven li^B 
auf und lösen sich selbst mit auf. Wenn man die siebenbonderi- 
undzwölf Volkslieder durchliest, die Fran Eurelac in den drei 
kroatischen Comitaten des engeren Ungarns gesammelt hat, so 
gewinnt man gleich die vollständigste Ueberzeugung, dass der lofor 
ausgesprochene Satz den Thatsachen entspricht. Wir wollen dies 
an einem Beispiele erhärten. Wie wir gesehen haben, nrtheilt der 
Südslave im Allgemeinen, wo er sich selbst überlassen war und ist, 
sehr strenge über Mädchenverführung. Nur in der ehemaligen MiliUr^ 
grenze und in den Comitaten, aus welchen K u r e 1 a c*s Lieder stammdp 
ist man geneigt, darüber zu witzeln. Kurelac theilt solche xva 
Lieder mit, eines aus Inced (Inczed, Dürnbach), das andere atf 



') Eine hübsche VariaDte dieses Liedes bei Stjep. Maiuranic. Hrntske 
Darodoe pjesme. S. 107—111. Das Mädchen schlug vier Bewerber ans. Der 
vierte, Tomica Mesiö, verkleidete sich als Mädchen und ging zar Geliebten. ^ 
Hess ihn ahnungslos zu sich ins Bett legen. Gegen Mittemacht erhob sieplOtft* 
lieh ein Geschrei. Held Touiica suchte rasch das Weite. Am nächsten Tigf 
erhält er von der Mutter des Mädchen > einen Brief, wie Beglen Begovi^ eines 
von Aga Asanaga erhielt. 



221 

irof (Mini-Marof, Barät-majoi), beide Varianten desselben Vor- 
irfes. Vater, Mutter und Brüder sind fort, nur die Tochter ist 
ein zu Hause. Kommt da ein Soldat zu Pferd und wird vom 
idchen eingelassen. Er schläft die Nacht hindurch mit ihr in 
lern Bette. Als der Morgen graute, sattelte der Held sein Pferd. 
Dg das Mägdlein an zu weinen: >0, Held, Du reitest fort, wem 
>st Du mich zurück, wenn meine Zeit naht und ich ein Eind zur 
elt bringe?« — »Wird's ein Knabe sein, hege und pflege ihn, 
b ihm ein Soldatenkleid und Kriegerwaffen, schick' mir ihn nach 
s Heer, mir, dem Helden, nach ; wird's aber ein Töchterlein, nun 
wird's ein H..lein so wie Du.« ^) 

In dem Liederschatze der übrigen südslavischen Stämme 
Ne man vergeblich nach einem solchen Ausspruche fahnden. 

Es erübrigt uns noch, einen Fall von Mädchenverführung zu 
^sprechen, wo die Möglichkeit einer Heirat oder auch nur einer 
eldbusse ausgeschlossen ist, wenn nämlich der Verführer und die 
erfQhrte in sehr nahem verwandtschaftlichen Verhältnisse zu 
nander stehen. Bei den südslavischen Moslimen darf der Bruder 
ine Schwester von einer zweiten Mutter, doch demselben Vater, 
ine Anstand heiraten ; bei den christlichen Slaven ist dies natürlich 
icht Brauch. 

Nach den Volksliedern zu urtheilen, scheint es nicht selten 
)rzakommen, dass der Bruder seiner leiblichen Schwester mit 
iebesanträgen naht. Ein bulgarisches Sprichwort^) sagt: 

Dlboka voda brod nejma, hubava moma rod nejma. 
Q tiefes Wasser hat keine Fürth, ein schönes Mädchen hat keine 

Verwandtschaft. 

Gewöhnlich erzählt das Volkslied, dass die Schwester über die 
irelhafte Zumuthung ihres Bruders entsetzt rasch querfeldein die 
icht ergreift. Damit sie besser laufen kann, hebt sie ihr Hemd- 
en in die Höhe. (Südung. Var.) Ein Volkslied aus Kroatien erzählt 
T auch von einer thatsächiichen Entehrung der Schwester durch 
Bruder und der gleich darauffolgenden Strafe: 

Ivo mäht die Wiese hinter'm Hause. 

Einen Imbiss bringt ihm seine Schwester. 

Ivo isst, die Schwester wäscht sich's Antlitz. 

Da nun sprach zur Schwester Bruder Ivo : 



i) Kurelac. Jaike. S. 68 f. 

^ Ein geflflgeltes Wort aus dem Volksliede. 



222 

— Schwesterlein, wie schön ist Dein Gesichtchen ! 
Sünde wär's, wenn es ein Andrer herzte, 
Als Dein Ivo, Dein einziger Bruder! — 
Er umfasst sie um den seid'nen Gürtel, 
Legt sie hin ins grüne Gras im Schatten, 
Herzt sie ab von Morgens früh bis Mittags. 
Als die Sonn' die Mittagsstunde zeigte, 
Sprach das Schwesterlein zu ihrem Bruder: 

— Brüderlein, o geliebter Ivan, 
Uns're Mutter ist gar klug und findig, 
Sie erräth gewiss, was wir getrieben. — 

— Schweig", mein Goldkind, meine theure Seele! 
Leicht ist's, uns're Mutter zu betrügen : 
»Bruder Ivo hatte heftig Kopfweh, 
Und da legt' ich unter'n Kopf ihm Kräuter.« 

Schwesterlein beeilte sich nach Hause. 
Schon von weitem rief ihr zu die Mutter: 

— Töchterlein, wo bist so lang geblieben? 

— Ei, bei Gott, o meine liebe Mutter, 
Bruder Ivo hatte heftig Kopfweh, 
Und da legt' ich unter'n Kopf ihm Kräuter. — 

— Was belügst mich, meine liebe Tochter? 
Warum sind so trüb Dir Deine Augen? 
Warum so verwirrt Dir Deine Haare? 
Warum glüht von Küssen Dein Gesichtchen? 
Helfe Gott Dir, meine liebe Tochter ! 
Lieber heiss' ich Mörderin und Mutter, 
Lieber so, als Mutter — Schwiegermutter. — 
Zog heraus das Messer aus dem Gürtel, 
Stiess es tief ins Herz der eig'nen Tochter. *) 

Sinnig drückt das Volk die Undenkbarkeit an die Zulassuf 
einer ehelichen Gemeinschaft zwischen Geschwistern in einer Wj 
genannten aitiologischen Sage aus. Die angestrebte Verbindong vilii 
dann erst gestattet, vollbringt der begehrende Theil ein nnmöglicki 
Werk — unmöglich nach dem beschränkteren Gesichtskreise te 
einfachen Volkes, das nicht weiss, was Alles zu Stande gebri^ 



^) Hrvatske narodne pjesme, sabras Stj. Maiuranid. 2. Aafl. IM 
S. 141 f. Eine Variante (der Bruder Ivo prügelt die Schwester, die tidi ta 
nicht fä(2:en will) ans Istrien, in Hrvatske n. p. der Matica. S. 132. OcfUn» 



223 

den kann. Die Sage wird im Sabacer Kreise (in Serbien) 
ihlt. Dnrch das Thal ParaSniea zieht sich eine lange Strecke 

eine flnssbettartige Mnlde. Diese Mnide hat, der Sage nach, 
[endem Vorfalle ihre Entstehung zu verdanken. Es lebte einmal 

Djin ^), der entbrannte in Liebe zu seiner leiblichen Schwester 
I wollte sie heiraten. Man sagte ihm, dies dürfe nur dann ge- 
ehen, wenn er einen Yerbindungskanal von der Drina bis zur 
'6 ausgrabe. Er geht darauf ein und fängt an zu graben. Doch 
senkte sich ein so dichter Nebel herab, dass der Djin nicht 
, iD welcher Sichtung er grub, und in Folge dessen die gerade 
ie verlor. Zuletzt bekam er diese Arbeit satt, als er sich fiber- 
gte, dass er an kein Ziel komme, und entsagte seiner Schwester. 
: Savekanal blieb aber unvollendet.^ 

Die Jungfräulichkeit wird aus den schon mehrfach hervor- 
lobenen Gründen nicht überall gleich hochgeschätzt. Andriö sagt 
B. für StroSinci in Syrmien : »Jeder heiratet lieber eine Jung- 
3, doch das Volk sucht keine Beweise für die Jungfräulichkeit, 
Imehr ist Jeder bereit, selbst ein Freudenmädchen (razpuStenicu) 
heiraten, wenn sie ihm nur eine grosse Mitgift ins Haus bringt.« 
^egen steht nach Potoönjak's Zeugniss im schärfsten Gegen- 
le die angebliche Yolkssitte der Kroaten in Novi im Vinodol. 
D legt nicht blos einen hohen Werth auf die Reinheit der 
lut, sondern auch auf die des Bräutigams. »Am Samstag vor der 
luung lassen sich die Burschen und Mädchen, die getraut werden 
en, ärztlich untersuchen, um dem Volke den Beweis ihrer Rein- 
t zu erbringen, denn erst dadurch erlangen sie das Recht einer 
^fliehen Trauung. Die Burschen untersucht der Arzt in Crikvenica, 

Mädchen die Hebamme in Bribir.« Diese Erscheinung steht so 
iz vereinzelt da, dass ich zu der Ansicht hinneige, wir haben es 
r lediglich mit einer nunmehr in Vergessenheit gerathenen poli- 
lichen Verordnung zu thun, an der das Volk aus Gewohnheit 
b festhält. Es bestärkt mich in dieser Vermuthung zweierlei: 
tens, dass sich der Bauer von einem Arzte untersuchen lässt. 
ist sucht der kroatische Bauer nie einen Arzt auf, sondern 
iberweiber (vraöare) und Hexenmeister (vraöari), deren es fast in 

>) Die richtigere Schreibweise wäre diin. Das Wort ist indischen Ur- 
ngs. In Indien bedeutet es einen »Geist«. Das Wort ist durch die Türken 
Araber den Serben und Bulgaren zugeführt worden. Vuk übersetzt es im 
terbache mit »Riese«. 

^i K. Gj. Mili«evi<5. Kneievina Srbija 1876. S. 489. 



224 

jedem Dorfe gibt und die sich beim Volke eines bei weitem grösseren 
Ansehens erfreuen, als der geschickteste Arzt. Zweitens ist es doch 
ganz unerfindlich, woran der Arzt erkennen soll, ob ein Bursche 
bis dahin keusch gelebt habe. Es kann sich wohl nur darum han- 
deln, festzustellen, dass der Betreffende körperlich gesund sei. Käme 
uns die Nachricht etwa aus der Bocca oder Serbien, oder Bulgarien, 
so dürften wir wohl ohne Weiteres annehmen, d&ss in diesem 
Brauche ein verschärftes Sittlichkeitsgefühl des Volkes zum Aus- 
drucke gelange. In den genannten Gegenden wäre es aber gani 
unerhört, dass sich ein Mädchen in der Art untersuchen liesse. Id 
einem Volksliede wird erzählt, wie es ein Mädchen vorgezogen 
habe zu sterben, bevor sie eine Wunde am Schenkel Fremden 
gezeigt hätte. 

In der Bocca, Hercegovina und Crnagora ist man wohl sehr 
streng in Bezug auf die Wahrung der Reinheit eines Mädchens bis 
zum Brautbette, doch haben auch hier schon mildere AnschaunDges 
platzgegriffen. Mancher Bräutigam, der die Entdeckung macht, dus 
seine Braut bis zur Brautnacht nicht rein geblieben, yerschweigt 
dies wohl, damit man sich über ihn nicht lustig mache; mancher 
theilt die Sachlage seiner Mutter mit. Wenn diese klug ist, so 
wird sie dem Sohne diesen Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen 
suchen ; lässt sich der Bursche aber nicht hintergehen, so beichte! 
er dem Priester und bittet ihn, dem Volke kundzuthun, dass gewisse 
gesetzliche Hindernisse vorlägen, wegen welcher die geschlossene 
Ehe aufgelöst werden muss, sonst werde es zu einem blutigen 
Kampfe zwischen beiden Sippen kommen. So stellt Vröevif die 
Sache dar (im Zbornik). Die anderen Berichte ebendaselbst toi 
SuSak, Beusau und Vukaloviö bestätigen Vröeviö's Aussage keines- 
wegs, wenigstens muss man den dritten Punkt seiner Aussage nnr 
als einen sehr vereinzelten Fall betrachten. Es ist ja ganz undenkbar, 
dass auf die blosse Behauptung des Priesters hin, es lägen gewisai 
gesetzliche Hindernisse vor, eine kürzlich geschlossene Ehe anl* 
gelöst würde. Wir kommen im Capitel Ehescheidung eingehender 
darauf zurück, mit was für Schwierigkeiten eine solche yerkntplt 
ist. Die Angelegenheit käme gewiss vor die Friedensrichter: dei 
Kürzeren würde unbedingt der Bräutigam ziehen. Heutzutage ist anA 
die Mehrzahl der südslavischen Stämme zu der üeberzeugung gelangt, 
dass es nur schwer andere zuverlässige Beweise für die Unbefleckt- 
heit eines sonst unbescholtenen Mädchens geben kann, als lediglid 
ihren guten Ruf. 



225 

Merkwürdig ist der Gegensatz, der in einzelnen Kreisen Ton 
Serbien in Bezug auf die Werthschätzung der Jungfräulichkeit 
besteht. Jovanoviö sagt (für den Kreis von Gurguseyac) kurzweg, 
man lege gar keinen Werth darauf; CvjetoTi6 behauptet für den 
Drinakreis das Gegentheil, bringt aber keine bestimmten Angaben 
bei. Nur Radon ji6 gedenkt für die f^abacer Gegend einer merk- 
würdigen Sitte, die aber auch nur hie und da üblich ist. Gleich 
nach der Trauung schickt man den Bräutigam auf ein ganzes Jahr 
in die Alpe zu den Schafhürden oder sonst wohin fern vom Hause, 
damit er in der Zwischenzeit mit der Braut nicht zusammenkomme. 
Kommt die Braut nun in der Zwischenzeit nieder, so wird sie von 
ihren Schwiegereltern sogleich heimgeschickt. 

Wenn YukaloTi6 für die Hercegovina es gewissermassen als 
eine Eigenthümlichkeit des Volkes hinstellt, dass man die junge 
Fran aus dem Hause jagt, wenn sie im sechsten Monate nach der 
Hochzeit niederkommt und der Mann das Kind als das seine ver- 
lengnet, so ersehen wir daraus nur das Eine, dass solche Vor- 
kommnisse nicht zu den Seltenheiten gehören mögen, können aber 
^Q unmöglich einen Volksbrauch entdecken. Eine solche Mitgift 
Usst sich doch nirgends leicht ein Mann gefallen. 

Für die Serben haben wir ferner nur das nunmehr wohl ver- 
altete Zeugniss Vuk's (Montenegro,^ S. 90). Der Brauch, wie er ihn für 
die Dmgegend von Belgrad und das ehemalige Fürstenthum Ser- 
1)ien schildert, ist im Wesentlichen derselbe wie bei den Bulgaren. 
Freilich dürfte seit den letzten fünfzig Jahren eine Milderung in 
den strengen Sittlichkeits-Anschauungen, gerade in der genannten 
Gegend stattgefunden haben, weil ja überhaupt die Volkssitten der 
Beiölkerung, die in der Nähe einer ßesidenz wohnt, einer stetigen 
Veränderung unterworfen sind. Vuk berichtet, dass wenn man am 
liebsten Tage nach der Hochzeit am Hemde der Braut Zeichen 
bdet, d&ss sie bis dahin ihre Jungfräulichkeit bewahrt habe. Alles 
^fiber erfreut sei; im entgegengesetzten Falle aber bemächtige 
^h Aller eine grosse Niedergeschlagenheit. Man demüthigt nun 
4e Eltern der Braut auf folgende Weise. Man reicht ihnen beim 
^ichfest Branntwein in einem Glase, das am Boden durchlöchert 

• 

^. Derjenige, der das Glas überreicht, hält mit dem Finger die 
Wnnng verstopft, thut dann aber den Finger weg, sobald der 
'Uer oder die Mutter der Braut das Glas in die Hand nehmen, 
^ dMSs der Inhalt ausfliesst. Dies ist das Zeichen, auf das hin 
lle Anwesenden die Eltern hänseln und sie verhöhnen. Die Scbwie- 

K r • a • • , Sitte n. Gewohnheitsrecht d. SOdsl. 1*^> 



gereltern bemühen sich, ihren Eidam durch Geschenke auszo- | 
söhnen, sonst schickt er ihnen die Tochter zurück. 

Für die Bulgaren liegen uns die zwei einander ergänzenden 
Berichte Od2akov's im Enji^eynik und im Zbornik Tor und der 
Bericht von Zaharijev. Im Zbornik erzählt 0.: »Abends gehen 
die Gäste fort; nachdem alle das Haus verlassen haben, begibt 
sich der Bräutigam mit der Braut ins Schlafgemach.« Es ist diet 
das erstemal, dass wir 0. auf einem Widerspruche ertappen; er 
sagt nämlich im Knjizevnik, dass alle Würdenträger und Gäste 
bis zum Morgengrauen zechen, weil sie darauf warten, bis sich die 
Thüre des Brautgemaches öffne und bis man erfährt, ob die Bnal 
so gewesen, wie sie sein soll. Es ist nicht unmöglich, dass uns« 
Gewährsmann, als er dies vor zwanzig Jahren schrieb, in seinen 
jugendlichen üebereifer, um sein Volk herauszustreichen, etm 
behauptet hat, was den Thatsachen nicht ganz entspricht. Win 
dem nicht so, so hätte er es gewiss nicht unterlassen, in seioei 
zweiten, viel ausführlicheren Berichte, den er zehn Jahre spiter 
verfasste, ein so auffälliges Moment wenigstens vorübergehend n 
erwähnen. Zudem weiss auch Zaharijey TOn einem solchen iif- 
passen der Gäste nichts. Auch im Folgenden widerspricht sich (X| 
wo er sagt, spätestens nach einer Stunde müsse der Bräotigui 
aufstehen und die Mittheilung machen, ob er die Braut unberükit 
gefunden habe. Er hütet sich, fährt 0. fort, eine Lüge zu sagen, 
weil er befürchten muss, dass die alten Weiber des Hauses du 
Bett und auch das Hemd der Braut untersuchen. Stellt es sick 
heraus, dass die Braut bis zur Hochzeit nicht rein geblieben, ^ 
wird Allen ihre Schande kund getban. Zaharijev erzählt gar, disi 
eine von den ältesten Weibern in der Familie eine Anhöhe besteigt 
und von hier aus mit dem ganzen Aufgebote ihrer Stimme diil 
Schande der jungen Frau ausschreie. Doch, fügt derselbe hintn, 
geschieht dies höchst selten. Eegel ist es gewiss nicht und kunj 
es auch nicht sein, wenn man bedenkt, wie doch im Grunde ge 
nommen, der Bulgare milde über die Verführung denkt. Eiici 
muss man sich immer bei solchen Berichten vor Augen halten, 
dass die Berichterstatter in solchen Fällen gerne übertreiben. Sil 
verdienen nur dort unbedingten Glauben, wo sie über gleichgiltip 
Dinge aussagen. — Ist die Braut keine unberührte Jungfinn p^ 
Wesen, so hören die Dudelsackpfeifer sogleich auf zu spielen, w«!] 
sie glauben, es würde ihnen sonst der Dudelsack platzen. Nichj 
Kakovski im Pokazalec führt man noch am selben Abend dkl 



227 

it ZQ Wagen in ihr Elternhaus heim. Wir können es ohne- 
^rs unserem Gewährsmanne glauben, wenn er sagt, dass es 
j^össte Schande sei, die man einer Familie anthun kann. Die 
*n sind auf alle mögliche Weise bedacht, ihren Eidam zu 
tigen, indem sie ihm zweifache, ja selbst dreifache Mitgift 
;hern. In dem Falle erhalten die Eltern selbstyerständlich die 
ie Hälfte des Eaufgeldes (agirlik) nicht ausbezahlt. Trifft es 

dass der Bräutigam nicht im Stande ist, seiner Mannespflicht 
ige zu leisten, so stärkt man ihn, wie Rakovski yersichert, 
allerlei Kräutern und Hausmittelchen. — Hat sich die Braut 
Lhrt, so zieht der Bräutigam mit seinen Beiständen in Beglei- 

der Musikanten zum Hause der Braut. Er führt mit sich ein 
geschmücktes Fässchen mit Baki, lässt die Hausleute davon 
:en, beschenkt seine Schwiegereltern und erlegt ihnen den 
betrag des Kaufgeldes. Die Eltern der Braut versammeln nun 
ihre Anverwandten, nehmen einen stattlich feisten Widder mit 
{en Hörnern, die man vergoldet und je mit einem Apfel ver- 
, und ziehen dann in Gemeinschaft mit allen üebrigen zum 
$e des Bräutigams. Das findet natürlich am Montage statt. 

selben Tage wird die Enthüllung der Braut vorgenommen, 
en Brauch beschreiben wir näher bei den Hochzeitsgebräuchen. 



15» 



XIII. 

Bigamie und Concubinat 

Ehe wir die Art und Weise der Eheschliessung darstellen, 
scheint es uns angezeigt, zuvor die abnormalen Verhältnisse n 
schildern, die das eheliche Leben aufweist. 

Bei den Crnogorci, sagt Medakovi6, bestand einst die 
Bigamie (dyo2enstvo), gegenwärtig aber kommt sie nicht mehr Tor.^) 
Woher er diese Nachricht hat, oder wodurch sie bestätigt wird, 
darüber gibt er keinerlei Auskunft. Mir ist auch dafür kein Beleg 
aus den Volksüberlieferungen bekannt. In den epischen Lieden 
wird wohl häufig erzählt, wie dieser oder jener Held diesen oder 
jenen Türken bewältigt, in des Besiegten Veste eingedrungen und 
dessen treues Liebchen (viernu Ijubu), oder die Schwester, odtf 
auch Beide nacheinander, zuweilen auch mehrere Mädchen sv 
Liebe gezwungen. Der Held mag immerhin daheim sein eigeMi 
Liebchen ^) haben, das hindert ihn aber nicht, auch anderswo seiM 
Mannheit zu beweisen. Das ist Kriegsrecht. Wäre der Türke Sieg* 
geblieben, er hätte auch nicht anders gehandelt. 

MedakoTi6 ist ein überaus zuverlässiger Gewährsmann. Kr 
hat gewiss seine Nachricht nicht aus der Luft geschöpft. Die That- 
sache lässt sich am Ende doch erklären. Durch die ununterbroekf 
nen Kämpfe mit den Türken wurde die Crnagora ihrer Männer 
beraubt. Da mag es denn ausnahmsweise vorgekommen sein, 
man um des Nachwuchses willen Bigamie zuliess. Ausnahmswi 



»I 



^) Dvo2enstvo bilo e negda a sad ga nema kod Crnogoraca. In tlnH 
obifaji, S. 19. 

*) Im Volksliede heisst auch die rechtmässige Gattin immer nur »LiA»! 
chen« (Ijuba). 



'229 

ird ja Doch gegenwärtig Bigamie gestattet und zwar in folgen- 
?D Fällen: 

ä) Wenn der Mann neun Jahre lang fort vom Hause ist und 
1 der Zwischenzeit seinem Weibe kein Lebenszeichen von sich 
ibt. Dies ist Bechtsbrauch in der Crnagora und war es bis zur 
►ccupation durch die Oesterreicher auch in der Hercegovina. In 
en österr.-ungarischen Gebieten gelten natürlich die Bestimmungen 
es bürgerlichen Gesetzbuches. Inwiefern diese mit Billigung des 
*olkes von Einzelnen umgangen werden dürfen, soll gleich weiter 
iDten durch Beispiele beleuchtet werden. 

h) Wenn das Weib unfruchtbar, oder zu alt ist, oder irr- 
sinnig wird. 

Dass der Bechtsbrauch unter a) auf altem Herkommen be- 
ruhe, geht klar aus einer Stelle in einem allbekannten Volksliede 
liervor, wo es heisst: 

Eine kleine Schwalbe wand ihr Nestchen, 
Wand ihr Nestchen volle neun der Jahre, 
Wand es stets, doch ward ihr keine Freude. 
Kam ein Falke aus wildfremdem Lande, 
Kam geflogen in das Nest der Schwalbe, 
Zeugte mit der Schwalbe schmucken Nachwuchs. 

(lewöhnlich verliert der erste Mann jeden Anspruch auf sein 
ITeib, wenn dieses mit ihrem zweiten Gatten schon Kinder gezeugt 
kal. Wenn aber der eine sowie der andere Mann um jeden Preis 
ieifl Recht geltend machen will, so muss das Weib wohl wieder in 
iu Haus ihres ersten Mannes zurückkehren, die Kinder dagegen 
^Qs ihrer zweiten Ehe bleiben ihrem zweiten Manne nach dem 
Kechtssprichworte : 

Ako je krava i tudja, tele je moje. 
Hag die Kuh auch einem Anderen gehören, das Kalb ist mein. 

Dies wird uns erhärtet durch eine Begebenheit »aus unserer 
^iU.^) Der wichtige Process wurde von vierundzwanzig Friedens- 
.'fatern zum Austrage gebracht. Von jeder Partei wurden nämlich 
dir Richter bestellt. Der Sachverhalt war folgender: Nikola, ein 
iger Mann aus einer armen Sippe, heiratete Angja, die Tochter 
( Vukac. Nach der Hochzeit lebte er nur einen Monat mit seinem 



*; Von VukVrcevidim Niz srpskih pripovijedaka mitgetheilt. S. 29— 38. 



230 

jungen Weibe, denn er begab sich, weil die Armutli in seinem' 
Hause gross war, auf ein Schiff, um Geld zu Yerdienen. Das 
Schiff segelte bald darauf nach Californien ab, Ton dort wieder 
anderswohin, kurz überall hin, nur nicht mehr nach seiner Aos- 
gangsstation, nach üalmatien zurück. Nikola war weder Leseos 
noch Schreibens kundig und konnte daher seinem Weibe keine 
Kunde über sein Verbleiben geben. Diese hielt ihren Mann fir 
todt und reichte im neunten Jahre ihre Hand dem Nachbar Lab 
SimoY, der um sie angehalten. Im zehnten Jahre kehrte Nikoli 
heim und wollte sein Weib zurück haben. Luka wies dieses Ansinnei 
mit Entschiedenheit zurück. Schliesslich einigten sich die zwei 
Männer einer Frau dahin, dass die Entscheidung den Friedeos- 
richtern anheimgestellt werden solle. Einer der Richter machte m 
Verlaufe der Verhandlung die Wahrnehmung, dass Angja schwang« 
sei. Darauf hin zogen sich die Richter zur Berathung zarQck nod 
Hessen folgenden ürtheilsspruch schriftlich aufsetzen und den Pir- 
teien durch den Priester vorlesen. 

»Im Namen der hl. Dreifaltigkeit, aus welcher jedes Beekt 
und jede Wahrheit ihren Ausgang nehmen. Jegliches zu guter 
Stunde. Damit es kund werde, wie wir yierundzwanzig Sippen- 
richter (bratski sudci) uns yor der Kirche zur Berathung yersaoh 
melt und die Streitsache yernommen haben, die wegen Angja, der 
Tochter des Vukac Stanigin, der ersten Frau des Nikola VukieT, 
und später der Frau des Luka Simoy entstanden ist. Wir entr 
nahmen, dass weder eine Gewaltthätigkeit vorliege, noch dass Eintf 
absichtlich des Anderen Ehre angetastet. Daher gewannen wir die 
üeberzeugung, dass Keiner durch Schuld, sondern lediglich dorch 
Zufall sich gegen den Andern vergangen habe. 

um nun jedem weiteren Unheil vorzubeugen, und um sow«U 
den genannten Männern, als auch dem Vater Angja's, Vukac, ui 
der Angja selbst, ihre Ehre und den unbefleckten Namen wiedtf 
herzustellen, fanden wir für recht und gerecht, dass Vukac StanÜii 
heute, noch am heutigen Tage, seine Tochter Angja als sein Kill 
zu sich nehme. Sobald sie sich aber von der Bürde, die sie uttf 
dem Gürtel trägt, entledigt haben wird, soll er das Kind dtfi 
Luka Simov als dessen rechtmässiges Eigen thum zuschicken, diB 
Kinde aber soll Angja's erster Hausherr Nikola zu Gevatter stekni; 
ferner soll er (Vukac) nach Ablauf von vierzig Tagen Angja <ta 
Nikola zurückstellen, dem sie ursprünglich zu eigen gewesen. Ftf* 
ner soll Luka Simoy dem ersten Kinde, das Nikola zeugeu wiri 



231 

Ge?atter stehen, und Beide sollen fortan als echte und rechte 
rattersleute sich vertragen. Schliesslich sagten und sprachen wir 
e: Sollte nach dem heutigen Tage Einer von ihnen gegen den 
leren einen Vorwurf erheben, oder des Geschehenen Erwähnung 
n, so gebe Gott, dass der Betreffende dem Wahnsinn verfalle, 
l es belade ihn mit Aussatz der starke Gott und der grosse hl. 
lannes der Täufer. Amenic 

Nach den österreichischen Gesetzen ist es einer Frau gestattet, 
r dann eine zweite Ehe einzugehen, wenn sie einen Todtenschein 
er ihren ersten Mann beibringen kann, oder wenn die Wahr- 
beinlichkeit sehr gross ist, dass derselbe nicht mehr zu den Le- 
nden zählt. War der Mann z. B. Soldat, der nach dem Kriege 
rschoUen blieb, so darf sein Weib wohl schon nach einigen 
hreo wieder heiraten , wenn keine Aussicht mehr vorhanden 
heint, dass der Verschollene je wieder zurückkehren wird. Trifft 
sich aber doch, dass der Mann heimkommt und sein Weib einem 
öderen angetraut findet, so muss nach dem Gesetze das Weib zu 
rem ersten Mann zurück. Das Gewohnheitsrecht der Südslaven 
t aber dagegen, zumal wenn das Weib mit dem zweiten Manne 
hou Kinder zeugte. 

Vurdelja erzählt einen Fall aus der Lika, der das Gesagte 
^tätigt. In einem der italienischen Feldzüge wurde ein Bauer 
18 der Lika vermisst. Seine Waffengefährten erzählten nach ihrer 
äckkehr, sie hätten ihn auf dem Schlachtfelde schwer verwundet 
iräckgelassen. Er sei wahrscheinlich dort umgekommen. Zwei 
iu'e darauf bewilligte die Behörde seinem Weibe wieder zu hei- 
ten. Ein Jahr später kam der Mann aus Italien zurück. Er war 
Dge Zeit krank gewesen und hatte nach seiner Genesung bei 
Dem reichen Manne gedient. Weil sein Weib in jeder Hinsicht 
tcker und tüchtig war, wollte er sie wieder um jeden Preis zu 
ih nehmen. Doch fanden der Pfarrer und die Dorfältesten für 
«ht, dass das Weib bei ihrem zweiten Manne bleibe und zwar 
ICD deshalb, weil sie mit dem zweiten Manne schon ein Kind 
tte, während ihre erste Ehe eine unfruchtbare gewesen. Der 
nie Mann ersetzte dem ersten auf dessen Verlangen blos die 
chzeitsauslagen. Dieser Ersatz allein wurde ihm von den Richtern 
"esprochen. Ein ähnlicher Fall ist mir aus Slavonien bekannt. 
s einem Dörfchen ^) bei Pleternica zog ein Mann mit in den 



') Es liegt an der Strasse nach Sibinj. Ich glaube, dass es TreStenovci 



i 



232 

Krieg im Jahre 1866. Sein Name stand in der Liste der Ver- 
schollenen. Im Jahre 1870 heiratete sein Weib, und zwar heiratet« 
der zweite Mann zu ihr ins Haus hinein. Im Jahre 1872 kam dei 
erste Mann zurück. Er hatte sich durch die halbe Welt durch- 
gebettelt. Er war weit entfernt davon, seinen Nachfolger Ter- 
drängen zu wollen, vielmehr war er damit ganz einyerstanden. 
dass derselbe auch fernerhin im Hause bleibe. Dieses Vorgehen 
billigten alle Dorfbewohner, nur dem Pfarrer von Pletemica wii 
dies nicht recht. Er lud den Bauer vor sich und stellte ihn zni 
Rede. Der Bauer sagte ruhig, er sei froh, dass sich Jemand ii 
seiner Abwesenheit mit der Wirthschaft abgegeben. Er verzieht 
auf sein Weib, nur verlange er, dass man ihn selbst von seioei 
eigenen Grund und Boden nicht verjagen wolle. 

Eine andere Geschichte aus Sarajevo erzählt HadSiristic 
Der Fall ist aus der jüngsten Gegenwart vor der Occupation. Ein 
Uhrmacher Hess sein Weib sitzen und zog fort in die Welt. Naek 
vielen Jahren kehrte er wieder heim, doch in einem vollständ^ 
geisteskranken Zustande. Sein Weib mochte ihn nicht mehr aaf- 
nehmen, sondern >heiratete einen Anderen, doch ohne sich mit 
demselben kirchlich trauen zu lassenc. Das sind H.*s eigene Worte. 
Er fügt noch hinzu: >Doch die Welt betrachtete diese zweite Eke 
als eine Sünde und das Weib als eine Verworfene.« Dieser Zasiti 
ist auf jeden Fall sehr verdächtig, wenn man erwägt, dass te 
Berichterstatter ein Franziskaner ist. Wenn das Volk wirklich la 
etwas Argen Anstoss nimmt , so weiss es denselben auch n 
beseitigen. 

Bei den Bulgaren herrscht, so viel wir aus den Berichtet 
Zaharijev's und Od^akov's ersehen können, insoferne bezüglick 
der Bigamie von der Art, wie wir sie eben schildern, ein mit des 
in der Crnagora übereinstimmender Bechtsgebrauch, als man ci 
lieber sieht, dass das Weib zu ihrem ersten Manne zurückkebit 
Es liegt dem mehr, wie es scheint, ein religiöses Bedenken n 
Grunde, weil im Volke der Glaube — wohl ein Glaube, der eifl 
durch die Kirche ins Volk gedrungen ist — vorwaltet, dass jeder 
Mensch, mag er in seinem Leben auch mehrmals gesetzmlsaf 
verheiratet gewesen sein, im Paradiese doch nur mit dem Weik 
aus der ersten Ehe wieder zusammenleben wird. 



ist, beschwören möchte iohs doch nicht, wenngleich ich selbst einmal in dfli 
Hause des Bauers war, von dem ich da erzähle So viel erinnere ich michgcBH« 
dass das Haus links, etwa fünfzehn Schritte von der Strasse weit liegt. 



K» ist Dothwendig, dass wir unsere beideu Gewährsmänner 
Wort« kommen lassen. Zabanjev berichtet kurz und bündig, 
t es seine Art ist. Folgendes: >Es kommt sehr selten Tor, dass 
l H&on ein zweites Weib heirate), bevor er gesetzlich von seinem 
iteD geschieden ist; hat er aber doch geheiratet, so mnss er 
eses zweite Weib verlassen, wenn das erste darauf dringt, und zu 
ss'.'r zurückkehren; ausser sie vereinbaren unter einaorier, dads 
icb sie mit einem Anderen eine Ehe eingeht.« Sonderbar klingt 
kr das Weitere, wo Zaharijev sagt, der erste, yerschollen gewesene 1 
liDQ sei berechtigt, das Weib sammt ihren Kindern aus zweiter 
hc dem zweiten Manne zu entreissen. Dies dürfte schwerlich den 
hilsachen entsprechen. Mit demselben Rechte dürfte er ja dem 
»fiten Manne auch sonst einen Theil des Vermögens wegnehmen, 
enn er ihm die Kinder wegnimmt. Zahnrijev schwächt indessen ' 
nie Behauptung selbst um ein Beträchtliches ab, indem er fort- j 
ibrt, »wenn er aber nicht will, so kann er von dem Weibe alle 
ie Hochxeitsgeschenke wegnehmen, die er ihr einst gegeben, und 
dl dann mit einem anderen Weibe verheiraten. < Auf mehr hat I 
r nach dem Gewohnheitsrecht auch gar keinen Anspruch. Die 
Mm sind, wie wir im Capitel Aussteuer genau nachweisen, 
notinschaftlicbes Kigenthum der Ehegatten. Im Falle einer J 
cheiduDg vom zweiten Manne, kannte das Weib höchstens, wenn 1 
ifhrere Kinder, sowohl Söhne als Töchter, aus der zweiten Ehe 1 
IttprDDgen sind, im günstigsten Falle nur die Mädchen dem J 
^Ufa Manne zufahren. Von den Söhnen trennt sich kein Vater ] 
llwillig. denn, wie es im Voiksliede heisst, «Söhne sind des | 
lusps Stiltzgebalke.' Sie halten das Haus zusammen und J 
iuzen den Stamm fort. I 

Gehen wir nun zur Betrachtung der zweiten Kategorie von | 
igiaiie Ober. Wenn diese eingegangen wird, sei es, dass das erste J 
«ib unfruchtbar oder geisteskrank ist, sich also in einem solchen ] 
iBtaude befindet, dass durch sie der eigentliche Zweck des ehe- 
hea Lebenit, die Einderer^eugung nämlich, nicht erreicht werden 
OD Dass solche Bigamien, wenigstens unter den Bulgaren, 
inlieb häufig vorkommen mögeu, ist daraus ersichtlich, dass die 
Jgaren einen eigenen Ausdruck zur Bezeichnung des Verhältnisses 
f zweiten Frau der ersten gegenüber besitzen. Die zweite Frau ", 
sst nämlich namiestnica (die Stellvertreteriu). Dieses Wort ist 1 
[licJl auch unter den übrigen Südslaven bekannt, doch wird es 1 
^^L4em prägnanten Sinne wie bei den Bulgaren gebraucht. | 



234 

Während Odiakov für die Bulgaren von zwei Fällen dieser Art a 
wie von etwas Gewöhnlichem zu berichten weiss, liegt uns f&r d 
übrigen Südslayen nur ein Fall, ein Ausnahmsfall, vor. Uns 
Gewährsmann ist Vrßevi6 (Niz srpskih pripovijedaka, S. 98 — IW 
Die Geschichte spielte sich ab in »unserer Zeit« in der Hercegovii 

im Dorfe K c in der Gemeinde Grbalj. Vröevi6 nennt i 

Vatersnamen der Betheiligten nicht vollständig, offenbar weil di 
selben noch am Leben sind. Der Bauer Joyo P . . . n lebte n 
seinem Weibe Mara zweiundzwanzig Jahre lang in einer kinde 
losen Ehe. Eines Tages machte ihm sein Bruder im Streite eim 
bitteren Vorwurf daraus und drang auf Theilung, weil er mit eine 
Kinderlosen nicht länger unter einem Dache leben mochte. E 
Theilung wurde bald darauf vollzogen. Seit dieser Zeit gab si* 
Jovo dem Trübsinn hin und wurde täglich verstimmter. Eiom 
gelang es seinem Weibe, den Grund seines Trübsinnes von ihm i 
erfahren, und sie beschloss, ihn selbst noch einmal zu verheirate 
Jovo lachte sie aus. Erstens zählte er damals schon fünfzig Jah 
und zweitens wollte er nicht Spott und Schande auf sich wälie 
indem er bei Lebzeiten seines ersten rechtmässigen Weibes e: 
neues Verhältniss anknüpfte. Mara Hess sich aber durchaus nicht en 
muthigen, sondern nahm sich fest vor, ihren Willen durchzusetse 
Als am nächsten Tage Jovo auf den Markt fortgegangen war, eil 
Mara zu ihrem Vater, zum Priester, zum Enez (des bratstvo) and no( 
zu drei Dorföltesten und schliesslich zum Dorfvorstande, und ersuch 
Jeden inständigst, am folgenden Tage ganz gewiss zu ihr zn 
Mittagsessen zu kommen, ohne aber jemand Anderem etwas von der Ei 
ladung mitzutheilen. Jovo war sehr überrascht, als sich die Lee 
am nächsten Tage bei ihm einstellten. Mara setzte den Gästen it 
Lage auseinander und schloss mit den Worten: »Seid Ihr sec 
Männer mir nicht feindlich gesinnt, vielmehr billigt es Ihr selb 
dass ich meinen Mann Jovo verheirate. Ich lade die ganze SfiD 
vor Gott auf meine Seele und übernehme allein die Verantwortu 
vor dem Vladika und der Behörde in Cattaro. Ihr seid mir Vladi 
und Behörde. € 

Die Leute konnten sich vor Ueberraschung gar nicht fass< 
Inzwischen deckte Mara den Tisch und trug das fertige Essen t 
Nach der Mahlzeit ergriff zuerst das Wort der 

Knez: Wohlan, Mara! Du hast zuvor bei uns um die ErUi 
niss nachgesucht. Deinen Mann zu verheiraten. Nun fragen ^ 
Dich: was hat Dich auf diesen Gedanken gebracht? Ist es I> 



235 

freier Wille oder hat Dich Jemand dazu mit Gewalt angetrieben? 
Sprich die Wahrheit, so wahr sich Dir in Deiner Sterbestunde die 
Seele leicht vom Körper trennen soll! 

Mara: Niemand übt auf mich Gewalt aus, als nur grauses 
Elend ! Es schmerzt mich, dass meines Mannes Stamm verlöschen 
soll. Wenn ihn Gott mit einer Nachkommenschaft beglücken sollte, 
es war' mir nicht anders, als hätt' ich sie unterm Herzen getragen. 
Hier mein Vater, hier seid Ihr, lauter Landesherren, merkt gut 
auf und versteht mich recht. So will ich*s haben. Euere Ehre 
berflhrt's nicht, Euch trifft nicht die geringste Verantwortung, mir 
aber, wie*s geht, geht's. 

Die Männer zogen sich zur Berathung in ein besonderes 
Zimmer zurück. Der Enez und der Dorfvorstand ergriffen die Partei 
Mara's, sie wollten aber auch des Priesters Ansicht vernehmen. 
Dieser sagte: »Nach dem canonischen Rechte kann eine Ehe in 
Folge gewisser Vorkommnisse wohl aufgelöst werden, doch unter ge- 
wöhnlichen Verhältnissen vermag weder der Vladika noch der Patriarch 
selbst, sondern nur der Tod allein das Bündniss zunichte zu machen. 
Mir scheint es aber« — hier spricht der Priester ganz gewiss einen 
Valien Bechtsgrundsatz aus, der durch analoge Fälle aus Bulgarien 
bestätigt wird — »nachdem Mara die Verantwortung für ihre Hand- 
IttDg auf die eigene Seele lädt, dass die erste Ehe zwischen Mann 
ud Weib nnverrückt bestehen bleiben kann, wenn beide Parteien 
darin übereinkommen, dass noch ein zweites Weib ohne vorgeschrie- 
bene gesetzliche Einsegnung ins Haus aufgenommen werde . . .< 

Der Enez: Gefehlt, gefehlt, Priester! Den Vorsatz billigen 
vir Alle da, doch mit dem Nachsatze hast Du's nicht getroffen. 
Kinn denn, Priester, ein zweites, nicht angetrautes Weib zu dem 
Zwecke, den Mara vor uns Allen hervorhob, im Hause bestehen? 
Bei Gott, wollten dies auch sowohl Jovo als Mara und wir alle 
Anwesenden, so wollte sich woh\ nimmermehr ein Mädchen dazu 
Wgeben ! 

Der Priester: Weder Ihr und noch weniger ich dürfen so 

Hwas sagen, dass noch ein zweites angetrautes Weib bei Lebzeiten 

des ersten vorkommen darf, auch dürfte sich kein Priester unter- 

^hen, die Trauung vorzunehmen. Jovo und Mara können übrigens 

thnn, was sie wollen, da wir weder vor Gott noch vor Gericht für 

ihr Thun verantwortlich sind. Ich sehe indessen, dass Beide im 

iknd d'rin stecken. Man sagt aber auch: »Die Noth ändert auch 

den Rechtsbrauch« (nu^da i zakon izmjenjuje). Was sagt Ihr? 



236 

Alle (gleichzeitig): So ist*s, Priester, so soIPs auch geschehen 

Darauf riefen sie Maia und Joyo in die Stube und theiltei 
ihnen Alles mit, was der Priester gesagt. Mara küsste Allen di( 
Hand und entgegnete: »Mir genügt dies, wenn ich aus Euren 
Munde höre, dass Ihr unser Elend begriffen und wisst, dass wi 
nicht aus üebermuth noch der Kirche zum Trotz, sondern an: 
grimmem und ritterlichem Leidwesen so handeln. Nun weiss ich 
was ich thun soll.« 

Im Laufe der nächsten zehn Tage fand Mara ein Mädchen 
gab ihr das Yerlobungsgeschenk und führte sie ohne Hochzeitsgeleit 
ihrem Manne zu. Zu gleicher Zeit bestellte sie sich von irgendwohe 
einen alten Priester, der die Trauung vornahm. Mara selbst wa 
Trauungszeugin. Von da ab bis zu ihrem Tode nannte sie ihre 
Mann »kum« (Gevatter) und er sie seine »kuma« (Gevatterin). Jot« 
zeugte mit seinem zweiten Weibe zwei Söhne und eine Tochter. 
Mara nannte ihre Nachfolgerin immer »Schnur, Schwiegertochter« 
(nevjesta) und wurde von dieser dagegen »Schwieger, Mutter und 
Gevatterin« (svekrva, majka, kuma) genannt. 

Die zwei Fälle, die Od^akov mittheilt, sind aus LjeskoTce in 
Bulgarien. Die Betheiiigten leben oder lebten, wenn sie nicht io 
den letzten zehn Jahren gestorben sind, mit unserem Gewährsmaone 
in demselben Orte. Er macht die Personen namhaft und wundert 
sich nur, dass auch der Vladika seine Einwilligung zu der nenea 
Ehe geben mochte. Der Vladika war eben ein Mann von Einsieht 
und wollte umsoweniger gegen die neue Verbindung einen Einsprach 
erheben, als sowohl die Hauptbetheiligten als auch das Volk nichts 
dagegen einzuwenden hatten. Er musste auch voraussehen, du$ 
eine Einsprache doch nichts nützen würde; der Mann hätte sich 
das zweite Weib als Beischläferin ins Haus genommen und dadurch 
erst recht ein schlechtes Beispiel der übrigen Gemeinde gegeben- 
Aller Wahrscheinlichkeit nach ging der Vladika nach Präcedentieii 
vor. Die zwei Fälle, die 0. zum Besten gibt, lauten: »Vor zehn 
Jahren, als noch das Phanariotenthum in Bulgarien blühte (also 
um das Jahr 1866), heiratete Duno Eusev, corbad^i von LjeskoTCf. 
ein zweites Weib, wenngleich sein erstes noch am Leben war: doch 
war diese schon hochbetugt und nicht mehr tauglich für das Ehe- 
bett. Hilarion, Vladika von Lovßen, berief die erste Frau vor sick 
und fragte sie, ob sie damit einverstanden sei, dass ihr Mann eine 
zweite Ehe eingehe. Sie entgegnete, sie sei mit dem Vorgehen ihn» 
Mannes ganz einverstanden ; vielleicht sah sie selbst ein, dass mit 



^37 

ihr ein Mann nicht leben kann, oder sie wurde zu diesem Entscheide 
fon. ihrem Manne gezwungen. Was am meisten mich wundert, ist 
das, dass sie auch weiterhin im Hause ihres Maunes verblieb, 
naclidem dieser mit Bewilligung des Vladika und der Gemeinde die 
xweite Frau heimgeführt. Sie wird nun von ihrem Manne »Schwester« 
und Ton der Stellvertreterin >MuttOT< genaunt. Man behandelt sie 
auch darnach; denn sie speist mit den Eheleuten an demselben 
Tische, während sie aus eigenem Antriebe die Dienste einer Kinds- 
Wärterin bei den Kindern ihrer Genossin vertritt.« Der zweite Fall: 
>Das Weib des Ivan Terzija (Schneider) in Ljeskovce wurde geistes- 
krank. Da sie im Laufe von drei, vier Jahren nicht genas, wurde 
ihrem Manne gestattet, eine zweite Ehe zu schliessen. Kurze Zeit 
darauf wurde die Kranke wieder gesund, doch sie mochte das Glück 
ihrer Nachfolgerin nicht zerstören, sondern kehrte zu ihrem Bruder 
iQS Elternhaus zurück.« 

Eigentliches Kebsenthum kann ich nur für Slavonien (Syrmien 

mitinbegriflfen) nachweisen. Die Sitten und Anschauungen des Volkes 

sind Damentlich in der ehemaligen Militärgrenze, durch den demo- 

TaUsirenden Einfluss der Soldateska, vielfach freier, zügellos könnte 

inan sagen, geworden. Buhlschaften und Kupplerei sind an der 

Tagesordnung. Da alle Stände von diesem üebel befallen sind, so 

trlgt man diesen Zustand als etwas Unvermeidliches. Man hat sich 

damit gewissermassen ausgesöhnt! Die Statistik schweigt darüber. 

I)oeh mir stehen ganz andere, nicht minder zuverlässige Quellen 

lur Verfügung, die ausreichenden Aufschluss über die Sittlichkeits- 

verhUtnisse in den genannten Gegenden darbieten. Ich besitze 

l^undertnndfünfzig der unfläthigsten Volkslieder gerade aus der 

ehemaligen Militärgrenze. Die Priapieen, welche Salmasius einst 

iiisammengestelit, sind, meiner Sammlung gegenübergehalten, Er- 

I^QQDgslieder für heranreifende Jungfrauen. In diesen Liedern wird 

jedes denkbaren Lasters gedacht. Freilich geschieht dies zuweilen 

^t viel Geist, trotzdem scheint es mir nicht zulässig, auch nur 

^ Probe ein Lied davon mitzutheilen. Eine weitere Quelle ist mir 

<Üe QDgedruckte Sammlung meines Freuudes N. Tordinac und des 

^LE. Kuöera. Unter ihren tausendsechshundert Liedern sind an zwei- 

boderi an Kebsinnen gerichtet. Die Kebsin wird »die Andere« 

(iooka oder inoöa) genannt. Kebsin beisst nach den Liedern 

flieht blos »die Wilde« neben der rechtmässigen Frau, sondern auch 

die Nebenbuhlerin eines verliebten Mädchens, dem »die Andere« 

den Geliebten (dika = Stolz) abspenstig macht. Diese Lieder tragen 



238 

an sich das Gepräge der Impro?isatioD. Alle laufen auf Eines hinan 
Einige Proben dürften genügen. Die inoka ist ein verworfenes G\ 
schöpf, feil um wenige Groschen, herrschsüchtig, unverträglich, kurxui 
ein verfluchtes Ungemach. Der Mann entwendet seinem Weibe d( 
Thaler, den er ihr bei der Werbung zum Geschenke gemacht, ui 
verschenkt ihn an die Eebsin. Trägt die Kebsin nicht den Thal 
frech und frei am Halse! Buft der Eebsin das Weib zu: 

1) Oj inoßo ludaro! 
Daj ti moju Skudu! 
Tü2it 6u te §i§aro 
Velikome sudu! 

>0 Du Kebsin, (Du männer-) vertollte! Gib Du mir meinen Thaler! 
Werde Dich, Geschorene, ^) bei dem obersten (grossen) Gerichte verklagen 

2) Gle ino5e, istom se dovukla, 

Pa ve6 ka2e, da bi mene tukla! 

»Schau da Einer die Kebsin! Die hat sich noch nicht recht hergeschlick:^ 

Und schon sagt sie, sie wolle mich schlagen!« 

klagt das rechtmässige Weib voll Entrüstung über die Eebsin. 

Nun das Weib weiss ihre Rechte zu wahren. Sie ruß < 
Eebsin zu: 

3) Oj inoöo, traljavo tarabo! 

Odi amo, da se ogledamo ! 

»0 Du Kebsin, Du lumpige Zaunplanke, komm' her, dass wir oos 

messen !< 

Ja keck und frech ist die inoöa: 

4) Mas ^) inoöa po selu falila 

Da je mene za diku morila. 
Volim prije glavu izgubiti, 
Ve6 §to 6e me ino6a moriti! 

^) Seit den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren ziehen im Süden Hll^ 
abschneidet herum und kaufen den Weibern das Kopfhaar ab. Wenn soWhl 
Weiberscheerer — es sind zumeist Cechen — ein Weib unter die Scheeie^ 
kommen, so wird das Weib wie ein Pudel im Hochsommer abgeschoren. U 
Geschorene kann nun getrost die Richtigkeit des Sprichwortes in AM 
stellen: u zene su duge kose, kratka paniet, »das Weib hat lange Haare, kvn 
Verstand.« 

*) »Mas« contrahirt aus moja se je. Das a in mas klingt dampf 
und a, etwa wie oi im Französischen moi. 



239 

eine Nebenbuhlerin berühmte sich im Dorfe, sie hätte mich um des 
lebten willen geprügelt (gewürgt). Eher wollte ich meinen Kopf ver- 
Heren, als dass mich die Nebenbuhlerin prügeln dürfte!« 

e Eebsin Tersteht gar nichts, sie kann nicht einmal tanzen, 
*s sich gehört. Na, und gar den schiefen Blick, den sie hat: 

5) InoSa mi ne zna igrat tanca. 

Oko joj je ko u pasoglavca! 

i Kebsin kann mir nicht einmal ordentlich tanzen. Ein Auge hat 

sie wie ein Hundskopf.« ^) 

Mädchen erzählt: 

6) Ino6a je §ila ga6e, 

A ja plela natikace, 
Ona mi je govorila. 
Da ja diki nisam mila. 
Misli drolja da je boija, 
A izgledje ko nevoija! 

«e Nebenbuhlerin nähte Hosen, ich aber flocht Strümpfe.*) Sprach 

zu mir, ich wäre meinem Stolz (dem Geliebten) nicht mehr genehm. 

^ubt der Haderlumpen, sie war' besser, schaut aber aus wie das 

(leibhaftige) Ungemach!« 

^ ist*s denn auch leicht begreiflich, wie sie der inoöa zurufen kann : 

7) Oj inoöo, razginila! §uti ! 

Kad te vidim onda mi se smuti ! 
^ Du Kebsin, sollst verenden ! Schweig ! Wann ich Dich erblicke, so 

wird mir gleich übel!« 

Die > guten« Frauen halten Berathung, wie sie dem Uebel 
^^^nern könnten. Todtschlagen kann man sie füglich nicht, los 
'^rdeD will man sie aber auf jeden Fall: am Besten ist^s, man 
öiirt sie wie Hühner zu Markt nnd schlägt sie noch mit Profit los : 

*) Die HundskOpfe pasoglavci nach dem Volksglauben bösartige 
floen mit HundskGpfen. Nähren sich am liebsten vom Fleisch junger Menschen. 
h werde über die pasoglavci ausführlich in einem besonderen Capitel meines 
erket >SageD nnd Märchen der Südslaven« handeln. 

') Natikaöe sind eigentlich keine Strümpfe, sondern StrumpfrOhren. 

tere Banemmädchen leisten in der Anfertigung solcher Wadenwärmer sehr 

Bemmdernswerthes. Die Ornamente herrlich — ohne Vorlage — ausge- 

iit, die Maschen gleichmässig wie von einer Maschine geflochten, zuweilen 

klicbe Prachtstücke. 



240 

8) Skoro nam je u Iloku va§ar. 
Vodit 6emo inoöe na va§ar. 
Koja j fina toj je dobra cina, 
Koja j loSa ta je za dva gro§a. 

»Bald haben wir Jahrmarkt zu Ilok. ^) Wir werden die Kebsinnen za 
Markte fuhren. Welche fein ist, der ist auch der Preis gut, weiche 
schofel ist, na, die kann Einer um zwei Groschen haben.« 

Ein Weib wurde endlich und letztlich des ewigen Gezänkes 
und Gebalges mit der Nebenbuhlerin überdrüssig und räumte ihr 
um des lieben Friedens willen den Platz: 

9) Oj inoöo, eto tebi dika! 

Eto ti ga pa se s njime dii^i, 

Samo gadu na mene ne viSi! 
»0 Du Kebsin, da hast Du den (meinen) Stolz! Da nimm Dir ihn 
und thu^ stolz mit ihm. Nur begeifere mich nicht mehr. Du Unflalh'< 

So sprechen aber die W^enigsten. Andere Frauen fluchen der Nichts- 
würdigen, so ein Mädchen: 

10) Oj inoöo, pukni na tri tala,^ 

Ja 6u s dikom kleknit kod oltara ! 
»0 Du Kebsin, sollst in drei Theile zerplatzen. Ich werde (doch) vä 

meinem Stolz vor dem Altare niederknieen!« 

Ein zweites Weib versichert ihre Nebenbuhlerin ihrer Liebe in fol- 
genden Versen: 

11) Oj inoSo, kako si m\ mila, 

Do nedilje pod pokrovom bila! 
»0 Du Kebsin, wie lieb ich Dich habe, bis zum Sonntag sollst Di 

schon unterm (Leichen-) Decktuch liegen!« 

Die ino6a wird als eine Vila, d.h. Waldfrau im schlimoei 
Sinne, als menschenfressende Hexe hingestellt. Die arme Sängerii 
gibt in ihrem schweren Herzleide der bösen inoSa yila einen Bn^'^ 
wollt' ihn diese auch befolgen! 

12) Oj ino(5o vilo! 

Ne jidi mi tilo, 

*) Ein sehr grosser Marktflecken in Sjrmien. Hier werden grosse Jih^ 
markte abgehalten. Das Stelldichein aller Pferdediebe, Bentelsc^neider ^ 
Baaernfönger. 

') tal, ein Lehnwort aus dem Deutschen. Das slaTische Wort dafb- 
diel oder, wie man in der ikavStina sagt: dil. 



241 

Ve6 li jidi staro salo, 

Ne bi 1 lebe ve6 ne stalo! 

Pa ti jidi bila luka, 

Nek je tebi veöa mukal 
Du Kebsin, Du Vila ! Iss mir meinen Leib nicht ab ! Sondern iss 
' Unschlitt, vielleicht verschwindest Du doch einmal; ferner, iss 
blauch, damit Deine Qual noch grösser sei!« ^) 

Der Schmerz und die Wuth des verlassenen Weibes kennt 
e Grenzen. Sie flacht schon nicht mehr, sie will sich rächen 
Jer Friedensstörerin. 0, wenn die Elende ihr einmal unter die 
de käme! Spricht so ein armes Weiblein, das einsam, vom 
me betrogen, die Nacht hindurch auf dem Bette, dem Öden 
e, wachend gelegen: 

13) Da sam znala, da 6u spavat sama, 
InoSu bi na konak pozvala. 

I pod nju bi mekano sterala: 

Komad stakla ne bi 1 se natakla, 

I dva §ila ne bi 1 se nabilal 
t' ich gewusst, dass ich allein schlafen werde, ich hätte die Kebsin 
iladen, sie soll bei mir übernachten. Hätte ihr ein weiches Bett 
ttet : Ein Stück Glas, sie hätt' sich darauf aufstecken können und 
zwei Ahle, sie hätt' sie sich in den Leib eintreiben mögen!« 

Wahrscheinlich hätte sich die liebe Kebsin auf ein so weiches 
. nicht hingelegt. Die Gekränkte findet eben schon darin einen 
;t für ihre Seelenqual, wenn sie sich im Geiste einbildet, wie 

Feindin wimmern würde, käme sie auf ein derartiges Lager 
liegen. Weit gefährlicher ist die Drohung einer anderen, um 
D »Stolz« Betrogenen, die da singt: 

14) Oj inoöo ludaro, 

PoSalji mi diku ! 
Dat 6u tebi ludaro, 
§i6ana u mliku! 

du männertolle Kebsin, schick^ mir meinen »Stolz« (zurück)! Ich 
werde dir, du Männertolle, (dafür) Arsenik in Milch geben!« 

' oft mag es beim blossen Versprechen sein Bewenden haben? 

>) Eine ausführliche Erklärung dieses Liedchens siehe »Mittheilangen der 
ler anthropolog. Gesellschaft«, Bd. XIV: »Stldslavische Hexensagen« von 
Kraizss, S. 37 a. 

r • n » s, Sitte n. Gewohnheitsrecht d. SOdsl. 16 



Polygamie bei den sudslavischen Mahomedanern. 

Dass die Vielweiberei unter den südsIaTischen Mahomedanern 
nichts anderes als ein kostspieliger, durch die Beligion gebilligter 
Luxus ist, den sich unter Tausend kaum Einer gestattet, dayon 
kann man sich bald überzeugen, wenn man die Lebensbedingungen 
der sudslavischen Mahomedaner näher betrachtet. Einen solchen 
Luxus kann sich wohl selbstverständlich nur ein wohlhabender Mann 
gestatten, ganz so wie bei uns, wo Jemand, der überflfissigea 
Geld und Lust dazu hat, neben der rechtmässigen Ehegattitt 
eine oder zur Abwechslung auch mehrere »Maitressen« aush&lt. 
üebrigens sind die slavischen Mahomedaner, wie in so vielen anderen 
Beziehungen, auch in dieser dem alten slavischen Brauche, der 
Monogamie, treu geblieben. Vid Vuletiö Vukasovi6 hat folgenden 
Ausspruch in der Hercegovina aus dem Munde eines Türken gehört: 
>Die Türken in der Hercegovina nehmen nur ein Weib, doch es ist 
ihnen gestattet, so viele zu heiraten, als sie nur ernähren können.« ') 
Um bestimmt darüber berichten zu können, wandte ich mich an ED. 
Pretner, den bekannten Herausgeber des >Slovinacc in Bagon, 
und erhielt von ihm eine Bestätigung des eben Mitgeiheilten. Er 
schrieb mir: »Die slavischen Türken nehmen nur ein Weib. Beide 
Bo§njaken halten wohl in den Dörfern Maitressen (priljubnice) ans, 
die sie aber nicht als Frauen, sondern eben nur als Beischläferinnen 
(H . . . .) betrachten.« Dass der bosnische Moslim nur ein Weib n 
freien gewohnt ist, ersieht man unzweifelhaft auch aus dem Märchen 
»Zlatumbeg« in meiner Sammlung südslavischer Sagen und Märchen 
(L B. S. 69 — 80). Auch der Sultan wird vom Volke als nur mit einem 
Weibe verheiratet gedacht. Ein allzugrosser Frauenverehrer ist der 
Südslave überhaupt nicht, das wenigste Ansehen geniesst aber die 
im Harem erzogene Türkin. Ihr Gesichtskreis und ihre Bildung 
sind so eng begrenzt, dass sie auf den Mann wohl nicht viel 
Anziehungskraft auf die Dauer ausüben kann. Vor drei Jahren 
reiste ich mit vier bosnischen Mekkafahrern auf einem Savedampftf 
von Sissek nach Brod. Ich schloss mit dem Führer der EipeditioBf 
der seines Zeichens Bachmüller war, nähere Bekanntschaft. Er hatte 
auf dem Verdecke einen grossen, groben Teppich ausgebreitet, «rf 
dem wir Fünf uns mit kreuzweis unterschlagenen Beinen im Erein^ 
niedersetzten. Nachdem ich mich mit den frommen Männern zw« 
Stunden lang im Cigarrettenrauchen und Schweigen geübt, fragte 

») Mladi Hercegovac. Koledar za prostu godinu 1882, S. 46. 



243 

ich den Führer : > Nachbar (koraäija), wie viel Weiber hast Du?« — 
>Jednn i te da nije« (Eine und auch die solito nicht seiß). Seine 
G«Mrteii Dickten ihm rasch aber ernst Beifall zn und stiessen 
eioea tiefen Gurgellaut aua: »ß,* der soviel als »jawohl« zu he- 
deoteohat. >Aber Nachbar, warum denn das ?< — >Zlo< (ein Uebel). 
Wieder nickten seiue Gefährten und Hessen ihr >E' hOreo. *Aber 
Niclibw, es gibt ja Leute, die mehrere Weiber haben?- — »Viäe 
ili' (mehr üebel). >E.« Wir schwiegen und rauchten. Nach einer 
lulbgtüudigen Pause meinte er, wenn ein Mädchen geboren werde, 
■einen die vier Wände des Hauses. Wiederholtes Nicken. »Aber 
i^ichbar, man muss doch heiraten, schon der Nachkommenscliaft 
■tgen?« — >Eo se i^eni kaje se, ko se ne zeni ma i on se kaje.< 
iTfer da heiratet, bereut es, wer nicht heiratet, bereut es auch.) 
In einer Pitalica (397) fragte, ähnlich wie ich gefragt, ein 
Tfltke einun Baja: «Warum haltet denu nicht auch Ihr, na, sagen 
»ir.ininindestens zwei Weiber?« — »Eine genilgt sowohl mir als dem 
guten Dorfe.i (Ma zaSto i vi daj budi po dvije £eue ne dr£ite? — 
Jrdaa je dosti i meni i svemu selu.) Die Abneigung des Christen 
Ifim Bigamie geht so weit (in der Hercegovina), dass Mancher 
nicht einmal nach dem Abieben seines Weibes noch einmal sich 
Iwvviben mag. So fragte man z. B. einen verheirateten Mann : 
•Wenn Dir Dein jetziges Weib stürbe, thätst Du nochmals hei- 
fteo?« — >Thoren kann man zu zweimal, Weise nur einmal foppen.« 
i?iUIica 141, pitali o^enjena: da bi ti ova sadaSnja Jena umrla. 
'•ili »e opet ienioi' — Ludi se jio dva puta varaju a mudri samo 
Jtdomn.) Das erinnert an den zum Sprichworte gewordenen Aus- 
spruch jenes Mannes, dem das Weib gestorben, aber zur gleichen 
!*it auch die Reife von den Fässern im Keller abgesprungen und 

Iein auHgeronnen. Rief der Biedermann aus: >Das ist mal Ton 
W ein heiliges Gesetz : du kannst nie einen frohen Tag haben, 
Itts dir irgend etwas zustßsstN (To je od starina obiüaj svet, 
ad nemaä veselog dana a da ti po gtogod ne presedne.) >) Die 
B Freude: Man fragte einen Greis: »Wie oft ist der Mensch 
tem Leben froh?« — ■Zweimal: einmal, wenn er sich ver- 
it, das andere Mal, wenn ihm das Weib stirbt.« (Pital. 40.) 
Hia fragte einen Zigeuner: >Uedn, was singst Du so, Du Uallunke?« 
«Hab* gebart, mein Weib war' heut' Morgens im Fluse ersofien.« 
(Ebd. 72.) Von dieser Art ist unter vielen anderen auch folgende 



n In Stftki Utopii. 1868. II. Ofen 1859. S. 106. 



244 

Pitalica (148): Fragte der Schulze einen Bauer: »Was jam 
Du so, Leidvoller?« — >Na schau, stirbt Dir mir heute auch 
zweites Weiblc — »Schweig', Narr! Dem Glacklichen sterbe 
Weiber, dem unglücklichen aber verenden die Stuten, c (E 
jutros i druga 2ena umrije ! — Suti budalo ! sretnjome 2ene i 
a nesretnjome kobile krepaju!) Wenden wir uns wieder den 
limen zu. 

So lange die Moslimen die Herren waren, übten sie auc 
sogenannte Herrenrecht mit Vorliebe aus. Auch pflegten si 
Weibern ihrer Raja häufig Gewalt anzuthun. Zumeist gescl 
solche üebergriffe, wenn wenige Mitglieder in dem betreff 
Hause lebten und der Schänder nicht befürchten musste, dass 
an ihm Bache nehmen werde. Sehr Viele bezahlten indessen 
ünthaten mit dem Leben, denn früher oder später überfiel ih 
Gekränkte doch aus einem Hinterhalte und schlug ihn todt. 
Goncubinat ist unter den Südslaven eigentlich verpönt. Aus 
achtzehn Beferaten im Zbornik von BogiSiö ersieht man 
deutlich, dass, wo das Goncubinat vorkommt, dasselbe zu 
nur in Städten unter der Beamtenwelt und unter so 
Officieren, die keine Caution erlegen können, üblich ist 
Kategorien entziehen sich natürlich unserer Darstellung. EnU 
dend für unsere Behauptung, dass das Goncubinat den Süds 
ursprünglich fremd war und noch z. T. ist, ist wohl die eine ' 
Sache, dass in der Volkssprache kein Wort dafür aufzutreibei 
Man nennt dieses Verhältniss einfach kurvarstvo (H . . . rei) oder 
vinski posao oder bezobraätina (Schamlosigkeit), die Gonc 
kurva (H...) oder skitnica (Vagabundin), inoka (vergl. 
in Bulgarien (Zeuge Odiakov) milostnica. Letzteres drückt I 
lieh Verachtung aus. M. ist ein Geschöpf, das aus Gnade und I 
herzigkeit ausgehalten wird. Man kann sie nach Belieben fortj 
Oft mag es vorkommen, dass das Volk Beide aus dem Orte vert 
Einen solchen Fall erzählt wenigstens Od2akov. 

Eine scheinbare Ausnahme machen die Dalmatiner im d 
thale, nach SuSak's Bericht. Es trifft sich in jüngster Zeit nä 
ziemlich häufig, dass ein Bursche ein Mädchen heimführt un« 
ihr so lange ohne kirchliche Einsegnung lebt, bis er vom Mi 
dienste frei geworden ist. Solche wilde Ehen sind ein g 
Unglück, denn das Volk wird dadurch mit der Zeit stark entsit 



XIV. 

Mädchenraub. 

(Grabet, otmica.0 

Der Mädchenraub war vor Zeiten bei allen indogermanischen 
Völkergruppen an der Tagesordnung. Es ist die älteste Form der 
Hieschliessung. Wir wollen damit also anfangen. Unter den Slaven 
^ sich diese Sitte bis in die Gegenwart am deutlichsten nur noch 
k«i den SQdslaven erhalten. »In der Gegend von Sopsko in Bul- 
prien ist es ein uralter Brauch, dass ein Dorf dem anderen die 
Midchen raubt. «^ Wenn ein Mädchen wider ihren Willen geraubt 
^ sagt man Ton ihr, dass sie eine otkradnota, moma 
Pfaden a (eine Gestohlene^ ein gestohlenes Mädchen), oderugrab- 
U^na, oteta djevojka (ein geraubtes, weggenommenes M.) sei; 
Schiebt der Baub mit ihrem Einverständniss , ist es nämlich 
itor eine Entführung des Mädchens wider den Willen ihrer Eltern, 
>o sagt man von ihr prestanka, moma priestanola (d. h. 
Goe, die eingewilligt hat). Es kommt aber auch der Fall vor, 
^ ein Mädchen auf eigene Faust in das Haus eines Burschen, 
den sie liebt, entflieht, dann ist sie eine bjegunica oder u b j e g- 
'ica (Eine, die sich geflüchtet hat), oder eine pobjegnola 
Qioma (ein flüchtiges Mädchen). 

Mit diesen Bezeichnungen sind uns zugleich die Hauptgesichts- 
Pnokte gegeben, von welchen aus man den Mädchenraub zu be- 

*) Grabet. Kebf. grabstvo, die Beutemachnng, dann die Beate selbst. 

2wt grabiti. Vergl. 11t. gröbti, let. gr&bt, goth. greipan, ahd. grifan 

(ihd. greifen), ags. grlpan, and. gripa, scrt. grbh, apers. garb, griech. 

^^a^ftr (gabst, agnayrj), lat. rapere. — Otmica. Nebf. otimanje. Ztwrt. 

^-imati, wegnehmen, davontragen, rauben. 

*) OdiakoT im Zbomik bei Bogiiiö. 



246 

trachten hat. Die moderne Gesetzgebung hat sowohl den Mädchen- 
raub als die EntfQhrung aufs Strengste verpönt. Das Volk billigt 
zwar den Baub auch gar nicht, doch betrachtet es ihn von eineoL 
etwas erhabeneren Standpunkte mehr als ein kühnes WagstücL, 
das eher Bewunderung als Verachtung verdient. Ein Sprichwort 

lautet : 

Junak ne krade no grabi. 

Ein Held stiehlt nicht, er raubt, 

oder in einer Variante:' 

Vuk ne krade no otima. 
Der Wolf stiehlt nicht, er nimmt (mit Gewall) weg. 

Gewissermassen als Entschuldigung der Gewaltthat pflegt man lo 

sagen : 

Sto vuk ne ugrabi to ne izprosi. 

Was der Wolf (mit Gewalt) nicht an sich reisst, das erfreit (erbittet) er 

sich nimmer. 

Aus letzterem Sprichworte ersieht man zugleich den Grund, weshilb 
Jemand ein Mädchen gewaltsam entführt. Es ist die Aussieht»- 
losigkeit, auf einem anderen Wege in den Besitz der begehrte 
Person zu gelangen. Fast immer setzt man einen Theil der Schuld 
auf Bechnung des Mädchens, denn, wie es im Sprichworte heisst: 

Gora se ne miöe bez vjetra a trava ne niSe ako nema Sta u ojoj. 

Der Berg rührt sich nicht ohne Wind und das Gras wiegt sich nM 

wenn nichts in ihm ist, 

oder man sagt von ihr, wie von der Verführten : 

Dok kuja repom ne mane psi za njom ne idu. 

Ehe die Hündin mit dem Schweif nicht wedelt, gehen ihr die Hood* 

nicht nach, 
oder: 

Traiila krava junca pa ga i na§la. 

Es suchte die Kuh einen Stier und fand ihn auch. 

Alle Schuld wälzt man zuweilen auf das Mädchen. Ach die AermsU 
leidet nun viel. Da wendet man das Sprichwort an: 

Pokajci ne sluXe divojci. 
Reue hilft dem Mädchen nichts. 

Trotzdem ist's nicht rathsam, auf Mädchenraub aasxugehen, 
mag die Geraubte auch einverstanden sein. Ein sehr altes Sprich- 



trt, das jetzt fast xiiuieist uur in übertr^ener Bedeutung gebraucht I 
rd, betont die Getalirliclikeit des Wagnisses: 

Ko s grabeiem avali brzo glavom plati. 
Br durch Raub Hochzeit macht, büsat es schnei! (bald) mit seinem Kopf. 

Wir werden die Wahrheit dieses Sprichwortes weiter unten I 
t eioem bestimmten Ereigaiss belegen. 

Nachdem die Räuber das JVl&duhea in Sicherheit gebracht» I 
er die Maid selbst zu ihrem Liebsten geflohen, werden zwei oder drei T 
shQGse abgefeuert, um die Thatsache den Leuten kund /.u thun.*)! 
Dilere symbolische Bräuche scheinen nicht flblich zü sein. 

Unter den Slovenen, den Kroaten im eigeutlichen £roatieu und in 
ilavoaien ist der Brauch des Mädchenraubes so gut wie vollständig in 
fergesGenhfit geratheu, während noch im dritten Jahrzehnt dieses 
lUirhanderts Caplovic berichten tonnte, dass in Slavonien der ■ 
MWcbenraub sehr häufig vorzukommen pflege. Als Giund gibt er | 
*ii, dass, wenn ein Mädchen mehrere Freier hat, Einer den Ande- 1 
Ra anszustechen sucht, indem er sowohl seinem Vordermanne die j 
Asalagen zurückerstattet, als das Mädchen durch reichere Geschenke j 
Bh gich zu gewinnen trachtet. Hat nun Einer keine so reiches 1 
piUel, um alle diese Auslagen bestreiten zu kennen, so raubt er 1 
■u Mädchen. Indessen half dies nicht Tiel, denn einerseits wurden I 
i» Räuber von der Behörde verfolgt, andererseits Hess sich nicht 
wietil ein Priester herbei, das Paar zu trauen, und schliesslich 
Hhrt(! das Mädchen wieder in ihr Elternhaus zurück, wenn keine 
*Meinbamng anter den Parteien erzielt werden konnte.") Stojano- 
^li*) (aus Semlin) weiss schon nichts mehr von einem Mädchen- 
ftnbft zu erzählen, doch berichtet er, es kämeu zuweilen Fälle Tor, 
**« ein Mädchen mit einem Burschen oder einem verheirateten I 
wniie ober die Save nach Bosnien oder Serbien flüchtet, das Volk | 
fviluniut aber ein solches Vorgehen uud nennt es kurvin» 

tine II . . . handlung). Valid bestätigt einfach die That- | 
s Entfahrungen mit Einverstäudniss der Entführten vor- | 
von einem Raub kann dabei keine Rede sein. Dasselbe J 
von Vurdelja und Kasimovi6 für die Lika bestätigt. 1 
W Erstere berichtet: >Wenn sich Bursche und Mädchen sehr) 



*i AU Z«DgeD fOr Serbien fübren m 
teer« Belege folgen spBtvr im Tt'ite. 
^ SUvonitn- S. 175. 
■ Zbomik- 



:J.)V 



novii! diu Zbornik) B 



, S. 251. 



248 

lieben, der Letzteren Eltern aber Ton einer Terbindnng nichts 
wissen mögen, so entwirft das Mädchen mit dem Barschen einei 
Plan, wie sie den Eltern heimlich dayonlanfen wird. Der Yenb- 
redung gemäss kommt der Bursche Nachts, um sie abzuholen. Sie 
steigt zum Fenster hinaus und sucht mit dem Geliebten das Weite, 
in der Voraussetzung, die Eltern werden sich nachgiebiger erweisen, 
wenn sie erfahren, dass ihr Töchterlein allein mit einem Manse 
ausgegangen sei. Lebt d ie Mutter noch, so nimmt die Tochter gir 
keine Sachen mit, denn sie denkt sich, >die Mutter wird es nicht 
übers Herz bringen können, dass sie mir gar nichts gibt« Wenn 
sie keine Mutter mehr hat, so ra£ft sie so viel Wäsche znsammefl, 
als sie nur tragen kann. Vurdelja fugt noch hinzu, »wenn eil 
Mädchen mit aller Gewalt Jemand heiraten will nnd es nickt 
möglich ist, sie auf gutem Wege von ihrer Wahl abzubringen, si 
meint das Volk, es sei das Gescheidteste, sie gewähren zu lissei 
damit kein grösseres Ungemach oder gar ein Unglück gesehek. 
denn Bog sre6u dijeli, mo2e jo§ sre6na biti« (Gott theilt 
das Glück aus, sie kann noch glücklich werden.) 

Selbstverständlich gereicht es den Angehörigen zu keiner 
Ehre, wenn ein Mädchen entflieht. In einem Yolksliede av 
der Hercegovina droht die Tochter der Mutter, dass sie ihr diese 
Schande anthun werde, falls sie noch länger zögert, ihre Einwilfi- 
gung zu geben, dass sie, die Tochter, den Liebsten heirate. Sie 
droht, ihre Ausstattung zusammenzuraffen, zu entfliehen und nickt 
einmal die Tbüre hinter sich zu schliessen. Wie ein Hund will sie 
fort, ein Hund schliesst nie die Thüre hinter sich. Man drückt 
durch ein solches Benehmen bei den Südslaven seine tiefste Te^ 
achtung aus. Das Liedchen lautet: 

— »Mutter, schau, erbarm' Dich meines Elends. 
Mich begehrt von Dir mein Liebster, Mutter. 
Doch verwehrst Du meine Hand ihm, Mutter. 
Gib mich, Mutter, sonst geh' ich alleine.« 

— »Nicht allein, bei Leib, o theure Tochter, 
Nicht allein, befleck' nicht uns're Ehre!« 
-- »-Ja bei Gott, ich thu's, o theure Mutter! 
RafT die ganze weisse Wasch' zusammen. 
Offen lass' ich hinter mir die Thüre !< ^) 

>)Ini Slovinac. Ragusa 1881, S. 206, mitgetheilt von Vid. V. Vv 
k a 8 V i d. 



24&I 

Dasselbe, was Vurdelja fßr die Lika, sagt KarakaäeTÜa 
r Dobrica und Umgpgend im Baoat. Die Mitglieder der Haiis-T 
neinscbaft des Burschen babeu nichts dagegen, denn sie kommen 1 
f diese Weise am Billigsten daraus, indein ilmeD die vielen Aus» 
iben erspart bleiben, die eine Werbung und Verlobung erhei- 
hen. Nur dem Vater der Entführten ist dieses Vorgehen nie 
mehm. versichert unser Gewährsmann, er droht der Tochter, dass 
; sie durchprügeln, dass er sie umbringen werde, dass er von ihr 
btrhaupt nimmermehr etwas wissen wolle. So wird einige Tage 
ing herumgeschrieen, bis sich der Täterliche Zorn besänftigt hat, ] 
iBd Kuletzt löst sich Alles in eitel Zufriedenheit auf. Wenn der 
Fiter des Mädchens der Schuldtragende ist, so wird er Ton allen 
ir"uten beschimpft, bis er nachgibt; trägt das Mädchen aber allein 
ti« ganze Schuld an der Geschichte, so wird sie eine Zail lang 
Kn ihren Freundinnen und Genossinnen verachtet und gemiedan, i 
fe Alles vergessen und vergeben ist. 

In Bosuien kommen, wie Marti6 berichtet, Entfahrungen 
nlu häufig, Mädchenraub gegen den Willen des Mädchens aber 
lut Selten vor. Es verschafft dem Burschen eine Art von Helden- 
(kirie (to mu je njeka junacka dika), wenn er sich sein Mädchen 
tlabt, das Volk verwirft diesen Rauh zwar nicht, man hält es aber 
Rr inständiger, auf gewohnte und gesetzliche Weise die Braut 
uimiuführen. Diesen Zusatz Marti 6's muss man mit einiger i 
ftrsicht betrachten. MartiiS ist ja ein Priester, der immer die ) 
Dinge von seinem einseitigen Standpunkte der Kirche beurtheilt. [ 
linnial gereicht es dem Burscheu vor dem ganzen Volke zur Ehre, 
iiiB er es gewagt, die Braut zu rauben, das andnremal, und Kwar 1 
Vi« Martin mit offenbarem Bedauern es ausspricht, geschieht nur 
tu oft der Baub im Einverständnisse der Eltern der Braut, damit 
tan die kostspieligen Ausgaben der kirchlichen Ceremouie ver- 
"«lien kann. Eben aus demselben Gniude, wie wir später noch 
Uten werden, kommen auch in Dalmatien, der Crnagora, der 
ItrcegoviDa, in Serbien und Balgarien die scheinbar gewaltsamen ] 
htmhinngen vor. 

Ctassisch i^t in dieser Hinsicht der Bericht J. Miodrago- 
\6'», der uns recht ausffihrlicb und klar die Art und Weise der 
Idebeoflncht (in Serbien) schildert und zugleich das Warum 
Ker Erscheinung nach den Aussagen eines Bauernmädchens mit- 
'lÜt.') Sein Bericht lautet: I 

"^ •) ^raldba a Srbi na selo. ha Lelopiä matice srpske kiij. 122. 1880. 8.119 ff. ' 



250 

>Iii der Gegenwart wird immer hänfiger der Brauch, dass 
das Mädchen das Haus ihrer Eltern ohne deren Yorwissen verlässt 
(ide sama = »sie geht aliein«, lautet der technische Ausdruck 
dafür). Das geschieht folgendermassen. Sie verabredet mit dem 
Burschen, er soll sich zur bestimmten Zeit an dem und dem Orte 
einfinden. Sie rafft alle ihre Habseligkeiten zusammen und erwartet 
ihn. Der Bursche kommt mit noch einigen Genossen, trägt die 
Eiste mit den Geschenken fort und nimmt das Mädchen mit. H» 
sie Schuhe (cipele, deutsche Fussbekieidung), so zieht sie dieselben 
an und lässt ihre Opanken zurück. Hat sie keine Schuhe, so gibt 
ihr der Bursche seine eigene Fussbekieidung, selbst aber geht er 
baarfuss. Das Mädchen will nämlich die Beschuhung nicht tragen, 
welche ihr der Vater gekauft, denn dies wäre >nicht gut« (ne 
valja se; so sagt man immer mit Bezug auf eine abergläubische 
Vorstellung). Weder Vater noch Mutter, noch sonst Jemand im Hause 
hat von der Sache die geringste Ahnung. Erst in der Frühe merkt 
man, dass das Mädchen und die Ausstattungskiste weg seien. Ii 
einem solchen Falle gibt es weder eine Werbung (proSenje), 
noch eine Fortführung der Braut (yodjenje djevojke nach der 
Trauung. Man sagt dafür auch noSenje, »das Tr^^en«, mitBexo; 
auf das Fortschaffen der Ausstattuugskiste der Braut). Statt dessea 
kommen beide Parteien zusammen, um »Frieden« zu schliessen 
(na m i r). Einigt man sich , so bleibt die Maid beim Burschen 
und wird ihm angetraut (priven^a se), kommt kein Au^leick 
zu Stande, so kehrt das Mädchen ins Elternhaus zurück. Deck 
dies kommt äusserst selten vor. Das Mädchen bleibt auch ohne 
Erlaubniss und »Segen« (blagoslo?) der Eltern bei ihrem E^ 
wählten und lässt sich mit ihm trauen. Die Eltern giften äA 
darüber lange, recht lange, zuletzt haben sie aber doch Erbarmen« 
u. s. w^ 

(S. 120.) »Dass es in der Gegenwart schon eine allt&gli^ 
Sache geworden, dass ein Mädchen »allein gehtc, und diss 
dieser Brauch ehedem viel seltener geübt wurde, ist Allen woU 
bekannt. Doch ich glaube nicht, dass auch Alle das Warum dieser 
Erscheinung kennen. Viele denken und meinen, unser Volk wire 
moralisch um eine Stufe tiefer gesunken und nun wäre man S9 
weit gekommen, »dass der Nachwuchs den Eltern den schuldigen 
Gehorsam verweigere.« ^) Mag man dies auch theilweise gellen 



') »Da ne slu«a porod roditelja.< Ein geflügeltes Wort aus dem Volksliede. 



J 



MD, doch das wäre noch immer gar kein Gnind. (?) D&s ist 
It di« Folge einer anderen Ursache. Viel interessanter und wieh- 
«r ist die Ursache, die mir von einem Mädchen angegeben wurde. 
I fragte das M:idchen: 

— Warum gehen heutigen Tages so viele Mädchen »allein«? 
'i vielleicht darum , weil Vater und Mutter dem Mädchen 
ihres, den Mann ihrer eigenen Wahl zu heiraten, oder weil man 
»Maid zwingen will, dass sie Jemand heirate, den ihr die Eltern 
stimmen ? i 

— Bei Gott, Brüderchen, so ist's nicht! Zumeist wissen | 
nde Vater und Mutter, dass die Tochter zusammenpackt, doch 

U Mädchen hat keine (Hoehzeits-) »Geschenke« (nema dara), und 
Iwird sie noch von den Eltern ermuntert, sie soll nur allein gehen. 

— Was? 

— Na dämm, weil sie keiner Geschenke bedarf, wenn sia | 
Dein geht; sie kann mit viel geringeren Auslagen durchkommen, 
rian man aber wie gewöhnlich wirbt und .heimführt (prosi i 
4ii), da gebt gar viel d'rauf! Na, ein Mädchen, das sich keiner 
beh&Dinog aussetzen mag, die geht lieber allein. 

— Ja, warum bat sie denn keine Geschenke? 

— Na, schon darum. Hat keine Wolle gehabt — wenig 
ShafB, Hat kein Geld gehabt, um den Färber (bojadjija) zu 
UUeo: die Arbeit daheim und auf dem Felde nahm immer ihre 
ht in Anspruch. Sie muss ganz und gar (barahfi;r *), so wie die 
buer, ins Ackerfeld und in den Weinberg hauen gehen, ein- 
E1u«d, austreten, aufschobern, die Heerde warten, sie muss 
teral], Ja überall mitthun. Endlich hat sie ja auch keine zwei 
Kleo, auch nicht Tier Hände, sondern nur zwei; kommt nicht 
BO, sich etwas zurückzulegen, besonders nicht in Einzelfamtlien 
lija je inokoötina). Wer sollte ihr da helfen?« 

Wir wollen hier gleich einer anderen Art von Entführung 
denken, wo das Mädchen, durch falsche Vorspiegelungen getäuscht, 
r Jawort gibt und dann einem Anderen zugeführt wird, als sie 
llat. Das Andenken an solchen Betrug wird durch Sage und Volks- 
i^ bewahrt. Wir führen hier zuerst einen Fall ans Bosnien an. 



') Vittts Rondecbare Wort ist deotscheD Unprangs: Paar uml (a) Paar. 
Reih' und Glied mit deo HSonem. 

^ Bei Jnkiä im Bossosbi prijatelj. Vielldrht hat der fn>te Haan das 
I manchem Andere gefälscht, um die Tarken verhasat zu machen. 



252 

Im Hause eines bosnischen Beg lebte ein junges Mädchen tod 
dreizehn oder vierzehn Jahren. Von ihrer Schönheit sprach man 
im ganzen Lande. Ein siebzigjähriger Beg mit weissem, bis zum 
Gürtel herabwallendem Barte hatte gleichfalls von dem Mädchen 
erzählen gehört. Eines Nachts kam er zu dem Mädchen und for- 
derte sie auf, falls sie die Frau seines Sohnes werden wolle, sogleicb 
mitzugehen. Sie willigte ein und folgte ihm in sein Haus. Dis 
Mädchen wurde ins Frauengemach geführt (svedena) und wartete 
dort auf ihren jungen Bräutigam. Nach einer Weile trat der alt« 
Mann zu ihr in die Stube ein. Sie sprang auf und küsste ihm die 
Hand, in der Meinung, er wäre nun als ihr Schwiegervater ge- 
kommen, um sie zu ermahnen und ihr väterlichen Bath zu ertheilen 
(nasvjetovati). Sie fragte ihn, wo denn ihr Verlobter so lange 
weile. Da gab ihr der Greis ruhig zur Antwort, er sei ihr Ver- 
lobter. Wie eine Basende sprang das Mädchen auf und schrie ilu 
an, sie habe seinen Sohn, nicht ihn, den Vater, geheiratet. All* ikr 
Schreien frommte ihr zu nichts ; der Alte entgegnete gelassen, anck 
er sei ein Sohn, der Sohn seines Vaters. Der Kadi, vor dessei 
Bichterstuhl die Angelegenheit zur Austragung gebracht wurde, 
erkannte zu Becht, der alte Beg habe keinerlei Betrug an dem 
Mädchen begangen. So war denn die Aermste gezwungen, ilire 
jungen Tage an der Seite eines abgelebten Mannes zu Ter- 
trauern. 

Das Volk brandmarkt so ein Vorgehen als nichtswürdig nnd 
heidnisch (pogano). An ein ähnliches Ereigniss knüpft eine Orts- ; 
sage inEuprez an. Dort befindet sich ein hoher Hügel, den mu ' 
Poganica nennt. Die Entstehung dieses Namens führt das Tolk ■■ 
auf folgenden Fall zurück : Ein Vater habe für seinen Sohn eil 
Mädchen heimgeführt und ihr an diesem Orte entdeckt, dass er < 
sie für sich heimführe. Den gleichen Namen trägt auch ein Flüss- ^ 
chen oberhalb Vido§ bei Lievno. Das Volk erzählt die Sage. 
Stephan Kosaöa habe an diesem Flüsschen auf dieselbe Weiic j 
wie jener Beg betrogen. Den Sagen dürften wohl thatsächlidM 1 
Begebenheiten zu Grunde liegen, während man die Ortsnamen diatt 
schwerlich in eine causale Verbindung zu bringen berechtigt seil 
wird. Wahrscheinlich befanden sich an diesen Orten in vorchrist- 
licher Zeit Opferplätze, deren man gerade in Bosnien sehr viele 
findet. 



Seine Wuth gegen die Türken machte ihn zuweilen taub und blind gegen all« 
Recht und alle Gerechtigkeit. 



253 

Solche Entführungen mögen einem Fremden ganz unwahr- 
inlich dünken, weil man voraussetzt, dass das Mädchen ihren 
itigam vor der Hochzeit gewiss gesehen haben müsse. Nach 
n südslavischen Brauche ist dies durchaus nicht nothwendig. 
kommen darauf in einem anderen Capitel zu sprechen. Wie 
die mitgetheilten Geschichten im Volke bekannt sind, erhellt 
folgendem bosnischen Liede:^) 

Laut auQammert das Gebirg von Buchen, 

Das Gebirg von Buchen und von Nelken. 

Heute Morgens zogen hier vorüber 

Festlich bunt geschmückte Hochzeitsleute. 

Stille reiten Alle hoch zu Rosse, 

Froher reitet mit das schmucke Mädchen. 

Als man bei der Mutter angekommen, 

Hat nun so zur Braut der Kum gesprochen : 

»Steh' Dir Gott bei, o Du schmuckes Mägdlein! 

Warum tummelst Du Dein Ross so fröhlich? 

Solltest einmal sehen Deinen Brautmann, 

Weiss der Bart, er reicht ihm bis zum Gürtel, 

Bis zur Schulter reicht sein weisser Schnurrbart!« 

Als das schmucke Mägdlein dies vernommen, 

Eilig lenkte sie ihr Ross zur Kuma, ^ 

Ritt heran ihr Ross bis hart zur Kuma. 

Und sie stellt die Bitte an die Kuma: 

»Reich' mir das verzierte Messer, Kuma! 

Möcht' den rothen Apfel da zertheilen.« 

Gab ihr's. — Leblos sank das Mägdlein nieder. 

Nicht zertheilt hat sie den rothen Apfel, 

Hat ins Herz das Messer sich gestossen. 

Mit dem Messer sich das Herz gespalten. 

Wie im Allgemeinen, so sind auch im Besonderen die Alt- 
ibigen oder »Serben«, wie sie sich, ohne Rücksicht auf die 
atsangehörigkeit, zur Unterscheidung von den Katholiken nennen, 
eder Hinsicht, und so auch in dieser, die treueren Bewahrer 
n Brauches und alter Sitte. In allen den Gegenden, wo die 



*) Bei Livadid in den Bosanjdce, S. 34, aus Jajce. Merkwürdigerweise 
e dieses Lied bei einer Hochzeit gesungen. Eine Variante davon bei 
l<f, Bos. prij. in, S. 110. 

•) Die Gevatterin. Vergl. Capitel »Gevatterschaft«. 



254 

Altgläubigen die Mehrzahl bilden, ist auch der Brauch des Mädchen- 
raubes bis tief in unser Jahrhundert hinein erhalten geblieben UDd 
konnte trotz der emsigsten Anstrengungen seitens der jeweiligen 
Regierungen noch nicht ganz ausgerottet werden. Wir haben dafBr 
einen classischen Zeugen in Vuk Karad2i6 ^), dessen Bericht nn- 
verkürzt wiedergegeben zu werden verdient: »In Serbien war es 
bis auf unsere Zeit Brauch, Mädchen zu rauben. Junge Barschen 
gingen sehr gerne auf Mädchenraub (otmica) aus und oft forderte 
Einer den Andern auf mit den Worten: »Wohlan, Trauter, Inss' 
uns Dir dieses oder jenes Mädchen rauben !« Man zieht auf Mädchen- 
raub nicht anders als wie in den Krieg aus. Zuweilen lauem die 
Mädchenräuber (otmiöari) dem Mädchen bei der Heerde auf oder 
wenn sie an den Brunnen um Wasser geht, mitunter überfallen sie 
aber nächtlicher Weile wie Räuber (h a j d u c i, der Ausdruck ist nieki 
ganz zutreffend, er hätte lupe2i oder pustaije sagen sollen) dii 
Haus, brechen die Thüren durch, dringen ein, binden des Mädchen 
Vater und Brüder, bemächtigen sich des Mädchens und führen M 
fort. Zuweilen entspinnt sich ein Kampf zwischen den Brüdern vi 
Anverwandten des Mädchens einerseits und den Entführern andern** 
seits, und es fliesst bei dieser Gelegenheit genug Blut. So l & 
kamen im Jahre 1805 im Dorfe Klupci im Kreise von Jadar te 
Mädchens Bruder und einer von den Entführern ums Leben. Treti* 
dem gelang die Entführung nicht. Deshalb getrauen sich die Srt^ 
führer nicht leicht ein Haus anzugreifen, wo das Mädchen eiii 
grosse Anverwandtschaft hat und besonders, wenn das Dorf tt 
sammenhält; denn sobald das Gewehrfeuer und der Lärm anhek^ 
ergreift jeder Dorfbewohner seine Flinte und eilt zur Hilfe herba 
Dem ganzen Dorfe gereicht es nämlich zur Schande, wenn ans dtfi 
Dorfe ein Mädchen geraubt wird. Für die Angreifer ist die Schiiii 
aber noch grösser, wenn sie unverrichteter Dinge (jalovi) 
Bückzug antreten müssen. Gelingt es den Entführern, sich 
Mädchens zu bemächtigen, so lässt man sie um keinen Preis i 
aus, und müssten Alle das Leben dabei verlieren. Leistet ihnen 
Mädchen Widerstand und mag sie ihnen nicht folgen, so schleÜBi 
sie sie bei den Haaren und schlagen mit dem Stocke auf dieidte 
ein, wie auf einen Ochsen, den man im Krautfelde antrifft. Hl 
Entführer getrauen sich nicht, das Mädchen in das Hans M 

*) Im Wörterbuch unter' otmica, S. 476 f. Vergl. tod Dems.: MontcM^ 
und die Montenegriner, S. 91—93. Vergl. auch Lipovac in der ji|dli 
Zora- 1881. 



255 I 

wIlMt wx fahren; denn mitunter folgen ihnen die Dorfbewohner 

den Änterwandten des Mädehens auf der Ferse nach. Darum 
räbren sie das Mädchen in den Wald und TollKiehea dort die 
nung in einer Hirten- oder Wächterhütte oder auch im Freien. 

Priester mnsa die Trauung vollziehen, ob er mag oder nicht, 
D sonst wird er durchgehläut. Wenn die Verfolger ins Dorf 
tmea. eilen ihnen die Angehörigen der Entführer entgegen, ver- 
!n eich aufs Bitten und suchen die Angelegenheit auf friedliche, 
ise beizulegen. Gelingt es ihnen, so Frieden zu schliessen, dann 
) gut: Kenn sich aber die Anverwandten des Mädchens nicht 
luftigen lassen, sondern vor dem Kadi Klage führen, so müssen 
1 die Entführer sammt dem Mädchen gleichfalls vor Gericht 
ittt. Sobald die Mutter ihre Tochter vor dem Eichterstuh! er- 
skt, so f^ngt sie an mit den Händen sich in die lirust zu 
lagen und bricht iu ein Gejammer aus: »Ach und Wehe mir! 
be meinen Sciavenl' Der Kadi beginnt die Verhandlung mit der 
Ige: .[sfs Gewalt oder freier Wille gewesenJc Antwortet das 
idchen, dass man Gewalt gebraucht und dass sie mit Ihrem Ent- 
irer weder heute noch morgen leben mag, und wenn man sie in 
Her Stücke zerhiebe, dann steht's schiecht mit den Entführern ; 
I wandern in den Kerker und müssen Bussgeld zahlen. Wenn 
a dae Mädchen, wie es schon gewöhnlich geschieht, zur Antwort 
A: «Von Gewalt ist keine Kede, es war mein freier Wille, ich 
p ihm (d. h. dem Entführer) zu Wasser und zu Lande« (ja fu 

njim i u goru i u vodn, wönl.; ich folge ihm sowohl ins Ge- 
ge als ins Wasser), so erlegen die Entführer dem Kadi irgend 

(reseheDk, schliessen mit des Mädchens Anverwandtscbaft Frieden, 
Iren das Mädchen heim und begehen das Hochzeifsfest. Zu- 
ilen, wenn die Verfolger den Entführer mit dem MAdcheu im 
rfe nicht autreffen, zünden sie an demjenigen, für den das Mädchen 
aabt wurde, ihm und oft auch seinen Anverwandten, Haus uud 
t und Alles, was brennen kann. Schliesslich kommt es doch 
einem Frieden. Am häufigsten wird das Mädchen geraubt, wenn 
t Eltern dem Burschen die Hand der Tochter ausschlagen; zu- 
Jen wirbt mau gar nicht, wenn man im Vorhinein weiss, dass 

Werbung erfolglos sein wird, sondern geht ganz einfach hin 
I raubt das Uüdchen, oft ein Mädchen, das der Bursche, für 

sie geraubt wird, in seinem Lehen noch nie gesehen hat. Auf 
lebetmob verlegen sich zumeist solche Burschen, die keine 
|ta mehr haben, oder wenn ja. ihnen keinen Gehorsam leisten, 



256 

sondern auf eigene Faust herumstrolchen. Auch wird man i 
für einen anständigen Burschen aus ehrenwerther Sippe ein Mä< 
rauben, noch wird ein solcher Bursche auf Mädchenraub ausj 
wollen. Der schwarze Georg hat den Mädchenraub untersag 
gab nämlich einen Erlass heraus, dass er jeden Burschen, füi 
man ein Mädchen raubt, tödten, den Priester, der die Trauung 
nimmt, scheeren (d. h. seiner Priesterwürde verlustig erklären), 
kum, djever, stari svat durchpeitschen und jedem der Entführ 
60 Stockstreiche aufzählen lassen werde. Nachdem die Türke 
Jahre 1813 wieder die Herren von Serbien geworden, kam 
Mädchenraub wieder in Brauch. Als aber Milo§ Obrenoyid spät« 
Einige nach Eara-Gjorgje's Erlass abgeurtheilt, so schaffte ei 
durch wenigstens in seinem Herrschbezirke diesen Brauch ab, 
rend unter türkischer Botmässigkeit leider noch jetzt der Mädc 
raub gang und gebe ist.« 

Ganz ausgerottet ist der Brauch übrigens auch in Serbien 
auf den heutigen Tag nicht. Während z. B. in der Gegend 
Budnik der Mädchenraub gar nicht ungewöhnlich ist, wie C 
tovi6 ausdrücklich hervorhebt, ist der Brauch gegenwärtig in 
Drinagegend erloschen. Dass er vor gar nicht langer Zeit ) 
dort bestanden, ist ganz gewiss. Hat doch noch der Vater um 
Gewährsmannes auf diese Weise seine Braut heimgeführt, fre 
geschah dies noch vor der Zeit, ehe die Drina nahija Serbien 
gefallen war. 

In der Gegend von Gurgusevac ist der Mädchenraub ( 
Jovanovi6's Zeugniss) vollends an der Tagesordnung. Es ko: 
oft vor, dass ein Mädchen von zwei Burschen Yerlobungsgesch 
annimmt und zu einem dieser Burschen ins Haus entflieht. Ei 
Tage später kommt aber Nachts der Andere zu ihr und droht 
sie zu tödten, falls sie nicht die Seine werden mag. So läss 
sich einschüchtern, ergreift mit diesem die Flucht und gibt 
Ersteren auf. In Folge dessen gibt es Klagen und Streitigke 
bis die Behörden endlich Frieden stiften. Am häufigsten tritt 
Fall ein, dass ein Mädchen auf eigene Faust vom Bnrschei 
Sommer ein Verlobungspfand annimmt und im Winter aus 
EUternhause zu dem Burschen flüchtet, wenn die Eltern, aus w 
immer für einem Grunde, ihre Einwilligung zu der Verbindung 
sagen. Sie bleibt im Hause des Burschen so lange, bis siel 
Eltern umstimmen lassen und Frieden schliessen. Dann wird i 
recht geworben und Hochzeit gefeiert. 




257 

TüT' Dalmatien, die üereegovina uDd die Crnagora liegen uds 
Berichte von Ljubiä, Vröeviß, VukaloYÜ und Sred&nofi6 
Itr. die llbereitistimmeiid aussagen, dass gewaltthätiger Mädchen- 
inb vor fünfzig Jalirea ungemein häufig war, während aus der 
tcuzeit nur solche Fülle bekannt sind, wo sich das Mädchen ent- 
Uu-PD lieES. Die besonderen Äusdrficice dafür sind djevojka se 
nstila ngrabiti (das Mädchen liess sich rauben) und odveli su 
QeTojkD (man hat das Mädchen fortgeführt). 

Die Geschichte, die uns Ljubifi') verbürgt, trug sich in den 
Vieriigerjahren zu. So viel aus dem Gange der Erzählung hervor- 
igt\A, war der Kaub eine von beiden Parteien abgekartete Sache, 
im den Priester um seine Gebühren zu bringen. Also blos Er- 
paniDgsTücksichten. Zum Beweis erwartete das Mädchen vor ihrem 
EiDse ifiing^nd und jubelnd« die Entführer. Auch dachte Niemand 
tD«ine Verfolgung. Der Priester aber errieth »mit ungewöhnlichem 
ßeharfsinne t , dass hier keine Zeit zu vertieren sei, und verständigte 
hich im Geheimen die BehCrde von dem >Raube<. Die Uochzeits- 
It^nte befanden sich in der heitersten Stimmung — es war dies am 
kotgeo nach dem Raube ^- als da plötzlich die kaiserlichen Sol- 
daten erschienen und eine allgemeine Verhaftung vornahmen. 
'Gefesselt wurden die Leute in die Stadt escortirt uud dort in den 
Iwkw geworfen.' P&thetisch ruft unser Gewährsmann aus: »Wie 
^iele Familien blieben da nicht ohne Oberhäupter! Welche Thränen 
iod da nicht geflossen! Welche Trauer überkam nicht diese 
lUchenräuber, die nun Jahre lang im Kerker schmachten musstenf* 
lirkwflrdig ist das Eine, dass die eigentlich Beschädigten, die 
Blern des Mädchens, keine Klage führten, sondern nur der Priester. 
ijübid zieht daraus die heilsame Lehre, wie gut es sei, wenn ein 
tener Hirte einer Gemeinde vorstehe. Die eigentliche Moral ist 
Kh eine andere. 

Von ganz unschätzbarem Werthe sind dagegen drei classische 
i(rt«DstQcke. von welchen wir zwei Vuk Vrüevid^ und eines 
L M. LjnbiSa verdanken.*) Wir sind leider nur selten so glück- 
eh, Ko ausfübriichen und zuverlässigen Bericht geben zu kOnnen, 

<) Kuodni obiftji kod Vlatiab n Daluiaeü. U Zadru 1S46. S. m—29. 
m ||rt*Hr«a Theil »eines Anfsaties fafts Ljubiö ans Tuk entaonimeD. 
■} Kis «rpskili pripoiijpditka. Puoäevo lä^l. S. 11-20. 
^ Pripaiij«ati StJ<;pBDa Mitrov» Ljnbiie. PaiiZevo 1883, S. 379 
8B8> Vtifl* mein« Beeprechang beider Werke in der 'Slaviachen Randschan* 

■ Sa Dee. 1882. 

■ raa**.8ttUa. OntabuhfitirMhl d. sadil. 17 



258 

wie gerade diesmal. Der erstere Fall kam vor die zwölf Friedens- 
richter und wurde von diesen zur Befriedigung der streitenden 
Parteien ausgetragen. Yröeviö war freilich nicht Augen- und Ohren- 
zeuge gerade bei diesen Gelegenheiten, denn die Geschichten tragen 
sich am Anfange dieses Jahrhunderts zu. Nichtsdestoweniger dürfen 
wir keinen Anstand nehmen, die Verhandlungen nach Yrfieyid wieder- 
zugeben, weil Yr6eyi6, der bei ähnlichen zweihundertundeinundachtag 
Processen zugegen gewesen und zudem ein bisher noch unübertroffener 
Kenner des hercegovinisch-dalmatinischen Volkslebens war, nur dem 
Volke aus der Seele und aus dem Herzen spricht, wenn er der 
einen und der anderen Person diese und nur diese oder jene Worte 
in den Mund legt. Wir führen den grösseren Theil der zwei Ver- 
handlungen auch schon deshalb wörtlich an, weil die Wortführer 
in Kürze die wichtigsten Bechtsanschauungen des ganzen Vilkes 
bezüglich der väterlichen und mütterlichen Autorität vor den Bick- 
tern vortragen. 

Im ersteren Falle geschah der Raub, oder richtiger die Sit- 
führung, im Einverständnisse sowohl der Mutter als der Tocht«. 
Der Knez (Dorfschulze) erzählt dem Priester den Sachverhalt OJ 
fordert ihn auf, die zwölf Friedensrichter zu versammeln : »Es vir 
gestern um den ersten Hahnenruf, wir sassen ruhig um das Fe«r 
herum und lauschten dem Gesänge unseres Nachbars Mitar, ib 
plötzlich in rascher Aufeinanderfolge zwei Schüsse fielen. Als wir 
dies, mein Priester, hörten, sprangen wir Alle, die wir ein Gewekr 
tragen, auf und Einer fragte den Andern: »Was ist los?« EeiMT 
weiss Auskunft zu geben, als plötzlich Miöun GorSinov ausrief: . 
»Auf, wer ein Ritter ist! Baubt mir Öetko Lazarev (Lazarus Sok^ 
mein Mädchen!« Wir nun Alle der Spur nach. Zum Glück sdii« 
ein wenig der Mond, wir holen Öetko und seinen Bruder ein. \i 
Sprüngen setzten sie übers Gebirg und rannten in vollem Liife 
durchs Thal. Als wir sie gewahrten, beschleunigten wir unsen 
Schritte, erreichten die Burschen und entrissen ihnen das ungifiek* 
liehe Mädchen, während die Beiden spurlos irgendwohin ins Gebirge 
flüchteten. Wir führten das Mädchen ihrem Vater zurück. Gewia 
wird ihretwegon noch Blut fliessen, denn, wie ich höre, wurde sil 
dieses Frühjahr von ihrem Vater dem Marki§a für seinen Sdii 
zugesagt, während die Mutter, sagt man, noch als sie in der Hof- 
nung war, sie der Mutter Öetko's versprochen haben soll. Beidi 
Stämme sind mächtig, und da habe ich Dich heute rufen lasstt* 
damit Du noch heute das Dorf einberufst, und wir f&r diM 



i 



259 

were Arbeit ein Heilmittel ausfindig machen, denn die Geschichte 
sehr heiklich. Es handelt sich um unsere Ehre.« 

Die zwölf Schiedsrichter wurden versammelt, die Parteien 
geladen und der Knez beginnt die Verhandlung mit der Frage 
Mi6un, den Vater des Mädchens: »Was fQr ein Werk treibt 
n da um Deine Tochter herum, Mi6un? Was lässt man uns in 
lerem Elend ^) nicht in Frieden, dass wir wenigstens bei Nacht- 
; Buhe finden?« 

M i 6 u n : Hier seid Ihr Alle versammelt, Männer von Verstand 
1 Geist. Ehe ich zu erzählen beginne, frage ich Euch: lag es 
her in der Hand des Vaters, nach eigenem Ermessen seinen 
m zu verheiraten und die Tochter auszugeben, wohin es ihm 
lebt, oder nicht? 

*Alle Richter: He, he! Dieses Becht können Dir nicht 
unal alle sieben Königreiche^) streitig machen. 

Mi6un: Wenn dem so ist, wisst Brüder, ich habe voriges 
hr meine Tochter dem Markiäa Stojanov für seinen Sohn zu- 
sagt. Wahr ist's, dass ich von ihm keinerlei Verlobungspfand 
genommen und so wenig von seinem als er von meinem Raki 
tranken. Nun aber »das Wort aus dem Munde, der Stein aus 
r Hand entflohen«, die kehren nicht mehr zurück, ohne dass es 
Ite Köpfe gibt. Männer bindet man, meine Brüder, bei der 
inge, Ochsen und Widder bei den Hörnern. Es sind zwei, drei 
imate her, dass Öetko Lazarev um mein Weib dort im Geheimen 
ramwirbt und, wie es mir scheint, liess sie sich herbei, ihm 
iser Mädchen zu schenken. Bis auf den heutigen Tag haben wir 
er die Zukunft unserer Tochter keine Silbe gewechselt gehabt, 
auf einmal treibt sie den Öetko an, dass er mir das Kind gestern 
ichts raubt und mir vor den Menschen die Ehre schädigt, was 
(her noch Niemand sich unterfangen hat. 

Der Knez: Lasst uns auch Mi6un's Weib rufen, damit wir 
I fragen, was sie von der Sache weiss. 

Das Weib tritt vor und es fragt sie der 

Priester: Sprich, Sanda! Weisst Du, wieso und warum 
Stern Nachts Öetko Lazarev mit seinem Bruder gekommen und 



Der Knez spielt an anf die drückende türkische Herrschaft. 

') Kach der Meinong des hercegovinischen Bauernvolkes gibt es in der 
h nur einen Kaiser (car), d. L der Sultan, dann einen cesar (wieder Kaiser), 
. der Kaiser von Oesterreich, der im Bange unter dem Sultan steht, und 
liessUch gibt es nnr noch sieben Königreiche. 

11* 



260 

Dir die Tochter geraubt? Selbstverständlich können sie nicht ge- 
kommen sein ohne Dein oder Deiner Tochter Vorwiesen; denn als 
man sie wegführte, schlug weder ein Hund an, noch rief das M&dchen 
nach ihrem Tater oder Bruder. 

Mutter Sanda: Zur bösen Stunde hab' ich sie geboren, xo 
einer sclilimmeren gesäugt und auferzogen! Ich scheue mich, Ihr 
Herren, Euch ins Gesicht zu blicken, geschweige denn unt Eaek 
zu hadern. Es gibt nun keinen anderen Ausweg; an mir isVs, n 
sprechen, wenn ich auch nicht mag, doch, um Gotteswillen, vergebt! 
Eines Morgens ging ich mit der Mutter Öetko^s auf den Markt 
Wir liebten uns allezeit wie leibliche Schwestern. Traf es sieh — 
verzeiht — Beide waren wir in der Hoffnung. Sprachen wir n 
einander: Wenn wir einen Knaben und ein Mädchen geb&ro, 
wollen wir sie, wenn die Zeit da ist, trauen; wenn wir Beid« 
Knaben zur Welt bringen, wollen wir sie zu Wahlbrüdem (pobn- 
timiti), sind's Mädchen, zu Wahlschwestern machen (posestrimiti)i 
Geschah es, dass ich ein Mädchen, sie einen Knaben gebar; reell 
ist's, wenn man etwas verspricht, dass man sich nicht yersprictt 
(ono §to se obreöe, da se ne poreöe). Gefiel dem Öetko meine Staiii 
hörte aber von Jemand, dass sie mein Hausherr einem AndeM 
zugesagt, der sie nach Weihnachten heimführen werde. Da beflkrek- 
tete er, dass man sie ihm raube, und darum wollte er sie gesM 
Nachts vorwegrauben. Siehe, es war nicht seine Bestimmung, wei^ 
gleich es mit des Mädchens Willen und mit meinem Segen gesdiA 
Bin die Mutter, die Maid heiratsfähig. Sagt man : »Wer iQtnl 
zum Mädchen, dessen das Mädchen« (ko prvi djevojci njegoti 
djevojka); doch nein, man sagt noch: »Nicht der fährt sie heiBij 
dem sie zugesagt, sondern dem sie (vom Schicksal) best 
worden« (ne vodi djevojku kom je obreSena, no komu je sndjetf)^] 
Ich habe Öetko's Baki getrunken; als sie das Mädchen fiM^j 
führten, feuerte Jeder aus seinem Gewehr, damit das ganie 
es vernehme, dass die Maid die seine sei und dass er sie i 
Frieden mit ihrem Einverständniss, nicht mit Gewalt entffthiii| 
Nun denn, Ihr Herren, wenn ich, als ein Weib mit langem Haar ai 
kurzem Verstand, ii*gendwie gefehlt, heilt die Wunde, richtet tiMr' 
mich, die Mutter, und . . . 

Mi6un (fällt ihr in die Bede und ruft zornig, gans a!isMr| 
sich gerathend) : Wär*s so, Sanda, wie ! Zerfallen sollen, gäV es ei 
starker Gott, Deine Trauungslichter! Seit wann fingen Weiber ai 
die Söhne oder Töchter zu verloben bei Lebzeiten des Mannes M 



I 



261 

hne sein Wissen? Na, bisher kam es noch nicht vor, dass man 
ie Opanken auf dem Kopfe und die Mütze auf den Füssen trug ! 
VTeisst Du denn noch immer nicht, dass die Weiber den Männern 
egenüber nichts Anderes als wahrhaftige Sclavinnen sind und dass 
ie Menschen ^) aus keinem anderen Grunde heiraten, als um Nach- 
ommenschaft zu bekommen; gerade so wie man ein Feld kauft, 
ass es Einem Brod trägt ; der Nachkommenschaft wegen, sag* ich, 
hne die der Mensch absterben müsste, wie ein verdorrter Baum 
m Gebirge, damit sein Name nicht verlösche? Muss Dir noch 
itwas bemerken: wären wir nicht jetzt wo wir sind, alle Zähne 
rürd' ich Dir in die Kehle schütten und die Nieren in den Ge- 
lärmen zerrütteln, dass Du nimmermehr nicht einmal einen Hauch 
khnn könntest, geschweige in meiner Gegenwart so schamlos bellen. 

S a n d a : Gemach, Mi6un, Mi6un ! Auch Gott wird bei seinem 
Flamen angerufen. Du hast mich von keinem Ausrufer um einige 
Groschen gekauft, noch mich als eine Flüchtige (bjegunica) oder 
alfl eine Aufgedrungene (nametnica) aufgenommen, sondern hast 
laich durch Hochzeitsleute abholen lassen und bist in der Kirche 
ueh göttlicher Satzung mit mir getraut. Weib und Genosse bin 
ifäi Dir; nichts vermag uns bis auf den Spaten und die Schaufel 
ton einander zu trennen. Wir sind es uns schuldig, nach besten 
Ir&ften gegen einander Nachsicht zu üben. Stana ist heute so 
mein als Dein. Gott hat sie uns geschenkt. Wenn ich sie 
Öetko gegeben habe, that ich's doch nicht auf schändliche Weise, 
•ondem weil ich befürchtete, es könnte Blut fliessen . . . 

Mi6un: Ja, hast denn Du mir Stana in der Kiste mit der 
Ausstattung mitgebracht, dass Du so herred'st, sie sei so Dein als 
Bein, heda? Du wagst es ohne mein Wissen und Willen, mir 
liehts dir nichts mein Kind zu verloben und auszuheiraten ! Der- 
gleichen ist bis nun niemals vorgekommen, sondern immer war in 
•0 dicken Geschäften der Vater der Kopf, das Weib aber, wenn 
auch die Mutter, kam erst nach ihm. Und da willst Du noch, dass 
Dein Wort mitzählt, das meine dagegen mit Füssen getreten 
werde, heda? 

Der Knez: Tretet nun ab. Lasst jetzt Markiäa Stevanov 
and Lazar, den Vater Öetkov's, vor, damit wir auch diese ausfor- 
lehen und erfahren, was denn die Zwei beabsichtigen. 

') Ljadi. Dass nur die Männer wahre Menschen sind, ist nicht blos 
Be Anffassiing der SQsdlaTen, sondern eine ursprünglich allen Indogermanen 
pmeiiMame. 



262 

Die Vorgeladenen traten ein, zogen den Hut ab und Ter- 
beugten sich. Fragte den MarkiSa 

der Priester: Sprich, MarkiSa, hast Du bei Mi6un um sein 
Mädchen angehalten und hat er Dir sie zugesagt? Sprich wahr, 
als sprächest Du auf dem Sterbebette Gottes Namen aus! 

M a r k i § a : Ich hab' um sie angehalten und er hat mir sie 
zugesagt. Habe keinerlei Verlobungspfand gegeben, noch tranken 
wir zusammen Baki, doch befragt Mi6un, ob er sie mir zugesagt 
oder nicht. Und was er da einem Anderen mein Mädchen ausgeben 
wollte, das möchten wir uns doch etwas näher besehen. So lange 
mir mein Kopf auf den Schultern noch sitzt und meine ginie 
Sippe noch lebt, lassen wir die nicht lebend herumlaufen, oline 
Jemandes Untergang. Hier seid Ihr, ein schöner Strauss von aQ^ 
erwählten und gerechten Männern; richtet über uns; ich sndie 
kein besseres Gericht als das Euere. Gebt mir nichts, doch wikft 
meine Ehre, dass mit verlorener Ehre mein Haus nicht iis- 
gewurzelt werde. Legt die Hand ans Herz und denkt an Eid : 
selbst. Ein Mädchen zusagen und dann einem Anderen yerschenkei! 
Das ist kein kleiner Spass, sondern ein furchtbares Ding. Ihr wiHt, 
dass Jedem seine Ehre lieb ist, nicht minder als dem Kaiser äi 
kaiserliche lieb ist. 

Marki§a ging hinaus und herein trat Lazar, Öetko*8 Viter. 
Es fragte ihn 

der Knez: Wohlan, Lazar, mein thörichter Spassmacher! 
Sprich, was fiel Dir ein. Deinen Sohn Öetko mit Mi6un*s Tochter 
zu verloben, ohne bei ihrem Vater anzufragen ? Und wie wagt tf 
Dein Sohn, fremde Mädchen zu rauben, während Du noch IB 
Leben bist, sich zu vergehen wider Gottes Satzung und heimisdui 
Brauch ? 

Lazar: Schande und Spott komme über mich, wenn ichTM 
dieser Verlobung je mehr wusste als Ihr. Erst gestern theilte nff 
die dort, meine Hauswirthin, mit, dass 'ihr des Mädchens Matter 
dieselbe längst zugesagt und auch der Vater Mi6un sieh damit 
einverstanden erklärt habe, dass man sie nächtlicher Weile raibii 
damit mein und sein Haus geringere Auslagen habe. Ob es M 
steht oder nicht, darüber befragt Jene, ich aber wasche vor Gott 
und vor Euch Allen über ihr Thun und Lassen meine Hände, den 
ich war weder bei ihrer Berathung noch Abmachung zugegen. 
Gestern versammelte sich auf der Dorftenne meine ganze Sippt. 
alle waffenfähigen Männer und schwuren bei einem Fass geweihten 



263 

deines, dass sie, so lange Einer von ihnen auf seinen Beinen 
;ehen könne, das Mädchen keinem Anderen überlassen wollen. 
I'enn, Ihr Herren, nun diesem Unheil nicht die Spitze abbrecht, 
Girwahr, meine und Mi6un*s Sippe schlachten einander hin und 
ntwurzeln sich und es gibt bis zum jüngsten Gericht keinen 
Vieden mehr. 

Nachdem die Bichter alle Streitenden nach Becht und 6e- 
echtigkeit ihre Sachen hatten vortragen lassen, hielten sie unter 
ich eine Berathung ab, Hessen dann wieder die Processirenden 
rortreten und es fragte die Letzteren der Priester zweimal nach- 
ünander: Wollt Ihr, Brüder, Euch damit einverstanden erklären, 
ras wir für Becht und der brüderlichen Liebe als angemessen 
befanden haben? 

Nachdem dies Alle bejaht, stellten die zehn Dorfältesten die- 
selbe Frage, und nachdem man sie wieder bejaht, erfolgte nach 
dea üblichen Einleitungsformeln der Bichterspruch, den der Knez 
lossprach. Mi6un*8 Stana darf weder MarkiSa's, noch Lazarus Sohn 
heiraten, weil sie Keinem von Beiden von Gott bestimmt sei. Die 
Barsehen sollen sich Jeder ein anderes Mädchen, die Stana einen 
t&deren Burschen suchen. 

Der zweite Fall ^) trug sich im Dörfchen Kapavica im 
Kreise von Ljubinje zu. Der Baub geschah nur mit Einverständ- 
fiiss des Mädchens, die von ihren Eltern schon einem Anderen 
Terlobt war. Ihr Entführer hiess Milovan, Sohn Jovica's, sie Staka, 
Tochter Andro Bujadin's. Der Andere, mit dem die Eltern ihre 
Tochter verlobt hatten, war Miloä, Sohn Stanko's. Die Werber 
vtren am Tage des hl. Elias, d. i. am 20. Juli, zu Bujadin ge- 
kommen, gaben ihm ein Yerlobungspfand, tranken Baki mit ihm 
QBd schlössen ruhig die Sache ab. Weder sahen sie bei dieser 
Gelegenheit das Mädchen, noch das Mädchen sie. Am Tage des 
U. Demetrius, d. i. am 26. October, sollte die Hochzeit stattfinden. 
Alle Vorbereitungen zum Feste waren schon getroffen. In der 
Torhergehenden Nacht raubte aber Milovan mit seinem Bruder und 
toch einem Anverwandten die Braut und führte sie heim in sein 
Bternhaus. 

»Die Morgendämmerung war noch nicht recht angebrochen; 
l[iIoTan*8 Vater Jovica schlief noch, da wurde er plötzlich durch 
IS wüste Gelärm aller seiner Sippeugenossen aufgeweckt. Er 



») A. *. 0., S. 168—178. 



264 

sprang auf und fragte: »Was gibt's in aller Früh', Brüder?« — 
»Sieh', da haben wir Dir eine Schnur heimgeführt; sie möge 
glücklich sein.« — »Was für eine Schnur? Weh' mir und Euch 
mit mir diesen Morgen!« — Sie sagten ihm, dass sie das Mäd«* 
chen, die Tochter Bujadin's, heute Nacht geraubt. Jovica wir ein 
verständiger Mensch und wusste, was seiner harre, und entgegnete 
d'rum: »Wenn Ihr toll und übermüthig seid, ich bin's nicht; wens 
Ihr den Beschluss gefasst habt, dass mein Haus diesen Morgei 
von Grund aus umgestürzt werde, ich duld's nicht, ungestraft 
darf man kein fremdes Mädchen rauben, noch die Ehre von Hoch- 
zeitsgästen antasten, die heute Früh um die Braut kommen. 
Hinaus aus meinem Haus! Vor Allem verleugne ich meinen Sohn 
und dann Euch Alle mit ihm ; Ihr mögt Red' und Antwort stehen Aber 
Alles, was Euch heute das brüderliche Gericht befragen wird.« - 
Jeder suchte das Weite, und so auch Milovan, der mit Stab 
über die Grenze, in das nächste österreichische Dorf Osojnik 
flüchtete. 

Es ist Morgendämmerung. Im Hause Bujadin's erwartet Jeder- 
mann, nur nicht Staka die Hochzeitsgäste. Man ruft Staka, um ikr 
die Hochzeitskleider anzulegen. Sie ist nicht da. Niemand von da 
Hausleuten weiss über ihr Verbleiben Auskunft zu geben. Mib 
sucht sie, man ruft sie — sie ist nicht zu finden. Vater ood 
Mutter gerathen ausser sich. Die Hochzeitsgäste können jeden 
Augenblick erscheinen, die Fahne weht, aus den Gewehren wiid 
gefeuert, Hochzeitslieder erschallen, Alles ist bereit, nur die 
Braut nicht. 

Andrija, seine Sippe und seine Gäste sind wie geistesverwirrt. 
Sie können sich nicht rathen, womit sie sich vor den Hochieits* 
gasten rechtfertigen sollen, wenn diese vor das Haus kommen onl 
die Maid nicht da ist. Wie wird man sie ohne Mädchen tob 
Hause fortbringen können! Der Untergang scheint beschlassei. 
Der Tod steht Allen vor den Augen. Hier galt es keine Zeit durch 
Berathungen zu verlieren, man wurde gleich einig, dass Alle onbe* 
waffnet, die Mützen in den Händen, den Hochzeitsg&sten entgegei 
gehen und ihnen unverhohlen die Sachlage mittheilen sollen, br 
zwischen schickten sie zwei Burschen um den Priester und d« 
Dorfschulzen, damit diese schnell herkommen, während andere xw« 
Burschen alle waffenfähigen Männer im Dorfe aufbieten massten, 
damit Alle Andrija in seinem Unglücke, wenn es bis zum Aeusser- 
sten kommen sollte, Beistand leisten möchten. 



265 

Da kam schon der Bote der Hochzeitsgäste, zu Pferde in 
lern Galopp an. Andro mit seiner Sippe und den Gästen hielt 

auf. »Warf Gevatter, wir beschwören Dich bei Gott und dem 
Johannes! bis die Hochzeitsgäste zur Stelle sind!« In kurzer 
b waren auch diese da. Andrija empfing sie mit den Haus- 
lossen baarhäuptig und die Hände über die Brust kreuzweise 
egt. Sie theilten ihnen den ganzen Sachverhalt mit und baten 

Geduld, bis sich das Mädchen fände. Der Zugsführer wandte 
li zu den Hochzeitsgästen um und rief ihnen zu: »Wer zu mir 
t, folge mir!« So zogen sie geraden Weges vor Andrija's Haus, 
rt stiegen sie von den Pferden ab und traten ins Haus ein. 

Der stari svat ergriff der Erste das Wort: Hausherr, das 
4chen zur Stelle! 

m 

Andrija: Wie wir Dir's schon gesagt, wiederholen wir es 
ch einmal, dass im Augenblicke das Mädchen nicht da ist. 
er bin ich und meine Sippe, da Euere Schwerter, haut ein, so 
el Ihr wollt. Wenn ich daran schuld bin, dass das Eind miss- 
then ist, so bin ich doch an dem heutigen Vorfalle unschuldig. 
isst uns trinken und einen Imbiss zu uns nehmen, inzwischen 
»mmt man wohl dem Mädchen auf die Spur. 

Der Prvijenac: Wie, Du trügst keine Schuld? Wo ist 
eine Tochter? 

Vojvoda: Her das Mädchen, oder es fliesst Blut! 

Der Dorfpriester: Haltet ein, Leute! Nehmt, Ihr Herren 
ochzeitsleute, Vernunft an, bei Gott! Leicht ist*s eine ünthat be- 
ben, doch nicht leicht sie zu heilen. Ich weiss, dass es schwer 

Euere Ehre geht ; doch wisst, auch Andrija ist unschuldig. Ich 
Q Euch sagen, was Andrija nicht weiss. Die Maid ist im Hause 
iovan Jovi6's. Gestern Nacht ist sie, wie eine Diebin, zu ihm 
lohen, ihres Vaters Blut und ihrer Mutter Milch komme über 
. Ich schickte den Enez mit noch zwei, drei Hausältesten hin, 
>s sie uns die Maid oder den alten Jovica hieherbringen; ja, 
m mich meine Augen nicht trügen, dort kommen sie schon den 
•g hinab. — Der Knez mit seiner Gesellschaft führt Jovica vor 
I es fragt Letzteren Andrija: 0, Jovica! Bis gestern Gevatter 
[ Bruder, von heute Früh ab der Verwüster meines Hauses! 

weilt meine Staka? 

Jovica: Dort, wo mein Sohn. Weder ich noch Du sind 
ild daran, dass sie uns missrathen sind und wir sie zu unserem 



266 

Unglück auferzogen haben. Entflohen sind sie heute Früh über Hals 
und Kopf über die Grenze. Ich habe ihn vor dem ganzen Dorfe 
verleugnet und verleugne ihn auch jetzt vor Euch. Wenn ich eine 
Schuld trage, hier steh* ich! 

Der stari svat: Weder Jovica noch Andrija trifft eine 
Schuld. Wir kamen, um das Mädchen abzuholen, und finden kein 
Mädchen! Wenn es je geschehen ist, seit Erschaffung der Welt 
bis auf den heutigen Tag, dass Hochzeitsleute ohne Mädchen den 
Heimweg antraten, so thun auch wir es; doch pfl^e dergleichen nie 
zu geschehen und deshalb wollen wir nicht, dass eine solche 
Schande mit uns beginne. Das Mädchen her, oder es soll Blnt 
fliessen, dass ein Hund dem andern davon erzählen wird! 

Der Priester: stari svat und alle Herren Hochseits- 
gäste! Wo nichts ist, isst auch der Kaiser nicht. Das Mädchen 
und der Bursche übertraten göttliche und menschliche Satzung. 
Menschen finden aber überall einen Ausweg und femer sagt min: 
besser verwundet als getödtet sein. Hier ein Heilmittel: in An- 
drija*s und meinem Dorfe gibt es genug Mädchen, die an Schön- 
heit und mächtiger Sippe nicht im geringsten Andrija's Stab 
nachstehen. Wählt, welche immer Ihr wollt, wir werden sie Evek 
schenken. Möge sie Euch glücklich sein ! 

Die Hochzeitsleute hielten eine Berathung ab, nach welcher 
der Brautführer (der Bruder des Bräutigams) die Frage richtete: 
Hast Du, Priester, oder Du Enez, irgend ein heiratsfähiges Mädchen 
im Hause? 

Der Priester: Ich habe zwei, der Enez drei, wähle, mein 
Falke, diese mag ich, diese nicht. 

Der djever: Stari svat, kum und J)u prvijenac, und Ihr 
übrigen Brüder Hochzeitsleute! Erlaubt Ihr, dass ich für meinen 
Bruder ein Mädchen wähle und für ihn heimführe? 

Stari svat: Da Du sie für Deinen Bruder und Dein Bus 
wählst, stimmen wir Alle Dir bei! 

Man führte dem Bräutigam eine Tochter des Priesters nk 
Braut heim. Der Bursche wusste einige Tage lang von dem Be 
trüge gar nichts, als er aber davon erfuhr, beschloss er, an Miloni 
Bache zu nehmen. Zwei Monate später, als Milovan mit Stab 
schon verheiratet war, lauerte er ihm auf und schoss ihn nieder. 
Die Sippe des Getödteten rächte sich bald darauf an dem Mördif 
auf gleiche Weise. 



In der Cruagora ereignet es sich zuweilen, nach Vuk, noch 
der Gegenwart, dass selbst verheiratete Frauen geraubt werden, 
m geechieht, wenn Jemand ein Weib heiratet, das ihrem Manne 
einer anderen nahija entlaufen ist. Ilir erster Mann und 
iüine Anverwandten rächen sich, indem sie in die nahija, in welcher 
jt» FlQcbtige wieder geheiratet, eindringen, dem Erstbesten sein 
hTeib rauben, in ihr Dorf fortschleppen und dort, selbst wider 
bren Willen, an Jemand aus der Sippe verheiraten. Dergleichen 
pochte wohl noch vor vierzig Jahren Torgelvommen sein, als Vuk 
li« Crnagora bereiste, nachdem aber Fürst Danilo seine Gesetxe 
Itrauegegeben, die derlei strenge ahnden, wird wohl auch dieser 
Brauch aufgehört haben. Wenigstens findet sich nirgends mehr ein 
Ivlcber Fall verzeichnet. 

I Der dritte Fall, den man bei LjubiSa geschildert findet, ist 
pDt> Begebenheit aus der jüngsten Vergangenheit. Die Geschichte 
l^ielte sich auf österreichischem Gebiete in Dalmatien ab. Der 
hverhalt war in Kurzem folgender: Vuko 2., der einzige Sohn 
tiner Witwe, verliebte sich in Vidosava, die vierzehnjährige Tochter 
ks begüterten Bauern Golub H. Er hatte das Mädchen blos drei- 
lul Üüchtig gesehen und schickte bald darauf seinen Oheim zu 
Golnb auf Werbung aus. Der Vater wollte sich von seinem Lieb- 
ÜngsUnde durchaus nicht trennen und gab daher dem Werber 
tine abschlägige Antwort. 'Ich habe,( sagte er, >an Deinem 
Schvestersohne nicht das Geringste, Gott sei davor, auszusetzen, 
Mch haben sich genug oft schon unsere Sippen mit einander ver- 

■[BTt, aber das Dorf ist doch zu weit: dann hat der Bursche 
jBrundbesitz, es gibt bei ihm viel Arbeit, viel Plackereien; 
Tochter ist nun an Anstrengungen nicht gewohnt und das 
Vir«, dass mir mein Eidam Vorwürfe machen würde, ich 
Ibn hinter's Licht geführt.« Vuko wiederholte seine Werbung 
Mt mehr, sondern beschloss. sein Ziel auf eine andere Weise zu 
niehen. Sechs Monate später lauerte er dem MAdchen eines 
ifes auf. Vidosava begoss eben im Garten, eine Schussweite vom 
lletlicheD Hause entfernt, die Blumen. Da sprang Vukac schnell 
ihr hin. kuebelte sie und schleppte sie mit sich fort. So sehil- 
Le der Vater Golub wenigstens den Hergang. Vukac indessen 
aoptete vor den Friedensrichteru, das Mädchen wäre ihm aus 
(ien Stocken gefolgt, t^ineu Monat lang hielt er sie im Hause 
iner Mntter gefangen, dann nahm er sie in die damals noch 
kiiKhe Hercegovina mit, und liesa sich dort mit ihi' trauen. 



268 

Golub hatte nun die Wahl, entweder den Bäuber dem österreichi- 
schen Gerichte in Cattaro anzuzeigen und dadurch auch seine 
Tochter für ihr Lebelang unglücklich zu machen, oder sich mit 
seinem Schwiegersohne auf friedlichem Wege auszusöhnen. Auf 
jeden Fall musste ihm für die angethane Kränkung und Schmach 
eine öffentliche GenugthuuDg yom Eidam geleistet werden. Er 
berief nun vierundzwanzig unbescholtene Dorfälteste als Friedens- 
richter. Vukac wurde auch vorgeladen. Die Parteien wurden verhört 
Golub scharrte glühende Kohlen auf das Haupt seines Eidams; 
dieser dagegen rechtfertigte sich, dass ihn einzig und allein der 
Widerstand des Golub zu diesem Schritte gedrängt habe. Die 
Richter merkten bald, um was es Golub lediglich zu thun sei, and 
deshalb bahnten sie die Versöhnung an. Nach der Beraubung sprach 
der älteste Friedensrichter im Namen Aller zu Golub : »Wir 
glauben Dir's Alle, die wir Töchter haben, dass Dir bei dieser Ge- 
schichte nicht wohl zu Muthe gewesen. Was sollen wir aber nun 
anfangen ? Vukac ist von heute ab Dein Eidam und Du sein Schwie- 
gervater. Die Kirche hat diesen Bund geschlossen, wir dOrfen ihn 
nun nicht mehr auflösen, und selbst dürften wir, wir thätei*s 
nicht. Wir vierundzwanzig Männer nehmen im Namen dieses jnngei 
Paares, das Dich so schwer gekränkt hat, die Hüte ab und bittn 
Dich als einen gescheidten Mann, dass Du sie aufnimmst und ob- 
ärmst als Deine Kinder. Wir Alle aber laden uns heute zu Dir ils 
Gäste ein, damit wir die jungen Leute verloben und zu Gott betes, 
dass Dich diese Deine Kinder, wenn Dich der Herr einmal abbe- 
ruft, mit ihren Händen ins Grab legen?« Vukac und Vidosin 
küssteu darauf Golub die Hand und nun begaben sich Alle sba 
Mahle, um das Paar ordnungsgemäss zu verloben. 

Wie tief im Volke der alte Brauch des Mädchenraubes eil* 
gewurzelt ist, beweist ein Fall, der sich kürzlich in Kroatiei 
zugetragen hat, in einer Gegend, wo man es kaum glauben würdi» 
dass derlei noch vorkommen kann. Die Nachricht über diesen jüngste 
bekannt gewordenen Mädcheuraub entnehme ich dem »Wiener Frea* 
denblatt« vom 17. Mai 1884. Der Correspondent der Zeitung scheut 
der Ansicht zu sein, die Slaven hätten den Brauch von den TArktfi 
gelernt. Ich will den ganzen Ausschnitt hier wörtlich mittheilen, weno- 
gleich mir die geschwollene Darstellung des Notizlers gar nicht behagV 

»Aus Petrinja (Kroatien) wird uns geschrieben: In unseifl 
Grenzbezirken an der Uua und am sogenannten »trockenen« Körte 
haben sich noch hie und da, in civilisirten Ländern freilich 



2691 

[Ommende Gebrauch« erhalten , welche unsere Bevölkerung I 
Iweise noch ans der Türkenxeit Qbernomin»» bat. So kam es iai 1 
aohbarten Bosnien wohl häufiger vor, als es der «Raja- lieb | 
, dass der nächste türkische Aga oder Beg ein hübsches Raja- I 
ichen raubte und seinem Harem einverleibte. Dabei wurde auch ' 

Grenze nicht immer respectirt und zuweilen versehwand auch 1 

flslerre ichischer Seite eine blühende ländliche Schönheit, die in I 
in türkischen Harem, meist gegen ihren Willen, transferirt 
'de. Was der auf Mahomed schwörende Türke tbat, fand auch 

den angrenzenden Christen mitunter Nachahmung, nur mit 
1 Unterschiede, dass der Christ sich es genügen Hess, seinen { 
rabensBatzungen gemäss, welche die Vielweiberei nicht gestatten, | 

einer ein^igeo geraubten Schönen vorlieb zu nehmen. Diese 
t Unsitte wurde durch einen jüngst im Dubieaer Bezirke in der | 
neinde Staza vorgekommenen Fall neuerdings aufgefrischt. Der 
tig« Landmann, Sohn und alleiniger Erbe eines begüterten | 
lEvnomen, Peter Ivan^if, traf vor Kurzem, als er den I^euten auf 
Den Aeckeru nachging, das sechzehnjährige Mädchen Maria Sa- 
rdiCifi auf einer Waldblösse, wo sie ihrer Eltern Vieh weidete, 
e in sOdlicfaer Schönheit blühende junge Hirtin nahm des feuri- 
n Peter Sinne derart gefangen, dass er sie nach kurzem Zwie- 
cprtcb frng. ob sie sein Weib werden wolle. Obwohl sie von dieser, i 
n dem reieheu Bauernsohne an sie gestellten Frage freudig Ober- < 
Kbl war, verneinte sie in kindlich-naiver Schöehtornheit ; doch ' 
!l«r IvacSi^ wollte von ihr nicht lassen. Als sie aber allen seinen ' 
rOoden nicht nachgeben wollte, machte er wie »Erlkönig« kurzen 
FMesB ; »gehst du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,« ergriff 
öti ihres Schreiens das verlockende Kind und trug es auf seinen 
irk» Armen in sein Heim, wo er die reizende Kleine so lange 
igeejierrt hielt, bis durch die Eltern des Mädchens die Sache | 
ehbar wurde und eine Gendarmerie -Patrouille das Mädchen ab- 
ll*. Der Madchenräuber wurde dem Gerichtshofe in Petrinja ein- ' 
liefert, doch dürfte die Strafe nicht bedeutend ausfallen, da — 
m, die gchAne Hirtin, sich zur Rückkehr zu ihrem 'Räuber* 
■«t erklärte.« 

In Balgarien kommt sowohl der gewaltthätige Mädchenraub 

die Gntfßhrang mit Zustimmung des Mädchens häufig vor. 
le Entfllhrung letzterer Art gilt keineswegs .ils eine Schande, wie 
takor sagt. Unser Gewährsmann hätte sagen sollen, als ein j 
Itaflidiee Verbrechen, denn wenn auf Jemand in einem solchen J 



270 

Falle ein Schandfleck haften bliebe, so könnte es nur auf dem 
Entführer sein. Ganz anders verhält es sich bei einer gewaltthätigeo 
Entführung gegen den Willen des Mädchens. Die Volksstimme 
verdammt eine solche gezwungene Ehe und man zieht die Mädcheo- 
räuber zur Verantwortung. Wenn ein Bursche, erz&hlt Zaharijev, 
keine Aussicht hat, ein Mädchen zu bekommen, sammelt er seine 
Genossen und lauert mit ihnen dem Mädchen auf, raubt sie selbst 
von der Arbeit weg, aus der Mitte ihrer Freundinnen, und entfahrt 
sie ins Gebirge. Dort hält er sie fest und quält sie so lange, bis 
sie ihm endlich ihre Einwilligung gibt. Darauf führt er sie vor 
den erstbesten Dorfältesten oder einen Priester, und da muss dai 
Mädchen sagen, dass sie aus freien Stücken ihrem Entführer g^ 
folgt sei. Nun kann erst auch ohne Befragung der Eltern die 
Trauung stattfinden. Sagt aber das Mädchen, dass sie gewaltsui 
fortgeschleppt worden, oder gar, dass man ihr Gewalt angetbii, 
dann wird der Bursche sammt seinen Helfershelfern, sofern ae 
nicht noch rechtzeitig das Weite suchen, als Verbrecher bestnft» 
wegen der Schändung aber wird eine Geldstrafe auferl^^ Aiflk 
im ersteren Falle, wenn die Trauung wirklich vollzogen wird, giki 
sich selten der Vater des Mädchens, wie OdSakov bemerkt, diait 
zufrieden, sondern erhebt vor dem Vladika Klage. OdiakoY sduiek 
seinen Bericht noch zur Zeit, als Bulgarien unter türkischer Bil- 
mässigkeit stand; gegenwärtig dürfte sich wohl der Vater ii 
einem solchen Falle an die politische Behörde wenden. Der Vb- 
dika vermittelte gewöhnlich den Frieden zwischen den Fftrteiei 
und beredete noch den Vater, der Tochter seinen Segen zu ertheihii 
denn der Vater hat kein Becht mehr, seine Tochter ans des 
Hause ihres Entführers wieder zu sich zu nehmen. 

Bisher sahen wir nur Fälle von Baub und Entfühmi^, tf 
kann aber, wie schon oben erwähnt, auch der Fall eintreten, diHj 
das Mädchen ungebeten ins Haus Desjenigen kommt, den sie liekt 
unter den Serbokroaten wird eine solche Flüchtige (nbjeglicifj 
immer tief verachtet. Ihre Stellung im Hause, sowohl ihrem Huü 
als den übrigen Hausgenossen gegenüber, ist die der YoUkomnut'j 
sten Abhängigkeit. Wie sie sich muckst, erinnert man sie diM 
dass sie sich dem Hause aufgedrungen. Mir ist ein Fall aas Sto* 
vonien bekannt. Vor neun Jahren lebte in einem Dörfchen unwÄ 
Po2ega ein Mädchen, das in einen Burschen aus demselben Doift 
sterblich verliebt war, ohne Gegenliebe zu finden. Sie suchte ita; 
aber zu einer Ehe mit ihr zu zwingen, und schlich Nachts za ü* 



271 

n die Kammer und übernachtete mit ihm. Der Bursche wollte 
las Mädchen nun wohl behalten, doch seine Hausleute duldeten 
» nicht, sondern stiessen das Mädchen aus dem Hause. Zu ihren 
Sltem durfte sie nicht mehr zurück; im Dorfe war ihres Yer- 
)leibens auch nimmer, d'rum zog sie fort in die Welt. In Bulgarien 
lesteht ein Brauch, der ausserordentlich bemerkenswerth ist. Man 
erkennt in demselben nämlich auf den ersten Blick den uralten 
indogermanischen Brauch Bedrängter und Verfolgter, die an 
dinem fremden Herde Schutz suchten, denen man seinen Beistand 
Inf keinen Fall versagen durfte, selbst wenn es die grimmigsten 
Feinde des Hauses waren. »Wenn ein Mädchen,« erzählt Zaharijev, 
»in Jemand verliebt ist, ihre Eltern aber sie an einen Anderen 
aussugeben beabsichtigen, so wartet das Mädchen eine günstige 
Gelegenheit ab, rafft ihre Siebensachen zusammen und flüchtet in 
dis Haus ihres Geliebten. Dort setzt sie sich schweigend auf den 
Berd, schürt im Feuer herum, zum Zeichen, dass sie sich unter 
tai Schutz dieser Familie begeben, und harrt auf die Antwort des 
Bansherrn. Dieser willigt immer ein, denn auf diese Weise braucht 
•rden Eltern des Mädchens kein Eaufgeld (agirlik) zu zahlen, noch 
Are Anverwandtschaft zu beschenken. «Eigentlich darf er das Mädchen 
fir nicht abweisen, eben so wenig als man einem anderen Gast die 
Ikflre weisen darf, ohne sich dem herbsten Tadel aller Dorfbewoh- 
ter auszusetzen. Hierüber sprechen wir ausführlich im Capitel 
^Gastfreundschaft«. Bei der Hochzeit einer Flüchtigen ist Niemand 
^ ihrer Sippe zugegen. Mit der Zeit aber kommt immer durch 
^«rmittelung der Nachbarn ein Frieden zwischen beiden Sippen zu 
S^nde. Bemerkenswerth ist noch der Umstand, dass man die junge 
^u, wenn es sich nach der Brautnacht herausstellt, dass sie 
lehon Tor der Hochzeit einen Mann erkannt habe, nicht berechtigt 
^ aus dem Hause zu jagen. 

Ehe ich nun daran gehe, die Hochzeitsgebräuche zu schildern, 
^eint es mir unerlässlich, das Nöthige über die Ausstattung und 
^«Steuer zu sagen, denn an der Ausstattung des Mädchens wird 
fefthrend des ganzen Mädchenstandes gearbeitet. Ist keine Ausstat- 
^ing vorhanden, so kann auch an keine Hochzeit gedacht werden. 



XV. 

Die Aussteuer. 

Die Sache ist bei den Südslaven neueren ürsprangs; siehtt 
sich auch bis jetzt nicht vollends eingebürgert. Die Sprache besiiik 
nicht einmal ein Wort für Aussteuer oder Mitgift (Morgengibe). 
Die Ausdrücke dafür sind den anderssprachigen NachbarrGlken 
entlehnt. In Serbien und Bulgarien nennt man die Anssteur 
pr6ija, bulg. prikie. Das Wort ist auch in den älteren sM- 
slavischen Schriftdenkmälern häufig nachweisbar. In der Fora 
p'Brkji hat es auch ins Albanesische Einzug gehalten. Es irtte 
griechische iigot^ (spätgr. nQotxiov), Eine andere Bezeichnung, & 
man am häufigsten in Bosnien hören kann, ist das türkis^ 
miraz. ursprünglich bedeutet miraz Erbschaft, dann die fflftt- . 
terliche Erbschaft und als solche die Aussteuer; denn nnr fii 
Tochter hat Anspruch auf die Hinterlassenschaft ihrer yerstoriieM 
Mutter. Davon später mehr. In Dalmatien, im Eüstenlande llbe^ 
haupt, und in der Hercegovina hat dota, ein Lehnwort ans te 
Italiänischen, Eingang gefunden. In Kroatien, Slavonien nnd lUtt 
den Neuslovenen ist für Aussteuer das deutsche Wort Theilb 
der Form tal gebräuchlich. Es liegt hier derselbe Bedentu^ 
wandel wie in miraz vor. Das türkische sermija (Nebenf. s•^ 
mitija) bedeutet »Vermögen« überhaupt, dann besondera A 
Mitgift der Frau. Das werthvollste Stück der Mitgift besteht ge* 
wohnlich im Halsband der Braut, dem gjerdan (oder gjendii)' 
Auch ein Lehnwort aus dem Türkischen. Das Halsband wird m 
einer Beihe goldener oder silberner Münzen, seltener ans Peiitt 
gebildet. Die Mädchen tragen solche Bänder auch als Schmuck tf 
die Kopfbedeckung herum. Nur im Falle äusserster Noth greift 



273 

D Schmuck an, z. B. zu Zeiten einer Hungersnoth. Spricht ein 
€ib im Volksliede: 

Doklen mi je na kapi novaea, 
I gjerdana od skrli-merdiana 
Ne bojim se ni jada ni glada. 
»0 lange ich auf meiner Kappe Geld habe und ein Halsband aus 
rothen Perlen besitze, fürchte ich weder Kummer noch Hunger.« 

östet im Volksliede ein Schuldner seinen Gläubiger mit den 

orten : 

Znat mi dizat sa iene djerdana, 

I ogoljet kape djevojaöke. 

Na rok 6u ti pare donijeti. 
ch muss wissen, wie ich meinem Weibe das Halsband nehmen und 
e Mädchenmützen entblössen muss. Am Verfallstage (zur bestimmten 
Frist) werde ich Dir das Geld bringen.« *) 

Slawisch sind nur die Ausdrücke oprema (sprem), ruho 
id darovi. Oprema die Ausstattung, als das Vorbereitete, 
Unit das Mädchen zur Hochzeit ausgerüstet dastehe, bezieht sich 
ir auf die Wäsche, auf das ruh o des Mädchens und die Geschenke, 
s die darovi, welche das Mädchen unter ihre Hochzeitsgäste am 
lirentage Tertheilen muss. Von einer Aussteuer, wie eine solche 
deutschen Landen üblich ist, kann bei den Südslayen im Volke 
ine Bede sein. 

Dass bei den Südslaven, sowie bei den übrigen indogermani- 
heo Völkergruppen vor Zeiten der Mann das Weib, um das er warb, 
ren Eltern abkaufen musste, unterliegt keinem Zweifel angesichts 
r zahllosen Belege, durch die uns dieser Brauch bestätigt wird. Bei 
r vielen Völkern, die sich noch in sehr primitiven Verhältnissen 
inden, kauft der Mann sein Weib, wie sonst einen Gegenstand, 
en Eltern ab. Wir verweisen beispielshalber nur auf das jüngst 
chieneneWerk von Bein i seh: »Die Bogos«. — Bei den Süd- 
ren ist dieser Brauch im Schwinden begriffen. Ein Sprichwort 
Ut den Kauf scheinbar wenigstens für die Gegenwart in Abrede: 

Ako je i udaja nije prodaja. (Aus Slavonien.) 
IVeon es auch eine Verheiratung ist, so ist^s doch kein Verkauf. 



») Vergl. Vröeviö im Zbornik von Bogiäiö, S. 107—108. Daherkommt 
iMg% unser Gewährsmann, dass man in der Hercego?ina, der Crnagora nnd 
ien Dörfern der Bocca zu Tausenden durchlöcherte Gold- und Silber- 
xen sieht. 

:r«ost. Sitte a. GewohnheiUrecbt d. Sudai. 18 



274 

Der wahre Sinn ist folgender: Wenn Jemand ein Frs 
zimmer heiratet, so erlangt er keineswegs das Becht, mit s( 
Weibe nach Belieben, wie mit einer gekauften Sache, frei sei 
und walten zu dürfen. Alt ist diese Bechtsanschauung gewiss 
Nur eines steht fest, dass es dem Volke heutigen Tages 
mehr ganz klar ist, dass bei dem Heiraten ein Kauf und Ve 
stattfindet. In der That kommt dies vor, es wird ja ganz de 
und unverkennbar in den Volksliedern besungen. Das Kai 
wird auf jeden Fall erlegt, selbst wenn die Eltern des Gelde 
nicht bedürfen. Die Königin von Ungarn bietet dem Helden 
§i6 Fodor die Hand ihrer Tochter Ikonija an, nachdem si 
ihm erfahren, dass er noch unverheiratet ist, worauf er ihr ta 
Ducaten freiwillig als Kaufgeld erlegt. Die Stelle lautet :\) 

Da dies aber hört die . Königsfrauen, 
Spricht sie leise so zu Jak§i6 Fodor: 
»Jak§i6 Fodor, o Du grauer Falke, 
Komm' und nimm dann meine Ikonija, 
Führ' als Frau sie heim nach Deinem Hofe.« 
Da die Rede Jaksiö Fodor höret, 
Bindet er den Rappen an die Thurmthür, 
Geht hinan zum schlanken Thurm gerade. 
Da er hintritt vor die Königsfrauen, 
Nimmt er unter seinen Arm die Kappe, 
Neigt sich nieder bis zur schwarzen Erde, 
Holt hervor gleich tausend Goldducaten, 
Reicht' sie dar der Frau'n, der Königsfrauen: 
»Nimm, o Königsfrauen, nimm Du Dieses! 
Halb ist's Dein und halb ist's Ikonia's. 
Will indess nach meinem Belgrad eilen, 
Svaten mir und Hochzeitsstrauss zu holen. < 

Mit Jakäi6's Eile ist es aber nicht weit her. Drei Jahre 
streichen : 

Fodor kommt nicht, lässt von sich nichts hören. 

Darüber wird die Königin böse und trägt im vierten J 
ihre Tochter dem Helden Ivan Zviezdiö an. Zviezdii willigt ( 
weiters ein: 



*) Bei Vuk, II. Nr. 94. Deutsch von Kapp er. 



276 

Neigt sich nieder bis zur schwarzen Erde, 
Holt hervor gleich tausend Goldducaten: 
»Nimm denn Dieses, nimm's, o Königsfraaen ! 
Halb ist's Dein und halb ist's Ikonia's.« 

In den südslavischen Volksliedern ist ständig die Wendung, 
nn ein grosser Held um ein Mädchen wirbt: 

Dok izprosi Ijepotu djevojku 
On potroSi tri tovara blaga. 
lis er die Schönheit, das Mädchen, erlangte, verbrauchte er drei 

Ladungen Schätze.« 

ler: 

On dariva mater i djevojku. 
Er beschenkt die Mutter und das Mädchen. 

Doch nicht blos Mutter und Tochter, sondern auch alle 
ichsten Anverwandten der Braut müssen beschenkt werden, so 
's ja noch heutigen Tages Brauch. Ueber Serbien, als es noch 
irstenthum war, schrieb Vuk: »Eine Aussteuer oder Mitgift ist 
cht nur nicht Brauch zu geben, yielmehr muss der Mann für das 
Uchen noch zahlen und ihre Anverwandten beschenken. Am 
ifange dieses Jahrhunderts hatten in Serbien die Mädchenpreise 
le solche Höhe erreicht, dass es einem armen Menschen gar nicht 
^lich war, eine Ehe einzugehen. Dieser Umstand bewog den 
hwarzen Georg (Eara Gjorgje), ein Gesetz zu erlassen, dass man 
' ein Mädchen nicht mehr als einen Ducaten annehmen dürfe. 
eser Preis wird vor der Hochzeit erlegt. In der Cmagora, wo 
io gleichfalls für ein Mädchen zahlt, erlegt man das Eaufgeld 
Hochzeitstage. ^) Eara Gjorgje's Erlass hat im Grossen und 
nzen wenig gefruchtet. M. Krsti6 berichtet für den ßogjevski 
1 Azbukovaöki srez in Serbien Folgendes: »Bei der Werbung 
ilt man dem Vater des Mädchens »ins Haus« (u ku6u) oder 
im Speisetisch« (na siniju), wie der stehende Ausdruck lautet, 
nach seinem Verlangen, oder falls der Vater des Mädchens ge- 
rben ist, dem stareSina, der das Mädchen ausheiratet, einen bis 
n. zuweilen auch mehr, Ducaten, während das Mädchen den 
)fel« (jabuku) oder das »Kleingeld« (pare) bekommt.« BogiSiö 
3ht zu diesen Worten eine Bemerkung, indem er am Fusse der 
e fragt: »Wann gibt man mehr? Gibt man dem Mädchen noch 



■) Montenegro und die Montenegriner, S. 77 und 83. 

18 



276 

etwas Besonderes ausser dem, was der Vater erhält ?c Freilicli. In 
den Apfel sind einige Geldstücke hineingesteckt, zuweilen gibt man 
blOs Geld ohne Apfel, man nennt aber dieses Handgeld nichtsdesto- 
weniger den »Apfel«. In der Umgegend von Sabac erhält der 
Vater blos einen Ducaten und einen Silberzwanziger als Eaufgeld, 
die übrigen Gaben werden als freiwillige Geschenke angesehen. Im 
Ljubovijski srez zahlt der Bräutigam dem Vater und den Brüdern 
des Mädchens ; dem Vater auf einen Pelz, dem Bruder auf ein Paar 
Stiefel, je nachdem man sich bei der Werbung über den Preis 
geeinigt. Dies ist aber, bemerkt unser Gewährsmann CTJetovif, 
durch das Gesetz verboten. Ebenso wird bei der Werbung auch 
bedungen, wie viel das Mädchen auf den Apfel Geld zu bekommen 
hat. Statt eines Apfels nimmt man zuweilen auch eine Quitte oder 
eine Birne. Wenn das Mädchen vor der Werbung vom Burschen 
Geld erhält, so ist dies blos ein Verlobungspfand, das nicht mit 
eingerechnet wird. Im Gurgusovaöki srez beträgt das Eau^eld, 
abgesehen der übrigen nicht freiwilligen, sondern ausbedungenen 
Geschenke, vier bis sechs Ducaten. Dies Alles hängt eben von dei 
Vermögensumständen des Werbers ab. 

Das Erlegen eines Eaufgeldes hat sich nur mehr bei den AU- 
katholiken im Allgemeinen erhalten, ebenso bei den Bulgaren. Ii 
der Hercegovina und der Eatunska nahija in der Crnagora ttUt 
man, nach Vukaloviö's Zeugniss, nur bei der ersten, der s(h 
genannten kleinen Werbung, einen Ducaten nebst einem, selbst- 
verständlich mit Geldstücken bespickten Apfel, dafür zahlt man bei 
der HauptwerbuDg und am Hochzeitstage nichts. In Bosnien ist 
das Kaufgeld nur mehr bei den Altkatholiken üblich, ebenso xnm 
grossen Theil in Slavonien. In StroSinci in Syrmien bekommt die 
Mutter zwei Gulden, man nennt dies »das Mütterliche« (mater* 
instvo), die Brüder bekommen Opanken, die Schwestern des 
Mädchens je ein Paar Schuhe. Das Geld fällt aber doch der Braal 
zu, welcher der Bräutigam, falls er begütert ist, noch besonders 
einen Ducaten oder einen Thaler zum Geschenke machen mnsSi 
In der Umgegend von Dobrica im Banat gibt man der Braut ib 
Beitrag zu ihrer Ausstattung beiläufig achtzig bis hundert Gulden, 
weiter bekommt sie auch nichts. 

1116 ereifert sich unnützerweise bei Gelegenheit der Beschrei» 
bung der slavonischen Hochzeitsgebräuche, wenn er schreibt : »Wi« 
jenen Punkt betrifft, dass sich der Slavonier sein Weib kauft, und 
dass ein Vater, der schöne Töchter besitzt, in ihnen seinen grösstei 



Beicbthnm bat, ja, dase er eine Tochter auch dreioial verkauft, 
wenn ihm nämlicli Einer mehr Ralii gibt, so ist's nicht der HUhe 
werth, darauf eine Antwort zu geben, denn dieser Brauch ist schon 
unter türkischer Herrschaft unterdrückt worden.* Das ist unrichtig, 
erstens haben sich die Türken nachweislich um derlei nie beküm- 
mert und zweitens mnss der Werber noch heutigen Tages in der 
PoS^aer Umgegend, die Ili^ hauptsächlich schildert, gegen baares 
Geld sich eine Lebensgefährtin Ton ihren Angehörigen erkaufen. 
Dem Meistbietenden gehOrt die Braut. Ich will hier namentlich 
»Den Fall anführen, die Theilnehmer sind noch alle am Leben: 
Im Göbirgsdörfchen Seoce, eine Stunde von PoSega, verlobte im 
Jahre 1867 der Bauer PanCifi -im Thale» — dies ist sein näherer 
Kune, denn im Dorfe ist die Sippe Paii^i6 durch sieben oder 
icht Häuser vertreten — seine Tochter Eva, ein damals aller- 
liebstes Mädchen, an einen Bauernburschen aus Vrhovce. Er 
erhielt von diesem achtsehn Gulden als Eaufgeld. Kurze Zeit 
^af nahm der alte Pandi^ von einem Bauernburschen, der in 
PfHiega bei irgend einer NotabilitQt als Kammerdiener diente, fünf- 
Bodiwandg Gulden an und gab ihm die Tochter. Die Hochzeit 
bald darauf statt. Nun forderte der erste Bräutigam sein Geld 
; der alte Panöi6 verweigerte unter einem nichtigen Vor- 
die Rflckgabe, eigentlich besasa er das Geld nicht mehr. Es 
n einer Klage. Panciö wurde zur Zahlung vemrtheilt, aber 
murtheilt, denn bezahlt hat er nie etwas. 
Auch Captovi6 bestätigt den Brauch des Eaufgeldes und 
als Minimum Folgendes an: Dem Mädchen zwOlf Gulden, dem 
zehn, der Mutter zwei, jedem von den Brüdern sechs und 
ttbrigen Anverwandten zu sieben Gulden. 
Bei den Kroaten in Kroatien, Istrien und Datmatieu wiid 
Kaufgeld für die Braut erlegt. Für Lovreö in Dalmatien wird 
die symbolische Erinnerung an diesen Brauch von Milinoviß 
Am Vortage vor der Trauung kommt der Brautführer ins 
.der Braut, um ihre Kiste mit der Ausstattung ins Haus des 
,ms XU tiberführen. Ein Kind sitzt auf der Kiste und lässt 
D keinen Preis eher forttrageu, als bis man ihm ein Geld- 
ectienkt. Der Braatführer mnss, nebenbei erwähnt, die Kiste 
Tors Haus altein hinaasschieben. Die Braut küsst die Kiste und 
ifieblt sie der Obhut eines Weibes, das mitgebt. ') 

'} Weitere Belege für udere Gebiete des slavisclien SQJens gibt es iu 

Im 



Bezüglich der Bulgaren theilte Od2akov im Jahre 186^ 
Bogi§i6 mit, dass der Bräutigam auch Geldgeschenke gibt» 
Mancher sichere aber dem Mädchen ein ganzes oder halbes Haus; 
zu. Wenn das Versprechen selbst nur in Gegenwart von zwei 
Zeugen geschehen, kann es nicht mehr rückgängig gemacht werden. 
Die Geschenke, welche man der Braut yor der Trauung gibt, nennt 
man »Entgelt für die Jungfrauenschaft< (pla6anje mominstva, 
türk. nikiah = pretium virginitatis). Wenn dagegen eine Witwe 
einen ledigen Burschen heiratet, so zahlt nicht er ihr, sondern m 
ihm eine Entschädigung für das j i n g e r s t v o (pretium Tirginitatisjl 
Derselbe sagt im Zbornik, dass der Bräutigam, je nach der Be- 
deutung der einen oder anderen Sippe, dem Vater des MftdcheBS 
ein Eaufgeld von zweihundert bis tausend Groschen zu erlegei 
hat. Dieses Geld nennt man obu§6a (Gewand), weil es eben nr 
Bestreitung des Gewandes der Braut verwendet werden soll. Di« 
Mutter empfängt gleichfalls einige Ducaten, während die Geschwistff 
der Braut Bekleidungsstücke erhalten. Aus d 2 a k o v's Bemerkung; 
>von dem (xelde, das der zukünftige Schwiegervater bekommt, buft 
dieser auch den übrigen Anverwandten der Tochter Gewandoogf« 
ersieht man, dass der Vater freie Hand über das Eaufgeld hat vai 
nicht verpflichtet ist, dasselbe nur auf seine Tochter auszagebea. 

Od2akov's Angabe über den Kaufpreis wird durch ein Tolb- 
lied bestätigt: 

Wand sich eine Rebenranke 
Um die Zinnen der Burg Legen. 
Dies war keine Rebenranke, 
Sondern war ein schmuckes Mägdlein, 
Das sieh um den Bruder rankte. 
»Kauf mich los, o lieber Bruder! 
Nicht zu hoch bin ich im Preise, 
Zwei-, dreihundert Groschenstucke. « ^) 



Womöglich noch bestimmter drückt sich Zaharijev flbtf 
das Kaufgeld in Tatar Pazaridik aus. Der Bursche klopft sdM 
bei den Eltern an. Geben diese ihre Zustimmung, so überreidt 
der Bursche dem Mädchen vor Allem einen Beutel mit Silbergdl 
(kitka s penjazi). Nun wird der Tag bestimmt, an weichet 
die Abmachung vorgenommen werden soll. An diesem Tage erschcul 



») Big. n. p. Milad, S. 460, Nr. 512. 



279 

' Bursche in Begleitung seiner Eltern oder nächsten Anverwandten 
Hause des Mädchens und bringt ein gebratenes Schwein oder 
mm oder eine Gans, dann Brod, Wein und Baki, kurzum, eine 
aze Mahlzeit mit, und setzt mit den Eltern fest, wie yiel er 
len und wie viel er jedem der Verwandten zu zahlen habe. Dieser 
lufpreis, der zwischen hundert bis fünfhundert Groschen schwankt, 
ausschliessliches Eigenthum der Eltern der Braut. 

In KukuS ist nur mehr symbolisch der Brauch des Eauf- 
Ides erhalten. Baargeld, scheint es, bekommt nur die Braut. Die 
sie Werbung heisst zelena kitka (der grüne Beutel), weil die 
aut einen grünen Beutel empßLngt, in dem sich ein Goldducaten 
ifindet. Der Bräutigam, oder richtiger gesagt, der Werber, bringt 
s Haus des Mädchens ein Fass voll Obst. Obenauf liegen fünf 
"üne Beutel ; der grösste davon, in dem der Ducaten steckt, fällt 
m Mädchen zu. ') 

Ist es einerseits Brauch, für die Braut zu zahlen, so fordert 
in auch, dass die Braut auch eine Ausstattung mitbringe. Ein 
»richwort lautet: 

Ne gleda se kolika je kokoS nego koliko jaje nosi. 

in sieht nicht auf die Grösse der Henne, sondern darauf, wie gross 

das Ei ist, das sie legt. 

Denn: 

Gole kosti ni pas ne ce. 

Nackte Knochen mag nicht einmal ein Hund. 

Schon anstandshalber sind die Eltern dazu angehalten, ihrer 
ehter eine Ausstattung mitzugeben, denn: 

Pr6ija je roditeijski obraz. 
Die Ausstattung ist der Eltern Gesicht, 

h. darin offenbart sich ihr Charakter, ihre Ehrenhaftigkeit. Eine 
sstattung ist auf jeden Fall nothwendig; denn: 

Ako iz roda ne donese, u dorn ne nadje. 
an sie (die Braut) keine (Ausstattung) aus dem Elternhause mit- 
bringt, im Hause (des Mannes) findet sie keine vor. 

Wer eine Tochter auszuheiraten hat, ist immer übel daran, 
es im Sprichworte heisst: 



>) Miladin, Big. n. p., S. 517. 



270 

Falle ein Schandfleck haften bliebe, so könnte es nur auf de: 
Entführer sein. Ganz anders verhält es sich bei einer gewaltthätig< 
Entführung gegen den Willen des Mädchens. Die Volksstimi 
verdammt eine solche gezwungene Ehe und man zieht die Mädche 
räuber zur Verantwortung. Wenn ein Bursche, erzählt Zaharijc 
keine Aussicht hat, ein Mädchen zu bekommen, sammelt er sei 
Genossen und lauert mit ihnen dem Mädchen auf, raubt sie seil 
von der Arbeit weg, aus der Mitte ihrer Freundinnen, und entf&h 
sie ins Gebirge. Dort hält er sie fest und quält sie so lange, l 
sie ihm endlich ihre Einwilligung gibt. Darauf führt er sie v 
den erstbesten Dorfältesten oder einen Priester, und da muss d 
Mädchen sagen, dass sie aus freien Stücken ihrem Entführer g 
folgt sei. Nun kann erst auch ohne Befragung der Eltern d 
Trauung stattfinden. Sagt aber das Mädchen, dass sie gewaltsi 
fortgeschleppt worden, oder gar, dass man ihr Gewalt angethi 
dann wird der Bursche sammt seinen Helfershelfern, sofern s 
nicht noch rechtzeitig das Weite suchen, als Verbrecher bestni 
wegen der Schändung aber wird eine Geldstrafe auferlegt Am 
im ersteren Falle, wenn die Trauung wirklich vollzogen wird, gil 
sich selten der Vater des Mädchens, wie OdSakov bemerkt, dim 
zufrieden, sondern erhebt vor dem Vladika Eiage. OdSakoY schrif 
seinen Bericht noch zur Zeit, als Bulgarien unter türkischer Bot 
mässigkeit stand; gegenwärtig dürfte sich wohl der Vater i 
einem solchen Falle an die politische Behörde wenden. Der Vli 
dika vermittelte gewöhnlich den Frieden zwischen den Partei« 
und beredete noch den Vater, der Tochter seinen Segen zu ertheilei 
denn der Vater hat kein Becht mehr, seine Tochter ans dei 
Hause ihres Entführers wieder zu sich zu nehmen. 

Bisher sahen wir nur Fälle von Baub und Entführung, < 
kann aber, wie schon oben erwähnt, auch der Fall eintreten, di{ 
das Mädchen ungebeten ins Haus Desjenigen kommt, den sie lieb 
Unter den Serbokroaten wird eine solche Flüchtige (ubjeglifl 
immer tief verachtet. Ihre Stellung im Hause, sowohl ihrem Mani 
als den übrigen Hausgenossen gegenüber, ist die der voUkommti 
sten Abhängigkeit. Wie sie sich muckst, erinnert man sie dun 
dass sie sich dem Hause aufgedrungen. Mir ist ein Fall aus Sk 
Yonien bekannt. Vor neun Jahren lebte in einem Dörfchen unwe 
Po2ega ein Mädchen, das in einen Burschen aus demselben Dor 
sterblich verliebt war, ohne Gegenliebe zu finden. Sie suchte 11 
aber zu einer Ehe mit ihr zu zwingen, und schlich Nachts zu ih 



271 

die Kammer und übernachtete mit ihm. Der Bursche wollte 
3 Mädchen nun wohl behalten, doch seine Hausleute duldeten 
nicht, sondern stiessen das Mädchen aus dem Hause. Zu ihren 
:eni durfte sie nicht mehr zurück; im Dorfe war ihres Ver- 
libens auch nimmer, d'rum zog sie fort in die Welt. In Bulgarien 
steht ein Brauch, der ausserordentlich bemerkenswerth ist. Man 
[ennt in demselben nämlich auf den ersten Blick den uralten 
logermanischen Brauch Bedrängter und Verfolgter, die an 
lem fremden Herde Schutz suchten, denen man seinen Beistand 
f keinen Fall versagen durfte, selbst wenn es die grimmigsten 
lüde des Hauses waren. >Wenn ein Mädchen,« erzählt Zaharijev, 
1 Jemand verliebt ist, ihre Eltern aber sie an einen Anderen 
angeben beabsichtigen, so wartet das Mädchen eine günstige 
legenheit ab, rafft ihre Siebensachen zusammen und flüchtet in 
I Haus ihres Geliebten. Dort setzt sie sich schweigend auf den 
fd, schürt im Feuer herum, zum Zeichen, dass sie sich unter 
1 Schutz dieser Familie hieben, und harrt auf die Antwort des 
nsherrn. Dieser willigt immer ein, denn auf diese Weise braucht 
den Eltern des Mädchens kein Kaufgeld (agirlik) zu zahlen, noch 
«Anverwandtschaft zu beschenken.« Eigentlich darf er das Mädchen 
r nicht abweisen, eben so wenig als man einem anderen Gast die 
Qre weisen darf, ohne sich dem herbsten Tadel aller Dorfbewoh- 
' auszusetzen. Hierüber sprechen wir ausführlich im Capitel 
astfreundschaft«. Bei der Hochzeit einer Flüchtigen ist Niemand 
I ihrer Sippe zugegen. Mit der Zeit aber kommt immer durch 
rmittelung der Nachbarn ein Frieden zwischen beiden Sippen zu 
nde. Bemerkenswerth ist noch der Umstand, dass man die junge 
IQ, wenn es sich nach der Brautnacht herausstellt, dass sie 
on Tor der Hochzeit einen Mann erkannt habe, nicht berechtigt 
aus dem Hause zu jagen. 

Ehe ich nun daran gehe, die Hochzeitsgebräuche zu schildern, 
eint es mir unerlässlich, das Nöthige über die Ausstattung und 
^Steuer zu sagen, denn an der Ausstattung des Mädchens wird 
irend des ganzen Mädchenstandes gearbeitet. Ist keine Ausstat- 
g vorhanden, so kann auch an keine Hochzeit gedacht werden. 



XV. 

Die Aussteuer. 

Die Sache ist bei den Südslaven neueren Ursprungs; sielut 
sich auch bis jetzt nicht vollends eingebürgert. Die Sprache besitil 
nicht einmal ein Wort für Aussteuer oder Mitgift (MorgenpH 
Die Ausdrücke dafür sind den anderssprachigen NachbarrOlbn 
entlehnt. In Serbien und Bulgarien nennt man die AnsstcMi 
pr6ija, bulg. prikie. Das Wort ist auch in den älteren sM- 
slavischen Schriftdenkmälern häufig nachweisbar. In der Foni 
pi»rkji hat es auch ins Albanesische Einzug gehalten. Es istte 
griechische ^ngot^ (spätgr. nQotxiov). Eine andere Bezeichnnng, dk 
man am häufigsten in Bosnien hören kann, ist das türkis^ 
miraz. Ursprünglich bedeutet miraz Erbschaft, dann die mtitr 
terliche Erbschaft und als solche die Aussteuer; denn nur dii 
Tochter hat Anspruch auf die Hinterlassenschaft ihrer yerstoibeM 
Mutter. Davon später mehr. In Dalmatien, im Eüstenlande übtf' 
haupt, und in der Hercegovina hat dota, ein Lehnwort ans <ta 
Italiänischen, Eingang gefunden. In Kroatien, Slavonien und utel 
den Neuslovenen ist für Aussteuer das deutsche Wort Theiiil 
der Form tal gebräuchlich. Es liegt hier derselbe Bedentup^ 
wandel wie in miraz vor. Das türkische sermija (Nebenf. 88^ 
mitija) bedeutet »Vermögen« überhaupt, dann besonders A 
Mitgift der Frau. Das werthvollste Stück der Mitgift besteht ge 
wohnlich im Halsband der Braut, dem gjerdan (oder gjendai)» 
Auch ein Lehnwort aus dem Türkischen. Das Halsband wird v« 
einer ßeihe goldener oder silberner Münzen, seltener ans Perki 
gebildet. Die Mädchen tragen solche Bänder auch als Schmuck 
die Kopfbedeckung herum. Nur im Falle äusserster Noth greift 



273 

n Schmuck an, z. B. zu Zeiten einer Hungersnoth. Spricht ein 
eib im Volksliede : 

Doklen mi je na kapi novaca, 

I gjerdana od skrli-merdSana 

Ne bojim se ni jada ni glada. 
o lange ich auf meiner Kappe Geld habe und ein Halsband aus 
rothen Perlen besitze, fürchte ich weder Kummer noch Hunger, c 

Ostet im Volksliede ein Schuldner seinen Gläubiger mit den 
orten : 

Znat mi dizat sa iene djerdana, 

I ogoljet kape djevojaöke. 

Na rok 6u ti pare donijeti. 
^h muss wissen, wie ich meinem Weibe das Halsband nehmen und 
i Mädchenmützen entblössen muss. Am Verfallstage (zur bestimmten 
Frist) werde ich Dir das Geld bringen.« ') 

Slavisch sind nur die Ausdrücke oprema (sprem), ruho 
id darovi. Oprema die Ausstattung, als das Vorbereitete, 
mit das Mädchen zur Hochzeit ausgerüstet dastehe, bezieht sich 
ir auf die Wäsche, auf das r u h o des Mädchens und die Geschenke, 
}die darovi, welche das Mädchen unter ihre Hochzeitsgäste am 
irentage vertheileu muss. Von einer Aussteuer, wie eine solche 
deatschen Landen üblich ist, kann bei den Südslaven im Volke 
ine Bede sein. 

Dass bei den Südslaven, sowie bei den übrigen indogermani- 
leD Völkergruppen vor Zeiten der Mann das Weib, um das er warb, 
"en Eltern abkaufen musste, unterliegt keinem Zweifel angesichts 
: zahllosen Belege, durch die uns dieser Brauch bestätigt wird. Bei 
* vielen Völkern, die sich noch in sehr primitiven Verhältnissen 
inden, kauft der Mann sein Weib, wie sonst einen Gegenstand, 
en Eltern ab. Wir verweisen beispielshalber nur auf das jüngst 
rhienene Werk von Bei ni seh: »Die Bogos«. — Bei den Süd- 
ren ist dieser Brauch im Schwinden begriffen. Ein Sprichwort 
It den Kauf scheinbar wenigstens für die Gegenwart in Abrede: 

Ako je i udaja nije prodaja. (Aus Slavonien.) 
Venn es auch eine Verheiratung ist, so ist's doch kein Verkauf. 



») Vergl. Vröeviö im Zbornik von Bogiäid, S. 107-108. Daherkommt 
ai^t unser Gewährsmann, dass man in der Hercegovina, der Crnagora und 
len Dörfern der Bocca zu Tausenden durchlöcherte Gold- und Silber- 
cen sieht. 

raust, Sitte a. Gewohnheitsrecht d. Sudäl. lo 



274 

Der wahre Sinn ist folgender: Wenn Jemand ein Frauen- 
zimmer heiratet, so erlangt er keineswegs das Becht, mit seinem 
Weibe nach Belieben, wie mit einer gekauften Sache, frei schalten 
und walten zu dürfen. Alt ist diese Bechtsanschauong gewiss nick 
Nur eines steht fest, dass es dem Volke heutigen Tages niclit 
mehr ganz klar ist, dass bei dem Heiraten ein Kauf und Verkauf 
stattfindet. In der That kommt dies vor, es wird ja ganz dentliä 
und unverkennbar in den Volksliedern besungen. Das Eaafgeld 
wird auf jeden Fall erlegt, selbst wenn die Eltern des Geldes gir 
nicht bedürfen. Die Königin von Ungarn bietet dem Helden Jü- 
§ i 6 F d r die Hand ihrer Tochter I k o n i j a an, nachdem sie fon 
ihm erfahren, dass er noch unverheiratet ist, worauf er ihr tausend 
Ducaten freiwillig als Eaufgeld erlegt. Die Stelle lautet:^) 

Da dies aber hört die . Königsfrauen, 
Spricht sie leise so zu Jak§i6 Fodor: 
»Jak^ic Fodor, o Du grauer Falke, 
Komm' und nimm dann meine Ikonija, 
Führ' als Frau sie heim nach Deinem Hofe.« 
Da die Hede Jak§i6 Fodor höret. 
Bindet er den Happen an die Thurmthür, 
Geht hinan zum schlanken Thurm gerade. 
Da er hintritt vor die Königsfrauen, 
Nimmt er unter seinen Arm die Kappe, 
Neigt sich nieder bis zur schwarzen Erde, 
Holt hervor gleich tausend Goldducaten, 
Reicht' sie dar der Frau'n, der Königsfrauen : 
»Nimm, o Königsfrauen, nimm Du Dieses! 
Halb ist's Dein und halb ist's Ikonia's. 
Will indess nach meinem Belgrad eilen, 
Svaten mir und Hochzeitsstrauss zu holen.« 

Mit Jak§i6's Eile ist es aber nicht weit her. Drei Jahre it* 
streichen : 

Fodor kommt nicht, lässt von sich nichts hören. 

Darüber wird die Königin böse und trägt im vierten Jlk^ 
ihre Tochter dem Helden Ivan Zviezdi6 an. Zviezdiö willigt <to"i 
weiters ein : 



*) Bei Vuk, II. Nr. 94. Deutsch von Kapp er. 



275 

Neigt sich nieder bis zur schwarzen Erde, 
Holt hervor gleich tausend Goldducaten: 
»Nimm denn Dieses, nimm's, o Königsfrauen! 
Halb ist's Dein und halb ist's Ikonia's.« 

In den südslavischen Volksliedern ist ständig die Wendung, 
enn ein grosser Held um ein Mädchen wirbt: 

Dok izprosi Ijepotu djevojku 

On potroSi tri tovara blaga. 

Bis er die Schönheit, das Mädchen, erlangte, verbrauchte er drei 

Ladungen Schätze.« 
)der: 

On dariva mater i djevojku. 

Er beschenkt die Mutter und das Mädchen. 

Doch nicht blos Mutter und Tochter, sondern auch alle 
nächsten Anverwandten der Braut müssen beschenkt werden, so 
st's ja noch heutigen Tages Brauch, üeber Serbien, als es noch 
'örstenthum war, schrieb Vuk: »Eine Aussteuer oder Mitgift ist 
licht nur nicht Brauch zu geben, vielmehr muss der Mann für das 
Mädchen noch zahlen und ihre Anverwandten beschenken. Am 
bfange dieses Jahrhunderts hatten in Serbien die Mädchenpreise 

• 

iQe solche Höhe erreicht, dass es einem armen Menschen gar nicht 
möglich war, eine Ehe einzugehen. Dieser Umstand bewog den 
schwarzen Georg (Kara Gjorgje), ein Gesetz zu erlassen, dass man 
iir ein Mädchen nicht mehr als einen Ducaten annehmen dürfe, 
dieser Preis wird vor der Hochzeit erlegt. In der Cmagora, wo 
^^ gleichfalls für ein Mädchen zahlt, erlegt man das Eaufgeld 
öl Hochzeitstage. ^) Kara Gjorgje's Erlass hat im Grossen und 
'»nzen wenig gefmchtet. M. Krsti6 berichtet für den Bogjevski 
^i Azbukovaßki srez in Serbien Folgendes: »Bei der Werbung 
^Mt man dem Vater des Mädchens »ins Haus« (u ku6u) oder 
zum Speisetisch« (na siniju), wie der stehende Ausdruck lautet, 
^ nach seinem Verlangen, oder falls der Vater des Mädchens ge- 
torben ist, dem stareSina, der das Mädchen ausheiratet, einen bis 
^b. zuweilen auch mehr, Ducaten, während das Mädchen den 
Apfel« (jabuku) oder das »Kleingeld« (pare) bekommt.« BogiSiö 
lacht zu diesen Worten eine Bemerkung, indem er am Fusse der 
nie fragt: »Wann gibt man mehr? Gibt man dem Mädchen noch 



») Montenegro und die Montenegriner, S. 77 und 83. 

18 



276 

etwas Besonderes ausser dem, was der Vater erhält?« Freilicli. 
den Apfel sind einige Geldstücke hineingesteckt, zuweilen gibt mi 
blos Geld ohne Apfel, man nennt aber dieses Handgeld nichtsdest 
weniger den »Apfel«. In der Umgegend von §abac erhält d 
Vater blos einen Ducaten und einen Silberzwanziger als Eaufgel 
die übrigen Gaben werden als freiwillige Geschenke angesehen. 1 
Ljubovijski srez zahlt der Bräutigam dem Vater und den Brüdei 
des Mädchens; dem Vater auf einen Pelz, dem Bruder auf ein Pai 
Stiefel, je nachdem man sich bei der Werbung über den Prei 
geeinigt. Dies ist aber, bemerkt unser Gewährsmann CTJeto?i^ 
durch das Gesetz verboten. Ebenso wird bei der Werbung aocl 
bedungen, wie viel das Mädchen auf den Apfel Geld zu bekomme: 
hat. Statt eines Apfels nimmt man zuweilen auch eine Quitte ode 
eine Birne. Wenn das Mädchen vor der Werbung vom Burschei 
Geld erhält, so ist dies blos ein Verlobungspfand, das nicht mi 
eingerechnet wird. Im GurgusovaSki srez beträgt das EaufgeU 
abgesehen der übrigen nicht freiwilligen, sondern ausbedungenei 
Geschenke, vier bis sechs Ducaten. Dies Alles hängt eben von de 
Vermögensumständen des Werbers ab. 

Das Erlegen eines Eaufgeldes hat sich nur mehr bei den Alt 
katholiken im Allgemeinen erhalten, ebenso bei den Bulgaren. Ii 
der Hercegovina und der Katunska nahija in der Cmagora zthl 
man, nach Vukalovi6's Zeugniss, nur bei der ersten, der so 
genannten kleinen Werbung, einen Ducaten nebst einem, selbst 
verständlich mit Geldstücken bespickten Apfel, dafür zahlt man bt 
der Hauptwerbung und am Hochzeitstage nichts. In Bosnien ii 
das Eaufgeld nur mehr bei den Altkatholiken üblich, ebenso zun 
grossen Theil in Slavonien. In Stro§inci in Syrmien bekommt di 
Mutter zwei Gulden, man nennt dies »das Mütterliche« (mater 
instvo), die Brüder bekommen Opanken, die Schwestern de 
Mädchens je ein Paar Schuhe. Das Geld iUllt aber doch derBraa 
zu, welcher der Bräutigam, falls er begütert ist, noch besonder 
einen Ducaten oder einen Thaler zum Geschenke machen maä 
In der Umgegend von Dobrica im Banat gibt man der Braat il 
Beitrag zu ihrer Ausstattung beiläufig achtzig bis hundert Gnldei 
weiter bekommt sie auch nichts. 

1116 ereifert sich unnützerweise bei Gelegenheit der Beschre 
bung der slavonischen Hochzeitsgebräuche, wenn er schreibt : »Wi 
jenen Punkt betrifft, dass sich der Slavonier sein Weib kauft, ui 
dass ein Vater, der schöne Töchter besitzt, in ihnen seinen grösst< 



licfathnm hat, ja, dass er eine Tochter auch dreimal verkauft, 
mn ihm nämlich Einer mehr Baki gibt, so ist's Dicht der MQhe 
srth, darauf eine Antwort zu geben, dann dieser Brauch ist schon 
iter ISrkischer Herrschaft unterdrückt worden.* Das ist unrichtig, 
'Bt*ns haben sich die Türken nachweislich um derlei nie beküin- 
lert und zweitens muss der Werber noch heutigen Tages in der 
'oiegser Umgegend, die Ili6 hauptsächlich schildert, gegen haares 
leid sieb eine Lebensgefährtin von ihren Angehörigen erkaufen. 
Dem Meistbietenden gehört die Braut. Ich will hier namentlich i 
(inen Fall anfahren, die Theilnehmer sind noch alle am Leben: 
Im Gebirgsdörfchen Seoce, eine Stunde von Poiega, verlobte im j 
3ikn 1867 der Bauer PanÖiß »im Thale« — dies ist sein näherer I 
Kirne, denn im Dorfe ist die Sippe Fan 6 16 durch sieben oder ] 
Mht Häuser vertreten — seine Tochter Eva, ein damals aller- j 
liebates Mädchen, an einen Bauernburschen aus Vrbovee. Er j 
Hhirlt von diesem achtzehn Gulden als £aufgeld. Kurze Zeit < 
(iwsQf nahm der alte Panöi6 von einem Bauernhursehen, der in 
Püt#ga bei irgend einer Notahilität als Kammerdiener diente, fünf- 
nuiiiwanzig Gulden an und gab ihm die Tochter. Die Hochzeit 
bad bald darauf statt. Nun forderte der erste Bräutigam sein Geld 
lurtlclt: der alte PanÖi6 verweigerte unter einem nichtigen Vor- 
>«lde die Bückgabe, eigentlich besass er das Geld nicht mehr. Es J 
hm la einer Klage. FauÜif wurde zur Zahlung verurtheilt, aber J 
km Temrthetlt, denn bezahlt hat er nie etwas. 1 

Auch Caplovif bestätigt den Brauch des Kaufgeldes undi 
pk als Minimum Folgendes an : Dem Mädchen zwölf Gulden, dem 1 
'«er lehn, der Mutter zwei, jedem von den Brüdern sechs und J 
Ira übrigen Anverwandten zu sieben Gulden. I 

Bei den Kroaten in Kroatien, Istrien und Dalmatiea wird | 
t»in Kaufgeld für die Braut erlegt. Für Lovre6 in Dalmaden wird { 
Ist die symbolische Erinnerung an diesen Brauch von Milinovifi 
tetfOgl. Am Vortage vor der Trauung kommt der Brautführer ins 
im» der Braut, um ihre Kiste mit der Ausstattung ins Haus des 
lüDtigams tu Olerführen. Ein Kind sitzt auf der Kiste und lässt 
b um keinen Preis eher forttragen, als bis man ihm ein Geld- 1 
Uck schenkt. Der Brautführer muss, nebenbei erwähnt, die Eiste ' 
b lon Haus allein hinausschieben. Die Braut kUsst die Eiste und 
tapBeblt sie der Obhut eines Weibes, das mitgeht. ') 

■) Weitere Belege fOr andere Gebiete des slavischan Südens gibt ei iu 



278 

Bezüglich der Bulgaren theilte Od2akov im Jahre 1865 
Bogi§i6 mit, dass der Bräutigam auch Geldgeschenke gibt, 
Mancher sichere aber dem Mädchen ein ganzes oder halbes Hans 
zu. Wenn das Versprechen selbst nur in Gegenwart von zwei 
Zeugen geschehen, kann es nicht mehr rückgängig gemacht werden. 
Die Geschenke, welche man der Braut yor der Trauung gibt, nennt 
man »Entgelt für die Jungfrauenschaft« (plaöanje mominstTi, 
türk. n i k i a h = pretium virginitatis). Wenn dagegen eine Witwe 
einen ledigen Burschen heiratet, so zahlt nicht er ihr, sondern sie 
ihm eine Entschädigung für das jingerstvo (pretium virginitatis). 
Derselbe sagt im Zbornik, dass der Bräutigam, je nach der Be- 
deutung der einen oder anderen Sippe, dem Vater des Mädchens 
ein Eaufgeld von zweihundert bis tausend Groschen zu erleget 
hat. Dieses Geld nennt man obu§£a (Gewand), weil es eben nr 
Bestreitung des Gewandes der Braut verwendet werden soll. K» 
Mutter empföngt gleichfalls einige Ducaten, während die Geschwister 
der Braut Bekleidungsstücke erhalten. Aus d i^ a k o v's Bemerkoa;, 
>von dem G^lde, das der zukünftige Schwiegervater bekommt, bnft 
dieser auch den übrigen Anverwandten der Tochter Gewandong,« 
ersieht man, dass der Vater freie Hand über das Eaufgeld hat nsi 
nicht verpflichtet ist, dasselbe nur auf seine Tochter auszugeben. 

OdÄakov's Angabe über den Kaufpreis wird durch ein Tolb- 
lied bestätigt: 

Wand sich eine Rebenranke 
Um die Zinnen der Burg Legen. 
Dies war keine Rebenranke, 
Sondern war ein schmuckes Mägdlein, 
Das sich um den Bruder rankte. 
»Kauf mich los, o lieber Bruder! 
Nicht zu hoch bin ich im Preise, 
Zwei-, dreihundert Groschenstucke. « ^) 

Womöglich noch bestimmter drückt sich Zaharijev über 
das Kaufgeld in Tatar Pazar2dik aus. Der Bursche klopft selM 
bei den Eltern an. Geben diese ihre Zustimmung, so überrekkt 
der Bursche dem Mädchen vor Allem einen Beutel mit Silbergell 
(kitka s penjazi). Nun wird der Tag bestimmt, an welche» 
die Abmachung vorgenommen werden soll. An diesem Tage erschall 



>) Big. n. p. Milad, S. 460, Nr. 512. 



279 

Bursche in Begleitung seiner Eltern oder nächsten Anverwandten 
Hause des Mädchens und bringt ein gebratenes Schwein oder 
nm oder eine Gans, dann Brod, Wein und Baki, kurzum, eine 
ize Mahlzeit mit, und setzt mit den Eltern fest, wie yiel er 
len und wie viel er jedem der Verwandten zu zahlen habe. Dieser 
.ufpreis, der zwischen hundert bis fünfhundert Groschen schwankt, 
ausschliessliches Eigenthum der Eltern der Braut. 

In Eukuä ist nur mehr symbolisch der Brauch des Eauf- 
Ides erhalten. Baargeld, scheint es, bekommt nur die Braut. Die 
sie Werbung heisst zelena kitka (der grüne Beutel), weil die 
raut einen grünen Beutel empfängt, in dem sich ein Goldducaten 
ifindeL Der Bräutigam, oder richtiger gesagt, der Werber, bringt 
8 Haus des Mädchens ein Fass voll Obst. Obenauf liegen fünf 
üne Beutel ; der grösste davon, in dem der Ducaten steckt, ßUt 
m Mädchen zu. *) 

Ist es einerseits Brauch, für die Braut zu zahlen, so fordert 
tu auch, dass die Braut auch eine Ausstattung mitbringe. Ein 
^richwort lautet: 

Ne gleda se kolika je koko§ nego koliko jaje nosi. 

tn sieht nicht auf die Grösse der Henne, sondern darauf, wie gross 

das Ei ist, das sie legt. 

Denn: 

Gole kosti ni pas ne ce. 

Nackte Knochen mag nicht einmal ein Hund. 

Schon anstandshalber sind die Eltern dazu angehalten, ihrer 
:liter eine Ausstattung mitzugeben, denn: 

Pr6ija je roditeljski obraz. 
Die Ausstattung ist der Eltern Gesicht, 

h. darin offenbart sich ihr Charakter, ihre Ehrenhaftigkeit. Eine 
sstattung ist auf jeden Fall nothwendig ; denn : 

Ako iz roda ne donese, u dorn ne nadje. 
an sie (die Braut) keine (Ausstattung) aus dem Eltemhause mit- 
bringt, im Hause (des Mannes) findet sie keine vor. 

Wer eine Tochter auszuheiraten hat, ist immer übel daran, 
es im Sprichworte heisst: 



») Miladin, Big. n. p., S. 517. 



280 

Kad ti hceri dodje sre6a, oca joj ne Seka. 
Wenn deiner Tochter das Glück kommt, so erwartet keines (dich) ihre 

Vater. 

Hat ein Vater nur eine Tochter auszuheiraten, dann geht e 
noch an, doch wehe dem töchterreichen, aber geldarmen Manne 
So entstand das Sprichwort: 

Jedna kao nijedna, dvie kao jedna a tri misli ti ')' kako 6e§ ih razadati' 
Eine (Tochter) wie keine, zwei wie eine, sind's ihrer drei, brich dirdeo 

Kopf entzwei, wie du sie ausheiraten wirst! 

Wohl, wenn Einer nicht blos an Töchtern, sondern auch an 
Geld keinen Mangel leidet, der braucht sich über das Glück seiner 
Töchter nicht viel den Kopf zu zerbrechen, nach dem Sprichwort«: 

Ko ima novaca, bira zetove po volji. 
Wer Geld hat, der sucht sich nach eigenem Geschmack seine Eidame ans- 

Hat nur einmal der Arme seine Tochter an den Mann ge- 
bracht, so kann er ruhiger schlafen. Nun kann sich der Tochter- 
mann den Kopf zerbrechen, woher er Atzung und Kleidung für das 
Weib beschaffen soll. Mancher Eidam weiss sich aus der Klemme 
nicht zu helfen. Das Nächstliegende ist, dass er k conto Mitgift 
seinen Schwiegervater anzupumpen sucht. Fragte 'mal so ein Eidam 
in der Klemme seinen Schwiegervater: »Gedenkst Du mir etwas 
meinem Weibe als Mitgift zu geben?« — »Warst Du nicht im 
Stande, ein Weib zu ernähren, hättest Dich nicht beweiben sollen!« 
(Pitalica 121. Pitao zet tasta: mislig li mi §to davati zeni prJij«- 
— Kad ne bjeäe kader 2enu hraniti ti se ne bjeSe ieniti!) 

Ein kluger und besonnener Mensch wird sich überhaupt niebt 
viel um die Aussteuer seiner Braut bekümmern. Das Mädchen soll 
tüchtig und ehrenhaft sein, nur eine Solche wird, nach dem Spricb- 
worte, als verheiratetes Weib auch eine tüchtige Matter: 

Postena djevojka valjana majka. 
Ein ehrenhaftes Mädchen, eine tüchtige Mutter. 



* ») DaDiSiö, Poslovice Nr. 180. In der Vorlage steht misliti, tbo* 
Infinitiv, der in der Luft schwebt und sich grammatisch nur dnrch ein Tudxi* 
Spielerstückchen von Interpretation rechtfertigen Hesse. Ich fasse dAs ti i^ 
Pronomen auf und trenne es vom Verb. Das Pronomen wird schon durch d*» 
darauffolgende Futurum erfordert, abgesehen davon, dass durch meine U<i9' 
Aenderung der Gedanke um so viel zugespitzter wird, da er so nicht als eia< 
allgemeine Behauptung, sondern als ein Zuspruch in einer Anrede figarirt 



281 

Die Arme ist froh, dass sie ein. Mann ernährt, sie ist ihm 
kbar dafür ; die Reiche dagegen pocht auf ihr Geld und will Herr 
Hause sein. Zwei Hähne in einem Hofe vertragen sich nicht, 
i Wort gibt das andere, der Streit ist fertig. Darum räth das 
ichwort : 

Bolje sirotu za 2enu uzeti neg se s bogatom öupati. 
sser, eine Arme zum Weibe nehmen, als sich mit einer Reichen 

herumraufen, 
DD, wie ein anderes Sprichwort sagt: 

2enin je novac veöita u ku£i svadja. 
Des Weibes Geld ist im Hause (der Grund) für ewigen Hader. 

Dem verdankt seine Entstehung das neuslovenische Sprichwort : 
2enska dota ku£u veökrat razmore nego pomore. *) 
iufiger zerstört weibliche Mitgift ein Haus, als es einem (Hause) aufhilft. 

iher das Sprichwort (aus Istrien): 

Bolje je prazan dvor neg vrag u njem. '^) 
iSser ein leeres Gehöfte, als es haust der Teufel (in der Gestalt des 

Weibes) darin. 

ler wie die serbische Variante dieses Sprichwortes lautet: 
Bolje je prazna torba neg vrag u torbi. 
Besser ein leerer Sack, als ein Teufel im Sack. 

Die Mitgift ist im Grunde etwas Nebensächliches, die Haupt- 
';he ist, dass das Weib tüchtig sei: 

Od oca sermija a od boga 2ena. 
Vom Vater die Ausstattung, von Gott das Weib. 

Ein Weib, das nur schön ist und weiter nichts, taugt auch 

nichts : 

Ne valja Skrinja krasna ako je prazna. ') 

• 

Es taugt nichts ein herrlicher Schrein, wenn er leer ist. 

') Novice rokodelske 1863. S. 379. 

») Ebd. 1856, S. 388. 

') In der Einleitang, die A. Pnkler seinem Büchlein (siehe Literatur 

Hochzeitsgebräache) voransschickt, führt er auf S. XVIII siebeuuudz wanzig 

kssphcbwOrter an, »die auf Recht, Gewohnheit und Gesetz im AUgemeinen 

Qg haben.« Mit Ausnahme des ersten Sprichwortes, sind die übrigen Bogi^iö 

jÜemik III, 2. Heft, S. 1—4) entlehnt. Jenes eine Sprichwort lautet: 

2enski donos prazni ponos. 

Es mfisste, wenn ihm überhaupt ein Sinn zukommen soll, bedeuten: 
Die Mitgift der Frau ist ein leerer Stolz. 

Ich bezweifle die Echtheit dieses Sprichwortes, denn das Wort donos ist 
Sinne Ton Mitgift ganz und gar nicht gebräuchlich. Vuk erklärt es im 



282 

Wer nur darauf losgeht, ein reiches Mädchen zu heiraten, ist 

kein Mann, ist ein Weib, seine Habsucht rächt sich schliesslich 

an ihm selbst: 

Ko se za novce ^eni, taj se udaje. 

Wer um des Geldes willen ein Weib nimmt, der gibt sich wie m 

Weib aus, 
denn: 

Nijedno zlo ne dolazi bez velike prcije. 

Kein Uebel kommt ohne grosse Mitgift, 

und schliesslich heisst es: 

Uzeo vraga radi blaga, vrag ostao blago propalo. 
Nahm den Teufel wegen des Schatzes, der Teufel geblieben, dtf 

Schatz versunken. 

Bei der Feststellung des Ehevertrages im Hause des MädcheBs 
wird gewöhnlich genau bestimmt, wie gross die Ausstattung der 
Braut sein soll und worin sie bestehen muss. In manchen Gegendtt 
weiss man schon im Vorhinein genau, wie viel die Braut mit* 
bekommen wird, denn die Grösse der Mitgift, d. h. der Aosstattutli 
ist schon durch den Brauch bestimmt. In grösseren Sippen ist tf 
z. B. seit Altersher festgesetzt, wie viel man einem Mädchen mit- 
gibt. Daran wird unabänderlich festgehalten, denn sonst güf ^ 
Unzufriedenheit und Klagen, wenn das eine Mädchen Tor deo 
andern irgendwie einer Bevorzugung sich erfreuen würde. In Non, 
im kroatischen Küstenlande, wird, nach Potoönjak's Zeugniss, woU 
keine Verabredung bezüglich der Ausstattung abgehalten, sondert 
die Eltern des Mädchens berechnen von selbst, mit wie viel sick 
der Mann begnügen dürfte. Es kommen aber auch Fälle vor, be- 
richtet unser Gewährsmann, dass sich die Eltern verrechnen, eioefl 



Wörterbacbe so: '»Nema donosa ni doboda, reöe se za samobranicu. Zatrtf» 
quod affertor« (d. b. sie bat weder einen »donos« noch ein Einkommen, afi 
man von einem Weibe, das ganz allein lebt). Es ist klar, dass Vuk's WiederpN 
von donos mit ^Zutrag« verfehlt ist, wenn man Redensarten TCrgleicht, iA* 
moje polje mi donosi na godinu toliko i toliko zita (mein Feld trägt mir jikriiA 
so and so viel Fracht), oder: moji novci mi donose na godina toliko i tolft* 
(mein Geld trägt mir jährlich so and so viel Zinsen). Donos bedeutet diker 
»Ertrag, Zinsen«, so viel als »dobit<. Vernünftigerweise wird wohl 'Sitau^ 
sagen, dass ein Weib Zinsen oder einen Ertrag abwirft, woranf man «toh «öi 
könnte. Donos im Sinne von >Mitgift< ist, sowie das Sprichwort, PnW«'» 
Erfindung. Den Vogel erkennt man an seinem Gesänge. 



283 

i geringen Ansatz machen, in Folge dessen die Verlobung aufge- 
hst wird. In der Regel, wenn überhaupt Unterhandlungen wegen 
er Aussteuer gepflogen werden, beziehen sieh diese nur auf die 
Wäsche, die eigentliche Ausstattung im engsten Sinne, und nicht 
luf die Mitgift. Es liegt ja im Yortheil der Braut, dass sie eine 
Hitgift mit ins neue Heim bringt. Wir werden daher der Klarheit 
SU Liebe die Aussteuer von zwei Gesichtspunkten aus betrachten, 
einmal als Ausstattung, dann als Mitgift. 

Die Ausstattung. In der Begel ist der Bräutigam ver- 
pflichtet, seiner Braut wenigstens einen ganz neuen Anzug zu be- 
schaffen; er muss sie von Kopf bis zu Fuss neu ankleiden, und 
xwar gibt das Mädchen selbst genau an, u. z. bei Gelegenheit, 
wenn die Werber das Haus verlassen, was für ein Kleid sie ge- 
schenkt haben wolle. Die ganze übrige Ausstattung, die Geschenke 
eingerechnet, die sie am Hochzeitstage den Hochzeitsleuten geben 
muss, erwirbt sie sich selbst noch als Mädchen. Die nöthige Lein- 
wand hat sie bis zur Werbung wohl selbst gewoben, nun muss sie 
dieselbe bis zur Hochzeit über Hals und Kopf zuschneiden und 
Üben, damit sie von Seiten der Hochzeitsgäste kein Tadel treffe. 
Wenn die Zeit drängt, unterstützen sie zuweilen auch ihre Freun- 
dinnen bei der Arbeit, wiewohl es der Brauch erheischt, dass die 
^nt allein Alles zu Stande bringen soll. In einem bosnischen 
^olksliede klagt ein Mädchen ihrer Mutter, sie sei vor übergrosser 
Instrengung schon sehr stark ermüdet und wünsche, ein Weilchen 
ler Erholung und dem Schlafe gönnen zu dürfen, doch die Mutter 
reist sie strenge zurecht: 

Schlaf nur, Tochter, finde keine Ruhe! 

Weisst denn nicht, dass man dich hat geworben, 

Dass du Führer neun hast zu versorgen 

Und die led'ge Schwägerin als zehnte? 

Nur allein an Hemden brauchst du neune 

Und ein zehntes Hemd aus reiner Seide. 

)anim ruft man auch dem Mädchen im Volksliede zu (sprich- 

rörtlich) : 

Oj djevojko brigo materino ! 

du Mädchen, (deiner) Mutter Sorge! 

Jeder Gast, nicht blos die Hochzeitsführer, muss mit irgend 
twas am Hochzeitstage beschenkt werden, wie wir späterhin dar- 
ber ausführlicher berichten werden. Ein gewöhnlicher Gast, der 



284 

keine Würde bei der Hochzeitsfeierlichkeit bekleidet, bekoi 
gewöhnlich nur ein Tüchel. Dies bezeugt auch ein anmuth 
bosnisches Volkslied : ^) 

Ungefällt am Berge steht die Tanne, 

Unter ihr die ungeschöpfte Quelle, 

An dem Quell die ungefreite Mara. 

Wasser schöpft die ungefreite Mara. 

Sah die Maid des schönen Ivo Mutter, 

Sah die Maid und sprach dann zu ihr also: 

»Lass' das Zaubern, Mariechen, o Mädchen, 

Lass' das Zaubern, lock' mir meinen Sohn nicht. 

Meines Ivo's Sippe ist gar zahlreich. 

Ja, sehr zahlreich, lauter Herren sind es, 

Und Du hast wohl keine feinen Linnen?« 

Mariechen, das Mägdlein, ihr erwiedert: 

»Habe wohl ein ganzes Hundert Tüchel, 

Für den stari svat und kum besitz^ ich 

Für die Beiden je ein feines Hemde. 

Bring' Dir mit ins Haus, o theure Schwieger, 

Klaren Sinn im Kopf und weisse Hände. 

Bring' dem Ivo, meine theure Schwieger, 

Schwarze Augen und mein weisses AntHtz. 

Eine Quitte meiner lieben Schwäg'rin, 

Hundertblätt'rig, mit vierfacher Blüthe.« 

Wunder nimmt's des Ivo alte Mutter, 

Wie zur Quitte mit den hundert Blättern, 

Mara, sie die arme Maid gekommen. 

»Wund're Dich mit nichten, Ivo's Mutter. 

Auf dem Meer als Kaufmann reist mein Bruder. 

Er gab mir die Quitte hundertblätt'rig, 

Hundertblätt'rig mit vierfacher Blüthe.« • 

In der Hercegovina, Crnagora und im südlichen Dalmati 
besteht die Ausstattung nach Vröeyi6's Angaben (Zb.) in Folgende! 
In vier bis acht neuen Hemden aus Hausleinwand, in fänf 
sechs Paar Fusssocken (weiss der Grund und bunt der EinscUi 
in zwei oder drei tiefdunkelbraunen Winterröcken aus Wolle ol 
Aermel (gunj, zubun genannt), in einem Vortuch aus Wolle, 
einem bunten, wollenen Gürtelbande (tkanica) und in einigen Sa 

M Bei Jukiß. Bos. prij. I. S. 35 f. 



tehern. In reicheren Häusern prhält das Mfiilchen auch ein Dnter- 

leid mit kurzea Äermeln (anterija) aus buntem Cambridge, 

hnriie auch aus Seide. Üebrigeos erhält ein Mädchen, das mit 

Öner anterija beschenkt wird, keinen gunj noch Vortuch (opreg- 

IJifa), sondern nur eine blaue Hose fdim lije). Ein Kupferbecken für 

Suchen, ein kupfernes Waschbecken und fünf biF sechs Kupfer- 

Ittier Tervüüständigen die Ausstattung. Nur in sehr reichen Häusern 

Kheokt man der Braut noch eine Halsscbnur aus Gold- oder 

BUbermQnsen. In der Umgegend rcn Zengg rauss die Braut haben: 

'Cilf Hemden, zwölf Vortücher, drei zubun, zwei AnKüge, einen 

'Bissen,, ärmellosen Tuchrock, zwauzig Kopftücher (j a ö m a k oder 

Aloiak, oder jemeSnice in Bosnien) und zwölf Paar Schuhe. >) 

Ueber die Ausstattung der Bosnierin erzählt Livadid, dass 

bti! Mädchen dem Manne zwei ToIIe Eisten mit Wäsche mit- 

ingen mnss. 'An dieser Zahl, die uns auch für Kroatien beglau- 

igl wird, hält man unabänderlich fest. Sind die Eisten nicht 

Dllgepfropft, so spottet man der Braut. Die Mutter sorgt für die 

.tisstattung schon zur Zeit, wann die Tochter in der Wiege liegt. 

fenn das Mädchen heranwächst, so muss sie Tüchel (Öeyrme), 

[udtDcher (peäkire) und Sophadecken verfertigen. Ihre Lehrer in 

»r Arbeit sind ihre Mutter und die älteren Gespielinnen. Je 

diäoer die Arbeiten ausgeführt sind, in einem desto hiJheren An- 

ben steht das Mädchen bei allen ihren Bekannten. Für die Aus- 

iltuDg der bosnischen Türkin muss, nach dem Zeugnisse Mom- 

noTiiJ's, ') lediglich der Bräutigam Sorge tragen. Sie bekommt 

n ihm eine Hose (dimije), eine ärmellose Weste (jeöerma), eine 

Tma mit Aermeln (jelek oder jelik, auch koporand genannt), eine 

redKa(ein Eleid nach Art der MOnchstaiare mit einem Anhängsel 

Ickwärts, wie bei einem Noanenhabit) und schliessUch eine Frauen- 

HUke (pei^a). Die feredia muss von grauer Farbe sein, zuweilen 

sie ans grüner Seide verfertigt. Kurze Zeit, nachdem der Mann 

le Ftau heimgeführt hat, oder auch einige Tage vorher, im Falle 

HuiD in einem entfernteren Orte wohnt, begeben sich die 

ETO oder die Familieuoberhäupter beider Theile zum Mufti (vor 

{Igterreiobischen Besitznahme des Landes ging man vor den 

idi), stolleo ihm die Brautleute vor und vereinbaren in seiner 

geowart, wie viel die Braut im Scheiduugsfalle von ihrem Manne 



*) In der 

». In Vi«n»c 1870. Sr. 



HrTktaba vom Jahre 1845, Xr. 13. 



286 

zu bekommen habe, wenn er sie entlässt, oder umgekehrt, wie viel 
sie ihm zu zahlen habe, wenn der Scheidungsantrag yon ihr ans- 
gehen sollte. Können die Parteien keine Vereinbarung untereinander 
erzielen, so zerschlägt sich daran nicht selten die ganze Heini, 
sonst betrachtet man durch diesen Vertrag die Ehe als rechtsgiltig 
geschlossen. Die Moslimen kennen keine priesterliche Eins^oa; 
des Brautpaares. Doch davon sprechen wir an einer anderen Stelle. 
Dass die Sophadecke oder der Teppich zu den wichtigstea 
Ausstattungsstücken im Allgemeinen nicht blos in Bosnien, sonden 
auch in Slavonien gehört, geht unter Anderem ans einem jfijigst 
aufgezeichneten slavonischen Volksliede klar hervor: 

Moja mati 6ilim tka 
Nema streke da dotka. 
»Nemoj mati 6ilim tkati, 
Ja 6u ti se ve6 udati, 
Ako mi se sreöa javi, 
Imam ba§ i 6llim stari.« ^) 

»Meine Mutter webt einen Teppich, sie hat keinen Streifen (Einsebh^ 
um fertig zu weben. Mutter, hör' auf mit dem Teppich weben, ich werft 
auch so schon heiraten, wenn mir das Glück erscheint. Ich hibeji 

noch einen alten Teppich.« 

In den meisten Fällen gibt man dem Mädchen noch d» 
nothwendigste Bettzeug mit. Die junge Frau in Slayonien Di^ 
noch über eine entsprechende Anzahl von Tisch- und Handtfiehtfii 
verfügen, denn ihr obliegt es, mit diesen Stücken das erste Jikrj 
hindurch den Bedarf zu befriedigen. 

Die Mitgift. Hieher rechnen wir Alles, was man düj 
Mädchen ausser der Wäsche mitgibt. In der Hercegovina, CmigiBJ 
und der Bocca empfangt das Mädchen in der Regel nichts \ 
die Ausstattung, die wir zuvor beschrieben haben. So lange i^l 
Eltern leben, sucht die ausgeheiratete Tochter, wie Vrfievi<*| 
sichert, nie einen weiteren Antheil an dem FamilienTerm^j 
weil sie sich sonst mit der ganzen Sippe verfeinden würde, 
kommt sie aber den ihr gesetzlich gebührenden Theil ihres mCit 
liehen oder väterlichen Erbtheiles noch bei Lebzeiten der Elttfli| 
so hat sie damit zugleich auf das Becht verzichtet, je wieder m 
ihr Stammhaus zurückkehren oder überhaupt auch nur auf BesKk 



*) J. Krönjavi. Listovi iz Slavonije. Agram 1882, S. 80. 



287 

»mmen zu dürfen. Nach dem Ableben der Eltern bekommt die 
isgeheiratete Schwester von ihren Brüdern nie auf friedlichem 
Tege ihren Antheil an dem Erbe ausgefolgt. Sie muss den Bechts- 
eg betreten. Einen sehr interessanten Fall theilt Vröeviö in seinen 
riedensrichter-Geschichten mit. ^) Wir müssen in Anbetracht der 
IV'ichtigkeit der Sache die ganze Geschichte, die sich Tor gar nicht 
langer Zeit in der Bocca zugetragen, in Einem möglichst ausführ- 
lich wiedererzählen, um zugleich durch ein weiteres Beispiel die Art 
und Weise zu beleuchten, wie das Volk selbst Recht spricht. Ueber 
die Friedensrichter insbesondere werden wir im zweiten Bande dieses 
Werkes handeln. 

Ein Vater, Namens Alexa, hatte drei Töchter ausgeheiratet. 
Nach seinem Ableben wurde sein Sohn Andrija Hausherr. Es ist 
Brauch, dass am Weihnachtstage die ausgeheirateten Töchter ins 
^temhaus auf Besuch kommen. Nun kam aber Marija, Andrija's 
Schwester, zu Weihnachten nicht auf Besuch und entschuldigte 
^ich auch gar nicht bei ihrem Bruder. Dieser fragte seine Mutter 
Stana, was dies zu bedeuten habe. Darauf die Mutter: »Ich hörte, 
<Jass Dich Deine Schwester Marie vors Gericht fordern wird, damit 
IJu ihr ihren Antheil am väterlichen Vermögen ausfolgst, doch 
taiifl ich nicht glauben, dass sie aus eigenem Antriebe dVauf sinnt, 
sich mit ihrer Sippe zu verfeinden, sondern denke, dass sie dazu 
^nser unglückseliger Eidam Nikola antreibt. € Sie fügt noch hinzu 
sor Entschuldigung ihres Eidams, dass er nur dadurch so auf Abwege 
^erathen sei, weil er jahrelang in der Stadt gelebt und der recht- 
^haffenen Arbeit sich entwöhnt habe. Darauf der Sohn: >Geh' doch, 
Älutter, bei der Seele des Vaters! Red' keinen Unsinn und vergib 
Onir, wie kann eine verheiratete Schwester nach des Vaters Tode von 
Uirem noch lebenden Bruder einen Theil des väterlichen Erbes 
fordern? Da muss Dich Jemand angeführt haben; indessen geh' 
l&orgen zu ihr auf Besuch und hör* aus ihrem eigenen Munde, was 
In der Sache ist, damit wir erfahren, was sie gegen die Sippe hat. 
Sie weiss wohl, dass ich ihr Bruder von einem Vater bin, dass wir 
unter einem Herzen geruht. Du hast uns ja nicht als Ausstattung 
mitgebracht,*) sondern wir sind die Kinder eines Vaters.« 



*) Sil srpskih pripoTijedaka, S. 299—308. 

') Zum Verstfindniss dieser Wendung sei schon im Vorhinein bemerkt, 
155 die Tochter aUein einen Erbanspruch auf das Mitgebrachte der Mutter 
»sitzen. 



288 

Die Mutter blieb drei Tage, wie es der Brauch erheischt, bei 
der Tochter. Doch erfuhr sie nichts, ausser dass ihr Eidam etwas 
Böses im Schiide führe. Acht Tage später kam Nikolaus TraoungB- 
beistand mit wichtiger Miene zu Andrija und eröffnete ihm, nicht 
ohne in Verlegenheit zu gerathen, es habe ihn Eum Nikola geschieh, 
er soll fragen, ob er (Andrija) gewillt sei, auf friedlichem Wege 
noch etwas als Mitgift für die Schwester Marija herauszugeben. Ali 
Andrija dies vernahm, wurde es ihm ganz wüst um den Sinn, er 
mass mit .finsterem Blicke den Kum Ton Kopf bis zu Fuss ud 
erwiderte ihm: »Ich wundere mich nicht, mein Gevatter, fiber 
meinen verrückten Schwager, sondern über Dich ! Sag* Du mir, seit 
wann haben die Brüder angefangen, den verheirateten Schwesten 
ein väterliches Erbe auszufolgen, so lange noch ein Mann im Hause 
lebt ? Sag* Du ihm, wenn er Schand* und Scham verloren hat lud 
Willens ist, neuen Brauch (zakon) im alten Lande einzuführen, se 
thu' ich's nicht. Sag' Du ihm, dass sich Männer nicht ausheintea 
(udavaju se), sondern sich verheiraten (2ene se), und wenn er nickt 
im Stande ist, ein Weib zu ernähren, warum hat er denn gehei- 
ratet? .... Sag* Du ihm schliesslich, dass ich ihm nichts gebi^ 
nicht einmal einen Kieselstein!« 

Der Eum blieb beim Essen und entfernte sich wieder lmTe^ 
rieh teter Dinge. Andrija meinte im Selbstgespräch: »Mein Schwager 
ist doch wohl nicht so verrückt geworden, seine Ehre mit Fflssei 
zu treten ohne irgend welchen Nutzen, und etwas zu fordern, wti 
noch niemals Jemand seit der Erschaffung der Welt gefordert hit« 
Er täuschte sich aber in seiner Erwartung, denn kurze Zeit danif 
erhielt er vom Gerichtshof in Cattaro eine Zustellung des Inhittii 
er habe sich an dem und dem Tage vor Gericht zu stellen, um & 
bewegliche und unbewegliche Habe seines verstorbenen Vaters Ahn 
mit dem Schwager Nikola zu theilen. Als man Andrija diese Zr 
Stellung vorgelesen, stiess er einen grässlichen Fluch aus. 

Zufälligerweise fiel auf den nächsten Tag eines der grOsst« 
Eirchenfeste, das Fest der »hehren Kaiserin Sonntag« ; dies ist der 
erste Sonntag nach dem 20. Juli, dem Tage des heil. Elias. DieHT 
Sonntag wird in der Bocca besonders gefeiert. ^) Jung und ik 



^) Dies ist noch ein Ueberlebsel ans der vorchristlichen Zeit, wo bu4m 
Fest der Sommersonnenwende feierte. Der heil. Elias trat an die Stdl<da 
Donnerers Pernn. Den Heiligen nennt man »gromovnik Uija« (der Donoi 
Elias). Vergl. darüber meine Besprechung des L i y a d i 6*schen Bosan^ce in i& 
Sitzungsberichten der Wiener anthrop. Gesellschaft. Bd. XIII, S. 239 f. 



I 



289 

^mt da in die Kirche zum Gottesdienste. Auch Andrija besuchte 
. Gottesdienst. Als der Priester die Messe zu Ende gelesen, 
ob Andrija vor dem Priester und dem versammelten Volke eine 
Ige, nicht sa sehr gegen seine Schwester als gegen seinen 
iwager, der ihm einen Theil des väterlichen Erbgutes abfordere. 

schloss mit den Worten: >Nun rathet mir, Brüder, was soll ich 
1 wie soll ich's anfangen, um mir da zu helfen?« Alle Anwe- 
iden sahen einander stumm vor Verblüffung an und warteten, bis 

Aelterer das Wort ergreife. 

Da fing der Priester an: »Ist's so, Nikolaus? Hat Dir das 
heil*) den Sinn verwirrt?!* 

Nikola: So ist's. Jeder sucht das Seine und so will ich 
ch das Meine. 

Der Priester: Ja, hat Dir denn der selige Alexa seine 
«hter nicht so gegeben, wie man eine Tochter im ganzen Lande 
d der ganzen Welt ausgibt, oder hat er sie Dir ums Geld ver- 
aft, oder wie eine Kuh auf den halben Theil ausgegeben? Treib' 
ine Dummheiten, auQammern soll Dir Deine Mutter im Grabe ! 
sudle Deine Ehre nicht vor der ganzen Welt, dass von Dir eine 
aartige Schmach ihren Anfang nimmt, dass Deinen Namen wie 
1 Vuk Brankoviö's ^) das ganze Volk im Munde führen soll. 

Nikola: Sachte, Priester, bei dieser Kirche! Lass' mit Dir 
nünfbig reden. Du weisst, dass meine Hausfrau (domaöica) Marija 
rechtmässige Tochter des seligen Aleia ist, ebenso als Andrija sein 
Im ist, dass Beide von einer Mutter unter demselben Herzen getragen 
i von einer Brust genährt worden sind. Wisse, dass das bürger- 
be Gesetzbuch die Bestimmung enthält, dass das väterliche oder 
itterliche Erbe zu gleichen Theilen unter die Söhne und Töchter 
theilt werden muss. Vor Gott und dem Kaiser sind Alle gleich. 
eiTn Du mir nicht glaubst, in Cattaro gibt es genug Advocaten, 
gt nur nach, ob es im Gesetzbuche so steht oder nicht. 

Nun sprangen die zwei anderen Schwestermänner Andrija's 
1 Schwäger Nikola's auf und baten den Priester: »Nun denn, 

») Im Texte: Zlo te smelo. Wörtlich: »Das Uebel hat Dich verwirrt.« 
8 ist auch ein allgemein üblicher Fluch. Wir entschieden uns für die Auf- 
lung, die wir oben geben, weil doch der Priester in der Kirche nicht fluchen 
L Der ganze Unterschied liegt selbstverständlich in der Betonung, ob man 
Redewendung als Fluch aufzufassen hat oder nicht. 

<) Den Yerr&ther der serbischen S^che bei der Schlacht ^m sogenannten 
ielfelde. 

krausa, Sitte u. Gewohnheitsrecht d. SOdsl. 1^ 



290 

Priester, bei dem himmlischen Priester! Sei ein wenig ruhig u 
vergiss Deine Rede nicht.* 

Der ältere Schwager: Was für ein Advocat, Du unglüi 
licher Sohn! Verunehre nicht die Gebeine Deiner verstorbei 
Eltern, noch die unseres seligen Schwiegervaters Alexa; unser B 
soll Dich nicht beflecken, in Aussatz soll sich Dir verwandeln d 
Salz und Brod, das wir gemeinsam im Hause unserer Schwiege 
eitern genossen haben ! Wohin hast Du Dich verirrt, schwarz s 
Dein Verstand! Und mag Dir das Gericht in Cattaro Dein Becl 
zusprechen und mögen es alle sieben Könige der Welt bestätige 
Alles dies wird Dir nichts nützen, so lange wir zwei Eidame letK 
und Andrija als Dritter mit uns. Wir lassen Dir da nicht dar( 
einen Anderen etwas sagen, sondern sehen Dir Aug' ins Angel 

Der Dorfschulze (Knez): Lasst mich, Leute, auch etw; 
sagen. Ich hörte sagen von alten Leuten und von einem liönel 
vom Athos, dass, wenn Gott — Ehre und Ruhm sei ihm — Jemai 
strafen will, so raubt er ihm zuerst den Verstand, und wenn «ii 
Mensch den Verstand verliert, so weiss er nimmer, was SchM 
und noch weniger, was Sünde ist. Nikola ist auf dem halben We« 
dazu. Hör' mich, Nikola! Du bist zu Deinem Unheil aus heimiscb 
Schaar in eine fremde hineingeflogen ; das Deine hast Du vergessei 
das Fremde nicht ganz ergriffen und so schwankst Du hin im 
her. Wenn jedes ausgeheiratete Frauenzimmer (odiva) von ihr« 
Bruder ein väterliches Erbtheil fordern würde, so würden xwe 
Drittel von unseren Mädchen graue Haare an ihrem väterliche 
Herde einflechten, da sie nichts von ihrem Vater zu erben hittei 
und die Brüder könnten mit vollem Rechte zu ihren Schwesten 
sagen: >So heiratet doch, da habt Ihr Euer väterliches Erbtheil! 
Was ist ihnen aber vom Vater geblieben? 

Eine alte Henn' mit dreien Küchlein, 
Eine Scherbenschüssel, sieben Löffel. 

Ein Sohn ist des Hauses Fundament, des Hauses LeneM 
er Alles in Allem, der Vertheidiger der Kirche und des Volk« 
er heiratet die Schwestern aus, ob er mag oder nicht, der Bihk! 
(zakon) bindet ihn. und das Mädchen? Sie ist nichts Anderes il 
ein fremdes Nachtmahl für das Haus, das ihr vom Schicksal h 
schieden ist. Wer nicht im Stande ist, sein Weib zu ernähr« 
darf überhaupt nicht heiraten. Wer da hofft auf seines Weib« 
Mitgift und nicht auf sich und seine Kraft vertraut, der ist k 
uns kein Mann, sondern ärger als ein Weib. Ist's so, Brüder? 



291 

Das Volk: Du sprachst wie das Evangelium. So lange wir 
unserem alten Brauche festhalten, wird uns auch Gott helfen. 
rill Nikola nicht zurücktreten, sondern sein Vorhaben durchsetzen, 
} verjagen wir dies räudige Schaf aus unserer reinen Hürde. Er 
aag sich suchen ein Mädchen mit einer Mitgift, das ihn füttern wird. 
Der Priester: Was sagst Du jetzt, Nikola? Wähle, Falke, 
aach Belieben! Wisse, das Dorf ist immer stärker als der Bär. 
Mit dem führt man keinen Krieg. Du siehst, dass Dich irgend 
eine Sünde zu einem Abgrund hingeschleift und mit Deinen Brü- 
dern, den Dorfbewohnern, in Streit gebracht hat. Bitt' zu Gott 
und l&ss' fahren die weltlichen Tagediebereien ! Fremdes Gut ge- 
deihet nicht. Schüttle ab von Dir diese thörichten Gedanken und 
diese fremden, ungewöhnlichen Kleider. Flieg' zurück zu Deiner 
Schaar und übergib Dich der Arbeit! Bleib' beim Handwerk, wie 
Dein Vater, und Du wirst so ein wahrer brüderlicher Bruder! 
Weh' dem Bruder ohne Bruder! 

Während dieser Angriffe stand Nikola schweigend da und 
&fld kein Wort der Entgegnung. In einem Winkel unter den übrigen 
fiinerinnen befand sich sein Weib, das Gesicht verhüllte sie sich 
Qüt der Schürze und schluchzte laut. Da Nikola keine Antwort 
gib, rief ihm der Knez zu: »Sprich, Nikola! Das Volk ist nicht 
hergekommen, um Dich anzuschauen. Bed', ehe Dir im Augenblicke 
das widerföhrt, was Dir widerfahren soll! Es fällt die Schuld auf 
Deine Seele, nicht auf die unsere, c >) 

Nikola (nach einer kleinen Weile): Ja, was soll ich Euch, 

Brüder, antworten? Ich sehe ja selbst ein, dass ich den Verstand 

Verloren und gegen Gott und gegen Euch gesündigt und mir durch 

l&ein Herumvagabundiren in der Welt am meisten geschadet habe. 

^eine Trägheit hat mich zur äussersten Noth getrieben, die Fremde 

^ir selbst entfremdet. Wer hat nie gefehlt auf dieser trügerischen 

^elt, wer wird nie fehlen ? Ich hörte den Priester aus dem Evan- 

C^liom vorlesen, es sei einst ein verlorener Sohn gewesen, der habe 

^in ganzes Gut vergeudet und sei dann nackt und baarfuss wieder 

^ seinem Vater zurückgekehrt. So auch ich. Könnt Ihr mir nicht 

<411e ein Vater sein, so doch in Gott Brüder. Mein Geschick liegt 

^im in Eurer Hand, ich bitte Jeden um Vergebung und zumeist 

'> In früheren Zeiten verurtbeilte man einen Missethäter, der sich arg 
Kifen den Brauch vergangen hatte, zum Steinigangstod und vollzog auf der 
BfeeDe vor der Kirche oder unter der Dorflinde die Strafe, indem jeder Anwesende 
tif den Verartheilten einen Stein schleuderte. 

19* 



282 

Wer nur darauf losgeht, ein reiches Mädchen zu heiraten, ist 

kein Mann, ist ein Weib, seine Habsucht rächt sich schliesslich 

an ihm selbst: 

Ko se za novce zeni, taj se udaje. 

Wer um des Geldes willen ein Weib nimmt, der gibt sich wie m 

Weib aus, 
denn: 

Nijedno zlo ne dolazi bez velike prcije. 

Kein Uebel kommt ohne grosse Mitgift, 

und schliesslich heisst es: 

Uzeo vraga radi blaga, vrag ostao blago propalo. 
Nahm den Teufel wegen des Schatzes, der Teufel geblieben, der 

Schatz versunken. 

Bei der Feststellung des Eheyertrages im Hause des Mädcheu 
wird gewöhnlich genau bestimmt, wie gross die Ausstattung der 
Braut sein soll und worin sie bestehen muss. In manchen Gegendei 
weiss man schon im Vorhinein genau, wie viel die Braut mit- 
bekommen wird, denn die Grösse der Mitgift, d. h. der Aasstattui( 
ist schon durch den Brauch bestimmt. In grösseren Sippen ist tf 
z. B. seit Altersher festgesetzt, wie viel man einem Mädchen mil* 
gibt. Daran wird unabänderlich festgehalten, denn sonst gab' ei 
Unzufriedenheit und Klagen, wenn das eine Mädchen Tor <kB 
andern irgendwie einer Bevorzugung sich erfreuen würde. In NoTi, 
im kroatischen EQstenlande, wird, nach Poto5njak*s Zeogniss, woU 
keine Verabredung bezüglich der Ausstattung abgehalten, sonden 
die Eltern des Mädchens berechnen von selbst, mit wie viel sick 
der Mann begnügen dürfte. Es kommen aber auch FäUe vor, be- 
richtet unser Gewährsmann, dass sich die Eltern verrechnen, einei 



Worterbuclie so: '»Nema donosa ni doboda, recfe se za samohranicu. Zntrafk 
qnod afifertnr« (d. h. sie hat weder einen »donos« noch ein Einkommen, üf^ 
man von einem VSTeibe, das ganz allein lebt). Es ist klar, dass Vnk's Wiederfibi 
von donos mit »Zntrag« verfehlt ist, wenn man Redensarten vergleicht» ^ 
moje polje mi donosi na godina toliko i toliko zita (mein Feld trägt mir jihiM 
so und so viel Frucht), oder: moji novci mi donose na godinn toliko i toliki 
(mein Geld trägt mir jährlich so und so viel Zinsen). Donos bedeutet dikff 
»Ertrag, Zinsen«, so viel als *dobit«. Vernünftigerweise wird wohl Xie««' 
sagen, dass ein Weib Zinsen oder einen Ertrag abwirft, worauf man ttoh Mi> 
könnte. Donos im Sinne von >Mitgift< ist, sowie das Sprichwort, Pikkri 
Erfindung. Den Vogel erkennt man an seinem Gesänge. 



283 

Q geriDgen Ansatz machen, in Folge dessen die Verlobung aufge- 
hst wird. In der Regel, wenn überhaupt Unterhandlungen wegen 
er Aussteuer gepflogen werden, beziehen sieh diese nur auf die 
Tasche, die eigentliche Ausstattung im engsten Sinne, und nicht 
if die Mitgift. Es liegt ja im Yortheil der Braut, dass sie eine 
[itgift mit ins neue Heim bringt. Wir werden daher der Klarheit 
1 Liebe die Aussteuer von zwei Gesichtspunkten aus betrachten, 
mnal als Ausstattung, dann als Mitgift. 

Die Ausstattung. In der Segel ist der Bräutigam ver- 
[ichtety seiner Braut wenigstens einen ganz neuen Anzug zu be- 
haffen; er muss sie von Eopf bis zu Fuss neu ankleiden, und 
rar gibt das Mädchen selbst genau an, u. z. bei Gelegenheit, 
enn die Werber das Haus verlassen, was für ein Kleid sie ge- 
henkt haben wolle. Die ganze übrige Ausstattung, die Geschenke 
Dgerechnet, die sie am Hochzeitstage den Hochzeitsleuten geben 
Qss, erwirbt sie sich selbst noch als Mädchen. Die nöthige Lein- 
md hat sie bis zur Werbung wohl selbst gewoben, nun muss sie 
eselbe bis zur Hochzeit über Hals und Kopf zuschneiden und 
ttien, damit sie yon Seiten der Hochzeitsgäste kein Tadel treffe, 
'enn die Zeit drängt, unterstützen sie zuweilen auch ihre Freun- 
nnen bei der Arbeit, wiewohl es der Brauch erheischt, dass die 
rant allein Alles zu Stande bringen soll. In einem bosnischen 
olksliede klagt ein Mädchen ihrer Mutter, sie sei vor übergrosser 
nstrengung schon sehr stark ermüdet und wünsche, ein Weilchen 
f Erholung und dem Schlafe gönnen zu dürfen, doch die Mutter 
»st sie strenge zurecht: 

Schlaf nur, Tochter, finde keine Ruhe! 

Weisst denn nicht, dass man dich hat geworben, 

Dass du Führer neun hast zu versorgen 

Und die led'ge Schwägerin als zehnte? 

Nur allein an Hemden brauchst du neune 

Und ein zehntes Hemd aus reiner Seide. 

uum ruft man auch dem Mädchen im Volksliede zu (sprich- 

^rtlich) : 

Oj djevojko brigo materino ! 

du Mädchen, (deiner) Mutter Sorge! 

Jeder Gast, nicht blos die Hochzeitsführer, muss mit irgend 
iras am Hochzeitstage beschenkt werden, wie wir späterhin dar- 
er ausführlicher berichten werden. Ein gewöhnlicher Gast, der 



284 



keine Würde bei der Hochzeitsfeierlichkeit bekleidet, bekommt 
gewöhnlich nur ein Tüchel. Dies bezeugt auch ein anmuthiges 
bosnisches Volkslied : *) 

Ungefällt am Berge steht die Tanne, 

Unter ihr die ungeschöpfle Quelle, 

An dem Quell die ungefreite Mara. 

Wasser schöpft die ungefreite Mara. 

Sah die Maid des schönen Ivo Mutter, 

Sah die Maid und sprach dann zu ihr also: 

»Lass' das Zaubern, Mariechen, o Mädchen, 

Lass' das Zaubern, lock' mir meinen Sohn nicht. 

Meines Ivo's Sippe ist gar zahlreich. 

Ja, sehr zahlreich, lauter Herren sind es, 

Und Du hast wohl keine feinen Linnen ?€ 

Mariechen, das Mägdlein, ihr erwiedert: 

»Habe wohl ein ganzes Hundert Tüchel, 

Für den stari svat und kum besitz' ich 

Für die Beiden je ein feines Hemde. 

Bring' Dir mit ins Haus, o theure Schwieger, 

Klaren Sinn im Kopf und weisse Hände. 

Bring' dem Ivo, meine theure Schwieger, 

Schwarze Augen und mein weisses Antlitz. 

Eine Quitte meiner lieben Schwäg'rin, 

HundertblättVig, mit vierfacher Blüthe.« 

Wunder nimmt's des Ivo alte Mutter, 

Wie zur Quitte mit den hundert Blättern, 

Mara, sie die arme Maid gekommen. 

»Wund're Dich mit nichten, Ivo's Mutter. 

Auf dem Meer als Kaufmann reist mein Bruder. 

Er gab mir die Quitte hundertblätt'rig, 

Hundertblätt'rig mit vierfacher Blüthe.« • 

In der Hercegovina, Crnagora und im südlichen Dalmatitt 
besteht die Ausstattung nach Yröeyid's Angaben (Zb.) in Folgende«:/: 
In vier bis acht neuen Hemden aus Hausleinwand, in fftnf W* 
sechs Paar Fusssocken (weiss der Grund und bunt der EinscUi^ 
in zwei oder drei tiefdunkelbraunen Winterröcken aus Wolle ota 
Aermel (gunj, zubun genannt), in einem Vortuch aus Wolle, ii 
einem bunten, wollenen Gürtelbande (tkanica) und in einigen Sack- 



>) Bei Juki 2. Bos. prij. L S. 35 f. 



285 

ttchern. In reicheren Hänsera erhält das Mädchen auch ein tJnter- 
kifid mit kurzen Aermeln (aiiterij&) aus buntem Cambridge, 
ÜiBche auch aus Seide. tJebrigens erhüit ein Mädchen, das mit 
Mm anterija beschenkt wird, keinen gunj noch Vortucb (opreg- 
B*^i), sondern nur eine blaue Hose (dimlije). Ein Kupferbecken für 
Ruclien, ein kupfernes Waschbecken und fünf bis sechs Kupfer- 
Mer Tervollständigeu die Ausstattung. Nur in sehr reichen Häusern 
Klienkt man der ßraut noch eine Halsschnur aus Gold- oder 
Blbermflnzen. In der Umgegend von Zengg muss die Braut haben: 
•Slf Hemden, zwölf Vortücher, drei zubun, zwei AnKÜge, einen 
Fei^sen,. ärmellosen Tuchrock, zwanzig Kopftücher (j a i^ m a k oder 
ftimak, oder jemeänice in Bosnien) and zwölf Paar Schuhe.») 
ü«faer die Ausstattung der Bosnieriu erzählt Liyadi6, dass 
ks Mädchen dem Manne zwei volle Kisten mit Wäsche mit- 
ringen muss. An dieser Zahl, die uns auch für Kroatien beglau- 
tgt wird, hält man unabänderlich fest. Sind die Kisten nicht 
•llgepfropft, so spottet man der Braut. Die Mutter sorgt für die 
luaiitattung schon zur Zeit, wann die Tochter in der Wiege liegt. 
fenn das Mädchen heranwächst, so muss sie Tüebel (öevrme), 
[udtücher (peäkire) und Sophadecken verfertigen. Ihre Lehrer in 
ft Arbeit sind ihre Mutter und die älteren Gespielinnen, Je 
lliöoer die Arbeiten ausgeführt sind, in einem desto höheren An- 
tben steht das Mädchen bei allen ihren Bekannten. Für die Aus- 
kttung der bosnischen Türkin muss, nach dem Zeugnisse Mom- 
Inovii's, ') lediglich der Bräutigam Sorge tragen. Sie bekommt 
I ihm eine Hose (dimije), eine ärmellose Weste (jecerma), eine 
ftite mit Aermeln (jelek oderjelik, auch koporand genannt), eine 
kredia(ein Kleid nach Art der MSnchstalare mit einem Anhängsel 
jkkwärts, wie bei einem Nonnenhabit) und schliesslich eine Frauen- 
leke (pei^a). Die feredia muss von grüner Farbe sein, zuweilen 
t sie ans grüner Seide verfertigt. Kurze Zeit, nachdem der Maun 
iae Frau heimgeführt hat, oder auch einige Tage vorher, im Falle 
■ Mann in einem entfernteren Orte wohnt, begeben sieh die 
tern oder die Familienoberhäupter beider Theile zum Mufti (vor 
flsterreichischen Besitznahme des Landes ging man vor den 
stellen ihm die Brautleute vor und vereinbaren in seiner 
snw&rt, wie viel die Braut im Scheidungsfalle von ihrem Manne 



"i In der Daniea HnaUka vom Hhie 1845. Nr. 12. 
•) In Vlenac 1870. Sr. 9. 



286 

zu bekommen habe, wenn er sie entlässt, oder umgekehrt, wie viel 
sie ihm zu zahlen habe, wenn der Scheidungsantrag yon ihr aus- 
gehen sollte. Können die Parteien keine Vereinbarung untereinaoder 
erzielen, so zerschlägt sich daran nicht selten die ganze Heint, 
sonst betrachtet man durch diesen Vertrag die Ehe als rechtsgiltig 
geschlossen. Die Moslimen kennen keine priesterliche Eins^oig 
des Brautpaares. Doch davon sprechen wir an einer anderen Steife. 
Dass die Sophadecke oder der Teppich zu den wichtigste 
Ausstattungsstücken im Allgemeinen nicht blos in Bosnien, sondern 
auch in Slavonien gehört, geht unter Anderem aus einem jüngst 
aufgezeichneten slavonischen Volksliede klar hervor: 

Moja mati 6i]im Ika 
Nema streke da dotka. 
»Nemoj mati 6ilim tkati, 
Ja 6u ti se ve6 udati, 
Ako mi se sre6a ja vi, 
Imam ba§ i 6ilim stari.« ^) 

* Meine Mutter webt einen Teppich, sie hat keinen Streifen (Einschbfl 
um fertig zu weben. Mutter, hör' auf mit dem Teppichweben, ich w«* 
auch so schon heiraten, wenn mir das Glück erscheint. Ich habeji 

noch einen alten Teppich.« 

In den meisten Fällen gibt man dem Mädchen noch dts 
nothwendigste Bettzeug mit. Die junge Frau in Slayonien W0 
noch über eine entsprechende Anzahl von Tisch- und Handtficben 
verfügen, denn ihr obliegt es, mit diesen Stücken das erste Jak 
hindurch den Bedarf zu befriedigen. 

Die Mitgift. Hieher rechnen wir Alles, was man di* 
Mädchen ausser der Wäsche mitgibt. In der Hercegovina, CmifiB 
und der Bocca empfangt das Mädchen in der Regel nichts aiM 
die Ausstattung, die wir zuvor beschrieben haben. So lange i> 
Eltern leben, sucht die ausgeheiratete Tochter, wie Vröeviö» 
sichert, nie einen weiteren Antheil an dem FamilienvermügOii 
weil sie sich sonst mit der ganzen Sippe verfeinden würde. B^ 
kommt sie aber den ihr gesetzlich gebührenden Theil ihres infttM» 
liehen oder väterlichen Erbtheiles noch bei Lebzeiten der Eltaii 
so hat sie damit zugleich auf das Recht verzichtet, je wieder Vk 
ihr Stammhaus zurückkehren oder überhaupt auch nur auf Besnck 



») J. Krsnjavi. Listovi iz Slavonije. Agram 1882. S. 80. 



287 

kommen zu dürfen. Nach dem Ableben der Eltern bekommt die 
ausgeheiratete Schwester von ihren Brüdern nie auf friedlichem 
Wege ihren Antheil an dem Erbe ausgefolgt. Sie muss den Bechts- 
weg betreten. Einen sehr interessanten Fall theilt Yr5evi6 in seinen 
Friedensrichter-Geschichten mit. ^) Wir müssen in Anbetracht der 
Wichtigkeit der Sache die ganze Geschichte, die sich vor gar nicht 
langer Zeit in der Bocca zugetragen, in Einem möglichst ausführ- 
lich wiedererzählen, um zugleich durch ein weiteres Beispiel die Art 
und Weise zu beleuchten, wie das Volk selbst Becht spricht, üeber 
die Friedensrichter insbesondere werden wir im zweiten Bande dieses 
Werkes handeln. 

Ein Vater, Namens Alexa, hatte drei Töchter ausgeheiratet. 

Nach seinem Ableben wurde sein Sohn Andrija Hausherr. Es ist 

Brauch, dass am Weihnachtstage die ausgeheirateten Töchter ins 

ßtemhaus auf Besuch kommen. Nun kam aber Marija, Andrija's 

Schwester, zu Weihnachten nicht auf Besuch und entschuldigte 

sich auch gar nicht bei ihrem Bruder. Dieser fragte seine Mutter 

Stana, was dies zu bedeuten habe. Darauf die Mutter: »Ich hörte, 

<lass Dich Deine Schwester Marie vors Gericht fordern wird, damit 

Dn ihr ihren Antheil am väterlichen Vermögen ausfolgst, doch 

bnn ich nicht glauben, dass sie aus eigenem Antriebe d'rauf sinnt, 

sich mit ihrer Sippe zu verfeinden, sondern denke, dass sie dazu 

luiser unglückseliger Eidam Nikola antreibt.« Sie fügt noch hinzu 

sor Entschuldigung ihres Eidams, dass er nur dadurch so auf Abwege 

C^rathen sei, weil er jahrelang in der Stadt gelebt und der recht- 

^haffenen Arbeit sich entwöhnt habe. D'rauf der Sohn: »Geh' doch, 

Kutter, bei der Seele des Vaters! Bed' keinen Unsinn und vergib 

Äir, wie kann eine verheiratete Schwester nach des Vaters Tode von 

ihrem noch lebenden Bruder einen Theil des väterlichen Erbes 

lordem? Da muss Dich Jemand angeführt haben; indessen geh' 

morgen zu ihr auf Besuch und hör* aus ihrem eigenen Munde, was 

tn der Sache ist, damit wir erfahren, was sie gegen die Sippe hat. 

Sie weiss wohl, dass ich ihr Bruder von einem Vater bin, dass wir 

loter einem Herzen geruht. Du hast uns ja nicht als Ausstattung 

mitgebracht,*) sondern wir sind die Kinder eines Vaters.« 



*) Xiz srpskih pripovijedaka, S. 299—308. 

'j Zum Verständniss dieser Wendung sei schon im Vorhinein bemerkt, 
[mss die Tochter aUein einen Erbanspruch auf das Mitgebrachte der Mutter 
«sitzen. 



288 

Die Mutter blieb drei Tage, wie es der Brauch erheischt, bei 
der Tochter. Doch erfuhr sie nichts, ausser dass ihr Eidam etwas 
Böses im Schiide führe. Acht Tage später kam Nikolaus TranungB- 
beistand mit wichtiger Miene zu Andrija und eröffnete ihm, nicht 
ohne in Verlegenheit zu gerathen, es habe ihn Eum Nikola geschickt, 
er soll fragen, ob er (Andrija) gewillt sei, auf friedlichem W^ 
noch etwas als Mitgift für die Schwester Marija herauszugeben. Ali 
Andrija dies vernahm, wurde es ihm ganz wüst um den Sinn, er 
mass mit .finsterem Blicke den Eum von Eopf bis zu Fuss ud 
erwiderte ihm: »Ich wundere mich nicht, mein Gevatter, über 
meinen verrückten Schwager, sondern über Dich ! Sag* Du mir, seh 
wann haben die Brüder angefangen, den verheirateten Schwestern 
ein väterliches Erbe auszufolgen, so lange noch ein Mann im Hiuaa 
lebt ? Sag' Du ihm, wenn er Schand* und Scham verloren hat und 
Willens ist, neuen Brauch (zakon) im alten Lande einzuführen, » 
thu' ich's nicht. Sag' Du ihm, dass sich Männer nicht ausheiiates 
(udavaju se), sondern sich verheiraten (2ene se), und wenn er nieU 
im Stande ist, ein Weib zu ernähren, warum hat er denn geh«- 
ratet? .... Sag* Du ihm schliesslich, dass ich ihm nichts geba^ 
nicht einmal einen Eieselstein !< 

Der Eum blieb beim Essen und entfernte sich wieder imTer» 
richteter Dinge. Andrija meinte im Selbstgespräch: »Mein Schwtgtf 
ist doch wohl nicht so verrückt geworden, seine Ehre mit FfiBsei 
zu treten ohne irgend welchen Nutzen, und etwas zu fordern, wü 
noch niemals Jemand seit der Erschaffung der Welt gefordert hat.« 
Er täuschte sich aber in seiner Erwartung, denn kurze Zeit dinrf 
erhielt er vom Gerichtshof in Cattaro eine Zustellung des InhaBii 
er habe sich an dem und dem Tage vor Gericht zu stellen, um A 
bewegliche und unbewegliche Habe seines verstorbenen Vaters Aka 
mit dem Schwager Nikola zu theilen. Als man Ajidrija diese it 
Stellung vorgelesen, stiess er einen grässlichen Fluch aus. 

Zufälligerweise fiel auf den nächsten Tag eines der grösUt 
Eirchenfeste, das Fest der »hehren Eaiserin Sonntag« ; dies ist der 
erste Sonntag nach dem 20. Juli, dem Tage des heil. Elias. Diestf 
Sonntag wird in der Bocca besonders gefeiert. ^) Jung und AK 



^) Dies ist noch ein Ueberlebsel aus der vorchristlichen Zeit, wo nail* 
Fest der Sommersonnenwende feierte. Der heil Elias trat an die Stdle te 
Donnerers Pernn. Den Heiligen nennt man »gromovnik Ilija« (der DofoM 
Elias). Vergl. darüber meine Besprechung des L i v a d i ö*schen Boaan^ice in ^ 
Sitzungsberichten der Wiener anthrop. Gesellschaft. Bd. XIII, S. 839 f. 



289 

3mt da in die Kirche zum Gottesdienste. Auch Andrija besuchte 
i Gottesdienst. Als der Priester die Messe zu Ende gelesen, 
ob Andrija vor dem Priester und dem versammelten Volke eine 
^e, nicht sa sehr gegen seine Schwester als gegen seinen 
iwager, der ihm einen Theil des väterlichen Erbgutes abfordere, 
schloss mit den Worten : >Nun rathet mir, Brüder, was soll ich 
d wie soll ich's anfangen, um mir da zu helfen?« Alle Anwe- 
iden sahen einander stumm vor Verblüffung an und warteten, bis 
I Aelterer das Wort ergreife. 

Da fing der Priester an: > Ist's so, Nikolaus? Hat Dir das 
iheil ^) den Sinn verwirrt ? ! » 

Nikola: So ist's. Jeder sucht das Seine und so will ich 
ich das Meine. 

Der Priester: Ja, hat Dir denn der selige Alexa seine 
>chter nicht so gegeben, wie man eine Tochter im ganzen Lande 
id der ganzen Welt ausgibt, oder hat er sie Dir ums Geld ver- 
uft, oder wie eine Euh auf den halben Theil ausgegeben? Treib' 
ine Dummheiten, aulQammern soll Dir Deine Mutter im Grabe! 
isndle Deine Ehre nicht vor der ganzen Welt, dass von Dir eine 
uartige Schmach ihren Anfang nimmt, dass Deinen Namen wie 
n Vuk Brankoviß's *) das ganze Volk im Munde führen soll. 

Nikola: Sachte, Priester, bei dieser Kirche! Lass' mit Dir 
münftig reden. Du weisst, dass meine Hausfrau (domadica) Marija 
! rechtmässige Tochter des seligen Alexa ist, ebenso als Andrija sein 
Im ist, dass Beide von einer Mutter unter demselben Herzen getragen 
d von einer Brust genährt worden sind. Wisse, dass das bürger- 
be Gesetzbuch die Bestimmung enthält, dass das väterliche oder 
itterliche Erbe zu gleichen Theilen unter die Söhne und Töchter 
•theilt werden muss. Vor Gott und dem Kaiser sind Alle gleich, 
enn Du mir nicht glaubst, in Cattaro gibt es genug Advocaten, 
gt nur nach, ob es im Gesetzbuche so steht oder nicht. 

Nun sprangen die zwei anderen Schwestermänner Andrija's 
1 Schwäger Nikola's auf und baten den Priester: »Nun denn, 

*) Im Texte: Zlo te smelo. Wörtlich: »Das Uebel hat Dich verwirrt.^ 
i ist auch ein allgemein üblicher Fluch. Wir entschieden uns für die Auf- 
ung, die wir oben geben, weil doch der Priester in der Kirche nicht fluchen 
L Der ganze Unterschied liegt selbstverständlich in der Betonung, ob man 
Bedewendung als Fluch aufzufassen hat oder nicht. 

') Den Verräther der serbischen Siehe bei der Schlacht am sogenannten 
lelfelde. 

kraus«, Sitte u. Gewohoheitsrecht d. Südsl. ^9 



290 

Priester, bei dem himmlischen Priester! Sei ein wenig ruhig uni 
vergiss Deine Rede nicht. «^ 

Der ältere Schwager: Was für ein Advocat, Du Unglück 
lieber Sohn! Verunehre nicht die Gebeine Deiner yerstorbenei 
Eltern, noch die unseres seligen Schwiegervaters Alexa: unser Blu 
soll Dich nicht beflecken, in Aussatz soll sich Dir verwandeln di- 
Salz und Brod, das wir gemeinsam im Hause unserer Schwieger« 
eitern genossen haben ! Wohin hast Du Dich verirrt, schwarz s«: 
Dein Verstand! Und mag Dir das Gericht in Cattaro Dein Bechl 
zusprechen und mögen es alle sieben Könige der Welt bestätigen 
Alles dies wird Dir nichts nützen, so lange wir zwei Eidame lebei 
und Andrija als Dritter mit uns. Wir lassen Dir da nicht dna^li 
einen Anderen etwas sagen, sondern sehen Dir Aug' ins Auge! 

Der Dorfschulze (Knez): Lasst mich, Leute, auch etwÄ: 
sagen. Ich hörte sagen von alten Leuten und von einem WnAi 
vom Athos, dass, wenn Gott — Ehre und Ruhm sei ihm — Jemini 
strafen will, so raubt er ihm zuerst den Verstand, und wenn dei 
Mensch den Verstand verliert, so weiss er nimmer, was Schim 
und noch weniger, was Sünde ist. Nikola ist auf dem halben Weg« 
dazu. Hör' mich, Nikola! Du bist zu Deinem Unheil aus heiniischci 
Schaar in eine fremde hineingeflogen ; das Deine hast Du vergessei: 
das Fremde nicht ganz ergrifi'en und so schwankst Du hin foi 
her. Wenn jedes ausgeheiratete Frauenzimmer (odiva) von ihre« 
Bruder ein väterliches Erbtheil fordern würde, so würden zwri 
Drittel von unseren Mädchen graue Haare an ihrem väterlichen 
Herde einflechten, da sie nichts von ihrem Vater zu erben hättefl* 
und die Brüder könnten mit vollem Bechte zu ihren Schwester! 
sagen: >So heiratet doch, da habt Ihr Euer väterliches Erbtheil!' 
Was ist ihnen aber vom Vater geblieben? 

Eine alte Henn' mit dreien Küchlein, 
Eine Scherbenschüssel, sieben Löffel. 

Ein Sohn ist des Hauses Fundament, des Hauses Leuchtti 
er Alles in Allem, der Vertheidiger der Kirche und des Volkes, 
er heiratet die Schwestern aus, ob er mag oder nicht, der BrwA 
(zakon) bindet ihu. Und das Mädchen? Sie ist nichts Anderes ib 
ein fremdes Nachtmahl für das Haus, das ihr vom Schicksal ke* 
schieden ist. Wer nicht im Stande ist, sein Weib zu ernähreD, 
darf überhaupt nicht heiraten. Wer da hofl't auf seines Weibes 
Mitgift und nicht auf sich und seine Kraft vertraut, der i>t U 
uns kein Mann, sondern ärger als ein Weib. Ist's so, Brüder? 



291 

Das Volk: Du sprachst wie das Evangelium. So lange wir 
unserem alten Brauche festhalten, wird uns auch Gott helfen. 
II Nikola nicht zurücktreten, sondern sein Vorhaben durchsetzen, 
verjagen wir dies räudige Schaf aus unserer reinen Hürde. Er 
^ sich suchen ein Mädchen mit einer Mitgift, das ihn füttern wird. 

Der Priester: Was sagst Du jetzt, Nikola? Wähle, Falke, 
h Belieben! Wisse, das Dorf ist immer stärker als der Bär. 
:. dem führt man keinen Krieg. Du siehst, dass Dich irgend 
e Sünde zu einem Abgrund hingeschleift und mit Deinen Brü- 
Q, den Dorfbewohnern, in Streit gebracht hat. Bitt' zu Gott 
d lass' fahren die weltlichen Tagediebereien ! Fremdes Gut ge- 
ihet nicht. Schüttle ab Ton Dir diese thörichten Gedanken und 
ise fremden, ungewöhnlichen Kleider. Flieg' zurück zu Deiner 
haar und übergib Dich der Arbeit! Bleib* beim Handwerk, wie 
iin Vater, und Du wirst so ein wahrer brüderlicher Bruder! 
eh' dem Bruder ohne Bruder! 

Während dieser Angriffe stand Nikola schweigend da und 
ad kein Wort der Entgegnung. In einem Winkel unter den übrigen 
laerinnen befand sich sein Weib, das Gesicht verhüllte sie sich 
it der Schürze und schluchzte laut. Da Nikola keine Antwort 
b, rief ihm der Knez zu: »Sprich, Nikola! Das Volk ist nicht 
rgekommen, um Dich anzuschauen. Red\ ehe Dir im Augenblicke 
s widerßhrt, was Dir widerfahren soll! Es fällt die Schuld auf 
ine Seele, nicht auf die unsere.« ^) 

Nikola (nach einer kleinen Weile): Ja, was soll ich Euch, 
öder, antworten? Ich sehe ja selbst ein, dass ich den Verstand 
rioren und gegen Gott und gegen Euch gesündigt und mir durch 
^in Herumvagabundiren in der Welt am meisten geschadet habe, 
ine Trägheit hat mich zur äussersten Noth getrieben, die Fremde 
r selbst entfremdet. Wer hat nie gefehlt auf dieser trügerischen 
?lt, wer wird nie fehlen ? Ich hörte den Priester aus dem Evan- 
ium vorlesen, es sei einst ein verlorener Sohn gewesen, der habe 
n ganzes Gut vergeudet und sei dann nackt und baarfuss wieder 
seinem Vater zurückgekehrt. So auch ich. Könnt Ihr mir nicht 
e ein Vater sein, so doch in Gott Brüder. Mein Geschick liegt 
I in Eurer Hand, ich bitte Jeden um Vergebung und zumeist 



^j In früheren Zeiten verartheilte man einen Missethäter, der sich arg 
»n den Brauch vergangen hatte, zum Steioignngstod und vollzog auf der 
le vor der Kirche oder unter der Dorflinde die Strafe, indem jeder Anwesende 
den Vemrtheilten einen Stein schleuderte. 

19* 



292 

meine Schwägerschaft. Nehmt mich als Euren Bruder auf, wem 
ich dies auch nicht verdiene! 

Man schloss Frieden. Andrija fahrte seine Schwester ont 
ihren Mann zu sich, bewirthete sie zehn Tage lang und entlies: 
sie wieder mit vielen Geschenken. Die übrigen Dorfbewohner halfei 
Nikola auch ihrerseits, so dass er im Laufe von einigen Jahrei 
durch Fleiss und Arbeit sich wieder aufraffen und seine Schuldet 
bezahlen konnte. Er zeugte zwei Söhne und eine Tochter. 

Wenn die Eltern des Mädchens ein Privatvermögen besiUen 
so kommt es wohl häufig vor, dass sie ihrer Tochter ausser dei 
Ausstattung noch eine Mitgift mitgeben, von der Hausgemeinschaf 
bekommt sie aber gar nichts. Diese gibt ihr nur das Hochzeitsmali 
und empfängt die Werber auf Unkosten des gemeinschaftliche! 
Vermögens. Wenn das Mädchen Kuh-, Schaf- oder Schweinehirtii 
gewesen, so erhält sie ausnahmsweise wohl aus freien Stücken eil 
Ealb oder ein Schaf oder ein Schwein geschenkt In der Bege 
bekommt sie aber, wie gesagt, gar nichts. »Sie hat genug mit de: 
Ausstattung,« meint man, »wird sie tüchtig sein, so wird sie alle- 
zeit genug haben.« Das Mädchen muss sich das Geschenk, das sm 
von der Hausgemeinschaft empfängt, vor Allem verdienen. Brand 
ist's, wenn das Weib auf Besuch in ihr Stammhaus kommt, üir 
jedesmal, wenn sie wieder fortgeht, irgend etwas zu schenken: 
freilich muss sie streben und trachten, ein freundschaftliches Ve^ 
hältniss aufrecht zu erhalten. Ein Sprichwort lautet: 

Umiljato janje dvie majke sisa. 
Ein einschmeichelndes Lamm säugt zwei Mutter. 

Dagegen hasst und verabscheut man ein Weib, das gegen ihr« 
Freundschaft böse Gesinnung zur Schau trägt, und daher wird: 

Omra^enoj odivi od roda ni pozdrav. 
»Einem ausgeheirateten Weibe, das sich verhasst gemacht, von ihrer Ab- 
Verwandtschaft nicht einmal ein Gruss zu Theil,« 

ja eine Solche verdirbt es sich hier und dort: 

Omra^ena ni urod ni u dorn. 
»Eine Verfeindete findet weder bei ihrer Verwandtschaft noch in ihr«» 

Heime eine Zuflucht.« 

Unbewegliche Güter erhält das Mädchen, ausser bei den Bui 
garen, bei den Südslaveu auf keinen Fall als Mitgift, ausgenommei 
die Eltern des Mädchens hätten keine Söhne und doch irgend eiwi 



293 

nsserhalb der Hausgemeinschaft liegenden Grundbesitz, von dem 
ie einen Theil aus freien Stücken zu Gunsten der Tochter auf- 
leben. Eine Ausnahme scheint in dieser Hinsicht auf der Insel 
^astovo zu herrschen, wenn wir der kurzen Notiz Lucijanoviö's 
riauben schenken dürfen: »Gewöhnlich gibt man als Mitgift un- 
ewegliche Güter; Geld nie und niemals.« Das widerspricht ganz 
ad gar dem Brauche der slavischen Bewohner am adriatischen 
[eere, dieser Umstand findet aber darin seine Erklärung, dass 
(if der Insel Lastovo von der slavischen Hausgemeinschaft nur 
och schwache Spuren sich mehr zeigen. Genauer drückte sich 
nser Gewährsmann im EnjiSevnik (III. Bd., S. 236) aus, wo er 
agt, dass das Mädchen wohl ein Stück Wiese oder Weinberg 
jrhält, nie aber der fortziehenden Schwester vom väterlichen Erb- 
gute mehr, als dem im Hause zurückbleibenden Bruder zufällt. 
Sobald das Mädchen ihren Antheil ausgefolgt empfängt, so entsagt 
sie gewöhnlich kurz vor der Hochzeit schriftlich allen ihren An- 
sprüchen auf das väterliche Gut zu Gunsten ihrer Brüder, und zwar 
schriftlich deshalb, damit sie im Falle eines Zwistes mit ihren 
Brüdern sich auf das geschriebene Becht nicht berufen könne. Die 
Fninen unterfertigen, wie Lucijanovi6 versichert, aus freiem Antriebe 
^ betreffende Schriftstück, weil noch unter den Leuten das Be- 
^Hsstsein lebt, dass die weiblichen Kinder keinen so grossen Theil 
^e die männlichen vom väterlichen Erbe beanspruchen dürfen. 
^as Stojanovid für Semlin berichtet, dass man Feld, Weinberg 
^nd Haus als Mitgift aussetzt, hat eben nur auf die bürgerlichen 
Verhältnisse einer städtischen Bevölkerung, die von deutschen Ele- 
"J^enten durchdrungen ist, einen der Sachlage entsprechenden Bezug 
^Dd nicht auf das Landvolk. In der Lika gewährt man dem aus- 
Seheirateten Frauenzimmer nur die eine Vergünstigung, dass man 
^hr noch einige Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Stamm- 
banse ihre besondere Abtheilung vom Hanffelde zur Nutzniessung 
Bberlässt, und dies auch nur mehr aus Mitleid, wenn sie nicht 
Senag Hanf oder Flachs in ihrem neuen Heim hat. 

Wenn in einer Hausgemeinschaft, in der mehrere Familien 
kben, eine Familie ausstirbt und nur eine Tochter hinterlässt, so 
ist diese Tochter die Erbin des väterlichen Privatvermögens und 
lücht die Hausgemeinschaft. Ist blos die Mutter gestorben, so trägt 
tie einzige Tochter, die keine Brüder hat, nur ihr Mütterliches 
i^rt. So eine einzige Tochter nennt man im Küstenlande blaga- 
iea (Gutsbesitzerin). Ihr .steht es nun frei, aus dem Hause zu 



294 

heiraten und ihr Vermögen mitzunehmen oder es heiratet ein Ma 
zu ihr ins Haus. Dies nennt man >na blago se Seniti« (a 
Gut heiraten) oder pridomazetiti se. Ausführlicher wird darul 
in einem besonderen Capitel gehandelt. 

Mit dieser Seehtsgewohnheit stimmt vollkommen Zaharijei 
Aussage über die Bulgaren von Tatar Pazardiik überein: »C 
bewegliches Gut kann nur dann ein Frauenzimmer ihrem Man] 
als Mitgift mitbringen, wenn ihr ein solches nach dem Ableb( 
ihrer Eltern zufällt. Die Nutzniessung und die Verwaltung de; 
selben hat ihres Mannes Familie so lange, bis es zu einer TheiloD 
kommt. Nach Od^akov kommt es in der Umgegend von Trnor 
zuweilen und in der Umgegend von Ljeskovce häufig vor, dass di 
Braut von ihrer Verwandtschaft ein Stück (cjelina) Land zu einen 
Weinberg, dann ein Stück zu einem Garten und einige Maulbeer 
bäume (örninci), um Seidenraupen füttern zu können, mitbekommt 
Dass sie ein unbewegliches Gut mitbekommen m u s s , dafür liegei 
uns keine Zeugnisse vor. 

Zur Mitgift werden schliesslich auch jene Geschenke gerech 
net, die die Hochzeitsgäste am Hochzeitsfeste der Braut fftr ihr 
Gaben zukommen lassen. In reichen Häusern, wo viele und reich 
Gäste und Freunde anwesend sind, kann die Braut, wenn dasjata 
ein gesegnetes war und die Leute daher bei Geld sind, leicht lOi 
bis 200 Gulden einnehmen. Dies ist ihr ausschliessliches Eigen 
thura. Es ist nothwendig, das Verfügungsrecht des Weibes übei 
ihr mitgebrachtes Vermögen gleich an dieser Stelle eingehender im 
besprechen. 

Der Aussenwelt gegenüber tritt der Mann als der Herr seiD« 
Weibes auf, und demgemäss gewinnt es den Anschein, als besisse 
er damit zugleich das Recht, über ihr Vermögen frei zu verfüg«ii 
in Wahrheit hat er nur in Gemeinschaft mit seinem Weibe & 
Nutzniessung davon. Was das Weib mitgebracht hat, das geHrt 
ebenso nur ihr, als dem Manne sein eigenes Vermögen nur ib* 
gehört. Was sie sich dagegen gemeinschaftlich in der Ehe erwirdh 
Schäften, das ist gemeinschaftliches Gut. Dieses so erworbene Tec^ 
mögen kommt der Hausgemeinschaft nicht zugute, nur die lliki 
ihrer Kühe wird in den allgemeinen Milchkübel gemolken. Diö 
ist ein wesentlicher Umstand, den man besonders beachten mtt» 
Die Milch, ebenso wie die übrigen Nahrungsmittel, darf nicht «ii 
Einzelner für sich und seine Familie allein in Anspruch nehm« 
wollen, sondern er muss dieselbe zur Bestreitung des allgemeinei 



295 

Hausbedarfes beisteuern. Der Mann darf auf keinen Fall auf eigene 
Faust die Mitgabe seines Weibes veräussern und gar seine eigen- 
sten Bedürfnisse mit dem Erlöse befriedigen; ja er darf gegen 
ihren Willen nicht einmal das gemeinsam erworbene Vermögen 
antasten. Der Mann kann eben nur über seine eigene Habe zu 
seinem persönlichen Vortheile Verfügungen treffen. Auch die Kinder 
rechnet man zu dem unter Eheleuten gemeinsamen Vermögen, als 
Sache von grösstem Werthe für das Hauswesen. 

Im Falle einer Ehescheidung treten bei den einzelnen Stäm- . 
men im Kleinen Verschiedenheiten hervor, die wir alle besonders 
anführen müssen. Unsere Ausbeute ist diesmal im Allgemeinen 
eine ziemlich geringe, weil Ehescheidungen überhaupt zu den sel- 
tensten Vorkommnissen gehören, besonders selten sind solche Fälle 
in einer mit Kindern gesegneten Ehe. 

In der Lika behält jeder Theil sein in die Ehe mitgebrachtes 
Gnt, während das gemeinsam erworbene getheilt wird. Sind Kinder 
aus der Ehe entsprungen, so hält man dafür, dass es ein unrecht 
^äre, wenn sie der Mann allein für sich behielte. Sind es lauter 
männliche Kinder, so bekommt der Mann die erwachseneren, das 
Weib die noch unmündigen, d. h. wenn der Vater dieselben der 
Mütter überlässt. Lässt die Mutter dem Vater alle diese Söhne 
fiber dem Halse, so begibt sie sich damit zugleich jedes Anrechtes 
^ch auf das sonstige gemeinsam erworbene Vermögen. Sind es 
Kinder beiderlei Geschlechtes, so fallen dem Vater die Knaben, 
der Mutter die Mädchen zu. Nur muss der Mann mit der 
Zeit seinem geschiedenen Weibe so viel beisteuern, als die 
Kidchen, wenn sie heiratsfähig werden, zu ihrer Ausstattung be- 
söthigen. Sind die Kinder lauter schon erwachsene Mädchen, so 
Usst man ihnen freie Wahl, ob sie sich für den Vater oder die 
Kntter entscheiden mögen. Mag Keine bei dem Vater bleiben, so 
lonss ihnen und der Mutter das ganze in der Ehe erworbene Ver- 
minen ausgefolgt werden. 

Im Umkreise von Zara nimmt die Mutter nur die ganz un- 
mfindigen Kinder mit, ebenso in Bosnien. Ihre Ausstattung und 
Hitgift wird ihr auf jeden Fall ausgefolgt. Letzteres wird uns mit 
besonderem Nachdruck auch für die angrenzenden Gebiete, die 
Boeea, Hercegovina und Crnagora bezeugt. Nur in dem Falle, dass 
der Mann der Schuldtrageude an der Scheidung ist, gibt er dem 
Weibe ein- für allemal eine Abfertigungssumme. Vukalovi6 oder 
8redanovi6, wir wissen nicht genau, wer von den Zwei unser 



296 

Gewährsmann ist, sagt, der Mann gebe dem Weibe z. B. hnnden 
Thaler. Das ist denn doch • etwas unwahrscheinlich. Manches 
hercegovinische oder montenegrinische Dorf hat kaum so viel Bair- 
geld, geschweige denn ein Einzelner. 

Alle Kinder, auch die unmündigen, bleiben dem Manne, das 
Weib hat nicht auf ein einziges ein Anrecht, ausser dasselbe saugt 
noch an der Mutterbrust. Die Mutter muss das Eand aber später- 
hin der Hausgemeinschaft wieder zurückgeben. Auf die Kinder iü 
nicht blos der Mann des Weibes, sondern die ganze Hausgemein- 
schaft einen Anspruch. Das bezeugen folgende Bechtssprichw5rter: 

Ako je krava i tudja tele je moje. 
Mag die Kuh auch einem Fremden gehören, das Kalb gehört (doch) mir. 

Sto je na mom djubretu raslo, sijo ko mu drago, Boije pa moje. 
Was auf meiner Düngerstätte gewachsen, mag wer immer gesäet habeo. 

ist Gottes und mein Eigenthum. 

§to si u mu2a stekla ne teci majci. 
Was du beim Gatten erworben, das darfst du nicht als für deine 

Mutter erworben betrachten. 

Eine Variante letzteren Sprichwortes drückt denselben Gedanke» 
allgemeiner gefasst aus: 

Sto si u dom stekla u rod ne nosi. 
Was du zum Hausstand mit erworben hast, vertrage nicht zur Ver^ 

wandtschaft. 

In Stara Pazva in Svrmien findet nach Ti6ak dasselbe Ter- 
hältniss statt; die Frau bekommt ihre Mitgift zurück, die Kinder 
bleiben der Hausgemeinschaft. Andriö berichtet für StroSintt 
dass das gemeinsam erworbene Gut getheilt wird ; demgemki 
fallen dem Vater die erwachsenereu Kinder, besonders die Söha* 
zu, der Mutter nur die unmündigen, gewöhnlich die Mädchen. Ftr 
Dobrijevci im Banat bestätigt uns dasselbe KarakaSeviö, xai 
zwar nur für den Fall, wenn die Ehescheidung eine gänzliche iA 
d. h. wenn die Geschiedenen jedes eine neue Ehe wieder eingehet 
darf. Ist es aber nur eine Scheidung von Bett und Tisch, so gih 
der Mann seinem geschiedenen Weibe alljährlich einen Beitrag 
zur Bestreitung ihrer Lebensbedürfnisse. Das Gesagte kann skk 
oflFenI)ar nur auf slavische Protestant en beziehen, weil doch bei dtt 
Altkatholiken und Katholiken im Banat eine gänzliche Scheidnnfi 
wie sie im ersteren Falle erwähnt worden, gesetzlich nicht siati- 
finden kanu. 



297 

In Bezug auf die Bulgaren haben wir nur die dürftige Nach- 
geht OdSakov's im Zbornik. Der bulgarische Brauch stimmt mit 
lern der übrigen Südslaven nur insofern überein, als dem Manne die 
Knaben, dem Weibe die Mädchen zufallen, nur muss der Vater 
aüch fernerhin für Letztere Sorge tragen ; ob blos für die Ausstat- 
tung oder auch in anderer Hinsicht; darüber gibt uns unser Ge- 
währsmann keine Auskunft. Bemerkenswerth ist der Umstand, 
dass, wenn das Weib der schuldtragende Theil ist, sie selbst yon 
ihrem Mitgebrachten nichts erhält; indessen, wenn der Mann die 
Veranlassung zur Ehescheidung gewesen, man dem Weibe nicht 
blos ihre ganze Mitgift ausfolgt, sondern sie von ihrem Manne 
ihr Leben lang noch besonders ausgehalten werden muss. 

Daran knüpft sich von selbst die Frage, wem die Ausstat- 
tung und Mitgift zuföUt, wenn die Mutter stirbt. Hier können wir 
»rieder zwei Fälle zur genaueren Unterscheidung berücksichtigen, 
l. Wenn nach dem Ableben der Mutter Kinder zurückbleiben; 
i- wenn die Ehe kinderlos gewesen. Für den ersteren Fall muss 
Knan an Folgendem festhalten, dass die Töchter ihre Ausstattung 
^on der Mutter erhalten, während den Söhnen, als den eigentlichen 
Erben des Hausvermögens, die unbeweglichen Güter gebühren. Der 
^nn erbt nichts von seinem Weibe, ausser sie vermacht ihm 
igend etwas in Gegenwart von Zeugen. Gewöhnlich legt indessen 
1er Mann Beschlag auf jene Schmuckgegenstände, die er selbst 
deinem Weibe gekauft hatte. Im Tatar Pazard2ik fallen, nach Z a- 
liarijev, dem Manne ein Vierttheil und den Kindern drei Theile 
les mütterlichen Mitgebrachten zu. Od2akov weiss nichts von einer 
solchen Theilung, vielmehr hebt er ausdrücklich hervor, dass nur 
lie Kinder erben. Dies stimmt überein mit dem Brauche der übri- 
gen Südslaven. So lässt man z. B. in der Hercegovina, Crnagora 
Eind im südlicheren Theile von Dalmatien, sowie auf den Inseln, 
dach dem Ableben der Mutter, wenn sie blos ein Kind zur Welt 
S^bracht und dieses noch unmündig ist, die Ausstattung in der 
Este unberührt liegen — eine Mitgift ist dort so gut wie unbe- 
kannt — bis das Kind, der Erbe, heranwächst. Diese Ausstattung 
it des Kindes Privatbesitz ausserhalb des Familienvermögens. 
Dieses Vermögen anzutasten und den Erben dadurch zu verkürzen, 
plt als das fluchwürdigste Verbrechen, wie dies aus mehreren Volks- 
iedern ersichtlich ist. 

Zur Ergänzung dieser Berichte führen wir no<?h einen be- 
timmten Fall aus Novi in Kroatien an, den uns Potoönjak bezeugt : 



298 

Eine Bäuerin hatte sieben Kinder, fünf Töchter und zwei Söhne. 
Die fünf Töchter hatte sie ausgeheiratet, jede mit einer Kiste voll 
reicher Ausstattung. Auch die beiden Söhne heirateten, doch Ter- 
blieben sie im Eiternhause. Nach dem Ableben der Mutter blieben 
noch drei Kisten voll Wäsche. Diese wurden nicht etwa den aus- 
geheirateten Töchtern ausgefolgt, sondern fielen den Schwiegertöchtern 
zu, die das Erbe redlich unter sich theilten. 

Wenn die Ehe kinderlos geblieben ist, so ist der Mann in 
den meisten Gegenden der einzige Erbe seines Weibes. Dies wird 
uns bezeugt für die Umgegend von Bednja in Kroatien, für Sla- 
vonien und zum Theil für Syrmien, für Bosnien, die Insel Lastoro, 
für Konavli in Dalmatien, die Hercegovina, die Crnagora und Stan 
Pazva in Serbien. 

Nähere Bestimmungen. In der Lika muss der Mann 
die ganze Ausstattung der Mutter seines verstorbenen Weibes aus- 
folgen. Die Mitgift wird getheilt ; eine Hälfte behält der Mann, die 
andere bekommt die Mutter oder die Schwestern der Verstorbenefl. 

In der Pfarre Stubice im kroatischen Zagorje yerfQgt die Fni 
testamentarisch über ihr Eigenthum; hat sie kein Testament aif' 
setzen lassen, so sind ihre nächsten Anverwandten ihre Erben. 

In Kotari und Bukovica in Dalmatien beerben das Weib itn 
Anverwandten. Im Küstenlande bei der Ortschaft Makarska hat dff 
Mann nur auf die Geschenke einen Anspruch, die er seinem Wei« 
gegeben, alles Andere muss er den Anverwandten ausfolgen. 

In StroSinci in Syrmien stellt sich nach dem Ableben te 
Frau ihre ganze Anverwandtschaft in dem Hause ein und tiift 
Alles fort, was nicht niet- und nagelfest ist. (Zeuge Andri6.) 

In Dobrica im Banat erbt der Mann allein, falls das Veft 
nicht in einem Testamente auf ihre Anverwandten bedacht ge* 
wesen ist. 

Für die Bulgaren liegen uns zwei Berichte vor. Odiak«' 
sagt für Ljeskovce: »Wenn die Eltern des Weibes noch leben • 
sind sie die Erben ; nur in dem Falle, als diese auch schon (oft 
sind, kann der Mann sein Weib beerben, auf jeden Fall aber i* 
er berechtigt, die Wäsche und Schmuckgegenstände, die er seDxt 
seinem Weibe angeschafft, für sich zu behalten.« Anders ZaharijeT 
für Tatar Pazard^ik: »Wenn keine Kinder zurückbleiben, so wiri 
die Hinterlassenschaft zwischen dem Manne und den Eltern, b^ 
ziehungsweise den Anverwandten der Frau getheilt. v: 



XVI. 

I 

Die Wahl fürs Leben. 

2enidba je sveta. 

Das Heiraten ist etwas Heiliges. 

Volkssprichwort, 

Eingebracht ist die Fechsung. Hoch aufgeschichtet steheu um 
Haus herum die Heukogel. Die Pferde, Kühe, Schafe und 
gen glänzen vor Wohlbefinden. Behaglich streckt sich der Haus- 
id vor der Schwelle aus und blickt unverwandt auf den domaöin. 
)ser sitzt auf einem Steine in der Hausflur und schmaucht ge- 
ithUch aus seiner Stummelpfeife. Er überschlägt den Gewinn 
i Jahres. Siehe da, den Kaiser hat er befriedigt, dem Priester 
er auch nichts schuldig, allen seinen Verpflichtungen ist er 
chgekommen. Das Haus dabei voll Segen. Da tritt aus einem 
Immerchen des Nebengebäudes ein Mädchen von achtzehn Jahren 
raus. Sie lässt die Thüre zum Kämmerchen offen. Der doma6in 
rft den Blick in dieses Mädchenheiligthum hinein. An den Wänden 
igs herum hängen dicht übereinandergelegt buntgewobene und 
stickte Handtücher. Lauter Geschenke für Hochzeitsleute. Eine 
hre Augenweide ! Bis zur Decke steigen die schwellenden Polster, 
ben dem Bette erblickt er die grosse, buntbemalte Ausstattungs- 
te. Der Deckel will nimmer schliessen. Die Kiste fasst all* den 
eben Schatz der fleissigen Mädchenhände nicht mehr. Er blickt 
' das Mädchen, seine Tochter. Mit Wohlgefallen ruht sein Auge 
ihr. 

Welch^ ein Wunderkind ist dieses Mägdlein! 
Zart im Leibe, tannenschlanken Wuchses. 
Ihre Haare lange Seidenquasten, 
Ihre Augen zwei Demantensteine, 
Ihre Wimpern Egeln aus dem Meere, 



300 



Ihre Wangen zwei hochrothe Rosen, 

Rothes Röslein mitten im Gesichtchen, 

Dieses Mündchen süsses Zuckerdöschen. 

Wenn sie spricht, als wenn ein Täubchen girrte, 

Wenn sie lacht, als wenn sie Perlen säUe, 

Wenn sie schaut, als schaut' ein grauer Falke, 

Wenn sie geht, als ginge eine Pfauin. 

0, mein Bruder, welch' ein schmuckes Mägdlein, 

Weit im Lande gibt's nicht ihres gleichen! ^) 

und diesen Schatz wird er bald ausgeben müssen! Seh« 
längst haben Werber um ihre Hand bei ihm angehalten, doch jettt 
erst ist's an der Zeit, sich yom Goldkind zu trennen. Des Nachbiit 
Ivo, ein schmucker und tüchtiger Bursche, hat um sie angehaltei 
Weiss die Maid davon? Er, der Vater, bat ihr noch nichts diTOi 
gesagt. Vielleicht hat sie eher gewusst, dass es so kommen wiii 
als der Vater selbst? »Wohin^ Röschen?« — Gesenkten Blick» 
tritt die Maid zum Vater hin, küsst ihm die Hand und spricht: 
»Väterchen, ich will mich jetzt ergehen, auf dem Berge will ich 
Blumen sammeln, will aus Blumen einen Kranz mir winden.« ü^ 
stillbare Sehnsucht zieht die Maid liin in die Einsamkeit Liebes- 
ahnungen erfüllen ihr Herz. Sie will, sie muss nnbelaoscht ihr 
Herz erleichtern. Doch nein, der Volksdichter hat sie doch belaiischl 
und ihre Klagen, ihr Flehen in Verse gefasst: 

Wohl erging sich eine Maid, eine junge Walachenmaid, 

Zierlich schmuckes Mägdlein, 
Ging allein, die schmucke Maid, und erhob zu Gott ihr Flehen: 
>Thu' mich nicht, o du mein Gott, durch lebendige Sehnsucht mordfl« 

Mein sichtbarer Gott! 

*) Srpske narodne pesrae skupio po Srerau. B. M., Panieyo 1875, S. tili 
Man verarge mir diese dichterische Einkleidung nicht. Ich erzähle ja nv^ 
sehenes. Erlebtes. Man glaubt an das Schöne nicht gern und darum hih M| 
gleich alles Schone für Dichtung. Namentlich kreidet man es dem GeMM 
dick an, wofern er sich so weit vergisst, etwas, was er selbst gesehen« vSlM 
theilen. Nach dem Dogma der viri inkstrissimi ist der Gelehrte nur dmfc 
fremden Quark zu excer])iren, compiliren und commentiren. Das Vermoderte 
längst Verschollene, das man nie vollständig begreifen kann, gilt ihnen als i 
WerthvoIIste, denn am leichtesten lässt sich über etwas streiten, was man vM\ 
sicher weiss. Das Lebendige, Gegenwärtige, das beachten sie gar nicht ^ä' 
derlei beschreibt und zu ergründen sucht, ist ein »Literat«-, also ein oberfkir! 
lieber, unwissender Mensch. 



301 

bendige Sehnsucht morden, nicht durch bittVen Pfeil erlegen, 
ch voll die Lieb' verkosten eines zierlich schmucken Helden, 

Mich junge Walachin. 
Haupte will ich tragen einen grünen Kranz vom Oelbaum, 
Hand will ich erschauen einen goldenen Ring aus Hellas, 

Ich schöne Walachin. 
ich aber, lieber Gott, durch lebendige Sehnsucht morden, 
Gfott, verwandle mich in die schlanke Alpentanne, 

Mein sichtbarer Gott, 
honen Haare wandle in das zarte Gras des Kleefelds, 
hwarzen Augen wandle in zwei kühle, klare Quellen, 

Mein sichtbarer Gott! 
* Herr von meinem Herzen dann zu pirschen auf die Alpe, 
rasten unter dieser grünen, schlanken Alpentanne ; 

Mein geliebter Herr 
in seine Rosse füttern mit dem zarten Gras des Kleefelds, 
tränken an den beiden kühlen, klaren Quellenwassern, 

Seine schnellen Rosse.« 
zu Gott gebeten und sich Alles auch erbeten ! ^) 



i'arodne pjesme iz starijih najy. prim. zapisa, sknpio V. BogiSiö, S. 230. 
brift im Texte, beziehungsweise der alten Handschrift lautet: »Molitva 

yidovnomu Bogu.« Im Gedichte selbst, V. 5, 14 und 17, ruft das 
vidovni Boie aus. Im Anhange (Rjeönik) sagt Bogi§iö: »Aller 
inlichkeit nach bedeutet hier vidovni den christlichen Gott, den 
iden, Alleswissenden : videns et sciens omnia; doch es ist nicht 
, dass sich in diesem Worte irgend ein Element alten vorchristlichen 
Tcrbirgt. Vergl. Vuk s.v. vidovit.« Die Erklärung B.'s durch videns 
omnia, sowie der Hinweis auf Yuk^s Worte, scheint mir nicht zulässig. 
Vorterb. S. 60a. bemerkt: »vidovit, ein Kind, das im Hemdchen 
ird, heisst vidovito (diete nämlich). So ein Mann oder Weib (erzählt 
t späterhin den Vile und weiss mehr als die übrigen Menschen. Ein 
:ind.« Was bedeutet aber vidovit? Die Wörterbücher schweigen. Auf- 
bt mir eine Notiz in der Handschrift meines Freundes Tordinac. 
; nämlich vom Siebzauber und führt die Beschwörungsformel (6 Verse) 
rste Vers lautet : Ovo sito vidovito. Zum Schluss erklärt Tordinac : 
sagt man in unserem Volke, von Jemand, der Alles sieht, z. B. 
r, Geister, Erscheinungen, (daher): vidovit tiovjek (Mensch), vido- 
}.^ (Vidovit uzima se u naSem narodu i veli se o onom : Eoji sve vidi, 
tvore, prikaze; vidovit 5., v. s.) Es könnte also wohl vidovan »» 

angenommen werden. Vergleicht man aber analoge Bildungen, wie 
D *- käuflich, rukovan » handlich, so siebt man, dass Adjectiva 

Eigenschaften ausdrücken, die einem Gegenstande in Bezug auf die 
^ eines Anderen, nicht aber an und für sich zukommen. BogiSi6 ver- 



302 

Sterben oder Heiraten! Dieser Gedanke zieht sich Terktiit 
und unverhüUt durch die ganze unendlich reiche Lyrik des YolkM 
hin. Durch die Heirat wird der Mann zum Manne. Das WA 
macht ihn zum Manne, nach dem Sprichworte: 

Ne mo2e biti (!ovjek, dok ga 2ena ne okrsti. 
Es kann Einer kein Mann sein, ehe ihn nicht ein Weib getaaft. 

Erklärt wird dies durch folgende Pitalica (177): Fragten BnrsdMi 
den Priester: »Warum bekommt der Bursche den Namen »Hau« 
erst, nachdem er sich beweibt hat?« — »Darum, weil er von na 
ab jeder weltlichen Freude entsagt und alle weltlichen Leiden uf 
sich wälzt.« Was aber ein Mann ohne Weib und ein Weib ohie 
Mann sei, lehrt ein anderes Sprichwort: 

Covek bez 2ene glava bez tela a 2ena bez öoveka telo bez glave. 
Ein Mann ohne Weib ein Kopf ohne Rumpf, und ein Weib ohne Mann eil 

Rumpf ohne Kopf. 

Wandte sich die Tochter an die Mutter mit der Fnge: 
»Warum heiraten, Mütterlein, nicht auch die Mönche so wie iDi 
übrigen Menschen?« — »Weil sie keine Menschen, sondern M(^ 
sind.« (Pital. 305: ZaSto se nano i kaludjeri ne iene kao i dup 
Ijudi? — Zato §to oui nijesu Ijudi nego kaludjeri.) Das empfiiM 
wohl der Mönch. Als man nun einen Mönch fragte: »Willst Di| 
dass wir Dich beweiben?« erwiderte er: »Jede Vergewaltigong iit 
verflucht, nur diese gesegnet.« (Pit. 235: 06eg li da te oienimtt 
— Svaka sila prokleta a ta blagosovljena). 



rauthete mit Hecht im Beiworte vidovan eine heidnische Beminisceoz. Vi^t* 
van heisst nicht ^der Alles sieht und weiss«, sondern »der sichtbar ist«. Dv 
sichtbare Gott aber ist die Sonne. So ruft z. B. in einem Mirchea (Eraiiik 
Sag. u. M. der Südsl., L, S. 450) ein Mann in seiner Bedrfingniss aas: >Do S«ii 
im Osten, die du ein mächtiger Gott bist, steh* mir bei!« (Sonoe na iitokit 
jaki bog, na pomoö !) Die Sonne todtet hier, durch bittere Pfeile, wie ii i* 
griech. Mythologie Apollo. Auf die Sonne weist noch hin, dass sich das IM* 
chen mit einem Kranz vom Oelbaume bekränzt. Der Oelbaom ist der SoM 
heilig. Im Uebrigen erinnert diese Sage auch an die verwandte fniechiscbc 
Daphne und Apollo. — Im Y. 10 steht im Texte: prsten od iljade. Hier 
man unmöglich iljada mit tausend übersetzen. Das Mädchen wdnscht sickckA 
einen kostbaren Ring aus Hellas, der Heimat der besten Goldschmiede, te 
Gedicht selbst ist eine Perle in dem goldenen Ringe sfldslavischer Volkfpooit» 

Die Verse sind die sogenannten bugarstica (vergl. ob. S. 255C). 
Verse sind ungleich mit zahlreichen Auflösungen. Ich folgte darin nur ia 1^ 
schränktem Masse meinem Vorbilde. 



j 



303 

Unzweifelhaft kam es in früheren Zeiten, für die Crnagora 

es wenigstens wohl beglaubigt, öfters vor, dass Mönchen das 

uraten ausnahoisweise gestattet wurde. Man musste einer Ent- 

Ikerung des Landes vorbeugen, da in den stetigen Kämpfen 

gea die Türken die Blüthe des Landes zugrunde ging. 

In der Hercegovina und der Crnagora gibt es, nach Vröe- 
6^), eine Unzahl Familien, welche den Namen Kalugjerovi6 
iÖDchssohn) führen. Auf die Mönchssöhne spielt auch das humo- 
ilische Sprichwort an: 

— Kalugjere da te ozenimo! 

— Da je proste kad ste navalili! 

— du Mönch, wir wollen dich beweiben ! 

— Nun es sei, da ihr mich so bedränget! 

Die Ehe ist das grösste Glück oder das grösste Unglück, je 
(ihdem es sich trifft. Es fragten einmal Jünglinge einen Greis: 
elches sind die weisesten Menschen? — Jene, die sich beweiben. 
Und die Unvernünftigsten? — Jene, die sich beweiben. — Ja, 
inim denn Beide? — Der Hahn kräht: Der Eine so, der Andere 
! (Pit. 59: Koji su Ijudi najmudriji? — Oni te se 2ene. — A 
jludji? — Oni te se iene. — Ma zaSto obojica? — Kokot pjeva: 
rko-ko!) Fragte einmal ein Bursche seinen Genossen: Hast Du 
ch beweibt? — Ich nicht, noch nicht. — Glückseliger! ich 
wn. — Glückseliger! (Pit. 102: Jesi li se oienio? — Ne ja 
t. — Blago tebe ! ja jesam. — Blago tebe !) Fragten einmal 
ischen einen launigen Alten: >Wann wirst Du Dich, Väterchen, 
eder beweiben?« — »Ich hab' meine Furt durchschwömmen, 
1 schon bis ans Grab gekommen, aber Kinder, nur gemach, 
mach, Ihr erfahrt noch einst, was Ungemach ! < ^^) 

Es fragten einmal Enkel ihr Grossväterchen : »Wer und wann 
mmt Einer zu Verstand?« — »Ein junger Mensch, wenn er sich 



') Niz srpsk. prip. S. 72. Anm. Von S. 72—83 erzählt unser Gewährs- 
BB eine solche Geschichte, die sich nach der Volksüberlieferung um die Mitte 
Torigen (XVIU.) Jahrhunderts in der Hercegovina zugetragen haben soll. 
Maftig, classisch erzählt! Der hat das Volk verstanden! 

*) Pitalica 725. Ich habe sie um des Anklangs willen frei verdeutscht. 

Text: ja sam moju prosao a do groba doSao, ama neka neka, znaöete vi §to 

ceka! Wortlich: Ich habe meine (Laufbahn) durchschritten und bin bis ans 

b gekommen, aber es sei^ es sei, Ihr werdet noch erfahren (wissen), was 

r wartet! 



304 



beweibt, ein alter, wenn er stirbt.« (Pit. 1211.) Da frommt es aber 
Einem nicht viel. 

Höchste Werthschätzung des Weibes und des Ehestuid« 
findet sich neben pessimistischer Yerurtheilung des Weibes nii 
der Ehe. In einem reich entwickelten Volksleben stösst man immer 
auf scharfe Gegensätze. Dies hat der Folklorist zu beachten; dett 
nur so kann es ihm gelingen, die Wahrheit festzustellen. In meififf 
ungedruckten Sammlung Volkssprichwörter findet sich eine sUtt* 
liehe Anzahl yon derben Sprichwörtern, die sich auf die Ehe ul 
eheliche Gemeinschaft beziehen. Ich darf es nicht wagen, das eiM 
oder das andere zum Besten zu geben, weil man mir leicht da 
Vorwurf machen würde, ich suche mit Vorliebe Derbheiten tti 
Das liegt mir fern. Ich will nur eine Thatsache feststellen, olü 
Eücksicht darauf, ob es wem gefällt oder missfällt. Gefeit gega 
Angriffe bin ich, wenn ich nur solche Aussprüche anführe, die schi 
gedruckt vorliegen. Hierin lege ich mir denn auch nur geriip 
Beschränkung auf. 

Das Weib ist das billigste Ding, das man sich am leichtestei 
anschaffen kann. So fragte z. B. ein Küstenländer einen Gmogone: 
»Wahlbruder, gibt es bei Euch viele Mädchen?« — »Mehr ib 
alter Mützen und geflickter Opanken.c (Pit. 66.) Als man nun eüiei 
alten Mann fragte: »Was kann man am leichtesten finden?« tit- 
wortete der Alte: »Ein Weib und eine alte Mütze.« (Pit. 109.) 

Dabei ist das Mädchen noch ein grosses Uebel, vor dem inii 
sich in Obacht nehmen muss. Das grösste üebel ist sie aber dMk 
nicht, denn es gibt noch grössere, wie es im Sprichworte heisst: 

Boj se eure spreda, kuje od straga a popa od svakuda. 
Fürchte dich vor einem Mädchen vorne, vor einer Hundin von rud- 
wärts, vor einem Priester aber von allen Seiten. 

Wahr ist das Sprichwort: 

Mnogi se ne bi o^enio da je samo pre 2enu poznao.') 
So Mancher hätte sich nicht verheiratet, hätte er nur früher sein Wei^ 

gekannt. 

Man fragte einen jungen Menschen: »Was ist Dir denn a 
gestossen, dass Du Dich nimmer bei den heiteren Sitzungen wM 

M Srpski letopis 18GG, S. 243. Grammatisch richtiger wäre poxniTi*- 
Vielleicht ist dieses, wie so manches andere Sprichwort ans der SammlaBe *■ 
ungenannten Aufzeichners, dem Deutschen oder Magjarischen entlehnt Bii 
spricht noch ein anderer Umstand dafür. 



305 

sammenkünften blickeu lässt?« — »Hab' mich voriges Jahr ver- 
iratet.< (Pit. 1147.) Es fragte der Oheim seinen Neflfen: »Was 
Igst denn seit Weihnachten ohne ünterlass?« — »Mein Väterchen 
rd mich zu Georgi beweiben !« — »Sing', mein Söhnchen, wirst 
eh genng Zeit znm Weinen haben.« (Pit. 718.) Mädchen fragten 
I altes Mütterchen: »Woran kann man die verheirateten Burschen 
Q den unverheirateten erkennen?« — »Nichts leichter, Kinder, 
I dies! Die Ersteren tragen den Kopf hoch, die Letzteren lassen 
1 auf die Brust sinken.« (Fit. 1141.) Es fragten die Dörfler ihren 
bnlzen : »Warum hast Du so frühzeitig Deinen Sohn beweibt ?« — 
^arnit er nicht singt.« (Pit. 98.) Es fragte die Mutter ihren Sohn: 
ITas soll denn das heissen, dass Du seit einiger Zeit nicht mehr 
Igst?« — »Na, da hättest mich, bei Gott, Mütterchen, auch nicht 
ireiben sollen!« (Pit, 103.) Gar köstlich ist die sprichwörtliche 
ohnng, durch die man einen jungen übermüthigen und unbän- 
[en Menschen scherzweise einzuschüchtern sucht: 

§u§av si moj sokole, öekaj dok te o^enimo ! 
bist noch grün (unbefiedert), mein Falke, wart' nur, bis wir dich 

beweiben ! 

Derartige Aussprüche sind bei allen Völkern nachweisbar. 

In der Wahl seiner Lebensgefährtin muss man äusserst vor- 
htig sein. Man soll nicht die einzige Tochter heiraten, nach dem 
richworte : 

Koga ce Bog da kazni, da mu jedinicu za 2enu. 
m Gott strafen will, dem gibt er eine einzige Tochter zum Weibe. 

Man muss seine Lebensgefährtin aus anständigem Hause 
hien, denn: 

I za kuöe to pitat kakv e rod (bulg.). 
Man fragt auch bei einem Hunde, woher er abstammt, 

) sollte man sich nicht erst um die Abstammung des Mädchens 
undigen ! Daher räth das Sprichwort : 

Zimaj 2eno ot soj a kuöe ot kopanja (bulg.). 
im ein Weib von (gutem) Stande und einen Hund von der Schüssel 

(einen Schäferhund), 

m, wie das Sprichwort lehrt: 

Juna^ka traga junake radja. 
Heldenrasse gebärt Helden, 

l anschliessend daran : 

Craa<t, Sitte u. Gewohnheitsrecht d. SUdsl. ^ 



306 

Od loze grozd a od gnjide u§. 
Von der Rebe die Traube, von der Nisse die L . . 

Darum sagt man: 

Gledaj majku a uzmi k6er. 
Schau' dir die Mutter (gut) an und nimm die Tochter, 

denn: 

Kakva mati takva k6i. 

Wie die Mutter, so die Tochter, 



oder: 



Kako mater prede höi tke (nsl.).*) 
Wie die Mutter spinnt, so die Tochter webt. 



Und wahr bleibt immer: 

Kakva gora takva drva«^) 
Wie das Gebirg, so das Holz. 

Am gescheidtesten ist's, es befolge Einer das Sprichwort: 

Tko ho6e da se 2eni sebi ravnu neka tra2i. 
Wer sich beweiben will, soll sich seinesgleichen suchen. 

Ein Weib richtig zu beurtheilen und abzuschätzen, ist äussenl 
schwierig, denn: 

2ena ne e cviete, da go pomeriSeS i poznaeS kkvoe (bulg.). 
Das Weib ist keine Blume, dass du zu ihr riechst und ihre Art erkemiil 

Von vorneherein lässt sich fast nie sagen, ob dieses oder jesc 

Mädchen empfehlenswerth sei. Hie und da gibt es aber doch gewis 

Anzeichen dafür. So z. B. empfiehlt es sich nach dem Sprichwort« 

2ena s goljerao öelo a kon s goljem gjus (bulg.). 

Ein Weib mit grosser Stirne, ein Pferd mit grosser (breiter) Brost 

sich anzuschaffen. Vor Allem muss man sich hüten, ans Yerliebthc 
zu heiraten: 

Ne valja se samo od Ijubavi 2eniti ne mo2e se samo od Ijubavi fin 
Es ist nicht gut, nur aus Liebe zu heiraten, (denn) man kann nk 

nur von der Liebe leben. 

Man hüte sich ferner, ein schönes Weib zu nehmen, dei 

Lepa 2ena i sladko vino dva sladka otrova. 
Ein schönes Weib und süsser Wein, zwei süsse Gifte. 



') Novice rokod. 1862, S. 59. 
«) Ebd. 1863, S. 213. 



307 

Daher das Sprichwort: 

Tko lepu 2enu uzima, veliko zlo uzima. 
Wer ein schönes Weib nimmt, nimmt ein grosses Uebel, 

iD, wie ein anderes Sprichwort sagt: 

Lepa je 2ena redko poStena. 
Ein. schönes Weib ist selten ehrenhaft. 

Ein Wahlbruder fragte 'mal den anderen: »Wie hast Du nur 
50 kurzer Zeit eine solche Menge Freunde erworben ?€ — >Bei 
;t, Bruder, heirate auch Du ein junges, schönes Weib, dann 
den wir echte, rechte Brüder sein!« (Pit. 6.) Fragte 'mal ein 
lerer Wahlbruder seinen Wahlbruder: »Wie verträgst Du Dich 
Deinen Freunden?« — » Weiss t, mit den meinigen brüderlich, 
h mit den Freunden meines Weibes nach Hundesart.« (Pit. 258.) 

Deshalb räth das Sprichwort: 

Ne pitaj je li Hepa nego je li valjana. 
Frag^ nicht, ob sie schön, sondern ob sie tüchtig ist. 

Angezeigter ist's auf jeden Fall, ein — minder schönes Mäd- 
n zu freien, denn: 

Liepe kolo vode, ru2ne ku6u teku. 

Schönen führen den Reigen an, die Hässlichen erwirthschaften 

das Haus, 
i: 

Ru2na 2ena najboija gazdarica. 

Ein hässliches Weib, die beste Hausfrau. 

Im Zusammenhange damit steht das bulgarische Sprichwort: 

Zmi 2eno da tja nosi na roce. 
Nimm ein Weib, damit sie dich auf den Händen trage. 

Fragten 'mal Burschen einen alten Mann: »Ist's besser, ein 
sliches oder ein schönes Weib zu heiraten?« — »Es ist un- 
'öhnlich (unpassend, neobiöno), die Erstere im Hause zu schauen. 
Letztere aber kann man nur unter Risico halten.« (Pit. 713.) 
h schärfer drückt diesen Gedanken das Sprichwort der süd- 
arischen Serben aus: 

ma ra2nu 2enu, drugom nek se ne ruga jer mu je ruga i kod ku6e a 
ko ima lepu onaj u kolo nek ne ide jer mu je kolo i kod ku6e.^) 



') Letopis Ifatice 1876, S. 143. 

20* 



308 

Wer ein garstiges Weib hat, verspotte niemand Anderen, denn er hat deo 
Spott auch selbst daheim ; wer aber ein schönes Weib hat, der soll nicht 
zum Reigentanz gehen, denn er hat seinen Tanz auch (selbst) daheim. 

Es fragte der Neffe seinen Oheim: »Welche ist mehr werth, 
ein schönes oder ein gutes Weib?« — »Je nachdem, trifft sich aber 
beides bei Einer, dann ist's gut.« (Pit. 193.) Noch verständiger 
antwortete ein Grossvater seinem Enkel auf die Frage: »Welcher 
soll ich den Vorzug geben, einem mageren oder feisten Weibe?« 
— »So lang' sie jung ist, ist jede gut, und selbst wenn sie alt 
geworden, taugt sie noch für die Wirthschaft.« (Pit 63: Ali je 
bolja mrSava ali pretila 2ena? — Dok je mlada svaka je dobna 
i kad ostara jo§t ku6i valja.) Nicht minder zutreffend antwortete 
ein alter Mann, als man ihn fragte, ob überall die Männer ufid 
Weiber gleich seien. »Weder sind,« sagte er, »Alle, die Hosei 
tragen, Männer, noch Alle, die Schürzen tragen, Weiber.« (Nitisi 
svi oni ito ga6e nose Ijudi, ni sve 2ene koje opr^ljaCn nose. 
Pit. 145.) 

Ein älteres Yolksliedchen aus Dalmatien zählt vier gewaltige 
üebel auf, vor welchen Einen der liebe Grott immerdar bewü- 
ren möge. 

Od udate ka se prti, 

Od djevojke ka se vrti. 

Od djetiöa ki no trti, 

I od slu^be koja krti, 

Da ukloni nas Bog do smrti. ^) 
»Vor einer Verheirateten, die sich aufdonnert inv/oorokog)^ vor eiD«i 
Mädchen, das scherwenzelt, vor einem Burschen, der iagediebt, und vor 
einem Dienst (Amt), der einen aufreibt, bewahr^ uns, o Gott, l* 

zum Tode!« 

Ist die Scher wen zlerin gefährlich, so ist die Zahme, dieVe^ 
schlagene noch gefährlicher, denn vor dieser kann ein Bursche gv 
nicht genug auf der Hut sein. Man darf sich daher durch ein tSSu 
zahmes Benehmen des Mädchens auch nicht verlocken lassen, des 
das Mädchen ist, wie es im Yolksliede (aus Dalmatien) heisst: 

Dokle ti je kod majöice 

Mirnija je od ovöice. 

A kada se s mu2em sdru^i 
Od arSina jezik pru^i. '') 

*) D a n i £ i ö, Poslovice. S. 89. 
«) Ebcnd. S. 186. 



J 



309 

So lange sie bei der Mutter weilt, ist sie sanfter (ruhiger) als ein 
cbäfchen, kaum aber ist sie mit dem Manne vereint, so streckt sie 

eine ellenlange Zunge heraus.« 

)der wie es in einer Variante heisst: 

Dokle köerca s majkom stoji 
Pod kosama jezik goji. 
A kada se s mu2em sdru2i 
Od arSina jezik pru2i. 

Man fragte einen jungen Ehemann: »Ist die Zunge Deines 
Weibes auch so lang, wie die anderer Weiber P< — »Gott soll 
Euch, Brüder, sie nicht sehen, geschweige denn hören lassen!« 
(Pit. 481 : Ni vidjeti a kamo li Suti.) Es fragte der Brautmann 
seine Schwiegermutter: »Ja, was soll denn das heissen: dass Deine 
Tochter, meine Braut, kein Wörtchen spricht?« — »Bei uns ist 
«8 Mädchensitte, dass sie nur schweigen oder lernen, so lange sie 
nicht an den Mann gekommen.« (Pit. 540.) Es fragte eine Geyat- 
terin die andere: »Wie kommt es, dass Deine Tochter dort keine 
Silbe mitspricht?« — >Sie wartet, bis sie d'ran kommt. Sie ist 
i&Doch nicht einmal verlobt, geschweige denn verheiratet.« (Pit. 1029.) 
Es fragte ein Mann sein Weib: »Warum bist denn eine solche 
Eläfferin geworden, seitdem Du geheiratet?« — »Bis ich einen 
betrogen, bin ich genug stumm gewesen!« (Pit. 157: ZaSto poSto 
se Qdade postade tako lajava? — Dokle sam jednoga prevarila 
<)osta sam mu&la.) Es fragte ein Bursche seine zukünftige Schwie- 
genuQtter: »Kennt meine Braut noch welche Zunge (Sprache) ausser 
^eser einen, die man bei uns spricht?« — »Diese eine genügt 
är anch schon. Erfahren wirst es genauer, bis Du sie einmal Dir 
^getraut. Du und das ganze Dorf auch.« (Pit. 776.) Fragte der 
Schwestersohn seinen Ohm: »Weisst Du nicht vielleicht, ob es 
irgendwo in der Welt ein Mädchen ohne Zunge gibt, damit ich 
diese (einzige) Maid heirate?« — »Mein Söhnchen, so lange sie bei 
ier Mutter weilen, so lange sind sie stumm und sprachlos, aber 
B&ch der Hochzeit achten sie nicht einmal auf des Yladika (Bischof) 
Jart« (Pit. 175.) 

Es fragte ein Mann sein Weib: »Bei wessen Mutter hast 
la so bellen gelernt?« — »Bei meiner hab' ich gelernt, bei Deiner 
Dgelernt.« (Pit. 127: Kod moje sam ußila a kod tvoje priuöila.) 
ine Variante davon lautet: Es fragte ein Mann sein Weib: »Aber 
ig* mir nur, wo hast Du, Hündin, so kläffern und antworten 



310 

gelernt?« — »Bei Deiner Hündin Mutter und noieiner Stute (Mähn^ 
Schwiegermutter.« (Fit. 244: Kod tvoje kuSke matere a mojegriv 
svekrve.) 

Das yiele Reden ist für das Weib ein Lebensbedürfniss. S- 
fragte z. B. eine Schwiegermutter ihre Schnur : »Was hätt'st I> 
am liebsten auf dieser Welt?« — »Ich wollte, ich könnte mitj 
einmal nach Herzenslust ausbellen!« (Pit. 969: iSto bi najvolija m 
ovi svijet? — Da mi se izlajat kako ja ho6u.) Es sagte einmal 
ein krankes Weib zu ihrem Manne: »Schau^ doch, wie mir heute 
Früh die Zunge dick belegt ist!« — »Na, wann war sie dir denn 
rein?« (Pit. 490: Vidji, kako mi je jezik gnjusan! — A kad ti je 
bio öist?) 

Man fragte einmal einen Zigeuner: »Welche zwei üebel 
erträgst Du in Deiner Wirthschaft (Hause) am schwersten?« - 
»Ein böses (hungriges) Jahr und mein kläffendes Weib.« (Pit 164.) 
Wie mit jedem üebel, so söhnt man sich schliesslich auch mit 
der Geschwätzigkeit des Weibes aus. Man erträgt, was sich nicht 
ändern lässt. Man fragte einen verheirateten Mann : »Fürchtest Di 
Dich vor Deinem Weibe?« — »Das just nicht, doch lieb ist's mir 
nicht, wenn sie mich anbellt.« Eine Mutter verstieg sich sogtf 
zur Behauptung: Geschwätzigkeit sei von der Tüchtigkeit muer- 
trennbar. Fragte nämlich ein Brautmann seine Schwiegermutter: 
»Pflegt Deine Tochter zu bellen?« — »Ich hab' sagen gehört, to 
Eine, die nicht bellt, auch nicht tüchtig sein kann.« (Pit. — Cnb» 
sam, da koja nije lajava nije ni valjana.) 

Im Allgemeinen gilt das in zahlreichen Varianten bebuiot« 

Sprichwort : 

Dok djevojka dur djevojka, 

Kad nevjesta ba§ ni s miesta. 

»So lange sie ein Mädchen ist, als Mädchen da ginge es noch hd 

und halb an. 

Doch als junge Frau, da rührt sie sich bass nicht mehr von <iff 

Stelle. « 

Wahr ist wohl auch das Sprichwort: 

§to zlo djevojkom po gotovo nevjestom. 
Was als Mädchen nichts taugt, taugt vollends als (junge) Fraa p 

nichts. 

Im Volksliede ruft Einer, der sich nimmer auskennU pxn 
verzweifelt aus : 



311 

Liepa sliepa grda luda, jedna hudja od druge. 
Ob schön, ob blind, ob schiech^), ob toll, 
Eine schlimmer als die Andere. 

In den meisten Fällen mag das Sprichwort Becht behalten, 
^enn es sagt: 

Znaju prosioci §ta i§tu al ne znaju §ta dobijaju. 
Es wissen die Werber, was sie verlangen, doch sie wissen nicht, was sie 

bekommen. 

Es sagt ein anderes Sprichwort richtig: 

Momku je dekat a divojci öekat. ^ 
Der Bursche muss angreifen (antreiben), das Mädchen aber abwarten. 

Man suche sich die Braut daheim im Dorfe unter den Mädchen 
stos, mit welchen man aufgewachsen, die man von Kindesbeinen auf 
kennt. Man fährt dabei immer wohl, denn 

Od znana zelja glava ne boli. 
Von bekanntem Grünzeug hat man kein Kopfweh. 

Bier kann man auch des Heiratsvermittlers gut entbehren, nach 
dem Sprichworte : 

Gdje oSi vide kalauz ne trebuje. 
Wo die (eigenen) Augen sehen, da braucht es keinen Zwischenhändler. 

I^üte, die sich an diese Lehren nicht kehrten, gaben Anlass zur 
Entstehung des Sprichwortes: 

Budale se po poruci i^ene. 
Thoren beweiben sich durch Zwischenträger (durch Bestellung). 

^ncher will durchaus nicht aus seinem Dorfe heiraten, sondern 
•Ocht sein Glück auswärts. Das ist wohl sehr verdächtig. Das 
Sprichwort behauptet sogar: 

Tko se daleko o2enit ide ali privari ali privarit igte. 
*Ver sich weit ein Weib suchen geht, ist entweder ein Betrüger, oder 

trachtet, zu betrügen. 

Sonderbar ist der Volksglaube, dass es nicht gut sei, die 
tochter eines Pfarrers zu ehelichen. Eine annehmbare Erklärung 
iafür kann ich nicht geben. Ich weiss aber, dass bei den Juden 

') In der Wiener Mnndart für »abstossend, bässlich« gebräuchlich. 
*) BosUjak herceg. II. Jahrg., Nr. 8. Ohne Seitenzahlen ! ! 



ein gleiches Vorurtheil gegen Ehen mit Töchtern von Kabliinen 
und Schächtern im Schwünge ist. Als Grund gibt der praktiscke 
Jude an, solche Mädchen wären von Kindheit an gewöhnt, luf 
fremde Unkosten sonder Plage zu leben, seien daher nicht wirth- 
schaftlich, im Gegentheile träge, nachlässig und besonders klatsch- 
süchtig. Ferner, auf dem Vermögen der Kabbinen und Schächter 
ruhe ein böser Fluch. Thatsache ist, dass es unter den Schächteni 
und Priestern aller Beligionen wenig Mustermenschen gibt. Alle 
bilden ein Complott und eine Race. Ueber den berührten südslin- 
sehen Volksglauben gibt näheren Aufschluss eine bisher nirgends 
publicirte kroatische Sage (aus Varazdin) in der Handschrift 
meines verehrten Freundes Prof. Valjavec Die Sage lautet: 

>£s ist nicht gut, dass man sich mit der Tochter eisei 
Pfarrers (s popovicom) verheirate, denn die popovice sind iif 
der anderen Welt Stuten, und müssen dort die Seelen fibtf* 
fahren (prevai^ati duSe). Es waren einmal zwei Brüder, die wiiei 
sehr arm. In selbiger Pfarre lebte ein Pfarrer (plebanuS'), te 
hatte eine Tochter. Diese Tochter trug er immer und immer 
einem dieser Brüder zum Weibe an und versprach ihm, er wei^ 
immer Geld haben, so viel sein Herz nur begehren kann. Uit 
richtig heiratete der eine Bruder die Tochter des Pfarrers. HabM 
schön gelebt, ganz sorgenfrei. Auf einmal starb der Mann diaM 
Weibes, und so wurde das Weib Witwe. Der andere Bruder, to 
am Leben geblieben, ging alleweil aufs Feld hinaus, die Fn^ 
besehen. Als er einmal an einem Sommertage aufs Feld ging, trK 
sein seliger Bruder vor ihn hin und sagte zu ihm: »Hab' vor mir 
gar keine Furcht. Wenn Du aber heimkommst, wirst Dn k*i 
meinem Weibe Werber finden, doch Du wehr* ihr's nicht, sonden 
red' ihr noch zu, dass sie wieder heirate. Sie wird Dich fnf^ 
ob sie wieder heiraten soll; Du sag' d'rauf: »Nur zu. Bin damit 
einverstanden.« Sie wird Dir die Hälfte ihrer Schätze anbieto, 
doch Du nimm von ihr nicht das Geringste an. Ich erdulde vB 
schon ein ganzes Jahr hindurch in der Hölle Qualen, weil ich ein 
Pfarrerstochter geheiratet und vom Gelde eines Pfaflfen gelebt hih. 
Wenn die aber wieder verheiratet ist, bin ich erlöst.« Darauf gii| 
der selige Bruder seines Weges und der Andere heimwärts. Ali tf |.; 
nun heimkam, traf er schon die Werber bei ihr an. Sie frigte 
gleich, ob sie den Menschen nehmen soll, er d'rauf : »Ja, ja, hei- 



') Aus dem Mittel!.: plebanus. 



813 

nnr.U Sie hat sich gleich verlobt und ihm die Hälfte ihrer 
thümer angetragen. Er aber sagte, er will nichts haben, und 
) wirklich nicht das Geringste annehmen. Sie hat geheiratet 
)ein Haus verlassen. Da war auch der selige Bruder von der 
npein erlöst. 

Dass sich ein Bursche selbst eine Braut sucht, ist bei den 

n und Kroaten die Ausnahme, in der Regel besorgen die 

Q ihrem Sohne ein Weib. Hat der Bursche zufälligerweise sein 

auf ein Mädchen geworfen, das auch den Eltern zu Gesichte 

desto besser, eine Gefühlspolitik wird nicht getrieben. »Die 

einer Braut ist einzig und allein unsere Sache,« sagen die 

Q. >Was kümmert es unseren Jungen, wen, aus welchem Hause 

»reicher Sippe er heiratet? Darauf verstehen wir uns besser, 

oser Junge. Wir kennen des Mädchens Mutter, kennen deren 

andtschaft, kennen ihren Vater, wissen, wer seine Altvorderen 

>en, von alledem weiss aber unser Bürschchen gar nichts. 

1 das Mädchen nur gesund und frisch ist, das TJebrige gibt 

von selbst. € Der Sohn darf von seinen Eltern nur Eines 

m, dass sie ihn überhaupt verheiraten. In einem hercegovini- 

Volksliede macht der Sohn seinem Vater bittere Vorwürfe 

ler, dass er ihm bisher noch kein Weib verschafft hat, worauf 

der Vater zornig erwidert: 

>Sohn, o schweige, schweige und verstumme! 
Nun sind jetzt schon Jahre drei verstrichen, 
Dass für Dich nach einer Maid ich fahnde. 
Fand ich wo für Dich ein passend^ Mädchen, 
Fand ich nicht zugleich für mich auch Freunde, 
Fand ich aber wo für mich die Freunde, 
Fand sich nicht für Dich ein passend Mädchen.« 
Es fragte einmal ein heiratssüchtiger Sohn seinen Vater: 
in wirst Du mich, Väterchen (babo), denn doch endlich einmal 
ben?« — Darauf der Vater: »Dann, wenn Du einmal wissen 
was das für Kostenaufwand verursacht, Weib und Kinder zu 
ren.« (Pit. 366 : Onda kad mi znat bude§, kolko se ho6e troSka 
lu i djecu hraniti.) Den gleichen Gedanken drückt auch das 
iwort der südungarischen Serben aus: 
Najprije ku6u gradi i vinograd sadi pa onda i^enu tra2i. 
baue ein Haus und pflanze einen Weinberg, dann erst such^ 

(dir) ein Weib. 



314 

Wider den Willen der Eltern darf ein Sohn auf keinen FtU 
ein Mädchen freien. Die Kinder bringen ihren Eltern den grössten 
Gehorsam entgegen und fürchten ihren Fluch auf sich zu laden, 
wenn sie gegen ihren Willen handeln würden. Hie und da pflegen 
Eltern mit ihrem Kinde Nachsicht zu haben und lassen ihm freie 
Wahl, nur sind sie darauf bedacht, dass er ein Mädchen aus gutem 
Hause sich erwähle. Es geschieht dies auch yorsichtshalber, um 
späterhin keine Vorwürfe vom Sohne zu bekommen, sollte er mit 
seinem Weibe nicht zufrieden leben. 

Kako si prostre onako 6e spavati. 
Wie er sich bettet, so wird er schlafen, 

sagt man zur Entschuldigung seiner selbst, denn es ist Sache der 
Eltern, eine Braut zu finden. 

Bei der Wahl einer Braut sehen die Eltern zumeist auf den 
Seichthum, den Wohlstand der Familie des Mädchens. Die Auf» 
fassung von fieichthum pflegt aber bei den Kindern eine ganz 
andere als bei den Eltern zu sein. Diese leiten der Verstand and 
die Berechnung, jene bestimmt in ihrer Entscheidung das Herz, wie 
es im Sprich Worte heisst: 

Nije blago ni srebro ni zlato. 
Ve6 je blago, §to je komu drago.*) 

Weder Silber noch das Gold sind Schätze, 
Schätze sind allein die Herzensschätze. 

Auf was sieht ein eitles Mädchen, als darauf, dass sie in ein 
reiches Haus hineinheirate, damit sie ein gutes Leben führen kaniL 
Folgendes hercegovinische Volkslied ^) erzählt das traurige Geschick 



^) Wortlich : »Ein Schatz ist weder Silber noch Gold, sondern ein Sduls 
ist, was Einem (Jedem) lieb ist « Yorsichtshalber füge ich hier die Wortflba- 
setznng an, damit mir Mncker den Vorwurf nicht machen, ich hätte durch meiie 
versificirte Uebertragung im Texte das Original entstellt. Ich behaupte dig«gei. 
dass ich oben die alleinig richtige Yerdeatschung biete. Ein liebes M&dchen ist 
der grösste Schatz dieser Welt, ein wahrer Herzensschatz. Im deutschen Volkf- 
liede spricht ein solcher Schatzinhaber zu seinem Schatze: 

Mein Herz ist wie ein Kinglein 

Von eitel goldenem Glast. 

Du bist die klare Perle 

Und bist darein gefasst. 
*) Slovinac 1882, S. 24. Mitgetheilt von meinem Freunde Vakasofi^ 
Ich habe die Originalaufzeichnung vor mir. 



315 

des Mädchens, das sich durch das reiche Auftreten ihres Werbers, 
les armen Schluckers, hatte bethören lassen. Die Schlussverse 
leinen nach meinem Dafürhalten ein Sprichwort zu sein. 

mein Falke, du mein Falke! 
Sitz nicht auf dem Kirschenbaume; 
Denn sobald die Kirschen reifen, 
Fallen sie von selbst zur Erde, 
So wie junger Frauen Thränen. — 

Als Marie daheim noch weilte, 
Hat sie Jeden leicht verspottet. 
Als Marie erlangt den Hrabar, 
Da vergoss sie blut'ge Thränen. 
Zu ihr sprachen die Gespielen: 

— Dass Dich doch, Marie, der Tausend! 
Du lässt Dich ja nirgends blicken, 
Nicht im Reigen, nicht im Felde, 

Noch in Deines Vaters Heime? — 
Ihnen gab Marie zur Antwort: 

— Meine theueren Gespielen ! 
Wann das Burschlein uns besuchte, 

War das Bürschlein schmuck zu schauen, 
Schmuck sein Ross und schmuck sein Anzug. 
Doch schon nach der ersten Brautnacht, — 
Als der nächste Morgen graute, ^ 

Rief man ihn vor sein Gehöfte : 
»Gib zurück mein Ross, Du Bürschlein!« 
Rief ein Zweiter vor dem Hause: 
»0 Du trautes Bräutigämchen, 

Gib zurück mir meinen Anzug« 

Zog sich aus und stand da nackend — 

Meine theueren Gespielen! 

Lasst Euch ja durch nichts bethören! 

Besser ledig bei der Mutter, 

Als im Elend hinzuleben, 

Gattin eines Hungerleiders. 

Der Gedanke der letzten drei Verse wird im Originale blos 
roh zwei Verse ausgedrückt: 

Bolje s majkom neudata 
Neg li 2ena gladna mu2a. 



316 

Das entsprechende Sprichwort dazu lautet: 

Bolje gladovati uz majku nego uz Sojeka. 
Besser, neben der Mutter als neben dem Manne zu hungern. 

Manches Mädchen will aber um jeden Preis aus dem Hause 
fort. Daher das Sprichwort: 

Udala se moma da je nije doma. 
Das Mägdlein hat geheiratet, (nur) damit sie nicht mehr daheim weik. 

Man setzt aber immer noch hinzu (die Folge einer solchea 
unbedachten Heirat): 

Udala se i pokajala se. 
Hat geheiratet und es (bitter) bereut. 

Man fragte ein Mädchen : > Wann hast Du Vater und Mutter 
am allerliebsten?« — »Wenn ich mich nach ihnen aus des Gattes 
Heime sehne und bei ihnen in der Verwandtschaft nicht hinsitxe.« 
(Pit. 282 : Kad su ti najmiliji otac i majka ? — Kad ih iz moierljef 
doma 2elim a kod njih u rod ne gjedim.) 

Heiraten ist die Losung für junge und alte «Weiber nach des 
Sprichworte : 

Udala bi se i majka i k6i samo da ima gdje i za kirn. 
Heiraten thät' so die Mutter wie die Tochter, gab' es nur wo und w» 

Ein anderes Sprichwort stellt als unumstössliche Wahrheit 
den Satz hin: 

Udala bi se i baba od dva zuba. 
Heiraten thät' (gerne) auch ein altes Weib, das nur mehr zwei Zähoe biL 

Scheinbar widerspricht dem das Volkslied, in dem es heisst: 

Djevojka se svatovima nada 
Udovica nada i ne nada, 
Stara baba zaisto ne nada. 

>Ein Mädchen hofft auf Hochzeitsleute, eine Witwe hofft und hofft aoek 
nicht, ein altes Mütterchen hofft fürwahr nicht mehr.« 

Ausnahmsweise kann wohl auch ein altes Weib einen Maai 
bekommen, und zwar: 

Kad ne ima djevojke i babu prose. 
Wann das Mädchen nicht da ist, wirbt man auch um ein altes Weib« 

oder nach dem Volksliede: 



317 

Za nevolju babu vode 

Kad djevojke ne nahode. 
US Noth führt man ein altes Weib heim, wenn man das Mädchen 

nicht antrifft.« 
Ich übersetze mit Bewusstsein »das Mädchen«, nicht etwa 
Mn Mädchen«, denn das Sprichwort bezieht sich auf jenen be- 
ideren Fall, wenn Werber aus einem fremden Dorfe kommen, 
i ein Mädchen anzuwerben, das Mädchen aber yor ihnen Seissaus 
amt. Unverrichteter Dinge dürfen die Werber nicht heimkehren, 
HD die Schande wäre gar zu ungeheuer. Also wird von Haus zu 
lus hausiren gegangen. Da geschieht es zuweilen, dass man den 
erbern eine würdigere Person mädchenhaft aufgeputzt und tief 
rschleiert vorführt und gegen annehmbare Anzahlungen als Braut 
lässt. 

Die Eltern sind auch selbst darauf bedacht, je eher je lieber 
i Tochter auszuheiraten. So fragte z. B. ein Weib ihren Mann : 
Faram hast unsere Milica, so ein junges Wesen, jenem Witwer 
gesagt?« — >Bes8er, die Leute fragen: »wessen Weib ist das?« 
i: »wessen Tochter ist das?« (Pit. 211: ZaSto obe6a onako mJadu 
h Milieu onom udoycu? — Bolje da pitaju »öija je ono iena?« 
go »^ija je ono k6er?«) Ein kluges Mädchen weiss immer Sath. 
ägte die Mutter ihre Tochter: »Willst Du lieber einen alten 
^r reichen, oder einen jungen aber armen Mann nehmen?« — 
^h entscheide mich am liebsten für Beide, damit weder ihnen 
:^h mir ein unrecht geschehe.« (Pit. 474: 06e§ li nzeti stara 
,^ta ali mlada siromaha? — Ja najyolija obojicu, da ne bude 
?o ni njima ni mene.) 

Recht eilig hatte es eine andere heiratsföhige Tochter. Wandte 

sich an die Mutter mit der Frage: »In was für Angelegenheit 
nen gestern jene Leute her?« — »Bei Gott, mein Töchterchen, 
' haben Dich mit des Schulzen Sohn verlobt!« — »Ich frage 
ht, mit wem, sondern auf wann habt Ihr die Hochzeit verab- 
let?« (Pit. 487: Sto oni Ijudi dolaziäe juöe? — Bogme te sinke 
rismo za kne^eya sina. — Ne pitam te ja za koga nego kad 
)voriste svadbu?) Ein anderes Mädchen fragte man, weshalb 

sich denn einem alten Manne antrauen Hess. »Besser mit einem 
m Manne Brei essen, als einem ju*ngen nachweinen.« (Pit. 93: 
je je sa starijem papat no za miadijem plakat.) Dieser Aus- 
uch ist auch sonst durch das Sprichwort als Gemeingut aller 
Islaven wohl beglaubigt: 



318 

Bolje uz starca papat nego uz miada plakat. 
Besser, an der Seite eines Alten Brei essen, als neben einem jangeo 

Manne weinen. 

Einen anderen Grund gab eine Mutter ihrer Tochter an, &L^ 
diese entrüstet fragte: »Warum habt Ihr ntiich an einen älteren 
Mann ausgegeben?« — »Besser lieben die Alten als die Jungen, 
dann verbergen die Ersteren die Hörner, die Letzteren aber schauei 
viele.« (Pit. 106.) Ein charakterfestes Mädchen lässt sich aber 
durch nichts verleiten, einem Alten ihre Hand zu reichen. S« 
fragte z. B. ein alter Witwer ein Mädchen: »Willst Du mick 
Mädchen, heiraten?« — »Ich habe bei meiner Mutter sowohl eioei 
Vater als einen Gross vater, da brauch' ich Dich nicht, c (Pit. 1010: 
Ali me djevojko uzet? — Ja imam u majke i oca i djeda, ne 
trebaä mi ti.) 

Es ist eine grosse Thorheit, wenn ein alter Mann um eil 
junges Mädchen wirbt. Das Sprichwort sagt mit Bezug darauf: 

Kad ho6e Bog budalu a on da staru öoveku mladu 2enu. 
Wenn Gott einen Thoren haben will, so gibt er einem alten Manne eil 

junges Weib, 

denn nach dem Sprichworte: 

Sgodan za i^enidbu starac ko uätrojen jarac. 
Passt ein alter Mann für die Heirat wie ein castrirter Ziegenbod; 

(dazu taugt). 
Darum ist 

Mlada 2ena u stara mu2a ob dan 2ena ob noc udovica. 
Ein junges Weib bei einem alten Manne Tags Frau, Nachts Witwe. 

In Folge dessen behauptet das Sprichwort: 

Mio mladoj i^eni star mu2 ko buva a uvu. 

Ein junges Weib hat einen alten Mann (gerade) so lieb wie einen Fkk 

im Ohr. 
Daher : 

U starca 2ena mlada bieda gotova. 

Ein junges Weib bei einem Alten — vollendeter Jammer. 

oder wie die slavonische *) Variante dieses Sprichwortes sagt : 

U starca mlada '2ena gotovo zlo. 
Ein junges Weib bei einem Alten — vollendetes Uebel (Unheil). 



') Stojanov, posl. S. 224. 



319 

üebrigens ist nicht jeder ältere Mann auch ein alter, ab- 
iebter Mann. Mancher hat sich recht wohl erhalten. So heisst es 
einem herrlichen Wettgesange der Hirten i^) 

Erster Hirte: 

Bumbul poje u dubravi öuo sam ga ja: 
Da star moi^e bolje Ijubit nego miada dva. 

Singt im Hain die Nachtigall, ich hörte selbst sie an: 
Dass ein Alter besser minnen als zwei Burschen kann. 

Das glaubt der Wettsänger nicht; schlagfertig gibt er ihm 
r Antwort : 

Toliko ti Bog pomogo i danasnji dan, 
Kolik mogu i tri starca kao jedan mlad. 

GVad so viel soll Gott Dir helfen und der heutige Tag, 
Können drei der Alten so viel, als ein Bursch allein. 

Eine Hirtin hört diese Zwei derart streiten und, obwohl noch 
lg und unerfahren, gibt auch sie ihre Meinung ab, nein, nicht 
e Meinung, sondern des Vögleins, des Waldsängers, den sie im 
birge belauscht. Buft sie nicht den zwei Hirten zu: 

Pjevala tica pjevica: 
— Ma §to 6e starcu djevica? 
U starca kosti groho6u, 
Brzo 6e starac pod ploöu. 

Es sang ein Sänger, ein Vöglein : 
— Was soll einem Alten ein Mägdlein? 
Es klappert dem Alten sein Gebein, 
Bald muss der Alte ins Grab hinein.^) 

Zuweilen behält der erste Hirte doch Recht, aber auch die 
lin behält Recht. Dann ist das Elend unausweichlich. Die Kinder 
sen des Vaters Thorheit, nach dem Sprich worte: 

ü starca oca sirotna djeca. 
Eines alten Vaters Kinder — Waisenkinder, 

• wie man im Volksliede singt (sprichwörtlich):" 



') Wiederholt von Vröeviö mitgetheilt, z. B. im Niz, S. 322 f., in den 
dn- pj. VI. 

«) Eine wortgetrene üebersetzung der zwei letzteren Verse s. oben, 
>, Z- 7 und 8. 



Kratke glavnje gotovi ugarci. 

Pozna djeca gotove sirote. 
Kurze Scheiter — ausgemachtes Feuer. 
Späte' Kinder — ausgemachte *) Waisen. 



Wie bei jeder wichtigeren Yeranlassong, wird auch beider 
Wahl einer Braut Familienrath abgehalten. In Gegenden, wo die 1 
Hausgemeinschaft noch aufrecht erhalten ist , muss sogar iB .| 
Familienrathe beschlossen werden, ob man einen Burschen flber- 
haupt yerheiraten soll. Becht anschaulich, mit dramatischer Leb- 
haftigkeit, wird eine solche Berathung in einem Märchen geschildert, 
das sich im ersten Bande meiner südslavischen Sagen nnd Märchea 
findet, S. 136 f. Im Zbornik von Bogi§i6 wird yon mehreren Beriebi- 
erstattern aus den verschiedensten Gegenden fast mit denselbei 
Worten, wie in jenem Märchen, die Art und Weise der Beratlio^ 
beschrieben. 

Ein Mädchen hat womöglich noch weniger Qber die Annahn« 
einer Werbung zu entscheiden, als der Bursche. Wenn sie dennoek 
bei der Werbung gefragt wird, so ist dies nnr eine leere Form- 
sache, an der der sQdslavische Bauer festhält. Es ist oft Udtft 
komisch, erzählt Yröev 16, wenn sich Brautleute zum ersten Mik 
bei der Trauung in der Kirche sehen. Man merkt es ihnen gloiA 
auf den ersten Blick an, ob sie an einander Ge&llen finden.^ 

Man billigt indessen nicht immer ein solches YorgebeB if 
Eltern, denn die Ehen auf solche Weise zusammengekoppelter Le^^ 
pflegen nicht die besten zu sein. Bei den Siovenen nnd in BnlgtiMi! 
verlangt der Sohn sogar, dass er vorerst seine ihm bestimmte Bitft^ 
näher kennen lerne, denn sonst sagt er: 

Kojto je iskal, njeka ga vodi. 

Wer um sie geworben, mag sie auch heimführen, 
oder: 

Kojto go izbiral, njeka mu se radva. 

Wer sie ausgesucht, mag ihrer auch froh werden. 

^) Es ist ausgemacht, bestimmt, gewiss, dass sie Waisen sind. !>«■ 
slavischen gotov entspricht das deutsche »ausgemacht«, im Sinne tod »beendig 
»abgeschlossen« vollständig. Wer mich aber auszumachen bereit ist, weil ick 
von einem « ausgemach teu'^ Feuer spreche, mache es lieber besser and die Sscki 
ist au>gemacht. Thatsache ist, dass man mundartlich f&r »das Feuer ist te^ 
löscht zu sagen pflegt: »das Feuer ist ausgemacht«. 

^ Bei BogiSiö im Zbornik, S. 197. 



Iv.-* -I 



321 

In den genannten Gegenden geht, wie bemerkt, der Bursche 
t auf Brautscbau. Für die Slovenen bezeugen diesen Brauch die 
vorliegenden Aufzeichnungen des Prof. Valjavec. Den bul- 
»chen Brauch bestätigen uns ausser den angeführten Volkssprich- 
ern auch Volkslieder, z. B. folgendes ^) in welchem die Mutter 
m Sohne weise Bathschläge ertheilt, auf was er bei der Braut- 
u sein Augenmerk zu richten habe. Eine Variante desselben 
es aus Slayonien theilen wir an einer anderen Stelle dieses 
des mit. Das Lied lautet: 

Morgen wollen früh wir auf den Weg uns machen, 
Durchs Gebirg ins Dorf hin zu der Maid gelangen. 
Doch nun horch\ o Söhnlein, was ich dir wUl sagen: 
Hut' dich, wenn du eintrittst in der Maid Gehöfte, 
Viel darauf zu schauen, ob das Haus auch gross ist, 
Sondern schau, o Söhnlein, ob es rein gefegt ist ; 
Schau nicht dVauf, ob Kisten sind der Maid zu eigen. 
Nicht auf Kränz' und Kleider und gestickte Aermel, 
Nicht mehr werth ist derlei als einige Groschen. 
Schau du, ob Verstand wohl ist der Maid zu eigen; 
Denn, mein Söhnchen, derlei ist ein gross' Besitzthum, 
Ist ein gross' Besitzthum unschätzbaren Werthes. 

Bei den Hercegovcen, Crnogorcen und z. T. auch in Serbien, 
las Verhältniss der Kinder ihren Eltern gegenüber das der voll- 
ligen Abhängigkeit ist, haben die Eltern freie Hand. Bei der 
bong muss man natürlich bei den Eltern und Brüdern des 
;hen8 anfragen. Wir führen bei Schilderung der hercegovinischen 
)ung ein Lied an, das darauf Bezug nimmt, und wollen hier 

ein bulgarisches mittheilen: 

Kostadin's Mutter geht aus dem Hause, 

Geht aus dem Hause, sucht eine Schnur sich. 

Suchte gar lange, bis sie begegnet 

Einer, die Blumen pflückte und Sträusschen. 

— Mägdlein, was soll dies Sträusschen von Blumen? 
Ist's für den Liebsten oder für Dich nur? 

— 0, fremde Mutter, hab' keinen Liebsten, 
Pflücke für mich nur, dass es mir dufte. 



») Milad. Big. n. p. Nr. 328, S. 390. 

Eoss« Sitte n. Gewohnhtitsrecht d. SQdsl. 21 



322 

— Wolltest Du, Mägdlein, dass ich Dich nehme, 
Nehm' für mein Söhnlein, Kostadin mein' ich? 
Lieblichen Garten nennt er sein eigen, 
Blumen besitzt er, dass sie ihm duften. 

— 0, fremde Mutter, frag' nicht bei mir an, 
Hab' einen Vater, frag' Dich bei ihm an. 
Hab' eine Mutter, frag' Dich bei ihr an, 
Geben sie aus mich, folg' ich zur Stelle.^) 

Auf jeden Fall pflegt man sich genau vorerst umzusehen, ^^^ 
man um eiu Mädchen wirbt, und da zieht man häufig ein bekanntes 
Mädchen, wenn sie auch nicht das beste ist, einem unbekannten 
Yor, das Einem angepriesen wird. Daher das Sprichwort: 

Bolje je znano sa manom nego neznano s hvalom. 
Besser, Bekanntes mit Fehler, als Unbekanntes mit Anpreisung. 

Oft werden zwei Menschen für ihr ganzes Leben aneinander- 
gekettet, die zu einander wie eine Faust aufs Auge passen. Die 
Familienoberhäupter hatten die Angelegenheit unter sich ausge- 
macht, ohne den Hauptpersonen irgend etwas dayon früher ancii 
nur angedeutet zu haben, bis zu dem Augenblicke, wo man sie 
in die Sache einweihen musste, d. h. kurz vor der Yerlobong 
(pred prsten). Trifft es sich, dass eine solche Ehe dennoch glfiek- 
lieh wird, so schreiben es die Eheleute ihrem kindlichen Gehor- 
sam zu, der ihnen des lieben Gottes Segen verschafft: ist die 
Ehe unglücklich, so ist*s auch Gottes Wille: »für ihre schweres 
Vergebene müssen sie nun dieses Unglück ertragen. 

Wenn durch die Selbstsucht der Eltern ein Liebespaar getrenot 
wird, so hören diese ihr Lebelang nicht auf, Klage zu f&hren. 
Auch das geringfügigste Ungemach, das ihnen späterhin inst^i 
wird dem Umstand zugeschrieben , dass sich Liebe zu Liebe 
nicht gesellt. Daher die grässlichen Flüche und VerwünschuDgeo. 
herabbeschworen nicht blos auf das Haupt der unseligen ElterB, 
sondern auf Jedermanns, der seine Hand dazu geboten, dass die 
liebeleere Ehe eingegangen werden musste. 

Auf der Aue irrt ein Mägdlein, 
Ringt verzweiflungsvoll die Hände, 
Grause Thränen in den Augen. 

') Milad. Big. n. p., Nr. 327, S. 390. 



323 

Grässlich flucht sie ihrer Mutter : 
>Mutter, du alte Hexe, 
Warum hast du mich dem Manne 
Meiner Liebe nicht gegeben!« 

Tödte, Gott, die alte Mutter, 
Die mich gab dem Ungeliebten, 
Tödte, Gott, so Jung' wie Alte, 
Welche Lieb' von Lieb' entzweiten. 
Air mein Silber liegt bei Fremdem, 
Air mein Gold, es liegt bei Fremdem, 
Ach, mein Gold, das nützt ein Fremder! 

klingt die Bitte des Mädchens in folgendem Liede: 

Rösslein gras't auf thauig grüner Weide, 
Gras't ein Weilchen, läng're Weile lauscht es. 
Was das Mädchen bittend spricht zur Mutter: 
»Gib mich, Mutter, nicht dem Ungeliebten ; 
Lieber will ich mit dem Herzensfreunde 
In den Wald geh'n, mich von Weissdorn nähren, 
Wasser mir mit einem Blatte schöpfen. 
Auf den kalten Stein mein Haupt hinlegen. 
Als in Schlössern mit dem Ungeliebten 
Zucker essen und auf Seide schlafen !c i) 

gendes : 

Durch den Hof eilt hin das Mägdlein Helene, 

Händeringend eilt das Mägdlein Helene, 

Ringt die Hände und beschwört ihr Mütterchen : 

»0 Erzeugerin, alte Zaubererin! 

Was verheiratest Du mich in die Fremde? 

So in die Fremde, in fremde Lande? 

Fremde Lande, o elende Bande! 

Fremde Leute, gemülhlose Leute!«') 

ch nicht jedes Mädchen begnügt sich, zu klagen; davon 
i anderes Lied (bei Livadi6, a. a. 0., S. 85 f.): 



V'uk I, 310, Deutsch von Talvy. 
Livadiö. Bosanj^ice, S. 9. 



21* 



324 

Auf die reife Frucht ist Schnee gefallen, 
Gott, gib, was Jedem mag gefallen. 
Auch was mir, dem Mägdlein, hat gefallen. 
Doch, was mir gefallt, das wehrt die Sippe, 
Die mich gegen meines Herzens Triebe, 
Einem Manne gibt, den ich nicht liebe. 
Meiner Treu! ich zieh' zu ihm alleine! 
Nicht die Thür' will hinter mir ich schliessen, 
Schmach und Leid verhundertfacht sie treffe! 

Ein anderes Mädchen (eine Bulgarin) erfährt Ton einer Fre 
din die Nachricht, dass sie von ihrer Mutter eben verlobt wer 
sei, an einen wildfremden Mann, in ein fremdes Dorf, in ein reic 
Haus hinein. Die Freundin meint wohl, die Freundin freudig 
tiberraschen, doch Sistana, so heisst diese, bricht in grimmige Flu 
aus, sie wird ja von ihrem Liebsten getrennt. 

Ristana, Mägdlein Ristana! 

Wusstest Du, Mägdlein, wusstest Du, 

Mütterchen hat Dich schon verlobt 

In ein gewaltig grosses Dorf. 

In ein gar reiches Haus hinein. 

Einem gar jungen Burschen noch. 

— »Wüst wollt' ich schauen dieses Dorf! 

Feuer verzehre dieses Haus! 

Treffe ein Schuss den Burschen gleich!« ^) 

In einem andern, vielfach bekannten Liede schreibt 
Mädchen an den Geliebten und fragt ihn, warum er so l&oge k 
Lebenszeichen von sich gibt. Sie erschöpft sich in manehei 
Vermuthungen und fragt schliesslich voll banger Ahnung, ob 
nicht gar geheiratet. Der Geliebte schreibt ihr Antwort : 

.... musste eine Andre freien. 
Fluch' ihr, Liebste, auch ich will ihr fluchen. 
Was an Wäsche sie sich hat erworben, 
Soll in Elend sie nach Dir zerreissen. 
Was im Leben Wasser sie getrunken, 
Soll in Thränen sie bei mir vergiessen! 



») Milad. big. n. p. S. 403, Nr. 262. 
•) Bosanski prijatelj, III, S. 110. 



325 

ie Eltern, als die Erfahreneren, können sich selten dazu ver- 
ihrem Einde gegen ihren Yortheil nachzugeben. Wo man 
scheut, da hilft List über die Klippe hinweg. Ein bosnisch- 
es Volkslied erzählt, wie klug ein Vater auf seines Sohnes 
ircht baute und durch ein einfaches Mittel das erreichte, 
iges Zureden schwerlich hätte bewirken können : 

In Jedrene '), sudlicher als Belgrad, 

Eine Perl' erwuchs, die Sultanstochter. 

Um sie warb des Sultans Schatzbewahrer, 

Warb für seinen jungen Sohn Mujezin. 

Nicht gefiel Mujezin dieses Bräutchen. 

Und da rieth der Vater seinem Sohne: 

»Geh', wohlan, mein Sohn, auf uns'ren Marktplatz, 

Sammle dort an dreimal hundert Löhner, 

Und bewirth' sie bis zum Abenddunkel, 

Lies Gebete bis zum Morgengrauen. 

Sieh', ob dann Du liebgewinnst das Goldkind.« 

Es befolgte seinen Rath Mujezin, 

Und togleich gewann er lieb das Goldkind. 

iten wagt es bei den Sudslaven der Sohn, sich offen gegen 
Itern aufzulehnen. Heilige Ehrfurcht yor den Eltern wird 
idern yon frühester Jugend durch Beispiel und Sitte einge- 
Was keine Macht der Erde bewirken könnte, das vermag 
rt der« Mutter über ihren Sohn. Sie beschwört ihn bei ihren 
rüsten, an welchen er gesäugt, und er folgt, mag ihm selbst 
rz darüber brechen. Die Heirat aus Zwang ist einer der 
sten Vorwürfe im südslavischen Volksliede. Wir greifen ein 

heraus, das fast in jeder Sammlung durch eine Variante 
n ist. Die vorliegende Fassung^) erscheint uns als die 

abgerundetste. Ivo liebte Aennchen, doch die Mutter führte 
t Gewalt Mara aus Visoko (in Bosnien) zu. Aus der Art 
mführung der Braut ohne vorangehende kirchliche Trauung 
man, dass der Sänger ein slavischer Mahomedaner gewesen, 
lellt auch aus einigen Wendungen, die den Mahomedaner 
jrisiren. 



Jedrene, türkisch für Adrianopel. 

Hrratske narodne pjesme i pripoviedke iz Bosne sknpio N. Tordinac. 
1883, S. 7 — 12. Der Gewährsmann ist ein Schüler Tordinac's, Namens 
rn , der das Lied von seiner alten Mutter gelernt hat, die aas Bistrice 
ercegovina nach Slavonien eingewandert ist. 



326 



Weh* erfahren Ivo und sein Aennchen. 
Ivo hat die Schmerzen schon verwunden, 
Doch sein Aennchen kränkelt fort noch immer. 
Ivo kommt zum Aennchen unters Fenster, 

— mein Aennchen, Sehkraft meiner Augen! 
Wurdest Du die Krankheit überstehen, 
Brächt' ich überseeische Heilungsmittel, 
Kauft' ich Wohlgerüche um Ducaten? 

— mein Ivo, Sehkraft meiner Augen, 
Kauf nicht Wohlgerüche um Ducaten, 
Bring nicht überseeische Heilungsmittel. 
Sieh den Ausschlag mir am weissen Halse, 
Sieh die Striemen unterm Armgelenke. 
Nein, die Krankheit übersteh' ich nimmer. 
Also sprachen Beide zu einander. 
Unterbrach sie Ivo's alte Mutter. 

— Lass' doch, Ivo, fahren Mädchen Aennchen, 
Hab' Dir eine schön're Maid gefunden. 

Schöner, schmücker ist sie wohl als Aennchen. — 
Wenig kümmert's und bekümmert's Ivo. 
Hochzeitsleute sammelt Ivo's Mutter; 
Hochzeitsleute aus allen vier Welten, 
Führte heim als Braut Marie, das Mädchen. 
Siehe da, zwei kleine Dienerinnen. 

— Komm', Ivo, heb' die Maid vom Pferde. 
Komm', Ivo, Deine Mutter sagt es. 

— Trollt Euch fort, zwei kleine Dienerinnen. 
Denn mein Schlachtschwert ist nach Blut begierig. 
Komm' hinab ich, schlag' ich Euch den Kopf ab. - 
Eilten fort die kleinen Dienerinnen, 

Siehe da, es naht des Ivo Oheim : 

— Komm', Ivo, heb die Maid vom Pferde. 
Komm', Ivo, Deine Mutter sagt es. 

— Troll' Dich fort, o Du mein lieber Oheim ; 
Denn mein Schlachtschwert ist nach Blut begierig. 
Komm' hinab ich, schlag' ich Dir den Kopf ab. — 
Fort enteilte Ivo's lieber Oheim. 

Siehe da, das Schwesternpaar des Ivo. 

— Komm', Ivo, heb die Maid vom Pferde. 
Komm', Ivo, Deine Mutter sagt es. — 



327 



Doch 68 sprach das junge Bürschlein Ivo: 

— Troirt Euch fort, Ihr meine lieben Schwestern, 
Denn mein Schlachtschwert ist nach Blut begierig. 
Komm' hinab ich, schlag' ich Euch den Kopf ab. — 
Fort enteilten beide Schwestern Ivo's. 

Siehe da, des Ivo Mutter selber. 

Zog heraus die blendend weissen Brüste: 

Komm', o Ivo, dass ich Dir nicht fluche. 

Komm', o Ivo, heb die Maid vom Pferde. 

Wenig kümmert's und bekümmert's Ivo. 

Bitt're Thränen weinte Ivo's Mutter. 

Fort von da enteilte Ivo's Mutter. 

Da nun sprach zu ihm das Mädchen Aennchen: 

— Geh doch, Ivo, heb die Maid vom Pferde. 
Denn sonst sagt wohl Deine liebe Mutter: 

»Er kam' gleich, doch wehrt es ihm das Aennchen.« 

Und er ging zu seinem stolzen Heime, 

Und vom Pferde hob er gleich das Mädchen. 

Als es dunkel wurde, nach dem Nachtmahl, 

Führte man sie in die Oberstuben. 

Ivo sitzt auf seinem weichen Polster, 

Und Marie auf ihrer Heiratskiste. 

Ivo nahm die sadefli ') dargija. 

Leise schlägt er an und singt begleitend. 

Wiederholt nach jedem Satze einzeln: 

— »Jetzo spricht mein vielgeliebtes Aennchen 
»Jetzo hebt Mariechens Schleier Ivo.« 

»Nein, o Aennchen, so sollst Du mir leben, 
So sollst Du die Krankheit überstehen.« 
Wieder schlägt er an und singt begleitend. 
Und nach jedem Satze singt er wieder: 
» Jetzo spricht mein vielgeliebtes Aennchen : 
»Jetzo herzt Mariechens Antlitz Ivo.« 
Nein, o Aennchen, so sollst Du mir leben, 
So sollst Du die Krankheit überstehen. — 
Hurtig springt nun auf vom Sitze Ivo. 
Hebt Mariechen vom Gesicht den Schleier 
Und beschwört sie mit furchtbaren Schwüren : 



>) Mit Perlmutter besetzt; das stete Beiwort der Sargija. 



328 



— Bis zum Tagesanbruch sprich kein WörtcKen. 
Mag den Brüdern nicht die Lust verleiden, 
Nicht die Freude am Gewehrgeknatter. 

Mag den Schwestern nicht dib Lust verleiden, 
Mögen tanzen bis zum Morgengrauen. 
Sollst mir grussen meine liebe Mutter. 
Soll aus Ahornholz mir Bretter zimmern, 
Eine Tragbahr' aus dem Stamm des Jammers. 
Sollen mir den Braunen waschen, striegeln, 
Den mein Aennchen mir hat grossgezogen. — 
Und er zückt das wohlbeschlag'ne Messer, 
Stösst sich's tief hinein ins junge Herze. 
Als ein neuer Tag am Morgen graute. 
Morgen graute und die Sonn' erschienen. 
Sprach vergnügt zu Allen Ivo's Mutter: 

— »Mühsam zwangen wir zum Brautbett Ivo, 
Wer verlässt das Brautbett gar nicht? — Ivo, 
Traun! hat der Mariechen liebgewonnen!« — 
Was durchzuckt den Sinn der Mutter Ivo's! 
Dass sie plötzlich läuft zur Oberstube? 

In die Thüre stösst sie mit den Füssen, 
Es zerbarst in Stücke vier die Thüre. 
Bis zum Knie versank in Blut die Mutter: 

— Hündin, Auswurf, Mara aus Visoko! 
Was verbrachst Du mir an meinem Ivo! 

— Sei gescheidt, mir nicht beschied'ne Mutter ! 
Weil Du ihm ein unheb' Mädchen brachtest, 
Weil Du ihm sein Aennchen nicht gebracht hast, 
Sass die ganze Nacht am Polster Ivo, 

Und ich, Aermste, sass auf meiner Kiste. 
Spielt die Nacht hindurch auf der Sargija. 
Leise schlägt er an und singt begleitend ; 
Wiederholt nach jedem Satze einzeln: 
»Jetzo spricht mein vielgeliebtes Aennchen: 
Jetzo hebt Mariechens Schleier Ivo. 
Nein, o Aennchen, so sollst Du mir leben, 
So sollst Du die Krankheit überstehen. 
Jetzo spricht mein vielgeliebtes Aennchen: 
Jetzo herzt Mariechens Antlitz Ivo. 
Nein, o Aennchen, so sollst Du mir leben. 



329 



So sollst Du die Krankheit überstehen. 

Hurtig sprang nun Ivo auf vom Sitze, 

Hob mir ab vom Antlitz meinen Schleier, 

Und beschwor mich mit furchtbaren Schwüren: 

Dass ich bis zum Tag kein Wörtchen spreche, 

Soll den Brüdern nicht die Lust verleiden. 

Nicht die Freude am Gewehrgeknatter. 

Soll den Schwestern nicht die Lust verleiden. 

Mögen tanzen bis zum Morgengrauen. 

Sollst mir grüssen meine liebe Mutter, 

Soll aus Ahomholz mir Bretter zimmern. 

Eine Tragbahr' aus dem Stamm des Jammers. 

Sollen mir den Braunen waschen, striegeln, 

Den mein Aennchen mir hat grossgezogen.« — 

Also that sie kund der Mutter Ivo's, 

Was bei Nacht ihr Ivo hat gesprochen. 

Und es griff Mariechen in die Tasche, 

Zog heraus ihr wohlbeschlag'nes Messer: 

— »Ich bin schuld daran, ich will's auch büssen!« — 

Stiess sich tief ins Herz hinein das Messer. 

Fort von da enteilte Ivo's Mutter, 

Sprach zu den geschmückten Hochzeitsleuten, 

Die nun junge Todtengräber wurden: 

>Dort liegt todt mein Ivo auf der Warte, 

Ivo todt — auf seinem Polster liegt er. 

Todt Marie — auf ihrer Kiste liegt sie!« 

Zwei Leichname werden aufgebahret. 

Zwei Leichname trägt man da zusammen. 

Als sie dem Gehöft des Aennchens nahten, 

Nimmt von fern' sie wahr das Mädchen Aennchen. 

Und sie ruft zu ihrer theu'ren Mutter: 

— »Sieh', o Mutter, übergrosses Wunder! 
Mühsam zwang man Ivo in das Brautbett, 

Und nun eilt er früh' schon zu der Schwieger!« 
Doch es spricht zum Aennchen ihre Mutter: 

— Sei gescheidt doch, mein geliebtes Aennchen, 
Dort trägt man ja Ivo auf den Friedhof. — 
Blickt' die Mutter an ihr Kind, das Aennchen, 
Weh', das Aennchen hauchte aus die Seele. 
Fing zu rufen an die Mutter Aennchens: 



330 

— »Warf ein Weilchen, Zug der Todtengräber ! 
Ganze Nacht hindurch starb ab mein Aennchen, 
Nun ist ganz mein Aennchen abgestorben.« 
Und es hielt der Zug der Todtengräber, 
Bis die Mutter Aennchen ausgerüstet. 
* Drei Leichname sind's in einer Reihe, 
Gräber drei man gräbt in einer Reihe, 
Eines ist das Grab des Mädchens Aennchen, 
In der Mitte liegt das Burschlein Ivo. 
Aus dem Aennchen spross hervor ein Röschen, 
Aus dem Ivo eine Rebenranke. 
Rankte sich die Rebe um das Röschen, 
So wie einst es that um Aennchen Ivo. 
Aus Marie entspross ein Basilikum, 
Wie's entsprossen, ist es auch geblieben. 

Nicht jede Mutter ist wie Ivo's Mutter unerbittlich. In ein 
Volksliedchen *) klagt der Sohn der Mutter sein Liebesweh. I 
Mutter flucht dem Mädchen, der Sohn wendet Schlag auf Seh 
jeden Fluch zum Segen. Zu guter Letzt spricht die Matter < 
erlösende Wort. Dafür wünscht ihr der Sohn alles Glück. 

— Weh', Mutter, trag' ich nach dem Mägdlein! 

— mein Sohn, nach was für einem Mägdlein? 

— Meine Mutter, nach der schönen Jela! 

— mein Sohn, es trag' sie fort ein Wasser! 

— Meine Mutter, her in meine Nähe! 

— mein Sohn, dass sie doch Wölfe frässen! 

— Mutter mein, mit meinen weissen Zähnen! 

— mein Sohn, sie soll sich Dir erhängen! 

— Meine Mutter, mir am weissen Halse! 

— mein Sohn, o wollt' sie doch ersticken! 

— Meine Mutter, nur an Käs' und Fladen! 

— mein Sohn, sie werd' entfuhrt von Türken! 

— Mutter mein, von stolzen Hochzeitsgästen! 

— mein Sohn, sie sei Dir denn beschieden! 

— Mutter mein, auch Dir sei Glück beschieden ! 

^) Srf>ske narodne pesme. veöinom ih u Slavoniji saknpio Gjorgj« i 
k V i 6. Novi Sad 1869 S. 25, Nr. 35. 



XVII. 

Heiratsbedingungen. 

) Lebensalter, in welchem man heiratet. — Die Reihenfolge, 
h welcher Verwandte und Geschwister heiraten. — Ehehinder- 
te. — Zeitraum zwischen Verlobung und Hochzeit. — Literatur 
Ober Hochzeltsgebräuche. — Das Hochzeitslied. 

Im Allgemeinen heiraten Mädchen nach zurückgelegtem sech- 

Qten Lebensjahre, »wann die Brüste zu schwellen beginnen«, 

-sehen, wann ihnen der erste Flaum spriesst, zwischen dem 17. 

[ 25. Jahre. Man fragte ein altes Mütterchen: »Wie schätzen 

i die Mädchen selber nach den Jahren ab?« — »Vom 14. bis 

sprechen sie : ich wäre genug gut für den Sultan, yom 16. bis 

für den Vezir, vom 18. bis 20. aber: es sei, wer's immer sei, 

sei nur ein männlich' Haupt.« (Fit. 376: Kako djevojke same 

B po godinama cijene? — Od 14 — 16 govore: valjala bi za 

ana, od 16 — 18 za vezira a od 18 — 20 ko je da je nek je samo 

^ka glava.) Noch schärfer sprach sich ein anderes Mütterchen 

, als man sie fragte: »Mit wieviel Jahren ist ein Mädchen 

-atsfähig?« — »Sobald sie sich selbst einen Dom aus der Ferse 

iuszuziehen vermag.« (Fit. 110: Onda kad sama sebi mo2e izva- 

draSu iz pete.) 

Das thatsächliche Yerbältniss zwischen Bursche und Mädchen 

i aber durch das Sprichwort angegeben, welches dem Vater räth: 

2eni sina kad hoce§ a k6er udaj kad mo2e§. 
eib' den Sohn, wann du willst, die Tochter aber gib aus, wann 

du kannst. 

Allgemeinen sagt das Sprichwort über das heiratsreife Alter 
Burschen : 



332 

U kojima se Ijetim moie sabija pasati u onim i 2eniti. 
In dem Alter (in den Jahren), in welchen man sich einen Säbel umgorta 
kann, im selben kann man auch sich beweiben. 

Auf jeden Fall ist es angezeigt, sich frühzeitig zu beweiben, den 
nach dem Sprichworte: 

Tko rano ru(Sa i rano se o2eni ne kaje se. 
Wer zeitlich frühstückt und früh' sich beweibt, trägt keine Reue. 

Ferner ist ja die Zeit der Pubertät sehr gefährlich für Andere, dii 
sich schon beweibt haben, daher das Sprichwort: 

Tko se mlad o^eni, rano ruöa, drugu sramote ne {3ini. ^) 
Wer sich jung beweibt, früh frühstückt, thut seinem Genossen koM 

Schande an. 

Erwägt man dieses genau, so versteht man auch den eistei 
Theil der pessimistischen Antwort jenes alten Mannes, den an 
fragte: »Welche Zwei sind die Glücklichsten?« — »Jener, fa 
sich früh, und Jener, der sich nie beweibt hat.« (Pit. 104: K9 
SU dvojica najsretniji? — Oni te se rano o2enio i oni te se ly 
nikad o^enio.) 

In jenen Gebieten, die zur österreichisch-ungarischen Ero* 
gehören, ebenso in der Crnagora, in Serbien und in der nenesUij 
Zeit in Bulgarien, ist die Möglichkeit einer frühzeitigen yeikHJ 
ratung eines Burschen durch die Militärpflicht wesentlich beschriilL 
Früher kam es häufig vor, so lange es durch staatliche OeMti 
nicht verboten war, dass schon fünfzehnjährige Burschen von ikrflj 
Eltern verheiratet wurden. Es sind vorwiegend NQtzlichkeil 
die den südslavischen Bauer dazu bestimmten, so früh für 
Sohn ein Weib zu suchen. Entweder handelte es sich danim, 
neue Arbeitskraft dem Hause zuzuführen, in welchem Falle 
Mädchen in der Begel um einige Jahre älter sein mnsste als 
Bursche, oder man wollte sein Ansehen und seinen Einflnss di 
eine Verbindung mit einer mächtigen und reichen Sippe stirkt 
und vergrössern. Wenn ferner in einer Sippe ein fremdes Eheptf;»! 
die einen Sohn haben, weilt, so trachten sie, je eher je lieber eiül 
Schnur zu gewinnen, um ihre Stellung im Hause zu befestig^»} 
Zuweilen kam es vor, dass man ein zehnjähriges Mädchen hei0*| 

*) Danißiö. Posl. 132. Offenbar sind hier zwei Sprichwörter n ä_. 
verbunden. Die Worte rano ruöa gehören gar nicht in den Satz hinein, sie «■•' 
überflüssig und sinnstörend. 



383 

rt«, doch sah man strenge darauf, dass sie Tor ihrer Reife mit 
em Manne das Lager nicht theilte. Ilii^ wetteit gegen den sla- 
düchen Brauch, dass man einem uoreifen Barschen ein völlig 
(gereiftes Mädchen anhüngt. ') Wenn der Manu in seinen besten 
tiren steht, ist sein Weib schon eine alte Mutter (baba), die ihm 
Big Vergnügen mehr bereiten kann. Nun räche sich die Habsucht 
■ Eltern an ihrem Sohne. Suäak berichtet, in der Crnagora 
(ten ehedem die Burschen erst mit fünfundzwanzig bis dreissig 
liren zu heiraten gepflegt, weil mau 9ie bis dahin für unreif 
)lt. In Serbien kommt es häufig vor, dass mau einem Burschen 
Ihzeitig ein Weib sucht, falls die Männer im Hause ausgestorben 
id und man nicht will, dass das Haus ohne Oberhaupt sei. Der 
[entliche Herr im Hause ist dann doch das ältere Weib. Im 
irgosovacer Kreise in Serbien findet ein Bursche, der das einund- 
luiiigste Lebensjahr zurückgelegt hat, mag er sonst ganz tadellos 
Id. nicht leicht ein Mädchen, das ihn heiraten mOchte; denn er 
t Bchon als aller Mann. Er muss nun zufrieden sein, wenn er 
fe Witwe bekommt. Früher, als das angrenzende Gebiet noch 
ter türkischer Botmässigkeit stand, mochte er sich wohl von 
rt ein Mädchen holen. ^) 

' In der Regel sieht man darauf, dass die Braut jünger sei ' 
I in Bräutigam. Ein Mädchen, daü das fünfundzwansigste Lebens- 
tr xnrStkgelegt bat, muss sich mit einem Witwer begnügen. In 
bsko und Foljansko iu Bulgarien pSegt die Braut gewöhnlich um 
■t bis zehn Jahre älter als der Bursche zu sein. Er ist fünfzehn, 
I fbofandzwanzig bis dreissig Jahre alt. Der Vater des Mädchens 
It seine Tochter nicht eher aus, als bis sie ihm sein >Brod 
Krdient* oder >ausbezahlt< (hljeb izplatila). Der Vater des 
Incfaen sucht wieder seinerseits eine Schwiegertochter zu erwer* 
I, die schon ausgereift und jeder Arbeit gewachsen ist, die schon 
I ihrem Eltemhause bewiesen hat, was sie leisten kann.') Ein 
iHf beiflgliches Sprichwort lautet: 

Zmni ieno da tja nosi na rOce. 
Nimm ein Weib, damit sie dich auf den Händen ir^. 

la Bosnien, in derUmgegend von Sarajevo, heiraten die Mädchen 
*ierx«hn bis zwanzig Jahren. Bei den Moslimen werden oft 

•) Vntl. Endak aber Kroatieu (Zagorje). im Zbornik bei Bogiiü 

r. in daudbe von dtn Eronten berichtet. 
■) JoTanoTie. ebend.. S. 154 f. 
•f Od*«koT, ebend., S. 155. 



334 

kleine Kinder verlobt. Von einem zweiundzwanzigjährigen MädcheD 
sagt man, sie sei »halb abgestanden« (pozastala), von einem f&iiP 
undzwanzigjährigen, sie sei »in die Länge gezogen« u. s. w. Bnr- 
sehen heiraten vom 20. bis 26. Jahre. Nach zurückgelegtem 30. Jahn 
pflegt man nicht mehr zu heiraten, obgleich mitunter noch älter» 
Männer eine Frau heimfuhren. Junggesellen sind keine Seltoh 
heit.^) In der Crnagora und der Hercegovina ist es die grOntt 
Schande, Junggeselle zu sein. 



In einer Hausgemeinschaft, in der mehrere Familien vereinigt 
sind, achtet man darauf, dass nicht eine Familie auf Unkosten te 
anderen zu viel ihrer Mitglieder ausheirate, denn die Hauptkoet« 
einer Hochzeit trägt die Gemeinschaft ; dann könnte auch leieM 
eine Familie durch einen grossen Zuwachs an Mitgliedern das üeber* 
gewicht über die anderen erlangen. Dies muss verhütet werden. 
Ein ordentlicher Bursche kann, wenn er will — ein Zwang bestekt 
nicht — schon mit achtzehn Jahren heiraten, während man einen 
verlotterten Gesellen nicht einmal mit dreissig Jahren zur Heint 
zulässt. £s ist eine unumstössliche Satzung des Gewohnheitsrechtei^ 
dass jüngere Geschwister vor den älteren nicht heiraten dürfen, b 
Bosnien ist es sogar fester Brauch, dass der Bruder nicht vor te 
Schwestern heiratet, falls er nicht um ein Erhebliches älter ib 
diese ist.*) Wenn ein jüngeres Kind vor einem älteren heirtten| 
will, so muss es erst des älteren Bruders oder der älteren SchwesUr, 
Erlaubniss dazu haben. In der Gegend von Tatar Paiardiik if I 
Bulgarien darf eine jüngere Schwester nicht heiraten, wenn ikr| 
älterer Bruder noch nicht verheiratet ist, selbst wenn er bis 
dreissigsten Lebensjahre Junggeselle bleibt. Wenn ein Fami 
mitglied, ehe die Beihenfolge zu heiraten an dasselbe kommt^ 
Wissermassen auf eigene Faust heiratet, so macht es sich verh 
aller seiner Ansprüche auf das Familienvermögen. Die stuÜickMl 
Gesetze nehmen freilich auf dieses Gewohnheitsrecht keine BfldE-{ 
sieht. Wenn daher Jemand, der auf die angegebene Weise vei 
wurde, vor Gericht Klage führt, ziehen die Hausleute den Efli 

Die Beihenfolge kann und darf nur in folgenden Fällen ül 
Sprüngen werden: 1. Wenn die ältere Schwester oder der ili 
Bruder mit einem schweren geistigen oder körperlichen \Ai 

^) Had2iristi6 im Zbornik bei BogiSiö. 
») Hadiiristiö, ebend., S. 97. 



335 

baftet ist, das die Möglichkeit einer Yerheiratimg von vorneherein 
sschb'esst; 2. wenn der ältere Bruder in den Priesterstand ge- 
eten ist; 3. wenn der oder die Aeltere die besondere Erlaubniss 
18 welch' immer für einem Grunde gibt. 

In Oegenden, wo es viele Mädchen gibt, z. B. im kroatischen 
LÜstenlande, nimmt man Umgang von der Begel : »In derselben 
leihenfolge, in welcher die Kinder zur Welt gekommen, müssen 
ie anch heiraten,« denn man ist froh, wenn man seine Tochter 
Nüd an den Mann bringt. Man sagt: »Bis zu ihrem zwanzigsten 
fahre magst du deine Tochter ausgeben an wen du willst, nach 
iam zwanzigsten an wen du kannst, damit den jüngeren Ge- 
diwistern die Aussicht nicht benommen wird.« Die Mädchen 
ttraten im Grunde genommen, sobald sich ein rechter Werber 
iistellt. 

Im Sprichwort: 

PriSekaj seko mene je red. 
Warte, Schwesterchen, an mir ist die Reihe. 

Femer : 

Redom se radja a redom 2eni i udava. 
^ Reihe nach wird man geboren, der Reihe nach heiraten Burschen 

und Mädchen. 

Balgarische Sprichwörter bestätigen diese kroatische und ser- 
ftehe Bechtsanschanung : 

Kakto sja rodilo taka nek se 2eni na ried. 
im man geboren worden, so soll man der Reihe nach auch heiraten. 

Dagegen lautet in üebereinstimmung mit dem, was wir zuvor 
^ den eigenmächtigen Heiraten mancher Bulgaren gesagt, ein 
Schwort : 

hio tja öjakah da sja rodiS, ne ima da tja (^jakam, da sja o2eni§. 
tkm ich auch auf deine Geburt wartete, so wart' ich doch um keinen 

Preis auf deine Verheiratung. 

Ein kroatisch-serbisches Sprichwort sucht eine Entschuldigung 
fibr, dass die jüngere Schwester vor der älteren nicht heiraten 
tf. Es heisst: 

Nije starija kriva §to je mladja 2iva. 
I Aeltere trägt keine Schuld daran, dass eine Jüngere am Leben ist. 

In Serbien wäre es für einen domaöin die grösste Schmach, 
er es duldete, dass eine jüngere Schwester vor einer älteren 



336 

heirate. Man glaubt nämlich nicht mit Unrecht, dass die jüngere 
in diesem Falle das Lebensglück der älteren Schwester zerstöre. 
Es fände sich nicht leicht ein Werber für die ältere Schwester, 
man sagt, an der ist gewiss irgend ein arger Fehler, entweder ist 
sie zügellos oder sie trägt ein geheimes körperliches Gebrechei, 
dass sie nicht vor den jüngeren Schwestern einen Mann bekomme 
konnte. 

Witwer heiraten, wenn sich ihnen eine günstige Oelegenbot 
dazu bietet. Nebenbei sei bemerkt, dass in der Crnagora and te 
Hercegovina, wenn mehrere heiratsfähige Leute in einem Hu» 
sind, nicht etwa in einem Jahre zwei Hochzeiten gefeiert werta, 
auch nicht gleich im folgenden, sondern dass immer einige Jakn 
zwischen der Verheiratung der Einzelnen yerfliessen mflssd, ä 
man bei den grossen Auslagen, die man bei einer Hochseit micki 
muss, durch mehrere aufeinanderfolgende Heiraten den Wohlitii'j 
des Hauses vernichten würde. 



Die Ehehindernisse sind verschiedener Art: 

1. Impotenz oder sonst ein schweres körperliches Gebreekii 
z. B. ein Bruch, Blindheit, stinkender Athem u. s. w. Verstindtf^j 
schwäche bildet aber ausnahmsweise kein Ehehin derniss, d. h. K 
der Mann darf schwachsinnig sein. Solche Burschen sind not^ 
umständen sogar eine sehr gesuchte Waare. Mir sind einige dtf^j 
artige Fälle erinnerlich. 

In zwei Fällen hat unser Herr Stuhlrichter in Poiegi 
Slavonien — ich gedenke dieses würdigen Mannes noch 
einmal — aus freien Stücken die Hochzeitsspesen gedeckt Es 
wohl ein sehr guter Mensch. In einem dritten Falle war der 
Ober-Steuereinnehmer so wohlthätig, wenngleich er ein Hans 
Kinder hatte. Der Bräutigam fühlte sich höchlich geschmei( 
ob dieser grossen Huld. Die Braut war wirklich sehr schön. 

2. Blutsverwandtschaft (krv, rodstvo, svojat) bis 
achten, in der Hercegovina bis zum neunten Grade. (K&eh 
Eirchenrechte.) Mütterliche Verwandtschaft bis zum vierten 
Eine nahe Verwandte zu ehelichen, gilt als Sünde and 
Wenn sich dergleichen in einem Dorfe ereignet, berichtet Htri 
noviö (aus Makarska), so fällt die Schande auf das ganze ft 
Kommt ein solcher Dörfler in ein anderes Dorf, so fragt miB 
sarkastisch : 



337 

Jesi li ti otud, gdje se rodjaci med sobom 2ene? 
Bist du von da, wo Blutsverwandte untereinander heiraten ? 

Kommt so ein Fall in einem Hause vor, so kann es ferner 
in Glück und Gedeihen mehr haben (ne mo2e imati beriöeta) 
d wird früher oder später ausgewurzelt. Trifft es sich, dass ein 
ind aus einer Verwandtenehe verkrüppelt ist, so wird dies als 
1 Fluch für den Frevel betrachtet. Dies sind selbstverständlich 
Qschauuiigen, die durch die Kirche ins Volk gedrungen. Die 
igehörigkeit zu ein und demselben bratstvo (bratstvenigtvo) 
Idete ehemals, wie schon am Anfange dieses Werkes erwähnt 
orde, ein Ehehinderniss. Gegenwärtig ist man in dieser Hinsicht 
eniger ängstlich. Die Bulgaren scheinen besonders wenig auf derlei 
L halten. Im vorigen Capitel citirte ich ein darauf bezüg- 
ehes Sprichwort, das aus dem Volksliede herübergenommen 
Orden. Das Lied findet sich bei den Miladinovci, S. 397, 
r. 347. In später Nacht kommt der Bruder etwas angeheitert hoch 
L Bosse vor das Fenster seiner Schwester (eigentlich der Cousine) 
id begehrt Einlass. Die Schwester erhebt natürlich Bedenken, er 
)er zählt eine ganze Beihe möglicher und unmöglicher Dinge auf 
id pfropft darauf den logisch anfechtbaren Schluss, sie dürfe ihm 
meweiters Einlass gewähren, denn: 

Hubava moma rod nejma. 
Ein schmuckes Mägdlein hat keine Blutsanverwandtschaft. 

Wie die Geschichte ausgetragen worden, wird nicht weiter 
lählt Zaharijev meldet, man halte sich an die Kirchen- 
Tschrifben, OdSakov bestätigt dies, fügt aber hinzu, dass die 
tadiken selbst in Fällen näherer Verwandtschaft Dispens ertheilen 
tenen (ali vladike mogu dispenzirati i u bliSemu srodstvu, Zb. 205). 
tar gutes Geld kann ein Vladika Alles. Darauf bezieht sich das 
)richwort : 

U kurve i popa za skupe novce piSiva roba. 
n einer H . . . und einem Priester (bekommt man) um theueres Geld 

schofle (schimmelige) Waare. 

3. Bildet ein Ehehinderniss das Yerhältniss zwischen Adoptiv- 
lem und Adoptivkindern. Yergl. Capitel »Adoption«. 

4. Gevatterschaft, zumal die Pathenschaft ; in manchen Ge- 
aden auch Brautführerschaft. Vergl. Capitel »Gevatterschaftc. 

5. Wahlbruderschaft. Vergl. das gleichnamige Capitel. 

KrAott, sau n. GewohnheiUrecht d. SOdsl. 22 



338 

6. Beligioüsverschiedenheit. Darin erblicken blos Priester ein 
Ehehinderniss. Das Volk denkt anders. Belege dafür bietet das 
Volkslied genug. Die Moslimen erblickten nie ein Hindemiss in 
der Glaubensyerschiedenheit, wenn ihnen ein schmuckes Christen- 
mädchen gefiel. Bedauerlich ist es aber, dass sowohl die katholischeo 
als auch die altgläubigen Priester gegen Ehen sind, wo die eine 
Partei der einen, die andere der anderen Secte angehört. DmA 
diesen Widerstand von Seiten der Kirche wird nur zu sehr das 
Volk, welches doch eine und dieselbe Sprache spricht und aod 
sonst in jeder Hinsicht ethnographisch eins ist, in zwei feiDdJidu 
Lager gespalten. Hüben und drüben wird stark gesündigt. Eise 
strammere Zucht der Priester wäre ein Segen für die Ejroaten Bri 
Serben. Es gäbe dann nicht mehr so zahlreiche wilde Ehen ui 
Bastarde (polutani). Zuweilen kommt es wohl auch vor, dissdie 
Braut zur Secte ihres Bräutigams übertritt (prevjeri se). Du 
Qegentheil ist unerhört. 



Eine bestimmte Frist, die zwischen Verlobung and Hoclueit 
eintreten müsste, ist nirgends durch Gewohnheit festgesetzt Hu 
richtet sich lediglich nach den Umständen, durch welche die Ho^ 
zeit bedingt ist. Beide Parteien trachten, so bald als möglich fii 
Sache durch die Trauung des Paares abzuschliessen, erstens, fd 
man sich nicht so sehr der Gefahr aussetzt, dass die Brant oltf 
der .Bräutigam durch Verleumdungen böser Zungen entzweit wenitfi 
was immer bittere Feindschaften zur Folge hat ; zweitens empfi^ 
sich eine baldige Verheiratung wegen der Auslagen, die den Eitert 
des Bräutigams dadurch erwachsen, dass sie jede Woche die Bra< 
besuchen und mit Geschenken fortwährend überhäufen müssen, ^*v| 
in der Umgegend von Bagusa pflegt das Mädchen zwei bis iii\ 
Jahre im Brautstande zu bleiben. Man sagt aber im Sprichwoiv:] 

Duga vjera pasja ^jera. 
Lange Treue, Hundeslreue. *) 

Vjera bedeutet nämlich sowohl Treue als Verlobung, wi-^ wirl 
in der Einleitung bemerkten. Es können verschiedene Gründe s^itj 
weshalb eine Hochzeit auf lange Zeit hinaus vertagt wird: Krak- 
heit, Militärpflicht, oder der Bräutigam zieht in die Welt fort « 
Geld zu verdienen. In einem Volksliede heisst es : 

*) Der Hund gilt als der Inbegriff von Untreue und Kichtswtoii?k«i'. 



339 

Unterm Ringe ') blieb daheim das Mägdlein, 
»Weisst, Elias, du mein Herz im Busen! 
Nun sind jetzt der Jahre drei verstrichen, 
Dass wir Treu' einander zugeschworen. 
Doch mir ward von dir noch keine Kunde, 
Keine Kunde über dein Verbleiben.« 

Nur in StroSinci in Syrmien findet, nach Andri6*s Zeugniss, 
ie Hochzeit unmittelbar nach der Verlobung statt. Durchschnitt- 
ich kann man für die Südslayen annehmen, dass man die Hoch- 
eit nicht länger hinausschiebt, als bis man die nöthigen Vorbe- 
sitangen getroffen hat. Durchschnittlich verstreichen demnach 
wei bis zwöIfWochen bis zur Trauung. Die Hochzeit wird gewöhn- 
ch im Spätherbst gefeiert. Im Spätherbst ist die Fechsung einge- 
racht, das Obst, besonders die Zwetschken, sind an die Brannt- 
€inbrenner verkauft. Geld und mit dem Gelde froher Lebensmuth 
at ins Land und unter die Leute Einzug gehalten, und was die 
[eiratslust noch besonders steigert, der junge Wein hat schon bis 
ahin ausgegohren. Wein ist ja die Hauptsache bei einer Hochzeit. 

Ein bulgarisches Mädchen klagt ihrem Verlobten ihren 
chmerz, weil er sie so lange nicht heimführt. Der Aermste ver- 
döstet sie, so gut er kann, auf den Herbst; nach der Weinlese 
ill er sein Versprechen einlösen: 

»Argafan, Du holder, lieber Wahlverwandter, 

Jahre drei verflossen, seit Du mich geworben, 

Und Dein Trauring wuchs schon an den Finger an mir. 

Und Dein Kranz, der wuchs schon an die Stirne an mir.« 

— »Wart', o Mägdlein, warte, harre aus und warte. 

Wart', o Mägdlein, warte bis der Sommer da ist, 

Bis ich sammle, Mägdlein, ein die Fechsung, Theure! 

Bis ich fülle, Mägdlein, all' die grossen Scheuern, 

Kommt der Herbst dann, Mägdlein, werd' ich heim Dich führen, 

Bis ich einlös', Mägdlein, viele Trauben, Theure ! 

Bis ich fülle, Mägdlein, uns're grossen Fässer, 

Zur Bewirthung, Mägdlein, uns'rer Hochzeitsleute!« ^) 

Auf den Brauch des Heiratens im Herbste spielt folgendes 
>lkslied gleichfalls an: 



») Gemeint ist selbstverständlich der Verlobungsring. 
«) Big. n. p . S. 482, Nr. 566. 



22* 



340 

Auf dem Berge ruhte Abenddunkel, 
Und im Hause war kein Tropfen Wasser. 
Und ich nahm die goldbereiften SchäfTel, 
Ging da hintern Berg, mir Wasser holen, 
Traf am Wasser meinen trauten Liebsten: 
»Theurer, Seele, wann feierst Du Hochzeit?« 
— »Nur mit Dir, o Lieb', mit Dir im Herbste!« 

In einem anderen Yolksliede spricht der Bursche no 

Mädchen : 

Meni sablja i marama 

Tebi dugo ogledalo. 

Ogledaj se do jeseni 

jeseni hajde k meni. ^) 

Mir der Säbel und das Tuchel, 
Dir, o Seele (hier), der Spiegel, 
Spiegle d'rein dich bis zum Herbste, 
Komme dann zu mir im Herbste. 

Die Hochzeiten finden statt zu Martini (so in Kroatien bK 
in der Regel), um die Allerheiligen herum, zu Weihnachten ^ 
in der Fastenzeit. Hochzeiten im Frühjahre gehören zn den Seltd- 
heiten. Man betrachtet sie gewöhnlich mit misstrauischea Aiqia 
und wittert gleich etwas Besonderes dahinter, z. B. dass sichdit 
Braut in gesegneten Umständen befinde. 

Ein bosnisches Sprichwort sagt: 

Pramaljetna mlada i jesensko §tene na jednoj su mjeri. 
Eine Braut im Frühjahre und ein junger Hund im Herbste halten tfk 

die Wagschale, 

d. h. : sie sind gleichviel werth. Weder an der Braut, noch an deftj 
jungen Hunde ist ein Segen; beide taugen zu nichts. Es finfM 
ein Wahlbruder den Anderen: »Was gab's, dass Du Dich nicfc 
beweibt hast?« — >Im vorigen Herbste hatte ich keine Zeitjet*] 
im Frühjahre heiratet (paart sich) aber nur das Eselgezflcht.« (K| 
1036 : Sto bi te se ne oXeni ? — ProSle jeseni nemah kid t ^ 
se u proleöe 2ene magarad.) Wörtlich ist dies nicht zu nehmcti 
denn es kommen auch viele Hochzeiten zu Ostern und zu PHff] 
und Pauli vor. In Steiermark und unter den Kaj - Kroaten, ' 



^) Letopis matice erpske 1880, S. 88. 



341 



ch deutsche Sitte slayisches Voiksthum stark zersetzt worden, 
en die meisten Hochzeiten im Fasching statt. ^) 



Literatur Ober Hochzeitsgebräuche. 

Wenn wir anderswo über Mangel an Quellen klagen, so haben 
' in diesem besonderen Falle einen wahren üeberfluss an Schil- 
QDgen, so dass wir selbst dem wissbegierigsten Fragesteller nach 
er Bichtung hin ausreichende Auskunft geben können. Es liegt 
r ein so reichhaltiges, gedrucktes und ungedrucktes Material 
', dass ich sonder Mühe nur über Hochzeitsgebräuche vier Bände 
Umfange des vorliegenden schreiben könnte. Wenn je das Volks- 
ichwort : 

Svako selo ima svoj zakon (obiSaj). 

Jedes Dorf hat seinen eigenen (Rechts-) Brauch 

rifft, so diesmal gewiss. Es wäre für die ethnographische For- 
ung wohl von grossem Nutzen, wenn für jedes Dorf nicht 
s die Hochzeitsgebräuche, sondern überhaupt alles zur Yolks- 
ide Gehörige gewissenhaft aufgezeichnet würde. fVergl, die darauf 
üglichen Bemerkungen im Vorworte zum II. Bd. der S. M. d. 
Isl.) Doch darauf kommt es uns und kann es uns unmöglich in 
Sern Werke ankommen. Wir müssen das Charakteristische ganzer 
)iete zusammenfassen. Unsere Quellen sind meist derart zuver- 
üg und ausführlich, dass es wohl den Anschein gewinnen könnte, 
würde genügt haben, die eine oder andere Schilderung abzu- 
reiben. Vom ethnographischen Standpunkte wäre dies ein grosser 
;hum. Die einzelnen Darstellungen unserer Berichterstatter ver- 
tan sich zu einander ergänzend und berichtigend. Lassen wir 

von fünf Menschen, die ein und dasselbe Schauspiel zu ver- 
iedenen Zeiten, von verschiedenen Darstellern aufgeführt, mit- 
esehen haben, den Gang des Stückes erzählen, so werden wir 
Erfahrung machen, dass der Eine diese, der Andere jene Scene 

mehr Aufmerksamkeit verfolgt und demgemäss seinem Ge- 
litnisse eingeprägt hat. Zudem werden wir noch den Umstand 
letracht ziehen müssen, dass der Eine der Aufführung auf einer 
Stadtbühne, der Andere im Burgtheater, wo man über die 
hsten Ausstattungsmittel und die vorzüglichsten Kräfte verfügt, 



^) Ljudi se ieniju najviSe okolo falenka. Valjavec in der Handschrift, 
tht aas Vakovci- 



342 

beizuwohnen Gelegenheit gehabt. Es leuchtet ein, auf welche Weiw 
wir uns nach den vorliegenden Berichten zu verhalten haben. 

üeber die neuslovenischen Hochzeitsgebräuche in 
Steiermark, Krain und Kärnten ist fast nichts ?on Belang 
zu vermelden. Gerade aus den Hochzeitsgebräuchen in diesen 6^ 
genden ersieht man die überaus gewaltigen Fortschritte der 6er- 
manisirung. Es klingt fast unglaublich, selbst die slavischen Be- 
zeichnungen der Würdenträger bei einer Hochzeit sind deutscha 
Benennungen gewichen. Hier lernen wir die »Kranceljung- 
fray« und den »brautfirerj« kennen. Das Hochzeitsgeleite heisst 
»kompanija«, der Imbiss »fruStik«. Das Hochzeitslied, welches 
noch in Stanko Yraz's Sammlung (Narodne p^sni ilirske, kcje 
se p^vaju po Stajerskoj,, koruSkoj 'i zapadnoj strani ügarske, 
Zgb. 1839) und auch in der Sammlung yon Blaznik (1839 bii 
1844) durch einige schöne Stücke vertreten ist, scheint gegen- 
wärtig fast ganz vergessen zu sein. Ich habe vor mir die neoeste 
Publication über slovenische Hochzeitsgebräuche : 2enitne ali stK- 
bine navade in napitnice z godöevskim katekizmom iz slore^ 
bistriäke okolice na Stajerskem. Zapisal Lovro StepiSniL 
Maribor 1884. S. 52. Der Verfasser ist ein einfacher Müller, 
welcher der Schriftsprache kaum mächtig ist. Er schreibt die Volb- 
sprache. Das ist das einzige Werthyolle daran. Die Schildenuf 
selbst ist nichtssagend, die zweiundzwanzig Lieder sind keine Volb- 
lieder, sondern Kunstdichtungen — mit Verlaub — von zweifelhafte» 
Werthe, die sich aber trotzdem eingebürgert zu haben schein* 
Auch die übrige einschlägige Literatur der Neuslovenen bietet niett 
viel Besseres. Z. B. Zenitnine Slovencov na Erasu. Spisal Frin 
Bunc. In den Novice rokodelske in obertniSke von Blei weiss. 
1856. S. 26—7 (3 Spalten). Ferner von Koloman Male«: 
obiöaji gtajerskih Slovencov pri snubljenji in svatbah. Novice 1851 
(XIV. Jahrg.) S. 14, 15, 18, 19, 23, 24, 25. (Vielleicht das Beste.) 
Von Janez Zurman in den Novice 1859: Narodne §ege Sto* 
jerskih Slovenov : 2enitvovanje okoli Rogatca na Stajerskem. (S. Ä» 
21, 29, 30.) (Vergl. Novice 1853. S. 138 a und Kolo, flanciö 
literaturu usw. Von Stanko Vraz. I. Heft.) — In der Hin4- 
Schrift Prof. Valjavec's sind unter Anderem auch die Hochieit»- 
gebrauche der Slovenen im Murlande beschrieben. Ich muss miek 
darauf beschränken, kurz nur die Werbung und Verlobung unter 
den Slovenen zu schildern, denn die eigentliche Hochzeit bielK 
nichts sonst Erwähnenswerthes, da sie in der Kneipe ihren Abschln» 



J 



343 

idet. Zeugen dafür sind meine Quellen. S t e p i g n i k a. a. 0., S. 20 : 
io sTatje pridejo iz cerkve gredo po navadi najrajSi v kako 
Itarijo na genkyajn.« (Wenn die Hochzeitsleute die Kirche ver- 
ssen, begeben sie sich nach Brauch am Liebsten in eine 
ineipe zum Schenkwein.) 2urman a. a. 0., S. 29: grejo 
a ¥ a d n v kako gostionico (sie begeben sich gewöhnlich in irgend 
m Gasthaus); Mulec a. a. 0.: putem se podajo vsi svatje v bli2njo 
ostionico (auf dem Wege verfügen sich alle Hochzeitsgäste ins 
äcbste Gasthaus); Prof. Yaljavec in der Hdschft..: »Bogati se 
'Ozijo a sirmaSni grejo pe§. Gda so 2e blizo doma ne grejo y 
iasik jest ampak v bli2jo kr^mo.« (Die Beichen pflegen zu fahren, 
lie Armen aber gehen zu Fuss u. s. w.) — Für die ältere Zeit 
bietet einiges, wenngleich wenig Zuverlässiges der IL Bd. von 
»SeideTs Wanderungen« und das Werkchen eines ungenannten, 
»Die illyrischen Provinzen«, Wien 1812, 8. Beide Bücher hat Bo- 
giSiö vorzugsweise in seiner Abhandlung im Enjii^evnik heran- 
gezogen. 

üeber kroatische Hochzeitsgebräuche liegt mir ausser den 
Berichten im Zbornik eine stattliche Literatur vor. Es existirt 
sogar ein besonderes, ungemein viel versprechendes, aber blutwenig 
kältendes Büchlein über kroatische Hochzeitsgebräuche. Der Ver- 
fasser ist ein oberflächlicher Mensch, ohne jegliche Vorbereitung für 
^ine derartige Arbeit. Der Titel des Büchleins lautet: Prilozi kulturnoj 

• 

i pravnoj poviesti Hrvata. Uredjuje Ante Pukler. Knjiga prva i 
2eoitbeni obi&iji i svatovske pjesme u Hrvata. Sakupio, uredio i 
Udao A. P. (Beiträge zur Cultur- und Kechtsgeschichte der Kroaten. 
Bedigirt (!!!) A. P. L B. — Die Hochzeitsgebräuche und Hochzeits- 
Ueder bei den Kroaten. Gesammelt (!?), geordnet (?) und heraus- 
gegeben von A. P., Agr. 1882, S. 166.) Es genügte zur Charak- 
ttfisining seines ethnographischen Standpunktes der Hinweis, dass 
^r die Bosnier, Hercegovcen und sogar die Crnagorcen unter die 
Kroaten rechnet. Seine Aufgabe vermeinte P. in der Weise am 
besten zu lösen, indem er theils aus dem Zbornik, theils aus anderen 
Bachern einzelne Aufsätze herausschnitt und aneinander reihte. 
Grewiss hat auch eine Zusammenstellung eines weit zerstreuten 
kiterials einen grossen Werth, nur muss die Arbeit gewissenhaft 
rorgenommen werden. Das hat P. aber zu thun versäumt. Ja, er gibt 
licht einmal seine Quellen genau ersichtlich an und führt in der 
«genannten Einleitung sogar Bücher an, die er gewiss nicht vor 
ich gehabt oder zum Mindesten nicht benützt hat. Ich würde diesem 



344 

Herrn gewiss keine Zeile widmen, wäre er nicht leider Gottes in 
meiner Heimat als Fenstereinschlager und Krawallmacher eine 
Persönlichkeit von Bedeutung geworden. 

üeber die Hochzeitsgebräuche der eigentlichen Kroaten fasse 
ich mich nur kurz, um Wiederholungen zu vermeiden. Ich benützt« 
vorzugsweise die Berichte im Zbornik. Aus der grossen Liientur 
führe ich aber nur noch folgende beachtenswerthe Aufsätze u: 
Pirni obiöaji u hrvatskom primorju okrog Bakra. In den NoTice 
1858, S. 27 f. — Pirni obißaji u Lici. In der Danica 1845. 
S. 140, 142—144, 145, 147, von A. V. Bastavöi^. Femer habe 
ich vor mir in der Handschrift Prof. Valjavec's Schilderungen 
aus Yukovci, Bakovce bei St. Ivan, aus Nedeljanci, w 
Jurketinec, aus Yarazdin, aus Yara^dinske toplice, 
aus Bisag und aus dem Zagorje. 

üeber die Hochzeitsgebräuche der südungarischen Slaven geben 
uns hinreichenden Aufschluss die Yolksliedersammlungen von Fni 
Kurelac: Jaöke ili uarodne p^sme prostoga i neprostoga pnb 
hrvatskoga po 2upah Soprunskoj, mo^onjskoj i 2el6znoj na Ugrik. 
Agr. 1871, und die auf S. 155, Anm., erwähnte Sammlung Boi- 
koviö's, welcher 34 Hochzeitslieder mittheilt. Von Kukuljevi<: 
P^sme Ivana K.-Sakcinskoga. S dodatkom narodnih p^samah pob 
härvatskoga. ^) Agr. 1847. An und für sich sind alle diese Liedtf 
bei unserer Darstellung belanglos. Ihr sachlicher Werth besteW 
hauptsächlich darin, dass sie anderweitig gut beglaubigten BivaA 
bestätigen. Unsere Hauptaufmerksamkeit richteten wir anf die 
Darstellung der Hochzeitsgebräuche in Bosnien, Slavonien, D^ 
matien, der Crnagora, Hercegovina, Serbien und Bulgarien. 

Eine Hauptquelle über bosnische Hochzeitsgebräuche ftf 
mir der Aufsatz eines nicht Genannten in Pukler's Büchlein, S.JI 
bis 63. Manches bot J u k i 6 im Bosanski prijatelj (vier Jahrgänge); 
ferner Tomi6 im Vienac vom Jahre 1870, Nr. 9, und V. Lividii 
in den Bosanßice. Crte, pjesme, priöe i pripoviesti iz Ü^ 
Bosanskoga. Agr. 1882. Vorzüglich. Einen endlos langen und tof 
weiligeu, weil bedeutungslosen, Aufsatz über bosnische Hochieiis- 
gebrauche schrieb B. Petranovi6 im Glasnik vom Jahre 18IÖ. 
Da hat er frommen Gemüthes die meisten Hochzeitslieder — 
wir, frei — nachgedichtet. 

*) Einzelne Stücke aus diesen Sammlungen haben wir in den firtte« 
Capiteln mitgetheilt. 



345 

Hochzeitsgebräuche in Slayonien. Was Caployiö 
seinem bekannten Buche: »Slayonien und zum Theil Kroatien« 
829) über slayonische Hochzeitsgebräuche berichtet, ist durch 
»ätere, zuyerlässigere und ausführlichere Nachrichten Anderer für 
18 werthlos geworden. Ebenso belanglos ist Fr. Wanjöek's Auf- 
ktz: »Der Ehrentag in Podyin«, der im fünften Bande der nun 
.ngst yerschollenen Zeitschrift »Morayia« erschienen ist (1842). 

Für unsere Darstellung legten wir hauptsächlich die Schilde- 
ongen Iliö's, Stojanoviö's, Yaliö's uud die eines Ungenannten 
lei Vuk im 2iyot und obiSaji zu Grunde. 1116 behandelt in den 
»Närodni slayonski obiöaji« die Hochzeitsgebräuche auf 
3. 33—76. Ich kannte 1116 persönlich. Er war ein recht gast- 
freundlicher, lieber geistlicher Herr, der sein Volk vergötterte. Es 
fehlte ihm aber nicht blos Wissenschaftlichkeit, er konnte nicht 
einmal zehn Zeilen anständig niederschieiben. Er schrieb, wie ihm 
etwas einfiel, immer vom erhabenen Sorgenstuhl der Moral herab, 
die Sitten und Gebräuche des Volkes tadelnd oder rechtfertigend. 
Diesem Umstände verdanken wir eine ganze Reihe von Nachrichten 
^Iber den Volksglauben, auf den die übrigen Darsteller blutwenig 
oder gar keine Bücksicht nehmen, denn ihnen schien es viel wich- 
%er, den äusseren Prunk zu schildern, als den Aberglauben, durch 
^en sie ihr Volk in .ein schiefes Licht gesetzt hätten. 1116 hat in 
^e Darstellung vierundvierzig Volkslieder eingeflochten, die er 
Üle selbst aufgezeichnet hat. 

An zweiter Stelle kommt M. Stojanovi6's Schilderung in 
Betracht, die er im »Arkiv za povjestnicu jugoslavenskuc von 
Snkuljeyi6, Bd. H, S. 344—360 (1852) gibt.») Er erzählt 
lisselbe, wie ni6, so dass man stellenweise glauben möchte, er 
labe ihn copirt. Er theilt siebenundzwanzig Hochzeitslieder mit. 
Ün kleiner Auszug findet sich bruchstückweise bei Bogi§i6 im 
Kbomik. Ebendaselbst begegnen wir Vali6's Schilderungen, die 
«sonders für die Umgegend von Neu-Gradiäka und Brod Nach- 
lebten enthalten. Die Bevölkerung dieser Gegend besteht zum 



') Wieder abgedruckt in den Slike iz iivota hrvatskoga naroda po Sla- 
oniji i Sriemu. Agram 1881, S. 217—239. Einzelnes daraus wiedergegeben in 
er Sbirka narodnih poslovica, dann in Sala i zbilja und den Narodne pripo- 
iedke. Stojanoviö war unermüdlich im Selbstabschreiben. Das ist ein untrüg- 
efaes Kennzeichen eines mittelmässigen Schriftstellers. Hingegen verdient Stoja- 
orid als Sammler der Volksüberlieferungen einen Ehrenplatz in der südslavischen 
iteraturgeschichte. 



346 

grössten Theil aus AltkathoIikeD, die im vorigen Jahrhundert aus 
Bosnien ausgewandert sind. Wenn wir Einiges als Besonderheiten 
anmerkten, so geschah es nicht deshalb, weil etwa der betreffende 
Brauch nur in dieser einen Gegend vorkäme, sondern lediglich, 
weil er für diese Gegend insbesondere bezeugt ist. Die unterschiede 
zwischen den einzelnen slavischen Stämmen in Bosnien, Slavoniefl 
und Kroatien sind rein politischer und religiöser Natur, feinere 
unterschiede Hessen sich nur durch sorgfältige Dialektstndien und 
eine erschöpfende Sammlung aller Zöge des Volkslebens feststellea, 
dies ist aber bei dem heutigen Stande unserer jungen Wissenschaft 
noch ein Ding der Unmöglichkeit. 

Yaliö theilt noch sechs Melodien mit, die sich aber auch ii 
dem Koch*schen Sammelwerke südslavischer Yolksmelodien wieder- 
finden. 

Der Aufsatz bei Vuk im genannten Werke, S. 302—322, ist 
wohl sehr ausführlich und hübsch geschrieben, enthält aber sehr 
wenig Daten, die nicht schon in den obigen Abhandlungen zu findet 
wären. Es werden im Ganzen einundzwanzig grössere und kleinen 
Hochzeitslieder angeführt, die in keiner Hinsicht bemerkensweitk 
sind. Dasselbe gilt von dem Artikel über die syrmischen Hochieits- 
gebrauche im Srpski Ijetopis vom Jahre 1845, III, S. 35 — 42, mrf 
was A. y. Rastav6i6 in dem schon früher erwähnten Aufstttf 
über die Likaer ehemalige slavonisch-kroatische Militärgrenze ii 
der Gaj'schen Danica ilirska vom Jahre 1845 berichtet. 

Die sonstigen Notizen von Andriö, Ti6ak und Schmilz 
im Zbornik von Bogi§i6 können nur als weitere Zeugnisse Ar 
dieselben Gebräuche angesehen werden. Wenn irgend ein kleii* 
Zug nur hier vorkam, so unterliessen wir es nicht, denselben ii 
unsere Darstellung aufzunehmen. Wir entnahmen nur Thatstchtf^ 
das individuelle Gutachten unserer Berichterstatter berücksichtigKi 
wir fast gar nicht, für die Wissenschaft haben ja solche leert 
Meinungen gar keinen Werth. 

Wer einmal speciell die slavonischen Hochzeitsgebräuche mi 
eheliches Leben darstellen wird, wird nicht umhin können. Vfi 
volksthümliche Kunstlieder heranzuziehen ; das eine, weniger be- 
deutende, findet sich im Novi i stari Kalendar slavonsko-osiefti 
von 1870, S. 22 — 29, das andere im gleichnamigen Kalender Toa 
Jahre 1858, S. 29—39. Die Verfasser — vielleicht oder hö(W 
wahrscheinlich der Verfasser — sind ungenannt. Letzteres GediA 
ist in seiner Art ein Meisterwerk von feiner, humorvoller Dir» 



347 

telluDg und gesunder Beobachtung. Der Plan ist dem Volksliede 
ntlehnt (lehnt sich an das bekannte: 2enio se vrabac Podunavac). 
)as Oedicht führt den Titel: üdaja Sojke djevojke (Heirat der 
läherin, des Mädchens). Die Mutter Häherin bringt ihre Sojka 
rohl an den Mann. Eine Glanzstelle ist die Schilderung, wie der 
zukünftige Schwiegervater Teko die Braut Sojka und ihre weib- 
iche Sippschaft nach Essek fährt und da Brautgeschenke und 
ülaben für die Weiber einkauft. Der arme Teufel wird gehörig 
iusgesogen. Für seine Söhnerin kauft er Alles gerne, doch die 
übrigen Weiber werden von ihm bettelmässig abgefertigt. Es wäre 
eine Sünde, wenn ich diese Stelle später nicht reproduciren wollte. 

Hochzeitsgebräuche in der Hercegovina, der 
Crnagora, Dalmatien mit den Inseln und Serbien. 
Dass man die Bevölkerung dieser Gebiete ethnologisch von ein- 
ander nicht trennen darf, sondern sie als einen einzigen grossen 
Stamm betrachten muss, dafür sprechen sowohl die einheitliche 
Hundart als auch die Sitten und Bechtsgebräuche dieses Stammes, 
den wir nicht ohne Berechtigung als den hercegovinisch-serbischen 
Stamm kurzweg bezeichnen dürfen. 

Was Yuk als angeblich serbische Hochzeitsgebräuche ausgibt, 
sind nichts Anderes als hercegovinische Gebräuche, die ihm sein 
trenester Freund und Mitarbeiter Vuk Vrßeviö beschrieben. Wir 
Anden dieselbe Schilderung in mehreren Büchern Yuk K.'s, im 
^Koveiöiö«, in »Montenegro«, im »Kieönik« und im >2ivot i obi- 
fiiji naroda srpskoga«. Wenn wir hier eine Thatsache feststellen, 
Aie Vuk's schriftstellerische Thätigkeit zur Büchermacherei stem- 
(Mlt, so liegt es uns ferne, Yuk's Yerdienste herabzusetzen, was 
tas begeisterte Yerehrer Yuk's leicht zum Yorwurf machen könnten. 
^ok war ein ausserordentlich fleissiger Sammler, aber ein Schrift- 
steller, wie etwa Dositheus Obradovi6, war er nicht, noch weniger 
^ Philolog, wofür man ihn in neuerer Zeit von »berufener Seite« 
sa-Härt hat. Nachdem uns jetzt Vröevi6's Buch vorliegt: »Tri glavne 
iarodne sveöanosti. Bo2i6, krsno ilue i svadba« (Panöevo 1883), in 
Welchem Yröeviö seinen Bericht, den er einst Vuk K. zur Verfü- 
pmg gestellt, allseitig vervollständigt hat, kommt Karad2i6 kaum 
Hehr in Betracht. 

Wirklich classisch ist die Schilderung Medakoviö's in seinem 
Iferkchen : »2ivot i obißaji Crnogoraca. « S. 37—52 (P u k 1 e r 
irbeitete mit seiner Scheere so hastig, dass er die zwei wichtigen 
Lrtikel »Yjeritba« und »S?ila< ganz und gar herauszuschneiden 



348 

vergass). Als Ergänzung zu Medakoviö kann man S. Martin ovii's^) 
Aufsatz im Dragoljub (1867) heranziehen, ebenso die Beiträge der 
beiden Vukalovic und M. Sredanoviö's im Zbornik von Bo- 
gig i 6. Für die Umgegend von Budva, in der Gegend von Cattaro, 
kommt L j u b i g a's, für das Cetinathal und die Zengger Umgebung 
S. §ugak\s, für den Umkreis von Zara J. Jankoviö's, für die 
Gegend Yon Bagusa M. Beusan's, für die Insel Lastovo im Adrii- 
tischen Meere M. Lucijanoviö's Bericht bei Bogi§i6 im Zbornik 
in Betracht. Anderweitige Schilderungen, speciell für die ümgegeod 
von Knin , gibt Sime Dobrijeyiö im Srbsko - DalmatinsU 
Magazin vom Jahre 1861, S. 110 ff.; für die Umgegend von Eo- 
navle, gleichfalls in Dalmatien, Graf Medo Puci6 (f 1883) bei 
Bogigiö im Enji^evnik, S. 190; für Lovreö und die Umgegend 
ertheilt einige dankenswerthe Aufschlüsse Milinovi6 in Kuknl- 
jeviö's Arkiv za povjestnicu jugoslavensku, Bd. V, S. 213—215; 
für das kroatische Küstenland, speciell die Umgegend von Zeng{, 
kann man nachlesen als weitere Bestätigung unserer Angaben den AnP 
satz in der nunmehr verschollenen »Danica ilirska« vom Jahre 1843: 
Pirni obi^aji okolo Senja. Iz ustiuh naroda od Ivana Euklllj^ 
vi6a Sakcinskoga, S. 46 — 48; ferner: Opis narodnih obiiajii 
Dubrovniku od popa Petra Franasoviöa, u. zw.: obiöaji stoi- 
skoga primorja (2enitba) im Dubrovnik des Matija Ban, 185t. 
S. 117 — 129. Alle diese kleineren Aufsätze haben nur einen sectt- 
dären Werth. Die jüngste Schilderung hercegovinischer Hochxeits- 
gebräuche findet sich in Miliöeviö's »Hercegovadki Bosiljaks 
den wir späterhin noch namhaft machen. 

Als Grundstock für unsere Schilderung benützen wir vonif 
lieh Medakovic's und Martinoviö's Aufsätze, u. zw. so, dtsi 
wir die bei diesen, so wie bei allen übrigen Berichterstattern feh- 
lenden Hochzeitslieder aus V. Vrßevi6's Volkslieder-Sanunluif 
au den betreffenden Stellen einflechten. Ebenso gewissenhaft solki 
zur Ergänzung die übrigen Darstellungen ausgenützt werden, iBM*: 
ferne sie reine Thatsachen mittheilen. Von den subjeetiven Eni* 
gungen Einzelner wollen wir auch diesmal, wie immer, ümgüf' 
nehmen, wenn dieselben für die Wissenschaft belanglos sind. 



^) M a r t i n V i c^ hat lediglich M c d a k o v i 45's Artikel überarbeitet ol| 
^verschönert«. Er geht aber zu weit in seinem Feuereifer, wenn er beiKW 
dass die Crnogorci bei dem Hochzeitsgelage mit Champagner nnd Cvpen^ä 
sich bezechen. 



I 



I BesQglicli Aez Hocbzeitsgebräncbe im eigentlichen Serbien 
•chien mir ausreicliend, die kurze Nachricht Jovanovifi's im 
Sl<amil[ wiederzugeben. Es ist im Grunde nnr eine Wiederholung 
IJIltsji^DigeD, was Ober die Hercegovina und die Crnagora gesagt wird. 
Die Werbnng geht in Serbien nicht anders Tor sich als iu der 
Berc^rina. Eine locale Färbung lässt sieb wohl überall nacb- 
wti8«a. Anf jeden Fall genügt hier die kurze Schilderung Jorano- 
fi6**. Früher einmal ciiirten wir den Artiltel J. Miodragovi6*s: 
'2«Dfilba u Srba na selu< im Letopis matice Srpske, knj. 122. 
1880, 8, 88—121. Nach den Angaben eines Mädchens. Sehr breit 
angesponnen. Einige neue Volkslieder ziehen die Aufmerksamkeit 
Mt sich. Unverständlich ist mir M.'s Byzantinismus gegenüber dem 
Dichter JoTan Jovanoviö. Er führt ein Lied von diesem 
Dichter als ein angebliches Volkslied an. Ich notire noch folgende 
beachtenswerthe Quellen. Miliöeviß in seinem schon mehrfach 
genannten topographischen Werke »Knezevina Srbija« schildert 
di« Hochzeitsgebräuche um Smederevo (S. 173\ und Jagodina 
(S. 222). ferner im Allgemeinen unter stillschweigender Heran- 
■üboDg anderweitiger AnfzeichnuDgeu im Glasnik 1867: »Äivot 
BrU., Svadbe, S. 129 ff. Einiges bieten A. V. Bogic im 
Biunik 1866, S. 129 (opis vraöarskoga sreza) und Stevan Maöa- 
Ibd.: Gradja za topografiju okruga knjaievaj^kog sa kartom, S.337f.: 
Tidbe. 

Vorübergebend muss ich noch des leider nirgends gebührend 
hlpnchteten Fälschers M. S. Milojevii'r gedenken, der einen 
juieii Band über serbische Hochzeitsgebräuche gemacht hat. 
'ttme i obi^ajl uktipnog naroda srpskog, druga knjiga. u Beog. 1871. 
h ist unglanblich, welcher Förderung sieh dieser Humbiigraacher 
rireat. Ein gewisser Herr Veuzenkoviö pränumerirte gleich 
100 Exemplare. Es ist zweifellos ein Glück Hlr die Wissenschaft, 
\ti» sich ein wirklich begabter und wissenschaftlich gebildeter 
lenscl) nie zn derlei Kuoststbcken hergibt. Miloj eTi6's Witz ist 
I erschöpft. Er hat wohl eine Menge echter Volksüberlieferungen 
aich gehabt, doch seine Entstellungen derselben sind so platt 
matt, dass schon ein hoher Grad von tJnkenntniss des Volks- 
tbnms datu gehört, das Zeug für echt zu hatten. Ich bemerke zu 
Üaem grossen Leidwesen, dass selbst der gelehrte nissische Literar- 
liRtoriki>r A. N. Pjpin, ein sonst gewiss feiner Kenner und Be- 
^eiler des sl&viscben Volkslbums, in seiner Literaturgescbio-hte 
>Di gaten Milojerid aufgesessen ist. 



J 



350 

üeber bulgarische Hochzeitsgebräuche gaben mir for 
Allem ausgezeichnete Auskünfte Zaharijev und Odiakov u 
Bogi§i6's Zbornik. Ich übertreibe nicht, wenn ich Zaharijev unter 
allen Berichterstattern Bogigiö's als den einzig wissenschafUiek 
angelegten Beobachter bezeichne. Dieser sonst literarisch gau 
unbekannte bulgarische Elementarschullehrer wäre unter günstigem 
Verhältnissen wahrscheinlich ein epochemachender Ethnograph g^ 
worden. Seine knappen und ruhigen Bemerkungen legen dafftr gutes 
Zeugniss ab. Od2akoy hat seinen Bericht auch in V. Oolakor's: 
BIgarski naroden sbornik, B. 1, XXIV, 356, Belgrad 1872, veröffent- 
licht. Ich habe den Sbornik Oolakoy's lediglich nnr auf die Spriclh 
wörter hin benützt. Das Buch ist wohl ziemlich urtheillos znstm- 
mengestoppelt. üeber Hochzeitsgebräuche enthält es aber ungemeii 
Vieles und Outes. Ich kann Oolakov einen Vorwurf nicht ersptrei, 
der ihm noch von Niemand gemacht worden. Alle seine ethm- 
graphischen Berichte hat er aus dem Werke des Balkanforsehen 
F. Eanitz: Bulgarien 1875— 1877, herausgeschrieben, ohne thr 
Kanitz irgendwie namhaft zu machen. Es könnte aber Jenmi 
meinen, es habe Eanitz, dessen Werk drei Jahre nach dem Coh* 
koY*s erschienen, den Oolakov ausgeschrieben. Das ist nicht ne^ 
schenmöglich, denn Kanitz hätte den Oolakov gewiss wenigstitf 
einmal genannt, wie er denn ja regelmässig seine GtewährsmiiMT 
voll Dankbarkeit immer ') angibt. Es kann nicht anders sein, Cohr 
kov muss insgeheim das Manuscript Eanitz's irgendwo sich bogt* 
bogen haben, ehe es noch veröffentlicht worden .war. Es ist uA 
sehr wahrscheinlich, dass selbst Pypin schon im Jahre 1864 iMb 
seiner Bemerkungen über die altbulgarische Literatur aus dem p* 
nannten Werke Eanitz's wörtlich entnommen hat. Merkwfirdip^ 
weise nennt er an den betreffenden Stellen Kanitz ebensoweiil 
als Eanitz später ihn. 

Besonders werthvoll sind die Schilderungen der Brüder Mil^- 
dinovci, die über Struga und Euku§ in Bulgarien beri 
(BIgarski narodni pjesni, sobrani od bratja Miladinovci DimiUqi 
Konstantina. Agr. 1861, S. 517 ff.) Die mitgetheilten fl 
lieder entnahm ich lediglich ihrer Sammlung. Die bald 
brocheue Tbätigkeit dieser zwei Männer ist einer der hei 
Schläge, welche die Ethnographie der Südslaven treffen konfiW< 

Einige kurze Angaben entnahm ich aus 6. St. BakoTskl 
Pokazalec ili Rkovodstvo. Odessa 1859. Die Partie über Hoc 

*) Latine: nnnqaam; graece: iiTj^^noTt, 



351 

)räuche findet sich in kroatischer üebersetzung im YIII. Bande 
( Arki? za poyjestnicu Jugosl. des Eukuljeviö. Ursprünglich 
nd mir nur diese üebertragung zur Verfügung; später erhielt 
den Pokazalec selbst. Bakovski war unstreitig eine gross an- 
egte Natur. Panajot Hitov hat ihn ziemlich gut beurtheilt. Er 
Lwindelte wohl, weil es ihm selbst schwindelte, doch immer in 
tem Glauben, aus tiefinnerster üeberzeugung. Er sah eine Fata 
Tgana und hielt das Phantom für Wirklichkeit. Männer von 
chem grossen Wollen und Können ringen mir selbst durch ihre 
thümer Bewunderung ab, denn sie sind in Allem gross. 

Den Hochzeitsliedern habe ich in meinen Darstellungen einen 
rhältnissmässig breiten Baum zugemessen. Sie beleben die Schii- 
mngen und verleihen ihnen das eigentliche Colorit. Ich habe 
•er dreizehntausendundfünfhundert Verse Hochzeitslieder gelesen 
id eine Auswahl daraus getroffen. Dieselben Hochzeitslieder werden 

allen Gegenden des slayischen Südens — die Neuslovenen aus- 
inommen — vom Volke gesungen. Das Hochzeitslied ist stereotyp, 
as ist schon ein starker Beweis für sein Alter. Vor hundertund- 
reissig Jahren wurden die ersten Hochzeitslieder aufgezeichnet, 
s sind vier Stück, die sich in der schon früher mehrmals ge- 
innten Ausgabe von Bogigiö finden. S. 341 (Igralo je vlaSko kolo 

TlaSkoj zemlji), S. 342 (Trsteno je slavno mjesto lovom gizdavo, — 
f njemu su hladne vode i perivoji, — Pod maöiöem gdje igraju 
i SU Tjereni), S. 342 f. (Sjedi Mare na öardaku) und das Trinklied 
po(asnica) S. 343 (Gospodar sjedi u zlatnu stolu). Varianten 
Beser Lieder werden noch gegenwärtig gesungen. Die Hochzeits- 
i6der sind in jeder Sammlung reich vertreten. Die Motive sind 
i8t ausschliesslich dem Liebes- und Familienleben entnommen. 
^ mythische Züge ist wenig Baum. Der Ehrentag ist ein Freuden- 
ig; daher, wenn Mythisches auftritt, die Bezugnahme auf die 
lonoe, die Gottheit der lichten Freude und der Lust. Die Sonne 
^ce) wird als männliches Wesen gedacht. Sie vermählt sich mit 
^ Danica (Morgenstern). Einige Male wird auch der Vila von 
^ Alpe gedacht. Die Vila ist des Helden Wahlschwester oder 
Siebte. In dem einen sowie dem anderen Falle ist es ihr nicht 
'ichgiltig, wenn der Held ein anderes Mädchen heimführt. In 
f früher schon genannten einzigen hercegovinischen Wochenschrift 
lehreibt Milivoj Poznanoviö (d. h. Don Mili6evi6) die 
thzeitsgebräuche in der Hercegovina. Anfangs versprach der 
tikel recht viel Gutes und hielt es auch. Nur in Nr. 12 (II. Jahrg.), 



352 

Yom 29. März, theilt er ein angebliches Hochzeitslied mit, in welchem 
er einer »göttlichen Lada«') gedenkt. Abgesehen dayoD, dass 
dies die einzige Stelle in allen Hochzeitsliedern ist, wo der Ladt 
(noch dazu mit dem Epitheton !) gedacht wird, spricht noch Anderes 
dafür, dass sich Don Milideyiö's Gewährsmann einen Scherz erlaubt, 
denn es liegt uns kein Volkslied, sondern ein Kunstlied yor. Es 
genügt, die letzten 6 Verse yon den 22 des Liedes anzufähm. 
Die Verse lauten : 

Dva pupoljka — male usne. 
Vrat je vriedan dostojanstva. 
Ruöice su bjele, mehke 
Kano krila u lepira 
Obrvice crne sjaju, 
Kano ures divne Lade. 

»Zwei Knospen — kleine Lippen, — Der Hals ist der (Ehr' ralj 
Würde werth. — Die Händchen sind weiss, weich — Wie die PlnH 
eines Schmetterlings, — Die schwarzen Augenbrauen glänzen — W» 

der Schmuck der göttlichen Lada.« 

»Male« (klein) als Beiwort der Lippen, »mehke« (wei^ 
als Beiwort der Hände, ist im Volksliede nicht nachweisbar. Dost»- 
j a n s t V ist kein Wort der Volkssprache, zum mindesten lässt «i 
sich im Volksliede nicht nachweisen. Lada hat nie das Beiwort 
diyna. Was ist ures Lade? Worin besteht der Schmuek? 

In älterer Zeit scheint es Brauch gewesen za sein, dassU 
Hochzeiten Epen yorgetragen wurden. Mir liegt dafftr in eiiOj 
Volksliede eine zuyerlässige Angabe yor. Das Lied umfasst 142 Veiii| 
Ich entdeckte es in einem gar seltenen Büchlein, yielleichi istll' 
gegenwärtig ein ünicum, im »Noyi i stari Ealendar slayonski 
pristupno godishte 1828. Pritiskan u Ossiku Sloyima DiytldoTiaftj 
priyileg. Knjigotisca.«*) Ohne Seitenzahlen. Indem ich die 
Schreibung der Vorlage genau beibehalte, will ich den malerii 
Anfang und dann den für uns wichtigen Schluss mittheilen: 



^) Lada ist eine Frühlings-, Regen- oder SonnengOttin oder eiiieQMOa*^| 
nymphe in der südslavischen Mythologie. Ihr Wesen ist mir noch immer 
j?ani klar, obwohl ich viele auf sie bezügliche südslavische Ucb*rlirf« 
vor mir habe. 

•) Ich verdanke dieses Büchlein der Güte meines Freundes K. Toriia**j 
dem ich hier nochmals meinen besonderen Dank dafllr ausspreche. 



353 

Xärko sünce svitlim zräkom svojim, 
Triest putmi sinih*) na pencxere, 
Triest patme britkim macsem ranni, 
Triest putmi bili danak projde, 
Danak projde a tavna noch dojde, 
Od mog Mitra nije csut ni glasa! 

leisse Sonne mit ihrem hellen Strahl erglänzte mir (schon) dreissig, 

1 den Fenstern, dreissigmal verwundete sie mich mit haarscharfem 

irte, dreissigmal verstrich mir der weisse Tag, der (liebe) Tag ver- 

die dunkle Nacht kam heran, von meinem Demetrius noch immer 

keine Kunde!« 

So klagt die Mutter. Ihr Sohn ist nach ^arengrad zum Oheim 
!feffen, um mit ihnen vereint die gar schöne Borica (prilipu 
i) in Sissek zu werben. Nach yielen Fährnissen gelingt ihnen 
rautfahrt. Diese wird vom Sänger besungen. Er schliesst den 
lg mit einem Dank an Gott und einer Ermahnung an die 
, sie sollen sich anständig benehmen: 

Samom Bogu neka bude fala, 
Svatovima ova pisma mala, 
Koji neche priko mire piti 
Ni oglobit svoga Domachina. 
Nami svima zdrävlje i veselje. 
Da Bog dade i godini tako. 

allein sei Dank und Lob! Dieses kleine Lied (widme ich) den 
eitsgästen, die im Uebermass nicht trinken, noch ihren domaöin 
schätzen werden. Uns Allen Gesundheit und Freude. Gleiches be- 
scheer' uns Gott auch aufs Jahr.« 



*) Sinih — sinuh ist die erste Person des Aoristes. Man erwartete regel- 
»ino« die dritte Person. Der Schulmeister als Grammatiker ist gleich ge- 
in diesem Falle einen Fehler anzunehmen und zu corrigiren. Das wäre 
lurchaus unstatthaft, denn thats&chlich mengt das Volk die verschiedenen 
n durcheinander. Auch die Lautgesetze sind keineswegs so unabänderlich, 
manche Grammatiker behaupten. Ich will gelegentlich meine darauf be- 
len Beobachtungen in einer besonderen Abhandlung verOfifentlichen. 



A u t ■ , Sitte n. GewohnBeitsrecht d. Sodsl. 



23 



XVIII. 

Werbung und Verlobung. 

Da nije djevojaka ne bi bilo oi mo m a k i. 
Gab*8 keine Mädcheo, gftb*s auch keine Bsncho. 

Ein Volkssprichwoit lautet: 

Zaludna moma docna vidja doma. 
Die Maid, die zu nichts taugt, erschaut spät ein (eigenes) Heim. 

Wem das Schicksal ein solches Weib bescheert, der darf mii 
grossem Becht das Yolkssprichwort auf sich anwenden: 

2ena je najskuplje poku6stvo. 
Das Weib ist das theuerste Einrichtungsstück im Hause. 

Ohne Einrichtung ist aber kein Haus recht bewohnbar. Daher fflH 
man sein Glück versuchen. Ehen zustande zu bringen, ist ein grofiM 
Verdienst vor Gott und der Welt. Daher befiehlt das Sprichwort 

Djevojku valja hvalit pa bilo istina il ne. 
Ein Mädchen muss man loben, gleichviel ob^s der Wahrheit entspiid 

oder nicht. 

Ein kluges Mädchen wird gleich zugreifen, sobald sich die ersta 
Werber zeigen, denn nach dem bulgarischen Sprichworte: 

Koja ta moma mnogo probira tja neSenena ostaja. 
Das Mädchen, welches sehr wählerisch ist, das bleibt unverheinitf. 

Sprachen Werber zu einem Mädchen, das ihnen einen Korb g» 
(sprichwörtlich) : 

Ako ne öeä djevojko ti a ono ce druge tri. 
Wenn Du, Maid, nicht magst, so werden wohl Andere drei möf* 



355 

Schnadahüpfl (poskoönica) tröstet sich und verhöhnt das 
dchen ein abgetrumpfter Bursche durch die zum Sprichwort 
wordenen Zeilen: 

Do6i 6e moma do svog doma. 
Kao i ruka do klobuka. ^) 
le Maid wird zu ihrem (eigenen) Heime kommen, so wie die Hand 

zu einem Hute,« 

h. soviel als nie. Bekanntlich trägt man seinen Hut nur als 
pf-, nicht als Handbedeckung. 

Eigentlich muss man seine Werbung doch bei jemand Anderem 
bei dem Mädchen anbringen. Da räth das Sprichwort: 

Ako misli§ 6erku dobit, klanjaj se majci. 
jredenkst du das Töchterchen zu gewinnen, hofir' dem Mütterlein. 

Qe Variante dieses Sprichwortes stellt diese Lebensregel als 

auch hin: 

Majki se umiljava ko 6erku tra2i. 

sucht sich bei der Mutter einzuschmeicheln, wer nach dem Töchter- 
lein fahndet. 

lan hielt sich z. B. auch jener Geck im Märchen »Die Glucke« 

trgl. S. u. M. d. Sdsl., I, S. 124 ff.). Er hat alle möglichen Kniffe 

gewandt, um das Mädchen zu bezwingen, doch es hat ihm nichts 

frommt. Das Märchen bietet ein gar köstliches Bild aus dem süd- 

vischen Volksleben dar. Wie niederländische Eleinmalerei, real- 

ich getreu der Natur nachgezeichnet und bei alledem ein abge- 

ilossenes Kunstwerk. 

Anklopfen darf Jeder, auch der Aermste bei dem Beichsten, 

m: 

Ko komu 6er prosi öast mu nanosi. 

lält Einer um wessen Tochter an, so thut er ihm (nur) Ehre an. 

ner: 

BTojaCka su vrata svakom otvorena, mnogi prosi jedan doma vodi. 
Thüren der Mädchen stehen Jedermann offen. Viele werben, (doch 

nur) Einer führt (die Braut) heim. 

bt behält gewöhnlich das Sprichwort: 

Ciji je brii konj toga je i djevojka. 
Wessen Ross schneller ist, dessen ist auch das Mädchen, 



*) Der An&eichner dieses Sprichwortes hat die Verse nicht erkannt. 
trerstlDdlich muss im Verse Contraction eintreten, also : »doö öe« and »ko i«. 

23* 



356 

oder: 

Oigovi prosci onoga i djevojka. 

Wessen die Werber, dessen auch das Mädchen. 

Sobald die Werber mit dem Vater des Mädchens Baki getruiiken. 
so ist die Sache rechtskräftig geworden. Daher das Sprichwort: 

Rakija popivena djevojka dobivena. 

Hat man den Raki zu sich genommen, hat man auch das Mädchen 

bekommen. 

Die Verlobung findet nachträglich statt. In den meisten Gregendeo 
wird die Verlobung durch einen Bing, den man der Braut gibt, 
vollzogen. Nach der Verlobung kann di^ Angelegenheit nicht mehr 
rückgängig gemacht werden. Denn nach dem Sprichworte ist: 

Prsten najve6i amanet. 
Der Ring das grösste (heiligste) Pfand. 

üeber die Bräuche bei den Werbungen und Verlobungen bif 
zur Hochzeit geben folgende Schilderungen das Nähere an. 

Steiermark, Krain und Kärnten. Die Werber müssen wenif- 
stens zweimal im Elternhause der Braut vorsprechen. Ent bei 
ihrem dritten Besuche wird ihnen das Mädchen zugesagt. Vor Allen 
schickt der Bursche einen Vermittler zu den Eltern des Mädchetf» 
die einen Tag festsetzen, an welchem sie Gut und Habe des BnrsdiA 
einer Besichtigung unterziehen werden. Gewöhnlich besieht sicblv 
Braut selbst ihres Freiers Heimwesen. Erst jetzt wird es dem Bnrsckei 
gestattet, auf eine Vereinbarung zu erscheinen. Am Verlobnugi' 
tage, nachdem man alle Punkte des Ehecontractes ins Beine g^ 
bracht, übergibt der Bursche dem Mädchen einen Bing und einip 
Thaier als Handgeld oder Drangabe. Dies geschieht beim NacU- 
mahle in Gegenwart der beiderseitigen Eltern, AuTerwandtsckift 
und Nachbarschaft. In der Umgegend von Bogatec nennt man du 
Handgeld ara. In Pojko legen sich der Bursche und das Mftdcki 
vor den Gästen auf eine ausgebreitete Decke auf den Boden ka 
und werden von den Zeugen mit der Decke zugedeckt.^) Nach eiitf 
Weile steht das Paar auf, der Bräutigam nimmt die Braut bei to 
rechten Hand und dreht das Mädchen dreimal um sich heni- 
Darauf trinkt das Brautpaar dreimal auf das gegenseitige Will 
und reicht sich die Hand, während einige von den Gästen ihnn 



*) Wahrscheinlich deutscher Brauch. 



857^ 

^io ober die Hände giessen. Scliliesslicli wirft der Bräutigam der 
lat einige Geldstücke in den Schooss. *) , 

Kroatien und Istrien. In Bezug auf die Werbung unter- j 
leiiien sich die Kroaten von den anderen Sadslaven in nichts. 
• Mutter oder eine nahe Anverwandte des Bursehen fragt zuerst 1 
ob Werber kommen dürfen, und im Bejahungsfalte schielet I 
B die Werber zur Braut und holt eich ihr Jawort. Sehr aus- 
irlicb und hübsch erzählt wird dies Alles in einem Märchen au9 
mladioec in Eroatieu, das sich unter meinen südslavischen SageB 
d Märchen im 1. Bde., S. 124 — 142, vorfindet. Im Folgenden heben ■ 
r nur die Besonderheiteu hervor. 

Wie auch sonst, wird den Hochzeitsgästen bei ihrer Ankunft I 
r dem Hause der Braut nicht sogleich Eiulass gewährt. Die 
ihenden Redensarten, mit welchen die Unterhandlung wegen des i 
Dlasses geführt werden, lauten beiläufig: 

Von drinnen ruft man: -Wer ist's in Gottes Namen?« 

Die Gäste von draussen: >Arme Wanderer, ehrliche Leute, 
e wir ein verlorenes Schaf suchen. Oeffnet, damit wir 
IS ein wenig wärmen. Vielleicht könnt Ihr uns Ober das Schaf 
De Auskunft geben. Hat es sich etwa unter Euch verirrty« u. s. w. 

Slavonien. Die Werbung ausgenommen, finden in der Begel 
Slavonien, im Banate und der ehemaligen slavonischeu Militär- 
VDze im Ganzen noch drei, mitunter vier Zusammenkünfte 
I zur Qochzeit statt. Gleich am zweiten oder dritten Abend, nach- 
ta das Mädchen den >Bing* in Empfang genommen, kommt der 
irsche zn ihren Eltern, um mit ihnen festzusetzeu, wann das 
iteine Wort« (mala rief oder auch popit od zapoj^ = der 
Hjük) stattfinden soll. Velika rieö (das grosse Wort) wird einmal 
f Bexeichuung der Verlobung, ein andermal zur Bezeichnung der 
InnähluDg gebraucht. In der ehemaligen slavonisehen Militär- 

') BogUH »erweiat in einer Anmerlning im KnjiieTnik, III, S. 194. 
»•£ dMs mit dieser Ceremonie bei den alten Deotschen die Ehe eigentlich 
tddoaten warde. (Vergl. Grimm. •ßechtEslterthÜmer'. S. 440; Weinhold, 
k dtntocben Frftuen<, S. -iGii.) In Walirheit dBrften wir ei hier schwerlich 
I tiaera nadnUTi sehen Brauche zn tbaa habeo, sondern vielmehr nitl einem 
\ Denbchen in Sldermark entlehnten, Selbst das dreimalige umdrehen der 
ist. dfti «ir in einer anderen Form bei den bosnisrben Altkatholiken kennen 
M. darf mit dem «loveDischfD Braarb schwerlich identlüciit «erden. 

*) Wird ADch gebraocht an manchen Orten zur Bezeichnung der rierten 



358 

grenze wirbt man gewöhnlich um Mädchen in der Zeit, die swischen 
dem Tage des hl. Petrus und dem Eleinjungfrauentage li^. In 
BuSevo in Slayonien zu Christi Himmelfahrt und am Tage des hl. 
Antonius; in Yelika und in der nächsten Umgegend Yon Poiegi 
in der Zeit zwischen dem Eatharinentag und Weihnachten, so dass 
das Mädchen dann bis zum nächsten Eatharinentag Braut bleibt. 
Der Bursche sucht womöglich wenigstens jeden zweiten Abend bei 
seiner Braut zu verbringen. Jeden Sonntag stattet seine Matter, 
mit Geschenken beladen, der Braut und ihren Eltern einen Besach 
ab, oder muss zum mindesten Geschenke zuschicken. Bei den offi- 
ciellen Zusammenkünften wird bis zum Morgengrauen gegessen, 
getrunken und gesungen. 

Nachdem die Brautleute zum dritten Male in der Eirch« 
verkündet worden, wird eine Art Yorfest sowohl im Hause des 
Bräutigams als der Braut gefeiert. Dieses Fest, z a p o j (der Trunk) 
oder jabuka (der Apfel) genannt, findet am Sonnabend und Sonntig 
statt, der dem Mittwoch vorangeht, an welchem die Yermählang 
gefeiert wird. Am Sonntag, nachdem der Bräutigam aus dem 
Hause der Braut zurückgekehrt, werden die Würdenträger der 
Hochzeit ernannt oder richtiger gewählt. 

Die Reden und Gegenreden bei der Werbung und Verlobong 
gleichen auf ein Haar denjenigen, die wir bei der Schilderung der 
bosnischen und hercegovinischen Werbung und Yerlobung anführen. 
Wir bemerken nur noch, dass die Yerlobung durch das Entzwei- 
brechen eines Fladens und durch das Austrinken einee Kruges 
Wein feierlich besiegelt wird. Yon dem Augenblicke ab nennei 
sich die Angehörigen der zwei Sippen prijatelji = Freunde. 

Yerlobungspfänder werden nur in solchen Fällen ausgetans^ 
wo die jungen Leute einander in Liebe zugeneigt sind. Dertrüp 
Pfänder verpflichten weder die eine noch die andere Partei; wir 
könnten sie deshalb nicht mit unrecht Liebespfänder nennen, ft 
ist eigentlich überflüssig, anzumerken, dass Yerliebte überall einiiAf 
Liebespfänder geben. In Slavonien pflegen die Burschen ihren HU* 
eben an Jahrmärkten Lebkuchen, Kunstblumen oder SeidentAek«! 
zu kaufen und im Geheimen zuzustecken. Dafür erhalten sie v* 
den Mädchen gewöhnlich einen Gürtel. Es ist merkwürdig, wis * 
Ceremoniell mitunter so ein slavonischer Bursche macht, ehe er* 
zu der officiellen Werbung kommen lässt. Yorerst sucht er sÜ 
der Liebe seines Mädchens zu vergewissern, dann macht er de» 
Mädchen einen halbofficiellen Besuch ; er geht allein auf die Besctai 



359 

* 

ed) nnd gibt dem Mädchen, falls sie ihm ihr Jawort sagt, ein 
dgeschenk, oft in der Höhe von fünfundzwanzig Gulden. Zu- 
en erfolgt die Beschau nach der officiellen Werbung, auf beson- 
)n Wunsch der Eltern, damit ihr der Bursche, wenn ihm 
Mädchen zusagt, den Bing gebe. Dies geschieht nur yorsichts- 
»er, wie es in einem .Volksliede heisst: 

Zur Beschau schickt Mutter ihren Andro, 
Dass ihn sah' Marie, die Angeworbene, 
Dass der Mutter Sohn die Schnur beringe. 
Weisen Rath ertheilte ihm die Mutter: 
»Wenn Du kommst Mariechen ins Gehöfte, 
Wenn man Dir das schöne Mädchen vorführt, 
Schau Du nicht auf ihre Kränz' und Perlen. 
Schau Du nicht auf die gestickten Aermel, 
Schau Du nicht aufs buntverzierte Leibel, 
Schau auch nicht auf gold'ne Armgehänge, 
Denn verziert das Leibel haben Schneider, 
Denn gestickt die Aermel haben Frauen, 
Gold'ne Armgehänge goss der Goldschmied, 
Sondern schau auf ihren Wuchs und Antlitz, 
Schau auf ihren Gang und ihre Reden, 
Schau auf ihren Blick und wie sie lächelt, 
Schau wohl auf, mit wem Du Dich verbindest. 
Um ein ganzes Leben zu verleben.« ^) 

In der Begel nehmen es in Slavonien sowie in Bosnien die 
ern auf sich, ihrem Sohne eine Braut zu besorgen. Die Werber 
icken, ehe sie in das Haus des Mädchens treten, einen Kundschafter 
)?odacija oder sprovodad2ija, oder navodacija oder navodad2ija 
lannt), der vorerst auszukundschaften hat, ob man die Werbung 
ht abweisen wird. Als Werber, oder richtiger Beschauer (ugleda6i 
r ugledjani), fungiren die nächsten Anverwandten des Burschen. 
) Leute werden aufs Beste bewirthet und vom Mädchen selbst 
ient. Gibt sie ihr Jawort, so wird der Verlobungstag (jabuka 
r prsten) bestimmt. Wenn der Bursche nicht selbst mit den 
rbem mit ist, so schickt ihm das Mädchen als Verlobungspfand 
rothgesticktes Tüchel. Die sonstigen Gebräuche sind dieselben, 
die in Bosnien und der Hercegovina ; Slavonien ist ja grössten- 



*) Bei Stojanoviö, Puöke prip., S. 264 f. 



360 

theils von Bosnien und der Hercegovina aus angesiedelt worden. 
Die Kunde, dass Werber in ein Haus gekommen, Terbreitet ach 
rasch im ganzen Dorfe, worauf die Burschen und Mädchen de; 
Dorfes yor dem betreffenden Hause sich versammeln und Lieder 
singen. Zum Beispiel: 

»He, Ihr Werber, sieh' da Werber, he* juchhe, juchhe! 
Wohin führt der Weg so oft Euch, he juchhe, juchhe!« 

— Uns'rem schönen Peter werben, he juchhe, juchhe! 
Wollen wir ein schmuckes Dirnlein, he juchhe, juchhe ! — 
»Bei uns ist, o Nachbar, Besehen, he juchhe, juchhe!« 

— Wollen, Nachbar, um sie werben, he juchhe, juchhe! — 
»Mögt Ihr noch so schön sie werben, he juchhe, juchhe! 
Ihr bekommt sie nun und nimmer, he juchhe, juchhe!« 

— Will es Gott, so wird sie unser, he juchhe, juchhe ! — 
»Freilich, freilich wird sie Euer, he juchhe, juchhe! 
Doch das Wann ist nicht geheuer, he juchhe, juchhe!« ^) 

Kurze Zeit nach der Verlobung begibt sich der zoküiifüg« 
Schwiegervater mit der Braut und ihren weiblichen Angehörigen in 
die Stadt, sei es nach Gradiäka, Yinkovce, Po2ega, Brod, selbst eise 
Tagreise nach Essek wird nicht gescheut, um der Braut eioei 
Hochzeitsanzug und was d'rum und d'ran hängt, einzukaufen. Hier 

^) Ilidt Nar. slav. ob., S. 36. Die Schlnssverse lauten im Original : 

Bit öe ko i nove gaöe, mile lale hoj! 

Sam ne znamo, kono kad de, mile lale hoj! 
Wortlich : »Sie wird (euer) wie neue Hosen, — nur wissen wir nicht win. 
Nachbar.« Bit öe gade ne znam kad de ist nnter den Südslaren ein geflfigehft 
Wort, das man gebrancht, nm Jemand auf eine ganz unbestimmte Zdt n Tff* 
trOsten. Meine Mutter erklärte mir einmal die Entstehung dieser Redensart Gl 
Bauer hatte ein sehr arbeitsscheues Weib, das nur mit den Z&hnen beim EsfCi 
zu arbeiten gewohnt war. Deshalb gin«:; der Wohlstand des Hauses zn Gmh 
und es kam so weit, dass der Mann nicht einmal mehr ein ganzes Paar fioMi 
anzuziehen hatte. Der Mann verlangte von seinem Weibe i^anze Hosen. Sit: 
»Du sollst sie bekommen.« — Er: »Ja, wann denn?« — Sie: >Znerst wirrt I^ 
auf Taglohn gehen und Geld auf Hanfsamen verdienen, dann wirst Du das FcH 
bestellen, dann wirst Du den Hanf anpflanzen, dann lassen wir den Hanf rafem 
dann wirst Du den Hanf brechen und bleichen, dann wirst Dn einen WebitiU 
bauen, daun werd* ich den Hanf spinnen, dann wirst Du mit mir den Fsdci ii 
die Webekämme einziehen, dann werde ich weben, dann, bis ich fertig te 
nehmen wir die Leinwand herab und bleichen sie noch einmal, dann trockaa 
wir die Leinwand, dann kaufst Du eine Scheere und Nadeln und ich Echsei^ 
Dir Hosen zu und nähe sie Dir zusammen. Also wirst Du Hosen bekonuoA-' 
Er: »Ja, so werden die Hosen fertig, nur weiss ich nicht wann.« 



361 

en wir die versprochene Stelle aus jenem Gedichte im Esseker 
ender von 1858, S. 37, mittheilen: 

Kad je svekar izprosio, svoju snahu nadario, 
Rad SU 2ene ve£ kolaöe meso dare i pogaSe 
Ve6 nösile snaSi Sojki i davali uvik svojski, 
Svekar reSe, sad ajdemo, da ti ruho izberemo. 
Sojka pako bi od davna na pazare ve6 pripravna. 

Sad na kola unilaze ter u Osiek svi odlaze. 

Tu na pazar dojezdiäe sve^ta liepa i vidiäe. 

Teko svekar kesu vadi da kupuje novoj mladi; 

Daj marame dvi svilene i daj dako dvi vunene, 

Daj mi suknju svu od svile, zlatne grane gde bi bile, 

Dvie Samie dragi dako il tri kupi svakojako, 

Zapreg fini, prsluk svilni, kupi dako i naCini, 

Kupi öi2me i cipele, dvoje ätrimfe ne debele. 

Kupi 6urak erne (ove i marame jo§ tri nove. 

Kupi 6epe, gjerdan meni, dragi dako poljubljeni. 

Teko svekar sve privoli, §to snaSica njeg zamoli. 

Jo§ joj kupi mlogo viSe, Sim snaSicu izkitiSe. 

KreStelica mat i prija Ijuta biSe kano zmija. 

Prian Teko njoj za banke samo kupi tu opanke. 

Ali ona üüme iska pa od njega ne iztiska. U. s. w. 

8 der Schwiegervater seine Schnur angeworben und beschenkt hatte, — 

die Weiber der Schnur Sojka Kuchen, Fleisch, Geschenke ^) und 

ien schon zutrugen und fortwährend nach besten Kräften hergaben, — 

sprach der Schwiegervater : »Jetzt wollen wir aufbrechen, damit wir 

eine Ausstattung (beim Kaufmann in der Stadt) aussuchen.« — — 

I besteigen sie den Wagen und fahren Alle nach Essek fort. — Hier 

m sie auf dem Markte ein und sahen auch allerlei Schönes. — 

}, der Schwiegervater, zieht den Beutel, um der neuen jungen Frau 

okaufen. — »Geh', kauf zwei Seidentücher,« und »geh', Väterchen, 

wollene, geh', kauf mir einen Kittel ganz aus Seide, goldene Zweige 

n d'rauf sein. — Kauf mir, geliebtes Väterchen, zwei Kopftücher 

lieber auf jeden Fall drei. — Kauf, Väterchen, eine feine Schürze, 

seidene Weste, lass' ja das anfertigen. — Kauf Stiefeln und 

:sche) Schuhe (Zugstiefletten), zwei Paar Strümpfe, (nur) dick sollen 

licht sein. — Kauf einen Pelzrock aus schwarzem Tuche und noch 



*) Dare, LeinwaDdzeng als Geschenke xar ^io/rjr. 



362 

drei neue Tüchel. — Kauf eine Kotze (Bettdecke), (kauf mir) ein 
Halsband, liebes, herziges Väterchen.« — Also bewilligt der Schwiege^ 
vater Alles, um was ihn sein Schnürlein bittet. — Kaufte ihr noch viel 
mehr, womit sie das Weibchen ausschmückten. — Die Häherin als 
Mutter und Freundin ^) war (aber) zornig wie eine Schlange. — (Denn) 
Freund Teko kaufte ihr für seine Banknoten diesmal nur Opanken. — 
Doch sie verlangte Stiefeln und konnte sie aus ihm nicht herauspressen.« 

U. 8. w. 

Bosnien. Ist es dem Burschen mit seiner Bewerbung ernst 
zu thun, so fragt er wohl zuerst bei einer nächtlichen Zusammen- 
kunft das Mädchen seiner Wahl, ob sie sein Weib werden will. 
Antwortet sie ihm : »Ich heirate in diesem Jahre nicht,« so bedeutet 
dieser Bescheid für ihn so viel als: »Dich mag ich nie und nimmer 
heiraten.« Willigt sie aber ein, so gibt er ihr ein Verlobnngspfiiul 
(obilje2je), das man häufig auch prsten (Bing) nennt, woU 
deshalb, weil man ehedem gewöhnlich dem Mädchen einen Riiy 
an den Finger steckte, während jetzt in der Begel ein Gold- odff 
Silberstück gegeben wird. Als Gegengeschenk erhält der Werber 
vom Mädchen ein Tüchel oder ein Hemd, oder sonst etwas, wu 
sie eigenhändig angefertigt hat. Oft bedient man sich beim Aus- 
tausche der Yerlobungspfänder irgend einer Mittelsperson. Ich selH 
erzählt unser Gewährsmann K. von sich, war einmal als kleiser 
Knabe Vermittler in einer solchen Angelegenheit. Mein Oheia 
hatte zu einem Mädchen Liebe gefasst und wollte sie heintei. 
Ich, der ich von der eigentlichen Bedeutung der Sache kein 
Ahnung hatte, sollte sie ins Beine bringen. Der Oheim fordeiti 
mich auf, mit ihm zu gehen ; meine Mutter sagte mir, wohin i^ 
gehen werde und was ich sprechen müsse, und händigte mir 
einen Ducaten ein. Als wir in des Mädchens Hans kamen, ftiuki 
wir dort viele Gäste und auch uns wurde ein sehr herzlicher Eo- 
pfang zu Theii. Nach einer Weile brachte mir das Mädchen nidi 
Landesbrauch eine Schale Kaffee, doch ich weigerte mich, i^ 
Kaffee anzunehmen, indem ich zu dem Mädchen sagte: »Ichwerdi 
nie aus Deiner Hand einen Kaffee annehmen, ehe Du mir «ü« 
Zusicherung gegeben, dass Du mir Tante werden willst.« 
— »Nimm nur, so will ich Deine Tante werden!« 
Darauf reichte ich ihr den Ducaten und nahm den Kaffee u- 
Das Mädchen küsste mich auf die Stirne, begab sich in ihre Stube, 

*) Bezüglich dieses Ausdruckes vergl. oben S. 14. Z. 1-6. 



363 

/ 

hte mir ein Tüchel und ein Hemd, küsste mich wieder auf die 
le und legte das Geschenk auf meinen Schoss. Das Tüchel war 
mich, das Hemd für meinen Oheim bestimmt ; darin bestanden 
Mädchens obilje2je. Nach einer längeren Unterhaltung und 
irthung kehrten wir wieder heim, ich küsste meiner Mutter 
Band und übergab ihr die Geschenke ; dafQr küsste sie mich 
die Stirne und segnete mich, weil ich »ein gar so verständiger 
;e wäre«. Am nächsten Tage trug sie das Geschenk zu ihren 
des Oheims Eltern (den Grosseltern des Knaben), küsste ihnen 
Band und beglückwünschte sie voll Freuden. Die Grosseltern 
eteu nun sie und mich. 

Der Austausch der Yerlobungspfönder wird als Geheimniss 
Aussenwelt gegenüber bewahrt. Bei Gelegenheit der obiljeSje 
len auch verschiedene Hindernisse hervorgehoben, die gegen 
schliessliche Zustandekommen der Ehe möglicherweise geltend 
icht werden könnten; z. B., ob die jungen Leute nicht etwa 
u nahem verwandtschaftlichen Verhältnisse zu einander stehen ; 
licht die Kirche Einsprache gegen die Verbindung erheben wird 
n z. B. das Mädchen eine Katholikin ist, der Bursche ein 
laubiger oder umgekehrt), ob die Sippenoberhäupter nichts dagegen 
n, wie soll man das Mädchen vor den EinflQsterungen der 
de des Bräutigams bewahren u. s. w. Obgleich man zugleich 
I ganz bestimmt lautende Eheverträge abschliesst, zu deren 
erheit Pfönder gegeben werden, so kommt es doch vor, dass 
eine Partei die andere hintergeht. Manches Mädchen schliesst 
mehreren Burschen Verträge, nimmt und gibt ihnen Verlo- 
^spfänder, ohne dass die Burschen, da derlei geheim gehalten 
, sobald erfahren, dass sie betrogen worden. Eben daraus 
irt es sich, warum die Burschen nicht allzuviel Vertrauen in 
»bungspfänder setzen. Ein Volkslied lautet: 

Treuer Freund, o traue keinem Mädchen, 

Bei den Mädchen gibt es keine Treue. 

Meine Maid hat schmählich mich betrogen. 

Einmal hiess es: »Ja, ich folg' Dir, Theu'rer!« 

Und dann wiedVum: »Muss die Mutter fragen.« 

Späterhin: >0 warte bis zum Herbste.« 

Als die Frist herangerückt zur Hochzeit, 

Nahm das treue Mädchen einen Andern. 
In solchen Fällen zieht sich das treubrüchige Mädchen den 
:sten Hass nicht nur des Betrogenen, sondern seiner ganzen 



364 

Sippe zn, die in dem Einen sich mitbeleidigt f&hlt. Ihr Grimm 
trifft auch den, der die Braut dem Anderen w^geschnappt. Dm 
erbittertsten Kämpfe sind die Folge solcher üeberyortheilangei. 
Nicht selten macht ein Mädchen dem anderen ihren Brftatig&m 
abspenstig. Die arme Verlassene ist doppelt elend, einmal, weil si« 
nicht leicht einen anderen Bräutigam bekommt, das andere Mil, 
weil sie nicht wie ein Mann, mit Waffen sich an der Yerrätherii 
rächen kann. Dafür stösst sie auf Beide grässliche FlQche ud 
Verwünschungen aus: 

Auch ich, Mädchen, hatte einen Liebsten, 
Hündin war's, die mir ihn abgewendet, 
Abgewendet und sich zugewendet. 
Wahnsinn trefft sie, sie und ihn desgleichen, 
Und der Wahnsinn jag' sie durch's Gebirge. 
Gras als Nahrung, Morgenthau als Labung, 
Dies sei ihre tägliche Erquickung 
Und kein Kind erfreue je ihr Herze! 

Der Hausälteste des Burschen bestimmt den Tag der Werbug. 
Auf den Dörfern pflegt des Mädchens Hausältester (stareSina) ain- 
geben, wie yiel Branntwein man zur Werbung mitzubringen bibi 
(Manche fordern sechzig bis hundert Mass.) In den Städten flbtf» 
lässt man dies dem Ehr- und Anstandsgefühl (na obraz i poitttj^ 
des Werbers. 

Bei den Muslimen ist keinerlei feierliche Werbung üblich, &ii^ 
dem die Braut wird heimgeführt, sobald der Ehecontract Ibg^ 
macht ist. Von ihnen unterscheiden sich die Altgläubigen nnd C>- 
tholiken sowohl in Werbungs- als Vermählungsgebräuchen. 

Da es oft vorkommt, dass ein Mädchen mitunter f&nf U 
zehn Werber hat, und unter diesen häufig die erbittertsten Kämpfe 
vorfallen, so fanden es die bosnischen Bischöfe rathsam, anzQordMi 
dass Niemand auf Werbung gehen dürfe, ohne vom Ortspftntf 
dazu einen Erlaubnissschein (c e d u 1 j a, vom deutschen >Z€ttel«) 
erwirkt zu haben. Der Pfarrer ist verpflichtet, einen solchen Zettd 
unentgeltlich auszufolgen, und wenn er einmal einem Bnisckd 
einen solchen Schein gegeben, so darf er keinem Zweiten anf di^ 
selbe Mädchen einen neuen Zettel ausstellen. Ohne diese besoadeü 
Anweisung darf ein stare§ina die Werber gar nicht über die Schwdh 
lassen. Ferner muss das Mädchen selbst, falls sie die Werbof 
angenommen, dem Pfarrer bei der Verlobung (na prsten) 4« 



366 

iD zurücketellen, im entgegeugeaetztea Falle ist der Empfänger 
aldig, (Jen Zettel zurückzubringen, damit ihn der Pfarrer einem 
ideren geben kann, wenn dieser um jenes Mädchen anhalten 
UI. Diese Anweisungen haben beiläufig folgenden Wortlaut : 
»Im Namen Gottes!- 
Hiemit wird N., ehelicher Sohn des N. und der N.. aus dem 
rte N. bevollmächtigt, einen ehrenhaften Vertrag mit N., der 
lochter des N. N, aus dem Orte N., behufs Abschliessmtg piner 
^etzlichen Ehe festzusetzen, die alsbald stattfinden soll, sobald 
lin dawiderlaufendes HindernJss der Heirat entgegen sein wird. 
- (Folgen Unterschrift des Pfarrers, Amtssiegel, Tag und Jahr der 
Lnafertigung). 

Uit dieser Beglaubigung in der Tasche macht sich der stare- 
Eoa des jungen Mannes in Begleitung ron fünf bis sieben Gelahrten 
if den Weg, die mit einer Menge abgesottenem und gebratenem 
leisch, Kuchen (pita), Brod, Branntwein u. s. w. wohl bepackt sind. 

der Abenddämmerung machen sie vor dem Hause des Mädchens 
Üt und der stareäina der Gesandtschaft ruft aus voller Brust : 
)oma£ine !• Wann sich dieser anmeldet, so fährt der Redner fort: 
'ann man bei Dir übernachten? Kommen Dir Gäste recht ?• Der 
Hgeredete: >Immer willkommen, tretet ohneweiters ein, ein kleines 

ler auf dem Herde ist angefacht, an Brod, Salz und Wasser 
rd es nicht fehlen, und es dürfte sich noch Etwas d'rüber finden, 

der liebe Gott will, will er nicht, so gibt es hier genug Liebe 
) guten Willen, die würzen Jedes und Alles N 

Die Werber treten nun ins Haus, begrflssen die Hausleute 
it einem "Gottes Hilfe steh' Euch bei«, werden von den Leuten 
f das beste empfangen und zum Niedersitzen eingeladen. Stüdtische 

ber. da sie lederne Halbschuhe (jemenije) tragen, lassen diese 

der ZimmerthOre, wie es der bosnische Landesbrauch erheischt, 
ihread bäuerlichen Werbern, die in Opanken herumgehen, die 

,ne& des Hauses sofort die Opanken ausziehen , die Füsse 
cebeD und das abgelegte Gewand, falls es auf dem Wege- vom 

eo Dftss geworden, zum Treckneu aufhängen. 
Nachdem man eise kleine Weile der Erholung gegCnnt, gibt 

sUrejiina das Zeichen zum Gebet. Man betet klar und langsam, 

nua in Bosnien gewChnlich jeden Tag zu beten pfiegt. Nach 
Gebete kOssen die jüngeren Hausgenossen den älteren die 

de und sagen »Getobt sei Christus', worauf man ihneu 



366 

antwortet: »Jesus und Maria seien in Ewigkeit gepriesen, Ih 
aber sollst gesund und frohgemuth sein!« Nun knüpft man mit 
den Gästen ein neues Gespräch an. Etwas später kommen die 
Mädchen (2enskice), bringen Wasser, Waschbecken und Handtnek 
und giessen den Leuten Wasser über die Hände. Ist die Hände- 
Waschung vorüber, schaffe man den runden grossen, aber nieder«! 
Speisetisch (sofra) in die Stube hinein, um den sich alle erwach- 
senen Männer in der Bunde niederlassen. Die Frauen dürfen naek 
allgemeinem südslavischen Brauch, weder in diesem Falle noek 
sonst, mit den Männern zugleich an einem Tische sitzen, fliemf 
erhebt sich der stareSina und betet laut, wie es der BniKk 
erheischt, ein > Vater unser«, ein »Ayc Maria« und ein > Lob sei 
dem Herrn«, >auf dass die Gäste Gottes Segen in Speise ud 
Trank theilhaftig würden«. Nun füllt er ein Glas mit Branntwaii 
an und bringt auf die Ankömmlinge einen Trinkspnich aus, dai 
folgen Entgegnungen auf Entgegnungen, bis man sich an SpeiM 
und Trank zur Genüge gütlich gethan. Einer Yon den Hitf* 
genossen stimmt das Liedchen an: 

Wenn wir trinken, wollen wir auch singen. 
Freude mag mit Gott im Herzen klingen. 
0! 0! 0! Jesu Namen ist der heiligste, 
Und dann kommt erst Josef und Maria! 0! 0! O! 

Die langgedehnten Oooo machen die Octaye der Tonleiter daick; 
es währt eine halbe Stunde zum Mindesten, ehe der kühne Siiftf 
aufhört. Seine Lorbeeren lassen einem der Werber keinen 
und nun hebt er von Neuem die Melodie an, nm womöglich M 
Ersten zu übertreffen. Sieger bleibt, wer am längsten ohne ütt\ 
setzen singen kann. Die ganze Gesellschaft lauscht mit grdotff 
Spannung und unbeschreiblichem Entzücken diesem Wettgettif 
und spart kein Lob Demjenigen, der's besser versteht (tko zna b^j 
Nachdem der Zweite mit den Ooo, d. h. mit seinem Athem 
Ende ist, fängt von Neuem der Erste an: 

Lob sei Gott und diesem Feiertage, 
Und auch unsVem doma6in des Hauses! 

0! 0! 0! Juchhe! 

Neigt das Gejohle seinem Ende zu, so schenkt der di 
ein Glas Branntwein ein und reicht es dem Aeltesten der Wi 
(prosjaßki stare§ina), doch dieser sagt, er solle das Glis vor 
hinstellen, dann gebietet er mit befehlender Stimme den 



Benug ! Haltet ein U und wendet sich zu dem stareäina des Hauses : 
G^'lobt sei Jesus!» Dieser erwidert ihm den Gruss. Der Werber: 
Wir können, Bruder, Deine Liebe weder austrinken, noch aufessen. 
issen wir demnach die leeren Bedensarten. Wisse, wir ainii Wan- 
Brer, die wir bei Dir eingekehrt, weil wir ein Anliegen an Dich 
I rJrhten haben. Bist Du Willens, unserem Wunsche gerecht zu 
erden, dann wollen wir wieder essen und trinken, magst Du nicht, 
I sag' es uns nur rund heraus, d»mit wir auf der Stelle uns fort- 
iKeheu und unsere Zeit nicht vertrödeln!« Der domacin bittet 
un. ihm sagen zu wollen, worin denn ihr Wunsch bestehe, und 
ihl ihnen das Versprechen, denselben zu erfüllen, wenn es nur 
gendwie möglich sein sollte. Der Redner: >Es drang zu uns die 
iunde, dass Dn eine schSne Falkin hast, wir aber besitzen einen 
ehSnen Falken. Wir kommen als Werber und halten um Eure 
WkiB für unseren Falken an. um Eure N. für unseren N.« 

Der Angesprochene thut, als hätte er das Ganze überhört, 
bgt von diesem und jenem zu reden an (baca bacanije) und bietet 
Im Werbern Branntwein an; doch diese beharren bei ihrem An- 
age und fordern Gewährung ihrer Bitte. Nach langem Hin- und 
lerreden, nachdem mau einander so hin und her geworfen (Izpre- 
fteifali se), geräth der Werber zum Schein iu Zorn und verlangt, 
Rjs man das Mädchen vor ihn führe, denn er wolle mit Niemand 
iclir unterhandeln, als mit ihr, von der allein die endgiltige Entr 
llwidDDg dieser Sache abhänge. 

Der stareSina thut darüber ganz entrüstet und fragt die Leute, 
I BJe Hajduken oder gar Strolche und Gewaltmenschen seien, dass 
t 50 aufliegehren. Da zieht der Aelteste der Werber aus dem 
Bri«l des Pfarrers Zettel und einen schöuen Apfel, in welchem ein 
3liD (Geldstück im Werthe von 25—30 Kreuzer) und noch einige 
■Ikeo stocken. Diese Dinge legt er auf den Tisch und sagt, dass 
9, die Werber, ehrenhafte Männer (pogteni Ijudi) wären, und darum 
j es recht und billig, dass man das Mädchen vorführe, damit sie 
i« Gabe annehme, wenn sie ihr behagt, oder es sein lasse, ganz 
leb ihrem Belieben, ohne dass mau ihre freie Entscheidung 
Igvndwie beeinflusse. 

Nun holt mau das Mädchen, das sich bisher den Gästen gar 
cht hatte zeigen dürfen. Die bosnischen Mädchen tragen für ge- 
Hmlich das Haar in dünnen Z5pfchen, zu >Fünf und Neun*, wie 
I im Volksliede heisst, geflochten, und diese Zfipfchen hängen über 
» Scbniter herab. Die Hausleute flechten nun die ZJtpfcheu auf. 



368 

und mit herabwallendem Haare, wie eine Yila aus deoi Gebirge, 
tritt die Maid vor die Werber hin. Der Aelteste der Werber setit 
ihr die Sachlage auseinander, darauf ergreift der doma6in dei 
Hauses das Wort und ermahnt nach besten Kräften das Mftdchei, 
wohl aufzuschauen, wozu sie sich nunmehr entschliesse, damit sie 
auf Niemand späterhin Grund zum Fluchen habe. >F&ll8t Du selbst, 
verletzt Du Dich selbst, « schliesst der stareäina seine Ermahnui^ 
»Es steht Dir frei, den Apfel anzunehmen ; mein Segen soll Dür 
nicht fehlen.« Das Mädchen küsst dem stareSina die Hand, dm 
allen IJebrigen der Beihe nach, packt mit einem raschen Gxif 
Apfel und Zettelchen und, hast Du^s nicht gesehen, ist im Nu us 
dem Zimmer draussen unter den übrigen Frauen. 

In demselben Augenblicke, wo die Maid nach dem Apfel greift, 
schiesst einer von den Werbern durchs Fenster sein Gewehr ik, 
und im Dorfe spricht man: »Horcht, man hat die N. geworbeLc 
Nun entladen auch die übrigen Werber ihre Gewehre und oft tbu 
die Nachbarn dem Hause zu Ehren dasselbe. Darauf fängt man ra 
Neuem an zu essen, zu trinken, zu singen und sich zu ergStio. 
In später Nachtstunde beschenkt die Maid die Werber und diw 
nehmen Abschied, nachdem sie noch zuvor vom Tische auch jiMi 
Geschenk mitgenommen, das vom Mädchen hingelegt wurde, ik 
sie den Apfel ergriff. 

Bei den Altgläubigen herrscht eine kleine Verschiedenheit ia 
Brauche. Bevor das Mädchen den Apfel nimmt, wendet sie sieh irf 
Ermahnung des stareSina um zum Bilde der Gnadenmutter, 9eU||l 
einigemal das Kreuz und spricht einige Gebete. Zwei Frauen aikm 
sich ihr nun, drehen sie dreimal herum, und dann schreitet M9tt 
zum Tische, um den Apfel zu nehmen. Durch das Gebet $i 
Gottes Zustimmung eingeholt werden. Würde sich das Mftdekfl 
selbst im Kreise umdrehen, so käme sie, sagt man, wieder mit 
Gesichte gegen das Gnadenbild ; darum wird sie von den Fni*| 
umgedreht, die darauf sehen, dass das Mädchen mit dem AntliM 
gegen den Apfel stehen bleibt. Die Katholiken meinen, dass 
durch derlei Umstände Gott belästige und daher sündige. 
Brauche liegt eine uralte heidnische Symbolik zu Grunde. 

Gleich am nächsten Tage oder am ersten Feiertage, dtf 
die Verlobung folgt, muss sich das junge Paar dem Pfarrer 
stellen, damit eine feierliche Verkündigung stattfinde. Das Mi 
und der Bursche werden von ihrer aufs Festlichste gekleideten Ti 
wandtschaft auf diesem Wege begleitet. Der Pfarrer unteniekt i 



I 




igeo leute ein« PrÜfoDg bezQglich ihrer religiösen Ueljerzeuguug 

|Cl ihres Entscblusfes, zu heirateu. Hierauf befiehlt er, da^s das 

b^dcheü ilen Ring (prsten) auf die Banli gebe. Das Mädchen legt 

per keinen Ring, sondern nach Brauch ein Tüchel und das Zettel- 

Ki«D, der Bursche wirklich einen Ring iiuf die Banlt. Wiederum 

irnuhnt der Pfarrer Beide und fordert sie auf, die Verlobunge- 

^Ander (obilje£ja), falls es ihnen beliebt, anzunehmen. D&s Mädchen 

Bimrai den Hing, der Bursche das Tttchel, der Pfarrer zeneisst das 

Keltelehen und gibt den jungen Brautleuten seinen Segen. Nun 

Kireibt der Priester die Verkündigung aus (naviä<;enje), die bei- 

so wie jener Werbnngsschein ausgestellt wird. Die Braut 

ind der Bräutigam sagen dem Pfarrer ihre ganze Anverwandtschaft 

)r, damit sie selbst auf diese Weise gegenseitig ihre Angehörigen 

iDeu lernen. Nach der Messe und der Verhandlung wird irgendwo 

der Nähe ein Festmahl abguhallen, an dem die Freunde und 

^Tenvandten beider Sippen theilznnehmen pflegen. Die Lustbar- 

len dauern bis tief in die sinkende Nacht hinein. 

Diese Darstellung verdanken wir im Wesentlichsten Klopovifi. 

1er fliessen unsere Quellen über bosnische Heiratsgebräuche 

r spärlich. Bisher sind die BoSnjaken von den Forsehern in 

ler Hinsicht nur. zu stiefmütterlich behandelt worden. Bogigi6 

Enji2evnik gibt uns gar keine Nachrichten, und was er im 

Inmik bringt, ist auch nur zu dürftig ausgefallen. Fra Marti6, 

kQhne Sänger bosnischer Heldenthaten, hätte sich gerechteren 

Aspruch auf den Dank seines Volkes erworben, wenn er weniger 

hgfalt auf seine vollständig überflüssigen Gedichte und ein wenig 

iriir Huf die Beantwortung der Bogigiö'schen Fragen verwandt 

Ueber bosnische Hochzeitsgebräuche weiss er nur folgende 

ulninft au geben: »Bevor eine Ehe geschlossen wird, niuss voran- 

len: 1, der Vertrag (ugovor), d. i. wann die Eltern des Paares 

I Vertrag schliessen; 2, die Werbung (proSnja), d. i. wann man 

bt; 3. der Austausch der Ringe (prstenovanje) ; 4. der Apfel 

r die Seide (jabuka ili svila); 5. die Trauung (vjenöanje): 6, der 

inch (pohagjanje), d. i. wann der Schwiegersohn die Schwieger- 

Dtter und sie wieder ihn besucht.* (ßogiSid. S. 163.) Auf BogiSiä's 

i>gest«-llung : »Sind gewisse symbolische Gebräuche bei solchen 

luutuenkünften üblich V- gibt der Franziskaner S. 171 zur Ant- 

t: »Freilich, freilich, sie werden aber immer seltener.« Etwas 

■ffllirlicher nnd bestimmter drückt sich ein anderer Franaiskaner- 

Inch, HndSiristiä, aus (ßogi^i^, Zb., S. 163). Wenn sich ein 



370 

Bursche in ein Mädchen verliebt und seine Eltern ihm m heiraten 
nicht wehren, oder auch die Eltern wollen ihren Sohn verheiratei, 
so lässt man erst durch einen guten Freund bei den Eltern des 
Mädchens die Sachlage erforschen. Sind die Eltern ein Terstanden, 
besonders wenn dem Mädchen der Bursche zusagt, so geschieht die 
Werbung öffentlich (bude prsten). (Prsten, Bing, wird, wie mu 
sieht, sowohl für Werbung als Verlobung gebraucht.) Die Verlobung 
findet gewöhnlich an einem Sonntag statt. B^lückw ünschunges 
werden selten yor der Verlobung angenommen. Einen Tag, befor 
letztere stattfindet, laden die Eltern der Braut und des Br&utiguBS 
ihre Freunde ein, indem man sie bitten lässt, nach der Messe uf 
einen Augenblick zu ihnen ins Haus sich zu bemühen. Das ist bd 
Morgenanbruch, denn in Sarajevo geht man vor Morgenanbrueh ä 
die Kirche. Sowohl in dem einen wie dem anderen Hause stelle 
sich die Geladenen ein. An beiden Orten tanzen Mädchen und tm^ 
heiratete Frauen den Beigen und die Musikanten spielen au£ Sind 
die Gäste im Hause des Burschen vollzählig angelangt, trägt mu 
vor sie Backwerk und der Hausherr spricht beiläufig Folgendii: 
>Ich habe Euch, meine Freunde, zu mir gebeten, damit wir a 
Gemeinschaft zu meinem Freund (so und so) uns aufmachen ui 
ich ihm den Bing gebe.« Nun treten die Gäste paarweise den Wif 
zum Hause der Braut an, während die Frauen im Hause Beign 
tanzen und so lange singen, bis die svati fort sind. Die Thftrfl 
des >Freundes< werden gleich geöffnet und offen gelassen, sMl 
man der Gäste ansichtig wird, die zu Zweien ins Haus hineingekM' 
Haben sich die Leute niedergesetzt, so erhebt sich nach einer Wdb 
der kum und spricht zum domaöin: »Herr N. N., mein FreM 
hat mir aufgetragen, Euch diesen Bing zu übergeben, den Dr 
hoffentlich nicht zurückweisen werdet, als dauerndes Zeichen unsartf 
gegenseitigen Freundschaft und Vereinigung.« Mit dem Binge flh 
sammen überreicht der kum dem domaöin auch einen Dncatd. 
Der doma6in nimmt die Gabe an und legt sie vor das Heiligenbii 
im Zimmer hin. Kum und doma6in küssen sich und der kum bi*| 
glückwünscht den doma6in. Hierauf erhebt sich der Vater itf^ 
Bräutigams und beglückwünscht den doma6in; dasselbe thun wk 
die übrigen Gäste; später beglückwünscht man auch die domtfiow^ 
Damit hat die Verlobung (prsten) stattgefunden.« 

Die Verlobung bei den bosnischen Moslimen. üehT 
die Art der Liebesbewerbung, wie sie unter den bosnischen Mm 
limen üblich ist, haben wir ausführlich gesprochen. Statt eiMT 



371 

gentlichen Verlobung hat sich bei den mohamedanisirten Slaven 
teniens noch die alte Art des Mädchenraubes, freilich nur in sehr 
^geschwächter Gestalt, erhalten. Als die Herren des Landes, durften 
e nngescbeut Gewalt ausüben, die sie an einem Nichtmosliinen bitter 
träcbt hätten. Immer aber war der Mädchenraub mit vielen ün- 
inehmlichkeiten für beide Parteien verknüpft. Heutigen Tages 
[rd nur mehr ein äusserer Prunk bei der Brautfahrt entfaltet, als 
Ute es eine gewaltsame Entführung. Ueber die näheren Um- 
lode berichtet Momüinoyi6 : >Wenn ein Bursche merkt, dass das 
ftdchen seiner Wahl Willens sei, seine (iattin zu werden, so wartet 
' anf eine gQnstige Gelegenheit, um sein Sacktuch (jagluk) oder 
D Kleidungsstück auf sie zu werfen. Wirft das Mädchen das 
tehel nicht von sich und ergreift nicht die Flucht, sondern lässt 
iJh sogar von ihrem Bewerber fangen, so ist sie die Seine. Wohnt 
r Bursche in der Nähe, so führt er in Gesellschaft seiner Ge- 
IBseu, die er zu diesem Behufe mitgebracht, die Maid in sein 
Ins. Wohnt er entfernter, so hat er nicht daran vergessen, ein 
f$s ZBT Flucht bereit zu halten, dag er irgendwo tuiterbringt, bis 
n der Mädchenraub gelungen. Weil es aber häufig vorkam, wie 
oft in Volksliedern besungen wird, dass ein Stärkerer dem 
Idehenräuber und seinen Gefährten die Braut abjagte, so ziehen 
ch heutigen Tages reichere Leute, wenn sie es weit bis zum 
uue der Braut haben, mit einer gany.en Schaar wohlbewaffneter 
dter aus, die sich •Hochzeitsleute< nennen, üebrigeos ist es 
lEt, wie überhaupt in unserem Volke, Brauch und Sitte, bei jeder 
ititcben und freudigen Veranlassung zu schiessen. An der Spitze 
r Hoehzeitsschaar steht der stari svat, der im Nothfalle 'cora- 
Indirt«, dann ein djer und eine jengii, die auf dem Rückzuge in 
t Dächsteu Nähe der' Braut reiten, sie bedienen und sonst für 
» Bedürfnisse Sorge tragen.* 

Oalmatien (vorzugsweise die Bocca), Hercegowina, Crna- 
rt und Serbien. Der Werber begibt sich vor das Haus des 
Idcfaens — hinein darf er nicht — und ruft ihren Vater oder 
I Mutter, oder falls diese nicht mehr am Leben sind, die 
Itmo der Maid heraus; der Werber zieht nun den Vater des 
dchens au irgend einen Ort, wo er unbelauscht mit ihm sprechen 
in, nod bringt seinen Autragvor, Selbst in dem Falle, dass der Vater 
i der Werbung einverstanden ist, gibt er nicht sogleich sein 
»rt, sottdeiTi thut unwillig und entgegnet dem Werber; »Geh' 
tt Deines Weges, woher Du gekommen. Ich habe weder 
24* 



372 

an dem Burschen, noch an Deiner Freundschaft, fOr die ich Dir 
bestens danke, das Mindeste auszusetzen, müsste aber mir YorwQrfe 
machen, wenn ich ein so unreifes Eind schon ausheiraten würde. 
Euch nochmals meinen besten Dank für die mir zugedachte Ehre.« 
Der Werber: »Ich bitt* Euch, lasst Niemand etwas davon wissen, 
dass ich hier gewesen, c Dem Crnogorac erscheint es nämlich ab 
eine grosse Schande, wenn er einen Eorb erhält. Jener erwidert: 
>Von mir aus wird es Niemand erfahren.« Der Werber: »Ick 
werde schon wieder kommen.« Jener in strengem Tone: »Won 
Dich bemühen, da mein Entschluss feststeht, das Mädchen fir 
jetzt überhaupt nicht auszugeben.« 

Der Werber kehrt heim und berichtet über den Empfing 
Fragt der Vater des Burschen: »Konntest Du aus seiner Rede eot- 
nehmen, dass er sie hergeben will?« Der Werber: »Der Empfug 
war schön günstig. Ich hoffe, dass er mich nicht abweisen wird.« 
Der Vater: »Nun geh' zum zweiten Mal werben.« So erheischt ec 



^) So Martinoviö. Nach MedakoYid, S. 38, gehen gewObnb'di ivii 
Mann als Werber. Entgegen dem allgemeinen südslavischen Brauch macht licl 
in der Bocca nach VrSeyiö's Zengniss der Vater des Barschen als Werber ad[ 

Uebereinstimmend mit Medakoviö und Martinoviö schildern Ato M&^ 
koviö im Srbsko Dalmatinski Magazin (Jahrg. 1861, 8. 97 — 99) imd Mifivij 
Poznanoviö im Bosiljak HercegovaSki (1883), Nr. 1 and 2, in den Sfikeä 
seljacSkoga iivota die Werbung in der Hercegovina. Markoviö's Bemcrtnig pit- 
sidba biva obiöno noöu radi tarskoga straba (die Werbung geschieht gfwikt 
lieb näcbtlicher Weile aus Furcbt vor den Türken) beruht auf einem gi i W 
Irrtbum, da ja doch bei allen Südslaven die ersten Werber Nachts aiftifa 
kommen. Voll würzigen Volkshumors ist die Scbilderung bei Mili^eTi^iM 
H. B., wie der domaöin des Mädchens die nächtlicben Werber hinselt, ehe* 
ihnen Einlas s gewährt. Die feiertägliche Gewandung der »Wanderer« (pitafll 
Hess zwar den Zweck ihres Kommens erratben, doch die Werber sprächet M 
tief in die Nacht nichts davon. Es waren ihrer sechs Gef&hrten. Nach tai 
Abendessen erst griff der Sechste nach seiner torba, holte ein LaibdienDtfl 
heraus und nahm das Messer zur Hand, um es zu zerstückeln, da nntcrbrKh iij 
der Erste und rief aus: 

Ne, sad idemo tra^iti tko 6e ga izrezati (S. 27). 
»Nicht doch, jetzt werden wir Jemand suchen, der es lerschneidea «iii* 

Die Hausleute schauten einander verdutzt an und Einer lispelte i0\ 
Andern ins Ohr: 

Jesu prosci! 

»Ja, es sind Werber!« 

Der Redner bestätigt diese Vermuthung, und nun beginnt eine 
Geschichte, wie ihn, den Vater, sein Sohn gezwungen, auf die W< 
zu gehen, üebrigens meisterhaft erzählt. 



Dlicb der Brauch. Zum zweiten Male macht sich der Werber 
^ den Weg, ruft den Vater des Mädcliens vor das Haus und 
Bgt in ihn: »Gib mir sie, o Meoscfa! Kennst ja das Haus, 
inät den Burschen, gib mir sie denn!* Der Vater antwortet 
Q, falls er wirklich mit dem Antrag zufrieden ist, er werde 
(Tst Familtenrath halten, und bestellt den Werber, an einem un- 
itimmten Tag wieder zu kommen : >So geh' denn, Mensch, mit 
tt ; kommt Zeit, kommt Rath. Die Sache geht uns nicht davon, 
r kommen noch zusammen. Und bei Gott, ich kann Dir schon 
(halb nichts sagen, weil ich noch weder meine Bruder noch 
iTerwandteu um ihre Zustimmung befragt habe. Dann kannst 
i wieder kommen, am besten aber ist's, Du kommst gar nicht 
iir, denn ich fürchte nur zu sehr, dass aus der gauzen Ängelegen- 
[t nichts wird.» Froher Dinge nimmt der Werber Abschied und 
ildet zu Hause den Eitern des Burschen: »Es scheint mir stark, 
im uns Jemand das Spiel nicht verdirbt, so wird die Maid 
■er.« Der Vater: »Nun, so geh' wieder hin und wirb um sie!« 
» Mutter spart keine Bitten und Geschenke, um den Werber 
r Eile anzuspornen, denn es liegt ihr sehr viel daran, dass ja 
iht bald die Schnur ins Haus komme. 

Inzwischen beruft der Vater des Mädchens seine ganze An- 
rwandtschaft und theilt ihnen mit: >Der und der Mann hält fUr 
p und den Burschen um die Hand meiner Tochter an. Nun habe 
p Euch, Brüder, einberufen, ich kenne seinen Vater, seine 
Itter, doch den Burschen selbst kenne ich nicht. Hat ihn Einer 
p Euerer Mitte wohl näher kennen gelernt?' Der Eine meint 
m: >Hab' ihn gesehen und kennen gelernt. Er sagt mir recht 
K xu.< ein Anderer setzt hinzu: »Ich hab' ihn freilich nie ge- 
ItB, doch da Ihr ihn gesehen und kennen gelernt habt, so mag 
|th ich für ihn einstehen.« Der Vater des Mädchens: »Wohlan, 
Ider, die Entscheidung ist in Euerer Hand gelegen. Wir haben 
I gezeugt und grossgezogen, aber wir kennen nicht ohne Euere 
Billigung über sie entscheiden. Was meint Ihr nun? Sagt Ihr, 
|B wir sie ausgeben sollen, so stimme ich bei: erhebt sich aber 
b nur eine Stimme dagegen, so bin ich auch dagegen.* Nun 
en Einer den Andern an und darauf Alle einstimmig: >Ja, wir 
i einverstanden.* Vater und Mutter: >Nun, Brüder, ich nehme 
|fa beim Wort. Widerführt der Maid oder ihrem Hause irgend 
' rngemach, so werdet Ihr uns beistehen. Der Bursehe wird sie 
sein Weib hochhalten müssen. Ihr aber werdet ihre Partei 



374 

ergreifen, sollte sie der Bursche späterhin verfolgen, und müsste 
man die Sache vor Gericht austragen. Wir kennen Alle die Mali 
an ihr ist kein Makel. Sie soll nun dem Burschen angehören, usd 
müssten wir dafür unser Leben in die Wagschale legen.« Die Maid 
wird vom ganzen bratstvo als Schwester behandelt. 

Zum dritten Male kommt der Werber, ruft den Vater des 
Mädchens vor's Haus hinaus, und letzterer spricht zu dem Werto: 
> Wohlan denn, Mensch, da Du schon durchaus nicht ablasse! 
willst, so komm', lass' uns ins Haus hineingehen.« Freudig lädt er 
ihn ein, empfängt ihn aufs Beste, setzt ihm Speise nnd Trank tot 
und sagt: »Da hast Du das Mädchen.« Der Werber, von Freode 
ergriffen: »Lass' uns denn nun festsetzen, wann des Bnrsdia 
Vater und Mutter zur Verlobung (s v i 1 a) kommen dürfen« 
Der Vater des Mädchens bestimmt einen Tag, wann des Bristi- 
gams Eltern kommen können (an diesem Tage versammelt er 
auch die Verwandtschaft in seinem Hause): »Zieh* mit Gott, äe 
mögen an dem und dem Tage kommen, da werde ich sie erwartea«, 
und beschenkt zum Zeichen der Abmachung den Werber mit eioea 
seidenen Tüchel (rubac svileni). Der Werber schiesst in des 
Augenblicke, wo er das Haus verlässt, sein Gewehr ab. Dassefte 
pflegen nach Medakoviö auch die Hausleute zu thnn. Da bl^ 
man einander im Dorfe : »Was hat denn dies zu bedeuten ?« »BeiGitt; 
das und das Mädchen ist vergeben worden.« Manches Mädchen yh 
reichem und angesehenem Stamme hat mitunter sechzig Weite 
Von diesem Tage ab, wo der Werber sein Gewehr abgeschosiOi 
stellen sich keine neuen Werber bei demselben Mädchen eia. 0^; 
Werber wird zu Hause von Vater und Mutter des Burschen tA' 
grösster Freude begrüsst und bewirthet, und der Werber meW 
ihnen: »An dem und dem Tage habt Ihr zur Verlobung (sTil4 
zu kommen.« Beiderseits sind die Eltern der Verlobten bemüht, dtf 
dieselben an einander Gefallen finden. Ist festgesetzt worden, da* 
das Mädchen warten soll, so gibt man ihr ein Mütxchen. (Tkakf 
auf ihr Mützchen. Martinovic.) Die Brautleute sehen einaitoj 
übrigens recht selten. Wenn man sie daran erinnert, dass i 
Brautleute sind und sich lieben, so erröthen sie vor Schamhaftif 1 
keit. Die Verlobte verbirgt sich immerwährend vor ihrem Ttf*] 
lobten, mag er ihrem Herzen noch so theuer sein.^) 

^) Interessant ist es, zu beobachten, wie Martinoyiö seinen Vorfiil' 
Medakoviö vbenütztr. Bei Medak., S. 38, beisst es: »Rodite|ji od obe «titfl! 



375 

Der Braut wird statt eines Ringes ein Seidentüchel als Ver- 
ibungspfand gegebeo, während sie den King erst kurz vor dem 
^QUDgSäcte erhält, wenn sie das Haus verlässt und zur Kirche 
ich begibt. Daber wird die Verlobung svila (Seide) genannt. Die 
Tila findet gewöbnlich zwei oder drei Wochen vor der Hochzeit 
Gewöhnlich gehen nicht mehr als drei Personen aus dem 
anse des Bräutigams zur svila. Sein Vater, seine Mutter und der 
jever (Brautführer). Die Mutter putzt sich feiertäglich heraus, 
limmt Seidengarn, Leinwand zu Hemdeu, einen Goldducaten 
ind noch einige andere Geschenke für die Braut mit und wohl 
iDch, nebst einer ganzen Ladung Backwerk, einen gebratenen 
[ftmmelbock. Der Bursche darf nicht mit zur svila, sondern schickt 
Flaschen Branntwein mit, eine für die Hausgenossen des 
Mädchens, die andere für des Mädchens Sippe im Dorfe. Schwieger- 
,ter und Schwiegermutter bitten des Mädchens Eltern, sie 
lachten ihnen die Braut vorführen, damit man sie sehe. Mao 
icht nach der Maid, die sich aus Scbamhaftigkeit versteckt hält, 
Iberall hemm, bis man ihren Aufenthaltsort entdeckt und sie mehr 
kioschleppt als hinführt vor die Eltern ihres Brautmannes. Die 
laid sucht sich noch immer das Antlitz zu verhüllen, kQsst aber 
ren baldigen Schwiegereltern die Hand, empfangt die Geschenke, 
It dann hurtig davon und sperrt sich iu ihre Kammer ein. Nach- 
m man die Geschenke übergeben, leert man mit der svojta und 
rm bratstvo die eine Flasche Branntwein. Später versammelt 
ch die ganze svojta vor der Kirche und man reicht jedem doma- 
1 die andere Flasche zum Trünke dar, womit atle Mitglieder des 
ntetTo öffentlich ihre Zustimmung zu der eben geschlossenen 
wlobnng geben. Der Vater des Mädchens rüstet die Geschenke 



«Unyii ee, da omile Tjerenike jedno drngoine. Ako U te nglavi, da 
'ijka i«ka, onda joj dftda kapicn. Ritko se TJetenid B&atajii na vidikn. 
Hko »t TJMeDica krije od vjerenika i ako joj je n srca mio.* Dagegen Hart.: 
Ariji ■ djerojktDi ;i djeti£«Ti nastoje oko toga, da omile Tjerenike jedno 
(HM- Ako li se agtavi, da djevojka feka onda joj dadn na kapicu talire, 
M Bjtl) droje riedko kad aastajn; oua se njemu krije i ako joj je srdcu bas 
I into.« Solche Abschreibereien. die in der sQdslaviEcheB Literatur an der 
«(Ordnung tiod, darf man bei Leibe nicht nach anseien modernen Begriffen 
ED g«iitJgeio Eigentlmm beartbeilen, vielmehr steht der SQdslave noch auf 
Standponkie der griechischen and rOmischen Schriftsteller, die nnr dann 
Qaelleu namhaft xq machen pflegten, wenn sie gegen dieselben polemi- 
X. SuDBt galt geistiges Eigenthnm so liemlich als herrenloses Gnt, dessen 
ücli nach Belieben bemächUgen dnrfte. 



376 

zu für die Hochzeitsleute, doch die Kosten derselben trftgt der 
Bräutigam (yjerenik), und deshalb wird im Vorhinein ansgemadu 
wie viel er für die Geschenke zu erlegen hat. Eigentlich befriedigt 
sich der Vater der Braut von dem Gelde, das man auf den Enchen- 
fladen am Hochzeitstage hinlegt. Man vereinbart noch, ob num 
einen Fahnenträger bestellen soll oder nicht. Wenn zufälliger Weise 
der Vater oder die Mutter der Braut in Trauer (u koroti) ist, nad 
einem nahen Verwandten, so wird keine Fahne bestellt. ^) Bestehei 
aber die Hochzeitsleute auf die Fahne, so setzt man fest, dass 
man sie im Gesichtskreise des Hauses des Trauernden umwickeb 
werde. Den Ducaten, den die Eltern des Bräutigams mitgebrackt, 
erhält nicht das Mädchen, sondern ihr Vater, der ihn für sich ii 
Anspruch nimmt. Daher sagt man: »Der Vater schlug seine 
Tochter um einen Ducaten los.« 

In der Bocca von Cattaro schickt die svojta der Braut dem 
Bräutigam die Flasche oder Erug Branntwein wieder gefüllt zurück, 
nur steckt noch oben ein Granatapfel und ein Strauss yergoldeter 
Blumen. Der Granatapfel gilt als das Symbol der Fruchtbarkeit 
der vergoldete Blumenstrauss als das Symbol des Wohlstandes aod 
der Zufriedenheit. 

Früher war es Brauch, wenn der Bräutigam ohne Grund die 
Verlobung hinausschob, oder die Verlobten sich weigerten, einander 
zu heiraten, sei es, dass die eine Partei an der andern irgendein 
Gebrechen entdeckt haben wollte, oder dass man gar anderswe 
angeklopft, so zogen die bratstva der Braut und des Bräutigams 
gegen einander in den Eampf (megdan). Hatten Braut ud 
Bräutigam keine bratstva, so unterzog sich Letzterer einem DneD 
mit dem Bruder des Mädchens oder einem ihrer nächsten Anver- 
wandten. 

Bulgarien. Wie schon früher bemerkt, sucht sich derlbu 
bei den Bulgaren selbst seine Lebensgeföhrtin aus, die Werbof 
besorgt aber, so wie bei den übrigen Südslaven, einer der näebstei 
Verwandten, den man svat oder dvornik, wenn es eine Frao isl» 
svatica nennt. Vor der eigentlichen Verlobung, die man mienef 
oder mali armas nennt, gehen zwei kleinere Besprechungen rorW 
odumvanie und izpitie oder zelena kitka. Die Evnjfr 



^) Nach Vr6eTi<5 war es ehedem in Risano Sitte, statt einer Fahoe «ttei 
Oelzweig zu tragen ; jetzt that man es nur, wenn in einer der Familien der \€S^ 
ten eine Trauer um einen Verstorbenen herrscht 



^^^^^ 377 

acbang bei einer vierten Zusammenkunft, wo Alles ins Keine 
acht wird, heisst gode2 (gudez) oder relikl armas. 

Bei der ersten Besprechung, die der Bräutigam (in Tatar 
u'dSik) selbst mit den Eltern der Braut abhält, bekommt die 
it von dem Burschen einen Beutel mit Silbergeld als Yerlo- 
^epfand. Anderswo findet diese Schenkung erst bei der zweiten 
dritten Besprechung statt. Es wird auch festgesetzt, wie hoch 
der Kaufpreis belaufen muss, den die Eltern des Burschen 
Eltern des Mädchens zu erlegen haben. Er richtet sich nach 
Vermßgensverhältnissen des Bräutigams und schwankt zwischen 
lert und tausend Groschenstücken. In einem von uns schon 
er mitgetheilten Volksliede gibt das Mädchen den Preis auf znei 
Irelhundert Groschen an. Wir wollen hier das Lied wiederholen: 



I 



Wand sich eine Rebenranke 
Um die Zinnen der Burg Legen. 
Dies war keine Bebenranke, 
Sondern war ein Ecblankea Mägdlein, 
Das sich um den Bruder rankte. 
■ Kauf mich los, o lieber Bruder, 
Nicht zu hoch bin ich im Preise, 
Zwei, dreihundert Groschenstücke.« ') 



Am kleinen Werbungstage (mali armas) werden die Ringe 
[etanscht. Am grossen Werbungstage (veliki armas) erfolgt die 
ielle Befragung (izpitanie) der jungen Leute, ob sie mit Allem 
erstanden sind. Da fast in jeder Gegend bei einer anderen 
angegebenen Zusammenkünfte nach einer anderen Reihenfolge 
einz«lueu Besprechungen gepflogen werden, ergibt sieh schein- 

&af den ersten Blick eine grosse Verschiedenheit In den 
icben. Der ganze unterschied besteht aber nur in der Reihen- 
e und der daraus entspringenden verschiedenen Xamengebung. 
die Braut mit der Werbung zufrieden, so beschenkt sie jeden 
Werber mit irgend einem Gewandstück, das die Werber auf 

Rückwege über die Schulter geschlagen tragen, damit Jeder- 
n sieht, was für Geschenke die Braut vertheilt. Da eilen die 
X ans den Häusern heraus und bewundern oder tadeln die Ge- 
nk«. In einem Yolksliede wirll erzählt, wie die Mutter ihre 



*).lltlsd. Big. n. p., S. 460, Nr. 513. Bruder ist hier nar vis Kosewort 



378 

Tochter aus dem Hause ruft, damit sie sich einen solchen 
ansehe. Das Mädchen aber flucht der Mutter, denn der Braut 
hatte zuerst um ihre Hand geworben, doch ihre Mutter wie 
ab. Nun ist das Mädchen ganz verzweifelt. Sie eilt in ihre Eai 
und verbrennt ihre Wäsche, die sie als Geschenke fOr die W 
verfertigt. Wir wollen das charakteristische Liedchen hier 
theilen. 

»Komm', o Stana, komm' heraus. 

Komm', o Töchterchen, und sieh ! 

Had2i Dimo geht voraus. 

Nach dem Alten Söhne neun, 

Waren auf der Werbung Nachts. 

Geh'n nun von der Werbung heim. 

Risto ist, sein Sohn, verlobt 

Mit der Masa Arboran's. 

Komm', o Stana, komm' heraus, 

Ihre Gaben anzuschau'n.« 

— Schweig, Mutter, werde stumm. 

Wo Du stehst, da werde bUnd! 

Jüngst, als Risto um mich warb. 

Warum gabst Du mich nicht ihm? 

Machtest mir den Risto schlimm. 

Nanntest ihn den Trunkenbold: 

Er ist, Tochter, so und so. 

Wo er säuft, dort schläft er auch. 

Kommt er Abends dann nach Haus', 

Liegt mit Allen er in Streit. 

Droht dem Vater mit der Fünf, 

Ueberfällt die Mutter selbst 

Wohl mit einem scharfen Dolch. 

Auf den eig'nen Bruder legt 

An er sein Pistolenpaar. 

Straf Dich, Mutter, Gott dafür! — 

Ging nicht anzuschau'n hinaus, 

Sondern ging in ihr Gemach, 

Oeffnet dort die bunte Truh', 

Nimmt heraus die Gaben fein, 

Schleudert in das Feuer sie. 

Und es lodert auf der Schatz. 

Spricht die Maid zum Feuerbrand : 



379 

»Lod're, Gewand, verbrenne zu Staub, 
Da dir das Glück nicht wurde zu Theil, 
Dass ich dich selber verschenke 
Und mit dir mein Herz erfreu'!« 

Am folgenden Tage nach der Werbung schickt der Bräutigam 
issig Kinder in Begleitung eines alten Weibes zur Braut. Zwei 
1 den Kindern überbringen der Braut Obst, einen Blumenstrauss 
1 ein Gewandstück. Die Braut schickt wieder ihrerseits dem 
intig&m irgend ein Gegengeschenk. 

Am veliki armas oder gode2 wird gewöhnlich über die Aus- 
uer verhandelt, falls man nicht schon früher darüber sich geeinigt 
. Selbstverständlich wird bei dieser Gelegenheit eine grosse 
tmahlzeit abgehalten. Von diesem Zeitpunkte ab bis zur Hoch- 
' darf die Braut nicht mehr in die Gesellschaften ihrer Freun- 
nen, sondern muss die häuslichen Arbeiten verrichten, z. B. 
leim spinnen oder Mais rüppeln, bei welchen Arbeiten ihr übrigens 
e Genossinnen unter Gesang behilflicli zu sein pflegen. 



XIX. 

Die Hochzeit 

Najljepioj neyjesti pir iine kako i najgmbiQi). 
Der schönsten Braut bereitet man einen glei^eB Bm^* 
zeitsschmaus wie der angeschlaclitetaten. 



Die Brautbeschauer (ugledaöi, ugledjani, zagledail 
provodadiije, navodacija, kalauzi), die Werber (prosci, 
snuboci, jabuöari, prstengjije) und die Männer, welch 
die Verlobung zu Stande gebracht, haben ihres Amtes gewaltet 
Die kurze Spanne Zeit, die bis zur Hochzeit (syadba) ftr die 
Brautleute gar langsam dahinfliesst (vjera, yjeridba« zaraU 
podzaruki, bulg. gode2), geht nun zu Ende. Nnn soll A 
Trauung (zdavanje, vjenöanje) und zugleich der Schmaus (p ii) 
stattfinden. Beide Parteien sind bestrebt, die grösstmögliche PneM 
und Herrlichkeit bei dieser Gelegenheit zu entfalten. Besondeii 
bietet der Bräutigam Alles auf, um als Held (j u n a k) Tor seutf 
Braut zu erscheinen. Hochzeitsleute (sva6a, svatji) werden w«* 
und breit wie zu einem Kriegszuge (ö e t a) aufgeboten. Daher äi 
ständige Wendung im Yolksliede: 

Kupi sva6u, ide po djevojku. 
Sammelt Hochzeitsleute, zieht ums Mädchen. 

Bei einer Hochzeit heissen alle Gäste »Herren« oder »Banci« 
(gospoda, banovi). Hoch zu Rosse — wenn's die Mittel «^ 
lauben — unter Sang und Klang bewegt sich der Zug des Brtoö" 
gams. Allen voran zieht au der Spitze der Heerführer (Tojvodii 
dolibaga, türk. ; gewöhnlich fungirt als vojvoda der OhÄ 
des Bräutigams) und der Fahnenträger (barjaktar, im Kostet* 
lande bandira^, in Steiermark zastavnjak). Der Eine «* 
der Andere heissen auch prvijenac (der Erste). Allen Toraos ^ 
der Bote (mugtulund^ija, mu§tulugdjija, türk., Schreibtf)i 



die frohe Botschaft der haneaden Braut zu überbringen und 
t Geschenk dafQr einzuheimseo. 

Beicbe Leute pflegen zur Hochzeit recht viele Gäste einzu- 
•D oder auch viele uneingekdene gleich deu geladenen gut lu 
rirthen. Die Gäste, deren Aufgabe lediglich darin besteht, unter 
vorhandenen Speisen und Getränken aufzuräumen und den 
tzug zu vergrSssern, heisst mau uzoviiici (Eingeladene) oder 
ipreinici (die Mlteingespatinten)oder pustosvati (Hochzeitert 

nnr mitbummeln, fem. p ustosvatice), oder als Zeugen der 
mählung aufgefasst: pisari (Schreiber), la Bulgarien nennt 
n den Zug des Bräutigams hrzokonci (die schnell zu Rosse reiten). 
Die wichtigsten Persönlichkeiten bei einer Hochzeit sind die 
intleute (m laden ci = die Jungen, zaruönici = Verlobten), 
Dogleich sie nur eine untergeordnete Kolle bei dem Feste spielen. 
! allgemeine Bezeichnung für Bräutigam ist momak (Bursche). 
t in Slavonien, Bosnien und Serbien üblichen Ausdrücke djerz 
ddjuvegija sind Lehnworte aus dem Türkischen. In Istrien, 
lin und Kärnten, sowie im übrigen Eüstenlande und auf den 
«ein hat das Lehnwort aus dem Italienischen f a n t , f an a t 
Irgerrecht erhalten. Djeffak, dei^ko, klapec (nsl.) bezeichnet 
B Bräutigam (sowie momak) als das Bürschlein par exceltence. 
ladeaec (der Jüngling) sagt man im Draulande. Ganz bezeich- 
od ist nur das neuslovenische ienih (der sich Beweibende), 
liebem Ausdrucke das kroatisch-serbische mladozonja (der sich 
ag beweibt) recht entspricht. Zarui^aik ist der Bursche während 
I Verlobung, Nach der Hochzeit ist der junge Mann den Eltern 
Ines Weibes gegenüber der Eidam, zet, hulg. zetaSin, zetaätina. 
Das heir&tst^hige Mädchen heisst cura (hei den Serb.-Kroat.), 
ilg&riscb koriea, koritanka, kuritanka'), oder m o m a, 



■) Eine etymologische Erklärung jedes aogefährten Wortes m geben. 
n nidit OberfiOseig, uothvendig ist's aber dnrchaua nicht. Es gcnUgt eine 
itub« Erkiimng. EDTitunlca ist ein Lehnwort ma dem G riecht seh eo, von 
n, die Mkid. BemerkeQBwertfa ist eine Yolksdeutuitg des genannten Wortes, 
' Skkovski im PoktLialec in der Elinleitung itn guten Glauben anfahrt 
tUtigt wird sie anch von Odiakov (Enjiiernik, IIl. S. 40). Bekannt ist 
' Braucb, dasa man den Werbern in manchen Gegenden nicht gleich die 
bt« Uaid, Bondern eine andere Torßhrt. An diesen Brauch knQpft die Volks - 
itong tti. Die bnlgarische Volks aherlieferung erüSlitt, in alten Zeiten habe 
% wann ein Bursche die altere Tochter werben kam, die jOngere Schwester 
■T «ner Holde (kurito) Tcrsteckt, damit der Werber nicht etwa die jOngere 
iher nenne man noch gegenwärtig ein kleines Mädchen karitina. 



382 

balg, momiöe, in Kroatien auch ditniötca, in Steiermirfc 
dekla; mit Bücksicht auf ihre Jugend wird die Braut mladi, 
miadenka, mladejka genannt. Der eigentliche Ansdrnck zur 
Bezeichnung eines heiratsfähigen Mädchens (und zugleich der Brut) 
ist udayaöa (die man ausgeben kann, bezw. ausgibt). Als Ver- 
lobte ist sie eine zaruönica, bulg. godenica (zaruki «» godei 
= Verlobung). Der Name b u 1 ö i c a (die kleine Verschleierte) rfllut 
davon her, dass bei den Bulgaren die Braut verhüllt wird. (VeigL 
die später folgenden Darstellungen.) Die Braut führt auch dm 
Namen nevestica, nevesta, neva (die noch nicht Ver- 
heiratete). Ihrer Stammsippe gegenüber ist die junge Frao eiBe 
ödlva (eine Weggezogene). 

Die eigentlichen Würdenträger bei einer Hochzeit sind aoct 
die wahren svati. Die Grundbedeutung des Wortes liegt klar n 
Tage. (Vergl. oben, S. 1, Anm. zu svoj ta.) Sie sind die Functionin 
bei der Hochzeit. Ihnen kommt eine grosse Bedeutung zu. Dikr 
sagt auch das Sprichwort: 

Ostavi brata a uzmi svata. 
Lass' den Bruder Bruder sein und nimm dir einen (tüchtigen) snL 

Vom religiösen Standpunkte kommt dem Trauang8bei5taD(i^ 
k u m , die grösste Bedeutung zu. Das Band, welches ihn mit den 
jungen Paare verbindet, ist dauernd. Wir sprechen davon in einet 
besonderen Capitel. Der k u m , den der Bräutigam bestellt, heiflt 
debeli (der dicke) kum, zum Unterschiede vom kum der Biut 
Letzterer ist nur ein Statist. Dem debeli kum zur Seite steht ea 
Beistand, prikumak, oder, wie er in Syrmien genannt wH 
kumovski momak (des kum Bursche). Dieser ist zuweilen tsek 
Fahnenträger in Einem. Nächst dem kum tritt in eine gewisti 
geistige Verwandtschaft zu den Brautleuten der Brautführer, djeTer 
(bulg. auch k a 1 i s n i k , Lehnwort aus dem Griechischen). Eu 
anderer Name für ihn ist predvodnik (Anführer). Gewöhnück 
sind zwei Brautführer bestellt: desni (der rechte) oder rntii 
der zur Haud) oder veliki (der grosse) djever, und der lievi 
der linke) oder mali (der kleine) djever. Es können ihrer aiek 
mehrere sein. Würdenträger ist allein der Erstere. Als djenri 
bestellt sich der Bräutigam nur besonders zuverlässige FresiMH 
auf die er ganz und gar vertrauen darf, denn es besteht hie tf' 
da, z. B. in der Bocca und der Hercegovina, der Brauch, diss dii 
djeveri die erste Nacht allein mit der Braut das Lager tbeil^ 



!rg1. Cap. Beilager.) Als die intimsten Freunde des Sräntigama 1 
lesen die djereri kui-zweg auch pobratimi (Wahlbrüder). 

Am meisten bemerkbar macht sicli bei jeder Hochzeit der 
rermeidliche Bruder Lustig, der unverwüstliche Spassniacher und 
ssenreisser, dem Alles und Jedes erlaubt ist, der sich Alles und 
les auch erlaubt. Das ist der 6&nS (Nebf. 6ato, äajo), der 
irold (ttlrk. Lehnwort). Er heisst auch SipuS, veseljak (der I 
istige), laälja (der Lügner, Aufschneider), in Serbien kapetan, 
Bulgarien zalo^nik, in Steiermark pozaviiin oder plenjak. 
Steiermark pflegt man ihrer gleich zwei für dieses Amt zu 
stimmen. Versteht ein öauS sein Geschäft, so ist er weit und 
»it eine gesuchte und beliebte PersÖuliehkeit. 

Die gewichtigste Stimme bei einer Hochzeit hat der Fest- | 
rdoer, der das Geschäftliche zu übersehen und zu versehen hat. 
hin darf ihn weniger als "Wasser berauschen. Er musa mehr 
tinken kj^nnen als ein durstiges Schlachtross, denn vor der Tafel, 
*i der Tafel und nach der Tafel bringt er die Toaste aus. Der 
lecher muss jedesmal voll sein und auf einen Zug bis auf die 
topfprobe ') von ihm geleert werden. Auf ihn passt das Sprichwort: 
Bez starca nema udarca. 
Ohne des Allen Rath geschieht keine That. ^ 
' Dieser ehren- und trinkfeste Mann heisst in Kroatien stare- 
loa (der Alte par excellence), in Dalmatien pirov 6a£a (des 
ItbiD&uses Vater). Der allgemein bekannteste und gebräuchlichste 
Euae ist aber atari svat (der ältere ^) Hochzeiter) oder auch prvi 
Bt erste, vorzüglichere) oder pravi (der echte, rechte) svat, der 

Sitovski oder od svatova srat, im Gegensatze zu dem stari 
&t des Hauses, der die Honneurs macht. Hie und da gerathen 
me Ewei Herren iu Streit wegen des Amtsbezirkes und zuweilen 
liift man zu den Messern. Diesen regelmässig sich wiederholenden 
isftritt (in der Bocca) schildert vortrefflich, wie immer, Vrßevifi 
B Nil, S. 251 — 259. Die genannten Würdenträger werden auch 
k Volksliede vielfach genannt. Als der Held zur Brautfahrt sieh 
ite, da bot er die Blüthe des Landes, die grüssten Helden auf: 



*} Xadidem Einer getiunken, muEs er das leere Glas mit der Oeffnang 
nf den Kopf rtellen, otn ieo AnweBenden den Beweis zd liefen]. Au» von 
palenden Üise kein Tröpfchen TerloreD Kegangen. 

*) Wdrtlicli abenetzt: Ohne den Alten gibt es keinen Schlag. 

*} TlhIvj. Kapper a. A. übersetzen regelmässig dieses stari mit »alt«, 
nichts anderes als ein vcrkärztec Comparatif. 



384 

Kuma kumi Debeliö Novaka 
A prikumka Novakoviö Gruja, 
Starog svata Sibinjanin Janka 
A djevera Kraljeviöa Marka 
A öauSa Relju Krilaticu 
A vojvodu Obili6 MiloSa. 

Yuk bemerkt im Bijeönik, indem er diese Verse anführt, ii 
Syrmien, in der Baöka und im Banat gäbe es diese Chargen \m 
Hochzeiten nicht mehr. Da war er aber wohl nicht gut benicb- 
richtigt. Selbst in Steiermark, wo durch den Einfloss fremdei 
Yolksthums das slavische halb zu Grabe getragen worden, hibei 
sich bei Hochzeiten die Würdenträger behauptet. Sie haben ov 
deutsche Namen angenommen. 

Nach der Trauung zieht die Braut ins Heim ihres Mannes. 
Es wäre unschicklich, die Braut allein unter so vielen Mannen 
einherreiten oder fahren zu lassen, darum wird sie von mindestens 
zwei Anstandsfrauen begleitet. Das sind die djevernSe. Ii 
Eüstenlande nennt man sie prva i druga diyica (erste nni 
zweite Jungfrau). Eine, die zur Rechten der Braut, trägt Sab mit, 
daher heisst sie (im Küstl.) s o 1 j a ö a. In Kroatien heisst die i^ 
standsfrau: posnaäa, podsneSa, podsniS (yelika i niib)i 
podsneSala, podsnehala, podsnahala, posneg, unter ta 
Kajkavci vunjesa oder vunjevca genannt. In SlaTonien, Bot* 
nien, der Hercegovina, Grnagora, Serbien und Bulgarien Akt 
sie den türkischen Namen jenga, jengibula, engjebnUi 
jengjula. Dem Zuge folgt in entsprechender Entfernung ndd 
ein altes Weib. Diese wird debela baba (dickes altes Wa^ 
genannt. Diese hat dafür Sorge zu tragen, dass die Leute anf dci 
Wege an Speisen keinen Mangel leiden. Daher nennt man ditf 
gute Alte, die dick mit Esswaaren beladen, langsam nachtrabt, & 
domacica. Im Volksliede wird häufig erzählt, dass in einci 
Hochzeitszuge zu dreissig und mehr noch jengjibule zu Bossd 
der Braut das Geleite gaben. Dergleichen ist leicht möglich, voi 
der Bräutigam mit den Kosten aufkommen kann. 

Unter den Kajkavci fungirt bei Hochzeiten noch ein eigeMf 
Festlader pozoviö, der hat die Gäste zusammen zu berufen (<i 
pozava koji idu na gosti^), und dann ein Mundschenk teimek \pt 



*) Prof. Valjavec in der Handschrift (aus Bisag). 



385 

toöi i na stol nosi ^). Die drei Musikanten, welche den Gästen 
spielen, sind: 1. der naprejaS (der vorangeht), 2. kontro- 
§ (Contrebass), 3. bajsar (Basso^. 

Ich trug mich ursprünglich mit der Absicht hemm, drei 
ondere Capitei zu schreiben, über die Zaubereien und den 
iksglauben bei der Ausschmückung der Braut, beim Gang zur 
kunng, in der Kirche, bei der Ankunft der Braut vor und in dem 
use ihres Mannes. An reichhaltigen, ungemein anziehenden 
abrichten fehlt es mir nicht. Erst vor Kurzem erhielt ich von 
inem braven Freunde Tordinac ein Heft einschlägigen Stoffes, 
r üeberfluss an Baummangel wehrte mir die Ausführung meiner 
sieht. Es kann ja am Ende auch ein andermal geschehen. Vor 
Hand mag man sich mit dem Wenigen begnügen, das in fol- 
iden Schilderungen dargeboten wird. 



Hochzeit in Kroatien. 

Die Braut trägt auf ihrem Gange zur Trauung keinen Blu- 
mkranz auf dem Kopfe, sondern eine Perlenschnur (bisernica), 
J wird der Braut von ihrem Vater oder seinem Stellvertreter 
fgesetzt, wobei er ihr einen leichten Schlag auf die Wange 
)t. Der Bräutigam gibt der Braut eine Ohrfeige. Potoö- 
ak erzählt, er wäre einmal Zeuge gewesen, wie ein Bräutigam 
Dorfe Kljenovica bei Zengg, vor der Kirche, als man zur 
anung ging, der Braut eine so wuchtige Ohi*feige versetzte, dass 
in den Schall recht weit hören konnte. Das soll, wie unser Ge- 
hrsmann versichert, in den benachbarten Gegenden allgemeiner 
iuch sein. Offenbar will der Bräutigam der Braut durch diese 
.ndbewegung andeuten, dass er von nun an ihr Herr sein wird. 

Ein Mädchen, das ihre Jungfräulichkeit eingebüsst hat, darf 
r ein einfaches Tüchel um den Kopf gewunden tragen. 

Wann der Hochzeitszug vor dem Hause des Bräutigams an- 
igt, stehen des Letzteren Eltern auf der Hausschwelle mit einem 
eher Wein in der Hand. Der Becher darf nicht aus Glas sein. 
i kumi wollen die Braut ins Haus führen, doch der Bräutigam 
litet zuvor an seine Mutter die Frage: »Mutter, was ist in 



^) Prof. Valjavec in der Handschrift (aus Bisag). 
*) Ebdrs. ebd. (ans Nedeljand). 

C r ft a • t, Sitt« n. Gewohnheitsrecht d. SOdsl. 25 



386 

diesem Becher?« — »Sohn, mein Honig und Dein guter Wille. c 
Hierauf werfen die kumi einige Goldstücke in den Becher, und 
die Mutter nippt von dem Weine. So dreimal. Dann trinkt die 
Braut und den Best leert der Bräutigam , der steckt auch das Geld 
ein. In der Lika schleudert die Braut einen Apfel über das 
Haus, bevor sie in dasselbe eintritt. ImDorfe 2umberak reiftet 
die Braut mit dem nakoljenöe (das Eind, das man ihr an& 
Pferd reicht) dreimal um den Beigen herum, der vor dem Hame 
tanzt. In Bakovac übergibt die Schwiegermutter der jungen ¥m 
auf der Schwelle eine Garbe Frucht und ein Laib Brod. Die Brut 
streut die Halme auf der Flur des Hauses aus, das Brod aber legt 
sie auf den Tisch in der grossen Stube. Der Koffer mit der Aus- 
stattung wird der Braut gleich ins Haus nachgetragen. In der 
Eüche führt der djever die Braut dreimal um den Herd hemm, 
auf welchem ein Feuer brennt. Die Braut neigt sich jedesmil 
über das Feuer. (Die Herde sind in Kroatien gewöhnlich kaao 
einen Schuh hoch.) Nach der dritten Verbeugung der Braut setx: 
sich die Schwiegermutter obenan auf den Herd zum Feuer, wäh- 
rend ihr die Braut die brennenden Scheiter und die Kohlen zu- 
schiebt. Hierauf pflegt sich an manchen Orten der Hochzeitsxug 
zum Dorfbrunnen zu begeben. Die Brautleute gehen dreimal ud 
den Brunnen herum und beim dritten Umgänge werfen sie eioeii, 
mit einigen Kreuzern bespickten Apfel in den Brunnen hinab. Sie 
geben hiebei Acht, dass der Apfel wirklich hinabfällt, was ihneo 
dadurch erschwert wird, dass rings um den Brunnen ein dichter 
Kranz von Leuten sich drängt, die Alle den Apfel erhaschffi 
wollen, indem sie sogar ihre Hüte unterhalten. Während des üis- 
zuges im Dorfe kommen die Frauen aus den Häusern heraus und 
bestreuen die Braut mit Weizen. Die Hausherren bieten dagegfO 
den Leuten Wein an. 



Hochzeit in Bosnien. 

Li V ad 16 entwirft ein recht zutreffendes Bild einer bosnisckei 
Hochzeit in der Gegend von Jajce, bei der er als Gast xug«p« 
gewesen. Wir werden, mit Auslassung des feuilletonistischen Arf* 
putzes, die rein ethnographischen Angaben aus diesem Aufsatze hi«r 
verwerthen, und dann durch andere gut beglaubigte Nachricht« 
ergänzen und abrunden. 



387 

»Das Hochzeitsfest dauert in der Begel fünf Tage, yom Mitt- 

h bis zum Montag. So war es auch diesmal der Fall. Am 

twoch machten sich die zwei djeyeri, der stari syat und der 

I — der Letztere nahm mit: ein Paar Stiefeln, einen Spiegel, 

in Kamm, einen Spinnrocken, g j o g d e (einen rohen Widderbock), 

grosse Laib Brod und eine Schmalzpita — auf den Weg über 

Yrbas ins Haus der Braut (mladenka), während der Bräutigam 

idoienja) bei seinem Hause blieb. Einige Augenblicke darauf 

hol! munterer Mädchengesang. Es waren die Freundinnen der 

nt, der sie im Chore die letzte Ehrenbezeigung vor ihrem 

tritt in den Stand der Ehe auf diese Weise darbrachten. 

sangen : 

Dort unter dem grünenden Berg, 
Dort unter dem höchsten Gebirg, 
Tummelt man manches braune Ross. 
Es wiehert unter goldenem Zaum. 
Svati machen sich auf den Weg 
Zum schönen Kätchen, dem Mädchen. 
Kätchen erblickt sie vom Fenster aus. 
Und spricht zu ihrem Mütterchen : 
»Schau mir, o Mutter, die Hochzeitsleut', 
Schau mir den Ivo, den Bräutigam!« 

Die andere Hälfte des Chores: 

Seid gegrüsst, o ihr geschmückten svati. 
Seid gegrüsst, o kum und froher Brautmann. 
Stari svat, in Gott, du unser Bruder, 
Jengijica, du in Gott uns Schwester, 
Nun entführ' uns unsere Genossin ; 
Denn hier ist es trübe und gewölkig. 
Während dort ein hehrer Mondschein leuchtet! 

Im selben Augenblicke erschien aus einem Hause eine kleine 

aar Leute — die Hochzeitsleute. Als die Mädchen die ange- 

rten Liedchen anstimmten, kam Alles im Dorfe, was seine 

le nur gebrauchen konnte, herbeigerannt, um den Zug zu sehen, 

mit bedächtigem — sehr bedächtigem Schritte sich der Ma- 

kirche in Dolina (das ist der Name des Dorfes) näherte. Zwei 

eri führen unter dem Arme die Braut, die bleich, den Blick 

den Boden geheftet, ganz verschämt durch die zahlreiche, laut 

25* 



388 

lärmende Menge schreitet.' Auf den Füssen hat sie gelbe Leder- 
stiefeln; sie trägt um den Leib eine Seidenanterija, dann eioeo 
Eoporan mit langen, rothen Aermeln, der sich hart an ihr« 
schlanke Gestalt anschmiegt, üeber die anterija ist eine kuboriji 
umgeworfen, auf dem Kopfe sitzt ihr ein rother Fez, toU goldigfo 
Schmuckes, gelber Ducaten, dann eine Saktija mit goldenen B«?:- 
teln, einer Erone gleich. Aus dem Gürtel und den beiden Seiteo- 
taschen lugt je ein schönes, feines Schnupftüchel hervor, um den Hals 
hängt ihr eine Schnur (gjerdan) Ducaten, in den Ohren hat si« 
mindjuSe oder gronte (Ohrgehänge), an den Fingern Ringe mit 
buntfarbigen Steinen. Der kum, der stari svat und die djeveri sied 
Jeder wohl bewehrt mit einem gewaltigen Kruge voll BranniWfin, 
von dem sie von Haus zu Haus einen Schluck anbieten, damit 
jeder Freund und Bekannte sich mitfreue. Wer den Hoehzeitsleuten 
begegnet, ob fremd, ob einheimisch, bekommt zu trinken. 

Der Bursche schreitet nicht an der Seite seiner Braut zur 
Trauung, dies wäre gegen den Brauch. Das Mädchen pflegt töu 
einer, der Bursche von einer entgegengesetzten Seite in die Eircih^ 
zu kommen, und sobald der »Oheim« (ujak, d. i. der Priester) die 
Trauung vollzogen, geht die Braut eines anderen und der Bräoti- 
gam wieder eines anderen Weges heim, immer begleitet von den 
unaufhörlichen Gesang der Mädchen. 

Nachdem die Hochzeitsleute die Braut zu ihrem Hanse 
gebracht, werden sie von den Hausleuten empfangen. Man isst and 
trinkt bis Nachmittag, dann führt man die Braut in das Ha* 
ihres Mannes. Die Entfernung von dem einen bis zum and«a 
Hause betrug diesmal kaum mehr als 800 bis 1000 Schritt«, die 
Hochzeitsführer brauchten aber gehäufte zwei Stunden, ehe si* 
diesen Weg zurückgelegt. Alle Mädchen, Genossinnen und Freu* 
dinnen der Braut, hatten sich aufs Festlichste herausgeputzt. Alk 
sind sie in neue dimije, jf>öermice und kundure gekleidet und hal><i 
ihre Zöpfe mit Silberknöpfen ausgeschmückt, als wäre der gr'*»?» 
Feiertag. Die vielen Fez lassen die ganze Zeile in Both erseheiiKi 
Als nun die djeveri die Braut herausführten, bildete sich sogifl<k 
ein Mädchenreigen, es entstand ein Jubelrufen der djeveri undM 
kum, Lieder erschollen, dass es Einem ordentlich kalt und W 
ums Herz wurde. Langsam, sehr langsam bewegte sich der bfi 
vorwärts. Thal und Berg widerhallt vom Gesänge der Mädchii 
die um die Hochzeiter einen Beigen tanzen und diese am VorwiIt^ 
schreiten hindern. Sie singen: 



389 

Es erging das schöne Kätchen sich, des Goldschmieds Gold, 

Hinterdrein der schöne Ivo, er des Schneiders Sohn. 

»Steh\ o warte, schönes Kätchen, Du, des Goldschmieds Gold. 

Will Dein neu' Gewand besehen, wie es Dir doch steht.« 

»Sei kein Narr, o schöner Ivo, Du des Schneiders Sohn. 

Zugeschnitten hat^s Dein Vater, der ein Schneider ist, 

Als daran er schnitt und nähte, sah'st Du's gar nicht an !« 

So sang die eine Hälfte des Beigens, worauf die andere anhub : 

In dem Garten tanzt ein Reigen, 

Tanzt ein Reigen froh. 
Reigen tanzt die schöne Mara, 

Die ich lieb' so froh. 
Auf dem Haupt ein feiner Fez ihr, 

Hätt' ihn ihr gekauft. 
Unterm Fez ein Goldducate, 

Hätt' ich sie geschmückt. 
Mara prangt im neuen Kleide, 

Hätt' ich's doch genäht. 
Prangt mit goldig rothem Gürtel, 

Hätt' ihn selbst gefeilt. 
Prangt mit Strümpfchen auf den Füsschen, 

Hätt' ihr sie gekauft. 
Schühchen zierlich auf den Füsschen, 

Fein durchwirkt mit Gold. 

Als die Hochzeitsleute vor das Haus des Bräutigams gekommen, 
^hoU ihnen die Begrüssung entgegen: 

Seid willkommen, ihr geschmückten svati ! 

Seid willkommen, kume und djeveri ! 

Jengijica, du in Gott uns Schwester! 

Hast dir, jenga, müde Füss' erworben. 

Hast uns wohl das Goldkind nun erworben? . . . 

^bald die Braut über die Schwelle ihres neuen Heimes trat, 
^%Jig man : 

'^Hs're liebe lichte Heimstatt widerhallt von Lust, 

'^lin den Sohn beweibt der Vater, und er jauchzt vor Lust. U. s. w. 

Selbstverständlich fehlt es während des Zuges nicht an höchst 
^^mischen Zwischenspielen, denn der jugendliche > ältere svat« spielte 



390 

die Bolle des Bruder Lustig (6au§). Der tolle üebermuth kannte 
schier keine Grenzen. Man hatte den SauS mit einem beträchtlich 
grossen Hahn beschenkt, dem er die Füsse gebunden und ihn so 
um den Arm gehängt. Bot der Sau§ nun Jemandem Baki an. oder 
verfing 6r sich in den Beigen, so flatterte der Hahn, erschreckt 
durch die ungewöhnliche Lage und den Lärm, vor Furcht auf, wis 
die liebe Dori^ugend vor Lachen ausser Band und Band brachte 
Die Erwachsenen blieben natürlich nicht zurück. 

Nachdem die junge Frau über die Schwelle ihres Brant- 
mannes getreten, stellt sie sich in einen Winkel hin, wie eine 
Marmorstatue, und harrt so lange unbeweglich an dieser Stelle, 
bis sie der djever auffordert, sich an den gedeckten Tisch (sofai) 
zu setzen und einen Kaffee oder sonst einen Imbiss zu sich X8 
nehmen. 

So schloss die Festlichkeit des ersten Tages. 

Bei frühestem Morgenanbruch am nächsten Tage holten die 
djeveri die Braut aus dem Bette und wurden von ihr mit {eymu 
beschenkt Hierauf umwickelten die Frauen der Braut das Haupt 
und die Gäste begannen sich von allen Seiten einzustellen. Du 
Gastmahl nahm hiemit seinen Anfang, man sang, tanzte und ßhta 
den Beigen. 

Nach der Mahlzeit sangen die Mädchen: 

Nenne ich die Schönsten an der Tafel, 
Nenn' als Ersten ich den svat, den älfren, 
Dann nach ihm die allerschönste kuma, 
Nach der kuma nenn' den schönsten djever, 
Nach dem djever nenn' die schönste jenga. 
Nach der jenga nenn' ich's schönste Bräutlein. 

Die Tafel lässt in Bezug auf Beichhaltigkeit und Maniii^ 
faltigkeit der Speisen nichts zu wünschen übrig. Wir übergeh«» 
hier die Aufzeichnung der culinarischen Genüsse, die Livadic n 
Theil geworden, weil uns die blossen, fast mit lauter türkisch« 
Namen belegten Speisen ihrer Zubereitung nach nicht genug bebiuft 
sind, um sie näher beschreiben zu können. Am Schlüsse der Tafel 
wurde Kaffee herumgereicht. Während des Mahles wurden unablässig 
mit Branntwein auf jeden Einzelnen Trinksprüche ausgebracht und 
jedesmal folgte darauf ein Lied, in das der Name des BetreffenJei 
eingeflochten wurde. Nach Tisch wurden neuerdings Trinklied-r 
angestimmt : 



891 

Von der Lemone fiel ein Blatt, 
Fiel ein Blatt auf des Helden Glas, 
Hätte wohl die Lemone gewusst, 
Dass sie in's Glas des Helden föllt, 
FieP gewiss das Blatt nicht hinab, 
FieP nicht hin auf des Helden Glas. 
Auf dem Reislein ein Falke sitzt. 
Aus dem Schnabel ihm Wasser spritzt, 
Aus dem Fittich ihm Honig fliesst, 
Trink', o kum, du koipmst daran! 

So wurden der Beihe nach der stari syat und die übrigen 
) angesungen. Hierauf wuschen die Gäste sich die Hände, und 

goss das Wasser die junge Frau den Gästen zum Waschen 
die Hände. Dann küsste sie nach einer bestimmten Beihen- 
jedem Gaste die Hand, und zwar so, dass sie dieselbe mit 
Stirne zugleich ein wenig berührte. Man bietet alles Mögliche 
um die Gäste in recht frohe Stimmung zu bringen. Man yer- 
)rt ihnen bei dieser Gelegenheit nicht das Geringste. Sie dürfen 
Ofen einreissen, die Fenster und Thüren ausheben und zer- 
D, die Gläser und Tassen in Stücke schlagen und noch 
ertfachen anderen üebermuth frei treiben, ohne dass man 
1 deshalb ein unbeschaffenes Wort sagen würde. Während der 
m Festlichkeit werden Mörser abgeschossen, damit die frohe 
mung um so grösser und allgemeiner werde, und noch einige 
) später betrachtet man mit innerer Befriedigung die Stellen, 
ie Mörserladungen Wände und Balken durchgeschossen. 
Indessen gehen die Gäste auch nicht mit vollen Taschen heim, 
kauch erheischt es, dass man die Mädchen beschenkt für den 
SS, den sie durch ihren Gesang bereitet. Nachdem man den 
e ausgetrunken, gibt man in die Schale einige Zehnkreuzer- 
e (Sechserl), ebenso ist es schicklich, beim Händewaschen nach 
Mittags- und Abendtisch ein Silberstück ins Wasser fallen zu 
1. Schliesslich muss man auch die Braut beschenken, erhält 
von ihr als Gegengeschenk eine öevrma, von ihrer eigenen 

verfertigt. 

Die Braut theilt während des Hochzeitsschmauses sehr viele 
lenke aus. Der Brauch erfordert, dass alle Brüder, Schwestern 
iie ganze übrige Anverwandtschaft in und ausser dem Hause 
b bedacht wird. Der kum erhält je ein Hemd, Unterhosen, je 



392 

zwei Handtücher, zwei öevrme, zwei Sacktücher, zwei üökur, alles 
das, mit Ausnahme der Hemden und Hosen, reich mit Groldßdefl 
durchwirkt. Dem stari svat gebühren : ein Hemd, Hosen, Handtnek 
und eine öevrma; den djeyeri je ein Hemd und drei Handtücher. 

Brauch (adet) ist's, dass die Braut ihrem Ehegemahl zwei 
Kisten Wäsche als Mitgift mitbringt. Dayon haben wir im Capitd 
»Aussteuer« ausführlicher gesprochen. 

Am ersten Morgen, an welchem die Braut im Hanse ihrei 
Mannes erwacht, erfolgt eine Ausstellung ihres Mitgebrachten. Alle 
ihre Ausstattung hat die Braut an den Wänden aufgehängt, so diss 
man keine Spanne breit von der Mauer sieht. Zwei bis drei Stnndei 
lang dauert die Besichtigung, zu der finden sich alle Frauen m 
der Nachbarschaft ein. 

Am Ende des fünften und letzten Hochzeitstages wird ue- 
barmherzig unter den Gästen aufgeräumt. Damit Niemand eil 
Unrecht geschehe, lässt man Allen gleiches Recht zu Theil werdei. 
Die > kochenden Frauen« (2ene kuharke) bewaffnen sich mit Brod- 
schaufeln und schaufeln unbarmherzig die lieben, guten Hochieits- 
gaste zur Thüre hinaus. Als Erster muss der stari svat das Htm 
verlassen. Ihn bläuen die Weiber geradezu auf eine schonungslose 
Weise mit der Schaufel durch.« 



Das Hochzeits fest bei den bosnischen MoslimeB. 
Die eigentliche Hochzeitsfeierlichkeit findet in der Regel erst dtni 
statt, nachdem man die Wäsche und Kleidung der Braut des 
Bräutigam ausgefolgt hat. Die Verheiratung entbehrt einer eigene 
liehen kirchlichen Weihe, wie wir uns dieses Ausdruckes bedienet 
dürfen. Die Vermählung findet am Vorabende eines Freitags im 
Neumond statt. Einen Tag vorher wird mit der Braut das so- 
genannte knenje') vorgenommen. Die Fingerspitzen der Brut 
werden bis zu den Gelenken mit Hennah angestrichen, und zwar t# 
eingehend, dass man sie oft kaum nach wiederholten Waschongei 
wieder von der Farbe zu reinigen vermag. Man schreibt dieser 
Farbe die Kraft zu, die Krankheit aus dem Körper eines Becon- 
valescenten vollständig herauszuziehen, und reibt auch sonst Kranke 
damit ein. Am Vorabende des Brautlagers, erzählt Mom^inofi^ 

^) Aus knja gebildet. Das Wort ist aus »hennah« entstanden. Es ist difi 
die orangenfarbene Salbe, mit der sich die Frauen im Oriente aus Eitelkeit «i:« 
Fingernägel einreiben, damit das Fleisch unter den Näsrein scbOner hervur&t«chf- 



393 

. a. 0., reibt man der schon im Hause ihres Mannes befindlichen 
»rant die Finger bis ans Gelenke und ebenso die Zehen ein. 
\n diesem Acte lädt der Bräutigam die nächsten Anverwandtinnen, 
liachbarinnen und Freundinnen (selbst Andersgläubige) ein. Jede 
ron den Eingeladenen gibt der Braut ein kleines Geldgeschenk, die 
Binreiberin muss aber zum Mindesten einen Ducaten darbringen. 
Nach der Einreibung naht sich der Braut ihr djever, dreht sie 
dreimal im Kreise herum und streckt sie auf das Bett hin, das sie 
ans ihrem Elternhause mitgebracht. Dies Alles geschieht am 
Üittwoch Abends. Am folgenden Tage findet der Hochzeitsschmaus 
statt. Es kommen nur geladene Gäste. Die Mahlzeit besteht, wie 
gewöhnlich, aus Eiern, Honig, Kuchen mit Zwetschkenmuss zu- 
bereitet, aus pita und Fleischspeisen. Man sitzt auf dem Boden 
nach Tfirkenbrauch mit unterschlagenen Beinen. Als Getränk wird 
Sorbet herumgereicht. Die Zimmer sind mit Bohrmatten und 
Teppichen belegt. Bings herum an den Wänden liegen Polster, die 
sind bei ärmeren Leuten mit Stroh ausgefüllt; in den Winkeln 
l)efinden sich kleine Polster, auf welchen je Einer sitzen kann. 

Am nächsten Tage wird im Hause kein Feuer angemacht, 
soch geht man an eine Arbeit. Die Bekanntinuen der Braut 
kommen zu dieser auf Besuch und erkundigen sich nach ihrem 
Wohlbefinden. Die junge Frau legt jetzt zum ersten Male die Kleider 
iD, die sie von ihrem Manne erhalten, und putzt sich aufs Fest- 
lichste heraus. Die Männer aber, und mitunter auch die Frauen, 
lieben sich auf den Bennplatz, um dem Rennen und Laufen 
lasmschauen. 

Das Wettlaufen wird durch die Strassen des Ortes abgehalten, 

<ias Pferderennen immer ausserhalb des Ortes auf einem freien 

Plan. Man stellt am Ziele irgend ein Geschenk auf, um das sich 

jeder Moslim — Andersgläubige sind ausgeschlossen — bewerben 

duf. Wer der Erste das Ziel erreicht, dem gehört der Preis, der 

t^esteht gewöhnlich aus einem grossen türkischen Tuch oder einem 

Stück Leinwand. Beiche Leute setzen zum Mindesten einen Du- 

«>len als Preis aus oder auch eine Webe aus Seide. Das Pferd, 

^ den Preis erlangt, wird mit StoflF bedeckt. Am selben Tage 

^det auch ein Wettschiessen statt. Wer ins Schwarze trifft, erhält 

^tkige Tassen Kaffee. Man schiesst blos der Ehre halber. Damit 

>l die Hochzeitsfeierlichkeit beendet. 



394 



Die Hochzeit in Siavonien. 

Die Hochzeitsfeier in Siavonien wird ebenso wie in der Her- 
cegovina und in Bosnien begangen. Ja, man singt sogar zum TheS 
dieselben Lieder, wie in der Hercegovina nnd der Cmagora, nv, 
dass sie einige dialektische Abweichungen aufweisen. Man tv- 
gleiche in dieser Beziehung die Hochzeitslieder in der VrieTi6- 
sehen Sammlung mit den Hochzeitsliedern bei Ili6 und Stoji- 
noTi6. Einige finden sich auch bei Pukler, der eine Hochteiti* 
feier in Levanjska varoS in der Nähe von Ejakovar beschreilit 
Sonderbar klingt bei Pukler die Bemerkung, dass »die Eathoüka 
untereinander heiraten«. Er hätte sagen sollen, dass Mischekei 
zwischen Katholiken und Altkatholiken im Lande gewöhnlich siiuL 
Das gilt aber nicht blos für Levanjska varoä, sondern für gini 
Siavonien. Wenn er auf die Aussage des Dorfschulzen vou Le> 
vanjska varo§ hin, annimmt, dass Mischehen der erwähnten Art 
sehr selten sind, so hat er damit nur bewiesen, wie flüchtig und weoi; 
sorgsam er bei der Zusammenstoppelung seines Materials gewesea. 

Wie oben bemerkt, findet die eigentliche Hochzeit am Mitt- 
woch statt. ^) Man fährt zu Wagen zum Hause der Braut. la 
ersten Wagen sitzt der Bräutigam mit dem kum, in den hint«rei 
je zwei Personen, im letzten der (^u§ und der dudafi (der Sack- 
pfeifer). Wenn dem Zuge auf dem Wege irgend ein üngemiA 
zustösst, so sagt man, wird die Ehe der Brautleute eine unglüd[- 
liehe sein. Nur in Gebirgsortschaften hat sich noch der alte Braaek 
erhalten, dass man auf dem Brautzuge zu Pferde reitet. Fahn^o- 
träger werden nur selten mehr bei Hochzeiten angestellt. Kickte 
destoweniger ist die Braut nach altem Brauche verpflichtet xwci 
Tüchel dem vojvoda zu geben, als sollte sie dieser an eine Flka» 
befestigen ; der vojvoda muss die Beigenmädchen bei dieser G^ 
legenheit beschenken. Wann der Hochzeitszug vor dem Hause *f 
Braut anlangt, findet er alle Thüren und Thore abgesperrt. D* 
kum muss den Eintritt erst erkaufen. ^) Wenn die Leute in ^ 
Qehöfte treten, werden sie von der Braut empfangen. Die Bri< 



*) Am Vorabende des Hochzeitstages bringen in Syrmien, in Star» Ptf* 
ein Mann und ein Weib, die man k r o k a 1 o (die Schreiter, von kro^iti — p^ 
schreiten) nennt, von Seiten des Bräutigams der Braut Geschenke, die ia £** 
waaren bestehen. 

') In Stara Pazva steht eine Bäuerin, die Köchin, mit einem Kocbl^fH 
vor der Thüre und lässt Niemand ohne Eintrittsgeld ins Hans hinein. 



395 

schaut durch einen Zügel den Bräutigam an, um ihn in der Ehe 
leicht zügeln zu können (gleda kroz uzdu, da ga zauzda). Manche 
schaut durch eine Brodschnitte, oder durch Liebstöckelkraut ^) 
(miloduh), um so sicher zu sein, dass sie mit ihrem Manne in 
Liebe die Ehe verleben werde. Sie küsst Allen der Beihe nach die 
Hand und geleitet die Leute ins Haus, wo ihnen Kränze ausgetheilt 
werden. Der kum, der stari svat, der yojvoda, der 6ato, der mu§tu- 
lugdiija, der doma6in, der djever, der öajo und die pisari werden 
bei der üeberreichung der Kränze insbesondere angesungen. Die 
Lieder bringen alle einen und denselben Gedanken zum Ausdruck. 
Die Eranzflechterinnen wollen für die Kränze beschenkt werden. 
So lautet z. B. das Lied an den kum : 

Ich verlor die dunkle Nacht 

Und den lichten Tag, 
Wand dem kum ein Kränzelein, 

Dass er uns beschenkt. 

An den doma6in (den Vater des Bräutigams): 

Der doma6in sitzt auf goldenem Throne, 
Streckt die Füsse in ein kühles Wasser. 
»Mein doma6in, strample mit dem Fuss nicht. 
Sondern gib uns was für uns're Kränze. 
Magst du heut' uns gar nichts dafür geben, 
Geben wir dir uns're Freundin auch nicht. ') 

Nach dem Gesang und der darauf folgenden Mahlzeit wird 
noch einmal eine Suppe aufgetragen, von der die Brautleute je 
einen Löffel voll hinunterschlürfen. Nun knieen sie nieder und em- 
pfangen den Segen. Braut und Bräutigam müssen durch die Küche 
durchgehen. Zuvor tanzt die Braut noch einmal mit ihren Genos- 
sinnen in der Stube einen Beigen. An manchen Orten stellt man 
in der Küche auf die Erde einen Topf Milch, den muss di«^ Braut 
mit dem Fusse umstürzen. Dies geschieht, damit Segen und 
Wohlstand die Braut begleiten. Mit der Braut zugleich wird ihre 
Ausstattung, die in einer buntbemalten Kiste verpackt ist, mit 
aus dem Hause getragen, üeber die Kiste sind zwei oder drei 
PMster mit einem Gürtel gebunden. Die Madchen tanzen um die 



^) Ligusticom levisticum. Lin. 

«) Bei 111 ö. beide Liedchen, S. 54 und 5G. 



396 

Eiste einen Beigen und singen Lieder dazu. An manchen Ort^n 
muss die Braut aliein, in Begleitung eines Weibes, zu Fuss znr 
Trauung in die Kirche und wieder zurück gehen, während die 
anderen Hochzeitsleute zur Kirche fahren oder reiten und natürlich 
früher zur Stelle sind und dann auf die Braut warten. Die Braot 
hat in der Früh in jeden Strumpf auf die Sohle einen Marien- 
thaier gesteckt, um durch das Bild der Gnadenmutter auf dem 
Wege zur Trauung yor jeder Behexung gefeit zu sein. Auch trigt 
sie im Busen einen Apfel, um fruchtbar zu sein. Muss sie aif 
dem Wege zur Kirche über eine Brücke hinüber, so l&sst sie sieb 
hinübertragen, damit sie leicht gebäre. Aus demselben 6nud« 
hütet sie sich, beim Eintritte in die Kirche auf die Kirchen- 
schwelle zu treten. Bei der Trauung rücken die Brautleute enge 
aneinander, so dass sie sich berühren. Das geschieht deshalb, weil 
man glaubt, sie werden sich in der Ehe dann innig lieben and 
immer enge zu einander halten. Der Bräutigam zwickt versteckt 
die Braut, oder drückt ihr die Hand kräftig. Ich sah einmal, wie 
die Braut yor Schmerz die Lippen zusammenbiss und ihr Thräoei 
in die Augen traten, sie hat sich aber doch nicht gemuckst. Der 
Bursche wollte ihr offenbar damit andeuten, wer der Herr im Hiom 
sein wird. Während der Trauung trachtet die Braut dem Brinto- 
gam auf den Fuss zu treten, ebenso eher als er die Kirche n 
verlassen; gelingt ihr dies, so wird sie in der Ehe die Oberiuuri 
über ihn haben. 

Ferner beachtet man, wie die Kerzen am Altare breonei. 
Auf wessen Seite die Kerzen besser brennen, der wird länger lebei, 
d. h. den andern Theil überleben. Die Braut muss die Erste wieder 
daheim sein. 

Beim Abschiede der Braut aus dem Elternhause wird ihr n 
Ehren ein Festmahl gegeben. Das ist die einzige Entschädigung 
eines Mädchens, dafür, dass sie bisher im Hause das AschenbKniel. 
oder wie die südslayische Kedensart besagt, »Schaufel und Besei« 
(lopata i metla) gewesen. Das Bischen Ausstattung, das mnssM 
sie sich ja selbst im Schweisse ihres Angesichtes errackern. 

Die Lieder, die man auf dem Heimwege ins Haus des Brio- 
tigams singt, sind dieselben, die wir später bei Schilderang der 
hercegovinischen Hochzeit raittheilen. — An Orten, wo der Hock- 
zeitszug noch einmal aus der Kirche in das Haus der Braii 
zurückkehrt, sitzt der Bräutigam bedeckten Hauptes zu Tische, dei 
Hut tief ins Gesicht gedrückt. Vuk's Gewährsmann meinU dirt 



397 

chehe , weil sich der Bursche schämt. ^) Ich sah aber in 
Tonien Burschen, die nicht im mindesten yerschämt thaten, 
dern recht keck den Hut aufgestülpt trugen , während die 
leren Hochzeitsgäste, mit Ausnahme des stari svat und des 6au§ 
tzterem ist ja Alles erlaubt), baarhaupt dasassen. Ich erkläre mir 

Aufbehalten des Hutes daher als ein Zeichen, dass der Bräuti- 
Q von dem Augenblick ab, wo er getraut wurde, als Mann seibst- 
ndig geworden sei, und darum wie ein doma6in den Hut aufbe- 
ten darf. Von der Nudelsuppe, die gewöhnlich vor dem Braten 
'getragen wird, kostet weder Bräutigam noch Braut, damit die 
Qder, die aus ihrer Ehe entspringen, nicht rotzig werden. Der 
intigam sitzt an der Seite des kum. Er darf überhaupt nichts 
\ den für die Gäste bereiteten Speisen geniessen, sondern be- 
nmt Milchspeisen, und zwar, damit Wölfe seinen Viehstand 
^ht Termindern. Die Trinksprüche bei Tisch bieten nichts Be- 
^rkenswerthes. Nach der Mahlzeit übergibt die Mutter der Braut 
m Schwiegersohne eine Henne und einen Fladen. Er küsst ihr 
e Hand und überreicht das Geschenk dem Hochzeitsführer (voj- 
da). Hierauf tritt der Vater der Braut, oder falls der Vater 
cht mehr am Leben ist, der Hausälteste an den Bräutigam 
ran und reicht ihm ein Glas Wein und einen Silberzwanziger, 
m Wein trinkt der Bursche auf einen Zug aus, das Geldstück 
ickt er in die Tasche. Die jengjibule besteigen zuerst die 
ägen zur Abfahrt. Je reicher eine Hausgemeinschaft ist, desto 
bireicher ist selbstverständlich das Geleite. Mitunter kann man 

einem Hochzeitszuge fünfzehn bis zwanzig jengjibule zählen. 
IS bestätigen auch die Volkslieder. ^) Freilich ist ihre Zahl in 
birgigen Gegenden, wo man reiten muss, eine weit geringere und 



>) Vok, fevot i ob., S. 314. 

*) Pnkler, a. a. 0., S. 63, bestreitet die Wahrheit dessen. Damit beweist 
aber nur, wie wenig Aufmerksamkeit er, obgleich in BrestOTac, einem Dorfe 

Poiega, aufgewachsen, den Volksbräuchen gewidmet hat. Als Sohn eines 
Tschaftlichen Ispans, einer Art Dorftjrannen, sah er die Bauern gewisser- 
ssen als Parias an, die keiner Beachtung werth sind, ausser wo man sie 
tnfltzen kann. Zu seiner Entschuldigung Hesse sich nur anführen, dass gerade 
Br«8tOTac in Folge der Bemühungen eines Pfarrers, der dort in den 
bissiger- und Vierziger - Jahren seines Amtes waltete, der Pomp bei Hoch- 
^sfeierlichkeiten auf ein Minimum herabgesetzt wurde. (Vergl. Ili(3, a. a. 0., 
73.) Pukler übertrug nun dies auf die BoSojaken, fügte aber gleich, confus 

immer, hinzu: »Ja, dann ist es kein Wunder, wenn ein Hochzeitszug auf 
itauseod EOpfe anwächst.« 



398 

man beschränkt sich auf eine oder zwei, wie wir oben bei dem bos- 
nischen Hochzeitszug angemerkt. 

Der Bräutigam führt die Braut aus dem Hanse und lässt 
sie- an der Schwelle dreimal unter seinem Arme durchgehen, damit 
in der Ehe Alles nach seinem Willen gehe. Sie setzt sich zam 
kum, er zum stari svat auf den Wagen. Wenn auf der Fahrt die 
Pferde vor dem Wagen der Braut nicht gut laufen können, oder 
an dem Wagen ein Schaden geschieht, so heisst es, die Braut sei 
in gesegneten umständen, oder es werde sie bald ein üngiüek 
ereilen. Manche Bräute tragen unter der Achselhöhle, zum Schott 
gegen Behexungen und Geisterspuck, Knoblauch, Brod und Peter- 
silie. Auf dem Wege macht man vor jedem Freundeshause Halt, 
trinkt und lässt trinken. In welchem Hause der Krug leer wird, 
dort muss ihn der Hausherr auch wieder füllen. Dem Zuge lioft 
der mu§talumd2ija (der Bote) voran, um sich einen Botenlohn u 
holen. Im Gehöfte tanzen um einen Tisch, auf dem ein leerer 
Teller liegt, ^) Mädchen Beigen und singen Lieder. In der Nike 
des Hauses angelangt, richtet sich die Braut auf dem Wagei 
kerzengerade auf und fährt so in den Hof hinein. Sie richtet sich 
deshalb auf, damit sie dick werde und allezeit gesund bleibe. 

In Syrmien reicht man der Braut ein Eind auf den Wagei 
hinauf. Sie nimmt es, dreht es um, küsst es und wiederholt diee 
noch zweimal, dann umgürtet sie dasselbe mit einem Stück Loi* 
wand und gibt es zurück. Der Schwiegervater will nun die Brut 
vom Wagen herabheben, doch der kum gestattet es nicht, ehe der 
Schwiegervater die Braut nicht beschenkt. Er drückt ihr nun A 
Geldstück, mitunter ist's ein Ducaten, in die Hand, hebt d» 
Schnur herab und trägt sie bis vor's Haus, wo sie von der Schwiege^ 
mutter empfangen wird. Diese steckt ihr ein Stück Zucker in dei 
Mund, je eine Brodflechte unter jeden Arm, in jede Hand ein Glii 
mit Wein — zuweilen in die eine Hand ein Glas Wein, ii 
die andere ein^Glas Wasser — und führt sie dann über eine lOr 
gebreitete Leinwand in die Stube hinein. 

Im Zimmer sitzen um den Tisch herum einige ältere Leite, 
Anverwandte und Nachbarn, denen muss die Braut die Hand kftssei. 

Im eigentlichen Slavonien herrscht ein klein wenig andertf 
Brauch. Die Braut bekommt gleichfalls zwei Laibe Brod. onter 



^) Die Hochzeitsgäste werfen beim Eintritt ins Baus ihre Gaben irf 
den Teller und erhalten dafür Kränze. 




399 

leD Arm eines, und schreitet über eine Leinwa-ud, aber Dicht ins 
[miner, sonilem in die Kfiche hinein. Das Brod trägt sie eben, 
lunit im Hause niemalä an Brod ein Mangel sei. In d«r Küche 
Aart sie da^ Herdfeuer au und spricht dabei leise: »Die Kühe 
Dien kalben, die Stuten Füllen, die Säue Ferkel, die Hündinnen 
linge werfen, die Hühner Bier legen, so zahlreich, als wie hier 
RS dem Feuer die Funken sprühen.« Nur rodilo se, »es sollen 
(tboren werden«, sagt sie nicht, denn damit würde sie sich so 
fiele Kinder, als Funken sprühen, wünschen. ') Dann guckt sie in 
Ita Raucbfang hinauf, damit ihre Eiuder schwarze Augen be- 
Inrnmen. rührt das Trankschäffel um, in welchem der Trank für 
■e Schweine zusammengeleert wird, damit sie fett werde wie ein 
Khwein. Hierauf begibt sie sich ins Zimmer zum Schwiegervater 
pitnnter sitzt der neben dem Herde in der Küche) und seUt sich 
Im auf den Schoss. (In Stroäince setut sie sich der Schwieger auf 
N Scboss.) Er reicht ihr ein Kind (nakoljeni^, nakj^n^e). Sie herzt 
k ab, windet ihm ein Tuchel um den Hals, lässt es wieder hinab 
Kf die Krde und befiehlt ihm, sich in einem Winkel uiederzu- 
lUen, und zwar schweigend, damit nie ein Wolf die Heerden über- 
Üle nnd die Schafe hinwürge. An manchen Orten setzt sie sich nicht 
Lf den Scboss des Schwiegervaters, sondern gleich auf einen Sessel. 
Itdersvu l)ekommt sie Milch oder Houig zu trinken oder ein Stück 
B^er, wie in Sjrmien, in den Mund, damit sie slets süsse Reden 
ft Hili'h uud Eonig führe und mit ihrem Manne in süsser Ein- 
■ebt lebe. Ferner gibt man ihr eiuen Reuler voll Weizen in die 
Bad ; sie reutert ein weuig und wirft dann dem Geflügel im Hofe 

■ wenig Weizen zu, aum Zeichen, dass sie eine gute Wirthschafterin 
m. Znweileu gibt mau der Braut bei ihrem Eintritte ins Haus 
Ben Spinnrocken nnd eiue Spindel; sie spinnt ein wenig und 
Ina schlägt sie mit der Spindel auf alle vier Wände der Stube. 
i der (lügend von Velika (bei Po^ega) wirft die Braut, wenn sie 

I ') Im Texte Uutet der Spruch: <TelUo se, idrijabilo ee. bravilo *e, kotiio 
L Icgio M kao äto iskre ii Tatre biicaJQ.< FOi bravilo bietet Bogitid pravilo, 
k krittln TernQufligeD Sinn gibt. Brav oder brsTac ist in Slaronien das Wart 

■ Eticnefawcio, brariti sagt naa vom Werfen einer Zuchtsau. Im Gbrigen 
bca beitichnet brav ein Schafvieii und dann ein Vieb Oberhaupt. Indeni wir 
■* uifahreti. «ollen wir nur unsere VerdeutGcbung rechtfertigen. HOchst Ter- 
bttg i>t das bauLJo. Entweder mu^JB man dafQr vrcsja einsetzen oder den 
■t >a mnindern: Kao ito ratra iskre baca. Das vrcaju (spnthenj ist daa 
||hnrh "-"'*■'" Bogtiid wird eich verie^en haben. Aus vrc^u konnte er leicht 
^^M|fa herauslesen. 



400 

das Feuer aoschürt, einen Kreuzer in die Gluth hinein. In der 
Baßka hebt der prikumak die Braut vom Wagen herab und trigi 
sie bis zum Hausherd. Hier gibt man ihr einen Kockenstock mi; 
Hanfwolle und eine Spindel in die Hand. Damit berührt sie alle 
vier Wände. Hierauf gibt man ihr unter jeden Arm einen Laib 
Brod, steckt ihr ein Stück Zucker in den Mund und in jede Hand 
eine Flasche Wein. Nun tritt sie so beladen aus der Küche ins 
Zimmer hinein und stellt die Flaschen und das Brod auf den Tisch. 

Im Zimmer steht eine Suppe für die Braut bereit: doch ät 
verkostet blos davon. Dann küsst sie allen Anwesenden die Hand 
und geht ins Nebenzimmer, wo für sie und ihren Bräutigam b^ 
sonders gedeckt ist. In Syrmien steht indessen die Braut, während 
die Gäste sich gütlich thun, hinter'm Kücken des kum, und rwar 
so, dass ihre eine Hand auf der einen, die andere auf der anderes 
Schulter des kum ruht. Sie nachtmahlt dann mit ihrem jnng« 
Manne kurz vor dem Beilager. (Vergl. weiter unten unter Beilager.» 
An der Spitze der Tafel sitzt in diesem Falle neben dem kam der 
Bräutigam. An vielen Orten in Slavonien pflegen die Dorfkinder, 
während der kum zu Tische sitzt, vor dem Hause einen Heideniini 
zu erheben, indem sie fortwährend schreien : »kume izgorila o 
kesa!« (»Gevatter, Dein Beutel ist verbrannt!«) Sie beruhigen siel 
nicht eher, als bis ihnen der kum vom Fenster eine Hand vd 
Kupfergeld zuwirft. Dann entsteht jedesmal eine gewaltige Balgo* 
unter der frohen Jugend, die schlägt sich zuweilen im Hm^ 
um des kum's Kreuzer die Köpfe ein. 

Nach dem Nachtmahl trinken Alle auf das Wohl der Bn* 
Sie thut Bescheid mit dem Glase ihres Mannes, in das der kH 
einige Geldstücke früher hineinlegt. Zuletzt versammeln sieh ih 
Hausleute in der Stube, die Brautleute knieen nieder und bitttt 
die Eltern um ihren Segen. Hierauf führt (zuweilen entführt) Dil 
sie zum Beilager (slagati, zusammenlegen, ist der besondere itf* 
druck dafür; vergl. Cap. Beilager). 

Für die Erheiterung der Gesellschaft trägt der fans du 
Seinige redlich bei. Schon oben beschrieb Livadiö bei der Schlde* 
rung der bosnischen Hochzeit einen $au§, wir wollen ihm aber )i^ 
ein besonderes Capitel widmen ; erstens weil der Sau§ eine der sieh 
am meisten bemerkbar machenden Personen ist, zweitens wfil ii 
Slavonien sowohl bei katholischen als altkatholischen Hochzeitii 
ein öaug fungirt, während z. B. in Bosnien in der Regel nur b« 
den Altglaubern ein öau§ geduldet — dies ist der rechte An»- 



401 

ruck — wird; drittens, weil es nicht unpassend sein dürfte, eine 
robe Südslavischen Volkshumors zu geben. 

Der cau8. Den ^au§ in Bosnien hat Liyadiö beschrieben. 
:icht viel anders putzt sich ein slayonischer 6au§ heraus. Er stellt 
ier will wenigstens einen Kitter von der traurigen Gestalt vor- 
teilen, indem er die Magnatentracht der Landesherren karrikirt. 
Venu man dies nicht festhält, so versteht man überhaupt die Yer- 
lummuDg des (auS nicht. Der grosse Herr will dem Bauer gegen- 
iber immer den Witzigen, Geistreichen, den feinen Spassmacher 
pieleu. Solches Gebaren zieht der $au§ ins Lächerliche. Statt mit 
}old8cbnüren, wie sie ein Magnat tragt, behängt sich der Sau§- mit 
Sedärmen ; statt des kurzen, mit Pelz verbrämten Böckchens, trägt 
der &nS ein frisch abgezogenes Zickel, auf dem zerknitterten, keck 
aufgestülpten Strohhute ist ein Zagel ^) befestigt, zudem windet 
sich um den Hut ein dicker' Kranz aus allerlei Feldblumen. Die 
Beigenmädchen verehren dem öau§ einen grossen, schweren Prügel, 
4en er aber mit Erlaubniss des kum wegwirft ; dafür bedient er 
nch einer mächtigen Schlachtkeule, einer Art Heroldsstabes oder 
Sönigsscepters ; man kann es verschieden auffassen. Feruer sucht 
^r sich einen alten, verrosteten Säbel zu verschaffen, den trägt er 
•her an der rechten Seite. Oft sah ich, dass der öaug auf der 
Spitze seines Säbels einen Apfel aufgespiesst hatte. Er führt an 
•iner Schnur einen Hahn oder eine Henne, die er bei jeder Gelegenheit 
Qiit Wein oder Baki tränkt. 

Dem öau§ ist Alles erlaubt, aber er muss auch Jedermanns 
Söndenbock sein. Jeder darf ihm einen Stupfer geben ; er schneidet 
dazu die possierlichsten Grimassen, schlägt aber nicht zurück. Das 
Wäre gegen den Spass. Der öau§ hat für Jedermann einen Witz 
bereit. Jedermann weiss er irgend eine Dummheit zu sagen und 
ledermann muss lachen. Bekanut ist folgendes Bonmot: Einer 
Braut widerfuhr in Gegenwart der Gäste etwas Menschliches, sie 
Uess einen lauten fahren. Darob grosse Verlegenheit. Der kum 
•rispelt schnell dem öauä zu, er soll dies auf sich nehmen. Der 



*) Der Fochssfchwanz wird häufig dnrch einen Federbusch ersetzt. Nur 
roh gestimmte Menschen tragen auf dem Hute einen solchen Aufputz. Doch 
licht Jedermann, der sieb derart schmückt, ist darum auch schon ein Possen- 
d^ser. Das ist wohl auch der Sinn des Sprichwortes: 

Ako i nosi perjanicu nije Hus. 
Weun er auch einen Federbusch trägt, so ist er doch kein Spassmacher. 

KrAOSS, Sitte u. GewohnheiUrecht d. Sadüi. 20 



öau§ gebot Ruhe und rief: >Ihr Herren *), ich mache es Eu 
Allen zu wissen und kund (dajem Tarn na znanje), dass der F. 
welcher der Braut entschlüpft ist, mir entschlüpft ist!« 

Der 5au§ macht sich Tiel zu schaffen mit den Köchinnen i 
den weiblichen Hochzeitsgästen. 2) Wenn er schon Alles in < 
Küche und im Hofe genau besichtigt, kehrt er zu den Gästen 
die Stube zurück, schlägt mit seiner Keule herum und ruft: >He 
Du dicker kum! Sollst gesund sein mit der kuma und den Bra 
leuten. Seid ehrenwerth! und Du, stari svat, lieber Bruder, so 
gesund sein, in einer Pfeife sitzen, durch das Rohr die Fö 
strecken, Dein Hemd versaufen ! Es ist Dir wohler, Freund, 
zechst Dir einen Rausch an, als Du bekommst ein Fieber.« ^i 

Hausherr ! Du sollst Dich betrunken herumwälzen ! Bist n« 
immer nicht vor Freuden zerplatzt? Und Ihr übrigen Gäste, 
Nachäffer! Schau 'mal Einer her, wie sie stumm dasitzen! i 
stürmt ja auf das Essen ein, als wär*t Ihr eben dem leibhaftig 
Hunger unter der Hand entlaufen. Weder singt Einer, noch tai 
Einer, da sitzen die Kerle wie Raupen, essen und trinken, währe 
ich Aermster hungrig und durstig mich herumschlagen muss. Sol 
gesund sein, kum ! Verlass' Dich nicht auf mich, sondern is> ui 
trink', trink' und iss und sing' dazu!« — Er trinkt und n 
dann : » Hausherr ! Dein Wein taugt nichts ; wie ich das Glas a 
setze, bleibt nichts zurück, kein Tropfen mehr d'rin; wahrhaft! 
der Wein taugt nichts! Ein Hungriger würd' ihn auch trinh 
Heda, Ihr Weiber! wenn auch Hochzeit ist, sauft nicht so vie 
Wer könnte Euch genug Wein herschaffen?« (In Wahrheit tria 
Keine.) > Schaut nur her, wie sie auf den Wein Sturm laufen, w 
Wespen auf Wachswabeu, wollte sagen, wie auf Honig; na, e« i 
ja alleseins, hat die Wespe keinen Honig gesehen, so hat ihn «i 
Wabe gesehen! 

Heda, Dudelsackpfeifer! Sollst hin werden vom Raki! D 
Ohren sind mir schon von Deinem Gequick und Gepfeif taub g 
geworden. Auf das eine höre ich schon gar nichts mehr, und w: 
ich aufs andere höre, darum scheere ich mich gar nicht. Schwrii 
pfeif nicht! 



*) Bei einer Hochzeit wird jeder Gast Herr*^ (gOüpodin) genannt, 
*) Die folgende Darstellung verdanken wir Stojanovi<5, in der Sbirka o. ?• 
•) Im Texte reimt sich Alles, auch das Ungereimte. Dies im Deut>d 
wiederzugeben, ist nicht möglich, ohne dass man etwas Anderes einsetzen vt: 
Uns kommt es aber nicht auf den Reim, sondern auf den Inhalt an. 



403 

Gott zum Gruss, kum, stari sYat und Ihr übrigen Nachäfifer 
Umsonstdreinbeisser, Ihr Gelichter meinesgleichen! Zeit ist's 
i Mittagessen! Gegessen haben schon selbst die, welche ihre 
^en verloren, nur wir sind die Trägen, wir Alle zusammen sind 
asenmacher. Ja, wir sind recht zahlreich, Gott sei's gedankt, 
jhzeit ist ja! Ja richtig, woYon hab' ich eben gesprochen, beinahe 
t' ich's vergessen! Ja, ja, hab' ich gesagt, das ist's, was ich 
en wollte. Zahlreich sind sie da versammelt, die schon seit 
liem Morgen essen und nun vor Ungeduld vergessen, dass sie 
i Braten noch nicht gegessen; doch nein, Alle haben mir hoch 
1 heilig versprochen, auch die anderen Speisen nicht zu ver- 
mähen. Eum, stari svat und Ihr üebrigen ! Euch könnte man 
ht einmal mit Hirsebrod je satt machen. Nein, zählen werd' ich 
ch nicht. Hab' keine andere Sorg', als nachzurechnen, wer Ihr 
d, wessen Ihr seid, wie Ihr seid (d. h. wie sie sich befinden). Ihr 
d für andere Yernunftgründe nicht zugänglich, nur gut essen 
d gut trinken, genug Braten und' genug Bothwein, davon wollt 
' nicht lassen, und andere Gedanken könnt Ihr nicht fassen. 

Aufgehorcht, damit ich nicht immer wettern und fluchen muss, 
r Hundsfötter, die Ihr seid ! Da hat sich unsere kuma eingestellt, 
ch nicht mit leeren Händen, sondern hat in Hülle und Fülle 
iben mitgebracht; drei ganze Laib Brod, wir Alle können damit 
ch über Freitag und Samstag auskommen; seht da, auch ein 
eijähriges Schwein, vielleicht ist's noch älter, hat sie uns mit- 
bracht, staunt 'mal nur diese Hauer an!€ — Mit einem solchen 
)mmentar begleitet er die Geschenke eines jeden Hochzeitsgastes, 
atärlich fürchtet man die rücksichtslose Kritik des $au§ und sorgt 
i Zeiten dafür, dass man durch die mitgebrachten Geschenke 
iine Unehre einheimse. 

»Siehe da, hat die kuma da nicht einen Eimer Wein und ein 
inzes Fass Beize (Branntwein) mitgebracht! Gott zum Buhm, uns 
1 Ehren ! Bedlich bemüht hat sich auch die starosvatica und hat 
it Pferden und Ochsen so viel hergeschleppt, dass die Spatzen 
cht Alles aufpicken und die Gänse aufweiden könnten. Weiss ich, 
IS es ist, na, schaut selbst her, ich will nicht lügen — der Fladen 
ie ein Ackerfeld gross, der Braten ein Ochse vom Pflug, Wein 
id Baki so viel, dass man mit Mulden darauf herumschwimmen 
nnte, wenn gerade kein Nachen da ist.« 

>Heda, seht mir doch den öau§ an !< ruft er, sich selbst 

rsiflirend, aus, »der Hund soll ihm den Bart ablecken! Wie er 

26* 



404 

ist, ist er, unser ist er. Es kam Einer und brachte etwas 
Bröselein Brod, einen Bissen Braten, ein geröstetes Lenden 
von einer Gelse, von einem Mückchen das Seelchen, in einem B 
Baki, damit der Dudelsackpfeifer sich einen Bausch anzechen l 
was nun übrig bleibt, geben wir den Hochzeitsgästinnen, viell 
werden diese nimmersatten Drachen denn doch endlich satt, w 
gehen und stehen, kauen sielc 

»Aber, Freund, diese Geschenke hast ja nicht Du, soi 
die prikumka hergebracht Ic rufen ihm die Hochzeitsgästinne 

»Meinetwegen, potzwetter, wir sind jetzt Alle Communi; 
Wer's gebracht hat, hat's gebracht, gut und schön hat er': 
bracht, 's ist nichts d'ran auszusetzen, wenn's auch der 
gebracht hat.c 

Nachdem der öau§ alle die mitgebrachten Geschenke 
Kritik unterzogen, wird ihm ein anderes Ehrenamt übertragen, 
dem djever zusammen trägt er auf seinem alten Säbel aus 
Nebenzimmer die Geschenke der Braut an die Gäste herein, 
rend der Dudelsackpfeifer dazu aufspielt. »Gelobt sei Jesus, 
stari svat ! Seid gegrüsst, Ihr Gäste, Alle kenn' ich Euch nicht 
mal, wer Ihr seid! Erkenntlich aber ist die Braut gegenüber i 
kum, seht, was er da kriegt, ein schönes Hemd, mit feinem 
schlag, gewirkt, durchwirkt und zusammengesetzt, der Wind 
es fort, wenn der Wind Dächer abtrüge und Bäume mit den ' 
zeln forttrüge; kaum nimmt man die Fäden wahr. Das Stäc 
mit Seide gewoben, mit Gold gewirkt, Gott zum Buhm, dem 
zu Ehren!« 

Wenn der öau§ dem Schwiegervater und der Schwiegerm 
die Geschenke zutheilt, verwechselt er die Hemden und zieht 
aller Gewalt dem Schwäher das Hemd der Schwieger an und d 
das Hemd des Schwähers. Der Schwiegervater bekommt auct 
Polster als Geschenk, der öau§ bemächtigt sich aber des5( 
steckt es unter den Arm und bläst auf ihm wie auf einem D 
sack, dann setzt er sich auf das Polster und rutscht darauf so I 
herum, bis es ihm von den Frauen, immer im tollen Scherz, 
rissen wird. 

Nach der Vertheilung der Geschenke sammelt er die G 
geschenke der Gäste ein (Geld) und begleitet jede Gabe mit 
oder Tadel: »Der kum gibt lauter gelbe Vögel (Ducaten) her. 
nur, vor Scham sind sie roth geworden wie Groschenstücke, 
der stari svat gibt, was er kann und was er nicht kann, seht. 



405 

hat schon seinen Beutel bis auf die Kopfprobe ausgeleert! Seht, 
fliegen die Thaler wie Holzspäne auf diesen Teller nieder ; leider 
wandeln sie sieh auf diesem verhexten Teller sogleich in Zwei- 
>schenstücke!c Wenn ein Thaler auf den Teller föUt, ruft der 
i§: »Heda, he! Den da, den! Die Oürtel aufgelassen, das ist 
er, der in Milch gesotten worden!« 

Wenn Einer filzig ist und ein Kupferstück gibt, schreit der 
is: »Bring' Dich nicht um, Jammermensch! Schlacht^ Dich nicht 
ohne Messer! Alles gab er, was er besass!« 

Das eingeheimste Oeld übergibt der öauS der Braut. 

An manchen Orten geschieht die Schaustellung und Bekritte- 
ig der Geschenke durch den ^u§ am Abende des zweiten Hoch- 
tstages. *) 

*) Valiö bei Bogi§iö, S. 240 f. Ein Spassmacher darf bei keiner Hochzeit 
den; dies besagt auch das Sprichwort: 

Kakri sn mi svatovi brez £an§a? 
Was wäre mir das für Hochzeit ohue Spassmacher? 

Ans dem handschriftlichen Berichte Prof. Yaljavec's ans dem Mnrlande 
Steiermark entnehme ich folgende recht lustige Reden. Es pflegen gewöhnlich 
rei Spassmacher bei jeder Hochzeit mitzuthnn. Beide sind anfs Possierhchste 
nosgepatzt Der eine hat eine Trompete, der andere eine Trommel. Der 
rompeter trägt noch einen grossen Emg Wasser oder Wein, mit dem er den 
indem, die vor ihm niederknieen, seinen Segen ertheilt. Sobald sie nach dem 
irchgange wieder daheim sind, föngt Einer von ihnen an, seine Reiseerlebnisse 
im Besten zu geben: Wir sind gewandelt anf grüner Au bis zu den Enieen 
> Morast und haben ein altes Weib getroffen, das seh . . ., nnd dieses alte 

eib hat sich mit Brennnesseln den H ' ausgewischt und sprach dazu : 

^ da unseliges Kraut, nun wird mein A . . . . nimmermehr gesund!« Femer 
Regneten wir einem Mägdlein u. s. w. Diese kleine Probe mag genügen. Der 
cit ist in seiner Art sprachlich und stylistisch bemerkenswerth ; der Styl ist 
•rselbe, welcher deutschen Lesern aus den arabischen Makamen des Hariri 
tch der Umdichtung Rückert*s wohl bekannt ist. Ich setze hier die ganze Rede 
^pozavöin im Texte her: >Mija sma ila po zelenoj trati pa do kolena po 
Ati pa smo najila eno babo srati; tota baba si je s koprivami rit brisala pa 
rekla: >0 ti nesreöna trava, moja rit ne de nigdar zdrava!« Za tim sma ila 
) iiroken poli pa po globoken doli pa sma najila eno deklico ka je na boroven 
>fobi praprotove goivice zükala ; toto smo pitala eli zna ona kodik je k tistoj 
^i pot kak ma Setiri kote a v Strtem koti pe5. Ona nama je ne znala pokazati 
rstom neti poTedati z redmi, temo5 je peto gor zdignola ino kroz toto peto 
r zdigayanje sma mija vidla vai hiini präg pa tüdi mislima ka sma pray 
isla kajti je tu pri vas Tse tak narejeno.« Die Geschichte von dem Faulen, 
r Wanderern mit dem Fusse den Weg zeigt, in einer anderen Fassung. Vergl. 
len und Märchen d. Südsl., II, S. 338, Nr. 137: »Der Herr und der heilige 
tms.« (Aus Dalmatien.) Eine Variante aus Drachenburg in Steiermark 
Ihlte mir erst kürzlich Frau Apollonija URnik. 



406 

Am zweiten Tage Früh Morgens entlädt der vojvoda vor dei 
Thüre der Brautkammer sein Gewehr und gibt dadurch das Zeichen 
dass die Brautleute aufstehen sollen. An manchen Orten warte 
man dagegen, bis das junge Ehepaar von selbst aufsteht, und sebiess 
erst dann, angeblich um die Nachbarschaft zu Terstandigen, was fü 
eine Frühaufsteherin die Braut sei. Diese wird von der vojvodic 
.angekleidet und geschmückt. Die Braut pflegt nun nach dem erste 
Morgenimbiss ihren neuen Anverwandten Namen zu geben. I 
schickt sich nämlich nicht, dass das junge Weib die Leute ii 
Hause bei ihrem Taufnamen nenne. Zum Schwiegervater sagt ^i 
»Väterchen« (baöo, babo), zur Schwiegermutter »Seele« (du^ 
ihrem Manne, den sie auf keinen Fall ein ganzes Jahr hindnre 
beim Taufnamen rufen darf, gibt sie die süssesten Eosenamei 
»Gold«, »Herzi, »Perlec u. s. w. Hierauf geht sie in Begleltüa 
der Hausleute zum Dorfbrunnen, schöpft Wasser, wäscht sich doc 
einmal und wirft — so ist's an manchen Orten Brauch — eine 
Kreuzer ins Wasser, damit sie, wie 1116 meint, immer so klarw/i 
das Wasser sei. Nun wird ein Umzug durch das ganze Dorf f^ 
halten. Wer immer der Braut begegnet, muss sich von ihr küss^fl 
lassen und ihr dafür ein Geschenk geben. Man kehrt in jedes Haoi 
ein, vornehmlich besucht man die Würdenträger der Hochzeit, dtin 
kum, den stari svat und den djever. Die Gäste werden überall p 
bewirthet. Die Braut, die ein reines Handtuch und Wasser mit- 
trägt, will Jedermann im Hause die Hände waschen ; Mancher ]^ 
sie gewähren, Mancher aaich nicht, Jeder aber muss ihr ein Ge- 
schenk geben. Während die Hochzeitsleute um den Tisch hemm- 
sitzen, trachten die Hausleute irgend etwas dem jungen Weibe » 
entwenden. Das geraubte Stück muss nun von den Begleitern «i^f 
Braut ausgelöst werden. Der Erlös gehört der Braut. 

Das Hochzeitsfest dauert, wenn es nur irgendwie die Miit*l 
erlauben, 6—8 Tage. Das eiste Jahr im Hause des Mannes ist foi 
manches junge Weib ein Jahr der härtesten Arbeit und Plage. Sie m^ 
sich gewissermassen ihre Stellung im Hause erst bitter verdieneü 
Sie muss Abends dem Manne die Stiefeln ausziehen, die Ffii^ 
waschen, in der Früh ihm das Gewand und das Wasser zum Bei 
stellen, sie muss den Ofen heizen, Stall ausputzen, Kühe melket 
der Schaffnerin in der Küche die niedrigsten Dienste verrichtei 
alle Gänge machen, die Wäsche waschen, Brod kneten, Heu an 
laden, ja selbst die Pferde zur Tränke führen. Ich sah einmal eil 
junge Bäuerin, die trug auf dem Kopfe ein Schäffel Wasser, a 



407 

?r linken Hand führte sie zwei Pferde am Zügel, mit der Rechten 
r€hte sie im Gehen eine Spindel. So geht es Tag für Tag. Sie 
mss die Erste auf den Beinen sein und geht erst zu Bette, wenn 
^lion Alles im Hause sich zur Buhe begeben hat. Ein slavonischer 
&uer sagte mir einmal, ein gutes Weib verschaffe ihrem Manne 
wei Himmel. Wie das? fragte ich. »Den einen auf Erden, indem 
e ihm Alles zu Willen thut und ihm das Leben versüsst, den 
Qdern auf jener Welt; denn da er ihr nie zu fluchen braucht, 
ommt er gewiss in den Himmel.« Der Mann hatte gar nicht 
rnrecht. üebrigens erfreut sich das Weib im Allgemeinen bei den 
lavonischen Bauern nicht der zartesten Behandlung. Prügel sind 
.n der Tagesordnung. Ein Weib, das von ihrem Manne nicht geprügelt 
^ird, hält sich für ungeliebt, natürlich muss Eifersucht die Veran- 
lassung der Schläge sein, in jedem andern Falle missbilligt das Volk 
ein rohes Benehmen des Mannes (vergl. Cap. »Das Weib«). 



Hochzeit in Dalmatien, der Hercegovina und der Crnagora. 

Nach der mit dem Vater der Braut erfolgten Festsetzung des 
Hochzeitstages schickt der Vater des Bräutigams diesen oder seinen 
Bruder, oder den Neffen zu den Freunden und Bekannten, die er 
als Hochzeitsgäste haben will, lässt ihnen seinen Oruss entbieten 
wd bekanntgeben, an welchem Tage die Hochzeit stattfinden wird, 
damit ein Jeder die nöthigen Vorbereitungen zur Feier treffen 
fainu. Jeder legt sein bestes Gewand zurecht und putzt seine 
Wafifen blank, denn man weiss, dass man bei der Feier von Män- 
nern und Frauen genau gemustert werden wird. Von so festlich 
gekleideten Hochzeitsleuten besagen die Kedewendungen : »Ein 
schöner Strauss von Hochzeitsleuten« (Hepa kita svatova), oder man 
s&gt auch : »Lass' einen schäbigen Bruder sein und wähle einen 
stattlichen Hochzeiter.« Die kleinste Anzahl von Gästen, die man 
einlädt, ist wohl fünfzehn Personen stark; mau steigt aber auch 
höher, bis zu fünfzig Gästen hinauf; als Durchschnittszahl gelten 
io der Crnagora dreissig Gäste, und zwar pflegt man wegen der 
beschränkten Bäumlichkeiten nicht mehr einzuladen, sonst hätte 
Dan keinen Baum, um den Tisch aufzustellen. Es muss nämlich die 
!ahl der Gäste gleich sein der Zahl der Hausleute, so dass immer- 
in sechzig Personen am Mahle theilcehmen. Als ein besonderer 
iDsnahmsfall ist zu betrachten, wenn bei der Hochzeit des Fürsten 



480 

Danilo I. sechstausend und dreihundert Hochzeitsleute den Zog 
begleiteten, wie Martinovi6, der dabei gewesen, berichtet. Es 
wurden mehr als sechzig gewöhnliche und noch zwei mächtige 
fürstliche Fahnen dem Zuge Torangetragen. 

Zwei Tage vor der Hochzeit machen sich aus dem Hause 
des Bräutigams fünf oder sieben (in der Kegel in ungerader Zahl) 
der angeseheneren Hochzeiter auf den Weg zur Kirche, um <ä^ 
Hochzeitsfahne abzuholen. Auf der Sückkehr (so ist es Brauch in 
Bisano) machen die Leute auf dem Marktplatze Halt, der Fahnen- 
träger schwenkt einigemal die Fahne, Jeder schiesst sein Gewehr 
ab und dann geht es singend und schiessend zum Hause des 
Bräutigams, wo der Fahnenträger die Fahne auf dem Dachfirste 
befestigt. Nun hebt die Festfeier an. Man isst, trinkt, siigt und 
scherzt. Die Mädchen und jungen Frauen führen yor deai Hauser 
auf dem Plane, einen Beigentanz auf und singen dazn folgende 
Lieder : 

L 

Sieh', in Gottes Namen und im frohen Augenblick, 
Hat vollendet nun die Sonne ihren Strahlenlauf? 
Fortgeflogen, hergeflogen sind die Falken grau. 
Brachten mit dem Herrn des Hauses ein Olivenreis. 
Heil dir, Herr des Hauses, Freude ziehe ein bei dir! 
Lob sei dir, o grauer Falke, steh' dir bei das Glück ! 

IL 

in Gottes Namen, zu guter Stund', 
Werde uns alles Gute kund, 
Dieses aber zur besten Stund'. 
Diese Stund' ist der Freude zu eigen. 
Tanzen wir Jovo's Hochzeitsreigen. 

IlL 

Jovo Mariechen sagen lässt. 

Als er den gold'nen Apfel ihr schickt: 

»0 Mariechen, o Seele mein! 

Dass du zum Zorn neigst, hörte ich, 

Zornvoll wärst du, voll Flammengift, 

Doch, Marie, o Seele mein! 

Lass' bei deiner Mutter den Zorn, 



i 



409 



Bei den Briidern dein flammend Gift, 
Bring's nicht mit zu mir in das Haus. 
Mach' mir meine Mutter nicht gram.c 
Mara dem Jovo sagen lässt: 
>Jovo, freudiges Glück mit dir! 
Neige ich je zum Zorne hin, 
VVerd' ich zornig voll Flammengift, 
Du bereit' ein Rüthchen aus Gold, 
Jag' mich damit im Haus herum, 
Schlag' mich damit auf meinen Rocklc 

IV. 

Hoher Gebirge kenn' ich drei, 
Ein's ist das höchste wohl davon. 
Wo auf der Jagd Johannes pirscht. 
Wo ihm Marie sein Pferd hinlenkt. 
Lenkt es ihm hin, der Tränke zu, 
Reicht ihm als Atzung Perlen fein, 
Perlen aus ihrem seid'nen Schoss. 
Reicht ihm zum Trank ein Wässerlein, 
Reicht's ihm in ihrer rechten Hand. 
Müde geworden, schlief sie ein. 
Laut von der Burg der Wächter rief: 
»Wessen Geliebte schlief da ein?« 
Jovo der Jäger hört den Ruf: 
»Weck' sie nicht auf, denn mein ist sie. 
Ich bin ihr Held, und weck' sie selbst, 
Hab' ich vorerst zu End' gepirscht.« 
Pirschte zu Ende er alsbald. 
Pflückte von Rosen einen Strauss, 
Schlug das Mariechen ins Gesicht: 
»Auf, Mariechen, Seele mein! 
Hast du denn nicht geruht genug, 
Heim bei der Mutter, längste Zeit?« 
Als dies vernahm Marie, die Maid, 
Schnell ihr entwich der Schlummer sanft. 
Freudebewegt, stand flugs sie auf. 
Als dies Johannes sieht, der Held, 
Freudebewegt aufs Ross er springt, 
Fasst sein Mariechen bei der Hand, 



410 



Hebt sie aufs Rösslein hinter sich; 
Freudebewegt er reitet heim. 
Als er vor seinem Heim anhielt, 
Rief er die Mutter froh heraus: 
»Führe dir eine Schnur ins Haus!« 
Als dies vernahm die Mutter dVin, 
Eilte sie rasch hinaus vor^s Haus, 
Küsste die kleine, liebe Schnur, 
Dankte dem lieben Gott, dem Herrn : 
»Lob sei und Dank dir, Gott und Herr! 
Der du ins Haus die Maid mir schickst, 
Mir eine Stellvertreterin !« ^) 

V. 

Albanesen und Walachen^) tanzen Reigen froh. 
In dem Reigen tanzt ein Mägdlein, eine Vila weiss. 
Schmuck gekleidet trägt sie Röcke drei aus reinstem Gold. 
Um den Leib sich schmiegen Gürtel drei aus Silber weiss. 
Um den Hals sich winden Schnüre drei aus Perlen fein. 
In den Ohren Ohrgehänge drei aus reinstem Gold. 
Um ihr Haupt sich winden Kränze drei aus Sonnenglast. 
Kommt daher des Wegs ein Jüngling aus wildfremdem Land'^ 



^) Dieses Lied hat auch S. Kapp er im IL Bd. seiner »Gesing« ^ 
Serben«, S. 249f., übertragen. Leider verfehlt seine Uebertragang, die aüfjei« 
Fall jetzt schon veraltet ist, stellenweise den richtigen Sinn und fast ref< 
m&ssig das Metrum des Originals; wir zogen es daher vor, selbst, wie gevOli 
lieh, auch dieses Lied zu übersetzen; einfach, klar und möglichst anschüe«^ 
an das Original. 

*) Walachen (vlasi) =- Altkatboliken. (Auch die Bezeichnung Wilwki 
[vlahinja] » Altgläubige zu verstehen.) Albanesen « Moslimen. 

') Odtud ide ralado momce iz neznan zemlje. Wörtlich: «Daher kotf 
ein junger Bursche aus unbekanntem Land.« Wie schon einmal bemerkt h 
Vrfieviö dieselbe Schilderung einer cmogorcischen Hochzeit, in einer ktri* 
Fassung, seinem Freunde Karadzi<S zur Verfügung gestellt, der sie einif^ 
zum Abdruck brachte, so auch im Zivot i obicaji u. s. w. Dort findet su 
auch unser Lied, nur lautet der obige Vers: »Odtud ide tursko mom^ 
turske zemlje« (ein türkischer Bursche — aus türkischem Lande). VrifT 
änderte bei der Ausarbeitung seiner grossen Schilderung an diesem Verf 
der angegebenen Weise, aber mit Unrecht, wenn er einen scheinbaren Wid« 
sinn zu beseitigen meinte. Ein Türke kann wohl in einem Reigen von Cbm^ 
mädchen nicht werben, nun tanzen ja auch Albanesinnen mit Auf jedes Fi 
ist seine Anrede an eine Albanesin, an eine Glaubensgenosein gerichtet 



411 

Unter ihm ein braunes Rösslein von Vilengezücht, 

Auf dem Ross ein Kriegersattel, mächtig Hirschgeweih, 

Auf dem Sattel zierlich Zäumlein, echte Schlangenzähn\ 

Dunkelblau der Mantel, wallend bis zur Erd^ hinab. 

An dem Gurt ein Schwert, ein scharfes, mit dreifach Geschnür 

Am Geschnür drei Edelsteine, Diamanten drei. 

Auf dem Haupt die Zobelmütze, fein mit Gold durchwirkt, 

Pfauenfeder von der Mütze senkt sich bis zum Arm. 

Schützt des Helden lieblich Antlitz vor dem Sonnenstrahl. 

Innehält der ganze Reigen, schaut den Helden an. 

Und es spricht der sehmucke Jüngling, unser fremde Held: 

»Tanzt den Reigen in der Runde, gafft mich nicht so an. 

Kam nicht her, um euch zu stören euren Reigentanz, 

Will nur werben jenes Mägdlein, jene Vila weiss. 

Gebt sie her mir, haltet sie nicht, sei sie mein Geschenk\« 

Ihm entgegnet jenes Mädchen, jene Vila weiss : 

»Troir dich fort, o schmucker Jüngling, deiner Mutter Trost! 

Nicht in diesem Reigen, Jüngling, wirbt man um die Maid, 

Sondern nur bei ihren Brüdern und im Vaterhaus!« 

Am Vortage des Hochzeitsfestes schicken alle Eingeladenen 
1 Bräutigam einen abgezogenen Hammelbock sammt dem Kopf 
Haus. Ein Lorbeerzweig lugt aus dem Munde des Hammels 
aus. Feiner schickt man je einen grossen Laib Brod, mit ver- 
leten Blumen und kleinen buntfarbigen Papierfähnchen ausge- 
mückt, dann noch je zwei Flaschen Wein. Hat der Bräutigam 
3 verheiratete Schwester, sd bringt sie ihm ein Hemd als Ge- 
enk dar. Ins Haus der Braut senden ihre Bekannten und 
nnde je eine grüne Flasche Branntwein, einen Laib Brod und 
^in gesticktes Tüchel; die Frauen aber schicken je ein neues 
fand oder ein ümhängtuch, oder auch blos ein Sacktüchel. Alle 
se Geschenke gebühren von Rechtswegen der Braut, doch pflegen 
iche Mütter den grösseren Theil dayon für sich mit Beschlag 
belegen. 

Am Vorabend des Festes versammeln sich alle Gäste, Männer 
Frauen, im Hause des Bräutigams. Sobald ein Gast vor das 

IS kommt, schiesst er einmal zum Grusse aus seinem Gewehre. 

h dem reichlichen Nachtmahle bestimmt der doma6in, wer kum, 
stari STat, wer prvijenac, wer Vorsänger, wer rechter und wer 

er djever, wer Tojvoda, wer Fahnenträger und wer die pusto- 



svati sein werden. Als stari svat, piTienac und yojvoda werdeo 
die geschicktesten und pfiffigsten Männer ausgewählt. — Als Fahnen- 
träger waltet der Oheim des Bräutigams ; falls der Barsche keinen 
Oheim hat, so übernimmt ein Schwestemsohn oder sonst ein naher 
Verwandter und nur in Ermangelung aller Verwandten ein Freund 
oder Bekannter die Fahne. Der Fahnenträger, der sehr gewandt 
sein muss, geht, beziehungsweise reitet dem ganzen Zuge TOru: 
in der Mitte des Hochzeitszuges gehen die beiden Brautf&hrer. 
und den Zug beschliesst der vojvoda. Früh Morgens, nachdem mii 
einen Imbiss zu sich genommen, hält der stari s?at eine Hee^ 
schau über die Hochzeitsleute, ob auch Alle vollzählig anwesei/ 
sind und ob überhaupt Alles in Ordnung sei und spricht zn da 
Hochzeitsführem etwa folgendermassen : 

>Ich sehe, Brüder und Herrschaften (gospodo), Gott und k 
Mutter Oottes sei*s gedankt, dass wir Alle hier yersammelt vA 
die wir gestern Abends Ton unserem Bruder doma6in als Ffiknr 
des Zuges erwählt wurden, dass wir insgesammt gesund und gütt- 
lich gestimmt seien, freudigen Herzens und stolzen AngesicktUi 
und ich erquicke mich beim Anblicke eines so schönen, gesellige 
Strausses von lauter Freunden. Jedem Ton Euch lege ichs btfir 
ders ans Herz, wenn wir ins Haus der Braut kommen, dass er ttk 
anständig benehme und auf seine Ehre und Pflicht etwas hiltfe. 
Keiner soll den Andern yorsätzlich beleidigen, noch kränken; diM 
wenn wir auch Hochzeitsleute sind, so sind wir noch immer kein 
tollen Leute. Wer uns ehrt mit dem Hut in der Hand und itf 
Brod und Salz reicht, muss gleichfalls geehrt werden. Wer »b«i 
Gastfreundschaft nicht ehrt und sick weder an Sünde noch Ansuil 
kehrt, der ist unserer Gesellschaft nicht werth. Ich werde auf Encfc 
Alle ein scharfes Auge haben, Ihr aber sollt nicht minder vi 
mich Achtung haben, meine Ehre ist auch Euere Ehre und umge- 
kehrt; heute haben wir Alles gemeinschaftlich, nichts vrird Eines 
besonders zugetheilt, noch abgetheilt.« 

W^ie wir schon früher aus der L i t a d i 6'schen Beschreibunf 
einer bosnischen Hochzeit ersehen, ist es den Gästen gestattet^ 
allen möglichen Unfug zu treiben. Vrßevic erzählt, er wäre ii 
der HercegoTina einmal Zeuge gewesen, wie die Hochzeitsgäste des 
Gastgeber alle Hühner erschlagen« ja sogar einen Schober Ben ii 
Brand gesteckt hätten. Der Gastgeber macht wohl gute Miene xu 
bösen Spiel; nach der Feier weiss man aber doch, wer allxt 
schlechte Spässe gemacht, und es mochte derlei späterhin oft n 



413 

unangenehmen Erörterungen Veranlassung gegeben haben, 
n darf man mit Bestimmtheit voraussetzen, dass jeder stari 
eine solche Ansprache für nothwendig hält, dass sie aber 
viel nützt, wird nirgends in unseren Quellen behauptet. 
Ich war vor einigen Jahren auf einer Bauernhochzeit in 
en Heimatsdorfe Pleternica in Slavonien. Das Jahr war 
rst fruchtbar und der Bauer voll tollsten Uebermuthes. Nach 
Üahlzeit stellten die djeveri eine lange Bank vor das Haus 
die Strasse hin; der stari svat, der zugleich &iu§ war, ein 
1 von einigen dreissig Jahren, legte sich rücklings darauf, dann 

man ihm zwei Federnpölster auf den Bauch und die zwei 
ri droschen von rechts und links mit gewaltigen Knütteln auf 
^ölster so lange los, bis der üeberzug riss und die ganze 
se zum unaussprechlichen Ergötzen der frohen Dorfjugend mit 
m bedeckt war. ungemein komisch waren die geheuchelten 
lerzensschreie des geprügelten stari svat anzuhören. Manche 
)Ien bei diesem Schauspiele in ein krampfhaftes Gelächter, das 
der enden zu wollen schien. 

Nach dieser Ansprache und Ermahnung stärkt man sich wieder 
Branntwein oder Kaffee und isst Zuckerwerk dazu. In der Zwischen- 
bleiben aber die Mädchen vor dem Hause auch nicht müssig, 
^rn stimmen beim Keigentanze Lieder an. Der Seigenführer 
den Sang nur an und schliesst ihn, nur hie und da fällt er 
Ufange eines Verses mit ein. Die hier folgenden Lieder sind 
Kisano: 

I. 

In Gottes Namen, zu guter Stund', 
Hat die Hochzeit sich versammelt, 
Glänzt in göttlich schönem Schmucke. 
Braune Rosse sind gesattelt. 
Scharfe Schwerter sind umgürtet, 
Zobelmützen auf den Häuptern. 
Jeder tummelt flink sein Rösslein, 
Hin zur Maid enteilt ein Jeder, 
Zum Mariechen uns'rer Freundin. 

IL 

Mara harrt auf ihre Hochzeitsleute, 
Hofft am nächsten Sonntag sie zu sehen. 



414 



Pflanzte auf dem Wege Basilikum, 

Rosen, Veilchen an dem Strassenraine, 

Zarte Majorane um's Gehöfte, 

Vor's Gehöfte grüne Pomeranze, 

Sandruhrkraut um's Haus herum und Nelken. 

Als die Hochzeit auf den Weg sich machte, 

Konnte nicht den Weg zum Hofe finden, 

Vor dem Duft des frühen Basilikum, 

Vor der Pracht der Rosen und der Veilchen, 

Vor dem Hag aus dichtem Majorane, 

Vor dem Rauschen grauer Falkenweiher. 

Und es spricht die schönheitsvolle Mara : 

»Meine Freundinnen, um Gotteswillen, 

Lasst heran mich an des Hauses Fenster, 

Will erschau'n die schmucken Hochzeitsleute.« 

Und sie nimmt da eine Pfauenfeder, 

Schwenkt sie hoch und weist den Weg dem Zuge : 

»Hochzeitsführer, o ihr Schmuck des Zuges! 

Zieht die Schwerter blank von euren Gürteln, 

Mäht doch ab die dichten Majorane, 

Fällt die grünen Pomeranzenreiser, 

Schmückt euch selbst damit und eure Rösslein. 

Kehrt doch ein zu mir in mein Gehöfte.« 

III. 

Jung' Mariechen so beschwor die Sonne: 
»Ich beschwör' dich, o du liebe Sonne, 
Bei dem hehren Glast, der nie verdunkle. 
Schienst du heut' schon über Stadt Risano? 
Schienst du heut' schon über Jovo's Heimstatt? 
Sahst du mir den Schwäger und die Schwieger V 
Sehnt man sich, die Schnur schon heimzuführen ? 
Sahst du wohl dort meine lieben Schwäger? 
Sahst du meine lieben Schwägerinnen? 
Sahst du Jovo, meinen lieben Brautmann? 
Ist gesund und wohlgemuth der Liebste? 
Sammeln sich bei ihm die Hochzeitsleute? 
Weht auf seinem Hause schon die Fahne? 
Führt die alte Mutler ihm den Reigen? 
Tönen ihm der Schwestern Ehrenlieder?« 



415 

Zum Mariechen spricht die hehre Sonne: 

»Heir mir Gott, o schönheitsvolle Mara! 

Will auf deine Fragen dir bescheiden. 

Wohl erglänzt' ich heute über Risno 

Und beschien das licht' Gehöfte Jovo's, 

Und erblickt' den Schwäger und die Schwieger, 

Die sich sehnen, dich schon heimzuführen. 

Ich erblickt' auch alle deine Schwäger, 

Die dir Alle gold'ne Ringe schmieden. 

Ich erblickt' auch deine Schwägerinnen, 

Wie sie für dich Perlenschnüre fassen ; 

Ich erblickt' auch Jovo, deinen Brautmann, 

Ja, er ist gesund und wohl'gen Muthes. 

Hoch auf seinem Hause weht die Fahne, 

Reigen führt ihm seine alte Mutter, 

Ihm ertönen seiner Schwestern Lieder; 

Schon versammeln sich die Hochzeitsleute, 

Kommen heute, führen heim dich, Mägdlein Ic 

he sich der Zug in Bewegung setzt, schiessen Alle ihre 
e ab. Die Mehrzahl der Hausgenossen des Bräutigams bleibt 
ise, um alle Vorbereitungen zum Empfange der Braut zu 
Nicht geringere Zurüstungen für den Empfang der Hech- 
te werden im Hause der Braut getroffen. Still geht es dabei 
zu. Immer schallt fröhlicher Gesang. Wir wollen hier ein 
ittheilen, das beim Brodkneten gesungen wird: 

Nun wohlan, im Namen Gottes, 
Es gedeih' zur guten Stunde. 
Vater, Mutter nun beweiben 
Ihren Sohn, den wack'ren Burschen. 
Ja, er stammt aus Heldenstamme, 
Weit berühmt ist seine Sippe, 
Stumm vor Glück ist unser Mägdlein, 
Neigt ihr Antlitz vor der Sippe, 
Die zu ihr nun also redet: 
»Nicht vor uns verneig' dich, Mägdlein, 
Sondern danke Gott, dem Höchsten, 
Der dir gnädig hat beschieden 
Einen jungen, muth'gen Herren. 



416 

Ihn erkürte manches Mägdlein, 
Doch gewinnen könnt' ihn Keine. 
Dir hat ihn das Glück beschieden, 
Und die ehrenvollen Eltern. 
Magst dich rühmen deiner Sippe, 
Wie ein Pfau der gold'nen Federn, 
Wie der Weizen weiter Fluren, 
• Wie die Reb' der Traubenfülle, 

Wie 's Gestade seiner Salzfluth, 
Wie die Alp' des Georgstages.« 

Singend und jubelnd ziehen die Hochzeiter des Weges, wem 
sie begegnen, Jeder muss aus ihren Flaschen auf ihre Gesundhflt 
trinken. Ist der Begegnende ein Mann, so schiesst er sein Gewekr 
ab, wenn die Leute weiterziehen, und diese thun ihm zu Ehren die- 
selbe. Ist die Begegnende eine Frau, so ertheilt sie ihren Segel, 
etwa so: «Zieht nun mit Gott, geleite Euch auf dem Wege bii 
und zurück Glück und Freude, auf dass Ihr dem Hause zum Sega 
die Braut heimführt, die eine würdige SteÜTertreterin ihrer Schwieg« 
werden möge !« Der Fahnenträger und sein Begleiter, wenn er eisei 
hat, machen bei jedem Meilensteine Halt, tanzen Tor dem Zuge, 
eilen voraus und schwenken die Fahne. Gelangen sie auf ein plines 
Feld, so führen die Zwei einen Gegentanz auf, wobei der Fahnei- 
träger sehr achten muss, dass sich die Fahne um die Stange ni(it 
umwickle, denn sonst wird er zum Hohn und Gespött aller Hoek- 
zeitsleute. Der Fahnenträger trägt kein Gewehr, sondern nur eise 
Pistole und einen Dolch, während sein Beistand mit einer I&ngci 
Flinte und vielen WaflFen im Gürtel versehen ist. 

Vor jedem Hause, mag wer immer darin wohnen, hält mtf 
eine Weile an (die Brautführer waren schon vorausgeeilt) und bieftM 
Jedermann im Hause, selbst den Kindern, einen Trunk an. kt der 
Zug bis in den Gesichtskreis vom Hause der Braut angelangt, ^ 
eilen ihnen zwei Burschen entgegen; der eine trägt eine FilM 
der andere tanzt ihm voran, um die Gäste zu bewillkommnen. Nu 
führen beide Fahnenträger einen Tanz auf, während ihre Beistiiä 
je zweimal ihre Flinten entladen. Dann küsst man sich und schreiUl 
gemeinschaftlich weiter. Die zwei Fahnenträger in der Mitte vi 
rechts und links die Beistände. Nun wetten die Fahnenträger, ver 
im Schnelllaufe bis zum Hause der Braut den Sieg erringen wiri 
Für den Fahnenträger des Zuges gilt es als eine Schmach, wen 



417 

überholt wird. Oft wird so ein herber Zwist in das Haus der 
•€ude eingeführt, wenn der Fahnenträger der Braut genug rück- 
rhtslos ist, seinem Genossen den Vorrang abzugewinnen. Die Braut- 
hrer müssen die Ersten in der Stube sein. Den Fladen und den 
mg Wein, den Jeder von ihnen mitbringt, stellen sie sogleich auf 
n Tisch vor die Gäste hin. Auf dem Tische aber steht schon ein 
rüg Wein und darauf ein Granatapfel oder auch ein gewöhnlicher 
pfel, oder eine Quitte oder Pomeranze, Symbole des Segens und 
T Fruchtbarkeit. Die Brautführer legen ihre Waffen um keinen 
:eis ab, denn es würde ihnen Unehre machen, unbewaffnet wieder 
^r den Hochzeitsleuten vor dem Hause, wo man Reigen tanzt, zu 
scheinen. Die Hausleute wenden freilich allerlei Listen an, um 
en djeveri die Waffen abzunehmen und dann für die Bückgabe 
in Lösegeld zu erlangen. Die djeveri nehmen vom Tische jenen 
^g mit der Frucht, stecken sie in die Tasche und begeben 
ich damit vor das Haus, wo sie zuerst den stari svat und dann 
er Beihe nach die Anderen daraus trinken lassen. Hierauf ent- 
tden alle Hochzeitsleute ihre Gewehre. Die Burschen aus dem 
IiQse springen herbei und nehmen den Leuten ihre Mäntel und 
Waffen ab, um sie zu verwahren, und stellen die Pferde im 
Itille ein. 

Nun erst treten alle Hochzeitsleute ins Haus hinein, vorerst 
ber waschen sie sich in der Thüre die Hände, indem ihnen zwei 
Aschen, die haben zwei volle Krüge Wasser und über der Schulter 
ftiiie Handtücher, das Wasser reichen. In der Gaststube setzt man 
ich nach folgender Ordnung: Obenan am Tische (an der sofra) 
itzt der stari svat der Hochzeitsgäste, an seiner rechten Seite der 
'abnenträger, neben diesem der Zugsführer (der kum darf nur in 
em Falle neben dem stari svat sitzen, wenn er ein Fremder ist), 
aon folgen die übrigen Gäste in der Beihenfolge, in welcher sie 
tö Zimmer getreten. Am untersten Ende des Tisches, dem stari 
rat gegenüber, sitzt der vojvoda. Linker Hand dem stari svat der 
ochzeitsleute sitzt der stari svat vom Hause und neben ihm die 
)rigen Würdenträger aus der Verwandtschaft der Braut. Nun 
irden nach den üblichen Begrüssungen die Toaste ausgebracht, 
ren kennt man bei einer regelrechten Hochzeit nicht weniger 

sieben. 
I. Der Trinkspruch mit Raki. Dieser wird vom stari 
,t der Hochzeitsleute ausgebracht mit den Worten: »Mögen wir 
guter Frist gekommen, mögen wir froh gestimmt und in jeder 

Cr «!!••« %tte Q. Gewohnheitsrecht d. Sadsl. ^* 



418 

Beziehung glücklich sein!« Da ruft der stari svat Yom Haus« 
»Wo ist die Torba der Hochzeitsleute? Her damit !c Ma 
schafft ihm rasch die Torba her, er entnimmt ihr den Fladc 
(poga^^a) und hält ihn Tor sich auf dem Tische. Der stari st: 
von den Hochzeitsleuten: »Gebt uns etwas zu essen und 2 
trinken; müde sind wir; haben über so viele Alpenhöhen ue 
Ströme gesetzt.« Der stari svat vom Hause unterbricht ihm d 
Bede: »Sachte, sachte, stari svat! Speise und Trank soll si( 
finden, thu' Du mir derweil diesen Fladen vergolden!« Der stari st: 
der Hochzeitsgäste stellt sich ganz verblüfft über diese ZumathnD{ 
»Was für Vergoldung forderst Du, Mensch? Was hat das für eint 
Sinn? Bin ich Dir etwas schuldig?« Der stari svat vom Hau: 
gibt ihm im ironischen Tone die nöthige Aufkläi-ung: »Wie? Bi 
ich Dir etwas schuldig?! Wenn ich Dir heute ein so schmucke: 
Mädchen gebe, die an Werth eine kaiserliche Stadt aufwiegt - 
ist's da gar so widersinnig zu fordern, dass Du mir diesen Fladefi 
vergoldest?« Der stari svat der Hochzeitsleute einlenkend: 
»Aber um Gotteswillen, warum sollte ich Dir ihn vergolden, bis 
ich denn hergekommen, um eine Braut zu erschachern, dass Di 
von mir Geld begehrst?!« Der stari svat vom Hause: »Um GeU 
wäre sie mir ja überhaupt nicht feil. Du sollst mir nur eioei 
alten Landesbrauch (kuStum ^) zemaljski) erfüllen. Geld, nur Geld 
her! Oder sollen wir so dasitzen und uns angaffen?« 

Zögernd fahrt der stari svat der Hochzeitsleute mit der Hand 
in die Tasche und legt einen oder zwei Ducaten auf den Flidee, 
mit den Worten: »Da hast Du Geld! Bist Du jetzt zufrieden?« — 
»So? das lässt sich vor Schande hier gar nicht sagen. Wenn Di 
nicht mehr Geld hast, so borg* ich Dir eines.« Darüber wird der 
stari svat der Hochzeitsleute ganz fuchtig, zieht seinen Beutel mit 
Thalern, Silberzwanzigern und Ducaten, schüttet dessen Inhalt üba 
den Fladen und ruft erregt: »Bist Du jetzt zufrieden?« — Jen«f: 
»Ja wohl, danke, danke, jetzt bin ich befriedigt,« ruft den Vttfl 
des Mädchens herbei, hält den Fladen mit dem Gelde in du 
Händen und spricht: »Da nimm, mach* Dich bezahlt, so viel Di 
gebührt, und was Dir nicht gebührt, das gib dem Manne da zorücL* 
Der Vater des Mädchens nimmt den Fladen mit dem Gelde, üb« 
zählt letzteres und zieht davon für sich so viel ab, als er mit de 
Werbern bei der Verlobung (svila) vereinbart, den Rest aber ersialM 
er dem stari svat der Hochzeitsleute zurück. 

*) Kuttum — ital. Lehnw. costuiue. 



419 

Der stari svat vom Hause ergreift sodann den Fladen und 
cht ihn fiber seinem Kopfe in zwei Hälften, indem er dabei 
^: »Aus diesem Hause geh* zu 'guter Stund, und tritt in jenes 
zu bess'rer Stund; mit Brod und Wein man hier sich stärke 
jedem rechten, frommen Werke.« Nachdem der Fladen entzwei- 
irochen worden, föngt man an, die Braten zu zerstückeln. Hat 
m nur zwei Braten, so hacken blos der rechtsseitige djever und 
r YOJYoda; gibt es drei, da geräth man in Streit, denn der 
>ma6in steift sich darauf, dass er den dritten Braten zerstückeln 
üsse, und er würde es um keinen Preis zugebe