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Full text of "Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft"

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Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 



XV. Band. 

1863. 



Mit einundzwanzig Tafeln. 



Berlin, 1863. 

Bei Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung). 

Behren - Strasse No. 7. 



.334 



Inhalt. 



Seite 

Verhandlungen der Gesellschaft ... I. 233. 455. 647 

Briefliche Mittheilungen 

des Herrn Ferd. Roemer 17 

des Herrn Zimmermann 247 

des Herrn Eck 463 

der Herren Gutberlet, v. Konen*, Künth und U. Schlönbach 652 

Aufsätze 

A. Scacchi. Ueber die Polyedrie der Krystallfiächen. (Sulla 

poliedra delle facce dei cristalli.) (Hierzu Tafel I — III.) 19 

A. v. Strombeck. Ueber die Kreide am Zeltberg bei Lüneburg. 

(Hierzu Tafel IV.) . . . 97 

A. Oppel. Ueber das Vorkommen von jurassischen Posidono- 

myen-Gesteinen in den Alpen. (Hierzu Tafel V — VII.) . 1S8 

W. Sartorics von Waltersbacsen. Einige Bemerkungen über 

die Zusammensetzung der krystallinischen Gesteine . . 21S 

Ottmar Hahn, Geognostische Beschreibung des Distriktes der 
Lindner Mark und ihrer nächsten Umgebung bei Giessen, 
mit besonderer Rücksicht auf das Vorkommen der Mangan- 
erze, sowie unter Aufzählung und Charakteristik sämmt- 
licher mit denselden auftretenden Mineralien 249 

v. Seckendorff. Zur Frage, ob Hebung oder Senkung bei dem 
Entwicklungsgänge, unserer Erde vorwaltend thätig ge- 
wesen sei 281 

R. Drescher. Ueber die Kreide -Bildungen der Gegend von 

Löwenberg. (Hierzu Tafel VIII. und IX.) 291 

R. Mitscherlich. Die vulkanischen Gesteine des Roderberges 
in chemischer und geognostischer Beziehung. (Hierzu 
Tafel X.) 367 

— Ueber eine Vesuvian-Schlacke 375 

E. Kluge. Ueber einige neue Forschungen auf dem Gebiete 

des Vulkanismus 377 

H. Eck. Vorläufige Notiz über die Auffindung der Letten- 
kohlenformation in Oberschlesien und über die Stellung 
des Mikultschützer Kalks ( Virgloriakalks) im Muschelkalk 403 

Traltschold. Das Urmeer Russlands 411 



IV 



Seite 



Behm. Die Tertiärformation von Stettin. (Zweiter Artikel.) 

(Hierzu Tafel XI.) * 430 

U. Schlönbacu. Ueber den Eisenstein des mittleren Lias im 
nordwestlichen Deutschland, mit Berücksichtigung der älte- 
ren und jüngeren Lias- Schichten. (Hierzu Tafel XII. 
und XIII.) 465 

Ferd, Roemer. Ueber eine marine Conchylien-Fauna im pro- 
duktiven Steinkohlengebirge Oberschlesiens. (Hierzu Ta- 
fel XIV— XVI.) 567 

— Notiz über ein Vorkommen von Scheelit (Tungstein) im 

Riesengebirge 607 

A. v. Könen. Ueber die Oligocän-Tertiärschichten der Magde- 
burger Gegend 611 

Th. Kjerulf. Erläuterungen zur Uebersichtskarte der Glacial- 

Formation am Christiania-Fjord. (Hierzu Tafel XVII.) 619 

G. Berendt. Die Diluvial-Ablagerungen in der Mark Bran- 
denburg 640 

A. v. Strombeck. Ueber Pettastes clathratus Cott 643 

R. Richter. Aus dem thüringischen Schiefergebirge. (Hierzu 

Tafel XVIII. und XIX.) 659 

M. Websky. Ueber die Streifung der Seitenflächen des Adu- 

lars. (Hierzu Tafel XX.) 677 

Ferd. Roemer. Weitere Beobachtungen über die Verbreitung 

und die Gliederung des Keupers in Oberschlesien . . . 694 

— Die Altersbestimmung des schwarzen Marmors von Demb- 

nik im Gebiete von Krakau 708 

A. Kunth. Ueber die Kreidemulde bei Lähn in Niederschle- 
sien. (Hierzu Tafel XXI.) 714 



Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 

1. Heft (November, iDecember 1862, Januar 1863). 



A. Verhandlungen der Gesellschaft. 



1. Protokoll der November - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 5. November 1862. 
I Vorsitzender: Herr Mitscherlich. 

Das Protokoll der August -Sitzung wurde verlesen und ge- 
nehmigt. 

Der Gesellschaft ist als Mitglied beigetreten: 
Herr Dr. med. Glückselig in Elbogen, 

vorgeschlagen durch die Herren Mitscherlich, 
G. Rose, Roth. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

Geological Survey of Canada. Montreal 1862 — Geology 
of Canada 1862. Catalogue de la JSouvelle G alles du Sud. 
Exposition internationale. Londres 1862. Von der Kgl. Com- 
mission für die Londoner Industrie- und Kunst- Ausstellung mit 
einer Zuschrift d. d. Berlin 15. October 1862. 

Burmeister. Bericht über einen in Buenos Ayres gebohr- 
ten artesischen Brunnen. (La Tribuna Nr. 2592). Vom Mi- 
nisterium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten mit einer 
Zuschrift d. d. Berlin 17. October 1862. 

Tageblatt der 37. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Carlsbad. 1862. Von den Geschäftsführern der Ver- 
sammlung, den Herren Löschner und von Hochberger. 

Bericht über die zweite allgemeine Versammlung von Berg- 
und Hüttenmännern zu "Wien 1861. Wien 1862. Vom Comite. 

W. Rhees. Manual of public libraries, institutions and 

Zeits. d. d.geoI.Ges. XV 1. 1 



2 



Societies in the United States and British Provinces of North- j 
America. Philadelphia. 1859. 

Report on the Geological Survey of the State of Wis- 
consin. Vol. I. 1862. Vom Staate Wisconsin. 

J. D. Gbaham. Annual reptort for the year 1858 on 
the improvements of the , harbours of Lahes M ichigan , St. 
Clair, Erie % Ontario and Champlain. Washington. 1859. 

Colorado Exploring Expedition 1857 — 58. Washington 
1861. Von Herrn J. S. Newberry in Cleveland, Ohio. 

Report on the Mississippi River. Philadelphia. Is61. 
Vom Secretary of War in Washington. 

Bischof. Die anorganische Formationsgruppe mit einigen 
Beziehungen auf die Alpen und den Harz. Quedlinburg. 1862. 

F. von Richthofen. Die Kalkalpen von Vorarlberg in 
Nordtyrol. II. Abth. Sep. 

K. von Fritsch. Ueber die Mitwirkung elektrischer Ströme 
bei der Bildung einiger Mineralien. Göttingen 1862. 

H. de Saussure. Description dun volcan eteint du 
Mexique reste inconnu jusqu'ä ce jour. — Geologie pratique 
de la Louisiane. Sep. 

A. Perrey. Les tremblements de terre en 1858 et 1859 
Sep.-Abdr. 

Delesse. Recherches sur Veau dans Vinterieur de la 
terre. — Carte agronomique des environs de Paris. — Cartes 
geologique et hydrologique de la ville de Paris. — Revue de 
Geologie pour Vannee 1861 par Delesse et Lauget. Sep. 

H. B. Geinitz. Ueber Thierfährten und Crustaceen-Reste 
in der unteren Dyas. 

J. Marco u. The Taconic and lower silurian rocks of 
Vermont and Canada. Sep. i 

A. Oppeu. Die Arten der Gattung Glyphaea und Pseudo- 
glyphaea. — Ueber das Alter der Hierlatz - Schichten. — Die 
Arten der Gattungen Eryma, Pseudastacus, Magila und Etallonia. I 
— Ueber Brachiopoden des unteren Lias. Sep. 

Ludwig Zejszner. Mijocenicznych Gipsach i marglach. I 
Warszawa 1862. 

B. v. Cotta. Der Pfundrersberg bei Clausen in Tyrol. I 
Berg- und Hüttenm. Zeitung. 1862. Nr. 44. 



3 



B. Im Austausch: 

Memoirs of the Geological Survey of India. I. Calcutta 
1861. 

Proceedings of the American philosophical Society. VII. 
330 — 421. 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt. XII. 3. 
Wien 1862. 

Archiv für Landeskunde in Mecklenburg. XII. 7. 8. 

Notizblatt des Vereins für Erdkunde. 1862. 3 — 8. 

Sitzungsberichte der k.k. Akademie d. Wissenschaften. Math. 
Naturw. Classe. Abth. 1. XLIV. 4. 5. XLV. 1. Abth. 2. 
XLIV. 5. XLV. 1. 2. 3. Wien. 

Sitzungsbericht der kön. bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften in München. 1862. I. 1. 2. 3 und Abhandl. IX. 2. 
von Siebold. Parthenogenesis. v. Ltebig: Redein der öffent- 
lichen Sitzung am 28. Novbr. 1861 V. Martius : Zum Gedächt- 
niss an P. Biot. Verzeichniss der Mitglieder. 1862. 

Vierter Jahresbericht des Naturhistorischen Vereins in Passau 
für 1860. 

Mittheilungen aus J. Perthes' geographischer Anstalt. 
J862. 8. 9. 10. 

Neues Lausitzisches Magazin. 39. 1. 2. 40. 1. 

Verhandlungen des Vereins für Naturkunde zu Presburg. 
1859, 60, 61. Bd. IV u. V. 

Jahresbericht der naturforschenden Gesellschaft Graubündens. 
VII. Chur 1862. 

Abhandlungen der schlesischen Gesellschaft für vaterländische 
Cultur. Abth. f. Naturw. u. Medizin. 1861. 3. 1862. 1. Philos. 
hist. Abth. 1862. 1. 2 und 39. Jahresbericht für 1861. 

Annales des mines [6], I. 3. 

Memoires de l'Academie imperiale des sciences , arts et 
helles lettres de Dijon. [<2] IX. 1861. 

Atti della Societa italiana di scienze naturali. III. 5. 
Milano 1862. 

Memoires de la Societe des sciences naturelles de Stras- 
bourg. V. 2. 3. 

Memoires de V Äcademie Imperiale des sciences de St. 
Petersbourg [7] IV. 1—9. und Bulletin IV. 3 — 6. 

1* 



4 



Journal of the Royal Dublin Society. Nr. 24. 25. 

Proceedings of the Dublin University Zoological a?id bo- 
tanical Associatio?i. 1. 3. IL 1. 

Memoirs of the literary and philosophical Society of 
Manchester. [3] I. u. Proceedings I. p. 253 — 360, //. 

Quarter ly Journal of the Geological Society Nr. 70 u. 71. 
und Address delivered at the anniversary meeting on the 
21. of Felruary 1862 by T. H. Hüxley. London 1862. 

American Journal of science and arts. Nr. 100 — 101. 

The Canadian naturalist and geologist. VII. 3. 4. 

The Natural history review. VI. 4. VII. 1 — 4. 

Journal of the Academy of natural sciences of Phila- 
delphia V. 1. und Proceedings 1861. p. 97— 556. 1862. 
Nr. 1 — 4. 

Fourth Report of the Geological Survey of Kentucky 
Frankfort 1861. 

Smithsonian Report 1860. Washington 1861. 

Der Vorsitzende Hess sodann Herrn Roth Bericht abstatten 
über die Verhandlungen bei der allgemeinen Versammlung in 
Carlsbad. 

Derselbe bemerkte, dass mit der heutigen Sitzung ein neues 
Geschäftsjahr beginne und forderte unter Abstattung eines Dan- 
kes von Seiten des Vorstandes für das demselben von der Ge- 
sellschaft geschenkte Vertrauen zur Neuwahl des Vorstandes auf. 
Auf Vorschlag eines Mitgliedes erwählte die Gesellschaft durch 
Acclamation den früheren Vorstand wieder. Stimmzettel von 
auswärts waren nicht eingegangen. 

Herr Mitscheblich erklärte, dass er es, nachdem er zwei 
Jahre den Vorsitz geführt habe, für zweckmässig halte, den Vor- 
sitz niederzulegen und schlug als Vorsitzenden Herrn G. Rose 
vor, welchen Vorschlag die Gesellschaft genehmigte. Herr 
G. Rose nahm ihn mit dem Wunsche an, dass Herr Mitscher- 
JjICH als stellvertretender Vorsitzender einträte, wozu letzterer 
sich bereit erklärte. 

Herr H. Rose legte der Gesellschaft eine salzartige Masse 
vor von der Form eines grossen Vogeleies, das Herr G. Rose 
durch Herrn Bohchardt, Königl. Bau-Inspektor in Swinemünde, 
von einem SchifFscapitain erhalten, der es von den Cinchas-Inseln 
(Guano-Inseln) mitgebracht hatte, wo es im Guano, 40 Fuss 
unter der Oberfläche des Bodens gefunden worden war. Das 



5 



Ei hat ein Gewicht von einem halben Pfunde, ist beinahe 3 Zoll 
lang und ij Zoll hoch. Die salzartige Masse, aus welcher es 
besteht, ist krystallinisch und weiss, an einigen Stellen bräunlich. 
Die Masse besteht aus 70j Proc. schwefelsaurem Kali, und aus 
26 j Proc. schwefelsaurem Ammoniak, mit kleinen Mengen von 
Salmiak und von Kochsalz und "einer Spur von organischer 
Materie. Auf welche Weise diese sonderbare Pseudomorphose 
sich gebildet hat, ist schwer zu erörtern. Es haben sich an der 
Oberfläche Ueberbleibsel der Schale erhalten, die aber nicht aus 
kohlensaurer Kalkerde besteht, sondern sich grösstenteils in 
phosphorsaure Kalkerde verwandelt hat. 

Herr G. Pose legte der Gesellschaft eine etwa fussgrosse 
Glimmerplatte von Canada vor, die Herr Vogel in London er- 
halten, und an der letzterer einen ausgezeichneten Asterismus 
beobachtet hatte. Sieht man durch dieselbe die Flamme eines 
Lichtes, so gewahrt man einen grossen sechsstrahligen Stern, 
dessen Mittelpunkt die Lichtflamme ist, und zwischen dessen 
Strahlen noch sechs kleinere und schwächere sichtbar sind. Der 
Glimmer von Canada ist nicht vollkommen durchsichtig ; schon 
bei der Beobachtung mit der Lupe, wenn man die Glimmerplatte 
gegen das Licht hält, sieht man eine Menge äusserst feiner pris- 
matischer Krystalle. Deutlich erscheinen dieselben indessen erst 
unter dem Mikroskop , wo man nun auch die Form erkennen 
und sich überzeugen kann, dass die Krystalle sehr wahrscheinlich 
Cyanit sind. Dieselben haben alle eine ganz bestimmte Lage, 
sie liegen meistentheils parallel den Seiten eines gleichseitigen 
Dreiecks, schneiden sich also unter Winkeln von 60 und 120 Grad, 
nur eine geringere Menge macht mit diesen Winkel von 150 Grad. 
Daraus ergiebt sich eben der Grund des Asterismus ; derselbe ist 
eine blosse Gittererscheinung , die Strahlen des Sterns stehen 
rechtwinklig auf den Axen der prismatischen Krystalle, die sich 
unter Winkeln von 120 Grad schneiden, und da" auch Krystalle 
vorkommen, die mit den erstem Winkel von 150 Grad machen, 
so finden sich in dem Stern auch kleinere Strahlen, die den 
Winkel von 60 Grad der grösseren Strahlen halbiren. Da in 
dem Meteoreisen , wie Herr G. Rose früher gezeigt hatte, 
auch durch die ganze Masse feine Krystalle eingemengt sind, 
die nach drei untereinander rechtwinkligen Richtungen paral- 
lel den Kanten des Hexaeders liegen , so war zu vermuthen, 
dass auch das Meteoreisen einen Asterismus zeigen würde 



6 



wie der Glimmer von Canada, mit dem Unterschiede, dass der 
Strahlen nur vier wären, und diese Winkel von 90° miteinan- 
der bildeten, was sich nun auch bei dem Versuche vollkommen 
bestätigte. Da das Meteoreisen undurchsichtig ist, die kleinen 
eingemengten Krystalle aber in verdünnter Salpetersäure unlös- 
lich sind, auf einer polirten und mit dieser Säure geätzten Schnitt- 
fläche also etwas hervortreten, so wurde von einer solchen Schnitt- 
fläche ein Hausenblasenabdruck gemacht, der die vermuthete Er- 
scheinung vortrefflich zeigte. Es ist daher wahrscheinlich , dass 
der Asterismus, wo er sich zeigt, überall sich auf ähnliche Weise 
wird erklären lassen, und dass er überall durch kleine mikro- 
skopische Krystalle hervorgebracht wird, die in grosser Menge in 
einem andern grösseren Krystalle, durch dessen Structur ihre 
Lage bestimmt wird, regelmässig eingewachsen sind. 

Herr Vogel berichtete im Anschluss an die Mittheilung 
des Herrn G. Rose über ein einfaches Verfahren mikroskopische 
Bilder photographisch aufzunehmen. 

„Jeder Naturforscher weiss, wie mühsam und zeitraubend 
das Zeichnen der im Mikroskop beobachteten, vergrösserten An- 
sichten verschiedener Objecte ist, und wie sehr solche Kopie oft 
vom Original abweicht. Diese Umstände haben schon seit län- 
gerer Zeit Männer wie Bertsch in Paris, Highley in London, 
Fierlaender, Gerlach u. A. veranlasst, die Photographie zur 
Aufnahme mikroskopischer Ansichten zu verwenden , und es ist 
diesen auch gelungen, treffliche Photographieen der Art anzufer- 
tigen. Das Verfahren, dessen sich diese Herren zur Herstellung 
dieser Ansichten bedienen, ist jedoch nur zum Theil bekannt ge- 
worden. Bertsch und Highley benutzen dazu eine Art Sonnen- 
mikroskop, bei dem der Bildschirm mit einer photographischen 
Platte vertauscht werden kann. Der Preis dieser Apparate, die 
ich auf der Industrieausstellung in London kennen gelernt habe 
beträgt circa 500 Thaler. So Treffliches diese Apparate auch lei- 
sten, so haben sie doch den Uebelstand, dass sie zur Beobachtung 
selbst nicht gut verwandt werden können. Man ist genöthigt, 
diese in einem gewöhnlichen Mikroskop anzustellen, und dann 
das Object in den erwähnten Apparat zu transportiren, wobei es 
oft schwer hält, die im Mikroskop gesehene Stelle des Objects 
wieder zu finden, und davon ein Bild zu entwerfen, das dem 
ursprünglich gesehenen gleicht. Ich versuchte deshalb die im 
Mikroskop beobachteten Ansichten direct aufzunehmen. 



7 



Zu dem Zwecke kombinirte ich ein ScHiEK'sches Mikroskop 
einfach so mit einer photographischen Kamera mit einem simplen 
achromatischen Objectiv*) von circa A\" Brennweite, dass die op- 
tischen Axen beider Instrumente zusammenfielen und das Ob- 
jectiv der Kamera das Ocular des Mikroskops fast berührte, zog 
die Visirscheibe der Kamera so weit aus , dass sie ungefähr 8j" 
von dem Objectiv entfernt war und warf auf das Object mit Hülfe 
des Hohlspiegels am Mikroskop direktes Sonnenlicht. Ich sah 
darauf auf der Visirscheibe ein deutliches Bild des Objectes, des- 
sen scharfe Einstellung mit Hülfe des am Mikroskop befindlichen 
Triebes leicht bewerkstelligt wurde. Jetzt versuchte ich das Bild 
zu photographiren. Als erstes Object wandte ich den seines aus- 
gezeichneten Asterismus wegen merkwürdigen Glimmer von South 
Burgess an, den ich aus England mitgebracht habe.**) Der Ver- 
snch glückte vollständig. .Ich erhielt nach 25 Sekunden Expo- 
sition ein deutliches 500fach vergrößertes Bild der in dem Glim- 
mer sich findenden mikroskopischen Krystalle, dessen genauere 
Betrachtung mich auf die Vermuthung brachte, dass diese Kry- 
stalle Cyanit seien; eine Ansicht, der Herr Professor G. Rose 
beistimmte. Diese Methode, mikroskopische Ansichten photogra- 
phisch aufzunehmen, ist so einfach, dass sie jeder Photograph 
leicht ausführen kann; sie lässt sich ferner bei jedem beliebigen 
Mikroskop, das lichtstark genug ist, anwenden und erlaubt nicht 
nur Ansichten aufzunehmen, die den mit dem Auge im Mikroskop 
beobachteten an Grösse gleichkommen, sondern auch solche, die 
ihnen an Grösse nachstehen oder sie übertreffen. 

Die so erhaltene Platte kann direct zur Herstellung vieler 
Abzüge verwendet und der Lithograph dadurch entbehrlich ge- 
macht werden. Die erhaltenen Bilder erlauben eine scharfe Mes- 
sung der Vergrösserung, indem man ihre Grösse einfach mit 
der Grösse des Objects, die sich mit dem Mikrometer leicht be- 
stimmen lässt, vergleicht, ferner eine ziemlich genaue Messung 
der Krystallwinkel durch einfaches Anlegen eines Trans- 
porteurs. 

Es ist wahrscheinlich, dass diese einfache Methode Mikro- 
photographieen herzustellen schon von andern Männern benutzt 



*) Einer sogenannten Landschaftslinse. 

**J Herr Professor G. Rose hat diesen Glimmer näher beschrieben. 
S. d. Heft. S. 5. 



8 



worden ist. Keiner scheint aber sein Verfahren publicirt zu ha- 
ben (es ist mir wenigstens bis jetzt noch nicht möglich gewesen, 
specielle Angaben darüber zu finden) und deshalb veröffentliche 
ich hiermit meine Erfahrungen über diesen Gegenstand im Inter- 
esse der Naturwissenschaft. 

Den Herren Naturforschern in Berlin empfehle ich zur Aus- 
führung dieser Photographieen den eben so intelligenten als 
praktisch tüchtigen Photographen Herrn Günther, Werderschen 
Markt No. 6. 

Weitere Mittheilung über Verbesserung dieser Methode, An- 
wendung derselben auf undurchsichtige Körper , Benutzung von 
elektrischem oder DRüMMOND'schem Licht statt des Sonnenlichts 
etc. etc. behalte ich mir vor." 

Herr Roth besprach die Abhandlung des Herrn Sartorius 
von Waltershausen, welche den Titel führt: „Ueber die Be- 
rechnung der quantitativen mineralogischen Zusammensetzung der 
krystallinischen Gesteine, vornehmlich der Laven." 

Herr von Alberts berichtete über ein neues Vorkommen 
von Kohlenkalk - Petrefakten in Oberschlesien auf der Grube Ca- 
roline bei Hohenlohehütte. 

Herr von Bennigsen -Förder erörterte die Entstehung 
zweier noch in Fortbildung begriffenen Kalkformationen der ge- 
genwärtigen Epoche: die Entstehung eines Wiesenkalklagers bei 
Neustadt in West-Preussen und die Bildungsweise der bekannten 
Carlsbader Sprudelschale. Das Kalklager bei Neustadt ist das 
ausgedehnteste unter den bis jetzt bekannten des vaterländischen 
Schwemmlandes, denn es erstreckt sich vom gräflich Keyser- 
LiNGK'schen Schloss-Parke , der zum grossen Theil darauf ange- 
legt ist, bis zur j Meile entfernten herrschaftlichen Ziegelei mit 
geringer Unterbrechung und in einer Mächtigkeit von zuweilen 
7 Fuss; die Breite beträgt gegen ~ Meile. Es verdankt seine 
Entstehung den das anmuthige Thal , worin der Kalk abgelagert 
ist, begrenzenden ansehnlichen Abhängen des aus Thon- und 
Lehmmergel und Lehm bestehenden Plateaus, welches sich viele 
Meilen weit durch diesen Theil der Provinz erstreckt, und auch 
an anderen Punkten, z. B. bei Wispau, solche Kalkbildung be- 
günstigt. Die Quellen und Sickerwasser aus diesen weit verbrei- 
teten kalkig-thonigen Schichten gelangen, reich mit kohlensaurem 
Kalk beladen, auf dem ziemlich wagerechten Thalboden in Be- 
rührung mit vegetabilischen Gebilden, und umgeben diese bald 



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mit Kalkkrusten, an denen dann der Absatz neuer Kalksubstan- 
zen fortdauert. Bei der Bildung der Carlsbader Sprudelscbale 
zeigt sich die Intensität der Adhäsionskraft der Kalksubstanz 
noch einflussreicher auf die Entstehung dieses sehr merkwürdigen 
Gebildes, welches zum Theil unter dem Tepl- Flusse, der auf 
eine Strecke von einigen hundert Schritten über die Sprudel- 
schale hinweg fliesst , dadurch entsteht , dass die Energie dieser 
Adhäsionskraft grösser und erfolgreicher ist als die der fortfüh- 
renden Kraft des Wassers; selbst die Kraft des von der Tiefe 
gegen die Oberfläche heftig aufwallenden Sprudels in der Tepl 
reicht nicht hin, um ein öfteres Schliessen oder Zuwachsen der 
Sprudelöffnung durch Ansatz der Kalksubstanzen zu verhindern ; 
auch ist die Adhäsion dieser Substanzen so gross , dass sich so- 
gar um Gasbläschen , welche sich einige Zeit im Sprudel erhal- 
ten, eine Kalkrinde bilden soll. Die hierbei mitwirkende hohe 
Temperatur der Therme wird längst durch die wahrscheinlich 
sehr bedeutende Tiefe der Dislocationsspalte im Granit erklärt; 
dagegen scheint nach des Redners Ansicht der reiche Kalkge- 
halt des Sprudels nur von den Tagewässern herzurühren, die 
seinen Wasserbedarf liefern ; der Vorgang bei Bildung des Kes- 
selsteins in Dampf- und Kochkesseln erläutert den Ursprung des 
Kalkreichthums des vielleicht seit Jahrtausenden bestehenden 
Sprudels. Nachdem Redner noch das Vorkommen eines nor- 
dischen Geröllhügels (as) östlich bei Polchau am Abhänge des 
Thalrandes der Rheda zwischen Neustadt und Putzig in West- 
Preussen erwähnt hatte, hob er schliesslich als wahrscheinlich 
hervor, dass in der Weise des grossen Wiesenkalklagers bei Neu- 
stadt auch manche der muschelführenden tertiären Kalklager nur 
an einzelnen beschränkten Oertlichkeiten ihre erste Entstehung 
erhalten haben werden ; Thäler und Bodenvertiefungen in kalk- 
führenden oder Kalkformationen gaben wohl auch in der Ter- 
tiär-Epoche zu solchen Kalktuff- und Kalksinter- Bildungen Ver- 
anlassung. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. , 

Mi rscHERLicH. Beyrich. Roth. 



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2. Protokoll der December - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 3. December 1862. 
Vorsitzender: Herr G. Rose. 

Das Protokoll der November-Sitzung wurde verlesen und ge- 
nehmigt. 

Für die Bibliothek der Gesellschaft waren eingegangen: 

A. An Geschenken : 

Carlsbad, Marienbad, Franzensbad und ihre Umgebung vom 
naturhistorischen und medizinisch -geschichtlichen Standpunkte. 
Prag und Carlsbad 1862. Von den Geschäftsführern der 37. 
Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte Herren Dr. 
Löschner und Ritter von Hochberger. 

Th. Hiortdahl og M. Irgens. Geologiske undersögelser 
i Bergens Omegn. Christiania 1862. — M. Sars: Beskrivelse 
over Lophogaster typicus. Christiania 1862. — F. C. Schü- 
beler: Die Culturpflanzen Norwegens. Christiania 1862. Von 
der Königl. Norwegischen Universität in Christiania. 

Th. Kjerulf und T. Dahll : Ueber die Geologie des süd- 
lichen Norwegens ; über den Erzdistrikt Kongsbergs ; om jernert- 
sernes forekomst vet Arendal, JSaes og Krageroe. Christiania 
1861. Von den Verfassern. 

Th. Kjerulf: Geologische Karten von Ringeriget und Ha- 
deland. Christiania 1862. 

T. Dahll: Ueber die Geologie Tellemarkens. Christia- 
nia 1860. 

B. Im Austausch : 

Erster Jahresbericht des Vereins von Freunden der Erdkunde 
zu Leipzig 1861. 

Württembergische Naturwissenschaftliche Jahreshefte. XVIII. 
1. 2. 3. 

Correspondenzblatt des zoologisch -mineralogischen Vereins 
in Regensburg. 1862, No. 10 u. 11. 

Verhandlungen der kaiserlichen Gesellschaft für die gesammte 
Mineralogie zu St. Petersburg. 1862 und E. von Berg: Re- 
pertorium der Literatur über die Mineralogie, Geologie, Palaeon- 
tologie, Berg- und Hüttenkunde Russlands bis zum Schluss des 
XVIII. Jahrhunderts. St. Petersburg 1862. 



11 



Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. XXI. 4. 

Dritter Bericht des Offenbacher Vereins für Naturkunde. 
Offenbach 1862. 

47. Jahresb. u. Kleine Schriften IX. der naturforschenden 
Gesellschaft in Emden. 1862. 

Schriften der Königl. physikalisch-ökonomischen Gesellschaft 
zu Königsberg. III. 1. 1862. 

Zehnter Jahresbericht über die Wirksamkeit des Werner- 
Vereins für 1860. Brünn 1861. 

Neue Denkschriften der allgemeinen Schweizerischen Ge- 
sellschaft für die gesammten Naturwissenschaften. Band XIX. 
Zürich 1862. 

Compte rendu de la 45. session de la Soc. suisse des 
sciences naturelles rdunie a Lausanne les 20., 21. et 22. aoüt 
1861. 

Bulletin de la Societe Vaudoise des sciences naturelles, 
Tom. f IL Bulletin No. 49. 

Annales de la Societe d? Agriculture duPny. XII 1859. 

Herr G. Rose trug eine von Herrn B. v. Cotta eingesendete 
Inhaltsübersicht des von ihm herausgegebenen Buches: Die Erz- 
lagerstätten Europa's, vor.*) 

Herr Rammelsberg berichtete über den Inhalt der Abhand- 
lung von Scacchi, welche den Titel führt: Sulla poliedria delle 
facce dei cristalli. Torino 1862. Ferner hielt derselbe einen 
Vortrag über die Bildung und chemische Zusammensetzung der 
Alaunsteine und des Löwigites, nach denen die Ansichten des 
Herrn von Richthofen über die Entstehung derselben als irrig 
zu bezeichnen sind. 

Herr Roth legte die von den Herren Palmieri und Guis- 
cardi in Neapel ihm mitgetheilten Schriften: Annali del reale 
Osservatorio Meteorologico Vesuviano. Anno secondo 1862 
und lntorno all' incendio del Vesuvio cominciato il dt 8. De- 
cembre 1861 relazione vor und berichtete über ihren Inhalt. 
Besonders ist hervorzuheben , dass die bei diesem kurzen Aus- 
bruche um 1,12 iMeter gehobene Küste bei Torre del Greco bis 
zum 31. März 1862 eine allmälige Senkung, im Ganzen um 
0,241 Meter, gezeigt hatte, sowie dass Deville, Leblanc und 
Fouque in den 20 Meter weit von der Küste im Meer bei Torre del 



*) S. Bd. XIV. S. 686. 



12 



Greco aufgefangenen Gasen neben Schwefelwasserstoff, Kohlensäure 
und Sumpfgas (C 2 H 4 ) Wasserstoff nachgewiesen haben. Da die 
Kreidekalke bei Sorrent so reichlich bituminös sind, darf man wohl 
den Kohlenwasserstoff bei Torre aus ihnen, den freien Wasser- 
stoff ohne Zweifel, wie Bunsen experimentell nachgewiesen, aus 
dem durch hohe Temperatur zersetzten Schwefelwasserstoff ab- 
leiten. Ueber die Quelle des Kohlenwasserstoffs, der neben 
Schwefelwasserstoff, Wasserstoff und Kohlensäure in den Gasen 
der Borsäure -Fumarolen in Toscana vorkommt, wagte Redner 
keine Ansicht auszusprechen. 

Herr Söchting gab den Inhalt einer Abhandlung über 
paragenetische Verhältnisse des Glimmers, namentlich über dessen 
pseudomorphe Natur, indem er sich besonders gegen die von 
Herrn Delesse in dieser Hinsicht ausgesprochenen Ansichten 
erklärte. Ferner legte derselbe einen neuen Granit aus dem 
Ockerthale im Harze vor, in welchem der Einschluss des Kalk- 
spathes noch deutlicher als bei früher vorgelegten Proben sich 
als ein dem Gestein selbst angehöriger und nicht als von Infil- 
tration herrührend erwies. 

Herr von Seebach sprach über die Zusammensetzung und 
Fauna des norddeutschen Jura besonders mit Rücksicht auf den 
englischen Oolith. 

Herr G. Rose legte als neue Erwerbung des Kön. minera- 
logischen Museums einen schönen neuen Krystall von Hornblei- 
erz von Matlock, Derbyshire, vor und verglich den Krystall (ein 
grades quadratisches Prisma) mit den Krystallen von Hornbleierz, 
die in früherer Zeit bei Tarnowitz vorgekommen sind, wo sie 
zwar grösstentheils mit Beibehaltung der Form eine Umwand- 
lung in Weissbleierz zeigen, während das mineralogische Museum 
jedoch einen von Herrn Krug von Nidda geschenkten, grossen, 
noch grösstentheils unverändert gebliebenen Krystall besitzt. 
Derselbe wurde ebenfalls vorgezeigt. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 



v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



13 



3. Protokoll der Januar -Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 7. Januar 1863. 
Vorsitzender Herr G. Rose. 

Das Protokoll der December- Sitzung wurde verlesen und 
angenommen. 

Als neue Mitglieder sind eingetreten: 
Herr Hauptmann Gauey in Weimar, 

vorgeschlagen durch die Herren v. Seebac h, G. Herbst, 
G. Rose. 

Herr Bergexpektant von Könen in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren Beyrich, Ewald, 
Roth. 

Herr Stud. phil. U. Schloenbach jun. aus Salzgitter, 
vorgeschlagen durch die Herren Beyrich, Ewald, 
Roth. 

Herr Stud. phil. Kunth aus Bunzlau, 

vorgeschlagen durch die Herren Beyrich , Eck, 

v. Seebach. 
Herr Stud. phil. Schiller aus Breslau, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Eck und 

Beyrich. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 
Im Austausche: 

Smithsonian Miscellaneous Collections. Bd. 1 — 4. Re- 
sults of Meteorogical Observations made under the direction 
of the United States Patent Office and the Smithsonian Insti- 
tution from 1854 to 1859. Vol. I. Washington 1861. 

Geology of Vermont. Vol. I u. II. Claremont. 1861. 

Canadian Naturalist and Geologist. VII. 5. 

American Journal of science and arts. XXXIV; 102. 

Societe des sciences naturelles du Grand Ducke de Luxem- 
bourg. Tom. V. 1857— 1862. 

Naturkundige Verhandlingen van de Hollandsche Maat- 
schappij der Wetenschappen te Haarlem. Zestiende Deel. 
Hartem 1862. 



14 



Verhandlungen der k. k. geologischen Reichsanstalt. 4. it. 
18. November, 2. December 1862. 

Archiv für wissenschaftliche Kunde für Russland. Bd. 22. 
Heft I. 

Herr von Seebach legte ein vollständiges Exemplar von 
Encrinurus multisegmentatus Porte, vor und sprach über dessen 
Beziehungen. Derselbe sprach unter Vorlegung einer Abbildung 
über das neu entdeckte gefiederte Fossil von Solenhofen, welches 
derselbe im Brittischen Museum zu sehen Gelegenheit hatte. Nur 
Rippen und Schwanz sprechen dafür, dass es ein Reptil sei. 
Sämmtliche Knochen, die sonst noch erhalten sind, lassen einen 
Vogel erwarten, wie auch Prof. Owen erkannte. Als Name 
muss die Bezeichnung Archaeopteryx lithographica H. v. Meyer 
beibehalten werden und nü-ht Gryphosaurus A. Wagn. noch 
Gryphornis Owen. 

Herr von Könen berichtete über die Gang Verhältnisse der 
Grube »Hülfe Gottes« bei Dillenburg. Selten wohl trifft man 
so eigenthümliche und dabei doch so einfache Gangverhältnisse, als 
auf der Nickelerzgrube »Hülfe Gottes« bei Dillenburg im Nassaui- 
schen. Dieselbe baute früher nur auf verschiedenen, vorzüglich 
Kupferkies fuhrenden Gängen, fuhr aber im Jahre 1841 durch 
Zufall mit einem Stollnorte den jetzt noch allein im Betriebe be- 
findlichen Nickelerzgang an, welcher ein Einfallen von etwa 
85 Grad hatte. Man trieb demnächst streichende Oerter im Gange 
nach beiden Seiten, fand aber, dass derselbe nur auf einer Länge 
von ohngefähr 1 1 Lachter erzführend war, indem auf jeder Seite 
eineKluft mit 30 resp. 60 Grad Einfallen durchsetzte, hinter welcher 
der Gang zwar noch vorhanden war, aber gänzlich taub, und 
mit Schalstein als Hangendes und Liegendes, während zwischen 
den beiden Klüften Grünstein das Nebengestein des Ganges 
bildete. Da nun die streichende Länge der Einführung des Ganges 
nach der Teufe zu hiernach zunehmen musste, so teufte man 
ein Gesenk ab, mit welchem man etwa 8 Lachter unter der 
Stollnsohle, wo man die stärker fallende Kluft anfuhr, noch eine 
dritte Kluft auffand, welche von jener ausgehend mit ca. 70 Grad 
nach der entgegengesetzten Richtung einfiel. Unter derselben 
war der Gang taub, von Schalstein begleitet; über ihr war er 
aber edel und hatte Grünstein zum Nebengestein. Bei weiteren 
Ausrichtungsarbeiten fand man dann darüber noch eine vierte, 
von derselben wie die dritte, ausgehende Kluft, welche mit 



15 



ca. 50 Grad nach derselben Richtung wie die letztere einfiel, 
über welcher der Gang dann wieder taub war, und Schalstein 
zum Hangenden und Liegenden hatte, so dass das edele Mittel 
sich hier in zwei Theile theilte, welche, nach der Teufe zu an 
Länge zunehmend , von hier an divergirend in der Gangebene 
einfielen. Bis zur Teufe von 21 Lachter unter der Stollnsohle, 
die man bis jetzt mit den Bauen erreicht hat, bleibt ebenfalls die 
Erzführung des Ganges stets an den Grünstein gebunden. In 




c b a 



A. Stölln, 

a, erste, b. zweite, c. dritte Verwerfung. 

der Zeichnung bedeuten die schraffirten Stellen, dass der Gang 
dort unhaltig und von Schalstein begleitet ist. 

Der Gang verhält sich im Einfallen, welches sich nur nach 
und nach bis auf etwa 70 Grad verschwächt, ziemlich regel- 
mässig; aber im Streichen setzen drei mit ca. 75 Grad ziemlich 
parallel fallende, 8 und 9 Lachter von einander entfernte Ver- 
werfungsklüfte durch , welche den Gang je - bis 1 Lachter ins 
Liegende werfen. 

Die Gangmasse der edelen Mittel ist vollkommen derb, und 
besteht fast nur aus Kupferkies, Haarkies und Schwefelkies; 
Durchschnittsanalysen haben folgende Zusammensetzung der Erze, 
welche übrigens nicht einmal ein Handscheiden erfordern , ergeben : 
Nickel 3, Kupfer 14,5, Eisen 31,5, Schwefel 41, Erden U). 

Nur in der Nähe der Verwerfungsklüfte finden sich mitunter 
kleine Drusen, welche dann mit einzelnen Nadeln, aber auch 
ganzen Büscheln von Haarkies, und mit schönen Kupferkiesdril- 



16 



lingen besetzt sind, auf denen gewöhnlich noch kleine, meist 
linsenförmige, Krystalle von Kalkspath und Mesitinspath sitzen; 
als grösste Seltenheit finden sich in den Drusen auch noch Kry- 
stalle von Bleiglanz und rother Blende, obgleich in der Gang- 
masse sonst keine Spur von diesen beiden Mineralien zu bemer- 
ken ist. 

Die Gangmächtigkeit variirt sehr, und erreicht nur #n einer 
Stelle die Grösse von 12 Fuss, während sie an einer anderen 
bis auf einige Zolle herabsinkt, im Allgemeinen scheint sie aber 
nach der Teufe zu abzunehmen. 

Herr Rammelsberg gab Mittheilung über einige von ihm 
analysirte Phonolithe aus der Rhön und aus Böhmen. 

Herr Beyrich sprach über das Auftreten rothen quarzfüh- 
renden Porphyrs westlich von Ilfeld am Harz. Gleich dem Me- 
laphyr und Porphyrit, deren lagerartiges Verhalten bei Ilfeld 
zuerst durch Naumann klar auseinandergesetzt wurde, bildet 
auch der Porphyr im Hangenden des Porphyrits ein Lager, wel- 
ches bei Werna beginnt und sich über Sülzenhayn forterstreckt. 
Das Gestein ist erfüllt von wohlausgebildeten Quarzkrystallen 
und stellt sich petrographisch dem Porphyr des Auerberges bei 
Stollberg zur Seite. Die Quarzkrystalle, selten auch Feldspath- 
krystalle, lassen sich in Menge in dem Grande auflesen, den 
das zersetzte Gestein zurücklässt. Das Verhalten, dass ein kry- 
stallreicher quarzführender Porphyr als das jüngste Eruptivgestein 
im Rothliegenden eingelagert auftritt, steht in Einklang mit frü- 
heren analogen Beobachtungen an der Südseite des Riesengebirges 
bei Liebenau und in der Waldenburger Gebirgsmulde. Diese 
Analogie macht, es auch wahrscheinlich, dass die Eruptivgesteine 
an der Südseite des Harzes in derselben Zeit hervortraten und 
derjenigen Stufe des Rothliegenden angehören, welche auf der 
geologischen Karte von Niederschlesien als die zweite Stufe der 
Formation, als das untere thonige Rothliegende unterschieden 
wurde. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



17 



B. Briefliche Mittheiluiig. 

Herr Ferd. Roemer an die Redaction der Zeitschrift der 
deutschen geologischen Gesellschaft. 

Breslau, 19. Januar 1S63. 

Band XIV. dieser Zeitschrift enthält S. 541 — 543 ein 
Schreiben des Herrn G. von Helmersen, in welchem derselbe 
gegen die Richtigkeit einiger von mir in Betreff des Zustandes 
der paläontologischen Sammlungen des Kaiserlichen Berginstituts 
in St. Petersburg gemachten Aeusserungen Einspruch erhebt. 
Die fraglichen Aeusserungen sind in dem in dieser Zeitschrift 
(Band XIV. S. 178 — 233) gedruckten kurzen Bericht über 
meine russische Reise im Sommer 1861 enthalten. Der betref- 
fende Passus des Berichtes lautet: »Die geognostischen und pa- 
läontologischen Suiten umfassen die Ausbeute zahlreicher wissen- 
schaftlicher Reisen und Expeditionen zum Theil in entlegene 
Theile des russischen Reiches. Leider sind diese werthvollen 
Suiten nicht in einer Weise angeordnet und aufbewahrt, wie sie 
es bei ihrer Wichtigkeit verdienen. Wir fanden vielfach die 
Etiquetten fehlend und vertauscht, oder selbst die Stücke einer 
Suite unter diejenigen einer anderen gemengt. An vielen Stellen 
war es deutlich erkennbar, dass wiederholt ganz unkundigen und 
rohen Händen die Anordnung oder das Umlegen der Stücke an- 
vertraut gewesen war. Nicht nur sind bei so mangelhafter Ord- 
nung die fraglichen Sammlungen ungeeignet zuverlässige Beleh- 
rung zu gewähren , sondern zum Theil haben sie durch Ver- 
wechselung oder völlige Vernichtung der Fundortsangaben für 
immer ihren Werth verloren.« 

Herr G. von Helmersen wendet nun hiergegen ein, dass 
mir der Haupttheil der paläontologischen Sammlungen gar nicht 
gezeigt worden sei und dass ich nur diejenigen Suiten gesehen habe 
»welche demnächst zum Unterrichte der Zöglinge dienen und die zum 
Theil bei den Repetitionen sogar in ihre Hände gegeben werden.« 

Hierauf habe ich nun meinerseits Folgendes zu erwidern: 

Die von mir besichtigten Sammlungen des Kaiserlichen Berg- 
instituts, auf welche sich das erwähnte und auch jetzt von uns 
vollständig aufrecht erhaltene Urtheil bezieht , waren allerdings 
ausgedehnte paläontologisch geognostische Suiten aus verschiedenen 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 1 . 2 



18 



Theilen des russischen Reiches. Ich habe namentlich fast sämmt- 
liche Suiten dieser Art, welche in dem mit dem Bildnisse des 
Herzogs von Leuchtenberg gezierten grossen Saale und in einem 
anstossenden Saale aufbewahrt werden, durchgesehen. Sehr gern 
glaube ich zwar, dass ausser den von mir durchgesehenen Suiten 
noch zahlreiche andere in dem Institute vorhanden sind, und dass 
diese sich in einem besser geordneten Zustande befinden. Un- 
möglich kann ich dagegen glauben, dass die mir gezeigten Suiten 
als Lehrsammlungen für die Zöglinge des Instituts benutzt worden 
sind, da sie ohne den Arten beigefügte Benennungen und auch 
nach ihrer ganzen Zusammensetzung für diesen Zweck durchaus 
ungeeignet sein würden. Es konnte mir übrigens auch nicht 
wohl etwas Anderes als solche von wissenschaftlichen Expedi- 
tionen herrührende Suiten gezeigt werden, da ich nur solche zu 
sehen den Wunsch aussprach und der mich führende Bergofficier 
Herr Möller wenn auch vielleicht mit dem Inhalte des Museums 
nicht vollständig vertraut, doch als ein aus dem Institute hervor- 
gegangener Beamter, als Begleiter Pander's auf mehrfachen ge- 
ognostischen Reisen in den Ural und als Verfasser paläontologisch- 
geognostischer Abhandlungen , gewiss eine Lehrsammlung für 
Anfänger von solchen nur für specielle Fachkenner interessanten 
Suiten, wie ich sie suchte, zu unterscheiden gewusst hat. 

Die vorstehende Erklärung ist hier lediglich zu dem Zwecke, 
um mich gegen den möglichen Verdacht unbedachtsamen oder 
böswilligen Tadels zu vertheidigen, gegeben worden. Ich habe 
die Bemerkungen meines Berichtes, welche zu der Reklamation 
Veranlassung gegeben haben , nach völlig unbefangener Wahr- 
nehmung lediglich im Interesse der Sache selbst gemacht. Am 
fernsten hat mir jedenfalls die Absicht gelegen, dem persönlich von 
mir verehrten Herrn G. von Helmersen durch dieselben nahe zu 
treten. Mit aufrichtigem Vergnügen erfahre ich aus seinem Schrei- 
ben, dass seit meiner Anwesenheit in St. Petersburg und schon 
lange vor dem Erscheinen meines Berichtes die sämmtlichen 
Sammlungen von russischen Petrefakten in dem Institute voll- 
ständig neu geordnet und aufgestellt worden sind. Für mich 
ist dadurch der Wunsch, der mich allein zu der Veröffentlichung 
der fraglichen Bemerkungen veranlasste, in erfreulichster Art 
und in kürzester Zeit erfüllt worden. 



19 



C. Aufsätze. 



1. Ueber die Polyedrie der Kiystaliflächen. 
( Sulla poliedrta deile facce den' crista1h\) 

Von Herrn k. Scacchi in Neapel. 

Aus den Memorie della Reale Aecademia delle Seiende dt 
Torino Serie II. T. XXI. 1862, übersetzt von Herrn 
C. Rammelsberg in Berlin. 

Hierzu Tafel I. IT. III. 

Der constante Werth der Kantenwinkel und das einfache 
Verhältniss der Axenlangen bei den Flächen des nämlichen 
Krystalls sind zwei Thatsachen. welche von den Naturforschern 
bisher als das Aeqnivalent zweier Fundamentalgesetze der Kri- 
stallographie betrachtet wurden. Jedoch mussten sich alle im 
Gebrauch des Reflexionsgoniometers geübten Krystallographen 
längst überzeugen , wie es auch mir oftmals begegnet ist, dass 
spiegelnde Krystaliflächen oft zwei oder mehrere Bilder geben, 
welche bisweilen äusserst wenig von einander abstehen. Schon 
diese Beobachtung zeigt offenbar, dass eine gewisse Fläche zwei 
oder mehrere verschiedene Lagen haben könne, und dass das 
Gesetz der Constanz der Kantenwinkel in der That Ausnahmen 
habe, welche man kennen und ihrem Werthe nach bestimmen 
muss. So viel ich weiss, hat sich bisher niemand mit diesem 
Gegenstand beschäftigt, und wenn man die Abweichungen bei 
Winkelmessungen in Betracht zog, hat man sie als Mängel der 
Krystalle angesehen, entsprungen aus Ursachen, die ihrer Bildung 
fremd waren. 

Wenn sich z. B. auf den Würfelflächen des Flusspaths 
vier Flächen ft, n" (Fig. 1) finden, die eine Pyramide 

bilden, und die Neigungen derselben unter sich veränderlich und 
bisweilen einige Grade kleiner als 180 Grad sind, so finde ich 
nur zwei Erklärungen für diese Erscheinung : Entweder wider- 
sprechen die Flächen n als anomal den krystallographischen Ge- 

2* 



20 



setzen, oder jede Fläche des Würfels am Flusspath kann in 
ihrer Lage nach den vier Richtungen, welche die n andeuten, 
variiren. Dieser zweiten Annahme würde ich unbedenklich den 
Vorzug geben, wenn sie im Einklang wäre mit dem geometrischen 
Begriff, den wir uns von den Krystallformen machen oder mit 
der eleganten Theorie der Decrescenzen der Moleküle bei der 
Bildung der Krystalle. Wir wollen also sagen, dass die nämliche 
Fläche an den Krystallen verschiedene Lagen haben, und sich 
folglich in verschiedener Lage mehrfach wiederholen könne, welche 
innerhalb gewisser Grenzen variirt, und aus bis jetzt unbekann- 
ten Gründen weiter oder enger werden kann. Diese Erscheinung 
werde ich mit dem Namen Polyedrie bezeichnen, welcher ein- 
fach die beobachtete Thatsache ausdrückt. 

Ich werde den Inhalt vorliegender Abhandlung in drei Ab- 
schnitte theilen; in dem ersten werde ich die auffälligere Erschei- 
nung von Flächen beschreiben, welche ihrer Lage nach in der 
Richtung zweier oder mehrer Zonen variiren können; in dem 
zweiten werden die Variationen in Betracht gezogen, welche im 
Sinne einer einzelnen Zone vorkommen, und der dritte Abschnitt 
ist bestimmt zu zeigen, dass die gekrümmten Flächen und andere 
Eigentümlichkeiten an Krystallen ebenfalls zu den Erscheinun- 
gen der Polyedrie gehören. 

Bei der Untersuchung und Zusammenstellung der Thatsachen 
bin ich vielleicht allzusehr ins Einzelne eingegangen, weil ich 
fürchtete, dass scheinbar Unbedeutendes doch von grösserem Ge- 
wicht sein könnte. 

Oft bin ich bei der Messung sehr stumpfer Neigungen 
zweier Flächen auf grosse Schwierigkeiten gestossen, das von der 
einen Fläche reflektirte Bild des Gegenstandes zu sehen, weil es 
in dem ziemlich starken Lichtfelde des von der benachbarten 
glänzenderen und grösseren Fläche reflektirten Bildes liegt. Um 
diesem Uebel zu begegnen, habe ich als Object für das Bild ein 
Metallplättchen von etwa 8 Millim. Breite benutzt, welches zwei 
eben so breite Spalten neben sich hatte. Auch habe ich mitunter 
die anstossende störende Fläche mit Streifchen befeuchteten Fliess- 
papiers bedeckt. 

Die mitgetheilten Messungen sind die unmittelbar vom Go- 
niometer erhaltenen, die Abweichung in der Lage ausdrückenden 
Grössen. So heisst also z. B. n n == 2° 30', dass die Ver- 
schiedenheit in der Lage oder die Abweichung von n und n = 



21 



2° 30' ist. Will man als den Neigungswinkel von n : n\ so 
hat man 180° -2° 30' = 177° 30'. 

In den Zeichnungen sind einspringende Winkel durch punk- 
tirte Linien unterschieden. 

I. Polyedrie in der Richtung zweier oder melirer 

Konen. 

Flusspath. 

Auf den Flächen des Würfels am Flusspath Fig. 1. sieht man 
oft vier dreiseitige Facetten oder eine sehr stumpfe vierseitige Pyra- 
mide und besonders kommen sie an den Zwillingen vor, wäh- 
rend sie an einfachen Krystallen selten und minder deutlich 
sind. Die Messungen an den bessern Krystallen gaben folgende 
Werthe. 

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 

nn =4°57'm 5° 40' m 4° 13' 3° 37' 1° 18' 1° 45' 1« 21' 1° 19' 
«»'" = 5 16 m 5 53 m 4 4 3 42 1 34 m 1 43 1 17 1 7 
ri n = 5 37 m 6 37 3 46 2 28 1 22 1 49 1 17 1 8 

n'V" = 5 17 5 50 m 6»0m3 36 3 28 1 29 46 1 9 1 5 
nn" =8 8 m 8 52 m 7 32 m 5 40 5 17 2 31 m 2 38 1 49 1 49 
$'»'''= 7 28 m 8 42 6 14 5 34 2 57 m 2 36 1 48 1 49 

1, 2. 3 sind Krystalle einer Druse von Northumberland ; 
4. 5. 6 verschiedene Krystalle von Allenheads in Northumber- 
land; 7.' 8. 9 von einer Krystallgruppe von Derbyshire. 

An letzteren Krystallen finden sich sehr kleine Flächen eines 
Achtundvierzigflächners, der meines Wissens noch nicht beobach- 
tet worden ist. Sein Zeichen ist a : j a : 2 a = a : J- a : ~ a 
= \ a : j a : \ a, und es sind bei ihm die Neigungen der 
Flächen in den 

gebrochenen Oktaederkanten = 118° 22' 
gebrochenen Würfelkanten = 134 50 
Granatoederkanten = 159 10 

Die Veränderlichkeit der Neigung der Flächen n gegen 
einander zeigt uns deutlich ihre veränderliche Lage, die den kry- 
stallographischen Gesetzen nicht gehorcht, so dass es mir natür- 
licher scheint, die vier Flächen n als einer und derselben Wür- 
felfläche angehörend zu betrachten, deren Lage veränderlich ist. 



22 



Aus jenen Messungen können wir uns zugleich eine richtige 
Vorstellung von den Richtungen und den Grenzen machen, in 
welchen beim Flusspath die Verrückung der Würfelflächen aus 
ihrer normalen Stellung stattfindet. 

Als sehr bemerkenswerth hebe ich zuvörderst die wunder- 
bare Beziehung zwischen der Polyedrie der Flächen zweier zu 
einem Zwilling verbundenen Krystalle hervor. Es entsprechen 
die Spitzen der Pyramiden w, n genau den Punkten, in welchen 
die Kanten eo, ed des zweiten Krystalls den ersten treffen. 
(Fig. 2. 3). 

Bisweilen fehlt eine der Flächen und zwar gewöhnlich 
n, an deren Stelle dann n wiederholt ist (Fig. 4), oder die 
Fläche n dehnt sich dafür aus (Fig. 5), oder endlich anstatt n 
erscheint die Fläche des Würfels in ihrer normalen Lage. In 
der Zwillingsgruppe (Fig. 6) ist der Fall verwirklicht, dass sich 
die beiden Kanten eo und ed des zweiten Krystalls in einer und 
derselben Fläche des ersten finden und die Flächen so liegen 
und mit einspringenden Winkeln sich so wiederholen, als wenn 
jede der Kanten eo, eo' dazu beigetragen hätte, eine besondere 
Pyramide zu bilden. Man sieht dies am besten ein, wenn man 
die ähnlich gelegenen Flächen mit gleich-accentuirten Buchstaben 
bezeichnet. Jedoch bemerkt man, dass die Pyramide , deren 
Scheitel der Kante ed entspricht, vollständig ist, während an 
der, welche der Kante eo entspricht, eine Fläche fehlt. Wenn 
der zweite Krystall über den ersten hervorragt, (Fig. 4. 5), so 
ist n die fehlende Fläche anstatt n. 

Ein neuer Beweis des Zusammenhanges zwischen der Zwil- 
lingsbildung und der Polyedrie beim Flusspath ist, dass bei den 
nämlichen Zwillingskrystallen diejenigen Flächen des Würfels, 
auf denen sich die Kante des anderen Krystalls nicht eingewach- 
sen findet, ganz eben sind. Dennoch bemerkt man bei einfachen 
Krystallen bisweilen eine Andeutung der Flächen n als Pyramide, 
aber nie so deutlich wie bei den Zwillingen. Yfahrscheinlich 
steht ihr Vorhandensein in Beziehung zu einem anderen beim 
Flusspath ziemlich häufigen Umstände. 

Beim Flusspath sind die Würfelflächen oft gestreift parallel 
den Kanten, und auf solchen Flächen bemerkt man die Polyedrie 
leicht. Indem die Streifung an Krystallen aus der vielfachen 
Wiederholung paralleler Kanten zweier Flächen entsteht, ist es 
mir bei aufmerksamer Betrachtung jener stumpfen Pyramiden am 



23 



Fiusspatk als zweifellos erschienen, dass sie aus dem Wechsel 
der Lage der Würfelflächen in ihrer normalen Stellung und in 
verschiedenen abnormen Stellungen entstanden sind. 

Meistenteils gewahrt man deutlich, dass die Streifen etwas 
gekrümmt sind, mit der concaven Seite nach dem Scheitel der 
Pyramide, und oft da, wo sie den Kanten des Würfels sich 
nähern, unter einem stumpfen Winkel gebogen, wie man es bei 
n (Fig. 1) sieht, während nach dem Scheitel hin der Winkel 
allmälig verschwindet, und eine blosse Curve bleibt. An den 
Krystallen aus Derbyshire, deren Messung unter Nr. 7, 8, 9 
mitgetheilt wurde, und an welchen die Würfelkanten durch sehr 
kleine Flächen eines Achtundvierzigflächners zugespitzt sind, sind 
die beiden, äussersten kleinen Linien der Streifung genau parallel 
i 'den Kanten zwischen dem Würfel und diesem Achtundvierzig- 
flächner, was auf eine Art Mitwirkung zweier anderer sekundärer 
Richtungen von Verrückung für jede der Zonen schliessen lässt, 
welche den Hauptcharakter der Polyedrie des Flusspaths be- 
stimmen. (Vgl. Analcim). 

Die leichte Biegung der Streifen ist vereinigt mit einer gewissen 
Convexität der Flächen n und obgleich dieselbe nur sehr gering 
•ist, so glaube ich doch bemerkt zu haben, dass sie um so grösser 
sei, jemehr die Pyramiden hervortreten. Sie hat zur Folge, dass 
die reflektirten Bilder weder einfach noch scharf in ihren Um- 
rissen sind. Der bei den Messungen benutzte und oben erwähnte 
Metallstreifen erschien oft wie in Fig. 7 u. 9 ; die Lage zweier 
rhomboidalen Spectra der Bilder, die von zwei in einer Pyra- 
midenkante zusammenstossenden Flächen reflektirt werden, ist 
immer dieselbe, wie die Figur sie zeigt, so dass die Seiten einen 
einspringenden Winkel bilden, der nach dem Scheitel der Pyra- 
mide gerichtet ist. Was aber die genaue Messung der Kanten- 
winkel der letzteren am meisten hindert, ist, dass die reflektirten 
Bilder nach der Stellung des Auges des Beobachters variiren. 
Je nachdem man es mehr links oder rechts wendet, erscheinen 
neue Bilder des Metallplättchens da, wo vorher deren keine waren, 
während die früheren theilweise verschwinden, und das rhomboi- 
dale Feld dieser Bilder sich ausdehnt oder zusammenzieht. Oft 
sieht man zwischen zwei Bildern zweier Pyramidenflächen hin- 
durch das klare Bild a der Würfelfläche in ihrer normalen oder 
einer derselben wenigstens sehr nahen Stellung, welches, wie 
sich erwarten lässt, den früheren nicht genau parallel, und auch 



24 



von beiden Bildern nicht gleichweit entfernt ist. Fig. 7 stellt 
die Bilder der Pyramide dar, welche dem Krystall Fig. 9 ange- 
hören (Messungen No. 3) und Fig. 8 bezieht sich auf den Kry- 
stall No. 6. 

Die Krystalle No. 4 und 5 , gleichwie andere , haben mir 
besondere Erscheinungen dargeboten , welche in Fig. 10 darge- 
stellt sind. Die Bilder n, n sind gewöhnlich nicht so einfach, 
wie sie in der Figur erscheinen, jedoch ziemlich schmal, und von 
ihren Rändern strahlen zwei Lichtwellen aus, welche allmälig 
verschwinden. Während ferner das ganze Feld, welches von den 
Ausstrahlungen gebildet wird, die von den entgegengesetzten 
Rändern des nämlichen Bildes ausgehen, noch seine rhomboidale 
Form behält, so gestalten sich die Rhomboide, welche zu zwei 
Bildern gehören, so, wie in den vorhergehenden Fällen, dass sie 
mit ihren Seiten einen einspringenden Winkel, entsprechend dem 
Scheitel der Pyramide bilden. Die Oberfläche der Krystalle, an 
denen ich diese Erscheinung der reflektirten Bilder bemerkt habe, 
ist anscheinend eben, bei geringer Vergrösserung jedoch von 
sehr kleinen und kurzen unterbrochenen Streifen bedeckt, gleich- 
wie etwas gekrümmt, mit der concaven Seite gegen den Scheitel 
der Pyramide. 

Ich wollte diese Eigenthümlichkeiten der reflektirten Bilder 
beschreiben , weil sie uns zeigen , dass die Flächen n nicht so 
einfach und aus einer Ebene gebildet sind, wie sie es scheinen, 
sondern aus vielen sehr kleinen Ebenen bestehen , welche sich 
mit geringen Divergenzen in der Richtung derselben Zone halten, 
deren Aequator, senkrecht zur Würfelfläche, auf welcher sich die 
Pyramide erhebt, durch zwei Krystallaxen hindurchgeht, und zwar 
mit noch geringeren Abweichungen gegen die Pole der näm- 
lichen Zone. 

Aus eben diesen Eigenthümlichkeiten erklärt sich auch die 
Schwierigkeit genauer Messungen der Flächen n. Inder S. 21 mit- 
getheilten Tafel bezeichnet m, dass die Zahl ein Mittel sei. Um 
zu beweisen, welchen Werth solche Messungen haben, und an- 
dere in dieser Tafel nicht erklärte Elemente kennen zu lernen, 
will ich die Einzelnheiten der Messungen No. 1, 2 und 3 an- 
geben. Sie wurden an einer Zwillingsgruppe angestellt , welche 
in dem Zweifachen der natürlichen Grösse in den Figuren 11 
und 9 dargestellt ist. Jede Pyramide ist mit verschiedenen Buch- 
staben bezeichnet, und in der ersten Linie der nachfolgenden 



25 

Tafel das Mittel zwischen dem Winkel, bei welchem als Visir 
die Bilder neben den oberen" Rändern der zwei Lichtfelder, und 
demjenigen, bei dem die den unteren Rändern nächsten Bilder 
desselben Lichtfeldes gewählt wurden, angegeben. In der zweiten 
und dritten Linie stehen die Messungen dieser selben Winkel, 
und auf den beiden letzten Linien die Winkel, welche gefunden 
wurden, indem man als Visir die Bilder nahm, die den Rändern 
eines jeden der beiden Lichtfelder zunächst liegen. Die Lücken 
der Tafeln rühren davon her, dass eine der Flächen w, r, s mir 
nur e i n reflektirtes Bild in gewissen Richtungen gab, nach denen 
die Winkelmessungen genommen wurden. 

nn nn nn nn nn nn 

4° 57' 5° 16' m 5° 37' m 5° 17' 8° 8' m 7° 28' m 

5 28 4 56 7 74 7 16 

5 4 6 18 8 22 7 40 

47 32 1 17 

23 1 22 l 10 1 40 



r r r r 

5° 40' m 5° 53', 

5 36 6 7 

5 52 5 39 

16 28 
16 



r'r" r"r"' 

6° 37' 5° 50', 

5 32 

6 8 

' 36 



tt t tu 

r r rr 

8° 52 7 m 8° 42', 

8 26 9 2 

9 18 8 22 

1 30 

52 50 



6° 0' m 7° 32', 

5 40 8 5 

6 20 6 59 
17 1 43 
40 37 



Bleiglanz. 

Auf den Würfelflächen habe ich blos einige sehr stumpfe 
vierseitige Pyramiden mit veränderlichen Winkeln beobachtet, 
welche in einer anderen Weise wie beim Flusspath auftreten, 
wie aus Fig. 12 hervorgeht, wo die Flächen n, n' in denselben 



26 



Zonen mit denen des Würfels und des Oktaeders o liegen , wäh- 
rend die Flächen n beim Flusspath (Fig. 1) den Zonen des 
Würfels und Granatoeders angehören. Also haben die Würfel- 
flächen beim Flusspath wie beim Bleiglanz die Richtungen ihrer 
Polyedrie nach zwei Zonen , deren Ebenen die Winkel, die von 
den Spaltungsflächen gebildet werden , in gleiche Theile theilen. 
Ueberdies ist die Polyedrie des Bleiglanzes dadurch ausgezeich- 
net, dass die Basen der Pyramiden die Würfelflächen nicht ganz 
decken, sondern auf allen Seiten einen freien Raum a, a lassen, 
mit dessen Ebene die Flächen n einspringende Winkel bilden. 

Unter sehr vielen Proben aus verschiedenen Gegenden habe 
ich selten Gelegenheit gehabt, die Pyramiden der Würfelflächen 
mit vollkommener Endigung zu beobachten, und dann mit deut- 
lichen Unterschieden bei Krystallen aus verschiedenen Gruben. 
Ich will hier theilweise das mittheilen, was sich auf drei Haupt- 
arten von Polyedrie beim Bleiglanz bezieht. Die erste fand ich 
an kleinen glänzenden Krystallen von Eyam in Derbyshire 
(Fig. 12), welche auf Flusspathkrystallen sitzen, und deren 
Oberfläche aufs schönste irisirt. Gewöhnlich bemerkt man längs 
der Pyramidenkanten eine leichte Depression wie eine Furche, 
welche eine Fläche von der anstossenden trennt, und der Scheitel 
trägt einzelne ganz kleine Hervorragungen, welche bisweilen als 
die isolirten Ecken jeder der dreiseitigen Flächen erscheinen. Man 
könnte sagen, dass jede Pyramide sich geöffnet habe, indem ihre 
Flächen vom Scheitel nach unten hin sich getrennt hätten. Die 
Fläche tf, a rings um die Basis der Pyramide, welche die Wür- 
felfläche in normaler Lage zu sein scheint , ist bei genauer Be- 
trachtung in andere kleinere Flächen getheilt, in Richtungen, die 
den Kanten der einspringenden Winkel a an parallel gehen. 
Die Bilder, welche die Flächen n gleichwie die a geben, sind 
gut abgegrenzt, obwohl sie bei der Kleinheit jener oft sehr schwach 
sind, und wiederholen sich wegen der Theilung derselben in sehr 
kurzen Abständen. Von drei Pyramiden, die von drei Krystallen 
gewählt wurden , habe ich folgende Werthe erhalten , wobei zu 
erinnern ist, dass die Winkel »ö, na einspringende sind. 



27 



1. 

n?i" = 6° 43' 
Wn" =6 39 
n ri =5 
n ri' 4 
n n = o 
n"n'" = 5 



2. 

7° 46' 
6 49 



3.*) 



3 
38 

9 
12 



5 
12 

2 
59 



10° 
9 
6 

Ol 

6 
6 



4 

16 

45 m 
42 m 
32 m 
41™ 



n a 



a ~ 



1. 2. 

2° 8' 2° 41' 
3 2 

3 17 

2 37 3 11 

3 2 
2 7 
2 26 



Von der zweiten Art von Polyedrie, welche ich an grösse- 
ren Krystallen vom Pacherstollen bei Schemnitz in Ungarn ge- 
funden habe, sind die Einzelnheiten in Fig. 13 dargestellt. Hier 
ist der Scheitel der Pyramide durch die Fläche A stark abge- 
stumpft, welche, wenn sie auch der normalen Lage der Würfel- 
fläche nicht genau entspricht, doch derselben sehr nahe kommt. 
Zwei Pyramiden des nämlichen Krystalls gaben 



1. 



n a 



n A 



^ 5° 
6 
6 

= 5 



52' 

21 

36 

' 8 



2. 

6° 22' 

5 11 



n a 



ri A 



5° 
6 

4 
5 



54' 
27 

42 
12 



5° 
6 

3 
3 
4 
5 



4' 

8 

12 
56 
32 
6 



Die Flächen n geben im Allgemeinen zwei Bilder, welche 
nicht mehr als einen halben Grad von einander entfernt sind ; die 
vorstehenden Zahlen beziehen sich , der Kürze halber, blos auf 
das eine glänzendere Bild, woraus folgt, dass die verschiedenen 
Winkelwerthe dieser Tafel, welche die Verschiedenheit der Lage 
der n gegen a und A angeben, blos auf die verschiedenen se- 
kundären Flächen bezogen werden dürfen , aus welchen die a 
oder A sich zusammensetzen. Aus den mitgetheilten Zahlen er- 
kennt man, dass die Winkel, welche n oder ri mit irgend einer 
sekundären Fläche von A bildet, immer grösser sind als die ein- 
springenden Winkel, welche dieselben n mit den « bilden. Hier- 



*) An diesem Krystall waren die Flächen a so klein, dass sie kein 
Bild gaben. Die Flächen n gaben mehrere Bilder , so dass die Winkel 
die Mittel der abweichenden Messungen sind. 



28 



aus folgt, dass die Flächen, welche A und a bilden, in ihrer 
Verlängerung sich mit einspringenden Winkeln ausserhalb des 
Krystalles treffen würden. 

Bei der dritten Art, Fig. 14, sind der Scheitel und die 
Kanten der Pyramide durch rauhe Flächen m abgestumpft, 
und die Flächen w, n' etwas convex. Ich habe diese Art von 
Polyedrie an mehreren Abänderungen beobachtet, aber wegen 
Mangel an Glanz nicht messen können. Indess erschienen mir 
die Pyramiden n merklich stumpfer als die der ersten Art, in 
welche diese letzte unmerklich übergeht. 

In manchen Fällen sind die Würfelflächen etwas convex, und 
es erscheinen auf ihnen gewisse Anschwellungen mit einem her- 
vorragenden Punkte in der Mitte. Ich bin geneigt, sie für gleich- 
werthig jenen vierseitigen Pyramiden zu halten, die durch Con- 
vexität der Flächen jede Spur von Kanten eingebüsst haben. 

An Bleiglan zkrystallen findet man noch andere Erscheinun- 
gen von Polyedrie , wie z. B. die der Granatoederflächen in der 
Richtung der kürzeren Diagonalen. 

Analcim. 

Die Krystalle von den Cyklopeninseln geben uns eins der 
schönsten Beispiele von Polyedrie. Vorzüglich an denen, welche 
die Spalten eines erdigen Gesteins von hellgrauer Farbe beklei- 
den, fand ich oft auf den Würfelflächen eine sehr stumpfe acht- 
seitige Pyramide Fig. 15, mit solcher Regelmässigkeit und 
Symmetrie, dass man sie nur schärfer und glänzender wünschen 
möchte. Fast immer ist der Scheitel dieser Pyramide durch eine 
ganz kleine Fläche abgestumpft, welche selbst bisweilen, doch 
minder deutlich, in vier Dreiecke getheilt ist, d. h. eine noch 
stumpfere vierseitige Pyramide bildet. Schon Levy*) hat eine 
solche beobachtet und abgebildet, welche er auf den Flächen des 
Würfels bei diesem Analcim unbestimmt Hess, und die wahrschein- 
lich die eben erwähnte ist , obwohl er der kurzen Kanten n n" 
und der Abstumpfung des Scheitels nicht gedenkt. Die grössten 
Krystalle, welche ich kenne, haben nicht mehr als 1,5 Millim. 
Länge in den Würfelkanten , und bei der Kleinheit und Menge 
der Flächen war ihre Messung ziemlich schwer, mit Ausnahme 



*) Description d'une collection de mineraux formee par H. Heuland. 
Londres 1837. Taf. 45. 



29 



des Falls, dass der Scheitel der Pyramide, die sich über den 

Würfelflächen erhebt, eiuige Flächen n trägt, die grösser als die 

übrigen sind. Unter diesen Verhältnissen habe ich an drei 
Pyramiden gefunden : 



Da die Flächen n gut spiegeln, so können diese Messungen 
als ziemlich genau gelten. Und obwohl beide Winkel ziemlich 
veränderlich sind , so ist doch für jede Pyramide ein constan- 
tes Verhältniss beider sichtbar. Dies geht wenigstens aus der 
Messung von drei Krystallen hervor, bei denen, obwohl der Win- 
kel n n grösser ist, sich dieselbe Bedingung für den Winkel n n' 
bestätigt findet. 

Nächst dieser vollkommensten und am meisten charakteristi- 
schen Polyedrie am Analcim will ich einiger anderen Erschei- 
nungen gedenken, um so mehr, als man gerade selten nur eine 
einzige Pyramide auf der Würfelfläche findet , sondern deren oft 
zwei oder mehrere neben einander ohne bestimmte Anordnung. 
Fig. 16, genau nach dem Original gezeichnet, stellt ein derartiges 
Beispiel dar, und hiernach kann man leicht den Uebergang von 
glänzenden und bestimmten Pyramidenformen zu den Fällen sich 
denken, wo die Pyramiden wenig kenntlich sind, eine Fläche mit 
der anderen mehr oder weniger zusammenfällt, und wo sie end- 
lich, wenn die Spuren der Kanten verschwinden, wie einfache 
Höcker aussehen. Unter den seltneren Abänderungen vom glei- 
chen Fundorte gedenke ich einer, welche blos vierseitige Pyra- 
miden zeigt, deren oberer Theil* vom unteren verschieden ist, da 
sie oben etwas mehr zusammengedrückt sind als unten. Auch 
an dem Analcim vom M. Somma, an dem gewöhnlich die Würfel- 
flächen am grössten sind , habe ich bisweilen als Anzeichen von 
Polyedrie gewisse sehr kleine vierseitige Pyramiden bemerkt, fast 
wie in Fig. 16 liegend, worauf Hr. Prof. Guiscardi mich zu- 
erst aufmerksam machte, dem ich eine Gruppe solcher Kry stalle 
verdanke. 

In Fig. 15 sind ausser den Flächen n auch die des Leuci- 
toeders angegeben, auf welchen sich eine ähnliche Erscheinung 
wie auf den Würfelflächen, jedoch minder deutlich , wahrnehmen 
lässt. Während sie ein wenig gekrümmt sind, zeigen sie in der 



I. n n 
2. 
3. 



/ = 1° 51' 
1 40 

1 22 u. 1° 20' 



nn = 0° 43' n. 0° 39' 
34 
31 



30 

Mitte einen kleinen ebenen Raum , der von drei Curven um- 
schlossen ist, die gleichsam eine Ellipse bilden, und in der Rich- 
tung durch den Mittelpunkt einer jeden Fläche und die drei Ecken 
tritt ihre Convexität etwas mehr hervor, die Spuren der drei 
zugerundeten Kanten gleichsam andeutend. 

Schwefelsaures Manganoxydul-Kali 
(2 K + Mn) + 4 S + 3 aq. 
Die glänzenden zweigliedrigen Krystalle dieser neuen künst- 
lichen Verbindung zeigen die Erscheinung der Polyedrie mit 
solcher Schärfe, dass sie schon seit 1855 meine Aufmerksamkeit 
erregten und mich überzeugten , die veränderliche Lage der 
Flächen sei keine Unvollkommenheit , sondern eine natürliche 
Eigenschaft der Krystalle. Sie gestatteten mir zum ersten Male, 
die bei vielfachen Winkelmessungen an vielen anderen natür- \ 
liehen und künstlichen Verbindungen gefundenen merklichen 
Differenzen bei derselben Art von Flächen unter einem allge- 
meinen Gesichtspunkt zu betrachten^ welchen Differenzen ich, ob- 
wohl unbefriedigt, genau Rechnung zu tragen nie versäumt hatte. 
Deshalb erklärte ich in meiner Abhandlung über die verschie- ■ 
denen Doppelsulfate von Manganoxydul und Kali*) bei Gelegen- 
heit des hier in Rede stehenden seine Erscheinungen der Polye- 
drie durch das Prinzip der Veränderlichkeit der Flächenlage der 
Krystalle. 

Die gewöhnliche Form des Salzes stellt Fig. 1? dar; allein 
sehr oft ist sie nach AB mehr verlängert als nach B C. Es 
zeigt sehr vollkommene Spaltbarkeit nach der Fläche 72, und 
Polyedrie auf B, e und n. Die Fläche ist die glänzendste 
von allen , und hat mir nur selten Andeutungen von veränder- 
ter Lage gezeigt; u 2 giebt deren deutlichere, doch immer weni- 
ger als u. Die Fläche C ist gestreift parallel der Kante Cu, 
und giebt meistens nur ein einziges Bild; A ist oft etwas ge- 
krümmt. 

Auch bei den glattesten Krystallen pflegt B in vier Flächen 
n getheilt zu sein, die eine sehr stumpfe Pyramide bilden. Oft 
fehlt eine derselben, oder einige sind äusserst klein im Vergleich l 
zu den übrigen. Daher kommt es, dass zuweilen eine einzige 
Fläche n den Anschein hat, als sei sie B in deren normaler 



*) In der Zeitschrift il Giambattista Vico, fasc. 6. Juni 1857. 



31 „ 

Lage. Nichts destoweniger bin ich geneigt zu glauben , dass B 
niemals oder sehr selten sich in dieser krystallographisch noth- 
wcndigen normalen Lage befinde, "weil ich jedesmal, wenn ich 
eine einzelne Fläche an den entgegengesetzten Enden des Kri- 
stalls fand, nnd ich mich durch Messung von ihrem Parallelis- 
mus überzeugen wollte, sie mehr oder minder geneigt fand. Nicht 
selten ist der Fall, dass jede der Flächen ?i sich mehrere Male 
wiederholt, und so die Zahl der nicht immer deutlich ausgepräg- 
ten Pyramiden vermehrt. Während man aus der folgenden Ta- 
fel die Veränderlichkeit der von den Flächen n gebildeten Win- 
kel bei verschiedenen Krystallen erkennt, ergiebt sich offenbar 
die constante Differenz der Neigungen n n und riri" an der 
nämlichen Pyramide, insofern der erste Winkel immer stumpfer 
ist als der zweite, oder mit anderen Worten : die Verrückungen 
von B im Sinne der Zone AB sind immer merklich kleiner als 
die nach BC. Fast stets habe ich die entsprechenden Ab- 
weichungen an den vier Endkantenwinkeln einer und derselben 
Pyramide nahe gleich gefunden , daher auch in der Tafel nur 
einer derselben mitgetheilt ist, und zwar entweder der allein ge- 
messene, oder das Mittel der Messungen, falls sich mehrere be- 
quem messen liessen. 

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 

n n" — 0°19' 0"33' 0"33' 0' J 42' 0°47' 0°48' 0°4S' 0"53' 

rin" ±= 0°56' 1 71 1 46 1 29 2 G 1 47 2 4 2 45 

nri = 2S 51 51 45 49 1 1 50 1 19 1 25 

Ich habe die Umstände zu ermitteln versucht, welche die 
mehr oder minder grosse Erhebung der Pyramiden hervor brin- 
gen, und glaube bemerkt zu haben, dass sie um so stärker her- 
vortreten, je schneller die Krystalle sich vergrössern. Ein Ein- 
fluss anderer in der krystallisirenden Flüssigkeit aufgelösten Stoffe 
lässt sich nicht erkennen. Auch weiss man, dass das neutrale 
Doppelsalz (KS -f Mn S) -j- 4 aq, aufgelöst in Wasser, wel- 
ches ein wenig Schwefelsäure enthält, in eine eingliedrige Form 
übergeht, ohne dass sich die Zusammensetzung ändert. Wenn 
man die Menge der Säure vorsichtig vermehrt , erhält man die 
zweigliedrigen Formen des in Rede stehenden Salzes, und wenn 
die Säure im Uebermaass vorhanden ist, so bilden sich einglie- 
drige Krystalle des Salzes (K -|" 2 Mn) + 4 S -f- 5 aq. Dar- 
aus folgt, dass in dem Maasse, als die Vergrösserung der zwei- 



32 



gliedrigen Krystalle fortschreitet, sich das Verhältniss der übri- 
gen aufgelösten Bestandtheile allmälig ändert, und dass, sobald 
diese sich den Bedingungen für die Entstehung der eingliedrigen 
Krystalle nähern , von neuem der Einfluss sich geltend macht, 
der aus dem Gegensatz der Affinitäten entspringt, die einerseits 
dahin streben , den Zusammensetzungstypus der zweigliedrigen 
und andererseits den der eingliederigen Krystalle hervorzubringen. 
Aehnlich verhält es sich im Anfang der Krystallisation , wenn 
die Säure in nicht grösserer Menge, als um das zweigliedrige 
Salz zu bilden, vorhanden ist; auch dann ist die Tendenz vor- 
handen, zwei Verbindungen zu bilden , die zweigliedrige und die 
zwei- und eingliedrige. So bilden sich in der That gleichzeitig 
die eine und die andere , sodann hört die Vergrösserung der 
zweiten auf, und so wie die Vergrösserung der ersten fortschrei- 
tet, lösen sich die eingliedrigen Krystalle gänzlich auf. Schon 
hiernach ist es nicht leicht sich zu überzeugen, ob die Anwe- 
senheit fremder Stoffe einen Einfluss auf die Lagen der Flächen 
n habe. Oft traten bei grösserer Menge Säure die Pyramiden 
mehr hervor ; zu anderer Zeit fand das Gegentheil statt, und viel- 
leicht beruhte der Unterschied blos auf dem schnelleren oder 
langsameren Krystallisiren , da die Säure beide entgegengesetzte 
Wirkungen haben kann, je nachdem die Umgebung trocken oder 
feucht ist. 

Die nachfolgenden Versuche wurden in den Monaten Juli 
und August 1857 angestellt. Am 24. Juli erhielt ich aus einer 
Auflösung, die etwas mehr Säure enthielt, als zur Bildung der 
zweigliederigen Krystalle erforderlich war, einige derselben, die 
sich isolirt langsam vergrösserfc hatten, und an denen die Pyra- 
mide n sehr niedrig oder überhaupt nicht vorhanden war. An 
einem Krystall fand ich in der Zone der stärksten Abweichung 
n'n" = 0° 37', an einem zweiten = 0° 41' und n ri = 0° 20'. 
Ich erwärmte die Flüssigkeit gelinde, um zu verhindern, dass die 
in ihr verursachte Bewegung neue kleine Krystalle hervorriefe, 
und um durch die Abkühlung die Vergrösserung der schon ge- 
bildeten schneller zu erlangen. Während sie noch warm war, 
brachte ich die beiden gemessenen und noch einige andere Kry- 
stalle ohne Pyramiden hinein. Sehr bald verkleinerten sich die 
eingelegten Krystalle, und nach Verlauf von 20 Stunden fand ich 
sie sehr vergrössert und mit deutlichen Pyramiden. Der Kry- 
stall, welcher mir Tages zuvor rin" r = 0° 37' gegeben hatte, 



33 



gab nun 1° 2'. Drei andere 1 Krystalle, vorher ohne Pyramiden, 
lieferten nri" = 1° 2', 1 3', 1 30'. Wiederum in die Flüssig- 
keit gebracht, waren sie am nächsten Tage sehr wenig vergrös- 
sert, und nach drei Tagen, an denen die Luft feucht war, ohne 
weitere Vergrösserung. Als nun die vier Krystalle, die am 
25. Juli gemessen waren, am 29. untersucht wurden, zeigten sie 
keine Spur von Pyramiden, gleichwie fünf andere isolirte und 
schon früher entstandene. Als ich an demselben Tage die- 
Flüssigkeit etwas erwärmte, um sie zu concentriren, und dann 
die 9 zuvor herausgenommenen Krystalle wieder hineinbrachte, 
verkleinerten sie sich anscheinend zuerst, waren aber nach 15 
Stunden sämmtlich grösser und^ zeigten Pyramiden. An einem 
fand sich ri ri" — 1 54', an einem anderen nri — 0° 57'. 
Nach abermaligem Erwärmen, Eintragen derselben Krystalle und 
nach Ablauf von zwei Tagen fanden sich dieselben wesentlich 
grösser, äusserst glänzend, die Pyramiden stumpfer als zuvor, in- 
dem derselbe Krystall, an welchem ri ri" = 1 54' gefunden 
war, am f. August nur 0° 32' gab, und der, woran nri = 0° 
57' war, nurO 16' lieferte. Die übrigen sieben Krystalle gaben: 
riri" = 0° 29', 0° 29', 0° 29', 0° 31', 0° 32', 0° 56' und nri 
bei einem = 0° 13'. Die Flächen n und ri' fielen so nahe in 
eine Ebene, dass sich ihre Abweichung bei den meisten nicht 
bestimmen liess, und blos an einem Krystall, an welchem riri" 
= 0° 29' war, fand ich nri' = 0° 6'. 

Die Flächen e und u scheinen beim ersten Anblick in der 
Richtung einer einzigen Zone abzuweichen, jene nach A B, diese 
nach BC. Allein bei genauer Prüfung bemerkt man, dass sie, 
obwohl sie starke Abweichungen im Sinne einer Zone erleiden, 
auch in einer darauf rechtwinkligen Richtung eine geringe Dislo- 
kation erfahren haben. 

Die Flächen e sind in mehrfacher Art veränderlich, weil, 
wenn A fehlt, die vorderen und hinteren zusammenstossen, ohne 
andere als unbedeutende Anzeichen von Polyedrie nach der Zone 
A B zu geben; es findet dies gewöhnlich bei den langsam ver- 
grösserten Krystallen statt, welche mit einem B auf dem Boden 
des Gefässes aufgewachsen sind. Wenn sie aber schneller sich 
vergrössert haben, und besonders, wenn sie mit u aufgewachsen 
sind, habe ich an A und e solche Veränderungen beobachtet, 
dass es mir oft unmöglich war, mich zu versichern, wie die eine 
in vielfacher Wiederholung die andere traf, weil die Tiefe der 

Zeits.d. d.geol. Ges. XV. 1. 3 



34 



einspringenden Winkel mir weder ein genaues Sehen noch die 
Anwendung des Goniometers erlaubte. Indessen habe ich zu 
ihrer Darstellung drei Beispiele gewählt, die weder ganz einfach, 
noch allzu complicirt sind. Die Fig. 18 u. 19 stellen die ent- 
gegengesetzten Enden eines Krystalls dar. In 18 ist die Fläche 
A in drei Theile getheilt, oder wenn man will, dreimal wieder- 
holt: A, Ä, A". Der etwas convexe Theil A trifft e links und 
e rechts mit ausspringenden Winkeln; Ä trifft das von rechts 
nach links übertragene e und das im umgekehrten Sinn verän- 
derte e mit einspringenden Winkeln; A n ist leicht gekrümmt 
gleich A. In Fig, 19 ist A in zwei Theile getheilt, in deren 
Mitte die beiden Flächen £, e erscheinen, welche sich unter einem 
einspringenden Winkel schneiden, indem die linke rechts liegt und 
umgekehrt. In Fig. 20 ist A fast eben/ liegt in der Mitte, 
und trifft mit einspringenden Winkeln das linke e, welches sich 
rechts wiederholt, und das rechte e, welches links wiederholt ist. 
Bei diesem Krystall, wie beim vorigen, liegen die Flächen A, e, 
e nicht genau in einer Zone, was auf eine gewisse Abweichung 
nach einer solchen hindeutet, die von ß, e verschieden ist. 
Der rechts von A sich wiederholende Theil von e bildet mit e 
in seiner gewöhnlichen Lage*) einen sehr stumpfen ausspringen- 
den Winkel (von 4° 55') und ebenso ist der Theil von e\ wel- 
cher links von A sich wiederholt, aus der Richtung des rechts 
liegenden e um 4° 41' abgelenkt. An dem Krystall, Fig. 21, 
der mit einer Fläche B aufgewachsen war, sieht man ein e in 
vier Theile getheilt, von denen zwei £, e eben, glänzend, fast in 
einer Ebene liegen, während die beiden anderen, e\ e", etwas 
convex, rauh, mit beiden ersteren sehr stumpfe Winkel bilden. 
Die oft ziemlich tief einspringenden Winkel der e können keines- 
falls als das Resultat von Zwillingsbildungen angesehen werden, 
weil, abgesehen davon, dass eine Verwachsung nach B keinen 
Unterschied zwischen den Zwillingen und einfachen Krystallen 
bedingen würde, mehrfacher Beobachtung zufolge bei stärkerem 
Anwachsen der Krystalle, die wohl ausgesprochene einspringende 
Winkel hatten, diese verschwanden oder da erschienen, wo sie 
den früheren nicht entsprachen, und weil bei der Vergrösserung 
von Krystallen ohne einspringende Winkel solche allmälig her- 
vortraten. 



*) Wenn man sie bis zu ihrem Durchschnitt verlängert denkt. 



35 



Die Polyedrie der Flächen u ist gewöhnlich stärker und 
minder veränderlich als die der e. In verschiedenen Fällen habe 
ich zwei bis drei recht gut unterschiedene und genau parallele 
Bilder von ihnen erhalten. Einmal fand ich bei dreien die Ab- 
stände — 0° 53' und 2° 43'; bei zwei Bildern erhielt ich 0° 16', 
0° 21', 0° 24', 0° 31', 0° 36', 1° 32', 1° 51', 2° 22', 2° 42', 
3° 32', 4° 41'. Wenn man das langsame Wachsen einer Fläche 
u verfolgt, so sieht man sie wohl ziemlich vervielfältigt, sowohl 
durch die einspringenden Winkel, welche die kleinen Flächen 
bilden, in welche sie sich zertheilt, als auch dadurch, dass einige 
derselben aus der Zone B, C, u divergiren, sich nach rechts 
und links neigend. Alles dies begreift man leicht, wenn man 
die Fig. 22 u. 23 vergleicht, und darauf achtet, dass die punk- 
tirten Linien einspringende Winkel andeuten. An dem Krystall 
der Fig.22 fand ich uu' == 2° 4', uu" = 4° 13', uu" = 4°41", 
uu" = 6° 9'; und an dem Krystall Fig. 23 uu = 0° 51', 
uu" = 2° 21', uu" — 2° 42'. Wie aus der Figur erhellt, sind 
die Flächen u bei beiden, und die Fläche u" in Fig. 22 jede 
in zwei Theile getheilt, die nach entgegengesetzten Richtungen 
sich neigen, aus der Zone Z?, C, u divergirend, und geben in 22 
eine hervorspringende und eine zweite einspringende Pyramide, 
während sie in 23 blos die erste geben. Indessen ist ihre Di- 
vergenz aus der Zone B, C, u so schwach, dass die von dem 
links geneigten Theil reflektirten Bilder nur sehr wenig von denen 
des rechts geneigten abweichen. 

Saurer weinsteinsaurer Strontian. (Zweigliedrig.) 
SrO + 2C 8 H 5 1 ' +HO.*) 

Durch die Verbindung der Weinsteinsäure mit Strontian 
entstehen mehrere saure Salze , die sich leicht durch ihre 
zweigliedrigen , zwei- und eingliedrigen und eingliedrigen For- 
men unterscheiden lassen. Keines derselben habe ich jedoch in 
chemischen Werken angeführt gefunden. Die zwei- und einglie- 
drigen Krystalle zeigen Polyedrie nach einer Zone, und werden 
im zweiten Abschnitt besprochen werden. Die zweigliedrige 
Verbindung (Fig. 24) lässt Polyedrie auf der Fläche B erkennen, 
auf welcher zwei Flächen n, n unter einem sehr stumpfen Win- 
kel in einer Kante zusammenstossen , welche schief von rechts 



*) Berechnet 15,12 pCt., gef. 15,3 pCt. Wasser. 

3* 



36 



nach links herabgeht. Am hinteren Theile des Krystalls befin- 
den sieh zwei ebensolche Flächen, deren Kante in der Richtung 
der punktirten Linie liegt. Diese Erscheinung liess sich erwar- 
ten , da die Tartrate bekanntlich ihre Eigentümlichkeiten in 
hemiedrischen Flächen haben. Das Bemerkenswerthe des vor- 
liegenden Falls besteht nun darin, dass die Polyedrie der Flächen 
B unabänderlich dem Gesetz der eigenthümlichen Hemiedrie der 
Tartrate folgt, indem stets, wie die Zeichnung andeutet, eine 
Fläche n oben links und die andere unten rechts liegt. 

Gewöhnlich fehlt es den Flächen dieses Salzes an Glanz, 
und deshalb sind genaue Messungen sehr schwer. An 7 der 
besten Krystalle fand ich nri = 1° 56', 2° 26', 2° 36', 2° 36', 
2° 38', 2° 47', 3° 29'. Um einen genauen Begriff von den Lagen 
zu erhalten, welche die nämlichen Flächen annehmen können, 
wäre es nöthig gewesen, ihre Neigung gegen andere Flächen, 
insbesondere gegen Ä zu messen ; ich würde dies gethan haben, 
wenn die Flächen gleich den e und nicht gewöhnlich jede 
in zwei oder mehre Flächen getheilt wären, welche viele mehr 
oder minder glänzende Bilder geben, die, wenn man irgend eines 
wählen wollte, Resultate ohne besonderen Werth geben würden. 
Einer der beiden Krystalle, an denen nn r = 2° 36' war, bot 
den seltenen Fall, dass A nur ein einziges Bild gab, und an ihm 
war An = 90° 19', An' = 89° 30'. 

Harmotom und ähnliche Mineralien. 

Der Harmotom verdient eine ausführlichere Betrachtung, 
weil ihm eine ausgezeichnete Polyedrie niemals fehlt, weil die 
Verrückung der Flächen sehr stark, und je nach der Art der- 
selben verschieden ist. Zuvörderst werde ich jedoch auf sein 
Krystallsystem näher eingehen, eine etwas schwierige Frage, 
wobei ich von den gewöhnlichen Anschauungen wesentlich . ab- 
weichende hervorheben muss. 

Haüy*) nahm an, der Harmotom krystallisire viergliedrig, 
in Quadratoktaedern (Fig. 25 bis 27), an denen ss' = 121° 58'. 
Da nur zwei von den Endkanten durch die Flächen r abgestumpft 
sind, sah er darin eine Ausnahme von dem Symmetriegesetz der 
Krystalle. Von der kreuzförmigen Abänderung sagt er blos, dass 
zwei breite Krystalle sich rechtwinklig durchwachsen, so dass 



*) Tratte I. Edit. III. 191. (1801.; //. Edit. III. 142. (1822.) 



; 

37 

ihre Axen zusammenfallen. In der zweiten Auflage seines Wer- 
kes, worin er seine Ansichten über die einfachen Harmotomkry- 
stalle mit den Flächen r weiter entwickelt, sagt er: „Cette Va- 
riete (der scheinbar einfachen Krystalle) est composee comme la 
prccedente de deux cristaux dodecaedres, mais qui paraissent 
se penetrer de maniere, que Vun ne forme qiüune legere sail- 
lie au-dessus de Vautre. De plus , ce dernier a deux des 
aretes de son sommet remplacees par des facettes qui manquent 
sur les deux autres, ce qui offre une exception au moins appa- 
rente a la loi de symetrie. Je dis apparente, parceque Von 
peut supposer, que les molecules, destines a produire un second 
crystal dans le mime espace, ou s'est forme le premier, ont 
infiue comme par une force perturbatrice sur V attraction des 
molecules de celui-ci, de maniere a rendre nulle une loi de 
decroissement, qui sans cela aurait eu lieu. Vaffinite riayant 
pas joue ici de toute sa liberte, ria pas non plus produit com- 
pleteme?it son effet." 

Ich weiss nicht, wer zuerst die Meinung ausgesprochen hat. 
dass der Harmotom zweigliedrig krystallisire*), indess ist dies die 
einstimmig angenommene Meinung der Mineralogen, und von der 
kreuzförmigen Abänderung nimmt man an, dass sie aus der Ver- 
wachsung von vier, nicht von zwei Krystallen entstehe, und 
dass die Zwillingsflächen denen eines rhombischen Prismas von 
91° 46' entsprechen. 

Die sicherste Entscheidung für das Krystallsystem des Har- 
motoms würde aus genauen Winkelraessungen hervorgehen, ist 
aber nicht möglich, weil sämmtliche Flächen mehre Bilder reflek- 
tiren. Andere Beweise Hessen sich aus der Symmetrie oder aus 
gewissen Zufälligkeiten einzelner Theile des Krystalls entnehmen, 
und in dieser Hinsicht verdienen zwei Umstände besondere Be- 
achtung. Einen finden wir an den Flächen r (Fig. 27), welche 
blos zwei abwechselnde Kanten des Oktaeders s abstumpfen, und 
in der Streifung des letzteren, welche lediglich der Kante mit r 
parallel geht. Den anderen Umstand finden wir an den zwil- 
lingsartig erscheinenden (Fig. 25, 26), und zwar in der Art, 
wie die Fläche s des einen Krystalls mit /' des anderen zu- 
sammenstösst. Was zunächst das Vorkommen von r betrifft, so 
ist es nach den bisherigen Ansichten in der Krystallographie 



*) [Phillips und Naumann. R.] 



38 



klar, dass man durch sie auf das zweigliedrige System für den 
Harmotom geführt wird. Und wie scharfsinnig auch Hauy's 
Erklärung ist, so scheint sie mir doch nicht so gewichtig, um 
einem solchen Schluss gegenüber bestehen zu können. Hinsicht- 
lich des Zusammenstossens der Flächen s und /' bei den gekreuz- 
ten Krystallen müssen wir bemerken, dass, wenn sie ganz eben 
wären und Quadratoktaedern angehörten, sie genau in eine Ebene 
fallen müssten ; wenn sie aber ßhombenoktäeder wären, entweder 
einen ausspringenden oder einen einspringenden Winkel bilden 
würden. Einen ausspringenden, wenn z. B. am Krystall B 
(Fig. 26) die horizontale Axe, welche die Richtung aB hat, und 
welche wir b nennen wollen, kleiner wäre als die andere Hori- 
zontalaxe (c); und ebenso an den anderen drei Krystallen B\ 
B'\ B'". Ein einspringender Winkel würde im Gegentheil ent- 
stehen, wenn die erste Axe grösser als die zweite wäre. Wenn 
man die Art des Zusammenstossens der Flächen s und s" genauer 
untersucht, so bemerkt man, dass sie, wegen Polyedrie nicht voll- 
kommen eben, nach unten zu einen ausspringenden, nach oben, 
d. h. nach d#r Endecke hin, einen einspringenden Winkel bilden. 
Diese beiden entgegengesetzten Erscheinungen lassen vermuthen, 
dass die normale Lage beider Flächen in der Mitte zwischen den 
zwei entgegengesetzten Richtungen der Polyedrie zu suchen sei, 
und dass, wenn letztere nicht stattfände, die Flächen s und s" 
sich in einer Ebene treffen, die Krystalle viergliedrig sein würden*). 
Wir werden sogleich sehen, wie sich dieser Schluss mit der eigen- 
thümlichen Symmetrie zweigliedriger Krystalle, die sich durch 
die Gegenwart der Flächen r ausspricht, in Einklang bringen lässt. 

Die neueren Mineralogen betrachten, wie schon gesagt, die 
kreuzförmigen Krystalle als eine Verwachsung von vier Indivi- 
duen, deren Zwillingsflächen die Seitenflächen eines rhombischen 
Prismas von 91° 46' wären. Diese Ansicht scheint mir den 
Thatsachen zu widersprechen. Wäre der Krystall B (Fig. 26) 
in dieser Weise mit B" verwachsen, so müsste die Projektion von 
aB und aB" keinen rechten, sondern einen Winkel von 88° 14' 



*) Wenn man den Harmotom zweigliedrig nimmt, und die vertikale 
Axe mit a, die horizontale in der Richtung aB mit b, und die dritte 
auf jener senkrechte mit c bezeichnet, so würde der ausspringende Win- 
kel ss" beweisen, dass b kleiner als c ist, der einspringende hingegen 
das Umgekehrte. Zum mindesten dürfen wir also sagen: wir wissen 
nicht, ob b grösser oder kleiner ist als' c. 



39 

geben. Dasselbe würde bei dem Verwachsen von B f und B' f 
hinsichtlich des Winkels B' ah" stattfinden, und die beiden Pro- 
jektionen a B, a B r könnten nicht in eine gerade Linie fallen, 
sondern würden unter 176° 28' zusammenstossen, eine Abwei- 
chung, die sich doch wohl schon beim blossen Anblick würde 
wahrnehmen lassen, was aber durchaus nicht der Fall ist. Wäre 
der vierte Krystall B" r in derselben Art mit B' verwachsen, so 
würde die Neigung der Projektionen aB und aB'" — 94° 38 
sein, so sehr abweichend von 90° und von dem anliegenden 
Winkel von 88° 14', dass man dies an den Krystallen leicht 
sehen könnte. 

Man könnte viel naturgemässer annehmen, dass die beiden 
Krystalle B und B" nach einer Fläche des erwähnten hypothe- 
tischen Prismas verwachsen wären, und sich ausgedehnt und 
durchdrungen hätten, der erste in B\ der zweite in B" ' . So 
würden die Schwierigkeiten zum grossen Theil fortfallen, welche 
die Hypothese von vier Individuen mit sich führt, da es nicht 
leicht ist, beim blossen Ansehen der Krystalle den Unterschied 
zwischen dem Winkel BaB" = 88° 14' und Baß'" = 91° 46' 
zu sehen. In diesem Fall würden die Neigungen der Flächen 
B : B" und B"' : B' = 91° 46', die B : J3" und B' : B" = 
88° 46' sein. Gewiss ist es nicht leicht, diese Frage durch Be- 
obachtung zu lösen, da alle diese Flächen mehre Bilder geben, 
die oft auf der nämlichen Fläche um mehr als 2 Grad differiren. 
Doch glaube ich, man kann diesem Uebelstande annähernd be- 
gegnen, indem man die Differenz der Winkel des nächsten und 
des fernsten Bildes halbirt, und sie dem kleineren Winkel hin- 
zurechnet. Dies würde genügen, die Wirkungen der Polyedrie 
der Flächen B zu neutralisiren, und würde vollkommen genau 
sein, wenn die Abweichungen jeder Fläche genau gleich im 
einen wie im entgegengesetzten Sinne wären. An fünf spiegeln- 
den Krystallen von Andreasberg erhielt ich nach einer solchen 
Eliminirung: 

1. 2. 3. 4. 5. 

B : B'" = 90° 30' 91° 22' 90° 29' 90° 54' 90° 39' 
B : B" = 88 57 90 21 88 40 88 59 90 1 
B ': B' = 91 14 89 19 89 51 90 1 89 53 
Ä": B' = 89 23 89 32 91 11 90 11 89 45 



40 



Man bemerkt zunächst, dass die gefundenen Winkel sämmt- 
lich grösser als 88° 14' und kleiner als 91° 46' sind, und ferner, 
dass an demselben Krystall, während die Winkel grösser und 
kleiner als 90 Grad sind, jene nicht mit diesen abwechseln, wie 
es bei der angenommenen Zwillingsbildung sein müsste. Daraus 
folgt, dass, wenn nicht alle Winkel rechte sind, dies lediglich 
von der veränderlichen Polyedrie der Flächen B herrührt. Mit- 
hin steht die Annahme der Zwillingsbildung unter der Hypo- 
these, der Harmotom sei zweigliedrig, mit den Thatsachen im 
Widerspruch. 

Nach dem Angeführten, scheint mir, muss man an dem 
Harmotom die physikalischen und die geometrischen Eigenschaften 
unterscheiden, die einen getrennt von den anderen, und jene nicht 
ganz und gar abhängig von diesen. Was die geometrischen be- 
trifft, so nehme ich für jetzt an, dass die Krystalle viergliedrig 
sind, und dass die auf den parallelen Flächen B und B' senk- 
rechte Axe gleich sei dec anderen, die senkrecht steht auf ß und 
der gegenüberliegenden parallelen Fläche (Fig. 27). Indessen 
sind die physikalischen Eigenschaften von B und ß verschieden, 
weil die Polyedrie beider merklich verschieden ist. Dieser Fall 
scheint mir nicht wesentlich verschieden von dem beim Boracit 
bekannten , wo von den acht Ecken des Würfels , oder , was 
dasselbe ist, von den acht Flächen des Oktaeders vier in physi- 
kalischer Hinsicht verschieden sind von den übrigen , obwohl 
alle in geometrischer Beziehung gleich sind. Die Krystalle eines 
Körpers können uns bisweilen einzelne geometrisch gleiche Theile 
mit physikalischer Verschiedenheit zeigen, während in anderen 
Fällen geometrische Gleichkeit mit physikalischer Aehnlichkeit 
verbunden ist. So haben am salpetersauren Baryt je nach der 
Art wie die Krystalle sich bilden, alle 8 Oktaederflächen zu- 
weilen gleiche physikalische Beschaffenheit, zuweilen die ab- 
wechselnden eine ungleiche. Am Phillipsit von M. Somma und 
von ~ Acireale (Fig. 28), welcher in vieler Hinsicht dem 
Harmotom nahe steht, ist keine sichtliche Verschiedenheit zwi- 
schen B und B" vorhanden , er zeigt die Symmetrie des vier- 
gliedrigen Systems; es sind keine Zwillinge, weil ohne irgend 
welche Verschiedenheit zwischen B und ß (Fig. 27) keine Har- 
motom-ähnliche Verwachsung stattfinden kann. Dies reicht hin, 
um meine Ansicht über den Harmotom zu erklären; ähnliche 



41 



Fälle werden wir weiterhin beim schwefelsauren Kali und sauren 
traubensauren Natron wiederfinden. 

Hier müssen aber noch zwei Fragen ihre Erledigung finden. 
Zunächst bleibt zu untersuchen, ob die Endkantenwinkel des 
Quadratoktaeders vom Harmotom ss* (Fig. 25) genau = 120 Grad 
sind, in welchem Fall auch sB = 120 Grad wäre, und die For- 
men der Fig. 25 und 28 geometrisch dem Granatoeder gleich, 
und nur physikalisch davon verschieden wären. Fürs zweite 
müsste man wissen, ob Harmotom, Phillipsit, Gismondin u. s. w. 
Varietäten oder verschiedene Species sind. 

Hinsichtlich der ersten Frage, die nicht leicht zu beant- 
worten, und für die Entwicklung unserer Aufgabe nicht wesent- 
lich ist, begnügen wir uns ohne in weitere Discussionen einzu- 
gehen damit, im Verlauf dieses Artikels einige Thatsachen zu 
ihrer Aufklärung beizubringen. Da man, was die zweite Frage 
betrifft , die krystallographische Aehnlichkeit der genannten 
Mineralien nicht läugnen kaDn, wollen wir die Polyedrie der ein- 
zelnen prüfen, in der Erwartung, dass künftige Analysen reiner 
Krystalle die Beziehungen aufklären werden, die zwischen ihrer 
Zusammensetzung und ihren krystallographischen Eigentümlich- 
keiten bestehen. 

Gehen wir nun zu den Erscheinungen der Polyedrie am 
Harmotom über, so müssen wir zwei Formen der Krystalle unter- 
scheiden. Die eine häufigere ist die kreuzförmige (Fig. 25 u. 26), 
welche nahezu identische Charaktere zeigt (Andreasberg, Ober- 
stein, Kongsberg) ; die andere (Fig. 27) ist die anscheinend 
zweigliedrige (Strontian). An der ersten treten die Flächen B, 
ß und s auf, und an der Spitze der Pyramide oft, doch meist 
sehr klein, die Flächen r. Die Flächen B sind gestreift parallel 
den Kanten s B, s" B'\ und in vier Flächen rc, », ri\ n" ge- 
theilt, die unter sich eine mehr oder minder hervortretende Py- 
ramide bilden. Nicht selten bemerkt man statt einer zwei oder 
mehrere Pyramiden, welche in ihren Endkanten stets genau die- 
selbe Richtung haben. Die Flächen ß sind rauh oder schwach 
gestreift in horizontaler Richtung und einigermaassen polyedrisch 
im Sinne der Zone, deren Ebene durch die Hauptaxe senkrecht 
auf ß steht. Die Flächen s sind gleich den B nach den Kanten 
sB gestreift, und ihre Polyedrie folgt, wie die davon abhängige 
Streifung lehrt, den beiden entgegengesetzten Richtungen der 
Zonen, deren Ebenen senkrecht auf den Kanten s B stehen. In- 



42 



dem also die beiden Flächen j, /' aus ihrer normalen Lage in 
zwei entgegengesetzte Richtungen der nämlichen Zone heraus- 
treten, bilden sie bei ihrem Zusammentreffen einerseits einen sehr 
stumpfen ausspringenden, andererseits nach der Spitze hin einen 
einspringenden Winkel. Man bemerke, dass jede Fläche s, da 
wo sie an B und ß stösst„ nur in der Zone s und ff polyedrisch 
wird, gleichsam als ob B und ß, obwohl geometrisch gleich, jede 
die Art und Weise einer Kraft andeuteten, die ganz verschieden 
von der anderen wäre. 

Unter den Krystallen von Strontian verdienen zwei Sub- 
varietäten unterschieden zu werden, die eine in grossen wenig 
durchscheinenden Krystallen, die mit der Basis oder wenigstens 
mit einem Theil nahe der Basis aufgewachsen sind, und deren 
Form Figur 27 darstellt. Hier ist die obere Fläche in drei 
Theile r, r\ r" getheilt, aus deren Mitte ein kleiner Krystall 
x sich erhebt, der genau die Lage hat, wie B" in Bezug auf 
BB r in den Fig. 25 und 26. An etwa zwanzig mir vorliegen- 
den Krystallen finde ich diese Erscheinung, wenn auch oft x im 
Verhältniss zum Krystall kleiner ist als nach der Zeichnung. 
Dies reicht hin, um einzusehen, dass hier wesentlich dieselben 
Bedingungen wie bei den kreuzförmigen Krystallen herrschen. 
Die Fläche r fand ich, wenn eine Beobachtung möglich war, 
nach unten zu ziemlich breit, ohne irgend welche Theilung, und 
frei von der Hervorragung x. Die zweite Sabvarietät in kleinen 
durchscheinenden Krystallen (Morvenit Thomson), die mit einer 
Fläche B oder zunächst einer solchen aufgewachsen sind, zeigt 
niemals die Hervorragung x, während auch bei ihr die r mehr 
oder minder deutlich in drei Theile getheilt sind. Ich habe mich 
bemüht, den Grund der Verschiedenheit dieser beiden Arten zu 
erfahren, die neben einander vorkommen, und da ich den er- 
wähnten Unterschied an dem Theile fand, mit welchem die Kry- 
stalle aufgewachsen sind, so neige ich mich zu der Vermuthung, 
dass die Verschiedenheit gerade auf der verschiedenen Art der 
Anheftung bei ihrer Entstehung beruht, je nachdem dieselben 
zunächst dem Endpunkt der Axe a oder dem einer Axe b er- 
folgte. Ich könnte noch manche Beobachtungen zu Gunsten 
dieser Ansicht beifügen, wenn ich nicht glaubte, dass sie noch 
mehr Untersuchungen erforderte. Inzwischen scheint die Bemer- 
kung von Interesse, dass ich noch keinen Krystall gefunden habe, 
der mit einer Fläche ß aufgewachsen wäre. 



43 



An den Krystallen des Morvenits sind die Flächen B in 
vier Facetten n getheilt, wie bei den kreuzförmigen von Andreas- 
berg. In der folgenden Tafel finden sich unter Nr. 1 u. 2 die 
Messungen zweier glänzender Krystalle, bei denen jede Facette 
n nur ein Bild gab, während Nr. 3 einen der besseren Krystalle 
von Andreasberg betrifft, wo die Facetten n mehrere Bilder re- 
flektirten, deren Mittelwerth angeführt ist. 

7171 7171 7171 7171 7171 71 71 

Nr. 1. 2° 1' 1° 51' 1° 4' 1°36' i ö 29' 1° 3' 

- 2. 1 48 1 51' 53 1 4 1 10 58 

- 3. 1 33 1 30 1 27 1 5 1 33 1 12 

An den grossen Krystallen von Strontian fand ich immer, 
dass auf jeder Fläche B viele Pyramiden nahezu in der Art wie 
die auf den Würfelflächen des Analcims (Fig. 16) liegen. Alle 
Pyramiden der nämlichen Fläche treten nicht gleich stark hervor. 
Indem ich blos die deutlicheren Bilder auswählte, und deren 
Abstände im Sinne von nn'" und Tin" für jede Fläche B und 
ß' (Fig. 25) maass, fand ich an zwei der besseren Krystalle: 



1. 



71 71 



7171'" B' n'n" 



1° 


12' 


0° 46' 


1° 


2' 


0° 57' 


2 


13 


1 51 






3 4 


3 


7 


3 11 






3 55 


4 


18 


4 3 












4 48 












2. 






nn B n'n" 


nn 


B nn 


0° 


35' 


1° 27' 


1° 


3' 


1° 28' 





56 


2 7 


1 


53 


1 51 


2 


29 


2 40 


2 


42 


2 14 


3 


12 


3 21 


3 


17 




4 


3 


3 47 


3 


39 





Was die Flächen ß betrifft, welche die Polyedrie nur in der 
Richtung einer einzigen Zone zeigen, so geben sie viel grössere 
Differenzen als B. Meist habe ich sehr viele Bilder von ver- 



44 





1° 15' 


2° 38' 


4 


o 9 > 


6° 


29' 


7° 14' 8° 


9' 


1 K- 


3 42 


5 13 


6 


11 


7 


37 






j ß - 


1 22 


2 19 


4 


29 


6 


27 


7 56 9 


8 




2 2 
1. 


4 50 


6 


15 


7 


41 


9 26 10 
2. 


35 


/ 


/ 


/' 






s 




/ / 


r 


5° 29' 


1°40' 


3°31' 




0° 


21' 


0° 


37' 1° 3' 


1°2' 


6 31 


2 13 


4 22 




1 


35 





56 1 53 


2 6 


8 1 


5 31 


9 12 




1 


35 


1 


20 2 42 


6 38 


9 28 


8 58 

9 54 


9 56 
10 27 




5 


3 




3 39 


7 27 
821 



schiedener Helligkeit erhalten, und die Entfernung der äussersten 
derselben kommt öfter 10 Grad nahe. Ganz ebenso sind die 
Variationen der Flächen und im Folgenden finden sich blos 
die Messungen aus deutlicheren Bildern, die von ß und s der- 
selben beiden Krystalle von Strontian erhalten wurden, deren 
Abweichungen in B ich zuvor mittheilte. 



s 

0°46' 
1 33 
4 58 
9 35 



Auf den Flächen r ist die Theilung in drei Theile deut- 
lich, aber zwei derselben, r und r', weichen in entgegengesetzten 
Richtungen der nämlichen Zone ab, jeder Theil hat mir immer 
viele Bilder gegeben, und die Entfernungen zwischen den äusser- 
sten Bildern von r waren oft grösser als der Abstand des letzten 
Bildes von r und des nächsten von r\ so dass ich es vorziehe, 
keinen Unterschied zwischen ihnen zu machen. Bisweilen fehlt 
sogar eine von ihnen ganz, während die Fläche durch eine schiefe 
Linie in zwei Dreiecke getheilt erscheint. Auch die dritte Fa- 
cette pflegt mehrere Bilder zu geben, jedoch weniger als die 
beiden anderen, und wenn man sie unter massiger Vergrösserung 
genau betrachtet, so sieht man sie von breiten Quer-Furchen, 
mit einem der Länge nach concaven Boden ausgehöhlt. Durch 
die Facette r" erkennt man eine andere Abweichung der Fläche, 
welche die Kante s/ : abstumpft, in der Richtung der Zone r" ß, 
mit der Eigentümlichkeit, dass die Abweichung, wenn man von 
der Kante ss r ausgeht, bisweilen blos im Sinne von ß, nicht aber 
im entgegengesetzten stattfindet. Folgendes sind die Winkel 
nach den deutlichsten Bildern von rr in der Richtung der Zone 
f , r, /, und die von r" in der Richtung r" ß an zwei Krystallen 
von Strontian : 



45 



f 



1. r/=l°2', 8°19', 10°6', 13°1' ^=^lf, 2°32' 

2. =0 27 =1 8, 4 Ii, 5° 0', 6°36'. 

Ich läugne nicht, dass die Thatsachen, welche die Polyedrie 
des Harmotoms bezeugen, schon längst die Aufmerksamkeit er- 
regt haben, allein niemand hat meines Wissens die veränderliche 
Lage oder die Polyedrie seiner Flächen geahnt. Bei Phillips*) 
ist die Pyramide n (Fig. 25) abgebildet, und für nri und nri' 
^derWinkel von 177° 28' angegeben. Auf der Kante r s sind nur 
zwei Facetten gezeichnet, die x und x sein würden, und rx = 
171° 4', rx = 151° 35', rs == 149° 32' angeführt. Man 
sieht hieraus, dass sich x in einer der möglichen Lagen von r, 
und x in einer der Lagen befindet, welche s einzunehmen pflegt. 
Auch Descloizeaux**) erwähnt am Morvenit einer Pyramide 
auf ß, woran nri = 178° 28'. 

Die übrigen Mineralien, welche die Form des Harmotoms 
haben, obwohl nicht immer dieselbe Art der Polyedrie, zeigen, 
wie die verschiedene Zusammensetzung und die Verschiedenheit 
ihrer Bildungsweise auf letztere einwirkt. In Betreff dieser 
Mineralien sind die Ansichten getheilt, und die bisherigen Ana- 
lysen ergeben Abweichungen vom Harmotom in der Art und den 
Verhältnissen ihrer Bestandtheile. Die Namen Phillipsit, Gis- 
mondin, Abracit, Zeagonit, Christianit werden zu ihrer Bezeich- 
nung in verschiedenem Sinne benutzt, oder man nennt sie Kalk- 
harmotom. Ich will indessen alle Erörterungen über die wesent- 
lichen Unterschiede dieser Körper vermeiden, da ich bis jetzt 
kein sicheres Urtheil über ihre Verschiedenheit habe, und nur 
ihre Polyedrie untersuchen, mit Hinzufügung einiger bisher nicht 
beschriebener, die ich ihrer Form gemäss unterscheiden werde. 

Zuvörderst der Phillipsit, dessen gewöhnliche Form 
Fig. 28 darstellt. Je nach dem Fundort habe ich an den Kry- 
.stallen gewisse Unterschiede gefunden. Die von Annerode bei 
Giessen sind sehr klein, die Flächen R sehr glänzend, ohne 
Anschein von Polyedrie, während die s trübe sind, ohne dass 
man eine Streifung wahrnehmen könnte. Die von Stempel bei 
Marburg zeigen blos die Flächen B ziemlich glänzend, mit der 
Theilung in vier Facetten n (Fig. 25), jedoch wenig deutlich. 



*) An ehm. introd. to Min. IV. Ed. p. 44. 
**) Ann. d. Mines IV. Ser. IX. 339. 



46 



Häufiger und bemerkenswert!) er sind die Verrückungen von B c 
im Sinne der Zone, deren Ebene durch die Hauptaxe a senkrecht ( 
auf derselben Fläche ii steht. Die Wirkungen solcher Verrückung g 
äussern sich in einer der gewöhnlichen entgegengesetzten Weise, 
indem sie in der Mitte von B eine horizontale Vertiefung anstatt 
einer Hervorragung zu Wege bringen. Dies rührt daher, dass i 
von den beiden Enden des Krystalls andere Krystalle ausgehen, I 
welche in seiner Mitte convergiren. Die Flächen s sind in zwei [ 
Theile geschieden, deren jeder durch die Richtung der Streifen j 
und die Art der Polyedrie einer der entsprechenden Flächen / 
beim Harmotom (Fig. 25) ähnlich ist. Somit weichen die Kry- t 
stalle von Stempel nicht weiter von den kreuzförmigen des Har- 
motoms ab als durch den Mangel der einspringenden Winkel i 
der Flächen ß (Fig. 26). Indessen sind die beiden Theile der 
rhombischen Facette s (Fig. 28) nicht immer scharf getheilt 
nach der längeren Diagonale, und die Streifen des einen Theils 
wiederholen sich zuweilen auf dem anderen. Oft habe ich die 
Kanten Bs durch eine Fläche v abgestumpft gesehen, welche \ 
das Zeichen 221 hat, und bisweilen schwache Zeichen von Poly- 
edrie nach der Zone Bs darbietet. Die Krystalle von Marburg 
vereinigen sich oft zu halbkugeligen Gruppen mit strahliger i 
Textur und von losem Zusammenhang, was mir eine Folge der 
Art ihrer Polyedrie im Sinne der vertikalen Zone zu sein scheint. , 

Die wenigen Krystalle von Palagonia auf Sicilien, die ich 
untersuchen konnte, zeigen B und s glänzend mit schwachen 
Zeichen von Polyedrie, und bilden oft ähnliche Gruppen wie die 
vorigen. 

Am Phillipsit von M. Somma tragen die Flächen B ziem- 
lich deutlich Polyedrie an sich, welche der Convergenz nach dem | 
Mittelpunkt der Krystalle zum Grunde liegt, so dass oft die j 
entgegengesetzten Enden sich ausbreiten, indem sie sich in klei- 
nere Krystalle th eilen, wie ein einfacherer Fall in Fig. 29 zeigt, > 
wo die Nebenkrystalle, indem sie von dem Hauptkrystall diver- 
giren, aus der Vertikalzone heraustreten, in welcher zwei ent- ] 
gegengesetzte Flächen B liegen, wie es der Fall sein würde, 
wenn sie mit dem Hauptkrystall durch die Facetten n (Fig. 25) i 
in Berührung ständen, die nun, anstatt Pyramiden auf B zu bil- 
den, einspringende Winkel bilden würden. Diese Ausbreitung 
und Theilung an den Enden der vesuvischen Phillipsitkrystalle j 
geht bisweilen so weit, dass sie gleichsam als zwei Kügelchen 



47 

mit rauher Oberfläche erscheinen, oder, wenn der Krystall in dem 
Gestein steckt, als halbkugelige Gruppen. Die Flächen s sind 
gestreift wie beim Harmotom, meistens etwas convex in der Mitte, 
und nie habe ich von ihnen deutliche Bilder erhalten können. 

Der Phillipsit aus der Nähe Roms (Acqua acetosa) ist 
dem vorigen ähnlich , mit dem geringen Unterschied , dass die 
Divergenz der Nebenkrystalle einfacher und regelmässiger ist. 
Er findet sich in Gesellschaft eines anderen später zu erwähnen- 
den Minerals. 

Nach dem Angeführten unterscheidet sich der Phillipsit vom 
Harmotom vorzüglich durch zwei Charaktere. Es sind dies das 
Fehlen des einspringenden Winkels der Flächen und deren 
Polyedrie, die beim Harmotom den Unterschied von B und ß 
hervorruft , und Facetten mit ausspringenden Winkeln zur Folge 
hat, während sie beim Phillipsit solche mit einspringenden Win- 
keln erzeugt, und für alle vier Seitenflächen des Prismas dieselbe 
ist. Diese Unterschiede sind übrigens weder von grossem Be- 
lang noch beständig; viele Mineralogen erwähnen des einsprin- 
genden Winkels von ß beim Phillipsit, und ich habe ein Exem- 
plar aus Nidda in Hessen vor mir , welches mir als Baryt-Har- 
motom zukam, in kreuzförmigen Krystallen, zugleich aber von 
divergirenden Nebenkrystallen an beiden Enden begleitet. Den 
einzelnen Krystallen sind andere als halbkugelige Gruppen an- 
gewachsen wie beim Phillipsit, und stecken nebst Chabasit in 
kleinen Höhlungen eines Mandelsteins. 

Die zweite Art von Kalkharmotom bilden lange, dünne, durch- 
scheinende Prismen, von r und s begrenzt (Fig. 30 und 31),. 
dergestalt, dass die r in der Mitte unter einspringenden Winkeln 
nach den Diagonalen der Basis des Prismas , und unter aus- 
springenden parallel den Seiten dieser Basis sich treffen. Ferner 
bilden dieselben Flächen r zunächst den Prismenkanten unter 
sich ausspringende Winkel in der Richtung der Diagonalen der 
Basis , und mit s einspringende parallel den Seiten derselben. 
Ich habe diese Abänderung unter den Produkten des M. Somma 
und von Rocca di Papa bei Rom immer in ziemlich kleinen 
Krystallen gesehen, welche selten 0,5 Millim. gross sind, und 
deshalb die etwas verwickelte Art der Endkrystallisation schwer 
erkennen lassen. Die Flächen r und s sind gestreift wie beim 
Harmotom, und dies genügt zum Beweise, dass sie dieselbe Po- 
lyedrie besitzen. Die Flächen ß habe ich , soweit deren Klein- 



48 



heit eine Beobachtung erlaubt, in drei Theile getheilt gefunden, al 
zwei seitliche horizontal gestreifte, und einen mittleren breiteren, - 
der wiederum in vertikaler Richtung in mehrere Facetten ge- ^ 
theilt ist, die nicht genau in einer Ebene liegen. Es scheint c 
mithin, dass sie nach zwei Zonen polyedrisch sind; die seitlichen vS 
nach einer vertikalen , und der mittlere nach einer horizon- s i 
talen Zone. 

Die dritte Art wird von den meisten Mineralogen als Gis- sl 
mondin bezeichnet, und von ihr habe ich viele Krystalle aus 
der Umgegend von Rom (Capo di bove, Tre fontane) und einige f 
von Homberg (?) in Schlesien untersucht. Gewöhnlich zeigt sie, 1 
wenigstens scheint es so, blos die Flächen .?, die mithin ein 
Quadratoktaeder bilden (Fig. 32) , und nicht gestreift zu sein 
pflegen, wie sie es beim Harmotom sind. Von diesen Krystallen 
sind mir zwei Unterarten vorgekommen ; die eine häufigere, be- £ 
sitzt regellos wellenförmige Flächen, aus deren Mitte andere 
Krystalle in verschiedener Lagerung etwas hervortreten, so dass 6 
sie stets von einer der Seitenecken b\ b" aus divergiren und l 
nach der Mitte der Flächen / convergiren. Indem die Kry- 
stalle mit einer Seitenecke aufgewachsen sind , bemerkt man zu- o 
nächst den übrigen freien Seitenecken, besonders der jenen gegen- t 
überliegenden, mehrfache divergirende Spitzen sowohl in der t 
Richtung der Endkanten (z. B. an V) als auch in derjenigen der i 
Seitenkanten (z. B. an b"). 

Noch eigenthümlicher ist die zweite Unterart, von der Fig. 33 n 
blos eine Skizze ist , da ein derartiger Krystall sich nicht wohl I 
genau wiedergeben lässt. Die Flächen S S' des Quadratoktae- I 
ders sind tief und unterbrochen gestreift parallel ihren drei Kan- i 
ten , weil sich auf ihnen viele kleine Krystalle in bestimmten s 
Stellungen befinden, die oft über die Kanten hervorragen, und I 
von den wie beim Phillipsit gestreiften Flächen s begrenzt sind. 
In der Figur sind zwei, jedoch in unverhältnissmässiger Grösse ■ 
angedeutet. Dabei bemerkt man, dass die Fläche b des oberen 
mit S des Quadratoktaeders zusammenfällt, s parallel S' ist, wäh- 
rend s und j" zweien Flächen parallel sind, welche die vordere 
und die rechte Seitenecke des Quadratoktaeders abstumpfen wür- ] 
den, /" dagegen parallel S" ist. In ähnlicher Art verhält sich 
der untere kleine Krystall. Wenn man sieht, wie beide aus dem 
Oktaeder heraustreten, und sich vorstellt, dass der eine auf S, 
der andere auf S' aufgewachsen ist, so begreift man leicht, wie 



49 



aus allen Endkanten solche Nebenkrystalle in ähnlicher Stellung 
hervorragen, und „wie die Quadratoktaeder dieser Art von Gis- 
mondin äusserlich wenigstens aus vielen kleinen Krystallen von 
der Form der Fig. 28 bestehen , die so liegen , dass die vier 
Seitenflächen B der einen den Flächen S' $" (Fig. 33) ent- 
sprechen , gleichwie die vier Flächen B der anderen den *S, S"' 
und deren Parallelen ; so dass die Axen a jener rechtwinklig 
stehen auf den a dieser. 

Die Facetten s der kleinen Krystalle zeigen Streifung und 
Polyedrie wie der Phillipsit, die b sind ohne entschiedene Polye- 
drie, und zuweilen scheint es, dass sie gleichen Charakter wie 
s haben, gleichsam als wäre zwischen ihnen keine constante Ver- 
schiedenheit. 

Marionac*), welcher beim Gismondin die Winkel in den 
Endkanten M 118° 30' und in den Seitenkanten = 92° 3' an- 
nimmt, bemerkt, er habe jene von 117°— 122° und diese von 
89° — 93 j° variirend gefunden. Ich habe an einem der besten 
Krystalle von Capo di bove s/ = 119° 49' beobachtet. 

Der Gismondin von Rom und von Homberg wird von klei- 
nen halbkugeligen Aggregaten begleitet, welche auf den ersten 
Blick ihm anzugehören scheinen. Bei genauer Betrachtung sieht 
man aber dreikantige Ecken hervorragen, welche von zwei spitzen 
und einem stumpfen ebenen Winkel umschlossen sind, wie bei 
einem stumpfen Rhomboeder. Die Kantenwinkel waren nicht 
messbar, erscheinen dem Auge jedoch als nahe 120° und 60°. 
Noch andere ähnliche Aggregate begleiten den Gismondin von 
Rom, jedoch sind sie grösser und von entschieden strahliger 
Textur. Krystallspitzen ragen aus ihnen kaum hervor ; dieselben 
sind rektangulär und polyedrisch, und entsprechen vielleicht den 
Flächen r des Harmotoms und manchen Phillipsits. 

Die vierte Art von Kalkharmotom erscheint (Fig. 34) gleich- 
sam als ein Aggregat von Granatoedern mit dem Umriss des 
Oktaeders, wenn sie nicht wirklich regulär ist. Sie kommt in 
demselben Gestein wie der Phillipsit am M. Somma vor, aber 
die Grösse der einzelnen Gruppen übersteigt selten 2 Millim. im 
Durchmesser. Es ist nicht leicht , das Gesetz anzugeben , nach 
welchem die einzelnen Krystalle dieser Abänderung verwachsen 
sind, wenn man nicht annimmt, dass es in der That Granatoeder 



*) Ann. Ckim. Phys. III. Ser. XIV. 41. 
Zeits. d.d. geol.Ges. XV. 1. 



4 



50 

sind ; ist doch die Form aller Mineralien der Harmotomgruppe 
in geometrischer Hinsicht gleichsam das Granatoeder *), welches 
zuweilen mit den physikalischen Eigenschaften , oder, wollen wir k 
sagen, mit der Symmetrie des regulären Systems, ein andermal 
mit derjenigen des viergliederigen oder des zweigliederigen auf- 
tritt. Und wenn die Messungen zeigten , dass die Winkel der B 
obenerwähnten kleinen rhomboedrischen Krystalle wirklich nahe 
120° wären, so würde dies eine dritte Symmetrieform desselben l 
Dodekaids, nämlich die rhomboedrische sein. Ich will für jetzt 
auf diese Ansicht nicht weiter eingehen, da zu ihrer Begründung 
bessere Beweise gehören, als die Auflösung verwickelter Ver- 
wachsungen beim Harmotom und den ähnlichen Körpern. Was 
die Polyedrie betrifft, so zeichnet sich die vierte Art dadurch L 
aus, dass bei ihr die Differenz zwischen den Flächen s und ß 
durch die verschiedene Art ihrer Streifung sich nicht findet; fer- 
ner sind ihre kleinen rhombischen Facetten undeutlich gestreift, 
bald in zwei Reihen wie s (Fig. 28) , bald mit vier Reihen wie 
B, und meist sind die Streifen unterbrochen, so dass beide Rich- 
tungen schliesslich zusammenstossen. 

Die fünfte und letzte Art wird von einigen ziemlich selte- 
nen Krystallen des M. Somma gebildet , von gleichem Vorkom- 
men wie die vorhergehenden (Fig. 35 und 36). Ihre Form ist 
ziemlich abweichend von allen anderen, da das Quadratoktaeder 
s fehlt, während die Flächen A und o an ihr allein beobachtet 
sind. Die Flächen v haben wir am Phillipsit von Marburg als 
Abstumpfung der Kanten Bs gefunden. Indess nähern sich die 
Krystalle im Ansehen dem Phillipsit, und der Hauptgrund, der 
mich veranlasst, sie hierher zu rechnen, ist die Neigung Br, die 
nahe = 125° wie beim Harmotom ist. Ich fand bei drei Mes- 
sungen an verschiedenen Krystallen (nach Beseitigung der Wir- 
kungen der Polyedrie) 125° i', 125° 32', 125° 56'. Diegröss- 
ten Flächen r und B geben deutlich Zeichen von Verrückung, 
obwohl man auf ihnen weder Streifen noch sonst etwas findet, 
welches auf symmetrische Polyedrie hinweist. Aber in der Nähe 
ihrer Combinationskanten erscheint in der Mitte gewöhnlich eine 
leichte Vertiefung, so wie andere kleine Ungleichheiten der Ober- 
fläche, die eine bestimmte Lage nicht erkennen lassen. Zwei 
Parallele, B und 2?', in der Zone B, r, B' untersucht, ergaben 

*) [Ein Dodekaid.] 



51 



verschiedene Bilder, deren entfernteste um 3° 23' und 3° 25' 
divergirten , während in der Zone r, v, B die Divergenz der 
reflektirten Bilder 4° 21' war. Für die Flächen r habe ich in 
der Richtung der ersten Zone den Abstand der Bilder 1° 35' 
und 2° 59' gefunden, im Sinne der zweiten 4° 52', und in der 
Richtung r, r', v, o' 4° 37' und 3° 58'. In dieser letzteren di- 
vergirten die Bilder von d um 1° 1'. Endlich waren in der 
Zone o, /?, o' die äussersten von B reflektirten Bilder an vier 
Flächen eines Krystalls 1° 3', 1° 18', 1° 26', 1° 44' vonein- 
ander entfernt; an einem anderen Krystall waren diese Werthe 
für drei Flächen B 2° 27', 2° 32', 3° 41', und an einem drit- 
ten , bei dem die Depression auf den Flächen B ihrer ganzen 
Länge nach vorhanden war, divergirten die äussersten der vielen 
Bilder um 4° 2', 8° 34', 9° 21'. An den Flächen A und v 
habe ich keine Polyedrie bemerkt. 

Die etwas ausführliche Darstellung der Phänomene der Po- 
lyedrie beim Harmotom und den ähnlichen Mineralien zeigt einer- 
seits , wie jede Art von Flächen auch ihre besondere Art von 
Abweichung hat, und andererseits, wie je nach den Umständen 
bei der Bildung der Krystalle oder je nach der chemischen Zu- 
sammensetzung nicht blos andere Flächen auftreten, sondern 
auch die Charaktere der Polyedrie bei jeder Art derselben ver- 
schieden sind. 

C hab asit. 

Die Rhomboederflächen r des Chabasits, obwohl sie fast 
immer mehr als ein Bild geben, lassen für gewöhnlich das Ge- 
setz ihrer Abweichung nicht klar erkennen. Oft sind sie parallel 
den Endkanten gestreift, wobei die Streifen in der kürzeren Dia- 
gonale zusammenstossen ; bei genauer Betrachtung rühren die- 
selben von kleinen der Länge nach concaven Flächen her. Hier- 
aus dürfte man schliessen, dass die Rhomboederflächen polyedrisch 
in der Richtung ihrer beiden Zonen seien, und dass in jeder Zone 
die Abweichung von der regelrechten Lage nur in einem Sinne 
stattfindet , nämlich nach den Endkanten. So ist es mir wenig- 
stens bei vielen Krystallen erschienen, allein wir werden sogleich 
sehen , dass die gesammte Polyedrie dieser Flächen weit compli- 
cirter ist. Um zu erfahren, wie gross die Verrückung in Bezug 
auf die Endkanten sei, habe ich drei der besten Krystalle von 
Aussig gewählt , und nenne p die erwähnten concaven Facetten: 

4* 



52 



1. 




2. 




3. 


r p 


r p' 


r jt> r p' 


r p 


rp' 


1° .18' 


1° 2' 


1° 10' 1° 8' 


1° 24' 


1° 14' 


2 16 


1 36 


2 12 2 3 


2 19 


2 56 


9 47 




3 33 


4 15 


3 44 


11 51 




6 17 


6 36 


4 2 








7 14 





Diese Entfernungen lassen glauben, dass mehrere Bilder von 
besonderen Arten von Flächen reflektirt sind, oder wenigstens 
reflektirt sein können, von Flächen, welche hinsichts des Ver- 
hältnisses ihrer Parameter nicht merklich von dem gewöhnlichen 
einfachen der Krystalle abweichen. In der That erfordern die 
Zeichen 051, 061, 071, 081, 091, wenn wir sie den Facetten 
p beilegen, die Werthe rp = 11° 5', 9° 18', 8° l', 7° 2', 6° 16'. 
Wir werden in der Folge mehrfach Gelegenheit finden, hierauf 
zurückzukommen. 

An denselben Krystallen, an welchen keine andere Art der 
Abweichung als die beschriebene bemerklich ist, zeigt der untere 
Theil der Rhomboederflächen längs der kürzeren Diagonale eine 
leichte Erhebung. 

Seltener sieht man die Polyedrie der Rhomboederflächen voll- ! 
ständig und deutlich (Fig. 37). Abgesehen von den einsprin- 
• genden Winkeln, die aus dem Wechsel von q und r hervorgehen, 
begreift man leicht, dass die Facetten p, p, q, q auf der Rhom- 
boederfläche eine sehr stumpfe Pyramide mit dem Winkel q q 
bilden , der stumpfer ist als der gegenüberliegende p p. Dies 
rührt daher, dass auf der Rhomboederfläche r, während sie nach 
zwei Zonenrichtungen abweicht, die Abweichung gegen die End- 
kanten hin stärker ist als gegen die Seitenkanten, und dieser 
Unterschied entspricht dem zwischen den beiden Arten von Kan- 
tenwinkeln. Die erste Abweichung hat zur Folge, dass die Fa- 
cetten p, die sie hervorruft, concav sind. Und während die q 
bei ihrem Abwechseln mit r alternirend ein- und ausspringende 
Winkel bilden, scheint es, dass die p bei ihrem Wechsel mit r 
da, wo sie einspringende Winkel bilden müssten , mit derselben 
Fläche r zusammenfallen, so dass aus beiden eine kleine concave 
Fläche entsteht. Zuweilen habe ich auf einem r viele kleine 
Pyramiden gesehen, bei denen der Winkel q q' stets stumpfer als 
pp' war (Fig. 38). 



53 



Bekanntlich sind die Krystalle gewöhnlich Zwillinge. In 
der Regel fand ich keine bestimmte Beziehung zwischen ihrer 
Polyedrie und der Art ihrer Verwachsung, nur in selteneren 
Fällen tritt eine solche deutlich und zwar gerade so wie beim 
Flusspath (s. diesen) hervor. 

An den Chabasiten von Oberstein, den Färöern etc. pflegt 
das erste stumpfere Rhomboeder vorzukommen, dessen Flächen 
nach der herrschenden Zone gestreift, und, wie aus dieser Art 
,|, von Streifung folgt, polyedrisch im Sinne einer Zone sind. Wir 
i , werden im zweiten Theil dieser Abhandlung derartige Fälle wei- 
ter untersuchen. 

| D Dioptas. 

Die Krystalle sind Combinationen eines Rhomboeders A und 
des zweiten Prismas e , deren abwechselnde Combinationskanten 

Jj selten durch verschiedene Arten hemiedrischer Flächen abge- 
stumpft sind. Auf diese bezieht sich die Streifung der A 
(Fig. 39), deren jede polyedrisch ist nach der Zone, deren Ebene 
senkrecht auf der entsprechenden Kante steht, wobei es scheint, 
dass die Abweichung lediglich gegen die Kanten Ae gerichtet 
ist. Wenn man die Rhomboeder des Dioptas und Chabasits nach 
der Art ihrer Polyedrie vergleicht, so ergiebt sich der Unter- 
schied , dass bei letzterem die Abweichung grösser gegen die 
Seitenkanten des Rhomboeders ist. In Beziehung hierauf finden 
wir beim Chabasit die Abstumpfung der Endkanten (erstes 
stumpferes Rhomboeder), beim Dioptas die der Seitenkanten 

i (zweites Prisma). Obwohl die mir zugänglichen Krystalle des 
letzteren keine hemiedrischen Flächen trugen, fand ich doch, dass 
die Flächen A an den der Hemiedrie entsprechenden Kanten 
convex erscheinen durch zahlreiche sehr kleine Facetten, die da- 
selbst sich anhäufen. Die dort reflektirten Bilder vervielfachen 

I sich derart, und entfernen sich von einander zum Theil so sehr, 
dass man sie auf bestimmte Flächen von ziemlich einfachen 
Werthen zurückführen könnte. Hier haben wir also das gleiche 
wie hinsichtlich der p (Fig. 37). An einem Krystall waren die 
Abstände der Bilder auf einem ^ 1° 8', 1° 28', 2° 47', 6° 58', 
9° 31', 10° 2', 10° 38', 11° 51'; auf einem anderen ^4 in der- 
selben Endecke:, 2° 17', 3° 2', 3° 51', 4° 47', 5° 56'. Nimmt 
man AÄ = 95° 54' an, und berechnet die Winkel, welche die 
Flächen 051", 061~, 07l, 08T, 091, OlOf, Olli erfordern, so hat 

m 



54 



man: 11° 29', 9° 34', 8° 12', 7° 1', 6° 23', 5° 44', 5° 13'. 
Aus einem Vergleich dieser und der gemessenen Winkel sieht 
man recht deutlich, wie schwer es ist, in solchen Fällen zu ent- 
scheiden , ob man es mit besonderen Flächen oder mit Polyedrie 
einer benachbarten zu thun habe. Wenn also Kenngott am 
Dioptas die Flächen 071 und Olli annimmt, so dürfte dies wahr- 
scheinlich nichts weiter als Folge von Polyedrie sein. 

Für uns genügt die Beobachtung, dass die Flächen A des 
Dioptas ausnehmend polyedrisch sind und ihre Abweichungen in 
so naher Beziehung zu seiner Hemiedrie stehen, dass sie gleiche 
Ursachen zu haben scheinen. 

Die Flächen welche ebenfalls polyedrisch und zwar wahr- 
scheinlich in zwei Zonen sind, deren Ebenen senkrecht auf den 
Kanten ee und Ae stehen, zeigen dies Verhältniss nicht deutlich 
genug, um als Beispiele gewählt werden zu können. 

Schwefelsaures Manganoxydul - Kali. 
(K S + Mn S) + 2 aq. 
Die Krystalle dieses Salzes bilden sich in neutralen Lösun- 
gen bei 45 — 52 und gehören zum eingliedrigen System. Fig. 40 
zeigt ihre gewöhnliche Form bei einfachen Individuen in einer 
Ebene, senkrecht auf die Zone der Durchschnittsflächen. Sie be- 
sitzen sehr gute Spaltbarkeit nach eine minder vollkommene 
nach iV, welches parallel der Kante AN gestreift ist. Oft sind 
es Zwillinge oder Drillinge, deren Zwillingsfläche A T , die Zwillings- 
axe zugleich die Zonenaxe JV, Ä ist; seltener verwachsen sie 
nach einer Fläche, welche die Kante oo 2 abstumpfen würde, 
während die Zwillingsaxe senkrecht steht (Fig. 41). Bei diesen 
letzteren und den einfachen Krystallen zeigen die Flächen A 
und N Polyedrie , die stärker hervortritt als bei den zuerst er- 
wähnten Zwillingen. Die Fläche A theilt sich in drei Facetten 
a\ d\ deren Lage aus Fig. 40 erhellt. Davon pflegt a" die 
kleinste zu sein, und fehlt bei den Zwillingen (Fig. 41) ganz. 
Selten habe ich ihre Abweichung von a und d messen können, 
und am Krystall No. 1 d'd = 3° 11', a"a = 4° 5' gefunden. 
Die Kante dd' ist nicht genau senkrecht auf dö , sondern bildet 
rechts einen etwas spitzen Winkel. Die Kante a d ist weder dC 
noch dem anderen do parallel, jedoch ist sie an einfachen Kry- 
stallen (Fig. 40) der Richtung dö , und an den Zwillingen 
(Fig. '41) der dC am nächsten. N zeigt dieselbe Art von Po- 



3. 



55 

lyedrie wie A. Die Abweichungen beider ergeben sich aus fol- 
gender Tafel, in welcher No. 1, 2, 9 einfache, die übrigen aber 
Zwillingskrystalle wie Fig. 41 betreffen, weshalb durch s und d 
das linke und rechte Individuum unterschieden sind. Die Nei- 
gungen von a und n gegen B, C und Ö beziehen sich auf den 
Theil der Krystalle, an welchem diese Flächen unter sehr stum- 
pfen Winkeln zusammenstossen , und den die Figuren nicht im- 
mer zeigen. 

ad aC dC a B dB 

1. 4° 43' 107° 35' 112° 16' 

2. 5 19 106 37 413 20 
j. 111 27 .107° 47' 
d. 112 18 107 26 

4. s. 2 11 108 47 110 58 104° 55' 105 31 

5. s. 3 2 109 52 112 54 
s. 1 26 109 38 111 4 
d. 1 17 110 16 111 33 
s. 2 55 109 46 112 41 

- d. 3 15 108 6 111 21 

a o . dö 

1. 108° 45' 113° 34' 

2. 108 27 113 29 

*■! 

4. s. 109 57 111 10 

5. s. 111 58 114 14 
110 30 112 8 



s. 



7. 



d. 112 14 113 27 

s. 

d. 

nB n'B nC . n'C 



n n 

5. s. 2° 36' 
4. s. 2 28 

8. d. 119° 0' 120° 20' 

9. 4 48 117 35 124° 57' 116 2 120° 54 

n o n' o 

5. j. 127° 43' 130° 25' 
4. s. 129 24 131 57 

8. d. 

9. 125 58 130 50 



56 



Um den Werth dieser Messungen besser würdigen zu kön- 
nen, bedarf es einer Vergleichung derselben mit den entsprechen- 
den Winkeln, theils direkt gefundenen an weniger polyedrischen 
Exemplaren , die dann als Basis der Berechnung und zur Cor- 
rektion der übrigen dienten, theils durch Rechnung corrigirten. 
Die in solcher Art ausgewählten und für die normale Lage von 
A und N (Fig. 40) angenommenen sind: 

A:B = 106° 44' A : ö = 113° 23' NiC = 119° 0' 
A: '&= 111 19 NiB' = 124 34 N i b' = 130 6 
Wir müssen nun noch einen Umstand hervorheben, welcher 
der Polyedrie dieses Salzes eine erhöhte Bedeutung verleiht. Die 
Krystalle sind eingliedrig; wären die Neigungen AB und AC 
gleich, so würden B und C gleich werthig , die Krystalle zwei- 
und eingliedrig sein. Dass ihr System aber wirklich das ein- 
gliedrige ist, wird durch viele andere Erscheinungen bestätigt, 
unter denen, mit Hinweglassung der minder wichtigen , die Art 
der Zwillingsbildung nach dem zweiten Gesetz (Fig. 41) her- 
vorzuheben ist, wo die Flächen 6 des linken Individuums mit 
den o des rechten einerseits einen einspringenden, andererseits 
einen ausspringenden Winkel bilden, was ebenso von A und N 
gilt. Eine weitere Bestätigung liegt in der erwähnten Art der 
Polyedrie dieser beiden Flächen, die in keiner Beziehung zu 
einem orthoaxen oder dem monoklinen System stehen würde. 
Wenn man nun die Neigungen der verschiedenen Facetten be- 
trachtet, welche durch Polyedrie von A entstanden sind, d. h. 
a und a'g egen B und C, so wird man bei den einzelnen Kry- 
stallen finden, dass die Neigungen gegen B von 104° 55' bis 
107° 47' variiren, die gegen C von 106° 37' bis 113° 20'. 
Dies will sagen, dass während bei normaler Lage der Flächen 
(oder wenigstens einer Lage, die wir als solche betrachten zu 
dürfen glauben) der Winkel AB kleiner ist als AC\ in den ver- 
schiedenen durch Polyedrie entstehenden Lagen von A der Win- 
kel AC kleiner als AB werden kann. Hieraus folgt, dass die 
Polyedrie bei manchen Krystallen so weit gehen kann, dass ihr 
System dadurch gleichsam verhüllt wird. 

Alaun. 

Die Oktaederflächen des Alauns und die Endfläche des 
Turmalins sind polyedrisch in drei Zonen und in einem einzigen 



57 



Sinne jeder derselben ; hier wie bei den vorigen Beispielen findet 
eine genaue Beziehung zwischen der Gestalt einer Fläche, der 
Art wie sie von anderen Flächen umgrenzt ist, und der Art 
fhrer Polyedrie statt. 

Wenn das Oktaeder des Alauns polyedrisch ist, sind seine 
Flächen nach Art des Pyramidenoktaeders in drei Facetten ge- 
theilt, deren jede nach einer Richtung abweicht, deren Ebene 
senkrecht auf die anstossende Kante steht, und im Sinne der 
nämlichen Kante. Deshalb hat Guiscardi in seinen „Elemmti 
di cristallografia 1851" den Alaun (mit einigem Zweifel) unter 
den Substanzen aufgeführt, welche Pyramidenoktaeder zeigen. 
Im Januar 1855 erhielt ich aus einer reinen vorsichtig concen- 
trirten Auflösung viele grössere und isolirte Krystalle mit dieser 
Dreitheilung der Flächen, und fand die Neigung je zweier Fa- 
cetten 0° 23', 26', 27', 38', 43', 48'. Aus Auflösungen, die zu- 
gleich andere Stoffe enthielten, gewann itfh selten derartige Kry- 
stalle, obwohl ihre Flächen oft wellig, fast nie ganz eben, aber 
stets undeutlich polyedrisch waren. In anderen Fällen lieferte 
eine und dieselbe Flüssigkeit Oktaeder mit und ohne Pyramiden- 
flächen, und diese auch wohl nur auf einzelnen Flächen. 

Tu rm ali n. 

Seine Krystalle behaupten eine vorzügliche Stelle unter den 
Beispielen von Ablenkung in einer Zone, an den Prismenflächen 
nämlich , wie wir in der Folge sehen werden. Hier handelt es 
sich blos um die Endfläche, die bekanntlich am einen Ende glatt, 
am anderen rauh ist. Die erstere habe ich polyedrisch gefun- 
den, obgleich das Phänomen zu den seltneren gehört. Die Kan- 
ten , welche die drei Facetten der Fläche unter sich bilden, ste- 
hen senkrecht auf den Combinationskanten der Endfläche mit 
dem dreiseitigen Prisma, und ihre Grösse habe ich = 1° 37', 
1° 24', 1° 1' gefunden. 

Schwefelsaures Kali. 

Die Krystalle dieses Salzes sind vortrefflich geeignet für un- 
sere Untersuchungen , da sie sehr glänzend sind und zum Theil 
ganz besondere Eigentümlichkeit in Bezug auf Polyedrie zeigen. 

Die Fig. 42 und 43 stellen die Krystalle in regelmässiger 
Form dar, wiewohl sie in der Wirklichkeit nach der senkrechten 
Axe mehr verlängert sind , während die scheinbaren Dihexaeder 



58 

(Fig. 45, 57, 58) nur den Zwillingen, nicht den einfachen Kry- 
stallen angehören. Im Folgenden sind die Hauptneigungen nach 
den Messungen Mjtscherlich's berechnet, die ich den eigenen 
vorgezogen habe, weil die von mir gefundenen kleinen Unter- 
schiede eine nothwendige Folge der Polyedrie sind. 



Ae 


= 150° 


12' 


Be = 


119° 


48' 


Cm = 


123° 


39' 


Be 2 


149 


48 


e 2 e 2 = 


119 


36 


Cu 2 = 


123 


49 


Ae 2 


= 120 


12 


Cn — 


143 


6 


m'"m = 


131 


8 


e"e 


= 120 


24 


Cu. = 


143 


16 


mu 2 — 


130 


42 



Bemerkenswerth ist die Annäherung von e e" und e^e \ 
an 120°*). Bei den Zwillingen ist die Zwillingsfläche gewöhn- 
lich die Fläche £, zuweilen e t , und man findet alle möglichen 
Verwachsungen, theils Zwillinge jeder der beiden Arten für sich, 
theils solche, wo in derselben Zwillingsgruppe beide Arten zu- 
sammen vorkommen. Beispielsweise ist Fig. 44 eine Zwillings- 
gruppe, und Fig. 45 ein Drilling, bei denen die Zwillingsfläche 
e ist. Fig. 46 stellt einen Vierling dar, dessen Individuen nach 
e % verwachsen sind, Fig. 47 einen Drilling, an welchem beide 
Gesetze zugleich verwirklicht sind. 

Krystalle, die gleich Fig. 48 und 49 als einfache erscheinen, 
sind demnach Zwillinge, wie die Naht BC R'C' beweist, welche 
der Fläche e genau parallel rund herum läuft ; in der That sind 
es Drillinge, indem zwei Individuen nach zwei parallelen "Flächen 
e des dritten mittleren verwachsen, so dass blos jene beiden sich 
vergrössern konnten. So erscheinen sie denn zuletzt allein , und 
die Axen des einen sind parallel den gleichnamigen des anderen, 
während der Mittelkrystall ein dünnes Blättchen geblieben ist. 
Diese Art von zweifacher oder versteckter Verwachsung erscheint 
am schwefelsauren Kali in complicirter Form, und giebt Anlass 
zur Verbinduug von 5 , 7 oder 9 Krystallen zu einer Gruppe, 
welche das Ansehen eines einfachen Krystalls hat, während ein 
ander Mal diese versteckte Zwillingsbildung mit der deutlichen 
nach e oder e % vereinigt ist. Dies ersieht man aus den Fig. 50 
bis 53 , in welchen die gestrichelten und punktirten Linien die 
den Zwillingsflächen entsprechenden Nähte bezeichnen. 

An den bisherigen Beispielen natürlicher oder künstlicher Kry- 
stalle haben wir die Erscheinungen der Polyedrie untersucht; 



*) Ich fand jenen Winkel = 120° 18', diesen = 119° 42'. 



59 



ihre Flächen, welche zwei oder mehr Bilder reflektirten , zeigten 
die Verrückung schon ohne Hülfe des Goniometers. Gleichwohl 
war es nöthig durch genaue Versuche zu ermitteln, ob auch die 
glänzendsten Flächen, die gewöhnlich nur ein Bild geben, einer 
Aenderung ihrer Lage unterworfen wären. Diese Art der Prü- 
fung habe ich auch an den Zwillingen des schwefelsauren Kalis 
nicht unterlassen wollen, weil ich zu wissen wünschte, ob die 
Zwillingsflächen selbst den Störungen unterworfen sind, welche 
die Aussenflächen der fertigen Krystalle zeigen. Bei der Prü- 
fung von 6? 2 , £ 2 , e'\ (Fig. 44 u. 45), die bei den Zwillingen 
nach e fast in eine Ebene fallen , ergab sich , dass die Abstände 
der beiden Bilder in den verschiedenen Fällen merklich verschie- 
den waren. Hieraus folgt, dass wenn die Neigungen e % e^ e\e ^ 
e\e ' 2 unveränderlich wären, die unzweifelhafte Verschiedenheit 
von e^e* \ (Fig. 44) bei den Zwillingen, und die von e % e\ 
(Fig 45), von e\e\ und e % e" \ bei den Drillingen ein klarer 
Beweis der Polyedrie der Zwillingsebenen wäre. Dieselben Be- 
trachtungen finden auf m Anwendung (Fig. 46. 47), wo die 
Verwachsnng nach e % erfolgt. Wenn man aus den Messungen 
berechnet, wie gross die Abweichung der nämlichen Ebene e 2 
sein müsste, welche den Individuen einer Zwillingsgruppe nach 
e gemeinsam ist, so wie die Abweichungen von m in den 
Zwillingen nach £ 2 , so findet man e 2 e 2 = 0° 48' und mm' =0° 
48'. Vorausgesetzt, dass bei den Drillingen nach e der dritte 
Krystall mit einem der beiden anderen genau so verwachsen 

i sei wie diese unter sich, ergeben sich für die Flächen e % zwei 
Divergenzen von 0° 48' mit einem ausspringenden und von 

' 0° 25' mit einem einspringenden Winkel. Bekanntlich ist e^e 2 
= 60° 24' und mm = 131° 8'. 

Für die folgende Uebersicht wurden die Messungen mit 

i möglichster Sorgfalt angestellt, und dürften die Fehler 5' nicht 
übersteigen. 



Zwillinge. Zwillingsfläche e (Fig 44). 

1. 2. 3. 4. 5. 6. 

e 2 e\ = 0° 17' 0° 31' 0° 39' 0° 54' 0° 56' 1° 3' 

e t e a =60 25 60 20 60 22 60 27 60 24 60 34 

e' 2 e 2 = Q0 22 60 27 60 32 60 5 60 26 60 35 



60 



Drillinge. Zwillingsfläche e. (Fig. 45.) 



*2 


e \ 


= 0° 9' 


0° 9' 


0° 


37' 


0° 


44' 


e z 


*\ 


= 1 9 


39 





34 





7 


t 

e % 


e\ 


= 31 


34 





18 





10 


e z 


e * 


= 60 53 


60 36 


60 


31 


60 


29 


e\ 


e \ 


m 60 27 


60 38 


60 


22 


60 


21 


e" 2 




= 60 27 


60 17 


60 


44 


60 


19 



Zwillinge oder Vierlinge. Zwillingsebene e 2 . (Fig. 46. 47.) 



1. 



mm — 

Ii 

mm = 
m'm'" m 
m/n =131 
mW = 131 
mm" =131 
m n m" = 131 



vorn 
0° 46' 





7 

39 

3 131 

16 131 

5 131 

18 130 



hinten 
0° 42' 
18 



16 

14 
6 
3 

55 



2. 

vorn hinten 
0°15' 0° 0' 
42 42 
27 28 
131 9 131 6 
131 24 131 19 
131 12 131 4 
131 25 130 58 



3. 

vorn hinten 
0° 4' 0°16' 



131 16 131 10 
131 9 131 25 



Diese Zahlen setzen die erste Frage ausser Zweifel, ob näm- 
lich die Flächen e i und zw, welche keine sichtbare Polyedrie 
zeigen, eine constante Lage haben. Wir finden die gegenseitige 
Neigung von e i von 60° 5' bis 60° 53' und die von m von 
130° 55' bis 131° 25'. Für diese letzteren ist zu bemerken, 
dass bei der Messung des vorderen und entsprechenden hinteren 
Winkels an jedem Krystall der Gruppe, der eine meist merklich 
verschieden vom anderen ist. Nach diesem mir unerwarteten 
Resultat zweifelte ich an der durchaus stabilen Lage von Kry- 
stallflächen überhaupt und untersuchte einige Substanzen, die 
eine Veränderlichkeit ihrer Form weniger befürchten Hessen. Die 
kleinen, höchst glänzenden Krystalle von Spinell gaben bei sorg- 
fältiger und wiederholter Messung höchstens Differenzen von einer 
Minute zwischen Beobachtung und Rechnung. Daraus schliesse 
ich, dass bei diesem Spinell keinerlei Verrückung der Flächen 
stattfindet. 

Was die zweite Frage nach der Unveränderlichkeit der 
Zwillingsebene betrifft, so erscheint ihre Lösung nicht so klar, 
weil die für die Abweichungen e % und mm' gefundenen Unter- 
schiede ebensowohl von den Ablenkungen der Zwillingsebenen 



61 

als von denen der -Flächen e i und m herrühren können. Und 
da die letzteren wirklich stattfinden, so fehlt die Nöthigung zur 
Annahme jener. Diese Frage würde von keinem Interesse sein, 
wenn die Krystalle erst dann verwüchsen, wenn ihre Grösse für 
das Auge sichtbar wäre, weil alsdann die Zwillingsebenen eben 
dieselben Flächen sein würden, deren Veränderlichkeit sich er- 
wiesen hat, und also folgen würde, dass auch sie veränderlich 
sind. Aber die Verwachsung der Krystalle, welche eine Bewe- 
gung des einen gegen den anderen um 180 Grad erfordert*), ist 
eine Erscheinung, die zu denjenigen Kraftwirkungen gehört, die 
sich an für unsere Sinne unfassbaren Theilchen und in unmess- 
baren Entfernungen vollziehen. Wenigstens hat die direkte Be- 
obachtung noch nicht erwiesen, dass beim Verwachsen zweier 
Krystalle beide sichtbar seien. Daraus folgt, dass die Veränder- 
lichkeit der Zwillingsebene gleichbedeutend ist mit derjenigen der 
Krystallflächen in ihrem ursprünglichen Zustande. Dies ist der 
Grund, weshalb ich der Frage grössere Wichtigkeit beilege, als 
Mancher ihr beilegen möchte, und da ich sie für jetzt nicht zu 
lösen vermag, will ich einige weitere Betrachtungen hinzufügen, 
welche später zu ihrer Lösung mit beitragen dürften. Wenn wir 
zuvörderst die Neigung e 2 e z veränderlich gefunden haben, so 
wissen wir nicht, ob die an verschiedenen Krystallen gefundene 
Differenz als durch die Neigung jeder Eläche e 2 gegen die Axe 
a jedes Krystalls genau getheilt anzusehen sei. Wenn sich eine 
solche (nicht wahrscheinliche) gleiche Theilung nachweisen Hesse, 



*) Ich habe mich dieses Ausdrucks für die Zwillingserscheinungen 
bedient, indem ich so das bezeichne, was an den Zwillingen sichtbar ist, 
und dem Sprachgebrauch der Krystallographen dabei folge. Aber hin- 
sichts gewisser Thatsachen und Betrachtungen meine ich nicht, dass eine 
gewisse Kreisbewegung stattgefunden habe. Indem ich die Krystalle als 
Aggregate undurchdringlicher und mit anziehenden Kräften in verschie- 
denen Richtungen begabter Moleküle ansehe, glaube ich, dass diese rich- 
tenden Kräfte nicht vor ihrer Vereinigung existiren, sondern sich erst 
während derselben äussern, und dass die Lage solcher Kraftrichtungen in 
den Molekülen von demjenigen Theil jedes Moleküls abhängt, welcher 
mit dem anderen in Berührung tritt. Hiernach besteht der Unterschied 
zwischen einfachen und Zwillingskrystallen darin, dass bei den Molekülen 
der ersteren die Richtungen der anziehenden Kräfte einander parallel 
gehen, und bei denen der letzteren sich im Beginn des Verwachsens in 
Richtungen gewendet haben, welche in den verschiedenen Molekülen nicht 
parallel, sondern nach bestimmten Gesetzen zu einander geneigt laufen. 



62 



so würden die Winkelmessungen der beiden ersten Tafeln ge- 
nügen, die Veränderlichkeit der Zwillingsebenen zu beweisen. 
Ferner möchte ich in Bezug auf die Drillinge (Fig. 45) bemerken, 
dass, die Hypothese der Unveränderlichkeit jener Ebenen voraus- 
gesetzt, drei Krystalle nach den Flächen e nicht genau verwach- 
sen können, ausser in dem einen Fall, wenn die Neigung ee" 
(Fig. 43) genau 120 Grad wäre. Nach den mitgetheilten Mes- 
sungen ist dieselbe — 120° 24'; es bleibt also nach dem Ver- 
wachsen zweier Krystalle noch ein Raum von 119° 12', in wel- 
chem das dritte Individuum mithin nicht Platz findet. In der 
Drillingsgruppe (Fig. 45) sind x Cx und x C x" die Winkel 
von 120' 24' der Individuen A und A 1 ' ; der für A" übrigblei- 
bende Raum x Cx" entspricht dem Winkel 119° 12'. Bei der- 
artigen Drillingen des schwefelsauren Kalis hat man also anzu- 
nehmen, entweder dass im Moment der Verwachsung alle drei 
Neigungen ee" == 120 Grad gewesen seien, oder dass an einem 
der drei Berührungspunkte Cx, Cx, Cx" keine vollkommene 
Aneinanderwachsung stattgefunden habe. Unter dieser Annahme 
müssten die Flächen e, welche nicht aufeinander fielen, einen 
Winkel von 1° 12' bilden, und da nun die genaue Berührung 
der e nicht stattfindet, müssten die entsprechenden £ 2 , wie wir 
gesehen haben, einen einspringenden Winkel von 0° 24' machen. 
Wenn man annimmt, dass in jener Gruppe nach dem Verwachsen 
von A und A' das dritte Individuum A" sich mit A unter genauer Be- 
rührung in Cx vereinigt habe, so wird das andere e von A" mit dem 
e von A' einen Winkel von 1 12' in C x" bilden, dessen Spitzegegen 
x" gerichtet ist, und die Fläche e 2 wird mit e" % den einspringenden 
Winkel von 0° 24' bilden. Bei allen Drillingen des Salzes 
habe ich die Winkel. e t e\, e <l e" 2 und e' 2 e\ stets ausspringend 
gefunden. Allerdings könnte die veränderliche Lage der e 2 den 
sehr stumpfen einspringenden Winkel in einen ausspringenden 
verwandelt haben, aber die nämliche Ursache hätte auch aus 
den ausspringenden Winkeln einspringende machen können, die 
einspringenden aber minder stumpf, wovon sich nichts gezeigt 
hat. Muss man nun wohl voraussetzen, dass die einzelnen Kry- 
stalle vor dem Verwachsen die Winkel ee" — 120° gehabt 
haben ? Vorläufig mag es genügen, dargethan zu haben, dass 
diese Hypothese, wenn auch nicht streng begründet, wenigstens 
durch die Eigenthümlichkeiten der Drillinge unterstützt wird. 
Zu den Erscheinungen der Polyedrie uns nun wendend, finden 



63 



wir solche deutlich und höchst merkwürdig an den Flächen u 2 
(Fig. 42). Sie äussern sich mit einer gewissen aber constanten 
Verschiedenheit, wenn man ihr Auftreten an einfachen Krystallen 
und an Zwillingen vergleicht. Um die Abweichung von u 2 
leichter zu verstehen, beginnen wir mit den Zwillingen, an wel- 
chen die Naht C B C B' (Fig. 48u.49), die der Zwillingsfläche 
genau entspricht, zugleich die Richtung der durch Polyedrie entstehen- 
den Facetten p, q bestimmt. Auf u 2 verläuft diese Grenze pa- 
rallel der Kante mu % (Fig. 42), so dass p und ^, die in der 
Zwillingsgrenze sich berühren, nicht nur mit m in eine Zone 
fallen, sondern in diese Zone auch u 2 fallen würde, wenn diese 
Fläche am Krystall in seiner normalen Stellung vorkäme. Die 
p und q haben zu w 2 , aus dem sie entstanden, keine symme- 
trische Lage ; bei einer solchen müsste auf demselben u % ein an- 
deres p unten zwischen q und u 3 und ein anderes q oben zwi- 
schen p und B liegen. Mithin existirt für p und q eine Hemie- 
drie, von der ich bei Verwachsungen aus zwei Individuen nie 
eine Ausnahme bemerkt habe. Auf der rechten Seite der Fig. 54 
habe ich die Lage der p und q gegen u 2 so dargestellt, wie 
wenn sie holoedrisch vorhanden wären. 

Diese Facetten sind _selten glatt und glänzend, meist in zwei 
Richtungen mehr oder minder gekrümmt. Die geringere Krüm- 
mung erfolgt im Sinne der Zone m, p, q, die etwas grössere 
annähernd nach ß, u z . Senkrecht gegen die erste Richtung 
pflegen sie einen einspringenden Winkel zu zeigen, und senkrecht 
zur zweiten sind sie, der Figur gemäss, grob gefurcht. Wenn 
man sie bei der Spiegelung nach diesen beiden Zonen bewegt, 
so sieht man eine Folge vieler Bilder, theils deutlicher, theils 
undeutlicher. Deshalb habe ich die Messungen in zwei Tafeln 
gebracht, in deren erster diejenigen von kleinen, sehr glänzenden 
Krystallen stehen, deren p und q nur ein Bild gaben, während 
die zweite sich auf gewöhnliche Krystalle mit convexen p und q 
bezieht. In dieser findet man für jede Abweichung zwei Mes- 
sungen, eine für die nächstliegenden, die andere für die entfern- 
testen Bilder p uud q. Aus dem Vergleich beider Tafeln lässt 
sich erkennen, wie gleichförmig und gering die Abweichungen 
in den Fällen grösserer Einfachheit, und um wieviel stärker und 
ungleichförmiger sie in mehr complicirten Fällen sind. 



64 



1. 

links rechts 

t/2/?=132°29' 131°3i' 

pq = 1 56 2 8 

Bp=\45 23 145 54 

Bq=lA6 26 146 29 



1. r. 

132° 29' 132° 2' 

2 24 2 6 

145 48 145 54 

146 46 146 31 



3. 



2°34' 

145 52 

146 40 



r. 

132°18' 
2 27 

145 48 

146 26 





4. 




5. 








6. 






r. 




r. 




1. 




r. 




1. hint. 


mp 


= 132° 


16' 


131° 


39' 


134° 


49' 


136° 


16' 


133° 58' 












134 


7 


134 


57 


131 56 


pq 


== 1 


52 





1 


• 4 


36 


6 


29 


3 5 












8 


44 


10 


42 


7 15 


Bp 


== 145 


41 


145 


51 


144 


53 


145 


28 


















143 


37 




Bq 


= 146 


16 


146 


26 


146 


56 


148 


56 


















147 


5 





m p 
pq 
Bp 
Bq 



7. 

1. r. r. h. 

138°47' 135°27' 136°19' 

135 9 134 39 133 11 
8 50 5 57 5 43 
14 41 8 44 11 16 

145 5 147 55 

143 22 143 58 
147 58 147 48 

144 51 145 7 



r. 

135° 34' 
133 49 
6 

10 

143 



147 
147 



38 
16 
52 

46 
17 



An einfachen Krystallen ist die Polyedrie von u 2 variabler 
und oft wenig deutlich, vielleicht weil die Zwillingsebene fehlt, 
die die Lage der Kante p q unwandelbar bestimmt. Daher kommt 
es, dass diese Kante zuweilen der oberen, zuweilen der unteren 
Kante mu % parallel ist (Fig. 55), und noch eine dritte Facette 
r auftritt, in welcher die Eläche w 2 im Sinne der Zone u % B 
nach der Seite von B abweicht. An diesen Krystallen findet 
sich auf der Kante Bu % eine Fläche «, welche gegen B unter 



65 

156° 4' geneigt ist. Dies findet in einfacheren Fällen oder dann 
statt, wenn die Hemiedrie von p und q nahezu so deutlich wie 
bei den Zwillingen ist. Indessen kommt es auch vor, dass auf 
jeder Fläche u 2 beide p und beide q vorhanden sind, die einen 
wie die anderen in mehrfacher Wiederholung. Zum Verständniss 
möge die Fig. 56 dienen, welche einen Theil eines Krystalls 
vielfach vergrössert genau wiedergiebt. Wenn sich die Facetten 
/?, q, r auf u 2 mit allen ihren ausspringenden Winkeln fänden, 
so würden sie wie in Fig. 54 (links) liegen. 

An einfachen Krystallen habe ich, gleichwie an Zwillingen, 
die Facetten p und q bisweilen glänzend und eben , bisweilen 
etwas convex, und dann viele Bilder mit starker Abweichung 
reflektirend, gefunden. Die folgende Tafel enthält blos die Mes- 
sungen an glänzenden Krystallen, wobei zu bemerken, dass auch 
die B oft in vier Facetten getheilt sind, ähnlich denen des 
schwefelsauren Manganoxydul-Kalis (Fig. 17), in welchem Fall 
das Mittel der für B gefundenen Werthe angegeben ist. 



1. 2. 

1. r. 1. r. 



pm = 131° 


41' 132° 29' 


131° 51' 131° 58' 


pq = 1 


39 2 37 


1 52 l 52 


Br = 147 


42 148 11 






Bp = 145 


21 145 51 


145 41 145 28 


Bq = 146 


20 146 44 


146 24 146 14 


3. 


4. 


5. 


6. 


r. 


r. 


r. 


1. 


131° 43' 


132° 6' 


131° 47' 


131° 41' 


1 49 


1 54 


1 51 


1 46 


148 38 


148 28 




147 43 


146 8 


146 1 


145 29 


145 28 


f47 23 


146 48 


146 34 


146 14 



Wenden wir uns nun wieder zu den Krystallen mit doppelter 
Zwillingsbildung, so begegnen wir zuweilen solchen Gruppen, 
bei welchen die Verwachsung in zwei Richtungen erfolgte. Dar- 
aus folgt, dass die Kanten pq', qp' (Fig. 53), gemäss dem ange- 
führten Gesetze des Zusammenfallens der den Zwillingsebenen 
entsprechenden Nähte, die eine parallel ist der oberen Kante m /?, 

Zeits. d. d.geol.Ges. XV. 1. 5 



66 



die andere der unteren m'p\ oder, was dasselbe sein würde: die 
erste parallel der oberen Kante mu 2 , die andere aber der un- 
teren. Es folgt, dass in solchen Fällen q und q einspringende 
Winkel bilden. Von einigen der besten derartigen Krystalle habe 
ich folgende Werthe erhalten, von denen die des ersten Tableaus 
sich auf Krystalle ohne H beziehen, und wobei sich bemerken 
lässt, dass die Abweichungen von p und q bei Gegenwart von 
B grösser sind. 



1. 





1. 




r. 








1. 




r. 1. h. 


mp = 


132 


35' 


131° 


26' 




132° 31' 


132° 


22' 131 °57' 


m p — 


132 


27 


132 


38 




132 5 


131 


57 131 53 


pp =z 


2 


54 




2 


54 






3 13 


2 


38 2 39 


qq' ±z 





45 







45 






47 





48 43 


PQ = 


1 


45 




1 


44 






1 8 


1 


30 1 28 


qp = 


1 


53 




1 


44 






1 57 


1 


40 1 46 








3. 












4. 








1. 






r. 






1. 




r. 


mp 




132° 


39' 


132° 


21' 


131° 


51' 


132° 19' 


mp 




J 32 


46 


132 


29 


132 


6 


132 16 


pp' 




3 


16 




2 


28 


2 


7 


2 13 









41 







37 





44 


42 


pq 




2 


6 




1 


33 


1 


42 


1 28 


qp' 




2 


3 




1 


26 


1 


23 


1 41 




mp 




m'p 




pp' 


vi 


pq' 



5. r. 135° 42' 137° 13' 7° 47' 10° 16' 10 ! 57' 



6. 



134 31 136 18 10 40 10 9 31 



qp Bp ßp' Bq Bq' 

5. r. 10° 45' 144° 46' 144° 33' 148° 17' 147° 23' 

6. r. 10 59 144 11 144 10 147 30 148 26 

Bevor wir weiter gehen, wollen wir bemerken, dass der 
Winkel mu 2 (Fig. 43) wenig abweicht von mm'", wie auch die 
Differenz zwischen Cm und Cu 2 sehr gering ist, und dass diese 
Differenzen nicht dazu dienen können, die Flächen m und u 2 an 
sich zu unterscheiden, deren Lage nicht immer constant ist. Am 
besten geschieht dies durch die den u eigene Polyedrie. (Auch 



67 



sind sie grösser als die m). Aber die Krystalle des schwefel- 
sauren Kalis finden sich häufig in Gestalt sechsseitiger Doppel- 
pyramiden, deren Flächen sämmtlich gleichartig und gleich aus- 
gedehnt sind, was daher rührt, dass sie nicht, wie man glauben 
sollte, einfache Krystalle, sondern Drillinge sind, die sich von 
denen Fig. 45 nur dadurch unterscheiden, dass die Flächen m 
sich ausgedehnt haben , wodurch der einspringende Winkel der 
u 2 verschwunden ist. Von den Endkanten dieser Pyramiden 
sind also abwechselnd die einen durch die m des einen Indivi- 
duums, die anderen durch die m zweier benachbarten Individuen 
gebildet. Fände keine Abweichung statt, so würde die Neigung 
der Flächen in jenen = 131° 8', in diesen = 130° 12' sein. 
Dass es wirklich Drillinge sind, erkennt man bei nicht gleich- 
förmiger Ausdehnung der m, weil dann an den abwechselnden 
von den m zweier Krystalle gebildeten Kanten sich die Fläche 
u % (Fig. 57) einsetzt, die einem Krystall angehört, der in der- 
selben Ebene nicht genau mit dem m des anderen zusammenfällt, 
und grob gestreift zu sein pflegt. Wenn aber alle m gleiche 
Ausdehnung haben, so kann man die Zwillingsbildung dadurch 
erkennen, dass man den Krystall in eine warme und concentrirte 
Auflösung von schwefelsaurem Kali taucht, worauf dann bei 
seiner raschen Vergrösserung die einspringenden Winkel der u 2 
mehr oder minder deutlich zum Vorschein kommen. 

Da die doppelten Zwillinge nach der Axe a am meisten 
verlängert sind, so treffen die Zwillingsebenen die Flächen u 2 . 
Die B und u d welche von jenen schief getroffen werden, erleiden 
dadurch keine merkliche Veränderung. Da indessen zwischen 
den m und u 2 nach dem weiterhin Anzuführenden eine grössere 
Aehnlichkeit herrscht, als man dem zweigliedrigen System gemäss 
voraussetzen möchte, so suchte ich zu erfahren, ob die m bei 
ihrem Zusammentreffen mit den Ebenen der doppelten Zwillinge 
irgend eine Veränderung erleiden. Die Beobachtung glückte bei 
einigen sehr verwickelten Gruppen, wie z. B. Fig. 58, die von 
der ähnlichen Fig. 57 doch wesentlich verschieden ist. Ich nehme 
an, dass m und rri" zweien nach e % verwachsenen Krystallen 
angehören, wie in Fig. 46, jedoch dadurch verschieden, dass in 
dieser die Theile der Gruppe nach aussen gekehrt sind, an wel- 
chen e und e und m und m in sehr stumpfen ausspringenden 
Winkeln zusammenstossen, hier aber im Gegentheil die entgegen- 
gesetzte Seite die äussere ist, an welcher e" mit e" und jjl mit 

5* 



68 



jj/ einspringende Winkel bilden; dass ferner die Krystalle, denen 
|ji und \i zugehören, in einer neuen doppelten Verwachsung nach 
e sich befinden, aus welcher die Nähte cy, cy hervorgehen, die 
den Kanten m"u" 2 , rri" u" ' parallel sind. Aber anstatt auf ?/ 2 , 
wie gewöhnlich, finden sich diese Nähte auf m" und [i und auf 
rri" und j.t', die bei der Art der Verwachsung allein sichtbar sind. 
Deswegen behält der Krystall nach der zweifachen Zwillingsver- 
wachsung die Form , die er nach der ersten Verwachsung von 
{4 und \jJ nach e % hatte. Zuletzt haben sich an jeden der beiden 
Krystalle rri' und rri" die m und rri in gewöhnlicher Verwach- 
sung nach e angefügt. Nachdem ich mich von den Neigungen 
in der Zone Ae 2 überzeugt und sie übereinstimmend mit der 
angenommenen Stellung der Individuen gefunden hatte, maass 
ich die wechselseitigen Neigungen der m und fand links m rri' 
= 130° 48', mm" = 130° 26'; rechts mm" =t 130° 6', 
m'iri" == 130° 34'. Dies will sagen, dass der Theil von m, der 
von der doppelten Zwillingsebene unter sehr stumpfem Winkel 
getroffen wird , aus seiner Lage nicht merklich verrückt ist, in- 
sofern jene Winkel dem berechneten (130° 12') nahe kommen. 
Ferner fand ich links m p 127° 3' (m'V = 3° 45'), m>' = 
126° 32' (m'V = 3° 54') und rechts m jx = 126° 39' (m'> 
= 3° 27'), mV = 127° 27' (/a"V == 3° 7'). Der Theil der 
Flächen m also, der mit jx bezeichnet ist, und von der Zwil- 
lingsebene unter spitzem Winkel getroffen wird, weicht von seiner 
normalen Lage um etwa 3j Grad ab, und seine Abweichung 
erfolgt im Sinne der Zone von m und der Zwillingsebene. 

Aus den im Anfang dieses Abschnitts gegebenen Messungen 
ergaben sich sehr kleine Unterschiede der Neigungen Cm (Fig.43) 
und Cw 2 , so wie der rri"m und mu t . Da dieselben kleiner 
sind als diejenigen , welche wir als Folge der Polyedrie dieser 
Flächen gefunden haben, könnte man schliessen, dass die geo- 
metrischen Bedingungen der m und u 2 ganz identisch seien und 
ihr Unterschied nur in physikalischen Verhältnissen liege, d. h. 
man könnte behaupten, dass die gewöhnliche Form des schwefel- 
sauren Kalis die geometrischen Eigenschaften des rhomboedrischen 
Systems haben würde, wenn nicht an der Pyramide m"\ m, w 2 
die Polyedrie der beiden gegenüberliegenden u 2 von derjenigen 
der vier Flächen m verschieden wäre , wodurch die Symmetrie 
der rhomboedrischen Formen aufgehoben wird. Wenn die Nei- 
gung mm'" = 131° 8', mu 2 == 130° 42' gefunden wurde, so 



69 



i würde dieser kleine Unterschied nur daher rühren, dass die Ab- 
i weichungen der m andere sind als die der u % . Ausser der Po- 
i lyedrie giebt es noch andere Verschiedenheiten zwischen m und 
i ii 2 oder zwischen den Theilen des Krystalls, welche den m, und 
I denjenigen, welche den u % entsprechen. Während die Erschei- 
nungen des polarisirten Lichts nach Art zweigliedriger Krystalle 
erfolgen, ist der Unterschied in der Art der Vergrösserung der 
Krystalle im Sinne der u 2 verglichen mit der nach m sehr be- 
merkenswert!). Wir werden an einem anderen Ort den deut- 
lichen Wechsel der geometrischen Eigenschaften bei Krystallen 
der nämlichen Substanz, hervorgebracht durch die Verschieden- 
heit der Symmetrie (Polysymmetrie) besprechen; hier bemerken 
wir nur, dass wenn schwefelsaures Kali aus einer Lösung an- 
schiesst, welche schwefelsaures Natron enthält, natronhaltige 
Krystalle entstehen, an welchen die beschriebenen Unterschiede 
zwischen w undw 2 verschwinden, der Symmetrietypus des rhom- 
boedrischen Systems sich offenbart, und nur eine Axe doppelter 
Brechung vorhanden ist. Gewöhnlich zeigen sie drei Pyra- 
miden n, m, t (Fig. 59), von denen die beiden ersten gegen die 
Endfläche C fast dieselbe Neigung haben wie w 3 , u 2 (Fig. 43) 
oder n, m gegen die analoge Fläche C der Krystalle mit zwei 
optischen Axen. Unter besonderen Umständen habe ich sie mit 
deutlichen Zeichen von Hemiedrie erhalten (Fig. 60); dann sind 
die m sehr glänzend und eben, die jx etwas convex und stark 
polyedrisch , gerade so wie wir es an u % bei zweigliedrigem 
Symmetrietypus fanden. Oft sind es Zwillinge von ganz beson- 
deren nicht weiter bekannten Eigentümlichkeiten, höchstens an 
den Quarz erinnernd. Hier will ich zunächst nur ihrer Polyedrie 
gedenken. 

Fig. 61 stellt eine Zwillingsgruppe dar, an der oben zwischen 
den Flächen tri und m" anstatt der einen convexen Fläche p> 
die ebene Fläche m eines anderen Individuums erscheint. Da 
wo die Flächen beider zusammentreffen, an den Kanten mm und 
mm", finden sich die Facetten /?, p\ p" mit folgenden Charak- 
teren: 1) entfernen sie sich meist nur wenig von der Lage von 
m, zuweilen aber sehr merklich, wie die nachstehende Ueber- 
sicht zeigt. 2) Sind sie gewöhnlich mehr oder minder wellen- 
förmig, in seltenen Fällen glänzend und eben. 3) An einer und 
derselben Kante findet sich blos eine Facette /?, in anderen Fäl- 
len deren zwei oder drei ; im letzteren Fall stossen sie unter ein- 



70 



springenden Winkeln zusammen. 4) Da wo die m und e' bei 
ihrer verhältnissmässig grösseren Ausdehnung sich schneiden 
würden, ist die Kante durch die Facetten q, q ersetzt, die gegen 
m geneigt sind wie die p. 5) Wenn die Flächen n und t an 
den Kanten Cm' und m e vorkommen, so bilden sich auch an 
den Kanten, welche m seitlich mit n oder t macht, Facetten 
ähnlich den p. Am unteren Theile der Gruppe erfolgt dasselbe, 
auch dort treten zwischen m und m" die Facetten p auf. 

Die Abweichungen der p von der Lage von m sind sehr 
veränderlich, und der nachfolgenden Uebersicht gemäss ist das 
Minimum 1° 27', das Maximum 17° 39'. Für die q und die 
zuletzt erwähnten gelten ähnliche Bedingungen; da sie aber viel 
seltener als p sind, habe ich sie nicht besonders angeführt. Die 
Beobachtung lehrte, dass an Krystallen gleichzeitiger Bildung aus 
einer Auflösung die Divergenz der p von m nur geringen Ver- 
änderungen unterliegt. Zu weiterer Erläuterung gebe ich die 
Messungen von fünf verschiedenen Krystallanschüssen, bezeichnet 
mit A, B, C, ö, E. Von jedem Anschuss habe ich vier Kry- 
stalle, Nr. 1 bis 4 bezeichnet, gewählt, und nachdem ich an 
jedem einzelnen die Abweichungen der p von m bestimmt hatte, 
habe ich blos die genaueren Messungen mitgetheilt. Bei den 
Krystallen aus A und D, welche der Fig. 61 ähnlich waren, 
und oft die beiden Facetten p und p' hatten, wurden die Ab- 
weichungen beider vermerkt, falls beide deutliche Bilder gaben. 
Diese konnte ich nur sehr selten von p" erhalten. 



A. B. ' C. D. E. 

i mp m p mp mp mp mp' mp 

116° 39' 15° 51' 12° 27' 9° 25' 5° 16' 2° 49 

~ 1 16 31 3° 4' 15 23 12 21 7 46 2 13 

| |16 17 3 32 14 52 12 19 1 56 

1 1 6 12 3 47 11 53 1 54 

1 16 9 11 26 1 49 

16 13 15 35 12 20 6 17 3 27 1 51 

^ 116 58 14 46 11 49 6 16 3 22 1 48 

d Jl6 8 14 19 10 49 6 16 1 46 

* Jl5 47 10 36 1 31 

M5 41 10 34 1 27 



71 







A. 




B. 


C 




D. 






E. 




mp 


771 p 


771 J) 


mp 


771 p 


mp' 


771 p 




|!6° 


46' 


4 (1 


1 FS '3 1 ' 
U öl 


10° 


38' 


CO AO' 

O 40 


3° 


19' 


9 StA' 
£ 44 


CO 


Il6 


31 


4 4 


15 28 


10 


11 


6 37 


3 


24 


2 23 


6 ' 


( 16 


26 


3 53 




9 


58 








1 47 




! 15 


36 






9 


12 












15 


29 


3 9 




9 


11 












17 


39 




15 1 


11 


3 


6 11 


2 


41 


3 48 




16 


44 




14 43 


11 


2 


5 49 


2 


53 


2 46 


i| 


16 


31 






10 


49 








51 




16 


12 


3 54 




9 


58 












15 


28 


3 17 

















Die Krystalle C erhielt ich dadurch, dass ich die Sublimate 
der Fumarolen von der Vesuveruption des Mai 1855 auflöste 
und krystallisiren Hess. Sie zeichnen sich durch den Glanz auf 
p aus. An einigen Exemplaren aus solcher Lösung, die in 
Fig. 62 vergrössert dargestellt sind, sieht man die drei Pyra- 
miden w, m, t und die Flächen s einer vierten stumpferen. Letz- 
tere sind stark gestreift, und schneiden sich abwechselnd mit ein- 
springenden Winkeln. Sie sind zugleich polyedrisch in der Rich- 
tung der Streifen nach der Zone C, ?z, m; C, n\ m etc.; und 
geben schwache Bilder, die ihre Neigung zu C nicht genau be- 
stimmen lassen. An den besseren fand ich Cs zwischen 156 
und 157 Grad. Nimmt man für diesen Winkel 156° 47' an, 
und für ja (Fig. 60) das Symbol 100, so würden die £, welche 
die Kanten Cm abstumpfen, 133, und die, welche C(A abstum- 
pfen, 5 5 11 sein. Man kann sie mithin für besondere Flächen 
von bestimmten und einfachen Ausdrücken halten, wiewohl sie, 
zum Unterschied von den übrigen, ausser ihrer Polyedrie noch 
die Eigenthümlichkeit besitzen, sich unter einspringenden Winkeln 
zu schneiden. An Fig. 62 sieht man auch die Facetten jo, denen 
in Fig. 63 ähnlich, und über ihnen, an Stelle der vergrösserten 
«, eine andere unregelmässig gestreifte Facette, welche mit zwei 
Flächen s einspringende Winkel macht. 

Als ich an diesen Krystallen die sehr glänzenden p zum 
ersten Mal sah, war ich nicht zweifelhaft, sie als besondere 
Flächen zu betrachten, und war nur erstaunt, dass sich ihrer 
niemals zwei an derselben Kante fanden, wie die Symmetrie ver- 



72 



langt, und während sie an einigen Kanten vorhanden waren, an 
anderen fehlten, als wäre ihre Gegenwart oder ihr Fehlen oder ihr 
Auftreten rechts oder links an kein Gesetz gebunden. Als ich 
versuchte ihr Symbol zu bestimmen, fand ich, dass innerhalb der 
Grenzen der Neigungen pm an den vesuvischen Krystallen drei 
Symbole liegen , und habe mir nachstehend die Mühe genom- 
men, eine Reihe von Symbolen zu berechnen, die sich aus den 
Neigungen pm ergeben würden, zum Belege für den Fall, wo 
aus der Polyedrie Flächen hervorgehen, die mit Krystallflächen 
bestimmter Art verwechselt werden können. 



mp 


Symbol. 


mp 


Symbol. 


15° 55' 


8 2 T 


5° 54' 


22 2 I 


12 50 


10 2 r 


5 25 


24 2 I 


10 43 


12 2 1 


5 


26 2 T 


9 14 


14 2 I 


4 39 


28 2 I 


8 5 


16 2 r 


4 . '20 


30 2 T 


7 12 


i8 2 r 


4 4 


32 2 T 


6 30 


20 2 r 


3 49 


34 2 I 



Indem ich andere Einzelnheiten an diesen optisch einaxigen 
Krystallen des schwefelsauren Kalis übergehe, bemerke ich, dass 
einige bei ihrer Vergrösserung neue Eigenschaften erlangten. 
Ursprünglich waren sie von C und m begrenzt, und ohne Zei- 
chen von Hemiedrie oder Zwillingsbildung. Als sie in eine Auf- 
lösung von schwefelsaurem Kali gebracht wurden, welche freie 
Schwefelsäure und schwefelsaures Natron enthielt, hatten sie sich 
nach einigen Tagen mässig vergrössert, nnd an Stelle der End- 
kanten der Pyramide m waren zwei Facetten p entstanden, die 
in einem einspringenden Winkel zusammenstiessen. Diese Facetten 
sind grob gestreift, geben schwache Bilder und ihre Lage ist 
eine solche, dass ihrer zwei so in Bezug auf m liegen, wie dies 
in Fig. 61 der Fall ist. Aehnlich liegen p' in Bezug auf m\ 
und p" auf m". Eben dieselben Krystalle zeigten auf den Seiten- 
flächen des Prismas einige tiefe Aushöhlungen von unregelmäs- 
siger Gestalt, die aus der Wiederholung der p auf ihnen ent- 
standen waren, und an denen die p gleichfalls einspringende 
Winkel bildeten. 



73 



Chromsaures Kali. 

Dieses mit dem vorigen isomorphe Salz giebt je nach der 
Art des Anschiessens Krystalle, welche die beiden Symmetrie- 
typen des zweigliedrigen und des sechsgliedrigen Systems zeigen. 
Die letzteren, welche sich bilden, wenn die Auflösung hinreichend 
chromsaures Natron enthält, habe ich immer nur von C, m und 
e begrenzt gesehen, ohne irgend ein Zeichen von Zwillingsbil- 
dung oder eine besondere Art von Polyedrie. Die von zweiglie- 
drigem Typus sind gewöhnlich von J5, 0, 0, u 3 (Fig. 64) 
begrenzt, und zeigen besonders hinsichtlich und starke Ab- 
weichungen , so dass oft, besonders bei rascher Vergrösserung 
in warmen und etwas sauren Auflösungen, beide gekrümmt und 
zu einer einzigen convexen Fläche vereinigt sind. 

Schwefelsaures Ammoniak. 

Ich kenne die Krystalle dieses Salzes nur von zweiglie- 
drigem Symmetrietypus. Sie bilden sich glänzend aus sauren 
und neutralen Auflösungen, und unterscheiden sich von denen 
des Kalisalzes durch eine Hemiedrie (Fig. 65) und vollkommene 
Spaltbarkeit nach C*). Ferner sind die u 2 nicht polyedrisch 
im Sinne der Zone mu t sondern nach u 2 e' 2 , wie sich aus der 
Lage der Facetten p und q ergiebt, welche durch die Verrückung 
von u z entstehen. Wo jene Facetten recht deutlich waren, habe 
ich das aus der Figur ersichtliche Gesetz der Hemiedrie nur be- 
stätigt gefundeD, so wie, dass sie gewöhnlich eine unregelmässig 
gekrümmte Oberfläche haben. Während die Neigung Bu 2 = 
145° 50' ist, fand ich an zwei guten Krystallen links Bp 149° 
15', 148° 56'; Bq 136° 50', 136° 29'; rechts. Bp 149° 45', 
150° 30', Bq 135° 55', 136° 29'. An einem Krystall, der u 2 
deutlich hatte, war u p 8° 54' und 5° 30', u t q 12° 24'. 

Die Hemiedrie zeigt sich dadurch, dass m\ m" grösser sind 
als 7^, m"\ und dass blos die ersten parallel den Kanten rri v 
oder m A, m" A' gestreift, und, wie sich aus der Richtung der 
Streifen voraussehen lässt, polyedrisch sind, die eine im Sinne 
der Zone rri die andere nach m A\ während den m und rri" 
dieser Charakter fehlt. 



*) Die Angabe bei Brooke und Miller, dass A die Spaltungsfläche 
sei, beruht wohl auf einem Druckfehler. 



74 



II. Polyedrie in der Richtung einer Zone. 

Die hierher gehörigen Erscheinungen sind häufiger als die 
im ersten Abschnitte erörterten , und werden wir uns hier auf 
einige der wichtigsten Fälle beschränken. Wir bemerken, dass 
diese Art der Polyedrie die Ursache derjenigen Streifung ist, 
die auf Krystallflächen nur in einer Richtung vorkommt, obwohl 
man zuweilen, wie aus dem Früheren hervorgeht, bei genauer 
Untersuchung neben der Hauptabweicbung auch noch eine andere 
schwächere findet. 

Schwefelkies. 

Von allen seinen Flächen sind die des Oktaeders am wenig- 
sten veränderlich , die übrigen erleiden jedoch Störungen, die nicht 
an allen Krystallen sichtbar sind, und die hier neben Abweichun- 
gen in der Richtung zweier Zonen auftreten , so dass nur des 
Zusammenhanges wegen die ganze Erscheinung erst hier be- 
schrieben wird. Die Flächen des Würfels A und des Pyrito- 
eders e sind oft stark gestreift parallel ihren Combinationskanten 
und unterliegen einer Abweichung in der Zone , deren Ebene 
senkrecht auf jenen Kanten ist. Indessen entspricht der Charak- 
ter der Streifen nicht dem Grade der Polyedrie, und ich habe 
oft stark gestreifte Würfelflächen nur ein einziges und glänzendes 
Bild geben sehen, während in anderen Fällen bei leichter Strei- 
fung eine Mehrzahl reflektirter Bilder ihre Verrückung andeutete. 
Dies scheint daher zu rühren, dass eine andere Ursache, wirk- 
samer als die Polyedrie, die Streifen der Würfelflächen hervor- 
zubringen pflegt. Es ist die Neigung der Flächen des Würfels 
und Pyritoeders , sich vielmehr unter einspringenden als aus- 
springenden Winkeln zu schneiden. An einzelnen glatten Kry- 
stallen (wahrscheinlich von Schemnitz), welche durch die Tiefe 
der einspringenden Winkel ein seltsames Aussehen haben, sind 
die Pyritoederflächen ziemlich gross, die eine e von links gleich- 
sam ganz und gar nach rechts versetzt, während umgekehrt die 
andere (rechts von A liegende) e nach links gerückt erscheint. 
Was ich von den Flächen des Würfels gesagt habe, wiederholt 
sich an denen des Pyritoeders, und an diesen habe ich ferner 
beobachtet, dass sie, wenn sie mit anderen Pentagondodekaedern 
combinirt sind, im Sinne der nämlichen Zone stärker polyedrisch 



75 



sind. An einer Abänderung, welche sich unter ganz gleichen 
Umständen bei Vlotho in Westphalen und bei Sandonato in Cala- 
e • brien findet, kommt das Pyritoeder e und das Pentagondodekaeder 
I e % vor (Fig. 66). An sechs Krystallen des erstem wichen die 
, von e reflektirten Bilder um 0° 18' bis 2° 32' ab, die von e % 
von 0° 16' bis 3° 14'. Wenn man wie beim Harmotom die 
j Wirkungen der Polyedrie eliminirt, ist die Neigung von e gegen 
, e 2 von 167° 18' bis 168° 35' variabel.. Wenn e % durch das 
j Symbol 450 ausgedrückt wird, so ist der berechnete Winkel 
167° 55'. Die genannten Flächen schneiden sich mit einsprin- 
genden Winkeln sowohl in der Richtung der Würfelkanten als 
auch nach den Diagonalen der Würfelflächen. Diese Erscheinung 
lässt sich verschiedentlich deuten. Man kann die Krystalle als 
hemiedrisch und als Zwillinge betrachten, wenn man sie auf ein 
vom regulären verschiedenes Axensystem bezieht, weil in jenem 
die Axen des einen Individuums parallel wären denen des an- 
deren, und also keine wirkliche Zwillingsbildung stattfände. An- 
dererseits kann man sie als holoedrische und einfache Krystalle 
ansehen, mit dem den Flächen e und e 2 gemeinsamen Gesetz, 
1 an der Aussenfläche des Krystalls einspringende Winkel zu bil- 
den, wenn sie nicht hemiedrisch sind. 

Wenn das gebrochene Pentagondodekäeder dessen Symbol 
241 ist, vorkommt, so sind die Pyritoederflächen auch nach der 
Zone polyedrisch, deren Ebene normal zur Kante ne ist. An 
einem Krystall aus Cornwall, anscheinend nur vom Pyritoeder e 
gebildet, bemerkte ich, dass dessen Flächen nicht in der gewöhn- 
lichen Richtung, sondern in einer darauf senkrechten gestreift 
sind. Im Sinne der Streifung liefert jede Eläche viele Bilder, 
deren manche so weit von einander abstehen, dass sie von ver- 
schiedenartigen Flächen reflektirt sein könnten. Ich fand, dass 
die Streifen durch Wiederholung der Flächen 0, ri, die beide 
polyedrisch sind, mit abwechselnden ein- und ausspringenden 
Winkeln entstehen. An fünf von den zwölf Flächen habe ich 
nur die am meisten entfernten Bilder unterscheiden können, 
zwischen denen sich ohne merkliche Unterbrechung in einem 
schwach erleuchteten Felde die übrigen Bilder undeutlich wieder- 
holen ; die Abstände der äussersten fanden sich == 25° 8', 25° 
31', 25° 36', 25° 50', 26° 10'. Zwei andere Flächen gaben 
nichts Bestimmtes; auf den übrigen fünf Hessen sich mehre Bil- 
der in einem hellen Felde wahrnehmen , welches von den ent- 



76 

ferntesten durchsetzt wurde. Folgendem sind die Resultate der 
Messungen: 



nen == 

1. 2. 3. 4. 5. 

3° 8' 8° 21' 10° 1' 12° 9' 24° 28' 
9 2 8 58 11 20 14 2 25 12 
12 3 9 29 12 7 21 15 

12 57 10 51 22 10 24 32 

13 39 14 8 

14 11 21 10 
22 15 



Um die Abweichungen, welche sich hiernach auf jede der 
Flächen ra, e, ri beziehen, zu verstehen, muss man sich erinnern, 
dass bei normaler Lage nri = 26° 12', ne — ri e = 13° 6' 
ist. Mithin liegen die Abweichungen von e in zwei entgegen- 
gesetzten Richtungen derselben Zone, aber die von n und ri 
liegen für jede einzelne allein in der Richtung von e. Wir sehen 
hieraus — und andere Beispiele werden es bestätigen — dass 
das Zusammentreffen der Flächen unter sehr stumpfen Winkeln 
eine für ihre Polyedrie günstige Bedingung ist. 

Dieselben Flächen n, polyedrisch nach der Zone n, e, sind 
es zugleich nach A, n, und diese beiden Richtungen finden sich 
gewöhnlich nicht an den Flächen eines Krystalls vereinigt. 

Die Flächen die häufiger als n sind, unterliegen oft einer 
Abweichung im Sinne der Zone des Oktaeders und Pyritoeders ; 
minder häufig ist ihre Verrückung nach der Zone die ich 

nur bemerkte, wenn die Kanten Am durch n abgestumpft sind. 

An den Krystallen, an denen, wie gesagt, die Pyritoeder- 
flächen einspringende Winkel mit denen des Würfels bilden, fand 
ich das gebrochene Pentagondodekaeder r, das gleich m und n 
veränderlich ist. Sein Symbol würde 10 6 1 sein, und die da- 
nach berechnete Neigung Ar — 31° 19', er = 6° 35', rr' — 
61° 44', rr" = 9° 48'. 

An vier Krystallen habe ich folgende Werthe gefunden : 



77 



l. 



3. 



4, 



Ar 



rr' 



30° 4b' 30° 14' 30° 10' 31° 32' 
31 9 30 32 31 14 
31 29 30 46 

9 54 9 18 8 53 

9 41 9 8 

9 21 



er 



3 16 2 3 

4 1 5 37 

5 2 6 42 

6 4 



rr' 



61 46 61 49 



Die Flächen des Leucitoeders gehören zu den seltenen beim 
Schwefelkies. An einem Krystall von Traversella Fig. 67, der 
den Würfel A, das Pyritoeder e und das Leucitoeder p zeigt, 
sind die Kanten Ap durch die kleinen Flächen q abgestumpft, 
welche einem stumpferen Leucitoid angehören müssen, das dem 
Symbol 733 entsprechen würde, da die berechnete Neigung 
pq = 4°4', 5; pq" = 66° 27', 5; pp'" = 70° 32' ist, während 
ich fand: 

Zone p,q,q"',p" 1°11';3°46'; 4°37'; 5»33'; 67°57'; .... 69° 28'. 
Zone p'q',q",p" 52; 3 16; 3 57; .... 66 0; 66° 32'; 70 2. 

Vergleicht man diese Werthe mit den berechneten Winkeln 
(für die normale Lage) von p und q, so findet man, dass beide 
polyedrisch sind nach denselben Zonen ; allein die p sind es blos 
in der Richtung nach q^ während die die sehr stumpfe Win- 
kel mit A und p bilden, in zwei entgegengesetzten Richtungen 
derselben Zone sowohl nach A als nach p hin abweichen. Ob- 
wohl übrigens das Zeichen von q nicht geradezu unwahrschein- 
lich ist, gehört es doch nicht zu den einfacheren. Und da die 
Divergenz von q aus der Lage von jt?, berechnet =4° 4', 5, die 
gewöhnlichen Grenzen der Polyedrie nicht übersteigt, so könnte 
man wohl glauben, dass q nichts weiter als /?, durch Polyedrie 
aus seiner Lage verrückt, wäre. Man kann zuweilen schwer 
entscheiden, ob eine Fläche eine ganz bestimmte in normaler 
Lage oder eine polyedrisch modificirte ist. 



78 



T urmalin. 

Die Combinationskanten des sechsseitigen Prismas e und 
des dreiseitigen m werden nicht selten von hemiedrischen Flächen 
abgestumpft, deren man gewöhnlich zwei unterscheidet, nämlich 
s mit dem Symbol 413 und / = 312, (Fig. 68) deren Neigung 
gegen e = 13° 54' und 19° 6' ist. Selten sind Krystalle, an 
denen das sechsseitige Prisma m und diese beiden sechskantigen 
Prismen vollzählig sind, d. h. sich auch an den Kanten r finden. 
Ein solcher vollständiger Krystall würde am Goniometer von e 
bis m vier Bilder geben, deren Abstände vom ersten respektive 
= 13° 54', 19° 6', 30° 0' sind; bei entgegengesetzter Drehung 
würde ein Bild bei 30° erscheinen. Bei vielen und namentlich 
stark gestreiften Turmalinprismen finden sich bei der ersten 
Drehung viele Bilder von unbestimmter Zahl und veränderlicher 
Entfernung, welche die veränderliche Lage der Flächen e, j, /, 
/// hervorruft. Unter alleiniger Berücksichtigung der deutlichsten 
Bilder erhielt ich in solchem Fall folgende Resultate: 



1. 



2. 



3. 



rechts 
27*36' 
29 30 



links 
3° 9 
11 51 

19 49 

29 24 

30 3 



54 29 12 

1 35 30 17 




20 42 
26 22 

29 32 

30 35 



L r. 
28° 9' 0°32' 
29 48 1 36 

11 56 

12 22 
22 22 
30 27 

45 1 36 

2 28 29 36 

3 44 

10 42 

11 58 
29 27 





0°28' 
5 31 
9 24 

20 7 

21 34 

23 49 

1 54 
11 16 

14 9 

24 33 



1 10 

5 56 
7 54 
15 28 

22 52 

23 52 



r. 
0°46' 
23 
26 46 
31 21 



1 14 

17 56 
19 20 
23 46 
27 29 
29 17 

1 3 

5 36 

6 40 

23 5 

24 4 



4. 

L 

C 41' 
2 33 
13 1 
20 8 
27 33 

29 17 

2 31 

17 11 

18 58 

27 29 

28 20 

30 30 

1 40 
9 26 
12 28 



r. 
19°32 
29 47 



14 54 
27 44 
30 13 







1. 

4° 26' 
5 17 

22 4 

23 7 
28 22 
31 9 



r. 
4° 5 
8 6 
22 15 
28 51 



4 49 4 17 

9 20 22 1 

23 40 23 3 

24 18 24 22 



24 30 
30 26 

4 14 

5 2 
5 57 
9 18 

22 30 
30 24 



25 25 
29 34 

43 
8 42 
25 21 
29 50 



Nr. 1 ist ein grüner Turmalin aus Brasilien, Nr. 2 bis 4 
sind Krystalle von Elba, der erste röthlich, die beiden anderen 
lagenartig verschieden gefärbt; Nr. 5 ist Rubellit aus Sibirien. 



79 



An den Krystallen Nr. 1 bis 3 fand ich die Winkel r = 
120° mit kleinen Abweichungen, die nicht über 20' gingen, und 
an ihnen Hessen sich Flächen nicht entdecken. Dasselbe habe 
ich vielfach beobachtet, so dass die Polyedrie von e in Beziehung 
zur Hemiedrie von m steht, in der Art dass jene aus ihrer nor- 
malen Stellung bloss da abweichen, wo sie an £in m anstossen. 
Andererseits gehört diese Eigentümlichkeit ihrer Verrückung in 
blos einem Sinne, wie diejenige der j, s und m, unter die all- 
gemeine Regel, wonach das Zusammentreffen von Flächen unter 
sehr stumpfen Winkeln der Polyedrie günstig ist. 

Der mit Nr. 4 bezeichnete Krystall bot den seltenen Fall 
des Vorkommens von j, / und m auch an den Kanten r dar und 
zwar mit denselben Erscheinungen von Polyedrie, wie diese Flächen an 
den Kanten von e zeigen, d.h. hier ist keine bestimmte Hemiedrie der 
Prismen vorhanden Nennt man r, r die Flächen, welche an den 
gleichnamigen Kanten liegen, so war links er = 2 1 32', 28° 46' , 
er = 0° 29', 7° 48', 8° 24', Ii 23'; und rechts er = 7° 9', 
8° 48', 9° 58', 13° 33'; er = 20° 3', 21° 17', 27° 26', 28° 
57'; er = i2° 22'. 

Nr. 5 zeigte die nicht minder seltene Erscheinung deutlicher 
Hemiedrie neben Polyedrie der e sowohl auf Seite der m als 
auch auf der entgegengesetzten nach den Kanten r. Ich musste 
hier unter den verschiedenen Bildern von e das auswählen, wel- 
ches seiner normalen Stellung am besten entspricht, und die in 
der vorstehenden Tafel als Ausgangspunkte für die Messungen 
gewählten Bilder gaben ee = 59° 56', e e" links = 59° 48', 
ee" rechts = 60° 10'. Als ich aber den Krystall von e nach r 
drehte, sah ich in kurzem Abstände von den ersten gewählten 
Bildern andere entstehen, die mir gaben: links er = 0° 49', 
1° 12'; er' = 0° 25', 1° 27', 2° 1'; e"r = 0° 24', und rechts 
er = 0° 18', 0° 49', 1° 17'; er = 2° 31'; e" r' = 0° 57', 
2° 12'. 

Korund. 

Wir beschränken uns darauf, die Erscheinungen der Poly- 
edrie an einer Reihe von Dihexaedern zu untersuchen, zunächst 
vom TW, dessen abwechselnde Endkantenj durch das Spaltungs- 
rhomboeder A abgestumpft werden, dann der schärferen gleicher 
Ordnung, welche zwischen ihm und dem Prisma q liegen. Wir 
wollen diese Reihe allgemein mit p bezeichnen, in der bekannt- 
lich verschiedene Formen angenommen werden (Vgl. die zweite 



80 



Tafel). Bei der Untersuchung einiger glänzenden Krystalle von 
Saphir aus Ostindien habe ich die Neigung der Endfläche höchst 
veränderlich gefunden und deshalb sechs der besten Krystalle 
ausgewählt. Die zweite Tafel enthält die Messungen und die 
entsprechenden Flächenzeichen der Reihe /?, wobei als Grund- 
lage der Messung die Neigung der Endfläche n gegen m = 
118° 49' genommen ist. Ich hätte diese Reihe noch sehr aus- 
dehnen können, wenn ich auch die Messungen aufgenommen 
hätte, welche nm kleiner als 93° 30' gaben, weil beim Fort- 
schreiten zu kleineren Winkeln ein Unterschied von 5 Minuten 
und weniger hinreicht, um ein neues Symbol aufzustellen, welches 
nicht complicirter als die übrigen sein würde, 



n:m, p, q n:m , p, q n\m p q 

l r. L r. 1. r. 

118°45' 118°40' 118°51' 118°11' 118 °35' 118°57' 

113 45 102 94 27 93 93 14 101 48 

100 20 98 2 92 49 89 51 95 53 

93 9 94 22 89 54 86 22 94 26 

91 23 92 46 92 56 

90 19 90 24 89 59 



1. 



3.< 



P, 9 




n : m\ 


P-> 9 


n : m 


r. 


1. 


r. 


1. 


118°40' 


118 


3 51' 


1 18° 1 i' 


1 18°35' 


102 





94 


27 


93 


93 14 


98 


2 


92 


49 




89 51 


94 


22 


89 


54 




86 22 


92 


46 










90 


24 










118 


41 










107 


29 


109 


32 


110 6 


103 19 


102 


37 


95 


34 


102 35 


97 49 


96 


58 


84 


17 


97 27 


96 13 


83 


47 






95 31 












89 56 




118 


47 


118 


49 


118 45 


118 35 


87 


31 


99 


16 


112 7 


93 56 






97 


24 


93 51 


92 23 






92 


45 


93 4 












92 29 




118 


45 


118 


53 


118 36 


118 32 


95 


44 


94 


57 


100 27 


96 2 


85 


11 


93 


41 


93 23 


91 26 


83 


58 


90 


17 


89 18 





118 48 
|107 24 
'105 46 
il03 18 

96 6 

94 28 

118 54 118 47 118 49 118 45 118 35 118 57 
100 24 87 31 99 16 112 7 93 56 90 9 
92 53 97 24 93 51 92 23 87 23 



118 33 

99 24 95 44 94 57 100 27 96 2 100 44 
l 94 35 85 11 93 41 93 23 91 26 99 16 
93 6 
90 28 



81 



1. r. 1. r. 

n : m', p\ q n : m" p" q" 

118°24' 118°56' 118°47' 

89 32 90 21 90 43 92°13' 

88 45 +0 58 87 28 90 2 

—0 57 —2 16 +2 18 

An dem letzten Krystall befanden sich beide Endflächen, 
jedoch nicht genau parallel; ihre Abweichung im Sinne jeder 
der drei Zonen ist mit -)- (die Seite der Convergenz) und mit 
— (die entgegengesetzte) bezeichnet. 

Berechnete Neigungen von Dihexaedern der Reihe p gegen 
die Endfläche n : 



np 




Symbol 




np 




Symbol 


115° 5' 


= 10 


3 


4 Miller 


98 


3 16' 


= 13 


3 


7 M. 


114 38 


17 


5 


7 Hausm. 


97 


50 


9 


1 


7 M. 


113 45 


7 


2 


3 


97 


23 


19 


2 


15 


112 25 


11 


3 


5 


96 


58 


10 


1 


8 


110 9 


4 


1 


2 M. 


96 


17 


11 


1 


9 


107 28 


9 


2 


5 M. 


95 


43 


12 


1 


10 


105 23 


5 


1 


3 M. 


95 


14 


13 


1 


11 M. 


103 45 


11 


2 


7 M. 


94 


50 


14 


1 


12 


102 25 


6 


1 


4 


94 


29 


15 


1 


13 M. 


100 24 


7 


1 


5 M. 


93 


56 


17 


1 


15 


99 22 


23 


3 


7 


93 


42 


18 


1 


16 


98 22 


17 


2 


13 H. 


93 


30 


19 


1 


17 



Natürlich entsteht die Frage, ob die verschiedenen Flächen 
der Reihe, deren Vorhandensein durch die Neigungsunter- 
schiede nachgewiesen erscheint, wirklich verschiedene Flächen 
oder Resultate der Polyedrie einer gegebenen kleinen Anzahl 
solcher sei. Diese Frage scheint mir leicht zu beantworten, nach- 
dem die Polyedrie bekannt ist, und sehr stumpfe Winkel als 
günstige Bedingung für sie erkannt sind, denn danach dürfen 
wir nicht zweifeln, dass die Mehrzahl jener scheinbaren Flächen 
nur eine Wirkung von Polyedrie ist. Aber welches sind die 
wahren Flächen, und welche sind nur Abweichungen derselben? 
Ein Hülfsmittel ist sicherlich die Einfachheit der Symbole, allein 

Zeits. d.d. geol. Ges. XV. «. 6 



1. r. 

In : m,p, q 

118° 9' 119° 3' 

107 43 90 21 

91 27 88 19 

89 48 —1 19 
+ 1 18 



82 



es leitet uns nicht in allen Fällen, da wir die Grenzen einfacher 
Flächenzeichen nicht kennen, und ein solches, welches für eine 
Substanz einfach sein kann, für eine andere dies vielleicht nicht 
ist. Ein anderes Mittel beruht auf der Beständigkeit der Nei- 
gungswinkel von Flächen bestimmter Art, wenigstens in vielen 
Fällen. Uebrigens stösst man trotzdem auf Fälle, die keine Lö- 
sung des Zweifels gestatten, und dann hat man blos zu unter- 
suchen, wie weit die Ungewissheit reicht. 

Schwefelsaures Zinkoxyd - Natron. 
(Na S + Zn S) + 4 aq. 

An den zwei- und eingliedrigen Krystallen dieses Doppel- 
salzes finden sich zwei Prismen u und u 2 (Fig. 69) der Hori- 
zontalzone, deren Neigung etwa 160 Grad beträgt, und die ge- 
wöhnlich sehr glänzend sind. Ihre Kanten sind meist durch 
zwei kleine Flächen zugeschärft, die nicht minder glänzend und 
die aus ihrer Lage gerückten u und u 2 sind. Wir wollen beide 
r nennen. Aussergewöhnlich ist der ganze Theil von wund ?/ 2 , 
welcher dem Winkel r nahe liegt, und der an den untersuchten 
Krystallen vollkommen eben war und nur ein sehr lebhaftes 
Bild gab, also in seiner Lage für stabil zu halten wäre, dennoch 
veränderlich. Die Variationen finden sich bei den gleichwerthigen 
Winkeln eines Krystalls gleichwie bei denen verschiedener Kry- 
stalle. Man, erkennt diesen Umstand, von dem bereits beim 
schwefelsauren Kali die Rede war, leicht aus den beiden folgen- 
den Tafeln, die zugleich beweisen, dass während uu meist merk- 
lich verschieden von u" u" in jedem Krystall ist, die Summe 
beider an allen gemessenen Krystallen dieselbe ist. Dieselbe 
Bemerkung gilt für die Winkel n % u" und u i u\. 

Die isomorphen Doppelsulfate der Magnesia, des Eisenoxyduls, 
Kobaltoxyds etc. besitzen dieselbe Polyedrie, ich habe sie indessen 
nicht in guten Krystallen erhalten, vielleicht weil sie nur in der 
Wärme krystallisiren, und die dadurch bedingten Strömungen in 
der Flüssigkeit der regelmässigen Krystallbildung hinderlich sind. 
Das Zinksalz habe ich durch Umkrystallisiren erhalten, als ich 
die Lauge während fünf Tage bei einer Temperatur von 22 bis 

23 Grad dem freiwilligen Verdunsten überliess. Als darauf der 
Himmel klar wurde, bildeten sich einzelne Krystalle, welche in 

24 Stunden eine Grösse von 6 bis 8 Millim. erlangten. In der- 



83 



selben Flüssigkeit befand sich ein kleiner Krystall von schwefel- 
saurem Natron, der mir die Temperaturgrenze angab, bei welcher 
das Zink -Natronsalz (entgegen den analogen Salzen) krystallisirt, 
ohne sich in die beiden einfachen Salze zu zersetzen. Nachdem 
die Krystalle zu den Messungen der ersten Tafel gedient hatten, 
brachte ich sie in eine andere Auflösung von schwefelsaurem 

' -Zinkoxyd Natron, welche bereits zu krystallisiren anfing und ein 
wenig freie Schwefelsäure enthielt, weil frühere Versuche gezeigt 

| hatten, dass sie die Krystallisation des Salzes bei niederer Tem- 
peratur begünstigt. Da feuchtes Wetter eintrat, blieben die Kry- 
stalle ohne sichtliche Veränderung acht Tage in der Flüssigkeit. 

| Als sie nach dem Wiedereintritt trockner Witterung 7 bis 9 Mm. 
erreicht hatten, zeigten sie die Flächen r sehr verändert, und 

I während sie zuvor nur ein Bild reflektirten und sich selten mehr 
als 3 Grad von der Lage von u und u z entfernten, gaben sie 

I jetzt meist zwei oder mehr Bilder, indem sie in kleine Facetten 
getheilt waren, und ihre Abweichung von der Lage der u und u 2 
i überstieg oft 5 Grad, wie aus der zweiten Tafel hervorgeht. 

! Auch die Winkel uu , etc. fand ich an den vergrösserten Kry- 

h stallen veränderlich, konnte aber aus Mangel an Merkmalen für 

! die früher gemessenen keinen direkten Vergleich anstellen , so 
dass dieselben Zahlen in beiden Tafeln nicht die nämlichen Kry- 
stalle bezeichnen. 



K rys 
1. 

uu = I13 n 23' 

u u ' = 112 33 

u % w a ' = 105 52 
u 2 ' w a "' = 
u r = 
u r' = 

u r' = 2 33 

u" r" = 2 36 

u 2 r = 2 40 

« a V = 2 51 

w a "r" = 4 6 
w a "' V" = 



alle aus reiner Au 

2. 3. 4. 

112°51 112°36' 113° 4' 

113 12 113 17 113 2 

106 24 106 13 106 21 

105 33 105 33 105 48 
2 57 

2 14 

2 40 

2 2 2 13 48 
2 33 

2 57 5 3 

3 36 2 31 

3 53 



'1 ö s u n g. 

5. 6. 7. 
113M2' 112'43' 112°24 
m 48 113 21 113 52 

105 34 106 36 106 17 

106 13 104 46 105 15 

3 22 

2 51 

3 7 

2 2 3 34 

2 29 

2 47 

3 14 



84 



Krystall e aus ei n e 


r etw 


is sauren Auflösung. 






1. 


2. 


o. 


4, 


5. 6. 


7. 


U Ii ' 




H2042 


112°44' 


113°21' 


112° 42' 


U3°ll' 113»2' 112*37' 


u" u"' 




112 16 


113 19 


112 47 


113 13 


113 22 113 23 


113 38 




— 


105 24 


105 29 


105 17 


106 15 


105 33 105 16 


105 31 


w a '" 2 " 


— 


106 28 


106 23 


106 23 


106 28 


106 22 106 33 105 59 


u r 


— 


5 19 


1 37 


2 28 




2 10 




u r 


• — 


2 47 


2 6 




33 


2 35 5 29 










3 47*) 




2 34 






u" r" 


— 




2 6 




1 46 


4 48 2 17 














2 24 


5 29 3 50 




u r 


— 




1 12 


3 57 


1 39 


2 24 3 38 


1 48 








2 38 


6 29 


2 12 


4 16 


3 39 


u a r 


— • 


3 34 




2 53 


2 7 


3 28 29 


2 14 






6 15 








4 47 6 28 


4 8 


u 2 ' r 


= 


2 5 


3 37 


41 


2 33 


3 37 


5 26 






5 24 


4 19 








6 38 


M a " r" 




4 11 


4 58 


3 14 


2 38 


39 


2 31 






4 46 


b 57 


5 17 




6 46 


5 58 


u a "' r" 




2 42 


2 42 


32 


3 36 


141 


2 2 










8 11 


4 31 


5 33 




Zw 


ß i - 


und ei 


n glie dr 


i ger s 


aurer w 


ein steinsaurer 



S tr ontian. 



Sr 0. C 8 H 5 O 11 +4 aq**). 

Diese Krystalle bilden sich in Auflösungen von weinsteinsaurem 
Strontian mit grossem Ueberschuss freier Weinsteinsäure, aber sie 
entstehen oft auch in viel weniger sauren Flüssigkeiten , welche 
das eingliedrige Salz geben ***) ; in diesem Fall beginnt die Bil- 
dung beider gleichzeitig, da aber im Verlaufe des freiwilligen 
Verdunstens die Flüssigkeit immer saurer wird, so hört die Ver- 
grösserung der eingliedrigen Krystalle auf, und nur die zwei- 
und eingliedrigen wachsen fort. Daher kommt es, dass man 
Gruppen erhält, an welchen letztere in jene eingedrungen sind. 
Fig. 70 stellt unser Salz dar, sehr vollkommen spaltbar nach C. 



*) Wenn die r mehr als zwei Bilder gaben, sind die Divergenzen 
der nächsten und fernsten angeführt. 

**) Gefunden 22,82 pCt. Sr O, berechnet 22,65. 

***) Ueber dieses s. meine Untersuchungen über die Hemiedrie. Nuovo 
Cimento Aprile 1855 und Pogg. Ann. Bd. 109. 373. 



85 



Ausser dieser sind alle Flächen grob gestreift parallel den Kan- 
ten mit ihr, weshalb sie meist undeutliche Bilder geben, und 
wenn nur eins, dann mit grossen Differenzen in den gleichwerthi- 
gen Neigungswinkeln. Der Grund davon liegt in der starken 
[ Polyedrie der Flächen o, o 3 , «, ß, welche nur darum bisweilen 
1 ein Bild reflektiren , weil sie dann eine der vielen möglichen 
I Lagen innerhalb ihrer Abweichungen besitzen. Im Folgenden 
stehen die Messungen an acht Krystallen mit glänzenden Flächen, 
welche bei zwei Bildern das Mittel sind. 









1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


6. 


7. 


8. 




C os 






126°11' 


125° 29' 


123°57' 


124« 16' 


125° 27' 


127° 6' 


128° 25' 


122° 


41' 




hinten 




124 44 


125 33 






120 34 


127 40 


124 40 






Co 






108 45 




102 36 


103 29 




104 20 


102 7 


102 


9 




h. 




102 29 


102 44 








102 49 




102 


18 


Cu 






103 33 


98 5 


104 31 


102 50 


105 27 


103 18 


103 14 


101 


12 




h. 




101 56 


103 7 


101 40 


102 1 


101 34 


101 50 


101 35 


102 


18 


u 






115 58 


115 43 


114 47 


114 50 








114 


25 



Saures weinsteinsaures Natron. 
NaO. C 8 H 5 O 1 1 +2 aq. 

Die Krystalle dieses Salzes fallen je nach der Beschaffenheit 
der Flüssigkeit sehr verschieden aus. Aus einer Auflösung des 
reinen Salzes erhält man sehr feine Nadeln ohne gut bestimm- 
bare Flächen. Enthält die Flüssigkeit etwas von dem löslicheren 
neutralen Salze, so schiesst das Bitartrat in langen rhombischen 
Prismen, von den Flächen m begrenzt (Fig. 71) an, die einem 
|sl Rhombentetraeder angehören. Vermehrt man die Menge des 
lr neutralen Salzes, bis sie die des sauren übertrifft, so fallen die 
j[ Krystalle des letzteren immer kürzer und dicker aus, und zeigen 
; e eine unregelmässig convexe Endfläche (Fig. 72). Ist endlich 
p das Verhältniss des sauren Salzes ein ganz geringes^ so verkürzen 
i sich seine Krystalle bis zur Linsenform. Fügt man einer Auf- 
lösung von neutralem weinsteinsauren Natron so viel Salpeter- 
säure hinzu, als nöthig ist etwa die Hälfte des Natrons zu neu- 
tralisiren , so bilden sich Krystalle des Bitartrats von ähnlicher 
i Form wie die bei Gegenwart des neutralen Salzes. Alle diejeni- 
| gen aber, welche nicht viel länger als breit sind, zeigen die auf 
! einander rechtwinkligen Flächen B und C, von denen letztere 
sehr vollkommene Spaltungsfläche ist, und ferner u % und u 3 . 

i 



86 



Alle diese Seitenflächen sind gewöhnlich glänzend und geben, 
mit Ausnahme von C, zwei Bilder, welche bei den Krystallen, 
die sich aus der neutrales Salz enthaltenden Auflösung gebildet 
hatten, ~ bis 1 Grad von einander sich entfernen, während diese 
Entfernung öfters über 6 Grad beträgt bei denen, deren Auflö- 
sung salpetersaures Natron enthielt. Einmal erhielt ich im letz- 
teren Fall einige isolirte mit B aufgewachsene Krystalle, welche 
in der Horizontalzone nur w 3 zeigten; diese waren deutlich in 
zwei, das obere B in drei Facetten getheilt, während eine Fläche 
C sehr klein zu bemerken war. Bezeichnen B' und B" die an 
u 3 stossenden Theile von B, so ergaben die Messungen an drei 
Krystallen : 



links rechts 1. r. 1. r. 

BB' = 1° 5' 0°40' 

BB" = 6 14 4 41 6°54' 

Bu 3 = 128 24 121°45' 129 7 122°13' 128 20 120°56' 

124 13 118 58 123 53 118 16 124 16 118 39 

Bu\ = 122 30 126 51 122 36 127 1 126 10 121 18 

118 16 124 3 119 25 124 29 117 26 



Da die Aufwachsungsfläche B nicht glänzend war, so wurde 
die Neigung von u 3 rechts gegen B links gemessen, wobei ich 
das Mittel von 3 Bildern der letzteren nahm, und daraus wurde 
ihre Neigung gegen B rechts abgeleitet, vorausgesetzt, dass beide 
B parallel seien. Bei Nr. 1 und 3, wo ein Theil des unteren 
C frei war, fand ich (Nr. 1.) C B" = 92° 58', CB' = 86° 
44', CB = 85° 38' und (Nr. 3.) CB" = 92° 38', CB = 
85° 50'. 



Saures traubensaures Natron. 
NaO. C 8 H 5 O' 1 + 2 aq. 

Man erhält es ziemlich leicht in Krystallen , sowohl aus 
Flüssigkeiten, welche das leichter lösliche neutrale Salz enthalten 
als auch aus reinen Auflösungen. In beiden Fällen entstehen 
zwei Arten von Krystallen, die einen von eingliedrigem Charakter, 



87 



die anderen anscheinend zwei- und eingliedrig, oder vielleicht 
zweigliedrig hemiedrisch. Ist die Auflösung warm und so Con- 
centrin, dass sie Krystalle giebt, ehe sie sich mit der Tempera- 
tur der Umgebung ins Gleichgewicht setzt, so sind die ersten 
Krystalle eingliedrig; diese vergrössern sich dann, und zugleich 
entstehen die zweigliedrigen. Aus einer Auflösung, die beim 
Stehen erst nach einigen Tagen krystallisirt , entstehen beide 
Formen, vorherrschend aber die zweigliedrigen. Unter anderen 
Umständen bilden sich bald die einen bald die anderen. Sie 
scheinen chemisch nicht verschieden zu sein, weil jede Art, für 
sich aufgelöst , beide Formen liefert. Eine Natronbestimmung 
gab in den eingliedrigen 16,29 pCt. , in den zweigliedrigen, 
16,23 pCt. (berechnet 16,3 pCt.) 

Aus dem über ihre Bildung Gesagten ersieht man, dass die 
Bedingungen für die Entstehung der einen oder anderen Art 
nicht so sehr verschieden sind, um ihre gleichzeitige Bildung in 
derselben Flüssigkeit zu verhindern. Die eingliedrigen nicht 
minder wie die zweigliedrigen Krystalle entstehen unter Bedin- 
gungen, welche die Grenze erreichen oder überschreiten, jenseits 
deren ihre Symmetrie eine Aenderung erleidet, oder, nach dem 
gewöhnlichen Sprachgebrauch , ihr Krystallsystem sich ändert. 
Es entsteht natürlich die Frage, ob die Molekularkräfte, welche 
mit gegebenen Elementen eine Krystallform hervorbringen, in 
Gegenwart anderer Kräfte, welche aus denselben Elementen eine 
andere von jener verschiedene Form erzeugen, verschieden wenig- 
stens in der Symmetrie der Flächen, so auf einander wirken, 
dass sie sich gegenseitig stören , und vorzüglich , ob sie auf die 
Entstehung der Polyedrie Einfluss haben. Da ich hierauf nicht 
genügend antworten kann, so beschränke ich mich auf die Be- 
merkung, dass die fraglichen beiden Formen stark polyedrisch sind. 

Die eingliedrigen Krystalle sind selten einfach (Fig. 73), 
meist Zwillinge (Fig. 74, 75). Die Flächen A der einfachen 
Krystalle sind eben oder ganz wenig convex, die der Zwillinge 
sind nur convex in verschiedenem Grade. Unter den übrigen 
sind die e am meisten glänzend und eben ; gewöhnlich reflektiren 
auch die C\ welche die Zwillings- und Spaltungsflächen sind, nur 
ein Bild ; die übrigen Flächen der Zone B C geben zwei Bilder, 
die um etwa 4 Grad divergiren. Ausser dieser Polyedrie findet 
man an ihnen noch grössere Differenzen bei der Messung ihrer 
Winkel mit C\ In der folgenden Tafel finden sich die Messungen 



88 



an drei einfachen Krystallen und an drei Zwillingen, woraus er- 
hellt, dass die Neigung Cü von 138° 26' bis 129° 51' variirt; 
ebenso BC = 110° 7' bis 101° 22'; C'w 2 =* 144° 56' bis 
141° 3'; C'u = 121° 28' bis 118° 27'. 





Einfache 


Krysta 


He. 








1. 




2. 


3. 




Ks U 


= 135° 


52' 


138° 


36' 


4O4 
lOl- 


1 o 


Cü hint. 


= 130 


14 


133 


54 


135 


2 








129 


51 


131 


47 


CB 


= 103 


31 


110 


7 


105 


43 








105 


19 






ÜB h. 


= 102 





104 


48 


109 


14 


C'u z 


== 142 


32 


144 


56 


142 


31 


Cu % h. 


= 142 


49 


141 


3 


144 


32 


C'u 


= 119 


58 






118 


27 


Cu h. 


= 119 


21 












118 


50 











Zwillinge. 

1. 2. 3. 

links rechts 1. r. 1. r. 

Cü = 135°26' 135°13' 135°17' 135°52' 134°52' 

131 13 131 39 132 27 

CB = 104°44' 106 27 98 29 101 22 

104 53 

Cu 2 m 141 56 143 4 143 27 143 24 

142 54 

Cu = 121 28 



Die zweigliedrigen Krystalle des sauren traubensauren Na- 
trons sind meist einfach, an beiden Enden von A (Fig. 76), den 
Spaltungsflächen, und von e begrenzt, die in der Mitte von A 
einspringende Winkel bilden ; bisweilen sind es Zwillinge (Fig. 77), 
welche ausser A und 0, die hier zur Seite von A liegen, noch 



89 



die Flächen # 2 , 3 , <? 4 haben, die zugleich hemiedrisch sind, da 
e i und e x da liegen, wo die Axen a beider Krystalle den spitzen 
Winkel bilden, e und e 3 aber auf der entgegengesetzten Seite. 
Die Flächen A f e, e 2 , e ^ gleichwie o pflegen glänzend zu sein, 
jedoch ß an den einfachen Krystallen und an den Zwillingen 
sind stark polyedrisch in der Zone u4e. Insbesondere sind die 
B solchen Verrückungen unterworfen, dass der Abstand ihrer 
Bilder 16 Grad beträgt, und sich an den Grenzen ihrer Abwei- 
chungen eine neue Fläche von einfachen Zeichen finden dürfte. 

Es ist merkwürdig, dass diese Krystalle, obgleich sie durch 
ihre Symmetrie von den vorigen sehr verschieden sind, doch in 
den Winkeln der Zone Ae denen der Zone BC (Fig. 73) ent- 
sprechen. Mit einer Correction für die drei kleinen Differenzen 
fand ich an den zweigliedrigen Ae =■ 142° 44'; Ae % = 133° 
12'; Ae z = 119° 23'; Ae K = 105° 44'. Hieraus ersieht man 
leicht, dass e = w 2 , e 3 = u, e t = e 4 = B sind. 



Ich hätte die Zahl der Beispiele von Polyedrie noch sehr 
vermehren können, glaube jedoch nicht, dass dies zur Begrün- 
dung meiner Ansichten nöthig sei. Nur hinsichts einiger Mine- 
ralien, wie Kalkspath und Quarz , hätte ich gern von den Ab- 
weichungen gesprochen, denen sehr viele Flächen ihrer mannich- 
fachen Krystalle unterliegen, indess konnte ich beim Mangel einer 
genügenden Sammlung von ihnen bis jetzt noch nicht zu einer 
vollständigen Kenntniss ihrer Polyedrie gelangen. 



III. Unbestimmte Polyedrie* 

An vielen Krystallen findet man auf gewissen Flächen eine 
Theilung durch hervortretende Linien in veränderlichen Richtun- 
gen, gleichsam sehr stumpfe Kantenwinkel von veränderlicher 
Lage, wie die mehrfache Wiederholung der von ihnen reflek- 
tirten Bilder in kurzen Entfernungen andeutet. Unter den vielen 
Beispielen dieser Art gedenke ich hier nur der Flächen A am 
schwefelsauren Zinkoxyd -Natron (Fig. 69), welche nie vollkom- 
men eben sind. Vergrössern sich die Krystalle schnell in einer 
Auflösung bei etwa 50 Grad, so liegen die zahllosen Facetten, 



90 



welche durch die Verrückung von A entstehen, so verwirrt durch 
einander, dass sie gar kein deutliches Bild geben. Bei lang- 
samer Vergrösserung durch freiwilliges Verdunsten erscheint die 
Theilung auf A deutlicher; jede Facette reflektirt ein Bild, allein 
es lässt sich weder ihre Zahl noch die Richtung der Kanten, in 
denen sie sich schneiden, erkennen. 

Es muss hervorgehoben werden, dass zwischen den Abwei- 
chungen der Flächen in bestimmten Richtungen und den ganz 
unregelmässigen kein solcher Unterschied vorhanden ist, dass sie 
nicht unter Umständen in einander übergehen könnten. Auch 
wenn die Polyedrie sich deutlich nach mehren bestimmten Zonen 
zeigt, bemerkt man häufig, dass die Facetten nicht genau in 
diesen Zonen liegen, und dass sie um einige Grade aus den bei- 
den entgegengesetzten Theilen der Zonenebene abgelenkt sind. 
Deshalb werden polyedrische Flächen so häufig etwas convex. 
Wir haben dies bereits am Flusspath und am schwefelsauren 
Kali gesehen, und es ist also die Sache nicht so einfach, wie sie 
auf den ersten Blick erscheint. Dieselben Flächen, welche an 
vielen Krystallen ziemlich bestimmte Abweichungen in bestimmten 
Zonen zeigen, wie die B des zweigliedrigen schwefelsauren Man- 
ganoxydul-Kalis (Fig. 17) oder die Oktaederfläche des Alauns 
bieten an anderen Krystallen solcher Substanzen nur undeutliche 
Polyedrie dar. Und umgekehrt sieht man die Fläche A des 
obenerwähnten Zinksalzes zuweilen grob gestreift parallel den 
Kanten Ao, was auf eine grössere Neigung, nach dieser Zone 
abzuweichen, deutet. Diese Flächen A übertreffen an Grösse 
alle übrigen, und es pflegt überhaupt die unbestimmte Polyedrie 
den ausgedehntesten Flächen eigen zu sein. 

Es giebt noch eine andere Art unbestimmter Polyedrie, die 
sich durch kein Zeichen auf den Flächen kund giebt, aber durch 
Messungen sich erkennen lässt, indem man dann ihre Lage nicht 
der Regel gemäss findet. Man sieht dies ziemlich leicht an spie- 
gelnden Flächen, die nur ein Bild geben, und die anstatt parallel 
zu sein gegen einen unbestimmten und veränderlichen Punkt hin 
convergiren. Allerdings könnte man diese Erscheinung von be- 
stimmter Polyedrie ableiten. So z. B. sehen wir die Oktaeder- 
flächen des Alauns genau nach drei festen Richtungen abweichen, 
indem ihre Dreitheilung in Facetten einem Pyramidenoktaeder 
entspricht, allein nicht selten findet sich nur eine dieser Facetten, 
welche, da sie nur ein Bild giebt, als die Oktaederfläche in nor- 



91 

i 

maier Lage erscheinen kann. Wenn nun anf der Parallelfläche 
blos eine der anderen beiden Facetten vorhanden ist, so kann 
sie nicht parallel der ersten sein , und der Convergenzpunkt 
beider wird veränderlich sein, da die Lage der Facetten dies 
ebenfalls ist. Gleichwohl haben mir die Verrückungen glänzender 
Flächen in veränderlichen oder wenigstens in nicht deutlich be- 
stimmten Richtungen, obschon sie häufig sind, niemals den Grad 
von Divergenz gezeigt, den wir oft bei der Polyedrie in bestimm- 
ten Zonen gefunden haben. (Vgl. das über die Flächen m am 
i schwefelsauren Kali Gesagte). 

Gekrümmte Flächen. Aus dem Früheren ergiebt sich, 
i dass die Krümmung der Krystallflächen nichts als ein Ausdruck 
ihrer Polyedrie ist. Am eingliedrigen sauren traubensauren 
Natron fanden wir die A einfacher Krystalle eben oder sehr 
wenig convex, stark gekrümmt an Zwillingen, so dass die Poly- 
i edrie sich dadurch offenbart, und die Zwillingsbildung die Krüm- 
i mung deutlicher macht, gleichwie sie in anderen Fällen auf die 
i Polyedrie Einfluss hat. Die Krystalle des sauren weinsteinsauren 
i Natrons sind an den Enden von vielen Flächen begrenzt, (Fig. 71, 
72), von denen die mittleren, die mit einander sehr stumpfe 
i Winkel bilden, selten die Flächen Afm^ n deutlich erkennen 
i lassen , die meist in eine convexe oder unregelmässig wellige 
i Fläche zusammenfliessen (Fig. 72). 

i Am D iamant ist die Krümmung der Flächen längst Gegen- 

! stand der Bemerkungen der Mineralogen gewesen. Ich konnte 
i freilich nur 30 Krystalls aus Brasilien prüfen, die mir folgende 
! Resultate gaben. Die Oktaederflächen, welche zugleich die Spal- 
tungsflächen sind, sind stets glänzend und eben, nur gegen die 
: Kanten hin etwas gebogen, wahrscheinlich in Folge des Auftre- 
i tens anderer kleiner Flächen. An zwei Krystallen von deutlicher 
i Würfelform sind die Flächen mit sehr kleinen Pyramiden von 
gekrümmten Facetten bedeckt, deren Kanten den Kanten des 
I Oktaeders entsprechen. Alle anderen Formen habe ich nur con- 
i vex gefunden. Von den Kanten , die aus dem Zusammenstoss 
convexer Flächen entstehen, sind die in Fig. 78 mit d bezeich- 
neten und den Granatoederkanten entsprechenden die am meisten 
hervortretenden. Auch die dem Würfel zugehörigen c sind deut- 
i lieh, aber die des Oktaeders o sind kaum angedeutet oder un- 
sichtbar. Parallel diesen letzteren sind die Flächen oft gestreift 
oder bilden einspringende Winkel von geringer Tiefe. Die mehr 

R 



92 



hervortretenden Kanten weisen auf einen Pyramidenwürfel hin, 
an welchem die Flächen rc, ri einerseits, und ri\ri" andererseits 
in einer Ebene liegen müssten. Allein die Richtung, nach wel- 
cher die Flächen des Diamants vorherrschend gekrümmt sind, ist 
gerade die Zone, deren Ebene senkrecht auf den Oktaederkanten 
steht. An einem Krystall von 5y Millim. Durchmesser, von sehr 
glänzenden und gleichförmig gekrümmten Flächen gebildet, unter- 
nahm ich zu prüfen,, wie die Flächen das Bild des Metallstrei- 
fens reflektiren würden, den ich als Marke bei den Messungen 
benutzte, und fand, als ich die Flächen ri spiegeln Hess, die 
durch keine deutliche Kante getrennt sind, und den Krystall in 
der Zone drehte, deren Ebene gleichsam senkrecht auf o steht, 
dass sich in einem Bogen von etwa 45 Grad eine ununterbrochene 
Reihe horizontaler oder wenig davon abweichender Bilder reflek- 
tirte. Als ich sodann den Krystall mit der Kante c senkrecht 
auf den getheilten Kreis des Instruments einstellte, so dass sich 
beim Drehen den von », ri reflektirten Bildern die von ri\ ri" 
folgten, bemerkte ich, dass die Bilder beider Flächen in dieser 
Stellung drei bestimmte Richtungen hatten, eine horizontale, und 
zwei geneigte nach rechts oder links heruntergehende, deren erste 
in der Mitte dieser beiden lag. Bios die horizontalen Bilder in 
Betracht gezogen, setzten die von n, ri reflektirten ohne Unter- 
brechung in einem 2 bis 5 Grad betragenden Bogen fort, und 
als ich den Kreis des Instruments zu drehen fortfuhr, erschienen 
nach etwa 10 Grad die von n" ri" reflektirten Bilder in einem 
ähnlichen Bogen. Die Bogen aber, welche die Abstände der 
entferntesten Bilder von ra, ri und n" ri" messen , fand ich im 
Mittel etwa === 17 Grad. Als ich endlich den Krystall mit der 
Kante d senkrecht auf den getheilten Kreis, den Winkel a ihm 
zugekehrt, einstellte, beobachtete ich beim Drehen, dass die Flächen 
die Bilder blos in drei bestimmten Richtungen reflektirten, und 
zwar successiv die einen nach den anderen. So sind, mit ri 
beginnend, die ersten Bilder nach rechts abwärts geneigt, dann 
folgen ohne Unterbrechung die horizontalen , und auf diese un- 
mittelbar die nach links abwärts geneigten. Setzt man die Dre- 
hung fort, so kommen nach etwa 16 Grad die von mm reflek- 
tirten Bilder in umgekehrter Ordnung zum Vorschein. Der 
Drehungsbogen für diese Erscheinung variirte von 22 bis 39 Grad, 
im Mittel betrug er etwa 33 Grad. Wenn man also die von n 
und m reflektirten Bilder auslässt, und blos die von ri und m 



93 



in Betracht zieht, so wird der Abstand ihrer entferntesten hori- 
zontalen Bilder etwa = 49 Grad, die der nächsten, wie schon 
bemerkt, etwa ±= 16 Grad. 

Aus der angeführten Art, wie die gekrümmten Flächen des 
Diamants die Bilder reflektiren, kann man, wie mir scheint, nicht 
blos erkennen, welchen Flächenarten sie angehören, sondern auch, 
welches die Art der Abweichung dieser ursprünglichen Flächen 
sei. Aus den von n, ri und von ri\ ri" reflektirten horizontalen Bil- 
dern bei Drehung des Krystalls um die Kante c folgt, dass es die 
Flächen des Pyramidenwürfels 430 sind, für welche die Abweichung 
n ri von n"ri"— 1 6 1 6' ist, und dass die Flächen desselben Verrückun- 
gen von etwa 3 G. im Sinne der Zone erleiden, deren Ebene senkrecht 
auf c steht, und lediglich auf der Seite dieser Kante. Was die Bil- 
der betrifft, welche beim Drehen des Krystalls um die Kanten d oder 
o entstehen, so folgt, dass der Achtundvierzigflächner 432 vorhanden 
ist, wonach rcrc' = 43°36', ri ri" Ä 15° 2' und ri Tri ^ 15° 4' ist. 
Ferner haben wir gesehen, dass bei Drehung des Krystalls um 
o der grössere Abstand der Bilder von n und ri oder nri = 
45 Grad ist, und bei Drehung um d der kleinere Abstand der 
Bilder von ri und tri oder ri m etwa = 16 Grad ist. Wir 
sehen überdies, dass bei der Drehung um d annähernd die hori- 
zontalen Bilder sich auf die Flächen des Pyramidenwürfels, die 
schiefen auf die des Achtundvierzigflächners beziehen. Daraus 
folgt, dass die Flächen des ersteren ausser den Abweichungen 
nach der Zone nn\ ri' ri", noch andere im Sinne der Zone n, ri 
für die beiden entgegengesetzten Richtungen um etwa 5 Grad 
in jeder einzelnen erleiden, und dass die Flächen des Achtund- 
vierzigflächners polyedrisch sind im Sinne derselben Zone, und 
blos auf der Seite der Kante o, um etwa 1 1 Grad. Die dieser 
Form zugehörigen schiefen Bilder bei der Drehung um c zeigen 
für jene noch andere Abweichungen von etwa 3 Grad im Sinne 
der Zone n,' ri" lediglich in der Richtung der Kante c an. 

An dem untersuchten Krystall befinden sich mithin die 
Formen 430 und 432, beide polyedrisch um etwa 10 Grad im 
Sinne der Zone n, ri und um etwa 3 Grad im Sinne der Zone 
ri, ri" \ in der ersten weichen die Flächen 430 nach beiden ent- 
gegengesetzten Seiten ab, und alle übrigen Abweichungen folgen 
sich in einer einzigen Richtung gegen die entsprechenden Kanten 
o oder c. 

Gyps. Das Auftreten convexer Flächen ist bei ihm eine 



94 



gewöhnliche Erscheinung, und nach meinen Beobachtungen ist 
seine Polyedrie sehr veränderlich je nach den Umständen der 
Bildung der Krystalle, so dass dieselben Arten von Flächen, die 
an gewissen Krystallen vollkommen eben sind, an anderen ganz 
convex erscheinen. 

An einer Zwillingsgruppe von Hallstadt (Fig. 79), an wel- 
cher der Krystall o links sich am vorderen Theile der Gruppe 
über o rechts ausdehnt, und daher die Fläche n sehen lässt, 
die bei gleichmässiger Grösse beider nicht sichtbar sein würde*), 
ist n convex und in der Mitte vollkommen glänzend und eben, 
wird aber nach o, C und u hin gekrümmt und gleichsam in 
Facetten getheilt, sd dass diese Theile ri, n' mehre deutliche 
Bilder in der Zone rc, u reflektiren. Ich fand nri = 1° 48', 
3° 47'; nn" — 5° 6', 9° 19'. Lässt auch dieses Beispiel die 
Richtungen nicht erkennen , nach welchen die Verrückung von 
n erfolgt, so genügt es zu zeigen, dass die Krümmung auf Po- 
lyedrie beruht. 

An vielen Krystallen aus Sicilien sind sowohl die n als die 
o gekrümmt, aber jede in besonderer Weise und zugleich mit 
merkwürdiger Regelmässigkeit. Fig. 80 zeigt einen einfachen 
Krystall , an welchem die beiden o zu einer convexen Fläche p 
voller Beulen zusammenfliessen, und die beiden rc, welche grossen- 
theils ganz eben geblieben sind, sich da krümmen, wo sie nach 
q hin zusammentreffen, wo sie also p berühren, dergestalt, dass 
p in den gekrümmten Theil von n übergeht. Wahrschein- 
lich nehmen noch andere Flächen zwischen o und n an der 
grossen convexen Oberfläche der Krystalle Theil. Fig. 81 stellt 
andere Gypskrystalle aus Sicilien dar, an denen die Krümmung 
von o und n noch merkwürdiger ist. Es sind Zwillinge gleich 
denen in Fig. 79, allein ein Individuum ist kleiner als das an- 
dere, so dass jenes diesem aufgesetzt erscheint. An ihnen ver- 
fliessen beide o zu einer convexen Fläche, die durch zwei her- 
vortretende Rippen deutlich in drei Theile getheilt ist, welche 
Scheidungen von der oberen Ecke divergirend nach den Seiten- 
flächen u laufen, so dass der mittlere Theil r sich an die beiden 
seitlichen m so anschliesst, als wenn es zwei verschiedene Flächen 
wären. Die anderen n, die an der Kante Cu eben sind, werden 



*) Zum Verständuiss der Figur sei bemerkt, dass Cu = 124° 19', 
Co = HO - 46', Cn = 108« 9', nu = 131° 0', ou =z 120° 44' ist. 



95 

convex in q und und der Theil /; stösst an th, wie m an r. 
as den oberen kleineren Krystall betrifft, dessen convexe Fläche 
on der Polyedrie der beiden gekrümmten o herrührt wie die 
des grösseren , so würde jene mit diesen eine einzige convexe 
Fläche bilden, wenn sie nicht durch eine flache Furche getrennt 
wären. Die Regelmässigkeit, welche aus dieser Disposition ge- 
krümmter Flächen hervortritt, lässt erkennen, dass dieselben von 
Verrückungen der ursprünglichen Flächen in bestimmten Rich- 
tungen herrühren. 

Strahiige Krystallgruppirung. Die bekannte Eigen- 
tümlichkeit vieler Körper, ihre Krystalle in dieser Art anein- 
ander zu legen, ist theils eine offenbare Gruppirung vieler Kry- 
stalle, theils scheint sie davon herzurühren, dass die Theile eines 
und desselben Krystalls auf der einen Seite sich ausbreiten, auf 
der anderen zusammenziehen. Ich glaube, dass zwischen beiden 
Fällen eigentlich kein Unterschied besteht. Für manche Sub- 
stanzen, wie Aragonit , Mesotyp, Stilbit, Prehnit u. a. ist die 
strahlige Gruppirung ein gewöhnliches und gleichsam unterschei- 
dendes Merkmal, während sie sich bei anderen selten oder nie 
findet. Bei Gelegenheit der Polyedrie der Flächen B des Phil- 
lipsits (Fig. 26) haben wir gezeigt, wie sie convergirend nach 
der Mitte des Krystalls zu abweichen, und dass die Eigenthüm- 
lichkeit sich in Gruppen zu vereinigen hiermit Hand in Hand 
geht, eine nothwendige Folge davon ist. Wenn auf den poly- 
edrischen Flächen eines ursprünglichen Krystalls, der angefangen 
hat sich zu vergrössern , andere kleine Krystalle sich anheften, 
so werden deren Axen um so mehr von den gleichnamigen des 
ersten Krystalls divergiren, je grösser bei ihm die Abweichung 
der Flächen aus ihrer normalen Lage ist. Schreitet die Ver- 
grösserung der kleinen Krystalle fort, die gleichfalls polyedrisch 
sind, so werden die späteren kleineren Krystalle immer mehr 
von dem ersten in ihrer Lage divergiren, und dies, so lange das 
Fortwachsen dauert und sich Raum für den Ansatz neuer Kry- 
stalle auf den Flächen der vorhandenen findet. 

Unter den künstlichen Verbindungen liefern die orthoaxen 
zweigliedrigen) Krystalle des sauren traubensauren Natrons eines 
der besten Beispiele strahliger Gruppirung. Selten sind einfache 
rystalle wie Fig. 76, denn fast immer gehen aus der Mitte von 
ß, welches polyedrisch ist, andere kleinere Kryslalle divergirend 
us , wie man Aehnliches auf rosettenförmigen Gruppen von 



96 



Schwerspath sieht. Wenn diese Gruppirungen einfach sind, so 
ist es leicht sich zu überzeugen, dass sie nur die Vereinigung 
zweier oder mehrer Krystalle nach ihren polyedrischen Flächen 
sind. Wenn aber, wie bei jenem Salze, die Gruppen sehr dicht, 
halbkugelig , aus dünnen strahligen Blättchen zusammengesetzt 
erscheinen, so kann man ihnen doch auch keine andere Entste- 
hung zuschreiben und gelangt zu dem natürlichen Schluss, dass 
die Polyedrie der vorzüglichste wenn nicht der einzige Grund 
der strahligen Aggregation der Krystalle sei. 



Schluss. 

Aus den in dieser Arbeit dargelegten Erscheinungen ergiebt 
sich, dass die Flächen der Krystalle, theoretisch betrachtet, ge- 
mäss den bekannten krystallographischen Gesetzen eine bestimmte 
Lage haben, die sich auch verwirklicht finden kann, während 
sie andererseits einer Veränderung unterworfen ist innerhalb ge- 
wisser Grenzen in Folge einer ihnen zukommenden Eigenschaft, 
welche wir Polyedrie nennen. 

Die Polyedrie kann bei allen Arten von Krystallen stattfin- 
den, mit dem Unterschiede, dass sie bei einigen sehr wenig oder 
nicht merklich, bei anderen mehr oder weniger deutlich ist. 

Sie steht oft in Beziehung zu gewissen Eigentümlichkeiten 
der Krystalle, z. B. mit der Hemiedrie, der Zwillingsbildung und 
dem Vorhandensein sehr stumpfer Kantenwinkel. 

Der Grad der Abweichung, welcher die Polyedrie einer ge- 
gebenen Art von Flächen bezeichnet, übersteigt zuweilen die 
Grenzen, innerhalb deren zwei verschiedene Arten \von Flächen 
in ihren normalen Lagen sich finden können. 

Von den Ursachen, welche den Grad der Abweichung zu 
vergrössern oder zu verkleinern vermögen, kennen wir bis jetzt 
keine mit Sicherheit, und können blos mit Wahrscheinlichkeit 
die schnelle oder langsame Vergrösserung der Krystalle dahin 
rechnen. 

Die gekrümmten Flächen und die strahligen Aggregate sind 
Aeusserungen der Polyedrie in besonderer Art. 



97 



2. Ueber die Kreide am Zeltberg bei Lüneburg. 

Von Herrn A. von Strombeck in Braunschweig. 

(Hierzu Tafel IV.) 

Schon seit langer Zeit ist den Geognosten bekannt, dass am 
Zeltberg bei Lüneburg obere Kreide als weisses Kalkgestein zu 
Tage tritt. Neuere Aufschlüsse verbreiten ein mehreres Licht 
dahin, dass dieser weisse Kalk nicht nur verschiedenen Gliedern 
der Kreide, sondern sogar verschiedenen Etagen derselben zuge- 
hört. Zwar gewährt die Lagerung derselben nichts Abweichen- 
des von dem, was nächst dem Harze auf einem grösseren Land- 
striche zu beobachten steht, und wovon wir die Uebersicht schon 
gegeben haben , gleichwohl möchte das Lüneburger Kreide- Vor- 
kommen nicht ohne Interesse sein. Theils ist an und für~sich 
das Erscheinen von oberer Kreide in der Mitte des norddeutschen 
Tieflandes, zwischen dem Pläner des Harzes und von Westpha- 
len einer Seits und der Kreidebildung von England und an der 
Ostsee andererseits, «für Vergleichungen nicht ohne Bedeutung, 
theils aber bieten fünf Steinbrüche, die am Zeltberg auf kleinem 
Räume betrieben werden , eine derartige Einsicht von der ge- 
sammten Ablagerung, dass die Aufeinanderfolge und die Be- 
schaffenheit der Schichten ohne Schwierigkeiten aufzufassen steht. 
Wir haben in den letzten Jahren wiederholt Gelegenheit gehabt, 
in der Umgegend von Lüneburg Beobachtungen anzustellen, sind 
auch durch die reichen Petrefacten-Sammlungen der Herren Mo- 
ritz, Vater und Sohn, in Lüneburg, die uns ihre Vorräthe mit 
dankenswerther Bereitwilligkeit anvertrauten, in den Stand ge- 
setzt, eine mehrere Uebersicht zu gewinnen als derjenige, der 
nicht Anwohner ist, zu erlangen pflegt. Es möge daher ge- 
stattet sein, in den nachfolgenden Zeilen einen Beitrag zur Kennt- 
niss von der Kreide-Ablagerung am Zeltberg zur Veröffentlichung 
zu bringen. Zwar könnte es angemessener erscheinen, zuvörderst 
die umfassendere Darstellung der obern Kreide nächst dem Harze 
zu geben, allein wir befürchten, dass die Beendigung dieser Ar- 

Zeits. d.d. geoI.Ges. XV. 1. 7 



98 



beit noch einigen Aufschub erleidet. — Im Uebrigen wird in 
Betreff der Orographie auf Volger's Werk über die geo- 
gnostischen Verhältnisse von Helgoland, Lüneburg u. s. w. (Braun- 
schweig 1846) verwiesen. 

Die secundären Gebirgsschichten , welche bei Lüneburg an 
die Oberfläche treten, beschränken sich auf die nächste Umgegend, 
und bestehen die ältesten aus Trias, sofern, wie wahrscheinlich, 
der dortige Gyps, aus dem reiche Soolquellen entspringen, dazu 
gehört. Sicher sind mindestens die h. 7 streichenden und mit 
50 bis 60 Grad in NO. einfallenden Kalkbänke an der Schaf, 
weide (s. diese Zeitschr. Bd. X. S. 80 und Bd. XII. S. 383) 
Lettenkohlengruppe. Gleichwie das Liegende dieser Bänke 
so wird auch ihr Hangendes aus bunten, vorwaltend rothen Tho- 
nen zusammengesetzt. Auf dem angrenzenden Felde in Nord 
und Ost geben sich letztere durch Gräben aufgeschlossen und 
durch rothe Färbung des Ackers, auf dem Räume deutlich zu er- 
kennen, den das Kärtchen Taf. IV anzeigt. Noch weiter östlich 
folgt am westlichen Abhänge des Zeltberges weisses Kreide ge- 
stein. Auf einer geringen Breite zwischen beiden nimmt die Mäch- 
tigkeit der Ackerkrume so weit zu, dass Zweifel über das darunter 
Anstehende bleiben könnten. Die Annahme indessen, dass hier die 
auf der Lettenkohlengruppe ruhenden bunten Mergel des Keupers 
vorhanden wären, erscheint nicht zulässig, weil diese nicht zu Thon 
verwittern \ sondern zerbröckeln , und die keinenfalls sehr bedeu- 
tende Dammerde davon Stücke führen müsste. Vielmehr deutet 
die Beschaffenheit des Bodens und alles Sonstige darauf hin, dass 
jene rothen Thone bis an die Kreide fortsetzen. Die Kreide 
des Zeltberges ruht somit aller Wahrscheinlichkeit nach auf der 
Lettenkohlengruppe, und fehlen der jüngere Keuper und der ge- 
sammte Jura. Auch fehlen Neocom und Gault, da, wie sich 
weiter unten ergeben wird, die vorhandene Kreide jüngeren Eta- 
gen angehört. — Der Zeltberg selbst besteht aus Kreide, die, 
soweit sie nicht zu hoch bedeckt ist , an der Oberfläche zu er- 
kennen steht und auf der Karte bezeichnet ist. Etwas entfernt 
von hier soll man bei niedrigem Wasserstande am Altenbrücker 
Thore weisses Kreidegestein gesehen haben, und in der That 
muss solches dort oder in der Nähe, im Bette der Ilmenau oder 
des Lösegrabens anstehen, da namentlich das Wasser dieses letz- 
tern grosse Blöcke davon auswirft. Ausserdem ist den Nach- 
richten nach, welche Roth (diese Zeitschr. Bd. V. S. 359 ff.) zu- 



99 



sammenfasst, durch Bohrungen und andere Arbeiten weisser Kreide- 
kalk an verschiedenen Stellen in und zunächst bei der Stadt, 
mehr oder minder tief erreicht. Bleiben diese letztern Stellen un- 
berücksichtigt , so beschränkt sich das am Tage wahrnehmbare 
Vorkommen der Kreide auf den Zeltberg und dessen Abdachung 
bis hart an das Bardowicker Thor, so wie dies die Karte Taf. 
IV angiebt. Nördlich und östlich wird dieselbe von Diluvialsand 
mit erratischen Blöcken bedeckt, doch mag sich in weiterer Ent- 
fernung die miocäne Tertiär-Bildung, die am Hügel des 
Ziegelhofes in SO. bei Lüneburg zu Tage geht, Zwischenlagern. 

Der Raum-, auf dem am Zeltberge die Kreide ansteht, deren 
Untersuchung wir beabsichtigen, ist nach Vorstehendem wenig 
gross. Sein Durchmesser erreicht kaum 600 Schritt. Demun- 
geachtet wird sich in geognostischer Hinsicht eine nicht uner- 
hebliche Verschiedenheit ergeben. An der Höhe des Zeltbergs, 
in dem Bruche der Sodafabrik, ist das Streichen der Schichten 
h. 9 mit 45° Fallen in NO., und schliesst sich solches so an das 
des Lettenkohlengesteins auf der Schafweide. Mehr südlich setzt 
sich das Streichen in eine höhere Stunde um, und beträgt am 
Abhänge im westlichen Theile des Rathsbruchs h. 10 bis 11. 
Dabei nimmt der Winkel des stets östlichen Einfallens, von SW. 
nach NO. schreitend , ganz allmälig ab, und hat am nördlichen 
Stosse im östlichen Bruche der Cementfabrik nur noch etwa 10°. 
Die Kreide am Zeltberg befindet sich hiernach nicht nur unter 
sich , sondern auch zum Lettenkohlengestein der Schafweide in 
gleichförmiger Lagerung. Ob und wie dasselbe auch mit de r 
Tertiär-Bildung Statt findet, lässt sich aus den Verhältnissen 
in der Nähe nicht abnehmen. Die gesammten secundären Schich- 
ten Lüneburgs werden einer Erhebungsfalte zugehören, an deren 
Achse, die nahezu von SO. nach NW. streicht, die Trias-Gypse 
einer Seits des Kalkberges und anderer Seits des Schildbergs 
liegen, und deren östlicher Flügel durch die Lettenkohle der 
Schafweide und die Kreide des Zeltberges formirt wird. Dem- 
gemäss gelangt man, rechtwinklig gegen das Streichen von SW. 
nach NO. über den Zeltberg vorgehend, auf immer jüngere 
Kreideschichten. Durch Steinbruchsbetrieb aufgeschlossen, stehen 
die ältesten Schichten im Sodafabrikbruche, die jüngsten im öst- 
lichen Bruche der Cementfabrik an. Dazwischen liegen dem Al- 
ter nach: der umfangreiche Rathsbruch, in dem neuerdings je- 
doch nur der östliche Theil betrieben wird, der Bruch des Herrn 

7* 



100 



Behr, früher Eigenthum von Deetz, und der westliche Bruch 
der Cementfabrik. 

Alle Kreide am Zeltberge ist bis auf einen sehr geringen 
Theil, im bergfeuchten Zustande gelblich- oder grauweiss, trocken 
nahezu schneeweiss. Sie hat erdigen Bruch, wie die weisse 
Schreibkreide, und unterscheidet sich in den älteren und jünge- 
ren Schichten mineralogisch nur dadurch, dass jene etwas fester 
ist. Zu Baustein oder zu Wegebesserungs-Material kann davon 
kein Gebrauch gemacht werden. Aus dem jüngsten Niveau lässt 
sie sich, namentlich feucht, ohne Anstrengung mit den Fingern 
zerreiben, und färbt stark ab. Die ganze Ablagerung zeigt, ohne 
dass das mehr oder mindere Alter einen wesentlichen Unterschied 
bedingte, Bänke von der geringsten bis zu i\ Fuss und mehr 
Mächtigkeit. Die Zerklüftung ist, vorzüglich nahe am Tage, 
nicht unbedeutend. Hin und wieder stellt sich auf den Schicht- 
ablösungen der mittleren Lagen ein dünner Besteg von mildem 
grauem Thonmergel ein. Accessorische Bestandteile sind im 
Allgemeinen selten. Die tiefsten Schichten des Sodafabrikbruchs 
lassen zuweilen Knollen von Schwefelkies, meist kugelförmig und 
von Wallnussgrösse, wahrnehmen; die mittleren Schichten des 
Rathsbruchs zeigen sehr zerstreut, und ohne sich regelmässig in 
bestimmte Lagen zu gruppiren, bis handgrosse Nieren von dunklem 
Feuerstein. Auch in Behr's Bruche stellen sich dergleichen, je- 
doch seltener, ein, während das jüngste Niveau, die Kreide in 
den beiden Brüchen der Cementfabrik davon frei bleibt. Dies 
ist einigermaassen beachtenswerth, weil das Niveau der soge- 
nannten weissen Schreibkreide, wozu, wie sich unten ergeben 
wird, die Schichten der Cementfabrikbrüche gehören, in Rügen, 
England u. a. 0. vorzugsweise Feuerstein - Ausscheidungen der 
Art führt, dass dort die obere Kreide in Kreide mit und ohne 
Feuerstein gesondert ist. Da bei Lüneburg das entgegengesetzte 
Verhältniss Statt findet, so folgt, dass das Vorhandensein oder 
das Fehlen von Feuerstein , wenn auch für bestimmte Gegenden 
ein werth volles Erkennungsmerkmal, doch nicht durchgreifend, 
sondern mehr oder weniger local ist. 

Es wurde soeben erwähnt, dass die gesammte Kreide-Abla- 
gerung am Zeltberge bis auf einen geringen Theil im Wesent- 
lichen von gleicher mineralogischer Beschaffenheit sei. Dieser ge- 
ringe abweichende Theil besteht in 2 etwa 4 Fuss mächtigen, 
durch eine Zwischenlage von etwa 4 Fuss getrennten Bänken 



101 



von Kalkmergel, der in Bruch und in Festigkeit dem übrigen 
weissen Gestein gleicht, jedoch eine fleischrothe Farbe hat, die 
angefeuchtet mehr intensiv erscheint. Dieser rothe Kalkmergel 
geht 6 — 8' von der nordöstlichen Ecke des Sodafabrikbruchs, 
auf dem hier durchführenden Feldwege, zu Tage, ist von da süd- 
lich auf dem Acker durch umherliegende Stücke erkennbar, und 
steht dann, ununterbrochen fortsetzend, in der südwestlichen Ecke 
des Rathsbruchs, unterhalb des dem Herrn BehR gehörigen Auf- 
seher-Hauses wieder an. Der frühere Steinbruchsbetrieb ist bei 
dem Auftreten des rothen Gesteins sistirt, weil dieses minder 
kalkreich und sich zur Kalkmörtel-Bereitung, wofür der Betrieb 
Statt fand, nicht eignen mag. Derselbe rothe Kalk, immerhin 
eine auffällige Erscheinung, wo man nur graue und weisse Mas- 
sen zu sehen pflegt, tritt auch, obwohl mit mehrerer Mächtigkeit, 
im Pläner des nordwestlichen Deutschlands auf, und formirt in 
diesem einen bestimmten und constanten Horizont, so dass solcher, 
selbst wenn paläontologische Merkmale fehlen, eine schöne Orien- 
tirung gewährt, und deshalb local für das nordwestliche Deutsch- 
land, einen grossen geognostischen Werth hat. 

Der Rathsbruch ist seit geraumer Zeit, jedenfalls schon im 
vorigen Jahrhundert, zur Gewinnung von Material zum Kalk- 
brennen betrieben, und hat dadurch einen ungewöhnlichen Um- 
fang erreicht. Jetzt beschränkt sich der Betrieb auf den östlichen 
Stoss. Der BEHR'sche Bruch, der zu Ende der 30er Jahre zur 
Aufnahme kam, verfolgt denselben Zweck, und versorgt die Kalk- 
öfen gegenwärtig vorzugsweise. Der Bruch der Sodafabrik, der 
1855 oder 1856 entstand, liefert den Kalkbedarf für die Lüne- 
burger Sodafabrik. Aus dem Gesteine der beiden Cementfabrik- 
brüche, die erst seit einigen Jahren eröffnet sind, bereitet die un- 
weit derselben belegene Cementfabrik mit 6 Oefen einen Mörtel 
mit hydraulischen Eigenschaften. 

Die Einförmigkeit, die die Kreide am Zeltberge in mineralo- 
gischer Hinsicht zeigt, wird reichlich durch Mannichfaltigkeit ihrer 
organischen Einschlüsse aufgewogen. Paläontologisch zerfällt sie 
nämlich in vier Abtheilungen, von denen die beiden jüngeren 
nahe verwandt sind, die beiden älteren aber nicht nur von jenen, 
sondern auch unter sich entschieden abweichen. Es folgen von 
unten nach oben: 

1) Weisse Kreide mit dem Bruche d er S o dafabrik 
(oberes Cenoman) ; 



102 



2) Weisse Kreide im westlichen Theile des 
Rathsbruchs, nebst dem diese nach unten begrenzenden r o t h e n 
Kalkmergel (Turon); 

3) Weisse Kreide im östlichen Theile des Raths- 
bruches und im BEHR'schen Bruche (Senon); 

4) W e i s se K rei de der beiden Brüche der Cement- 
fabrik (Senon). 

Die gedachten Steinbrüche haben eine solche Lage, dass da- 
mit fast alle Schichten der ganzen Ablagerung blossgelegt sind, 
und da ferner die Tiefe der Brüche bis zu 50 Fuss steigt, so 
gestalten sich die Aufschlüsse ungewöhnlich schön. Sie würden 
nichts zu wünschen übrig lassen, wenn nicht die Stösse im mitt- 
lem Theile des Rathsbruchs mit Schutt bestürzt wären, und wenn 
auch dieser Theil des Complexes, der anderweit nicht offen liegt, 
frei zu beobachten stände. 

Es sollen nun im Nachstehenden die organischen Reste der 
obigen vier Abtheilungen untersucht, dann darnach das geolo- 
gische Alter einer jeden derselben gedeutet und zum Beschlüsse 
allgemeine Vergleichungen gezogen werden. Selbstverständlich 
rühren die Versteinerungen fast ohne Ausnahme aus den Brüchen 
her. Ihr Erhaltungszustand ist, wenn sie nicht, was leider oft 
der Fall, verdrückt sind, gut. Die Schale findet sich, wie in 
der obern Kreide gewöhnlich, an den Cephalopoden und Unival- 
ven nicht, ist dagegen an den meisten Bivalven und an den Echi- 
niden vorhanden. Bei der Betrachtung der Zeltberger Verstei- 
nerungen fügen wir deren anderweites Vorkommen im nordwest- 
lichen Deutschland, der Schlussfolgerungen wegen, bei, beschränken 
uns indessen, sofern ein Anderes nicht ausdrücklich bemerkt ist? 
auf solche eigenen Beobachtungen , deren Zuverlässigkeit nach 
unserer Anschauung keinem Zweifel unterliegt. Da die Alters- 
folge in der Kreide des nordwestlichen Deutschlands, vom Ce- 
noman an aufwärts, bis vor Kurzem nicht überall richtig ge- 
deutet ist, so sind, was das Auftreten der organischen Reste 
anbetrifft, die älteren Angaben über die einschliessenden Formations- 
Glieder mit Vorsicht zu benutzen. 



103 



I. Versteinerungen aas dem Sodafabrikbruche. 

1. Ammonite s Rhotom a gen s is Defr. 

Nicht häufig. 

Ein vollständiges Exemplar in der Sammlung der Herrn 
i Moritz fuhrt bei 135 Mill. Durchmesser auf dem letzten Um- 
gange 28 Rippen. Dies wird überhaupt das Maximum sein. Im 
jüngsten Gliede des Cenomanen Pläners nächst dem Harze pflegt 
die Anzahl der Rippen bei gleicher Grösse zwischen 18 und 20 
zu bleiben; d'Orb. giebt nach dem mehr oder minderen Alter 
8 bis 21, Sharpe 24 an. 

Die Species beschränkt sich im nordwestlichen Deutschland 
auf das oberste Glied des cenomanen Pläners, den wir nach ihr 
Rhotomagensis- Pläner nennen. — In einigen Sammlungen Dres- 
dens werden Exemplare von Amrnonites Rhotomagensis und 
Mantelli von Strehlen aufbewahrt, die dort vor längeren Jahren 
gefunden sein sollen , und citirt darnach Geinitz (Quadergeb. 
S. 113) beide aus dem Plän er von Strehlen. Jetzt wird daselbst 
nur Scaphiten - Pläner (unteres Senon) gewonnen, und steigen 
beide Formen unseren Erfahrungen nach nicht in ein so hohes 
Niveau. In der That hat früher die Kalkgewinnung bei Streh- 
len auch in älteren Schichten, die gegenwärtig nicht mehr aus- 
gebeutet werden, stattgefunden, und mag sich so die Angabe und 
zugleich der Umstand aufklären, dass neuerdings dergleichen 
nicht mehr vorgekommen sind. — Noch muss berichtigend be- 
merkt werden, dass Ahlten unweit Lehrte im Hannoverschen, 
wo nur Kreide mit Belemnitella mucronata auftritt, in der 
Leth. 3. Aufl. V. S. 320 und in Geinitz's Quadergeb. S. 113. 
irrthüralich als Fundort aufgeführt steht. Auch ist das Citat 
bei A. RoeMer's Kreide S. 88 aus Quadraten-Kreide von Oster- 
feld in Westphalen zu unterdrücken. 

2. Amrnonites varians Sow. Selten 

Formen, die der Varietät Coupei Brongn. nahe stehen, 
etwa wie bei Sharpe (Palaeont. Soc. 1853) Tab. 8, Fig. 4 u. 8, 
von denen Sharpe, der varians und Coupei specifisch trennt, die 
Fig. 4 schon zu Coupei rechnet, sind die gewöhnlichsten. 

Ammonite s varians, einschliesslich des damit verge- 
sellschafteten Amrnonites Coupei, findet sich im nordwestlichen 
Deutschland im gesammten Cenoman, unserm untern Pläner. Im 



104 



unteren und oberen Gliede davon, der Tourtia- und den Rhoto- 
magensis - Schichten, ist er sparsam; in dem mittlem Gliede, den 
nach ihm benannten Varians - Schichten, tritt er stets ungemein 
häufig auf. In der jüngsten senonen .Kreide von Ahlten , von 
wo die Species in der 3. Aufl. der Leth. V. S. 318 und in 
Gejnitz's Quadergeb. S. 113 angegeben wird, kommt dieselbe 
nicht vor. 

3. Lima elongata Sow. 559, 2 bis 3 (non A. Roemer 
u. s. w.). Lima parallela d'Orb. 416, 11 — 14. 
Ziemlich häufig. 

Die Schalen sind, wenn nicht verdrückt, ziemlich stark ge- 
wölbt, bilden vorn kein einspringendes Höfchen, und führen 18 
bis 20 hohe dachförmige Rippen, die sich auf der ganzen Rücken- 
seite an Stärke gleich sind. Einige andere verwischte bedecken 
die vordere Seite. Die Furchen sind in ihrem Grunde nicht eben, 
sondern scharf. Zahlreiche Längslinien, meist indessen nur mit 
der Lupe sichtbar, verzieren die Rippen, doch pflegen sie an 
denen hinten und vorn undeutlich zu sein. Sind die Längslinien 
mit blossem Auge bemerkbar, so nehmen damit die Rippen, ob- 
gleich dachförmig bleibend, im allgemeinen Ansehn etwas Zu- 
rundung an. Die Rippen sind auf der Kante gekerbt, so stark, 
dass dies mit unbewaffnetem Auge gesehen wird. Bei gutem 
Erhaltungszustande ist dasselbe auch an den Längslinien, wie- 
wohl schwächer, der Fall. Steinkerne führen nur die Haupt- 
rippen, und zwar nicht dachförmig, sondern abgerundet, und lassen 
von den Längslinien nichts wahrnehmen. 

Es ist dies offenbar die Form, die d'Orbigny Cret. III, 539. 
Tab. 416, 11 — 14 als Lima parallela d'Orb. aus Albien giebt. 
Wir wüssten der Darstellung nichts weiter hinzuzufügen, als dass 
die vergrösserte Schalenoberfläche nicht immer wie Fig. 13, son- 
dern auch in gewissen Fällen, wie ib. Fig. 8 von Lima More- 
ana gezeichnet, (von welcher letztern im Uebrigen der Umriss ab- 
weicht,) erscheint. d'Orbigny bezeichnet als Synonymen mit seiner 
Lima parallela die Modiola {Lima) parallela Sow. 9 aus L. 
g. s. von Maidstone u. L. {Plagiostoma) elongata Sow. 559, 
2 — 3 (auch Mant. 19) aus Gault von Folkstone und L. Ch. 
von Hamsey (cf. Morris Cat. 171, wo unter L. Ch. auch Ce- 
noman begriffen wird,) und nennt so die Species der Priorität 
gemäss, wie geschehen. Was aber die Figuren bei Sowerby 
darstellen, kann bei deren Ungenügenheit aus ihnen allein nicht 



105 



entnommen werden. Es geben hierüber indessen Pictet und 
Renevier in JFfass. du ter. Aptien de la Perte du Rhone et de 
St. Croix S. 127 Aufklärung. Nach diesen bewährten Schrift- 
stellern, welche die Originale der Lima parallela Sow. unter- 
suchten, findet sich diese Species auch im Aptien der Schweiz, 
und stellen dieselben sie Tab. 19 dar. Nach ihnen und dieser 
Abbildung, mit welcher letztern Exemplare in unserer Sammlung 
von Maidstone vollständig übereinstimmen, führt Lima paral- 
lela Sow. gleichfalls etwa 18 dachförmige, scharfe Hauptrippen; 
es. sind diese aber nicht gleich wie bei der obigen Lima elon- 
gata, sondern sie nehmen auf der hinteren Hälfte der Schale an 
Stärke merklich ab, entfernen sich hier auch etwas mehr von 
einander, und zeigen, was Hauptmerkmal ist, die Furchen in 
ihrer Mitte stets eine kleine, aber mit blossem Auge deutlich 
wahrnehmbare Zwischenrippe. Mit der Lupe sieht man ferner 
einige Längsstreifen. Kerbung der Haupt- und kleinen Rippen 
findet nicht Statt, doch wird ihre Glätte durch zarte Anwachs- 
streifen, die nicht dicht auf einander folgen, unterbrochen. Somit 
ist Lima parallela Sow. eine ganz andere Species, als wofür 
solche d'Orb. angesprochen hat. Mit Recht stellen Pictet und 
Renevier für die Aptien-Form die SowERBY'sche Species-Benen- 
nung wieder her, und heissen sie Lima parallela Sow. Es 
kann demnach der Name Lima parallela d'Orb. für die Species 
ohne mittelständige kleine Rippe nicht bestehen bleiben. Zwar 
liegt keine Veröffentlichung , die sich auf genaue Untersuchung 
der Originalexemplare von Sowerby's Lima elongata 559,2 — 3 
gründete, vor, allein den Umständen nach erscheint es kaum 
zweifelhaft, dass letztere dasselbe ist, was d'Orbigny als Lima 
parallela 416, 11 — 14 giebt. Es würden somit die Synonymen 
bei d'Orbigny für letztere zutreffen, nachdem Lima parallela Sow. 
in Abzug gebracht ist. Auch das aus England bekannte Vor- 
kommen stimmt, wie sich sogleich zeigen wird, mit dem im nörd- 
lichen Deutschland. Wir fassen also Lima parallela d'Orb. u. 
Lima elongata Sow. zusammen, und bezeichnen die Species mit 
letzterm Namen, der der ältere ist. 

In unserer Uebersicht von der Gliederung des Pläners (diese 
Zeitschr. Bd. IX. S. 415 und Neues Jahrb. 1857. S. 785) 
führten wir dieselbe Form unter der Benennung Lima carinata 
Goldf. auf. Es wurde dabei angenommen, dass die Abbildung 
eines aus der Tourtia von Essen herrührenden Fragments bei 



106 



Goldfuss Tab. 104, 2, mit mittelständiger Rippe und mit keinen 
Längslinien, nicht zutreffend wiedergegeben sei. Später haben 
wir uns jedoch durch Ansicht mehrerer Stücke von derselben 
Lokalität, und namentlich eines ungewöhnlich schön erhaltenen 
Exemplars aus dem Königl. Min. Museum zu Dresden, worauf 
wir durch Geinitz aufmerksam gemacht wurden, überzeugt, dass 
die Figur bei Goldfuss völlig richtig gezeichnet ist. Lima 
carinata Goldfuss, die aus dem nordwestlichen Deutschland 
nicht weiter bekannt, weicht demnach von Lima elongata Sow. 
durch mittelständige Rippen und von dieser und Lima parallela 
Sow. durch Mangel aller Längsstreifen ab. Lima carinata 
Goldf. bildet eine davon verschiedene Species, der Lima Cot- 
ialdina d'Orb. Tab. 416, 1 — 5 aus Aptien am nächsten steht. 
Beide fallen zusammen , wenn man davon abstrahirt , dass bei 
letzterer die hinten belegenen Rippen, aber auch nur diese, mit 
Längsstreifen versehen sein sollen. Entgegen der Ansicht von 
Pictet und Renevier scheint es daher, dass lAma Cottaldina 
sich mehr an Lima carinata Goldf. als an lAma parallela 
Sow. anschliesst. 

Im nordwestlichen Deutschland hat sich Lima elongata^ 
und zwar ganz unzweifelhaft die Lüneburger Form, nicht selten 
im Rhotomagensis- und Varians - Pläner (Cenoman), vorzüglich 
im letztern, so z.B. im Eisenbahn-Einschnitte von Neuwallmoden 
und im Chaussee-Einschnitte von Othfresen bei Salzgitter, dann 
aber auch durch den ganzen Flammenmergel (oberer Gault) .ge- 
funden. Im ältesten Niveau dieses letztern ist sie, vergesell- 
schaftet mit Ammonites lautus, auritus u. s. w., bei Bodenstein 
sogar häufig. Tiefer kennen wir sie nicht. Sie steht also dem 
obern Gault und dem Cenoman gemeinsam zu. 

Bei Strehlen unweit Dresden kommt im dortigen obern 
Pläner mit Scaphites Geinitzi eine Form vor mit 16 abgerun- 
deten, nicht scharfkantigen und nicht dachförmigen Rippen auf 
der Rückenseite, zu denen sich vorn und hinten noch einige ver- 
wischte gesellen. Die ziemlich gleich breiten Furchen, die hohl- 
kehlenartig, fast eben sind, fuhren entschieden keine mittelstän- 
dige kleine Rippe. Auch Längsstreifen scheinen zu fehlen. Dies 
ist die Form, die A. Roemer, Geinitz und Reuss als Lima 
elongata Sow. bezeichnen , und die Geinitz im Quadergeb. 
S. 190 als identisch mit Lima Astieriana d'Orb. Tab. 420 
4 — 7 aus Cenoman vereinigt. In der That hat letztere dieselbe 



107 

Gestalt, auch die abgerundeten Rippen und Furchen. d'Okbigny 
zeichnet indessen zahlreiche Längslinien, und würde sich fragen, 
ob hierdurch nicht eine specifische Abweichung bedingt wird. 
Im obern Pläner am Harze und in Westphalen scheint diese 
Species zu fehlen, dagegen ist sie am Harze ungemein häufig in 
der Kreide mit Helemnitella quadrata, wie namentlich in den 
Salzbergs-Mergeln bei Quedlinburg und Blankenburg, und eben- 
so in den Mergeln vom gleichen Niveau bei Ilsenburg, Werni- 
gerode. Ob sie, jedenfalls selten, in die Mucronaten - Schichten 
übergeht, ist noch fraglich. In den Salzbergs - Mergeln erreicht 
sie eine ungewöhnliche Grösse, 2" und darüber, und pflegt dann 
18, ja bis 20 Rippen zu führen. Diese Form halten wir für 
Lima canalifera Goldf. Tab. 104, 1, zumal sie Golefuss auch 
von Quedlinburg citirt, ja wir möchten glauben, dass die Abbil- 
dung von einem dortigen Exemplare herrührt. Lima canalifera 
Goldf. (= elongata Sow. bei Geinitz u. s. w.) hat somit 
ein ziemlich grosses verticales Niveau, vom Scaphiten-Pläner bis 
in die Quadraten-, vielleicht bis in die Mucronaten-Kreide aufwärts. 

Fügt man hierzu noch Lima Royeriana d'Orb. Tab. 414, 
5 — 8 mit abgerundeten Rippen und hohlkehlenartigen Furchen, 
die mit starken Längsstreifen versehen sind, eine Form, die im 
mittleren Hils (= Marnes de Hauterive) stellenweise nicht selten 
auftritt, so hat man von den sich nahestehenden Species diejeni- 
gen, die in der Kreide des nordwestlichen Deutschlands haupt- 
sächlich vorkommen. Lima laticosta Sow., Reichenbachü 
Geinitz und multicosta Geinitz (letztere mit 25 und mehr 
Rippen), sind seltene Erscheinungen, die wir noch nicht genügend 
kennen. 

Die Kreide des nordwestlichen Deutschland führt also an 
Hauptformen : 

Lima Royeriana d'Orb. Abgerundete Rippen und Furchen 
mit Längslinien; ohne mittelständige Rippe. Mittl. Hils. — 
Neocom in Frankreich. 

Lima parallela Sow. (non d'Orb.) Scharfkantige Rippen 
mit Längslinien und mit mittelständigen Rippen. Im .nordwest- 
lichen Deutschland noch nicht sicher gefunden. L. g. s. in 
England und Aptien der Schweiz, cf. anch Lima Itieriana Pict. 
gr. v. Tab. 40. 5 aus Albien. 

Lima elongata Sow. = parallela d'Orb. Dachförmige 
Rippen mit Längslinien, ohne mittelständige Rippen. Flammen- 



108 



mergel (oberer Gault) und cenomaner Pläner. — Gault von 
Folkstone, wie auch Cenoman in England, Gault in Frankreich. 

Lima carinata Goldf. (? == Cottaldina d'Orb.). Scharf- 
kantige Rippen ohne Längslinien und mit mittelständigen Rippen. 
Tourtia, — Lima Cottaldina nach d'Orb. aus französischem 
Aptien. 

Lima canalifera Goldf. (elongata Sow. bei A. Roemer 
u. s. w.), ? = Astieriana d'Orb. Abgerundete Rippen ohne 
Längslinie und ohne mittelständige Rippen. Oberer Pläner mit 
ScapAites Geinitzi, Quadraten-Kreide und ? Mucronaten - Kreide. 
— Lima ytstieriana nach d'Orb. aus Cenoman Frankreichs. 

4. Jnocer amus striatus MANT.bei Goldf. Tab. 112, 2 
und bei d'Orb. Tab. 405 gut dargestellt. Ob die Figuren bei 
Mant. 27, 5 und Sow. 582, 3 — 4, worauf der Name sich 
gründet, dasselbe sind, steht allein nach den Bildern nicht sicher 
zu entscheiden. Doch möchte hierüber, zumal entgegenstehende 
Merkmale kaum wahrzunehmen, hinwegzugehen sein, nachdem 
die Benennung durch Goldfuss und d'Orbigny eine Bedeutung 
erhalten hat. Gute, aber oft verkannte Species; s. u. — häufig. 

Vorkommen: überall im untern oder cenomanen Pläner und 
im jüngsten Flammenmergel (Gault). Hauptlager ist der Varians- 
Pläner, wo in einzelnen Bänken die Schalen dicht angehäuft sind. 

5. Pecten Beaveri Sow. Goldf. Tab. 92, 5. 

Selten. 

Der Wechsel der Haupt- und untergeordneten Rippen pflegt 
nach anderweiten Funden nicht nur an verschiedenen, sondern 
auch an ein und demselben Exemplare nicht gleich zu bleiben. 
Die Anzahl der Zwischenrippen variirt von 1, 2, 3 und mehr, 
ja sie bilden hin und wieder nur radiale Streifen der Haupt- 
rippen, wie bei Pecten depressus Goldf. Tab. 92, 4, der spe- 
cifisch kaum abweichen dürfte. Der letztern Varietät gehören 
die Lüneburger Stücke au. 

Pecten Beaveri Sow. und depressus Goldf., die im Vor- 
kommen nicht abweichen , sind im nordwestlichen Deutschland 
bis vor Kurzem allein im Varians- Pläner gefunden, so häufig 
bei Quedlinburg, Langelsheim und Neuwallmoden. An letzteren 
beiden Localitäten haben sie sich neuerdings auch im überliegen- 
den Rhotomagensis-Pläner als Seltenheit gezeigt. 

6. Pecten orbicularis Sow. Tab. 186, d'Orb. 
Tab. 433,- 14—16. Nicht selten. 



109 



Geht im nordwestlichen Deutschland durch den ganzen un- 
tern oder cenomanen Pläner, wie auch durch den Flammen- 
mergel. 

7. Spondy lus hystrix Goldf. Tab. 105, 8 und 
d'Orb. 66. Tab. 454. Selten. 

Schief oval, 1" lang, die Oberklappe hoch gewölbt, mit 
feinen abgerundeten Rippen, die sich durch Einschaltung stark 
vermehren. Ihre Zahl am Rande schwankt zwischen 60 und 70, 
und ist daher grösser als in den citirten Abbildungen. Auf der 
älteren Hälfte sind einige Rippen mit Dornen besetzt. Gleiche 
Formen finden sich in der Tourtia von Essen und am Harze, 
und gehen, obgleich selten, durch den ganzen cenomanen Pläner 
des nordwestlichen Deutschland. — Aehnliches, doch bleibt wegen 
nicht hinreichenden Materials unentschieden ob Identisches, zeigt 
sich im obern Pläner mit Galeriten am Fleischerkampe bei Salz- 
gitter und im obern Pläner mit Scaphites Geinü%i , z. B. bei 
Heiningen und im Eisenbahn - Einschnitte bei Neuwallmoden. 
Doch scheinen die Exemplare aus diesen jüngeren Schichten, 
wenn auch hin und wieder die Rippen etwas aufgeworfen sind, 
keine eigentliche Dornen zu führen. Betreffenden Falls könnte dies 
Sp. lineatus Goldf. 106, 3 und Reuss 40, 7 — 9 sein, cf. auch 
8p. latus Sow. 80, 2 u. Mant. 26, 21, nebst Sp. obliquus 
Mant. 25, 1 u. 26, 12, deren Deutung noch erübrigt. — Jeden- 
falls ist der obige Sp. hystrix sehr verschieden von der Species, 
deren unten aus dem Lüneburger Cementbruche gedacht werden 
wird, und noch mehr vom Sp. spinosus mit weit breiteren Rippen 
und hohen Dornen. 

8. P licatula inf lata Sow. Tab. 409, die unteren 
Figuren; PI. spinosa Mant. bei d'Orb. Tab. 463, 4 — 10. 
cf. diese Zeitschr. Bd. XL S. 37. 

Nicht selten. 

Im nordwestlichen Deutschland ist die Species auf den ce- 
nomanen Pläner beschränkt, verbreitet sich aus ihm weder nach 
oben noch nach unten. Ihr Hauptlager ist der nächst über der 
Tourtia liegende Varians-Pläner , wo sie überall häufig auftritt. 

9. Ostrea conica Sow. d'Orb. Tab. 479, 1 — 3. 
Ziemlich häufig. Die Var. ib. Tab. 478, 5—8 mit Falten ist 
noch nicht gefunden. 

Tourtia an der Ruhr, unsicher auch im übrigen cenomanen 
Pläner des nordwestlichen Deutschlands. 



110 



10. Ostrea lateralis Nils. Goldf. Tab. 82,1, bei 
d'Obb. Tab. 471, 4 — 8, Ostr. canaliculata Sow., wie aus dem 
untern und obern Grünsande Westphalens (s. d. Zeitschr. Bd. XI. 
S. 37), und wie nächst dem Harze aus dem untern und obern 
Pläner und dem übrigen Senon. — Häufig. 

11. Rhynchonella Mantelliana Sow. Davids. 87. 
Tab. 12, 20—23. Häufig. 

16 bis 18 Rippen. Die Dimension vom Schnabel bis zur 
Stirn (11 bis 12 Mill.) pflegt etwas geringer zu sein als die 
Breite. Im Uebrigen stimmmt die Species, die sich bei Lüne- 
burg gut absondert, mit der citirten Abbildung. 

Ihr Vorkommen scheint sich im nordwestlichen Deutschland 
auf den untern oder cenomanen Pläner zu beschränken, in dessen 
Varians- und Rhotomagensis- Schichten sie überaus zahlreich zu 
sein pflegt. Es könnte indessen sein, dass die Species auch dem 
obern Pläner nicht ganz fremd wäre. Hier treten nämlich in 
dem Brongniarti- und auch im Scaphiten-Pläner, vergesellschaftet 
mit Rhyn. Cuvieri d'Orb. u. Rhyn. Martini Mant. (pisum 
Sow.), wenn auch gewöhnlich nur untergeordnet, Formen anf, 
die von diesen beiden Species durch geringere Anzahl der Rippen 
(25 — 30) abweichen. Betrachtet man sie einzeln für sich, so 
ähneln sie der R. Mantelliana, ja fallen damit zusammen. Doch 
ist man versucht, dieselben für mehr oder weniger zufällige Ab- 
änderungen der Hauptformen, und diesen specifisch zugehörig zu 
betrachten. Im Allgemeinen behält R. Mantelliana im Cenoman 
ihren Charakter sehr bestimmt bei. Jedenfalls muss man bei 
Niveau - Bestimmungen aus den erwähnten Species, wenn nicht 
eine bedeutende Anzahl von Exemplaren vorliegt, vorsichtig sein. 

12. Rhynchonella Gr asi ana d'Orb. Tab. 497, 
7 — 10; Davids. 96. Tab. 12, 17—19. 

Nicht häufig. 

Die" Lüneburger Exemplare haben 40 — 48 abgerundete 
Rippen, die durch schmale Furchen von einander getrennt werden. 
16 Mill. breit und 13—14 Mill. hoch. Die Form findet sich 
im Varians- und Rhotomagensis-Pläner am Harze, nicht aber im 
obern Pläner. Die Anzahl der Rippen und deren Abrundung 
lässt die Species von der vorhergehenden sicher abtrennen, jedoch 
könnte es zweifelhaft sein, ob die Bestimmung zutrifft. Die stete 
Neigung zur mehreren Breite im Verhältniss zur Höhe dürfte 
sie von R. Cuvieri und Martini entfernen. 



111 



13. Terebratula obesa Sow. bei Davids. 53. Tab. 5. 
13—16. Var. 

Häufig. 

Legen wir die neusten Untersuchungen von Davidson zum 
Grunde, so scheint es kaum zweifelhaft, dass die in Rede stehen- 
den Formen richtig bestimmt sind, doch muss zuvörderst bemerkt 
werden, dass die Lüneburger Exemplare (18 — 20 Mill. lang u. 
15 Mill. breit) nur etwa die halbe Grösse von denjenigen bei 
Davidson haben. Zur gehörigen Auffassung der Speeles ist er- 
forderlich, dass eine grosse Anzahl von Exemplaren vorliegt. 
Einzelne Stücke nähern sich einerseits der T. biplicata Davids. 
und andererseits der T. semiglobosa Sow. Die überwiegende 
Mehrzahl sondert sich indessen ganz gut von beiden ab. An 
T. ^plicata, die mit ihr den übergebogenen Schnabel, grosse 
Perforation und gänzlichen Mangel an Arealkanten gemeinsam 
hat, treten die Falten bestimmter auf, und bildet der Schnabel 
einen spitzeren Winkel. Es scheint, dass sich bei obesa die 
Hauptmasse des Thiers am Buckel , nicht in der Mitte wie bei 
biplicata concentrirt habe. An unseren Exemplaren wölbt sich 
nämlich die kleine Klappe gleich anfänglich stark, mehr als in 
den Figuren bei Davidson, und fällt dann in ziemlich grader 
Linie zur Stirn ab. Durch letzteres grenzt die Lüneburger obesa 
an semigiobosa. Doch weicht diese dadurch ab, dass sie eine 
minder starke Perforation und der Umriss mehr Neigung hat 
sich kreisförmig als oval zu gestalten. — Im Allgemeinen hat 
die Form auch Aehnlichkeit mit T. sulcifera Morris, doch fehlen 
die diese charakterisirenden starken Anwachsstreifen, die mit 
gleichen Zwischenräumen auf einander folgen. Uebrigens könnte 
sich demnächst die Noth wendigkeit herausstellen, dieselbe von 
der typischen T. obesa (s. unten IV, 41), welche letztere einen 
weit jüngeren Horizont einnimmt, speeifisch abzutrennen. Für 
jetzt wissen wir sie davon durch nichts Weiteres als die mindere 
Grösse, die jedoch constant bleibt, zu unterscheiden. 

Im nordwestlichen Deutschland kömmt die kleine T. obesa, 
völlig übereinstimmend mit der von Lüneburg , stellenweise un- 
gemein häufig in dem cenomanen Pläner mit Amm. Rhotoma- 
gensis, wie z. B. im Eisenbahn- Durchstiche bei Neuwallmoden, 
und gleichfalls nicht selten im Varians - Pläner, z. B. bei Broitzen 
unweit Braunschweig, vor. Bei Aufstellung der Gliederung des 
Pläners ist die Form mit unter T. biplicata begriffen. Die 



112 



T. semiglobosa, welche wir in der Uebersicht d. Zeitschr. Bd. XL 
S. 71 als fraglich im Rhotomagensis- Pläner aufführten, würden 
wir jetzt fortlassen. — Ob die kleine T. obesa im nordwestlichen 
Deutschland auch im untersten Gliede des obern Pläners, dem 
Brongniarti-Pläner, vorkommt, müssen wir einstweilen dahinge- 
stellt sein lassen. Die ähnliche und häufig im Scaphiten-Pläner 
auftretende Form neigt sich vorwaltend zu rundlichen Umrissen. 
Wir stellen diese zu T. semiglobosa. 

14. Holaster subglobosus Ag. d'Orb. Tab. 816. 
Sehr häufig. 

Die Species ist bei Lüneburg nnd im Allgemeinen im nord- 
westlichen Deutschland nicht so stabil, wie sie dargestellt zu 
werden pflegt, sondern variirt, namentlich in den verschiedenen 
Alterszuständen. Der Umriss bleibt stets ziemlich gleich, etwas 
herzförmig, die Länge ein wenig grösser als die Breite. Bis zum 
Durchmesser von 45 — 50 Mill. ist der Körper fast kugelig, die 
Unterseite stark gewölbt und das Längenprofil der obern Hälfte 
nahezu kreisförmig. Beim weiteren Wachsen, — die grössten 
Stücke haben etwa 80 Mill. Durchmesser, — pflegt sich die 
Unterseite abzuplatten und der Scheitel kegelförmig hervorzutreten. 
Letzteres wird lediglich durch Verdickung der Schale am Schei- 
tel bewirkt, so dass die Steinkerne die gewöhnliche Wölbung 
zeigen. Die Erhöhungen auf den Interambulacral - Feldern, 
welche längs der seichten vordem Furche auftreten, markiren sich 
gleichzeitig stärker. An den älteren Exemplaren rückt ferner der 
Periproct gewöhnlich tiefer, an das untere Viertheil der Höhe, 
während derselbe im Jugendzustande nahezu in der Mitte zu liegen 
pflegt. Im Allgemeinen sind die Poren der paarigen Fühlergänge 
(die äussern ein wenig länger als die inneren) kurz und nicht 
so schief zu einander gestellt, wie d'Orbign* Fig. 7 zeichnet. 

Die Form, die früher als H. altus (Ag. Echin. Suiss. 
Tab. 3, 10) abgetrennt wurde, jedoch nichts anderes als eine 
Varietät ist, kommt bei Lüneburg nicht selten vor, übersteigt aber 
die Länge von 30 Mill. nicht. Die untere Seite ist convex, wie 
im gleichen GrÖssenzustande an der typischen Form. Bei ver- 
hältnissmässig grosser Höhe ist sie vorn und hinten ungewöhn- 
lich steil, so dass das Längenprofil am Scheitel sich wenig bogen- 
förmig, fast grade gestaltet. Der Periproct liegt mindestens in 
halber Höhe, wenn nicht noch höher, und das Peristom rückt 



113 



hin und wieder ganz nahe an den Rand. Ausserdem sind ihre 
Merkmale mit denen der Hauptform übereinstimmend. 

Noch liegt von Lüneburg eine Varietät, jedoch in wenigen 
Exemplaren vor, die wir aus andern Gegenden nicht kennen. Sie 
hat bei 45 Mill. Länge die conische Erhöhung des Scheitels 
schon so stark wie sonst nur bei den grössten Stücken. Alle 
Ambulacralfelder sind ungewöhnlich breit, und die paarigen Füh- 
lergänge verlaufen ganz grade, ohne, wie sonst , mit geringer 
Biegung, bis zum Scheitel. Die vordere Furche, und hierdurch 
namentlich erhält die Varietät ein besonderes Ansehn, deutet sich 
nur am Rande an, dagegen besteht von hier ab bis zum Peristom, 
das in ± der Länge, also ungewöhnlich weit vom Rande entfernt 

! ist, eine 4 Mill. tief einschneidende Rinne. Der Periproct, der 
dem Rande genähert Hegt, ist kreisförmig, nicht oval. Wir nehmen 
Anstand, daraus eine besondere Species zu formiren, da die übri- 
gen Eigenschaften, auch die Poren, die Granulirung und die War - 

, zen, letztere alle von einerlei Grösse, mit H. subglobus stimmen, 
und unzweifelhaft zu diesem gehörige Stücke, in der einen oder 
andern Abweichung, hin und wieder der in Rede stehenden Va- 
rietät sich anschliessen. 

H. subglobosus beschränkt sich im nordwestlichen Deutsch- 
land, und wie es scheint überall, auf Cenoman. Seine Haupt- 
lagerstätte ist der untere Pläner mit Amm. Rhotomagensis, wo 
er stets häufig ist ; er geht aber auch, vorzüglich in der var. alta, 
in den Varians-Pläner herab. Die Species ist vorzugsweise schön 
und gross im nordwestlichen Deutschland zu Hause. Die besten 
Fundorte sind im Rhotomagensis-Pläner der Umgegend von Salz- 
gitter und Langelsheim, und bei Rethen. Ihnen zur Seite kann 
Lüneburg gesetzt werden. — Aus der Tourtia an der Ruhr und 
am Harze ist sie nicht sicher bekannt. 

15. Holaster carinatus d'Orb. Tab. 818. und diese 
Zeitschr. Bd. XI. S. 39. 

Die Species, die im nordwestlichen Deutschland dem ganzen 
(Cenomanen) Pläner, vorzüglich den Varians- Schichten, zusteht, 
ist bei Lüneburg bis jetzt nur in einigen, nicht gut erhaltenen 
Exemplaren gefunden. Die verlängerte Gestalt mit fast ebener 
Basis, die mehrere Grösse und schiefe Stellung der Poren in den 
paarigen Fühlergängen, wie die Verschiedenheit der Warzen — 
Merkmale, die die Species von H, subglobosus unterscheiden, 
lassen sie davon auch in Fragmenten mit ziemlicher Sicherheit 

Zeits. d. d.geol. Ges. XV. 1. 8 



114 



erkennen. — Im Uebrigen steht noch immer nicht fest, ob eine 
Form, die ziemlich häufig, aber stets sehr beschädigt, im obern 
Pläner mit Inoceramus Brongniarti vorzüglich in der Um- 
gegend von Wolfenbüttel vorkommt, zugehörig ist. 

16. Discoidea cylindr ica Ag. Desor Syn. 177. 
Tab. 24, 9-14; Pal. Fr. Cret. VII, 28. Tab. 1010 u. 1011; 
Galerites canaliculatus Goldf. Tab. 41, 1. 

Häufig und in schönem Erhaltungszustande. 

Die Basis hat meist 35 Mill. Durchmesser, selten bis zu 
40Mill., halbkugelig bis etwas cylindrisch. Der dem Rande etwas 
mehr als dem Peristom genäherte Periproct ist im Allgemeinen 
oval, jedoch nach aussen zugespitzt. 

So häufig wie im nordwestlichen Deutschland die Species 
im untern Pläner mit Amm. Rhotomagensis (z. B. bei Langels- 
heim, Neuwallmoden) auftritt, so selten erscheint sie im älteren 
Varians-Pläner (hierin bei Broitzen unweit Braunschweig). Sie 
hat sich bis jetzt weder in jüngeren, noch älteren Schichten ge- 
zeigt. Der Fundort Ahlten in GEtM'rz's Quadergeb. S. 223 
kann nur auf Verwechselungen beruhen. Desor und Cotteau 
citiren sie als Seltenheit auch aus Albien der Alpen. 

17. Peltastes clathr atus Cotteau Pal. Fr. Cret. VII, 
119. Tab. 1028, 8—14. (Hyposalenia Desor.) 

Von der Species liegen nur zwei vom Herrn Moritz ge- 
fundene Exemplare vor, von denen das eine etwas beschädigt, 
das andere aber ganz vollständig und von ausgezeichneter Er- 
haltung ist. Beide sind gleich gross und gleich gestaltet. Das 
Scheitelschild besteht aus 1 1 Täfelchen , der Periproct ist aus 
der Mitte nach hinten gerückt (das überzählige Täfelchen befin- 
det sich, nach früherer Annahme der Stellung, nicht hinter, son- 
dern vor demselben), und liegt in der Achse des Thiers, also 
nicht rechtsseitig. Auch die grössten Warzen sind nicht durch- 
bohrt, und befinden sich keine Eindrücke auf den Ambulacral- 
Platten. Die Stücke gehören also zu Peltastes in der Bedeutung, 
die dem Genus Cotteau in der Pal. Fr. beilegt, oder zu Hy- 
posalenia Desor, da die Ocellartäfelchen nicht mondsichelförmige 
Gestalt (was jedoch an ein und der nämlichen Art nicht immer 
constant bleiben soll,) haben. Die speeifischen Merkmale stellen 
die Form sieher zu P. clatAratus, indem die geringen Abwei- 
chungen gegen Cotteau's Darstellung lediglich der mehreren 
Entwickelung der Lüneburger Exemplare beizumessen sein 



115 



möchten. An diesen beträgt nämlich der Durchmesser 20 Mill., 
bei 14 Mill. Höhe, also doppelt so viel als bei Cotteau ;. oben 
etwas conisch, der Rand zur Basis stark gerundet. Das erhöhte 
kreisrunde Scheitelschild nimmt fast die ganze Oberseite ein, ist 
also grösser als Cotteau zeichnet. Das blattartige Genital- 
Täfelchen vorn rechts hat ausser der Genital-Pore ein längliches, 
schief nach links gerichtetes Löchelchen , und markirt dadurch 
die Madreporen-Platte. — Die erhöhten, sehr schmalen Ambu- 
lacralfelder führen 2 dicht und in gerader Linie stehende, gleiche 
Warzen 2ter Grösse, zu 15 bis 16 an der Zahl (12 — 13 bei 
Cott.), und dazwischen mikroscopische Körnelung. Die runden 
Poren, nächst dem Peristom nicht sonderlich abweichend, liegen 
paarweise schief nach innen gerichtet, und kommen auf jede Am- 
bulacral-Warze etwa zwei Paare. Auf den Interambulacral-Feldern 
befinden sich zwei weit abstehende Reihen von crenelirten War- 
zen, 5 — 6 (4 — 5 bei Cott.) in einer Reihe. Davon haben eine, 
bezüglich zwei, in der Mitte eine bedeutend mehrere Grösse als 
die übrigen. Alle sind mit einem runden Höfchen umgeben. 
Zwischen diesen grossen Warzen liegen andere zweiter Grösse, 
unregelmässig und die Höfchen nicht perlschnurartig umgebend. 
Stellenweise zeigen sich noch dicht liegende mikroscopische Wärz- 
chen oder Körnchen. — Der Periproct ist durch Anschwellung 
der umgebenden Täfelchen mit einem breiten Saume begrenzt, 
quer oval, jedoch mehr nach hinten als nach vorn ausgebuchtet. 
Das Peristom in der mässig gewölbten Basis hat 8 Mill. Durch- 
messer, und ist mit starken Einschnitten versehen. Das vertiefte 
Innere der Höhlung lässt an beiden Exemplaren Rudimente des 
Kauapparats wahrnehmen. — Die Anzahl und Stellung der 
Warzen harmonirt ziemlich gut mit P. stellulatus Ag., doch ist 
an diesem das Scheitelschild flachbogig, nicht kegelartig erhöht. 

Das was in der Uebersicht von der Gliederung des Pläners 
als Salenia clathrata aus den Varians-Schichten aufgeführt wird, 
ist kleiner, hat etwa die Grösse bei Cotteau, und gehört gleich- 
falls zu Peltastes. Der Erhaltungszustand der Stücke, die aus 
der Umgegend von Langelsheim bei Salzgitter herrühren, lässt 
indessen vieles zu wünschen übrig. Einstweilen möchte daher 
das weitere Vorkommen der Species im nordwestlichen Deutsch- 
land nicht sicher sein. Cotteau und Desor geben dieselbe aus 
Cenoman von Frankreich und von Warminster (Wiltshire) an. 

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117 



Von Wirbelthieren finden sich Schuppen und Zähne von 
Fischen, darunter nicht selten die Formen, die gewöhnlich als 
Oxyrhina Mantelli Ag. angesprochen werden, und die anschei- 
nend vom Cenoman ab bis in die jüngste Kreide aufsteigen. 
Eine so ungewöhnlich grosse verticale Verbreitung und noch da- 
zu bei hoch organisirten Thieren kann indessen gegen die Zu- 
verlässigkeit der Bestimmungen stutzig machen. Auch Coprolithen, 
gleich oder doch ähnlich denen von Macropoma Mantelli Ag., 
wie deren Reuss Tab. 4, 68 ff. u. 5, 1—6 abbildet, sind nicht 
selten. 

In vorstehender Tabelle ist das Vorkommen der obigen 
Versteinerungen, wie solches aus dem übrigen nordwestlichen 
Deutschland bekannt ist, übersichtlich zusammengestellt. 

Es finden sich hiernach von den Versteinerungen der Kreide 
des Sodafabrikbruchs bei Lüneburg 3 Species , nämlich Lima 
elongata, lnocer. striatus und Pecten orbicularis im Flammen- 
mergel oder jüngsten Gault, doch sind dies Species, die diesem 
nicht ausschliesslich zustehen , sondern auch durch das ganze 
überliegende Cenoman durchgehen. Vier andere Species ferner 
zeigen sich im Cenoman und mit mehr oder weniger Wehrschein- 
lichkeit gemeinsam im obern Pläner, ja noch höher. Die letztern 
4 Formen, Spondylus hystrix, Ostrea lateralis, Terebratula 
obesa und Holaster carinatus sind, mit Ausschluss des Echi- 
niden, ziemlich indifferente. Weder jene, noch diese können so- 
mit maassgebend sein, sprechen allein für sich, weder für Gault, 
noch Cenoman, noch für ein jüngeres Niveau. Dagegen be- 
schränken sich die übrigen Species auf das Cenoman. Es befin- 
den sich darunter mehrere, wie Amm. Rhotomagensis und va- 
rians, Pecten Beaveri, Plicatula inftata, Holaster subglobosus 
und Discoidea cylindrica, die im nordwestlichen Deutschland 
gleichwie in anderen Gebieten recht eigentlich das Cenoman und 
allein dieses bezeichnen. Und da alle diejenigen, die älteren und 
jüngeren Schichten gemeinsam sind, ohne Ausnahme auch im 
Cenoman vorkommen, so waltet kein Zweifel, dass die Kreide 
des Sodafabrikbruchs dem Cenoman zugehört, und dem damit 
äquivalenten untern Pläner am Harze und in Westphalen gleich- 
steht. Fragt man nach den bestimmteren Parallelen in diesem 
untern Pläner, den wir in die 3 Glieder Tourtia, Pläner mit 
Amm. varians und Pläner mit Amm. Rhotomagensis (wir ver- 
einigen mit letztern auch den armen Rhotomagensis -Pläner,) 



118 

trennen, so muss zuförderst bemerkt werden, dass, wenngleich 
im untern Pläner am Harze und in Westphalen die Ueberlage- 
rung dieser drei Complexe constant bleibt, doch deren Sonderung 
nicht gleich scharf ist, und die an einander grenzenden Glieder, j 
wo eine ununterbrochene Entwickelung Statt hat, eine grosse 
paläontologische Verwandtschaft, wie solches der Natur der Sache 
entspricht, zeigen. Von der Tourtia kann indessen entschieden 
nicht die Rede sein, da A?nm. Rhotomagensis , Pecten Beaveri, 
Holaster subglobosus und Discoidea cylindrica, welche das Soda- 
fabrikbruch-Gestein führt, noch nie in der Tourtia gesehen sind, 
und andererseits die absonderlichen Brachiopoden dieser letztern, 
als z. B. Rhynchonella latissima Davids.. Terebratula depressa 
Davids., ferner Pecten asper Lam. u. s. w. bei Lüneburg fehlen. 
Es bleiben mithin als Parallelbildung der Varians-Pläner und der 
Rhotomagensis -Pläner übrig, von denen sich jenes Glied mit 
seinen ältesten Schichten der Tourtia, und mit seinen jüngsten 
Schichten dem Rhotomagensis-Pläner anschliesst. Tritt zwar die 
Entschiedenheit nicht so bestimmt auf als vornämlich am Harze, 
wenn mittlere Schichten eines Gliedes vorliegen, so sprechen doch 
Amm. Rhotomagensis und Discoidea cylindrica, von denen sich 
die erste Form ganz und die andere fast ganz auf den Rhoto- 
magensis-Pläner beschränkt, für diesen. Verstärkt wird ausser- I 
dem eine dergleichen Parallele noch durch die Seltenheit von 
Amm. varians und von Holaster carinatus, die gleichmässig in 
den beiderlei Schichten Statt hat, ferner dadurch dass Amm. 
Mantelli, der sich erst in neuster Zeit im Harzer Rhotomagen- 
sis-Pläner zeigte, hier jedenfalls eine seltene Erscheinung ist, bei 
Lüneburg zu fehlen scheint, und endlich durch die Nähe des 
rothen Gesteins. Wir nehmen nach diesen Erörterungen keinen 
Anstand, die Schichten im Sodafabrikbruche für das Aequivalent 
des Rhotamagensis-Pläners , d. h. des jüngsten Gliedes vom Ce- 
noman im nordwestlichen Deutschland anzusprechen, wie solches 
z. B. am Weissen Wege bei Langelsheim, im Bruche von Brei- 
han's Garten an der Eisenbahn bei Neuwallmoden und unweit 
Rethen zwischen Hannover und Hildesheim gut aufgeschlossen 
ist. Dass bei Lüneburg der für das Niveau charakteristische 
Turrilites costatus Lam. noch nicht gefunden ist, kann keinen 
Anstoss erregen, da diese Species, so häufig sie sich auch an 
manchen Lokalitäten zeigt, an anderen doch vermisst wird. Sca- 
phites aequalis Sow. (von Sc. Geinitzi des obern Pläners ganz 



i 



119 



verschieden) tritt im nördlichen Deutschland überhaupt nur als 
Seltenheit auf, scheint auch dem Varians-Pläner anzugehören. — 
In Frankreich geben die jüngsten cenomanen Schichten der ty- 
pischen Localität an der Cöte de St. Catherine bei Rouen das- 
selbe Niveau. In England, von wo neuerdings eine bestimmte 
Gliederung nicht bekannt geworden ist, stellt sich die gleiche 
Fauna im Chalk marl oder Grey Chalk, vielleicht auch in einem 
Theile des nicht abgetrennten Lower Chalk ein. 

II. Versteinerungen ans dem westlichen Theile des Rathsbruchs. 

In diesem Schichten-Complexe, der zu unterst mit dem oben 
gedachten rothen Kalkmergel beginnt, und im Ganzen eine Mäch- 
tigkeit von 150 bis 200 Fuss haben mag, zeigen sich organische 
Reste zwar nicht selten, vielmehr sind einzelne Bänke gedrängt 
voll davon, jedoch bestehen sie, nach den zeitherigen Funden, 
und wenn auf einige undeutliche Fragmente keine Rücksicht ge- 
nommen wird, lediglich in zwei Species. Es sind diese: 

1. Inoceramus my tiloi des Mant. Goldf. Tab. 113 
Die Form findet sich massenhaft in der ältesten Bank des 
rothen Kalkmergels, die neben dem Sodafabrikbruche, auf dem 
dortigen Feldwege, zwar erkennbar ist, besser aufgeschlossen aber 
am südwestlichen Stosse des Rathsbruches, unterhalb eines dem 
Herrn Behr gehörigen Hauses , das dessen Steinbruchsaufseher 
bewohnt, ansteht. Gute von dieser Stelle herrührende Stücke 
liegen dort in der Ecke des Steinbruchs, dessen Sohle wieder in 
Cultur genommen ist, umher. Auch wird seit langer Zeit in 
der Sammlung des naturhistorischen Vereins in Lüneburg eine 
grosse röthliche Gesteinswand aufbewahrt , die ohne Zweifel da- 
selbst bei dem früheren, jetzt zum Erliegen gekommenen Betriebe 
gewonnen wurde, und mit zahlreichen Individuen erfüllt ist. Die 
Exemplare haben eine Länge von 4 bis 5", sind flach gedrückt 
und von vorn nach hinten wie eine Gervillie verlängert, so dass 
der Rücken mit dem graden Schlossrande einen Winkel von etwa 
45° bildet. Das Schloss hat die halbe Länge der Muschel und 
schliesst sich im stumpfen Winkel an den hintern Rand. Dieser 
formirt mit dem Unterrande einen Halbkreis. Die ganz vorn 
liegenden spitzen Wirbel stehen etwas vor. Hohe concentrische 
Runzeln mit dergleichen Streifen bedecken die Oberfläche in ziem- 
lich regelmässigen Abständen. Die citirte Abbildung bei Gold- 



120 



Fuss trifft gut zu. Eine Verwechselung mit andern Inoceramen 
kann nicht leicht unterlaufen, wenn die Stücke nicht gar zu sehr 
verschoben sind. Die Vorkommnisse von andern Fundorten , wo 
keine Compression des Gesteins Statt fand, zeigen übrigens, dass 
die Form ansehnlich gewölbt ist, dass sie vorn ziemlich steil ab- 
fällt, und sich nach unten und hinten allmälig verflacht. Die 
Flügel sondern sich nicht bestimmt ab. Cf. d'ORB. Tab. 406. 

Die zeither für Inocer. mytiloides, einer sich schön abtren- 
nenden Species , bezeichneten Fundorte bedürfen einer wesent- 
lichen Sichtung. Meist sind sie mit falschen untermischt. Im 
nordwestlichen Deutschland ist die Species auf ein bestimmtes 
Niveau eingeengt. Noch nie hat sie sich in unserem untern 
oder cenomanen Pläner gefunden. Dagegen stellt sie sich mas- 
senhaft in den zunächst darüber liegenden Schichten ein, die so- 
weit bekannt, allein am südwestlichen Kreiderande Westphalens, 
nämlich an der Ruhr (s. diese Zeitschrift Bd. XL S. 66), eine 
hellgraue Farbe haben, sonst überall im nordwestlichen Deutsch- 
land roth erscheinen. Einzelne Ezemplare gehen in die dünnen 
weissen Kalkbänke über, mit denen der jüngste rothe Mergel 
wechsellagert, wie auch, jedoch sehr selten, in den tiefsten Theil 
des weissen Pläners mit Inocer. Brongniarti. Aus den mittlem 
und obern Schichten dieses letztern kennen wir Inocer, mytiloi- 
des nicht, noch viel weniger aber aus dem überliegenden Pläner 
mit Scaphites Geinit%i. Es lassen sich die Angaben der nord- 
deutschen Fundorte hiernach leicht berichtigen. Gut aufge- 
schlossene Fundorte im rothen Mergel sind im Norden des Har- 
zes vielfach vorhanden, so in der Umgegend von Salzgitter, wo 
das Gestein zur Wegebesserung benutzt wird, z. B. am Ringel- 
berge und zunächst bei Liebenburg. 

Noch wird bemerkt, dass Schlotheim in der Petrefacten- 
kunde S. 302 seinen Mytulites problematicus , von welchem 
d'ORB. der Species die Benennung Inoceramus problematicus 
beilegt, aus Kreide und Sandstein von Aachen citirt. Bei Aachen 
tritt aber das Kreide- Niveau mit Inocer. mytiloides nicht auf, 
und in der That findet sich dort der Inocer. mytiloides nicht. 
Es muss daher Schlotheim unter seiner Species etwas anderes 
verstanden haben; was, ist aus der Beschreibung nicht sicher 
zu entnehmen. Es könnte den geognostischen Verhältnissen nach 
darin Inocer. cardissoides oder lobatus Goldfuss Tab. 110, 2 
und 3 aus der Quadraten-Kreide (Salzbergs -Mergel) von Qued- 



121 



linburg vermuthet werden , allein auch diese Formen kommen 
dort , so viel uns bekannt ist, nicht vor. d'Orbigny hat somit 
bei Benennung der Species einen Fehlgriff gethan. S. einen an- 
dern Einwurf in 3ter Aufl. Leth. V. S. 290. 

Im Uebrigen scheint Inocer. mytiloides auch in anderen 
Territorien denselben Horizont einzunehmen, wie im nördlichen 
Deutschland. Mantell giebt die Form Tab. 28, 2, die sicher 
der in Rede stehenden Species angehört, aus Lower Chalk von 
Sussex an. Ebenso So werbt die ganz gute Fig. 1, Tab. 442. 
Brongniart citirt die zutreffende Form Tab. 3, 4 von Rouen, 
wo sie in weisslicher Kreide zunächst über Cenoman vorkommt, 
und d'ORBiGNY endlich stellt die Species im Prodr. 21, 157 in 
sein Turonien. Es möchte dies Alles ein gleiches Niveau sein. 
S. ferner Saemann in Bull, de la Soc. geol. de Fr. II. 8er. 
Tom XV. S. 500 ff. — Auch hat F. Roemer (Kreide von 
Texas S. 60) den Inocer. mytiloides in Texas gefunden. Die 
Species gehört mithin zu den horizontal weit verbreiteten. — Die 
Form aus Böhmen (Reuss IL, S. 26), mindestens diejenige, die 
bei Tyssa unmittelbar über den dortigen versteinerungsreichen 
Bänken vorkommt, ist der wahre I mytiloides. 

2. Inoceramus B rongn i ar ti Sow. 

Exemplare von 3 bis 3j" Höhe, völlig übereinstimmend mit 
denjenigen , wie wir sie aus den weissen Mergeln an der Ruhr 
in Westphalen, diese Zeitschr. Bd. XI. S. 49, charakterisirten, 
und wie sie massenhaft in demjenigen damit gleichstehenden Ni- 
veau des Pläners im übrigen nordwestlichen Deutschland, das 
wir darnach als weissen Pläner mit Inocer. Brongniarti bezeich- 
neten und das oberhalb des rothen und unter dem Pläher mit 
Scaphites Gei?iit%i liegt, vorkommen, finden sich bei Lüneburg 
zerstreut in dem ganzen Schichten-Complexe, sowohl in den rothen 
als auch in den weissen Bänken. Stark angehäuft erscheinen 
sie in den letztern zunächst über der jüngsten rothen Schicht 
und ferner etwa 50 Fuss höher, dem im Steinbruche belegenen 
Bierkeller gegenüber. 

Die grössere Ausbreitung vom Schloss nach dem Unter- 
rande, als von vorn nach hinten, unterscheidet die Species gut 
von Inoceramus Cuvieri, und die mehrere Zusammengedrücktheit 
an den Flügeln, verbunden mit der starken Runzelung, von Ino- 
ceramus striatus. 

Im Uebrigen würden wir für synonym halten: 



122 



/. Brongniarti Mant. Bei Sowerby Tab. 44 t, 2—4. 

(non Mant. Tab. 27, 8, was /. Cuvieri sein wird); 
/. Brongniarti Park. Bei Goldfuss Tab. 111, 3; 
/. cordiformis Sow. Tab. 440 und Goldfuss Tab. 110 

Fig. 6 b. (ib. Fig. 6 a. scheint /. striatus zu sein), 

die hochgewölbte Varietät, und 
/. annulatus Goldf. Tab. HO, 7, die flachgewölbte 

Varietät. 

Der Schichten -Complex mit diesen Versteinerungen bei Lü- 
neburg stimmt nicht nur was die unmittelbare Lage über Ceno- 
man mit Amm. lihotomagensis , sondern auch was die litholo- 
gische und paläontologische Beschaffenheit anbetrifft, mit demjenigen 
Gliede des Pläners, das wir in der mehrerwähnten Uebersicht 
als rothe und darüber liegende weisse Brongniarti-Schichten be- 
zeichneten. Der rothe Pläner hat indessen im übrigen nordwest- 
lichen Deutschland eine ungleich grössere Mächtigkeit. Dass 
darin und in dem überliegenden weissen Pläner hier einige an- 
dere Formen auftreten, die bei Lüneburg noch nicht gefunden 
sind, steht, wenn wirklich eine solche Abweichung bestände, als 
keine von erheblicher Bedeutung zu betrachten, da auch in jenem 
Pläner die beiden Inoceramus - Species , mytiloides und Brong- 
niarti, an Häufigkeit alles Andere weit übertreffen. Zudem kann 
der Umstand, dass bei Lüneburg die untergeordneten Formen 
fehlen, nur scheinbar sein, da der aufgeschlossene Raum im 
Streichen von keiner Ausdehnung ist, daselbst auch, weil der 
Steinbruchsbetrieb aufgehört hat, keine Erneuerung Statt findet. 
Das Factum von Wichtigkeit, dass im tiefsten rothen Gestein 
lnocer. mytiloides und in dem höheren weissen Inocer. Brongniarti 
vorwaltet, trifft gleichmässig im Pläner wie bei Lüneburg zu. 

In dem Aufsatze über den Pläner über der Westphälischen 
Steinkohlenformation stellten wir die Ansicht auf, dass der dor- 
tige graue Mergel mit Inoceramus mytiloides ein wenig älter 
sei als der rothe Pläner, weil jener zwei Hauptformen, Amm. 
lihotomagensis und Discoidea subuculus, mit dem jüngsten Ce- 
noman gemeinsam zeigte. Ganz abgesehen davon, dass man 
neuerdings nichts Anstössiges darin erblickt, dass Species aus 
dem jüngsten Gliede einer Etage in das älteste der darauf fol- 
genden übergehen, so hat sich doch durch Belehrung von Freund 
Desor, dem wir die Stücke zusandten, herausgestellt, dass das- 
jenige aus den Westphälischen Mytiloides-Mergeln , was wir für 



im 

Discoidea subuculus ansprachen, nicht dies, sondern Discoidea 
minima Ag. (Pal. Fr. VII. S. 33, Tab. 1012, 1—7) aus Tu- 
ron ist. Es bleiben somit nur diejenigen beiden Stücke von 
Amm. Rhotomagensis übrig, die wir an der untersten Grenze 
der Mytiloides-Mergel zum Cenoman fanden, und möchte hierauf 
kein so grosses Gewicht zu legen sein, dass der Mytiloides Mer- 
gel an der Ruhr von dem tiefsten rothen Pläner am Harze ab- 
zutrennen wäre. Wir sehen daher jetzt beide, die Inocer. myti- 
loides massenhaft umschliessen, als ein und dasselbe Niveau, als 
gleiche Glieder an. Es ist hiernach das rothe Gestein am Zelt- 
berge als gleichalterig nicht nur mit dem rothen Pläner, sondern 
auch mit den Mytiloides - Mergeln an der Ruhr zu betrachten, 
während clie im westlichen Theile des Rathsbruchs darüber lie- 
genden weissen Schichten dem weissen Pläner mit Inocer. Brong- 
niarti am Harze und im Teutoburger Walde und den weissen 
Mergeln an der Ruhr entsprechen. — In dem jüngeren dieser 
beiden verwandten Glieder treten am Harze und in Westphalen 
zwei verschiedene Facies auf, die eine, räumlich der andern nach- 
stehend, voll von Galerites conicus (früher als G. al ! .o-galerus 
angesprochen). Nicht die Galeriten-Facies , sondern der wahre 
weisse Brongniarti-Pläner ist bei Lüneburg entwickelt. 




III. Versteinerungen aas dem östlichen Theile des Raths- 
brnchs und ans dem Behr'schen Bruch. 



1. ß elemnitella quadr ata d'ORB. Sehr häufig. Die 
gewöhnliche Form, die diese Zeitschrift, Band VII., S. 502 be- 
zeichnet. 

Im nördlichen Deutschland kommt die Species nicht höher 
als in der Quadraten - Kreide vor. Wir haben sie noch nie in 
die Mucronaten-Kreide übergehend, nie gemeinsam mit Belemni- 
tella mucronata bemerkt, selbst nicht in den Bänken, die auf 
der Grenze beider Glieder liegen. Der Fundort Lemförde (Hal- 
dem), der von A. Roemer, Kreide S. 84 (bei der synonymen 
B. granulata) und von Geiwitz, Quadergeb S. 109 angegeben 
wird, ist, sofern das dortige Gestein mit Belemn. mucronata, 
aus dem die Versteinerungen in den Sammlungen verbreitet sind, 
irrthümlich. — Ob Beiern, quadrata schon im unterliegenden 
Pläner beginnt, wird davon abhängen, ob einige wenige Frag- 
mente von Scheiden ohne Alveole, die sich in dem obern Pia- 



124 



ner mit Inocer. Rrongniarti fanden, oder aber diejenigen, die 
sich häufiger , jedoch immerhin selten , im Sächsischen Pläner 
mit Scaphites Geinitzi, auch in nicht genügendem Erhaltungs- 
zustande zeigen, und welche letztere von Geinitz als Beiern, 
lanceolata Sow. sp. angesprochen werden, zugehörig sind. — 
Der eigentliche Belemnites lanceolatus Sow. == Belemnitella 
Vera d'OnB. scheint sich aufCenoman zu beschränken, ist daraus 
im nördlichen Deutschland indessen noch nicht sicher bekannt. 
Exemplare aus der Tourtia von Essen und Plauen scheinen da- 
mit übereinzustimmen. 

Zu bemerken bleibt, dass oberhalb der Tourtia im gesamm- 
ten übrigen untern und obern Pläner des nordwestlichen Deutsch- 
lands die Funde von Beiern nitiden sich zeither auf jene paar 
Fragmente beschränkt haben. 

2. lnoceramus Cuvieri Sow. Goldf. Tab. 111, 1. 
Sehr häufig. 

Bis zur Grösse von 2 bis 3" fast quadratisch mit abgerun- 
deten Ecken ; im mehren Alter wächst die Dimension von vorn 
nach hinten erheblich stärker, als die vom Schlosse nach dem 
Unterrande, so dass bei 4 bis 5" Höhe die Länge 6 bis 7" 
beträgt. Grössere Exemplare sind im BEHR'schen Bruche selten 
und nur fragmentarisch. Die Wirbel ragen nicht über den 
Schlossrand hervor und liegen ganz vorn. Hat kein Druck die 
Gestalt verändert, so wölben sich die Klappen ziemlich gleich- 
mässig, aber nicht stark, von allen Seiten nach der Mitte zu. 
Die vordere Seite, die mit dem Schlosse einen Winkel von etwa 
90° bildet, besteht aus einer ebenen Fläche, ja ist eingedrückt, 
und findet längs des Schlossrandes, wo sich ein schmaler Flügel 
nicht scharf absondert, einige Verflachung Statt. Im höchsten 
Alter wachsen die Klappen am Unterrande nicht in der früheren 
Wölbung, sondern fast senkrecht dagegen, wodurch dann die 
Exemplare ein aufgeblähtes Ansehn erhalten. Die Schale der 
Flügel nächst dem Schlossrande ist ungemein dick, verdünnt sich 
aber nach dem Rücken zu sehr rasch , so dass unterhalb der 
schmalen Flügel oftmals ein Bruch erscheint. Die Form stimmt 
vollständig mit derjenigen aus dem jüngsten Pläner (Cuvieri- 
Pläner), wie auch aus dem obern Grünsande und den grauen 
Mergeln an der Ruhr in Westphalen (diese Zeitschr. Bd. XI. 
S. 52 u. 55), nur pflegt sie hier eine mehrere Grösse zu haben. 
— Wir behalten von früher die Benennung auf Grund der obi- 



125 



gen Abbildungen bei Goldfuss bei, da erst durch diese die 
Species einigermaassen sicher erkennbar dargestellt ist. Doch 
sind auch die GoLDFUSs'schen Abbildungen mangelhaft, insofern 
sie, sei es durch Verdrückung der Originale , sei es durch an- 
dere Zufälligkeiten , die vordere ebene oder eingedrückte Seite 
und das Liegen der Wirbel in der äussersten obern Ecke nicht 
genugsam wiedergeben. Goldfuss nimmt den Namen nach der 
Darstellung bei Sowerby M. C. Tab. 441, 1, und der schon 
geraume Zeit frühem in Linn. Trans., und da diese, so sicher 
als nach älteren Bildern zulässig , in den Hauptmerkmalen stim- 
men, so wird das, was Sowerby und Goldfuss zeichnen, nicht 
nur ein und die nämliche Species sein, sondern es wird auch die 
Benennung derselben , Inocer. Cuvieri , den strengsten Grund- 
sätzen der Priorität entsprechen. Zweifelhaft bleibt dagegen , ob 
die Fragmente, die Mant. Tab. 27. 4, und 28. 1 u. 4 als 
Inocer. Cuvieri und Brongniart in Envir. de Paris Tab. 4., 
10 (excl. B) als Catillus Cuvieri geben, damit in der That 
identisch sind. Auch kommt es hierauf bei der Speciesbenennung 
nicht an, da solche schon früher als fest begründet angenommen 
werden muss. Was Mantell Tab. 27, 1 unter dem Namen 
Inocer. Lamarckii giebt, — das d'ORBiGNY, wie es scheint ohne 
genügenden Grund, zum Inocer. striatus Mant. aus Cenoman 
zieht — scheint von Inocer. Cuvieri nicht abzuweichen. Auch 
der Fundert deutet darauf hin. Dasselbe möchte mit dem ver- 
zerrten Bilde Tab. 27, 8 bei Mantell, das dieser Inocer. 
Brongniarti und Brongntart in Paris Tab. 4, 10 B. Catillus 
Lamarcki nennt, der Fall sein. d'ORBiGNY formirt nach der 
letztern Abbildung seine Species Inocer. Lamarcki , und liefert 
davon Tab. 412 eine Darstellung. Offenbar ist das Original 
durch Zusammenpressung verunstaltet. In den Figuren 1 und 2 
ist der Flügel durch Druck abgebrochen, wie sich dies bei der 
Verschiedenheit der Dicke der Schale nach Obigem oft findet, 
auch lässt Fig. 3 ib. die scharfe Abtrennung des Flügels nicht 
wahrnehmen. Zugleich stellt sich damit die Vorderseite convex 
dar, während sie ursprünglich wahrscheinlich eben oder concav 
war. Wir finden in d'ORBiGNY's Inocer. Lamarcki nichts ande- 
res als den wahren Inocer. Cuvieri. Die Species - Benennung 
Lamarcki wird ganz unterdrückt werden müssen. 
Hiernach würde zu vereinigen sein: 



126 



a. /. Cuvieri Sow. in Linn. Trans. XIII. Tab. 25 und 
M. C. Tab. 441, 1; 

b. /. Cuvieri Goldf. Tab. Iii, 1; 

c. ? /. Cuvieri Mant. Tab. 27, 4 und 28, 1 u. 4 ; 

d. Catillus Cuvieri A. Brongn. Tab. 4, 10 (excl. B) ; 

e. /. Lamarcki Man t. Tab. 27, 1 ; 

f. /. Brongniarti Mant. Tab. 27, 8 und dasselbe als 
Catillus lamarcki bei Brongniart Tab. 4, 1ÜB.; 

g. /. Lamarcki d'ORB. Tab. 412. 

So ist die, Synonymik bei dieser Species ziemlich verwirrt, 
und doch zeichnet sie sich durch hervorstechende Merkmale aus. 
Zur sicheren Erkennung ist indessen nothwendig, dass man gut 
erhaltene Exemplare oder eine Mehrzahl zur Disposition hat. 
Von den zunächst stehenden Formen unterscheidet sie sich leicht 
durch Folgendes: 

Von I. Brongniarti Sow. Goldf. (s. oben II. 2) dadurch, 
dass letzterer einen breiteren Flügel führt, und in allen Alters- 
zuständen die Länge weit geringer ist, als die Höhe. Vorkom- 
men im Brongniarti-Pläner (Turon), also unterhalb des Scaphi- 
ten-Pläners (Senon). 

Von /. striatus Mant. Goldf. (s. oben I., 4) durch des 
letztern Ungleichklappigkeit mit überstehenden Wirbeln, wie auch 
dadurch, dass gleichwie bei /. Brongniarti die grössere Dimen- 
sion vom Schlosse nach dem Unterrande liegt. Vorkommen: Ce- 
noman oder unterer Pläner und jüngster Flammenmergel (Gault). 

Von /. Cripsi Mant. Goldf. (s. unten IV., 27) dadurch, 
dass dieser nie, wie /. Cuvieri stets, eine ebene oder eingedrückte 
Vorderseite hat, sondern hier bogenförmig nach aussen gebuchtet 
ist. Vorkommen: oberes Senon, hauptsächlich mit Beiern, mu- 
cronata, aber auch in dem mit Beiern, quadrata. 

hiocer. Cuvieri kommt im nordwestlichen Deutschland 
massenhaft überall im jüngsten obern Pläner vor, den wir des- 
halb nach ihm benannten, und ist tiefer im Scaphiten-Pläner noch 
nicht gefunden. Er steigt in Westphalen und zwischen der We- 
ser und Elbe in die senonen Schichten mit Beiern, quadrata, 
jedoch seltener. Unsicher bleibt es, ob von den bis 1 Fuss 
grossen Exemplaren, die sich in den Schichten mit Beiern, mu- 
cronata, meist in Fragmenten, zeigen, ein Theil zugehört. 



127 



3. lnoceramus involutus Sow. Tab. 583 und cI'Orb. 
Tab. 413. 

Nicht selten und nahe bis l Fuss gross. 

Der seitlich eingerollte Wirbel der grossen Klappe pflegt 
verdrückt zu sein , da hier die Schale nur dünn war. Diese 
Klappe ist ziemlich glatt, und zeigt nur feine Anwachsstreifen. 
Die kleinere Klappe, die, je nachdem der Wirbel sich erhebt oder 
nicht, mehr oder weniger flach ist, führt starke concentrische 
Runzeln. 

Anderweit hat sich die Species als seltene Erscheinung nach 
A. Roemer (Kreide S. 61) am Gläsernen Mönch zwischen Hal- 
berstadt und Blankenburg, in Schichten, die mit den Salzbergs- 
Mergeln (Quadraten-Schichten) parallel stehen, gefunden. 

Ihr Vorkommen im nordwestlichen Deutschland beschränkt 
sich daher für jetzt auf die senone Quadraten-Kreide. d'ORBiGNY 
citirt sie aus Frankreich von Sens (Yonne) ; Morris im Cat. 
2. Aufl. S. 1 69 giebt sie aus Upper-Chalk, worunter Quadraten- 
und Mucronaten-Schichten zusammen begriffen werden, an. 

4. Ostrea vesicularis Lam. d'ORB. Tab. 487. 
Selten. Dünnschalig und nicht über 40 Mill. gross. 

Die radialen Linien der Oberklappe haben wir noch nicht 
bemerkt. 

Vorkommen im nordwestlichen Deutschland : überall in Mu- 
cronaten-Kreide (Haldem , Ahlten, Rügen, auch Lüneburg) und 
in Quadraten-Kreide (Harzrand, Gehrden u. s. w.), doch pflegt 
sie in jener in der Jugend und im Alter dickschaliger und grösser 
zu sein. Auch könnte es wohl sein , dass die Formen aus der 
Quadraten-Kreide zwei verschiedenen Species angehörten, die 
eine, wie schon Bronn in der Lethaea vermuthet, ohne ausstrah- 
lende Linien auf der Oberklappe. Doch kommt sicher die wahre 
0. vesicularis mit diesen Linien auch in den Quadraten-Schich- 
ten vor, so z. B. bei Ilsenburg und am Rieseberge unweit Kö- 
nigslutter. In älteren Schichten , aus denen die Species citirt 
wird, scheint sie zu fehlen. Im Pläner, selbst im jüngsten, kommt 
sie entschieden nicht vor. 

5. Terebrcttula carnea Sow. Liegt nur in einigen 
Exemplaren vor, die ziemlich aufgebläht, und etwas S-förmig 
gebogene Seitenränder haben, so dass sie sich der Terebr. semi- 
globosa Sow. nähern. 

Diese Zwischenform kommt ebenso im Scaphiten- und auch 



128 



im Cuvieri-Pläner, namentlich im erstem z. B. bei Quedlinburg, 
Börnecke unweit von da, Heiningen bei Wolfenbüttel, vor. Nächst 
dem Harze führen die Quadraten - Schichten nur selten Terebr. 
carnea und wohl nie die wirkliche Terebr. semiglobosa. Als 
Hauptlager der erstem möchte die Mucronaten-Kreide anzuneh- 
men sein, doch reicht sie abwärts bis in den Brongniarti-Pläner. 
— In dieser Zeitschrift Bd. XL S. 71 bezeichneten wir als Ni- 
veau der Terebr. semiglobosa den rothen und weissen Brong- 
niarti-Pläner und fraglich den Scaphiten-Pläner. Es reihen sich 
indessen die damals zweifelhaften Formen im letztern mehr der 
semiglobosa als der carnea an. 

6. Ananchytes ovatus Lam. 

Häufig, hauptsächlich die gewöhnliche Form, die Goldfuss 
Tab. 45, 1 darstellt. 

An andern Localitäten im nordwestlichen Deutschland findet 
sich in der Quadraten -Kreide vorherrschend die Varietät mit 
minder flachem, mehr conischem Rücken. Indessen binden sich 
die verschiedenen Abänderungen, die Goldfuss Tab. 44, 1 als 
ovatus, Fig. 2 als conoideus und Fig. 3 als striatus darstellt, 
weder in höheren, noch in tiefern Schichten an ein bestimmtes 
Niveau. 

S. die verticale Verbreitung der Species diese Zeitschrift 
Bd. XI. S. 71. Darnach beginnt sie gleich über dem rothen 
Pläner , und zwar zuerst sparsam im weissen Brongniarti-Pläner 
und in dem damit gleichalterigen Galeriten- (Albo-galerus-) Plä- 
ner, durchsetzt häufiger den Scaphiten-Pläner und tritt dann in 
grösster Menge im Cuvieri-Pläner und in der Quadraten- und 
Mucronaten-Kreide auf. Die Species ist somit, was betont wer- 
den muss, keineswegs, wie d'ORBiGNY angiebt, auf Senon be- 
schränkt, sondern findet sich auch schon in dessen Turon. 

7. Micr a s'ter cor an guinum Ag. 

Häufig, die herzförmige Form, wie sie d'OßB. Tab. 8ö7 und 
868 darstellt. Die Zönes interporiferes sind eben so breit oder 
etwas schmäler als die Zönes poriferes, etwa wie Hebert in 
Mem. de la Soc. geol. de Fr. 2 Ser. Tom. 5 Tab. 29, Fig. 18 
und 15 von seinem M. cortestudinarium und coranguinum an- 
giebt. Ob auch dessen M. Brongniarti Fig. 14 vorliegt, an 
dem beide Zonen nahezu gleich breit, die interporiferes aber an- 
statt der Tuberkeln mit kleinen Granulen gezeichnet sind, lassen 



129 



die Exemplare nicht wahrnehmen. Vielleicht ist letzteres Merk- 
mal auch nicht völlig beständig und specifisch. 

In dem weissen Brongniarti- und dem Scaphiten-Pläner fin- 
den sich Formen, deren Länge beträchtlich grösser als die Breite 
ist, und von denen ein Theil jedenfalls dem Micraster l.eskei 
d'ORB. Tab. 869 zugehört. Ein anderer Theil davon schliesst 
sich jedoch durch lange Ambulacren u. s. w. so nahe an M. 
coranguinum, dass damit letztere Form vorzuliegen scheint. Be- 
stätigt sich dies, so beginnt das tiefste Vorkommen des Mi cor- 
anguinum im weissen Brongniarti-Pläner, also wie Ananchytes 
ovatus. Dann durchsetzt die Species den Scaphiten- und Cuvieri- 
Pläner, und tritt in diesem letztern und in den Quadraten- und 
Mucronaten-Schichten in der typischen Entwicklung und grösster 
Häufigkeit auf. Betreffenden Falls steht mithin auch M. coran- 
guinum dem d'OßBTGNY'schen Turon und Senon gemeinsam zu. 
Das Citat von M. coranguinum aus dem Grünsande von Essen 
(Tourtia) in Leth. 3. Aufl. V. S. 201 muss unterdrückt werden. 
— M. Leskei ist im nordwestlichen Deutschland aus den senonen 
Quadraten- und Mucronaten-Schichten nicht bekannt. 

8. G alerit es alb ogaleru s Lam. Desor Mon. des 
Gal. 11. Tab. 1, 4—11. 

Nicht häufig, und hauptsächlich in einer bestimmten Lage 
in den jüngsten Schichten auftretend. 

Zeither fassten wir die Species nicht wie Desor in der 
Monogr. des Gal. thut, sondern in Uebereinstimmung mit dessen 
Synop. S. 182 auf, in welchem letztern Werke die früher ge- 
trennt gehaltenen Formen: G. albogalerus Lam., G. vulgaris 
Lam. (non Goldfuss 40, 20, was etwas ganz anderes), G. Co- 
rnea Ag., G. pyramidalis Desm. und G. angulosa Desor, un- 
ter jenem ersten Namen zu einer einzigen Species vereinigt sind. 
Wir kehren jedoch im Wesentlichen zu der früheren Absonderung 
zurück, und schliessen uns damit der Ansicht an, die neuerdings 
Co tteau in der Pal. Fr. darlegte. Berücksichtigt man nämlich 
ins Besondere die beiden Formen G. albogalerus, Mon. Tab. 1, 
4 — 11 und Syn. Tab. 25, 10, und G. conicus, Mon. Tab. 1, 
12 — 19 und Syn. Tab. 25, 9 a. (links unten), und abstrahirt von 
den übrigen, auf die es hier nicht ankommt, so scheinen jene 
beiden in der That specifisch abzuweichen. So viel Aehnlichkeit 
in den Details, in Lage des Periproct, Anzahl und Art der War- 
zen auf der Basis und oberhalb derselben u. s. w. obwaltet, so 

Zeits. d.d. geol. Ges. XV. 1. 9 



130 



ist doch die Gestalt und damit das Quer- und Längenprofil ganz 
verschieden. Bei G. albogalerus laufen die Seiten ohne erheb- 
liche Wölbung in den fast zugespitzten Scheitel aus ; bei G. co- 
nicus dagegen sind die Seiten bogig, und bildet der Scheitel 
nahezu einen Halbkreis. Zwischen beiden Formen kennen wir 
keinen Uebergang, vielmehr bleibt im Quer- und Längenprofil 
dem albogalerus stets der conische und dem conicus der abge- 
rundete Scheitel. Allein wollte man auch hierauf keinen Werth 
legen, so macht doch der Umstand stutzig, und veranlasst uns, 
beide Formen mindestens einstweilen specifisch auseinander zu 
halten , dass G. conicus unserem Albogalerus-Pläner, der G. al- 
bogalerus aber der weit jüngeren Kreide mit Belemnitellen zu- 
steht, und in den zwischenliegenden Gliedern, dem Scaphiten- 
und Cuvieri-Pläner, weder die eine noch die andere Form auf- 
tritt. Auch scheint es, dass G. conicus ausser durch den platte- 
ren Scheitel sich auch dadurch auszeichnet, dass er sich nach 
hinten etwas mehr verschmälert, der Periproct weiter randlich 
liegt, und die Area, auf welcher sich letzterer befindet, kräftiger 
ist. An den Lüneburger und englische^ Exemplaren des G. al- 
bogalerus treten ferner die Warzen in einer Mehrzahl auf, mar- 
kiren sich freilich im Allgemeinen an der Basis auffälliger als 
an den Seiten , sind indessen zunächst dem Periproct von den 
hier umfangreicheren Granulen kaum zu unterscheiden. Der 
G. vulgaris Des. Mon. Tab. 1, 1 — 10 und d'OßßiGNY Tab. 1001 
steht dem G. conicus weit näher als dem G. albogalerus, weicht 
aber nach den Abbildungen auch vom erstem durch geringere 
Höhe, fast kreisförmigen Umfang und den Mangel der Area ab. 

Ist es hiernach warscheinlich, dass G. albogalerus und co- 
nicus, wie sie Desor in der Monogr. des Gal. darstellt, zwei 
verschiedene Species bilden , so entsteht weiter die Frage , wie 
sie zu benennen sind. Die Pal. Fr. greift für erstere auf Breyn's 
Echinoconus conicus de anno 1732 zurück, und ändert, da dar- 
nach die Speciesbezeichnung conicus schon vergeben war, für die 
andere die von Desor ertheilte Bezeichnung conicus msubconi- 
cus d'ORß. um. Hiermit verschwände die Speciesbenennnng al- 
bogalerus ganz und gar. Da sich aber diese schon seit langer 
Zeit in der Wissenschaft eingebürgert hat, so möchte die Wieder- 
einführung vergessener alter Namen leicht Missstände herbei- 
führen, und dürfte sich die Terminologie in der Pal, Fr. nicht 
empfehlen. Wir heissen somit 



131 



G. albogalerus Lam., wasDESOR in Mon. des Gal. als solchen 
bezeichnet, und was die Pal. Fr. Cret. P/, 513 Echino- 
conus conicus Breyn nennt und Tab. 996 u. 997, 1 — 7 
vortrefflich abbildet, und 
G. conicus Ag., was Desor in Mon. des Gal. unter dieser 
Benennung giebt , und was die Pal. Fr. VI., 519, Tab. 
998 als Echinoconus subconicus d'OßB. darstellt. 
Auch wird nunmehr die besondere Facies des Pläners mit 
Inocer, Brongniarti, die wir als Albogalerus-Pläner bezeichneten, 
da der wahre G. albogalerus darin nicht vorkommt, nicht mehr 
so benannt werden dürfen. Wir nennen den Complex fortan 
Galeriten-Pläner. 

Da nicht von allen Autoren die Verschiedenheit der obigen 
Galeriten gehörig beachtet ist, so hält es schwer deren Vorkom- 
men aus den Angaben zu entnehmen. Wir selbst kennen im 
nördlichen Deutschland den G, albogalerus allein von Lüneburg 
(Kreide mit Beiern, quadrata). Desor u. A. citiren indessen 
die Species, und wie es scheint die richtige, auch von Rügen. 
Diesen Falls steigt sie in die Kreide mit Beiern. mucro?iata. 
Was Goldfuss Tab. 40, 19 abbildet, kann füglich G. albo- 
galerus sein. Derselbe giebt als Fundort unter andern Quedlin- 
burg an. Aus dortiger Gegend ist uns jedoch die Species nicht 
bekannt, wohl aber findet sich daselbst an mehreren Stellen der 
Galeriten-Pläner, erfüllt mit G. conicus. — Die Fundorte in 
Frankreich beschränken sich zwar auf Senon, jedoch bedürfen 
sie der weiteren Einengung. 

G. conicus stellt sich im nordwestlichen Deutschland stets 
häufig ein, wo der Galeriten-Pläner auftritt, z. B. am Fleischer- 
kampe bei Salzgitter (in der Synopsis wird dieser Fundort irr- 
thümlich als Scaphiten-Pläner, und bei G. vulgaris aufgeführt), 
— Eisenbahn -Einschnitt am Harlyberge bei Vienenburg, — 
Grosser Bruch bei Weddingen unweit Schladen; dann ferner im 
Halberstadt - Blankenburger Becken : Bruch am alten Wege 
von Blankenburg nach Halberstadt unweit Börnecke und südlich 
vom Hoppelberge ; Stumpfethurmberg bei Ströbeck unweit Halber- 
stadt. In Westphalen endlich ist ein ausgezeichneter Fundort 
der Species bei Graes unweit Ahaus. An allen diesen Stellen 
ist dieselbe mit einer eigentümlichen Fauna vergesellschaftet, die 
in der Hauptsache aus Gal. subrotundus Ag. und globulus De- 
sor Mon. {~ G. globulus Desor Syn. und E. Desorianus d'ORB.), 

9» 



132 



Ter ehr. B eckst A. Roem. , Rhynch. Cuvieri d'ORB. und aus 
Inocer. Brongniarti Sow. besteht. Der Galeriten-Pläner pflegt 
keine grosse horizontale Verbreitung zu haben, und, nach gerin- 
ger Ausdauer, im Streichen durch die andere Facies, den Brong- 
niarti-Pläner, wieder ersetzt zu werden. — Welches genaue Ni- 
veau der G. conicus in Frankreich und England einnimmt, bleibt 
annoch festzustellen. — In der Galeriten -Facies des Pläners pflegt 
G. conicus die jüngste Lage inne zu halten; dann folgt nach 
unten G. subrotundus und endlich Desorianus. Letzterer geht 
auch in die obersten Schichten des rothen Pläners über, da wo 
der Inocer. mytiloides noch nicht massenhaft angehäuft ist. G. 
albogalerus kommt, wie oben erwähnt, sehr viel höher als alle 
genannten Formen vor. 

9. Cidaris subvesiculosa d'ORB. 

Selten. 

Interambulacraltafeln mit einer hohen, ungekerbten, durch- 
bohrten Warze mit grossem kreisförmigen Höfchen, das ein Kranz 
von starken Granulen umgiebt, während den übrigen Theil 
schwächere Granulen bedecken, scheinen mit Täfelchen, die aus 
dem mittlem und obern Pläner nächst dem Harze und aus der 
Mucronaten-Kreide von Rügen vorliegen und zeither mit C. vesi- 
culosa Goldf. Tab. 40, 2, einer cenomanen Species von Essen, 
zusammengestellt sind, übereinzustimmen. Bei d'ORßiGNY Prodr. 
IL, 274 und Desor Syn. S. 13 werden sie C. subvesiculosa 
genannt. Ob und inwiefern die Lüneburger Formen specifisch 
abweichen, lässt sich aus dem geringen Material nicht sicher 
entnehmen. Kräftige cylindrische Stacheln , die wahrscheinlich 
zugehören, führen mit ziemlich breiten Zwischenräumen gekör- 
nelte Längslinien , wie sie Desor in Syn. Tab. 5, 27 darstellt. 

10. Mar supites ornatus Mant. Leth. 3. Aufl. V, 175, 
Tab. 29, 13 und 34, 9. 

Häufig. 

Die meist einzeln vorkommenden Täfelchen von schöner Er- 
haltung haben 20 — 25 Mill. Durchmesser und mehr oder weniger 
regelmässige 5» und 6-seitige Form, je nach ihrer Lage aus der 
Krone, und führen breite, aus der Mitte ausstrahlende Rippen, 
die zum Theil anfänglich aus rundlichen Körnern bestehen. Ein 
fast vollständiger Kelch, jedoch ohne Arme, befindet sich in der 
Sammlung des Herrn Moritz. 

Im nordwestlichen Deutschland kommen diese Marsupiteu 



133 



vielfach in den senonen Schichten mit Beiern, quadrata vor, so 
in den Salzbergs-Mergeln am Papenberge bei Blankenburg. Die 
Hauptlocalität befindet sich an der südwestlichen Ecke des auf 
der Karte von Hannover und Braunschweig von Papen bezeich- 
neten Papenbergs, da wo ihn die von Blankenburg nach Halber- 
stadt führende Chaussee berührt, und diese ein aus der Richtung 
vom Regenstein kommender Weg rechtwinklig schneidet. Bei 
Roemer, Geinitz und in der Lethaea wird irrthümlich der einige 
Minuten westlich belegene Plattenberg, wo Mucronaten - Kreide 
auftritt , angegeben. Häufig finden sie sich ferner in demselben 
Niveau , in einem grauen thonigen Mergel bei Limmer unweit 
Hannover, seltener dagegen in dem sandigen Gesteine mit Beiern, 
quadrata bei Gehrden. Aus dem jüngern Theile des deutschen 
Senon mit Beiern, mucronata ist uns die Species nicht bekannt. 
Doch giebt sie d'ORBiGNv im Prodr.ll, S.275 von Meudon, wo, 
so viel wir wissen, Beiern, quadrata nicht auftritt, an. 

Zur Uebersicht des paläontologischen Werths dieser Fauna 
aus dem östlichen Theile des Rathsbruchs und aus dem Behr- 
schen Bruche ist das Vorkommen der einzelnen Species im übri- 
gen nordwestlichen Deutschland in der umstehenden Tabelle zu- 
sammengestellt. 

Hiernach findet sich keine der Lüneburger Species ander- 
weit in den Mytiloides-Mergeln und noch weniger in tieferen 
Schichten. Eine Mehrzahl geht abwärts bis in den weissen 
Brongniarti-Pläner, bezüglich den Scaphiten- und (Juvieri-Pläner. 
Doch möchte davon Cidaris subvesiculosa mindestens bis dahin, 
dass die Merkmale besser als jetzt feststehen, als eine indifferente 
Form zu betrachten sein. Es bleiben dann Terebratula carnea, 
Ananchytes ovatus und Micraster coranguinum , welche das 
Lüneburger Niveau mit dem untern und mittleren Theile des 
obern Pläners gemeinsam führt, und tritt hierzu noch Inoceramus 
Cuvieri, welchen dasselbe mit dem obern Theile gemeinsam führt. 
Allein allen diesen Species steht eine grosse verticale Verbrei- 
tung zu, und gehen jene drei und vielleicht auch die letztere 
ausserdem durch die jüngste obersenone Kreide. Sie eignen sich 
daher für ins Einzelne gehende Parallelisirungen nicht. Berück- 
sichtigt man ferner, dass die Hauptformen Belemnitella quadrata, 
Ostrea vesicularis und DIarsupites ornatus und ebenso' auch 
Galerites albogalerus noch nirgend im Pläner gesehen sind, so 
darf von einer Gleichstellung mit irgend einem Gliede dieses 



134 




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135 



'letztern nicht die Rede sein, und da ausserdem die Lagerung 
über dem Brogniarti - Pläner stattfindet, so kommen nicht tiefere 
Schichten, sondern nur die beiden Glieder der obersenonen Kreide, 
dasjenige mit Beiern, quadrata und dasjenige mit Beiern, mu- 
cronata in Frage. Die. Entscheidung zwischen letzteren beiden 
unterliegt aber keinem Zweifel, da in dem Lüneburger betreffen- 
den Complexe wohl Beiern, quadrata , und zwar sehr häufig, 
noch nie aber Beiern, mucronata gefunden ist, und da, wie wir 
weiter unten sehen werden, die Mucronaten- Kreide thatsächlich 
überliegt. Die Schichten im östlichen Theile des Rathsbruchs 
und im Behr'schen Bruche gehören somit demjenigen Gliede der 
obersenonen Kreide an, das wir als Kreide mit Beiern, quadrata 
bezeichnen. 

Am Zeltberge sind die Aequivalente für die zwischen dem 
Brongniarti-Pläner und der Quadraten - Kreide an andern Grten 
liegende Glieder, nämlich für den Pläner mit Scaphites Geinitzi 
und für den mit Jnocer. Cuvieri, nicht angetroffen. Allerdings 
gestalten sich die Aufschlüsse in dem mittleren Theile des Raths- 
bruchs, wo grade die Grenze zwischen den Brongniarti-Schichten 
und der Quadraten - Kreide vorhanden sein muss, am mindesten 
gut, weil hier die Stösse des Bruchs zum Theil wieder bewach- 
sen, zum Theil mit hohem Schutt beworfen sind. Das Scaphiten- 
Niveau fehlt sicher, weil sich noch keine Spur von dessen cha- 
rakteristischer und mannichfacher Fauna gezeigt hat. Dagegen 
wäre es nicht unmöglich, dass daselbst das Niveau des Cuvieri- 
Pläners, wenn auch nur mit geringer Mächtigkeit, bestände. 
Nicht nur liegen daselbst viele Bruchstücke von ungewöhnlich 
grossen Jnocer. Cuvieri umher, sondern es werden auch in dem 
östlichen Theile des Rathsbruchs, in je tiefere Schichten man ge- 
langt, die Belemnitellen immer seltener. Es deutet das auf das 
Vorhandensein des Niveaus mit Jnocer. Cuvieri in dem bedeck- 
ten Räume einigermaassen hin. 

IV. Versteinerungen ans den Brüchen der Cementfabrik. 

1. Belemnitella mucronata d'Orb. 
Sehr häufig. 

Es hat sich zeither nur die typische Form, meist in ziemlich 
grossen, 100 bis 120 Mill. langen Scheiden, gezeigt. Cf. diese 
Zeitschr. Bd. VII. S. 502. Von dem gleichzeitigen Vorkommen 



136 



der Beiern, quadrata ist weder den Anwohnern, noch uns eine 
Andeutung bekannt. 

2. N autilus laevig atus d'Orb. Tab. 17. 

Minder häufig. 1 

Bis 70 Mill. im Durchmesser, jedoch ohne Wohnkammer. 
Die sehr aufgeblähten Stücke von halbmondförmiger Mundöffnung, k 
engem Nabel und ohne Spur einer Ventraldepression gleichen r 
der gedachten Abbildung und der bei Sharpe Tab. 2, 1 — 2, v 
jedoch liegt der Sipho, soweit an einem etwas verdrückten Exem- j 
plare zu sehen ist, etwas aus der Mitte nach innen. Im Prodr. 
erwähnt d'Orbigny dieses Urastandes, und stellt derselbe die Form 
mit mehr äusserm Sipho als N. sublaevigatus ins Turon und 
diejenige mit mehr innern Sipho als N. Dekayi ins Senon. Be- 
stätigt sich der Unterschied, was mit Stücken aus tieferen Schich- 
ten, wo die Lage des Siphos selten zu beobachten, zu controlliren 
wir nicht in der Lage sind, so würde die Lüneburger Form zu 
N. Dekayi gehören. 

Wird von der Lage des Siphos abstrahirt, so liegt die Form 
von anderen Orten des nordwestlichen Deutschlands vor: 

aus Mucronaten-Kreide: von Ahlten, Haldem,- 

- Quadraten-Kreide : Gehrden, Ilsenburger Mergel ; 

- Grauen Mergeln von Westphalen; 

- Cu vieri-Pläner : Eisenbahn-Einschnitt auf Sehlder Feld- 
mark bei Neuwallmoden; 

- Oberem Grünsand von Westphalen , 

- Scaphiten - Pläner : Rumberg bei Neinstedt unweit 
Thale, Heiningen; 

- Weissen Mergeln mit Jnocer. mytiloides von West- 
phalen, und 

- aus cenomanen Pläner mit dmm. varians vom Kahn- 
stein bei Langelsheim, Broitzen bei Braunschweig. 

Zeither pflegt die Form als N. Simplex Sow. Tab. 122 
aus U. g. S. angesprochen zu sein, welche Species sich nach 
Sharpe durch eine Ventraldepression markiren soll, im Uebrigen 
jedoch nicht genügend bezeichnet ist. Pictet in St. Croix 
S. 144 stellt den N.simplex fraglich zu JV. Clementinus d'Orb. 
aus Gäult. Gewöhnlich lassen die glatten Kreide-Nautilus wenig 
charakteristische Merkmale wahrnehmen, so dass sie sich einst- 
weilen zu Niveaubestimmungen nicht sonderlich eignen. 



137 



3. Nautilus interstriatus sp. nov. 
Häufig. 

Mit einem Theile oder anscheinend der ganzen Wohnkammer 
100 bis 120 Mill. im Durchmesser. Meist sehr verdrückt. Von 
äusserer Schale ist nichts vorhanden, und sind die Scheidewände 
der Kammern stets sichtbar, woraus auf Steinkerne zu schliessen 
sein möchte. Die Mundöf*ung und der Nabel sind mit N. neo- 
comiensis d'Obb. Tab. 11 ziemlich conform, jene etwa so hoch 
als breit, ja wohl noch etwas höher, daher die Form nicht auf- 
gebläht erscheint. Der Nabel weit und offen und ohne Kante. 
Sipho mittelständig oder noch etwas nach aussen liegend. Was 
die Species vornämlich bezeichnet, ist die Art der Berippung. 
Die Rippen sind nämlich nicht breit und wellenartig, durch Fur- 
chen gesondert, wie an N. neocomiensis , elegans u. s. w., son- 
dern sie bestehen lediglich in schwachen, linienartig erhabenen, 
aber sehr markirten Streifen, die innerhalb des Nabels, auf den 
Seiten und am Rücken gleich bleiben. Sie biegen sich stark 
S-förmig, laufen bis etwas über die halbe Höhe der Seite bogig 
radial, und machen dann und auf dem Rücken eine starke Bie- 
gung nach hinten. Bei 100 Mill. Durchmesser zählt man in der 
Medianlinie des Rüekens auf 30 Mill. Länge 12 dergleichen 
Rippen. Sie haben also etwa die Entfernung, wie an der Ab- 
bildung von N. elegans bei d'Orb. Gabelung der Rippen, die 
an dieser Species auf unseren Exemplaren aus Cenoman auf den 
Seiten häufiger ist als d'Orb. zeichnet, findet sich nie. Dagegen 
sieht man auf dem Rücken und auf der obern Hälfte der Seiten 
zwischen je 2 Rippen noch 3 feine Streifen , wie wir solche an 
keiner andern gerippten Kreide -Species kennen. Von dieser 
Eigentümlichkeit mag die Benennung entnommen werden. Auf 
der untern Seitenhälfte und im Nabel ist die Zwischenstreifung 
nicht zu bemerken. Das Ganze lässt vermuthen, dass Steinkerne 
mit Abdruck der äussern Schale vorliegen, dass sich mithin die 
obige Darstellung auf die äussere Schalenoberfläche bezieht. Die 
Kammern sind ziemlich hoch, höher als bei N. elegans. Es 
kommen etwa 6 Stück auf den letzten halben Umgang. Ihre 
Nähte sind stark S-förmig gebogen, und reichen am Rücken, weit 
nach vorn, so dass die Kammern hier ungemein dünne auslaufen. 
Die Bestimmung der Lage des Sipho hat deshalb seine Schwie- 
rigkeiten. Ventraldepression zeigt sich weder im älteren , noch 
im jüngern Zustande. So weicht N. interstriatus von den be- 



I • 



138 



kannten berippten Nautilen der Kreide durch die feinen Rippen 
und die Zwischenstreifen wesentlich ab, speciell vom A 7 . elegans 
d'Orb. ausserdem durch mindere Aufblähung und weiten Nabel. 

An anderen Orten kommt die Species bei Ahlten unweit 
Lehrte in senoner Kreide mit Beiern, mucronata in ganz dem- 
selben geognostischen Niveau, wie sich weiter unten ergeben 
wird, als bei Lüneburg vor. Daselbst fehlen indessen die Zwi- 
schenlinien , was daher rühren wird , dass wirkliche Steinkerne 
auftreten. Es wird dieselbe von Ahlten bei Roemer und Gei- 
nitz für N. elegans angesprochen. N. elegans kennen wir aus 
dem nordwestlichen Deutschland oberhalb des Pläners weder aus 
Kreide mit Beiern, quadrata, noch aus der mit Beiern, mucro- 
nata. Die Citate von Kner und Alth in Haidinger's Abhandl. 
III, 2. S. 6 u. 202 aus Mucronaten - Kreide von Lemberg möch- 
ten noch der Bestätigung bedürfen. 

4. ? Ammonit es Gollevillen sis d'Orb. Prodr. 22, 
17. (A. Lewesiensis Pal. Fr. Tab. 101 und 102, 1.) 

Selten. 

Es haben sich zeither nur junge unberippte Stücke, wie 1. c. 
Tab. 102, 1, jedoch etwas mehr involut gefunden, und möchte 
deshalb das Lüneburger Vorkommen der Species noch zweifelhaft 
sein. Dieselbe beschränkt sich im nordwestlichen Deutschland 
nicht auf Mucronaten -Kreide (Haldem), sondern erscheint auch 
schon in der Quadraten-Kreide (Peine). 

5. Scap Attes tridens Kner. Haidin. Abband. 111,2. 
S. 10. Tab. 2, 1 und Getnitz Quad. Tab. 7, 1. 

Obwohl seither nur ein Exemplar und zwar vom Herrn 
Moritz gefunden ist, das ovalen Umfang, 120 und 90 Mill. 
Durchmesser hat, am evoluten Theile des Rückens beschädigt ist, 
und die Knotenreihen nicht wahrnehmen lässt, so stimmt doch 
im Uebrigen die Form mit den citirten Abbildungen und mit 
von Nagorzany vorliegenden Exemplaren so, dass über die rich- 
tige Bestimmung kein Zweifel bleibt. Letztere' und das Lüne- 
burger Stück sind etwas minder comprimirt als die Darstellung 
bei Geimtz erscheinen lässt; die Mundöffnung ist etwa ebenso 
breit als hoch. An dem eingerollten Theile nimmt die Win- 
dungshöhe rasch zu, und da daselbst auch die Involubilität stark 
ist, so gestaltet sich der Nebel sehr eng. Die radialen Rippen 
gabeln sich unregelmässig theils in der Nähe der Sutur, theils 
in der untern Hälfte der Seite, auch schalten sich hier neue 



139 



Rippen ein. Alle laufen in gleicher Stärke und ohne Biegung 
über den Rücken fort. 

Diese schöne Species, die zu den grössten bekannten Sca- 
phiten gehört, hat sich seither allein in der Kreide mit Beiern, 
mucronata von Nagorzany und Lemberg gefunden. Bei dem 
stellenweise häufigen Auftreten von Scaphiten in der Mucronaten- 
Kreide des nordwestlichen Deutschlands, wie namentlich bei 
Lemförde und Haldem, wird darauf zu achten sein, ob die Form 
nicht dort vorhanden ist. 

6. Scap hit es c onstric tus d'Orb. Tab. 129, 8 — 11. 
(Amm. constrictus Sow. Tab. 184 a, 1.) 

Nicht häufig. 

Auf der Rückenkante, jedoch auf den evoluten Theil be- 
schränkt , befindet sich eine Reihe länglicher Höcker, die ihre 
grössere Dimension in der Richtung der Spirallinie haben. Der 
eingerollte Theil mit sehr engem Nabel gleicht dem Amm. 
Cottae Roem., wie auch dem Jugendzustande von Scaphites 
Geinitzi und compressus, und führt etwas gebogene, doch auch 
ziemlich grade radiale Rippen, die sich in der Mitte der Seiten 
und tiefer,, zuerst in zwei, dann in drei und noch mehrere spalten. 
Hin und wieder tritt auch eine Rippe ohne Gabelung auf. Im 
evoluten , behöckerten Theile entfernen sich die sonst dicht lie- 
genden Rippen von einander, und nehmen mit grösserer Breite 
eine wellige Beschaffenheit an. 

Von andern Localitäten des nördlichen Deutschlands ist die 
Form nur aus Mucronaten - Kreide von Rügen bekannt. Bei 
Haldem und Ahlten, wo sonst Scaphiten zu Hause sind, findet 
sie sich nicht. Dagegen kömmt sie in der Mucronaten - Kreide 
von Nagorzany und Lemberg vor. 

7. Baculites Knorri Desm. Geinttz. Quad. Tab. 5. 
4—5. Häufig. 

Fusslange, glatte Steinkernstücke von ovalem oder fast ovalem 
Querschnitt, der grössere Durchmesser bis zu 50 Mill., markiren 
sich ausser den Loben durch nichts anderes als den Querschnitt. 
Dieser ist im jüngeren Alterszustande bis nahe unter die Wohn- 
kammer, wie es scheint, constant vollkommen elliptisch, am Bauche 
und am Rücken gleich gerundet. Die beiden Durchmesser ver- 
halten sich etwa wie 4:7. So nähert sich dieser Zustand dem 
B. Faujasi Lam. Späterhin verflachen sich die Seiten ein wenig, 
der Querschnitt wird etwas eiförmig, ohne dass sich indessen 



140 



der Röcken zugeschärft gestaltete. Zu B. anceps Lam., wie 
diesen d'OrbiGx\y u. A. darstellen, gehört die Form mithin nicht, 
zumal keine Andeutung von den dem anceps eigentümlichen 
welligen, nach vorn gebogenen Rippen wahrzunehmen ist. Jeden- 
falls kommt dieselbe Form von ungewöhnlich grossen Dimen- 
sionen auch bei Lemberg und Nagorzany vor, von wo sie Ai.th. 
1. c. S. 208 — 20 in die eine oder die andere Species einreiht, 
je nachdem der Querschnitt elliptisch oder herzförmig ist. Gei- 
nitz im Quader stellt letztern unter dem obigen Namen dar. 
Ob sie sich jedoch specifisch vom ß. Faujasi abtrennen, womit 
sie zunächst vereinigt werden raüssten, wenn die Wahl lediglich 
zwischen anceps und Faujasi zu treffen wäre, wagen wir nicht 
zu entscheiden. Die Formen, die dasselbe Niveau bei Haldem 
und Ahlten ziemlich häufig umschliesst, weichen specifisch meist 
nicht ab. — Jüngere Stücke von guter Erhaltung sind bei Lüne- 
burg selten, und stösst die Vergleichung mit den kleinen Exem- 
plaren, die sich in der Mucronaten- und Quadraten - Kreide an 
anderen Orten des nordwestlichen Deutschlands finden, auf Schwie- 
rigkeiten. Es scheint fast, als wenn B. anceps mit Zuschärfung 
an der Siphonalseite etwas tiefer, in der Quadraten-Kreide, liegt, 
während B. Faujasi und Knorri der Mucronaten-Kreide zustehen. 
8. Globic onc ha Lunebur gensis sp. nov. 
Häufig. 

Die eingewickelte Schale mit 4 Umgängen hat ein sehr 
kurzes Gewinde, und ist fast kugelig, 20 — 22 Mill. hoch. Mün- 
dung schmal, unten etwas erweitert. So viele Exemplare vor- 
liegen, so findet sich doch keine Spur von Falten und Zähnen 
an Spindel und Aussenlippe. Letztere scheint sich indessen im 
höchsten Alter wulstförmig zu verdicken. Die Form hat die 
ungefähre Gestalt von G. rotundata d'Orb. Tab. 169, 17, was 
sie aber von dieser und den übrigen bekannten Arten unter- 
scheidet, ist, dass die Schale 25 — 28 breite, spirale Bänder führt, 
die durch seichte Furchen gesondert werden, und sich in gleicher 
Breite und Stärke gleichmässig vertheilen. 

Es wäre nicht unmöglich, dass in der von Lemberg und 
Nagorzany durch Kner und Alth I.e. S. 15 und 214 Tab. 3, 5 
dargestellten Avellana cassis, von der nicht anzunehmen steht, 
dass sie in oberer Kreide auftritt, dieselbe Species vorliegt, wenn 
nicht Falten auf der Spindel abgebildet würden. Sollten sich 
dergleichen auch an den Lüneburger Stücken zeigen, so könnten 



141 



sie mit Avellana Archiaciana d'Orb. Tab. 169, 7 aus Senoner 
Kreide von Aachen identisch sein. 

Von anderen Orten im nordwestlichen Deutschland nicht 
bekannt. 

9. Trochus plic alo -c arinatu s Goldf. Tab. 181, 
(Delphinula tricarinata Roem. Tab. 12, 3—4.) 

Häufig. 

Kreiselförmig, 25 — 30 Mill. hoch, mit fünf durch eine tiefe 
Nahtfurche gesonderten Windungen , die in und unterhalb der 
halben Höhe mit zwei genäherten Kielen versehen sind , von 
denen der obere knotige Falten führt. Der untere Kiel verwischt 
sich in der vorderen Hälfte des letzten Umganges. 4 bis 6 ge- 
krümmte Längslinien befinden sich über dem obern Kiel, andere 
schwächere bedecken den übrigen Theil. Die Steinkerne sind 
glatt und lassen am obern Kiele nur Andeutung der Knoten 
wahrnehmen. Somit stimmt die Form vollständig mit Var. L. 
T. granulatus bei Goldfuss. Die zahlreichen andern Spielarten, 
Var. monilifer und depressa bei Goldfuss haben sich zeither 
nicht gezeigt. 

An anderen Orten des nordwestlichen Deutschlands häufig 
in Mucronaten -Kreide bei Haldem und Coesfeld, auch in dem- 
selben Niveau bei Lemberg und Nagorzany. 

10. Trochus {Turbo) armatus d'Orb. Prodr. 22, 
261 (Tr. Baster oti Brongn. bei Goldf. Tab. 181, 7 — non 
Brongn.) Selten. 

Die 4 — 5 gewölbten, an der. Basis gekielten und durch eine 
starke Naht gesonderten Umgänge führen 5 spirale Linien, die 
durch schräg rückwärts herablaufende Querlinien durchsetzt 
werden, und in den Durchschnittspunkten starke Körner tragen. 
Die Basis scheint nur spiral gestreift, nicht gegittert zu sein. 
Offenbar weicht der T. Basteroti bei Goldf. von dem bei 
Brongn. Paris Tab. 3, 3 ab, und hat deshalb d'Orbigny beide 
Formen getrennt. JDen T. Basteroti setzt d'Orb. Prodr. 20, 
108 ins Cenoman, obgleich ihn Brongniart aus weisser Kreide von 
Meudon aufführt. Die vielfachen früheren Citate des T. Baste- 
roti bedürfen unter solchen Umständen einer Revision. 

In der Mucronaten-Kreide von Haldem findet sich die Species 
T. armatus sicher, - wahrscheinlich auch bei Lemberg und in 
Schweden. 



142 



11. P leur o tornaria velata Goldf. Tab. 187, 2 
und P leurot. disticha Goldf. Tab. 187, 5. 

Häufig. 

Beide mit feiner Spiralstreifung, die durch Querlinien, nach 
der stumpfen Kante in der Mitte der Windungen, wo der Spalt 
liegt, convergirend, gekörnelt werden. Erstere Form führt noch 
feinere Streifen als letztere. Ob hierin und in dem etwas ver- 
schiedenen Querschnitt der Windungen ein specifischer Unter- 
schied liegt, lässt sich, da mannichfache Verdrückung, vorkommt, 
einstweilen nicht beurtheilen. An der cenomanen Species P.per- 
spectiva, mit der jene vielfach vereinigt sind, haben die Spiralen 
Gürtel eine grössere Breite. Näher steht schon die Form aus 
dem obern Pläner mit lnocer. Cuvieri und den . Bildungen von 
gleichem Alter. 

Beide Arten kommen in Mucronaten-Kreide bei Haldem und 
Lemberg vor. 

12. Fusus {Pyrula) carinatu s Goldf. Tab. 172, 
11 (non Roem.) 

Selten. 

Nach unvollkommenen Stücken zusammengesetzt etwa 45 Mill. 
hoch. Oer letzte Umgang mag ebenso hoch sein als die treppen- 
förmig absetzenden übrigen, daher wie Fig. IIa bei Goldf. 
Oberhalb der scharfen Kante scheint die Schale glatt zu sein, 
während der Theil darunter mit wellig spiralen Streifen von un- 
gleicher Stärke bedeckt ist. 

Vorkommen an anderen Orten des nordwestlichen Deutsch- 
land: Mucronaten-Kreide von Coesfeld und Haldem. Die Form 
von Nagorzany, die Knek Tab. 4, 7 abbildet und fraglich zu- 
zählt, scheint nach dem niedrigen Gewinde eine andere Species 
zu sein. Ob Fig. Hb bei Goldfuss nur verdrückt ist, bleibt 
dahingestellt. 

13. Fusus [Pleurotoma) indultus Goldf. 
Tab. 170, 10 oder ähnlich. 

Selten. 

Unterscheidet sich von der Abbildung dadurch , dass die 
Windungen in ihrer Mitte nicht nach aussen aufgebläht, sondern 
flach convex sind. Die untere Windung hat starke Spirale Falten, 
die oberen sind gegittert. Von Ausrandung ist nichts wahrzu- 
nehmen. Ausserdem doppelt so grossalsbei Goldfuss. Die gleiche 



143 



Form liegt von Haldem nicht vor. Das was Alth 1. c. Tab. 9, 
21 u. 22 darstellt, weicht gleichfalls ab. 

14. Cerithium Nerei Münst. Goldf. Tab. 174, 3. 

Selten. 

Auf jeder Windung 16—18 wellige Querrippen, die keine 
regelmässige Reihen bilden. Spirale Streifung wie bei C. Decheni 
findet nicht Statt. 

An anderen Orten in Mucronaten-Kreide bei Haldem. 

15. P holadomy a (Cardium) decussata Mant. 
bei Goldf. p. 222. g Tab. 145, 2, — non Ag. 

Nicht häufig. 

Abgerundet dreiseitig, fast so hoch wie lang (70 Mill.), die 
eingerollten Wirbel liegen ganz vorn. Hier stark aufgebläht, 
hinten zusammengedrückt, jedoch etwas klaffend. Vorn senkrecht 
abgestutzt, und^ was die Species von andern auszeichnet, ist die 
Beschaffenheit der herzförmigen Vorderseite. Diese führt näm- 
lich in etwas über der halben Höhe beginnend und in den Wir- 
beln endigend eine kreisförmige, hohe, wellige Kante, die ober- 
halb ein Mondchen umschliesst, während sich darunter ein halb- 
mondförmiger concaver Raum bildet. Die Abbildung bei Goldfuss 
deutet dies gut an. Von radialen Rippen ist auf der Vorderseite 
keine Spur. Dagegen setzen die concentrischen Runzeln und An- 
wachsstreifen der Seiten über sie bis zu den Wirbeln fort. Auf 
den vordem -| der Seiten strahlen 25 — 28 Rippen von ungleicher 
Stärke und in ungleicher Entfernung von einander aus. Ein 
Theil derselben schaltet sich bei halber Höhe oder noch früher 
ein. Nächst den Wirbeln, wo sie dichter liegen, sind sie schärfer 
als weiter unten. In dem hintern \ der Seiten bemerkt man zu- 
nächst und an den Wirbeln noch einige Rippen, doch verwischen 
sich diese tiefer unten. Goldfuss zeichnet an einem Exemplare 
von Coesfeld eine geringere Anzahl von nahezu gleich starken 
Rippen, sagt aber in der Beschreibung, dass dergleichen schwä- 
chere und stärkere mit einander abwechselten. Stücke von dem- 
selben Fundorte aus unserer Sammlung stimmen mit obiger Dar- 
stellung des Lüneburger Vorkommens, und darf deshalb ange- 
nommen werden, dass die Abbildung bei Goldussf, was die 
Zahl der Rippen anbetrifft, nicht genau ist. 

Die Species wird von Goldfuss, wie es scheint auch von 
Agassiz, da dieser ihrer bei den Pholadomyen nicht erwähnt, 
und ferner von Bronn im Nomenciator zu Cardium gerechnet. 



144 



Die herzförmige Vorderseite mit abgesondertem Mondchen giebt 
hierzu unstreitig die Veranlassung. Da indessen die Muschel 
hinten klafft, und keine Spur von Schlosszähnen zu bemerken 
ist, auch das lanzettliche Feldchen hinter den Wirbeln, und 
überhaupt der ganze Habitus sich wie bei Pholadomya gestaltet, 
so nehmen wir nach dem Vorgange von Geinttz im Quad. 
S. 146 keinen Anstand, die Species zu Pholadomya zu ziehen. 

Ob das Cardium decussatum, das Mant. Tab. 25, 3 und 
Sow. Tab. 552, 1 abbilden, die GoLDFuss'sche Species ist, lässt 
sich bei der Unvollkommenheit der Darstellung nicht entscheiden. 
Agassiz in Mon. des Myes S. 74 formirt daraus seine Species 
Pholad. decussata Tab. 4, 9 — 10 und 4', 7 — 11, welche mit 
der obigen P. decussata Mant. bei Goldfuss zwar den Umriss 
gemeinsam hat, sich jedoch davon durch den Mangel der das 
Mondchen begrenzenden Kante auf der Vorderseite und durch 
geringere Anzahl der Rippen unterscheidet. Ist die Auslegung 
bei Agassiz richtig, wie indessen nicht feststehen möchte, so bedarf 
die GoLDFuss'sche Species eines neuen Namens, andern Falls die 
bei Agassiz. Keinen Falls sind Cardium decussatum Gold- 
fuss und Pholadomya decussata Ag. identisch. 

An anderen Orten im nordwestlichen Deutschland findet 
sich Goldfuss' Species ziemlich häufig in den mergeligen Schich- 
ten der Mucronaten- und Quadraten Kreide, so in jener bei Ahlten, 
Coesfeld, und in dieser bei Ilsenburg, Vordorf. Aus den sandi- 
gen Schichten der Mucronaten-Kreide von Haldem und der Qua- 
draten-Kreide von Quedlinburg u. s. w. kennen wir sie nicht. — 
In der Mucronaten-Kreide von Lemberg und Nagorzany ist sie 
nicht selten. 

Eine andere, von der Lüneburger verschiedene, ihr jedoch 
ähnliche Form mit 10 bis 12 Rippen auf den vordem -| der 
Seiten zeigt sich als Seltenheit in cenomanem Pläner. Es hat 
davon Herr Griepenkerl ein schönes Stück in den tiefsten 
Varians - Schichten des Eisenbahn -Einschnitts bei Neuwallmoden 
(Braunschweig- Kreienser Bahn), und Herr Siegemann zwei 
andere in den Rhotomagensis- Schichten am weissen Wege bei 
Langelsheim gefunden. Es könnte dies Phol. decussata bei 
Agassiz sein, doch würden mehrere Exemplare erforderlich sein, 
um darüber sicher zu entscheiden, zumal die Angabe von d'Or- 
eigny im Prodr. 12, 111, dass Agassiz's Species aus Callovien 
herrühre, stutzig machen muss. Dieselbe Form und gleichfalls 



145 



aus cenomanen Niveau wird A. Roemer bei dem Citate (Kreide 
S. 67 ) von Cardita Esmarki Nilsson bei Goldfuss aus 
Flammenmergel von Ringelheim und Salzgitter vor Augen ge- 
habt haben.. Im dortigen Flammenmergel findet sich dergleichen 
nicht. — Auch liegt uns, allem Anscheine nach, die Species 
aus Tourtia von Tournay vor, vielleicht demselben Fundorte, von 
dem das bei Goldfuss Tab. 133, 14 abgebildete Stück herrührt. 

16. P holadomy a Esmarki Püsch. Tab. 8, 14 
(Nils. Tab. 5, 8); Goldf. Tab. 157, 10. 

Die nur in einigen, jedoch gut erhaltenen Exemplaren vor- 
liegende Form hat 55 Mill. Länge und halb so grosse Höhe, 
ist vorn nicht senkrecht abgestutzt, sondern bogig, und hier und 
hinten , wo sie klafft , verflacht. In der Mitte der Seiten stark 
aufgebläht. Die nicht weit von vorn liegenden Wirbel ragen 
nicht erheblich vor. Der Unterrand hat die weiteste Ausbiegung 
in seiner Mitte, erhebt sich vorn stark, weniger hinten. 12 ra- 
diale Rippen vertheilen sich mit ziemlich gleichen Abständen 
auf der ganzen Seite von vorn bis hinten. Der Umriss stimmt 
so gut mit Fig. 10 a bei Goldfuss, nur führen die Lüneburger 
Stücke weniger Rippen. Von der typischen Form, wie sich 
diese bei Haldem am häufigsten findet, weichen sie ausserdem 
durch minder vorragende Wirbel ab. Es könnte unter solchen 
Umständen der Fall sein, dass die Lüneburger Form eine beson- 
dere Species bildete. 

Wenn indessen Agassiz in Myes S. 41 die Meinung auf- 
stellt, dass von den citirten Abbildungen bei Goldfuss allein 
Fig. 10 d. Pholad. Esmarki sei, die andere unter Fig. 10 dar- 
gestellten Formen aber specifisch abwichen, und diese Meinung 
ziemlich allgemein adoptirt ist, so müssen wir dem, mindestens 
Was die Fig. 10a und 10b betrifft, entschieden entgegentreten. 
Obgleich diese letztern Abbildungen nicht von Stücken von Hal- 
dem herrühren sollen, so kommen daselbst doch völlig gleiche 
Formen vor, und zwar vereinigt mit Zwischenstufen, die den 
Uebergang zu Fig. 10 d mit hohen Wirbeln bilden. Eine Tren- 
nung erscheint deshalb nicht zulässig. Die verschiedenen Zu- 
stände sind nur Folgen von Verdrückungen. Blieben die Muscheln 
in ihrer natürlichen Lage, vorn und senkrecht im Schlamm 
steckend, und stellte sich nach ihrer Einhüllung Druck ein, so 
erfolgten die Formen Fig. 10 d. Wurden sie, wie seltener vor- 

Zeits. .I.d. geul. Ges. XV. 1. 10 

fr 



146 



kommt, auf den Seiten liegend begraben, so bildete sich die Form 
Fig. 10 a. 

Phol Carantoniana d'Orb. Tab. 365, 1 — 2 (Prodr. 20, 
468) von Cognac mag wohl identisch sein. Ebenso dürfte in 
Phod. umbonata A. Roemer Kr. 76 Tab. 10, 6 nur ein ver- 
drückter Zustand vorliegen. 

An anderen Orten im nordwestlichen Deutschland kommt 
die Species vorzugsweise häufig in der Mucronaten - Kreide von 
Ahlten, Haldem und Coesfeld vor. Sie scheint indessen der Qua- 
draten-Kreide nicht ganz fremd zu sein. 

17. Ve nus par v a Goldf. Tab. 151, 4. 
Häufig. 

20 Mill. lang, fast kreisrund und stark gewölbt. Die Wir- 
bel vor der Mitte und der Schlossrand stark gebogen. Eine 
Kante nach rückwärts wird nur angedeutet. Feine concentrische 
Linien bedecken die Schale regelmässig. Im Uebrigen sind die 
generischen Merkmale nicht erkannt, jedoch stimmt die Abbil- 
dung bei Goldfuss gut, nur giebt sie weniger Wölbung an. 
Da indessen vorliegende Stücke von Haldem, dem GoLDFüss'schen 
Fundorte, nicht abweichen, so bleibt die Bestimmung nicht zwei- 
felhaft. Bei den wenigen charakteristischen Merkmalen erscheint 
es misslich, die Muschel in anderen Schichten und anderem Er- 
haltungszustande, aus denen sie mehrfach citirt wird , erkennen 
zu wollen. Ob Venus parva Soyverby Tab. 518, 5 — 7 aus 
L. g. s., von der Goldfuss die Benennung entnimmt, dasselbe 
sei, würde schon des Niveaus wegen unsicher sein. d'Orbigny 
im Prodrome setzt Sowerby's Species nach anderweiten Angaben 
des Fundorts von Blackdown ins Cenoman 20, 282, und führt 
Goldfuss' Species als V. subparva d'Orbigny im Senon 22, 
533 auf. Betreffenden Falls wird für die letztere der neue Name 
beizubehalten sein. Dagegen findet ein erheblicher Unterschied 
von V. parva Sow. bei Reuss Tab. 41, 16—17, die d'Orbigny 
Prodr. 20, 332, anscheinend nicht mit Recht, zu Lucina orbi- 
cularis Sowerby Fit t. zieht , der Abbildung nach nicht Statt. 
Auch glauben wir die Species in der hiesigen senonen Kreide 
mit Beiern, quadrata von Ilsenburg u. s.w. zu erkennen. Ge- 
wiss ist aber das, was A. Roemer Kr. S. 72 aus dem Hilse 
von Schöppenstedt und Eiligserbrink als V. parva Sowerby 
bezeichnet, schon der mehreren Länge wegen etwas anderes als 
die GoLDEuss'sche Art. Ebenso weicht V. Goldfussi Geinitz 



147 



Quad. 154 Tab. 10, 7 — 8, zu der die Abbildung bei Goldfuss 
151, 4 gezogen wird, durch den graden Schlossrand entschieden 
ab. Cf. auch Jsocardia corculum v. Hag. in N. Jahrbuch 1842 
S. 562 Tab. 9, 18 aus weisser Kreide von Rügen. 

Unzweifelhaft kommt die GOLDFüss'sche Species ausser 
Haldem in demselben Niveau, der Mucronaten- Kreide, bei Ahlten 
vor. Hier ist sie eine der häufigsten Muscheln, jedoch meist 
verdrückt. Sie pflegt von da in den Sammlungen als i.ucina 
lenticularis Goldf. 146, 16, mit der indessen nur verunstaltete 
Exemplare verglichen werden können, zu liegen. 

18. Venus faba Sow. Goldf. Tab. 151, 6 ähnlich. 
Dieselbe Form findet sich in Mucronaten -Kreide von Haldem 
und Ahlten, vorzüglich aber in den Salzbergs-Mergeln mit freiem, 
quadrata bei Quedlinburg, Blankenburg und Aachen. d'Orbigny 
macht daraus Prodr. 22, 529 seine V. subfaba^ weil er Sowerbv's 
Species ins Cenoman setzt. 

19. Corbula caudata Nils, bei Goldf. Tab. 151, 17. 
Liegt zwar nur in einem, aber wohl erhaltenem Exemplare 

vor, jedoch möchte die Deutung, der eigenthümlichen Form wegen, 
sicher sein. Wird von Coesfeld und Nagorzany, aber auch aus 
tieferem Niveau des Senons angeführt. 

20. C rassatella (Cyprina?) sp. 

Diese sehr häufige Form hat viel Aehnlichkeit mit Crass. 
trapezoidalis Roemer. Kreide 74 Tab. 9, 22 aus dem Sca- 
phiten-Pläner von Strehlen, doch pflegt sie doppelt so gross und 
noch grösser zu sein. Ausserdem ist sie stärker gewölbt und 
auf der Oberfläche, wenn diese gut erhalten, mit feinen Anwachs- 
streifen verziert. Die von den Buckeln nach rückwärts und unten 
laufende Kante markirt sich sehr scharf, indem das breite, zwi- 
schen ihr und dem Schlossrande liegende Feldchen etwas concav 
ist. Eine zweite Kante befindet sich weder vor diesem Feldchen, wie 
an Roemer's Crass. carinata, noch auf demselben. Dagegen 
wird die tiefe und breite lancettliche Bandgrube durch eine an- 
dere scharfe Kante begrenzt. Der Unterrand buchtet sich in 
seiner Mitte etwas ein. — So viele Exemplare vorliegen, so sind 
dies doch sämmtlich Abgüsse nach der äussern Schalenoberfläche, 
und ist daran das Schloss nicht zu erkennen. Es bleibt des- 
halb selbst das Genus, in das sie gehören, noch zweifelhaft. Von 
Crass trapezoidalis weichen dieselben, wie es scheint , ab, 
sicherer noch von C. tricarinata. Der von d'Oubigny Tab.278, 

10* 



148 



1 — 2 abgebildete Steinkern von Cyprina intermedia könnte dar- 
auf zurückgeführt werden. Cf. auch Area divisa VON Hag. 
im N. Jahrb. 1842, S. 560, Tab. 9, 16 aus weisser Kreide von 
Rügen. 

21. ? Lucina lenticularis Goldf. Tab. 146, 16. 
Stimmt gut, liegt jedoch nur in einem Exemplare von 28 Mill. 

Länge vor, und könnten deshalb noch Zweifel bleiben. Die 
Muschel ist im Uebrigen in der senonen Kreide mit Beiern, qua- 
drata, so in den Salzbergs-Mergeln von Quedlinburg, Blanken- 
burg u. s. w. zu Hause. 

22. Area subradiata d'Orb. {radiata Goldf. Tab. 
138, 2). Häufig. 

Länglich oval, 28 — 30 Mill. lang und halb so hoch. Der 
hintere Rand bogig, nicht grade abgestutzt, wie bei A. fureifera 
Münster, und daselbst abgeflacht. Die ziemlich hohen Wirbel 
liegen vor der Mitte, von ihnen aus nach rückwärts eine abge- 
rundete Kante. In der Mitte etwas eingedrückt. Die ganze 
Schale wird mit feinen Rippen bedeckt. In den Zwischenräumen 
stellen sich mit dem Wachsthuine weitere Rippen, anfänglich sehr 
dünn, später mit jenen gleichwerdend ein. Bei gutem Erhaltungs- 
zustande sieht man zahlreiche Anwachsstreifen, die die Rippen 
etwas aufwerfen. Von A. fureifera Münster unterscheidet sie i 
sich durch den hinteren Rand , dann auch durch minder starke ; 
Rippen. 

Wir haben die Species nach d'Orbigny Prodr. 22, 713 als 
A. subradiata bezeichnet, obgleich sie Goldfuss A. radiata 
nennt, weil letzterer Name auch von Sowerby (s. Prodr. 26, 
2359) für eine tertiäre Art gebraucht wird, ob früher oder spä- 
ter steht kaum zu ermitteln. 

Die Form liegt aus Mucronaten -Kreide von Haldem und 
Coesfeld vor. Sie soll auch auf Rügen und bei Nagorzany vor- 
kommen. Von Ahlten ist sie uns nicht bekannt. Die ähnlichen 
Formen, die in den Ilsenburger Mergeln mit Beiern, quadrata 
häufig vorkommen, scheinen abzuweichen. 

23. Lima Hoperi Desh. Mant. 26, 2, 3, 15. 

Häufig. 

55 Mill. hoch und 45 Mill. lang, wenig gewölbt. Die gra- 
den Schlosskanten , von denen die vordem - bis -|- länger als 
die hintern, bilden einen Winkel von 90 Grad und noch etwas 
mehr. Beide Ohren klein und das lancettliche Höfchen stark ein- \ 



149 



gedrückt, so dass sich vorn eine ein wenig abgerundete Kante 
zeigt. Die ganze Oberfläche wird durch tiefe punktirte Radial- 
linien in breite und flache Rippen abgesondert. Ausserdem treten 
in unregelmässigen Zwischenräumen starke Anwachsstreifen auf, 
an denen ein Theil der Rippen zu dichotomiren pflegt. Die 
Punkte in den vertieften Radiallinien, oder richtiger gesagt an 
den Rändern der Rippen, entstehen durch andere feine Anwachs- 
streifen, die nur beim besten Erhaltungszustande auf den Rippen 
sichtbar sind. Nächst den Wirbeln und in der Mitte des Rückens 
erscheinen die Rippen oft etwas undeutlicher, ohne sich indessen 
gänzlich zu verwischen. Dies ist ohne alle Frage die Form, 
die Mantell 1. c. aus Upper und Lower Chalk von Lewes noch 
immer am besten, wie auch d'Orbigny Tab. 424, 10 — 13 aus 
französischem Senon abbilden. Während dieselbe so bei Lüneburg 
ziemlich constant bleibt, variirt sie in demselben Niveau bei Ahlten, 
wo sie ungemein häufig ist, stark. Zuvörderst wechselt der Win- 
kel der beiden Schlosskanten von 90 bis 110 Grad mit allen 
möglichen Zwischenstufen, ohne dass irgendwo eine Grenze fest- 
zuhalten wäre. Ferner treten an den Exemplaren von Ahlten 
nur selten die Rippen auf der ganzen Oberfläche deutlich auf, 
im Allgemeinen verwischen sie sich in der Mitte des Rückens 
bis zu kaum sichtbaren Spuren. Deutlich pflegen sie sich auf 
den Rand, namentlich vorn und hinten, zu beschränken. Die 
Punktirung an den vertieften Linien bleibt je nach dem Erhal- 
tungszustande vorhanden oder nicht. Plagiostoma Hapert Man- 
tell bei Sowerbv Tab. 380 ist sicher nicht abweichend. L. 
Hoperi bei Goldfuss Tab. 104,8 und bei Reuss Tab. 38, 11 
zeigen nichts Fremdartiges. Aber auch in der ursprünglich von 
Alex. BrOngniart Paris Tab. 4, 3 als P. Mantelli abgetrenn- 
ten Form, und wie sie d'Orbigny Tab. 426, 3 — 5 u. A. beibe- 
halten, ist eine besondere Species nicht zu erkennen, da die 
für letztere in Anspruch genommenen Merkmale, Mangel der 
Punktirung der Radiallinien und grösserer Schlosskantenwinkel, 
nicht constant sind, und deshalb auch nicht specifisch erscheinen. 
Es wird daher L. Mantelli wieder mit L. Hoperi zu vereini- 
gen sein. PI. punctatum Nilsson Tab. 9 , 1 (L. Nilsoni 
Roemer) möchte kaum abweichen. Die Abbildung von L. Man- 
telli bei Goldfuss Tab. 104, 9 ist zu ungenügend, um sie ein- 
zureihen, zumal an dem Fundorte, Quedlinburg, Senon und Ce- 
noman auftritt, und somit auch das Niveau keinen Fingerzeig 



150 



giebt. Sowerlyi Bronn Leth. 3. Aufl. V. S. 278 wird bei 
der Unvollkommenheit der Abbildung Tab. 32, 8 weiter zu unter- 
suchen sein. 

Die Species nimmt im nordwestlichen Deutschland eine grosse 
verticale Verbreitung ein. Zuoberst tritt sie in der Mucronaten- 
Kreide von Ahlten, Haldem u. s. w., ferner in der Quadraten- 
Kreide bei Ilsenburg und in den Scaphiten-Schichten des Pläners 
bei Quedlinburg, Heiningen u. s. w. auf; am tiefsten haben wir 
sie in einem schön erhaltenen Exemplare in dem Pläner mit 
Jnocer. Brongniarti, hart über dem rothen Pläner, im Chaussee- 
durchstiche von Othfresen unweit Liebenburg gefunden. Auch 
von Nagorzany liegt sie vor. 

Entschieden von L. Hoperi weicht eine kleine Muschel 
ab, die im cenomanen Pläner mit Amm. varians an einigen 
Stellen z. B. am Kahnstein und am weissen Wege bei Langels- 
heim, und etwas höher im cenomanen Pläner mit Amm. Rhoto- 
magensis an der Eisenbahn bei Neuwallmoden vorkommt. Sie 
hat im Allgemeinen zwar denselben Umriss wie die obige Species, 
einen constanten Schlossrandwinkel von etwa 95 Grad, und sind 
die grössten Exemplare vom Wirbel bis zum Unterrande 22 Mill. 
hoch und vom Vorderrande bis nach hinten etwa 18 Mill. lang, 
jedoch weit gewölbter, und verflacht sich die hinter dem Wirbel 
belegene Seite mit Abrundung, ohne jede Art Kante, in den 
Ilinterrand. Auch ist das dortige Ohr gross. Dem blossen Auge 
erscheint die Schale glatt, doch sieht man mit der Lupe radiale 
Rippen, etwa wie bei L. Hoperi, ausserdem aber feine, in regel- 
mässigen Abständen und ziemlich nahe auf einander folgende 
concentrische Anwachslinien, die der Oberfläche ein gegittertes 
Ansehen geben. Es verdient diese Muschel, die sich vielleicht 
auf L. semiornata d'Orbigny Tab. 422, 1 — 3 aus Cenoman zu- 
rückführen lässt, wenn die Abbildung von einem sehr gedrücktem 
Exemplare entnommen wäre, eine weitere Beachtung, da sie mit 
L. Hoperi zu verwechseln steht, und das Niveau beider sehr 
verschieden ist. In der Gliederung des Pläners haben wir sie 
als Lima cf. Hoperi, damals nur in Tourtia gefunden, aufgeführt. 

24. Lima asper a Mant. bei Goldf. Tab. 104, 4. 
Selten. 

Weit mehr oval als L. Hoperi und mit zahlreicheren, min- 
der breiten, stark dichotomirenden Rippen, die sich an den vor- 
handenen -Exemplaren nicht verwischen. Geinitz im Quader 



151 



hält die Species bei Mantell und die bei Goldfuss für ver- 
schieden. Die Abbildung bei Mantell Tab. 26, 18 lässt zwar 
nichts Abweichendes erkennen, indessen macht doch der Fundort 
Harasey (Cenoman ?) stutzig. 

Mucronaten -Kreide: Haldem, Nagorzany; 

Quadraten-Kreide : Ilsenburg u. s. w. 

25. Lima decus sata Goldf. Tab. 104, 5. 
Nicht häufig. 

20 Mill. hoch, 15 bis 20 abgerundete Radialrippen mit 
linienartigen Zwischenräumen bedecken den Rücken. Die Seilen 
davor und dahinter scheinen davon frei zu sein , oder man be- 
merkt auch hier mit unbewaffnetem Auge , namentlich hinten, 
verwischte Rippen. Mit der Lupe werden dergleichen aber auch in 
jenem Falle, wenn auch nur nächst den Rändern, sichtbar. An den 
Steinkernen haben die Zwischenräume der Rippen eine grössere 
Breite als auf der Schalenoberfläche, und einen ebenen Grund. Sie 
pflegen an den Seiten auch dann erkennbar zu sein, wenn die Rippen 
verwischt sind. In dieser Weise nehmen die Lüneburger Stücke, 
mindestens zum Theil, eine vermittelnde Stufe zwischen L. de- 
cussata und semisulcata ein. Völlig ebenso zeigt sich die Form 
in der Mucronaten - Kreide bei Ahlten, wo sie häufig ist. Das 
Vorkommen in der Quadraten-Kreide, in der sie meist kleiner, 
z. B. am Salzberge bei Quedlinburg, nicht selten sind, neigt sich 
mehr zu L. semisulcata, indem an ihnen die Seiten nur nächst den 
Rändern einige verwischte Rippen führen, sonst davon frei bleiben. 
Im Uebrigen sind die Rippen von allen Fundorten der hiesigen 
Gegend, sowohl aus Mucronaten- als auch aus Quadraten-Kreide, 
stets abgerundet , nie dachförmig. Könnte man sich hiernach 
veranlasst finden , der L. decussata ein jüngeres Alter als der 
L. semisulcata zuzuschreiben, so tritt dem entgegen, dass letztere 
unzweifelhaft in Mucronaten-Kreide bei Ciply und Mastricht auf- 
tritt. Wenn indessen für L. semisulcata dachförmige Rippen 
in Anspruch genommen werden , so müssen wir bemerken, dass 
wir unter andern ein Stück von Mastricht besitzen, das entschie- 
den nicht durch Abreibung gelitten hat, da die über die Rippen 
laufenden feinen Anwachsstreifen vollständig erhalten sind, und 
das Abrundung zeigt. — Da in der Gestalt von L. decussata 
und semisulcata kein Unterschied stattfindet, so könnte es sein, 
dass das Vorhandensein oder der Mangel an Seitenrippen locale 
Verhältnisse zur Ursache hätte. Jedenfalls ist auf den Unter- 



152 



schied beider Species in geognostischer Hinsicht kein Gewicht 
zu legen. 

Sicher die Lüneburger Form liegt aus Mucronaten-Kreide, 
ausser dem schon erwähnten Fundorte Ahlten, noch von Haldem 
und Coesfeld vor. Auch ein Stück von Nagorzany stimmt über- 
ein. In der Quadraten- Kreide ist sie nächst Quedlinburg am 
häufigsten bei Ilsenburg, Harzburg u. s. w. ; bei Gehrden und 
Adenstedt ist sie seltener. Aus dem Pläner kennen wir sie nicht. 

Die Form aus dem hiesigen Hils, Lima Tombeckiana 
d'Orbigny, jedoch schmäler, ebenso wie L. Dupiniana d'Or- 
bigny, ist schwer abzusondern. 

26. Lima sp. Nicht selten. 

Von derselben liegen nur Steinkerne vor. Fast gleichseitig 
und von fast kreisrundem Umfange, hoch gewölbt. Der Rücken 
geht allmälig in die Seiten und die ziemlich grossen Ohren über. 
Ein Malchen fehlt. Fast wie L. pseudocardium bei Reuss 
Tab. 38, 2. Vom Wirbel strahlen 25 starke Rippen mit gleich 
breiten, ebenen Zwischenräumen aus. Fehlte nicht jede Andeu- 
tung einer Anwachsstelle, so könnte man darin einen Spondylus 
vermuthen. Vom Wirbel bis zum Unterrande 22 Mill. hoch. 

Aehnliche Steinkerne, jedoch kleiner, finden sich ziemlich 
häufig in Mucronaten-Kreide bei Coesfeld. Auch dergleichen aus 
Quadraten-Kreide der Ilsenburger Mergel stehen nahe. 

27. Jnoc er amus Cripsi Mant. Goldf. Tab. 112, 4. 

Häufig. 

Wir folgen in der Auffassung dieser Species den gründlichen 
Untersuchungen von F. Roemer, der in Kreide von Texas 
S. 56 mit /. Cripsi Goldfuss vereinigt d'Orbigny's J. regu- 
laris Tab. 410, Goldf ussianus Tab. 411 und impressus Tab. 409. 
Die Form ist in allen Alterszuständen von vorn nach hinten 
verlängert, noch mehr als J. Cuvieri. Die Länge übersteigt die 
Höhe um \ bis zum Doppelten. Ausserdem unterscheidet sie 
sich von /. Cuvieri dadurch, dass die Wirbel höher sind, und 
nicht ganz vorn, sondern weiter nach hinten im ersten \ der 
Länge liegen, und dass die Vorderseite keine ebene oder einge- 
drückte und mit dem Schlossrande keinen rechten Winkel bil- 
dende Fläche zeigt, sondern dass der Vorderrand sich bogenför- 
mig nach aussen erstreckt. Nie findet sich eine Aufblähung am 
Unterrande. — Formen , an denen hinten die hohlkehlenartige 
Furche erscheint (/. impressus d'Orbigny), die nach F. Roe- 



153 

!- 

mer durch schwielige Verdickung der inneren Schalen Schicht 
entsteht, sind bei Lüneburg nicht selten. 

Die Species findet sich anderweit häufig in den jüngsten 
Schichten des Senon mit Beiern, mucronata. so bei Ahlten und 
Bilm unweit Lehrte, Mehrdorf bei Peine und Vordorf zwischen 
Braunschweig und Giffhorn. Ferner in demselben Niveau bei 
Dülmen und Haldem in Westphalen. Das Vorkommen in den 
etwas tiefern senon en Schichten mit Beiern, quadrata bedarf 
noch der Revision. Von Gehrden, wahren Quadraten-Schichten, 
von wo A. Roemer die Form citirt, nnd aus den gleichen Bän- 
ken kennen wir sie nicht. Es findet sich dieselbe indessen mit 
ausgezeichneter Furche in dem Quader mit Crednerien am Heidel- 
berge bei Blankenburg. Ob dies Schichten mit Beiern, quadrata 
sind, darüber müssen die Untersuchungen von Ewald erwartet 
werden. Sie zeigt sich ferner im obern Quader des Teichsbergs 
bei Derenburg unweit Blankenburg, und zwar in einer Verge- 
sellschaftung, die schon mehr auf Quadraten - Kreide hindeutet. 
In den eigentlichen Quadraten-Schichten, den Salzbergs-Mergeln, 
in den Ilsenburger-, Harzburger- und Schladener - Mergeln und 
in dem Sudmerbergs-Gestein (Goslar) haben wir sie noch nicht 
sicher gesehen. Dagegen besitzen wir den /. Cripsi ausgezeich- 
net von Vaels unweit Aachen, angeblich aus Quadraten-Kreide, 
wie es scheint jedoch nicht aus diesem, sondern dem jüngern Ni- 
veau. Das hauptsächlichste Vorkommen von /. Cripsi ist jeden- 
falls in der Mucronaten-Kreide, und dürfte auch so viel feststehen, 
dass die Species in dem unter den Quadraten-Schichten liegenden 
Senon noch nicht wahrgenommen ist. Bei Lüneburg reicht sie 
nicht bis in die Quadraten-Kreide. 

Ob übrigens das, was Mantell ursprünglich als Jnocer. 
Cripsi beschreibt mit Goldfuss's Cripsi identisch ist, — d'Or- 
bigky bestreitet dies, ohne die M* NTELL'sche Species einzureihen, 
— möchte immerhin zweifelhaft sein können. S. dagegen F. Roe- 
mer in Texas S. 57. Die Abbildung bei Mantell ist wenig 
entscheidend, während seine Angabe, was den Fundort anbetrifft, 
ein so tiefes Niveau andeutet, dass darin unser /. Cripsi nicht 
füglich zu erwarten steht. Es kommt darauf indessen nicht 
weiter an, da die Species erst als durch Goldflss unterschei- 
dend begründet angenommen werden muss. 

Bemerkenswerth ist noch die räumlich grosse Verbreitung 



154 



der Species, worauf F. Roemer aufmerksam macht. Sie ist von 
Beyrich aus Afrika und von F. Roemer aus Amerika erkannt. 

28. Pecten undulatus Nils. Tab 9, 10. 

Nicht häufig. 

Von ziemlich kreisförmigem Umfang, etwa 45 Mill. im 
Durchmesser, mit zahlreichen feinen, stark dichotomirenden Rip- 
pen, die durch nahe auf einander folgende Anwachsstreifen ge- 
körnelt werden. Ob P. undulatus bei Goldfuss Tab. 91, 7 
dasselbe ist, mag dahingestellt bleiben. Sicher liegt die Lüne- 
burger Form von Ahlten aus Mucronaten - Kreide vor. Unser 
Material ist zu gering, um über die Vereinigung mit P. cretosus 
Defrance bei Brongniart Paris Tab. 3, 7 und mit P. nitidus 
Sowerey Tab. 394, 1, die d'Orbigny u. A. annehmen, eine 
Ansicht zu gewinnen. 

29. Pecten pulchellus Nils. Tab. 9, 12; Goldf. 
Tab. 91, 9. Selten. 

Fast kreisrund, 17 — 18 Mill. hoch, mit 25 — 30 breiten, 
durch schmale aber tiefe Furchen gesonderten, flachen Rippen, von 
denen sich aufwärts einige vereinigen. Charakteristisch ist, dass die 
Rippen mit Ausschluss der 3 — 4 seitlichen, je nach ihrer Breite mit 
4 — 8 parallelen Längslinien, und die 3 — 4 seitlichen mit stark nach 
aussen gebogenen Streifen versehen sind. P. spurius Goldfuss 
möchte kaum abweichen. 

Die Lüneburger Form liegt aus Mucronaten -Kreide von 
Coesfeld vor, und soll in demselben Niveau auch auf Rügen vorkom- 
men. Aus der hiesigen Quadraten - Kreide ist er mir nicht be- 
kannt, doch citirt ihn Geinitz aus noch tieferem Niveau , aus 
dem Scaphiten -Pläner von Strehlen. 

30. Pecten membr ana ceus Nies. Tab. 9, 16, Goldf. 
Tab. 99, 7. Selten. 

Höher als lang, fast gleichseitig, dünnschalig, glatt. An- 
wachsstreifen unregelmässig und kaum bemerkbar. Vom gleich- 
falls glatten P. Nilsoni Goldfuss durch mehrere Höhe, und 
vom P. orbicularis Sowerby und laminosus Mantell, mit 
welchen beiden d'Orbtgny Pal. Fr. III, 597 fälschlich eine Ver- 
einigung vornimmt , durch regelmässige concentrische Furchung 
abweichend. A. Roemer giebt die Species in Kr. 50, Tab. 8, 5 
als P. spathulatus. 

Kommt anderweit in Mucronaten - Kreide häufig bei Ahlten, 
seltener bei Coesfeld und Haldem, auch auf Rügen vor, und geht 



155 



ferner in die Quadraten-Kreide der Ilsenburger Mergel bei Ilsen- 
burg und Wernigerode herab. In dem hiesigen Pläner ist die 
Species noch nicht bemerkt, doch citirt sie Geinitz daraus von 
Strehlen. 

31. Pecten trigeminatus Güldf. Tab. 91, 14, 

Ziemlich häufig. 

Eirund,, bis 25 Mill. hoch, mit spitzwinkligen Schlosskan- 
ten und ungleichen Rippen, die sich büschelförmig, jedoch nicht 
sehr bestimmt, vereinigen. 

Die Species findet sich häufig in der Mucronaten-Kreide bei 
Haldem, Coesfeld u. s. w., auch, wie es scheint, in der Qua- 
draten-Kreide von Ilsenburg und Wernigerode. 

32. Janira striatocostata Goldf. Tab. 93,2. Häufig. 
Zwischen den 6 starken Rippen liegen 3 — 5 schwächere, 

und sind jene wie diese längsgestreift. Durch diese Längsstrei- 
fen und die Unbestimmtheit der Zwischenrippen sondert sich 
die Species von den im tiefern Niveau vorkommenden /. quin- 
quecostata und quadricostata gut ab. Aus den citirten Figuren 
bei Gold Fuss zwei verschiedene Species zu machen, wie d'Or- 
bigny will, möchte nicht zulässig sein. Auch wird d'Orbigny's 
/. Truellei Tab. 448, 1 — 4 nicht abweichen. Ein Theil der 
Lüneburger Stücke würde dahin zu stellen sein. 

Die Form ist in der Mucronaten - Kreide des nordwestlichen 
Deutschlands sehr verbreitet und meist häufig, so bei Coesfeld, 
Haldem, Ahlten und auch auf Rügen. In der Quadraten-Kreide, 
wo J. quadricostata zu Hause, noch nicht gefunden. 

33. ? & pond y lus asper Münst. Güldf Tab. 105, 1. 

Häufig. 

Ziemlich gleichschalig und fast kreisrund, jedoch etwas schief, 
30 — 35 Mill. gross, und mit zahlreichen (etwa 50) abgerundeten 
und ungleichen Rippen, von denen die stärkern mit langen, im 
Gestein bis 10 Mill. zu verfolgenden Stacheln besetzt sind. Die 
eine Klappe ist nächst den Buckeln und bis zur Hälfte mit hohen 
concentrischen Blättern aufgewachsen, die sich im freien Theile 
gleichfalls zu Stacheln gestalten. Goldfuss giebt nur die eine 
nicht aufgewachsene Klappe, und da Stücke von seinem Fund- 
orte, Rinkerode bei Münster, nicht vorliegen, so bleibt es zwei- 
felhaft, ob die Lüneburger Form richtig gedeutet ist. — Die 
Steinkerne sind gleichfalls gerippt. Die Furchen daran sind im 
Verhältniss zu denen der Schalenoberfläche sehr breit und flach, 



156 



— Vom Sp. spinosus trennt sich die Species durch die grosse 
Anwachsstelle und durch mehrere Falten , von denen eine weit 
grössere Anzahl bestachelt ist, ab. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden einige Steinkerne, die 
sich in der Mucronaten-Kreide von Ahlten gefunden haben, dazu 
gehören. 

34. Chama Morit%i sp. nov. 

Diese ziemlich häufige Muschel, nicht selten im Zustande 
von Dubletten, hat im Aeussern Aehnlichkeit mit Formen, die 
d'Orbigny unter der Bezeichnung Caprotina navis Tab. 588. 
3 — 4 und Caprotina Cenomaniensis Tab. 595, 1 — 4 giebt. Die 
Steinkerne sind indessen glatt, zeigen weder starke Muskelein- 
drücke noch sonstige Ornamente, und dürften, obwohl der Schloss- 
apparat noch nicht gesehen ist, zu Chama gehören. Die rund- 
liche Muschel, die vom Schloss- bis zum gegenüberstehenden 
Rande 20 — 25 Mill. und in der darauf senkrechten Dimension 
durch beide Klappen etwas weniger misst, ist nämlich ungleich- 
schalig und ungleichseitig; an der tiefern Unterklappe ist der 
stark vorstehende Wirbel seitlich eingerollt, und befindet sich 
hier eine mehr oder minder grosse Stelle, wo die Anheftung Statt 
hatte. Die etwa halb so hohe Oberklappe mit seitlichem Buckel 
ist gleichmässig gewölbt. Beide Klappen sind mit eigentüm- 
lichen Längsrippen versehen, die sich auf der Schale leistenartig, 
mit nahezu senkrechten Seitenflächen und mit schmalen Zwischen- 
räumen erheben, ziemlich gleich breit bleiben, und seitlich fein 
gekerbt sind. Ihre Anzahl, die am Rande 80 — 100 betragen 
mag, vermehrt sich durch Einschaltung. Sie werden unregel- 
mässig, in Abständen von 1 — 6 Mill., durch starke concentrische 
Anwachsstreifen unterbrochen, durch diese hin und wieder auch 
in eine etwas abweichende Richtung versetzt. Zu beachten bleibt 
noch, dass an einzelnen Stücken die Unterklappe, namentlich 
wenn die Anwachsstelle eine ungewöhnliche Grösse einnimmt, 
nächst daran und bis zum Rande nahezu glatt erscheint. Die 
Längsleisten sind dann hier, selbst auf der einen Hälfte der 
Klappe, entweder gar nicht oder nur als fadenartige Andeutun- 
gen vorhanden. Dieses abnorme Verhalten, das sich auf die 
Deckelklappe nicht überträgt, scheint mit der Art der Befestigung 
in Zusammenhange zu sein. 

Die Form könnte sich an die bei d'Orbigny Tab. 464, 
3—7 unvollkommen abgebildete Chama cornu copiae aus Senon 



157 



anschliessen. Am nächsten steht ihr dem Aeussern nach Capro- 
tina Cenomaniensis. Doch scheinen bei dieser die Rippen eine 
andere Gestalt zu haben. 

Chama Morit%i findet sich identisch ziemlich häufig auch in 
Mucronaten-Kreide von Ahlten, jedoch nur in getrennten Klappen. 
Den theilweise glatten Zustand kennen wir von da nicht. Ein- 
zelne Deckelklappen kann man leicht für Anomien halten. 

35. Ostrea vesicularis Lam. 

Häufig. 

Die typische, halbkugelige , einerseits etwas ausgebreitete 
Form bis zu 100 Mill. Grösse, und mit etwas eingedrückter 
Deckelklappe mit den ausstrahlenden Linien. 

Cf. über das Vorkommen oben III, 4. 

36. Rhynchonella plicatilis var. octoplicata Sow. 
Davids. Tab. 10, 1 — 17 und var. limbata Schl. (subplicata 
Mant.) Davids. Tab. 12, 1-5. 

Häufig. 

Meist breiter als hoch. Von den abgerundeten Falten pfle- 
gen sich 2 — 3 nächst der Stirn in eine stärkere zu vereini- 
gen , wie Tab. 10, 1 — 11. Davon liegen 4 — 8 im Sinus. Hin 
und wieder verwischen sich die Falten in oberer Höhe, und blei- 
ben nur die breiteren nächst dem Rande sichtbar (limbata). 
Doch gehen beide Varietäten so in einander über, dass eine spe- 
cifische Abtrennung nicht statthaft erscheint. Exemplare , an 
denen sich die kleineren Falten nicht vereinigen (Tab, 10, 37 — 42) 
fehlen bei Lüneburg zwar nicht, sind jedoch selten. 

Beide Varietäten finden sich in der Mucronaten-Kreide wie 
überall so auch im nordwestlichen Deutschland, z. B. häufig und 
schön bei Ahlten. Die octoplicata geht bis in den Pläner mit 
Scaphites Geinitzi herab, in welchem letztern sie sich bei Salz- 
gitter, Heiningen, Thale und Suderode glicht selten zeigt. In dem 
etwas jüngern obern Grünsand von Westphalen ist sie bei Wi- 
ckede unweit Unna sehr häufig. Unterhalb des Scaphiten-Pläners 
ist die Species noch nicht bekannt. 

37. Terebr atulina chry salis Schl. sp. 

Nicht häufig. 

Mit dieser Bezeichnung soll der umfassenden Species T. stri- 
ata bei Davidson 35 Tab. 2, 18 — 28 nicht sowohl entgegen- 
getreten als vielmehr die bei Lüneburg vorkommende Varietät 
näher angedeutet werden. Letztere misst bis zu 17 Mill., hat 



158 



einen ovalen Umriss, eben wie bei Davidson Tab 2, 18 u. 28, 
ist jedoch am Schnabel mehr zugespitzt (cf. d'Orbigny Tab. 504, 
9 — 17). Die Schnabelklappe ist längs ihrer Mitte mit einer 
seichten Einbuchtung versehen. Am Wirbel finden sich etwa 
10 streifenartige Rippen, die sich beim Anwachsen durch Ein- 
schaltung rasch vermehren , und im höchsten Alter am Rande 
60 — 70 betragen. In der obern Hälfte sind die Rippen stark 
gekörnelt, weiter unten aber, selbst bei vollkommenem Erhaltungs- 
zustande, glatt oder nur durch Anwachsstreifen etwas aufgeworfen. 
Diese Form steht vorzugsweise der Mucronaten-Kreide zu, so bei 
Mastricht , Ciply , Vaels und im nordwestlichen Deutschland 
ausser Lüneburg bei Ahlten, Coesfeld, auf Rügen u. s. w., doch 
kommen ähnliche , vielleicht identische Formen auch im tiefei en 
Niveau , selbst bis in den ältesten cenomanen Pläner vor. Die 
Species scheint daher eine grosse verticale Verbreitung zu haben, 
die Davidson für sie mit Bestimmtheit in Anspruch nimmt. 
Sollte es demnächst gelingen die Species in mehrere zu zertheilen, 
so stellt sich die Sache vielleicht anders. Vorläufig hat sie kei- 
nen Werth für die Bezeichnung eines scharfen Horizonts. 

Die grosse gewölbte, bei Brongniart Paris Tab. 3, 6 als 
T. Defrancii dargestellte Varietät tritt im nordwestlichen Deutsch- 
land häufig in der Quadraten - Kreide auf, so in den Salzbergs- 
Mergeln bei Quedlinburg u. s. w. , und ferner am Sudmerberge 
bei Goslar, bei Gehrden unweit Hannover u. s. w., und scheint 
sich hier auf dieses Niveau zu beschränken. 

38. Terebr atulina gracilis Schl. sp. 
Nicht häufig. 

Allem Anscheine nach besteht in dem, was in Deutschland 
mit dieser Benennung bezeichnet wird, einige Verwirrung. Sicher 
sind darunter verschiedene Species, ja vielleicht selbst dergleichen 
aus dem Genus Terebratflla begriffen. Auch möchten die man- 
nichfachen Formen, die Davidson Tab. 2, 13 — 17 als T. gra- 
cilis giebt, kaum alle zusammengehören. Wir sind indessen für 
jetzt nicht im Stande, die Trennung mit Sicherheit vorzunehmen. 
Mit Gewissheit ist jedoch die Lüneburger Form dieselbe, welche 
aus Mucronaten-Kreide von Rügen und von Autreppe in Belgien 
vorliegt. Aus dem gleichen Niveau von Ahlten, Coesfeld, Hal- 
dem u. s. w. kennen wir weder sie noch Aehnliches. Auch 
scheinen die Formen aus dem weit tiefern Pläner mit Scaphites 
Geinitzi in dem Bruche westlich neben der Buckemühle bei 



159 



Suderode unweit Tbale und aus einem jetzt verschütteten Bruche 
am Helmstein bei Quedlinburg nicht abzuweichen. Dagegen 
könnte dies füglich mit denen aus dem Scaphiten-Pläner von 
Strehlen bei Dresden der Fall sein, die A. Roemer als T. or- 
nata abscheidet. Zu beachten bleibt übrigens, dass das nämliche 
Glied des Pläners in den Vorbergen des Harzes westwärts vom 
Quedlinburg- Blankenburger Becken und > in Westphalen noch 
keine Spur von T. gracilis oder Aehnlichem geliefert hat. — 
Das, was im nordwestlichen Deutschland in noch älteren Schich- 
ten, namentlich im cenomanen Pläner, vorkommt, wird wahrschein- 
lich einer andern Species angehören. — Auf die Formen in Böh- 
men, die kürzlich unser verehrter Freund, der Saljnen-Inspector 
Schlönb ach, an verschiedenen Localitäten gesammelt hat, dürfte 
sich das oben erwähnte beziehen. Die mit Ostrea sulcata zwischen 
Laun und Malnitz gefundenen und wahrscheinlich aus Quadraten- 
Kreide herrührenden, kommen den Lüneburgern am nächsten, ja 
sind damit aller Wahrscheinlichkeit nach identisch. 

39. Magas pumilus Sow. Davids. 19. Tab. 2, i — 12 
und 33. Nicht selten. 

Halbkugelartig. Der Schnabel übergebogen oder die drei- 
eckige Oeffhung sehen lassend. Die grössten Exemplare messen 
40—11 Mill. 

Die Species scheint auf Mucronaten - Kreide beschränkt zu 
sein. Vordorf zwischen Braunschweig und Giffhorn; Rügen. 
Das bei Geinitz und in Bronn's Leth. angegebene Vorkommen 
bei Gehrden (Quadraten-Kreide) dürfte auf Irrthum beruhen. 

Die Formen aus den Schichten in Böhmen mit Ostrea co- 
lumba, die Reuss II, 52 als T. hippopus Roemer beschreibt, 
stehen dem Aeussern nach nahe. 

40. Terebratula carnea Sow. 

Sehr häufig. 

Vorzüglich findet sich die typische Form, die Davidson 
Tab. 8, 1 abbildet, länglich oval, flach und mit enger Peiforation. 
Doch sind damit auch einzelne aufgeblähte Stücke, zum Theil 
mit stärkerer Perforation, vergesellschaftet. Da diesen letztern 
indessen auch im ausgewachsenen Zustande selbst schwache Fal- 
ten fehlen, mithin die Seitennähte nicht S förmig gebogen sind, 
so können sie noch nicht als T. semiglobosa , die in typischer 
Gestalt bei Lüneburg nicht auftritt, angesehen werden. 

Die typische T. carnea ist in der Mucronaten - Kreide wie 



160 



überall so auch im nordwestlichen Deutschland zu Hause. Haupt- 
sächliche Fundorte sind darin z. B. bei Haldem, Coesfeld, Ahlten. 
In der Quadraten-Kreide tritt sie seltener auf (Ilsenburger Mer- 
gel bei Wernigerode). Dies scheint ihr tiefstes Niveau zu sein f 
doch fehlt sie darin bei Lüneburg. Hier und in den Pläner- 
Gliedern mit Jnocer. Cuvieri und mit Scaphites Geinitzi wird 
sie durch eine Form vertreten, die sich der T. semiglobosa nähert. 
Cf. oben III, 5. 

41. Terebratul a obesa Sow. Davids. 53. Tab. 5, 
13 — 16. Nicht häufig. 

Die grösste Kreide - Terebratel im nordwestlichen Deutsch- 
land, vom Schnabel bis zur Stirn 50 Mill. und darüber messend. 
Ihre ovale Form, starke Wölbung, die Schnabelklappe tiefer als 
die andere, verbunden mit den zwei markirten, aber abgerundeten 
Falten, dem übergebogenen, den Wirbel der kleinen Klappe be- 
rührenden Schnabel, an dem sich die Schale sehr verdickt, und 
mit der ungewöhnlich starken Perforation, geben vollkommen das 
Bild, wie solches Davidson aus Chalk und Upper green Sand 
darstellt. Seitlich finden sich zahlreiche Längsstreifen. Mag 
auch der Species in England und Frankreich ein grosses verti- 
cales Niveau zukommen, und hat es ferner Schwierigkeiten, sie 
von andern, namentlich T. biplicata, streng abzusondern, so be- 
zeichnet die grosse typische Form doch für das nordwestliche 
Deutschland, wo T. biplicata über Cenoman nicht heraufreicht, 
einen besondern Horizont, die Mucronaten-Kreide. Häufiger näm- 
lich als bei Lüneburg findet sich dieselbe in der Mucronaten- 
JKreide von Ahlten, Haldem u. s. w. Auch auf Rügen, von wo 
sie Herr von Hagenow (N. Jahrb. 1842, S. 54 1J als T. So- 
werbyi beschreibt, ist sie nicht selten. Endlich dürfte auch das, 
was Alth Tab. 13, 5 als T. ovoides Sowerby von Lemberg 
darstellt, nichts anderes sein. 

Cf. wegen des Vorkommens der kleinern Varietät oben 
unter I, 13. 

42. Ananchy tes ovatus Lam. 

Sehr häufig. 
S. das Vorkommen oben unter III, 6. 

Im Uebrigen fällt auf, dass der Begleiter der Species, Mi- 
craster coranguinum, in diesem Niveau bei Lüneburg noch nicht 
gefunden ist. 



161 



43. C ar dia s ter ct?ianc hyti s d'Orb. Tab. 826. (Spa- 
' tangus granulosus Goldf. Tab. 45, 3.) Selten. 

Diese Species, die d'Orbigny schön darstellt, besitzt Herr 
i Moritz in einem wohl erhaltenen Stücke. Dasselbe ist herz- 
förmig, 50 Mill. lang und ebenso, breit. Die grösste Höhe , die 
' in der Mitte des Scheitelschildes liegt, beträgt etwas mehr als 
die Hälfte. Im Iiängenprofil oben nach vorn und hinten gleich- 
mässig gebogen, im Querprofil etwas conisch. Die vordere Rinne, 
i die am Rande stark einschneidet, beginnt vom Scheitel ab, und 
ist beiderseits mit einem abgerundeten Kiele versehen. Die Poren 
des unpaarigen Ambulacrums sind rundlich, liegen je zwei durch 
' eine Erhöhung getrennt in einem glatten , von Granulen freien 
' Räume. Die der paarigen Ambulacren, welche nur bis zur halben 
Höhe deutlich , sind länglich , die vorderen Reihen kürzer und 
dichter stehend. Die durchbohrten Warzen, welche nächst ihrem 
Mammelon von einem Kranz von Körnern umgeben sind und in einem 
Höfchen liegen, haben verschiedene Grösse. Die grössern häufen 
sich längs der vordem Rinne, oben am Scheitel, und von da in 
zwei Reihen bis zum After herab. Die kleineren bedecken den 
ganzen Körper ziemlich gleichmässig, nur nicht die vordere Rinne. 
Diese führt lediglich innerhalb der Porenreihen zwei Reihen sehr 
kleiner Warzen. Im Uebrigen ist die Oberfläche fein gekörnelt. 
Die breiten Seitenfasciolen sind längs des Randes vom After ab 
bis in die Gegend der vordem paarigen Ambulacren gut zu ver- 
folgen. Von da noch weiter nach vorn verschwinden sie all- 
mälig dadurch, dass sich Wärzchen einstellen. 

Die Species, die sich theils durch ihre Gestalt, theils durch 
die erwähnte stellenweise Anhäufung der grossen Warzen und 
die Beschaffenheit der vordem Rinne von andern Caidiaster gut 
absondert, kennen wir aus dem nordwestlichen Deutschland nur 
noch aus Mucronaten - Kreide von Ahlten, wie auch von Vaels 
bei Aachen. Bei Haldem und Coesfeld scheint sie zu fehlen. In 
Quadraten-Kreide oder noch tiefer ist sie noch nicht bemerkt. 

44. G alerites (Echinoconus , Caratomus) Roemeri 
Desor sp. Synop. S. 180; Pal. Fr. VI. 545 Tab. 1006, 1—6. 

Häufig. 

Die Species wird 1. c, wie sie an dem zeitherigen einzigen 
Fundorte in Mucronaten - Kreide bei Ahlten (die Angabe des 
Fundorts bei Desor und d'Orbigny Ilten unweit von da ist 
ungenau; es geht hier lediglich Trias zu Tage,) vorwaltend auf- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. i . 11 



162 

tritt, dem Umrisse nach u. s. w. richtig dargestellt, es müssen 
indessen Exemplare von gutem Erhaltungszustande, die bei Ahl- 
ten allerdings selten sind, nicht vorgelegen haben ; denn die Gra- 
nulirung der Schalenoberfläche, namentlich auf der vergrösserten 
Interambulacral - Platte Fig. 5, erscheint nicht zutreffend. Die 
Granulen sind nämlich, und hierin besteht ein charakteristisches 
Merkmal, das in gleichem Maasse an anderen Species sich wenig 
oder nicht wiederfindet, auf der Basis und oberwärts ungemein 
kräftig , gleichartig und dicht stehend, so dass die Oberfläche ein 
chagrinartiges Ansehn zeigt. Die Warzen oberhalb der Basis — 
diejenigen auf letzterer sind etwas grösser — haben kaum eine 
mehrere Grösse als die Granulen, und werden nur durch das 
vertiefte, aber schmale Höfchen erkannt, das sich gewöhnlich durch 
anhaftendes helles Muttergestein auf der dunkleren Schale mar- 
kirt. Eine jedoch nur annähernd ähnliche Oberfläche zeichnet 
die Pal. Fr. Tab. 1004 vom Echin. magnificus. Ausserdem 
bildet sich der Scheitel an den grössten Exemplaren von Ahlten 
(die vorliegenden übersteigen die Länge von 35 Mill. bei 24 Mill. 
Höhe nicht,) aus der halbkugeligen Wölbung etwas conisch. — 
Während so die Form bei Ahlten vorkommt, tritt sie bei Lüne- 
burg mit der chagrinartigen Oberfläche, da am letztern Orte das 
feine und weiche Muttergestein solches begünstigt, stets auf. Bei 
Lüneburg waltet jedoch eine mehrere Grösse, gewöhnlich 50 Mill. 
Länge bei 47 — 48 Mill. Breite und 40 Mill. Höhe, vor. Dabei 
ist gegen jüngere Stücke die Höhe verhältnissmässig grösser, 
und gestaltet sich der Scheitel mehr conisch. Ausserdem ver- 
dicken sich die Granulen so sehr, ohne dass gleichzeitig die Stachel- 
warzen an Stärke zunehmen, und beengen oberhalb der Basis 
die Höfchen der Art, dass man Mühe hat die Warzen zu unter- 
scheiden. Auf eine tief belegene Interambulacral-Platte kommen 
bis 25 dergleichen Warzen, und auf eine Ambulacral-Platte 2 bis 3. 

Im Uebrigen kennzeichnet die Species im Allgemeinen eine 
halbkugelige Gestalt mit abgerundeten Rändern, die im späteren 
Alter etwas conisch wird. Die Basis ist flach, jedoch bildet sich 
radial vom Munde aus eine dreeickige, etwas vorstehende Zone, 
in welcher nächst dem Rande der After liegt. Dieser hat einen 
abgerundet dreieckigen Umriss, mit der Spitze dem Munde zuge- 
wendet. Der centrale, rundliche, nicht längliche Mund ist auf- 
fallend klein. Dies und dass den Mund in den Interambulacral- 
Feldern ziemlich markirte Anschwellungen umgeben, wie sie in 



163 



der Pal. Fr. gut gezeichnet sind, giebt ein gutes Merkmal für 
die Form ab. Die Ambulacralfelder haben am Rande ungefähr 
y der Breite der Interambulacralfelder. Die Poren der Ambu- 
lacren sind gleich gross, rundlich und sehr klein, meist nur in 
angewittertem Zustande bemerkbar. Die zwei zu einem Paare ge- 
hörigen sind schief gegen einander gerichtet und äusserst ge- 
nähert. Sie liegen nicht in einem glatten eingedrückten Räum- 
chen. Die Porenpaare bilden vollkommen gerade Linien, die 
vom Scheitel bis zum Rande divergiren, und hier noch sichtbar 
sind. Es kann mithin nicht die Rede davon sein, dass die Am- 
bulacren petaloid oder unterbrochen wären. Nächst dem Munde 
scheinen sich die Porenpaare zu verdoppeln. Von den Poren- 
paaren entsprechen drei, höchstens vier einer Interambulacral- 
platte. Bei andern Galeriten pflegt dies eine grössere Zahl zu 
sein. Der charakteristischen Chagrinirung und der Stachelwarzen 
ist schon oben gedacht. Letztere bilden keine Reihen, sondern 
liegen unregelmässig, jedoch vom Scheitel bis zum Rande gleich 
vertheilt. Auf der Basis stehen sie dichter. Den Scheitelapparat 
stellt die Pal. Fr. Fig. 6, unseren Beobachtungen nach, nicht 
richtig dar. Derselbe ist nicht pentagonal, sondern nahezu vier- 
seitig, ungefähr so wie an Gal. albogalei'us und wie er Tab. 996, 5 
dargestellt wird. Die Madreporenplatte reicht jedoch kaum über 
die Mitte nach hinten hinaus, hat vielmehr eine mehr seitliche 
Lage nach rechts hin. Die beiden hintern Genitaltafeln liegen 
weniger seitlich als nach rückwärts. Die Schale ist sehr dick. 
An den Steinkernen sind die Ambulacralfelder gegen die Inter- 
ambulacralfelder erhöht. — Vom Kauapparat haben wir bis jetzt 
noch keine vollkommen sichere Spuren gesehen. 

Desor, dem wir einige Dutzend Exemplare der Form von 
Ahlten und Lüneburg mittheilten, hält alle, so verschiedenartig 
sie auch auf den ersten Anblick erscheinen, für zu einer untrenn- 
baren Species gehörig. Ferner erkennt unser verehrter Freund 
in den mittelgrossen Stücken von Lüneburg und in einem ihm 
mit vorgelegten, ungemein schönen Stücke aus Mucronaten-Kreide 
von Quitzin in Neupommern, das wir der Güte des Herrn von 
Hagenow verdanken, mit Entschiedenheit den Galerites abbre- 
viatus Lam. (Synop. .S. 184; Gal. 20, Tab. 3, 9 — 11; Echinoc. 
globulus d'Orbigny VII. 522, Tab. 999), welche letztere Form 
bis dahin mit Schale nur in einem Exemplare von minder guter 
Erhaltung vorhanden war. Desor gründet hierauf nicht nur die 

11* 



164 



Vereinigung von Galerites Roemeri und abbreviatus, sondern 
neigt sich nunmehr auch dabin, sein in der Synopsis von den Ga~ 
leriten abgetrenntes Genus Echinoconus fallen zu lassen. Wir 
tragen deshalb kein Bedenken, die Species in das Genus Gale- 
rites zu versetzen, obwohl die Richtigkeit dieser Einreihung noch 
nicht ganz feststeht. Was die Bezeichnung der Species anbetrifft, 
so könnte es doch Zweifeln unterliegen, ob das, was ursprünglich 
Lamarck Gal. abbreviata nannte, in der That dasselbe ist, was 
Desor darunter versteht, wie denn d'Orbigny eine Verschieden- 
heit behauptet. Noch unsicherer ist es, auf den von d'Orbigny 
erneuerten ältesten Namen globulus bei Klein zurückzugehen. 
Unter solchen Umständen möchte es etwas für sich haben, im 
vorliegenden Falle von weiterer Erwägung der Prioritätsrechte 
abzustehen. Wir bezeichnen die Species einstweilen nach der 
von Desor sicher für die Form angenommenen Benennung, näm- 
lich zuerst im Cat. rais. S. 93 = Caratomus Roemeri) und dann 
in der Synop. S. 180 = Echinoconus Roemeri, und heissen sie 
Galerites Roemeri Desor sp. 

Im Uebrigen hält -Cotte au in der Pal. Fr. Cr et. VI. S. 546 
für angemessen, die Species in das Genus Caratomus, in dem 
sie Desor ursprünglich unterbrachte, zurück zu versetzen. Er 
findet die Veranlassung hierzu hauptsächlich in der Disposition 
der Ambulacralporen , in den Anschwellungen am Munde und 
in dem pentagonartigen Scheitelapparate. Der erstere dieser 
Umstände spricht indessen , da die Ambulacren weder petaloid, 
noch begrenzt sind, mehr gegen Caratomus als gegen Galerites \ 
der letztere ferner dürfte, wie oben gezeigt , auf irrthümlicher 
Beobachtung beruhen. Die Anschwellungen am Munde aber sind 
eben so ungewöhnlich in dem einen, wie in dem andern Genus. 
Nach dem Gesammthabitus möchten wir uns doch der brieflichen 
Ansicht von Desor anschliessen , und die Species zu Galerites 
rechnen. Allerdings fehlt hierfür, wie nicht zu verkennen, noch 
eine Hauptsache , der Nachweis des Kauapparats. Es steht zu 
hoffen, dass die eifrigen Sammler, welche sich an Ort und Stelle 
befinden, hierüber bald Aufklärung geben werden. Stände mit 
Gewissheit anzunehmen, dass die im norddeutschen Diluvium sich 
findenden Steinkerne, welche gewöhnlich als Gal abbreviatus 
angesprochen werden, wirklich derselben Species zugehören, so 
würde man sich hiernach, da daran der Kauapparat erkannt ist, 
für das Genus Galerites definitiv zu entscheiden haben. 



165 



Ausser den schon angegebenen Fundorten in Mucronaten- 
Kreide von Lüneburg , Ahlten und Quitzin ist Gal. Roemeri 
nur noch aus demselben Niveau bei Haldem, von wo der Forst- 
meister von Unger einige Stücke besitzt, bekannt. Das Vor- 
kommen der Species beschränkt sich daher für jetzt auf Mucro- 
naten- Kreide. 

45. Phy mos oma Koenigi Desor Syn. 86, Tab. 15, 
1 — 4 {Cidaris variolaris Goldf. Tab. 40, 9 — non Brongn.). 
Selten. 

Ausser einigen Bruchstücken liegt ein* vollständig erhaltenes 
Exemplar, das dem Herrn Moritz gehört, vor. Dasselbe hat 
45 Mill. Durchmesser und etwa 20 Mill. Höhe , und ist oben 
und unten fast gleich massig abgeplattet. Die beiden Felder, die 
Ambulacral- und die etwas breiteren Interambulacralfelder, führen 
je zwei Reihen kräftiger Warzen, welche gleich, gekerbt und 
nicht durchbohrt sind. Die Porenpaare liegen nicht in einer ganz 
geraden Linie, sondern biegen sich , namentlich in der mittleren 
Höhe, um die Warzen herum, und verdoppeln sich nächst dem 
Scheitel. Es sind also die Merkmale des Genus deutlich vor- 
handen. Auf den Interambulacralfeldern befindet sich ausserhalb 
der beiden Reihen grosser Warzen noch eine Reihe kleinerer 
Warzen, die am Munde und After ziemlich gleiche Grösse haben. 
Es kennzeichnet sich hierdurch die Species. Von den grösseren 
Warzen kommen auf eine Reihe 12 — 13, von den kleineren 
etwa 20; auf eine Ambulacral- Warze 5 — 7 Porenpaare. Zu be- 
merken ist noch, dass hier, wie vorzüglich bei Desor's Genus 
Coptosoma , die Suturen der Porentäfelchen in die Höfchen der 
Ambulacral warzen fortsetzen. Von letztern strahlen daher an 
der einen Seite Einschnitte aus. — Ein Stück aus weisser Kreide 
von Rügen, das ich vom Herrn von Hagenow als seinen Cida- 
rites princeps (N. Jahrb. 1840, S. 651) erhielt, stimmt hiermit 
vollständig. Herr Desor , dem wir kürzlich unseren Vorrath 
mittheilten, erkennt darin die echte Phym. Königi. 

Die zugehörigen, der Länge nach fein gestreiften, unten ge- 
kanteten, oben walzenförmigen Stacheln ohne Dornen, wie sie 
Desor 1. c. abbildet, sind nicht selten. 

Die Species beschränkt sich im nordwestlichen Deutschland 
auf die Mucronaten - Kreide , und kommt ausser Lüneburg und 
Rügen vorzüglich bei Coesfeld, seltener bei Haldem und Ahl- 
ten vor. 



166 



An der Form, die im Scaphiten -Pläner von Strehlen bei 
Dresden vorkommt, und die als Cidar. (Phymos.) granulosus 
Goldfuss bezeichnet zu werden pflegt, fehlt auf den Interambu- 
lacral-Feldern die äussere Reihe von kleinen Warzen. Cf. Phy- 
mos. Delamarrei Desor Sy?i. 90, Tab. 15, 5 — 7. 

46. Cidaris - Stacheln, walzenförmige, mit 10 — 12 
Reihen starkgestachelter Längslinien, die C. stemmacantha Roe- 
mer Kreide Tab. 6, 6 (<7. pistillum Qüenst. Petref. 577, 
Tab. 49, 20 und Desor Syn. 32, Tab. 5, 17 und 19) aus Mu- 
cronaten-Kreide von Rögen nahe stehen, ohne dass jedoch die 
trichterartige Erweiterung am Scheitel vorläge, erwähnen wir 
nur ihrer grossen Häufigkeit wegen. Vielleicht gehören sie zu 
C. subvesiculosa d'Orrign*, Desor, Syn. 13, Tab. 5, 27, die 
indessen zierlicher gestachelt zu sein scheint. Cf. oben III, 9. 

47. Apty chus cretaceus Münst. bei Alth 210, 
Tab. 10, 30. Selten. 

Ein ziemlich gut erhaltenes Exemplar, an dem die beiden 
zugehörigen Klappen mit den Wirbeln zusammenliegen , besitzt 
Herr Moritz. Sie sind wenig gewölbt, braun gefärbt und recht- 
winklig dreieckig. Die Haftseite misst 10 — 11 Mill., die andere 
6 Mill. Längs der erstem zieht sich vom Wirbel nach hinten 
eine schmale, immer breiter werdende flache Leiste. Concentrische 
Streifen bedecken die Oberfläche. Die Form stimmt mit der ci- 
tirten Abbildung aus Mucronaten -Kreide von Lemberg, jedoch 
ist die gezeichnete stumpfe Spitze an der Längsleiste, da hier 
die Stücke beschädigt sind, nicht wahrzunehmen. A. cretaceus 
bei Reuss und Geinitz, wo die Längsleiste fehlt, ist etwas an- 
deres; ebenso A. obtusus Herert in Mem. de la Soc. Fr. 
2 Ser. Tom. V. Tab. 28, 7, wo zwar die Längsleiste vorhanden, 
der. Wirbel jedoch nicht rechtwinklig, sondern spitz ist. 

48. Serpula conica v. Hag. Jahrb. 1840, 666, 
Tab. 9, 15. Selten. 

Die schneckenförmig aufgerollte Röhre misst bei 6 Umgän- 
gen 6 Mill. Höhe. Die glatte Röhre hat quadratischen Quer- 
schnitt und neben der unteren Kante eine seichte Furche. 

Stimmt vollkommen mit der Abbildung und vorliegenden 
Exemplaren aus Mucronaten - Kreide von Rügen. Kommt nach 
Müller auch bei Vaels vor. 

49. Serpula quadr an gul aris Roemer. Kreide 
Tab. 16, 4 und 



167 



50. Serpula subtorquata Goldfuss. Tab. 70, 11. 

Von 4 und 5 seitigem Querschnitt, wie aus der Kreide von 
Rügen. Beide nach Müller auch von Vaels. Identische oder 
ähnliche Formen reichen indessen im nordwestlichen Deutschland 
noch tiefer im Senon, vielleicht bis in den Scaphiten-Pläner herab. 

Ausser diesen Versteinerungen umschliesst das Gestein der 
Cementbrüche bei Lüneburg, zum Theil ziemlich häufig, ver- 
schiedene Arten von Corallen und Amorphozoen. Es zeichnen 
sich darunter Parasmilia (Turbinolia) centralis Edw. et. H. 
und (oscinopora infundibuliformis Goldf. (Scyphia coscino- 
pora Roemer) aus, welche beide in der Mucronaten-Kreide des 
nordwestlichen Deutschlands sehr verbreitet sind, so bei Haldem, 
Coesfeld, Ahlten u. s. w., und von denen letztere ferner nicht 
selten in der Quadraten -Kreide bei Ilsenburg, Gross Biewende 
unweit Wolfenbüttel u. s. w. auftritt. Wir übergehen indessen 
die übrigen Formen, unter denen auch grosse Coeloptychien, da 
sie für jetzt der genaueren Bestimmung entbehren. 

Aus dem Gesteine, das der Lösegraben und die Ilmenau 
am Altenbrücker Thore von Lüneburg auswerfen, besitzt Herr 
Mobitz unter andern folgende Species: 

Beiern, mucronata d'Orb. 
Naut. laevigatus d'Orb., 
Bacul. Knorri Geinitz, 
Trochus plicatocarinatus Goldf., 
Fusus carinatus Goldf., 
Cerith. Nerei Münst., 
Pecten undulatus Nils., 

trigeminatus Goldf., 
Janira striatocostata Goldf., 
? Spondylus asper Goldf., wie IV, 33, 
Chama Moritzi sp. nov., 
Ostrea vesicularis Lam., 
Rhynch. plicatilis var. octoplicata Sow., 
Magas pumilus Sow., 
Terebr. carnea Sow., - 
Ananch. ovatus Lam. 

Das Gestein umschliesst daher nichts, was nicht auch in 
den Cementfabrikbrüchen angetroffen würde, und ist deshalb mit 
dem in diesen von gleichem Alter. 



168 



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8. (llolnaniclm Liuu lninjt iis'is sp, nnv. 

11. Trochtts plicatocarinalus Goldf. 

10. - armatus d'Oüb. 

11. Pkurotmnaria vclttta und disticha 

Goldf. 

12. Fusus carinatus Goldf. 

13. - (fleurot.) imhdtus Goldf. 
Ii. Ceritlman AVrci Msin. 

15. Pholadomya {Card) decussala 

Mant. Goldf. 
1t>. Pholadomya Esmarki Pilsen 

17. K*enm parva Goldf. 

18. ? - fttba S'iw. Goi.di. 
I«. <W...I.. ,„,.,/,.ln Nil.». G..I 



f. ,i,„pl,:r und Galirionui 
von Lemberg bei Altii? 
V. elegant von Lemberg boi 
Altm ? 



ß. tinceps von Lemberg bei ^ 

Avrllmia cassh vonLembcrg 
bei Knfr und Altii ? 



Coesfeld 
Vaels? 

Coesfeld 

Coesfeld, Eugen 



Oberer Planer, Strehlen 
(Gbinitz). 
1 Oberer Planer, Strehlen 
(Gärnitz.) 



Coesfeld, Rügen 

Coesfeld, Rügen 
Coesfeld, R 
Rügen 

Rügen, Vordoi-I M;,stricht 
Coesleld, Rügen 
Rügei 



Aiidreppe 



Coesfeld, Rügen 
Vaels 

Coesfeld, Rügen 



berg 



Rügen 



Vaels (Mülleb). 
Vaels (MÜLLS»). 
Vaels (Mülle»). 



170 



Auch haben wir vor Kurzem zwischen dem Lösegraben 
und der Ilmenau und zwischen dem Altenbrücker Thore und 
dem Wege nach Bleckede bei dem Ausgraben eines Kellers 
dieselben Schichten wirklich anstehend gesehen, so dass deren 
Vorhandensein am Altenbrücker Thore nicht mehr anzuzweifeln 
steht. 

In der vorstehenden Tabelle ist das anderweite Vorkommen 
der obigen 50 Lüneburger Species übersichtlich geordnet. Die 
Angaben in den vorderen Spalten, die sich auf das nordwestliche 
Deutschland beziehen, gründen sich ohne Ausnahme auf eigene 
Beobachtungen , die für Lemberg (Nagorzany) auf eine eigene, 
jedoch nicht selbst gesammelte Suite. Die speciellen Fundorte 
Ahlten, Haldem und Lemberg haben wir für die Vergleichung 
deshalb ausgewählt, weil dort sicher keine sonstigen Formations- 
glieder auftreten. In der letzten Spalte rechter Hand sind, ausser 
einigen Bemerkungen , zuverlässige Citate anderer Geognosten 
zusammengetragen. 

In die Tabelle sind der Vollständigkeit der Fauna wegen 
die Nummern 4, 20, 21, 33 u. 46, nämlich ^/mm. Gollevillensis, 
Crassatella sp., Lucina lenticularis, Spondylus asper und Ci- 
daris subvesiculosa zwar aufgenommen , doch dürfen aus ihnen, 
da ihre Bestimmung oder anderweites Vorkommen zweifelhaft 
blieb, keine Altersvergleiche gezogen werden. Ebenso eignet 
sich dazu nicht Nr. 8, Globiconcha Luneburgensis , deren son- 
stiges Niveau nicht ausgemacht ist. Die übrigen 44 Species von 
Lüneburg finden sich an andern Orten ohne Ausnahme in der 
Kreide mit Beiern, mucronata. Davon stehen der Kreide mit 
Beiern, quadrata sicher 15 Species und mehr oder weniger wahr- 
scheinlich 7 andere Species, im Ganzen also 22 oder die Hälfte 
gemeinsam zu. Diese Verhältnisse im Verein mit dem Umstände, 
dass die Quadraten -Kreide des BEHR'schen Bruchs thatsächlich 
die Schichten in den Cementfabrik-Brüchen unterteuft, entscheiden 
dafür, dass letztere der Kreide mit Beiern, mucronata, dem jüng- 
sten senonen Gliede angehören. 

Von den 45 sicher erkannten Species reichen mit Zuver- 
lässigkeit an andern Orten Ananchytes ovatus, Lima Hoperi, 
Terebratula carnea , Terebratulina chrysalis, Rhynchonella 
plicatilis und Pleurotomaria velata, also 6 Species = I3,3pCt., 
und wenn dazu noch 6 unsichere hinzugerechnet werden, 12 Spe- 
cies = 20,6 pCt. bis in den obern Pläner. Die von jenen 45 Spe- 



171 



' cies in die Quadraten-Kreide übergehenden 14, beziehentlich 21 
Species betragen davon 33,1 bez. 46,6 Aus diesen Prozent- 
sätzen ergiebt sich der Grad der paläontologischen Verwandt- 
schaft der- Mucronaten-Kreide, wie solche bei Lüneburg abgela- 
gert ist und nach den zeitherigen Ermittelungen, zu dem obern 
Pläner und zu der Quadraten-Kreide in andern Gegenden. Selbst- 
redend haben die Folgerungen hieraus, da sie auf Vergleichung 
einer räumlich beschränkten Localität mit einem grösseren Ge- 
biete gegründet sind, keine Gültigkeit für die Verwandtschaft 
der Mucronaten-Kreide im Allgemeinen zu den unterliegenden 
senonen Gliedern überhaupt. Würden ja die Zahlen sich schon 
anders stellen, wenn z. B. Micraster coranguinum und Inocera- 
mus Cuvieri . die an andern Stellen die Mucronaten-Kreide und 
das tiefere Niveau umschliessen, sich auch in den Cementfabrik- 
brüchen zeigten. Speciell am Zeltberge, wo die Mucronaten-Kreide 
eine reiche Fauna und die Quadraten-Kreide eine arme umschliesst, 
finden zwischen beiden verhältnissmässig wenig Beziehungen Statt. 
Die gemeinssmen Formen beschränken sieb daselbst auf Anan- 
chytes ovatus, Ostrea vesicularis, Terebratula carnea und etwa 
Cidaris subvesiculosa. 

Beachtenswerth erscheint noch, dass die Lüneburger Mucro- 
naten Kreide eine grosse paläontologische Uebereinstimmung mit 
der bei Ahlten , Haldem und Lemberg zeigt. Die meisten sonst 
in dem Niveau seltenen Ammoneen, Univalven und die Mehrzahl 
der Corallen finden sich an allen diesen Localitäten in gleicher 
Menge. Die Facies ist daher bei ihnen für gleichartig zu er- 
achten. Dagegen weicht die Mucronaten-Kreide von Rügen in 
dieser Hinsicht ab. Letztere wird der Absatz aus -einem tieferen 
und von der Küste entfernteren Meere sein. Ueber die Fauna 
von Rügen c£ von Hagenow im N. Jahrb. 1839, S. 253, 1840, 
S. 631 u. 1842, S. 528. 



Am Zeltberge bei Lüneburg sind mithin an Kreideschichten 
von den älteren zu den jüngeren fortschreitend, abgelagert: 

1. vom C en o manien d'Obb. das jüngste Glied mit Amm. 
Rhotomagensis ; 

2. vom Turonien d'Orb. 

a. rothe Kreide mit Inocer. mytiloides, 

b. weisse Kreide mit Inocer. Brongniarti; 



172 



3. vom Senonien d'Orb. 

a. das Glied mit Beiern, quadrata und 

b. das Glied mit Beiern, mucronata. 

Die Kreide oberhalb des Gault ist am Zeltberge, wie schon 
oben erwähnt wurde, mit grosser Mannigfaltigkeit in ihren drei 
Etagen mit fünf Gliedern entwickelt. Ueberblickt man die ge- 
sammte Kreideablagerung daselbst, wie sie oben dargestellt ist, 
und vergleicht sie mit der im übrigen nordwestlichen Deutschland, 
von dem wir die Gliederung in dieser Zeitschrift Bd. XI. Seite 
74 und 75 bekannt machten, so ergiebt sich kein anderer wesent- 
licher Unterschied, als dass zwischen 2 b., dem oberen Turon, und 
3a., dem Senon mit Beiern, quadrata^ ein Hiatus Statt findet. 
Es sind nämlich an der ununterbrochenen Reihenfolge die Aequi- 
valente für den Pläner mit Scaphites Geinitzi und für den Plä- 
ner mit Inocer. Cuvieri bei Lüneburg nicht erkannt. Letzterer 
ist vielleicht lediglich überschüttet. Die Fauna mit Scaphites 
Geinitzi fehlt indessen entschieden, mag es sein, dass das Glied 
gänzlich fehlt, oder dass dafür petrefaktenleere Schichten auf- 
treten. Im Uebrigen stimmt die Aufeinanderfolge der Faunen 
bei Lüneburg und mehr landeinwärts vollständig. Die Kreide be- 
ginnt bei Lüneburg mit einem Theile des Cenoman , und zwar 
mit dessen jüngsten Gliede, ausgezeichnet durch Amm. Rhoto- 
magensis und andere das Niveau bezeichnende Formen. Darüber 
besteht, wie überhaupt im nordwestlichen Deutschland, ein schar- 
fer Abschnitt, der in andern Gebieten, in Böhmen, bei Regens- 
burg und im mittleren und südlichen Frankreich, wie es scheint 
durch die Bänke voll von Exogyra columba vermittelt wird, 
und es folgen' zunächst über dem Cenoman diejenigen Schichten, 
die Inocer. mytiloides so massenhaft umschliessen, dass sonstige 
Organismen zurückgedrängt sind, und damit eine ungemeine Ein- 
förmigkeit herrscht. *) Ihnen schliesst sich, durch Wechsellagerung 



*) Wir erhalten kurz vor Absendung dieser Zeilen zum Abdruck 
Kenntniss von sehr wichtigen Beobachtungen, die unsere verehrten Freunde^ 
der Salinen-Inspector Schloenbach und der Forstmeister von Unger , auf 
einer Reise in Böhmen während des Sommers 1862 gemacht haben. Dar. 
nach und nach den mitgebrachten Suiten finden sich unmittelbar über 
dem versteinerungsreichen Gestein mit Exogyra columba Yon Tyssa Bänke 
abgelagert, die voll von dem wirklichen Inoceramus mytiloides sind. An- 
derer Seits muss der Grünsandstein am Egerufer bei Laun, da solcher 
gleichfalls Exogyra columba vorwaltend umschliesst, mit dem versteine- 



173 



und allmäligen Uebergang kaum abtrennbar, das Glied mit Ino- 
ceramus Drongniarti innig an. Dieses endlich überlagern die 
beiden senonen Glieder mit Belemnitella quadrata und mucro- 
nata, die, obschon nahe verwandt, gleichwie sonst im nordwest- 
lichen Deutschland eine auffällige Sonderung der zwei hauptsäch- 
lichsten Species zeigen. — Jener Hiatus zwischen 2 b. und 3 a. 
möchte indessen , mindestens was die Scaphiten - Schichten anbe- 
trifft, um so mehr zu betonen sein, als solcher auch in der dem- 
selben Becken angehörigen Kreide vom südlichen England und 
vom nördlichen Frankreich zu bestehen scheint, indem von hier 
die dem Niveau eigenthümliche Fauna nicht bekannt ist. Mögen 
die Anwohner nachsehen , wie sich die Sache bei ihnen verhält. 
In der Kreide Englands, wo die Aufschlüsse in seltenem Maasse 
vorhanden sind, wird das die mindesten Umstände machen. Als 
feststehend kann aber angenommen werden, dass das Cenoman 
und das obere Senon (Quadraten- und Mucronaten-Glied) in den 
Nachbarländern je gleiche Faunen führt, ja dass in einem jeden 
dieser Glieder Identität obwaltet. Anders gestaltet sich dies im 
zwischenliegenden Turon, wo namentlich in Frankreich eine be- 
sondere Facies mit reicher Fauna auftritt, während darin bei 
Lüneburg und im übrigen nordwestlichen Deutschland eine Ar- 
muth, wenn auch nicht an Individuen-, doch an Species-Zahl 
vorhanden ist. Ins Einzelne gehende Vergleichungen mit Eng- 
land, wo mehr analoge Verhältnisse obzuwalten scheinen, stossen 
auf mannigfache Schwierigkeiten. Es waltet daselbst noch viel 
Schwankendes , selbst über die Abtheilung der Kreideformation 
oberhalb des Gault in Upper, Middle und Lower Chalk, Chalk- 
marl, Chloritic Marl und Upper greensand, so dass über etwaige 



rungsreichen Gestein von Tyssa gleiches, — dann freilich verschiedene 
Facies, — oder nahezu gleiches Niveau haben, und deshalb ebenfalls un- 
ter die Mytiloides - Schichten eingereiht werden. Der Grünsandstein von 
Laun aber führt nicht selten gewisse dem Amm. Rhotomagensis nahe ste- 
hende Formen, deren schon Reuss .Verst. d. böhm. Kreide, 1., S. 22 er- 
wähnt, unb gehört daher der Lage nach und paläontologisch entweder zum 
Cenoman oder zum tiefsten Turon. Es folgt hieraus das Alter der Schich- 
ten mit Exogyra columba , das seither noch nicht sicher feststand. An- 
dere Verhältnisse machen es wahrscheinlich, dass sie den scharfen Ab- 
schnitt erfüllen, der im nordwestlichen Deutschland zwischen den Mytiloi- 
des-Schichten und dem jüngsten Gliede des untern oder cenomanen Plä- 
ners mit Amm. Rhotomagensis besteht. 



174 



Abweichungen für jetzt keine bestimmte Ansicht zu fassen ist. 

Im Gegensatze zu der paläontologiscben Gleichartigkeit in 

der Kreide von Lüneburg und i der des übrigen nordwestlichen 
Deutschlands findet , was die lithologische Beschaffenheit anbe- 
trifft , zwischen beiden ein nicht unerheblicher Unterschied Statt. 
Sind ja auch naturgemäss die lithologischen Merkmale, sobald Ge- 
biete von einiger Entfernung in Betracht kommen, meist von un- 
tergeordnetem Werthe. Vom Pläner, diesem eigentümlichen, mehr 
oder weniger mergeligen Kalkgesteine von aschgrauer Farbe, er- 
digem Bruche, dünner Schichtabsonderung und in der Regel 
von starker Zerklüftung, ist bei Lüneburg keine Rede. Hier be- 
steht die ganze Ablagerung, vom Cenoman an bis zur jüngsten 
senonen Mucronaten-Kreide, mit alleinigem Ausschluss der Myti- 
loides-Bänke, aus weissem oder doch weisslichem Kreidegestein. 
Zwar zeigt sich stellenweise auch im Verbreitungsgebiete des 
Pläners ein weisses, ja schneeweisses Gestein, und herrscht solches 
sogar im Niveau des Brongniarti-Pläners vor, allein es hat hier 
doch einen andern petrographischen Charakter, ist von minder er- 
digem Bruche , hat namentlich grössere Festigkeit , so dass es 
mehr dem weissen Jura von flachmuschligem Bruche, als der 
weissen Schreibkreide ähnelt. Das eigentliche Kreidegestein be- 
schränkt sich zwischen Elbe und Weser auf den Rand des Bassins, 
der am Harze durchführt, und in Westphalen auf den Teuto- 
burger Wald und dessen Fortsetzung. Auffällig ist bei Lüne- 
burg die rothe Färbung des Gliedes mit Inocer. mytiloides. 
Ueberall im nordwestlichen Deutschland , wo dieses Niveau eine 
continuirliche Verbreitung einnimmt, führt solches dieselbe Farbe. 
Allein der Rand zur Westphälischen Steinkohlenbildung an der 
Ruhr macht hiervon eine Ausnahme. Die rothe Farbe kennzeich- 
net mithin das Glied, und kann nicht genugsam darauf aufmerk- 
sam gemacht werden, ein wie willkommenes Mittel zur Orien- 
tirung darin liegt. Wie aber die lithologischen Merkmale im 
Allgemeinen nur localen Werth haben, so geht es auch mit die- 
sem rothen Gesteine. Dasselbe scheint ausserhalb Deutschland 
nicht vorhanden zu sein, mindestens - wird dasselbe weder aus 
England, noch aus Frankreich erwähnt. Betreffenden Falls giebt 
hierin Lüneburg, wo die fleischrothe Kreide wenig mächtig ist, 
eine Uebergangsstufe ab. Im Senon zeigt die Quadraten-Kreide 
die bedeutendsten Unterschiede in der Gesteinsbeschaffenheit. Die- 
selbe besteht nächst dem Harze und in Westphalen vorzugsweise 



175 



aus sandigen Mergeln, ja zwischen Blankenburg, Halberstadt und 
Deren bürg aus reinem Quarzsandstein, dem obern Quader. Erst 
in 4 bis 6 Meilen nördlicher Entfernung vom Harze tritt der Kalk- 
gehalt und damit auch die weisse Farbe, wie beides im erhöhten 
Grade bei Lüneburg stattfindet, entschieden auf. Da dieses Ni- 
veau in England und dem nördlichen Frankreich aus weisser 
Kreide zusammengesetzt ist, so giebt auch hierin Lüneburg eine 
verbindende Stelle ab. Aehnlich verhält es sich mit der Mucro- 
naten-Kreide. Auch in ihr waltet nächst dem Harze, wo sie in- 
dessen eine geringe räumliche Verbreitung hat, wie am Platten- 
berge bei Blankenburg und bei Lauingen unweit Königslutter, 
kieselige und sandige Beschaffenheit vor. Zwischen der Ablage- 
rung in Rügen, England u. s. w. und der bei Lüneburg tritt da- 
bei die Abweichung ein, dass hier die in jener so charakteristische 
Führung von Feuersteinen fehlt. 

Fasst man dies Alles zusammen, so steht den dermaligen 
Ermittelungen nach anzunehmen, dass in dem grossen Kreide- 
bassin, welches das nördliche Deutschland, Belgien, das nördliche 
Frankreich , das südliche England und die baltischen Länder 
umfasst, in der Kreidebildung oberhalb des Gaults gleiche Fau- 
nen, selbstverständlich in verschiedenartigen Facies, und zwar in 
gleicher Folge übereinander vorkommen, die lithologische Be- 
schaffenheit aber an den Rändern, namentlich in SO., sandig oder 
mergelig ist, erst in weiterer Entfernung an Kalkgehalt zunimmt. 
Lüneburg steht in mehrfacher Hinsicht als Uebergangsstufe zwi- 
schen Rand und Mitte. Zu bemerken ist hierbei, dass die gleiche 
oder nahezu gleiche lithologische Beschaffenheit hin und wieder 
in ein und demselben Territorium durch mehrere Glieder, ja 
selbst durch mehrere Etagen ^hindurch andauernd bleibt. Die 
Zuflüsse in das die Gesteinschichten absetzende Meer oder die 
sonst bedingenden Umstände müssen in solchen Fällen längere 
Zeit einem Wechsel nicht unterlegen haben. 



Zum Schlüsse mögen hier noch einige Bemerkungen histo- 
rischen Inhalts Platz finden , um die Auffassung der Lagerungs- 
Verhältnisse , wie sie vorstehend , in Uebereinstimmung mit un- 
seren sonstigen Aufsätzen, entwickelt ist, und wie sie früher von 
andern Geognosten gegeben wurde, in Beziehung zu bringen. 

Unstreitig beförderte in neuerer Zeit die Kenntniss von der 



176 



Kreide im nördlichen Deutschland Niemand mehr, als Ad. Roe- 
mer. Nicht nur erkannte derselbe durch seine Nachforschungen, 
die er in dem Werke: „Versteinerungen des Norddeutschen Krei- 
degebirges, Hannover, 1840" niederlegte, eine bis dahin unbe- 
achtete neue Etage, Hils oder Neocom, sondern er wies auch den 
übrigen Hauptbildungen, Unterquader, Flammenmergel, Pläner 
und der weissen Schreibkreide die Stellung in der Aufeinander- 
folge an, die sich seitdem vollständig bewährte. Mit richtiger 
Würdigung der paläontologischen und anderen Merkmale son- 
derte er das Verschiedenartige und vereinigte andererseits man- 
ches Zusammengehörige. Die durch allgemeine Anerkennung ge- 
krönten Fortschritte, die Ad. Roemer der Wissenschaft berei- 
tete , waren so erheblich , dass es erst eines längeren Zwischen- 
raumes bedurfte, bevor auf der nun geschaffenen Grundlage der 
weitere Aufbau begann. Das fast ein Decennium nach Roemer's 
Arbeit von Geinitz herausgegebene „Quadergebirge Deutschlands, 
Freiberg, 1849", das gleichfalls in der Wissenschaft eine her- 
vorragende Stelle einnimmt, fiel in eine Periode, wo die durch- 
greifenden und allgemeinen Resultate von d'Orbignk noch so 
neu waren , dass ein wesentlicher Einfluss aus ihnen nicht statt- 
finden konnte. Geinitz's Werk behält in solcher Weise weni- 
ger durch das damit aufgestellte System, als durch seine Um- 
fassenheit und durch die damit gegebene äusserst mühsame und 
dem damaligen Stande der Paläontologie entsprechende Zusammen- 
stellung von dem Vorkommen der verschiedenen organischen Ein- 
schlüsse einen bleibenden Werth. Zur Erzielung weiterer Fort- 
schritte thaten vor Allem Detail-Untersuchungen, wenn auch noch 
so beschränkter Gegenden, mit denen Geinitz selbst und Nau- 
mann für Sachsen begonnen hatten, Noth. Dergleichen sind seit- 
dem, was das nordwestliche Deutschland betrifft, in reichem Maasse 
geliefert, namentlich durch die Arbeiten von Beyrich über das 
subhercynische und von Ferd. Roemer über das westphälische 
Kreidegebirge. Ihnen schliessen sich die von- Ewald, ausge- 
zeichnet durch ihre äusserste Genauigkeit und ihre umfassende 
Sachkenntniss, würdig an. Möge Ewald sich veranlasst finden, 
seinen reichen Schatz von Beobachtungen, aus dem der Verfasser 
das Glück hatte, vielfache Belehrungen zu schöpfen, bald zu ver- 
öffentlichen. Auch unsere eigenen Beobachtungen, zum Theil 
nur Wiederholungen theilnehmender Freunde, wie Schloenbach? 



177 



Grotrian, Griepenkerl und von Unger, sind vielleicht nicht 
ganz verschwindend. 

Wir wollen nun versuchen, diejenigen Verbesserungen an 
den Systemen von Ad. Roemer und Geinitz , wie dieselben 
solche ursprünglich aufstellten, zu bezeichnen, welche sich seit- 
dem, unserer Ansicht nach stichhaltig, ergeben haben. Von einem 
Tadel älterer Arbeiten kann dabei nicht die Rede sein. Es lei- 
tet lediglich die eben ausgesprochene Absicht und zugleich auch 
die, bei dem Gebrauche der weit verbreiteten Werke der beiden 
Autoren vor Irrthümern zu bewahren. Dem entsprechend be- 
schränken wir uns auf das nordwestliche Deutschland und auf 
die Kreide jünger als Gault, deren Unterlage mithin der Flam- 
menmergel abgiebt. 

Ad. Roemer's System von 1840 ist folgendes: 




I. Obere Kreide. 

1. Obere weisse Kreide (Chalk with flints). Rügen. 

2. Mastricht-Kalk. 



3. Oberere Kreidemergel: Gehrden, Spiegeische Berge bei 
Halberstadt , Sudmerberg bei Goslar , Conglomerat bei 
Wernigerode, Plattenberg bei Blankenburg, Salzberg bei 
Quedlinburg, Luisberg bei Aachen, Dülmen. 
(1, 2 und 3 == parallele Bildungen.) 

II. Untere Kreide. 

1. Untere weisse Kreide (Chalk without flints): Schwiechelt 
und Tadensen (nicht Theidensen) bei Peine, nördlicher 
Abhang des Lindener Berges bei Hannover, Flussbett der 
Leine bei Limmer unweit Hannover, Lüneburg. 

2. Untere Kreidemergel: Ahlten unweit Lehrte, Lemförde 
und Haldem , Osterfeld unweit Essen , Coesfeld , Baum- 
berge, Mergel bei Ilsenburg und Stapelnburg am Harz- 
rande. 

III. Pläner. 
(Diese Linie fehlt.) 

IV. Flammenmergel. 

Bald nach dem Erscheinen von Ad. Roemer's Nord- 
deutschen Kreideversteinerungen wurde zuerst, wenn wir nicht 
irren, von Beyrich berichtigt und von Roemer anerkannt, dass 
der Grünsand von Essen , den letzterer zum Neocom rechnete, 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 4. 12 



178 



nicht dazu gehöre , sondern sich als Tourtia unten dem Pläner 
anschliesse. Durch diese nicht unwichtige Absonderung vom Neo- 
cotn wurde dieses von mehreren von Goldfliss und Ad. Roe- 
mer beschriebenen, fremden Formen gereinigt. Wo bei Roemer j 
ein Vorkommen aus Hilsconglomerat von Essen angegeben ist, 
muss dafür Tourtia (ältestes Cenoman) von Essen gelesen 
werden. 

Dem Pläner gab Roemer eine völlig richtige Stelle über 
Flammenmergel (noch mehr also über unterem Quader) und un- ! 
ter seiner Kreide. Dass der Pläner drei verschiedene Etagen, j 
Cenoman, Turon und Senon , umfasst, davon konnte 1840 noch 
keine Ahnung sein , weil aus England , das bis dahin die Norm 
für Parallelen abgab, dazu keine sonderliche Veranlassung vor-; 
lag, und die scharfen Feststellungen von d'Orb ' GM r erst später 
bekannt wurden. Bei den Citaten aus Planer ist mithin zu be- I 
achten, dass in der Altersstufe ein vertical ziemlich grosser Spiel- 
raum bleibt. 

Die Obere und Untere Kreide Ad. Roemer's gehören dem 
Senon an. Bei der Absonderung beider Abtheilungen mag das t 
derzeit in der Geognosie herrschende Vorbild von England maass- 
gebend gewesen sein. Den Anschauungen gemäss musste auch 
Deutschland eine obere Kreide mit Feuerstein und eine untere 
ohne solchen haben. Wirklich fand Roemer zutreffend die Pa- 
rallele der erstem in Rügen, und räumte ihr deshalb den jüng- 
sten Platz ein. Auf die übrigen Territorien wollte das Thei- 
lungsprinzip nicht recht passen, in der That, wie sich jetzt zeigt, 
weil in der jüngsten Kreide des nordwestlishen Deutschlands ganz 
allgemein Feuersteinführung nicht vorhanden ist, sie also in die- 
ser Hinsicht mit dem tiefern Chalk without flints übereinstimmt. 
So fehlte es für diese beiden Niveaus, bei denen thatsächliche 
Ueberlagerungen noch nicht gesehen waren, und zumal dem gan- 
zen Complexe ein grosser Theil der organischen Reste gemein- 
sam ist, an einem Prinzipe zur Ordnung nach dem Alter. Sorg- 
fältigen Detail- Untersuchungen blieb das Weitere vorbehalten. 
Erst Beyrich gelang es, bei seinen fortgesetzten Studien in der 
Gegend zwischen Halberstadt, Quedlinburg und Blankenburg, 
den hier mächtig entwickelten Obern Quader gehörig zu wür- 
digen , und ihn von andern Sandsteinen abzutrennen. Von allen ' 
durch ihn auf der Karte vom nördlichen Harzrande (diese Zeit- i 
schrift Bd. 3 Taf. 15) genau begrenzten und petrographisch sehr 



179 



verschiedenartigen Bildungen am Harzrande, als von den Salz- 
bergs- und Münchehöfer Mergeln, dem Sudmerbergs-Gestein und 
den Mergeln von Wernigerode, Ilsenburg und Harzburg, erkannte 
er die nahe Verbindung unter einander, und mit dem Obern 
Quader, so dass sie, meist wechselnde Facies, in mehrere Glieder 
kaum zu trennen sind. Ewald's dermalige Untersuchungen in 
derselben Gegend werden schliesslich zeigen, ob constante, wenn 
auch nur subtile geologische Unterschiede in dem Complexe 
Statt finden. Am Harzrande und in nicht grosser Entfernung 
davon ist das jüngste Glied der Kreide, das der weissen Kreide 
von Rügen gleichsteht, allein in wenigen Parcellen von geringem 
Umfange abgelagert. Dieses letzte Glied tritt mit mehrer räum- 
lichen Verbreitung uud in mächtiger Entwicklung erst nördlich 
von Braunschweig auf. Hier, wo beide Glieder vorhanden sind, 
ergiebt sich deren gegenseitiges Alter. Bei Vordorf (siehe diese 
Zeitschrift Bd. 7 S. erkannten wir zuerst, dass die Schich- 

ten mit Beiern, mucronata das obere, und die mit Beiern, qua- 
drata das untere Niveau einnehmen. Dasselbe Lagerungs-Ver- 
hältniss stellte sich seitdem in der Umgegend an allen den Stellen 
heraus, wo die beiderlei Abtheilungen zusammen auftreten. Lü- 
neburg ist ferner ein schöner Beleg. Stets unterteufen die san- 
digen Gesteine oder Mergel mit Beiern, quadrata die gewöhn- 
lich kalkreichern mit Beiern, mucronata. Auf einem grossen 
Räume im Kreidebusen von Münster weist Herr Hosius (diese 
Zeitschrift Bd. XI. S. 73 ff.) durch sorgfältige Untersuchungen 
dasselbe nach. So steht fest, dass im nordwestlichen Deutsch- 
land in der obern senonen Kreide zwei Glieder bestehen , das 
obere und zugleich jüngste der deutschen Kreide, bezeichnet 
durch das Vorkommen von Beiern, mucronata^ und das andere 
ältere, bezeichnet durch Beiern, quadrata. Die beiden Belemni- 
tellen geben ein untrügerisches Unterscheidungs-Merkmal , selbst 
wenn anderes fehlt , ab. Dagegen muss man sich hüten , allein 
nach der petrographischen Beschaffenheit zu urtheilen; denn in 
Westphalen sowohl, als wie bei Braunschweig ist stellenweise das 
jüngste Glied aus sandigen Gesteinen zusammengesetzt. Nach 
Andeutungen zu schliessen , trennt sich auch in Frankreich und 
England die obere Kreide in Mucronaten- und Quadraten-Schich- 
ten. Bestätigt sich dies, so wäre die Sonderung nicht aliein von 
localer, sondern von allgemeinerer Bedeutung. 

Ad. Roemer's Abtheilung in obere und untere Kreide, 

12* 



180 



nebst der Unterabtheilung trifft somit, den neuesten Ermittelun- 
gen zufolge, nicht zu. Was derselbe in das jüngere Niveau bringt, 
gehört zum Theil ins untere, und umgekehrt. Seine Classifica- 
tion der bemerkten Localitäten berichtigt sich folgendermaassen: 

Oberes Senon. 

Jüngeres Glied mit Beiern, mucronata: 

Mastricht. — Rügen; Plattenberg bei Blankenburg; Ta- 
densen bei Peine; Lüneburg (Cementfabrik-Brüche) ; Ahl- 
ten ; Lemförde und Haldem ; Coesfeld ; Baumberge in West- 
phalen. 

Aelteres Glied mit Beiern, quadrata : 

Gehrden bei Hannover; Spiegeische Berge bei Halber- 
stadt; Sudmerberg bei Goslar; Conglomerat bei Werni- 
gerode; Salzberg bei Quedlinburg; Luisberg bei Aachen; 
Dülmen; Schwiechelt bei Peine; nördlicher Abhang des 
Lindener Berges und Leinebett bei Limmer unweit Han- 
nover; Lüneburg (BßHR'scher Bruch); Osterfeld unweit 
Oberhausen; Mergel bei Ilsenburg und Staplenburg. 

Bei Benutzung von Ad. Roemer's Werk ist nicht die Be- 
zeichnung der Schicht als obere und untere Kreide und oberer 
und unterer Kreidemergel, sondern der stets zuverlässige Fund- 
ort festzuhalten. 

Was ferner das System der obern Kreide im nord- 
westlichen Deutschland von Geinitz anbetrifft, so giebt 
derselbe davon im Jahre 1849 (Quadergebirge S. 76) die auf der 
nächsten Seite folgende Uebersicht. 

Die Auffassung von Geinitz unterscheidet sich von der von 
Ad. Roemer zunächst wesentlich dadurch, dass ersterer einen 
obern Quadersandstein als besondere Hauptabtheilung über die 
weisse Schreibkreide und deren Aequivalente, seinen obern Qua- 
dermergel, legt. Ein solches Lagerungs-Verhältniss hat sich nicht 
bestätigt. Den Sandstein des Hülses bei Rothenfelde in West- 
phalen, den Geinitz als obern Quadersandstein ansprach, und 
auf dessen durch Verwerfung anomales Auftreten er die Neue- 
rung vorzüglich begründete, erkannte F. Roemer im N. Jahrb. 
1850 S. 395 als sehr viel älter, nämlich für Sandstein des Teu- 
toburger Waldes, der dem obern Hils (Neocom) angehört, und 
nicht mit dem dem Gault zugehörigen Untern Quader am Harze 



181 



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182 



u. s. w. zu verwechseln ist. Die sonstigen Sandsteine am Harz- 
rande, des Regensteins, der Teufelsmauer u. s. w. , die Getnitz 
gleichfalls für seinen Obern Quadersandstein hielt, hatte schon 
früher Berich (diese Zeitschr. 1849 S. 302) in ein tieferes Ni- 
veau, in Geinitz's Obern Quadermergel, versetzt. Die übrigen 
Parallelen zog Geinitz nach Analogien. Geinitz's Oberer Qua- 
dersandstein, über der Mucronaten-Kreide liegend , existirt somit 
nicht, und fällt theils mit Oberem Hils, theils mit Quadraten-Kreide 
zusammen. 

Geinitz's Oberer Quadermergel ist gleichbedeutend mit der 
Obern und Untern Kreide von Ad. Roemer, beide zusammen- 
genommen. Wir können uns deshalb hinsichtlich der Citate in 
dem Verzeichnisse der Versteinerungen auf das oben Gesagte be- 
ziehen. 

Der Mittlere und Untere Quadermergel von Geinitz end- 
lich entsprechen dem Pläner von Ad. Roemer, nur ist diesem 
der Grünsand von Essen und der Flammenmergel hinzugefügt. 
Wir haben schon oben gesehen, dass die Stelle dem Grünsande 
von Essen zukommt, dagegen muss der Flammenmergel als 
jüngster Gault abgetrennt bleiben. Geinitz. der den Pläner weit 
verbreitet, von Strehlen bei Dresden bis an die holländische 
Grenze, und bis über 1000 Fuss mächtig gesehen hatte, mochte 
schon hieraus vermuthen , dass darin mehrere Hauptabtheilungen 
vorhanden seien, und trennte ihn in zwei dergleichen, in Pläner- 
kalk, seinen Mittleren Quadermergel, und Plänermergel, seinen 
Untern Quadermergel. Das Theilungsprinzip nach petrographischen 
Merkmalen bewährt sich jedoch nicht für den Pläner. Zwar kann 
dasselbe für beschränkte Territorien die Norm abgeben , jedoch 
nicht immer, noch viel weniger allgemein. In der Umgegend 
von Braunschweig besteht der tiefste Pläner hier aus weissen 
massigen Kalken , dort aus grauen bröckligen Mergeln , — an 
der Ruhr in Westphalen sogar aus grünen, zum Theil kalkigen 
Sandsteinen. Zudem wird, im Gegensatze zu jenem Prinzipe, der 
jüngste Pläner vorwaltend aus milden grauen Mergeln, die man 
vorzugsweise zur Verbesserung der Aecker benutzt, zusammen- 
gesetzt. Die Aufstellung von naturgemässen Abtheilungen hatte 
grosse Schwierigkeiten zu überwinden. Aehnliche und doch eigen- 
tümliche Gesteine wiederholen sich im Pläner in verschiedenen 
Niveaus, und kommt es ohne besondere Aufmerksamkeit gar 
leicht, sie für identische Schichten zu halten und damit Verschie- 



183 



denartiges zu vereinigen. Grosse Räume, wo kräftige Aufrich- 
tungen den mächtigen Complex nicht zu durchbrechen vermoch- 
ten, werden an der Oberfläche von ein und der nämlichen Masse 
eingenommen, uud ereignet es sich, dass diese arm an organischen 
Resten oder auch nur an Specieszahl sind, so fehlt bei einer sol- 
chen anscheinend einförmigen Bildung leicht der Antrieb zur 
weiteren Beobachtung. Vorurtbeile, die sich auf solche Deutung 
gründen , schleppen sich dann lange fort. Das alles traf beim 
Pläner reichlich zu, und blieb dieser noch längere Zeit nach 
d'Orbigny's übertrieben scharfer Absonderung seiner Etagen 
eine Vermengung von cenomanen, turonen und senonen Fossilen. 
Kein Territorium eignet sich indessen besser, die Gliedernng zu 
ermitteln, als dasjenige im Norden vom Harze, überhaupt zwischen 
Elbe und Weser. Viele nicht entfernt liegende Falten von ent- 
sprechender Höhe und regelmässiger Erstreckung im Streichen 
lassen öfter Querdurchschnitte wahrnehmen, in denen der Pläner 
vom ältesten an bis zum jüngsten an der Oberfläche entblösst 
auftritt. An der Durchforschung des Pläners in diesem Gebiete 
glaubt der Verfasser einigen Antheil zu haben. Das Resultat 
davon war die Gliederung des Harzer Pläners, wie sie in dieser 
Zeitschrift Bd. IX. S. 415 aufgestellt ist, und wie sie sich seit- 
dem zutreffend für das nordwestliche Deutschland gezeigt hat. 
Darnach findet die früher vermeinte Vermengung von Faunen, 
die nach den Untersuchungen in andern Ländern weit getrennt 
waren, nicht Statt. Es zerfällt nämlich der Pläner in zwei Haupt- 
abtheilungen, Unteren und Oberen, in denen eine constante Auf- 
einanderfolge mehrerer Glieder herrscht. Der Untere Pläner ist 
d'Orbigny's Cenomanien. Der Obere entspricht dessen Turo- 
nien und dem unteren Theile des Senonien. Wir hielten damals 
dafür, dass, wenngleich sich der untere Theil des Obern Pläners 
ziemlich gut dem französischen Turon gegenüberstelle, dieses im 
Pläner nicht füglich vom Senon abzutrennen stehe. Es leitete 
dabei, dass eine bestimmte Grenze zwischen dem älteren und 
jüngeren Theil des Obern Pläners nicht besteht, und dass einige 
Hauptversteinerungen gemeinsam sind. Eine scharfe Sonderung 
ist keinen Falls vorhanden, allein die Gemeinsamkeit der Petre- 
facten reducirt sich bei weiterer Untersuchung immer mehr. Auf 
die glatten und gefalteten Brachiopoden ist, ihrer zum Theil un- 
sicheren Unterscheidung wegen, minderes Gewicht zu legen. Der 
Galerites conicus aus dem Galeriten- Pläner und der Galerites 



184 



albogalerus aus der senonen Quadraten-Kreide trennen sich aller 
"Wahrscheinlichkeit nach (s. oben III. 8) specifisch ab, und könnte 
dasselbe mit Micraster coranguinum aus jenem Niveau der Fall 
sein. Dann bleibt in der Hauptsache nur Ananchytes ovatus 
als gemeinsame Form von Bedeutung. Vielleicht legt man dieser 
Gemeinsamkeit ein zu grosses Gewicht bei , da der untere Theil 
des obern Pläners, wenn auch nicht an Individuen-, doch an 
Specieszahl arm ist. Bleibt es freilich im Allgemeinen unsicher, 
arme und reiche Faunen mit einander zu vergleichen, so erschei- 
nen doch jene der rothen und weissen Brongniarti-, nebst den 
Galeriten - Schichten , und diese des Scaphiten-Pläners ziemlich 
different. Unter solchen Umständen, und da anderen Orts d'Or- 
BIGNy's Etage Turonien festgehalten wird, sind wir geneigt, die 
Ansprache auch für den Pläner anzunehmen, und den rothen Pläner 
und den mit Inocer. Brongniarti, nebst den letzterem synchronisti- 
schen Galeriten-Schichten in das Turon einzureihen, die überlie- 
genden Glieder aber, vom Scaphiten-Pläner an (in welchem letz- 
tern die jetzt gangbaren Steinbrüche bei Strehlen betrieben wer- 
den) zum Senon zu rechnen. , Mit dieser Aenderung glauben 
wir die Gliederung des Pläners aus voller Ueberzeugung em- 
pfehlen zu dürfen. Sie hat Gültigkeit nicht allein für das Ge- 
biet zwischen Elbe und Weser, sondern auch für Westphalen. 
Durch eine an und für sich unbedeutende Berichtigung von 
Dechens geognostischem Kartenwerke bei Unna, die wir diese 
Zeitschrift Bd. XI. S. 60 gegeben haben, wird die grosse Ver- 
wirrung im Pläner, die durch dessen lange fortgeschleppte Ab- 
theilung nach drei Grünsandlagen an der Ruhr entstand, besei- 
tigt. Im Teutoburger Walde aber, wo die geognostischen Ver- 
hältnisse sich ziemlich gleichförmig gestalten, genügt es, an einer 
Stelle zur Erkenntniss gekommen zu sein, um auch hier die obige 
Gliederung wieder, zu finden. Einigermaassen kann man sich 
schon in der leicht zugänglichen Umgegend von Bielefeld orien- 
tiren. Hier wird nämlich im Südwesten der Stadt, neben den 
Kalköfen an der Strasse nach Gütersloh, der tiefste Brongniarti- 
Pläner, voll von Inocer. Brongniarti, in Steinbrüchen gewonnen. 
Wenige 'Schritte darunter geht am Abhänge der rothe Pläner, 
jedoch mit Schutt und Diluvialsand bedeckt, fast unkenntlich zu 
Tage. Besser aufgeschlossen zeigt sich der rothe Pläner z. B. 
im Nordwesten bei Halle. Am südlichen Ende des Lauchsber- 
ges unweit Bielefeld, und zwar am Fusswege von da nech Halle, 



185 



steht -ferner in Mergelgruben der unterliegende cenomane Pläner, 
in seinem Gliede mit Amm. varians, angefüllt namentlich mit 
diesem Petrefact und Inocer. striatus, hart über dem dortigen 
Flammenmergel an. Etwas nördlich von Brackwede endlich ist 
in einem jetzt verlassenen Steinbruche, der früher das Material 
für die obengedachten Kalköfen oder andere lieferte, der Scaphi- 
ten-Pläner eröffnet. Der weisse Brongniarti-Pläner streicht hö- 
her am Berge, in einem geognostisch tieferen Niveau, durch. 
Noch vor zwei Jahren sammelten wir in diesem Bruche die ge- 
sammte Fauna des Scaphiten-Pläners, als Amm. peramplus und 
JSeptuni, Scaphites Gei?iit%i i Helicoceras, Ananchytes ovatus, 
Micraster coranguinum u. s. w., und zwar in häufigen und schö- 
nen Exemplaren. In neuerer Zeit findet sich daselbst nur noch 
wenig. Die Stelle muss abgesucht sein, und Erneuerung findet 
nicht Statt. Den noch jüngeren Pläner mit Inocer. Cuvieri ha- 
ben wir hier und in einigen anderen Querdurchschnitten des Teu- 
toburger Waldes nicht bemerkt. Es muss dort dieses Glied, das 
sich an der Ruhr mächtig entwickelt zeigt, nicht die erforderliche 
Stabilität gehabt haben , um einen besonderen Höhenzug zu bil- 
den, und mag solches in der Tiefe, verdeckt unter Diluvium, lie- 
gen. Wie dem auch sei, genug dass der Durchschnitt bei Biele- 
feld , für die Gliederung des Pläners im Teutoburger Walde, in 
aufsteigender Reihenfolge, vom untern oder cenomanen Pläner 
den Varians -Pläner , und vom obern Pläner den rothen, den 
weissen Brongniarti und ferner die Scaphiten-Schichten beobach- 
ten lässt. Kein Zweifel dürfte bestehen, dass die Gliederung des 
Pläners in der Fortsetzung des Gebirgszuges bis nach Rheine, 
völlig übereinstimmend mit der zwischen Elbe und Weser ob- 
waltet. 

Bei der Benutzung von Geinitz's Petrefacten-Verzeichniss 
ist zu beachten, dass Pläner-Mergel nicht immer cenomaner Plä- 
ner, und Plänerkalk nicht immer turoner und senoner Pläner be- 
deutet. Oftmals ist das Umgekehrte der Fall. Auch geben die 
aus hiesiger Gegend citirten Fundorte, als Quedlinburg, Vienen- 
burg, Goslar, Liebenburg, Salzgitter u. s. w. in dieser Allge- 
meinheit kein weiteres Anhalten, da bei ihnen , mehr oder weni- 
ger gut, die gesammte Schichtenfolge an die Oberfläche kommt. 

So hat sich die Kenntniss von den Lagerungs- Verhältnissen 
und der Gliederung der obern Kreide im nordwestlichen Deutsch- 
land, seit Ad. Roemer's Darstellung, in den letzten beiden 



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Decennien herausgebildet. Uebersiehtlich geordnet stellen sich die 
Ergebnisse bei Roemer und Geinitz mit den unserigen so ge- 
genüber, wie aus der nebenstehenden Tabelle ersichtlich. 

Das Glied II. 1, der rothe Pläner, schliesst sich in den 
jüngsten Schichten durch Wechsellagerung nahe an II. 2 an, und 
enthält im nordwestlichen Deutschland nur wenige Species , die 
hier im Cenoman nicht vorkommen und die d'Orbigny im Turon 
auffährt. Andere französische Geologen sprechen indessen den 
lnocer. mytiloides , das hauptsächlichste Fossil des rothen Plä- 
ners, für Cenoman an. Es scheint sich zu empfehlen, daraus, wie 
geschehen , ein besonderes Glied zu tormiren. Die scharfe 
Grenze, welche im nordwestlichen Deutschland zwischen dem 
Cenoman und Turon besteht, wird aller Wahrscheinlichkeit nach 
in andern Gegenden durch die Schichten mit Exogyra columba 
vermittelt. Diesen Falls ist das Niveau der Exogyra columba 
in das Cenoman als jüngstes oder 4. Glied, noch über dasjenige 
mit Amuu Lihotomagensis einzureihen. 



.188 



3. lieber das Vorkommen von jurassischen Posido- 
nomyen-Gesteinen in den Alpen. 

Von Herrn A. Oppel in München. 

(Hierzu Tafel V.-VII.) 

§. 1. Auf einer Reise im Herbst 1861 widmete ich wäh- 
rend eines längeren Verweilens an drei entfernt von einander ge- 
legenen Punkten: Füssen, Hallstadt und Roveredo, den- 
jenigen Bildungen meine besondere Aufmerksamkeit, welche sich 
meiner damaligen Ansicht zufolge möglicherweise unmittelbar 
unter oder über die weissen und rothen Kalke von Vils anreihen. 
Ich hoffte dabei Aufschluss über die Uebereinanderfolge von 
Klaus-Schichten, Vilser-Kalken , Di p hyen- Kalken 
und andern der Zeit ihrer Entstehung nach dazu gehörigen Ab- 
lagerungen zu finden. Statt jedoch wesentliche Ergänzungen der 
Profile d. h. der verticalen Entwicklung von alpinem Dogger 
und Malm zu erhalten , war es dagegen weit mehr die horizon- 
tale Verbreitung einer einzigen Formations-Abtheilung, welche sich 
auf jener Reise meiner Beobachtung darbot. Innerhalb dieses 
Horizontes, welcher von den österreichischen Geologen nach sei- 
nem Auftreten an der Klaus-Alp bei Hallstadt den Namen 
„Klaus-Schichten" erhielt, findet in den Alpen eine auf- 
fallende Entwicklung von Posidonomyen-Gest einen statt. 
Indem ich beabsichtige, in dem Nachfolgenden einige Beiträge 
zur Kenntniss der Fossilreste sowie der Verbreitung der ebener- 
wähnten Zone zu geben , beginne ich mit der Beschreibung der 
eigentlichen Klaus- Schichten an den in der Nähe von Hallstadt 
gelegenen Localitäten. 

§. 2. Klaus -Schichten an der Klaus -Alp bei 
Kallstadt. Wir verdanken einer 1853 veröffentlichten Arbeit 
Bergrath VON Hauer's*) die erste eingehende und verlässige 



*) Häuer 1853, Ueber die Bildung der Trias-, Lias- und Juragebilde 
in den nordöstlichen Alpen. Jahrb. geol. Reichsanstalt 4. Jahrg. p. 715 



189 



Beschreibung der versteinerungsreichen Lagen, welche, versteckt im 
Walde, \ Stunde über den Klaus-Alp-Hütten anstehen. Es sind 
grösstenteils dunkelrothe, bisweilen bräunlich, bisweilen schwärz- 
lich gefärbte, marmorartige oder auch oolithische Kalksteine, de- 
ren Lagerungsverhältnisse hier keineswegs dazu beitragen, um 
Schlüsse über ihr Alter zu ziehen. Dagegen gestatten die zahl- 
reichen fossilen Arten, welche von dem Gestein eingeschlossen 
werden, wenigstens eine theilweise Bestimmung. Doch ist die 
Zahl der mit Sicherheit zu deutenden Arten geringer, als man 
auf Grund des in der That massenhaften Vorkommens von Ver- 
steinerungen erwarten dürfte. Die Ursache liegt in der mangel- 
haften Erhaltung der äusserst fest mit dem Gestein verwachse- 
nen, oder in zerbrochenem Zustand in dasselbe eingeschlossenen 
Schalentheile. Ich habe dennoch den Versuch gemacht, das von 
mir Gesammelte in einer Liste zusammenzustellen , welche ich 
mit einigen Bemerkungen versehen hier wiedergebe. 

Fossile Arten der Klaus-Schichten von der Klaus- Alp (1861 gesammelt). 

1. Zähne von SpAenodus cf. longidens*) Agass. 

2. Bruchstück von Belemnites cf. canaliculatus Sceu.oth. 

3. Nautilus sp. ind. 

4. Ammonites Kudernatschi Hauer. 

5. Ammonites subobtusus Kudern. 

6. Ammonites nov. sp.ec. 

7. Ammonites Eudesianus d'Orb. (Ammonites Adeloides 
Kudern.) 

8. Ammonites subradiatus Sow. 

9. Ammonites rectelobatusHAVER cf. Deslongchampsi d'Orb. 

10. Ammonites Martinsi d'Orb. 

11. Turbo spec. ind. 

12. Pleurotomaria cf. subreticulata d'orb. 



*) Die grosse Verbreitung von Sphenodus- Zähnen in den alpinen 
Jurakalken verdient hier noch besondere Erwähnung. Am häufigsten 
kommen dieselben in den rothen Vilser Kalken mit Terebratula Bouei 
vor. — Bei einem späteren Besuch der Gegend von Vils erhielt ich sie 
auch aus dem weissen Vilser Kalk sowie aus dem ß Ottenstein - 
Kalk. Ich fand sie ausserdem noch in den Diphyen-Kalken bei Rove- 
redo, in den- Klaus-Schichten von der Klaus-Alp und von Brento- 
tonico in Südtyrol. Endlich in den rothen Jurakalken vom Vil s - Alp - 
See sowie vom Halden-See bei Tann heim. 



190 

13. 14. Lima. 2 unbestimmte Arten. 

15. Posidonomya alpina Gras. 

16. Anomya spec. ind. 

17. Terebratula cf. perovalis Sovv. 

18. Terebratula Gerda Opp. 

19. Terebratula laticoxa Opp. 

20. Terebratula Fytgia Opp. 

21. Terebratula curviconcha Opp. 

22. Rhynchonella Atta Opp. 

23. Rhynchonella coarctata Opp. 

24. Rhynclionella Zisa Opp. 

25. Rhynchmella subechinata Opp. 

26. Rhynchonella Etalloni Opp. 

27. Rhynchonella deßuxa Opp. 

Ich habe in einer früheren Arbeit die Klaus-Schichten mit 
dem ausseralpinen Unteroolith identificirt.*) Es geschah dies auf 
Grund der HAUtR'schen Angaben. Die seither von mir gesam- 
melten Fossilreste, welche ich in der obigen Liste vereinigte, 
tragen noch weiter dazu bei, diese Annahme zu bestätigen. 
In Folge der in §. 7 gegebenen Aufschlüsse könnte noch die 
Frage entstehen, ob die Klaus-Schichten nicht zugleich auch die 
Niederschläge der Bath - Gruppe repräsentiren. Es fehlen hiefür 
jedoch die weitern Beweise , indem die an der Klaus-Alp aufge- 
fundenen Arten , soweit sich solche mit ausseralpinen Vorkomm- 
nissen identificiren lassen, der obern Zone des Unterooliths an- 
gehören. 

§. 3. Ehe ich das Auftreten der Klaus-Schichten an einer 
zweiten Localität beschreibe, habe ich zuvor noch einige Worte 
über die Gang- artigen Bildungen zu bemerken, welche sich 
an der typischen Stelle, von der wir ausgingen, beobachten lassen. 

Obschon die eigentlichen Klaus -Schichten an der Klaus- 
Alp einen bunten Wechsel von rothen oder schwärzlichen Kal- 
ken, von gefleckten Marmorgesteinen und sogar von oolithischen 
Massen darbieten, so hebt sich doch besonders ein weisser 
Kalk-Gang schon durch seine Farbe auffallend gegen die dunk- 
leren Umgebungen ab. Die Versteinerungen dieses weissen Gan- 
ges bestehen grösstentheils aus kleinen Brachiopoden, von welchen 



*) Würtemb. naturw. Jahresh. Jahrg. XVII. pag. 158. 



191 



in dem Nachfolgenden 4 Arten beschrieben werden sollen, unter 
den Bezeichnungen: 

7 'erebra tula Geßon. 

Rhynchonella orthoptycha. 

Rhynchonella micula. 

Rhynchonella adunca. 
Noch mehrere gleichfalls neue Terebrateln - Arten von ge- 
ringen Dimensionen, aber zum Theil in zahlreichen Exemplaren, 
mit wenigen Bruchstücken kleiner Ammoniten fanden sich in dem 
weissen bröcklichen Kalkgesein, während dicht daneben die ver- 
steinerungsführenden dunkleren, weit härteren Felsen der Klaus- 
Schichten anstehen. Ob beiden, so verschiedenartigen Lagen ein- 
zelne Arten gemeinsam angehören, ist sehr zweifelhaft. Ich 
konnte mich wenigstens während der Ausbeute jenes Ganges und 
^ auch in der Folge nicht davon überzeugen. Dass der Grund 
L der Verschiedenheit darin liegen könnte, dass sich in dem weissen 
Gestein nur die kleinsten Arten, in dem dunklern nur die grösse- 
ren Species einer und derselben Fauna erhielten, erscheint mir 
nicht annehmbar. Möglich dass hier ein ähnliches oder vielmehr 
umgekehrtes Verhältniss stattfindet, wie bei den in der Nähe von 
Vils anstehenden rothen und weissen Kalken, auf welche ich 
früher aufmerksam machte, ohne jedoch für die Entstehungsweise 
der eigenthümlichen Einlagerungen eine genügende Erklärung oder 
Deutung zu finden. 

§. 4. Posidonoinyen- Schichten an der Mitter- 
wand*) bei Kallstadt. ( Klaus - Schichten , oberer 
alpiner Dogger.) Obschon die Stelle, an welcher die fossil- 
reichen Lagen der Mitterwand anstehen , nur eine Stunde von 
den vorhin betrachteten Aufschlüssen der Klaus- Schichten ent- 
fernt liegt, so macht sich doch eine Verschiedenartigkeit der Ge- 
steinsart bemerklich. Es ist hier ein lichtrother oder weisser 
Crinoiden -Kalk , welcher die Versteinerungen birgt und aus dem 
die fossilen Arten stammen , deren Bestimmungen ich hier wie- 
dergebe. Zwar liegen überall im Walde umher Petrefacten-füh- 
rende Blöcke, welche sich durch das Vorkommen riesiger Seeigel- 



*) Mitterwand oder Mitte nwand, 2 Stunden südwestlich von 
Hallstadt. Man gelangt an die Stelle, nachdem man den Dürnbo- 
den passirt hat und noch einige Zeit den auf den Hierlatzberg oder auf 
das Dachsteingebirge führenden Fussweg verfolgt. 



192 



stacheln, sowie mancher neuen Brachiopoden-Species auszeichnen, 
allein es gelang mir nur an der einen Stelle, eine auch an be- 
kannten Arten ergiebige Ausbeute zu machen. Die Verschieden- 
heit der Gesteinsbeschaffenheit scheint mir von keiner besondern 
Bedeutung, indem ganz in der Nähe ein dunkleres, weit härteres 
Gestein zu Tage tritt, das den Klaus - Schichten der Klaus -Alp 
auffallend ähnlich sieht und die gleichen Vorkommnisse, jedoch 
in geringerer Anzahl und weniger genügenden Erhaltung ein- 
schliesst. Dagegen ist der lichtrothe Kalk an der besuchten 
Stelle von Fossilen ganz erfüllt, insbesondere von Cephalopoden 
und Brachiopoden. Auch Posidonomya alpina Gras, welche 
an der Klaus-Alp noch seltener ist, kommt hier schon sehr häufig 
vor. Ich sammelte folgende Arten in den Klaus-Schichten 
der Mitterwand: 

1. Phragmocon vielleicht zu der Gattung Acanthoteuthis ge- 
hörig. 

2. Ammonites Kudernatschi Hauer. 

3. Ammonites subobtusus Kudern. 

4. Ammonites Eudesianus d'Orr. 

5. Ammonites subradiatus Sow. 

6. ? Ammonites rectelobatus Hauer. Ein zweifelhaftes 
Bruchstück. 

7. Ammonites Martinsi d'Orr. 

8. Ammonites Brongniarti Sow. 

9. Ancyloceras cf. annulatum Desh. 

10. Onustus cf. ornatissimus d'Orr. (Trochus d'Orr.) 

11. Emarginula spec. ind. 

12. 13. Lima 2 unbestimmte Arten, vermuthlich dieselben, 
welche an der Klaus-Alp vorkommen. 

14. Posidonomya alpina Gras. 

15. Anomya spec. ind. 

16. Terebratula laticoxa Opp. 

17. Terebratula Fylgia Opp. 

18. Terebratula curviconcha Opp. 

19. Rhynchonella Berchta Opp. 

20. Rhynchonella Atta Opp. 

21. Rhynchonella coarctata Opp. 

22. Rhynchonella Zisa Opp. 

23. Rhynchonella subechinata Opp. 

24. Rhynchonella defluxa Opp. 



193 



25. Hyboclypus spec. ind. 

26. Pentacrinus spec. ind. 

Aus einem Vergleich dieser Liste mit der in §. 2 angeführ- 
ten geht hervor, dass die Kalke der Mitterwand eine Fauna ein- 
schliessen, deren Arten grösstentheils mit denjenigen der Klaus- 
Schichten an der Klaus -Alp übereinstimmen. Ich habe des- 
halb die Lagen der Mitterwand ohne Bedenken als Klaus-Schichten 
angeführt. Eine weitere Prüfung ihrer fossilen Arten führt zur 
Bestärkung der früheren Annahme, die Klaus - Schichten als un- 
gefähres Aequivalent der Zone des Am7n. Parkinsoni zu be- 
trachten. * 

§. 5. Posidonomyen- Schichten von Brentonico 
in Südtyrol, Ein von ßoveredo oder Mori über Tierno 
nach Brentonico führender Weg schneidet in der Nähe des 
letztgenannten Ortes die oberen Jura -Kalke, welche hier durch 
ihren Ammoniten -Reichthum, durch das Vorkommen von Tere- 
bratula diphya und andere bezeichnende Versteinerungen einen 
sichern und leicht aufzufindenden Horizont bilden. Es ist das 
in Südtyrol so häufig aufgeschlossene Niveau der weissen Di- 
phya-Kalke, welche nach unten beinahe unvermerkt in die 
nicht sehr mächtigen rothen A m m on iten- Kalke übergehen. 

Keine geringere Ausdehnung und Verbreitung besitzt die 
nächst tiefer liegende Formation, deren Gestein aus hartem 
grauem Kalk von krystallinischem Gefüge besteht, welcher in 
einzelnen Lagen in Crinoiden -Kalk übergeht. Die Mächtigkeit 
dieses Kalkes ist bedeutend und es spielt derselbe durch seine 
Härte und seine feste, zusammenhängende, höchstens in dicke 
Bänke gesonderte Masse eine nicht unwesentliche Rolle unter den 
Gebilden , welche das gehobene Gebirge zu beiden Seiten der 
Etsch zusammensetzen. Obschon es den Anschein hat, als ent- 
hielte der graue Kalk fossile Reste nicht selten, so ist dessen 
Masse doch gewöhnlich zu hart, um die Muschelschalen aus dem 
Gestein zu lösen. Doch fanden sich an mehreren Stellen we- 
nigstens einzelne Exemplare unbestimmbarer Brachiopoden-Arten, 
Zähne von Strophodus , Säulenglieder von Pentacrinus u. s. w. 
So z. B. in den Umgebungen von Roveredo, südlich und östlich 
von Volano, woselbst auch die Ueberlagerung des grauen Kalkes 
durch den Am mo n iten- Kalk und Diphy a-Kal k sehr deut- 
lich zu sehen ist. 

Zeits. d.d. geol. Ges. XV. 1. 13 



194 



Auf der grossen geognostischen Karte von Tyrol*) wurde 
der graue Kalk mit noch andern Bildungen unter der Bezeich- 
nung oa mit bläulicher Farbe eingetragen. Zufällig ist er aber 
gerade an der Stelle, an welcher er bei Brentonico unter den 
Ammoniten- und D i p h ya - Kalken ansteht, unbemerkt ge- 
blieben. Es hat allen Anschein, dass er mit dem Diphya-Kalk 
vereinigt und als solcher eingezeichnet wurde. Doch verursacht 
es dort keine Schwierigkeit, den grauen Kalk von den darüber 
ausgebreiteten Ablagerungen zu unterscheiden. Er bildet eine 
Felswand, an welcher die Strasse, ~ Stunde ehe sie Brento- 
nico erreicht, emporführt. Auch hier ist der Kalk eine grosse 
Strecke weit äusserst hart, ohne deutliche Spuren von Versteine- 
rungen zu enthalten. Gerade an einer günstigen und zugäng- 
lichen Stelle , da nämlich , wo die Strasse an der felsigen Wand 
die stärksten Krümmungen macht, treten plötzlich die versteine- 
rungsführenden Schichten auf. Der graue Kalk verwandelt sich 
in ein beinahe weisses, dichtschaliges Po s i d o no m y e n - Ge- 
stein, das über der Strasse oder später zu beiden Seiten der- 
selben in einer Mächtigkeit von gewiss 40 oder 50 Fuss ansteht. 
Der ganze Fels besteht hier aus nichts Anderem, als den Scha- 
len oder Abdrücken einer Posidonomya , welche mit der in den 
Klaus-Schichten bei Hallstadt vorkommenden Species übereinstimmt. 
Ich habe nie eine gleich bedeutende Entwicklung von Posidono- 
myen , Monotis- oder ähnlichen Muschel-Gesteinen gesehen, 

Anfangs hatte es den Anschein, als fänden sich hier keine 
weitern fossilen Arten, denn es waren immer die gleichen Muschel- 
schalen , welche sich auf der verwitterten Aussenseite der um- 
herliegenden Blöcke, wie auch auf der Bruchfläche der vom Fel- 
sen selbst abgeschlagenen Stücke zeigten. Endlich gelang es aber 
an einer Stelle des anstehenden Posidonomyen-Gesteins, das hier 
vielleicht durch herabsickernde Wasser weicher geworden war, 
verschiedene andere Versteinerungen, insbesondere Cephalopoden^ 
Brachiopoden und Corallen aufzufinden. War nun schon durch 
das massenhafte Auftreten von Posidonomya alpina die,Ver- 
muthung nahegelegt, dass die durch sie gebildete Muschelbreccie 
den Klaus-Schichten oder der obern Region des alpinen Doggers 
entspreche, so schien solches aus dem Vorkommen einiger charak- 



*) 1851 Geognostische Karte von Tyrol und Vorarlberg. Geogn. 
montan. Verein. (Ferdinandeum in Insbruck.) 



195 



teristischen Arten noch sicherer hervorzugehen. Unter letzteren 
ist es vor Allem wiederum Jmm. rectelolatus Hauer, welcher 
in feiner- und stärkergerippten Varietäten mitten unter den Po- 
sidonomyen steckt. Die Stücke haben die grösste Aehnlichkeit 
mit den an der Klaus-Alp gesammelten Fxemplaren. Es wird 
sich später wohl noch bestimmter erweisen, ob diese Art mit 
Amm. Deslongchampsi identisch ist, oder eine den Alpen eigen- 
tümliche Art bildet, jedenfalls scheint dieselbe einen Horizont 
anzudeuten, welcher der obern Region des Unterooliths entspricht. 
Ich habe einige der an jener Stelle von mir gesammelten Arten 
von Brachiopoden und Corallen unbestimmt gelassen, die übrigen 
aber in einer Liste zusammengestellt. 

Fossile Arten der Posidonomyen-Schichten des obern Doggers von Bren- 
tonico in Südtyrol. 

1. Sphenodus cf. longidens Agass. 

2. Belemnites spec. ind. 

3. Ammonites Kudernatschi Hauer. 

4. Ammonites subobtusus Kud. 

5. Ammonites Eudesianus d'Orb. 

6. Ammonites subradiatus Sow. 

7. Ammonites rectelobatus Hauer. 

8. Ammonites Martinsi d'Orb. 

9. Ammonites cf. dimorphus d'Orb: 

10. Ancyloceras cf. annulatum Desh. sp. 

11. Fosidonomya alpina Gras. 

12. Terebratula Gerda Opp. 

13. Terebratula curviconcha Opp. 

14. Rhynchonella Brentoniaca Opp. 

15. Pentacrinus spec. ind. 

16. Astraea spec. ind. 

Sollte sich das Vorkommen von weissem Vilser Kalk, wel- 
ches durch die von Hauer aus der Gegend von Roveredo (Vo- 
lano) erwähnten Brachiopoden- Arten*) angedeutet wird, bestäti- 
gen , so wäre hiedurch für Südtyrol ein weiterer jurassischer Ho- 
rizont angezeigt, welcher möglicherweise ein Verbindungsglied 
zwischen dem oberen Dogger und den Diphya-Kalken bildet. 



*) Hauer 1853, Ueber die Gliederung der Trias-, Lias- und Jura- 
Gebilde in den nordöstl. Alpen. Separatabdr. p. 54. 

13* 



196 



§. 6. Posidonomyen-destein in der Gegend von 
Füssen und Vils* An der neuerdings mehrfach erwähnten 
Stelle in der Nähe des Weis s enhaus es bei Füssen, wo- 
selbst der weisse Vilser Kalk nahezu ebenso reichhaltige Ein- 
schlüsse birgt, wie an der typischen Localität, kommt ein Posi- 
donomyen - Gestein vor, über das ich hier einige Bemerkungen 
anfüge. Es ist ein harter weisser Kalkfelsen , welcher vielleicht 
mit dem ihn umgebenden Vilser Kalk in früherer Zeit von der 
in unmittelbarer Nähe emporragenden rothen Wand herabge- 
stürzt ist. 

Ich habe schon im Sommer 1861 in einer kleinen auf der 
Reise geschriebenen Notiz*) auf den weissen Kalkfelsen auf- 
merksam gemacht, indem ich jedoch damals nur die Vermuthung 
auszusprechen vermochte, dass die zahlreichen kleinen Muschel- 
schalen zu Posidonomya gehören. Die spätem, an der Mitter- 
wand und bei Brentonico gemachten Erfunde von Posidonomyen- 
Gesteinen, welche die grösste Aehnlichkeit mit der Muschelschicht 
von Füssen besitzen, geben nun aber dem Auftreten an letzte- 
rer Localität noch mehr Bedeutung und Interesse. Allerdings 
kamen auch im weissen Vilser Kalke einige Exemplare von Po- 
sidonomyen vor, jedoch in sehr geringer Zahl, während sich in 
dem weissen Kalkfelsen bei Füssen eine eigentliche Anhäufung 
dieser Muschel findet. Da die übrigen in dem harten Felsen ge- 
sammelten Arten von denen des weissen Vilser Kalkes abweichen, 
so wird die Vermuthung noch näher gelegt, dass jenes Posido- 
nomyen-Gestein des Weissenhauses bei Füssen ein beson- 
deres , von dem benachbarten Vilser Kalke verschiedenes For- 
mationsglied darstelle, welches vielleicht den Posidonomyen-Schich- 
ten von Brentonico und den Lagen gleichen Alters von der 
Klaus-Alp und der Mitter wand bei Hallstadt entspricht. 
Ausser Posidonomya alpina fanden sich in dem weissen Kalke 
vom Weissenhaus einige Brachiopoden-Arten, sowie eine noch un- 
bestimmte Species eines Echinodermen. Vielleicht gehört ein un- 
ter ersteren befindliches Exemplar zu Terebratula curviconcha, 
doch macht dessen mangelhafte Erhaltung die Bestimmung un- 
sicher. Die übrigen Vorkommnisse stellen neue Arten dar, welche 
weder mit den Einschlüssen des Vilser Kalkes noch mit denjeni- 
gen der Klaus-Schichten übereinstimmen. 



*) Bronn, Jahrb. 1861 pag. 674. 



197 



§. 7. Oberer alpiner Dogger und Posf donomyen- 
Gestein in den Schweizer Alpen. Nächst den eisen- 
oolithischen Schichten von Swinitza am eisernen Thor, welche 
schon 1853 von Hauer mit den Klaus- Schichten in Parallele 
gestellt wurden, ist es eine von Esch er von der Linth in den 
Schweizer Alpen untersuchte und verfolgte Gesteinszone, welche 
unter allen bisher bekannt gewordenen Ablagerungen des obern 
Doggers der Alpen die reichste Ausbeute an bestimmbaren und 
sogar wohlerhaltenen Versteinerungen geliefert hat. Den brief- 
lichen Mittheilungen zufolge, welche ich dem hochverdienten For- 
scher verdanke, findet sich die Stelle, an der die Vorkommnisse 
gesammelt wurden, in der Nähe des hochgelegenen Oberblegi- 
Sees am Absturz des Glärnisch. Es ist eine dünne Eisen- 
oolithbank, welche ungefähr 500 Fuss über dem See an der stei- 
len Felswand hinzieht. Die herabgestürzten Blöcke, welche in 
der Nähe des Sees umherliegen , schliessen die Versteinerungen 
ein, während über der oolithischen Lage sich Hochgebirgskalk 
aufthürmt. Derselbe entspricht dem obern Jura. Darüber folgt 
die Neocom-Formation. 

So gering die Mächtigkeit der versteinerungsreichen Schicht 
ist, so besitzt dieselbe dennoch eine beträchtliche horizontale Aus- 
dehnung. Ihre mineralogische Beschaffenheit erleichtert ihr Wie- 
dererkennen, indem sie durch Eisenoolithe und Thoneisensteine 
gebildet wird, auf welche in früherer Zeit an mehreren Stellen 
Bergbau getrieben wurde. Nach Studer's Geologie der Schweiz 
II. pag. 46 Hess sich die Zone vom Nordrande des Finster- 
aarhorns an bis nach Glarus verfolgen, indem sie auf dieser 
Strecke an den wunderbaren Biegungen und abnormen Lagerungs- 
verhältnissen der dortigen Gebirge Theil nimmt. 

Die von Escher von der Linth untersuchte Localität hat 
nun aber für unsere Betrachtungen einen besonderen Werth, in- 
dem sich an ihr manche charakteristische Species fand, deren 
Vorkommen zuvor aus dem Dogger der Alpen nicht bekannt ge- 
wesen war. Zugleich ergiebt sich eine gewisse Uebereinstim- 
mung ihrer Fauna mit derjenigen der Klaus-Schichten, womit sie 
auch Esc her von der Linth zu parallelisiren geneigt ist, wie ich 
aus einer früheren brieflichen Aeusserung dieses Gelehrten ersehe. 

Aus einer gründlichen Untersuchung und Bearbeitung der 
am Oberblegi-See gesammelten Arten, wären gewiss wich- 
tige Anhaltspunkte auch für die Beurtheilung der Klaus-Schichten 



198 



zu erwarten. Eigentümlicherweise scheinen die Eisenoolithe vom 
Oberblegi-See nicht eine einzige Zone zu repräsentiren, 
sondern ihren Versteinerungen zufolge sowohl den Parkinsoni- 
Schichten, als auch der ausseralpinen Bat h -Gruppe zu ent- 
sprechen. Doch vermag ich solches nur aus der eiligen Betrach- 
tung eines Theiles der von Escher von der Linth gesammelten 
Ammoniten zu schliessen, welche mir bei einem Besuche in Zü- 
rich von Ch. Mayer gezeigt wurden. Es befand sich unter den 
Stücken ein deutliches Exemplar des Amm. Parkinsoni , ferner 
Amm. Deslongchampsi mit noch andern für die obern Lagen des 
Unteroolithes leitenden Arten.*) Ausserdem Hessen sich aber 
auch einige Species aus der Zone des Amm. aspidoides, insbe- 
sondere Amm. Morrisi erkennen. 



Während Posidonomya alpina in den versteinerungsreichen 
Lagen am Oberblegi-See bisher nicht aufgefunden wurde, so 
scheint die Species dennoch in den Schweizer Alpen nicht zu 
fehlen. Das Vorkommen einer in grosser Menge in das Gestein 
eingeschlossenen Posidonomya, welche Escher von der Linth 
in den Berner Alpen sammelte, spricht für diese Annahme. Die 
Exemplare fanden sich auf den Alpweiden unter Iselten öst- 
lich über Z weil üt sch e n en **) (südlich vom Brienzer See, 
nordöstlich vom Finsteraarhorn-Gebirge). Weitere Arten liessen 
sich in der Muschelbreccie nicht entdecken. Das kalkige Gestein, 
aus welchem dieselbe besteht, schliesst einzelne kleine Quarzkör- 
ner ein. Seine Farbe ist dunkel braunroth , etwas ins Schwärz- 
liche übergehend. Trotz dieser Verschiedenheit ist es sehr denk- 
bar, dass die von Escher von der Linth an der eben erwähn- 
ten schweizerischen Localität aufgefundene Posidonomyen - Lage 
dem Niveau der Klaus- Schichten angehört und den Muschel- 
breccien von Brentonico und Füssen entspricht, worauf ins- 
besondere die übereinstimmende Form der kleinen an den ent- 
ferntliegenden Localitäten so massenhaft vorkommenden Leitmuschel 
hindeutet. 



*) Erst kürzlich erhielt ich von H. Bachmann in Zürich, welcher die 
Fauna jener Localität zu beschreiben gedenkt, die Nachricht, dass sich 
auch Ancyloceras annulatum unter jenen Arten befinde. 

**) Vergl. Studer, Geologie der Schweiz II. p. 37. 



199 



' §. 8. Posidonomyen- Schichten im südöstlichen 
Frankreich. Aus den -alpinen Jura- Gebirgen des südöstlichen 
Frankreichs wurde schon 1830 und 1831 von Gueymard*) das 
Vorkommen von Posidonomyen-Schichten, obwohl noch unter der 
Bezeichnung „Sc/ristes a Lucines", beschrieben. Leop. v. Buch 

( stellte nachher (1839 **) die kleine in grosser Menge in das 
schiefrige Gestein eingeschlossene Muschel zu der Gattung Po- 
sidonia , welchem Beispiel die französischen Geologen später 

l folgten. Büch's „Posidonien von Digne " sind nichts Anderes 
als jene Gueym ARD'schen „Lucinen", welche jedoch von Buch 

. für die gewöhnliche liasische Art (P. Bronni) gehalten wurden. 
Aus den neuern Arbeiten der französischen Geologen, insbeson- 
dere aus denen von Gras geht hervor, dass die im alpinen Jura- 
Gebiet des südöstlichen Frankreichs weit verbreiteten schieferigen 
Posidonomyen-Lagen nicht den Posidonomyen-Schichten des obern 
Lias entsprechen , sondern einer jüngern Etage angehören. Wir 
entnehmen aus den von Vic. d'Archiac •}•) gegebenen Auszügen, 
dass die Profile der Dogger- und Malm- Formation in den 
Departements der Hautes Alpes und der Isere in folgender 
Weise gegliedert wurden. 

! Compacter grauer Kalk mit Terebratula diphya und zahlreichen 
Ammoniten. Kalk von der Porte de France. 
Mergeliger Kalk oder Mergel mit zahlreichen verkiesten Am- 
moniten (u. a. Amm. tripartitics Rasp.) „Marnes de Mey- 
lan" Gueym. 
Schiefer mit Posidonomya alpina ff) „Schistes ä Lucines" Gueym. 
„Marnes schisteuses ä Posidonies" Gras. 

Lias | Schwärzlicher Kalk mit Belemniten. 

Es lässt sich hier eine gewisse Uebereinstimmung mit den 
Verhältnissen in Südtyrol nicht verkennen, indem wohl kein Zwei- 
fel besteht, dass der compacte graue Kalk von der Porte de 
France sich zu derselben Zeit niederschlug wie die bei Bren- 
tonico, Volano und Fol gar ia beobachteten Diphyen- und 



*) 1830, Gueymard. Sur la mineral. et la geol. du Ddp. des Hautes - 
Alpes , und 1831 , Gueymard , Sur la mineral. et la geol. du Ddp. de 
V Isere. 

**) 1839, Leop. v. Buch, Ueber den Jura in Deutschland p. 47. 
f) 1856, Vic. d'Archiac, Hist. des Progres Bd. VI. p. 561—608. 
ff) ibid. p. 608. 



200 



Ammoniten-Kalke. Allerdings bedürfen die unmittelbar darunter 
abgelagerten Zwischenbildungen noch einer bestimmteren Deu- 
tung, als solches auf Grund der bisher in denselben aufgefun- 
denen Versteinerungen dermalen möglich wird. Dagegen ist es 
sehr wahrscheinlich , dass die Schiefer mit Posidonomya alpina 
des südöstlichen Frankreichs den Posidonomyen -Schichten von 
Brentonico, von Füssen und von der Mitterwand bei 
Hall Stadt entsprechen. Ich habe deshalb in den vorherge- 
henden Paragraphen die kleine Muschel stets unter dem Species- 
Namen Posidonomya alpina angeführt. Sollte sich deren Ver- 
schiedenheit dennoch ergeben, so würde ich die Bezeichnung- 
Posidonomya oolithica für die bei Brentonico aufgefundene Spe- 
eles bestimmen. Die BüCH'schen Exemplare von Digne, deren 
Besichtigung mir Herr Professor Beyrich freundlichst ermög- 
lichte, haben eine ähnliche Form, wie die bei Brentonico vor- 
gekommenen Stücke, doch ist ihr Erhaltungszustand nicht ge- 
nügend, um einen entscheidenden Vergleich zu gestatten. Die 
von mir als Astarte aus dem weissen Vilser Kalk beschriebene 
Posidonomya Calloviensis*) dürfte mit der hier betrachteten Art 
des alpinen Doggers übereinstimmen, doch wäre dann der Spe- 
ciesname Calloviensis nicht mehr passend. Von Roemer's Po- 
sidonomya Buchii unterscheiden sich die alpinen Exemplare durch 
derbere und breitere Falten in der Wirbelgegend. Pusch's Ca- 
tillus Hrongniarti (Posidonomya) , als dessen Niveau Beyrich 
neuerdings in einer interessanten Notiz**) die Zone des Amm. 
Parkinsoni angiebt, könnte möglicherweise mit denselben iden- 
tisch sein, ebenso Quenstedt's Posidononia Parkinsoni. Ich 
übergehe noch eine Anzahl in der Literatur erwähnter Vorkomm- 
nisse***) von Posidonomyen, welche in den untern Lagen der 
Malm-Formation zum Theil in grosser Häufigkeit gefunden wur- 
den. Quenstedt hat denselben den Namen Posidonia ornati 



*) Württ. nat. Jahresh. XVII. p. 15 und Bronn's Jahrb. 1S61 p. 675. 

**) Beyrich, Ueber das Vorkommen von Posidonien in baltischen 
Jura-Gesteinen. Zeitschr. der deutschen geol. Ges. 1861, Bd. XIII. p 143. 

***) Opp. Juraform. p. 566 und Vic. d'Archiac, Hist. des Progres VI. 
p. 607. Auch aus den Jurabildungen Toscana's wird das Vorkommen 
von Posidonomyen erwähnt. Vergl. Savi und Meneghini 1851 Osser- 
vaüoni conc. la geol. della Toscana , pag. 231 und Tabelle „Prospetto 
generale". Desgl. pag. 96 und pag. 118. Ferner in Meneghini 1853 
Nuovl fossili Toscani pag. 27. Posionomya Janus Men. 



201 



gegeben, jedoch mit dem besondern Bemerken, dass dieselben 
noch nicht genügend bekannt seien*). Herrscht nun aber bei die- 
sen im schwäbischen Jura so verbreiteten Arten noch Unsicher- 
heit, wie erklärlich darf es uns erscheinen, wenn die Bestimmun- 
gen ähnlicher Vorkommnisse in dem ausgedehnten und stellen- 
weise schwer zugänglichen Gebiete der Alpenkette Schwierigkeiten 
verursachen. 

§. 9. Sehltissbetraclituiigeii. Es ist zur Zeit wohl 
als eine entschiedene Sache zu betrachten, dass sich die liasischen 
Ablagerungen innerhalb der Alpen nicht allein in die im ausser- 
alpinen Lias unterschiedenen Etagen zerlegen lassen, sondern 
wie diese auch noch in weitere enger gegliederte Zonen zer- 
fallen**), deren Versteinerungen mit denjenigen der entsprechen- 
den Schichten des französisch-englischen Beckens übereinstimmen. 
Auffallenderweise konnte das Gleiche für den mittlem und obern 
Jura bisher nicht ermittelt werden. Es hat noch den Anschein, 
als Hesse sich der grosse Schichtencomplex, welcher von der 
Zone des Amm. jurensis an gegen aufwärts bis zur Neocomfor- 
mation reicht , überhaupt innerhalb der Alpen nicht so vielfach 
gliedern, als dies bei den ausseralpinen Bildungen möglich ist. 
Dass solches übrigens am Ende gelingen wird, ist bei fortgesetz- 
ten Untersuchungen dennoch zu hoffen. 

Ganz besondere Schwierigkeiten verursachen aber die Ver- 
gleiche, indem bei den im mittlem und obern Jura der Alpen 
unterschiedenen Unterabtheilungen die Uebereinstimmung der Ver- 
steinerungen mit den ausseralpinen Vorkommnissen meist eine 
sehr geringe ist, oder ganz aufhört. So hat man bisher in dem 
mächtigen Systeme der Aptychus- Schichten nur wenige Cepha- 
lopoden - Reste gefunden, unter welchen bis jetzt höchstens die 
Canalicülaten-Belemniten einen schwachen Anhaltspunkt für eine 
Parallele liefern. Im weissen Vilser Kalk ist es die Existenz 
zweier Brachiopoden- Arten, welche für dessen Einreihung in die 
Kelloway-Gruppe spricht. Ueber das Alter der Diceras - Schich- 
ten von St. Wolfgang und aus der Gegend von Hallstadt be- 
stehen wohl Vermuthungen , ohne dass aber genauer ermittelt 
wäre, ob sie der Zone des Diceras arietinum in der That ent- 



*) Qüenstedt, Der Jura p. 501. 

**) Mehrfache Belege zur Unterstützung dieser Annahme finden wir 
in Güembel's Geogn. Beschr. des Bayer. Alpengeb. 1861, p. 426 435. 



202 



sprechen.*) Selbst die charakteristische und an bezeichnenden 
Arten äusserst reiche Fauna der Diphyen- Kalke hat bisher nur 
zu deren Einreihung in den obern Jura geführt, nicht aber zu 
einem bestimmten Nachweis ihres Synchronismus mit irgend einer 
ausserhalb der Alpen beobachteten Jura -Zone. Man stellt die 
Diphyen -Kalke aufs Ungefähre in die Oxford - Gruppe , ähnlich 
wie auch noch andere Abtheilungen des alpinen Doggers oder 
Malms untergebracht werden, deren Aufzählung ich hier übergehe. 

Es lässt sich zwar hoffen , dass in späterer Zeit bei fortge- 
schrittenen Untersuchungen und nach gründlicherer Bearbeitung 
der einzelnen Faunen die Anhaltspunkte für Parallelen weit zahl- 
reicher werden , als es noch vor Kurzem den Anschein hatte. 
Vergleichen wir nur z. B. die vielen durch Oostek's Werk 
gegebenen Beiträge, aus denen sich die Vermuthung über die 
Existenz mancher noch nicht bestimmter nachgewiesenen Jura- 
Zone ergiebt. Doch erhalten wir hiedurch meist nur Andeutun- 
gen über das mögliche Vorhandensein dieser oder jener Zone. 
Ihre wirkliche Feststellung und ihre Parallelen mit einem im 
ausseralpinen Dogger oder Malm unterschiedenen Formationsglied 
sind jedoch in den meisten Fällen noch unausgeführt geblieben. 

Um so beachtenswerther erscheint deshalb die aus den an- 
geführten Beobachtungen hervorgehende Thatsache, dass sich ein 
an der obern Grenze des Doggers liegender Horizont auch inner- 
halb der Alpen als weit verbreitete Zone herausstellt, welche sich 
durch bezeichnende Arten mit den entsprechenden ausseralpinen 
Bildungen näher vergleichen und der Zeit ihrer Entstehung nach 
identificiren lässt. Es ist die Zone, welche in der Literatur über 
alpine Formationen allgemein unter der HAUER'schen Bezeich- 
nung „Klaus-Schichten" angeführt wird und welche dem 
Seitherigen zufolge der obern Region des Doggers entspricht. 
Ich habe in §. 2 — 8 den Versuch gemacht, ihre Verbreitung auf 
eine weite Strecke der Alpen zu verfolgen und besonders auf 
das Vorkommen von Posidonomyen-Schichten innerhalb derselben 
aufmerksam zu machen. Es hat sich gezeigt, dass die in diesem 
Niveau vorkommenden Versteinerungen auf den Synchronismus 



*) In welchem Falle es allerdings vorläufig noch an jeder genauem 
Untersuchung der einzelnen Arten fehlt. 

**) Ooster 1856 — 1861 , Catalogue des Cephal. foss. des Alpes 
suisses. 



203 



der untersuchten Lagen mit den Schichten des Amm. Parkin- 
soni hindeuten; mitunter fanden sich auch einzelne Leitmuscheln 
aus der Zone des Amm. aspidoides. Später wird es sich wohl 
bestimmter entscheiden, ob in der That sämmtliche von einander 
zum Theil weit entfernte Ablagerungen, welche ich in den vor- 
hergehenden Paragraphen aufzählte und beschrieb, so sicher über- 
einstimmen, als es bis jetzt den Anschein hat. Um solches end- 
gültig beweisen zu können, müssten erst noch weitere bestäti- 
gende Beobachtungen vorliegen. 

Dagegen ergiebt sich der Synchronismus einiger der zuvor 
erwähnten Bildungen um so bestimmter, da zahlreiche in den- 
selben gesammelte Arten, unmittelbar unter einander verglichen, 
sich als identisch erwiesen. Sie stammen von den schon anfangs 
erwähnten und beschriebenen Localitäten : von der Klaus-ALp 
und der Mitterwand bei Hallstadt, sowie von Brento- 
nico in Südtyrol, welche ich hier nochmals anführe, indem ich 
zum Schlüsse eine vergleichende Tabelle anfüge, in der nur die- 
jenigen Arten eingetragen wurden , welche an sämmtlichen oder 
wenigstens je an zweien der erwähnten Localitäten vorkamen. 



Fossile Arten des obern alpinen 


Von der 


Von der 
Mitter- 


Von ßren- 


Doggers. 


Klaus- Alp 


wand. 


tonico. 


1. Sphenodus cf. longidens Agass. 


f 




t 


2. Ammonites Kudernatschi Hauer 


t 


t 


t 


3. „ subobtusus Kudern. 


t 


t 


t 


4. „ Eudesianus d'Orb. 


t 


t 


t 


5. ,. subradiatus Sow. 


t 


t 


t 


6. „ rectelobatus Hauer 


t 




t 


7. „ Martinsi d'Orb. 


t 


t 


t 


8. Ancyloceras cf. annulatum Desh. 




t 


t 


9. Posidonomya alpina Gras? 


t 


t 


t 


10. Terebratula Gerda Opp. 


t 




t 


11. „ laticoxa Opp. 


t 


t - 




12. „ Fylgia Opp. 


t 


t 




13. „ curviconcha Opp. 


t 


t 


t 


14. Rhynchonella Atla Opp. 


t 


t 




15. „ coarctata Opp. 


t 


t 




16. „ subechinata Opp. 


t 


t 




17. „ defluxa Opp. 


t 


t 





204 



§. 10. Itesehreibung einer Anzahl neuer Brachio- 
poden aus dem obern Dogger der Alpen. 

1. Terehratula Gerda Opp. 
Tab. 5, Fig. 1 a - c. 

Beschreibung. Schnabel und Oeffhung der durchbohrten 
Klappe von massiger Grösse. Schnabel ohne seitliche Kanten, 
wenig übergebogen. Schalen gleichmässig gerundet, 1" 2\'" 
lang, 1" 1^'" breit, 8"' dick. Ein halb so grosses Individuum 
zeigt ähnliche Verhältnisse. Durchbohrte Schale etwas gewölb- 
ter, als die undurchbohrte. Deutliche, den Rändern parallele 
Anwachsstreifen bedecken die Schalen, deren Vereinigungslinie 
in eine Ebene fällt. Punctation der Schale fein, aber mit einer 
gewöhnlichen Lupe noch bemerkbar. Von den innern Theilen 
des Gehäuses bietet sich nichts dem Auge dar. 

Untersuchte Stücke 4. — Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Aus den Posidonomyen - Schichten 
von Brentonico bei Roveredo, sowie aus den Klaus-Schich- 
ten der Klaus-Alp bei Hallstadt. 

2. Terehratula laticoxa Opp. 
Tab. 5, Fig. 2 a — c. 

Beschreibung. Schnabel spitz und wenig gebogen mit 
schwachen seitlichen Kanten. Die Oeffnung war ursprünglich 
jedenfalls sehr klein, doch ist dieselbe nicht mehr deutlich zu sehen. 
Bei der Abbildung wurde ein Theil des Schnabels restaurirt. 
Die ziemlich flachen Schalen zeichnen sich durch ihre beträcht- 
liche Breite aus, indem die Länge der Muschel Ii"', die Breite 
1 " und die Dicke 5"' beträgt. Beide Klappen sind ziemlich 
gleichmässig gewölbt ohne irgend eine Andeutung ihrer Längs- 
falte, weshalb ihre Vereinigungslinie in eine Ebene fällt. In 
der Stirngegend verdickt sich die Schale noch etwas, indem hier 
die Anwachsstreifen zugleich am deutlichsten werden, während 
solche in der Nähe der Wirbel weniger bemerkbar sind. Die 
überaus feine Punktation der Schale lässt sich mit der Lupe an 
wenigen Stellen kaum noch entdecken. 

Untersuchte Stücke 2. — Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Von der Kl aus -Alp und der Mit- 
terwand (Klaus-Schichten) bei Hallstadt. 



205 



3. Tereb ratula Gefion Opp. 

Tab. 5, Fig. 5a — e. 

Beschreibung. Schnabel gegen vorn ziemlich spitz, nie- 
dergedrückt, ohne jedoch das Deltidium vollständig zu verdecken, 
auf jeder Seite mit einer scharfen Kante versehen. Oeffnung fein. 
Kleine Muschel mit hochgewölbten Schalen , welche gegen den 
Aussenrand plötzlich steil einfallen. Länge 10| Millim., Breite 
dieselbe, Dicke S\ Millim. Doch schwanken diese Verhältnisse 
etwas je nach den einzelnen Exemplaren , auch liegt die grösste 
Breite der Muschel das eine Mal der Stirn etwas näher als das 
andere Mal. Die undurchbohrte Schale ist in der Nähe des Stirn- 
randes etwas eingedrückt, wodurch eine schwache Biegung der 
Stirnlinie entsteht. Ist auch die grössere Klappe in der Stirn- 
gegend etwas vertieft, was häufig vorkommt, so werden zwei Stirn- 
ecken gebildet , welche jedoch nur wenig vorspringen. Schale 
ziemlich dick mit feinen Anwachsstreifen bedeckt. Punktation 
deutlich und an den meisten Exemplaren noch sichtbar. Auf 
der Innenseite der undurchbohrten Schale verläuft eine mediane 
Leiste, deren Anfang in der Wirbelgegend einzelner Stücke sich 
noch verfolgen lässt. 

Unt ersuch te St ü cke 18. Vorkommen. ObereRegion 
des alpinen Doggers. Aus einem weissen Kalkgang, wel- 
cher die dunkler gefärbten Lagen der eigentlichen Klaus-Schich- 
ten durchzieht. Ein einziges vermuthlich zu Terebratula Gefion 
gehöriges Exemplar wurde übrigens auch in den Klaus-Schichten 
selbst gefunden. Klaus- Alp bei Hallstadt. 

4. Terebratula Fylgia Opp. 
Tab. 5, Fig. 3a, b, Fig. 4a, b. 

Beschreibung. Der mässig grosse Schnabel der durch- 
bohrten Klappe zeichnet sich durch seine scharfen seitlichen Kan- 
ten aus, welche ein gegen vorn geneigtes Schlossfeld begrenzen, 
während die Oeffnung etwas gegen rückwärts gebeugt ist. Die 
ovale Muschel variirt in Beziehung auf Länge und Breite, was 
durch die beiden Figuren angedeutet wurde. Eines der grössten 
Exemplare besitzt 22 Millim. Länge, 17 Millim. Breite und 1 4 Millim. 
Dicke. Die durchbohrte Schale wölbt sich nur wenig mehr als 
die undurchbohrte. Letztere zeigt auf ihrem mittlem Theil eine 
äusserst seichte, erst gegen die Stirn hin deutlicher werdende 



206 



Vertiefung, während die grössere Sehale keine entsprechende Ein- 
senkung besitzt. Hierdurch erhält die Stirn eine zwar ziemlich 
einfache, aber dennoch bezeichnende Form. Die Schale ist von 
feinen Anwachsstreifen bedeckt; parallel mit letzteren und zwischen 
denselben verlaufen in der Stirngegend einzelne stärkere Runzeln 
je in Entfernungen von 1 Millim. Die feine Punktation der Schale 
lässt sich nur an wenigen Stellen erkennen. 

Untersuchte Stück e 24. Vorkommen. Obere Region 
des alpinen Doggers. Von der Klaus- Alp und der Mitter- 
wand (Klaus-Schichten) bei Hallstadt. 

5. Terebratula curvic onc ha Opp. 
Tab. 5, Fig. 6 a— g. 

Beschreibung. Schnabel kleiner als bei Terebratula nu- 
cleata Schloth. jedoch immerhin noch kräftig und ziemlich stark 
übergebogen , die kleinere Schale beinahe berührend. Das Del- 
tidium ist entweder von harter Gesteinsmasse bedeckt, oder un- 
kenntlich geworden. OefFnung im Schnabel nicht besonders gross. 
Länge der ganzen Muschel 15 Millim., Breite 15 Millim., Dicke 
9 Millim. Die innern Theile Hessen sich nicht blosslegen. Ihrer 
äussern Form nach gleicht die Species der Terebratula nucleata 
Schloth., sowie der Terebratula Bouei Zeuschn., indem ein 
mittlerer vertiefter Sinus der kleineren Schale weit verlängert, mit 
einem gerundeten medianen Vorsprung der grössern Schale zu- 
sammentrifft. Die Stirnansicht zerfällt hierdurch in 3 Theile, in 
einen mittlem gerundeten Ausschnitt und zwei seitliche erhabene 
Flügel. 

Von Terebratula nucleata unterscheidet sich die Art durch 
ihren schwächeren Schnabel mit feinerer Oeffnung, ihre breitere 
Form und weiter hervortretende Stirnlippe, während bei Tere- 
bratula Bouei die seitlichen Flügel eine weit beträchtlichere Aus- 
dehnung erreichen. Punktation der Schale gross und deutlich ; 
an vielen Exemplaren noch sichtbar. 

Bemerkungen. Ich zweifle nicht daran, dass Terebra- 
tula curviconcha die Species darstellt, welche in der Literatur 
irrthümlich als Terebratula Bouei Zeuschn. aus den Klaus-Schich- 
ten angeführt wird. Letztere Art fand sich neuerdings an einer 
zweiten Lokalität in den Umgebungen von Vils im sogenannten 
Rottenstein-Kalk, in einem helleren Gestein, welches jedoch zwei- 



207 



felsohne dem rothen Vilser Kalk und demnach vermuthlich auch 
dem Diphya-Kalk entspricht. 

Untersuchte Stücke 3 8. Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Häufig an der Kl aus -Alp, seltener 
an der Mitterwand bei Hallstadt (Klaus-Schichten). Noch 
zahlreicher, obschon etwas kleiner, kommt die Species in den Po- 
sidonomyen-Schichten von Brentonico bei Roveredo vor. Mög- 
licherweise könnte ein nicht vollständig erhaltenes Exemplar, wel- 
ches ich in den jurassischen Posidonomyen - Schichten zwischen 
Füssen und Vils auffand, gleichfalls zu Terebratula curvicon- 
cha gehören. 

6. Rhynchonella Berchta Opp. 

Tab. 5, Fig. 7 a, b, Fig. 8 a - c. 
Tab. 5, Fig. 9 a — c var. microptycha. 

Beschreibung. Schnabel spitz , gegen oben gerichtet, 
ziemlich lang. Schlossfeld nicht deutlich erhalten, doch sieht man . 
auf demselben bisweilen einzelne der schräg von der Spitze her- 
ablaufenden Linien, welche das Deltidium andeuten, allein da die 
Schale an der Stelle, an welcher die Oeffnung liegen müsste, fast 
mit dem Gestein verwachsen ist, so gelang es bis jetzt nicht den 
Durchgang für den Haftmuskel blosszulegen. 

Die grössern Exemplare messen 1" {"' Länge, 10'" Breite, 
6'" Dicke. Der Längsdurchschnitt der Muschel bildet ein Oval, 
dessen eine auf der Wirbelseite liegende Hälfte etwas schmäler 
ist als der dem Stirnrande zugekehrte Theil, während die grösste 
Dicke der Muschel wenigstens bei ausgewachsenen Exemplaren 
den Wirbeln näher liegt. Die Schale zeichnet sich durch die 
Dicke ihrer faserigen Substanz aus, welche keine Spur von Punk- 
tation zeigt. Zwar sind die äussern Theile, welche ursprünglich 
die Oberfläche bildeten, verloren gegangen , doch bemerkt man 
an vielen Stellen noch eine feine radiale Streifung. Da an eini- 
gen Exemplaren radiale Rippen oder Falten vorhanden sind, welche 
im Vergleich mit den erwähnten Streifen ganz besonders stark 
hervortreten, im Vergleich mit eigentlich gerippten Rhynchonellen 
jedoch immerhin noch klein und nieder erscheinen, so unterschied 
ich die in dieser Weise charakterisirten Stücke als Rhynch. mi- 
croptycha. Bei einem grösseren Material wird es sich zeigen, ob 
dieselben einer besondern Species angehören oder nnr eine Va- 
rietät von Rhynchonella Berchta bilden. 



208 



Untersuchte Stücke 11. Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Von der Mitterwand bei Hall- 
stadt (Klaus-Schichten). 

7. Rhynchonella Atla Opp. 

Tab. 6, Fig. la — c, Fig. 2. 
Fig. 3 a, b, var. polymorphe. 

Beschreibung. Schnabel ziemlich klein, mit der Spitze 
etwas übergebogen, ohne jedoch das niedere Deltidium zu ver- 
decken, welches mit seiner schmäleren Seite durch die Oeffnung 
begrenzt wird, während sich die Basis rasch erweitert. Die Sei- 
ten des Schnabels sind gerundet. Länge eines der besser erhal- 
tenen Stücke 20 Mm., Breite 26 Mm., Dicke 14 Mm. Doch ist 
die Form der Species etwas veränderlich, indem sich obige Ver- 
hältnisse nicht bei allen Exemplaren ganz gleich bleiben. 

Der mittlere Theil der durchbohrten Klappe von Rhyncho- 
nella Atla verlängert sich an der Stirn unter Bildung eines brei- 
ten aber seichten Sjnus, welchem eine gerundete Erhöhung der 
undurchbohrten Klappe entspricht, ähnlich der von d'Orbigny 
aus dem französischen Neocom beschriebenen Rhynchonella de- 
cipiens. Doch wölbt sich bei dieser die kleinere Klappe in ge- 
ringerem Grade, während der Sinus auf der entgegengesetzten 
Klappe einen längeren Verlauf hat und sich besonders in der 
Mitte der Schale noch deutlicher ausspricht als bei Rhynchonella 
Atla. 

Eine zweite gleichfalls benachbarte Species Rhynchonella 
spoliata Suess weicht dagegen durch ihre radiale Streifung 
von Rhynchonella Atla ab, indem letztere ausser den Anwachs- 
streifen an manchen Stellen nur noch die feine Faserung der 
Schale bemerken lässt, auf ihrer Oberfläche jedoch keine deut- 
licheren radial verlaufenden Falten trägt. In Beziehung auf die 
Form der Schalen ist noch besonders hervorzuheben, dass die 
meisten Exemplare von Rhynchonella Atla auffallend unsymme- 
trisch gebildet sind , indem die gerundete Stirnlinie nie gleich- 
massig gegen die Mitte liegt, sondern merklich nach rechts oder 
links gewendet ist. 

Bemerkungen. Die auf Tab. 6, Fig. 3a, b abgebildete 
Rhynchonella polymorpha steht der eben betrachteten Art nahe, 
trägt aber zwei ausgesprochene Falten auf dem mittlem Theil 



209 

der Stirn. Es könnte sein, dass dieselbe mit dem Fig. 5 abge- 
bildeten Stück eine Species bildet, möglich wäre es aber auch, 
dass sie zu Rhynchonella Atla gehöre. Bei einem grösseren 
Material wird es sich z weifelohne entscheiden lassen, ob Rhyn- 
chonella polymorpha als selbstständige Species verbleiben kann, 
oder mit einer der übrigen auf Tab. 6 abgebildeten Rhyncho- 
nellen zu vereinigen ist. Einstweilen wollte ich nicht unterlassen 
die charakteristische Form besonders hervorzuheben. 

Untersuchte Stücke 3 3. Vorkommen. Rhyncho- 
nella Atla kommt in der obern Region des alpinen Doggers 
ziemlich häufig an der Mitte rw*and, seltener an der Klaus- 
Alp bei Hallstadt vor (Klaus-Schichten). Von Rhynch. po- 
lymorpha wurden dagegen nur wenige Stücke an der Mitterwand 
gefunden, weit mehr jedoch an der Klaus-Alp. 

8. Rhynchonella c oarc t at a Opp. 

Tab. 6, Fig. 4 a — c. 
Tab. 6, Fig. 5 a, b. var. miscella Opp. 

Beschreibung. Schnabel klein, mit seiner Spitze nur 
wenig nach vorn geneigt, ohne deutlich ausgesprochene Schnabel- 
kanten. Deltidium nieder, an seiner Basis ziemlich breit werdend, 
mit dem schmäleren Ende die Oeffnung grösstentheils umschlies- 
send. Länge eines Exemplars 13 Millim., Breite 14 Millim., 
Dicke 11 Millim. Die* Stirnlinie springt in der Mitte ihres Ver- 
laufes in eine spitze Ecke aus, welche durch das Zusammentreffen 
der grössern von einem medianen Sinus durchzogenen Klappe 
mit der kleinern entgegenstehenden Klappe gebildet wird. Die 
Form der Muschel steht in dieser Beziehung in der Mitte zwi- 
schen der von Rhynchonella sparsicosta und Rhynchonella acuta. 
(Vergl. Quenst. Handb. Tab. 36, Fig. 25 und Fig. 15). Auch 
fehlen die seitlichen Falten, welche Davidson bei den in England 
gesammelten Exemplaren von Rhynchonella acuta angegeben 
hat. (Vergl. Davidson Pal. Soc. Monogr. Ool. and Lias Brach. 
Tab. 14, Fig. 8, 9). 

Bemerkungen. Auch bei Rhynchonella coarctata hat 
es den Anschein, als wäre sie durch mancherlei Schwankungen 
und Uebergänge mit Rhynchonella Atla verbunden, obschon sie 
durch ihre kleineren Dimensionen, die charakteristische Stirnbil- 
dung und die geringere Breite von dieser Art abweicht. Doch 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 1 . 14 



210 



kommen einzelne grössere Exemplare vor, deren Stirnlinie noch 
eine ausgesprochene Ecke bildet. Meine Figur 5 a, 6, Tab. 6 
stellt ein solches Stück dar, welches ich vorläufig unter der Be- 
zeichnung Rhynchonella miscella unterscheide. Es konnten we- 
nigstens an den von mir gesammelten Stücken keine entschiedenen 
Uebergänge zu den Tab. 6, Fig. 1 — 4 abgebildeten Exemplaren 
beobachtet werden. 

Untersuchte Stücke 10. Vorkommen. Obere Region 
des alpinen Doggers von der Mitterwand und der Klaus- 
Alp bei Hallstadt (Klaus-Schichten). 

9. Rhynchonella Zisa Opp. 
Tab. 6, Fig. 6 a — c, Fig. 7. 

Beschreibung. Schnabel klein und spitz, doch gewöhn- 
lich etwas beschädigt, weshalb die dazu gehörigen Partien bei 
der Abbildung zum Theil ergänzt werden mussten. Länge eines 
ausgewachsenen Exemplars 16 Millim., Breite 16 Millim., Dicke 
1 2 Millim. Manche Stücke werden noch breiter, indem die Ver- 
einigungslinien beider Schalen ein gleichseitiges Dreieck bilden. 
Während die Stirn gewöhnlich mit einer stumpfen Kante endigt, 
so fallen dagegen die Schalen auf beiden Seiten der Muschel so 
rasch abwärts, dass sie sich in einer gemeinsamen Ebene treffen, 
welche sich von den Wirbeln bis in die Stirngegend erstreckt 
und ihrer Länge nach von der Vereinigungslinie beider Schalen 
durchzogen wird. 

Den Abbildungen nach zu urtheilen , gehört Rhynchonella 
Zisa in die Nähe von Zeuschner's Terebratula Agassizii (1846 
Isowe lub niedokl. u. s. w. Tab. 2, Fig. 21 — 25), indem insbe- 
sondere der charakteristische Verlauf der in ihrer Mitte geraden, 
seitlich jedoch unter einen stumpfen Winkel gegen abwärts ge- 
. richteten Stirnlinie bei beiden Arten übereinstimmt. Doch sind 
bei Rhynchonella Zisa die Schalen stets weit gewölbter, auch 
zeichnet sich diese Art durch das häufige Vorkommen auffallend 
unsymmetrischer Exemplare aus, von der Form der Tab. 6, Fig. 7 
gegebenen Abbildung, indem hier die grösste Breite der Muschel, 
welche stets dem Stirnrand sehr nahe liegt, deren Länge noch 
übertrifft. Die stärkste Wölbung befindet sich dagegen ungefähr 
in der Mitte der Schalen. Ihre Substanz ist faserig und ziem- 
lich dick, doch gingen die äussern Theile durch Verwachsung 



211 



mit dem umgebenden Gestein verloren. Immerhin lässt sich aber 
die Wahrnehmung machen, dass sich auf der Aussenseite der 
Schale weder radiale Rippen noch stärkere Runzeln befanden. 

Untersuchte Stücke 16. Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Von der Klaus- Alp und der 
Mitterwand bei Hallstadt (Klaus-Schichten). 

I ' 

10. Rhynchonella sub echinata Opp. 
Tab. 6, Fig. 8 a — c, Fig. 9 a, b, Fig. 10 a— d. 

HF. 

Beschreibung. Schnabel spitz, nach oben gerichtet, mit 
scharfen seitlichen Kanten. Deltidium gewöhnlich sammt der Oeff- 
nung von Gesteinsmasse bedeckt und nur durch den schrägen 
Verlauf der seitlichen Schalenränder angedeutet. 

Die grössten Individuen besitzen eine Länge von 21 Millim., 
i eine Breite von 20 Millim. und eine Dicke von 12 Millim., in- 
dem die durchbohrte Klappe nur wenig gewölbter erscheint als 
die undurchbohrte. Urnfang der Muschel gerundet, jedoch bei 
ausgewachsenen Exemplaren mit starker Neigung zur Fünfseitig- 
keit. Stirn ziemlich gerade abgestumpft, bisweilen mit verdicktem 
Rande, welch letzteres Merkmal besonders bei jungen Individuen 
auffällt, die sich zugleich durch ihre mehr dreiseitige Gestalt aus- 
zeichnen. Der mittlere Stirntheil ist bei der kleineren Schale 
ausgewachsener Exemplare gewöhnlich etwas höher als die seit- 
lichen Theile, derjenige der grossen Schale dagegen etwas tiefer, 
wodurch die Stirnlinie eine Biegung nach oben erhält. In der 
Jugend findet häufig das umgekehrte Verhältniss statt, jedoch in 
geringerem Maasse. 

Die Schalen sind auf ihrer Aussenseite ähnlich denen von 
Rhynchonella senticosa Schloth. mit feinen Rippen bedeckt. 
Ob diese ursprünglich in Stacheln ausliefen , liess sich nicht 
mehr bestimmen , da die äussere Schalensubstanz verloren ging 
oder an dem Gegendruck haftet. Die häufige Spaltung der Rippen 
in der Nähe des Randes, welches sich bei Rhynchonella senti- 
cosa Schlot heim spec. beobachten lässt, kommt bei Rhyncho- 
nella subechinata nicht vor. Die Zahl der noch leicht unter- 
scheidbaren Rippen steigt bei ausgewachsenen Exemplaren auf 60, 
während sie bei jungen Individuen weit geringer ist. 

Bemerkungen. Rhynchonella subechinata scheint in der 
Literatur über fossile Arten der Klaus-Schichten seither unter der 

14* 



212 



Bezeichnung T. senticosa Schloth. angeführt worden zu sein, 
da sie der Schloth EiM'schen Species (welche in den Klaus- 
Schichten nicht vorkommt) nahesteht. / 

Untersuchte Stücke 32. Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers. Von der Klaus -Alp und der Mit- 
terwand bei Hallstadt (Klaus-Schichten). 

11. Rhy nchonella Etalloni Opp. 

Tab. 6, Fig. IIa— -d. 

Beschreibung. Die kleine Muschel besitzt eine Länge j 
von 13 Millim., eine Breite von 14 Millim. und eine Dicke von 
9 Millim., indem die undurchbohrte Klappe nur wenig kleiner! 
und nahezu ebenso gewölbt ist wie die durchbohrte. Schnabel 
wenig hervortretend, jedoch nicht deutlich erhalten. Beide Klap-i 
pen sind von überaus niedern Rippen bedeckt, welche zwar in 
der Nähe der Wirbel beginnen, jedoch anfänglich so schwach, 
dass sie nur bei genauer Betrachtung der Schale bemerkt werden.? 
7 — 8 derselben kommen auf den mittleren Theil jeder Klappe, 
2 — 3 auf die Seiten. Durch ihre Vereinigung an der Stirn konnte 
nur eine wellige Linie entstehen, welche sich jedoch in der Me- 
diangegend nicht erhielt. Die Stirnkante hat einen geradlinigen \ 
Verlauf, welcher um so bemerkbarer wird, da das äusserste 
Schalenende fehlt. Auf der undurchbohrten Klappe erhebt sich 
der mittlere Theil in der Nähe der Stirn etwas über die Seiten, 
ohne dass jedoch die durchbohrte Klappe mit einem entsprechen- 
den Sinus versehen wäre. 

Weitere Erfunde würden es vielleicht gestatten noch bestimm- 
tere Merkmale für die Unterscheidung der Art aufzufinden. Ich 
wollte die Species jedoch nicht übergehen, da solche wenigstens 
keiner der übrigen Rhynchonellen der Klaus-Schichten nahesteht. 

Untersuchte Stücke 1. Vorkommen. Ausderobern 
Region des alpinen Doggers (Klaus-Schichten). Von der Klaus- 
AI p bei Hallstadt. 

12. Rhync honella defluxa Opp. 

Tab. 7, Fig. la-c, Fig. 2 a— c, Fig. 3 a— c, Fig. 4 a— c. 

Beschreibung. Schnabel klein, niedergedrückt mit seit- 
lichen Kanten versehen. Deltidium und Oeöhung bei den meisten 



213 



Exemplaren nicht mehr zu erkennen. Schalen schon in der Wir- 
belgegend stark gewölbt, mit kräftigen Rippen bedeckt, deren 
Zahl und Stärke variirt , indem auf dem mittlem Theil jeder 
Klappe 1 — 3, auf den Seiten aber 1 — 2 Rippen angebracht sind. 
Sie beginnen grösstenteils in der Nähe der Wirbel, doch kommt 
es bisweilen vor, dass sich eine etwas kürzere Rippe erst später 
einschiebt. Ihre Oberfläche ist nur wenig gerundet, indem die 
Stirnlinie unter spitzen Winkeln gebrochen einen zackigen Ver- 
lauf besitzt. Länge 15 MilL, Breite 16 Millim., Dicke 11 Millim.; 
bei einem noch grösseren Individuum betragen die Maasse 20, 22 
und 14 Millim. 

Bemerkungen. Obwohl das Vorkommen von Rhyncho- 
nella Hausmanni Zel'SCHN. spec. in den Klaus- Schichten der 
Klaus- Alp angeführt wird, so glaube ich, dass nur die hier be- 
trachtete Art darunter verstanden war. Dieselbe lässt sich von 
der ZEL"SCH>"ER'schen Species, loc. cit. Tab. 3, Fig. 3 (welche in 
den Klaus-Schichten nicht vorkommt), durch mehrere wesentliche 
Merkmale unterscheiden. 

Untersuchte Stücke 24. Vorkommen. Obere Re- 
gion des alpinen Doggers von der M i tt e rwa n d und der Klaus - 
Alp bei Hallstadt. An beiden Stellen in den Klaus-Schich- 
ten, an letztgenannter jedoch nicht aus anstehenden Lagen, sondern 
aus den Rollsteinen des benachbarten meist wasserleeren Bachein- 
schnittes (mit noch andern für Klaus - Schichten bezeichnenden 
Arten). 

13. Rhynchonella orthop tycha Opp. 
Tab. 7, Fig. 5 a — c, Fig. 6a— c, Fig. 7. 

Beschreibung. Schnabel niedergedrückt und kaum noch 
Raum für ein Deltidium lassend, welches übrigens an den vor- 
handenen Exemplaren nicht mehr sichtbar ist. Schnabelkanten 
nur wenig ausgeprägt , doch zieht sich auf den Seiten beider 
Schalen eine stumpfe von den Wirbeln herkommende Kante in 
schwachem Bogen den Rändern zu. Durch diese Kanten wird auf 
jeder Seite der Muschel ein längliches Feld begrenzt, auf dessen 
flachem oder seicht vertieftem Grunde die Vereinigungslinie bei- 
der Schalen hinzieht. Länge des grössten Exemplars 16 Millim., 
Breite 18 Millim., Dicke 9 Millim. Umfang dreiseitig, jedoch mit 
gerundeter Stirn. Die Stirnlinie selbst bildet mehrere starke, je- 
doch stumpfwinklige Zacken, welche von den an der Stirn zu- 



214 



samm entreffenden Rippen herrühren, deren man 5 — 6 auf jeder 
Schale zählt. Sie beginnen kaum merkbar an den Wirbeln, blei- 
ben während ihres Verlaufes bis über die Mitte der Schalen noch 
ziemlich schwach und springen erst in der Nähe der Stirn weiter 
hervor, auch übertreffen die mittlem Rippen die auf der Seite 
befindlichen beträchtlich an Grösse , ohne dass jedoch eine der 
Schalen in der Mediangegend der Stirn einen Sinus oder eine 
entsprechende Ausbuchtung besitzt. 

Untersuchte Stücke 8. Vorkommen. Sämmtliche 
Exemplare fanden sich an der Klaus -Alp bei Hallstadt in 
einem weissen Kalkgang, welcher die dunkler gefärbten verstei- 
nerungsreichen Klaus-Schichten durchzieht. 

14. Rhy nchonella micula Opp. 
Tab. 7, Fig. 8a— f, Fig. 9a, b, Fig. 10a, b. 

Beschreibung. Der kleine nur wenig gekrümmte Schna- 
bel ist bei den vorhandenen Exemplaren etwas beschädigt, wodurch 
eine genauere Untersuchung seiner einzelnen Theile nicht möglich 
wird, um so weniger als die Species nur 7 Millim. Länge, 7j Millim. 
Breite und 4 Millim. Dicke erreicht. Die ziemlich gewölbten 
Klappen bleiben auf grössere Entfernung von den Wirbeln glatt, 
oder zeigen hier höchstens die gerundeten Anwachsstreifen. Un- 
gefähr in der Mitte der Schalen beginnen die charakteristischen 
Formverhältnisse, durch welche sich die Muschel von den übrigen 
Rhynchonella- Arten unterscheidet. Es stellen sich hier feine 
wenig erhabene Falten oder Rippen von radialem Verlaufe ein, 
welche sich bis in die Nähe des Randes erstrecken, ohne jedoch 
auf den Verlauf der Stirnlinie einen bemerkbaren Einfluss , zu 
üben. Derselbe wird vielmehr durch einen tiefen breiten Sinus 
der kleinern Schale bestimmt, auf dessen Mitte sich eine kräftigere 
aber ziemlich kurze radiale Rippe erhebt, der eine vertiefte Furche 
der durchbohrten Klappe entspricht. 

Bei einigen Exemplaren fehlt jedoch die Mittelrippe, indem 
sich ein einfacher, aber ziemlich breiter Sinus an der Stirn her- 
absenkt (Tab. 7, Fig. 10 a, b). Das Vorhandensein der feinen 
seitlichen Radialrippen macht es wahrscheinlich, dass diese Stücke 
mit den zuerst beschriebenen zu der gleichen Species gehören. 

Untersuchte Stücke 15. Vorkommen. Mit der vorigen 
Species in einem die Klaus- Schichten durchziehenden weissen 
Kalkgang. 



215 



15. Rhy nc h onella adunca Opp. 
Tab. 7, Fig. Ha— d. . 

Beschreibung. Schnabel klein, mit der Spitze bis nahe 
an die undurchbohrte Schale reichend, Deltidium und Oeffhung 
nicht sichtbar. Beide Klappen wachsen in der Wirbelgegendrasch 
in die Dicke, ziehen sich jedoch der Stirn zu wieder etwas zusam- 
men. Länge 8j Millim., Breite 9 Millim., Dicke 6 Millim. Die 
durchbohrte Schale ist nur wenig grösser als die undurchbohrte. 
Auf letzterer erheben sich an der Stirn zwei breite kurze Rippen, 
welche einen vertieften Sinus oder vielmehr eine Furche zwischen sich 
lassen, während der breitere Sinus der durchbohrten Klappe eine 
mediane Erhöhung oder Rippe trägt. Es ist dies gerade das um- 
gekehrte Verhältniss im Vergleich zu der vorigen Art , bei der 
die undurchbohrte Schale an der Stirn eine breitere Einsenkung 
und eine mittlere Rippe zeigt. Die übrigen Schalentheile sind 
jedoch gleichmässig gewölbt und glatt, oder höchstens von An- 
wachstreifen bedeckt , ohne eine feinere Radialstreifung ähnlich 
wie bei Rhnchonella micula zu zeigen. 

Untersuchte Stücke 1. Vorkommen. Mit der vori- 
gen Species in einem die Klaus-Schichten durchziehenden weissen 
Kalkgang. 

16. Rhy nchonella Rrentoniaca Opp. 
Tab. 7, Fig. 12a, b, Fig. 13a, b, Fig. 14a— c. 

Beschreibung. Schnabel klein, nach oben und etwas 
nach vorn gerichtet mit wenig ausgesprochenen Schnabelkanten. 
Von dem Deltidium sind nur Theile des früheren Umrisses ge- 
blieben, während sich das Vorhandensein einer feinen Oeffnung, 
durch das Heraustreten harter Gesteinsmasse kund giebt. Schale 
deutlich faserig, in der Jugend nur mit feinen Anwachsstreifen 
bedeckt, während sich später bei grösseren Individuen kurze ge- 
wölbte Rippen oder Falten einstellen, welche den Rand umklei- 
den, jedoch eine deutlich radiale Stellung einnehmen. Es lassen 
sich bei einem der untersuchten Stücke über 12 solche Falten 
von ungleicher Grösse unterscheiden, bei einem andern zeigt der 
mittlere breite Theil deren neun. Die Muschel gleicht in die- 
ser Hinsicht der im Vilser Kalke vorkommenden Rhynchonella 
solitanea, bei welcher jedoch die kurzen Stirnfalten scharfkantiger 



216 



werden und etwas weiter hervorspringen, auch in geringerer Zahl 
(5) vorhanden sind. 

Ein wie es scheint noch nicht ganz ausgewachsenes Exem- 
plar, bei dem gerade die ersten Anfänge der Stirnfalten zu sehen 
sind, misst 13 Millim. Länge, 15 Millim. Breite und 7 Millim. 
Dicke. Bei einem andern Exemplar, an dem sich die grössere 
Klappe blosslegen liess, beträgt die Länge 13 Millim, die Breite 
14j Millim. Trotz dieser geringeren Dimensionen sind hier die 
Stirnfalten weiter entwickelt als bei dem zuvor gemessenen Stück, 
auch erscheint die Wölbung der Schale stärker, wodurch sich 
eine beträchtlichere Dicke für die ausgewachsene Muschel ergeben 
würde als die oben erhaltene. 

Untersuchte Stücke 6. Vorkommen. Obere Region 
des alpinen Doggers. (Klaus -Schichten). Von Brentonico 
bei Roveredo. 



Erklärung der Figuren. 

Taf. 5. 

Fig. 1 a, b, c Terebratula Gerda Opp. Oberer Dogger. Aus 
den Posidonomyen - Schichten von Brentonico in Süd- 
Tyrol. 

Fig. 2 a — c Terebratula laticoxa Opp. Oberer Dogger. Aus 
den Klaus- Schichten von der Mitter wand bei Hall- 
stadt. 

Fig. 3 a, b und Fig. 4 a, b Terebratula Fylgia Opp. Oberer 
Dogger. Aus den Klaus-Schichten von der Kl aus -Alp 
bei H alls t adt. 

Fig. 5 a — e Terebratula Gefion Opp. Aus einem weissen Kalk- 
gang von der Klaus-Alp bei Hallstadt; Fig. a, b 
in natürlicher Grösse, Fig. c — e vergrössert. 

Fig. 6 a— -g. Terebratula curviconcha Opp. Oberer Dogger. 
Posidonomyen - Schichten von Brentonico bei Rovere- 
d o. Fig. a- d in natürlicher Grösse, Fig. e— g vergrössert. 

Fig. 7 a, b und Fig. 8 a — c Rhynchonella Berchta Opp. Oberer 
Dogger. Aus den Klaus-Schichten von der Mitter wand 
bei H alls tadt. 

Fig. 9a— c Rhynchonella Berchta var. microptycha. Eben- 
daher. 



217 



Tab. 6. 

Fig. 1 a — c und Fig. 2. Rhynchonella Atla Opp. Oberer Dog- 
ger. Aus den Klaus - Schichten von der Mitterwand 
bei H a 1 1 s t a d t. 

Fig. 3 a, b. Rhynchonella Atla, vor. polymorphe. Ebendaher. 

Fig. 4 a — c. Rhynchonella coar data Opp. Oberer Dogger. Aus 
den Klaus - Schichten von der Klaus-Alp bei Hall- 
stadt. 

Fig. 5 a, b. Rhynchonella coarctata* var. miscella. Ebendaher* 

Fig. 6a, b, c und Fig. 7. Rhynchonella Zisa Opp. Oberer 
Dogger. Aus den Klaus - Schichten von der Mitter - 
wand bei Hallstadt. 

Fig. 8a — c, Fig. 9a, b, Fig. 10a— d. Rhynchonella subechinata 
Opp. Oberer Dogger, Klaus-Schichten. Fig. 8a — c ver- 
grössert. Fig. 9a, b in natürlicher Grösse; von der JVlit- 
terwa-nd bei Hallstadt. Fig. 10a, b. Junges Indi- 
viduum in natürlicher Grösse. Fig. 10c, d dasselbe ver- 
grössert; ebendaher. 

Fig. Ha — d. Rhynchonella Etalloni Opp. Oberer Dogger. Aus 
den Klaus-Schichten von der Klaus-Alp bei Hallstadt 
Fig. IIa Exemplar in natürlicher Grösse. Fig. Üb — d 
dasselbe vergrössert. 

Tab. 7. 

Fig. 1 — 4. Rhynchonella defluxa Opp. Oberer Dogger, Klaus- 
Schichten. Fig. 1, 2. Aus den Bachgeschieben über der 
Klaus-Alp. Fig. 3, 4 von der Mitterwandbei Ha 11- 
stadt. 

Fig. 5 — 7. Rhynchonella orthoptycha Opp. Aus einem weissen 
Kalkgang von der Klaus-Alp bei Hallstadt. 

Fig. 8 — 10. Rhynchonella micula Opp. Mit der vorigen Art. 
Fig. 8a, b. Exemplar in natürlicher Grösse. Fig 8 c — f 
vergrössert. 

Fig. IIa — d. Rhynchonella aduncaÖPP. Mit der vorigen Art. 

Fig. IIa Exemplar in natürlicher Grösse. Fig. Hb — d 

dasselbe vergrössert. 
Fig. 12 — 14. Rhynchonella Brentoniaca Opp. Oberer Dogger. 

Aus den Posidonomyen- Schichten von Brentonico bei 

Ro vered o. 



218 



4. Einige Bemerkungen über die Zusammensetzung 
der krystallinischen Gesteine. 

Von Herrn W Sartorius von Waltershausen in Göttingen. 

Durch diese Zeilen erlaube ich mir auf die Kritik des Herrn 
Roth in Bezug auf meinen Aufsatz „Ueber die Berechnung der 
quantitativen und mineralogischen Zusammensetzung der krystal- 
linischen Gesteine vornehmlich der Laven" Folgendes zu erwidern. 
Während man bis jetzt bei der Lösung dieser Aufgabe ein ganz 
unwissenschaftliches Probiren anwandte , habe ich es versucht an 
die Stelle desselben eine vollkommen strenge Methode zu setzen, 
die uns zahlreiche Controllen zur Prüfung der gemachten Vor- 
aussetzungen an die Hand giebt. Diese Methode besteht nämlich 
in der Aufstellung eines Systemes linearer Gleichungen, welches 
mehrere unbekannte Grössen involvirt und dessen Form ausser 
von den Sauerstoffmengen , von den Atomengewichten und von 
gewissen Voraussetzungen abhängt, welche ich sogleich namhaft 
machen werde. 

Es ist bei dieser Methode wesentlich, dass die Zahl der Un- 
bekannten geringer als die Zahl der Bedingungsgleichungen ist, 
ein Verhältniss, welches Herr Roth gänzlich übersehen zu haben 
scheint. Werden daher falsche Voraussetzungen gemacht, so kann 
begreiflicher Weise den überschüssigen Gleichungen gar nicht 
oder nur unvollständig entsprochen werden. 

Die Ansichten mögen verschieden sein, welchen Werth man 
für Mineralogie und Geologie der obenerwähnten Aufgabe zuge- 
steht ; will man dieselbe aber überhaupt in Betracht zieh-en, so 
ist nur von der hier zu besprechenden Methode Erfolg zu er- 
warten. Die Voraussetzungen, die von der molecularen Beschaffen- 
heit der einzelnen Mineralkörper abhängen und über welche, wie 
ich gern einräume, die Ansichten verschieden sein können, sind 
von der Methode der Berechnung unserer Aufgabe unabhängig. 

Die Voraussetzungen, welche ich gemacht habe und die theil- 
weise weiter unten etwas näher besprochen werden, sind folgende: 



219 



1) Es wird Berzeltus' Gesetz der chemischen Proportionen 
zu Grunde gelegt. 

2) Mitscherlich's Gesetz des Isomorphismus, welches ich 
ganz allgemein angewandt wissen möchte. Es handelt sich in 
unserm Falle jedoch nur um die Vertretung von Thonerde durch 
Eisenoxyd und von Kali durch Kalk , Natron , Magnesia und 
Eisenoxydul, und von Titanoxyd durch Eisenoxyd. 

3) In den Augiten und Hornblenden habe ich mit Scheerer 
die Vertretung eines Theiles der Kieselerde durch Thonerde nach 
dem Sauerstoffverhältniss 2 : 3 angenommen. Obgleich ich mich 
zu dieser Annahme, die etwas räthselhaftes enthält, nur ungern 
entschlossen habe, so weiss ich doch an ihre Stelle nichts Besseres 
zu setzen. So weit meine Erfahrungen und Beobachtungen rei- 
chen, stimmen dieselben mit jener Hypothese in befriedigender 
Weise überein. Sollte es demnächst gelingen eine andere Erklä- 
rungsweise aufzufinden, so werden die von mir aufgestellten Glei- 
chungen gewisse Abänderungen erleiden. 

4) Es wird angenommen, dass in den titanhaltigen Magnet- 
eisensteinen Titanoxyd und Eisenoxyd sich isomorph vertreten. 
Nimmt man eine andere Art der Zusammensetzung für diesen 
Mineralkörper an, so wäre dann auch hier die Art der Rechnung 
abzuändern , ohne dass dadurch das Endresultat von dem von 
mir erhaltenen sich merklich verschieden gestalten würde. 

Gegen diese Annahme scheint Herr Roth nichts einwenden 
zu wollen. 

5) Die nun folgende Voraussetzung dagegen erregt den eigent- 
lichen Anstoss und auf sie werde ich näher eingehen. Es wird 
zur Erklärung der Beobachtungen angenommen, dass ein jeder 
Feldspath aus zwei Grenzgliedern, aus einem neutralen und einem 
basischen Salze, ersteres nach den Sauerstoff- Verhältnissen 1.3. 12, 
letzteres nach den Sauerstoff -Verhältnissen 1.3 .4 zusammen- 
gesetzt sei. 

Es handelt sich hier offenbar nicht um Dinge, die man mit 
den Händen greifen kann, sondern um die moleculare Beschaffen- 
heit eines Mineralkörpers und wir müssen, wie dieses in der 
ganzen Molecularphysik der Fall ist, von den Wirkungen auf die 
Ursachen zurückschliessen. Ich habe hier zu der Allgemeinerung 
des Princips die beiden äussersten Grenzglieder als Componenten 
für alle Feldspathe angenommen, indess ist es einleuchtend, dass 
ein jeder Feldspath, bei dem nach meiner Bezeiehnungsweise 



220 



z. B. x — 7, 5 ist, ebenso gut aus Oligoklas und Labrador, als 
aus Anorthit und Orthoklas oder Albit bestehend gedacht wer- 
den kann. 

Wenn uns räthselhafte Erscheinungen in der Natur entgegen- 
treten, so suchen wir dieselben entweder durch bekannte Natur- 
gesetze zu erklären oder wir ziehen neue Hypothesen hinzu, deren 
Haltbarkeit an den Beobachtungen geprüft werden muss. Es 
wäre denkbar, dass zur Erklärung eines Phänomenes von zwei 
verschiedenen Personen zwei verschiedene Hypothesen aufgestellt 
würden. Welche derselben den Vorzug verdient, wird auf dem 
Boden der exacten Naturforschung nach der Methode der klein- 
sten Quadrate entschieden. 

Will sich daher Herr Roth der von mir aufgestellten Feld- 
spathhypothese nicht anschliessen, so ist es ein billiges Verlangen, 
dass er statt der meinigen eine andere Hypothese aufstelle, welche 
dann nach der Methode der kleinsten Quadrate zu prüfen sein wird. 

Wenn Herr Roth diesen Weg nicht betreten will, so stehe 
ich im Vergleich zu ihm auf einem so durchaus verschiedenen 
Boden, dass jede weitere Verständigung über unsern Gegenstand 
unmöglich wird. 

Schon vor mehr als 12 Jahren habe ich es versucht nach 
dem angegebenen Princip 100 verschiedene Felds pathanalysen zu 
berechnen , bei denen der mittlere Fehler der Kieselerde zu 
± 0,502, der der Thonerde zu ± 0,428 und der der Alkalien 
zu ± 0,863 sich ergiebt. Es war mir damals sehr wohl bekannt, 
dass in dieser Reihe schlechte und gute Analysen gemischt waren. 
Wollte man an die Stelle der ältern die seitdem gemachten zu- 
verlässigen neuern setzen, so würden die eben angeführten mitt- 
leren Fehler vielleicht auf die Hälfte herabgedrückt werden können. 
Aus der ganzen Reihe dieser Beobachtungen geht hervor, dass 
der Sauerstoff der beiden Basen sich überall nahe zu wie 1 : 3 
verhält, während die Kieselerde, welche continuirlich wächst, durch 
eine Function , die vom Sauerstoffverhältniss der Säure zu den 
Basen und gewissen Constanten abhängt, dargestellt werden kann. 
Für diese Erscheinung, welche sich nicht ignoriren lässt, verlange 
ich eine wissenschaftliche vollkommen zufriedenstellende Antwort 
und zwar in Zahlen ausgedrückt, deren Endresultat mit dem 
meinigen zu vergleichen ist. Nehmen wir in der herkömmlichen 
Weise unter den Feldspathen als charakteristische Species Anor- 



221 



thit, Labrador, Oligoklas und Orthoklas oder Albit an, so haben 
wir folgende Sauerstoffverhältnisse und Kieselerdegehalte : 

x Si 

Anorthit 1 3 4 43 Procent in runden Zahlen 
Labrador 1 3 6 53 
Oligoklas 1 3 9 62 
Orthoklas 1 3 12 69 

Berechnet man nun diese hundert Feldspathanalysen in ge- 
wöhnlicher Weise nach den bekannten stöchiometrischen Formeln, 
so werden mittlere Fehler hervorgehen, welche die von mir ge- 
fundenen eben angegebenen vielleicht um das Fünffache übertreffen. 
Schiebt man aber für jede neue Einheit im x eine neue Feld- 
spathspecies ein, so erhält man für dieselben schwerfällige stöchio- 
metrische Formeln, die mit gerechtem Misstrauen anzusehen sind, 
da der mittlere Fehler zwar etwas kleiner als vorhin wird, aber 
jedenfalls sehr viel grösser bleibt als nach meiner Theorie. Die 
einzige Hypothese, ausser der meinigen, welche numerisch be- 
trachtet dasselbe leistet, besteht in der Annahme, dass allen oder 
doch den meisten Feldspathen eine gewisse Quantität freier Kiesel- 
säure beigemischt sei. Ich habe hierauf, namentlich bei den Ge- 
steinen , wo x > 12 ist Bedacht genommen, auch Herr Roth 
deutet dies an. 

Dagegen sprechen aber folgende sehr wesentliche Gründe : 

1) Berechnen wir z. B. einen Feldspath, dessen Kieselerde- 
Gehalt etwa 48 pCt. beträgt (Anorthit vom Hekla) nach der 
Anorthitformel, so haben wir einen Ueberschuss von 5 pCt. Kiesel- 
säure, berechnen wir ihn auf Labrador, so fehlt dieselbe Quanti- 
tät Kieselsäure. 

Im ersten Falle haben wir es mit einem unangenehmen Ein- 
dringling zu thun, der das Gesetzmässige der Analysen verdirbt ; 
im andern Falle müssen wir uns dazu bequemen anzunehmen, 
dass durch Verwitterung oder Auswaschung die für die Formel 
nöthige Kieselerde verloren gegangen sei. Beides klingt wenig 
ermunternd für das Studium der Mineralchemie. 

Wenn man in allen Silicatanalysen auf eine zufällige Bei- 
mischung von 5, auch nur von 3 pCt. Kieselsäure, die man als 
Quarz gar nicht erkennen kann, oder auf einen eben so grossen 
problematischen Verlust desselben Körpers gefasst sein muss, so 



222 



verlieren die stöchiometrischen Formeln allen Werth und sinken 
zu einer müssigen Spielerei herab. 

2) Die unbeholfenen Formeln für die verschiedenen Feld- 
spathe stellen die Analysen in ganz ungenügender Weise dar; 
die übrig bleibenden Fehler sind viel grösser als die, welche wahr- 
scheinlicherweise bei den Analysen begangen werden können. 

Für meine Hypothese sprechen folgende wesentliche Gründe : 

1) Alle bekannten Analysen über Feldspathe lassen sich 
durch eine Theorie darstellen, welche das Gesetz der chemischen 
Proportionen und die gegenseitige Substitution der isomorphen 
Bestandtheile vollkommen bestätigt; dabei wird der mittlere Fehler 
für alle Beobachtungen kleiner als bei der herkömmlichen Art 
der Berechnung. 

2) Es ist zwar bekannt, dass manche Feldspathe im Laufe 
der Zeit Zersetzungen erlitten haben, für gute, harte, glänzende 
oder gar durchsichtige Krystalle ist dieses aber nicht oder doch 
nur in einem sehr geringen Grade anzunehmen. Jedenfalls zeigt 
die Discussion jener Beobachtungen, dass wir zu solchen An- 
nahmen gar nicht oder nur in untergeordnetem Maasse gedrängt 
werden. 

3) In reinen Feldspathen , wie sie von vorsichtigen Chemi- 
kern und Mineralogen zu quantitativen Analysen benutzt werden, 
ist kein beigemischter Quarz zu erkennen. 

4) Die neuern vulkanischen Gesteine z. B. die frischen Laven 
von Island, vom Aetna, vom Vesuv u. s. w. sind absolut quarz- 
frei. Obgleich ich auf diesen Punkt sehr grosse Aufmerksamkeit 
verwandt habe , habe ich doch in keiner Lava des Aetna ein 
sichtbares Körnchen von Quarz entdecken können. 

5) Die Laven, welche in den letzten Jahren aus den Vul- 
kanen hervorgedrungen sind, wie z. B. die Lava des Hekla von 
1846 und die des Aetna von 1853, bei denen von einer später 
eingetretenen Zersetzung der Bestandtheile keine Rede sein kann, 
zeigen dieselben Eigentümlichkeiten wie die von mir untersuch- 
ten Laven der Thiorsa und von Odaudahraun. Beide Laven sind 
zwar nicht aus der neuesten Zeit , die letztere fällt aber jedenfalls 
in den Bereich der neuern Geschichte. 

6) Endlich sind auch eine Reihe krystallographischer Gründe, 
die für meine Hypothese sprechen, nicht ganz ausser Acht zu 
lassen. Indess würde es mich zu weit führen in diesen Gegen- 



223 



stand einzugehen, den ich mir für eine eigene Abhandlung vor- 
behalte. 

Nach diesen Bemerkungen wende ich mich nun zu den Be- 
denken, welche Herr Roth über einzelne Theile meiner Abhand- 
lung ausgesprochen hat. In dem ersten Beispiele, zu dem ich 
den Granit aus der Nähe von Dublin wählte, habe ich selbst 
erklärt, dass zu einer vollständigen Berechnung in meinem Sinne 
das nothwendige Material mir gefehlt habe. Herr Roth hätte 
daher sehr wohl einsehen können, dass es nicht von meiner Seite 
auf ein definitives Endresultat abgesehen war, sondern dass ich 
nur daran zeigen wollte, wie meine Methode anzuwenden und 
die Rechnung zu behandeln sei. 

Enthält ein solcher Granit verschiedene Glimmer, deren Zu- 
sammensetzung bekannt ist, so lässt sich alsdann die quantitative 
Zusammensetzung des Gesteins leicht ermitteln, indem nur noch 
den von mir aufgestellten Gleichungen ein neues Glied hinzuge- 
fügt wird. 

Wenn ferner Herr Roth mir vorwirft, dass ich in den Laven 
Mineralkörper erblicke, die bis jetzt Niemand gesehen hat, so habe 
ich darauf Folgendes zu erwidern. 

Wenn ich die genannten Laven als aus Augit, Olivin, Mag- 
neteisenstein, Anorthit und Orthoklas zusammengesetzt betrachte, 
so habe ich für das letzte Mineral keinen ganz passenden Aus- 
druck gewählt, ich hätte besser Kalkalbit schreiben sollen. Im 
Wesen der Sache wird dadurch aber nichts geändert. 

Ich richte nun die Frage an Herrn Roth , was in einer 
solchen Lava übrig bleibt, nachdem die Mineralkörper Augit, 
Olivin und Magneteisenstein in Abzug gebracht worden sind. 
Wir bekommen entweder gar keine Antwort oder vielleicht das 
Wort Feldspath. 

Auch ich nehme dieses an und zeige z. B., dass die Grund- 
masse der Thiorsä-Lava 49,794 pCt. Feldspath von der nach- 
folgenden Zusammensetzung enthalte: 



Magnesia 

Natron 

Kali 



Kieselerde 
Thonerde 
Eisenoxyd 



Kalk 



66,846 
20,705 
0,711 
10,789 
0,126 
0,446 
0,377 



224 



Dieser Feldspath ist z. B. einem von Domeyko, der unter 
dem Namen Orthoklas aus Chili angeführt wird, sehr ähnlich. 
Derselbe enthält nämlich : 



Ist es ein Mal erlaubt an die Stelle von Kali oder Natron 
Kalk zu substituiren, so ist kein Grund einzusehen, warum man 
nicht von diesem Rechte im ganzen Umfang Gebrauch machen 
sollte und worin der Verstoss besteht Kalk-Albit oder Kalkortho- 
klas anzunehmen, denn es scheint einleuchtend zu sein, dass fast 
alkalifreie Gesteine wie die isländischen Laven ihre Feldspathe 
aus den zunächst verwandten Stoffen bilden müssen. Es ist eben- 
so wenig einzusehen, warum in der eben angeführten Analyse 
für deri Kalk die Grenze mit 2,633 festgestellt werden solle; 
Orthoklase mit erheblichem Kalkgehalt sind nicht ganz unbekannt 
oder gar undenklich. Will man sich aber mit einem einfachen 
Feldspath begnügen, so liegt es dann auf der Hand, dass den 
Bedingungsgleichungen nur in sehr unvollkommener Weise ent- 
sprochen werden kann und unsere Theorie, welche mehr leistet, 
verdient daher den Vorzug. 

Herr Roth macht sodann zunächst einige Ausstellungen 
über die Fehler, welche nach der Theorie bei den Alkalien in 
der Thiorsälava übrig bleiben. Ich habe darauf Folgendes zu 
bemerken. Eine Theorie mag beschaffen sein wie sie will, wird 
die Beobachtungen, welche in allen menschlichen Verhältnissen 
mit Fehlern behaftet sind, nie durchaus genau darstellen können. 
Es handelt sich daher nur um die Grösse des mittlem Fehlers. 

Jedenfalls ist es mathematisch unbillig, unter 28 von mir 
mit der Theorie verglichenen Beobachtungen — 16 für die Thiorsä 
— 12 für die Scalfandeüiothlava — diejenigen hervorzuheben, bei 
denen die grössten Beobachtungsfehler bemerkbar werden. 

Die mittlem Fehler für die 4 Analysen, jede für sich be- 
trachtet, geben folgende Resultate: 



Kieselerde 

Thonerde 

Kalk 

Natron 

Kali 



66,205 
20,731 
2,633 
4,051 
6,380 



Mittlerer Fehler 



1) Grundmasse der Thiorsälava 

2) Gesammtmasse der Thiorsälava 



db 0,407 pCt. 
± 0,712 - 



225 

Mittlerer Fehler 

3) Gesammtmasse der Lava von Scalfandeflioth ± 0,549 

4) Grundmasse der Lava von Scalfandeflioth ± 0,446 
Der mittlere Fehler aus allen Beobachtungen findet sich ± 0,381 

Ich glaube, dass dieses Resultat ein ganz zufriedenstellendes 
genannt werden kann, da bei einer einzelnen Analyse der mittlere 
Fehler ungefähr ein halbes Procent beträgt. 

Wenn Herr Roth sich die Sache etwas überlegt hätte, so 
würde er den Grund, weshalb der Fehler, oder die Differenz 
zwischen Rechnung und Beobachtung in der Gesammtmasse der 
Thiorsa für die Alkalien grösser ausfällt als für die übrigen Be- 
standteile, leicht haben finden können. 

Um dieses Verhältniss klarer hervorzuheben setze ich die 
Berechnung der genannten Analyse noch einmal hierher. 

Für dieselbe ergeben sich zunächst folgende Zahlen: 



Gesammtmasse der Thiorsa-Lava. 







Sauerstoff 


Kieselerde 


49,590 


25,995 


Thonerde 


13,551 


6,334 


Eisenoxyd 


9,031 


2,707 


Eisenoxydul 


7,202 


1,599 


Kalk 


12,347 


3,511 


Magnesia 


5,521 


2,204 


Natron 


1,565 


0,404 


Kali 


1,193 


0,202 



100,000 

Unter der Voraussetzung, dass sich durch die ganze Lava 
Feldspath, Augit, Olivin und Fe Fe, deren Analysen in meiner 
Abhandlung aufgeführt sind, befinden, gelangt man zunächst zu 
folgenden 8 linearen Gleichungen: 

xM + 1,8373 s + y 
2,9353 M + 0,2441 s 
0,0647 M 

0,1559 z + 0,1297 y 
0,9304 M + 0,4454 s 
0,0153 M + 0,3987 z + 0,8703 y 
0,0349 M 
0,0194 M 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 1. 15 









25,995 


+ 






6,334 


+ 


3/ 




2,707 




/ 




1,599 








3,511 








2,204 








0,404 








0,202 



226 



Aus denselben findet man für die 5 Unbekannten schon sehr 
genäherten Werthe, nämlich: 

x = 9,500 
M = 1,670 
% == 5,350 
V = 0,225 
/ = 0,866 

Hiermit ergiebt sich folgende Uebereinstimmung zwischen 
Rechnung und Beobachtung: 



Beob. 


Berech. 


Beob. — Ber. 


25,995 


25,920 


+ 0,075 


6,334 


6,208 


+ 0,126 


2,707 


2,706 


+ 0,001 


1,599 


„ 1,729 


— 0,130 


3,511 


3,937 


- 0,426 


2,204 


2,354 


— 0,150 


0,404 


0,058 


+ 0,346 


0,202 


0,032 


+ 0,170 



Die berechneten Fehlergleichungen werden alsdann: 

0= — 0,075+l,670^r+9,5000^+l,8373<fe+ dy 

- —0,126 +2,9353 <M/+0,244 1 d% 

0=— 0,001 +0,0647 dM +3df 

0^+0,130 +0,1559</s+0,1297<fy+ df 

= — 0,426 +0,9304^+0,4454^ 

= — 0,150 +0^0153 </itf+0,3987<fe+0,8703<fy 

0= +0,346 +0,03*9 dM 

0= +0,170 +0,0194 dM 

Aus diesen Gleichungen findet man nach der Methode der 
kleinsten Quadrate die folgenden 5 Normalgleichungen: 

= - 0,1253 + 2,7891<fo + 15,865</i*f + 3,0680</s+ l,670rfy 
0= -0,6992 + 15,8650^ + 99,736<*M + 18,5910tf*+ 9,513% + 0,1941tf/ 
0= -0,0184+ 3,0680^+ \8,59idM + 3,8170<fc+2,2045%+ 0,1559rf/' 
0=+0,0715+ 1,6700^ -f- 9,513<Of + 2,2045tfs+l,7740%+ 0,1297c?/" 
0= +0,1270 0,194</M + 0,1559<fc+0,1297%+10,0000d/" 



227 



Aus diesen Gleichungen findet man durch Elimination: 

dx = + 0,21480 
dy = — 0,01030 
dz = — 0,37480 
dM= 0,04370 
df = — 0,00804 

Nachdem diese Correctionen angebracht sind , ergeben sich 
die definitiven Elemente: 

x = 9,7148 
M= 1,7137 
y = 0,2147 
% = 4,9752 
/ = 0,8580 

Mit Zuziehung der Zahlen, durch welche die isomorphe Ver- 
theilung der Basen ausgedrückt wird, findet man: 

Den Sauerstoff für die einzelnen Bestandtheile. 

Feldspath Augit Olivin SeFe Ber. Beob. Beob.-Ber. 

Kieselerde 16,647+ 9,141+0,215 =26,003 25,995-0,008 

Thonerde 5,030+ 1,214 = 6,244 6,334-f 0,090 

Eisenoxyd 0,104 -{-2,574= 2,678 2,707+0,029 

Eisenoxydul 0,776+0,028+0,858 = 1,662 1,599-0,063 

Kalk 1,594-f- 2,216 = 3,810 3,511-0,299 

Magnesia 0,026-j- 1,983+ 0,187 = 2,196 2,204+0,008 

Natron 0,060 = 0,060 0,404+0,344 

Kali 0.033 = 0,033 0,202+0,169 

Hieraus ergiebt sich endlich die quantitative mineralogische 
Zusammensetzung : 

Feldspath Augit Olivin ¥eFe Ber. Beob. Beob.-Ber. 
Kieselerde 31,758+17,438+0,410 =49,606 48,590-0,016 

Thonerde 10,757+ 2,598 = 13,355 13,551+0,196 

Eisenoxyd 0,345 +8,589= 8,934 9,031+0,097 

Eisenoxydul 3,494+0,125+3,866= 7,485 7,202+0,283 

Kalk 5,607+ 7,792 =13,399 12,347-1,050 

Magnesia 0,066+ 4,969+4,468 = 5,503 5,521+0,018 

Natron 0,232 = 0,232 1,565+1,333 

Kali 0,196 = 0,196 1,193+0,9 97 

48,961+36,291+1,003+12,455= 98,710 100,000 

In Bezug auf diese Rechnung sei hier bemerkt , dass ich 
dieselbe noch ein Mal ausgeführt und zugleich einen kleinen Rech- 

15* 



228 



nungsfehler verbessert habe, der vornehmlich auf die Olivinbe- 
stimmung sich bezieht. Aus den vorliegenden Zahlen ergiebt 
sich, dass in der Feldspathberechnung der Kalk fast ebensoviel 
zu gross als Natron und Kali zu klein ausgefallen sind ; mit an- 
dern Worten die von mir gemachte Voraussetzung , dass sich 
durch die ganze Masse der Lava der Feldspath befinde, der in 
einzelnen körnigen Krystallen ausgesondert und analysirt wurde, 
ist nicht streng richtig. Auch an der Summe der Bestandtheile 
fehlen 1,29 Procent. 

Bringen wir, wie sich dieses leicht ergiebt, bei dem Sauer- 
stoffgehalt des Kalks die Correction w -\- u = — 0,371, bei 
dem des Natrons w = -f~ 0,273 und bei dem des Kali u = 
-\- 0,098 in Rechnung, so findet man: 

Den Sauerstoff der einzelnen Bestandtheile 

Feldspath Augit Olivin jleFe Ber. Beob. Beob.-Ber. 

Kieselerde 16,647-f 9,141+0,215 
Thonerde 5,030+ 1,214 

0,104 + 2,574= 2,678 

0,776+0,028+ 0,858 == 1,662 

2,216 = 3,439 

1,983+0,187 = 0,008 

— 0,333 

= 0,131 



Eisenoxyd 

Eisenoxydul 

Kalk 

Magnesia 

Natron 

Kali 



1,223 
0,026 
0,333 
0,131 



26,003 25,995—0,008 
6,244 6,334+0,090 
2,707+0,029 
1,599-0,063 
3,511+0,072 
2,204+0,008 
0,404 + 0,071 
0,202+0,071 



Die definitive quantitative mineralogische Zusammensetzung 
mit dem Feldspath der Grundmasse wird alsdann: 

Feldspath Augit Olivin ¥eFe Ber. Beob. Ber.-Beob. 
Kieselerde 31,758+17,438 + 0,410 =49,606 49,590—0,016 

Thonerde 10,757+ 2,598 =13,355 13,551+0,196 

Eisenoxyd 0,345+ 8,589= 8,934 9,031+0,097 

Eisenoxydul 3,494+0,125+ 3,866= 7,485 7,202-0,283 

Kalk 4,300 7,792 = 12,092 12,347+0,255 

Magnesia 0,066 4,969+0,468 = 5,503 5,521+0,018 

Natron 1,298 = 1,298 1,565+0,267 

Kali 0,772 = 0,772 1,193+0,421 

49,296+36,291 + 1,003+12,455 = 99,045 100,000 

Der mittlere Fehler, der vorhin = = 0,712 gefunden wurde, 
ergiebt sich jetzt zu =fc 0,1755. Endlich leuchtet ein, dass auch 
der kleine Magnesiagehalt in dem berechneten Feldspath ver- 
schwinden kann, wodurch Kali und Natron noch höhere Werthe 
erhalten, der mittlere Fehler etwas geringer und die Summe aller 
Bestandtheile grösser werden wird. 



229 



In unserm Feldspath ist das Verhältniss des Sauerstoffs der 
11 Säure zu dem der Basen genau wie: 

k 4 V • • -:^QM : ^Amm^ <-.u • . . ; - - 

9,7148 : 3 : 1. 

Man zerlegt denselben in seine beiden Componenten Anor- 
1 thit und Kalkalbit, und gelangt zuerst zu den drei Gleichungen: 

iü + 12 JF = 16,647 
3U + 3W= 5,134 
U+ W= 1,711 

Es wird also W = 1,225 ü = 0,487. 

Eine der Anorthitanalysen Abich's ergiebt: 

Kieselerde 43,642 

Thonerde 35,370 

Eisenoxyd 0,677 

Kalk 18,865 

Magnesia 0,339 

Natron 0,568 

Kali 0,539 



100,000 



Bei dieser Vertheilung der isomorphen Bestandtheile im 
Anorthit findet man , dass die beiden Feldspathe sich folgender- 
maassen verbinden: 





Sauerstoff. 






Anorthit Kalkalbit 




Kieselerde 


1,948 + 14,700 = 


16,648 


Thonerde 


1,443 + 3,587 = 


5,030 


Eisenoxyd 


0,018 + 0,086 = 


0,104 


Kalk 


0,457 + 0,766 = 


1,223 


Magnesia 


0,015 + 0,011 == 


0,026 


Natron 


0,012 + 0,321 == 


0,333 


Kali 


0,005 + 0,126 - 


0,131 



Diese Sauerstoffmengen verhalten sich in der ersten Ver- 
ticalreihe beim Anorthit wie 4:3:1, in der zweiten beim Kalk- 
albit wie 12 : 3 : 1. Die Summe beider entspricht dem Sauer- 
stoff des vorhin gefundenen Feldspaths. Suchen wir nun zu 
den berechneten Sauerstofftheilen die Erden, so findet man: 



230 



Kieselerde 

Thonerde 

Eisenoxyd 

Kalk 

Magnesia 

Natron 

Kali 



Berechnet man endlich den Anorthit auf 100, so findet man 
die Analyse Abich's, dagegen ergiebt sich für den Kalkalbit die 



nachfolgende Zusammensetzung : 




Kieselerde 


68,873 


Thonerde 


18,843 


Eisenoxyd 


0,705 


Kalkerde 


6,616 


Magnesia 


0,068 


Natron 


3,072 


Kali 


1,823 




100,000 



Definitive Zusammensetzung der Gesammtmasse der Thiorsä- 

lava : 

Kalkalbit = 40,716 
Anorthit = 8,580 
Augit = 36,291 
Olivin = 1,003 
BeFe = 12,455 
99,045 

Der Leser dieser Blätter , insofern er nicht an grössere 
Rechnungen gewöhnt ist, wird unsere eben mitgetheilte Methode 
vielleicht sehr umständlich finden. Hierüber möchte ich einige 
Bemerkungen hinzufügen. Ohne Beihülfe von Logarithmen , ich 
benutze die mit 5 Stellen , ist die Rechnung kaum durchführbar. 
Indess werden auch für unsere Zwecke vierstellige Logarithmen 
ausreichen, durch deren Anwendung nicht wenig Zeit gewonnen 
wird. Sodann ist es durchaus erforderlich zur Berechnung des 
Sauerstoffs aus den Oxyden und umgekehrt constante, beständig 
zu addirende Logarithmen zu benutzen. Die Methode der klein - 



Anorthit Kalkalbit Feldspath 

3,716 + 28,042 = 31,758 

3,084 + 7,673 = 10,757 

0,059 + 0,286 m 0,345 

1,607 + 2,693 = 4,300 

0,038 + 0,028 « 0,066 

0,047 + 1,251 = 1,298 

0,029 + 0,743 = 0,772 

8,580 + 40,716 = 49,296 



231 



sten Quadrate lässt sich nicht einfacher ausführen, doch wird 
man im Allgemeinen, wenn es sich nicht um die feinste Dar- 
stellung der Beobachtungen handelt, mit den genäherten Elemen- 
ten , wie ich sie zuerst gefunden habe, zufrieden sein können. 
Ohne die ganze Rechnung aufzustellen , kann man bei einiger 
Uebung an den genäherten Elementen gewisse Correctionen an- 
bringen, die zwar nicht scharf genügen, die aber den Gleichun- 
gen schon bei weitem besser entsprechen. Bei der ersten Berech- 
nung unserer Elemente tritt der Umstand fast noch deutlicher 
hervor als nachher, dass beim berechneten Feldspath die Werthe 
von Kalk und Magnesia zu gross , die von Kali und Natron zu 
klein sind. 

Wir wollen der Vollständigkeit wegen die Atomengewichte 
anführen, welche zu unsern Rechnungen benutzt worden sind : 



Atomengewicht des Sauerstoffs 




1,0000 


m 


der Kieselerde 




5,7230 


n 


der Thonerde 




6,4180 


»i 


des Eisenoxyds 




10,0105 


>i 


des Eisenoxyduls 




4,5052 


»i 


des Kalks 




3,5165 


n 


der Magnesia 




2,5019 


ii 


des Natrons 




3,8972 


ii 


des Kali 




5,8930 



Aus der hier initgetheilten Untersuchung geht also hervor, 
dass in quarzfreien krystallinischen Gesteinen, für welche man 
die neuern Laven halten muss, die quantitative mineralogische 
Zusammensetzung genau ermittelt werden kann. Im vorliegenden 
Falle ist sie sogar so genau festgestellt, dass die noch übrig 
bleibenden Fehler die, welche möglicher Weise in den Analysen 
begangen werden können, nicht übertreffen. Herr Roth befindet 
sich daher wiederum in einem Irrthum, wenn er glaubt, dass 
das Kali und Natron in meiner Rechnung nicht untergebracht 
werden könne und wird sich mit den 200 Procent Anorthit, 
die nach meiner Theorie erfordert würden , auch wohl zufrie- 
den geben. 

Uebrigens stellt Herr Roth einer streng wissenschaftlichen 
und in sich zusammenhängenden Methode seine subjectiven An- 
sichten entgegen, ohne sich um das zu kümmern, was aus den 
Bedingungsgleichungen notwendigerweise folgt. Wenn Herr 



232 



Roth raeine Methode als nicht empfehlenswerth bezeichnet, so 
kann ich darauf erwidern , dass dieselbe nur aus wissenschaft- 
lichem Interesse hervorgegangen ist und auf fremde Empfehlung 
durchaus keinen Anspruch macht; sie wird sich auch mit der 
Zeit ohne dieselbe Eingang verschaffen. Schliesslich erlaube ich 
mir Herrn Roth daran zu erinnern , dass mit blossem Negiren 
in der Wissenschaft nichts geleistet wird, es scheint mir daher 
eine sehr billige Forderung, dass er die Mineralogie und Geo- 
logie mit einer bessern Methode bereichere, deren Werth dann 
nach den Principien der Wahrscheinlichkeitsrechnung beurtheilt 
werden muss. 

Es war mein Streben, in dieser Abhandlung möglichst ob- 
jectiv zu verfahren, und ich habe daher die Sache obenangestellt, 
davon überzeugt, dass sonst bei Polemik nichts herauskommt. 
Der Sachkenner wird meine Untersuchung verstehen und ihre 
Berechtigung nicht verkennen. 



Anmerkung der Redaction. 

Der bisher von der Redaction befolgten Praxis entsprechend enthält 
sich der Unterzeichnete, welcher bei der Redaction betheiligt ist, an die- 
ser Stelle jeder Antwort. Es wird ihm dies um so leichter als auch 
nach seiner Meinung zwischen Herrn Sartorius und ihm jede Verständi- 
gung über den fraglichen Gegenstand unmöglich ist und thatsächlich neues 
Material nicht vorliegt. Roth. 



5. < 



Nächtrag zu Seite 81 (oben). 

1. r. I, r. 1. r. 

n: m, p, q n : m, p\ q' n : m", p", q" 

fH8°36' 118°46' 118°32' 118°4i' 118°58' 

96 9 96° 6' 96 9 93 56 95 56 98 8 

93 54 93 29 90 41 94 35 90 4 
90 13 



Druck von J. F. Starcke in Berlin. 



* 



Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 

2. Heft (Februar, März, April 1863). 



A. Verhandlungen der Oes elisehaft. 



1. Protokoll der Februar - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 4. Februar 1863. 
Vorsitzender: Herr G. Rose. 

Das Protokoll der Januar- Sitzung wurde verlesen und an- 
genommen. 

Der Gesellschaft sind als Mitglieder beigetreten: 
Herr Berg-Assessor Niedner in Rüdersdorf, 

vorgeschlagen durch die Herren Amelung, Roth, 

Lottner; 
Herr Dr. Drescher in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Roth, 

Beyrich; 

Herr Othniel Charles Marsh aus New York, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Roth, 
Peters. 

Für die Bibliothek der Gesellschaft sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

Erste Lieferung der auf Kosten der Eidgenossenschaft her- 
ausgegebenen Beiträge zur geologischen Karte der Schweiz, Vor- 
wort, Beschreibung und geologische Karte des Baseler Jura von 
Herrn Prof. A. Müller enthaltend. Von der schweizerischen 
geologischen Commission. 

B. Studer. Geschichte der physischen Geographie der 
Schweiz. Bern und Zürich 1863. 

B. Studer. Observations geologiques dans les Alpes du 
lac de T/wune. Sep. 

Zeits. d. d.geoI.Ges. XV. 2. IG 



234 



A. Favre. Carte gcologique et explication de la carte 
geologique des parties de la Savoie, du Piemont et de la Suisse 
voisine du Montblanc. Geneve 1862. 

Beiträge zur Kenntniss des Russischen Reiches. Band 21 
und 22. Geschenk des Herrn G. v. Helmersen. 

G. v. Helmersen. Noch ein Wort über die Tulaer Stein- 
kohle. — Die Alexandersäule zu St. Petersburg. Sep. 

H. Trautschold. Ueber den Korallenkalk des Russischen 
Jura. Sep. 

Gümbel. Die Streitberger Schwammlager und ihre Fora- 
miniferen-Einschlüsse. Sep. 

B. Im Austausch : 

Verhandlungen der k. k. geologischen Reichsanstalt. 4. Nov. 
und 16. Dec. 1862. 

Mittheilungen der k. k. geographischen Gesellschaft. V. 
Jahrgang 1861. 

Jahrbücher des Vereins für Naturkunde im Herzogthum 
Nassau. XVI. 1861. 

Sitzungsberichte der kön. bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften zu München. 1862. I. 4. II. 1. 2. 

Notizblatt des Vereins für Erdkunde. 1862. No. 9—12. 

Archiv des Vereins der P'reunde der Naturgeschichte in 
Meklenburg. XVI. 1862. 

Archiv für Landeskunde in den Grossherzogthümern Mek- 
lenburg. XII. 9, 10. 1862. 

Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen naturwissen- 
schaftlichen Gesellschaft für 1861 und 1862. 

Verhandlungen des botanischen Vereins für die Provinz 
Brandenburg. III. und IV. 

Bulletin de la societe gcologique de France. (2) XIX. 
feuilles 21—58. 

Mcmoires de la Societe de physique et d'histoire naturelle 
de Geneve. XVI. 2. 

Bulletin de la Societe imperiale des natur allstes de Moscou. 
1862. I. II. 

Quarter ly Journal of the Geological Soc. XVIII. No. 72. 
Transactions of the Royal Irish Academy. XXIV. 2. 
Dublin 1862. 



235 

Herr v. Carnall sprach über die geologischen Karten 
und profilarischen Darstellungen , welche auf der letztjährigen 
Londoner Industrie- Ausstellung in der Zollvereins- Abtheilung 
der Klasse I. ausgehängt gewesen sind, und zwar in der Reihen- 
folge, wie sie der — besonders ausgegebene — amtliche Ka- 
talog (Official Catalogue of the Mining and Metallurgical 
Products ; Class I. in the Zollverein Departe?nent of the inter- 
national Exhibition 1862, compiled under the immediate di- 
rectio?i of Mr. v. Dechen by Dr. Hermann Wedding. Ber- 
lin 1862.) §. 12 Seite 104 und 105 aufführt. 

Von der durch das Königl. Preuss. Handelsministerium ver- 
anstalteten Herausgabe der grossen geologischen Karte der 
Rheinprovinz und der Provinz Westfalen, welche be- 
kanntlich von Herrn v. Dechen meisterhaft bearbeitet wird, wa- 
ren die bis dahin erschienenen Sectionen zusammen ausgehängt. 
Sie beweisen das rasche Fortschreiten dieses vortrefflichen Kar- 
tenwerkes. Redner äusserte dabei nur, dass es sehr zu wün- 
schen gewesen wäre, wenn der Katalog über dasselbe einige 
nähere Nachrichten enthalten hätte. 

Der Eschweiler Bergwerks -Verein hatte eine geologische 
Karte (Flötzkarte) von den Kohlenbecken an der Inde 
und Worin (Wurm) im Maassstabe von 1 : 20000 nebst spe- 
cialen Darstellungen einzelner Kohlenfelder ausgestellt. Diese 
Karten hat — wie Redner vernommen — der Direktor der Ge- 
sellschaft, Herr Bauer angefertigt; sie sind mit grosser Ge- 
nauigkeit und Sauberkeit bearbeitet, und ist dringend zu wün- 
schen, dass diese ganz neuen Arbeiten recht bald publicirt wer- 
den mögen. 

Von dem Königl. Oberbergamte zu Dortmund war die 
schon vor längerer Zeit im Buchhandel erschienene Flötzkarte 
von dem Ruhrbecken ausgestellt, bei welcher vielfach be- 
dauert wird, dass sie nicht in einem grösseren Maassstabe pu- 
blicirt worden ist, wie dieselbe in einem solchen schon im Jahre 
1^55 auf der Pariser Ausstellung (als Zeichnung) ausgestellt ge- 
wesen ist; zu derselben gehört ein Querprofil der sämmtlichen 
Flötz-Mulden und -Sättel, sowie eine Tafel von den Kohlen- 
flötzen. 

Neu war eine gut bearbeitete Flötzkarte von dem 
Steinkohlengebirge bei Ibbenbüren nebst Durch- 
schnitten. 

16* 



236 



Die Berg-Direktion zu Saarbrücken lieferte eine Flötz- 
karte von dem dortigen Kohlengebirge, bei derein etwas grösse- 
rer Maassstab und eine Auswahl deutlicherer Farben zu wünschen 
gewesen wäre; recht gut sind die dazu gehörigen Flötzprofile, 
sowie zwei Grundrisse von Kohlenbauen. 

Von dem Distrikte des Oberbergamtes zu Halle hatte dieses 
eine geologische Uebersi ch ts k art e ausgestellt, ferner eine 
Specialkarte von den Kohlenfeldern bei Wettin, Löbejün u. s. w. 
und eine Mehrzahl von Gebirgsdurchschnitten , welche indessen 
viele sehr hypothetische Annahmen enthalten. Die Mannsfeld- 
sche Gewerkschaft lieferte eine Hauptkarte von ihren Berg- 
baufeldern auf dem Kupferschiefern 1 ötze. 

In Betreff der Provinz Schlesien bemerkte der Redner, 
wie er die bei S. Schropp erscheinende geologische Karte von 
dem Niederschlesischen Gebirge in London sehr ungern vermisst 
habe; eine Karte, welche schon im Jahre 1857 in der Breslauer 
Gewerbe-Ausstellung (obwohl damals erst noch in Hand-Colori- 
rung) ausgehängt gewesen sei, von welcher die bereits im Buch- 
handel erschienenen 3 bis 4 Sectionen, die übrigen aber in dem 
früheren Handcolorit hätten beigefügt werden können. Es scheint, 
als wenn das Oberbergamt zu Breslau diesen Mangel habe da- 
durch ersetzen wollen, dass es aus Blättern der REiMANN'schen 
Karte eine Ueber sichtskarte von Schlesien zusammenge- 
setzt und diese geognostisch colorirt hat. Ueber die Art, wie solches 
geschehen, sprach sich Redner tadelnd aus. Dagegen rühmte 
derselbe die von Herrn Runge zu Breslau ausgestellten zwei 
geologischen Gebirgsdurchschnitte, der eine von dem 
Ri e sen g ebirge und der andere von dem niederschle- 
siseh-böhmischen Kohlenbecken. Diese beiden Profile 
fanden schon auf der Breslauer Ausstellung, wo sie ausgehängt 
waren, allgemeine Anerkennung. In dem ersteren sind die Län- 
gen im Verhältniss von 1 : 25000, in dem letzteren von 1 : 12500 
verjüngt, in beiden aber die Höhen doppelt so gross angenom- 
men als die Längen. In den Durchschnitten selbst sind die 
Gebirgsschichten lebhaft colorirt, im Hintergrunde aber die Hö- 
hen mit blasseren, die Formationen anzeigenden Farben angege- 
ben. Dem Verfertiger ist in London die Preis-Medaille zuerkannt 
worden. 

Das Oberbergamt zu Breslau hatte ferner eine General- 
karte von den Steinkoh 1 enflötzen und Erzlagerstät- 



237 



ten in Oberschlesien ausgestellt, welche unter dessen Leitung 
durch einen Markscheider gefertigt worden ist. Den grössten 
Theil dieser Karte bildet die schon seit einigen Jahren publicirte 
Flötzkarte von Herrn Mauve, welche man nach. dem zu dieser 
Karte gehörigen Uebersichtsblatte geognostisch colorirt hat. Red- 
ner nennt dies ein ganz verfehltes Unternehmen, weil die Auf- 
schlüsse nicht genügen, um die geognostischen Grenzen in einem 
so grossen Maassstabe (1:16000) angeben zu können; dabei hat 
man Diluvium und Alluvium beides ohne Farbe gelassen, so 
dass man von der Ablagerung dieser Schichten ein ganz falsches 
Bild erhält und während das — für den Zweck der Karte min- 
der bedeutende — Tertiärgebirge lebhaft grün angelegt ist, er- 
scheint das sehr blasse Gelb des Kohlengebirges kaum sichtbar. 
Dasselbe kann von dem nördlichen Theile der Karte gelten, 
welcher nach einer vom Redner schon vor Jahren publicirten 
Karte*) bearbeitet ist, wobei überdies die Uebertragung in einen 
über dreifach grösseren Maassstab nicht ohne viele Fehler 
möglich gewesen ist. Die Karte enthält auch noch andere grosse 
Mängel und Auslassungen ; so fehlen u. a. die Streichlinien der 
Kohlenflötze bei Gleiwitz, Ornontowitz, Lendzin u. s. w. und bei 
Lagiewnik sind die Steichlinien unrichtig angezeigt. Auch die 
auf der Karte verzeichneten Profile enthalten mehrfache Unrich- 
tigkeiten, und es muss befremden, wie eine solche, im Wesent- 
lichsten nur Bekanntes mangelhaft wiedergebende Darstellung 
hat in London mit einer Preis-Medaille bedacht werden können. 

Die Flötzkarte von dem niederschlesischen (Wal- 
denburger) Steinkohlengebirge, angefertigt von Herrn 
Dr. Huyssen und Herrn A. Segnitz, ausgestellt von dem Er- 
steren, ist in demselben Maassstabe (1 : 16000) angelegt wie 
die oben erwähnte MAUVE'sche Flötzkarte von Oberschlesien. 
Sie besteht aus 12 Sectionen von gleicher Grösse wie die Blät- 
ter jener Karte. Die topographische Grundlage mit den Mark- 
scheiden der Gruben war bereits gestochen, alles übrige aber 
vorerst nur gezeichnet, resp. mit der Hand colorirt. — Redner 
bemerkte, dass der wesentlichste Zweck einer solchen Karte darin 
bestehen müsse, durch dieselbe die bisher durch wirkliche 



*) Geologische Karte von den Erzlagerstätten des Muschelkalksteins 
in der Gegend von Tarnowitz und Beuthen in Oberschlesien von R. v. Car- 
nall. * Zweite Auflage; Verlag von S. Scbropp in Berlin. 



238 



Aufschlüsse bekannt gewordenen Verhältnisse genau 
festzustellen, um demnächst spätere Aufschlüsse nachtragen zu 
können. Allerdings könne es dem Verständniss des Ganzen för- 
derlich sein, wenn die Karte hier und da auch den nur muth- 
masslichen Zusammenhang von Kohlenflötzen andeute, allein dies 
müsse auch eben nur eine Andeutung sein und sich von der 
Darstellung des Thatsächlichen klar und bestimmt unterscheiden. 
Ferner lasse sich in einem so grossen Maassstabe, wie eine sol- 
che Karte ihn erfordert, aus Mangel an genügenden Aufschlüssen 
eine Angabe der geologischen Formationsgrenzen gar nicht durch- 
führen. Betrachte man nun aus diesen Gesichtspunkten die in 
Rede stehende Karte, so könne man die ganze Ausführung der- 
selben nur als eine verfehlte bezeichnen; denn sie gebe in den 
Flötzzügen und in der geognostischen Colorirung, welche letztere 
der geologischen Karte von dem Niederschlesischen Gebirge ent- 
lehnt sei, kaum mehr als ein allgemeines, vielfach ganz hypo- 
thetisches Bild. Dasselbe enthalte überdies auch augenfällige 
Unrichtigkeiten , namentlich in dem glätzer Theile des Kohlen- 
gebirges. So entspreche die ganze Karte nicht dem obgedachten 
Zwecke und es lasse sich wohl annehmen, dass dieselbe in der 
ausgestellten Bearbeitung nicht publicirt werden, diese 
Arbeit vielmehr ungeachtet der Londoner Prämiirung der Ver- 
gessenheit anheimfallen werde. 

Noch bemerkte Redner über die auf der Karte verzeichne- 
ten Profile, dass mehrere derselben auch viel zu hypothetisch, 
manche aber geradezu unrichtig sind, wie z. B. die Angabe, 
dass die Flötze der Gustav -Grube im Einfallen vom Porphyr 
absetzen. Für solche Durchschnitte, namentlich hinsichtlich der 
räumlichen Verhältnisse der Porphyre im Kohlengebirge, sei ein 
sehr reiches Material vorhanden, dieses aber in der hier bespro- 
chenen Arbeit weder vollständig noch mit richtiger Auswahl zur 
Benutzung gekommen. 

Herr v. Bennigsen-Föbder legte Proben von thonigen Ge- 
bilden des vaterländischen Bodens vor, die, einerseits dem Jung- 
Tertiär-Thon aus der Gegend von Möckern und Königsborn an- 
gehörig, dessen Gliederung in eine obere oder Süsswasser-Ab- 
theilung und zwei marine Glieder, von welchen das untere ein 
kalkfreies ist, während das obere die bekannten Septarien, häufig 
Meeresmuscheln und überaus zahlreich ganz neue Arten von 
Foraminiferen führt, nothwendig machen dürften, und die anderer- 



239 

/ 

£eits, dem alt-quartären Thonmergel bei Chorin unweit Neustadt- 
Eberswalde angehörig, durch grosse Uebereinstimmung mit der 
Nagelfluh der Schweizer Voralpen neben vielen andern Bewei- 
sen, dafür sprechen, dass ein grosser Theil des vaterländischen 
Bodens als Vorland eines früher in grössern Dimensionen be- 
standenen scandinavischen Alpengebirges anzusehen sei. 

Herr Ewald besprach die durch Alphokse Favre in 
Genf neuerlich herausgegebene geologische Karte eines Theils 
von Savoyen, der Schweiz und Piemont, welche, die Umgebun- 
gen des Montblanc und den von der Arve durchflossenen Land- 
strich zwischen diesem Berge und Genf im Maassstabe von 
1 5 ' darstellend, die Frucht einer mehr als zwanzigjährigen 
Forschung des Autors ist und einen wesentlichen Fortschritt in 
der Kenntniss von der Verbreitung der Formationen und ihrer 
Glieder in dem genannten Gebiete bezeichnet. Das Anthracit- 
gebirge der westlichen Alpen, welches bekanntlich trotz der darin 
enthaltenen Steinkohlenflora von einem Theil der Geologen zum 
Lias gerechnet wird, dessen Zugehörigkeit zum alten Steinkohlen- 
gebirge indess Favre in der der Karte beigegebenen Erläuterung 
ausdrücklich anerkennt, findet man seinen Grenzen nach mit 
grosser Vollständigkeit verzeichnet. Besondere Beachtung ver- 
dient ferner die Ausdehnung, welche den auf der Karte von 
Studer und Escher bereits angedeuteten Triasbildungen dieses 
Theils der Alpen durch Favre's Untersuchungen gegeben wor- 
den ist. Bei Behandlung der jüngeren Secundärformationen ist 
in der Juraformation versucht worden, die Sonderung des Lias 
von den anderen Juragebilden durchzuführen, in der Kreidefor- 
mation aber nach Abtrennung des Neocoms die übrig bleibenden 
Ablagerungen durch den als Horizont ausgezeichneten und daher 
besonders angegebenen Gault in eine darüberliegende und eine 
darunterliegende Schichtenfolge zu sondern. Aehnliche Sorgfalt 
ist auf der Karte den Tertiär- und Diluvialvorkommnissen ge- 
widmet. Eine ausführliche Beschreibung des dargestellten Ge- 
biets, mit welcher Herr Favre jetzt beschäftigt ist, wird der 
Karte nachfolgen. 

Herr Rammelsberg berichtete über seine Untersuchung des 
Glimmers von Gouverneur und über die Zusammensetzung der 
Magnesiaglimmer im Allgemeinen (Bd. XIV. S. 758.) 

Schliesslich legte Herr G. Rose noch einen neuen Meteori- 
ten vor von der Sierra de Chaco in der Wüste Atacama im Nor- 



240 



den von Chile, den er von Herrn Domeyko in Chile durch den 
Königl. Preuss. General -Consul für Chile Herrn Leven hagen 
für das Berliner mineralogische Museum neuerdings erhalten hat. 
Der Meteorit hat eine sehr merkwürdige mineralogische Beschaf- 
fenheit. Er kommt nicht überein mit dem schon früher in der 
Wüste Atacama gefundenen Meteorit, der ein Gemenge von 
Nickeleisen und Olivin ist, und zu der Abtheilung der Pallasite 
gehört, sondern gleicht auffallend dem vor 7 Jahren gefundenen 
Meteorit von Hainholz im Paderbornschen , und ist wie dieser 
ein meistens feinkörniges Gemenge von Nickeleisen, Magnetkies, 
Olivin und Augit, worin wieder einzelne grössere Körner von 
Nickeleisen und den beiden Silikaten liegen. Der Augit macht 
diese Meteorite besonders bemerkenswerth , da er bisher nur in 
der sonst seltenen Meteoritenart, dem Eukrite beobachtet ist, wozu 
die Meteorite von Stannern, Juvenas und Jonzac gehören. Der 
Meteorit von der Sierra de Chaco macht mit dem von Hainholz 
offenbar eine besondere Meteoritenart aus, die mit einem beson- 
dern Namen zu benennen ist, wofür nun Herr G. Rose von dem 
Umstände ausgehend, dass diese Meteorite recht eigentlich in 
der Mitte der Eisen- und Stein - Meteorite stehen, den Namen 
Mesosiderit von [xsao? in der Mitte stehend, aiSr^po? Eisen, 
vorschlägt. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrtch. Roth. 



2. Protokoll der März Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 4. März 1863. 
Vorsitzender: Herr G. Röse. 

Das Protokoll der Februar-Sitzung wurde verlesen und an- 
genommen. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 
A. Als Geschenke: 

O. C. Marsh. Descriptio?i of the remains of a netv Ena- 
liosaurian (Eosaurus Acadianus) form the coal formation of 
Nova Scotia. — The Gold of Nova Scotia. Sep. 



241 



) n | Amtlicher Bericht über die Industrie- und Kunst- Aussellung 
i zu London im Jahre 1862 erstattet nach Beschluss der Kom- 
missarien der deutschen Zollvereins-Regierungen. I, Heft. 1. Classe. 
Berlin 1863. Geschenk des Verfassers Herrn Wedding in Bonn, 
i A. Zittel. Die obere Nummuliten-Formation in Ungarn. 
( Sep. 

! R. v. Bennigsen - Förder. Das nordeuropäische und be- 
i sonders das vaterländische Schwemmland in tabellarischer Ord- 
nung seiner Schichten und Bodenarten. Berlin 1863. 
, B. Im Austausch : 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt. XII. 4. 
Abhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Gör- 
litz. XL 

Archiv für Landeskunde in Meklenburg. XII. 11. 12. 

Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 
in Wien. Mathem. naturw. Classe I. XLV. 2. 3. 4. 5. IL XLV. 
4. 5. XLVI. 1. 2. 

Schriften der königl. physikalisch-ökonomischen Gesellschaft 
zu Königsberg. III. 2. 1862. 

Mittheilungen aus »I. Perthes' geographischen Anstalt. 
1$62. 11. 12. Ergänzungsheft 9. 10. 

Zeitschrift des Architekten - und Ingenieur- Vereins für das 
Königreich Hannover. VIII. 3. 4. 

Natuurkundige Verhandelingen van de Hollandsche Maat- 
schappij der Wetenschappen te Haarlem. Tweede Versame- 
ling. Zwentiende Deel und Negentiende Deel. Berste stuk. 

Bulletin de la Societe des sciences naturelles de Neucha- 
tel VI. 1. 

Annales des mines. (6.) Tome 2. livr. 1. 2. 

The American Journal of science and arts. 35. 103. 

The Canadian naturalist and geologist. VII. 6. 

Memoirs of the Geological Survey of India. Vol. IV. 
Part. 1. — Palaeontologia Indica. II. 1.2. — Annual report 
of the Geological Survey of India for the year 1861 — 1862. 
Calcutta 1862. 

Der Vorsitzende erinnerte daran, dass der heutige Tag der 
zehnjährige Sterbetag von Leopold v. Buch sei. 

Herr Krug v. Nidda legte oktoedrische Krystalle von Stein- 
salz aus den obersten Lagen des Steinsalzvorkornmens von Stass- 
furth vor. Es wechseln dort die Steinsalzschichten anfangs mit 



242 



Kali- und Magnesiasalzen und da, wo diese letzteren überwiegen, 
finden sich in ihnen die vorgelegten Oktaeder eingewachsen. 

Herr Roth berichtete in eingehender Weise über das jüngst 
erschienene Werk von Sir Charles Lyell: The antiquity of 
man. London 1863. 

Herr Lottner legte Stücke von krystallisirtem, innig mit 
Quarzsand gemengten kohlensauren Kalk vor, welche sich bei 
Brilon in Westfalen auf der Sohle von Sandgruben und in 
Klüften des darunter lagernden (devonischen) Massenkalkes ge- 
funden haben. Dieselben erinnern an die sogenannten krystalli- 
sirten Sandsteine von Fontainebleau, stehen den letzteren jedoch 
in der Grösse und Schönheit der Krystalle nach. Neben gut 
ausgebildeten, bis zu j Zoll langen Rhomboedern zeigen sich 
durch Zusammenhäufung von Krystallen allmälige Uebergänge 
in ganz gerundete und knollige Concretionen. — Derselbe be- 
richtete ferner über das auf Steinkohlengruben bei Dortmund 
und Bochum neuerdings öfter beobachtete Vorkommen von Haar- 
kies (Schwefelnickel); dieses Mineral tritt dort — ähnlich wie 
nach Jordan in der Steinkohlen- Ablagerung von Saarbrücken 
und der Pfalz — mit Kalkspath , Schwefelkies und zuweilen 
Blende vergesellschaftet in Querklüften des Gesteins, sowie in 
den Spalten von Nierenbildungen auf. Eine Stufe desselben 
wurde vorgezeigt. 

Herr Drescher legte ein neu gefundenes Exemplar des 
Ammonites subtricarinatus d'Orb. aus dem oberen Quader- 
sandstein von Kesselsdorf im Löwenberger Kreidebecken vor. 
Bisher kannte man diesen Ammoniten nur als Seltenheit aus 
dem Senon des südlichen Frankreichs. In der turonen Kreide 
des nördlichen Schlesiens ist nach Mittheilung des Redners Bi- 
radiolites cornu pastoris d'Orb. beobachtet worden. 

Herr Ewald legte mehrere ihm vou Herrn Salinen-Direktor 
v. Sfxkendorf zu Schöningen mitgetheilte Gesteinsproben vor, 
welche aus einem in Cöslin gestossenen Bohrloch gefördert wor- 
den sind. Dieselben bestehen aus grauem, theils dolomitischen, 
theils ooliihischen Kalk, welcher sich sowohl nach seinem mine- 
ralogischen Charakter wie nach den darin vorgefundenen organi- 
schen Resten, namentlich Exogyren und Terebrateln, als oberer 
Jurakalk, dem von Fritzow bei Cammin im Alter gleichend, zu 
erkennen giebt. Das bis jetzt bekannt gewesene Verbreitungs- 



243 



gebiet des weissen Jura in Pommern wird durch dieses Vor- 
kommen um ein Stück gegen Osten erweitert. 

Herr v. Bennigsen- Förd er knüpfte zunächst die Bemer- 
kung an den Vortrag des Herrn Rüth über die neue Arbeit 
von Herrn Lyell, dass auch die Lagerungsverhältnisse bei St. 
Acheul die Ansicht von einem vordiluvialen Alter des Menschen- 
geschlechts in jener Gegend nicht unterstützen, da mit den Feuer- 
steinäxten unter den Diluvial-Schichten auch rothe Lehmbeimen- 
gung, die nur von der Oberfläche des dortigen Bodens abstammt, 
deutlich zu beobachten ist. Demnächst überreichte Redner für 
die Bibliothek der Gesellschaft seine so eben erschienene Arbeit 
über das nordeuropäische, besonders vaterländische Schwemm- 
land, welche aus der Absicht entstanden ist, zunächst durch 
specielle Angabe der Schichten und Bodenarten desselben zu 
einer sichern Begründung der geognostischen und geologischen 
Kenntniss der neusten Zeitabschnitte der Erdoberfläche für das 
bezeichnete Gebiet beizutragen ; zugleich lud Redner diejenigen 
Mitglieder der Gesellschaft, welche sich eingehender mit der 
Geognosie des bezeichneten Gebiets beschäftigen wollen, ein, die 
Belegstücke und Proben von den in der jetzt veröffentlichten 
tabellarischen Uebersicht genannten 60 Gebilden aus der Samm- 
lung des Redners genauer untersuchen zu wollen. 

Herr Klnth legte einige aus dem anstehenden Kieselschie- 
fer des Bansberges bei Horscha unweit Görlitz stammende Grapto- 
lithen vor. Redner bemerkte, dass dieses bereits von Glocker 
erwähnte Vorkommen ein neues Licht auf die den Thonschiefern 
Niederschlesiens beigesellten Kieselschiefer werfe. Ferner legte 
derselbe säulenförmig abgesonderte Sandsteine aus einem Basalt- 
bruche südlich von Lähn in Niederschlesien vor.- 

Herr Schlönrach legte 3 neue Ammoniten-Species aus 
dem mittleren Lias im Hannoverschen vor. Die erste, eine 
sehr grosse und involute Form, schliesst sich zunächst an Am- 
monites Buvignieri d'Orr. an, der nach Oppel im unteren 
Lias mit Anmionites oxynotus Quekst. und raricostatus v. Ziet. 
vorkommt, und fand sich nicht selten bei Calefeld unweit Nord- 
heim in dem Eisenstein mit Ammonites Jamesoni Sow. 

Die zweite, von der ein grösseres Bruchstück und die 
Zeichnung eines wohlerhaltenen vollständigen Exemplares vor- 
gelegt wurde, ist wenig involut mit eiförmiger Mundöffnung ; die 
Windungen sind mit flachen abgerundeten Rippen versehen, welche 



244 



etwas oberhalb der Naht einen Knoten tragen und, nach oben 
schwächer werdend, gerade über den Rücken verlaufen; zwischen 
denselben und parallel zu ihnen verlaufen viele feinere Streifen, 
welche auf dem Rücken von gleicher Stärke sind wie die Rip- 
pen. Es wurden von dieser Art, welche derselben Schicht an- 
gehört wie die vorige, Exemplare von Calefeld und Rottorf am 
Kley in Hannover, mehrere aus Schwaben und eins aus dem 
Canton Bern, im Ganzen 8, beobachtet. 

Die dritte Art schliesst sich zunächst an Ammonites ca- 
pricornus v. Schloth. an, unterscheidet sich von demselben aber 
durch Schärfe der Rippen, die auf der Mitte des Rückens ge- 
wöhnlich stark nach vorn gebogen sind, so dass dort eine schwa- 
che Furche entsteht; auf der Seite tragen die Rippen je 2 starke 
Dornenreihen. Diese Art findet sich sehr häufig an vielen Lo- 
kalitäten mit Ammonites capricornus v. Schloth., Davoei Sow. 
und margaritatus Montf. zusammen in einer Schicht, die etwas 
höher liegt als die vorigen. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



3. Protokoll der April -Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 8. April 1863. 
Vorsitzender Herr Gr. Rose. 

Das Protokoll der März- Sitzung wurde verlesen und an- 
genommen. 

Als Mitglied ist beigetreten: 

Herr Dr. phil. Küsel in Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren G. Rose, Ewald, 
Roth. 

Sr. kaiserliche Hoheit Erzherzog Ferdinand Maximilian, 
Marine -Oberkommandant, haben der Gesellschaft ein Exemplar 
des in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei zu Wien angefertigten 
Abdruckes des plastischen Planes der Insel St. Paul im indi- 
schen Ocean zu verehren geruht, welches vorgelegt wurde. 



245 



Für die Bibliothek sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 

A. Stopp am. Supplement a Vessai sur les conditions 
g&nerales des couches a sivicula contorta. Milan 1 863. 

R. Kker und F. Stein© achner. Neue Beiträge zur Kennt- 
niss der fossilen Fische Oesterreichs. Wien 1863. 

H. Fischer. Ueber die Verbreitung der triklinoedrischen 
Feldspathe in den sogenannten plutonischen Gesteinen des Schwarz- 
waldes. Sep. 

M. v. Lipold. Die krystallinischen Schiefer- und Massen- 
gesteine in Nieder- und Oberösterreich — Der Nickelbergbau 
Nökelberg — Die Grauwacken - Formation im Kronlande Salz- 
burg — Der Salzberg am Dürnberg nächst Hallein — Geolo- 
gische Notizen aus der Umgebung des Salzbergwerkes zu Hall 
in Tirol — Geologisches Vorkommen im Hüttenberger Erzberge 
in Kärnten — Bemerkungen über Herrn Münichdorfer's Be- 
schreibung des Hüttenberger Erzberges — Erläuterung geologi- 
scher Durchschnitte aus dem östlichen Kärnten — Bericht über 
die geologischen Aufnahmen in Oberkrain 1856 — Die Eisen- 
stein-führenden Diluviallehme in Unterkrain — Bericht über die 
geologische Aufnahme in Unterkrain 1857 — Geologische Ar- 
beiten im nordwestlichen Mähren — Ueber Herrn Barrande's 
Colonien — Das Steinkohlengebiet im nordwestlichen Theile des 
Prager Kreises. Separatabdrücke. 

B. Im Austausche: 

Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der preussi- 
schen Rheinlande und Westfalens. XIX. 1862. 

Generalregister der ersten 10 Bände des Jahrbuchs der k. k. 
geologischen Reichsanstalt. Wien 1863. 

Abhandlungen herausgegeben von der Senckenbergischen 
naturforschenden Gesellschaft. IV. 2. 

Bulletin de la Societe Imperiale des naturalistes de Mos- 
cou. 1862. III. 

The American Jouinal of Science and arts. N. 104. 
March 1863. 

Herr Ehrenrerg legte das unter dem Titel: Manual of 
Geology with special reference to American geological history 
by James Dana. Philadelphia 1863. erschienene, reich mit Illustra- 
tionen ausgestattete Werk vor. Derselbe berichtete ferner, dass es 
Staatsrath Paeder gelungen sei, die früher nur in Hornstein- 
geschieben des Kohlenkalkes bei Tula beobachteten Polythalamien 
dort jetzt in einer Schicht von Thon und Lehm aufzufinden, in 
welcher diese Organismen vollkommen gut erhalten und von allen 



246 



Seiten der Beobachtung zugängig auftreten. Die Polythalamien 
aus diesen Thonen wurden vorgelegt. 

Herr G. vom Rath sprach über die Zusammensetzung des 
Mizzonits vom Vesuv. Der Mizzonit ist in seiner Krystallform 
dem Mejonit verwandt, findet sich aber nicht wie letzteres Mineral 
auf Kalkstein - Auswürflingen , sondern in Drusen von Blöcken, 
welche vorzugsweise aus Sanidin bestehen. Das spec. Gewicht 
des Mizzonits 2,623 ist erheblich geringer als dasjenige des Me- 
jonits. Die^ Zusammensetzung ist folgende: Kieselsäure 54,70, 
Thonerde 23,80, Kalkerde 8,77, Magnesia 0,22, Kali 2,14, Na- 
tron 9,83, Glühverlust 0,13. Es verhalten sich demnach die 
Sauerstoffmengen der Kieselsäure, der Thonerde, der einatomigen 
Basen wie 5:2 : 1. Die Gattung Wernerit umfasst nun drei 
bisher sicher erwiesene heteromere Species: den Mejonit mit der 
Sauerstoffproportion 1:2:3, den Skapolith mit der Proportion 
1 : 2 : 4, den Mizzonit mit der Proportion 1:2:5. — Der Wer- 
nerit von Gouverneur (New York) besitzt auch diese letztere Sauer- 
stoffproportion und muss demnach zu der Species Mizzonit ge- 
rechnet werden. 

Der Vorsitzende legte einige Gebirgsarten von den Vorber- 
gen des hohen, wie es scheint, noch thätigen Vulkans auf der 
Ostküste von Afrika, im Westen von Zanzebar, dem Kiliman- 
scharo vor, die Herr v. d. Decken von seiner letzten Expedition 
nach diesem Vulkan mitgebracht und Herrn Barth geschickt 
hatte, durch den sie dem Vorsitzenden mitgetheilt wurden. Sie 
bestehen grösstentheils aus Glimmerschiefer, der Quarz und klein- 
schuppigen schwarzen Glimmer in dünnen Lagen wechselnd ent- 
hält, und durch einen grossen Reichthum von rothem Granat 
ausgezeichnet ist, der gewöhnlich nur in kleinen Krystallen in 
den Quarzlagen liegt, aber in manchen Lagen grösser, und hier 
fast Zoll-gross ist, in welchen dann auch der Glimmer grossblätt- 
riger erscheint, und sich um den Granat herumlegt; — ferner 
aus einem sehr merkwürdigen und frischen Hypersthenfels , und 
von neueren vulkanischen Gesteinen aus Basalt und Trachyt ; er- 
sterer ganz ähnlich unsern Basalten enthält Olivin und Augit ein- 
geschlossen, letzterer in einer grauen Grundmasse grosse Krystalle 
von glasigem Feldspath. Versteinerungsführende Gebirgsarten 
sind in der Sendung gar nicht enthalten, die Basalte und Trachyte 
scheinen also wie in der Auvergne unmittelbar aus den soge- 
nannten primitiven Gebirgsarten hervorzubrechen. Herr Barth 
fügte noch einige Bemerkungen über den Kilimanscharo und die 
Expedition des Herrn v. d. Decken nach diesem Vulkane hinzu. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrich. Roth. 



247 



B. Briefliche Mittheil ung. 

Herr Zimmermann an Herrn Roth. 

Hamburg, den 4 April 1863. 

Herr Professor Ferd. Roemer hat in dieser Zeitschrift 
(Bd. XIV. S. 575) eine sehr lehrreiche Abhandlung „Ueber die 
Diluvial-Geschiebe von nordischen Sedimentär- Gesteinen in der 
norddeutschen Ebene", veröffentlicht, die mich lebhaft interessirt 
hat, da ich mich seit länger als vierzig Jahren vielfach mit den 
Geschieben unserer Gegend, namentlich mit den darunter vor- 
kommenden Petrefakten beschäftigt habe. Herr Professor Roe- 
mer führt in seiner Abhandlung verschiedene Gegenden und 
Oertlichkeiten an, von denen ihm Geschiebe von nordischen Se- 
dimentär- Gesteinen bekannt sind; aus Holstein geschieht aber 
nur der von Herrn Dr. Meyn beschriebenen Dolomit- Geschiebe 
ausführlicherer Erwähnung Und doch ist auch Holstein beson- 
ders reich, nicht nur an Findlings -Petrefakten der Kreide- und 
Tertiär-Formation, sondern auch aus silurischen Schichten. Ich 
habe schon im Jahre 1841, im N. Jahrbuch für Mineralogie 
S. 643 einen Aufsatz „Ueber die Geschiebe der norddeutschen 
Ebene und besonders über die Petrefakten , welche sich in dem 
Diluvial- Boden der Umgebung Hamburgs finden", veröffentlicht; 
in welchem ich nach dem Vorgange Klöden's und Quenstedt's 
(über die Geschiebe der Umgegend Berlins, in N. Jahrb. 1838, 
S. 136) die Petrefakten der Uebergangs-Formation beschrieben, 
und auf ihre ursprüngliche Lagerstätte hinzuweisen versucht habe. 
Seitdem hat sich meine Sammlung begreiflich sehr vermehrt, 
wenn ich auch nur im Umkreise unserer Stadt in einer Entfer- 
nung von 2 bis 3 Meilen habe sammeln können. Eine grössere, 
einst von Herrn Koch zusammengebrachte Sammlung von Find- 
lings - Petrefakten , befindet sich jetzt in unserm Museum. Ich 
halte es nicht für überflüssig auf diese Thatsachen wieder auf- 
merksam zu machen , um der etwaigen Meinung zu begegnen, 
als ob auf diesem Boden der Forschung hier nichts geschehen 



248 



wäre. Darum erlauben Sie mir noch einige Mittheilungen über 
das Vorkommen von Versteinerungen in den Gerollen unserer 
Gegend. Die Hauptfundorte sind dei Lehm- und Mergelgruben 
bei Wellingsbüttel, Poppenbüttel, Hoisbüttel, Bergedorf, Reinbeck 
und die Gegend zwischen Blankenese und Schulau. Am häufig- 
sten finden sich Kreide- Versteinerungen, meistens im Feuerstein, 
seltener isolirt. Aus dem Nachlass eines vor einigen Jahren 
verstorbenen Geistlichen in Lauenburg erhielt ich einige Jurä- 
Versteinerungen , die in einer Mergelgrube bei Mölln gesammelt 
worden sein sollen. Ich^bedaure es sehr, mir keine zuverlässige 
Auskunft über die Gewissheit des Fundortes dieser Petrefakten 
verschaffen zu können. Sie tragen indessen alle Zeichen der 
Zusammenschwemmung an sich, denn sie sind meistens stark 
abgeschliffen. 



249 



2 . €. Aufsätze. 



1. Geognostische Beschreibung des Districtes der 
Lindner Mark und ihrer nächsten Umgebung bei 

I Giessen, mit besonderer Rücksicht auf das Vorkom- 
men der Manganerze, sowie unter Aufzählung und 

f Charakteristik sämmtlicher mit denselben auftreten- 
den Mineralien. 

Pilllp^; ■' fr m&r^-d >bM 

Von Herrn Ottmar Hahn in Wetzlar. 

Die Lindner Mark nimmt im Südosten und Süden der Stadt 
Giessen ungefähr einen Raum von ij Quadratstunde ein und 
bildet ein bergiges, zum grossen Theil von Wald bedecktes Ter- 
rain, welches im Westen von dem preussischen Kreise Wetzlar, 
im Norden von der Lahn und der in dieselbe fliessenden Wieseck, 
im Osten von den Ausläufern der Basalte des Vogelsberges und 
endlich im Süden von den Gemarkungen der Dörfer Steinberg 
und Leihgestern begrenzt wird. 

Der zur unteren Gruppe der devonischen Formation gehö- 
rende Spiriferensandstein ist das älteste Sediment und besitzt zu- 
gleich die grösste Ausdehnung und mächtigste Entwickelung in 
derselben. Er streicht aus dem Kreise Wetzlar in genau nord- 
östlicher Richtung und bildet bei seinem Eintritt in die Mark 
eine nicht unbeträchtliche Erhöhung, verschwindet dann unter 
dem Alluvium des Lahnthals, kommt erst wieder zu beiden Seiten 
der Main- Weser- und Köln - Giessner Bahn zum Vorschein, ver- 
breitet sich über den ganzen Seltersberg und verschwindet eines- 
theils nach Nordosten unter den Tertiärsanden, anderntheils keilt 
er sich mit dem Kalke im Westen von Kleinlinden aus. Die 
Linie der Main- Weserbahn durchschneidet kurz vor dem Tannen- 
walde hinter Kleinlinden zwei solcher Auskeilungen. Die süd- 
lichste von ihnen setzt in der Richtung Südwest weiter fort und 
erreicht ihr Ende in dem Kalke nahe der preussischen Grenze. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 17 



250 



Ungefähr in der Mitte der Mark tritt der Spiriferensandstein 
wiederum hervor , wird hier jedoch grösstenthels von den ihn 
überlagernden Tertiärmassen verdeckt, so dass er nur an der 
Chaussee nach Grossenlinden und westlich von dem Braunstein- 
bergwerke, wo er sich mit dem Kalke auskeilt, zu beobachten ist. 

Ein drittes Vorkommen ist fast gänzlich vom Walde bedeckt 
und befinden sich hier auch nur wenige deutliche Aufschlüsse. 

Westlich von Kleinlinden an der Grenze des Spiriferensand- 
steins tritt eine petrefactenführende Schicht von nur geringer 
Breite zu Tage, welche genau das allgemeine Streichen von Süd- 
west nach Nordost innehält. In der Nähe von Giessen kommt 
sie nochmals zum Vorschein und zwar zwischen der Main-Weser- 
bahn und der nach Wetzlar führenden Chaussee , ehe dieselbe 
den Damm der Bahn durchschneidet ; doch ist sie jetzt durch die 
an dieser Stelle vorgenommenen Eisenbahnbauten theilweise ver- 
deckt. 

Der Stringocephalenkalk aus der mittleren Gruppe der de- 
vonischen Formation gewinnt im Osten und Süden Kleinlindens 
seine grösste Ausdehnung und besitzt in seinem Streichen ganz 
dieselbe Richtung des Spiriferensandsteins. Er ist zwar nicht, 
wie es bei einem Blick auf die Karte erscheinen muss, überall 
da zu Tage tretend, wo er auf derselben aufgeführt wird, allein 
es zeigen Höcker und Kuppen desselben, welche an vielen Orten 
aus der ihn fast beständig bedeckenden Thonschicht hervorragen, 
sowie zahlreiche Schürfarbeiten , die ihn x an den verschiedenen 
Stellen blossgelegt haben, hinlänglich sein Verbreitungsgebiet an. 
Zwischen Kleinlinden und Lützellinden wird er von der Lücke- 
bach durchbrochen und streicht sodann weiter über die Grenze 
der Gemarkung hinaus. 

An den verschiedensten Orten, so namentlich in der Nähe 
des Braunsteinbergwerkes im Giessner Wald und auf dem Südab- 
hange des Berges hinter Kleinlinden, ist er in Dolomit umgewan- 
delt. Ein sehr interessantes Vorkommen desselben findet sich 
unter den Diluvialmassen, welche die neue Eisenbahn, bevor sie 
Giessen erreicht, durchschneidet. Er steht offenbar mit dem Kalke 
von Kleinlinden in innigem Zusammenhang, da er sich genau auf 
der Streichungslinie desselben befindet. Der übrige Theil der 
Mark und zwar hauptsächlich der Nordwesten und Süden wird 
von mächtigen Tertiärbildungen eingenommen , an welche sich 



251 



i auf dem Seltersberg und in der Nähe von Kleinlinden Geröll- 
massen aus der Diluvialzeit anschliessen. 

j. Spiriferensan dstein. 

Die grosse Aehnlichkeit, welche dieses Gestein an allen Or- 
I ten wo es auftritt unter sich zeigt, beweiset, dass das zu seiner 
Bildung verwandte Material überall dasselbe gewesen sein musste. 
Seine Masse ist meistens von bedeutender Härte und treten in 
, derselben kleine abgerundete Quarz- und Kieselschieferstückchen 
deutlich hervor, welche durch Thonschiefersubstanz, die in der 
Regel von Eisenoxyd oder Eisenoxydhydrat durchdrungen ist, 
verbunden sind. Die Fragmente sind von dem verschiedensten 
, Korne , doch erreichen sie in unserer Gemarkung niemals die 
Grösse, dass das Gestein ein grobes conglomeratartiges Ansehen 
bekäme. Die Farbe ist bald gelbgrau, bald tief braun, je nach 
den Körpern, durch welche sie hervorgerufen wird. 

Auf dem Querbruche zeigt die Grauwacke ein feinsandiges 
Ansehen ähnlich wie grober Sandstein, als welcher sie auch zu 
betrachten ist. Doch findet sich im Gegensatz zu dem eigent- 
lichen Sandsteine, bei dem eine rechtwinklige Absonderung vor- 
herrschend ist, eine rhomboedrischeoder unregelmässige polyedrische 
Zerklüftung, welche erstere besonders für das Gestein charakte- 
ristisch ist. Manche sehr dichte Varietäten zeigen auf dem Bruch 
eine feinerdige Beschaffenheit. Glimmerblättchen, die in der gan- 
zen Masse regellos vertheilt sind, treten auf dem Bruch nur un- 
deutlich hervor, lassen sich aber doch an ihren spiegelnden Flächen 
erkennen. Auf der Ablagerungsfläche, dem sogenannten Haupt- 
bruch, sind sie dagegen gewöhnlich deutlicher zu beobachten. 

Nirgends befinden sich die Schichten in ihrer ursprünglichen 
Lage, sondern sind unter den verschiedensten Winkeln emporge- 
richtet und fallen mit Ausnahme einer Stelle, die weiter unten 
beschrieben werden soll, alle gegen Süden und Südosten ein. 

An dem westlichen Abhänge des Kleinlindener Berges der 
Teufelsmühle gegenüber ist das Gestein stark verwittert und 
mitunter in Letten umgewandelt. Es zeigen sich hier viele in 
allen Richtungen kreuzende, oft zollbreite Quarzschnüre, welche 
bald die Spalten, in denen sie sich befinden, ganz ausfüllen, bald 
nur an den Wänden derselben in kleinen Krystallen abgesetzt 
sind. Da diese Spalten ganz unabhängig von der Bildung des 

17* 



252 



Gesteins sind und erst bei der Verschiebung desselben gebildet 
wurden, so besitzt auch der durch Secretionen oder Infiltrationen | 
in sie gelangte Quarz ein viel jugendlicheres Alter al s der, wel- t 
eher mit zur Constituirung der Grauwacke beiträgt. Etwas über 
die Grenze der Gemarkung an der Chaussee nach Dutenhofen 
ist der Spiriferensandstein durch einen Steinbruch schön aufge- " 
schlössen, und tritt hier wechsellagernd mit Schichten von Thon- 
schiefer auf, welche durch ihre dunklere Farbe, schon von Ferne 
aus der helleren Grauwacke hervortreten. Eine derartige Auf- 
einanderfolge von Thonschiefer und Grauwacke kann nur durch 
die Existenz stärkerer und schwächerer Strömungen erklärt 
werden , welche bald gröberes bald feineres Material mit sich 
führten und abgelagert haben. Das Gestein fällt hier ungefähr 
in einem Winkel von 60 Grad nach Südosten ein. 

Weiter westlich von diesem Orte findet sich ein Steinbruch, 
in welchem die Grauwacke durch eine grosse, plattenförmige Ab- 
sonderung ausgezeichnet ist. Sie wechsellagert hier ebenfalls mit 
Thonschiefer und fanden sich an mehreren Stellen breite, thonige 
stark mangan- und eisenoxydhaltige Massen, welche die Zwischen- 
räume von dem Gestein verkitteten. An deren Stelle mögen 
früher Knollen und Schnüre von Kalk gewesen sein, der durch 
eisen- und manganführende Gewässer aufgelöst und an dessen 
Stelle die beiden Metalloxyde niedergeschlagen und oxydirt wurden. 

In dem Spiriferensandstein des Seltersberges zeigen sich, ähn- 
liche Absonderungen in den Klüften und Schichtungsflächen, nur 
dass sie hier aus Rotheisenstein bestehen. Letzterer überzieht 
das Gestein besonders an einem durch die neue Eisenbahn frei- 
gelegten Punkte in dünnen Rinden, so dass man es mitunter für 
compacten Rotheisenstein halten kann und erst beim Zerschlagen 
lässt das Stück die unveränderte innere Masse erkennen. 

Mit der fortschreitenden Verfeinerung des Materials der Grau- 
wacke, durch welche ein allmäliges Verschwinden der Fragmente 
bedingt wird, mit der Zunahme des thonigen Bindemittels und 
der Glimmerschüppchen geht dieselbe in Grauwackenschiefer und 
zuletzt in Thonschiefer über. Der Uebergang des Grauwacken- 
schiefers in den Thonschiefer findet so allmälig statt, dass keine 
scharfe Grenze zwischen beiden zu ziehen ist. Im Wesentlichen 
unterscheidet er sich von letzterem durch die Structur, indem die 
rhombischen Absonderungen desselben an den Enden mehr rund- 



253 



et if liehe Formen zeigen, während die Kanten' und Ecken des Thon- 
in 11 Schiefers scharf ausgebildet sind. Der Thonschiefer ist als eine 
I i Bildung der feinsten successiven Schlammabsätze zu betrachten, 
in An den Orten, wo ich ihn zu beobachten Gelegenheit hatte, 
d o sind dunkle Farben, bald dunkelgrau bis dunkelgrün, bald mehr 
• ■! rothgrau, vorwaltend. Ueberall ist er mit äusserst kleinen Glim- 
■• merschüppchen bedeckt, welche auf der Schichtungsfläche beson- 
!9 ders deutlich hervortreten. Die Glimmerschüppchen stehen in 
• innigem Zusammenhang mit der Schieferung, denn mit der Zu- 
t nähme derselben wird die schiefrige Structur deutlicher. Der 
i Thonschiefer tritt immer mit der Grauwacke wechsellagernd auf 
i und erleidet wie diese mannigfache Verschiebung und Zerknickung. 
i So findet sich z. B. der Sorgemühle gegenüber eine Schicht 
desselben , welche diese Erscheinung zeigt. Etwas gegen 
, Norden einfallend ist sie fast senkrecht in die Höhe gerichtet 
und die wahre Schichtung nur dadurch deutlich zu erkennen, 
] dass sich in der Mitte derselben eine ungefähr handbreite Lage 
|i von Grauwacke befindet. Die Schiefer zeigen drei zu einander 
schiefwinklig stehende Ablösungen, wodurch griffeiförmige oder 
i rhombische Absonderungen entstehen, welche an den der Ver- 
witterung am meisten ausgesetzten Stellen besonders deutlich her- 
vortreten. Obgleich sich die Schieferung auf beiden Seiten der 
Grauwacke mit unveränderter Richtung fortsetzt, sind an letzterer 
doch durchaus keine ähnliche Ablösungsrichtungen zu bemerken. 

Mit Ausnahme der einen petrefactenführenden Schicht, deren 
Lage bei der Beschreibung der Mark angedeutet wurde, ist der 
Spiriferensandstein arm, wenn nicht geradezu leer, an Versteine- 
rungen. In der petrefactenführenden Schicht finden sich meistens 
nur Steinkerne oder Abdrücke, häufig mit einer dünnen Rinde 
von Eisenoxydhydrat überzogen. Neben den Thierüberresten 
kommen häufig Abdrücke von Fucoiden vor, unter denen bis 
jetzt Chondrites antiquus ^ bestimmt wurde. Herrn Professor 
Knop verdanke ich Kenntniss sämmtlicher hier gefundenen Ver- 
steinerungen. Es sind folgende: 

Pleurodictyum problematicum ± 
Cyathophyllum sp. ? 
Crinoiden - Stiele 
Fenestella infundiboliformis -f- 
Vhonetes sarcinnlata \ 



254 



Orthis striatula =f 

Phacops latifrons =p 

Phacops laciniatus _l 
Von diesen neun gefundenen organischen Ueberresten kom- 
men zwei (=f) sowohl Jn dem unteren als auch dem mittleren 
devonischen System vor, vier (X) aber gehören nur dem un- 
teren an und ist hierdurch hinlänglich bewiesen, dass die Schich- 
ten, in welchen sie enthalten sind, den ältesten devonischen zu- 
gerechnet werden müssen. 

2) Stringocephalenkalk. 

Der Stringocephalenkalk tritt in der Gegend von Wetzlar 
in drei parallelen Zügen auf, die ungefähr eine Meile von einan- 
der entfernt sind und das Hauptstreichen der devonischen For- 
mation innehalten. Die beiden nördlichsten derselben beginnen 
im Nassauischen und gehören dem einen die Kalke an der Bieber, 
dem andern die der Lindner Mark an. Der dritte Zug kann hier 
nur geringeres Interesse haben, da er bei weitem nicht das aus- 
gedehnte Streichen der beiden ersteren besitzt und ausserdem zu 
entfernt von der Grenze der Gemarkung ist, als dass er in die 
Betrachtung hineingezogen werden könnte. 

Im Aeussern zeigen alle in der Mark vorkommenden Kalke 
eine grosse Aehnlichkeit. Der Bruch ist muschlig, die Farbe 
gewöhnlich ein helleres oder dunkleres Graublau, die bei einem 
Gestein in der Nähe Kleinlindens, welches beim Anschlagen einen 
stinkenden Geruch erkennen lässt, fast in schwarz übergeht, je- 
doch fehlt es auch nicht an gelblichen und röthlichen Varietäten. 
Die der Luft am meisten ausgesetzten Theile sind von viel hellerer 
Farbe als die tiefer liegenden desselben Gesteins, was bedingt 
wird durch die Oxydation der färbenden bituminösen Substanzen. 

Ueberall wo der Kalk zu Tage tritt, zeigt er eine unregel- 
mässige stark zerklüftete und verwitterte Oberfläche, an welcher 
gewöhnlich eine grosse Zahl von in Kalkspath umgewandelten 
organischen Ueberresten gefunden wird , die mit den das Gestein 
in allen Richtungen durchziehenden Kalkspathadern oft einen Zoll 
hoch hervorragen. Mitunter bestehen die Conchylien und Ko- 
rallen des Kalks aus Aragonit, was sich aus den Untersuchungen 
von Necker und von Dana ergeben hat, welche die Härte und 
das speeifische Gewicht derselben bestimmten. 



255 



Die Versteinerungen sind gewöhnlich so fest mit dem Kalk 
verwachsen, dass es in den meisten Fällen nicht möglich ist sie 
loszulösen. An frischen Bruchflächen sind sie nur undeutlich zu 
sehen und bloss durch die weisse Färbung namentlich an den 
Rändern kenntlich. Beim Poliren liefert dieser Kalk einen durch 
seine Versteinerungen und die dadurch hervorgebrachten Gegen- 
sätze schön gezeichneten Marmor. 

Alle Kalke, besonders aber die der Uebergangsformation, sind 
ausgezeichnet durch die häufig in ihnen vorkommenden Höhlen. 
Im Bereiche der Lindner Mark finden sich zwar keine, doch 
glaube ich, besonders da auf dem nördlichsten der oben angege- 
benen Kalksteinzüge einige wenn auch nur von geringer Aus- 
dehnung vorkommen, ihnen ein paar Worte widmen zu können. 

Wo die Schichten des Kalks horizontal liegen, wie sie ge- 
bildet wurden, hat man nur selten grössere Höhlen zu erwarten. 
Sind sie aber wie bei uns mehr oder weniger gebogen oder gar 
gebrochen, und ist somit die Bedingung gegeben, dass sich Spal- 
ten im Innern derselben erzeugen konnten, die sodann durch die 
Gewässer ausgewaschen und erweitert werden können, so ist es 
immer gerechtfertigt auf derartige Bildungen zu schliessen. Bei 
den meisten Höhlen spielten und spielen noch immer die Gewässer 
eine grosse Rolle, was wir an den Tropfsteinbildungen sehen, 
welche oft in den seltsamsten Formen in ihnen erscheinen. 

Auf dem Boden einer -dieser Höhlen bei Wetzlar fand sich 
ein brauner Mulm, welcher bei der Untersuchung die Fragmente 
von Brustpanzern und Flügeln von Insecten zu erkennen gab. 
In einer anderen wurden Knochen von Rhinoceros tichorhinus, 
Equus und Hyaena spelaea gefunden. 

An dem Kalke ist die Schichtung gewöhnlich nicht so deut- 
lich wie an der Grauwacke oder gar dem Thonschiefer zu er- 
kennen. Am deutlichsten ist sie in einem der Steinbrüche hinter 
Kleinlinden zu beobachten. 

Die Kalklager sind meistens von einer Menge Sprünge durch- 
zogen, welche das Gestein nach der Oberfläche zu in kleiner 
werdende, unregelmässige von Thon umlagerte Blöcke und Bänke 
zertheilen. Diese Erscheinung lässt sich als eine Folge der Ver- 
witterung unterstützt durch Frost erklären. Das vom Wasser 
durchdrungene Kalkgebirge wird durch die Kraft, welche das beim 
Gefrieren sich ausdehnende Wasser ausübt, in einzelne Stücke 



256 



zersprengt. Hierdurch wird dem Zerstörungsprozess von allen 
Seiten der Zutritt erleichtert und die Isolirung eines Stückes, 
welche anfangs nur durch einen Sprung hergestellt war, durch 
zwischen gelagerten, sich theilweise aus dem Kalk ausscheidenden, 
theilweise zugefuhrten Thon vergrössert, bis endlich das Stück 
von dem Lager vollständig getrennt ist. Da die Ecken eines 
solchen Stücks verhältnissmässig eine viel grössere Fläche bieten 
als die übrige Masse, so wird an ihnen die Verwitterung am 
stärksten vor sich gehen und muss mit dem allmäligen Verschwin- 
den derselben eine Abrundung des ganzen Blockes in Verbindung 
stehen. 

Dichte und poröse Gesteinspartien finden sich oft nur wenige 
Schritte von einander entfernt, so z. B. an dem Saume des Giessner 
Waldes in der Nähe des Braunsteinbergwerks. Mehrere Kuppen 
ragen hier über die Erdoberfläche empor, die theils in Dolomit 
umgewandelt, theils aus dichtem unveränderten Kalksteine be- 
stehen. Offenbar leistete letzterer vermöge seiner dichteren Struc- 
tur den Einflüssen der Atmosphärilien erfolgreich Widerstand, 
während der andere, der jedenfalls ganz denselben Einflüssen aus- 
gesetzt war, sich bis in grössere und geringere Tiefen in Dolomit 
umgeändert findet. 

Zwei Analysen des Kalkes ergaben: 

1. 2 

dunkler sehr dichter heller weniger dichter 

Kalkstein. Kalkstein. 

CaO C0 2 98,233 98,050 

MgO C0 2 0,256 0,352 

MnO C0 2 0,093 0,168 

FeO C0 2 0,096 0,201 

P0 5 0,007 Spuren. 

Thon 0,150 0,436 

Bitumen 0,006 — 

98,841 99,207 

Die Spectralanalyse des zweiten Kalkes liess Strontian, Kali 
und Natron erkennen. 

Mit der Verwitterung des Kalkes in innigem Zusammenhang 
steht die Umwandlung desselben in Dolomit. Kommen nämlich 
die kohlensäurehaltigen Tagewasser mit einem Kalklager in Berüh- 



257 



rung, so wird der leicht löslichste seiner Bestandtheile zuerst 
aufgenommen und fortgeführt werden. In unserem Falle ist dieses 
die kohlensaure Magnesia, allein die Entfernung derselben wird 
durch den kohlensauren Kalk gehindert, welcher mit ihr ein sehr 
schwer lösliches Doppelsalz , den Dolomit bildet. Dieser bleibt 
alsdann zurück und anstatt der Magnesia geht Kalk in Lösung. 
Es findet dieser Umsatz übrigens nicht allein an der Oberfläche 
des Gesteins statt, sondern in allen Klüften und Poren desselben, 
die vermöge ihrer Kapillarität "das Lösungsmittel in dem ganzen 
Gestein aufsaugen und verbreiten. Die fortwährend nachdrin- 
genden Tagewasser vervollständigen die Umbildung des Kalks 
mehr und mehr, er verliert bei stärkerer Dolomitisation seine ur- 
sprünglichen Eigenschaften, der muschelige Bruch verschwindet 
und macht einem feinkörnigen, je nach dem Grade der Umwand- 
lung deutlich krystallinischen Platz. An den feinen Poren treten 
Krystallisationen auf, das specifische Gewicht und die Härte nehmen 
zu, bis endlich aus dem Kalkstein ein vollendeter Dolomit her- 
vorgeht. Alle diese Vorgänge lassen sich, wo das Gestein durch 
Sprünge bis tief in sein Inneres aufgerissen ist, so namentlich 
auf dem Kalksteinzuge hinter Kleinlinden, ja selbst schon an 
Handstücken beobachten. 

Der Dolomit besteht aus einer deutlich krystallinischen bis 
feinkörnigen Masse, welche aus lauter kleinen Bitterspathrhombo- 
edern zusammengesetzt ist. Seine Farbe wechselt zwischen hell 
gelbbraun bis tief dunkelbraun und ist er im letzteren Falle von 
nicht unbeträchtlichen Mengen Manganoxyden begleitet. Die hel- 
leren Varietäten führen jedoch gewöhnlich ebenfalls Manganoxyde, 
obgleich diese sich deutlich oft erst unter der Lupe erkennen 
lassen. Sie überziehen oder erfüllen die feinsten Höhlungen und 
Poren des Gesteins mit dünnen krystallinischen Rinden und treten 
mitunter auch in grösseren Ausscheidungen von strahlig krystal- 
linischer Structur oder einzelnen breiteren Streifen in ihm auf. 
An der Oberfläche bis tief in das Innere ist der Dolomit in der 
Regel sehr porös und von grösseren oder kleineren Höhlungen 
durchsetzt, welche dem Gestein ein ganz zerfressenes, cavernöses 
Ansehen ertheilen. Zerschlägt man eine solche verwitterte Masse, 
so fallen gewöhnlich eine Menge kleiner Bitterspathrhomboeder 
heraus, sogenannter Dolomitsand und zeigt sich das Innere der 
von ihm erfüllten Räume oft von zelliger Structur. Diese Er- 



258 



scheinung wird hervorgebracht durch die Poren, von welchen die <j 
Dolomitisation ausging, und um welche sich eine Rinde von Do- d 
lomit gebildet hat, so dass sie als lauter kleine, hohle Säulchen fi 
sich zeigen. Nach der Tiefe hin wird der Dolomit compacter, \, 
während er durch die Verwitterung an der Oberfläche in ein 
loses Gefüge von eckigem Korne zerfällt. 

Der Dolomit hat wie der Kalk eine sehr unebene Oberfläche, j 
bald tritt er in zerrissenen , zackigen Höckern über den Boden, j 
bald sinkt er wieder tief unter denselben und ist alsdann immer , 
von einer viele Fuss mächtigen Thonlage bedeckt. Schichtung | 
lässt sich an ihm nur sehr undeutlich, für gewöhnlich gar nicht 
erkennen. 

Der bei der Dolomitbildung aufgelöste kohlensaure Kalk wird 
theils gänzlich weggeführt, theils setzt er sich in den Klüften 
und Höhlungen des Gesteins als Kalksinter oder Kalkspath ab 
und giebt in letzterem Falle Veranlassung zu jenen durch die 
Mannigfaltigkeit ihrer Krystallformen ausgezeichneten Drusen, wie 
sie in den Kalken von Kleinlinden gefunden werden. Bald ist in 
denselben das Skalenoeder (R 3 ), bald das Rhomboeder vorherr- 
schend und tritt letzteres in vielfachen Combinationen auf, von 
denen — {R und oo R die häufigsten sind. Oft sind die Kry- 
stalle mit einer dünnen Rinde von Bitter- oder Braunspath über- 
zogen, oft bestehen sie nur aus denselben. In einer kleinen Ska- 
lenoederdruse fanden sich alle Krystalle von Mangan überkleidet. 
Die Krystalle des Kalkspaths zeigen ein eigentümliches Verhal- 
ten. Je reiner dieselben nämlich von fremden Bestandteilen 
sind, um so flächenreicher werden im Allgemeinen ihre Formen. 
Treten aber die dem Kalk isomorphen Körper Magnesia, Man- 
gan, Eisen in chemische Verbindung mit ihm, so werden seine 
Krystalle je nach der Menge Anwesenheit dieser Körper immer 
einfacher und krystallisiren bei wachsender Zunahme derselben 
nur noch in Rhomboedern. Zuweilen kommt in den Höhlungen 
des Dolomits Halloysit vor, von gelblich bis röthlich - weisser 
Farbe und muscheligem schwach glänzenden Bruch. 

Am günstigsten für die Dolomitisation sind, wie schon her- 
vorgehoben, poröse Kalksteine und horizontale Flächen desselben, 
auf welchen das Wasser vor zu schnellem Abfluss geschützt ist. 
An senkrechten oder stark geneigten Felswänden geht die Dolo- 
mitisation zwar auch, aber nur äusserst langsam von Statten, 



259 



deDn das Wasser spült dieselben eigentlich mehr aus und reisst 
die weniger dichten Theile des Kalks mit sich fort, während die 
festeren stehen bleiben und zuletzt als Reliefs an den Wänden 
hervorragen. Durch diesen schnellen Abzug wird der chemischen 
Action zu wenig Zeit gelassen in Wirkung zu treten , und es 
findet desshalb auch kein Austausch zwischen Kalk und Magnesia, 
in Folge dessen auch keine Dolomitisation statt. Daher konnte 
ich an solchen Orten, deren zollhoch aus der Felswand hervor- 
ragende Versteinerungen auf eine kräftige Verwitterung hindeute- 
ten, uiemals eine Dolomitisation beobachten. 

Wie bekannt enthält das Wasser des Meeres sowohl, als das 
der Flüsse und Bäche stets eine grössere oder geringere Menge 
von Substanzen aufgelöst oder schwebend, und finden sich die 
hexagonalen Karbonate kohlensaurer Kalk, kohlensaure Magnesia, 
kohlensaures Eisenoxydul und Manganoxydul fast immer in dem- 
selben aufgelöst. Sind nun Verhältnisse gegeben, wo Gesteine 
im Verwitterungszustande begriffen, die einige oder alle diese 
Körper und zwar in nicht unbedeutender Menge enthalten wie 
z. B. Basalte und Diabase und finden sich Kalklager in deren 
Nähe, so wird nicht allein die Dolomitisation derselben eine viel 
-energischere , sondern auch von Eisen- und Manganoxydnieder- 
schlägen begleitete sein. Denn die kohlensauren Salze dieser 
beiden Metalle werden, sowie sie mit dem Kalklager in Berührung 
kommen, ausgefällt und durch den Sauerstoffgehalt der Gewässer 
in Oxyde übergeführt. Da nun diese Umstände im Bereiche der 
Lindner Mark alle aufs Günstigste vorhanden sind, so verdankt 
dieselbe gewiss einen Theil ihres grossen Erzreichthums den sie 
begrenzenden Basalten des Vogelbergs. Allein auch der Kalk 
enthält kohlensaures Eisen- und Manganoxydul, wie aus den oben 
angeführten Analysen desselben hervorgeht und mag die grössere 
Menge des sich jetzt auf dem Dolomit findenden Mangans ur- 
sprünglich in ihm als kohlensaures Salz verbreitet gewesen sein 
und erst nach Auflösung des Kalks an seine jetzige Stelle ge- 
langt sein. 

Der Thon, welcher sich in dem Kalke befindet, wird bei der 
Verwitterung ausgeschieden und breitet sich anfangs als dünne, 
mit der Zeit mächtiger werdende Decke über dem Kalke aus. 
Obgleich der Thon in Anbetracht seiner Menge nur ein unterge- 
ordneter Bestandtheil desselben ist, trotzdem aber die Mächtigkeit 



260 



seiner Lagen sich an vielen Orten über achtzig Fuss und darüber 
herausstellt, so müssen die Kalkmassen, aus denen er entstanden 
ist, ehemals eine viel bedeutendere Höhe als heutzutage gehabt 
haben. 

Aus dem Thongehalt derselben, der sich im Mittel auf ein 
Hundertstel oder etwas weniger herausstellen wird, — unter acht 
verschiedenen Proben wurden in zweien über ein Procent gefun- 
den — und die durchschnittliche Dicke der Thonschichten zu 
15 — 20 Fuss genommen, lässt sich ungefähr die ehemalige Höhe 
des Kalks berechnen. Hundert Fuss Kalk würden hier nahezu 
einer einen Fuss starken Thonlage entsprechen und zur Bildung 
einer Thonlage von 15 — 20 Fuss Mächtigkeit ein Kalkgebirge 
von 1500 — 2000 Fuss gehört haben, welche Höhe zu gross ist, 
da, wie ich später zeigen werde, nicht aller Letten aus dem Kalke 
hervorgegangen, sondern theilweise vom Wasser zugeführt wurde. 

Durch die unebene Beschaffenheit der Oberfläche des Kalk- 
gebirges und der dadurch bedingten Kuppen- und Sattelbildung 
wurde der auf letzteren sich ausscheidende Thon durch Gewässer 
in die Vertiefungen herabgeschwemmt, die er mit der Zeit aus- 
füllte und dadurch eine allmälige Ebenung des Terrains herbei- 
führte. Deshalb findet sich auch die Lettendecke von so verschie- 
denartiger Dicke, die auf den Kuppen oft nur wenige Zoll beträgt 
oder gänzlich verschwunden ist, in den Mulden aber zu bedeuten- 
der Mächtigkeit heranwächst. Die Farbe derselben ist ausser- 
ordentlich verschieden, so dass man bald weisse, bald rothe oder 
schwarze sowie alle dazwischenliegende Modifikationen antrifft. 

Für gewöhnlich bildet -der Letten eine zähe, äusserst plastische 
Masse und nur stellenweise kommen einzelne sich nach der Tiefe 
zu auskeilende Lagen vor^ wo ihm diese Eigenschaft abgeht, da 
er sich mit grösseren und kleineren Quarzstücken und Sand er- 
füllt zeigt. Geschlemmt hinterliess dieser sandige Thon neben 
Quarz eine Menge Kieselschieferstückchen ganz ähnlich denen, 
wie sie auf dem Trieb- und Seltersberg in den Tertiärmassen 
sich vorfinden. Offenbar wurden dieselben von Gewässern, welche 
theils Thon mit sich führten, theils denselben von den Erhöhun- 
gen des bereits gebildeten Verwitterungsletten wegspülten mit 
letzterem in den muldenförmigen Vertiefungen desselben abgesetzt, 
weshalb dieser Thon auch niemals in grösserer Tiefe aufzufinden 
ist. Der Verwitterungsletten enthält niemals erhebliche Mengen 



261 



i Sand und zeigt unter dem Mikroscop dasselbe lamellare Gefüge 
i wie der Thon, welcher bei der Auflösung des Kalkes in Säuren 
i zurückbleibt, wodurch beide ihre nahe Verwandtschaft verrathen. 

Da es gerade von Wichtigkeit ist, den Ursprung des Sandes in 
i dem Verwitterungsletten zu ermitteln, weil, wenn derselbe vom 
! Wasser zugeführt ist, der Schluss sehr nahe liegt, dass auch der 

Thon auf dieselbe Weise hierher gekommen und nicht aus dem 
i Kalke durch Verwitterung entstanden ist, so muss hier noch be- 
i merkt werden, dass sich auch in dem Thone, welcher durch Auf- 
i lösen des Kalkes in Säuren erhalten wurde, ebenfalls geringe 

Mengen Sand gefunden haben. 

Im Allgemeinen sind die tieferen Schichten des Thons die 
1 sandärmsten, während nach der Oberfläche zu, wo der Thon viel- 
fach mit fliessenden Gewässern in Berührung gekommen sein mag, 
öfters sand- und grandartige Geschiebe auftreten, deren Verbrei- 
tungsgebiet aber immerhin nur ein beschränktes ist. 

Im schwarzen Thon, der diese Farbe durch die Masse des 
imprägnirten Mangans erhält , sind grössere Ausscheidungen 
, des letzteren oft von mehreren Fussen Durchmesser zu beobach- 
ten, doch bilden Stücke von der Grösse einer Linse oder I3ohne 
durchaus die Mehrzahl. Der rothe Letten umschliesst zuweilen 
Anhäufungen von Braun- oder Rotheisenstein, die jedoch niemals 
die Grösse erreichen, dass sie bauwürdige Lager bildeten. Ein- 
zelne Rotheisensteinstücke auf der Oberfläche des Thons, die durch 
ihr abgerundetes Aeussere sich als Geschiebe zu erkennen geben, 
hinterliessen beim Auflösen in Säuren einen bedeutenden grössten- 
theils aus Kieselsäure bestehenden Rückstand und gaben am Stahle 
Funken. 

Einige Thonanalysen, welche ich ausgeführt habe, mögen 
hier ihren Platz finden. 



262 





i. 


2. 


3. 


4. 


Sand 


20,679 


1,095 


0,481 


1,534 


Si 3 


30,792 


22,653 


54,360 


60,622 


Al 2 3 


16,119 


14,788 


36,780 


32,559 


Fe 2 O 3 


22,012 


18,525 


0,065 


0,052 


Mn 2 O 3 


0,227 


32,311 


— 


— 


KO j 
NaOj 




277 






CaO 


— 


0,127 


0,022 


1,505 


BaO 


— 


— 


— 


0,73 


MgO 




0,030 






S0 3 








2,243 


HO 


8,814 


9,594 


6,977 






98,696 


99,400 


98,688 


98,588 



In den drei ersten Themen waren ausserdem noch Spuren 
von Ammoniak und salpetersauren Salzen nachzuweisen. 
1. Thon. Roth. Fühlte sich sandig an und hinterliess beim 

Schlemmen vielen Sand. 
2 Thon. Schwarz. Die ausgeschiedenen grösseren Manganerz- 
stücke wurden vor der Analyse möglichst entfernt. 
Beim Schlemmen hinterliess er wenig Sand. 

3. Thon. Weiss. Aeusserst plastisch, hinterliess beim Schlem- 

men keinen Sand. 

4. Thon. Rückstand aus dem Kalk durch Auflösen desselben 

in Salzsäure erhalten. 
Aus der zweiten Analyse ersieht man, dass das Eisen einen 
bedeutenden Bestandteil auch in dem schwarzen manganhaltigen 
Thone bildet, wie es denn überhaupt in der Mark ausserordent- 
lich verbreitet ist, aber nur seltener, wie schon bemerkt, in com- 
pacten grösseren Massen auftritt. Die beiden letzten Analysen 
sind bis auf den Gehalt an schwefelsauren Salzen und Wasser 
ziemlich übereinstimmend und würde sich das Verhältniss noch 
günstiger herausstellen, wenn nicht der Thon 4. vor der quanti- 
tativen Untersuchung zur Verjagung der organischen Substanzen 
hätte geglüht werden müssen. Ist auch durch die Analyse des- 
selben nicht vollständig bewiesen, dass die jetzigen Thonlager 
über dem Kalk aus der Verwitterung desselben hervorgegangen 
sind, so kann man dieselbe doch immer als ein Glied in der 
Kette der Thatsachen betrachten, welches mit dazu beiträgt den 
Beweis zu vervollständigen. 



263 



An einer Stelle einer senkrechten Thonwand fanden sich 
Efflorescenzen eines Salzes, das sich bei der qualitativen chemi- 
schen Untersuchung aus salpetersaurer Magnesia, Kalk und Kali, 

| Spuren von schwefelsauren Salzen und Chlormetallen zusammen- 
gesetzt zeigte. (Es ist möglich, dass bei der Analyse einzelne 
Körper übersehen wurden, da nur geringe Mengen des Salzes 

I zur Verfügung standen.) Die Ursache dieser Erscheinung lässt 
sich folgendermaassen erklären. 

Durch Herrn Dr. Engelbach wurde ich zuerst darauf auf- 

■ merksam gemacht, dass die Kalke an der Bieber geringe Mengen 

I salpetersaurer Salze enthalten und habe ich in Folge dessen auch 
die der Lindner Mark auf einen Gehalt an denselben geprüft und 

I deren Anwesenheit auch in ihnen constatirt. Es ist somit leicht 
erklärlich, dass bei der Verwitterung des Kalkes der zurückblei- 
bende Thon einen Theil dieser Salze aufnimmt und so zu der 
obigen Erscheinung Veranlassung giebt. Selbst in den Mangan- 
erzen sind sie noch nachzuweisen, so dass bei der Prüfung der- 
selben mittelst Eisenvitriol und Chamäleon der Gehalt derselben 
beständig um ein Geringes zu hoch gefunden wird. 

Uebrigens lässt sich noch eine zweite Erklärung der An- 
wesenheit dieser Salze in dem Thone geben und ist anzunehmen, 
dass auch auf diese Weise Mengen derselben gebildet wurden. 
Alle Thone nämlich haben die Fähigkeit je nach ihrer porösen 
Beschaffenheit mehr oder weniger Ammoniak, für dessen Ent- 
stehung in der Natur die mannigfaltigsten Bedingungen anzu- 
treffen sind, zu absorbiren, und durch Flächenwirkung zu Salpe- 
tersäure zu verbrennen. Die Gegenwait eines Alkalis, welches 
im Thone selten fehlen wird , da er die charakteristische Eigen- 
schaft besitzt Kali in seiner Masse zurückzuhalten, anfangs viel- 
leicht nur durch mechanische Kräfte, denen sich später noch 
chemische hinzugesellen, von alkalischen Erden oder deren koh- 
lensauren Salzen werden die Oxydation des Ammoniaks zu Sal- 
petersäure und Wasser beschleunigen vermöge ihres Vereinigungs- 
strebens zu einer starken Säure, der sogenannten prädisponiren- 
den Verwandtschaft. Allein auch der Stickstoff der atmosphäri- 
schen Luft kann bei Gegenwart starker Basen in porösen Körpern 
zu Salpetersäure verbrennen, wie Versuche französischer Chemi- 
ker gezeigt haben, und ist auch hierdurch eine Quelle zur Bil- 
dung von salpetersauren Salzen im Thone gegeben. Durch die 



264 



Capillarität wird alsdann die Lösung dieser Salze an die Ober- 
fläche geführt und zwar an die Stelle derselben, wo die Ver- 
dunstung am stärksten ist und wittern sie alsdann, nachdem das 
Lösungsmittel verdampft, an derselben aus. 

Ist die Dolomitisation des Kalkes soweit fortgeschritten, dass 
die nachdringenden Wasser wenigstens in den oberen Regionen 
keinen Kalk mehr vorfinden, so ergreifen sie, indem sie unauf- 
hörlich ihren Auflösungsprocess fortsetzen, die anderen löslichen 
Körper, den Dolomit, das kohlensaure Mangan- und Eisenoxydul. 
Die Oberfläche des Dolomits muss daher tiefer und tiefer sinken 
in der sie bedeckenden Thonschicht und mit ihr die beiden koh- 
lensauren Metalloxyde. Da aber das kohlensaure Eisenoxydul 
ausserordentlich leicht oxydirbar ist, die Gewässer aber stets 
atmosphärische Luft aufgelöst enthalten, so wird dieses auf dem 
Wege in die Tiefe grösstentheils oxydirt werden und in dem 
Thon zurückbleiben müssen, wodurch sich auch seine ausser- 
ordentliche Verbreitung in demselben erklärt. Das kohlensaure 
Manganoxydul unterliegt zwar auch der Oxydation, doch ist es 
weit beständiger als das Eisensalz und soll hierauf später zurück- 
gekommen werden. Mit wachsender Tiefe verliert das Wasser 
durch diese Oxydation der Oxydulsalze seinen Sauerstoffgehalt, 
indem es zugleich immer reicher an Kohlensäure wird, die bei 
diesem Processe freigegeben, von ihm absorbirt, sein Lösungs- 
vermögen bedeutend erhöht. Trifft es jetzt, nachdem aller auf- 
gelöste Sauerstoff verschwunden ist, mit den beiden kohlensauren 
Salzen zusammen, so findet natürlich keine Oxydation derselben 
statt, sondern sie werden gezwungen dem Laufe des sie lösen- 
den Wassers zu folgen, bis sie z. B. mit Kalk in Berührung 
kommen und durch denselben ausgefällt werden. 

In letzterem findet man zuweilen Sprünge und Klüfte, wel- 
che durch Spatheisenstein ausgefüllt sind , dessen Entstehung 
in denselben gewiss obigen Umständen zuzuschreiben ist. Er 
fand sich nämlich an allen von mir beobachteten Punkten immer 
tief unter der Oberfläche in noch von der -Dolomitisation nicht 
oder nur wenig ergriffenen Kalksteinen. Sobald einmal die Be- 
dingung für den Niederschlag oder die Krystallisation eines ge- 
lösten Körpers gegeben ist, so führt das Bestreben der Lösungen 
die ungleiche Dichtigkeit auszugleichen, die Diffusionskraft, un- 
aufhörlich von allen Seiten her jenen Körper hinzu, und ist so- 



265 



mit, auch wenn die Bewegung der Gewässer nach einer anderen 
Seite hin gerichtet ist, dem Niederschlag stets neue Zufuhr ge- 
sichert. Zuweilen ist nur die Mitte der Spalten in kohlensaures 
Eisenoxydul umgewandelt, während auf beiden Seiten die unver- 
änderte Katkspathmasse, die früher die Klüfte ausgefüllt hat, 

c zu beobachten ist ; eine Erscheinung, welche sich dadurch erklärt, 
dass der Kalkspath dieselben nicht gänzlich erfüllte, wodurch 
grössere oder kleinere Zwischenräume, je nachdem die Krystalle 

I von beiden Seiten mehr oder weniger sich einander näherten, 

I oder auch nur porösere Schichten gebildet wurden, von denen 
aus alsdann die Umwandlung in kohlensaures Eisenoxydul statt- 

I gefunden hat. 

Der Spatheisenstein zeigt sich häufig in Pseudomorphosen 
nach Kalkspath, was man besonders erkennt, wenn man ein Stück 
desselben zerschlägt, bei welcher Gelegenheit im Innern häufig 
noch Kalkspath gefunden wird. Eine Analyse von ihm, die ich 
ausgeführt habe, zeigt deshalb auch einen sehr hohen Kalkgehalt, 
obgleich ich vor derselben bemüht war, den Kalk möglichst zu 
entfernen. 

FeO C0 2 29,153 
MnOC0 2 3,424 
CaOC0 2 66,560 
MgO C0 2 0,263 
Thon 0,328 
99,728. 

Ausserdem fanden sich noch Spuren von Eisen - und Mangan- 
oxyden. 

Je tiefer die Doloraitisation in den Kalk eindringt, je an- 
haltender also die Oberfläche des Dolomits mit den Gewässern 
in Berührung kommt, um so mehr wird sich der Oxydations- 
process an dem kohlensauren Eisen- und Manganoxydul geltend 
machen. Das kohlensaure Eisenoxydul eignet sich vermöge sei- 
ner leichtern Oxydirbarkeit zuerst den im Wasser gelösten Sauer- 
stoff an, indem es mit ihm Oxyd bildet, und wie wir gesehen 
haben, äusserst fein vertheilt im Thon zurückgelassen wird. 
Durch dieses Verhalten schützt es das Mangansalz theilweise vor 
einer ebenfallsigen Oxydation, so dass sich letzteres in dem tiefer 
sinkenden Dolomit mehr und mehr anhäufen wird, da es als 
kohlensaures Salz an denselben gebunden ist. Würde grade so- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 18 



266 



viel kohlensaures Eisenoxydul aufgelöst werden als nöthig um 
allen in dem Wasser gelösten Sauerstoff zu absorbiren, so müsste tr r : 
das Mangan grösstenteils vor der Oxydation geschützt nnd nur 
Eisenoxyd in dem Thon zurückbleiben. Es steht hiermit gewiss ^ 
das fast gänzliche Fehlen des Mangans in den stark eisenschüssi- |n 
gen Thonen in Verbindung. lue 
Da das Eisen aber in verhältnissmässig geringer Menge b 
vorhanden nur selten ausreicht allen Sauerstoff zu binden, so E 
muss die Oxydation auch auf das Mangan übergehen, des- ^ 
sen ausgezeichnete Krystallisationstendenz es aber nöthigt sich $ 
zu grösseren und kleineren Theilen zu vereinigen, die entweder 
in der weichen Thonmasse zurückbleiben oder auch durch ihre \\ : 
Schwere auf den Dolomit herabsinken werden. Die in dem n 
schweren Thon gefundenen Manganstücke, in Grösse so äusserst L 
verschieden, sind einestheils auf diese Weise entstanden, andern- L 
theils mag sich ihr Ursprung von im Thon zurückgebliebenen L 
Kalk- und Dolomitkernen herleiten, auf welchen das kohlensaure L 
Manganoxydul aus seiner Lösung abgeschieden und oxydirt lj 
wurde und deren ursprüngliche Substanz nach und nach gelöst, , 
durch Mangan ersetzt, endlich vollständig in dasselbe umgewan- 
delt wurde. 

In verschiedenen Dolomitanalysen glaube ich den Beweis 
für das Gesagte gefunden zu haben, denn es zeigte sich mit dem 
Grade der Verwitterung ein unverhältnissmässiges schnelleres 
Anwachsen des Mangans als des Eisens und zugleich kohlen- 
saures Manganxydul selbst noch in den verwittertsten Varietäten, 
während das Eisen nur noch als Oxyd nachzuweisen war. 



1. 



2. 



3. 



Sehr fester, gelb 
grauer Dolomit. 
CaO C0 2 56,382 
MgO C0 2 40,213 
MnOC0 2 1,386 
Mn 2 3 



Dunkelbraun, 
zerfressen. 



50,004 
36,934 
2,056 
0,805 
2,692 



stark 



Schwarz, fast ganz 
zerfallen. 



38,769 
25,657 
Spuren 
2,914 
10,656 



Mn0 2 



Fe O 0,794 
Fe 2 3 



2,439 
1,203 
4,218 
100,351. 



5,579 
1,782 
12,637 
97,994. 



Al 2 3 0,101 
Thon 0,087 



98,963. 



267 



1 ' Bei der Spectralanalyse wurde gefunden in Dolomit 1. Na- 
tron und Kali, und im 2. Kali, Natron, Lithion und Strontian. 

1 In dem Vorhergehenden wurde gesagt, dass bei der fort- 
schreitenden Zersetzung des Dolomits grosse Mengen von kohlen- 
saurem Manganoxydul sowohl auf seiner Oberfläche als in seinem 
Innern concentrirt und zuletzt oxydirt werden. Nun muss es 

'aber auffallend erscheinen, dass niemals in dem Braunstein Pseudo- 
morphosen nach kohlensaurem Manganoxydul, aus dem er doch 
hervorgegangen, auftreten. Bischof giebt hierfür folgende Er- 
klärung. 

Viele Analysen haben gezeigt, dass reines kohlensaures 
Manganoxydul nicht existirt, sondern dass der Manganspath stets 
unbestimmte Mengen der isomorphen Carbonate von Kalk, Magne- 
sia, Eisenoxydul enthält. Bei der Umwandlung der Manganspäthe 
in Manganoxyde mussten daher die genannten isomorphen Car- 
bonate ausgeschieden und die Manganspäthe zersetzt werden. Da- 
mit war auch eine Zerstörung der Krystallform verbunden, weil 
sich jene Manganoxyde nicht in der Form des Kalkspaths finden ; 
abgesehen davon, dass die Krystalle desselben überhaupt nur 
klein sind und er häufig nicht krystallinisch vorkommt. Es ist 
demnach sehr wahrscheinlich, dass der Manganspath nach der 
Ausscheidung der isomorphen Basen und der Kohlensäure und 
nach Aufnahme von Sauerstoff und Wasser als Manganit kry- 
stallisirte, dessen Krystallform sich bei späterer Umwandlung in 
Pyrolusit, Hausmannit und Braunit häufig erhielt. 

Herr Dr. Volger ist in seiner Abhandlung über die Lage- 
rungsverhältnisse und Entwicklungsgeschichte der Manganerze 
des Lahngebiets der Ansicht, dass die im Thon ausgeschiedenen 
Manganoxyde durch eine Reihe von Oxydationen und Reductionen 
(mit letzteren die Ueberführung in kohlensaures Salz und der da- 
durch bedingten Auflöslichkeit in Wasser verbunden) immer tiefer 
geführt würden, bis der Letten endlich frei von ihnen und die 
ganze Masse derselben sich auf der Oberfläche des Dolomits 
angesammelt hätte. Es muss aber mehr als unwahrscheinlich 
erscheinen, dass neben der kräftigen Oxydation, die sich überall 
in den Erzen im Thon geltend macht, auch noch gleichzeitig re- 
ducirende Processe an denselben stattfinden sollen, durch etwa 
anzunehmende organische Substanzen, die aber nirgends im Thone 
nachzuweisen sind. Wären auch wirklich geringe Mengen der- 

18* 



268 



selben vorhanden, die nicht leicht aufzufinden, so kann diesen 
doch gewiss nicht ein so umfassender Reductionsprocess an den 
ausserdem schwer reducirbaren Manganoxyden zugeschrieben wer- 
den, als es diese Erklärung voraussetzt. 

Ausserdem lässt sich nirgends für dieselbe ein Beweis auf- 
finden, ja es sprechen im Gegentheil mehrere Thatsachen dagegen, 
wie z. B. die, dass die Erze in den oberen Lagen im Allgemei- 
nen die in die höchsten Oxydationsstufen übergeführten sind, wie 
die Erfahrung gelehrt, an denen daher kein Reductionsprocess 
wirksam sein konnte. Dicht unter einer Vegetationsdecke oder 
auch in einem mit organischen Materien stark erfüllten Boden 
lässt sich dieses annehmen, gewiss aber nicht in unserem Falle. 

Es sei mir noch vergönnt eine Abhandlung Gutberlet's 
im Jahrbuch für Mineralogie und Geognosie von Leonhard und 
Bronn zu erwähnen, in welcher die Ansicht vertheidigt ist, dass 
das kohlensaure Manganoxydul ein leichterer oxydirbarer Körper 
sei als das kohlensaure Eisenoxydul, und auf welche gestützt 
Erklärungen für das verschiedenartige Verhalten dieser beiden 
Körper in der Natur gegeben sind. 

Unter mehreren angeführten Gründen sind die hervorragend- 
sten mit den eignen Worten des Verfassers hier angeführt. 

1) Die electro-chemische Reihe, sein ganzes chemisches Ver- 
halten zeigt das Manganmetall electro - positiver als das Eisen 
und seine Oxydationsfähigkeit ist die grösste nach den Metallen 
der Alkalien und Erden. 

2) Das Eisen besitzt nur zwei einfache Sauerstoffverbindun- 
gen, das Mangan dagegen fünf, unter diesen zwei Säuren. 

3) In den Sümpfen scheidet sich zu Tage kein Mangan- 
oxydhydrat ab, dagegen ohne Ausnahme Eisenoxydhydrat, ein 
Beweis wie jener Körper schon im Wasserlauf unter der Erde 
oxydirt und abgesetzt wurde, während dieses einen viel weiteren 
Weg zurückgelegt, ohne der Oxydation zu verfallen. 

4) Die Fundstätten des Mangans und Eisens an der Lahn 
gehören den devonischen Kalken und Dolomiten an und zeigt 
sich eine höchst eigenthümliche unverkennbare Gesetzmässigkeit 
in ihren gegenseitigen Lagerungsverhältnissen. Es giebt dort 
gewisse Centren, auf welchen die Manganerze vorkommen, rings 
um dieselben concentrisch verbreitet in wachsender Entfernung 
liegen die Eisenerze. Anfangs als das Eisen und Mangancarbo- 



269 



nat dem Sauerstoff in der Atmosphäre und dem Wasser unmittel- 
bar ausgesetzt war, vermengten sich die Eisen- und Mangan- 
oxydhydrate, wobei sich jedoch das Eisenoxydhydrat schon weiter 
von seinem Ursprung entfernte; später aber als die entstehende 
schwer durchlassende Thondecke dem auflösenden Processe unter 
ihr einen regelmässigeren Gang vorschrieb, schieden sich die 
Manganabsätze schärfer und immer schärfer von den Eisennieder- 
schlägen, das kohlensaure Manganoxydulcarbonat ging offenbar 
nicht weit, während das Eisenbicarbonat in ferner gelegene Stel- 
len auswanderte. 

Was nun die angeführten Gründe betrifft, so kann weder 
das Verhalten des Manganmetalls zum Sauerstoff, noch die vielen 
Oxydation s stufen desselben uns berechtigen hieraus Schlüsse auf 
die leichte Zersetzbarkeit seines kohlensauren Salzes zu ziehen. 
Giebt es doch Körper, wie z. B. das Chrom, welches im metalli- 
schen Zustande beständiger als Eisen, dessen Oxydulsalze aber 
trotzdem äusserst zersetzbar und als kräftig desoxydirende Kör- 
per bekannt sind und doch besitzt das Chrom mehr Oxydverbin- 
dungen als das Eisen, von denen ebenfalls zwei Säuren sind. 
Dass sich in den Sümpfen nur Eisenoxydhydrat und kein Man- 

{ ganoxydhydrat absetzt, liefert uns gewiss nicht den Beweis, dass 
das Mangan auf dem Wege in dieselben unter der Erde oxydirt 
und abgesetzt wurde, denn darüber lässt sich wohl gar nichts 
bestimmen ; das Mangan braucht in den Gewässern gar nicht oder 
nur in verschwindend kleinen Theilen vorhanden gewesen sein. 
Dieses Verhalten zeigt uns nur, dass das Eisen in weit bedeu- 
tenderer Menge als das Mangan auf der Erde sich findet und 
dass es daher, wo die Bedingung zu seiner Ausscheidung gege- 

, ben, auch in verhältnissmässig grösserer Masse als ersteres auf- 
treten wird. Für die unter 4. angegebenen Erscheinungen wurde 
die Erkläruug bereits gegeben, auch sei hier noch Folgendes be- 
merkt. Wäre wirklich das kohlensaure Manganoxydul leichter 
oxydirbar als das kohlensaure Eisenoxydul, so müsste sich letz- 
teres alsdann unter dem Mangan ausgeschieden finden. Denn 
bei der Berührung mit den oxydirenden Gewässern würde das 
zuerst angegriffene Mangancarbonat durch Kohlensäure - Abgabe 
und Sauerstoff- Aufnahme in dem Thon als Oxyd ausgeschieden 
werden, während das schwerer zersetzbare Eisencarbonat sich 
auf dem Dolomit nach und nach concentriren muss, weil es aus- 



270 



fällbar durch denselben sich nicht zu entfernen vermag. Nach 
erfolgter Oxydation würde alsdann ein Lager von Braun- oder 
Rotheisenstein dem Dolomit direct aufgelagert erscheinen. Nir- 
gend aber, wo diese beiden Metalle in der Natur zusammen vor- 
kommen und wo ihre Bildung unter ähnlichen Umständen, wie 
wir sie hier voraussetzen, erfolgte, findet sich das Eisen unter 
dem Mangan, sondern stets über demselben ausgebreitet. 

Aus dem Lehrbuch von Bischof (III. 1369) sei hier noch 
eine Stelle angeführt, welche einen weiteren Beweis gegen die 
Ansicht Gutberlet's liefert. 

Fresenius wies durch Analyse eines von der äusseren brau- 
nen Schicht befreiten Sinters aus dem Kochbrunnen zu Wies- 
baden nach, dass das doppelt kohlensaure Manganoxydul in die- 
sem Thermalwasser nicht, wie das entsprechende Eisensalz, durch 
den Sauerstoff der Luft, sondern durch die entweichende Kohlen- 
säure, welche das einfach kohlensaure Salz gelöst enthält, zer- 
setzt wird. Der von jener äusseren Schicht nicht befreite Sinter 
enthielt aber eine höhere Oxydationsstufe des Mangans, und die- 
ser Sauerstoff war also erst nach dem Entweichen der Kohlen- 
säure aus der Luft aufgenommen worden. Aus diesem Koch- 
brunnenwasser und wahrscheinlich ebenso aus andern eisen- und 
manganhaltigen Gewässern fällt demnach zuerst vorzugsweise 
Eisenoxydhydrat und erst später kohlensaures Manganoxydul mit 
den Carbonaten der alkalischen Erden nieder. Daher nimmt der 
Sinter desto mehr an Eisenoxyd ab und an Carbonaten von 
Kalkerde, Magnesia und Manganoxydul zu, je weiter von der 
Quelle er sich ablagert. 

Dies ist eine wichtige Thatsache, welche erklärt, wie sich 
aus denselben Gewässern Eisenerze und Manganerze an ver- 
schiedenen Orten absetzen, und wie es daher möglich ist, dass 
Manganerze abgesondert von Eisenerzen auftreten können, ob- 
gleich in Gebirgsgesteinen und ebenso auch in Gewässern Man- 
gan stets in Gesellschaft von Eisen vorkommt. 

Ich habe Versuche über die beiderseitige Oxydirbarkeit der 
Carbonate des Eisens und Mangans angestellt und stetg, was 
vorauszusehen war, gefunden, dass das Eisensalz leichter zersetzt 
wird als das Mangansalz. 



27! 



Erster Versuch. 

In fünf numerirte Glasröhren von gleicher Weite wurden 
abgewogene Mengen von schwefelsaurem Manganoxydul einge- 
bracht, dasselbe darin gelöst und in der Siedhitze mit kohlen- 
saurem Ammoniak ausgefällt. Nachdem das kohlensaure Man- 
ganoxydul sich abgesetzt hatte, wurde die überstehende Lösung 
mit der Pipette abgenommen und der Niederschlag zweimal mit 
frisch ausgekochtem destillirten Wasser decantirt. Dasselbe ge- 
schah mit fünf abgewogenen Mengen schwefelsauren Eisenoxydul- 
Ammoniaks. - Aus den angewandten Mengen der schwefelsauren 
Salze Hess sich dann leicht die jetzige Menge kohlensauren Sal- 
zes berechnen. Da- alle Röhren gleich weit, so musste auch für 
die in denselben vorhandenen Niederschläge eine wenigstens 
nahezu gleiche Oberfläche vorausgesetzt werden und mithin war 
eine wesentliche Bedingung zur Erlangung eines sicheren Resul- 
tats gegeben. Ueber jedem Niederschlag blieb ungefähr eine 
Schicht Wasser von 4 — 6 Linien Höhe stehen. 

Nach Verlauf von sechs Tagen nahm ich je eine Röhre mit 
Eisen- und Manganoxydulsalz heraus und bestimmte die in Oxyd 
übergegangenen Mengen. Das kohlensaure Eisenoxydul wurde 
in Salzsäure gelöst und mit Chamäleon titrirt. Das kohlensaure 
Manganoxydul mit stark verdünnter Salpetersäure behandelt, die 
zurückgebliebenen von der Salpetersäure nicht angreifbaren Oxyde 
abfiltrirt, ausgewaschen, geglüht und gewogen. Nach 48 Stun- 
den wurden zwei weitere Röhren untersucht und sofort mit im- 
mer zwei Tagen Zwischenraum, bis Alles analysirt war. 

Das Resultat war folgendes. 
In kohlensaurem Eisenoxydul In kohlensaurem Manganoxydul 

fanden sich oxydirt: fanden sich oxydirt: 
nach 6 Tagen in 0,2282 Gr. 24,1 £ 0,6232 Spuren 

- 8 - - 0,1933 - 32,8£ 0,8251 

- 10 - - 0,5108 - 30,9 £ 0,6195 

- 12 - - 0,4161 - 36,0 £ 0,5530 0,18 

- 14 - - 0,3590 - 51,8 1 0,6567 . unwägbare Mengen. 

Zweiter Versuch. 

In frisch gefällten kohlensauren Kalk wurde eine kleine 
bekannte Menge kohlensauren Eisenoxyduls, auf obige Weise er- 



272 



halten, gebracht und der Niederschlag abfiltrirt. Mit einer an- 
deren nahezu gleichen Menge kohlensauren Kalkes, die mit einem 
bekannten Gewicht kohlensauren Manganoxyduls vermischt war, 
wurde auf dieselbe Weise verfahren. Das Verhältniss von Kalk 
zu Eisen und Mangan war ungefähr wie 100 zu 1. Die Nieder- 
schläge, welche sich auf gleich grossen Trichtern und Filtern 
befanden, wurden sechs Tage lang unter öfterem Befeuchten mit 
Wasser der Oxydation preisgegeben. 

Bei der Untersuchung zeigte sich folgendes Resultat. 
In kohlensaurem Eisenoxydul In kohlensaurem Manganoxydul 

fanden sich oxydirt: fanden sich oxydirt: 

von 0,3659 . . . Alles. von 0,6784 .... 3,5 f 

Wie man aus der Vergleichung beider Versuche ersieht, 
war die Oxydation der Carbonate im letzteren Falle viel kräfti- 
ger, was jedenfalls der Porosität des Kalkniederschlages zuzu- 
schreiben ist, durch welche dem Sauerstoffgehalt der Luft der 
Zutritt erleichtert wurde. Obgleich es zwar längst bekannt war, 
dass das Eisencarbonat an der Luft sich schneller mit einer 
Rinde braunen Oxydhydrats überzieht als das Mangancarbonat, 
so sind doch vielleicht insofern diese Versuche nicht ganz ohne 
Interesse, als durch sie annähernd das Verhältniss der Oxyda- 
tionsfähigkeit dieser beiden Salze festgestellt wurde. 

Wie aus dem früher Gesagten hervorgeht, findet sich die 
Hauptmasse des Mangans dem Dolomit direct aufgelagert und 
bildet hier besonders in den muldenförmigen Vertiefungen Lager 
von öfters beträchtlicher Mächtigkeit. (In einer Grube im Kreise 
Wetzlar erreicht das Lager an einzelnen Stellen eine Dicke von 
30 — 36 Fuss.) Sie folgen dem Dolomit in allen seinen Uneben- 
heiten und ziehen sich häufig bis tief in die Spalten desselben 
hinein. Obgleich das Mangan auf seiner Fundstätte in verschie- 
denen Oxydationsstufen auftritt, so ist doch das Superoxyd, der 
Pyrolusit, vorwaltend und hat die Erfahrung gelehrt, was mit 
der Bildung der Erze vollständig im Einklang steht , dass an 
solchen Orten , wo die überlagernden Thonschichten weniger 
mächtig, die Erze also den Atmosphärilien leichter zugänglich 
sind, dieselben im Allgemeinen als die höchst oxydirten auftreten. 

Der Braunstein kommt häufig in Stücken von einem und 
mehr Fuss Durchmesser vor, in deren Innern sich gewöhnlich 
grössere Drusenräume befinden, die bald traubige, nierenförmige 



273 



oder stalactitische Bildungen enthalten, bald mit Mulm ausgefüllt 
Ii sind. Zerschlagen zeigen die Stücke ein strahlig faseriges Ge- 
i füge von metallähnlichem eisengrauen Glanz, welches mitunter 
auch kleinkörnig bis stahlähnlich wird. Die Stücke leisten im 
letzteren Falle den mechanischen Einflüssen einen grösseren Wi- 
i derstand, da mit dem kleinkörnigen Bruch eine grössere Härte 
verbunden zu sein scheint. Mitunter beobachtet man tiefschwarze 
sammtähnliche Flächen, welche durch die dicht zusammenge- 
drängten Kanten microscopischer Krystalle hervorgerufen werden. 
Die grösseren Ausscheidungen liegen gewöhnlich in einer wei- 
chen, leicht zerdrückbaren Masse, dem sogenannten Mangan- 
i mulm, in welchem man bei darauf fallendem Lichte eine Menge 
kleiner glänzender Punkte bemerkt, die sich unter dem Microscop 
als Krystallblättchen von Pyrolusit zu erkennen geben. Sowohl 
die mulmige Masse als auch die grösseren Stücke sind niemals 
oder doch nur selten gänzlich in Pyrolusit umgewandelt, und 
habe ich bei drei verschiedenen Versuchen das Verhältniss des 
Superoxyd zum Oxyd ausgemittelt. 

Stückchen aus dem Aus dem Lager. Auf dem Dolomit, 
schwarzen Thon. Feinkörnig. Strahlig faserig. 

Sehr hart. 

Mn0 2 49,269 . . . 65,731 .... 76,314 

Mn 2 0, 8,515. . . . 12,195 4,953. 

Der Pyrolusit tritt in den mannigfaltigsten Pseudomorphosen 
auf, bald nach Manganit , deren Erkennung aber schwierig ist, 
da die Krystallformen beider sehr ähnlich und grössere Indivi- 
duen nur selten ausgebildet sind, bald nach Kalkspath oder 
Bitterspath. Besonders ausgezeichnet an Schönheit sind die 
Pseudomorphosen nach dem Skalenoeder, die nicht gerade häufig 
gefunden werden und deren Inneres häufig noch aus Kalkspath 
besteht. Mitunter überzieht der Pyrolusit die Kluftflächen des 
Dolomits und erkennt man bei näherer Beobachtung, dass die 
Rhomboeder des letzteren theils vollständig in Pyrolusit umge- 
wandelt, theils nur von einer dünnen Rinde desselben überzogen 
sind. Oefters aber auch ist die ganze Masse des Dolomits von 
Mangan durchdrungen, oder gänzlich durch dasselbe ersetzt, so 
dass die Structur des Dolomits zwar erhalten geblieben, die Be- 
standtheile aber andere geworden sind. Die Erze sind immer 
weniger von Eisen begleitet, was sich aus ihrer Bildungs- 



274 



weise erklärt, und ist dasselbe bald in porösen Rinden um die 
krystallisirten Manganpartien ausgeschieden, bald durchdringt es 
die Masse derart, dass es der Beobachtung entgeht und nur noch 
durch die Analyse nachgewiesen werden kann. 

Einzelne Stücke hinterlassen beim Auflösen in Salzsäure 
neben Thon auch geringe Mengen von schwefelsaurem Baryt, 
und habe ich dieses namentlich bei der feinkörnigen Varietät 
beobachtet, welche das Material zur Bestimmung von Oxyd und 
Superoxyd geliefert hat. Die qualitative Analyse dieses Stücks 
Hess Thonerde, Eisenoxyd, Baryt, Kalk, Magnesia und schwefel- 
sauren Baryt erkennen. Es scheint, dass letzterer in geringer 
Menge ziemlich allgemein in den hiesigen Manganerzen verbreitet 
ist und wurde vor längerer Zeit ein schön ausgebildeter, hell- 
blauer Krystall desselben in dem Drusenraum eines Braunstein- 
stücks aufgefunden. In dem Rückstand, welcher beim Auflösen 
des Kalks in Säuren zurückbleibt, hat sich, wie die Thonanalyse 4. 
gezeigt hat, schwefelsaurer Baryt gefunden und ist es gerecht- 
fertigt anzunehmen, dass der Barytgehalt der Manganerze aus jenem 
Thone herstammt, obgleich auch noch andere Ursachen sein hie- 
siges Vorkommen bedingen können. 

Wad kommt stellenweise auf kleinen Nestern vor, in knolli- 
gen aufgeblätterten Absonderungen, die stark abfärbend sind 
und mit einem glatten Gegenstand gerieben glänzend werden. 
Im getrockneten Zustande bildet es eine leichte korkähnliche 
Masse, die mit grosser Begierde Feuchtigkeit aus der Luft an- 
zieht. Mitunter findet man auf Pyrolusit, Psilomelan oder Braun- 
eisenstücken einen schwarzen, glänzenden, traubigen Ueberzug, 
der aus Stilpnosiderit besteht, einem Mineral von der chemischen 
Zusammensetzung Fe 2 3 HO. 

Obgleich der Psilomelan auch mit den oben angeführten 
Erzen in Gemeinschaft auftritt, so findet sich doch sein Haupt- 
vorkommen auf dem Dolomit hinter Kleinlinden, wo er Abson- 
derungen oft von mehreren Centnern Schwere bildet. Aus der 
Art seines Vorkommens über Dolomit mit der stets überlagern- 
den Thondecke geht hervor, dass seine Bildungsweise eine ähn- 
liche wie die der anderen Manganerze gewesen sein muss. Vor- 
herrschend sind kuglige, traubige, zuweilen stalactitische Formen 
desselben, deren Oberflächen von einer Menge stecknadelknopf- 
grosser Erhöhungen überzogen sind. Die Zwischenräume der 



275 



letzteren sind gewöhnlich von einem durch eingemengten Dolo- 
mitsand sich rauh anfühlenden Thone ausgefüllt. Die Stücke 
sind äusserst hart (HartmanganerzJ und zeigen auf dem meist 
schwarzen Bruch eine feinkörnige oder muschlige Beschaffenheit, 
s und lassen öfters durch dunkle der Oberfläche parallele Streifen 
schalige Absonderungen erkennen , die mitunter von Wad über- 
i zogen sind. In einer qualitativen Analyse desselben fanden sich 
! folgende Körper: Thon, Kupfer, Kobalt, Nickel, Eisen, Mangan, 
i Kalk, Baryt, Strontian, Magnesia, Kali und Natron und 0,015 
schwefelsaurer Baryt. 

Da einzelne dieser Bestandtheile wie Kupfer, Kobalt und 
Nickel im Kalke gar nicht vorkommen, so muss angenommen 
werden, dass sie durch Gewässer zugeführt wurden, welche die- 
selben vielleicht aus dem Spiriforensandstein aufgenommen haben, 
der fast immer geringe Mengen von Kupfer enthält und in wel- 
chem im Kreise Wetzlar auch Nickel gefunden worden ist. 
Leberhaupt ist es bekannt, dass die Grauwacke ein reiches erz- 
führendes Gestein ist, und daher leicht erklärlich, dass einzelne 
dieser Erze sich in dem Psilomelan, der auf zwei Seiten von 
der Grauwacke Umschlossen ist, vorfinden. 

Ueber den Ablagerungen der Manganerze finden sich immer 
Stücke von Roth- und Brauneisenstein, die zuweilen durch grössere 
Anhäufung lagerartige Ausscheidungen bilden. Die Erze sind 
gewöhnlich stark manganhaltig und gehen stellenweise in Psilo- 
melan über. Derbe, schalige oder faserige Brauneisensteine mit 
traubigen und stalactitischen Formen, die auf ihren Absonde- 
rungsflächen mitunter Ueberzüge von Eisenoxyd zeigen, über- 
wiegen meistens die Rotheisensteine. Die Aussen- und Innen- 
flächen einzelner Stücke der letzteren zeigen sich mitunter von 
feiner glänzender Beschaffenheit und wurden sie dem Anschein 
nach durch den Absatz eines äusserst feinen, sehr eisenreichen 
Thones gebildet. Bei Rodheim an der Bieber sind grosse Lager 
von Rotheisenstein aufgeschlossen worden, welche mitunter stark 
kalkspathhaltig sind und in denen die Versteinerungen des Kalks 
gänzlich in Eisenmasse umgewandelt gefunden wurden. Ein Be- 
weis, dass auch sie wie die Manganerze durch Verdrängung des 
Kalks entstanden sind.. Der Kalkspath, der sich in diesen Eisen- 
lagern findet, ist zuweilen ganz dunkelgrün gefärbt, und alsdann 
die ganze Masse desselben von Aphrosiderit durchdrungen. Be- 



276 



handelt man diesen Kalkspath mit stark verdünnter Salzsäure, 
so löst sich der Kalk auf und der Aphrosiderit scheidet sich als 
ein dunkelgrünes Pulver aus, welches aus lauter äusserst kleinen 
sechsseitigen Täfelchen besteht. 

Die in der Nähe auftretenden Diabase, krystallinische Ge- 
steine, welche wesentlich als ein Aggregat von Oligoklas, La- 
brador, Chlorit und Pyroxen zu betrachten sind und in welchen 
hauptsächlich durch letzteren Bestandtheil eine Menge Eisen- 
oxydulsilikat sich befindet, liefern durch ihre Verwitterung eine 
nie versiegende Eisenquelle, durch welche jene Eisenlager ge- 
bildet sein mögen. 

Weder die auf dem Kalke sich findenden Mangan- noch die 
Eisenerze können der devonischen Formation zugerechnet wer- 
den, da mit der Bildung des Kalks die Umwandlung desselben 
in Dolomit u. s. w. nicht Hand in Hand gehen konnte, doch 
wurden sie hier abgehandelt, weil ihr stetes gemeinschaftliches 
Vorkommen mit Kalk und Dolomit eine Trennung nicht gut 
möglich machte. 

2. Tertiärformation und Diluvium. 

Den Sandsteinen und Kalken der devonischen Formation 
sind direct Tertiär- und Diluvialmassen aufgelagert. 

Zu der Tertiärbildung gehörig treten an der Grenze der 
Lindner Gemarkung mehrere Braunkohlenlager auf, so z. B. bei 
Steinberg, Leihgestern und Annerod, sie erreichen aber weder die 
Mächtigkeit noch die Güte der Wetterauer oder gar der Lau- 
bacher Kohlen und sind deshalb zum gewinnreichen Abbau we- 
nig geeignet. Diese Braun kohlenflötze müssen grösstentheils an 
dem Ort ihrer Entstehung zur Ablagerung gekommen sein , da 
sich dieselben in den meisten Fällen äusserst rein von Sand 
und Geschieben erwiesen haben, Beimengungen, die gewiss nie- 
mals fehlen würden, wenn man das Material zur Kohlenbildung 
als Anschwemmungsproduct von Strömungen betrachten wollte. 
Einzelne Kohlenlager jedoch, in deren Innerem häufig Sand und 
Gesteinstrümmer gefunden werden, lassen hierdurch erkennen, 
dass bei ihrer Bildung Strömungen theils nur mitgewirkt, theils 
das ganze Lager durch successive Anschwemmung gebildet haben. 

Die Kohlen wechsellagern häufig mit Lagern von Basalt oder 
aus deren Verwitterung hervorgegangenen Thonen, mit sandigen 



277 



Thonen und Schichten vulcanischer Aschen. Diese Erscheinung 
; erklärt sich leicht aus der Nähe des Vogelsbergs, der damals in 
i der vollen Kraft seiner vulcanischen Thätigkeit dieselben theils 
mit Laven, theils mit Aschenauswürfen Übergossen hat. 

Alle Kohlenlager sind von mehr oder weniger mächtigen 
Thon- oder Sandschichten überdeckt, die besonders in der Nähe 
i derselben von bituminösen Substanzen dunkel gefärbt erscheinen. 

Obgleich diese Thonlagen oft hundert und mehr Procent Wasser 
i aufzunehmen im Stande sind, so gestatten sie den Wasserwechsel 
doch nur äusserst schwer und daher kommt es, dass organische 
Substanzen, welche von ihm eingehüllt sind, einer nur langsamen 
.Oxydation unterliegen. Der Letten ist theils aus übergelagerten 
verwitterten Basalten entstanden, dessen Structur und unveränderte 
Stücke sich mitunter noch vorfinden, theils ist er durch Ge- 
wässer hier zum Absatz gekommen. 

Ein schöner Aufschluss der Tertiärmassen in der Lindner 
Mark findet sich in dem Durchschnitt der Main- Weser- Bahn 
hinter Kleinlinden. Die hier blossgelegten Thone haben eine 
Höhe von 60 — 70 Fuss und lassen mitunter deutliche Schich- 
tung erkennen. Die weisse Farbe ist die vorherrschende und 
nur untergeordnet treten rothe und graue Varietäten auf. Er be- 
sitzt plastische Eigenschaften nicht in dem Grad wie der Ver- 
witterungsletten des Stringocephalenkalkes , da er sich überall 
mit Sand und gröberen Quarzstückchen bis zur Nuss- und Faust- 
grösse vermischt findet. Nach Norden geht er in Sandlager 
über, die ein feines schneeweisses Korn besitzen und als Streu- 
sand benutzt werden können. 

In der Nähe von Steinberg treten mehrere Basaltkuppen aus 
den Tertiärmassen hervor, die bei ihrem Durchbruch eine inter- 
essante Umwandlung erlitten haben. Sie zeigen nämlich eine 
blasige, poröse, bimsteinartige Beschaffenheit, ähnlich wie wenn 
geschmolzene Schlacke in Wasser gegossen wird und verrathen 
dadurch , dass ihre Erhebung in die Zeit fiel , als die Tertiär- 
massen noch vom Wasser bedeckt waren, welches letztere obige 
Erscheinung hervorgebracht hat. 

Voltz bespricht in seiner Abhandlung über die geologischen 
Verhältnisse des Grossherzogthums Hessen einen Durchbruch des 
Basalts durch die Grauwacke bei Steinberg, den ich aber nicht 
auffinden konnte mit folgenden Worten. 



278 



In der Nähe des Dorfes Steinberg durchbricht Basalt die 
Grauwackenschichten an der Grenze des Diluvialterrains. Die 
ganze Masse der letzleren hat ein gänzlich verändertes Ansehen. 
Das sandsteinartige ist verschwunden und an seiner Stelle ist 
das Gestein steingutähnlich geworden. Seine Masse ist dicht, 
graulich, splitterig im Bruch und fettglänzend auf demselben. 
Diese Umänderungen beweisen, dass die Hitze, welche auf dieses 
Gestein wirkte, sehr intensiv gewesen ist. 

Obgleich nun der ganze Vogelsberg aus den Tertiärsedi- 
menten hervorgedrungen ist, so findet sich in dem Gebirge doch 
selten ein so deutlicher Beweis als der oben angeführte, da hier 
die Laven der Sedimente vollständig Überflossen und verdeckt 
haben. 

Ein äusserst interessanter Aufschluss der Tertiärmassen findet 
sich hinter "Wieseck in den dortigen Sandgruben. Die obere Lage 
besteht aus grauem Sand und Gerollen, untermischt mit grossen 
abgerundeten Stücken bunten Sandsteins. Die darauf folgende 
sandig - thonige Schicht enthält eine Lage von thonigem Sphäro- 
siderit, in allen Graden der Umwandlung in Eisenoxydhydrat be- 
griffen. Stücke desselben von schaliger Absonderung, die im Innern 
einen thonigen Kern einschliessen, welcher durch einen glücklich 
geführten Schlag leicht bloszulegen ist, werden hier häufig gefun- 
den. Die nächste, stark thonige, durch Eisenoxydhydrat gelb ge- 
färbte und von dunklen Streifen durchzogene Lage geht allmälig 
in reinen weissen sehr feinen Sand über. Das Sphärosideritlager 
erlangt bei nur geringer Mächtigkeit eine nicht unbedeutende Aus- 
breitung, was daraus hervorgeht, dass es auch in den Tertiär- 
sanden Kurhessens aufgefunden worden ist. 

Bei Garbenteich wurde eine schneeweisse, abfärbende, dem 
Aeusseren nach von Kreide nicht zu unterscheidende Masse auf- 
gefunden, die sich aber bei der Analyse als ein thoniger Dolomit 
zu erkennen gegeben hat. Höchst wahrscheinlich wurde dieses 
Lager durch die Zersetzungsproducte der hier überall auftretenden 
Basalte gebildet. Letztere zeigen nämlich bei ihrer Verwitterung 
an der Oberfläche oft grosse weisse Flecken, die aus der Ferne 
gesehen sich wie Flechten ausnehmen und meistens aus Dolomit, 
zuweilen auch aus kohlensaurem Kalk bestehen. Werden diese 
Körper vom Wasser weggeführt und an anderen Orten wieder 
abgesetzt, so kann als Endresultat ein Lager gleich dem oben be- 



279 



schriebenen entstehen- Der Garbenteicher Dolomit besitzt einen 
i muscheligen Bruch auffallend ähnlich dem des Sphärosiderits bei 
Wieseck und ist es wahrscheinlich, dass letzterer ehemals ein Süss- 
wasserdolomit gewesen, der durch Verdrängung seiner Substanzen 
durch kohlensaures Eisenoxydul in Sphärosiderit umgewandelt 
wurde. 

Nördlich und nordwestlich von Giessen erheben sich zwei 
Berge, der Hangelstein und der Gleiberg, die sich in ihrem Schich- 
tenbau vollkommen ähnlich sind. Die Spitzen beider bestehen 
aus Basalt, der sich auf den darunter folgenden horizontalen Ter- 
tiärmassen erhebt, welche letztere die steil aufgerichteten devoni- 
schen Schichten überdecken. Augenscheinlich waren die beiden 
Berge ehemals nicht durch das jetzt dazwischenliegende breite 
Thai getrennt, sondern bildeten ein zusammenhängendes Ganze. 
Die Lahn, welche durch Erosion diese Trennung hervorgebracht, 
was man an der steil abfallenden Westseite des Hangelsteins er- 
sieht, an welcher sich eine deutliche Zerfressung und Ausnagung 
durch Wasser kundgiebt, muss daher ehemals ein viel höheres 
Bett als jetzt besessen haben. Plutonische Kräfte konnten keinen 
oder einen nur höchst geringen Antheil daran gehabt haben, 
was daraus hervorgeht, dass sich an den Tertiärablagerungen 
nirgends eine Zerreissung oder Verschiebung nachweisen lässt. 

Von Marbug südwärts bis in die Nähe des Staufenbergs 
tritt bunter Sandstein auf, der mit den massenhaften Ablagerun- 
gen desselben im Osten des Vogelbergs in Verbindung steht. 
Die Trümmerproducte desselben hat die Lahn, deren Wasser sich 
ehemals in die Wetterau ergossen und die sich erst später ihren 
jetzigen Weg durch Nassau erzwungen hat, ihren Lauf hinab 
abgelagert. Sie finden sich in mitunter bedeutender Mächtigkeit 
hauptsächlich an der Nord- und Nord-Ost Grenze der Lindner 
Mark abgelagert. Durch den Bau der Köln-Giessner Eisenbahn 
werden dieselben kurz vor dem Giessner Bahnhof durchschnitten 
und erreichen hier eine Höhe von 12 — 15 Fuss. Unter ihnen 
tritt Dolomit in einzelnen zu Sand zerfallenen Buckeln hervor, 
der, wie ich schon bei der Beschreibung der Mark gezeigt habe, 
höchst wahrscheinlich mit den Kalken von Kleinlinden zusammen- 
hängt. In den Schuttmassen treten häufig Sandsteinblöcke oft 
von einigen Fussen Durchmesser auf, die durch ihre abgerundete 
Oberfläche zu erkennen gaben , dass sie ebenfalls vom Wasser 



280 



hierher gebracht wurden und muss letzteres desshalb an dieser 
Stelle eine starke Strömung besessen haben. 

Auf dem Trieb , dem Seltersberg , bei Kleinlinden treten 
überall Massen von klastischen Gesteinen auf, welche aus Quarz, 
Grauwacke, buntem Sandstein, Eisenkiesel und Kieselschiefer be- 
stehen und öfters durch Kieselsäure, Thon und Eisenoxyd zu 
einem sehr festen Conglomerat verbunden sind. Diese Gerölle 
sind als die Ueberbleibsel grosser Sandlager zu betrachten, die 
zurückgeblieben, während die feinen Massen derselben von den 
fliessenden Gewässern fortgeführt wurden. 

Der Kieselschiefer zeigt selten so abgerundete Ecken und 
Kanten wie die übrigen Gesteine, was dafür spricht, dass er nicht 
weit vom Wasser weggeführt sein kann. Da er auch in unserer 
Nähe am Dunstberg und weiter hin ansteht, so ist anzunehmen, 
dass er von dort hierher geschwemmt wurde. Es muss aber 
dann ein Wasser neben der Lahn, welche die Trümmerproducte 
des bunten Sandsteins herbeiführte, existirt haben, dessen Lauf 
vielleicht die jetzige Bieber noch anzeigt, oder das gerade die ent- 
gegengesetzte Richtung, welche jetzt die Lahn unterhalb Giessen 
besitzt, gehabt haben muss. Da diese Gerölle und Conglomerate 
120 — 150 Fuss über dem jetzigen Wasserspiegel liegen, so er- 
ersieht man daraus, welche bedeutende Niveauveränderung derselbe 
seit jenen Zeiten erlitten hat. 



281 



2. Zur Frage, ob Hebung oder Senkung bei dem 
Entwicklungsgänge unserer Erde vorwaltend thätig 
gewesen sei. 

Von Herrn von Seckendorfs in Schöningen. 

Eine Frage, welche sich bei Betrachtung der unverkennbar 
stattgefundenen Katastrophen, denen unsere Erdoberfläche ausge- 
setzt war, aufdrängt, ist die, ob die Hebung oder die Sen- 
kung die Hauptrolle spielte. Ihr etwas näher zu treten ist die 
Aufgabe dieser Zeilen. 

Seitdem L. von Buch das Wort der Erhebung in Gang 
gebracht hat, schreibt man der Erhebung alle Rechte einer wohl- 
begründeten Ansicht zu, und drängt die Senkungstheorie als 
ziemlich nichtig in den Hintergrund. Man lässt sich hauptsäch- 
lich durch den Umstand für die Hebung der Schichten gewinnen, 
dass die über dem Meeresniveau befindlichen Schichten den Blicken 
der Geologen blossgelegt wurden. So praktisch nun diese An- 
schauung auch erscheint, so manche Einwendungen möchten sich 
doch dagegen aufstellen lassen. Es wird dabei nur der kleine 
Theil der festen Erdkruste in Betrachtung gezogen, welcher über 
den Meeresspiegel hervortritt und deshalb der Beobachtung zu- 
gänglich geworden ist, es bleibt aber dabei der ungleich grössere 
vom Meere überdeckte, unsern Blicken entzogene Theil derselben 
völlig unbeachtet. Die Schwierigkeiten aber, welche mit der Er- 
forschung des Meeresbodens verknüpft sind, dürfen uns nicht ab- 
halten unsere Forschungen so weit als irgend möglich auch dahin 
auszudehnen , und es unterbleibt dies auch bei vorkommenden 
Gelegenheiten , wie z. B. bei den Korallenriffen u. s. w. nicht. 
Es fällt Niemandem ein eine untermeerische Hebung deshalb ab- 
zuleugnen, weil sie die Fläche des Meeresspiegels nicht über- 
schritt. 

Schon hieraus ergiebt sich, dass der Meeresspiegel bei sol- 

fceüs. d. d. geul. Ges. XV. 2. 19 



282 



eben Erscheinungen nicht maassgebend sein kann. Sehen wir 
nun aus den Meereskarten, welche für die verschiedenen Forma- 
tionsperioden entworfen sind, dass der Meeresspiegel früher einen 
viel grössern Flächenraum eingenommen hat, als er gegenwärtig 
umschliesst, so ergiebt sich auch hieraus, dass derselbe nicht als 
Anhalt bei solchen Verhältnissen dienen kann , weil er keine 
stabile, sondern eine sehr variable Grösse ist, wenn diese Ver- 
änderlichkeit auch für unsere Zeit und unsere Beobachtungen zu 
einem Minimum herabsank. 

Für die Frage, ob Hebung oder Senkung stattgefunden habe, 
kann daher nur, so scheint es uns, der Mittelpunkt der Erde 
zum Anhalten dienen, so dass Alles, was sich m den verschie- 
denen Katastrophen von ihm entfernte, als gehoben angesehen 
werden muss, während alles das, was sich ihm näherte, als ge- 
sunken zu betrachten ist, gleichviel ob es auf diese Weise über 
den Meeresspiegel gelangte oder nicht. Auch bei der Betrach- 
tung des Verhältnisses des über den Meeresspiegel hervortreten- 
den Festlandes zu dem vom Wasser bedeckten Flächenraume 
wird man füglich darauf hingeführt, dass die Senkung als vor- 
waltend anzusehen sein dürfte. 

Eben so möchte die von Vogt vorgetragene Vorstellung von 
der Erkaltung des Erdkernes und dem periodischen Zusammen- 
stürzen der Kruste keine der Senkung sehr förderliche und den 
Verhältnissen entsprechende sein. Die dagegen erhobenen Be- 
denklichkeiten: dass man nicht wissen könne, ob solche in Folge 
der Erkaltung und Zusammenziehung eingetreten sei, weil man 
kein Mittel habe die Senkungen zu messen, treffen eben so gut 
die befürwortete Hebung. Es ist wohl zu beachten, dass Die- 
jenigen , welche der Senkung das Wort reden, den bestehenden 
Verhältnissen genau eben so Rechnung getragen wissen wollen 
wie die Verehrer der Hebungstheorie, dass es sich daher nicht 
um eine Aenderung dieser Verhältnisse, sondern um die Klärung 
und Begründung der Anschauungen handelt. 

Es kann daher auch nicht die ganz besonders praktische 
Seite sein, welche der allerdings genialen Idee der Hebung der 
Gebirgsmassen ihren Stützpunkt gab und ihr so bereitwillige 
Aufnahme verschaffte, vielmehr muss dieser in einem andern 
tieferliegenden Grunde gesucht werden und möchte derselbe wohl 
hauptsächlich darin zu finden sein, dass der bei der Hebung an- 
genommenen thätigen Kraft für ihre Wirksamkeit nach der 



283 



Qberfläche der Erde hin ein freier unbeschränkter Raum gegönnt 
ist, während man bei der Senkung sich bisher vergeblich bemühte, 
zu erklären, wie solche ohne künstlich geschaffene, hohle Räume 
etc. möglich sei. Die grossartige originelle Idee der Erhebungs- 
theorie führte dabei über die Nach Weisung der erforderlichen 
Kraft hinweg; sie wurde ganz einfach den hervorgebro- 
chenen ungeschichteten Gesteinen beigelegt! Man 
übersah dabei nur, da man es in der Geologie immer mit gross- 
artigen Erscheinungen zu thun bat, dass die hervorgebrochenen 
Gesteine niemals als eine in die Bildnngsgeschichte der Erde ein- 
greifende thätige Kraft angesehen werden können, weil sie in 
der That nur Producte dieser Kraft sind wie alle andern Ge- 
steine, dass man also, wenn man von erhebenden Gesteinen spricht, 
eine durchaus unstichhaltige Ansicht aufstellt. So lange also die 
Kraft nicht nachgewiesen ist, durch welche die sogenannten er- 
hebenden, in der That aber gehobenen Gesteine an ihren Platz 
geführt wurden, so lange hat die Hebungstheorie trotz ihrer 
Verbreitung durchaus nicht mehr Werth als eine unbegründete 
Senkungstheorie. 

Indem wir nun in dem Vorhergehenden die völlige gleiche 
Berechtigung der beiden Anschauungsweisen herzustellen suchten, 
dürfte sich gleichzeitig ergeben, dass diejenige Theorie, welche 
die erforderliche Kraft nachweist und auf die einfachste unge- 
suchteste Weise alle Erscheinungen erklärt , allein auf Geltung 
wird Anspruch machen können. Es wird nun allgemein aner- 
kannt : 

1) Ein heissflüssiger Urzustand unserer Erde; 

2) eine allmälige Abkühlung derselben; 

3) dass die Erde sich in Folge dieser Abkühlung mit einer 
erstarrten Kruste umgab , welche mit der Zeit an Stärke zu- 
nahm, während der innere, von der Abkühlung noch nicht getrof- 
fene Theil im ursprünglich heissflüssigen Zustande verblieb; 

4) dass die in Folge der Abkühlung sich bildende Erdkruste 
nach dem allgemein geltenden physikalischen Grundsatze, wonach 
jeder aus dem flüssigen in den festen Zustand übergehende Kör- 
per sein Volumen verringert, an ihrer ursprünglichen Ausdehnung 
verloren hat ; 

5) dass hierdurch eine unendlich mannigfache Zerklüftung 
der festen Erdrinde veranlasst wurde ; 

19* 



284 



6) dass alle sedimentären Gesteine sich ursprünglich hori- 
zontal ablagerten; 

7) dass diejenigen geschichteten Gebirgsmassen, welche nicht 
mehr horizontal liegen-, durch spätere Einflüsse in ihre jetzige 
Stellung gebracht wurden ; 

8) dass die nicht geschichteten , krystallinisehen , massigen 
Gesteine heissflüssigen Ursprunges sind und durch eine bis jetzt 
nicht hinlänglich ermittelte Kraft an ihren jetzigen Ort gebracht 
wurden ; 

9) dass das auflagernde Gestein im Allgemeinen nothwendig 
jünger ist als das überlagerte. 

Von diesen allgemein anerkannten Sätzen kommen die sub 4 
und 5 zu unserm Zwecke hauptsächlich in Betracht, weil die Zer- 
spaltung der Erdkruste in der Erdbildungsgeschichte eine sehr 
wesentliche Rolle spielt. Es ist Thatsache, dass man der Zer- 
spaltung in allen Regionen der Gebirgsmassen vom jüngsten 
Gletschereise bis zum ältesten Gesteine begegnet, dass man sie 
in den feinsten Haarklüften, wie in den mächtigsten Gebirgsspal- 
ten, dass man sie offen, wie mannigfach gefüllt antrifft. Es ist 
daher sehr wichtig sich über die Natur dieser Spalten Aufschluss 
zu verschaffen, wozu die Erzgänge schon lange Gelegenheit 
gegeben haben. Man lernte die Natur derselben, ihr gesell- 
schaftliches Auftreten in langhin zu verfolgenden Gang- 
zügen, ihre Verwerfungen und die nach der Längenrichtung hin 
sehr häufig damit verbundenen Niveauveränderungen kennen, wo- 
durch die eine Hälfte des ältern Ganges von dem verwerfenden 
jüngern Gange aus seiner normalen Lage gebracht ist. Diese 
Niveauveränderungen sind nach den beim Steinkohlenbergbau ge- 
machten Erfahrungen oft bedeutend, selbst bis zu 1500 Fuss, ja 
man hat am Harze ein Beispiel (S. die Wiederausrichtung ver- 
worfener Gänge, Lager und Flötze von Dr. Christ. Zimmer- 
mann, Darmstadt und Leipzig bei C. W. Leske 1828) wonach 
solche Verwerfungen in neuerer Zeit während des Bergwerksbe- 
triebes (seit 1720) vor sich gegangen sind, indem daselbst die 
von Klüften durchsetzten Geschwornenstufen — von den Betriebs- 
beamten nach bestimmten Gesetzen zu bestimmten Zwecken zur 
Zeit des Betriebes in einen der Ortsstösse eingehauene Zeichen — 
wie ältere Gänge verworfen sind, wobei der ganze Ort unter der 
Einwirkung dieser Verwerfungen um mehrere Zolle aus der ur- 
sprünglichen Stellung gebracht worden ist. Man erkannte ferner 



285 



in den oft beobachteten Gangspiegeln die Folgen stattgefundener 
Reibung der aufeinander hingeglittenen Gangtheile und sah, dass 
die spaltende Kraft, wenn sie auch bei einem Gange eine be- 
stimmte Richtung verfolgte, doch unter besondern Einflüssen, nament- 
lich durch offnere Schichtungsflächen u. s. w., recht oft von ihrer 
Hauptrichtung abgelenkt wurde. 

Diese Beobachtungen führten nun zu der naturgemässen An- 
sicht, dass bei den beobachteten Verwerfungen die eine Seite der 
Gangspalte, das Liegende des Ganges, im Ruhezustande ver- 
blieben sei, dass die andere dagegen, das Hangende, dem Ge- 
setze der Schwerkraft folgend, sich gesenkt habe. Als man nun 
aber auch Beispielen begegnete, woraus eine Hebung des Liegen- 
den hervorzugehen schien und man sich dafür eine Erklärung 
nicht sofort geben konnte, so huldigte man auch bei den Gang- 
theorien nur zum Schaden für die Wissenschaft der Erhebungs- 
theorie und verliess die Senkungstheorie hauptsächlich wohl des- 
halb, weil man sich von der dabei erforderlichen Beweglichkeit 
der erstarrten Kruste, wie sie aus den beobachteten Verhältnissen 
hervorleuchtete, keine richtige Vorstellung zu verschaffen wusste. 
Es handelt sich nun darum darzuthun , wie man diese Beweg- 
lichkeit der Erdkruste mit Hülfe der Schwerkraft zur Erklärung 
der Erscheinungen anzuwenden hat. 

Es konnte wohl nicht fehlen, dass bei den vielfachen Zer- 
Spaltungen der festen Erdkruste einzelne Theile derselben, die 
bis dahin von ihrer Umgebung unterstützt und gehalten wurden, 
diese .Unterstützung vollständig verloren, so dass sie mit ihrem 
Gewichte auf die darunter befindliche heissflüssige Masse ein- 
wirkten. Hierzu ist nur die Annahme erforderlich, dass die be- 
treffenden Spalten, welche solche Massen umschlossen, die Kruste 
in ihrer vollen Mächtigkeit durchsetzten. Diese An- 
nahme selbst aber ist in der Kraft, welche man für die Entste- 
hung der Spalten aufruft, durchaus begründet. 

Nimmt man nun der Einfachheit wegen für eine solche 
Masse ein rechtwinkliges Viereck (Fig. 1 a) an, so ergiebt sich, 



286 

Figur t. 





















1 — - 1 









wenn der Druck ganz normal von oben nach unten erfolgt, dass 
die feste sieb senkende Masse nach hydrostatischen Gesetzen auf 
die heissflüssige Masse des Erdkernes mit ihrem Gewichte drückt, 
bis das Gleichgewicht hergestellt ist oder andere Umstände das 
Aufhören des Druckes veranlassen. Es ergiebt sich ferner, dass 
die gedrückten heissflüssigen Massen so lange durch die Spalten- 
öffnungen aufsteigen mussten, als der mechanische Druck fort- 
dauerte, dass daher die aufwärts gedrückten Massen in genauem 
Verhältnisse zu der sich senkenden festen Masse und dem dadurch 
ausgeübten Drucke stehen, dass namentlich dem Räume nach so 
viel heissflüssige Masse verdrängt wurde, als feste in sie einsank. 
War die drückende Masse horizontal geschichtet, so wurde an ihrer 
horizontalen Lagerung hierbei nichts geändert. 

Anders gestalten sich aber die Verhältnisse, wenn der Druck 
ein ungleichmässiger ist, wenn z. B. in dem rechtwinkligen 
Viereck a (Fig. 2) der Druck nur bei a thätig wird. In Folge 



Figur 2. 




dessen senkt sich nur an dieser Stelle die Masse, während sie 
auf der Seite ß in ihrer ursprünglichen Lage beharrt. Die Spalte 
an dieser Seite öffnet sich nach oben hin und schliesst sich nach 
unten, während auf der Seite a ein umgekehrtes Verhältniss ein- 
tritt. An den oben angedeuteten mechanischen Grundsätzen und 



287 



,Folgen wird dadurch nichts geändert. Es wird so viel heiss- 
flüssige Masse, als durch den Triangel oc ß 8 angedeutet wird, in 
die Spalten bei oc und ß eingedrängt werden als der Raum ge- 
stattet, das Ueberschüssige wird aber entweder an beiden Spal- 
tenseiten über a hervortreten, oder aber, wenn die Spalte bei oc 
wegen festen Verschlusses ein Austreten derselben hier nicht zu- 
lässt, so werden sich die gepressten Massen nur an der ß Seite 
ergiessen, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Waren 
die Massen in a ursprünglich horizontal geschichtet , so ergiebt 
sich nun erstens eine von ß nach a gerichtete Falllinie, zweitens 
ein mit der Längenricbtung der Spalten oc und ß parallel laufen- 
des Streichen der Schichten. 

Betrachtet man nun dieselbe Masse a nach ihrer horizontalen 
Projection von oben (Fig. 3) so ergiebt sich, dass das Fallen der 

Figur 3. 

. • — — y ™ - - 



Ct oc 



Schichten und das davon abhängende Streichen derselben allerlei 
Veränderungen unterworfen sein wird, je nachdem man den vor- 
waltenden Druck nach den Punkten 1,2,3 und 4 oder nach *( 
oder 5 hinrückt. In den letztern beiden Fällen würde die Maxi- 
mal-Abweichung eintreten , d. h. die Streichungslinie würde von 
oc nach ß gerichtet sein, während das Fallen entweder von y nach 
o oder umgekehrt hinzielen würde, je nachdem der Hauptdruck 
nach dem einen oder dem andern Punkte hinverlegt wird. Es 
ist diese Betrachtung insofern wichtig , als darin locale Abwei- 
chungen eine Erklärung finden. 

Wenn man nun diese rein mechanischen Verhältnisse weiter 
ausführt , wenn man z. B. neben einer mittlem Hauptspalte oc 



288 



(Fig. 4) zwei parallele Nebenspalten ß und -f herlaufen lässt 
und die Druckkraft für die Massen a und b nach diesen Seiten 



Figur 4. 




verlegt, so erkennt man, dass die Hauptspalte a sich bedeutend 
öffnet, dass wenn die Nebenspalten [3 und ~{ fest verschlossen sind 
und den heissflüssigen Massen einen Ausgang nicht gestatten, 
diese entweder bei a in die Höhe steigen müssen, oder aber die 
festen Massen a und b werden dem Unterdrncke bei a nachgeben, 
d. h. sie werden um so viel in die Höhe gehen (gehoben werden) 
als erforderlich ist, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. 

Aus allem diesen ergiebt sich, dass diese mechanischen Ver- 
hältnisse sich bis ins Unendliche ausspinnen lassen. Wir zogen 
bei der Betrachtung derselben der bequemern Behandlung wegen 
nur ein Minimum von Spalten ins Spiel und gaben den thätig 
werdenden Massen ganz ebene mathematische Begrenzungen. Es 
liegt aber auf der Hand, dass sich die Natur darauf nicht be- 
schränkte, dass in der Anzahl und der Bedeutenheit der Spalten, 
in deren Geneigtheit gegen den Horizont und in der Unebenheit 
und Ungleichförmigkeit der Spaltenwandungen die verschieden- 
artigsten Abweichungen sich denken lassen. Man erkennt aber 
auch, dass man bei der damit möglich gewordenen Beweglichkeit 
der zerborstenen Erdkruste in dem Gewichte der sich senkenden 
Massen für das Hervordrängen der ursprünglich heissflüssigen 
Massen (der massigen Gesteine) und für die vorkommende ein- 
seitige Aufrichtung der geschichteten Gesteine eine den Erschei- 
nungen völlig entsprechende, proportionale Kraft besitzt. Während 
die Erhebungstheorie ohne nachgewiesene Kraft zu verwerfen ist, 
erscheint dagegen die von uns befürwortete Senkungstheorie der 



289 



Beachtung werth, weil sie eine bestimmte Kraft nachweiset, die 
für alle Epochen der Erdbildung vorhanden war. 

So ergeben sich bei dieser Annahme in den neben den Cen- 
tralspalten herlaufenden Gebirgsmassen die Druckfelder zu 
den durch sie hervorgebrachten Oberflächenveränderungen ; wenn 
man will, so lässt sich sogar die Ansicht vertreten, dass der 
vom Meere verdeckte Theil der Erde das Druckfeld für die über 
den Meeresspiegel hervortretenden festen Massen abgebe. Man 
erkennt überhaupt leicht, dass neben grossen, für ganze Gebirgs- 
züge maassgebenden Druckfeldern für particulare Abweichungen 
kleinere, beschränktere Druckfelder gedacht werden können, welche 
in das beobachtete Hauptstreichen und Fallen der geschichteten 
Massen allerlei Abweichungen hineinzubringen vermögen. Man 
erkennt, welche unendliche Verschiedenartigkeit an der Erdober- 
fläche hervorgerufen werden muss, je nachdem man sich nur die 
Senkung nach der einen Seite des Druckfeldes (Fig. 2) oder 
Senkung nach der einen, und Hebung nach der andern in 
Thätigkeit gesetzt denkt, je nachdem neben der Centralspalte ein 
einseitiges Druckfeld, oder Druckfelder annimmt, die an beiden 
Seiten derselben hinlaufen. 

So wichtig wie sich hiernach die Spalten überhaupt zeigen, 
eben so wichtig ist deren Geneigtheit gegen den Horizont und 
die Unebenheit ihrer Wandungen. Man braucht in den gege- 
benen Figuren die lothrecht dargestellten Spalten nur nach ver- 
schiedenen Seiten hin zu richten, um zu erkennen, dass die Ver- 
schiedenheit ihrer Neigungen auf die Beweglichkeit der Masse 
einen Einfluss ausüben musste. Wenn schon die Erzgänge, welche 
sich sowohl nach dem Streichen wie nach dem Fallen hin bald 
mächtig öffnen, bald dicht verschliessen, nur im grossen Ganzen 
als plattenförmige Körper angesehen werden können, so ist an- 
zunehmen, "dass die Spalten, welche bei der Gestaltung der Erd- 
oberfläche thätig wurden , noch ungleich mehr Verschiedenheit 
boten. Während sich im Allgemeinen die Centraispalten nach 
oben öffnen und nach unten schliessen, bei den äussern Spalten 
aber ein umgekehrtes Verhältniss sich ergiebt, können hierin 
unendliche Modificationen eintreten. Es werden an der einen 
Stelle auf grössere oder geringere Erstreckung hin offene weite 
Verbindungen mit dem Centraikerne hergestellt werden, während 
an andern Stellen diese Communication zwar direct, aber in un- 
gleich geringem Dimensionen vorhanden ist. An einer dritten 



290 



Stelle ist solche nur auf grossen Umwegen zu denken, und an 
andern, wo die Wandungen fest auf einander treffen, findet ein 
hermetischer Abschluss statt. So kann hier der Fall eintreten, 
dass die Friction der sich berührenden Wandungen sich dem 
Drucke der sich senkenden Massen entgegenstellt, dass sie aber 
unter dem stetigen Einflüsse dieses Druckes und der heraufge- 
drängten heissflüssigen Massen zum Nachgeben gebracht werden, 
und so eine periodische Abwechselung von Senkung und Hebung 
erfolgen konnte, bis die Abkühlung und Erstarrung der einge- 
drungenen Massen die Stabilität an diesem Punkte feststellte. 



\ 



291 



3. Ueber die Kreide - Bildungen der Gegend von 
Löwenberg. 



Die eigentümliche Entwickelung der Gebirgsarten und geo- 
gnostischen Formationen am Nordrande des Riesengebirges hat 
schon seit dem Beginn des laufenden Jahrhunderts die Aufmerk- 
samkeit der Geognosten erregt. 

Schon im Jahre 1819 widmete v. Raumer in seiner Schrift 
„Ueber das Gebirge Niederschlesiens u. s. w. "*) auch diesem 
Theil der Sudeten eine eingehende Betrachtung. Nach ihm be- 
handelte v. Dechen in einer ausführlichen und gründlichen Ab- 
handlung „das Flötzgebirge am nördlichen Abfall des Riesen- 
gebirges"**) denselben Gegenstand und gab zugleich ausser vie- 
lem Anderen die erste Kunde von dem verschiedenartigen petro- 
graphischen Charakter und der verhältnissmässig grossen geogra- 
phischen Verbreitung der Kreideschichten in diesem Theil des 
Gebirges. 

Die erste genauere Altersbestimmung dieser Schichten ver- 
suchte A. Roemer in den „Versteinerungen des norddeutschen 
Kreidebirges, 1841", wo S. 128 dieselben insgesammt zur Ab- 
theilung des Quaders gestellt werden, ohne Berücksichtigung der 
kalkigen und thonig-sandigen Kreidegesteine sammt ihren gänzlich 
verschiedenen organischen Einschlüssen, deren schon v. Dechen 
(S. 140) Erwähnung gethan hatte. 

Drei Alterstufen unterschied in denselben Ablagerungen bald 
darauf im Jahre 1843 Geinitz in den geognostischen Skizzen, 
welche den „Petrefakten von Kieslingswalda " vorausgeschickt 
sind; er sonderte auf Grund seiner Beobachtungen in dem Gebiet 
der sächsischen Kreide- Ablagerungen unteren und oberen Quader- 
sandstein , getrennt durch die Zwischenstufe des Pläners. Ihm 



Von Herrn R. Dreschek in Berlin. 



Hierzu Tafel VIII. und IX. 




*) S. 128 bis 130. Berlin 1819. 

*) Kahsten's Archiv. 1838. S. 84. 



292 



konnte es damals aber noch begegnen, dass er die Aufeinander- 
folge der Schichten gerade umgekehrt annahm, wie sie wirklich 
stattfindet. Er erklärte den Sandstein von Giersdorf für unteren 
Quadersandstein unter Erwähnung zum Theil derselben organi- 
schen Einschlüsse*), derenwegen wir ihn heute als „oberen 
Quadersandstein" bezeichnen, und umgekehrt den Quadersand- 
stein von Waltersdorf und anderen Orten für oberen Quader- 
sandstein wegen genau derselben Leitformen, derenwegen wir ihn 
jetzt unteren Quadersandstein nennen. 

Doch schon ein Jahr später ertheilte E. Beyrich in seiner 
Schrift „Ueber die Entwickelung des Flötzgebirges in Schlesien"**) 
wenigstens einem Theil der besprochenen Kreide- Ablagerungen 
die richtige Stellung. Derselbe setzte nämlich den Quadersand- 
stein von Moys bei Löwenberg und dessen Aequivalente wegen 
gleichartiger Einschlüsse in ein gleiches Niveau mit dem, von 
Habelschwerdt und somit in das Niveau des für Schlesien unte- 
ren Quadersandsteins. Ausserdem stellte er die bis dahin be- 
zweifelte Altersgleichheit der Kohlen - Ablagerungen und Thon- 
eisensteine von Wenig - Rackwitz , Ottendorf und Wehrau fest. 
Derselbe Verfasser gab ein Jahrzeh ent später eine detaillirte Be- 
schreibung der Lagerungsverhältnisse, sowie die endliche Fest- 
stellung der unter diesen Ablagerungen zu unterscheidenden 
geognostischen Alterstufen in einer Abhandlung „Ueber die La- 
gerung der Kreideformation im schlesischen Gebirge." ***) 
Hierin wies er das Vorhandensein von vier Haupt- Schichten- 
Systemen nach, welche im Alter den drei D'ORBiGNY'schen Ab- 
theilungen des oberen Kreidegebirges, den Etages Ceno?nanien, 
Turonien und Senonien entsprechen. Die genauere Begrenzung 
und Verbreitung dieser vier Systeme wurde aber erst in neuester 
Zeit nach den geognostischen Aufnahmen desselben Geologen zur 
Anschauung gebracht auf den beiden Sektionen Löwenberg und 
Liegnitz des geognostischen Kartenwerkes vom niederschlesischen 
Gebirge und den umliegenden Gegenden. 

Durch alle diese Arbeiten war jedoch über die organischen 

*) Er erwähnt S. 1 Nerinea Borsoni, eine Rostellaria und einen 
Conus, womit nur die Nerinea Büchi, Actaeonella Beyrichii und irgend 
eine- Omphalia gemeint sein können. 

**) Karsten's Archiv 1844, S. 45. 

***) Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu 
Berlin 1855, S. 60 und 61. 



293 



Einschlüsse der nordschlesischen Kreide- Ablagerungen bisher nur 
äusserst wenig, noch viel weniger aber über deren Beziehungen 
zu den organischen Einschlüssen verwandter Kreidegebilde in 
anderen Gegenden Deutschlands bekannt geworden. Diese Lücken 
in der Literatur nach Kräften auszufüllen, ist der Zweck der 
folgenden Mittheilungen. Sie beruhen theils auf eigenen Beob- 
achtungen und Sammlungen während eines zweimaligen Besu- 
ches der betreffenden Gegenden, theils auf Benutzung der Mate- 
rialien in den reichen Sammlungen des mineralogischen Museums 
der Universität zu Berlin und in dem Mineralien -Kabinet der 
Königl. Ministerial-Abtheilung für Berg- und Hüttenwesen, wel- 
che mir durch die Güte des Herrn Professor Beyrich zugäng- 
lich gemacht wurden, dem ich auch in anderer Beziehung noch 
wegen seiner freundlichen und vielfältigen Unterstützung bei der 
Abfassung des Nachfolgenden zum grössten Danke verpflichtet 
bin. Vieles verdanke ich auch der gütigen Berücksichtigung des 
Herrn Dr. Ewald und meines Freundes Kunth. Endlich darf 
ich der grossen Bereitwilligkeit nicht zu erwähnen vergessen, 
mit der die Herren Sachse und Mohr, und in noch höherem 
Grade Herr Dresler in Löwenberg mir ihre werthvollen 
Sammlungen von Petrefakten der Löwenberger Kreide-Ablagerun- 
gen zur Benutzung anvertrauten. 



I. Gliederung- der Äreideformation bei 
Eiöwenberg. 

Wie überall in Sachsen, Böhmen und in anderen Gegenden 
Schlesiens sind auch am Nordrande des Riesengebirges nur sol- 
che Kreideschichten vertreten, welche jünger sind als der Gault, 
unter diesen aber alle drei Abtheilungen der oberen Kreide, die 
Cenoman-, Turon- und Senon-Gruppe d'Orbignk's. Sie wurden 
in zwei von einander vollständig getrennten Hauptmulden abge- 
lagert, einer nördlichen und einer südlichen. Die südliche, nach 
dem Städtchen Lähn benannt, ist theils durch besondere Lage- 
rungsverhältnisse, theils dadurch ausgezeichnet, dass in ihr bis 
jetzt keine jüngeren als turone Ablagerungen nachgewiesen wer- 
den konnten. Ich lasse diese Lähner Mulde , welche durch 
Kutnth genauer erforscht wurde, hier völlig unberücksichtigt. 

Die nördliche Hauptmulde, welche ich die Löwenberger 



294 



Mulde nennen will, ist von weit grösserer Ausdehnung und folgt 
der Hauptrichtung des ganzen Sudetenzuges von Südosten nach 
Nordwesten. Sie ist in ihrer südöstlichen Hälfte noch von be- 
deutenderen Bergen begrenzt, endet aber zwischen Klitschdorf 
und Görlitz unter den Tertiär- und Diluvial - Ablagerungen der 
nordostdeutschen Ebene. Die Unterlage der Kreide - Bildungen 
besteht grösstenteils aus buntem Sandstein, stellenweise auch 
aus Muschelkalk, wo diese beiden fehlen, aus dem Rothliegenden 
oder, wo auch dieses noch fehlt, unmittelbar aus dem primitiven 
Thonschiefer, dem Fundamente aller Flötzgebirgs - Formationen 
am Nordrande der Sudeten. 

A. Die Ablagerungen des Cenoman - Systems. 

Die Ablagerungen dieses Systems sind am ganzen Nordrande 
der Sudeten nur durch eine einzige Schicht vertreten: 

Den Cenomanen unteren Quadersandstein. 
(= g s z. Th. auf der geogn. Karte des niederschl. Gebirges.) 

Dieser Sandstein bildet in dem grössten Theile der Löwen- 
berger Mulde einen meist schmalen, oft durch Diluvial-Bedeckung 
unterbrochenen Saum, der nach dem Mulden-Innern zu meist von 
jüngeren Kreideschichten überlagert wird. Nur unweit Lö- 
wenberg bei Plagwitz tritt er ein wenig in das Mulden-Innere 
hinein , wie es scheint in Folge einer Störung seiner ursprüng- 
lichen Lagerung. Fast immer ist der Sandstein von grobem 
Korn, zuweilen selbst conglomeratisch, auf dem frischen Bruch 
von weisser bis gelblichgrauer oder gelbbrauner, stets von heller 
Färbung. 

Die Quarzkörner hält meist ein weisses thoniges Bindemittel 
zusammen. Westlich von Neuwiese und nördlich von Herms- 
dorf*) schliesst er starke Bänke eines sehr mürben, feinkörnigen ^ 
weissen Sandsteins ein , der stellenweise stark mit Kohlentheil- 
chen gemischt ist. Im Uebrigen ist er gerade durch seine ver- 
hältnissmässig bedeutende Festigkeit selbst in den gröbsten Con- 
glomeraten ausgezeichnet und wird durch diese Eigenschaft ein 



*) Der Quadersandstein «nördlich von Hermsdorf gehört indess mög- 
licher Weise einer jüngeren Altersstufe an, wie weiter unten gezeigt 
werden wird. 



295 



beliebtes Material zu Bauten und zur Verfertigung von Mühl- 
steinen. Seine stellenweise zahlreichen organischen Einschlüsse 
zeichnen sich durch meist sehr mangelhafte Erhaltung und ge- 
ringe Mannigfaltigkeit der Arten aus. Doch charakterisiren ihn 
Exogyra columba, Pecten asper. Pecten aequicostatus, Ammo- 
nites Rotomagen sis*) und andere Versteinerungen zur Genüge 
als Aequivalent des unteren Quadersandsteins in Sachsen und 
Böhmen, des englichen oberen Grünsands und des Etage ceno- 
manien von d'Orbigny. 

Die fossile Fauna dieses Sandsteins besteht aus folgenden 
Formen : 

Saut ilus elegans Sov. 

Ammonites Rotomagerisis Brongn - . 

Dentalium glabrum Gehst. 

Inoceramus Cutneri Scnv. 

Pecten serratus Nils. 

Pecten asper Lam. 

Pecten quinquecostatus Sovr. 

Pecten aequicostatus Lam. 

Lima Hoper i Mant. 

Exogyra columba Lam. 

Rhynchonella sp. ind. 
Nicht zu übersehen ist das verhältnissmässig häufige Vor- 
kommen des Ammonites Rotomagensis. nach welchem v. Strom- 
beck in jüngster Zeit die obersten Cenoman-Schichten am Nord- 
rande des Harzes benannt hat. Nicht minder merkwürdig ist 
das Auftreten von Lima Hoperi, welche bisher sowohl in Sach- 
sen und Böhmen, als auch in Norddeutschland als eine der am 
meisten charakteristischen Formen für den turonen Pläner ange- 
sehen wurde. 

Die reichsten Fundorte für diese Fauna waren bisher die 
Steinbrüche bei der Stadt Löwenberg und bei Nieder-Moys, in 
welchen nicht allein Exogyra columba und Pecten asper, son- 
dern auch Lima Hoperi, Ammonites Rotomagensis und Nau- 
tilus elegans häufig gefunden werden. 



*) Der Name ist von Ronen, Rotomagus. abzuleiten; die gewöhnliche 
Schreibart Rhotomagensis scheint unmotivirt. 



296 



B. Die Ablagerungen des Turon-Systems. 

(= e -\- d 2 z. Tbl. -f- g 3 z. Thl. der geogn. Karte vom niederschlesi- 
schen Gebirge.) 

Die Turon-Bildungen erlangen in der Löwenberger Kreide- 
mulde nur eine räumlich beschränkte Entwickelung. Indem sie 
mit Ablagerungen von sandfreiem plastischen Thonmergel begin- 
nen, nach oben zu allmälig Sand in sich aufnehmen und end- 
lich mit einer Lage festen mergeligen Kalksteins enden, zerfal- 
len sie ihrem petrographischen Charakter nach in zwei Haupt- 
Unterabtheilungen, welche sich auch in ihrer Fauna wesentlich 
unterscheiden. 

1. Kalkig-thonige Ablagerungen. 

Von diesen ist eine untere und eine obere Ablagerung zu 
unterscheiden. Die untere besteht aus einem plastischen, mit 
Glimmerblättchen fein gemengten Thonmergel von grauer, im 
frischen Zustande dunkelblaugrauer Farbe, dessen unmittelbare 
Auflagerung auf dem cenomanen Quadersandstein nordöstlich von 
Langenvorwerk in einem Hohlwege beobachtet wurde.*) Der 
Uebergang vom cenomanen Quadersandstein in den Thonmergel 
wird hier in einer sich öfters wiederholenden Weise durch einen 
von Eisenoxydhydrat gelbroth gefärbten Thon und eine Lage 
von sandigem festen Thoneisenstein, beide zusammen nur 12 bis 
15 Zoll mächtig, vermittelt. Die Schichten fallen mit 25 Grad 
nach Nordosten ein. 

Auf der Höhe des Kretscham-Berges bei Deutmansdorf, an 
dessen südlichem Abhänge dieselben Mergel durch einen Hohl- 
weg entblösst sind, finden sich zahlreiche Bruchstücke von Thon- 
eisenstein, welche auf das Vorhandensein eines Zwischengliedes wie 
bei Langenvorwerk schliessen lassen und es wahrscheinlich ma- 
chen , dass die grobkörnigen Sandsteine der östlichen Hälfte des 
Kretscham-Berges noch dem Cenoman-System angehören. 

Aehnliche Umstände machen es auch wahrscheinlich, dass 
von den grobkörnigen Quadersandsteinen des Hainwaldes nur 
etwa der Theil südlich der Chaussee dem Cenoman-Systeme zu- 

*) In dem Kreidebecken von Lähn siebt man die Auflagerung des- 
selben Thonmergels auf dem cenomanen Quadersandstein sehr schön auf 
der Höhe des Lerchenberges bei Mittel-Langenau in einem Hohlwege. 



297 



zurechnen sein dürfte; denn dieselben Mergel wie bei Langen- 
vorwerk zeigen bei Neuwiese deutlich ein dem südlichen Mulden- 
rande paralleles Streichen von Westen nach Osten und auch 
dort finden sich Stücke sandigen Thoneisensteins, besonders süd- 
_ lieh von der Chaussee und längs der Südgrenze des Mergels 
selbst im Walde zerstreut umher liegend. 

Die Stellen, an welchen ich die unteren plastischen Thon- 
mergel der Abtheilung überhaupt anstehend beobachtete, sind 
folgende: 1*) bei Langenvorwerk , 2) nordwestlich dicht an der 
Stadt Löwenberg südlich von der Strasse nach Langenvorwerk 
in zwei Mergelgruben , nur wenige Schritte entfernt von dem 
cenomanen Quadersandstein des Schiesshausberges, 3) südlich vor 
dem Burgthore der Stadt Löwenberg, wo er von den jüngeren 
Turon- Gebilden des Hospital-Berges alsbald bedeckt wird; 4) als 
unterste Schicht der Turon- Bildungen des Vorwerks -Busches, 
5) am rechten Boberufer am untersten Abhänge des Lettenberges 
gegenüber dem Vorwerks - Busch ; endlich 6) in der Nähe des 
nordöstlichen Muldenrandes, am Südabhang des Kretscham-Ber- 
ges bei Deutmansdorf. Besonders mächtig zeigen sich die Mergel 
bei Langenvorwerk und am Vorwerks-Busch. 

Auf diesem plastischen Mergel ruht, wie am Vorwerks-Busch 
sehr deutlich zu beobachten, getrennt durch eine nur 2 bis 
3 Zoll betragende Zwischenlage von feinblättrigem, blaugrauen 
Schieferthon ein mächtiger Mergelschiefer von hellbläulich grauer 
Färbung, dünn geschichtet, welcher entweder nach oben immer 
zahlreicher werdende kuehenförmige Concretionen von festerer 
Beschaffenheit einschliesst, wie z. B. am Vorwerks- Busch, oder 
endlich ganz in einen solchen festen Mergelschiefer übergeht, wie 
nördlich vom Hirseberge, bei Pilgramsdorf und bei Neuwiese. 
Dieser Mergelschiefer kann zwar stellenweise sehr fest und sogar 
klingend werden, wie an einer Stelle östlich von Pilgramsdorf, 
verliert jedoch nie die schiefrige Struktur und bricht mindestens 
stets in dünnen Platten. An den drei zuletzt genannten Punkten 
treten nur diese oberen Ablagerungen zu Tage und die plasti- 
schen Mergel fehlen entweder ganz oder sind durch Ueberlage- 
rung dem Anblick entzogen. Bei Pilgramsdorf bilden die Mergel- 
schiefer eine schmale von Nordwesten nach Südosten streichende 
Zone nordöstlich vom Sieinberge und haben eine Längenausdeh- 
nung von \ Meile. 

An organischen Resten sind diese kalkig-thonigen Ablage- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 20 



298 



rungen grösstenteils ausserordentlich arm, und ich verdanke die 
Kenntniss der daraus erhaltenen Formen fast nur dem Fund- 
punkte der Mergelgruben am Vorwerks- Busch, wo zahlreiche 
Schwefelkies-Concretionen das Vorkommen der organischen Reste 
begleiten. Die arme Fauna besteht hauptsächlich aus zahlreichen 
Zähnen und anderen Resten von Fischen, neben denen nur we- 
nig Anderes gefunden wurde. Die mir bekannt gewordenen 
Formen sind folgende: 

f Osmeroides Lewesiensis Mant. (Schuppen) » 
Aulolepis Reussü Gein. (Schuppen und Skelettheile) 
Macropoma Mantelli Ag. (Koprolithen) 
Pycnodus scrobiculatus Reuss (Zähne) 
| Corax heterodon Reuss (Zähne) 
\Otodus appendiculatus Ag. (Zähne) 
■fOxyrkina Mantelli Ag. (Zähne) 
Oxyrhina angustidens Reuss (Zähne) 
Lamna raphiodon Ag. (Zähne) 
Placoiden-Wirbel 
Inoceramus mytiloides Mant.? 
Pecten Dresleri Dr. 
■fPecten orbicularis Nils. 
f Mano?i megastoma Roem.*) 
Von diesen Formen fanden sich die meisten in den Mergeln 
des Vorwerks-Busches. Nur bei Neuwiese und am Nordrande 
des Hirseberges fand ich mit Sicherheit Manon megastoma. 

2. Die sandigen Mergel und Mergelkalksteine. 

Ueber den beschriebenen thonig-kalkigen Schichten folgt an 
mehreren Stellen, zwar in grösserer räumlicher Ausdehnung, aber 
auf einen kleineren geographischen Distrikt beschränkt, eine 
mächtige Ablagerung von wesentlich anderer Gesteinsbeschaffen- 
heit. Gemeinsam mit der vorigen Gruppe hat sie nur durch 
alle ihre Modifikationen hindurch die sparsame Beimengung von 
feinen Glimmerblättchen. Sie besteht zu unterst aus einer mäch- 
tigen Schicht eines sehr mürben, leicht zerreiblichen und fein- 

*) In dem Mergelschiefer gleichen Niveaus am Lerchenberge bei 
Langenau im Läbner Kreidebecken fand ich 1862 den ersten und bisher 
einzigen Belemniten aus schlesischen Kreide- Ablagerungen ; leider ist er 
nicht sicher bestimmbar, vielleicht zn Belemnites lanceolatus gehörig. 



körnigen thonig-kalkigen Sandsteins mit nur geringem Kalkgehalt 
von vorherrschend hellgrauer Farbe und ohne deutliche Schich- 
tung. Nach oben geht derselbe stets in ein weniger mürbes 
Mergelgestein von sehr wechselnden Eigenschaften über, dessen 
durchgehends reichlicher Kalkgehalt sich zuweilen so steigert, 
dass es stellenweise ein fast reiner körniger und fester Kalkstein 
wird. An andern Stellen dagegen herrschen der Thon- und 
Sandgehalt so stark vor, dass das Gestein seiner Unterlage wie- 
der ähnlich wird. Nur selten findet man darin einige glauco- 
nitische Körner. Die Farbe wechselt auf die mannigfaltigste 
Art zwischen lichtem Gelblichgrau, Bläulichgrau und Dunkelgrau. 
Nach oben schliesst es an den meisten Stellen, so am Hospital- 
berge, dem Popelberge und dem Steinberge, mit einer festen 
mergeligen Kalksteinbank von 2 bis 2\ Fuss Mächtigkeit ab. 

Diese Ablagerung hat im Vergleich mit ihrer Unterlage 
eine nur äusserst beschränkte geographische Verbreitung. .Die 
grösste Entwickelung besitzt sie nordwestlich von Löwenberg, 
wo sie auf dem älteren Mergel ruhend, mit einem Einfallen von 
15 bis 25 Grad nach Nordosten in einer Streichungslinie von 
Nordwesten nach Südosten sowohl den Popelberg als die Kette 
der Mittelberge in ihren Hauptmassen zusammensetzt, und be- 
sonders in ihren Schichtungsköpfen an den Südwest- Abhängen 
dieser Berge vielfach entblösst und aufgedeckt ist. Ihre Schich- 
ten verbreiten sich hier, obwohl auf dem Rücken der genannten 
Berge von jüngeren Absätzen bedeckt, bis an das Boberthal und 
erleiden dort am Abhang der Gross-Rackwitzer Harte von Neuem 
eine Entblössung. Erstaunlich ist besonders in diesem Gebiet, 
und zwar in der kalkreichen oberen Schicht, das massenhafte 
Vorkommen von Inoceramus Brongniarti und verschiedenen 
Echinodermen. 

In der Verlängerung dieses Zuges finden sich dieselben Ge- 
steine südlich von Löwenberg am Nordabhange des Hospitalber- 
ges, wo sie, ebenfalls auf dem älteren Mergel ruhend, nur in 
räumlich beschränkter Ausdehnung auftreten ; sie enthalten hier 
die einzigen in schlesischen Kreide - Bildungen bisher gefundenen 
Rudisten, Biradiolites cornu pustoris d'Orb. Am Vorwerks- 
Busch scheinen sie über den unteren Mergeln zu fehlen. Dage- 
gen bilden sie auf letzteren ruhend am gegenüberliegenden Ab- 
hänge des Lettenberges einen schmalen Saum längs des rech- 
ten Boberufers und im Zusammenhange damit einen breiteren 

20* 



300 



am Westabhange des Steinberges bis an das Dorf Plagwitz 
heran. 

Man findet diese Schichten ferner am Süd- und West-Ab- 
hange des Kappelberges zwischen Ludwigsdorf und Braunau, 
endlich noch am Süd- und Nordwest - Abhänge des Braunauer 
Berges zwischen Sirgwitz und Braunau. Damit hört aber ihre 
ganze Verbreitung auf und ist ihr Auftreten demnach lediglich 
beschränkt auf. die Umgebung der Boberufer zwischen Wenig- 
Rakwitz und Löwenberg auf der linken, und zwischen Sirgwitz 
und Löwenberg auf der rechten Boberseite. 

Die Fauna dieser Schichten ist zwar keineswegs artenreich, 
aber ausgezeichnet durch die Massenhaftigkeit des Auftretens 
einzelner unter ihren Formen , von denen besonders der durch 
ihre beiden Modifikationen hindurch gehende lnoceramus Bron- 
gniarti und in der oberen Schicht Micraster cor anguinum und 
Holaster suborbicularis hervorzuheben sind. Die Bestimmung 
der in ihnen enthaltenen Petrefakten ist häufig sehr erschwert 
durch ihre Verquetschung, besonders der Inoceramen und Echi- 
nodermen. Doch ist diese unter allen nordschlesischen Kreide- 
Ablagerungen die einzige, in welcher der grösste Theil der vor- 
kommenden Formen mit der Schale erhalten auftritt. 
Die Fauna besteht aus folgenden Formen: 
Krebse (Familie Macrura) sp. ind. 
Serpula gordialis Schloth. 
Nautilus sp. ind. 
Natica canaliculata Mant. 
Natica vulgaris Reüss 
f Pleurotomaria perspectiva d'Orb. 

Goniomya designata Gold f. 
f Lucina lenticularis Gold f. 
Cucullaea glabra Sow. 
Modiola siliqua Math. 
| lnoceramus Brongniarti Sow. 
Pecten quinqueco status Sow. 
Lima canalifera Gein. 
Lima aspera Mant. 
f Spondylus spinosus Sow. 
•fOstrea semiplana Sow. 
\Exogyra lateralis Nils. 
t Rhynchonella plicatilis Sow. 



301 



f Rhynchonella Martini (pisum) Bronn. 

Biradiolites cornu pastoris d'Orb. 

Cyphosoma granulosum Goldf. ? 
•fMicraster cor anguinum Lam. 

Micraster lacunosus Goldf.? 

Holaster suborbicularis Defr. 

Holaster granulosus Goldf.? 

Micrabacia coronula d'Orb. 
\Scyphia heteromorpha Reuss . 
■\Scyphia radiata Mant. 

In vorstehendem Verzeichniss , ebenso in dem früheren der 
unteren Abtheilung sind diejenigen Arten mit einem f bezeichnet, 
welche als besonders bezeichnend für die Turonbildungen der 
Löwenberger Gegend gelten können. Davon gehören die meisten 
zu den hauptsächlichsten Leitformen des deutschen Plänerkalkes 
von turonem Alter und lassen daher auch keinen Zweifel über 
die Gleichstellung der betrachteten Ablagerungen bei Löwenberg. 

Zu einer weiteren Vergleichung der wichtigeren ostdeutschen 
Turonbildungen möge die nachfolgende Uebersicht dienen: 



Versteinerungen 
der Turon- Bildungen 
in der Löwenberger Kreidemulde 


Pläner- 
Kalk 
von 
Strehlen 


Pläner- 
Kalk bei 
Quedlin- 
burg 


Plan er- 
Bildun- 
gen in 
Böhmen 


Pläner- 
Kalk 
von 
Oppeln 


Osmeroides Leivesiensis Mant. 


t 


t 


t 




Aulolepis Reussii Gein. . . 






t 




Macropoma Mantelli Ag. . 


t 


t 


t 




Pycnodus scrobiculatus Reuss 






t 




Corax heterodon Reuss . . 


t 


f 


t 




Otodus appendiculatus Ag. . 


t 


t 


t 




Oxyrhina Mantelli Ag. . . 


t 


t 


t 


t 


Oxyrhina angustidens Reuss 






t 




Lamna raphiodon Ag. . . 






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Krebs sp. ind. (Familie Macrura) 










Serpula gordialis Schloth. 


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Nautilus sp. ind. (elegans?) 










Natica canaliculata Mant. . 


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Natica vulgaris Reuss . . 


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Pleurotomaria perspectiva d'Or. 


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Goniomya designata Goldf. 










Lucina lenticularis Goldf. 


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302 



Versteinerungen 
der Turon - Bildungen 
in der Löwenberger Kreidemulde 



Planer- 
Kalk 
von 

Strehlen 



Pläner- 


Pläner- 


Kalk bei 


Bildun- 


Quedlin- 


gen in 


burg 


Böhmen 


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Cucullaea glabra Sow. . 
Modiola siliqua Math. . 
Inoceramus Bro?igniarti Sow. 
Inoceramus mytiloides Mant 
Inoceramus latus Mant. . 
Pecten orbicula?is Nils. . 
Pecten Dresleri Dr. . . 
Pecten quinquecostatus Sow 
Lima canalifera Gein. . 
Lima aspera Mant. . . 
Spondylus spinosus Sow. 
Ostrea semiplana Sow. . 
Exogyra lateralis Nils. . 
Rhynchonella plicatilis Sow 
Rhynchon. Martini (pisum ) Br. 
Biradiolites cornu pastoris d'Or. 
Cyphosoma granulosum Goldf. 
Micraster cor anguinum Lam. 
Micraster lacuzwsus Goldf. 
Holaster suborbicularis Defr. 
Micrabacia coronula d'Orr. 
Scyphia heteromorpha Reuss 
Scyphia radiata Mant. . . 
Manon megastoma Roem. . 



Unter den Kreideschichten am Nordrande des Harzes ent- 
sprechen augenscheinlich v. Strombeck's Schichten mit Scaphi- 
tes Geinifzii*) den Turonbildungen bei Löwenberg am meisten. 
Zugleich scheinen dieselben aber auch das Niveau des weissen 
Pläners mit Inoceramus Rrongniarti zu vertreten, wie aus dem 
ausnehmend häufigen Auftreten dieser Art zu schliessen ist. Die 
rothen Pläner, desgleichen der Pläner mit Galerites albogalerus, 
welche noch als Ablagerungen von turonem Alter am Nordrande 
des Harzes unterschieden werden, fehlen hier gänzlich. 

Bekanntlich erklärte Ewald zuerst, dass der deutsche Pläner- 
kalk im Alter den Hippuritenkalken der Alpen entspäche, und 



*)- v. Strombeck, Beitrag zur Kenntniss des Pläners über der we6t- 
phälischen Steinkohlenformation. Zeitschr. der deutsch, geol. Gesellsch. 
Berlin 1859. Bd. XI. S. 27. 



303 



| somit den Turonbildungen von d'Orbiginy*). Eine glänzende Be- 
stätigung für diese Parallelstellung liefern die in den Turonbil- 
dungen bei Löwenberg zuerst im Jahre 1861 gefundenen Exem- 
plare von Biradiolites cornu pastoris, einer der wichtigsten Leit- 
formen für die Turonbildungen im südlichen Frankreich. Ihr 
Vorkommen erscheint als lokale Ausnahme von der Theorie des 
Herrn Ewald über die von der geographischen Verbreitung abhän- 
gigen Grössenverhältnisse der Rudisten**) in der deutschen Kreide, 
wonach in Schlesien nur Rudisten von höchstens 3 Zoll Länge 
auftreten dürften. Der Biradiolites cornu pastoris erreicht bei 
Löwenberg die Länge von 8 bis 9 Zoll bei fast 4 Zoll Durch- 
messer, und übertrifft hierin sogar südeuropäische Vorkommnisse. 

C. Die Ablagerungen des Senon - Systems. 

Die Senonbildungen der Löwenberger Kreidemulde nehmen 
als ein vielfach, aber scharf gegliedertes System von bald thoni- 
gen, bald sandigen Schichten, im Innern derselben zum Theil 
von jüngeren Bildungen überdeckt , bei Weitem den grössten 
Raum ein. Sie scheinen von den Diluvial-Fluthen stark zerstört 
zu sein, denn Bruchstücke aus ihren festeren Lagen finden sich 
sehr häufig als Geschiebe in den Diluvial -Bedeckungen der 
Mulde, vermischt mit allen Arten nordischer Gesteine, darunter 
auch zahlreichen Feuersteinen der Rügener Kreide. ***) In ihren 
einzelnen Abtheilungen verbreiten sie sich durch die ganze Länge 
der Mulde und werden in nordwestlicher Richtung erst da räum- 
lich beschränkt, wo die jüngeren Sedimente anfangen vorzuherr- 
schen. Ihre grösste Entwickelung besitzen sie im Centrum der 
Mulde in der Gegend zwischen Naumburg a. d. Q , Löwenberg 
und Bunzlau. Sie zerfallen nach petrographischen sowohl als 
nach Unterschieden ihrer Fauna in drei streng gesonderte Glieder. 



*) Siehe Zeitschr. der deutsch, geol. Gesellsch. Bd. I. S. 84. 
**) Monatsbericht der Königl. Akademie der Wissenschaften zu 
Berlin. December 1856. 

***) So in den Kiesgruben östlich von Hohlstein und nördlich von 
Ludwigsdorf, wo sich in ganz besonderer Häufigkeit abgerundete Stücke 
aus den Schichten von Neu- Warthau mit zahlreichen Petrefakten, sowie 
Stücke vom oberen Quadersandstein mit Nerineen u. a. vorfinden. 



304 



1. Die Schichten von Neu-Warthau. 
(= d a z. Thl. und g a z. Thl. djer geogn. Karte des niederschlesischen 

Gebirges.) 

Ueber den oben beschriebenen Schichtengruppen von turonem 
Alter lagert an den meisten Stellen ein System von mannigfach 
entwickelten Sandsteinen, deren Fauna beweist, dass sie einer 
andern Altersstufe angehören. Nur an einigen Stellen ruhen 
dieselben anscheinend unmittelbar auf cenomanem Quadersand- 
stein. Wegen ihrer verschiedenen Entwickelung ist es nöthig 
die Stellen einzeln aufzuführen, wo sie auftreten. * 

Am Popelberg, nordwestlich von Löwenberg, fallen gegen 
den Gipfel zu in einem Hohlwege die Schichten der turonen 
Gesteinsgruppen unter einem Winkel von 15 Grad nach Nord- 
osten. Ueber der festen Bank von Mergelkalkstein folgt ein 
äusserst feinkörniger, stark thoniger und sehr mürber Sandstein 
mit sparsam beigemengten Glimmerschüppchen, von derselben 
gelblicbgrauen Farbe wie seine Unterlage und auch noch häufig 
den Inoceramus Brongniarti einschliessend. Darauf ruht in 
ansehnlicher Mächtigkeit ein fester, nicht mehr thoniger Sand- 
stein von weniger feinem Korn und hell gelblichbrauner Farbe, 
hier und da mit rothbraunen Flecken oder Adern ; er umschliesst 
an demselben Hohlwege nahe dem Gipfel eine nur 1 Fuss mäch- 
tige Lage eines gleich gefärbten lockeren und sehr grobkörnigen 
Sandsteins. Hiermit endet die Reihenfolge nach oben. In der 
ganzen Ablagerung fand sich ausser Inoceramus Brongniarti 
nur eine kleine unbestimmbare Janira. 

Die turonen Mergel des Vorwerks-Busches werden von einem 
Sandstein bedeckt, der zwar weniger mürbe ist, aber im Uebri- 
gen, auch im Mangel an Versteinerungen , völlig mit jener sehr 
grobkörnigen Lage auf dem Rücken des Popelberges überein- 
stimmt. 

In nordwestlicher Richtung vom Popelberge auf dem Kamm 
der Mittelberge liegt über den obersten Turon-Mergeln ein Sand- 
stein von etwas anderer Beschaffenheit. Er ist von gröberem 
Korn als der obere thonfreie Sandstein des Popelberges, durch- 
gehends von hell gelblichgrauer Farbe, und enthält ebenso häufig 
den Inoceramus Brongniarti. Der unterste thonigsandige und 
glimmerführende Sandstein des Popelberges ist hier nicht zu 
beobachten. 



305 



Ein Sandstein von gleichem Korn mit dem der Mittelberge, 
aber von etwas dunklerer Farbe und mit kalkigem Bindemittel 
bedeckt am Südabbang des Braunauer Berges die obersten Tu- 
ronbildungen. Nach dem Rücken des Berges zu jedoch verliert 
auch dieser Sandstein, ohne sich sonst zu ändern, den Kalkgehalt 
und wird dadurch dem Gesteine der Mittelberge völlig gleich. 
In ihm fanden sich nur Bruchstücke von Inoceramus-Schalen. 

Auf dem Rücken des Kappelberges (südlich von Ludwigs- 
dorf) und dessen östlicher Verlängerung bis nördlich vom Hirse- 
berge ruht auf den Turon-Mergeln eine mächtige Schicht eines 
Sandsteins von hellgrauer Farbe von ungefähr ebenso grobem 
Korn wie der grobkörnigste Sandstein auf dem Rücken des 
Popelberges. Er unterscheidet sich jedoch durch ein weisses 
thoniges Bindemittel, welches den Bruchflächen ein fein getüpfel- 
tes Aussehen giebt. Dies ist eine petrographische Eigenthüm- 
lichkeit, die in Schlesien nur gewissen grobkörnigen Sandstein- 
Varietäten vom Alter der Schichten von iseu- Warthau zukommt. 
Von organischen Formen fanden sich nur Spuren von verkiesel- 
ten Schalenresten. Hier scheinen eben so wie am Braunauer 
Berge jene untersten feinkörnigen Sandsteinlagen des Popelber- 
ges zu fehlen. 

Ein petrographisch genau übereinstimmender Sandstein findet 
sich auch über den Turon-Mergeln am Südabhang des Steinber- 
ges bei Plagwitz, jedoch nur in grossen Blöcken, eingeschlossen 
in einer grösseren Diluvial -Ablagerung , zusammen mit Feuer- 
steinen, nordischen und dem Sudetengebirge entstammenden Ge- 
schieben. 

Die grobkörnigen Sandsteine des Buchberges südlich von 
Deutmannsdorf und des Hainwaldes in dem Theile desselben 
nördlich von der Löwenberg- Goldberger Chaussee gehören aller 
Wahrscheinlichkeit nach demselben Niveau an; dafür spricht einer- 
seits ihre Lage in der südöstlichen Verlängerung des Zuges vom 
Kappelberge, andrerseits das zahlreiche und genau einer Richtung 
folgende oben erwähnte Vorkommen von sandigem Thoneisenstein 
im Hainwalde südlich von der Chaussee. 

Zweifellos finden sich diese charakteristischen Sandsteine bei 
Pilgramsdorf und Hermsdorf wieder. Hier ist östlich nahe an 
Pilgramsdorf der cenomane Quadersandstein von hellgrauer Farbe 
wie ein Riff aufgerichtet mit deutlich unter 40 Grad nach Nord- 
osten einfallenden Schichten. Er zieht von hier in einer schma- 



306 



len Zone am Basalte des Steinberges vorüber, und zeigt sich; 
nach einer Unterbrechung durch Diluvial-Bedeckung wieder am, 
Ufer der Katzbach bei Taschenhof', hier genau mit demselben 
Einfallen wie bei Pilgramsdorf und erfüllt von Exogyra columba 
und Pecten asper. Auf diesem cenomanen Quadersandstein ruht 
vom Beginn seines Auftretens an bis zur Strasse zwischen Herms- 
dorf und Steinberg hin mit demselben Streichen und Fallen die 
oben erwähnte schmale Zone von festem Mergelschiefer. Darüber 
folgt zunächst an ihrem Anfangspunkte bei Pilgramsdorf ein fester 
Sandstein von mittelfeinem Korn und gelblichweisser Farbe, wel- 
cher in mehreren Steinbrüchen Gegenstand technischer Verwen- 
dung wird*) und ebenso riffartig emporragt wie der benachbarte 
cenomane Sandstein, mit dem er auch unter gleichem Winkel 
einfällt. Den Zug dieses jüngeren Sandsteins habe ich nur bis 
in die Gegend des Katzbach-Thales verfolgt. In einem felsigen 
Seitenthale unweit der Katzbach nahe Hermsdorf erinnert das 
Gestein, dessen Schichten hier flach unter 10 Grad nach Nord- 
osten einfallen , durch sein fein weissgetüpfeltes Aussehen auf! 
der frischen Bruchfläche, sowie durch seine Farbe und gleiche 
Grobkörnigkeit sehr an den Sandstein am Kappelberg, als dessen 
Verlängerung er anzusehen ist. Zwischen diesem Punkte und ; j 
Pilgramsdorf tritt ausserdem auch noch über dem Mergelschiefer 
als Unterlage des eben beschriebenen ein andrer feinkörniger, 
stark thoniger Sandstein von gelbbrauner Farbe zu Tage, den 
ich für das Aequivalent der untersten thonigen Sandsteinlage 
des Popelberges halte. 

Jenseits der Katzbach trifft man den grobkörnigen Sandstein 
des linken Ufers in seiner Verlängerung noch grobkörniger wie- 
der, und zugleich in solchem Grade mürbe, dass er völlig der 
grobkörnigsten Sandsteinlage des Popelberges gleich wird. Der- 
selbe Sandstein bildet auch nahe dabei dicht am nördlichen Mul- 
denrande, wo man cenomanen Quadersandstein vermuthen sollte, 
die senkrechte Felswand und die merkwürdigen Felsbildungen 
der Rabendocken, an deren Fuss ein Steinbruch betrieben wird. 
An dieser Stelle fand ich in dem Sandstein ausser der häufigen 
Lima canalifera ein Exemplar der Asterias Schuhii Cotta. 
Da nun im Löwenberger Kreidebecken die Lima canalifera sich 



*) Aus einem dieser Steinbrüche rührt muthmaasslich A. Roemer's 
Venus lata her, Norddeutsche Kreide S. 72, Taf 9, Fig. 10. 



307 



bisher noch nicht in der Cenoman-Fauna , um so häufiger aber 
in der Turon- und Senon-Fauna gefunden hat, während die Ce- 
noman-Fauna niemals die Hauptformen Pecten asper oder Exo~ 
gyra columba vermissen lässt, da ferner die Asterias Schuhii 
ebensowohl in den senonen Schichten von Kieslingswalde auf- 
tritt*) wie in dem Quader-Sandstein bei Tharand in Sachsen**), 
somit also mindestens nicht zu den Leitformen der Cenoman- 
Fauna gehört , da endlich auch die petrographische Beschaffen- 
heit dieser Sandsteine dieselbe ist wie die der benachbarten jün- 
geren Sandsteine im Mittelpunkte des Beckens, so glaube ich 
für jetzt das cenomane Alter des Sandsteins der Rabendocken 
bezweifeln zu müssen, und halte ihn vielmehr für ein Aequivalent 
der Schichten von Neu- Warthau. 

Verfolgt man von letzterer Stelle den nördlichen Mulden- 
rand nach Westen , so findet man bei Hermsdorf und Pilgrams- 
dorf hellfarbige, grobkörnige Sandsteine von grosser Festigkeit 
auf dem Urthonschiefer gelagert , aber keinen Anhalt ihr Alter 
zu bestimmen. Nur die zahlreichen thonigen Einschlüsse, welche 
ausser solchen von Sandstein in dem Basaltconglomerat des 
Haselberges östlich von Pilgramsdorf vorkommen, lassen ver- 
muthen, dass hier auch Turon-Mergel vom Basalt durchbrochen 
und eingeschlossen wurden. 

Bessere Aufschlüsse gewährt erst weiter westwärts am nörd- 
lichen Muldenrande der Sandsteinzug des Hockenberges. Hier 
findet sich ein gleichförmig fester Sandstein von wechselnder 
Feinheit des Korns, jedoch niemals grobkörnig, von vorherrschend 
gelblich brauner Farbe und auf allen Bruchflächen in gleicher 
Weise fein weiss getüpfelt wie der Sandstein des Kappelberges. 
In zahlreichen Steinbrüchen liefert das häufige Vorkommen von 
Inoceramus Brongniarti nebst einigen anderen ausgezeichneten 
Versteinerungen den Beweis, dass man dieselben Schichten vor 
sich hat wie auf dem Rücken des Popelberges und der Mittel- 
berge. Der cenomane Sandstein scheint hier, wie bei Nieder- 
Hermsdorf, am nördlichen Muldenrande gar nicht vertreten 
zu sein. 

Den nördlichen Muldenrand westwärts weiter verfolgend, 



*) Exemplare davon finden sich im mineralogischen Museum der 
Berliner Universität aus der OnVschen Sammlung. 
- **; Geinitz, Quadereandsteingebirge, 1850, S. -228. 



308 



trifft man auf dem Kretschamberge nördlich von Ober -Deut- 
mannsdorf einen Sandstein, der sich nur durch ein wenig grö- 
beres Korn von dem Sandstein des Hockenberges unterscheidet, 
unter diesem aber einen stark thonigen, sehr mürben, Glimmer- 
schüppchen führenden und feinkörnigen Sandstein, der in einem 
Hohlwege deutlich auf turonem Mergel aufliegend zu beobachten 
ist. Dieser letztere Sandstein gleicht einerseits vollständig dem 
untersten thonigen Sandstein des Popelberges, zugleich aber 
auch dem versteinerungsreichen Gestein ven Neu- Warthau, dem 
Hauptvertreter dieser Stufenreihe, aus dessen reicher Fauna er 
auch einige charakteristische Arten einschliesst.*) 

Vom Kretschamberge aus gegen Norden gelangt man zu 
dem wichtigsten Punkte für die in Rede stehende Altersstufe, 
nach Neu- Warthau. Hier findet man östlich von Neu -Warthau 
den zuletzt beschriebenen Sandstein in einer schmalen Zone an- 
stehend mit einem Streichen von Nordwest nach Südost und 
flachem südwestlichen Finfallen. Er ist hier von festerer Be- 
schaffenheit als an den meisten anderen Stellen seines Auftretens. 
Oestlich ruht er anscheinend unmittelbar auf cenomanem Quader- 
sandstein , und westlich wird er durch einen feinkörnigen , jün- 
geren Quadersandstein überlagert. Die so mächtige und aus- 
gedehnte Bildung des grobkörnigen und versteinerungsarmen obe- 
ren Sandsteins, die wir an fast allen vorher beschriebenen Punk- 
ten überwiegen oder sogar allein herrschen sahen, scheint hier 
ganz zu fehlen. Auffallender Weise vermisst man unter den 
ausserordentlich zahlreichen Versteinerungen an dieser Fundstelle 
den Inoceramus Brongniarti , der in den gleichalterigen Sand- 
steinen des Popelberges, der Mittelberge und des Hockenberges 
noch so häufig auftritt. 

Neu- Warthau ist der letzte Punkt, wo diese Abtheilung am 
nördlichen Muldenrande vertreten ist. Einige Beobachtungen 
sind nur noch nachzutragen über ihr Vorkommen am entgegen- 
gesetzten Muldenrande in der Richtung von Kesselsdorf über 
Sirgwitz nach Gähnsdorf hin. 

Nördlich von Kesselsdorf steht der feinkörnige thonige Sand- 

*) Es fanden sich hier Turritella multistriata Reuss und ein Bruch- 
stück einer nicht näher bestimmbaren Pyrula. Erstere ist eine der Haupt- 
Leitformen der Senon- Abtheilung im Löwenberger Becken. Auch die 
Gattung Pyrula tritt innerhalb dieses Beckens nicht tiefer auf als in 
Schichten senonen Alters. 



309 



"' siein längs des untersten Abhanges der das Thal begrenzenden 
'" Höhe zu Tage und wird in seiner ganzen Erstreckung von der 
(nächtigen Ablagerung eines mürben Sandsteins überlagert, der 
"in seinem etwas groben Korn und seiner gelblich braunen Farbe 
""sehr an den oberen Sandstein vom Kretschamberge erinnert, Öhri- 
ngens auch anscheinend versteinerungsleer ist und nicht weit von 
lfl hier in nördlicher Richtung unter sehr feinkörnigen oberen Qua- 
n dersandstein einfällt. Der thonige Sandstein, welcher hier keines- 
'"wegs versteinerungsleer ist, zeigt sich hier von eben so mürber 
'Beschaffenheit als am Kretschamberge, zeichnet sich aber durch 
einen geringen Gehalt an kohlensaurem Kalk aus. 
J Dass gleichartige Ablagerungen auch bei Sirgwitz dem obe- 
' ren Quadersandstein zur Grundlage dienen und nur an ihrem 
'Ausgehenden von Diluvial-Schutt bedeckt sind, ergiebt sich dar- 
aus, dass in dem Basaltconglomerat von Sirgwitz ausser Bruch- 
stücken von weissem feinkörnigen oberen Quadersandstein auch 
' zahlreiche Brocken und selbst grosse Blöcke des thonigen Sand- 
,: Steins von Neu-Warthau mit ihren leitenden Versteinerungen vor- 
1 kommen, die Schichten dieses Gesteins also augenscheinlich auch 
vom Basalt durchbrochen worden sind. 

Zwischen Hohlstein und Gähnsdorf nördlich längs des Fahr- 
weges tritt ein sehr mürber, grobkörniger Sandstein von gelb- 
brauner Farbe, anscheinend versteinerungsleer, zu Tage. Der- 
1 selbe fällt flach nach Norden ein und erinnert auffallend an den 
1 Sandstein, welcher nördlich von Kesselsdorf über dem thonigen 
9 Sandstein lagert. Ferner steht am Nordrande des Weges von 
Gähnsdorf nach dem Gähnsdorfer Steinbruch in der streichenden 
Verlängerung des eben beschriebenen Vorkommens ein am Aus- 
gehenden sehr mürber Sandstein an, der von noch gröberem Korn 
als jener an den Sandstein vom Kappelberge erinnert. Dieser 
Sandstein bildet, wie hier sehr gut zu beobachten, die unmittel- 
bare Unterlage des feinkörnigen oberen Quadersandsteins in dem 
Gähnsdorfer Steinbruch. Endlich findet sich noch wenige Minu- 
ten südöstlich von diesem Punkte, östlich dicht am Wege von 
Ludwigsdorf nach Seitendorf, eine kleine Entblössung von dem 
unteren thonigen Sandstein , der sich hier durch relativ starken 
, Kalkgehalt und damit zusammenhängende grössere Festigkeit 
i auszeichnet. 

Von organischen Einschlüssen lieferten bisher die in Vor- 
gehendem verfolgten Schichten die folgenden Formen: 



310 



Versteinerungen 
aus den Schichten von Neu-Warthau. 




Knochenfischwirbel 

f Mesostylus Faujasi Bronn . . 

Pollicipes angustatus Gein. . 
fSet^pula filiformis Sow. . . . 
f Ammonites Orbignyanus Gein. . 
f Baculites incurvatus Düjard. 
\ Turritella multistriata Reüss . 
f Turritella nerinea Roem. 
f Turritella inique-ornata Dr. 
f Avellana Jrchiaciana d'Orb. 
■\JSatica canaliculata Mant. . . 
^Natica Roemeri Reuss . . . 
f Trochus plicato-carinatus Goldf. 
f Rostellaria vesperiilio Goldf. . 

Rostellaria papilionacea Goldf. 

Rostellaria crebricosta Zekeli . 
^Fusus Nereidis Münst. . . . 
^Pyrula coronata Roem. . . . 

Cerithium Requienianum d'Orr. ? 

Dentalium glabrum Gein. . . 

Gastrochaena Amphisbaena Goldf 
f Panopaea Gurgitis Sow. . . . 
t Pholadomya caudata Roem. . . 
t Pholadomya nodulifera Mant. . 

Magdala Germari Giebel . . 

Teilina plana Roem 

Teilina costulata Goldf. . 
t Venus Goldf us si Gein. . . . 
t Venus faba Sow. ..... 

Venus ovalis Sow 

t Venus caperata Sow 

Cytherea elongata Reuss . . . 

Cytherea subdecussata Roem. (Ve- 
nus lata) 

Cytherea plana Sow 

■fCardium tubuliferum Goldf. . 
\lsocardia cretacea Goldf. . . 

Astarte acuta Reuss .... 
f Crassatella arcacea Goldf. . . 
f Lucina lenticularis Goldf. . 



311 



Versteinerungen 
aus den Schichten von Neu-Warthau. 

1 


Sand- 
stein von 
Ries- 
lings, 
walde 


Mergel 
des 
Salz- 


Sand- 
stein von 
Kreibitz 

und 
Kamnitz 


Trigonia aliformis Park 


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r Pectunculus ventruosus Gein. . . 


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Area (conf. Area Raulini d'Orb. . 


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\ Pinna diluviana Schloth. . . . 


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Modiola semiornata d'Orb. . . . 


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\ Modiola radiata Münst. Goldf. . 


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~4vicula pectiniformis Gein. . . . 


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Perna lanceolata Gein.? .... 


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f Inoceramus Brongniarti Sow. . . 


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Pecten decemcostatus Goldf. . . 


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Pecten quinqueco Status Sow. . 


— 


— 


— 


*\ Pecten quadricostatus Sow. . . . 


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— 


f Lima canalifera Goldf 




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— 


JSucleolites carinatus Goldf. 


— 


— 


— 


Micraster lacunosus Goldf. . . . 


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Holaster suborbicularis Defr. 






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| Asterias tuber culif er a Dr. ... 








f Asterias Schulzii Cotta . . . * . 


T 






Eschara dichotoma Goldf.- . . . 








Heteropora dichotoma Goldf. . . 









Zu diesen Versteinerungen kommen noch zwei vegetabilische 
Formen hinzu, von denen die eine wahrscheinlich Credneria den- 
ticulata Z. und die die andere Geinit%ia cretacea Endl. ist. 
Beide gehören Schichten gleichen oder nahe verwandten Alters 
an , nämlich dem Sandstein von Kieslingswalde und dem oberen 
Quadersandstein am Nordrande des Harzes. 

Die in vorstehendem Verzeichniss zugleich gegebene Ver- 
gleichung dieser Fauna mit anderen ostdeutschen Kreideablage- 



312 



rungen liefert den Beweis für ihre nahe Verwandtschaft mit dem 
Sandstein von Kieslingswalde , dem Salzbergmergel bei Quedlin- 
burg und dem thonigen Sandstein von Kreibitz in Böhmen. 
Von den Versteinerungen aus den Schichten von Neu -Warthau 
finden sich 60,5 auch in dem Sandstein von Kieslingswalde, 
42 £ in den Salzbergmergeln bei Quedlinburg und 50,7 £ in dem 
thonigen Sandstein von Kreibitz in Böhmen. 

Die im Verzeichniss mit einem f bezeichneten Arten stellen 
sich für die Schichten von Neu -Warthau als die häufigsten und 
am meisten bezeichnenden heraus. Davon sind 16 , nämlich 
Mesostylus Faujasi, Serpula filiformis , Baculites incurvalus, 
Avellana Archiaciana, Trochus plicato-carinatus , Rostellaria 
vespertilio, Pyrula coronata, Venus Goldfussi, Venus cape- 
rata, Modiola radiata^ Avicula triloba, Pecten virgatus, Pecten 
quadricostatus , Lima granulata, Asterias Sc/iuhii, Asterias 
tuberculifera , im Löwenberger Kreidebecken ausschliesslich auf 
das Niveau der Schichten von Neu -Warthau beschränkt. Fast 
ohne Ausnahme gehören jene Hauptleitformen auch zu den be- 
zeichnendsten Arten der mit den Neu- Warthauern verglichenen 
Schichten. Man kann daher auch nicht zweifeln, dass die Schich- 
ten von Neu-Warthau mit denen des Salzberges bei Quedlinburg 
und den thonigen Sandsteinen von Kreibitz und Kieslingswalde 
von gleichem Alter und mit diesen in das Senon- System von 
d'Orbigny zu stellen sind. Indess ist für Kieslingswalde und 
Kreibitz zu bemerken, dass die dortigen Sandsteine in ihren 
oberen Schichten auch Arten enthalten, welche zu den wichtigsten 
Leitformen für das nächst höhere Niveau gehören , so dass sie 
auch in letzteres hinaufzureichen scheinen. 

Inoceramus Brongniarti, nach welchem Herr von Strom- 
beck eine Abtheilung des Turon- Systems am Nordrande des 
Harzes benennt, reicht hier ebenso wie in den südschlesischen 
Ablagerungen von gleichem Alter, dem Sandstein von Kieslings- 
walde, auch in diese unterste und wie wir weiter unten sehen 
werden, auch noch in die nächst höhere Stufe des Senon-Systems 
hinein. 

Belernnitella quadrata d'Okb., nach der von Strombeck 
die unteren senonen Ablagerungen vom Alter der Salzbergmer- 
gel benennt, findet sich weder in dem Sandstein von Kieslings- 
walde, noch in dem von Kreibitz und den Schichten von Neu- 
Warthau. 



313 



2. Der obere Quader san d stein (Beyrich). 
(= d 1 der geogn. Karte des niederschlesischen Gebirges.) 

Das folgende zweite Glied der Senon - Abtheilung in der 
Löwenberger Kreidemulde ist der von Herrn Beyrich so ge- 
nannte ,, Obere Quadersandstein". Es ist dies im Allgemeinen 
eine einzige, stets sehr mächtige Schicht eines sehr feinkörnigen 
Sandsteins, dessen Massen sich hauptsächlich im mittleren Theile 
der Löwenberger Mulde concentriren, den südöstlichen Theil der- 
selben gar nicht berühren und im nordwestlichen sich nur an 
zahlreichen vereinzelten Stellen in der Nähe beider Muldenrän- 
der zeigen. Er bildet, abgesehen von den jüngeren Ueberdeckun- 
gen, mit dem über ihm folgenden Ueber- Quader zusammen vor-, 
nehmlich die innerste Ausfüllung des Muldenraumes. Nur an 
wenigen Stellen, bei Herzogswalde, Kesselsdorf, Sirgwitz, Gähns- 
dorf und Neu-Warthau, ist seine Lagerung auf älteren Schichten 
wahrzunehmen, oder doch aus deren unmittelbarer Nähe und 
gleichgerichtetem Einfallen mit Sicherheit zu folgern. Obwohl 
vorherrschend von gelblich weisser Farbe, ist dieser Sandstein 
doch zuweilen rothbraun gestreift, ja bei Neu-Warthau und 
Kesselsdorf sogar in mächtigen Lagen gleichmässig hellbraun 
gefärbt. Unter allen Kreidelagern der Löwenberger Mulde bil- 
det er über dem cenomanen Quadersandstein die einzige For- 
mationsabtheilung, welche in keiner ihrer Lagen Glimmer- 
schüppchen beigemengt enthält. An den meisten Stellen besitzt 
er eine nicht unbedeutende Festigkeit, die ihn zur technischen 
Verwendung geeignet macht. Bei Giersdorf und Neu-Warthau 
wird er von einer nur wenig mächtigen Schicht eines weissen 
mit Sand vermischten Thons bedeckt, der bei Giersdorf durch 
Zunahme des Sandgehaltes allmälig in die Nerineen-Schicht, die 
oberste des oberen Quadersandsteines, übergeht, und daher nicht 
wohl von diesem getrennt werden kann. Stets an den Rändern 
seines Ablagerungs - Gebietes zeigt er sich mehr oder weniger 
erfüllt mit Versteinerungen , so in den Steinbrüchen von Hoch- 
kirch bei Görlitz, von Waldau und Ullersdorf bei Naumburg 
a. Q., von Kesselsdorf, Gähnsdorf und Giersdorf bei Löwenberg. 

Die im Ganzen Arten-arme Fauna dieses Sandsteins giebt 
das folgende Verzeichniss, welchem ich wieder eine Vergleichung 
mit andern verwandten Schichten zugefügt habe. 

Zeit», d.d. geol.Ges. XV. 2. 21 



.314 





Sand- 
stein 
von 
Kreibitz 


Schich- 


Sand- 


Versteinerungen 


ten 


stein 


aus dem oberen Quadersandstein 


von 


von 
Kies- 
lings- 
walde 




Neu- 
Warthau 


oviriiil/i crny fli /1I1 e Sout ^ f i 1 cj 
»c5C-/ UUvll i( VI llltl Iii OtnLU 1 Iii . • • 






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"f Ammomtes Orbignyanus Gein. . • 




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y Ammomtes subtricarinatus d'Orb. . 








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y &LUJJfllltS 171TIUIUS XiUtM 








*f* Omphalia ventricosa Dr 








°s* f im Tin n li/i 1/n fit/l rt t fi T^R 

| \r HipilllLlUi llflllllllllll i/n. ...» 






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■j* Purritellu multistriata Rkuss . • 


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"}* Turritella nerinea Roem. . . . 




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~\ Nerinea Huchi Zekeli .... 


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4* J\/>T , i / n/>/i in /Titln tri Rorv^JNi 

J J.JOI l/IVLl IflCUl/lllCl IJtxV IX • • . • 








-j* Actaeonella Beyrichii Dr. . . • 


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ITU/IICU CU/lUllCllltllll 1VJ. A JN 1 . ... 


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Ixntim i)nl <y/ir"i v Rpnce 


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4* f^t/>fn//nnt/i iti-Plritri n'DoP 
f X tt// UMUTll.ll l Ii l Iii l (i \J Weiß. ... 








Gastrochaena Amphisbaena Gol df. 


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1 


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^ Ljvq lll/llflllf Iii LI UnCtlLUHl XviLUaS • • 


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"f Panopaea Gurgitis Goldf. . • . 


+ 

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+ 
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t r^/i fi / /i ff fi/yyiii fl n f\/i/ii Ii Tfji*/i TVTii' , \rC r P 

y r iiuiuiio/nyii nuauii/ vi u lviuiNai. • • 


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y / iiuniiiomyii cuuticiiii rvobivi. , . . 


+ 

i 


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y Goniomya designata Goldf. . 


+ 
T 






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+ 
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m lit ri O 1 /*/}/! z? //in Cl % /I t/v Rrricc 

\~y lilot tll 6'U/lUtllCl JtvriUSb .... 


1 


T 


"T" 






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T 




fCytAerea subdecussata (Venus lata) 












+ 
T 


T" 


*f" Protocardta hillana Sow. 


T 




1 


Cardium tubuliferum Goldf. 


T 


T 


| 


C?'assatella arcacea Roem. 


+ 
T 


T 


I 


y Liiicina lenticularis Goldf. . . . 


+ 
T 


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Lucina Gornueliana d'Orb.? . . 






"7 


•x* / 'Fl Ci*/i / yi1 fi fl Ii / f~\ y tnri i » \J \ n ts~ 

y / / IQU/ICCI Uli/ Ol ffllS Jl ARKi • . • 


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Pectunculus ventruosus Gein. . . 


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h^/?f* ti/*yi /*■!/ Iii p 1 otvi o IxTtt p 

reu, U/TiL uiiis lens imls. .... 








m T*f.1lf*1//lfl0ft cvlfi/lrfi f~\ \ ir 


T 


T 


I 


Pinna diluviana Schloth. 




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1 




•fAvicula pectini formt's Gein. . . . 


t 


t 












flnoceramus Brongniarti Sow. . 


T 


t 




Ostrea (cf. Ostrea Aippopodium Nils.) 








Holaster suborbicularis Defr.? . . 


T 







315 



Dazu ist noch anzuführen das Vorkommen von Blattab- 
drücken in dem oberen Quadersandstein von Ottendorf Unter 
diesen finden sich Formen, die sich wahrscheinlich mit Phyllites 
Geinit%ianus Göpp. identisch herausstellen werden ; ferner eine 
Blattform, erinnernd an Credneria subtriloba Zenk., doch deutlich 
von ihr verschieden. Häufig sind auch versteinerte Hölzer mit 
Spuren von Bohrmuscheln , welche nach Geinitz von Gastro- 
chaena Amphisbaena Goldf. herrühren. 

Der Sandstein von Giersdorf ist durch den Einschluss einer 
überaus grossen Menge von Versteinerungen ganz besonders aus- 
gezeichnet. Die Nerinea Ruchi Zek. setzt dort in Gemeinschaft 
mit Actaeonella Beyrichii eine starke Bank in den oberen La- 
gen fast allein zusammen. Actaeonella Beyrichii ist ausschliess- 
lich und Nerinea Buchi fast ausschliesslich auf diesen Fundort 
beschränkt. Als Seltenheit findet sich diese Nerinea noch in 
dem nahen Gähnsdorfer Sandstein, ausserdem noch in grösserer 
Ferne bei Kaupe an der Lausitzer Neisse in einem bräunlich 
gefärbten Sandstein. Endlich fand ich sie noch als Diluvial- 
Geschiebe bei Hohlstein. Ausserdem ist der Fundort Giersdorf 
noch dadurch merkwürdig, dass er in grosser Häufigkeit die ein- 
zigen Omphalien dieser Formations-Abtheilung liefert. Der Fund- 
ort Kesselsdorf ist ausgezeichnet durch das Vorkommen von Am- 
monites Orbignyanus und Jmmonites subtricarinatus , sowie 
der einzigen ächten Turritellen in dieser Abtheilung. Jmmoni- 
tes subtricarinatus war bisher nur in den Senon-Bildungen des 
südlichen Frankreichs als Seltenheit beobachtet. Auch Ptero- 
donta infiata kennt d'Orbigny nur aus Kreide-Bildungen des 
südlichen Frankreich*. 

Aus der vorangestellten Vergleichung ergiebt sich, dass in 
den Sandsteinen von Kreibitz und Kieslingswalde von den Ver- 
steinerungen des nordschlesischen oberen Quadersandsteins je 
22 pCt. und in den seine Unterlage bildenden Schichten von 
Neu-Warthau 46 pCt. zugleich enthalten sind. 

Die häufigsten und für das Niveau des oberen Quadersand- 
steins besonders bezeichnenden Arten sind die mit einem f ver- 
sehenen des Verzeichnisses. Von ihnen gehören in Schlesien 
dem oberen Quadersandstein ausschliesslich die folgenden 9 Arten 
an: Ammonites subtricarinatus, Scaphites inflatus, Omphalia 
ventricosa und undul 'ata, Nerinea Buchi und incavata, Actaeo- 
nella Beyrichii, Pterodonta inflata und Goniomya designata. 

21* 



316 



Drei Arten, Ammonites subtricarinatus , Ompkalia ventricosa 
und Pterodonta itiflata, wurden anderwärts in Deutschland noch 
nicht gefunden. Die neue Art Ompkalia undulata ist auch in 
den jüngsten Senon - Bildungen am Nordrande des Harzes bei 
Weddersieben vorhanden. Inoceramus Brongniarti erscheint in 
der Fauna zum letzten Male, jedoch nicht mehr in seiner frühe- 
ren Häufigkeit. 

Aus Allem geht hervor, dass nach seiner Fauna der nord- 
schlesische obere Quadersandstein in demselben Grade mit den 
Sandsteinen von Kieslingswalde und Kreibitz verwandt ist, als 
dies sich oben für die Neu -Warthauer Schichten herausstellte; 
dagegen ist seine Verwandtschaft mit den Neu-Warthauer Schich- 
ten eine etwas geringere als mit den Sandsteinen von Kieslings- 
walde und Kreibitz, indem er mit ersteren insbesondere noch 
die wichtige Actaeonella Beyrichii und den Scaphites inflatus, 
mit letzterem ausser der Actaeonella die nicht minder wichtige 
Nerinea Buchi gemein hat. Man darf hieraus folgern, dass der 
Absatz der Kiesliugswalder und Kreibitzer Sandsteine die Zeit 
mit umfasst, in welcher der obere Quadersandstein am Nordrande 
der Sudeten seinen Ursprung erhielt. 

Gleiche Beziehungen werden sich wahrscheinlich zu dem 
oberen Quadersandstein am Nordrande des Harzes herausstellen, 
welcher am Papenberge bei Blankenburg die Actaeonella Bey- 
richii in denselben Abänderungen führt wie der Giersdorfer 
Sandstein, und ausserdem eine der Nerinea Buchi anscheinend 
nahe verwandte Nerinea. Auf die merkwürdige Uebereinstim- 
mung dieser beiden Formen mit denen von Giersdorf machte 
Beyrich schon im Jahre (849 aufmerksam**) Ich fand ausser 
ihnen in der Sammlung der Universität zu Berlin noch 4 andere 
Formen, Trigonia aliformis, Natica canaliculata, Pholadomya 
caudata und Pinna diluviana, welche der obere Quadersand- 
stein des Harzes mit dem nordschlesischen gemein hat. Hierzu 
kommt, dass Ewald schon ausdrücklich auf den geringen Unter- 
schied in den Faunen des Harzer oberen Quadersandsteins und 
der Salzberg-Mergel hingewiesen hat. **) 



*) Zeitschr. der deutsch, geol. Gesellschaft Bd. I. S. 288. 
**) Zeitschr. der deutsch, geol. Gesellschaft Bd. VII. S. 7. 



3. Der schlesische U eb er - Qua d e r (Beyrich). 
d der geogn. Karte des niederschlesischen Gebirges.) 

Schon bei Giersdorf und Neu-TVarthau sahen wir den obe- 
ren Quadersandstein mit einer thonigen Schicht von weisser 
Farbe nach oben enden. Dieselbe bildet augenscheinlich den 
Uebergang zu den jüngsten, im Folgenden zu schildernden Ab- 
lagerungen senonen Alters, welche vorzugsweise einen thonigen 
oder thonigsandigen Charakter besitzen. Es sind dies die Abla- 
gerungen, denen Beyhich den für ihre Lagerungsverhältnisse 
völlig passenden Namen „Ueber-Quader" beilegte. 

Sie treten in zwei streng geschiedenen Modifikationen auf, 
entweder in einem System von mürben, feinkörnigen, mehr oder 
weniger thonigen Sandsteinen, abwechselnd mit plastischem kalk- 
freien Thon und schwachen Kohlen- und Thoneisensteinlagen, 
oder in Gestalt lockerer Anhäufungen eines sehr harten kieseli- 
gen Sandsteins, ausgezeichnet durch eine glänzende, wie polirte 
Oberfläche. 

In der ersten Modifikation nimmt der Ueber-Quader einen 
verhältnissmässig nur unbedeutenden Kaum ein, indem er sich, 
wie der obere Quadersandstein, hauptsächlich im mittleren Theile 
der Mulde concentrirt , und ausserdem nur an sehr vereinzelten 
und räumlich beschränkten Stellen an den Rändern des nord- 
westlichen Theiles der Mulde auftritt. So treffen wir ihn in der 
Nähe des nordöstlichen Muldenrandes bei Kunzendorf, Loosnitz, 
Bunzlau, Doberau, Bienitz, Aschitzau und TVehrau, und in der 
Nähe des südwestlichen Muldenrandes bei Sirgwitz, Wenig-Rak- 
witz, Ottendorf, Langenau und Kaupe. Dass der Ueber-Quader 
dieser Modifikation ursprünglich einen grösseren Flächenraum 
bedeckte, und noch an manchen anderen Stellen der Löwenberger 
Kreidemulde sich abgesetzt haben mag , scheint sich aus der 
Thatsache zu ergeben, dass in dem Basaltconglomerat der Keu- 
ligen Berge bei Ludwigsdorf vielfach auch Blöcke und Knollen 
eines petrographisch veränderten Thons enthalten sind, worin 
Turritella nodosa, Eulima turrita und andere Leitformen des 
Ueber-Quaders gefunden wurden. Schichten von letzterem muss- 
ten demnach an dieser Stelle früher anstehen und wurden vom 
Basalt durchbrochen. 

In der zweiten Modifikation bedeckt der Ueber-Quader be- 
sonders an beiden Ufern des Queis zwischen Lauban und "Wehrau 



318 



weit ausgedehntere Oberflächengebiete. Dabei ist auffallend, dass 
seine Verbreitung nicht an die Grenzen der Löwenberger Kreide- 
mulde gebunden bleibt, sondern weit über dieselbe nach Süd- 
westen hinaus schweifte, indem sie mehr dem Lauf des Queis- 
Flusses als der Richtung der Mulde folgt. Jedenfalls ist jene 
erste Modifikation für die geognostische Betrachtung von ungleich 
grösserer Wichtigkeit. Denn ausser verkieseltem Holz und darin 
vorkommenden Spuren von Bohrmuscheln führt der glasige Sand- 
stein nichts von organischen Resten und bietet somit einen nur 
sehr zweifelhaften Anhalt zur Bestimmung seines Alters, wäh- 
rend der Ueber-Quader in seiner anderen Modifikation eine sehr 
eigentümliche und reiche Fauna von entschieden senonem Alter 
einschliesst. 

An den meisten Stellen, wo die erste Modifikation des Ueber- 
Quaders auftritt, führt derselbe einige schwache Lagen einer 
meist schlechten , durch Thon stark verunreinigten Steinkohle 
nebst mehreren noch schwächeren Lagen von Thoneisenstein, 
welche beide bei Wehrau, Ottendorf, Neuen - Walditz , Wenig- 
Rakwitz und Sirgwitz , zw meist vergeblichen Versuchen eines 
Bergbaues Veranlassung gegeben haben. Da die Zusammen- 
setzung der hierher gehörigen Schichten im Wesentlichen an 
allen Punkten dieselbe ist, so halte ich es zu ihrer allgemeinen 
Charakteristik für genügend die Schichten aufzuführen, wie ich 
sie am Boberufer entlang zwischen Wenig -Rakwitz und Wenig- 
Walditz anstehend beobachtete in der Mitte desjenigen Zuges 
von Ueber-Quader, der mit nordwest-südöstlichem Streichen und 
sehr flachem Einfallen nach Nordosten ohne grössere Unterbre- 
chungen von Nieder-Ottendorf bis Hohlstein hinläuft. 

Dicht bei der Mühle von Wenig -Rakwitz sieht man etwa 
100 Schritt lang am Boberufer den oberen Quadersandstein mit 
16 Grad nach Nordosten einfallen. Zunächst über ihm lagert 
in ansehnlicher Mächtigkeit ein mürber thoniger Sandstein, der 
auf dem frischen Bruche hellgrau, getrocknet aber graulichweiss 
erscheint, übrigens wie alle nachfolgenden Schichten im Wesent- 
lichen dasselbe Einfallen behält wie seine Unterlage. Schon die- 
ser thonige Sandstein führt Cyrena cretacea und Cardium Ottoi 
in sehr grosser Häufigkeit, und noch zahlreiche andere Petrefakten 
am jenseitigen Boberufer, wo er östlich von der Chaussee zwischen 
Sirgwitz und Gross- Walditz auftritt. An beiden Stellen sind ihm 
zahlreiche Glimmerschüppchen beigemengt. Stellenweise ist er 



319 



gelblich oder bräunlich gefleckt, nach seiner oberen Grenze zu 
auch meist durch Eisenoxydhydrat rothbraun gefärbt und dann 
von bedeutender Festigkeit. Sehr häufig enthält er Kohlenspuren, 
Ueber ihm folgt regelmässig eine nur 8 bis 10 Zoll mächtige 
Lage von rostfarbenem sandigen und festen Thoneisenstein mit 
unregelmässig schaliger Absonderung. Diese bildet den Ueber- 
gang zu einer nur 6 Fuss mächtigen Lage eines wieder sehr 
mürben, aber weniger feinkörnigen Sandsteins von ebenfalls rost- 
brauner Farbe und mit zahlreichen kohligen Einschlüssen. 
Auch dieser Sandstein ist reich an Cardium Ottoi und Cyrena 
cretacea, enthält aber seltener die übrigen Formen der Fauna. 
Er ist auch am jenseitigen Ufer bei Sirgwitz auf einer längeren 
Erstreckung entblösst. 

Hierauf folgt auf beiden Seiten des Bobers eine zweite feste 
Lage von sandigem, glimmerreichen, in dünnen Platten brechen- 
den Thoneisenstein von rostbrauner Farbe, bei Sirgwitz kaum 
einen Zoll, auf der anderen Boberseite durchschnittlich 4 Zoll 
mächtig. Auch in ihm finden sich häufig Cardium Ottoi, sowie 
Spuren von verkohlten Pflanzenresten. Darüber liegt mehr als 
20 Fuss mächtig ein plastischer, kalkfreier, zahlreiche Glimmer- 
schüppchen enthaltender Thon, der anfangs blaugrau, nach oben 
allmälig eine rothbraune Färbung annimmt und zugleich immer 
sandiger wird. In seiner unteren Hälfte schliesst er das erste 
3 Zoll mächtige Kohlenflötz ein. 

Nur bis zu dieser Thonschicht ist die Aufeinanderfolge der 
Schichten bei Sirgwitz beobachtbar; indess macht es der Um- 
stand, dass hier in neuerer Zeit eben so wie bei Wenig-Rakwitz 
ein Bergbau auf Steinkohlen betrieben wurde, wahrscheinlich, 
dass auch hier die übereinstimmende Folge die Schichten werden 
entwickelt sein, welche über jenem Thon bei Wenig-Rakwitz 
gelagert sind. Dort folgt zunächst darüber eine festere Bank 
eines bräunlichen glimmerreichen Sandsteins, dann eine schwä- 
chere Lage von eisenschüssigem mürben Sandstein, hierauf das 
Kohlenflötz von 10 bis 12 Zoll Mächtigkeit, auf welchem der 
Bergbau bei Wenig-Rakwitz betrieben wird; darauf eine Thon- 
lage von 12 bis 15 Fuss Mächtigkeit, unten sepiafarben, darüber 
hellgelblichgrau , im frischen Zustande jedoch schmutziggrau; 
darauf eine 4 Fuss mächtige Lage von abwechselnd eisenschüssi- 
gem Sand und verschieden gefärbten Thonen ; dann eine dritte 
3 bis 4 Zoll starke Schicht sandigen Thoneisensteins ; über diesem 



320 



eine an 25 Fuss mächtige Lage von ockergelbem ziemlich grob- 
körnigen Sandstein mit einer schwachen feinkörnigen Zwischen- 
lage von gelblich bis graulichweisser Farbe; hierauf eine vierte 
Lage von sandigem Thoneisenstein von 2 bis 3 Zoll Stärke, 
eine gelblichgraue Thonschicht von gegen 10 Fuss Mächtigkeit, 
eine eben so starke Schicht von hellblauem Thon, eine festere 
Sandsteinbank, grobkörnig, etwas mürbe und von gelbbrauner 
Farbe, eine fünfte 2 bis 3 Zoll starke Lage von sandigem Thon- 
eisenstein, eine an 25 Fuss mächtige Lage von farbigem Thon 
und endlich als letzte aller Schichten die sehr mächtige Lage 
eines durchgehends sehr grobkörnigen, stellenweise sogar con- 
glomeratartigen, ziemlich festen Sandsteins von gelblichgrauer 
Farbe. 

In der Mehrzahl dieser Schichten finden sich in grösserer 
oder geringerer Anzahl dieselben Petrefakten wie in den zuerst 
angeführten, zugleich auch fast immer zahlreiche Kohlenspuren 
und mannigfaltige Pflanzenreste. Ausser der obersten giebt es 
kaum eine Schicht, in .der man nicht Cardium Ottoi oder Cy- 
rena cretacea vorfände, die sich somit in der Löwenberger 
Kreidemulde als Hauptleitformen für dieses Niveau herausstellen. 
Die festeren unter den angeführten Schichten findet man ausser 
am Boberufer auch noch an sehr zahlreichen Stellen auf der 
Höhe zwischen Andreasthal und Wenig -Rakwitz anstehend- und 
einen grossen Theil von ihnen in Bruchstücken auf Halden der 
Steinkohlengrube „Georg Wilhelm" wieder. Bei Ottendorf und 
am Ziegelberge bei Wehrau tritt eine der Thoneisensteinlagen 
in der oberen Abtheilung der Schichten ohne sandige Beimen- 
gung auf und ist fast ganz erfüllt mit Cyrena cretacea. 

Die Fauna des Ueber-Quaders besteht aus den Formen des 
nachstehenden Verzeichnisses, welchem ich wieder die Verglei- 
chung mit Ablagerungen von verwandtem Alter anreihe. 



321 



Versteinerungen 
ßchlesischem Ueber- Quader. 



.5 <» 



Ganoiden-Schuppe 

Krebs (Familie Macrura) sp. ind. . 

Serpula sp. ind 

■fTurritella multistriata Reuss . . . 

\Turritella nodosa Roem 

\Turritella inique-ornata Dr. . . . 

\Omphalia ornata Dr 

\Eulima lurrita Zekrli 

\Rostellaria ornata d'Orb 

j-Voluta semiplicata Münst 

■{Fusus Nereidis Münst 

■\Dentalium glabrum Gein 

^Leguminaria truncatula Reüss . . 

Panopaea Gurgitis Goldf. . . . . 
\Pholodomya nodulifera Goldf. . . 
\Pholodomya caudata Roem. . . . 

\Mactra Carter oni d'Orb 

-j- Anatina lanceolata Gein 

\Tellina plana Roem 

Teilina royana d'Orb 

Arcopagia numismalis d'Orb. . . . 

Venus ovalis Sow 

f Venus faba Sow 

\Cytherea plana Sow 

\ Cyrena cretacea Dr 

Cyrena? sp ind 

Protocardia hillana Sow. 

Cardium lineolatum Reüss . . . . 

~f Cardium produetum Sow 

^Cardium tubuliferum Goldf. . . . 
4 Cardium Ottoi Gein. ...... 

\Isocardia cretacea Goldf 

\Crassatella arcacea Roem 

\Lucina lenticularis Goldf 

Lucina campaniensis d'Orb. . . . 
\Trigonia aliformis Park 

Area (confer Area Raulini d'Orb.) 

\Cucullaea glabra Sow 

\Cucullaea propinqua Reüss . . . . 

Pinna diluviana 8chloth 

■\Mytilus Gallienei d'Orb 

Modiola siliqua Math 

\Avicula pectiniformis Gein . . . 
\Perna lanceolata Gein 

Pecten sp ind 

•fLima plana Roem. 

Plicatula Roemeri d'Orb 



322 



Zu dieser Reihe gesellen sich noch einer näheren Bestim- 
mung harrende zahlreiche Pflanzenreste ebensowohl aus den tho- 
nigen als den sandigen Lagen. Darunter sind Coniferenzweige, 
die wahrscheinlich ebenso wie die der Schichten von Neu- War- 
thau der im Kieslingswalder Sandstein so häufigen Geinitzia 
cretacea En dl. angehören werden; ferner vielleicht dazugehö- 
rende verzweigte Coniferen-Stamm- oder Ast-Fragmente mit spi- 
ralförmig gestellten Blattbasen, die bei schlechterer Erhaltung 
in den Sandsteinen formlosen Wülsten gleichen und dann lebhaft 
an die Spongia Saxonica Getnitz erinnern; endlich noch zahl- 
reiche verschiedene Blattformen aus den Thoneisensteinen, beson- 
ders von Wenig-Rakwitz. 

Von den oben aufgeführten Versteinerungen sind die mit 
einem f bezeichneten die häufigsten und für das Niveau des 
Ueber - Quaders besonders bezeichnenden. Zwei Drittel davon 
gehören ebenfalls zu den häufigsten Versteinerungen in allen hier 
mit dem Ueber-Quader verglichenen Schichten. 

Im Ueber-Quader allein fanden sich innerhalb des Gebietes 
der nordschlesischen Kreide die folgenden 12 Arten: Turritella 
nodosa, Omphalia ornata, Eulima turrita, Rostellaria ornata, 
Voluta semiplicata, Mactra Carter oni, Anatina lanceolata, 
Cardium productum und Ottoi, Cucullaea propinqua, Mytilus 
Gallienei und Lima plana. Von diesen kommen jedoch 7 Ar- 
ten auch im Sandstein von Kieslingswalde vor: Turritella no- 
dosa, Rostellaria ornata, Voluta semiplicata , Leguminaria 
truncatula , Anatina lanceolata, Cardium Ottoi und Mytilus 
Gallienei; und 4 Arten auch im Sandstein von Kreibitz: Tur- 
ritella nodosa, Leguminaria truncatula, Anatina lanceolata 
und Cardium Ottoi. Drei Arten : Turritella nodosa, Rostellaria 
ornata und Cardium Ottoi gehören auch zu den wichtigsten 
Formen in den obersten senonen Bildungen am Nordrande des 
Harzes, den sogenannten oberen Mergeln vom Plattenberge und 
Ilsenburg, den plastischen Thonen von Weddersieben u. s. w. 

Hieraus scheint sich zu ergeben, dass der Absatz der Sand- 
steine von Kieslingswalde und Kreibitz auch noch bis zur Bil- 
dung des nordschlesischen Ueber-Quaders fortgedauert hat, und 
dass auch die jüngsten Senon - Bildungen am Nordrande des 
Harzes denen der Sudeten im Alter gleichstehen. Nahe ver- 
wandt, wenn auch in geringem Grade, sind auch die Faunen 
des nordschlesischen oberen Quadersandsteins und der Schichten 



323 



Von Neu- Warthau. Es treten im Ueber-Quader nur die eigen- 
tümlichen Formen hinzu, während im Uebrigen die Fauna we- 
sentlich dieselbe bleibt wie in den älteren Senon-Schichten. Ich 
glaube daher auch von den drei Altersstufen des Senon- Systems 
am Nordrande der Sudeten fast wörtlich dasselbe sagen zu kön- 
nen , was Ewald über die entsprechenden Kreideschichten am 
Nordrande des Harzes ausgesprochen hat*), dass nämlich der 
grössere Theil der Petrefakten keiner von den drei Abtheilungen 
allein zukommt, sondern theils mit denen der zweiten, theils der 
dritten übereinstimmt, während auch eine nicht unbeträchtliche 
Anzahl durch alle drei Abtheilungen hindurchgeht. Diese sind 
daher durch drei, wenn auch nicht vollkommen identische, so doch 
sehr verwandte Faunen eng verbunden, und vertreten in ihrer 
Gesammtheit nur einen Theil und zwar den unteren des über 
dem Pläner folgenden Senon-Systems. 

Ausgezeichnet ist der schlesische Ueber-Quader vor allen 
anderen Kreide-Ablagerungen durch die in seinen Thonen oder 
Sandsteinen allein anzutreffende einzige sichere Vyrena der Kreide- 
Formation, die ich darum Cyrena cretacea genannt habe. Be- 
merkenswerth ist auch das Auftreten einer neuen Omphalia- Art. 

lln den jüngsten Senon- Bildungen am Harze, welche bei Wed- 
dersleben auch petrographisch dem nordschlesischen Ueber-Quader 
ähnlich sind, treten zwar mehrere Omphalia- Arten auf, darunter 
Omphalia undulata Dr., aber nicht die Omphalia ornata des 
schlesischen Ueber-Quaders. 

Uebrigens ist zu erwarten, dass die Fauna des nordschlesi- 
schen Ueber-Quaders in Zukunft noch wesentliche Bereicherun- 

I gen erhalten wird, da sie von allen bisher am wenigsten erforscht 
wurde. Die Verwandtschaft mit den beiden anderen Abtheilun- 
gen senonen Alters wird sich dann ohne Zweifel in no' h höhe- 
rem Grade herausstellen. 



Anhangsweise lasse ich noch einige genauere Angaben über 
das in Vorgehendem schon mehrfach erwähnte Vorkommen von 
Basaltconglomeraten folgen , deren Einschlüsse besonders beach- 
tenswert!] werden , in sofern sie Aufschlüsse über ursprünglich 
grössere Verbreitung einzelner Glieder der Kreideformation in 



*) Zeitschr. der deutsch, geol. Gesellschaft Bd. VII. S. 7. 



324 



der Löwenberger Mulde gewähren oder Andeutungen geben über 
deren Vorhandensein in Gegenden , wo sie jetzt an der Tages- 
oberfläche nicht beobachtbar sind. Im Ganzen sind solche Con- 
glomerate an vier Stellen beobachtet, bei Hermsdorf, Pilgrams- 
dorf, Ludwigsdorf und Sirgwitz. 

In der Nähe von Hermsdorf, dicht an der Nordostgrenze 
der Mulde, sieht man grobkörnigen Quadersandstein, Muschel- 
kalk, bunten Sandstein und Urthonschiefer in einem Steinbruche 
von etwa 280 Schritt Länge in steiler Stellung gerade in um- 
gekehrter Reihenfolge auf einander ruhen. Alle zusammen fallen 
in Folge einer Ueberstürzung im westlichen Theil des Bruches 
mit 45 Grad, im östlichen mit 65 bis 70 Grad nach Nordnord- 
osten ein*). Im östlichen Theile des Bruches allein sind die 
Schichten des Muschelkalks wellenförmig gebogen oder geknickt, 
auch fehlt hier die schon im westlichen Theil nur an 15 Fuss 
mächtige Lage von buntem Sandstein. 

Alle erwähnten Schichten sind von den jsüdlich angrenzen- 
den Quadersandsteinen durch ein gangartig auftretendes Basalt- 
conglomerat getrennt, welches man südlich von dem Bruche in 
einer Länge von 300 Schritten nicht genau parallel mit dem 
Streichen der Schichten des Bruches bis zu dessen Westende 
verfolgen kann, und das zugleich mit Ausnahme des mittleren 
durch Haldenschutt bedeckten Theils den ganzen etwa 80 Fuss 
hohen Abhang gegen Hermsdorf hin bildet. Seine Mächtigkeit 
dürfte etwa 30 bis 40 Fuss im Durchschnitt betragen. Längs 
der ganzen Erstreckung besteht das Conglomerat ausser kugeligen 
und sich schalig absondernden Basaltknollen in allen Grössen 
nur aus Trümmern der vom Basalt durchbrochenen Gesteine, 
Urthonschiefer, bunter Sandstein, Muschelkalk und grobkörniger 
Quadersandstein, welche durch ein fein poröses, leicht zerreib- 
liches Bindemittel zusammengehalten werden. Die Trümmer 
haben alle mehr oder weniger abgerundete Ecken und Kanten, 
und finden sich in Blöcken von 1 bis 1 j Cubikfuss bis zu Bruch- 
stücken von Wallnussgrösse herab. Compacter Basalt war in 
dem Gange nirgends wahrzunehmen. 

Nur in viertelstündlicher Entfernung von hier nach West- 



*) Nach v. Dechen beträgt das Einfallen am westlichen Ende 60 bis 
70 Grad nordnordöstlich, nach Lütke und Ludwig überhaupt 55 Grad 
nach Nordosten. Karsten's Archiv 1838, S. 123. 



325 



Nordwesten zeigt sich am Haselberge bei Pilgramsdorf, ebenfalls 
dicht an der Nordostgrenze der Mulde, eine isolirte, nicht gang- 
förmige, compacte Basaltmasse umgeben von ähnlichen Conglo- 
meraten. Einschlüsse von Muschelkalk fehlen hier, dagegen fin- 
den sich besonders häufig Einschlüsse eines überaus grobkörnigen 
conglomeratartigen Quadersandsteins und stark veränderter tho- 
niger Gesteine, sowie noch eines feinkörnigen Quadersandsteins, 
woraus zu folgern ist, dass hier plastische Mergel von turonem 
Alter zugleich mit durchbrochen wurden. 

Im Mittelpunkte der Mulde bei Ober - Ludwigsdorf erhebt 
sich eine ziemlich langgestreckte augenscheinlich gangartige Ba- 
saltmasse theils massig, vorherrschend aber säulenförmig abge- 
sondert. An beiden Längsseiten war sie, wie in einem Stein- 
bruche sehr gut zu beobachten, von einer mächtigen Conglomerat- 
decke umgeben, die gleich den vorher geschilderten Conglomeraten 
aus kugeligen basaltischen Absonderungen und zahllosen Bruch- 
stücken durchbrochener Gesteine gebildet wird. Letztere bestehen 
hier ausschliesslich aus einem stark veränderten thonigen Gestein, 
welches nach seinen Petrefakten , Turritella nodosa, Eulima 
turrita u. a., nur der Formation des Ueber-Quader# angehören 
konnte. Dieser muss demnach zur Zeit der Basalteruption im 
Centrum 'der Löwenberger Mulde mit seinen Ablagerungen auch 
diese Gegend bedeckt haben, in welcher jetzt nur Diluvial- und 
Alluvial-Schichten zu beobachten sind. 

Endlich bei Sirgwitz, wo der ganze West- und Südabhang 
der hier befindlichen Anhöhe von eruptiven Gesteinen gebildet 
wird, tritt eine compacte Basaltmasse von ansehnlicher Mächtig- 
keit ebenfalls gangförmig zu Tage, längs des südlichen Berg- 
abhanges von mächtigen Conglomeratmassen umgeben und be- 
deckt. In dem einen grossen Steinbruche jenes Abhanges zeigt 
sich der durchgehends säulenförmig abgesonderte Basalt nach 
den Seiten und oben von einer mächtigen Conglomeratschicht 
bedeckt, in welcher sich wieder ausser kugel- und knollenförmi- 
gen Ausscheidungen eines basaltähnlichen Gesteins auch zahllose, 
theils noch eckig und kantig begrenzte, theils mehr oder weniger 
abgerundete Bruchstücke von durchbrochenen Gesteinen in den 
verschiedensten Grössen vorfinden. Diese gehören theils einem 
blaugrauen meist stark veränderten Gestein von rein thoniger 
Beschaffenheit an, theils einem gelblichweissen feinkörnigen Sand- 
stein, theils einem gelblichgrauen thonigen Sandsteine, dessen 



326 



petrographische Uebereinstimmung mit dem untersten thonigen 
Sandstein aus dem System der Schichten von Neu-Warthau un- 
verkennbar ist. Bestimmter noch wird die Uebereinstimmung er- 
wiesen durch die in den Einschlüssen gefundenen Versteinerun- 
gen: Turritella nerinea, Avellana Archiaciana? , Pectunculus 
ventruosus ? , Lucina Lenticularis und Pecte?i virgatus. Diese 
gehören ausser der nicht sicher bestimmbaren Avellana Archia- 
ciana sämmtlich, unter ihnen Pecten virgatus ausschliesslich zur 
Fauna der Schichten von Neu-Warthau, welche demnach bei 
Sirgwitz die Unterlage des angrenzenden oberen Quadersandsteins 
bilden müssen und von dem Basalt durchbrochen wurden. Die 
anderen Einschlüsse gehören vielleicht zum Theil dem oberen 
Quadersandstein und den Thonen des Ueber-Quaders an, was 
bei dem Mangel an Versteinerungen nicht sicher entschieden 
werden konnte. 



II. Kritische Aufzählung der Äreide- Versteine- 
rungen in der Ij&'wenberger Mulde. 

1. Fischwirbel. 

Kleine runde Wirbel von 3 bis 8 Mm. Durchmesser und 
um ein bis zwei Drittel geringerer Länge, beiderseits stark ver- 
tieft, die flach concaven Aussenwände dicht mit feinen Längsfur- 
chen bedeckt, finden sich häufig in dem plastischen Mergel am 
Vorwerksbusch. Ganz ähnliche Wirbel schreibt Agassi z (Pois- 
sons foss. Vol. III. p. 360) dem Otodus appendiculatus und 
der Oxyrhina Mantelli zu. 

Einen ähnlichen Fischwirbel von 10 Mm. Länge und 8 Mm. 
Durchmesser mit ungleicher Concavität an der Vorder- und Hin- 
terseite fand ich in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau. 

2. smeroides Lew es iensis Makt. 
Salmo Lewesiensis Mantell, Geol. of Sussex t. 33, f. 12; t.34, f. 1-3; 
t. 40, f. 1. Osmeroides Lewesiensis Geinitz, Quad. p. 84. 

Schuppen von 4 Mm. Länge und 3 Mm. Breite nicht selten 
in dem Mergel am Vorwerksbusch. 



327 



3. Aulolepis Reussi Gein. 

Cycloiden-Schuppen Geinitz, Char. t. 2, f. 2. Aulolepis Reussi Gei- 
nitz, Quad. p. 86. 

Einzelne Schuppen von 14 Mm. Länge bei 7 Mm. Breite 
und von 4 bis 5 Mm. Länge bei 3 bis 4 Mm. Breite, mit diesen 
zusammen auch Kieferfragmente fanden sich in dem plastischen 
Mergel am Vorwerksbusch. 

4. Ganoiden-Schuppen. 

Eine rhomboidale Fischschuppe von schwarzer Farbe mit 
„ glänzend glatter Oberfläche, auf der nur zwei schwache Längs- 
streifen parallel den seitlichen Rändern zu sehen, 8 Mm. lang, 
5 Mm. hoch, mit scharfen Rändern, fand sich in einem Schiefer- 
thon des Ueber-Quaders bei Wenig-Rakwitz. 

5. Macropom a Mantelli Ag. 
Agassiz, Poiss. foss II. p. 174. t. 65 a, b, c, d. Gewitz, Quad. p. 86. 
Koprolithen von 15 bis 20 Mm. Länge, völlig der Beschrei- 
bung und Abbildung von Reuss I. p. 11. t. 4, £.68 bis 76; 
t. 5, f. 1 bis 6 entsprechend, sehr häufig in dem Mergel des 
Vorwerksbusches. 



6. Pycnodus scr obiculatus Reuss. 

. '•■ -Vi* * 

Reuss, Verst. der böhm. Kreidef. I. p. 10. t. 4, f. 15-25 u. 64. Gei- 
isitz, Quad. p. 88. 

Fünf deutliche Zähne und zahlreiche Bruchstücke fanden 
t sich in einer Schwefelkiesconcretion in dem plastischen Mergel 
am Vorwerksbusche. Die Zähne 3j bis 7 Mm. lang und durch- 
schnittlich eben so breit, von unregelmässig rundlichem Umriss, 
alle mehr oder weniger flach gewölbt, die Ränder durch scharfe 
Kanten begrenzt und senkrecht abfallend. Höhe \ bis 1 Mm. 
Oberfläche mit zahlreichen unregelmässigen Grübchen bedeckt. 
Sie sind von schwarzem hornigen Ansehen. 

7. Corax heterodon Reuss. 
Reuss I. p. 3. t. 3, f. 49-71. Geinitz, Quad. p. 90. 

Zähne von 3 bis 7 Mm. Länge und gleicher Breite an der 
Basis fanden sich mehrfach in dem plastischen Mergel am 'Vor- 
werksbusch. 



328 



8. Otodus appendiculatus Ag. 
Agassiz HI, p. 270. t. 32, f. 1—25. Geinitz, Quad. p. 92. 

Zähne von 9 bis 13 Mm. häufig in dem plastischen Mergel 
am Vorwerk sbusch. 

9. xyrhina Mantelli Ag. 
Agassiz III p. 280. t. 33, f. 1-9. Geinitz, Quad. p. 94. 

Zähne von iO bis 15 Mm. Länge häufig in dem plastischen 
Mergel am Vorwerksbusch. 

10. Oxyrhina angustidens Reuss. 
Reuss I. p. 6. t. 3, f. 7—13. Geinitz, Quad. p. 94. 

Ein Zahn von 11 Mm. Länge in dem plastischen Mergel 
am Vorwerksbuscb. 

11. Lamria r aphiodon Ag. 

Agassiz III. p. 296. t. 37 a, f. 11 — 16. Geinitz, Quad. p. 94. Lamna 
plicatella Reuss I. p. 7. t. 3, f. 37 44. 

Ein einzelner Zahn von 3 Mm. Länge, der Abbildung und 
Beschreibung von Lamna plicatella Reuss entsprechend, fand 
sich in dem plastischen Mergel am Vorwerksbusch. 



12. Mesostylus Faujasi Bronn. 

Bronn, Leth. geogn. 1851. Vol. V. p. 354. t. 27, f. 23. Callianassa 
Faujasi Des.marest, Crust. foss. t. 11, f. 2. Callianassa antiqua 
Otto, A. Roemer, Verst. des norddeutsch. Kreidegeb. p. 106. t. 16, 
f. 25. Geinitz, Quad. p. 96. 

Die hierhergehörigen Individuen aus den Schichten von 
Neu-Warthau entsprechen in der relativ grösseren Länge ihrer 
Theile sämmtlich der Varietät b von Bronn (Callianassa antiqua) 
und gleichen hierin so wie in ihrem Erhaltungszustande völlig 
den Individuen von Kieslingswalde, wie diese gewöhnlich auftre- 
ten. Jedoch besitze ich besonders gut erhaltene Stücke von Kies- 
lingswalde, welche bei völlig übereinstimmender Form in folgen- 
den Merkmalen der Varietät a von Bronn (Callianassa Fau- 
jasi) gleichen: 1) An den beiden grossen Vorderfüssen sind die 
Finger sowohl an ihrem innern als an dem äusseren Rande fein 
gezähnelt; 2) die Finger des kleineren Vorderfusses sind mit 
grobgekörnten stumpfen Seitenkanten an der innern Seite verse- 



329 



hen ; 3) die scharfkantigen oberen und unteren Ränder der Hände 
an beiden Vorderfüssen sind fein gezähnelt; auch befindet sich 
1 1 längs des oberen Randes der Handaussenseite bei dem grösseren 
Vorderfuss eine Reihe von fünf gleichgrossen runden und feinen 
Poren in gleichgrossen Abständen ; 4) bei dem grösseren Vorder- 
fusse sind an dem Carpus und dem davor liegenden länglichen 
Gliede die ebenfalls scharfkantigen unteren Ränder fein gezäh- 
( nelt und die stumpfen Seitenkanten grob gekörnt. 

Fundort der thonige Sandstein bei Neu- Warthau. 

13. In den sandigen Mergeln der Mittelberge bei Langen- 
vorvverk fand sich ein unbestimmbarer Krebsschwanz, von 

I dem sich nur angeben lässt, dass er einem Macruren Deeapoden 
angehört. 

14. Krebse an Glyphea ornata Phill., Roemer p. 105 
1 t. 16, f. 23, erinnernd, fanden sich mehrfach in den Thonen des 
| Ueber-Quaders bei Wenig-Rakwitz, Sie bleiben einer späteren 
' Beschreibung vorbehalten. 

15. Pollicipes angustatus Gein.? 
Geinitz, Kiesl. p. 7. t. 14. f. 10; Quad. p. 104. 

Das vorliegende Individuum entspricht in Allem der Be- 
schreibung und Abbildung bei Geinitz, nur verflacht sich der 
stumpfe Kiel, der bei den Exemplaren von Strehlen längs der 
( Rückenlinie fortläuft, hier deutlich nach dem unteren Rande zu. 
i Aus Diluvial-Geschieben vom Alter der Schichten von Neu- 

Warthau bei Hohlstein. 

, 16. Serpula gordialis Schloth. 

( Schlotheim, Petref. p. 96 z. Th. Serpula plexus Sow. Geinitz, Quad. 
p. 104. 

Von sehr variirender Grösse und Form bis zu 3 Mm. Durch- 
messer und mit erhaltener Schale in dem sandigen Mergel der 
Mittelberge. 

Wahrscheinlich gehört hierher auch eine meist peitschen- 
i förmig geschwungene Serpula von kreisförmigem Durchschnitt 
i an der Mündung, 25 bis 30 Mm. lang bei 2 bis 3 Mm. Weite, 
i deren Schale nie erhalten. Häufig im oberen Quadersandstein 
bei Kesselsdorf. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 22 



330 



17. Serpula filiformis Sow. 

Som'Erby bei Fittoiy, Transact. of the Geol. Soc. of London IV. t. 16, 
f. 2. Geinitz, Quad. p. 106. 

Von Fadenstärke bis zur Dicke von l bis 5 Mm., bald ein- 
zeln, bald in Knäueln zusammengehäuft. Häufig in dem thoni- 
gen Sandstein bei Neu- Warthau. 

18. In dem weissgrauen zum Ueber-Quader gehörigen Sand- 
stein unweit der Eichhornschenke bei Sirgwitz fand ich das 
Fragment einer Serpula mit elliptischem Durchschnitt von 3 Mm. 
längerem Durchmesser, wegen unvollkommener Erhaltung nicht 
näher bestimmbar. 



19. Nautilus elegans Sow. 
Sowerby, t. 116. Geinitz, Quad. p. 110. 

Die charakteristischen Falten auf den letzten Kammern meist 
wohlerhalten. Steinkerne mit 6 bis 8 Zoll Durchmesser, nicht 
selten im cenomanen Quadersandstein bei Nieder-Moys und an 
der Neuj/inder Harte. 

In dem sandigen Mergel der Mittelberge sind nicht selten 
Steinkerne eines Nautilus bis 10 Zoll im Durchmesser, die we- 
gen fehlender Skulptur nicht näher bestimmbar sind. 

20. Ammonites Orbig nyanus Gein. Taf. VIII. Fig. 1. 
Geinitz, Quad. p. 114. t. 4, f. 1. 

In dem oberen Quadersandstein bei Kesselsdorf fanden sich 
Individuen bis zu der ungewöhnlichen Grösse von 315 Mm. 
Durchmesser. Kleinere fanden sich in dem oberen Quadersand- 
stein bei Herzogswalde und in dem thonigen Sandstein bei Neu- 
Warthau. 

Zu der von Geinitz gegebenen Beschreibung habe ich nur 
zuzufügen, dass bei Individuen, welche über 200 Mm. Durch- 
messer haben, sowohl die Rückenkanten als auch die seitliche 
Abplattung der Schale gegen die Mündung hin allmälig ver- 
schwinden, so dass der Durchschnitt an der Mündung ein ge- 
streckt ovaler wird. Die gute Erhaltung der nordschlesischen 
Stücke gestattete ausserdem eine genauere Zeichnung der Loben- 
linie, deren Beschreibung ich folgen lasse. 

Die Lobirung symmetrisch, sehr tief ausgeschnitten. Jeder- 



331 



seits sieben von ungleichen Theilen gebildete Loben und Sättel. 
Dorsallobus breit und von nur massiger Länge, jederseits mit 
zwei vielfach gezähnelten Lappen, von denen der hintere der 
längste und grösste ist. Dorsalsaüel an Grösse dem Dorsal- 
lobus gleich, ungefähr doppelt so gross als die fünf ersten La- 
teralsättel, vorn durch fünf ungleiche Lappen in eben so viel 
ungleiche Theile zertheilt. Die Lateralsättel mit Ausnahme des 
sechsten alle von ungefähr gleicher Grösse. Der erste Lateral- 
lobus halb so gross, aber etwas länger als der Dorsallobus, ge- 
rade, durch zahlreiche Einschnitte und Zähne unregelmässig ge- 
formt. Der erste Lateralsattel durch einen kleinen accessorischen 
Lobus in zwei fast gleich grosse Hälften getheilt. Der zweite 
Laterallobus um ein Viertel grösser als der erste, gerade, durch 
fünf Lappen in fünf ungleiche Theile getheilt. Der zweite La- 
teralsattel in Grösse und Form dem ersten fast gleich. Der 
.dritte Laterallobus ist der grösste, etwa um ein Viertel grösser 
als der zweite, gerade, zunächst durch zwei Lappen in zwei 
ganz ungleiche Theile und diese wieder in zahlreiche kleinere 
Lappen zerspalten. Der dritte Lateralsattel durch einen kleinen 
accessorischen Lobus in zwei ungleiche Theile getheilt, von de- 
nen der untere der grössere ist. Von dem vierten, fünften und 
sechsten Laterallobus ist der vierte der grösste, ungefähr halb 
so gross als der dritte, und in fünf fein gezähnelte Lappen von 
ungleicher Grösse und Form getheilt. Der fünfte und sechste 
Laterallobus sind beide fast symmetrisch dreilappig. Der vierte 
und fünfte Lateralsattel sind von ungleicher Grösse und Form, 
jeder in der Mitte getheilt durch einen kleinen geraden accesso- 
rischen Lobus. Der sechste Lateralsattel endlich ist nur halb 
so gross als die vorhergehenden ; auf ihn folgen noch drei kleine 
feingefranzte Auxiliarloben, welche durch Sättel von fast gleicher 
Grösse miteinander verbunden werden. — Die Linie bei a in 
der Zeichnung bedeutet die Kante, von welcher die Schale trep- 
penförmig nach der Naht abfällt, die Linien bei bb die beiden 
parallelen Rückenkanten und c die Lage des Sipho. 

21. Ammonites sub tric arin atus d'Orb. 
Taf. VIII. Fig. 2 bis 4. 

d'Orbigny, Prodrome Et. 22. No. 9. Ammonites tricarinatus Pal. fr. 
Cret. I. p. 307. t. 91, f. 1—2. 

Flach scheibenförmig. Durchmesser 140 bis 160 Mm., sehr 

22* 



332 



wenig involut. Dicht über der Naht entspringen zahlreiche ge- 
rade zum Rücken laufende Rippen, die gleich an ihrem Anfange 
je einen starken stumpfen Höcker und einen zweiten gleich star- 
ken gegen den Rücken hin tragen. Da einige der Rippen sich 
ohne Regel in der Hälfte ihrer Länge gabeln, so ist die Zahl 
der Höcker am Rücken grösser als an der Naht. Rücken breit 
und flach gewölbt, mit drei parallelen stumpfen Kielen, deren 
mittelster etwas grösser ist als die andern. Die Mündung ist 
abgestumpft vierseitig, bei jungen Individuen etwas breiter als 
hoch, bei älteren umgekehrt etwas höher als breit, weil mit zu- 
nehmendem Alter die Windungen allmälig eine mehr zusammen- 
gedrückte Gestalt annehmen. 

Lobirung jederseits gebildet aus drei Loben und drei Sätteln. 
Der obere Laterallobus ist der grösste und längste, gerade, 
unsymmetrisch fünffach getheilt. Der Dorsallobus etwas kürzer 
als der obere Laterallobus. Der Dorsalsattel etwas breiter als 
der obere Laterallobus, durch einen geraden, kurzen, accessori- 
schen Lobus in zwei ungefähr gleiche Hälften getheilt. Der 
obere Lateralsattel etwas grösser als eine der Abtheilungen des 
Dorsalsattels, ungetheilt. Der untere Laterallobus etwas grösser 
als der accessorische Lobus des Dorsalsattels, schief nach unten 
gerichtet. Der untere Lateralsattel erheblich kleiner als der 
obere. Der erste Auxiliarlobus etwas kleiner als der untere 
Laterallobus, ebenfalls schief nach unten gerichtet. Darauf folgt 
noch ein kleiner Auxiliarsattel, und endlich noch ein sehr kurzer 
zweiter Auxiliarlobus zur Seite des grossen Ventrallobus. Alle 
Loben enden unpaarig, obwohl nicht völlig symmetrisch. Ueber- 
haupt ist die mangelnde Symmetrie in der Theilung der Loben 
und Sättel ein charakteristisches Merkmal für diesen Ammoniten. 
Er offenbart darin, wie auch in der Zahl und den Grössenver- 
hältnissen der Hauptloben, und in der Gabelung eines Theils 
seiner Rippen eine Verwandtschaft mit dem Ammonites varians 
Sow. Die parallelen Linien bei a und b an Fig. 2, Taf. VIII. 
deuten den mittelsten und einen der beiden seitlichen Kiele des 
Rückens an. 

Aus dem oberen Quadersandstein von Kesselsdorf unweit 
Löwenberg, und von Ullersdorf bei Naumburg am Queis. 



333 



; 22. Ammonites Ro tomagensis Brongn. 

Brongisiart, Eiiv. de Par. t. 4, f. 2. Geinitz, Quad. p. 112. 

Iu sehr abgeriebenen Individuen bis 2 Fuss im Durchmesser, 
nicht selten im cenomanen Quadersandstein bei Nieder-Moys. 

23. Scaphites in flatus Roem. 

A. Roemer, Kreidegeb. p. 90. t. 13, f. 5. Geinitz, Quad. p. 116." 
Selten im oberen Quadersandstein bei Waldau und Hochkirch. 

24. Baculites ineur vatus Duj. 
d'Orbigny I. p. 564. t. 139, f. 8—10. Geinitz, Quad. p. 122. 

Nur ein einziges Individuum, dessen längerer Durchmesser 
10 Mm. beträgt, fand sich bisher in dem thonigen Sandstein bei 
Neu-Warthau. « 



25. Turritella multistriata Reuss. 
Reuss I. p. 51. t. 10, f. 17; t. 11, f. 16. Geinitz, Quad. p. 124. 
Typische Exemplare fanden sich bisher im oberen Quader- 
sandstein bei Kesselsdorf und Gähnsdorf, im Sandstein des Ueber- 
Quaders bei Sirgwitz und in dem thonigen Sandstein am Kret- 
schamberge bei Deutmannsdorf. Die zahlreichen Exemplare aus 
dem thonigen Sandstein bei Neu - Warthau haben durchgehends 
die Gestalt der Varietät Turritella quinquecineta Goldf. 1. 196, 
f. 17 c. Eigenthümlich ist ihnen auch die Regelmässigkeit, mit 
der stets unter den feinen Zwischenstreifen einer in der Mitte 
besonders deutlich hervortritt. 

26. Turritella inique-ornata Dr. Taf . IX. Fig. 1. 
Thurmförmig. Sechs bis acht Umgänge, höher als breit, 
wenig gewölbt, fast flach , an den Nähten stark zusammenge- 
schnürt, mit fünf gleichstarken gekörnten Gürteln. Die Zwischen- 
räume zwischen den drei obersten Gürteln sind gleich , grösser 
als die unteren und tragen ausser vielen feinen Spirallinien je 
einen schwächeren wenig hervorragenden und fein gekörnten 
Zwischengürtel in der Mitte. Die darunter folgenden drei Zwi- 
schenräume sind von ungleicher Grösse und nur mit feinen Spi- 
rallinien versehen; der oberste ist der grösste und der unterste 
dicht über der Naht der kleinste. Der letzte Umgang gegen 



334 



die Basis hin durch eine scharfe Kante begrenzt, trägt dicht über 
dieser Kante noch einen sechsten, etwas schwächeren, gekörnten 
Gürtel. Die Basis schwach gewölbt, trägt 10 bis 12 feine Spi- 
ralstreifen mit etwas breiteren Zwischenräumen. Ueber Gürtel, 
Streifen und Linien hinweg laufen zahlreiche gewellte, stärkere 
und schwächere, rückwärts gebogene Anwachsstreifen, welche die 
Körnung der Gürtel und Zwischengürtel hervorrufen. 

Individuen von 30 bis 70 Mm. Länge sehr häufig in dem 
Sandstein des Ueber-Quaders bei Sirgwitz, in dem thonigen Sand- 
stein bei Neu- Warthau und Ludwigsdorf und in den Geschieben 
gleichen Alters bei Hohlstein. 

27. Turritella nerinea Roem. 
Roemer p. 80. t. Ii, f. 21. Geinitz, Quad. p. 124. 

In Individuen bis zu 40 Mm. Grösse häufig im oberen 
Quadersandstein bei Kesselsdorf und vereinzelt in den Geschieben 
vom Alter der Schichten von Neu-Warthau bei Hohlstein. 

28. Turritella nodosa Roem. 

Roemer p. 80. t. 11, f. 20. Geinitz, Quad. p. 124. d'Orbigny, Prodr. 
Et. 22. No. 122. 

Häufig im Ueber -Quader bei Ober -Langenau bei Görlitz 
und in den Thoneisensteinen des Ueber-Quaders bei Wehrau 
am Queis. 

29. Omphalia ventricosa Dr. Taf. IX. Fig. 2 und 3. 

Diese und die folgenden, der Gattung Omphalia zugerech- 
neten Arten besitzen zwar nicht den Nabel und die kreisrunde 
OefFnung, auf welche Zekeli bei Aufstellung seiner Gattung 
besonderes Gewicht legte; sie entsprechen derselben jedoch in 
allen übrigen Merkmalen und unterscheiden sich von Turritella 
hinreichend durch ihre bauchige oder doch minder lang gestreckte 
Form. Die tief ausgerandeten Anwachsstreifen besitzt auch die 
im Ueber-Quader häufige Turritella nodosa. Alle schlesischen 
Omphalien finden sich nur in Steinkernen oder Abdrücken. 

Die Gestalt der O. ventricosa ist kegelförmig mit sechs schnell 
an Grösse zu nehmenden breiten Umgängen. Die Nähte sanft 
ansteigend. Die Umgänge in der Mitte flach concav, nur durch 
Verquetschung stärker vertieft, an ^der oberen und unteren Naht 
zu einer Anschwellung erweitert, die ich Gürtel nennen will. 
Der untere Gürtel stets weniger hervortretend als der obere. 



335 



Der letzte Umgang tritt bei jungen Individuen kantig hervor 
und trägt an seiner flach convexen Basis drei scharfe feine Gür- 
tel, deren unterer am schärfsten ist. Oberfläche im Uebrigen 
glatt. Bei alten Individuen rundet sich die Kante an dem letz- 
ten Umgange ab und die Basalgürtel werden undeutlich. Zu- 
gleich verschmilzt jeder obere Nahtgürtel mit dem unteren des 
vorhergehenden Umganges und verlaufen die Umgänge scheinbar 
ohne Trennung ineinander. Die Pleurotoma-artig ausgerandeten 
Anwachsstreifen , besonders auf der Oberfläche des letzten Um- 
gangs mehr oder minder deutlich. Der inntre Mündungsrand 
löst sich ein wenig von der Schale ab. Mündung nicht erhalten, 
an den Steinkernen oval mit einer Verengung nach unten. 
Aus dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf. 

30. Omphalia undulata Dr. Taf. IX. Fig. 4 und 5. 
Gestalt spitz kegelförmig. Mit sechs bis sieben Umgängen 
und glatter Oberfläche. Bei alten Individuen treten die tief aus- 
gerandeten Anwachsstreifen besonders auf den beiden letzten 
Umgängen stark hervor. Die Mündung oval, verengt sich ein 
wenig nach unten. Der vorigen Art sehr nahe verwandt, doch 
weniger bauchig und länger gestreckt, die Nähte etwas steiler 
ansteigend, die Anwachsstreifen viel tiefer ausgerandet. An 
dem oberen Nahtgürtel des letzten Umgangs zeigt sich bei jün- 
geren Individuen eine Reihe von unregelraässig gestellten , un- 
deutlichen, flachen Höckern. An der Basis desselben Umganges 
vier schmale Gürtel, welche mit zunehmendem Alter immer un- 
deutlicher werden und endlich ganz verschwinden. 

Aus dem oberen Quadersandstein von Giersdorf bei Löwen- 
berg. Auch in den mit farbigen Thonen wechsellagernden mür- 
ben Sandsteinen des Ueber-Quaders von Weddersieben bei Qued- 
linburg. 

31. Omphalia ornata Dr. Taf. IX. Fig. 6 und 7. 
Gestalt thurmförmig. Mit neun bis zwölf breiten und lang- 
sam an Grösse zunehmenden Umgängen. Auf der im Uebrigen 
glatten Oberfläche eines jeden Umganges zwei Gürtel an der 
unteren und oberen Naht, von denen der untere am stärksten 
'st und bei jungen Individuen sogar kantig hervortritt. (Taf. IX. 

ig. 7.) Bei gutem Erhaltungszustande (Taf. IX. Fig. 6) be- 
ginnt der untere Gürtel erst in einer kleinen Entfernung über 



336 



der Naht und beide Gürtel sind in regelmässigen Abständen mit 
flachen Höckern besetzt. Die tief ausgerandeten Anwachsstreifen 
auf den letzten beiden Umgängen deutlich wahrnehmbar. Mün- 
dung breit oval, nach unten verengt, ihr innerer Rand ein wenig 
von der Schale abgelöst. An der Basis des letzten Umgangs 
drei feine Gürtel, von denen eler mittlere sehr schwach ist. Mit 
zunehmendem Alter verschwinden die Höcker auf den Gürteln 
und diese selbst werden undeutlicher. Unterscheidet sich von 
der vorhergehenden Art durch ihre länger gestreckte Gestalt, 
durch andere Anordnung der Gürtel, durch die regelmässigen 
Höcker auf denselben, und dadurch, dass die Anwachsstreifen 
weniger tief ausgerandet sind. 

Häufig in den verschiedenen Sandsteinen des Ueber-Quaders 
bei Sirgwitz und Wenig-Rakwitz. 

32. Eulima turrita Zek. 

Zekeli, Gast, der Gosaug. p. 31. t. 3, f. 6a— c. 

In den Variationen der Grösse und Form genau mit der 
Schilderung von Zekeli übereinstimmend, häufig in dem Sand- 
stein des Ueber-Quaders bei Sirgwitz, auch in aus Ueber-Quader 
herrührenden Thoneinschlüssen im Basaltconglomerat der keuli- 
gen Berge bei Ludwigsdorf. 

33. Nerinea Bucht Zek. 

Zekeli, Gast, der Gosaug. p. 34. t. 4, f. 3. Nerinea bicincta Bronn, 
Geinitz, Quad. p. 126; d'Orbigny, Prodr. Et. 22. No. lbO, Et. 21. 
N6. 31. 

Individuen von 50 bis 90 Mm. Länge sehr häufig zusam- 
men mit Actaeonella Beyrichü in dem oberen Quadersandstein 
von Giersdorf, selten in dem gleichen Sandstein bei Gähnsdorf 
und bei Kaupe an der Lausitzer Neisse. 

34. Nerinea incavata Bronn. 
Bronn in Jahrb. 1836. p. 533. t. 6, f. 22. Goldfuss t. 177, f. i a und b. 

Ein Fragment von 30 Mm. Länge, bestehend aus drei er- 
haltenen Umgängen, an der Mündung nur, wie bei Goldfuss, 
mit zwei starken Spindelfalten, von denen die untere stärker 
hervorragt. Oberfläche glatt. 

Selten im oberen Quadersandstein bei Giersdorf. 



337 



35. Actaeonella Beyrichii Dr. Taf. IX. Fig. 8 bis 11. 

Eiförmig, kreiseiförmig, mit sechs bis sieben Umgängen bei 
ausgewachsenen Individuen, welche eine Höhe von 90 bis 100 Mm. 
erreichen. Der letzte Umgang verkehrt kegelförmig, in der Mitte 
sanft eingedrückt, schliesst entweder alle übrigen der Art ein, dass 
dieselben aus ihm nur wenig in der Mitte hervorragen, oder es 
erhebt sich aus ihm ein mehr oder minder hoch kegelförmiges 
Gewinde, wodurch die ganze Gestalt mehr gestreckt kreiseiförmig 
wird. An der oberen Hälfte der Umgänge eine Reihe von 
stumpfen Höckern in gleichen Entfernungen, von denen je acht 
auf einen Umgang kommen. Mit zunehmendem Alter werden 
die Höcker immer undeutlicher und lassen bei den grössten aus- 
gewachsenen Individuen nur noch Spuren zurück Sie bildet wie 
Actaeonella Lamarki Zek. und A. Renauxiana d'Orb. eine 
ganze Reihe mehr oder weniger erhöhter Formen. Die ausge- 
wachsenen Individuen würden mit Actaeonella Renauxiana so- 
gar zusammenfallen , wenn die Höcker auch an dieser nachge- 
wiesen werden könnten. 

Aus dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf; aus dem- 
selben Sandstein des Papenberges bei Blankenburg; aus dem 
Sandstein von Kieslingswalde bei Habelschwerdt. 

36. Avellana Archiaciana d'Orb. 

d'Orbigny, Cret. III. p. 137. t. 169, f. 7 — 9. Ringicula Archiaciana 
d'Orb. Geinitz, Quad. p. 128. 

Der Mündungsrand nach aussen verdickt und an der Spindel 
von einem glatten Wulst begrenzt. An der unteren Hälfte der 
Spindelseite eine einzige Falte. 

Häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu -Warthau und 
den gleichen Diluvial Geschieben bei Hohlstein. 

37. Natica canaliculata Mant. 

Ampullaria canaliculata Mantell 1822. p. 111. t. 18, f. 11. Natica 
canaliculata Geinitz, Quad. p. 128. 

Sehr häufig in Individuen bis zu 25 Mm. Höhe in den tho- 
nigen Sandsteinen bei Neu-Warthau. Zuweilen in dem sandigen 
Turon-Mergel der Mittelberge, selten im oberen Quadersandstein 
bei Giersdorf u^l Kesselsdorf. 



338 



38. Natica vulgaris Reuss. 
Rbdps, Geogn. Sk. II. p. 209. Gbinit,:, Quad. p 128. 

In dem sandigen Mergel der Mittelberge wurden mehrfach 
Individuen bis zu 10 Mm. Höhe gefunden; ein Individuum von 
32 Mm. Höhe aus dem oberen Quadersandstein von Giersdorf 
schwankt in der Form zwischen Natica canaliculata und Na- 
tica vulgaris. 

39. Natica Roemeri Gein. 
Geinitz, Quad. p. 128. 

Bis zu 25 Mm. Höhe nicht selten in dem thonigen Sand- 
stein bei Neu- Warthau. 

40. Trochus plic ato-carinatus Goldf. 
Goldfuss t. 161, f. 11. Geinitz, Quad. p. 122. 

Selten, bis zu 20 Mm. Durchmesser des letzten Umganges, 
im thonigen Sandstein bei Neu- Warthau und den entsprechenden 
Geschieben bei Hohlstein. 

41. Pleurotomaria per spectiva d'Orb. 

d'Orbigny , Cret. II. p. 255. t. 196. Pleurotomaria linearis Mant., 
Geinitz, Quad. p. 134. 

Herr Sachse fand ein Individuum von 50 Mm. Durchmesser 
in dem sandigen Mergel des Popelberges. 

42. Rostellaria v esper tilio Goldf. 
Goldfuss t. 170, f. 5. Geinitz, Quad p. 136. 

Während die Individuen aus dem Sandstein von Kieslings- 
walde die Grösse von acht Umgängen erreichen, zählen die von 
Neu- Warthau niemals mehr als sechs. Die obersten beiden Kiele 
am Flügel sind hier besonders stark entwickelt. Die scharfen 
und schmalen Längsrippen mit ihren doppelt so breiten Zwischen- 
räumen sind bei gutem Erhaltungszustande stets schwach sichel- 
förmig gekrümmt und reichen ohne aufzuhören an der im Uebri- 
gen glatten Schale von einer Naht zur anderen. 

Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau. 



43. Rostellaria papilionac ea Goldf. 
Goldfuss t. 170, f. 8. Geinitz, Quad. p. 186. 

Ein einziges typisches Individuum fand si<^ in einem Dilu- 



339 



vial-Geschiebe vom Alter der Schichten von Neu-Warthau bei 
Hohlstein. 

44. Rost ellaria ornata d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. II. p. 291. t. 209, f. 1 und 2 Geimtz, Quad. p. 136. 
In den verschiedensten Grössen und bis zu einer Länge von 
40 Mm. in dem Ueber - Quadersandstein bei Sirgwitz und den 
Ueber-Quadertbonen bei Wenig-Rakwitz. Sie stimmen in allen 
Beziehungen mit der D'ORBiGNv'schen Beschreibung und Abbil- 
dung überein mit Ausnahme der Tuberkelreihen auf und über 
dem Kiel (bei d'Orbigny en andere de la carene), welche sich 
hier auch deutlich auf der Oberfläche des zweiten und dritten 
Umganges fortsetzen. 

45. Rostellar ia crebricosta Zek. 
Zekeli, Gast, der Gosaug. p. 35. t. 6, f. 4. 

Da an den beiden einzigen Individuen von Neu-Warthau 
ein Flügel nicht erhalten ist, so bleibt auch hier zweifelhaft, ob 
die Art zu Fusus oder Rostellaria zu rechnen sei. Bei 18 Mm. 
Länge kommen auf den letzten Umgang 21 bis 22 feine Längs- 
rippen. 

46. Pterodonta in f lata d'Orb. Taf. IX. Fig. 12. 
d'Orbigny, Cret II. p. 31S. t. 219. 

Nur als Steinkern beobachtet. Dieser ist eiförmig, bauchig. 
Höhe 99 Mm. Mit sechs bis sieben glatten , wenig convexen 
Umgängen, deren letzter fast noch einmal so gross ist als alle 
übrigen zusammen. An der Mündung reicht der Eindruck des 
nach innen verdickten Aussenrandes abwärts etwa nur bis zur 
halben Höhe des vorletzten Umganges. Ein entsprechender Ein- 
druck ist auch an dem vorletzten Umgange, und an dem dritt- 
letzten wenigstens eine Andeutung davon an sich gegenseitig 
entsprechenden Stellen ; dies stimmt mit d'Orbigny's Angabe, 
dass die Verdickung sich mit zunehmendem Alter wiederholt. 
Aus den geringen Abständen der Umgänge ergiebt sich , dass 
die Schale sehr dünn war. An den beiden letzten Umgängen 
des Steinkerns sind deutliche Spuren der Nähte sichtbar; sie 
hören auf bei dem letzten Eindruck des verdickten Mündungs- 
randes. 

Selten intern oberen Quadersandstein von Giersdorf. 



340 



47. Voluta sem (plicata Münst. 

Pleurotoma semiplicata Münster, Goldfuss t. 170, f. lt. Voluta se- 
miplicata Geinitz, Quad. p. 138. 

Ein Individuum mit zwei erhaltenen Spindelfalten fand sich 
in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

48. Fusus Nereidis Münst. 
Goldfuss t. 171, f. 20. Geinitz, Quad. p. 140. 

In dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau, dem Sand- 
stein des Ueber-Quaders bei Sirgwitz und dem Thoneisenstein 
des Ueber-Quaders bei Wehrau. 

49. Pyrula coronata Roem. 
Roemer p. 78. t. 11, f. 13. Fusus coronatus Geinitz, Quad. p. 140. 
Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau; 
nicht ganz sicher aus demselben Sandstein am Kretschamberge 
bei Deutmannsdorf. 

50. Cerithium Requienianum d'Orb. ? 
d'Orbigny, Cret. II. p. 377. t. 232, f. 4-5. 

Schale spitz kegelförmig mit sechs bis sieben wenig gewölb- 
ten Umgängen. Auf jeden Umgang kommen zehn, durch gleich 
grosse Zwischenräume getrennte Längswülste, die von einer Naht 
zur andern reichen und sich in allen Umgängen entsprechen. 
Darüber laufen in gleichen Abständen abwechselnd fünf stärkere 
und fünf schwächere feine Spiralstreifen. Mündung oval, nach 
oben sich verengend. Kanal kurz. 

Aus den Diluvial-Geschieben von thonigem Sandstein bei 
Hohlstein. 

51. Dentalium glabrum Gein. 
Geinitz, Char. p. 74. t 18, f. 28. — Quad. p. 142. 

Findet sich im cenomanen Quadersandstein bei Taschenhof, 
in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau, dem Ueber-Quader- 
Sandstein bei Sirgwitz und dem Ueber - Quaderthon zu Ober- 
Langenau bei Görlitz. 



341 



52. Gastrochaena Amphisbaena Goldf. 
Serpula Amphisbaena Goldf. t. 70, f. 16. Gastrochaena Amphisbaena 
Geinitz, Quad. p. 144, 

Freie Individuen von 9 Mm. Durchmesser in Serpula- artig 
unregelmässig gebogener Form fand ich in dem röthlich gefärb- 
ten oberen Quadersandstein bei Sirgwitz. Das städtische Mine- 
ralien-Kabinet und die Sammlung des Herrn Dresler in Löwen- 
berg enthalten Stücke, wo 10 bis 12 Individuen von einer ge- 
meinsamen Fläche aus nach derselben Richtung gebohrt haben. 
Spuren dieser Muschel (Geinitz Cerambycit. p. 13. t. 3 — 6) in 
versteintem Holze finden sich sehr häufig in dem thonigen Sand- 
stein bei Neu- Warthau, dem oberen Quadersandstein ebendaselbst 
und in dem glasigen Sandstein des Ueber-Quaders bei Wehrau. 

53. Leguminaria truncatula Reuss. 

Solen truncatulus Reuss, Geogn. Sk. II. p. 201. Leguminaria trunca- 
tula Geinitz, Quad. p. 146. 

Die charakteristische Leiste in der Schale ist hier stets 
schief nach hinten gerichtet wie bei Reuss, Verst. IL t. 36, f. 13. 

Nicht selten von 18 bis 19 Mm. Länge in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz und dem oberen Quadersandstein 
bei Kesselsdorf. 

54. Panop aea Gurgitis Goldf. . 
Goldfuss t. 153, f. 7. Panopaea plicata Sow. Geinitz, Quad. p. 146. 
In den verschiedensten Grössen bis zu 115 Mm. Länge bei 
16 Mm Höhe, häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu- War- 
thau, in den gleichen Geschieben bei Hohlstein und in dem obe- 
ren Quadersandstein bei Giersdorf und Kesselsdorf; zweifelhaft 
im Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz, wo eine sehr kleine un- 
bestimmbare Panopaea auftritt. 

55. Pholadomy a nodulifer a Münst. 
Goldfüss t. 158, f. 2. Geinitz, Quad. p. 148. 

Nicht selten in den thonigen Sandstein-Geschieben bei Hohl- 
stein; häufig in dem oberen Quadersandstein bei Hochkirch, 
Waldau und Kesselsdorf, wo die grössten Individuen eine Länge 
von 60 bis 70 Mm. besitzen; ausserdem noch in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

j 



342 



56. Pholadomy a c au data Roem. 

Roemer p. 76. t. 10. f. 8. Geinitz, Quad. p. 14S. Cardita Goldfussi 
Müller, Petref d. Aach. Kreidef. I. p. 20. 

Eine der wichtigsten Formen in allen Abtheilungen des 
Senon-Systems. Sie findet sieh in den thonigen Sandsteinen bei 
Neu-Warthau und Kesselsdorf und den entsprechenden Diluvial- 
Geschieben bei Hohlstein, in dem oberen Quadersandstein bei 
Giersdorf, Hochkirch, Waldau und Kesselsdorf und in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz und Wenig -Rakwitz, überall in 
grosser Häufigkeit. 

57. G oniomy a designata Goldf. 

Lysianassa designata Goldfuss t. 154 f. 13. Pholadomya designata 
Geinitz, Quad p. 148. 

Als Seltenheit in dem sandigen Mergel der Mittelberge, und 
im oberen Quadersandstein bei Waldau. 

58. Mactra Car teroni d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p. 367. t. 368, f. 6—9. 

Sehr häufig in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

59. A7iatina lanceolata Geijs. 

Corbula lanceolata Geinitz, Kiesl. p. 12 t. 2, f. 3. Anatina lanceolata 
Geinitz, Quad. p. 148. 

Nicht selten im" Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

60. Magdala Germari Giebel. 
Lyonsia Germari Giebel, Geinitz, Quad. p. 150. t. 10, f. 9 — 11. 

Selten in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau. 

61. Teilina plana Roem. 
Roemer p. 74. t. 9, f. 19. Geinitz, Quad. p. 150. 

Die vorliegenden schlesischen Individuen stimmen genau mit 
der Abbildung bei d'Orbigny (Paleont. III. t. 380, f. 6 — 8) 
und unterscheiden sich von der Abbildung bei Reuss (II. t. 36, 
f. 22) durch grössere Höhe und eine sanftere Abrundung der 
Vorderseite. 

Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau 
und dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 



343 



62. T ellin a royana d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p 422. t. 380, t. 9—11. 

Nicht selten im Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

63. Tellina costulata Goldf. 
Goldfüss t. 147, f. 19. Geinitz, Quad. p. 150. 

Häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu -Warthau und 
den entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein. 

64. Ar copagia numi smalis d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p. 415. t. 379, f. 1-5. 

Ein typisches Individuum von 60 Mm. Durchmesser in dem 
Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

65. Venus f aba Sow; 
Sowerby t. 567, f. 3 und 4. Geinitz, Quad. p. 152. 

Diese sehr verbreitete Species, welche durch alle Abthei- 
lungen des Senon Systems in der Löwenberger Mulde hindurch- 
geht, wechselt ausserordentlich in ihrer Form, indem sie alle 
Uebergänge von einer fast kreisförmigen bis zu einer gestreckt 
ovalen Gestalt aufweist, und bald eine kürzere bald eine längere 
Vorderseite hat; jedoch ist sie constant in ihrer sehr flachen 
Wölbung und dem sehr kleinen nur wenig über den Schlossrand 
vorragenden stumpfen Wirbel. * 

Häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu - Warthau und 
den entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein, in dem 
oberen Quadersandstein bei Gähnsdorf und Kesselsdorf, und in 
dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

66. Venus caperata Sow. 
Sowerby t. 518, f. 1 4. Geinitz, Quad. p. 152. 

Häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu -Warthau und 
den diesem entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein. 

67. Venus ovalis Sow. 
Sowerby t. 567, f. 1. Geinitz, Quad. p. 152. 

Häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau ; zweifel- 
haft in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz und Wenig- 
Rakwitz. 



344 



68. Venus G oldfus si Geik. 

Geinitz, Quad. t. 10, f. 7 und 8. Venus nuciformis Müller, Petref. 
der Aach. Kreidef. Suppl. p. 13. t 7, f. 14. 

Zahlreiche Individuen in xlen verschiedensten Grössen aus 
dem Sandstein von Kieslingswalde und dem thonigen Sandstein 
bei Neu- Warthau zeigen, dass Venus Goldfussi Gein. nur ein 
Jugendzustand von Venus nuciformis Müll. ist. Individuen 
von 8 bis 9 Mm. Länge sind noch völlig gleichförmig und massig 
gewölbt und glatt; von 10 Mm. Länge zeigen sie den ersten 
Treppenabsatz gegen den Rand hin, von 15 Mm. Länge deren 
zwei, so dass noch grössere Individuen, wie sie Müller be- 
schreibt, deren drei und vier besitzen können. Mit jedem Trep 
penabsatz nimmt auch deutlich die Wölbung an Höhe zu. 

69. Cytherea plana Sow. 

Venus plana Sowekbv t. 20, f. 2 und 3. Geinitz, Quad. p. 152. Cy- 
therea plana Goldfuss t. 148, f. 4. 

Die Art geht durch alle drei Abtheilungen des Senon-Systems 
in der Löwenberger Kreidemulde hindurch. Im oberen Quader- 
sandstein ist das Cythereen-Schloss häufig gut erhalten. Sie tritt 
auf in dem thonigen Sandstein bei Neu -Warthau, im oberen 
Quadersandstein bei Kesselsdorf und Giersdorf und im Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

70. Cy therea sub decus s ata Roem. 

Venus lata Roemer p. 72. t. 9, f. 10. Geinitz. Quad. p. 152. Venus 
subdecussata Geinitz, Quad. p. 152. 

Diese Art ist auf die untersten beiden Stufen des Senon- 
Systems beschränkt. Das Cythereen-Schloss fast stets vortrefflich 
erhalten im Ober-Quadersandstein. Jedoch entsprechen alle In- 
dividuen in der Gestalt nur der Venus lata Roem. insofern, als 
ihre Vorderseite weit mehr hervortritt als bei Cytherea subde- 
cussata Roem. Roemer führt sie an aus dem Quadersandstein 
von Pilgramsdorf; ich fand sie nur im oberen Quadersandstein 
bei Giersdorf und Kesselsdorf. 

71. Cytherea elong ata Reuss. 
Venus elongata Reuss II. p. 20. t. 41, f. 9. Geinitz, Quad. p. 152. 
Cytherea elongata Giebel, Deutschi. Petr. p. 4 1 3. 
Nicht selten in dem thonigen Sandsteine bei Neu-Warthau. 
Sie entspricht nur der Beschreibung, aber nicht der Abbildung 



345 



von Reuss, welche von einem verzerrten Individuum herzurüh- 
ren scheint. Der Schlossrand ist nämlich an der hinteren Seite 
nur sehr schwach gebogen und fast geradlinig wie bei Cytherea 
decussata. 

Hierher gehört wahrscheinlich auch eine Cytherea mit wohl 
erhaltenem Schloss aus dem oberen Quadersandstein bei Giers- 
dorf und Kesselsdorf, welche ein wenig höher gewölbt ist als 
die typischen Individuen von Neu- Warthau, obwohl. nicht so hoch 
als Cytherea decussata, deren Schloss auch der Mitte mehr ge- 
nähert ist. Wie bei Venus faba, Cytherea plana u. a. sind 
auch hier in Folge des groben Versteinerungsmaterials die zarten 
Anwachsstreifen der Oberfläche nicht erhalten. 

72. Cyrena cretacea Dr. Taf. IX. Fig. 13. 

Abgerundet dreiseitig, nach hinten bald mehr, bald weniger 
schief verlängert, so dass der Wirbel vor der Mitte liegt. Länge 
sehr wechselnd im Vergleich zur Höhe; im Maximum 28 Mm. 
lang bei 20 Mm. Höhe. Schale dünn, nur mässig gewölbt, an 
den Wirbeln ein wenig eingedrückt. Die sanft gerundete vor- 
dere Seite mit einer kleinen herzförmig vertieften Lunula. An 
der nach hinten sich allmälig stark verschmälernden Hinterseite 
läuft von den Wirbeln aus eine stumpfe Kante schräg nach hin- 
ten abwärts dem unteren Rande zu, hinter welcher die Schale 
steil nach dem hinteren Rande abfällt. Oberfläche vorn und auf 
dem Rücken mit regelmässigen scharfen und schmalen concentri- 
schen Rippen bedeckt, welche durch eben so schmale Zwischen- 
räume von einander geschieden werden; an der Hinterseite glatt 
und nur mit unregelmässigen starken Anwachsstreifen versehen. 
Unter den fast spitzen und kleinen Wirbeln , welche nur wenig 
über den Schlossrand hervorragen, zwei kleine Zähne, ausserdem 
noch zu beiden Seiten je ein leistenförmiger Seitenzahn. Innere 
Schalseite glatt, Rand scharf und ganz. 

In allen sowohl den thonigen als den sandigen Schichten 
und den Thoneisensteinen des Ueber-Quaders mit Ausnahme der 
glasigen Sandsteine, meist in Gesellschaft von Cardium Ottoi und 
stellenweise von ausnehmender Häufigkeit. 

73. Cyrena? sp. indet. 
Im Ueber - Quadersandstein bei Sirgwitz findet sich nicht 
selten eine zweite, in Form und Grösse der vorigen sehr ähn- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 23 



346 



liehe, wahrscheinlich zu Cyrena gehörende Form, welche sich 
durch glatte, nur mit zarten Anwachsstreifen versehene Oberfläche 
auszeichnet. Unter den Wirbeln stehen drei schwache Zähne, 
jederseits ein langer leistenförmiger Seitenzahn. 

74. Protocardia hillana Sow. 
Cardium hillanum Sowerby t. 14, f. 1. Protocardia hillana Geinitz, 
Quad. p. 154. 

Nicht selten im oberen Quadersandstein bei Kesselsdorf. 

Hierher gehören auch wahrscheinlich glatte Cardien- Stein- 
kerne, bald stark, bald nur massig gewölbt, mit scharfem vorde- 
ren, aber gekerbten hinteren Rande und deutlich eingedrückter 
Hinterseite aus dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf und 
dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

75. Car dium lineo latum Reuss. 
Reuss II. p. i. t. 35, f. 17. Geinitz, Quad. p. 154. 

Ein Individuum von 22 Mm. Länge fand sich in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

76. €a?^ dium productum Sow. 
Sowerby 1831. d'Orbigny, Cret. III, p. 31. t. 247. Geinitz, Quad. p. 154. 
Häufig ausschliesslich in dem Ueber-Quadersandstein bei 
Sirgwitz. Jüngere Individuen unterscheiden sich von ausge- 
wachsenen durch die grössere Länge im Verhältniss zur Höhe, 
wodurch der Wirbel vor die Mitte zu stehen kommt. 

77. Cardium tubuliferum Goldf. Taf IX. Fig. 14. 
Goldfuss t. 144, f. 7. Geinitz, Quad. p. 154. 

Fast kreisrund, nur wenig schief nach hinten verlängert. 
Höhe sehr schwankend, bis zu 70 Mm. Fast ebenso lang wie 
hoch. Wirbel in der Mitte, etwas nach vorn gebogen, über den 
Schlossrand weit vorragend. 70 bis 75 schmale feine Radial- 
rippen, mit nach dem Rande zu sich erweiternden, um das Vier- 
fache breiteren Zwischenräumen. In denselben liegen regelmässig 
gestellte, tiefe, stets mit Gesteinsmasse erfüllte Poren, die nach 
dem Rande hin an Grösse zu- und allmälig einen abgerundet 
seitigen Umriss annehmen. Auf den Querleisten zwischen diesen 
Poren entspringt stets dicht neben der vorherstehenden Rippe je 
ein feiner Stachel, nach unten an Länge und Stärke zunehmend, 
nicht hohl wie Goldfuss beschreibt. Die in Reihen geordneten 
Tuberkeln der Steinkerne sind Ueberbleibsel der von der Ge- 



347 



Steinsmasse gebildeten Ausfüllungen der Poren, welche übrigens 
stets nur die äussere Schalschicht durchsetzen. Die Schale er- 
reicht zuweilen die ansehnliche Dicke von 5 Mm. Der Rand der 
sonst glatten Innenfläche gekerbt. Es finden sich alle Ueber- 
gänge von einer sehr stark zu einer nur mässig gewölbten Form. 
Besonders bei jnngen Individuen stets eine sehr starke Wölbung. 

Aus dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau und den ent- 
sprechenden Diluvial - Geschieben bei Hohlstein , aus dem oberen 
Quadersandstein bei Giersdorf und dem Ueber-Quadersandstein 
bei Wenig-Rakwitz. 

78. Cardium Ottoi Geik. Taf. IX. Fig. 15. 

Card'mm Ottonis Geinitz, Kiesl. p. 14. t. I, f. 31 u. 32; Quad. p. 154. 
d'Orbigny, Prodr. Et. 21. No. 123. 

Schief oval, ungleichseitig ; mit kleinem, vor der Mitte lie- 
genden, fast spitzen, über den Schlossrand nur schwach hervor- 
ragenden Wirbel; mässig gewölbt, hinten steiler abfallend als 
vorn. Mit dem Alter nimmt die Wölbung an Stärke ab , die 
grössten werden 33 Mm., die meisten sind nur 10 bis 15 Mm. 
hoch. 25 bis 26 breite, flach gewölbte Radialrippen werden auf 
dem Rücken allmälig kantig, die hinteren selbst dachförmig. 
Feine concentrische Anwachsstreifen mit gleichgrossen Zwischen- 
räumen geben den Rippen ein schuppiges Ansehen. Die An- 
wachsstreifen sind bei den Individuen von Kieslingswalde durch- 
gängig etwas feiner als bei denen des nordschlesischen Ueber- 
Quaders. Der Rand ist den Radialrippen entsprechend gekerbt. 

Mit Cyrena cretacea zusammen ungemein häufig in allen 
Thonen und Sandsteinen des Ueber - Quaders mit Ausnahme der 
glasigen Sandsteine. Die grössten Individuen finden sich in den 
Thoneisensteinknollen des Ueber-Quaders am Nordrande des Harzes. 

79. Isocardia cretacea Goldf. 
Goldfüss t. 141, f. 1. Geinitz, Quad. p. 154. 

Von sehr wechselnder Form und Wölbung nicht selten in 
dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau und den entsprechen- 
den Diluvial- Geschieben bei Hohlstein, endlich in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

80. Astarte acuta Reuss. 
Recss II. p. 3. t. 33, f. 17 ; t. 37, f. 14. Geinitz, Quad. p. 156. 
Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau. 

23* 



348 



81. Crassatella arcacea Roem. 

Roemer p. 74. t. P, f. 24. Geinitz, Quad. p. 156. d'Orbigny, Prodr. 
Et. 22. No. 573. Crassatella regularis d'Orb. Cret. III. p. 80. 
t. 266, f. 4-7. 

Gestalt bald mehr, bald weniger verlängert. Der Rand der 
ausnehmend dicken Schale bei ausgewachsenen Individuen gleich- 
massig fein gekerbt, scharf und ungekerbt bei jüngeren Individuen. 

Sehr häufig in dem thonigen Sandstein von Neu -Warthau 
und den entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein, nicht 
minder auch in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

Hierher gehört wahrscheinlich auch der Steinkern einer 
Crassatella aus dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf, des- 
sen zwei starke Schlosszähne, stumpf dreiseitiger Umriss, Wöl- 
bung, fein und gleichmässig gekerbter Rand sehr an Crassatella 
arcacea erinnern. 

82. Lucina lenticularis Goldf. 
Goldfüss t. 146, f. 16. Geinitz, Quad. p. 158. 

In allen Grössen bis zu 60 Mm. Durchmesser, sehr häufig 
in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau, den Diluvial-Ge- 
schieben von gleichem Alter bei Hohlstein, dem oberen Quader- 
sandstein bei Giersdorf, Gähnsdorf und Kesselsdorf und in dem 
Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

83. Lucina Cornueliana d'Orb.? 
d'Orbigny, Cret. III. p. 116. t. 281, f. 3-5. 

Eine in Gestalt, Wölbung und Berippung der Lucina Cor- 
nueliana d'Orb. gleichende Form, deren innere Charaktere aber 
bis jetzt noch nicht beobachtbar waren, ist häufig in dem oberen 
Quadersandstein bei Giersdorf. 

84. Lucina campaniensis d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p. 122. t. 283, f. 11 u. 12. 

Aus dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

85. Trigonia aliformis Park. 
Parkinson, Org. Rem. III. t. 12, f. 9. Geinitz, Quad. p. 158. 

Durch alle drei Abtheilungen des Senon-Systems hindurch- 
gehend. Sehr häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu-War- 
thau, in den entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein, 



349 * 



in dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf, Gähnsdorf und 
Jf Kesselsdorf und in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

86. Pectunculus ventruosus Gein. 
et | Geinitz, Char. p. 77. t. 20, f. 20 u. 42; Quad. p. 162. 
k • Mit 25 bis 30 flachen radialen Rippen. Häufig verzerrt 
d. und schief nach hinten verlängert. Sehr gemein in dem thonigen 
id i Sandstein bei Warthau und Ludwigsdorf, in den entsprechenden 
il i Diluvial-Geschieben bei Hohlstein und in dem oberen Quader- 
sandstein bei Kesselsdorf. 

J, 87. Pectunculus Lens Nils. 

Nilsson 1827. t. 5, f. 4. Geinitz, Quad. p. 162. 

In typischer Form aus dem oberen Quadersandstein bei 
I Giersdorf. 

88. Area cf. Raulini d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p. 204. t. 310, f. 1 u. 2. 

Eine Form von unbekanntem Schloss mit Ausnahme der 
feinen und sparsamen Radialstreifen mit Area Raulini d'Orb. 
übereinstimmend, fand sich in dem thonigen Sandstein bei Neu- 
Warthau. 

Zu derselben Art dürfte auch ein glatter Steinkern aus dem 
Thoneisenstein des Ueber-Quaders bei Ottendorf gehören, der bei 
gleicher Gestalt eine etwas stumpfere Kante an der hinteren 
Seite hat mit deutlich erhaltenem Arca«-Schloss. 

89. Cucullaea glabra Sow. 

Sowerby t. 67. Area glabra Geinitz, Quad. p. 162. 

Diese sehr verbreitete Art tritt in den nordschlesischen Kreide- 
schichten in den mannigfachsten Variationen der Form sowohl als 
der Grösse und Wölbung auf. Der Wirbel ist bei manchen Indi- 
viduen fast mittelständig (C. glabra), bei andern weit nach vorn 
gerückt, wobei zugleich die Gestalt nach hinten verlängert und 
schief rhomboidal erscheint (Area Ligeriensis). 

Aus dem sandigen Mergel der Mittelberge, aus dem thoni- 
gen Sandstein bei Neu-Warthau und unter den Diluvial-Geschie- 
ben bei Hohlstein, aus dem oberen Quadersandstein bei Giers- 
| dorf und dem Ueber Quadersandstein bei Sirgwitz, 



350 



90, Cucullaea propinqua Reuss. 

Reuss, Geogn. Sk. II. p. 194; Verst. der Böhm. Kr. II. p. 12. t. 34, f 34. 
Area propinqua Geinitz, Quad. p. 164. 

An einem Individuum aus dem Ueber-Quadersandstein bei 
Sirgwitz ist die Analfläche etwas steiler und kürzer als sie Reuss 
darstellt. Zwei andere, das eine ebendaher, das andere aus dem 
Thoneisenstein bei Ottendorf, sind völlig typisch. 

91. Pinna diluviana Schloth. 

Pinnites diluvianus Schlotheim 1820, Petref. p. 303. Pinna diluviana 
Geinitz, Quad. p. 166. 

Diese Art fand ich nur in den Ablagerungen des Senon- 
Systems in folgenden Varietäten : 

1) hochgewölbt mit sieben bis acht feinen Radialrippen auf 
der hinteren und drei oder vier auf der vorderen Seite. Zahl- 
reich in dem Quadersandstein des Hockenberges. — Ein Indi- 
viduum aus dem oberen Quadersandstein von Ullersdorf bei Naum- 
burg unterscheidet sich bei gleicher Berippung durch flache 
Wölbung. m 

2) In der Mitte kantig und so hoch gewölbt, dass der 
Durchschnitt fast rhombisch wird. Auf der vorderen Seite neun 
oder zehn, auf der hinteren nur drei Radialrippen. Nicht selten 
in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

Bruchstücke einer Finna mit feinen Längsrippen und feiner 
concentrischer Streifung fand ich auch nicht selten in dem Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

92. Myoconcha gracilis Dk. Taf. IX. Fig. 16. 

Länglich oval, sehr flach gewölbt, mit kleinem zusammen- 
gedrückten Wirbel. Höhe 15 Mm. bei 7 Mm. Länge. Schloss- 
rand gerade, von zwei Drittel der ganzen Schalenlänge durch 
eine Furche umsäumt und deshalb leistenartig hervorstehend. 
Die Furche ist gegen den Rücken hin durch eine niedrige aber 
scharfe Kante begrenzt, welche bewirkt, dass der hintere Rand 
mit dem unteren einen stumpfen Winkel bildet. Von der Kante 
aus ziehen nach vorn feine, regelmässige, concentrische Streifen, 
welche durch zwölf feine Radialrippen unterbrochen werden. Die 
Abstände der Radialrippen nehmen nach vorn allmälig an Grösse 
ab. Die Art hat grosse Aehnlichkeit mit Myoconcha striatula 
(Mytüus striatulusjMüNS i, aus dem Unter-Oolith von Thurnau, 



351 



Goldfuss t. 131, f. 1, und unterscheidet sich von dieser nur 
durch ihre grössere Schmalheit und dadurch, dass bei ihr die Ra- 
dialrippen über die ganze Oberfläche hinweglaufen. 

Findet sich als Seltenheit in dem thonigen Sandstein bei 
Neu- Warthau. 

93. Mytilus Gallienei d'Orb. 
d'Orbigny, Cret. III. p. 273. t. 339, f. 1 u. 2. Geinitz, Quad. p 166. 
Nicht selten in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

94. Mytilus cf. lanc eolatus Sow. 
Sowerby t. 439, f. 2. 

Die dem Mytilus lanceolatus Sow. ähnliche Art unter- 
scheidet sich darin, dass sie weniger spitz am Wirbel ist und 
an der senkrecht abgestutzten, vom Rücken durch eine falt scharfe 
Kante getrennten Vorderseite einige feine Radialstreifen besitzt. 
Aus dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

95. Modiola siliqua Math. 

Matheron 1842, d'Orbigny, Cret. III. p. 274. t. 339, f. 3 und 4. My- 
tilus siliqua Geinitz, Quad. p. 168. t. 10, f. 14. 

In dem sandigen Mergel der Mittelberge und im Ueber- 
Quadersandstein bei Sirgwitz. 

96. Modiola radiata Mükst. Goldf. 
Mytilus radiatus Goldfuss t. 138, f. 6. Geinitz, Quad. p. 166. 

In Individuen von 10 bis 12 Mm. Höhe nicht selten in 
dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

97. Modiola semiornata d'Orb. 
Mytilus semiornatus d'Orbigny, Cret. III. p 279. t. 341, f. 9 u. 10. 
Diese zierliche Art, welche zugleich auffallend an Mytilus 
plicatus Sow., M. C. t. 248 aus dem weissen Jura erinnert, 
ist nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

98. Avicula pectinif ormis Gein. 
Geinitz, Char. p. 79. t. 20, f. 37. Quad. p. 170. 

Die rechte Klappe ist stets flacher gewölbt als die linke, 
aber nicht bei allen in gleichem Verhältniss. Bei den Individuen 
aus dem Ueber-Quader ist die linke Klappe nur massig, bei de- 
nen aus dem Sandstein des Hockenberges dagegen hoch gewölbt. 



352 



In den Ablagerungen von senonem Alter finden sich alle von 
Reuss beschriebenen und abgebildeten Varietäten. 

Aus dem Sandstein des Hockenberges und dem oberen Qua- 
dersandstein bei Giersdorf, besonders häufig aber in den Thonen 
und Sandsteinen des Ueber - Quaders bei Wenig - Rakwitz und 
Sirgwitz. 

99. Avicula triloba Roem. 
Roemer p. 64. t. 8, f. 13. Geinitz, Quad. p. 170. 

Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

100. Perna cretacea Reuss. 

Reuss 1844, Geogn. Sk. II. p. 185; Verst. II. p. '24. t. 32, f. 18- 20, 
t. 33, f. 1. Geinitz, Quad. p. 172. 

Häufig in typischer Form und stets mit regelmässigen und 
deutlich ausgebildeten Ligamentfurchen, in den Geschieben vom 
Alter der Schichten von Neu- Warthau bei Hohlstein. 

101. Perna lanceolata Gein. 

Geinitz, Char. p. 80. t. 21, f. 18; Quad. p. 172. d'Orbigny, Prodr. 
Et. 20. No. 467. 

Die Schalenaxe bildet mit dem Schlossrand einen Winkel 
von 40 bis 45 Grad. Der grosse Muskeleindruck liegt nicht, 
wie Reuss hervorhebt, am Rande, sondern genau in der Mitte. 

In Schlesien nur aus Ablagerungen von senonem Alter, so 
aus dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz und dem oberen 
Quadersandstein bei Giersdorf. Zweifelhaft ist ein Stück aus 
dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

102. Inoceramus Cuvieri Sow. 
Sowerby t. 441, f. 1. Geinitz, Quad. p. 176. 

Im unteren cenoraanen Quadersandstein der Neuländer Harte. 

103. Inoceramus B ro?igniarti Sow. 
Sowerby, M. C. t. 441, f. 2—4. Geinitz, Quad. p. 172. 

Ueberall in den sandigen Mergeln von turonem Alter in 
der Gegend von Löwenberg als eine der häufigsten Formen und 
in typischer Gestalt; so auf den Mittelbergen, auf dem Popelberg, 
dem Hospitalberge, Steinberge, Braunauer Berg, Lettenberg u.s.w. ; 
ferner ebenfalls in typischer Gestalt in den_ Sandsteinen vom Alter 
der Schichten von Neu- Warthau auf dem Hockenberge, dem Po- 



353 



pelberge und den Mittelbergen, endlich noch in den Diluvial- 
Geschieben von demselben Alter bei Hohlstein und dem oberen 
Quadersandstein bei Herzogswalde und Hochkirch. 

104. Inocer amus latus Mant. 
Mantell 1822, p. 216. t. 27, f. 10. Geinitz, Quad. p. 176. 

In dem thonigen Sandstein von Neu- Warthau, in den Dilu- 
vial-Geschieben gleichen Alters bei Ludwigsdorf und dem san- 
digen Mergel der Mittelberge und des Popelberges. 

105. Inocer amus mytiloides Mant.? 
Mantell 1822. p. 215. t. 28, f. 2; t. 27, f. 3. Geinitz, Quad. p. 176. 
Ein Inoceramus von 25 bis 30 Mm. Länge, sehr flach ge- 
wölbt, von gestreckt ovalem Umriss und mit zahlreichen concen- 
trischen Falten von gleicher Grösse, dessen Wirbel aber nicht 
völlig erhalten ist, aus dem Mergelschiefer des Vorwerksbusches 
dürfte wahrscheinlich dieser Species angehören, vielleicht auch 
einige verdrückte Inoceramen aus den Mergelschiefern am Nord- 
abhange des Hirseberges und bei Neuwiese. 

106. Pecten sp. indet. 
Ein glatter flach gewölbter Steinkern ähnlich Pecten Cottal- 
dinus d'Orb. und Pecten laevis Nu s. aus dem Ueber-Quader- 
sandstein bei Sirgwitz. 

107. Pecten orbicularis Nils. 

Nilsson 1827, Petref. p. 23. t. 10, f. 12. Pecten Nilssuni Goldf. Gei- 
nitz, Quad. p. 178. 

Häufig mit erhaltener Schale in dem plastischen Thonmergel 
am Vorwerksbusch bei Löwenberg. 

108. Pecten virgatus Nils, 

Nilsson 1827, p. 22. t. 9, f. 15. Pecten curvatus und virgatus Geinitz, 
Quad. p. 180. 

Sehr häufig in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau 
und den entsprechenden Diluvial-Geschieben bei Hohlstein. 

109. Pecten serratus Nils. 
Nilsson 1827, t. 9, f. 9. Geinitz, Quad. p. 182. 

Nicht selten in dem cenomanen Quadersandstein bei Nieder- 
Moys und Taschenhof. 



354 



110. Pecten asper Lam. 
Sowerby t. 370, f. 1 u. 2. Geinitz, Quad. p. 184. 

Sehr häufig in dem cenomanen Quadersandstein bei Nieder- 
Moys, Taschenhof, des Steinfjerges, des Hirseberges, der Neu- 
länder Harte u. s. w. 

111. Pecten decemco Status Goldf. 
üoldfcss t. 92, f. 2. Pecten sqvamifer Geinitz, Quad. p. 184. 

Mit neun glatten, radialen Rippen, die sich nach unten flach 
ausbreiten und gleich grosse glatte Furchen zwischen sich haben. 
Ueber die ganze Oberfläche laufen feine Anwachsstreifen. 
Aus dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

112. Pecten aequico Status Lam. 
Goldfuss t. 92, f. 6. Geinitz, Quad. p. 186. 

Häufig in dem cenomanen Quadersandstein bei Nieder-Moys. 

113. Pecten quinquecostatus Sow. 
Sowerby t. 56, f. 4 — 8. Geinitz, Quad. p. 186. 

Aus dem untern cenomanen Quadersandstein des Steinbru- 
ches am Schiesshause bei Löwenberg, dem sandigen Mergel der 
Mittelberge, so wie aus dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau. 

114. Pecten' quadrico status Sow. 
Sowerby t. 56, f. 1, 2. Geinitz, Quad. p. 186. 

In den verschiedenartigsten Varietäten in Bezug auf die 
Grösse der Zwischenrippen häufig in dem thonigen Sandstein bei 
Neu-Warthau. 

115. Pecten Ufr es Ter i Dr. Taf. IX. Fig. 17. 
Eine Janira von abgerundet dreiseitigem Umriss, stets höher 
als lang, selbst in ausgewachsenem Zustande nicht höher als 
15 Mm. bei 12 Mm. Länge. Die rechte Klappe stark gewölbt, 
mit spitzem, stark zusammengedrückten, weit über den Schloss- 
rand vorragenden Wirbel. Sechs starke, dachförmig steil empor- 
ragende Hauptrippen mit je drei schwächeren Zwischenrippen. 
Diese Zwischenrippen zeigen in den verschiedenen Feldern die 
grösste Verschiedenheit. In den drei mittleren Feldern ist die 
eine der Zwischenrippen nur schwach und stets dicht an die Ab- 
dachung der angrenzenden Hauptrippe gedrängt, ohne Regel bald 
auf der einen bald auf der anderen Seite gelegen; die mittelste 



355 



ist stets die am stärksten entwickelte. Auf den viel breiteren 
vier Seiten feldern stehen die drei Zwischenrippen in grösseren 
und gleichen Zwischenräumen, und sind stets die zwei seitlichen 
Rippen von gleicher Grösse , während die mittlere auch hier 
stärker ist. Ohren verhältnissmässig klein, an der Innenfläche 
mit zahlreichen feinen Radialfurchen bedeckt. Innere Schalen- 
fläche mit zahlreichen feinen Radialfurchen, welche den Radial- 
rippen auf der Oberfläche entsprechen. Die linke Klappe ist 
völlig flach, theilt aber sonst alle Eigenschaften der gewölbten 
Klappe. Zwischen dem Rand- und der Schalenmitte läuft über 
die Oberfläche beider Klappen ein starker Anwachsstreifen. 

Diese Art unterscheidet sich von jungen Individuen des 
nahe verwandten Pecten quadricostatus durch die schmälere 
Gestalt, die stärker gewölbte rechte Klappe, die weit stärker 
hervortretenden sechs Hauptrippen, die anders geordneten Zwi- 
schenrippen, und durch kleinere Ohren. Sie findet sich sehr 
häufig in Individuen von 3 bis 15 Mm. Höhe in den plastischen 
Mergeln am Vorwerksbusche bei Löwen berg. Wahrscheinlich 
gehört dazu auch eine Form von 25 Mm. Höhe bei 21 Mm. 
Länge aus dem thonigen Sandstein bei Neu-Warthau, welche sich 
nur durch etwas weniger starke Wölbung und ausserdem dadurch 
unterscheidet, dass auf der inneren Schalseite je zwei feine Ra- 
dialfurchen dicht neben einander je einer Radialrippe der Ober- 
fläche entsprechen. 

116. Lima plana Roem. 

Roemer 1836, Ool. p.80. t. 13, f. 18; Kr. p. 59. Geinitz, Quad. p. 192. 

Die punktirten Radialfurchen reichen nicht, wie Roemer von 
den westphälischen Individuen beschreibt, bis zum Schalenrande, 
sondern die Schale ist in der Nähe des Randes wieder völlig glatt. 

Nicht selten in dem Ueber-Quadersandstein bei Sirgwitz. 

117. Lima Hoperi Mant. 

Plagiostoma Hoperi Mantell 1822, p. 204. t. 26, f. 2, 13, 15. Lima 
Hoperi Geinitz, Quad. p. 192. 
In Individuen von typischer Form und 90 bis 100 Mm. 
Höhe nicht selten im cenomanen Quadersandstein bei Nieder-Moys 
und im Lähner Becken bei Schmottseifen. 

118. Lima asper a Mant. 
Mantell 1822, p. 129, t. 26, f. 18. Geinitz, Quad. p. 192. 

Aus dem sandigen Mergel der Mittelberge. 



356 



119. Lima gr anulat a Nils. 

Plagiostoma granulata Nilsson 1827, t. 9, f. 4. Lima granulata Gei- 
nitz, Quad. p. 190. 

In kleinen Individuen von 10 bis 14 Mm. Höhe nicht sel- 
ten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

120. Lima canalifera Goldf. 
Goldfcss t. 104, f. 1. Geinitz, Quad. p. 190. 

Diese in Form und Zahl ihrer radialen Rippen ausserordent- 
lich veränderliche Art tritt in der Löwenberger und Lähner Mulde 
nicht tiefer als in den Turon-Bildungen, und nicht höher als in 
den Schichten von Neu -Warthau auf. Die Individuen aus dem 
thonigen Sandstein von Neu- Warthau zählen 22 bis 24 Rippen, 
und erreichen dabei nur eine Höhe und Länge von höchstens 
30 Mm., während die Individuen aus dem sandigen Mergel der 
Mittelberge und des Popelberges häufig eine Länge von 65 Mm. 
und nahe 45 bis 50 Mm. Höhe besitzen, stets mit 23 bis 24 
Rippen versehen und dabei zugleich am meisten in der Längs- 
richtung ausgedehnt sind; die Individuen aus dem Sandstein der 
Rabendocken zeigen nur 18 Rippen bei 60 bis 65 Mm. Länge 
und Höhe und gleichen demnach in der Form den Individuen 
von gleichem Alter von Neu- Warthau. 

Stets in grosser Häufigkeit an den angeführten Punkten *). 

121. Spo?idylus spinosus Sow. 
Geinitz, Quad. p. 196. Plagiostoma spinosum Sowerby t. 78. 

Mit erhaltener Schale aus dem sandigen Mergel der Mittel- 
berge. 

122. Plicatula Roemeri d'Orb. 
d'Orbigny, Gret. III. p. 681. t. 462, f. 8—10. Geinitz, Quad. p. 196. 

Nicht selten in den Thonen des Ueber-Quaders bei Wenig- 
Rakwitz. 

123. Ostrea semiplana Sow. 
Sowerby t. 489, f. 1, 2. Geinitz, Quad. p. 198. 

In dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau häufig in der 
Grösse von 10 bis 15 Mm.; ebenso häufig mit erhaltener Schale 

*) Die Individuen von Kieslingswalde zählen 22 bis 24 Rippen, die 
von Kreibitz 21 bis 23, die vom Salzberge bei Quedlinburg 18 bis 20 



357 



in dem sandigen Mergel der Mittelberge von durchschnittlich 
30 bis 40 Mm. Grösse. 

124. Ostrea Larva Lam. 
Lamarck, An. s. v. VI. p. 216. Geinitz, Quad. p. 198. 

Nur in jungen 18 bis 22 Mm. langen Individuen von sehr 
verschiedener Krümmung aus dem thonigen Sandstein von Neu- 
Warthau. 

125. Ostrea hippopo dium Nils.? 
Nilsson 1827. t. 7, f. 1. Geinitz, Quad. p. 200. 

Glatte Steinkerne von 100 bis 120 Mm. Höhe und 30 bis 
40 Mm. Länge, von zusammengedrückter und verbogener Form, 
sehr flach gewölbt, mit wohlerhaltenem Abdruck des Schlosses ; 
die eine Klappe flacher gewölbt als die andere. Muskeleindruck 
ungefähr in der Mitte der Schalenhöhe. Bei den längsten In- 
dividuen verhält sich die Höhe zur Länge wie 2:1. 

Häufig in dem oberen Quadersandstein bei Giersdorf*). 

126. Exogyra columba Lam. 

Gryphaea columba Lamarck 1819. — Sowerby t. 383, f. 1—4. Ostrea 
columba Geinitz, Quad. p. 202. 

Sehr häufig und in den verschiedensten Grössen von 25 bis 
zu 110 Mm. im cenomanen Quadersandstein bei Nieder -Moys 
und Taschenhof, nicht selten bei Alt - Warthau , am Steinberg, 
Hirseberg und der Neuländer Harte. 

127. Exogyra lateralis Nils. 

Ostrea lateralis Nilsson 1827, t. 7. f. 7—10. Geinitz, Quad. p. 202. 
Von typischer Form, mit einfachem oder seitlich eingeroll- 
ten Wirbel mit oder ohne flügelartige Ausbreitung an der Vor- 
derseite, mit concentrisch abblätternder Oberfläche. Häufig in 
dem sandigen Mergel der Mittelberge, des Popelberges und in 
dem thonigen Mergel nördlich von Hirseberge. 



*) Aus dem plastischen Mergel am Vorwerksbusch befindet sich in 
der Berliner Sammlung ein auf Ostrea diluviana deutbares Stück, dessen 
Erhaltung eine sichere Bestimmung nicht gestattet. 



358 



128. Rhynchonella plicatilis Sow. 

Terebratula plicatilis Sowerby t. 1 18, f. 1. Terebratula octoplicata 
Sow. Gewitz, Quad. p. 108. Rhynchonella octoplicata d'Orbig.ny, 
Prodr. Et. 22. No 948. 

Nicht selten in dem sandigen Mergel der M ittelberge. 

129. Rhynchonella Martini Bronn. 

Bronn, Lethaea V. p. 218. t. 30, f. 7. Terebratula pisum Sow, Gei- 
nitz, Quad. p. 210. 

Aus dem sandigen Mergel der Mittelberge. 

130. Rhynchonella sp. indet. 
Eine neue eigentümliche Rhynchonella findet sich in dem 
cenomanen Quadersandstein bei Nieder-Moys und Schmottseifen, 
sehr häufig in der benachbarten Kreidemulde von Lähn, woher 
sie Kunth näher beschreiben wird. 

131. Biradiolit es cornu pastoris d'Orb. 

Hippurites cornu pastoris Desmoulins, Essai sur les sph. p. 141 t. 10. 
Biradiolites cornu pastoris d'Orbigny, Cret. IV. p. 231. t. 573. 

Zwei Fragmente der grösseren Klappe, das eine 70, das 
andere 110 Mm. lang bei 100 Mm. Durchmesser, rühren von 
Individuen her^ die ergänzt eine Länge von 200 bis 250 Mm. 
besitzen konnten, verbunden mit einer gestreckten Gestalt, etwa 
wie Fig. 1 bei d'OrbigiN Y. Der Durchmesser der kreisrunden 
inneren Höhlung beträgt bei dem besser erhaltenen Stück von 
70 Mm. Länge oben 60 Mm., unten 50 Mm., die Abnahme 
des äusseren Umfanges nach unten nur 5 Mm. Die beiden cha- 
rakteristischen äusseren Längsbänder sind 30 Mm. von einander 
entfernt, das eine 16 Mm., das andere 1 1 Mm. breit. Die Schale 
mit ihrer eigentümlichen Struktur ist vortrefflich erhalten. 

Beide Individuen wurden 1861 von Herrn Dresler in dem 
sandigen Mergel des Hospitalberges gefunden. 



132. Cyphosoma granulosum Goldf.? 
Cidaris granulosa Golüfuss t. 40, f. 7. Geinitz. Quad. p. 220. 

Nicht selten in dem sandigen Mergel der Mittelberge, jedoch 
bisher nur in unvollkommener Erhaltung gefunden und nicht 
sicher bestimmbar. 



359 



133. Nucleolites carinatus Goldf. 
Goldfuss t. 43, f. 11. Geinitz, Quad. p. 224. 

Steinkerne häufig in dem Quadersandstein des Hockenberges, 
gewöhnlich von verzerrter, quer verlängerter Gestalt, so dass der 
After statt hinten an der Seite zu liegen scheint. 

134. Micraster coranguinum Lam. 

Spatangus coranguinum Lamarck, An. s. vert. III. p. 32. Geinitz, 
Quad. p. 224. 

Sehr geraein in dem sandigen Mergel der Mittelberge und 
des Popelberges. 

135. Micraster lacuno sus Goldf. 
Spatangus lacunosus Goldfuss t. 49, f. 3. Geinitz, Quad. p. 224. 
Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau, 
vielleicht auch in dem sandigen Mergel der Mittelberge und des 
Popelberges. Die Stücke von letzteren Orten sind verzerrt, doch 
erkennt man, dass der vertiefte Scheitel hinter der Mitte liegt, 
dass der Rücken hinten stark gewölbt und gekielt ist, endlich 
dass die Basis gewölbt und die hintere Abstumpfungsfläche ein- 
| gedrückt ist. 

136. Holaster suborbicularis Defr. 
Spatangus suborbicularis Defhance 1821. Geinitz, Quad. p. 226. 
Sehr gemein in dem sandigen Mergel der Mittelberge und 
des Popelberges, nicht selten in dem Quadersandstein des Hocken- 
berges. 

Ein bei Hochkirch im oberen Quadersandstein vorkommender 
Holaster unterscheidet sich dadurch, dass die Fühlergänge kaum 
bemerkbar vertieft sind. Ein anderer Holaster, stark gewölbt 
mit centralem Scheitel, vielleicht Holaster granulosus, findet sich 
häufig in dem sandigen Mergel der Mittelberge und des Popel- 
berges, wegen Verzerrung nicht sicher bestimmbar. 

137. Asterias Schulzii Cotta. 
Schulze, Betrachtung der versteinerten Seesterne 1760, t. 2, f. 6. Gei- 
nitz, Quad. p. 228. t. 12, f. 5. 

Mit fünf kurzen Strahlen, Unterseite vertieft. Zwischen zwei 
Strahlen stehen 36 bis 38 Randtäfelchen bei einem Individuum 
von 47 Mm. Radius. Bei den mittleren verhält sich die Länge 
zur Breite wie 1:4. Im Quervertikalschnitt sind sie von stumpf- 



360 



dreiseitiger bis halbkreisförmiger Gestalt, oben gewölbt, unten 
platt, nach innen steiler abfallend als nach aussen ; im Längsver- 
tikalschnitt schmal und hoch, nach oben hochgewölbt, wodurch 
zwischen den angrenzenden Täfelchen tiefe Einsenkungen und 
an den Steinkernen dicke Scheidewände zwischen den den Täfel- 
chen entsprechenden Gruben entstehen. 

Aus dem mürben Quadersandstein der Rabendo'ken bei 
Hermsdorf. 

138. Asterias tuber culif er a Dr. Taf. VIII. Fig. 5. 
Fünfeckig mit fünf kurzen Strahlern Die Scheibe mit zahl= 
reichen, kleinen, polygonalen Täfelchen bedeckt, von denen die 
im Centrum grösser sind als an den Rändern. Zwischen zwei 
Strahlen stehen 28 Randtäfelchen bei einem Individuum von 
46 Mm. Radius, 32 bei einem andern von 49 Mm. Radius. Im 
Quervertikalschnitt sind die Täfelchen von abgestumpft drei- oder 
vierseitiger Form, nach aussen gewölbt, nach innen durch eine 
horizontale scharfe Kante begrenzt und unter einem Winkel von 
90 Grad abgestutzt; im Längsvertikalschnitt nach oben schwach 
gewölbt, daher die Einsenkungen zwischen den angrenzenden 
Täfelchen weniger tief und breit als bei Asterias Schuhii; über 
den Scheitel entlang, mit 8 bis 9, etwa j Mm. grossen, meist 
in zwei unregelmässigen Reihen geordneten Körnchen besetzt. 
Bei den mittleren Randtäfelchen, verhält sich die Länge zur Breite 
wie 1:2; gegen die Strahlenenden hin verändert sich die Form, 
so dass die letzten Randtäfelchen gerade doppelt so lang als 
breit sind. 

Aus dem Quadersandstein des Hockenberges. 



139. M icrab acta coronula d'Orb. 

d'Orbigny, Prodr. Et. 20. No. b95. Fungia coronula Goldf. Geinitz, 
Quad. p. 230. 

Aus dem sandigen Mergel der Mittelberge. 

140. Heter op ora dichotoma Goldf. 
Ceriopora dichotoma Goldfüss t. 10, f. 9 a — f. Geinitz, Quad. p. 242. 
Sehr häufig und bisweilen wohl erhalten in dem thonigen 
Sandstein bei Neu -Warthau und den entsprechenden Diluvial- 
Geschieben bei Hohlstein. 



361 



141. Eschara dichotoma Goldf. 
Goldflss t. 8. f. 15. Geimtz, Quad. p. 248. 

Schmale, gabelig-ästige, flachgedrückte Stämmchen mit Zellen 
von fast kreisförmigem Durchschnitt in alternirenden Reihen. Die 
Mündungen nicht erhalten. 

Nicht selten in dem thonigen Sandstein bei Neu- Warthau. 

142. Scyphia radiata Mant. 

Ventriculites radiatus Mantell 1822, G. S. t. 10 — 14. Scyphia ra- 
diata Geimtz, Quad. p. 258. 

Aus dem sandigen Mergel der Mittelberge. 

143. Scyphia heter omorpha Reuss. 
Reuss H. p. 74. t. 18, f. 1-4. Geinitz, Quad. p. 258. 

Unregelmässig knollige verästelte Individuen mit der von 
Reuss beschriebenen eigenthümlichen Beschaffenheit des Innern 
und der Oberfläche finden sich häufig in dem sandigen Mergel 
der Mittelberge. Die innere Höhlung von oval- zusammenge- 
drückter oder ganz unregelmässiger Form entweder mit der um- 
gebenden kalkigen Gesteinsmasse oder mit Feuerstein ausgefüllt. 
Der Querschnitt der bald dünneren bald dickeren Wandungen 
zeigt ein nur mit bewaffnetem Auge deutlich erkennbares Ge- 
webe von äusserst kleinen, vier- oder dreieckigen Maschen, wel- 
che von sehr zarten runden Kalkstäbchen gebildet werden, deren 
Zwischenräume ich ebenfalls mit Kalkspath ausgefüllt fand. Merk- 
würdig ist an dieser Schwammform die regelmässig zu beobach- 
tende Erhaltung von ganzen Massen äusserst zarter weisser 
Kieselnadeln sowohl in der innern Höhlung als auch in der un- 
mittelbaren Umgebung des Schwammkörpers. Sie liegen unregel- 
mässig durch einander in der Gesteinsmasse und vermindern sich 
mit zunehmender Entfernung von den Wänden des Schwammes. 
Zum Theil erreichen sie eine Länge von 2 Mm., sind aber meist 
nur mit bewaffnetem Auge zu erkennen. 

144. Manon megastoma Roem. 

Roemer t. 1, f. 9. Geinitz, Quad. p. 262. Manon monostoma Roe- 
mer t. 1, f. 8. Geinitz, Quad. p. 262. 

Sowohl kreisrunde Individuen mit nur einer grossen kreis- 
runden Oeffnung (Manon monostoma) als auch länglich scheiben- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 24 



362 



förmige mit drei bis vier solchen Oeffnungen finden sich häufig 
in den Mergelschiefern nördlich vom Hirseberge, seltener bei 
Neuwiese. 



Die folgende tabellarische Zusammenstellung hat zum Zweck, 
die Verbreitung der im Vorgehenden genauer aufgeführten For- 
men in den verschiedenen Formationsgliedern der Löwenberger 
Kreidemulde übersichtlich zur Anschauung zu bringen. Man 
ersieht aus derselben, dass nur eine einzige Form, Dentalium 
glabrum, von den tiefsten bis zu den höchsten Schichten herauf- 
reicht. Vom Cenoman bis in die erste Stufe des Senon-Systems 
reicht mit Sicherheit nur Pecten quinquecostatus. Ueberhaupt 
findet sich in der Löwenberger Mulde keine Janira höher als in 
den Schichten von Neu-Warthau, und selbst in diesen nur noch 
durch verkümmerte Arten von höchstens 25 bis 28 Mm., meist 
nur von 10 bis 15 Mm. Länge vertreten. Vom Turon- System 
durch alle nächst höheren Schichten hindurch gehen: Lucina 
lenticularis und Cucullaea glabra. Dem Turon- und Senon- 
System gemeinsam gehören an: Natica canaliculata , Natica 
vulgaris?, Goniomya designata, Modiola siliqzia, Inoceramus 
Brongniarti, Inoceramus latus, Pecten Dresleri? Lima canali- 
fera, Osirea semiplana, Holaster sub orbikularis und Micraster 
lacunosus? Auffallend ist das gänzliche Fehlen von Brachio- 
poden und Schwämmen in allen Abtheilungen des Senon-Systems. 





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Turon- 


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Systematisches Verzeichniss 


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von Löwenberg 


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2. Osmeroides Lewesiensis Mant. (Schuppen) 




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3. Aulolepis Reussii Gein. (Schuppen und 












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5. Macropoma Mantelli Ag. (Koprolithen) . 




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6. Pycnodus scrobicularis Rrauss (Zähne) . 




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7. Corax heterodon Rruss (Zähne) . . . . 




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8. Otodus appendiculatus Ag. (Zähne) • . 




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363 



Systematisches Verzeichniss 
aller Versteinerungen in der Kreidemulde 
von Löwenberg 



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Turon- 
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Senon-System 



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9. Oxyrhina Mantelli Ag. (Zähne) . . . 

10. Oxyrhina angustidens Reuss (Zähne) 

11. Lamna raphiodon Ag. (Zähne) . . • 

12. Mesostylus Faujasi Bronn 

13. Krebs (Unter-Ordnung Macrura) sp.ind 

14. Krebs (Unter-Ordnung Macrura) sp ind. 

15. Pollicipes angustatus Gein. ? . . . . 

16. Serpula gordialis Schloth 

17. Serpula filiformis Sow 

18. Serpula sp. ind 

19. Nautilus elegans Sow. ....... 

20. Ammonites Orbignyanus Gein. . . . 
'21. Ammonites subtricarinatus d'Orb. . . 

22. Ammonites Rotomagensis Brongn. . . 

23. Scaphites inßatus Roem 

24. Baculites incurvatus Duj 

25. Turritella multistriata Reuss .... 

26. Turritella inique-ornata Dr 

27. Turritella nerinea Roem. ...... 

28. Turritella nodosa Roem. ...... 

29. Omphalia ventricosa Dr 

30. Omphalia undulata Dr 

31. Omphalia ornata Dr 

32. Eulima turrita Zekkli 

33. Nerinea Buchi Zekeli 

34. Nerinea incavata Bronn 

35. Aclaeonella Beyrichü Dr 

36. Avellana Archiaciana d'Orb 

37. Natica canaliculata Mant 

38. Natica vulgaris Reuss 

39. Natica Roemeri Reuss 

40. Trochus plicato-carinatus Goldf. . . 

41. Pleurotomaria perspectica d'Orb. * . 

42. Rostellaria vespertilio Goldf 

43. Rostellaria papilionacea Goldf. . . . 

44. Rostellaria ornala d'Orb 

45. Rostellaria crebricosta Zek 

46. Pterodonta inflata d'Orb 

47. Voluta semiplicata Münst 

48. Fusus Nereidis Münst . 

49. Pyrula coronata Roem 

50. Cerithium Requienianum d'Orb.? . . 

51. Dentalium glabrum Gein 

52. Gastrochaena Amphisbaena Goldf. 

53. Leguminaria truncatula Reuss . . . 

54. Panopaea Gurgitis Goldf 

55. Pholodomya nodulifera Goldf. . . . 



364 



Systematisches Verzeichniss 
aller Versteinerungen in der Kreidemulde 
von Löwenberg 



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56. Pholodomya caudata Roem.. .... 

57. Goniomya designata Goldf 

58. Mactra Carter oni d'Orb. 

59. Anatina lanceolata Gein 

bO. Magdala Germari Giebel 

61. Tellina plana Roem. 

62. Tellina costulata Goldf 

63. Tellina royana d'Orb. ...... 

64. Arcopagia numismalis d'Orb. . . . 

65. Venus faba Sow 

66. Venus caperata Sow : 

67. Venus ovalis Sow 

68. Venus Goldfussi Gein 

69. Cytherea plana Sow 

70. Cytherea elongata Reüss 

71. Cytherea subdecussata (Venus lata) 

Roem 

72. Cyrena cretacea Dr. . 

73. Cyrena? sp ind 

74. Protocardia hillana Sow. 

75. Cardium lineolatum Reüss 

76. Cardium productum Sow. ..... 

77. Cardium tubuliferum Goldf. . . . 

78. Cardium Ottoi Gein. 

79. Isocardia cretacea Goldf. ..... 

80. Astarle acuta Reüss ....... 

81. Crassatella arcacea Roem. .... 

82. Lucina lenticularis Goldf 

83. Lucina Cornueliana d'Orb. ? . . . . 

84. Lucina campaniensis d'Orb 

85. Trigonia aliformis Park. ..... 

86. Pectunculus ventruosus Gein. . . . 

87. Pectunculus Lens Nils 

88. Area (confer Area Raulini d'Orb.) . 

89. Cucullaea glabra Sow. ...... 

90. Cucullaea propinqua Reüss .... 

91. Pinna diluviana 8chloth 

92. Myoconcha gracilis Dr 

93. Mytilus Gallienei d'Orb 

94. Mytilus (confer Mytilus lanceolatus) Sow 

95. Modiola siliqua Math. 

96. Modiola radiata Münst. Goldf. . . 

97. Modiola semiornata d'Orb 

98. Avicula pectiniformis Gein 

99. Avicula triloba Roem 

100. Perna cretacea Reüss 

101. Perna lanceolata Gein. ...... 



365 



Systematisches Verzeichniss 
aller Versteinerungen in der Kreidemulde 
von Löwenberg 



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102. Inoceramus Cuvieri Sow. . . . 

103. Inoceramus Brongniarti Sow. 
104 Inoceramus latus Mant,? . . . 

105. Inoceramus mytiloides Mant. ? . 

106. Pecten sp ind 

107. Pecten orbicularis Nils 

108. Pecten virgatus Nils 

109. Pecten serratus Nils 

110. Pecten asper Lam 

111. Pecten decemcostatus Goldf. 

112. Pecten aequicostatus Sow. . . . 

113. Pecten quinqueco Status Sow. . . 

114. Pecten quadrico status Sow. . . 

115. Pecten Dresleri Dr 

116. Lima plana Roem 

117. Lima Hoperi Mant 

118. Lima aspera Mant 

119. Lima granulata Nils 

120. Lima canalifera Goldf. . . . 

121. Spondylus spinosus Sow. . . . 

122. Plicatula Roemeri d'Orb. . . . 

123. Ostrea semiplana Sow 

124. Ostrea hippopodium Nils. ? . . 

125. Ostrea Larva Lam 

126. Exogyra columba Lam 

127. Exogyra lateralis Nils 

128. Rhynchonella plicatilis Sow. 

129. Rhynchonella Marlini Bronn . . 

130. Rhynchonella sp. ind 

131. Biradiolites cornu pastoris d'Orb 

132. Cyphosoma granulosum Goldf.? 

133. Nucleolites carinatus Goldf. . . 

134. Micraster cor anguinum Lam. . 

135. Micraster lacunosus Goldf. . . 

136. Holaster sub orbicularis Defr. . 

137. Asterias Schuhii Cotta .... 

138. Asterias tuberculifera Dr. . . . 

139. Micrabacia coronula d'Orb. . . 

140. Heteropora dichotoma Goldf. . 

141. Eschara dichotoma Goldf. . . 

142. Scyphia radiala Mant 

143. Scyphia heteromorpha Reuss 

144. Manon megastoma Roem. . . . 



366 



Erklärung iler Abbildungen. 

Die Figuren sind in natürlicher Grösse, wo nicht Anderes angegeben ist. 

Tafel VIII. 

Lobenzeichnung eines Ammonites Orbignyanus von 200 Mm. 
Durchmesser, von Kesselsdorf. 

Ammonites subtricarinatus von Ullersdorf bei Naumburg a. Q., 
Ansicht einer einzelnen Kammerwand. 

Ammonites subtricarinatus von Kesselsdorf, in halber natür- 
licher Grösse. 

Lobenzeichnung desselben, um ein Drittel vergrössert. 
Asterias tuberculifera von Hockenau bei Löwenberg, a ein 
einzelnes Randtäfelchen von der Seite gesehen, in doppelter 
Grösse. 

Tafel IX. 

Turritella inique - ornata von Neu -Warthau, um die Hälfte 
vergrössert. 
2 u. 3. Omphalia ventricosa von Giersdorf. 
4 u. 5. Omphalia undulata von Giersdorf. 

6. Omphalia ornata von Wenig-Rakwitz. 

7. Dieselbe jung von Sirgwitz. 

8 u. 9. Actaeonella Beyrichii von Giersdorf. 

10. Dieselbe mit grösstentheils erhaltener Schale von Kieslingswalde. 

11. Dieselbe jung von Giersdorf. 

12. Pterodonta inflata, Steinkern von Giersdorf. 

13. Cyrena cretacea von Sirgwitz. a Ansicht von oben , b hin- 
tere, c vordere Seitenansicht. 

14. Cardium tubuliferum mit grösstentheils erhaltener Schale von 
Kieslingswalde, a Durchschnitt eines Fragments der äusseren 
Schale vergrössert, b Oberfläche der äusseren Schale ver- 
grössert. 

15. Cardium Ottoi a Maximum der Grösse nach einem Indivi- 
duum von Quedlinburg, b Maximum der Grösse bei Individuen 
aus nordschlesischem Ueber-Quader. 

16. Myoconcha gracilis von Neu -Warthau a Ansicht von oben, 
b hintere Seitenansicht. In doppelter Grösse. 

17. Pecten Dresleri vom Vorwerksbusch, in doppelter Grösse. 



Figur 1. 

- 2. 

- 3. 

- 4. 

- 5. 

Figur 1. 



367 



4. Die vulkanischen Gesteine des Roderberges in 
chemischer und geognostischer Beziehung. 

Von Herrn R. JVJitscherlich in Berlin. 

Hierzu Tafel X. 

Der Roderberg und Rolandseck sind schon häufiger Gegen- 
stand der Bearbeitung gewesen, und es haben sich ausgezeichnete 
Gelehrte mit diesem in geognostischer Beziehung so höchst in- 
teressanten und an Naturschönheit so reichen Gebiete beschäftigt.*) 

Nur die specielle Aufgabe, in chemischer Beziehung die bei- 
den so nahe liegenden und schon ihrer äusseren Struktur nach 
so verschiedenen Basalte zu untersuchen , kann mich rechtferti- 
gen diese noch ein Mal aufgenommen zu haben, da deren Ana- 
lysen bisher noch nicht bekannt geworden sind. 

Durch den Fortbau des Steinbruches, der an dem nördlichen 
Abhänge des Roderberges nach Mehlem zu liegt (a auf Taf. X.), 
war ein Basaltgang aufgeschlossen, der mir hinreichend frisches 
Material bot, um die Analysen mit Zuversicht in Angriff zu neh- 
men. Die früheren Basaltaufschlüsse auf dem Roderberg in der 
Grube am nördlichen Abhänge im innern Krater (b) boten keine 
sichere Garantie für diesen Nachweis, da wegen der bei weitem 
poröseren Beschaffenheit die Zersetzung vorgeschritten und schon 
an dem äusseren Aussehn zu bemerken war. 

Den Basalt, den ich zu den Versuchen benutzte, nahm ich 
aus dem innern Theil des Ganges. Das äussere Ansehn ist 
durchaus ähnlich dem Niedermendiger Mühlstein-Basalte, dieselbe 
homogene Masse ohne ausgeschiedene Krystalle, derselbe feste 
und doch poröse Basalt mit den unzähligen Blasenräumen, die 

*) Geognostischer Führer in das Siehengebirge von v. Dechen, Ober- 
Berghauptmann. Mit mineralogisch - petrographischen Bemerkungen von 
Dr. vom Rath. Bonn 1861. 

Die Entstehung und Ausbildung der Erde von Nöggerath. Stutt- 
gart 1847. 

Der vulkanische Roderberg bei Bonn von Carl Tuomae. Bonn 1835. 



368 



sich in tausendfältig verschiedenen Windungen durch die ganze 
Masse hindurchziehen, und nur selten mit fremden zeolithartigen 
Mineralien oder Kalkspath angefüllt sind. 

Den Basalt von Rolandseck nahm ich aus dem Eisenbahn- 
durchschnitt, wo die einzelnen Säulen von einer Linie fächerför- 
mig sich ausbreitend ein sehr interessantes Profil von dem dor- 
tigen Basalte darbieten. Er besteht aus einer festen schwarzen 
Grundmasse mit porphyrartig ausgeschiedenen Olivin-, sehr selten 
Augit-Krystallen, auch kommen erstere im Vergleich zu andern 
Basalten seltener darin ausgeschieden vor. , 

Beide Basalte wirken in Folge ihres Gehaltes an Magnet- 
eisenstein auf die Magnetnadel ein, der vom Roderberge weniger 
als der von Rolandseck. Das spec. Gewicht von ersterem be- 
trägt 3,12, das des letzteren 2,88. 

Um mich möglichst kurz mit der Beschreibung der allge- 
meinen Situation fassen zu können und doch ein ganz klares 
Bild von den einzelnen Punkten zu geben, habe ich mich bemüht 
eine Karte nach der Natur zu entwerfen, die ohne eingehendere 
Erklärung diesen Anforderungen entspricht. 

Zu diesem Zwecke befolgte ich die Methode meines Vaters, 
indem ich die Generalstabskarte mit Parallelhorizontalen zu Grunde 
legte und aus Furniren, deren Dicke genau dem Höhen-Abstande 
derselben entsprach, die einzelnen Parallelhorizontalen ausschnitt, 
und dann einzeln aufeinander klebte; ich erhielt dadurch ein 
treppenartiges Gefüge, das mit Wachs ausgefüllt die General- 
stabskarte treu plastisch darstellte. Dieses formte ich mir in 
Gyps um, da es sich in demselben besser als in Wachs arbeiten 
lässt, ging mit demselben auf den Roderberg, und hatte dort 
noch Manches zu verbessern um ein ganz richtiges Bild zu er- 
halten, da, wenn auch die Höhen und die Tiefen genau stimm- 
ten, doch die einzelnen Parallelhorizontalen mit ziemlicher Will- 
kür ausgefüllt waren. Um meinem Ziele näher zu kommen, 
ein ganz naturgetreues Bild zu geben, vervollständigte ich das 
Modell nach meiner eigenen Anschauung, indem ich zu den ein- 
zelnen Punkten hinging und das Fehlende nachtrug. 

Von diesem verbesserten Modelle machte ich eine Matrize, 
in der ich die Häuser, Wege und Namen ausstach, und von 
dieser wieder mehrere Abgüsse. Die Photographie, die ich dann 
von dem Modelle anfertigen liess, gab ein vollkommen zweckent- 
sprechendes Bild, das der Tafel X. zu Grunde liegt. Dem Künst- 



369 



ler war durch diese Photographie und das Modell ein Roderberg 
im Kleinen gegeben , und es war dadurch der Willkür seiner 
Ausführung kein Spielraum gelassen, da er ein Vorbild in Hän- 
den hatte, nach dem er sich genau richten konnte. 

Die geognostischen Verhältnisse. 

Die älteste Formation des Roderberges ist die Grauwacke, 
| sie steht noch jetzt auf dem südöstlichen Abhänge zu Tage und 
ist auf der Höhe selbst in der Grube c oben auf dem Krater von 
i v. Dechen wiedergefunden worden ; auch ist sie nur mit 1 Fuss 
tiefen Gerollen nicht weit von diesem Punkte auf dem nordwest- 
lichen Abhänge bedeckt. Dieselbe gehört zu der unteren Abthei- 
lung des Devon, der sogenannten Koblenzer Grauwacke, sie 
streicht in der ganzen Umgegend von Südwesten nach Nordosten 
und fällt mit 45 Grad gegen Südosten ein; selbst in der Nähe 
des Kraterrandes, wie in der Grube c ist dasselbe Streichen und 
Fallen zu beobachten, so dass der Ausbruch des Roderberges 
wie das Hervorquellen des Basaltes von Rolandseck keine Schich- 
tenveränderung hervorgerufen haben. 

Die Grauwacke wird von drei verschiedenen Rheinablage- 
rungen bedeckt; den ältesten Rheingeschieben, welche fast aus- 
schliesslich aus erbsen- bis faustgrossen Quarz- und Grauwacken- 
geröllen bestehen; dem Lös, der den innern Theil des Kraters 
ausfüllt und den Abhang nach dem Rhein zu auf höchst eigen- 
thümlich hügelartige Weise bildet, und auf der andern Seite nach 
Nieder-Bachem zu ebenfalls den Rücken des Berges ausmacht; 
und endlich von den jüngsten Rheingeschieben, welche im Ver- 
gleich zu den ältern höher liegenden Gerollen eine bei weitem 
grössere Mannigfaltigkeit der Geschiebe zeigen, denn sie enthal- 
ten neben der älteren Ablagerung auch Buntsandstein, Muschel- 
kalk, Braunkohlensandstein, Basalt, Trachyt, Melaphyr- und 
Mandelstein-Bruchstücke, die meist ihren Ursprungsort noch deut- 
lich erkennen lassen. 

Der Basalt von Rolandseck hat nur die Grauwacke durch- 
brochen, und es scheint, dass der Ausbruch des Roderberges beim 
Beginn der Ablagerung der älteren Geschiebe stattgefunden hat, 
da der Krater des Roderberges vom Lös erfüllt ist, und die 
Schlacken auch schon von den ältern Geschieben bedeckt sind, 
wie dies auf dem Kraterrande und in der Sandgrube am Ab- 



370 



hange nach Mehlem hin zu beobachten ist, wo die Schlacken 
mit den untersten Lagen der älteren Geschiebe wechsellagern. 

Die Ausdehnung des Basaltes sowie die der Schlacken des ! 
Roderberges erhellt aus der Karte. Eigentümlich erscheint nur « 
das jenseits des Thaies von der übrigen Schlackenablage ge- i 
trennte Vorkommen, di j Schlacken gehen gewiss unter dem Thale 
hindurch fort, sind aber für das Auge und eine oberflächliche i 
Untersuchung nicht sichtbar, da sie von Lös tief bedeckt werden. | 
Von den auf der Karte angegebenen Formationen bleiben mir 
jetzt nur noch einige Worte über die Tuffbildungen und das 
Trachytconglomerat zu sagen übrig; erstere sind namentlich we- 
gen des allmäligen Ueberganges aus den Schlacken in den Tuff 
interessant. Wir können bei ihnen die unregelmässig übereinan- 
der liegenden Schlacken vermengt mit Kieselgeröllen, dann Schich- 
ten in denselben beobachten ; diese werden auffallender, die ein- 
zelnen Schlackenstücke werden kleiner, backen mehr und mehr 
zusammen, erhalten einen weisslichen Ueberzug, und gehen so 
allmälig in den eigentlichen Tuff über. Das Trachytconglomerat, 
das einen gleichen Ursprung mit dem auf der andern Seite des 
Rheines liegenden Trachytconglomerat hat, ist ein zerstörter und 
durch Wasser zusammengeschwemmter Trachyt, der sich an den 
vor den Fluthen des Rheines geschützten Stellen erhalten hat. 
Er besteht aus einer kurzbröcklichen Trachytmasse, in der oft 
faustgrösse abgerundete Trachytgerölle eingeschlossen sind. 

Die chemische Untersuchung. 

Auf das fein gepulverte Mineral Hess ich 3 Wochen die 
stärkste Salzsäure (spec. Gewicht 1,195) im zugeschmolzenen 
Glasrohie im Wasserbade einwirken. Der Rückstand enthält das 
unzersetzte Mineral und die Kieselsäure; letztere brachte ich in 
Lösung, indem ich den Rückstand noch feucht mit einer Lösung 
kochte , die etwa die zehnfache Menge an krystallisirtem kohlen- 
sauren Natron und etwa die doppelte bis dreifache Menge an 
Aetznatron enthielt. Die angewandte Aetznatronlösung enthielt 
5 pCt. Natron. Aus der heiss filtrirten Lösung wurde die Kiesel- \ 
säure bestimmt. Das von dieser befreite und von der Salzsäure 
nicht zersetzte Mineral brachte ich durch Fluss- und Salzsäure 
in Lösung. Von beiden Auflösungen, sowohl von der durch 1 
Einschluss mit Salzsäure erhaltenen, wie von der letzteren machte ich 
besondere Analysen nach den besten jetzt bekannten Methoden. 



371 



Der fein geschlämmte Basalt löste sich auch ohne vorheriges 
Einschliessen mit concentrirter Salzsäure in der Mischung von 
K verdünnter Fluor- und Salzsäure auf. Da ich bei den Einzel- 
r analysen zu weiter keinem Resultat zur leichteren Bestimmung 
der mineralogischen Zusammensetzung gekommen war, benutzte 
e ich den Aufschluss durch Fluss- und Salzsäure nicht allein zur 
e Bestimmung der Oxyde des Eisens durch Titriren mit überman- 
i. , gansaurem Kali bei allen Analysen, sondern nahm auch eine 
i ■ gleiche Lösung direkt zur Gesammtanalyse des Nieder-Mendiger 
i i Gesteins. Die Kieselsäure bestimmte ich mit einer besonderen 
'j Menge, indem ich das Mineral mit kohlensaurem Natron und 
f Kali zu gleichen Theilen aufschloss. 

Ferner hatte ich vorher viele Versuche angestellt mit ver- 
dünnter Schwefelsäure, dann mit Salpetersäure einzelne Minera- 
lien auszuziehen , um wo möglich Nephelin darin zu entdecken, 
■ doch wurde ich durch Vorversuche, die ich an einzelnen reinen 
i Stücken der Mineralien vornahm, bald zur Einsicht der Unaus- 
führbarkeit dieser Methode geführt, denn die zeolithartigen lösten 
sich nicht vollständig in den Säuren auf, und die andern wur- 
den theilweise immer doch von den Säuren angegriffen, so dass 
ich auf diesem Wege zu keinem genauen Resultate kommen 
konnte. 

Beide Gesteine sowohl das Rolandsecker als das Roderber- 
ger gelatinirten stark nach der Einwirkung mit diesen Säuren. 

Selbst das Ausziehen des Magneteisensteins mit dem Magnete, 
so sorgfältig ich auch den Basalt vorher pulverisirt hatte, gab 
keine genauen Resultate, da ich bei den verschiedenen Malen, 
die ich ausführte, immer verschiedene Werthe erhielt. 

Durch die ausserordentlich lange dreiwöchentliche Einwir- 
kung mit concentrirter Salzsäure im zugeschmolzenen Glasrohre 
und in einem immer kochend gehaltenen Wasserbade erhielt ich 
mehr von den Basalten in Lösung als irgend einer meiner Vor- 
gänger. 

Ich hoffte durch ein noch längeres Einwirken endlich das 
ganze Gestein zersetzt zu erhalten, doch selbst bei einem sechs- 
wöchentlichen Erhitzen bei 100 Grad C. blieb stets ein unzer- 
setzter Rückstand. 

Das Resultat der Gesammtanalysen ist folgendes: 



372 



Rolandseck. 

A. In Salzsäure löslich = 87,80 pCt. 

B. In Salzsäure unlöslich = 9,44 pCt. 

C. Addition von A. und B. 
Angewandte Substanz = 3,23 Grammen. 





A. 




B. 




C. 


SiO 2 


= 39,32 




4,85 




44,17 


TiO 2 


= 1,03 




0,43 




1,46 


AI* O 3 


= 13,47 




1,22 




14,69 


Fe 2 O 3 


11,90 




0,43 


jFe 2 3 = 
(FeO == 


6,78 
4,82 


CaO 


= 9,40 




1,02 




10,42 


MgO 


= 8,90 




0,57 




9,47 


KO 


= 1,55 




0,20 




1,75 


NaO 


= 2,23 




0,72 




2,95 



Glühverlust = 2,50 



Summa ,= 99,01. 



Sauersto ff mengen. 



SiO 2 


= 20,416 




2,52 




22,936 


TiO 2 


= 0,402 




0,1678 




0,5698 


A1 2 3 


= 6,3057 




0,5711 




6,8768 


Fe 2 O 3 


= 3,570 




0,129 


Fe 2 3 = 
FeO = 


2,0340 
1,0710 


CaO 


= 2,6857 




0,2914 




2,9771 


MgO 


== 3,5573 




0,2278 




3,7851 


KO 


== 0,2632 




0,033 




0,2962 


NaO 


= 0,5755 




0,1857 




0,7613 



RO:R 2 3 :Si0 2 = 8,891 : 8,9108 : 23,506. 
Sauerstoff-Quotient = 0,757. 

Aus dieser Zusammensetzung ergiebt sich, dass die Analyse 
sich der Reihe der als eigentliche Basalte analysirten Gesteine 
anschliesst, und wir daher das Rolandsecker Gestein ebenfalls zu 
den Basalten rechnen müssen. 

Zum Vergleich mag mir erlaubt sein hier die Analyse des 
Basaltes bei Engelhaus in der Nähe von Karlsbad von Rammels- 
berg anzuführen; aus der allgemeinen Uebersicht der Basalte, 
die Roth in seinem Buche*) giebt, geht die Uebereinstimmung 
meiner Analyse mit den Basalten noch deutlicher hervor. 



*) Die Gesteinsanalysen in tabellarischer Uebersicht und mit kriti- 
schen Erläuterungen von Justus Roth. Berlin 1861. 



373 



Die Analyse von Rammelsberg ist folgende 



Si O 2 




45,73 


O = 


24,39 


AI 2 O 3 




10,43 




4*90 






3,49 




1,05 


FpO 




12,69 




2,82 






0,12 




0,03 






9,93 


_ 


2,84 


Mg 





11,30 




4,52 


KaO 




1,43 




0,24 


NaO 




1,87 




0,48 


PO 5 




0,44 






SrO 




0,04 






Glühverlust 




3,14 







Roderberg. 

Angewandte Substanz = 4,408, 

A = 93,07 pCt. 
B = 5,80 pCt. 







A. 


B. 


SiO 2 




39,13 


= 3,03 


TiO 2 




2,86 


= 0,39 


AI 2 O 3 




14,17 


= 0,50 


Fe 2 O 3 




13,40 


= 0,47 


CaO 




11,77 


== 0,50 


MgO 




5,54 


= 0,38 


KO 




2,86 


= 0,15 


NaO 




3,34 


== 0,38 



Fe 2 3 = 
FeO m 



Glühverlust == 



C. 

42,16 
3,25 

14,67 
9,05 
4,82 

12,27 
5,92 
3,01 
3,72 
0,46 



. Summa — 99,33. 
Sauerstoffmengen. 



SiO 2 
TiO 2 
AI 2 O 3 



Fe 2 O 3 = 

CaO = 
MgO = 
KO = 
NaO = 
RO:R 2 3 



Fe 2 3 = 
FeO = 



20,3173 = 1,5732 
1,1161 =0,1522 
6,6334 =f 0,234 

4,020 0,141 

3,3628 = 0,1428 
2,2143 = 0,1518 
0,4856 = 0,0254 
0,8620 == 0,0981 
: SiO 2 & 8,4138 : 9,5824 : 23,159. 
Sauerstoff-Quotient — 0,777. 

Aus dieser Zusammensetzung ergiebt sich, dass das Roder- 
berger Gestein zu den Nephelindoleriten (Nephelinfels) zu rech- 
nen ist. 



= 21,8905 
== 1,2683 
6,8674 
2,7150 
1,0710 
3,5056 
2,3661 
0,5110 
0,9601 



374 



Interessant ist ebenfalls die Uebereinstimmung mit der po- 
rösen Mühlsteinlava von Nieder-Mendig , von der ich gleichfalls 
Analysen anstellte, deren Resultat folgendes ist: 











O menge 


SiO 2 


— 


48,240 


— 


25,0475 


TiO 2 


— 


2,890 





1,1560 


A1 2 3 


— 


17,430 





8,1596 


Fe 2 O 3 


— 


7,217 


— 


2,1651 


FeO 


= 


1,170 


=± 


0,2599 


MnO 


— 


0,375 


— 


0,0842 


Ca O 

v^a kj 




o,uyo 




4 "7 AC\(i 

1 ,/ 4Uo 


MgO 




3,990 




1,5946 


KO 




4,620 




0,7845 


NaO 




4,280 




1,1047 


PO 5 




0,470 




Glühverlust 




2,780 






Summa 




99,555. 






2 3 : SiO 2 




5,5687 : 


10,324 


: 26,203 



Sauerstoff-Quotient = 0,607. 
Spec. Gewicht = 2,95. 

Zum Vergleich mag hier die Analyse von Heidepriem von 
dem Nephelindolerite des Löbauer Berges folgen (s. diese Zeit- 
schrift Bd. II. S. 149, 1850): 









O menge 


SiO 2 = 


42,12 




22,46 
0,22 


TiO 2 = 


0,54 




A1 2 3 == 


14,35 




6,70 


Fe 2 O' = 


13,12 




3,94 


MnO = 


0,18 




0,04 


CaO = 


13,00 




3,71 


MgO = 


6,14 




2,46 


KO = 


2,18 




0,37 


NaO = 


4,11 




1,06 


PO 5 = 


1,65 






CICa == 


0,04 






Fl Ca = 


0,27 






HO = 


3,42 






Summa 


101,12. 






: SiO 2 =f 


6,98: 


10,64 


22,25. 



Sauerstoff-Quotient = 0,792. (Ohne Apatit und Titanit ber.) 

Derselbe giebt die procentische Zusammensetzung der ein- 
zelnen Mineralien wie folgt an: 32,61 Nepheliu, 45,38 Augit, 
4,00 Magneteisen, 3,91 Apatit, 3,42 Wasser, Olivin. 



375 



j Ich glaubte bei meinen Analysen auf die procentische Zu- 
sammensetzung der einzelnen Mineralien nicht weiter eingehen 
zu dürfen , die doch immer nur eine spekulative Berechnungs- 
weise bei Gesteinsarten wie Basalt und Nephelinfels bleiben kann, 
weil sie eine so mannigfaltige mineralogische und die einzelnen 
Mineralien eine so verschiedene chemische Zusammensetzung 
haben. 



5. Ueber eine Vesuvian-Schlacke. 

Von Herrn R. Mitscherlich in Berlin. 

Da ich vor einiger Zeit eine sehr charakteristische, schön 
krystallisirte Schlacke aus den Hohöfen von Hörde erhalten hatte, 
so unterwarf ich dieselbe einer Analyse, anschliessend an die 
bereits über diesen Gegenstand vorhandenen Arbeiten über künst- 
liche Mineralien von meinem Vater, Forbes, Berthier, Kar- 
sten, Rammelsberg, Hausmann, Percy, Miller und Bothe. 
Die Schlacke hat eine grosse äussere Aehnlichkeit mit der von 
Bote als Humboldtilithschlacke analysirten von der Bettinger 
Schmelze bei Lebach*). 

Die grosse Uebereinstimmung der zum zwei- und einaxigen 
System gehörigen Krystalle; der nur unbedeutende Unterschied 
im specifischen Gewicht (das bei von mir untersuchter Schlacke 2,95 
beträgt); der glasartige Glanz; die grünlich graue Farbe der Kry- 
stalle, die nach den Rändern zu abnimmt und die Krystalle an 
den Kanten durchscheinend macht, dies alles schien mir auf die- 
selbe Mineralspecies hinzudeuten, doch ergab die Analyse eine 
grosse Uebereinstimmung mit dem Vesuvian. 

Das feingepulverte Mineral wurde von Salzsäure vollständig 



*) Journal für praktische Chemie von Erdmann und Werther 
Bd. 78. S. 224. 



376 



zersetzt, die Entwicklung von Schwefelwasserstoff bei der Auf- 
lösung war auffallend und ziemlich lange anhaltend. 



Das Resultat der Analyse ist folgendes: 




menge 


SiO a = 34,263 


= 17,795 


A1 2 3 == 15,600 


= 7,301 


Fe 2 3 = 1,118 


= 0,335 


MnO = 3,525 


= 0,792 


CaO = 39,486 


= 11,282 


MgO = 2,562 


= 1,007 


KO = 1,714 


= 0,290 


Na = 0,327 


= 0,080 


S = 1,084 




Summa = 99,679. 





RO :R 2 3 : SiO 2 = 13,451:7,636:17,795. 
Dieses Sauerstoffverhältniss kommt der von Rammelsberg 
aufgestellten Formel 

9R 2 Si + 2R> Si 3 
sehr nahe, wo der Sauerstoff des Kalkes (MgO Mn O KO NaO), 
der Thonerde (Fe 2 O 3 ), der Kieselsäure sich verhält wie 3:2:5. 
Nehmen wir den Schwefel an die ganze Menge des Kali und 
Natrons gebunden an, so erhalten wir ein richtiges Verhältniss, 
wenn wir es als Sesquisulfuret betrachten oder, da dieses von 
vielen Chemikern nicht angenommen wird, als eine Mischung 
von gleichen Theilen einfach und dreifach Schwefelkalium (na- 
trium). Nehmen wir den Schwefel an Calcium gebunden an, 
so hätten wir 3,71 Kalk in Abzug zu bringen. Im ersteren 
Falle hätten wir demnach 0,37 Sauerstoff von 13,451 RO in 
Abzug zu bringen, im letzteren Falle 1,06. Die obige Formel 
RO: R 2 O 3 : SiO 2 würde dann sein 13,081 resp. 12,391 : 7,636 : 
17,795. Jedenfalls können wir die resultirende Schwefelverbin- 
dung nur als eine mechanische Verunreinigung des Minerals be- 
trachten. 



377 



6. Ueber einige neue Forschungen auf dem Gebiete 
des Vulkanismus. 

Von Herrn E. Kluge in Chemnitz. 

Meine Arbeit über die Periodicität vulkanischer Erscheinun- 
gen naht sich nun ihrem Abschlüsse. Ich theile daraus vorläufig 
einige Resultate mit. Was zuerst die Gesetze der Aggregation 
der Vulkane anbelangt, so glaube ich, lassen sich die von 
L. v. Buch aufgestellten Centraivulkane oder Vulkan- 
gruppen nicht halten; auch nicht in der Bedeutung, welche 
ihnen Fr. Hoffmann und Darwin unterlegten. Ich halte sie 
für weiter nichts als für Theile von reihenförmigen Systemen, 
deren übrige Glieder nicht den Spiegel des Meeres erreichen; 
eine Ansicht, zu der ich wesentlich durch die Berücksichtigung 
submariner Eruptionen gelangt bin. Würde man z. B. Kamt- 
schatka bis in ein gewisses Niveau in die Tiefe des Meeres ver- 
senken, so würden die Reihenvulkane jener merkwürdigen Halb- 
insel ganz denselben Anblick darbieten wie die Galapagos in 
Verbindung mit den submarinen Eruptionskanälen an der west- 
amerikanischen Küste. Dafür, dass die Centraivulkane auf 
Kreuzungspunkten zweier oder mehrerer Spalten sich aus- 
gebildet haben, habe ich keine Beweise finden können, indem 
wohl sich oberirdisch eine Spalte nachweisen lässt, das Dasein 
einer zweiten aber mindestens sehr problematisch bleibt. 
Grossen Werth lege ich bei den reihenförmigen Systemen auf 
die bogenförmige Gestalt derselben; sie scheint mir für die 
Genesis der Vulkane von wesentlicher Bedeutung zu sein, indem 
sie so constant wiederkehrt, dass man die geraden Reihen als 
eine Ausnahme betrachten kann. Selbst manche der letzteren 
lassen sich, wenn man sie durch die submarinen Eruptionspunkte 
ergänzt (Chile), oder in ihre einzelnen Hauptglieder zerlegt (Mittel- 
amerika) auf eine bogenförmige Gruppirung zurückführen. Der 
Bogen schliesst entweder mit seiner concaven Seite einen Theil 
eines der grossen oceanischen Becken ab, denselben gewisser- 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 25 



378 



maassen zu einem Binnenmeere gestaltend, wie die Vulkane der 
Antillen, Aleuten, die verschiedenen Systeme Ostasiens, oder er 
umgiebt mit derselben eine grössere Continentalmasse wie die 
australische Reihe, die Vulkangruppen West- Afrikas, die Vulkane 
der Sunda- Inseln und Molukken (um das continentale Borneo 
und Celebes) u. s. w. 

Von den 355 in historischer Zeit thätigen Eruptionsheerden 
liegen 115, also ein Drittel, auf den Continenten und 240 oder 
zwei Drittel auf der Inselwelt oder dem Meeresboden. (Alexander 
v. Humboldt, der allerdings den Begriff Vulkan anders auffasst, 
giebt Kosmos Bd. IV. S. 450 ein ganz ähnliches Verhältniss 
= 70 : 155.) Auch die Zahlen der einzelnen Eruptionen ver- 
halten sich in ähnlicher Weise; es fanden 453 auf den Conti- 
nenten und 875 auf Inseln oder dem Meeresboden statt. 

Fast die nämlichen Zahlen erhalten wir bezüglich der Erup- 
tionsstätten, wenn wir die nördliche Halbkugel mit der südlichen 
und die östliche mit der westlichen vergleichen. Wir finden auf 
der nördlichen Halbkugel 238, auf der südlichen 117, auf der 
östlichen 235 und auf der westlichen 120 Lokalitäten, an wel- 
chen Eruptionen stattfanden. Für die Zahl der einzelnen Erup- 
tionen ändert sich das Verhältniss. Es ereigneten sich nämlich 
auf der nördlichen Halbkugel 984, auf der südlichen 344, auf 
der östlichen 1023 und auf der westlichen 305 Ausbrüche. Wäh- 
rend daher bezüglich der Eruptionsstätten das Verhältniss der 
nördlichen Halbkugel zur südlichen und das der östlichen zur 
westlichen wie 2:1 ist, gestaltet es sich hier ungefähr wie 3:1. 
Diese Aenderung dürfte jedoch nur eine scheinbare, durch die 
genauere Aufzeichnung der Eruptionen Italiens und Islands in 
früheren Jahrhunderten hervorgerufene sein; denn lassen wir diese 
bis zum 15. Jahrhunderte weg, oder nehmen wir als Maassstab 
der Vergleichung nur das 19. Jahrhundert heraus, aus welchem 
die Aufzeichnung von Eruptionen für alle Punkte gleichmässiger 
vorhanden ist, so gestaltet sich analog den Eruptionsheerden das 
Verhältniss der Eruptionen der nördlichen Halbkugel zu denen 
der südlichen und das der östlichen zu denen der westlichen 
ebenfalls wie 2:1. 

Ein ganz anderes Bild der Vertheilung erhalten wir aber, 
wenn wir die Eruptionsstätten wie die Eruptionen nach den 
grossen Wasserbecken, um welche sie sich gruppiren, ordnen. 
Es fanden statt 



379 



am und im atlantischen Ocean 239 Eruptionen an 65 Punkten, 
mittelländischen Meere 378 „ „ 36 „ 
stillen Ocean*) 636 „ „ 218 „ 
indischen und rothen Meere 45 „ „17 „ 
Asowschen und caspischen Meere 27 „ „ 15 „ 

Diejenigen Gebiete der Erde, auf welchen sich gegenwärtig 
die vulkanische Thätigkeit am energischsten entfaltet, sind der 
Raum zwischen dem südöstlichen Asien und Australien, von 
10 Grad südl. Br. bis 15 Grad nördl. Br. und 100 bis 130 Grad 
östl. Länge von Paris, ferner das den südasiatischen Inseln bei- 
nahe diametral entgegengesetzte Centraiamerika und die vulka- 
nischen Ketten von Kamtschatka und den Aleuten. Grosse 
Energie des Vulkanismus findet also überall da 
statt, wo grosse Kontinente ihrer Verbindung ent- 
gegengehen oder erst kürzlich (im geologischen Sinne) 
entgegengegangen sind. Der Grund für diese Thatsache 
scheint mir in dem grossen doppelten Drucke auf eine nachgiebige 
Unterlage zu liegen, dessen Wirkungen sich zwischen beiden 
Druckstellen, also an den Punkten des geringsten Widerstandes 
als Hebung äussern müssen. Ob die dabei durch Verdichtung 
erzeugte Wärme allein hinreichend ist, um die feurigen Aus- 
bruchserscheinungen zu erklären , ob chemische oder elektro- 
magnetische Processe dabei thätig sind, oder der Pyriphlegeton 
in die Höhe gequetscht wird, dürfte schwer sicher zu entscheiden 
sein. Gegen die letztere Annahme sprechen allerdings ganz er- 
hebliche Gründe, auf die ich in meiner ausführlicheren Arbeit 
zurückkommen werde. 

Diese Eigentümlichkeit in der Lage der Vulkane erstreckt 
sich aber nicht blos auf die Verbindungslinien grosser Continente, 
sondern es wiederholt sich die Erscheinung, dass sich die Erup- 
tionsschlünde namentlich gern da anzusiedeln pflegen, wo sich 
grössere Ländermassen mit ihren Spitzen berühren noch in klei- 
nerem Maassstabe an ziemlich vielen Punkten und sie erscheint 
dann um so auffallender , weil dergleichen Vulkane bisweilen 
ausser aller Verbindung mit andern Vulkanreihen oder 
-Gruppen stehen, also ganz isolirt auftreten. Beispiele hierfür 
liefern die Nordinsel mit dem Ras Mussendom und die Inseln 
Anjam , Ladedj und Polior in der Strasse von Ormus , die vul- 



*) Sunda-Inseln, Molukken und Philippinen miteingerechnet. 

25* 



380 



kanischen Inseln im rothen Meere in der Bab-el-Mandeb-Enge, 
Cracatao zwischen Java und Sumatra, die kleinen Inselvulkane 
zwischen den grossen japanischen Inseln, die Insel Tsinmura bei 
Korea, die Insel Pamanzi zwischen dem Continente Afrikas und 
den Vulkanen auf der Nordspitze Madagaskars, Ferdinandea, der 
Inselvulkan zwischen der Rook - Insel und Neu-Britannien, die 
Cap-Insel in der Torres-Strasse zwischen dem Cap-York und 
Neu-Guinea, die submarinen Eruptionsschlünde in der seichten 
Bass-Strasse, auf der Bahama-Bank, ferner zwischen Martinique 
und Guadeloupe, zwischen den Azoren und dem Festlande Afri- 
kas und viele andere. 

In enger Beziehung zu dieser eben geschilderten Eigenthüm- 
lichkeit in der Lage der Vulkane, vielleicht der Grundursache 
nach dasselbe Phänomen, steht die Erscheinung, dass sich die 
Vulkane selten auf dem höchsten Rücken einer Gebirgs- 
kette erheben, sondern ihre Basis meist am Fusse oder we- 
nigstens in tieferen Niveaus derselben haben, während sich hinter 
ihnen aus älteren Felsarten bestehende Gebirgszüge vorfinden. 
In solchem Verhältnisse stehen der Vesuv und die phlegräischen 
Felder zu den Apenninen, der Aetna zu den sicilianischen Ge- 
birgen, die kamtschadalischen Vulkane zu dem kamtschadalischen 
Mittelgebirge. Eine eben solche Lage behaupten ferner die zahl- 
reichen vulkanischen Pics der Halbinseln Camarines" und Aljäska, 
die Vulkane Mittelamerikas, Islands und Neu-Seelands, der Vulkan 
de las Virgines in Californien und namentlich viele erloschene Vul- 
kane im Innern der Continente. Denken wir uns solche Gebirgs- 
ketten, an deren Fusse Vulkane sich befinden, plötzlich bis in ein 
gewisses Niveau unter Wasser gesetzt, so werden ihre hervorste- 
henden Kämme Küstenränder oder langgestreckte Inseln bilden, 
vor denen sich in einiger Entfernung die Vulkane als isolirte 
Kegelberge aus dem Meere erheben, eine Erscheinung, die na- 
mentlich bei den zahlreichen Vulkaninseln des stillen Meeres zu 
beobachten ist. Da nun die Contourformen der Continente mit 
der Richtung naher Gebirgsketten häufig eine merkwürdige Ueber- 
einstimmung zeigen, da ferner nach den scharfsinnigen Beobach- 
tungen L. v. Buch's und Alex. v. Hümboldt's diese Küsten- 
richtungen der Continente sich in einer Zone nahe gelegener 
Inseln zu reflectiren scheinen, so dürfte auch die Erscheinung, 
dass ganze Vulkanreihen (im Meere) den Umrissen der Conti- 



381 



nente folgen, auf das Verhältniss der Vulkane zu benachbarten 
Gebirgsketten zurückzuführen sein. 

Eine grosse Mühe habe ich auf das Capitel Synchronis- 
mus und Antagonismus von Vulkanausbrüchen verwendet; 
dasselbe umfasst allein circa 6 bis 8 Druckbogen, und ich glaube 
hier zu recht erfreulichen Resultaten gelangt zu sein. Schon bei 
Abfassung meines Katalogs fiel mir auf, dass sich gewisse Jahre 
durch eine ausserordentliche Häufung von Vulkanausbrüchen aus- 
zeichnen , während andere verhältnissmässig ziemlich arm daran 
sind, ferner dass diese Häufung in gewissen Zeiträumen wieder- 
kehrte, Zeiträume, die aber mehrfach so ungleich an Dauer wa- 
ren, dass ich kein bestimmtes Gesetz dafür auffinden konnte. Ein 
solches eruptionsreiches Jahr ist das Jahr 1822. Eine Abhand- 
lung von Dr. Lamont „Ueber die 10jährige Periode in der 
täglichen Bewegung der Magnetnadel und die Beziehung des 
Erdmagnetismus zu den Sonnenflecken (Pogg. Ann. [4] Bd. 26. 
S. 607. 1862)", worin des Jahres 1822 als eines Minimaljahres von 
Sonnenflecken gedacht war, veranlasste mich die Eruptionscurven 
mit den Sonnenfleckenperioden zu vergleichen.*) Schon ein 
flüchtiger Blick belehrte mich, dass noch einige der darin aufge- 
führten Minimaljahre, wie die Jahre 1793, 1843, 1855 sich vor 
den benachbarten Jahren durch zahlreiche vulkanische Ausbrüche 
auszeichneten. Mittlerweile erschien eine Arbeit von Prof. Dr. 
Rudolf Wolf in Bern über denselben Gegenstand (Ueber die 
11jährige Periode in den Sonnenflecken und erdmagnetischen 
Variationen, Pogg. Ann. [4] Bd. 27. S. 502. 1862), welche über 
ein grösseres Material disponirend, meine Vermuthung zur Ge- 
wissheit erhob: Son nen flecken arm e Jahre, die zugleich 
durch geringe Grösse der magnetischen Variationen 
sich auszeichnen, sind eruption s reiche Jahre und 
umgekehrt. Zum Beweise dafür will ich hier zwar nicht die 
vollständigen Tabellen folgen lassen, wie ich sie später veröffent- 
lichen werde, aber wenigstens die Zeiten anführen, wie sie sich 
nach Wolf für Maximum und Minimum ergeben. 



*) Herr Dr. Volger hat schon früher auf einen möglichen Zusam- 
menhang zwischen Erdbeben und Sonnenflecken, wenn auch in anderer 
Beziehung hingewiesen. 



382 



Maximum. Minimum. 

Soimeisfleckeu. Variation. Sonnenflecken. Variation 

1750, 0± 1,0. 1755, 7 ±0,5. 

1761, 5 ± 0,5. 1766, 5 ±0,5. 

1770, ± 0,5. 1775, 8 ±0,5. 

1779, 5 ± 0,5. 1784, 8 ± 0,5. 1784, 5 ± 0,5. 

1788, 5 ± 0,5. 1787, 2 ± 1,0. 1798, 5 ± 0,5. 1799, ± 2,0. 

1804, ± 1,0. 1803, 5 ± 1,0. 1810, 5 ± 0,5. 

1816, 8 ±0,5. 1817, 5 ± 1,0. 1823, 2 ± 0,5. 1823, 8 ± 1,0. 

1829, 5 ± 0,5. 1829, 7 ± 0,5. 1833, 8 ± 0,2. 

1837, 2 ± 0,5. 1837, 7 ± 0,5. 1844, ± 0,2. 1844, 2 ± 0,5. 

1848, 6 ± 0,5. 1848, 9 ±0,3. 1856, 2 ± 0,2. 1856, 3 ±0,3. 

1860, 2 ± 0,2. 1860,0 ±0,3. 

Nehmen wir, um die möglichen Fehlerquellen zu beseitigen, 
allemal die beiden benachbarten Jahre in die Rechnung mit auf, 
so ergeben sich für die Vulkan-Ausbrüche von 3 Maximal- und 
3 Minimaljahren der Sonnenflecken folgende Zahlen , bei denen 
die erste Zahl die einzelnen Eruptionen mit ihren starken Repe- 
titionen, die zweite die Eruptionen ohne dieselben bedeutet. 



Maximum. 






Minimum. 




1750 (1749, 50, 51): 


12. 


6. 


1755 (1754,55,56): 17. 


10. 


1761 (1760, 61, 62): 


11. 


8. 


1766 (1765, 66, 67): 16. 


12. 


1770 (1769, 70,71): 


'S. 


8. 


1775 (1774,75,76): 14. 


14. 


1779 (1778, 79, 80): 


9. 


8. 


1784 (1783,84,85): 19. 


12. 


1788 (1787,88, 89): 


14. 


8. 


1798 (1797,98,99): 19. 


16. 


1804 (1803, 04, 05): 


16. 


12. 


1810 (1809, 10, 11): 10. 


9. 


1816 (1815, 16, 17): 


13. 


13. 


1823 (1822, 23, 24): 44. 


30. 


1829 (1828, 29, 30): 34. 


27. 


1833 (1832, 33, 34): 27. 


20. 


1837 (1836, 37, 38): 


22. 


20. 


1844 (1843, 44, 45): 43. 


33. 


1848 (1847, 48, 49): 


41. 


34. 


1856 (1855, 56, 57): 58. 


40. 


1860 (1859, 60,61): 


20. 


14. 


267. 


196. 



180. 144 (ohne 1860). 

Die geringe Zahl bei 1810 dürfte vielleicht durch die Kriegs- 
jahre zu erklären sein, in welchen man dergleichen Naturerschei- 
nungen weniger Aufmerksamkeit schenkte, als es sonst der Fall war. 

An einen Zusammenhang zwischen magnetischen Variationen, 
Sonnenflecken und vulkanischen Eruptionen ist nach dem Vor- 
stehenden wohl nicht zu zweifeln. Erhielten wir genaue Kunde 
von allen vulkanischen Erscheinungen, so würde die Zahl der- 



383 



selben vielleicht eine ebenso regelmässig auf- und absteigende 
Reihe bilden als die der Sonnenflecken. Zwischen den Ansichten 
Wolf's und Lamost's herrscht nun allerdings in sofern eine 
Differenz als Letzterer die von Wolf auf die Jahre: 

1787,2. 1817,5. 1837,7. 1844,0. 1848,9. 1856,3. 1860,0. 
verlegten magnetischen Epochen auf die Jahre: 

1786,5. 1817,0. 1837,5. 1843,0. 1848,8. 1855,0. 1859,5. 
setzt. Auf den oben angeführten Antagonismus dürften diese 
Differenzen keinen * Einfluss haben, da die benachbarten Jahre 
ohnehin mit in Rechnung gezogen worden sind. Wichtiger 
ist allerdings die andere Streitfrage, dass LamONT zwischen 
1786/1787 und 1859/1860 sieben nahe gleich lange Perioden 
von 10,43 Jahren annimmt, während Wolf für diese Zeit nur 
sechs merklich verschieden lange Perioden aufstellt und die 
mittlere Dauer einer Periode auf '11 £ Jahr berechnet. — Nimmt 
man mit Lamokt sieben Perioden an, so muss man ein magne- 
tisches Minimum auf 1791, 3 und ein Maximum auf 1796, 5 
legen, was, wie Wolf bemerkt, den Londoner Beobachtungen 
widerspricht und gleichzeitig dem sonst so klar ausgesprochenen 
Parallelismus mit den Sonnenflecken total zuwiderläuft. Auch 
mit der Zahl der Eruptionen dürfte diese Annahme nicht har- 
moniren, obgleich das in der Nähe gelegene Jahr* 1793 sich 
durch gewaltige und zahlreiche vulkanische Erscheinungen merk- 
lich vor den benachbarten Jahren auszeichnet. 

Auf einen Punkt sei es mir gestattet hier noch aufmerksam 
zu machen, der vielleicht eine weitere Stütze für die eben aus- 
gesprochenen Ansichten darbieten dürfte. Es ist dies die perio- 
dische Wiederkehr von Eruptionen nach einem Zeiträume von 
circa 100 Jahren (99 bis 101). Schon bei Abfassung meines 
Katalogs fiel mir die merkwürdige Wiederkehr mancher Jahr- 
zahlen auf und Herr Prof. Naumann gedenkt in seiner Geognosie 
Bd. I. S. 219 erste Aufl. zweier Eruptionen des Cosiguina in 
den Jahren 1709 und 1809, ohne jedoch diese Periodicität als 
etwas anderes als einen Zufall zu betrachten. Der Zusammen- 
hang, welcher zwischen Sonnenflecken, magnetischen Variationen 
und vulkanischen Eruptionen stattzufinden scheint, giebt uns bei 
Annahme einer 1 1| jährigen Periode der ersteren auch einen 
möglichen Grund für die 100jährige Wiederkehr der letzteren. 
Aus den zahlreichen Beispielen, weicheich hier aufführen könnte, 



384 



sei es mir gestattet, nur einige mitzutheilen, bei welchen an einen 
reinen Zufall doch wohl kaum zu denken ist: 

Insel Ischia 317 v.Chr. — Zweitägiger Steinregen auf dem 
Albaner Gebirge 216 v. Chr. — Letzte Eruption im Albaner 
Gebirge 117 oder 116 v.Chr. — Vesuv 685 n. Chr., 983, 1184, 
1682, 1783, 1784, 1785. Aetna 1285, 1381, 1682, 1781. 
Hekla und submarine Ausbrüche an der Südküste Islands 1583. 
Entstehung der Insel Nyoe und Skaptar-Jökull 1783. — Fusi- 
no-yama 1083. Asama-yama 1783. 

Vesuv 203, 1306, 1506, 1704, 5 und 6, 1804, 5 und 6. — 
Epomeo und Vulkano 95 oder 94 v. Chr. Aetna 396 v. Chr. 
1603, 4, 5, 6 und 7, 1804 und 5. — Pic von Teneriffa 1505 
und 1705. Erhebung der Insel Tsinmura bei Korea 1007. 
Eruption bei Nasno in Japan 1405. Entstehung einer Insel bei 
Japan 1608. Fusi-no-yama 1707. — Hekla 1004, 1104, 1204. 

Vesuv 1631, Mitte Februar 16:52, 1733, 1831, am 
16. Februar 1832, 1833. — Bildung einer Insel bei 
Sicilien 1632. Ferdinandea 1831 und am 16. Februar 
1832. — Vulkano 1731 und 1732.— Aetna 1333, 1732, 1733, 
1832, 1833. Jan Mayen 1633, 1732. 

Aetna 1536, 1537, 1636, 1637, 1735, 1736, 1838. — 
Vesuv 1036, 1737, 1838. Monte nuovo 1538. Vulkano 1736, 

— Submariner Ausbruch beim Kap Reykjanes 1236, 1237. 
Hekla 1436, 1636. 

Aetna 56 v. Chr., 1444 n. Chr., 1643, 1744, 1844. Vul- 
kano 144, 1444. Vesuv 1643. Submarine Eruption im mittel- 
ländischen Meere 1845. — Soelheima-Jökull 1245. Submariner 
Ausbruch im Breidafjord im Westen Islands 1345. Hekla 1845. 

Hekla und submarine Eruptionen beim Cap Reykjanes 1222. 

— Cap Reykjanes 1422. Eyjafjalla- Jökull 1622. — Kötlugja 
1721, 1823. Eyjafjalla-Jökull 1821, 1822. 

Insel Luzon 1616, 1716. — 1641, 1842. — 1648, 1749, 
1850. — 1750, 1852. — 1754, 1855. — 1756, 1858. 

Welcher Zusammenhang zwischen Erdbeben , erdmagneti- 
schen Variationen und Sonnenflecken existirt, wage ich noch 
nicht mit Bestimmtheit festzustellen, da die betreffenden Zusam- 
menstellungen in meiner Arbeit noch nicht zum vollständigen 
Abschluss gekommen sind. Ich will hier nur soviel bemerken, 
dass die grössten Erdbeben,, welche man kennt, fast alle in Mi- 
nimal -Jahre oder wenigstens Sonnenflecken- arme Jahre fallen 



385 



z. B. Lissabon 1755, Calabrien 1783, Cumana 1797 und 1799, 
Riobamba 1797, Lima und Callao 1746, Caracas 1766 und 1812, 
Aleppo 1822, Chile 1822 und 1835, Mississippi, Ohio und Ar- 
kansas 1811 und 1812, Vereinigte Staaten 4. Januar 1843, Gua- 
deloupe 8. Februar 1843, San Salvador 1854, Simoda 1854, 
Brussa 1855, Neu -Seeland 1855, Mittelländisches Meer 1856, 
Basilicata 1857. — Auch dürfte die dreimalige Zerstörung der 
Stadt Copiapo 1773, 1796, 1819 allemal nach Verlauf von 
23 Jahren, ebenso wie die hundertjährige Wiederkehr des star- 
ken Erdbebens von Lima in Peru am 17. Juni 1578 und 17. Juni 
1678 fdie dritte Zerstörung der Stadt erfolgte 1746, ist also wie- 
der etwas über 11-^x6 von dem vorigen entfernt) nicht mehr 
auf Rechnung eines blossen Zufalls zu schieben sein. 

Bei der grossen Häufung von Eruptionen, welche in den 
Sonnenflecken -armen Jahren stattfindet, müssen natürlich stets 
einige der Zeit nach zusammenfallen; man kann überhaupt an- 
nehmen, dass auf dem ganzen Erdbälle, abgesehen .von den im- 
mer thätigen Vulkanen wie Stromboli, Lamongan, Sangay, Gun- 
tur u. s. w. , sich einige stets im Zustande erhöhter Thätigkeit 
befinden. Es sind daher die Schlüsse, welche man aus dem 
gleichzeitigen Auftreten von Eruptionen zieht, mit grosser Vor- 
sicht festzustellen und aufzunehmen; oder der Begriff der Gleich- 
zeitigkeit selbst etwas einzuschränken, indem man denselben nicht 
für die ganze Dauer der Eruption, sondern nur für den Moment 
des Beginns derselben gelten lässt. Ich habe je nach der Wich- 
tigkeit fünf besondere Fälle der Gleichzeitigkeit unterschieden, 
unter denen mir der wichtigste der zu sein scheint, wo zwei 
oder mehrere Vulkane gleichzeitig einen Ausbruch machen, die- 
selben aber damit ganz in dem nämlichen Augenblicke beginnen, 
so dass es erscheint, als wenn die verschiedenen Ausbrüche nur 
die Wirkung einer gemeinsamen Ursache eines und desselben 
augenblicklichen Impulses wären, der sich nur an verschiedenen 
Punkten äussert. Erscheinungen dieser Art sind in der Ge- 
schichte des Vulkanismus durchaus nicht selten ; ich will hier 
nur an die furchtbaren Katastrophen vom 12. August 1772 (Pe- 
pandayang, Tscherimai, Gedeh und Slamat) , 6. October 1737 
(Vulkan von Awatscha, Kliutschewskaja-Sopka und submarine 
Hebung zwischen den Kurilen) , 21. Februar 1820 (Vesuv und 
Lauderdales Rock bei Santa Maura), Februar 1821 (Kliutschews- 
kaja-Sopka und Alaid), 19. November 1822 (Hebung von Chile 



386 



und zweier Vulkane bei Valdivia), 29. November 1822 (1| Uhr 
Morgens Merapi und Bromo), 20. Februar 1835 (Yanteles, Cor- 
covado, Osorno, Minchinmadom, Perteroa, Vulkan von St. Jago, 
submarine Eruptionen bei der Insel Juan Fernandez und bei Ba- 
calao Head nahe dem Littoral der Insel Chiloe und Hebung von 
Chile), 19. Januar 1835 (Aconcagua, Osorno, Corcovado, Cosi- 
guina und Vulkan von San Vincente), 16. Februar 1832 (Vesuv 
und Ferdinandea) , 16. November 1827 (Purace, Vulkan von 
Tacaima? Santa Anna? und Paramo de Ruiz?), 4. Januar 1641 
(Aringuay, Insel Sanguir und Insel Yolo) u. v. a. erinnern. 

Die Zusammenstellung gleichzeitiger Eruptionen erlangte aber 
auch insofern einen gewissen Werth (auch wenn dieselben nicht 
in gleichen Momenten beginnen, so dass man auf eine gleichzeitig 
wirkende gemeinsame Ursache schliessen kann), als daraus her- 
vorgeht, dass in bestimmten Gebieten immer dieselben Vul- 
kane zu gleicher Zeit in Thätigkeit sind. Man kann daraus mit 
Sicherheit auf gewisse ihnen gemeinsame Spaltungsrichtungen 
schliessen und es erklärt sich dadurch bisweilen sowohl das Vor- 
kommen von ganz isolirten Eruptionskanälen als auch die starke 
Thätigkeit solcher Vulkane, die sich auf den Kreuzungs- 
punkten solcher Spalten befinden. So ergeben sich aus der 
Zusammenstellung der gleichzeitigen Eruptionen Islands folgende 
fünf Hauptspalten, welche nach der trefflichen, dem Werke von 
Pheyer und Zirkel: Reise nach Island im Sommer 1860, Leip- 
zig 1862, beigegebenen Karte aufgestellt sind: 

1. Eine in der Breite von 1 geogr. Meile genau von Osten 
nach Westen streichende Zone vom Breidamerkurjökull, über den 
Oeräfajökull, Skeidararjökull, Torfajökull, Hekla nach dem sub- 
marinen Eruptionspunkte beim Cap Reykjanes. 

2. Eine in der Breite von circa 2 deutschen Meilen von 
Südosten nach Nordwesten über die Gruppe des Myrdaljökull, 
Hekla, Armannsfell und Skjahlbreid, Eidborg nach dem subma- 
rinen Eruptionspunkte im Breidafjord streichend. — Dieser Linie 
ziemlich parallel und nur wenig davon entfernt geht diejenige, 
welche die Trachyteruptionen von Raudukambar, Laugarfjall, Ok, 
Falkaklettur, Nordlingafljot und Baula mit einander verbindet. 

3. Eine in der Breite von 1 deutschen Meile von W. 
40° S. nach 0. 40° N. streichende Zone, welche Hekla, den 
Skaptarjökull, Tindafjall, die Trölladyngja und Herdubreid umfasst. 



387 



[ r . ' 4. Eine dieser vollständig parallele Linie, welche von den 
r. , heissen Quellen von Krisuvik über den Thingvallavatn, die Gey- 
^ sir, den Blafell, Hofsjökull und Balljökull nach der vulkanischen 
i. Gruppe des Mückensees streicht und sich in die langgezogene 
d Halbinsel Langanes fortsetzt. 

5. Eine fast gerade im Meridian von Ferro gelegene Linie, 
:v welche den Skeidararjökull mit der Trölladyngja und der Vul- 
n kangruppe des Mückensees verbindet. 

Die Hekla wird von dreien dieser Linien (No. 1, 2, 3) geschnit- 
ten; sie zeigt die meisten Eruptionen (29) von allen isländischen 
Vulkanen. Am Durchschnittspunkte der Linien 4 und 5 liegt 
die Vulkangruppe des Mückensees mit der Krafla, dem Leirhnu- 
3 kur, Hverfjall, den Ebenen Hitaholl, Reykjahlid und Horsadalur 
: mit 21 Eruptionen, am Durchschnittspunkte der Linien 1 und 5 
der Skeidararjökull , der Linien 3 und 5 die Trölladyngja und 
der Linien l und 4 die höchst merkwürdige Almannagja zwischen 
den Nordwestufern des Thingvallavatn und dem Armannsfell. 

Trotz aller der grossartigen und höchst merkwürdigen gleich- 
zeitigen Ausbruchserscheinungen, welche die Geschichte der Vul- 
kane darbietet, bin ich doch im Allgemeinen zu der Ansicht ge- 
kommen, dass, wenn aus simultanen Eruptionen allein auf einen 
•gemeinsamen unterirdischen Heerd und auf dieselbe gleichzeitig 
wirkende Ursache geschlossen werden soll, dieser Schluss nur 
für verhältnissmässig beschränkte Gebiete, wie z. B. einzelne 
i Vulkansysteme Beweiskraft haben kann. Beweise für einen Pyri- 
phlegeton , d. h. für ein feurig flüssiges Erdinnere, wel- 
ches sich zum Mittelpunkte der Erde hin fortsetzt, 
i habe ich trotz allen Suchens nicht' gefunden, wohl aber sehr 
erhebliche Gründe gegen eine solche Annahme. Auch bei allen 
andern fragen, welche ich nach und nach der Bearbeitung unter- 
zogen habe, bin ich immer wieder darauf zurückgekommen, dass 
der Heerd der meisten vulkanischen Erscheinungen in viel gerin- 
gerer Tiefe als man gewöhnlich annimmt gesucht werden müsse, 
und dass man, um die meisten Phänomene befriedigend zu er- 
klären , unterhalb der flüssigen oder erweichten Stoffe wieder 
festen Grund und Boden annehmen muss. Diese flüssige Masse, 
vergleichbar *dem noch flüssigen oder locker gefrorenen Wasser 
\ eines Teiches zwischen einer festen Eisdecke und dem Erdboden, 
ist jedenfalls von sehr verschiedener Mächtigkeit; an manchen 
Gebieten der Erde mag sie wohl ganz fehlen, an andern erst in 



388 



der Bildung begriffen sein, an noch andern weite Seen oder La- 
ger mit kanalähnlichen Verzweigungen bilden. Ich stimme daher 
in vieler Beziehung der Ansicht von Hopkins bei, nur möchte 
ich bezweifeln, dass die Auswurfsmassen schon im vollkommen 
fe urig-flüssigen Zustande unter der Oberfläche der Erde vor- 
handen seien; ich neige mich mehr zu der Vermuthung hin, dass 
dieselben sich im halbweichen nachgiebigen Zustande vorfinden 
und erst durch einen in manchen Fällen momentan, in andern 
wieder dauernd wirkenden äussern Anlass, möge dies nun Druck 
und dadurch erfolgende Verdichtung oder chemische Zersetzung 
oder die Einwirkung eines magneto - elektrischen Stroms oder 
alles möglicherweise vereint sein, in Schmelzfluss gerathen. 

Einen noch viel grösseren Spielraum als der Synchronismus 
der Vulkanausbrüche lässt der Phantasie der Antagonismus der- 
selben. In Folge der grossen Anzahl von Vulkanen und Erup- 
tionen kann man hier alle möglichen Combinationen der Gegen- 
wirkung herausklügeln und damit alle beliebigen Sätze beweisen. 
Es sind in dieser Beziehung zwei Fälle möglich : entweder ein 
Vulkan oder eine ganze Reihe oder Gruppe ruht, während eine 
andere oder eine ganze Reihe in Thätigkeit ist, oder ein Vulkan 
unterbricht in demselben Augenblicke seine Thätigkeit, in wel- 
chem ein anderer dieselbe beginnt. Der erste Fall umfasst ein 
ausserordentlich . weites Feld und es dürfte derselbe dadurch zu 
begrenzen sein, dass die betreffenden Vulkane oder Vulkanreihen 
entweder benachbart sein müssen oder sonst in gewisse Bezie- 
hungen zu einander gebracht werden können, also z. B. auf einer 
und derselben Längslinie liegen, oder einander diametral ent- 
gegengesetzt sind u. s. w. Der zweite Fall kommt mehrmals in 
der Geschichte der Vulkane vor, aber immer nur zwischen ziem- 
lich nahe gelegenen Vulkanen und fast stets in der Weise, dass, 
indem ein Vulkan seine Thätigkeit beginnt, der früher thätige 
durch Einsturz des Gipfels dieselbe beendigt. — Ein Vergleich 
der nördlichen Halbkugel mit der südlichen, oder der östlichen 
mit der westlichen, oder der drei grossen Becken, um die sich 
die vulkanische Thätigkeit gruppirt, des atlantischen, stillen und 
indischen Oceans, lässt zwischen den Vulkanen derselben keinen 
Antagonismus erkennen, ebenso wenig wie z. B. die drei grossen 
Reihen Südamerikas untereinander. Sonnenflecken- arme Jahre 
erzeugen überall Eruptionen. Nur in sofern könnte man zwischen 
nördlicher und südlicher Halbkugel eine Gegenwirkung constati- 



389 



ren, als auf beiden die Sommereruptionen vorherrschen. Dage- 
gen findet auf beschränkterem Felde bisweilen eine so auffällige 
Abwechselung in den Ausbrüchen statt, dass man wohl nicht an 
einem Causalzusammenhang zweifeln kann. Auf den Antagonis- 
mus zwischen Vesuv und Aetna hat schon v. Hoff hingewie- 
sen und ich werde in meiner vollständigeren Arbeit über diesen 
Gegenstand beweisen, dass sich die Liparischen Inseln in ihrer 
Thätigkeit mehr an den Aetna anschliessen, also auch mit dem 
Vesuv abwechseln. Die auffälligsten Beispiele dieser Art von 
Antagonismus haben wir aber im Norden des stillen Oceans, in 
i Mittelamerika und im indischen Ocean. Nachfolgende Tabelle 
(L), in welcher ich die einzelnen Eruptionen in übersichtlicher 
Weise zusammengestellt habe, mögen den Beweis liefern, in wie 
merkwürdiger Weise diese Abwechslung in den Ausbrüchen statt- 
findet. 

Ein schöneres Beispiel von abwechselnder Thätigkeit zweier 
Vulkanreihen, wie hier die der Aleuten und Kamtschatkas kann 

! es eigentlich nicht wohl geben. Selbst in den Jahren, in wel- 

, chen beide Reihen gleichzeitig Eruptionen aufweisen wie 1827, 
scheint eine Kette die andere abzulösen. Interessant ist auch die 
beigefügte Reihe der Eruptionen der Vulkane von Nordwest- 

, amerika, welche eine gleichzeitige Thätigkeit mit der gegenüber- 
liegenden Reihe von Kamtschatka und den Kurilen und also 

I ebenfalls eine abwechselnde mit den Aleuten entwickeln. Eine 
eigentümliche Ausnahme davon macht nur der nördlichste, den 

, Aleuten zunächst gelegene, der Edgecombe, der im Jahre 1796 
seinen letzten Ausbruch machte, in demselben Jahre, in welches 
die Entstehung der Insel Joanna Bogosslowa fällt. Da der Edge- 
combe in gleicher Breite mit den Aleuten liegt und durch einen 
grossen Zwischenraum von den Vulkanen Oregons getrennt wird, 
so dürfte es vielleicht überhaupt richtiger sein, denselben als der 
ostwestlich streichenden' Spalte der Aleuten angehörig zu betrach- 
ten als derjenigen, welche in die Richtung des Cascaden-Gebir- 
ges fällt. 

Ein gleicher Antagonismus bietet sich in der nachfolgenden 
Tabelle (II.) der Eruptionen Quitos, Mittelamerikas, Mexikos 
und Westindiens dar. 



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Tabelle I. 



Reihe von Kamtschatka. 


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Aleuten und Alj&ska. 






Vnlkan von AwaUcha am 12. Novbr. 


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Miilwedttikowsknjn-Sopka. 






Vulkan von Kliutschcwsk Im Februar 
Insel Aluid (Kurilen) im Februar . 

Insel Poromuscbir 

Vulknn von Kliutschcwsk .... 

Vulkan von Kliutschcwsk .... 
Submarine Eruption an der Küste von 

Vulkan von Kliutschcwsk im Februar 


179.1. 

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1795 

180-2 

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1806 
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1811 

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1817 
1817 

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Eruption auf der Insel ünimak. 

im Mai Entstehung der Insel Joanna 

Bogosslowa, brennt bis 1S02. 
Vulkan auf Unnlnschka. 
„ Umnak. 
„ „ Unalascbka. 
„ „ Unimak. 
Joanna Bogosslown brennt bis 1823. 

Vulkan auf der nördl. Spitze v. Umnak. 
Entstehungc. neucnVulkans a.Uniruak. 

VulL..' Li" rminik. 

im Mur«Si-hi»cl.nl.liii»koi nufUnimnk. 
hi. M„kii«chln.k»j»-Sor>ki> «iif 


1796 


Edgeeombe bei Sitka. 



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Vulknn von Klinisch 
AssulM-himkaja . . 
Sciuuts.-hick . . . 

Denolb« .... 

KnseUni am -'S. Od 
Kliulsihcw>k im Ocl 

Derselbe Im MEn . 



Schi»clulsch am 17. Februar 
Vulkan von Awntschn im Mai 
Insel .-cliiiischkolnn ilüiciltnl 



Im August Sehiscrmldinskui. 



in auf den Aleuten am 22 
.uiue Eruption in der ; 
Onnimah am 25. Juni. 



28, September, 
ara 33. November. 



Mounl Baker. 

Mount Hood am 17. Ant'int. 
im Marx Vulkan im Norden der Graf- 
schaft Shasta in Californien. 



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Tabelle II. 



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Derselbe im Anffttigo von 

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Derselbe 

Derselbe 



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DiTrtclbi: 

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Pacaya. 



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Cotopnxi .... 
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Westindien. 


Martinique am 22. Januar. 
Santa Lucia. 
Haiti am 3. Juni. 

Martinique am 22. Jan. ? 

Guadeloupe am 27. Septbr. 
Guadeloupe im Februar. 


Mittelamerika. | Jahr. 


1762 
1766 
1770 

1792 

1797 
1802 


Momotombo. 

Isalco am 23. Februar . 

Masaya. 

Pacaya am 11. Juli. 
Masaya. 

Isalco im April. 
Fuego. 

Isalco. 
Isalco. 
Isalco. 


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Quito und Neu-Granada. | 


Cotopaxi am 4. April 

Vulkan von Pasto . . . 
Tunguragua \ 
See v. Quilotoaf am 4. Febr. 
Bei Pelileo J 

Cotopaxi im Januar . . 



Barbados am 11. August, 

Guadeloupe am 3. Decbr. 
Bahama-Bank am 25. Nov. 
Guadeloupe am 12. Febr. 


Bei Guadeloupe 17. März. 


1831 

1836 
1837 
1837 

1843 


V. de Quesaltenengo. 
Irasu. 

Irasu am 7. Mai. 
Isalco. 

V. de los Votos. 
Cosiguin.a am 19. Januar 
V. de San Vicente im Jan. 
Zwei submarine Ausbrü- 
che an der Küste. 
Isalco. 

Vulkan an der Küste von 
Omoa am 22. Juni? 

Irasu am 2. September. 
Vulkan von Tacana (wo ?) 


San Miguel Bosotlan am 

26. Juli. 
Isalco. 


18 U>. 
1821 
1821 
1822 
1825 

1834 
1835 
1835 

1835 
1836 

1836 

1841 
1842 


1844 
1844 






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1843. 
1844. 


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TuiiKiirncufi , 
Seev.Qnilotoa] am 4. Febr. 



Eruptione 






Mexico. 


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Mittelamerika. 


iah. 


Jorullo am 29. Septbr. . 


1759. 
1764 


Momotombo. 


1762 
1766 


Colima 


1770 


Isalco am 23. Februar 


1770 


,, , 2. März . . 
Vulkan f 22. Mai . . 

«iSE 1 : : 


1775 
1775 
1782 

1793. 
179.!. 
179.!. 
1794. 
1795. 


Pacaya am 11. Juli. 
Masaya. 


1792 




1798 
1799 


Isalco im April. 
Fuego. 


1797 


Popocntepotl am24. Jon. 


1804. 
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Isalco. 





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Dieselbe Im Jnnl . ■ • 
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nn (dauert bis 1836) 



V. de Qucsallcm-iip'. 



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19. Januar 
Vicente im Jan. 
Zwei submarine Ausbrü- 

an dar Kulte. 
Isalco. 

Vulkan an .Irr Kusto von 
Omoa am 22. Juni? 



San MiROtl Bosollan am 
2h. Juli. 



Guadeloupe nm 27. Septl>r. 
Guadeloupe im Februar. 



Guadeloupe am 3. Decbr. 
Dabama-Bank am 25 Nov. 
Guadeloupe am 12. Febr. 



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397 



Ein gleiches Ergebniss liefert der Vergleich der Ausbrüche 
der italienischen Vulkane mit den vulkanischen Erscheinungen 
im griechischen Archipel. Von 30 der letzteren fällt nur ein 
einziger in ein Jahr, in welchem auch eine Eruption in Italien 
stattfand (Vesuv), wohl aber lösen sie sich mehrmals (1707, 
1712) in sehr auffälliger Weise ab. Ferner findet Antagonismus 
statt zwischen den Ausbrüchen der Vulkane der Azoren, Canarien 
und Capverdischen Inseln, namentlich aber im indischen Archipel 
zwischen Molukken und Philippinen, wo von 99 Eruptionen, die 
innerhalb 262 Jahren stattfanden, nur 6 aus beiden Gruppen in 
dasselbe Jahr fallen, bei denen es aber immer noch sehr fraglich 
bleibt, ob sie, da das Datum und die Dauer fehlt, wirklich zeit- 
lich zusammenfallen. Dieser Antagonismus wird dadurch noch 
auffälliger, dass nicht blos die Eruptionen bezüglich der einzel- 
nen Jahre abwechseln,* sondern, wie es auch aus der eben an- 
geführten Tabelle über die Aleuten und Kamtschatka ersichtlich 
ist, beide Inselgruppen mehrmals längere Perioden der Thätigkeit 
in ihren verschiedenen vulkanischen Gliedern zeigen, während 
welcher die eine oder andere vollständig ihre Thätigkeit unter- 
bricht. So die Molukken von 1653 bis 1698, die Philippinen 
von 1716 bis 1764, die Molukken von 1774 bis 1797 und von 
1816 bis 1S27, die Philippinen von 1852 bis 1855, die Mo- 
lukken 1856 und 1857 u. s. w. — Zwischen den Molukken und 
Philippinen und den Vulkanen der ostwestlich streichenden Sunda- 
reihe tritt zwar dieses antagonistische Verhältniss weniger klar 
zu Tage, aber eine genaue Betrachtung der Eruptionscurven 
lehrt, dass es auch hier existirt. So zeigt dieselbe, dass wäh- 
rend der grossen Eruptionsperiode der Molukken und Philippinen 
von 159S bis 1654 nur die Insel Timor eine Eruption hatte; 
darauf folgt von 1657 bis 1669 eine Periode der Sunda-Inseln, 
während welcher Philippinen und Molukken vollständig schwei- 
gen u. s. w. Es dürften diese höchst merkwürdigen Thatsachen 
nach den oben angeführten Ansichten vielleicht durch die An- 
nahme von benachbarten Hebungs- und Senkungsfeldern zu er- 
klären sein. Eine Senkung in dem einen ruft durch den Druck 
auf ihre Unterlage Hebungen und Ausbrüche in dem andern 
hervor. 

Unter die Zahl derjenigen Fragen, welche ich in meinem 
Werke zu lösen versucht habe, gehört auch die, ob die vulkani- 
sche Thätigkeit in historischer Zeit in gewissen Gebieten zu- oder 



398 

abgenommen habe; eine Frage, die sich mit unsern jetzigen lite- h 
rarischen Hülfsmitteln allerdings kaum genügend beantworten, za 
lässt. Die von mir aufgestellten Tabellen zeigen zwar fast überall i io 
eine Zunahme der Eruptionen , es dürfte denselben aber doch: p 
mehr ein kulturhistorischer als naturwissenschaftlicher Werth bei- e: 
zulegen und die daraus abzuleitenden Schlüsse mindestens mitj e 
vieler Vorsicht aufzunehmen sein. Man ist daher bei der Be- 1 
handlung dieser Frage mehr auf die sagenhaften und oft sehr; 
unklaren Berichte früherer Zeiten und auf die Untersuchung des | 
Grund und Bodens selbst als auf die geschichtlich festgestellten ' 
Eruptionen verwiesen. Im Allgemeinen scheint die vulkanische j 
Thätigkeit abgenommen zu haben z. B. auf Island, den lipari- 
schen Inseln, Griechenland, Kleinasien, dem rothen Meere, Ara- 
bien und Abyssinien, dem persischen Meerbusen, den Capverdi- 
schen Inseln, Canarien , der Reihe von Peru und Bolivia, der 
Reihe von Quito, südlich vom Aequator, Mexiko, Japan und 
Neu-Seeland. Zugenommen hat die Thätigkeit des Vesuvs (der- 
selbe hat seit den letzten 100 Jahren immer mehr den Charakter 
eines immer thätigen Vulkans angenommen), des Aetna?, der 
Azoren, im indischen Archipel (am stärksten auf Java), Chile, 
Neu-Granada, Mittelamerika, Oregon, Kamtschatka, den Aleuten, 
Polynesien, Hawai, Bourbon. . 

Eng verknüpft mit der Frage über Zu- und Abnahme der 
vulkanischen Thätigkeit und einer etwas sicherern Beantwortung i 
fähig ist die, ob sich in den einzelnen vulkanischen Gebieten 
eine Wanderung des Eruptionsheerdes nachweisen lässt. 
Wie ich auf diese Erscheinung schon im Jahre 1858 bei Erd- 
beben aufmerksam gemacht habe und sie Mallet neuerdings ! 
wieder bei den italienischen Erdbeben bestätigt, so glaube ich 
sie auch bei den vulkanischen Eruptionen nachweisen zu kön- 
nen. Eine solche Wanderung der Thätigkeit scheint z. B. statt- j 
gefunden zu haben in den Azoren und Canarien von Westen nach 
Osten, auf Island aus der Mitte der Insel nach Süden und Nor- 
den , in Mexiko aus der Mitte des Landes nach Westen und 
Osten, auf der italienischen Halbinsel von Norden nach Süden, 
in Amerika südlich vom Aequator von Norden nach Süden, auf 
den Kurilen und Kamtschatka von Süden nach Norden. Als 
Beispiel wie ich hierbei verfahren bin, werde ich zwei der an- j 
geführten Fälle zum Schluss etwas ausführlicher betrachten. 

Die Insel Jeso, die nördlichste Japans, zeigt in historischer 



399 



Zeit gar keine Eruption. Siebold (Kosmos Bd. IV. S. 398) 
zählt auf ihr 17 Kegelberge, von denen der grössere Theil er- 
loschene Vulkane zu sein scheint. Nur der Kiaka, von den Ja- 
panesen Usuga-Take, d. i. Mörserberg genannt, wegen eines tief 
eingesunkenen Kraters und der Kajo-hori sollen beide noch 
i entzündet sein. Von 18 Vulkanen, welche Landgrebe auf den 
Kurilen aufführt, kennt man nur 4, welche dem Jahre nach 
i bestimmte Eruptionen hatten: Alaid (1770, 1793), Poromuschir 
(1793), Raukoko (1780) und Schiaschkotan (1855), von denen 
die beiden ersten die nördlichsten der ganzen Kette bilden, wäh- 
rend Raukoko und Schiaschkotan mehr in der Mitte liegen. Von 
drei andern, nämlich dem Asirmintar auf Onekotan und den beiden 
Vulkanen auf der Insel Kharamokotan, wird angeführt, dass sie 
früher entzündet gewesen seien. Zwei, nämlich Iturup und 
Matua, werden im Allgemeinen als noch thätig bezeichnet, wäh- 
rend von den 9 andern jede Kunde einer Thätigkeit fehlt, einige 
wie Tschirpo-oi und Schimuschir sogar direct als erloschene be- 
zeichnet werden. Die thätigen Vulkane Kamtschatkas endlich, 
welche bekanntlich alle auf der Ostseite des kamtschadalischen 
Mittelgebirges liegen, lassen sich bestimmt in 4 Gruppen brin- 
gen, welche das Eigenthümliche haben, dass jeder eine weit in 
das Meer hinausgeschobene Halbinsel entspricht*). Die erste 
Gruppe**), welche im Allgemeinen um den kurilischen See sich 
concentrirt, läuft in das Vorgebirge Lopatka aus; sie enthält 
11 erloschene Vulkane und 2 thätige. Nur von einem dersel- 
ben, dem Vulkan von Assatscha, 52 2 ' n. Br., sind Eruptionen 
bekannt (1828, 1848, 1855) und von dem andern, der Opalinski- 
schen Sopka, sagt Landgrebe, dass sie am Ende des vorigen 
Jahrhunderts starke Ausbrüche gehabt habe***). Die zweite 



*) Alexander v. Humboldt macht auf ein ganz ähnliches Verhält- 
niss bei mehreren Vulkanen Mittelamerikas aufmerksam. 

**) Ich habe hier die Angaben, welche Ditmar (Petermann, geogr. 
Mittheilungen 1860) über die Lage und Thätigkeit der kamtschadalischen 
Vulkane giebt, mit denen von Erman und Postels in Uebereinstimmung 
zu bringen gesucht; dieselben stehen allerdings mehrmals bedeutend in 
Widerspruch, was jedoch auf die vorliegende Frage von keinem wesent- 
lichen Einflüsse sein dürfte. 

***) Derselbe bemerkt allerdings auch, dass der erste und zweite 
kurilische Vulkan in beständiger Thätigkeit seien, eine Angabe, welche 
ich jedoch nirgends bestätigt gefunden habe. 



400 



Gruppe, welche sich um den Vulkan von Awatscha gruppirt, 
53° 17' n. Br. , hat eine lange südöstlich streichende Halbinsel 
zur Seite, welche in das Cap Nalatschew verläuft und zählt auf 
3 erloschene 2 thätige Vulkane. Die dritte Gruppe, dem Vor- 
gebirge Kronozkoi entsprechend, hat 5 thätige und 5 erloschene 
Vulkane, und die vierte Gruppe, den Vorgebirgen Kamtschatskoi 
und Stolbowoi entsprechend, zeigt auf 3 erloschene 4 thätige 
Vulkane. Während daher auf der Insel Jeso, den Kurilen und 
der südlichsten kamtschadalischen Gruppe die erloschenen Vulkane 
den thätigen an Zahl weit überlegen sind, stehen sie in der Mitte 
Kamtschatkas im Gleichgewicht und im Norden ist das Verhält- 
niss ein umgekehrtes. Ein ganz gleiches Verhältniss zeigt sich 
auch, wenn wir die Zahl der Jahre vergleichen, in welchen in 
den verschiedenen Theilen dieser Vulkanreihen Eruptionen statt- 
fanden. Von den Vulkanen auf Jeso kennen wir gar keine Erup- 
tionen, die Kette der Kurilen war in historischer Zeit in 4 Jah- 
ren thätig (1770, 1780, 1793, 1855); die südlichste kamtscha- 
dalische Gruppe hat 3 Jahre der Thätigkeit, die zweite Gruppe 
12 Jahre, die dritte Gruppe keins und die vierte Gruppe 37 Jahre. 
Die Reaction des Erdinnern ist also jetzt am stärksten, wo die 
bogenförmige Kette der Aleuten sich mit der kamtschadalischen 
im Schiwelutsch und im Vulkan von Kliutschewsk kreuzt. Sehr 
bezeichnend ist auch die Erscheinung, dass in der Verlängerung 
der bogenförmigen Reihe der Aleuten quer durch Kamtschatka 
hindurch auf der westlichen Seite des kamtschadalischen Mittel- 
gebirges 5 erloschene Vulkane liegen, die einzigen, welche sich 
nach Ditmar überhaupt auf der Westseite Kamtschatkas vor- 
finden. Es sind der Sissel 57° 30' n. Br. , der Piroschnikow- 
Chrebet westlich vom vorigen, der Tepana - Vulkan unfern der 
Quelle des Tigil 57 n. Br. , die Belaja-Sopka bei der Quelle 
des Bielogolowaja 56 10' n. Br. und der Elleuleken unfern 
der Westküste auf 57 n. Br. Eigentümlicherweise entspricht 
auch diesen 5 erloschenen Vulkanen an der sonst von allen Vor- 
sprüngen und Einbuchtungen leeren Küste eine Halbinsel, wel- 
che mit dem Vorgebirge Utkoloka endigt. Von Bedeutung für 
die Frage der Entstehung dürfte hier auch das allgemeine Strei- 
chen dieser verschiedenen Halbinseln sein. Während nämlich die 
südlichste mit Lopatka endigend parallel mit der Längserstreckung 
von Kamtschatka, speciell mit der des kamtschadalischen Mittel- 
gebirges verläuft, insofern sie eigentlich nur das verlängerte Ende 




1401 
^ desselben bildet, beschreiben die andern in 
i / der Reihenfolge von Süden nach Norden in 

7^ / ' ihrem Streichen einen Halbkreis um dieses, 

sodass sie sich radial zu dem Mittelgebirge 
stellen ; etwa in folgender Weise : No. 1 bis 4 
entsprechen den oben geschilderten 4 Halb- 
inseln ; 5 ist eine von Südwesten nach Nord- 
osten verlaufende Halbinsel, die in die bei- 
den Caps Osornoi und Natschikinskji verläuft, 
ihr. gegenüber liegt die Poworotnaja-Sopka, 
vielleicht auch ein Vulkan; 6 entspricht der 
Karaginsker - Insel , die ziemlich in ihrem 
Streichen wieder parallel mit dem Mittelgebirge verläuft; 7 end- 
lich ist die obenangenführte, den erloschenen Vulkanen auf der 
Westseite entsprechende Halbinsel. 

Die Azoren bestehen bekanntlich aus 3 ziemlich weit von 
einander entfernt liegenden Gruppen. Die östlichste derselben 
wird gebildet durch die Insel Santa Maria, nebst der Klippen- 
reihe der Formigas und das Eiland San Miguel. In der mitt- 
leren Gruppe bemerkt man Fayal, Pico, Terceira, San George 
und Graciosa ; im fernen Westen liegt die dritte Gruppe, welche 
aus den beiden Inseln Flores und Corvo besteht. Im Allgemei- 
nen ist ihre Richtung aus Südosten nach Nordwesten. Einige 
dieser Inseln scheinen nach Landgrebe S. 121 früher entstan- 
den zu sein, vorzüglich die westlichsten Flores und Corvo 
(allerdings auch Graciosa und Santa Maria) ; ihre Felsmassen 
sollen ein mehr verwittertes Aussehen haben, ihre Kratere mehr 
zerfallen und hin und wieder mit einer dichten Pflanzendecke 
überzogen, ja sogar mit einem kräftigen Baumschlage geschmückt 
sein. Von diesen westlichsten Gruppen kennen wir aus histori- 
scher Zeit gar keine Eruptionen. Die westlichste in der mittleren 
Gruppe, Fayal, ist seit 1672 erloschen, oder hat wenigstens seit 
dieser Zeit keinen Ausbruch mehr gehabt, die nächstwestliche 
Pico seit 1800 (nach v. Hoff sogar schon seit 1719), die darauf 
folgende St. George seit 1808 und Terceira seit 1761. In der 
neuesten Zeit ist (allerdings theilweise auch schon früher) das 
am östlichsten gelegenen San Miguel mit seiner Umgebung am 
meisten thätig. Ja die allerneuesten submarinen Eruptionen lie- 
gen noch weiter östlich; die eine vom 29. Juni 1827, 20 Lieues 



402 



östlich von den Azoren, die andere vom 25. November 1857 auf 
39° 57' n. Br. und 25° 50 ' w. L. v. Gr. 

Ein gleiches Wandern der vulkanischen Thätigkeit von Westen 
nach Osten wie auf den Azoren ist auch auf den Canarien zu 
bemerken. In dieser Gruppe zeigen nur 4 Inseln , von denen 
noch eine, nämlich Ferro (mit einer einzigen Eruption im Jahre 
1692) zweifelhaft ist, historische Eruptionen, nämlich Palma und 
Ferro die westlichsten, Teneriffa die mittlere und Lanzerote die 
östlichste. Die Wanderung wird am besten aus folgender Ueber- 
sicht deutlich: 

15. Jahrhundert. 16. Jahrh. 17. Jahrh. 18.|Jahrh. 19.Jahrh. 
Palma u. Ferro: 1 Eruption. 2 E. 4 E. — E. — E. 

Teneriffa: 2 „ 1 „ - „ 5 „ - „ 

Lanzerote : — „ — „ — „ 6 „ 2 „ 

Palma schloss seine Thätigkeit mit dem Jahre 1677, Ferro 
mit 1692, Teneriffa mit 1798 und Lanzerote mit 1834. 



I 



403 



7. Vorläufige Notiz über die Auffindung der Letten- 
kohlenformation in Oberschlesien und über die Stel- 
lung des Mikultschützer Kalks (Virgloriakalks) im 
Muschelkalk. 

Von Herrn Heinrich Eck in Berlin. 

Bereits im Anfange des Jahres 1862 sprach ich*) die Ver- 
muthung aus, dass die dem Muschelkalk aufgelagerten, bei Gr. 
Schimnitz, Danietz und Dembio aufgeschlossenen grauen und ro- 
then Lettenmassen den Formationen der Lettenkohle und des 
Keupers angehören würden. Die Gründe, welche mi'h damals 
zu der ausgesprochenen Ansicht brachten, waren der Art, dass 
sie mir dieselbe wohl in hohem Grade wahrscheinlich machen, 
aber einen positiven Beweis für dieselbe nicht gewähren konnten, 
und bestanden theils in der grossen petrographischen Aehnlich- 
keit der in Rede stehenden Gesteine mit denen der genannten 
Formationen in anderen Gegenden , theils in der unmittelbaren 
Auflagerung derselben auf die nach Norden einfallenden, obersten, 
durch den Ammonites nodosus bezeichneten Schichten des Mu- 
schelkalks, theils in dem Einschluss von Kohlenlagern in dem 
grauen Letten von Danietz, ferner in der gänzlichen Abwesenheit 
aller Versteinerungen, *welche die weiter nördlich anstehenden 
jurassischen Gesteine charakterisiren, endlich und hauptsächlich 
in der Natur der von Herrn Ziegenmayer bei Kl. ßosmierka 
aufgefundenen Petrefakten (Posidonomya minuta u. s. w.), welche 
in der Sammlung der Königl. Berg - Akademie zu Berlin aufbe- 
wahrt werden. Die 'letzteren würden uns gewiss nicht bis jetzt 
über das Vorhandensein der Lettenkohlenformation in Oberschle- 
sien in Zweifel gelassen haben, wenn Herr Ziegenmayer irgend 
eine genauere Notiz über die Art des Vorkommens derselben 
bekannt gemacht hätte. Heute endlich bin ich im Stande, den 

*) In einer ungedruckten, in der Manuskripten-Sammlung der Königl. 
Ober- Berghauptmannschaft zu Berlin befindlichen Abhandlung über die 
Triasformation in Oberschlesien. 



404 



positiven Beweis für die Existenz der 
Lettenkohlenformation in Oberschlesien zu 
liefern in Folge einer genaueren Untersu- 
chung und Kartirung des oberschlesischen 
Triasgebietes, mit welcher ich für die 
neue, unter der Leitung von Herrn Pro- 
fessor Ferd. Roemer gegenwärtig in Ar- 
beit genommene geognostische Karte von 
Oberschlesien beauftragt bin. 

Die Gegend, welche den zur Lösung 
obiger Frage erwünschten Aufschluss ge- 

. währte, befindet sich zwischen Gr. Ros- 
g 7 

.2 mierka, Kl. Rosmierka, Jendrin und Grod- 
J* zisko nordnordwestlich von Gr. Strehlitz. 

Ueberschreitet man hier den von den Wald- 
ll häusern (nördlich von Gr. Strehlitz) an 
° nach Westen und südlich von Kl. und 
§ Gr. Rosmierka nach Suchau hinziehenden 
§ Höhenzug, welcher aus den hier nach 
5 Norden einfallenden Schichten der obersten, 
|] durch den Einschluss des Ammonites no- 
s dosus bezeichneten Abtheilung des Mu- 
m schelkalks, dem Rybnaer Kalk, zusammen- 
las gesetzt wird, und besteigt den zwischen 
£ Gr. und Kl. Rosmierka liegenden Hügel, 
g so lassen sich in einem neu gezogenen 
tfT Wasserabzugsgraben nach Art des neben- 
|| stehenden Profils von unten nach oben 
* die folgenden Gesteine beobachten : 
b grauer Letten, 

c schwache Lagen von grünlichem, 

glimmerführendem Sandstein, 
d grauer Letten, 
e brauner Dolomit, 
f grauer Letten, ebenfalls mit schwa- 
chen Einlagerungen von Sandstein 
und Dolomit. 
Die weitere Verfolgung der Schichtenreihe 
wird durch die Auflagerung einer schwa- 
chen Diluvialschicht erschwert, doch lassen 



405 

sich ; graue Letten noch an mehreren Stellen des nördlichen Ab- 
hangs des Hügels in Wassergräben beobachten und bilden den 
Untergrund des von den Lehmgruben bei Kl. Rosmierka nach 
dem Grabitschteiche zwischen Jendrin und Grodzisko hinziehen- 
den , wiesigen Thaies. Eine weitere Fortsetzung dieses Profiles 
scheinen die Schichten zu bilden, welche ebenfalls in Wassergrä- 
ben am Wege von Kl. Rosmierka nach Kadlub und von dem- 
selben aus nach dem westlich gelegenen Walde hin entblösst 
sind, und welche bestehen aus: 

g grauer Letten, 

h brauner Dolomit, 

i grauer Letten, 

k brauner Dolomit, 

i grauer Letten, endlich 

m rother Letten, welcher an der Waldecke nördlich von Kl. 
Rosmierka früher zur Ziegelfabrikation gewonnen wurde und von 
Diluvium überlagert wird. Der unter e aufgeführte braune Do- 
lomit ist es, welcher durch den Einschluss von Zähnen von Hy- 
bodus plicatilis Ag., Saurichthys Mougeoti Ag., zahlreiche Gy- 
rolepisschuppen, Myophoria vulgaris Schl. sp., Myophoria 
intermedia v. Schaur. , Myacites brevis v. Schaur., Nucula 
sp. die Zugehörigkeit der aufgeführten Schichtengruppe zur 
Trias und speciell zur Lettenkohlenformation ausser allen Zweifel 
setzt. Ob aber der den Schluss des obigen Profils bildende 
rothe Letten denjenigen (richtiger wohl schon zum Keuper ge- 
stellten) rothen Mergeln entspricht, welche in anderen Gegenden 
den Grenzdolomit unterteufen, oder denjenigen, welche denselben 
anderwärts überlagern, und ob überhaupt die Entwickelung un- 
serer Formation in Oberschlesien derjenigen ini übrigen Deutsch- 
land bis in die Details hinein analog ist — das sind Fragen, 
deren Lösung erst von einer umfangreicheren Untersuchung der 
hierher gehörigen und zweifelsohne in weiter Verbreitung in 
Oberschlesien vorhandenen Gesteine erwartet werden kann. 

Die Zugehörigkeit der bei Danietz und Dembio zu Tage 
stehenden und durch mehrere Versuchsarbeiten*) untersuchten 
Gesteine zur Formation der Lettenkohle resp. des Keupers kann 
nunmehr um so weniger bezweifelt werden, als schon bei Gra- 



*) Vergl. v. Carnall, bergmännisches Taschenbuch, 1844, S. 42 bis 44. 



406 



bow, nur einige Minuten nördlich von dem bei Nakel und Stu- 
bendorf anstehenden Rybnaer Kalk graue und rothe Letten zu 
Tage stehen. Dass der Kalkstein von Dembio, welcher von 
Herrn v. Carnall irrthümlich dem Plänerkalk von Oppeln zu- 
gerechnet wurde, den rothen Letten nicht auf-, sondern eingela- 
gert ist, hat zuerst Herr v. Schmtd (in seiner ungedruckten, in 
den Acten des Königl. Ober -Bergamts zn Breslau befindlichen 
Abhandlung über das Kreidegebirge um Oppeln) ausgesprochen, 
und auch der Kalkstein, welcher früher bei der Sosnamühle bei 
Raschau durch einen Versuchsschacht aufgeschlossen wurde, wird 
nicht dem Muschelkalk zugehören, sondern den demselben auf- 
gelagerten Letten eingelagert sein, da wie erwähnt sowohl bei 
Grabow südlich von Raschau, als auch bei der Sosnamühle selbst 
graue Letten zu Tage stehen. Ursprünglich hat auch Herr 
v. Carnall selbst*) diesen Kalkstein mit demjenigen von Dem- 
bio vereinigt und erst später aus mir unbekannten Gründen auf 
seiner geognostischen Karte von Oberschlesien (2. Aufl.) die 
Grenzen des Muschelkalks bis zur Sosnamühle hin ausgedehnt, 
eine Erweiterung, welche schon durch das Anstehen des rothen 
Lettens bei Grabow unmöglich gemacht wird. 

Es darf übrigens hier nicht verschwiegen werden, dass der 
um die Geognosie Polens so verdiente Pusch es war, welcher 
zuerst den Nachweis der Existenz der Lettenkohlen- und Keuper- 
Formation in Polen und Oberschlesien zu führen versuchte, wenn 
er denselben aus Mangel an paläontologischen Beweisgründen 
auch nicht geführt hat. In seiner Abhandlung „über die geo- 
gnostischen Verhältnisse von Polen nach neueren Beobachtungen 
und Aufschlüssen" in Karstens Arschiv, 12, 1839, S. 154 u. f., 
in welcher derselbe die im zweiten Theile seiner geognostischen 
Beschreibung von Polen ausgesprochene Deutung der hierher ge- 
hörigen Gesteine rectificirte, erklärte nämlich Pusch die am Nord- 
rande des Sendomirer Mittelgebirges den wenig mächtigen Mu- 
schelkalk mit Gervillia socialis und Lima striata überlagernden 
rothen und bunten Mergelletten und die auf demselben liegenden 
bunten rogenförmigen Kalkschichten und groben Kieselconglome- 



*) In einem in den Akten des Königl. Ober - Bergamts zu Breslau 
befindlichen Promemoria, betreffend die Versuchsarbeiten in der Gegend 
von Dembio. 



407 



rate, oder besser Breccien, von Kossowice, Czerwonagora, Mni- 
chow, Bukowie und Rzepin für ein Aequivalent des Keupers. 
Gestützt auf die petrographische Aehnlichkeit weist nun Pusch 
in der Folge auch den in Südpolen das Dachgestein überlagern- 
den rothen Mergeln, welche hier und da Schichten von rothem 
Sandstein einschliessen, ferner den oolithischen und breccienarti- 
gen Kalksteinen von Mrzyglod, Pinczyce und Osiek und den ro- 
then Mergeln und Kalksteinen des Woiscbnik-Lublinitzer Höhen- 
zuges in Oberschlesien das gleiche Alter an. Sehr irrthümlich 
freilich verbindet Pusch mit dieser Gesteinsgruppe auch die erz- 
l führenden Dolomite von Südpolen und Oberschlesien. Zu diesem 
Irrthum scheint derselbe hauptsächlich durch die im Salzbohrloch 
bei Siewirz angeblich beobachtete Einlagerung einer rothen Mer- 
gellettenschicht und tiefer einer Schicht von schwarzem bitumi- 
nösen Thon mit viel Schwefelkies und Brocken von Moorkohle 
in „wahrem Dachgestein" veranlasst worden zu sein, wovon die 
erstere.n von Pusch selbst für Lettenkohle, das letztere f ür Keu- 
perdolomit angesprochen wurden. Dass diese in Rede stehenden 
Gesteine in der That der Lettenkohlenformation angehören wer- 
den, und dass das erwähnte Dachgestein eben kein „wahres", 
sondern ein Lettenkohlendolomit sein dürfte, kann ich vorläufig 
nur als Vermuthung hinstellen. 

Dass die Gesteine des Woischnik -Lublinitzer Höhenzuges 
und diejenigen von Mrzyglod u. s. w. neuerdings (cf. Zeitschr. 
der deutschen geolog. Gesellsch. Jahrg. 1862 S. 637) auch von 
Herrn Professor Ferd. Roemer für Keuper gedeutet worden sind, 
ist bekannt. 

Das Wiederauftreten der Gesteine der Lettenkohlengruppe 
und des Keupers in mächtiger Entwickelung in Oberschlesien 
und Polen hat freilich etwas Auffallendes, wenn man ihre mäch- 
tige Entwickelung in Thüringen, aber gänzliches Fehlen in Nie- 
derschlesien in Erwägung zieht. Uebrigens fehlen in Nieder- 
schlesien nicht blos Lettenkohle und Keuper, sondern auch schon 
der obere Muschelkalk ist bis jetzt nirgends daselbst aufgeschlos- 
sen. Der Deutung, welche C. v. Seebach in seiner Conchylien- 
fauna der Weimarischen Trias S. 113 dem Muschelkalk von Alt- 
Warthau als oberer Muschelkalk gegeben hat, kann ich nicht 
beitreten. Die Schichten, welche derselbe (nach den im Bres- 
lauer Universitäts-Museum befindlichen, von ihm selbst etiquet- 



408 



tirten Handstücken) für oolithischen Muschelkalk angesprochen, 
muss ich vielmehr für Schaumkalk halten, da in denselben von 
mir selbst Gervillia polyodonta und von A. Kunth auch die 
Myophoria orbicularis aufgefunden worden ist. Und die tro- 
chitenreichen Schichten, welche C. v. Seebach dem Trochiten- 
kalk Thüringens parallelisirte, können ebenfalls nichts beweisen, 
so lange nicht eine Krone von Encrinus liliiformis (die im 
unteren Muschelkalk vorkommenden Encrinusspecies sind, wie 
Herr Professor Beykich längst ausgesprochen , bekanntlich ver- 
schieden von denen des oberen Muschelkalks) darin aufgefunden 
worden, was bis jetzt meines Wissens noch nicht geschehen ist; 
dieselben finden sich überdies auch in den von C. v. Seebach 
selbst für Schaumkalk erklärten Schichten von Gr. Hartmanns- 
dorf. Auch die von demselben erwähnten Wirbelthierreste und 
der Ceratoduszahn in Herrn Mohr's Sammlung können nach 
der Auffindung zahlreicher Saurierreste im Rüdersdorfer Schaum- 
kalk und von Ceratoduszähnen im Roth von Blankenburg und 
in den untersten Muschelkalkschichten von Krappitz in Ober- 
schlesien nicht befremden. Die Hauptmasse des Alt- Warthauer 
Muschelkalks gehört vielmehr ebenso wie derjenige von Gr. Hart- 
mannsdorf, Nischwitz und Wehrau dem unteren Muschelkalk an, 
und nur der gelbliche dolomitische Kalk mit Lingula tenuissi?na, 
welcher den Schluss des Alt- Warthauer Muschelkalks bildet und 
auf welchen C. v. Seebach bereits aufmerksam gemacht hat, 
kann als einziger Vertreter der mittleren dolomitischen Abthei- 
lung des Muschelkalks in Niederschlesien angesehen werden. 



Ein zweites Resultat von allgemeinerem Interesse, welches 
mir meine bisherigen Untersuchungen geliefert haben , finde ich 
in der definitiven Entscheidung der Frage über die Stellung des 
Mikultschützer Kalks (Virgloriakalks v. RichthOfen's) im Mu- 
schelkalk. Die Auffindung der Thamnastraea silesiaca Beyr., 
einer für den Mikultschützer Kalk so bezeichnenden Art, durch 
v. Mil^cki im Rüdersdorfer Schaumkalk und durch A. Kunth 
bei Wehrau in Niederschlesien machte eine genaue Feststellung 
des Niveaus der betreffenden Muschelkalkschicht an letzterem 
Fundorte wünschenswerth. Sie besteht aus einem weissen, po- 
rösen, stylolithenreichen Kalkstein und ist einem Schichtencom- 



409 



plex von grauem, dichten, sehiefrigen oder wulstigen Kalkstein 
fl aufgelagert, welcher Lagen von grauem splittrigen Kalk mit 
, zahlreichen Steinkernen von Turbo gregarius, Dentalium laeve^ 
Gervillia subglobosa , Nucaia Goldj'ussi u. s. w. einschliesst, 
ganz wie sie in dem Wellenkalk von Rüdersdorf, Thüringen 
, u. s. w. so häufig eingelagert gefunden werden. Da nun ferner 
( A. Kunth *in jener Schicht in Gemeinschaft mit der Thamua- 
8 straea süesiaca ausser Myophoria laevigata, Myophoria ele- 
gans, Pleurotomaria Albertiana u. s. w. auch den bei Mikult- 
fl schütz so häufigen Euomphalus , ferner Cypricardia Eschert 
Gieb. sp. , Astarte Antoni Gieb. und Area triasina F. Roem. 
t aufgefunden hat, von welchen die letzteren drei Petrefakten bis- 
her nur im Schaumkalk aufgefunden worden sind, so ist an der 
[ Identität der in Rede stehenden Wehrauer Muschelkalkschicht 
I mit dem Schaumkalk des deutschen Muschelkalks nicht zu zwei- 
feln. Da nun ferner Cypricardia Escheri auch von R. v. Det- 
I ten bei Mikultschütz , Astarte Antoni bei Laband und Area 
I triasina im Böhm'schen Steinbruch bei Tarnowitz und bei dem 
I Wieschowaer Vorwerk, überall in Gemeinschaft mit dem für 
den Mikultschützer Kalk charakteristischen Spirifer Ment%eli 
u. s. w. aufgefunden worden sind, so muss auch der Mikult- 
schützer Kalk in Oberschlesien und der Virgloriakalk in den 
j Alpen für ein Aequivalent des Schaumkalks des deutschen Mu- 
schelkalks betrachtet werden. Es wird sich daher in den Alpen 
der Virgloriakalk zum Guttensteiner Kalk verhalten wie in Nord- 
deutschland der Schaumkalk zum unteren Wellenkalk. Da ferner 
der Mikultschützer Kalk in Oberschlesien von einem gelblichen, 
mergeligen, dolomitischen Kalk überlagert wird, der in seinen 
, oberen Schichten zum Theil oolithisch wird und in grosser Häu- 
' figkeit das für den Hallstädter Kalk bezeichnende, von Schaf- 
, haeutl als JSullipora annulata beschriebene Petrefakt ein- 
schliesst, so wird man vielleicht den Hallstädter Kalk, welchem 
auf der Südseite der Alpen die Schichten von St. Cassian ent- 
, sprechen, nicht blos für ein Aequivalent des unteren Keupers, 
sondern auch schon des oberen und mittleren deutschen Muschel- 
kalks betrachten können. 

Durch die vorliegenden Resultate werden Modifikationen der 
Schichtengruppirung in meiner früheren Arbeit (diese Zeitschrift 
1862 S. 288) erforderlich, welche nur den Zweck hatte, die 
unter dem Namen des Opatowitzer Kalksteins bisher zusammen- 

Zeits, d. d. geol. Ges. XV. 2. 27 



410 



gefassten, sehr verschiedenen Schichten des oberschlesischen Mu- 
schelkalks zu sondern und die Zugehörigkeit des Virgloriakalks 
zum Muschelkalk zu beweisen. Die ausführlichere Auseinander- 
setzung dieser Modifikationen behalte ich mir für eine grössere 
Arbeit vdr, welche ich demnächst über die gesammte oberschlesi- 
sche Trias-Formation zu liefern denke. 



411 



8. Das Urmerr Russlands. 
Von Herrn Trautschold in Moskau. 

Bald nach einem kleinen geologischen Ausfluge an die Ufer 
der Oka, den ich im August des Jahres 1861 unternahm, sagte 
ich in einem Briefe an den verstorbenen Professor Bronn in 
Heidelberg (abgedruckt Jahrb. 1861, 7. Heft S. 835), dass der 
ganze geologische Bau des europäischen Russlands mir den Ein- 
druck eines Meeresbodens mache, von welchem sich das Meer 
ganz allmälig zurückgezogen habe. Ich knpüfte daran die Bemer- 
kung, welche ich schon sechs Monate vorher in der Februar- 
Sitzung der hiesigen Naturforscher-Gesellschaft mitgetheilt. hatte, 
dass nach Maassgabe der allmäligen Abkühlung der Erde das 
Meer sich nothwendig tiefer in den Schooss der Erde zurück- 
ziehen und deshalb nach und nach weniger Raum auf der Ober- 
fläche einnehmen müsse. 

Eine geraume Zeit danach las ich einen kleinen Artikel 
des Herrn Saemann in l^aris (Bulletin de la soc. geol. de France 
1860 — 61, p, 322) über die Einheit der geologischen Erschei- 
nungen im Planetensystem der Sonne, in welchem ich meinen 
Gedanken wiederfand, jedoch abgeleitet von der allmäligen Er- 
kaltung des ganzen Planetensystemes. 

Da ich zu meinem Schlüsse von dem allmäligen Rückzüge 
der Meere auf einem anderen Wege gelangt bin als Herr Sae- 
mann, d. h. durch unmittelbare Beobachtung eines Theiles un- 
serer Erdoberfläche, ohne auf die Analogie der irdischen Er- 
scheinungen mit denen der übrigen Weltkörper unseres Sonnen- 
systems zurückzugehen, so will ich einige Erklärungen geben 
über die günstigen Umstände, welche in dieser Beziehung das 
Land bietet, das ich bewohne, und ich werde mich bemühen nach- 
zuweisen, dass es hier leichter ist, dem sekulären Fortschritt in 
der Arbeit der Natur zu folgen als anderswo. 

Wenn wir einen Blick werfen auf die geologische Karte 
Russlands, so sehen wir, dass die verschiedenen Formationen sich 

27* 



412 



jn regelmässiger Folge von Westen nach Osten und Südosten 
ziehen. Augenscheinlich ist da, wo heute unbedeckte silurische 
Sedimente zu Tage treten, zuerst Land in Form einer Insel aus 
dem Meere hervorgetaucht; diese nahm einen Theil des heutigen 
Esthlands und Ingermannlands ein und war gleichzeitig mit den 
Inseln Dago, Oesel , einigen Theilen Schwedens u. s. w. Zur 
silurischen Zeit wahrscheinlich Untiefen, ragten diese Stellen, als 
das Meer sich zurückzog, zuerst über dessen Oberfläche hervor. 
Bei der weiteren Einsaugung des Wassers in die erkaltende Erd- 
rinde wurde sodann das , was wir alten rothen Sandstein oder 
devonische Formation nennen , blos gelegt, und das Land von 
damals bildete bereits einen kleinen Continent oder vielmehr eine 
grosse Insel, die sich vom Ufer des baltischen Meeres bis an die 
Quellen des Don und bis zu dem Orte, wo heute die Stadt Wä- 
rönesch liegt, erstreckte. Während diese Insel sich theilweise 
mit Vegetation bedeckte, zog sich das Meer weiter zurück, die 
grossen Kalksedimente absetzend, die man Bergkalk nennt, und 
die gleichzeitig siud den unteren Kohlenlagern, die sich auf In- 
seln und Festländern gebildet. Diese Kalksedimente, soweit sie 
unbedeckt sind von späteren Meeresablagerungen, bilden ein Band, 
das sich parallel dem devonischen vom Eismeere bis jenseits 
Kassimof hinzieht. Während des folgenden Zeitraums fuhr das 
Meer fort sich allgemach zurückzuziehen, das westliche Uferland 
vergrössernd , und in seinen Ablagerungen sind die Thierreste 
enthalten , welche die permische Formation charakterisiren. Sie 
nehmen einen so bedeutenden Raum ein, dass man sich fast zu 
der Annahme versucht findet, dass das sogenannte Permische auch 
die Trias in sich schliesse. Nach der Ablagerung des Permi- 
schen hat die Hebung des Ural stattgefunden, und in Folge die- 
ses Ereignisses sind in seinem Hebungsgebiete die paläolithischen 
und permischen Schichten gebrochen und aufgerichtet. Das da- 
malige (vielleicht Lias-) Meer ist durch diese Katastrophe ein 
wenig nach Westen gedrängt, und hat mehrere Theile der Berg- 
kalksedimente bedeckt. Vielleicht hat diese Eruption plutonischer 
Gesteine, in der Richtung des Meridians die Mitte eines grossen 
Meeres durchschneidend, einen grossen Theil der damaligen Mee- 
resbevölkerung vernichtet; doch herrschte der Tod sicher nicht 
lange in diesen Gewässern, und bald wurden sie wieder von 
einer so grossen Menge von Thieren bevölkert, dass die nun 
folgende Periode in ihrer hervorbringenden Kraft um vieles die 



413 

früheren Perioden übertrifft. Der Reichthum dieser Depots er- 
klärt sich vielleicht zum Theil jmit durch die geringe Tiefe des 
jurassischen Meeres, welches selbst in den nördlichen Breiten, 
wie wir durch Graf Keyserling erfahren haben, eine unsägliche 
Menge von Seethieren erzeugt hat. Diese geringe Tiefe muss 
um so mehr vorausgesetzt werden, da während der jurassischen 
Periode der Meeresarm, welcher das Eismeer mit dem südlichen 
Meere verband, in einer Ausdehnung von fast 15 Breitegraden 
trocken gelegt wurde. Hierdurch wurden die grossen Meere ge- 
trennt und möglicher Weise eine nicht unbedeutende Veränderung 
des Klimas herbeigeführt, vorzugsweise bedingt durch Vergrösse- 
rung des damaligen Festlandes. Das Meer zur Kreidezeit war 
also auf den Süden zurückgedrängt und sein weiterer Rückzug 
findet von nun an auch in dieser und südöstlicher Richtung statt. 
Seine Sedimente setzen sich in breiten Rändern an das Südufer 
des Continentes an und gehen dann allmälig in die tertiären Ab- 
lagerungen über, von denen die eocäne sich bereits bis an das 
Asowsche Meer erstreckt. Aber das schwarze, Caspische und 
Aral-Meer bildeten ohne Zweifel damals noch eine zusammen- 
hängende Wassermasse, und haben sich erst zu Ende der tertiä- 
ren oder zu Anfang der jetzigen Periode von einander getrennt. 
Denn auch während der historischen Zeit sehen wir fortwährend 
die Wässer sich vermindern , und die zahlreichen Muscheln der 
Steppen, die ganz identisch sind mit denen des Caspischen Mee- 
res oder der benachbarten Meere, geben den sicheren Beweis, 
dass die See an diesen Orten kurze Zeit vorher existirt hat und 
damals dieselben Arten ernährte wie heute. Diese Thatsache ist 
schon von Pallas bemerkt und zu demselben Beweise benutzt 
worden. Indessen scheint es nach den schönen Beobachtungen 
des Herrn v. Baer (Caspische Studien) , dass das tertiäre Meer 
zu gewisser Zeit einen plötzlichen Rückzug erfahren habe, viel- 
leicht hervorgebracht durch die Hebung des Kaukasus und gleich- 
zeitige Bodensenkung im südlichen Theile des Caspischen Meeres, 
wodurch eine stellenweise Unterbrechung der regelmässigen Ab- 
lagerung der Sedimente entstanden ist. 

Wie wir aus dem Vorstehenden ersehen, ist also die Reihe 
der Formationen eine kaum wesentlich unterbrochene und ihre 
Aufeinanderfolge von dem Finnischen Meerbusen bis zum Caspi- 
schen Meere eine ganz regelmässige. So wie es evident ist, dass 
die grossen Oceane nur die Reste des ursprünglichen Urmeeres 



414 



sein können, so ist es nicht minder offenbar, dass auch der Aral- 
See, das Caspiscbe und das schwarze Meer nichts Anderes sind 
als Theile dieser Reste. Wir haben ausserdem gesehen, dass, 
um das Dasein des russischen Festlandes in Europa zu erklären, 
wir nicht unsere Zuflucht zu plutonischen Hebungen zu nehmen 
brauchen, den Ural und einige Gouvernements des Südens mit 
granitischem Boden abgerechnet, welche in der That nicht we- 
sentlich verändernd auf die Oberflächengestalt der grossen Ebene 
gewirkt haben. Das europäische Russland ist fast ganz aus 
Meeressedimenten gebildet, die sein Becken nach und nach aus- 
gefüllt haben; die tiefste Stelle dieses Beckens liegt im Gebiete 
des Caspischen Meeres, wo die Ausfüllung noch andauert. Alle 
Schichten dieser Sedimente sind horizontal übereinander gelagert, 
und es zeigen sich nirgends Spuren anderer Einwirkungen als 
der des Wassers. 

Es giebt indessen noch andere Thatsachen, welche meinen 
Voraussetzungen noch mehr Gewicht geben und der Theorie 
mehr Wahrscheinlichkeit. Eine der bemerkenswerthesten dieser 
Thatsachen ist die Einförmigkeit der Thierwelt unserer Forma- 
tionen. Diese Gleichförmigkeit der Faunen scheint eine natür- 
liche und nothwendige Folge des allmäligen Rückzuges des Mee- 
res zu sein; die Absätze, aus denen das russische Flachland ge- 
bildet ist, mögen grösstentheils nur Bewohner der Küsten ein- 
schliessen oder doch Schalen . die in die Nähe des Strandes 
geführt sind , und sie mögen meist die Depots der Tiefen be- 
decken, deren Einschlüsse nie oder selten zu Tage treten, da die 
Flüsse nicht tief genug in den Boden einschneiden. Die Folge 
davon ist, dass wir hier weniger Schichten kennen, als man de- 
ren in Deutschland und anderen Ländern kennt, wo Hebungen 
grosse Schichtenfolgen biosgelegt haben. Wenn wir hier also 
eine Fauna haben , die mehr oder weniger eine Küstenbevölke- 
rung darstellt oder Bewohner geringerer Tiefen, so ist klar, dass 
weder die Zahl der Schichten so gross sein kann wie in West- 
Europa, noch dass die Verschiedenartigkeit in unserer Fauna vor- 
handen ist, die durch Niveauverschiedenheit bedingt wird. Dieser 
Mangel ist aber kein wirklicher, sondern nur dadurch erzeugt, 
dass wir keine Möglichkeit haben aufzudecken , was die Tiefe 
verbirgt. Die Verschiedenartigkeit unserer Fauna hat der Haupt- 
sache nach ihren Grund in der Wirkung der Zeit, in der Be- 
schaffenheit des Bodens, der Configuration der Küsten, den Be- 



415 



standtheilen des Meerwassers u. s. w. , aber der Einfluss des 
Niveaus bleibt uns grösstenteils verborgen. Es scheint mir von 
grosser Wichtigkeit, diesen Umstand bei der Vergleichung mit 
westeuropäischen Gebilden im Auge zu behalten. Schlammige 
Küsten dürfen wir mit schlammigen Küsten vergleichen , sofern 
sie gleichalterig sind , sandige mit sandigen , aber nicht tiefen 
Meeresboden mit Untiefen. Wir haben für alle westeuropäischen 
Schichten gleichzeitige Sedimente , aber nicht gleichzeitige aus 
grösseren Tiefen. Daher die Schwierigkeit dje einzelnen Glieder 
unserer Formationen mit denen Westeuropas zu parallelisiren. 

Eine weitere Stütze für die Annahme des allmäligen Rück- 
zuges des Urmeeres scheint der Reichthum aller unserer Schich- 
ten an Fossilien zu bieten, ein Reichthum, den man zu allen 
Zeiten bewundert hat, und der keinem Reisenden entgangen ist. 
Es scheint, dass nur an einem Ufer oder in der Nähe eines sol- 
chen sich eine so ansehnliche Menge Thierreste habe sammeln 
können. Schon die silurischen Schichten bei Petersburg, Wesen- 
berg u. s. w. zeigen grossen Reichthum, desgleichen stellenweise 
das Devonische, ferner der Bergkalk, älterer und jüngerer, wie 
die Lager bei Mjatschkowa beweisen, gar nicht zu gedenken der 
'urassischen Schichten und Kreidesedimente, die theilweise ganz 
us Muschelresten bestehen. Man wird mir vielleicht den Ein- 
wurf machen, dass, wenn bei allmäligem ungestörten Rückzüge 
'es Meeres Uferfauna auf Uferfauna folge, der Uebergang von 
iner Formation zur anderen sehr wenig bemerkbar sein müsste 
nd die Grenzlinie zweier Formationen sehr schwer zu bezeich- 
en. Dieser Einwurf ist aber keiner, denn in der That giebt 
s meiner Ansicht nach eine scharfe Grenze zwischen unseren 
Formationen gar nicht, und sie existiren nur da, wo lokale Ein- 
güsse und todtbringende Naturereignisse dem Thierleben ein Ende 
gemacht haben. Abschnitte und Grenzen werden sich immer da 
zeigen, wo das thonige Ufer dem sandigen Platz macht, dieses 
dem kalkigen u. s. w. , aber wo das Medium und die Unterlage 
dieselbe bleibt, haben wir nicht Ursache plötzlichen Wechsel im 
Thierleben anzunehmen, und finden ihn wahrscheinlich auch nir- 
gends. — Unmöglich wäre es indessen nicht, dass gewisse Ka- 
tastrophen in der Geschichte der Erde auf den Salzgehalt des 
Meerwassers verändernd gewirkt, und dass diese Veränderung 
sich über das ganze Urmeer erstreckt habe. Aber dass dies 



416 



jemals in so grosser Ausdehnung geschehen, ist noch keineswegs 
nachgewiesen. 

Wenn die Abkühlung der Erde allmälig mit unveränderter 
Regelmässigkeit stattgefunden hat, so müsste caeteris paribus 
das Wasser des Meeres mit derselben stetigen Regelmässigkeit 
in die festgewordene, Erdrinde eingezogen seien. Die gleichen 
Verhältnisse haben jedoch wahrscheinlich nicht zu allen Zeiten 
stattgefunden, und es lässt sich annehmen, dass das erste nieder- 
geschlagene Wasser bei der damals bestehenden höheren Tem- 
peratur rascher die löslichen Bestandtheile in sich aufgenommen 
habe als bei der späteren geringeren Erwärmung desselben, ob- 
gleich man auf der anderen Seite zugeben muss, dass, ehe diese 
Lösung eintrat und wirksam werden konnte, das Wasser weniger 
mineralische Bestandtheile enthalten musste als heute. Die mas- 
senhaften Kalkniederschläge der Bergkalk-, Kreidezeit u. s. w. las- 
sen vermuthen, dass das Meer zu Zeiten stark -gesättigt war mit 
gewissen Substanzen, und dass ein solcher Sättigungsgrad viel- 
leicht den Anstoss gab oder die Ursache wurde zur Bildung gan- 
zer Organismenreihen, die vorzugsweise dieses vorwiegenden Ma- 
terials zu ihrer Bildung bedurften ; dass durch diese Ausscheidung 
hinwiederum einem anderen Stoffe das Uebergewicht gegeben 
wurde, der die Bildung anderer Organismen hervorrief. Aber 
selbst wenn solcher Wechsel Platz gegriffen haben sollte, so be- 
dingt er immer noch nicht das plötzliche Verschwinden einer 
Fauna, und das plötzliche Erscheinen einer neuen, die ohne Zu- 
sammenhang wäre mit der vorhergegangenen; wir haben keinen 
Grund anzunehmen, dass die Entwickelung der organischen Welt 
irgendwie oder wann unterbrochen gewesen wäre, denn ein Wech- 
sel in der Gestaltung ist kein Untergang. 

Wir sind trotz der schönen Versuche Daubree's noch in 
grosser Unwissenheit über die Vorgänge, die möglicher Weise 
eine nach dem Erdinnern vorschreitende Corrosion durch das 
Wasser vermitteln , doch ist so viel gewiss , dass dieselbe eine 
sehr langsame ist. Das Eindringen des Wassers ist natürlicher 
Weise von dieser Corrosion abhängig, und jenes steht zu dieser 
in demselben Verhältnisse wie das Verschwinden des Wassers 
von der Erdoberfläche zu dem allmäligen Eindringen desselben 
in die starre Erdkruste. 

Nehmen wir es als Thatsache an, dass der Rückzug des 
Wassers in das Erdinnere in geradem Verhältnisse zu der Ab- 



417 

kühlung der Erde steht, so ist uns damit ein Mittel gegeben die 
I Zeit annähernd zu messen, welche von dem Absetzen der ersten 
Sedimente bis auf den heutigen Tag verflossen ist. Denn sobald 
wir wissen, um wie viel sich die Meere in einem Jahrhundert 
zurückziehen, sind wir auch im Stande zu berechnen, in wieviel 
Zeit das TJrmeer die Sedimente während aller geologischen Pe- 
rioden abgesetzt hat. Die günstigen Verhältnisse für eine solche 
Berechnung scheinen in Russland vorhanden zu sein. Wenn ich 
z. B. annehme, dass das Caspische Meer in jedem Jahrhundert 
um 50 Fuss zurückweiche, so würde, da die Entfernung von 
Petersburg nach dem Ufer nördlich von Astrachan ungefähr 
280 deutsche Meilen in gerader Linie beträgt, das Urmeer einen 
Zeitraum von 134,400 Jahrhunderten oder beinahe 13^ Millionen 
Jahre gebraucht haben, um den Weg vom Finnischen Meerbusen 
bis nach Astrachan zurückzulegen. Wenn praktische Versuche 
j angestellt werden sollten , um die Breite des Bandes zu messen, 
welches das Meer während einer bestimmten Zeit trocken lässt, 
so wäre die Beschaffenheit des Ufers vorzugsweise zu berück- 
sichtigen ; Triebsand vom Lande her, Schlamm der Flüsse könn- 
ten grosse Fehlerquellen werden. Das Caspische Meer möchte 
sehr geeignet zu dergleichen Versuchen erscheinen, wenn nicht, 
wie vermuthet wird, eine Differenz zwischen Zufluss und Ver- 
dampfung bestände. Annähernd genaue Resultate müsste eine 
ruhige Stelle der Küste der grossen Oceane geben, da, wo weder 
das Land Schwankungen ausgesetzt ist, noch die Wogen des 
Meeres zerstörend auf das Ufer wirken, noch die Flüsse auffüllen- 
des Material herbeiführen. 

Ich lasse dahingestellt, ob diese Messungen zu einem brauch- 
baren Resultat führen können bei der andauernden vulkanischen 
Thätigkeit innerhalb der Erdrinde, die möglicher Weise einigen 
Einfluss haben kann auf das Niveau des Weltmeeres; die Un- 
möglichkeit der Berechnung ändert nichts an der Thatsache, an 
der Wirklichkeit eines Rückzuges des Wassers. Die Thatsache 
aber des Rückzuges der Meere ist viel weniger zu bestreiten als 
die der allmäligen Hebung grosser Continente, von welcher viel 
gesprochen wird und die sich sehr gut auf jene zurückführen 
lässt. Denn die Reisenden , welche von einem allmäligen Auf- 
steigen Neuhollands, Ostindiens u. s. w. berichten, stützen sich 
immer auf den Umstand, dass sie Bohrmuscheln u. dgl. mehrere 
Fuss über dem jetzigen höchsten Stande des Meeres beobachtet 



418- 



haben. Ist es nicht viel einfacher und natürlicher, statt der 
unmerklichen, langsamen Hebung solider Felsmassen die Bewe- 
gung des Niedersinkens dem flüssigen Elemente zuzuschreiben? 
Hat man sich schon Rechenschaft gegeben von jenem geheimniss- 
vollen Aufsteigen und es nur zu erklären versucht: Wir kom- 
men immer da der Wahrheit am nächsten, wo wir uns am we- 
nigsten von der Natur entfernen. 

Ich habe die Frage von dem allmäligen Rückzüge der Meere 
nicht zur Besprechung gebracht, um ihre Lösung zugeben; diese 
werden wir von weiteren Beobachtungen und Untersuchungen 
erwarten. Ich habe aber darauf aufmerksam machen wollen, 
dass das europäische Russland eines von den Ländern zu sein 
scheint, wo diese Frage am leichtesten zu studiren ist. Gewiss, 
wenn es ein Land giebt, wo die Verhältnisse der verschiedenen 
Formationen zueinander, ihre Scheidung oder ihr Zusammenhang 
der Forschung zugänglich sind, so ist es Russland. Wenn irgendwo, 
so ist es hier möglich, dem Gange der Natur zu folgen und ihre 
Spur zu entdecken; wenn irgendwo, so muss hier das Räthsel 
über die. Entwicklung der Arten, ihre Aufeinanderfolge, ihre 
Uebergänge zu lösen sein. Hier haben wenig störende Eingriffe 
in die ruhige Entfaltung der organischen Welt stattgefunden und 
viele Jahrtausende lang hat sich die Thierwelt im tiefsten Frie- 
den der Elemente von Stufe zu Stufe weiterbilden können. Ein 
wenig tiefes Meeresbecken, sanft geneigter Boden und Wände, 
in Folge dessen breit entwickelte Formationsstufen, überaus rei- 
che Bevölkerung, alle Altersfolgen in regelmässiger Reihe, alle 
Zeiten von der ältesten bis zur jüngsten, das sind die günstigen 
Bedingungen, die das europäische Russland der Forschung über 
die wichtigsten Fragen der Geologie darbietet. 



Nachträgliche Bemerkung. 

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, welches meine Mei- 
nung sein kann über die Stellung der russischen Kohle, und dass 
ich an der früher von mir ausgesprochenen Ansicht, sie könne 
nicht unterhalb des Bergkalks sich befinden, festhalte. Es ist in 
der December-Nummer von 1862 im Bulletin de la societe geo- 
logique de France ein Brief des Herrn v. Helmersen an Herrn 
de Verneuil veröffentlicht, in welchem der Verfasser sagt, dass 



419 



die Ansicht, die Kohle ruhe auf dem Bergkalk, ein Irrthum sei? 
der sich von Zeit zu Zeit wiederhole. Ohne Zweifel hat Herr 
v. He^mersen bei Abfassung seines Schreibens noch nicht Kennt- 

■ niss gehabt von dem Ergebniss der Bohrung in der Nähe von 
Podolsk (Gouvernement Moskau) , ebenso wenig wie von dem 
Artikel des mit den Bohrarbeiten beauftragten Hauptmanns VON 
Ro mako w sky in der Moskauer Zeitung, in welchem der letztere 

; die falschen Gerächte von dem Auffinden von Kohle Lügen 
straft. — Herr v. Romanowsky sagt zwar in seinem Bericht 
über die Bohrarbeiten bei Jerino , dass die Kohlenformation in 
Central- Russland Spuren von Kohlen enthalte, und in seinem 
Bohrregister führt er compacten Sand mit Kohlenschichten aufi 
auch schwarzen kohlehaltigen Thon, aber ich glaube kaum, dass 
Herr v. Romanowsky diese Kohle für ächte Kohle ausgeben 
wird, d. h. für Stigmarienkohle, die sich am Orte ihres Vorkom- 
mens erzeugte. Dass übrigens Spuren von Kohle in Meeressedi- 
menten vorkommen, hat nichts Auffallendes, denn theils kann 
diese ihren Ursprung haben in Seegewächsen, theils kann sie 
vom Lande ins Meer geschwemmt sein, was in einem Flachlande 
wie Russland sogar viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Zur 
Zeit der drei ersten Formationen ist in Russland Meeresbildung 
auf Meeresbildung gefolgt ; in ungestörter Ablagerung ruht Berg- 
kalk über Devonisch; dass eine Landbildung, wie Stigmarien- 
kohle, dazwischen eingeklemmt wäre, ist eine Unmöglichkeit, und 
diese Unmöglichkeit stellt eine Wahrheit dar, die nicht oft genug 
wiederholt werden kann. 



420 



9. Die Tertiärformation von Stettin. 

Zweiter Artikel. 

Von Herrn Behm in Stettin. 

Hierzu Tafel XI. 

Seit der Veröffentlichung meines ersten Artikels über die 
Tertiärformation Stettins im. Jahre 1857 habe ich nicht unter- 
lassen, meine Forschungen über dieselbe fortzusetzen, soweit meine 
Mussestunden, und mein durch eine schwere Krankheit im Win- 
ter 1856/57 geschwächter Gesundheitszustand dies möglich mach- 
ten. Diese Erschwerungen in Verbindung mit der Isolirtheit 
meiner geologischen Thätigkeit, der es selbst in einem Zeiträume 
von nunmehr fast 15 Jahren nicht gelungen ist, auch nur einen 
einzigen Mitarbeiter auf diesem Gebiete zu gewinnen, waren aber 
auch die Ursache, weshalb meine Forschungen auf dem in mei- 
nem ersten Artikel abgegrenzten Reviere beschränkt bleiben muss- 
ten, wogegen die Aussicht auf pekuniären Gewinn im Laufe der 
Zeit allerdings mehrfache industrielle Unternehmungen ins Leben 
gerufen hat, deren wissenschaftliche Resultate mir wenigstens zum 
Theil zugänglich geworden sind. Es gehört hierher zunächst 
eine geognostische Untersuchung der Provinz Pommern, welche 
im Jahre 1857 noch kurz vor der Veröffentlichung meines ersten 
Aufsatzes auf Veranlassung des Oberpräsidenten Herrn v. Seinfft- 
Pilsach Excellenz durch den Ober-Berghauptmann Herrn v. De- 
chen und Berggeschwornen Herrn v. d. Borne unternommen 
wurde, deren Ergebnisse durch Letztern der geologischen Zeit- 
schrift für 1857 Bd. IX. S. 473 ff. einverleibt sind; es gehören 
hierher die Nachrichten über die in der Nähe Stettins auf dem 
rechten Ufer der Oder bis in die Gegend der Oberförsterei Müh- 
lenbeck entdeckten und in Bau genommenen Braunkohlenlager; 
es gehören dahin die Untersuchungen , welche der Lehrer Herr 
Lincke über die geognostischen Verhältnisse des Randower Krei- 
ses in einem Schulprogramm der hiesigen Friedrich- Wilhelms- 



421 



Schule pro Michaelis 1859 mitgetheilt hat; es gehören endlich 
hierher die verschiedenen lokalen, theils im allgemeinen theils im 
privaten Betriebe unternommenen Bloslegungen, Oeffnungen, An- 
bohrungen der Erdoberfläche in dem unmittelbaren Bereiche des 
Weichbildes von Stettin selbst, sei es durch grössere Bauunter- 
nehmungen, Brunnenanlagen oder ähnliche Betriebe. 

Im Allgemeinen hat die Gesammtheit dieser Untersuchun- 
gen den Beweis gegeben, dass die Ausdehnung der Tertiärbil- 
dungen von Stettin keinesweges mit dem von mir überhaupt nur 
beschränkt abgegrenzten Reviere geschlossen ist, sondern dass 
sie sich weit über diese Grenzen hinaus erstrecken, ja dass ganz 
Pommern dieselben in keinesweges bedeutender Tiefe unter der 
Oberfläche birgt, und dass selbst schon der Randower Kreis auch 
, jenseits der Grenzen des Stettiner Reviers erhebliche Spuren 
, davon darbietet. So zeigt sich in Folge fortschreitender land- 
. wirtschaftlicher Thätigkeit sowohl der gelbe Sand als auch der 
, Septarienthon schon auf dem südlichen Auslauf des Hohen-Zah- 
; dener Höhenzugs eine halbe Meile entfernt davon zwischen dem 
j Dorfe Schillersdorf und dem Vorwerke Wilhelmshöhe am Oder- 
i ufer zu Tage ausgehend, und zwei Meilen südlicher im „Schrei", 
einem anmuthigen, der Stadt Garz a. d. O. gehörenden Walde 
fand ich selbst in tieferen verschwemmten Bachgerinnen unsere 
charakteristischen Septarien-Fragmente, welche mir auch aus an- 
dern Gegenden des Kreises vorgelegt wurden. Ueber die nördlichen 
Grenzen des Reviers erwähnt v. d. Borne, dass er auch noch 
jenseits der Stadt Pölitz in tieferen Mergel- und Kiesgruben 
Spuren des Septarienthones aufgefunden habe; aus der Gegend 
von Labes wurden mir durch die Güte der Berlin-Stettiner Eisen- 
bahn-Direktion nicht allein grosse Septarienstücke, sondern auch 
zahlreiche Knochen eines grösseren vorweltlichen Säugethiers, 
wahrscheinlich von Elephas primigenius überlassen, welche bei 
Gelegenheit des Baues der Stargard-Cösliner Eisenbahn aufge- 
funden worden waren. Aus der Gegend von Stolp in Hinter- 
pommern ist mir ein grosser Fischzahn, wahrscheinlich dem Ge- 
schlechte Oxyrhina angehörig, zugegangen; von der Feldmark 
des Dorfes Gr. Sabin bei Dramburg erhielt ich ein verschwemm- 
tes Stück gelben Sandsteins mit Fusus rnultisulcatus u. s. w. 
Wenn diese Vorkommnisse immerhin noch ziemlich vereinzelt da- 
stehen, so darf nicht übersehen werden, dass bei den grösseren 
Erdbauten , denen sie zum Theil ihre Auffindung verdanken, 



422 



durch die Unkenntniss der Arbeiter mancher schätzbare Fund 
verloren gegangen sein mag ; doch verweise ich über die ent- 
fernteren Punkte in der Provinz auf den oben citirten Aufsatz 
des Herrn v. d. Borne. 

Da es nicht meine Absicht ist, bis jenseits der Grenzen des 
ursprünglich von mir mit dem Namen des „Stettiner Reviers'' 
bezeichneten Terrains in speciellere Mittheilungen einzugehen, so 
werde ich auch in dem gegenwärtigen Artikel nur Dasjenige mit- 
theilen, was ich durch eigene Untersuchungen oder durch zuver- 
lässige Beobachtungen Anderer zur eigenen Kenntniss gebracht 
habe, mich auf die entfernteren Gegenden der Provinz nur in so 
weit beziehend , als die dort gewonnenen Aufschlüsse zur Auf- 
klärung des Ganzen dienen können. 

Was nun zunächst die allgemeinen früher von mir milge- 
theilten Thatsachen betrifft, so hat im Laufe der Jahre der Alles 
zerstörende Zahn der Zeit manche erhebliche Veränderungen her- 
vorgebracht. Vorhandene frische Entblössungen, Abstürze, Ge- 
rinne sind verwaschen, oder mit neuer Vegetation bedeckt und 
dadurch unkenntlich gemacht, neue sind dagegen entstanden ; ver- 
flachte Stellen sind in • Kulturzustand gesetzt, andere durch Ab- 
holzung temporär der Untersuchung zugänglich gemacht worden, 
um binnen wenigen Jahren ebenfalls dem neuen Betriebe anheim- 
zufallen ; noch andere, die bei dauernder Bearbeitung beständig 
neue interessante Erscheinungen darboten, sind ausser Betrieb 
gesetzt, und dadurch weiteren Forschungen wenigstens temporär 
entzogen worden. Um hier nur einiger Einzelheiten zu geden- 
ken, möge erwähnt werden, dass der grosse Bergabstich in Nieder- 
Zahden , welcher die Lagerung wagerechter Tertiärschichten mit 
dem darüber liegenden weissen Glimmersande und dem diesen 
bedeckenden Diluviallehm in überraschendster Weise zur An- 
schauung brachte, jetzt bereits in einem solchen Grade abgewa- 
schen und mit Vegetation bedeckt ist, dass jene Profilirung der 
Schichten kaum noch erkannt werden kann. Ein fast gleiches 
Verhältniss findet sich bei der Ziegelei Waldhof, wo der früher 
frisch angebrochene Septarienthon in umfassender Weise blosslag, 
gegenwärtig aber dergestalt durch Vermischung mit dem über- 
liegenden Diluvium verunstaltet ist, dass das verarbeitete Mate- 
rial kaum noch von einem fetten diluvialen Lehm zu unterschei- 
den ist. Selbst die im lebhaften Betriebe stehenden Ziegeleien 
unmittelbar unterhalb Frauendorf, obgleich noch immer sehr in- 



423 



Ii | struktiv, haben viel von ihrer früheren Eigentümlichkeit einge- 

■ •! büsst. Eine breite Mulde, welche sich von dem Dorfe Stolzen- 
!s hagen nach dem an der Oder gelegenen Dorfe Kratzwyk hinab- 
zieht, steht jetzt ganz im Kulturzustande, und gewährt nur noch 

;g durch ihren Totaleindruck, vom Wasser aus oder vom Stolzen- 
hagener Kirchtburm gesehen, das Bild ihrer früheren BeschafFen- 
i o heit, und den Beweis ihrer Zugehörigkeit zu den ächten Tertiär- 
- versackungen. Ebenso stehen die jetzt ganz verflachten Ufer 
. . des Warsow-Baches im sogenannten Heldenthale ganz im üppig- 
[ ] sten Kulturzustande. Dagegen bricht in dem Gotzlower Julo der 
i o gelbe Sand an mehreren abgeholzten Stellen mit Gewalt durch 
die Moosdecke hervor, und erregt durch seine grelle Farbe die 
Aufmerksamkeit selbst der Nichtkenner; westlich der Ziegelei 

• Waldhof tritt in einem verschwemmten tiefen Bachgerinne eine 
i i eigentümliche Verbindung des Thones mit dem gelben Sande 

. hervor, durch Vermischung beider Glieder zu einem gelben san- 

• digen Thone umgestaltet, und unzweifelhaft nur durch Verschie- 
I I bung und gleichzeitige Einwirkung des erweichenden Wassers 

■ • hervorgebracht. Aber trotz aller dieser Veränderungen bleiben 
i • die Haupterscheinungen der ganzen Formation ungetrübt beste- 
, , hen, und gewähren immejr noch die interessantesten Einblicke in 

das Innere unserer Gegend. 

Während nun die geognostischen Verhältnisse der allgemei- 
i i nen Oberfläche des Reviers mir keine erheblichen neuen Resultate 
gewährten, die wirklich neuen Erscheinungen aber nur die früher 
jj< gewonnenen Thatsachen im Allgemeinen bestätigten, musste ich 
doch in mehreren Einzelheiten dahin gedrängt werden, frühere 
t Ansichten zu beschränken und neue zu gewinnen. In wie weit 
i i diese vollkommen begründet sind oder noch wieder werden mo- 
dificirt werden müssen, darüber werden allein fortgesetzte Unter- 
.j suchungen entscheiden können, indess unterliegt es keinem Zwei- 
| 1 fei, dass ebenso sehr die Zerrissenheit der Oderufer, in denen 
i i zuverlässige Lagerungsverhältnisse der einzelnen Erdschichten 
schwer zu gewinnen sind als auch die fortdauernden Veränderun- 
, , gen, welche ein lebhafter Kulturzustand in der Oberfläche des 
I ■ Bodens hervorbringt, alle hierher gehörigen Untersuchungen un- 
gemein erschweren. Hierin wird eine Rechtfertigung liegen, 
wenn ich meine Untersuchungen, obgleich ich sie noch keines- 
i i weges als abgeschlossen anzusehen weiss, schon jetzt wieder ver- 
öffentliche, damit nicht das von mir ermittelte Material verloren 



424 



gehe, und spätere Bearbeiter wieder von vorn anzufangen nöthig 
haben. 

Um nun zur weiteren Annäherung an das zu erstrebende 
Ziel neue Materialien zu gewinnen , sind durch meine Vermitte- 
lung an mehreren Stellen des Reviers Bohrungen vorgenommen 
worden, jedoch hat die Ungunst äusserer Verhältnisse die Resul- 
tate derselben zu keinem weit greifenden Umfange gelangen las- 
sen. Die ersten Bohrungen wurden im Frühjahr 1856 vorbe- 
reitet, und die Verhandlungen mit den Grundbesitzern geflogen. 
Da erkrankte ich selbst, in Folge übermässiger körperlicher An- 
strengung auf einer geologischen Excursion, lebensgefährlich, und 
konnte die Sache nicht persönlich betreiben. Im Herbste war 
Alles soweit vorbereitet, dass die Arbeit begann. Aber schon 
zu Neujahr 1857 verliessen die nur zu diesen Versuchsarbeiten 
auf Zeit beschäftigten Bergleute die Arbeit, weil sich bei einem 
andern Bau ein festes Engagement für sie gefunden hatte, grade 
zu einer Zeit, wo meine gesicherte Genesung eine persönliche 
Betheiligung von meiner Seite in Aussicht stellte. Da nicht so- 
fort neue Leute gewonnen werden konnten, so wurde die Arbeit 
einstweilen sistirt. 

Diese ersten Bohrungen waren auf dem Neuendorfer Felde 
unternommen worden, wo der zu Tage liegende Glimmersand 
ebenso wie die tiefen Schluchten des Neuendorfer und des Schol- 
win-Baehes Aussicht auf bedeutendere Ergebnisse zu gewähren 
schienen. Die hier eingestossenen Bohrlöcher ergaben: 

No. 1 , in einer Schonung 200 Lachtet* nördlich vom Dorfe 
Neuendorf 

9 Fuss Quellsand (Glimmersand) mit vielem Wasser, dessen An- 
drang bei Mangel an Röhren die Weiterbohrung unmög- 
lich machte. 

No. 2, 80 Lachter südlich von No. 1 gab 
4 Fuss gelben Glimmersand, 
12 F. i 1 „ Formsand mit Wasser, 

7 „ blauen Thon, und musste bei Mangel an Röh- 
ren wegen Verschlämmung ebenfalls aufgegeben 
werden. 



425 



No. 3, 60 Lachter östlich von No. 1 gab 
13 Fuss 8 Zoll diluvialen Lehm, 
46 „ — „ blauen Thon, 
1 1 4 F. ^ 2 „ — „ Formsand, 

35 „ — „ schwarzblauen Thon, 
17 „ 4 „ schwarzblauen Thon mit Formsandstrei- 
fen; wurde wegen Unzulänglichkeit des 
Gestänges nicht weiter fortgeführt. 
No. 4, 70 Lachter nördlich von No. 3 : 

{3 Fuss gelber Sand, 
9 „ Lehm, 
38 „ schwarzer Formsand. Bei 35 Fuss dieses letz- 
tern erfolgte starker Wasserdurchbruch, wel- 
cher bei 38 Fuss dieFortsetzung der Bohrung- 
unmöglich machte. 
No. 5, 90 Lachter östlich von No. 4 gab 
9 Fuss gelben Sand mit vielem Wasser. 

No. 6, 70 Lachter nordwestlich von No. 5 gab ebenfalls 
7 Fuss gelben Sand mit Wasser. 

No. 7, 60 Lachter nordöstlich von No. 6 
50 Fuss gelben Sand mit Wasser. 

No. 8, 150 Lachter westlich vom Chausseehause gab 

28 F / ^ ^ USS k enm Im * Nasser, 

' | 25 „ Formsand (Glimmersand) mit Wasser. 

No. 9, 50 Lachter nordöstlich vom Chausseehause gab 
'uss Lehm mit vielem Wasser, 



Formsand. 

No. 10, 150 Lachter östlich von No. 9 

28 Fuss gelben Sand mit Wasser. 

No. 11, 200 Lachter südlich von No. 10 

. 35 Fuss gelben Sand, 
40 F. ^ ° 

5 „ Lehm. 



{ 

o. 



No. 12, dicht am Neuendorfer Bach, 100 Lachter vonNo. 11 
f 60 Fuss schwarzen - Thon, 
Formsand. 

No. 13, 160 Lachter südwestlich von der Mückenmühle eben- 
falls im Neuendorfer Bach 
14 Fuss gelben Sand. 

Zeits. d. d. geol. Ges. XV. 2. 28 



426 



No. 14. Auf der linken Bergkuppe des Neuendorfer Ba- 
ches, etwa 300 Lachter östlich vom Chausseehause 



20 Fuss 




Zoll Diluvialsand, 


13 „ 


4 


„ blauen Thon, 


6 „ 


8 


„ gelben Thon, 




6 


„ dunklen Sand, 


2 „ 




„ Formsand, 



No. 15, 300 Lachter östlich von der Neuendorfer Windmühle 

{6 Fuss 8 Zoll blauen Thon, 
— „ 8 „ gelben Sand mit Wasser, 
15 „ — „ blauen Thon. 

No. 16, 100 Lachter östlich von der Neuendorfer Windmühle 
8 Fuss gelben Sand mit vielem Wasser. 

Da bei dem Beginn dieser Bohrungen nicht vorweg auf die 
Nothwendigkeit der Röhren Rücksicht genommen worden war, 
so mussten diese erst nachträglich besorgt werden, als die Ver- 
schwemmung der Bohrlöcher ihre Nothwendigkeit ergab. Die 
Ablieferung aus der Fabrik erfolgte indess so spät, dass wegen- 
des bald erfolgenden Abganges der Bergleute kein erheblicher 
Gebrauch mehr davon gemacht werden konnte. Nicht minder 
war meine eigene noch während der ganzen Bohrzeit andauernde 
Krankheit wesentliches Hinderniss für die genügende Ausbeute 
der Arbeit, da von mir nur sehr unvollkommene Anleitung für 
die Wahl und Bezeichnung der Bohrstellen ertheilt werden konnte, 
und dies ganz und gar den Arbeitern überlassen blieb. So kam 
es denn, dass, als ich später nach meiner Genesung im Jahre 
1857 das abgebohrte Revier besuchte, die gestossenen Bohrlöcher 
nicht mehr mit Sicherheit aufgefunden werden konnten. Inzwi- 
schen bestätigten die tiefer getriebenen Bohrungen ziemlich sicher 
an dieser Stelle die Lagerung eines weissen Glimm ersandes un- 
mittelbar unter dem Diluvium, oder in dessen unmittelbarem Be- 
reich über dem Septarienthone, sie lassen es aber unentschieden, 
ob die tieferen sehr dunklen Thone als Glied der Braunkohle 
selbst angesehen werden dürfen. Es ist jedoch hier nicht ausser 
Berücksichtigung zu lassen, dass die Bohrlöcher No. 12 und 13 
ganz in dem tiefen Gerinne des Baches liegen, und daher für 
die oberen Schichten nicht mehr maassgebend sind. Alle übri- 
gen Bohrungen liegen auf der Höhe des Plateaus in 200 bis 
250 Fuss Höhe über der Oder. 



427 



> 37 F. 



Die grosse Wichtigkeit, welche die Auffindung von Braun- 
kohlen in der Nähe der grossen Fabrikanlagen bei Frauendorf, 
Züllchow und Bredow durch die sofortige und bequeme Verwen- 
dung in denselben erlangen würde, veranlasste im Jahre 1858 
erneuerte Versuchsbohrungen in der Nähe von Frauendorf. Da 
indess die leichte Einführung der englischen Steinkohle gegen- 
wärtig den Bedarf in entsprechender Weise deckt, so konnte eine 
ertragsfähige Auffindung der Braunkohle nur erwartet werden, 
wenn dieselbe nicht allzu tief, und namentlich nicht erst unter 
dem Oderspiegel lagernd getroffen wurde, da die Nähe des Stro- 
mes das Eindringen von Grundwasser und erschwerte Bewälti- 
gung desselben voraussetzen liess. Die Bohrungen mussten da- 
her mit Rücksicht auf diese Einschränkungen unternommen wer- 
den, und ergaben dieselben folgende Resultate: 

Bohrloch No. 1. Neben dem Hause der Wasserheilanstalt, 
„Bergquell" genannt: 

Diluviallehm 18 Fuss Y 

schwarzer sandfreier Thon ...... 10 

dunkler mit Thon gemischter Sand, welcher 
sich beim Auswaschen als diluvialer Sand 

ergab . 9 

Da das Bohrloch am Abhang stand, wo Verwerfungen, Ueber- 
stürzungen stattfanden, so wurde nicht weiter gebohrt. 

No. 2. Südlich von No. 1 im Ufer.. des Frauendorfer Baches ; 

Schwarzer Thon 45 Fuss 

Sand mit Kohlenspuren 1 „ 

Thon mit Glimmerspuren und Kohlenbrocken 2 „ 

Sand mit Thon 8 „ 

musste wegen Bruch der eingesetzten Röhren aufgegeben werden, 
bevor noch die letztgeförderte Schicht durchsunken war. 

No. 3. Westlich von der Wasserheilanstalt, im rechten Ufer 
des Baches: 

Schwarzer Thon ohne Glimmer, jedoch mit 

kleinen Kohlenbrocken . . . . . . . 23 Fuss 

diluvialer Sand und Kies, musste wegen gros- 39 F. 

serer diluvialer Geschiebe bei .... 16 

aufgegeben werden. 

No. 4. Auf dem Bergplateau westlich von der Züllchower 

Cementfabrik in der Nähe einer flachen Senkung, welche dem 

Züllchower Bache den Ursprung giebt: 

28* 



56 F. 



} 



428 



91 F. 



Diluvialer Sand und Lehm 10 Fuss 

blauer Thon . . 20 „ 

Glimmersand mit Thonschlamm (schwimmend) 30 „ 
dunkler Thon mit Kohlenbrocken und etwas } 124 F. 

Sand 50 „ 

schwarzer Thon 12 „ 

gelber Sand 2 „ 

No. 5. Auf demselben Bergplateau 500 Schritt westlich 
von No. 4: 

Lehm und Sand 3 Fuss 

diluvialer Kies 23 „ 

blauer Thon 11 „ 

rother Kies 50 „ 

weisser Sand mit vielem Wasser (schwim- 
mend) bei 4 „ 

noch nicht durchsunken, aber wegen Verrammuung der Röhren 
nicht fortgesetzt. 

No. 0. Nordwestlich vom Frauendorfer Kirch thurm, links 
von der Chaussee, in der Nähe eines dort befindlichen Tümpels 
mit thonigem Grunde: 

Sand und Lehm 3 Fuss 

Lehm . 7 „ 

blauer Thon ... 18 „ 

Glimmersand (schwimmend) 36 „ 

blauer Thon 28 „ 

schwarzer Thon mit Sand ...... f 3 „ 

schwarzer Sand mit Kohlenspuren .... 2 „ 

Sand mit Kalk (?) sehr hart, und dem Boh- 
rer widerstrebend, bei 6 „ 

noch nicht durchsunken. 

No. 7. 200 Schritte westlich von No. 6: 

Sand und Lehm 15 Fuss 

Letten 12 „ : 

schwarzer Thon 6 „ 

dunkelschwarzer Thon bei 69 „ 

noch nicht durchsunken. 

Schon bei 96 Fuss Teufe überhaupt mischte sich der letzten 
Thonschicht Sand bei, der nach und nach immer wasserreicher, und 
zuletzt schwimmend wurde, und da die Röhren nicht weiter reich- 
ten, musste bei 102 Fuss die Fortführung aufgegeben werden. 



. 429 



No. 8. Westlich von der Stolzenhagener Windmühle neben 
der Chaussee: 

Diluvialer Lehm 16 Fuss 

blauer Thon, bei 30 bis 36 Fuss eine stei- 
nige Schicht enthaltend, welche das Bohren 
ungemein erschwerte, und nur mit einem 
kleinen Bohrer durchdrungen werden konnte ; 

musste bei . 44 „ 

aufgegeben werden. Die herausgeförderten Steine bestanden in 
bedeutend überwiegendem Mengenverhältniss aus Septarien-Frag- 
menten. Unter der steinigen Schicht folgte noch schwimmender 
Sand, der nicht abgesperrt werden konnte, weil sich die Röhren 
nicht durch die steinige Schicht durchtreiben Hessen. 

Ein gleiches Resultat wie No. 8 lieferten noch zwei andere 
Bohrungen, welche in verschiedenen Entfernungen von dort an- 
gesetzt wurden. 

Mit diesen zehn Bohrungen wurden auch diese Arbeiten 
wieder eingestellt, da die vorgerückte winterliche Jahreszeit und 
die Kürze der Tage* dieselben überall erschwerte, und die Con- 
trolle durch mich selbst der Entfernung halber unmöglich machte. 
Waren nun auch durch dieselben die Aussichten auf Gewinnung 
preiswürdiger Braunkohle nicht gefördert worden, so bleiben die 
Ergebnisse in geologischer Hinsicht immer interessant, und es 
lassen sich daran folgende Betrachtungen knüpfen: 

Die Bohrlöcher 1, 2 und 3 auf dem linken und rechten Ufer 
des Frauendorfer Baches haben offenbar im Wesentlichen nur 
diluviale, oder bereits aus ihrer ursprünglichen Lage gebrachte 
Tertiärschichten getroffen, und sind daher für die Lagerungsver- 
hältnisse nicht maassgebend. Das linke Ufer dieses Baches zeigt 
überdies die verschiedenen Schichten der Stettiner Formation zu 
Tage liegend, und mehrere ziemlich gut erhaltene Conchylien 
bestätigten ihre Stellung im System. Aber die Lagerung ist 
abweichend gegen die aller andern Punkte, weil sie selbst nicht 
mehr in ursprünglicher Lage sind. Das Bohrloch No. 2 ist mit 
56 Fuss Tiefe unfehlbar schon bis in die Nähe des Oderniveaus 
gelangt, und würde noch haben tiefer getrieben werden können, 
wenn nicht die Beschädigung der Röhren eingetreten wäre. Ein 
neues Loch daneben einzustossen schien nicht rathsam, da noch 
keine Hoffnung erregenden Spuren von Braunkohle getroffen waren. 
Die übrigen sieben Bohrungen waren sämmtlich auf der 



60 F. 



430 



Höhe, und in solcher Entfernung von benachbarten Schluchten 
* und Abhängen angesetzt, dass in ihnen die Lagerungsverhältnisse 
der Schichten als ursprüngliche und nicht durch spätere Ereig- 
nisse gestörte angesehen werden können. Die allgemeine Erhe- 
bung dieses Plateaus über dem Oderspiegel beträgt 150 bis 
180 Fuss. Hier lagert also fast durchgehend eine Diluvialschicht 
in einer mittleren Mächtigkeit von 20 Fuss, und diese Mächtig- 
keit setzt sich fast auf der ganzen Längenausdehnung des linken 
Oderufers fort, wenn man die einzelnen kuppenartig 'erhobenen 
Diluvialkegel ausnimmt, welche sich ziemlich reichlich vorfinden. 
An den Abhängen macht sich die Grenze gegen das unterliegende 
Tertiär durch eine deutlich ausgeprägte Linie bemerkbar. Nur 
auf der etwas niedrigeren Feldmark des Dorfes Stolzenhagen ist 
die Diluvialschicht geringer, da diese Feldmark sich durch schwe- 
reren thonigen Boden und eine grosse Armuth an Geschieben 
auszeichnet. Aber als oberstes Glied der tertiären Bildungen er- 
gaben fast alle Bohrlöcher den blauen Thon, der durch den Reich- 
thum an Septarien - Fagmenten in der „steinigen Schicht" als 
Septarienthon charakterisirt wird. Die Auflagerung des weissen 
Glimmersandes in der Nähe von Neuendorf hat sich auch durch 
die Bohrungen als eine sehr lokale gezeigt, wie ich dies schon 
in meinem ersten Artikel aussprach, und giebt, ebenso wie die 
Auffindung des gelben Sandes erst in grosser Tiefe, zu merk- 
würdigen Vermuthungen Veranlassung, auf welche ich später 
zurückkommen werde. 

Der schwarze Thon endlich, welchen ich schon in meinem 
ersten Artikel von dem eigentlichen Septarienthon glaubte unter- 
scheiden zu müssen, und der unter andern auch in dem Nieder- 
Zahdener Abhang unter dem gestreiften Sande dicht über dem 
Oderspiegel in wagerechter Lagerung getroffen wird, fand sich 
in den Bohrungen überall erst in grosser Tiefe, so dass er auch 
hier nicht erheblich über dem Oderspiegel liegt, und machte sich 
auch hier den Bergleuten durch seine Verschiedenheit vom Sep- 
tarienthone bemerkbar. In den tiefsten Bachgerinnen und in 
mehreren Thongruben des nördlichen Reviers ist er überall in 
mässiger Höhe über dem Oderspiegel aufgedeckt. 

An diese durch mich selbst vermittelten Bohrungen schliessen 
sich noch einige Versuche an, die auf anderweitige Veranlassung 
in nicht allzu grosser Entfernung von jenen unternommen wur- 
den. In der Züllchower Cement-Fabrik wurde in der Thongrube 



431 



gebohrt, um die Mächtigkeit des Thones zu erforschen. Die 
Grube liegt schon in den letzten Abfällen des ganzen Plateaus 
gegen die Oder hin. Sie enthält im Thon zahlreiche Septarien, 
schöne Gypskrystalle und Fragmente der Leda Deshayesiana ; 
neben ihr, zum Theil das Niveau des Thones überragend, liegt 
gelber Sand mit organischen Ueberresten als Kerne. Der Thon 
gehört daher unzweifelhaft dem Septarienthone an, indess lässt 
sowohl die Lokalität als auch das Lagerungsverhältniss die An- 
nahme zu, dass er nicht mehr in ursprünglicher Lagerung ruht, 
sondern von den benachbarten Höhen als kolossales Geschiebe 
herabgesunken ist. Bei der Bohrung würde er mit 50 Fuss 
Mächtigkeit nicht durchsunken, dann aber die Bohrung aufgege- 
ben, da die Ergiebigkeit der Grube für die Fabrik gesichert war. 

Ebenso sind auf der Feldmark Zabelsdorf von dem Besitzer 
zwei Bohrlöcher eingetrieben worden, um in hinreichender Menge 
ein gutes Trinkwasser zu gewinnen. Die Feldmark liegt eben- 
falls bereits in den vielfach zerrissenen, und wahrscheinlich auch 
verschobenen Gehängen des südlichen Abfalls des Plateaus gegen 
die grüne Wiese hin, und es ist daher zwar zweifelhaft, ob die 
getroffenen Schichten sich noch in ursprünglicher Lagerung be- 
finden , indess ist der erbohrte Thon entschieden Septarienthon ; 
die zur Feldmark gehörige Ziegelei hat denselben schon unter 
einer nur 8 bis 10 Fuss mächtigen Diluvialdecke, und ver- 
schwemmte gelbe Sandsteine und Septarien finden sich in den 
benachbarten Niederungen. Die Bohrungen ergaben: 

No. 1. Auf dem Gutshofe nordwestlich vom Hause etwa 
30 Schritte entfernt: 

diluvialer Lehm . 10 Fuss 

schwarzer Thon . . . 140 „ 

Sand mit Thon und Kohlenspuren beim Auswaschen frei von 
Feldspathkrümeln, wurde nicht durchsunken, weil bis dahin kein 
Wasser gefunden war. 

No. 2. Nördlich vom Gutshofe in dem Entwässerungsgra- 
ben eines dicht dabei gelegenen Tümpels: 

Lehm und Sand 10 Fuss 

dunkler Thon 43 „ 

Thon mit Sand und Kohlenspuren wie bei No. 1 ; wurde bei 
einigen Fussen nicht weiter fortgesetzt. 

Geben diese letzten Bohrungen auch für die geologischen 
Verhältnisse keine absoluten Anhaltspunkte, so sind sie immerhin 



432 



nicht ohne Interesse. Da indess die Lokalität von Zabelsdorf 
schon am Abhänge des Plateaus liegt, so lässt die grosse Diffe- 
renz in der Mächtigkeit des erbohrten dunkeln Thones bei nur 
geringer Entfernung der Bohrlöcher von einander die Vermuthung 
zu, dass auch hier ein grosses Geschiebe dieses Thones dem 
Diluvium eingebettet sei, oder sich wenigstens nicht mehr in sei- 
nem natürlichen Lagerungsverhältniss befinde. 

In dem südlich von Stettin gelegenen Becken sind Bohrun- 
gen in umfassenderer Weise, soweit mir bekannt geworden, nicht 
angestellt. Im Allgemeinen ist daher nur darauf Rücksicht zu 
nehmen, dass in diesem ganzen Becken, un.d überall, wo nicht 
etwa verschwemmte Schichten von den dasselbe umgrenzenden 
Diluvialhöhen Aenderungen hervorgebracht haben, der überaus 
fette, an Geschieben und Sand arme Boden höchst wahrscheinlich 
den oberen Schichten des Septarienthones seinen Ursprung ver- 
dankt, und als direkter Beweis für diese Annahme kann es gel- 
ten, dass in dieser Ebene selbst die mässigsten Einschnitte, wel- 
che beim Bau der Berlin-Stettiner Eisenbahn erforderlich wurden, 
den Septarienthon schon unmittelbar unter der Ackerkrume bloss- 
legten ; auch scheint die schlechte thonige Beschaffenheit des Was- 
sers in den meist wenig tiefen Brunnen der hier gelegenen Dör- 
fer dieser Annahme das Wort zu reden. 

Nicht ohne wissenschaftliches Interesse, und für die Erfor- 
schung der hiesigen Formation einen erwähnenswerthen Beitrag 
liefernd, sind nun noch die Ermittelungen, welche durch ver- 
schiedene bauliche Anlagen im Bereiche der Stadt Stettin selbst 
und des Weichbildes derselben zu Tage gefördert wurden. Es 
gehören dahin mehrere Erdbauten, insonderheit aber die Anlage 
zahlreicher neuer Brunnen, und die Revision und Verbesserung 
der älteren schon bestehenden. Der freundlichen Bereitwilligkeit 
des städtischen Bau-Commissarius Herrn Kriesche verdanke ich 
ein reiches hierbei wenigstens theilweise verwendbares Material, 
nicht minder aber gaben die Aufdeckungen der Erdoberfläche 
zur Zeit des Baues der Berlin-Stettiner Eisenbahn, und der Er- 
weiterung der Festungswerke einige brauchbare Thatsachen. 

Der Haupttheil Stettins *) liegt dergestalt auf der Höhe und 
an den Abhängen des linken Oderufers ausgebreitet, dass man 



*) Der beigegebene Plan der Stadt Stettin, Tafel XI, giebt eine 
Uebersicht der im Folgenden unterschiedenen Theile der Oberstadt, Mittel- 



433 



• denselben, den verschiedenen Strassen folgend, in drei Abtheilun- 
gen bringen kann : die Oberstadt, die Mittelstadt und die Unter- 
stadt. Auf dem rechten Ufer des Hauptoderstromes liegt die 
Lastadie, ganz im alten Oderbette, auf durchaus wiesigem, moo- 
rigen Grunde. Zur Oberstadt sind zu rechnen : die Paradeplätze, 
die ganze Neustadt, die Wollweber-, Louisen-, grosse und kleine 
Domstrasse, der grössere Theil der Rosengartenstrasse, der breiten 
Strasse, die ganze Mönchen-, Pelzer-, Fuhr-, Ritter- und Papen- 
Strasse, der Kohl- und Rossmarkt mit allen zwischen ihnen lie- 
genden Gassen. Die Unterstadt umfasst vorzugsweise die Boll- 
werke, die Königs-, grosse und kleine Oderstrasse mit den diese 
kreuzenden, zur Oder herabführenden Strassen, sowie die Ober- 
und Unterwyk. In der Mittelstadt liegen die Frauen - , Reif- 
schläger- und heilige Geiststrasse, der Heumarkt, der untere 
Theil der breiten Strasse und des Rödenberges, sowie der Hof 
der Kaserne am Schneckenthor. Die Oberstadt erhebt sich nach 
den fortifikatorischen Feststellungen an dem höchstgelegenen Punkte 
in der Ecke der beiden Paradeplätze bis auf 81 Fuss über den 
Nullpunkt der Oder. Die Unterstadt liegt an den niedrigst ge- 
legenen Punkten , welche bei hohem "Wasserstande nicht selten 
überfluthet werden, etwa 8 bis 10 Fuss über dem Nullpunkt. 
Die Mittelstadt bildet gleichsam eine Terrasse zwischen Ober- 
und Unterstadt, indem die Frauen- und Reifschlägerstrasse, wel- 
che hier vorzugsweise liegen, fast parallel mit der Oder verlau- 
fen, und die Höhen gleich einem Gürtel umziehen. Die Erhebung 
beträgt etwa 30 Fuss über den Nullpunkt, variirt jedoch vielleicht 
am meisten in ihrem Niveauverhältniss, da eine Regelmässigkeit 
hier gerade am wenigsten stattfindet. Die Lastadie ist in ihrem 
Strassenpflaster noch etwas niedriger als die Unterstadt, und 
selbst als die Bollwerke; die älteren Gebäude sind grossentheils 
durch Versackung mit ihren untern Räumen um 2 bis 3 Fuss unter 
das Strassenpflaster herabgesunken; die Kellerräume der neueren 
bestehen mehr aus hohen Souterrains, als aus wirklichen Kellern, 
und die Sohle liegt meist ebenfalls nur 2 bis 3 Fuss unter dem 
Strassenflaster. Bei hohem Wasserstande sind alle diese Räume 
fast nie frei von sogenanntem Grundwasser. Dass alle diese 



Stadt und Unterstadt, und zeigt die Lage der aufgeführten Bohrungs- 
punkte an, welche Aufschlüsse über die geognostische Beschaffenheit des 
Bodens der Stadt gewährt haben. 



434 



Angaben für die einzelnen Strassenpunkte schwankend bleiben 
müssen, braucht kaum erwähnt zu werden, da die alljährlich an 
den verschiedenen Stellen sich wiederholenden Bauten, Strassen- 
pflasterungen , Regulirungen der unterirdischen Kanäle u. s. w. 
sowohl lokale Abtragungen als Aufhöhungen mit sich führen, 
indess haben diese auf den gesammten Ueberblick keinen wesent- 
lichen Einfluss. 

Fassen wir nun zunächst die allgemeinen Ergebnisse ins 
Auge, welche sich aus allen Anbrüchen der Erdoberfläche erge- 
ben, so finden wir, dass sie sich sämmtlich nur in diluvialem 
oder alluvialem Boden bewegen. Alle Glieder des nordischen 
Diluviums mit ihren erratischen Blöcken der verschiedensten Zu- 
sammensetzungen und Altersstufen', selbst die Glieder der Ter- 
tiärformation nicht ausgeschlossen, werden hierbei in den ver- 
schiedensten Gruppirungen angetroffen, und die Mächtigkeit des 
Diluviums ist hier so bedeutend, dass die Brunnen sie ungeachtet 
ihrer beträchtlichen Tiefe meist noch nicht durchdringen. Fast 
alle Brunnen der Oberstadt haben nämlich eine durchschnitt- 
liche Tiefe von 70 bis 80 Fuss vom Strassenpflaster gerechnet, 
welche nur durch die verschiedenen Niveauverhältnisse des letz- 
teren in etwas alterirt wird, so dass die meisten von ihnen ihren 
Wasserstand in der Nähe des Nullpunktes der Oder haben, wäh- 
rend die Sohle oft noch unter diesem liegt. In der ungefähren 
Tiefe von 50 bis 60 Fuss wird fast allgemein eine festere, aus 
mässigen Geschieben gebildete Kiesschicht gefunden, welche nicht 
selten durch ein so festes Bindemittel vereinigt wird, dass sie nur 
mit Gewalt durch Picke und Schlägel durchdrungen werden 
kann. Sie hat meist eine Mächtigkeit bis zu 6 Zoll, und wird 
von den Brunnenmachern mit dem Namen „Wassersohle" belegt. 
Nach der Versicherung der Brunnenmacher wird ein brauchbares 
Wasser niemals oberhalb dieser Schicht getroffen, sondern stets 
erst, nachdem dieselbe um mehrere Fusse durchsunken ist. Geo- 
logisch betrachtet ist es eine reine Diluvialbildung, welche eine 
gleiche Entstehung haben mag wie die diluvialen Sandsteine von 
mehr oder minderer Grösse, welche sich häufig im Diluvium vor- 
finden* und aus kleinen Geschieben und Sand zusammengekittet 
sind. Die Brunnen der Mittel- und Unterstadt haben eine 
durchschnittliche Tiefe von 20 bis 30 Fuss, so dass der Wasser- 
stand von dem der oberstädtischen Brunnen in seinem Verhält- 
niss zum Nullpunkt der Oder nicht wesentlich abweicht. Da 



435 



indess die Brunnen der eigentlichen Unterstadt und zwar beson- 
ders die in der Nähe der Oder gelegenen selten ganz frei von 
Grundwasser der Oder sind, so hat man an verschiedenen Stellen 
Bohrbrunnen angelegt, welche nachdem das bei 8 bis 10 Fuss 
Tiefe durchbrechende Grundwasser mittelst isolirender Röhren 
abgeschlossen war, wiederum in 70 bis 80 Fuss Tiefe ein klares 
Trinkwasser lieferten, welches in den Röhren bis auf 6 bis 7 Fuss 
emporstieg, sich also in das ungefähre Niveau des Wasserstandes 
der ober- und mittelstädtischen Brunnen stellte. Das hier fol- 
gende Profil einer Bohrung auf dem Grundstücke des Konsuls 
Herrn Pitzschky (grosse Oderstrasse No. 2J) giebt ein Bild 
von den Lagerungsverhältnissen in der Unterstadt. Die Arbeit 
wurde mit einer Aufgrabung des Bodens von 5 Fuss im Qua- 
drat begonnen, und ergab bis auf 
12 Fuss Tiefe Schutt, Geröll, Grus. Bei 

15 Fuss fand sich ein noch stehender Zaun von eichenen Pfäh- 
len und grosser Festigkeit. Bei 

21 Fuss eingeschlagene elsene Knüppel, sehr mürbe und zer- 
brechlich ; zwischen ihnen ein liegender Kanal aus Brettern 
gezimmert, von 15 Zoll Breite und 12 Zoll Höhe. Bei 

4i Fuss traf man blaugraue Erde mit wohlerhaltenen Ueber- 
resten von Süsswasserschnecken noch lebender Species. 

Als bis hierher gegraben war, brach, ungeachtet das 
Loch sehr gut mit Bohlen ausgesetzt war, Grundwasser 
durch, und füllte in wenigen Minuten dasselbe bis auf 
15 Fuss unter dem Niveau des Hofes aus. Es wurden 
daher hölzerne Röhren mit starken eisernen Schuhen ein- 
gesetzt, und diese Anfangs mit 60 Centnern, später mit 
200 und zuletzt mit 250 Centnern Last belegt. Man fand 
nun bei 

50 Fuss gelblichen Triebsand mit Muschelfragmenten nicht er- 
kennbarer Species. Bei 
68 Fuss gröberen Sand bis 

84 Fuss, wo ein schönes klares Wasser emporstieg, und die 

Röhre bis 11 Fuss unter dem Pflaster erfüllte. Bei 
90 Fuss fand sich der frühere feinere Sand wieder, bis auf 
120 Fuss mit Kohlenbrocken und kleinen kalkartigen Concremen- 

ten untermengt. Bei 
134 Fuss stiess das Rohr auf einen festen Körper, und konnte 
erst nach 5- bis 6 tägiger Arbeit weiter gebracht werden, 



436 



ohne dass die Ursache des Aufenthalts sicher ermittelt 
wurde, sank nun aber plötzlich in derselben Schicht um 
5 Fuss tiefer, und gelangte bei fortgesetzter Arbeit in 
derselben Schicht bis zu 
159 Fuss, wo die Arbeit aufgegeben wurde. 

Gegenüber diesem Grundstücke (Oderstrasse No. 17 und 18) 
wurden auf den Grundstücken, welche früher den Herren Grot- 
johann und J. C. Schmidt gehörten, und welche einige Fuss 
niedriger gelegen sind als das oben erwähnte, ebenfalls Bohr- 
brunnen angelegt, welche bei ziemlicher Uebereinstimmung der 
einzelnen durchsunkenen Schichten ebenfalls bei 67 und 72 Fuss 
Tiefe aus dem gröberen Sandlager ein schönes, klares und reich- 
lich fliessendes, bis auf etwa 6 bis 7 Fuss in der Röhre empor- 
steigendes Wasser förderten , mit dessen Gewinnung sich die 
Unternehmer, ungeachtet es anfangs einen schwachen Beige- 
schmack nach Schwefelwasserstoff hatte, begnügt haben. 

Fast ganz übereinstimmend sind die Resultate, welche sich 
in den noch übrigen Bohrbrunnen der Unterstadt haben erzielen 
lassen. 

In der Mittelstadt ist besonders der Bohrung zu geden- 
ken, welche schon im Jahre 1836 auf dem Hofe der Kaserne des 
9. Infanterie- Regiments am heiligen Geist -Thore unternommen 
wurde. Die Arbeit wurde auf der Sohle eines bereits vorhan- 
denen Brunnens begonnen, dessen damalige Oberkante 23 Fuss 
7 Zoll über dem Nullpunkte der Oder lag, dessen Wasserstand 
zwischen 8 und 3 Fuss über dem Nullpunkt variirte, und dessen 
Sohle bis 24 Fuss unter den Nullpunkt hinabreichte, also noch 
auf den Schichten der oberstädtischen Brunnen ruhte. Es fanden 
sich nun weiterhin bei 

41 Fuss (unter dem Nullpunkt) Letten mit Geschieben von 
3 bis 6 Zoll Grösse; bis 

44 Fuss Letten mit Sand und kleinen Geschieben; bis 

48 Fuss gelber Sand mit einzelnen Geschieben; bis 

52 Fuss Letten und Steine; bis 

60 Fuss scharferweisser Triebsand. 

88 Fuss feiner weisser fliessender Triebsand; bis 

90 Fuss Gemenge von Sand und Thon; bis 

105 Fuss feinster weissgrauer Triebsand mit Thonschleim und 

einigen Stückchen Braunkohle; bei 

106 Fuss schwarzer Thon; bei 



437 



112 Fuss feinster weisser Triebsand mit Kohlenbrocken ; bei 

114 Fuss Thonadern mit feinem Sande; bis 

132 Fuss weissgrauer Triebsand, in welchem bei 122 Fuss ein 
Stückchen Bernstein und bei 130 Fuss mehrere derglei- 
chen von der Grösse einer Erbse und Bohne gefördert 
wurden; bis 

145 Fuss weissgrauer Triebsand mit verschiedenem Gehalt an 
Thon; bei 

145 Fuss traf man schwarzen Thon, welcher so bindend war, 
dass das Rohr nur durch Rammen weiter getrieben werden 
konnte. Derselbe hielt bis 

168| Fuss an, wo man auf fliessenden Sand stiess. Bei 163 Fuss 
war ein grösseres Stück Bernstein von circa 2 Zoll Durch- 
messer gefördert worden. Der zuletzt getroffene Sand 
wurde in so grosser Menge in das Rohr geschwemmt, 
dass er mit den Schöpfapparaten nicht bewältigt werden 
konnte. Man versuchte daher durch verstärktes Rammen 
der Röhren die Schicht schneller zu durchsinken, indess 
widerstanden die Röhren dieser stärkern Gewalt nicht 
hinreichend, sondern wurden zertrümmert, so dass die 
Arbeit bei 

192 Fuss Gesammttiefe , von der Oberkante des Brunnens ge- 
rechnet, aufgegeben werden musste. 
Auch in der Oberstadt ist durch Bohrungen auf Wasser- 
gewinn gearbeitet worden. Die wichtigste derselben ist die bis 
jetzt noch nicht zu Ende geführte, am Eingange der Neustadt in 
der grünen Schanz -Strasse belegene. Das Niveau der Strasse 
fängt hier bereits an sich dem Oderthaie zu zu senken, und 
wird etwa 70 Fuss betragen; das obere Material besteht zum 
Theil aus der Ausfüllung eines früherenjFestungsgrabens, dessen 
Ende noch jetzt den weiter abwärts gelegenen Schützengarten 
bildet. Die Arbeit wurde im Jahre 1861 begonnen, indem man 
einen gewöhnlichen Brunnenkessel bis auf 60 Fuss tief senkte, 
bis zu welcher Tiefe nur entschiedene Diluvialglieder getroffen 
wurden. Von hier ab bekam das geförderte Material ein etwas 
zweifelhaftes Gepräge, indem dem Sande mit Geschieben sich 
reichlich Thon beimischte. Darauf traf man festeren blauen Thon, 
der aber so wasserhaltig war, dass die Arbeit in der bisherigen 
Weise nicht fortgesetzt werden konnte. Inzwischen wurde aus 
diesem Thone ein wohlerhaltenes Exemplar von Fusus multi- 



438 



sulcatus gefördert, was um so überraschender war, als die Thone 
so selten gut erhaltene Conchylien führen. Es wurden nun 
Röhren eingetrieben, und der Thon bei circa 30 Fuss Mächtig- 
keit und 100 Fuss Gesammttiefe durchsunken. Jetzt folgte ein 
weisser schwimmender Glimmersand mit geringem Thongehalt. 
Der Sand ist weissgrau, von feinem sehr gleichmässigem Korne 
und reich an sehr kleinen Glimmerblättchen und Kohlenbrocken; 
die Mächtigkeit beträgt 95 Fuss. Bei einer Gesammttiefe des 
Bohrloches von 195 Fuss wurde auch dieser Sand durchsunken, 
und man traf nun wieder einen sehr festen, durchaus sandfreien, 
dunkeln Thon von 8 Fuss Mächtigkeit, worauf wieder ein dem 
vorigen ähnlicher Sand getroffen wurde. Gegenwärtig ist die 
Tiefe der ganzen Bohrung bis auf 240 Fuss gelangt, und eine 
den letzterwähnten Sand unterlagernde dunkle Thonschicht bei 
8 Fuss Mächtigkeit noch nicht durchsunken. Den hier bestehen- 
den Lagerungsverhältnissen gemäss ist ein nutzbares Brunnen- 
wasser wohl jetzt nicht mehr zu treffen, indess ist die Fortsetzung 
der Bohrung im geognostischen Interesse immer noch wünschens- 
werth. 

Bevor ich zu den Resultaten zweier Bohrungen auf der 
Lastadie übergehe, scheint es mir für die Beurtheilung der 
Schichten des Stettiner Grund und Bodens noch nöthig, zweier 
Quellen zu gedenken, welche in unmittelbarster Nähe der Stadt, 
zwischen dieser und den Vorstädten früher frei zu Tage traten. 
Die erste, südlich der Stadt, zwischen derselben und der Ober- 
wyk gelegen, den älteren Bewohnern Stettins unter dem Namen 
der „Silberquelle" bekannt, sprudelte wenige Schritte vom Oder- 
ufer entfernt, und höchstens 2 Fuss über dem mittleren Wasser- 
stande aus diluvialem Sande hervor, und lieferte, ungeachtet sie 
aus einem nur 20 Schritt davon etwas höher gelegenen moori- 
gen Tümpel entsprang, durch die im diluvialen Sande erfolgende 
Sinterung ein krystallreines, aus weiteren Entfernungen gesuch- 
tes Trinkwasser. Bei der Anlage des Bahnhofes wurde die Er- 
höhung des ganzen Terrains nothwendig, und die Quelle erhielt 
eine gewöhnliche Brunnenfassung neben dem Perron des Bahn- 
hofes. Die zweite Quelle liegt am nördlichen Ende der Stadt 
noch in den Festungswerken, wenig entfernt von der daselbst 
erbauten Frauenthor-Kaserne. Auch sie lag wenige Schritte von 
der Oder und ebenfalls kaum 2 Fuss über dem mittleren Oder- 
strande. Bei der Anlage des neuen Dampfschiff-Bollwerks musste 



439 



sie ebenfalls eine Brunnenfasswng erhalten. Die Gleichheit der 
Lage beider Quellen zum Oderpegel, und die Uebereinstimmung 
derselben mit der Wassersohle fast aller Brunnen der Ober- und 
Mittelstadt macht es fast zur unzweifelhaften Gewissheit, dass 
diese Quellen die Lage der Wasserader der Stadt Stettin und 
zugleich die Lage der diese tragenden Thonschicht andeuten. 

Von den Bohrungen auf der Lastadie ist die wichtigste 
diejenige, welche auf dem Hofe der alten Pommerschen Provin- 
zial-Zuckersiederei im Jahre 1857 unternommen wurde, da die 
niedrige Lage des Ortes die Hoffnung erweckt hatte, bei hinrei- 
chender Tiefe vielleicht sogar laufendes Wasser zu erzielen. Da 
diese Arbeit einen geraumen Zeitaufwand in Anspruch nahm, 
und mir durch die Freundlichkeit der Direktion die Beobachtung 
derselben gestattet wurde, so habe ich sie nicht allein persönlich 
verfolgt, sondern auch von allen Schichten Proben erhalten. Man 
erbohrte 

13| Fuss aufgefüllten Boden, 

4 Fuss Torf, 
11 Fuss Schliek, 

4 Fuss feinen Triebsand, 
42j Fuss feinen Mauersand, in welchem sich bei 70 Fuss Tiefe 
einige Braunkohlenbrocken fanden, 

6 Fuss groben Sand, 

4 Fuss Triebsand, 

2 Fuss feinen Mauersand, 
6 Fuss feinen Triebsand, 
31 Fuss Mauersand, in den tiefern Lagern wieder mit einigen 
Braunkohlenstücken, 

1 Fuss groben Sand, 

2 Fuss Mauersand mit kleinen Geschieben und Braunkohlen- 

stückchen, 

5 Fuss Mauersand mit grösseren Geschieben, 
2 Fuss groben Sand mit Geschieben, 

5 Fuss Mauersand mit Steinen und Braunkohlenstückchen. 
Bei der jetzt erreichten Tiefe von 140 Fuss stiess das Bohr- 
zeug auf ein härteres Gestein , welches mit dem angewendeten 
Seilbohrer ebenso wenig durchdrungen werden konnte, als es auch 
nur gelang, Stücke davon abzuarbeiten, und empor zu bringen, 
und dadurch die Natur desselben zu ermitteln. Die Arbeit wurde 
daher aufgegeben; indess höre ich, dass die Direktion der Sie- 



440 



derei im Hinblick auf die grossen Vortheile , welche ein gutes 
Wasser dem Etablissement gewähren würde, gesonnen ist, zu 
gelegener Zeit einen nochmaligen Bohrversuch zu unternehmen. 
Die in den verschiedenen Tiefen erbohrten Sande gehören sämmt- 
lich dem Diluvium an, sind mehr oder weniger reich an rothen 
Feldspathbrocken , und die darin enthaltenen kleinen Geschiebe 
gehören theils der Kreide theils den älteren Kalken an. Aus 
einem der letzteren Stücke gelang es mir sogar gut erhaltene 
Exemplare von Agnostus pisiformis zu gewinnen. 

Schon einige Jahre früher war für Rechnung der Stadt auf 
dem Hofe des Gertrud-Stiftes eine Bohrung unternommen. Sie 
wurde bis auf 120 Fuss Tiefe geführt, und es wurden im Allge- 
meinen die gleichen Schichten durchsunken. Das durch die Röhre 
emporgestiegene Wasser ist sehr weich , lässt aber bei längerem 
Stehen unter Verdunstung der Kohlensäure ein nicht unbedeu- 
tendes Sediment von kohlensaurem Eisen fallen, welches mögli- 
cher Weise von einem Infusorienlager herrühren mag. Wegen 
des Eisengehaltes ist dieses Wasser zu wirthschaftlichen Zwecken 
durchaus unbrauchbar, und besteht wahrscheinlich nur aus dem 
Grundwasser des Oderthaies. 

Nächst diesen Ergebnissen der Untersuchung der älteren 
städtischen Brünnen dürfte noch mit wenigen Worten der Be- 
bauung der Neustadt zu gedenken sein. Die neuen Häuser, wel- 
che in dem Hauptgraben erbaut wurden, gingen zwar mit ihren 
Fundamentirungen noch um einige Fuss in die Grabensohle hinab, 
woselbst wieder blauer mit diluvialem Sand gemischter Thon ge- 
troffen wurde; da indess die nachträgliche Aufschüttung bis zum 
neuen Strassenniveau eine genügende Sicherheit für die Dauer- 
haftigkeit gewährte, so wurde eine tiefere Fundamentirung nicht 
erforderlich. Einige Häuser, welche auf alten Ausfüllungen frü- 
herer Gräben erbaut wurden, wurden auf Senkbrunnen funda- 
mentirt, die jedoch das Diluvium bei Weitem nicht durchdrangen. 
Die hier angelegten öffentlichen Brunnen unterscheiden sich in 
Bezug auf die geognostischen Verhältnisse in nichts von den 
Brunnen der Altstadt; jedoch erfahre ich, dass in einigen Privat- 
Grundstücken Brunnen in geringer Tiefe erbaut sein sollen, die 
jedoch einen dauernden Wasserstand nicht gewährt haben, son- 
dern später wieder versiegt sind, so dass man genöthigt gewesen 
ist, sie bis auf die gewöhnliche Tiefe fortzuführen. 

Diese für die Stadt Stettin in engerer Beziehung speciell 



441 



ermittelten geognostischen Verhältnisse bleiben nun noch die glei- 
chen für einen weiteren Bezirk ausserhalb derselben. Zunächst 
gehört hierzu die ganze Umgegend der Stadt bis zur Galgwiese 
südlich und bis zur grünen Wiese nördlich derselben; dann aber 
bieten auch die jenseits dieser Niederungen ansteigenden Höhen 
durchaus den Charakter diluvialer Ablagerungen dar. Im süd- 
lichen Ufer der Galgwiese zeigt die dort gelegene und bereits 
mehrfach erwähnte ZiMMERMANN'sche Sandgrube alle Glieder des 
Diluviums, und im nördlichen Ufer der grünen Wiese findet 
sich dasselbe Verhältniss in den Höhen bei Arthursberg, Bre- 
dow, der Umgegend von Züllchow, überall in den zerrissenen 
Aeckern nach der Seite von Stettin hin stärkere Diluvialablage- 
rungen tragend. Diese Ablagerungen, in dem südlich von der 
Stadt belegenen Kosackenberge bis zu einer Höhe von 150 Fuss 
ansteigend, setzen sich in einen flachen Höhenzug fort, welcher 
von dem ebengenannten Berge aus die Stadt gürtelförmig um- 
giebt, und sich weiter nach Nordwesten mit dem „deutschen 
i Berge" vereinigt, dann aber durch allmäliges Ansteigen in die 
Höhen von Brunn übergeht, mit denen, wie ich in meinem ersten 
Artikel gezeigt habe, die westliche und nordwestliche Grenze des 
südlichen Theils des Stettiner Reviers geschlossen wird. Zwi- 
schen dem die Stadt umgebenden Gürtel und dieser selbst zieht 
sich die Niederung der Galgwiese westlich vom Fmrt Preussen 
nach Nordwesten fort, und wird, nachdem sie die Vorstadt Tor- 
ney zum Theil passirt hat, weiterhin durch einen flachen Sattel 
in der Gegend der Lübschen Mühle mit der Niederung der grü- 
nen Wiese in Verbindung gesetzt. Solchergestalt liegt also die 
Stadt Stettin auf einer durch eine Niederung inselartig ausge- 
schiedenen Diluvialscholle; vergleicht man aber diese letztere mit 
dem weiter fortgesetzten Diluvium, so finden sich wesentliche 
Unterschiede zwischen ihnen. Während nämlich weiterhin das 
Diluvium nur erst mit dem Niveau der im südlichen Theile des 
Reviers gelegenen Dörfer, d. h. mit 70 bis 80 Fuss über dem Oder- 
pegel, beginnt, reicht dasselbe in der Stettiner Scholle bis auf den 
Oderspiegel selbst herab; und in den nördlich von der Stadt 
gelegenen Höhen deckt es die weit höher emporsteigenden Ter- 
tiärglieder nur kuppenartig oder in abgeschwemmten Vorländern. 
Da nun die Niederung, welche schliesslich in der grünen Wiese 
ausläuft, sich weiterhin durch den Sandsee, Glambeck-, Polchower-, 
Ahlbeck-, Neuendorfer See, welche sämmtlich durch wiesige oder 

Zeits. d. d. gcol. Ges. XV. 2. 29 



442 



moorige Niederungen mit einander in Verbindung stehen , bis 
nach Neuwarp verfolgen lässt, so folgt hieraus, dass hier in alten 
Zeiten ein Arm der Oder verlaufen sei, der später durch Ver- 
sandung geschlossen worden ^ ist. Indem nun aber weiterhin in 
diesem jetzt geschlossenen Arm sich zwischen dem südlichen und 
nördlichen Theile eine Wasserscheide bildete, welche durch die 
von dem nördlichen Plateau herabströmenden Bäche nach der 
südlichen Seite her eine grössere Bildungsfähigkeit erhielt, ent- 
stand die Scholle zwischen den beiden Ufern dieses Odeiarms, 
welche jetzt die Stadt Stettin trägt, und welche man einer Delta- 
bildung an die Seite stellen kann, mit der Rücksicht jedoch, dass 
die Bildung, durch besondere Lokalverhältnisse bedingt, hier an 
der ursprünglichen Einmündungssteile des Flussarmes von Statten 
ging, anstatt sie sich in den gewöhnlichen Fällen an den natür- 
lichen Ausmündungen der Flüsse zeigt. 

Um über die Gesammtbildung der hiesigen Gegend ein Ur- 
theil bilden zu können, scheint es mir nothwendig, auch der 
Ermittelungen zu gedenken, welche in neuester Zeit auf dem 
rechten Ufer der Oder haben angestellt werden können, obgleich 
diese noch bis jetzt zu einem Abschluss nicht gelangt sind. 

Das rechte Ufer der Oder begleitet das linke von Schwedt 
ab' nordwärts in ziemlich paralleler Richtung, und nähert sich 
demselben etwas stärker bei Klütz, wo die Erhebung mit 206 Fuss 
dem Höhenpunkte der Hohenzahdener Mühle, dem sie gegenüber 
liegt, fast gleich ist. Von hier ab verbreitert sich das Oderthal 
durch allmäliges Zurücktreten des rechten Ufers um ein Geringes 
bis Finkenwalde, von wo ab eine plötzliche Wendung des Höhen- 
zuges nach Nordosten den Blick auf eine weitere Ebene eröffnet, 
in welcher mehr östlich in der Richtung auf Stargard und Mas- 
sow das grosse Carolinenhorster Torfmoor, dagegen mehr dem 
westlichen Rande genähert der Dammsche See mit seinen weiteren 
wasserreichen Ausbuchtungen, welche nach und nach zahlreiche 
Nebenflüsse des eigentlichen Oderstromes in sich aufnehmen, ge- 
legen ist. Die Uferränder dieses östlichen Landes sind im All- 
gemeinen etwas verflachter oder sanfter zum Thal abfallend als 
die des westlichen, nehmen jedoch besonders von Klütz ab bis 
Finkenwalde eine weit • zerrissenere Gestalt an. Hier sind die 
Kuppen und Thäler fast ausgesprochener als auf dem westlichen 
Uferrande, und selbst die schroffsten zerrissensten Punkte von 
Züllchow, Stolzenhagen und Schollwin finden in den Königlichen 



443 



I Forstrevieren von Klütz, Sydowsaue und Holtendorf ihre Aequi- 
j valente. Zugleich ist in den letztgenannten Revieren, in welchen 
der wundergleiche Buchwald in seiner Schönheit möglichst erhal- 
jl ten wird, die Erddecke grossentheils noch in einem jungfräulichen 
I | Zustande, so dass Zerrissenheiten derselben und Entblössungen 
, , des Innern äusserst selten sind. Dagegen zeigen sich die oberen 
Glieder der Tertiärfbrmation , und namentlich der Septarienthon 
sehr bald unter der Oberfläche, so bald diese eröffnet wird, wie 
z. B. vor einigen Jahren, wo das Hökendorfer Försterhaus einem 
Neubau unterzogen wurde. Nur in den unmittelbaren Gehängen 
? , des östlichen Ufers, welche theilweise durch eine leicht bewegliche 
] Diluvialdecke abgeflachter werden und ein aus diluvialem Sande 
j { gebildetes Vorland zeigen, hat die Industrie Versuche gemacht, 
durch Erforschung und Ausbeutung des Erdinnern sich Erwerbs- 
quellen zu eröffnen. Es ist hier zunächst der Kohlengrube 
„Gottes Gnade" zu gedenken, welche südlich von dem Dorfe 
r , Podjuch gelegen, seit etwa 10 Jahren bearbeitet wird. Nachdem 
Jj man eine durch Regengüsse blosgelegte Kohle verfolgt, und meh-. 
^ ( rere wechselnde Schichten von Sand, Letten und schwachen Koh- 
lenlagen durchsunken hatte, traf man auf ein Kohlenflötz von 
i { j 23 Fuss 10 Zoll Mächtigkeit. Die Kohle lagert zwischen 60 und 
k 90 Fuss Teufe, und wird von einem dunkeln Sande unterlagert, 
g , welcher bei 130 Fuss Gesammtteufe noch nicht durchsunken ist. 
I , In diesem Sande wurde unter Anderem der Zahn eines grösseren 
j I Säugethiers gefunden, welcher nach Herrn Professor Burmeister's 
I . Meinung einer Species des Genus „Sus" angehört. Die in dieser 
. Grube gefundene Kohle ist von vortrefflicher Beschaffenheit, und 
( mehrfach hier in Gebrauch gezogen worden, indess ist die För- 
j derung bis jetzt noch so kostspielig gewesen, dass die Concurrenz 
D j mit der englichen Steinkohle schwer ist. Was das Lagerungs- 
D ( verhältniss betrifft, so ist dasselbe noch nicht sicher festgestellt; 
e t so weit die Untersuchungen jedoch bis jetzt gehen, ist das Ein- 
ä fallen so stark (nach v. d. Borne's Angabe 45 Grad südöstlich), 
r , dass das Flötz von den Bergbeamten als ein Kopfflötz angesehen 
£ i wird, und dass mithin die Verfolgung und der Abbau in grösserer 
j 3 { Tiefe nicht würde erfolgreich betrieben werden können , da bei 
• e , grösserer Tiefe sowohl die Kosten überhaupt zu hoch steigen 
, würden , als auch überhaupt das Eindringen von Grundwasser 
, den Fortbau vielleicht ganz unmöglich machen .würde. Das Quan- 
s , tum der des Abbaus fähigen Kohle wird auf etwa 400000 Ton- 

29* 



444 



nen geschätzt. In geringer Entfernung von dieser Grube, noch Ii 

tiefer am Abhänge des Ufers ist durch einen versuchsweise an- c 

gestellten Tagebau der Septarienthon in bedeutender Mächtigkeit tu 

und, wie es ans einer darauf liegenden Schicht tertiären Kieses In 

aus milch weissem Quarz vermuthet werden muss, in wagerechter m 
Lagerung blosgelegt. 

Schon früher, ehe noch die Kohle der genannten Grube D 
aufgeschlossen war, waren von einem andern Unternehmer (Thie- 
me) in dem hinter dem Dorfe Finkenwalde gelegenen Abhänge 
Versuchsbauten unternommen worden. Die Lagerung der Thone 
und die Bloslegung einer etwa 1 Fuss mächtigen Kohlenschicht 
in dem grossen Ausstich, aus welchem die Dammschüttung der 
Stettin-Stargarder Eisenbahn bewirkt wurde, hatten hierzu ermu- 
thigt. Nachdem in ziemlicher Höhe am Berge Bohrlöcher ein- 
gestossen worden waren, wurde ein Schacht niedergetrieben, und 
eine mulmige, noch mit Sand gemischte Kohle gefördert, welche 
an der Luft sehr bald zerfiel, und dadurch an Werth verlor. 
Diese Arbeiten wurden jedoch nicht mit Nachdruck betrieben, 

da die Rentabilität den obwaltenden Verhältnissen gemäss mehr p 

als zweifelhaft blieb. Gegenwärtig sind diese Arbeiten jedoch n 

von einer andern Gesellschaft wie dermit Lebhaftigkeit aufge- 2 

nommen worden; indem, diese am südlichen Ende des Dorfes q 

Finkenwalde eine bedeutende Cement- Fabrik -Anlage begründet n 

hat, und eine einigermaassen brauchbare Kohle in ihrem eigenen l 

Gebrauche würde verwerthen können. Diese erneuten Versuchs- t 

bauten haben nun in verschiedenen Kuppen des sehr zerrissenen j 

Terrains eine Kohle erschürft und zum Theil gefördert, welche j 

der eben erwähnten sehr ähnlich ist. Sie ist nämlich ebenfalls ; 

leicht zerfallend, mulmig, nicht ganz rein, und verliert durch a 

Trockenwerdung. Die Lagerungsverhältnisse sind nicht über- B 

einstimmend in den einzelnen Nestern, ja es lassen sich eigentlich a 
genaue Ermittelungen der Lagerung nicht anstellen, da die Kohle 

schon unter der Erde in sich zertrümmert, verworfen, kurz in „ 

durchaus vielfach gestörter Lagerung getroffen wird , und es , 

unterliegt wohl keinem Zweifel, dass diese einzelnen Nester bloss j 

aus grossen Geschieben zerbrochener Flötze bestehen. Ueber- f 

sehen darf hierbei nicht werden, dass alle diese Nester im Dilu- ( 

vium liegen. Ganz abweichend von diesen verworrenen Verhält- ä 

nissen gestaltet sich nun aber die Sache in weiterer Entfernung ( 

von dem Oderufer östlich landeinwärts. Nachdem die Landschaft ( 



445 



hier eine mehr ebene Verflachung angenommen hat, sind auch 
die unterirdischen Verhältnisse zu einer regelmässigeren Gestal- 
tung gelangt, und so ist es denn bei dem Dorfe Mühlenbeck ge- 
■ lungen eine Kohle aufzufinden, deren auch v. d. Borne erwähnt, 
und welche in durchaus regelmässiger Lagerung zu geognosti- 
schen Untersuchungen mit einiger Sicherheit benutzt werden kann. 
Den verschiedenen Bohrungen zufolge lagern hier: 

grauer Sand 1 bis 2 Fuss, 

Formsand mit Kohlenspuren 1 Fuss, 

Kohle 1 Zoll, 

Kohlengebirge mit Glimmer 3 Fuss, 

weissgrauer Formsand mit Glimmer 6 Fuss, 

brauner Thon mit Glimmer 17 Fuss, 

Kohle 2 Fuss 5 Zoll, 

weisser Formsand 4 Fuss, 

brauner Thon mit Glimmer 6 Fuss, 

Kohle 13 bis 16 Fuss. 

Die aus dem letzten Flötz geförderte Kohle ist fest, knor- 
pelig, enthält viel bituminöses Holz, trotzt der Witterung, ist 
nach allen Richtungen hin den besten Braunkohlen an die Seite 
zu stellen. Den bisher angestellten Untersuchungen zufolge liegt 
das Flötz beinahe wagerecht, soll jedoch ein schwaches Einfallen 
nach Südosten bemerken lassen. Die Streichungslinie ist h. 6. 
Zwischen diesem Revier und den Gehängen der Oder sind an 
verschiedenen Stellen einzelne Bohrungen vorgenommen worden, 
hin denen auch Kohle gefunden worden ist, jedoch lässt sich 
darüber nur soviel feststellen, dass die Verhältnisse je mehr man 
sich dem Oderufer nähert, um so unregelmässiger und verworre- 
ner werden; indess dürfte die Zusammengehörigkeit jener einzel- 
nen Nester in den Gehängen des Oderufers mit den weiterhin 
gefundenen regelmässigen Flötzen nicht zu bezweifeln sein. 

Die im Interesse der vorhin erwähnten neuen Cement-Fabrik 
unternommenen Erdbauten haben nun auch über die hier nicht 
weit entfernt lagernde Kreide einigen Aufschluss gegeben , den 
ich, so wenig erschöpfend er auch noch ist, an dieser Stelle nicht 
übergehen darf, da er zum Verständniss unserer Gegend im 
Ganzen mitwirkend ist. Der Kreide in der sogenannten Wolfs- 
schlucht bei Finkenwalde ist schon früher von Gumprecht, 
Geinitz, v. d. Borne Erwähnung geschehen. Neuerlichst ist 
dieselbe auch in dem Bergabhange gegenüber der neuen Cement- 



446 



Fabrik blossgelegt worden. Sie lagert hier ganz in diluvialem 
Sande, und giebt, indem sie sich nach der Ebene zu zungenför- 
mig abrundet, ganz das Bild einer früher dickflüssigen, eine ge- 
neigte Ebene langsam herabgeglittenen Masse, ähnlich wie man 
am Fusse der Vulkane die einzelnen erstarrten Lavaströme zu 
unterscheiden vermag. Versteinerungen sind in dieser Kreide 
ebenso wenig wie in der aus der Wolfsschlucht gefunden wor- 
den, und ebenso ist sie frei von Feuersteinen. Bei der Verwen- 
dung zur Cement-Fabrikation wird sie im Tagebau benutzt wer- 
den. Erheblich höher als diese Kreide tritt in der Mitte des 
Abhanges Septarienthon zu Tage, der hier einem wasserreichen 
Quell den Ursprung giebt. 

Zwischen diesem Ausgehen der Kreide und der Wolfs- 
schlucht zeigt sich dieselbe nun noch in einem tiefen Loche, wel- 
ches, früher mit schönem Baumwuchs bestanden, den romanti- 
schen Namen ,, Herthasee" führt. Das Loch hat in seiner Tiefe 
noch jetzt Wasser, jedoch durchaus ohne Zu- und Abfluss, und 
gegen die Oder hin einen schmalen schluchtartigen Zugang. Die 
Kreide liegt hier ebenfalls in der Tiefe bloss, die Wände werden 
vom Diluvium gebildet, dem grosse zertrümmerte und verworfene 
Septarien blocke eingebettet sind, und das Ganze gewährt das 
Bild einer künstlichen Anlage. Wahrscheinlich ist hier in frü- 
herer Zeit ebenso wie in der Wolfsschlucht durch Tagebau auf 
die Gewinnung der Kreide zu Kalkmörtel gearbeitet worden. 



Aus den im Vorhergehenden niedergelegten Ermittelungen 
lassen sich nun bei unbefangener Betrachtung folgende Resultate 
zusammenstellen : 

1. Die gegenwärtig die Gehänge des linken Oderufers im 
Stettiner Tertiär-Revier bildenden Bergkuppen nebst den dazwi- 
schen gelegenen Thälern , Schluchten , Bachgerinnen gewähren 
zwar ein reiches Material für das Studium der Formation über- 
haupt in petrographischer und paläontologischer Beziehung; da- 
gegen gewähren sie für die Erkenntniss der Lagerungsverhältnisse 
im Grossen keinen sicheren Anhalt, da die Neigungswinkel in 
ihnen wegen der vielfachen Verwerfungen nicht mit derjenigen 
Sicherheit festgestellt werden können, um schon hieraus eine 
Ueberein Stimmung im Grossen abzuleiten. Nur an einer einzigen 
Stelle im Bache von Schollwin Hess sich an einer Wand, welche 



447 



mit Grund als nicht verworfen angesehen werden kann, eine be- 
stimmte Streichungslinie (h. A\ bis 5) erkennen. Erst in der 
Tiefe des Nullpunktes der Oder scheinen dunkelgefärbte Thone, 
welche längs des ganzen Ufers in petrographischer Beziehung 
mit einander übereinstimmen, durch ihre fast wagerechte Lage- 
rung eine grössere Sicherheit zu gewähren, doch steht auch diese 
Annahme noch nicht positiv fest, und es müssen auch hierüber 
die weiter fortgesetzten Untersuchungen Aufklärung verschaffen. 

2. In weiterer Entfernung von den Gehängen des Oder- 
ufers werden die Verhältnisse etwas geregelter; das ganze Ter- 
rain senkt sich gegen das Randowthal, die Tertiärschichten ver- 
bergen sich tiefer unter einem stärker entwickelten Diluvium, 
und hieraus wird ein allgemeines Einfallen der Schichten nach 
Westen (resp. Nordwesten) deutlicher, welches durch die Ueber- 
einstimmung mit dem vorher erwähnten Streichen der Schichten 
der ganzen Beurtheilung der Lagerung eine grössere Sicherheit 
verleiht. 

3. Auf dem rechten Ufer ist die Zerrissenheit der Gehänge 
fast noch grösser als auf dem linken, die Thäler sind mannig- 
faltiger, die Kuppen kleiner, steiler, abgerundeter, aber zugleich 
die Ufer abgeschwemmter, verflachter. Die Neigungswinkel sind 
eben so unsicher wie in denen des linken Ufers, und das Da- 
zwischentreten der Kreide erschwert die Untersuchung und Fest- 
stellung der Lagerungsverhältnisse noch mehr. Auch hier ist 
ein sicherer Anhaltspunkt erst in grösserer Entfernung vom Oder- 
bette zu gewinnen, wo dann die Neigung der Schichten sich mit 
etwas grösserer Sicherheit gegen Osten (resp. Südosten) ihr 
Streichen nach Nordosten (h. 6) nachweisen Lässt. (cf. von dem 
Borke Ii c.) 

4. Vergleicht man die Schichten beider Ufer der Oder in 
Bezug auf ihr gegenseitiges Niveauverhältniss , so gehören die- 
jenigen des rechten Ufers den tieferen Gliedern, diejenigen des 
linken den oberen an, denn in ersteren ist die Braunkohle nicht 
allein in einzelnen Nestern vorhanden, sondern diese Nester ver- 
einigen sich weiter nach Osten hin zu zusammenhängenden, 
regelmässig gelagerten Flötzen. Ein gleiches , oder auch nur 
ähnliches Verhältniss auch auf dem linken Ufer nachzuweisen, 
ist nicht möglich , vielmehr werden die hier offen zu Tage lie- 
genden oberen Schichten (der Septarienthon und die Sande) ge- 
gen Westen hin undeutlicher, verbergen sich nach und nach tiefer 



448 



herabsinkend unter dem verflachten Diluvium, und treten nur an 
dem nördlichen und östlichen Theile des Reviers in bedeutendster 
und höchster Entwickelung hervor. Braunkohle ist hier nur erst 
in dem südlichsten Höhenzuge von Zahden, und auch hier nur 
unter Verhältnissen gefunden worden, welche auf eine secundäre 
Lagerung schliessen lassen. 

5. Das zwischen den beiden hohen Ufern gelegene Bette der 
Oder besteht, soweit die tiefsten Bohrungen es nachzuweisen 
vermögen, ausschliesslich aus diluvialen und alluvialen Gebilden, 
und die Verbindung dieses mächtigen Diluviums mit denjenigen 
Diluvialschichten, welche die abgeschwemmten Uferränder be- 
decken , wird durch einen jähen Absturz unterbrochen. Verwa- 
schungen, Abspülungen zeigen sich nur da, wo in den Uferrän- 
dern selbst das Diluvium mit den weicheren Gliedern der For- 
mation in Verbindung tritt, und hier sind Bergschlipfe, Abrut- 
schungen, Verwerfungen, selbst verkehrte Lagerungen überall 
anzutreffen. Die Ausfüllung des Oderthaies mit massenhaften 
diluvialen Bestandtheilen giebt den Beweis, dass dasselbe bereits 
vor der Ablagerung des Diluviums bestanden habe. 

6. Was die einzelnen Glieder der Tertiärformation in pe- 
trographischer Hinsicht betrifft, so geben sowohl die eigentlichen 
Lagerungsverhältnisse der vielfach besprochenen Kugeln, Knollen 
oder Bomben, wie man sie nennen kann, sowie die chemische 
Analyse derselben den Beweis, dass ihr gegenwärtiger Aggregat- 
zustand nur durch Zersetzung aus einem harten (silbergrauen) 
Sandsteine vermittelst der .Einwirkung der Atmosphärilien her- 
vorgegangen sein kann; denn die mechanische und chemische 
Behandlung dieser Gebilde lehrt uns eine Auflösbarkeit der 
härtesten wie der weichsten derselben durch die gleichen Rea- 
gentien, und die Zurückführung auf einen weissen glimmerhalti- 
gen Formsand, als dessen Bindemittel im Allgemeinen Eisenoxyd 
anzusehen ist. In den Thonen finden wir bereits die Produkte 
abgeschlossener chemischer Prozesse, deren Gang zu verfolgen 
wir im Stande sind; (zersetzte Schwefelkiese und Gyps, hervor- 
gegangen aus der Verbindung der Kalke organischen Ursprungs 
mit der aus den zersetzten Schwefelkiesen entstandenen Schwefel- 
säure). 



449 



Schlussbemerkungen. 

In den vorstehenden Mittheilungen habe ich versucht, die 
von mir weiter fortgeführten Untersuchungen der Stettiner For- 
mation zu einer vervollständigteren Kenntniss zu bringen. Bei 
Einsammlung der Thatsachen, welche hierauf Bezug haben, bin 
ich, wie in den früheren Untersuchungen, nach Möglichkeit be- 
strebt gewesen das Gefundene mit durchaus unbefangenem, durch 
keine vorgefasste Meiuung gefesselten Sinn aufzufassen, und aus 
der Natur heraus, nicht in sie hinein zu lesen. Demnach glaube 
ich die Richtigkeit der von mir beobachteten, und hier niederge- 
legten Thatsachen verbürgen zu können. Wo ich aus fremden 
Quellen zu schöpfen genöthigt war, kann ich freilich eine gleiche 
Bürgschaft nicht übernehmen ; da ich jedoch auch hier mit Vorsicht 
zu Werke gegangen bin, so werden wesentliche Irrthümer nicht 
vorgekommen sein. Zu den Ergebnissen dieser wiederholten und 
weiter geführten Untersuchungen gehört nun aber auch die Er- 
mässigung und selbst die Zurücknahme einzelner früherer Schluss- 
folgerungen über die Bedeutung und Bildung unserer Gegend 
überhaupt, gleichwie ihrer einzelnen Glieder, und bevor ich dazu 
schreite aus der Gesammtheit aller bis jetzt kund gewordenen 
Thatsachen Schlüsse zu ziehen, ist es nothwendig eine frühere 
als erwiesen betrachtete Ansicht einer erneuerten Beleuchtung zu 
unterwerfen. Es ist dies die Annahme, dass die Tertiärschichten 
des linken Oderufers im Allgemeinen ein Einfallen nach Norden 
zeigten. Sie gründete sich darauf, dass in dem Höhenzuge von 
Hohen-Zahden Braunkohle als den älteren und tieferen Schichten 
angehöriges Gebilde erschürft war, wogegen im Norden des Re- 
viers die jüngeren Glieder, der Septarienthon und die Sande, zu 
Tage lagen. Wäre diese Annahme richtig, so müsste nicht allein 
in dem Becken zwischen dem genannten Höhenzuge und Stettin 
Kohle gefunden werden, da die Thone, welche bei Zahden die 
Kohle umschliessen, sich durch die ganze Ebene fortziehen, son- 
dern es müssten die tieferen und bedeutenderen Flötze mit ihren 
ausgehenden Köpfen in den Ländereien südlich des genannten 
I Höhenzuges bis zur Unzweifelhaftigkeit hervortreten. Dies ist 
aber nirgend der Fall, und man trifft hier im Gegentheil in der 
viel niedriger gelegenen, und dennoch vielfach von Thälern, Bä- 
chen u. s. w, durchschnittenen Ebene nur ein Diluvium an, wel- 
ches zum Theil eine bedeutende Mächtigkeit erlangt, und selbst 



450 



in weiterer Ferne vom genannten Höhenzuge bei angestellten 
Bohrungen, wie solche z. B. auf der Mescheriener Zuckersiederei 
vorgenommen worden sind, nicht einmal vollständig durchsunken 
worden ist, geschweige dass in demselben Kohlenspuren aufge- 
funden wären. Ebenso bieten die Schluchten im Schrei bei Garz, 
bei Geesow, in der Nähe der Berliner Chaussee, und selbst die 
Niederungen zwischen Tantow und Garz, welche der Salbey-Bach 
durchströmt, nirgend sicher erkennbare Spuren auch selbst der 
oberen Glieder der Tertiärformation dar, vielmehr werden sie alle 
nur von den Gliedern des Diluviums gebildet. Wäre endlich 
die frühere Ansicht begründet, so müssten bei der Mächtigkeit 
der einzelnen Schichten und der geringen geographischen Ent- 
fernung zwischen den einzelnen derselben die Neigungswinkel 
schon mit grösserer Sicherheit haben festgestellt werden können, 
als dies bis jetzt hat gelingen wollen. Zwar wurde bei der An- 
wesenheit des Herrn v. Dechen" bei einer anstehenden Sand- 
steinwand ein Einfallen der Schichten nach Nordwesten erkannt ; 
da jedoch diese Wand in einer Gegend steht, wo Verwerfungen 
zahlreich vorkommen, so kann das hier gefundene Lagemngs- 
verhältniss für sich allein nicht als beweisend angesehen werden, 
sondern gewinnt erst einigen Halt, insofern es mit andern Er- 
scheinungen nicht in Widerspruch steht. Aehnlich verhält es 
sich mit dem Auftreten der Kohle bei Zahden als Beweismittel 
für die Lagerungsverhältnisse. Sie zeigt sich hier durchaus lokal, 
ohne weder in dem Eisenbahndurchstich, noch in den zerrissenen 
Schluchten bei Nieder-Zahden mehr getroffen zu werden, und ein 
unmittelbar neben dem ersten Schurffelde gelegenes Feld (Ida) 
wurde von dem früheren Besitzer nach einigen Versuchsbohrun- 
gen sofort als unfruchtbar wieder aufgegeben. Die hier lagernde 
Kohle besteht daher unzweifelhaft lediglich aus einem in Thon 
eingebetteten Geschiebe, wie das rechte Ufer diese Erscheinung 
bei Finkenwalde, Podjuch und in der Hökendorfer Forst mehr- 
fach darbietet. Die frühere Ansicht über das Einfallen der Schich- 
ten auf dem linken Ufer der Oder kann daher in der Schärfe, 
wie sie früher aufgestellt war, nicht länger aufrecht erhalten 
werden, und es zeigt vielmehr die unbefangene Prüfung der wirk- 
lich nachweisbaren Erscheinungen, dass die Thone des südlichen 
Beckens zwischen dem Hohen -Zahdener Höhenzuge und Stettin 
im Verhältniss zur Oder keine höhere Lage haben als die Thone 
des nördlichen Plateaus, dass sie im Gegentheile niedriger als 



451 



diese liegen, da sie sich nur bis auf etwa 70 bis 80 Fuss erhe- 
ben , während sie nördlich noch in viel bedeutenderer Höhe an- 
getroffen werden. Auch dient das Hervortreten des gelben San- 
des in Verbindung mit dem Septarienthon am südlichen Abfall 
des Hohen -Zahdener Höhenzuges bei dem Vorwerke Wilhelms- 
höhe mehr zur Bestätigung dieses Lagerungsverhältnisses als 
zur Aufrechthaltung der früheren Ansicht. 

Sehen wir uns nun aber bei dieser Unhaltbarkeit der frü- 
heren Ansicht nach Material für die Aufstellung eines Lagerungs- 
verhältnisses um , so sind zunächst die vorher angegebenen Re- 
sultate der ganzen Untersuchungen soweit, sie für diesen Zweck 
benutzbar sind, ins Auge zu fassen. Ausser ihnen sind aber 
auch noch die in weiterer Ferne von Stettin sich darbietenden 
geognostischen Erscheinungen, sowohl in den älteren Formationen 
als auch in dem Auftreten der Tertiärgebilde, zu berücksichtigen. 
In ersterer Beziehung finden wir die Glieder der Kreide- und 
Juraformation im Norden gelegen, und sich hier in einer solchen 
Reihefolge aneinanderlagernd , dass ein allgemeines Verhältniss 
nach grösseren Dimensionen klar wird. Wir finden nämlich auf 
Rügen die obersten Glieder der weissen Kreide, im Golm bei 
Swinemünde und in den Lebbiner Bergen auf der Insel Wollin 
die tieferen Schichten der Kreide, welche sich bis in den Osten 
dieser Insel und noch auf der Insel Gristow zeigen; dann folgt 
im Westen des Kamminer Kreises bei Fritzow oberer Jura 
(Kimmeridge), nach Preüssner unter einer Streichungslinie von 
Nordosten nach Südwesten, mit Terebratula biplicata, vielen 
Nerinaeen, Astarte, Ammoniten aus der Gruppe der Planulaten; 
noch weiter östlich bei Nemitz unweit des Städtchens Gülzow 
und bei Kammin selbst brauner Jura mit Ammonites Parkinsoni, 
Amm. hecticus, Belemnites canaliculatus, Terebiatula rimosa. 
In der zweiten Beziehung, die entfernteren Erscheinungen der 
Tertiärglieder betreffend, fasse ich besonders das Auftreten der 
Braunkohle in der Gegend von Schwedt a. d. O. ins Auge. Hier 
tritt nach Herrn Plettner's Angabe ein anstehendes Kohlen- 
flötz bei dem Dorfe Flemsdorf auf, und es ist dies, soweit mir 
auch in neuester Zeit Nachrichten hierüber zugegangen sind, für 
den äussersten Norden des östlichen Deutschlands vielleicht das 
westlichste Auftreten derselben (?). Vergleicht man aber die 
geographische Lage dieses Fundortes mit dem rechten Oderufer 
unserer Gegend, so scheint die Streichungslinie mit den bei 



452 



Mühlenbeck und Schollwin gefundenen (h. 4~, 5 und 6), sowie 
mit den Gliedern des Pommerschen Jura übereinzustimmen, und 
in dieser Uebereinstimmung würde wieder ein wichtiger Unter- 
stützungsgrund für die Richtigkeit in Bezug auf die grösseren 
Raumverhältnisse gefunden werden müssen. Es würde sich hier- 
aus ein Streichen von Norden nach Süden mit einer massigen 
Abweichung nach Nordosten und Südwesten nach h. 4 bis 6 er- 
geben. Sofern aber die älteren Formationen von hier aus nach 
Norden hervortreten , würde ein Einfallen auch der jüngeren 
Schichten nach Süden annehmbar werden, wenn nicht die posi- 
tiven Ergebnisse der Flötze bei Mühlenbeck und Flemsdorf eine 
fast wagerechte Lagerung nachwiesen; es muss daher südlich des 
Haffs eine starke Biegung der oberen Formation angenommen 
werden^ wogegen ein schwaches Einfallen in westlicher Richtung 
unverkennbar ist. Mitten iu dieser so gelagerten Formation 
zwängt sich nun das Oderbett durch den am höchsten gelagerten 
Theil derselben in einer Weise, die einer Auswaschung durch 
die Strömung des Wassers geradezu widerspricht, denn die Tie- 
fen sind gerade da, wo sie durch die festesten Gesteine gebildet 
werden, am zerrissensten, die Gehänge am schroffsten, das Bett 
selbst ist tief und mit Diluvium erfüllt. Ich wage es daher, über 
die geologische Entwickelung der hiesigen Gegend eine Ansicht 
aufzustellen, welche ich zwar für jetzt selbst noch nicht als eine 
durch unangreifbare Thatsachen erwiesene ansehe, welche aber 
bei ruhiger unbefangener Prüfung des vorhandenen Materials 
eine Reihe von Gründen für sich hat, und, einmal ins Auge 
gefasst, alle über die hiesigen Verhältnisse noch obwaltenden 
Unklarheiten und Zweifel am ungezwungensten und naturge- 
mässesten aufklärt. Ich lege sie den Sachverständigen mit dem 
Wunsche vor, sie nach Lage der bisher ermittelten Thatsachen 
zu prüfen, und wenn sie als nicht annehmbar erkannt werden 
sollte, mit Gründen zu widerlegen, nicht aber sie ungeprüft zu 
verwerfen, weil sie vielleicht im ersten Anblick unwahrscheinlich, 
und den bestehenden Ansichten über die norddeutsche Diluvial- 
ebene zuwiderlaufend erscheint. Diese Ansicht lautet: 

Das Oderthal, so weit es in der von mir untersuchten 
Tertiärformation liegt, ist nicht wie die Betten der meisten' 
Flüsse der norddeutschen Ebene, eine diluviale Auswa- 
schung, sondern eine wahre Hebungsspalte, entstanden 
nach der Ablagerung der jüngeren Tertiärschichten, und 



453 



vor der Ablagerung des eigentlichen Diluviums, zeitlich 
also zusammenfallend mit der Erhebung der skandinavi- 
schen Gebirge. 

Die Richtigkeit dieser Ansicht angenommen, werden durch 
dieselbe nicht allein die Erscheinungen, welche die zerrissenen, 
zerbrochenen, in ihren Bruchstücken verworfenen Ufer des Oder- 
thales unmittelbar darbieten, vollständig erklärt, sondern es wer- 
den auch die entfernteren, in grösseren Dimensionen auftretenden 
Veränderungen der Bodenfläche erklärlich. In ersterer Beziehung 
hat z. B. die Erklärung der Ueberlagerung des wagerecht gela- 
gerten Diluvium« durch einen grossen allmälig zersetzten Tertiär- 
block, wie dies bei Scholl win getroffen wird, keine Schwierigkeit, 
aber auch das Auftreten des weissen Glimmersandes bei Neuen- 
dorf erklärt sich, wenn man ihn als ein zersetztes Geschiebe des 
gelben Stolzenhagener Tertiärsandes oder Sandsteins ansieht, denn 
nicht allein lässt sich der Sand schon durch blosse mechanische 
Behandlung von seinem Eisengehalte trennen , sondern auch die 
härtesten Sandsteine zerfallen unter der Behandlung mit Säuren 
und in beiden Fällen ist der Rückstand ein weisser glimmerhal- 
tiger Sand, welcher von jenem zu Tage liegenden in nichts zu 
unterscheiden ist. Eine ähnliche Bewandniss dürfte es mit dem 
gleichen Sande bei Zahden und an anderen Orten, wo derselbe 
rein lokal auftritt, haben. In Bezug auf die in grösseren Dimen- 
sionen auftretenden Erscheinungen ist vielleicht das ganze von 
Niederungen umgebene nördliche Plateau nur als ein inselartig 
vom Ganzen abgelöstes und etwas stärker gehobenes Bruchstück 
anzusehen, bei welchem stärker hervortretende Verwerfungen im 
Grossen nicht weiter vorgekommen sind, als die etwas stärkere 
Hebung in der unmittelbaren Nähe der Spalte selbst, und es 
würde durch solche Erklärung auch die Entstehung der ganzen 
Niederung, welche sich von Stettin aus durch die mehrfach er- 
wähnten Seen bis nach Neuwarp verfolgen lässt, anschaulich 
werden. In noch weiterer Ferne wird aber auch die allmälige 
Versandung des Randow-Thaies erklärlich. Dieses war ohne 
allen Zweifel das ursprüngliche Bett des hier ausmündenden 
Stromes, und es ist nicht einzusehen, wie dieser mächtige Strom 
plötzlich seinen Lauf mitten durch ein höher gelegenes Gebirge 
sollte hindurch geführt haben, wenn ihm nicht durch eine plötz- 
lich und gewaltsam aufgerissene Spalte im Gebirge die Bahn er- 
öffnet, und durch die Erhebung der Ufer zugleich das frühere 



454 



Bett abgesperrt worden wäre. Es ist endlich noch zu erwähnen, 
dass die beiden Inseln Usedom und Wollin schon mehrfach als 
Erzeugnisse lokaler Erhebung des Bodens angesehen worden 
sind; vielleicht dürfte dieselbe mit der hiesigen in Verbindung 
stehen. 

Um nicht in meinen Vermuthungen zu weit zu gehen, und 
um Wiederholungen, welche doch nicht ganz zu vermeiden wa- 
ren, nicht aufs Neue herbeizuziehen, breche ich hier ab, und 
übergebe die von mir aufgestellte Hypothese der Prüfung der 
Sachverständigen . 



Druck von J. F. Starcke iu Berlin. 



Zeitschrift 

der 

Deutschen geologischen Gesellschaft. 

3. Heft (Mai, Juni, Juli 1863). 



A. Verhandlungen der Gesellschaft. 

Ii Protokoll der Mai - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 6. Mai 1863. 
Vorsitzender: Herr G. Rose. 

Das Protokoll der April- Sitzung wird verlesen und ge- 
nehmigt. 

Der Gesellschaft ist als Mitglied beigetreten: 

Herr Dr. H. Vogel, Assistent des Königl. mineralogischen 
Museums der Universität zu Berlin, 

vorgeschlagen durch die Herren Beyrich, Roth, 
G. Rose. 

Für die Bibliothek sind eingegangen: 

A. Als Geschenke: 
S. Haughton: Notes on Mineralogy IX. — Experimental 
> researches on the granites of Irela?id III. Sep. 

J. Haughton: Rainfall and evaporation in St. Helena. 
L. Saemann et Pisani: Sur le cancrinite et la bergman- 
nite de Barkevig en JSorvege. Sep. 

L. Saemann et A. Guyerdet: Experiences sur la forma- 
tion du sulfate de magncsie aux environs de Saint- Jean de 
j Maurienne. Sep. 

L. Saemann: Observations sur Belemnites quadratus Defr. 
— Note sur la succession des faunes dans le bassin tertiäre 
de Vienne. Sep. 

H. Trautschold : Der glanzkörnige Sandstein bei Dmitri- 
I jewa-Gora an der Oka. — Zeichen der permischen Zeit im Gou- 
! vernement Moskau. Sep. 

I Zeils. d. d. geol. Ges. XV. 3. 30 



456 



B. Im Austausch: 

Zeitschrift des Architekten - und Ingenieur - Vereins für das 
Königreich Hannover. IX. 1. 

Archiv für Landeskunde in Mecklenburg. XIII. 1, 2. 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt. XIII. 1. 

Correspondenzblatt des Vereins für Naturkunde in Presburg. 
I. 1862. 

Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. XXII. 2. 

Bulletin de la Socic'te Linneenne de Noimandie. VII. 
1861—1862. Caen. 

Quarterly Journal of ihe Geological Society. XIX. i. 

Journal of the Geological Society of Dublin. IX. 2. 

Herr Roth sprach anknüpfend an den kürzlich der Gesell- 
schaft geschenkten plastischen Plan über die In sei St. Paul und 
erläuterte, soweit es das nicht reichlich vorhandene Material er- 
laubt, die geographischen und geologischen Beziehungen derselben. 
Redner glaubte sich gegen die von v. Hochstetter ausgespro- 
chene Ansicht erklären zu müssen, nach welcher St. Paul sub- 
mariner Entstehung und der Krater durch Einsinken des Aus- 
wurfskegels entstanden ist. Ebenso wenig darf man St. Paul zu 
den Erhebungskegeln und zu den von Lyell sogenannten Cra- 
iers of denudation rechnen, zu den Kratern, deren innerer 
Hohlraum durch Einwirkung der Ebbe und Fluth während des 
allmäligen Auftauchens aus dem Meere entstand. Die Form der 
Insel scheint darauf hinzuweisen , dass aus vier kleineren rhom- 
bisch angeordneten Kratern durch Aufsprengung endlich der eine 
jetzige grosse Krater entstand, in welchen zuletzt durch Zerstö- 
rung des niedrigsten Theiles der Kraterwand das Meer sich Ein- 
gang verschafft hat. 

Der Vorsitzende gab Nachricht von einigen Versuchen, die 
er in Verein mit Herrn Dr. Siemens zur Schmelzung von 
kohlensaurem Kalk und Darstellung kün stlichen Mar- 
mors angestellt hatte. Die Versuche haben ihre grossen Schwie- 
rigkeiten, weil der kohlensaure Kalk in einem dicht verschlosse- 
nen Raum einer hohen Hitze ausgesetzt werden muss, und es 
schwer hält, ein Gefäss zu finden, das bei dieser Hitze dicht 
hält. Indessen gelangen sie sowohl mit einem eisernen Tiegel 
wie in einer Porzellanflasche, die beide gut verschlossen wurden. 
In dem ersteren war ein Aragonitkrystall, der so geschliffen war, 
dass er den Raum vollständig ausfüllte, in der letztern ein Stück 



457 



lithographischen Kalksteins von Schlämmkreide umgeben, die den 
übrigen Raum in der Flasche ganz ausfüllte, erhitzt. Der Ara- 
gonit war so körnig wie Cararischer Marmor, der lithographische 
Kalkstein feiner, aber doch noch deutlich körnig, die Kreide, die 
sich nur in Stücken herausbringen liess, ganz dicht und fest, doch 
an den Kanten schwach durchscheinend geworden. Der litho- 
graphische Kalkstein war in der Porzellanflasche nur eine halbe 
Stunde der Weissglühhitze ausgesetzt; als bei zwei andern Versu- 
chen lithographischer Kalkstein und Isländischer Doppelspath drei 
Stunden derselben Hitze ausgesetzt wurden, waren beide ganz 
hart und kaustisch gebrannt; das Porzellan gefäss hielt so lange 
in dieser hohen Hitze nicht dicht, und hatte alles kohlensaure 
Gas durchgelassen. — Diese Versuche über die Schmelzbarkeit 
des kohlensauren Kalks bestätigen also vollkommen die von James 
Hall schon am Anfang dieses Jahrhunderts angestellten Ver- 
suche, die zur Unterstützung geognostischer Hypothesen vielfach 
benutzt, jedoch später eigentlich nie wiederholt, und in der neuern 
Zeit sogar vielfach bestritten wurden. Die angewandten Apparate 
wurden vollständig beschrieben, und mit den erhaltenen Präpa- 
raten sämmtlich vorgelegt. 

Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. 

v. w. o. 

G. Rose. Beyrtch. Roth. 



2. Protokoll der Juni - Sitzung. 

Verhandelt Berlin, den 3. Juni 1863. 
Vorsitzender: Herr G, Rose. 

Das Protokoll der Mai- Sitzung wurde verlesen und ge- 
nehmigt. 

Für die Bibliothek waren eingegangen: 
A. Als Geschenke: 

Archer, Müller, Smyth, Neumayer, M'Coy, Selwyn, 
Birkmyre: Die Qolonie Victoria in Australien; ihr Fortschritt, 
ihre Hülfsquellen und ihr physikalischer Charakter. Uebers. von 
Löwy. Melbourne, 1861. — Geschenk des Königl. Ministeriums 
für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten. 

30* 



458 

Fils, Barometer-Höhen-Messungen von dem Kreise Schleu- 
singen im Königl. Regierungsbezirke Erfurt. Suhl, 1862. 

Abich , Ueber eine im Caspischen Meere erschienene Insel 
nebst Beiträgen zur Kenntniss der Schlammvulkane. St. Peters- 
burg, 1863. 4. 

B. Im Austausch : 

Journal of the R. Dublin Society. No. XXVI—XXVHL 
1863. 

Annales des mines [6] //. 6, ///. 1—2. Paris, 1862—63 

Mittheilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt 
1863, No. 1 bis 3 und 5. Gotha. 4. 

Jahrbuch des naturhistorischen Landesmuseums in "Kärn- 
tnern V. Gratz, 1862. 

Jahresberichte der Gesellschaft von Freunden der Natur- 
wissenschaften in Gera. V. 1862. 

Herr Beyrich berichtete über den Fortgang einer im Bäre- 
thal bei Ilfeld am Harz betriebenen Stollenarbeit, welche von 
besonderem Interesse wird durch die mittelst derselben erhaltenen 
Aufschlüsse über die Lagerungsverhältnisse des Melaphyrs und 
Porphyrits am Netzberg. Der Stollen wurde angesetzt unterhalt 
der Parquetfabrik, und erstreckt sich, im Bärethal fortlaufend 
gegenwärtig schon über die Netzbrücke hinaus. Nachdem der- 
selbe die Mandelsteine, welche bei der Fabrik bis in das Thal 
hinabreichen, durchschnitten hatte, ist er ununterbrochen in rother 
und grauen Schieferletten fortgeführt worden, dem unter dem 
Melaphyr liegenden Rothliegenden. Es hat sich hierdurch schon 
gegenwärtig herausgestellt, dass in der Gegend der Netzbrücke 
kein gangförmiges Herabgehen des Porphyrites, welcher vom 
Stollen hätte durchfahren werden müssen, angenommen wer 
den darf. 

Derselbe gab Nachricht über den Inhalt einer von Herrn 
Eck eingesendeten und für die Zeitschrift bestimmten Mittheilung 
über das Auftreten der Lettenkohlenbildung in der Gegend vor 
Gross-Strehlitz in Oberschlesien. 

Herr v. Carnall knüpfte an letztere Mittheilung, einige Er 
läuterungen über die geognostische Stellung der Gebirgsforma 
tionen, welche dem oberschlesischen Muschelkalk nördlich vor- 
liegen. 

Herr Herter legte eine Suite von Gesteinsproben vor 
welche Herr Erman in der Nähe von Ochozk gesammelt hat 



: 



t, 

P 
SS 

: 



459 



und erläuterte das Vorkommen derselben an einer Karte nebst 
Profil. Die Stadt Ochozk an der Mündung der Ochota und des 
Kuchtur, in 59 21,5 ' m Br. 140 51' ö. L. von Paris, liegt 
auf einer wenig über das Meeresniveau erhabenen Ebene, die 
völlig vegetationslos aus den abgerundeten Gerollen von Porphy- 
ren besteht, welche beide Flüsse in grosser Masse herbeiführen, 
j Aus dieser Ebene erhebt sich in östlicher Richtung, steil bis an 
die Meeresküste tretend, ein Granitplateau von der durchschnitt- 
j liehen Meereshöhe von 800 Fuss, an welches sich flach, etwa 
t 15 Grad, von der Grenze abfallend die Schichten des Ueber- 
gangsgebirges anlegen. Dieselben bestehen aus einem Wechsel- 
|_ lager schwarzer graphitischer Schiefer, die zahlreiche aber schlecht 
I erhaltene Pflanzenreste führen, und eines eigenthümlichen, krypto- 
krystallinischen, harten und sehr festen Felsitgesteins von ölgrü- 
ner Farbe, welches den Habitus des Quarzites besitzt, sich jedoch 
( wesentlich dadurch unterscheidet, dass Splitter in der äusseren 
Löthrohrflamme an den Kanten abgerundet werden. Herr Göp- 
I pert hat in den pflanzlichen Resten Araucarien erkannt, welche 
I den Schichtencomplex als oberdevoniscTi charakterisiren sollen. 
Iii Die ersten Spuren eines Metamorphismus, den diese Gesteine 
(j erleiden, documentiren sich in der Ausscheidung nadeiförmiger 
j halbmetallisch glänzender Krystalle (Chiastolith) , welche neben 
1 regellos vertheilten Graphitlamellen den schwarzen Kieselschiefer 
f erfüllen. In dem weiteren östlichen Verlauf des Küstenabhanges 
treten dichte meist gelb und grau gebänderte Quarzite von fast 
muschligem Bruch auf, welche Nester, Adern und Schnüre von 
gemeinem Opal und Hydrophan enthalten ; durch Prävaliren der 
Opalsubstanz entsteht ein homogenes grau gefärbtes Gestein, wel- 
ches ein wahrer Jaspopal ist, und den Uebergang in die voll- 
kommen hyalinen Massen vermittelt, welche an dem westlichen 
Ufer der grossen Marekanka auf etwa \ Meile Länge den steilen 
3 200 bis 300 Fuss hohen Abhang gegen die flache Meeresküste 
3 bilden. Den Fuss dieses Walles bedeckt eine mächtige Schutt- 
ablagerung aus völlig glasigen, rauchgrauen, durchsichtigen, oder 
braunrothen undurchsichtigen Kugeln von Haselnuss - bis Faust- 
'[ grosse bestehend, den bekannten Marekaniten , zwischen denen 
^ seltener perlgraue oder milchweisse Perlsteine mit eigenthßm- 
lichem Perlmutterglanz vorkommen. Der anstehende Fels selbst, 
ein Pechstein, von braunrother und perlgrauer Farbe ist schalig 
concentrisch zerklüftet und schliesst die homogenen Kerne ein, 



460 

welche durch die Verwitterung gelöst herausfallen und die Strand- 
ebene in ungeheuren Massen bedecken. Landeinwärts nimmt der 
Marekanitfels eine cavernöse Struktur an, die glasige Beschaffen- 
heit verschwindet allmälig, die Farbe wird gelblichweiss , nur 
hier und da eingesprengte Massen von Perlstein zeigen sich noch 
in einer zerfressenen Grundmasse, welche jedoch in ihrem Löth- 
rohrverhalten dieselbe Eigentümlichkeit wie die übrigen Glie- 
der dieser merkwürdigen Gesteinsreihe zeigt. Schon in schwa- 
cher Hitze schwillt ein Splitter in der Pincette an, bläht sich 
blumenkohlartig auf und leuchtet dabei stark, und schmilzt 
schliesslich stärker erhitzt zu einem farblosen blasigen Glase. 
Bei den völlig homogenen Marekanitkngeln treten diese Erschei- 
nungen in dem Maasse heftig auf, dass sie in Rothglühhitze zu 
einer porösen bimssteinartigen Masse umgewandelt werden, wel- 
che mindestens das zehnfache Volumen des angewandten Stückes 
besitzt, und daher auf Wasser fast ohne Einzutauchen schwimmt. 
Dass das Aufblähen durch Entweichen von chemisch gebundenem 
Wasser bewirkt wird, scheint der Glühverlust (von 1 bis 4 pCt. 
bei verschiedenen Varietäten des Gesteins) anzudeuten. Abich's 
Versuchen zu Folge zeigen zwar Obsidiane, also wasserfreie Ge- 
steine, dieselbe Erscheinung, keinesweges aber allgemein, da ein 
mit dem Marekanit zugleich erhitztes Bruchstück von Obsidian 
des Kliutschassker Vulkans auf Kamtschatka vollkommen un-j 
verändert blieb. — Schliesslich machte Herr Herter darauf 
aufmerksam, dass das gänzliche Fehlen eruptiver Massen, welche 
an anderen Lokalitäten derartige Bildungen begleiten , für den: 
Ochozker Küstenstrich im höchsten Grade eigenthümlich ist, wo 
das Agens, dem die Marekanite ihre Entstehung verdanken, völlig 
räthselhaft bleibt, wenn man es nicht in stark erhitzten Wasser- 
dämpfen suchen darf. 

Herr v. Koeken sprach über die verschiedenen belgischen 
Tertiärbildungen, welche er mittelst Empfehlungen des Herrn 
de Köninck insbesondere in den neuerlich eröffneten Aufschlüs- 
sen der grossartigen Festungsarbeiten zu Antwerpen kennen zu 
lernen Gelegenheit erhalten hatte. Da der Salle campinien. 
ein versteinerungsleerer Sand, nur eine geringe Mächtigkeit be- 
sitzt, so wird das Systeme Scaldisien in seiner ganzen Mächtig- 
keit, sowohl Sohle jaune als auch Salle grü, dann aber auch 
das Systeme diestien, Salle vert und Salle noir, sehr schön in 
den etwa 25 Fuss tiefen Festungsgräben aufgeschlossen, welche 



461 



um die Stadt herumgezogen werden, so weit dieselbe nicht an 
der Scheide liegt. Das Systeme Scaldisien ist aus der grossen 
Arbeit Nyst's und aus denen anderer belgischer Geologen, sowie 
aus der Arbeit Lyell's zur Genüge bekannt, wenn auch vielleicht 
Nyst's Namen mehrfach werden zu ändern sein. Der Salle vert 
enthält fast nichts als Fischzähne und Cetaceen-Reste. Der Salle 
noir dagegen, nach bisherigen Annahmen zum Pliocän gehörig, 
ist ganz erfüllt von Conchylien, unter denen sich besonders häufig 
Pectunculus glycimeris L. findet, der mitunter bis 6 Zoll mäch- 
tige Bänke bildet. Das vom Redner gesammelte reichhaltige 
Material enthält gegen 20 Arten mehr , als der Katalog von 
Lyell aus dieser Schicht anführt, und welche zum Theil auch 
jetzt noch in Belgien, soviel sich aus der Literatur ersehen lässt, 
unbekannt sind. Dagegen fehlen ihm unter dort angeführten 
gerade solche Arten, welche sich auch im Salle gris finden sol- 
len, und die sich also in der Erhaltung aus beiden Schichten 
ziemlich ähnlich sein müssen. Es drängt sich hierdurch die Ver- 
muthang auf, dass bei Anfertigung jener Verzeichnisse Verwech- 
selungen vorgekommen sein könnten. Ausser den Aufschlüssen 
durch die Festungsarbeiten ist noch eine Thongrube südöstlich 
von dem Fort No. 6, ly Stunden südlich von Antwerpen, 
j Stunde westlich von dem Dorfe Edeghem, beachtenswerth. 
Der Septarienthon ist hier von dem Salle noir überlagert, wel- 
cher indessen etwas thoniger ist als der ganz lockere schwarze 
Sand bei Antwerpen selbst. Neben gewöhnlichen Sachen aus 
dem Sable noir von Antwerpen findet sich hier noch eine grosse 
Anzahl neuer Arten, welche sowohl dem Subappennin als auch 
dem Wiener Becken angehören ; eine weitere Anzahl aber hat 
Herr Nyst neu beschrieben und benannt. Während nun Her