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Full text of "Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft"

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Book > J)4 

SMITHSONIAN..DEPOSIT 



3 



Zeitschrift 



der 

Deutsclien Geologischen Gesellschaft, 

(Abhandlungen und Monatsberichte.) 



66. Band. 
1914. 

(Mit 40 Tafeln.) 



Berlin 1915. 



Verlag- von Ferdinand Enke 
Stuttgart. 



Universitats-Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke), Berlin N. 



lnhalt. 

Hinter dem Titel der Veroffentlicbungen bedeutet 4: Abbandlung, 
5: Brief licbe Mitteilang imd V: Vortrag. 
(Die Seitenzahlen der Monatsbericbte sind kursiv gedruckt.) 



Seite 



Beck, Richard: Uber einen GraniteinscbluB im Pecbstein von 
Garsebacb bei MeiBen und uber Entwasserungsvorgange in 
diesem Gestein. (Mit 1 Textfigur.) B .244 

Chaulesworth, John K.: Das Devon der Ostalpen. V. Die 
Fauna des devoniscben Riffkalkes. III. Crinoiden. JV. Korallen 
und Stromatoporoiden. (Hierzu Tafel XXVIII bis XXXIV 
und 5 Textfiguren.) A . 330 

Dorpinghaus, W. T.: Die Aniblygonitgange von Caceres in Spanien 
und ibr genetiscbes Verbaltnis zu den Zinnsteinvorkommen 
(ein neuer Typus pneumatolytiscber Lagerstatten). V. . . . 342 

Eck, Otto: Die Cephalopoden der Schwnfurthscben Sammlung 
aus der Oberen Kreide Agyptens. (Hierzu Tafel IX bis XIX 
und 20 Textfiguren.) A 179 

Fischer, Ernst: Zur Stratigrapbie des Mesozoicums in Persien. 

B 39 

Franke, A.: Die Foraminiferen und Ostrakoden des Emscbers, 
besonders von Obereving und Derne nordlicb Dortmund. 
(Hierzu Tafel XXVII.) A 428 

Franke, Fritz: Die Fauna des Emschers bei Dortmund. B. . 214 

Frech: Uber geologiscbe Forscbungsreisen im Taurus undtiirkiscb- 

russiscben Grenzgebirge. (Titel.) V. 415 

— Zur Frage der Kar-Entstebting. B 335 

Gagel, C.: Neue Beobacbtungen in den Kreidegruben von Finken- 

walde bei Stettin uber Untereocan, Paleocan? und Interglazial. 
(Hierzu Tafel XL und 4 Textfiguren.) A ' 505 

— Studien uber den Aufbau und die Gesteine Madeiras. II. Teil 
(ScbluB). (Hierzu Tafel XXXVII und 7 Textfiguren.) A. . . 449 

Grupe, 0.: Diskussion zum Vortrag Haarmann. V 361 

— Diskussion zum Vortrag Renner. V. 7 

Gurich, G. : Solenopora im oberdevoniscben Kontaktkalk von 

Ebersdorf bei Neurode in Scblesien. B 383 

Haack, Wilhelm: Uber eine marine Permfauna aus Nordmexiko 
nebstBemerkungen iiber Devon daselbst. (Hierzu Tafel XXX VIII 

bis XXXIX und 2 Textfiguren.) A 482 

Haarmann: Diskussion zum Vortrag Jaekel. V. 314 

— Uber den geologiscben Bau Nordwestdeutscblands. (Mit 4 Text- 
figuren.) V. 354 



[V 



Seite 

Haarmann: Erwiderung in der Diskussion. (Mit 1 Textfigur.) 

V. 367 

Hahn, F. Felix : Weitere Beobachtungen in der Flyschzone S&d- 

bayerns. 2. Zusammensetzung und Bau im Umkreis und 

Untergrund des Murnauer Mooses. (Mit 2 Abbtldungen.) B. 46 
Haehnel, .0.: Beitrage zur Kenntnis der Geologie Neu-Guineas. 

(Mit 1 Textfigur.) B 250 

Harbort: Diskussion zum Vortrag Schmidt. V. §40 

— Magnetkiesvorkommen in der Salzlagerstatte vom Aller Nord- 
stern. (Titel.) V. 276* 

Harbort, E., u. A. Mestwerdt: Vorlaufige Mitteilungen uber das 

geologische Profil des Mittellandkanales. (Mit 6 Textfiguren.) 

V. 161 

Hess von Wichdorff, H.: Foitsetzung und Verlauf der sarn- 

landischen Endmorane in OstpreuBen. (Mit 2 Textfiguren.) V. 264 

Horn: Uber die G-eologie des Kiautschougebietes. V 202 

Jaekel, 0.: Neue Beitrage zur Tektonik der Rugener Kreide. 

(Titel.) V 314 

— tiber die Abgrenzung der Geologie und Palaontologie. B. . 316 
Jentzsch: liber die siidliche Fortsetzung des finnischen Sckildes. 

(Mit 1 Textfigur.) V. 371 

Kaunhowen: Zum Gedachtnis Fotonies f. (Mit einem Bikinis.) 

B 384 

— Nachruf auf Fr. Tornau f . (Mit einem Bildnis.) V. .... 410 ' 
Keilhack, K.: Die Schlammfiihrung des Yangtse. B 325 

— Granatdiinen in Siid-Ceylon. (Titel.) V SO 

— Uber subtropische und tropische Torfmoore. (Titel.) V. . . J 91 
Korn: Neue Enclmoranen und Osar zwisehen Schneidemuhl und 

Arnswalde. (Titel.) V 80 

Kranz, W.: Aufpressung und Explosion oder nur Explosion im 

vulkanischen Ries bei Nordlingen und im Stein heimer Becken. 

(Mit 3 Abbildungen.) B 9 

Krause, Paul Gustav: Paludina (Vivipara) diluviana Kunth aus 

dem alteren Interglazial des Niederrheins. B. ....... . 93 

Krenkel, E.: Zur Gliederung der Kreideformation in der Um- 

gebung von Dresden. B 25 

Krusch: Diskussion zum Vortrag Haarmann. V 363 

— Zum Gedachtnis Felix Wahnschaffes f . V. 65 

Kuhlmann, L. : tiber die Untere Kreide im westlichen Osning. B. 328 
Lachmann, R.: Zur Klarung tektonischer Grundbegriffe. Eine 

Entgegnung auf Stilles „Saxoniscbe Faltung". (Mit 6 Text- 
figuren.) B. 227 

Leidhold, Cl.: tiber einen Manticoceras n intumescens Beyr." sp. 

mit erhaltener Mundung. (Hierzu 1 Textfigur.) B 97 

Lotze, K.: Beitrage zur Geologie des Aarmassivs (Untersuchungen 
iiber Erstfelder Gneise und Innertkirchener Granit). (Hierzu 
Tafel XX bis .XXI und Textfiguren.) A. 217 

Menzel, Hans: tiber die Fossilfiihrung und Gliederung der L6B- 
formation im Donautal bei Krems. Eine vorlaufige Mitteiluno. 
(Mit 1 Textfigur.) B 192 

— tiber einige Pliocan-Fossilien vom Niederrhein. (Mit 1 Text- 
tafel.) V 272 

Mestwerdt, A., siehe Harbort, E., u. A. Mestwerdt. 

Michael: Eduard Suess f. V. 260 



V 



Seite 

Milch, L.: Zu Harry Rosenbuschs Gedachtnis. (Mit einem 

Bikinis.) V. 129 

Naumann, Ernst: Uber zwei neue Vorkommen von Basalt in 

Gangform bei Bermbach und Dankmarshausen a. d. Werra. 

(Mit 1 Texttafel und 4 Textfiguren.) B 425 

Pohlig, Hans: Beneckeia subdenticulata Pohlig aus dem Rot- 

dolomit von Jena. B 256 

— 'rraues, marines Oberoligociin im Untergrunde der Stadt 
L'iisseldorf. B 197 

— Interglazialtravertin des Taubachimns mit Zonites verticillus 

aus der Eifel. B 63 

— Neue rheinische Haliseritenfunde. B 254 

— Neues von der Trogontherienstufe am Niederrhein. B. . . . 124 
Quiring, H.: Uber das Alter des Eifelgrabens und der Nord- 



Siid-Verwerfungen in der Eifel. B. 



1 1 



Rauff: Diskussion zum Vortrag Haarmann. V. 366 

Renner, 0.: Uber den Zechstein an der Pyrin onter Achse. V. . / 
Rothpletz, A.: Beitrage zur Stratigraphie und Tektonik des 
Simplongebietes. (Hierzu Tafel VI bis VIII und 24 Text- 
figuren.) A 76 

Schmidt, C: Die Kalisalze in Katalonien. (Titel.) V 340 

Scholz, E. (f): Vulkanologische Beobachtungen an der Deutsch- 

Ostafrikanischen Mittellandbahn. B 330 

Schuh, Friedr.: Geologische Beschreibung der Gegend von 
Saignelegier und les Pommerats, mit einem Anhang zur 
allgemeinen Juratektonik. (Hierzu Tafel IV u. V und 10 Text- 
figuren.) A 34 

vox Seidlitz, Wilfried: Leitlinien varistischer Tektonik im 

Schwarzwald und in den Vogesen. B 100 

Sommermeier, L.: Neue Ooide. (Hierzu Tafel XXIII bis XXVI.) 

A 318 

Stremme: Die Verbreitung der Bodentypen in Deutschland. 

(Titel.) V 80 

V. Stromer, E.: Mitteilungen iiber M Wirbeltierreste aus dem 
Mittelpliocan des Natrontales (Agypten). 3. Artiodactyla: 

A. Bunodontia : FluBpferd. (Hierzu Tafel I bis III und 15 Text- 
figuren.) A 1 

— 4. Fische: a) Dipnoi: Protopterus. (Hierzu 4 Textfiguren.) 

B 420 

Tietze: Diskussion zum Vortrag Haarmann. V 364 

Tilmann, Norbert: Zur Tektonik des Monte Guglielmo und 

der mittleren Val Trompia. (Hierzu Tafel XXII und 6 Text- 
figuren.) A 302 

Wahnschaffe, Felix (f): Kritisehe Bemerkung zum Interglazial II 

und Spatglazial Norddeutschlands. B 81 

Walther, Joh.: Demonstration eines von ihm angegebenen 

qrogenetischen Spaltenapparats. (Titel.) V. 213 

— Uber die Bildung flachenhafter Diskordanzen. (Titel.) V. . 202 

— Uber tektonische Druckspalten und Zugspalten. B 284 

Walther, K.: Uber Vorkommen und Entstehung eines Talk- 

sehiefers in Uruguay und fiber seine partielle Verkieselung. 

(Hierzu Tafel XXXV und 2 Textfiguren.) A .408 

Wiegers, Fritz: Uber die Fossilfiihrung und Gliederung der 

LoBformation im Donautal bei Krems. B 379 



VI 



Seite 

Wolff, W.: Bericht iiber die Exkarsionen des Internationalen 

Geologenkongresses in Toronto. (Titel.) V 8 

Wunstorf: Die Erdollagerstatten Nordamerikas. (Titel.) V. . . 213 

Wurm, A.: Ubef einige neue Funde aus dem Muschelkalk der 
Umgebung von Heidelberg (Ptychites dux Gieb. und Velo- 
pecten Alberti (Goldf.) Philippi). (Hierzu Tafel XXXVI und 
4 Textfiguren.) A 444 

Zimmermann I, E. : Diskussion zum Vortrag Ha arm ann. V. . . 365 
— Gerolltonschiefer im Untersilur Thiiririgens. V. 269 



Bericht des Archivars 418 

- Schatzmeisters 416 

Druckfehlerberichtigungen vn 

Mitgliederverzeicbnis 536 

Mitgliederzahl 418 

Neueingange der Bibliothek .... 520, 127, 199, 312, 352, 407, 436 

Ortsregister 439 

Protokoll der Sitzung am 7. Januar 1914 1 

- Sitzung am 11. Februar 1914 65 

- Sitzung am 4. Marz 1914 129 

- Sitzung am 1. April 1914 201 

- Sitzung am 6. Mai 1914 257 

- Sitzung am 10. Juni 1914 313 

- Sitzung am 15. Juli 1914 559 

- Sitzung am 4. November 1914 355 

- Sitzung am 2. Dezember 1914 409 

RechnungsabschluB 519 

Pedaktionsbericht 419 

Sachregister 445 



VII 



Druckf ehlerb erichtigungen. 



S. 319, Zeile 9 von oben lies „ e ntsprechende Gebilde von 

Kalkspat aus den gewohnlichen " statt „ent- 

sprechende Gebilde aus den gewohnlichen ". 

S. 319, FuBnote 1 lies „K type if statt „Klypcit". 

S. 336, Zeile 13 von unten lies „ Hexacrinus exsculptus" statt 
v Hexacrinus excutptus" . 

S. 64, Zeile 9 von unten lies „Ursus spelaeus" statt „Ursus spelaean. 

S. 125, Zeile 5 von oben lies „Elephas (pr imigenius) trogontherii* 
statt ^Elephas (primigenius) trogonterii". 

S. 161, Zeile 5 von unten lies „Minden i. Westf." statt „Minden". 

S. 195, Zeile 18 von oben lies „RiB- Wiirm-Interglazial" statt 
„RiB-Wurm". 

S. 197, Zeile 8 von oben lies „Faunenwechsel im Diluvium" statt 
„Faunenwechsel a . 

S. 273 Zeile 10 von oben lies „Lithoglyphus Neumayri". statt „Litho~ 

glyphus Neumeyeri" . 
S. 330, Zeile 5/6 von oben lies „Hoplites Deshayesi" statt „Hoplite$ 

Deshagesi". 



Zeitschrift 



der 



Deutschen Geologischen Gesellschaft. 

(Abhandlungen und Monatsberichte.) 



1. Heft. 



A. Abhandlungen 
66. Band. 

Januar bis Marz 1914. 
(Hierzu Tafel I— V). 

Berlin 1914. 

Verlag von Ferdinand E 
Stuttgart. 



1914. 



Aufsatze: 



INHALT. 




1. v. STROMER, E.: Mitteilungen iiber Wirbeltierreste 

aus dem Mittelpliocan des Natrontales (Agypten). 
3. Artiodactyla: A. Bunodontia: FluBpferd. (Hierzu 
Taf. I— III und 15 Textfiguren) 1 j 

2. SCHUH, FRIEDR.: Geologische Beschreibung der 

Gegend von Saignelegier und les Pommerats, mit 
einem Anhang zur allgemeinen Juratektonik. (Hierzu 
Taf. IV u. V und 10 Textfiguren) 34 

3. ROTHPLETZ, A.: Beitrage zur Stratigraphie und 

Tektonik des Simplongebietes. (Hierzu Taf. VI— VIII 
und 24 Textfiguren) 76 

(SchluB und zugehorige Tafeln im nachsten Heft.) 



4- iv 



Deutsche Geologische Gesellschaft. 



Vorstand fur das Jahr 1914 

Vorsitzender: Herr Wahnschaff e*}* Schriftfuhrer: Herr Bartling 

Stellvertretende Vor- f „ Borniiardt „ Hennig 

sitzende: \ „ Krusch „ Janensch 

Schatzmeister: „ Michael „ Weissermel 

Archivar: „ Schneider 

Beirat fiir das Jahr 1914 

Die Herren: FRECH-Breslau, FRICKE-Bremen, MADSEN-Kopenhagen, 
OEBBECKE-Mfinchen, RoTHPLETZ-Miinchen, SALOMON-Heidelberg. 

— <$> 

Mitteilungen der Redaktion, 

Im Interesse des regelmafiigen Erscheinens der Abhandlungen. und Monats- 
berichte wird um umgehende Erledigung aller Korrektaren gebeten. 

.Die Manuskripte sind druckfertig einzuliefern. Die Kosten fiir 
Korrekturen, Zusatze und Anderungen in der 1. oder 2. Korrektur werden 
von der Gesellschaft nur in der Hohe von 6 Mark pro Druckbogen getragen; alle 
Mehrkosten fallen dem Autor zur Last. 

Der Autor erhalt in alien Fallen eine Fahnenkorrektur und Dach Umbrechen 
des betreffenden Bogens eine Revisionskorrektur. Eine dritte Korrektur kann 
nur in ganz besonderen Ausnahmefallen geliefert werden. Fiir eine solche hat 
der Autor die Kosten stets ganz zu iibernehmen. 

Im Manuskript sind zu bezeichnen: 
tJberschriften (halbfett) doppelt uDterstrichen, 
Lateinische Fossilnamen (kursiv!) durch Schlangenlinie, 
Autornamen (Majuskeln) rot unterstrichcn, 
Wichtige Dinge (gesperrt) schwarz unterstrichen. 

<$> 

Bei Zusendungen an die Gesellschaft wollen die Mitglieder 
folgende Adressen benutzen: 

1. Manuskripte zumAbdruck in der Zeitschrift, Korrekturen sowie daraut 
bezflglichen Schriftwechsel Herrn Konigl. Geologen, Privatdozenten 
Dr. Bartling, 

2. Einsendungen an die Bucherei sowie Reklamationen nicht eingegangener 
Hefte, Anmeldung neuer Mitglieder, Anzeigen von Adressenanderungen 
Herrn Sammlungskustos Dr. Schneider, 

beide zu Berlin N 4, Invalidenstr. 44. 

3. Anmeldung von "Vortragen fur die Sitzungen Herrn Professor Dr 
Janensch, Berlin N.4, Invalidenstr. 43. 

4. Sonstige Korrespondenzen an Herrn Geh. Oberbergrat Bornhardt, 
Charlottenburg, Dernburg-Str. 49 oder Herrn Professor Dr. Krusch, 
Berlin N4, Invalidenstr. 44. 

5. Die Beitrage sind an Herrn Professor Dr. Rich. Michael, Charlotten 
burg, Kaiserdamm 74, Postscheckkonto Berlin NW 7, Konto Nr. 16071 
oder an die Deutsche Bank, Depositenkasse Q, fur das Kocto ^Deutsche 
Geologische Gesellschaft E. V. K porto- und bestellgeldfrei einzuzahlen 



! 



Zeitschrift 



der 

Deutsclien Geologischen Gesellschaft 



Aufsatze, 



h Mitteilungen iiber Wirbeltierreste aus dem 
Mittelpliocan des Natrontales (Agyi)ten). 

V 



Von Herrn Ernst Stromer (Miinchen). 
(Hierzu Tafel 1— III). 

3. Artiodactyla: A. Bunodontia: Fluflpferd 1 ) 

"Dber die Reste von Hippopotamus hipponensis Gaudry, die 
bisher am Garet el Muluk und Fundorte C sich fanden, habe 
ich (Abb. Senckenbg. 1905, S. 109 ff.) schon ausfiihrlich be- 
riclitet, und zu der dort angefiihrten Literatur ist nur wenig 
nachzutragen. (S. 23.) Herrn Markgrafs bei meiner Reise 
1910/1911 YOrgenomniene Ausgrabungen am Garet el Muluk 
forderten fur die Miinchner Sammlung auBer einzelnen Skelett- 
teilen eine Anzahl einzelner Zahne des bleibenden und des 
Milchgebisses zutage, so daB iiber wiehtige Organe der bis- 
her sehr dtirftig bekannten Art AufschluB gegeben Yverden kann. 
Da ihre Selbstandigkeit schon feststeht, beschranke ich mich im 
wesentlichen darauf, all diese Teile zu beschreiben und Yor 
allem mit entsprechenden des rezenten FluBpferdes zu ver- 
gleichen, da Yon ihm dank des liebenswurdigen Entgegen- 
kommens Yon Prof. Dr. Leiseyvitz wenigstens Yom GebiB ge- 
nugendes Material der hiesigen Skelettsammlung zur Verfu- 
gung steht, um iiber die Variabilitat einigermaBen klarzu- 
werden und dadurch eine monographische Bearbeitung der 
interessanten Familie der Hippopotamidae zu erleichtern. 

Bei der Untersuchung des bleibenden Gebisses Yergleiche 
ich auBer A nur deutsch-ostafrikanische FluBpferde: A einen Yon 
Herrn Brugel 1907 in Aden gekauften Schadel Yon 55 cm. 



JUL 15 1914 




l ) Die Abschnitte 1. Affen and 2. Raubtiere sind in dieser Zeitschrift 
BaDd 65, 1913, S. 350 ff erschienen. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 1 



j 



2 



Basallange, dessen P 4 und M 3 eben angekaut sind; B einen 
Schadel coll. Engelhardt 95 von 60 cm Lange, ebenso abge- 
kaut; aus coll. Kattwinkel: C einen 58 cm langen, ungefahr 
ebenso abgekauten, D einen 55 cm langen Schadel, bei dem 
P 4 und M 3 im Durchbruch begriffen sind, sowie E und F 
Schnauzen in ungefahr demselben Stadium. Die Matfe sind in 
der Tabelle auf S. 22/23 zusammengefaflt. 

I. Bleibendes GebiD. 

Yon den oberen Zahnen ist der I 1, welcher bei B ver- 
loren gegangen ist, stiftformig, gerade oder eben gebogen und 
wird mesial und lingual abgekaut. Wie E zeigt, ist die Spitze 
auBer mesial vorn iiberall mit Schmelz bekleidet, der Yertikal 
gerieft ist und lingual seitlich eine Kante zeigt. Sonst ist 
nur, labial oder labial seitlich ein breiter, bei C aber schmaler 
Schmelzstreifen yorhanden, und bei A fehlt auch dieser. Die 
schmelzlose Oberflache ist gerieft. Der urspiinglich kreisformige 
Querschnitt endlich wird bald infolge schwacher seitlicher Ab- 
plattung oyal. 

Der ebenfalls stiftformige 12 ist etwas bis sehr deutlich 
gebogen und zeigt nur bei E und wohl auch bei F labial und seit- 
lich je einen breiten, sonst nur labial, bei B aber nur labial 
seitlich einen feingerieften Schmelzstreifen; bei C, wo der Zahn 
sehr wenig gebogen ist, fehlt auch dieser. Die schmelzlose 
Oberflache ist deutlich gerieft, das Ende kegelformig und be- 
sonders lingual abgekaut. Bei A und B jedoch ist das Ende nur 
lingual konkav abgekaut. Der Querschnitt ist kreisformig bis 
etwas OYal. 

TTnter den Fossilien kann ein stiftformiger. kaum ge- 
bogener und schmelzloser Zahn nur mit Yorbehalt als oberer 
II angesehen werden ; denn er ist nicht gerieft, stark seitlich 
komprimiert und relativ klein. Dagegen ist mit ziemlicher 
Sicherheit ein linker 1 2 vorhanden (Taf. I, Fig. la — c). Er ist 
deutlich gebogen, auch ein wenig seitlich gekriimmt, im Quer- 
schitt oval und etwas langsgerieft. Labial ist ein sehr 
schmaler, basalwarts spitz auslaufender Streifen you wenig 
langsgestreiften Schmelz vorhanden und das Ende ist in einer 
schragen Flache lingual abgekaut. Er gehort also wohl einem 
ziemlich alten Tiere an. 

Der deutlich gebogene prismatische C der FluBpferde ist 
stets queroYal, wobei seine Durchmesser sich etwa wie 2:3 Yer- 
halten. Er hat an der Distalseite eine maJig tiefe und nicht 
sehr breite Furche, die etwas der mesialen Seite genahert Yerlauft. 



3 



Der Schmelz, der gestreift, bei B aber etwas gerieft ist, nm- 
kleidet die ganze Labialseite imd Distalseite. Die schmelzlose 
Mesial seite ist gerieft, das Eude vorn in ebener Flache abge- 
kaut, die mesial weiter basalwarts reicht als lateral. 

Ein linker fossiler C (Taf. I, Fig. 2 a, b) ist groBer als bei 
E imd F, also relativ sehr stark. Seine Furche ist nicht groBer, 
liegt aber ziemlich in der Mitte der Distalseite, und der deut- 
lich gestreifte Schrnelz fehlt an der mesialen sowie an der ganzen 
vorderen Labialseite, die schwach gerieft sind. Endlich reicht 
die Abkauungsflache lateral mehr basalwarts als mesial. 

Der Pi der ostafrikanischen FluBpferde ist offenbar im 
Schwinden begriffen, denn nur bei E ist ein durch Diastemata 
isolierter zweiwurzeliger Zahn vorhanden, dessen konische Krone 
nur etwa 15 mm hoch, 16 lang und 7 dick ist. Bei F ist links nur 
ein Alveolenrest vorhanden, rechts ein oben abgekauter kleiner 
einwurzeliger Kegelzahn von nur 13 mm Lange und 7 mm 
Dicke. Bei A und D ist nur ein einfacher Alveolenrest, und 
zwar nur auf einer Schaclelseite, vorhanden, ja bei B und C 
fehlt auch diese Spur. Wie schon Cuvier (1834, S. 408) im 
Gegensatz zu Blainville (Hippopotamus S. 30, Anm. 1) und 
neueren Autoren, z. B. Schlosser und Stehlin, konnte man den 
Zahn eber fur einen D M 1 halten, der ohne Nachfolger am 
Schlusse des Zahnwechsels ausfallt. Aber ein von mir unter- 
suchtes MilchgebiB zeigt einen von E etwas verschiedenen D M 1 
(S. 10), wahrend bei F der DM1 noch vorhanden zu sein und ohne 
Nachfolger auszufallen scheint. Jedenfalls hat das rezente 
FluBpferd praktisch nur drei Pramolaren 1 ). 

Der zweiwurzelige P 2 ist konisch, aber sein Kronen- 
umriB ist basal etwa im Verkaltnis 3:2 langsgestreckt. Der 
rauhe Schmelz bildet distal innen oder auch mesial ofters einen 
schwachen Basalwulst. Der Kegel ist manchmal distal, weniger 
oft auch mesial etwas abgeplattet und an diesen Flachen kantig 
begrenzt. Bei E endet die distale auBere Kante mit einem 
Hockerchen neben der Hauptspitze. 

Der P 3 ist, wohl ausnahmsweise, bei A und E durch ein 
etwa 15 mm langes Diastema vom P2 getrennt. Er ist etwas 
groBer, bei E und F jedoch nicht |1 anger als er und ziemlich 
ebenso gestaltet. Der Basalwulst ist variabel, indem er bei 
A und B mesial fehlt und distal auBen am hhochsten ist, bei 
C aber lingual vorn hoch. Die Krone hat bei A und B lingual 
hinten eine weniger steile Flanke, bei D an der Lingualseite 

l ) Man sollte das in der Zahnformel ausdriicken, etwa indem man 
*den ersten Pramolar, wie uberhaupt derartige rudimentare Zahne, nur 
in einer Klammer anfuhrt. 

1* 



4 



Kanten, bei E endlich wie am P2 einen Hocker distal auBen an 
der Hauptspitze. 

Der P4 bricbt erst gleicbzeitig mit dem M3, also sebr 
spat, durcb. Er ist zwar dicker, aber kiirzer als der P3 und 
desbalb, auBer bei D, eben dicker als lang. Er scheint gele- 
gentlich drei Wurzeln zu besitzen und variabler zu sein als 
die mittleren P. Die konische Krone zeigt mancbmal an alien 
yier Seiten Kanten, mancbmal nur lingual und distal. Der 
Basalwulst ist bei A ringsum yorbanden und lingual stark, 
bei B feblt er buccal und ist distal auBen stark, bei C ist 
er lingual und distal sebr stark und distal auBen zu einem 
Hocker verdickt, bei D endlicb ist er lingual und distal innen 
sebr stark. Bei E und F ist der P4 wie die weiteren Zabne 
leider nicbt yorbanden. 

Fossil liegt mir kein P 1 und kein sicbrer P 2 Yor, ein 
reenter Pramolar (Taf. I, Fig. 3 a, b) ist aber wohl ein P 3. 
Er besitzt zwei gleicb starke Wurzeln; die stark abgekaute 
Krone ist relatiY lang, langsoYal und 'mesial, buccal und distal 
Yon einem sebwacben Basalwulst umgeben. Ibre raube Buccal- 
seite ist steiler als die glatte Lingualseite und die innen sanft 
abfallende Distalseite. Endlicb war mesial und distal offenbar 
eine Kante Yorbanden. 

Als reenter P 4 ist wobl ein Zabn anzuseben, dessen distale 
Wurzel in eine auBere und sebwacbere innere Wurzel geteilt 
ist (Taf. I, Fig. 4a, b). Ein Zabnkeim entspricbt dann einem 
linken P 4, und ein gleicbgestalteter recbter und linker Zabn- 
keim, ebenfalls vom Garet el Muluk, liegt in dem Materiale 
des Senckenberg- Museums Yor. Diese Keime sind allerdings 
ein wenig kiirzer und deutlicb scbmaler als der ganze Zabn, 
sie entsprecben bei ibrer geringen Hobe eben nur dem oberen 
Teil you dessen Krone. Sie ist koniscb, eben angekaut, buccal 
fast glatt, lingual stark runzelig, mesial und distal mit einer 
Kante Yerseben, die distal stark und bockrig ist. Mesial und 
distal ist aucb ein Basalwulst Yorbanden, der distal innen 
ziemlicb Yerdickt ist. 

Die drei fossilen unabgekauten oberen Molaren sind scbon 
Yon Andrews (1902 S. 435, Taf. 21, Fig. 3—5) und mir (1905 
S. Ill, Taf. 20, Fig. 2) bescbrieben und abgebildet. Neu liegt 
nur ein stark abgekauter (Taf. I, Fig. 5), wobl der zweite recbte, 
Yor, der in den Mafien und der Gestalt mit dem Yon mir be- 
scbriebenen iibereinstimmt. Seine Hocker weisen die fur FluB- 
pferde bezeiebnende Kleeblattform auf. Wie icb scbon a. a. 0. S. 
113 bervorbob, ist bei rezenten der Basalwulst mesial und distal 
zwar meistens stark, am M 3 aber aucb hier nicbt, buccal und 



5 



lingual stets hochstens als Wulst oder Hocker am Eingange des 
Quertales des M 1 und M 2 vertreten. Bei den fossilen M jedoch 
ist der Basalwulst ziernlich gleichmiifiig und deutlich ausgebildet. 

Yon den unteren Zdhnen der rezenten ostafrikanischen FluB- 
pferde ist der stets schmelzlose 1 1 stark, fast gerade, stiftformig 
nnd deutlich gerieft, ini Querschnitte beinahe kreisformig, nur 
bei B oval. Sein Ende ist bei A kegelformig, sonst lingual 
aufien abgekaut. 

j Der viel schwachere I 2 gleicht ihni, ist aber bei A als 
Ausnahme deutlich, wenn auch weniger als der obere 12 ge- 
bogen. Nur bei C ist sein Querschnitt ein wenig oval. Das 
Ende ist ursprungiich kegelformig und bei F noch rings mit 
Schmelz umgeben, der sich labial und etwas schwacher lingual 
in je einem basalwarts spitz auslaufenden Streifen bei D und 
E noch vorfindet. Die Spitze ist bei diesen oben und besonders 
lingual abgekaut. Bei B und C ist kein Schmelz mehr vor- 
handen und das kegelformige Ende bei B labial, bei C lingual 
am starksten abgekaut. A bietet auBer in seiner Kriimmung 
noch darin eine Ausnahme, dafi von seinem liugual abgekauten 
Ende labial ein fein langsgestreiftes Schmelzband bis zur Basis 
herabzieht. Der I 2 zeigt also nicht nur je nach dem Lebens- 
alter ein ziemlich verschiedenes Aussehen, sondern ist auch 
speziell in der Art der Abkauung und der Schmelzausbildung 
stark variabel. 

Gaudky (1876 S. 501/502) hatte 6 Reste von I, die er 
einem Unterkiefer entnommen glaubte. Er hielt einen 23 mm 
dicken (a. a. 0. Taf. 18, Fig. 1) fur den I 1, zwei 20 mm dicke 
(a. a. 0. Fig. 2, 2a, 3, 3a) fur I 2 und I 3, da bei den rezenten 
der I 1 starker ist, wahrend die indischen Hexaprotodon andere 
Verhaltnisse zeigen, indem alle drei I gleich stark sind, oder 
der zweite viel schwacher als die andern ist. Ich brach aber 
eigenhandig aus einem verwitterten Unterkiefer am Profil C des 
Natrontales jederseits nur zwei gleichstarke 16,5 — 16,7 mm 
dicke I aus (1905 S. 110, Taf. 20, Fig. 8) und glaube nicht, 
dafi ich etwa je einen starkeren ganzlich verwitterten I 1 oder 
je einen rudimentaren I 2 dabei ubersah. 

Jetzt liegen mir vom G-aret el Muluk drei einzelne I vor. 
Der starkste (Taf. II, Fig. 1 a, b) ist gerade, schmelzlos, an 
seiner etwas abgeblatterten Oberflache gerieft, im Querschnitte 
fast kreisformig und am Ende konisch abgekaut. Er enthalt 
•eine weite Pulpahohle, wahrend der 1905 von mir abgebildete 
I 1 nur die oberste Spitze einer solchen enthalt und im Durch- 
messer basalwarts dicker (bis zu 20 mm) wird. Er entspricht 
also wohl dem obersten, bei dem soeben beschriebenen schon 



6 



fast ganz abgekauten Teile des I 1, und beide gieichen ziemlich 
dem wenig starkeren I 1 Gaudrys. 

Der zweite Zahn (Taf. II, Pig. 2 a, b) ist erne kauni abge- 
kaute obere Halfte wohl eines rechten I 2, sie ist unter deni 
Schmelz kaum gerieft und im Querschnitt oval. Der schwach 
ruiizelige Schmelz umkleidet die hoch konische Spitze. ist 
lingual, distal und mesial Torn mit einer Langskante versehen; 
ihr Schmelz reicht basalwarts distal und mesial hinten mit 
einem Zipfel berab. Diese liegen also, wie die seitliche Kom- 
pression des Zabnes und die 1905 Taf. 20, Fig. 8 abgebildete 
Abkauungsflache zeigt, lateral statt wie bei den rezenten labial 
und lingual. Von der Pulpahohle ist nur die oberste Spitze 
erbalten. 

Bei dem dritten Stiick ist die schmelzbedeckte Spitze fast 
ganz abgebroehen, die Basis aber bis zum Unterende der weiten 
Pulpahohle vollstandig. Die Schmelzzipfel sind hier ahnlich 
wie bei dem vorigen, aber Yiel kiirzer, und der etwas geriefte 
Schaft ist dadurch fast kreisformig. daB der labiolinguale 
Durchmesser noch geringer als bei dem vorigen ist. 

Trotz aller Unterschiede, besonders in den Dimensioneu, 
konnten diese zweiZahne den 1905 beschriebenen 12 und Gaudrys 
I 2 und I 3 entsprechen, da auch die rezenten I 2 sehr variabel 
sind. Es wiirde sich also um ein Tetraprotodon handeln, bei 
dem der I 1 nur in hoherem Lebensalter und auch dann nicht 
so sehr wie bei dem jetzigen FluBpferd den I 2 an Starke iiber- 
trifft. 

Der untere C der ostafrikanischen FluBpferde ist stark ge- 
bogen, dreiseitig, deutlich gerieft und nur an der Distalseite 
schmelzfrei. Sie ist ein wenig nach innen gewendet, steht stumpf- 
winklig zur Labialseite, ist meistens am schmalsten und wird oben 
schrag abgekaut. Ihre Seitenteile sind gewolbt, median ist aber 
eine flache, bei A paarige Binne vorhanden, die jedoch bei E sehr 
schwach ist, und bei F fehlt. Bei F ist ubrigens der Schmelz 
ungewohnlich reduziert, denn er bedeckt nur die Halfte der 
Mesial- und Labialseite und endet hier basalwarts in Zipfeln, 
wahrend an der Yorderkante ein schmelzfreier Streifen hoch 
emporragt. Die etwas nach vorn gewendete Mesialseite ist am 
breitesten, platt mit einer flachen Medianfurche. die etwas 
riickgewendete Labialseite dagegen ist deutlich gewolbt, die 
vordere Kante stets gerundet. 

Meine Originale von 1905 (S. 110, Taf. 20, Fig. 7 und 11) 
gieichen der Norm der rezenten C, nur sind sie kaum gerieft und die 
Furche der Mesialseite ist sehr nach, die der Distalseite ein- 
fach. Ein fast vollstandiger linker C (Taf. II, Fig. 3a, b\ bei 



7 



dem von dein glatten Schinelz leider nur labial ein Rest erhalten 
ist, ist nur ganz wenig groBer und distal schmaler. Ein distal 
abgekautes Oberende eines rechten C erreicht aber ebenso 
wie Gaudrys Original (1876 S. 502) in seiner GroBe die des 
rezenten. auch ist sein Schmelz schwach gerieft und mit feinen 
runzeligen Langsstreifen versehen. 

Bei den GroBenschwankungen der rezenten FluBpferdzahne 
stehe ich nicht an, wie schon 1905 (S. 116) alle Stiicke zu der- 
selben Art z. T. als wahrscheinlich alten Bullen angehorig zu 
reehnen., Denn der hiesige Bildliauer Prof. Fritz Behn stellte 
mir giitigst obere C. untere I 1 und C eines alten Bullen zum 
Yergleiche zur Yerfiigung, den er im Rovuma im siidlichsten 
Deutschostafrika erlegte. Zu den in derTabelle(S.22) angegebenen 
Maflen fiige ich hinzu, daB in der Luftlinie der obere C 250, 
der unter I 1 und C 400 mm hoch sind, daB die Durchmesser 
des oberen C 43 und 51 mm sind. und daB die Breite des 
Unterkiefers 510 mm betrug. Der Trager der Zahne war also 
so groB vvie der diliwiale Hippopotamus major Europas und be- 
statigt die Angabe Blainyilles (Hippopotamus, S. 26), daB das 
Weibcben um 1 L kleiner als das Mannchen sei. Nicht nur die 
Grofie, sondern auch die Proportionen der Yorderen Zahne des 
ostafrikanischen FluBpferdes schwanken also auBerordentlich. 
Es mahnt das zur Yorsicht gegenuber den immer wiederholten 
Versuchen. GroBenunterschiede bei systematischen L T nter- 
scheidungen allzu einseitig zu betonen. besonders bei wenig 
umfangreichem Vergleichsmaterial. Im ubrigen zeigen die ge- 
waltigen Zahne fast keine Besonderheiten gegenuber den oben 
beschriebenen ostafrikanischen, nur ist der Schmelz des oberen 
C, der bis zur Mitte der Yorderseite reicht, nicht gerieft, sondern 
nur gestreift, der fast gerade untere I 1 ist kegelformig abgekaut 
und schmelzlos, unci der beinahe halbkreisformig gebogene 
untere C hat eine sehr wenig gewolbte, mit zwei Furchen Yer- 
sehene Distalseite, wahrend die Furche der Mesialseite nahe 
der Vorderkante liegt. 

Der untere Pi Yerhalt sich wie der obere, denn nur bei D 
ist, doppelt so weit Yom P 2 als Yom I 2 entfernt, ein stark ab- 
gekauter kleiner einwurzeliger Zahn Yorhanden, dessen 15 mm 
lange, 10 mm breite kegelformige Krone mesial und distal ein 
Basalhockerchen besitzt. Bei E und F findet sich nur eine 
AlYeole naher am P 2 als am J 2, und bei A, B und C auch 
daYon keine Spur. 

Yom P 2 ist bei A links nur eine einfache AlYeole Yor- 
handen, rechts und bei den andern Kiefern hat er zwei Wurzeln, 
Er ist konisch, seme seitliche Abplattung betragt meist ein 



8 



Drittel, bei F aber die Halfte der Lange. Bei A und C ist er 
oben und distal oder distal innen abgekaut und besitzt mesial 
und distal Spuren eines Basalwulstes. Bei D hat er mesial, 
bei E und F auch lingual und distal je eine Kante, und bei E 
ist an der lingualen Kante in halber Hohe ein Hockerchen 
angedeutet, bei F schwach ausgebildet. 

Der stets zweiwurzelige P 3, dessen Langsachse ein wenig 
nach hinten auBen lauft und der distalwarts breiter wird, ist 
dem P2 ahnlich, nur groBer und anscheinend variabler. Bei A 
und B fallt namlich die Distalfiache seiner Krone innen sanfter 
ab als sonst, bei D, E und F ist mesial wie distal eine Kante, 
und lingual hinten bei F eine glatte, bei E hockrige Kante, 
bei B ein Wulst, bei D aber nur ein Hockerchen in halber 
Hohe ausgebildet. Der Basalwulst ist mesial innen schwach, 
bei C und F deutlich entwickelt, distal besonders auBen meistens 
maBig und hier auBer bei B mit einem Knopf versehen, der 
bei E und F ganz distal Iiegt. 

Der P 4 verhalt sich wie der P 3 und ist zwar auBer bei D 
ein wenig breiter, aber nur manchmal ganz wenig langer, bei 
D sogar kiirzer als er. Seine Krone ist buccal wulstig, mesial 
und distal kantig und lingual mit einem bei F kleinen, bei B 
nur wulstigen, sonst hohen Nebenhocker versehen, so daB die 
Abkauungsnache vierseitig wird. Der Basalwulst ist mesial 
und distal auBen deutlich oder distal stark, bei E und F hier 
zu einem Hocker verdickt. 

Yon einem P 1 fand ich auch in dem oben auf Seite 5 
erwahnten Unterkiefer, aus dem ich die beiderseitigen J, C und 
P 2 ausbrach, gar nichts, so daB er auch hier fehlte oder ganz 
rudimentar war. Der P 2, den ich (1905 S. 110, Taf. 20, Fig. 5) 
beschrieb und yon aufien abbildete, ist, wie Taf. Ill, Fig 1 
zeigt, relativ groB und von den rezenten durch die Abplattung 
der Lingualseite und einen hohen, lingual hinten aus dem Basal- 
wulst sich erhebenden Hocker ausgezeichnet, der vielleicht dem 
Hockerchen bei E und F entspricht. 

Der P3 ist von Gaudry (1876 S. 502, Taf. 18, Fig. 5, 5 a) 
und Andrews (1902 S. 435, Taf. 21, Fig. 2) beschrieben und 
abgebildet. Er gleicht dem P 2, nur ist er ein wenig langer. 
Sein grofier lingualer Basalhocker entspricht wohl den bei dem 
jetzigen FluBpferd variablen Gebilden der Lingualseite. 

Die Krone eines rechten Zahnes (Taf. II, Fig. 4a, b), der 
ein wenig breiter und kiirzer als diese P3 ist, muB als die 
eines P 4 augesehen werden. Wie bei den rezenten ist die 
konische, etwas ' seitlich komprimierte Krone buccal wulstig, 
mesial und distal kantig und an der maBi'g gewolbten Lingual- 



9 



seite mit einem hohen Hocker versehen. Auch im Basalwulst 
ist er kaum verschieden, denn dieser iet buccal und lingual 
sehr schwach, mesial maBig, nur distal stark, aber nicht hoch. 

Die unteren M der ostafrikanischen FluBpferde sind deutlicli 
schmaler und wenig langer als die oberen, also maBig gestreckt, 
ihrevier Haupthocker verhalten sich aber ziemlich ebenso wie jene. 
Der Basalwulst ist am M 1 mesial und distal stark, auBer bei D 
aber buccal und lingual als Hocker am Eingange des Quertales 
ausgebildet. Am M2 ist er mesial meistens stark und hoch, 
distal in der Mitte auch hoch und gewohnlich so stark, daB er 
hier den Eindruck eines Medianhockers erweckt; im Eingange 
des Quertales findet sich lingual selten ein Hockerchen. Am 
M3 ist nur mesial ein schwacher Basalwulst vorhanden, distal 
•derselbe Hocker wie am M2, jedoch so groB, daB er als fiinfter 
Haupthocker erscheint. Er besitzt innen, bei C auch auBen 
Nebeuhockerchen. 

Fossil liegt nur eine unabgekaute Krone eines vierwurzeligen 
rechten M 2 vor (Taf. Ill, Fig. 2a, b). Sie ist relativ klein, 
deutlich schmaler und sogar ein wenig kiirzer als am oberen 
M2 und maBig langsgestreckt. Der Schmelz ist runzelig, die 
Tier Haupthocker sind schwach, aber doch so gefurcht, daB sie 
bei dem Abkauen ungefahr eine Kleeblattform geben; im Quertale 
ist nur buccal ein schwache/ Wulst vorhanden, mesial und distal 
ist der Basalwulst zwar inaBig stark, aber nicht hoch, immerhin 
•distal hoher und mit einem Medianspitzchen versehen. 

II. MilchgebiD. 

Yom MilchgebiB des FluBpferdes liegt mir leider nur eines 
aus der hiesigen Skelett-Sammlung vor, in einem Schadel nebst 
Unterkiefer aus dem Nil (1859) von 34 cm Basallange. Hier 
treten die Spitzen der C, M 1 und unteren 1 1 eben aus den 
Kieferknochen heraus, auch ist bewerkenswert, daB die oberen 
Zahne links, wo ich sie maB (siehe die Tabelle auf Seite 22, 23!), 
alle ein wenig groBer sind als rechts. 

Ob en sind die zwei DI sehr klein, einfach konisch und 
ein wenig gebogen. Ihre schmelzbedeckte und an der Spitze 
abgekaute Krone war etwa 15 mm hoch. Der D 12 ist zwar 
nur minimal groBer als der D II, immerhin herrscht also das 
umgekehrte GroBenverhaltnis wie bei den I 1 ). 

Die D C sind leider schon ausgefallen; die 4 D M nehmen 

l ) Blaisville (Hippopotamus S. 28 und 32) spricht von einem 
rudimentaren oberen D II und unteren D I 3, also von je 3 D I; ich 
kann keine Spur von mehr als zwei beobachten, er*hatte aber ein 
noch jiingeres Exemplar vor Augen. 



10 



distalwarts an Lange, Breite und Hohe zu. Ihr Schmelz ist 
runzelig. Der D Ml ist vom D C durch ein etwas langeres 
Diastema getrennt als vom DM2 und ist einwurzelig. Seine 
konische Krone ist relativ hoch (19 mm) und etwas nach innen 
geneigt, sie ist seitlich komprimiert, und mesial wie distal 
kantig. Fur ein en Ersatzzahn, ein en Pi, ist kaum Platz vor- 
handen, da die Alveole des C urimittelbar iiber der etwas schrag 
nach hinten gerichteten des D M 1 liegt ] ). 

Der DM2 ist durch ein Diastema, das seiner Lange fast 
gleichkommt, yon ihm und durch ein ganz kurzes yom DM3 
getrennt. Seine zweiwurzelige Krone ist konisch, aber fast 
doppelt so lang als dick und mesial sowie distal kantig. Der 
Schmelz bildet distal und, allerdings schwach, auch lingual und 
mesial einen Basalwulst. 

Der DM3 stellt einen eigenartigen Ubergang zwischen der 
Form der vorderen und hinteren D M dar 2 ). Er ist langgestreckt, 
wird distalwarts viel breiter, und seine hintere Wurzel ist 
zweigeteilt. Sein etwas vor der Mitte gelegener Haupthocker 
ist lingual und buccal stark gewolbt, mesial etwas innen sowie 
distal etwas auBen mit einer starken Kante. distal innen mit 
einer schwachen versehen, so daB die Abkauungsflache vier- 
lappig wird. Durch ein Quertal getrennt erheben sich dahinter 
zwei ebenso starke Hocker nebenelnander, die kleeblattformig 
abgekaut sind. Endlich ist der Basalwulst distal, lingual vom 
Tal an bis mesial auBen deutlich entwickelt und bildet mesial 
einen dicken Hocker, der durch den distalen Hocker und den 
Basalwulst des unteren DM3 abgekaut ist. 

Der DM 4 endlich gleicht, wie oft, ganz einem M, nur ist 
er kleiner. Er hat vier Wurzeln, ist viereckig und Avenig 
langer als breit, und seine vier gleichartigen Hocker werden 
kleeblattformig abgekaut, was zuachst nur an dem vorderen 
Paar der Fall ist, da das hintere in dem noch nicht ganz 
durchgebrochenen unteren M 1 noch keinen Antagonisten hat. 
Ein Basalwulst ist nur mesial und distal ausgebildet und an 
dem buccalen Taleingange, kaum am lingualen angedeutet. 

*) Wenn also nach Nehring und StEHLiN (1899 S. 202) bei re- 
zenten und fossileD Suiden der vorderste P ohne Vorlaufer gleichzeitig 
mit dem M 1 durchbricht, so ist wichtig, hervorzuhebeD, daB hier oben 
wie unten ein vorderster Backenzahn schon voll entwickelt ist, wahrend 
von den bleibenden Zahnen, auch von dem M 1, wie erwahnt, erst die 
Spitzen aus den Kieferknochen ragen. Desbalb muB ich fiir das FluB- 
pferd die Existenz von 4 D M annehmen. (Siehe oben Seite 3!) 

3 ) Auch bei Sus ist der vorletzte obere und der letzte untere 
Milchbackenzaha der eigenartigste und im Grunde wie bier gebaut 
(Stehlin 1899 S. 204, 205). 



11 



Fossil liegt mir nur ein etwas abgekauter oberer rechter 
DM 3 und ein stark abgekauter linker DM 4 vor. Der erstere 
(Taf. Ill, Fig. 3 a, b) ist relativ kiirzer. Die zwei distalen 
Kanten des Haupthockers sind schwacher, die zwei distalen 
Hocker sind durch eine tiefere Langsspalte getrennt, und der 
buccale ist weniger abgekaut als der linguale; endlich ist der 
Basalwulst lingual auch an letzterem vorhanden. 

Der DM4 (Taf. Ill, Fig. 4) hat vier stark divergierende 
Hauptwurzeln und zwischen den niesialen noch eine Wurzel, die 
buccalen Hocker sind kaum kleeblattformig. Die Basalwulst- 
teile an dem Quertale sind ein wenig starker als bei dem 
rezenten Zahn, mesial ist der Basalwulst sehr wohl entwickelt, 
distal ist leider die Schmelzumgrenzung der Krone abge- 
brochen. Der Schmelz, schon am D M 3 nur wenig runzelig r 
ist hier ganz glatt. 

In dem rezenten Unterkiefer ist der D 1 1 und DC schon 
ausgefallen. Der DI 2 ist ganz wenig starker als im Zwischen- 
kiefer, stiftformig, gerade und im Querschnitt fast kreisformig. 
Die konische Krone ist oben und lingual abgekaut und nur 
labial von Schmelz bedeckt, der eine basalwarts konvexe 
Grenze hat. 

Die 4 DM sind schmaler und bis auf den DM 4, der 
einem umgekehrten unteren M 3 gleicht und ebenso wie er lang 
ist. auch ktirzer als die oberen. 

Autier am DM 1 ist der Schmelz etwas runzelig, an ihm 
nur sehr fein runzelig. Er erhebt sich ein wenig naher am 
DM 2 als am C als 18 mm hoher Kegel mit einfacher schrag 
nach hinten gerichteter Wurzel. Die etwas nach innen und 
vorn geneigte Krone ist nicht kantig und nur wenig seitlich 
komprimiert. Speziell letzteres unterscheidet ihn neben seiner 
geringeren Grofle von den im. Unterkiefer D vorhandenen P 1. 

Der DM 2 ist durch ein sehr kurzes Diastema vom DM 3 
getrennt, hat wie er zwei divergierende Wurzeln und ist iiber 
doppelt so lang als' breit. Die seitlich platte spitze Krone 
besitzt mesial eine, distal zwei Kanten, wovon die auflere in 
einem Basalhockerchen endet. Lingual sind unter der Mitte 
der Hohe Rauhigkeiten vorhanden. 

Der DM 3 wird distalwarts breiter, denn er hat hinter 
dem konischen Haupthocker, durch ein Quertal getrennt, einen 
maflig abgekauten wenig niedrigeren Doppelhocker. Der Haupt- 
hocker besitzt mesial eine Kante, distal aufien eine Konkavitat 
und lingual hinten in halber Hohe eine Rauhigkeit. Mesial 
war wohl ein Basal hocker vorhanden, der aber durch die 
Riickseite des oberen DM2 ganz weggekaut ist, und distal 



12 



ist ein oben abgekauter Basahvulst deni Doppelhocker an- 
: geschlossen. 

Der DM 4 ist fast doppelt so lang, breiter und verbreitert 
sich noch distalwarts. Er ist vierwurzelig und seine etwas 
abgekaute Krone besitzt mesial einen ungefahr vierseitigen 
Hocker, dahinter zwei Paar Hocker, die durch ein breites Tal 
voneinander getrennt sind. Sie sind bis auf den lingualen 
distalen, der schrag komprimiert ist, kleeblattformig abgekaut. 
Den distalen AbschluB bildet ein starker und hoher Basal- 
■hocker, wahrend sonst eine Basahvulst fehlt. 

Meine Yermutung (1905 S. 114), daB fossile DI vorlagen, ist 
unrichtig, da die rezenten DI viel kleiner sind als alle ge- 
fundenen Schneidezahne. Das lingual abgekaute Oberende 
eines linken unteren Eckzahns ist aber seiner GroBe nach das 
eines DC (Taf. Ill, Fig. 5a, b). Die kaum gewolbte Mesialseite 
ist nanilich nur 21 mm breit, die stark gewolbte Labialseite 22 
und die Distalseite 12, der Zahn ist also stark seitlich 
komprimiert. Sein fein runzeliger Scbmelz ist nur etwas 
langsgestreift und laBt nur die Distalseite frei. An der 
mesialen Seite ist keine Furche vorhanden. 

Die Krone eines rechten DM 2 (Taf. Ill, Fig. 6), die nur 
•distal unten scbrag abgekaut ist, ist relativ sebr groB, be- 
sonders lang. Ihr Scbmelz ist fast glatt. Die mesiale Kante 
ist wobl ausgebildet, die distalen zwei aber sind es nicbt. 
Dagegen sind die Hockerchen binten an der Lingualseite 
deutlicber als bei den rezenten. 

Der recbte DM 3 liegt in einer wenig, etwas und stark 
abgekauten Krone vor, woYon die erste nocb die zwei diver- 
gierenden Wurzeln besitzt. Icb bilde sie alle ab, um die 
starke Formanderung bei der Abkauung und die Variabilitat 
zu zeigen (Taf. Ill, Fig. 7a, b, 8 und 9). Auch dieser Zahn 
ist relativ grofl, nanilich so groB als der rezente. Sein Schmelz 
ist teils glatt, teils fein runzelig. Am Haupthocker findet sich 
distal innen eine schwache Kante, distal auBen keine Konkavitat, 
lingual an ihm sind die Warzchen deutlicher als bei dem 
rezenten, mesial erhebt sich ein starkerer konischer Basal- 
hocker, der vorn abgekaut wird, der distale Basahvulst ist 
aber ein wenig schwacher. 

Die Krone eines linken DM 4 (Taf. Ill, Fig. 10) ist ein 
wenig breiter und etwas kiirzer als die rezente. Ihr Schmelz 
ist z. T. glatt, z. T. fein runzelig. Infolge sehr starker Ab- 
kauung ist der mesiale Hocker einfach breit oval, auch die 
zwei mittleren sind zu einem breiten etwas eckigen Oval 
verschmolzen und die zwei distalen auch nur noch durch eine 



13 



Schmelzinsel getrennt. Die distale Schmelzgrenze ist leider 
abgebrochen, anscheinend war aber der Basalwulst dem rezenten 
ahnlich, jedoch auch buccal am Mesialhocker imd lingual am 
Distalhocker schwach ausgebildet. 

III. Skelett-Teile. 

AuBer den aufierst diirftigen Schadelresten, die icli (1905 
S. Ill) schon beschrieb. fanden sich youi Knochenskelett nur 
Wirbel und Extreniitatenteile am Garet el Muluk. Sie kann 
ich mit dem Skelett eines Nilpferdes aus dem oberen Nil in 




Fig. 1. 

Atlas, von oben, 3 / 5 natiirl. GroBe. Original im Senckenberg-Museum. 
Dornfortsatz nach Miinchener Original erganzt. 



der hiesigen Skelett-Sammlung (= H. Nil, Lange der Schadel- 
basis 610 mm, der oberen M-Reihe 135 mm, der unteren 150 mm) 
und mit Resten Yon Hippopotamus maclagascarienais (— H. mad.) 
in der hiesigen palaontologischen Sammlung yergleichen, welcbe 
so zahlreich. sind, daB ich. auch tiber die Yariabilitat der Merk- 
male mir ein gewisses Urteil bilden kann.. 

Ein Atlas gleicht in Form und GroBe dem von mir (1905 
S. Ill) schon beschriebenen, welchen ich hier nun abbilde 
(Fig. 1). Bei ihm ist der Dornfortsatz ein deutlicher Hocker 
wie bei H. mad., wahrend er bei H. Nil ganz schwach ist. 
Im Wirbelkanal ist beiderseits ein Hockerchen vorhanden, an 
dem sich das iiber den Dens des Epistropheus gespannte 
Ligamentum transversum ansetzte 1 ). 

Ein funfter und sechster Halswirbel mit z. T. abge- 
brochenen Quer- und Dornfortsatzen tragen auf dem Neural- 

J ) Bei H. Lemerlei Grand, scheint in hoherem Alter dieses Band 
zu verknochern. (Grandidier and Filhol 1894 S. 174.) 



14 



•dach keine Lophapophysen (Stromer 1902 S. 63). Bei H. mad. 
fehlen sie auch oder sind nur sebr schwach, bei H. Nil, auch 
"bei dem FluBpferd aus dem Kapland (Cuvier a. a. 0. Taf. 30, 
Fig. 6) und dem Senegal (Blainville a. a. 0., Taf. 1 und 4) sind 
sie aber deutlich entwickelt. Der Korper des fiinften (Fig. 2) 
1st librigens ventral 45 mm lang, vorn 55 mm breit und 
43 mm hoch. 

Ein hinterer Brustwirbel entspricht dem zwolften, also der 
ersten Vertebra thoracolumbalis (Stromer 1902 S. 71). Die 
entsprechenden KorpermaBe sind bei ihm iiber 40, 57 und 39mm, 




Fig. 2. 

Fiinfter Halswirbel von rechts. 2 / 5 natiirl. GroBe. 
Parapophyse nach der linken Seite erganzt, Dornfortsatz abgebrochen. 

leider feblen die Epiphysen, die vorderen Gelenkfortsatze und 
das Ende des Dornfortsatzes. An der kurzen Diapophyse, die 
keine Andeutung einer Anapophyse zeigt, befindet sich vorn 
eine flacbe Facette fiir die Rippe, die, von der vorderen Rippen- 
facette des Korpers kaum getrennt, wie sie nach. vorn und 
etwas auBen sieht. Die hintere Rippenfacette des Korpers 
sieht nach hinten etwas auBen. Der breite, kaum riickge- 
neigte Dornfortsatz endlich scheiiit hoher gewesen zu sein als 
bei H. NU, dessen Rippengelenke sich fast ebenso verhalten, 
bei dem aber eine Anapophyse angedeutet ist. Viel besser 
als die Teile des Achsenskelettes sind die der Extremitaten 
vertreten. 

Zu der von mir (1905 S. Ill) beschriebenen Scapula 
kommen noch zwei, wie sie oben und an der Spina unvoll- 
stiindig. Bei der rechten (Fig. 3) ist der Hals 61,5 mm breit, 
die Gelenkpfanne 56,5 mm lang, 50 mm breit, bei der linken 
sind die MaBe 62,5, 61 und 52 mm. Bei alien drei ist wie 
bei . JJ. mad. im Gegensatz zu den rezenten eine aufragende 
Spitze auf dem Ende des Processus coracoideus nur ange- 



15 



deutet und der PfannenauBenrand vor der Mitte seiner Lange 
etwas aufgebogen. Im einzelnen besteht eine ziemliche 
Variability. Die Spina beginnt namlich bei der ersten 45 mm. 
bei den andern zwei 40 mm fiber ' dem Gelenk und die 
Konvexitat des Vorderrandes bei den zwei rechten Scapulae 




Fig. 3- 

Rechte Scapula von auBen. 2 /s natiirl. GroBe. 
Spina und oberer Teil abgebrochen. 

hoher oben als bei der linken und den rezenten. Auch ist 
der Processus coracoideus ventral bei der einen rechten wie 
bei der rezenten dicker als bei den andern zwei, und die 
Gelenkpfanne bat bei der linken ihre gro\Bte Breite hinten, 
bei den andern zwei vor der Mitte. 

Studer (1898 S. 74) und Andrews (1902 S. 435, 436, 
Fig. 1) beschrieben einen linken Humerus ohne Oberende. Mir 
liegt nur das untere Ende eines kleineren rechten vor. Es ist 
nur 92 mm, das Gelenk bis zu 70 mm breit, wahrend die groBte 



16 



Dicke innen 95,5 mm betragt. Es bestatigt die Ansicht yon 
Andrews, daB die Durchbrechung der Fossa olecrani bei 
Studers Original nur zufallig ist; denn ihr Boderi ist hier 
geschlossen. Auch reicht der Condylus internus nicht tiefer 
herab als das Gelenk, wenn auch, wie bei H. Nil, tiefer als bei 
H. mad., und tiefer als der Cond. externus. 

Ein sehr gut erhaltenes Antibrachium bildete ich schon. 
(1905 Taf. 20, Fig. 4) ab. Seiner Beschreibung (a. a. 0. S. 112) ist 
auf Grund der neuen Funde: eiuer Oberhalfte des rechten 
sowie der unteren Epiphyse des linken Radius uud der unteren 
Epiphyse der rechten Ulna, nur sehr wenig uachzutrageu. Die 
groBte Breite des Radius betragt oben 70 mm, die Dicke 42 mm, 
sein Schaft ist auch nur 36,5 mm breit. Die grofite Breite der 
unteren Epiphyse ist, wie 1905, 69 mm, die ihres Gelenkes 46 mm. 
Die untere Epiphyse der Ulna ist am Oberende 50,5 mm, am 
Gelenke hinten nur 26 mm breit. 

Das Antibrachium eines ausgewachsenen H. mad. wie des 
//. Nil ist relatiy kurzer, der Vorderrand des Olecranon nicht 
ocler nur sehr wenig konkay und die Grube hinten lateral vom 
unteren Gelenke des Radius yiel seichter. Die Verwachsung yon 
Radius und Ulna aber ist bei II. Nd. starker als bei II. mad. 
und unserem Fossil. 

Vom VorderfuB fanden sich mehrere yereinzelte Knochen, 
deren MaBe wie die der folgenden in der Tabelle auf Seite 21 u. 24 
yergli-chen sind. Da ein geringes Verschieben des Ansatzes der 
MaBstabe nicht unbetrachtliche Unterschiede in den Mafien 
ergeben kann, so ist auf kleine Unterschiede in deren absoluten 
GrbBen und in ihren Verhaltnissen kein Gewicht zu legen. 
Literaturangaben iiber solche MaBe sind natiirlich nur mit Yor- 
behalt zu gebrauchen, da oft nicht festzustellen ist, wo der 
Autor gemessen hat. Ein linkes Intermedium (= Lunare, Fig. 4) 
ist sehr klein, namlich kaum halb so gro.fi als bei dem Nilpferd. 
Es unterscheidet sich auch deutlich yon diesem dadurch, daB 
seine Gelenkflache fiir das UJnare sehr klein ist, und daB yorn 
unten die Flache fiir das Carpale 3, und die fur das Carpale 4 + 5 
winklig statt gerundet stump fwinklig zusammenstoBen. 

Zwei rechte Pisiformia (Fig. 5) gehoren yiel groBeren 
Indiyiduen an. Sie zeichnen sich gegeniiber dem des Nilpferdes- 
durch einen starken Wulst ihrer AuBenseite aus. 

Ein rechtes Carpale 2 (== Trapezoideum, Fig. 6) ist dadurch 
yom rezenten ausgezeichnet, daB das laterale Yordereck seiner 
mit dem Radiale gelenkenden oberen Flache herabgeneigt ist, 
so daB der Lateralrand seiner Yorderseite kaum halb so hoch 
als der mediale, statt fast ebenso hoch ist. Dabei ist die mittlere 



17 



Breite und Hohe im Verhaltnis zur Lange (von vorn nach hinten) 
relativ hoch. 

Eiu etwas ladiertes Carpale 3 (Magnum, Fig. 7) ist vorn 
relativ holier und schmaler als bei den rezenten, und hinter 
seinen oberen Gelenkflachen befindet sich oben auf dem Haken- 
fortsatz eine Querrinne. 

Ein lateral und hinten ladiertes Carpale 4 + 5 (Unciforme, 
Fig. 8) scheint relativ schmaler zu sein als das rezente, und 
seine Gelenkflachen fur das Metacarpale 4 und 5 sind durch 




Fig. 4. 
Linkes Intermedium 
von vorn. 2 -, nat. Gr. 




Fig. 5. 
Rechtes Pisiforme von 
oben. 2 5 natiirl. GrdBe. 




Fig. 6. 
Rechtes Carpale 2 von 
vorn. 2 5 natiirl. Gr. 




Linkes Carpale 3 von vorn und 
etwas obeD. 2 =, natiirl. GroBe. 




Fig. 8. 

Rechtes Carpale 4 + 5 von vorn 
und etwas oben. 3 / 5 natiirl. GroBe. 
Lateral unvollstandis:. 



•eine deutliche Kante getrennt, was bei dem Nilpferd nicht 
der Fall ist. 

Ein unvollstandiges Metacarpale 2 und 5 beschrieb ich schon 
(1905 S. 112). Dazu kommt jetzt noch das erste Glied der 
dritten und funften linken sowie der vierten rechten Zehe, und 
das zweite Glied der zweiten und vierten rechten Zehe des 
Vorderfufies. Sie zeigen kaum Besonderheiten, nur ist das erste 
Glied der funften Zehe hinten wulstig verdickt und das zweite 
•Glied der vierten Zehe relativ lang. 

Von der Hinterextremitat ist leider das Becken und der 
•Oberschenkel kaum vertreten. Dagegen liegt eine rechte Tibia 
(Fig. 9) mit dem nicht verwachsenen Oberende (Fig. 10) und 
dem verwachsenen Unterende der Fibula vor, sowie eine linke 
Tibia, deren Oberende fehlt, und die nach ihrer geringen GroBe 
und der noch nicht eingetretenen Yerwachsung der Fibula einem 
■ein wenig jiingeren Individuum angehort. 

Die Tibia ist relativ lang, vor allem im Yerhaltnis zu 

^eitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 2 



18 



ihrer imteren Breite. Oben ragt der Innenrand der lateralen 
Gelenkflacbe wie bei dem Nilpferd fast so hoch empor als der 




Fig. 9. 

Rechte Tibia mit dem Unterende der 
Fibula, vod vorn. 2 / 5 naturl. Grofie 



Lateralrand der medialen Gelenkflache, wabrend bei H. mad.. 
ersterer niederer ist. Ferner ragt im Gegensatz zuni Nilpferd 
und II. mad. das Oberende der Crista enemialis iiber die- 



19 



Gelenkflache empor, imd ihr Yorderrand ist in der oberen 
Schafthalfte so stark lateralwarts umgebogen, dafl in der 
Schaftmitte ein deutliches stumpfes Eck entsteht. Beides ist 
bei dem Nilpferd und besonders bei H. mad. viel schwacher der 
Fall.* Unten vorn, zwischen den zwei Gelenkgruben, ist bei der 
rechten Tibia eine Kerbe, die sich ventral in eine Rinne fort- 
setzt, nur angedeutet, an der linken aber deutlich. Grandidier 



und Filuol (1894 S. 177, 178, Taf. 15, Fig. 2, 3) fanden die 



gleichen variablen Verhaltnisse bei H. Lemerlei. 

Die Fibula' (Fig. 10) ist oben im Gegensatz zu der rezenten 
deutlich verbreitert, ihr starkes Unterende wurde von Cuvier 
a. a. 0. S. 426) falschlich als getrennter Knochen behandelt. 



Linker Talus, a von auBen, b von hinten unten. 2 / 5 natiirl. GroCe. 

Ein linker, oben innen ladierter Talus (Fig. 11a, b) paBt 
in seiner Grofle zu der kleineren Tibia. Er ist gegenuber 
dem rezenten und dem des mad. sehr lang. Seine palmare 
Gelenkflache fur den Calcaneus ist distal kaum schmaler als 
proximal. Das ist zwar auch bei dem hiesigen Nilpferd der Fall, 
bei dem Fluflpferd aus dem Senegal aber scheint nach Blainville 
(Hippopotamus Taf. 5) ihr Lateralrand schrag nach innen unten 
zu laufen, wie das bei alien hiesigen Exemplaren von H. mad. 
der Fall ist. Die Konkavitat liber und median von dieser Flache 
ist relativ schmal und seicht gegenuber der des Nilpferdes und 
der medialen des H. mad. Yon den lateralen Gelenknachen fiir 
den Calcaneus ist die obere von der |ftir den Malleolus externus 
nicht abgesetzt und die untere breit, was auch bei dem Nilpferd 
der Fall ist, wahrend bei H. mad. stets die obere deutlich ver- 
tieft, die untere viel schmaler ist. Distal endlich ist die Gelenk- 
flache fiir das Centrale (= Naviculare) etwas quer konkav und 
hoher gelegen als die fiir das Tarsale 4 + 5 (Cuboideum), was 
bei dem Nilpferd in geringerem Mafie der Fall ist, wahrend 




Fig. 11a. 



Fig. lib. 



20 



bei H. mad. die Flache fur das Centrale sehr wenig konkay und 
kaum iiber der anderen gelegen ist. 

Ein linkes Tarsale 4 + 5 (= Cuboideum, Fig. 12) ist relatiy 
groB und gleicht in seinen MaBen dem kaplandischen FluBpferd 
Cuyiers, paBt also nicht an den yorliegenden Talus. Es zei^hnet 
sich durch eigenartige Ausbildung seiner medialen Gelenkflachen 
aus. Bei deni Nilpferd und H. mad. befindet sich namiich hinten 
oben eine etwas hochoyale Flache fiir das Centrale, die nach 
innen und maBig oben sieht, unten yore eine fiir das Tarsale 3, 
welche, stark yon yorn nach hinten gestreckt, bis unter die erstere 
reicht und nur nach innen sieht. Bei dem fossilen Stuck nun 
liegt die Flache fiir das Centrale tiefer und sieht nach oben 




Fig. 12. 

Linkes Tarsale 4 + 5 von innen. 2 / 5 natiirl. GroBt. 

etwas innen, und yor ihr liegt eine gestreckte andere Flache, 
die gleichgerichtet und nur durch eine Kante yon einer ebenso, 
aber bis weiter nach hinten gestreckten Flache getrennt ist, 
die nach unten maBig innen sieht. Die obere gestreckte Flache 
ermoglichte yvohl eine zweite vordere Gelenkung mit dem Centrale, 
die unter e mit dem niederen Tarsale 3, ahnlich wie z. B. bei 
Anthracotherium eine keilformige Gelenkflache des Tarsale 4 + 5 
sich zwischen Centrale und Tarsale 3 einschiebt. Das Centrale 
und Tarsale 3 muBten also andere laterale Gelenkflachen haben 
als bei dem Nilperd und bei H. mad. Die yereinigten Gelenk- 
flachen fiir das Metatarsale 4 und 5 sind iibrigens yon dieser Flache 
fiir das Tarsale 3 yollig getrennt; die fiir das Metatarsale 5 endlich 
ist im Gegensatz zu der des Nilpferdes und H. mad. quergewolbt 
und reicht bis auf die Lateralseite, womit iibereinstimmt, daB 
ich (1905, S. 112) die Konkayitat der oberen Gelenkflache dieses 
Metatarsale hervorheben konnte. An dem kleinen palmaren 
Hakenfortsatz findet sich aber bei Hippopotamus keine Gelenkflache. 
Zu den unyollstandigen Metatarsalia 4 und 5, die ich a. a. 0. 
beschrieb, kommen jetzt nur noch zwei erste Zehenglieder, wohl 
der link en zweiten und dritten Zehe (Fig. 13 und 14), und ein 
zweites Glied, wohl der zweiten rechten Zehe (Fig. 15). Die 



21 



zwei ersten Glieder sind oben relativ sclimaler als bei dem 
Nilpferd, und das der zweite Zebe dabei verbaltnismiiBig lang, 
aucb ist es binten wulstig verdickt. 




Fig. 13. 
Erstes Glied, wohl 
der zweiten Zehe des 
linken HinterfuBes, 
von vorn. 2 / 5 nat. Gr. 




Fig. 14. 
Erstes Glied, wohl der 
dritten Zehe des linken 
HinterfuBes, von vorn. 
2 5 naturl. GroBe. 




Fig. 15. 
Zweites Glied, wohl 
der zweiten Zehe des 
rechten HinterfuBes, 
von vorn. 3 / 5 nat. Gr. 



Zurn Scblusse ist ein Sesamknochen vorhanden, der an 
das Gelenk zwiscben einem Metapodium und dem ersten 
Glied einer dritten oder vierten Zebe gebort, ohne daB sich 
seine genauere Lage feststellen laBt. Er ist 35 mm lang und 
bis 18 mm breit und binten dicker als bei dem Nilpferd. 
Tabellen der Matie von Extremitaten-Teilen. 





FluBpferd 
Cuvier 1 NU 
S. 433 


Xatrontal 


Intermedium 










67 


64,5 


32 




59 


62 


29 




37 


40 


20 


Pisiforme 










67 


65 


63 


groBte Breite . . , 


28 


26 


29 • 


Carp ale 2 










40 


40 


28 




29 


31 


25 




21 


26 


20 


Carpale 3 








von vorn nach binten 


80 


76 


iiber 58 




44 


48 


28 




33 


32 


22 


Carpale 4 + 5 










82 


67 


iiber50 




68 


65 


40 




40 


32 


22 



22 



Tabelle 



A. Obere 





1 1 


I 


2 




c 




langs 


quer 


langs 


quer 


langs 


quer 


Schadel A 


23 


20 


22 


22 


29 


39 


, B 






28 


28 


32 


47,5 


„ c 


29,5 


23 


24,5 


19 


32 


39 


„ D ....... . 


31 ca. 


28 


25 ca. 


25 ca. 


34 


41 


Schnauze E 


19 ca. 


19 ca. 


19 


15 


23 


30 


» F 


24 


19 


22 


17 


22 


32 


Natrontal 

v 


?15 


?10,5 


18 


13,5 


25 


34 

— 


n 

Choeropsis liberiensis . . . 


8 


7 


9 


9 


18 


29 



B. Untere 





Ii 


I 


2 




c 






langs 


quer 


langs 


quer 


mesial 


labial 


distal 


Schadel A ... 


33 


31 


25,5 


24 


45 


33 2 ) 


32 


. B . . . 


52 


44 


27,5 


26 


45 


33 


33 


„ C . . . 


37 


35 


26 


21 


51 


37 


31 


„ D . . . 


43 


40 


23 


23 


52 


41 


32 


Schnauze E . . . 


33 


30 


21 


19,5 


37 


30 


25 


x F . . . 


32 


30 


19 


18,5 


36 


28 


24 


Rovuma G . . . 


55,5 


52,5 






80 


59 


48 


Gaudrys Orio-. . . 


? 23 


?23 


?20 


?20 


?44 






Natrontal .... 


? 23 


?21 


16,5 


16,5 


d30 


25 


20 




16,7-20 


16,5 


16 


12 


s35 


26,5 


19 








12,5 


11,5 


d45 


35 ca. 


25 ca. 


Choeropsis liberiensis 


12 


12 






26 


17 


16 



C. Milch- 







D Ii 


D 12 


D M 






langs 


quer 


langs 


quer 


1-4 


obere 




7 


6 


7,2 


6,1 


130 


r> 


„ Natrontal . . . 












untere 








7,6 


6,5 


123 




„ Natrontal . . . 













') Die MaBe sind alle an der Kronenbasis abgenommen und in 
2 ) Die Grenzen der Labialseite sind so gerundet, daB die MaBe nur 



23 



tier MaBe 1 ). 

Z a line. 



P 2 


P 3 


P 4 


Ml — M3 


M 2 


langs 


quer 


liings 


quer 


langs 


quer 


langs 


langs 


quer 


30 


18 


33 


24 


27 


34 


140 


53 


50 


30 


21 


38 


27 


27 


29 


132 


49 


45 


32 


22 


36 


25 


25 


28 


136 


50 


48,5 


32 


22 


36 


26 


34 


34 


145 ca. 


54 


47 


28,5 


18 


29 


23 












30,5 


19 




















30 


18 


d22 


22 


116 ca. 


d4l 


39 










s20 


17 




d40 ca. 


39 










d2i 


19,5 
















s20 


18 








19,5 


16 


19,5 


16 


16,5 


16 


73,5 


29,5 


21 ca 



Zilhn e. 



P 2 


P 3 




P 4 


M 1- 3 


M 2 


langs 


quer 


langs | 


quer 


langs 


quer 


langs 


langs 


quer 


d30 


19 


37 


23 


39 


26,5 


160 


56 


36,5 


32 ca, 




34,5 ! 


21 


35 


24 


155 


54 


34,5 


31 


19 


36 


21 


31 


24 


155 


54,5 


36,5 


32 


20 


36 : 


26,5 


38 


25,5 


155 ca. 


55 


34,5 


28 


16 


33 


19 


36 


23 








30,5 


14 


36,5 | 


20,5 


36 


22 












35 














d29 


19 


32 

i 


19 


31 


23 




d38 


. 24,5 


17 


- 
11 


17 


13 


17 


13 


85 


22 


18 



zahne. 



Dili 

langs quer 



DM2 

langs quer 



langs 



D M3 
Torn 
quer 



hinten 
quer 



langs 



D M4 

vorn I hinten 



13,6 
11 



9 

8,9 



22,8 



19 
23,5 



12 



9,1 
9,5 



32,3 

29,5 

24 

24,5 

23 

24,5 



11 

11 

10 
11 

9.5 
10 



18 

18 

13 

11,5 

11,5 

13,8 



36 

iiber 

26,5 

44 

41 



Millimetern angegeben. d bezeichnet rechte, s linke Zahne. 
ungenau angegeben werden konnen. 



24 





FluBpferd 




a 


CUVIBR 


. Nil 


Natrontal 




S. 433 




1. Glied der 3. Zehe 










55 


60 


52 








3d 


1. Glied der 5. Zehe 










?55 


58 


48 






37 




2. Glied der 2. Zehe 










?34 


32,5 


27 






32 


26,5 


2. Glied der 4. Zehe 










34 


34 


35 






37 


31 





FluBpferd 


H. madagasc. 


N atrontal 




Cuvier 


Nil 


GULDBERG 


Munchen 


rechts 


links 




S. 435 




S. 21 








Tibia 














Lange in Mittellinie . 


346 


325 


225 J ) 


205 


312 




obere groBte Breite . 


152 


140 


89 


91 


120 




obere Dicke in Mitte 


112 


115 


62 


62 


93 




untere Breite . . . 


89 


88 


57 


57 


66 


66,5 


untere Dicke in Mitte 


58 


60 


36 


36 


50 


46,5 


Breite an schmalster 












Schaftstelle . . . 


57 


52 


35 


35 


49 


49 





FluBpferd 

CcvierI vn 
S.436 1 


H. mad. 


Natron- 
tal 


Ke- 
doeng 
Java 


Seren- 
geti 


Talus 














Lange in Mitte . . 


77 


85 


55 


78 


72 


94 


Breite unten . . 


72 


75 


57,5 


iiber 66 


iiber 60 


82,5 


Dicke unten . . 


56 


48 


35 


39 


40 


55 ca. 


Breite der Cuboid- 














flache .... 


37 


37,5 


26 


iiber 25 


33 


42 


Breite d. Navicular- 












flache .... 


42 


39 


29 


29,5 


iiber 26 


42 


Tarsale 4 + 5 














Breite vorn . . . 


45 


52 


32 


42 






groBte Ho he vorn . 


37 


42 


26 


34 






von vorn nach hinten 


66 


62 


43 


61 







l ) Wohl groBte Lange statt Achsenliinge. 



25 





FluBpferd 

CuvierI Nn 
S. 436 | 


H. mad. 


Natron- 
tal 


dOGDg 

Java 


Seren- 
geti 


1. Glied der 2. Zehe 














Liinge vorn iq Mitte 
gvofite Breite oben 


53 


54 
34 


- 


29 






1. Glied der 3. Zehe 














Liinge vorn in Mitte 
grofite Breite oben 


60 

— 


60 
44 


— 


57 
35 






2. Glied der 2. Zehe 














Lange vorn in Mitte 
groBte Breite oben 


26 


30,5 
28,5 




28 
26,5 







VI. SchluD. 

Hippopotamus (Tetraprotodori) Iripponensix Gaudky ist also 
zwar fast nur in vereinzelt gefundenen Resten bekannt, so dafi 
sich die so wichtigen relativen GroBen der Teile erst sehr 
ungeniigend klarlegen lassen, auch sind wichtige Organe: der 
untere M 3, die DI, der obere DC, Schadel, Unterkiefer, die 
meisten Wirbel, die Rippen, das Becken, das Oberende des 
Humerus, das Femur und die meisten Metapodien und Zehen- 
glieder unbekannt; es lohnt sich aber doch, die hauptsachlichen 
festgestellten Merkmale kurz zusammenzufassen. 

Unsere Form ist erheblick grofier als H. madagascarientis. 
aber in der Norm kleiner als die jetzigen FluBpferde, kann 
aber in starken Individuen, wahrscheinlich alten Bullen, die 
GroBe kleinerer Indiyiduen der letzteren erreichen, wie manche 
Zahne und FuBknochen erweisen. Da die Reste im Natrontale 
fast alle einer Schicht und benachbarten Fundorten entstammen 
und ich bei den rezenten ostafrikanischen FluBpferden wenigstens 
im GebiB gleicMalls starke GroBenschwankungen neben sonstiger 
Yariabilitat feststellen konnte, besteht aller Grund, samtliche 
fossile Reste einer Art zuzurechnen und ihr ebenfalls erhebliche 
Variability zuzuschreiben 1 ). 

4 Yon den oberen Zahnen sind die I wenig gerieft, am C 
fehlt vorn der Schmelz, und die nicht sehr groBe Furclie yerlauft 
in Mitte der Distalseite, der P 3 ist sehr gestreckt, der P 4 
besitzt distal eine starke Kante und innen einen yerdickten 
Basalwulst, die M endlich sind quadratisch, ihr Basalwulst ist 
ringsum gleichartig, und ihre yier Hocker werden beim Abkauen 
kleeblattformig. 

l ) Dasselbe gilt wohl auch von dem subfossilen FluBpferd Mada- 
gaskars, das ofters in mehrere Arten anfgelost wurde. 



26 



Unten wird der I 1 etwas starker als der 12, bei dem der 
Schmelz mesial und distal basalwarts in Zipfel endet. Der C ist 
kaum gerieft, seine rnesiale Furche sehr schwach, und der Schmelz 
fehlt'nur an der gefurchten Distalseite. Die Backenzahne haben 
wie oben einen groBtenteils rauhen Schmelz, an den P ist der 
starke linguale Basalhocker bezeichnend, auch sind sie relativ 
groB, der M 2 ist ein langsgestrecktes Rechteck, mit nur distal 
maBig starkem Basalwulst und mit schwach gefurchten Hockern. 

Im MilchgebiB ist der Schmelz der Backenzahne glatt oder 
wenig rauh, der obere DM 3 ist relativ groB, besonders breit, 
und die zwei AuBenhocker des wenig gestreckten, rechteckigen 
DM 4 sind kaum kleeblattformig, der untere DC hat keine 
Riefen und keine rnesiale Furche, die DM sind relativ groB, 
der DM 2 und DM 3 hat lingual deutliche Warzchen, der 
DM 3 einen starken mesialen Basalhocker, und der lange DM 4 
ist relativ breit. 

Am Atlas bildet der Dornfortsatz einen deutlichen Hocker, 
und der obere Eingang des Foramen transversum eine einfache 
Grube; die mittleren Halswirbel besitzen keiue Lophapophysen. 

An der Yorderextremitat hat der Processus coracoideus 
keine aufragende Spitze, und der auBere Pfannenrand Jder Sca- 
pula ist etwas aufgebogen. Der Condylus internus humeri ragt 
tiefer herab als der externus, der Radius ist relativ schlank 
und hat unten hinten lateral vom Gelenk eine tiefe Grube, und 
die nicht sehr innig mit ihm verschmelzende Ulna besitzt einen 
konkaven Yorderrand des Olecranon. Am Intermedium stoBen 
die unteren Gelenkflachen winklig zusammen, das Pisiforme 
besitzt auBen einen starken Wulst, das Carpale 2 einen niederen 
lateralen Yorderrand, und am Carpale 4 + 5 sind die distalen 
Flachen durch eine Kante getrermt. Die Metacarpalia besitzen 
distal hinten einen schwachen Leitkiel, und das 2. Glied der 
4. Zehe ist relativ lang. 

Auch die Tibia ist relativ lang, an ihrer Crista cnemialis 
ragt das Oberende hoch, und ihr umgebogener Yorderrand endet 
in einem deutlichen stumpfen Winkel. Die Fibula ist oben 
ziemlich verbreitert und verschmilzt unten mit der Tibia. Der 
Talus ist relativ sehr lang, hat palmar neben seiner sehr groBen 
Gelenkflache nur seichte und schmale Gruben, und distal liegt 
die querkonkave Flache fur das Centrale hoher als die fur das 
Tarsale 4 + 5. Letzteres zeigt medial eine eigentumliche keil- 
formige Gelenkflache fur das Centrale und Tarsale 3. Die 
Metatarsalia haben distal hinten schwache Leitkiele. Das Meta- 
tarsal 5 und das 1. Glied der 2. Zehe endlich ist relativ lang. 

Mindestens die untere Halfte der Beine war also nach 



27 



allem relativ schlank und lang, und in der Schmelzreduktion 
am oberen C sowie in den Lingualhockern der unteren P wie 
in den Leitkielen der Metapodien kann man Spezialisierungen 
sehen. 

DaB die im Mittelpliocan des Natrontales so haufige Art 
mit der yon Bona in Algier durch Gaudry (1876) beschriebenen 
identisch ist, hat schon Andrews (1902 S. 434) festgestellt, 
nach Ph. Thomas (1884 S. 18) stammt diese ebenfalls aus dem 
Pliocan, nicht aus dem Quartar. DaB zu unserer Form die von 
Pomel (1896) beschriebenen zahlreichen Hippopotamus -Reste 
aus dem Quartar Algiers nicht gehoren, ist yon Andrews . 
(a. a. 0.) uud mir (1905 S. 116, 117) schon erwiesen worden; 
allerdings besitze ich keine Reste, die mit den durftigen, die 
Pomel (a. a. 0. S. 9 ff., Taf. 4) zu Gaudrys Art rechnete, direkt 
zu vergleichen sind. 

liber die Originale von //. annectens Pomel (1896 S. 59, 
Taf. 13, Fig. 10, 11) aus Unteragypten lafit sich meinen Be- 
merkurigen (1905 S. 116) nur hinzufiigen, daB die Furche der 
Distalseite des oberen C (a. a. 0. S. 60) offenbar wie bei H. 
amphibius im Gegensatz zu hipponensis der Medianseite ge- 
nahert ist. 

DaB H. annectens Falc. ebenso wie iibrigens H. pentlandi 
H. v. Meyer und H. melitensis Forsyth major nomina nuda 
sind, da sie ohne Beschreibungen aufgestellt wurden, erwahnte 
ich ebenfalls schon (1905 S. 113) und suchte (a. a. 0. S. 115) 
zu zeigen, daB die durftigen Knochenreste aus Nubieu, fur die 
der erste Name aufgestellt wurde, zu einem gewohnlichen sehr 
groBen Nilpferd gehoren konnten, wozu ja schon Falconer (1865 
S. 372, 373) fossile obere sehr groBe M vom zweiten Nilkatarakt 
gerechnethatte. Darin mussenmich die MaBe des rezenten Riesen- 
Individuums aus dem Rovuma, das ich oben (Seite 7 und 22) 
besprach, nur bestarken. E. Fraas (1907 S. 7, Taf. 8, Fig. 3, 4) 
beschrieb nun einige sehr grosse Zahue aus jungen Schottern 
des Vaalflusses bei Kimberley in Siidafrika als Reste einer 
var. robusta des rezenten H. amphibius. Ich kann seine vor- 
sichtige Zuriickhaltung in der Aufstellung einer neuen Art nur 
billigen, denn abgesehen yon kleinen Unterschieden in einem 
unyollkommenen M konnen sie kaum von H. amphibius unter- 
schieden werden, das mindestens ebenso groB wird. 

Herr Kattwinkel, dem die hiesige zoologische Sammlung 
u. a. mehrere der oben verglichenen FluBpferd-Schadel verdankt, 
brachte auch der palaontologischen Sammlung Saugetier-Reste 
mit, die er in einem quarzreichen vulkanischen Tuff in der 
Serengetisteppe Deutschostafrikas entdeckte. Die darunter be- 



28 



fmdlichen Hippopotarnus-Heste erhielt ich dankenswerter "Weise 
zum Yergleiche. Sie sind wohl ein Beweis fur einst grofleren 
Wasserreichtum in der sehr trockenen Steppe. 

Es sind stark geriefte Bruchstiicke eines unteren C, das 
untere Ende eines ? Metarcarpale 4, ein linkes Metacarpale 5 
und ein reenter Talus sowie schlecht erhaltene Wirbel nebst 
einem Bruchstiick eines Calcaneus. Ihrer GroBe nacn passen 
sie zusammen und zu den yon mir (1905 S. 115) besprochenen 
Originalen des H. annectens Falc. aus Nubien und den oben 
erorterten der var. robusta\E. Fraas. Der Talus paBt, wie seine 
• MaBe auf Seite 24 zeigen, in den Proportionen ganz zu dem 
hiesigen Nilpferd, auch in den auf Seite 19 augefiihrten Einzel- 
heiten zeigt er nur darin eine Abweicbung, daJ3 die Konkavitat 
iiber seiner breiten plantaren Flache fiir den Calcaneus so schmal 
und seicbt wie bei H. Mpponensis ist. Das Gelenk des ? Metacarpale 4 
ist 48 mm breit, 45 dick. Das Metacarpale 5 aber ist lateral 
125 mm lang, sein oberes Gelenk 52 dick, die Breite und Dicke 
in Mitte des Schaftes betragt 43 und 25,5 mm, am unteren 
Gelenk aber 45,5 und 41. Gegenuber dem yon mir (1905 S. 112) 
gemessenen Metacarpale 5 des Nilpferdes ist der Sehaft breit 
und relatiY weniger dick, auch fehlt oben median die hintere 
Flache fiir das Metacarpale 4 und lateral ebenso wie bei H. 
hipponensis eine groflere Konkavitat in Mitte des lateralen 
Hockers. 

So aufTallend es ist, daB all diese fossil en Reste: im nubiscben 
Nil, in Deutschostafrika uud am VaalfluB, Yiel groBer als die 
Norm der heutigen Art sind, lassen sicb geniigende Unter- 
scbiede zu einer systematischen Trennung doch nocb nicht fest- 
stellen. Es handelt sicb also wohl um Reste hocbstens dilu- 
vialen Alters 1 ). 

Wenn also nicht etwa die von E. Haug in seinem Traite 
de Geologie (1911, II S. 1727) kurz erwahnten Reste von Hippo- 
potamus alter sind, Zahne und Knochen, die zusammen mit 
Hipparion und Dinotherium am Omo- und Podi-Flufi nordlich 
des Rudolfssees gefunden wurden, ist der mittelpliocane H. 
hipponensis der alteste bekannte Yertreter seiner Familie in Afrika. 

Die Frage, ob die rezenten Hippopotamidae Afrikas von 
ihm abstammen, laBt sich bei der Unbekanntschaft wichtiger 
Teile, vor allem des Schadels, kaum mit Erfolg in Angriff 
nehmen. Die auf Seite 27 hervorgehobenen Spezialisierungen 
machen jedenfalls bedenklich. 

J ) Es ist von Bedeutung, daC auch in Europa das altdiluviale 
il. major fast nur in seiner gewaltigen GroBe von der Norm des //. 
amphibins abzuweichen scheint. 



29 



Da aus meinen Vergleichen der einzelnen fossilen Reste 
mit den Teilen von H. amphibius die zahlreichen Unterschiede 
deutlich genug hervorgehen 1 ), habe ich nur einige Nachtrage zu 
meinen friiheren Vergleichen mit Choeropsis liberiensis zu machen ; 
denn einesteils stent mir jetzt viel mehr fossiles Material, 
andernteils ein basal 30,5 cm langer Schaclel mit Unterkiefer 
•des rezenten Zwerges aus » dem Senckenberg-Museum zur Ver- 
fiigung 2 ). Er ist viel kleiner, und trotz mancher naheren Bezie- 
hungen bestehen doch deutliche Unterschiede. Im oberen Ge- 
bi6 sind zwar die I und C auch nicht gerieft und am C liegt 
die Furcbe ebenfalls median, aber sie ist sehr tief und die 
Schmelzbedeckung reicht bis vorri, ist also weniger reduziert 
ills bei dem fossilen C. Die 1 1 sind ubrigens ein wenig schwacher 
als die 12. Der obere Pi ist zwar nur halb so groB als der 
P 2, einwurzelig und einfach konisch, aber wie der P 2 relativ 
starker als bei H. amphibius. Der P 3 ist nicht so gestreckt 
und die distale Kante des P4 nicht so stark wie bei H. hippo- 
nensis, und lingual hinten ist ein Hocker vorhanden. Von den Mo- 
laren, deren Hocker so ziemlich kleeblattformig abgekaut werden, 
ist der M 2 am groflten und etwas gestreckt; ihr Basal- 
wulst ist nur mesial und distal sehr schwach ausgebildet, also 
schwacher als sogar bei H. ampMhius im Gegensatz zu H. 
hipponensis. 

Unten ist der einzige, vor allem dem oberen 12 opponierte 
I und der C ebenfalls ungerieft, und an letzterem fehlt der Schmelz 
nur distal, auch ist mesial und distal keine Furche vorhanden. 
Der untere P 1 ist schwacher als der obere und halb so grofi 
als der P 2, immerhin aber relativ starker als bei H. amphi- 
bius. Die weiteren P sind ziemlich gleichlang und insofern 
denen von H. hipponensis ahnlich, als lingual hinten unten ein 
Hocker oder doch ein Wulst vorhanden ist 3 ). An den M 
werden die vier Hocker durch das Abkauen ungefahr kleeblatt- 
formig, der M2 ist weniger gestreckt als bei den andern zwei 



1 ) Auf die von mir (1905 S. 113) gestreifte Frage nach der Unter- 
scheiduug mehrerer geographischer Abarten des H. amphibius will ich 
nicht eingehen, da es zu weit fuhrte. In Leidy (1852) ist wertvolles 
diesbeziigliches Materia 1 wenigstens iiber Schadel und Zahne zu finden; 
z. B. soil die kaplandische Art gegeniiber der westafrikanischen am oberen 
■C distal neb en der Furche stets einen schmelzfreien Streifen zeigen. 

2 ) Herrn Drevermann, der mir das seltene Stuck sowie die fossilen 
Reste aus dem Natrontal aus dem Senckenberg-Museum sandte, driicke 
ich hier meinen besonderen Dank aus. 

3 ) Bei den Originalen Mortons (1849, Taf. 33 Fig. 1, 7) und JUeidys 
(1852, S. 220) ist an dem P 2 und P 3 kein lingualer Hocker vorhanden, 
es ist dies also offenbar ein variables Merkmal. 



30 



Arten, der Basahvulst mesial nur am M 3 deutlich, aber nieder, 
distal am M 1 hoch, am M 2 und M 3 in der Mitte hoch und mit 
dem hinteren AuBenhocker yerbunden, jedoch niederer als er. 
Jedeiifalls ist der Basalwulst am M 2 distal starker entwickelt 
als bei H. hipponensis. Die Knoehen der Yorderextremitat 
habe ich schon (1905, S. 115) erortert, soweit es nach dem Yer- 
gleich mit der unzulanglichen Beschreibung Milne -Edwards 
(1874, S. 61, 62) moglich ist; die Tibia scheint iibrigens in der 
IT mbiegung der Crista cnemialis der fossilen ahnlich zu sein. 

Wenn also auch Choeropsis liberiensis in manchem, so be- 
sonders im Schwund eines unteren I, spezialisierter ist als unsere 
.Form und in vielem mehr Beziehungen zu ihr zu haben scheint 
als H. amphibius, muB doch die Starke der oberen und unteren 
P 1 als primitives Merkmal und ebenso wohl auch die yiel ge- 
ringere GroBe gegen die Annahme angefuhrt werden, daB er in 
einem Abstammungsyerhaltnis zu der fossilen Form stande. 

Dasselbe gilt auch yon dem subfossilen H. madagascariensis 
Guldberg, der aber in dem anscheinend volligen Yerlust der 
P 1 wie in anderen Merkmalen hoher als H. liberiensis spezi- 
alisiert ist, wenn auch weniger als H. amphibius^ und in der 
GroBe zwischen liberiensis und hipponensis steht. Er ist nicht 
nur erheblich kleiner als H. hipponensis, sondern auch in yielen 
Einzelheiten deutlich yon ihm verschieden, wie schon oben 
bei dem Yergleich mancher Skelett-Teile festgestellt wurde. 
Im GebiB ist z. B. an den oberen M der Basalwulst buccal und 
besonders lingual sehr schwach, am unteren M 2 aber, der viel 
gestreckter ist 1 ), ist er mesial innen hoher, distal in der Mitte 
als kegelformiger Hocker ausgebildet. 

Unter den asiatischen fossilen Hippopotamus- Arten ist 
H. (Hexaprotodori) sivalensis Falc. und Cautley zwar in manchem 
H. hipponensis ahnlich, z. B. ist nach Lydekker (1884 S. 38) 
fur die oberen M ein starker auch lingualer Basalwulst charak- 
teristisch, die Furche an der Distalseite des oberen C liegt 
ebenfalls. in der Mitte, und der Talus ist gieichfalls langer als 
bei H. amphibius (ebenda S. 41). Abgesehen yon so primitiyen 
Merkmalen wie dem Besitz der Pi und yon drei unteren I ist 
aber die Furche des oberen C wie bei Choeropsis liberiensis sehr 
tief und breit, und jene Art deutlich groBer. Der untere M2 



J ) Bei 11. Lemerlei Grandidier aus Madagaskar ist der untere M 
fast so breit als lang (Grandidier u. Filhol 1894 S. 123), bei 
H. leptorrhynchus (ebenda S. 284) aber verhajt er sich wie bei dem 
hiesigen 11. madagascariensis. Ob und wie die zusammen vorkommenden 
madagassischen Formen in Arten zu trennen sind, muB ich unentschieden 
lassen. (Siehe die Anm. auf Seite 25!) 



31 



ist z. B. each Lydekkek (a. a. 0. S. 41) gewohnlich 50 mm 
lang, 41 breit, selten 44,5 und 32,5. Der obere M 2 aber ist 
bald 43,5 — 49 lang, 55 — 56 breit, bald 58,5 — 56,5 lang und 
nur 49 — 47,5 breit. Es ist iibrigens recht interessant, daB 
Lydekkek nach dem so verschiedenen Langen- und Breiten- 
verhaltnis der oberen M zwei Formen (Jatidens und angustidens) 
unterscheidet (a. a. 0. S. 39), wie Grandidier und Filhol (1894 
S. 189, 184) bei den madagassischen (Lemerlei = madagascariensis 
und leptorrhynchus), und daB auch ich (1905 S. 113) auf ahn- 
liches bei H. amphibius kurz hinweisen konnte. 

1m iibrigen ist in bezug auf die asiatischen Formen auf 
meine friiheren kurzen Bemerkungen (1905 S. 11S und 123) 
zu verweisen, nur beziiglicli der aus dem Altdiluvium von Trinil 
und Kedoeng Broeboes auf Java von Stkemme (1911 S. 104, 
105) beschriebenen Reste rnochte ich einiges bemerken. Denn 
mir liegt ein Talus vor, der von dem Alitor zwar verwertet 
und uberfliissiger Weise mit dem von Boviden verglichen wurde, 
der aber doch mit dem anderer Hippopotamus- Arten in Vergleich 
gebracht werden sollte. Wie seine Matfe auf Seite 24 zeigen, 
gleicht er in der Grcifie und in den Proportionen dem von 
77. hipponensis. Auch die lateralen Flachen fiir den Calcaneus 
sind gleich ausgebildet. Aber palmar verlauft zwar der laterale 
Rand der Gelenkflache fiir den Calcaneus ebenso. neben dem 
medialen zieht sich jedoch eine breite Rinne hin, und distal ist 
die Flache fiir das Centrale noch hoher gelegen und mehr 
querkonkav. 

Der obere M2 ist nach Stkemme (a. a. S. 104) ebenfalls 
kaum langer als breit und fast so groJ3 als bei II. liipponensis 
und besitzt nach seiner Abbildung (Taf. 16, Fig. 7) nicht nur 
mesial und distal, sondern wenigstens auch lingual einen Basal- 
wulst. Soweit es sich bei so dlirftigem Yergleichsmaterial fest- 
stellen lafit, gleicht also die javanische Art unserer mehr als 
die bisher erorterten. 

Ob die Originale Stremmes zu Ilexaprotodon sivajavanicus 
Dubois (1908 S. 1265) gehoren, und wie sich diese Art zu 
unserer verhalt, laBt sich auf Grund der wenigen Angaben 
Dubois' nicht klar legen. 

Was endlich die europaischen Arten von Hippopotamus 
anlangt, so brauche ich in der Hauptsache nur auf meine 
friiheren Ausfiihrungen (1905 S. 117) zu verweisen. Da aber 
Osborn (1910, S. 313) sie, wie iibrigens alle meine Abhandlungen, 
ignorierte und wiederum die diirftige Form aus dem Mittel- 
pliocan von Monte Casino in Italien mit unserer Art in Ver- 
bindung brachte, sei nochmals betont, daB sie ihr nur in dem 



32 



Mangel der Riefung der I und des unteren C gleicht. Sie ist 
im iibrigen ein wenig grofler, scheint je 3 untere I zu haben, 
der untere C nach der Abbildung eine selir deutliche niesiale 
Furche. der untere P2 keinen lingualen Hocker. und der deutlicli 
gestreckte M nur distal einen stark en Basalwulst und keine 
gefurchten Hocker zu besitzen. Yon naheren Beziehungen kann 
man also nach dem wenigen Yergleichbaren kaum sprechen. 

Neuerdings bat Bortoletti (1904 S. 91, Taf. 5, Fig. 3, 4) 
-einen Oberkiefer mit den drei sebr gut erbaltenen M Yon Cortona 
in Toskana zu G. Pentlandi Falconer gerechnet. Diese Art ist 
aber, ^i.e icb (1905 S. 117) scbon erwahnte, von H. v. Meyer 
aufgestellt und auch you Falconer nie beschrieben worden. 
Die sebr stattliche GroBe und Streckung sowie die Schwache 
des Basalwulstes an der Lingual- und besonders an der Buccal- 
seite unterscheiden die M you denen des H. hipponensis. 

Die altesten sicbergestellten Hipj)opotamus-'Reste aufierhalb 
Asiens starnnien aus dem TJnterpliocan you Gravitelli in Sizilien. 
L. Seguenza (1902 S. 162 ff. and 1907 S. 106ff.) recbnete sie zu 
Hexaprotodon swalensis Falc. und Cautley, konnte aber bei den 
Yereinzelt gefun denen Resten nicbt das Yorhandensein Yon je 
drei unteren I feststellen, auch unterscheidet sich z. B. der 
kurze Talus deutlich Yon dem der indischen Art. Mit H. 
hipponensis bestehen keine naheren Beziehungen; das beweist 
schon der allerdings wechselnde Querschnitt des oberen C 
(a. a. 0. 1902 Taf. 7, Fig. 12, 14) mit der breiten und tiefen 
Furche in Mitte der Distalseite, worm eine Ahnlichkeit mit 
H. sivalensis und Choeropsis liberiensis besteht, und mit der sehr- 
starken Conyexitat der Yorderseite, ferner die deutliche Riefung 
wenigstens der Medianseite des unteren C (a. a. 0. 1907 S. 118, 
Taf. 7. Fig. 11) und am Talus die Ktirze, die breite Fiirche 
neben der palmaren Gelenkflacke sowie der geringe Niyeau- 
Unterschied der zwei distalen Gelenkflachen (a, a. 0. 1902 
Taf. 7, Fig. 4—9), endlich die stattliche Grofie. 

Hippopotamus hipponensis Gaudry erscheint demnach auf 
•das Mittelpliocan Nordafrikas beschrankt und gibt einstY^eilen 
keinerlei AufschluB liber die Stammesgeschichte der Hippo- 
potamidae. Sie sind jetzt im TJnterpliocan Indiens und Siziliens, 
im spatereu Pliocan Indiens, Italiens und Nordafrikas, yielleicht 
auch in China, im Quartar endlich in Jaya, Yorder- und Hinter- 
indien, auf Madagaskar, in Siid-, Ost- und Nord-Afrika, auf 
Mittelmeer-Inseln und yon Spanien und Italien bis England 
und Westdeutschland nachgewiesen und erscheinen dann relatiy 
plotzlich auf das athiopische Afrika und das Niltal beschrankt. 
.Solange eben die altweltlichen priipliocanen Saugetierfaunen 



33 



aufierhalb Europas nur aus wenigen Gegenden (Belutscbistan 
und imteres Indusgebiet in Asien, Moghara, Uadi Faregh und 
Fajum in Agypten) bekannt sind, kann keine Entscheidung 
dariiber erwartet werderi, ob die Hipjiopotamidae, wie Stehlin 
(1899 S. 488 und 1908 S. 751) vermutete, sich im wesentlichen 
in Afrika entwickelten und auf den sehr ungeniigend bekannten 
Choeromorus des westeuropaischen Obereocans zuriickgehen, oder 
ob sie, wie Schlosser (1903 S. 95 und 212) mehr entschieden 
als iiberzeugend vertrat, aus Asien stammen. 

Benntzte Literatnr. ') 

Bortoletti, C. : Denti di Proboscidati, di Rinoceronte e di Ippopotamo 

dell' antica collazione Canali in Perugia. Rivista ital. Paleont., 

Anno 10, Perugia 1904. 
Dubois, E.: Das geologische Alter der Kendeng- und Trinilfauna. 

Tijdschr. k. Nederl. Aardrijskk. Genootsch., Ser. 2, Bd. 25, Leiden 

1908. 

Fraas, E.: Pleistocane Fauna aus den Diamantseifen yon Sudafrika. 

Diese Zeitschr. Bd. 59, Berlin 1907. 
Grandidier et Filhol: Observations relatives aux ossements d. Hippopot. 

usw. Ann. Sci. natur., Zoologie, Bd. 16, Paris 1894. 
Gi ldkerg, G. A. : Undersogelser over en subfossil flodhest fra Madagascar. 

Christiania Videnskab-Forhandl. 1883 Nr. 6. 
Osi$orn, H. F.: Age of Mammals, New York 1910. 

Segienza, L.: Mammiferi e geologia del piano pontico, und: Nuovi 

resti di Mammiferi pontici di Gravitello presso Messina. Boll. Soc. 

geol. ital. Bd. 21 (1902) und 26 (1907), Roma 1902 und 1908. 
Stehlin, H. : Die Saugetiere des schweizerischen Eocans, 5.Teil. Abhandl. 

schweiz. palaont. Ges. Bd. 35, Zurich 1908. 
Stremme, H.: Die Saugetiere mit Ausnabme der Proboscidier. Selenka- 

Blanckenhorn : DiePitbecantbropus-Schicbten auf Java, Leipzigl911. 
Stromer, E.: Die Wirbel der Land-Raubtiere. Zoologica, H. 36, 

Stuttgart 1902. 

Thomas, Th.: Recherches stratigraphiques et paleontologiques d'eau douce 
de l'Algerie. Mem. Soc. geol. France, Ser. 3, Bd. 3, Paris 1884. 



') Die von mir in den Abh. der Senckenberg. Gesellschaft Bd. 29 
S. 131,132, Frankfurt a. M. 1905 schon angefiibrte Literatur ist im Text 
vielfach zitiert, hier aber nicbt nocbmals abgedruckt. 



Manuskript eingegangen am 15. Oktober 1913.] 
Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 



3 



34 



2. Geologische Beschreibung der Gegend von 
Saignelegier und les Pommerats mit einem 
Anhang zur allgemeinen Juratektonik. 

Von Herrn Friedkich Schuh aus Niirnberg. 

Hierzu Tafel IV und V und 10 Figuren. 

Vorwort. 

Das Gebiet, das ich im Herbst 1911 und im Frtihjahr 1912 
beging, urn dessen Tektonik aufzuklaren, liegt im nordl. 
Schweizer Kettenjura. Es wird im N und W Yom Doubs um- 
flossen, wahrend im S Saignelegier, im Bemont und Clairbief 
Grenzorte meines Aufnahmegebietes sind. Als Unterlage be- 
nutzte ich das Blatt 100 und 101 der topographischen Karte 
der Schweiz im Mafistab 1 : 25 000, uud zwar wurde Blatt 
100 ganz, Blatt 101 nur bis Saignelegier im S kartiert. An 
geologischen Karten existierte nur eine Ubersichtskarte im 
Mafistab 1 : 100 000 von Bolliek. 

Als bequeme Zugangsroute kommt nur die Bahn von Basel 
nach Delemont und Glovelier nach Saignelegier in Betracht. 
Die Hohenunterschiede sind in dieser Gegend bedeutend grofier 
als in den im S und angrenzenden Gebieten. Die hochste 
Erhebung betragt 1073 m, wahrend der tiefste Punkt im 
Doubstal auf einer Hohe von 486 m liegt. Daraus ergibt sich 
ein Hohenunterschied von ungefahr 500 m. 

Fur vielseitige Unterstutzung mochte ich besonders meinem 
verehrten Lehrer, Herrn Prof. Deecke, meinen warmsten Dank 
aussprechen. 

Stratigraphie. 

In der stratigraphischen Schilderung will ich mich kurz 
fassen und verweise daher zum Detailstudium auf die strati- 
graphischen Spezialwerke. 

Am Aufbau meines Gebietes beteiligen sich im wesentlichen 
nur Malm und Dogger, und zwar schliefit die aufgeschlossene 
Schichtenserie mit den unteren Banken des mittleren Dogger ab, 
wahrend die hochsten Malmlagen aus oberemKimmeridge bestehen. 



35 



Dogger. 

# 

II. Oberer Dogger 50 m. 
I. Mittlerer Dogger 100—120 m. 
Der Dogger hat in meineni Untersuchungsgebiet eine weit 
geringere Yerbreituug als der Malm. Er findet sich auf- 
geschlossen in der Combe von Goumois, in dem Gebiet Beau- 
gourd dessous — sur le Rang — Vautenaivre, ferner in dem von 
Malnuit — Champ — Patalour — Paturage du Patalour — sous la 
Roche. Die beiden letztgenanntenGebiete gehoren zueinemgemein- 
samen Gewolbe, das im liber le Cerneux nach Soubey zieht. 

Mittlerer Dogger. 

Der mittl. Dogger oder Bathonien besteht aus kompakten, 
weiBen und feinoolithischen Kalken. In verschiedenen Hori- 
zonten kommen diinne Mergellagen yor. 

Man pflegt den mittl. Dogger einzuteilen in: 
III. ob. Hauptrogenstein. 
II. Homomyenmergel. 
I. unt. Hauptrogenstein. 

Die Fossilfuhrung ist im allgemeinen sparlich, und haufig 
sind ganze Gesteinslagen yollkommen steril. 

Der unt. Hauptrogenstein, auch Oolithe subcompacte 
(Thurmann), besteht aus Kalkoolithen und kompakten Kalken 
mit Korallenbanken und Mergellagen. Aus letzteren kormte 
ich 150 Schritte yor der Einmtindung des Talchens yon Yaute- 
naivre in das Dcmbstal Rhynchonella quadriplicata Qu., Terebratula 
maxillata Sow., kleine Rbynchonellen und kleine urigefaltete 
Terebrateln sammeln. Die daruberliegeuden Homomyenmergel 
oder Marnes a Ostrea acuminata (Th.) sind nirgends aufgeschlossen 
oder nicht YOrhanden. Der ob. Hauptrogenstein oder Grande 
Oolithe (Th.) besteht vorwiegend aus kompakten weifien sterilen 
.Kalken. Im einzelnen verweise ich auf M. Muhlberg 1 ). 

Oberer Dogger. 

Der ob. Dogger oder Callovien wird zerlegt in: 
II. Dalle nacree = Athletaschichten. 
I. Calcaire roux sableux (Th.) = Yariansschichten. 
Calcaire roux sableux ist im W Yon Beaugourd dessous 
deutlich nachweisbar. Doch auch an dieser Stelle ist es un- 



') M. Muhlberg: Vorlaufige Mitteilung uber die Stratigraphie des 
braanen Jura im nordschweizerischen Juragebirge. 

3* 



36 



moglich, die Machtigkeit festzustellen, die jedenfalls ziemlich 
gering zu sein scheint. Die dariiber liegende Dalle nacree ist 
immer gut aufgeschlossen und wegen ihres eigenartigen Cha- 
rakters als stark eisenreiche oolithische Crinoidenbreccie nicht 
zu verkennen. Sowohl in vertikaler wie horizontaler Erstreckung 
zeichnen sich diese Schichten durch groBe Konstanz aus. Die 
Grenze nach oben wie nach unten ist immer leicht nachweisbar. 

Malm. 

Wich tiger als der Dogger ist der obere Jura mit einer 
Gesamtmachtigkeit von 400 — 500 m. Yon seinen 5 Abteilungen: 
Y. Portland, 
IV. Kimmeridge, 
III. Sequan, 
II. Rauracien, 
I. Oxford, 
ist die oberste hier nicht entwickelt. 

Oxford. 

Das Oxford bat in meinem Untersuchungsgebiet eine aufier- 
ordentliche Yerbreitung. Uberall, wo es zutage tritt, linden 
wir es von Wiesen iiberdeckt, weii sicli Wald nur bei Raura- 
cienbeschiittung halten kann. Da es die machtigste und zugleich 
reinste Tonschicht im ob. Jura darstellt, entspringen auf ihm 
alle grofieren Quellen, und auf ebenen Flachen entstehen kleine 
Seen, Siimpfe, Moore und Torfe, z. B. im von Saignelegier 
und zwischen les Pommerats und la Bosse. An steileren Ge- 
hangen befinden sich die Wiesen in standiger Bewegung. 
Sowohl gegen das Rauracien wie gegen die Dalle nacree ist es 
aus diesen Griinden nicht schwer, eine sichere Grenze fest- 
zustellen. Auf der Grenze von Oxford und Dalle nacree kommt 
es anBerdem in der Regel zur Ausbildung von Erdtrichtera. 
Dieselbe Erscheinung konnte ich auch auf dem Plateau im "W von 
les Pommerats, auf der Grenze zwischen Natica-Mergeln und 
der Mumienbank beobachten. Die Machtigkeit des Oxford 
unterliegt groBen Schwankungen ; teils linden wir ein iibergroties 
Anschwellen, teils eine weitgehende Yerminderung der Mach- 
tigkeit, zuweilen sogar vollkommene Ausquetschuug. Bei nor- 
maler Lagerung wird man etwa 80 m annehmen diirfen. In 
guten Aufschliissen laBt sich eine Zweigliederung erkennen. 
Die obere Partie, das sog. Terrain a chailles besteht aus einer 
mach tigen hellgrauen Mergellage, der schichten weise kopfgrofle 
kieselhaltige Kalkknauern eiugeschaltet sind. Nach der Fossil- 



37 



fiilirung 1 ) konnen wir darin wieder unterscheiden zwischen einem 
oberenTeil, der durch das massenhafte Auftreten vonPholadomyen 
gekennzeichnet ist, den sog.Pholadoinyenschichten, und einem 
unteren, in dem zwar Pholadornyen nicht fehlen, aber gegen- 
iiber dem oberen stark zuriicktreten. Er wird nach dem dort in 
groBer lndividuenzahl auftretenden Fossil Rhynchonella-Thurmanni- 
Schichten genannt. Die bezeichnendsten Fossilien des Terrain 
a chailles sind folgende: 

Aspidoceras perarmatum Sow. 

Cardioceras cordatum Sow. 

Perisphinctes plicatilis d'Orb. 

Belemnites hastatus Blain. 
„ „ excentricus Blain. 

Millericrinus echinatus Schloth. 

Collyrites bicordata Des. 

Pholadomya Uneata Roem. 
„ „ f>aucicostata Boem. 
„ „ canalicuJata Boem. 
„ „ exaltata Ac. 

Homomya gracilis Ag. 

Pleuromya varians Lor. 

Pecten Laurae Ex. 

Ostrea Bruntrutana Th. 

Bhynclionella Thurmanni Yoltz. 

Terebratula Gallienei d'Orb. 
DieAmmonitenfindensicliYorallemindenTburmanniscbicbten. 
In meinem Gebiet bietet sich nur im N von Pres dessous 
Oelegenheit, die Fauna dieser Periode genauer zu studieren. 
Auf das Terrain a chailles folgt nach unten eine reine Tonschicht 
von schwarzgrauer, oft ins Blauliche spielender Farbe. Diese 
Lage, die sog. Benggeri-Schi chten , charakterisiert sich gut 
durch die in ihr enthaltenen, in*Pyrit und Brauneisenstein 
umgewandelten Fossilien. Die bezeichnendsten Formen sind: 

Creniceras Benggeri Opp. 

Aspidoceras perarmatum Sow. 

Cardioceras cordatum Sow. 

Perisphinctes mirandus de Lor. 

Balanocrinus pentagonalis Gf. 

Ostrea Bichei de Lor. 

Belemnites hastatus Blain. 

J ) Loriol: Etude sur les mollusques de l'Oxfordien superieur et 
moyen da Jura bernois avec une note stratigraphique par M. le prof. 
Koby. Mem. soc. pal. Suisse vol. XXIII 1896, vol. XXIV 1897, 
premier suppl. vol. XXVIII 1901. 



38 



Im iibrigen yerweise icb auf die Arbeit von P. de Loriol 1 ) 
An orograpbiscber Bedeutung stehen die Reng"geri-Tone gegen- 
uber dem Terrain a cbailles weit zuriick. Wir finden sie 
daher auBerst selten gut aufgescblossen. Ibre Macbtigkeit 
betragt bocbstens 20 m. 

In grower Ausdebnung, so daB es wesentlich zur Gestaltung 
des Landscbaftsbildes beitragt, findet sicb Oxford um die los- 
geloste Rauracienscbolle nordl. von cbez le Forestier und in 
der Combe Yon Goumois. Ein guter AufscbluB zum Studium 
des Terrain a cbailles liegt im NO Yon Pres dessous, ein 
solcber in den Renggeri-Tonen ist westnordwestl. Yon Bemont 
in einem Bacbbett. 

Rauracien. 

Das Rauracien bedingt in dem yon mir untersucbten Gebiet 
mebr als alle anderen WeiB- Jurascbicbten den landscbaftlicben 
Cbarakter der Gegend. Wir seben baufig gigantiscbe Pelsen 
die Nacbbarscbaft iiberragen oder flacbgeneigte Lagen durcb 
jahen Abbrucb auf weite Erstreckung bin reizyolle Felsbarren 
bilden. Am FuB der Felsen breiten sicb in der B-egel steile, 
yon Dorngestriapp bedeckte Scbuttbalden aus. Da es fur 
den Ackerbau zu trocken und steinig ist, tragt es meistens 
dicbten Wald. Treten flacbgeneigte oder horizontale Rauracien- 
scbicbten zutage, so zeigen sie deutlicbe Karrenbildung, z. B. 
in der Gegend yon Saignelegier. Da diese letztgenannte Gegend 
scbon einen IJbergang zur argoyiscben Facies erkennen laBt, 
yvecbseln gieicbaltrige Scbicbten scbon auf kurze Erstreckung 
erbeblicb in ibrem Habitus. Immerbin kann man die iiblicbe 
Dreiteilung des Rauracien nocb durcbfiibren. Demnacb unter- 
scbeiden wir 

1. einunteres, gekennzeicbnet durcb Rasenkorallen, besonders 

Thamnastraea, Spongien und Seeigel (Cidaris florigemma 
Ph., Hemicidaris crenicularis und Glypticus Ineroglyplncus), 

2. ein mittleres, yorwiegend aus Oolitben bestebend, 

3. ein oberes, das wiederum reicb an Korallen ist und 

auBerdem eine Unmenge yon Nerineen und Diceraten 
entbalt. 

Das Rauracien im so. Teil meines Aufnabniegebietes laBt 
sicb gut in einem zwiscben Saignelegier und Bemont befind- 
licben Steinbrucb studieren. Das unt. Rauracien bestebt dort 

l ) P. de Loriol: Etudes sur les Molusques et Brachiopodes de- 
FOxfordien (zone a Ammonites Renggeri) du Jara bernois, suivies d : une- 
Dote stratigraphique par E. Koby. Mem. soc. pal. Suisse, vol. XXV 
1898, vol. XXVI 1899. 



39 



wie liberall aus wohlgeschichtetem dunkelgrauem Mergelkalk 
von etwa 10 m Machtigkeit. Alle darin vorkommenden Yer- 
steinerungen sind mehr oder weniger verkieselt. Daruber legen 
sich weniger gut geschichtete hellere Lagen. Oolithe spielen 
eine ganz imtergeordnete Rolle und kommen nur in der oberen 
Partie vor. Die ganze Machtigkeit betragt 80 — 100 m. Genau 
in derselben Ausbildung finden wir das gesamte Rauracien im 
SO von Saignelegier durch einen im Jahre 1911 ausgefiihrten 
StraBenbau aufgeschlossen. Eine ganz abweichende Facies 
konnen wir an der StraBe von Gouniois nach Yautenaivre be- 
obachten, wo oolithische Kalke einen sehr machtigen Gesteins- 
komplex ausinachen, in dem das mittlere und ein Teii des oberen 
Rauracien als groboolithische, leichtzerbrockelnde weiBe Kalke 
erscheint. Alle Yersteinerungen, vor allem Nerineen, zeigen 
starke Abrollung oder Inkrustirung. Gleich anderen Autoren 
hat M. Muhlberg 1 ) darauf hingewiesen, daB bewegtes Wasser 
die Yorbedingung aller Oolithbildung sei. So erregtes Wasser 
jedoch, wie es die starke Abrollung der Fossilien erfordert, 
findet sich nur in ganz geringer Tiefe. Wie uns die im ganzen 
Rauracien auftretenden Korallen zeigen, handelt es sich in 
diesem Falle um bis nahe an die Oberflache heraufragende 
Riffe. Daraus ergibt sich, daB die Oolithbildung hier nur eine 
ortlich eng begrenzte Facies darstellen kann und stratigraphisch 
giinzlich bedeutungslos ist. Finden wir einen Oolithhorizont 
auf weite ortliche Erstrekung, so konnen wir sicher sein, daB 
diese Ablagerung in ihren einzelnen Teilen ein verschiedenes 
Alter hat. tibrigens wird niit dem Wort ,,Oolith ,: in der Li- 
teratur Unfug getrieben. Wenn Muhlberg drei Arten von 
Oolithen unterscheidet: I. solche mit radialer und konzen- 
trischer Struktur, II. solche nur mit konzentrischer Struktur, 
III. solche, welche weder radiale noch konzentrische Struktur 
zeigen, so leuchtet es von vornherein eiu, daB die III. Gruppe 
mit den beiden anderen nicht das geringste gemein hat, sondern 
daB es sich hier vielmehr um ein feineres Konglomerat handelt. 
Man sollte aufhoren, solche heterogenen Bildungen mit dem 
gleichen Nam en zu belegen, vielmehr diesen auf die beiden 
ersten Gruppen beschranken. 

Im S meines Aufnahmegebietes auf dem Weg, der von 
Muriaux nach. der HauptstraBe Saignelegier-Goumois hinabfiihrt, 
und diese im von Belfond dessous trifft, babe ich folgendes 
Rauracienprofil aufgenommen : 

1 ) M. Muhlberg: Vorliiufige Mitteilung uber die Stratigraphie des 
braunen Jura im nordschweizerischen Juragebirge, Anhang: Uber 
Oolithe. 



40 



0. Ra. 



M. Ra. 



U. Ra. 



Wir finden hier unter den Naticaschichten zunachst 
eine kompakte, sehr schwach oolithische Bank mit starken 

roten Tupfen, ca. 2 m 

dann kompakte, hellgraue, diinngebankte, ein- 
tonige Kalke, ca. 17 in 

darunter weiBe, teilweise kriimelige, groboolithische 
Kalke mit vielen abgerollten Versteineruugen, 
auch Korrallen (meist aber nur Einzelkorrallen) 
fiihrend, ca. 17 m 

darunter sehr kalkspatreiche, graugelbe, korallen- 
reiche, wenig feste Kalke, die nach unten zu noch mer- 

[geliger werden ca. 25 m 

Das ganze Rauracien hat hier eine Machtigkeit 
von ca. 60 m 

Bemerkenswert ist, dafi sich diese Facies des Rauracien 
mit der weifien, groboolithischen mittlereu Abteilung sehr scharf 
unterscheidet Yon derjenigen, die man im SO meines Gebietes 
antrifft (vgl. Steinbruch auf der Strafie Saignelegier — Bemont), 
wahrend sie sich besser an die Facies anschlieflt, welche man 
auf der Strafie von Goumois nach Vautenaivre studieren kann; 
doch haben dort jene weifien, groboolithischen Kalke eine noch 
weit grofiere Machtigkeit. 



Sequan. 

Nachst dem Oxford hat in meinem Untersuchungsgebiet 
das Sequan die grofite Yerbreitung. Besonders zwischen 
Pommerats und Saignelegier bedeckt es weite Flachen und 
zeichnet sich im Gegensatz zum Rauracien durch horizontale 
Konstauz aus. Es lafit sich daher gut gliedern in: 
III. Ober- Sequan, ca. 30 m 

II. Humeralis-Schichten, ca. 10 m ir > A 
, • . ., , ^ 1 ca. 100 m 

Mumienbank, 20 m 

I. Natica-Schichten, 30 m 

Der untere und mittlere Teil jener Schichtenserie tragt im 

Gelande vorzugsweise Wiesen und Acker, deren Boden weniger 

fettig ist als der aus Oxfordtonen hervorgegangene. Deshalb 

dringt auch der Regen leichter ein und Sumpf- und Torfbildung 

ist selten. 

Die Naticaschichten setzen sich aus Mergeln und 
Mergelkalken zusammen, denen besonders im unteren Teil 
einige Banke toiiarmen Kalkes eingeschaltet sind. Doch ist 
die Grenze zwischen ihnen und dem oberen Rauracien meist 
leicht festzustellen. Die Fossilfuhrung ist armlich und zeigt 
nur Steinkerne. Aufier einigen Zweischalern ist nur Natica 



41 



einigermaBen haufig mit einer groBeren Anzalil von Species, 
{Natica grandis Mu. und Natica Eudora d'Okb.) 

Uber den Natica-Schichten folgt der fiir das ganze Sequan 
charakteristischste Gesteinskomplex, die sogenannte Murnien- 
bank. Sie besteht teils aus kompakten, teils aus grobooli- 
thischen Kalken, in welchen die einzelnen Korner HaselnuB- 
grofle erreichen. Auch in den kompakten Kalken, bei denen 
es noch nicht zu typischer Oolithbildung kam, laBt sicb die 
Zugehdrigkeit zu jenem Koniplex an feinen weiBen Fleckchen 
erkennen 1 ). Aber nicht nnr die eigenartige petrographische Be- 
schaffenheit stenipelt die Mumienbank zum trefflichen Leit- 
horizont fiir den kartierenden Geologen; es kommt noch hinzu 
daB sie sich durch ihre Lage zwiscben zwei Mergelserien immer 
deutlich in einer kleinen Gelandestufe zu erkennen gibt. Haufig 
kommt es auch auf der Grenze gegen die Naticaschichten zur 
Bildung von Erdtrichtern (vergl. S. 5), wie man dies auf dem 
Plateau im AVNW und weniger deutlich im NO von les Pommerats 
beobachten kann. Die Mumienbank hat jedoch eine weitere 
Bedeutung dadurch, daB die Fauna des dortigenMeeres eine grund- 
verschiedeneZusammensetzungvorundnachihrerAblagerunghatte. 
Dies laBt sich nur damit erklaren, daB man vor der Ablagerung 
der Mumienbank eine Hebung annimmt (seichtes Wasser ist ja 
die Hauptbedingung der Oolithbildung), wodurch die Natica- 
•Fauna auswandern muJ3te. Bei neuerlicher Senkung ergriff 
die ganz anders geartete Humeralis- Fauna von dem Gebiet 
Besitz 2 ). 

Die Fauna der Humeralismergel wird charakterisiert durch 
den grofien Reichtum an Echiniden wie Crinoiden, aufierdem 
durch Brachiopoden und Austern. Alle ubrigen Stamme des 
Tierreichs sind nicht oder nur aufierst sparlich vertreten. 

Die bezeichnendsten Formen sind: 

Zeilleria {MageUania) humeralis Roem. 
Rhynchonella corallina Leyn. 
Cidaris florigemma Phil. 
Cidaris bacidifera Ag. 
Hemicidaris intermedia Forb. 
Apiocrinus Meriani Des. 
Pentacrinus Desori Th. 
Exogyra Bruntrutona Th. 

1 ) Dasselbe kann man auch im mittleren Dogger oberhalb Patalour 
beobachten. 

2 ) G. L. Kemmerlisg (Geol. Beschr. d. Ketten von Vellerat u. Mou- 
tier) erwahDt die Mumienbank im Gegensatz zu meinen Befunden und 
denen des Herrn W. Oertel nur an der Grenze der Humeralismergel 
gegen Ober-Sequan. 



42 



Die nun folgenden St.-Verena - Schichten zeigen wenig 
Einheitlichkeit. Es sind kompakte Kalke, Oolithe und Korallen- 
riffe Yonortlichschnellwechselndern Habitus. Oolithe spielenkeine 
besonclers groBe Rolle, so dafi die Bezeichnung St.-Verena-Oolith 
hier unstatthaft ist. Nach oben zu gehen sie ohne scharfe 
Grenze in die Kalke des unteren Kinimeridge iiber. Wie die 
St.-Verena-Schichten eine dem oberen Rauracien anaioge Facies 
darstellen, so sind auch die hier auftretenden Tierstamme die 
gleichen. In groflerer Zahl kommen Nerineen, Austern, Bra- 
chiopoden, Korallen und Bryozoen Yor: 
Xerinea Gosae Roem. 
Nerinea Bruckneri Th. 
Ostrea pulligera Qu. 
Hinnites astartinus de Lor. 
Terebr alula liumeralis Roem. 
Gut lafit sich die Folge der Yerschiedenen Sequanstufen 
auf der Stral3e Yon les Pomrnerats nach Malnuit studieren. Bei 
Hohenpunkt 904 etwa liegt die Grenze zwischen unterem 
Kimmeridge und oberem Sequan. Als ITbergangsschichten 
stellen sich wei.Be, kreidige oolithische Kalke ein. Schon 
aufgeschlossen finden wir diese kreidigen Oolithe auch an der 
StraGe Yon Seignolet nach Moulin Jeannotat auf Hohenlinie 
540 x ). Darunter, und diese teilweise durchsetzend, folgen die 
Riffkalke des oberen Sequan. Die Strafie weiter Yerfolgend, treffen 
wir auf einen ausgezeichneten AufschluB der Humeralis- und 
weiterhin der Natica-Mergel. Die zwischen Mittel- und TTnter- 
sequan eingeschaltete Mumieubank ist nicht typisch entwickelt. 

Wenig siidlich you der Grenze meines Aufnahmegebietes 
habe ich am Weg, der Yon Muriaux mit grower Schleife gegen 
N nach der Hauptstrafle Saignelegier — Goumois hinabzieht und 
diese bei der Schleife im Yon Belfond dessous trifft, ein 
Profil durch Mittel- und Untersequan aufgenommen, das ab- 
weichend ist Yon der Entwicklung im N meines Gebietes und 
das ebenso oder mehr noch wie das dortige Rauracien (siehe S. 9) 
schon Anklange an die argovische Facies zeigt. 

Das Profil beginnt mit Mergeln, die reich 
sind an Echinodermen, besonders Crinoiden, 
aber auch Terebratula humeralis Roem. und 
Rhynchonella corallina Lym. enthalten .... etwa 4 m 

Darunter gut gebankte feste Kalke, die 
sich gut zu Bausteinen eignen und Mumien 

enthalten „ 12 m 

Dann eine Mergellage mit Pholadomyen 
und in Menge Exogi/ra Bruntrutana Th. u. s. w. 1 — 2 m 
Groboolithische Kalke und Mergel ... 2 m 



M. Sq. 



') Ahnliche Ubergangsschichten beschreibt W. Oertel. 



43 



Mergel, die auBerordentlich reich sind an 



M. Sq. \Zeilleria humeralis Roem., wogegen andere - 

( Fossilien zuriicktreten etwa 5 m 

VI Bank i Schwach oolithische Bank 2 m 

v \ Banke mit grobkornigen Oolithen ... 5 m 

Mergel 8 m 

^ g ^ j Schwach oolithische, jedoch schoiie 

- a - c • I Mumien enthaltende Banke 3 m 

Mergel 4 m 

Mittel- und Untersequan zusammen .... 45 — 50 m 



Dieses Profil zeigt, daB wir es hier im ganzen Mittel- und 
Untersequan mit einem standigen Wechsel Yon Kalken und 
Mergeln zu tun haben, daB Oolithe in verschiedenen Horizonten 
auftreten konnen, und daB sich das Mittelsequan in verschie- 
dene faunistische Stufen zerlegen laBt, deren obere charakte- 
risiert ist durch das Vorherrschen der Crinoiden, deren mitt- 
lere, vvenig machtige Zone yor allem Pholadomyen und Ex. 
Bruntrutana enthalt, und deren untere gekennzeichnet wird 
durch die in grower Individuenzahl auftretenden Zeill. humeralis 
Roem. In diese Schichtenreihe schiebt sich zwischen der 
oberen und unteren Mergellage ein zienilich machtiger Kalk- 
komplex ein, den wir, da er Mumien enthalt, als eine 
obere Mumienbank bezeichnen konnen, wahrend die Stelle der 
Mumienbank zwischen dem unteren Mittelsequan und den Na- 
ticamergeln, wie sie in dem nordl. anstoBenden Gebiet ausge- 
bildet ist, durch etwa 7 m oolithische Kalkbanke yertreten 
wird. Diese obere Mumienbank ware ein Aquivalent der yon 
Kemmerling beobachteten Schicht. Die Naticaschichten sind 
im Gegensatz zu dennordlicheren Gebieten wenig machtig, im ganzen 
etwa 15 m, w r obei zu bemerken ist, dafi der mittlere Teil dieser 
Serie wiederum Yon einer etwa 3 m machtigen Mumienbank ge- 
bildet wird, und zwar zeigt diese Bank die Mumienfacies am 
allerschonsten. Konnten wir also die Mumienbank im 
groBten Teil meines Aufnahmegebietes als trefflichen Leithori- 
zont bezeichnen, so ist dies in den siidl. anstoBenden Gegenden 
durchaus nicht mehr der Fall. War auBerdem die Entwick- 
lung der Naticaschichten eine weit betrachtlichere als die der 
Humeralisschichten, so finden wdr hier im Siiden gerade den 
umgekehrten Fall. Die Faciesgrenzen haben sich also im Sequan 
yerschoben. 

Kimmeridge. 

II. Oberer Kimmeridge. 

Pterocera-Mergel 5 — 10 m. 
I. Unterer Kimmeridge 50 m. 
Der untere Kimmeridge oder Pseudocidaris -Thurmanni- 
Schichten besteht aus einer Serie gut gebankter, w r eiBer oder 



44 



gelblicher, meist steriler Kalke. Gegen das Sequan konnen 
sich, wie schon erwahnt, ortlich Oolithe einstellen. In den ob. 
Lageu wird die Fossilfiihrung etwas reicher, urn endlich in die 
fossilreichen Pterocera-Mergel uberzugehen. 

Die Pterocera-Schichten bilden einen ausgezeichneten Leit- 
horizont. Selbst da, wo die Schichten nicht aufgeschlossen 
sind, lassen sie sich meist leicht an ihren Fossilien im Berg- 
schutt nachweisen. Von besonders haufigen Versteinerungen 
konnte ich sammeln: 

Terebratula suprajurensis Th. 

Pholadomya Protei Ac 

Ceromya excentrica Az\ 

Isocardia cornuta KlOd. 

Isocardia striata d'Orb. 

Pleuromya Voltzii Ac. 

Homomya hortulana Ac;. 

Thracia incerta Ag. 

Plectomya rugosa Lor. , 

Mytilus jurensis Mer. 

Avicula Gessneri Th. 

Trichites Saussurei d'Orb. 

Cardium Banneianum Th. 

Hinnites inaequistriatus d'Orb. 

Pterocera Oceani Brong. 

Py gurus jurensis Marc. 

Pseudocidaris Thurmanni Ex. 
Sammelt man eine grofiere Anzahl der Terebratula supra- 
jurensis Th., so ist es eine Leichtigkeit, alle Ubergange aufzu- 
finden, yon Formen, deren Bauch- und Riickenklappe am 
Hinterrande yollkommen glatt ist, zu solchen, die eine auflerst 
markante Doppelfurche auf der Riickenklappe und zwei ent- 
sprechende Wiilste auf der Baucliklappe besitzen. Da nun die 
ersteren Formen durcbweg klein sind im Gegensatz zu den an- 
deren, so liegt es nahe, die verschiedenen Formen als Yerschie- 
dene Altersstufen aufzufassen 1 ). 

J ) L. Rollier hat in seiner neuesten Schrift: Fossiles nouveaux ou 
peu coimus des terrains secondaires in denMem. soc.pal. Suisse vol. XXXVII 
1910 — 1911 aus dem oberen Bathonien eine lerebratula Movelicrensis 
sp. nov., und zwar in einer ganzen individuellen Entwicklungsreihe be- 
schrieben. Ein Vergleicli der T. suprajurensis Th. und ihrer Jugendstadien 
laBt keinen irgendwie wesentlichen Unterschied zwischen dieser und der 
T. Movlierensis erkennen. So liegt die Annahme sehr nahe, daB beide 
Terebrateln dem gleichen Stamme angehoren. Nun steht die T. Movelie- 
rensis sp. nov. Rolliers der T. maxillata aus den Homomyen-Mergeln 
so nahe, daB mir die neue Art uberhaupt unnotig erscheint. Somit 



45 



Das obere Kimmeridge besteht wiederum aus gut gebankten 
sandig kalkigen und rein kalkigen Lagen mit eiuem groBen 
Reichtum an Nerineen. Aus den Pterocera-Mergeln linden sich 
noch Terebratula suprajurensis und einige andere Formen. 

Kimmeridge erscheint in meinem Gebiet auf dem Plateau 
im W von Saignelegier, wo man den groBten Teil der flach- 
liegenden Schichtenserie auf dem FuBpfad nach Goumois quert. 
AuBerdem in einer westostlich ziehenden Mulde nordlich von 
les Pommerats. Durch die StraBe von les Pommerats nach Vaute- 
naivre ist von Hohenpunkt 876 an das untere Kimmeridge auf- 
geschlossen. Die Pterocera-Mergel sind gegenwartig am besten 
zu studieren an dem Kohlerweg, der von Malnuit aus oberhalb 
des nach Moulin Jeannotat hinabfiihrenden Talchens zuerst in 
nordlicher Richtung zieht und dann etwa bei Hohenpunkt 619 
nach W umbiegt, und zwar etwa 150 Schritte nach der Umbie- 
gung. 

Weitere Sedimente. 

Uber dem Kimmeridge folgen keine weiteren mesozoischen 
Bildungen. Auch Tertiar ist nur an einer Stelle, und zwar als 
eocanes Bohnerz nachzuweisen, das im NO von les Pommerats an 
der Grenze meiner Karte, etwa bei Hohenpunkt 964 Humera- 
lismergel uberlagert. 

Die Schottervorkommnisse, die G. L. Kemmerlixg in 
seiner geologischen Beschreibung der Kette von Vellerat und 
Moutier erwahnt, und die auch W. Oektel in der' Gegend von 
St. Brais — Saulcy — Lajoux auffand, lieBen sich in meinem Gebiet 
gleichfalls beobachten, und zwar in einer das Sequan uber- 
lagernden Lehmschicht zwischen les Pommerats und Saignelegier. 
Sie bestehen aus jurassischen Sedimenten und aus Quarziten. 

Die Plateauflachen in der sudlichen Halfte meines Gebietes 
sind von einer bis l l / 2 m dicken Lehmschicht bedeckt (vergl. 

komme ich zu dem Schlusse, da6 wir es bei der T. maxil/ata, T. Movelie- 
renzis und der T. suprajurensis mit einer und derselben Form zu tun 
haben, die fast ohne Veranderung von den Homyenmergeln bis ins obere 
Kimmeridge durchgebt. DaB wir sie in machtigen dazwischenliegenden 
Schichtenserien nicht antreffen, liegt einfach an der Faciesversehiedenheit. 

Auf einen ahnlichen Fall machte mich Herr G. Bohm aufmerksam. 
Vergleichen wir den Mytilus suprajurensis aus den Pteroeera-Mergeln 
mit der Modiola gigantea Qu. (Mem. soc. pal. Suisse Bd. 27, 1900: 
„Description des fossiles du Bajocien superieur des environs de Bale"' 
par Ed. Greppin), so zeigt sich, daB sich Unterschiede mit dem besten 
Willen nicht finden lassen, daB wir also auch hier eine und dieselbe 
durchgehende Form annehmen konnen. 

Uberhaupt zeigt die Fauna des mittl. Dogger viele Analoga mit 
dem mittl. Kimmeridge. Ich erinnere z. B. an die Pleurotomaria , an 
Homomya hortulana oder Gresslya cf. ovata u. a. m. 



46 



Rollier 1 ). Ob diese Schicht iiberail Gerolle fiihrt, kounte ich 
nicht feststellen. 

Endlich sind noch die alten Terras sen des Doubs zu 
erwahnen. die oberhalb Goumois 40 — 50 m iiber dem jetzigen 
Fluflbett liegen und etwa 10 m machtig sind. Sie werden jetzt zu 
Straflenschotter abgebaut und stellen sich als Banke von faust- 
groflen Gerollen dar, wechsellagernd mit feinem FluBsand. Das 
Material der Gerolle ist meist jurassisch, docb lassen sich auch 
in Menge alpine Gesteine sammeln. Ich verweise auf die ge- 
naueren Angaben Rolliers. Es handelt sich um nuvioglaciale 
Schotter, dieinder Rifleiszeitbisins Doubsgebiet YOrgeschoben und 
YOniDoubsYerfrachtetwurden. Da dieseSchotter etwa 40m iiber dem 
jetzigen Talboden liegen. wahrend das Tal ini ganzen eine Ein- 
tiefung you 400 — 500 m darstellt. so mul3 schon damals das 
Doubstal im wesentlichen in seiner heutigen Gestalt Yorhanden 
gewesen sein. 

Nun sei noch eine Beobachtung siidlich meines Aufnahme- 
blattes erwahnt. Auf dem westlichen Teil der Hohenkurve 
990 des Hiigels „Sur le Cras" finden sich aus der Wiese her- 
ausragende Haufen, die auf den ersten Anblick an der Land- 
straJ3e aufgeworfenen Schmutzhaufen gleichen, aber aus fest Yer- 
kittetem Konglomerat bestehen. Die einzelnen , Yollstandig ab- 
gerollten Stiicke stammen samtlich aus dem oberen Malm. In 
der Umgebung dieses Yorkommnisses steht Rauracien an, auf 
dem diese Ablagerung aufruht. Zweifellos handelt es sich um 
mit kalkigem Bindemittel verkittete FluB- oder Bachgerolle. 
Merkwiirdig ist aber. dafi sie sich aut dem Gipfel des Hiigels 
(Sur le Cras) finden. Sollte es sich um ein Bachbett handeln, 
das Yor der Faltung schon bestand und bis auf Rauracien ein- 
gesenkt war? Ich lasse diese Frage offea. 

Tektonik. 

Am Aufbau meines Gebietes nehmen zwei Ketten teil: 

1. die Montfavergier-Kette 2 ), die mit dem Rauracien im 
NW you Saulcy beginnt; sie trifft St. Brais, MontfaYergier, 
Soubey, le Cerneux, Patalour, Malnuit, Biel de Yautenaivre, 
Fossevillers. Im Norden folgt darauf la Chaine du Clos du 
Doubs ; 

2. la Chaine du Mont (Greppin) == Yellerat-Kette, die 
im etwa in der Gegend von Mervelier beginnt. Sie zieht 

! ) Materiaux pour la carte geologique de la Suisse: Structure et 
histoire de la partie du Jura centrale pg. 165. 

*) Beziiglich des Nainens „Montfavergier-Kette ft siehe „Allgemeine 
JuratektODik" S. 39. 



47 



iiber Choindez, dann Gorge von Undervelier, Saulcy, Mont- 
faucon, Praissalet, les Pornmerats nach Goumois. Im S scklieflt 
sich die Raimeux -Kette an, zu dter der Spiegelberg und das 
Oxfordvorkommnis von Saignelegier gekort. Der Berg zwischen 
les Pommerats und Saignelegier stellt eine Aufwolbung yon unter- 
geordneter Bedeutung dar, die gegen im Gewolbeauf bruch 
von La Bosse-Praissalet endet. 

Die Montfavergier-Kette. 

Diese Kette habe ich etwa von Cerneux bis zur Sckweizer- 
grenze auf meiner Karte zur Darstellung gebracht. Das ganze 
hierher gekorige Gebiet ist ungeheuer gestort, und es ist sckwer, 
sich von den Lagerungsverkaltnissen und besonders you der 
Entstehung dieser Yerkaltnisse eine klare Yorstellung zu macben. 
Am Aufbau der Kette neknien teil die Malmsckickten vom 
oberen Kimmeridge an ab warts und die Doggerschichten bis 
zum unteren Hauptrogenstein. Die Satteiackse zieht vom Tal- 
chen bei Yauteuaivre etwa in der Ricktung Ost 10° Nord. Die 
Grenze von Dalle nacree mit mittl. Dogger liegt auf dem Steig, 
der von Sous la Rocbe (bei Yautenaivre) zum Doubs kinab- 
fiikrt, etwa auf Hokenlinie 600; im SW von sur le Rang auf 
600 — 610 m, im SO von sous la Rocke (Patalour- Aufbruck) 
auf H. 810. An der Grenze meines Kartengebietes , auf der 
StraBe Patalour-Cernievillers, finden wir die Grenze auf 770 m. 
Yerfolgen wir nun die Kette auf der RoLLiEKscken Karte (En- 
virons de Bellelay) weiter nack 0, so finden wir mittl. Dogger 
nordl. von Cernievillers in uber 900 m Hoke. Dieses Ansteigen 
der Sattelackse bleibt ziemlick konstant bis in die Gegend von 
Soubey. 

Doppelung des mittl. Doggers im Talcken von Yautenaivre. 

Wie man im Talcken von Yautenaivre beobackten kann, 
kandelt es sick um kein einfackes Gewolbe, sondern um eine 
Doppelung des mittl. Doggers. Das siidl. Gewolbe findet 
-etwa 100 m nordl. der Einmiindungsstelle des Backes von 
Yautenaivre in den Doubs sein Ende. Yon dort steigt die Siid- 
flanke ernes neuen Gewolbes, sckroffe Eelsen gegen das Doubs- 
tal bildend, an. Die Trace der zwiscken beiden Gewolben 
liegenden Mulde erreickt nack etwa 400 m das Backbett und 
und verlauft dann im wesentlicken in diesem. Weiter nack 
laBt sick die Doppelung wegen mangelnder Aufsckltisse und 
tektoniscker Storungen nickt mekr verfolgen. Nack Rolliek 
soil im S von le Cerneux eine zweite Aufwolbung von mittl. Dogger 
sicktbar werden. Nack meinen Begekungen existiert diese nickt. 



48 



Bergsturz im Talchen von Vautenaivre. 
Nordlich von Vautenaivre hat sich eine groBere Scholle von 
Dalle nacree vom Gewolbescheitel losgelost und ist, ohne in 




Fig. 1. 



sich vollkommen zu zerbrechen, uber die nordl. Flanke des Siid- 
gewolbes in das Talchen von Vautenaivre abgeglitten, wo sie 
nun diskordant auf mittl. Dogger aufruht. 

Der siidl. Gewolbefliigel dcr Montfavergier-Kette. 
Ein schones Profil durch den siidl. Fliigel der Montfavergier- 
kette kann man auf der StraBe von les Pommerats hinab nach 
Vautenaivre erlangen. Am Rande des Plateaus bei Hohenpunkt 
876 befinden wir uns an der Grenze von unterem Kimmeridge 
und Pterocera-Schichten. Das Streichen ist ziemlich rein ost- 
westlich, und das Fallen betragt ca. 40° gegen S. Wir durch- 
wandern hier die ganze Schichtenserie bis zur Dalle nacree von 
Vautenaivre. Alle Schichten liegen konkordant ubereinander. 
Ungefahr dasselbe Einfallen wie hier laBt sich auch weithin 
nach bis an die Grenze meiner Aufnahmen verfolgen, womit 
sich der Sudfliigel der Montfavergierkette als vollkommen un- 
gestort erweist. Nur das Streichen geht von einer reinen OW- 
Richtung im W in eine WSW-ONO-Richtung im iiber. Das 
Talchen, das von der Strafie les Pommerats — Malnuit zwischen 
den Hohepunkten 904 und 916 in einer groflen Schleife um- 
gangen wird, ist wohl dadurch zu erklaren, da!3 hier friiher 
ein Bach floJ3, der zwischen den harten Kalken des Rauracien 
einerseits und des Obersequan anderseits in die leicht zerstor- 
baren Kalke und Mergel des Mittel- und Untersequan sein Bett 
eingrub und erst dort, wo der heute das Talchen hinabfiihrende 
Weg die Oxford wiesen von Pres dessous erreicht, die Rauracien- 
kalke durchbrach. Besonders hervorgehoben zu werden ver- 
dient folgende Erscheinung: Vom Triangulationspunkt 896 des 
Rauracienkammes nordlich von les Pommerats fuhrt einKammhin- 
iiber zur isolierten Rauracienplatte im S von Chez le Forestier. 
Der Kamm besteht vollstiindig aus den Tonen des Terrain a 



49 



Chailles und bietet im W auch gute Gelegenheit zum Sammeln 
von Fossilien dieser Stufe. Zu oberst liegen noch Blocke der 
unteren Rauracienlagen, die jedoch nicht mehr in festem Zu- 
sammenhang stehen und daher yon mir auf der Karte nicht ein- 
gezeichnet wurden. DaB dieser Oxfordkainm sich bis auf unsere 
Zeit erhalten konnte, erkJart sich eben aus der Uberlagerung 
dieser Blocke, die hier eine ahnliche Rolle spielten wie die 
Gesteinsplatten auf der Spitze der Erdpyramiden. Jener Oxford- 
kainm mit den oben aufliegenden Rauracienblocken , die eine 
Verbindung des Siidschenkels mit der horizontal en Platte auf 
dem Gewolbescheitel darstellen, scheint mir ein Beweis dafiir 
zu sein, dafi wenigstens in dieser Kette die Gewolbeuberdeckung 
nach abgeschlossener Faltuug noch .eine ziemlich geschlossene 
war. 

Der Vollstilndigkeit halber muB ich noch die gewaltigen 
Bergstiirze erwiihnen, die von jenem isolierten Plateau nieder- 
gingen und deren Trunimer im SW bis sur le Rang, im NO 
bis Malnuit reichen. Der Grund, weshalb gerade hier so ge- 
waltige Bergstiirze niedergingen, ist einfach der, daB die Oxford- 
flanken abgeglitten und den Randern des Rauracienplateaus da- 
durch die Unterlage entzogen wurde, so daB sie, durch ihr Eigen- 
gewicht veranlaBt, abbracheu. In diesen Schutthalden lassen 
sich Rauracienfossilien sammeln. 

Der Nordschenkel der MoDtfavergierkette. (Allg. Ubersicht.) 
Wenn ich im folgenden die tektonischen Yerhaltnisse des 
Nordschenkels der Montfavergierkette zu erklaren versuche, so ist 




Fig. 2. 

es mir nicht moglich, wie dies bei der tektonischen Besprechung 
anderer Gebiete wohl tunlich ist, eine Stoning nach der anderen 
zu besprechen, da hier die eiDzelnen Storungen in einem innigen 
genetischen Zusammenhange stehen, die eine StOrung daher nur 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 4 



50 



in Bezugnahme auf die andere verstanden werden kann. Auch 
scheint mir, daB das Yerstandnis der speziellen Yerhaltnisse da- 
durch wesentlich unterstiitzt wird, weim ich gleich anfangs einen 
schematischen Bauplan wenigstens der Hauptstorungen entwerfe. 
Denken wir uns die zur Zeit der Gebirgsentstehung von S nach 
N vorriickenden Falten durch vorlagernde Widerstande gestaut, 
wie dies in unserem Fall durch den Yogesenkern und den 
diesen Kern iiberlagernden Tafeljura der Fall war, so werden 
die Falten anfangs eine extreme Steilstellung erfahren. Figur 2 
zeigt diesen hypothetischen Zustand von der Montfavergierkette. 




Fig. 3. 



s 




Fig. 4. 



Hierbei werden. wie dies uberhaupt fiir die Jurafaltung dieses 
Gebietes charakteristisch ist, ausgesprochene Knickzouen ent- 
standen sein. 

Nun ging der Schub weiter, und der Nordschenkel der 
Montfavergierkette legte sich nach N liber. Diese Bewegung 
dauerte so lange an, bis die Achsenebene 1 ) jenes Gewolbes mit 
der Horizontalen einen Winkel you 35 — 40° bildete. Fig. 3. 

Als diese Lage erreicht war, widerstand die Kohasion, die 
an den Schichtkopfen durch die starke Knickung schon sehr 
Yerringert war, uicht mehr einem weiteren Druck. Die Folge 

] ) Unter Achsenebene verstehe ich diejenige Ebeue, die durch die 
Gewolbeachse und diejenige Richtung gelegt werden kann, welche siimt- 
liche ubereinauderliegenden Schichtkopfe miteinander verbindet. 



51 



davon war, daB in der Achsenebene ein RiB entstand und der 
Siidschenkel dieses Gewolbes iiber den iiberkippten Nordschenkel 
geschoben wurde. Infolge dieses weiteren Druckes wurde der 
Nordschenkel auf die im N vorgelagerten horizontalen Schichten 
aufgedriickt. Dieses Stadium der Gebirgsbildung sehen wir 
uoch heute im N von Yautenaivre. Fig. 4. 

Weiter nach 0, nordlich von Chez le Forestier widerstand die 
Kohasion der Knickzone zwischen den vorgelagerten horizontalen 




Fig. 5. 



Schichten und dem nordlichen iiberkippten Gewolbeschenkel 
dem Druck des iiberschobenen Siidschenkels, der auch seiner- 
seits wieder den iiberkippten Nordschenkel initzerrte, nicht so 
lange wie im W. Die Folge davon war, daB, bevor es noch 
zu jener extremen Uberfaltung kam, ein RiB entstand und nun 
auch der Nordschenkel des Gewolbes zugleich mit dem Siid- 
schenkel iiber die vorlagernden horizontalen Schichten ge- 
schoben wurden. Fig. 5. 

tiberschiebung. 

Die tiberschiebung von Beaugourd dessous — es Royes — 
Champ — FOiseau — Patalour tritt amklarsten nordlich des Talchens 
von Yautenaivre in die Erscheinung. Wir haben gesehen, daB im 
Norden des Baches ein neues Doggergewolbe beginnt. Dieses 
wird an seinem Scheitel von der tiberschiebung zerrissen, und 
der Siidschenkel verschiebt sich gegen den Nordschenkel nach 
oben urn einige 100 m. Die Uberschiebungsebene ist mit etwa 
35 — 40° nach S geneigt. Die Neigung laBt sich nur hier mit 
einiger Sicherheit berechnen. Wenn ich auf meinen Profilen 
diese Neigung auf den ganzen Yerlauf der tiberschiebung iiber- 
tragen habe, so handelt es sich hierbei um eine Annahme, 
die ich bei dem Mangel weiterer Anhaltspunkte zu machen ge- 
zwungen war. 

4* 



52 



Steigt man Yom Doubs aus sozusagen in der IJberschiebungs- 
spalte nach oben, so daB man also zur Rechten den Siidschenkel 
des yerworfenen Doggergewolbes , zur Linken aber Rauracien- 
kalke hat, so iiberschreitet man zuerst bis zu einer Hohe yob 
20 — 30 m FluBsand, eine alte Ablagerung des Doubs, dann be- 
wegt man sich bis zu derWiesenterrasse YonBeaugourd dessous — 
Beaugourd dessus standig in den Mergeln des Terrain a Chailles y 
und es war mir auch moglich, dort typische Fossilien dieser 
Stufe zu sammeln. Auf dem oberen Rand des Yerworfenen 
Schenkels Yon mittl. Dogger liegt noch etwas Dalle nacree, je- 
doch ungemein reduziert und sich dadurch als deutliches Relikt 
erweisend. Kurz bevor man nach es Royes gelangt, tritt, durch 
eine Querverwerfung YeranlaBt, auf die ich spater zu sprechen 
kommen will, Rauracien dicht an den Uberrest Yon Dalle nacree 
heran, so daB Oxford auf ein auBerst diinnes Band zusammen- 
gepreBt wird. Auf dem Wege Yon es Royes nach Pourpier 
konnen wir in der Dalle nacree einige kleine sekundare Falten 
beobachten, die mit der Uberschiebung in Zusammenhang zu 
bringen sind. Bis zu dieser Yerwerfung von es Royes — Combe* 
Chabroyat Yerhalt sich der Nordschenkel der Montfavergier- 
kette tektonisch einheitlich, und ich werde daher zunachst Yon 
diesem Gebiet sprechen. Auf dem schematischen Profil 3 auf 
S. 19 sind ungefahr die Yerhaltnisse des westlichen Teiles wieder- 
gegeben. Genauer den ortlichen Yerhaltnissen angespafit sind 
die Spezialprofile 1, 2, 3, 4 u. 5. Wie daraus ersichtlich, handelt 
es sich im wesentlichen um eine grofie liegende Falte, die Yon 
S her iibergeschoben wurde. Eine schone Ubersicht laBt sich yob 
den Hohen jenseits des Doubs erlangen. 

Widersinniges Einfallen des Rauracien vod Pres de Beaugourd. 
Soweit ware die Sache ganz schon und gut, wenn nicht 
eine neue Erscheinung das tektonische Problem komplizierte. 
Diese neue Komplikation liegt im Yerhalten des Rau- 
racien. Yerfolgen wir den Weg, der vonBeaugourddessusnachPres 
de Beaugourd hinauffiihrt, so fallt uns auf, daB das Rauracien nicht T 
wie es bei der liegenden Falte anzunehmen ware, gegen S einfallt T 
sondern im Gegenteil steil gegen N, daB diese Schichten also' 
im Yerhaltnis zu den obwaltenden LagerungSYerhaltnissen zu- 
riickgebogen erscheinen. Diese Rauracieiiplatte laBt sich nun 
am siidlichen Rand des Gipfelplateaus bis gegen den Steilabbruch 
im W Yerfolgen, wobei dieses Schichtpaket unzerbrochen er- 
scheint und das gleiche sinnwidrige Fallen bewahrt. Das nordliche 
Fallen laBt sich nach meiner Meinung auf zweierlei Art er- 
klaren. Einmal ware es moglich, daB bei der Uberschiebung; 



53 



der siidliche Teil der umgeklapptenRauracienplatte einseitig so stark 
belastet wurde, dal3 die darunterliegenden weicben Sequan- 
mergel ausgequetscht wurden und, indein sie sicb mit Gewalt 
einen Ausweg nach N suchten, den nordlicben Teil der Rauracien- 
platte hoben und iiberkippten. Die andere Deutung, die mir 
personlicb viel wabrscbeinlicber ist, babe icb durch beigegebenes 
scbematiscbes Profil (6) veranscbaulicbt. Danacb wurden wir 
in dem widersinnigen Einfallen der Rauracienscbiebten die Um- 
biegungsstelle jener flacbliegenden Falte zu seben haben. Die 
Umbiegung der boberen Scbicbten muB auch rein tbeoretiscb 
auBerhalb der Bergkontur fallen. Mit dieser Erkliirung werclen 




Fig. 6. 



also einerseits die Lagerungsverhaltnisse gelost, anderseits ge- 
winnen wir hierdurcb eine Anscbauung fiir das AusmaB der 
liegenden Falte. Diese rnuB etwa iiber dem Doubstal ibr Ende 
«rreicbt baben und darf sicb jenseits dieses Tales, auf franzo- 
sichem Gebiet bocbstens durcb lose berumliegende Triimmer 
bemerkbar maeben. Icb habe nun daraufbin die franzosiscbe 
Spezialkarte „Montbeliard" angesehen und babe nichts gefunden, 
was fiir ein Ubergreifen jener liegenden Falte sprecben konnte. 

Scbon zur Zeit der Faltung mufl jener Gewolbescbeitel be- 
standsunfiibig gewesen und aller Wabrscbeinlicbkeit nacb scbon 
damals zusammengebrocben sein. Denn ich werde ananderer Stelle 
den Nacbweis fiibren, daB zur Zeit der Faltung hobere Sedimente 
als oberes Kimmeridge in dieser Gegend nicht bestanden baben; 
somit muflte*der auBerste Teil des liegenden Gewolbes frei in 
die Luft binausgeragt baben. 

Verbalten des der liegenden Falte vorgelagerten Schichtpaketes. 
Der Sockel, bestebend aus den Scbicbten des Kimmeridge 
und Sequan, auf dessen westlicben Teile die liegende Falte aufrubt, 
ist in seinen barten Partien durcb das Doubstal gut aufge- 



54 



schlossen und gibt sicli mit Ausnahme des Berges yon Pres de 
Beaugourd, wo er von machtigen Schuttinassen verhiillt ist, 
deutlich durch eine den Hohenlinien folgende Steilstufe zu er- 
kennen. Dieser ganze Sockel ist, soweit in meinem Gebiet 
befindlieh, durchaus horizontal und unzerbrochen. DaB auch 
im Berge von Pres de Beaugourd diese Schichten horizontal 
liegen, erkennen wir aus den anstehenden Kimnieridge-Kalken 
bei Combe Chabroyat und durch die den Hohenlinien folgenden 
Felsbander bei der Uberfaltungsstelle. 

Sekundare Storungen dort, wo der Knick der liegenden Falte mit der 
Uberschiebung zusammentrifft. 

Die horizontale Lagerung tritt, im W durch das Doubstal 
aufgeschlossen, bis nahe an die Umbiegungsstelle und die da- 
hinterliegende Uberschiebung heran, so daB wir den Eindruck 
eines sehr scharfen Knickes bekommen. Durch diese starke 
Knickung und das gleichzeitige Zusammentreffen der Uber- 
schiebung mit der Umbiegivng der tieferen Schichten erklart 
sich die an jener Stelle zu beobachtende starke Zerriittung. 
Die letzte betrifft YOr allem das Rauracien und das untere 
und mittlere Sequan. Interessant ist, daB das Rauracien bis 
hinab ins Doubstal zieht, woraus hervorgeht, dai3 die Uber- 
schiebung nur die tieferen Schichten betroffen hat. Von den 
kleineren durch die Uberschiebung veranlaflten Storungen mochte 
ich nur einen, dieser parallel verlaufenden, Bruch zwischen Rau- 
racien und Sequan erwahnen, cler oberhalb des Hohenpunktes 
608 die Rauracienplatte durchsetzt. 

Aufblattern der Schichten. 
Yergleichen wir nun noch das Streichen des Rauracien- 
kammes von Pres de Beaugourd mit demjenigen der darunter- 
liegenden Sequan- und ganz besonders der Kimmeridgeschichten, 
so lafit sich eine ganz deutliche Differenz gegen erkennen. 
Mit anderen Worten, das Aufblattern der Schichten nimmt von 
W nach zu. "Wie dieses Aufblattern iiberhaupt zu erklaren 
ist, habe ich auf Seite 52 u. 53 erortert. DaB jedoch diese Er- 
scheinung im bedeutender ist als im W, dafiir will ich nach Be- 
sprechung der NS -Verwerfung von es Royes — Combe Chabroyat 
eine Erklarung zu geben versuchen. 

Verwerfung von es Royes — Combe Chabroyat. 
Durch diese Querverwerfung wird einmal das Verschwinden 
des Rauracienkammes im W von es Royes erklart, zweitens 
dasjenige des Rauracienkammes von Pres de Beaugourd im 0. 
Am klarsten aber wird sie bewiesen durch das Yerhalten der 



55 



Mumienbank (punktierte Linie der Karte). Auf dem Weg von 
Chez le Forestier nach Combe Chabroyat finden wir sie auf 
Hohenlinie 690 bei der groBen Wegschleife. Yon dieser Stelle 
lafit sie sich nach die Steilkante entlang bis Hohenpunkt 
750 verfolgen, wahrend sie nach W plotzlich verschwindet. 
Gehen wir jedoch den Weg von Beaugourd dessus nach Pres 
de Beaugourd, so treffen wir auch hier, etwa bei Hohenlinie 
740, auf die Mumienbank, die sich noch ein kurzes Stuck gegen 
verfolgen laBt, nm dann scharf nach N umzubiegen. Etwa 
auf Hohenlinie G40 verschwindet sie auch hier. Dasselbe Um- 
biegen nach N zeigt auch das Rauracien von Pres de Beaugourd 
und das unter der Mumienbank liegende Obersequan und Kim- 
meridge. Durch dieses plotzliche Abbiegen der Schichten nach 
N im W der Yerwerfung wurden die Gesteinsmassen im SW 
von Combe Chabroyat gestaut. Hierauf mochte ich die Er- 
scheinung zuriickfiihren, daB die Schichten hier starker aufge- 
blattert wurden als im W des Berges von Pres de Beaugourd. 
Nach meiner Meinung riB die NS -Yerwerfung zur Zeit der Jura- 
faltung auf, und zwar stent sie mit der Uberfaltung resp. 
Faltenuberschiebung in einem ganz bestimmten Zusammenhang. 
Gilt namlich fur den ganzen Berg von Pres de Beaugourd bis 
zu dieser Yerwerfung das Schema der Figur 4 auf Seite 19, 
so zeigt Figur 5 auf Seite 20 die Yerhaltnisse im dieser 
Yerwerfung bis Saignolet. Nach meiner Meinung ging also 
die liegende Falte nicht langsam und unmerklich in 
eine Faltenuberschiebung uber, sondern gleichzeitig 
mit dem AufreiBen des Knickes zwischen dem Sock el 
und dem liegenden Schenkel der iib ergekippten Falte, 
riB auch wegen der plotzlichen Auslosung der unge- 
heueren Spannung die SN-Yerwerfung von es Royes — 
Combe Chabroyat auf. Es verhielt sich also der Berg im 
"W dieser Yerwerfung als geschlossene Einheit tektonisch anders 
als der Berg im 0. Wahrend im westlichen Berg der Zusammen- 
hang der unten liegenden Platte mit dem Nordschenkei der 
Falte noch, wenn auch unvollkommen, erhalten blieb, bildet der 
Berg im eine nach alien Seiten losgeloste Scholle. Stellen 
wir uns nun vor, daB die NS- Yerwerfung und jenes AufreiBen 
des Faltenknickes vor dem vollstandigen Erloschen der faltenden 
Krafte erfolgte, so kann ganz gut durch das Anpressen dieser 
Scholle an den ostlichen Teil des Berges von Pres de Beaugourd 
jenes Umbiegen der Schichten nach N und die damit zusammen- 
hangende Zusammenstauchung erklart werden. DaB die Yer- 
werfung nicht alter ist als die Jurafaltung, geht daraus hervor, 
daB sie sich nicht in dem unteren Sockel fortsetzt, sondern nur 



56 



den Nordschenkel der liegenden Falte betrifft. Aus alien diesen 
Verhaltnissen erklart sich auch das nach Combe Chabrovat und 
weiter zum Doubs hinabziehende Trockentalchen , und zwar 
ist dies im oberen Teil rein tektonisch durch das Herabziehen der 
weichen Sequanniergel bedingt, im imteren Teil aber durch 
Erosion entstanden. Die letztere wurde dadurch begiinstigt, 
daB die tonigen Naticamergel die Wasseransammlung unter- 
stiitzten. 

Die Scholle im N von Chez le Forestier. 

Die Scholle im N von Chez le Forestier, die im W durch 
die Verwerftmg von es Royes — Combe Chabroyat und im in- 
folge der Erosion nordlich von Malnuit verschwindet, verhalt sich 
nach meiner Meinung ganz einheitlich, und zwar, wie schon 
wiederholt erwahnt, nach dem Schema 4. Am klarsten lassen 
sich die Verhaltnisse im NW von Malnuit iiberblicken, da dort 
durch einen Bach, der gegen Moulin Jeannotat hinabzieht, 
einigermafien gute Aufschliisse existieren. Die Felsplatte, auf 
der Saignolet steht, und die auch die Unterlage fur jene Scholle 
bildet, besteht aus den Kalken des oberen Kimmeridge 
(charakterisiert durch reichliches Vorkommen von Nerineen). 
Von Saignolet geht ein kleiner Pfad hinab ins Bachbett und 
bietet oberhalb seiner Einmiindungsstelle Gelegenheit zum 
Sammeln von Fossilien aus den Pterocera-Mergeln. Das Bach- 
bett hinab konnen wir Stufe fiir Stufe das ganze Kimmeridge 
und Obersequan studieren. Das ganze Schichteupaket liegt 
ziemlich horizontal. 

Nun fiihrt von Malnuit aus ein Kohlerweg im um die 
Scholle herum und halt sich ungefahr in einer Hohe von 
630 — 640 m. Dieser Weg fiihrt zuerst an der Grenze von 
Dalle nacree und Oxford entlang. Renggeritone fehlen voll- 
kommen, und die Dalle nacree fallt nach S ein, sodafi Dalle 
nacree auf Terrain a chailles geschoben erscheint. Das 
ziemlich steile Einfallen der Dalle nacree gegen Siiden bei 
vorgelagertem Oxford lafit sich bis gegen Champ verfolgen 
und zeigt damit untriiglich die Trace der Uberschiebung an. 
Aber auch das Oxford ist auf dieser Strecke auf ein Minimum 
reduziert, und dort, wo der eben erwahnte Bach seinen Ursprung 
nimmt, kann man deutlich seine Auflagerung auf Kimmeridge 
beobachten. Verfolgen wir aber den Kohlerweg weiter, so 
kommen wir in die Kalke des Rauracien, die erst etwa mit 40°, 
dann immer steiler gegen N einfallen. Bald jedoch fiihrt der 
Weg aus der iiberschobenen Masse in die Unterlage, und wir 
befinden uns nun im oberen Kimmeridge, das hier direkt an 
der Stbrungslinie sehr zerkliiftet ist. An einer Stelle treten 



57 



etwas Pteroceramergel auf, die wohl auf einer Spalte hochge- 
preBt wurden, dann kommt wieder oberes Kimmeridge. Haufig 
treffen wir iiber dem Kimmeridge Tone an, die ich fiir da- 
zwischengepreBtes Oxford halte. Auch gelbliche Kalkniergel- 
stuckcben. wohl aus verwitterten zerdriickten Chailles hervor- 
gegangen, kommen vor. An der NO-Ecke des Berges, in der 
Umgebung des Hohenpunktes 619 treffen wir eine machtige Ent- 
w r icklimg von Terrain a Chailles. Daraus ergibt sich also, daB 
das Terrain a Chailles aucb bei dieser Tektonik eine groBe 
Rolle gespielt hat. Yerfolgen wir den Kohlerweg weiter, so 
steigen wir etwas hinab und treffen ungefahr auf Hohenlinie 
600 imN des Berges auf ausgezeichnete,sehrfossilreiche Aufschliisse 
in den Pteroceramergeln, die dem normalliegenden Schichtpaket 
angehoren. Auf dem ganzen Berg fallt das Rauracien nach N 
ein, und zwar steht es im W beinahe senkrecht, legt sich je- 
doch gegen etwas flacher. Das Obersequan dagegen zeigt 
iiberall ein Einfallen gegen S von 70 — 80°. So haben Avir also 
auch bier die Erscbeinung der Schichtauf blatterung, die icb 
schon beim Berg von Pres de Beaugourd besprochen babe. 

Die Gegend von Saignolet. 
"Wie schon erwahnt, ist im der Scbolle bis gegen POiseau 
die ganze liegende Falte der Zerstorung anheim gefallen, und 
nur an der Strafie von Malnuit nach Moulin Jeannotat finden 
wir bei Saignolet noch iiber Kimmeridge einen diirftigen Rest 
Ton Rauracien. Die zerstorende Wirkung kann ich nicht nur 
auf Kosten der Erosion schreiben, sondern glaube vielmehr, 
daB hier in erster Linie tektonische Momente in Betracht 
kommen. Als Stiitze dieser Vermutung fiihre ich an, daB ge- 
rade auf dieser Strecke die Trace der Uberschiebung am wei- 
testen nach N yorgeschoben ist; ferner, daB wir den in POiseau 
wieder zum Yorschein kommenden Nordschenkel der liegenden 
Falte weder umgelegt noch iiberschoben finden. Somit ist die 
Tektonik des Berges nordl. yon Chez le Forestier eine ganz 
andere als die yon POiseau und der Fortsetzung dieses Berges 
nach 0. Es werden diesen Teil des Nordschenkels, solange er 
bestand, eine Reihe Yon NS-Verwerfungen durchzogen haben. 
Moglicherweise haben tiefgehende Verwerfungen dieser Art die 
beiden ostlich von Saignolet befindlichen Grabenbriiche hervorge- 
rufen. Ebensogut ist es aber auch moglich, daB diese Graben- 
briiche alter sind und die Yeranlassung zu besonders starker 
Storung dieses Gebietes gegeben haben. In diesem Falle waren 
sie in Parallele zu stellen mit den Grabenbriichen, die der 
Hauensteinkette vorgelagert sind. Die Tatigkeit des Wassers 



58 



besorgte zum SchluB" nur das Fortschaffen der durch tektonische 
Vorgange zertrummerten Gesteine. Uber die Sprunghohe jener 
Grabenbriiche laJBt sich nichts Bestimmtes angeben, da das 
Oxford und die Dalle nacree in den Graben wohl nur eine 
Ausfullung mit Gesteinsmaterial darstellen, das yon S verschleppt 
wurde. Sehr interessant ist, daU wir auf dem Weg yon Champ 
nach Patalour im W des Berges yon POiseau ganz breccioses 
Rauraciengestein antreffen, das durch die dicht dahinter yer- 
lanfende Uberschiebungstrace durchaus yerstandlich wird. Im 
iibrigen schlieBt sich das Rauracien yon l'Oiseau tektonisch 
yollkommen an den im N des Talchens Patalour — Clairbief hin- 
abziehenden Rauracienkamm an und ist yon diesem nur durch 
ein nach Moulin Jeannotat hinabfuhrendes Erosionstalchen ge- 
trennt. « 
Uberkippung im Talchen von Clairbief — Patalour. 

Steigt man yon Clairbief das Talchen nach Patalour binauf y 
so hat man anfangs zur Linken Rauracienkalke, die ostwestlich 
streichen und gegen S einfallen. 300 m yom Doubs aufwarts 
betragt der Einfallswinkel 38°. Das Talchen selbst befindet 
sich anfangs im Humeralis- und Naticaniveau. Etwa 100 m 
weiter haben wir zu unserer Rechten steil aufragende ostwestlich 
streichende Schichten, die mit 80 — 85° gegen S einfallen. Da 
wir jedoch zu unserer Linken das Doggergewolbe yon le Cer- 
neux haben, so ergibt sich hieraus mit yoller Klarheit die La- 
gerungsdiskordanz zwischen uberkipptem Rauracien und normal 
einfallendem oberen Dogger. Oxford, das hier bis auf ein Mi- 
nimum ausgequetscht ist, war wieder das Medium, das die Be- 
wegung forderte. Im "Weiterschreiten beobachtet man, dafi" die 
Uberkippung des Rauracien immer geringer, die Entwicklung 
des Oxford immer groBer wird, bis wir in der Felsbarre NW 
yon Patalour den Nordschenkel eines normalen Gewolbes yor 
uns haben. Das Oxford erreicht in der Gegend yon Patalour 
eine sehr grofie Machtigkeit. Die Uberkippung findet etwa 
dort ihr Ende, wo der Rauracienzug der Karte yon der OW- 
Richtung in die NO-SW-Richtung umbiegt. Der Grund fur 
diese ganze Erscheinung ist leicht einzusehen. Das Vordringen 
des ostwestlich streichenden Doggergewolbes yon le Cerneux hat 
die dariiberlagernden Schichten aufgestaut. Die Oxfordmergel 
haben eine selbstandige Bewegung der oberen Schichten zu- 
gelassen, wobei sie teils zusammengeprefit wurden, teils in ihrer 
Machtigkeit anschwollen. Nun yerflacht sich das Doggerge- 
wolbe gegen W, und der Druck gegen die dariiberliegenden 
Schichten wird daher geringer. Infolgedesseri nimmt auch das 
Rauracien sein normales Einfallen gegen N wieder an. 



59 



Knickzone bei CJairbief. 
AnschlieB.end mochte ich gleich eine Erscheinung erwahnen r 
auf die ich in weiterem noch eingehender zu sprechen kommen 
will. In dieser ganzen Kette hat man nirgends so gute Ge- 
legenheit wie bei Clairbief, die fur die jurassische Faltung 
dieses Gebietes so bezeichnenden Knickzonen zu beobachten. 
Die von Moulin Jeannotat bis Clairbief aufgeschlossenen Sequan- 
und Kimmeridgekalke zeigen eine durchaus horizontale Lagerung. 
Steigt man indessen siidlich von Clairbief etwas empor, so kann 
man deutlich wahrnehmen, wie die bisher horizontalen Schichten 
ohne Ubergang mit einem scharfen Knick sich senkrecht empor- 
stauen. 

NS-Verwerfung von Patalour. 
Nun wird die Frage brennend, wie kommt es, daB das 
Doggergewolbe von le Cerneux viel weiter nach N vorgeschoben 
erscheint, als das von Patalour. Um dafiir Anhaitspunkte zu 
erlangen, begibt man sich am besten an die Steilwand von 
mittlerem Dogger oberhalb Patalour. Am ostlichsten Punkt dieser 
Steilwand, sieht man, wie die das mittlere Doggergewolbe- uber- 
deckende Dalle nacree plotzlich mit einem scharfen Knick von 




Fig. 7. 



beinahe 90° umbiegt und ' sich in die Tiefe senkt, um dann 
wieder normale, flache Lagerung anzunehmen. Wir haben also 
hier einen Fixpunkt einer die Kette senkrecht zu ihrem Streichen 
durchsetzenden Terwerfung. Beistehende schematisohe Skizze (7) 
soli diese Yerhaltnisse veranschaulichen. Weitere sichere 
Punkte lassen sich nicht auffinden. Immerhin wird es auch 
durch die eigenartige Tatsache, daB das Doggergewolbe von le 
Cerneux gerade dort verschwindet, wo die Yerwerfung mut- 
mafilich durchziehen wiirde, sehr wahrscheinlich gemacht, daB 
diese Yerwerfung tatsachlich das ganze Doggergewolbe von le 
Cerneux durchsetzt und dafi sie fur das Yerschwinden des 
Dogger von le Cerneux verantwortlich gemacht werden kann, 
AVollen wir uns nun ein Bild von der Art der Bewegung 
machen, so laBt sich dies etwa folgendermal3en gestalten. Durch 
die NS- Yerwerfung von Patalour wurde das Doggergewolbe 



60 



von le Cerneux unabhangig yon seiner westlichen Fortsetzung und 
konnte starker als diese nach N vorbranden. Irn W war das 
Anbranden geringer, da durch das AufreiBen der Uberschiebungs- 
spalte ein Auslaufen der Faltungsenergie moglich wurde. So stent 
denn " die diskordante Lagerung und Uberkippung im unteren 
Teil des Talchens von Clairbief — Patalour in ganz bestimmter 
Beziehung zur NS-Verwerfung von Patalour, und zwar so, daB 
diese die A'orbedinguug zu den tektonischen Storungen im 
Tiilchen war. 

Ich mochte bei dieser Gelegenheit besonders darauf hin- 
weisen, daB das Zutagetreten des mittleren Doggers oberhalb Pa- 
talours im Gegensatz zu dem bei le Cerneux nichts mit der 
NS-Verwerfung zu tun hat, sondern durch die groSe Uber- 
schiebung Patalour — Saignolet — Beaugourddessous hervorgerufen 
wurde. Die NS-Yerwerfung von Patalour hat aber noch eine 
weitere Bedeutung darin, daB ostl. von ihr die groBe Uber- 
schiebung nicht mehr nachweisbar ist. Entweder hat also das 
AusmaB der Uberschiebung im betrachtlich abgenommen, oder 
diese ist, was mir weit wahrscheinlicher diinkt, ganzlich ver- 
schwunden. Dies entspricht ganz den theoretischen Erwagungen, 
da die Uberschiebung imWbezuglich derFaltungsenergie ein Aqui- 
valent fiir das weitere Yorbranden im darstellt. Bedeutet 
die NS-Yerwerfung nun aber eine Kluft, welche zwei verschie- 
dene Auslosungserscheinungen der Faltungsenergie trennt, 
so geht daraus klar hervor, daB sie nicht nur (wie schon erwahnt) 
alter sein muB , als die Storung im Talchen von Clairbief — Pa- 
talour, sondern audi alter als die Uberschiebung im W. Allenfalls 
konnte sie mit dieser letzteren gleichzeitig entstanden sein. 

Verwerfung Malnuit — Patalour. 
Nun bleibt zur Yervollstandigung der Tektonik der Mont- 
favergierkette nur noch die Storungslinie zu erwahnen iibrig, 
die von Malnuit nach Patalour zieht. Es handelt sich hierbei 
um keine starke Verwerfung, trotzdem ist sie gut zu verfolgen. 
Es tritt namlich langs dieser Linie im Gebiete der Dalle na- 
ree haufig reines Oxford zutage, das zu kleinen Siimpfen Yer- 
anlassung gibt; durchweg erscheinen Oxford und Dalle nacree 
vollkommen ineinandergeknetet. Auch im mittleren Dogger laBt 
sich die Storungslinie weiterverfolgen, da wir entlang dieser 
Yerwerfungstrace ein sonst unmotiviertes Trockentalchen linden. 
Diese Storungslinie liiuft im wesentlichen der Haupttiberschiebung 
parallel und scheint zu den vielen Erscheinungen zu gehoren, 
die in Gefolgschaft dieser Uberschiebung auftraten. Nach Prof. 
Rolliek soil ostlich von Patalour, im S des groBen Doggerauf- 



61 



bruches von le Cerneux noch einmal durch Doppelung des 
Gewolbes mittlerer Dogger herauskominen. Die Doppelung soli 
bei Cernievillers endigen. Obwohl in dieser Richtung die 
groBe Uberschiebungslinie verlaufen wiirde, so daB hier mittlerer 
Dogger nicht durch Doppelung, wohl aber infolge jener Uber- 
schiebung ganz gut herauskommen konnte, so habe ich selbst 
hiervon doch nichts wahrnehmen konnen. 

Die Synklinale zwischen der Montfavergier- und 
Velleratkette. 

Die Synklinale zwischen der Kette von Montfavergier und 
Yellerat ist so gebaut, daB der Nordschenkel auf der ganzen 
Erstreckung ein konstantes Einfallen von ungefahr 40° gegen 
S zeigt, wahrend der Siidschenkel fast vertikal steht. Die 
TJmbiegung erfolgt mit einem scharfen Knick. Gut aufgeschlossen 
sind diese Verhaltnisse im W durch das Doubstal und im N von 
Pommerats durch einen Bach, der, die Schichten senkrecht 
durchbrechend, dem Flufichen von Vautenaivre zustromt. 

Die Vellerat-Kette. 

Schon die Synklinale zwischen der Montfavergier- und 
Vellerat-Kette, besonders aber diese letztere selbst, gibt sich 
deutlich als Gebirgsrumpf ! ) zu erkennen. Die senkrecht ste- 
henden Kalke des Sudschenkels der Mulde sowie der westliche 
Teil des auBerst steilen Rauraciengewolbes treten' orographisck 
nicht hervor. Die bei Bemont — La Bosse — les Praissalet noch 
einheitliche Velleratkette teilt sich gegen W in zwei sekundiire 
Gewolbe. Das eine zieht mit normalem W-Streichen liber- 
ies Pornnierats — sur les Crins gegen la Vauchotte, das andere 
mit WSW - ONO- Streichen bildet den Bergriicken zwischen 
Saignelegier und Bemont, um in der Gegend von la Deute 
wieder zu verschwinden. Im W wiirde der ganze Aufbruch 
von Goumois zur Velleratkette gehoren. Im S von Bemont 
tritt nun in der Synklinale zwischen der Vellerat- und Raimeux- 
kette ein neues Gewolbe auf, zu dem das Rauracien und Oxford 
von Saignelegier sowie die steile Aufpressung im S von Pre 
St. Nicolas zugerechnet werden miissen. 

Der Oxford-Dalle-nacree- Aufbruch von Goumois. 
Der Oxford -Dalle -nacre -Aufbruch von Goumois gestattet 
nns ausgezeichnete Einblicke in die Eigenart der Juratektonik 

J ) Der Ausdruck Paine-plaine trifft das Wesen der Sache nicht; 
der Ausdruck Rumpfgebirge ist ein schlechtgebildetes Wort. 



62 



■dieser Gegend. Wir haben gesehen, daB das Rauracien des 
Nordschenkels der Synklinale zwischen jenen beiden Ketten bei 
eineni ostwestlichen Streichen mit ungefahr 40° gegen S einfallt. 
Zwisclien la Yauchotte und Gouinois richtet sich dieses Raura- 
cien in der Longue Roche plotzlich mit eineni scharfen Knick 
senkrecht empor, und es kommt sogar zur TJberkippung oder, 
-da die Longue Roche an ihrer hochsten Stelle in ein kleines 
wiederum durch Knickzonen ausgezeichnetes Gewolbe ubergeht, 
-zum ersten Anfang einer liegeuden Falte. Das kleine Gewolbe 
ist so gebaut. daB die Gewolbedecke nahezu horizontal liegt 
und von zwei senkrecht abbiegenden Gewolbeschenkeln getragen 
wird. Doch ist dieses Gewolbe unsymmetrisch; denn, wahrend 
das Rauracien des Nordschenkels (Longue Roche) bis zur Hohen- 
linie 550 hinabreicht, erreicht dasjenige des Siidschenkels nur 
•etwa 700 m Meereshohe. Direkt an die Longue Roche lehnt 
sich im S eine schmale Aufpressung von Dalle nacree an, wo- 
bei das Oxford zwischen dieser und dern Rauracien nahezu 
Yollig ausgequetscht wurde. Dafiir zeigt jedoch das Oxford 
jenseits dieser schrnalen Dalle-nacree-Barre eine aufiergewohn- 
liche Entwicklung, da es in jenem Gewolbe mit hochgepreBt 
wurde. Man kann. von der StraJ3e ausgehend, bis unter das 
Rauracien des Gewolbescheitels 330 m immer iiber Oxford- 
mergel, die naturlich von Schutt stark bedeckt siud, empor- 
steigen. 

Verwerfung von Boiechat— Goumois. 
Im iibrigen weist die groBe Yerbreitung des Oxford im 
Aufbruch von Goumois auf eine Yerwerfung hin, die den West- 
niigel gegeriiiber dem ostlichen etwas gehoben hat. In der 
Tat lassen sich fur diese Storuug gute Anhaltspunkte fin den. 
Auf der StraBe les Pommerats — Goumois stehen an der StraBen- 
biegung im N von Belfond dessus westHch der StraBe Raura- 
cien, ostlich Oxford an. Das Rauracien laBt sich nicht durch 
die westliche Abdachung der Schichtenserie im von Goumois 
erklaren, da der Betrag dieser Abdachung ein viel zu geringer 
ist. Yielmehr wird die Annahme einer Yerwerfung notig, an 
welcher das Rauracien gegenuber dem Oxford gehoben wurde. 
Im Oxfordaufbruch von Goumois ist es unmoglich, eine Yer- 
werfung zu konstatieren, da diese nur hohe Oxfordlagen von 
tiefen trennen wiirde. Immerhin wird die Annahme dieser 
Yerwerfung durch die Yerhaltnisse in dem siidlich anstoBenden 
Gebiet, das auf der Karte nicht mehr zur Darstellung kam, 
sehr gestutzt. Denn es lieB sich ein sicherer Punkt fiir diese 
.Storung im W von Muriaux auf Boiechat (Hohenpunkt 809) 
auffinden, w r o ein steiles Rauraciengew r olbe in SO-NW-Richtung 



63 



wie mit einer Sage durchschnitten erscheint unci sich das aus 
dem Gewolbekern hervorquellende Oxford gegen NW iiber 
Rauracien und Sequan ergossen hat. Wahrend also ftir diese 
Yerwerfung die Strecke von Boiecbat nach Belfond dessus und 
zur Straflenecke nordlich davon feststeht, fehlen weiter nach N 
alle exakten Anhaltspunkte, weshalb ich vorlaufig die Fort- 
setzung in gleicher Richtung angenommen habe. Ini Doubstal 
selbst, am FuBe der Longue Roche inufl eine Parallelverwerfung 
durc.hziehen, da eine Fortsetzung des Longue-Roche-Gewolbes 
auf franzosischem Boden nicht existiert. 

Was das Hinabgreifen der Faltung in die Tiefe anlangt, so 
konnen wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, dafi der mittlere 
Dogger yon der steilen Auffaltnng in der Longue Roche nicht 
mehr betroffen wurde, sondern da!3 sich der ganze Yorgang im 
wesentlichen im Oxford und in geringerem Grade in der eben- 
falls wenig widerstandslahigen Dalle nacree abspielte. Schon 
in der Stratigraphie habe ich die Fluflablagerungen in der Uni- 
gebung von Goumois erwahnt. Es handelt sich hier um eine 
alte Fluflterrasse im' S von Goumois, welche auf einer Hohe 
von 550—560 m liegt, also etwa 50 m iiber dem heutigen 
Niveau des Doubs, und zwar teils auf Oxford, teils auf Dalle 
nacree aufruhend, und eine andere, direkt nordostlich iiber dem 
Ort auf einer Hohe von 530 m. Diese Ablagerung erklare ich 
mir dadurch, dafi der Doubs in friiherer Zeit durch die Rau- 
racienbarre der Longue Roche einen Stauung erfuhr und bei Gou- 
mois in eiuem Wasserbecken jene Sande und Schotter ab- 
lagerte. Die Ablagerung im NO von Goumois wurde, wie uns 
•die tiefere Lage beweist, aus einer jiingeren Phase stammen. 

Das Gebiet zwischen les Pommerats und Saignelegier. 
Das steile Gewolbe im N von Goumois setzt sich unter 
westostlichem Streichen nach les Pommerats fort. Zwischen dem 
Aufbruch von Goumois und les Pommerats tritt noch einmal 
auf sur les Crins das Oxford des Gewolbekernes auf eine Er- 
streckung A T on etwa 700 m zutage. Bei les Pommerats und 
besonders im dieses Ortes verflacht sich der Rauracien- 
riicken, und wegen des langsamen Ansteigens der Sattelachse 
tritt unter dem Rauracien das Oxford und weiterhin die Dalle 
nacree von la Bosse — Praissalet zutage. Auf dem Wege von 
les Pommerats nach Praissalet treffen wir, wahrscheinlich durch 
einen kleinen Einbruch hervorgerufen , schon bei Hohenpunkt 
'904 auf Oxford, welches zur Bildung zweier Weiher Yeran- 
lassung gegeben hat. Gegen NO wird der flache Rauracien- 
xiicken auf weite Erstreckung hin sichtbar. In ihm finden 



64 



wir im N des Hohenpunktes 981 eine kleine Mulde, in welcher 
noch etwas Naticamergel liegen konnen, doch ist dies wegen 
der mangelnden Aufschliisse ungewiB. Nordlich hiervon, dort 7 
wo die alte StraBe vou les Pomnierats — Malnuit den Rand des 
Kartenblattes bei Hohenpunkt 934 trifft, befindet sich ein kleiner 
Weiher, an dessen Rande sich Versteinerungen der Huineralis- 
zone nebst runden Bohnerzkornern sammeln lassen. Im S von 
les Pommerats treffen wir auf eine sekundare Mulde, an die 
sich weiterhin die zweite sekundare Aufwolbung des Rauracien 
der Velleratkette anschlieBt. In der Mulde liegt auf weiter 
Erstreckung Sequan und nur im tiefstenKern bei la Retenue noch 
Kimmeridge. Die Schichten von la Retenue liegen im W 
flach, stehen dagegen im am Schlufi der Mulde senkrecht 
bei einem Streichen von NNO — SSW. Der Gruncl fur dieses 
plotzliche Abbiegen der Schichten in einer fur unser Gebiet so 
ungewohnlichen Richtung ist in einer Verwerfung zu suchen, 
die sich am besten auf der StraBe yon Saignelegier nach les 
Pommerats studieren laBt. 

Uberschiebung im W von Saignelegier. 
Etwa 150 m nachdem man die letzten Hauser Yon Saig- 
nelegier Yerlassen, befindet man sich an der Grenze von Rau- 
racien, das ziemlich steil gegen NNW einfallt, und NaticamergeL 
Orographisch sind diese durch die kleine nach la Deute hinab- 
ziehende Mulde scharf markiert. Im weiteren Verlauf der 
StraBe sind die Aufschliisse so, da!3 es schwer ist, sich ein 
Bild iiber Streichen und Fallen cler Schichten zu machen, doch 
scheinen diese bei genauer Betrachtung zwischen Hohenliriie 
850 und 840 senkrecht zu stehen, um im Weiterschreiten nun 
deutlich gegen SSO einzufallen. Vergleicht man damit den 
Befund auf dem Steig, der von Saignelegier am Friedhof vorbei 
iiber den Gipfel des Berges nach les Pommerats fiihrt, 
auf dem ich bei Hohenlinie 1020 ein vertikales und kurz dar- 
auf ein siidliches Einfallen der Sequanschichten feststellen 
konnte, so ergibt sich, daB eine durch diese beiden Punkte ge- 
gebene Richtung die Achse einer sehr steilen Mulde darstellt. 
Geht man nun die erstgenannte StraBe weiter, so finclet man, 
daB das Sequan sein Einfallen gegen SSO beibehalt, und daft 
darunter bei Hohenlinie 930 ebenso einfallendes Rauracien zu- 
tage tritt. Bei Hohenlinie 920 erscheint dies stark gestort, 
unci eskommen zwischen Hohenlinie 920 und 910 Tone, die nach 
Beschaffenheit und Stellung als Oxford gedeutet werden mussen. 
Auf das nur schmale Oxfordband folgen wieder gegen SO ein- 
fallende Kalke, die sich als unteres Kimmeridge zn erkennen 



65 



geben. Daraus ergibt sich zwischen Hohenlinie 920 unci 910 
eine Uberschiebung yon betriichlichem AusinaB. Die Stoning 
laBt sich gegen S noch einige 100 m iiber die Grenze meines 
Aufnahmeblattes hinaus verfolgen. Gegen NO scheint die 
Uberschiebung ungefiihr dort zu verschwinden. wo die Hohen- 
linie 1000 den Pfad trifft. der iiber halbe Bergeshohe von 
Saignelegier nach les Pommerats fiihrt. Diese Uberschiebung 
fallt vollkommen aus der Faltungsrichtung heraus, so daB es 
schwer, vielleicht unmoglich ist, sich vorzustellen, dafl sie mit 
der Faltung gleichzeitig entstanden sein konnte. Nach meiner 
Meinung haben wir es mit einer Yerwerfung zu tun, die schon 
yor der Faltung yorhanden war und durch die faltenden 
Krafte zur Uberschiebung wurde. Im S, auBerhalb meines 
Aufnahmeblattes, fallt in die Yerlangerung jener Storung die 
eigenartige Ablenkung des steilen Rauraciengewolbes im O 
von Grosse Cote, welches augenscheinlich durch jene Storung 
abgebogen wurde; und zwar gibt sich die Storung hier in 
einer scharfen Knickzone im W-Schenkel des Gewolbes kund. 
Auch dieses Yerhalten ist nur denkbar. wenn man annimmt, 
dafi die Storung schon yor der Faltung yorhanden war. Sieht 
man nun die w r estlich anstofienden franzosischen geologischen 
Karten an, so fallt uns auf. daB unsere Verwerfung dort mit 
einem ganzen Schwarm yon Yerwerfungen der Kichtung nach zu- 
samnienfallt. Der Gedanke liegt daher nahe. daB wohl auch 
diese Storung jenem groBen Bruchsysteni zugerechnet w r erden 
muB. 



Anmerkung. L. Rollier erwiihnt diese Uberschiebung in seinem 
Buch : Materiaux pour la carte geologique de la Suisse, ^structure et 
histoire geologique de la partie du Jura centrale" auf S. 230. Er 
schreibt: „On observe un chevauchement du chainon du Boiechat au 
nord de Saignelegier, sur la route des Pommerats, ou le coralien de cette 
voussure touche au Kimmeridien de celle de Bemont, au point oil celle- 
ci passe au plateau de Sur les Cotes. II mesure un peu plus d'un kilo- 
metre de long, et occupe la place d'un synclinal sureleve. On 
voit la forme en equerre de ce s)-nclinal kimmeridien sur son 
prolongement a la Grosse Cote, depuis le Moulin du Theusseret. Le 
tlanc sud est redresse a la verticalle, tandis que le flanc nord est hori- 
zontal. Un effort plus grand dans le plissement eut continue le che- 
yauchement." Dazu noch folgende Bemerkung: Es ist ein Irrtum 
Rolliees, der auch auf seiner Karte 1:100 000 zum Ausdruck koramt, 
daB das steile Rauraciengewolbe im O von Grosse Cote in direktem 
Zusammenhang steht mit dem Rauraciengewolbe zwischen Saignelegier 
und les Pommerats. Vielmehr setzt sich dieses erstere iiber sur les- 
Cras und la Baumatte in das flache Rauraciengewolbe von Saignelegier 
fort. Der Zusammenhang zwischen beiden Gewolben besteht einzig 
und allein in der ihnen gemeinsamen praexistierenden St6rungslinie T 
die beide in ihrer Richtung ablenkte. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 5 



06 



In Gefolgschaft dieser Uberschiebung treten im W von 
Saignelegier noch einige untergeordnete Briiche auf. Einer in 
dein kleinen Talchen, das yon Finage du Droit gegen S die 
StraBe Saignelegier — Muriaux bei Hohenpunkt 964 trifft; Er 
verarilaBt auf kurze Erstreckung das Zutagetreten von Oxford. 
Ein zweiter, der ebenfalls Oxford hervortreten laflt, liegt 
100 — 125 m westlich von dem eben beschriebenen imd verlauft 
ungefahr parallel rnit diesem. Beide beginnen auf der Grenze 
meines Aufnahrneblattes. 

Saignelegier stent auf einem flachen Riicken von Rauracien, 
der sich, wie schon erwahnt, in der Mulde zwischen der Vel- 
lerat- und Raimeux-Kette aufwolbt. Im des Ortes fin den 
wir einen groBeren Oxfordaufbruch, ebenso einen ganz kleinen 
im W in einer Entfernung von etwa 700 m. Die Einzeichnungen 
auf der anstoBenden Rollierschen Karte (1:25000) siidl. von 
Bemont sind unzutreffend. Z. B. stent an dem westlichsten Hause 
von Bemont die Mumienbank des mittleren Sequan an, das nach 
Rolliers Karte auf Kimmeridge stetien sollte. Kimmeridge 
kommt siidlich von Bemont iiberhaupt nicht vor. 

Das Faltungsproblem des Schweizerjura im allgemeinen. 

In meinem Gebiete konnte ich die Erfahrung machen, die 
audi von anderen Gegenden im nordsclrweizerischen Kettenjura 
bestatigt wird, daB die Faltung der Malmschicbten nicht in 
normal gerundeten Gewolben erfolgte, sondern dafl sich allent- 
halben Knickzonen ausbildeten, zwischen welchen sich wenig 
ocler gar nicht gekriimmte Tafeln befinden. Die Faltung des 
Doggers zeigt diesen Typus lange nicht mehr so extrem. 
Diese Erscheinung glaube ich auf folgende Weise erklaren zu 
mtissen. Gehen wir von der normalen Faltung aus, die etwa 
dem Faltenwurf eines Tuches verglichen werden kann, so wird 
dieselbe iiberall da zustande kommen, wo wir es mit einem 
auf weite Erstreckung hin lagenweise homogenen Schichtpaket 
zu tun haben. Im Schweizer Kettenjura aber, wo sich hori- 
zontal oder schwach geneigte Schichtkomplexe mit einem 
scharfen Knick plotzlich aufstauen und zu gigantischen Fels- 
partien (z. B. Longue Roche) AnlaB geben konnen, wo wir des 
ofteren, wie z. B. im SO von Saignelegier, zwei senkrecht stehende 
Rauracienbarren beobachten, die nur durch ein schmales Oxford- 
band, das bei der heftigen Bewegung dazwischen gequetscht 
Avurde, getrennt sind, finden wir von einer solch einfachen 
Faltung keine Spur. Hier werden wir also wohl annehmen 
konnen, daB ein solch homogenes Schichtpaket des oberen Jura 



67 



zur Zeit der Faltung nicht bestanden hat. Sei es nun, daB 
wiihrend der langen Festlandperiode, die in diesem Gebiete der 
•Jurazeit folgte, tiefe FluBtiiler entstanden waren, oder daB das 
Land von kleinen Verwerfungen durchsetzt war, jeclenfalls 
miissen zur Zeit der Faltung die oberen Juraschichten vielerorts 
sckwache Stellen aufgewiesen haben, an denen das Schicht- 
paket bei einsetzender Faltung geknickt wurde oder zerriB. 
DaB aber die Schichten des Dogger lange nicht mehr jenen 
^xtremen Faltentypus zeigen, erklart sich einmal daraus, daB 
sich fur jene tieferen Schichten Druckdifferenzen, wie sie etwa 
■durch oberflachliche Erosion hervorgerufen warden, nicht mehr 
so stark fiihlbar machten, und daB anderseits durch die Tone 
<les Oxford, worauf besonders BuXTORF des ofteren hingewiesen 
hat, die Bewegung der iiberlagernden Schichten sich bis zu einem 
gewissen Grade unabhangig machte von der des Liegenden. 




Fig. 8. Fig. 9. Fig. 10. 



Fur eine haufig auftretende Faltenform (Fig. 8) hat Gerth 
den Ausdruck „Koffergewolbe u gepragt. In seiner neuesten 
Schrift 1 ) erklart er sie folgenderniaBen. Er meint, es hiitten 
sich zuerst normale Falten gebildet, und der Scheitel ware erst, 
nachdem die Schubkraft erloschen war, eingesunken. Nach 
meiner Meinung ist es durchaus nicht einzusehen, w r eshalb der 
Scheitel eines spitzen Gewolbes, das doch, wie wir schon aus 
•der Architektur wissen, ein auBerst stabiles Gebilde clarstellt, 
einsinken soli. Jedoch liefie sich diese Form vielleicht ganz 
■einfach erklaren, wenn wir annehmen, wie dies Fig. 9 zeigen 
soil, daB bei der Faltung die oberen Schichten, die ja bei weitem 
mehr gezerrt wurden als die tieferen, am Scheitel zerrissen, und 
-claher der Gewolbe- Scheitel schon wahrend der Faltung der 
Zerstorung anheimfiel. Die Ansicht, daB die oberen Schichten 
•des Gewolbe-Scheitels bei der Faltung zerreiBen muBten, hat 
Herr Deecke schon lange wiederholt im personlichen Gesprach 
vertreten. Nun war der Druck auf den beiden Flanken ein 

: ) W. Delhaes u. H. Gerth: „Geologische Beschreibung des Ketten- 
jura zwischen Reigoldswil (Baselland) und Onsingen (Solothurn)". Geo- 
logische und palaontologische Abhandlungen. Neue Folge XI Heft 1. 
•Jena 1912. 



5 



68 



bedeutend starkerer als am Scheitel, und die den Gewolbekeni 
bildenden Schichten muBten ihrerseits , uni den Seitendruck 
auszugleichen, den Gewolbescheitel, der den geringsten Gegen- 
druck auszuiiben vermochte, auseinanderzerren (Fig. 10). Komint 
nun noch die stauende Wirkung machtiger, dem in Faltung be- 
griffenen Gebiet vorlagernder Sedimentmassen hinzu, wie am 
Rand der Schweizer Tertiarbecken, so erscheint die Entstehung: 
typischer Facherfalten ganz wohl verstandlich. 

Zusamnienfassung. 

I. Montfavergier-Kette. 

Alle Storungen in der Montfavergier-Kette treffen nur den 
Nordschenkel, wahrend der Siidschenkel normales Yerhalten 
zeigt. Im Nordschenkel der Montfavergier-Kette zeigen sicb 
bei mir folgende Storungen: 

1. Doppelung des mittleren Doggers im Talchen yon 
Yautenaivre ; 

2. eine Uberschiebung, nachgewiesen yom Doubstal iiber 
Beaugourd dessous — es Royes, nordlich von Saignolet zwischen 
Champ nnd POiseau bis nordlich yon Patalour; sie erstreckt 
sich mit Sicherheit iiber den Doubs noch ein groBes Stuck nach 
Frankreich und yermutlich auch noch weiter nach Osten; 

3. eine liegende Falte im Berg yon Pres de Beaugourd; 
auch diese lafit sich mit Sicherheit noch auf franzosisches Ge- 
biet verfolgen; 

4. Querverwerfungen zwischen Combe Chabroyat und es 
Royes; 

5. Falteniiberschiebung, welche ostlich der eben erwahnten 
Querverwerfung aus der liegenden Falte yon Pres de Beaugourd 
hervorgeht; im Norden von Malnuit ist die iiberschobene Masse 
durch Erosion und vielleicht auch durch tektonische Yorgange, 
die fiir uns nicht mehr nachweisbar sind, yernichtet, so daB wir 
in dem Berg nordlich yon Chez le Forestier eine yollkommen 
isolierte Scholle erblicken miissen; 

6. zwei kleine Grabenbruche im NO yon Saignolet; 

7. kleiner isolierter Rauracienfetzen auf Kimmeridge 
liegend, ostlich yon Saignolet an der StraBe Malnuit — Moulin 
Jeanotat; 

8. eine Querverwerfung, welche das Yorbranden des Doggers 
im von Patalour erklart; 

9. eine Yerwerfung im unteren Teile des Talchens, das- 
von Patalour nach dem Doubs hinabzieht; Uberkippung der 
Schichten im N dieser Yerwerfung; 



69 



10. Parallel verwerfung Malnuit — Patalourzuder unter 2 auf- 
gefiihrten Uberschiebung; 

11. Bergrutsch im Talchen von Vautenaivre. 

II. Vellerat-Kette. 

Die Vellerat-Kette teilt sich im Gebiete zwischen les Pom- 
nierats iind Saignelegier in zwei Rauracienriicken, urn westlich 
dieses Gebietes als selbstiindige Kette vollkommen zu ver- 
schwinden. 

Siidlich des Longue-Roche-Rauracienkammes ist etwa auf 
200 m Erstreckung Oxford fast vollkommen ausgequetscht. 

Die anormal groJ3e M&chtigkeit des Oxford im Aufbruch 
von Goumois findet nach meiner Meinung ihre Erklarung durch 
die Verlangerung der Verwerfung Boiechat — Belfond dessus. 

Die Antiklinale zwischen Saignelegier und les Pommerats 
findet ihr Ende in einer Uberschiebung im NW von la Deute. 
Diese Uberschiebung entspricht nach meiner Meinung einer schon 
vor der Faltung existierenden Verwerfung. Siidlich meines Auf- 
nahmeblattes liegt eine augenscheinliche Beeinflussung der 
Stoning auf das steile Rauraciengewolbe im von Grosse Cote 
vor. 

Westlich der eben erwiihnten Stoning sind siidlich meines Auf- 
nahmeblattes noch einige untergeordnete NS-Briiche zu er- 
kennen. 

Zusammenfassende Beruerkung. 

Die Uberschiebung unter 2 sowie die in ihrem Gefolge auf- 
tretende Verwerfung unter 10 betreffen den Dogger, wahrend 
sich alle iibrigen Storungen auf den Malm beschriinken. 

Sowohl Uberfaltung wie Uberschiebung sind nach "N ge- 
richtet, was eine von S nach N wirkende tangentiale Kraft 
voraussetzt. 

Liter aturverzeichnis. 

1. Buxtorf, A.: tiber den Gebirgsbau des Clos du Doubs und der 

Vellerat-Kette im Berner Jura. Sonderabdr. a. d. Berichten 
iiber die 42. Versammlung des Oberrh. geol. Vereins. 1909. 

2. — Zur Tektonik des Kettenjuras. Sonderabdr. aus den Berichten 

iiber die 40 Versamml. d. Oberrh. geol. Vereins zu Lindau. 
1907. 

3. — Geol. Beschreibung d. WeiBensteintunnels u. seiner Umgebung. 

Beitrage zur geol. Karte d. Schweiz, neue Folge XXI. Lieferung. 
Bern 1908. 

4. — Bemerkung iiber d. Gebirgsbau d. nordschweizerischen Ketten- 

jura, im bes. der WeiBensteinkette. Diese Zeitschr. Bd. 63, 1911, 
Abhdl. Heft 3. 

5. Greppin,Ed.: tiber den Parallelismus d. Malmschichten im Jura- 

gebirge. Verhandl. d. Naturf. Gesellsch. in Basel XII, Heft 3. 



70 



6. Greppin, L: Materiaux pour la carte geologique cle la Suisse: Jura 

bernois et districts adjacentes (1870). Bd. 8 

7. Jenny, Fr.: Uberschiebungen im Berner und Solothurner Falten- 

jura. Separat-Abdr. a. d. Verhandl. d. naturforschenden Gesell- 
schaft in Basel XI, Heft 3. 1897. 

8. Kemmerling, G. : Geol. Beschr. d. Ketten v. Vellerat u. Moutier. 

Inaug. Dissert. Freiburg i. B. 1911. 

9. Koby, T.: Notice stratigraphique sur Foxfordien dans la partis 

septentrionale du Jura bernois. Abhdl. der Schweiz. palaont. 
Ges. XXVI, 1899. 

10. Koby, T. : Etude stratigraphique des couches rauraciennes superi- 

eures du Jura bernois. Abh. d. Schweiz. palaont. Ges. XIX, 1892. 

11. Mathey,F.: Coupes geologiques des tunnels du Doubs. Neue 

Denkschr. d. Schweiz. naturf. Ges. XXIX, 1885. 

12. Machacek. : Der „Schweizer-Jura". Versuch einer geomorpho- 

logischen Monographic A. Petermauus Mitteil. Erg. Heft Nr. 
150, 1905. 

13. Muhlberg, F.: Zur Tektonik des nordschweiz. Kettenjura. Sep. 

Abdr. des Neuen Jahrb. fiir Mineral, usw. Beilagebd. XVII, 1903. 

14. Muhlberg, M. : Vorlaufige Mitteilungen iiber die Stratigraphie des 

braunen Jura im nordschweiz. Juragebirge. Eclog. geol. Helv. 
VI, 1899—1900. 

15. Oertel, W. : Stratigraphie u. Tektonik d. Gegend v. St. Brais u. 

Saulcy. Neues Jahrb. f. Mineral, usw. Beilageband XXX. 

16. Rollier, L.: Materiaux pour la carte geologique de la Suisse: Jura 

bernois et regions adjacentes. Premier Supplement, Bd. Villa, 
Ier Supplement 1893. 

17. — lime Supplement. Bd. VIII b, 1898. 

18. — Revision de la Stratigraphique et de la Tectonique de la Mo- 

lasse au Nord des Alpes en general et de la Molasse subalpine 
Suisse en particulier. Neue Denkschr. d. Schweiz. naturf. Ges. 
Zurich BdsXLVII, 1911. 

19. — Materiaux pour la carte geologique de la Suisse. Illme Sup- 

plement a la description geologique de la partie jurassienne de la 
feuille VII de la carte geologique de la Suisse au 1:100000. Bd.55. 

20. Steinmann, G. : Bemerkungen iiber d. tekton. Beziehungen d. oberrh. 

Tiefebene zu d. nordschweizer. Kettenjura. Bericht d. naturf. 
Ges; Freiburg i. B. VI, Heft 4. 1892. 

21. Therm ann, G.: Essai sur les soulevements jurassiques de Porren- 

truy. 1832. u. 1836. 

22. — Etallon. A. Lethaea Bruntrutana. Etudes paleontologiques et 

stratigraphiques sur le „Jura bernois". 1861 — 1864. 1. Teil: 
Mem. soc. naturhist. de Strassbourg. II. Teil: Porrentruy im 
Selbstverlag. 

23. Tobler , A. : Tabellarische Zusammenstellung d. Schichtenfolge in 

der Umgebung von Basel. Basel 1905. 



Anhang. 

Zur allgemeinen Jura-Tektonik. 

Es sei mir gestattet, hier nocli einige Anscbauungen iiber 
den FaltiiugsprozeB im Schweizer Jura mitzuteilen, auf die ich 
spater vielleicht noch einmal zuruckkoinnien Averde. 



71 



Fur die Beurteilung des tektonischen Aufbaues des ganzen 
Faltenjuras ist nach ineiner Meinung ein TJinstand yon ganz 
besonderer Wichtigkeit, auf den bisher nicht geniigend auf- 
merksam gemacht wurde, daB wir es namlich mit zwei diver- 
gierenden Faltenziigen zu tun haben. 

Wie aus der geologischen Karte von Porrentruy 1:100000 
ersichtlich, trennen sich vom Mont Terrible gegen AY zwei 
Ketten ab, die eigentliche Mont-Terrible-Kette und die Clos- 
du-Doubs-Kette, die bis Ursanne eng geschart sind, dann 
auseinanderweichen, um sich bei Glere wieder eng zusainnien- 
zuschlieBen. Nehmen wir nun das Blatt Montbeliard der 
geologischen Karte von Frankreich 1 : 80000 zur Hand, so • 
konnen wir diesen Faltenzug weit nach Frankreich in derselben 
OW-Richtung streichend weiterverfolgen, und zwar als Mont- 
agues du Loniont bis in die Gegend von Baumes les Dames. 
Auch nach Osten setzt sich die Mont-Terrible-Kette mit OW- 
Streichen fort. So sind wir berechtigt, von einem einheit- 
lichen Lomont-Mont-Terrible-Falten zug zu sprechen. 
Demgegeniiber zeigen auch die siidlichen Ketten von der Weifien- 
stein- bis zur Rainieux-Kette ein einheitliches Bild, indem sie 
unter sich parallel das Molasseland der Mittelschweiz im 
Norden umrahmen. Zw r ischen jenen beiden Faltenziigen aber 
(dem Lomont-Mont-Terrible-Falten zug einerseits und dem WeiBen- 
stein-Raimeux-Faltenbiindel anclerseits) liegt ein Gebiet von 
weniger einheitlichem Aufbau. Dieses Gebiet wird mich im 
folgenden vorwiegend beschaftigen. Es laBt sich folgender- 
maBen umgrenzen : 

Im Osten haben w'ir das groBe Tertiarbecken von Delemont, 
dem gegentiber die iibrigen Tertiarbecken im Schweizer Ketten- 
jura untergeorduet erscheinen. Hieran schlieBt sich die in 
ihrem Streichen vollkommen abweichende und nur auf kurze 
Erstreckung verfolgbare Caquerellekette (zwischen dem Rau- 
racien im NW von Saulcy und Caquerelle). Ferner gehoren in 
dieses Gebiet die Montfavergier-Kette (vom Rauracien im NW von 
Saulcy bis Fossevillers) l ) und die Yellerat-Kette (von Mervelier 
bis Goumois). Die beiden letztgenannten erreichen ungefahr auf 
der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich ihr Ende. 

Wie es nun zur Ausbildung der beiden groBen Falten- 
richtungen kam, ob sie gleichzeitig entstanden sind, oder die 
eine von beiden friiher gebildet wurde, sind Fragen, die schwer 

1 ) Beide Ketten wurden urspruglich mit dem einen Namen 
Caquerellekette bezeichnet. Da aber beide Ketten tektonisch wenig 
miteinander zu tun haben, erscheint es mir richtiger, sie mit ver- 
schiedenen Namen zu belegen. 



72 



zu entsclieiden sind. Soweit der Schwarzwald der Mont- 
Terrible-Kette vorgelagert ist, erscheint deren OW-Streichen 
verstandlich ; doch dafl auch die westliche Fortsetzung (die Lo- 
mont-Kette) diese Richtung beibehalt, obwohl der Vogesenkern 
nicht so weit nach S reicht wie der des Schwarzwaldes, ist 
nicht einzusehen. Sollten sich die Vogesen vielleicht unter 
dem Tafeljura noch weiter gegen S fortsetzen? Was das Alter 
der einzelnen Ketten anlangt, so folgert Machacek in seiner 
geomorpliologischen Studie auf Grund der verschieden weit 
YOrgeschrittenen Abtragung in den einzelnen Juraketten, claB 
die nordwestlichen Ketten die altesten seien. und dafl die 
Faltung gegen SO fortschritt. Ist dies riclitig, so kann mog- 
licherweise als Erklarung herangezogen werden, dafl die Se- 
dimentdecke im S weit machtiger war als im N, da iin S iiber 
dem Jura noch Kreide yorhanden ist. Es hatte dann die tek- 
tonische Bewegung dort eingesetzt, wo der Sedirnentmantel 
weniger dick war. Doch yerlassen wir dieses unsichere Gebiet, 
urn zu Greifbarerem iiberzugehen. 

Bei der Betrachtung des zwischen beiden Faltungsrichtungen 
liegenden Mittelstiickes (vergl. S. 40 Zeile 28 u.folgende) erscheint 
es Yor allem erforderlich, die you Steinmann 1 ) angegebenen Leit- 
linien (Vogesen-, Schwarzwald- und Sundgau-Linie) auf ihre 
Berechtigung nachzuprufen. 

Die Sundgaulinie scheint auf den ersten Blick sehr Yer- 
lockend; denn sie trifft den Yirgationspunkt des Mont Terrible, 
fal-lt zusamrnen mit der Yon alien anderen Ketten abweichenden 
Streichrichtung der Caquerelle-Kette. Die Montfavergier- und 
die Vellerat-Kette Yerschwinden westlich dieser Linie oder 
uberschreiten sie doch nur wenig (Montfavergier-Kette). Ferner 
bildet die Sundgau-Linie den Nordrand des WeiBenstein-Rai- 
meux-Faltenbiindels gegeniiber dem von der Faltung nur in 
geringerem MaBe betroffenen Gebiet zwischen dem Lomont- 
Mont-Terrible-Faltenzug im Norden und dem eben erwahnten 
Faltenbiindel im Siiden. Trotzdem erheben sich schwere Be- 
denken, ob wir die Sundgau-Linie zur Erklarung all dieser 
Ycrhaltnisse wirklich benotigen, wahrend die beiden anderen 
Linien Steinmanns, die Schwarzwald- und Vogesen-Linie, welche 
das Depressionsgebiet der Tertiiirbecken nach beiden Seiten 
begrenzen, unsere gegenwartige Vorstellung voin Bau des 
Schweizer Kettenjura doch wesentlich unterstiitzen. 

Es wird allgemein angenommen, dafl die Faltung das 
mittelschweizerische Molasseland deshalb nicht ergriffen habe, 

') Steinmann: Bemerkungen iiber die tektonischen Beziehungen 
der oberrheinischen Tiefebene zu dem nordschweizerischen Kettenjura. 



73 



weil hier Liber den roesozoischen Schichten noch etwa 1000 in 
Tertiar lag. Diese miichtige Tertiarbedeckung konnte von der 
Faltung nicht iiberwunden werden. Es wurde daher das Mo- 
lasseland als Ganzes vorwartsbewegt, und erst dort konnte es 
Avieder zu einer Faltenbewegung koinmen, wo ini Norden diese 
Uberdeckung fehlte. Setzen wir also den Fall, das Sckweizer 
Molassebecken wurde nicht bestehen und hatte nie bestanden, 
so hatte sicli die Faltenbewegung am Nordrand der Alpen 
noch weiter fortgesetzt, und der Faltenjura hatte sicli ohne 
merkliche Differenz an den Alpenkorper angegliedert. Aus 
cliesen Betrachtungen ergibt sich, da!3 die mittelscliweizerische 
Molassesenke, die schon vor der Faltung bestand, ini letzten 
Grund die Ursache war fiir die Entstehung eines selbstandigen 
Faltenjuras; dieser wurde durch das Molasseland vom Alpen- 
korper abgedrangt. 

Viele Tatsachen machen es nun wahrscheinlich, daB auch 
ini Gebiet des jetzigen Kettenjura vor der eigentlichen Fal- 
tung schon Niveauunterschiede bestanden haben, und dafi die 
mittelschweizerischen Tertiarbecken alte Depressionen darstellen 
(vergleichbar der Mittelschweiz), bei deren seitlicher Be- 
grenzung die Schwarzwald- und Yogesen-Linie zur Geltung 
kam. Die Senken spielten nun fiir die Faltung eine analoge 
(wenn auch geringfugigere) Rolle wie das Becken der Mittel- 
schweiz. Auch sie konnten von der Faltenbewegung nicht 
iiberwunden werden — eine Tatsache, die uns ganz verstand- 
lich erscheint, seitdem uns die Abscherungstheorie Buxtokfs 
den FaltungsprozeB im Schweizer Kettenjura als eine yerhaltnis- 
mafiig oberflachliche Erscheinung erkennen lieB. — Wie vom 
Tertiargebiet der Mittelschweiz der Faltenjura vom Alpen- 
korper abgedrangt wurde, so ist es hier das Tertiarbecken 
von Delemont (demgegeniiber die iibrigen Tertiarbecken im 
Schweizer Jura untergeordnet erscheinen), das der Caquerelle- 
Kettelangs seines Randes eine nordostliche Richtung aufzwang. In 
zweiter Linie w r urde auch die Clos-du-Doubs- und die Mont- 
Terrible-Kette Von ihren westostlichen Streichen gegen NO 
abgelenkt. Ganz vorziiglich paBt zu diesen Erorterungen die 
Uberschiebungslinie, die Rollier auf seiner Karte 1 : 100000 von 
Montmelon bis Chavat dessus einzeichnet; clenn gerade dort, 
wo die Caquerelle-Kette gegen die nordlich vorlagernden 
Ketten andrangte, muBte die Spannung am grofiten sein. 

Einen direkten Beweis daftir, daB die Tertiarbecken tat- 
sachlich bei der Jurafaltung als Stauwiderstand gewirkt haben, 
erblicke ich in der ersten Anlage von Facherfalten, die an die 
Umgebung der Tertiarbecken gebunden sind. 



74 



Aus diesen Darlegungen ergibt sicb, da£ zur 
Erklarung der Umbiegung der Mont-Terrible- und 
Clos- du-Doubs-Kette im S von Courgenay ebenso wie 
fur die Deutung des Yerbaltens der Yellerat-Kette 
die Annahme einer in der U nib iegungsrichtung ver- 
laufenden te ktonis chen Linie wie die Sundgaulinie 
Steinmanns durcbaus unnotig ist. 

Ich komme nun zu einer neuen tektoniscben Linie, auf 
die meines Wissens nocb niemand bingewiesen bat, imd die 
docb mit ziemlicber Sicberbeit angenommen werden kann. Sie 
verlauft in bercyniscber Ricbtung iiber Trevillers, Ferriere y 
Urtiere, siidl. yon Muriaux und nordl. yon Breuleux. Ob sie 
sicb nocb weiter nacb N in das stark gestorte Gebiet YOn 
Montandon fortsetzt, lasse icb dabingestellt. Diese Linie 
wiirde bei TreYillers den YOn Maicbe nacb NO ziebenden 
Doggerkamm in 2 Teile zerlegen, wiirde Yveiterbin mit dem 
Verscbwinden der MontfaYergier-Kette zusammenfallen, wiirde 
erklaren, wesbalb sicb die MontfaYergier-Kette weiter nacb W 
fortsetzt als die Yellerat-Kette, wurde aiich die eigenartigen 
tektoniscben Yerbaltnisse Yon Fossevillers einigermaBen Yer- 
standlicb macben; sie wiirde auf den Knick des Doubs stofien, 
der, wahrend er bisber im Streicben der Scbicbten floJ3, nun 
diese plotzlicb senkrecbt zu ibrem Streicben durcbbricbt, 
wiirde fernerbin das Doggergewolbe, das sicb Yon Biaufond 
bis zuni Spiegelberg in nordostlicber Ricbtung binziebt, gegen N 
absetzen, lieBe die Kette, dieYOnLajoux in siidwestlicber Ricb- 
tung berabziebt, im NW Yon Noirmont verscbwinden, wiirde 
weiterbin das tektoniscbe Problem von le Rosselet treffen 
und scbliefilicb im SO you les Breuleux das Yerscbwinden 
des Hobenriickens, der im S von Genevez in siidwestlicber Ricbtung 
binziebt, erklaren. Icb nenne diese Ricbtung die „Le-Rosselet- 
Trevillers-Linie" . 

Somit wiirde also aucb das Yerscbwinden der 
Montfavergier- und Yellerat-Kette nicbt fiir eine 
von SW nacb NO verlaufende tektonisehe Linie, wie 
die Sundgaulinie Steinmanns, sprecben. Das weitere 
Umbiegen des Jurabogens aber stebt im engen Zu- 
sammenbang mit der Umbiegung des Alpensystems 
einerseits und der Ausdebnung des scbon vor der 
Faltung bestebenden mittel scbweizeriscben Molasse- 
beckens anderer seits. Denn erst an den Randpartien dieses 
Beckens gelang es der siidlicben Scbubkraft, die Sedimentkruste 
in Falten zu legen. 

Wir konnen nun die obigen Ausfiibrungen dabin zu- 



75 



sammenfassen, dafi wir erstens im Schweizer Kettenjura 
zwei Faltenziige erkennen konnen, die sich im des 
Beckens vonDelemont scharen, dafl ferner im Schweizer 
Kettenjura kein Grund ftir die Annahme der Sundgau- 
linie Stein mann.s v or liegt, sonde rndaBsichalleY erhalt- 
nisse, die zuerst fiir eine solche Linie zu sprechen 
schienen, erklaren lassen durch Steinmanns Yo- 
gesenlinie. durch den Widerstand des Tertiarbeckens 
yon Delemont und die h ercynische Linie Le-Rosselet- 
Treyillers. 



Manuskript eiugegangen am 1. August 1913.] 



76 



3. Beitrage zur Stratigraphie und Tektonik 
des Simplongebietes. 

Von Herrn A. Rothpletz in Miinchen. 
Hierzu Tafel VI— VIII und 24 Textfiguren. 



Inlialtsverzeichnis. Seite 

Einleitung 77 

J. Die Stratigraphie des Simplongebietes ...... 81 

1. Die stratigraphische Einteilimg der Kalksedimente 
zwischen Brig und Berisal 82 

2. Das Mesozoicum und die Griinschiefer bei Visp .... 98 

3. Die Stratigraphie der Berisalschiefer . 103 

4. Der Kontakt zwischen den Berisalschiefern und den 
mesozoischen Schichten 107 

5. Stratigraphie der Kalksedimente auf der Siidseite des 
Simplon 108 

a) Die Bacenoschiefer 108 

b) Die Giacomoschiefer 114 

c) Die hellen quarzitischen Schiefer mit Sericit. . . . 117 

d) Die sonstigen Kalksedimente auf der Siidseite des 
Simplon , 120 

6. Das Alter der verschiedenen Gneise 121 

a) Der Monte-Leone-Gneis 121 

b) Der Lebendun- und Valgrandegneis 123 

c) Der Antigoriogneis 131 

d) Die vertikale und horizontale Verbreitung der ein- 
zelnen Gneismassen und ihr Alter . 132 

e) Die Ursachen der Metamorphose 136 

f) Die eruptiven Gneisgange von Candoglia 139 

II. Die Tektonik des Simplongebiet'es 142 

1. Zur tektonischen Terminologie 143 

2. Die Berisaliiberfaltung 146 

3. Die Formazzafaltung 148 

4. Die Bedrettofaltung 148 

5. Der Simplontunnel 149 

6. Das Tunnelprofil . . 151 

7. Verbindung des Tunnels mit dem Oberflachenprofil. . . 162 

8. Die Verwerfungen im Tunnel 167 

9. Die Verwerfung bei Rosetto 168 

10. Die Verwerfung im Norden des Hubschhornes .... 168 

11. Die Formazzafaltung 169 

a) Die Formazzafalte am Teggiolo 169 

b) „ „ bei Crodo und im Deverotal . . 170 

c) „ „ im Formazzatal 171 

d) „ „ im Basodino-Massiv 172 

12. Die Beziehung der Formazzafaltung zur Berisalfaltung . 173 

13. Die Bedrettofalten 173 

14. Das Verhaltnis der alpinen Falten zu den Gneisen . . 174 

15. Die Beziehungen der drei Faltungssysteme zueinander . 177 



77 



Einleitung. 

Eine sichere Altersbestirnmiing der Schichtgesteine in dem 
Simplongebiet ist bisher nicht gegliickt. Die wenigen Ver- 
steinerimgen, die gefunden worden und leidlich gut erhalten 
sind, liegen in den Kalkschiefern im Siiden des Aarmassives. 
Der Art nach sind sie unbestimnibar, doch ist ihr Habitus ein 
liasischer. Nach den Lageruugsverhaltnissen und der Gesteins- 
bildung hat man versucht, die anderen, versteinerungsfreien mit 
diesen versteinerungsfiihrenden Schichten in eine chrouologische 
Beziehung zu bringen. Diese Yersuche sind aber recht ver- 
schiedenartig ausgefallen. Am meisten hat Gerlachs Einteiluug 
Anklang gefunden. Er unterscheidet vom Jiingeren zum Alteren: 

1. Lias: Kalkstein und Kalkschiefer; 

2. Trias: Glanzschiefer (schistes lustres) mit Dolomit, Rauh- 

wacke, Gips und Quarzit, von denen der Glanzschiefer 
mit Gips- und Rauhwacke- Einlagerungen vielleicht zu 
oberst, Kalk, Dolomit und Quarzit zu unterst liegen; 

3. Carbon: schwarze bis graue, glimmerige Schiefer und 

Quarzite, lokal mit Authracit und Graphit; 

4. die jiingeren metamorphen Schiefer: Chlorit, Talk- 

und Hornblendeschiefer, sowie Serpentin, wechsellagernd 
mit Kalkglimmerschiefern und Cipoliuen; 

5. die alteren metamorphen Schiefer: vorherrschend 

Glimmerschiefer mit Einlagerimgen von Chlorit- und Horn- 
blendeschiefern, sowie Gneis ; 

6. die jiingeren Gneise: mit Einlagerungen von Glimmer- 

schiefern, Marmor, Dolomit und Serpentin: Crodo-, Leben- 
dun-, Binneutal-, Monte Leone-, Monte Rosa-, Sesia- und 
Stroma-Gneise; 

7. die alteren Gneise: Antigorio-Gneis. 

UngewiB blieb Gerlach dariiber, ob die Glimmerschiefer, Kalk- 
glimmerschiefer, Marmore, Dolomite und Hornblendeschiefer des 
Deverogebietes zu 2 oder 5 zu stellen sind, doch hielt er 
ersteres fiir das Wahrscheinlichste. 

Von den in Granit und Arkesin iibergehendeh Gneisen des 
Dentblanche-Gebietes, die Einlagerungen yon Gabbro, Diorit, 
Hornblendeschiefer, Serpentin, Marmor und Glimmerschiefer 
enthalten und von Eurit- und Granitgangen durchsetzt sind, 
sagt er, dafi sie iiber 5 liegen, und dan diese Auflagerung „ein 
Ratsel ist und bleibt". 

Ganz anders war die Auffassung B. Studers, die er schon 
1853 in seiner Geologie der Schweiz veroffentlicht hatte 



78 



und auch noch aufrecht erhielt, als nach deni 1871 erfolgten 
Tode Gerlachs das Yon diesem aufgenommene Blatt XXIII 
erscheinen sollte. Er yeranlaBte eine zweifache Auflage. Die 
eine, mit A (rechts oben in der Kartenecke) bezeichnete, gibt 
Gerlachs, die mit B bezeichnete Studers Gliederung wieder. 
Dem Alter nach unterscheidet Studer hier Kalke unbestimniten 
Alters, triasischen Gips nnd Pauhwacke, Dolomit und Quarzit, 
wahrend er alle Gneise, Glimmerschiefer Griinschiefer, Horn- 
blendeschiefer und Serpentine nur als aus einer Metamorphose 
jener Sedimente hervorgegangen, also stofnich gleichalterig, be- 
trachtet. 

Gerlachs Ansicht trug jedoch den Sieg davon nnd fand 
allgemeinsten Anklang. Als 1878 der Plan eines Simplon- 
durchstiches auftauchte, legten erst Penevier, dann auch Lory, 
Heim und Taramelli ihren geologischen Tunnelprofilen Gerlachs 
Gliederungsschema zugrunde, und spater, als sich diese Profile 
bei der Ausfiihrung des Durchstiches als nicht zutreffend erwiesen, 
wollte man dennoch dies Schema nicht aufgeben, man nahm 
nur einige Veranderungen daran Yor, und als die Profile auch 
dann nicht mit den Ergebnissen des immer weiter Yordringenden 
Tunnels iibereinstimmten, ging man dazu liber, die bisherigen 
Vorstellungen iiber den Gebirgsbau Yollstandig iiber den Hauten 
zu werfen. Man Yersuchte durch Konstruktion Yerwickelter 
Uberfaltungsdecken libereinstimmung zwischen dem tatsach- 
lichen Befund und der GERLACHSchen Gliederung herzustellen, 
die sich allerdings hierbei wiederum einige Yeranderungen ge- 
fallen lassen mufite. Statt der 7 blieben nur noch 4 chrono- 
logische Glieder iibrig, namlich, wenn wir uns an die Karte 
des Simplongebietes und deren Text halten, die Yon C. Schmidt 
und H. Preiswerk 1908 herausgegeben worden ist: 

1. Juraschiefer mit . Prasinit-, Pikrit- und Serpentinein- 

lagerungen ; 

2. Trias Marmor, Gips, Anhydrit, Quarzit u. s. w; 

3. Carbonschief er; 

4. archaische Glimmerschiefer und Gneise. 

In der Gruppe 4 werden jedoch zwei Gesteinsgruppen scharf 
auseinandergehalten : erstens die Ortho gneise (Antigorio-, 
Verampio- und Monte- Leone-Gneise) mit Amphibolit-, Peridotit- 
und Serpentineinlagerungen und zweitens die Par a gneise 
(Lebendun-, Berisal- und Valgrande-Gneise) mit Glimmerschiefer- 
und Hornblendeschiefereinlagerungen. Gerlachs 4 ist dabei 
teils nach 1, teils nach 2 gekommeu und jiingere (6) und iiltere 
•(7) Gneise werden nicht mehr unterschieden. 



TO 



Diese stratigraphische Einteilung. zu der auch Schahdt 
und Akgand im wesentlichen gekomnien sind, hat den groBen 
Yorteil, auf einfachsten petrographischen Merkmalen zu be- 
rulien und darum sich ohne weiteres bei den Aufnahnien im 
Felde anwenden zu lassen. Alle kalkfiihrenden Gesteine sind 
mesozoisch, die kalkfreien aber pratriasisch. Allerdings gibt 
es in den mesozoischen Schichten auch kalkfreie Einlagerungen, 
bes. Quarzite und hornfelsartige Schiefer, aber sie sind doch 
zu untergeordnet und treten so deutlich als Einlagerungen her- 
Yor, dafi daraus eine Schwierigkeit nicht entstehen kann. Das 
gleiche gilt auch fur die mesozoischen Griinschiefer (Prasinite), 
Pikrite und Serpentine. 

Alle kalkfreien Gliininerschiefer und Gneise sind archaisch, 
ebenso wie die eingelagerten Amphibolite, Peridotite und Serpen- 
tine. Die carbonischen Schiefer unterscheiden sich durch ihren 
Graphitgehalt von den archaischen Glimmerschiefern, konimen 
iibrigens nur an so wenigen Stellen im Gebiete der Simplon- 
karte vor, dafi wir sie hier fiiglich aufier acht lassen konnen. 
Yon Bedeutung werden sie erst im Westen der Walliser Alpen, 
wo ihr Alter durch Pnanzenfunde sichergestellt ist. 

Im Simplongebiet ist die herrschende stratigraphische Ein- 
teilung somit im westlichen eine rein petrographische, und das 
jiingere Alter der Kalksedimente gegentiber den krystallinischen 
Schiefern und den Gneisen stiitzt sich auf das Yorkommen Yon 
Granit- Gneisgerollen in den Kalkgesteinen. Letztere selbst 
liegen allerdings abwechselnd iiber, unter und in den Gneisen, 
■so dafi aus diesen Lagerungsverhaltnissen das durchweg jiingere 
Alter der Kalksedimente unmoglich abgeleitet werden konnte, 
•doch gibt es Stellen, wo die eingelagerten mit den aufgelagerten 
Kalkschiefern in unmittelbare Yerbindung treten, und es ist dies 
als ein Beweis ihrer Gleichalterigkeit aufgefaBt worden. Daraus 
ergab sich dann die Notwendigkeit, jede auch noch so gering- 
fiigige Einlagerung yon Kalk im Gneis als eine Einfaltung zu 
•deuten, und da es solche Einlagerungen gibt, die nur wenige 
Meter machtig sind, so fiihrten die neueren Profile im Gegen- 
satz zu den alteren zu einer enormen Haufung Yon stehenden, 
liegenden, Yerbogenen, Yerzweigten und haufig ganz schmalen, 
aber sehr langen Mulclen. Die Muldenumbiegungen sind jecloch an 
Ort und Stelle in den meisten Fallen nicht zu sehen, und da- 
•durch erklart es sich auch, wie es moglich wurde, daB im Yerlauf 
der letzten 20 Jahre die Yerschiedenen Autoren und z. T. auch die- 
selben Autoren rasch hintereinander Profile durch das Tunnelgebiet 
Yeroffentlichen konnten, in denen jeweils die Form und Lage der 
Mulden ganz bedeutende Yeranderungen erfahren haben. 



80 



Man mache einmal den Versuch, die Strati graphie auf den 
Kopf zu stellen, die Gneise fur das Jiingste und die Kaik- 
schiefer fiir das Alteste zu erklaren; dann ware es eine Kleinig- 
keit, auf Grutid des Yorhandenen geologischen Kartenbildes, 
alle Sattel in Mulden nnd die Mulden in Sattel umzuwandeln 
und ein Profil langs der Tunnelachse zu zeichnen, das ebenso- 
gut die festgestellten Tatsachen in Zusamnienhang brachte wie 
die von Schardt und Schmidt zuletzt Yeroffentlichten Profile, 
nur mit dem Unterschied, daB ein solches Profil in tektonischer 
Beziehung sogar einfacher und fiir unsere Vorstellung faBlicher 
ware. Wir hatten dann eine Heine you etwa 11 Schichtgewolben, 



Rhone, Klenenhorn. Monte Leone, Diveriatal. 




Fig. 1. 

Wie sich der Faltenwurf darstellen laBt umter Aimahme einer uinge- 
kehrten Schichtfolge auf Grundlage des Profils 13 auf Tafel III der 
Erlauterungen zur geol. Karte der Simplongruppe. 



Yon denen die nordlicben einfacbe stehende, die siidlichen lie- 
gende, und zwar Yier davon nacb Siiden und drei nach Norden 
tibergekippte Sattel wareu, und Yon diesen wiir.de nur einer mit 
seinen obersten Teilen einen Knick mit Zuriickbeugung nach 
Norden zeigen. Selbstverstandlich will ich hiermit einer solchen 
Umkebr der Stratigraphie nicht das Wort reder, denn sie 
ware sicherlich ganz unricbtig. Ich wollte nur zeigen, daB man 
mit Faltenkonstruktionen, die einerscits hoch in die Liifte hin- 
auf- und anderseits bis zu unergrundlichen Tiefen in die Erd- 
kruste hinabgefiihrt werden, auch auf Grund einer sicher un- 
richtigen Stratigraphie plausible Profilbilder entwerfen kann, 
weil man sich dabei in der Wahl der sattel- und muldenfor- 
migen Umbiegungen keinerlei Beschrankungen aufzuerlegen 
braucht. Plausible Profile waren alle, die seit 1878 fiir die 
Simplonlinie entworfen worden sind, aber eines nach dem 
anderen bat sich als unzutreffend erwiesen, und nur die nach 
Vollendung des Tunneldurchstichs augefertigten haben sich 
einer langeren Lebensdauer erfreuen dtirfen. Ob sie das auch 
getan hatten, wenn etwa weiter im Osten ocler Westen ein 
neuer Tunnel angelegt worden ware? Diese Frage drangt sich 



81 



imwillkiirlich auf, unci, um eine Antwort darauf geben zu konnen, 
ist es in erster Lime notig, die zugrunde gelegte Stratigraphie 
auf ihre Zuverlassigkeit zu priifen. 

Zu dieseni Zweck babe icb das Simplongebiet im Herbst 
1908 wiikrend 12 Tagen durchwandert mit der schonen neuen 
geologischen Karte in der Hand, fiir die den Yerfassern 
C. Schmidt und Preiswerk jeder dort wandernde Geologe nicht 
dankbar genug sein kann. Das Ergebnis dieses Besuches waren 
erhebliche Zweifel. Ich wiederholte meinen Besuch in den 
folgenden 4 Jahren, 1909 fiir 7, 1910 fur 5, 1911 fiir 10 and 
1912 fiir 7 Tage, und bin jetzt sicher, daB die Stratigraphie 
der Karte in einigen wesentlichen Punkten veriindert werden 
muB, wodurch sich natiirlich auch das tektonische Bild er- 
heblich urngestaltet. 

I. Die Stratigraphie des Siniplongebietes. 

Fiir die Gliederung der Sediniente, wie sie auf der Simplon- 
karte durchgefuhrt ist, kann man im Sinne von Carl Schmidt 
und Preiswerk folgende Beweisgriinde anfiihren: 

1. In den Kalkschiefern der sog. Bedrettomulde kommen 
liasisehe YersteinerUngen vor. In konkordanter Lagerung zu 
petrographisck diesen ahnlichen Scbiefern finden sich Dolomite, 
Rauhwacken und Gipse. Da solche Gesteine auch ringsum im 
Norden, Siiden und Westen der "Walliser Alpen vorkommen und 
dort z. T. durch Yersteinerungen als triasisch charakterisiert 
und von Lias iiberlagert sind, und da Gesteine solcher Art von 
anderem Alter in diesem Teil der Alpen nicht bekannt sind, 
so diirfen auch die, welche in den AValliser Alpen vorkommen, 
in die Trias gestellt werden. 

2. Diese Triasgesteine liegen entweder inmitten der auf- 
gerichteten liasischen Schiefer als schmale Streifen, oder sie 
sind nur auf einer Seite von diesen begrenzt und auf der ent- 
gegengesetzten von Gneis. In ersterem Falle bilden sie enge 
Gewolbe zwischen zwei Liasmulden, im zweiten Falle bildet 
der Lias ihr Hangendes und der Gneis ihr Liegendes. 

3. Dieser liegende Gneis ist alter als die Trias; denn an 
•vielen Stellen* findet man Granitgneisgerolle in den Trias- 
sedimenten eingeschlossen, und auch da, wo der Gneis ein Ortho- 
gneis ist, entsendet er niemals Apophysen in die Trias hinein. 

4. Fast iiberall, wo der Gneis auf zwei Seiten oder auch 
ringsum von Kalksedimenten umgeben ist, gehoren die unmittel- 
bar an- oder auflagernden Sedimente der Trias an, und dann 
erst folgen solche des Lias. Dies gilt aber nur fiir die Ortho- 
gneise. Auf den Paragneisen fehlt die Trias meistens ganz, 

Zeitschr, d. D. Geo]. Ges. 1014. 6 



82 



unci es legen sich die Liasschiefer direkt auf diese. Das be- 
weist, dafi die niesozoischen Sedimente transgressiv iiber der 
altkrystallinen Schieferformation abgelagert wurden. 

5. Das Grundgebirge besteht teils nur aus Orthogneisen, 
teils aus Paragneisen mit Intrusionen yon Orthogneisen. Erstere 
bilden die Zonen des Verampiogranites (Crodogneis Gerlachs), 
des Antigorio- und Tessiner Gneises und des Monte-Leone- 
Ofennorngneises. Amphibolite, Peridotite und Serpentine komnien 
darin als basische Spaltungsprodukte der Gneise yor. Die 
Paragneise bilden die drei getrennten Zonen desLebendungneises, 
des Valgrandegneises und des Berisalgneises. 

6. Der Umstand, dafi die Orthogneise in den Paragneisen 
als Intrusionen auftreten, aber niemals in die Trias- and 
Liasgesteine heraufsteigen, ist ein Beweis, da6 dieselben ein 
pratriasisches Alter haben. 

7. Doch kommen auch in den niesozoischen Sedimenten 
Eruptivgesteine vor. Es sind Serpentine, Prasinite und Pikrit. 
Sie werden nicht als Intrusionen, sondern als naesozoische 
Erguflgesteine und Tuffe aufgefafit. 

Wieweit diese Argumente den Tatsachen gegeniiber stand- 
halten konnen, soil im nachfolgenden erortert werden. 

i. Die stratigraphische Einteilung der Kalksedimente 
zwischen Brig und Berisal. 

Die Kalkschiefer, fiir welche ein liasisches Alter anzunehmen 
wir berechtigt sind, bilden einen Zug, der sich im Bedrettotal 
detnGotthardgneis-Massiv gegen Siiden anlegt, iiber denNufenen- 
PaB und die Ritzfurgge ins Rappental und von da iiber AuBerbinn 
nach Morch und Z'Matt ins Rhonetal hinzieht. Belernniten 
kommen darin an inanchen Stellen ziemlich haufig yor, und 
wenn sie auch infolge der Umwandlung der Gesteine der Art 
nach mit Sicherheit nicht zu bestimmen sind, so gehoren sie 
doch einem Formenkreis an, der im Lias zu Hause ist. Das gilt 
auch yon dem arietenahnlichen Ammoniten, den Salomon neuer- 
dings yon der Alpe Alle Foppe im Osten des Nufenen-Passes 
beschrieben hat 1 ). Weniger charakteristisch sind die Stielglieder 
von Pentacrinus und die cardinienartigen Muschelschalen, die 
aber wenigstens das mesozoische Alter bestatigen und mit dem 
liasischen Alter der Schichten in Einklang stehen. 

Sobald wir diesen nordlichen Schieferzug verlassen und uns 
den noch weit nach Siiden sich ausbreitenden Schiefern zuwenden, 
geht jeder palaontologische Anhaltspunkt fiir die Altersbe- 



') Verb. d. Naturhist.-Mediz. Vereins zu Heidelberg, Bd. IX, 1911. 



8a 



stimmung verloren. Derm die breccienartige Anhaufung von 
Crinoidenbruchstiicken, welche an einer Stelle 1 ) im Dolomit 
am Siidabharig des Monte Leone gefunden worden ist, beweist 
doch nnr den marinen Charakter dieses Sedimentes. 

Wenn man der Meinung ist, daft die Dolomite, Rauh- 
wacken und Gipslager trotz des Fehlens triasischer Fossilien 
als Vertreter der Triasformation deslialb mit Sicherheit in 
Anspruch genommen werden diirfen, weil ringsum aufterhalb 
der durch ihren regionalen Metamorphismus ausgezeichneten 
Zone der AValliser Alpen solche Gesteine nur in palaontologisch 
sichergestellter Trias vorkommen und sowohl in jiingeren als 
auch alteren Formationen fehlen, dann hat man in ihnen einen 
zweiten Anhaltspunkt fur die Gliederung der Kalksedimente 
gewonnen, der gegeniiber dem ersten, rein palaontologischen 
sogar den Yorteil bietet, daft sich jene triasiscben Charakter- 
gesteine viel leichter nachweisen lasseu als Versteinerungen. 

Gleichwohl gelingt es auch mit diesem Hilfsmittel nicht, 
die ganze Menge der Kalksedimente in Altersstufen zn zerlegen, 
weil jene Triasgesteine nur geringe Machtigkeit haben und so 
sporadisch auftreten, daft nicht einmal dariiber Klarheit zu 
erlangen ist, ob die Kalkschiefer stets jiinger als die triasischen 
Gesteine, oder ob es auch solche gibt, die alter sind. Diese 
Schwierigkeiten haben die Verfasser der Simplonkarte wohl 
empf unden. Urn aber doch die Kalkschiefer restlos in der Jura- 
uncl Triasformation unterzubringen, haben sie unbekiimmert um 
die petrographische Gleichartigkeit einen Teil der Schiefer der 
Trias, einen anderen dem Jura zugeteilt. MaBgebend dabei war 
fiir sie die Uberzeugung, daft die Gneise alter als die Kalk- 
sedimente sind, und daft somit Kalkschiefer, die zwischen Trias- 
gesteinen und Gneisen liegen, untertriasisch sein mtissen. Auf 
diese Weise hat zugleich auch das Kartenbild jene Uberzeugungs- 
kraft erhalten, der sich kein Beschauer entziehen kann, und 
die auch in mir keinen Zweifel an der Richtigkeit der Strati- 
graphie aufkommen lieB, solange als ich nicht das Gebiet aus 
eigener Anschauung kennen zu lernen Gelegenheit fand. Heute 
aber weis ich, daJ3 e§ zurzeit nicht moglich ist, alle die ver- 
schiedenen Kalksedimente dieses Gebietes in eine bestimmte 
chronologische Reihenfolge einzuordnen, und daft fiir viele der- 
selben die von B. Studer gewahlte Bezeichnung „unbestimmten 
Alters" vorzuziehen ist. 

Um dies zu beweisen, will ich eine Anzahl von Einzel- 
beobachtungen beschreiben. 



J ) Erlauterung zu Simplonkarte S. 17 v. Eclogae, Vol. IX, S. 505. 

6* 



84 



Wir beginnen nrit der naheren Umgebung von Brig, wo- 
erne ungefahr 10 km breite Zone von Kalkschiefern im Norden 
yon dem Gneis des Aarmassives, im Siiden yon dem des Simplon- 
gebietes eingerahmt ist. Die Schiefer haben vorherrschend nord- 
ostliches Streichen und siidostliches Einfallen, doch stehen sie 
auch ganz senkrecht und nehmen sogar stellenweise steile 
Neigung nach Nordwest an. Im einzelnen sind sie, was besonders 
gut in der Saltine-Schlucht von der Napoleonsbriicke an auf- 




Fig. 2. 

Gefalteter Glanzschiefer mit Quarzknauern neben der Wasserleitung 
am Saltinebach unterhalb des Rieder Gipslagers. 1 : 32. 
S Schutt. 



warts langs der Wasserleitung zu sehen ist, oft stark geknickt 
und gefaltelt, wobei die Umbiegungsstellen z. T. transversale 
Schieferung zeigen. An solchen Stellen sind sie von Knauern 
und Adern von Quarz und Calcit so stark durchsetzt, daft 
letztere an (Yolumen der S chief ermasse* oftmals fast gleich- 
kommen. Der Gangquarz herrscht gegeniiber dem Calcit meist 
vor, und man begreift leicht, daB die viele Kieselsaure nicht 
aus dem Nebengestein stammen kann, sondern einen anderen 
Ursprung haben muft. Diese Gange sind so seltsam verbogen 
und verdriickt, da6 die Annahme nicht von der Hand zu weisen 
ist, sie miiBten schon vor der Aufrichtung und Faltung der 
Schiefer vorhanden gewesen sein. 

Der Gneis, der diesen Schieferzug im Norden begrenzt, ist 



85 



bei Natters in groBen Steinbriichen gut aufgeschlossen. Es ist 
em gebanderter Granit mit kornigen Feldspataugen. Er schliefit 
schiefrige Partien ein, in die er auch gangformig eindringt. 
Die Bankung verlauft hier, ebenso wie in dem groBen Steinbrucli 
siidlich von Bitsch, am Ausgang der Massaschlucht, parallel zur 
lagenformigen Anordnung der Feldspataugen und fallt sehr steil 
uacli Siiden ein. Zur Zeit meines Besuches des Bitscher Stein- 
bruches war im Gneis ein Quarzgang aufgeschlossen, der groBe 
schwarze Nester von Turmalin enthielt. Die auf der topo- 
graphischen Karte clort eingetragene, vom Massaufer gegen 

.SO NW 



Rhone 




Fig. 3. 

Gipslager am linken Rhoneufer gegeniiber den Warmen Brunnen 
oberhalb Naters. 

1. Kalkschiefer, 7 m machtig. 2. Gips mit Schieferzwischenlagen. 3. Reines 
Gipslager. 4. Kalkschiefer. 

Bitsch heraufziehende Felswand bezeichnet zugleich die siid- 
■ostliche Grenze dieses Gneises gegen die Kalkgesteine. Aber 
•der unmittelbare Kontakt ist hier nirgends zu sehen. Ungefahr 
in einer Entfernung von 100 Metern von der Wand erhebt sich 
ein kleiner Riicken, der von einem etwa 60 Meter breiten Gips- 
lager gebildet ist, das in einem Steinbruch abgebaut wird, und 
iiber dem anscheinend konkordant schwarzliche Kalkschiefer 
liegen. Sie ziehen sich gegen Siidwest unter der Massa hindurch 
zu deren rechtseitigem Ufer hin fiber, wo sie wieder sichtbar 
werden. In ihrem Hangenden bei Massa-Eggen folgt ein zweites 
Gipslager. Es ist wahrscheinlich dasselbe, welches gegeniiber 
von den warmen Brunnen auf dem linken Ufer der Rhone gut 
aufgeschlossen ist, und in dessen Liegendem mit siidostlichem Ein- 
fallen schwarzliche Kalkschiefer von knotenschieferartiger Be- 
schaffenheit in einer Machtigkeit von etwa 7 Metern zutage 
treten. Dariiber folgt eine Serie von diinnen Gipslagen und 
Schiefern und dann ein massiges Gipslager von iiber 50 Meter 
Starke, in dessen Hangendem wieder Kalkschiefer liegen. Be- 



86 



merkenswert ist es, daB die liegenden Kalkschiefer Yon zahl- 
reichen Quarz- und Calcitgangen zunieist parallel zur Schieferung 
durchsetzt sind. Alle Schichten in diesem Profile liegen an- 
scheinend Yollig konkordant, und es waren keinerlei tektonische 
Storungsflachen zwischen ihnen zu erkennen. 

Wie soli man dieses Profit deuten? Wenn man den Gips 
der Trias und den Kalkschiefer dem Lias zurechnet, dann 
erscheint es fast selbstverstandlich, einen nach NW. uberkippten 
isoklinalen Sattel anzunehmen. Eine gewolbeartige Umbiegung 
ist jedoch in dem Gipslager nicht wahrzunehrnen, und das gibt 
uns ein mindestens ebenso gutes Recht, den liegenden Kalk' fiir 
alter als den liangenden anzusehen. Und da jener hochst wahr- 



so N"W 




Fig. 4. 



Profil bei der Einniiinckmg cler Massa in die Rhone oberhalb Naters. 

1 : 10000. 

gn Gneis, y Gips, k Kalkschiefer. 



scheinlich die nordostliche Fortsetzung des Yorher erwahnten 
Schieferzuges ist, welcher zwischen den zwei Gipslagern an der 
Massa liegt, so wtirde auch ihm triasisches Alter zukornmem 
Danach laBt sich das nebenstehende Profil entwerfen, dessen 
Deutung jedoch ebenfalls unsicher ist und davon abhangt, ob 
man die beiden Gipslager fiir gleich- oder ungleichalterig. 
ansehen will. In ersterem Falle ergibt sich ein isoklinales 
Gewolbe, in letzterem Falle eine isoklinale einfache Schichten- 
folge, in der j 1 alter als y 2, k 1 alter als k 2 ware. Den 
Gneis kann man in diesem Profile in keinen sicheren Zusammen- 
hang mit den Schichtgesteinen bringen, weil eine ungefahr 
100 m breite Zone dazwischen liegt, die keinerlei Aufschliisse- 
bietet. Wir bleiben also auch dariiber im Zweifel, ob eine tekto- 
nische Stoning die Gneise in einen abnormalen Kontakt mit der 
Trias gebracht hat, oder ob letztere normal auf dem Gneis liegt. 

Aus alledem geht heiwor, mit wieYiel Unsicherheit hier 
jede stratigraphische und tektonische Ausdeutung behaftet ist, und 
in welche Verlegenheit wir den aufnehmenden Geologen bringen,. 
wenn Avir ihm zur Kolorierung seiner Karte nur die drei Farben 
Blau, Gelb und Rot in die Hand geben, Yon denen die erste- 
Jura, die zweite Trias und die dritte Gneis anzeigen soil. 



87 



Wie aber konnte man es denn anders inacben, und ist denn 
die Wabrscbeinlicbkeit, dafi die Kalkschiefer wirklicb ver- 
scbiedenen Alters sind, so groB, daB man dem Blau keine 
stratigraphische, sondern nur eine petrograpbiscbe Bedeutung 
beilegen darf? Diese Erage erwarte icb von den Anbangern 
der Metbode, welcbe bei Ausfiibrung der neuen Simplonkarte 
zur Anwendung gekommen ist, urn so sicberer, als sie dabei auf 
das Befriedigende ibrer Auffassung von dem Faltenbaue in der 
Bedretto-Mulde binweisen konnen, die aucb mit den Auf- 
scbliissen im Simplontunnel vollkommen im Einklang stebe. 
Hierauf batte icb zu erwidern, daB letzteres, wie sich spiiter 
ergeben wird, keineswegs der Fall ist, nnd daB es nicht Aufgabe 
einer geologiscben Spezialkarte ist, Wabrscbeinlicbkeiten, aucb 
wenn sie nioinentan eine giinstige Aufnabme finden, darzustellen. 
Sie soli sicb vielmebr auf den tatsiicblicben Befund, der jeder- 
zeit kontrollierbar ist, bescbranken. Und dieser Befund ergibt 
in unserem Falle das Yorkommen von zwei Ztigen yon Kalk- 
scbiefern, von denen wir nur wissen, daB beide mesozoiscb sind, 
deren Altersverbiiltnis zum Gips aber unbekannt ist. Sobald 
man nacb rein petrograpbiscben Merkmalen anfiingt, strati- 
grapbiscbe Horizonte festzulegen und zu kartieren, fallt man 
unfeblbar in Irrtiimer. Die Gescbicbte der Alpengeologie ist 
iiberreicb an solcben selbst in Gegendeu, avo es an Yer- 
steinerungen nicbt feblt. Man macbe den Versucb, z. B. in 
unseren Ostalpen, wo Trias und Jura palaontologiscb geglieclert 
sind, eine Karte nacb rein petrograpbiscben Merkmalen olme 
Beriicksicbtigung der Yersteinerungen zu entwerfen, dann wird 
sofort klar, daB eine solcbe Karte tektonisch wertlos oder docbi 
mindestens bocbst unzuverlassig ware. Unbeabsicbtigt sind tat- 
sacblicb solcbe Yersucbe des oftern gemacbt worden. Wie oft 
sind, weil Yersteinerungen nicbt gefunden oder gesucbt wurden, 
Kreide-, Jura- und Triasmergel, oder Kalke oder verscbieden- 
artige Triasdolomite miteinander verwecbselt worden, bis es 
gelang, den Irrtum clurcb Fossilfunde aufzuklaren und die 
geologiscbe Karte zu rektifizieren. Ein Beispiel, das gerade 
fur das Simplongebiet von besonderer Bedeutung ist, mag 
Erwabnung finden. Wir sind geneigt, die Gipse und Dolomite 
in die Trias zu stellen, weil in den anstoBenden Berner und 
Ereiburger Alpen solcbe Gesteine sebr baufig vorkommen, und 
ibr triasiscbes Alter durcb Yersteinerungen festgelegt werden 
konnte. Das bat aucb die Yerfasser des Blattes XYII veranlaBt, 
dies zu tun und eine Reibe sie begleitender Kalkgesteine als 
Jura zu kartieren. Hatte man in den Kalken des Hugels von 
St. Tripbon spater nicbt die cbarakteristiscben Yersteinerungen 



88 



des Muschelkalkes aufgefnnden, so wtirden dieselben aus petro- 
graphischen Griinden wohl auch heute noch als Lias auf den 
Karten erscheinen. Man unterscheidet jetzt in dortiger Gegend 
von unten nach oben 1 ): weiJ3e Quarzite, untere Rauhwacke, 
dunkelgraue bis schwarze Kalksteine, obere Rauhwacke niit 
buntfarbigen Mergeleinlagerungen und Gips, dickbankige Dolo- 
mite, griinliche und dunkle Mergel rnit einer Gesanitmachtigkeit 
von etwa 800 Metern. Dariiber liegen die ratischen Kalke und 
Mergel, und dann erst komnien die liasischen Gesteine. Ware 
diese ganze Serie einer ahnlichen Metamorphose unterworfen 
worden wie die schistes lustres bei Brig, dann wiirden die 
Kalke und Mergel wohl alle ziemlich gleichartig aussehen, die Yer- 
steinerungen waren verschwunden, und man konnte nur die 
Dolomite, die Rauhwacke und den Gips als iibereinander sich 
wiederholende Einlagerungen petrographisch darin unterscheiden, 
gerade so, wie dies auch bei Brig der Fall ist. 

Tatsachlich liegen in den Kalkschiefern bei Brig nicht nur 
die zwei schon erwahnten Gipslager, sondern weiter siidlich 
noch drei andere, die der Tunnel durchfahren hat, und zwischen 
diesen und den zwei ersten liegt auch noch ein Rauhwackezug. 
Die Kalkschiefer dazwischen sind aber keineswegs von so 
gleichartiger petrographischer Beschaffenheit, daB man nicht auch 
sie in yerschiedene Abteilungen bringen konnte. Die Sirnplon- 
karte scheidet z. B. einen schwarzen Dachschiefer mit Sprod- 
glimmer und einen granatfiihrenden Schiefer noch besonders aus. 
Ersterer liegt zwischen den zwei nordlichen und den zwei 
siidlichen Gipszugen ungefahr in der Mitte und konnte recht 
gut als der eigentliche Muldenkern gedeutet werden. Ein Teil 
dieser Schiefer ist frei you Kalkcarbonat, und dahin gehoren 
insbesondere die Dachschiefer, welche bei Bach in mehreren 
Briichen gewonnen werden. Sie komnien auch bei der Napoieons- 
briicke vor, dort aber in Wechsellagerung mit den schon 
beschriebenen, an Quarzgangen reichen Kalkschiefern. Bei Bach 
hingegen sind die Schiefer frei von solchen Gangen und fiihren 
Pyrit in Nestern und Linsen. Dunne Kalkbelage komnien nur 
auf den ebenflachigen Absonderungskliiften vor. 

Die Grenze zwischen den Kalkschiefern und dem Gips- 
lager von Brei ist auf der rechten Seite der unteren Saltine- 
schlucht gut aufgeschlossen, mit seigerer Stellung der Kalk- 
schiefer. Die Karte zeichnet hier zwei Gipslager ein, was 
richtig sein mag. Anstehend konnte ich nur das nordliche 
sehen, das ungefahr 50 m breit ist und gegen Siiden von stark 



l ) A. Jeannet et F.Rabowski: Eclogae XI, S. 739. 



89 



verrutschten Schiefern begrenzt ist. Auf der scliwer zuganglichen 
linken Talseite karin man die zwei Lager niit zwischengelagerten 
Schiefern wohl sehen, doch ist aucli dort starke Yerrutschung 
•eingetreten. Dann folgen gegen Siiden von neuem Kalkschiefer, 
soweit als die Schlucht uberhaupt gangbar ist. Sie sind meist 
steil gestellt, mit Neigung gegen Siiden. Sie unterscheiden sich 
im allgemeinen von dem Kalkschiefer im Norden der Gipslager 
dadurch, daB sie krystallinischer sind. Yon Gliminerbauten 
uberzogene, wellige Schiefer wechsellagern mit festeren, braun 
anwitternden dCinnen Kalklagen, imd die sie durchschwarmenden 
Giinge und Adern enthalten mehr Calcit als die quarzreichen 
Adern in den nordlichen Schiefern. Weiter herauf in der 
Schlucht nehmen die Schiefer immer mehr einen phyllitartigen 
Charakter an und enthalten neben Granaten auch Biotit und 
Hornblendegarben. Aber auch abgesehen von dieser Metamor- 
phose scheint der Schiefer ursprunglich schon eine etwas andere 
Beschafifenheit gehabt zu haben als der weiter im Norden, so 
•daft -ein. zwingender Grund, beide fiir gleichalterige Ablagerungen 
zu halten, nicht vorliegt. Ob die zwei Gipslager von Brei ein 
Gewolbe bilden, an das sich beiderseits liasische Kalkschiefer an- 
legen, bleibt somit auch hier sehr zweifelhaft. Steigt man von da 
nach Stuckisegg herauf, so iindet man sowohl an der alten wie 
an cler neuen PoststraBe gute Aufschliisse in den Schiefern, 
■die den gleichen Charakter beibehalten wie in der oberen 
Saltineschlucht. Sie fallen meist steil nach SO, manchmal 
auch nach NW ein, uud erst holier oben am Gehange des 
Klenenhornes legen sie sich flacher mit Einfallen nach SO 
Yon Schallberg bis Eisten lauft die PoststraBe mehr im 
.Streichen der Schichten, und es stellen sich darin mehr und 
mehr dickbankige Kalklagen ein, die, stark verbogen, von 
kleinen Yerwerfungen durchsetzt sind und an solchen Stellen 
oft auf kurze Erstreckung flach nordwarts einfallen. Auch 
hier sind sie von vielen Gangen durchschwarmt. Wo die 
Schichten gefaltelt oder gebogen sind, sind es auch die Gange. 
Das vorwaltende Gestein ist ein feinkorniger Marmor mit 
kleinen weiBen Glimmerschiippchen. Wo sericitische Schiefer- 
einlagerungen auftreten, stellt sich gewohnlich auch Granat 
und Biotit ein. Kurz vor Eisten bei der Telegraphenstange 
'91 127 erreicht man den Eistengneis. Die Kalkschiefer haben 
hier ein nordwestliches Einfallen angenommen und liegen auf 
•dem Gneis. Sie sind ganz krystallinisch und sehr glimmerreich, 
schlieBen aber eine glimmerarme machtige Lage hellen Marmors 
■ein. Auf der geologischen Karte ist derselbe als Rauhwacke 
•eingetragen. Diese leicht zugangliche und gut aufgeschlossene 



90 



Kontaktstelle ist yon Wichtigkeit; denn Stiicke yon Gneis und 
Granit, die in den Schiefern und im Marnior liegen, sollen den 
Beweis liefern, daB der Gneis alter als der Schiefer, und daft 
dieser auf ihni zur Ablagerung gekommen ist. An .zwei 
Stellen ist die Auflagerungsflaclie an der "Wegboschung gut zu 
sehen. Die erste kiirzere Strecke zeigt einen grobkornigen 
Augengneis, der mit unregelmafliger Umgrenzung von unten in 
den Kalkschiefer heraufragt, dessen Schichten an ihm. abstoBem 
An der zweiten Stelle ist es ein feinkornigerer Augengneis, 
dessen Oberflache etwas konformer zu den Kalkschiefern verlauft. 




Fig. 5. 

Felsen an der SimplonstraBe bei Telegraphenstange 91127 uuweit Eisten, 
g Gneis. m Marmor. k Kalkglimmerschiefer. Rechts Gehangeschutt. 

Einige Meter dariiber schaut aber aus dem Kalkschiefer eine 
4 m lange und 4 — 5 drn breite Gneisplatte heryor, und in der 
Nahe ungefahr in gleicher Schichtlage sieht man ein anderes, 
aber kleineres Gneisstiick. Keines von beiden hat Gerollforrn. 
Ein drittes. nur iiber faustgroBes Stuck eines grobkornigen 
Granites endlich lag in der hoheren Marrnorbank und lieB sich 
leicht herauslosen. Es hat eine kurz linsenformige Gestalt und 
zeigt ebenfalls keine Spur yon Abrolluug. Die Kalkgesteine 
selbst sind ganz frei yon granitischem Grus oder Sand, und 
audi der darunterliegende Gneis laBt keine Spuren yon Yer- 
witterung oder Zertriimmerung erkennen, wie dies an einer 
Transgressionsflache etwa zu erwarten ware. Geht man auf 
der StraBe weiter, so gewahrt man, daB der Gneis in die Hohe 
steigt und eine Strecke weit allein die Boschung bildet, dann 
aber kommt unter ihm wieder Glimmerschiefer zum Vorschein 7 
der zwar stark zersetzt, aber doch noch kalkhaltig ist und 
neuerdings yon Augengneis unterteuft wird, der dann bis zur 
Ganterbrucke anhalt. Auf der Karte ist dieser Kalkstreifen 
wohl etwas zu breit eingetrageu, und yon den zwei Marmor- 



91 



streifen. die ihn gegen den hangenden und liegenden Gneis 
abgrenzen sollen, habe ich nichts sehen konnen. 

Schon 1908 schien es mir so, daB dieses Profil am ver- 
standlichsten ware, wenn man annehmen diirfte, daB der Gneis 
juDgerals dieKalksedimente ist, daB er in dieselben aufgedrungen 
und dabeieinerseits einenTeilderSedimenteeinschloB, andererseits 
in die hangenden Teile kleine Apophysen entsandte. Auffallig 
bleibt dabei allerdings, daB diese Apophysen mit dem Granitstock 
nicht oder nicht mehr in direkter Yerbindung stehen. Doch 
ist es recht wohl moglich, daB dieser urspriingliche Zusammenhang 
nicht aufgeschlossen oder durch spatere Gebirgsbewegungen 
verloren gegangen ist. Am folgenden Tage schon brachte mir 
ein Ausflug nach „Im Stafel" far diese Yermutung weitere 
Anhaltspunkte, aber ehe ich darauf eingehe, will ich erwahnen, 
was Schahdt im Tunnel, der gerade unter Eisten hindurchgeht, 
beobachtet hat. 

Die Aufeinanderfolge der Gesteinsarten war dort yon Nord 
nach Siid folgende: 

gewohnliche Kalkglimmerschiefer (schistes lustres), 

34 m derselbe Schiefer mit dickeren ^larmorbanken 

wechsellagernd, 
26 m Dolomit, 
9 m grauer Kalkstein und Glimmerschiefer, 

1 m Gneis, 

2 m Kalkschiefer, 
8 m Dolomit, 

81 m Gneis (sog. Eistengneis), 

59 m Dolomit und Glimmerschiefer, 

22 m grauer Glimmerkalk, 

5 m Dolomit, 

1,5 m Glimmerschiefer, 
329 m Gneis (Gantergneis). 

Die Schichten fallen mit 80 — 85° nach NW, also erheblich 
steiler als an der PoststraBe, w r o im Hangenden des Eisten- 
gneises von den zwei Dolomitlagen gar nichts zu beobachten ist. 
Das macht es wahrscheinlich, w r as ja auch in Fig. 5 zu erkennen 
ist, daB die Schichten diskordant zum Gneis streichen. Der 
TunnelaufschluB liegt 200 m weiter im Osten und etwa 700 m 
tiefer als die PoststraBe. Am Weg, der nach Eisten hinauffiihrt, 
findet man jedoch gerade iiber der in der Karte eingetragenen 
Tunnellinie eine kleine Partie yon Dolomit aus dem Waldboden 
aufragen, wodurch diese Diskordanz ebenfalls bestatigt wird. 
TJber die kleine Gneislage im Hangenden des Eistengneises 



92 



•sagt Schardt (Rapport trimestriel No. 9 voin 31. Dez. 1900 S. 3): 
,La lame cle gneis au kin 3,900 est une intercalation absolument 
anormale, accompagnee de phenornenes de glissement et de 
lamination indubitables. La premiere zone dolomitique passe 
au gneis par un plan de glissement marque par de la dolomite 
pulverulente. Le contact avec le calcaire sousjacent est 
cependant plus normal, en apparence du moins, car le passage 
se fait par un micaschiste tres lamine. Cette deuxieme zone 
de calcaire dolomitique presente dans ses couches de nombreux 
contournements et des plans de glissement; le contact avec 
le gneis, qui se fait par l'intermediaire d'un lit de 
micaschiste, est franchement discordant. Cette repeti- 
tion de zones dolomitiques et de gneis est peut-etre due a des 
ecailles, peut-etre aussi a des replis ecrases." Besonderen 
Wert lege ich auf die von mir gesperrt gedruckte Stelle des 
Berichtes, weil der Yerfasser damit ausdriicklich eine Tatsache 
festgestellt hat, die ihm unerwartet kam. Das Normale ware 
fiir ihn die Konkordanz zwischen dem nach seiner Meinung 
alteren aufgefalteten Gneis und dem jiingeren Dolomit gewesen, 
wahrend das Bild, welches sich bot, das eines schrag durch 
die Doloinitschichten hindurchsetzenden Gneisganges war. Er 
meint zwar, es konne dieser Gneis ein Teil des Eistengneises 
selbst sein, der durch schuppenartige Verschiebungen ocler 
Ausquetschungen von der Hauptmasse abgetrennt worden sei, 
und beruft sich auf das Vorhandensein von Gleitnachen. Aber 
solche Flachen hat er so viele auch an anderen Stellen im 
Tunnel angetroffen und bescbrieben, dafi gerade auf diese hier 
kaum ein besonderes Gewicht gelegt werden darf, und zwar 
um so weniger, als er sie just im Hangenden des Gneises und 
nicht in seinem Liegenden angibt, wo sie doch eigentlich bei 
Schuppenstruktur zu erwarten ware. 

Der Tunnel und die Poststrafle bei Eisten haben somit 
gezeigt, daB der Kontakt zwischen Gneis und den Kalksedimenten 
nicht fiir ein hoheres Alter des Gneises spricht, und daB die 
Einschliisse von kleinen Gneispartien in den Kalkgesteinen am 
besten durch Injektionen erklart werden konnen, die von den 
Gneisen ausgingen. Damit stimmt auch vollkommen die Tat- 
sache liberein, dafi die Kalksedimente am Kontakt sehr hoch 
krystallin sind und jedenfalls in hoherem Mafie umgewandelt 
sind als die Kalkgesteine weiter im Norden. Desgleichen sind 
diejenigen zwischen dem Eisten- und dem Gantergneis stark 
umgewandelt, und ebenso die, welche bei der Ganterbriicke im 
Liegenden des Gantergneises gut aufgeschlossen sind. Sie 
bestehen dort aus zuckerkornigen Marmorbanken, die mit biotit- 



93 



und granatreiehen Kalkschiefern wechsellagern imd als eine 
iiber 100 m machtige Zone zwischeu deni Gantergneis und dem 
sogenannten Berisalgneis liegen. Da aber letzterer an der 
PoststraBe durch Schutt und Moriinen yerdeckt ist, wild es 
notig. eine geeignetere StelJe aufzusuchen, um diesen Kontakt 
zu studieren. Ini Tunnel ist jener Kalkzug im Liegenden des 
Gantergneises ebenfalls durchfahren worden. er hat dort aber 
nur eine Machtigkeit von 16 m, was sehr auffallig ist. und 
grenzt unmittelbar an granatfiihrende sericitische Gliinmerschiefer 
des „Berisalgneises"'. Ich komme darauf im tektonischen Teile 




Fig. 6. 

Ansicht des Rundhockers siidwestlich neben den Hiitten der Steinen-Alp. 
Verbogener Glimmerschiefer bildet die Oberfliiche und die Basis 
desselben. Ein Gang von Gneisgranit setzt hindurch, dessen oberer 
Kontakt mit dem Schiefer uberwachsen ist. 

zuriick und begniige mich zunachst mit der F e st stel lun g, 
daB die Kalksedimente vom Schallbergbis zur Ganter- 
briicke fiir eine stratigraphisch e Abtrennung von den 
nordlich angrenzenden Kalkschiefern zwei Merkmale 
geliefert haben, namlich das Yorkommen yon machtigen 
Dolomitlagern und das Vorherrschen dickbankiger 
Kalklager in den Schiefern, mit denen zusammen im 
Simpl ontunnel auch Anhydrit angetroffen worden ist. 

Ein lehrreiches Querprofil bietet der Weg you der Steinen- 
Alp uber den Saurerriick nach dem oberen SckieBbach. Von 
Berisal fiihrt der Weg zunacht uber einen Steg, der den oberen 
Ganterbach uberbriickt, zur Steinen-Alp. Man triflt da stark 
gewun'dene gebanderte Hornblendeschiefer, die mit einem 
granitartigen Gneis vergesellsehaftet sind. Letzterer tritt weiter 
oben an dem Zickzackweg. der zur Alp kerauffuhrt, mit granat- 
reichem kalkfreien Quarzglimmerschiefer in Verbindung, und 
bei den Alphiitten sieht man sehr deutlich, wie der Gneisgranit 
gangformig den Schiefer durchsetzt. Am Sudgehange des 
Saurerriick wird dieser Glimmerschiefer, der helle Quarzitlager 



94 



einsckHeBt. toil den kalkigen Schiefern iiberlagert. Leider ist 
die unmittelbare Auflagerung durck Gekangsckutt verdeckt. 

Beide Schiefer fallen in den Berg ein : und eine Diskordanz 
ist, wenn sie iiberkaupt existiert, nicht zu beackten. Die 
Kalksckiefer enthalten einzelne granatreicke Einlagerungen, und 
weiter oben sckaltet sick ein wenig maektiger Griinsckiefer in 
dieselben ein. Diese Zone yon Kalksedimenten kat ungefakr 
die gleiche Macktigkeit wie die liber 1 km entfernte an der 
Ganterbriicke sicktbare. und beide steken auek niiteinander in 
direkter Yerbindung. Dock muB man im Auge bebalten, daB 
an der Ganterbriicke zuckerkornige Marmorlager eine groBere 
Rolle spielen und daB der Griinsckiefer feklt. Am Saurerriick 
liegt uber diesem Kalksckiefer ebenfalls der Gantergneis, aber 
der Kontakt ist versckiittet. Der Gneis ist zunachst feinkornig, 
aber bald nimmt er den Ckarakter eines sckonen Augengneises 
an, der in diinne Platten abgesondert ist, die steil nack Nordwest 
einfallen. Wo der FuBweg den SckieBback erreickt, kort der 
Gneis auf. und man siekt, wie er unmittelbar A^on Kalksckiefern 
iiberlagert Avird. die ziemlick steil nack NW einfallen und mit 
mekreren zuckerkornioen Marmorbanken wecksellagern. Uber 
iknen folgt der Eistengneis und auf diesen ein Dolomitlager 
und dann Kalkschiefer, die einige ganz sckwacke Prasinitlager 
einscklieBen. Aknlick wie bei Eisten gewakrt man auck kier 
mekrere Gneislamellen im Kalksckiefer eino-esckaltet, nur mit 
dem Entersckied, daB sie bei Eisten im Hangenden^ kier aber 
im Liegenden des Gneises auftreten. Sie sind nur bis etwa 
drei Zoll macktig. und jeder Yersuck, sie fur ausgequetsckte 
Gneisfalten zu erklaren, muB kier yersagen. Da die eingekende 
Beschreibung dieses Platzes Herr Arndt iibernommen kat, so 
will ick auf eine genauere Sckilderung desselben nickt eingeken 
und nur bemerken. daB mir diese Stelle sckon 1908 als ent- 
sckeidend fur . das jiingere Alter des Gneises und fiir die 
Beurteilung der Stratigrapkie erscbienen ist. 

Denn sobald man erkannt hat, daB der Ganter- und Eisten- 
gneis Intrusionsmassen sind, dann stekt nickts mekr im AYege, 
die Kalksckiefer der sogenannten Ganter- und der Eistenmulde 
mit den den Eistengneis unmittelbar iiberlagernden Sckiefern 
als eine einkeitliche Sckicktenserie aufzufassen, die durck die 
wiederkolten Einlagerungen yon Dolomit, Ankydrit und Gips 
sowie durck die Hiiufigkeit dickbankiger Kalksteine ckarakte- 
risiert ist, und die sick dadurck in einen auftalligen Gegensatz 
zu den Kalksckiefern setzt, die wir bei Brig kaben kennen 
gelernt. ^lan kunnte deskalb yersuckt sein, in jenen, als den 
alteren, Yertreter der Trias und in diesen des Lias zu seken, 



95 



und in der Tat sprechen far eine solche Annahme sehr viele 
Wahrscheinlichkeitsgrunde. Aber weiter geht die GewiBheit 
nicht, und insbesondere maclit sich der Mangel zuverlassiger 
Merkmale fiihlbar, wenn man versucht, die Grenzen zwischen 
den so umschriebenen Trias- und Liassedimenten kartographisch 
gen an festzulegen. Solange die entscheidenden Leitfossilien 
fehlen, wird es uns nicht gelingen, den triasischen von dem 
jurassischen Anteil clieser Kalksedimente abzugrenzen, und der 
auf der Simplonkarte dahin zielende Versuch ist als rnifigliickt 
zu bezeichnen. 

Wenn wir die Machtigkeit der Schichten von triasischem 
Charakter zusammenrechnen, welch e irn Tunnel zwischen Km 3 
und 5, abgesehen von den Gneisintrusionen und den spater 
zu besprechenden liegenden Schiefern, durchfahren worden sind, 
so erhalten wir rund 200 Meter. Im Querprofil der Steinen- 
alp, avo so genaue Messungen allerdings nicht moglich sind, 
uberschreitet die Machtigkeit diese Zahl wohl sicher. 

Erstaunlich ist diese Machtigkeit jedoch durchaus nicht; 
denn wenn wir den Zug mesozoischer Gesteine von Brig aus 
nach Westen verfolgen, stellen sich unterhalb Yisp alsbald die 
Pontiskalke darin ein, die mitsamt den sie begleitenden 
Quarziten allgemein in die Trias gestellt werden. Diese Kalke 
allein haben an vielen Stellen sicher eine Machtigkeit von 
500 — 600 m, und wenn man auch annehmen will, daB sie 
muldenartig gelagert sind, so bleiben dann doch noch 250 bis 
300 m fiir sie iibrig. Dieser Kalk ist lange nicht so stark 
metamorphosiert wie die Kalke bei Brig, und in ihm wird man 
vielleicht einmal Yersteinerungen finden. 

Wenden wir uns nun nochmals der auf S. 88 erwahnten 
Trias im unteren Rhonetal zu, so haben sich dort Maehtig- 
keiten von bis zu 800 m ergeben, und die obersten Lagen haben 
<eine petrographische Entwicklung, die aus ihnen bei Eintritt 
einer ahnlichen Metamorphose wie der im Simplongebiet 
ganz leicht typische schistes lustres hatte erzeugen konnen. 

Wir kommen also zu dem Schlusse, daB in dem 
Gebiete zwischen Brig und Berisal nicht nur die als tria- 
sisch eingetr age nen Schichten, sondern auch noch 
ein guter Teil der „ j urassischen Biindnerschief e r " mit 
groi^erer W ahrs cheinlichkeit zur Trias als zum Lias 
zu stellen sind. 

Die Simplonkarte belehrt uns, daB die Kalkschichten und 
die eingelagerten Gneise von Berisal gegen SW ohne Unter- 
brechung bis zur Nanzliicke herauf streichen, daB sie dabei 
aber nicht nur ihre Streich-, sondern auch ihre Eallrichtung 



96 



andern und schlieBlich an der Nanzliicke flach nach Siiden ein- 
fallen, so daB sie dort nicht mehr die Berisalgneise iiberlagern, 
sondern unter dieselben einschieBen. Zugleich schiebt sich da- 
zwischen ein schmaler Zug yon carbonischen Schiefern sowie 
audi von Prasinit und Serpentin ein. Die Trias hingegen 
fehlt dort ganz und erscheint erst weiter im Norden zwischen 
den jurassischen Kalken und dem Gantergneis. Hierin sehen 
die Verfasser der Karte, wie icb auf Seite 81 bereits erwahnt 
babe, einen Hinweis darauf daB das Jurarneer iiber die TJfer 
des Triasrneeres transgredierte. Icbhabe diese Stelle voinSimplon- 
paB aus im September 1908 besucht, die Yerhaltnisse aber 
auders gefuuden. Der Berisalgneis ist Lier hauptsachlich 
Glimnierschiefer, der von Gneisgangen durchschwarmt ist und 
Yorherrschend eine Neigung nach NW zeigt, doch will icb auf 
ihn jetzt nicht naber eingeben. Am Fui3 des ScbieBborns in 
in der Nabe von Wange streicben steil nach SO geneigte kalk- 
freie Scbiefer aus, die mir von den gewohnlichen Glimmer- 
scbiefern im Berisalgneisgebiet etwas verschieden erschienem 
Sie sind mehr verucanoartig und werclen von den Kalkscbiefern 
und Banken des siidlicben ScbieBborngrates, die ebenfalls steil 
nach SO einfallen, unterlagert. Doch hat es den Anschein, als 
ob zwischen diesen beiden Schichtgesteinen eine Diskordanz im 
Streichen bestehe. Der Carbonzipfel, welchen die Karte bis 
zum FuBweg bei Wange heraufzieht, existiert nicht, und die 
einzige Stelle, an der ich die ruBigen, stark abfarbenden Schiefer 
fand, die man eben deshalb als Carbon ansprechen kann, lag- 
an dem Nanzliickenbach zwischen Cote 2220 und 2280, namlich 
von dem Knie weg, das der Bach bei der Umbiegung in die 
ostnordostliche Bichtung bildet, bis zur Einmiindung eines aus der 
Richtung des Rossensees kommenden Wasserleins. Es ist ein 
glimmeriger, grauer miirber Schiefer mit viel Gleitflachen. Yon 
Planzenresten war keine Spur zu entdecken. Die Yerlangerung 
dieses Carbons auf der Karte westwarts bis zur Hohe des Ge- 
birgsgrates kann nicht auf Beobachtungen beruhen, weil eine 
machtige Seitenmoriine alles Anstehende vollstandig A T erdeckt 
und auf dem Gebirgsgrat selbst ganz andere Gesteine anstehen. 
Dahingegen hat die Karte recht, wenn sie im Norden an den 
nur etwas zu hoch heraufgelegten CarbonaufschluB direkt Kalk- 
schiefer angrenzen laBt. Was ich auf dem Gebirgsgrat der 
Nanzliicke gesehen babe, ist auf Eigur 7 dargestellt; was nach 
der Karte dort zu sehen sein miiBte, ist auf dem darunter- 
stehenden Prolil eingezeichnet. Alle Schichten fallen ganz flach 
nach Siiden. Yon Punkt 2636 bis zur inneren Nanzliicke 
sind es recht monotone diinnschiefrige, sericitische, kalk- imd 



97 




98 



granatenfreie Glimmerschiefer, durch die ein vertikal gestellter 
Serpentingang mit prasinitartigen Salbandern hindurchsetzt. 
Bei der inneren Nanzliicke sieht man diesen Schiefer sehr deut- 
lich von einern phvllitartigen Schiefer mit quarzitisclien Ein- 
lagerungen unterlagert, der seinerseits auf Kalkschiefern ruht, 
die mit marmorisierten dickeren Kalkbanken wechseln und an 
der hochsten Spitze des Straffelgrates noch eine Kappe von 
Glimmerschiefer tragen. An der aufleren Nanzliicke stellen 
sich unter dem Kalkschiefer dickere Banke eines etwas sandigen 
Marmors und zuletzt ein paar Meter eines rauhwackenartig an- 
witternden Marmors ein, der unmittelbar auf einer feinkornigen 
Yarietat des Granitgneises ruht. Im Gegensatz zur Berisaler 
Gegend liegen also hier die Sedimente vollstandig verkehrt, 
die palaozoischen Glimmerschiefer zu oberst, die Kalksteine, 
die vielleicht mit denen bei Eisten gleichaltrig sind, darunter. 
Ihr jurassisches Alter ist nicht zu beweisen, und unter keinen 
Umstanden lafit sich aus diesen Aufschliissen der Beweis einer 
trausgressiven Lagerung der Jurasedimente extrahieren. 

Den Westabhang der Nanzliicke habe ich nicht begangen, 
und deshalb kann ich auch keine Angaben iiber den weiteren 
Yerlauf des Serpentin-Diabasganges machen, der nach der Karte 
von Gerlach alsbald endet, nach der Simplonkarte hingegen 
gerade dort zu ganz eriormer Breite anschwillt, sich dann mit 
mehrfachen Unterbrechuugen hiniiberzieht ins Yispertal, wo er 
an den Westgehangen dieses Tales bis herauf nach Stadlen 
bei Zeneggen wieder eine groJ3e Machtigkeit erlangt. Auch da 
sollen nach der Karte diese Gesteine nirgends gangformig, sondern 
stets lagerformig, nach Art yon mesozoischen ErguBgesteinen, ^auf- 
treten. Wir miissen deshalb ihnen und den sie begieitenden meso- 
zoischen Sedimenten zunacht unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 

2. Das Mesozoicum und die Griinschiefer bei Visp. 

Nach der Simplonkarte besteht das Westgehange cles 
Yispertal es von Yisp aufwarts bis Stalden aus drei nach Norden 
iiberkippten Mulden, deren Kern aus jurassischen Kalkschiefern 
sowie diesen eingelagertem Griinschiefer und Serpentin besteht. 
Zwei schmale, nur 30 bis hochstens 50 m machtige dolomitische 
Marmorbander der Trias stellen die diese Mulden trennenden, 
langgezogenen Gewolbekerne dar. Im Siidniigel der siidlichsten 
Mulde fehlt jedoch dieses triasische Glied, und an seine Stelle 
tritt ein schmaler Zug carbonischer Schiefer, und dann eine 
machtige Masse von Glimmerschiefern der Berisalgneisgruppe, 
die sich weithin ausdehut, die Mischabelhorner aufbaut und ost- 
warts bis Berisal reicht. 



99 



Den zwei nordlichen dieser Mulden habe ich 1908 einen 
Tag gewidmet, um ein Urteil daruber zu gewinnen, ob die 
Grtinschiefer hier wirkliche Erguflgesteine sind, wie es Preis- 
werk 1907 dargestellt hat, oder ob seine friihere Auffassung 
von 1904, die mit meinen Beobachtungen an der Nanzliicke in 
besserem Einklang steht, nicht doch vielleicht die richtigere war.' 

S N 
Hohenfluh Eich Zen Stadlen Visp 




Katzhaus 



Fig. 8. 

Zwei Profile durch das linke Talgehange oberhalb Visp. 1 : 25000. 
Das obere Profil naeh meinen Aufnahmen, das untere nach Preiswerk. 

§1 Quarzglimmerschiefer, q Quarzit, d Dolomit, y Griinschiefer und Serpentin, 
k Kalkschiefer, s kalkfreier Schiefer, F Fahrweg. 

Yom Visptal auf warts bis Katzhaus haben die glanzschiefer- 
artigen Kalk^esteine jene Beschaffenheit, welche wie bei Brig 
es unbestimmt la6t, ob man sie zum Lias oder zur oberen Trias 
stellen soil. Sie sind alle gegen Siiden geneigt und werden 
oben am Gehange yon Grunschiefern iiberlagert, die sich aber, 
ehe man Kalkhaus erreicht, bis zum Talboden herabsenken 
und einen ins Tal yorspringenden Sporn bilden. An diesem 
kleinen Hiigel sieht man den Kalkschiefer unter den Griin- 
schiefer einschieflen, iiber dem ein schmaler Zug Yon Quarz- 
glimmerschiefer mit sericitischen Glimmerhauten liegt. Unweit 
davon und oberhalb des Hauses ragt aus dem groBen Schutt- 
kegel auch noch ein Fels Yon siidwarts einfallendem Quarzit- 
schiefer heraus, der wohl ebenfalls anstehen diirfte. Weiter 

7* 



100 



talauf stellt sich dann wieder Grunschiefer im machtiger Ent- 
wicklung ein, der in der Hohe mit deni schon vorher beob- 
achteten zusainmenhangt nnd bis zu den an die A isp vor- 
springenden Felswanden der Hohenfluh heranreicht, wo er aber 
nicht, wie die Karte angibt, von dolomitischem Marnior, sondern 
yon Kalkschiefer iiberlagert ist. Kurz vor der Uberlagerung 
gewahrt man in dem Griinscbiefer einzelne adinolartig umge- 
wandelte Kalkbander eingebettet, Yon der Art, wie sie auchander- 




Fig. 9. 



Diabasgang im Kalkschiefer am linken Ufer der Visp zwischen Katz- 
haus nnd der Hohenfluh. 3 : 1000. 

warts beobacbtet, abertrotzdemnicbt als einGegenbevveisdafiir an- 
geseben Avorden sind, daB der Griinscbiefer urspriinglicb eine 
Tuffablagerung gewesen sei, die abwecbselnd mit Kalksedimenten 
abgelagert wurde. Gebt man aber Aveiter Yor bis zum han- 
genden Kalkschiefer, dann sieht man darin einige Griin- 
schiefer-Gange, die nicht paralell znr Schieferung Yerlaufen 
und deshalb wohl als diabasartige Intrusionen gedentet werden 
miissen. An der Fluh selbst liegt im Kalkschiefer ein Lager 
von kalkfreiem Schiefer, der teils schwarz, teils hellfarbig ist 
und sich talgig anfiihlt. Er ist Yon auffallend Yielen und starken 
weifien Q.uarzknauern und -linsen durchsetzt, die sich am 
Kontakt mit dem hangenden Kalkschiefer auch in diesem ein- 
stellen. Steigt man auf der Siidseite des Fluhfelsens bergan r 
so erreicht man bald wieder Griinscbiefer, der auf dem Kalk- 
schiefer liegt und weiter oben in der Hohe Yon Eich endlich 
Yon Dolomit iiberlagert wird. Dieser Dolomit, der sich von da als 



101 



geschlossener Zug nordwarts bis in die Nahe von Zen Stadlen 
verfolgen liiBt, ist es, den die Simplonkarte als Gewolbesattel 
eingetragen unci siidwarts herab bis zur Hohenfluh verlangert 
bat. Letzteres ist sicher niclit richtig, und man kann ganz leicht 
feststellen, daB erstens der Kalkschiefer der Hohenfluh weder 
Dolomit noch Marmor ist, zweitens, daB zwischen ihm und deni 
Dolomit von Eich ein miichtiger Griinschieferzug verlauft, und 
drittens, daB der von Xorden her gegen Eich herabziehende 
Dolomitzug schon vor Eich endet und gegen Siiden ganz von 
Oriinschiefer abgeschnitten und eingeschlossen wird. AuJ3erdem 
liegt auf diesem Dolomit, kurz ehe er endet, auf eine kurze 
Erstreckung von Yielleicht iiber hundert Meter, eine Lage you 
Quarzgliinmerschiefer, der demjenigen von Katzhaus sehr ahnlich 
ist. AVeiterhin gegen Norden versehwindet letzterer wieder, und 
«s liegt der Griinschiefer direkt auf dem Dolomit. liemerkens- 
wert ist auch noch, daB der Dolomit da, wo dieser Quarz- 
glimmerschiefer iiber ihm liegt, in seinen obersten Banken kalk- 
haltig wird. Das ganze Dolomitlager ist, soweit ich es beob- 
achten konnte, hochstens 50 Meter, Yielerorts aber auch minder 
machtig. Xurdlich you dem Punkt 1178, wo sich der Weg yor 
Zeneggen mit dem you Eich Yereint, streicht der Dolomit, der 
bis dahin auf der Ostseite des Weges zutage tritt und unter 
ihm steil abfallende Wande bilclet, deren helle Farben bis nach 
Yisp herunter leuchten, auf die Westseite heriiber, und man sieht 
am Wege selbst aufgeschlossene Kalkschiefer unter ihm zuui Vor- 
schein kommen, die sich als Zwischenschicht zwischen ihn und 
den liegenden Griinschiefer einschieben. In letzterem habe ich 
keine Serpentineinlagerungen entclecken konnen, dahingegen 
stellen sich in den Griinschiefern iiber dem Dolomit alsbald 
groBere Serpentinmassen ein und dariiber wieder Kalkschiefer 
bis Zen Stadlen. Yon dem oberen Dolomit oder Marmorzug, 
den die Simplonkarte da ganz breit durchzieht, war nichts zu 
sehen. 

Der intrusive Charakter der Griinschiefer geht aus diesen 
Beobachtungen klar hervor. Die basische Eruptivmasse hat 
sich zwischen die mesozoischen Seclimente eingeprefit, oft paral- 
lel zu den Schichtfugen, oft aber auch ist sie aus diesen Eugen 
heraus in andere iibergesprungen und hat dabei die urspriinglich 
direkt iibereinander liegenden Banke weit auseinandergeschoben. 
Sehr auffallend ist es, dafi die Dolomitwande, Y r elche von Aesch 
sich am Gehange heraufziehen bis Schulmatten (siehe Simplon- 
karte), dort plotzlich enden und w r eiter nordwarts nicht mehr 
hervortreten, daB aber etwa 200 m weiter unten am Gehange 
bei Eich die Dolomitwand unseres Profiles (Fig. 8) gerade da 



102 



auftritt, wo oben driiber die andere aufhort, und daB sie es 
ist, welche nord warts fortsetzt. Es scheint wenigstens so, als 
ob beide demselben Dolomitlager angehorten, das durch die 
sich einzwangenden Eruptivmassen auseinandergeschoben wurde. 
Durch eine genaue Kartierung der Umgebung von Zeneggen 
konnte der wirkliche Tatbestand leicht festgestellt werden. 
Der untere Griinschiefer hat uns ebenfalls deutliche Beweise 
fiir seine intrusive Natur gebracht, und so steht denn unser 
Ergebnis in vollem Einklang mit der Beobachtung an der 
Nanzliicke, und wir konnen es als ziemlich sicher aus- 
sprechen, daB im Simplongebiet basische Intrusionen 
in die vorhandenen mesozoischen sowie auch in die 
alteren Sedimente stattgef unden haben. 

Fiir die Altersbestimmung der Sedimente dieses eben be- 
schriebenen Gebietes haben mir nieine Begehungen viel 
mehr negative als positive Ergebnisse gebracht. Negativ sind 
sie vor allem mit Bezug auf die Simplonkarte, auf der die 
Kalkschiefer und Griinschiefer in den Jura, der Marmor und 
Dolomit in die Trias eingereiht wurden, wonach sich dann drei 
tektonische Mulden ergeben wurden. Damit stimmt jedoch der 
Quarzglimmerschiefer und Quarzit beim Katzhaus nicht iiberein, 
der sogar schon zu den Berisalschiefern gehoren konnte, aber 
keinesfalls als ein jurassisches Gliecl in die Kalkschiefer ein- 
gereiht werden darf. Auch der Quarzglimmerschiefer bei Eich, 
den die Simplonkarte, wenn auch in viel zu grofier Ausdehnung, 
angegeben hat, ahnelt sehr gewissen Berisalschiefern, und es 
konnte andernfalls hochstens noch die Trias fiir ihn in Betracht 
kommen. Ferner sind Griinschiefer und Serpentin sicher jiinger 
als die ganze Sedimentserie und in ihrer Verbreitung an kein 
bestimmtes Glied dieser Serie gebunden. 

Auch das Alter des schwarzen, eisenkiesreichen Schiefers, 
der an derHochfluh. unter, beziehungsweise zwischen dem gewohn- 
lichen Kalkschiefer liegt, bleibt ganz ungewiB. Wir wissen zwar, 
daB auch bei Brig und besonders bei Bach schwarze kalkfreie 
Schiefer im Kalkschiefer vorkommen, aber sie konnen doch mit 
jenem petrographisch so genau nicht identifiziert werden, daB 
ein gleiches Alter zwingend daraus hervorginge. Anch dafiir, 
daB alle Kalkschiefer bei Visp jiinger als der Dolomit sind, ist 
ein zuverlassiger Beweis nicht zu erbringen. Ihre Beziehungen 
zu dem Quarzglimmerschiefer bei -Katzhaus sprechen weit eher 
dafiir, das mindestens ein Teil derselben alter als Jura, also 
etwa triasisch ist. 

Ich will ferner noch darauf aufmerksam machen, daB am 
Weg, der von Visp in rein westlicher Richtung den Berg herauf 



103 



Each Birchen fiihrt, zimiichst zwar Kalkschiefer anstehen, wie 
es die Siinplonkarte angibt, bis zur Hohenkurve 780; dann 
aber streicht em Quaizglimmerschiefer iiber den Weg, und 
Aveiter herauf bis Punkt 992 fehlen anstehende Gesteine mit 
Ausnahnie eines ' schmalen Griinschieferzuges, der etwa in 
840 dieter Hohe sichtbar ist. Jener Quaizglimmerschiefer kann 
seiner Lage nach mit demjenigen yon Katzhaus ziisammenhangen. 

Bemerkenswert ist auch, daB die Sedimente bei Visp keinen 
so hohen Grad yon Metamorphose zeigen wie diejenigen im 
Gantertal bei Berisal. Es fehlen ihnen die yielen Granaten und 
Biotite, und der Marmor ist nicht so zuckerkornig und groB- 
krvstallinisch. Diese Verschiedenartigkeit fall t zusammen mit 
dem vollstiindigen Fehlen granitischer Intrusionen bei Visp. 

3. Die Stratigraphie der Berisalschiefer. 

Als solche bezeichne ich die yerschiedenartigen Glimmer- 
schiefer und Quarzitschiefer, yvelche einen wesentlichen und oft 
sogar den Hauptbestandteil der sogenannten Berisalgneise bilden. 
Sie sind allerdings yon zahlreichen Orthogneisen und Ainphi- 
bolitgesteinen lager- und gangformig durchsetzt, aber fiir die 
Altersbestimmung sind diese als ein jedenfalls jiiDgeres Element 
nicht ausschlaggebend. Die Glimmerschiefer haben eine sehr 
Avechselnde Zusammensetzung — Quarz und Glimmer sind die 
Hauptbestandteile. Der Muscovit bildet gewohnlich sericitisch 
A'erfilzte silberglanzende Hiiute. Daneben sind Granat und Biotit 
sehr haung, Hornblende und Chlorit seltener. Durch Zunahme 
des Quarzgehaltes uud Zuriicktreten der Glimmerhiiute gehen 
die Schiefer in Quarzite iiber, die als diinne Lagen oder auch 
dickere feste Banke zwischen den Schiefern liegen und wohl 
oft auch kleine Peldspatkorner enthalten, was aber bei der 
Feinkornigkeit des Gesteines im Felde nicht sicher festzustellen 
ist. Anderseits gehen die Glimmerschiefer auch durch Aufnahme 
von Feldspat in gneisahnliche Gesteine iiber, welche dann A'on 
echtem Orthogneis im Handstiick nicht immer mit Sicherheit 
zu unterscheiden sind, und die vielleicht auch "\virklich in diese 
iibergehen, insofern als sie im Kontakt mit solchen yorkommen 
und yon ihnen „feldspatisiert" wurden. 

Diese Berisalschiefer sind im Simplongebiet in auBerordent- 
licher Weise yon Granit, Gneis und Amphibolit gang- und lager- 
formig durchsetzt. Oftmals hat es den Anschein, als ob diese 
Eruptiya in den Schiefern regelmaBige konkordante Einlagerungen 
bildeten, wenn es aber gelingt, sie im Streichen zu yerfolgen, 
dann kann man haufig das Durchgreifende ihrer Lagerung 
erkennen. Sehr schon ist dies z. B. bei der Steinen-Alp (siehe 



104 



Fig. 6) zu selien, unci ebenso, wenn man vom Simplon-Hotel 
aiis in den Hiigelziigen der Hopschen-Alp heruuiwandert. Am 
AusfluB des Hopschen-Sees Hegt ein kleiner Hiigel von Glimmer- 




Fig. 10. 

Siidwestseite des Hiigels am Abfluft des Hopschensees, westlich vom 
Simplonhotel. Einlagerung von (I) granatfiihrendem Gaels im Glimmer- 
schiefer. 1 : 170. 

scbiefer, der in nordostlicher Richtung streicht und nach NW 
einfallt. An dem siidwestlicben Ende dieses Hiigels sieht man 
ein vier Meter breites Gneislager in dem Schiefer. Folgfc man 
diesem auf dem Siidabhang des Hiigels, so gewahrt man bald, 




Fig. 11. 

Siidabhang des Hiigels der Fig. 10 mit zwei Gneiseinlagerungen, von 
denen der obere (I) die Fortsetzung der Einlagerung auf- der Siid- 
westseite ist. 1 : 170. 

daB unter dem liegenden Glimmerscbiefer ein zweiter Gneiszug 
erscheiot, der sich alsbald mit dem oberen in der "Weise vereinigt, 
wie es die Figur 11 darstellt. 

Recht beqnem hat die PoststraBe von Berisal bis zu den 
,,Kalten "Wassern" Beobachtungen dieser Art durch ihre kiinst- 
lichen Felsanschnitte gemacht. Fortwahrender Wechsel zwischen 
Glimmerschiefern verschiedener Art und Gneisen mit oft schoner 
Biinderung, besonders wo es hornblendereiche Gesteine sind. DaB 
es keine Schicht-, sondern Erstarrungsbanderung ist, kann man 
sehr gut bei Stange 97 277 sehen, von wo nebenstehende Zeiclmung 



105 



(Fig. 12) genoiiimen ist. Die Eintragungen auf der Simplonkarte 
sind hier selir suuimarisch und lassen den Reichtum an Ortho- 
gneisen, welche dem Schiefer eingelagert sind, nicht erraten. So 
wird von Berisal an langs der Poststrafle bis Ref. IV nur Granat- 
glimmeTS chief er angegeben. Man trifft aber sowohl am Fronbaeh 
als insbesondere auch am Durstbach Gneise und fein'kornige 
Granitgneis' 1 , im Glinimerschiefer an und ebenso roten Gneis 




Fig. 12. 

Biindergneis bei Stange 97277 bei Rofugiam IV an der Simplonpo-st- 
strafie. Die dunkleren Binder fiihren Chlorit uod Horablende. 

(Granit mit vertikaler Banclerung) in der Nalie von Punkt 1718, 
wo der anstehende Glimmerschiefer mit 40 — 60° nacli SO 
geneigt ist. Das wiederholt sich bis zum Ref. IV, wo Ilorn- 
blendegesteine beginnen, die auf der Karte richtig angegeben 
sind, ebenso wie einige spater folgende Gneiseinlagerungen. 
Es ist allerdings nicht moglich, im MaBstab 1 : 50 000 alle 
Gneise einzutragen, weil deren zuviel da sind, und man darf 
deshalb der Karte daraus keinen Vorwurf machen. Nur hatte 
dies im erlauternden Text deutlicher hervorgehoben werden 
konnen. 

Fast iiberall, wo Gneisintrusionen vorhanden sind, ist der 
Glimmerschiefer mit Granaten gespickt, wo aber jene fehlen, 
wie z. B. an der Nanzliicke, da fehlen auch die Granaten im 
Schiefer. 



106 



Es ist mir nicbt gelungen, irmerhalb cler Berisalscbiefer 
stratigrapbiscbe Horizonte zu unterscbeiden. Im Streichen be- 
wahren sie zwar auf groBe Erstreckungen eine ziemlicbe 
Bestandigkeit, aber ibre Neigung ist groBem Wecbsel unter- 
worfen. Zwiscben Berisal und Rotwald berrscht sudostlicbes T 
yon da ab gegen die Kalten Wasser nordwestlicbes Fallen vor, 
und das bait an liber den SimplonpaB bis Hopscben. Bei 
Wiinge und an der Nanzliicke ist die Neigung wieder eine siid- 
ostlicbe. Es entspricht das einer muldenformigen Lagerung T 
deren Acbse yon S "W nacb NO streicbt. Aber am Nordrand, wo 
die mesozoiscben Kalksedimente im Gantertal und bei der 
Steinen-Alp angrenzen, ist ibr Einfallen wieder ein nordlicbes 7 
als ob an die Mulde sicb im Norden ein Gewolbe anlegte, auf 
dessen Nordfliigel aucb tatsiicblicb die mesozoiscben Kalke 
aufliegen. 

Dies ist der Grund, wesbalb man ganz allgemein bisber 
angenommen bat, daB die Berisalscbiefer alter als die Trias 
sind. Gerlach bat sie bei seinem pracarboniscben „jiingeren 
metamorpbiscben Scbiefer" untergebracbt. C. Schmidt und 
Schardt sind geneigt, sie fur arcbaiscb zu balten. Wenn man 
aber nacb palaontologiscben Beweisen gefragt wird, dann muB 
man zugeben, daB diese Tollstandig feblen, und zwar nicbt nur 
bier im Simplongebiet, sondern auf der ganzen weiten Erstreckung 
bis zum GroBen St. Bernbard. Das Carbon, welcbes im Westen 
palaontologiscb sicbergestellt ist, stebt in keinem urspriinglicben 
Zusammenbang mit den Berisalscbiefern, und die im Osten 
eingetragenen scbmalen Carbonstreifen, die allerdings so liegen, 
daB sie entweder als die obersten Berisalscbiefer selbst oder 
als ein dariiber abgelagertes Sediment angeseben werden mussen, 
sind ibreni Alter nacb unbekannt. DaB sie ruBig abfarben und 
etwas Grapbit entbalten, kann nicbt als ein Altersbeweis 
gelten. Sicber stebt nur fest, daB an genugend yielen Stellen 
die mesozoiscben scbistes lustres iiber den Berisalscbiefern 
liegen, so daB diese jedenfalls alter als jene sein mlissen, und 
daB da, wo jene wirklich nnter diesen liegen, dies Folge 
tektoniscber Bewegungen sein muB. Ob die Berisalscbiefer 
palaozoiscb oder nocb alter sind, kann nicbt ent- 
schieden werden, und ebensowenig ist es moglicb, ver- 
schiedenalterige Horizonte darin aus zus cb eiden. Fiir 
die Bebauptung, daB zu oberst die bellen granatfiibrenden 
Glimmerscbiefer, darunter die Ampbibolitscbiefer und zu unterst 
Muscovitgneise und Augengneise liigen, babe icb nirgends Be- 
lege finden konnen. 

Soweit meine Erfabrungen reicben, ist die Yerbreitung der 



107 



Berisalschiefer auf der Simplonkarte sehr zutreffend angegeben. 
Recht auffallend ist, dafi dieser Schiefer fast iiberall von 
mesozoischen Kalksedimenten umgeben ist, die ihn von den 
auderen Gneisen trennen, und dafi nur im Siiden bei Gabi und 
Zwischenbergen dieses trennende Band zwischen ihm und dem 
Monte-Leonegneis fehlt. 

4. Der Kontakt zwischen den Berisalschiefern und den 
mesozoischen Schichten. 

Die Yerfasser der Karte nehmen eine diskordante Auf- 
lagenmg au, weil die mesozoischen Schichten nicht iiberall mit 
ihren altesten, den triasischen Sedimenten liber den Berisal- 
schiefern liegen, und weil diese gerade da, wo noch die Carbon- 
schiefer vorhanden sind, fehlen und die jurassischen Schiefer 
das unmittelbare Hangende bilden. Es soli dies eine Trans- 
gressionserscheinung sein. Dal3 dies schwer zu beweisen ist, 
haben wir schon gesehen, denn an der Nanzliicke und an 
auderen Orten, wo die Karte Jura eingezeichnet hat, ist diese 
Altersbestiinmung sehr zweifelhaft. Im iibrigen iiberzeugt ein 
Blick auf die Profile, welche den Erlauterungen der Karte 
beigegeben sind, dafi trotzdem durchweg der Schichtverlauf 
der pratriasischen und der mesozoischen Gesteine als konforni 
eingezeichnet ist. Dies entspricht auch wirklich den tatsachlichen 
Yerhaltnissen. Ich habe besonders darauf geachtet. ob eine 
Diskordanz existiert, und gefunden, dafi an yielen Stellen, wo 
die Aufschlusse sehr gut waren, die Kalksedimente so konform 
den Berisalschiefern liegen, dafi es genauer TJntersuchung be- 
durfte, urn iiberhaupt die wirkliche Grenze sicher festzulegen. 
Besonders gut lafit sich das hinter dem Simplon-Hospiz bei 
Rotelsch feststellen. Nur bei "Wange am Schiefihorn, wo Kalk 
und Schiefer gleicher\veise nach SO einfallen, glaubte ich im 
Streichen eine kleine Diskordanz daran erkennen zu konnen, 
dafi die infolge yon Uberkippung im Hangenden befindlichen 
Schiefer auf die Kontaktflache mit den Kalkschiefern zustreichen 
und z. T. an ihr abstofien, was aber freilich auch Folge der 
spateren starken tektonischen Bewegungen sein konnte. 

Daraus ergibt sich, dai3 die Berisalschiefer ihre urspriing- 
lich horizontale Lagerung noch gar nicht oder doch nur ganz 
wenig yerloren hatten, als die jungeren Kalksedimente darauf 
zum Absatz kamen, und ich schliefie daraus weiter, dafi jene 
nicht yiel alter als diese sind. "Waren sie wirklich archaisch, 
dann sollte man doch erwarten, dafi sie in der langen palao- 
zoischen Zwischenzeit Lagerungsstorungen erlitten oder min- 
destens durch Erosion und Yerwitterung eine mit dem Yerlauf 



108 



der Scbicbtgrenzen niclit rnebr ubereinstimrnende Oberflache 
bekommen batten. Die Wabrscbeinlicbkeit spricht des- 
balb dafiir, daB die obersten Berisalscliiefer ein jung- 
palaozoiscbes Alter baben. 

5. Stratigraphie der Kalksedimente auf der Siidseite 
des Sfmplon. 

Die mesozoiscben Scbicbten, die wir bisber besprocben 
baben, liegen alle auf der Nordseite des Siinplon. Sie streicben, 
wie dies auf der Karte sebr deutlicb bervortritt, in nordostlicber 
Ricbtung iiber Binn unci clas Blindenhorn als ein breites Band 
bis zum Nufenenstock und in dieser Ricbtung uocb weiter durcbs 
Bedrettota]. Am Banborn jedocb zweigt sicb davon ein Ast ab, 
der urn den Gneisstock des Ofenborns berumbiegt, erst mit 
sudlicber unci dann mit siidwestlicber Ricbtung. Gneise scbalten 
sicb weiterhin dazwiscben ein, so daB clieser Ast alsbald in 
mebrere auseinanclergebt, die unter vielfaltigen Kriiinmungen 
das Gebiet im Siiden des Simplon durcbzieben. Die Karte 
scbeidet aucb bier wie im Norden den triasischen und juras- 
siscben Anteil sowie den Griinscbiefer aus, der bald in der 
Trias, bald im Jura liegt. AuBerdein treten aber nocb andere 
Gesteine binzu, die auf der Nordseite gauz oder fast ganz 
feblen. Es sind dies die „granathaltigen Glimmerpbyllite", die 
besonders bei Baceno und Varzo groBe Yerbreitung baben, und 
die „sericitiscben Quarzglimmerscbiefer", die in groBeren Mengen 
in der Nordostecke der Karte vorkomnien. Sie werden beide 
in die Trias gestellt. Des weiteren findet man im Nordostgebiet 
der Karte die jurassischen „braunen, Cjiiarzigen Schiefer mit 
Biotit u . Da in diesen baufig allerdings kalkfreien Gesteinen 
doch macbtige Marmorlager eiugelagert sind, so konnen wir 
aucb sie zu den Kalksedimenten zahlen. 

AVir baben aber zu untersucben, iu^Yieweit diesen petro- 
grapbiscben Gliedern eine stratigrapbiscbe Bedeutung zukommt, 
und wollen zuniicbst mit den „Bacenoscbiefern i- beginnen, welcbe, 
wie eine Insel ringsum yon Gneis eingerabmt, mit den 
iibrigen mesozoiscben Scbicbten in keine unmittelbare Be- 
riibrung kommen. 

a) Die Bacenoscliiefer. 
Die Gesteine sind durcbweg bocbkrystalliniscb und ab- 
geseben von den eingelagerten Alarmoren petrograpbisch deutlicb 
yon den bisber besprocbenen mesozoiscben Scbiefern unter- 
scbieden. Sie sind Yollstandig frei von Calcit. Die zwei Marmor- 
lager beben sicb mit ibrem Kalkgebalt scbarf yod ibnen ab 



109 



und sind petrographisch durch kerne Ubergange rnit ihnen 
verkniipft. Gerlach hat sie cleshalb fiir bedeutend alter gehalten 
und zur pracarbonischen, oberen Abteilung der metamorphosen 
Schiefer (Casannaschiefer e. p.) gestellt. Auch Schmidt (Eclogae IX, 
S. 505) war anfangs geneigt, sie fiir palaozoisch anzusehen, halt 
sie aber jetzt fiir triasische „Einklemmungen u zwischen den 
archaischen Gneisen. In erster Linie war fiir ihn bestimmend, 
daB sie von archaischen Gneisen unter- und iiberlagert sind, 
geradeso wie die mesozoischen Sedimente in seiner Ganter- 
und Eistenmulde. Sodann fand er den Bacenoschiefern ahnliche 
Gesteine bei Varzo, die dort aber in engeni Yerband mit Gips 
und Rauliwacke stehen, und denen er deslialb ein triasisches 
Alter gab. Die Altersbestimmung beruht also lediglich auf 
petrographischen Ahnlichkeiten, denn die betreffenden Schiefer 
von Varzo stehen in keiner sichtbaren Yerbindung mit denen 
yon Baceno. 

In welchem Yerband stehen die Bacenoschiefer mit 
dem G n e i s ? 

Im Antigoriotal oberhalb Crodo liegt der Bacenoschiefer 
auf dem Yerampiogranit, der allerseits die Steilwande des hier 
kesselartig enweiterten, aber tief eingeschnittenen Tales der 
Toce aufbaut. Es kann ein Zweifel daruber nicht aufkommen, 
daB dieser Granit, den Gerlach als Crodogneis bezeichnet hat, 
veil es Stellen gibt, wo er eine deutliche Parallelstruktur 
zeigt, die Unterlage des Bacenoschiefers bildet, welche talauf- 
warts und -abwarts in den Boden sich herabsenkt und ver- 
schwindet. Der Granit erscheint somit wie in einem yon 
Bacenoschiefern umrahmten Fenster. Leider ist die un- 
mittelbare Auflagerung des Schiefers auf dem Granit an den yon 
Moranen, Gehangeschutt und Wald bedeckten Gehangen meist 
verhullt, und ich kenne nur den einen AufschluB an der Post- 
straBe iiber Monpiano, der durch die Anlage der StraBe ge- 
schaifen worden, und der alien Geologen, welche diese Gegend 
besucht haben, wohlbekannt ist. Ich habe ihn im Herbst 
1909 kennen gelernt. Die glaciale Erosion hat den Glimmer- 
schiefer starker angegriffen als den Granit und so in die etwa 
80 m hohe Felswand gerade da eine Stufe herausmodelliert, 
wo der Schiefer dem Granit auf liegt. Bei Anlage der Post- 
straJBe hat man diese Stufe erweitert und im Granit durch 
Sprengung frische AufschliiBe erzeugt, wahrend der Glimmer- 
schiefer unberuhrt blieb, so claB auch jetzt noch der schmale 
Falz stellenweise you eingepreBter Morane erfullt ist, welchen 
der diluYiale Gletscher gerade an der Auflagerungsstelle in die 



110 



Wand hineingearbeitet hat. Aber man braucht nur dem Kon- 
takt etwas zu folgen, indem man auf die Granitfelsen herauf- 
steigt, was keine besonderen Kietterkiinste erfordert, dann sieht 
man ihn vollkommen freigelegt. Der Granit ist frisch bis her- 
auf zum Kontakt wie aus einem GuB. Er ist feinkornig und 
hat schwach gneisartige Struktur. Quarz- und Aplitgange durch- 
setzen ihu schnurgerade. Audi im Glimmerschiefer gibt es viel 
Gangquarz, er ist aber in Form von Linsen und unregelmafiigen 
Knauern der Schieferuug ziemlich genau parallel angeordnet, und 
es steht das zu der Anordnung der Gangcjuarze itn Granit in 




Fig. 13. 

TJberlagerung des Verampiosgneises (gr) durch die Bacenoschiefer (s). 
Ungefahr 1:300. 

q Quarzknauer, von denen der groBte am Granit bis 1 Meter breit ist. Bei x 
zungenformiges Eingreifen des Granites in den Schiefer. p — p PoststraBe. 

einem auffalligen Gegensatz. Der Glimmerschiefer selbst ist 
vollig krystallin und besteht hauptsachlich aus wohlausgebil- 
•deten Glimmerblattern und Quarzkornern, Es fehlen ihm jene 
-eng yerfilzten Glimmerhaute des gewohnlichen Quarzglimmer- 
schiefers, und ware nicht die Schichtungsbanderung vorhandeu, 
so konnte man sagen, dafl er ein granitisches Gefiige habe. 
Auf den ersten Blick gewinnt man den Eindruck, dafi die 
Schichtung der Glimmerschiefer mit der Auflagerungsflache auf 
dem Granit parallel lauft, aber bei genauerem Zusehen gewahrt 
man, wie die Figur 13 zeigt, daJ3 eine schwache Diskordanz deut- 
lich ausgepragt ist. An einer Stelle, wo die Kontaktflache sich 
von dem StraBenniveau schon etwas eiitfernt hat, greift der Granit 
jzungenformig in den Schiefer ein, als ob er apophysenartig in 
ihn eingedrungen ware. Beweise dafiir, dafi die Glimmerschiefer 
ursprunglich auf einem viel alteren Granit abge^agert worden 
seien, liefert somit dieser AufschluB in keiner Weise. Die 
Oberflache des Granites zeigt keine Spuren von Verwitteruug, 
Erosion oder ahnlichen Erscheinungen unter dem Glimmer- 
schiefer, und dieser enthalt keine klastischen Granittruinmer. 
Die eigentiimliche Verzahnung der beiderlei Gesteine hingegen 



Ill 



spricht fiir die intrusive Natur des Granites und damit fur dessen 
jiingeres Alter. Der Vorkampfer fur das jiingere Alter des 
Tessiner Gneises, G. Klemm hat 1910 denselben Eindruck ge- 
nommen und in den Monatsber. der D. Geol. Ges. 1911 S. 468 
•daruber eine Mitteilung gemacht. 

Die Beziehungen des hangenden Antigoriogneises zu den 
Bacenosehiefern an guten Aufschliissen zu studieren, ist mir 
nicht gelungen. Im Deverotal heraufgehend siebt man jedocb, 
wie in den Glimmerschiefern, die teils granatreich und voll von 
weiBen und griinen Sericithauten, teils stark quarzhaltig, 
■glimnierarm und nur kleine Granatkorner fuhrend sind, ein 
ziemlich machtiges weifies Marmorlager eingesclialtet ist, 
und daB allesanit, schwaeh am Gehange ansteigend, oben an 
der Gneisdecke unter spitzem AVinkel diskordant abstoBen. 
(Siebe Taf. VIII Fig. 4.) Ahnlich ist es auch auf der Karte einge- 
tragen. Der Diskordanzwinkel ist allerdings nicbt groB, aber 
so gestellt, als ob nicbt die Schiefer urspriinglich diskordant 
auf dem Gneis abgelagert worden und jetzt erst durcb nach- 
tragliche Inversion aller Schichten unter den Gneis zu liegen 
gekommen, sondern als ob umgekehrt die Schiefer von clem 
spater sich darauflegenden Gneis abgeschnitten worden waren. 

Wir kommen also zu dem SchluB, daB das jiingere Alter 
derBacenoschie fe r nicht be wiesen, hinge gen das jiingere 
Alter der Gneise im Hangenden und Liegenden sehr 
wahrscheinlichist. 

Sind die B acenoschi efer mit den Granatglimmer- 
schiefern bei Varzo gleichalterig ? 
Die Erlauterungen sagen (S. 20): „In dem Schiefergebiet 
von Varzo wurden „granathaltige Glimmerph) T llite" eng ver- 
bunden mit Triasgesteinen gefunden, namentlich im Kehrt'unnel 
und an der Grenze gegen den aufliegenden Antigoriogneis im 
Cairascatal." 

Urn mich davon zu iiberzeugen, daB diese Granatglimmer- 
schiefer einen von den jurassischen Kalkschiefern trennbaren 
Horizont bilden, babe ich beide Gehange des Cairascatales be- 
gangen. Auf der rechten Seite dieses Tales fuhrt ein Weg 
von der PoststraBe weg iiber Cionina nach Nembro, und die 
Karte zeichnet ein Band von Granatglimmerschiefer auf diesem 
Weg bis Cioina ein, das von Antigoriogneis unmittelbar tiber- 
und von jurassischem Kalkschiefer unterlagert ist. Doch schiebt 
sich im Siiden ein 900 m langer Rauhwackenzug und bei Cioina 
ein 450 m langer Marmorzug zwischen den Granatglimmer- 
schiefer und den Jura ein. Hier schienen also die Verhaltnisse 



112 



sehr klar zu liegen. In Wirklichkeit fancl icli es anders. Am 
Ausgang des Cairascatales, aber noch ini Diveriatal, sielit man 
allerdings nnter clen hohen Gneiswanden mit 15° nach Stiden 
geneigt ein gips- imd glimmerreiches Rauhwackenlager von 
geringer Machtigkeit ausstreichen, aber der Granatglimmerschiefer 
zwischen beiden fehlt. Am Anstieg des Trasqueraweges liin- 
gegen, wo der Granatglimnierschiefer zu sehen ist, fehlt die 
Rauhwacke, und audi der Glimmerschiefer verschwindet auf 
dem Wege nach Cioina kurz nach der Abzweigung yon dem 
Trasquerawege unter der Moranendecke. Der hangende Gneis 
bildet hoch liber dem Wege Steilfelsen, darimter ist Schutt und 
Moranenbedeckung ; erst wo in einer Meereshohe von 900 m ein 
von Fracchia herunterkommender WasserriB den Weg kreuzt, 
stent wieder Glimmerschiefer an, schwach in den Berg fallend 
imd noch erheblich hoch am Gehange heranf Felsen bildend. 
Die untere Grenze des Antigoriogneises ist auf der Karte hier 
also viel zu tief herab gelegt. Als anstehende Gesteine trifft 
man dann erst wieder zwischen Cioinafuori und -dentro an 
einern kleinen WasserriB in fast horizontaler Lagerurig eine 
nicht sehr machtige helle Marmorbank, dariiber zunachst glimmer- 
reichen Marmor und dann Granatglimmerschiefer. Das ist das 
auf der Karte eingetragene Marmorband. Die in der Cairasca- 
schlucht darunter liegenden Kalkschiefer sind unznganglich, und 
auch der dariiber liegencle Gneis ist nicht zu beobachten, da 
alles won Moriine bedeckt ist. Die Karte hat hier also den 
Charakter einer abgedeckten Karte, und es lafit sich nicht fest- 
stellen, ob sie den Tatsachen Yollig gerecht wird. 

Giinstiger fiir die Untersuchuug erwies sich das jenseitige 
Gehange, wo die Kalkschiefer yiel hoher am Gehange herauf- 
steigen. Die Karte gibt in ihnen eine Granatglimmerschiefer- 
einlagerung bei Mauloue und eine zweite zwischen dem Kalk- 
schiefer und dem Gneis in der Fresaiaschlucht an. Der hangende 
Gneis tragt ferner erheblich dariiber noch einen Kalkschiefer- 
zug, der bei Proso im SO beginnt und liber die Alp Convalo 
bis St. Domenica zieht, somit eine Langserstreckung von 6 km 
und eine maximal e Machtigkeit von 200 m hat. Da er wieder- 
um von machtigem Antigoriogneis iiberdeckt ist, erscheint er 
wie eine groBe Linse in diesem Gneis eingeschlossen. 

Schon am Saumweg, der von Yarzo nach der Alpe Yeglia 
fiihrt, hat man gute Aufschliisse der sehr marmorartigen „juras- 
sischen" Kalkschiefer, und man kann oft Wechsellagerung mit 
kalkfreien granatfiihrenden Glimmerschiefern beobachten. Im 
allgemeinen haben die Schiefer eine Neigung nach SW, z. T. 
steigt dieselbe bis 30°, hoher am Gehange aber wird sie 



113 



flacher bis sohlig. Das Granatglinmierschiefer-Lager bei Mau- 
lone tritt nicht, wie es die Karte angibt, als etwas besonderes 
hervor, weil solche Schiefer sowohl weiter unten als 
weiter oben vorkommen. In einer Mereshohe yon ungefahr 
1300 m legt sicli dann der Gneis iiber den Schiefer. Die Karte 
ist bier ungenau nnd zieht ihn im Maulone-Bach yiel zu tief 
herab, und anderseits die Morane iiber die auf der 
topographischen Karte bei Calendra richtig eingetragene Fels- 
wand zuweit herauf. Yon Calendra bis zur Alp Conyalo 
bleibt man im Gneis. Die Hiitten dieser Alp liegen auf der 
recliten Seite der Fresaia-Schlucht und nicht auf der linken, 
wie die topographische Karte irrtiimlich angibt. Sie stehen nochauf 
Gneis, der bis zur Waldgrenze heraufgeht; dann erst folgt dar- 
iiber grobkorniger Marmor, dessen Biinke aber nicht mehr nach 
SW, sondern mit 10 — 15° bergwarts einfallen. Die unmittel- 
bare Uberlagerungsflache ist nicht entbloflt, doch besteht kein 
Zweifel iiber die Tatsache der tlberlagerung. Dariiber foigen 
dunkle Granatglimmerschiefer von hochstens 50 m Machtigkeit 
und dann \yieder Gneis, zu unterst biotitreich und feinkornig, 
nach oben in Augengneis iibergehend. Diese Gneiskuppe bildet 
den mit 1835 bezeichneten Hiigel der Karte, wo statt dessen 
Morane und Kalkschiefer eingetragen sind. Der Gneis bildet 
nur einen Yorsprung der dahinter etwa 400 m hoch aufragenden 
Gneismasse des Pizo del Balzo. 

Wir sind somit hier zu dem Ergebnis gelangt, daB es un- 
moglich ist, den kalkfreien Granatglimmerschiefer als einen 
besonderen stratigraphischen Horizont yon den Kalkglimmer- 
schiefern abzutrennen. Beide Gesteinsarten stehen in inniger 
Wechsellagerung, und grobkornige Marmor-Banke sind ihnen 
ebenfalls eingeschaltet, in ihrer hellsten Yarietat allerdings stets 
in der Nahe des Gneises. 

Will man also den Quarzglimmerschiefer als ein fur die 
Trias charakteristisches Gestein auffasseu, so muB man alle 
Yarzoschiefer in die Trias stellen. Aber dann wird man erst 
recht gewahr, daB die Bacenoschiefer als Gauzes genommen 
petrographisch sich yon den Yarzoschiefern erheblich unter- 
scheiden, weil ihnen die vielen Kalkglimmerschiefer fehlen, und. 
man kommt so immer wieder zu dem Ergebnis, dafi 
keine Tatsachenyorliegen, welch e bestimmte Hinweise 
auf das Altersv erh altnis der beiderlei Schiefer- 
komplexe zueinander geben. 



Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 



8 



114 



b) Die Giacomoschiefer. 

Welche Stellung nehmen die „braunen, quarzigen 
Schiefer niit Biotit" ein? 

Hauptsachlich im nordlichen Teile der Karte spielen diese 
auf der Karte rnit einer grauen Farbe besonders ausgezeichneten 
Schiefer eine wichtige Rolle. Die Erlauterungen stellen sie in 
den Jura und bemerken dazu: „In einer Zone., die vom 
Bedrettotal iiber St. Giacomo nacb der Lebendunalp und der 
Alpe Busin ziebt, ferner in einzelnen kleinen Teilmulden am 
Ostabhang des Monte Giove, sowie am Nordrand der Teggiolo- 
mulde im Talboden uuterhalb der Tosafalle zeigen die Biindner- 
schiefer allgemein eine quarz- und biotitreicbe Ausbildung. Sie er- 
langen so das Aussehen von plattigen, meist rot anwitternden fein- 
kornigen Gneisen. In der Hauptsache besteben diese Gesteine 
aus Quarz, Kalkspat, wenig Plagioklas und reicblichem braunen 
Glimmer. Hornfelsartige Typen fehlen auch hier nicht. Als 
Porphyroblasten treten z. B. bei Morasco dezimeterlange Iiorn- 
blendebiindel auf. Helle ziemlich massige Abarten, in denen der 
Glimmer etwas zuriicktritt, findet man oberhalb der Tosafalle. 
Im A T al Toggia und auf der Gigelnalp treten in dieser Zone, 
typiscben Triasgesteinen benachbart, helle Muscovitschiefer auf, 
die Porphyroblasten yon Biotit fiihren." (Erl. S. 26. 27.) Wie 
auch aus seinen Profilen 1 — 5 hervorgeht, faGt Schmidt diese 
Schiefer als eine besondere Facies der jurassischeu Sedimente 
auf, die im Streichen in die Kalkfacies iibergehe, und stiizt 
auf ihr Angrenzen au triasische Marmore, Dolomite und Gips- 
lager ihr jurassisches Alter. Yersteinerungen sind darin noch 
nicht gefunden worden. Um diese „Giacomo-Schiefer", wie ich 
sie der Kiirze halber bezeichuen will, kennen zu lernen, bin 
ich yon Crodo das Autigorio- und Formazzatal heraufgegangen 
und habe vom Tosa-Hotel aus Touren ins '.Griestal sowie zum 
Schwarz- und Kastelsee unternommen. 

Auf diesem Wege sieht man zuuachst, wie die Baceno- 
schiefer im oberen Antigoriotale uuter den machtigen Antigorio- 
gueismassen verschwinden und das Tal dann nur noch in diesen 
Gneis eingeschnitten ist bis Tuffald im Formazzatal 1 ). Dort 



') Das Aatigoriotal endet bei Foppiano (870 m iiber Meer), und 
seine obere Fortsetzung bildet das Formazzatal, dessen Talboden bei 
Staffehvald 1200 m hoch liegt. Die Toce flieBt von dort durch eine 
enge 1 " 2 km lange Schlucht, mit der sie die iiber 300 m hohe Talstufe 
iiberwindet, ins Antigoriotal herab. Die untere Halfte der Selilacht 
ist in den Gneis eingeschnitten, in der oberen H'ilfte hat sich der FlnB 
seinen Weg dutch eine gewaltige Bergstarzmasse gebahnt, die aus dem 



J 15 



koinrnen imter dem Gneis, weil er an beiden Talgehangen 
gegen Norden rasch in die Hohe steigt, wieder Sedimentgesteine 
zum Vorschein. Es sind aber keine Bacenoschiefer, die hier 
wieder zu erwarten waren. Auf der linken Talseite stehen 
kieselige Kalkschiefer an, uber clenen ein inachtiges Quarzit- 
lager liegt. Auf der rechten Talseite hingegen steht ein heller 
Doloinitmarmor voll von Phlogopit, Skapolith und Tremolit an. 
Solche Gesteine sind den Bacenoschiefern fremd. Weiter tal- 
aufwarts bei Gurf oder Crovella wird das Tal yon einem Fels- 
riegel gesperrt, der aus NW einfallenden Quarzit- und Glimnier- 
schiefern gebildet ist, und ein zweiter Riegel von mit 50° nach 
NW geneigtera, hellem Quarzitschiefer sperrt das Tal bei 
Unterfrutt. Dann folgt der Lebendungneis der 143 m hohen 
Tosawasserfallwand, dessen Banderung unter Winkeln von 40° 
und mehr nach NNW geneigt ist. Der Schiefer verschwindet 
somit hier unter dem Lebendungneis und nicht, wie man er- 
warten sollte, wieder unter dem Antigorio. Da Herr Arndt 
die interessanten Kontaktverhaltnisse bei Tuffald zu beschreiben 
ubernommen hat, will ich darauf hier nicht naher eingehen. 

Etwa 400 m talaufwarts vom Hotel erreicht der Lebendun- 
gneis auf der linken Talseite bereits sein Ende, und es folgen 
jene Giacomoschiefer, die aber von dem Gneis durch eine Lage 
von stellenweise granatfuhrendem Glimmerschiefer und einem 
mehrere Meter machtigen Marmorlager getrennt sind. Sie fallen 
mit 40° gegen SO unter den Gneis ein und liegen selbst auf 
•dem Giacomoschiefer. Beachtenswert ist es, daB die Banderung 
des Gneises entgegengesetzt gegen NW einfallt, und nur am 
Kontakt mit den Schiefern langs des Weges, der herauf zur 
<jigelnalp fiihrt, gewahrt man Einfallen nach S. 

Der Giacomoschiefer baut nicht nur den Riegel auf, der 
den Talboden von Oberfrutt von dem Kehrbachi trennt, sondern 
audi den ganzen Hohenzug, der vom Rotebalmhorn sich gegen 
Kehrbachi herabzieht. An der Briicke unterhalb Kehrbachi 
liegen mitten im Tal drei kleine Hiigel, der links von der Toce 
ist auf der topographischen Karte nicht eingetragen. Auch er 
besteht aus SO fallendem Schiefer, dem aber im Hangenden 
noch eine Lage von Kalkschiefer aufgesetzt ist. Ahnlich wie 
bei Oberfrutt legen sich also die Kalksedimente auch hier auf 
den Giacomoschieferzug, der bis zum Neufelgiugraben eine 

Tal des Riebbo vom Wandfluhmassiv sich herabgewiilzt hat bis zur 
Geschenbriicke. Es ist ein gewaltiger Triimmerhaufen , der auf der 
Simplonkarte irrtiimlich als ansteheuder Gneis eingezeichnet wurde UDd 
ehemals das Formazzatal herauf bis Andermatten in ein Seebecken um- 
gewandelt haben muB. 

8* 



116 



Breite yon beinahe iy 2 km hat. Bei Morasclig auf der linken Tal- 
seiteliegen dieseSchieferhingegenaufKalkschieferuninittelbarauf, 
und yon der Raubwacke, die in der Karte hier eingetragen ist, 
fehlt jede Spur. Sie stent aber irn Neufelgiugraben an dessen 
rechtein Gehange an nnd scbiebt sich bier zwiscben den 
Giacomoscbiefer und den Kalkscbiefer des Banbornes ein. Das 
Gelande ist freilich stark yerschiittet, und es ist desbalb der 
Kontakt der Raubwacke sowohl mit den bangenden wie aucb 
den liegenden Scbiefern unsichtbar. Wo der Griesbacbweg in 
Serpentinen die bintere, fast 200 m bobe Welscbenbieler Tal- 
stufe herauffiihrt, steben mit steiler Neigung nacb SO und zu- 




Fig. 14. 

Profil durcb das linke Gehange des Griestales. 1:36000. 

gn Lebendun-Gneis, d Dolomit in Wechsellagerung mit Marmor und Schiefer, 
k glimmerreiche, z. T. granitfiihrende Kalkscbiefer. g Giacomoschiefer. 



letztganz seiger ersteineMarmorbank, dannniebrereDolornitbanke 
an, die durcb Gips und Scbiefer yoneinander getrennt sind. 
Danach folgen granatreicbe Kalkscbiefer und nacb der Simplon- 
karte wiirden irn Bettelmatter Talboden nocb mebrere Rauh- 
wackenziige sicb einscbalten, bis zu denen icb aber wegen ein- 
brecbender Dunkelbeit nicht mebr yordringen konnte. Die 
Kartierung an den Welscbenbieler Weg-Serpentinen stimnit nur 
im allgemeinen rnit rneinen Beobacbtungen. 

Die Giacomoscbiefer sind somit yon Kalkschiefern im 
Norden unter- und im Siiden iiberlagert. Die nordlicben Kalk- 
scbiefer entbalten im Liegenden eine ungefabr 400 m breite 
Dolomit- und Gipszone, und wenn man diese als Vertreter der 
Trias ansiebt, dann geboren die bangenden Kalkscbiefer ent- 
weder aucb nocb als obertriasiscbe Scbicbten bierzu oder scbon 
zum Jura. Die Giacomoscbiefer konnten somit als nocb jiingere 
Yertreter des Jura aufgefaBt werden. Gegen Siiden sind sie you 
Kalkscbiefern iiberlagert, die aber nicbt nur die scbon erwabnte 
Marmorbank, sondern, wenn man ibnen im Streicben gegen den 
GiacomopaB folgt, auch mebrere Dolomitbanke und ein Gipslager 
einscblieBen, so daB sie ebenfalls als triasiscb gelten konnen. 



117 



Wenn also das Griestalprofil als erne nacb Norden iiber- 
gekippte Mulde gedeutet wird, dann liegen die Giacomo- 
schiefer als Jiingstes im Muldenkern unci konnten 
entweder noch jiinger als Lias sein oder diesen als 
eine besondere Facies vertreten. Spuren einer Diskordanz 
zwischen ihnen unci den Kalkscbiefern habe ich nicbt wabr- 
nebnien konnen, und so ist es zunachst recbt wabrscbeinlicb, 
clafi sie nocb der Juraformation angehoren. Aber Sicherheit 
besteht dariiber nicht. 



nw SO 




Fig. 15. 

Felsriff oberhalb des Giacomoweges in 2010 m Meereshohe, 500 m 
westlich von K des Wortes Kastelsee. 

Im Kalkglimmerschiefer Hegt 1 m Gips (y) mit glimmerigen Zwischenlagen. 
Die Dolomitbanke (dl und d2; sind je 1,5m machtig. 

Im Formazzatal bei Unterfrut und am Westufer des Kastel- 
sees gibt die Karte isolierte, aber groBere Partien abnlicber 
Scbiefer an. Was sie yon den ecbten Giacomoscbiefern zu 
unterscbeiden scbeint, ist ihre enge Yerknupfung und Wecbsel- 
lagerung mit Kalkscbiefern sowie ibre meist helle Farbe, wo- 
durcb sie petrograpbisch sicb anderen Quarziten sebr nabern, 
die im Gebiet der .Bedrettomulde nicbt allzuselten den liasiscben 
Kalkschiefern eingelagert sind. £s liegen somit keine zwingenden 
Griinde vor, sie stratigrapbiscb mit den Giacomoscbiefern zu 
vereinigen. 

c) Die hellen quarzitischen Schiefer mit Sericit. 
Diese oftmals aucb granatfiihrenden Gesteine rechnet 
die Karte zur Trias. Ibre Hauptverbreitung liegt im Nordosten 
des Kartenblattes. Kleinere Yorkommen sind, mit Ausnahme 
einiger Partien im Binnental, am Gipfel des Teggiolo und bei 



118 



"Visp, nicht eingetragen worden. Tatsachlich sind sie an vielen 
Stellen anzutreffen, aber gewohnlich in so enger Yerkniipfung 
mit Marmor und Dolomitlagern, dafi selbstverstandlich eine 
Eintragung auf der Karte ausgeschlossen ist. Die Erlauterungen 
machen mit Recht darauf aufmerksain, daB ahnliche Gesteine 
auch in den „jurassischen" Kalkschiefern zu finden sind und es 
fiir einzelne Yorkommnisse schwer ist, eine Altersentscheidung 
zu treffen. 

In der Nordostecke der Karte habe ich diese Gesteine am 
Schwarzsee nnd Kastelsee kennen gelernt, wo sie eine grofle 
Yerbreitung haben. Bei der Gigelnalp und am Schwarzsee 
liegen sie auf dem Gneis. Es ist, da beide ahnliche Farben 
haben, nicht leicht, die Grenzlinie zwischen ihnen aufzufinden, 
und sie verlauft tatsachlich anders, als die Karte sie angibt. 
Die Hauser der Alp stehen noch ganz auf Lebendungneis, und 
erst etwa 80 — 100 m weiter oben am Gehange des Gigelnalp- 
berges, der dem Gigelnhorn gegeniiberliegt, wird dieser von 
Quarzit iiberlagert, der jedoch mitsamt den ihn begleitenden 
anderen Schiefergesteinen nur eine Machtigkeit von etwa 40 m 
hat. Aber auf dem nach Osten gemachlich ansteigenden Berg- 
riicken liegt nicht Juraschiefer, wie die Karte es angibt, sondern 
von neuem Lebendungneis dariiber. Das Nordgehange dieses 
Bergruckens, wo es sich gegen den Gigelnbach 1 ) herabsenkt, 
laBt ein gutes Profil beobachten, von oben nach unten (Fig. 16),: 

flach nach Sud geneigter Gneis, 
heller quarzitischer Schiefer (4 m), 
gelber Kalkschiefer (1 m), 

granatfiihrender dunkler Glimmerschiefer zu unterst, mit 

Hornblende-Garben, 

Marmorlager, 

Dolomitlager, 

Marmorlager, 

Kalkglimmerschiefer. 

Das Siidgehange des Gigelnalpriickens besteht fast ganz 
aus Gneis, denn der Schieferzug ob der Gigelnalp keilt sich 
ungefahr an dem kleinen in 2350 m Hohe liegenden See aus. 
Aber hart iiber dem Seealpbach bei 2600 m Hohe ist als- 
Erosionsrest eine Kappe von Schiefer auf dem Gneis erhalten 
geblieben, die urspriinglich jedenfalls mit der groBeren Schiefer- 

J ) Der Gigelnbach ist auf der Karte nur im Oberlauf richtig ein- 
getragen. Bei ch des Wortes Gigelnbach biegt" er nach SW um un& ! 
lauft durch eine enge Felsschlucht in den Bach, der auf der Karte 
keinen Namen fiihrt, aber von den Hausern der Gigelnalp herabkommt. 



119 



decke am Schwarzsee imd Talihorn zusammeugehangen hat. 
Das Felsbecken des Schwarzsees ist nicht in Gneis, sondern in 
Quarzit eiugesenkt, der iiber dem Gneis liegt. Die flach 
mu 1 den form ig verbogene Schieferkappe des 2515-m-H6henriickens 
besteht zu unterst aus machtigen hellen Quarziten, dariiber 
liegt Granatglimmerschiefer, dann quarzitischer Glimmerschiefer, 
dariiber 1 m gelber Marmor, und zuletzt das Ganze kroneud 
wieder Granatglimmerschiefer. Die Quarzitschiefer iiber der 
Gigelnalp ziehen ohne Unterbrechnng nordwarts iiber den 
Gigelnbach auf den Felskamm, welcher den Kastelsee auf der 




Fig. 16. 

Profil in Abstieg voin Gigelnalpberg zum Kastelsee. 

gs Gneis, q heller Quarzit (4 m), k gelber Kalkschiefer (1 m), gl granatfiihrender 
dunkler Glimmerschiefer, m Marmor, d Dolomit, ks Kalkglimmerschiefer. 

Westseite begrenzt. Die Schiefer fallen wenig steil nach OSO 
ein. Der helle biotitfiihrende Quarzit liegt auf dem Gneis, der 
die Steilwande gegen das Toggiatal aufbaut und seine Ab- 
grenzung Yon diesem erfordert Sorgfalt. Er wechsellagert aber 
mit Kalkschiefer, der zu oberst auf dem Grat erheblich zu- 
nimmt. Am FuBe der Gneiswande ragen aus dem stark uber- 
schiitteten Gehlinge, yon dem sich der Weg yon Oberfrutt zum 
S.-Giacomo-PaB heraufzieht, einzelne grofiere Felspartien herYOr, 
die aus Granatglimmerschiefer, Kalkglimmerschiefer, Dolomit 
und Gips bestehen und schwach in den Berg, also unter dem 
Gneis einschiefien. Diese am Gigelnbach etwa 400 m hohen 
Gneiswande nehmen gegen Norden rasch an Machtigkeit ab, 
und kurz Yor den Hiitten „Im Moos" keilt der Gneiszug 
zYvischen den liegenden und hangenden Schiefern ganz aus, in 
die er also wie eine Zunge hineingreift. Man kann an ein en 
liegenden Sattel denken, dessen Gneiskern in den Berg hinein- 
streicht. Aber weder im Gneis noch im Schiefer ist Yon einer 
sattelformigen TJmbiegung etwas zu sehen. Auf der Karte ist 
diese Gneifizunge um etwa 700 m zu kurz eingezeichnet. Viel- 
leicht setzt sie noch weiter fort, doch die gewaltigen Schutt- 
massen, welche die Talstufe Kastel-Fischsee bedecken, Yerhindern 



120 



jede weitere Beobachtung 1 ). Ein kleiner Gneisgang erscheint 
am S.-Giacoino-Weg etwa 200 ni von den Hausern „Ini Moos" 
entfernt inniitten der liegenden Schiefer. Er gehort wohl einer 
kleinen Gneisapophyse an. Herr Arndt wird sie eingehender 
schild'ern. 

Die stratigraphisch enge Yerkniipfung dieser 
hellen Quarzite mit den Doloniiten ist klar, und 
wenn diese triasisch sind, dann gehoren auch die 
Qu arzitschiefer zur Trias. 

d) Die sonstigen Kalksedimente auf der Siidseite des Simplon. 
AYenn wir von den schon besproclienen Teilen der Karte 
absehen und nur die Gebiete ins Auge fassen, die unmittelbar 
siidlich der SimplonpaBhohe und des Bergzuges liegen, der 
sich von dort uber das Bortelhorn zum Ofenhorn zieht, dann 
ergibt sich eine grofie Ahnlichkeit der Sedimente mit denen 
im Norden, und wie dort lassen sich die Kalkglimmerschiefer, 
die mit Dolomit, Gips und dickbankigen Marmorlagern in 
enger Yerbinduag stehen, von solchen, die davon frei sind, im 
allgemeinen wohl unterscheiden, aber ob damit auch eine 
stratigraphische Gliederung gewonnen ist, bleibt hier noch 
zweifelhafter als im Norden. Eine Tatsache, die sich jedem 
Besucher dieser Gegend bisher aufgedrangt hat, ist die, daB 
uber und unter den Gneisen die hochkrystallinen Marmore und 
Granatglimmerschiefer vorwalten und in grofierer Entfernung 
von den Gneisen die Kalkpliyllite liegen. Die meisten haben 
dies so gedeutet, daB jene Gesteine alter als diese sind, weil 
sie den Gneis fur das alteste halten, und in alien den Fallen, 
wo Marmore inmitten der vom Gneis entfernteren Kalkpliyllite 
auftreten, haben sie konsequenter Weise Einfaltung der alteren 
Marmore in die jiingeren Phyllite angenommen. So sind jene 
schlangenformigen schmalen Deckfalten entstanclen, welche die 
modernen Profile im Simplongebiet auszeichnen. Die erforder- 
lichen Umbiegungen innerhalb dieser liegenden Falten sind 
zvvar nicht nachzuweisen, aber man nahm an, daB diese groB- 
artige Faltung mit einer so gewaltigen Dynamometamorphose 
verbunden gewesen sein miisse, daB dabei die Faltungsstmkturen 
ganz verloren gin gen. 



] ) Auf der Karte ist dieses weit ausgedehnte Blockmeer, das vom 
AbfluB des Kastelsees durchbrochen ist, als aitere Morane bezeichnet. 
In ^Wirklichkeit ist es der Schuttstrom eines gewaltigen Bergsturzes, 
der von den Gneiswanden der Fiorina, wahrscheinlich bei der Boccheta 
Val Maggia, einstmals niedergegangen ist, und dem der Kastelsee seine 
Entotehung verdankt. 



121 



Bedenken sind. dagegen laut geworden. Die krystallinischen 
Sedinientgesteine zeigen z. T. so deutliche Wirkungen von Kon- 
taktmetamorphose, und dies unisomehr, je naher sie an den 
Gneisen liegen, daB es naheliegt, in diesen Gneisen die Ursache 
der Umwandlung zu suchen. Sie miiBten dann freilich mag- 
matisclie Intrusionen und soniit j linger als die* Sediinente sein. 
Fiir das Simplongebiet haben sich in diesem Sinne Weinschenk, 
Lindemann und neuerdings auch Klemm ausgesprochen. Audi 
•die Frage, ob Dynamometamorphose nnd Kontaktmetaniorphose 
imstande sind, gewohnliche Sedimente ganz in der gleichen Weise 
umzuwandeln, so daB die Neubildungen an sich die Yer- 
schiedenartigkeit der bewirkenden Krafte nicht erkennen lassen, 
ist auf theoretischem AVege erortert worden, ohne daB es bis 
jetzt gelungen ist, erne befriedigende und iibereinstimmende 
Antwort zu finden. 

Leicliter und schnelleristeinErgebniszuerwarten, 
wenn man auf die Frage in dieser Allgenieinlieit gar 
nicht eingeht, sonde r n sich daraufbeschrankt, zuent- 
^cheiden, ob die Gneise im Simplongebiet alter oder 
jiinger als die Sedimente sind. Im ersteren Falle 
konnen jene ja eine Kontaktmetaniorphose auf diese 
: gar nicht ausgeiibt haben, im letzteren Falle hingegen 
ware dies nicht nur moglich, sondern selbstverstand- 
lich. Wir miissen uus deshalb mit dem Alter der 
•Gneise beschiiftigen. 

6. Das Alter der verschiedenen Gneise. 

DaB die sogenannten B erisalgneis e diesen Namen nicht 
Terdienen, sondern Schiefer sind, die nur stellenweise von gra- 
nitischen Intrusionen durchsetzt werden, ist allseits anerkannt. 
Auch darauf habe ich bereits hingewiesen, daB der Eisten- 
und der Gantergneis und wahrscheinlich auch der Crodogranit 
in die Kalksedimente eingedrungen, also jiinger wie diese sind, 
und daB die sogenannten Konglomerate von Eisten und Im 
.Stafel als solche nicht gelten konnen. Es bleibt also das Alter 
~des Antigorio-, Lebendun- und M. -Leone- Gneises zu untersuchen 
lib rig. 

a) Der Monte -Leone-Gneis. 

Da der Gantergneis nur eine Abzweigung des Leonegneises 
ist, so spricht dieser Umstand allein schon auch fiir dessen 
intrusive Natur. Es gibt dafiir aber noch weitere Beweise. 

Im Siiden des Helsenhornes liegt der Monte Moro (2945 m), 
<dessen Gipfelkegel ganz aus Leonegneis besteht. An seinem 



122 




Fig. 17. 

Am Nordgehange des Paso di Valtendra (M. Moro) 1:100. 

Kontakt des Antigoriogneises (gn) mit dem Marmorschiefer (m). Die Quarzknauer 
(q) fiihren Turmalin. 

























s 










Fig. 18. 




Profil durch den 


Paso di Valtendra. 


1 : 1000. 



g Antigoriogneis, gl granatfiihrender Gneis, m marmorartiger Kalkglimmer- 
schiefer, k Kalkglimmerschiefer. 




Fig. 19. 

Zu unterst am NordfuB der Panta Amoinciei, oberhalb Laghi delle Streghe. 
gn Gneis, k Kalkschiefer, q quarzreiches Kalkgestein. 



123 



NordfuB auf der Hohe des Paso di Valtendra (2347 m) sieht 
man ein machtiges Marmorlager mit nordlicher Neigung unter 
den Gneis verschwinden. Der kornige helle Marmor wechsel- 
lagert mit glimmerigem Marmorschiefer. Der Kontakt mit 
dem Gneis ist leicht zuganglich und gut aufgeschlossen. Tur- 
malinfiihrende Quarzknauer stecken langs der Grenz- 
flache sowoh] im Gneis als auch im Marmorschiefer, der 
in geringer Entfernung vom Kontakt auch einen schmalen 
langeren Streifen von Gneis einschlieiit, annahernd parallel zur 
Schichtung, und ein doppelt so langer Streifen von Schiefer 
liegt im Gneis. Mit der Annahme eines archaischen Alters des 
Gneises stimmt das nicht uberein. Hoher oben an der Gneis- 
wand sieht man noch einen Streifen dunklen Glimmerschiefers 
im Gneis eingelagert. Am Fufi des Marmorlagers kommt dar- 
unter ein ungefahr 7 m starkes Lager von granatfiihrendem 
Gneis zum Vorschein, wahrend das ansteigende Berggehange im 
Siiden des Passes aus Kalkschiefer aufgebaut ist. Auf der 
Simplonkarte ist dieser Gneis als Lebendungneis eingetragen. 
Er soil danach noch ein gutes Stuck am Gehange heraufgehen, 
was ich aber nicht bestatigen kann. Mit dem eigentlichen 
Lebendungneis hat der am Joch keinen sichtbaren Zusammen- 
hang, es ist wahrscheinlich ein besonderer Lagergang. 

Am FuB des Nordauslaufers des Monte Leone, westlich 
von Laghi delle Streghe auf der Vegliaalp liegt der Leonegneis 
auf einem quarzreichen Kalk, der von Kalkschiefern unterlagert 
ist. In ihn ist eine Gneisapophyse lagerformig von unten her- 
auf eingedrungen. 

In diesen beiden Fallen gewinnt man den Eindruck, daft 
der Gneis junger ist und sich in die Kalksedimente parallel zu 
ihrer Schichtung eingedrangt hat, einzelne ihrer Lagen auf- 
blatterte und sich dazwischenschob. 

b) Der Lebendun- und Valgrande- Gneis. 
Von den Verfassern der Karte wird die Hauptmasse dieser 
Gneise zu den Paragneisen gestellt, es „sind dunnschichtige, 
biotitreiche, oft calcitfiihrende Gneise. . . . Charakteristisch 
fur den Lebendungneis in seiner Gesamtheit sind Einlagerungen, 
die an Konglomerate erinnern. Diese im Durchschnitt meist 
elliptischen Einschlusse werden oft mehrere Dezimeter lang. 
Sie haufen sich lagenweise. . . . Ihr Gestein ist aplitartig. 
Manchmal sind diese gerollahnlichen Bildungen von Glimmer 
flaserig umsaumt, manchmal verschmelzen sie mit dem INebenge- 
stein. . . . Doch trifft man auch massige Gesteinstypen z. T. 
eruptiver Natur .... grobbankige Zweiglimmergneise und Augen- 



124 



gneis e, die gewissen Yarietaten von Antigoriogneis und Ofenhorn- 
gneis vergleickbar sind. Yerbreiteter sind feinkdrnige, aplitartige 
Typen." Manersieht ausdieseru Wortlaut, daB die „Konglonierate", 
wie sie kurzer Hand auf der Karte bezeicknet werden, als.solche 
•doch recht unsicher sind. GroBeren aplitartigen Massen irn Leben- 
dungneis wird eruptive Natur zugesprochen, die kleineren el- 
liptischen, aplitartigen Massen hingegen werden als gerollahnlich 
bezeicknet. Die ersteren raiiBten dann jedenfalls j linger als die 
letzteren sein, wenn deren Gerollnatur wirklick bekauptet werden 
will. Wo aber kamen diese Gerolle her, warurn besteken sie 
-alle okne Ausnakme aus Aplit, und weshalb kommen mit ihnen 
keine Gerolle von anderen Gesteinsarten vor? Wenn sie kin- 
gegen nur „ gerollahnlich", aber keine wirklicken Gerolle sincl, 
welche Beweise kat man dann fur die Paragneisnatur des Leben- 
•dungneises? Urn auf diese Fragen eine Antwort zu finden, kabe 
ick rnekrere der Stellen aufgesuckt, wo Konglornerate in den 
Gneisen auf der Karte eingetragen sind. Eine solcke , leickt 
zugangliche Stelle liegt bei Cologno im oberen Deverotal, und 
ick beschlofl, im September 1909 dieselbe zu besucken. Als 
ick aber von Crodo aus Goglio 1 ) erreickt katte, war der Weg 
nack Cologno wegen Sprengarbeiten gesperrt, und ick muBte 
mick begntigen, die zaklreicken Gneisblocke zu untersucken, die 
.am Gekange bei Cugnesco kerumliegen und von oben iiber die 
steilen ' Kalkwande kerabgesturzt sind. Fiir das Studium der 
^Konglornerate" erwiesen sie sick als ganz vorziiglick. Aplit- 
sckmitzen, die auf einer Seite des Gneisblockes oft wirklick 
•etwas an Gerolle erinnerten, stellten sick stets als diinne, lagen- 
formige Partien keraus, wenn man sie bis auf die andere Seite 
verfolgte oder durck Anscklagen mit dem Hammer bloBlegte. 
Ikre Grenzen gegen den Gneis waren allerdings sckarf, aber um 
•diese Sckmitzen als Gerolle zu erklaren, muBte man eine groB- 
artige meckaniscke Deformierung derselben zu Hilfe zu nekmeu, 
von der jedock weder die Struktur der Aplitmasse nock des 



] ) Bei den gegeniiber von Goglio auf dem linken Ufer des Devero 
liegenden Hausern gibt die Karte eine kleine Partie von Kalkphyllit 
nnter einem Marmorlager an, auf dem bei 1230 m Meereshohe der 
Antigoriogneis liegen soli. In Wirklichkeit ist davon nichts zu sehen, 
da das ganze GTehange herauf bis zur Hohe von 1350 m von Schutt 
und Felsblocken bedeckt ist. Von 1350—1500 m Meereshoke stekt der 
Gneis an, und dariiber bauen sich die Steilwiinde von Kalkphyllit auf, 
an deren SiidfuB die Hauser von Ausone liegen. An der Aufiagerungs- 
ikiche entspringen starke Quellen. Auch der Marmorstreifen, der gerade 
UDter dem Wort Cugnesco zwischen dem Gneis und dem hangenden 
Kalkphyllit eingezeichuet ist, fehlt. Ich halte es fiir ausgeschlossen, 
-daB die Eintragung auf Beobachtung beruht. 



I 

125 



umgebenden Gneises etwas zeigt. Ich habe spater noch ofters- 
solche .^Conglomerate" im Lebendungneis angetroffen, aber nie- 
mals irgendwelche Anhaltspunkte fur die Gerollnatur der ap- 
litischen Linsen gefunden. 

Der feingebanderte und biotitreiche Lebendungneis unter- 
scheidet sich von dem Antigorio- und M.-Leone-Gneis ziemlich 
gut; aber ohne scharfe Grenzen geht er sehr haufig in glimmer- 
armere, etwas grobkornigere und augengneisartige Varietaten 
iiber, die im Handstiick mit jenen zwei anderen Gneisarten 
leicht verwechselt werden konnten. Ich stelle ihn deskalb 
ebenfalls zu den Orthogneisen und habe dafiir auch eine Reihe 
anderer Beweise, die ich im einzelnen besprechen will. 

Es ist eine besondere Eigentumlichkeit des Lebendun- 
gneises, daB er haufig nur geringe Machtigkeit besitzt. Auf der 
Karte zieht er sich als ein schmales hellrotliches Band in 
zahlreichen Biegungen zwischen den grofien Massen des Antigo- 
rio-, Monte- Leone- und Ofenhorn- Gneises hindurch, welch letztere 
mit einer gemeinsamen dunkelroten Farbe bezeichnet sincl. 
Zwischen diesen beiden Farben erscheinen aber stets noch gelbe 
und blaue, sie trennende Streifen, die im Stiden sehr schmal sind, 
gegen NO aber immer breiter werden. Zugleich fallt es auf, 
daB mit diesem Breiterwerden auch der Lebendunstreifen breiter 
und unregelmafliger wird. Am FuB des Monte Camera zweigt 
sich ein Seitenast yon ihm ab und zieht iiber Val Grande nach 
dem Pizzo di Yaltendra, wo er zweispitzig endet. Der Haupt- 
ast lauft hingegen quer durch die Karte bis an ihren Rand und 
sendet an einigen Stellen noch kurze Auslaufer ab. Nach der 
Auffassung der Karte entspricht dieses Band einem groi3en, aber 
ganz diinnen liegenden Gewolbe archaischer Gneise, daJ3 sich in 
kleinere Seitengewolbe spaltet, yon denen das Yal- Grande -Ge- 
wolbe das bedeutendste ist. 

Die Hohe dieses liegenden Gewolbekernes betragt demnach 
mehr als 20000 m, seine Dicke 30 — 400 m, und es mul^te an- 
genommen werden, da!3 der in diesen Kern eingefaltete Gneis 
nur 15 — 200 m machtig ist, da er ja doppelt liegt und unten 
und oben von Trias- und Juraschichten umhullt sein soil, deren 
Machtigkeit nach der Karte im Siiden oft 50 m nicht erreicht, 
im Norden aber erheblich bedeutender wird. 

Es gilt also zu untersuchen , in welchem Kontaktverhalt- 
nis dieser Gneis zu den ihn einschliefienden Sedimentgesteinen 
steht. 

Ein leicht zuganglicher AufschluB liegt am Wege von Yarzo 
nach der Alpe Yeglia, da w r o die Cairasca iiber die Felsstufe von 
Cropalla oberhalb Nembro herabschiefit. Der Lebendungneis 



126 



ist am Saumweg, der in Serpentinen ansteigt, gut aufgeschlossen 
und stellenweise erfiillt niit jenen Aplitlinsen, die in den ge- 
banderten Gneis eingeschaltet sind. Sie liegen auch hier wie 
liberall, wo ich sie gesehen babe, nicht nach Art von Konglo- 
rnerat-bildenden Gerollen dicbt aufeinander, sondern jedes 
fur sicb im Gneis, und sie sind auch nicht besonders „geroll- 
ahnlich u \ Am Wege sieht man, wie sich (s 1) ein 0,5 m breiter 
Schiefer mit quergestellten Glimmerblattchen im Gneis plotzlich 
einstellt, aber rasch wieder auskeilt, es folgt ein zweiter (s 2), 
etwas kalkhaltig, und ein dritter (s 3) in kurzen Abstanden. 
Sie keilen alle links am Gehange herauf aus, ebenso wie ein vierter 




Fig. 20. 

Am Weg von Nembro zur Cap. del Cropalla im Cairascatale. 1 : 140. 

Lebendungneis mit Tier Schierereinschliissen (si -4). Dariiber folgt kalkarmer 
granatfiihrender Glimmerschiefer (gl). 

(s 4), liber dem dann aber die Decke des kalkarmen und granat- 
fiihrenden Glimmerschiefers folgt: jedoch ist die etwa 1 m breite 
Zone zwischen ihm und dem vorausgegaugenen Schieferlager 
eine Mischung yon Gneis und Schiefermaterial und macht durch- 
aus den Eindruck einer Schieferzone, die yon dem Gneis ganz 
durchtrankt worden ist. 

Der Lebendungneis erscheint somit hier als ein 
jiingeres Intrusivg estein in den Schiefern, und nicht 
als ein alteresarchaischesGestein,aufdemder Schiefer 
abgesetzt wurde. 

Uber diesem nicht sehr machtigen Lebendungneis lagern 
etwa 400 m Glimmerschiefer, die nach oben. kalkreicher werden 
und mit quarzitischen Schiefern wechsellagern. Erst erheblich 
weiter oben am Wege folgen die gewohnlichenKalkschiefer jedoch 
auffallenderweise mit yerandertem Streichen, die hoch oben von 
einem zweiten Gneislager gekront werden, welches die steile Fels- 
wand bildet,mitder das eigenartigeHochtalYalgrande gegenOsten 
abfallt. Auf dieser zwei Kilometer breiten und schwach gegen 
Westen sich senkenden Gneisplatte liegt der See yon A vino, und 



127 



iiber demselben steigen die 1000 Meter boben Gneiswande des 
Monte Leone auf. Dazwiscben komnien am FuB der Wande an 
wenigen Stellen unter dem niacbtigen Gebangescbutt einige feste 
Felsriffe von Dolonait und Scbiefer zum Vorschein, die den Tal- 
grande-Gneis von dem Leonegneis trennen sollen. In Wirk- 
licbkeit ist die Sacblage nicht so einfacb. .Der Valgrande-Gneis., 
der das ostlicbe Ufer des Lago d'Avino umsiiumt, bildet aucb 
den Felsriicken, der den See im Norden anfstaut. Nacb der 
Karte endet er gleicb 100 m westlicb des Punktes 2291, und 
nur durcb eine scbmale Schnttzone von ihm getrennt, in der die 
Kalkscbiefer zu ervvarten waren, stebt etwa 100 m bober am 
Gebiinge der Leone -Gneis an. Es ist aber leicht festzustellen 
und durcb die Felsarbeiten, welcbe die beabsicbtigte Stauung 
des Sees 1911 notig macbte, vollstiindig klargelegt worden, daB 
der Valgrande- Gneis sicb vom Pankt 2291 obne Unterbrecbung 
aucb um die Westseite des Sees herumziebt und die auf der 
topograpbischen Karte eingezeicbnete untere Felsstufe aufbaut. 
Nacb Siiden za verscbwindet diese Stufe stellenweise unter 
dem Gebangescbutt, sie ziebt sicb aber gleicbzeitig bober am 
Berggebange berauf und erreicbt zwiscben dem binteren Ende 
des Sees und dem Stickelgrat eine Hobe von ungefiibr 2500 m, 
wiibrend sie am unteren Seende 2100 m nicbt ganz erreicbt. 

Die Karte gibt westlicb vom binteren Seende eine kleine 
Partie triasiscber Raubvvacke an, die direkt vom Leonegneis 
iiberlagert sein soli. Es ist das aber jener Valgrande-Gneis 
und die „Trias" gebt nordwiirts nicbt iiber den kleinen Wasser- 
lauf beriiber, sondern kommt nur auf der Siidseite zum Vorscbein 
als ein scbmaler Felsriicken, der sicb westwarts vom Gebiinge 
heranfziebt. Die Scbicbten baben eine Miicbtigkeit von iiber 
46 Meter, fallen gegen NW ein und sind nacb oben und unten 
von Gneis begrenzt. Auf der Nordseite dieses Felsriffes 
bat es den Anschein, als ob der Gneis und die Kalk- 
scbicbten konkordant liigen, auf der Siidseite siebt 
man aber die Grenzlinie in deutlicbster Diskordanz 
zum S cbicbt -^erlauf. Aucb der untere Gneis liegt 
nicbt konform und sendet sebr deutlicb eine apo- 
pbysenartige kurze Zunge in die Scbiefer. Letztere 
besteben aas einer unter sicb konkordanten Reibenfolge von 
Marmor, Dolomit und Quarzitbiinken sowie Quarzglimmer- 
scbiefern (Fig. 21—23). 

Das Ganze erscbeint wie eine groBe Secliment- 
scbolle, die im Valgrande-Gneis eingescblossen worden 
ist. Fur die Annabme einer muldenformigen Einfaltung dieser 
Kalkgesteine zwiscben zwei arcbaiscbe Gneisfalten lassen sicb 



128 



hier keinerlei Anbaltspunkte finden, vielniehr spricht alles 
dagegen. 

Der Boden des Piano d'Avino besteht ebenfalls aus Yal- 
grande-Gneis, aber oft trifft man auf demselben audi groflere 
Partien yon nachgelagerten Gliinmerschiefern. Ihre Anwesenheit 
erklart sich gerade so wie die an dem Felsriff. 




Fig. 21. 

Nordseite des Felsriffes am SWEnde des Lago d'Avino. 1 : 600. 
gn Gneis, d Dolomit, m Marmor, ql — 4 Quarzitlager, gl Glimmerschiefer. 



Der Yalgrandegneis zieht sich siidwarts gegen den Monte 
Camera und auf der Ostseite uni denselben beruni nach dem 
Pizzo Cornacchia. In den nach Ost gekehrten Steilwanden war 
es mir unmoglich, die Kalk- und Gneisgesteine genau zu yer- 
folgen uud voneinander abzntrennen. Merkwiirdig ist aber, 
da6 nicht nur zwischen dem Leonegneis, der die Gipfelpyramide 
des Pizzo Camera aufbaut, und dem Yalgrandegneis ein Band 
yon Kalkgesteinen hindurchzieht, sondern daB ein Band auch 
mitten in den Steilwanden des Yalgrandegneises eingeschlossen 
erscheint. 

Der Lebendungneis, den wir vorher am Wege nach Alpe 



129 



Veglia kennen gelernt haben, soli ebenfalls nach dem Pizzo 
Cornacchia heraufstreichlm, urn sich da init dem Valgrandegneis 
zu Yereinigen. Dabei wird die 400 m dicke Schieferlage, die 
an jenem Wege beide Gneise trennt, nach Angabe der Karte 
immer schwacher und ist an der Cornacchia nur noch einige Meter 
breit. Diese Schieferlage wird als eine ausgequetschte Separat- 




Fig. 22. 

Siidseite des Felsriffes der Fig. 21. 1 : 2400. 




Fig. 23. 

SiidostfuB desselben Felsriffes. 1:190. 
gn Gneis mit Quarzknauern (q), m glimmerreicher Marmor. 

mulde gedeutet. Man kann ihr diinnes Ende sehr gat sehen, 
messen und untersuchen, wenn man yon Paso Possette am Nord- 
hang des P. Cornacchia heraufsteigt. 

DieBanderung im Gneis verlauft dort horizontal mit schwacher 
Neigung gegen Norden. In einer Hobe yon annahernd 2400 m 
liegt ein im Maximum 4 m stark es Kalkglimmerschieferlager 
in diesem Gneis; es ist im Hangenden und Liegenden scharf yon 
diesem abgegrenzt und kann in dieser fast schwebenden Lage 
einige hundert Meter weit verfolgt werden, bis es unter Ge- 
hangschutt Yerschwindet. Gegen SO scheint es im Gneis am 
Grat oben aufzuhoren. Der Gneis ist zweiglimmerig wie der 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 9 



130 



Leonegreis, nur viel feinkorniger und glinmierreicher, in seiner 
Zusammensetzung sehr raonoton, aber deutlich zur Augengneis- 
Struktur neigend. 

Diese Glimmerschiefer-Einlagerung ist auf der Karte nicht 
exakt eingezeichnet. Ob ihr Yerlauf auf der Siidseite des 
Grates richtiger ist, kann ich nicht sagen, weil ich keine Zeit 
hatte hiniiberzugehen. Aber auf der Nordseite hatte er als 
ein von NW nach SO gerichteter kleiner Streifen zu er- 
scheinen. Yon dem steil nach Norden am Gehange herunter- 
steigenden nnd an der Basis des gegeniiberliegenden Felsvor- 
sprunges Aviederauftauchenden Ast ist nichts zu sehen. Er 
scheint nur eingezeichnet, um zu zeigen, wie sich die Yerfasser 
der Karte die Abzweigung des Yalgrande-Gewolbes von dem 
Lebendungewolbe gedacht haben. 

Es entspricht die Yorstellung den Tatsachen 
besser, da 13 derKalkschieferstreifen am Cornacchia ein 
EinschluB im Gneis ist, ebenso wie die Kalkscholle 
am Lago d'Avino. De.r Gneis von Cornacchia hangt 
uninittelb ar durch die Ostwande des Camera mit dein 
Yalgrandegneis zusammeu, ob aber der Lebendun- 
gneis vonNembro mit dem von Cornacchia zusammen - 
hangt, ist ungewiB und sehr zweifelhaft. Jedenfalls 
fehlen die charakteristischen Aplitlinsen hier voll- 
standig. 

Auffallig ist die groBe Machtigkeit, welche der Lebendun- 
gneis im Formazzatal hat. Gegeniiber deu Machtigkeiten von 
100 — 400 Meter im SW des Kartenblattes sieht man hier 
plotzlich diesen Gneis in den Bergmassiven des Monte Giove und 
Fregelihornes, des Talihornes und Basodinos bis zu 900 Meter 
anschwellen, aber sudwestlich des M. Giove sinkt das Gneis- 
band bei der Alpe Civon bereits auf weniger als 200 m herab, 
und wenn es beim nahen Pizzo Pojala audi wieder auf 400 m 
anschwillt, so verschmalert es sich doch nachher wieder, bald 
auf sogar 150 m. Die machtige Lebendungneismasse des 
Basodino und Talihornes entsendet gegen Norden zwei Aus^ 
laufer. Der westliche springt vom M. Castello der Simplon- 
karte (Gigelnhorn der top. Karte) gegen ,,Im Moos" vor, 
verliert dabei rasch an Machtigkeit und keilt sich schlieBlich 
ganz aus. Ein zweiter Auslaufer zieht sich vom CavognoK- 
Gletscher in die NO-Ecke der Karte und ist dort nur noch 
ganz schmal. Den ganz kleinen isolierten Auslaufer unterhalb 
desjenigen von M. Castello am Giacomoweg habe ich schon 
friiher erwahnt. Da auBerdem im Gebiete des M. Giove an 
mehreren Stellen groBere Fetzen von Schiefer in dem Gneis 



131 



eingeschlossen sind, so entspricht das Ganze am besten 
einer groBartigen lakkolithartigen Intrusion in den 
Kalksedimenten, die seitlich in verschiedenen Ho hen 
Apophysen aussandte und zugleich beim Aufdringen 
groBe S edimentbrocken in sich einschloB. Diese ver- 
haltnismaBig einfachen Lagerungsverhaltnisse wurden dann 
spater durch die alpine Faltimg wesentlich verwickelter ge- 
staltet, und so ist es gekommen, daB sie bisher iiberhaupt als 
solche noch nicht erkannt worden sind. 

c) Der Antigoriogneis. 

Die Erlauterungen sagen: ,,Der Antigoriogneis ist ein grob- 
bankiger, homogen ausgebildeter Zweiglioiniergneis von gra- 
nitischem Habitus .... Er ist in seinen verschiedenen 
Varietaten identisch mit dem Tessiner Gneis, mit dem er die 
ZusammeDsetzung eines normal granitischen Magmas gemeinsam 
bat. . . . Der petrographische Charakter der Monte-Leone- 
Ofenliorn-Gneise ist dem der Antigoriogneise durchaus analog. . . 
Ini Siidosten des Kartenblattes hiingen sie gleichwie der Anti- 
goriogneis mit dem Tessiner Gneis zusaminen." Schon aus 
diesen Angaben ergibt es sich, daB eine Trennuug der beiden 
Gneise selbst dem Namen nach eigentlich nicht erforderlich 
ist. und das ist wohl aucb der Grund, wesbalb sie auf der 
Karte mit einer gemeinsamen Farbe bezeichnet wurden. Fur 
uns ergibt sich ferner daraus, daB auch der Antigoriogneis ein 
jiiugeres Eruptivgestein sein muB. Besondere Beweise dafiir 
fand ich im September 1909 bei Zwischenbergen und am Pizzo 
Teggiolo, den ich nochmals 1910 und 1911 besuchte. An dem 
kekannten AufschluB an der Strafie zwischen Stalden und 
Zwischenbergen liegt der Kalk direkt auf dem Antigoriogneis. 
An der Kontaktlinie dringen Apophysen in den Kalk, sie sind 
aber sehr klein. Was man als Gerolle von Gneis im Marmor 
bezeichnet hat, sind rundliche bis linsenformige und sogar band- 
artige granitische Injektionen. 

Das gleiche gilt yon dem beriihmten Fundorte am Nord- 
hang des Pizzo Teggiolo. An dem ganz verwachsenen FuBweg, 
■der von der Alpe Yalle auf der rechten Bachseite nach Lavin 
herabfiihrt, fand ich 1909 bei ungefahr 1600 m Meereshohe im 
Kalkstein einen eckigen, lauglichen Gneiskeil eingeschlossen, 
der nur als Apophyse sich erklaren laBt. Die unten auf dem 
Talboden bei Nembro am FuBe des Teggiolo herumliegenden und 
angewitterten Felsblocke, die infolge dieser Anwitteruug kon- 
^lomeratahnlich aussehen, aber in Wirklichkeit stark granitisch 
injizierte Marmore sind, sind von ziemlicher Hohe herabge- 

9* 



132 



fallen. Die Stelle, wo sie anstehen, habe ich 1910 aufgesucht 
und auch dort die TJberzeugung gewonnen, daJ3 es sich urn 
Kontakterscheinungen an der Benihrungsstelle eines eruptiven 
Granites mit Kalksteinen handelt, und daB die sog. Gerolle gar 
kein Antigoriogneis sind. Fur genauere Einzelheiten verweise 
ich auf die Arbeit yon Arndt. 1911 besuchte ich die Apophyse 
an dem verfallenen Wege von Lavin nochmals. Sie lag noch 
gerade so unberuhrt wie zwei Jahre vorher. Yon den vielen 
Besuchern des Pizzo Teggiolo scheint niemand dagewesen zu 
sein. G. Klemm, der die „Konglomeratblocke" zusammen mit 
Hugi 1910 besucht hat, kam ebenfalls zu dem Ergebnis, daB 
Aplit-Injectionen in Marmor vorliegen (Monatsber. D. geoL 
Ges. 1911, S. 468). 

Auch der Kontakt des Antigoriogneises mit dem Dolomit 
bei Tuffald zeigt Erscheinungen, die auf ein jiingeres Alter 
hinweisen, er besitzt eine deutliche Randfacies, die ich 1909 
beobachtete. Auch dies habe ich Herrn Arndt zur Bearbeitung 
uberlassen. 

DaB aber der Antigoriogneis nicht nur solche kleine Apo- 
physen und Injektionen, sondern auch groBere Abzweigungen 
in die Kalkgesteine entsendet, davon kann man sich leicht am 
linken Gehange des Cairascatales iiberzeugen, das ich bereits 
geschildert habe. Der Gneis des Teggiolo setzt zweifellos 
iiber die Cairasca heriiber auf das linke Ufer und wird bei 
Crosso von Kalkphyllit uberlagert und bei Gebbo von solchem 
unterlagert. Dieser so eingeschlossene Gneis lauft als ein etwa 
300 m machtiges Lager iiber Chioso, Calendra bis Cimalavalle. 
Die Hauptmasse des Teggiologneises hingegen steigt bei 
S. Donienico noch hoher am linksseitigen Talgehange empor 
und bildet die von Kalkphyllit unter- und iiberlagerten Steil- 
wande des M. Cistella, senkt sich von da gegen Siiden bis ins 
Diveriatal bei Varzo herab und vereinigt sich dabei mit dem 
tieferen kleineren Gneisast von Crosso-Cimalavalle. 

Nicht nur die Yerb andverhaltnis se mit den Sedi- 
menten, sondern auch die Form der Gneismassen 
selber sprechen dafiir, daB der Antigoriogneis nach- 
traglich erst sich in die Sedimente hereingezwangt 
und dabei groBere Schollen der Schiefer in sich ein- 
geschlossen hat. 

d) Die vertihale und horizontal Yerbreitung der einzelnen Gneis- 
massen und ihr Alter. 
Ihre vertikale Aufeinanderfolge steht wohl fest: zu oberst 
liegt der Leone-Ofenhorngneis und darunter folgen der Reihe 



133 



nach der Valgrande-, Lebendun-, Antigorio- imd Verampio- 
Gneis. In horizontaler Richtung greifen die oberen jeweils 
iiber die tieferen Gneise gegen NW hiniiber. Infolgedessen 
hat der Leone-Ofenhorngaeis die groBte Ausdehnung und der 
Auflenrand des Valgrande- und Lebedungneises liegt viel weiter 
nach SO zuriick. Dieselbe Erscheinung zeigt der Antigorio- 
gneis gegeniiber dem Lebendungneis. Von der Ausdehnung 
des Verampiogneises, der nur im Bacenofenster zum Vorschein 
kommt, wissen wir zuwenig, um ihn hier rnit in Vergleich 
zu stellen. Die Trennung des Valgrande- und Lebendungneises 
bereitet im Siiden und Siidosten der Karte Schwierigkeiten. 
Von der Nordostecke her bis Devero gibt es zwischen Antigorio- 
und Ofenhorngneis nur Lebendungneis. Von Devero bis Valle 
unweit Nembro liegt der Valgrandegneis Tiber dem Lebendun- 
gneis und keilt sich bei Pizzo di Valtendra gegen NO aus, 
wahrend umgekehrt der Lebendunzug bei Valle verschwindet. 
Schmidt nimmt an, dafi er am Pizzo Cornacchia sich mit dem 
Valgrandegneis vereinigt, aber diese Vereinigung ist nicht zu 
sehen;. sie konnte jedoch, wenn sie iiberhaupt vorhanden ist, 
unter dem Schutt bei Alp Le Balmelle begraben liegen. Ob 
der lange Gneiszug, der yom Pizzo Cornacchia iiber Alpien und 
Zwischenbergen nach Campeglia im unteren Diveriatal zieht, 
eine Vereinigung dieser beiden Gneise oder nur den Valgrande- 
gneis darstellt, ist noch nicht aufgeklart, aber Gneis von der 
Beschaffenheit des echten Lebendungneises habe ich da keinen 
zu sehen bekommen. 

Der Antigoriogneis erreicht sein nordwestliches Ende am 
Teggiolo, bei Goglio im Deverotal, bei Tuffald im Formazza- 
tal und im Val Antobbio. 

Obwohl alle diese Gneise in ihrer petrographischen Aus- 
bildung vielerlei Wechsel zeigen, so gehoren doch einerseits 
der Antigorio- und der Leone -Ofenhorn- Gneis so sehr zuein- 
ander, das Unterscheidungen nach Handstucken unmoglich sein 
diirtten. Andererseits stehen sich der Valgrande- und Leben- 
dungneis nicht so nahe, als Schmidt annimmt, der ersteren 
nur fiir eine Abzweigung des letzteren halt. 

Der Verampiogranit oder Crodogneis hin gegen scheint 
sich von diesen zwei Gruppen scharfer zu unterscheiden, doch 
kommt das vielleicht nur daher, daB wir so wenig von ihm 
zu sehen Gelegenheit haben. 

DaB alle diese Gneise jedenfalls jiinger sein miissen als der 
Lias, geht aus den vorausgegangenen Untersuchungen klar hervor. 
Fiir eine genauere Altersbestimmung fehlen Anhaltspunkte, 
weil postliasische marine Sedimente diesem Teil der Alpen 



134 



vollstandig abgehen. Dahingegen konnte die alpine Faltung 
insofern die Moglichkeit geben, den weiten Zeitraum vom Lias 
bis zur Gegenwart, in welchen die Gneisintrusion fallen muB, 
um ein erhebliches einzuengen, wenn es gelange festzustellen, 
ob die Intrusion vor, nach oder wahrend der Faltung ein- 
getreten ist. Bei einer dahinzielenden Untersuchung ware es 
zunachst weniger wichtig zu wissen, in welchem geologischen 
Zeitabschnitte die alpine Faltung eintrat, als in welche Formen 
sie die urspriinglich horizontalen Sedimentgesteine gebracht 
hat. Das ist es aber gerade, was wir nicht wissen; denn alle 
die Profile, durch welche Lugeon, Scharlt, Schmidt und 
Stella uns dariiber eine Yorstellung zu geben versucht haben, 
basieren auf der irrtiimlichen Annahme des hohen Alters der 
Gneise und konnen darum den tatsachlichen Yerhaltnissen 
nicht entsprechen. Gleichwohl darf es als eine durch die 
neueren Untersuchungen und insbesondere auch durch die neue 
Simplonkarte vollstandig gesicherte Tatsache gelten, daB die 
mesozoischen Sedimente im Simplongebiet in eine Reihe von 
Falten gelegt sind, die in ostlicher bis nordostlicher Richtung 
streichen, und daB auBerdem die alteren Berisalschiefer iiber 
die jiingeren Schichten hinubergefaltet sind und infolge dessen 
im ganzen Gebiet der Simplonkarte sich in uberstiirzter La- 
gerung beiinden. I>er au!3ere Rand clieser iiberfalteten Berisal- 
schiefer verlauft von Yisp bis zum Cherbadung in siidwest- 
nordostlicher Richtung. Am Cherbadung biegt er aber um 
und lauft in gleicher Richtung bis zum Simplonpal3 zuruck, 
so dafi die iiberfalteten Berisalschiefer bis dahin in Form eines 
20 km langen und im Maximum 5 km breiten zungenformigen 
Lappens iiber die jiingeren Schichten heriibergreifen. Yom 
SimplonpaB an hingegen verlauft der AuBenrand der Ver- 
breitung der Berisalschiefer in ungefahr ostsiidostlicher Rich- 
tung iiber Gabi und Zwischenbergen bis Domo d'Ossola, wo 
er, nach der ScHMiDTschen Ubersichtskarte, auf der ostlichen 
Ossolatalseite einen zweiten zungenformigen Yorsprung nach 
NO von etwa 8 km Lange entsendet. 

Wenn wir nun, alles weitere auf den tektonischen Teil 
versparend, nur yon dieser Faltungstatsache ausgehen, dann 
ergibt sich, daB die Gneise innerhalb der gefalteten Kalk- 
sedimente in auffalligster AVeise lagerformig sich ausbreiten, 
daB sie hingegen in den iiberfalteten Berisalschiefern ausge- 
sprochen gangformig transgressiv sind. Das gilt auch fiir die 
Serpentine und Prasinite. Der Serpentin auf der Nanzliicke 
ist ein kleiner yertikal gestellter Gang im nach fallenden 
Berisalschiefer, und er nimmt erst die Gestalt eines Lagers an, 



135 



wo er iin Westen in den Kalkschiefer herunterreicht, wie dies 
aus der Darstellung auf der geologischen Simplonkarte, welche 
ich allerdings zu kontrollieren keine Zeit gefunden habe, 
hervorgeht und auch init den ion mir bereits geschilderten 
Yerhaltnissen bei Visp in Einklang steht. 

Es ergibt sich da r a us ganz allgemein der SchluB, 
dafi alle sauren und basischen Eruptivgesteine durch 
die alteren Sedimente gangforniig aufgestiegen sind 
und sich in den jiingeren Kalksedimenten lagergang- 
und lakkolithenartig ausgebreitet haben. Das ist ja 
auch der Grund, weshalb man bisher zwar ein jungeres Alter 
fur die Gneise in den Berisalschiefern stets anerkannt hat, 
dasselbe fur die Gneise in den rnesozoischen Schichten aber 
nicht zugeben wollte, weil dort die transgressive Natur der 
Gneise nicht ebenso deutlich in die Erscheinung tritt und 
deshalb sogar ganz geleugnet werden konnte. DaB dem jedoch 
nicht so ist, daB Apophysen von den Gneisen ausgehen, 
dafi diese aufierdem sich nicht an bestimmte Horizonte inner- 
halb der Sedimente halten und ferner durch die Kontakt- 
metamorphose auch ihr jungeres Alter dokumentieren, ist im 
vorausgehenden nachzuweisen versucht worden. 

Hiernach ergibt sich nun zugleich die Entscheidung uber 
das Alter der Gneis-Injektionen. Sie konnen nicht erst nach 
der Faltung in die Sedimente eingedrungen sein, da sonst die 
Eigenart ihrer Lagerung in den rnesozoischen Schichten im 
Gegensatz zu der in den alteren Sedimenten vollstandig un- 
erklart bliebe. Wir sind gezwungen anzunehmen, daB zur Zeit 
ihres Empordringens die Berisalschiefer noch iiberall normal 
unter den rnesozoischen Schichten lagen, und daB die groBe 
alpine Faltung erst nachher eingetreten ist. 

In neuerer Zeit hat man eine alte, friiher besonders von 
B. Studer vertretene Anschauung vvieder in Erinnerung ge- 
bracht, wonach die Gneisbildung zeitlich und auch ursachlich 
mit der Alpenentstehung zusammengefallen sei. Es ist mir 
nicht recht klar geworden, ob die Beweggrunde dazu mehr in 
allgemeinen theoretischen Erwagungen oder in der Erkenntnis 
der Unzulanglichkeit der derzeit herrschenden Yorstellungen 
zu suchen sind, aber wirkliche Anhaltspunkte fiir die Kichtig- 
keit dieser Anschauung habe ich bis jetzt keine finden konnen. 
Denn es haben sich Ealtungen iiberall in den Alpen gebildet, 
sowohl da, wo Granite und Gneise vorhanden sind, als auch 
da, wo sie fehlen. Speziell im Simplongebiet gibt es zwischen 
dem Faltenwurf der Sedimente und der Form der Gneismassen 
keinerlei Beziehungen, die darauf hinweisen, daB entweder die 



136 



Faltung dem Magma das Eindringen erleichtert und ihm ge- 
wissermaBen den Weg dazu gewiesen habe, oder daB das empor- 
dringende Magma es war, welches den Vorgang der Faltung 
beeinflufite oder forderte. 

So kommen wir also zu dem Ergebnis, daB die 
Gneisintrusionen dem Zeitraum, der zwiscben die Ab- 
lagerung der liasiscben Sedimente und die alpine 
Faltung f al It, angeboren miissen. 

Eine ibrer Folgen inuB die Hebung der liasiscben Meeres- 
sedimente um mebr als tausend Meter und damit die Ent- 
stebung von Festland gewesen sein, auf dem sicb weitere 
Meeressedimente nicbt mebr absetzen konnten. Damit in Ein- 
klaDg stebt das tatsacblicbe Feblen jeglicber jiingeren marinen 
Formationen im Simplongebiet und nocb dariiber binaus gegen 
AVesten und Osten, soweit als solcbe Gneise in Kalkphyllite 
eingelagert vorkomrnen. Im Norden und Suden bingegen, wo 
diese Gneise feblen, liegt eine normale Sedimentfolge vom Lias 
durcb Jura und Kreide bis ins aitere Tertiar vor. Zwiscben 
den Meeren, in denen jene Absatze erfolgten, lag wabrscbeinlicb 
ein altes Walliser Festland als eine Schranke, welcbe* die 
beiderseitigen Meeresbewobner voneinander schied und mit 
dazu beitrug, daB die Jura- und Kreideformation sicb biiben 
und driiben in so verscbiedenartiger Facies entwickelt baben. 

e) Die Ursache der Metamorphose. 

Das Simplongebiet ist ein Teil der Zone der scbistes 
lustres oder Kalkpbyllite. Diese ganze Zone ist beriibmt da- 
durcb, daB alle Sedimentgesteine einen auBergewobnlich boben 
Grad yon Umwandlung erfabren baben, so daB man sie alle in 
die Gruppe der krystallinischen Scbiefer stellen kann. Es ist 
nicbts beweisender fiir diese Annabme und Stellung als der 
Yergleich zweier jurassiscber Handstucke, von denen das eine 
etwa vom NufenenpaB, das andere aus den nordlicben Scbweizer 
Hocbalpen genommen ist. Bei beiden bat der gebirgsbildende 
Druck zu Dynamometamorpbose gefiibrt und Veranderungen 
erzeugt, aber Granaten, Biotit, Tremolit, Staurolitb usw. baben 
sicb nur in der Zone der scbistes lustres gebildet. Schmidt 
meint (Eclogae IX, S. 520), daB sicb bier die dynamometa- 
morpbose Umwandlung in groBerer Rindentiefe vollzogen babe 
als anderswo. „Die theoretischen Profile, die wir beute durcb 
unser Gebiet legen, zeigen, daB die mesozoiscben Scbicbten des 
Simplon zur Zeit ibrer Faltung 15 000 — 20000 Meter unter der 
Oborflacbe gelegen sein sollen." 

Von diesen tbeoretiscben Profilen kommt fiir unser Gebiet 



137 



das Profil Fig. 6, Taf. 12 (1. c.) in Betracht. Dauach waren 
die Schiefer am Simplon einstnials von 12 000 ni Gestein be- 
deckt gewesen, die inzwischen von der Erosion weggeschafft 
worden sind. Von diesen 12000 m kommen 8 500 in 
auf die oberste, ostalpine Decke, die aber gdnzlich in der Luft 
liegt, fur deren Existenz aueh nicht ein einziger „Erosionsrest" 
ins Feld gefiihrt werden kann. AuBerdeni ist bei diesen 
Profilen angenommen worden, daB vor der Faltung die meso- 
zoischen und alttertiaren Sedimente ohne Ausnahine uberall 
abgelagert worden waren, nnd speziell in der ostalpinen Decke 
in einer MacMigkeit yon beinahe 5 000 m. Nur wenn man 
Decken zu HilTe niinmt, fiir die gar keine Anhaltspunkte ge- 
geben sind, und nur wenn man Formationsmachtigkeiten ein- 
tragt, wie sie so groB in den Alpen gar nicht vorkonimen, ist 
es moglich, eine friihere Belastung yon 12 000 m auszurechnen 
und damit zugieich die Hypothese der UmwandluDg durch 
Dynamometamorphose „in groBerer Rindentiefe" zu retten. 

In Wirk lichkeit ist es so, daB nur die eine groBe 
Uberfaltung der Berisal schiefer im Simplongebiet 
nachgewiesen ist; a He an deren Decken sind „Luft- 
decken", und damit fiillt natiirlich die Dynamo-Um- 
wandlungshypothese. Das Vorkommen zahlreicher typischer 
Kontaktmineralien und hornfelsartiger Gesteine in den schistes 
lustres hat schon seit langem die Aufmerksamkeit der Geologen 
auf sich gelenkt. Aber nur wenige haben es gewagt, sie als 
Produkte echter Kontaktmetamorphose zu deuten, weil die 
dazu notigen Eruptivgesteine zu fehlen schienen. Die Gneise 
waren zwar da, aber sie sollten archaisch sein, und die meta- 
morphen Gesteine lagen zwar. z. T. am Kontakt mit diesen 
Gneisen, aber z. T. auch entfernt yon denselben. Hatte man 
Eruptivgange yon den Gneisen ausgehend und in die Sedimente 
eindringend gesehen, dann wiirde auch Schmidt (Eclogae IX, 
S. 515) sofort sich zur Kontaktmetamorphose bekannt haben. 
Aber er fand solche Begleiterscheinungen intrusiyer Granite 
nicht. Und doch sind sie da, nur hat eine spatere Gebirgs- 
faltung die urspriingliche Form der Intrusiymassen bedeutend 
verwischt. Die Apoph) r sen sind bei den groBen Massen- 
bewegungen haufig yon dem Granitstock abgerissen worden 
und stecken jetzt oftmals wie Einschliisse in den krystallinen 
Sedimentgesteinen. GroBere Verzweigungen der Granitmassen 
sind auch heute noch unverkennbar, aber unter dem Banne 
einer allvermogenden Faltungstheorie hat man gerade diese 
trefflichen Zeugen der Intrusion eliminiert und so aus jeder 
groBen Apophyse (z. B. der bis 80 m breiten Eistenapophyse) 



138 



einen Spezialsattel geoiacht. Man wurde dabei noch unterstiitzt 
durch die Meinung, daB die Parallelstruktur im Gneis keine 
ursprungliche Intrusiystruktur sei, sondern erst bei der Gebirgs- 
bildung durch Dynamometamorphose erzeugt wurde. Auch auf 
die zahllosen Quarzgange und Knauer, die in den Kalk- 
phylliten oftmals in geradezu erstaunlichen Mengen liegen und 
die wegen ihrer Massenhaftigkeit unmoglich durch Lateral- 
secretion erklart werden konnen, hat man hier kein Gewicht 
gelegt, wahrend sie doch recht deutlich auf „postvulkanische ct 
Prozesse hindeuten. Auch sie tragen jedoch die deutlichen 
Spuren spaterer Storungen durch die Gebirgsfaltung an sich 
und sind ein weiterer Beweis dafur, dafi die ^rauitischen In- 
trusionen nicht erst in oligocaner Zeit, sondern vor der alpinen 
Faltung entstanden sind. 

Einige Geologen, die weder in der Dynamo- noch in der 
Kontaktmetamorphose eine geniigende Erklarung fanden, ver- 
suchten es mit dem Regionalmetainorphismus, den sie in einem 
Sinne auslegten, der sich den alten Anschauungen B. Studers 
erheblich naherte. Aber iiber allgemeine Erorterungen ist diese 
Hypothese mit Bezug auf das Simplongebiet nicht hinaus- 
gekommen. Mit dem Worte „Regionalmetamorphismus" ist 
bisher fast yon jedem Autor, der dieses "Wort gebrauchte, ein 
besonderer Sinn verknupft worden, so da8 es unmoglich ist y 
dasselbe fernerhin noch zu gebrauchen, es sei denn, da8 man 
jeweils eine besondere Interpretation clazu gibt oder, etwa wie 
in der zoologischen Systematik, den Autornamen hinzufugt, 
z. B. Regionalmetamorphose Lossen, — Termier usw. 

Andernfalls ware diese Bezeichnung fiir das Simplongebiet 
recht passend gewesen, weil es -sich hier um eine groBe Region 
handelt, die von einem Metamorphismus erfafit worden ist, 
der nicht an eine einzige Intrusion gekniipft war, sondern an 
yiele, deren Kontaktwirkungen sich z. T. gekreuzt und ver- 
starkt habeu, und die auch nicht gleichzeitig, sondern im Laufe 
einer langeren Periode hintereinander aufgetreten sind, und die 
nicht nur mit Kontaktwirkungen gearbeitet haben, sondern 
denen auch pneumatolytische (postvulkanische) Beeinflussuugen 
in den umgebeuden Gesteinsmassen eigen waren. 

Da nun der Ausdruck „Regionalmetamorphose ct 
fiir die sowohl dem Simplongebiet als auch der 
ganzen Zone der schistes lustres eigenartige Gesteins- 
umwandlung nicht anwendbar erscheint, so durfte sich 
vielleicht als Ersatz das Wort „ In j ektionsmeta- 
morphose" empfehlen. 



139 



f) Die eruptiven Gneisgdnge von Candoglia. 

Bei der Wichtigkeit, welche, wie aus dem vorausgehenden 
Kapitel hervorgeht, dem Nachweis unzweifelh after eruptiver 
Gneisgange zukomrnt, will ich hier einige beschreiben, die 
zwar nicht niehr im Simplongebiet selbst liegen, sondern un- 
gefahr 40 km weiter im Siiden, deren Situation aber eine 
solche ist, daB ihnen Beweiskraft auch fiir das Simplongebiet 
uninittelbar zukommt. 

Zur Orientierung iiber den Fundplatz sei darauf hinge- 
wiesen, . daS die Berisalschiefer, welche im Simplongebiet 
iiberfaltet sind, bei Domo d'Ossola ihre „Wurzel" haben. Sie 
stelien dort an und schieflen in den Talboden ein, unter dem 
sie verschwinden. Auf Schmidt's Ubersichtskarte 1:350 000 
sind sie zwar als solche dort eingetragen, aber jedenfalls 
haben sie gegen Siiden eine weitere Ausdehnung. Am Wege, 
der von Domo iiber den Calvarienberg nach Calice fiihrt, sah 
ich sie deutlich anstehen, mit Neigung nach NW und nord- 
ostlichem Streichen. Am Calvarienberg selbst freilich steht 
echter Gneis an, der aber in den Berisalschiefern eine Ein- 
lagerung bildet. Ich habe die Grenze gegen den im Siiden 
angegebenen Tessiner- bezw. Antigorio-Gneis nicht erreicht. 
Auch die sog. Iyreazone, welche zwischen Pie di Mulera und 
Oruavasso von dem Ossolatal gequert wird, habe ich an diesen 
Stelien nicht untersucht, aber bei einer Querung derselben 
weiter im Siidwesten von Yarallo iiber Colle di Baranca nach 
Pie di Mulera habe ich mich davon iiberzeugt, claB von den 
geheimnisvollen Wurzeln, die die Nappisten darin zu suchen 
geneigt sind, nichts zu sehen ist. Gneis, Granit, Diorit und 
verwandte Tiefengesteine, z. T. mit ausgezeichneter Randfacies 
und Kontakthofen, sind gegeniiber den stark umgewandelten 
Sedimentgesteinen weitaus vorherrschend. 

Im Siiden dieser Zone, d. h. da wo die basischen Tiefen- 
gesteine, welche der Ivreazone ihren Charakter verleihen, enden, 
stelien sich bei Ornavasso Schiefer mit Marmorlagern ein, 
denen man, da sie mit Gneisen wechsellagern, friiher ein sehr 
hohes Alter zugeschrieben hat. Carl Schmidt hat aber 1907 
dieselben mit seinen triasischen Schiefern des Simplongebietes 
identifiziert und ihr Yorkommen im Gneis als Folge einer 
muldenformigen Einfaltung gedeutet. In diesem Schiefer liegen 
oberhalb Candoglia die von altersher beriihmten Marmorbriiche. 
Eine Fahre bringt uns von Ornavasso aus iiber die Toce, und 
ein FahrstraBchen zieht sich von da in etwa 8 Kehren zum 
untersten der Marmorbriiche hinauf. 



140 



Kombiniert man die Aufschltisse an d ein Wege mit denen 
des Marmorbruches so hat man eine geschlossene Reihe von 
Schichten, die bei nordostlichem Streichen steil aufgerichtet 
sind und meist senkrecht stehen. Im Siidosten herrschen dunkel- 
farbige Quarz - Glimmerschiefer, gegen Nordwesten folgen die 
Marnioreinlagerungen, mit denen sich auch helle Quarzite ein- 
stellen. Der Marmor ist meist unrein und sehr glimmerreich, 
so daB er nicht verwendbar ist, aber bereits in der Hohe des 
untersten Bruches liegt in solchen Marmoren eine etwa 20 Meter 
machtige rein ere Marmormasse, die weiter unten am Gebange 
ganz zu fehlen scheint. Beim Bau des FahrstraBchens sind an 
mehreren Stellen gate Aufschltisse geschaffen worden. Zu unterst, 
wo es durch eine parkahnliche Anlage hindurch ftihrt, sieht 
man dunkle, glimmerige Schiefer, z. T. von hornfelsartigem Ha- 
bitus, in seigerer Stellung anstehen. Sie schlieBen drei Marmor- 
banke und zwei Gneislager in konkordanter Aufeinanderfolge ein. 
Der Marmor ist sehr glimmerreich. Der Gneis ist dunnplattig 
und wenig machtig. Im Schiefer fallen kleine Linsen von 
Quarz und Feldspat auf. Langs des Zickzack-FuBweges, 
welcher die langen mittleren Kehren abktirzt, sieht man 
ahnliche Profile, nur werden die Gneiseinlagen mach tiger, und 
die stark gefaltelten Schiefer sind nicht nur von Quarzknauern, 
sondern auch von Linsen und Streifen von Feldspat und Quarz 
erftillt. Auch im Marmor, gleich unterhalb des Marmorbruches, 
sitzt ein 4 Meter breiter pegmatitischer Gang mit groBen Feld- 
spaten, Quarz, Glimmer- und Hornblende auf. 

Schon hieraus geht hervor, daB die Gneise und Granit- 
gange jtinger sein mtissen als der Marmor und die Schiefer, 
in die sie erst nachtraglich injiziert worden sind. Am tiber- 
zeugendsten aber wirkt der AufschluB an der groBten der 
StraBenkehren, die am weitesten nach Stiden vorspringt und 
etwa auf halber Hohe zwischen dem Talboden und dem 
Marmorbruch liegt. Hier fehlen die Marmorlager und herrschen 
quarzige und glimmerige Schiefer. In diesen liegen mit deut- 
licher Diskordanz und in durchgreifender Lagerung zwei Gneis- 
gange, wie dies in beistehender Figur wiedergegeben ist. Da 
ist ein Zweifel nicht mehr moglich. Es sind wirkliche Eruptiv- 
gange, und jeder Versuch, sie als mechanisch eingepreBte iiltere 
Gneis-Schuppen oder -Schollen zu erklaren, erscheint hier vollig 
aussichtslos. In ahnlicher Weise sollten wir auch im Simplon- 
gebiet Gneisgange in den mesozoischen Schichten zu finden 
erwarten, und bei Eisten sowie am Wege zum GiacomopaB 
haben wir ja auch etwas derartiges kennen gelernt. Nur 
reicht der AufschluB dort nicht tief genug in den Boden 



141 



hinein. Ehe die FahrstraBe bei Candoglia gebaut worden war, 
konnte man von dern jetzt so deutlichen Gneisgang wahrschein- 
licli auch nur selir wenig sehen. 

B. Lindemann hat schon 1904 auf Grund mikroskopischer 
Untersuchung diesen Marmor fiir einen durcb Kontaktmeta- 
rnorphose umgewandelteu Kalkstein erklart, wennschon er das 
bewirkende Tiefengestein nicbt nacbweisen konnte. Eine weit 
eingehendere Beschreibung bat Tacconi neuerdings gegeben 
(Bd. 50 der Atti della soc. ital. di scienze nat. Milano S. 55 — 88), 
die mir leider zur Zeit meines Besuches Ton Candoglia nicbt 
bekannt war, die aber mit meinen Beobachtungen in gutem 
Einklang steht. Er hat festgestellt, daB ein aus Feldspat, Quarz, 




Gneisgange im Scliiefer oberhalb Candoglia im Ossola Tale. 
Rechts iiber den Weg kleine Quelle. 

Muscovit, Turrnalin, Apatit und Granat zusammengesetzter 
pegmatitischer Gang stets im Kontakt mit dem Hauptmarmor- 
lager auftritt und auch kleine Apophysen in denselben entsendet. 
Aul3erdem sah er noch andere, quarzarmere pegmatitische Gange, 
zu denen der Yon mir beobachtete und oben erwahnte gehoren 
diirfte, darin auftreten, die yorwiegend aus Feldspat (Mikroklin), 
wenig Quarz, aber Yiel Pyroxen, Hornblende und aufierdem aus 
Turrnalin, Klinozoisit, Apatit und Titanit zusammengesetzt 
sind. Am Kontact mit dem Marmor miscben sich haufig diese 
Bestandteile mit denen des Marmors, so daB eine scharfe Grenze 
zwischen beiden Gesteinen nicht besteht. 

Im Marmor fand er als Einsprenglinge zwischen den Calcit- 
krystallen Qnarzkorner mit Flussigkeitseinschlussen, Phlogopit, 
Pyroxen, Amphibol, Epidot, Skapolith, Titanit, Apatit, Kupfer- 
kies, Pyrit, Magnetkies und Magneteisen. In der Nahe der 
Pegmatitgange stellen sich Feldspat, Granat und OliYin ein. 
Dort haufen sich auch auf Kosten des Calcites die anderen 
erwahnten Mineralien, besonders die Amphibole, Pyroxene und 
aus umgewandeltem Olivin herYOrgegangener Serpentin, und die 
Sulfide konzentrieren sich zu Schniiren und Knollen. Unter dem 



142 



Mikroskop erkannte Tacconi, daB gerade in diesen Kontakt- 
zonen zwischen Marnior und Pegmatit oder Gneis die Mineralien 
starke mechanische Deform ationen erhalten haben. Er zielit 
daraus den SchluB, dafi die regionale oder Dynainometaniorphose, 
selbst wenn man sie mit der thermodynainischen Metamorphose 
zusammennimmt, nicht ausreicht, um die yon ihm beobachteten 
Tatsachen zu erklaren, und dafi jedenfalls auch Kontakt- 
metamorphose wirksam gewesen sein niuB. Was aber auf 
Rechnung der einen oder der anderen Art Yon Metamorphose 
zu stellen sei, gibt er nicht an und auch die you mir beschriebenen 
Gneisgange in der Nahe des Marmorlagers erwahnt er nicht. 
Wenn man aber das Vorhandensein einer Kontaktmetamorphose 
zugibt, und es scheint mir dies unbedingt notwendig zu sein, 
•dann wird man ihr ohne Zweifel die Marmorisierung des Kalk- 
steines und die Ausscheidung der meisten Silikatmineralien, 
•der Quarze und Erze zuschreiben miissen, und fiir die Dyna- 
mometamorphose bleiben dann hauptsachlich nur noch die 
mechanischen Storungen tibrig, die sich damit zugleich als ein 
spaterer Vorgang dokumentieren. Das stimmt aber Yollkommen 
iibereinmit demErgebnis, zu dem ich im Simplongebiet gekommen 
bin, daJ3 die Injektion der Gneise Yor der alpinen Faltung ein- 
^etreten ist und daB letztere den Marmor als solchen schon 
Yorgefunden hat. 

II. Die Tektonik des Simplongebietes. 

Die Ergebnisse des Yorausgehenden Teiles lassen ohne 
weiteres vermuten, daB mit der stratigraphischen Grundlage, 
^uf der sich wahrend der Durchfiihrung des Simplontunnels die 
neue tektonische Auffassung herausgebildet hat, auch letztere 
selbst hinfallig geworden ist. 

Die postliasischen Gneise konnen nicht mehr als die archa- 
ischen Kerne groBer liegender Faltendecken in Anspruch ge- 
nommen werden, und noch Yiel weniger konnen sie als Beweise 
flir die Existenz dieser Falten dienen. Es ist notwendig, die 
ganze Tektonik umzuarbeiten und alle geologischen Profile 
unizuzeichnen. Das konnte nun als eine leichte Arbeit erscheinen, 
bei der nichts weiter zu tun ware, als in die alten Profile die 
neuen stratigraphischen Werte einzusetzen. Aber leider sind die 
neuen Werte nicht von gleicher Bestimmtheit wie die alten. 
Das geht aus einer kurzen Rekapitulation derselben hervor. 
Wir haben erkannt, daB unter den Sedimentgesteinen die 
Berisalschiefer die tiefste Stellung einnehmen. Sie sind min- 
destens palaozoisch, doch ist ein archaisches Alter nicht yoII- 
.standig ausgeschlossen. Die Bacenoschiefer hingegen sind ganz 



143 



unsicher, unci es ist ebensowohl moglich, dafi sie deni Mesozoicum 
wie dem Palaozoicurn angehoren. Alle sonstigen Sedimente 
durfen zwar mit groBter Wahrscheinlichkeit ins Mesozoicum 
gestellt werden, und ein Teil derselben gehort sicher zum Lias, 
ein anderer Teil hochstwahrscheinlich zur Trias, aber von 
groBen Teilen ist es ganz ungewiB, ob sie der einen oder 
anderen dieser zwei Perioden oder vielleicht auch keiner von 
beiden angehoren. Sie miissen, solange diese UngewiBheit 
besteht, in den Profilen stets rnit Fragezeichen erscheinen und 
lassen in vielen Fallen erne sichere Beantwortung der tektonischen 
Fragen nicht zu. Sie machen eindeutige Profile zur Unmoglich- 
keit. Aus deren Yieldeutigkeit kann man jedoch dem Geologen 
keinen Vorwurf machen, denn ultra posse nemo obligatur. Die 
Erkenntnis, daB die meisten Gneise und die Grunschiefer 
Intrusivgesteine sind, raubt diesen ebenfalls einen guten Teil 
ihres stratigraphischen Wertes, den sie bisher gehabt haben. 

Gleichwohl bleibt von dieser weitgehenden Umpragung 
der Werte eine tektonische Tatsache von seltener GroBartigkeit 
unberiihrt, deren Feststellung wir den unermiidlichen Arbeiten, 
inbesondere von Pkeiswerk, Schardt, Schmidt und Stella ver- 
danken. Es ist dies die Uberlagerung des gesamten Komplexes 
mesozoischer Gesteine durch die alteren Berisalschiefer ; auf sie 
miissen wir deshalb zunachst unser Augenmerk richten. Doch 
sei es gestattet einiges liber die vou mir angewendete tektonische 
Terminologie voraus zu schicken. 

l. Zur tektonischen Terminologie. 

Faltungen von groBer Ausdehnung und sehr verwickelter 
Gestalt spielen im Simplongebiet eine bedeutende Rolle. Es 
erscheint deshalb notwendig, bei ihrer Beschreibung fur die 
einzelnen Faltenteile eine Nomenklatur zur Anwendung zu 
bringen, iiber deren Bedeutung ein Zweifel nicht bestehen 
kann. Unzweideutig in dieser Beziehung sind die Worte 
Falte, Mulde, Sattel oder Gcwolbe, Fliigel oder Flanke 
(das Wort ,,Schenkel" gebrauche ich nicht gern, weil ihm der 
Begriff der flachenhaften Ausdehnung abgeht), Mulden- und 
G-ewolb ekern, G ewolb esche itel oder -first, Mulden- 
boden (erscheint mir besser als „Muldenbiegung u oder gar 
^,Muldenscheitel"), Mulden- und Sattelachse. (ziehe ich dem 
Wort „Linie" vor, weil es zugleich dem Begriffe der Schichten- 
•drehung Ausdruck verleiht), Achsenflache (in der die Achsen 
samtlicher verbogenen Schichten eines Mulden- oder Gewolbe- 
kernes liegen und die nnr in seltensten Fallen eine Ebene sein, 
und weshalb Achsenebene nicht als ein Synonym angesehen 



144 



werclen kann), stehende, schiefe oder geneigte, iiber- 
gekippte,liegende und iiberstiirzte oder t auch en de Falten, 
Mulden und Sattel, Mittelfliigel, der zwischen einer Mulde 
und einem Sattel liegt, isoklinale imd antiklinale Mulden, 
Sattel oder Falten. 

AuJBerdem hat man zwischen offenen und geschlossenen 
Falten zu unterscheiden. Isoklinale koinmen nur bei ge- 
schlossenen Falten yor, cloch konnen letztere auch antiklinal 
sein. Das Wesentliche der geschlossenen Falten besteht darin, 
dafi die urspriingliche Oberflache der Schichtmasse durch die 
spatere Faltung in den Mulden aufeinanderzuliegen kam. 
In solchen Muldenkernen bildet diese Oberflache die Trennungs- 
fliiche zwischen den beiden Muldenflugeln, und ich will sie 
deshalb die M edianfl ache oder kurzweg die Mediane nennen. 
Sie liegt stets in der Fortsetzung der Muldenachsenflache, und 
ihre Gestalt ist abhangig sowohl von der urspriinglichen Ober- 
flache als auch von den tektonischen Bewegungen bei der Faltung. 
Man kann deswegen auch nicht erwarten, daB die Mulden- 
medianflachen stets genau in der Mitte derMuldenkerne liegen, 
da ja die beiderseitigen Muldenfliigel primar verschieden machtig 
gewesen sein konnen. Aufierdem werden sie nur selten Ebenen 
sein, sondern meistens einen mehr oder minder unregelmafiigen 
Verlauf haben. 

Eine besondere Beachtung verdienen die Faltungen der 
Falten, worunter ich jedoch nicht jene feine Faltelung und 
.Knitterung der Schichten verstehe, die besonders in schieferigen 
Gesteinen im Simplongebiet die Regel ist, sondern die grofieren 
Faltungen sowohl der Faltenfliigel in ihrer Fallrichtung als 
auch der Faltenachsen in ihrem Streichen. Sie konnen schon 
ursprunglich bei der Hauptfaltung oder erst nachtraglich ent- 
standen sein infolge eines zweiten Faltungsprozesses, einer 
Nachfaltung, durch die die alteren Falten noohmals zu 
Mulden und Satteln zusammengeschoben worden sind. Im 
ersteren Falle sind es sogen. Neben- oder Spezialfalten, 
und man spricht von Mulden satteln, wenn sich kleine Sattel 
innerhalb einer grofieren Mulde, von Sattelmulden, wenn 
sich kleinere Mulden auf einem grofieren Sattel herausgebildet 
haben. Ftir den zweiten Fall fehlt uns eine gute Bezeichnung. 
Man spricht wohl von gefalteten oder wiedergefalteten Falten,. 
aber fur die einzelnen Erscheinungsformen sollt-e es Be- 
zeichnungen geben, die sofort den eigenartigen Sachverhalt 
erkennen lassen. Dies gilt besonders ftir Faltungen schon 
vorhandener liegender Falten. Es konnen da Gewolbe oder 
Mulden entstehen, die nach dem gekriimmten Yerlauf der 



Erklarungen zu Tafel I. 

Hippopotamus hipponensis Gaudry. 

Fig. 1. Linker oberer I 2, a von auBen, b von vorn, e Querschnitt in 
Mitte der Hohe. 

Fig. 2. Linker oberer C, a von innen, b Querschnitt in Mitte der 
Hohe. 

Fig. 3. Reenter oberer P 3, a von unten, b von auBen. 
Fig. 4. Reenter oberer P 4, a von unten, b von innen. 
Fig. 5. Reenter oberer M 2 von unten. 

Die Originale zu Tafel I — III stammen bis auf das zu Fig. 1 
Taf. Ill samtlich vom Garet el Muluk und befinden sich bis auf dieses 
in der palaontologischen Staatssammlung in^Miinchen. AUe Figuren 
sind in natiirlicher GruBe ohne Spiegel gezeichnet. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Tafel L 





2b 



A. Birkmaier gez. 



Lichtdruck von Albert Frisch, Berlin W. 



Erlauterungen zu Tafel II. 

Hippopotamus hippo nensis Gaudry. 

Fig. 1. Unterer I 1, a seitlich, b Querschnitt unter der Mitte. 
Fig. 2. Rechter unterer I 2, a von auBen, b Querschnitt unterhalb 
des Schmelzes. 

Fig. 3. Linker unterer C, a von aufien, b Querschnitt in Mitte der 
Hohe. 

Fig. 4. Rechter unterer P 4, a von inuen, b von oben. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1014. 



Tafel II. 




Lichtdruck von Albert Frisch, Berlin W. 



Erlanterungen zu Tafel III. 

Hippopotamus hipponensis Gaudry. 

Fig. 1. Rechter unterer P 2 von innen. Original zu Stromer 1905, ' 

Taf. 20, Fig. 5 vom Profil C, im Senckenberg-Museum. 
Fig. 2. Rechter unterer M 2, a von oben, b von auBen. 
Fig. 3. Rechter oberer D M 3, a von unten, b von innen. 
Fig. 4. Linker oberer DM4 von unten. 

Fig. 5. Linker unterer D C, hinten abgekaute Spitze, a von auBen, 

b Querschnitt unten an ihr. 
Fig. 6. Rechter unterer DM2 von innen. 

Fig. 7. Rechter unterer DM3, wenig abgekaut, a von innen, b von j 
oben. 

Fig. 8. Rechter unterer DM3, maBig abgekaut, von oben. 
Fig. 9. Rechter unterer DM3, stark abgekaut, von oben. 
Fig. 10. Linker unterer DM4, sehr stark abgekaut, von oben. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Tafel III. 




A. Birkmaier gez. 



Lichtdruck von Albert Frisch, Berlin W. 



Zeitschirft der Deutschen Geologischen ( 



Taf. IV 




Zeitschr. d. Deutsi 



Taf. V. 




Zeitschrift 

der 

Deutschen Geologischen Gesellschaft. 

(Abhandlungen und Monatsberichte.) 



A. Abhandlungen. 



2. Heft. 66. Band. 1914. 

April bis Juni 1914. 
(Hierzu Tafel YI-XXI). 

Berlin 1914. 

Verlag von Ferdinand Enke, 
Stuttgart. 



INHALT. 

Aufsatze: 

4. ECK, OTTO: Die Cephalopoden der Schweinfurth- 

schen Sammlung' aus der Oberen Kreide Ag-yptens. 
(Hierzu Tafel IX bis XIX und 20 Textfig-uren) . . 179 

5. LOTZE, K.: Beitrage zur Geologie des Aarmassivs 

(Untersuchungen iiber Erstfelder Gneise und Innert- 
kirchener Granit). (Hierzu Tafel XX bis XXI und 
Textfiguren) 217 




Deutsche Geologische Gesellschaft. 



Vorstand fur das Jahr 1914 

Vorsitzender: Herr Wahnschaffe*]* Schriftfiihrer : Herr Bartling 

Stellvertretende Vor- { „ Bornhardt „ Hennig 

sitzende: { „ Krusch „ Janensch 

Schatzmeister: „ Michael „ Weissermel 

Archivar: „ Schneider 

Beirat fiir das Jahr 1914 

Die Herren; FRECH-Breslau, FRICKE-Bremen, MADSEN-Kopenhagen, 
OEBBECKE-Munchen, RoTHPLETZ-Muncheu, SALOMON-Heidelberg. 

<§> 

Mitteilungen der Redaktion. 

Im Interesse des regelmaCigen Erscheinens der Abhandlungen und Monats- 
berichte wird urn umgehende Erlediguug aller Korrekturen gebeten. 

Die Manuskripte sind druckfertig einzuliefern. T)ie Kosten fiir 
Korrekturen, Zusatze und Anderungen m der 1. oder 2. Korrektur werden 
von der Gesellschaft niir in der Ho he von 6 Mark pro Druckbogen getragen; alle 
Mehrkosten fallen dem Autor zur Last. 

Der Autor erhalt in alien Fallen eine Fatmenkorrektur und Bach Umbrechen 
des betreffenden Bogens eine Revisionskorrektur. Eine dritte Korrektur kann 
nur in ganz besonderen Ausnahmefallen geliefert werden. Fiir eine solche hat 
der Autor die Kosten stets ganz zu iibernehmen. 

Im Manuskript sind zu bezeichnen: 
Uberschriften (halbfett) doppelt unterstrichen, 
Lateinische Fossilnamen (kursiv!) durch Schlangenlinie, 
Autornamen (Majuskeln) rot unterstrichen, 
Wichtige Dinge (gesperrt) schwarz unterstrichen. 

® 

Bei Zusendungen an die Gesellschaft wollen die Mitglieder 
folgende Adressen benutzen: 

1. Manuskripte zumAbdruck in der Zeitschrift, Korrekturen sowie darauf 
beziiglichen Schriftwechsel Herrn Konigl. Geologen, Privatdozenten 
Dr. Bartling, 

2. Einsendungen an die Bucherei sowie Reklamationen nicht eingegangener 
Hefte, Anmeldung neuer Mitglieder, Anzeigen von Adressenanderungen 
Herrn Sammlungskustos Dr. Schneider, 

beide zu Berlin N 4, Invalidenstr. 44. 

3. Anmeldung von Vortragen fiir die Sitzungen Herrn Professor Dr. 
Janensch, Berlin N.4, Invalidenstr. 43. 

4. Sonstige Korrespondenzen an Herrn Geh. Oberbergrat Bornhardt, 
Charlottenburg, Dernburg-Str. 49 oder Herrn Professor Dr. Krusch, 
Berlin N4, Invalidenstr. 44. 

5. Die Beitrage sind an Herrn Professor Dr. Rich. Michael, Charlotten- 
burg, Kaiserdamm 74, Postscheckkonto Berlin NW 7, Konto Nr. 16 071 
oder an die Deutsche Bank, Depositenkasse Q, fur das Konto „Deutsche 
Geologische Gesellschaft E. V. u porto- und bestellgeldfrei einzuzahlen. 



145 



Gesteinsbanke als- solche sofort zu erkennen sind und 
dennoch von den gewohnlichen normalen Schichtgewolben und 
-mulden sich sehr wesentlich unterscheiden. Bei diesen liegen 
jeweils die altesten Schichten (1 der Figur) im Gewolbekern, 
die jiingeren (2) im Muldenkern. Jeder Fliigel besteht aus einer 
einmaligen Aufeinanderfolge der altersverschiedenen Schichten, 
und wo bei liegenden Falten drei Fliigel tibereinanderliegen, 
ist die Reihenfolge der Schichten nur im Mittelfliigel eine zur 
Altersfolge verkehrte. Anders ist das bei den Mulden und 
Satteln einer nochmals gefalteten liegenden Falte. Hier 




Fig. 25. 

Einfache Uberfaltung mit liegendem Gewolbe. 
Uberfaltung mit Nachfaltung. 



besteht jeder Mulden- und jeder Gewolbeflugel aus einer drei- 
maligen "Wiederholung der ganzen Schichtserie. Die oberste 
und unterste haben normale, die mittlere yerkehrte Altersfolge. 
Ist yon solchen Mulden und Satteln zufallig nur die obere 
oder untere Schichtserie der Beobachtung zuganglich, dann 
erscheinen sie wie einfache und normale Mulden und Sattel. 
Ist aber nur die mittlere Serie zu sehen, dann kann man unter 
vollstandiger Yerkennnng des wirklichen Sachverhaltes yer- 
fuhrt werden, entweder an der Richtigkeit der Altersbestimmung 
zu zweifeln und die jtirigsten fiir die altesten Schichten zu 
halten, oder anzunehmen, daB infolge einer Drehung um 180° 
die Mulden aus Satteln und die Sattel aus Mulden hervor- 
gegangen seien. 

Fiir solche in Wirklichkeit jedoch aus Einmuldungen und 
Aufwolbungen entstandenen Mulden und Sattel ist eine be- 
sondere Bezeichnung erforderlich. Da es sich hierbei um die 
tektonischen Formen einer zyveiten oder Nachfaltung handelt, 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 10 



146 



so werde ich sie als Nachmulden und Nachsattel oder 
Nachgewolbe bezeichnen. In dem gesetzlich sanktionierten 
„Nacherben" haben wir im Deutschen ein Analogon fiir diese 
Wortbilduug. Wiirde das Wort after im englischen Sinne 
noch bei uns gebrauchlich sein, dann konnte man auch die 
Bezeichnung Aftermulde und Aftersattel wahlen, was noch. 
den besonderen Yorteil der Anwendbarkeit im Englischen 
hatte (afterfold, aftertrough etc.). 

2. Die Berisaliiberfaltung. 

Soweit als die Berisalschiefer auf der Simplonkarte in die 
Erscheinung treten, liegen sie auf den jiingeren mesozoischen 
Sedimenten und deren G-neis-Intrusionen. Ihre Verbreitung ist 
auf zwei voneinander getrennte Bezirke beschrankt. Yon 
diesen habe ich den ostlichen nicht untersucht und ich weiB 
nicht, inwieweit eine Identitat der im Osten des Antigoriotales 
eingezeichneten Berisalschiefer mit denjenigen Yon Berisai 
besteht. Nach dem Kartenbild erscheinen sie als Ausstrich 
eines nach NW ubergekippten Doppelgewolbes, das von meso- 
zoischen Schiefern auf der NW-Seite unter- und auf der SO-Seite 
iiberlagert ist. Der Berisalkern tritt unter diesem Mantel im 
SW beim Mte. Larone im Isornotal hervor und erstreckt sich 
in nordostlicher Bichtung bis zur Marchenspitz und dem Dorfe 
Bosco im gleichnamigen Tale, wo er unter die jiingeren Schichten 
wieder untertaucht. 

Tektonisch ganz unabhangig davon ist der Berisalschiefer 
im Siiden und Westen der Simplonkarte. Er taucht im Osten 
yon Domo d'Ossola (aufierhalb der Karte) auf und zieht sich 
yon da in nordwestlicher Bichtung iiber Zwischenbergen bis 
zum Simplonpafi mit Yorherrschend siidwestlichem Einfallen 
seiner Schichten und stets auf den jiingeren mesozoischen Ge- 
steinen und Schichten ruhend. Yom PaB aus greift er iiber 
diese in Form einer schmalen, im Maximum bis 4 km breiten 
und iiber 15 km langen Zunge in nordostlicher Bichtung hin- 
iiber und erreicht damit den nordlichsten Punkt seiner Ver- 
breitung am Cherbadung. Seine Nordgrenze lauft YOn diesem 
Berge in westsiidwestlicher Bichtung iiber Berisai, SchieJ3horn, 
Nanzliicke und Yisperterbinnen an die Westgrenze der Karte, 
wo sie sich dann auf den Sudgehangen des Bhonetales weiter 
bis Sion fortsetzt. Diese Uberfaltung — denn als eine solche 
hiuB sie nach den Feststellungen im stratigraphischen Teile 
gelten — hat sicher eine Weite von 20 km. Die mesozoischen 
Schichten, die clementsprechend auch iiber diesem liegenden 
Berisalgewolbe zu erwarten sind, erscheinen mit Ausnahme 



147 



einiger kleiner, abgelegener Pimkte auf der Simplonkarte 
nicht, sondern stellen sich erst erheblich weiter im Siiden und 
Siidwesten ein. Mit dem Gewolbe von Bosco hingegen hat 
diese Berisalfalte keinen Zusammenhang imd kann ihn auch 
nicht haben. Wenn sich also durch spatere Untersuchungen 
herausstellen sollte, dafi bei Bosco die echten Berisalschiefer 
gar nicht vorkommen und dafi dort gar kein liegendes Gewolbe, 
sondern eine Mulde existiert, was aus den nachfolgenden 
Erorterungen als nicht unwahrscheinlich hervorgehen wird, so 
wird damit die Existenz der Berisaliiberfaltung in keiner Weise 
betroffen. 

Die Lagerung und Yerbreitung der Berisalschiefer, welche 
uns zur Annahme einer so gewaltigen Uberfaltung zwingt, steht, 
abgesehen von gewissen Einzelheiteu, aufier allem Zweifel. Sie 
ist so augenfallig, dafi schon 1865 Gehlacii auf seiner Karte sie 
mit einer verbliiffenden Genauigkeit eingetragen hat. Er be- 
zeichnete die Berisalschiefer als Helvetanphyllite und Gneise 
(Casannaschiefer z. T.), hielt sie aber fiir junger als die darunter- 
liegenden Gneise, so dafi ihm diese Uberlagerung als etwas sehr 
Natiirliches erschien. Heute, wo es infolge der genauen geologischen 
Kartierung und der Aufschliisse, die der Simplontunnel gebracht 
hat, nachgewiesen ist, dafi die Berisalschiefer zwar wohl iiber 
jenen Gneisen, unmittelbar jecloch zunachst iiber mesozoischen 
Kalkgesteinen liegen, dafi somit diese Uberlagerung eine abnormale 
ist, mufi sie durch grofie tektonische Bewegungen erklart werden, 
und es konnen dabei nur Uberschiebung 'oder Uberfaltung in 
Betracht komnien. Nirgends aber, wo ich die Berisalschiefer 
unmittelbar auf den Kalkschiefern liegend beobachten konnte — 
und es bietet sich zu solchen Beobachtungen, besonders in der 
Umgebung des Simplonpasses, guteGelegenheit — waren Anzeichen 
einer Uberschiebungsflache oder Mylonitbildungen zu bemerken. 
Uberfaltung ist somit beim gegenwartigen Stand uuserer Kennt- 
nisse allein imstande, die Uberlagerung zu erkliiren. Die Kalk- 
sedimente und Gneise entsprechen danach dem liegenden Flligel 
dies gewaltigen Gewolbes unci zugleich dem hangenden Fliigel 
•einer Mulde, die unter dem Gewolbe liegt. 

Zu dieser liegenden Mulde sind alle die Gesteine zu rechnen, 
die unter den Berisalschiefern im Norden und Osten heryor- 
kommen, und es steht zu erwarten, dafi in ihr die verschiedenen 
stratigraphischen Gliecler zweimal iibereinander auftreten, zu 
oberst in verkehrter, zu unterst in normaler Lagerung, und dafi 
zu allerunterst audi die Berisalschiefer wiedererscheinen werden, 
falls die Erosion tief genug heruntergearbeitet hat. 

Wenn wir nun von Westen nach Osten etwa in der Richtung 

10* 



148 



Simplon-Hospiz — Cairascatal das Gebiet durchwandern, dann 
ergibt sich folgende Reihenfolge von oben nach unten: 

1. Berisalschiefer, 

2. Kalkgestein, 

3. Leonegneis, 

4. Kalkgestein, 

5. Valgrandegneis, 

6. Kalkgestein, 

5. Lebendungneis, 
4. Kalkgestein, 
3. Antigoriogneis, 
2. Kalkgestein. 

Die liegenden Berisalschiefer sind also wirklich nicht auf- 
geschlossen, sonst aber entspricht die Schichtfolge genan der 
einer liegenden Mulde, denn wir sind ja berechtigt, den Leone- 
mit dem Antigoriogneis zn identifizieren. Die Muldenmediane 
liegt im Kalkgestein 6. 

3. Die Formazza-Uberfaltung. 

Der liegende Fliigel der Berisalfalte zeigt besonders 
da, wo der hangende Fliigel fehlt, bedeutende Yerbiegungen, 
die ich als die Formazza-Uberfaltung bezeichne, weil sie zu 
beiden Seiten dieses Tales am deutiichsten entwickelt ist. Es 
liegen dort sicher zwei Falten ubereinander. Die untere beginnt 
im SW am Teggiolo und zieht mit ihrem Stirnrand in nord- 
ostlicher Richtung iiber Goglio im Deverotal und den Busin- 
See nach Oberfrutt im Formazzatal. Die zweite beginnt erst 
im Osten yon Formazza nnd zieht ins Basodino-Massiv hiniiber. 
Soweit die Aufschliisse reichen, zeigen sich die Berisalschiefer 
nirgends in diesen Falten. 

Wahrend es bei der Berisaluberfaltung ungewiB ist, ob sie 
mehr nach Norden oder mehr nach NO gerichtet war, lassen 
die Formazzafalten eine nordwestliche Faltungsbewegnng sehr 
deutlich erkennen, und es ist diese Diskordanz der Bewegungs- 
richtungen eine Erscheinung von grower tektonischer Bedeutung^ 

4. Die Bedrettofaltung. 

Die engen stehenden Falten bei Brig, die zwischen dem 
Gneis des Aarmassives und der Berisalfalte eingezwangt sind, 
streichen in ostnordostlicher Richtung iiber Binn und den 
NufenenpaB ins BedrettotaL Nicht nur durch ihre Streichrich- 
tung, sondern auch durch ihre Form unterscheiden sie sich sehr 
auffallig von den liegenden Formazzafalten und der Berisalfalte. 



149 



Mit ersteren treffen sie am GiacomopaB zusammen, wahrend 
sie bei Brig, in nordsiidlicher Richtung gemessen, schon einen 
Abstand von 11 km von ihnen haben. 

Diese drei Faltungseinheiten lassen sich trotz der be- 
stehenden stratigraphischen Schwierigkeiten ziemlich genau 
feststellen, und sobald man auf der geol. Simplonkarte die 
Yeranderungen vornimmt, zu welchen uns die Stratigraphie 
zwingt, dann wird man auch aus ihr ohne weiteres die drei 
Faltungsziige herauslesen. Viel schwieriger jedoch ist es, die 
zeitlichen und ursachlichen Beziehungen zu erkennnen, die 
zwischen ihnen bestehen. Da ist es notwendig, durch ein 
minutioses Studium der Einzelheiten die Anhaltspunkte zur 
Entzifferung der tektonischen Yorgeschichte zu gewinnen. Ein 
uniibertreffliches Hilfsmittel dazu hat der Simplon-Durchstich 
geliefert, dem wir uns deshalb zunachst zuwenden wollen. 

5. Der Simplontunnel. 

Die geologischen Aufschliisse in diesem Tunnel haben fiir 
die Auffassung des Gebirgsbaues in diesem Gebiete eine wahre 
Revolution gebracht. Sie sind von solch grundlegender Be- 
deuturig geworden, daB sie auch hier eine besondere Besprechung 
erfordern. Was wir dariiber wissen, verdanken wir in erster 
Linie den 31 Rapports trimestriels au Conseil federal Suisse 
sur l'etat des travaux du percement du Simplon, vom 
31. Dezember 1898 bis zum 30. Juni 1906, in denen Schakdt 
die jeweils durchfahrenen Gesteine und ihre Schichtlage in 
besonderen Kapiteln beschrieben hat. Der besondere Wert, 
den diese Berichte haben, liegt darin, daB sie den Tatbestand 
genau verzeichnen, soweit er damals bemerkenswert erschien, 
und dafi bei der Auswahl der Mitteilungen nicht theoretische 
Gesichtspunkte mafigebend waren, sondern in erster Linie die 
praktisch wichtigen. Diese Unbefangenheit der Darstellung ist 
fiir uns von groBtem Wert und laJt gern iiber das Fehlen 
genauerer petrographischer Untersuchungen hinw T egsehen, die 
erst nach langerer Studienzeit zu geben moglich war, 
und die ja auch in Aussicht gestellt sind 1 ). Weitere Beitrage 
hat Schardt 1903, in Note sur le profil geologique et la 



J ) Die interessante Arbeit von H. Preisaverk: „Die metamorphen 
Triasgesteine im Simplon Tunnel", erschienen in den Verh. der naturf. 
Ges. Basel 1913, ist mir vom Verfasser leider erst zu einer Zeit zuge- 
schickt worden, als das Manuskript schon abgeschlossen war. Die 
darin festgestellte Mineralfuhrung der „triassischen" Gesteine steht mit 
meiner Auffassung in bestem Einklang. 



150 



tectonique du Massif du Siinplon, und C. Schmidt geliefert, 
der auch fur einzelne Tunnelstreckeu Profilzeichnungen gegeben 
hat (Fiihrer zu den Exkursionen der D. G. G. 1907, S. 56 
bis 63). Seine Aufsatze in den Eclogae (1907) und in den 
Erlauterungen zur Simplonkarte (1908) enthalten allerdings 
nur recht sunimarische Angaben iiber die Tunnelaufschliisse, und 
das im Marz 1905 yon C. Schmidt u. H. Preiswerk ent- 
worfene (Eclogae a. a. 0., Taf. 8) Profil 1 : 50 000 gibt die- 
selben ziemlich schematisch und mit starker theoretischer 
Farbung wieder. Ich kann es deshalb unserer Besprecbung 
hier ebensowenig zugrunde legen wie die yielen anderen 
seitber yeroffentlichten Profile yon Schardt, Schmidt, Stella 
u. a., deren MaBstab 1: 150 000 oder noch kleiner ist. 

Icb babe nacb den ScHARDTscben Angaben ein Tunnelprofil 
1:10 000 gezeicbnet und micb dabei nur an die Rapports 
trimestriels gehalten. Dann erst habe icb dasselbe in das 
Simplonoberflachenprofil eingesetzt, das ich yorher genau in 
der Pichtung der Tunnelacbse durcb das Gebirge gelegt hatte. 
Auf diese "Weise erbielt icb zwei raumlicb yoneinander ge- 
trennte auf tatsachliche Beobacbtungen gestiitzte Profile, die 
icb dann in Fig. 1, Taf. I mit punktierten Konstruktions- 
linien yerbunden babe. Dadurcb soil scbarfer als dies bisber 
gescbab, zwiscben Tatsacben und Vermutungen unterscbieden 
werden, was nacb den Ergebnissen des stratigrapbiscben Teiles 
unbedingt erforderlicb erscbeint. 

Wenn wir uns nun dem Tunnelprofile zuwenden, so fallt 
es auf, daB yom Nordportal weg die Scbicbten alle ganz steil r 
meist sogar yertikal stehen, gegen SO bin sicb langsam urn- 
legen, so daB sie ein nordwestliches Einfallen erbalten, dann 
iminer flacher werdend, bei Km. 6 (yom Sudportal) sogar 
yollstandig borizontale Lagerung annebmen und weiterbin bis- 
zum Sudportal in eine Neigung nacb SO iibergeben. Im 
ganzen also, wenn wir yon raumlicb begrenzten Storungen r 
die bernacb zu besprecben sind, abseben, bietet sicb uns das 
Bild eines flacb gespannten weiten Gewolbes dar, dessen 
nordlicher Fliigel jedocb steiler als der siidlicbe aufgericbtet 
ist und zuletzt sogar in yertikale Stellung iibergebt. Sobald 
wir aber die petrographiscbe Bescbaffenheit und den strati- 
grapbiscben Wert der einzelnen Schicbten ins Auge fasseD y 
yerscbwindet dieses einfacbe Bild sofort, und es bait scbwer, in 
dem Wirrsal der Erscbeinuugen GesetzmaBigkeiten ausfindig; 
zu macben. 



151 



6. Das Tunnelprofil. 

Yom Nordportal weg durchfuhr man: 

I 677 m Glanzschiefer, nur teilweise kalkhaltig, 
meist von Quarz- und Calcitadern durchsetzt, 
erst 40° nach SO fallend, langsam sich steiler 
stellend bis 85° und zuletzt sogar steil nach 
NW geneigt. 

II 38 m grauer und weifler Anhydrit und Gips 
mit Dolomiteinlagen, zu beiden Seiten yon 
weiBem sericitischen Schiefer eingescklossen 
(km 0,677—0,715). 
Ill 521m Glanzschiefer wie oben 95 m, 60 — 65° 
nach SO fallend, 10 m Zerknitterungszone, 
2J m vertikale Stellung, 59 m steiles Einfallen, 
nach NW bis zu 25° sich verflachend und 
dann wieder bis 75° NW-Neigung steigend, 
74 m Zerknitterungszone mit Verwerfungen, 
39 m Neigung yon 75 — 85° nach SO, 17 m 
Zerknitterungszone, 83 m Neigung nach SO 
mit 75 — 90°, 11 m Zerknitterungszone mit 
viel Gleitflachen, 86 m Schiefer, horizontal, 
allmahlich Neigung mit 25 — 35° nach SO 
annehmend, 26 m mit Neigung yon 70° SO 

IT 294 m Anhydrit, Gips und Dolomiteinlagen. 

156 m Anhydrit, Gips und Dolomit mit wieder- 
holten sattelformigen Aufbiegungen, 2 m griin- 
lichgrauer Schiefer, 2 m Anhydrit, 4 m 
Schiefer, 23 m Anhydrit, 1 m weiBer pyrit- 
reicher Schiefer, 23 m Anhydrit, 58 m grauer 
Kalkschiefer mit wenig Quarzadern, aber 
starken bizarren Faltelungen, durchaus yom 
Ansehen der normalen Glanzschiefer, 28 m 
Anhydrit. (km 1,236—1,530.) 

Y 1467 m Glanzschiefer, dem vorausgegangenen ganz 
ahnlich und zunachst stark gefaltelt, dann 
vertikal gestellt mit 75 — 85° Neigung nach 
SO, seltener NW, doch kommen auch Ver- 
biegungen mit bis zu 1 m Krummungsradius 
vor, mit kleinen Diskordanzen der Schichten 
verkntipft. Eine Zunahme der kieseligen 
Kalkeinlagerungen tritt ein und zugleich 
groBere Krystallinitat. 



152 



VI 153 hi gleiche Gesteinsarten, aber plotzlich mit 
20 — 25° SO Neigung und mehrfach mit yerti- 
kalen Schichten abwechselnd. (km 2,997 bis 
3,150.) 

VII 420 m gleiche Gesteinsarten, Neigung nach SO 
mit 75—85°, dann bei km 3,432 Neigung 
70—80° NNW und Streichen (statt N 40° 0) 
N 55—75 0. Von km 3,500—3,565 yertikale 
Stellung und dann wieder Neigung nach SO 
bis km 3,570. 

VIII 261 m Glanzschiefer, kalkhaltig und weich, wellig 
gebogen, bei km 3,595 fast horizontal, dann 
steiler bis vertikal, aber mit zickzackformigen 
Verbiegungen zwischen km 3,695 und 3,735, 
ganz miirb mit viel Gleitnachen, yon km 3,710 
nach SO fallend. 

IX 34 m Glanzschiefer mit Einlagerungen yon 2 — 3 
m dicken krystallinen Kalkbanken. Neigung 
nach NW mit 80—85° bis km 3,865. 
X 46 m Dolomit und glimmerreicherSchiefer, Neigung 
NW 80—85°. Bei km 3,900 ein Gneisband, 
1 m stark, yon Gleitnachen begrenzt, diskordant 
im Schiefer. Die Gesteinsfolge ist 26 m 
Dolomit, 12 m Schiefer mit Gneisgang, 2 m 
Dolomit, zu unterst Gleitflache gegen den 

XI 80 m Gneis (Eistengneis) zwischen km 3,911 und 
3,991. 

XII 91 m Dolomit 59 m, korniger grauer Kalk 3 m, 
glimmerreicher Schiefer 22 m, weifler Dolomit 
5 m, schwarzer Glimmerschiefer 1,5 m. Viel 
Verbiegungen der Schichten. Deutliche Dis- 
kordanzen. 

XIII 329 m Gantergneis mit vielen bis x / 2 m breiten 

Aplitgangen zwischen km 4^081 und 4,410. 

XIV 400 m kieseliger Kalk, Cipollin und sericiti- 

scher Glimmerschiefer in Wechsellagerung 
mit quarzitischen Lagen und Kalkschiefer 
mit Granaten und Hornblende. Neigung NW 
mit 70—75°. 

XV 100 m Grunschieferzone mit grauem kalkhaltigen 
Granatglimmerschiefer zwischen km 4,810 und 
4,910. 



153 



XVI 90 m Granatgliminerschiefer mit einigen weiBen 
Marmorbanken, Neigung NW mit 50 — 70° 
bis km 5,000. 

XVII 2247 m Gneis, Glimmerschief er, Chlorit-Horn- 
blendeschief er und Quarzit in vielfacher 
Wechsellagerung und meist ganz kalkfrei, 
Neigung nacli NW mit 50° nimmt allmahlich 
ab bis 20°, bei km 6,885 beinahe horizontal. 
Zwischen 5,000 und 5,355 sind die granat- 
fiihrenden Schiefer stark von Gneislagen 
durchsetzt. Zwischen km 5,990 und 6,075 
ausschlieClich Augengneis, bis km 7,247. 

XVIII 5 m Kalkschiefer, zuerst chloritisch und granat- 
fuhrend, dann kalkreich und mit Einlagerung 
von 5 — 10 cm starken glirnmerfuhrenden 
Kalkbiinken. 

XIX 893 m Leone-Gneis, zuerst aplitisch (6 bis 7 m), 
dann glimmerig und schichtig wie der Ganter- 
gneis, ist durchweg etwas kalkhaltig, mit 
Gangen von Quarz, Calcit und violettem An- 
hydrit. Von km 7,800 an im glimmerreichen 
Gneis viel rotlichgelbe Granaten. Neigung 
NW mit 20—30°. Zwischen km 7,965 und 
8,005 mit schwacher horizontaler Wellung, 
dann bis zu 50° nach NW, bei km 8,085 
20 m weit nach SO geneigt, dann wieder 
nach NW. Endet bei km 8,145. 

XX 442 m Schiefer verschiedener Art, mit Neigung 
von 35° nach NW beginnend, bis 20° ab- 
nehmend, bei km 8,550 fast horizontal. Bei 
km 8,567 eine Verwerfung und danach Neigung 
45 — 50° nach NW. Es folgen nacheinander: 
10m weiBe quarzitischeKalkbanke, in glimmer- 
reichen Marmor tibergehend, 30 m Kalk- 
glimmerschiefer, 1 m Quarzitbank, 104 m 
quarzfiihrender mehr oder weniger kalkreicher 
Glimmerschiefer, stellenweise mit Granaten, 
276 m silbergraue bis griinlichgraue weiche 
Schiefer 'mit eingesprengten Biotitblattern, 
hinter der Verwerfung 7 m weifier kalkhaltiger 
Qarzit, 6 m Glimmerschiefer, 7 m Quarzit bis 
km 8,587. 



154 



XXI 181 m Gneis, teils hell, teils dunkel und glimmer- 
reicli, lokal mit groBen Granaten. Er ist 
stark mit Gleitflachen und Yerbiegungen 
durchsetzt, besonders bei km 8,600, 8,745 
und 8,768. Die Spalte bei km 8,745 ist mit 
kaolinisiertem Gneisgrus gefullt. 
XXII 163 m Gl immerschief er wie Yorher, aber stark 
zerknittert und zu einer Spiegel-Breccie zer- 
driickt, die Spiegel durch Bewegungen Yon 
SO nach NW herYorgerufen. Die Richtung 
der HauptgleitfLachen ist wenig schief zur 
Schieferung. Zwischen km 8,855 und 8,8870 
sind die Schiefer nach SO geneigt, andere 
stehen Yertikal. Von km 8,768 bis 8,931. 

XXIII 291 m Yalgrande-Gneis. Zuerst 58 m Gneis und 
Glimmerschiefer vermischt, mit Nestern Yon 
Granat und stets etwas kalkhaltig. Dann 
granatfiihrender, glimmerreicher Gneis Yon 
km 9,100 an mit Hornblendenadeln und 
glimmerschieferartigen Varietaten. Bei km 
9,000 Neigung mit 30° nach SO, dann nach 
NW bis zur Gleitflache bei km 9,080, die 
30° nach SO geneigt ist, darauf Neigung im 
Gneis nach SO und you km 9,200 an mit 
35° nach NW. Bei km 9,260 Kontakt mit 

XXIY 420 m Glimmerschiefer, 42° nach NW geneigt. 

Der blaugraue sericitische Schiefer schlieBt 
einzelne gneisartige Lagen ein. Bei 9,375 km 
Quarzitschief er und Glimmerschiefer, bei 
9,399 km dolomitischer Cipollin mit 
einigen Anhydriteinlagerungen, die an Menge 
zunehmen bis km 9,627, dann Kieselkalk, 
Dolomit und grauer Kalkglimmerschiefer bei 
km 9,680. Neigung nach NW mit 30—50°. 
XX Y 939 m grauer Kieselkalk und heller korniger 
Marmor, fallt zuerst 25° NW und verflacht 
bei km 9,110 (Yom Siidportal) auf 10°. Einige 
groBe Spalten mit Gleitflachen stehen in Be- 
ziehung zu den Tunnelquellen. 

Die Grenzflache bei km 9,110 ist nach 
Schardt eine Yerwerfung; in Galerie I ist 
sie mit 83° nach NW, in Galerie II aber' mit 
35° nach SW geneigt. Er nennt sie deshalb 
une surface gauche. Jenseits dieser Flache folgt 



155 



XX VI 2005 m Kalkglimmerschiefer mit einzelnen Gra- 
naten, der aber 90 m weit von Gleitflachen 
ganz durchsetzt und besonders nahe der 
„Verwerfung" formlich zerhackt (hachure) ist. 

Dann geht er in normalen, grauen, granat- 
fiihrenden Kalkglimmerschiefer iiber, der zu- 
erst mit 10 — 20° nach SO einfallt, an einer 
Stelle sogar zwischen km 8,820 — 8,830 hori- 
zontal liegt. Er ist yon sich kreuzenden 
Gleitflachen durchsetzt bis zu der SW 
streichenden vertikalen Verwerfungsspalte bei 
km 8,691, jenseits welcher die Schiefer zuerst 
horizontal liegen und dann 10 — 25° nach NW 
einfallen. Es stellen sich im Schiefer teils 
helle Kalkbankchen, teils quarzitische Ein- 
lagerungen ein. Oft ist der Schiefer durch 
Biotitknotchen gesprenkelt. Bei km 7,115 
folgt 

XXVII 280 m weiBer Marmor, oft mit viel Biotit, Phlogo- 
pit (?) und griinlich gelbem Sericit, zwischen 
km 7,110 — 7,115 ist er grau nnd quarzfuhrend, 
zwischen km 6,831 und km 6,862 wird er 
ein kalkreicher, korniger, Biotit und Muscovit 
fiihrender Gb'mmerschiefer. Neigung nach 
NW mit 15 + 20°. 

XXVIII 1504 m Glimmer reicher, schichtiger Gneis mit 
sehr viel Linsen von kornigem (Antigoriogneis 
iihnlichem) Gneis, die nach Schakdt keine 
Gerolle sein konnen. Auch in den aplitischen 
Gneisbandern kommen solche Linsen oft mit 
zonarer Struktur vor. Oft sind die Linsen 
auch basischer Natur. Die ersten 660 m fallt 
der Gneis mit 25 — 10° nach NW ein, auf 
205 m liegt er horizontal, auf 375 m ist er 
mit 5 — 6° nach NW geneigt, auf 330 m wieder 
horizontal, und auf weitere 34 m fallt er mit 
10° nach SO. Dariiber folgt bei km 5,326 

XXIX 385 m K alks chief er mit viel Quarz- und Calcitadern 
und hie nnd da mit Einlagerungen von 
kornigen Kalkbanken. Er ist stark zerknittert, 
aber wellig horizontal gelagert, mit schwacher 
Neigung nach SO, die kurz vor km 4,940 
steil wird. 



156 



XXX 330 m Es folgt dariiber zuerst eine Marmorbank 
und dann wellig verbogene Kalkglimmer- 
schiefer und Anhydrit, spater auch mit 
Doloiniteinlagen, die roit 15 — 35° nach SO 
einfallen, dann sich aberwieder ganz verfiachen, 
bis km 4,610. Unvermittelt folgt in steiler 
Stellung mit Neigung von 70 — 75° nach SO 
XXXI 150 m glimmeriger Kalks chief er mit Anhydrit- 
einlagerungen (Carl Schmidt gibt bei km 
4,560 einen grofieren Graniteinschlufi an, der 
vielleicht dem an der Poststratfe bei Eisten 
analog sein diirfte, Schardt hat ihn nicht 
erwiihnt), der starke Faltungen zeigt, so dai3 
bei km 4,460 nordwestliches und siidostliches 
Einfallen wiederholt mit horizontaler Lagerung 
abwechseln. Jenseits einer Gleitflache 
XXXII 41 m feinschiefriger Kalkglimmerschiefer ohne 
Anhydrit und Dolomit, aber mit zerbrochenen 
Banken von Kalk und Cipollin. Er ist stark zer- 
driickt und verbogen, bildet vielleicht zwei Ge- 
wolbe. Eine Verwerfung bei km 4,420 streicht 
N 50° O nnd fallt 80° SO (siehe Schardt: „Note 
sur le profil" 1903, Taf. II). Jenseits folgt 

XXXIII 95 m weifler und grauer glimmerreicher Marmor, 

diskordant zu den nordlich anstoflenden 
Schiefern. Er fallt 35 — 40° SO, ist aber an 
der Verwerfung gestort und fallt sogar gegen 
sie ein. Dariiber liegt bei km 4,325 

XXXIV 4325 m Antigoriogneis, bis zum Siidportal zuerst 

40° nach SO geneigt, dann in horizontal 
wellige Lagerung iibergehend und zuletzt 
8—10° SO fallend. Er schliefit viele Glimmer- 
schieferpartien von bis zu 20 m Breite ein, 
wird von zahlreichen Aplitgangen durchsetzt 
und zeigt auf den Bankungsflachen sehr oft 
Gleitspuren. Bei km 3,855 ist er von einer 
vertikalen Yerwerfungsspalte durchsetzt, die 
N 36° W streicht und auf der heiBe Quellen 
aufsteigen und kalte in die Tiefe sinken. 
Nach Schardt betragt ihre horizontale Yer- 
schiebung bis 10 m, ihre vertikale 5 m, d. h. 
der ostliche Gebirgsteil ist von Sud nach 
Nord auf 10 m unter einem Winkel von 30° 
in die Hohe geschoben worden. 



157 



Die Deutung, welche Schardt der Anhydritzone IV gegeben 
hat, erscheint wohl begriindet. Die starken Verbiegungen in 
der 156 m breiten Hauptmasse stehen mit der Vorstellung 
eines Gewolbes in Einklang, und die 58 m breite Zone ver- 
knitterter Glanzscbiefer 1 aI3t sich als eine kleine Sattelmulde 
versteben. Die nur 38m breite Anhydritzone II zeigthingegen keiner- 
lei Spuren gewolbeartiger Unibiegungen nnd konnte deshalb auch 
als eine einfache Einlagerung in den Kalkschiefern aufgefaBt 
werden. Dahingegen ist es sebr wahrscheinlich, daB die zwei 
Gipslager bei der Massa (Fig. 4) auBerhalb des Tunnels ini Norden 
des Nordportales jenseits der Rhone der Zone IV entsprechen und 
denNordfliigel einerMulde bilden, in derenKern die Glanzschiefer 
I und III mitsamt dem Anhydrit II liegen. In diesem Mulden- 
kern hat man nirgends auch nur die geringsten Spuren einer 
muldenformigen Schichtumbiegung beobachtet, aber man wird 
annehmen diirfen, daB dieselbe in groBerer Tiefe unterhalb der 
Tunnelsohle vor sich geht, und die 4 m breite Zerknitterungszone 
in Glanzschieferzone III deutet vielleicht eine Muldenmediane 
an. Ob der Muldenkern ganz aus Triasschichten besteht, oder 
ob ein innerster Teil schon zum Lias gehort, laBt sich nicht ent- 
scheiden. Wenn der Anhydrit II kein Gewolbe, sondern eine 
Einlagerung sein sollte, wird auch der groBteTeil derSchiefernoch 
in die Trias zu stellen sein, etwa als Rat. Die Glanzschiefer der 
Zone V bilden den sudostlichen Fliigel des Anhydritgewolbes IV 
und haben zuniichst auch die gleiche petrographische Beschaffen- 
heit wie die Schiefer I und III. Weiterhin aber veriindern sie 
sich etwas durch Aufnahme kieseliger Kalkbanke. Sie ent- 
sprechen wahrscheinlich einem hoheren stratigraphischen Ho- 
rizont, der in den Bedrettomulden nicht mit eingefaltet ist, und 
man konnte allenfalls mit ihnen den Lias anfangen lassen. 
Diese ganze Serie hat die betrachliche Machtigkeit von im 
Maximum vielleicht 1000 m; denn wegen der Faltelungen und der 
schiefen Neigung der Schichten und der zahllosen Quarzgange 
bedarf die entsprechende Tunnellange einer starken Reduktion, 
urn als MaB der Machtigkeit zu dienen. Die Zone VI besteht 
aus den gleichen Gesteinsarten, aber statt der regelmafiigen 
Steilstellung mit 75 — 85° Neigung gegen SO, tritt hier plotzlich 
flache Neigung von 20 — 25° abwechselnd mit steiler Stellung ein, 
und erst in Zone VII stellt sich wieder die alte Ordnung ein. 
Diese 153 m breite Storungszone VI macht es wahrscheinlich, 
daB wir uns in der Mediane der groBen liegenden Berisalmulde 
beiinden, wo die urspriingiiche Oberflache der Gesteine der Zone V 
mit derjenigen der Zone VII infolge der Uberfaltung in Be- 
ruhrung kam, wobei die obersten Lagen beider durch die ge- 



158 



waltige Massenbewegung starke Zerriittung erlitten. Anhlich 
wie in Zone V folgt auf Zone YII die Zone VIII mit feinen 
Glanzschiefern, wie solche das GewoTbe IV urnhullen. In dieser 
Zone VIII herrschen starke Verbiegungen vor und Storungen 
auf Gleitflachen. Sie erklaren sich wohl damit, dafi bei der 
grofiartigen Uberfaltung diese weicheren Gesteine yon der Last 
der dariiber liegenden Massen schwer zu leiden hatten, wahrend 
da, wo in Zone IX sich wieder feste bis zu 3 m dicke Kalk- 
banke einstellen, die Schichten ihre regelmaBige Anordnung 
mit steiler Neigung nach NW behalten haben, ebenso wie dies 
in der Dolomitzone X, die der Trias zugezahlt werden darf, 
der Fall ist. 

Die Tatsache, dafi die in Zone VI liegende Medianflache 
der Mulde jedenfalls eine sehr steile Stellung bat, erschwert 
die Erkenntnis, daB es sich dabei um eine urspriinglich liegende, 
durch Uberfaltung gegen Norden entstandene Mulde handelt, 
die erst durch die Nachfaltung gerade an dieser Stelle steil 
aufgerichtet worden ist. Die Beweise hierfiir linden wir aber 
auf der Siidseite des Tunnels. 

Die diinne Gneislage in Zone X liegt diskordant in den 
Triasschichten und muB deshalb als Gang gedeutet werden. 
Auch der Eistengneis zeigt sowohl zu seinen hangenden als 
auch zu den liegenden Triasschichten unverkennbare Diskor- 
danzen, und das gilt auch fur den Gantergneis der Zone XIII. 
In der folgenden Zone XIV fehlen Dolomit- und Anhydritein- 
lagerungen, wie es scheint, yollstandig, aber zugleich ist derGe- 
steinscharakter yon dem der Zonen VII — IX sehr verschieden. 
Es liegt deshalb kein Grund yor, diese Gesteine fur etwas 
anderes zu halten, als was sie erscheinen, namlich als das 
Liegende der dolomitfiihrenden Trias. Das gilt auch fur die 
Zone XV mit den yielen Griinschiefereinlagerungen und fur 
Zone XVI, in der die Kalkgesteine zwar bereits stark zuriick- 
treten, aber in Form weifier Marmorbanke doch noch yor- 
kommen. Die Gesamtmachtigkeit dieser untertriasischen 
Schichten der Zonen XIV — XVI kann auf 400 m geschatzt 
werden, die der dolomitischen Trias auf iiber 100 m. 

Der tibergang zur Zone der Berisalschiefer macht sich 
durch keinerlei Diskordanz bemerkbar. Es stellen sich erst 
feinkornige, granathaltige, helle Gneise ein in granatfiihrenden 
und granatlreien Glimmerschiefern, dann graue Gneise mit Aplit- 
ziigen, mehrere Amphibolitlagen , die stets noch etwas Kalk 
enthalten. Nach 733 m erst kommt ein kalkfreier Glimmer- 
schiefer, der yon Gneisen ganz durchschwarmt ist, so dafi es 
schwer halt, beide auseinander zu halten, aber ein besonders 



159 



machtiger Gneiszug ist zwischen Km 5,999 und (3,075 durch- 
fahren worden. AuBerdem stellen sich auch viele Amphibolit- 
gesteine ein. Der Umstand, daB zwischen den Berisalschiefern 
und den Kalkschichten der Trias keine Diskordanz und keiner- 
lei Grundkonglomerat in der Trias zu bemerken ist, liifit dar- 
auf schlieBen, daB zwischen die Ablagerung beider Forniationen 
kein groBer Zeitabschnitt fiel, daB somit diese Berisalschiefer 
•vielleicht als jungpalaeozoisch angesehen werden diirfen. 

Diese Schichten fallen alle nach NW, aber anfangs erheb- 
lich steiler als spater, woraus geschlossen werden darf, das 
sie die Form einer nach SO geoffheten iibergekippten Mulde 
haben, die aber abnormal ist, weil die jiingeren Kalkschichten 
am Hangendfliigel iiber und am Liegendfliigel unter den alteren 
Berisalschiefern liegen. Wir haben hier somit eine offenbare 
N a c h m u 1 d e . 

Die nuu folgende Zone XVIII hat den Xappisten groBe 
Schwierigkeiten bereitet. Sie liegt nach ilmen zwischen Berisal- 
und Leonegneis und mi'iBte somit als Mulde zweimal die ganze 
Kalkschieferformation in sich einschlieBen, obwohl ihre Miich- 
tigkeit nur wenige Meter betriigt. Trotzdem also eine unge- 
heure Ausquetschung stattgefunden haben soli, kann man 
doch den Gesteinen davon gar nichts ansehen. Der Bericht 
Schaiidts geht dariiber hinweg mit den Worten: „La zone de 
schiste calcaire, traversee entre 7,247 — 7,252, se compose d'abord 
de schiste chloriteux granatifere avec quelques feuillets cal- 
caires; puis de schiste gris tres calcarifere; enfin de deux lits 
de calcaire grenu micace de 0,05 a 0,1 m d'epaisseur, separes 
par du schiste calcaire broye." Da aber der folgende Leone- 
gneis fiir uns nur eine Intrusion in den Kalkschichten bedeutet, 
so sind diese 5 m nichts anderes als die untersten Lagen der 
„Unteren Trias ut . Die hoheren Schichten folgen nach dem un- 
fahr 500 m machtigen Leonegneis und bestehen (Zone XX) aus 
kalkreichen, oft quarzhaltigen Glimmerschiefern, glimmerreichen 
Marmor-. und Quarzitbanken von etwas iiber 200 m Machtigkeit. 
Dann folgt nochmals ein ungefahr 100 m machtiges Gneislager 
und danach wieder granatfiihrende Kalkglimmerschiefer wie in 
Zone XX. 

Nach ihrer petrographischen Beschaifenheit sind alle Kalk- 
gesteine der Zonen XVIII, XK und XXII mit den untertria- 
sischeu Gesteinen der Zonen XIV — XVI in Parallele zu stellen. 

In Zone XXII sind die Schiefer stark yerdruckt und von 
Gleitflachen durchsetzt, die mit den nach NW geneigten Schicht- 
lagen einen Winkel bilden. Plotzlich nehmen die Schichten 
eine Neigung nach SO an, stellen sich stellen weise auch senk- 



160 



recht. Der nun folgende Valgrandegneis, der mit Glimmer- 
schiefer wechsellagert, hat anfangs ebenfalls SO-Neigung, und 
erst bei Km 9,200 stellt sich definitiv Einfallen mit 35° nach 
NW ein. Wir haben somit eine ungefahr 400 m breite Zer- 
riittungszone durchschritten, in der der Wechsel der Schichtnei- 
gung yon Gleitflachen begleitet ist. Die Hauptverwerfungsflachen 
liegen in der Schieferzone und an der Grerjze zwischen dieser 
und dem Valgrandegneis und scheinen nach den leider un- 
bestimmten Angaben in den Rapports nach NW geneigt zu sein. 
Ich nehme an, daB sie steiler stehen als die nach NW geneigten 
Schiefer. 

Unter den Gneis einfallend hat man weiterhin (Zone XXIV) 
Glimmer- und Quarzitschiefer mit dolomitischem Cippolin, An- 
kydritlager und Kieselkalke mit Dolomit, die der Trias zuzu- 
rechnen und im ganzen etwa 200 m machlig sind. Dann erst 
kommen wieder (Zone XXV) die clolomit- und gipsfreien grauen 
Kieselkalke und Marmorbanke mit einer Machtigkeit yon min- 
destens 400 m. 

Im Suden der Berisalschiefer und unter ihnen liegend haben 
wir somit eine Kalkformation mit drei Gneiseinlagerungen. In 
den „untertriasischen" Schichten liegen die zwei Leonegneis- 
massen, die petrographisch mit dem Ganter- und Eistengneis 
im Norden der Berisalschiefer groBe Ahnlichkeit haben. 

Die mitteltriasische Dolomit- und Anhydritzone liegt un- 
mittelbar unter dem Valgrandegneis. Aber das Profil ist hier 
durch die Verwerfung in der Zone XXII gestort und der Val- 
grandegneis dadurch in das Niyeau der untertriasischen Schichten 
gebracht worden. Vielleicht ist es diesem Umstande zuzu- 
schreiben, daB die untertriasischen Schichten, welche im Norden 
400 m machtig sind, hier im Siiden nur in einer Machtigkeit 
yon etwa 250 m (wenn wir dabei yon den Gneiseinlagerungen 
absehen) aufgeschlossen sind. Die mitteltriasischen Schichten 
hingegen haben beiderseits dieselbe Machtigkeit yon rund 100 m. 
Daraus ergibt sich dann fur die Verwerfung in XXII, dafi die 
Gebirgsmasse im NW derselben tiefer liegt als im SO, und 
zwar um etwa 200 m. 

Die Grenzflache bei Km 9,110 (S. P.) hat nicht die Gestalt 
einer normalen Verwerfung, sie ist windschief, und zwar so stark, 
daB sie in der einenJTunnelgalerie mit 83° nach NW, in der 
anderen mit 35° nach SW einfallt. Ich betrachte sie als die 
Muldenmediane, welche in dieser liegenden Mulde den hangenden 
yon dem liegenden Flugel trennt. Es ist dieselbe Mediane, 
die wir im Norden bei Km 3 bereits kennen gelernt haben. 
Hier tritt sie aber umso deutlicher hervor, weil im SO die 



161 



Kalkschiefer des liegenden Fliigels (Zone XXVI) petrographisch 
sich von denen desHangendfliigels nnterscheiden. Stratigraphisch 
nehmen sie auch eine hohere Stelle em. Die starke Zerruttung 
der Gesteine auf eine Erstreckung von 10 m steht mit dieser Auf- 
fassung in bester Ubereinstimmung. Die meist granatfuhrenden 
Kalkglirnmerschiefer des liegenden Fliigels zeichnen sich durch 
ihre schwache Neigung nach NW aus. Weiter im Liegenden 
(Zone XXVII) stellen sich darin weiBe glimmerreiche Marmore 
ein, und dann folgt(Zone XXVIII) nach Schmidt und Pbeiswerk 
Lebendungneis. Schakdt hat ihn, als er von Siiden her erst ein Suck 
weit erschlossen worden war, in den Rapports als ein umge- 
wandeltes urspriinglich sedimentaresKongloinerat gedeutet,spater 
aber kam er zu der Uberzeugung, dafl er ein echtes Erstarrungsge- 
stein mit linsenformigen Segregationen sei. Auf alle Falle hat er 
nach dieser Beschreibung petrographisch mit dem Lebendun- 
gneis die groflte Ahnlichkeit. Er liegt sehr flach, spater sogar 
ganz horizontal und schieBt zuletzt rasch umbiegend mit bis 
10° nach SO ein. Infolgedessen gelangt der Tunnel von neuem in 
Kalkschiefer (Zone XXIX), den man geneigt sein konnte mit dem 
im Norden des Lebendungneises zu identifizieren. Er hat aber 
eine andere petrographische Beschaffenheit und wird auBerdem 
weiterhin von einer machtigen „mitteltriasischen c: Zone von An- 
hydrit und Dolorniten iiberlagert, was beweist, daB die Schichten 
hier verkehrt. am Nordrand des Lebendungneises aber normal 
liegen. Das ist aber nur moglicb, wenn der Gneis eine Mulde 
bildet, deren unterer Fliigel sehr flach liegt, wahrend der 
obere steil in die Hohe steigt, wie ich das imTunnelprofil ange- 
deutet habe. Der Tunnel hat zufiillig nur den unteren Fliigel 
der ganzen Lange nach durchfahren. Diese Vermutung wird 
auch durch die weiteren Tunnelaufschlusse durchaus nur be- 
statigt. Die Anhydrit-Zone XXX mit ihren imter 15 — 35 a 
nach SO einfallenden Schichten endet plotzlich bei Km 4,610 
an einer Verwerfung, hinter der glimmerige Kalkschiefer mit nur 
wenig Anhydriteinlagerungen in steiler Stellung und stark zu- 
sammengefaltet angetroffen wurden (Zone XXXI), und dann 
kommt wieder eine Verwerfung, die N 50° streicht und mit 80° 
nach SO einfallt. Sie trennt die Schiefer von dem weiflen 
Marmor, (Zone XXXIII), cler nach SO geneigt ist und unter den 
Antigoriogneis einschie!3t. Aufdiesen zweiHauptverwerfungen sind 
die Massen im Siiden jeweils ein Stuck in die Tiefe gesunken. 
Da aber Lebendungneis iiberall, wo normale Schichtenfolge im 
Simplongebiet herrscht, uber dem Antigoriogneis liegt, so ist 
damit bewiesen, daB hier zwischen Km 5,300 und 4,0 die Ge- 
steine alle iiberstiirzt sind. Umgekehrt jedoch liegen sie uber 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 11 



162 



der Tuunellinie an der Tagesoberflache am Teggiolo in normal er 
Folge, und daraus ergibt sich, daB der Antigoriagneis hier 
einen liegenden Sattel bilden ruuB, dessen First zwischen Valle 
und dem Tunnel etwa in 1200 m Meereshohe zu suchen ware. 

Ruck-warts schreitend haben wir also von Slid nach Nord 
zuerst die liegende Teggiolofalte, dann die groBe ebenfalls lie- 
gende Berisalmulde, deren hangender Fliigel jedoch durch Nacli- 
faltung die Form einer nach Siiden geoffneten isoklinalen Mulde 
angenommen hat. Und zuletzt kommt die stehende Bedrettofalte. 
Dieser groBartige Faltenwurf ist nachtraglich durch zwei Verwer- 
fungen betroffen und das Ganze durch dieselben in drei Schollen 
zerlegt worden. Wenn wir die Lage der mittleren Scholle als 
Fixpunkt nehmen, dann sind die beiden anderen in die Tiefe 
gesunken, jede ungefahr um 200 m. 

7. Verbindung des Tunnel- mit dem Oberflachenprofil. 

Taf. VI, Fig. 1. 

Die geologischen Beobachtungen, die man an der Ober- 
flache des Simplongebietes jederzeit zu machen G-elegenheit 
ha t, lassen sich mit denjenigen, welche wahrend des Tunnel - 
durchstich.es gemacht worden sind, yerhaltnismaBig leicht in 
Einklang bringen. 

Schon seit langer Zeit hat man erkannt, daB im Rhonetal 
stehende Falten existieren, und nur iiber die Anzahl derselben 
bestehen Meinungsverschiedenheiten. B. Studer machte den 
Anfang mit einer einzigen Mulde, und zuletzt haben Stella 3, 
Schmidt und Preiswerk 4, Schardt sogar 6 stehende Gewolbe 
in diese Mulde hineingelegt. Mit Sicherheit laBt sich jedoch 
nur eines — das Rie der-Gewo lb e (Zone IV) — nachweisen. 
Ein zweites — das Thermen-Gewolbe — ist etwas zweifel- 
haft, doch entbehrt es nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit. 
Die auf der Karte eingetragenen Gipsziige beweisen, daB diese 
Falten N 60° O streichen und mit denen des Nufenenpasses 
und Bedrettotales zusammen hangen, so daB ich sie auf Taf. VI, 
Fig. 1 geradezu als B edrettof alten bezeichnet habe. Der 
Sudniigel des Riedergewolbes bildet den Ubergang zur groBen 
liegenden Berisalfalte und setzt sich als liegender Fliigel der 
Berisalmulde weiter nach Siiden fort. Er taucht, zuniichst nach 
Slid fallend, tief unter, biegt sich dann aber wahrscheinlich 
um und steigt wieder in die Hohe, so daB er es sein kaun, 
der auf der Tunnel-Siidseite zwischeu Km 9 und 5 angetroffen 
wurde. In dem unzuganglichen Teil der Saltineschlucht ist 
sein Kontakt mit dem hangenden Muldenniigel zu vermuten, 
der im Tunnel bei Km 3 wirklich durchfahren wurde. Auf 



163 



der Hohe des Glieshornes und des Klenenhornes fallen die 
Kalkschiefer des hangenden Fliigels nach SO em, im Tunnel 
stehen sie fast seiger mit Neigung nach NW, sie beschreiben 
also in der Fallrichtung eine nach N geoffnete Kurve, deren 
nach Stid gekehrter Scheitel sich bei Eisten in der ausge- 
sprochenen Neigung der Schichten nach NW verrrat. Noch 
viel deutlicher tritt diese Erscheinung im Westen der Saltine 
zwischen Glieshorn und SchieBhorn hervor. Aus der Tiefe bei 
Grund steigen die Schichten mit NW Einfallen zum SchieBhorn 
empor, richten sich dort bis zu vertikaler Stellung auf, biegen 
dann nach NW um und legen sich mit flachem Siideinfallen 
iiber das Faulhorn nordwarts bis zum Glishorn hin. Auf 
dem Profil (Fig. 1, Taf. YI) habe ich dieses Lagerungsverhaltnis, 
clurch Luftlinien angedeutet. 

Der Hangendniigel der Berisalmulde unterscheidet sich in 
seiner Zusammeasetzung sehr wesentlich von dem Liegendflugel. 
An sich ist dies nicht merkwurdig, denn sie sind ja nicht wie 
die Fliigel derBriger Bedretto-Falten ortsnahe Gebilde. Die Teile, 
welche sich gegenwartig in der Muldenmediane bei Km 3 
beriihren, lagen vor der Faltung mindestens 50 km weit aus- 
einander, und es ware geradezu wunderbar, wenn sich die 
gleichalterigen Ablagerungen in solcher Entfernung genau in 
derselben Facies entwickelt hatten. Der Hauptunterschied 
liegt in der Trias", wo der Anhydrit gegeniiber dem Dolomit 
und Marmor sehr stark zuriicktritt. Wo der Hangendfliigel 
zwischen Km 9 und 10 durchfahren wurde, enthalt er zwar 
reichlich Anhydrit, doch wiegt der Dolomit stark yor, und wo 
dieser Fliigel rings um den Monte-Leone-Stock zutage tritt, ist 
er durch seine Armut an Anhydrit ausgezeichnet gegeniiber 
dem liegenden Fliigel, der zwischen Km 4 und 5 auf der Siid- 
halfte des Tunnels angetroffen wurde. Und wo er im Cairascatal 
zutage kommt, schlieBt er ebenfalls sehr reiche Anhydritlager 
ein. Auffallig sind auch die Graniteinlagerungen, die im 
Hangendmigel bei Eisten in der ,,Mittel - Trias" liegen 
ebenso wie bei Alpe Veglia und am Lago d'Avino. Sie sind 
aber nicht horizontbestandig, denn im Tunnel bei Km 9 liegen 
sie unter der ,,Mittel-Trias". DaB sie im Rieder-Sattel nicht 
vorkommen, konnte yielleicht so gedeutet werden, daB sie dort zu 
tief liegen und deshalb von der Tunnelsohle nicht erreicht werden 
konnten, aber es ist doch bemerkenswert, daB sie auch nordlich 
der Rhone in der Gipszone ganzlich fehlen und der Gneis des 
Aarmassives erst in ihrem Liegenden zum Yorschein kommt, 
ganz in ahnlicher Weise, wie dies bei Km 4 der Tunnelsiid- 
hiilfte der Fall ist, wo der Antigoriogneis ebenfalls unter, 

11* 



164 



beziehungsweise infolge der Uberkippung iiber der Mitteltrias- 
liegt und der Lebedungneis] erst erheblich ini Hangenden 
sich einstellt. Letzterer scheint gegen Norden iiberhanpt ein 
Ende . zu nehmen, denn er ist im Liegendfliigel bei Brig 
nirgends niehr angetroffen worden. 

Die untertriasischen Schichten des Hangendfliigels zwischen 
Gantertal und Berisal zeicbnen sicb durcb ihre bedeutende 
Machtigkeit aus und durch die im Tunnel festgestellte Ein- 
scbaltung von Griins chief ern, die aucb bei der Stein en- Alp zu- 
tage ausstreicben. Sie scbeinen jedoch nur eine lokal be- 
schrankte Yerbreitung 'zu baben, denn zwischen Km 7 und 9, 
wo die untertriasischen Schichten dieses Fliigels wieder ange- 
troffen wurden, fehlen sie ganz und statt dessen liegen hier 
zwei Gneislager darin, zu unterst der machtige Leone-Gneis 
und zu oberst ein ahnlicher, aber minder machtiger Gneis. 
Wahrscheinlich sind diese die Fortsetzung desGanter- und Eisten- 
Gneises gegen Siiden, die aber hier nicht mehr in der Mittel- 
Trias eingeschaltet, also auch nicht horizontbestandig sind. 
Die Diskordanz, welche zwischen den Schiefern und dem 
Ganter- und Eistengneis existiert, und auf die schon Schakdt 
in den Rapports hingewiesen hat, steht damit in yollem Einklang* 
und gibt uns auch die Erklarung, weshalb die Kalkschiefer 
zwischen dem Monte-Leone-Gneis und den Berisalschiefern bei 
km 7,250 nur eine Machtigkeit von 5 m haben. Man braucht 
da nicht Ausquetschung zu Hilfe zu nehmen, gegen die die 
Beschaffenheit der Schiefer durchaus spricht. 

Die Machtigkeit der Gneiseinlagerungen nimmt gegen 
Siiden erheblich zu, und auBerdem stellt sich in hoheren 
Horizonten auch noch der Valgrandegneis ein. Er hat an 
vielen Stellen zwar ganz das Aussehen echten Monte-Leon e- 
Gneises, zeichnet sich aber dadurch von ihm aus, dafl er in 
viel hoherem Mafie stark umgewandelte Schieferpartien in sich 
einschlieBt, die aber ihren urspriinglichen Kalkgehalt z. T. noch 
erhalten haben, wahrend diejenigen im Leonegneis nichts mehr 
davon zeigen. Sie liegen meist annahernd parallel zur Banderung: 
des Gneises und haben zu der irrigen Auffassung des Val-. 
grandegneises als Paragneis Yeranlassung gegeben. 

Diese Gneise streichen an den ostlichen und siidlichen 
Steilgehangen des Leonemassives aus, senken sich von da 
gegen SW herab bis ins Doveriatal und steigen jenseits des- 
selben wieder in die Hohe um das Seehorn herum nach 
Zwischenbergen und weiter in ostlicher Richtung uber die 
Rovalekette bis Crevola im Ossolatal. Man hat deshalb an- 
genommen, daB sie auch von den Siidostgehangen des Monte- 



165 



Leone in flach gewolbteni einfachen Bogen daliin hiniiber- 
gespannt waren, und daB nur die spatere Erosion die unmittelbare 
Yerbindung unterbrochen habe. In auffallenclem Widerspruch 
dazu steht jedoch das merkwiirdige liegende Gewolbe des 
Monte-Leone-Gipfels, das den Tektonikern eine harte Nufl zu 
knacken aufgegeben hat, weil es ini Gegensatz zu alien anderen 
Falten seinen Scheitel nach Siiden kehrt. C. Schmidt erklart 
dies als eine Riickfaltung und stellt in den Erlauterungen zur 
Simplonkarte (S. 32 — 36) den Yorgang so dar: Das Leonegneis- 
gewolbe ,,brandet" rnit seiner Stirn an der Bedrettomulde 
etnpor und bohrt sich ebenso wie das dariiberliegende Berisal- 
gewolbe „nordwarts in die Tiefe", wobei sich sein ,,aus der 
Tiefe aufgestiilpter" Scheitel ,,bifurkiert" zur Ganter- und 
Eisten-Antiklinale. Zugleich erfahren dabei beide Gewolbe 
iin Siiden am Monte Leone eine Riickfaltung. Wie aus dem 
schernatischen Profil S. 32 hervorgeht, nimrnt er an, da6 die 
yon Siiden her aufsteigenden liegenden Falten in der Breite 
des Monte Leone , eine tiefe tektonische Mulde erreichten, in 
die sie mit beschleunigter Bewegung bis zum Muldentiefsten 
herabglitten und am jenseitigen Gehange eine Strecke weit 
emporbrandeten. Dabei erlitten sie einen RiickstoB, der die 
Riickfaltung am Monte Leone erzeugte. Dieser Yorstellung 
kann man sicherlich eine gewisse dramatische Anschaulichkeit 
nicht absprechen, aber ich bezweifle, daB die tektonischen Be- 
wegungen durch den Yergleich mit der Brandung des Meeres 
gegen sein Ufer an Klarheit gewinnen. Erklart werden sie 
dadurch sicherlich nicht. 

Das Yerdienst, das Berisalgewolbe im Monte-Leone-Gipfel 
nachgewiesen zu haben, kommt aber jedenfalls Schmidt und 
Preiswerk zu. Der hangende Leonegneis hangt ohne Zweifel 
mit dem unteren Leonegneis zusammen und kann nur durch 
eine sattelformige Umbiegung des ietzteren in seine jetzige 
Lage gekommen sein. Uber seine Fortsetzung, die der Erosion 
ganzlich zum Opfer gefallen ist, konnen wir nur Yermutungen aus- 
sprechen. Die wahrscheinlichste ist die, Avelche Schmidt bereits 
ausgesprochen hat, dafi dieser GneiB auf dem KaltwasserpaS 
sich auf sich selbst zuriickgelegt hat, so daG die am Siid- 
gehange des Wasenhornes in die Berisalschichten eingefalteten 
Kalkschiefer das Scharnier dieser Embiegung anzeigen. 

Das groJ3e liegende Berisalgewolbe hat also eine sehr ver- 
wickelte Gestalt. Seine Medianflache ist keine Ebene, sondern 
ganz gewaltig yerbogen. Yon der Stirn weg ist sie zunachst 
zu einer tiefen nach Siiden geoffneten schragen Mulde verbogen, 
der siidliche Muldenast yernacht sich bis zum Monte Leone 



166 



unrl biegt sich yon da sattelformig nach Norden zuriick, um 
dann you neuem muldenformig nach Siiden unizuwenden. 
Diese Yerbiegungen miissen jiinger als das ganze Gewolbe und 
Folge einer Nachfaltung sein, und wir bezeichnen deshalb deren 
Mulden und Gewolbe als Nachmulden und Nachgewolbe. 

Wir kehren nun zu dem liegenden Fliigel der Berisal- 
mulde zuriick, den wir bei Km 3 (N) bereits kennen gelernt 
haben. Er wurde auf der Siidhalfte des Tunnels Yon Km 9 
ab durchfahren, und sein Beginn machte sich durcb eine eigen- 
artige windschiefe Trennungsflacbe und eine starke Zerriittung 
einer obersten Scbichten bemerkar. Die Gesteine haben eine 
andere Ausbildung als diejenigen des hangenden Fliigels, der 
unmittelbar dariiber liegt. Seine Schichten fallen nach nach 
NW ein und liegen bei Km 6,830 (S) direkt auf dem Lebendun- 
gneis. Eine ungefahr 100 m machtige breite Kontaktzone 
zeichnet sich jedoch durch hohe Krystallinitat aus, und die 
Kalksteine sind in Marmor mit Biotit und Phlogopit umge- 
wandelt. Die LagerungsYerhaltnisse des Lebendungneises habe 
ich bereits erortert und die Wahrscheinlichkeit, daB er dem 
liegenden Fliigel einer Separat-Mulde angehort, im Siiden aber 
als deren hangender Fliigel aufsteigt und sich mit dem gleichen 
Gneis Yerbindet, der bei Alpe Nembro zutage ausstreicht. Hinter 
diesem Gneifi folgt in Yerkehrter Lagerung erst Schiefer, dann 
die anhydritreiche Mittel-Trias, deren Schichten alle nach SO 
seinfallen unter den Antigoriogneis, der dariiber am Siidgehange 
des Teggiolo mit entgegengesetztem Einfallen nach NW ansteht, 
aber ebenfalls wie im Tunnel unmittelbar Yon Marmorbanken 
begrenzt wird. Er bildet somit anscheinend ein liegendes Ge- 
wolbe, dessen Scheitel ungefahr in der Mitte zwischen der 
Tunnelsohle und der Alpe Yalle liegen wird. 

Merkwiirdig 1st die LagerungSYerschiedenheit, die sich hier 
zwischen den beiden Fliigeln der Berisalmulde bemerkbar 
macht. Der hangende Fliigel steigt Yon der Tunnelsohle 
langsam und jedenfalls nur schwach gekriimmt zur Hohe des 
Yalgrande auf, wahrend der liegende stark Yerbogen ist zu 
einer Mulde und einem Sattel. An der Medianflache der 
Berisalmulde miissen demnach die Schichten in diskordanter 
Lagerung aneinanderstoBen. Leider habe ich keine Gelegenheit 
gefunden, die Medianflache an den Steilwanden des Pizzo 
Forato zu studieren. Sie sind dort auch nur schwer zuganglich, 
aber unterhalb Cropalla bemerkte ich eine deutliche Diskordanz 
zwischen verschiedenartig ausgebildeten Schiefern, you denen 
die einen zum hangenden, die anderen zum liegenden Fliigel 
gehoren diirften (siehe S. 126). 



167 



8. Die Verwerfungen im Tunnel. 

Wenn man die Rapports daraufhin ansieht, so fallt es 
auf, wie darin immer und immer wieder Gleitfliichen imd Ver- 
werfungen notiert sind. Diese rein mechanischen Storungen 
steigerten sich an manchen Stellen in solcher Weise, dafi das 
Gebirge ganz zerriittet war und nur noch eine sehr geringe 
Standfestigkeit hatte. Viele der Gleitfliichen verlaufen auf den 
Bankungskliiften und zeigen uns an, dafi bei der Faltung Yer- 
schiebungen zwischen den einzelnen Scbieferlagen und Gesteins- 
banken eingetreten sind. Wie groB ihr Ausniafl war, lieB 
sicli nicht feststellen, aber es darf angeDOmmen werden, daB, 
wenn sie audi nur geringfugig waren, ihre Summierung doch 
bedeutende Yerschiebuugen heryorbriDgen konnte. Der Umstand, 
dafi nicht nur im Tunnel, sondern auch an der Tagesoberflache 
so oft Quarz und Kalkspatgiinge angetroffen werden, die wie 
abgebrochen und zerhackt in den Gesteinen liegen, findet in 
solchen Yerschiebungen, die nicht nur auf den Schichtflachen, 
sondern auch auf quer durchsetzenden Kliiften vor sich gingen, 
seine Erklarung. Sicher waren die meisten dieser Giinge schon 
Yorhanden, ehe jene Yerschiebungen eingetreten sind, und da 
letztere zum Teil wenigstens mit dem FaltuugsprozeB in Ver- 
bindnng standen, so miissen jene Giinge alter als die alpine 
Faltung sein. 

Kleine Gneis- oder Granitplatten und -brocken stecken oft 
wie Einschlusse in den Sedimentgesteinen. Sie sind aber nicht 
abgerollt und konnen deshalb kein Geschiebe sein. Meist sind 
sie eckig und kantig. Es mogen Apophysen der grofien Gneis- 
Intrusionsmassen sein, die xlurch jene Yerschiebungen wahrend 
der Faltung yon dem Wurzelstock abgetrennt und abgeschoben 
worden sind. 

Neben diesen fiir die Tektonik immerhin geringfiigigen Yer- 
schiebungen sind auch solche von bedeutenderem Ausmafi zu 
yerzeichnen. Es sind Yerwerf ungen, die sich besonders an 
zwei Stellen im Tunnel scharen, wo zugleich die Nebengesteine 
die Spuren starker mechanischer Zertriimmerung zeigen. Die 
eine Stelle liegt vor Km 9 (N), die andere zwischen Km 4 und 5 
(S). Bei letzterer ist eine der Yerwerfungsspalten yon Schardt 
gemessen worden, sie streicht N 50° und fallt 80° SO. 
Durch sie ist Marmor in das Niveau weicher Schiefer ver- 
worfen worden. Yerlangert man sie nach oben, so kommt sie 
bei Yalle am Fui3 der Steihvande des Pizzo Forato zutage. 
Die Schuttbedeckung erschwert es, sie dort zu erkennen, doch 
halte ich es wohl fiir moglich, daB eine eingehende Unter- 
suchung ihre Spuren nachweisen kann. 



168 



Von der ancleren Verwerfungszone liegen genauere Messungen 
im Tunnel leider nicht vor. Aber ganz unabhangig davon — denn 
ich kannte damals die Rapports noch nicht — babe ich am 
NordfuB des Hiibschhornes und beim Rossetto unweit Yeglia 
eine Yerwerfung festgestellt, die darauf schlieBen laBt, daB das 
Oebirge imNorden derselben um ein betrachtliches abgesunken ist. 

9. Die Verwerfung bei Rossetto. 

Tafel VII, Figur 2. 
Wenn man von der Punta Amoinciei nach Norden absteigt, 
so durchschreitet man zunachst die Berisalscliiefer jenes merk- 
wiirdigen Nachgewolbes und gelangt durch eine darunterliegende 
mur sehr scbmale Kalkzone in den darunterliegenden Leone- 
gneis, der sich bis an den Auronabach herabzieht, an dessen 
rechtem Ufer er einen grofien Felsbuckel aufbaut. Auf dem 
linken Ufer gerade gegeniiber erhebt sich ebenfalls ein Fels- 
hiigel, und man erwartet, daB er ebenso aus diesem Gneis 
bestehe. Statt dessen sind es Berisalscliiefer, die bei ungestcirfcer 
Lagerung erheblich hoher oben und iiber dem Gneis zu erwarten 
waren. Die Sprunghohe der Vorwerfung muB wenigstens 100 m, 
vielleicht auch noch mehr betrageD. 

10. Die Verwerfung am NordfuD des Hiibschhornes. 

Tafel V, Figur 1 und Tafel VLI Figur 5. 
DaB die mesozoischen Kalkgesteine am Siidgehange des 
Wasenhornes in die Berisalschiefer eingefaltet sind in Form 
einer nach S beziehungsweise SSO geoffneten Doppelmulde, ist 
ebenso unverkennbar wie die Tatsache, daB dieser Kalkzug sich 
yon da ohne Unterbrechung unterhalb des Kaltwassergletschers 
nach dem SimplonpaB heriiberzieht, erst gegen WSW, dann, von 
Hospiz an umbiegend, gegen Siiclen. Ebenso sicher ist, daB in 
dem Kern dieser Doppelmulde nur Kalkgesteine eingeschlossen 
sind, daB aber da, wo letztere vom Hospiz aus nach Siiden 
umbiegen, die Kalkgesteine nur noch die Rolle eines Hangend- 
und Liegendfliigels spiel en, zwischen denen als Muldenkern der 
Leonegneis liegt. Die Folge davon ist, daB ein Profil, von W 
nach iiber das Hiibschhorn gelegt, eine nach Osten geoffnete 
und iibergekippte Mulde mit machtigem Gneiskern anzuzeigen 
scheint (Taf. VII Figur 1), wahrend ein Profil annahernd recht- 
winklig dazu ein ganz anderes Bilcl gibt (Figur 5). Man erkennt 
daraus sofort, daB cler Leonegneiskern des Hiibschhornes fur die 
Wasenhorn-SimplonpaB-Kalkmulde zu hoch liegt. Wenn man vom 
Norden her die Steilwand des Hiibschhornes betrachtet (siehe 
Schmidt und Preiswerk, Geol. Fuhrer, Taf. VI), so begreift man, 



169 



dafi die Kalkschiefer im Yordergrund sehr steil nach Norden 
einfallen miifiten, um sich in der Luft auf den Leonegneis legen 
und iiber die Spitze des Hiibschhornes heraufschwingen zu 
kimnen. Eine solche Annahme wird aber durch leicht 
beobachtbare Tatsachen widerlegt. Auf deni flach ansteigenden 
Gelande zwischen der PoststraBe und den Nordwanden des 
Hiibschhornes sieht man die Kalkschiefer allerorten weit 
schwacher, im Maximum nur bis zu 30° ansteigender Neigung 
gegen NW einfallen. Ihr Kontakt mit dem Gneis ist zwar 
durch Gehangeschutt verdeckt, aber wenn man die Schiefer in 
ihrer Fallrichtung nach oben sich fortsetzen laBt, miiBten sie an 
den Gneis anstoBen und es ergibt sich aus Figur 5 eine Verwerfung 
yon mindestens 150 m seigerer Sprunghohe, durch die der 
Kalkschiefer in das Niveau des Gneises herabgesunken ist. An 
den Steilgehangen gegen den Kaltwassergletscher hingegen er- 
scheint es so, als ob die Kalkschiefer, die dort deutlich sichtbar 
unter dem Leonegneis auftauchen, sich gegen NW ohne Unter- 
brechung bis zur alten Galerie an der PoststraBe herabzogen. 
Da sie dort aber unter den Berisalschiefer einschieBen, also 
nicht mehr, wie weiter oben, normal unter dem Leonegneis, 
sondern in verkehrter Lagerung unter dem alteren Berisal- 
schiefer liegen, so sind wir vor eine tektonische Unmoglichkeit 
gestellt, solange wir an der Einheit dieses Kalkzuges festhalten 
wollen. Viele steile Kluftflachen setzen durch die Kalkwande 
und scheinen die Verwerfung anzudeuten, deren genaue Fest- 
legung dort wohl nicht schwer fallen konnte. Diese beiden 
Verwerfungen, am Hiibschhorn und bei Rossetto, liegen auf der- 
selben Verwerfungsspalte und sind sicher j linger als die Gebirgs- 
faltung. Sie haben auf die Gestaltung des Gebirgsbaues nur 
geringen EinfluB ausgeiibt, aber fur die Arbeiten im Tunnel 
waren sie und die Verwerfung auf der Siidhalfte des Tunnels 
mit sehr unangenehmen Begleiterscheinungen verkniipft. 

n. Die Formazzafalten. 

Die Teggiolofalte, die wir im Simplontunnel bereits kennen 
gelernt haben, steht zur Berisalfalte in einem eigentiimlichen 
Gegensatz. An ihr nimmt nur der liegende Fliigel der Berisal- 
mulde teil, wahrend deren hangender Fliigel, soweit er im Tunnel 
erhalten ist, davon ziemlich unberiihrt geblieben zu sein scheint. 

a) Die Formazzafalti am Teggiolo. 
Tafel V, Figur 1. Tafel VI, Figur 3 u. 4. Tafel VII, Figur 4. 
Das liegende Gewolbe der Teggiolofalte laBt sich nach NO 
ohne Unterbrechung durch das ganze Gebiet der Simplonkarte 



170 



Terfolgen bis iiber das Formazzatal hinaus. Der Kern desselben 
besteht aus dem Antigoriogneis. 

Zwischen Kra 1,875 und 2,030 (S) hat der Tunnel wahr- 
scheinlich die Gewolbe-Mediane durchfahren. In teils sohliger, 
teils schwachwelliger Lagerung traf man auf ein glimmerreiches 
Gestein, das im Dach und in der Sohle yon ecbtern Antigorio- 
gneis eingeschlossen war. Schardt bezeichnet es als einen 
schieferigen, glimmerigen Gneis mit unzahligen Gleitflacben, als 
„une zone d : ecrasement et de lamination". Wenn man annimmt, 
da!3 diese Medianflache gegen NO bis zum Cairascatal, also auf 
eine Strecke von iiber 2 l / 2 km, um nur 200 ni ansteigt, dann kommt 
man gerade an die Stelle, wo siidlich you Croso die Straccioni- 
Quelle entspringt und unter dem machtigen Gneisstock des 
Teggiolo die Kalkschiefer und Rauhwacke zum Yorsckein kommen. 
Es erscheint mir deshalb wahrscheinlich, da!3 die Yarzoschiefer 
dem Kern des Teggiologewolbes angehdren, daJ3 aber dieser 
Schieferkern gegen SW an Macktigkeit abnimmt und im Tunnel 
nur noch angedeutet ist. Schardt und Schmidt haben, von 
der Yoraussetzung ausgehend, dai3 die Yarzoschiefer j linger als 
der Gneis seien, angenommen, daB sie dem liegenden Fliigel 
des Gewolbes angehoren, und zeichnen die Profile so, als ob 
dieser Schiefer unter dem Gneis im oberen Teil des Cairasca- 
tales bei Xembro wieder zum Yorschein kame, sich dort aufbiege 
und den Teggiologipfel krone, und als ob auch die Marmore, 
die bei Km 4 (S) im Tunnel unter den Gneis einschiei3en, mit 
der Rauhwacke bei der Straccioni-Quelle in direktem Zusammen- 
hang stiinden. Das ware aber nur moglich, wenn die letzteren 
mit mindestens 15° nach NW und gleichzeitig mit 15° nach 
SW einfielen (siehe Schardt, Profil Tafel III und IY in „Note 
sur le Massif du Simplon 1903".) Dies steht aber mit den im 
Tunnel beobacbteten Fallrichtungen durchaus im Widerspruch; 
denn das Streichen wurde dort yon Schardt selbst fast durchweg 
als ein nordostliches und die Neigung, wo nicht Horizontalitat 
herrschte, als nach SO gerichtet bestimmt. 

Sicher ist, das die Kalkgesteine, die am Gipfel des Cistella 
und Teggiolo im Hangenden des Antigoriogneises anstehen, sich 
nur ganz wenig gegen SW senken, und es ware doch sehr 
merkwiirdig, wenn die Yarzoschiefer unter dem Gneis nicht 
auch eine ahnliche Neigung hatten. 

b) Die Formazzafalte bei Crodo und im Deverotale. 
Tafel VIII, Figur 4 und 5. 
Gerade so wie am Teggiolo sieht man auch im Deverotal 
den Antigoriogneis, der mit sehr flacher Lagerung die Gehange 



171 



des Cistella- und des Fornostockes aufbaut, bei Goglio sich 
umbiegen und gegen NW rasch unter die Talsohle uutertauchen ; 
dariiber legt sich Kalkschiefer und dann Lebendungneis. Es 
ist dasselbe tektonische Bild wie am Teggiolo, und oben auf 
der Hohe des Forno und der Cistella liegen dieselben Gesteine 
in fast sohliger Lagerung auf dem Gneis. Unter letzterem 
kommen im Deverotal und bei Crodo die Bacenoschiefer hervor, 
ebenfalls in horizontaler oder doch nur sehr schwach geneigter 
Lagerung. Man hat sie als den Liegendfliigel des Antigorio- 
gewolbes gedeutet, und das erscbeint auch sehr wahrscheinlich, 
wenn man die Eintragungen auf der Simplonkarte bei Goglio 
ansieht. Bei Cngnesco biegt auf der Karte der Marmorzug, 
der *bei Ausone iiber dem Gneis liegt, um und legt sich unter 
denselben. Yon da bis zum Bacenoschiefer sind nur 800 m 
verschuttet, aber beide passen so gut zueinander, daB ein Zu- 
sammenhang sehr wahrscheinlich erscheint. In Wirklichkeit 
sieht man aber von diesem Marin or nichts. Das ganze Gehange 
ist von Schutt uberdeckt, und die Schiefer, die hundert und 
mehr Meter oberhalb Cugnesco anstehen, fallen alle nach NO 
ein. Der aufschlufilose Zwischenraum betragt also nicht 800, 
sondern 1400 in, und das ist fur den Gneis mehr als genug 
Raum, um zwischen beiden Schieferarten in die Tiefe einzu- 
schieflen, umzubiegen und unter den Bacenoschiefern gegen SO 
sich fortzusetzen, bis er bei Yerampio in dem tiefen Antigorio- 
tal wieder als Yerampiogneis zum Yorschein kommt (Fig. 5). 
Legt man ein Profil yon Mte. Foro zur Cistella in Richtung 
ONO — WSW (Fig. -4), so erkennt man leicht, dafl, wenn meine 
Auffassung der Yarzoschiefer richtig ist, es auch die der Bazeno- 
schiefer sein mul3. 

Zugleich ergibt sich daraus, dai3 die Kalkschiefer und 
oberen Gneise am Gipfel des Pizzo quattro Pilastri und iiber- 
haupt der ganzen Isornokette, wie schon im stratigraphischen 
Teil als moglich hiugestellt wurde, den Gipfel-Schichten des 
Mte. Forno und Cistella entsprechen, also nicht den Berisal- 
schiefern angehoren. 

c) Die Forwazzafalte im Formazzatal. 
Tafel VIII, Figur 3. 
Die Bacenoschiefer im Kern des liegenden Gewolbes yer- 
schwinden schon unweit Premio im oberen Antigoriotal unter 
dem Talboden, und herauf bis Tuffald ist das Tal ausschliefllich 
im Antigoriogneis des hangenden Gewolbefliigels eingeschnitten, 
aber hoch oben an beiden Talgehangen liegen die Kalkschiefer 
und dariiber der Lebendungneis darauf. Dann aber zwischen 



172 



Tuffald und Zumsteg steigt der Antigoriogneis an beiden Ge- 
hangen ziemlich rasch in die Hohe, und machtiger Kalkschiefer, 
Quarzit und Dolomit koinmen unter ihm zum Vorschein und 
umtmllen den Gneis arn Lebendunbach bei Unter-Bach und 
jenseits oberhalb der Tamieralp auf seiner Nordseite nach Art 
eines liegenden Gewolbefirstes. Damit endigt zugleich die 
Yerbreitung des Antigoriogneises im Formazzatal gegen Norden, 
und diese Enden entsprechen genau dem Teggiolo- und Forno- 
Stirnrand. Der Lebendungneis, der im Westen nur eine geringe 
Machtigkeit hat, gegen Nordosten hin aber nordlich des 
Mte. Forno schon erheblich anschwillt, erreicht im Formazzatal 
Machtigkeiten bis zu 800 und 1000 m, besonders am Mte. Giove 
und dem Gloggstafelberg. Hier schliefit er aucli groBere 
Schiefermassen in Form langgezogener Linsen ein. Zugleich 
jedoch schwellen die Schiefer, welche zwischen ihm und dem 
Antigoriogneis liegen, auBergewohnlich stark an, und das mag- 
die Ursache sein, weshalb der Lebendungneis sich nicht ebenso 
wie der Antigoriogneis stirnforraig umbiegt zu einem nach Siiden 
einfallenden liegenden Fliigel. Er zieht sich vielmehr, nur 
langsam nach Norden sinkend, am Gehange herunter und fallt 
erst bei den Tosafallen steil in die Tiefe. Es hat den An- 
schein, als ob er ein dem Teggiologewolbe im Norden vor- 
liegendes zweites Gewolbe bilde, das ich vorlaufig das Tosa- 
gewolbe nennen will. IJber dem Lebendungneis liegen die 
Giacomoschiefer, und dieses Lagerungsverhaltnis spricht daftir, 
daB letztere im System der Glanzschiefer eine verhiiltnismaBig 
hohe Stellung einnehmen und moglicherweise deren jiingstes 
Glied sind (siehe S. 117). 

d) Die Formazzafalten im Ba&odino-Massiv. 
Tafel Vlir, Figur 1 und 2. 
Die Faltungen, welche bis zum Formazzatal verhaltnismaBig 
einfach und ziemlich klar sind, nehmen nun hochst verwickelte 
Formen an. Da ich nur zwei Tage auf ihr Studium verwenden 
konnte und dabei im einzelnen manches anders gefunden habe, 
als es die Karte angibt, so bin ich iiber einiges im unklaren 
geblieben. Doch glaube ich mit der Annahme nicht fehl zu 
gehen, daB hier das Teggiologewolbe sich starker entwickelt 
hat und viel weiter nach Norden iibergreift, bis zum Marchhorn. 
Unter den Steilvvanden, die das Basodino-Massiv gegen Westen 
begrenzen und aus Gneis besteheu, liegen Kalkschiefer, in denen 
der Kastelsee eiugebettet ist, und die sudwarts in einzeluen 
Partien noch erhalten sind bis zum Talihom. Diese Schiefer 
liegen auf demselben Gneis, der sie auch tiberlagcrt, und dieser 



173 



Kegende Gneisfliigel entspricht genau denrjenigen, der im Tunnel 
(S) zwischen Km 5 und 7 durchfahren worden ist. Wahrend 
aber dort der hangende Lebendungneisfliigel sich rasch in die 
Hohe biegt und wahrscheinlich bei Valle zur Tagesoberflache 
heraufkoinmt, ist dieser Fliigel am Basodino flach gelagert und 
biegt sich erst am Marchhorn in die Hohe. Dort liegt also 
die Stirn des Teggiolo-Gewolbes. Der liegende Fliigel hingegen, 
dessen Fortsetzung gegen Norden im Tunnel unbekannt ist, 
biegt sich einerseits beim Tosa-Wasserfall rasch herab und 
bildet das tiefere Tosagewolbe, anderseits aber springt er mit 
seiner oberen Seite noch bis „Im Moos" nach Norden yor und 
spitzt sich dort aus. 

12. Die Beziehung der Formazzafaltung zur Berisalfaltung. 

Die Formazzafaltung ist am bedeutendsten im NO, die 
Berisalfalte im SW des Gebietes entwickelt. Erstere streicht 
deutlich von SW nach NO, letztere von W nach 0, vielleicht 
sogar von NW nach SO. Sie bilden somit jedenfalls einen 
recht grofien Winkel miteinarider. Im SW liegt die Teggiolo- 
falte teilweise unter dem Berisalgewolbe und war friiher wahr- 
scheinlich ganz von ihm bedeckt. Wie weit letzteres vor 
seiner Zerstorung durch Erosion sich im Gebiete des Simplon 
nach NO ausgedehnt hat, lafit sich nicht mehr mit Sicher- 
heit nachweisen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daB das 
Gebiet des Cairasca-, DeYero- und Antigoriotales einstmals you 
ihm ganz bedeckt war. Dahingegen scheint es sich bis zum 
Basodino-Massiv nicht erstreckt zu haben, und darin liegt wohl 
der Grund, weshalb gerade dort die Formazzafalten sich unge- 
hemmter zu weitausgreifenden Deckfalten entwickeln konnten. 

Es hat den Anschein, als ob die Berisalfaltung friiher 
einsetzte als die Formazzafaltung und das grotfe Berisalgewolbe 
sich schon auf seinem Vorlande ausgebreitet hatte, als die 
Formazzafaltung den liegenden Fliigel der Berisalmulde in Be- 
wegung setzte und damit zugleich das Berisalgewolbe zu seiner 
so merkwiirdigen Nachfaltung am Monte Leone zwang. Unter 
der Last dieser zu bewaltigenden Masse wurde die Formazza- 
faltung wahrscheinlich in ihrer freien Entwickelung gehemmt, 
die sie erst weiter im Osten, bis wohin die Berisaldecke nicht 
reichte, erlangt hat. 

13. Die Bedrettofalten, 

Im Gegensatz zu den liegenden Falten des Berisal- und 
Formazzasystems stehen* die Bedrettofalten nicht nur deshalb, 
weil es stehende Falten sind, sondern auch weil sie ein anderes 



174 



Streichen haben. Ich habe sie nur bei Brig eingehender 
studiert, aber aus der geologischen Karte entnirnnit man leicht, 
dafi sie sich bis ins Bedrettotal fortsetzen mit ostnordostlicheni 
Streichen. Die Schubbewegung, welche sie erzeugt hat, muB 
also eine andere Bichtung gehabt haben als bei den anderen 
Falten. Ob ihre Entstehung zeitlich mit der der stidlichen 
Deckfalten zusammenfiel oder ihr erst nachfolgte, laflt sich zur- 
zeit kauni feststellen. Dahingegen ist es sehr wahrscheinlich, 
dan, als die Deckfalten ihre nordlichste Ausdehnung er- 
reichten, die Bedrettofaltuug schon eingesetzt hatte, der 
weiteren Ausdehnung der Deckfalten hemmend entgegen- 
trat und bestrebt war, letztere selbst in ihrem Sinne mitzu- 
falten. Auf diese Weise entstand die Nachfaltung des 
Berisalgewolbes, welche der Stirn dieses Gewolbes die merk- 
■wtirdige Muldenform Yerlieh, die durch den Tunneldurch- 
stich klargelegt worden ist. Die . steile Aufrichtung des Stirn- 
randes der Berisalfalte Ton Yisp bis zum Ofenhorn ist das 
Produkt der Bedrettofaltuug. Sie teilt deshalb auch mit dieser 
das ostnordostliche Streichen. Die muldenformige Einsenkung, 
die die Berisalfalte dadurch erfuhr, ist die Ursache, weshalb 
gerade dieser Teil derselben noch so vollstandig erha,lten und 
Tor der Zerstorung durch Erosion besser bewahrt worden ist 
sis die siidlicheren Teile. 

Inwieweit dieser Kampf zwischen den Yerschiedenen 
Faltungsrichtungen auch spater im Osten am Stirnrand der 
Formazzafalten seine Spuren zuriickgelassen hat, kann ich nicht 
beurteilen, da ich diese Strecke nicht besucht habe. 

14. Das Verhaltnis der alpinen Falten zu den Gneisen. 

Die Ansicht Studers, daB die Gneise sehr jung und erst 
wahrend der alpinen Faltung, teils durch sie YeranlaBt, teils 
dieselbe beeinflussend, in die Sedimentgesteine eingedrungen 
seieu, ist in neuerer Zeit wieder lebhaft Yon Yerschiedeuen 
Seiten aufgegriffen und weiter ausgebaut worden. 

Schon im ersten Teile dieser Arbeit (S. 121 — 3 36) habe 
ich dem Alter der Simplon-Gneise ein besonderes K#pitel 
gewidmet. Ich kam dabei zu dem Ergebnis, daB sie junger 
als der Lias und alter als die alpine Faltung sind. 

Jetzt, nachdem ich gezeigt habe, weshalb die bisher 
herrschenden Yorstellungen fiber den alpinen Faltenbau im 
-Simplongebiet aufgegeben und durch andere ersetzt werden 
miissen, denen aber wegen der stratigraphischen Unsicherheiten 
noch keine festgepragten Formen gegeben werden kounen, er- 
.scheint es notwendig, nochmals an die Altersfrage der Gneise 



175 



heranzutreten, um zu erwagen, ob die Formen der Gneismassen 
nicht dock vielleicht fiir eine Intrusion wahrend oder nach der 
Faltung sprechen. 

So wie Klemm (Sitzber. PreuB.Akad. d. Wiss. XII, S. 5, 1907) 
meint, daB die tadellose Erhaltung der so sproden Tremolite 
auch in den am starksten gefalteten Dolomitschichten bei Campo- 
luugo spiitere Gebirgsbewegung absolut ausschliefie, konnte 
man auch im Simplongebiet in diesem Sinne die Tatsache an- 
fi'ihren, daB mancherorts Aplitgange auf Erstreckungen von 
mehreren Metern schnurgerade durch den Gneis setzen (z. B. 
im Verampiogneis an der PoststraBe Crodo-Baceno, im 
Diveriatal oberhalb Iselle und im Antigoriotal bei Foppiano) 
und somit keine Anzeichen einer spiiteren Verbiegung zeigen, von 
der die Sedimentgesteine hier doch allgemein betroffen sind. 
Diesem Argumente kann ich jedoch kein allzugrofies Gewicht 
beimessen, weil gerade an diesen Orten, wie das auch die 
Profile lehren, die Sedimentgesteine nur van einer ganz grofi- 
ziigigen Faltung erfaBt worden sind und kleiner Faltungen 
oder Faltelungen entbehren. Dahingegen ist es eine unbestreit- 
bare Tatsache, dafl an sehr vielen Orten die Gneise die deutlichsten 
Anzeichen einer nachtraglichen sehr starken mechanischen Be- 
anspruchung zur Schau tragen; im Simplontunnel wurden sie 
in Menge beobachtet und von Schardt in den Rapports be- 
schrieben. Es sind Gleitflachen, Ruschelzonen und Zer- 
triimmerungen, die sich erst nach der Yerfestigung des Gneises 
gebildet haben und jedenfalls beweisen, da6 nach der Intrusion 
noch erhebliche tektonische Bewegungen stattgefunden haben. 

Wo groBere Gneismassen in den Schiefern und Kalksteinen 
eingelagert sind, sind die mulden- und sattelformigen Yer- 
biegungen gewohnlich weitgespannt und der Kriimmungsradius 
ist ein sehr groBer. Enge Faltungen kommen fast nur da vor, 
■wo die Gneise fehlen. Das hangt wohl damit zusammen, daB die 
Gneise den Yerbiegungen einen groBeren Widerstand entgegen- 
gesetzthaben. Nur an einigen Stellen erfolgte,wie die Profile zeigen, 
die Umbiegung unter spitzeren Winkeln. Es ware wichtig, 
durch mikroskopische Untersuchungen festzustellen, ob dort in 
den Gneisen vielleicht starkere mechanische Zertriimmerung 
herrscht als anderwarts oder nicht. Man konnte daraus An- 
haltspunkte gewinnen, ob die Gneise erst nach oder schon 
wahrend ihrer Intrusion diese Lagerungsform angenommen haben. 
Es ist aber auch so schon recht unwahrscheinlich, daB z. B. 
die Lebendungneisintrusion bereits primar eine so gewundene 
Form angenommen habe, wie sie im Profil durch das Basodino- 
massiv erscheint. 



176 



Das liegende untere Antigoriogewolbe des Teggiolo, des- 
oberen Deyero- und des Forniazzatales liefte sich bei Annahine 
des alpinen Alters der Gneise als das nordliche Ende eines 
grofien Lakkolithen deuten, der von Siiden her in die Kalk- 
sediniente eindrang. Ich habe diese Moglichkeit langere Zeit 
in Erwagung gezogen und in diesem Sinne Profile zu zeichnen 
versucht. Ich bin dabei aber stets mit beobachteten Tat- 
sachen in Widerspruch geraten und habe deshalb diese Profile 
verworfen. Aber es nmft zugegeben werden, daft auch fiir die 
Deutung dieser Stellen als liegendes Gewolbe das Beobachtungs- 
material nicht vollstandig ausreicht. Am Teggiolo liegt 
zwischen den Aufschlussen iiber Tag imd denen im Tunnel 
eine 1000 in dicke Zone, yon der wir nichts wissen, und die 
uns niancherlei TJberraschungen bringen konnte (siehe Taf. VI, 
Fig. 1). Das gilt in noch hoherem Mafie fiir das liegende 
Antigoriogewolbe im Deverotal (Taf. VIII, Pig. 5), woselbst die 
unterirdische Yerbindung des Antigorio- mit dem Verampiogneis 
ganz hypothetiseh ist. 

Eine der groftten Schwierigkeiten fiir die Annahme eines 
alpinen Alters der Gneise liegt in der Berisaluberfaltung. Die 
Hauptgneismassen liegeu unter dem Berisalgewolbe im Mulden- 
kern urid dazu noch groBtenteils im inversen MuldenfliigeL 
Man konnte sich mit der Annahme zu helfen such en, daii 
gerade durch das Eindringen des plastischen, noch nicht er- 
starrten Gneismagmas die gleitende Bewegung der Berisal- 
schiefer begiinstigt wurde. Denn sie schwammen gewissermafien 
auf einer beweglichen Unterlage, die ihnen den Marsch nach 
Norden erleichterte. Aber im Widerspruch dazu steht, daft 
die Gneise alle Faltungen der Schiefer mitmachten, sogar die 
seltsame Nachfaltung am Monte Leone. Ware der Gneis 
wirklich wahrend der Paltung der festen Sedimentgesteine 
noch nicht verfestigt gewesen, dann miiJ3te doch diese Ver- 
schiedenartigkeit des physikalischen Zustandes in der heutigen 
Gestalt der Gneismassen und in ihrem Yerhaltnis zu den sie 
umgebenden Sedimentgesteinen einen deutlichen Ausdruck ge- 
funden haben. Die auffallige RegelmaBigkeit, mit der die 
Kalksedimente unter dem Berisalschiefer wiederholt mit Gneisen 
wechsellagern und gemeiSisam mit ihnen in Falten gelegt 
sind, scheint mir einem erst wahrend des Faltungsvorganges 
erfolgten Eindringen der granitischen Massen nicht zu ent- 
sprechen. 

Fiir den Vorgang gleichzeitiger Gebirgsfaltung und mag- 
matischer Intrusion fehlt uns allerdings jede Erfahrung, so daft 
es gewagt erscheint, daruber ein Urteil abzugeben, welche Ge- 



177 



stalt in solchem Falle die Gesteinsmassen annehrnen miissen 
oder konnen, und dies umsomebr, als es noch ganz zweifelhaft 
ist, ob ein solcher Fall iiberhaupt im Bereicb pbysikalischer 
Moglichkeit liegt. 

15. Die Beziehung der drei Faltungs-Systeme zueinander. 

Fiir die scbier unentwirrbaren tektonischen Yerwickelungen 
des Simplongebietes scheint rnir die Annahme der oben be- 
schriebenea drei verschiedenartigen tektonischen Bewegungen 
eine einigermafien befriedigende Erklarung zu geben. Als ich 
vor 6 Jahren mit dem Studiuin dieser Gegend begann, versuchte 
ich es natiirlich zuniichst mit der Annahme einer einheitlichen 
tektonischen Bewegung, wie sie damals allgeniein iiblich war. 
Yier Jahre miihte ich mich umsonst ab. Es gelang nicht, eine 
mit alien mir bekannten Tatsachen in Einklang stehende Yor- 
stellung yom Gebirgsbau zu gewinnen, und auf rein induktivem 
Wege bin ich allmahlich zur Erkenntnis jener drei Faltungs- 
vorgange gelangt. 

Ich habe versucht, in einer Reihe von Profilen dieser 
meiner Auffassung bildlichen Ausdruck zu geben. Die Un- 
sicherheit der Stratigraphie jedoch und mehrere andere Um- 
stande, unter denen ich besonders die Unmoglichkeit hervor- 
heben mochte, meinem Untersuchungsgebiet eine weitere 
Ausdehnung zu geben, bringen es mit sich, daB in alien diesen 
Profilen Stellen vorkommen, die mehrdeutig sind. Die Deutung, 
die mir am wahrscheinlichsten schien. habe ich gewahlt, ohne 
jedoch mir zu Yerhehlen, daB weitere Untersuchungen yielleicht 
einer anderen Deutung eine groBere Wahrscheinlichkeit geben 
konnen. 

Die drei Faltungssysteme haben, wenn sie als solche 
wirklich bestehen, jedenfalls eine weit iiber das Simplongebiet 
hinausreichende Yerbreitung und fiir den Bau der Alpen eine 
grofie Bedeutung. Es wird notwendig sein, zu prufen, ob sie 
auch in den benachbarten Gebieten konstant bleiben, ob sich 
ihre Zahl gleich bleibt, und in welchem kausalen Zusammenhang 
sie zueinander stehen. 

Die Yerschiedenheit der Massenbewegungen, durch die sich 
die drei Systeme im Simplongebiet zu unterscheiden scheinen, 
kann entweder ihre Ursache in yerschiedenartig gerichteten 
Schubkraften haben oder darin, daB dieselbe Schubkraft durch 
Yerschiedenartigkeiten in dem Aufbau des sich faltenden 
Krustenteiles zum Wechsel im Faltenwurf gezwungen war. Es 
ware ganz begreiflich, wenn die Einschaltung der Gneismassen 
in den Sedimenten durch ihre Machtigkeit an den einen und 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 12 



178 



ihr zum Teil vollstandiges Fehlen an den anderen Stellen 
Ablenkungen der Faltungsrichtungen hervorgerufen hatten. 
Ebensogut ware es aber auch moglich, daB die Schubkraft 
selbst, wahrend der vielleicht sehr langen Faltungszeit, ihre 
Richtung aus Ursachen verandert hatte, die auBerhalb des 
Simplongebietes liegen. 

Wenn man die Punkte, welche einigermaBen aufgeklart 
sind, mit denjenigen, welche noch ganz dunkel sind, in der 
nachfolgenden Weise zusammenstellt, dann ergibt sich, wieviel 
hier noch zu tun ist. 

1. Die Gneise sind jiinger als die sie umgebenden Sedimente 
und erst nachtraglich in dieselben eingedrungen, sie waren es 
aber schon, als die groBe Gebirgsfaltung eintrat. 

2. UngewiB hingegen bleibt, wann diese Faltung einge- 
treten, wann die Sedimentbildung aufgehort hat, und wann in 
dem dazwischen liegenden Zeitraum die Gneisintrusion sich 
ereignet hat. 

3. Die Alpenfaltung hat zur Herausbildung dreier Falten- 
systeme gefiihrt, von denen das Berisalsystem den Anfang 
machte, das Formazza- und das Bedrettosystem wahrscheinlich 
erst spater nochfolgten, aber so, daB alle drei noch eine Zeit- 
lang zusammen in Tatigkeit waren. 

4. UngewiB hingegen bleibt, wie lange diese Faltungen 
gedauert haben, zu welchem Zeitpunkt sie einsetzten, und ob 
Ruhepausen dazwischenlagen, die vielleicht von Erosions- 
vorgangen begleitet waren. 

5. Erst nach der Faltung haben auf Verwerfungsspalten 
Schollenbewegungen stattgefunden, deren relative Yerschie- 
bungen im Verhaltnis zur Gebirgshohe nur gering waren. 

6. UngewiB aber ist, ob dieselben nur eine lokale Be- 
deutung haben, oder ob sie mit der vertikalen Heraushebung 
des ganzen Gebirges und der Hebung der pliocanen marinen 
Schichten am Siidrand der Alpen in Verbindung standen. 



Manuskript eingegangen im Juli 1913.] 



179 



4. Die Cephalopoden der Schweinfurthschen 
Sammlung aus der Oberen Kreide Agyptens. 

Von Herrn Otto Eck in Berlin. 

Hierzu Tafel IX bis XX und 20 Textfigureu. 

Yorbemerkung. Das von Schweinfurth in den Jahren 
1877 bis 1886 an verschiedenen Punkten Agyptens gesammelte 
Material wurde zum groBten Teil dem palaontologischen Institut 
der Universitat Berlin iiberwiesen, wahrend ein kleinerer Teil 
nach Stuttgart und Miinchen gelangte. 

Die Bearbeitung des in Berlin befindlichen Materials wurde 
durch eine Reihe von Umstanden verzogert. Im Sonimer 1908 
iibertrug mir Herr Geheimrat Prof. Dr. Branca die Bearbeitung 
der Cephalopoden. Ich gestatte mir, an dieser Stelle meinem 
hochverehrten Lehrer fur die Ubertragung dieser hochinter- 
essanten Aufgabe meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Zu besonderem Danke bin ich auch Herrn Prof. Blancken- 
horn fiir Uberlassung und Erlauterung einer Originalkarte 
Schweinfurths sowie fiir mancherlei miindliche Ratschlage 
verpflichtet. Herr Prof. Dr. Yabe aus Tokio hatte die Liebens- 
wiirdigkeit, mir die neuesten Abbildungen seines Werkes iiber 
die Hokkaido-Kreide zum Yergleich zuganglich zu machen. 

Das Palaontologische Institut der Universitat Miinchen und 
das Konigliche Naturalienkabinett in Stuttgart sandten mir in 
dankenswerter Weise bereitwilligst die dort befindlichen Cepha- 
lopoden der Schweinfurth schen Sammlung zum Yergleich. 

Literatnr. 

Blanckenhorn, M.: Beitrage zur Geologie Syriens. Die Entwicklung 
des Kreidesystems in Mittel- und Nord-Syrien. Cassel 1890. 

Blanford, H. F., et F. Stoliczka: The fossil Cephalopoda of the 
Cretaceous Rocks of Southern India. Mem. Geol. Surv. of India 
(Paiaeontologia indica). Calcutta 1861—65. (Cret. S. India.) 

v. Buch, L.: Uber Ceratiten. K. Akad. d. Wiss., Berlin 1849. 

Choffat, P.: Recueil d'etudes paleontologiques sur la faune cretacique 
du Portugal — Especes nouvelles ou peu connues. — I. Cepha- 
lopodes. — II. Les Ammonees du Bellasien, des couches a Neolobites 
Vibrayeanus, du Turonien et du Senonien. Section des Tr. Geol. 
du Portugal. Lisbonne 1886-1898. (Faune cret. Portugal.) 

12* 



180 



Coquand, H.: Notice sur les richesses paleontologiques de la Province 
de Constantine. Journ. de Conch., vol. Ill, 1852, S. 418—438, 
Taf. XIII et XIV. 

— Description geologique de la Province de Constantine. Mem. 
S. G. F. (2), vol.V, 1, 1854. (Descr. Prov. Const.) 

— Geologie et Paleontologie de la region Sud de la Province de 
Constantine, avec atlas de 35 pi. Marseille 1862. (Geol. Pal. 
S. Const.) 

Fourtau, R. : Contribution a l'etude de la faune cretacique d'Egypte. 

Bull. Institut Egyptien, vol. IV, S. 231-347, L. Caire 1904. 
Hyatt, A.: Pseudoceratites of the Cretaceous. U. S. G. S. Monographs, 

vol. XLIV. Washington 1903. 
Jimbo, K. : Beitrage zur Kenntnis der Fauna der Kreideformation von 

Hokkaido. Pal. Abh., Bd. VI. 3. Jena 1894. 
v. Koenen : Uber Fossilien der Unteren Kreide am Ufer des Mungo in 

Kamerun. Abh. K. Ges. Wiss. zu Gottingen, N. F. I. Berlin 1897. 

— Nachtrag zu: Uber Fossilien der Unteren Kreide am Ufer des 
Mungo in Kamerun. Ebenda. Berlin 1898. 

Kossmat, F.: Untersuchungen uber die siidindische Kreideformation. 

Beitr. z. Pal. und Geol. Ost.-Ung. und des Orients, Bd. IX, XI, 

1895-98. (Siidind. Kreidef.) 
d'Orbigny: Paleontologie francaise. Terrains Cretaces, vol. I., Cepha- 

lopodes. Paris 1840-1842. (Pal. fr.) 
— ■ Prodrome de Paleontologie stratigraphique universelle, vol. II. 

Paris 1850. 

Peron, A.: Description des Mollusques fossiles des terrains cretaces de 
la region des Hauts-Plateaux de la Tunisie recueillis en 1885 et 
1886 par M. Philippe Thomas. Exploration scientifique de la 
Tunisie. Paris 1889-90. (Moll. foss. Tun.) 

— Les Ammonites du Cretace superieur de TAlgerie. Mem. S. G. F. 
Pal. 17, 1896. (Amm. Cret. Algerie.) 

Pervinquiere, L. : Carte Geologique de la Tunisie. Etudes de Paleon- 
tologie Tunisienne I, Cephalopodes des Terrains Secondaires. 

Quaas, A.: Beitrag zur Kenntnis der Fauna der obersten Kreide- 
bildungen in der libyschen Wiiste (Overwegischichten und 
Blattertone). — Palaeontographica 30, 2, 1902, S. 150—334, 
Taf. XX-XXXIII (4°). 

Solger, F. : Uber die Jugendentwickelung von Sphenodiscus lenticvlariz 
Owen und seine Beziehungen zur Gruppe der Tissotien. Diese 
Zeitschr. 55, 1903, S. 69-84, Taf. IV. 

— Die Fossilien der Mungokreide in Kamerun und ihre geologische 
Bedeutung, mit besonderer Beriicksichtigung der Ammoniten; in 
Esch, Solger, Oppenheim, Jaekel : Beitrage zur Geologie von 
Kamerun. Stuttgart 1904. (Kamerun.) 

Stoliczka, F. s. Blanford. 

Wanner, J. : Fauna der obersten WeiBen Kreide der Libyschen Wiiste. 
Palaeontographica 30, 2, 1901, S. 91—150, Taf. XIII— XIX. 

Yabe, H. : Cretaceous Cephalopoda from the Hokkaido, Part 1. Journ. 
Coll. Sc. Univ. Tokyo XVIII, 1903. Part 2. ebenda XX, 1904. 

Yokoyama, M. : Versteinerungen aus der japanischen Kreide. Palae- 
ontographica 36, 1890, S. 159-202, Taf. XVI1I-XXV. 

Siehe ferner meine aus der Bearbeitung des Materials 
hervorgegangenen kiirzeren Mitteilungen: 



181 



IJber die Notwendigkeit einer Revision des Genus Neolobites. 

Sitz.-Ber.Ges. naturforsch.Freunde, Berlin 1908, S. 253—286. 

(Zus. mit Dr. v. Staff.) 
Bemerkungen iiber drei neue Ammoniten aus der Oberen agyp- 

tischen Kreide. Ebenda 1909, S. 179—191. 
Yorlaufige Mitteilung iiber die Bearbeitung der Cephalopoden 

der Sciiweinfurth schen Sammlung und iiber die Entwick- 

lung des Turons in Agypten (Oberen Kreide Agyptens). 

Zeitschr. Deutsch. Geol. Ges. 62, 1910, S. 379—387. 

Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit erschien ferner ohne 
Abbilduugen bereits 1910 als Dissertation bei Ebeking, Berlin. 

Aus der Sammlung Schweinfurths konnten bestimmt werden: 
Nmitiloidea. 

Genus Nautilus Breyn. 
N. Mermeti Coquand. 
N. Mermeti var. Munieri Choffat. 

Ammonoidea. 

Genus Pachydiscus Zittel. 
P. cfr. Menu Forbes. 

Genus Neolobites Fischer em. Peron. 
N. Fourtaui Fourtau. 

N. Fourtaui Pervinquiere. = nov. var. Pervinquieri Eck. 

N. Peroni Hyatt. 

N. Sch weinfur tin Eck n. sp. 

N. Brancai Eck n. sp. 

Genus Hoplitoides v. Koenen. 
H. ingens v. Koenex. 
H. cfr. mirabilis Pervinq. 

Genus Acanthoceras Neumayr. 
A. cfr. Footeanum Stol. 
A. cfr. Mantelli Sow. 

A. cfr. meridionale var. africana Pervinq. 

Genus Fagesia Pervinquiere. 
F. Bomba Eck n. sp. 
F. cfr. Thevestensis Peron. 
F. indet. 



182 



Genus Vascoceras Choffat. 

V. cfr. Amieirensis Choffat. 
V. Kossmati Ceioffat. 
V. Durandi Thomas et Peron. 
V. Barcoicensis Choffat. 
T r . sp. indet. 

Genus Pseudotissotia Peron. 
P. segnis Solger und var. discoidalis Pervinquiere. 

Genus Tissotia Douyille. 
T. cfr. Fourneli Bayle. 
T. cfr. Tissoti Bayle. 
T. Schweinfurthi Eck n. sp. 
T. securiformis Eck. n. sp. 
T. Bobini Thiolliere. 

Genus Hemitissotia Peron. 
Hemitissotia sp. indet. 

Faunistische Bemerkungen. 

Die agyptische Fauna zeichnet sich, wie schon frtiher mit- 
geteilt wurde 1 ), durch einen verhaltnismaJ3igen E-eichtum an 
Individuen bei Armut an Species aus und zeigt die groJite 
Ahnlichkeit mit der Fauna Tunesiens und Portugals; jedoch. 
kommen auch Anklange an die Cephalopodenfauna Indiens vor 
(Acanthoceras cfr. Footeanum ; Ac. cfr. Mantelli; Ac. meridionale). 

An der Hand der yorliegenden Cephalopoden laBt sich 
mit einer einzigen Ausnahme keine Stiitze fur die Annahme 
einer Faunenvermischung an der Grenze des Turons und 
Cenomans finden (cfr. Blanckenhorn). Nur einmal findet sich 
ein Neolobites Schweinfurthi in der Gesellschaft von turonischen 
Ammoniten, wie Acanthoceras cfr. Footeanum und Vascoceras. 

Palaontologischer Teil. 

Genus Nautilus Breyn. 

Yon der Familie der Nautiliden liegen mir nur drei 
Exemplare sowie einige Bruchstucke vor. Sie stammen aus 
dem Westen von Gebel om el Tennasseb (Schicbt der grofien 
Exogyren) und aus Wadi Mor Scliicbt 2. 



J ) Diese Zeitschrift 1910, S. 381. (Monatsber.) 



183 



Nautilus Mermeti Coquand. 
Taf. IX, 1. 

1862 Nautilus Mermeti Coquand: Geol. Pal. Constantine, S. 16G, PI. 2, 
Fig. 1 und 2. 

1886 Nauti/us Munieri Choffat: Faune cret. Portugal, S. 1, PI. 1, 2. 
1900 Blanckenhorn : Neues zur Geologie und Pal. Agyptens, S. 36. 

1903 Nautilus Mermeti Coquand; Pervinquiere, Et. Geol. Tun., S. 66, 
77, 79. 

1904 Fourtau : Faune cret. d'Egypte, S. 552. 

1907 Nautilus Mermeti Coquand: Pervinquiere, Pal. Tun., S. 46. 





135 


69 


55 mm 


Dicke der Windung .... 


. 56 


82 


r> 


Dicke der vorigen Windung . 


. 30 


15 


? 

1) 


Radius der Windung . . . 


. 91 


45 




n 


Radius der vorigen Windung 


. 46 


20 




• 5) 


Durchmesser des Nabels . . 


8 


5 




n 


In der Literatur herrscht einige 


Unklarheit uber die Stellung 



und Yerwandtschaft des Nautilus Mermeti Coq. Die einzige 
mir bekannte photographisclie (und daher einwandfreie) Ab- 
bildung gibt Choffat (a. a. O. Taf. 1 und 2). Er benennt 
seinen Nautilus aber Nautilus Munieri Choffat; er identifiziert 
ihn also nicht mit dem Typ Coquands. Er kommt zu dieser 
Trennung, weil in der Abbildung Coquands die durch Zeichnung 
hergestellt wurde, die Schweifung der Septen eine andere ist. 
Pervinquiere hingegen (a. a. 0., S. 46) vergleicht die Zeichnung 
Coquands mit den in der Sammlung der Sorbonne befindlichen 
Exemplaren von Nautilus Mermeti Coquand und kommt zu dem 
Sehlufl, dafi ein Zeichenfehler bei Coquand Choffat die 
Identifizierung der portugiesischen Spezies mit dem echten 
Nautilus Mermeti Coquand erschwert babe. Er bait den 
Nautilus Munieri Choffat bocbstens fur eine einfacbe Varietat 
des letzteren. Icb schlieBe micb Pervinquieres Ansicbt an 
und benenne zvvei meiner Stiicke, die sicb Choffats Typ 
n ah era: Nautilus Mermeti Coquand var. Munieri Choffat, 
Andere Bruchstiicke: Nautilus Mermeti Coquand. 

Nautilus Mermeti Coquand. Yon dieser Spezies liegen mir 
nur Bruchstiicke yor, die gleichwohl eine genaue Bestimmung 
erlauben. Pervinquiere gibt als bezeichnende Eigenschaft an, 
dafi der Querschnitt eng sei, und daJ5 die Septen einen geringen 
Abstand voneinander besitzen. Der Sipho liege etwa in einem 
Fiinftel der Hohe des Septum s. 

Alle diese Merkmale, besonders die geringere Breite des 
Querschnittes, finden sich an den mir vorliegenden Bruchstiicken. 



184 



Nautilus Mermeti Coquand var. Munieri Chofeat. 
Taf. IX, 2-4. 

Zwei vollig erhaltene Exemplare aus der Schicht der 
groBen Exogyren westl. Gebel om el Tennassib. 

Choffat gibt als Unterschied zwischen Nautilus Munieri 
und Nautilus Mermeti an, daJS Nautilus Munieri unter anderem 
eine ovalere Miindung besitze als Nautilus Mermeti. Die 
anderen Unterschiede, die er anfiihrt, daB z. B. Nautilus Mermeti 
eine „ondulation plus reguliere, quoique plus forte que chez 
Nautilus triangularis" besitze, habe ich nicht so genau feststellen 
konnen. Die mir yorliegenden Stticke unterscheiden sich nur 
in der verschiedenen Dicke und der Form des Querschnittes. 
Alle anderen Merkmale sind zu wenig charakteristisch, um 
als Kennzeichen zu dienen. Dazu kommt, daB sich Ubergange 
finden. Ich habe die Trennung in der Weise vorgenommen, 
daB ich die beiden Formen mit geblahteren Flanken, die 
zugleich einen ovaleren Querschnitt besitzen, als var. Munieri 
Choffat bezeichnete, da Choffat ausdriicklich unter anderem 
angibt: bouche plutot ovale que triangulaire. Die Bruchstiicke 
hingegen, die einen engeren Querschnitt zeigen, der sich der 
Dreiecksform nahert, habe ich gemafi Pervinquieres Angaben 
als echten Nautilus Mermeti bezeichnet. 

Ich mochte die Aufmerksamkeit auf Nautilus Mermeti 
Coquand hinlenken, damit Untersuchungen an reichhaltigerem 
Material feststellen, ob Nautilus Mermeti, Nautilus Munieri und 
Nautilus Fittoni Sharpe nicht in Wirklichkeit enger zusammen- 
gehoren, als man aus den bisherigen Angaben der Literatur 
schlieBen konnte. Leider wird dem bis auf lange Zeit hinaus 
die verhaltnismaBig groBe Seltenheit dieser Spezies, die von 
alien Autoren betont wird, entgegenstehen. 

Ich bemerke ausdriicklich, daB ich dieUnterscheidung der var. 
Munieri Choffat nur mit Vorbehalt in Anbetracht des geringen mir 
zu Yerfiigung stehenden Materials mache. Deswegen fiige ich 
einige photographische Aufnahmen bei, die u. a. iiber die Lage 
des Sipho, des Querschnittes, des Ruckens usw. Auskunft geben. 

Nautilus Mermeti ist ein charakteristisches Fossil des 
Cenomans. (Rotomagien.) 

Genus Pachydiscus Zittel. 

Pachydiscus cfr. Menu Forbes. 

1845 Amm. Menu Forbes: Trans. Geol. Soc. London, 2. Ser., vol. VII, 

S. Ill, PI. X, Fig. 1. 
1865 Amm. Menu Stoliczka: Cret. South. India, vol. 1, S. 103, PI. 52, 

Fig. 3 und 4. 



185 



1898 Pachydiscus Menu Kossmat: Beitrage zur Palaontologie Oster 

reich-Ungarns, Bd. IX, Heft III, S. 104. 
1907 Pachydiscus Menu Pervinquikre: ~tt. de Pal. Tun., S. 177. 178. 

Anzahl: 4 Fragmente. 
Fundort: Wadi Dhahel. 

Abmessungen: 



Durchmesser des Aminoniten . 


. 88 


mm 


Radius der Windung .... 


50 


ii 


Radius der vorigen Windung 


? 


n 


Dicke der Windung . . , . . 


. 43 


55 


Dicke der vorigen Windung . 


? 


n 


Durchmesser des Nabels . . . 


. 24 


55 



Yier mir vorliegende Fragmente weisen den typischen 
Habitus des Genus Pachydiscus Zittel auf. Leider gestattet 
ihr Erhaltungszustand bei keinem Individuum die Lobenlinie 
auch nur teilweise zu erkennen. Daher konnten sie auch 
nicht mit Sicherheit als Pachydiscus Menu Foubes angesprochen 
werden, ein Ammonit, mit welchem sie sonst die groflte 
Ahnlichkeit haben. 

Der Nabel ist weit. Die Umgange umfassen einander 
nicht weit, der Querschnitt entspricht der von Stoliczka (a. a. 
0. Tafel 52) angegebenen Zeichnung. 

Vom Nabel aus ziehen sich wohlausgepragte starke Rippen 
uber die Flanken und den Riicken hinweg. Zwischen die 
Lucken sind schwachere Rippen in anscheinend wechselnder 
Anzahl eingeschaltet, die ebenfalls sich uber die ganze Auflen- 
seite der Schale hinziehen. Die meisten Fragmente zeigen 
starke Randknoten wie zuweilen auch starke Nabelknoten. 

Genus Sphenodiscus Meek. (-Libycoceras Eastman). 

Sphenodiscus Ismdelis Zittel. 
(Taf. X.) 

1883 Ammonites {Buchiceras) Ismaelis Zittel: Palaeontogr. XXX, 1. 
1902 Libycoceras Ismaeli Zitt. Quaas: Palaeontogr. XXX, 2, Taf. 29, 
3—7 und 30, 1. 

1907 Libycoceras Ismaeli Pervinquiere: Et. Pal. Tunis. Ceph. Terr. sec. 

DieAbbildung wurdenach einer Platte hcrgestellt, auf der sich 
derVermerk „Coll. Schweinfurth, Original Stuttgart" befand. Erst 
durch Nachforschungen wahrend der Korrektur stellte sich heraus, 
daB es sich urn das beiQuAAS nach einer Zeichnung bereits abgebildete 
Exemplar der Munchener Sammlung aus der Coll. Zittel handelt. 

Genus Neolobites Fischer. 

1840 Ammonites Vibrayeanus d'Orbigny: Pal. franc. Terr, cret., S. 322, 
Tafel 96. 



186 



1882 Neolobites Vibrayeanus d'Orb. Fischer: Manuel de Conchy]. 
1889/90 Neolobites Vibrayeanus d'Orb. Peron: Description des mollusques 

fossiles de la Tunisie. 
1890 Neolobites Vibrayeanus d'Orb. Docyiele: Sur la classification des 

Ceratites de la craie. Bull. Soc. Geol. France, 3. Serie, Bd. 18. 
1898 Neolobites Vibrayeanus d'Orb. Choffat: Faune cret. du Portugal, 

2. Ser., Lissabon. 

1900 Neolobites Vibrayeanus d'Orb. Blanckenhorn : Z. d. Deutsch. Geol. 
Ges. Bd. 52. 

1903 Neolobites Vibrayeanus d'Orb., Neolobites Vibrayeanus Peroni, 
Neolobites Vibrayeanus Choffati Hyatt: Pseudocerat. of the Creta- 
ceous. Mon. U. S. Geol. Surv. 

1904 Neolobites Peroni Focrtau: Contribution a Tetude de la faune 
cretacique d'Egypte. 

1907 Neolobites Per 'o/u' Hyatt = Neolobites Fourtaui Peryinq. Peryinquiere: 
Etudes de Paleontologie Tunisienne. Cephalopodes des terrains 
secondaires. 

1908 H. v. Staff und Otto Eck: Uber die Notwendigkeit einer Re- 
ason des Genus Neolobites. Sitzber. Ges. Naturforsch. Freunde. 
Berlin. Nr. 9. 

Die obigen Angaben umfassen nur einen Teil der Literatur 
iiber das Genus Neolobites. Ich verweise auf die von Herrn 
Dr. y. Staff und mir verfaBte Arbeit, in welcher eine umfang- 
reichere Zusammenstellung t der Literatur angegeben ist. Die 
wichtigsten Autoren sind jedoch unter den obengenannten auf- 
gefuhrt. 

Schon in der Benennung der einzelnen Elemente der Sutur 
hat in der Literatur eine groiJe Verwirrung eingesetzt, indem 
die Autoren sich z. B. nicht iiber die Bedeutung des ersten 
Externsattels einig wurden. 

Ich mochte also, um MiBverstandnisse zu vermeiden, auf 
die friiher gegebene schematische Darstellung einer Neolobiten- 
Lobenlinie verweisen. 

Neolobites Schweinfurthi Eck. 
Taf. XI, 1. 

1908 Neolobites Schweinfurthi Eck n. sp. v. Staff und Eck. A. a. O. 
S. 284, Fig. 13. 

Anzahl: 11 Stiicke. 

Fundort: Wadi Mor (Schicht 2) und Wadi Gebel om el 
Tennasseb (10 Ex.) ; Oase-Beharie (CoII.Blanckenhorn). 

Abmessungen: 
Durchmesser des Ammoniten . 
Radius der Windung. . . . 
Radius der vorigen Windung . 
Dicke der Windung .... 
Dicke der vorigen Windung . 
Durchmesser des Nabels. . . 



126 


68 mm 


81 




37 




•>•> 


32 





15 


14 „ 


5 


5 „ 



187 



In denSitzungsberichtenderGesellschaftderNaturforschenden 
Freunde konnte ich seinerzeit nur ein Fragment als Ver- 
treter der neuen Spezies abbilderj, da unter den zehn mir vor- 
liegenden Individuen kein einziges vollig erhalten war. Die 
Fragmente zeigten wohl einwandfreie Einzelheiten, jedoch waren 
die wenigen vollstandigen Stiicke verdriickt. Durch die Liebens- 
wiirdigkeit des Herrn Professors Blaxckenhorn wurde mir 
ein vollstandig erhaltener Neolobit aus der Oase Beharie iiber- 
wiesen, in dem ich unschwer einen typischen, vollstandig er- 
haltenen Neolobites Schweinfurthi erkannte. Ich nehme die 
Abbildung dieses Cephalopoden zum Typ des Neolobites Schwein- 
furthi und bemerke, dafi er die von mir seinerzeit an Hand der 
Fragmente aufgestellte Definition vollstandig bestatigt. 

N. Schweinfurthi zeichnet sich durch folgende Eigen- 
schaften aus: 

1. Der Nabel ist sehr eng. Bei zwei Bruchstucken betrug 
der Durchmesser des Ammoniten 68 resp. 168 mm und der 
Durchmesser des Nabels 5 mm. 

2. Er ist von mittlerer Dicke. 

3. Die Loben sind plump und von wechselnder Form. 

4. Es konnen bis zu fiinf Auxiliarsattel auftreten. 

Die Form der Loben zeigt einige Ahnlichkeit mit der von 
Choffat (a. a. 0. PI. V, Fig, 2 b) gegebenen Abbildung; bei 
alien mir vorliegenden Exemplaren zeigt sich dieselbe eigen- 
artige tropfenformige Gestalt der Sattel, die zuweilen nach 
oben etwas spitzer werden und zum Nabel sich neigen konnen. 
Doch beobachtet man solche Neigung nur bei den bei den 
Adventivloben und bei dem Lateralsattel. Diese Uberein- 
stimmung ist die einzige, die diese neue Spezies mit Choffats 
Exemplar aufweist, und dazu nach meiner Ansicht vielleicht 
nicht die wichtigste. Da ferner das Exemplar Choffats wegen 
seines schlechten Erhaltungszustandes (vide Hyatt, Pervin- 
quiere) sehr wenig einwandfreie Details gibt, so stehe ich nicht 
an, obige Neolobiten wegen sonstiger grower Unterschiede einer 
neuen, deutlich verschiedenen Spezies zuzurechnen. Am Nabel 
sind Andeutungen von radial verlangerten Knoten. Der Riicken 
ist flach, abgekantet und mit zahlreichen, zum Teil ziemlich 
dicken Knoten versehen. Rippen sind an den vorliegenden 
Exemplaren nicht mehr sichtbar; sie diirften, wenn uberhaupt 
vorhanden, nicht allzu stark gewesen sein, da die Steinkerne 
stellenweise die Einzelheiten recht gut bewahrt zu haben scheinen. 



188 



Neolobites Brancai Eck. 
Taf. XII. 

1908 Neolobites Brancai Eck n. sp., a. a. 0. S. 276., Fig. 5. 

Anzahl der untersuchten Exemplare: 1 Indiyiduum. 
Fundort: Wadi Abu Rimf II. d. 

Abmessungen: 



Durchmesser des Ammoniten . . 150 mm 

Radius der Windung 98 „ 

Radius der vorigeu Windung . . 32 „ 

Dicke der Windung 32 ,, 

Dicke der vorigen Windung ... 13 „ 

Weite des Nabels 8 „ 



Das mir vorliegende Exemplar ubertrifft an Grofie die bis- 
her beschriebenen Exemplare mit Ausnahme der yon Peryin- 
quiere abgebildeten Bruchstiicke und eines Exemplars yon 
Choffat. 

Neolobites Brancai ist hochmiindig, flach, scheiben- 
f ormig. 

Die Hohe der Windungen nimmt schnell zu. 

An den Stellen, an denen nocb Schale erbalten geblieben 
ist, sind keine oder doch nur yerscbwindend gering ausge- 
pragte Rippen yorbanden. An einer Stelle (62 mm Windungs- 
radius) bemerkt man, dafi etwa in 25 mm Abstand parallel mit 
der Peripherie eine schwache, schmale Erhdhung umlauft; je- 
doch ist zu wenig davon erbalten, als dafi man einen sicberen 
Schlufi iiber ibren weiteren Verlauf zieben konnte. Icb wurde 
diesem Dmstande weiter keine Bedeutung beilegen, wenn nicbt 
an dem im folgenden bescbriebenen Stuck, das allerdings einer 
anderen Spezies angebort, an derselben Stelle eine umlaufende 
Knotenreibe zu seben ware. Der Riicken ist sehr scbmal, 
abgestutzt und mit kleinen in der Ricbtung der Peripherie aus- 
gezogenen Knoten besetzt, die in den alteren Windungen deut- 
licb und grofier Averden und in den Jugendwindungen zu fehlen 
scheinen. Nabelknoten fehlen; nur an einer Stelle scheint eine 
schwach radial ausgezogene Erhobung sicb zu finden, die auf 
nach dem Riicken zu in Rippen sich fortsetzende Nabelknoten 
deuten konnte. Dafi derartige Nabelknoten yorkommen, be- 
merkt bereits Peryinquiere yon Neolobiten einer anderen 
Spezies; icb selbst konnte dieselbe Erscbeinung mehrfach 
beobachten. Der Nabel ist sebr eng. Die Lobenlinie ist sanft 
bogenformig nach vorne gescbwungen. In den Jugendwindungen 
ist diese Kriimmung starker. Die Lobenlinie besteht aus einem 
■durch einen Sekundarzacken zweigeteilten Externlobus, 



189 



einem durch einen Adyentivlobus zweigeteilten Externsattel, 
zwei Lateralsattel imd Tier (5 ?) Auxiliarsatteln. 

Bei zunehinenderu Alter nahert sich der siphonale Teil des 
Externsattels an Hohe dem lateralen Teil. In einigen alteren 
Windungen iibertrifft er ihn an Breite. Die Loben sind breit 
und eingeschniirt (pince), so daB das untere Ende tropfenformig 
erscheint. Die Auxiliarloben nehmen ziemlich schnell an Hohe 
und Breite nach dem Nabel bin ab. Loben und Sattel beriihren 
sich nirgends. Die Lange der Wohnkainnier war nicht zu be- 
stininien; sie betragt aber niindestens 130°. 

Zusammenfassung der Artm erkmale des N. Brcmcai. 

1. Gestalt: Grofl, nach, scheibenforniig, hochiniindig. 

2. Berippung: Sehr schwach. 

3. Auf dem schmalen abgestutzten R lick en sehr kleine lang- 
gezogene Knoten. 

4. Lobenlinie bogenformig geschwimgen : Sattel und Loben 
breit. 

5. Vier (fiinf?) Auxiliarsattel. 

Xeolobites Fourtaui FoURTAU. 
Taf. VI, 6. 

1903 Xeolobites sp. Pbrvinquiere : Et. geol. Tun. cent., S. 76. 
19U4 Neolobites Peroni Foirtau: Contribution a TEtude de la faune 
cret. d'Egypte. Bull, de lTnstitut Egyptien, S. 253, Fig. 2. 

1907 Neolobites Fourtaui Pbrvinqdikre: etudes de paleont. Tunisienne, 
S. 209, Tafel VIII. 

1908 Neolobites Fourtaui Fodrtad var. PERMSQuitRi v. Staff und Eck: 
tiber die Notwendigkeit einer Revision des Genus Neolobites. 
a. a. O. S. 269. 

Anzahl: 3 Individuen, einige Fragmente (unsicher). 
Fundort: Wadi Mor. 

Abmessungen : 
Durchmesser des Ammoniten 
Radius der Windung . . 
Radius der yorigen Windung 
Dicke der Windung . . 
Dicke der yorigen Windung 
Durchmesser des Nabels . 

Nur nach langem Zogern und genauestem Yergleichen der 
ScHWEiNFURTHschen Neolobiten habe ich mich entschlossen, die 
yon Fourtau und Pervinquiere unter den oben erwahnten 
Benennungen abgebildeten Cephalopoden als zwei yerschiedene 
Varietaten zu beschreiben und sie nicht, wie Pervinquiere 



48 


19 


52 


mm 


35 


27 


32 


r> 


9 


11 


22 


n 


9 


11 


11 


ii 


? 


? 


5 


•n 


5 


8 


5 


55 



190 



will, zu yereinigen. Ich glaube hierzu umsomelir in der Lage 
zu sein, als mir etwa 20 Indiyiduen vorliegen, von denen ein 
Teil ganz auffallend dem Typ Fourtaus, der Rest dagegen 
dem Typ Pervinquieres nahe kornmt. Ich will an dieser 
Stelle gleich bemerken, da£, wenn auch Neolobites im Cenoman 
leitend ist, sich dennoch einmal ein Neolobites Schweinfurthi 
zusammen mit unterturonischen Cephalopoden, z. B. Pseudotisso- 
tia segnis, im Wadi Mor yorfand. Wenn spater auf Grund 
reichhaltigerer Funde und genauerer Untersuchungen die Ho- 
rizonte des Cenomans feiner gegliedert sind, werden moglicher- 
weise die beiden abgetrennten Yarietaten verschiedene Hori- 
zonte anzeigen. Zurzeit laBt sich. an Hand der mir yorliegenden 




Fig. 1. Fig. 2. 



Lobenlinie von Neolobites Fourtaui Fourt. 
Entstehung des Externsattels. 

Indiyiduen eine Reihe von Ubergangsformen nachweisen. 
Trotzdem glaube ich die beiden auJSersten Glieder als ver- 
schiedene Yarietaten bezeichnen zu niiissen. 

Ich benenne, wie bereits v. Staff vorschlug (a. a. 0. S. 269), 
den von Fourtau (a. a. 0. S. 253) abgebildeten Cephalopoden, 
Neolobites Fourtaui Fourtau, den von Pervinquiere (a. a.O.S.209; 
abgebildeteten Neolobites Fourtaui var. Pervinquieri. Drei 
recht gut erhaltene Indiyiduen der ScnwEiNFURTHSchen Sammlung 
schliefien sich der von Fourtau gegebenen Beschreibung und 
Abbildung an. 

Als Hauptmerkmale dieser Yarietat gegeniiber der 
PERViNQUiERESchen Yarietat mochte ich folgende Punkte an- 
sehen: 

Der Nabel ist enger. 

Der Rucken ist schmaler. 

Die Nabelknoten sind bedeutend rnehr entwickelt als 
die Randknoten; letztere konnen z. B. kaum entwickelt sein, 
wenn die Nabelknoten stark hervortreten. 

Rippen- und Randknoten sind nur sehr schwach entwickelt 
(an meinem Individuum die Rippen uberhaupt nicht). Die 
Sutur zeigt die von Fourtau angegebene „anse de panier". Irn 
allgemeinen treten nicht mehr als fiinf Elemente auf (bei var. 



191 



Pervinquieri bis 7). End.li.ch scheint der Neolobites Fourtaui 
Fourtau nicht iiber die von Fourtau angegebene GroBe hin- 
auszukommen (55 mm Durchrnesser). Die mir vorliegenden 
Individuen bleiben alle hinter dieser GroBe zuriick. Die Per- 
YiNQUiEREschen Individuen konnen bis 135 mm Durchmesser 
besitzen. Ich halte letztere in anbetracht der recht konstanten 
Unterscheidungsmerkmale durchaus nicht etwa fiir Altersstadien 
des Neolobites Fourtaui Fourtau und betone, daB, obwohl mir 
IJbergangsformen vorliegen, sich diese beiden einstweilen als 
Varietaten unterschiedenen Formen gut auseinanderhalten 
lassen. 

Neolobites Fourtaui var. Pervinquieri n. var. 
Anzahl: 16 Individuen. 

Fundort: Wadi Mor und westlich Gebel om el Tennessab. 
Als typische Merkmale des Neolobites Fourtaui var. Pervin- 
quieri betrachte ich, verglichen mit Neolobites Fourtaui Fourtau: 

1. Der Nabel ist weiter. 

2. Die Riickenkante ist mit groBen Knoten versehen und ver- 
haltnismaBig weniger tief ausgekehlt als beim Neolobites 
Fourtaui Fourtau. 

3. Die Sutur, besonders E-ippen- und Randknoten, ist starker 
entwickelt. 

4. Die Lobenlinie kann mehr Elemente umfassen (s. oben). 

Diese Unterschiede mogen auf den ersten Blick unbedeutend 
erscheinen, so daB sie die Trennung als uberflussig erscheinen 
lassen, jedoch laBt sich durch den Gesamteindruck die Trennung 
leicht ermoglichen. Zum SchluB mochte ich noch darauf hin- 
weisen, daB die „courbure generale de la ligne suturale w ', von 
der Pervinquiere spricht, nach den mir vorliegenden Individuen 
zu urteilenj nicht bei Neolobites Fourtaui Fourtau auftritt. Bei 
diesem konnte ich niemals die scharfe Knickung in der Sutur 
feststellen. 

Endlich scheinen bei Neolobites Fourtaui Pervinquiere ein 
bis zwei Auxiliarsattel mehr als bei Neolobites Fourtaui Fourtau 
auftreten zu konnen. 

Neolobites Peroni Hyatt 
var. Yervinquieri v. Staff und Eck. 

Taf. XI, 2-3. 

1889 Neolobites Yibrayeanus Peron: Moll. foss. Tunisie, S. 16., PI. XVIII, 

Fig. 1-2. , 
1903 Neolobites Vibrayeanus Pervinquikre: Et. G-eol. Tun. cent., S. 67. 
1903 Neolobites Peroni Hyatt: Pseudoceratites, S. 179. 



192 



1907 Neolobites Peroni Hyatt, Pervinquihre: Etudes de Pal. Tun., S. 208, 
Taf. 8, Fig. la, b. 

1908 Neolobites Peroni var. Pervinquieri v. Staff und Eck S. 279. 

Anzahl: 1 Individuum, westlich Gebel om el Tennasseb. 
Abmessungen: 



Durchniesser des Annnoniten . . 


. 92 


mm 


Radius der Windung 


61 


11 


Radius der vorigen Windung . . 


. 28 


11 


Dicke der Windung 


34 


11 


Dicke der yorigen Windung . . 


. 15 


11 


Weite des Nabels 


7 


11 



Das oben genannte Exemplar stelle icli zu Neolobites Peroni 
Hyatt, lege aber meiner Beschreibung nicht die yon Peron 
(Illustration des invertebres fossiles de la Tunisie PI. XVIII, 
Fig. 1. 2) gegebene Abbildung zugrunde, sondern halte mich 
an Pervinquieres Abbildungen und Beschreibungen. Das Stuck 
ist yon geblahter Form. Der Ruck en ist kantig abgeplattet; 
er scheint in der Mitte leicht eingesenkt und ist an beiden 
Seiten mit niedrigen, im Sinne der Peripherie langgezogenen 
Knoten bedeckt. Diese Knoten werden durch das Auftreten 
der zahlreich radial yom Nabel zur Peripherie ausstrahlenden 
Rippen gebildet. Diese Rippen sind deutlich sichtbar und 
ziemlich breit. Das bis zum Ende suturierte Exemplar weist 
ca. 35 Rippen auf. Am Nabel sind etwa funf ziemlich dicke 
Knoten zu beobachten, deren Grofie mit den Knoten an Per- 
vinquieres Exemplar iibereinstimmt, jedoch erheblich hinter 
Perons Zeichnung zuruckbleibt. Weil gerade an dieser Stelle 
die Schale erhalten blieb, konnen keine Entstellungen durch 
Verwitterung der Nabelknoten entstanden sein. 

Die Lobenlinie besteht aus einem durch einen Sekundar- 
zacken zweigeteilten Externlobus, einem durch einen Adventiv- 
lobus zweigeteilten Externsattel, aus zwei Lateralsatteln und 
drei (vier ?) Auxiliarsatteln. Die „feinen yom Nabel zum Kiel" 
verlaufenden Streifen, yon denen Fortau bei Beschreibung seines 
Neolobites Fourtaui spricht, habe ich an der erhalten en Schale 
der beiden besprochenen (allerdings anderen Spezies zugehorigen) 
Neolobiten nicht bemerken konnen. Diese Streifen scheinen 
demnach eine Eigentumlichkeit des Neolobites Fourtaui zu sein. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, dafi der yorliegende 
Neolobit dem Peroni yon Pervinquiere sehr nahesteht. Der 
groflte Unterschied wiirde darin bestehen, daB eine zweite kon- 
zentrische Knotenreihe parallel dem Riicken lauft. Ich halte 
jedoch angesichts der sonstigen groBen Ubereinstimmung mit 



193 



Seolobites Peroni diesen Umstand fur nicht schwerwiegend 
genug, um die beiden Formen zu trennen. Lediglich die 
stellenweise erhaltene Schale des ScHWEiNFURTHschen Exemplars 
hat die Feststellung der zweiten Knotenreihe erlaubt, wahrend 
Pervinquieres Exemplar etwas abgewetzt ist imd eventuell 
dieses Merkmal nicht mehr zeigen kann. Ubrigens zeigt Per- 
vinquieres Abbildung Tafel 8 in 6 mm Abstand Yon der 
Riickenkante auf der Flanke eine Vorbiegimg, die auf eine 
Akzentuierung der Rippen an dieser Stelle schlieflen laBt. 

Genus Hoplitoides. Von Koenen. em. Solger und Pervinquiere. 

1898 Von Koenen: Uber Fossilien der Unteren Kreide am Ufer des 

Mungo in Kainerun. Berlin 1898. 
1904 Solger: Die Fossilien der MiiDgokreide in Kamerun und ihre 

geologische Bedeutung, mit besonderer Bei iicksichtigung der 

Ammoniten. Stuttgart 1904. 
1907 Pervinquiere: Etudes de Paleontologie TuDisienne. 

Als Solger im Jahre 1904 mehrere Ammoniten der Mungo- 
kreide als Hoplitoides ingens v. Koenen bestimmte, machte er 
bereits auf ihre grofie Ahnlichkeit mit dem SpJienodiscus 
Bequieni d'Orbigny aufmerksam, den Peron abbildet (Ammo- 
nites du Cret. sup. de PAlgerie, PI. 4, Fig. 2, 3). 

Pervinoiiere ging weiter, indem er mehrere Ammoniten, 
die er urspriinglich als Sph en o discus angesprochen hatte, nach 
eingehender Priifung dem Genus Hoplitoides anschloB. 

Mehrere mir vorliegende Cephalopoden schlieBe ich eben- 
falls dem Genus Hoplitoides an, indem ich die erweiterte Ge- 
nusdefinition SoEtiERs und Pervinquieres zugrunde lege. 

An dieser Stelle sei es gestattet abzuschweifen zur Beant- 
wortung der Frage nach der Ausdehnung der Kreide- 
meere. 

Pervinquieke sagt (a. a. 0. S. 223): „I1 est interessaut de rappeler 
que le type provieiit du Cameroun. C'est la uiie nouvelle preuve de 
Fextension de la mer du Cretace superieur sur une grande partie de 
PAfrique. 11 ne parait pas douteux que cette mer s'etendait dAlgerie 
et de Tunisie, a Bilma, au Damerghou, au Cameroun et de la au Bresil, 
tous ces pays presentant sa plus graDde affinite quant a leurs faunes 
du Turonien et du Senonien inferieur. J'ajoute, enfin, que la collection 
de l'Ecole des Mines renferme un fragment de Hoplitoides provenant 
du Sinai, ce qui nous indique l'extension, vers l'Est, de la meme mer". 

Es ist yon Interesse zu erfahren, daB Hoplitoides 
also auch in Agypten yorkommt. 

Die bisher bekannten Fundorte sind: Kamerun (Esch, 
Solger), Tunis (Peron, Peryinquiere), Agypten (Schweinfurth), 
Sinai. 

ZeitBchr. d. D. Geol. Ges. 1914. 13 



194 



Eerner konnte ich das Vorkornmen von Yascoceras und 
Fagesia in Agyten feststellen. Yascoceras (Turon) ist bekannt 
in Spanien, Portugal, Algier, Tunis und Agypten. 

No ch weitermuB sich das Meer ausgebreitethaben, 
in welchein Fagesia lebte. Fagesia ist gefunden in Portu- 
gal, Algier, Tunis, Agypten, Indien, Japan, Mexiko. 

Hoplitoides in gens v. Koexex em. Solger. 
Taf. XIII, 2. 

1897 Sphenodiscus Requieni Peron: Amm. cret. sup. dAlgerie, S. 34, 
PL IV. 

1897 Neoptychites ingens v. Koenex: Fossilien der unteren Mimgokreide. 
Tafel II, S. 12. 

1903 Sphenodiscus indet. Pervinqoiere : Et. geol. de la Tunisie centrale, 
S. 115, 116, 117. 

1904 Hoplitoides ingens Solger: Beitrage zur Geologie von Kamerun, 
Tafel V, S. 137-153. 

1907 Hoplitoides ingens Pebvinquiere: Etudes de Pal. Timisienne, 
PI. IX, S. 219. 

Anzahl: 4. 

Eundort: Wadi Abu Rimf; Unteres Wadi Tin; Oberstes 

Wadi Hauaschieh. 
Horizont: Unterstes Senon. 



Abmessungen: 



Eadius der Windung . . . 


65 


32 


59 


18 


Hadius der vorigen Windung 


30 


21 


38 


9 


Dicke der Windung 


32 


22 


32 


9 


Dicke der vorigen Windung . 


12 


10 


12 


4 


Durchniesser des Arnmoniten 


110 


59 


80 


30 


Durchmesser des Nabels . 


14 


6 


5 


2 



Der Erhaltungszustand der mir vorliegenden Hoplitoiden 
ist nicht besonders giinstig, wenngieich er geniigt, urn die zur 
Bestimmung notigen Merkinale festzustellen. Die Steinkerne 
sind stellenweise etwas verwittert, so daB die oben angegebenen 
Mafie nicht ganz genau sind. Das grofite Individuum ist am 
meisten verwittert, so dafi ich nicht feststellen kann, ob Knoten 
oder Rippen vorgelegen haben. Ein kleineres Individuum von 
Wadi Tin zeigt vom Nabel aus sich sichelformig liber die 
Flanken bis zuni Kiel erstreckende RijDpen. 

Im allgemeinen verweise ich auf die ausfiihrlichen Be- 
schreibungen Solgers und PerVinquieres , da der Erhaltungs- 
zustand der mir vorliegenden Individuen leider nicht gestattet, 
neue Beobachtungen zu machen. 



195 



Ich habe einige Zeichnungen von Lobenlinien beigefiigt, 
aus denen man die groBe Yeranderlichkei t, die das Genus 
Hoplitoides auszeichnet, ersehen mag. 

Solgek wie Pervinquiere wiesen bereits darauf hin; 
letzterer fiihrt als eine ziemlich konstante Eigentiimlichkeit der 
Lobenlinie den Umstand an, dafi der erste Laterallobus eine 
besonders weitgehende Entwicklung aufweise; diese Erscheinung 
kann ich durchaus bestatigen. 

Die vorliegenden 4 Hoplitoiden schliefle ich eng an die 
von Pervinquiere als Hoplitoides ingens beschriebenen und 
abgebildeten Ammoniten an. Wenn auch kleinere Abweichungen 
vorliegen, vermag ich keinen bedeutenderen Unterschied fest- 





Fig. 3. Fig. 4. 

Lobenlinie von Hoplitoides ingens v. Koenen, 



Fig. 5. 
Naturl. GroBe. 



zustellen und halte beide Formen fiir identisch. Unterschiede 
finden sich hauptsachlich in der Sutur. 

Da die Steinkerne etwas verwittert sind, laflt sich iiber 
die Skulptur nichts feststellen. 

Hoplitoides cfr. mirabilis PERVINQUIERE. 

1907 Per vin queue: Etudes de Pal. Tunisienne. Tafel X, Fig. 3 a b, 
S. 218. 

Anzahl: 1 Individuum. 
Fundort: Unteres Wadi Tin. 
Horizont: Unteres Turon. 



Abmessungen: 
Radius der Windung . . . 
Radius der vorigen Windung 
Dicke der Windung . . . 
Dicke der vorigen Windung 
Durchmesser des Ammoniten 
Durchmesser des Nabels 



94 

51 

9 

28 
176 
15 



Ein ziemlich stark verwittertes Individuum aus dem 
unteren Wadi Tin stelle ich vor allem wegen der eigentiim- 
lichen Ausbildung der Sutur in die Nahe von Hoplitoides mira- 
bilis Pervinquiere. 

Diese Spezies ist wegen der eigenartigen sehr plumpen 

13* 



196 



phylloiden Ausbildung ihrer Suturelemente leicht erkenntlich. 
Wenn das mir vorliegende Individuum ungliicklicherweise nicht 
gerade an dem Siphonallobus stark verwittert und durch tief-, 
gehende Spriinge im Steinkern deformiert ware, vviirde ich die 
beiden Formen sogar fur identisch erklaren konnen. 

Leider gestattet der Erhaltungszustand auch nicht, eine 
Zeichnung der Sutur beizufiigen. 

Der Siphonalsattel laBt grofie Ahnlichkeit mit der< von 
Pervinquiere abgebildeten Lobenlinie erkennen; auch der Si- 
phonallobus zeigt die blattformigen ziemlich weit in die Hohe 
ragenden Zacken. 

Pervinquiere gibt als Alter des Hoplitoides mirabilis 
Unteres Turon an. 

Genus Acanthoceras Neumayr. 

Das Genus Acanthoceras wurde 1875 yon Neumayr aufge- 
stellt, jedoch so wenig scharf umgrenzt, daB ein Teil seiner 
damaligen Angehorigen, wie Pervinquiere sagt, geradezu als 
Typen neuer Genera aufgestellt wurden (Mammites, Douvillei- 
ceras, Prionotropis usw.). 

Pervinquiere gibt als Typ das Acanthoceras Rotomagense 
Defrance an und halt ungefahr folgende Eigenschaften fiir be- 
stimmend: 

Form meist dick, ziemlich dicker Nabel, auf den Flanken 
gerade oder leicht geschwungene Rippen, die einfach oder 
zweifach gegabelt sein konnen. Diese Rippen ziehen sich ganz 
oder nur teilweise iiber die Yentralseite hin. Stets entspricht 
ein Randknoten einem Nabelknoten, wenn auch die Anzahl 
schwanken kann. In der Mitte kann man zuweilen einen 
Knoten beobachten, doch kann dieser entweder ganz fehlen 
oder im Alter verschwinden. Die Sutur umfaBt nur wenige 
Elemente. Pervinquiere bemerkt selbst, daB schon aus der 
Genusbeschreibung hervorgehe, wie eine genaue Umgrenzung 
durch die auBerordentliche Yariabilitat der einzelnen Spezies 
erschwert werde. 

Acanthoceras cfr. Footeanum Stol. 
Taf. XVII, 1-2. 

1865 Ammonites Footeanus Stoliczka: Southern India, S. 101, Taf. 52 f 
Fig. 1-2. 

1897 Acanthoceras Footeanum Kossmat: Sudindische Kreide, S. 127. 

1898 Acanthoceras Footeanum Choffat: Faune cretacique du Portugal 
S. 66, PI. 16. 

Fundort: 1 Ex. vom Wadi Mor, Schicht I. 

Horizont: Unteres Turon: Schicht der Pseudotissotia segnis.. 



197 



Abmessungen. 



Durchmesser des Ainmoniten . . 125 mm 

Dicke der Windung 78 .. 

Dicke der vorigen Windung . . 30 „ 

Radius der Windung 50 „ 

Radius der vorigen Windung . 20 
Durchmesser des Nabels ... 45 „ 



Nur ein einziges Individuum aus dem reichaltigen Material 
der Sammlung Sghweinfurths gehort dieser Art mit groflter 
Wahrscheinlichkeit an. Mehrere sehr verwitterte Fragmente 
die ich der Sicherheit halber als Ammon. indet. bezeichne, 
kbnnte man dem Aufiern nach allenfalls hierhin stellen. 

Auch das obengenannte Individuum ist ebeufalls sehr 
stark verwittert; so sind z. B. die Rippen nur noch undeutlich 
zu erkennen, ebenso die Rand- und Nabelknoten. Die einzelnen 
Elemente der Sutur sind wenigstens der Zahl nach durch 
Praparieren feststellbar gewesen. Immerhin weist der Gesarnt- 
habitus eine so auffallende Ahnlichkeit in alien Teilen mit 
dem Acanthoceras Footeanum auf, daB es fur mich keinem Zweifel 
unterliegt, daB es sich hier um einen Angehorigen derselben 
Spezies handelt. 

Genus Fagesia Pervinquiere 1907. 

1907 Pervinquiere. Etude de Paleontologie Tunisienne. I. S. 319 
(Literatur). 

Fagesia Bomba Eck. 
Taf. XVIII, 1 und 2. 

1909 Fagesia homba Eck, Neue Amm. Ob. Kr. Agypt. Sitzber. Ges. 
Naturf. Fr. Berlin Nr. 3, S. 181, Fig. 1—5. 
Fundort: 2 Individuen von Wadi Mor, Schicht I. 
Horizont: Unteres Turon. 

Abmessungen : 





I 


II 




Durchmesser des Ammoniten . 


. 170 


59 mm 


Dicke der Windung .... 


. 162 


51 


r> 


Dicke der vorigen Windung 


. 96 


27 


n 


Radius der Windung .... 


. 103 


32 


n 


Radius der vorigen Windung . 


. 77 


10 


n 


Durchmesser des Nabels . . 


. 47 


11 


55 



Yon den vier mir vorliegenden Fagesien, von Schweinfurth 
1877 bei Wadi Mor (I) und Wadi Abu Rimf (II) gesammelt, 
unterscheiden sich zwei Individuen aus Wadi Mor in wichtigen 
Merkmalen so bedeutend von den bisher beschriebenen Arten, 



198 



daB icli sie einer neuen Spezies zuweisen muB; ich benenne 
sie Fagesia Bomba m. (Schweinfurth hatte sie auf seinen 
Etiketten als Ammonites Bomba bezeichnet). 

Fagesia Bomba ist im Alter fast vollig kugelrund, der Nabel 
ist ziemlich tief und sehr breit. Die Nabelwande fallen senkrecht 
ab, die Umgange sind ziemlich umfassend, niedrig, abgerundet; 
nach der Miindung zu verbreitern sie sich bedeutend. Am Nabel 




Fig. 6. 

Lobenlinie von Fagesia bomba n. sp. Wadi Mor. 
Von der linken Seite. 3 / 4 natiirl. GroBe. 



sitzen 10 bis 12 Knoten, die in der Jugend ziemlich spitz sind, 
im Alter rund werden, aber nicht yollig yerscbwinden. Yon 
den Nabelknoten laufen Eippen iiber die Tlanken, die im Alter 
undeutlich, aber nicht unsichtbar werden. Die Lobenlinie be- 
steht aus Tier Satteln, von denen ungefahr drei auf der Flanke 
und der vierte auf der Nabehvand Kegen. Fig. 6. 

Diese Merkmale bedingen besonders in ihrer Gesamtheit so 
bedeutende Unterschiede den andern bisher beschriebenen 
Fagesien gegeniiber (z. B. Fagesia superstes Kossmat, thevestensis 
Peron, rudra Stojliczka), dafi die Aufstellung einer neuen Spezies 
geboten erschien. Die Unterschiede habe ich in meiner fruheren 
Arbeit dargelegt (a. a. 0. S. 1S2— 184). 



199 



Fagesia indet. cfr. Fagesia Thevestensis Pekon. 
Ein Individuum aus dem "Wadi Abu Rirnf. 

Abmessungen: 

Durchrnesser 134 mm 

Dicke der Windung ... 91 „ 
Dicke der vorigen Windung . ? „ 
Radius der Windung ... 75 „ 
Radius der vorigen Windung ? „ 
Durchrnesser des Nabels . . 28 
Der schlechte Erhaltungszustand dieses einzigen Exemplares, 
aus welchem grofie Stiicke herausgebrochen sind, gestattet leider 
keine einwandfreie Zuweisung an eine der bisher beschriebenen 
Arten und keine erschopfende Beschreibung. 

Ich habe diesen Ammoniten, den ich nach der leidlich er- 
haltenen Lobenlinie und dem ganzen Habitus unbedingt zum 
Genus Fagesia recline, in die Nahe von Fagesia therestensis ge- 
stellt. Ich bemerke jedoch ausdriicklich, dati der schlechte Er- 
haltungszustand mich allein bestimmt, keine neue Spezies auf- 
zustellen, wozu mich die nachstehend aufgefuhrten Unterschiede 
sonst veranlatit hatten. 

Der Querschnitt ahnelt demjenigen von Fagesia thevestensis 
(Pervinquiere a. a. 0., Fig. 6b). Dagegenl ist der Nabel im 
Verhaltnis bedeutend enger. Nabelknoten sind nicht zu erkennen, 
ebensowenig Rippen. Die Nabelwande fallen senkrecht und 
miiBig tief ab. Die Umgange sind ziemlich nach. 

Diese Unterschiede weicheu in ihrer Gesainthait allerdings 
von den Merkmalen der bisher beschriebenen Spezies betracht- 
lich ab und lassen die Zuweisung an irgendeine derselben 
untunlich erscheinen. Die Lobenlinie ist jedoch durchaus die 
dem Genus Fagesia eigentiimliche; auch andere Merkmale 
sprechen dafiir. Das Fehlen der Rippen und Nabelknoten kann 
entweder auf schlechten Erhaltungszustand zuriickzufiihren sein, 
oder es liegt dieselbe Erscheinung wie bei Peroni Pervinquiere 
vor, die ja auch diese Kennzeichen nur in geringem MaBe zeigt. 
Solange kein besseres Material vorliegt, muH die Frage nach 
der Zugehorigkeit dieses Individuums offen bleiben. 

Fagesia ? indet. 
Einen vollig verkieselten Steinkern aus Wadi Mor I fiihre 
ich an dieser Stelle mit A'orbehalt an. Die Sutur ist nirgends- 
wo erhalten. Jedoch stimmt das Aui3ere mit Fagesia f Fleuryi 
Pervinquiere tiberein, besonders der Querschnitt, die enge 
Nabelung und die Form der Windung. 



200 



Genus Vascoceras Choffat. 

Die ScHWEiNFURTHsche Sammlung enthalt zahlreiche 
Individuen, welche deni Genus Vascoceras Choffat angehoren. 
Leider ist ihr Erhaltungszustand nicht immer gunstig, da viele 
Individuen stark verwittert sind; aus diesem Grunde muBten 
mehrere Steinkerne als Vascoceras sp. ind. bezeichnet werden. 

Die Einteilung des Genus Vascoceras ist hauptsachlich von 
dem AuBeren, dem Vorhandensein oder Fehlen von Knoten und 
Hippen, abhangig. Der teilweise sehr schlechte Erhaltungszu- 
stand, der wohl die Characteristika des Genus erkennen laBt, 
verbietet die Zuweisung an bestimmte Spezies. 

Choffat, der das Genus Vascoceras fiir eine Gruppe zahlreich 
in Portugal vorkommender Ammoniten aufstellte, unterschied vier 
Untergruppen. Pervinquiere zog diese vier Gruppen in drei Unter- 
abteilungen zusammen, da ibm die uberaus groBe Yeranderlich- 
keit und das Yorkommen von Ubergangen eine Yereinfachung 
ratlich erscheinen lieB. Auch hierin scbliefie ich mich der 
Einteilung Pervixquieres an. Obwohl die Yascoceratiden dort, 
wo sie auftreten, zahlreich vorkommen, ist ihre Yerbreitung 
anscheinend ziemlich beschrankt. Pervinquiere fiihrt als Fund- 
orte an: Portugal, Spanien, Algier, Tunis, Agypten, Brasilien. 

Gattungsdiagnose nach Pervinquiere. 

(A. a. 0. S. 332). 

„Schale mehr oder minder gewolbt, zuweilen rundlich, 
Yentralseite abgerundet, in der Jugend Rippen, die mit Nabel- 
knoten und Randknoten versehen sind; diese Knoten werden 
im Alter undeutlicher (die Nabelknoten bleiben langer sichtbar) 
und verschwinden, auBer bei einer Gruppe, sogar vollig. Nie- 
mals Knoten auf der Yentralseite. Die Lobenlinie enthalt zwei 
breite Sattel, abgerundet, wenig zerschlitzt; der dritte Sattel 
ist kleiner. Loben breit und durch kleine ungeschlitzte Sattel 
geteilt." 

Untergruppen nach Pervinquiere. 

A) Forme monotuberculee. 

Type: Vascoceras Gamai, V. Douvillei. 

B) Forme globuleuse. 

Type: V. Hartiiformis. 

C) Forme multituberculee. 

Type: V. subconciliatum. 



201 



Vascoceras sp. cfr. Amieirensis Choffat. 
1897 Choffat: Faune cret. da Portugal, S. 61, Taf. 12, 13, 21. 

Einige Cephalopoden axis der ScHWEiNFURTHschen Sammlung 
weisen die unverkennbaren Merkmale des Genus Vascoceras 
auf, jedoch sind sie zum Tell so stark verwittert, daB es sich 
nicht entscheiden laBt, ob sie Rippen und Knoten besessen 
haben, oder ob die Schale glatt war. Auch die Lobenlinie ist 
dementsprechend entstellt. Aus diesen Griinden verzichtete ich 
darauf, derartige Individuen einer der bisher beschriebenen 
Arten zuzuweisen. 

Abme ssungen: 





143 


137 


mm 


Radius der Windung . . . 


83 


70 


33 


Radius der yorigen Windung 


52 


47 


33 


Dicke der Windung . . . 


? 


61 


33 


Dicke der vorigen Windung 


? 


? 


33 


Durchmesser des Nabels 


40 


28 


33 



Die als Vascoceras cfr. Amieirensis bescbriebenen Ammoniten 
weisen wohl kleinere Abweicbungen voneinander auf,1 dock 
zeigen sie in der Hauptsache folgende ubereinstimmende Merk- 
male: Die Schale ist ziemlieh gewolbt, und ihre Vorderansicht 
entspricht im allgemeinen etwa der bei Choffat (Tafel 12, 
Fig. lb) beigefiigten Abbildung; Rippen und Knoten sind nicht 
sichtbar und scheinen, wenn iiberhaupt vorhanden, nur schwach 
entwickelt gewesen zu sein. Der Nabel ist ziemlieh weit; die 
Wande des Nabels sind an der Kante abgerundet und fallen 
senkrecht ab. Die Umgange sind ziemlieh weit umfassend und 
entsprechen in der Hohe etwa dem Querschnitt des Vascoceras 
Amieirensis Choffat. 

Die Sutur zeigt drei breite, vollstandig auf der Flanke 
entwickelte Sattel, die nach dem Nabel hin regelmaBig an 
Grofie abnehmen. Da die Individuen mehr oder minder durch 
Yerwitterung gelitten haben, laBt sich nicht entscheiden, wie- 
weit die Zerschlitzung der Sattel ging. 

Die Lobenlinie, die Choffat beigefiigt hat, (a. a. 0. Taf. 21, 
Fig. 17 — 21), laBt allerdings erkennen, daB ein kleiner Teil 
des zweiten Lateralsattels bereits auf der Nabelwand liegt. 
Bei den mir vorliegenden Individuen liegt der zweite Lateral- 
sattel vollig auf der Flanke; in Anbetracht der grofien Yer- 
anderlichkeit schreibe ich diesem Zustand keine besondere Be- 
deutung zu, sondern halte die oben beschriebenen Ammoniten 
fur eng verwandt mit Vascoceras Amieirensis Choffat. 



202 



Vascoceras Kossmati Choffat. 

1897 Vascoceras Kossmati Choffat: Faune cret. du Portugal, 

S. 63. Taf. 13, 14, 21. 

Abmessungen: 
Durchmesser des Ammoniten 58 mm 
Radius der Windung ... 33 „ 
Radius der vorigen Windung 21 „ 
Dicke der Windung .... 55 „ 
Dicke der yorigen Windung . 32 „ 
Durchmesser des Nabels . . 12 . „ - .. 
Ein Individuum, bei Wadi Mor I gesammelt, schlieflt sich 

genau der von Choffat gegebenen Beschreibung des Vascoceras 

Kossmati an. 

Die Schale ist kugelformig, der Nabel ziemlich klein und 
auffallend tief. Die Lobenlinie, leider etwas verwittert, zeigt 
zwei breite Sattel auf der Flanke. Ein dritter greift schon zum 
Teil auf die Nabelwand uber. Die Lobenlinie entspricht der 
von Choffat (a. a. 0. Tafel 21, Fig. 26) gegebenen Abbildung, 
nicht der Abbildung Nr. 27. Letztere zeigt drei Sattel auf der 
Flanke und den Anfang eines vierten Sattels. Der Querschnitt 
stent ungefahr in der Mitte zwischen den Figuren 8 und 9 
(Choffat a. a. 0. Tafel 13). 

Vascoceras Durandi Thomas et Peron. 

1889 Pachydiscus Durandi Thomas et Peron: Moll. foss. Tunisie, S. 27, 

PL XVIII, Fig. 5-8. 
1896 Id. Peron: Amm. Cret. sup. Algerie, S. 44, PL IV. Fig. 1; V, 1; 

XVII, 5. 

1898 Vascoceras Dourillei Choffat: Faune cret. Portugal, S. 59, PL X, 
Fig. 3, 6; XI, 2-5; XXI, 13-16. 

1903 Vase. Durandi, Pervinqoiere: Et. geol. Tun. cent, S. 98, 99. 
1903 Vase. cf. DouviUei Pervinqciere: Ebenda S. 99. 



Abmes ssun gen: 



Durchmesser des Ammoniten . 


. 70 


mm 




37 


7> 


Radius der vorigen Windung . 


. 22 


n 




57 


r> 


Dicke der vorigen Windung 


. 22 


7) 


Durchmesser des Nabels . . . 


. 18 


n 



Anzahl : 1 Individuum. 
Fundort: Wadi Mor I. 
Pervinquiere hat, gestiitzt durch reichhaltigeres Material, 
im J ah re 1907 den Vascoceras Dourillei Choffat mit dem 1889 



203 



yon Thomas und Peron als Pachydiscus Durandi beschriebenen 
Cephalopoden yereinigt. Choffat, dem die grotfe Ahnlichkeit 
keineswegs entgangen war, hatte sie in Anbetracht des schlechten 
Erhaltungszustandes der portugiesischen Turon-Ammoniten nicht 
damit yereinigen wollen. Ich schlieBe mich Pervinquieres 
Ausfiihrungen an und bezeichne den im Wadi Mor gefundenen 
Yascoceras als Durandi Thomas et Peron. 

Der im allgemeinen gut erbaltene Steinkern zeigt einen 
breiten, ziemlicb tiefen Nabel. Die inneren Unigange sind mit 
Knoten yerseben, die am letzten Umgang kaum nocb bemerk- 
bar sind. Ebenso yerscbwinden die liber die Ventralseite sich 
erstreckenden Pippen nach der ersten Halfte des letzten Um- 
ganges. Die Schale wird zum SchluB ganz glatt. Die Umgange 
sind nicht hoch und ziemlicb weit umfassend. An der Nabel- 
wand sind sie abgerundet und biegen sich nicht unyermittelt 
um. Die Umgange nehmen auffallig schnell an Breite zu. Die 
Sutur zeigt anf der Flanke zwei breite fast gleichhohe Sattel 
und den Anfang eines dritten Sattels. Der mir yorliegende 
Vascoceras zeigt, wenn auch kleine Abweichungen yorkommen, 
groBe Ahnlichkeit mit der yon Choffat auf Taf. 11, Pig. 4 und 
5 gegebenen Abbildung. Auch die auf Taf. 21 beigefiigte 
Lobenlinie schlieBt sich durchaus derjenigen des mir yorliegen- 
den Indiyiduums an. 

Vascoceras Barcoicensis Choffat. 
Taf. XIV, Fig. 1. 

1898 Vascoceras Barcoicensis Choffat: Paune cret. du Portugal, S. ; 67, 
PI. XVII, Fig. 1 a-c, Taf. XXII, Fig. 35-36. , 

1907 Vascoceras cfr. Barcoicensis Choffat, Pervinquiere : Etudes de pale- 
ont. Tunisieune, S. 335. 

Abmessungen: 



Durchmesser des Ammoniten . 


. 92 


76 


mm 




? 


42 


55 


Radius der yorigen Windung . 


? 


26 


55 


Dicke der Windung .... 


40 


48 


55 


Dicke der vorigen Windung . 


? 


22 


55 




? 


16 


55 



Ein Bruchstiick aus den yon Schweinfurth als Schicht der 
grofien Exogyren bezeichneten Fundstellen beim Kloster St. Paul 
weist die charakteristischen Merkmale des Barcoicensis Choffat 
auf. Wenngleich das Indiyiduum durch Verwitterung gelitten 
hat und zum Teil zertriimmert ist, laflt sich dennoch der 
Querschnitt erkennen, der mit der yon Choffat Tafel XVII, 



204 



Fig. 1 c gegebenen Abbildung ubereinstimmt. Rippen und 
Knoten sind nicht mehr erhalten. Dagegen ist em grofies 
Stuck der Lobenlinie erhalten geblieben, welches sehr wohl 
mit Choffats Figur 36 Taf. XXII ubereinstimmt. 

Ein besser erhaltenes Individuum laBt noch die Andeutung 
von schwachen uber die Yentralseite sich hinziehenden Rippen 
erkennen; jedoch ist die Sutur in diesem Falle unvollstandig 
erhalten. 

Genus Pseudotissotia Peron. 

1896 Peron: Amm. Cret. sup. Algerie, S. 26. 

1903 Choffaticeras Hyatt: Pseudocerat. of the Cretaceous, S. 37. 

Pseudotissotia segnis Solger. 

Taf. XIII, Fig. 3—7; Taf. XIV, Fig. 2-5 u. 8; Taf. XV, Fig. 2; 
Taf. XVI, Fig. 1-3. 

1903 Pervinquikre : Pseudotissotia indet. Et. geol. Tun. cent, S. 99. 
1903 Solger: liber die Jugendentwicklung von Sphenodiscus lenticularis 

Owen und seine Beziehungen zur Gruppe der Tissotien. Diese 

Zeitschr. 55, S. ,77. 
1907 Pervinquiere: Etudes de Paleontologie Tunisienne. S. 351, Tafel 

1, 2, 3. 

Abmessungen: 



Durch- 




Dicke der 




Radius der 


Durch- 


messer der 


Dicke der 


Torigen 


Radius der 


vorigen 


messser d. 


Ammoniten 


Windung 


"Windung 


Windung 


Windung 


Nabels 


39 


12 


7 


22 


12 


7 


64 


17 


7 


39 


16 


6 


124 


44 


23 


73 


38 


20 


136 


54 


28 


78 


43 


30 


151 


52 


29 


86 


45 


34 


135 


52 


25 


75 


42 


20 


66 


18 


8 


40 


17 


4 


110 


33 


20 


61 


34 


17 


94 


37 


19 


53 


33 


13 


93 


29 


17 


55 


26 


13 


18 ' 


8,4 


3,7 


9 


5,5 


5,5 


22 


10,2 


5,3 


12,3 


7,5 


5 


4,6 


1,3 


0,7 


4,5 


2,8 


0,5 


8,1 


2,5 


1,1 


4,9 


2,8 


0,5 


9,3 


3 


1,6 


5,4 


2,9 


1,5 


10,5 


3,7 


2,2 


6,3 


3,7 


1,4 


8,2 


2,6 


1,4 


4,8 


2,6 


0,7 



Weil Pervinquieke bemerkt, daJ3 die Mafie seiner Pseudotissotia 
segnis nicht genau mit den von Solger arigegebenen MaBen 
iibereinstimmen, habe ich die Masse von einigen Individuen der 
Berliner und Miinchener Sammlung zum Vergleich beigefugt. 
Man ersieht aus ihnen, wie grofien Schwankuugen dieselben im 
Verhiiltnis unterworfen sind. 



205 



Schweinfurth gebiihrt das Yerdienst, diesen interessanten 
Ammoniten entdeckt und zahlreiche, zum Teil ganz trefflich 
erhaltene Individuen der Wissenschaft zugangig gemacht zu 
haben 1 ). Er erkannte schon im Jahre 1877, dai3 er erne selbst- 
standige Art vor sich habe, und nannte sie Ammonites Macro- 
diskus. Unter dieser Bezeichnung trug er sie in seine Profile 
ein. Es entging ihm schon damals nicht, dafi diese Spezies 
sehr variabel sein konne; deshalb unterschied er eine Yarietat 
mit engerem Nabel und engerem Querschnitt, dieselbe Yarietat, 
die Pervinquiere als Yariatio discoidalis 1907 aufstellte (var. 
discoideus Schweinfurth). Solger beschrieb 1903 diesen Am- 
moniten zum ersten Mai genau und nannte ihn Pseudotissotia 
segnis 2 ). 

In demselben Jahr fiihrte Pervinquiere eine Pseudotissotia 
indet. aus Tunis an, die er spater unter Pseudotissotia segnis 
Solger beschrieb 3 ). 

Das Palaontologische Institut der Universitat Miinchen 
sandte mir bereitwilligst die von Schweinfurth dorthin ge- 
schenkten Individuen von Pseudotissotia segnis^ ebenso das Kgl. 
Naturalienkabinett in Stuttgart. 

Auf diese Weise stand mir ein auBerst reichhaltiges Mate- 
rial zur Yerfugung. Ich habe mich bemuht, durch Yergleichung 
von zahlreichen Individuen Ubergangsformen zwischen extremen 
Ausbildungen zu finden. Die Yariationsbreite ist aufierordent- 
lich grofi, so dafi man leicht versucht sein konnte, Angehorige 
dieser Spezies, die man an Hand eines grofieren Materials un- 
zweifelhaft als solche erkennen konnte, einer neuen Art zuzu- 
teilen. Aus demselben Grunde habe ich es auch vermieden, 
auBer der von Pervinquiere aufgestellten und wohl zu unter- 
scheidenden var. discoidalis etwa noch andere Unterscheidungen 
zu machen. Der schlechte Erhaltungszustand seiner Stticke 
erlaubte es Pervinquiere nicht, Abbildungen oder Zeichnungen 
von Lobenlinien beizufiigen 3 ). 

J ) In einem Berichte iiber eine Reise, die Schweinfurth 1876 in 
Gesellschaft mit Dr. Gussfeldt in die Arabische Wiiste gemacht hatte, 
schreibt Schweinfurth: 

Die das Wadi Mor begrenzenden Schichten sind durch 
einen beispiello sen Reichtum an groBen, wo hlerhalten en 
diskusformigen Ammoniten ausgezeichnet, deren Massen 
hauptsachlich zum Aufbau dieser SchichteD beigetragen 
haben. (Schweinfurth: Reise von Dr. Gussfeldt und Dr. Schweinfurth' 
durch die Arabische Wiiste vom Nil bis zum Roten Meer 1876. Peter- 
manns MitteiluDgen Bd. 22, 1876, S. 254.) 

2 ) Solger: 1. c. S.,77. 

3 ) Pervinquiere: Et. geol. Tun. cent., S. 99. — Et. de Paleont. Tun. I, 
S. 351. 



« 



206 



Beschreibung: Im Jugendstadium beobachtet man eine 
wohlausgebildete Skulptur. Deutlich abgesetzte Rippen, zuweilen 
sichelfdrmig geschwungen, yerlaufen iiber die Flauke und endigen 
am Kiel in ziemlich dicke breite Knoten. Diese beiden Knoten- 
reihen tauschen, wie Pervinquiere sagt, 2 Kiele yor, die von 
■dem dritten, echten Kiel uberragt werden. Diese Pseudokiele 
lassen bis etwa 90 mm Durchmesser des Ammoniten erkennen, 
dafi sie aus einzelnen Knoten zusaminengesetzt sind. Dann aber 
Yerschmelzen sie mit dem Hauptkiel entweder zu einem dicken 
tauformigen KieJ, der deutlich Yon den Flanken durch eine 
Auskehlung abgesetzt ist, oder die einzelnen Knoten der Pseudo- 
kiele Yerschmelzen schon friiher miteinander zu einem einheit- 
lichen Kiel und begleiten so auf beiden Seiten den Hauptkiel. 

Die Rippen endigen samtlich in einen deutlich en Knoten 
an der Peripherie. Zwischen je zwei vom Nabel bis zur Peripherie 
durchlaufende Rippen ist eine Rippe eingeschaltet, die mitten 
uuf der Flanke entspringt. Eine deutliche Berippung konnte 
ich bei einem Radius Yon 3 mm feststellen (cfr. Solger a. a. 0. 79). 

Die dicken Nabelknoten Yerschwinden eigentlich niemals 
Yollstandig. Wohl Yerschwinden im hoheren Alter die Rippen 
(etwa von 95 mm Durchmesser an) ; dafiir ziehen sich unregel- 
maBige dicke Wiilste nach Art von Rippen vom Nabel zum 
Kiel hin. 

Ich fand, daB bei meinem Material die Berippung gerade 
bei var. discoidalis langer anhalt, und daB die Rippen dunner 
und feiner sind, als wie es die PERYixQuiEREschen Stiicke 
anzeigen. Das groBe Exemplar, das noch deutliche Berippung 
zeigt, hat etwa 95 mm Durchmesser und gehort der var. 
discoidalis an. 

Im Altersstadium schwillt Pseudotissoiia segnis am Nabel 
zuweilen bedeutend an. Jedoch ist diese Yeranderung nicht so 
groB wie diejenige ini Yerhaltnis vom Durchmesser des Ammoniten 
zum Durchmesser des Nabels. Dieses schwankt oft betrachtlich, 
ersteres bedeutend weniger. 

Die in der Jugend und im mittlereu Entwicklungsstadium 
sich fast rechtwinklig zum Nabel umbiegenden Flanken biegen 
sich im Altersstadium zuweilen flacher um, so daB der erste 
Auxiliarsattel, der sonst noch auf der Flanke liegt, schon auf 
-der Nabelwand liegt. Aus demselben Grunde konnen in der 
^rsten Halfte des letzten Umganges bis zu 5, in der letzten 
Halfte etwa 3 — 4 Siittel auf der Flanke liegen. 

Eine Yerengung der Schale an der Mundung, wie sie 
Pervinquiere vermutet, habe ich auch an Exemplaren, an deneu 
ein Teil der Wohnkammer erhalten war, nicht beobachten konnen. 



207 



Var. discoidalis Pervinquiere. 
Taf. XIV, Fig. 7 und Taf. XV, Fig. 1. 
Pervinquiere stellte 1907 diese Varietat auf, deren typische 
Merkmale er folgendermafien festlegt: 

Querschnitt eng, Nabel eng, Lobenlinie abweichend. 
Die Abtrennung dieser Varietat ist ohne Zweifel wohl- 
berechtigt und notwenig; jedoch miissen nach meinem Erachten 
die von Pervinquiere als typisch angegebenen Merkmale nur 




Fig. 7. 



Fig. 8. 




Fig. 9. 

Lobenlinien vod Pseudotissotia segnis var. discoidalis. 

in ihrer G-esamtheit und nicht etwa einzeln herangezogen werden, 
da es mannigfache Ubergange gibt. 

Pervinquiere gibt ferner an, dafl die Schale glatt sei. Ich 
fuge dem hinzu, da6 sowohl fast glatte als auch deutlich 
gerippte Exemplare (siehe Abbildung) vorkommen konnen. 

Da der schlechte Erhaltungszustand seiner Stiicke Pervin- 
quiere keine Abbildung von Loben gestattete, so fuge ich eine 
solche bei, die als Typ gelten mag. 

Durchmesser des Ammoniten . . 92 mm 
Radius der Windung .... 27 „ 
Dicke der Windung . . . . .29 „ 
Nabelweite 11 



208 



Bemerkungen zur Lobenlinie der Pseudotissotia segnis. 

Die Nabelwande sind abgeschragt; daher liegen auf der 
Flanke scheinbar nur drei Sattel. 




Fig. 12. 3 / 4 natiirl. GroBe. 




Fig. 13. 3 / 4 natiirl. GroBe. 
Plumpe, blattformige Ausbildimg der Sattel (infolge Abwetzung). 

Der Externsattel ist im Yergleich zu den anderen Satteln 
niedriger als gewohnlich. 

Bei Solgers Original: Man beobaclitet zuweilen fiinf 
bis fiinfeinhalb Sattel auf der Flanke. Der iiberzahlige fiinfte 



209 



Sattel scheint durch eine tiefer einschneidende Zackung des 
vierten Sattel s ausgebildet zu werden. In der hierunter ab- 
gebildeten Figur ist der yierte Sattel (d. i. der erste Auxiliar- 
sattel) oben leicht eingesenkt; in der mittleren der bei Be- 
schreibung der yar. discoidalis wiedergegebenen Abbildungen ist 




Fig. 14. 

Lobenlinie von Pseudotissotia seg/iis. Natiirl. GroBe. 



Fig. 15. 

Lobenlinie einer erwachsenen Pseudotissotia segnit 



natiirl. GroBe. 



Fig. 16. 

Lobenlinie einer erwachsenen Pseudotissotia segnis (von einem nicht ab- 
gebildeten Ex.). x / 2 natiirl. GroBe. 

die Einsenknng des ersten Auxiliarsattels so vveit gegangen, daB 
sich ein zweiter Auxiliarsattel gebildet hat. Man beobachtet 
diese Erscheinung besonders bei var. discoidalis. 

Bei Pseudotissotia segnis: Der Externsattel ist hoher als 
gewohnlich. Der erste Lateralsattel ist breiter im Yerhaltnis als 
der entsprechende Sattel in Solgers Typ und plumper gegliedert. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 14 



210 



Der zweite Lateralsattel ist in den beiden Halften geschlitzt; 
es tritt eine Koniplizierung der Sutur ein (cfr. Solgers Typ). 

Die Yeranderlicbkeit der Sutur, sei es daB sie durcb die 
ungleicb weit vorgescbrittene Abwetzung bervorgerufen wird 
(wieweit letztere zu Trugscbliissen fiihren kann, glaube icb 
bei der Beschreibung des Genus Neolobites genugend betont zu 
baben), sei es daB sie durch das Auftreten von Sekundarzacken 
hervorgerufen wird, ist in der Tat so bedeutend, daB es mir 
notwendig erscbeint, moglicbst viele Zeicbnungen beizufiigen. 
Icb gebe zu den Zeicbnungen nur kurze Erlauterungen. 

Im Gegensatz zu obiger Erscbeinung kann die Abwetzung 
eine scbeinbare Yereinfacbung der Sutur bervorrufen. Die 
gezackten Spitzen der Sattel werden rund, plump blattabnlicb. 

Einige Benierkungen iiber Enibry onalkarnnier und 
Jug end win dun gen. 

Es gelang im ganzen drei Ernbryonalkaniniern freizulegen; 
von diesen wurde die in Fig. 17 abgebildete unter dem 
Mikroskop in 60facber YergroBerung gezeicbnet. Eine zweite 
Kanimer wurde yon der Eirma Leitz (Wetzlar) in SOfacber 
YergroBerung mikropbotograpbiscb aufgenommen. Letztere Auf- 
nabme eignet sicb nicbt gerade fiir die Reproduktion, jedocb 
tat sie die besten Dienste beim Yergleicb mit der Zeicbnung. 

Die Lobenlinie beginnt, wie scbon Solger bemerkte, mit 
einer ziemlich angustisellaten Sutur. Hocbinteressant ist der 
Emstand, daB die groBe Asymmetrie dieses dekadenten Ammo- 
niten scbon in der fiiibesten Jugend auftritt. Im ausgewacbsenen 
Stadium beobacbtet man eine asymmetriscbe Ausbildung der 
Loben auf der recbten und der linken Halfte, die eigentlicb docb 
Spiegelbilder sein sollten (s. Fig. 15 und 16). Ferner nimmt der 
Sipbo zuweilen (aber durcbaus nicbt immer) eine asymmetriscbe 
Lage eio. Alle diese Asymmetrien konnte icb, wie die bei- 
gefiigten Zeicbnungen beweisen, schon in den Anfangswindungen 
feststellen. (Fig. 17, 19.) 

Icb mocbte nicbt verfeblen, an dieser Stelle auf die 
interessante Frage binzuweisen, die scbon friiber yon Branca 
aufgeworfen wurde, namlicb, ob individuelle Yerscbiedenbeiten 
in den Jugendwindungen zu beobacbten seien. 

Bei dem genauen Studium dieser so merkwiirdigen Spezies 
glaubte icb mit Sicherbeit bei der mikroskopiscben Untersucbung 
zweier yerscbiedener Embryonalkammern eine solcbe gefunden 
zu haben. 

Leider wurde jedocb die eine Embryonalkammer zerstiirt, 
bevor sie gezeicbnet oder photographiert werden kounte. Die 



211 



zweite Anfangssutur habe icb in Fig. 17 abgebildet. Yon einer 
dritten ist eine Mikropbotograpbie vorhanden, die sicb leider 
nicht zur Wiedergabe eignet. Jedocb kann man mit geniigender 
Sicberbeit erkennen, daB sie yon der abgebildeten anderen Sutur 
abweicbt. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Moglicbkeit 
einer individuellen Yerschiedenbeit damit bewiesen ist. Icb 
personlicb balte sie fur in der Tat bestebend. Yielleicbt ist 




Fig. 17. 

Anfangssutur von Pseudotissotia 
segnis. Vergr. ca. 60mal. 




Fig. 19. 

Querscbnitt eines anderen 
Individuums mit stark seitlich ver- 
schobenemSipho. Vergr. ca. 60mal. 




Fig. 18. 

Pseudotissotia segnis. Querschnitt 
vergroBert (nat. GroBe = 0,8 mm). 
Sipho normal gelegen. 




Fig. 20. 

2 Querschnitte von Pseudotissotia 
segnis. 3 / 4 nat. GroBe. 



dies weniger verwunderlicb, wenn man bedenkt, wie ganz auBer- 
•ordentlicb gerade diese Spezies in alien moglicben Punkten 
variieren kann. 

Icb erinnere an Yeranderungen in: Querscbnitt, Randknoten, 
Pseudokiele, Komplikation oder Yereinfacbung der Sutur, asym- 
metriscbe Lage des Sipbo im senilen Stadium und in Jugend- 
windungen, asymmetriscbe Ausbildung der Loben auf ver- 
^cbiedenen Seiten u. s. w. Es muB der Zukunft iiberlassen 
bleiben, ob sie vielleicbt Aufklarung zu bringen vermag, wie- 
weit es berecbtigt ist, an diese Erscbeinungen biologiscbe Riick- 
scbliisse zu kniipfen. 

Merkwiirdig ist es immerbin, daB kurz vor dem Aussterben 
des so macbtigen und bocbentwickelten Ammonitenstammes gleicb- 

14* 



212 



zeitig mit regelmaBigen Formen auch solche wie die yorliegende 
auftreten, deren auffallende, in den inannigfachsten Punkten 
hervortretende Asymmetrie wohl als Dekadenz aufzufassen ist 7 
oder wenn z. B. gleichzeitig nait anderen hochdifferenzierten 
Formen die Ceratitensutur der Tissotien oder gar die goniatitische 
Lobenlinie eines Neolobiten (Flickia Pervinqu.) auftritt. 

Die Zahl der untersuchten Indiyiduen betrug etwa sechzig. 

Pseudotissotia segnis Solger ist bisher nur in Tunis, in 
Agypten und nach Blankenhorn im Ostjordanland gefunden 
worden. 

Pervinquiere gibt ihr Alter als unterturonisch an. 

Schloenbachia Quaasi Fourtau = 
Pseudotissotia segnis Solger. 
Taf. XIIT, Fig. 3—7; Taf. XIV, Fig. 2-5 und 8. 

Im Jahre 1904 beschrieb R. Fourtau unter dem Namen 
Schloenbachia Quaasi yier kleine Ammoniten; bei der Beschreibung 
gab er ausdriicklich an, daB es sich nur um vier kleine Exemplare 
handele, yon den en das grofite etwa zwanzig Millimeter groB seL 
Pa weder Miindung noch Lobenlinie erhalten war, wurde ihm 
die Bestimmung schwer, und er reihte seinen Fund in das Genus 
Schlonbachia ein. 

Etwa ein Dutzend kleiner Ammoniten aus der Schwein- 
FURTH'schen Sammlung, bei denen sich stufenweise eine Weiter- 
entwicklung yon kleinen sichelformig gerippten Stucken ohne 
Sutur bis zu grofieren, ebenfalls siclielformig gerippten und 
mit der typischen Sutur der Pseudotissotia segnis Solger yer- 
sehenen Stiicken verfolgen laBt, bestimmen mich. zu der Annahme, 
dafi es sich bei Fourtau um Jugendformen yon Pseudo- 
tissotia segnis Solger handelt, und dafi daher Schloen- 
bachia Quaasi gestrichen werden mui3. 

Fourtaus Irrtum ist leicht erklarlich, cla ihm einmal kein 
Yergleichsmaterial zur Yerfugung stand und die . Yeroffent- 
lichung Solgers liber seine neue Spezies erst kurz yorher er- 
schienen war. In dieser Yeroffentlichung betont iibrigens Solger 
(a. a. 0. S. 84), claB Pseudotissotia segnis gerade durch ihre 
Skulptur groBe Ahnlichkeit mit den Schloenbachien zeige, wenn- 
gleich die Lobenlinie durchaus nicht fiir niihere Yerwandtschaft 
spreche; und gerade die Lobenlinie war Fourtau nicht mehr 
erhalten. 

Fourtau gibt als Merkmal seiner neuen Species unter 
anderm an: Nabel ziemlich eng, am Rande abgerundet und nicht 
senkrecht. Diese Eigenschaft kann Pseudotissotia segnis ebenfalls 
besitzen, wie bereits friiher bemerkt (siehe Abbildungen). Die 



213 



Flanken sind gerippt; die Rippen gehen von Nabel aus, wo sie 
eine leichte Anschwellung hervorrufen. Sie sind sichelformig 
geschwungen und teilen sich in der Mitte gabelformig. Genau 
dieselbe Berippung, welche man bei der jungen und erwachsenen 
Pseudotissotia beobachtet! Die Aufienseite ist verjiingt; der 
Kiel ist yorspringend, aber nicht schneidend. 

Die Abbildungen zeigen eine Entwicklung von kleinen 
nicht suturierten Stiicken bis zu solchen, die doppelt so groJ3 
sind und deutliche Sutur zeigen. 

Genus Tissotia Douville. 

Leider ist der Erhaltungszustand gerade der Cephalopoden 
von Abu Roash nicht derartig, daB man immer mit Sicherheit 
einzelne Spezies von benachbarten auBerst ahnlichen Formen 
trennen kann. Die meisten Tissotien der Sammlung Schwein- 
furth sind, wie bereits Dacque (a. a. 0. S. 388) bemerkt, „ge- 
glattet, meist auf der einen Seite von Wasser zerfressen; im 
Innern hat sich der geloste Kalk wieder in krystalliner Form 
abgesetzt und die Schale vollig verdrangt". 

Ahnliche Bemerkungen iiber den schlechten Erhaltungs- 
zustand der Tissotien von Abu Roash macht Fourtau (a. a. 0. • 
S. 251). 

Auch die mir vorliegenden Stiicke von Abu Roash befinden 
sich keineswegs in einem besseren Zustand und konnten z. T. 
trotz aller Praparierversuche nur mit Yorbehalt einer Spezies 
zugewiesen werden. Zu diesen auBeren Schwierigkeiten kommt 
noch hinzu, daB hochstwahrscheinlich manche bisherige gute 
Art nur den Rang einer Yarietat haben wird, wenn spater an 
Hand eines ausgedehnten Yergleichsmaterials eine Revision 
dieses Genus stattfindet, die unumganglich ist. Unter diesen 
Umstanden wage ich nicht, an Hand meines ungeniigenden Ma- 
terials in dieser Frage Stellung zu nehmen. 

Blanckenhorn und Dacque haben bereits das Yorhandensein 
von Tissotia Tissoti Bayle in Agypten erwahnt. Fourtau (a. a. 0. 
S. 251) bezweifelt ihre Existenz bei Abu Roash und glaubt die 
meisten dort gefunclenen Ammoniten als Tissotia Ficheuri be- 
zeichnen zu miissen. Man mufi zugeben, daB die Abbildung 
Dacques nicht gentigt, wenn es sich um die Unterscheidung 
von Spezies handelt, die so geringe Unterschiede aufweisen, 
wie beim Genus Tissotia', ein Umstand, den ebenfalls Pervin- 
quiere anfuhrt (a. a. 0. S. 367). Da mir die Individuen, die 
Dacque und Blanckenhorn bestimmten, nicht alle vorliegen, 
kann ich kein Urteil fallen, ob diese Bestimmung richtig ist. 
An Hand der mir vorliegenden Tissotien komme ich zu detn 



214 



SchluB, daB einige mit groBter Wahrscheinlichkeit der Tissotia 
Fourneli zuzurechnen sind; ein anderes Individuum halte ich 
mit Bestinimtheit fur eine Tissotia Tissoti. Tissotia Ficheuri habe 
ich nicht bestimmen konnen; obwohl es mir gelang, den Extern- 
sattel an den meisten Individuen freizulegen, konnte ich niemals 
die eigentuniliche weitgehende Zerschlitzung, die denselben in 
zwei ungleiche an der Basis eingeschnurte Blatter teilt und ihn 
dadurch deutlich yon andern Spezies unterscheidet, wahrnehmen. 
Ebensowenig nahert sich der Querschnitt der vorliegenden In- 
dividuen, die alle stark gewolbt und dick sind, demjenigen von 
Tissotia Ficheuri. Wenn FouRTAub ehauptet: „Sans nier l'existence 
de Tissotia Tissoti a Abu Roash, je ne puis que noter ce fait, 
c'est que je suis le seul a y avoir trouve Tissotia Ficheuri et a 
ne pas avoir recolte Tissotia Tissoti", so kann ich dem nur unter 
Verweisung auf die obigen Ausfiihrungen entgegenhalten, dafl ich 
in dem ScHWEiNFUR'mschen Materiale meinerseits keine einzige 
Tissotia Ficheuri fand, sondern nur Individuen, die mit grofiter Wahr- 
scheinlichkeit als Tissotia Tissoti und meist als Tissotia cfr. Fourneli 
anzusprechen sind. Es werden eben bei Abu Roash alle 
drei Spezies mit zahlreichen Ubergangen vorkommen. 

Ussotia cfr. Fourneli Bayle. 

1849 Ammonites Fourneli Bayle: R^chesse min. Algerie, S. 360, Taf. XVII 
1862 Ceratites Fourneli Coquand: Geol. Pal. CoDstantine, S. 167. 
1889 — 1893 Buehiceras Fourneli Peron et Thomas: Inv. foss. Tvmisie, 
S. 9, Taf. 15. 

1890 Tissotia Fourneli Douville: Bull. soc. geol. France, 3. ser., S. 232, 
Taf. 18. 

1893 Tissotia Fourneli Grossouvre: Ammon. craie sup., S. 36, Fig. 18. 
1897 Tissotia Fourneli Peron: Ammon. Cret. sup. Algerie, S. 59, 

Taf. X und XVII. 
1903 Tissotia cfr. Fourneli Bayle in Dacque : a. a. 0. S. 388. 

1903 Metatissotia Fourneli Hyatt: Pseudoceratites, S. 45. 

1904 vide Fourtau: Etudes de ]a faune cret. d'Egypt. 

1907 Tissotia Fourneli Pervinquiere : Etudes de pal. Tun., S. 372, Taf. 26. 
Anzahl: 6 Individuen. 
Fundort: Abu Roash. 

Abmessungen: 
Durchmesser des Ammoniten 
Radius der "Windung . 
Radius der vorig*en Windung 
Dicke der Windung 
Dicke der vorigen Windung 
Durchmesser des Nabels . 
6 von Schweinfurth an verschiedenen Punkten des Kreide- 
komplexes von Abu Roash gesammelte Tissotien sind wegen ihres 



124 


105 mm 


68 


60 „ 


43 


34 „ 


45 


65 „ 


40 




•} 


9 „ 



215 



verwitterten Zustandes nicht mit Sicherheit einer bestimmten 
Spezies zuzuvveisen. Jedoch scheint mir nach Vergleichung mit 
den Abbildimgen der obengenannten Autoren, da£) sie sich un- 
bedingt der Tissotia Fourneli Bayle eng anschlieflen, mit welcher 
sie entweder identisch sind oder von welcher sie Yielleicht eine 
Yarietat darstellen. Da alle Individuen eine sehr gewolbte 
bauchige Form aufweisen, sind sie Yielleicht der Yar. crassa 
Pervinquieres anzuschlieflen. 

Tissotia Tissoti Bayle und Tissotia cfr. Tissoti Bayle. 

1878 Buchiceras Tissoti Bayle: Explic. carte geol. France., vol. 4, Taf. 40. 
1891 Tissotia lissoti Douville: Sur la Tissotia Tissoti B. S. G. F., vol. 19, 
S. 501. 

1897 Tissotia Tissoti Peron: Ammon. cret. sup. Algerie, S. 65, 
Taf. 12, 13, 18. 

1900 Blanckenhorn : Neues zur Geologie und Palaontologie Agyptens. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. Bd. 52. 
1903 Tissotia Tissoti Bayle Dacque: Kreidekomplex von Abu Roash. 

Palaeontogr. Bd. 30, S. 387. 
1907 Tissotia Tissoti Bayle PERviNQuikRE: Et. de pal. Tun., S. 367, Taf. 25 

Anzahl: 3 Individuen. 

Fundort: Gegend westlich Gizeh. 

Ich kann in Anbetracht des ungeniigenden Materials iiber 
Tissotia Tissoti keine weiteren Mitteilungen machen und ver- 
weise auf meine obigen Ausfiihrungen sovvie auf die Abbildung 
bei Dacque (1903, Taf. XXXYI, Fig. 8). 

Von den 3 untersuchten Stiicken fiihre ich 2 Individuen 
nur mit Zweifel an dieser Stelle an; das dritte Individuum 
erscheint mir wegen des guterhaltenen dreifachen Kieles und 
der Lobenlinie tatsachlich eine echte Tissotia Tissoti zn sein. 



Tissotia SoJiwemfurthi Eck. 

Taf. XIX, Fig. 1 u. 2. 

1909 Tissotia Schwewfvrthi n. sp. Eck, Neue Amm. Ob.-Agypt. Kr.- 
Sitzber. Ges. Natf. Fr. Berlin Nr. 3, S. 184, Fig. 6-8. 

Fundort: Wadi Mor, Schicht I. 

Horizont: Unteres Turon, Schicht der' Pseudotissotia 
segnis. 

Abmessungen: 



Durchmesser des Ammoniten . 


. 163 


mm 




90 


•>•> 


Radius der vorigen Windung . 


. 52 


n 




78 


ii 


Dicke der vorigen Windung 


. 38 


ii 


Durchmesser des Nabels 


. 45 


ii 



216 



Es liegt ein vollstandig erhaltener Steinkern rait teilweise 
erhaltener Schale vor, der aus dem von Schweinfurth der Uni- 
versitat Munch en geschenkten Teile seiner Sanimlung stammt. 

Das Gehause ist ziemlich dick und gewolbt, der Nabel 
mittelmaBig weit mit nicht genau senkrecht abfallenden Wanden. 
Yom Nabelrand ziehen sich undeutlich, jedoch immer noch 
sichtbar, plumpe breite Rippen iiber die Flank en. Der Kiel 
ist abgerundet und wird yon zwei deutlich erkennbaren Kielen 
auf beiden Seiten begleitet. Die Wolbung der Flanken wird 
weder vor noch hinter den Seitenkielen durch irgendeine Ein- 
senkung unterbrochen. Der Sipho liegt symmetrisch. 

Die Sutur habe ich in der obengenannten Arbeit beschrieben. 

Uber die Beziehungen und Unterschiede der vorliegenden 
Art habe ich mich an gleicher Stelle (S. 186 — 187) geaufiert. 

Was die generische Stellung der neuen Art betrifft, so be- 
merke ich ausdriicklich, daJ3 ich sie mit Yorbehalt dem Genus 
Tissotia angliedere. 

Tissotia securiformis Eck. 
Taf. XIX, Fig. 3. 

1908 0. Eck: Bemerk. iib. drei neue Ammon, aus d. ob.-agypt. Kreide. 
Sitzber. Ges naturf. Freunde. 

Diese auf ein Bruchstiick von Wadi Abu Rinif gegriindete 
Art habe ich ausfuhrlich bereits friiher beschrieben, In Taf. XI, 
Fig. 3, ist noch eimnal die Vorderansicht abgebildet, um die 
asymetrische Lage des Siphos zu zeigen. Bemerkt sei noch, daB 
das Stuck nicht verdriickt ist. Alter: vermutlich Unterturon. 

Tissotia Robini Thiolliere. (= Tissotia Eivaldi v. Buch.J 
Es liegt ein Bruchstiick vor, welches eine grofie Ahnlich- 
keit mit dem als Tissotia Ewaldi v. Buch bezeichneten Ammo- 
niten hat, der nach Pervinquieres Yorschlag aus Prioritatsruck- 
sichten besser Tissotia Bobini Thiolliere genannt wird, mit 
welchem er sicher identisch ist. Das Stuck stammt vom 
Wadi Ragaloh, Schicht G. 

Gattung Hemitissotia Peron. 

Hemitissotia sp. indet. 
Taf. XIII, Fig. 1; Taf. XVII, Fig. 3 u. 4. 
Auf Grund der Lobenlinie stelle ich zu Hemitissotia ein 
vereinzeltes Bruchstiick aus der agyptischen Wiiste, dessen art- 
liche Zugehorigkeit nicht erkannt werden konnte. 



Manuskript eingegangen am 5. Dezember 1911.] 



217 



5. Beitrage zur Geologie des Aarmassivs. 

(Untersucliungeii iiber Erstfelder Gneise und Innert- 
kirchener Granit.) 

Von Herrn R. Lotze in Stuttgart. 

(Hierzu Taf. XX-XXI und 8 Textfiguren.) 

Einleitung. 

Die vorliegende Arbeit ist das Pesultat von Beobachtungen, 
die ich in den Sommernionaten der Jahre 1910 und 1911 
anstellen konnte. Das Untersacbungsgebiet erstreckte sicb 
auf die sogenannte „nordliche Gneiszone" des Aarmassivs 
zwischen Hiifigletscher (Maderaner Tal) und Gauligletscber 
(Urbachtal). Eine reicblicbe Sammlung yon Handstiicken, so- 
wie eine groBere Anzabl yon Diinnscbliffen (ca. 170) bildeten 
die Grundlage der petrograpbiscben Untersucbung, die in der 
Hauptsacbe im mineralogiscb-geologiscben Institut der Kgl. 
Technischen Hochscbule Stuttgart ausgefuhrt wurde. Die An- 
regung zu der interessanten und lobnenden Untersuchung ver- 
•danke icb meinem bocbyerebrten Lebrer, Herrn Professor Dr. 
Sauer. Es ist mir Bedurfnis, ibm fiir seine yielseitige Unter- 
stiitzung und Anregung bei der Ausfiibrung der Arbeit meinen 
berzlicbsten Dank auszusprecben. Besonders bin icb ibm fiir 
•die Uberlassung wertyollen Untersucbungsmaterials sowie zabl- 
reicber Diinnscbliffe yon seinen eigenen friiheren Forscbungen 
im Aarmassiy zu groBem Dank yerpnicbtet. Die beiden an- 
gefiibrten Gesteinsanalysen wurden yon mir im Laboratorium 
fiir Elektrocbemie und tecbniscbe Cbemie der Kgl. Tecbniscben 
Hocbscbule Stuttgart unter freundlicber Anleitung yon Herrn 
Professor Dr. Muller ausgefiibrt. Die Arbeit wurde im Winter- 
semester 1911/12 im geologiscben Institut der Uniyersitat 
Tubingen yollendet. Aucb Herrn Professor Dr. y. Koken f bin 
ich fiir liebenswiirdige Unterstiitzung aufricbtigen Dank scbuldig. 

Da sicb im Verlauf der Untersucbung berausstellte, daJ3 
die „nordliche Gneiszone" keinen einbeitlicben Komplex dar- 
stellt, wie dies bis jetzt meist angenommen wurde, da!3 sicb in 
ibr yielmebr verschiedene scbarf begrenzte Gesteinsgruppen 
unterscbeiden lassen, so ergab sicb daraus yon selbst die Glie- 
derung des Stoffes, die bier yorausgescbickt sei. 



218 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 



Einleitung 217 

Inhaltsverzeichnis 218 

Literaturangabe 219 

Karten .221 

A. Die Erstfelder Gneise 221 

I. Geschichtliches 221 

II. Verbreitung der E. Gn 222 

III. Petrographische Beschreibung der E. Gn 223 

1. Der Erstfelder Eruptivgneis 223 

Makroskopische Beschreibung 223 

Mikroskopische Beschreibung 223 

Varietaten 227 

Chemische Zusammensetzung 229 

2. Der Erstfelder Sedimentgneis 230 

Makroskopische Beschreibung 231 

Mikroskopische Beschreibung 231 

Chemische Zusammensetzung 233 

Einlagerungen vom SustenpaB 234 

„ Riedtal 238 

Varietat von Silenen 239 

3. Die Mischgneise 240 

4. Amphibolite 244 

5. Abzweigungen eines granitischen Magmas .... 245 

IV. Allgemeines fiber die E. Gn 246 

Parallele mit dem Schwarzwalder Gneismassiv .... 246 

Genesis der E. Gn 247 

V. Die Zone der Sericitgneise und ihre Beziehungen zu den 

E. Gn 254 

B. Der Innertkirchener Granit 258 

I. Geschichtliches 258 

II. Verbreitung des I. Gr 260 

III. Petrographische Beschreibung des I. Gr 261 

Makroskopische Beschreibung 261 

Mikroskopische Beschreibung 262 

Vergleich mit anderen Gesteinen 265 

Chemische Zusammensetzung 267 

IV. Scholleneinschlfisse im I. Gr 268 

AuBere Erscheinungsform 268 

Petrographische Beschreibung 270 

Marmorlinsen der AuBeren Unveid 271 

Marmore vom Lauternsee usw 275 

Allgemeine geologische Bedeutung _ . 276 

V. Mechanische Deformation des I. Gr 277 

Makroskopische Beschreibung 278 

Mikroskopische Beschreibung . 279 

C. Das Carbon des Wendenjochs 288 

D. Die Tektonik des Aarmassivs 295 

Zusaimnenfassung der Resultate 300 



219 



Literaturverzeichnis. 

1. Baltzer: Der mechanische Kontakt von Gneis und Kalk im Berner 

Oberland. Beitrage z. geol. Karte der Schweiz, Lief. 20, 1880. 

2. — Das Aarmassiv (mittlerer Teil) nebst einem Abscbnitt des 

Gottbardmassivs , enthalten auf Blatt XII, 1888. Beitrage z. 
geol. Karte der Scbweiz, Lief. 24, 4. Teil. 

3. — Die granitischen Intrusivmassen des Aarmassivs. N. J. f. Min., 

Beilage-Bd. 1903. 

4. — Geologiscber Fiihrer durcbs Berner Oberland. Berlin 1905. 

5. — Die intrusive Granitzone des westl. Aarmassivs. Eclogae geo- 

logicae Helvetiae XI, Nr. 3, Dez. 1910. 

6. Becke: Die Eruptivgesteine des bobmiscben Mittelgebirges und 

der amerikanischen Andes. Tsch. m. u. p. Mitt. Bd. 22, 1903. 

7. — TJber Mineralbestand und Struktur der krystalliniscben Scbiefer(I). 

75. Bd. der Denkscbriften der math.-naturw. Klasse der Kais. 
Akad. der Wissenscbaften, Wien 1903. 

8. — Zur Pbysiographie der Gemengteile der kryst. Scbiefer (III). 

Derselbe Band, Wien 1906. 

9. — Bericbt uber geol. und petrogr. Untersuchungen am Ostrand 

des Hocbalmkerns. Sitzungsber. der matb-naturw. Klasse der 
Kais. Akad. d. W., Bd. 118, Abt. 1, 2, Wien 1909. 

10. Berg: Die Entstebung der Ortbogneise. Diese Zeitscbr. 1910, 

Bd. 62, Monatsbericbt 2. 

11. Buxtorp-Truninger: "Uber die Geologie der Doldenborn-Fisistock- 

gruppe am Westende des Aarmassivs. Verbandlungen der 
Naturforschenden Gesellscbaft Basel, Bd. 20, 1910. 

12. Chelius u. Klemm: Erlauterungen zur geol. Karte des GroBberzogtums 

Hessen, IV. Lief.: Blatter Zwingenberg und Bensbeim, 1896. 

13. Escher: tiber pratriassiscbe Faltuug in den Westalpen mit be- 

sonderer Beriicksicbtigung des Carbons an der Nordseite des 
Todi (Bifertengratli). Ziiricber Dissertation, 1911 (Amsterdam). 

14. Fellenberg: Bescbreibung desjenigen Teils von Blatt XVIII, 

der zwischen dessen Nordrand, dem Siidabsturz der Blumlis- 
alpkette und der Ebone liegt. Mit petrogr. Beitragen von 
C. Schmidt. Beitrage z. geol. Karte d. Scbw., Lief. 21, 1893. 

15. Fischer: tiber einige Intrusivgesteine der Scbieferzone am Nordrand 

des zentralen Granits aus der Umgebung der Sustenborner. 
Tsch. M. u. p. Mitt. Bd. 24, 1905. 

16. Gabert: Die Gneise des Erzgebirges. Diese Zeitschr. Bd.59, 1907. 

17. Grubenmann: Die krystallinen Scbiefer. 2. Aufl., Berlin 1910. 

18. Heim: Untersucbungen uber den Mecbanismus der Gebirgsbildung 

im AnscbluB an die Monograpbie der Windgallen-Todigruppe. 
Basel 1878. 

19. — Geologie der Hochalpen zwiscben EeuB und Rbein (Text zu 

Blatt XIV), mit einem Anbang von petrograpbiscben Beitragen 
von C. Schmidt. Beitrage z. geol. Karte d. Scbw., Bd. 25, 1891. 

20. Hugi: Vorlaufige Mitteilungcn uber Untersucbungen in der nordl. 

Gneiszone des zentralen Aarmassivs. Eel. geol. Helv. IX, 1906. 

21. — Exkursionsbericbt der Dtscb. Geol. Gesellscbaft (mit einer An- 

merkung von C. Schmidt). Diese Zeitscbr 1908, Bd. 69, S. 154 ff. 

22. Klemm: TJber sogenannte Gneise und metamorpbe Schiefergesteine 

der Tessiner Alpen. Sitzungsbericbte der Kgl. Pr. Akademie 
der Wissenschaften Berlin. I: 1904, II; II: 1905, I; III: 1906, I; 
IV: 1907, I. 



220 



23. Konigsberger: Geologische Beobachtungen am Pizzo Forno. N. J. f. 

Min., Beilage-Bd. 26, 1908. 

24. — Einige Folgerungen aus geolog. Beobachtungen imAare-,Gotthard- 

und. Tessiner Massiv. Eel. geol. Helv. X, 6, Dez. 1909. 

25. — Erlauterungen zur geol. und mineralog. Karte des ostl. Aar- 

massivs von Dissentis bis zum Spannort. Freiburg i. B. und 
Leipzig 1910. 

26. — Uber Analogien zwischen der ersten Zone der Westalpen und 

benachbarten Massiven. Geologische Rundschau Bd. Ill, 1912. 

27. — Uber Gneisbildung und Aufschnielzungszonen der Erdkruste in 

Europa. Geologische Rundschau Bd. Ill, 1912. 

28. — Mosch: Geologische Beschreibung. der Kalkalpen und Schiefer- 

gebirge zwischen ReuB und Kiental. Beitrage z. geol. Karte der 
Schweiz, Lief. 24, 3. 

29. Reinisch: Druckprodukte aus Lausitzer Biotitgranit. Habilitations- 

schrift, Leipzig 1902. 

30. Rosenbusch: Studien im Gneisgebirge des Schwarzwaldes. a) I. Uber 

einige kohlenstoffiihrende Gneise des Schwarzwalds. Mitt, der 
bad. Geol. Landesanstalt IV, 1, 1903; b) II. Die Kalksilikat- 
felse im Rench- und Kinziggebiet. Ebendort IV, 3, 1903; V, 
1907. 

31. — Mikroskopische Physiograp'hie der Mineralien und Gesteine. 

4. AufL 

32. — Elemente der Gesteinslehre. 3. AufL, 1909. 

33. Rothpletz: Die Steinkohlenformation und deren Flora an der Ost- 

seite des Todi. Abhandlungen der Schweiz. Palaontologischen 
Gesellschaft, Bd. 6, Nr. 40, 1880. 
43. Ruetschi: Zur Kenntnis des Rofnagesteins, ein Beitrag zur Gesteins- 
metamorphose. Eel. geol. Helv. Bd. 8, 1903. 

35. Salomon : Gequetschte Gesteine des Mortirolotals , N. J. f. Min., 

Beilage-Bd. 11, 1897. 

36. — Neue Beobachtungen aus den Gebieten des Adamello und 

St. Gotthard. Sitzungsber. der Kgl. Pr. Ak. d. W. Berlin 1899, I. 

37. Sauer: Erlauterungen zu Blatt Gengenbach der geol. Karte des 

GroBherzogtums Baden. 1894. 

38. — Geologische Beobachtungen im Aarmassiv. Sitzungsberichte 

der Kgl. Pr. Ak. d, W. Berlin 1900. 

39. — Uber die Erstfelder Gneise am Nordrand des Aarmassivs. 

Bericht liber die 38. Versammlung des Oberrhein. Geol. Vereins 
in Konstanz, 1905. 

40. Schmidt: Geologisch-petrographische Mitteilungen iiber einige Por- 

phyre der Zentralalpen und die in Verbindung mit denselben 
aul'tretenden Gesteine. N. J. f. M., Beilage-Bd. 4, 1886. 

41. — Geologic des Simplongebiets. Eel. geol. Helv. IX, 1907. 

42. — Bild und Bau der Schweizeralpen. Basel 1907. 

Schmidt siehe audi bei Nr. 14, 19, 21. 

43. Schwenkel: Die Eruptivgneise des Schwarzwaldes und ibre Be- 

ziehungen zum Granit. Tsch. M. u. p. Mitt. Bd. 31, 1912. 

44. Staub: Geologische Beschreibung der Gebirge zwischen Schiichen- 

tal und Maderanertal. Beitrage z. geol. Karte d. Schw., Neue 
Folge. Lief. 32. 

45. Sti'der : Geologie der Schweiz. 1853. 

46. Thurach: Uber ein Vorkommen von kornigem Kalk im Harmers- 

bacher Tal. Mitteilungen der grofih. bad. Geol. Landes- 
anstalt III, 1. 



221 



47. Tobler: Uber die Gliederung der mesozoischen Sedimente am 

Nordrand des Aarmassivs. Verhdl. d. Naturf. Ges. in Basel 7 
Bd. 12, 1900. 

48. Truninger: Kontaktmetamorphe Erscheinungen im westlichen Teil 

des Aarmassivs (Gasterenmassiv). Eel. geol. Helv. XI, 4, 1911. 

49. — Geologisch-petrographische Studien am Gasterenmassiv. Mit- 

teiluDgen der Naturf. Gesellschaft Bern 1911. 

50. Weber: Tiber den Kalisyenit des Piz Giuf. Beitrage zur geol. 

Karte der Schw., N. F., Lief. 14, 1904. 

51. Wehrli: Das Dioritgebiet von Schlans bis Dissentis. Beitrage z. 

geol. Karte d. Schweiz, N. F., Lief. 6, 1896. _ 

52. Weinschenk: Beitrage zur Petrographie der ostlichen Zentralalpen^ 

speziell des GroCvenedigerstocks. Abhandlungen der math.- 
phys. Kl. der Ak. der Wissensch. Miinchen Bd. 22, Abt. II, 1906. 

Geologische und topographische Karten des Untersuchungs- 

gebiets. 

Geologische Karte der Schweiz 1:100000 (Dufourkarte). 
Blatt XIII : Krystalliner Teil von Baltzer. 
Blatt XIV : von Heim. 
K6n«5sberger: Geologisch-mineralogische Karte des ostl. Aarmassivs 
von Dissentis bis zum Spannort. Freiburg i. B. und Leipzig 1910. 
1:50000. 

Stacb: Geologische Karte der Gebirge zwischen Schachental und Ma- 
deranertal. Beitrage z. geol. Karte der Schweiz, N. F., Lief. 32 r 
1911. 1:50000. 

Siegfriedatlas 1:50000. Blatt Altdorf, Amsteg, Engelberg, Wassen, 
Meiringen, Guttannen. 

A. Die Erstfelder Gneise. 

I. Geschichtliches. 

Eine erste kurze Beschreibung erfuhren die Erstfelder 
Gneise 1880 in dem "Werke Baltzers „Der mechanische Kontakt 
zwischen Kalk und Gneis iin Berner Oberland" (Lit. 1). Er 
halt sie fiir identisch mit den „Gneisen" von Innertkirchen. 
Heim betont 1891 (Lit. 19, S. 96) die „iiberaus gleichformige 
Ausbildung" des Gneises von Erstfeld und erklart das Gestein 
fiir einen alten Gneis, der wenig oder gar keinen nachtraglichen 
dynamometamorphen Umwandlungen unterlegen sei. „Aus der 
groflen Gleichartigkeit und klaren Krystallisation ist zu schliei3en T 
dafi hier ein urspriinglicher echter Typus vorliegt." 

Demgegeniiber hebt Sauer 1905 hervor (Lit. 39), daB sich 
im Erstfelder Gebiet deutlich zwei Typen unterscheiden lassen, 
ein Eruptivgneis (auf den Heims Beschreibung zutrifft) und ein 
Sedimentgneis. Diese beiden Arten von Gesteinen entsprechen 
nach Sauer einerseits den Schapbachgneisen, andererseits den 
Renchgneisen des Schwarzwaldes. Die auBere habituelle 



222 



Ahnlichkeit ist nach diesem Autor so grofi, daB man sich im 
Erstfelder Gneisgebiet geradezu in den Schwarzwald Tersetzt 
fiihlen muB. 

Auch Konigsbekger (Lit. 25) stellte bei seinen karto- 
graphischen Aumabmen, die allerdings nur einen kleinen Teil 
der Erstfelder Gneise einbeziehen, eine Zweiteilung in Ortho- 
gneise und Paragneise fest (1910). 

In allerneuster Zeit (1911) erfuhren die Erstfelder Gneise 
schlieJ31ich noch von Staub eine eingehendere Beschreibung 
(Lit. 44). Er gelangt zu Anschauungen, die von den erwabnten 
stark abweichen, und bait die Gesteine vom Typus der Schap- 
bachgneise fiir injizierte Schiefer, also fur Miscbgesteine. 

Es wird sich ini Verlauf der Abbandlung Gelegenheit geben, 
auf diese verschiedenartigen Ansicbten naber einzugehen. 

II. Yerbreitung der Erstfelder Gneise. 

Gebt man yon Fliielen das ReuBtal aufwarts, so siebt man 
zwiscben Altdorf und Erstfeld von S ber eine macbtige Sediment- 
decke unter einem vVinkel von ca. 25° sich ins Tal berabsenken. 
Unter ibr taucbt ein System von steilgestellten Gneisen empor, 
das unter dem Namen „Erstfelder Gneise" (E. Gn.) zu- 
sammengefast werden soil. Als einbeitlicbes Cbarakteristikum 
dieser Gesteine kann hocbstens das angegeben werden, dai3 es 
durcbweg Biotitgneise obne nambafte dynamiscbe Beeinnussung 
sind. Nacb S zu geben sie allmablicb in scbiefrige sericitiscbe Ge- 
steine iiber, die scbon von Baltzer als „Zone der Sericitgneise" 
ausgescbieden wurden. Der unveranderte E. Gn. findet sicb baupt- 
sacblicb unter der Sedimentdecke, die allerdings zu einem grolien 
Teil scbon abgetragen ist. Grassen, Kl.-Spannort, Kronte sind auf 
der W-Seite des ReuBtals die slidlicbsten Erosionsrelikte (vgl. 
Taf. XXI, Fig. 2). Im des ReuBtals ist die Sedimentdecke voll- 
standiger erbalten. Im ReuBtal reicben die unveranderten E. Gn. 
ungefabr bis Amsteg. Das Erstfelder Tal, das im S von der 
steilenKalkmauer der ScbloBbergkette begrenzt wird, liegt ganz in 
ibnen. Im oberen Teile des Engelberger Tales sind am S-Ab- 
bang zwiscben Titlis und Spannortern ebenfalls nocb die E. Gn. 
freigelegt. Inscbialptal, Gornerental, Gorezmettlental (Neben- 
tal des Maientals), diese alpeneinwarts sicb offnenden Quertaler, 
liegen in ibrem oberen Teil nocb in den E. Gn. Die Susten- 
straBe fiibrt von Hinterfeldalp (Maiental) an iiber die PaBbobe 
bis zu den oberen Kebren von Feldmoos durch E. Gn., und 
es scbeint, daJ3 diese Gneise sicb nun als scbmale Zone siid- 
licb an den Innertkircbener Granit anlebnen. Sie biKlen 
die Kette des Giglistocks; im Trifttal oberbalb Triftalp treten 



223 



Gneise auf, die denen von Erstfeld gleichen. An der Grimsel- 
straBe wiirden die zwischen Boden und Guttannen auftretenden 
hellen Gneise ihnen entsprechen. Im Urbachtal treten diese 
Gesteine zwischen Schrattern und Hohwang bis gegen den 
Gauligletscher hin auf. Doch sind die Verhaltnisse hier noch 
weit von der endgiiltigen Klarung entfernt; die betreffenden 
Gesteine des Grimselprofils unterseheiden sich ziemlich bedeutend 
von denen des Erstfelder Gebiets; die typischen E. Gn. lassen 
sich nur bis gegen das Trifttal hin verfolgen. 

III. Petrographische Beschreibung des Erstfelder Gneiskoinplexes. 

Unter den Erstfelder Gneisen lassen sich unschwer zwei 
Haupttypen voneinander unterseheiden. Sie sollen mit ihren 
Abanderungen im folgenden als Eruptivgneise und Sediment- 
gneise beschrieben werden. An dritter Stelle sind Gesteine 
aufgefiihrt, die eruptives und sedimentares Material enthalten, 
also Mischgneise darstellen. Sie entsprechen nur zuni kleinsten 
Teil den „Mischgneisen Staubs. — Sowohl in Eruptivgneisen 
als in Sedimentgneisen sind Amphibolite eingelagert. — 
Schliefllich finden sich im Erstfelder Gneisgebiet noch Gesteine, 
die als Abzweigungen eines in der Tiefe befindlichen 
granitischen Magmas gedeutet werden miissen und die an 
letzter Stelle beschrieben werden sollen. 

1. Der Erstfelder Eruptivgneis. 

Dieses Gestein stellt den von Heim als so auBerordent- 
lich konstant bezeichneten Typus dar. In der Tat gleicht 
der Gneis der nachsten Umgebung von Erstfeld voll- 
standig dem Gneis vom Arni oder vom SustenpaB. Es sind 
kornig-schuppige Biotitgneise mit gut ausgebilde ter 
Lagentextur; die Biotitlagen mit glanzend schwarzbraunem 
Biotit in groBen Krystallen halten ziemlich lange aus, die rein 
weifien Quarz-Feldspatlagen besitzen sehr regelmafiige und 
und gieichbleibende Machtigkeit. Fast alle Gesteine haben 
mittlere Korngrol3e. Trotz der ausgesprochenen Paralleltextur 
erweist sich jedoch das Gestein als vollstandig kompakt. In 
manchen Fallen verschwindet die Lagenbildung, die Parallel- 
textur wird undeutlich; das Gestein erhalt dadurch sehr granit- 
ahnlichen Habitus. 

Im mikroskopischen Bild dieser Gneise (TafelXX, Fig.l) 
fallt vor allem der Biotit in die Augen. Er besitzt tief dunkel- 
braune Farbe und weist starken Pleochroismus aut (a = tief 
dunkelbraun, c = hellgelb). Urn Einschliisse von Zirkon 
zeigt er kraftige pleochroitische Hofe. Auch schlieUt er haufig 



224 



gedrungene Saulchen von Apatit em. Selten gelingt es, em 
ganz frisch.es Gestein mit unyersehrten Biotiten zu erlangen; 
meist ist der Biotit schon in der Umwandlung zu Chlorit be- 
griffen oder bereits ganz umgewandelt. Diese Chlo ritisierung 
ist anscheinend eine Erscheinung der Yerwitterung. Dai3 sie 
zienilich rasch erfolgen nmi3, beweist ein Handstiick, das in 
der einen Halfte noch unzersetzten Biotit zeigt, in der anderen 
Halfte schon Yollstandig chloritisiert ist. Der IJbergang yon 
unzersetzteni Biotit zu Chlorit ist rasch, aber kontinuierlich. 
Bei der Chloritisierung des Biotits bilden sich als Nebenprodukte 
dunkle, oft titanhaltige Erzausscheidungen. Sehr haufig tritt 
neben dem Chlorit noch Muscoyit als Unrwandlungsprodukt 
auf; auch Epidotruineralien konnten beobachtet werden. 

Wichtig ist yor allem die strenge Parallelordnung der 
Glimmer. Sie bilden haufig zusammenhangende Lagen und 
stellen so gewisserma^en das Geriist der Gneisstruktur dar: 
zwischen ihnen ordnet sich Quarz und Feldspat an. Kleinere 
Biotite werden auch noch yon diesen Mineralien eingeschlossen. 
Ilmgekehrt schlieBt auch der Biotit hie und da kleine Partien 
yon Quarz, seltener yon Feldspat ein: es sind Ausfiillungen 
yon Hohlraumen, die bei der Bildung der Glimmer zwischen 
den einzelnen Lamellen erhalten blieben. — Der Biotit kann 
mit Yollkommener Deutlichkeit als der zuerst gebildete Be- 
standteil des Gesteins erkannt werden. 

Die Peldspate lehnen sich vielfach an die schon aus- 
krystallisierten Biotite an, benutzen sie als Krystallisations- 
basis. Es ist Plagioklas und Orthoklas Yorhanden. 

Der Plagioklas ist an der Zyvillingsbildung nach dem 
Albitgesetz kenntlich und yveist fast immer geringere Licht- 
brechung als der Quarz auf. In seltenen Fallen erreicht er dessen 
Lichtbrechung oder iibertrifft sie ein wenig. 

Parallelstellung w >» a l5 z > 7^ 
Kreuzstellung w ^ y x s > a 1 

Es liegt demnach Oligoklasalbit (imgefahr you der Zu- 
sammensetzung Ab 8 Anj — Ab 3 AnJ yor. Damit stimmt die 
Ausloschungsschiefe, die auf Bliittchen nach M im Durchschnitt 
zu+12 gemessen yvurde. Auch der Kalkgehalt, den die Ana- 
l)'se ergibt, deutet auf einen kalkarmen Plagioklas bin. 
Plagioklas besitzt oft deutlichen Idiomorphismus mit bestimm- 
baren Krystallfliichen. Weniger ist dies beim Orthoklas der 
Fall. Diesem fehlt die Zwillingsbildung; dagegen zeigt er sich 
nicht selten yon Mikroperthitspindeln durchzogen, die wohl 
als Entmischungen zu deuten sind. Hie und da linden sich 



225 



am Rande des Orthoklas die bekannten myrmekitischen Yer- 
wachsungen. 

Umwandlungserscheinungen der Feldspate sind haufig. Es 
finden sich im Feldspat (bes. im Plagioklas) kleine Muscovit- 
schiippchen, die wie ein Schleier den Krystall iiberziehen 
konnen. AuBerdem trifft man sehr regelmaBig Aggregate yon 
rundlichen bis traubenformig yerzweigten schwarzlichen Yer- 
witterungsprodukten. Plagioklas ist durchweg starker ange- 
griffen als Orthoklas, der z. T. noch yollstandig frisch er- 
scheint. 

Beide Feldspate zeigen mit groBer RegelmaBigkeit die 
„tropfenf6rmigen Quarzeinschlusse," die hie und da die Form 
yon Dihexaedern erkennen lassen, meist aber nur unbestimmt 
rundliche Gestalt aufweisen. 

Der Quarz des Gesteins fiihrt haufig Fliissigkeitsein- 
schliisse. Wo er in groBeren Dimensionen auftritt, bildet er 
die letzte Ausfiillung: er weist unregelmai3ige TJmrisse auf 
und zeigt besonders auch die lappigen pseudopodienartigen 
Fortsatze, die fiir die Quarze in den Eruptiygneisen des 
Schwarzwaldes so charakteristisch sind. AuJ3erdem findet sich 
Quarz als Ausfiillung schmaler Zwischenraume zwischen zwei 
Glimmerblattchen. 

Yon Nebengemengteilen des Gesteins sind Apatit und 
Zirkon zu erwahnen. Apatit tritt sehr haufig auf und 
erreicht auch recht betrachtliche Grofle (bis zu 0,6 mm Durch- 
messer). Zirkon (z. T. Monacit oder Xenotim?) ist wie der 
Apatit fast ausschlieBlich an Biotit gebunden. Ziemlich selten 
sind kleine Koruer yon Gran at. Im Glimmer finden sich 
regelmaBig auch Erzeinschliisse, die zum groBten Teil . aus 
Magnetit bestehen. 

Einige Erscheinungen deuten auf Druckwirkungen hin, 
denen das feste Gestein unterlag. Die Biotite zeigen manch- 
mal leichte Yerbiegungen; auch scherende Bewegungen, die 
die Glimmer in der Richtung der Lagen auseinanderzerrten, 
machen sich in geringem MaBstab geltend. Quarz zeigt undu- 
lose Ausloschung und ist haufig in einzelne Felder zerfallen. 
Ob diese letztere Erscheinung zum Teil schon primaren Charakter 
besitzt, muB allerdings dahingestellt bleiben. Fiir alpine Be- 
griffe sind die mechanischen Deformationen des normalen Ge- 
steins sehr gering. Yon einer Entstehung des Gneises aus 
einem richtungslos kornigen Gestein durch bloBe Druck- 
metamorphose (ygl. Lit. 10) kann keine Rede sein. Was aus 
einem Granit durch Pressung entsteht, das zeigen in schonster 
Weise die Sericitschiefer der GrimselstraBe, die aus dem 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 15 



226 



Innertkirchener Granit herYOrgehen. Mit derartigen Gesteinen 
haben die beschriebenen Gneise strukturell nicht das mindeste 
gemein. 

Ebenso ist eine Entstehung des Gneises durch Krystalli- 
sationsschief erung ausgeschlossen (vgl. hierzu Lit. 7 und 17). 
Die Struktur des groBglimmrigen E. Gn. kann nach dem Ge- 
sagten nicht als krystalloblastisch bezeichnet werden. Diese 
Strukturform entsteht ja durch gleicbzeitiges Wachsen aller 
Koniponenten, wahrend in dem vorliegenden Gestein sich 
deutlicbe Anklange an reine Eruptivstruktur nacbweisen lassen. 
Biotit ist (nacb Zirkon und Apatit, die er einschlieflt) der 
zuerst gebildete Gemengteil. Ibm folgen die Feldspate, yon 
denen Plagioklas zum Teil nocb deutlicb erkennbare Krystall- 
fornien aufweist. Quarz bildet dagegen die Ausfiillung der 
Zwischenraume zwischen den iibrigen Gemengteilen (Vgl. Taf.XX, 
Fig. I)- 

Es liegt also die normale Ausscbeidungsfolge eines 
granitahnlich en Gesteins yot, die nur desbalb nicht 
mit Yollstandiger Klarheit zum Ausdruck kommt, weil 
die zuerst gebildeten Glimmerlagen die Auskry stalli- 
sierung der iibrigen Bestandteile unter einer gewissen 
raumlichen Beschrankung erfolgen liefien. 

Bei der Bildung des Gesteins kann es sich also Yveder um 
reine Druckmetamorphose (dagegen spricht das Fehlen mechani- 
scher Deformationen) noch auch um Krystallisationsschieferung 
handeln (die Struktur ist nicht krystalloblastisch). Da die 
Anzeichen einer Metamorphose im Gestein fehlen, so mochte ich 
den grobglimmrigen Erstfelder Gneis fur ein primar parallel- 
struiertes Erupti Ygestein halten, in derselben Weise, wie 
dies fur den Schapbachgneis des Schwarzwaldes angenommen 
wird (vgl. Lit. 37, 43). Auch der grobglimmrige Erstfelder 
Gneis ware demnach als Eruptivgneis (Ortho gneis) zu 
bezeichnen 1 ). 

DaJ3 richtungslos kornige granitische oder syenitische Ge- 
steine randlich in parallel struierte Gesteine iibergehen konnen, 
wurde von Sauer am Beispiel des Durbachits gezeigt (Lit. 37). 
Im Gebiet des zentralen Aaregranits konnen uberall die 

} ) Damit fallt das Gestein allerdings nicht mehr unter die Defini- 
tion der krystallinen Schiefer als nietamorphe Gesteine. Trotzdem 
kann der Name „ Gneis" beibehalten werden, da er. ohne auf theoretische 
Ansichten Riicksicht zu nehmen. nur die Erseheinungsform des Gesteins, 
vor allem seine Paralleltextur bezeichnen will. Zu einer Aufteilun«>; 
der „Gneise", wie sie von mancher Seite vorgeschlagen wird, ist ge- 
genwartig, wo sich die verschiedensten Anschauungen iiber die Genese 
dieser Gesteine gegeniiberstehen, noch nicht die Zeit. 



227 



TJbergange zwischen richtungslosem Granit und „Gneis" nach- 
gewiesen werden. Worauf die Entstehung der Paralleltextur 
zuriickzufiihren ist, ist eine andere, noch ungeloste Frage; ich 
mochte sie mit Sauer und Schwexkel durch eine Art FlieB- 
bewegung im Magma erklaren (ygl. Lit. 43, S. 171). 

Mit dieser Auffassung der grofiglimmrigen E. Gn. lassen 
sich yerschiedene andere Erscheinungen gut in Einklang bringen. 
Wahrend bei den meisten Gneisen ebenflachige Paralleltextur 
vorherrscht, so finden sich doch auch Gneise, besonders am 
linken ReuBnfer der Gegend yon Erstfeld, die eine schlierige 
Sonderung der Bestandteile sowie merkwiirdige Biegungen, 
Faltelungen und Windungen der Lagen aufweisen. In den 
Satteln sammelt sich dann haufig eine groBere Quantitat yon 
Quarz-Felclspatmasse an. Diese Gneise stimmen nach einer 
Mitteilung you Herrn Dr. Schwenkel Yollstandig mit ge- 
Yvissen Gneistypen des Schwarzwaldes (z. B. des Feldberge- 
biets) iiberein. Ich mochte sie mit ihm als Schlierengneise 
bezeichnen. Unter dem Mikroskop zeigt sich mit aller wiinschens- 
werten Deutlichkeit, dafl diese Faltungen nicht sekundar im 
festen Gestein erzeugt worden sein konnen. Die Biotite, die 
die Erscheinung Yor all em hervorbringen, zeigen keine Spur 
mechanischer Einwirkungen. Es miissen also diese Schlieren- 
bildungen und Faltelungen primar im Gneismagma ent- 
standen sein. 

Andere Eigentiimlichkeiten der Eruptivgneise zeigt eine 
Wanderung iiber den SustenpaB. Nicht selten sieht man hier 
im Gneis helle Adern (6 — 10 cm machtig), die in die Lagen 
der Gneise eindringen und hier ein linsenartiges An- und Ab- 
schwellen der Quarz-Feldspatlagen Yerursachen. Oft werden, 
anscheinend durch die Stofikraft dieser eindringenden Eruptiy- 
massen, Biegungen und Stauchungen der Lagen des Gesteins 
Yerursacht. Es handelt sich um Injektionen, denn es findet 
ja ein Eindringen nach Yorgebildeten Lagen und Schichtflachen 
statt. Trotzdem ist das ganze Gestein als eruptiy anzusprechen ; 
die Injektionen sind in Analogie mit Schwarzwalder Vor- 
kommnissen als endogene zu erklaren. 

Das heiBt: Der bereits in Erstarrung begriffene oder schon 
erstarrte Gneis erhielt hier aus der Tiefe neue Nachschiibe, 
die auf Gangen und Adern aufdrangen und you hier aus den 
Flachen geringsten Zusammenhangs, den Glimmerflachen, folgten. 
Auf diese Weise ware der starke Wechsel in der Machtigkeit der 
Quarz-Feldspatlagen sowie die starke Durch aderung mancher 
Gneise zu erklaren. 

Auf die neueste Theorie, welche die groBglimmrigen E. Gn. 

15* 



228 



als injizierte Schiefer zu erklaren yersucht, d. h. als ein Misch- 
gestein, das dadurch entstanden ware, daB aplitische Eruptiy- 
massen auf den Schichtflachen eines Sediments eindrangen, 
wird spater eingegangen werden. 

Schwenkel weist fiir die Granulite des Schwarzwalder 
Gneismassivs nach, daB sie Spaltungsprodukte des Gneismagmas 
darstellen. Hochstwahrscheinlich sind auch die yon Staub be- 
schriebenen granatfiihrenden, oft parallel struierten Aplite nichts 
anderes als Granulite, also yom Magma des Eruptiygneises ab- 
zuleiten. AuBerdem gelang es mir, auf dem linken ReuBufer 
oberlialb Erstfeld ein Gestein zu finden, das nach einer Mit- 
teilung yon Herrn Dr. Schwenkel sehr stark einem sillimanit- 
fubrenden Granulit yon Yorgelbach gleicht. AuBerlicb zeigt 
sich das Gestein sehr fein parallel struiert, weiB mit einem 
Stich ins Griinliche. U. d. M. yerrat es deutlich den eruptiyen 
Ursprung. Idiomorphe, im Durchschnitt fast quadratische 
Plagioklase fallen auf. Die Quarze weisen rundliche Eormen 
auf, wie sie fiir Granulite charakteristisch sind. Dazwischen 
hindurch ziehen sich streng parallel Strahnen yon Sillimanit. 
Dieser scheint zum groBen Teil aus Biotit heryorgegangen zu 
sein. Mineralbestand und Struktur erlauben also, das Gestein 
als Sil limanitgranulit zu bezeichnen. 

Alles in allem genommen, muB die Ahnlichkeit der 
Erstfelder Eruptiygneis e mit den S chapbachgneisen 
des Schwarzwalds jedem Kenner beider Gebiete auffallen. Sie 
bezieht sich sowohl auf den auBeren Habitus und die mikro- 
skopische Struktur des normalen Biotitgneises als auch auf 
einzelne untergeordnete charakteristische Varietaten, die beiden 
Gebieten gemeinsam sind. 

Auch ein Yergleich der chemischen Zusammensetzung 
beider Gesteine zeigt ihre nahe Verwandtschaft, was die nach- 
folgenden Analysen dartun sollen. 

Analyse I: Orthogneis, normaler Erstfelder Eruptiygneis 
yom Sustlital (SiidostfuB des Wasenhorns); zitiert nach 
Konigsbekger (Lit. 25). Analytiker: Sahlbom. 
Analyse II : Gneis yon Erstfeld (Yarietat ahnlich dem 
Schapbachgneis); zitiert nach Staub (Lit. 44). Aualytiker: 
Hezner. 

Analyse III : Glimmergneis (Schapbachgneis), Wildschapbach- 
tal; zitiert nach Lit. 37. Analytiker: Dittrich. 

Analyse IV: Orthitgneis, ebendort; zitiert nach Rosenbusch 
(Lit. 32). Aualytiker: Dittrich. 



229 



Die Analysen wurden auf Molekularprozente unigerechnet, 
daraus die Werte fur A, C, F, T, n festgestellt; schlieBlich 
wurden noch die OsANNschen Projektionswerte a, c, f berechnet 
(nach dem Yorgang von Becke (Lit. 6) und Grubenmann 
(Lit. 17) ohne den TonerdeuberschuB als Molekiil (MgFe)Al 2 4 
zu c zu schlagen). Der TonerdeuberschuB wurde noch extra 
auf a + c + f = 20 umgerechnet. 



Ge wicktspro zente. 

I II III IV 

Si0 2 68,27 64,89 68,21 70,25 

TiO, 0,35 0,91 0,41 0,27 

P 2 5 — 1,10 0,10 - 

A1 2 3 15,08 14,69 12,22 14,47 

Fe,0 3 1,22 1,78 0,89 0,85 

FeO 3,25 3,85 2,88 2,30 

CaO 1,18 2,67 2,66 2,64 

MgO 1,19 1,85 1,65 1,93 

KoO 4,76 4,05 2,47 3,04 

Na,0 3,70 2,57 4,43 2,82 

Ghihverl. , . 1,88 1,87 0,84 0,95 

100,88 100,32 

Molekularprozente. 

Si0 2 + TiO, 75,61 73,7 

A1 2 3 9,78 9,6 

FeO 4,00 4,7 

CaO 1,39 3,2 

MgO 1,96 3,1 

K 2 • 3,35 2,9 

NajjO 3,91 2,8 

10p 100,0 100,0 100,0 



99,76 



76,15 
7,99 
3,43 
3,17 
2,75 
1,76 
4,77 



99,52 



76,65 
9,26 
2,79 
3,07 
3,15 
2,11 
2,97 



Gruppen werte (nach Osann-Grubenmann). 

I II III IV 



S 75,6 73,7 76,1 76,6 

A . 7,0 5,7 6,5 5,1 

C 1,4 3,2 1,5 3,1 

F 6,0 7,8 7,9 5,9 

M : .... 0,0 0,0 .1,7 0,0 

T 1,4 0,7 — 1,1 

K 1,5 1,5 1,5 1,7 

n . . . . • 5,6 5,2 7,3 5,8 



Projektionswerte (nach Osann). 





. . 9,7 


7 


8,2 


7,2 




. . 2,0 


4 


1,9 


4,4 


f 


, 8,3 


9 


9,9 


8,4 


-f A1 2 3 auf a + c + f = 20 


. . 2,0 


1 




1,6 



230 



Die chemische Analyse der Erstfelder Gneise deckt sicb 
mit den Befunden der mikroskopischen Untersuchung: es sind 
Gesteine yon granitahnlicher Zusammensetzung; der Kalkgehalt 
ist maBig, Natronfeldspat uberwiegt den Kalifeldspat. Der 
TonerdeuberschuB ist gering, jedenfalls nicht hoher als bei 
einer groBen Anzahl echt granitischer Gesteine (ygl. Konigs- 




berger, Lit. 23). Ein Beweis dafiir, daB in dem grobglimmrigen 
Erstfelder Gneis sedimentares Material enthalten sein miisse, 
laJ3t sicb mit einem so geringen TonerdeiiberschuB nicht fuliren. 
Mineralogiscb ist er wohl auf den reiclilich vorbandenen Biotit 
zuruckzufiihren. Die Analysen sind vielmebr wobl geeignet, 
die Ansicbt yon der rein eruptiven Natur des groBglinimrigen 
E. Gn. zu stiitzen. 

Ein Yergleicb mit den Analysenvverten der beiden Scbwarz- 
waldgneise zeigt obne weiteres die nabe Verwandtscbaft beider 
Gesteine. 

2. Der Erstfelder Sedimentgneis. 

Von dem grobscbuppigen Erstfelder Eruptiygneis unter- 
scheidet sicb ein anderer Typus recbt scbarf; er gleicbt den 
Rencligneisen des Schwarzwalds, die dort als S edimentgneise 



231 



erkannt wurden. Es sind sehr feinkornige Gneise mit kleinen 
Biotitblattchen. Die grofle Menge dieses Minerals yerleiht 
ihnen dunkelbraunes bis schwarzliches Aussehen. Oft ist an 
diesen sehr gleichmaBig zusammengesetzten Gesteinen nur 
schwer eine Paralleitextur zu erkennen; zu einer Lagenbildung 
kommt es nicht. Trotzdem spaltet doch das Gestein hie und 
da ganz vorziiglich. Ein AufschluB im typischen feinkornigen 
Gneis oberhalb der Krontehiitte des S. A. C. im „Grau" zeigt 
geradezu eine Schichtung des Gneises. Er erscheint aus zahl- 
reichen Bankchen von ca. 5 — 8 cm Machtigkeit aufgebaut. Da 
noch eine Kliiftung senkrecht zur Schichtflache hinzukommt, 
so entstehen bei der Verwitterung kleine prismatische Stiicke. 
Auch sonst wurde in den feinkornigen Gneisen ziemlich haufig 
ein derartiges Spalten wahrgenommeu. Unwillkiirlich wird man 
durch diese Erscheinung an Schichtflachen eines urspriinglichen 
Sediments erinnert. An verschiedenen Stellen finden sich in den 
feinkornigen E. Gn. Einlagerungen yon Kalk oder Kalksilikat- 
fels, was den Gedanken an sedimentare Natur verstarken mul3. 

Ahnlich wie bei den Renchgneisen des Schwarzwalds findet 
man nur selten groBere Blocke dieses Gesteins, meist nur 
kleinere Bruchstiicke. Infolge der ziemlich weitgehenden 
Kliiftung ist hier auch die Verwitterung yiel weiter fort- 
geschritten als in den kompakteren Eruptivgneisen. 

Der Mineralbestand der feinkornigen Gneise ist im 
allgemeinen derselbe wie in den Eruptiygneisen. Dagegen er- 
geben sich in der Ausbildung der einzelnen Gemengteile, in der 
Struktur, scharf unterscheidende Merkmale (vgl. Taf.XX, Fig. 2). 

U. d. M. macht sich yor allem ein groBer Reichtum an 
Biotit bemerkbar. Er tritt in lauter kleinen, aber meist 
streng parallel geordneten Schiippchen auf. Nur in seltenen 
Fallen finden sich Ansatze zur Lagenbildung, meist liegen die 
Glimmerkrystallchen isoliert und unregelmafiig yerteilt. Zum 
Teil erweist sich der Biotit noch als frisch und kraftig pleo- 
chroitisch; in andern Fallen hat schon die Verwitterung ein- 
gesetzt, die chloritische und muscoyitische Substanzen liefert 
und in alien Stadien verfolgt werden kann. 

In zweiter Linie fallt bei vielen Gesteinen dieser Art ein 
betrachtlicher Reichtum an Quarz auf, der in Gestalt runcler 
oder langlicher Korner mit einfachen Umrissen erscheint. 
Pseudopodienartige Verzweigungen, wie sie fur die Quarze der 
Eruptiygneise charakteristisch gefunden wurden, sind ihm fremd. 
Sehr wechselnd ist das Mengenverhaltnis yon Quarz und Felcl- 
spat; meist iiberwiegt der erstere. 



232 



An Feldspat ist Orthoklas und saurer Plagiokla s vor- 
handen. Nahere Bestimmungen sind bei der Kleinheit des 
Korns und der meist schlechten Erhaltung nicht gut moglich. 
Auch das Yerhaltnis von Orthoklas und Plagioklas scheint 
starkem "Wechsel zu unterliegen. Sehr haufig ist die Bildung 
muscoYitischer Substanzen aus Feldspat. 

Charakteristisch fur diese Gneise ist nun das Auftreten 
von Sillimanit, der sich in Yielen Gesteinen in Gestalt 
glanzender Strahnen nachweisen lieB. Bezeichnend ist auch 
die Anwesenheit Yon Graphit. Er bildet Stabchen und 
Blattchen mit den eigentiinilich faserigen Umrissen. Auch die 
fur Graphit so typischen zerfaserten und aufgeblatterten 
Aggregate kommen YOr. Gran at konnte nur in wenigen Gesteinen 
aufgefunden werden; dagegen sind Apatit und Zirkon sehr 
haufige akzessorische Gemengteile. An Erzen finden sich blut- 
rot durchscheinender Hamatit, Magnetit, seltner auch Pyrit. 

Der Mineralbestand ist also, mit Ausnahme des sehr be- 
zeichnenden Yorkommens Yon Sillimanit und Graphit, derselbe 
wie im EruptiYgneis. Um so scharfer sind die Unterschiede 
der Struktur. Zunachst muB auffallen, daB diese Gesteine 
viel feinkorniger sind als die EruptiYgneise. Alle Komponenten 
weisen annahernd gleiche GroBe auf und stoflen in einfachen 
Begrenzungslinien zusammen. Eigene Krystallformen werden 
dabei nicht gebildet. Am ehesten ist dies noch beim Biotit 
der Fall; Quarz und Feldspat bilden dagegen iiberall rundliche 
oder schwach langliche Formen. Dabei finden noch gegen- 
seitige EinschlieBungen der Komponenten statt, die wesentlich 
weiter gehen als bei den EruptiYgneisen. Sehr haufig um- 
schliefien sich Quarz und Feldspat; oft ist auch der Biotit 
Yollstandig in eins dieser Mineralien eingewachsen. Besonders 
finden sich diese Erscheinungen an vereinzelten groBeren Feld- 
spatkrystallen, die Yollstandig durchspickt erscheinen. Nicht selten 
kann man Feldspate mit Anwachsrandern beobachten. Alle diese 
Tatsachen deuten auf ein gleichzeitiges Wachsenaller Komponenten 
hin; die Struktur, die auf diese Weise zustande kommt, ist als 
krystalloblastisch bzw. granoblastisch zu bezeichaen. Sie 
weist deutliche Anklange an Kontaktstruktur (Siebstruktur) auf. 

Das Substrat, das diesen Gneis lieferte, muB sedimentarer 
Natur gewesen sein; neben der auBeren Erscheinungsform und 
den erwahnten Kalkeinlagerungen sprechen Mineralbestand und 
Struktur der Gesteine dafiir. Sillimanit ist ein typischer 
Gemengteil der Sedimentgneise des Schwarzwalds, Graphit 
deutet auf organische Einschliisse (vgl. Rosenbusch, Lit. 30, I). 
Die Struktur der Gesteine zeigt in keiner "Weise Anklange an 



233 



Eruptivstrukturen. Yielmehr machen manche Partien u. d. M. 
direkt den Eindruck eines glimmerreichen Sandsteines (vgl. 
Taf. XX, Abb. 2). Diese feinkornigen Gneise miissen demnach 
als Sedimentgneise aufgefaflt werden. 

Die chemische Analyse bestatigt diese Ansicht. 
Analyse Y: Feinkorniger Biotitgneis von Silenen. Analytiker: 
Verfasser. 

Analyse VI: Sericitgneis (Sedimentgneis) von Amsteg; zitiert 
nach Staub (Lit. 44). Analytiker: Hezner. 



Si0 2 
Ti0 2 
P 2 5 

•SO, 



Gewichtsprozente. 

V VI 
69,12 
0,67 



Molekularprozente. 



FeO . 

MnO . 

€aO • 

MgO . 

K 2 . 

Ka ? . 
Gliihverl 



16,46 
1,43 
2,71 

2,10 
0,71 
2,60 
3,14 
0,73 



61,20 
1,09 
0,33 
0,28 
16,19 
0,27 
6,64 
0,10 
1,36 
3,62 
3,51 
2,64 
3,22 





V 


VI 


Si0 2 + Ti0 2 


. 76,81 


70,7 


Al 2 O a . . . 


. 10,68 


10,8 


FeO . . . . 


. 3,67 


6,6 


CaO . . . . 


. 2,48 


1,6 


MgO . . . 


. 1.18 


4,9 


K 2 .... 


. 1,83 


2,5 


Na a O . . . 


. 3,35 


2,9 




100,0 


100,0 



99,67 100,45 



S 76,8 

A 5,2 

C 2,5 

F 4,8 



G-ruppenwerte. 
VI 

70,7 

5,4 

1,6 
16,8 



M 0,0 

T 3,0 

K 1,6 



VI 
0,0 
3,8 
1,3 



Gesteinsformeln nach Osann : 



V: 
VI 



'76,8 
S 70,5 



l 4.5 



'14,6 



Die beiden Analysen zeigen ziemlich bedeutende Unter- 
schiede, besonders bei Kalk, Eisen und Magnesia. Bei um- 
gewandelten Sedimenten kann dies nicht wundernehmen. Fur 
sedimentare Natur der Gesteine spricht vor allem der betracht- 
liche TonerdeiiberscbuB, der in solcher Hohe bei Eruptiv- 
gesteinen nicht gefunden wird. 



Noch starker kommen chemische Differenzen im Aufbaa 
dieser Gneise durch die Einlagerungen yon Kalksilikat- 
felsen und kornigem Kalk zum Ausdruck. Sie liefern den 



234 



besten und augenfalligsten Beweis fiir die sedinientare Natur 
des feinkornigen Gneises. Rosenbusch (Lit. 30, II) wies zuerst 
auf die groBe theoretische Bedeutung solcher Einlagerungen 
hin und beschrieb in klassiseher Weise eine Anzahl von Yor- 
kommnissen des Schwarzwalds (Lit. 30, II und III). Besonders 
schone und petrographisch interessante Einlagerungen im 
Sedimentgneis des Erstfelder Gebiets finden sich an der Susten- 
straBe (Urner Seite). Dieses Yorkommen wird zuerst yon 
Sauer (Lit. 38) erwahnt, der tier zum erstenmal in den 
Schweizer Alpen Wollastonitgesteine nachweisen konnte. Der 
Freundlichkeit von Herrn Sauer verdanke ich schones Material 
yon dieser Lokalitat. 

Folgt man von Earnigen an der StraBe aufwarts, so fiihrt 
der Weg vom Gorezmettlental an durch typische Eruptivgneise 
bis zur dritten Kehre oberhalb Sustenalp; bier steht ein merk- 
wiirdiges weiBes Gestein mit griinlichen Flecken und Lagen an. 
Bessere Einblicke in die Yerbandsverhaltnisse gewahrt der 
Anscbnitt der vierteu Kehre ; auch die fiinfte Kehre zeigt noch- 
mals das weiBe Gestein. Kurz darauf tritt man jedoch wieder 
in den Eruptivgneis ein, der nun bis zum Hotel Stein anhalt. 
Es muB hier sofort auffallen, daB an dieser Stelle eine Bildung 
vorliegt, die von dem sonst herrschenden Gneis total ver- 
schieden ist. Durch tiefe Yerwitterung einzelner Lagen treten 
fast senkrecht gestellte Banke eines weiBen Gesteins heraus. 
Zu dem massigen, keine Spur von Bankung aufweisenden Auf- 
bau des Eruptivgneises bedeutet dies einen uberaus scharfen 
Gegensatz. Das weiBe Gestein laBt sich bei naherer Unter- 
suchung als ein Kalksilikatfels erkennen, der bier in vielfacher 
Wechsellagerung mit einem feinkornigen Biotitgneis auftritt. 
Dieser stimmt makroskopisch und mikroskopisch mit den oben 
bescbriebenen Sedimentgneisen uberein und iiberwiegt wolil an 
Quantitat die Kalksilikatfelse. Der Eindruck, den man ge- 
winnt, ist der, daB hier eine riesige Scholle von Sediment- 
gneis mit stark kalkhaltigen Einlagerungen vom 
Eruptivgneis eingehullt ist. Dieser Eindruck wird da- 
durch verstarkt, daB diese Sedimentgneise in erheblicher Ab- 
weichung vom sonst iiblichen alpinen NO-Streichen fast genau 
nach N streichen. In der Nahe folgen ihnen darin die Eruptiv- 
gneise, um in einiger Entfernung jedoch wieder allmahlich in 
die gewohnliche Richtung einzubiegen. Es liegt also ein An- 
schmiegen des Eruptivgneises an die Scholle, eine Art Um- 
flieBen derselben vor. Yon ihr scheint ein richtunggebender 
EmfluB auf die Paralleltextur des unihullenden Gneises aus- 
geiibt worden zu sein. Eine den Sedimentgneis durchsetzende 



235 



pegmatitische Ader, hauptsachlich aus blaulichem Feldspat 
(Orthoklas) bestehend, deutet darauf bin, daB Eruptivmassen 
in geringem Mafie auch ins Innere der Scholle eindrangen. 
Die mechanische Beeinflussung des Ganzen durch den tertiaren 
Gebirgsdruck ist gering. Sie auBert sich in N — 30° 
streichenden sekundaren Schieferungs- und Ablosungsflachen. 

Besonderes Interesse erregen natiirlich die Kalksilikat- 
felse, die als Einlagerungen in den Sedimentgneisen auftreten, 
und ihre petrographische Beschaffenheit. 

Den haufigsten Typus stellt ein weiBes Gestein dar, 
das deutlich parallel geordnete Lagen eines griinen Minerals 
aufweist, in dem man unschwer Augit erkennt. AuBerdem ist 
in allgemeiner Yerbreitung noch ein rotliches Mineral mit 
spitzrhombischen Durchschnitten zu finden, das sich dadurch 
als Titanit zu erkennen gibt. Bei der Yerwitterung treten oft 
strahlig-faserige Aggregate heraus, die auf die Anwesenheit von 
Wollastonit hindeuten. — Wahrend im allgemeinen eine maBige 
KorngroBe vorherrscht, so bilden doch einzelne Yarietaten recht 
groBe Krystalle aus. Gewisse Kalksilikatfelse weisen pracht- 
volle griine Augite yon 4 — 5 cm Lange und 1 cm Durchmesser 
auf, die das charakteristische Prisma des Augits deutlich er- 
kennen lassen. Die Titanitkrystalle wachsen in diesem Gestein 
bis auf y 3 cm GroBe. 

Bei der Untersuchung im Mikroskop muB zunachst auf- 
fallen, daB der groBte Teil des Gesteins yon einem Feldspat 
gebildet wird, der geringere Lichtbrechung als Canadabalsam 
besitzt und keine Spur yon Zwillingslamellierung aufweist. 
Es liegt also offenbar Orthoklas vor. Meist treten ja in der- 
artigen Gesteinen stark kalkhaltige Plagioklase auf; jedoch 
erwahnt aach Rosenbusch das Yorkommen yon Orthoklas im 
Wollastonitfels des Bellenwald (Lit. 30, II, S. 388). Meist ist 
der Orthoklas schon etwas getrubt, hie und da auch schwach 
sericitisiert. Der Augit erscheint im Dunnschliff vollkommen 
farblos; an maximaler Ausloschungsschiefe wurde 38 — 39° ge- 
messen; es handelt sich demnach um Diopsid, worauf schon 
der makroskopische Habitus der Krystalle schlieBen laBt. All- 
gemein yerbreitet ist eine sehr feine und scharfgezeichnete 
Zwillingsbildung nach (100). Besonders zeigen dies auch die 
schonen groBen Augitindiyiduen. Meist findet sich der Augit 
in den Feldspat eingewachsen, hie und da in skelettformigen 
Krystallen. Im allgemeinen ist er noch vollstandig frisch; an 
manchen Stellen kommt eine schwache Serpentinisierung vor. — 
Sehr haufig ist Titanit, der in schon idiomorphen Krystallen 



236 



(Briefkuyertform) im Augit oder Feldspat eingewachsen auftritt. 
An manchen Krystallen ist ein deutlicher Pleochroismus be- 
merkbar (farblos — braunlichrot). Die iiberaus gleichmaBige 
und ziemlich reichliche Titanitfuhrung ist als besonderes 
Charakteristikum aller Yarietaten zu bezeichnen. Dasselbe 
betont Rosenbusch fiir die „Paraaugitgneise" (Kalksilikatfelse) 
des Schwarzwalds (Lit. 30, II, S. 372). Vgl. auch Sauer: Erl. 
zu Bl. Gengenbach, 1894. RegelmaBig findet sich auch Zoisit, 
der an seinen stahlblauen Interferenzfarben leicht zu erkennen 
ist und meist Aggregate bildet. Wollastonit findet sich in 
dieser Gesteinsvarietat nur in geringen Mengen; er tritt in radiar 
angeordneten Biischeln von schlanken Nadeln auf. Ob der in 
geringer Menge vorkommende Kalkspat als direkt aus dem 
Sediment stammend zu erklaren ist, oder ob in ihm Yerwitterungs- 
und Infiltrationsprodukte vorliegen, ist nicht gut zu entscheiden. 
Apatit in Gestalt kurzer gedrungener Saulchen ist regelmaBig 
vorhanden, freier Quarz dagegen selten. Erze konnten nicht 
gefunden werden. Sie fehlen anscheinend, wie hier gleich ange- 
fiigt werden soli, alien Kalksilikatfelsen des Sustenpasses. 

Die Gesteinsstruktur ist die typischer Kontaktgesteine: 
fast alle Bestandteile schlieBen sich (soweit die GroBenverhalt- 
nisse dies erlauben) gegenseitig ein. Das Gestein, aus dem dieser 
Kalksilikatfels hervorging, muB ein vorwiegend toniges, kali- 
reiches Sediment mit maBigem Kalkgehalt gewesen sein. 

Es sei gleich hier die Beschreibung eines Kalksilikat- 
felses vom Opplital (linkes Nebental der ReuB zwischen 
Amsteg und Erstfeld) angefiigt, der makroskopisch der eben 
beschriebenen Yarietat vom SustenpaB aufierordentlich gleicht. 
U. d. M. zeigt sich eine starke Zunahme des Quarzes, der dem 
Feldspat gleichkommt. Neben unverzwillingtem Feldspat tritt 
noch ein zwillingsgestreifter saurer Plagioklas auf. Im ilbrigen 
gleicht das Gestein vollstandig dem vom SustenpaB. 

Andere Gesteine des Sustenpasses zeigen nun ein Zunehmen 
der Kalksilikate auf Kosten des Feldspates, der nach und nach 
vollstandig verschwindet. Diese Gesteine besitzen weiBe Farbe; 
nur noch wenige lichtgrune Flecken lassen Augit darin erkennen. 
Dagegen sind schon makroskopisch seidenglanzende radiar- 
faserige Aggregate eines weifien Minerals zu erkennen. Es 
handelt sich um Wollastonit. Die mikroskopische Unter- 
suchung bestiitigt, daB hier echte Wollastonitfe lse vorliegen. 
Schon radiar angeordnete Biischel schlanker Wollastonitsaulchen 
beherrschen das ganze Strukturbild. Kalkspat ist in diesem 



237 



Gestein noch in schon ausgebildeten, zwillingslamellierten 
Krystallen vorhanden und stellt sicher einen primaren Bestand- 
teil dar. Von den JBuscheln des Wollastonits wird er kreuz 
und quer durchschossen, und man bekommt geradezu den Ein- 
druck, als wiirde der Kalkspat von dem ihn durchwachsenden 
Wollastonit allmahlich aufgezehrt. Yom Wollastonit hebt sich 
durch starkere Lichtbrechung deutlich der Augit ab. Er kommt 
nur in relativ kleinen Krystallen yor, liegt haufig innerhalb der 
Wollastonitrosetten und weist Zwillingslamellierung nach (100) 
auf. Kleine Korner von Titanit und Apatit sind sehr zahlreich, 
Quarz dagegen selten. 

Das Substrat, das diesem Wollastonitfels zugrunde lag, 
muB, im Gegensatz zum vorigen Gestein, ein kalkreiches, ton- 
erdearmes Sediment gewesen sein. 

Eine weitere Zunahme des Kalkes zeigt ein Typus, der nun 
schon als silikatreicher Marmor bezeichnet werden kanm 
Dieses Gestein gleicht auBerlich dem zuerst beschriebenen: weiBe 
Farbe mit griinliclien Lagen. Jedoch erkennt man schon mit 
der Lupe in dem weitfen Mineral zwillingslamellierten Kalkspat. 
Eine weitere Eigentiimlichkeit, die schon makroskopisch in die 
Erscheinung tritt, sind schwarze, iiberaus lebhaft glanzende 
Kornchen. TJ. d. M. zeigt sich das Gestein als zum groBten Teil 
aus Kalkspat bestehend. Es scheint einer Pressung unter- 
legen zu sein: auf Gleitflachen erfolgten leichte Verschiebungen 
der Krystalle; zum Teil sind die Zwillingslamellen stark ver- 
bogen. Im Kalkspat eingeschlossen linden sich zerstreut Korner 
von Apatit und Quarz sowie Augit krystalle maBiger Grofle; 
auch kleine idiomorphe Krystallchen von Titanit sind weit 
verbreitet. Vor allem aber fallt das schon makroskopisch 
erkennbare schwarze Mineral auf, das sich durch semen blenden- 
den Glanz und seine Unloslichkeit in HC1 als Graphit zu 
erkennen gibt. Teils sind es rundliche Korner mit Andeutung 
von Krystallflachen, teils Stabchen mit zerfasertem Rand. 

In diesem krystallinen Kalk finden sich nun Lagen von 
Silikaten, die eine grofie Anzahl von Mineralien erkennen lassem 
Haufig sind Zoisit, schwach pleochroitischer grunlicher Epidot 
und Augit (Diopsid). AuBerdem kommt Orthoklas, zonarer 
Vesuvian und Gran at vor. Alle diese Mineralien sind aufs 
engste miteinander verwachsen. Titanit, Apatit und Graphit 
finden sich auch hier in den Silikatlagen. Freier Quarz 
ist an den Grenzen dieser Lagen gegen den Kalk ziem- 
lich haufig und drangt sich oft noch zwischen die einzelnen 
Krystalle ein. 



238 



Nach deni Mineralbestand zu schliefien, liegt also hier ein 
kontaktmetamorphes Kalkgestein mit geringeni Tonerde- und 
Kieselsauregehalt vor. 

Reiner (silikatfreier) krystalliner Kalk konnte nur in wenigen 
Stiicken gefunden werden, die zudem jedenfalls nur sekundare 
Bildungen darstellen. 

An den zuletzt beschriebenen Typus Tom SustenpaB schliefien 
sich nun sehr eng Gesteine an, die von Herrn Prof. Sauer im 
Schuttkegel des Riedbachs bei Erstfeld gefunden wurden. In 
ihnen nimmt der Kalkgehalt noch weiter zu. Die innige 
Yerbindung mit G-neis beweisen Handstiicke, die zur einen 
Halfte aus dem feinkornigen Sedimentgneis, zur andern aus 
krystallinem Kalk bestehen. Der Gneis zeigt kleine, parallel 
geordnete Biotitschuppchen, die zum grofiten Teil schon der 
Chloritisierung anheimgefallen sind. Gegen den Kalk hin 
stellen sich einzelne Graphitkorner, Augit- und Kalkspat- 
krystallchen im Gneis ein. Die Grenze bildet eine helle 
glimmerfreie Zone von ungefahr y a cm Breite. Der krystalline 
Kalk, der nun folgt, bildet gegen den Gneis eine Lage von 
Kalksilikaten aus. Yor allem ist es Augit, der an der Bildung 
dieser Grenzzone beteiligt ist; daneben findet sich Tit an it, 
Wollastonit, Apatit und Granat. Quarz drangt sich 
zwischen die Kalkspatkrystalle ein. Diese weisen groBe, sehr 
schon verzwillingte Individuen auf, die haufig eine schwache 
Druckwirkung erkennen lassen. Der krystalline Kalk fiihrt 
noch vereinzelte kleine Augite neben sehr reichlich vorhandenem 
G rap hit. Oft zeigen sich die Calcitkrystalle von staubformig 
verteiltem Graphit impragniert. Die Kalksilikate sind bei diesem 
Gestein also hauptsachlich auf die Grenze gegen den Gneis 
beschrankt, wo bei der Metamorphose vielleicht ein gegenseitiger 
Stoffaustausch vor sich ging. 

Ein anderes krystallines Kalkgestein derselben Lokalitat 
zeigt in der Art und Weise seiner Yerwitterung einen Aufbau 
aus chemisch differenten Lagen. U. d. M. zeigt es sich zum 
grofiten Teil aus grobkrystallinem Kalk spat zusammengesetzt, 
in dem zerstreut einzelne Korner von Augit, Granat, Titanit 
und Graphit liegen. Die Lagen, die sich'bei der Yerwitterung 
als widerstahdsfahiger erweisen, werden von Quarz gebildet, 
der zahlreiche Krystalle von stahlblau polarisierendem Zoisit 
einschlieflt. 

In anderen krystallinen Kalken hnden sich statt dessen 
einzelne Lagen von Wollastonit in den schon mehrmals er- 
wahnten biischeligen Aggregates 



239 



Die petrographische Untersuchung der Kalksilikatfelse des 
Sustenpasses, deiien sich die Kalkeinlagerungen des Riedtals 
eng anschlieBen, bestatigt also die zuerst ausgesprochene Ansicht, 
dafi in ihnen umgewandelte Sedimente vorliegen. Ihre 
enge Verbindung mit dem feinkornigen Gneis macht es sicher, 
daB auch er ein umgewandeltes Sediment darstellt. Liegt diesem 
in der Hauptsache ein grauwackenahnliches Material zugrunde, 
so liegen uns in den Kalksilikatfelsen, bezw. kornigen Kalken, 
tonig-kalkige bis kalkige Z wischenlagerungen dieses 
Gesteins vor. 

Dann erlaubt uns aber die petrographische Untersuchung, 
auch die Frage nach der Art und Weise der Umwandlung zu 
beantworten. Der Mineralbestand der Kalksilikatfelse (Wollasto- 
nit, Augit, Vesuvian, Zoisit, Granat) spricht entschieden fur 
Kontaktmetamorphose. Damit erhalten wir auch eine An- 
deutung, wie wir uns die Entstehung des Sedimentgneises 
zu denken haben: auch er diirfte im wesentlichen unter den 
Verhaltnissen der Kontaktmetamorphose gebildet 
worden sein. 

Zum SchluB sei nochmals auf die frapp ante Ahnlich- 
keit der Kalksilikatfelse des Sustenpasses mit den ent- 
sprechenden Einlagerungen im S edimentgneis des 
Schwarzwalds hingewiesen. Es wiederholen sich in beiden 
Gebieten vollstandig dieselben Typen mit ihren charakteristischen 
Einzelheiten (vgl. hierzu Rosenbusch, Lit. 30, a und b, und 
Thurach, Lit. 46). 

Als eine Yarietat des Sedimentgneises muB hier 
endlich noch ein merkwiirdiges Gestein beschrieben werden, das 
von Sauer bei Silenen gefunden wurde. Es ist ein feinkorniger, 
graugrunlicher Gneis, der makroskopisch kaum eine Parallel- 
textur erkennen laBt. Das ungewohnliche daran sind hell- 
blauliche Flecken, die bis 1 cm Durchmesser aufweisen. 
Das Mineral, das sie bildet, zeigt gut ausgebildete spiegelnde 
Krystallflachen und gibt sich dadurch als F elds pat zu erkennen. 
Meist sind diese Feldspate yon einer etwas dunkleren Zone 
umgeben. U. d. M. zeigt die Hauptmasse des Gesteins den 
Typus eines normalen feinkornigen Sedimentgneises mit Biotit, 
Feldspat (meist Plagioklas) und Quarz. Merkwiirdig ist nun 
das Auftreten von Turmalin, der sich zahlreich in Gestalt 
kurzer gedrungener Saulchen einstellt (Durchmesser 0,1 — 0,15mm, 
Lange bis 0,5 mm). Meist fiigen sich diese Saulchen in die 
Parallelitat des Gesteins ein. Der Turmalin ist deutlich pleo- 



240 



chroitisch (a = farblos, c = hellbraunn) und weist nicht selten 
Zonarstruktur auf. In krystallographisch begrenzten Hohl- 
raumen fiihrt er Flussigkeitseinschliisse. Er tritt meist mit 
Biotit Yergesellschaftet auf, findet sich aber auch im Quarz und 
Feldspat eingewachsen. 

Yon diesem Strukturbild heben sich nun deutlich die 
groJ3en Feldsp ataugen ab. Urn sie herum findet eine An- 
reicherung des Biotits statt. Im G-egensatz zu den Feldspaten 
des iibrigen Gesteins erweisen sich diese groflen Krystalle als 
Orthoklas. Haufig sind in ihnen runde Einschliisse von Quarz, 
die gegen den Rand bin an Zahl zunehmen; hier wird auch 
Turmalin, jedocb kein Biotit eingeschlossen. Neben sparlicheni 
Sericit bilden sich in diesen grofien Orthoklaskrystallen eigen- 
tiimliche haarformige Verwitterungsprodukte die zum Teil an 
Sillimanit erinnern. 

Was diese merkwiirdigen Gebilde zu bedeuten haben, ist 
unklar. Jedenfalls steht das Yorkommen des Turmalins und 
der Feldspataugen in einem gewissen Zusammenhang; beides 
ist vielleicht durch eine pneumatolytische Beeinflussung des 
Gesteins zu erklaren. Damit wiirde dieser Gneis zu andern 
Gesteinen iiberleiten, die sicher eruptives Material aufgenommen 
haben, also Mischgneise darstellen. 

3. Die Mischgneise. 

Meist tritt uns der Sedimentgneis nicht in yollstandiger 
Reinheit entgegen. Yielfach zeigt er sich (in sehr wechselndem 
Mafie) durch drnngen Yon eruptivem Material, so daB diese 
Gneise als „ Mischgneise - ' you den echten Sedimentgneisen ab- 
geschieden Yverden mtissen. 

Nicht selten finden sich im Sedimentgneis aplitische 
bezw. gr anulitis ch e Gange; Yon ihnen aus fiihren Gangchen 
ins Nebengestein, die sich zuletzt in feine Adern auflosen. 
Eben diese feinen letzten Yerzweigungen sind ungemein 
charakteristisch fur weite Gebiete. Ihre Ablosnng Yon groBeren 
Aplitmassen, die nicht selten noch Bruchstiicke des benachbarten 
Gneises einschliei3en, konnte nur selten beobachtet werden; nicht 
selten erweisen sich die feinen Aderchen bei der Yerwitterung 
als Aviderstandsfahiger und treten dann plastisch aus dem Gestein 
heraus. Scheinbar ohne Regel setzen sie quer oder schief zur 
Schichtung durch den Sedimentgneis hindurch 3 oft in eigentum- 
lich gebogenen und gewundenen Linien 1 ). Auf kurze Strecken konnen 

') Die Erscheinungen zeigen die groCte Ahnlichkeit mit den neuer- 
dings von Sederholm beschriebenen und abgebildeten ,.ptygmatisch 
geialteten Aplitadern". (N. J. f. Min., Beilage-Bd. 36, 1913). 



241 



sie auch in der Schichtungsebene verlaufen, meist weichen sie bald 
wieder dayon ab. Hie und da kommen bauchige Anschwellungen 
der Adern vor, in denen sich das Eruptivmaterial staut. Dafl 
die Schichtflachen der Gneise nicht in viel weitgehenderem 




Fig. 2. 

Sedimentgneis mit eruptiven Adern. Block im Riedbach bei Erstfeld. 
1 ] i natiirl. GroBe. 




Fig. 3. 

Sedimentgneis mit gewundener aplitischer Ader quer zur Schichtung. 
Riedbach. Natiirl. GroBe. 

MaBe benutzt werden, erklart sicb aus ihrer undeutlichen Aus- 
bildung, dem Mangel an Lagentextur (vgl. das mikroskopiscbe 
Strukturbild, Tafel I, 2). Nur an wenigen Stellen bilden sich. 
Injektionen nacb Schichtflachen. In diinnen keilformigen Lagen 
dringt hier die Eruptivmasse in den Sedimentgneis ein, urn 
jedoch bald ihre StoBkraft zu yerlieren und blind zu endigen 
(vgl. Fig. 4). 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 16 



242 



XL d. M. zeigen diese so kaufigen Eruptivadercken uberall 
gleickartige Zusammensetzung. Ziemlich grofie, idiomorphe 
Feldspate bilden die Hauptmasse. Es konimt Ortkoklas und 
sehr feinlamellierter Plagioklas yor. Am Rand der Ortko- 
klase finden sich zum Teil myrmekitiscke Yerwachsungen. 
Biotit scheint dem eindringenden Eruptivmaterial zu feklen; 
wo er auftritt, ist er nach vielen Beobacktungen vom Neben- 
gestein, dem Sedimentgneis, losgerissen und in das Gangcken 
hinein verfloBt worden. Die Begrenzung der Adercken ist 
manckmal Yollkommen sckarf, in andern Fallen findet an der 




Fig. 4. 

Sedimentgneis mit Injektionen. Arni bei Amsteg. 1 / 2 natiiii. GroBe. 

Beriikmngsnacke eine teilweise Durckdringnng von Eruptiy- 
und Sedimentmaterial statt. Diese Yermisckungszone iiber- 
sckreitet jedock kaum die Breite von 1 / 2 cm. Makroskopisck 
aufiert sick der Vorgang in einem allmaklicken Yersckwinden 
der Biotite gegen das Gangcken kin. Hie und da finden sick 
an Stellen, wo das EruptiYmaterial offenbar Teile des Neben- 
gesteins assimilieft kat, Krrstalle Yon Granat. Anhaufungen 
yon Biotit gegen die Adercken kin, wie sie Staub (Lit. 44, S. 9) 
besckreibt, konnten nickt gefunden werden; ebensowenig zeigten 
die Glimmer in der Nackbarsckaft der Gangcken eine Anderung 
ikres Erkaltungszustands. 

In alien derartigen durckaderten „Misckgneisen" kann 
Eruptiv- und Sedimentmaterial gut auseinandergekalten werden. 
In anderen Fallen mackt dies Sckwierigkeiten. Sckon in dem 
Handsti'ick, das in Fig. 4 abgebildet ist, deutet die glimmer- 
reicke Lage inmitten des kellen (eruptiven) Teils darauf kin, 
dafl kier eine Aufsckmelzung und Yollstandige Lostrennung Yon 
Sedimentmaterial erfolgtist. DieselbeErscbeinung wiederkolt sick 
in einem Gestein vom Faulenbackfall (Erstfelder Tal), das 
neben dunklen, durckaus sedimentgneisartigen Partien kellere 



243 



Lagen zeigt, die sich in ausgezeickneter Paralleltextur in glimmer- 
armere und -reichere Bander differenzieren. U. d. M. zeigen sich 
sehr wechselnde Strukturverhaltnisse : neben ziemlich reiner 
Eruptiystruktur tritt ein intensives gegeuseitiges Sich-Durch- 
dringen aller Bestandteile ein. Sehr haufig sind zerstiickelte 
Granaten. Jedenfalls handelt es sich hier urn ein Mischgestein, 
in dem durch eine eindringende aplitische Masse Teile des Sedi- 
mentgneises losgelost und mebr oder yveniger yollstandig assi- 




Fig. 5. 

Sedimentgneis mit pegmatitischen Adern (z. T. verworfen). 
Grau (Erstf elder Tal). Y 10 natiirl. GroBe. 

miliert wurden. Die streng parallele Anordnung der chemisch 
differenten Partien geschah durch die Flieflbewegung des sich 
eindrangenden Eruptiymaterials. 

Neben den Apliten kommen im Gebiet der Sedimentgneise 
noch pegmatiti sche Adern in Betracht, die besonders im 
„Grau" schon zu beobachten sind. — Auch sie setzen meist 
unbekummert um die Schichtung quer durch das Gestein hin- 
durch mit yereinzeltem schwachem seitlichem Eindringen. Sie 
bestehen aus grobkrystallinem, blaulichem Feldspat (Orthoklas), 
kleinen Nestern yon Biotit und wenig Quarz. Die vom Susten- 
paB erwahnte Ader im Sedimentgneis der Scholle ist identisch 
mit den Pegmatiten des Grau. 

Fragen wir schlieBlich nach der Abstammung dieser Eruptiv- 
massen, so ist es das nachstliegende, sie auf den Eruptivgneis 
zuriickzufuhren. Das Sedimentgneisgebiet des Grau liegt yoll- 
standig im Eruptiygneis eingeschlossen, der es in groBerem und 

16* 



244 



i 



kleinerem Maflstab durchdringt und so zum Teil Mischgneise 
aus ihm schafft. Das Auftreten des Pegmatits in der Scholle 
am Susten, das nur auf den umhiillenden Eruptivgneis zuriick- 
gefuhrt werden kann, bestatigt diese Ansicht. 

Ein Vergleich mit den Mischgneisen des S chwarzw aides- 
zeigt, dafi auch hier weitgehende Ahnlichkeiten bestehen. (Vgl. 
hierzu Schwenkel (Lit. 43) und eine in nachster Zeit erscheinende 
Arbeit yon Haffner.) 

4. Amphibolite. 

In den meisten Gneisgebieten finden sich als Einlagerungen 
in wechselnder Anzahl und Machtigkeit Gesteine (eruptiver pder 
sedimentarer Entstehung), deren gemeinsamerCbarakter ein boher 
Gebalt an Hornblende ist, und die deshalb als Amphibolite be- 
zeicbnet werden. Sie feblen auch den Erstf elder Gneisen nicht 
und kommen sowohl in den Eruptivgneis en als auch in den 
Sedimentgneisen vor. Es seien im folgenden zwei Typen be- 
schrieben. 

Der erste Tvjdus stammt aus dem Erstfelder Tal und ist 
als Plagioklasamphibolit zu bezeichnen. Plagioklas (von 
der chemischen Zusammensetzung des Oligoklas) iibertrifft die 
iibrigen Mineralien an Quantitat. Zwillingsbildung nach Albit- 
und Periklingesetz ist allgemein verbreitet; selten werden von 
dem Mineral eigene Krystallflachen ausgebildet. Haufig finden 
sich die bekannten rundlichen Quarzkorner im Feldspat ein- 
geschlossen; sonst kommt wenig freier Quarz vor. Mit dem 
Feldspat eng verbunden ist die Hornblende. Sie ist meist in 
unvollkommenen Krystallen im Feldspat eingewachsen; gewohn- 
lich sind nur die Krystallflachen des Prismas ausgebildet. Die 
Hornblende ist schwach pleochroitisch (a = schwach gelblich, 
5 = griinlich, c = hellbraungriin) und weist Ausloschungsschiefen 
bis zu 12° auf. Biotit findet sich haufig in krystallographischer 
Orientienmg nach denPrismenflachen inHornblende eingewachsen. 
Meist ist er schon weitgehend chloritisiert und durch Aus- 
scheidungsprodukte verunreinigt. Apatit, Zirkon und Eisen- 
erze vervollstandigen den Mineralbestand des Gesteins. 

Scharf davon unterschieden ist ein zweiter Typus, ein 
Gestein von Silenen, das aus Sedimentgneisen stammt. Es ist 
fast schwarz, sehr dicht und kolossal zahe. Hornblende und 
Biotit sind schon makroskopisch zu erkennen. U. d. M. zeigt 
sich, dal} Hornblende den Hauptbestandteil des Gesteins bildet. 
Sie erscheint jedoch nicht in grofieren zusammenhangenden 
Krystallen, sondern als ein Haufwerk sehr kleiner Korner und 
Prismen. Der Hornblende kommt an Quantitat der Quarz 



245 



nicht ganz gleich. Zwischen beiden Mineralien bestehen innige 
Yerwachsungen: bald scbeint Hornblende in Quarz eingewachsen, 
bald Quarz in Hornblende, die Struktur des Gesteins ist also 
„ diablastisch". Aufier Hornblende und Quarz kommt noch 
Biotit yor, meist in Aggregaten von mehreren Blattchen. Er 
schlieBt sparliche Eisenerze (Magnetit) ein. 

Nach dem Mineralbestand zu schlieBen, muB das Gestein 
sedimentaren Ursprungs sein; nach den Hauptgemengteilen ist 
■es als Quarzamphibolit zu benennen, 

5. Abzweigungen eines granitischen Magmas im Gebiet der 
Erstfelder Gneise. 

Zum SchluB sind noch Gesteine aus dem Erstfelder Gneis- 
gebiet zu erwahnen, die streng genommen nicht in den Verband 
der Gneise gehoren; sie sind junger als diese. Hierher zahlen 
der von Staub zuerst erwahnte „Granitstock" yon Erstfeld, 
■der yon einem Quarzporphyr begleitet ist, sowie gewisse Yon 
.Sauer im Erstfelder Tal aufgefundene basische Ganggesteine 
(Minette, Gangporphyrit, Orthophyr). Bei dem „Granitstock" 
.Staubs handelt es sich zweifellos um einen Gang Yon Granit- 
porphyr, der auf ein in der Tiefe Yerborgenes granitisches 
Magma hinweist. Auch die Ganggesteine Sauers deuten dar- 
auf hin; als Ganggefolge eines EruptiYgneises sind solche Ge- 
steine noch nicht bekannt geworden. 

Durch diese Erscheinungen ware eine weitere Analogie 
zwischen Schwarzwald und Erstfelder Gneisgebiet festgestellt. 
Auch dort wird ja das Gneisgebirge regelmaBig Yon Granit- 
porphyrgangen durchbrochen, die meist der Yaristischen Streich- 
richtung SW — NO folgen; auch Gange basischer Ganggesteine 
(Minette) im Gneis sind aus dem Schwarzwald bekannt ge- 
worden. 

Das Granitmagma, auf welches diese Ganggesteine als mag- 
matische Differenzierungen zuriickzufiihren sind, ist ohne Zweifel 
das des Innertkirchener Granits, das weiter nach W an die 
Oberflacbe tritt. 

Es sei hier noch die Beschreibung einer typischen Minette 
aus dem Erstfelder Tal angefiigt, die you Sauer an mehreren 
Stellen im Gehangeschutt gefunden wurde. 

Das Gestein ist feinkornig und glimmerreich, Yon sehr 
dunkler Farbung. Die Untersuchung im Dunnschliff laBt alle 
Eigentiimlichkeiten erkennen, die fiir dieses lamprophyrische 
Ganggestein so charakteristisch sind. Den Hauptbestandteil 
bildet ein langlich leistenformiger Feldspat, der haufig Zwillings- 
bildung nach dem Karlsbader Gesetz aufweist. Jedenfalls handelt 



246 



es sich um Orthoklas. — Quarz ist sehr selten. Dem Feld* 
spat folgt an Menge der Biotit, der zurn Teil in kleinen 
Schiippchen zwischen den Feldspaten liegt, jedoch auch groBere 
Krystalle aasbildet. Diese zeigen in schoner Weise die charak- 
teristischen Eigenschaften des Biotits in derartigen Gesteinen: 
zonare Struktur (auBen dunkler, d. h. eisenreicher als innen) 
und randliche Zerlappung. Mit Biotit zeigt sich oft Pyrit 
Yerwachsen. — Recht haufig ist ein farbloser Augit, der je- 
doch meist schon der Zerstorung anheimgef alien und nur noch 
in TJberresten zu sehen ist. Er wandelt sich in Chlorit um, 
und auch der reichlich vorhandene Kalkspat muB zum Teil 
auf Rechnung des Augits gesetzt werden. Apatit in langen 
diinnen Nadelchen ist sehr haufig. 

Durch die beschriebenen Eigenschaften wird das Gestein als- 
typische Augit-Minette charakterisiert, d. h. als basisches- 
Spaltungsprodukt eines granitischen Magmas. 

IT. Allgemeines iiber die Erstfelder Gneise. 

Schon bei der Beschreibung der einzelnen Gneistypen wurde- 
auf ihre enge Yerwandtschaft mit Schwarzwaldgesteinen 
hingewiesen. Es mogen diese Analogien noch einmal im Zu- 
sammenhang dargestellt werden. 

Der groBglimmrige Biotitgneis des Erstfelder Gebiets ent- 
spricht dem normalen Schapbachgneis des Schwarzwalds. Ge- 
banderte und gefaltelte Varietaten finden ihr Analogon in den 
„Schlierengneisen" der Feldberggegend und des Kinzigtals. Yon 
Granuliten wurde ein Sillimanitgranulit gefunden, der sein Gegen- 
stiick in der Kinziggegend findet. Die feinkornigen Sedimentgneise 
des Erstfelder Massivs sind den Renchgneisen des Schwarzwalds 
gleichzustellen. Auch in ihnen finden sich Kalksilikateinlagerungen, 
die denen des Schwarzwalds auffallend gleichen. Neben Eruptiv- 
und Sedimentgneisen treten in beiden Gebieten Mischgneise auf. 
Die Amphibolite weisen sehr ahnlichen Habitus auf. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, daB die IJberein- 
stimmung des Erstfel der Gneiskomplexes mit dem des 
Sch warz waldes fur den Kenner beider Gebiete eine ganz iiber- 
raschende ist. Nach der Aussage von Herrn Dr. Schwenkel 
konnte man bei jedem meiner in der Erstfelder Umgebung ge- 
sammelten Handstiicke irgendeinen Ort im Schwarzwalder 
Grundgebirge nennen, wo derselbe Typus Torkommt. Was dies 
bedeutet, yersteht der, der schon verschiedene Gneismassive 
kennen gelernt hat. Die Typen krystalliner Schiefer, wie sie 
uns etwa der Schwarzwald, das Erzgebirge, der Bohmisch- Bay- 
risclie Wald oder irgendein alpines Gneisgebiet (z. B. der Simplon)- 



247 



bieten, sind alle unter sich yerscbieden; fur jedes Gneisgebiet 
sind gewisse Gesteine cbarakteristisch, die sich in einem andern 
nicht yorfinden. Nie ist z. B. im Scbwarzwald ein Gneis nacb- 
gewiesen worden, der etwa an den Cordieritgneis des Bayrischen 
Waldes erinnern wiirde. — Daran andert auch eine gleiche Ent- 
stehnng zweier Gesteine nicbts. Genetisch ist der Eruptiygneis 
des Scbwarzwalds dem Eruptiygneis des Erzgebirges gleicb- 
zustellen: es sind primar parallel struierte Eruptivgesteine. 
Trotzdem lassen sie sich sehr gut unterscbeiden, es sind yer- 
scbiedene Typen. Wenn nun eine derartig yollkommene petro- 
grapbiscbe Ubereinstimmung aller, nicbt bloB einzelner Glieder 
bestebt wie zwiscben Erstfeider Gneisen und Schyyarzwald- 
gneisen, so ist der ScbluB zwingend, daB es sicb bier um yer- 
scbiedene Teile eines und desselben Gneismass,ivs 
bandeln muU. Konigsberger (Lit. 25) spricbt die Ansicbt aus, 
der Erstfeider Ortbogneis „entsprecbe genetiscb dem Eruptiv- 
gneis des Scbwarzwalds, des Erzgebirges und anderen Ortbo- 
gneisen". Es ist auf Grund der uberraschenden Abnlicbkeit 
beider Gneisgebiete erlaubt, weiter zu geben und zu sagen: Das 
Erstfeider Gneismassiy ist mit dem des Scbwarzwalds 
identiscb, nacb einer Unterbrecbung durcb Sedimentbedeckung 
taucben bier bei Erstfeld wieder ecbte Scbwarzwalder Gneise 
empor. 

Uber die Entstebung des Scbwarzwalder Gneis- 
gebirges bat in letzter Zeit nacb Sauer (Lit. 37) und 
Rosenbusch bauptsacblicb Schwenkel gearbeitet (Lit. 43). Nacb 
ibm ware der Gang der geologiscben Ereignisse im Scbwarz- 
wald der fol^nde: Jedenfalls in pracambriscber Zeit dringt ein 
Magma (der Scbapbacbgneis) in einen Sedimentkomplex ein, 
den es durcb und durcb metamorphosiert (Rencbgneis). Rand- 
licb findet eine intensiye gegenseitige Durcbdringung, die Bildung 
yon Miscbgneisen, statt. Das eruptiv eindringende Magma er- 
starrt mit paralleler Anordnung seiner Gemengteile, was auf 
eine Art yon FlieJ3bewegung im Magma zuruckzufubren ist. 
Granulite und gewisse Pegmatite stellen Spaltungsprodukte des 
Gneismagmas dar. 

Schwenkel weist auiterdem ausfiihrlich nacb, daB der 
mittelcarboniscbe Granit den Gneis bereits so yorfand, wie 
er uns aucb beute nocb yorliegt. Yon einer Bildung yon 
Injektionsgneisen durcb den Granit kann demnacb keine 
Rede sein. 

Diese Ans cbauungen mocbte icb auf die Erstfeider 
Gneise iibertragen. Leider ist es bier nicbt in demselben 



248 



Mafie rnoglich, genetische Studien zu treiben wie im Schwarzwald. 
Kunstliche Aufschliisse, die frisches Material liefern wiirden 
und einen Einblick in die Natur der eruptiven Vorgange ge- 
wahren konnteu, wie dies bei den Steinbriichen des Schwarz- 
waldes so schon der Fall ist (vgl. die ungewohnlich gunstigen Auf- 
schliisse im Kinzigtal !), fehlen fast vollstandig. Was iiber die geolo- 
gischen Yerbandsverhaltnisse der einzelnen Gneistypen festgestellt 
werdenkonnte, ist ungefahr folgendes : Eruptivgneis nnd Sedi- 
mentgneis wechseln miteinander ab. Zunachst treten beim 
Auftauchen der E. Gn. Eruptivgneise auf; dann folgen im Profil 
des ReuBtals feinkornige Sedimentgneise , die aber wieder yon 
Eruptivgneisen abgelost werden. So konnten z. B. bei Bristen 
wieder Eruj)tivgneise yon normal em Typus, allerdings durcli 
Gebirgsdruck etwas verandert, gefunden werden. Auch die 
Arbeiten am Stausee auf dem Arni lieferten schones Material 
yon Eruptiygneisen. Das Erstfelder Tal liegt der Hauptsache 
nach in Eruptivgneisen ; auch der Kronte ist aus ihnen auf- 
gebaut. Dazwischen liegen die typischen Sedimentgneise des 
Grau, die deutlich Beeinflussung durcli eruptives Material zeigen. 
Am SustenpaB fanden sich die beschriebenen Kalksilikatlagen 
in Sedimentgneis; das Ganze schwimmt als riesige Scholle im 
Eruptiygneis. Hier wird es uns auch klar, daB es in erster 
Linie der Eruptiygneis selber war, der die Sedimente metamor- 
phosierte und je nach der chemischen Zusammensetzuug des 
vorgefundenen Materials Sedimentgneise oder Kalksilikatfelse 
daraus erzeugte. 

Diese Beobachtungen stimmen mit den Verhaltnissen des 
Schwarzwaldes iiberein und lassen esals das gegebene erscheinen, 
die angefiihrten Anschauungen iiber die Entstehung des Schwarz- 
walder Gneismassiys auch auf die Erstfelder Gneise zu iiber- 
tragen. Nichts spricht dagegen. 

Dieselben Ansichten vertritt im allgemeinen Konigsbergek 
(Lit. 25). Auch er lafit den Orthogneis eruptiy in eine Sediment- 
masse, die „Sericitgneise", eindringen uud konstatiert zwischen 
beiden Gesteinen dasselbe Yerhaltuis wie zwischen Schapbach- 
und Renchgneis. Ich mochte dabei nur dem widersprechen, 
daB der Eruptiygneis in die „Sericitgneise" eingedrungen sei. 
Dieser Typus wurde erst durch die tertiare Gebirgsbewegung 
geschaffen, wie spater des niiheren ausgefiihrt werden soil. — 
Eiir das Alter des Erstfelder Orthogneises mochte Konigsbergek 
wie fur die andern Eruptivgneise Mitteleuropas Devon oder 
Untercarbon ansetzen. (Eine Begrundung dieser Ansicht findet 
sich in Lit. 27.) Eigentlich kann iiber die E. Gn. nur das aus- 



249 



gesagt werden, daB sie alter als das Carbon des Wendenjochs 
sein miissen, in dem sie als Gerolle auftreten. Schwenkel 
macht fiir den Schwarzwaldgneis prac ambris ch es Alter 
wahrscheinlich. Da die E. Gn. den Gneisen des Schwarzwaldes 
gleichzusetzen sind, ware auch fiir sie dieses Alter anzu- 
nehmen. 

Neuerdings (1911) erschien nun von W. Staub eine Be- 
schreibung der Erstfelder Gneise, die zu einer ganz andern 
Auffassung des Komplexes kommt (Lit. 44). Auch Staub kon- 
statiert zunachst zweifellose Sedimentgneise, legt nun aber be- 
sonderen Wert auf die granitischen und aplitischen Gesteine 
der Umgegend von Erstfeld und schreibt ihnen, bezw. dem 
Magma, dem sie entstammen, die Bildung von „Mischgneisen 
(Injektions- und Imbibitionsgneisen)" zu. Er bescbreibt, wie 
von Pegmatitgangen aus Adern in das Nebengestein (den Sedi- 
mentgneis) eintreten, und versucbt dann nachzuweisen, daB auch 
die groBglimmrigen Gneise („Yarietat ahulich dem Schap- 
bachgneis") Mischgesteine sind, daB sie durch den Granit, bezw. 
Aplit, injizierte Schiefer darstellen. Der „Sedimentgneis u 
hatte dazu das Substrat geliefert. 

Zunachst diirfte der Beweis, der aus der chemischen Ana- 
lyse gefiihrt wird, kaum stichhalten. Der TonerdeiiberschuB 
(0,7 Molproz.) ist so gering, daB er nicht als beweisend fiir sedi- 
mentare Beimischung angesehen werden kann. Echt granitische 
Gesteine konnen noch hoheren TonerdeiiberschuB aufweisen. 
DaB fiir ein Eruptivgestein der Gehalt an Eisenoxyden und 
Magnesia (d. h. der Biotitgehalt) zu hoch sei, ist nicht zu be- 
griinden. Eher konnte aus der Analyse ein Gegenbeweis gefiihrt 
werden. Es lieJ3e sich zeigen, daB durch. die Mischung eines 
aplitischen Gesteins mit dem Erstfelder Sedimentgneis (vgl. 
Analysen Y und VI, Seite 223) kein Gestein von der chemischen 
Zusammensetzung des groBglimmrigen Gneises (vgl. Analysen 
I und II, Seite 229) entstehen kann; vor allem konnte es keine 
derartig konstante Zusammensetzung aufweisen. 

Bei der mikroskopischen Beschreibung der betr. Gneise 
betont Staub: „Unter dem Mikroskop zeigen alle Diinnschliffe 
dieser Mischgesteine einen sehr ahnlichen Habitus." Dies wi- 
derspricht aber ihrer Natur; denn Mischgesteine, wie sie von 
Staub supponiert werden, miissen stets auBerordentlich wech- 
selnde Strukturbilder aufweisen; je nach dem Uberwiegen des 
sedimentaren oder des eruptiven Materials werden sich ab- 
wechselnd Sediment- und Eruptivstrukturen erkennen lassen, 
auBerdem Durchdringungs- und Resorptionsvorgange. Zeigt 



250 



ein Gestein iiberall denselben konstanten Habitus, so spricht 
dies entschieden dagegen, dafl hier ein Mischgestein vorliegt. 

TJm die Art und Weise der Entstehung der groB- 
glimmrigen E. Gr. zu erklaren, fiihrt Staub folgende Beobach- 
tungen an: Der Sedimentgneis enthalt fur gewdhnlich 
nur Chlorit statt des Biotites. Wo nun dieser Chlorit mit 
einem eruptiven Aderchen in Beriihrung tritt, wird er durch 
Biotit ersetzt, der Biotit also regeneriert. Die Glimmerlagen 
des grobschuppigen Gneises wiirden dann auf folgende Weise 
gebildet: „Das Eindringen der maginatischen Substanz erfolgt 
von Gangen aus in paralleler Anordnung lagenweise; die sauren 
Adern folgen chloritreichen Schieferungsflachen, welche sie zu 
Biotitauskleidungsflachen uniform en. " 

Darauf ist zunachst zu erwidern, da£S der Sedimentgneis 
uberhaupt keine „cliloritreiclie Schieferungsflachen" aufweist, 
langs deren der magrnatischen Substanz das Eindringen so 
leicht gefallen ware (vgi. Taf. XX, Fig. 2). Oft ist die Parallel- 
textur dieses Gesteins mit bloBem Auge kaum erkennbar. Die 
sauren Adern folgen nach meinen Beobachtungen nur in seltenen 
Fallen der Paralleltextur des Gesteins ; meist setzen sie vielfach 
gekriimmt und gewunden quer durch. 

Dann stehen die Ansichten Staubs iiber Chlorit und seine 
Regeneration zu Biotit auf sehr schwachen FiiBen. Er schiebt 
die Entstehung des in den Erstfelder Sedimentgneisen vorhan- 
denen Chlorits in die Zeit vor dem Eindringen des injizierenden 
Magmas. Die Biotite des Sedimentgneises (durch welchen 
Yorgang uud wann entstand tibrigens dieser „Gneis", den 
Staub voraussetzt, und den er cloch vvohl kaum fiir ein 
primares Gestein halt, aus dem Sediment?) waren alle chlori- 
tisiert, ehe das Magma eindrang. Wo dieses mit den Chloriten 
in Beriihrung kam, machte es sie wieder zu Biotiten; wo wir 
also jetzt noch Biotit im E. Gn. linden, beweist er das Ein- 
dringen von Eruptivmaterial! Das widerspricht den in der 
Natur zu beobachtenden Tatsachen auf Schritt und Tritt. Schon 
die Angabe, daB der Biotit sich auf die Nachbarschaft der Aderchen 
beschranke und sich hier ansammle, stimmt weder mit der 
makroskopischen noch mit der mikroskopischen Beobachtung 
iiberein. In verschiedenen Dunnschliffen, die ich von derartigen 
Aderchen im Sedimentgneis besitze, lieB sich nirgends weder 
eine besondere Anhaufung, noch eine frischere Erhaltung der 
Biotite gegen das Aderchen hin nachweisen. Das Yorkommen 
von Chlorit richtet sich vielmehr nach dem allgemeinen Er- 
haltungszustand des betrefFenden Gesteins. — Die ganze Theo- 
rie Status fallt mit der Tatsache, daB die groBglimmrigen 



251 



Gneise, die ja gleichartig injizierte Schiefer darstellen sollen, 
die gleichen Chloritisierungserscheinungen aufweisen 
wie die Sedimentgneise. Sie sind in beiden Gesteinen in alien 
Stadien zu beobachten; yon beiden Gesteinen kanti man aber 
auch Stiicke mit frischem, unzersetztem Biotit finden. Dadurch 
charakterisiert sich die Chloritisierung als eine nachtrag- 
liche gewohnliche Umbildung der dunkeln Glimmer. 
Sie geht ungemein rasch vor sicb, was scbon friiher ausgefuhrt 
wurde (vgl. Seite 224). DaB die meisten aufgefundenen Gesteine 
umgewandelte Biotite entbalten, erklart sich aus den ungiinstigen 
Aufschliissen und der Neigung des Gesteins mit seiner seiger 
stebenden Paralleltextur zu tiefgreifender Yerwitterung. 

Ubrigens sind die feinkornigen Sedimentgneise mit unzer- 
setztem Biotit nicbt selten. Sie einfacb als „Imbibitionsgneise" 
zu bezeicbnen, geht unter keinen Umstanden an. 

Zur Stiitze seiner Tbeorie iiber die Bildung der Erstfelder 
Gneise ziebt nun Staub noch Beobachtungen beran iiber die 
von Truninger entdeckten Scbolleneinschliisse im Gaste- 
rengranit (Kanderfirn). Hier sind im Granit riesige eckige 
Schollen (10 — 20 m machtig, bis iiber 100 m Umfang) einge- 
schlossen, die in einem Netzwerk von Gangen und Adern ein- 
gebettet sind. Truninger scbildert die Verhaltnisse folgender- 
maBen (Lit. 49, S. 49): 

„Die Injektion dieser Scniefereinschliisse mit aplitischem 
Material ist an den Randern der Injektionsgneise oft bis 
gegen deren Mitte zu eine so intensive, dafl eine vollstandige 
Aufblatterung und Zertriimmerung des ganzen Schieferkomplexes 
in einzelne Scbollen stattfand. Die aplitiscben Intrusionen, 
soweit es sich nicht um groflere Gange handelt, die richtungslos 
das Gestein durchsetzen, erfolgen mit Vorliebe in die Schieferungs- 
fugen und verleihen dem Gestein ein gebandertes, durch kno- 
tiges Anschwellen der Aplitadern oft augengneisartiges Aus- 
sehen." 

Staub schreibt (Lit. 44, S. 18): „Die kantigen Schollen, 
die von den Gangen und Adern umschlossen und zum Teil 
auch durchzogen werden, bestehen aus stark gefalteltem, ge- 
bandertem und gestreiftem Biotitgneis vom unzweideutigen 
Typus der Erstfelder Gneise." 

Es entstanden also hier nach Staub und Truninger durch 
aplitische Injektionen in ein Sedimentgestein (die Sediment- 
natur wird durch kalkige Einlagerungen bewiesen) Gesteine, 
die den grobschuppigen E. Gn. gleichen; damit ware nach Staub 
fur die E. Gn. dieselbe Bildung durch Injektion anzunehmen. 



252 



Dieser SchluB ist jedoch iibereilt, und schon die sorg- 
faltigen Beobachtungen Truningers geniigen, um seine Unhalt- 
barkeit nachzuweisen. Zunachst konnte es sich beini E. Gn. 
nicht um ein derartiges Substrat handeln, wie es hier in den 
Schiefern des Kanderfirns vorliegt; Kalkeinlagerungen, die einen 
sicheren SchluB auf Yorhandensein sedimentaren Materials ge- 
statten wiirden, kommen in ihm nicht yor. DaB lokal durch 
den Mechanismus einer Injektion Gesteine entstehen konnen, 
die auBerlich dem grobglimmrigen E. Gn. gleichen, soil nicht 
bestritten werden. (Jedoch wiirde gewiB schon die mikro- 
skopische Untersuchung betrachtliche Unterschiede zutage 
fordern.) — Nun findet aber bei den Schollen eine allseitige 
Zertriimmerung statt, die randlich am starksten ist. Aplit- 
giinge, die yon groBeren wie die Aste yon eineni Baum ab- 
zweigen, durchbrechen richtungslos mit scharfer Begrenzung das 
sedimentare Nebengestein. Wo dann eine Injektion in die 
Schichtfugen erfolgt, entstehen knotige Anschwellungen. 

Diesem Yerhalten widerspricht aber in jedem Punkt die 
geradezu langweilig einformige Ausbildung des Erstfelder Gneises. 
Er ermangelt der aplitischen Zufuhrgange ; die Quarz-Feldspat- 
lagen halten bei ihm in gleicher Breite so lange aus, als man 
sie iiberhaupt Yerfolgen kann; Queraste Yon Lagergangen, wie 
sie bei der Injektion in derartig diinnen Lagen Yorkommen 
mufiten, sind nicht Yorhanden ; knotige Anschwellungen fehl en. — 
Kurz, gegeniiber der Vielgestaltigkeit der injizierten Schollen 
Truningers, die in der Mitte sogar noch Schieferhornfelse zeigen 
(also noch nicht einmal zur Yollstandigen Yergneisung gelangt 
sind), herrscht im E. Gn. grofite Einheitlichkeit. 

Yollends weist nun aber die sog. „ Inj ektionszone " Staubs 
und Truningers keine Spur yon Ahnlichkeit mit den Erstfelder 
r Injektionsgneisen" auf, wie man nach der Bezeichnung doch 
yermuten sollte. 

„Aplite treten fastganz zuriick; nur als ganz feine Adern ini- 
pragnieren sie das Gestein mit aplitischem Material. Um so 
zahlreicher durchbrechen dunkler gefarbte dioritische Gange 
diese Zone." „Die Injektionsgneise dieser Zone zeigen oft 
rasch wechselnden Habitus; im allgemeinen sind es feinkornige, 
oft hornfelsartig dichte, chlorit- (biotit-) reiche Schiefer." 
(Lit. 49, S. 51.). 

Diese Gesteine gleichen aber in gar keiner Weise 
den E. Gn. 

Der Begriff „Injektion" wird hier im Sinne einer unregel- 
maBigen Durchdringung eines Sediments mit Eruptiymaterial 
gebraucht, wahrend Staub fiir die E. Gn. Injektion als das 



253 



„Eindringen von Magma yorwiegend in parallelen Lagen auf 
Schichtfugen " definiert. (Lit. 44, S. 9, Anm. 1.). 

Die einzigen Gesteine aus dem von Truninger beschriebenen 
Gebiet, die dem E. Gn. etwas gleichen, finden sich also lokal 
in abgelosten, von Eruptivmaterial durchschossenen Schiefer- 
paketen der „Assimilationszone." Derartige lokale Injektionen 
sind auch von anderwarts schon beschrieben (vgl. Erl. zu Bl. 
Hornberg und Schiltach, S. 30, 31; 1897). Von solchen lokalen 
Mischzonen aus auf die Genese eines groBen Gneismassivs zu 
schlieBen, ist ein Ding der Unnioglichkeit. Vielmehr geht aus 
den Ausfiihrungen Truningers klar hervor, daB es dem 
Gaster engranit in keiner Weise gelang, aus den vor- 
gefundenen Sedimenten Gneise zu erzeugen, die in 
konstanter Ausbildung aus einem regelmafiig lagenformigen 
"Wechsel von grobschuppigem Biotit einerseits und einem Ge- 
menge von Feldspat und Quarz andererseits bestehen; 

Der schematische Aufbau: „Assimilationszone, Injektions- 
zone" fur die Erscheinungen am Kanderfirn ist geeignet, irr- 
ttimliche Yorstellungen zu erwecken, die dann zu bedenklichen 
Konsequenzen fiihren, wenn man diese lokalen Verbands- 
verhaltnisse dazu verwendet, um die Entstehung machtiger 
Gneismassive zu erklaren. Dazu kommt noch die erst recht 
hypothetische Imbibitionszone Staubs, die auf einer irrigen 
Interpretation ganz gewohnlicher Yerwitterungsvorgange be- 
ruht 1 ). 

Auch die glatte Ubertragung der In j ektionshyp o- 
these auf dieselben Gneise des S chwarz walds muB 
zuriickgewiesen werden. Staub sagt: „Ich mocbte nur er- 
wahnen, dafi die Annahme eines getrennten Injektionsherdes 
fiir den Schwarzwald und fiir die nordliche Gneiszone wahr- 
scheinlicher erscheint." (Lit. 44, S. 21.) Schwenkel (Lit. 43) 
weist in Ubereinstimmung mit der schon friiher von A. Sauer 
ausgesprochenen Auffassung an der Hand zahlreicher sorg- 
faltiger Beobachtungen ausfiihrlich nach, daB die Schapbach- 
gneise keine injizierten Schiefer darstellen. Der Granit schlieBt 
dort Schollen dieser Gneise ein; sie konnen demnach nicht 
unter Mitwirkung des Granits entstanden sein. 

Dasselbe gilt fur das Yerhaltnis der E. Gn. zum Innert- 
kirchener Granit (=Gasterengranit), dem Staub die Injektion 

l ) Die Berufung* Staubs (Lit. 44, S. 16) auf Konigsbergeb, der zu 
einem „ahulichen Resaltat" gekommen sei, ist nicht statthaft. Konigs- 
berger erklart den grobschuppigen Erstfelder Gneis fiir einen echten 
Orthogneis, der vermutlich die obere Randfacies eines Granits darstelle, 
Staub dasselbe Gestein fiir einen injizierten Schiefer. 



254 



zuscnreiben mocbte. Es gelang mir, im Gadmental oberhalb 
Obermatt einen Block aufzufinden, der beide Gesteine Yereint 
aufweist. Der Block besteht zur einen Halfte aus Innert- 
kircbener Granit, zur anderen Halfte aus groBglimmrigem E. Gn. 
Der Gneis wird yom Granit eingeschlossen, ist also alter als 
dieser. Letzterer bildet gegen den Gneis die charakteristiscbe 
pegmatitiscbe Randfacies aus, wie sie besonders bei den 
Scholleneinscbliissen der auBeren Urweid in scboner Entwick- 
lung zu beobacbten ist. In ibr fanden sicb scbone Turmalin- 
aggregate. Der Gneis wird Yon der Randfacies des Granits 
quer abgeschnitten, obne daB aucb nur die Spur eines Ein- 
dringens Yon Magma in den Gneis zu bemerken ware. Der 
Granit traf also den grobscbuppigen E. Gn. bereits so 
an, wie er uns beute noch Yorliegt. 

Damit diirfte zur Geniige die Unbaltbarkeit der Injektions- 
theorie fur die E. Gn. nachgewiesen sein. Dabei will icb nicht 
in Abrede stellen, daB eine lokale Beeinnussung Yon Sediment- 
gneisen durcb eruptives Material stattfindet und dadurcb Ge- 
steine entsteben konnen, die man als Miscbgneise zu bezeicbnen 
bat. Derartige Miscbgneise stimmen aber durcbaus nicbt mit 
den normalen E. Gn. uberein, ja sie weicben in alien wesent- 
licben Merkmalen, wie gezeigt worden ist, Yon diesen ab. 
Eolglicb ist es unzulassig, die grobschuppigen Erstfelder Gneise 
als Injektions- oder Miscbgneise zu bezeicbnen. 

V. Die Zone der Sericitgneise und ihre Beziehungen zu den 
Erstfelder Gneisen. 

Im Siiden scblieBt sicb an die E. Gn. eine Gesteinszone 
an, die bis zum zentralen Granit reicbt und als Zone der 
S ericitgneise bezw. -scbiefer bezeicbnet wird. Damit ist 
nur der auBere Habitus dieser Gesteine cbarakterisiert. Sicber 
stecken aber ganz Yerscbiedene Gesteinstypen in dieser Zone, 
worauf schon Schmidt (Lit. 40) und Heim (Lit. 19) binwiesen. 
Es diirfte iiberaus scbwierig sein, fiir alle diese Sericitscbiefer 
und -gneise das ursprunglicbe Gestein zu ermitteln. Durcb 
einen einbeitlicben Yorgang baben sie alle dasselbe Geprage 
erbalten: durch den tertiaren Gebirgsdruck. 

Uberzeugend laBt sich dies an den Porpbyren dieser Zone 
beweisen. Schmidt stellte zuerst fest, daB die Sericitscbiefer 
der sog. „Alpgnofer Platten", die \on Heim (Lit. 18) unter 
den Sammelbegriff „Yerrucano" gestellt worden waren, in 
Wirklicbkeit niclits anderes sind als gepreBte Quarz- 
porpbyre. Sie erwiesen sicb als identiscb mit dem Wind- 



255 



gallenporphyr, der an Stellen, wo der Druck gering war (z. B. 
im Gewolbekern der Windgallenfalte), als solcher noch erhalten 
blieb, dagegen an Stellen starken Gebirgsdrucks zum Sericit- 
schiefer verarbeitet wurde. Auf den Porphyren der YVindgalle 
liegen carbonische Schiefer, die petrographisch den Schichten 
des Ochsenstockli (ob. Westphalien nach Escher und Zeiller, 
Lit. 13) entsprechen. Dies ist auch bei den Porphyren des 
Bristenstocks der Fall, die deshalb dem Windgallenporphyr 
gleichgesetzt werden miissen, trotzdem sie centralmassivisch 
gestellt sind, also erne Yollstandig andere Lagerung einnehmen. 
Doch wies Schmidt auch schon auf die groBe petrographische 
Ahnlichkeit dieser Gesteine mit dem Windgallenporphyr hin. 
Ihr Alter ist mit grofler Wahrscheinlichkeit als obercarbonisch 
anzunehmen (vgl. S. 292). 

Es ist ein Yerdienst Koxigsbergers, diese Porphyre karto- 
graphiscli ausgeschieden und ihre Yerbreitung verfolgt zu haben 
(Lit. 25, sowie Karte des ostlichen Aarmassivs). Yor allem ist 
der Nachweis von Bedeutung, dai3 diese Porphyre sowohl 
die Lnterlage des Carbons vom Bristenstock als auch 
des Jura von Farnigen bilden. Sie sind also beim ter- 
tiaren Zusammenschub in das Centralmassiv einbezogen worden 
und haben bei diesem Yorgang ihre TJmwandlung zu Sericit- 
schiefern erlitten. Damit ist aber auch festgestellt, daB die 
iibrigen Gesteine gleichfalls durch die gebirgsbildenden Yor- 
gange mit ihren Begleiterscheinungen die Umpraguug zu Sericit- 
gneisen erfuhren. Es ist also nicht ganz richtig, wenn Konigs- 
berger den Erstfelder Orthogneis in die „Sericitgneise w ein- 
dringen laBt. Er drang in Gesteine ein, die jetzt zum Teil 
als Sericitgueise vorliegen, es aber damals noch nicht waren. 
Aufierdem stecken ja in den Sericitgneisen Gesteine, die sicher 
jiinger sind als der Orthogneis (die Porphyre). 

Den besten AufschluS in der Zone der Sericitgneise gibt seit 
1911 die neuerbaute StraBe yon Amsteg nach Bristen. 
Es sind dunkle Gesteine mit zahllosen Putschflachen. Die 
Handstiicke brechen leicht nach Flachen, die you glanzenden 
Sericithauten iiberzogen sind. Yielfach ist der normale Erst- 
felder Sediment gneis in dem Gestein noch gut zu erkennen. 
U. d. M. zeigen sich die Glimmer des Gesteins yollstandig 
■chloritisiert; Quarze und Feldspate weisen Zerbrechungs- 
erscheinuugen auf; das Ganze ist Yon Sericit in parallelen 
Flasern and Strahnen durchzogen. Die Biotite sind meist in 
dieser Richtung auseinandergeschoben und in die Lange gezerrt. 
Sonst ist das Strukturbild das der Erstfelder Sedimentgneise. 

Ebenso lassen sich geprefite Eruptiygneise an der 



256 



Bristener Strafie zum Teil noch als solche erkennen. Makro 
skopisch fallen diese Gesteine durch ihre Sonderung in Glimmer- 
lagen mit grofien Biotitkrystallen und Quarz-Feldspatlagen auf. 
Ein noch recht typischer Eruptivgneis konnte bei Bristen am 
"Weg nach Frenschenberg gefunden werden. U. d. M. zeigt sich 
das normale Strukturbild dieser Gneise mit dem TJnterschied r 
dafi starke Zerbrechungen von Quarz und Feldspat zu be- 
obachten sind. Hand in Hand damit gehen sekundare Um- 
setzungen. Besonders bemerkenswert ist die weitgehende 
Umwandlung des Biotits in Epidotmineralien (Epidot und 
Zoisit). 

Die Gotthardstrafi e zeigt in ihren Aufschliissen ober- 
halb Amsteg gleichfalls veranderte E. Gn. Zunachst (oberhalb 
der Briicke) finden sich hier typische Sedimentgneise mit 
weifien Eruptivaderchen. U. d. M. zeigen sich die Biotite voll- 
kommen frisch; gegeniiber andern Sedimentgneisen fallen 
hochstens die stark undulosen Quarze auf. Wenige Schritte 
davon steht ein Gestein an, dafi sich u. d. M. als durch und 
durch sericitisiert erweist. Die Biotite sind in chloritische und 
muscovitische Substanzen umgewandelt und in der Schieferungs- 
richtung auseinandergezerrt. Feldspate liefern das Material zu 
den das ganze Gestein durchnasernden Sericitziigen. 

Dieser haufige Wechsel, der ja fiir Gebiete mit starken 
Wirkuugen des Gebirgsdrucks nicht ungewohnlich ist, zeigt sich 
auch im weiteren Verlauf des Profils. 

Weiter aufwarts treten Gesteine auf, die wohl auf Eruptiv- 
gneis zuriickzufuhren sind. Doch ist oft die Entscheidung nur 
schwer zu treffen, denn die mechanische Zertriimmerung schafft 
in den Gesteinen yollstandig neue Strukturen. Im allgemeinen 
gewinnt man den Eindruck, dafi alle Gesteine der Sericit- 
schieferzone nordlich des Porphyrzugs auf E. Gn. beider Typen 
sich zuriickfiihren lassen. Auch Gesteine aus dem Maiental 
und Gorezmettlental bestatigen diese Ansicht. 

Diese yerschiedenen Gneise reichen an der Gotthardstrafie 
ungefahr bis zum Schwandental, wo merkAYiirdige, stark ver- 
witterte und ungemein diinnschiefernde Sericitschiefer anstehem 
Die mikroskojDische Untersuchung schliefit es yollstandig aus, 
dafi diese Gesteine geprefite Porphyre darstellen, als welche sie 
Staub auf seiner Karte bezeichnet: es ist im Diinnschliff keine 
Spur einer Porphyrgrundmasse zu sehen; dagegen macht sich 
ein grofier Biotitreichtum bemerkbar. (Umgekehrt erkennt 
Staub die erst 100 m weiter oben beim Eisenbahntibergang die 
Strafie kreuzenden Porphyre nicht als solche und kartiert sie 
als „stark geprefite Sericitschiefer und schwarze Tonschiefer". 



257 



Die Karte von Konigsberger gibt an dieser Stelle die Yer- 
haltnisse richtig wieder.) 

Bei Gelegenheit der Herstellung eines StraBeniiber- 
gangs iiber die Gotthar db ahn (ca. 100m oberhalb der 
Briicke iiber das Schwandental) wurden nun schone Aufschiiisse 
in einem Gestein geschaffen, das sich als Porphyr zu er- 
kennen gibt. Hier quert also der Porphyrzug Bristenstock — 
Farnigen das ReuBtal. Der Porphyr ist zum Teil stark ge- 
schiefert, oft fast papierdiinn, mit sericitischen Hauten auf den 
S chief erungsflachen. Deutlich heben sich indessen noch, be- 
sonders in weniger gepreBten Partien, Einsprenglinge yon 
Quarz und Feldspat aus der Grundmasse heraus. Merkwiirdiger- 
weise haben sich neben vollstandig geschiefertem und gepreBtem 
Gestein Stellen erhalten, die vom Druck ziemlich yerschont 
blieben. Es ist dies eine Erscheinung, die auch anderwarts 
bei dynamometamorphen Einwirkungen beobachtet wird und 
die geeignet ist, die Wiedererkennnung der Gesteine zu er- 
leichtern. Spalten mit sekundaren Mineralien (Quarz und 
Chlorit) deuten auf regen Losungsumsatz nach der Schieferung, 

Das mikro skopisch e Bild eines gepreBten Porphyrs 
ist ungefahr folgendes : In der sehr feinkrystallinen Grundmasse 
ziehen sich breite Bahnen und Strahnen yon Sericit hindurch. 
An Einsprenglingen sind Quarz und saurer Plagioklas zu be- 
obachten. Neben der eigentlichen Grundmasse kommt Doch 
sogenannte „unechte Grundmasse" 1 ) vor: in der eigentlichen 
Grundmasse treten oft linsenformige Partien yon Quarz mit 
mittelgrofiem Korn auf, die sich deutlich abheben und ohne 
Zweifel yon zerpreBten grofieren Quarzeinsprenglingen her- 
riihren. — Dasselbe Bild bieten die demselben Zug angehorenden 
Porphyre des Bristenstocks. 

Auf die Porphyre folgen nun im Profil der GotthardstraBe 
wieder Sericitgesteine, die jedenfalls yon Gneisen abzuleiten 
sind. Noch bei der Kapelle yon Gurtnellen konute ich Gneise 
auffinden, die den Erstfelder Sedimentgneisen iiberraschend 
glichen. 

Diese Gesteine werden ca. 800 m oberhalb der Briicke 
iiber den Fellitobel vom zentralen Granit (Aaregranit) ab- 
gelost 2 ). Etwa 150 m unterhalb der Granitgrenze steht etwas 

: ) Vgl. Ruetschi; Beitrage zur Kenntnis des Rofnagesteins (Lit. 34). 

2 ) Die Grenze des zentralen Granits gegen die Zone der Sericitgneise 
ist auf der Karte von Konigsberger unrichtig eingezeichnet. Der Zentral- 
granit tritt erst ca. 800 m oberhalb der Briicke iiber den Fellitobel an 
die StraBe; diese ganze Strecke zahlt also noch zar Sericitgneiszone. 
Hier muB ich der Darstellung von Staub zustimmen, der auch gegen 
Gurtnellen hin nach meinen Beobachtungen die Grenze richtig angibt. 
Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 17 



258 



versteckt hinter Banmen ein porphyrisches Gestein an, das 
ohne Zweifel die Yon Konigsberger beschriebene por- 
phyrische Randfacies des Aaregranits darstellt. Dieser 
Porphyr, der sehr helle, fast weiBliche Earbe aufweist, fiihrt 
Einsprenglinge von Quarz, Plagioklas und Mikroklin. Daneben 
kommen ziemlich zahlreiche dunkelgriine Biotitschuppchen yor. 
Diese besondere Varietat des Biotits sowie der Mikroklin sind 
Mineralien, die fur den Zentralgranit charakteristisch sind und 
nie in den E. Gn. oder den Scgn. gefunden wurden. Sie sprechen 
m. E. fur die Abstammung des Porphyrs Yom Zentralgranit. 

Von grofiter Bedeutung ware es nun, zu untersuchen, ob 
beide Porphyre der Gotthardstrafle vom gleichen Magma ab- 
stamrnen. Konigsberger behauptet den Zusammenhang des 
Porphyrzugs yom Bristenstock mit dem Zentralgranit am Tschar- 
(Lit. 24, S.867). Damit ware bewiesen, daB auch der Zentral- 
granit carbonisches Alter besitzt. 

Am Aufbau der Sericitgneiszone sind also hauptsachlich 
umgewandelte Gneise und Porphyre beteiligt. Da das Besondere 
dieser Gesteine in ihrer mechanischen Beeinnussung zu suchen 
ist, die ihnen den einheitlichen Charakter als „Sericitgneise 
bezw. -schiefer" verlieh, so lafit sicb die von Sauer (Lit. 38) 
gebrauchte Bezeichnung einer Quetschzone 1 ) wohl recbtfertigen. 

Es ist der pragnante Ausdruck fiir die Tatsache, daB 
zwiscben dem Zentralgranit, der nur wenig kataklastische 
Pbanomene erkennen lafit, und den Erstfelder Gneisen, die 
fast vollstandig frei von Druckerscbeinungen blieben, eine Zone 
liegt, in der sich die mechanischen Druckkrafte in groBartiger 
Weise ausgelost haben. 

B. Der Innertkirchener Granit. 

I. Geschichtliches. 

Das Gestein von Innertkirchen wurde von Studer in seiner 
Geologie der Schweiz (1853) zuni erstenmal in den Kreis wissen- 

J ) Von Klemm (Lit. 22, IV) ist der Ausdruck ^Quetschzone", wie 
ihn Sacer auch fiir analoge Gesteine des Grimselprofils gebraucht, 
miBverstanden worden. Er verstand darunter eine Uberschiebungs- 
breccie. Dieser Irrtum wurde jedoch inzwischen schon von Escher 
(Lit. 13, S. 70) berichtigt. Auch Konigsberger scheint etwas anderes 
als Sauer unter der „Quetschzone" zu verstehen, niimlich die Myloniti- 
sierung der E. Gn. unter der Sedimentdecke (Lit. 24, S. 859). Eine 
„Quetschzone u im Sinne Rosenucschs, der diese Bezeichnung einfiihrte, 
ist eine Zerpressungszone im Gesteinskorper. die sich unter hohem 
Druck und daher ohne Losung des Zusammenhangs gebildet hat. 



259 



schaftlicher Betrachtung gezogen. Er halt es fur identisch 
mit dem Granit des Gasterentals und erklart die merkwiirdigeii 
Kontaktverhaltnisse mit dem Hochgebirgskalk damit, daB ein 
halbweiches, nicht sebr beiBes Granitmagma den Kalk einge- 
wickelt habe. Es wtirde nacb ibm also ein primarer Eruptiy- 
kontakt zwiscben krystallinem Gestein und Sedimenten yor- 
liegen. Ersteres bezeichnet er als „Gneis" oder „unyoll- 
kommenen Granit", d. b. er bait es fur ein parallel struiertes 
Eruptiygestein. 

Weitere Untersucbungen iiber die bocbinteressante Geologie 
jener Gegend fiibrte Baltzer aus. Er weist in seinem 1880 
erscbienenen glanzenden Werk „Der mecbaniscbe Kontakt yon 
Gneis und Kalk im Berner Oberland" (Lit. 1) uberzeugend nacb, 
daB es sicb bei den komplizierten Verhaltnissen des Kalkkeils 
an der Jungfrau, den Gneiskeilen des Gstelliborns, dem Pfaffen- 
kopfkeil usw. nicbt um Eruptiykontakt, sondern um mechaniscbe 
Yerfaltung und Yerknetung bandelt. Den „unvollkommenen 
Granit" Studers bezeicbnet er als „ Gneis" mit primarer Schich- 
tung, zu der oft nocb sekundare Scbieferung binzutrete. Da- 
durcb konne u. IT. die eigentlicbe Scbicbtung yollstandig yer- 
wiscbt und unkenntlicb gemacbt werden. 1888 gibt dann 
Baltzer (Lit. 2) eine genauere petrograpbiscbe Bescbreibung 
der Gesteine der „nordlichen Gneiszone" und unterscbeidet bier 
zwei Haupttypen yon Gneis: 1. Muscoyit- bezw. Sericitgneis, 
2. biotitfiibrende Muscoyit- und Sericitgneise. Die Biotitgneise 
halt er fur untergeordnete Massen. Baltzer ist sicb der ITnyoll- 
kommenbeit dieser Einteilung wohlbewuBt; er betont die Kom- 
pliziertbeit des ganzen Komplexes und erklart sicb fur auBer 
stande, irgend etwas iiber die Genese der „Gneise" auszusagen. 
Er redet wobl gelegentlicb yon „granitischer Textur" des Innert- 
kircbener Gneises, ist aber doch eber geneigt, ibn fur sedimentar 
zu balten. 

Es gelang nun zuerst Sauer (1893), die eruptiye Natur des 
Gesteins durcb die Auffindung fremder Einscbliisse im „ Gneis" 
nacbzuweisen. Spater (1900, Lit. 38) fiibrt er aus, daB der 
Gneis yon Innertkircben ein ecbt granitiscbes Gestein 
darstellt, das jedocb aucb gneisabnlicben Habitus annebmen kann: 
durcb Druckscbieferung werden aus dem Granit muscoyit- und 
sericitfiibrende Gneise und scblieBlicb griinlicb - graue Schiefer 
^rzeugt; auBerdem existieren noch untergeordnet primar parallel 
struierte (also gneisabnlicbe) Abanderungen des granitiscben 
Gesteins. 

Hugi bait (1906, Lit. 20) an der eruptiyen Entstebung des 
^nordlicben Gneises" fest, sucbt nun aber im Gegensatz zu 

17* 



260 



Baltzer und Sauer wieder einen eruptiven Kontakt von „Gneis" 
und Kalk zu beweisen, ohne daB es ihm recht gelange. 
Den „nordlichen Gneis" erklart er fur eine Randzone des Zentral- 
granits. 

Neuerdings wies nun schlieBlich Truninger (1911, Lit. 48 
und 49) nach, daB der Gasterengranit mit dem „ Gneis" von 
Innertkirchen identisch sei; er gebraucht von neuem die schon 
youSauer angewandteBezeichnung,,Innertkirchener Granit". 

II. Yerbreitung des Innertkirchen er Granits. 

Der Innertkirchener Granit (I.Gr.) findet sich am besten 
gerade bei diesem Ort aufgeschlossen. Besonders die Grimsel- 
straBe und die neue Steige ins Urbachtal geben in ihren An- 
schnitten gute Gelegenheit, das Gestein zu studieren. In ver- 
haltnismaBig schmaler Zone folgt der Granit der wunderschon 
aufgeschlossenen Grenze gegen die Sedimente. Er bildet gegen 
die Sohle des Gadmentals und laBt sich bis zum Wen den - 
gletscher verfolgen. Die gtinstigen Schneeverhaltnisse des 
Jahres 1911 gaben niir Gelegenheit, den I.Gr. auch noch im 
Gebiet des Wendengletschers selbst nachzuweisen. An einer 
Stelle, die etwa 3 mm links des W von „Wendenjoch" der 
der Siegfriedkarte 1 : 50000, Blatt Wassen, liegt, kamen infolge 
starken Eiickgangs des Schnees Felsen heraus, die nach An- 
gabe des Fiihrers noch nie sichtbar gewesen waren. Sie zeigten 
t) r pischen I.Gr. mit Scholleneinschliissen. AuBerdem konnte ich 
Stiicke von I.Gr. in den Gerollen des Firnalpelibachs bei 
Herrenriiti im Engelberger Tal feststellen. Der I.Gr. muB also 
auch auf der ostlichen Seite des Wendenjochs anstehen. Leider 
war es mir infolge schlechter Witterung nicht moglich, das An- 
stehende aufzusuchen. Bei Goldboden steht bereits E. Gn. an, 
und schon im Grassenbach konnte kein I.Gr. mehr gefunden 
werden. Der I.Gr. zieht sich. also unter Titlis und 
Wendenjoch in nachster Nahe des Wendenj ochcarbons 
durch, um auf der Ostseite noch auf kleiner Flache hervor- 
zutreten, dann aber von den E. Gn. abgelost zu werden. Diese 
Verhaltnisse sind fur die Deutung des Wendenjochcarbons iiber- 
aus wichtig. 

Was die Breite der Zone anbetrifft, in der der I.Gr. zu- 
tage tritt, so laBt sich deutlich zeigen, daB sie nach zu 
schmaler wird. An der GrimselstraBe erscheint sie am breitesten 
(ca. 47 2 km); sie reicht ungefiihr bis „Auf der Weid" (ca. 
800 m unterhalb der Bodenbriicke). Im Tal des Triftwassers 
befindet man sich bis kurz unterhalb Triftalp im I.Gr. (Breite 
ca o l / 2 km). Geht man von Gadmen die SustenstraBe aufwarts, 



261 



so verlaBt man den I.G. nach den oberen Kehren yon Feldmoos. 
Gegen das Wendenjoch hin wird die Zone des I.Gr. immer 
schmaler; erst im des Wendenjochs verschvvindet er ganz. — 
Natiirlich sagen die angefiihrten Zahlen nichts iiber die tat- 
sachliche Ausdehnung des I.Gr., der ja nach N zu unter der 
Sedimentdecke verschwindet. 

Geht man von Innertkirchen aus das landschaftlich wunder- 
schone Urbachtal aufwarts, so fiihrt der Weg bis oberhalb 
Schrattern durch I.Gr. Am Gstellihorn wurde er hier auf die 
bekannte, von Baltzer beschriebene Weise mit dem Sediment- 
mantel verknetet. Weiter nach W reichen meine Beobachtungen 
nicht. Da Truninger (Lit. 48 und 49) die Identitat yon Gasteren- 
granit, „nordlichem Gneis" (von der Jungfrau bis zum Dossen- 
horn) und I.Gr. nachwies, so wurde sich also dasselbe Gestein 
bis zum Gasterental Yerfolgen lassen, um hier unter den Kalk- 
massen des Balmhorns zu verschwinden. 

III. Petrographische Beschreibung des Innertkirchener Grauits* 

Der I.Gr. stellt in seiner typischen Ausbildungsform ein 
graues, mittel- bis feinkorniges granitisches Gestein dar. Als 
Gemengteile sind ein schwarzlich- brauner Glimmer, weiBer 
Feldspat und fettglanzender Quarz schon makroskopisch 
erkennbar. Im allgemeinen herrscht richtungslos kornige 
Struktur Yor; hie und da (besonders iu der Nahe von Schollen- 
einschliissen) findet sich aber auch eine schwache Paralleltextur 
des Gesteins ausgebildet: die sonst regellos orientierten Glimmer- 
blattchen ordnen sich in einer bestimmten Bichtung an; Lagen- 
bildung findet hierbei nicht statt. Es handelt sich also nur um 
eine lokal auftretende primar parallel struierte Facies 
des Granits. 

Haufiger sind andere Gesteine, die einen sehr charakteri- 
stischen blaugriinen Farbenton aufweisen. Die Ursache dieser 
Farbung ist ein dunkelgriines, weiches Mineral, das sich als 
Pinit zu erkennen gibt. Er tritt oft in sehr betrachtlicher Menge 
auf und verleiht dann dem Granit jenes bezeichnende Aussehen. 
Hie und da zeigt der Pinit sechsseitige Querschnitte und recht- 
eckige, fast quadratische Langsschnitte. Er stellt also eine 
Pseudomorphose nach Cordierit dar, der in kurzen sechs- 
seitigen Prismen krystallisiert. Durch unregelmafiiges, bald 
gehauftes, bald sparliches Auftreten des Pinits erhalten solche 
Gesteine ein recht unruhiges Aussehen; manchmal tritt der Pinit 
auch zu Anhaufungen zusammen und verursacht groBe dunkel- 
griine Flecken in dem grauen GesteiD. 

Das reichliche Yorkommen von Pinit als Pseudomorphose 



262 



nach Cordierit mufl wohl auf die Resorption sedimentaren 
Materials zuriickgefuhrt werden. Teuningee stellte dieselbe 
Erscheinung am Gasterengranit fest. 

Durch reichliche Pyritfiihrung zeichnen sich andere Yarie- 
taten des LGr. aus. Ein derartiges G-estein steht z. B. an der 
Urbachsteige an. Auch ein Granit mit dunklen, fast schwarzlichen 
Feldspaten von der Mauer im Urbachtal ist noch besonders zu 
erwahnen. 

U. d. M. zeigt sich dem TTntersuchenden das typische Bild 
eines granitischen Gesteins mit hypidiomorph korniger 
Struktur (vgl. Taf. XX, Abb. 3). Erst jetzt gewahrt man aber 
auch die Schwierigkeit, ein mechanisch vollkommen ungestortes 
Gestein zu bekommen. Selbst scheinbar unyeranderte Gesteine 
zeigen im mikroskopischen Bild doch schon ganz erhebliche 
Pressungserscheinungen. Die folgende Beschreibung soil sich 
auf ein relatiy unverandertes Gestein beziehen, auf einen Normal- 
typus, wie er sich etwa an der Urbachsteige dem Untersuchenden 
darbietet. 

Der zuerst (nach Zirkon, den Erzen usw.) ausgeschiedene 
Gemengteil ist uberall der ziemlich reichlich vorhandene Bio tit. 
Er weist manchmal gute Krystallformen auf und besitzt mittlere 
Grofie (Durchmesser 1 — 1 1 / 2 mm). In frischem Zustand zeigt 
er kraftigen Pleochroismus (a = hellgelb, c und b = dunkel 
kastanienbraun). Die Kesultate der Analyse sprechen fiir einen 
bedeutenden Eisengehalt des Biotits. DaB das Mineral auch 
einen betrachtlichen Titangehalt aufweist, beweisen (auBer der 
Analyse) seine Zersetzungserscheinungen (s. u.). Sehr haufig 
zeigt der Biotit leichte Aufblatterungen und Knickungen, die 
auf eine mechanische Beeinflussung des Gesteins hinweisen. Nicht 
selten schlieBt der Biotit kurze, gedrungene Saulchen Yon Apatit 
als allererste Ausscheidungen ein; um kleine, hoch lichtbrechende 
Krystalle, die wohl zumeist Zirkon darstellen, treten pleo- 
chroitische Hofe you grofiem Durchmesser und recht be- 
trachtlicher Intensitat auf. 

Selten ist der Biotit chemisch intakt geblieben; meist zeigt 
er deutliche Spuren der Umwandlung. Diese kann sich auf 
verschiedene Art und Weise vollziehen. Am haufigsten ist die 
Chloritisierung. Bei diesem Yorgang verliert der Biotit seine 
tief dunkelbraune Farbe; an ihre Stelle tritt ein Gelbgriin, die 
Polarisationsfarben sinken, und allmahlich wird so der Biotit in 
hellgriinen, sehr schwach pleochroitischen Chlorit (Pennin) Yer- 
wandelt. Bei + Nic. zeigt dieses Mineral die charakteristischen 
tintenblauen Interferenzfarben. Meist zehrt die Chloritisierung, 



263 



allmahlich von auBen nach innen fortschreitend, den Biotit auf; 
hie und da ergreift sie auch einzelne besondere Lamellen, auf 
denen sie ins Innere yordringt. Bei der Chloritisierung miissen 
sich Substanzen ausscheiden, die nicht oder nicht ganz in das 
Chloritmolekul eingehen konnen. Es ist dies ein Teil des 
Eisenoxyds sowie Titanoxyd. In friihen Stadien der Zersetzung 
des Biotits scbeidet sich zunachst das Titandioxyd in Form des 
bekannten Sagenitgeweb es aus. Bei weitergehender Zer- 
setzung scheint das Sagenitgewebe nicht mehr bestandig zu sein. 
Es yerschwindet, und an seine Stelle treten schmutzige Erzaus- 
scheidungen. Bei auffallendem Licht zeigen sie fast immer den 
charakteristischen weiJ31ichen Glanz und verraten sich dadurch 
als Titaneisen mit teilweiser Umwandlung zu Titanit. Die Aus- 
scheidungen bleiben meistens auf den ursprunglichen Spaltflachen 
des Biotits und lassen so im Chlorit noch yollstandig die friihere 
Krystallstruktur des Biotits, eventuelle Deformation en usw. er- 
kennen. Es wiirde sich also um regelrechte Pseudomorphosen 
yon Chlorit nach Biotit handeln. In seltneren Fallen wandern die 
Ausscheidungsprodukte aus dem Krystall aus und sammeln sich 
in der Umgebung an. Es entsteht so ein vollstandig homogener 
Chlorit, der durch nichts mehr seine Abstammung von Biotit verrat. 

AuBer der Chloritisierung yerfallt der Biotit noch der Aus- 
bleichung zu mus co vitahnlich er Substanz: der Pleo- 
chroismus schwindet, die Eigenfarbe sinkt bis Hellgelb, schliefi- 
lich sogar bis zurfarblosen Durchsichtigkeit; bei + Nic. treten die 
Interferenzfarben des Muscoyits auf. Oft verbinden sich auch 
am gleichen Biotitkrystall die TJmwandlungen zu Chlorit und zu 
Muscovit. Seltner ist die Bildung yon Epi dotmineralien 
bei der Zersetzung des Biotits. 

Dem Biotit folgt in der Reihenfolge der Ausscheidung der 
Plagioklas. Haufig lehnt er sich mit einer Krystallflache an 
eine bereits ausgebildete Flache des Biotits. Meist zeigt er 
ausgezeichnetenldiomorphismus; deutlich sind an vielenSchnitten 
die Flachen P, M, x zu erkennen. Mit groBer RegelmaBigkeit 
weist der Plagioklas Zwillingsbildung nach dem Albitgesetz auf, 
selten tritt zu diesem das Perikliiigesetz hinzu. Bei Benutzung 
der Beckeschen Methode zeigt es sich, daB der Plagioklas immer 
schwachere Lichtbrechung als Quarz besitzt. Die Ausloschungs- 
schiefe ist auf Spaltblattchen nach M ca. -t-3°, auf P im Mittel 
+13°. Es liegt also ungefahr Oligoklas- Albit yor. Damit 
steht die chemische Analyse des Gesteins in Ubereinstimmung. 

Orthoklas, der sich nach dem Plagioklas ausscheidet, 
tritt zwar in geringerer Indiyiduenzahl auf als dieser, bildet 



264 



aber viel groBere Kiystalle aus und wird wohl an absoluter 
Quantitat den Plagioklas iiberwiegen. Er zeigt keine Zwillings- 
bildung; Mikroklingitterung wurde nie beobachtet. Dagegen 
kommen sehr regelmiiBig Mikroperthitbildungen vor; der Ortho- 
klas ist oft geradezu durchflochten you hoher lichtbrechenden 
Albitschniiren. Recht haufig sind Einschliisse von kleinen Plagio- 
klas- und Quarzkornern. 

Quarz erweist sich deutlich als letzte Ausscheidung. Er 
fiihrt reihenformig angeordnete Einschliisse, die zum Teil als 
Fliissigkeitseinschlusse zu erkennen sind. Meist ist schon un- 
dulose Ausloschung oder Zerfall in optisch Yerschieden orientierte 
Felder eingetreten. Uberall verbreitet sind die schon erwahnten 
Einschliisse rundlicher Quarzkorner im Feldspat. 
Wahrend sie im Plagioklas noch etwas seltener sind, treten sie 
im Orthoklas mit grofler RegelinaBigkeit auf. Es sind rundliche 
bis langliche Korner, die in giinstigen Fallen die Form eines 
Dihexaeders zeigen. 

Wahrend der Plagioklas krystallisiert, beginnt auch schon 
die Ausscheidung des Quarzes; kleine Korner dieses Minerals 
konnen infolgedessen Yom Plagioklas eingeschlossen werden. 
In einem spateren Stadium, wenn die Bildung des Plagioklas 
zu Ende ist, der Orthoklas sich aber noch ausscheidet, geht 
auch die Krystallisation des Quarzes schon starker Yor sich; 
der Orthoklas wird infolgedessen mehr Kornereinschliisse Yon 
Quarz aufzuweisen haben als der Plagioklas. Mit Hilfe dieser 
Einschliisse laBt sich also gut die Krystallisationsfolge des 
Gesteins in ihren einzelnen Phasen feststellen. 

AuSer diesen Hauptgemengteilen findet sich als sehr weit 
Yerbreiteter Nebengemengteil der Pinit. L T . d. M. zeigt sich, 
daB wohl kaum je etwas Yon der urspriinglichen Cordieritsub- 
stanz iibrig blieb. Einschliisse YOn stark zersetztem Biotit im 
Pinit sind haufig. Bei + Nic. laBt sich erkennen, dafl das 
Mineral ein feinfilziges Aggregat allerkieinster, gleich orientierter 
Muscovitschiippchen darstellt. Hie und da treten an ihre Stelle 
grobblattrige Aggregate, die dann (nach Gakeiss) eher als 
Gigantolith zu bezeichnen waren. 

Wo Pinit Yorkommt, und nur in diesen Gesteinen, stellt 
sich meist auch Graphit ein. Es sind kleine schwarze, in- 
tensiv gliinzende Blattchen und Faserchen mit den eigentlimlich 
zerfaserten Umrissen. Das Auftreten mit Pinit zusammen 
erklart sich ungezwungen daraus, daB beide Mineralieu auf 
eine Resorption sedimentaren Materials durch den Granit zu- 
riickzufiihren sind. 

Ein seltner Gemengteil ist der Turmalin. Interessant 



265 



sind die verschiedenen FarbeD eines Krystalls in einem Gestein 
von der Urbachsteige. Die eine Halfte des Turmalins erwies 
sich als braun (a = hellgelbbraun, c = dunkler braun), die andere 
Halfte als blau (a = lichtblau, fast farblos, c = hellblau). Triibe 
Mischfarben bilden einen kontinuierlichen TJbergang yon braun 
zu blau. 

Als untergeordnete Gemengteile waren Apatit, Zirkon und 
Erze zu erwahnen. 

Apatit findet sich meist als EinschluB im Biotit. Er 
bildet kurze, gedrungene Siiulchen yon durchschnittlich 0,3 mm 
Lange; es kommen jedoch auch groBe Apatite von 1 mm Lange 
und 0,5 mm Durchmesser vor. Zirkon (Monacit und Xenotim?) 
tritt in scharf begrenzten Prismen im Biotit auf und erzeugt 
hier die pleochroitischen Hofe. Erzausscheidungen im I.Gr. 
sind selten. Es kann eigentlich nur Pyrit festgestellt werden; 
er ist unregelmaBig Yerbreitet, kann aber dort, yvo er auftritt 
(z. B. an einer Stelle der Urbachsteige) recht haufig sein. Hie 
und da laBt sich im Schliff beobachten, wie der Pyrit allmahlich 
von Eisenoxyd ersetzt wird; es bilden sich schone Pseudo- 
morphosen you blutrotem Hamatit nach Pyrit. 

Die mikroskopische Untersuchung ergibt also mit Yoller 
GewiBheit, daJ3 der „Gneis" Yon Innertkirchen in Wirklichkeit 
ein typischerGranitit mit normaler Ausscheidungsfolge 
ist (vgl. Taf. XX, Fig. 3). 

Dadurch unterscheidet sich das Gestein scharf 
Yom Erstfelder Eruptivgneis, der infolge ausgepragter 
Lagentextur keine reine Eruptivstruktur erkennen laflt. DaB 
es zwei verschiedene Gesteine sind, beweist schon zur Geniige 
die Tatsache, daB der I.Gr. den Erstfelder Eruptivgneis ein- 
schlieBen kann (vgl. S. 254). 

Ebensowenig hat der I.Gr. mit dem Zentralgranit, dem 
„Protogin", etwas zu tun. Mineralogisch charakterisiert den 
I.Gr. das Fehlen von Mikroklin und Epidot 1 ), dieser im Zen- 
tralgranit so haufigen Mineralien. Sehr bezeichnend und kon- 
stant ist der Unterschied in der Farbe der Biotite: Wahrend 
der I.Gr. kastanienbraunen Biotit fuhrt, besaBen alle von mir 
untersuchten Diinnschliffe von Zentralgranit einen dunkelbraun- 
griinen Glimmer. Pleochroitische Hofe um Zirkoneinschltisse 
scheinen im Zentralgranit zu fehlen oder viel schwacher zu sein. 
Strukturell ist der Gegensatz beider Gesteine noch groBer. Es 

] ) Nur ganz untergeordnet wurde Epidot als Zersetzungsprodukt 
des Biotits sowie als sekundares Spaltenmineral beobachtet. 



266 



fehlen dem I.Gr. jene Eigentiimlichkeiten des Zentralgranits, 
die jetzt fast ubereinstimmend yon den meisten Petro graph en 
als das Resultat einer „Protoklase" (bezw. „Piezokrystallisation") 
gedeutet werden (Becke, Klemm, Salomon, Sauer, Weinschenk, 
Weber). Ersterer ist miter vollstandig normalen Bedingungen 
erstarrt, letzterer unter anormalen, wie sie jedenfalls durcb 
einen gebirgsbildenden Yorgang geschaffen wurden. Geologisch 
lafit sicb nirgends ein Zusammenhang von I.Gr. mit dem Zen- 
tralgranit nachweisen; die Annahme, der I.Gr. sei eine Randzone 
des Zentralgranits (Hugi, Lit. 20, S. 450), kann also in keiner 
Weise als erwiesen betrachtet werden. 

Dagegen ist nun hocbst wahrscheinlich der G aster engranit 
mit dem von Innertkircben identisch, worauf zuerst Truninger 
binwies (Lit. 48 und 49). Eine Reihe cbarakteristiscber Eigen- 
tiimlichkeiten, die beiden Gesteinen gemeinsam sind, beweisen 
dies: Pinitfiibrung, Einscbliisse yon Scbollengesteinen abnlicher 
Bescbaffenbeit, gleicbe ungestorte Erstarrungsstruktur, gieicbe 
mineraliscbe und cbemiscbe Zusammensetzung. Es darf desbalb 
wobl vorgescblagen werden, diese Gesteine am Nordrand des 
Aarmassivs unter der Bezeicbnung „nordlicher Granit" zu- 
sammenzufassen. 

Sucben wir auBerbalb der Alpen nacb einem Gestein, das 
sicb dem „nordlichen Granit" Yergleicben lieBe, so finden wir 
als nacbstliegendes Yergleichsobjekt die Granite des Scbwarz- 
w aides. DaB bier Zusammenhange besteben miissen, spricbt 
scbon Schmidt 1893 aus (Lit. 14, S. 48). Er scbreibt: „Yor 
der letzten Hebung der Alpen und dem Versinken des Yor- 
landes lag am Nordrand des sicb bebenden Gebirges ein von 
der mesozoiscben Sedimentdecke teilweise entbloBtes Grundge- 
birge, die Yerbinduug von den Alpen zum Scbwarzwald dar- 
stellend. Der Granit von Gasteren ware also als sudlicher, 
stebengebliebener Teil dieser jungpalaozoiscben Granitmasse zu 
denken." DaB der Gasterengranit (bezw. der nordlicbe Granit 
iiberhaupt) „eugranitische Struktur" besitzt, die ibn „scbarf 
von den Protoginen trennt" , erklart sicb Schmidt so, daB er 
jiinger sei als der Protogin und erst nacb der postcarboniscben 
Faltung aufgedrungen; desbalb sei er von dieser nicbt mebr 
deformiert worden. Diese Ansicbt wird sicb beute kaum mebr 
halten lassen. Von groBer Bedeutung ist es jedoch, daB also 
auch Schmidt auf Grund der Strukturen nordlicben Granit 
und Zentralgranit voneinander scbeidet und so dazu 
kommt, den nordlicben Granit mit den Graniten des 
Schwarzwaldes zusamenzustellen. 



267 



Die chemische Zusammensetzung der in Frage ste- 
henden Gesteine ist geeignet, obige Ausfiihrungen zu stiitzen. 
Analyse I: Innertkirchener Granit, Urbachsteige. Analytiker: 
Verfasser. 

Analyse II: Gasterengranit (zitiert nach Fellenberg, Lit 14). 
Analyse III: Pinitfiihrender Granitit von Durbach (Schwarz- 
wald) (zitiert nach Sauer, Lit. 37) Analytiker: Sauer. 







/ 

/ ® ®>\ 




/ 3 




/ 1 


<f IF \ 


/ yI 





Fig. 6. 



Gewichtsprozente. 





I 


II 


III 


Si0 2 


66,70 


67,87 


67,70 


TiO a 


0,81 

16,62 


0,50 


A1 2 3 


15,96 


16,08 


Fe 3 3 

FeO 


2,45 

2,36 


1,651 
3,02/ 


5,26 


CaO 


1,89 


1,73 


1,65 


MgO 


0,89 


1,40 


0,95 


K 2 


..' 4,40 


4,26 


5,78 


Na 2 


• . 2,98 


3,72 


3,22 




...... 2,14 


0,80 




100,24 


100,41 


101,14 



268 



Molekularprozente. 



I II III 

SiO. + TiOo 74,83 74,25 74,42 

A1.A 10,87 10,34 10,34 

Feb , 4.22 4,15 4,31 

CaO 2,26 2,03 1,94 

MgO 1,48 2,28 1,55 

K 2 3,12 2,98 4,03 

Na 2 3,22 3,97 3,41 



Proj ektionswerte nach Osann-Becke. 

I II III 
'. . . 74,83 74,25 74,42 



a 8,9 9,0 9,7 

c' 3,1 2,6 2,6 

f 8,0 8,4 7,7 

n 5,08 5,7 4,6 



+ AL0 3 auf a + c' + f = 20 umgerechnet 3,2 1,78 1,3 

Die XJbereinstimmung der chemischen Zusammensetzung 
aller drei Gesteine fallt ohne weiteres in die Augen. Es sind 
normale Granitite mit yorwiegendem Alkalifeldspat, ungefahr 
Typus Katzenfels (Osann, Tsch. M. u. p. M. Bd. 19, 1900). 
(Typenformel: s 74 a 8-5 c 3)5 f 8 .) 

Auffallend ist der T onerdeiib ers chui3, der besonders im 
I.Gr. erne bedeutende Hohe erreicht. Er ist jedenfalls durch 
die Resorption sedimentaren Materials yerursacht. 

IT. Scholleneinschliisse im Iunertkirchener Granit. 

Als das Gestein von Innertkirchen noch fiir einen sedimen- 
taren Gneis gehalten wurde, da lieferten die yon Satjer 1893 
entdeckten Scholleneinschliisse zum erstenmal den sicheren 
Beweis, daB man es mit einem eruptiyen Gestein zu tun habe. 

Derartige Einschlusse, die zuerst bei der Kirche yon Innert- 
kirchen sowie an def GrimselstraBe gefunden wurden, stellen 
eine im I.Gr. sehr weit yerbreitete, regelmaBige Erschei- 
nung dar; alle besseren Aufschliisse weisen sie auf. Am 
schonsten und lehrreichsten ist immer noch die iiberhangende 
StraBenwand bei der Aui3eren Urweid; schone Schollenein- 
schliisse zeigen auch die Urbachsteige, der neuere Anschnitt 
der GadmenstraBe bei Hopflauenen und besonders die glazial 
geschliffene Eelsoberflache am Aufstieg zum Wendengletscher. 

Yon den kleineren Schollen unterscheiden sich die be- 
kannten Marmoreinlagerungen im I.Gr. durch groBere Di- 
mensionen. Jedoch liiBt sich auch fiir sie die Schollennatur 
nachweisen. Wenn sie die groBten Brocken fremden Materials 
im I.Gr. darstellen, so ist die Pinitfiihrung das letzte Anzeichen 



269 



dafiir, daB hier der Granit andere Gesteine in sich aufgenomnien 
hat. In diesem Falle ware dann vollstandige Assimilation ein- 
getreten. Bezeichnender Weise scheint die Pinitfiihrung in der 
Nahe von deutlichen Scholleneinschlussen am starksten zu sein. 

Den instruktivsten Einblick in diese Einschliefiungsvorgange 
gewahrt die StraBenwand an der AuBeren TJrweid. Wir 
sehen hier groBe, bis 2 m messende Gesteinsbrocken von Gra- 
nit umhiillt. Dieser nimmt gegen die Schollen hin gewohnlich 
eine andere Beschaffenheit an : Er umsaumt sie in saurer, grob- 
krystalliner, glimmerarmer bis -freier Ausbildung. Hie und da 
findet sich noch etwas Turmalin in dieser Zone, die als peg- 
matitische Randfacies des Granits bezeichnet werden kann. 
Die groBen Feldspate weisen meist graue bis schwarzliche 
Farbung auf. .U. d. M. zeigt sich, daB sich in der Hauptsache 
nur saurer Plagioklas (Oligoklasalbit) in schon idiomorphen 
Krystallen und Quarz als Ausfiillungsmasse an der Zusammen- 
setzung beteiligen. Biotit kommt untergeordnet in kleineu 
Blattchen vor. 

In weiterer Entfernung von den Schollen zeigt der Granit 
hie und da noch sehr ungleichkornige Ausbildung, vor allem 
grofie idiomorphe Feldspate, die dem Gestein granitpor- 
phyrischen Habitus verleihen. 

AuBerdem laBt sich noch oft eine Par allelordnun g der 
Glimmer nachweisen. Die Orientierung der Glimmerblattchen 
geht parallel zu den Grenzen der Scholle; es liegt also soge- 
nannte „umlaufende Paralleltextur " vor. Eigentliche La- 
genbildung findet nicht statt. Diese primare Paralleltextur ist 
wohl am besten durch FlieBbewegungen zu erklaren, die das 
Magma um die Schollen herum ausfiihren muBte. 

Alles in allem weist der Granit am Schollenkontakt 
auBerst unruhige B e sch a ff enheit in chemischer und struk- 
tureller Beziehung auf. 

Die Schollen zeigen in der Begrenzung noch sehr gut 
ihre Natur als Bruchstiicke eines durch magmatische Intru- 
sion zertrummerten Gesteinskomplexes. Die Grenzen gegen 
das umhiillende Magma sind nicht immer ganz scharf und be- 
stimmt; nicht selten findet randliche Resorption und YerfloBung 
von Bestandteilen der Schollen in den Granit statt. Haufig 
dringt der Granit auch in die Scholle ein und durchadert sie. 
Dieses Eindringen folgt zum Teil den Schichtflachen und kann 
sogar eine leichte Aufblatterung derselben erzeugen; ebenso 
haufig setzen aber die feinen ap litis ch en Aderchen auch quer 
durch. Im ganzen scheinen die Yerhaltnisse an der AuBeren 
Urweid denen am Absturz des Kanderfirns (Truninger, Lit. 49} 



270 



recht ahnlich zu sein, nur daB dort noch groBere und besser zu- 
sammenhangende Schieferkomplexe im Granit schwimmend ge- 
funden werden. 

Uber die urspriingliche Natur der eingeschlossenen 
Gesteine ist bei deren hochmetamorpher Natur nur sehr 
schwer etwas auszusagen. Mit Sicherheit sind einige Gesteine 
des Erstfelder Gneismassivs wiederzukennen. Schon fruher 
(S. 254) ist erwahnt worden, daB an einem Block bei Obermatt 
die EinschlieBung yon Erstfelder Eruptivgneis durch I.Gr. be- 
obachtet wurde. Die Schollengesteine im Gebiet des Wenden- 
gletschers zeigen den typischen feinkornigen Erstfelder Sedi- 
mentgneis. Die mikroskopische Untersuchung laBt unverandert 
Mineralbestand und Struktur jener Gesteine (vgl. Taf. XX, Fig. 2) 
erkennen. Hier muB also der I.Gr. in die E. Gn. eingedrun- 
gen sein. 

Weiter nach W zu sind es andere Gesteine, die der Ein- 
scblieBung durch deD I.Gr. unterlagen. Es sind Sedimente, 
die erst bei der Einschmelzung ihre metamorphe Beschaffenheit 
angenommen haben. Es ist im folgenden keine systematisch- 
petrographische Beschreibung dieser Einschlusse beabsichtigt, 
diese Arbeit ist bereits Yon Herrn Hugi begonnen worden 
(vgl. Lit. 20); es sollen nur einzelne interessante Typen 
herausgehoben werden. 

Nicht selten zeigen die Schollen eine deutliche Differen- 
zierung in Lagen, die sich durch Yerschiedene Farben Yon- 
einander unterscheiden. Braune Lagen mit Biotit, griinliche 
mit Augit, rote mit Granat und schwarzliche mit Hornblende 
konnen miteinander abwechseln. Sie bringen die lagenweise 
wechselnde chemische Zusammensetzung des eingeschlossenen 
Gesteins zur Erscheinung. 

Ziemlich haufig sind an der AuBeren Urweid Gesteine, die 
sich durch einen ungewohnlichen Reichtum an Granat und 
Biotit auszeichnen. Diese Granatfelse zeigen u. d. M. Quarz, 
Feldspat und sehr Yiel Biotit. Das ganze ist siebartig durch- 
setzt Yon einer Unmenge kleiner Kornchen Yon Granat, die als 
Einschlusse in alien ubrigen Gemengteilen auftreten. Andere 
Schollen zeigen groBere, krystallographisch gut ausgebildete 
Krystalle Yon Granat. Pyrit tritt fast in alien Einschlussen in 
groBerer oder kleinerer Menge auf. 

Ein Gestein, das diesen Einschlussen Yon der Urweid in 
Yielen Puukten gleicht und jedenfalls auch einen derartigen 
ScholleneinschluB reprasentiert, wurde an der Sustenstrafle bei 



271 



den Kehren von Feldnioos aufgefunden. Der Unterscliied gegen- 
uber dem Vorkommen der AuBeren Urweid ist der, daB das 
Gestein sehr stark mechanisch deformiert ist (vgl. S. 279). In- 
folgedessen weisen fast samtliche Granatkrystalle langliche Uni- 
risse auf, die dadurch entstehen, daB einzelne Teile des Krystalls, 
die sich nach den Spaltnachen voneinander gelost haben, auf 
diesen Flachen auseinandergeschoben werden. 

Ein sehr biotitreicher EinschluB von der Urweid fiihrt 
neben viel Pyrit zahlreiche kurze Saulchen und Korner von 
hellbraunem Turmalin, der hie und da Zonarstruktur aufweist. 
Da auch der I. Gr. gelegentlich Turmalin fiihrt, so darf hier 
wohl auf Stoffzufuhr auf pneumatolytischem Wege aus dem um- 
schlieBenden Magma geschlossen werden. 

Andere Einschliisse zeigen durch ihre Mineralkombination 
Quarz-Feldspat-Biotit und die Paralleltextur gneisartigen 
Habitus. Jedoch weisen nur einzelne Lagen diese Zusammen- 
setzung auf; in raschem Wechsel konnen sich hornblende- oder 
augitreiche Lagen anschlieBen. (Diese Gesteine gleichen den 
neben der Marmorlinse II anstehenden.) Eine Merkwiirdigkeit 
in derartigen Einschliissen sind stengelige Einwachsungen von 
Quarz in Hornblende; Zoisit und Titanit sind haufige Ge- 
mengteile. 

Yiele Einschliisse zeigen einen groBeren Gehalt an Kalk, 
so daB sie als Kalksilikatfelse bezeichnet werden konnen. 
So fiihrt ein EinschluB von der StraBenwand bei der Wirtschaft 
zur Inneren Urweid neben primarem Kalkspat viel Augit, Granat, 
Zoisit und Titanit. 

Der Eindruck, den man von der Gesamtheit der beschriebenen 
Einschliisse erhalt, ist der, daB es sich um stark durch 
Eruptivkontakt metamorphosierte Schollen toniger bis 
kalkiger Sedimente handelt. Rein kalkige Einschliisse 
groBeren Stils sind die Marmorlinsen der GrimselstraBe, 
die randlich betrachtlichen Silikatreichtum besitzen. Vielleicht 
lag auch manchen Kalksilikatfelsen ursprimglich reiner Kalk zu- 
grunde, aus dem aber bei der Metamorphose durch Stoffzufuhr 
von seiten des Granits Kalksilikate geschaffen wurden. 

Geht man von der StraBenwand mit den Scholleneinschliissen 
die GrimselstraBe aufwarts, so erreicht man nach ca. 250 m eine 
Stelle, an der vor offenbar nicht allzulanger Zeit gegraben 
wurde. Sieht man naher zu, so bemerkt man, daB hier eine 
schmale Marmoreinlagerung im Granit vorliegt (I). Ungefahr 
25 m weiter, an der nachsten StraBenbiegung bemerkt man eine 
zweite leichte Schiirfung, bei der anscheinend der gewiinschte 



272 



Erfolg ausblieb, die aber wiederum einen schonen Marmor ent- 
bloBte (II). 

Diese Marmorvorkommen im Granit werden zuerst Yon 
Baltzer erwahnt. Er niochte sie in Analogie mit andern Yor- 
kommnissen fur abgetrennte, durch Druck marmorisierte Stiicke 
eines Jurakalkkeils halten, ist sich aber der Schwierigkeit dieser 
Auffassung wohl bewuBt. Er schreibt (Lit. I, S. 59): „Fiir die 
isolierten yon mir nachgewiesenen Marmorbander am Schon- 
alphorn, am lauteren See, fiir den Marmor bei der AuBeren 
Urweid, welche alle ganz in Gneis eingeschlossen sind und 
keinen Ubergang in gewohnlichen Kalk zeigen, mochte ich die 
Moglichkeit anderer Entstehung nicht absolut in Abrede stellen. 
Es laBt sich ein strenger Beweis fiir ihre Bildung nicht fiihren, 
obwohl die LagerungSYerhaltnisse die Entstehung durch Um- 
wandlung wahrscheinlich machen." Sauer vertrat dann zuerst 
die Ansicht, daB die Marmorlinsen der AuBeren Urweid groBe, 
YOm Granit eingeschlossene Schollen darstellen, die deutlich 
die Spuren der Kontaktmetamorphose aufweisen (Lit. 38). 
Hugi schlieBt sich dieser Auffassung an und fiigt auch eine 
genauere petrographische Beschreibung der .Marmorlinsen bei 
(Lit. 20). 

Daran kniipft nun eine KontroYerse zwischen Hugi 
und Schmidt an (Lit. 41 und 21). Schmidt gibt nur fiir die 
Schollen an der StraBenwand die eruptive EinschlieBung zu, 
halt aber mit Entschiedenheit die beiden „Marmorlager" fiir 
abgequetschte Teile des Pfaffenkopfkeils. Hugi muB demgegen- 
iiber an der kontaktmetamorphen Bildung und damit an der 
Schollennatur des Marmors festhalten, wobei er allerdings zu- 
gibt, daB hieraus kein Beweis fiir postjurassisches Alter des 
Granits gefiihrt werden diirfe, da es sich ja auch um prame- 
sozoische Kalke handeln konne. Bei dieser Sachlage wird es 
wohl der Miihe wert sein, etwas zur Klarung beizutragen. Es 
sei daher eine kurze Beschreibung der beiden Marmor- 
linsen gegeben. 

Der AufschluB I zeigt rechts die Beriihrung Yon Kalk 
und Granit. Die Spuren mechanischer Beeinflussung sind iiber- 
aus deutlich; sie auBern sich in einer ausgezeichneten Schieferung 
des Kalkes. Oben hurt der Marmor schon ca. 4 m iiber dem 
StraBenniveau auf; unterhalb der StraBe ist er noch festzustellen, 
wiihrend es Hugi nicht gelang, auch jenseits der Aare eine 
Fortsetzung der Linse aufzufinden. Das Gestein ist zum groBten 
Teil ein fettig anzufiihlender, griingefleckter, geschieferter Marmor. 
Es fand Yerwendung als Ofenstein. Die Nahe der StraBe machte 
es unmoglich, mit dem Graben weiter in die Tiefe zu gehen, und 



273 



so muBte der Abbau bald aufhoren. Die petrographische Unter- 
suchung laflt in dem Gestein einen sehr serpentinreichen Marmor 
erkennen, dessen Entstehung imbedingt auf Kontaktmetamorphose 
zuriickzufiihren ist. Da merkwiirdige rundliche Verwachsungen 
von Kalkspat und Serpentin vorkommen, so pragte Hugi sogar 
den Namen „Eozoon helveticum" fiir das interessante Vor- 
kommen. Daneben findet sich noch ein grobkrystalliner dunkler 
serpentinfreier Marmor Yor. Bemerkenswert ist, dafi das Fallen 
der Linse Yiel weniger steil ist (ca. 50° nach SO), als es fiir die 
Schieferung des Granits die Regel ist (ca. 80°). 

Die Marmorlinse II zeigt etwas kompliziertere Verhalt- 
nisse. Die Schurfung entbloflte den Marmor ganz gut, der sich 
nun in merkwiirdig stotzigen Formen dem Beschauer darbietet. 
Das Gestein ist hier nicht serpentinhaltig, sondern ziemlich rein, 
nur mit Yereinzelten Pyritkornern. Die Leute, die hier nach 
„Giltstein" suchten, kamen infolgedessen nicht auf ihre Rechnung. 
Rechts und links des Marmors tritt ein dunkles, hornfelsartiges 
Gestein auf, das mit einigen Schollengesteinen Yon der Strafien- 
wand makroskopisch und mikroskopisch Yollstandig identisch 
ist. Es erscheint gneisartig, mit lagenweise wechselnder Zu- 
sammensetzung. Dimkle biotitreiche Lagen wechseln mit griin- 
lichen ab. U. d. M. zeigt sich die Hauptmasse des Gesteins 
aus rundlichen, stark sericitisierten, nicht zwillingsgestreiften 
Eeldspatkornern gebildet, zwischen denen Biotitblattchen liegen. 
Quarz fehlt fast ganz; dagegen sind kleine Korner Yon Titanit 
und Rutilnadelchen (z. T. in schonen knieformigen Zwillingen) 
recht haufig. In den griinlichen Lagen kommen einzelne Korner 
eines farblosen Augits Yor. Es handelt sich also mit hochster 
Wahrscheinlichkeit um ein stark metamorphosiertes toniges 
Sediment, das die Marmorlinse begieitet. 

Rechts und links Yon diesem Gestein schlieBt sich dann 
der I. Gr. an, der hier ziemlich unruhiges Aussehen aufweist, 
z. T. primare Paralleltextur erkennen la,8t. 

Links der grofien Marmorlinse zeigen sich noch zwei 
kleinere, Yon denen die obere fast ganz zu einem Kalksilikat- 
fels umgebildet ist, wahrend die untere sich durch einen merk- 
wiirdigen grau und weiB gebanderten Marmor auszeichnet. Be- 
achtenswert ist, daB diese beiden Linsen (besonders fur die 
obere ist dies deutlich) fast genau senkrecht zur Hauptlinse 
streichen. 

Nach allem Erwahnten laBt sich keinBeweis gegen die 
Scho llennatur der beiden Marmorlinsen Yorbringen. Die 
Grofle und das lagerformige Auftreten ist kein Gegengrimd. 

Zeitschr. d. "D. Geol. Ges. 1914. 18 



274 




Man kennt z. B. aus dem Odenwald linsenformige Einlagerungen 
von Marmor in Granit, die ausgezeichnet schone Kontakt- 
mineralien fiihren, und deren Schollennatur sicher festgestellt 
ist. Bei Auerbach ist ein ganzer Zug soldier Marmorlinsen 
auf 3,5 km Entfernung zu verfolgen; die grofite ist 600 m lang 
und 45 m machtig. Diese MaBe gehen also weit uber die 
Dimensionen der Marmorlinsen von der GrimselstraBe hinaus! 
Interessant ist, daB auch der Marmor von Auerback von einem 
anderen sedimentaren Gestein begleitet ist, mit dem er ge- 
meinsam vom Granit umschlossen wurde (vgl. Lit. 12). 

Auch aus der deutlicben mechanischen Beeinflussung der 
Marmorlinsen laBt sich kein Beweis dafiir fiihren, daB in dem 



tBenifaiiuitocfi 




M Marmorlinsen der AuBeren Urweid. 



Fig. 7. 
MaBstab 1: 100000. 

Marmor abgequetschte Teile des Pfaffenkopfkeils vorliegen. 
Der intensive Druck, der bei der Alpenfaltung auf die ganze 
Masse des I. Gr. einwirkte, hat natiirlich auch eingeschlossene 
Schollen nicht verschont. Yielleicht loste er sich in dem sonst 
so einheitlichen I. Gr. gerade an derartigen Stellen der In- 
homogenitat besonders leicht und intensiv aus, so daB dadurch 
so merkwiirdige Yerbiegungen, wie sie neben der Marmorlinse II 
auftreten, zu erklaren waren. Dagegen zeigt die mikroskopische 
Untersuchung von Graniten aus nachster Nahe der Marmorlinse, 
daB dieselben nur maBige mechanische Deformationen erlitten 
haben, keinesfalls derartige, wie sie bei einer so tiefgreifenden 
Einfaltung des Marmors zu finden sein miiBten. 

Scnon die Lage der beiden „Marmorlager" schlieBt iibrigens 
eine solche Annahme aus (vgl. Fig. 7). Wenn man annehmen wollte, 
daB das Ende des Pfaffenkopfkeils abgequetscht und durch Be- 
wegungen des Granits auf den Schieferimgsflachen bis in die 
Hohe der StraBe verschleppt worden ware (langs der Linie AB), 
dann muBte dieser abgequetschte Kalk etwa bei Punkt B, also 
1 — 2 km oberhalb des tatsachlichen Yorkommens anstehen. 
Betrachten wir, wie spater genauer auszufiihren sein wird , die 



275 



Flache D — C — A als die primare Auflagerungsflache der Sedi- 
mente auf dem G-ranit, so ist nicht zu verstehen, durch welche 
tektonischen Bewegungen ein Stuck des Sedimentmantels unter 
diese Flache hatte heruntergezerrt werden konnen. Ein Grund 
gegen mechanische Einfaltung ist m. E. auch das abweichende 
(urn 90° verschiedene) Streichen der beiden kleineren Marmor- 
linsen II sowie das flache Einfallen der Marmorlinse I. 

Es lassen sich also gegen die Schollennatur der Marmor- 
linsen keine sti chhaltigen Griinde yorbringen, dagegen 
konnen positive Beweise fiir dieselbe angefiihrt werden. 

Wie schon erwahnt stimmt das Gestein rechts und links 
der Marmorlinse II vollstandig mit einigen Schollen yod der 
Straflenwand iiberein. Gibt man dort die Schollennatur zu, so 
wird man sie auch hier annehmen miissen. Die Marmorlinse 
vvurde also nicht isoliert vom Magma des I. Gr. eingeschlossen, 
sondern noch mit Stucken ihres Nebengesteins, so daB wir jetzt 
eine zusammengesetzte Scholle yor uns haben. (Dasselbe 
ist, wie schon erwahnt, fiir den Marmor von Auerbach fest- 
gestellt worden.) 

An der Straflenwand ist leicht die pegmatitische Randfacies 
zu beobachten, die der Granit gegen die Schollen hin ausbildet; 
dieselbe Randfacies konnte an der Marmorlinse II aufgefunden 
werden. 

SchlieBlich liegt der starkste und ausschlaggebende Beweis 
fiir eruptive Einschliefmng der Marmorlinsen in dem Auftreten 
zahlreicher und typischer K ontaktmin e rali en sowie der 
charakteristischen Kontaktstrukturen. Eine Mineralkombination 
von Granat, Augit, Yesuvian, Forsterit (bzw. Serpentin) wird 
sich nie durch Regional- oder Dynamometamorphose erklaren 
lassen. 

Nach alledem kann es kaum mehr einem Zweifel unter- 
liegen, daB in den Marmorlinsen der Aufleren Urweid 
echte kontaktmetam orphe Schollengesteine vorliegem 

Dasselbe ist mit grofier Wahrscheinlichkeit bei den iibrigen 
MarmorYOrkommen der Fall. Merkwurdige Yerhaltnisse herrschen 
am Lauteren See (oberbalb Speicherbergalp). Hier ist mitten 
in einem ziemlich reinen Marmor unvermittelt eine Lage von 
Silikaten eingeschaltet, die typische Kontaktmineralien aufweist. 
Es muQ daraus auf kontaktmetamorphe Entstehung dieses 
Marmors und damit auch auf Schollennatur geschlossen werden. 
Mechanische Einfaltung im Sinne Baltzers ist demnach aus- 
geschlossen. Ob dies vielleicht sogar fiir den ganzen „oberen 

18* 



276 



KalkkeiP' des Pfaffenkopfs zutrifft, fur dessen Yerlangerung der 
Marmor vom Lauteren See von Baltzer gehalten wurde, wage 
ich aus Mangel an Beobachtungen nicht zu entscheiden. 

Scbwierig liegen die Yerhaltnisse beim Marmor von 
Schaftelen. Baltzer halt ihn fur die Eortsetzung des Haupt- 
keils vom Pfaffenkopf, also fur mechanich eingefaltet und mar- 
morisiert. Dafiir wiirde die Tatsacbe sprechen, da!3 die groftte 
Marmorlinse yon Schaftelen in stark geschiefertem I. Gr. liegt. 
Jedocb sollte aucb bier das abgequetscbte und verschleppte 
Ende des Keils eigentlicb weiter siidlicb, gegen das Trifttal bin, 
gesucbt werden. Nur die petrograpbiscbe Untersucbung kann 
entscbeiden. Diese zeigt, daB aucb die Marmorlinsen von 
Schaftelen Kontaktmineralien fiibren, allerdings nicbt so zahl- 
reicb wie die Kalkschollen der GrimselstraBe. Der Marrnor der 
zweiten Linse (an der scbarfen StraBenwendung oberbalb der 
Hauptlinse), der mecbaniscb kaum verandert wurde, zeigt u. d. M. 
kleine Korner Yon Granat und zwillingsgestreiftem Augit, meist 
in Kalkspatkr)^stalle vollstandig eingescblossen. Hugi erwahnt 
nocb mehr Kontaktmineralien von dieser Lokalitat, darunter 
aucb solcbe, die fiir eine pneumatolytische Einwirkung von 
seiten des Granits sprecben (Lit. 20). Demnacbl ware 
aucb der Marmor von Scbaftelen kontaktmetamorpber 
Entstebung; aucb er wiirde eine riesige im I. Gr. scbwimmende 
Scbolle darstellen. Besonders die Hauptlinse unterlag dann bei 
der tertiaren Gebirgsbewegung gewaltigen Druckkraften ; sie 
liegt in einer Quetschzone des I. Gr. Dies bewirkte eine 
stark ausgepragte Scbieferung des Marmors, dann aber aucb 
lebbaften sekundaren Umsatz des Kalkes durcb Losungen. Die 
Spalten, die im benacbbarten Granit aufrissen, wurden von 
Kalk wieder ausgefiillt, und so seben wir den Granit der 
naberen Umgebung des Marmors durcbzogen von zablreichen 
Kalkspatadern. U. d. M. zeigt sicb das granitiscbe Gestein oft 
durcb und durcb impragniert von sekundaren Kalkspatkrystallchen. 

Sucben wir die allgemeine Bedeutung der Scbollen 
zu prazisieren, so konnen wir uns folgende Anscbauung von 
ibnen bilden: In diesen Scbollen liegen uns die Reste eines 
unbekannten Sedimentkomplexes vor, in den der I. Gr. 
eruptiv eindrang. Dieses Gestein erscheint infolgedessen 
intensiv durcbdrungen von sedimentarem Material, das von ibm 
mebr oder weniger vollstandig assimiliert wurde. Der Tonerde- 
iiberschuB und die Pinitfiibrung des I. Gr. sind die ersten An- 
zeicben fiir sedimentare Beimiscbungen. Yon bier bis zu der 
groJBen, mebrere hundert Meter messenden Scbolle besteben alle 



277 



moglicfren tibergange. Der I. Gr. ist also em Batholith im 
Sinn von E. Suess, d. h. ein Intrusivkorper, der sich durch 
Aufschmelzen der Sedimente Platz geschaffen hat. Yielleicht 
ist am Kanderfirn noch der urspriingliche Verband des nord- 
lichen Granits mit dem zertriimmerten Sedimentdach erhalten, 
obgleich moglicherweise eine Yerwechslung mit dem untersten 
Glied des autochthonen Sedimentmantels, der Arkose, in der 
Beschreibung Truningers (Lit. 49) stattfand. Auch Staub wies 
bereits darauf hin (Lit. 44, S. 16). 

Die Aufstellung verschiedener Zonen („ Assimilations- und 
Injektionszone" Truningers) lafit sicli fur den I. Gr. nicht recht- 
fertigen. Die Schollen sind unregelmaBig liber das ganze Gebiet 
yerteilt. Wenn es bei Staub (Lit. 44, S. 19) heiflt: „Gute Auf- 
schliisse von Injektionszonen treffen wir bei der AuBeren Urweid 
im Aaretal", so inuB dagegea Widerspruch erhoben werden. 
Es handelt sich nur um eine Wand mit durchaderten Schollen- 
einschliissen, nicht um Injektion im engeren Sinne. Hieraus 
eine „Zone" abzuleiten, ist unzulassig. 

Aus diesen Ausfuhrungen geht nun schlieBlich auch hervor, 
daB die Scholle vom SustenpaB nicht in diesem Zu- 
sammenhang genannt werden darf, wie das yon Sauer 
geschehen ist, der nach seiner ersten kurzen Mitteilung (Lit. 38) 
iiber das Yorkommen yon Wollastonitfels am SustenpaB geneigt 
war, diesen als Einschlufi des I.Gr. anzusehen. In dieser 
Scholle wechsellagern yielmehr Erstfelder Sedimentgneise mit 
Kalksilikatfelsen; das Ganze schwimmt im Erstfelder Eruptiv- 
gneis, einem yon I.Gr. scharf zu unterscheidenden Magma. Sie 
bildet also wohl ein Analogon zu den Schollen im I.Gr., besitzt 
aber anderes Alter. Auch liegt sie nicht in der Yerlangerung 
der Linie Urweid — Schaftelen — Feldmoos, sondern mindestens 
2 — 3 km siidlich dayon. 

V. Mechauische Deformation des Ianertkircliener Granits. 

Folgt man der neuen Grim s els traB e mit ihren schonen 
Aufschlussen yon der AuBeren Urweid bis gegen Boden, so 
erhalt man zunachst den Eindruck, durch recht yerschiedenartige 
Gesteiue zu kommen (vgl. Lit. 4, S. 342). Zuerst befindet man 
sich noch im typischen I.Gr.; dann folgen stark geschieferte 
Gesteine, die sich aber noch recht gut als Granit erkennen 
lassen; schliefilich kommen bei dem kleinen StraBentunnel, iiber 
den ein Bach herabstiirzt, griine, fettig anzufiihlende Schiefer. 
Nach einer kurzen Unterbrechung der Aufschliisse steht bei 
der Wirtschaft zur Inneren Urweid wieder ein ziemlich un- 
yerandertes Gestein mit groBen Feldspaten an, das kleine 



278 



Schollen von Kalksilikatfels fiihrt. Sie gleichen den Einschliissen 
von der AuBeren Urweid; das einschlietfende Gestein ist sicher 
I.Gr. Weiter aufwarts finden sich wieder griinliche, schiefrigc 
Gesteine in ziemlich wechselnder Ausbildung bis ca. 200 in 
unterhalb der Bodenbriicke. Sie sind den weiter unten an- 
stehenden Schiefern durchaus ahnlich. 

Schlagt man nun aus dieser Reihe scheinbar verschiedener 
Gesteine eine Serie von Handstiicken und unterwirft diese einer 
eingehenden Vergleichung, so findet man bald alle nur ge- 
wiinschten Ubergange vom Granit bis zum griinen 
Schiefer. Besonders schon und auf geringe Entfernung zu- 
sammengedrangt sind diese Ubergange von km 3 bis zum 
StrafSentunnel (ungef. bei km 3,3) zu studieren. — Es wiirde 
sich. also auf der ganzen Strecke nur um ein Gestein, den 
I-Gr. handeln, der aber zum groBen Teil in stark umgewandeltem 
Zu stand vorliegen wiirde. Fragen wir nach der Art der Meta- 
morphose, so konnen wir nach den Beobachtungen am Anstehenden 
und am Handstiick keinen Augenblick im Zweifel sein, dafi es 
in erster Linie eine Umwandlung durch Druck ist. Uber- 
all zeigt sich das Gestein von Flachen durchzogen, die durch 
vorziigliche Rutschstreifung ihre Entstehung durch Druck zu 
erkennen geben. Die Rutschstreifen beweisen zugleich, dafi 
scherende und gleitende Bewegungen auf diesen Flachen statt- 
gefunden haben. Die S chief erungsflachen sind alle gleich 
orientiert; sie treten zuerst in mafligem Abstand voneinander 
auf und scharen sich schliei31ich immer dichter: aus dem 
Granit wird ein geschieferter Granit („ Gneis"), schliefilich 
ein Schiefer. Nicht selten kann man bei diesem Vorgang 
beobachten, wie einzelne Bestandteile des Granits (z. B. Feld- 
spate) in Schuppen zerpreBt und diese dachziegelartig iiber- 
einandergeschoben werden. 

Mit dieser mechanischen Schieferung gehen gewisse chemisch- 
mineralogische Yeranderungen des Gesteins Hand in Hand. 
Die S chief erungsflachen werden nach und nach immer dichter 
uberzogen von griinlichen Seri cithauten, die schlieBlich dem 
Endprodukt seinen charakteristischen Habitus verleihea. 

Die Ebene, nach der die Schieferung erfolgt, liegt im 
alpinen Streichen und fallt nach S uuter einem Winkel von 
65 — 70° ein. Naturlich ist diese Schieferung auch fur die 
Yerwitterung und Ablbsung des Gesteins von Bedeutung, und 
so kommt es, daB sie an den Gebirgsgraten schon heraustritt 
und schon von weitem gut zu erkennen ist. 

AuJ3er dieser Hauptschieferungsebene macht sich besonders 
an der GrimselstraBe noch eine zweite geltend, die unter ca. 



279 



20—25° nach SO einfallt. Abbildung 1 auf Taf. XXI zeigt diese 
doppelte Scbieferung des Granits im Einscbnitt bei km 3. 
Auch weiter aufwarts gegen die Tonende Fluh hin ist diese 
zweite, flacher liegende Druckflacbe sebr deutlich zu erkennen 
und oft mit wunderscbonen Rutschstreifen verseben. Sie scbeint 
jiinger zu sein als die steilstehende Hauptscbieferungsflacbe. 
Die doppelte Scbieferung verursacht die Erscbeinung, daB Hand- 
stiicke nacb beiden Flacben spalten und ganz bestimmte, scbief 
prismatiscbe Formen annehmen. 

Abulicbes, vor allem aucb prachtvolle Rutschflacben, zeigt 
der'neuere Anscbnitt des GadmentalstraBcbens bei Hopflauenen. 
(Ganz dieselben Gesteine, die wir an der GrimselstraBe als 
Druckprodukte aus I.Gr. erkennen, finden sicb am Gstelliborn, 
im Urbacbtal, bei Scbaftelen, im Trifttal unterbalb Triftalp, 
bei Feldmoos. Aucb auf Typen von diesen Lokalitaten soil 
im folgenden Bezug genommen werden.) 

Bringt uns so scbon die Beobachtung im Freien und am 
Handstiick zu der Anscbauung, dafi die Gesteine der Grimsel- 
straBe durcb Druck aus I.Gr. entstanden seien, so erbebt die 
Untersucbung der mikroskopiscben Strukturen diese 
Annabme zur GewiBbeit. U. d. M. laBt sicb die Umbildung des 
I.Gr. bis zum griinlichen Sericitscbiefer in alien ibren Stadien 
verfolgen. Gesteine, die auf einer mittleren Stufe der Um- 
bildung steben blieben, zeigen uns den Weg, den die starkst- 
metamorpbosierten durcblaufen muBteu. — Dann laBt uns die 
mikroskopiscbe Untersucbung aber aucb die Faktoren erkennen, 
die durcb ibr Zusammenwirken die Umwandlung des Gesteins 
hervorgerufen baben. 

Yersucben wir, aus der kontinuierlicben Reibe der Um- 
wandlungsprodukte Typen berauszubeben, so konnen wir sie 
mit den Namen gepreBter Granit, gescbief erter Granit, 
(=„Gneis") und S ericitschiefer bezeicbnen. Aucb bei der 
mikroskopiscben Bescbreibung sollen im folgenden diese drei 
wicbtigsten Stadien der mecbaniscben Verarbeitung des 
Granits auseinandergebalten werden. 

Alle untersucbten Diinnscbliffe des I.Gr. wiesen 
schon deutlicbe Spuren einer Pressung des Gesteins auf, 
und es scbeint, daB ein vollig intaktes Gestein im Innert- 
kircbener Gebiet uberbaupt nicht ansteht. (Es wurde darauf 
zum Teil scbon fruber bingewiesen; Ygl. S. 262.) Die beiden 
Gemengteile, die die Einwirkung von Druck zuerst erkennen 
lassen, sind Quarz und Biotit. Bei Quarz auBert sie sich 
zunacbst in der bekannten undulosen Ausloscbuug. Jedoch 



280 



scbon dieses erste Stadium ist relativ selten zu beobachten; 
meist zeigt sich der Quarz bereits in optisch verschieden 
orientierte Felder zerfallen, die mit einfachen Begrenzimgslinien 
aneinanderstoBen; Spriinge lassen sich dabei nicht beobachten. 
Damit scheint sich die Spannung zunachst ausgelost zu haben: 
die einzelnen durch Zerfall entstandenen Felder zeigen keine Un- 
dulation mehr. In spateren Stadien der Pressung setzt sich 
dieser Zerfall fort. Dabei tritt nun hie und da ein intensiv 
zackiges Ineinandergreifen der entstandenen Felder auf, das 
recht bizarre Formen entstehen laBt. Dazu kann sich noch 
eine lebhafte Undulation gesellen, die haufig in parallelen 
Wellen uber den Krystall weglauft und dadurch eine bestimrate 
Richtung des Drucks zu erkennen gibt. (Es ist diese Er- 
scheinung nicht zu Yerwechseln mit der Parallelstreifigkeit des 
Quarzes, die erst spater auftritt.) 

Bio tit zeigt zu Anfang leichte Biegungen und Stauchungen. 
Dabei lockert sich der Verband der einzelnen Lamellen, die 
aneinander verschoben oder aufgeblattert werden. Die Steigerung 
dieser Erscheinungen laflt sich deutlich yerfolgen; es entstehen 
immer starkere Biegungen und Zerknauelungen. 

F elds pat erleidet erst lange nach Quarz Druckdeforma- 
tionen; auch er zeigt zuerst Undulation, dann Zerbrechung. 
Plagioklas scheint dabei erheblich sproder zu sein als Orthoklas. 

Interessant ist es, wie der Pinit auf Druck reagiert. Da 
er ja eigentlich nur ein Aggregat feinster Muscovitschiippchen 
darstellt, so ist es sehr wohl verstandlich, daB es recht leicht 
geschieht, und daJ3 sich der Pinit dabei annahernd plastisch 
verhalt. Es hat oft den Anschein, als ob er in Spalten, die 
in seiner Nahe aufbrechen, plastisch hineingepreBt wiirde. 
Meist erzeugt der Druck im Pinit Flasern und Strahnen, die 
aus gleich ausloschenden Muscovitkrystallchen bestehen und 
senkrecht zur Druckrichtung yerlaufen. Auf einer ahnlichen 
Orientierung dieser Teilchen beruhen auch merkwiirdige Ma- 
anderbildungen im Pinit, die in einem Gestein der Urbachsteige 
gefunden wurden. 

Schon sehr bald lassen sich u. d. M. Spriinge und 
Spalten im Gestein feststellen. Sie folgen zuerst noch den 
Grenzen, in denen die einzelnen Gemengteile aneinanderstoBen, 
lassen aber oft schon deutlich in ihrer Gesamtheit eine ein- 
heitliche Pichtung erkennen: die Richtung normal zum wirken- 
den StreB. Wo ein solcher Sprung durch einen Feldspat hin- 
durchsetzt, zeigt er sich oft durch eine Spaltflache, also eine 
Fliiche geringerer Kohasion des Krvstalls, abgelenkt. Dadurch 
wurde nun natiirlich eine auBerordentliche Lockerung des Ge- 



281 



steinsgefiiges hervorgerufen und Yor allem dem Wasser der 
Zugang eroffnet. Dieses konnte nun iiberall leicht eindringen 
und im Gestein seine Arbeit yerrichten. Im Zusammenhang 
damit stehen die ch emis chen Yeran derun gen der Ge- 
stein sk omp on ent en. Sie sind also nicht als direkte Wir- 
kungen des Druckes zu denken, in dem Sinne, daJ3 der Druck 
die chemische Reaktion yeranlasse. Sie sind yielmehr nur 
sekundare Wirkungen des Druckes: das Gestein wird durch ihn 
aufgelockert, so daB die chemisch wirksamen Agenzien ein- 
dringen konnen. Auch an den einzelnen Mineralien ist ihnen 
durch Zerbrechungen und Aufblatterungen der Angriff erleichtert. 

Dies gilt z. B. yon der Bildung von Chlorit aus Biotit. 
Sehr haufig ist ein Zusammenhang zwischen Chloritisierung 
des Biotits und Starke der mechanischen Beeinflussung zu 
-erkennen. Am aufgeblatterten und yerbogenen Biotit fin den die 
umwandelnden Agenzien leichteren Zugang; die Chloritisierung 
wird also rascher und griindlicher yor sich gehen. 

Ahnlich yerhalt es sich mit der Sericitisierung der 
Feldspate. Oft beginnt sie an neu entstandenen Druckspalten, 
sie kann aber auch in sehr verschiedener anderer Weise 
sich vollziehen. In manchen Fallen treten einzelne Sericit- 
blattchen isoliert im Feldspat auf; es kann der ganze Krystall 
wie yon einem diinnen Netzwerk iiberzogen sein oder schlieB- 
lich vollstandig in einen dicken Filz yon Glimmer verwandelt 
■erscheinen. 

An diese chemischen Yeranderungen der Mineralien an 
Ort und Stelle schlieBen sich nun die Erscheinungen an, die 
man zusammenfassend als „Transport durch Losung" be- 
zeichnen kann. Feldspate (Orthoklas und Plagioklas) zeigen 
sich oft yon einer klaren Hiille umgeben, die auch aus Feld- 
spatsubstanz besteht, aber die trubenden Yerwitterungseinschliisse 
nicht enthalt; sie ist offenbar schon an den in Yerwitterung 
begriffenen Krystall angewachsen. Untersucht man derartige 
Anwachsrander genauer, so lassen sie haufig etwas hohere 
Lichtbrechung als der umwachsene Feldspat erkennen; iiberall 
zeigen sie mit ihm die gleiche krystallographische Orientierung. 
Derartige Bildungen im fertigen Gestein sind nur durch Zir- 
kulation wasseriger Losungen auf Spaltensystemen zu erklaren; 
was an einer Stelle gelost wird, kommt an der andern wieder 
zur Ausscheidung. 

Diesen „Losungstransport" macht nun yor alien anderen 
Mineralien der Quarz mit. Hie und da bemerkt man in 
einem Feldspat einen Sprung, eine kleine Reibungszone. Das 
Ganze ist aber yollstandig wieder yerkittet durch eingedrunge- 



282 



nen Quarz. Ebenso findet er sich zwischen den aufgeblatterten 
Lamellen von Biotit; wo uberhaupt eine Spalte oder ein 
Sprung auftritt, wird sie von Quarzsubstanz wieder verheilt. 

Dabei zeigt sich der Quarz meist noch begleitet von 
anderen Mineralien, besonders von Chlorit. Seine Yer- 
breitung bat in dem sich zersetzenden Biotit ihren TTrsprung; 
in seiner Nahe ist der sekundar ausgeschiedene Chlorit am 
haufigsten. Gern setzt er sich auch mit merkwiirdig zackig- 
fransigem Rand an unveranderten Biotit an. Haufig scheidet 
sich der Chlorit gemeinsam mit Quarz aus; er begibt sich aber 
auch all ein auf die Wanderung. Manche Feldspatkrystalle sind 
ganz von Chlorit erfullt, der offenbar auf Spaltnachen eindrang. 

In geringerer Menge als Chlorit findet man kleine Kry- 
stalle von Kalkspat. Sie sind wohl zumeist aus der Zer- 
setzung des Kalknatronfeldspats unter Einwirkung kohlensaure- 
haltigen Wassers entstanden. In anderen Fallen, so z. B. in der 
Nahe von Marmorlinsen, muB wegen der groBen Menge des Kalk- 
spats an ein Eindringen kalkhaltiger Losungen gedacht werden. 

Als viertes Spaltenmineral muB der Muscovit angefuhrt 
werden, der auch besonders mit Quarz zusammen auftritt. Er 
geht haufig aus Biotit hervor und findet sich als Zersetzungs- 
produkt dieses Minerals vergesellschaftet mit Chlorit. Noch 
haufiger entsteht er jedoch aus Feldspat (Orthoklas und Pla- 
gioklas). Da bei der Yerwandlung von Feldspat in Muscovit 
Kieselsaure frei wird, so muB wohl ein Teil des spaltenfiillen- 
den sekunda.ren Quarzes auf Rechnung dieses Yorganges gesetzt 
werden. Haufig sind Sprunge im Feldspat von einem Gemenge von 
Quarz und Muscovit erfullt; seltner geschieht die Yerkittung durch 
klare Feldspatsubstanz, die Albitlamellierung aufweisen kann. 

Eine derartige Spaltenbildung, wie sie im vorstehenden 
beschrieben wurde, die gefolgt ist von einer Zirkulation wasse- 
riger Losungen, welche geloste Stoffe transport! eren und wieder 
zur Ausscheidung bringen, kann naturlich in alien Stadien und 
Dimensionen verfolgt werden. In diesem Zusammenhang ware 
deshalb auch die petrographische Beschreibung der Aus- 
fiillungen groBerer ZerreiBungsspalten einzufiigen, ob- 
wohl diese Erscheinungen mit dem Gang der Metamorphose 
nicht notwendig zusammenhangen wiirden. Solche Spalten von 
ca. 1 cm Breite sind nicht allzu selten, sie enthalten dieselben 
Mineralien wie die mikroskopischen Spaltensysteme. — Hie und 
da, so z. B. an einem Gestein von der GrimselstraBe, liiBt sich 
schou makroskopisch erkennen, daB sich die Substanz der Spalte 
senkrecht zu den Wanden orientiert. U. d. M. ist dies noch 



283 



deutlicher. Die Hauptmasse der Ausfiillung besteht aus Quarz, 
der sich in eigentiimlich stengligen Formen senkrecht zu der 
Spaltenwand einstellt; in derselben Kichtimg sind prismatische 
Epidotkrystalle eingewachsen. 

Sehr interessant sind Bildungen in einer Spaltenausfiillung 
eines Gesteins vom SustenpaB (Kehren vonFeldruoos). Eskommen 
hier Einwachsungen von wurmformig gebogenem Chlorit (Hel- 
minth) in Quarz vor. Sie beweisen die gleichzeitige Aus- 
scheidung beider Mineralien aus wasseriger Losung. Daneben 
haben sich schone groBe Kalkspatkrystalle gebildet. Beachtens- 
wert ist schlieBlich das Auftreten von S chachbrettalbit. Er 
kommt nach Becke (Lit. 8) in Gesteinen vor, die einen „ur- 
sprunglichen Gehalt an Kalifeldspat aufweisen und starker 
Umwandlung ausgesetzt waren". Hier in der Spaltenausfiillung 
muB er einfach auf wasserigem Wege entstanden sein. 

Damit waren die im ersten Stadium der Metamorphose 
auftretenden Erscheinungen in der Hauptsache geschildert. Der 
Beginn der Gesteinsumbildung ist gekennzeichnet durch 
maBige Zerbrechungen der Komponenten sowie durch die 
Bildung mikroskopischer Spalten. Das auf diesen eindringende 
Wasser verursacht chemische Yeranderungen der Gemengteile 
und verrichtet einen nicht unbedeutenden Stofftransport durch 
Losung und Wiederausscheidung des GelOsten an anderer 
Stelle. Dadurch wird das Ganze wieder zusammengekittet,. die 
Spalten wieder ausgefullt. Natiirlich findet dieser letztere 
Vorgang erst statt, nachdem die pressenden Krafte wieder zur 
Ruhe gekommen sind. 

Parallelstellung des Glimmers wird in diesem Stadium 
noch nicht erreicht; dieser Yorgang ist charakteristisch fur 
das folgende zweite Stadium. 

Die Spaltenbildung wird lebhafter; die Kliifte mehren sich 
zusehends und scharen sich spitzwinklig. Es erfolgen nun 
auf diesen Flachen gleitende, scherende Bewegungen, die vor 
allem den Biotit erfassen und in ihre Richtung hineinzerren. 
Die groBe Gleitfahigkeit des Glimmers auf den Spaltflachen be- 
gunstigt diesen Yorgang. Steht ein Biotit mit seiner Spalt- 
richtung senkrecht zu einer neu entstehenden Druckkluft, so wird 
er zunachst zusammengeschoben und gefaltet; dann werden 
seitlich Teile von ihm abgeschert und durch Bewegungen langs 
der Kluftflache in diese Richtung hineingezerrt. Bei manchen 
Biotiten gelang dieser Yorgang nur zur Halfte: ein Teil ist 
mechanisch in die Schieferungsrichtung hineingezogen, der 



284 



andere laflt noch seine urspriingliche Lage erkennen. Andere 
Biotite sind dagegen yollkomrnen in diese sekundare Parallel- 
textur aufgenommen worden. Liegt ein Biotit mit seinen Spalt- 
flachen von yornherein in der Kluftrichtung, so werden die 
einzelnen Laniellen auseinandergeschoben, in der Kluft yer- 
schleppt, so dafi schlieBlich aus dem dicken Paket eine diinne 
Flaser entsteht. 

Neben dieser Au s bil dung einer Paralleltextur schrei- 
tet sowohl die mechanische Zertriimmerung als auch die Losungs- 
tatigkeit fort. Quarz zeigt immer wildere Undulation und 
weist nun, also in einem ziemlich weit yorgeschrittenen Stadium 
der Pressung, auch die von manchen Autoren schon erwahnte 
Streifung auf. (Vgl. Taf. XX, Abb. 4.) Es handelt sich hier- 
bei nicht um eine verfeinerte „Parallelundulation" ; die feine, in 
ihrer Breite sehr konstant bleibende Streifung zieht vielmehr 
geradlinig tiber den Quarz bin w eg. Bei schiefer Beleuchtung 
lassen sich deutlich Differenzen in der Lichtbrechung erkennen; 
es liegt also eine gesetzmaBige Verwachsung yerschieden orien- 
tierter Krystallsubstanz, d. h. eine Zwillingsbildung yor. Uber 
die Streifung her kann sich noch die gewohnliche Undulation 
legen. 

An anderen Stellen bilden sich aus dem Quarz ganze 
Trummerfelder mit groBeren und kleineren Bruchstiicken. All- 
mahlich nehmen auch Zerbrechungserscheinungen im Feldspat 
immer mehr zu; die einzelnen Bruchstiicke werden dabei mit 
ihrer Langsausdehnung in die Richtung der Gesteinsschieferung 
hineingeprefit. Schone Zerbrechungserscheinungen im Feldspat 
zeigt Taf. XX, Fig. 5. Interessant ist, daB der Krystall oben 
rechts bruchlose plastische Deformation zeigt. 

An den Pandern der Feldspate werden oft durch gegen- 
seitige Peibung Stiicke abgerissen und dadurch eine Art 
Triimmerzone gebildet, die dann meist durch Quarz wieder 
yerkittet wird. Eine tiberaus feinkornige Triimmermasse, die yiel- 
leicht durch Abreibung der Komponenten aneinander entstanden 
ist und deshalb yielfach als „Gereibsel" bezeichnet wird, 
yerbreitet sich weithin im Gestein und sammelt sich besonders 
in den sogenannten „toten Raumen" an, die nun auch auf- 
zutreten beginnen. Sie entstehen dadurch, dafi ein Quarz- 
oder Feldspatkrystall in die Schieferungsrichtung hereingedrebt 
wird. Dabei wird an den Enden cles Krystalls ein leerer 
Paum iibrigbleiben, der nun yon anderen Substanzen ausge- 
fiillt wird. Es sammelt sich darin klastisches Material der 
Umgebung („Gereibsel") ; daneben werden yon zirkulierenden 
Losungen Stoffe ausgeschieden. So linden sich in den „toten 



285 



Raumen" Quarz, kleine Feldspatfragmente, Chlorit und Sericit 
zum einem Ganzen yerkittet. 

Damit wurde die Losungstatigkeit berlihrt; sie ist auch 
fur dieses Stadium yon groBter Bedeutung. Inmitten eines 
stark gestorten Gesteins sieht man oft in der Richtung der 
Schieferung ganz schwach gestortc langliche Quarze liegen; sie 
weisen z. T. kaum undulose Ausloschung auf. Ihre Entstehung 
muB man sich wohl auf dem Wege der Ausscheidung aus 
wasseriger Losung denken. Haufig sind auch linsenformige, 
sogenannte „geschwanzte Quarze." Sie sind sicher zum 
Teil so entstanden, daB ein toter Raum, der hinter einem 
Quarzkrystall freiblieb, sich mit Quarzsubstanz ausfullte, die 
sich in gieicher Orientierung anfiigte. 

Nachst diesen Erscheinungen beherrscht der immer 
reichlicher auftretende Sericit das Strukturbild des Gesteins. 
Das Netz yon Sericit, yon dem die Feldspate durchnochten 
werden, wird immer dichter; immer mehr tritt der Sericit 
dann auch aus dem Feldspat heraus und sammelt sich auf 
den Schieferungsflachen in glanzenden Hauten an ; diese er- 
scheinen im Diinnschliff als breite Bahnen, die als „Sericit- 
strahnen" bezeichnet werden. 

Die Erscheinungen im zweiten Stadium der Metamorphose 
yermogen das Bild der granitischen Gesteinsstruktur noch nicht 
zu verwischen. Ch ar akteristisch ist die Parallelsteilung 
der Biotite, die fruher den Namen „Gneis" rechtfertigte. 
Jedoch merkt man dieser Paralleltextur ohne Schwierigkeit 
das Gewaltsame ihrer Entstehung an. 

Das dritte Stadium in der mechanischen Yerarbeitung 
des I. Gr. stellen die Gesteine dar, die Baltzer als „Sericit- 
s chief er" ausschied. Sie weisen gegeniiber dem „Gneis- 
stadium" keine neuen Strukturmerkmale auf. Wir sehen je- 
doch sowohl die Zertrummerung als die Umkrystallisation 
immer groBeren Umfang annehmen, so daB die Granitstruktur 
immer undeutlicher und endlich fast ganz yerwischt wird. 

Das dritte Stadium kann man mit einer Flaserung des 
„Gneises" beginnen lassen. Es bilden sich stark ere Kliifte heraus, 
langs deren dieGemengteile intensiy zermalmt werden. Dazwischen 
yerbleiben linsenformige Partien geringerer Storung. Der 
Biotit zeigt zeigt dieselben Deformationen, wie sie bereits be- 
schrieben wurden; nur sind die einzelnen Lamellen noch yiel 
weiter ausgezogen und yerschleppt, was auf starkere Scher- 
bewegungen schlieBen laBt. Oft umschmiegt er groBere Feld- 
spate oder Quarze und hiillt sie yollstandig ein. Besonders 



286 



gilt dies aber von den Sericitstrahnen, die immer groBere Be- 
deutung erlangen. Starkere und scbwacbere Babnen durcb- 
flechten das ganze Gestein, vor alleni aucb die Trtiinmerfelder 
mit ibren langlicben Brucbstiicken von Quarz und Feldspat. 
Unverkennbar ist das Bestreben, die einzelnen Trummer in 
die Schieferungsricbtung einzustellen. Die „toten Raunie," die 
dabei entstehen niuBten, sind bereits erwabnt. Das Yerbalten 
dcs Quarzes ist uberaus wecbselnd und unberecbenbar ; zum 
Teil zeigt er die wildesten optiscben Storungen und mecbani- 
schen Zerbrecbungen; daneben finden sich Krystalle, die fast 
nicbts von alledem erkennen lassen. Man konnte geradezu 
sagen: In den am starksten geprefiten Gesteinen ist der Quarz 
am ungestortesten. Diese Erscbeinung laBt sieb nur durcb 
Umkrvstallisation erklaren. Der Feldspat wird immer mehr 
durcb Sericit ersetzt und Yerscbwindet schlieBlicb ganz, so 
dafi wir als Eiidprodukt der Umbildung des I. Gr. 
Gesteine erbalten, die nur nocb aus Quarz, Sericit 
und Cblorit zusammengesetzt sind. Ein instruktives 
Strukturbild aus einem derartigen Gestein zeigt Taf. XX, Fig. 6. 

Yersucben wir das zusammenzufassen, was uns die mikro- 
skopiscbe Untersucbung uber die Metamorpbose des I. Gr. lehrt, 
so konnen wir ungefabr folgendes aussagen: Die Hauptrolle 
spielt die mecbaniscbe Z ert riimmerung. Die Brucb- 
stiicke werden dabei senkrecbt zur Druckricbtung orientiert 
unter der Mitbilfe scberender Bewegungen. Auf diese 
Weise entstebt aus dem ricbtungslos kornigen Gestein ein 
solcbes mit ausgepragter Paralleltextur. Hand in Hand mit 
der Zerbrecbung geben cbemiscbe Yorgange, vor allem die 
Sericitisierung des Feldspats. Das Wasser, das auf den zabl- 
losen neugebildeten Spalten eindringen konnte, Yvirkt durcb 
Losung und Wiederausscbeidung des Gelosten in bobem 
MaBe umkrystallisierend. Durcb Zusammenwirken all dieser 
Yorgange kann aus einem Granit ein parallel struiertes Gestein 
(ein sog. „Gneis u ), scbliefilicb ein Sericitscbiefer erzeugt werden. 

Legen wir die Auffassung Yon U. Grubenmann zugrunde, so 
ware die Umwandlung typisch fiir die oberste Zone, in der 
die Kataklase iiberwiegt (Lit. 17). Die angefiibrten Faktoren 
geniigen zur Erklarung der Metamorpbose vollstandig, es ist 
nicbt no tig, aucb „postYulkaniscbe Prozesse" beizuzieben, wie 
dies yon Hugi gescbiebt (Lit. 20). 

Der ,,Gneis u der alteren Autoren ist also nur ein de- 
formierter Granit. Daraus erklaren sicb einige Tatsacben, 
die friiber ratselhaft erscbeinen muBten. Baltzek betont mebrere 



287 



Male, daB sich nie der Gneis an den Kalk anschmiege, wohl 
aber Kalk an den Gneis. Das erste erklart sich daraus, daB 
die Schieferung des Granits senkrecht zu der Flache erfolgte, 
auf welcher der Kalk ihm auflagerte. Dagegen ist es moglich, 
daB eine Partie des Kalks (z. B. das Ende eines Kalkkeils) 
ergriffen und durch Translationsbewegungen in die Schieferungs- 
richtung des Granits hereingebogen, vielleicht gar verschleppt 
wird. 

Die Beobachtung Baltzers, daB zur Schichtung des Gneises 
oft noch eine sekundare Schieferung trete, erklart sich hochst- 
wahrscheinlich aus der doppelten Schieferung des Granits 
(vgl. S. 279 und Taf. XXI, Fig. 1). 

Das Gstellihorn mit seinen riesigen Yerknetungen von 
Granit und Kalk liefert ganz dieselben gepreBten Gesteine, 
wie sie an der GrimselstraBe anstehen, nur ist womoglich die 
Zerbrechung und Zerreibung der einzelnen Gemengteile noch 
intensiver als dort. Die Bernerkung von Weinschenk, daB ein 
eruptives Eindringen des Granits in den Kalk vorliege, muB 
entschieden zuriickgewiesen werden (Lit. 52, S. 321). Dagegen 
spricht neben dem Fehlen einer Kontaktmetamorphose und der 
regelmaBigen Umsaumung des Jurakalks mit Rotidoloniit yor 
allem auch die petrographische Beschaffenheit des Granits, 
der kaum irgendwo so starke Pressung erlitt wie eben hier. 

Yon Sauer ist die Tatsache der mechanischen Yerarbeitung 
des I. Gr. zuerst erkannt worden (Lit. 38). Er stellt die Er- 
scheinungen im I. Gr. in Parallele mit denen im Lausitzer 
Granit an der groBen Uberschiebung (vgl. Lit. 26 u. 29) und 
redet von einer riesigen Quetschzone im I. Gr. Er meint 
damit eine Zone im Streichen und Fallen des Aarmassivs, in 
der sich der von S kommende Druck ausgelost habe. (Die 
MiBverstandnisse von Klemm und Konigsberger wurden schon 
auf S. 109 erwahnt.) Diese Auffassung hat sich vollstandig 
bestatigt; nur handelt es sich jedenfalls nicht um eine ein- 
heitliche Quetschzone. Starker und schwacher gepreBte Partien 
wechseln miteinander ab und lassen die Existenz einer grofieren 
Anzahl hintereinanderliegender Quetschzonen wahrscheinlicher 
erscheinen. Auch fiir das Lausitzer Gebiet wird ja die un- 
gemein wechselnde Beschaffenheit des gepreBten Granits be- 
sonders betont. Im Streichen lassen sich die Erscheinungen 
vom Urbachtal bis gegen den SustenpaB verfolgen, wo sie auf 
die E. Gn. libergehen. 



288 



C. Das Carbon des WendeDjochs. 

Die sedimentaren Schichten des Wendenjochs werden zuerst 
von Baltzer erwahnt (1880, Lit. 1, S. 147). Er fand hier „verru- 
canoartige Gesteine" und schwarze, knotige Anthrazitschiefer 
mit Linsen und Nestern von Quarz; er bemerkte auch schon, 
daB in den dunklen Schiefern Einschliisse des unterteufenden 
Glimmergneises vorkommen. Die Lagerungsverhaltnisse fafit er 
jedoch iiberaus merkwiirdig auf. Er gibt ein Profil (Lit. 1, Atlas, 
Taf. IX, Fig. 13), in dem er versucht, trotz der beobachteten 
Diskordanz zwischen schwarzen Schiefern und Arkose den ganzen 
Kpmplex von den Erstfelder Gneisen bis zum Malm als eine 
konkordante Schichtfolge darzustellen. Es gelingt dies nur mit 
Hilfe von eigentiimlichen Schichten abbiegungen, die sich der Be- 
obachtung entziehen. 

Der zweite geologische Besucher der Lokalitat war Hugi 
(1906, Lit. 20.) Er schlieBt aus der Diskordanz von schwarzen 
Schiefern und Trias auf ein hoheres Alter der ersteren, die er 
ihrer petrographischen Beschaffenheit halber als Carbon erklart. 
Er untersucht die Konglomerate, in denen er nur Glimmerschiefer 
und Quarzite konstatiert, glaubt dagegen an gewissen Schiefern 
(„Knotenschiefern") Erscheinungen einer Kontaktmetamorphose 
zu erkennen. Diese wurde nach ihm durch den „nordlichen 
Gneis" hervorgebracht, der demnach j linger als diese Schichten 
ware. 

Dem tritt Konigsberger entgegen (Lit. 24). Er gibt ein 
detailliertes Profil des wichtigen Punktes und weist vor allem 
darauf hin, daB in den Konglomeraten des Wendenjochs Ge- 
rolle des konkordant unterteufenden Erstfelder Gneises (Erup- 
tiYgneis) zu finden seien, daB es sich also keinesfalls urn Kon- 
taktmetamorphose durch den „nordlichen Gneis" handeln konne. 
Die Beobachtungen Hugis iiber die „Knotenschiefer" mit Kon- 
taktmineralien erkennt er tiberhaupt nicht an. 

Dieser "Widerspruch der Anschauungen lost sich zum Teil 
dadurch, daB beide Autoren unter „nordlichem Gneis" Yer- 
schiedenes verstehen. Konigsberger kommt mit seinen Unter- 
suchungen Yon her und meint den Erstfelder Eruptivgneis, 
der allerdings schon in den Konglomeraten zu finden ist und 
auf den deshalb seine Ausfiihrungen zutreffen. Hugi versteht 
dagegen unter „nordlichem Gneis den Innertkirchener Granit, 
der in den betreffenden Konglomeraten nicht vorkornnit und der 
nachvveisbar junger ist als der E. Gn. Die Moglichkeit einer 
Kontaktmetamorphose durch dieses Gestein ist deshalb nicht von 
der Hand zu weisen. 




MesozoisdvR Schiefer Andg 

( schistes lustres J Vale 



.ographisch.es Institut.BerlmW. 35 



Taf. VII 

(MO 

Cistella 




ZeitHclirif't AerDmilwln-n iVi-nl-.-jr-n lien OspHschaft 191'i 




i^j Gneiss 'ikmZn' (U 'dnrU-i 



■ ii-i l.ttl r.ijiL I..-, lustiti.il Bei'lmWlj 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. IX. 




Fig. 2. Fig. 3. Fig. 4. 

Phot. Eck. 



Fig. 1. Nautilus Mermeti Coq. Verkleinert. S. 183. 

Fig. 2 u. 3. Nautilus Mermeti var. Munieri Choff. S. 184. 

Fig. 4. Desgl. asymmetrische Lage des Siphos. S. 184. 



Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Tafel X. 




Sphenodiscus (Lybicoceras) Ismaelis ZITT. 

Overwegi-Sch. ; Ammonitenberge, Lib. Wuste. 
Original in Munchen (Coll. Zittel). 



Lichtdruck von Albert Frisch, Berlin W. 



Phot. Eck. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. XI. 




Phot. Eck. Fig. 2. Fig. 3. 



Fig. 1. Neolobites Sehweinfurthi Eck. Verkleinert. S. 186. 

Fig. 2. Neolobites Peroni Hy. var. Pervinquieri v. Staff und Eck. 

Verkleinert. S. 191. (Aus Sitzber. Ges. Naturf. Fr., Jahrg. 

1908, S. 278, Fig. 6.) 
Fig. 3. Desgl. Vorderansicht. Verkleinert. 

Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Zeitscnr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. XII. 




Phot. Eck. 



Neolobites Brancai Eck. ca. 2 / z naturlicher Grofie. S. 188. 
(Aus Sitzber. Ges. Naturf. Fr., Jalirg. 1908, S. 277, Fig. 5.) 

Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Erklarung zu Tafel XIII. 

1. Hemitissotia sp. ind. Riickenansicht. Etwas vergroflert. Siehe 
auch Taf. IX, Fig. 3 u. 4. S. 216. 

2. Hoplitoides ingens v. Koen. S. 194. 

3 bis 7. Pseudotissotia segnis $olg. (= Schloenbachia Quaasi Fourt.). 
Jugendformen. S. 212. 



Orig. im G-eol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Tafel XIII. 




Lichtdruck von Albei t Frisch, Berlin W. 



Phot. Eck. 



Erklarung zu Tafel XIT. 

Fig. L Vascoceras Barcoicemis Choff. S. 203. 

Fig. 2 bis 5 u. 8. Pseudotissotia segnis Solg. (= Schloenbachia Quaasi 

Focrt.). Jugendformen. S. 212. 
Fig. 6. Neolobites Fourtaui Fourt. S. 189. 
Fig. 7. Pseudotissotia segnis var. diseoidalis Pervinq. S. 207. 



Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Tafel XIV. 




Lichtdruek von Albert Frisch, Berlin W. 



Phot. Eck. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. XT. 




Fig. 1. Pseudotissotia segnis Solg. var. discoidalis Pervinq. S. 207. 

Fig. 2. Anfangskammer unci erste Windungeu von Pseudotissotia segnis Sou;. 

VergroBert 1 : 80. S. 210. 
Fig. 3. Pseudotissotia segnis Solg. Erwachsenes Ex. Verkleinert. 

Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mus. d. Univ. Berlin. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. Taf. XVI. 




Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. XVII. 




Phot. Eck. Fig. 3. Fig. 4. 

Fig. 1 u. 2. Acant/ioceras cf. Footeanum Stol. S. 196. 

Fig. 3. Hernitissotia sp. ind. SeitenaDsicbt, etwas vergrofiert. S. 216. 

Fig. 4. Dasselbe Ex. von der anderen Seite. S. 216. 



Orig. im Geol. Pal. Inst. u. Mrs. d. Uoiv. Berlin. 



Zeitschr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. 



Taf. XYIII. 




Erklarungen zu Tafel XX. 



Fig. 1 : Erstfelder Eruptivgneis vom Arni bei Amsteg. 
Fig. 2: Erstfelder Sedimentgneis vom Riedbach bei Erstfeld. 
Fig. 3: Innertkirchener Granit von Innertkirchen. 
Fig. 4: Gestreifter Quarz aus gepreBtem I.Gr. von der GrimselstraBe. 
Fig. 5: Deformierter Plagioklas aus gepreBtem I.Gr. von der Grimsel- 
straBe. 

Fig. 6: Sericitschiefer von der GrimselstraBe, aus I.Gr. durch auBerst 
starke Pressung entstanden. 



Tafel XX. 




rt Frisch, Berlin W. 



Zeitnchr.d. Deutsch. Geol. Ges. 19H. 



Tafcl XX. 




Zeitsuhr. d. Deutsch. Geol. Ges. 1914. Taf. XXI. 




Fig. 1. 




Fig. 2. 



Fig. 1 : Doppelte Schieferung im Innertkirchener Granit bei km 3 der 
GrimselstraBe. 

Fig. 2: Aussicht vom Gipfel des Grassen gegen auf SchloBberg und 
Spannorter. Auflagerung der Reste des autochthonen Sediment- 
mantels des Aarmassivs auf den steilgestellten Erstfelder Gneisen 
(vgl. hiezu das Profil Fig. 8, S. 297). 



Zeitschrift 



der 



Deutschen Geologischen Gesellschaft. 

(Abhandlungen und Monatsberichte.) 



3. Heft. 



A. Abhandlungen. 
66. Band. 

Juli bis September 1914. 
(Hierzu Tafel XXll-XXXVI). 

Berlin 1914. 

Verlag von Ferdinand Enke, 
Stuttgart. 



1914, 



INHALT. 

Aufsatze: 

5. LOTZE, K.: Beitrage zur Geologie des Aarmagsivs 
(Untersuchungen iiber Erstfelder Gneise und Innert- 
kirchener Granit). (Schlufi) 289 

6 TILMANN, NORBERT: Zur Tektonik des Monte 
Guglielmo und der mittleren Val Trompia. (Hierzu 
Tafel XXII und 6 Textfiguren) 302 

7. SOMMERMEIER, L.: Neue Ooidc. (Hierzu Tafel XXIII 

bis XXVI) . , 318 

8. CHARLESWORTH, JOHN K.: Das Devon derOstalpen. 

V. Die Fauna des devonischen Riffkalkes. HI. Cri- 
noiden. IV. Korallen und Stromatoporoiden. (Hierzu 
Tafel XXVIII bis XXXIV und 5 Textfiguren) ... 330 

9. WALTHER, K. : UberVorkommen und Entstehung eines 

Talkschiefers in Uruguay und iiber seine partielle 
Verkieselung. (Hierzu Taf. XXXV und 2 Textfiguren) 408 

10. FRANKE, A.: Die Foraminiferen und Ostrakoden des 

Emschers, besonders von Obereving und Derne nord- 
lich Dortmund. (Hierzu Tafel XXVII) 428 

11. WURM, A.: Uber einige neue Funde aus dem Muschel- 

kalk der Umgebung von Heidelberg (Ptychites dux 
Gieb. und Velopecten Alberti (Goldf.) Philippi). 
(Hierzu Tafel XXXVI und 4 Textfiguren) . . . .444 




Deutsche Geologische Gesellschaft. 



Vorstand fur das Jahr 1914 

Vorsitzender: Herr Wahnschaffe f Schriftfuhrer: Herr Bartling 
Stellvertretende Vor- f „ Bornhakdt „ Hennig 

sitzende: [ „ Krusch „ Janensch 

Schatzmeister: „ Michael „ Weissermel 

Archivar: „ Schneider 

Beirat fiir das Jahr 1914 

Die Herren: FRECH-Breslau, FRICKE-Bremen, MADSEN-Kopenhagen, 
OEBBECKE-Munchen, RoTHPLETZ-Munchen, SALOMON-Heidelberg. 

— <$> 

Mitteilungen der Redaktion. 

Im Interesse des regelmafiigen Erscheinens der Abhandlungen und Monats- 
beriehte wird um nmgehende Erledigung aller Korrekturen gebeten. 

Die Manuskripte sind drackfertig einzuliefern. Die Kosten fiir 
Korrekturen, Zusatze und Anderungen iD der 1. oder 2. Korrektur werden 
von der Gesellschaft nur iD der Hohe von 6 Mark pro Druckbogen getragen; alle 
Mehrkosten fallen dem Autor zur Last. 

Der Autor erhalt in alien Fallen eine Fatmenkorrektur und uach. UmbrecheD 
des betreffenden Bogens eine Revisionskorrektur. Eine dritte Korrektur kann 
nur in ganz besonderen Ausnahmefallen geliefert werden. Fiir eine solche hat 
der Autor die Kosten stets ganz zu iibernehmen. 

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Uberschrifteu (halbfett) doppelt unterstrichen, 
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Wichtige Dinge (gesperrt) schwarz unterstricheu. 

® 

Bei Zusendungen an die Gesellschaft wollen die Mitglieder 
folgende Adressen benutzen: 

1. Manuskripte zum Abdruck in der Zeitschrift, Korrekturen sowie darauf 
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2. Einsendungen an die Biicherei sowie Reklamationen nicht eingegangener 
Hefte, Anmeldung neuer Mitglieder, Anzeigen von Adressenanderungen 
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beide zu Berlin N 4, Invalidenstr. 44. 

3. Anmeldung von Yortragen fiir die Sitzungeu Herrn Professor Dr. 
Janensch, Berlin N.4, Invalidenstr. 43. 

4. Sonstige Korrespondenzen an Herrn Geh. Oberbergrat Bornhardt, 
Charlottenburg, Dernburg-Str. 49 oder Herrn Professor Dr. Krusch, 
Berlin N4, Invalidenstr. 44. 

5. Die Beitrage sind an Herrn Professor Dr. Rich. Michael, Charlotten- 
burg, Kaiserdamm 74, Postscheckkonto Berlin NW 7, Konio Nr. 16071 
oder an die Deutsche Bank, Depositenkasse Q, fur das Konto ^Deutsche 
Geologische Gesellschaft E. V." porto- und bestellgeldfrei einzuzahlen. 



289 



Neuerdings wurde das Carbon des Wendenjochs noch yon 
Escher (Lit. 13, 1911) in seiner zusammenfassenden Arbeit iiber 
pratriassische Alpenfaltung besprochen. 

Nach Konigsbergers Angaben (Lit. 24) und eigenen • Beob- 
achtungen liegen die Verhaltnisse am Wendenjoch ungefahr 
folgendermassen : 

Die schwarzen Schiefer und Konglomerate, die auf der Hohe 
des Wendengletschers am Tierberg anstehen. bilden den Teil 
eines Gesteinszuges, der von der Urat bis gegen Erst- 
feld hin zu verfolgen ist. Ostlich vom Wendenjoch erwahnt 
Tobler (Lit. 47) steilstehende schwarze Schiefer zwischen 
Zwachten und Kleinem Spannort; weiterhin miissen diese Ge- 
steine, nach dem Funde von kohligen Schiefern und Konglo- 
meraten in den Schuttkegeln beim Oberen See und im Riedbach 
zu schlieBen, iiber die Gegend des Oberen Sees bis zum 
Riedtal hin streichen, ohne jedoch das ReuBtal noch zu er- 
reichen. Den einzigen guten AufschluB bietet das Wenden- 
joch. Erstfelder Gneis und schwarze Schiefer liegen wahr- 
scheinlich konkordant; vielleicht ist jedoch diese Konkordanz 
keine urspriingliche, sondern erst durch tektonische Vorgange 
sekundar erzeugt. Auf den Gneis folgen (noch auf der Grassen- 
seite) Konglomerate mit Bruchstiicken von Erstfelder Gneis; 
zwischen ihnen eingeschaltet findet sich eine Lage glanzender 
schwarzer Schiefer, in denen bei langerem Suchen wohl Pnanzen- 
reste gefunden werden konnten. Am Tierberg setzt sich das 
Profil mit Konglomeraten und stark kohlefuhrecden Schiefern 
fort (7 1 — 10 1 ) nach Kgsb.). Dann folgt ein ziemlich machtiger 
Komplex, der die „Knotenschiefer" Hugis darstellt (ll 1 — 13 1 ). 
Es sind keine Konglomerate, wie Koxigsberger angibt, sondern 
dunkelgraue, sehr diinn spalteude Schiefer mit kleinen Knot- 
chen auf den Schichtnachen. Es halt schwer, ein ordent- 
liches Handstiick aus der zerbrockelnden Masse zu gewinnen. 
Es handelt sich jedoch urn keinen eigentlichen „Kontakt- 
knotenschiefer", in dem Knoten Konkretionen sind, die sich 
unter dem Einflufi metamorphosierender Agenzien bilden. Die 
Knoten bestehen vielmehr aus grofieren Quarzkornern, die die 
feine Schichtung storen und kleine Erhebungen bilden. Die 
mikroskopische Untersuchung ergab eine Bestatigung der An- 
gaben von Hugi: das Gestein fiihrt einzelne Krystalle von 
Granat und Turmalin. AuBerdem lieB sich eine groJ3e Menge 
feinster Rutilnadelchen feststellen. Als sicheren Beweis einer 
kontaktmetamorphen Beeinflussung des Gesteins mochte ich 
jedoch das Yorkommen dieser Mineralien nicht auffassen; sie 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 19 



290 



konnen auch klastische Bestandteile des Gesteins sein. — 
Weiter gegen den kiihn aufragenden Zahn von Rotidoloinit tin 
treten verschiedene gneisartige Gesteine auf (14 1 — 16 1 K). 

Wegen der reichlichen Kohlefiihrung, die sich in einer tief- 
schwarzen Farbe der Gesteine auBert, schreibt man dein ganzen Kom- 
plex von Schiefern und Konglomeraten carbonisches Alter zu. 

Uber E. Gn. und Carbon liegt diskordant der „autoch- 
thone S edimentmantel" des Aarniassivs. Mit der Annahme 
Konigsbergers , daB hier am "Wendenjoch noch der primare 
Yerband yon pratriassischer Unterlage und Sedimentdecke vor- 
handen sei, daft also tertiar keine Verschiebungen statt- 
gefunden hatten, mochte ich mich vollkommen einverstanden 
erklaren. An der besonders am Grassen sehr schon entbloBten 
Grenze zwischen der Sedimentdecke und ibrer Unterlage 
sind nirgends Anzeichen eines Schubvorganges , wie Rutsch- 
streifung oder ahnliches, zu sehen. 

Die Sedimente beginnen mit einer grobkornigen Arkose, 
die am Abhang des Grasssen schon gerundete und eigentumlich. 
herauswitternde Dolomitknollen einschlieBt. Sie ist wohl im 
wesentlichen ein Aufbereitungsprodukt des darunterliegenden 
Gneises; sie besitzt auBerordentliche Widerstandsfahigkeit gegen 
die Einniisse der Verwitterung: der ganze N- Abhang des Grassen 
ist yon ihr eingedeckt. Auf die Arkose folgen Rotidolomit, 
Dogger und Malm (vgl Lit. 13 und 47). Durch die Gewalt 
der tertiaren; Gebirgsbewegung wurde das Ganze, Gneis und 
Carbon samt der diskordant dariiberliegenden Sedimentdecke, 
als eine Einheit s chief gehoben, so daB jetzt die Auflage- 
rungsflache der Sedimente unter einem Winkel von ca. 30° 
nach NW einfallt. Dadurch erhielten die ursprtinglich fast 
saiger stehenden oder schwach N fallenden Gneise und Schiefer 
ein schwaches Einfallen nach S. 

Bei der Beschreibung des Wendenjochprofils wurde bis 
jetzt der allerdings nicht unmittelbar anstehende Innert- 
kirchener Granit auBer Betracht gelassen. Dieses Gestein bildet 
langs des ganzen N-Abhangs des Gadmentals die Unterlage 
der Sedimente. Der Aufstieg zum Wendengletscher zeigt ihn schon 
entbloBt, mit zahlreichen Scholleneinschliissen (vgl. S. 260 und 268). 
Auch auf dem Wendengletscher selbst gelang es mir, noch I. Gr. 
nachzuweisen. Am Joch ist er nicht mehr zu sehen, dagegen 
muB er unter der Ostwand des Titlis (also auf Engelberger 
Seite) nochmals heraustreten, was Funde im Firnalpelibach be- 
weisen (vgl. S. 260). 



291 



Es ist damit nachgewiesen, daB ein gr anitis ches G-estein 
in nachster Nahe des Wendenj o ch c arb ons yorhanden sein 
muB, dafi es yielleicht unter ihm durchzieht. Dementsprechend muB 
das Profil Konigsbergers erganzt werden. Leider ist die Grenze 
beider Gesteine unter dem Gletscher yerborgen, so daB ihr gegen- 
seitiges Yerhaltnis nicht unmittelbar beobachtet werden kann. 
Durch das Yorhandensein des I.Gr. wird natiirlich die Diskus- 
sion des Wendenj ochprofils gegenuber Konigsberger bedeutend 
komplizierter. 

Sicher ist, daB der Koniplex Erstf. Gn. + Carbon schon 
pratriassisch aufgerichtet worden sein muB. Auch der Granit 
muB yortriassisches Alter besitzen. Das Carbon ist jiinger als 
der Gneis; der I.Gr. ist ebenfalls jiinger als die E. Gn., wie 
schon friiher ausgefiihrt wurde (vgl. S. 254). Es bleibt also nur 
die Frage nach dem Altersverhaltnis yon Granit und Carbon 
zu beantworten ubrig. 

Konigsberger erklart die Aufrichtung der Schiefer des 
Wendenj ochs dureh eine hebende Kraft, die der Zentralgranit 
bei seiner Intrusion ausgeiibt habe. Natiirlicb waren dann die 
dem Wendenj ochcarbon konkordanten, gleichfalls steilstehenden 
E. Gn. auch durch den Granit gehoben worden. Nun ist aber 
der Zentralgranit recht weit entfernt und durch die ganze Se- 
ricitschieferzone mit ihren tiefgreifenden tertiaren Einfaltungen 
(Kalkkeil Yon Farnigen) Yom Wendenj och getrennt. so daB 
die Annahme Konigbergers unwahrscheinlich genannt werden 
muB. Yiel eher lieBe sieh noch an eine Hebung durch den I.G. 
denken, der ja unter dem Wendenj och durchzieht; doch wissen 
wir iiber derartige Wirkungen yon Intrusiymassen yiel zu 
zu wenig, um hier etwas Sicheres sagen zu konnen. Das ein- 
fachste und nachstliegende ist ohne Zweifel, die Aufrichtung 
einer hercyn is chen 1 ) Gebirgsbewegung zuzuschreiben. Die 
Frage ist nun: Geschah die Eruption des I.Gr. nach oder yor 
dieser Gebirgsbewegung? Drang der I.Gr. in schon aufgerichtete 
Schichten ein oder machte er nach der Intrusion gemeinsam 
mit E. Gn. und Carbon die „Faltung" durch? Das erstere er- 
scheint yiel wahrscheinlicher. Gegen die zweite Annahme 
spricht die ungestorte, fast intakte Beschaffenheit des I.Gr. 
in der Umgebung des Wendenjochs. Hatte er yereint mit E. 
Gn. und Carbon die hercynische Gebirgsbewegung mitmachen 
mussen, so hiitten sich ihm gewiB in der Nahe einer so stark 
dislozierten Stelle Spuren davon aufgepragt. Yielmehr spricht 



l ) Unter „hercynischer" Gebirgsbewegung soli mit Escher (Lit, 13) 
ein Vorgang der carbonisch-permischen Faltungsperiode verstanden sein. 

19* 



292 



auch die iiberaus starke Zunahme yon Schollen ini I.Gr. gegen 
das Wendenjoch hin sehr stark dafur, daB hier noch ein primarer, 
durch keine spatere Gebirgsbewegung mehr gestorter Yerband 
des iutrusiven Magmas mit dem Schichtkoinplex, in den es ein- 
drang, yorliegt. DaB einige Schollen aus Erstfelder Sediment- 
gneis bestehen, wurde erwahnt; andere scbeinen den Carbon- 
schichten zu entstammen. D er ein dringende I. Gr. traf also 
die E. Gn. mitsamt den Carbonschichten bereits steil- 
gestellt an. — Dies wurde im Einklang stehen mit der sonst 
gemachten Beobachtung, daB das Eindringen von Intrusivge- 
steinen dem FaltungsprozeB nachfolgt, daB es jedenfalls auf 
Spalten gescbieht,' die erst durch die Gebirgsbewegung auf- 
gelockert wurden. Der I.Gr. ware also jiinger als die Carbon- 
schichten des Wendenjochs. 

Damit ist das relative Alter der geologischen Geschehnisse 
bestimmt; es bleibt noch die Aufgabe iibrig, sie in die geo- 
logische Chronologie einzureihen. Dies ist insofern 
schwierig, als eine genaue Alter sbestimmung der Schichteu des 
Wendenjochs aus Mangel an Fossilfunden nicht stattfinden kann. 
Nach ihrem petrographischen Habitus, yor allem ihrem reich- 
lichen Kohlengehalt, miissen sie als Carbon aufgefa.fi t werden. 

Das einzige Carbonyorkommnis im Aarmassiy, dessen Alter 
genau bekannt ist, ist das am Bifertengratli (Todi); die Schichten 
sind nach den neuesten Bestimmungen der Pflanzenfunde durch 
Zeillek (Lit. 13) als Oberes "Westphalien aufzufassen. Nach 
Schmidt (Lit. 40) und Konigsberger (Lit. 24) sind die Carbon- 
schichten an der Windgalle und am Bristenstock nach ihrer 
petrographischen Ahnlichkeit denen des Bifertengratli gleichzu- 
stellen. Das Wendenjoch carbon ist aber hochstwahrscheinlich 
alter als diese Schichten, die konkordant zum dariiberliegenden 
Sedinientmantel liegen-! Sie sind also yon der hercynischen 
Gebirgsbewegung nicht ergriflen worden, die die Schichten des 
Wendenjochs noch aufrichtete. Demnach muB das Carbon des 
Wendenjochs alter sein als Ob. Westfalien, also jedenfalls das 
Enter carbon reprasentieren (vgl. auch Konigsberger, Lit. 24). 

Zu demselben Resultat gelangt man, wenn wir den I.Gr. 
zeitlich dem Schwarzwaldgranit gleichsetzen 1 ). Der Granit des 
Schwarzwalds metamorphosiert namlich das Kulm, kommt aber 
in den Ablagerurjgen des Obercarbons (Saarbriicker und Ott- 
weiler Stufe, vgl. Lit. 26) samt seinen Nachschiiben bereits als 
Bestandteil der Kongiomerate vor. Sein Alter ist demnach 
wahrscheinlich oberstes Untercarbon. Nach den obigen Aus- 



] ) Uber die Berechtigung dieser ParallelisieruDg siehe S. 266. 



293 



fiihrungen ist das Carbon des Wendenjochs alter als der I.Gr. 
(oberstes Untercarbon) ; daraus resultiert also fur diese Schichten 
wieder Untercarbon. 

Damit befinde ich mich auch in Ubereinstimmung mit 
Konigsbergek, ohne mich im einzelnen seiner Beweisfiihrung 
anschlieBen zu miissen. Er unterscheidet im Aarmassiv 
zwei Carbonzonen: eine altere, der die Schichten des 
Wendenjochs zugehoren, und eine jiingere, zu der die Vorkommen 
yom Bristenstock, der Windgalle und vom Bifertengratli zu 
rechnen sind. Erstere ist Untercarbon, die zweite Obercarbon; 
zeitlich dazwischen liegt nach ihm die Intrusion des Zentral- 
granits. 

Escher (Lit. 13) unterscheidet im Aarmassiv zwei hercy- 
nische Faltungen: die erste ware alter als obere Saarbriicker 
Stufe (eine starke Erosionsdiskordanz beweist betrachlich hoheres 
Alter, jedenfalls Untercarbon); die zweite hercynische Faltung, 
die die Schichten des Bifertengratli (ob. Saarbr. St.) ergriff, 
ist jiinger als diese. Nach diesem Schema ware das Carbon 
des Wendenjochs yon der ersten hercynischen Faltung disloziert 
worden. Yon alien ubrigen Carbonvorkommen des Aarmassivs 
(Bristenstock, Windgalle, Stock Pintga, Glienislucke, Biferten- 
gratli) ist nur fur das Bifertengratli Diskordanz zur Trias 
nachgewiesen; die zweite hercynische Faltung besitzt demnach 
anscheinend nur lokalen Charakter. 

Mit Hilfe dieser Parallelisierungen, die dadurch einen er- 
heblichen Grad yon Sicherheit gewahrleisten, daJ3 verschiedene 
Wege zum gleichen Resultat gefiihrt haben, laBt sich die 
Reihenfolge der geologischen Vorgange genauer pra- 
zisieren. 

Bildung des Gneises — Pracambrisch bzw. alt- 

palaozoisch 

Bildung der Sedimentschichten 

des Wendenjochs — Untercarbon 

Aufrichtung yon Gneis und 

Schiefern — 1. hercynische Faltung — 

Ob. Untercarbon 
Intrusion cles I.Gr. — Grenze yon Untercarbon 

und Obercarbon. 

Ausbildung einer Abrasionsflache. 

Diskordante Uberlagerung yon Gneis und Untercarbon clurch 
Arkose, Rotidolomit (= Muschelkalk ?), Jura usw. 

Hebung des Ganzen (Gneis + Untercarbon + Granit + Sediment- 
decke) durch die tertiare Gebirgsbewegung yon SO her. 



294 



Damit erhalten wir nun aber eine frappierende Analog ie 
mit den Verhaltnis s en im S chwarz wald. Bei den Erst- 
felder Gneisen wurde bereits darauf hingewiesen, daB sie hochst- 
wahrscheinlich mit den Gneisen des Scbwarzwalds identisch 
sind (ygl. S. 77); beim I.Gr. wurde seine Ahnlichkeit mit den 
Graniten des Schwarzwalds betont (ygl. S. 132). Die Schichten 
des Wendenj o cbcarbons beweisen nun die Gleichz eitig- 
keit der geologischen Vorgange in beiden Gebieten. 
Quer durch den siidlichen Schwarzwald ziebt eine Zone von 
sedimentaren Gesteinen (Konglonieraten usw.) kulmischen Alters 
yon Badenweiler bis Lenzkirch. In diese bereits aufgerichtete 
Gesteinszone (erste hercynische Faltung!) drang der Granit ein 
und metamorphosierte sie zum Teil. Die Obercarbonschichten, 
die sich spater ablagerten, sind nicht mehr disloziert, lokale 
Storungen abgerechnet (Carbon von Gengenbach-Berghaupten — 
zweite hercynische Faltung?). Die Analogie der geologischen 
Vorgange und der in Betracht kommenden Gesteine ware dem- 
nach eine vollkommene. Sie mag in folgender Ubersicht zum 
Ausdruck gelangen: 

Bildung der 

Schwarzwaldgneise Erstfelder Gneise 

Bildung der 

Kulmzone Badenweiler -Lenzkirch Schichten des Wendenj ochs 

Untercarbon Untercarbon 
Aufrichtung der 
Kulmzone Untercarbonschichten des Wenden- 

Badenweiler- Lenzkirch jochs 
Erste hercynische Faltung. 

Eindringen des 
Schwarzwaldgranits Innertkirchener Granits 

Zwischen Unter- und Obercarbon 

Bildung der 

Obercarbonschichten des nordl. Obercarbonschichten des 

Schwarzwalds (Berghaupten, Bifertengratli, Windgalle, 

Diersberg, Ohlsbach usw.) Saar- Bristenstock 
briicker und Ottweiler Ob. Saarbriicker 

Stufe Stufe 

Zweite hercynische Faltung. 
Lokal Lokal (Bifertengratli) 

Bildung einer Abrasionsflache. 

Bei der groBen Ahnlichkeit der Gesteine der „nordlichen 
Gneiszone" mit denen des Schwarzwalds, sowie bei der bis ins 
einzelne gehenden Analogie der geologischen Vorgange in beiden 
Gebieten miu3 der SchluJ3 gezogen werden, daB in der „nord- 
lichen Gneiszone" ein Stiick echten yaristischen Grund- 
gebirges yom Typus des Schwarzwalds yorliegt. 



295 



D. Die Tektonik des Aarmassivs. 

Im Yerlauf der vorliegenden Untersuchungen gelangten wir 
zu dem Ergebnis, daB die Gesteine der sogenannten „nordlichen 
Gneiszone" in alien wesentlichen Punkten den Gesteinen des 
Schwarzwalds entsprechen, sowie dafi sich fur beide Gebiete die- 
selbe geologische Geschichte nachweisen laflt; es muBte daraus 
der SchluB gezogen werden, daB uns hier noch ein Rest echten 
varistischen Grundgebirges entgegentritt. Es soli im folgenden 
ausgefiihrt werden, was fur Konsequenzen dies fur die An- 
schauungen vom Bau des Aarmassivs bat. 

Den tektonischen Aufbau yon Aare-, Gotthard- und Mont- 
blancmassiv kennzeicbnetmanmitdem Worte „Facherstruktur". 
Die Scbicbtung stebt im allgemeinen recbt steil, in der Mitte 
saiger. Je weiter man von der Mitte zu nach aufien gebt, desto 
flacber wird die Lagerung der Schicbten, die alle der Mitte zu 
einfallen. Speziell beim Aarmassiv spricbt man von asym- 
metriscber F acherstr uktur: der S-Fliigel besitzt nur un- 
gefabr den acbten Teil der Breite des N-Fliigels. Nacb den 
Untersucbungen Heims (Lit. 18) und Baltzers (Lit. 1 und 2) 
ware ein solcber Facher ein eng zus ammengescbobenes 
Biiscbel steilstehender Falten, deren Sattel der Erosion 
zum Opfer gefallen sind. Die Bildung der Facberfalten erfolgte 
nacb diesen Forschern im Tertiar, was durcb die Einfaltung 
sedimentarer „Mulden", die nocb Jura fiihren, bewiesen wurde. 

Konigsberger (Lit. 24 und 25) widerspricbt dieser weit- 
yerbreiteten Auffassung und yersucbt nachzuweisen, daB die 
Hauptel emente der Tektonik schon auf eine bercy- 
niscbe Faltung zuruckzufiihren seien. Fur den Zeit- 
punkt der Auffaltung nimmt er die Zeit zwiscben Mittel- 1 ) und 
Obercarbon an (Lit. 24, S. 884), d.h. die Zeit zwiscben Wendenjocb- 
Carbon und Carbon vom Bristenstock (= Carbon vom Biferten- 
gratli = Ob. Westphalien nacb Escher-Zeiller). In welcher 
Weise er die Aufricbtung der Scbicbten mit der Intrusion des 
Zentralgranits in Zusammenhang bringt, wurde bereits erwabnt 
(S. 291). Im Tertiar babe dann nur nocb scbrage Hebung des 
Ganzen und starkerer Zusammenscbub stattgefunden. 

Nocb weiter geht Escher (Lit. 13). Er bespricbt alle 
Carbonyorkommnisse der Westalpen und weist an Hand davon 
zwei bercyniscbe Faltungen nach: die erste vor Ablagerung des 
Obercarbon, die zweite vor Ablagerung der Trias. Von diesen 



J ) Es sollte nach den ubrigen Ausfiihrungen K.'s besser Unter- 
carbon heifien! 



296 



Resultaten ausgehend, verallgemeinert er, iibersieht die Wir- 
kungen einer tertiaren Gebirgsbewegung an den Zentralmassiven 
vollstandig und erklart den ganzen Bau der autochthonen 
Massive fiir hercynisch. „Ich glaube aber bestimmt, daB es 
Reste eines hercynischen Gebirges sind und nicht ,heraufge- 
tragene Teile des mitgefalteten Untergrundes' " (Lit. 13, S. 94). 

Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen zwischen den 
alteren Anschauungen Heims und Baltzers und den neueren 

VOn KONIGSBERGER und ESCHER. 

"Wohl allgemein ist jetzt die Ansicht als richtig angenommen, 
daB am Nordrand des Aarmassivs die Sedimente auf einer 
Abrasions- (Denudations-) flache des krystallinen Gebirges auf- 
liegen, und da8 sie sich, kleine Rutschungen abgerechnet, nock 
im primaren Yerband mit ihrer Unterlage befinden. Man be- 
zeichnet sie demnacli als den „autochthonen Sediment- 
mantel des Aarmassivs", im Gegensatz zu den hoher Kegen- 
den, von S her iibergeschobenen Decken (vgl. Taf. XXI, Fig. 2). 
Steben nun unter einer Sedimentdecke steilgestellte Gneise und 
Scbiefer an, so ist es klar, daB ihre Aufrichtung vor der TJber- 
lagerung durch die Sedimente erfolgt sein muB. Bei den steilge- 
stellten Gneisen und carboniscben Schiefern (Wendenjoch !) unter 
dem autocbtbonen Sedimentmantel handelt es sich also zweifellos 
um ein pratriassisches, hochstwahrscheinlich hercyni- 
sches Rumpfgebirge. Seine Faltung erfolgte in der varistischen 
Richtung (SW — NO), d. h. in derselben, wie die spatere tertiiire 
Alpenfaltung. 

Nun darf aber aus dieser Diskordanz zwischen krystallinen 
Gesteinen und autochthonem Sedimentmantel am Nordrand des 
Aarmassivs durchaus nicht auf die Tektonik des ganzen 
Massivs geschlossen werden, wie dies von Koxigsbergek 
und Escher geschieht. Der Beweis fiir tertiare Elemente der 
Tektonik liegt in der grofiartigen Einfaltung j lingerer (triassi- 
scher und jurassischer) Sedimente in das Zentralmassiv. 

Hier ist zunachst die Zone des Kalkkeils von Farnigen 
zu nennen. Bei diesem Ort liegt ein Komplex von Porphyren, 
Rotidolomit (nur in einzelnen Fetzen; vgl. Mosch, Lit. 27, S. 286), 
Dogger und Malm konkordant im Sericitgneis. DaB dem Kalk- 
keil von Farnigen eine viel groBere Bedeutung zukommt, als 
bisher angenommen wurde, beweisen die Untersuchungen 
Konigsbergers (Lit. 25). Er wies nach, daB die Einklemmung 
des Jura mit einem Porphyrzug verbunden sei, der vom Tscharren 
(am Oberalpstock) an zu verfolgen ist. Am Bristenstock liegen 
auf diesem Porphyrzug die Anthrazite des Bristenstafeli. Bei 
Inschi tritt zuin erstenmal Dogger auf; schlieBlich kommt noch 



297 



Malm hinzu, der am Kalkkeil des Kalcbtals zum letztenmal 
auftritt. Zweifellos bilden die Porpbyre und die carboniscben 
(?) Scbiefer der Triftbiitte am Tbaltistock eine Fortsetzung 
dieses Zuges, was schon auf der BALTZERscben Karte (Bl. 13) 
klar beraustritt. 

Die Bedeutung dieses merkwiirdigen, fur die Tektonik des 
Aarmassivs uberaus wicbtigen Zuges moge an Hand eines Profils 
vom oberen Engelberger Tal iiber das Kleine Spannort bis Maien- 
Dorfli besprocben werden (Fig. 8). Steigt man von Staffeli iiber 
die Spannortbiitte zum Kleinen Spannort auf, so kommt man 




EG-n Erstfelder Gneise, R Rotidolomit, 

Scgn Sericitgneise, D Dogger,' 

Po Porphyr, M Malm. 

Fig. 8. 

Profil Engelberger Tal — Kl. Spannort — Maiental (Versenkung des Kalk- 
keils von Farnigen). Mafistab 1 : 100000. 

iiber steilgestellte E. Gn., auf denen diskordant die Sediment- 
decke liegt. Beim Abstieg iiber den BoJBfirn ins Maiental 
bleibt die Gneisscbicbtung immer dieselbe; auf Seewenalp trifft 
man nun aber plotzlicb auf Jurakalk, der konkordant 
im Gneis liegt. Bei Farnigen stebt der Kalk nocb in der 
Talsoble an. Denkt man sicb siidlicb iiber das Kleine Spann- 
ort binaus, yvie dies im Profil angedeutet ist, die Auflagerungs- 
flacbe fortgesetzt, so kommt fur die Yersenkung des Kalkes 
unter diese Flacbe ca. 3000 m heraus. Wenn diese Zabl aucb 
zu bocb gegriffen ware, so kann dock gesagt werden, dafi es 
sicb bier um eine zweifellos tertiare Gebirgsbewegung grofiten 
Stils handelt, yollends wenn wir bedenken, dafi sicb diese Zone 
(allerdings in sebr wecbselnder Gestalt) vom Oberalpstock bis 
zum Triftgletscber verfolgen laflt. Der Kalkkeil von Farnigen 
lebrt, dafi die Konkordanz der Gneise vom Engelbefger Tal 
bis ins Maiental nur eine scbeinbare ist: zum Teil ist die so 
einfacb erscbeinende Tektonik carbonischen, zum Teil tertiaren 
Alters. Als „Mulde" kann der Zug des Kalkkeils nicbt be- 



298 



zeichnet werden; dazu fehlt ihm der synimetrische Bau. Es 
ist eine Einfaltung in weiterem Sinn, entstanden durch riesige 
Versenkung, verbunden mit konkordanter Anpressung an 
alteres, schon gefaltetes Gebirge. Dadurch setzt sich diese 
Erscheinung in einen gewissen Gegensatz zu den Vorgangen 
an der nordlichen Kontaktflache von „Gneis" und Kalk, wo 
iiberall die gebirgsbildenden Krafte nach oben wirken, den 
Kalk festklemmen und den Granit daruber wegschieben (z. B. 
Pfaffenkopf). 

Die zweite Erscheinung, die fiir tertiare Tektonik der Zen- 
tralmassive spricht, ist die sog. „Urserenmulde", die sich 
zwischen Aare- und Gotthardmassiv einschiebt und sich langs 
des ganzen Sudrands des Aarmassivs verfolgen lafit (auf iiber 
100 km Entfernung). Auch sie mu£ tertiar eingefaltet sein, 
denn es kornmen in ihr noch jurassische Gesteine vor. Ihr 
tiefes Eindringen zwischen den krystallinen Gesteinen beweist 
die Tatsache, da!3 der Marmor von Andermatt beim Bau des 
Gotthardtunnels durchfahren wurde. 

Angesichts dieser beiden groJ3artigen „ Einfaltung en", die 
sich auf Dutzende von Kilometern verfolgen lassen und in re- 
lativ geringer Entfernung (ca 12 km) voneinander dahinziehen, 
kann man unmoglich die Zentralmassive einfach als „hercynische 
Gebirge" bezeichnen. Meines Erachtens geniigen sie vollstandig, 
um die tertiare Tektonik des dazwischenliegenden Zentralmassiv- 
teils zu beweisen. Derart gewaltige tektonische Erscheinungen 
lassen sich auch nicht aliein durch „starkeren seitlichen Zu- 
sammenschub im Tertiar" erklaren, wie Koxigsberger will. 
Aus seinem „schematischen Rekonstruktionsversuch eines Profils 
im Mesozoikum durch das Aaremassiv" (Lit. 25, S. 39) geht 
diese Moglichke.it in keiner Weise hervor; es muflte noch so- 
gut wie alles geschehen, um aus diesem Querschnitt die Facher- 
struktur entstehen zu lassen. 

Nach diesen Ausfiihrungen ist also die Tektonik des 
Aarmassivs zum Teil carbonischen, zum T eil tertiaren 
Alters. Nordlich vom Kalkkeil von Farnigen befindet sich 
varistisches Gnmdgebirge, hercynisch gefaltet; mit der Zone von 
Farnigen beginnt die tertiare Tektonik, die das ganze iibrige 
Massiv beherscht. Durch die Kraft der Alpenfaltung wurden Ge- 
steinsserien an das davorliegende altere Gebirge angepreJ3t. 
Das Aarmassiv ist demnach aus zwei Teilen zusammen- 
geschweiBt, und so gut man durch die Urserenmulde Aar- 
massiv und Gotthardmassiv trennt, mit ebensoviel und noch 
mehr Recht konnte man durch die Zone yon Farnigen das 
Aarmassiv in zwei Teile scheiden. Datf das Ganze trotzdem 



299 



scbeinbar einbeitlicbe Struktur aufweist, erklart sicb aus der 
Tatsacbe, daB bercyrriscbe und tertiare Faltung in genau der- 
s el ben Ricbtuug gewirkt baben. 

Damit findet auch eine Frage ibre Beantwortung, die bei 
der Behauptimg aufsteigen niuB, die „nordlicbe Gneiszone" des 
Aarmassivs sei, kurz gesagt, Scbwarzwalder Grundgebirge. 
Wie kommt es, daB dieses Grundgebirge nach einem Yer- 
scbwinden unter Sedimenten auf einer Breite von ca 100 km 
(von Laufenburg bis Erstfeld) gerade nocb in einem Streifen 
von wenigen Kilometern Breite bier berausseben soli, urn dann 
endgiiltig von andern Gesteinen abgelost zu werden? Das 
scbeint aufierst zufallig und desbalb durcbaus unwabrscbeinlicb 
zu sein. Die Antwort auf diese berecbtigte Frage diirfte nacb 
dem bis jetzt Ausgefiibrten nicbt allzu scbwierig zu geben sein: 
Gerade bier setzen gewaltige tertiare Dislokationen ein, die 
andere Gesteine an das ungestorte varistiscbe Grundgebirge 
anpressen. Uber die Natur derartiger gebirgsbildender Yor- 
gange in krystallinen Gesteinen besitzt die Wissenscbaft zur- 
zeit allerdings nur wenige klare Yorstellungen. Yielleicbt sind 
aber aucb die Gesteine, die das varistiscbe Grundgebirge ab- 
losen, jiingeren, erst tertiaren Alters (Zentralgranit) ; dies ware 
eine nocb einfacbere Erklarung fur sein Yerschwinden. 

Nacb alledem erbalt nun aber die „nordlicbe Gneiszone" 
den Cbarakter als Widerlager bei der A lp enf altung. 
Selbstverstandlicb kann der Scbwarzwald nicbt als Widerlager 
gelten (Escher, Lit. 13), aber aucb nicbt die Zentralmassive 
als Ganzes, wie Escher dann annebmen mocbte. Als Wider- 
lager miissen wir diejenige Masse auffassen, an der die von SO 
kommende Bewegung sicb staute, die diesen gewaltigen Kraften 
gegentiber sicb in ibrer Lage behaupten konnte. Wir miissen es 
naturlicb von voruberein im krystallinen Untergrund suchen. 
Alles dies trifft fiir die „nordliche Gneiszone" zu. Siidlicb 
von ibr findet nocb ein Zusammenschub statt; das beweisen die 
Zone von Farnigen und die Urserenmulde. An dem Sock el 
varistiscben Gr undgebirges von E. Gn. und I.Gr. kam 
jedocb die Gebirgsbewegung zum Stillstand; der ganze 
Komplex wurde zwar samt der dariiber lastenden Sediment- 
decke scbief aus dem Untergrund berausgeboben, sonst aber 
nicht weiter disloziert; er konnte standbalten. Dariiber binweg 
schoben sicb die weiter im S abgescberten Decken. DaB die 
nordKcbe Gneiszone bei der Alpenfaltung gewaltige Drucke 



300 



auf sich genomnien hat, das beweisen die Quetschzonen des 
I.Gr. und der E. Gn. sowie die Verknetungen mit dem autoch- 
thonen Sedimentmantel. 

Zusammenfassung der Resultate. 

In der sogenannten „nordlichen Gneiszone" des Aarmassiys 
sind zwei yerschiedene, scharf begrenzte Gesteinsgruppen zu unter- 
scheiden: die Erstfelder Gneise und der Innertkir chener 
Granit. 

Der Komplex der E. Gn. ist in erster Linie zusammen- 
gesetzt aus kornig-schuppigen Biotitgneisen mit gut ausgebil- 
deter Lagentextur. Schon Heim bezeichnet diesen Typus als 
auBerordentlich konstant. Die Struktur dieser Gesteine schlieflt 
eine Entstehung durch blofle Druckinetamorphose oder durch 
Krystallisationsschieferung aus; die regelmaflige Zusaromen- 
setzung spricht gegen die Deutung dieser Gesteine als injizierte 
Schiefer. Vielmehr finden sich deutliche Anklange an Eruptiv- 
struktur; das Gestein ist als reiner Eruptiygneis (Orthogneis) 
anzusprechen. 

Von ihm unterscheidet sich scharf ein feirikorniger Gneis 
mit kleinen Biotitblattchen, der schon in seinem Auftreten an 
ein sedimentares Gestein erinnert. Die krystalloblastische 
Struktur und die wechselnde chemische Zusammensetzung des 
Gesteins stimmen zu der Ansicht, daB es sich um einen Sedi- 
mentgneis handelt. An yerschiedenen Stellen finden sich 
Einlagerungen yon Kalk und Kalksilikatfels. Besonders in- 
teressant sind Wollastonitgesteine yom SustenpaB. 

Meist tritt der Sedimentgneis nicht in yollstandiger Reinheit 
auf; es finden sich in ihm ap-litische oder pegmatitische Gauge, 
die sich zuletzt in feine Adern auflosen. Diese Gneise sind 
demnach als Mischgneise zu bezeichnen. 

Die einzelnen Gesteinstypen weisen nun enge Yerwandt- 
schaft mit den Gneisen des S chwarz walds auf: die Erup- 
tivgneise entsprechen strukturell und chemisch den Schapbach- 
gneisen, die Sedimeutgneise den Renchgneisen. Besonders 
uberraschend ist die Ubereinstimmung der Einlagerungen yon 
Kalksilikatgesteinen im Erstfelder Sedimentgneis mit entspre- 
chenden Yorkommen yom Schwarzwald. 

Im Siiden schliefien sich an die E. Gn. sehr stark gepreflte 
Gesteine an („Zone der S ericitgneis e ") , die zum groBen 
Teil aus umgewandelten E. Gn. bestehen. 

Der Innertkirchener Granit, der westlich yom Wen- 
denjoch die E. Gn. ablost, ist ein typischer Granitit mit nor- 



301 



nialer Ausscheidungsfolge, der weder zum Erstfelder Eruptiy- 
gneis noch zum Zentralgranit BeziehuDgen aufweist, yielmehr 
dem Gasterengranit und jedenfalls auch den Graniten des 
Schwarzwalds gleichzustellen ist. Sehr weit verbreitet in ihm 
sind Scholleneinschliisse; die Marmorlinsen der Aufleren 
Urweid sind nicht abgequetschte Teile des Pfaffenkopfkeils, 
sondern grofie yom Granit umflossene Schollen. 

Der I.Gr. zeigt an der GrimselstraBe sehr schon entwickelte 
Quetschzonen, in denen die Umwandlung des Granits zu 
gneisahnlichen Gesteinen, schlieBlich zu feinplattigem Sericit- 
schiefer in alien Stadien zu verfolgen ist. 

Das Carbon des "Wendenjochs ist jiinger als die E. Gn. 
und jedenfalls alter als der I.Gr.; wahrscheinlich ist es dem 
Untercarbon des sudlichen Schwarzwalds gleichzustellen. 

Die ganze „nordliche Gneiszone" entspricht petrographisch 
und tektonisch dem krystallinen Schwarzwald; sie stellt ein 
Stuck echten yaristischen Grundgebirges mit carbo- 
nischer Tektonik dar. Die sedimentaren Zonen yon Far- 
nigen und Andermatt beweisen jedoch fur den siidlicher lie- 
genden Teil des Aarmassiys sowie fiir das Gotthardmassiy das 
tertiare Alter der Tektonik. Damit erscheint das (bis jetzt 
als einheitlich angesehene) Aarmassiy aus zwei yerschie- 
denen Teilen zusammengeschweiBt: die Zone yon Farnigen 
scheidet die carbonisch aufgerichtete „nordliche Gneiszone" 
yon den tertiar dislozierten eigentlichen Zentralmassiyen. Die 
„nordliche Gneiszone" bildete das Widerlager bei der Alpen- 
faltung, was durch das Auftreten der sich siidlich anschliei^enden 
riesigen Quetschzonen bestatigt wird. 



Manuskript eingegangen am 20. Marz 1913.] 



302 



6. Zur Tektonik des Monte Gruglielmo 
und der mittleren Yal Trompia 1 ). 

Von Herrn Norbert Tilmann in Bonn. 

(Hierzu Taf. XXI[ und 6 Textfiguren.) 

Seit dem Erscheinen meines Aufsatzes in diesen Monats- 
berichten 2 ) ist iiber die Triasberge ostlich des Iseosees eine 
Reihe geologischer Mitteilungen veroffentlicht worden, die 
geeignet sind, das von mir entworfene Bild von dem Aufbau 
des Massives des Monte Guglielmo bis zur mittleren Yal 
Trompia hin erheblich umzugestalteu. In erster Linie sind 
hier die Arbeiten von G. B. CaCCIamali zu nennen, der nach 
Aufnahme der siidlicli vorliegenden Bergziige auch das ganze 
Gebiet des Monte Guglielmo und der mittleren Val Trompia 
in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen hat 3 ). Ich 
wiirde mit der Besprechung und Kritik dieser Arbeiten bis 
zum Erscheinen der meine Studien endgiiltig darlegenden aus- 
fiihrlichen Beschreibung des ganzen Triasgebirges ostlich des 
Iseosees gewartet haben, wenn nicht die Resultate, die sich 
Herrn CaCCIAMALI besonders in tektonischer, aber auch in 
einigen Punkten in stratigraphischer Hinsicht ergeben, so voll- 
standig von den von mir vertretenen Anschauungen abweichen 
wiirden. So sehe ich mich genotigt, wenigstens kurz auf die 
Darlegungen CaCCIAMALIs naher einzugehen, schon weil man 
sonst mit Recht vermuten konnte, ich hatte ebenso wie CaO 
CEAMALI meine Ansichten iiber die Tektonik des Monte Gu- 
glielmo und seiner Umgebung geandert und stimme seinen 
Deutungen voni Bau dieser Berge bei. 

1 ) Die Jateinischen Zahlen im Text beziehen sich auf die mit ent- 
sprechender Nummer yersehenen Arbeiten, die in den FuBnoten an- 
gefiihrt sind. 

2 ) Tilim ann, N. : Beitrag zur Stratigraphie und Tektonik der Trias 
des Monte Guglielmo. Zeitschr. Deutsch. Geol. Gesellsch. 1909, Monatsber. 
Nr. 4. (I). 

3 ) CacCiamatj, G. B.: Una falda di ricoprimento tra il lago d'Iseo 
e la Val Trompia, Boll. soc. geol. Ltal. 29, 1910. — La Geologia Bresciana 
alia luce dei nuovi concetti orogenici. Coram. Aten. Brescia 1911. — 
La falda di licoprimento del Monte Guglielmo con- premesso schizzo 
tectonico della Lombardio orientate. Boll. soc. geol. ltal. 30, 1911. — 
Struttura geologica del gruppo del Monte Guglielmo. Comm. Aten. 
Brescia 1912. (II). 



303 




P 1 ^ AnisischeStufe WHIHH Esinokalk ^Z<\ Hauptdolomit Lias 



^j^LadinisdieStufe \////\ Raibler w:S^ Rh3ei k 1 Bruch/inien 

Fig. 1. Geologische Skizze des Monte Guglielmo nach der Karte 1 : 25000 
von G. B. Caccivmali 1 : 100000. 




■ ^ystallin llfil Esinokalk Rhaet 



i — I Perm u UntereTnos Raibler f77.V] Porphyria 
^^^Anis/sche u.LadinischeStufe \~-~-\ Hauptdolomll | | Bruchlinien. L ' 3S 

Fig. 2. Karte des Monte Guglielmo (nacli Tilmann). 



304 



Es ist eine kurze Klarstellung auch deshalb erforderlich, 
weil der Auffassung CaCCIAMALIs von anderer Seite beigepnichtet 
worden ist. BONOMINl 1 ) hat sich in einer kurzen Arbeit iiber 
den M. Gardio zu dieser neuen Deutung bekannt, und auch 
H. BaSSMUSS 2 ) hat sie sich — freilich ohne weitere Kritik — 
zu eigen gemacht, da sie sich so gut der von ihm aufgestellten 
Hypothese iiber den Bau der lombardischen Alpen einfugt. 
Dadurch erhalten die Differenzen, die zwischen Herrn Cac- 
CIAMaLI und mir hinsichtlich der Tektonik des Monte Guglielmo 
bestehen, auch prinzipielle Bedeutung fur die Auffassung des 
Baues dieses Teiles der Siidalpen; sie spiegeln den Gegensatz r 
der sich in der Ausdeutung des tektonischen Charakters der 
ganzen Sudalpenzone neuerdings wieder scharfer bemerkbar 
macht; es handelt sich um die Entscheidung der Erage, ob- 
Faltenbau und Falteniiberschiebungen, also vorwiegend tan- 
gentialer Schub, oder Senkungserscheinungen, begleitet von 
tangential em Druck, den Charakter der Tektonik bedingen. 

Die Ausfiihrungen CaCCIAMALIs sind von einer geologi- 
schen Karte des Monte Guglielmo im Mafistab 1:25 000 
(Fig. l) und einer Profilserie begleitet (II). Es handelt sich 
im wesentlichen um die gleiche Gegend, die ich in meiner 
fniheren Arbeit durch eine Karte in kleinerem Mafistab und 
eine Folge von Profilen erlautert habe (I) 3 ) (Fig. 2). Aus 
dem Vergleich beider Karten wird man entnehmen, dafi, ab- 
gesehen von dem siidostlichen Teil des Gebirgsmassives des 
Monte Guglielmo, unsere Aufnahmen in der Verteilung der ver- 
schiedenen Schichtkomplexe und auch im Yerlauf der Storungs- 
linien in den wesentlichsten Punkten . iibereinstimmen. Um 
so erstaunter wird man danach den fundamentalen Unterschied 
in der Auffassung der Tektonik bemerken, der sich in den 
Profilen (Fig. 3 u. 4) scharf auspragt. 

Das Endergebnis meiner Untersuchungen lief darauf hin- 
aus, dafi das tektonische Bild, das die Storungen diesem Ge- 
biete aufpragen, im wesentlichen auf Senkungsprozesse und 
durch diese hervorgerufene Stauungen zuriickgefiihrt werden 
konne und mit dem .Nachweis des Fehlens einer grofieren 
Faltung die Annahme ausgeschlossen erscheine, dafi die Dis- 



J ) Bonomini, C: IL Monte Gardio. Boll. soc. geol. Ital. 31, 1912. 

2 ) Rassmuss, H.: Der Gebirgsbau der lombardischen Alpen. Zeit- 
schrift Deutsch. Geol. Gesellsch., Monatsber. 65, Nr. 2, 1913. 

3 ) Da die Arbeit von Cacciamali der Mehrzahl der Leser zum 
Vergleich kaura zugariglich sein diirfte, habe ich in Fig. 1 eine ver- 
kleinerte Kopie seiner Aufnahme gegeoen und fiige in Fig. 2 meine 
triihere Skizze etwas erweitert und verbessert bei. 



305 



lokationen aus iiberschobenen unci zerquetschten Falten hervor- 
gegangen und als Faltenbriiche anzusprechen seien (I). 

Dagegen findet CaCCEAMALE in dem gleichen Gebiet be- 
trachtliche Uberschiebungen, die aus gegen S iibergelegten 
Falten entstanden sein sollen. Die Storungslinien, die auf 
meiner Karte und meinen Profilen als Langsbriiche erscheinen, 
N. S. 




fyyi] pwi mm ^ 

tmsischeStufe WengenerSchicMen Esinokalk RaiblerTuffe Haiptdolomit 

Reitrikatk . 

Fig. 3. 

Profil durch den Siidabfall des Monte Guglielmo 1 : 50000 
(nach G. B. Cacciamali). 



CornoJiragna c 




— 10 Om. 

TTZZ^ ZulZZ: tyi-l^t'l |:z.:::.| „EZ±3 

AnisischeSfufe WengenerSchirht Esinokalk RdiblerSchirbkr) Haupf - .Porphynte 
neitzikaUi dohmit 

Fig. 4. 

Profil durch den Siidabfall des Monte Guglielmo 1 : 50000 
(nach N. Tilmann). 



an denen die einzelnen Schollen gegen S treppenformig absinken, 
begrenzen uach ihm Uberschiebungsmassen, die aus scharf nach S 
iiberschobenen Falten, z. T. mit vollig ausgequetschtem Mittel- 
schenkel, abzuleiten sind (II). 

Es zeigt sich hier der gleiche Gegensatz in der Deutung 
der Tektonik, der, wenn auch nicht so scharf, zvvischen der 
Auffassung yon A. BETTNEli und meiner Ansicht besteht 1 ). 

l ) Bittner, A.: Uber die geologischen Anfnahmen in Judikarien 

und Val Sabbia. Jahrb. k. k. geol. Reichsanst. 31, 1881, S. 362 (144). 

— Tilmann, N.: Tektonische Studien im Triasgebirge des Val Trompia. 

Diss. Bonn 1907. Taf. II. (III.) 

Zeitschr. d, D. Geol. Ges. 1914. 20 



306 



Em Yergleich unserer Profile von Collio nach Yestone — von 
der oberen Yal Trompia zum Chiesetal — veranschaulicht 
das ganz klar. Wahrend Bitt.ner die verschiedenen Langs- 
storungen als Uberschiebungslinien nach S ubergelegter Falten 
mit ausgequetschtem Mittelschenkel anspricht, sind es fiir mich 
einfache, nach N einfallende Langsbruche, die die Schollen 
Yoneinander trennen. Allerdings macht sich doch ein von 
N wirkender Druck bemerkbar, der die jeweils nordliche 
Scholle auf die gesenkte siidliche Scholle uberschiebt. 

Wie schon hervorgehoben wurde, stimme ich mit CaccIAMALI 
in den tatsachlichen Punkten, insbesondere in der Dreiteilung des 
Siidabfalls des Monte Guglielmo, durchaus iiberein. Das Gipfel- 
massiv des Monte Guglielmo und die oberen Abstiirze des 
Berges nebst der weiten Plateauflache, die sich bis zum Monte 
Stalletti hinzieht, bestehen aus einer nach gegen S fallenden 
Schichtserie, die die mittlere Trias bis zum Esinokalk herauf 
umfafit. An dem FuBe der steilen Siidabstiirze treten, an- 
stoBend an Graciliskalk, die roten Raibler Tuffe auf, die sich 
in einem fortlaufenden Bande als deutliche Terrasse durch die 
oberen Yerzweigungen der Yal d'Inzino verfolgen lassen und 
das oberste Schichtglied der zweiten Scholle bilden, die eben- 
falls wieder bis zum Graciliskalk ' herunterreicht. Diese zweite 
Scholle stoBt im S an die machtige Masse yon Hauptdolomit, 
die im Monte Nistola und Monte Lividino iiber 1000 m Machtig- 
keit erreicht, und unter der die ganze Serie der mittleren 
Trias in der Antiklinale yon Marchenb zutage tritt. Auch 
CaCCIAMALE halt an dieser urspriinglich schon yon COZZAGLIO 1 ) 
gegebenen Dreiteilung fest. 

Ich hatte fruitier ausgefiihrt, daB sich diesen drei Staffeln 
die einfache Schichtfolge am WestfuB des Monte Guglielmo, 
das sog. Normalprofil CuRlONls, dadurch angliedert, daB der 
SenkungsprozeB auf der Westseite in einem einheitlichen Ab- 
sinken der ganzen Schichtfolge nach W besteht, wahrend der 
analoge SenkungsprozeB auf der Siidseite verschiirft erscheint 
und deshalb hier kein einheitliches Absinken, sondern ein 
Abbrechen in mehreren Schollen erfolgt. Das besagt, daB die 
die Schollen trennenden Langsbriiche gegen W allmahlich 
verschwinden miissen. In der Tat konnte gezeigt werden, daB 
aus den Briichen an der Siidseite des Bergmassivs auf der 
Siidwestseite steile Plexuren (Valle di Gasso, Dozzo Fontanazzi) 
werden, die nach W gegen den Iseosee in der steil gestellten 
Schichtfolge verschwinden (I). 

J ) Cozzaglio: Note esplicative sopra «alc. relievi geol. in Val 
Camonica. Giorn. Mineralo^., Bd. V, Pavia 1894. 



307 



Die Ostseite des Monte Guglielmo konnte ich damals 
nicht so eingehend untersuchen; es gelang mir jedoch, fest- 
zustellen, daB die ganze Schichtfolge gegen die Val Trompia 
hin nach absinkt, dafi die zwei Langsbriiche auf der 
Siidseite gegen unterhalb des Monte Stalletti sich ver- 
einigen uud allmahlich in einen slide ordlich verlaufenden Bruch 
iibergehen, an dem die ostliche Scholle gegen das Gipfel- 
massiv des Monte Guglielmo abgesenkt erscheint. Dieser 
Querbruch stoBt westlich von Pezzoro in der oberen Yalle 
delle Selle gegen die Val Trompia-Linie und bildet die ost- 
liche Grenze der groBen, flach geneigten Tafe], die das Gipfel- 
plateau des M. Guglielmo umgreift. Ostlich von ihm haben 
wir bei Pezzoro sehr komplizierte und z. T. wegen der starken 
Schuttbedeckung nur schwer zu deutende, mir damals noch 
nicht yollstandig klare Verhaltnisse. Es folgt zunachst siid- 
lich der Yal Trompia-Linie eine aus Raulrwacke und Gracilis- 
kalk bestehende iiberkippte, steil nordlich fallende Scholle. 
Diese stofit an einer Langsstorung, die oberhalb Pezzoro ver- 
lauft, an eine Antiklinale, die besonders deutlich in der 
obersten Yal di Pezzoro aufgeschlossen ist und hauptsachlich 
aus "Wengener Schichten, Esinokalk und Raibler Tuffen und 
Porphyriten besteht. 

Ich vermied es damals festzulegen, ob die nordlich Yon 
Pezzoro yerlaufende Langsstorung durch die Yal Morina gegen 
Osten fortsetzt und ihreh AnschluB findet an die vom Monte 
Ario im Osten bis in die Yal Trompia verfolgte Uber- 
schiebung. Infolge maDgelhafter Aufschliisse und weiter Uber- 
deckung mit jungen Schuttmassen ist der Talkessel yon 
Pezzazze einer klaren Ubersicht wenig giinstig. Doch nahm 
ich kein Bedenken, das ganze Gipfelmassiy des Monte Pergua, 
das die Yalle di Pezzoro yon der Yal Trompia trennt, als 
Hauptdolomit anzusprechen und in ihm die nordliche Fort- 
setzung der vom Monte Nistola iiber den Dosso Zumio heran- 
ziehenden Dolomitmasse zu erblicken, die jenseits der Yal 
Trompia im Hauptdolomit des Castel dell' Asino ihr Spiegel- 
bild findet. 

CaCCIAMALI vertritt nuD, wie oben ausgefiihrt, fiir den 
Siidteil des Monte Guglielmo die Ansicht groflerer Falten- 
uberschiebungen (Fig. 3) (II), Da bei Entscheiduog dieser 
Frage von Wichtigkeit ist, ob die Langsstorungen ein flaches 
oder steiles Einfallen nach N aufweisen — denn dies 
ist, wie man leicht aus Fig. 3 u. 4 entnehmen kann, der 
einzige in Betracht kommende Unterschied beider Profile, ab- 
gesehen von einem untergeordneten Bruch an der Corna Tiragna 

20* 



308 



— , so wird es zweckmaGig sein, den Yerlauf beider Linien 
auf der Siidseite des M. Guglielmo einmal genauer zu ver- 
folgen. Betrachten "wir zunachst den Verlauf der Uber- 
schiebungslinie der obersten Scholle, so finden wir, daB er 
auf den Siidhangen nicht wesentlich von der von mir an- 
gegebenen Richtung abweicht. Die Storung durchschneidet die 
oberen Verzweigungen der Valle d'Inzino und steigt iiber 
die trennenden Riicken hinweg ziemlich tief in die einzelnen 
Taler herab. Ware diese Storungsflache tatsachlich eine flache 
Uberschiebung, so miiBte man erwarten, daB sie ungefahr den 
Isohypsen parallel laufen wiirde, wahrend sie in Wirklichkeit 
diese scharf schneidet 1 ). 

Den klarsten Beweis fiir den Bruchcharakter dieser Linie 
liefert ein AufschluB im Bachbett der Valle di Colonno in der 
Nahe der C. Colonno. Der Weg, der von dieser Hiitte nach 
der C. Sella fiihrt, trifft gerade an der Stelle, wo er den 
Bach iiberschreitet, auf die Storungslinie. Hier sieht man 
deutlich, wie der Raibler Porphyrit mit seinen Tuffen an den 
schwarzen Kalken des Gracilishorizontes scharf absetzt, die 
hier schwach gegen N fallen. Man kann die Grenzflache 
gegen die C. Zocchi herauf ein Stuck weit in einem kleinen 
SeitenriB verfolgen. Es kann sich hier nicht um eine flach 
nach N fallende Uberschiebung handeln, da die Flache steil 
gegen N einschieJBt. 

Der wahre Grund fiir die Annahme einer Falteniiber- 
schiebung dieser oberen Scholle durch CaCCIAJIALI ist aber 
darin zu suchen, daB er auf der Ostseite des M. Stalletti die 
Storungslinie direkt mit dem auch von mir angegebenen Quer- 
bruche verbindet, der ostlich der C. Pontogna vorbeifiihrt. 
Dadurch erhalt die Scholle der Gipfelregion des M. Guglielmo 
auf den ersten Blick tatsachlich die Gestalt einer Uber- 
schiebungsmasse, die in der oberen Val di Pezzoro stark von 
der Erosion angegriffen ist und. die Unterlage, Wengener 

2 ) Auf meiner kleinen Skizze (I) hatte ich dieser Storungslinie 
einen etwas gekrummten Verlauf gegeben, entsprechend der Tatsache, 
daB die Bruchflache weder ganz steil noch horizontal einschieBt, 
sondern in Wirklichkoit unter ziemlich steilem Winkel nach N ge- 
neigt ist. Es bedarf diese Linie einer kleinen Korrektur. Auf den 
einzelnen Bergriicken, die die oberen Verzweigungen der Val d'Inzino 
trennen, sieht man besonders oberhalb der C. Ortighera GraciJiskalk 
ziemlich weit auf Raibler Schichten aufliegen. Untersucht man diese 
anscheinend auf die Raibler Schichten flach aufgeschobenen Scholle 
naher, so findet man, daB es sich hier um abgerutschte Massen der 
dahinter sich erhebenden Absturze des Graciliskalks handelt, und daB in 
Wirklichkeit die Storungsflache mit steil nordlich fallendem EinschieBen 
die beiden Schollen voneinander trennt. 



309 



Schichten, Esinokalk und Raibler, in der Tiefe des Tales er- 
scheinen laSt, zumal ein aus der Gegend der Casa Campedei 
siidlich der Forcella di Pezzoro gegen Tavernole in der Val 
Trompia hinziehender O-W-Bruch die Querbruchlinie im nord- 
lichen Teil entsprechend dem Talrelief gegen den Berghang ver- 
schiebt. (Fig. 2.) Aber es ist bier das gleicbe Bild wie an der 
Stelle, wo die Val Trompia- Linie auf dem ostlichen Talbang der 
Yal Camonica aus der O-W-Richtung nach N abschwenkt und der 
Langsbruch in den Querbruch ubergeht, indem der Senkungs- 
prozeB, der die Sedimente gegen die kristallinen Scbiefer ver- 
senkt, auf der Westseite durch ein Absinken nacb W ersetzt 
wird und dementsprecbend bier die Abbruchslinie einen N — S 
gericbteten Yerlauf erbalt. Gegen wiirde die obere Scbolle 
fortsetzen in der iiberkippten Zone nordlich von Pezzoro, die 
direkt an die Yal Trompia- Linie anstoflt. 

Nun sind die Verhaltnisse besonders in der Yal Yerda 
durchaus nicbt so klar, wie man es nach der Karte von 
CaCCIAMALI vermuten sollte; weitbin sind die Hange iiber- 
scbiittet mit dem Geroll des Graciliskalkes ; aufierdem ist schwer 
zu entscheiden, welcbe Teile der bier auftretenden Porphyrit- 
massen dem im Graciliskalk steckenden Teil des Eruptivs zu- 
zurecbnen sind und wieweit sie mit Sicherbeit zu den Raibler 
Tuffen zu stellen sind, die den Esinokalk des Dosso Sapel 
iiberdecken. Klare Aufscbliisse der Grenzlinie selbst mangeln 
bier so gut wie ganz. Aber trotzdem lafit sich an mebreren 
Punkten feststellen, dafi die Storungslinie den Cbarakter 
eines Bruches baben mul Schon der Weg von der Forcella 
di Pezzoro zum Pafliibergang in die Yalle di Colonno zeigt 
deutlich, wie steil die Storung, die bier noch einen NO ge- 
ricbteten Yerlauf besitzt, in die Tiefe setz.t. Besonders klar 
laJ3t sich dieser Charakter erkennen an der Stelle, wo bei 
C. Pontogna und C. Dossi der vermeintlicbe Uberschiebungsrand 
aus der S — N-Richtung anscheinend wieder in dea W — -Yerlauf 
einlenkt. Man sieht hier namlich sehr deutlicb, wie der 
Graciliskalk, der in den Corni iiberkippt ist und steil nach 
N einfallt, scbarf nach W abbiegt und hier an die auBer- 
ordentlich machtigen, wahrscheinlich vielfach gestauchten 
Servinomassen der obersten Yalle delle Selle anstoUt (Taf. XXII, 
Fig. 3). Der Brucbcharakter der Storungslinie, die hier senk- 
recht gegen die Yal Trompia- Linie anstofit, ist evident; auf 
andere Weise sebe ich -keine Moglichkeit, die Lagerungs- 
verhaltnisse hier zu deuten. 

Auch schwenkt der Querbruch nicbt in die Langsstorung 
ein, die oberhalb Pezzoro iiber die Hugel J Dossi fortzieht, 



310 



sondern schneidet sie in W ab und stofit wenig weiter nord- 
lich. scharf gegen die Yal Trompia-Linie. Dazu fragt man sich 
vergebens, wober iiberbaupt die Uberscbiebungsmasse, die das 
Guglielmomassiv bildet, gekommen sein sollte, wenn man sie 
nicbt unter das Kristallin, das nordlicb der Yal Trompia- 
Linie berrscbt, untertaucben lassen will. Aber der Brucb- 
cbarakter dieser groBen Storungslinie ist ja neuerdings fast 
allseitig zugegeben worden und wird aucb durcb die soeben 
abgescblossenen Untersucbungen des Herrn stud. geol. y. BuLOW 
durcbaus bestatigt. 

Ein weiterer scbwerwiegender Beweis fur den Cbarakter 
der von C. Campedei berbeiziebenden Storungslinie als Quer- 
brucb ist aber deutlicb darin gegeben, daB die beiden 
durcb ibn getrennten Scbollen siidlicb der Yal Trompia- 
Linie so durcbaus verscbieden gebaut sind. Wabrend sicb 
im Westen siidlicb dieser Hauptlangsbrucblinie das Gipfel- 
massiv des Monte Guglielmo aus einer nur scbwacb gegen 
SW geneigten Serie von unter- und mitteltriadiscben SedimeDten 
aufbaut, ist ostlicb des Querbrucbes die Scbicbtserie steil 
iiberkippt. Icb nenne sie nacb der Yalle delle Selle die 
Sellescbolle. Diese wird, wie scbon oben erwabnt, in nicbt 
allzuweiter Entfernung von der Yal Trompia-Linie im Siiden 
durcb eine Storung begrenzt, die sicb iiber den Bergkamm 
J Dossi oberbalb des Ortes Pezzoro binziebt und sicb bis an 
den Ostabfall dieses Bergzuges gegen den Kessel von Pezzazze 
verfolgen laJ3t. Daran scbliefit sicb im Siiden ein scblecbt 
aufgescblossenes, aber ziemlicb kompliziert gebautes Gebiet, 
das ebenfalls nocb durcb Storungen zerfetzt wird, das aber 
in der oberen Yal Pezzoro gegen die Casa Pontogna zu aus 
einer steil aufgewolbten Antiklinale bestebt. In der iiber 
J Dossi binstreicbenden Storung erblicke icb im Einvernebmen 
mit CaCCIAMALI die Fortsetzung der oberen Storung an der 
Siidseite des Monte Guglielmo, die aber nacb meiner Auf- 
fassung durcb den grofien Querbrucb Campedei — Pontogna 
weit gegen N zuriickgescboben erscbeint und aucb nur eine 
sehr scbmale und vollig anders gebaute Scbolle begrenzt. 
Trotzdem sie im Kessel von Pezzazze nur undeutlicb auf- 
gescblossen ist, verbinde icb sie unbedenklicb, soweit meine 
Untersucbungen reicben, mit der Storungslinie, die die steil- 
gestellte Scbicbtfolge siidlicb der Yal Trompia-Linie in der 
Yal Roccomassimo im Siiden abscbneidet und an der der Por- 
pbyrit von Predondo abgesunken ist. Allerdings ist dabei zu 
beriicksicbtigen, daB mebrere aus der Ricbtung von Lavone 
zu beiden Seiten des unteren Morinatals gegen N ziebende 



311 



Querstorungen den Yerlauf der Langsstorung stark komplizieren 
werden. 

In der Yal Trompia unterhalb Bovegno verbindet sich 
diese Langsstorung mit der groBen Bruchlinie, an der am 
Monte Ario die Nordscholle auf ihre siidliche Vorlage iiber- 
schoben ist, die in die Yal Sorda fortsetzt und den Gracilis- 
kalk des Monte Zovato auf die Raibler Porphyrite von Irma 
bis Z'igole uberschiej)t. Schon friiher habe ich ausgefiihrt, 
daB es sich auch bei der Ariostorung nicht um eine Falten- 
iiberschiebung handelt, sondern um einen Bruch mit Uber- 
schiebungserscheinungen, welch letztere lokal groBeres Aus- 
maB z. B. am M. Ario selbst erhalten (III). Unterhalb der 
Einmiindung der Yal Meola beobachtet man auf der Grenze 
zwischen Porphyrit und Muschelkalk eine innige Yerknetung 
beider Gesteine, ganz ahnlich, wie ich eine solche Breccie 
schon friiher in kleinem MaBstabe bei Zigole nachweisen 
konnte. 

Es ergibt sich also, daB vom Gipfelmassiv des Guglielmo 
bis in den Meridian von Collio siidlich der Yal Trompia- Linie 
eine erste einheitliche Scholle besteht, die allerdings durch 
Querstorungen erheblich in Ausdehnung und Tektonik ver- 
andert ist. 

Wir wenden uns der zweiten groBen Storungslinie zu, 
die am Guglielmo zu verfolgen ist. Nach CaCCIAMALI (II) 
ist sie der Ausstrich einer groBen Uberschiebung, die durch 
die Talbildung der Yal Trompia und ihrer Nebentaler stark 
beeinfluBt wird; infolge der tiefgreifenden Erosion springt die 
Schubmasse, auf der Westseite der Yal Trompia iiber die 
Hohen hinwegziehend, etwa 12 km gegen N ein; dieser Betrag 
gibt also einen MaBstab dafiir, welches AusmaB die Yerfrachtung 
der Scholle zum mindesten gehabt hat. CaCCIAMALI sieht 
ein einheitliches Phanomen in der iibergelegten Falte an der 
Punta del Oro, am Siidostende des Iseosees, in der Uber- 
schiebung des Hauptdolomits der Punta d'Armala auf Lias 
und in der Storungslinie, die die von mir als Zwischenscholle 
bezeichnete Masse gegen ihre siidliche Vorlage, die aus Haupt- 
dolomit bestehenden Berge der Yalle d'Inzino, abgrenzt. 
Was den siidlichsten Teil anlangt, so bemerkt man deutlich, 
daB tatsachlich der Hauptdolomit aus NW-B-ichtung auf einer 
etwa 40° nach NW geneigten Elache auf den Lias aufgeschoben 
erscheint. Man konnte annehmen, es sei der ostliche Fliigel 
des groBen Gebirgsbogens, der sich nach RASSMUSS 1 ) um den 

l ) Rassmuss, H.: Zur Geologie der Valle d'Adrara. Zeitschr. d. 
Deutsch. Geol. Ges. 1912, Mon.-Ber. 6. 



312 



Siidteil des Iseosees schlingt. Auf der ostlichen Seite wiirde 
natiirlich die Uberschiebung dem Verlauf des Bogens ent- 
sprechend gegen SO gehen. Es ist aber andrerseits nicht 
zu Yerkennen, dafi hier anscheinend die ersten Anzeichen der 
gegen herrschenden Storungsrichtungen sich bemerkbar machen, 
die ihren Prototyp in der Judikarienlinie finden. Darauf weist 
auch das Streichen der Antiklinale Marcheno-Lodrino. 

Verfolgen wir die Linie weiter gegen den Monte Guglielmo 
zu, so finden wir, daB CaCCIAMALI sie am Dosso Fontanazzo 
mit einem Querbruch zusammenfallen laBt, der nach meinen 
Angaben am Ostabfall des genannten Berges entlang zieht und 
eine erhebliche Verbreiterung der Mittelscholle bewirkt. Diese 
besteht ostlich dieser Querstorung aus einer einfachen, schwach 
nordlich geneigten Gesteinsserie; westlich bildet sie eine steile 
Flexur auf der S-Seite des Dosso Fontanazzo, und hier erscheint 
die scharfe Grenze gegen die siidliche Yorlage nicht vorhanden, 
sondern durch die Flexur ausgelost. Nach CaCCIAMALI aber 
soil gerade hier am Dosso Fontanazzo mit voller Deutlichkeit 
die Uberschiebung der oberen Scholle, die eine liegende Falte 
darstellt, iiber die aus Hauptdolomit, Rhat und Lias bestehende 
siidliche Scholle zu sehen sein (Fig. 5). Genaue Untersuchungen 
aber zeigen, daB CaCCIAMALI an dieser Stelle zwei nebenein- 
ander liegende Profile, die zu beiden Seiten der genannten 
Querstorung verlaufen, in eine Ebene projiziert hat (Fig. 6). 
Dadurch erhalt er ein Uberschiebungsbild in der gleichen 
Weise wie bei der oberen Storungslinie in der Gegend der 
Casa Pontogna. Es liegt also hier ein ganz ahnlicher Fall vor 
wie in dem Streit, der sich iiber die Deutung der Tektonik 
des Klusengebietes des Schweizer Jura erhoben hat. Die 
hier von MuHLBERG gezeichneten Uberschiebungen kommen, 
wie W. DttLHAKS und H. Gerth 1 ) gezeigt haben, ebenfalls 
nur dadurch zustande, daJ3 unzulassigerweise zwei durch eine 
Bruchlinie getrennte Profile in eine Ebene zusammengelegt sind. 

Am Dosso Fontanazzo ist vielmehr, wie das an den grofieren 
Querstorungen die Regel ist, zu beobachten, daB die durch 
sie getrennten Schollen ganz verschiedenen Bau aufweisen, 
im Osten den flach siidostlich fallenden einformigen Haupt- 
dolomit, im Westen die in der Yal Casere steil herabgebogene 
Flexur der Mittelscholle (Fig. 6). 

Nach CaCCIAMALI biegt die Storungslinie an der NO-Ecke 
des Dosso Fontanazzo gegen Osten um, und sie fallt hier mit 

x ) Deuiaks W., und Gekth, H.: Geologische Beschreibung des 
Kettenjura zwischen Reigoldswil (Baselland) und OensiDgen (Solothurn). 
Geol. Pal. Abh. N. F. XI, 1, 1912. 



313 



der zweiten Langsstorung zusammen, die die Mittelscholle 
des Guglielmo von der sud'lichen Hauptdolomitmasse trennt. 
Wir zeichnen beide den Verlauf bis zur Yal di Colonno ganz 
gleich auf der Karte ein ; schon daraus ergibt sich, daB diese 




AniMiheStufr Wengener Schkht. Lsinokalk RsiblerTuffe Haupt- ' Rhat Lias 
Reiiiikalk tPorphyrite dolomif 

Fig. 5. 

Profil durch den Siidabfall des Monte Guglielmo und den Dosso 
Fontanazzo 1 : 50000 (nach G. B. Cacciamali). 



Casteli 




Fig. 6. 

Profile durch don Siidabfall des Monte Guglielmo und den Dosso 
Fontanazzo 1 : 50000 (nach Tilmann). 



Linie nicht, wie CACCIAMALI es im Profil zeichnet, flach 
gegen N fallen kann, sondern steil, fast senkrecht in die Tiefe 
setzt, da sie Taler und die sie trennenden Riicken geradlinig 
durchschneidet (vgl. Taf. XXII, Fig. 1 und 2). 

Sehr scharf differieren wir dagegen an der SO-Ecke des 
Guglielmo in den Bergen oberhalb Cimmo. Nach meiner Auf- 



314 



fassung vereinigt sich die hier in Frage kommende Langs- 
storung etwa in der Umgebung der Forcella di Cimmo mit 
der oberen Guglielmo- Storung; beide schwenken vereint in 
den Querbruch ein, der gegen die Casa Pontogna hinzieht. 
Nach CACCIAMALI aber ist der Verlauf der Storungslinie ein 
ganz anderer. Das hat seinen Grund vornehmlich darin, dafl 
er einen Teil der Dolomite des Monte Zumio und des Monte 
Pergua fur alter als Hauptdolomit erklart und diese Berge fiir 
gleichalterig mit Esinokalk halt. Ist diese Auffassung richtig, 
so besteht allerdings eine bedeutende Uberschiebung am Monte 
Pergua. Aber ich habe mich trotz wiederholter Begehung nicht 
davon uberzeugen konnen, dafi der Dolomit des Monte Pergua 
und des Monte Zumio etwas anderes ist als Hauptdolomit. 
Allerdings kann ich ebensowenig einen exakten palaontologi- 
schen Beweis fiihren wie CACCIAMALr; denn Fossilien fand ich 
in dieser Gegend nicht, auch keine Korallen, die doch eigent- 
lich wenigstens hier und da vorhanden sein miiflten, wenn man 
die Dolomitmasse des Pergua als ein Korallenriff anzusprechen 
versucht. So ist man also darauf angewiesen, aus petrographi- 
schen Ahnlichkeiten heraus das Alter dieser Gesteinsmassen 
zu deuten. 

CACCIAMALI unterscheidet im Esinokalk mehrere Facies. 
In der normalen Ausbildung ist der Esinokalk ein weiBer 
Riffkalk, wie er am Monte Guglielmo, am Dosso Fontanazzo 
und anderen Punkten erscheint. In der hier in Frage 
kommenden Gegend aber soil er in der unteren Abteilung ein 
Dolomit sein, der nach oben von blaulichem Plattenkalk iiber- 
lagert wird. In der Dolomitfacies unterscheidet er noch 
zwischen dem normalen Dolomit, der am Monte Pergua auftritt, 
und einer leicht zerreiblichen Abart „Dolomia stritolata" am 
Monte Nistola (II). 

Nach meinen Untersuchungen ist der Hauptdolomit im 
ganzen Gebiete immer ein Niveau, das sich ganz ausgezeichnet 
durch Einheitlichkeit und Konstanz seiner Facies und petro- 
graphischer Ausbildung kenntlich macht. Stets ein grauer, 
bisweilen bituminoser, dann etwas dunkler gefarbter, haufig 
zuckerkorniger reiner primarer Dolomit, der sich in der 
Landschaft sehr deutlich dadurch kenntlich macht, dafl er 
entweder machtige Steilabstiirze bildet, die dann durch die 
gute Bankung des Hauptdolomits wie terrassiert erscheinen, 
oder in der Form von sehr scharfen griinen Graten sich 
heraushebt, deren Abfalle nach beiden Seiten hin aufierordent- 
lich gleichmaBig in die Tiefe zu setzen pflegen. Wer daraufhin 
sich die fraglichen Dolomite ansieht, wird nicht einen Moment 



315 



im Zweifel bleiben, daB es sicli um Hauptdolomit handelt (vgl. 
Taf. XXII, Fig. 1 u. 2); ich kann von der AltersbestimmuDg 
nicht abgehen, solange nicht durch Fossilien sein Alter als 
Esinodolomit gekennzeichnet wird. 1st aber der dickbankige 
Dolomit des Monte Pergua wirklich in das Niveau des Esino- 
kalkes zu stellen, so ist nicht einzusehen, weshalb das nicht 
auch mit dem ganz gleichen Dolomit des Castel dell' Asino 
auf der linken Talseite der Mella der Fall sein soil. 

Demgegenuber stellt der Esinokalk in seiner normalen 
Entwicklung immer eine ungeschichtete Masse dar, die nur 
in ihren obersten Teilen in die plattigen Kalke an der 
Basis der Raibler Schichten iibergeht. Nur dort, wo der 
Esinokalk gering machtig wird, nimmt er eine dunklere 
Farbung an und wird durch den ganzen Komplex bankig, 
so dafi es manchmal schwer wird, ihn vom Raibler Platten- 
kalk oder gar von den Kalken der tieferen Trias zu trennen. 
Allerdings kenne ich auch erhebliche EsinokalkmasseD, die 
heute dolomitisch sind; aber es handelt sich hier um sekun- 
dare Dolomitisierung, schon erkennbar daran, dafi dieses 
Gestein auBerordentlich briichig, leicht zerfallend ist und die 
Fossilien, ihrer Kalkschale beraubt, nur als Steinkerne erhalten 
sind. Ich will dabei jedoch nicht abstreiten, daB gelegent- 
lich, wie SALOMON schon hervorhebt, im Esinokalk auch 
primare dolomitische Massen vorkommen konnen 1 ). Aber aus 
der ganzen Gegend der Val Trompia kenne ich eine derartige 
Ausbildung nicht. Und so ist es mir durchaus unwahrschein- 
lich, daB gerade an dieser strittigen Stelle der Esinokalk ein 
Dolomit sein soil und vollstandig wie Hauptdolomit aussieht. 

Dazu kommt, daB an der Forcella di Pezzoro diese Dolo- 
mite von Raibler Rauhwacken unterlagert werden. Es handelt 
sich hier nicht, wie CaCCIAMALI meint, um reine Gehange- 
breccien, die allerdings hier eine weite Verbreitung haben, 
sondern etwas unterhalb, siidlich der Forcella, kann man sich 
ganz deutlich von dem Vorhandensein der Raibler Rauhwacken 
iiberzeugen. Diese Raibler Schichten setzen gegen Siiden in 
die Prati di Caregno fort, uberlagern hier den Esinokalk und 
werden von Hauptdolomit uberlagert. 

Die Verhaltnisse an der Siid- und Ostseite des Monte 
Pergua sind iiberaus unklar, da machtige Gehangebreccien- 
bildung das anstehende Gestein iiberschuttet 2 ). Ich fand bei 

: ) Vgl. Salomon, W.: Die Adamellogruppe I, Abh. d. k. k. Geol. 
Reichsanstalt 1908. 

3 ) In Fig. 2 habe ich daher die Begrenzung von Hauptdolomit 
und Graciliskalk nicht mit Konturen eingezeichnet. 



316 



meinen Begehungen an einzelnen Stellen zwischen dem Haupt- 
dolomit und dem in der Tiefe der Val Trompia anstehenden 
Graciliskalk eiaige Felsen ungeschichteten Kalkes, die ich 
unbedenklich fur Esinokalk anspreche. Es ist auch nicht 
weiter verwunderlich, wenn ich bisher nicht auch die iibrigen 
Schichtglieder zwischen Graciliskalk und Hauptdolomit nach- 
weisen konnte; ich mochte nur daran erinnern, dafi diese 
ganze Schichtfolge zwischen den gleichen Schichten des Castel 
dell' Asino ebenfalls auBerst reduziert ist; nur durch die 
giinstigen Aufschliisse am Eingaug der Valle di Marmentino 
ist es moglich geweseD, hier samtliche Zwischeriglieder nach- 
zuweisen 1 ). Auf der Westseite der Val Morina allerdiugs 
verlauft ein Querbmch, durch den der Hauptdolomit des Monte 
Pergua direkt an den Graciliskalk im Osten anstoBt, und 
auch in der Valle die Tavernole trennt ein Langsbruch, der 
iiber die Forcella di Pezzoro zieht, die weitausgedehnten 
Schichten der mittleren Trias von dem Dolomit des Berges 
selbst. 

Auch aus anderen Griinden ist die Annahme einer Uber- 
schiebung des Dolomites des Monte Pergua auBerordentlich 
unwahrscheinlich. Man sieht eigentlich nicht den Grund ein, 
weshalb diese Uberschiebung nicht auch auf der ostlichen Talseite 
der Val Trompia aufgeschlossen ist. Der Dolomit des Castel 
dell' Asino bildet die direkte Fortsetzung des Dolomites des 
Monte Pergua, nur daB er infolge einer Senkung der ganzen 
Schichtserie nach Osten erheblich viel tiefer liegt. Aber 
diesen Dolomit als Esinodolomit anzusprecheu, wagt auch 
CACCIAMALI nicht. So sieht er sich denn genotigt, seine 
Uberschiebung mit dem Monte Pergua aufhoren zu lassen und 
ihn als grofie Klippe von Esinokalk, als ein Korallenriff, 
wurzellos auf seiner Unterlage schwimmen zu lassen (II). Nun 
ist nicht einzusehen, weshalb diese bedeutende Uberschiebung 
gerade auf der Westseite des engen Mellatales aufhoren sollte; 
man miiBte sie unbedingt auch auf der ostlichen Talseite 
wiederfinden, zumal dieser Teil tektonisch tiefer liegt als die 
Schichtfolge des M. Pergua. Aber hier ist am Castel dell' 
Asino nichts von einer Uberschiebung zu sehen; das scheint 
mir einer der gewichtigsten Griinde zu sein, die dem Vor- 
handensein einer Uberschiebung auf dem analog gebauten West- 
hang (M. Pergua) widersprechen. Denkt man sich aber die Uber- 

*) Vgl. Bittner, A.: Nachtrage zum Berichte iiber die geologischen 
Aufnahmen in Judikarien und Val Sebbia. Jahrb.k.k.Geol.Reichsanst. 33, 
1883. — Ttlmann, N.: Tekton. Studien im Triasgebirge des Val Trompia. 
1907, Taf. II, Prof. 3. 



317 



schiebung urspriinglich auch ostlich der Val Trompia Yor- 
handen und die Uberschiebungsmasse nur durch die Erosion 
weggefiihrt, so miiBte man annehmen, daB der westliche Teil, 
in dem heute die Uberschiebungsmasse noch erhalten ist, an 
einer auBerst scharfen Flexur gegen den Ostteil abgesunken 
ist; von dieser aber sieht man nichts, sondern im Gegenteil, 
man beobachtet ein Senken des ostlichen Teils 1 ). 

Unter diesen Umstanden kann ich mich den tektonischen 
Anschauungen CACClAMALls in keiner Weise anschlieBen ; in Wirk- 
lichkeit ist weder die obere noch die untere UberschiebuDg am 
Moute Guglielmo Yorhanden ; zur Annahme solcher aus Uber- 
faltungen gegen Siid hervorgehenden Storungen gelangt man nur, 
wenn man zwei Profile, die in Wirklichkeit nichts miteiDander 
gemein haben, ineinander projiziert. Ich halte daran fest, daB 
das tektonische Phanomen am M. Guglielmo ein Ab- 
senkun gsproz eB ist, der sich nacb Westen, Siiden und 
Osten um den Berg gleichzeitig Yollzieht und in seinen 
Endw irkungen nur dadurch Yariiert, daB einerseits 
deutliche Flexuren erhalten blieben, wahrend diese 
an Stellen scharferer Absenkung in Senkungsbriiche 
iib ergehen. 

') Es erscheint hier angebracbt, auf die irrtiimliche Auslegung 
einer kurzen Bemerkung hinzuweiseu, die ich in den „Tektonischen Studien 
im Triasgebirge der Val Trompia" (S. 47) gemacht babe. In der oberen 
Valle d' Irma fand ich auf der Nordseite des Castel dell' Asino, an- 
scheinend mitten in Raibler Tuffen, eine kleine Kalkmasse, die ich ihrem 
Habitus nach fur Recoarokalk(?) ansprach. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
bildet sie, soweit bich das bei den auBerst uniibersichtlichen, schlecht 
aufgeschlossenen Verhaltnissen iibersehen lafit, die Unterlage der Scholle, 
die vom SantellonepaB bis zum Dorfe Marmentino reicht. Aus diesem 
Vorkommen macht nun Cacciamah eine Klippe, die auf den Raibler- 
Schichten aufliegt, und deutet sie als den letzten Rest der Uber- 
schiebungsmasse des Monte Ario; dieser Ansicht schlieBt sich auch 
Rassmuss und Boxomim an. Ich glaube, daB keiner dieser Autoren 
die im dichten Busch versteckte Kalkrippe iiberbaupt gesehen hat. 
Diesen Fetzen mit dem Graciliskalk des Monte Ario zu verbinden, ist 
vollig ausg< schlossen bei dem Verlauf und dem Charakter der Storungs- 
linien westlich des M. Ario in der Val Sorda; ich wiirde davon ab- 
geselien habeo, auf diesen Irrtum naher einzugehen, wenn er nicht 
geeignet ware, Verwirrung anzurichten bei denen, die nicht mit den 
Einzelheiten der Tektonik und der Oberflachengestaltung dieser Tiller 
genau vertraut sind. 



Manuskript eingegangen am 23. Miirz 1914.] 



318 



7. Neue Ooide. 

Von Herrn L. Sommermeier in Bonn. 

Hierzu Taf. XXIII bis XXVI. 

Zu der Fiille von bereits vorhandenem Beobachtungs- 
material uber Yorkommen, Struktur und Entstehung von 
Oolithen und Ooiden (im Sinne KALKOWSRls 1 )), das in ab- 
sehbarer Zeit wohl auch gestatten wird, eine zusammenfassende 
Betrachtung des Phanomens, oder vielmehr eine strenge Sich- 
tung der zahlreichen Einzelerscheinungen vorzunehmen, seien 
durch Mitteilung noch nicbt oder wenig bekannter Vor- 
kommen von Ooiden weitere Beitrage geliefert. 

I. Ooide iin Kalktuff. 

Ihr Auftreten ist um so bemerkenswerter, weil es sich 
urn ein so weit verbreitetes und fur die Geologie des Quarters 
wichtiges Gestein handelt, in dem dagegen oolithiscbe Aus- 
bildungsweise verhaltnismaflig selten ist und Ooide von der 
hier zu beschreibenden Art anscheinend noch gar nicbt beob- 
achtet oder nicbt weiter bekannt geworden sind. 

Von den wenigen kalkigen Quellabsatzen mit oolitbischer 
Struktur ist in erster Linie der Karlsbader Erbsenstein als 
der friihest beschriebene und wohl meist bekannte Oolitb zu 
nennen, der von den nicbtmarinen Oolithen auch die voll- 
kommenste Ausbildung zeigt. Dazu gehoren ferner die Piso- 
lithe von Yichy 2 ) (Dep. de PAllier) und Vogelsberg in Ober- 
krain 2 ), Hammam Meskutin 3 ) bei Constantine (Algier) und die 
in den pleistocanen Thermalkalken Ungarns 4 ) (Varhegi im 

J ) E. Kalkowski: Oolith und Stromatolith im norddeutschen Bunt- 
sandstein. Diese Zeitschr 60, 1908. 

3 ) Zitiert nach Zirkel: Lehrbuch der Petrographie, 3, 1894, 
S. 471, und Roth: Allgemeine und chemische Geologie, 1, 1879, S. 581. 

J ) L. DupauC: Pisolith de Constantine. Arch. sc. phys. nat. 
Geneve 20, 1888, S. 537. 

4 ) J. Krbnner: Uber die pisolithische Struktur der diluvialen 
Kalktuffe von Ofen. Jahrb. K. K. Geol. R.-A. 13, 1883, ferner auch 
Z. Schroter: Die Spuren der Tatigkeit tertiiirer und pleistocilner 
Thermalquellen im Budaer Gebiro-e. Jahrb. K. Ung. Geol. R.-A. 19, 
1912, S. 230 u. f. 



319 



Budaer Gebirge). Alle diese sind Absatze heifier Quellen und 
bestehen aus Aragonit 1 ). Ooide, schon von LEOPOLD VON Bucil 
beschrieben, finden sich auch in den ausgedehnten Travertinen 
Mittel-Italiens, doch auch diese groBartigen Kalktuff bildungen 
sind auf besondere EntstehuEgsursachen zuruckzufiihren, da 
sie zum Teil wenigstens von Quellen hoherer Temperatur ab- 
gesetzt sind und zu den Begleiterscheinungen des quartaren 
Yulkanismus zu rechnen sind 2 ). 

So gut wie gar nicht sind dagegen entsprechende Gebilde 
aus den gewohnlichen Bach- und Quellkalken bekannt. Uber 
das Yorkommen „einer Art von Pisolithen" berichtet 
0. BuilGER 3 ). Im Schwemmtuff, dem sekundaren Umlagerungs- 
produkt des prirnaren, gewachsenen Kalktuffes, kommen zu- 
sammengeschweinmte Nester von runden, taubeneigrofSen Tuff- 
kugeln und relativ haufige und machtige Packungen von 
erbsengroflen Individuen („Erbstu£f") vor. Beide zeigen kon- 
zentrischen Schalenauf bau, was die primare Gestaltgebung 
beweist. 

Die von mir beobachteten Ooide finden sich im Kalktuff 
des „Kartsteins", einem diluvialen Gehangetuff auf mittel- 
devonischer Unterlage in der Gegend von Eiserfey i. d. Eifel, 
dessen ausfiihrliche geologische Beschreibung ich an anderer 
Stelle gegeben habe 4 ). Der Kalktuff ist vorwiegend als ein 
wenig poroser Travertin von gelblich-weifier Farbe ausgebildet. 
Die Ooide treten vorzuglich auf in einer nestartigen Ansamm- 
lung, von normalem Travertin eingeschlossen, in einer an- 
scheinend von dem Anstehenden losgelosten machtigen Block- 
masse, so daJ3 die urspriingliche Lagerung dieser Partie nicht 
mehr einwandfrei festzustellen ist. Die Stelle ist durch den 
hier stattgehabten Abbau des ausgezeichneten Bausteines jetzt 
leider stark beeintrachtigt und das Material zum grofiten Teil 
verschwunden. Die Ausdehnung, in der es anfanglich zu be- 
obachten war, mochte ich schatzungsweise auf 1 bis 2 m im 
Geviert angeben. 



J ) Durch die erneuten Untersuchungen, besonders von H. Vatkr: 
Uber Klypcit und Conchit. Zeitschr. f. Kryst. 35, 1901, S. 150-178 
und anderen diirfte die Klypcit-Frage als erledigt gelten, siehe audi 
G. Lrxciv in DoeJtors Handbuch der Mineralchcmie, 1, 1912, S. 113. . 

3 ) Ygl. PAKONA:.Trattato di Geologia. 1903. 

3 ) 0. BlJRfEU: Uber scliwiibische Kalktuffe, insbesondere des 
Echaztales. Dissertation. Tubingen 1911, S. 27. 

4 ) L. Sommermeibr: Der Kaitstein und der Kalktuff von Drei- 
miihlen bei Eiserfey in der Eifel. Verb. Naturhist. Vereios PreuB. 
Rheinlando Westf. 70, 1913, S. 303-333. (Die Ooide sind hierin nur 
kurz behandelt.) 



320 



Die Gestalt der einzelnen Ooide ist wechselnd und ihre 
GroBe sehr verschieden. Nur die kleinsten, etwa von Pfeffer- 
korn- bis ErbsengroBe, haben regelmaBigere Kugelform, die 
groBeren sind mehr knollig bis eiformig, sie lassen sich am 
besten mit rundlichen Gerollen vergleichen. Haufig sind sie 
in der GroBe Yon 1, 2, 3 und auch einigen cm mehr Durch- 
messer, doch konnte ich auch Exemplare von 10 cm groBtem 
Durcbmesser und nahezu 1 kg schwer sammeln. An der 
Stelle des Hauptvorkommens liegen die Ooide in ziemlich 
groBer Menge dicbt gedrangt im Kalktuft (Taf. XXIII, Fig. 1), in 
dcm die kleineren und kleinsten die Zwischenraume zwischen 
den Yereinzelten groBeren einnebmen, so daB, was die GroBe 
anbelangt, ein volliges Durcheinander berrscbt. Vereinzelte 
Ooide der kleineren Formen finden sicb aucb sonst nocb, aber 
nur sebr sparlich im Kalktuff. 

Die Struktur ist alien Ooiden gemeinsam, sie baben 
einen ausgesprocben konzentriscben Scbalenaufbau. Durcb 
wechselnd hellere und dunklere Gelbfarbung infolge des Ge- 
baltes an toniger Substanz und Eisenoxydhydrat beben sicb 
zumal an angeschliffenen Schnittflachen die einzelnen Lagen 
deutlicb voneinander ab (Taf. XXIII, Fig. 2). Wesentlich ist, daB 
die dunkleren, braunlicb-gelben Scbalen immer sebr diinn sind 
und auf den Scbnittflacben vielfacb nur baarfeine Range bilden, 
wahrend die belleren Lagen meist breiteren Raum einnebmen. 
Es bangt das mit der Struktur und der Bildung der ver- 
scbiedenen Lagen zusammen. Ihr Zusammenbang ist nicbt 
sebr fest, sie springen und brockeln scbon bei scbwacbem 
Scblag voneinander ab, wie aucb die ganzen Ooide sich leicbt 
aus dem Gestein losen lassen. Die Grenzflacben der einzelnen 
Kugelscbalen, also aucb die auBersten Oberflachen der Ooide, 
sind meist vollig glatt und teilweise ahnlich emailliert er- 
scbeinend, wie es bei den Aragonitpisolitben fast immer die 
Regel ist. (Bei den scbwabiscben Kalktuffooiden ist es auf- 
fallend, daB die weiBen Tuffkugeln raubflacbig sind und mehlig 
abstauben, wabrend der braurie, eisenbaltige Erbstuff ebenfalls 
die Emaillierung zeigt, so daB man geneigt sein konnte, 
letztere bier auf Recbnung des Gebaltes an Eisenoxydbydrat 
zu setzen. Dem widerspricbt aber die Beobacbtung an anderen 
Pisolitben. Durcb gegenseitige Scbeuerung und Glattung 
— nacb der Ansicht von BURGER 1 ) — ist es aber keineswegs 
zu erkliiren.) 

Die Scbalen der Ooide bilden nicht kugelig gewolbte 



! ) a. a. 0. 



321 



Kalotten, sondern sie sind unregelmafiig gewellt mit flachen 
Buckeln und Dellen, wodurch auch das knollige Aussehen 
der Ooide hervorgerufen wird. So beobachtet man auch an 
den Querschnitten nicbt einfacb ringformige Lagen, sondern 
ibr Verlaaf ist geschlangelt mit Ausbucbtungen und Abscbnii- 
rungen. Die Erklarung hierfur ergibt sicb aus der Betrach- 
tung der feineren Schalenstruktur (Taf. XXIY — XXYI). Die 
breiteren, bellen Lagen baben in verscbiedenem Grade der Deut- 
licbkeit eine Radialstruktur durch die radiare Anordnung der sie 
auf bauenden feinfaserigen Kalkspatkrystalle, in der von marinen 
Oolitben 1 ) und kiinstlichen Spbarolitben 2 ) bekannten Struktur. 
Stellenweise sind dieFasern aucb grober ausgebildet als langliche, 
unregelmafiig begrenzte Krystalle und zeigen biischelweise nach 
auBen divergierende Gruppierung. Das ungleicbmafiige Langea- 
wachstum der Kalkspatfasern , das Yorragen der einzelnen 
gegeneinander abgegrenzten Biischel wird in den Wellungen 
und Ausbucbtungen der Scbalenringe wiedergegeben. Diese 
radiar struierten starkeren Lagen fiibren daber im wesent- 
licben die eudliche Gestalt der Ooide berbei, wahrend die 
diinnen, dunkleren sicb jenen yorwiegend anpassen und sie als 
feine Scbicbten begrenzen. Aus diesem Yerbaltnis der ver- 
scbiedenen Lagen gebt als cbarakteristiscb fur den "Werdegang 
unserer Ooide bervor, dafi das vorwiegend radiar gericbtete 
Anwacbsen von Kalkspat durcb die standig wiederkebrende 
Anlagerung von ton- und eisenbaltigem Material unterbrocben 
wird. Da aber jede GesetzmaBigkeit in der Aufeinanderfolge, 
der Miicbtigkeit und dem ganzen Auftreten der Lagen feblt, 
driickt sicb darin natiirlicb aucb keine Periodizitat aus. Aucb 
die Grenzen sind nicbt vollig scbarf, nur vereinzelt wird bei 
kleinen Ooiden der konzentriscbe Aufbau durcb die scbarf 
abgesetzten Ringe so stark betont wie z. B. bei den Karlsbader 
Erbsensteinen. (Ygl. Taf. XXV, Fig. 1.) Die dunklen Lagen 
werden biiufig von den Kalkspatfasern durcbbrocben, so dafi 
sie nicbt durcbgehend zu verfolgen sind. Es finden sicb 
einzelne kiirzere Abscbnitte, die" in derselben Zone keine 
weitere Fortsetzung baben und von der hellen Masse ganz 
eingescblossen sind; stellenweise sind sie auch breiter ent- 
wickelt und verdrangen jene, so dafi an einzelnen Stellen die 
dunkle Farbung uberwiegt. Scbliefilicb ist aucb die dunkle 
Substanz nicbt nur auf das konzentrische Struktursystem 



') VgL Kalkowski a. a. 0. 

2 ) G. Linck: „tjber clie Biklung der Oolithe und Rogensteine. 
Zeitschr. f. Naturw. 45, 1909, S. 271. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. • 21 



322 



beschrankt. Unabhiingig davon wirken vielmehr diese Bei- 
mengungen auch an den Stellen eines besonders stark in 
radiarem Sinne entwickelten Wachstums mit (Taf. XXIV, Fig. 2, 
Taf. XXY, Fig. 2). Die bister beschriebene Struktur wird in 
einzelnen Ooiden nicht selten stellenweise dadurch unter- 
broclien, daB eine Lage durch Ansatz eines lockeren Gefuges 
sich ganz bedeutend verbreitert und AnlaB zu besonders 
weiten Ausbuchtungen gibt. Statt der dichten, feinfaserigen 
Schicht ist bier ein reich verasteltes, stengeliges Geflecht ent- 
standen, das dendritenahnlich an pflanzliche Gebilde, etwa an 
ein feines Moos- oder Algenpolster erinnert. Es sind aber 
zweifellos anorganische Bildungen, wie alle die zierlichen 
pflanzenahnlichen Kalkabscheidungen, die man haufig bei 
Sinterbildungen beobachten kann. Auffallend ist ihr reicblicher 
Gehalt an tonigen Beimengungen, durcb den die Stengel im 
Diinnschliff dunkel hervortreten. Ich werde sie auch weiter 
unten noch zu erwahnen haben. 

Bei dieser ganzen Ausbildungsweise ist es natiirlicb 
gegeben, daB die einzelnen Ooide ini feineren Aufbau groJ3e 
Mannigfaltigkeit zeigen. Das gleicbe gilt auch beziiglich des 
Kernes, der sich in den meisten Fallen im Innern Ton der 
lagenformig aufgebauten UmhiiHung unterscheiden lai3t (Taf. 
XXIII, Fig. 2). ImVerhaltnis zum ganzen Ooid hat er meist schon 
betrachtliche GroBe und nimmt ein Yiertel, ein Drittel oder 
auch mehr des ganzen Durchmessers ein. Die Form des 
Kerns gibt natiirlich die Anlage fur die Gestalt des fertigen 
Ooids. Wo er deutlich zu erkennen ist, besteht er aus einem 
Stuck gewohnlichen Kalktuffes, haufig von sehr lockerem, 
schwammartigen Gefiige, und auch in der eben erwahnten 
stengeligen Ausbildung (Taf. XXV, Fig. 2 und Taf. XXIII, 
Fig. 2 die beiden auBeren Ooide). Ferner sind es eckige 
Bruchstiicke von Ooidschalen (Taf. XXVI, Fig. l), oder von 
neuem umkleidete halbe Ooide, deren Streifen gegen die 
umfassenden konzentrischen Lagen stark absetzen, und eben- 
so Anhaufungen kleiner Ooide, die dann von einem groBen 
Ooid umfaBt werden („Ooidbeutel u ). Endlich sind auch 
mitten zwischen den Ooiden eingeschwemmte fremde Gerolle 
(z. B. von Roteisenstein , Quarz, Dolomit) zu finden, die 
auch ihrerseits durch Umhiillung mit Kalkschalen zur Ooid- 
bildung fiihren. Bei angeschlagenen Hohlkugeln ist immer 
deutlich zu erkennen, daB der zentrale Teil herausge- 
brochen ist. Jedenfalls ist es immer ein primarer Kern, 
der als Fremdkorper AnlaB zur Bildung der Ooide ge- 
geben hat, so daB deren Natur dadurch erwiesen und ihre 



323 



Entstehung als Konkretionen oder infolge nachtraglicher Um- 
krystallisation im festen Gestein aufgeschlossen ist. 

Einen wesentlichen Beweis dafiir bietet auch der Fund 
von Ooiden in einem alluvialen Kalktuff desselben Gebietes 1 ), 
bei denen eine andere als primare Entstehung ausgeschlossen 
ist, und fur welche die Ooide des Kartsteins nur die fossilen 
Analoga sind. Die betreffende, wahrscheinlich verschwemmte 
Kalktuffablagerung besteht an einer Stelle aus einer An- 
haufung von losen, im weitesten Sinne „kugelig-knolligen" 
Einzelgebilden, die durch einen schmierigen Kalkgrus zusammen- 
gebalten werden. Der innere Aufbau ist der gleiche wie bei 
den diluvialen Ooiden, und sie erreichen deren mittlere 
GroBe, gestaltlich zeigen sie noch weniger RegelmaBigkeit. 
Eine annahernde Kugel- oder Eiform ist, wenn auch selten, 
vertreten. Haufiger sind sie abgeflacht, walzenformig oder 
ganz unregelmaBig astig und knollig mit warzen- und krusten- 
artiger Oberflache. Auch ein Kern (u. a. auch Pflanzenreste 
oder Schneckengehause) ist oder war wenigstens immer vor- 
handen. Yon den bei BURGER 2 ) beschriebenen Tuffkugeln 
unterscheiden sie sich nur durch die* vollkommenere Kugel- 
form der letzteren. Der wesentliche Unterschied gegen die 
Ooide des Kartsteins liegt nur in ihrem Auftreten in lockeren 
Anhaufungen, was durch das jugendliche Alter und die Art 
der Ablagerung als yerschwemmter Bachkalk gegeniiber dem 
altdiluyialen Gehangetuff bedingt wird. Da das Bildungs- 
prinzip das gleiche ist, fallen auch sie unter den Begriff der 
Ooide trotz der zum Teil nicht unbetrachtlichen Abweichungen 
in der Gestalt, die ja in erster Linie durch die Form des 
Kernes bedingt wird. Auch die besonderen Entstehungs- 
bedingungen mogen bei der Weitergestaltung yon EinfluB 
gewesen sein, z. B. ungleichmaBige Bewegung und Ver- 
schwemmung noch wahrend der Bildung im kalkhaltigen 
Bachwasser. 

Denen des Kartsteins ahnliche, verfestigte Ooide konnte 
ich auch in einem Handstiick Travertin von Ascoli Piceno 
feststellen, und fand auch hier die lockere, stengelige Ausbil- 
dung innerhalb des konzentrischen Aufbaues sehr hiibsch 
entwickelt. Von den iibrigen angefiihrten pisolithischen Quell- 
absatzen kommt zum Yergleich keiner in Betracht. Die 
bekannten Aragonitooide haben in der auBeren Gestalt und in 
der Struktur nur wenig mit den unserigen gemeinsam, wie aus 



J ) s. die geologische Beschreibung „Der Kartstein usw." a. a. 0. 
a ) a. a. 0. 

21* 



324 



deren Beschreibung hervorgegangen ist; auch ist hier an einen 
thermalen Absatz nicht zu denken. 

Bei der Frage nach der Entstehung dieser Ooide ist ein- 
mal die Seltenheit des York omm ens iiberhaupt in einem so 
weitverbreiteten Gestein zu beriicksichtigen, sowie, daB auch 
im vorliegenden Falle ihr Hauptauftreten ein ganz lokal 
beschranktes zu sein scheint. Danach miissen wohl besondere 
ortliche Entstehungsbedingungen zu ihrer Bildung gefiihrt 
haben. Diese haben aber auch nur vorubergehend bestanden, 
denn die Ooide fuhrende Gesteinspartie wird yon normalem 
Kalktuff eingeschlossen. Wie bei jeder Ooidbildung war fur 
sie wahrend des Wachstums freie Beweglichkeit im Wasser 
erforderlich, die Yielleicht Yoriibergehend gehernmt war, worauf 
die UnregelmaBigkeiten in der Struktur zu deuten scheinec 
Wegen ihrer Grofie und Schwere ist bei der Mehrzahl der 
Ooide ein dauerndes Schweben auch in struclelndem Wasser 
nicht anzunehmen, bei den einzelnen Riesenexemplaren ganz 
ausgeschlossen. Ahnlich grofie und gewichtige Kugeln kommen 
auch unter den ungarischen Pisolithen 1 ) vor, wo sie auf die 
Gewalt schlieBen lassen, mit welcher die einstige Therme 
hervorbrach. 

In unserem Falle ist es am wahrscheinlichsten, daB hier 
zeitweilig ein Wasserfall iiber den Rand des anwachsenden 
Gehangetuffes stiirzte und an der Stelle des Aufprallens ein 
kleines Becken mit lebhaft strudelndem Wasser bildete. 
Kalktuffbrockchen wurden dann durch den Wirbel eine Zeit- 
lang in Bewegung gehalten und in dem kalkreichen Wasser 
zu Ooidbildnern. So konnen sie auch bis zu betrachtlicher 
GroBe noch in rotierender Bewegung gehalten worden sein. 
Durch das uberrinnende Wasser wurde zugleich an einzelnen 
Stellen der Kalktuff mit einer Sinterkruste iiberschalt, und 
dasselbe Yollzog sich wahrscheinlich auch an losgebrochenen 
grofieren Stuck en sowie an Anhaufungen Yon fertig abgelager- 
ten und verwachsenen Ooiden. Durch die StoBkraft des 
Wassers mogen derartige Teile dann auch wieder zeitweilig 
in Bewegung gesetzt und umgewalzt sein, so daB eine all- 
seitige Umschalung erfolgen konnte. 

DaB sich durch Uberrieseln Yon kalkreichem Wasser der- 
artige Sinterverschalungen an Felswanden und freiliegenden 
FJiichen aller Art bilden, ist nichts Seltenes. Ganze Quell- 
absatze bestehen nur aus solchen iibereinandergeschichteten 
Sinterdecken, und auch an Kalktuffhiingen und -terrassen kann 



') s. Kkenner, Sciiroter a. a. 0. 



325 



man sie finden. Ich erwahne sie hier wegen ihrer Verknupfung 
mit den Ooiden und weil sie ebenso wie diese hier eine 
besondere — schalige oder lagenformige — Struktur mitten 
im normalen Tuffgestein hervorrufen. Die wellig-parallelen 
mm-feinen Lagen gleichen in der Farbenstreifung und im Auf- 
bau vollig den Schalen der Ooide, besonders die lockere 
stengelige Struktur, wie die Faserbuschel sind sehr gut aus- 
gebildet. Sie legen sich dem Ooidtuff an , dringen auch 
zwischen die Ooide ein und umschlieflen einzelne derselben, 
so dafl ein inniger Zusammenhang beider Strukturen entsteht. 
Es liefien sich auch Stellen beobachten, wo durch die Urn- 
hiillung von Ooidtuff oder mehreren Einzelooiden durch den 
Schalensinter der Eindruck riesiger Ooidbeutel hervorgerufen 
wurde und beide Strukturformen ineinander iiberzugehen 
schienen, was auch nach der oben versuchten Darstellung des 
Vorganges erklarlich ist. 

Ich kann die Betrachtung dieser Ooide nicht schlieflen, 
ohne die bei Studien iiber Oolithe vielfach diskutierte Frage 
zu beriihren, inwiefern an eine organische Entstehung zu 
denken sei. Um so mehr, da ich selbst anfanglich eine Er- 
klaruDg in dieser Richtung suchte und dem auch in einer 
kurzen Notiz Ausdruck gegeben habe 1 ). Bei Gelegenheit der 
geologischen Beschreibung des Kartsteins 2 ) habe ich auch die 
ins Auge fallende Ahnlichkeit der Ooide mit knolligen Kalk- 
algen aus der Cyanophyceen-Familie der Rivulariaceen erwahnt, 
besonders mit den von BORNEMANN 3 ) beschriebenen und ab- 
gebildeten Zonotrichites lissavienses Born, aus dem Rhat 
Oberschlesiens (Lissauer Breccie) und rezenten Arten der 
Gattung Z onotrichia . Da aber hier zweifellos anorganische 
Bilduogen, echte Ooide vorliegen, eriibrigt es sich, weiter 
darauf einzugehen ; auch wiirde das zwecklos sein ohne griind- 
liche Vergleichsstudien an unter den gleichen Lebensbedingungen 
heute lebenden Formen, wofiir mir Material und Erfahrung 
fehlt. Dasselbe gilt auch beziiglich der gleichfalls a. a. 0. schon 
erwahnten Strukturen, die ich glaube Kalkalgen 4 ) zuschreiben 

! ) L. So.mmermeier: ZurGeologie des Kartsteins. Diese Zeitsclir. 65, 
1913, Monatsber. 6. 
a ) a. a. 0. 

3 ) J. G. Bo UN km ann: Geologische Algenstudien. Jahrb. der Konigl. 
PreuB. Geol. Landesanst. fur 188G, S. 126 ff., Taf. VI u. VII. 

4 ) Die Auflosung von Kalktuff und Ooidstiickchen in verdiinnter 
HC1 ergab neben dem mineralischen Riickstand auch eiuen feinen 
Detritus von kleinen Fetzen und Hautchen ansche'nend organischer 
Substanz. Irgendwelche Strukturen konnte ich an ihnen nicht erkennen, 
auch der Nachweis der pflanzlichen Natur durch Blaufarbung mit Chlor- 



326 



zu diirfen, und die ich im Travertin des Kartsteins selbst wie 
auch vereinzelt an den Ooiden beobachtet habe. Es sind 
einfach-stengelige oder reich verastelte Rohrenzellen, die meist 
deutlich die verkalkten Zellwande erkennen lassen. Teils sind 
die Rohren auch im Innern verkalkt, teils mit Tonsubstanz 
dicht und auch in kornig verteilter Masse erfiillt, je nachdem 
erscheinen sie im Diinnschliff licht oder dunkel. Mit den 
vorher bei der Struktur der Ooidschalen beschriebenen stenge- 
ligen Geflechten sind sie nicht zu verwechseln. Formen- 
verschiedenheiten lassen sich auch schon bei der Betrachtung 
weniger Schliffe erkennen; im einzelnen durchsetzen sie den 
Kalktuff ziemlich dicht gedrangt in Form kleiner Biischel, 
Polster oder flacher und kugeliger Zasammenballung. Als ein 
Beispiel gebe ich in Taf. XXVI, Fig. 2 die Mikrophotographie von 
Kalktuff mit Algenstrukturen. Ebenfalls zeigt sie Taf. XXVI, Fig. 1 
in der rechten Ecke des Kernes. Besonders fand ich diese 
Strukturen auch in Gemeinschaft mit kleinen Ooiden auftretend, 
sah sie in deren Kernstiicken und, wenn auch nur vereinzelt, 
im Gefiige der Ooidschalen selbst. Ihre Bedeutung fur diese 
ist aber dann nur eine ganz untergeordnete, so daU ich es fur 
zweckmaBiger hielt, sie bei der eigentlichen Beschreibung der 
Ooide nicht zu erwahnen, zumal bei der Schwierigkeit, iiber 
diese Strukturen vollige Klarheit zu gewinnen. Mit der Bildung 
der Ooide haben sie nichts zu tun, es kame ihnen hochstens 
eine rein passive Mitwirkung zu durch Anhaften solcher Algen 
an Kalkstiickchen oder Ooidschalen von im Werden begriffenen 
Ooiden. Eine weitere Bestimmung diirfte nur durch Vergleich 
mit auch heute noch im kalkhaltigen Wasser desselben Gebietes 
lebenden Formen sich ermoglichen lassen, speziell auch mit 
solchen, deren Lebensweise (Aufenthalt in sprudelndem Wasser, 
an Wasserfallen, Anhaftung an im Wasser bewegten Steinen usw.) 
diesem Vorkommen entspricht. 

II. Rezente Ooide von Neu-Seeland. 

Gegeniiber den zahlreichen Spezialstudien und kleineren 
Notizen iiber fossile Oolithe aller Art und Zeitalter sind Mit- 
teilungen iiber rezente Bildungen nur sparlicher vorhanden. 
Auch die im vorangehenden Aufsatz zitierten Pisolithe und die 
alluvialen Kalktuffooide gehoren dazu, deren Beobachtung in 

zinkjodlosiiDg gelang nicht. Diese ptlanzliche (?) Substanz, deren Vor- 
handensein ich daher nur mit allem Vorbehalt annehme, kann aber 
ebensowohl allochthon zugleich mit der Tontriibe und dem Sand zu- 
gefiihrt sein. 



327 



statu nascendi sich ermoglichen laJ3t. Uber die Bildung kleiner 
Ooide auf organischem und anorganischem Wege, die durcli 
ihr massenhaftes Auftreten nach Yerfestigung zu typischen 
Oolithen fiihren wiirden, sind am Meeresstrande, in Seeen und 
kiinstlichen Becken noch YerhaltnismaBig die meisten Beob- 
achtungen gemacht 1 ). 

Rezente Ooide anderer Art sind die pisolithischen Sinter- 
bildungen aus abtropfenden und am Boden sich sammelnden 
MinerallosungeD, die sich in Hohlen, Kliiften, alten Berg- 
werksstollen usw. fmden. Ein Beispiel davon zeigte letzthin 
W. STAHL 2 ) an, wahrend sie friiher schon yon F. Senft 3 ) 
wahrend der Bildung beobachtet und ausfuhrlich beschrieben 
sind. Dazu gehoren auch die yon E. GEIKITZ 4 ) beschriebenen 
„Salzoolithe". Schliefilich geben uns nicht am wenigsten die 
kunstlich 5 ) erzeugten Ooide Gelegenheit, ihre Bildungsweise 
zu studieren. 

Im folgenden sei ein neues Vorkommen mitgeteilt, welches 
mit keinem der genannten gleiche Ursache hat. Zu den 
Ooiden des Kartsteins zeigen sich bei der Ahnlichkeit des Auf- 
baues und der Entstehungsbedingungen vielfache BeziehungeE, 
so dafl auch diese Ooide ein rezentes Beispiel fur jene ab- 
geben konnen. Ich verdanke das Material Herrn Professor 
Wanner, der die yon ihm gesammelten Ooide mir freundlichst 
zur Beschreibung uberlieB. 

J ) Ich verweise auf die Zusammenstellnng in der Einleitang bei 
F. Gaub: Die jurassischen Oolithe der Schwabischen Alb. Geol.- 
Palaont. Abhandl. 1910. 

2 ) W. SrAiiL: Pisolithe. Centralbl. f. Min. usw. 1913, S. 337 
m. Textfigur. 

3 ) F. Senft: Die Wanderungen und Wandelungen des kohlen- 
sauren Kalkes. Diese Zeitschr. 13, 1861, S. 302 ff. 

Der Einwurf von A. Wichmann (Uber sogenannte Pi^-olithe aus 
dem Mansfelder Flozgebirge, Centralbl. f. Min. usw. 1913, S. 457), daB 
deren (2) Deutung als Erbsensteine nicht beizustimmen sei, ist m. E. 
gegenstandslos. Ob das Medium, in dem sich die Ooide bilden, einer 
aufsteigenden oder abtropfenden Losung entstammt, hat keine Bedeutung 
fiir deren Bildung, die im Prinzip immer die gleiche ist. Die Bezeich- 
nung „Pisolith" dementsprechend zu beschranken, hat keine innere 
Berechtigung, sie konnte traditionell den Thermalabsatzen vorbehalten 
bleiben (was aber nicht immer durchgefiihrt ist) oder in erweiterter 
Anwenduog zweckmaBig zur Unterscheidung konzentrisch ohne radiare 
Anordnung aufgebauter Ooidbilduugen dienen. 

4 ) E. Geinitz: Rezente Salzoolithe von Jessenitz. Arch. Ver. Fr. 
Naturg. i. Mecklenburg 65, 1911, S. 69, 70. 

5 ) Vgl. besonders G. Linck: Die Bildung der Oolithe und Rogen- 
steine. N. Jahrb. Min. usw., Beil.-Bd. 16, 1903, S. 495—513, und 
Zeitschr. f. Naturw. 45, 1909, S. 267—278. 



328 



Im Brunner Survey -Distrikt, Siidinsel von Neu-Seeland, 
stand (November 1910) auf dem Olfeld von Kotuku eine 
Bohrung 400 engl. FuB tief in jungtertiarem Kalkstein. Aus 
dieser spritzte bestandig Salzwasser von hohem Kalkgehalt 
heraus, welches sich an der Bohrstelle ausbreitete und in 
kleinen Rinnsalen abfloB. In der Umgebung des Bohrlochs 
bildeten sich starke Sinterabsatze und in dem abflieBenden 
Wasser die merkwiirdigen Ooide. An geschiitzteren Stellen, 
wo sie von dem Wasser nicht so leicht fortgespiilt werden 
konnten, lagen sie in groBerer Menge. Die Kugelform 
ist vielfach recht vollkommen ausgebildet, besonders bei 
denen mittlerer GroBe, wahrend die groBeren meist etwas 
abgenacht sind. Das hangt aber nicht mit der GroBe 
oder Schwere zusammen, sondern diese zeigen auch schon 
in jiingeren Wachstumsstadien flache Form. Die Ooide 
bestehen aus Kalkspat, ebenfalls mit Beimengungen toniger 
Substanz. Durch den Eisengehalt sind sie gelblich bis rot- 
braun gefarbt. Bemerkenswert ist die Beschaffenheit der Ober- 
nache, die auch auf der Abbildung hervortritt. (Die glatten 
Stellen an den groBeren sind abgescheuert, so daB diese auch 
nachtraglich deformiert sind.) Sie ist mit unregelmaBig ver- 
teilten, aber meist gleichgroBen starken, hockerigen Warzen 
bestanden und zwischen diesen fein gekornelt. Nur in einem Falle 
erscheinen die Warzen z. T. in Reihen angeordnet, das ist aber 
mehr zufallig als gesetzmaBig. In gleicher Weise wie die 
flachen Buckel der Kartsteinooide sind hier die Warzen durch 
die innere Struktur bedingt, die, wie bei jenen, in der Kom- 
bination heller und dunklerer konzentrischer Lagen und radiar 
gerichteter Strukturelemente besteht. 

Ihr gemeinsames Auftreten ist verschieden. Auf Taf. XXIII, 
Fig. 3 zeigt das erste Ooid von link seinen scharfen Gegensatz 
in der Ausbildung des zentralen Teiles und der auBeren 
Halfte. Bis zu einer gewissen GroBe ist der Aufbau des 
Ooides aus konzentrischen Lagen sehr markant mit den scharf 
voneinander absetzenden Streifen 1 ). Wahrend des weiteren 
Wachstums kommt dagegen die Radialstruktur sehr stark zum 
Ausdruck, wie iiberhaupt bei der Mehrzahl der durchschnittenen 
Exemplare. Die radiiiren Elemente sind hier nicht feinfaserig, 
sondern bilden sehr kraftige Faserziige in Form hoch- 
stammiger Biischel mit starken Seitenasten und fiederformiger 
Yerzweigung. Sie lassen sich bei einigen durch den ganzen 

') Im Diinnschliff erkennt man die feinfaserige Radialstruktur in 
den hellen Lagem Das leicht zerreiblicbe Material lieB keine guten, 
reproduktionsfahigen Schliffe herstellen. 



329 



Radius verfolgen, bis sie in den Warzen der Oberflache 
endigen. Die konzentrischen dunklen Lagen legen sich wohl 
den jeweiligen Endigimgen der Biischel an, aber meist ohne 
sie im Weiterwachsen zu unterbrechen, so daB sie nur als 
Farbstreifen hindurchziehen, was an das Bild des Karlsbader 
Sprudelsteins erinnert. Scharfere Unterbrechungen des radiaren 
Wachstums kommen nur seltener vor. Die Struktur ist also 
im ganzen derjenigen der Kartstein- Ooide recht ahnlich, mit 
der Besonderheit, daB die dort nur vereinzelt auftretende 
locker- stengelige Ausbildungsweise in den Zonen des radiaren 
Wachstums hier die herrschende ist. DaB die feinen „Dendriten"- 
Geflechte sinterartige Ansatze sind, ist ersichtlich. Die Ab- 
bildung der aDgeschliffenen Querschnitte (Taf. XXIII, Fig. 3) zeigt 
sie allseitig bei den Ooiden, die wahrend ihrer Bildung an- 
scheinend dauernd in gleichmaBiger Bewegung gehalten wurden. 
Eine Ausnahme macht das zweite Ooid von rechts (s. Abb.) 
Auch auBerlich laBt dieses an einer Abflachung der Unterseite 
erkennen, daB es in der zweiten Halfte seines Wachstums 
zeitweilig festgelegen hat und dadurch an der symmetrischen 
Ausbildung gehindert wurde. Erst in den AuBenzonen tritt 
wieder mit der konzentrischen Umschalung eine rcgelmafiigere 
Ausbildung ein. 

Der durch die unterschiedlichen Lagen sich ausdriickende 
Strukturwechsel kommt also zustande durch die auBeren 
Umstande, welche das Ooid wahrend seiner Bildungszeit 
betrafen, wie durch den Wechsel in der von auBen heran- 
tretenden Stoffzufuhr zum Auf bau ' des Ooids. Das gilt fur 
alle Ooide von derartiger Strukturverschiedenheit. 

Bezuglich des Kernes der neuseelandischen Ooide sei 
noch gesagt, daB dieser immer auBerordentlich klein ist. Die 
konzentrische Lagenstruktur laBt sich auch bei den groBeren 
Ooiden bis in die Mitte verfolgen. Die eigentlichen Kerne 
sind kleine Kalkpartikel oder Sandkorner, die bei der Auf- 
losung in Salzsaure sich aus den innersten Umhullungen 
herausschalen. Uber die Zeit, welche die Bildung der Ooide 
in Anspruch nahm, ist nichts beobachtet. Als sie gesaminelt 
wurdeu, stand die Bohrung zwei Jahre. 

Bonner Geologisch-palaontologisches Institut. August 1913. 



Manuskript eingegangen im Oktober 1913.] 



380 



8. Das Devon der Ostalpen. 

Y. 

Begonnen von F. Frech: 

Die Fauna des devonischen Riffkalkes. 

III. Crinoiden. 

Von Herrn John K. Chaelesworth. 
Hierzu Tafel XXVIII und XXIX und 5 Textfiguren. 

Einleitung. 

Nachdem Frech im Jahre 1894 in dieser Zeitschrift 1 ) mit 
der Beschreibung der organischen Reste des unterdevonischen 
Riffkalkes der Karnischen Alpen und zwar zunachst der Crusta- 
ceen, Cephalopoden, Gastropoden und Wurmer begonnen hatte, 
wurde die Schilderung der Fauna, und zwar der Lanielli- 
branchiaten und Brachiopoden von Scupin in dieser Zeitschrift 2 ) 
fortgesetzt. Herr Frech hat mir sein gesamtes Crinoiden- und 
Korallen-Material in freundlichster Weise zur Yerfiigung gestellt; 
ich fiilire deshalb die Beschreibung der interessanten Fauna 
im nachfolgenden mit den Crinoiden fort, uni sie mit den 
Korallen, die demnachst erscheinen sollen, zum AbschluB zu 
bringen. Auch an dieser Stelle spreche ich hierfiir Herrn Frech 
meinen aufrichtigen Dank aus. 

Die durchgangig aus der FRECHschen Sammlung stammenden 
Crinoidenkelche wurden nur z. T. *in der Hauptkette der Kar- 
nischen Alpen aufgesammelt. Der grofiere Teil der Exemplare 
wurde in dem Riffkalk der Karawanken gefunden, die ebenfalls 
dem UnterdeTon und zwar einer etwas hoheren Zone als die 
grauen Kalke des Wolayer Sees angehoren. Das Interesse, das 



J ) Uber das Devon der Ostalpen 111. Die Fauna des unterde- 
vonischen Riffkalkes I. 46, 1894, S. 446, Taf. 30-37. 

2 ) Das Devon der Ostalpen IV. Die Fauna des unterdevonischen 
Riffkalkes II. 57, 1905, S. 91, Taf. 5, 6; 58, 1906, S. 213, Taf. 11—17. 



331 



die vorliegenden Arten erregeD, beruht vor allem darauf, daB 
es sich vorwiegend um Yorlaufer der wohlbekannten Eifler 
Crinoiden handelt. Hierzu gehoren die im folgendenbeschriebenen 
Arten der Gattungen Bhipidocrinus, Hexacrinus, Eucalyptocrinus 
und Melocrinus. Nur der in einem Exemplar vorliegende 
Megistocrinus ist im deutschen Mitteldevon unbekannt. Sein 
nachster Yerwandter ist aus Westeuropa (dem Unterdevon von 
Asturien) von Oehlert beschrieben worden. Im Gegensatz zu 
diesen Typen ist der einzige Cyathocrinus ein Rest der ober- 
silurischen Fauna. Die in groBer Menge in den Karnischen Alpen 
auftretenden Stielglieder, die vermutlich zu den beschriebenen 
Arten gehoren, konnten in den meisten Fallen nicht naher be- 
stimmt werden. 

BeschreibuDg der Arten. 
Fistulata. 
Cyatliocrinidae F. Roemer (emend. Wachsm. Spr.). 
Cyathocrinus Miller 
Syn. Sphaerocrinus F. Roemer 

Palaeocrinus Billings 
Cyathocrinus carnicus n. sp. 
1894 Cyathocrinus n. sp. Frech, Karnische Alpen S. 255. 

Der Kelch ist schiisselformig und bat eine ganz glatte 
Oberflache. Leider ist es wegen des ungiinstigen Erhaltungs- 
zustandes der Basis unmoglich, die Zahl der Infrabasalia (Crypto- 
basalia von Schulze) und ihre Abgrenzung naber zu unter- 
scheiden. 

Die fiinf groBen Basalia umschlieflen ein gerundetes Fiinf- 
eck, dessen Durchmesser ca. 13 mm betragt. 

Unter diesen fiinf Basalia sind vier von gleicher GroBe und 
fiinfseitig. "Wahrend diese aber oben zugespitzt sind, ist das 
fiinfte und hintere oben horizontal abgestumpft und durch diese 
Abstumpfung zur Aufnahme der Analplatte bestimmt. Es ist 
groBer als die iibrigen, secbsseitig, mit den drei oberen Riindern 
von ungefahr gleicher Lange. 

Dariiber folgen und mit diesen alternierend, die fiinf gleich 
groBen Radialia. Sie sind ebenfalls fiinfseitig, subquadratisch 
und sind mit einem breiten, den ganzen Oberrand einnehmenden 
Gelenkausschnitt versehen. 

In der Mitte dieser Gelenkflache steht eine kleinere keil- 
formige, zugescharfte Medianleiste, die eine Divergenz der Arme 



332 



bewirkt hat, und die andeutet, dafl jedes Racliale articular fiir 
zwei Armstarnme war. 

Die Entfernung zwischen dem halbmondforniigen Ausschnitt 
und der Leiste, welche die beiden kiirzeren Gelenkflachen trennt, 
betragt ca. 3 mm. 

Das Radianale, das auf dem schrnalen abgestumpften Ober- 
rande des hinteren Basale ruht, ist sechsseitig und liegt zwischen 
den zwei hinteren Radialia. 

Die Kelchdecke ist nicht erhalten. Nur die Articulations- 
flache der Basis der fiinf Arme ist vorhanden. 

In einem kleinen Stuck liegt erne Saule, die sehr wahr- 
scheinlich zu Cyathocrinus carnicus gehort. Sie ist aus sehr 
niedrigen gleichhohen Gliedern zusarnmengesetzt und von einem 
ziemlich groBen fiinfseitigen zentralen Nahrungskanal durchbohrt. 
Ihr Durchmesser betragt etwa 8 — 9 mm, der des Kanals ca. 4,5mm. 

Die Unterscheidung zwischen Taxocrinus und Cyathocrinus 
hangt von der Zahl der Infrabasalia ab und betragt drei bei 
der ersten Gattung und fiinf bei der letzten. 

Leider gestattet der Erhaltungszustand der Basis, worauf 
schon oben hinge wiesen wurde, nicht, eine Entscheidung iiber 
die Zugehorigkeit der Art zu treffen. Den kleinen erhaltenen 
Nahten nach zu schlieflen, diirften wahrscheinlich fiinf vorhanden 
gewesen sein. Genaueres lafit sich iiber die Basis nicht auBern. 
Dieser Umstand machte es notig, das Vergleichsmaterial der 
Breslauer Sammlungen zu Rate zu ziehen. Danach ist dieses 
Stiick zweifellos ein Cyathocrinus; denn es zeigt die iibrigen 
Merkmale von Cyathocrinus so deutlich, dafl mau, die drei Basalia 
voraussetzend, die Art unbedenklich zu dieser Gattung stellen 
kann. 

Taxocrinus affinis Muller 1 ) der Eifel und Tax. multibran- 
chiatus Lyon und Cass 2 ) des Kalkes von Indiana zeigen ganz 
andere Merkmale, besonders in der wellenformigen Ausbilclung 
der Arme und des Kelches. 

So steht die scheinbare Ahnlichkeit der Zahl der Infraba- 
salia in Ubereinstimmung mit den anderen Merkmalen des 
ganzen Tieres. 

Yon Cyathocrinus ramosus 3 ), Cyath. longimanus*) und Cyath. 
acinotubus Angelin 5 ) aus dem Obersilur unterscheidet sich die 



•) Muller: Neue Echinodermen der Eifel. S. 244, Taf. I, Fig. 1, 2. 

2 ) Araer. Journ. Science, 23. 

3 ) Angelin : Iconographia Crinoideorum in Stratis Sueciae siluricis. 
1878, S. 22, Tab. 20, Fig. 1—3. 

*) EbendaS.22, Tab. 20, Fig. 4, 6, 7 ; Tab. 26, Fig. 4, 4a- c, 5, 5a - b. 
5 ) Ebenda S. 22, Tab. 20, Fig. 5. 



333 



beschriebene Art durch die articulare Natur des Radiale erster 
Ordimng, wahrend bei den drei genannten Arten erst das Radiale 
dritter Ordnung als Articulare funktioniert. 

Vorkommen: Aus dem Riffkalk im mittleren Unterdevon, 
Wolayer Thorl. 

Camerata. 
Hexacrinidae Wachsm. Spr. 
Hexacrinus Austin. 
Hexacrinus Rostliorni Frech mscr. 
1894 Hexacrinus Rosthorni Frech, Karnische Alpen, S. 255, 257, 259. 

GroBter Klein ster 
Durchmesser Durchmesser Hohe 

ca 28 mm ca 23 mm ca 18 mm 

„ 27 „ „ 21 „ „ 21 „ 

„ 28 „ „ 20 „ „ 26 „ 

v 36 „ „ 26 ,, „ 32 „ 

» 15 „ „ 13 „ „ 13 „ 

, IT , „ 14 „ ,. 18 „ 
Als Hohe des Kelches gilt in der vorstehenden Tabelle 
die Entfernung des Stielansatzes yon dem hochsten Punkte 
der Decke. AuBer clen Kelchen, deren MaBe oben angegeben 
sind, liegen nocb einzelne Bruchstiicke vor. Durch Konibina- 
tion der an diesen zahlreichen yerhaltnisniaBig giinstig erhal- 
tenen Exeniplaren geroachten Beobachtungen ergibt sich das 
folgende: 

Der schusselformige Kelch besitzt eine ausgesprochen 
zweiseitige Symmetric ; die Langs-Achse lauft in samtlichen 
Fallen derart, da8 die Analplatte zwischen ibr und der ktirzeren 
zu liegen kommt. 




Fig. 1. 

Kelchdecke von Hexacrinus Rostliorni Frech. 
In dem grauen und dem roten Kalke der Karawanken bei Vellach 
und zwischen Wolayer Thorl und Wolayer See (1 :1). Vergl. Taf.l, Fig. 5c. 

Die monocyklische' Basis besteht aus drei gleichgroBen, 
secbsseitigen Basalia, die ein kleines, niedriges, fast flach ge- 
wolbtes Sechseck bilden. Bei dem dritten Exemplar, dessen 



334 



Dimensionen oben angegeben wurden, ist die Basis, wie schon 
aus deu Ziffern zu entnehmen ist, ziemlicli scharf zugespitzt; 
denn wahrend die Zahlen des langsten und kiirzesten Durch- 
rnessers bei den ersten drei Stiicken zieinlicb konstant bleiben, 
tibertrifft die Hohenziffer des dritten bedeutend die der zwei 
anderen. Die extremen Formen aber sind durcb alle moglichen 
Ijbergange miteinander verbunden. Wenn aucb die GroBe der 
Kelche und das Yerbaltnis zwiscben ibrer Hobe und Breite in 
gewissen Grenzen scbwanken, so wird dadurch der aufiere Ha- 
bitus nur unwesentlicb beeinfluBt. Unmittelbar am Anbeftungs- 
punkte der Saule ist die Basis ringforrnig eingescbnurtodergedriickt. 

Dariiber folgt ein Kranz von sechs Tafelcben, die alter- 
nierend dem borizontal abgestunipften Rande oder dem ein- 
springenden Winkel der Basalia aufliegen. Fiinf yon diesen sind 
Radialia, diefiinfseitig sind, aber einquadratiscbes Aussehenhaben, 
da die kleinen Oberrander fast in einer geradenLinie verlaufen. 

Das Verhaltnis zwiscben ibrer Hobe und Breite scbwankt 
bedeutend, bald ist die Hobe doppelt so groB als die Breite, 
bald sind beide einander fast gleicb. Jedenfalls erweitern sicb 
die Radialia etwas nacb oben und sind mit einem breiten, 
liber die Halfte des ganzen Oberrandes einnebmenden Gelenk- 
ausscbnitt verseben. 

Das Interradiale anale, das auf dem eicspringenden Winkel 
zweier Basalia rubt, ist in der Mitte am breitesten und yer- 
scbmalert sicb allmablicb nacb oben, obne iiber den Oberrand 
der angrenzenden Radialia binauszutreten. Die beiden das 
Interradiale begrenzenden Radialia sind etwas scbmaler als 
die drei iibrigen. 

Die nacb gewolbte Kelcbdecke ist mit 18 oder 19 ziemlicb 
grofien Tafelcben gepflastert. Das secbs- oder siebenseitige 
Mitteltafelcben ist yon 17 oder 18 anderen Tafelcben umgeben, 
die in zwei Kreisen gruppiert»sind. In der inneren, kreisfor- 
migen Tafelcbenreibe befindet sicb der excentriscbe After 
und zwar zwiscben dem Mitteltafelcben und dem Interradiale. 
Bei den zwei Exemplaren , deren Kelcbdecke gut erbalten ist, 
stimmt die Anordnung und Zabl der Plattcben im After nicbt 
liberein. In dem einen Exemplar besteht diese aus fiinf Fimf- 
ecken, die ein secbstes umscblieBen, in dem anderen sind etwa 
ein Dutzend kleine Plattcben obne bestimmte Anordnung vor- 
banden. Ob bierauf weitere Spezies oder Yarietaten zu be- 
griinden sind, kann erst nacb Auftindung eines vollstandigeren 
Materiales entscbieden werden. 

Die Afteroffnung ist nicbt zu einer Proboscis ausgezogen, 
sondern bestebt lediglicb in einer Offnung der Kelchdecke. 



335 



Die ganze Kelchoberflache ist iiuBerst fein granuliert, ihr 
Erhaltungszustand aber ist so ungiinstig, daB man urspriinglich 
bedeutend starkere Granulationen annehmen muB. 

Die cylindrische Saule bestebt aus iiberall gleicbhohen, 
auf den Gelenknacben radiar gekerbten Gliedern, die an der 
auBeren Peripherie mit einem kraftigen, scbarfen Ringwulst ver- 
sehen sind. Die Glieder alternieren miteinander, das eine ganz 
glatt, das andere mit Hockercben bekleidet. Sie sind in der 
Mitte yon einem verhaltnismaBig feinen, runden Nabrungskanal 
durcbbobrt. Die Arme sind nicbt erbalten. 

Die auBere Gestalt der bescbriebenen Art gestattet keine 
Yerwechslung mit den anderen Crinoiden aus gleicbaltrigen 
Scbicbten nocb denen des Eifler Kalkes. Sie zeigt aber eine 
auffallende Abnlicbkeit mit Hex. interscapularis Phill.') (Platy- 
crinus granulifer F. Romer 3 ), von dem ein sebr scbon erhaltenes 
Exemplar zum Yergleich vorliegt. Die westfalische Art ist 
bedeutend groBer, aber in bezug auf die Tafelchenanordnung 
sowie in der auBeren Gestalt ist sie der unsrigen sebr nabe 
verwandt, da in beiden Fallen die Breite die Hohe um ein 
Drittel iibersteigt. Yon Hex. inter scapular is unterscheidet sie 
sich durcb die kleinere Gestalt, die schmaleren, das Interradiale 
begrenzenden Radialia und die bedeutend flachere Xelcbdecke. 

Die Art wurde nach dem Kartner Geologen genannt, der 
die Yerbaltnisse des Palaozoicums von Karnten und Bobmen 
zuerst ricbtig beurteilt hat, dessen Beobachtungen aber in un- 
yerdiente Yergessenheit geraten sind. 

Yorkommen: Ziemlich haufig im grauen Crinoidenkalk 
und dem roten Kalke des oberen Unterdeyon yon Pasterkfelsen 
(Pistotta) bei Yellach. Ferner in mittelunterdevonischen 
Scbicbten (F 2) zwischen Wolayer Thorl und Wolayer See. 

Untersucht wurden 19 Stiicke. 

Hexacrinus Frechi n. sp. 
1894 Hexacrinus n. sp. Frech, Karnische Alpen. S. 257. 

Kelchdurchmesser 15 mm 
Hohe .... 19 mm 
Die Form des Kelches ist der eines umgekehrten, abge- 
stumpften Kegels ahnlich. Der untere Teil der Basis ist an 

') Paleozoic Fossils, S. 28, Tab. 14., Fig. 39. Ygl. Schulze: Mo- 
nographie der Echinodermen des Eifler Kalkes. Denkschr. d. k. k. Akad. 
d. Wiss., Math.-Naturwiss. Kl. 26, 1867, S. 191, Taf. VIII, Fig. 5. 

2 ) Verb. Naturh. V. Rheinland u. Westf. Jahrgang 9 S. 281, Taf. 2, 
Fig. 1 a— e. 



336 



dem einzigen vorliegenden Exemplar merit erhalten. Gleichfalls 
macht der ungiinstige Erhaltungszustand des oberen Teiles die 
Abgrenzung der Basalia unmoglich. Jedenfalls aber zeigt das 
Stiiek, daB die Basalia verhaltnismaBig hoch gewesen sein 
miissen. 

Die fiinf gleichgroBen Radialia, fast so breit wie hoch, 
erweitern sich nach oben. 

Das Interradiale anale ist bedeutend schmaler als die Ra- 
dialia, wie diese etwas nach oben erweitert. Die Radialia nrid 
das Interradiale erscheinen nndeutlicli subquadratisch oder 
trapezformig, wahrend sie eigentlich fiinfseitig sind. Die Ra- 
dialia zeigen an ihrem oberen Rand einen zieinlich tiefen Ge- 
lenkausschnitt, der ungefahr die eine Halfte des gesamten 
Randes einnimmt, so daB die oberen Ecken zweier aneinander- 
grenzender Radialia scbarf zackenartig hervorragen. 

In einem Einschnitt, der durch die Divergenz der schragen 
Oberrander der Radialia zustande gekomnien ist, befindet sich 
ein kleines fiinf- oder sechsseitiges Tafelclien. 

Die Kelchdecke ist ziemlicli rund und stark gewulbt, rnit 
sebr unregelmaBigen, hockerigen, blasig aufgetriebenen Tafelchen 
bedeckt. Die Kelchdecke ist so koch gewolbt, da6 sie die 
obere Halfte der gesamten Kelchkngel bildet. 

Die Analplatte befindet sich in dem aufieren Kreis der 
Tafelchen. 

Arme und Siiule sind nicht erhalten. 

In iluBerer Gestalt zeigt die karntner Art groBere Ahnlich- 
keit mit Hexacrlnus e.rcidptus Goldfuss 1 ) als mit irgendeiner 
anderen Art. 

Yon ihr aber unterscheidet sie sich durch das Yerhalten 
des Interradiale anale. Wie schon erwahnt wurde, erweitert 
sich das letztere bei der beschriebenen Art nach oben; bei 
der Eifeler Art aber wird das Interradiale anale nach oben 
schmaler. 

Ferner unterscheidet sie sich durch die Ausbildung der 
Oberflache, die bei Hezacrinus exculptus mit Randleisten oder 
gerundeten Randwiilsten versehen und bei Hex. FrecJ/i ganz 
glatt ist. 

Vorkommen: In dem fleischroten Kalk des unteren Unter- 
devon des Pasterkriffes bei Vellach. 



] ) Beitriige zur Petrefaktenkunde, S. 347, Taf. 32 Fig. 3, a, b, c. 



337 



Actinocrinidae Wachsm. and Spr. 
Megistocrinus Owen and Shumard. 
Syn. Actinocrinus Hall. 
Megistocrinus devonicus n. sp. 
1894 Megistocrinus sp. Frech, Karnische Alpen. 

Kleinste Breite des Kelches 36 mm 
Gronte Breite des Kelches 48 mm 
Hohe des Kelches 30 mm 

Die angegebene groflte Breite wurde in der, die Interradia- 
lia schneidenden Ebene, die kleinste Breite yon dem 
dorsalen Interradius bis zum Ventralradius imd die Hohe yon 
den Basalia hinauf bis zu den Distichalia zweiter Ordnung 
gemessen. 

Der Kelch ist breit und schlisselformig mit ausgepragter, 
zweiseitiger Symmetrie. 




Fig. 2. 

Projektion des Kelches von Megistocrinus devonicus n. sp. 
In dem Unterdevon des Wolayer Thorls (1 : 1). 



Die nur sehr wenig eingesenkte, monocyklische Basis ist 
ein Sechseck, das yon den drei fiinfseitigen, gleichgroBen Ba- 
salia gebildet wird. Sie ist von den fiinf gvoflen Radialia 
erster Ordnung und dem Analinterradiale umschlossen. Auf 
die Radialia erster Ordnung folgen jene der zweiten und 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 22 



338 



dritten Ordnung. Die Radialia erster und zweiter Ordnung 
sind sechsseitig, das Radiale axillare aber fiinfseitig. Samtliche 
Radialia nehmen nach oben an GroBe unbedeutend ab. 

Auf das Radiale axillare folgen die zwei Distichalia. Jeder 
Distichalradius, mit Ausnahme des ventralen, besteht aus zwei 
Distichalia, yon denen das untere sechsseitig , das obere fiinf- 
seitig und axillar ist. Auf diese folgen noch unregelmaBige 
Palmarien. In dem yentralen Radius ist das Distichale axillare 
sechsseitig. 

Auf den oberen Seitenrandern der Distichalia erster Ordnung 
und zwischen den Distichalia axillaria ruht das sechs- oder 
siebenseitige Interdistichale. IJber die 'Form und Anordnung 
der iiber diesem Interdistichale friiher yorhanden gewesenen 
Tafelchen laBt sich des ungunstigen Erhaltungszustandes wegen 
kein AufschluB geben. Samtliche Distichalia axillaria sind 
kleiner als die Distichalia erster Ordnung und, ebenso wie die 
Radialia, breiter als hoch. Das sechsseitige Interradiale erster 
Ordnung ruht auf den oberen Seitenrandern der Radialia erster 
Ordnung und zwischen den Radialia zweiter Ordnung. Darauf 
folgen zwei Reihen, deren sechs- oder siebenseitige Tafelchen 
nach oben an GroBe abnehmen und miteinander alternieren. 
Der Interradius ist von ungefahr gleicher Breite wie der Radius. 

Der Analinterradius ist jedoch breiter als die iibrigen 
Interradien und besteht aus ziemlich groBen Tafelchen. Das 
erste ist groB und sechsseitig. Es befindet sich in dem Kranz 
der Radialia erster Ordnung. Dariiber folgen in drei Reihen 
die anderen Tafelchen des Interradius. Sie sind unregelmaBig 
fiinf-, sechs- oder siebenseitig und werden nach oben kleiner. 
Die mittlere Tafelreihe zeichnet sich von den zwei auBeren 
durch die bedeutende GroUe der Tafelchen sehr deutlich aus. 

Nur der innere Abdruck des Kelches ist erhalten, so daB 
es unmoglich wurde, die urspriingliche Kelchoberflache und 
ihre Ornamentierung zu beobachten. 

Kelchdecke, Arme und Saule sind ebenfalls nicht erhalten. 

Infolge des Gebirgsdruckes, welchem dieses Stuck unter- 
worfen wurde, ist das Ganze etwas zerquetscht, und an einigen 
Stellen sind die Tafelchen auseinandergerissen. Doch^der Erhal- 
tungszustand ist geniigend giinstig, um die yollstandige Tafel- 
chenanordnung klarzulegen. Megistocrinus ist vornehmlich im 
Carbon entwickelt. AuBerdem hat Oehlekt 1 ) vor Jahren aus 
dem hoheren Unterdevon Asturiens Meg. Walisz&wskii beschrieben. 



l ) Bull. Soc. Geol. de France. Ser. 3, Tome 24, 1896, S. 818, Taf. 
26, Fig. 1-4. 



339 



Mit ihm ist unsere Art sehr nahe verwandt, mit der sie sowohl 
in bezug auf ihre GroBe als auch die Tafelanordnung eine 
groBe Ahnlichkeit zeigt. Doch ist Meg. Waleszewskii , wie 
Oehlert selbst hinwies, kein echter Megistocrinus , da die Ent- 
wicklung des Analinterradius ganz abnorm ist, der aus fiinf 
Tafelreihen besteht, wahrend er bei der karnischen Art deren 
drei zeigt. Aus diesem Grunde ist unsere Art mit der spa- 
nischen gar nicht zu verwechseln. 

Yon dem Typus Meg. Evansii Owen and Shum. 1 ) und you 
den anderen Arten der Gattung unterscheidet sie sich durch 
das ganze Aussehen des Kelches und die Form und Anordnung 
der Tafelchen. 

Megistocrinus ist fast ausschlieBlich auf das Devon 
und Carbon yon Amerika beschrankt. Die Gattung wurde 
auBerdem aus dem Carbon von Irland — Meg. globosus (== Ac- 
tinocrinus globosus Phill.) — beschrieben. 

Meg. Waliszewskii stammt aus dem Unter- oder Mitteldevon 
von Santa Lucia. AuBer den zwei Vorkommnissen von Spanien 
und den Karnischen Alpen kommt die Gattung nur in hoheren 
Stufen bis zum Carbon hinauf vor. 

Yorkommen: Unterdevon, Wolayer Thorl. 

Melocrinidae F. Roemer (emend. Wachsm. Spr.). 

Melocrinus Goldfuss. 

Melocrinus prostellaris Frech mscr. 
1894 Melocrinus prostellaris Frech, Karnische Alpen mscr. 

Der Kelch ist birnenformig. Seine groBte Breite entspricbt 
der durch die Radialia distichalia zweiter Ordnung gelegten 
Ebene. 

Die monocyklische Basis besteht aus vier ein Funfeck 
bildenden Basalia, von denen drei gleich und fiinfseitig sind, 
das vierte etwas groBer und sechsseitig ist. 

Die Radialia erster Ordnung stoBen in einem geschlossenen 
Kranz um das Funfeck zusammen. Dariiber folgen die Radia- 
lia zweiter und dritter Ordnung. Samtliche Radialia sind 
sechsseitig. Auch das Radiale axillare ist, abweichend von der 
bei den iibrigen Arten der Gattung herrschenden Regel, sechs- 
seitig. 

Die Distichalia, von denen einige gut erhalten sind, sind 
sowohl in bezug auf ihre Anordnung und GroBe als auch die 



2 ) U. S. Geol. Rep. Iowa, Wise, and Minn. 1852 S. 594, Taf. 5, Fig. 
3a, b. 

22* 



340 



Zahl ihrer Seiten auBerst unregelmaBig. In samtlichen Fallen 
aber ist ein fiinf- oder sechsseitiges Interradiale vorhanden, 
das im allgemeinen kleiner ist als die umgebenden Distichalia. 
Stets ist es kleiner als die Radialia. 

Was nun die Interradialia betrifft, so bestehen dieselben 
zunachst aus einem Kranz yon fiinf groBen, sechsseitigen Inter- 
radialia erster Ordnung, die sich auf die oberen, scbragen 
Riinder der Radialia erster Ordnung stiitzen und zwischen 
den unteren Seitenrandern der Radialia zweiter Ordnung liegen. 
liber den Interradialia erster Ordnung folgen die zahlreichen 
anderen, unregelniaBigen fiinf-, seeks- oder siebenseitigen Inter- 
radialia in zwei Reiken, die fast unmerklick nack oben an 
GroBe abnekmen. 




Fig. 3. 

Projection des Kelches von Melocrinus prostellaris Frech. 
In dem Unterdevon des Wolayer Thorls (1 : 1). 

Das Interradiale erster Ordnung in dem Analinterradius 
ist bedeutend groBer als die iibrigen und acktseitig. Darauf 
folgen die anderen Interradialia in drei Reiken, deren mittelste 
aus secksseitigen Tafelcken bestekt, wahrend die beiden iiuBe- 
ren aus kleineren, meistens secksseitigen Tafelcken zusammen- 
gesetzt sind, die nack oben an GroBe abnekmen. Die Hoke 
der Tafelcken des Kelches ist durchweg grofier als die Breite. 
Demnach besitzt die alpine Art bedeutend grofiere Dimensionen 
als ihre Nachkommen im Eifler Kalke. 



341 



Kelchdecke, Saule und Arme wurden nicht beobachtet. 

Da das Stuck nur den Abdruck des Kelches darstellt, ist 
es unmoglich zu erkennen, ob das Exemplar ursprunglich glatt 
oder mit Skulptur versehen war. 

In der auBeren Gestalt zeigt die beschriebene Art einige 
Ahnlichkeit mit Melocrinus stellaris F.Roemer 1 ), obwohl die letztere 
bedeutend geringere Dimensionen erreicht. Melocrinus pro stellaris 
zeigt ferner nicht die eigentiimliche sternartige Skulptur, die 
Mel. stellaris besonders cbarakterisiert. 

Vorkommen: Das Unterdevon, Wolayer-Thorl. 

Rhodocrinidae F. Roemer. 

Rhipidocrinus Beyrich. 
Syn. Rltodocrinus Goldfuss. 
Bhipidocrinus praecursor Frech mscr. 
1894 Rhipidocrin us praecursor Frech, Karnische Alpen S. 255. 

Breite des Kelches . . 27 mm 33 mm 
Hohe 2 ) des Kelches . . 9 mm 11 mm 
Saule-Durchmesser . . 7 mm 11 mm. 
Der schusselformige Kelch ist breit und hat eine glatte Ober- 
flache. Die dicyclische Basis ist etwas eingesenkt und zehn- 




Projektion des Kelches von Rhipidocri/ws praecursor Frech. 
In dem Unterdevon des Wolayer Thorls (1:1). 

seitig, da sie von den fiinf Radialia und den fiinf Parabasalia 
umgeben ist. Der Erhaltungszustand, der iibrigens nicht un- 

l ) Verhdl. d. naturhist. Vereins f. Rheinland 8, S. 362, Taf. VII, 
Fig. 2a- c. 

3 ) Bis auf den Oberrand des ersten Palmare. 



342 



giinstig ist, macht die Abgrenzung und ITnterscheidung der In- 
frabasalia unmoglich. Die Basis ist von einem kleinen, fiinf- 
lappigen Nahrungskanal durchbohrt. Die zehnseitige Basis 
zeigt funf langere Seiten, die von ebenso vielen kleinen unter- 
brochen sind; die ersteren entsprechen den unteren Randern der 
Radialia, die letzteren den kleinen Parabasalia, die sich zwischen 
die groBeren Radialia einschieben. 

Samtliche Radialia erster Ordnung sind sechsseitig und 
ruhen auf den langen Seiten des Zehnecks, wahrend sich den 
kleinen Seitenrandern die Parabasalia anfiigen. Die anderen 
Seitenrander sind bedeutend langer. Den breiten horizontalen 
Randern der Radialia erster Ordnung liegen die funf sechsseitigen 
Radialia zweiter Ordnung auf. Ihre unteren Seitenrander sind 
langer als die oberen mit Ausnahme der zwei den Analinteradius 
begrenzenden Radialreihen, deren Anordnung umgekehrt ist. 
Dem oberen Rande der Radialia zweiter Ordnung liegt ein 
Kranz yon funf funfseitigen Radialia auf, die keilforniig und 
zugesoharft sind, da sie axillar fur zwei Distichalreihen dienen. 

Jeder Distichalradius besteht aus zwei Distichalia, von denen 
das untere sechsseitig, das obere fiinfseitig und axillar ist. 

Auf diese Distichalia axillaria folgen kleinere, sechsseitige 
Palmaria. Zwischen den unteren Seiten der Distichalia zweiter 
Ordnung und auf den oberen Seitenrandern der Distichalia 
erster Ordnung ruhend befindet sich das kleine, siebenseitige, 
symmetrische Interdistichale. Samtliche Distichalia werden nach 
oben zu kleiner und sind wie die Radialia breiter als hoch. 

Die Interradialia bestehen zunachst aus einem Kranz von 
funf ziemlich groBen Interradialia erster Ordnung, die auf den 
kleinen, horizontalen, oberen Randern der viereckigen Parabasalia 
aufliegen und von je zwei Radialia erster und zweiter Ordnung 
begrenzt sind. Yier davon sind siebenseitig und tragen liber 
sich zwei etwas kleinere, sechs- oder siebenseitige Interradialia 
zweiter Ordnung. Auf diese folgen noch andere unregelmaBig 
sechs- oder siebenseitige Tafelchen, die nach oben zu an GroBe 
abnehmen. Die unteren Interradialia folgen zu Paaren, ohne aber 
eine bestimmte Anordnung erkennen zu lassen. 

Das fiinfte Interradiale erster Ordnung ist achtseitig. Auf 
seinen drei oberen Randern liegen drei Interradialia zweiter 
Ordnung, von denen das mittelste, das Interradiale anale, be- 
deutend grbBer ist als die zwei anderen. 

IJber diesen folgen drei kleinere Interradialia dritter Ordnung, 
denen wiederum drei andere Tafelchen folgen. Dariiber sind 
noch kleine Tafelchen ohne bestimmte Gruppierung vorhanden. 
Samtliche Tafelchen des Analinterradius, mit Ausnahme des 



343 



ersten, sind sechsseitig und werden nach oben zu kleiner. Die 
mittlere Tafelreihe ist bedeutend grofler als die zwei aufieren. 

Kelchdecke und Arme sind unbekannt. 

Die runde Saule ist ziemlich dick und von einem verhaltnis- 
maBig sehr kleinen, fiinfseitigen Kanal durchbohrt. Ihre ziem- 
lich niedrigen Glieder sind mit einer scharfen Ringwulst ver- 
sehen. 

JRhipidocrinus praecursor ist in auBerer Gestalt dem Rhipi- 
docrinus crenatus Goldfuss 1 ) ziemlich ahnlich, unterscheidet sich 
aber, abgesehen von der netzartigen Skulptur und den Runzeln, 
die die Kelchoberflache bei der Eifler Art bedecken, durch die 
Kleinheit der vierseitigen Parabasalia. AuBerdem beruhren sich 
die letzteren nicht wie bei der rheinischen Art, sondern sind 
durch die Radialia erster Ordnung voneinander getrennt. 

Yorkommen: Das Unterdevon, Wolayer Thorl. 

Rhipidocrinus alpinus n. sp. 
1894 Rhipidocrinus n. sp. Frech, Karnische Alpen, S. 257. 

Breite des. Kelches .... 52 mm 
Hohe des Kelches . . . . 17 mm 
Die dicyklische Basis ist etwas eingesenkt. Die Infrabasalia, 
funf an der Zahl, bilden fiber dem Stiel ein Fiinfeck. Urn dieses 
ordnen sich die funf sechsseitigen Basalia an, deren Breite 
groBer als die Hohe ist. Die unteren Seitenrander, durch 
welche sich die Basalia vereinigen, sind auBerst kurz, wahrend 
die oberen, die die Radialia erster Ordnung umgrenzen, lang 
sind. Der obere Rand ist dem unteren parallel und stiitzt das 
Interradiale erster Ordnung. Somit ist der UmriB der Basalia 
trapezformig. 

Dariiber folgen, auf den oberen Seitenrandern der Bas'alia 
ruhend und regelmaBig mit ihnen alternierend, die funf fiinf- 
seitigen Radialia erster Ordnung. Ihnen folgen die funf sechs- 
seitigen Radialia zweiter Ordnung. 

Uber diesen endlich folgt wiederum, dem unteren RaDde 
der Radialia zweiter Ordnung aufliegend, ein Kranz von funf 
fiinfseitigen Radialia, die keilformig sind und axillar fur zwei 
Distichalradien als Stutzpunkte dienen. Dort an der Stelle, 
wo die Interradialia distichalia liegen sollen, ist die Erhaltung 
des Kelches sehr mangelhaft, doch diirften zwei Reihen von 
Interradialia vorhanden gewesen sein. 

Jeder Distichalradius besteht aus zwei Radialia distichalia, 
die durchgangig sechsseitig sind und von denen das untere 



J ) Petref. Germ. Bd. I, S. 211, Taf. 64, Fig. 3, 



344 



groBer als das obere ist. Ein Interdistichale, das zwischen den 
Distichalia liegen miiBte, ist des schlechten Erhaltungszustandes 
wegen nicht zu beobachten. J)och ist nacb der Form und An- 
ordnung der Distichalia die Yermutung erlaubt,. daB sie durch 
ein secbs- oder siebenseitiges Interdisticbale voneinander ge- 
trennt waren. 

Die drei Radialia nebst den zwei Distichalia schlieBen sich 
mit den benachbarten zu einer unregelmaBigen Ellipse zusammen, 
welche die sechs Interradialia umgrenzt. 

Das Interradiale erster Ordnung, das sich auf den ab- 
gestumpften Oberrand der Basalia stiitzt, ist groB und sieben- 
seitig. Die Radialia werden durch dieses getrennt, das sich 
zwischen den Radialia erster Ordnung und den unteren, schragen 
Seiten der Radialia zweiter Ordnuug befindet. Die Interradialia 
zweiter Ordnung bestehen aus zwei kleinen Tafelchen. Dar- 
iiber folgen noch zwei dritter Ordnung nebst einem oder zwei 
Tafelchen. 




Projektion des Kelches von Rhipidocrinus alpinus n. sp. 
Id dem roten Krinoidenkalke des unteren Unterdevon des Pasterkfelsens 
bei Vellach (1:1). 

Die Interradialia sind mit Ausnahme des ersten gewohulich 
sechsseitig und nehmen nach oben an Grofle ab. 



345 



Ira Kranz der Radialia und Interradialia erster Ordnung 
befindet sich das groBe, siebenseitige Tafelchen des Analinter- 
radius. Dariiber folgen die zwei untersten Glieder der zwei 
auBeren Tafelreihen; die ganze mittlere Tafelreihe einschlieBlich 
der Analplatte sowie die Tafelchen der zwei anderen Reihen 
sind leider nicht erhalten. Doch diirften sie wahrscheinlich eine 
ahnlicheAnordnurjgbesessenhabenwiebeii?/?ipic/ocr/7?MS2?raecwrsor. 
Samtliche Tafelchen sind breiter als hoch. 

Die Nahte sind yertieft, wie sich trotz der schlechten Er- 
haltung beobachtenlaBt. TJrspriinglich wardieOberflachevielleicht 
granuliert. 

Kelchdecke, Arme und Saule sind nicht erhalten. 

In der Tafelanordnung zeigt die beschriebene Art eine ge- 
wisse Ahnlichkeit mit Bhvpidocrwus crenatus Goldfuss, weicht 
aber von dieser Art ab, eimnal durch das Fehlen der eigen- 
tiimlichen, feinen Runzeln und der eigenartigen Skulptur, die 
die Eifler Art charakterisieren, dann auch durch die Lage der 
groBten Breite des Kelches. Einerseits erweitert sich der Kelch 
bei Rhipidocrinus crenatus unrnittelbar iiber der Basis sackartig, 
so dafl haufig noch Parabasalia und Radialia erster Ordnung in 
der auf der Saule senkrecht stehenden Flache liegen. Folglich 
ist hier die groBte Breite des Kelches zu bezeichnen. Anderer- 
seits liegt bei Bhijndocrinus alpinus die grofite Breite weit hoher 
und zwar in der durch die Distichalia zweiter Ordnung 
schneidenden Ebene. 

Ferner sind die vorliegenden Exemplare bedeutend groBer 
als die entsprechenden Crinoiden des Eifler Kalkes, d. h. geradezu 
doppelt so groB. 

Die Hauptmerkmale der neuen Art bestehen daher in der 
eigentumlichen, hohen Lage der groBten Breite des Kelches und 
seiner bedeuteuden GroBe. 

Yorkommen: Ini roten Kalk des Unterdevon des Pasterk- 
felsens bei Yellach. 

Calyptocrinidae Angblin. 
Eucahjpto cr inus Goldfuss. 

Eucahjptocrinus ex aff. rosaceo 1 ) Goldfuss. 
1894 Eucahjptocrinus cf. rosaceo Frech, Karnische Alpen p. 259. 

Es liegen ein Kelch und zwei isolierte Basalpyramiden 
vor. Die Basis des Kelches zeigt eine tiefe, trichterforrnige 

') Eucahjptocrinus aff. rosaceo Goi/df. 
1838 Ettcah/ptocrim/s rosaceusGromv.. Petref. Geim.S. 335, Tab. 30, Fig. 6. 



346 



Einsenkung wie der Boden einer Weinflasche. Sie besteht aus 
vier Basalia, von denen das eine grower ist als die drei iibrigen. 
Der untere Teil des Kelches wird durch die fiinf gleichen, tra- 
pezformigen Radialia erster Ordnung gebildet. Die anderen 
Tafelchen der Radien sind nicht vorhanden. Die ganze Ober- 
flache ist rait auflerst feinen Runzeln und Granulationen verziert, 
die eine Unterscheidung der einzelnen Tafelchen schwierig 
machen. 

Die Saule ist nicht erhalten, doch ist sie, der Haftstelle 
nach zu urteilen, ungefahr rund gewesen, hat aber die ganze 
Hohlung der Basis nicht ausgefiillt. 

Kelche, Decke und Arme sind ebenfalls nicht erhalten. 

Der Kelch, von dem nur der unterste Teil erhalten vorliegt, 
ist bedeutend kleiner als die meisten dieser Art. Wahrend bei 
dem beschriebenen Stuck der Kelchdurchmesser etwa 20 mm 
betragt, ist derselbe bei den Exemplaren, wie sie z. B. Schulze 
abbildet, um das Zweifache oder Dreifache groBer. Jedoch 
stimmt die Form des Kelches und die Anordnung der Tafelchen 
mit der genannten Art gut iiberein, so daB die Zugehorigkeit 
zu einer vermutlich neuen Art aus der Yerwandtschaft von 
Eucalyptocrinus rosaceus sehr wahrscheinlich ist. Richtig ist 
jedenfalls der Nachweis des Yorkommens dieser Gattung im 
Unterdevon der Alpen, da die Gattung mit Bhipidocrinus cre- 
nalus zu den haufigsten und charakteristischsten Crinoiden des 
Mitteldevon gehort. 

Yorkommen: Im unterdevonischen, grauen Crinoidenkalk 
des Pasterkfelsen bei Yellach. 

Zusammenfassung. 

Unter den acht beschriebenen Crinoidenarten stammen 
Ctjathocrinus carnicus, Megistocrinus devonicus, Melocrinus prostel- 
laris und Rhipidocrinus praecursor aus dem Unterdevon des Wo- 
layer Thorl. Die anderen Arten kommen in den Karawanken 
bei Yellach in dem oberen Unterdevon vor und zwar Euca- 



1853 Eucalyptocrinus rosaceus De Koninck et Lehon, Recherches sur des 
Crinoids du Terrain Carbonifiere de la Belgique S. 73. 

1855 Eucalyptocrinus rosaceus F. Romer, Lethaea Geognostica S. 259, Tab. 
4 Fig. 20 a-c. 

1866 Eucalyptocrinus rosaceus Schulze, Monographie der Echinodermen 
des Eifler Kalkes. Denkschr. d. k. k. Akad. d. Wiss. S. 90, Tab. 
11, Fig. 1-14. 

1885 Eucalyptocrinus rosaceus Wachsmuth and Springer. Revision of 

the Palaeocrinoidea, Part III, S. 134. 
1895 Eucalyptocrinus rosaceus Holzapfel, Oberes Mitteldevon im Rhei- 

nischen Gebirge. Abh. d. Kgl. Geol. Landesanst. N. F. 16, S. 303. 



347 



lyptocrinus ex aff. rosaceus in dem grauen Crinoidenkalk, Rhipi- 
docrinus alpinus und Hexacrinus Freeh i in dem roten Crinoiden- 
kalk, wahrend Hexacrinus Rosthorni an alien drei Fundorten 
gesanimelt wurde. 

Da Frech aus anderen Griinden das Alter des Riffvor- 
kommens bei Vellach als jiingeres Unterdevon gleich Gl von 
Bohmen gedeutet hat, bildet die Bestimmung der Crinoiden- 
kelche eine weitere Stiitze fur diese Anschauung. 

Bemerkenswert sind die bedeutenden Dimensionen, die die 
Kelche des grofleren Teiles der beschriebenen Art erreichen. 
Sie iibertreffen bei weitem die entsprechenden mitteldevonischen 
meistens in der Eifel vorkommenden Nachfolger derselben Gat- 
tungen. Nur Eucalyptocrinus ex aff. rosaceo und Hexacrinus 
Rosthorni bilden in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Dieser 
Groflenunterschied ist wohl darauf zuruckzufuhren, daJ3 die Eifler 
Arten in dem schlammigen Wasser der Crinoidenschicht lebten, 
wahrend die karnischen bzw. Karntner Formen in einem fast 
chemisch reinen Kalk vorkommen. Dafl fur festgewachsene 
Meerestiere wie Korallen und Crinoiden die Lebensbedingungen 
im reinen Wasser im allgemeinen giinstiger sind als in schlamm- 
getriibten Meeresteilen, ist eine aus der Gegenwart bekannte 
Tatsache. 

Manuskript eingegangen am 24. November 1913.] 



IV. Korallen und Stromatoporoiden. 

Von Herrn John K. Charlesworth. 

(Hierza Tafel XXX-XXXIV.) 
Einleitung. 

Die folgende Arbeit iiber die Korallen bildet den SchluB 
der Beschreibung der unterdevonischen Fauna der Ostalpen, 
die yon Frech 1 ) mit der Beschreibung der Crustaceen, Cepha- 
lopoden, Gastropoden und Wurmer im Jahre 1894 begonnen 
wurde und von Scupin 2 ) mit der Beschreibung der Lamelli- 
branchiaten und Brachiopoden, vom Verfasser mit der der Cri- 



') Die Fauna des unterdevonischen Riffkalkes I. Diese Zeitschr. 
46, 1894, S. 446, Taf. 30-37. 

3 ) Das Devon der Ostalpen IV. Die Fauna des unterdevonischen 
Riffkalkes [I, 57, 1905, S. 91, Taf. 5, 6; 58, 1906, S. 213 Taf. 
11-17. 



348 



noiden fortgesetzt wurde. Herr Frech hat mir die Liebens- 
wiirdigkeit erwiesen, sein gesamtes Korallenmaterial in freund- 
lichster Weise zur Verfiigung zu stellen, um die Beschreibimg 
der Fauna zum AbschluB zu bringen. Ich mochte ihm auch 
an dieser Stelle dafiir meinen aufrichtigen Dank aussprechen. 

Nach den Brachiopoden bilden die Korallen die zahlreichste 
und wichtigste Tierklasse des karnischen Unterdevons. Leider 
lieB der Erhaltungszustand oft viel zu wiinscben iibrig, so daB 
Beobacbtungen iiber die Innenstruktur mittels Langs- und 
Querschliffen, wo es angebracht gewesen ware, nicht immer er- 
folgen konnten. Docb gestattet das Material in den meisten 
Fallen, wenigstens einen SchlifT anzufertigen. 

Samtliche Stiicke stammen von den Fundorten Wolayer 
Thorl, Seekopf-Thorl, oberes Yalentin-Tal und Cellonkofel 1 ). 

Von den vier Fundorten befindet sich der PlockenpaB 
ostlich des Cellonkofels, wahrend die Fundorte Wolayer Thorl, 
Seekopf-Thorl und oberes Yalentin-Tal unmittelbar nebenein- 
ander liegen. Der Cellonkofel ist dadurch wichtig, dafl die 
vorliegenden Korallen die einzigen organischen Reste sind, 
die hier uberhaupt gefunden wurden. Sie zeichnen sich durch 
gute Struktur aus, wodurch die geringe Zahl der Exemplare 
gewissermafien ausgeglichen wird. Die Struktur ist bedeutend 
besser als bei den weiter westlich aufgesammelten Stticken. 
Wesentliche Unterschiede wurden nicht beobachtet, so da£ 
der Zusammenhang mit dem westlichen Teil des Hochgebirgs- 
kammes sicher steht. Von den vier genannten Fundorten hat 
sich das Wolayer Thorl bei weitem als das reichhaltigste, 
sowohl in bezug auf Artenreichtum wie Zahl der Exemplare, 
erwiesen. 

Die verschiedenen Spezies treten in sehr verschiedener 
Haufigkeit auf. Mehrere Arten sind nur durch einzelne Exem- 
plare vertreten, wahrend andere, wie Aspasniophyllum ligeriense 
Barrois, Favosites Goldfussi M. Edw. et Haime und Heliolites 
celloniensix n. sp. in verhaltnismafiig grower Zahl vorliegen. 
Unter den Tetracorallen iiberwiegen die Cyathophyllen und 
unter den Tabulaten die Favositen bei weitem, sowohl in bezug 
auf die Zahl der Exemplare wie auf Artenreichtum. 



J ) Ich behalte die von Frech und dem osterreichischen General- 
stab gegebenen Namen bei. Es ist moglich oder wahrscheinlich , daB 
die abweichenden Bezeichnungen, die Gteyer angewandt hat, dem Sprach- 
gebrauch besser entsprechen, aber die osterreichischen Generalstabskarten 
liefern eine bessere Grundlage als Nachfragen bei Jagern und Hirten. 
Vor allem muB aber eine Einheitlichkeit der Namengebung mit den 
schon erschienenen Teilen erstrebt werden. 



349 



In den Karnischen Alpen sind die Vorkominen, die in 
tonigem Kalk lagern, am besten erhalten, so im Yalentin-Tal 
und am Cellonkofel. In den Kalken des Wolayer Thorl, die 
ganz ahnlich aussehen, herrscht eine rein kalkige Beschaffenheit 
wie bei Konieprus in Bohmen yor. Die Erhaltung der Struktur 
ist infolgedessen sehr ungiinstig. Nur das groBe Aspasmophyllum 
mit seinen sehr kraftigen Septen ist stets sehr gut unterscheidbar. 

Die Mannigfaltigkeit der Arten ist im groBen und ganzen 
groBer als im Konieprus. Dabei ist aber zu beriicksichtigen, 
daB die bohmischen Vorkommen aus einem in regelmaBigem 
Betrieb stehenden Steinbruch stammen, Yvahrend die karnischen 
Stiicke zur Zeit der FRECHschen Aufnahme in einem durcn Unter- 
kunftshijtte noch nicht erschlossenen Hochgebirge gesammelt 
wurden. Es geht wohl aus alledem hervor, daB die feinen und 
leicht zerstorbaren Formen in den Alpen besser erhalten waren. 

Beschreibung der Arten. 
Zoantharia. 
Tetracoralla. 
Inexpleta. 
Cyathaxonidae. 
Petraia Munster. 
Petraia confinensis n. sp. 
Diese Art ist die kleinste und zierlichste aller der in den 
unterdevonischen Schichten der Karnischen Alpen vorkommenden 
Korallenexemplare. 

Die Koralle ist einfach und frei. Die Theca ist deutlich 
entwickelt, Thecalgebilde konnten aber nicht beobachtet werden. 
Der Kelch selbst ist anscheinend sehr tief. Der grofite Durch- 
messer betragt 8 mm. Da alle vorliegenden, angeschliffenen 
Korallen unvollkommen sind, obwohl sie sich gewissermaBen 
gegenseitig erganzen, wurde eine groBere Lange als 1 cm nicht 
beobachtet. 

Die undeutlich fiederstellig angeordneten Septen sind wohl- 
entwickelt, ungefahr 22 an der Zahl und gleichmaBig lang. 
Ausnahmsweise ist eine symmetrische Anordnung der Septen 
erkennbar, erstens dadurch, daB zu beiden Seiten des Haupt- 
septums ein kleines Septum auftritt, zweitens dadurch, daB die 
Septen in den zwei Gegenquadranten zu beiden Seiten des 
Gegenseptums biindelformig in der Mitte miteinander verwachsen 
sind. Eine Columelle fehlt. 



350 



Abnlicb wie Kunth 1 ) es bei Petraia radiata Munster 
und Kvysee. 2 ) bei Petraia undulata A. Romer beobacbtet 
tab en, treten bei der karniscben Art zwiscben den Seitenflacben 
der Septen im Langsscbnitt sebr kurze, sicb nur wenig erbe- 
bende Querleisten auf, die eine Art Kerbung der Septen be- 
dingen. Die angescbliffene Flacbe der abgebildeten Koralle 
scbneidet diese ziemlicb tief, namlicb in der Nabe der Kelcb- 
spitze, so daB die Septen fast bis zur Mitte reicben. 

Die Art unterscbeidet sicb von den anderen bekannten 
Formen durcb den geringen Durcbmesser und die dadurcb be- 
dingte kleine Septenzabl, vor allem aber durcb die oben be- 
scbriebene Anordnung der Septen, die von der der anderen 
bekannten Arten der Gattung ganzlicb abweicbt. 

Die Inexpleta, welcbe iiberbaupt nicbt zablreicb auftreten, 
sind im Unterdevon besonders diirftig entwickelt. Es bandelt 
sicb nur um die folgenden Arten: 

Petraia undulata A. Roemer 3 ) (Harz) 
„ similans Pocta 4 ) (Bobmen) 
„ betula Pocta 5 ) (Bobmen G-l) 
Microcyclus simplex Sandberger 6 ) 
"~ Hadropliyllum conicum Barrois 7 ) (Asturien, Zone de Ferrones) 
Palaeocyclus ellipticus Sandberger 8 ) 
Combophyllum germanicum Frech 9 ) 

„ Leonense M. Edw. et Haime (Barrois 10 ), Asturien, 

Zone d'Arnao) 
^ Combophyllum Osismorum M. Edw. et Haime 11 ) (Brest) 
„ obtusum Sandberger 12 ). 
Yorkommen: Eine kleine Platte mit mebreren, angescbliffenen 
Korallenbrucbstiicken aus dem scbwarzen Kalke des Unter- 
devons des Cellonkofels, Plockenpass. 



3 ) Diese Zeitschr. 1870, 22, S. 37. 

2 ) Die alteste Fauna des Harzes. Abhandl. zur Spezialkarte von 
PreuBen usw., 2, Heft 4, 1878, S. 232, Taf. 33, Fig. 3. 

3 ) Strephodes undulatum, Beitr. zur Kenntnis des Harzgebirges III, 
S. 2, Taf. 1, Fig. 3, 1855. 

*) a. a. 0. Silur-Systcme S. 208, Taf. 113. 
s ) a. a. 0. S. 204, Taf. 68, 112. 

6 ) Uber die Entwickelung d. unt. Abteilung d. devoniscben Systems 
in Nassau, 1889, S. 101, Taf. 2, Fig. 2, 2a. 

7 ) a. a. 0. Terrains Anciens S. 194 Taf. 7, Fig. 1. 

8 ) a. a. 0. S. 102 Taf. 2, Fig. 3, 3a. 

9 ) Geologie der Umgebung von Haiger. Abhandl. z. geol. Spez.- 
Karte v. PreuBen 8, Heft 4, S. 35, Taf. 3, Fig. 6. 

,0 ) a. a 0. S. 195. 

») Polyp.'foss. S. 359, Taf. 2, Fig. 2. 
12 ) a. a. 0. S. 101, Taf. 2, Fig. 1. 



351 



Expleta. 
Zaphrentidae. 
Amplexus Sow. 
Amplexus sp. indet. ex. aff. irregularis Kayser. 
Die Koralle ist einfach und cylindrisch. Bei eineni grofiten 
Durchniesser, der zwischen 15 und 23 mm schwankt, erreiclit 
die Koralle bei abgebrochenen Stiicken eine Lange yon etwa 
23 mm. 

Ein Querschnitt zeigt die rudimentaren , aufierst kurzen 
Septen, deren Zahl zwischen 56 und 80 schwankt. Bei einem 
Exemplar alternieren die Septen ziemlich deutlich ; die der 
zweiten Ordnung sind auflerst kurz, manchmal sogar kaum zn 
erkennen. Bei anderen Exemplaren aber sind alle Septen 
gleich lang und auf Septalfurchen der Theca festzustellen. 
Septalleisten fehlen ganzlich. Die Aufienwand ist mit den, 
den Septen entsprechenden Linien sehr deutlich langsgestreift, 
deren regelmafiige Abstande etwa 1 mm betragen. Sie laufen 
gerade und vertikal, werden aber von Querleisten nicht gekreuzt. 

In auBerer Gestalt und Hauptmerkmalen ahneln diese 
Stiicke dem Amplexus irregularis Kayser 1 ). Doch liiflt der Er- 
haltungszustand gar nichts Definitives uber ihre Zusammen- 
gehorigkeit aussagen. 

Yorkommen: Unterdeyon des Seekopf Thorl. 

Amplexus Frechi n. sp. 

Der Durchniesser der mir Yorliegeuden Bruchstiicke be- 
tragt etwa 10 — 15 mm, die groBte Lange etwa 3,5 cm. Die 
Korallen sind cylindrisch mit langsgestreifter AuBenwand. Die 
Theca ist ziemlich kraftig und folglich erscheinen die Langs- 
streifen erst bei begonnener Verwitterung. 

Auf einem kreisrunden Querschliff erkennt man die kurzen 
Septen, deren Lange etwas iiber die Halfte des Kelchradius 
betragt und fur Amplexus also relativ lang ist. 

Das Endothecalgebilde besteht ausschlieBlich aus Boden, 
die den ganzen Innenraum von Wand zu Wand durchsetzen. 
Sie sind verschieden gestaltet, meistens flach, seltener nach 
unten konvex. Auch kommen kleine, accessorische Lamellen 
vor. Die Boden sind im Langsschliff in der Mitte horizontal, 
an den Randern meist etwas aufwarts gebogen. Auf diese pflegen 
in geringem Abstand ein oder zwei kleine accessorische Boden 
zu folgen, die sich mit unregelmafiig flach oder nach oben ge- 



') Diese Zeitschr. 1872, 24, S. 691, Taf. 27, Fig. 7. 



352 



kurvten Bogen von cler Wand her auf den ersteren legen, 
so dafi sie die langen Boden meist etwa in der Mitte beriihren. 
In einem groflen Abstand von etwa 3 — 4 mm folgen iiber diesen 
unregelmaBige, neue Boden, an denen sich abermals unregel- 
mafiige, gebogene, accessorische anlegen. 

Die Septen losen sich im excentrischen Tangentialschliff in 
sehr deutlich entwickelte Septaldornen auf, die ebenso wie 
der Querschliff eine zweiteilige Anordnung der Septen erkennen 
lassen. 

Die Stiicke sind mit Amplexus Jiercynicus A. Roemee 1 ) am 
nachsten verwandt, besitzen aber bedeutend langere Septen. 

Vorkommen: Aus dem Unterdevon von VVolayer Thorl 
und Cellonkofel. 

Aspasmophyllum F. Roemee. 
. ' Syn. Pselophyllum Barrande. Mucophyllum Etheridge 3 ). 

Die Hauptmerkmale der Gattung Aspasmophyllum wurden 
bereits von F. Roemee 3 ) bei der auf "Crinoiden aufgewachsenen, 
mitteldevonischen Art Aspasmophyllum philocrinum beobachtetf 
Spater wurde die Gattung von Feech 4 ) auf Grund von Unter- 
suchungen iiber neues Material naher definiert und ihre nahe 
Yerwandtschaft mit Zaphrentis nachgewiesen. Yon Zaphrentis 
unterscheidet sich die Gattung dadurch, daB die Septen sich 
menials in der Mitte vereinigen, von Amplexus dagegen durch 
grofiere Lange und Ausdehnung der Septen, von beiden 
Gattungen dadurch, daft in den echten Septen Septaldornen 
vollkommen yersclrwinden. Die Gattung erreicht ihre Haupt- 
entwicklung und Yerbreitung im Unterdevon (Westfrankreich, 
Bohinen, Karnische Alpen und Neu- Siidwales). Das mittel- 
devonische Aspasmophyllum philocrinum ist als ein verkiammerter 
Auslaufer anzusehen. 

Aspasmophyllum Ugeriense Baeeois. 

1889 Zaphrentis Ugeriensis Barrois, Fauna d' Erbray, S. 52, Tafel 3, 
Fig. 1. 

1894 Aspasmophyllum bohemicum Frecji, Karnische Alpen S. 255. 
1902 Pselophyllum bohemicum Barrande, Systeme Silurien du Centre de 
la Boheme. Bd. VIII, Teil II, S. 82, Tafel 29-34, 103,109. 

l ) Amplexus hercynicus var. aculeatus A. Roemer, Harz, 111, S. 133, 
Taf. 19, Fig. 12. 

3 ) a. a. 0. S. 11, Taf. 34. 

3 ) Yerhandl. Schles. Ges. f. vaterl. Kultur S. 184; ansfiihrlicher id 
Lethaea palaeoz. S. 376. 

4 ) Cyathophylliden und Zaphrentiden des rheinischen Mitteldevous 
S. 102. 



353 



Die vorliegende Art ist die grotfte der Einzelkorallen des 
Unterdevon. Die GroBenverhaltnisse der einzelnen Kelche 
sind sehr verschieden, der Durchmesser betragt 1,7 cm bis 
8,5 cm. 

Die Koralle ist einfach und subcylindrisch. Die scheinbar 
dunne Theca ist bei fast samtlichen Exemplaren durch Ver- 
witterung entfernt. Die Thecalstreifen verlaufen vertikal und paral- 
lel und besitzen im oberen Teil der Koralle eine Breite von ca. 
2 mm; nach unten verschmalern sie sich unmerklich. 

Der Innenraum ist mit parallel gestellten, kraftigen, ur- 
spriingiich gedrangten Boden erfiillt; die letzteren sind meistens 
nicht gut erhalten, sondern durch den grobkrystallisierten 
Kalkspat zerbrochen. Der Abstand der einzelnen Boden be- 
tragt etwa 1 mm. Der Kelch selbst ist nur bei einem Exemplar 
erhalten, er ist ziemlich tief und besitzt, der Gestalt der hori- 
zontalen Boden entsprechend, einen flacben Boden und steil 
abfallende Wande. Auf dem Kelchrande erscheinen die Septen 
als breite, gerundete, durcb schmale Furchen getrennte Leisten. 
Die Septen, 28 + 28 bis 38 + 38 an der Zahl, sind sehr dick — 
etwa 2 mm — , auf das auBere 1/3 bis 2/3 des Innern be- 
schrankt. Sie enden stumpf und der centrale Teil der Koralle 
ist lediglich von den Boden eingenommen. Die Septen alternieren, 
dock ist ihr Langenunterscbied sehr unbedeutend. Sie zeigen 
an einem einzigen Scbliff, der die gute Erhaltung erkennen 
lafit, eine facherformige Anordnung ibrer inneren Elemente; die 
Seitenflacben aber sind vollig glatt. 

AspasmopJiyllum ligeriense wurde zuerst von Bareois als 
Zaphrentis beschrieben, obne dai3 er die Beziehungen zu der 
auBerlich abweicbenden, innerlicb aber iibereinstimmenden, 
mitteldevoniscben Art gefunden batte. Auf die Zusammenge- 
borigkeit beider wies Frech 1 ) in einer Notiz hin. Die Selb- 
standigkeit des Gattungstypus wurde auch von Pocta erkannt, 
der diese zwischen Amplexus und Zaphrentis stebende Gattung 
als Pselophyllum in dem posthumen Werk Barrandes abge- 
bildet bat. 

Pseloplnjllum bohemicum, von welcbem einige Stiicke aus 
dem Unterdevon von Bohmen zum Yergleicb vorliegen, stimmt 
mit den karniscben Stiicken gut uberein. Der Unterscbied 
zwiscben AspasmopJiyllum philocrinum und Pselophyllum bzw. 
AspasmopJiyllum ligeriense bestebt lediglich darin, daB Aspasmo- 
pJiyllum pJiilocrinum eine niedrige und daher mit wenigen Boden 
versehene Art, AspasmopJiyllum ligeriense dagen eine subcylindriscbe 



l ) Karnische Alpen S. 255. 
Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 



23 



354 



Form und infolgedessen niit zahlreichen Boden verselien ist. 
Dieser Wachstumsunterschied geniigt nicht zur Begriindung 
einer selbstandigen Gattung, umsomehr, als die Identitat von 
Paelophyllum bohemicum und Aspasmophyllum ligeriense keinem 
Zweifel unterliegt. Auch Mucophyllum Ethekidge aus dem 
australischen Devon ist ident mit dieser Gattung. 

CoelophyUum eurycalyx Weissermel 1 ) aus dem Silurge- 
schiebe OstpreuBens zeigt eine auffallende Ahnlichkeit mit der 
beschriebenen Art, unterscheidet sich aber durch die bedeutend 
schwachere Entwicklung der Septen. Danach diirfte vielleicht 
CoelopliyUum eurycalyx als Vorlaufer von Aspasmophyllum an- 
gesehen werden. 

Vorkommen: Aus dem weiBen und dem sch*varzen Kalk 
des Unterdevon von Wolayer Thorl. Die Art kommt auch in 
der F2-Zone von Bohmen und der gleichaltrigen Blanc Calcaire 
d'Erbray vor. Untersucht wurden 26 Stiicke aus den Karnischen 
Alpen und 4 aus Bobmen. 

Zaphrentis Rafinesque et Clifford. 
Syn. Caninia Michelin. 
Zaphrentis alpina n. sp. 
Langste Achse der Ellipse . . 35 mm 25 mm 
Kiirzeste Achse der Ellipse . . 24 mm 20 mm. 
Die Hohe der zwei mir vorliegenden, unvollkommenen 
Exemplare betragt in beiden Fallen, nach Anfertigung eines 
Querschnittes, ca. 20 mm. 

Da die Stiicke elliptisch sind, macht sich eine Symmetric 
bemerkbar, indem unter den beiden Septen, die den groBten 
Durchmesser bilden, das Hauptseptum langer und das Gegen- 
septum kiirzer als die ubrigen Septen sind. Die anderen Septen 
nehmen der Reihe nach von dem kleinsten bis zum groBten 
Septum allmahlich an GroBe zu, eine Anordnung, die auch bei 
Menophyllum tenuimarginatum M. Edw. et Haime 2 ) recht klar zum 
Ausdruck gelangt. Folglich reichen die Septen in einer Kelch- 
hiilfte fast bis zur Mitte, in der anderen sind sie nur sehr kurz 
entwickelt, von l / 3 zu l j k des Kelchradius an Lange. 

In der Halfte, wo die langeren Septen vorkommen, sind 
wohlentwickelte Querleisten zwischen ihnen deutlich sichtbar. 
In der anderen Halfte fehlen sie ganzlich. Bei einem Exemplar 
verlaufen die Septen gerade, bei dem zweiten aber sind sie 
regelmaBig nach rechts gebogen und erinnern sehr an Strepte- 



l ) a. a. 0. S. 635, Taf. 50, Fig. 8-9; Taf. 51, Fig. 1. 
a ) Polyp, foss. S. 348, Taf. 3, Fig. 1, la. 



355 



lasma. Dafl es sich bei diesem Exemplar urn Zaphrentis und 
nicht Streptelasma handelt, wurde durch eine angeschliffene 
Flache weiter unten bewiesen, wo die Septen keine Spur von 
Drehung zeigten. 

Sehr charakteristisch ist die auBerst dicke Theca, die sich 
im Querschliff als ein ausgepragter Rand bemerkbar macht. 
Hier sind die Septen fast Yollstandig obliteriert und nur mit 
Muhe zu sehen. Doch eine genaue ITntersuchung ergibt das 
Vorhandensein der diinnen Septen erster und zweiter Ordnung, 
von denen die letzteren nur sehr wenig in das Kelchinnere 
hineinragen. Ihre Zahl betragt bei dem groflten Stuck 38 + 38, 
bei dem kleineren 34 + 34. 

Ein Langsschliff zeigt die wohlentwickelten, auflerst dicht- 
gedrangten Boden, die den ganzen Raum von "Wand zu Wand 
durchkreuzen. Sie sind durch den krystallisierten Kalkspat 
zerbrochen odersehrunregelmaBiggebogen. Blasen fehlen ganzlich. 

Von Cyathophyllum unterscheiden sich die beschriebenen 
Stucke dadurch, dai3 peripherische Blasen vollkommen fehlen, 
yon Amplexus dagegen durch grofiere Lange der Septen erster 
Ordnung. Durch beide Merkmale erweisen sie ihre Zusammen- 
gehorigkeit zu der Gattung Zaphrentis. 

Diese Art laBt sich wegen der Anordnung der Septen und 
der aufierst dicken Theca mit anderen Arten des Devon und 
Silur nicht verwechseln. 

Yorkommen: 2 Stucke aus dem UnterdeYOn des Cellon- 
kofel-PlockenpaB. 

Columnaria Dybowski. 
Syn. Cyathophylloides Dybowski. 
Columnaria symbiotica n. sp. 
Der Stock ist aus dicht zusammenstehenden, cylindrischen, 
subparallelen Kelchen zusammengesetzt, die je einen Durch- 
messer Yon ca. 1 mm besitzen. 

Im Querschliff sind die kreisformigen Kelche Yon sehr 
diinnen Wanden umgrenzt, Yon denen die an mancher Stelle 
sehr deutlich erkennbaren Septen ausgehen. Die letzteren sind 
ca. 24 an der Zahl und erreichen den Mittelpunkt. Septen 
zweiter Ordnung wurden nicht beobachtet. Die Sprossungs- 
YOrgange sind in diesem Schliff besonders gut zu erkennen. Die 
durch calycinale Sprossung entstehenden zwei Kelche sind erstens 
Yon einer eigenen, zweitens von einer den beiden gemeinsamen 
Wand umgrenzt, so daB die beiden Wande an mancher Stelle 
sehr deutlich erkennbar sind. Abgesehen Yon dem Fehlen einer 
dicken Theca ist ein Querschliff dieser Art vou dem des Cyatho- 
phyllum syringoporoides n. sp. kaum zu unterscheiden. 

23* 



356 



Erst im Langsschliff sind die beiden Arten leicht zu trennen. 
Wahrend perlschnurartige Blasen in der peripherischen Zone 
bei Cyathophyllum syringoporoides auftreten, fehlen Blasen in den 
yier yorliegenden Schliffen yon Columnaria symbiotica ganz- 
lich. Infolgedessen yerlaufen die gedrangt stehenden Boden 
yon Wand zu Wand. Sie sind im allgemeinen horizontal oder 
bisweilen leicht nach unten konyex, niemals aber in den fur 
Syringopora charakteristischen Trichtern eingesenkt, mit der 
die Stiicke sehr leicht yerwechselt werd>en konnten. Die Wand 
scheint durch eine dichte, schinale Stereoplasmazone innerlich 
yerdickt zu sein. 

Die Art ist aufierlich einer Syrmgopora-Art sehr ahnlich, 
unterscheidet sich aber im inneren Bau durch das yollstandige 
Fehlen der Querrohren und der trichterformigen Boden. 

Yon der anderen, deyonischen Art der Gattung Columnaria 
(Columnaria rhenana Frech 1 )), yon der ein Exemplar zum Ver- 
gleich yorliegt und die im oberen Stringocephalenkalk yorkommt, 
unterscheidet sich die in Rede stehende Art durch bedeutend 
geringere GroBe — 1 mm statt 10 mm — und schwachere Ent- 
wicklung oder ganzliches Fehlen der Septen zweiter Ordnung. 
Durch den geringen Durchmesser diirfte sich das Fehlen der 
Septen zweiter Ordnung leicht erklaren. 

Von Columnaria fascicula Kutorga 2 ) aus dem baltischen 
Untersilur, yon dem ebenfalls mehrere Exemplare zum Yergleich 
yorliegen, unterscheidet sich die beschriebene Art durch geringere 
GroBe, horizontale Form der Boden und Fehlen der an Erido- 
phyllum erinnernden, seitlichen Fortsatze. 

Wenn das Vorkommen der unterdeyonischen Art die auf- 
fallige Liicke zwischen den Form en des Mitteldevons und Unter- 
silurs iiberbriickt, so bildet die Art keineswegs einen IJbergang 
zwischen diesen Formen, yielmehr steht Columnaria fasciculus 
der Columnaria rhenana yerhaltnismaBig sehr nahe, wahrend 
Columnaria symbiotica eine etwas isolierte Stellung einnimmt. 
Diese Isolierung beruht moglicherweise und wahrscheinlich dar- 
auf, daB die kleinen Columnarta-Arteri friiher fiir Syringopora 
gehalten wurden. Das gleiche gilt sehr wahrscheinlich auch 
fiir die kleinen Cyathophyllum- Ay ten, wie der Speciesname der 
neuen, karnischen Art Cyathophyllum syringoporoides anzeigt. 

Vorkommen: Mehrere Stiicke aus dem Unterdeyon des 
Wolayer Thorl. 



Cyathophylliden und Zaphrentiden S. 93, Taf. 3 (15), Fig. 19 
und 19a. 

2 ) Dritter Beitrag zur Geologie RuBiands S. 41, Taf. 8, Fig. 6 : 
Taf. 9, Fig. 4. Vgl. F. Roemer, Lethaea palaeozoica S. 340, Fig. 67. 



357 



Cyathophyllidae. 

Cyathophyllum Goldfuss. 

Synonymie: Vgl. Frech, Cyathophylliden und Zaphrentiden des 
deutschen Mitteldevons S. 53. 

Unter Beriicksichtigung der yon Frech 1 ) fur die mittel- 
devonischen Cyathophylliden aufgestellten Gruppen verteilen sich 
die beschriebenen, karnischen Species folgendermaBen : 

1. Gruppe des Cyathophyllum helianthoides Goldfuss. 
Cyathophyllum helianthoides Goldfuss. 

2. Gruppe des Cyathophyllum heterophyllum M. Edw. et H. 
Cyathophyllum vermiculare Goldfuss mut. n. carnicum. 

„ cf. heterophyllum M. Edw. et H. 

„ cf. hallioides Frech. 

» sp. 

„ volaicum n. sp. 

3. Gruppe des Cyathophyllum ceratites Goldfuss. 
^ Cyathophyllum dianthus Goldfuss 

„ alpinum n. sp. 

„ n. sp. ex. aff. dianthus Goldfuss. 

4. Gruppe des Cyathophyllum eaespitosum Goldfuss. 
Cyathophyllum syringop oroides n. sp. 

5. Gruppe des Cyathophyllum decorticatum Billings. 
s~ Cyathophyllum macrocystis Frech. 

6. Gruppe des Cyathophyllum helianthoides Goldfuss. 

Cyathophyllum helianthoides Goldfuss. 
1826 Cyathophyllum helianthoides Goldfuss (ex parte), Petr. Germ. I. S. 

62, Taf. 20, Fig. 2a, b, d, e, g, h. (cet. excl.). 
1850 Cyathophyllum helianthoides M. Edw. et Haime (ex parte), Polyp. 

foss. des terr. paleoz. Taf. 8, Fig. 5 (hier die weitere Literatur). 
1853 Cyathophyllum helianthoides M. Edw. et Haime (ex parte), Brit. 

Foss. Cor. Taf. 51, Fig. 1. 
1866 Astrodiscus helianthoides Ludwig, Korallen aus palaeolithischen 

Formationen. Palaeontographica Bd. XIV, Taf. 58. 
1881 Cyathophyllum helianthoides Quenstedt, PetrefaktenkundeDeutsch- 

lands Bd. VI, S. 500, Taf. 160, Fig. 20, 21, 22. 
1881 Cyathophyllum hypocrateriforme ibid. Taf. 161, Fig. 4. 
1883 Cyathophyllum helianthoides F. Roemer, Lethaea palaeozoica S. 336, 

Taf. 26, Fig. 5. 

1883 ChyathophyUum ? helianthoides (Actinocystis ?) E. Schulz, Die 
Eifelkalkmulde von Hillesheim (Jahrb. d. kgl. preuC. Landesanstalt 
fur 1882 S. 82). 

1886 Cyathophyllum helianthoides Frech, Die Cyathophylliden und 
Zaphrentiden. S. 54, Taf. 4 (16), Fig. 5, 6, 7: Taf. 7 (19), Fig. 13, 
13a. 



') Die Korallenfauna des Oberdevons in Deutschland. Diese Zeit- 
schrift 37, 1885, S. 26. 



358 



Die Koralle ist einfach. Im Querschliff sind die verhaltnis- 
maflig breiten Septen nahe dem Rande in ziemlich regelloser 
Weise hin und her gebogen, so datf sie stellenweise nur durcli 
ihre milchige Farbe von dem angrenzenden, ebenfalls unregel- 
maBig angeordneten Blasengewebe zu unterscheiden sind. Im 
Inneren des Schliffes aber verlaufen die Septen regelmafiig 
radial. Im Zentrum erreichen sie den Mittelpunkt, vereinigen 
sich jedoch nicht miteinander. Zwischen den Septen erscheinen 
auf dem ganzen Querschliff die zahlreichen Blasen. Die Gestalt 
der peripherischen Interseptalblasen ist auBerst imregelmaBig, 
die der im Zentrum befindlichen bedeutend regelmaJ3iger. An 
einigen Stellen verschwinden die Septen innerhalb der Blasen 
in geringer Entfernung vom Rande. Die Septen zweiter Ordnung 
sind 2 / 3 so lang wie die Primarsepten. Die Zahl der Septen 
betragt 36 4- 36. Ein Langsschliff konnte nicht angefertigt 
werden. 

Mit einem sehr viel groBeren Querschliff von Cyathophyllum 
helianthoides Goldfuss aus der oberen Caiceolaschicht stimint 
der karnische, der nur ! / 4 des Durchmessers besitzt, in der 
Struktur vollkommen uberein. Die geringe Grofie ist der einzige 
Dnterschied zwischen den beiden Schliffen, doch finden sich in 
gleich hohem Niveau der Eifel kleinere Formen. Bei der Ge- 
ringfiigigkeit des GroJJenunterschiedes und der Diirftigkeit des 
vorliegenden Materials diirfte von einer bestimmteren Bezeichnung 
abgesehen werden. 

Yorkommen: Das einzige Stuck ist lose gefunden und 
stammt aus der Umgebung des Cellonkofels. 

Ein groBes, vorliegendes Stuck von Cyathophyllum helian- 
thoides, das von einem Alveolites sp. umwachsen ist, stammt 
offenbar von der Spitze des Collinkofels, wo bekanntlich mittel- 
devonische Korallen gesammelt worden sind, da es sich zweifel- 
los um eine mitteldevonische Form handelt. 

Gruppe des Cyathophyllum heterophylluni M. Edw. et Haime. 
Cyathophyllum vermiculare Goldf. mut. n. carnkum. 

Der Durchmesser betragt etwa 20 mm und die Hohe des 
noch erhaltenen Teiles ca. 25 mm. 

Die Koralle ist cylindrisch gestaltet und diirfte wahrschein- 
lich eine ziemlich bedeutende Lauge erreicht haben. Die Stiicke 
sind von einer ziemlich dicken Theca bekleidet, die mit ver- 
tikalen. den Septen entsprechenden Streifen bedeckt ist. Diese 
sind den Septen erster und zweiter Ordnung entsprechend, alter- 
nierend stark und schwach entwickelt. Anwachsstreifen sind 
undeutlich. 



359 



Ein Querschliff stellt ein unregelmaBiges Netzwerk von zick- 
zackformig verlaufenden Septen und geradlinigen, den Durch- 
schnitten der Blasen entsprechenden Leisten dar. Die Septen 
reichen bis zum Zentrum oder horen nur in der Nahe desselben 
auf. Ihre Zahl betragt etwa 52. 

Die auf den Langsstreifen der Theca erkennbare Teilung 
der Septen in zwei Ordnungen ist im Querschnitt nicht zu 
unterscheiden. 

Die Endothecalgebilde gliedern sich im Langsschliff in 
Blasen, Boden und eine schwach entwickelte Zwischenzone. 
Die ausgedehnteste ist die auflere Blasenzone, deren Ausdehnung 
etwa die Halfte oder 2 / 3 der ganzen Breite des Schliffes betragt. 
Sie besteht aus mehreren Reihen wohlentwickelter, nach innen 
konvexer Blasen. die alternierend ineinander geschoben und zu 
regelmafligen, neb en ein an der stehenden Reihen ausgebildet sind. 
Nach innen zu folgt dann eine schmale Zwischenzone, die aus 
einer Reihe schrag nach innen verlaufender Blasen besteht. 
Hier sind die Blasen ziemlich stark ausgezogen, wahrend sie in 
der auBeren Zone, besonders aber am Rande, mehr kngelig er- 
scheinen. Die eigentliche, zentrale Bodenzone nimmt nur etwa 
7 6 des Kelchdurchmessers ein. Selbst hier erscheinen die Boden 
mehr als langgestreckte Blasen und erinnern sehr an Actinocijstis 
oder manches Cystiphyllum. Der Kelch selbst ist durch eine 
verhaltnismaflig bedeutende Tiefe gekennzeichnet. 

Die Yorliegenden Stiicke kommen in ihrer Innenstruktur 
der Gattung Actinocystis (=Mesophyllum Schluter) sehr nahe. Be- 
sonders aber ahnelt die Struktur des Endothecalgewebes der der 
genannten Gattung. Doch finden sich andererseits in dem The- 
calgebilde, in dem ganzen Aussehen des Kelches und den wohl- 
entwickelten, obwohl unterbrochenen Septen Merkmale der 
typischen Cyathophyllen. 

Vor allem nahert sich die beschriebene Mutation im auBeren 
und inneren Bau dem Cyathophyllum venniculare Goldfuss 1 ), von 
dem sie sich aber durch das starke Auftreten der Blasen unter- 
scheidet. Yon der ebenfalls sehr nahe verwandten Form Cya- 
thophyllum vermicular e Goldf. mut. praecursor Frecii 2 ) unter- 
scheidet sie sich durch geringere Breite der zentralen Zone und 
geringere Dicke der Theca. 

Yorkommen: 3 unvollstandige, oben und unten abgebrochene 
Exemplare aus dem Unterdevon von Seekopf Thorl. 



') Petref. Germ., Taf. 17, Fig. 4. 

3 ) Cyathophylliden u. Zaphrentiden, S. 63. Taf. 2, Fig. 4, 6, 7, 8, 
9, 10. 



360 



Cyathophyllum sp. 

Die Koralle ist einfach und frei und hat eine wohlentwickelte 
Theca. Die dicken Septen sind wohl ausgebildet, manchmal 
erweisen sie sich als riickgebildet. Zwischen den Septen be- 
finden sich die zahlreichen Blasen, die bald groB, bald zu- 
sammengedrangt und klein erscheinen. 

Es handelt sich nicht urn ein Cyathophyllum y das mit den 
beschriebenen Arten in Beziehung gebracht werden kann. Das 
Vorkommen sei nur erwahnt, um den Reichtum der Korallen- 
fauna zu zeigen. 

Yorkommen: 3 Stiicke aus dem Unterdevon des Valentin- 
Tals. 

Cyathophyllum cf. heterophyllum M. Edav. et Haime. 

1860 Cyathophyllum heterophyllum Milne edwards, Hist. nat. des Cor. 

5. 369. (Hier die vollstandigen Synonymen.) 

1866 Astrothylacus giganteus Ludwig, Korallen aus palaolithischen For- 

mationen. Palaeontogr. 14. 
1873 Cyathophyllum heterophyllum Dybowski, Zoantharia rugosa S. 19. 
1879 Ptychophyllum eifelense Kayser, diese Zeitschr. 31, S. 305, Taf. 5, 

Fig. 5. 

1881 Cyathophyllum oik'0/?icwm Quenstedt, PetrefaktenkundeDeutschlands. 

6, S. 460, Taf. 158, Fig. 32. 

1881 Cyathophyllum limbatum, ibid. S. 465, Taf. 158, Fig. 38 (cet. excl.). 
1881 Cyathophyllum strioleps, ibid. S. 483, Taf. 159, Fig. 25. 
1881 Zaphrentis domestica F. Maurer, S. 90, Taf. 1, Fig. 23. 
1886 Cyathophyllum heterophyllum Frech, Cyathophylliden u. Zaphren- 
tiden S. 59, Taf. 6, Fig. 5-10. 

Die Koralle ist einfach und besitzt eine subcylindrische 
Gestalt. 

Der Querschliff ist elliptisch mit langerem Durchmesser, 
etwa 2 cm, und kiirzeren, etwa 1 cm. Die Primarsepten haben ■ 
einen sehr gekriimmten Yerlauf und reichen bis zur Mitte, wo 
sie sich umeinander drehen. Dieses Umschlingen ist nicht auf einen 
Punkt beschrankt, soudern geschieht auf einer langausgestreckten 
Linie, welche der Symmetrielinie der Seitensepten entspricht. 
Die Septen zweiter Ordnung sind im allgemeinen sehr kurz 
und ragen nur sehr wenig in das Kelchinnere hinein, konnen 
aber eine Lange yon einem halben Radius erreichen. Die Zahl 
der Septen betragt 38 + 38. Sie waren urspriinglich von ge- 
ringem Durchmesser, werden jedoch meist durch Ansatz von 
Stereoplasma verdickt. Besonders klar ist diese Verdickung 
im randlichen Teil des Querschliffes zu sehen. Zwischen den 
Septen sind zahlreiche, gerade oder nach innen zu konvexe 
Dissepimente sehr wohl ausgebildet. 



361 



Ein Langsschliff stellt wegen der auBerordentlichen Un- 
regelmaBigkeit der Blasen ein sehr verworrenes Bild dar. Die 
aufiere Blasenzone ist sehr stark entwickelt imd besteht aus 
verschiedenartig gestalteten Blasen, die im allgemeinen ihre 
Langsachse der Wand parallel gestellt haben. Die mittlere 
Zone ist noch verworrener wie die auBere und besteht aus un- 
regelrnaBig durcheinander geworfenen Dissepimenten, die kaum 
eine Ahnlichkeit mit Boden zeigen. Noch verworrener wird 
das Bild, sowohl in der auBeren wie in der inneren Zone, dureh 
das unregelmaBige Auftreten der Septen. Die AuBenzone be- 
tragt etwa 2 / 3 des gesamten Kelchdurchmessers. 

Mit Diinnschliffen von Cyathophyllum heterophyllum aus dem 
deutschen Mitteldevon zeigen die beschriebenen Schliffe eine 
so groBe Ahnlichkeit, daB man die karnischen Stiicke wohl 
ohne Bedenken zu der Art stellen konnte. Diese Ahnlichkeit ist 
besonders auffallend in der Entwickelung der Septen, ibrer 
Zahl, Lange und Umschlingung im Zentrum sowie in dem ver- 
worrenen Bild des Langsschliffes. 

Vorkommen: Ein einziges Stuck aus dem Unterdevon von 
Seekopf Thorl. 

Cyathophyllum cf. Jtallioides Frech. 

1884 Lophophyllum sp. (?) Champernowne, Quarterly Journal Geological 

Society London, 40, S. 499, Taf. 21, Fig. 3. 
1886 Cyathophyllum Jtallioides Frech, Cyathophylliden u. Zaphrentiden 

d. deutschen Mitteldevons, S. 63, Taf. 7 (19), Fig. 6, 6 a, 15. 
1911 Cyathophyllum hallioides Frech. v. Richthofen, China, Bd. V, S, 41, 

Taf. 6, Fig. 2a 2b 1 ;. 

Die Koralle ist einfach und cylindrisch. Der Durchmesser 
des Kelches betragt etwas weniger als 2 cm, die Zahl der Septen 
28 + 28. 

Im Querschnitt reichen die Primarsepten fast bis zur Mitte, 
die Septen zweiter Ordnung hingegen sind bedeutend kiirzer, 
etwa y a so lang wie die Primarsepten. Nach der Peripherie zu 
nehmen die Septen gleichmaBig an Starke zu. Zu beiden Seiten 
des sehr verlangerten und deutlich erkennbaren Hauptseptum 
ordnen sich die anderen Septen ziemlich undeutlich, fiederstellig 
an. Im Zentrum ist die keulenformige Verdickung des Haupt- 
septums sehr deutlich ausgepragt, wo es sich mit den Primar- 
septen der beiden, gegeniiberliegenden Quadranten vereinigt. Die 
beiden Seitensepten heben sich weniger deutlich ab. In der 

l ) In der Tafelerklarung zu Tafel 6 Fig. 2 b im FRECii'schen Werk 
hat sich ein Druckfehler eingefunden — statt „Oberdevon a ist selbst- 
verstandlich ^Mitteldevon" zu lesen. 



362 



peripherischen Zone, wo die Septen beider Ordnung Yertreten 
sind, sind Querdissepimente ziernlich zahlreich ausgebildet. 

Leider konnte ein Langsschnitt nicht hergestellt werden, 
zumal das Yorliegende Material zu diesemZwecke nicht ausreichte. 

Mit Yorliegenden Original stiicken Yon Frech aus dem Mittel- 
devon (Crinoidenschicht) der Eifel, stimmen die karnischen Stiicke 
gut iiberein. Der einzige Grund, warum die Bestimmung nicht 
definitiver gemacht werden konnte, ist, wie gesagt, die TJnmog- 
lichkeit der Herstellung eines Langsschnittes. 

Diese Koralle ist eine Yon den seltenen Yorkommen in dem 
tieferen Horizont, zumal die iiberwiegende Mehrzahl der be- 
schriebenen, unterdevonischen Korallen Yon diesem Fundort aus 
dem hoher gelegenen, weifien Kalk stammen. 

Aufier den Eifler Exemplaren wurde ein in der Ecole des 
Mines sich befindendes Stuck aus dem Mitteldevon you Lou-nan, 
Siid-Yiinnan, von Frech beschrieben und abgebildet. 

Vorkommen: Einige, kleine Stiicke aus dem schwarzen, unter- 
deYonischen Kalk des Wolayer Thorls. 

Cyathophyllum volaicum nov. sp. 

Die Koralle ist einfach und subcylindrisch. Der Kelch selbst 
ist leider bei keinem, mir Yorliegenden Exemplar erhalten. Die 
Korallen sind in ihren Dimensionen sehr Yerschieden, z. B. be- 
tragt die Grofle des * Kelchdurchmessers bei den kleinen Exem- 
plaren 4 mm, bei den grofien Stiicken dagegen 3 cm. Unge- 
achtet aber der Abweichung der einzelnen Korallen an GroBe 
Yoneinander lafit sich derselbe Typus leicht erkennen. In ty- 
pischer Ausbildung sind die Kelche von 2 — 2,5 cm Durchmesser, 
so daii die kleineren Formen als jiingere Individuen angesehen 
werden miissen. Die Hohe der Koralle betragt bei den aus- 
gewachsenen, allerdings unvollkommenen Individuen etwa 3 cm. 
Die Stiicke nehmen sehr schnell an Kelchdurchmesser zu; so 
hat beispielsweise ein Exemplar 3 cm Yon der unteren Spitze 
entfernt einen Durchmesser Yon 2,3 cm schon erreicht. 

Die Theca ist diinn. Die wohlentwickelten, radiar ange- 
ordneten Septen alternieren deutlich. Die Primarsepten reichen 
fast oder ganz bis zur Mitte, olme sich aber zu beriihren. Bei 
einem Querschliff bestehen die Primarsepten in ihrem, dem Zen- 
trum zunachst gelegenen Teil aus Reihen getrennter Dornen. 
Die Seknndarsepten sind etwa l / 3 so lang wie die Primarsepten. 
Die Zahl der Septen ist selbstverstandlich bei verschiedenen 
Kelchen je nach der Grol3e des Kelchdurchmessers sehr Yer- 
schieden und schwankt zwischen 12 + 12 bei den jiingeren und 



363 



36 + 36 bei den ausgewachsenen Formen. Vom Zentrum aus 
gegen die Auflenwand werden die Septen beider Ordnungen, be- 
sonders aber die erster Ordnung immer dicker, so dafi, wenn 
sie in der Mitte sehr zart und fein sind, sie nach auBen eine 
Dicke von fast 0,5 mm erreichen. Infolge dieser Yerdickung 
scheint im Querschnitt die innere Zone des Kelches von einem 
weiflen Ring umgeben zu sein, in welchem die konstituierenden 
Septen nur mit Miihe zu erkennen sind. Nur bei den jungeren 
Formen kommt dieser Ring nicht vor, da die Septen sehr diinn 
und voneinander durch einen verhaltnismafiig groBen Zwischen- 
raum getrennt sind. Zwischen den benachbarten Septen linden 
sich aufierst feine Querleisten. 

Das Endothecalgebilde besteht aus einer Blasenzone, die 
fast die ganze Breite des Kelchdurchmessers einnimmt, wahrend 
die zentralen Boden auf 1 / 6 derselben beschrankt sind. Die 
letzteren stehen in den Interseptalraumen nicht auf gleicher 
Hohe und konnen daher als „Boden w kaum betrachtet werden. 
Sie werden von den, den Durchschnitten der Septen entsprechen- 
den, vertikalen Linien quer durchkreuzt. Dieser Endothecal- 
struktur nach zu schlieBen, diirfte der Kelch, der nicht mehr 
Torhanden ist, die Gestalt eines tiefen Trichters mit kurzen, 
Aachen Boden und steil abfallenden Wanden besessen haben. 

Die beschriebenen Stiicke sind mit Cyathophyllum vermicu- 
lare Goldf. 1 ) am nachsten verwandt. Von dieser Art unter- 
scheidet sich die karnische aber, wie zahlreiche, vorliegende Exem- 
plare und Schliffe aus dem deutschen Mitteldevon zeigen, durch 
die diinne Theca, die besonders haarfeine Beschaffenheit der 
Querdissepimente im Querschnitt und die durch Ansatz von Ste- 
reoplasma verursachte, starke Yerdickung der Septen in der pe- 
ripherischen Zone. 

Yorkommen: Oberes Unterdevon; vom Valentin-Tal zwischen 
den Talern auf der rechten Seite und aus den Schichten unter 
dem unteren Ton desselben Tales. Ferner aus dem weiflen Kalk 
des Wolayer Thorls. 

Gruppe des Cyathophyllum dianthus Goldfuss. 

Cyathophyllum dianthus Goldf. 

1826 Cyathophyllum dianthus Goldf., Petr. Germ. S. 34, Taf. 16, 
Fig. lb, c,d. 

1851 Cyathophyllum Steiningeri M. Edw. et Haime, Polyp, foss. des terr. 

paleoz. S. 378 (non Cyathophyllum dianthus a. a. 0. S. 381). 
1851 Cyathophyllum Roemeri M. Edw. et Haime a. a. 0. Taf. 8, Fig. 3. 



l ) Petr. Germ. Taf. 17, Fig. 4. 



364 



1866 Astrocyailius nutricius Lcdwig, Korallen aus palaeolithischen For- 
mationen. Palaeontographica 14, Taf. 52, Fig. 4. 

1866 Taeniodendrolopas rugosa id. ibidem, Taf. 63, Fig. 2. 

1881 Cyatliophyllum dianthus Quenstedt, Petrefaktenkunde Deutschlands 
Taf. 159,' Fig. 2, 3: S. 470, Taf. 162, Fig. 11 a. 12. 

1883 Heliophyllum iuvene? E. Schclz, Eifelkalkmuide von Hillesheim S. 31. 

1886 CyaihophyUum dianthus Frech, Cyathophylliden und Zaphrentiden 
S. 68, Taf. 1 (13), Fig. 1-6. 

Die Koralle ist cylindrisch und einfach. Der Durchmesser 
schwankt zwischen 0,9 cm und 1,5 cm. Die Theca ist diinn, 
Thecalgebilde konnten aber nicht beobachtet werden, da die 
Stucke Tom Muttergestein umhiillt sind. Die Septen sind wohl- 
entwickelt, dick, alternierend und ziemlich gerade. Die Primar- 
septen reichen fast oder ganz bis zur Mitte, ohne sich aber zu 
beriihren. In der peripherischen Zone sind sie sehr dick, urn 
in der Mitte des Kelches fast haarfein zu "werden. Diese Zu- 
scharfung geschieht sehr plotzlich, so daB der peripherisclie Teil 
der Septen dick, der centrale aber sehr diinn ist. Die Zahl 
der Septen sclrwankt zwischen 23 4- 23 und 34 + 34. Zwischen 
den Septen sind Querleisten wohl entwickelt, aber meistenteils 
auf den Teil des Querschliffes beschrankt, wo Septen beider 
Ordnungen vorhanden sind. 

Die Boden sind sehr dicht gedrangt und nehmen iiber die 
Halfte des Kelchdurchmessers ein. 

Yon den yorliegenden Schliffen aus der Crinoidenschicht der 
Eifel lassen sich die karnischen gar nicht unterscheiden. 

Vorkommen: 1 Stiick aus dem Unterdevon des Yalentin- 
Tal und 1 Stuck von Wolayer Thorl. 

Cyathophyllum alpinum n. sp. 

Der Durchmesser der kreisformigenKelche schwankt zwischen 
13 und 20 mm, der der elliptischen Kelche zwischen 18 und 
35 mm. Die Hohe betragt nach Anfertigung eines Querschnittes 
bei keinem Stiick mehr als 1,5 cm. 

Die Septen sind sehr deutlich in zwei Ordnungen geteilt 
und sind ca. 1 mm oder mehr voneinander entfernt; ihre Zahl 
schwankt bei den ausgewachsenen Formeu zwischen 34 + 34 
und 38 + 38, bei den kleineren Formen sind die Primarsepten 
fast ebenso zahlreieh, die Septen zweiter Ordnung aber gar nicht 
erkennbar. Samtliche Sej3ten sind bis auf den auflersten Teil 
des Kelches beschrankt. Die Septen zweiter Ordnung sind 
aufierst kurz, etwa halb so lang wie die Primarsepten. Bei 
den grofleren Exemplaren werden die Primarsepten in ziemlicher 
Ausdehnung und in wechselnder Machtigkeit yon Stereoplasma 



365 



umlagert. Dadurch verdicken sich die Primarsepten in den rand- 
lichen Teilen so stark, daB sie breiter erscheinen als die Inter- 
septalraume. Doch ist die Yerdickung nicht so weit vorge- 
schritten, daB die Septen beider Ordnungen miteinander ver- 
schmelzen. 

Ein Querschliff zeigt folgendes Bild: Die ziemlich dicht 
gedrangten Boden sind unregelmaBig und durch den auskrystalli- 
sierten Kalkspat an manchen Stellen zerbrochen. Sie sind durch 
Abstande von 0,5 mm voneinander entfernt. Die peripherische 
Zone ist von Blasen erfiillt, die aber nicht immer zum Vorschein 
kommen, da die dicken Septen von dem Schliff zuweilen ge- 
rade getroffen werden, wenn die aufiere Zone keine Struktur 
erkennen laBt. 

Die neue Art unterscheidet sich von Cyathophyllum dianihus 
Goldfuss 1 ), mit dem sie am nachsten verwandt ist, durch die 
groBere Entfernung der Septen voneinander und die geringere 
Lange der Septen zweiter Ordnung. Ferner ist sie durch die 
starke Stereoplasmaverdickung der Septen, ihre radiare An- 
ordnung und die vollkommnere Ausbildung der Boden sehr 
leicht von der genannten Art zu unterscheiden. 

Yorkommen: Mehrere Stiicke aus dem Unterdevon von 
Wolayer Thorl, oberem Yalentin-Tal und Cellonkofel. 

Cyathophyllum n. sp. ex a£f. dianthus Goldfuss. 

Die Lange des einzigen, vorliegenden Exemplares betriigt 
2,5 cm, der Durchmesser 1,2 cm. Das Stuck ist subcylindrisch, 
zeigt aber die charakteristische, regelmafiige, hornformige 
Biegung. 

Die alternierenden Septen sind im Querschliff radiar an- 
geordnet. Die Septen zweiter Ordnung sind wesentlich kiirzer 
als die Primarsepten. Samtliche Septen sind jedoch auf den 
dem Rand zunachstgelegenen Teil des Schliffes beschrankt. 

Im Langsschliff ist die etwa l / 3 des gesamten Durchmessers 
betragende, peripherische Zone von Blasen erfiillt, die in zwei 
oder drei der Wand parallel gestellten Reihen angeordnet sind 
Der innere Teil des Schliffes ist von krystallisiertem Kalkspat 
erfiillt, in welchem sowohl Septen wie Boden verschwunden 
sind. Es hat den Anschein, als ob diese schmale, periphe- 
rische Blasenzone dieser Umkrystallisierung Widerstand geleistet 
hatte. Die Richtigkeit dieser Annahme vorausgesetzt, handelt 
es sich um eine neue Form aus der Yerwandtschaft von Cya- 



>) Petref. Germ. Bd. I, S. 34, Taf. 16, Fig. lb, c, d. 



366 



ihophyllum dianthus oder ceralites, die iibrigens sehr nahe mit- 
einander verwandt sind. 

Infolge des Verschwindens der Boden und des inneren 
Teiles der Septen ist das Stuck nicht naher bestimmbar. Die 
genauere Bestimmung niuB bis zur Auffindung besseren Mate- 
riales vertagt werden, immerhin geben solche Reste von der 
Mannigfaltigkeit der unterdevonischen Korallenfauna Kunde. 

Vorkommen: Ein Stuck aus deru Unterdevon des Wolayer 
Thorls. 

Gruppe des Cyathophyllum caespitosum Goldfuss. 
Gyathophyllum syringoporoides n. sp. 

Der zusammengesetzte Stock besteht aus langgestreckten, 
cylindrischen Individuen, deren Durchmesser auBerst klein ist — 
etwa 1 mm — :, so daB der ganze Stock fiir eine Syr'mgopora 
gehalten werden konnte. Die Theca ist im Verhaltnis zum 
geringen Durchmesser der Zellen ziemlich kraftig. Thecal- 
streifen lassen sicb nicht erkennen. Anwachsstreifen sind jedoch 
aufierst stark ausgebildet, die als zahlreiche Ringe die Zellen 
in yerschiedenen Hohen umgeben. Die Vorgange der Knospung 
wurden nicht beobachtet. 

Im Querschliff unterscheidet man einen schmalen, periphe- 
rischen Ring, welcher der Blasenzone, und einen breiten, 
inneren, welcher der Bodenzone entspricht. Bei giinstiger Er- 
haltung sind etwa 12 Septen zu unterscheiden, deren Teilung 
wegen ihres geringen Durchmessers nicht zu erkennen ist. In 
samtlichen Fallen scheinen sie bis zum Zentrum zu reichen, 
wo sie frei endigen. 

Im Langsschliff nehmen die Boden etwa die Halfte des ge- 
samten Durchmessers ein und sind horizontal oder leicht nach 
unten konvex. Ihre Abstande betragen etwa 0,5 mm. Die 
Blasenzone besteht aus einer einzigen Reihe sehr langgestreckter 
Blasen, die die AuBenwand gewissermaBen tapezieren und sich 
perleDSchnurartig aneinanderreihen. 

Diese sehr leicht erkennbare Form ist mit Cyathophyllum 
minus A. Romer 1 ) aus dem deutschen Oberdevon am nachsten 
yerwandt. Beide haben das Yorhandensein einer einzigen 
Blasenreihe und die Kleinheit der Kelche gemeinsam. Doch 
unterscheidet sich Cyathophyllum minus durch erheblich groBeren 
Durchmesser, 5 mm statt 1 mm, sowie durch groBere Entfernung 
der Boden. Ferner ist die Zahl der Septen, dem groBeren 
Kelchdurchmesser entsprechend, bedeutend groBer. 



J ) Harz III, S. 29, Taf. 6. 



367 



Von alien andereD, beschriebenen Arten ist die Form durch 
den sehr kleinen Durchmesser der Zellen leicht zu unterscheiden. 

Yorkonimen: Eine faustgrofie Masse aus dem Unterdevon 
vou Wolayer Thorl. 

Gruppe des Cyathophyllum decorticatum Billings. 
Cyathophyllum microcystis Frech. 

1886 Cyathophyllum macroeystis Fhech, Die Cyathophylliden und 
Zaphrentiden S. 79, Taf. 2, Fig. 11, 11a, 12. 

Die Koralle ist einfach und subcylindrisch. Der Durch- 
messer betragt 2,5 cm. Die Theca ist ziemlich dick, Septal- 
streifen sind deutlich entwickelt. Die Septen alternieren sehr 
deutlich und waren urspriinglich von geringem Durchmesser; 
durch Ansatz von Stereoplasma wurden die meisten aber sehr 
verdickt. Infolge dieses hohen Stadiums der Yerdickung sind 
Querdisseptimente wegen Mangels an Raum weniger zahlreich 
entwickelt. Die Primarsepten reichen bis zum Zentrum, wo 
sie sich deutlich umeinander drehen. Die Septen zweiter 
Ordnung hingegen sind aufierst kurz und auf den randlichen 
Teil des Querschliffes beschrankt. Meist ragen sie nur als 
verlangerte Dornen in das Kelchinnere hinein. 

Im Langsschliff besitzen die Boden eine Ausdehnung von 
2 / 3 der ganzen Breite des Kelchdurchmessers und sind durch 
Abstande von 1 oder 2 mm voneinander getrennt. In der 
Mitte sind die Boden flach, aber nach dem Rande zu aufge- 
trieben; wo sie in Beriihrung mit den peripherischen Biasen 
stehen, sind sie etwas abwarts gebogen. 

Mit Schliffen aus den oberen Cultrijugatus-Schichten ge- 
geniiber Lissingen bei Gerolstein, die sich in der Privatsamm- 
lung von Herrn Frech befinden, zeigen unsere Schliffe eine 
bemerkenswerte Ahnlichkeit der Struktur, so dafi die Richtig- 
keit der Bestimmung keinem Zweifel unterliegen kann. 

Vorkommen: Ein einziges, abgerolltes Stiick aus dem 
weiBen Kalk des Seekopf-Thorls. 

Die Art ist sonst nur aus den Cultrijugatus-Schichten von 
AVestdeutschland bekannt. 

Hallia M. Edw. et Haime emend. Frech. 
Hallia ? sp. 

Der Durchmesser in der Ebene der Hauptsepten betragt 
8 mm, in der Ebene der Seitensepten 5 mm. Die Zahl der 



368 



Septen ist, angesichts des geringen Kelcbdurchniessers, verhalt- 
nismaBig sehr hoch : 24 -1- 24. Gegen- und Seitensepten sind 
nicht besonders ausgezeichnet. Die Primarsepten reicben nicht 
bis zur Mitte, sondern lassen einen verhaltnismafiig grofien Raum 
im Zentrum frei. Die Septen zweiter Ordnung sind etwa l / 2 
so lang wie die Primarsepten. Septalleisten fehlen oder sind 
nur angedeutet. 

Das Endothekalgebilde konnte wegen Mangels an Material 
durch Langsschliffe nicht beobachtet werden. Doch sind 
Boden im Schliff zu erkennen, da derselbe etwas schrag ge- 
troffen ist. 

Dieses einzige Stuck laBt eine Bestimmung kauni ausfiibren. 
Die deutlich fiederstellige Anordnung der Septen diirfte vielleicht 
auf Hallia hinweisen, doch zeigt der Scbliff durcb das Vor- 
bandensein der anscbeinend breiten Boden und der kurzen, 
alternierenden Septen groBe Ahnlichkeit mit einem Cyatho- 
phyllum aus der Gruppe von Cyaihophyllum eaespitoswn Goldf. 

Abgebildet moge der Scbliff aber werden, denn das Stuck 
ist eines von den seltenen Vorkommen von PlockenpaU. 

Vorkommen: Das einzige Stiick aus deni Unterdevon von 
Cellonkofel-Plockenpafl. 

Endophyllum M. Edw. et Haime. 
Syn. Spongophyllum Dyb. u. anct. non M. Edw. et Haime. 
Endophyllum carnicum n. sp. 

Diese einfacbe Koralle besitzt einen Durcbmesser von 2,5 cm. 

Ein Querscbliff zerfallt in zwei Zonen, eine zentrale 
Septal- und eine dieselbe einschlieflende AuBenzone. Die iluBere 
wirdaus langlichen,ziemlicb scbmalen, elliptiscbenBlasen gebildet. 
Die Grofie der Blasen ist recbt verschieden und diirfte durcb- 
scbnittlich etwa 3 mm an Lange betragen. Die Blasen sind in kon- 
zentriscben Kreisen angeordnet, deren Zabl durcbscbnittlicb 
drei ist. An diese drei Reiben legt sicb stellenweise eine 
vierte an. Die Septen beginnen erst innerbalb dieses Blasen- 
gewebes obne irgendeinen Zusainrnenhang mit der AuBenwand 
und nebmen einen kreisformigen Raum ein. Sie sind sebr 
zablreicb, etwa 36 + 36, und durcb regelmaBige Dissepimente 
verbunden. Sie sind strahlenformig angeordnet und in zwei 
Ordnungen deutlicb geteilt. Zwiscben diesen besteben be- 
tracntlicbe Langenunterscbiede, denn die Primarsepten sind 
etwa doppelt so lang wie die Septen zweiter Ordnung. Die 
Primarsepten sind in der Mitte keulenformig verdickt und un- 
regelmiiBig umeinander gerollt. 



369 



Die beschriebene Art ist clem Endophyllum acanthicum 
Frecii 1 ) sehr nahe yerwandt, unterscheiclet sich aber durch 
den spiral gebogenen Verlauf der Septen. 

Yorkommen : Ein einziges Stuck aus clem Underdevon 
von Wolayer Thorl. 

Endophyllum sp. ex aff. acanthicum Frech. 

Diese einfacbe, subcylindrische Koralle besitzt einen Durch- 
messer yon 1,5 cm. Die Zahl der alternierenden Septen be- 
tragt 40 + 40. Die Ungleichheit der Septen erster und zweiter 
Orclnung ist in Bezug auf die Lange ziemlich betrachtlich, zumal 
die Sekundarsepten nur die Halfte oder weniger der Lange 
der Primarsepten erreichen. 

Zuerst hatte ich das einzige guterbaltene Exemplar als 
ein Cyathophyllum aus der Gruppe yon Cyathophyllum ceratites 
Goldf. bestimmt, da die peripberische Riickbildung der Septen 
im unteren Teil der Koralle nieht so weit fortgescbritten ist 
wie weiter oben. Erst ein Scbliff durcb den Kelcb selbst be- 
wies die Zugehorigkeit des Stiickes zu Endophyllum. Die Septen sind 
in diesem Querschnitt deutlicb riickgebildet und yon der Wand 
durcb mehrere Reiben kleinerer Blasen abgetrennt. 

Die Bestimmung lieB sicb nicht genauer ausfiihren, da 
nur ein sebr excentriscber Langsschnitt vorliegt, wonach aller- 
dings, den vertikal gestellten Septen und peripberischen 
Blasen nacb zu schlieBen, die Boden etwas uber die Halfte 
des gesamten Kelcbdurcbmessers einnehmen durften. 

Yorkommen: Zwei Stiicke aus dem Unterdevon des Wolayer 
Tborls. 

Cystiphyllidae. 
Cy stiphyllum Lonsdale. 
Cystiphyllum intermedium Tscherny sp. var. n. den sum. 
Die autiere Gestallt ist cylindriscb oder kegelforaiig; das 
untere Ende der Koralle lauft wahrscbeinlicb in einer mehr 
oder minder stumpfen Spitze aus. Bei einem Durcbmesser yon 
4 cm besitzen die vorhandenen Bruchstucke des Kelches eine 
Lange yon 6,5 — 7 cm, doch durften die Kelche ursprunglich 
betrachtlich li'tnger gewesen sein. Die AuBenwand ist mit 
ziemlich stark, manchmal sogar sehr stark entwickelten An- 
wacbsstreifen und Wiilsten yersehen, die sich im Querschnitt 
des Kelches als yvellenformige Ausbuchtungen der Wande be- 
merkbar machen. Im Liingsschnitt ist der Innenraum in zwei 

') Cyathophylliden u. Zaphrentideu S. 87, Taf. 6, Fig. 1, la, 2, 2a, 

4. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 24 



370 



Zonen geteilt, die nur wenig scharf voneinander getrennt sind 
und allmahlich ineinander iibergehen. Die AuBenzone enthalt 
langgestreckte Blasen, die parallele Schichten bilden und mehr 
oder weniger der Gestalt des Kelches entsprechen. Das Blasenge- 
webe zeigt kerne Spur von Septen oder septenahnlichen Gebilden. 
Der Innenraum des Kelches ist also ungekammert und die 
yertikalen Blasenreihen stoBen unmittelbar aneinander. Die 
Blasen stehen im randlichen Teil der Koralle ganz oder fast 
vertikal, nach innen aber gegen die zentrale Zone des Kelches 
gehen sie allmahlich aus der yertikalen in horizontale Lage 
iiber und nehmen dabei etwas an GroBe zu. An den meisten 
Stellen stehen sie sehr dicht, stellenweise sogar so, daB sie 
einander fast beriihren. Die gestreckte Form der Blasen er- 
innert an Boden. In der AuBenzone des Langsschnittes bilden 
die linsenformigen Blasen ziemlich lange Reihen, deren Langs- 
achsen der Kelchwand parallel gestellt sind. 

Yon Cystiphyllum cristatum Fbech l ) und Cystiphyllum 
cylindricum Lonsdale 2 ) laBt sich die Art sehr leicht durch die 
geringe GroBe der Blasen unterscheiden. Mit den uralischen 
Arten zeigt sie jedoch eine bemerkenswerte Ahnlichkeit besonders 
in der auBeren Gestalt. Von Diplochone amplexoides Tscherny 3 ), 
unterscheidet sich die beschriebene Art durch ihre bedeutende 
GroBe, das Fehlen der Septen und die raschere Zunahme des 
Kelchdurchmessers mit dem Wachstum. 

Naher yerwandt sind die beschriebenen Stiicke mit der 
Diplochone intermedia Tscherny 4 ). Yon dieser zu Cystiphyllum 
zu stellenden Koralle unterscheiden sich die karnischen Exem- 
plare durch die sehr enggedrangte Stellung der Blasen in 
alien Teilen des Langsschnittes. Es ist schwer festzustellen, 
ob diese als eine neue Art oder Yarietat anzusehen sei, da 
das Material aus dem Ural ziemlich diirftig zu sein scheint. 
Bis bessere Stiicke es moglich machen, eine Entscheidung zu 
treffen, mogen diese vorliegenden Stiicke als Yarietat der 
uralischen Art betrachtet werden. 

Mit den devonischen Arten aus Bohmen ist keine Yerwechslung 
moglich, da die betreffenden Formen, Cystiphyllum bigener 5 ) und 
ultimum 6 ), bedeutend groBer sind. 

Yorkommen: Aus dem Unterdevon von Seekopf-Thorl. 



J ) Cyathophylliden u. Zaphrentideu S. 105. 

2 ) Murchison, Silur. Syst., S. 691, Taf. 16, Fig. 3. 

3 ) A. a. 0. Ostabhang des Ural S. 97, Taf. 14, Fig. 9. 
*) A. a. 0. S. 97, Taf. 14, Fig. 19. 

6 ) Barrandb a. a. 0. S. 164, Taf. 117. 
6 ) a. a. 0. S. 174, Taf. 105. 



371 



Cysiiphyllum vesiculosum Goldfuss. 

1826 Cyathophyllum vesiculosum Goldf., Petref. Germ. 

S. 58, Taf. 17, Fig. 5; Taf. 18, Fig. 1. 
1826 Cyathophyllum secundum ibid. S. 58, Taf. 18, Fig. 2. 
1826 Cyathophyllum ceratites (pars) Goldf. ibid. Taf. 17, Fig. 2k. 
1841 Cystiphyllum vesiculosum Phillips, Palaeoz. Fossils, S. 10, Taf. 4, 

1850 Cystiphyllum vesiculosum De Verxeuil et J. Haime, Bull. Soc. geol, 
de France 2. Ser., 7, S. 162. 

1850 Cystiphyllum secundum u. vesiculosum d'Orbigsy a. a. 0. 1, S. 106. 

1851 Cystiphyllum vesiculosum M. Edw. et Haime, Polyp, foss. des terr. 
paleoz., S. 462. 

1853 Cystiphyllum vesiculosum i idem, Brit. Foss. Corals S. 243, Taf. 56., 

Fig. 1, la, lb. . 
1860 Cystiphyllum vesiculosum M. Edw., Hist. Nat. des Cor. S. 447. 
1886 Cystiphyllum vesiculosum Frech, Cyath. u. Zaphrentiden , S. 108. 

Mit Holzschnitt. 

Nur ein Brucbstiick liegt yor mit langerem Durcbmesser 
yon 32 mm und kiirzerem Durcbmesser Yon 23 mm. Der 
zentrale Innenraum der Koralle ist mit zablreicben, Yerscbieden- 
artig gestalteten Blasen ganzlicb erfiillt, die an GroBe bald 
ziemlicb gleicb, bald recbt verschieden sind, indem einzelne, 
langgestreckte die anderen an GroBe iibertreffen. Sie werden 
Yon einer langeren und zwei kiirzeren Seiten begrenzt. So- 
wobl die langeren Yvie die kiirzeren Linien haben ibre 
Konvexitat gegen das Zentrum gericbtet. An der Peripberie 
des Querscbnittes sind die Blasen kleiner und bedeutend dicbter 
gedrangt als im Zentrum. Durcbgangig sind sie auBerst klein, 
mit untergeordneten groBeren hier und da Yermiscbt und werden 
weder Yon Septen nocb Septalgebilden zerlegt. Leider gestattet 
die Dunne des Stiickes nicbt das Herstellen eines Langsscbnittes. 

Ein ungefabr gleicbgestalteter Querscbnitt des mitteldeYO- 
niscben Cysiiphyllum vesiculosum Goldf. aus der Eifel unter- 
scbeidet sicb kaum merklicb YOn dem karniscben Exemplar. 
In beiden Fallen sind die kleinen Blasen in der peripberiscben 
Zone, die groberen im Zentrum der Koralle deutlicb unter- 
scbeidbar. Septalreste sind weder in einem nocb im anderen 
Querscbnitt zu beobacbten. Nur die Mangelbaftigkeit des Yor- 
liegenden Stiickes, die z. B. die Anfertigung des Langsschnittes 
unmoglicb macbt, erlaubt nicbt eine ganz sicbere Bestimmurig, 
doch ist kein Merkmal Yorbanden, das eine Unterscbeidung 
desselben Yon CystiphyUum vesiculosum aus dem Mitteldevon 
gestattet. 

Yorkommen: Aus dem schwarzlichen Kalk des Unterdevoiis 
vom Cellonkofel. 

24* 



372 



Cystiphyllum cristatum? Frech. 

1886 Cystiphyllum cristatum Frech., Cyathophylliden und Zaphrentiden 

S. 109, Taf. 8, Fig. 17 und 26. 
1893 Cystiphyllum cristatum ? Tscherny., Ostabhang des Urals, S. 96, 

Taf. 14, Fig. 18. 

Nur ein einziger Kelch liegt vor, dessen Durchmesser ca. 
32 mm betragt. Die innere Zone ist von Muttergestein erfullt, 
die auBere besteht ausschlieBlich aus groBen und kleinen Blasen, 
die in etwa sieben Reihen angeordnet sind. Sie sind schrag 
von innen nach auBen gerichtet, so daB der Kelch demgemaB 
ein en breiten, schragen Rand besitzt. Ausgesprochene Septen 
sind wohlentwickelt und verlaufen von der AuBenwand bis 
zur Grenze der zwei Zonen. 

Wegen des Yorhandenseins von Septen habe ich den Kelch 
zu Cystiphyllum cristatum Frech gestellt, doch da das Material 
mangelhaft ist, wurde die Bestimmung mit einem Fragezeichen 
bezeichnet. Das voiiiegende Stuck sei nur deshalb beschrieben 
und abgebildet, um zu zeigen, daB die Korallenfauna noch 
lange nicht erschopft ist; denn obwohl die Bestimmung nicht 
ganz sicher ist, ist der Kelch von den beiden, angefuhrten 
Cystiphyllum- Arten durch das Vorhandensein der Septen sehr 
deutlich unterscheidbar. 

Vorkommen: Ein einziges Stuck aus dem Unterdevon des 
oberen Yalentin-Tals. 

AuBer den Yorkommnissen im deutschen Mitteldevon wurde 
die Art (mit Fragezeichen bestimmt) von Tschernyschew aus 
dem Unterdevon am Ostabhang des Ural beschrieben und ab- 
gebildet. 

Alcyonaria. 

Heliolitidae. 
Heliolites Dana. 
Heliolites confinensis n. sp. 
Der Korallenstock bildet rundliche, knollige Massen von 
deutlich elliptischem UmriB und verschiedener GroBe und Gestalt. 
Der Abstand der benachbarten Kelche voneinander ist gewohn- 
lich etwas groBer als ihr Durchmesser. Bei einigen Stiicken 
hingegen sind die Kelche um weniger als die Lange eines Durch- 
messers voneinander getrennt. Folglich ist das Coenenchym 
bei einigen Exemplaren viel reicher entwickelt als bei anderen. 
Sogar der Abstand der Kelche voneinander ist an verschiedenen 
Stellen desselben Stockes sehr verschieden. 



373 



Im Langs schliff sind die grofien, durch horizontale Boden 
geteilten Kelche sehr klar zu sehen. Das Coenenchym besteht 
aus sehr feinen, festverwachsenen, durch horizontale Boden ge- 
teilten Rohren, deren Grofie bei demselben Stock annahernd gleich 
ist. Abgesehen von dem Coenenchym ist eine starke Stereo- 
plasma-Verdickung wahrzunehmen, die bei Heliolites interstinctus 
Linne nur andeutungsweise vorhanden ist. Die Kelche sind 
beiderseits von ziemlich starken und wohlentwickelten Wanden 
begrenzt, deren Dicke zwei- oder dreimal so grofi ist als die 
der Coenenchymrohren. Die Dicke schwankt jedoch bei ein und 
demselben Kelche; diese Unregelmafiigkeit ist vielleicht durch 
die mangelhafte Erhaltung zu erklaren. 

Im Querschliff erscheinen die Kelche als kreisformige Off- 
nungen und zwischen denselben die prismatischen Rohren des 
Coenenchyms als feine Punkte. Der Durchmesser des Kelches 
behalt in samtlichen Stiicken denselben Wert bei und betragt 
etwa 1 mm. Zwischen den Kelchen schieben sich 1, 2, 3, so- 
gar manchmal 4 Coenenchymrohren ein, so dafi eine Entfernung 
von ca. 2 mm die Kelche trennt. Seltener beriihren sich die 
Kelche an einem Punkte ohne die Einschiebung eines Coenen- 
chymrohres. Die feinen Boden stehen viel dichter in den 
Coenenchymrohren als in den grofien Kelchen; so kommen auf 
5 mm Kelchlange ungefahr 25 Boden auf die ersteren und 15 
auf die letz^teren. 

Die karnischen Stucke stehen, wegen der groBeren Fein- 
heit des Coenenchyms und dem kleineren. Abstand der Kelche 
dem Heliolites interstinctus Linne 1 ) am nachsten. Doch ist das 
Gewebe bedeutend feiner als bei der genannten Art, wie ein 
Diinnschliff von einem durch Lindstrom selbst bestimmten 
Exemplar aus dem Obersilur von Wisby sehr deutlich erkennen 
l&Bt. 

Yorkommen: Untersucht wurden 9 Stucke aus dem weiBen 
Kalk des Unterdevons von Wolayer Thorl und 3 Stucke von 
Seekopf-Thorl. 

Tabulata. 

Favositidae. 
Favosites Lamarck. 
Syn. Calamopora Goldfuss. 
Favosites proasteriscus n. sp. 
Von dieser Art liegen mehrere ziemlich grofie Bruchstucke 
vor, von denen das grofite eine Lange von ca. 9 cm erreicht. 



*) Madrepora interstincta. Systema Nat. ed. XII, Vol. I, S. 1276, 1767. 



374 



Der Stock ist aus langen prismatischenlndividuen zusammen- 
gesetzt, die einen Durchmesser von etwa 1 mm, selten weniger 
besitzen. Die Kelche sind durch auBerst diinne Wande von- 
einander getrennt, die von Wandporen durchbohrt sind. Die 
letzteren sind kreisformig, ziemlich grofi und einreihig. An 
mancher Stelle sind sie sehr klar mit bloBem Auge zu erkennen, 
besonders aber wo die OberfLache etwas angewittert ist; an 
anderen Stellen aber lassen sie sich gar nicht wahrnehmen. 

Im Querschliff sind die Kelche polygonal, im allgemeinen 
fiinf- bis siebenseitig, die knospenden Individuen scliieben sich 
zwischen die ausgewachsenen unregelmaBig ein. 

Im Langsschnitt erscheinen die Kelche fast alle von gleicher 
GroBe; kleinere sind nur verhaltnismafiig selten zu treffen. Sie 
werden von den horizontalen oder etwas konkaven, diinnen 
Boden in ziemlich regelmaBige Raume geteilt. Die Boden sind 
dicht gedrangt, so daB annahernd 25 in einen cm Lange zu 
liegen kommen. Sie scheinen in fast samtlichen Fallen auf 
gleicher Hohe zu stehen und sind sehr viel weniger ausgebildet 
wie bei den Formen Favosites Goldfussi und Favosites GotMandicus. 
Im Langsschliff nehmen die Kelche an einigen Stiicken eine 
wellenformige Form an, so daB die ganze Flache von auBerst 
bizarren Wellen bedeckt ist. Dieser wellenformige Verlauf der 
Kelche wurde auch von Pocta an den bohmischen (F 2 ) Stiicken 
von Favosites intricatus Barrande 1 ) beobachtet und von ihm ab- 
gebildet. 

Diese Stiicke konnten bei oberflachlicher Betrachtung als 
eine kleinzellige Yarietat von Favosites Goldfussi M. Edw. et 
Haime aufgefasst werden. Doch zeigt ein Querschliff, daB an 
den Kreuzungsstellen der Zellenwande sternformige Verdickungen 
entwickelt sind, die jedoch nicht jede Kreuzungsstelle kenn- 
zeichnen. Sie sind meistens da ausgebildet, wo mehr als drei 
Zellenwande zusammentreffen. Meist treten vierstrahlige, selten 
fiinfstrahlige Stern chen hervor. Dieses Merkmal wurde bis jetzt 
nur an dem Favosites asteriscus Frech 2 ) aus dem oberen Mittel- 
devon von Hwa-ling-pu in Zentralasien beobachtet. Unsere Art 
unterscheidet sich von der zentralasiatischen, von der ein Diinn- 
schliff zum Vergleich vorliegt, durch vollkommnere Ausbildung 
der Boden und die Kleinheit der Kelche. Ferner unterscheidet 
sie sich durch die geringere Deutlichkeit der Sternchen. 

Yorkommen: 7 Stuck aus dem Unterdevon von Wolayer 
Thorl und 1 einziges Stuck von Seekopf-Thorl. 

') Systeme Silurien du Centre de la Boheme S. 233, Taf. 88, 91, 
95 102. 

3 ) V. Richthofen: China Bd. V, 1911, S. 47, Taf. 9, Fig. 2a-c. 



375 



Favosites reticulatus Blainv. sp., mut. n. praecursor, 
Der Stock bildet schlanke, cylindrische oder etwas abge- 
plattete, sich ein- oder zweimai gabelnde Aste von 4 — 6 mm 
Durchmesser und ca. 15 — 20 mm Hohe, die am unteren Ende 
ziemlich stumpf auslaufen. Yollstandige Exemplare aber liegen 
nicht Tor. 

Die prismatischen, polygonalen, meist sechsseitigen Zellen 
sind an der Oberflache annahernd gleichgroB, zeigen aber im 
Zentrum, dem Wachstum entsprecbend, erbebliche Grofien- 
differenzen. Sie besitzen durchschnittlich einen Durchmesser 
von etwa 0,5 mm. Sie liegen unmittelbar aneinander und strablen 
von der imaginaren, vertikalen Aehse allmahlich nach aui3en aus, 
bis die Oberflache erreicht wird. Sie werden von sehr diinnen 
Wanden begrenzt, die durch Stereoplasma-Ablagerungen fast 
oder gar nicht verdickt sind. 

Die Stiicke beziehen sich auf eine verkleinerte Form von 
Favosites reticulatus Blainv., sowohl auf die gesamten Stocke 
wie die einzelnen Zellen, so daB es sich um einen kleinen Yor- 
laufer des Favosites reticulatus handelt. Bei dem Vergleich mit 
Favosites reticulatus aus dem mitteldevonischen Stringocephalen- 
kalk und dem oberen Korallenkalk vom Pelm ergeben sich sehr 
geringfugige Unterschiede zwischen der mitteldevonischen und der 
unterdevonischen Form. Bei der mitteldevonischen Form ist vor 
allem der Durchmesser der einzelnen Zellen etwa doppelt so 
groB wie bei ihren kleinen, unterdevonischen Yorlaufern. Eben- 
so sind die GroJ3enverhaltnisse der verzweigten Stammchen im 
allgemeinen bei den mitteldevonischen Formen erheblich grower. 
Das Fehlen der Septaldornen bei den vorliegenden Exemplaren 
aus den Karnischen Alpen ist erwahnenswert und wiirde bei der 
geringen Bedeutung, die den GroBenverhaltnissen zukommt, den 
einzigen, wesentlichen TJnterschied bedingen. 

Fur die enge Zusammengehorigkeit der mittel- und unter- 
devonischen Formen ist vor allem der Umstand wichtig, daB die 
eine wie die andere festgewachsene, netzformige (reticulatus), 
verzweigte Formen sind, so daB die Kelche sich nach alien 
Seiten offnen. Da diese unterdevonische Form ein zweifellos 
naher Verwandter ist, bezeichne ich sie als Yorlaufer (praecursor). 

Yorkommen: Unterdevon von Seekopf- und Wolayer Thorl. 

Favosites Goldfussi M. Edw. et Haime. 

1829 Calamopora Gothlandica (pars) Goldfuss, Petref. Germ. S. 78. 
1841 Favosites Gothlandicus Phillips, Palaeoz. Fossils S. 16, Taf. 7, Fig. 
21. 

1850 Favosites Goldfussi d'Orbigny a. a. 0. Vol. I, S. 107. 



376 



1851 Favosites Goldfussi M. Edw. et Haime, Polyp, foss. des terr. paleoz. 

S. 235, Taf. 20, Fig. 3. 
1853 Favosites Goldfussi iidem, Brit. Foss. Cor. S. 214, Taf. 47, Fig. 

3-3c. 

1860 Favosites Goldfussi Milne Edwards, Hist. nat. des Cor. S. 248. 
1882 Favosites Goldfussi Barrois, Terrains Anciens des Asturies 
S. 212. 

1885 Favosites Goldfussi Tschernyschew, a. a. 0. Westabhang des Urals, 
S. 95. 

1893 Favosites Goldfussi Tschernyschew, a. a. 0. Ostabhang d. Urals, 
S. 191. 

Die mir vorliegenden Korallenstocke sind ziemlich umfang- 
reich; der groBte besitzt eine Lange yon ca. 15 cm. Die Stock e 
sind aus zahlreichen Kelchen zusammengesetzt und von unregel- 
mai3iger Gestalt. Die Kelche sind typisch ausgepragt polygonal 
und diinnwandig. Im allgemeinen sind sie yon gleichmaBiger 
GroBe, die kleineren, jiingeren Individuen schieben sich zwischen 
die ausgewachsenen Formen ein. Der Durchmesser scbwankt 
zwischen 1 und 2 mm. Die Wande sind mit runden Poren aus- 
gestattet, die bald einreihig, bald in zwei den Wanden parallelen 
Reihen angeordnet und auf jeder prismatischen Flache zu er- 
kennen sind. Sie sind alternierend gestellt, bisweilen yon einem 
erhohten Rand umgeben. Diese Poren sind im Diinnschliff weniger 
gut sichtbar wie an angewitterten Flachen. Die dicken Boden 
sind sehr vollkommen ausgebildet, wagerecht, seltener konkav 
oder koDvex. Ihre Abstande sind jedoch ziemlich unregelmaBig. 
Je nach der Verlangsamung oder Beschleunigung des Wachs- 
tums werden die Boden durch grofie oder kleine Abstande von- 
einander getrennt. 

Wie vorliegende Diinnschliffe aus dem deutschen Mittel- 
devon zeigen, sind die beschriebenen Stiicke zu Favosites Gold- 
fussi M. Edw. et Haime zu stellen, da die beobachteten Merk- 
male in bezug auf die Abstande der Boden und den Durch- 
messer der einzelnen Individuen diese Art charakterisieren. Mit 
Favosites gothlandicus wird die Art bekanntlich haufig verwechselt. 
Yon einem typischen, von Lindstkom selbst bestimmten Diinn- 
schliff von Favosites gothlandicus aus dem Obersilur von Wisby 
unterscheiden sich die vorliegenden Stiicke durch bedeutend ge- 
ringeren Durchmesser der Zellen. 

Vorkommen: Im Unterdevon des Wolayer Thorls (ca. 20 
Stuck), des Seekopf-Thorls (5 Stuck) und des Cellonkofels 
(3 Stuck). Die Art wurde aus dem Unterdevon Asturiens von 
Barrois beschrieben. Ferner fiihrte Tschernyschew die Art 
aus den gleichaltrigen Schichten am Ost- und Westabhang des 
Urals an. 



377 



Favosites polymorphus Goldfuss. 

1829 Calamopora polymorplia var. tuber osa- Goldf., Petr. Germ. Bd. I, 

S. 79, Taf. 27, Pig. 2b— d, -5b— c. 
1829 Calamopora polymorplia var. tuberosa ramosa ibid. Taf. 27, Fig. 3a, 2. 
1829 Calamopora polymorplia var. ramosa divaricata ibid. Taf. 27, Fig. 

4a— d. 

1829 Calamopora spongites var. ramosa ibid. S. 80, Taf. 28, Fig. 2a — g. 

1852 Favosites polymorplia Quenstedt, Petr. Deutschlands S. 642, Taf. 56, 
Fig. 46-49. 

1853 Favosites cervicornis M. Edw. et Haime, Brit. Foss. Cor. S. 216, 
Taf. 48, Fig. 2. 

1853 Favosites reticulata iidem, ibid. S. 215, Taf. 48, Fig. 1, la, lb. 
1860 Favosites polymorplia Milne Edwards, Hist. nat. des Cor. S. 251. 
1860 Favosites cervicornis ibid. S. 256. 
1860 Favosites reticulata ibid. S. 255. 

1879 Favosites cervicornis Nich., Tabulate Corals S. 82, Taf. 4, Fig. 3 — 3b. 
1883 Pachypora cristata F. Roemer ex parte, Lethaea palaeozoica S. 437. 
1885 Favosites polymorplia Frech, Die Korallenfauna des Oberdevons 

in Deutschland. Diese Zeitschr. 37, S. 103, Taf. 9, Fig. 1—3. 
1911 Favosites polymorphus Frech. v. Richthofen, China Bd. V, S. 51. 

Die Koralle besteht aus sich verzweigenden, breiten Asten, 
die einen Durchmesser von ca. 1,5 cm besitzen. 

Die einzelnen Individuen strahlen von der zentralen Achse 
des Zweiges aus und biegen sich sanft nach auflen. Sie sind 
wesentlich polygonal, manche aber etwas gerundet und oval. 
Von Stereoplasma sind sie kaum eingeengt, denn die Wande 
sind auBerst diinn und behalten diese Dunne auf ihrer ganzen 
Lange bei. Die Kelche erreichen einen Durchmesser von ca. 
1 mm, manche aber, hauptsachlich die jungeren Formen, sind 
bedeutend kleiner. Die wagerechten Boden sind verhaltnismaBig 
zahlreich und vollstandig; ihre gegenseitigen Abstande sind ziem- 
lich bestandig und betragen durchschnittlich 1 mm. 

Der einzige, vorliegende Dunnschliff lafit sich von einigen 
aus dem Mitteldevon (Stringocephalenkalk) der Eifel kaum unter- 
scheiden. Alle Diinnschliffe haben die verhaltnismaBig grofie 
Haufigkeit der Boden und die geringe Starke oder ganzliches 
Fehlen der Stereoplasmaverdickung gemeinsam. Der einzige. 
Unterschied, der auf die Erhaltung zuriickzufiihren ist, ist die 
Seltenheit der Poren bei den karnischen Exemplaren. Da die 
Eifler Stiicke meist im tonigen Kalk, die karnischen aber 
meist im reinen Kalk vorkommen, konnte dieser Unterschied 
der Seltenheit der Poren durch die Krystallisierung des Kalk- 
spats erklart werden. 

Vorkommen: 6 Bruchstucke und 1 guter Dunnschliff aus 
dem Unterdevon des Wolayer und Seekopf-Thorls. AuBer den 
Vorkommnissen im Mitteldevon, wurde die Art in unterdevo- 
nischen Schichten von Erbray (Blanc Calcaire), Asturien, Bre- 



378 



tagne und Ardennes, endlich am Ostabhang des Urals bereits 
beschrieben. 

Striatopor a Hall. 
Striatopora volaica n. sp. 

Es liegen zwei groBe, weiBe Kalksteinplatten vor, die mit 
Bruchstiicken dieser Koralle ganz erfiillt sind und sich ohne 
Zweifel zur Gattung Striatopora gehorig erweisen. Die Korallen- 
stammchen sind langgestreckt, cylindrisch, schlank und kaum 
verzweigt. Diese einzelnen Fragmente besitzen einen Durch- 
messer yon etwa 2 mm und eine durchschnittliche Lange von 
7 mm. Seltener steigt der Durchmesser bis auf 5 und die Lange 
bis auf 12 mm. 

Im LangsschlifF verlaufen die einzelnen Zellen in der Achse 
des Astes durchweg parallel und genau in der Langsrichtung 
und biegen sich scharf yon hier schrag nach auBen und oben. 
Auf den angeschliffenen Platten sind sie so dicht zusammen- 
gedrangt, daB das ganze nur als weiBe Masse erscheint, in der 
die einzelnen Rohren mit blofiem Auge nicht zu unterscheiden 
sind. Im Langsschliff aber unterscheidet man deutlich eine 
zentrale, unverdickte und eine nach auBen zu verdickte Wand. 
Die Rander der Zellen sind , wie im Querschliff zu seben ist, 
ziemlich regelmafiig polygonal und haben einen Durcbmesser Yon 
ca. 0,3 mm oder nocb weniger. Infolge der Kleinheit der Kelcbe 
wurden die feinen, radialen, den Septen entsprecnenden Streifen, 
die im Hals des Kelches sonst Yorkommen, nicht beobachtet. 
Verbindungsporen sind deutlich und verhaltnismatfig groB. 

SowohlQuerschnitte wie Langsschnitte zeigen,daB die Rohren 
durch Ablagerungen you Stereoplasma innerlich eingeengt sind. 
Doch erreicht dieser Absatz keinen solchen Grad wie z. B. bei 
Pachypora und . ist, wie erwahnt, im Zentrum der Aste kaum 
merkbar. Die seltenen Boden stehen ziemlich weit voneinander 
und sind im einzelnen regelmaBig ausgebildet. 

Am nachsten verwandt ist die beschriebene Art mit Stria- 
topora vermicularis Mc. Coy sp. Yar. filiformis F. Roemer (Cala- 
mopora filiformis F. Roemer 1 )) aus dem Stringocephalenkalk von 
Dziwki bei Siewierz und aus dem Oberdevon von Ober-Kunzen- 
dorf. Die auBere Gestalt einiger in der Privatsammlung von 
Frech befindlichen Stucke ahnelt der der vorliegenden Exem- 
plare auBerordentlich. Yon der oberdevonischen Form unter- 
scheidet sich die unterdevonische durch bedeutend geringeren 
Durchmesser der einzelnen Kelche und geringe Entwicklung 



l ) Geologie von Oberschlesien, S. 31, Taf. 3, Fig. 1 u. 2. 



379 



der Boden. Auch ist die Stereoplasma-Ablagerimg weniger aus- 
gebildet, und in dieser Beziehung ahnelt sie der Hauptform eher 
als der Yarietat. Yon der Hauptform Striatopora vermicularis 
Mc. Coy 1 ) aber unterscheidet sie sich durch geringeren Durch- 
messer der gesamten Stocke. Dieser geringere Durchmesser der 
Stocke und Rohren macht eine Yerwechslung mit irgendeiner 
anderen, beschriebenen Art der Gattung unmoglich. 

Wegen der weiBgrauen Farbe der Stereoplasma-Verdickungen 
hebt sich die "Wand der Zellen als eine schwarze, haarfeine Linie 
hervor, wahrend die Grenze bei Favosites reticulatus yerschwindet. 

Yorkommen: Unterdevon des Wolayer Thorls. 

Striatopora subaequalis M. Edw. et Haime. 

1845 Calamopora spongites Michelin, Icon, zoopk., S. 189, Taf. 48, Fig. 8. 
1849 Alveolites ramosus? Steininger, Geogr. Beschreibung der Eifel, 

S. 25, Taf. 6, Fig. 6. 
1851 Alveolites subaequalis M. Edw. et Haime, Polyp. Foss. des terr. 

paleoz., S. 256, Taf. 17, Fig. 4, 4 a. 
1860 Alveolites subaequalis M. Edwards, Hist. nat. des cor. Vol. Ill, S. 267. 
1885 Striatopora ramosa Frech, diese Zeitschr. 37, S. 106, Taf. 11, 

Fig. 7, 7 a. 

1911 Striatopora subaequalis Frech. v. Bjchthofen, China. Bd. V, S. 51, 
Taf. 8, Fig. 2. 

Die Koralle bildet baumforniig yerastelte Formen mit all- 
seitig sich offnenden Kelchen. Die Oberflache ist, wie bei den 
meisten Baumchen des Eifler Mitteldevons und den Exemplaren 
yon Tshon- Terek, meist sehr mangelhaft erhalten und lafit gar 
keine Struktur erkennen. Der Durchmesser der Stammchen 
schwankt zwischen 0,7 mm und 10 mm, der der einzelnen Rohren 
betragt etwa 0,5 mm. 

Im Querschliff aber sind die einzelnen Rohren deutlich zu 
erkennen. Sie sind im Innern des Stammchens Yon haardiinnen 
Wanden umgrenzt und nur auf der auJ3eren, den Ast begrenzenden 
Zone der Koralle werden sie durch Ablagerung Yon Stereo- 
plasma etwas eingeengt. Diese Ablagerung ist jedoch niemals 
betrachtlich. 

Im Langsschliff sind die Rohren radial zur zentralen Achse 
des Stammchens gestellt und diYergieren nach auBen. Sie sind 
ausgesprochen polygonal, oft you zwei Yerschiedenen GroBen. 

Septen, Septaldornen und Verbindungsporen wurden nicht 
beobachtet. 

Yon Yorliegenden Diinnschliffen aus dem MitteldeYOn der 
Eifel und yon Tshon-Terek sind die karnischen Schliffe kaum 
zu unterscheiden. 



J ) Ann. and Mag. Nat. Hist. H. Ser., Vol. VI, S. 377, 1850. 



380 



Vorkommen : Eine groBe Masse und einzelne Bruchstiicke 
aus dem Unterdevon des Wolayer Thorls. 

Alveolites Lamarck. 
Alveolites suborbicularis Lam. mut. n. volaicus. 

Die Koralle bildet scheibenformige Massen. Infolgedessen 
sind die Kelchoffnungen auf die obere Seite beschrankt. 

Die einzelnen Kelche sind im Querschliff unregelmaBig drei- 
eckig und lassen eine langere, konvexe und zwei kiirzere, konkave 
Seiten erkennen. Doch ist diese dreieckige Form nicht so 
ausgepragt wie bei der Hauptforni. Der Durchmesser betragt 
ca. 1 mm. Septaldornen wurden nicht beobachtet. 

Im LangsschlifT sind die sehr wohlentwickelten Boden 
sehr dicht zusammengedrangt und zahlreicher als bei dem mittel- 
devonischen Typus. Sie sind durch Abstande von 0,5 mm von 
einander entfernt. Zuweilen liegen die Boden viel dichter, doch 
behalten sie durch schnittlich diesen angegebenen Mittelwert bei. 
Die Boden sind regelma6ig nach unten konvex; besonders ist 
dieses aber der Fall in den kleineren Rohren, wahrend sie sich 
in den breiteren mehr der horizontalen Richtung nahern. 

Von der Hauptform 1 ) unterscheidet sich die neue Mutation 
durch weniger ausgesprochen dreieckige Form der Zellen im 
Querschnitt, das ganzliche Fehlen der Dornen, etwas groBere 
Zahl der Boden sowie durch groBeren Durchmesser der einzelnen 
Individuen. 

Vorkommen: Etwa 10 Stucke aus dem Unterdevon des 
Wolayer Thorls. 

C aliapora Schluter. 
Nach den Angaben von Schluter 3 ) sind Boden bei der 
Gattung nicht entwickelt. Doch ist diese Bemerkung in dieser 
Form unrichtig, insofern, als Boden ziemlich zahlreich ausgebildet 
sind, wie mehrere vorliegende, mit den englischen Stiicken 
iibereinstimmende Dunnschliffe aus dem deutschen Mitteldevon 
zeigen. Die irrtiimliche Angabe von Schluter ist leicht er- 
klarlich durch die Tatsache, daB die deutschen Stucke aus einem 
hellen oder weifien Kalk bestehen. Infolgedessen heben sich 
die Boden nur sehr wenig von der umgebenden Masse hervor. 
Wenn man den Schliff in einem auffallenden Lichtkegel be- 
obachtet, statt ihn gegen das Licht zu halten, so erkennt man 
die Boden am deutlichsten. 



*) Hist, des Anim. sans vert. II., S. 186, 1816. 
3 ) a. a. 0. S. 95, Taf. 14, Fig. 8, 9. 



381 



Alveolites (Caliapora) Frechi n. sp. 

Der Stock ist aus zahlreichen, sehr kleinen Individuen 
zusammengesetzt, die sich unmittelbar beruhren. Ihr Durch- 
messer betragt etwa 0,5 mm. 

Im Querschliff miinden die Kelche nicht schief, wie es bei 
Alveolites der Fall ist, sondern die Kelchoffnung ist unregelmaBig 
polygonal und erinnert sehr an Favosites. Die Zellen werden 
von ziemlich dicken Wanden begrenzt, die aber an mancher 
Stelle durch Liicken, die den Querschnitt der Poren darstellen, 
unterbrochen sind. 

Im Langsschliff sind die Wande ebenfalls dick und von 
Poren durchbohrt. Die Yorspriinge, die von der Wand ausgehen, 
sind ziemlich zahlreich und -wohlentwickelt. An mancher Stelle 
trifft der Schnitt nur die Spitze der Yorspriinge, die in diesem 
Falle nur als Punkte erscheinen. Die Poren sind verhaltnis- 
maBig sehr groB, eioreihig und im allgemeinen nicht rund, sondern 
vieleckig. 

Einige Boden wurden mit Sicherheit an einem gut erhaltenen 
Langsschliff der karnischen Art beobachtet. Die geringe.Ent- 
wicklung der Boden steht selbstverstandlich im ZusammenB^ng 
mit der g*roJ3en Ausbildung der Dornen. Da Boden bei dieser 
Art vorkommen, fehlen sie bei keiner Art der Gattung, da sie 
bei Alveolites (Caliapora) Battersbyi 1 ) M. Ed ", et Haime und der 
dritten Art, Alveolites (Caliapora) carnicus n. sp., deutlich be- 
obachtet wurden. 

Yon der nachstverwandten Form, Caliapora Battersbyi aus 
dem Mitteldevon von Siidengland und Deutschland, unterscheidet 
sich die karnische Art durch die geringere Ausbildung der 
Dornen und erheblich geringeren Durchmesser der einzelnen 
Individuen. 

Yorkommen: Eine faustgrofle Masse aus dem Unterdevon 
des Yalentin-Tals. 

Thecia M. Edw. et Haime. 
Thecia Swinderenana Goldf. mut. n. devonica. 
Der Korallenstock ist massig und besteht aus unmittelbar 
aneinandergrenzenden, prismatischen, fast gleich grofien, dick- 
wandigen Zellen. Der Durchmesser der Kelche betragt ca. 1 mm. 

Ein Querschliff zeigt sehr deutlich die zwolf starken Septen, 
welche mit denjenigen der angrenzenden Zellen in gekrummtem 
Yerlauf iiber die schmalen, trennenden Kelchrander zusammen- 



') Brit. Foss. Cor. S. 220, Taf. 49, Fig. 2, 2a. 



382 



fliefien und. den Kelchen ein zierliches, sternformiges Aussehen 
geben. Die Septen sind nicht gleichmaBig dick, sondern scharfen 
sich von auBen nach inn en zu, so daB sie im inneren Teil 
schneidende Kanten bilden, wahrend sie am Umfang der Zellen 
eine ziemliche Dicke besitzen. 

Von der Hauptform Thecia Swinderenana Goldf. l ) unter- 
scheidet sich die neue Mutation durch geringe Dicke der Rander. 

Es liegt nur ein schneeweiBer Uberzug von Thecia vor, der 
ein in seiner Struktur sehr schlecht erhaltenes Stromatoporoid 
umschlungen und erstickt hat. Da der Uberzug an der dicksten 
Stelle kaum 1 cm — meist weniger — betragt, konnte ein 
Langsschliff nicht hergestellt werden. 

Yorkommen: Das einzige Stuck aus dem Unterdevon des 
Wolayer Thorls. 

Dieses ist das erste Vorkommen der Gattung in anderen 
als obersilurischen Schichten. 

Monticulipora d'Orbigny emend. Nicholson. 
Monticulipora (Monotrypa)t sp. 

Die scheinbar kugelformig gestaltete Koralle besteht aus 
parallel angeordneten Rohren. Die Kelche sind ziemlich klein, 
der Durchmesser ca l / 2 mm lang, ohne Septaldornen und un- 
regelmaBig polygonal. Wandporen wurden nicht beobachtet. 
Die Kelchwande sind diinn und ohne stereoplasmatische Yer- 
dickung. Infolgedessen sind die Grenzlinien der einzelnen 
Kelche sehr deutlich zu unterscheiden. Es fehlen die fur 
Chaetetes charakteristischen, durch Kelchteilung hervorgerufenen, 
septenformigen Ausbuchtungen (Pseudosepten) der "Wande. 

Wie sich aus der vorstehenden Beschreibung ergibt, wiirde 
Monticulipora sp. zu dem Subgenus Monoirypa Nicholson ge- 
horen, wenn man die Einteilung des genannten, englischen 
Forschers annimmt. 

Der Querschliff spricht fur Monticulipora bzw. Monotri/pa, 
eine genaue Bestimmung ist jedoch wegen des Fehlens eines 
Langsschliffes nicht durchfuhrbar. 

Yorkommen: Das einzige Stuck stammt aus dem Unter- 
devon des Seekopf-Thorls. 

Syringopor a Goldfuss. 
Syringopora alpina n. sp. 
Der Stock ist aus zahlreichen, cylindrischen Zellen zu- 
sammengesetzt, die einen Durchmesser von ungefahr 1 mm oder 



J ) Petref. Germ. Bd. I S. 109, Taf. 38, Fig. 3 a, b. 



383 



weniger besitzen. Die Rohren sind vorherrschend parallel und 
gerade; bald, wie der Querschliff zeigt, einander sehr ge- 
nahert, zuweilen bis zur Beriihrung, bald urn die Lange des 
eigenen oder doppelten Durchmessers getrennt. Dieser groBte 
Abstand wird nur in wenigen Fallen ubertroffen. Der Quer- 
sclmitt der einzelnen Kelche ist kreisformig. Die Aufienseite 
ist nur an einer Stelle erhalten. Aus diesem Grunde wurden 
die Anwachsstreilen und andere Thecalgebilde nicht beobachtet, 
zumal die Kelche iiberdies einen geringen Durchniesser haben. 

Die von Wand zu "Wand verlaufenden Boden sind schwach 
trichterformig nach abwarts gerichtet. Querrohren, welche die 
groBeren Kelche verbinden, wurden nur an einer Stelle be- 
obachtet. Diese sind aber viel zu klein, urn die innere Struktur 
erkennen zu lassen, doch scheinen sie denselben Bau zu be- 
sitzen wie die langeren Rohren. 

Syringopora wurde in dem Unterdevon sowohl yon Bohmen 
wie vom Ural bis jetzt nicht gefunden. Mit Ausnahme der 
Karnischen Alpen und Nehou (Manche), wo nach M. Edw. et 
Haime 1 ) Syringopora abdita, eine ganz abweichende Form, vor- 
kommt, fehlt sie in Europa in Schichten dieses Alters ganzlich, 
so daB sie mit Ausnahme dieser zwei Gebiete im Unterdeyon 
auf Amerika beschrankt ist. 

Aus devonischen Schichten waren Arten yon gleich ge- 
ringem Durchmesser bisher nicht beschrieben; aus obersilurischen 
Schichten sind dagegen verschiedene Arten bekannt. Yon ihnen 
steht Syringopora Hisingeri Billings 2 ) der karnischen Art am 
nachsten und unterscheidet sich yon ihr durch groBeren Abstand 
der Rohren. Trotzdem nur ein einziges Stuck vorliegt, mag 
dasselbe doch beschrieben werden, da es sich um eine Koralle 
handelt, die sich yon den bisher beschriebenen Formen sehr 
leicht unterscheidet. 

Mit dieser Syringopora ist ein schlecht erhaltenes Stroma- 
toporoid verwachsen, so da£ das Ganze auch hier die bekannte 
n Caunopora u - Struktur zeigt. Das Stromatoporoid-Skelett zeigt 
gesonderte Radialpfeiler, die horizontale, strahlenformige Fort- 
satze aussenden. Die Radialpfeiler setzen sich durch zwei 
bis drei Interlaminarraume fort. Auf langeren Strecken wurden 
sie nicht beobachtet. Angesichts der angegebenen Lange der 
Radialpfeiler und der deutlichen Trennung zwischen Radial- 
pfeiler und Laminae haben wir es hier mit einem Actinostroma 
zu tun. Die Bestimmung der Species aber ist auf Grund 
dieses einzigen Stuckes allein nicht mogiich. 



*) Polyp, foss. terr. paleoz. S. 295. 

s ) Canad. Nat. and Geol. Vol. IV, S. 20. 



384 



Dieses diirfte wohl das erste und einzige Vorkommen yon 
7) Cauvopora u im Unterdevon yon Europa sowohl wie von Amerika 
sein; denn obwohl diese eigentiimliche, koromensualistische, aus 
Syringopora bzw. Aulopora und einem Stromatoporoid bestehende 
Form im Mitteldevon yon den Karnischen Alpen bis Devon- 
shire allgemein yerbreitet ist, wurde bis jetzt, soviel mir be- 
kannt ist, kein einziges Vorkominen aus dem Unterdevon be- 
schrieben. 

Yorkommen: Unterdeyon des Cellonkofels. 

Syringopora sp. 

Es liegt mir ein kleines Stuck vor, dessen Durehmesser 
etwas iiber 3,5 mm betragt. 

Die ganze Oberflaclie ist, wie ein Querschnitt zeigt, yon 
aufierst winzigen, fast mikroskopisch kleinen, kreisformigen Off- 
nungen bedeckt, deren Gro.Be bedeutend geringer ist als die 
yon Syringopora alpina. Die innere Struktur der Syringopora 
laflt sich kaum beobachten. Soyiel aber lilBt sich erkennen, 
daB die Offnungen yon einem deutlich begrenzten Rand um- 
geben sind. Leider ist es wegen der Dunne der Platte un- 
moglicb, einen Langssclmitt anzufertigen; folglicb lajBt sich nicht 
feststellen, ob eine Syringopora mit Boden, oder eine Aulopora 
ohne Boden vorliegt. 

Wie bei Syringopora alpina ist die Koralle im „Caunopora u - 
Stadium verwachsen. Die Radialpfeiler und die horizontalen 
Fortsatze des Coenesteums sind derartig miteinander verbunden, 
da6 ein ziemlich ununterbrochenes Gewebe entsteht. Daher diirfte 
es sich urn eine Stromatopara handeln, deren genauere Struktur 
nicht beobachtet werden kann. Die Species laBt sich nicht 
bestimmen, da, wie gesagt, ein Langssclmitt sich nicht anfertigen 
laBt. 

Vorkommen : Unterdeyon des Valentin-Tals. 

Siromatoporoidea. 
Stromatopora Goldfuss. 
Stromatopora celloniensis n. sp. 
Es liegen mehrere, massige Stiicke dieser Art vor, die sehr 
verschiedene Gestalten zeigen. Alle die verschiedenen Er- 
scheinungsformen erweisen jedoch ihre Zusammengehorigkeit 
durch wesentliche Ubereinstimmung der Innenstruktur wie 
Langs- und Querschliffe zeigen. 



385 



Eine Basaltheca wurde nicht beobacbtet. Ein Querscbliff 
zeigt in der Mitte die abgesclinittenen Enden der dicht zu- 
sammensteliendeii Radialpfeiler, die eine wobl ausgesprocben 
gerundete Form zeigen. Infolge der Unebenbeit der Laminae 
erscbeint das Bild der borizontalen und transversalen Schliffe 
zugleicb. Der innere Teil des Horizontalschliffes wird von 
zahlreichen, mebr oder weniger regelmaBigen, konzentriscben, 
kreisformigen, den horizontalen Fortsatzen entsprecbenden 
Linien umgeben. 

Im Langsscbliff erscbeinen die Laminae als kleine, bori- 
zontale Dornen, die auf den Radialpfeilern sitzen und deren 
gegenseitiger Abstand etwa 1 / 3 mm betragt. Das cbarakteristiscbe 
Merkmal des Langsscbliffes aber sind die senkrecht gestellten, 
gesonderten, mebr oder weniger geraden Radialpfeiler. Sie sind 
sebr kraftig entwickelt, so daB ibr Durcbmesser grofSer ist als 
ihr gegenseitiger Abstand. Yon einem Axialkanal wurde keine 
Spur gefunden. Die Radialpfeiler durcbsetzen mehr als 20 
aufeinanderfolgende Interlaminarraume obne Unterbrechung. 
Die Laminae sind in deutlicben Latilaminae yon ungleicber 
GroBe gruppiert, von denen man in einem ca. 18 mm boben 
Schliff etwa 6 beobacbtet. 

Zooiden-Robren und Astrorbizen wurden in den zwei gut 
erbaltenen Scbliffen nicbt beobacbtet. 

Die Art ist mit Stromatopora Beuthi Barg. 1 ) und Stroma- 
topora Hiipschii Barg. 2 ) aus dem Mitteldeyon am n|cbsten 
yerwandt. Yon den beiden genannten Arten unterscbeidet sie 
sicb durcb die betracbtliche Starke und den geraderen Yerlauf 
der Radialpfeiler. AuBerdem ist sie durcb das Zuriicktreten 
der Laminae und das ganzlicbe Feblen der Astrorbizen yon 
der ersteren und durcb das Feblen der Axialkanale yon der 
zweiten Art unterscbeidbar. 

Yorkommen: 6 Stuck aus dem Unterdevon des Cellon- 
kofels. 

Die bellen, fast weiflen Kalke des Wolayer Tborls und 
Wolayer Sees baben keine guten Praparate geliefert. Die yon 
dort stammenden Exemplare sind makroskopiscb erkennbar, 
aber mikroskopiscb unbrauchbar. Dagegen sind die grauen 
oder gelblicben, weniger reinen Kalke, wie sie im Yalentin- 
Tal und am Cellonkofel auftreten , durcb bessere Erbaltung 
der Korallenstruktur ausgezeicbnet. Andererseits sind gerade 
bier keine grofien Stiicke, ebensowenig wie Bracbiopoden- und 
Molluskenschalen, erbalten. 

») a. a. 0. S. 56. 
2 ) a. a. 0. S. 62. 

Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 25 



386 



Stromatoporella Nicholson. 
Stromatoporella volaica n. sp. 

Die Oberflache ist nicht mehr erhalten. Im Querschliff sind 
die Radialpfeiler als kleine Punkte sichtbar, die durcli horizon- 
tale Fortsatze miteinander in Verbindung treten oder zuweilen 
vollstandig yerschmelzen. Da die Laminae der Koralle eine 
unregelmaBige Erhebung und Depression zeigen, erscheint das 
Bild eines Langs- und Querschliffes zugleich. Im Langsschliff 
zeigen sich die horizontalen Laminae als mehr oder weniger 
wellenforaiige, scharf abgegrenzte Linien. Sie sind auflerst diinn 
un3 etwa 0,5 mm voneinander entfernt; ihr Durchmesser ist 
stets geringer als der der Radialpfeiler. Senkrecht zu den 
Laminae verlaufen die vertikalen, diinnen Radialpfeiler, die sich 
scheinbar durch niemals mehr als zwei Interlaminarraume fort- 
setzen. Ihr gegenseitiger Abstand betragt etwa dasselbe wie 
ihr Durchmesser — ca. 0,1 mm. f 

Astrorhizen wurden nicht beobachtet. 

Diese Art steht Stromatoporella stellifera A. Roemer 1 ) (= 
Stromatopora polymorph a stellifera A. Roemer) aus dem deutschen 
Mittel- und Oberdevon am nachsten, da in beiden Fallen die 
Laminae als deutliche Linien erscheinen. Doch unterscheidet 
sich die unterdevonische Form durch die scharfe Abgrenzung der 
Laminae sowie durch betrachtlich geringere Abstande der Radial- 
pfeiler v AuBerdem setzen sich die Radialpfeiler durch zwei 
Interlamirjarraume fort, was bei Stromatoporella stellifera nicht 
der Fall ist. 

Die in dieser Zeitschrift (1885, 37, S. 117) abgebildete 
und beschriebene Stromatopora stellifera A. Roemer, die mit 
Stromatoporella Eifeliensis Nicholson 2 ) sehr nahe verwandt ist, 
mufi, wie mir Herr Frech freundlichst mitteilt, zu Stromatoporella 
gestellt werden. 

Vorkommen: Unterdevon von Wolayer Thorl. 

Clathrodictyon Nicholson and Murie. 
Clathrodictyon carnicum n. sp. 
Es liegt nur ein einziges Stuck dieser Art vor, dessen 
Lange 5,5 mm, Breite 4,5 mm und Hohe 3,5 mm betragt. Die 
Struktur ist sehr deutlich aus Langs- und Tangentialschliffen 
zu ersehen. 

J ) Harz III, S. 27, Taf. 6, Fig. 1; Stromatopora placenta A. Roemer, 
Harz III, S. 28, Taf. 6, Fig. 7. 

2 ) Brit. Stromatoporoids, 1886; Ann. and Mag. Nat. Hist. ser. 5, 17, 
S. 235, Taf. 8, Fig. 5, 1866. 



387 



Ein Tangentialschliff zeigt die Schnittenden derRadialpfeiler, 
die als kleine, gerundete Punkte die ganze Flache bedecken. 
Die horizontalen Fortsatze sind ziemlich regelmafiig quirlformig. 

Im LangsschlnT sind die Laminae am deutlichsten. Sie 
erscheinen als langgestreckte, wohlentwickelte, gerade oder sehr 
leicht wellige, annahernd parallele Linien, die durch Abstande 
yon etwa 2 / 3 mm voneinander getrennt sind. Senkrecht zu ihnen 
stehen die yertikalen kurzen Pfeiler, die sich scheinbar nur 
durch den einen Interlaminarraum fortsetzen, in dem sie ihren 
Ursprung finden. Meistens aber erscheinen sie nur als kleine 
Dornen, die auf der Oberseite der Laminae entspringen, nach 
oben streben und nur sehr wenig uber die Laminae hinausragen. 
Laminae und Radialpfeiler sind sehr diinn. Die letzteren sind 
ungefahr ebenso weit entfernt wie die Laminae, bald mehr, 
bald weniger. Die Laminae sind yerhaltnismaBig sehr eng und 
erscheinen nur als diinne, zarte Linien. Sie yereinigen sich nicht 
zu Latilaminae. 

Die Astrorhizen sind auf einigen Stellen vorhanden und er- 
reichen in dem grotften Falle eine Lange yon etwa 7 Laminae 
und Interlaminarraumen. Ihre Boden sind maflig entfernt, ge- 
bogen und sehr unregelmaBig. 

Die Art erweist ihre Zugehorigkeit zu der Gattung Clathro- 
dictyon durch die gute Ausbildung der Laminae und die Be- 
schrankung der Radialpfeiler auf einen Interlaminarraum. 

Sie ist mit Clathrodictyon regular e Rosen 1 ) am nachsten yer- 
wandt, yon der sie sich durch die unregelmafligere Ausbildung 
der Radialpfeiler sehr leicht unterscheidet. IJberdies sind die 
Laminae nicht bei weitem so nahe aneinandergeriickt wie bei 
der silurischen Art, wo statt 3 in einer Hohe yon 2 mm, etwa 
12 yorkommen. Von Clathrodictyon striatellum d'Orbigny 2 ),' mit 
dem sie ebenfalls sehr nahe yerwandt ist, unterscheidet sie sich 
durch den geraderen Verlauf der Laminae. Yon den anderen 
Arten der Gattung unterscheidet sich die unsrige durch die 
Feinheit des Gewebes und das ganzliche Fehlen einer vesiculosen 
Struktur, die fur die silurischen Arten sehr charakteristisch ist. 

Clathrodictyon ist fast ausschlieBlich auf das Silur und zwar 
das Obersilur beschrankt. Die Arten, die in anderen Forma- 
tionen yorkommen, sind Clathrodictyon cellulosum Nicholson 3 ) 
aus dem Corniferous Limestone yon Canada, eine unbeschriebene 
Art 4 ) aus dem Deyon (Mittel-?) yon Siid-Deyon, Clathrodictyon 

] ) Uber die Natur der Stromatoporen, S. 74, Taf. 9, Fig. 1—4, 1887. 
3 ) a. a. 0., Vol. I, S. 51. 

3 ) Brit. Stromatoporoids, S. 79, Fig. 11. 

4 ) Nicholson, a. a. 0., S. 79. 

25* 



388 



aquisgranense Dantz ') aus dem Kohlenkalk der Umgebung von 
Aachen, Clathroclictyon Montis Casii Frech 2 ) aus dem Stromato- 
porenkalk des mittleren Kwenlun, China. 

Clathrodictyon Philoclymenia Frech 3 ) aus dem Oberdevon 
ist merkwiirdigerweise in einem Exemplar in einer Entfernung 
von einigen Kilometern von dem Fundort der beschriebenen Art 
entdeckt worden. Die Art unterscheidet sich durch sehr viel 
grobere Struktur. 

Vorkommen: Mittelunterdevon des oberen Valentin -Tals. 

Zusammenfassung. 

Wie sich aus der Tabelle ergibt, lassen sich die genau 
bestimmbaren Formen, oder die, welche ihre Verschieden- 
heit von schon beschriebenen Formen erkennen lassen, nur zum 
geringen Teil (etwa 11 von 35) auf schon bekannte Species aus 
anderen Gebieten beziehen. Fur die Cystiphylliden und Favositen 
trifft diese Bemerkung am wertigsten zu. Obwohl die meisten 
Arten dem karnischen Meer eigentiimlich sind, iiberwiegen doch 
die Species, die auf Beziehungen zu dem deutschen Mitteldev.on 
hindeuten. Wie in den anderen Tierklassen, am ausgepragtesten 
wohl bei den Braclriopoden und Crinoiden, sind die Vorfahren 
der mitteldevonischen Korallenfauna von Westdeutschland und 
den sich unmittelbar daranschlieBenden Gebieten von Belgien 
und Nordfrankreich nicht in den obefen Helderberger und 
Hamiltonschichten von Nordamerika, sondern in den unter- 
devonischen, karnischen Riffkalken zu suchen. So stimmen unter 
den 35 bestimmbaren und beschriebenen, unterdevonischen Arten 
nicht weniger als 25 oder ungefahr 2 / 3 entweder mit den mittel- 
devonischen Formen direkt uberein oder stehen diesenamnachsten. 

Mit mitteldevonischen Formen verwandt sind: 
Amplexus Frechi n. sp. (ex aff. Ampl. hercynicus A. Roemer), 
Columnaria symbiotica n. sp. (verwandt mit Columnaria rhenana 
Frech), 

Cyathophyllum vermicular e Goldfuss mut. n. carnicum, 

„ volaicum n. sp. (ex aff. Cyath. vermiculare Goldf.), 

„ cdpinum n. sp. (ex aff. Cyath. dianthus Goldf.), 

„ n. sp. (ex aff. Cyath. dianthus Goldf.), 

„ syringoporoides n. sp. (ex aff. Cyath. minum 

A. Roemer), 



') Diese Zeitschr. 1893, 45, S. 624, Taf. 28, Fig. la, b. 

a ) v. Richthofen, China, V, 1911, S. 55, Taf. 7, Fig. 11a, b. 

3 ) Diese Zeitschr. 1885, 37, S. 118. 



389 



Endophyllum carnicum (ex aff. End. acanthicum Frech), 

„ sp. ex aff. End. acanthicum Frech, 

Favosites reticulatus Blatnv. mut. n. praecursor, 

„ pro aster is cus n. sp. (ex aff. Fav. asteriscus Frech), 
Alveolites suborbicularis Lam. mut. n. volaicus, 

„ (Caliapora) Frechi n. sp. (ex aff. Caliapora Battersbyi 
M. Edw. et. Haime), 
Stromatopora celloniensis n. sp. (ex aff. Stromatopora Beuthi. Barg), 
Stromatoporella volaica n. sp. (ex aff. Stromatoporella stellifera 
A. Roemer), 

Clathrodictyon carnicum n.sp. (ex aff. Clathrodictyon regulare Rosen). 

Sieht man von den, dem karnischen Meer eigentumlichen 
Form en ab, so finden sich etwa 10 von den 11 der bisher be- 
kannten Arten in dem Mitteldevon anderer Gebiete. Auch 
diese Tatsache lafit die oben hervorgehobene Beziehung der 
unterdevonischen Fauna zu dem Mitteldevon sehr deutlich er- 
kennen. 

Die Arten, die sich yon den mitteldeyonischen Formen 
kaum oder gar nicht unterscheiden lassen, sind: 
Cyathophyllum helianthoides Goldf., 

„ cf. heterophyllum M. Edw. et Haime, 

„ cf. hallioides Frech, 

„ dianthus Goldf., 

„ macrocystis Frech, 

Cystiphyllum vesiculosum Goldf., 

„ cristatum f Frech, 

Favosites Goldfussi M. Edw. et Haime. 

„ polymorphus Goldf., 
Striatopora subaequalis M. Edw. et Haime. 
Demgegeniiber besitzen nur die folgenden zwei Arten 
nahere Beziehungen zu dem Silur: 

Heliolites confnensis n. sp. (ex aff. Bel. interstinctus Linne), 
Thecia Swinderenana Goldf. mut. n. devonica, die als einziger 
Auslaufer der obersilurischen Fauna in dem Unterdevon der 
Karnischen Alpen aufgefaBt werden konnte. 

Die einzige mit den unterdevonischen Schichten 
anderer Gebiete gemeinsame Art, ist Aspasmophyllum 
ligeriense Barrois. Auch diese Art deutet auf die nahere Yer- 
wandtschaft der unterdevonischen und mitteldevonischen Fauna 
hin, zumal die einzige andere bekannte Art der Gattung, Aspas- 
mophyllum pMlocrinum F. Roemer, in dem Eifler Kalk bei Gerol- 
stein vorkommt. 

Ein Vergleich mit anderweitigem Unterdevon ist erschwert, 
hauptsachlich wegen der verschiedenen Facies, von der augen- 



390 



scheinlich die Korallen, wie Crinoiden. recht abhangig sind. 
So enthalten die Sandsteine iiberall, wie z. B. in Westdeutsch- 
land, nur wenige oder fast gar keine Korallen, die sich in 
reinem Kalk oder tonigen Kalken reichlich einzustellen pflegen. 
Folglich kommen Korallen in dem schiefrigen oder sandigen 
Unterdevon der Eifel fast gar nicht vor, wahrend sie in dem 
allerdings etwas unreinen Kalk des Mitteldevons massenhaft 
vertreten sind. 

Dagegen wurden Korallen aus dem kalkigen Unterdevon 
des Urals von Tschernyschew und aus Bohmen von Barrande 
(Pocta) beschrieben. Da jedoch aus dem Ural im ganzen nur 
12 Species beschrieben worden sind, ist ein Yergleich mit diesem 
Gebiet ziemlich schwierig. Doch sind in der kleinen, 13 Arten 
umfassenden Faunula, die bis jetzt bekannt ist, nicht weniger 
als 5 Form en enthalten, die nahe Yerwandtschaft mit den kar- 
nischen zeigen. Diese sind: 

Cystiphyllum cristatum? Frech (Ural, Ostabhang), 

„ intermedium Tscherny (Ostabhang). Die karnische 
Form ist Cystiphyllum intermedium mut. n. densum, 
Favosites Goldfussi M. Edw. et Haime (Ost- und Westabhang), 

„ polymorphus (Ostabhang), 
Heliolites inter stinctus Linne (Ostabhang). Die karnische Form 
ist Heliolites confinensis n. sp. 

Bemerkenswerter ist jedenfalls die groflere Ahnlichkeit der 
Fauna des karnischen Unterdevons mit der des Urals als der 
karnischen und der gleichaltrigen Schichten (F 2 ) von Bohmen, 
in denen nur das auch in dem karnischen Meer vorkommende 
Aspasmophyllum ligeriense Barrois auftritt. Hervorznheben aber 
ist, daB die genannte Aspasmophyllum- Art, welche in Bohmen 
und den Karnischen Alpen massenhaft auftritt und in Erbray 
in einzelnen Exemplaren vorkommt, im Ural fehlt. 

Nur insofern, als die unterdevonischen Faunen anderer Ge- 
biete nahe Beziehungen zu dem Mitteldevon zeigen, sind ge- 
meinsame Arten vorhanden. Abgesehen von dem dem Unter- 
devon eigentiimlichen Aspasmophyllum ligeriense Barrois finden 
sich daher in Erbray nur die mitteldevonischen Form en Favo- 
sites polymorphus Goldf. und Striatopora subaequalis Lam., die 
ebenfalls in den Karnischen Alpen gesammelt wurden. Ver- 
wandte Formen sind Amplexus hercynicus A. Roemer (karnische 
Form: Amplexus Frech i n. sp.), Heliolites interstinctus LiNXE (kar- 
nische Form: Heliolites confinensis n. sp.). 

Ebenso kommen im Unterdevon von Asturien nur die Formen 
Cystiphyllum vesiculosum Goldf., Favosites Goldfussi M. Edw. et 
Haime, Favosites polymorphus Goldf. und Striatopora subaequalis 



391 



Mich, vor, die neben ihren mitteldevonischen Vorkommen im 
Unterdeyon der Karnischen Alpen auftreten. Yerwandte Formen 
sind Favosites reticulatus (Karnische Form: Favosites reticulatus 
Blainv. var. n. praecursor) und Alveolites sub orbicularis Lam. 
(Karnische Form: Alveolites sub orbicularis Lam. mut. n. volaicus). 

Obwohl in dem Unterdeyon der Karnis chen Alpen Ver- 
treter von fast samtlichen Gattungen vorkommen, die im 
Mitteldevon eine bedeutendere Entwicklung erfahren, wie 
Amplexus, Aspasmophyllum, Zaphrentis, Cyathophyllum, Endophyl- 
lum, Cystiphyllum, Heliolites, Favosites, Alveolites, Caliapora, Stria- 
topora, Syringopora und die Siromatoporoidea, ist das Fehlen 
der mitteldevonischen Gattungen Calceola, Clisiophyllum, Diplo- 
hone und Mesophyllum {== Actinocystis) bemerkenswert. 

Dagegen sind die typischen silurischen Gattungen 
Streptelasma , Qmphyma , Goniophyllum, Ptyclwphyllum, Stauria, 
Polyorophe, Lindstromia und Plasmopora ganzlich verschwunden. 

Bemerkenswert ist ferner das ziemlich haufige Auftreten 
der Stromatoporoiden im Unterdevon dieses Gebietes. 
Nicht weniger als drei Gattungen, die im Mitteldevon eine 
auflerordentliche Yerbreitung haben und an Arten reich sind, 
sind im Unterdevon der Karnischen Alpen vertreten. Das 
Fehlen dieser Gattungen in gleichaltrigen sowie in den liegen- 
den und hangenden Schichten von Bohmen ist wohl auf schlechte 
Erhaltung zuriickzufiihren. 

Nicht ohnelnteresse ist das Auffinden dersymbiotischen „Cau- 
nopora u ,;da es zweifellos beweist, daJ3 dieLebensbedingungen in den 
unterdevonischen Meeren ganz ahnlich wie in den spateren 
mitteldevonischen waren. 

Eine Ubersicht tiber die einzelnen Arten und deren Vor- 
kommen in anderen Gebieten des kalkigen Unterdevons oder 
des Mitteldevons gibt die folgende Tabelle. Nicht mit auf- 
genommen sind die einzelnen, spezifisch nicht naher bestimm- 
baren Formen. Monticulipora sp. und Hallia sp. seien nur als 
Belege fur den Gattungsreichtum erwahnt. 

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F. Frech: Die palaozoischen Bildungen von Cabrieres (Languedoc). 

Diese Zeitschr. 39, S. 360, 1887. 
F. Frech: Uber die Altersstellung des Grazer Devons. Mitteilungen 

d. naturw. Vereins fur Steiermark S. 3, 1887. 
F. Frech: Uber das Devon der' Ostalpen. Diese Zeitschr. 39, S. 659, 

1887. 

F. Frech: Uber das rheinische Unterdevon und die Stellung des „Hercyn". 

Diese Zeitschr. 41, S. 175, 1889. 
F. Frech: Die Karnischen Alpen. 1894. 

F. Frech: Uber unterdevonische Korallen aus den Karnischen Alpen. 

Diese Zeitschr. 48, S. 191, 1896. 
F. Frech: Lethaea palaeozoica. Bd. II, 1897—1902. 
F. Frech: China, Ergebnisse eigener Reisen and darauf gegriindeter 

Studien von Ferdinand Freiherrn v. Richthofen. Bd. V, 1911. 
Goldfuss: Petrefacta Germaniae. Bd. I, 1826 — 33. 
James Hall: Natural History of New- York. Vol. II, 1852. 
James Hall: Illustrations of Devonian Fossils. 1876. 

E. Kayser: Neue Fossilien aus dem rheinischen Devon. Diese Zeit- 

schr. 24, S. 653. 1872. 
Mc. Coy: British Palaeozoic Fossils. 1855. 

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H. Alleyne Nicholson : On some new or imperfectly known Species 

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of Nat. Hist. Ser. V Vol. VII, S. 14, 1881. 
H. Alleyne Nicholson: A Monograph of the British Stromatoporoids. 

1886-1892. 

D'Orbigny: Prodrome de Paleontologie Stratigraphique Tome III. 1852. 
Quenstedt: Petrefactenkunde Deutschlands. Die Rohren- und Stern- 
korallen. 1881. 

F. Romer: Geologie von Oberschlesien. 1870. 

F. Romer: Eine neue devonische Korallengattung aus der Eifel. 

Schles. Ges. fur vaterl. Kultur, 1879. S. 184. 
F. Romer und Fr. Frech: Lethaea palaeozoica Bd. I, 1880—97. 
F. A. Romer: Beitrage zur Kenntnis des nordwestlichen Harzgebirges. 

Palaeontographica Bd. 3, 5, 9, 13. 
F. v. Sandberger: Uber die Entwicklung der unteren Abteilung des 

devonischen Systems in Nassau. 1889. 
Schluter: Authozoen des rheinischen Mitteldevons. 1889. 
Th. Tschernyschew: Die Fauna des unteren Devons am Westabhang 

des Urals. Memoires du Comite Geologique Vol. Ill, Nr. 1, 1885. 



393 



Th. Tschern yschew '. Beschreibung des Central-Urals und des Westab- 

hanges. Allgemeine geologische Karte von RuBland, Blatt 139. 

Memoires du Comite Geologique Vol. Ill, Nr. 4, 1889. 
Th. Tschernyschew : Die Fauna des unteren Devons am Ostabhang 

des Urals. Memoires du Comite Geologique Vol. IV, No. 3, 1893. 
Weissermel: Die Korallen der Silurgeschiebe Ostpreufiens und des 

ostlichen Westpreufiens. Diese Zeitschr. 46, S. 580, 1894. 



A n h a n g. 

Obersilurische Korallen vom Westabhang des Findenig- 
Kofels bei Paularo. 

Tetracoralla. 

Cyathophy llidae. 

Cyathophyllum. 

Cyathophyllum articulatum Wahlenberg. 

1821 Madroporites articulatus Wahlenberg. Nova Acta Soc. Upsala I, 
8, S. 87. 

1840 Cyathophyllum caespitosum Eichwald. Sil. System in Esthland, 
S. 203. 

1850 Cyathophyllum caespitosum D'Orbigny. Prodr. de Paleontologie 
Bd. I, S. 47. • 

1851 Strephodes Craigensis Mc. Coy. Brit. Palaeoz. Corals S. 30, Taf. 
lc, Fig. 10. 

1851 Cyathophyllum articulatum M. Ed\v. et Haime. Polypiers foss. des terr. 
paleoz , S. 377. 

1854 Cyathophyllum articulatum iidem. Brit. Foss. Corals, S. 282, Taf 
67, Fig. 1, la. 

1858 Cyathophyllum articulatum Fr. Schmidt. Unters. iiber d. Silurfor- 
mation, S. 233. 

1860 Cyathophyllum articulatum M. Edwards. Hist. nat. des Cor. Bd. 3, 
S. 377. 

1860 Cyathophyllum articulatum Eichwald. Lethaea rossica, S. 536. 
1873 Cyathophyllum articulatum Dybowski. Rugosa Corals, S. 21, Taf. 
3, Fig. 1, a, b. 

1882 Cyathophyllum articulatum Lindstrom. Silur aus Nord-RuBland 
und Sibirien, S. 16. 

1883 Cyathophyllum articulatum F. Romer. Lethaea palaeozoica, S. 335, 
Taf. 10, Fig. 2. 

1894 Cyathophyllum articulatum Weissermel. Korallen d. Silurgeschiebe 
Ostpreufiens. Diese Zeitschr. S. 589, Taf. 47, Fig. 1. 

Die Koralle ist einfach und zylindrisch. Da kein Exem- 
plar vollstandig erhalten ist, ist es unmoglich, die GroBenver- 
haltnisse der Koralle festzustellen. Der Durchmesser des 
grofiten, vorliegenden Stiickes betragt etwa 2 cm. Die meist 
durch Verwitterimg zerstorte Theca ist sehr dtmn und ziemlich 
undeutlich langsgestreift. Anwachswiilste treten nicht hervor. 



394 



Bei einem Exemplar sind zwei die Mitte genau schneidende, 
entgegenstehende Seitensepten miteinander derart verwachsen, 
dah* sie in einer ununterbrochenen Linie fortlaufen. Dieses Merk- 
mal kommt auch bei anderen, silurischen Arten yor, beispiels- 
weise bei CyathophyUum pachyphyUoides Lindstrom 1 ) und Cya- 
thophyllum densum Lindstrom 2 ). Es sind im ganzen 32 + 32 
Septen Yorhanden. Sie stolen nicht mit den zwei Yereinigten 
Seitensepten zusammen, sondern sind undeutlich fiederstellig 
angeordnet und Yerlaufen geradlinig bis zur Mitte, ohne sich zu 
einer Pseudocolumelle zu Yerschlingen. Zwischen die Primar- 
septen schieben sich die ebenfalls zierlichen und diinnen Septen 
zweiter Ordnung ein. Alle Septen sind durch sehr feine Dissepi- 
mente Yerbunden. Die Septen zweiter Ordnung sind nur 2 / 3 
so lang wie die erster Ordnung. 

Die Bestimmung griindet sich auf Vergleich mit mehreren 
sich in den Breslauer Sammlungen befindenden Exemplaren 
aus dem Obersilur Yon Wisby. 

Tabulata. 

Favositidae. 

Favosites. 
Favosites Forbesi M. Edw. et Haime. 

1829 Calamopora basaltica (pars) Goldfdss. Petref. Germ. Vol. I, S. 78, 
Taf. 26, Fig. 4b. 

1850 Favosites Gothlandica D'Orbigny. Prodr. de Paleontologie Tome 
I, S. 48. 

1851 Favosites Forbesi M. Edw. et Haime. Polypiers foss. des terr. paleoz. 
S. 238. 

1854 Favosites Forbesi iidem. Brit Foss. Corals, S. 258, Taf. 60, Fig. 
2a-g. 

1860 Favosites Forbesi Milne Edwards. Hist. nat. des Cor. Vol. Ill, 
S. 253. 

1860 Calamopora Forbesi Eichwald. Lethaea rossica I, 1, S. 468. 
1868 Favosites Forbesi Lindstrom. v. Pichthofen China IV, S. 53. 
1876 Favosites tuberosus Rominger. Geol. Survey of Michigan. Lower 

Peninsula, S. 31, Taf. 9, Fig. 1, 2. 
1879 Favosites Forbesi Nicholson. Tabulate Corals, S. 56, Taf. 1, Fig. 

1—7, Taf. 2, Fig. 1—3, Taf. 3, Fig. 1—3. 
1881 Favosites Forbesi Nicholson. Species from Devonian Rocks of 

France, S. 21. 

Die sehr stark verwitterten , verkieselten Stiicke besitzen 
regelmaBige, polygonale Kelche mit einem Durchmesser von 

') Obersilurische Korallen von Tschau-Tien. v. Richthofen, China, 
Bd. IV, Taf. 6, Fig. 6. 

2 ) a. a. 0., Taf. 6, Fig. 3. 



395 



2 — 5 mm. Sie zeigen keine Spur von Septen und die Wand- 
poren sind nur an einigen Stellen zu sehen, wo sie sich als 
klein, mittelstandig und einreihig zeigen. 

Die sehr wohl entwickelten Boden sind wagerecht und 
dicht gedrangt, so da£ 9 oder 10 in einer Entfernung von 5 
mm liegen. 

Trotz der von den gotlandischen Exemplaren abweichenden 
Erhaltung stimmen die beschriebenen Stiicke mit diesen in der 
Form und Ungleichheit des Kelchdurchmessers sehr gut iiberein, 
so daB an der Richtigkeit der Bestimmung kaum ein Zweifel 
bleibt. Die mir vorliegenden Gotlauder Stiicke sind von Lind- 
strom selbst als Favosites Forbesi bestimmt. 

Vorkommen: Die Stiicke stammen nicht von Paularo, wo 
Frech zuerst die obersilurischen Korallen beschrieben hat, 
sondern von Cellonkofel, dessen Gebirgsmasse ebenfalls aus Silur 
besteht. Bisher war von Cellonkofel nur der obersilurische 
Orthoceraskalk bekannt. Dieses Yorkommen obersilurischer 
Korallen ist somit neu. Es liegt etwa 6 — 8 km von Paularo 
entfernt. 

Alveolites. 
Alveolites Labechei M. Edw. et J. Haime. 

1840 Calamopora spongites Eichwald. Sil. System in Esthland S. 197. 
1851 Alveolites Labechei M. Edw. et J. Haime. Polypiers Foss. des terr. 

paleoz. S. 257. 
1851 Alveolites Grayi. Ibid. S. 258. 

1854 Alveolites Labechei M. Edw. et J. Haime. Brit. Foss. Corals S. 262, 

Taf. 61, Fig. 6a— b. 
1854 Alveolites Grayi iidem. Ibid. S. 262, Taf. 61, Fig. 2— 2a. 
1858 Alveolites' Labechei Fr. Schmidt. Untersuchungen iiber d. Sil. Form. 

v. Esthland S. 229. 
1860 Alveolites Labechei M. Edwards. Hist. nat. des Cor. 3, S. 265. 
1879 Alveolites Labechei A. Nicholson. Tab. Corals S. 128, Taf. 6, Fig. 

3— 3a. 

1883 Alveolites Labechei F. Romer. Lethaea palaeozoica S. 442. 
1894 Alveolites Labechei Frech. Karnische Alperi S. 233. 

Die vorliegenden Stiicke sind vollstandig verkieselt. Die 
Erhaltung ist infolgedessen nicht besonders gut und eine Unter- 
suchung der Innenstruktur im Diinnschliff unmoglich, da ver- 
kieselte Stiicke sich zur Herstellung solcher Schliffe nicht eig- 
nen. Doch laflt sich folgendes beobachten: 

Der Korallenstock besteht aus aneinanderliegenden, eng zu- 
sammengedraugten Polypen. Sie sind sehr diinnwandig und 
besitzen nur geringen Durchmesser. Sie miinden mit schief- 
stehenden, kleinen, unregelmaflig halbmondformigen Kelchen, 
so daJ3 die Form eines schiefverzerrten Dreiecks entsteht. Auf 



396 



der langeren Seite des Dreiecks beobacktet man zuweilen Septal- 
dornen. Hingegen sind Poren und Boden durch die ungiin- 
stige Erhaltung yerwischt. 

Caliapora Schluter. 
Alveolites (Caliapora) carnicus n. sp. 

Der Torliegende Stock, dessen Struktur grofltenteils yerkieselt 
ist, besteht aus zaklreicken, fest aneinanderliegenden Indiyiduen. 
Ikr Durchmesser betragt ca 1 mm, selten weniger. 

Im Langssckliff sind die Zellenwande sehr schon zu erkennen. 
Die Boden sind ebenfalls gut ausgebildet; ihr gegenseitiger 
Abstand betragt etwa 1 mm. Die fur die Untergattung 
ckarakteristiscken, gebogenen, dornenaknlicken Yorspriinge gehen 
\*on der Wand aus und sind stets nack innen und aufwarts 
gericktet. Die Dornen sind dicker an der Anwacksstelle als an 
der freien Spitze. Die Entfernung zwiscken je zwei Dornen ist 
an der Abzweigungsstelle sekr gering, etwa 0,5 mm. Die Dornen 
selbst sind etwas langer als ikr gegenseitiger Abstand und reicken 
etwas uber die Mittellinie der Kelcke kinaus. In der Mitte 
stoBen sie nickt z'usammen, sondern alternieren. Die obige Be- 
sckreibung der Dornen trifft nur dann zu, wenn der Scknitt 
genau durck die Mitte der Zellen lauft. Die Lage des Scknittes 
und das entspreckende Bild wurde von Schluter 1 ) in seiner 
Besckreibung yon Alveolites (Caliapora) Battersbyi M. Edw. et 
Haime ausfiihrlick auseinandergesetzt. 

Dieses einzige Exemplar entsprickt der Besckreibung yon 
Alveolites (Caliapora) Battersbyi aus dem deutscken und engliscken 
Mitteldeyon fast genau und la!3t sick kaum Ton der genannten 
Art untersckeiden. Yon der mitteldeyoniscken Form ist die 
unterdevoniscke nur durck ein einziges Merkmal zu untersckeiden. 
Dieses Merkmal ist die erkeblick geringe Ausbildung der Dornen 
bei dem karniscken Stiick. Yon der dritten Art der Gattung 
Alveolites (Caliapora) Frechi untersckeidet sick die besckriebene 
Art durck den grofieren Durckmesser der einzelnen Individuen 
sowie die geringe Ausbildung der Poren. 

Monticulipora D'Orbigny. 

Diplotrypa Nicholson. 

Monticulipora (Diplotrypa) petropoktana Pander. 

1830 Favosites petropolitanus Pander. Beitriige zur Geognosie des rus- 
sischen Keickes S. 105, Taf. 1, Fig. 6, 7, 10, 11. 



] ) Anthozoen des rheinischeii Mitteldevons, S. 95. 



397 



1877 Dianulites petropolitanus Dybowski. Die Chaetetiden S. 24, Taf. 1, 
Fig. 4 u. 5. 

1879 Montkulipora petropolitana Nicholson. Palaeoz. Tabulate Corals 

S. 313, Taf. 13, Fig 3 -3c. 
1881 Monticulipora (Diploirypa) petropolitana Nicholson. Palaeoz. Corals 

— Monticulipora S. 156, Fig. 30. 

Zwei kleine, zierliche Exemplare liegen vor, deren Skelett 
verkieselt ist und deren Ausfiillung aus Kalk besteht. Das 
kleine Stuck betragt ca 20 mm, das groBe 3,5 cm, doch handelt 
es sich in beiden Fallen urn Bruchstiicke. 

Die Rohren sind regelmaBig polygonal, fiinf- oder sechs- 
seitig und liegen dicht aneinander. Ihr Durchmesser ist bei dem 
kleinen Stiick so gering, daB ungefahr 12 — 16 Rohren im Raum 
von 5 mm liegen, so daJ3 sie etwas kleiner als die gotlandischen 
Formen sind. Auf dem Vertikalschnitt sind die Kelche parallel 
gestellt, kleinere schieben sich dazwischen ein und diirften als 
jiingere Individuen aufgefaBt werden. Sowohl groBe wie kleine 
Individuen sind mit zahlreichen, zusammengedraugten Boden 
ausgestattet, deren Abstande ca */ 4 mm betragen. 

Mit vorliegenden, yon F. Romer bestimmten Exemplaren von 
Monticulipora petropolitanc aus dem Geschiebe von Sadewitz 
zeigen diese zwei kleinen Stiicke eine grofle Ahnlichkeit. Doch 
laflt sich die Bestimmung nicht ganz sicher ausfiihren, erstens 
da die Sadewitzer Stiicke viel hoher liegen als die von Pander 
aus dem Untersilur bei Petersburg beschriebenen Exemplare, 
zweitens da diese verkieselten, karnischen Stiicke sich zur An- 
fertigung von Diinnschliffen nicht eignen. 

Vorkommen: Aus dem obersilurischen Korallenkalk vom 
Siidabhang des Findenig — Kofels. 

Actinostroma Nicholson. 

Actino stroma intertextum Nicholson. 

1886 Actinostroma intertextum Nich., Brit. Stromatoporoids S. 76, Fig. 10. 

1889 Actinostroma intertextum, ibid. S. 138, Fig. 8—11. 

1894 Actinostroma intertextum Frech, Karnische Alpen S. 233. 

Die Gestalt der vorliegenden, verkieselten Exemplare ist 
halbkugelig. Das groBte Stiick hat ca. 7 cm Lange und 
3,5 cm Hohe. Das Coenenchym besteht aus undeutlich ge- 
sonderten, verhaltnismai3ig dicken Radialpfeilera, welche zahl- 
reiche, in regelmaBigen Abstanden horizontale, strahlenformig 
angeordnete Fortsatze aussenden, die derart miteinander ver- 
schmelzen, daB im Vertikalschnitt rechtwinklige Maschen ent- 
stehen. Die Radialpfeiler durchsetzen mehrere, aufeinanderfol- 
gende Lamellen und Interlamellenraume und sind nicht auf 



398 



einen Interlamellenraum beschrankt. Es ist mir gelungen, Radial- 
pfeiler zu verfolgen, die sich durch 15 Interlaminarraume setzen. 
Sehr wahrscheinlich reichen sie durch bedeutend weitere Strecken, 
da es unnioglich ist, erne grofie Elache zu finden, die den Radial- 
pfeilern genau parallel lauft; denn die letzteren selbst sind mehr 
oder weniger zirkular gebogen. 

Die Oberflache ist mit sehr winzigen, zusammengedrangten 
Hockerchen bedeckt, die den oberen Enden der Pfeiler ent- 
sprechen. Das Gewebe ist auflerordentlich fein, denn die Radial- 
pfeiler sind nur' J / 4 mm voneinander entfernt. Die Abstande 
der konzentrischen Laminae sind etwa ebenso klein wie die 
der Radialpfeiler. Die letzteren bestehen aus einem sehr porosen 
und feinverzweigten Gewebe. Im Bau dominieren die vertikalen 
Elemente iiber die horizontalen Lamellen. Trotz der groBeren 
Dicke der Yertikalsaule aber macht sich die horizontale Struk- 
tur durch die Yerwitterung sehr deutlich bemerkbar; denn durch 
die letztere sind ziemlich grofie Kliifte entstanden, die der Basis 
und den Lamellen parallel gestellt sind. Der fast regelmaBig 
gleiche Abstand dieser Lagen — etwa 5 mm — ist wahrscheinlich 
durch Verschiedenheit der Yerwitterung yerursacht. 

Nach Nicholson unterscheidet sich Actinostroma intertextum 
von den anderen Arten der Gattung durch die Feinheit der 
Radialpfeiler und die lose, netzformige Struktur der Laminae. 



VerzeiGhnis der Arten des unterdevonischen Riffkalkes. 









>> 




Andere 






s 

:0 


ei 




Fund- 












punkte 


Bd. 46 


THlobita 










S. 448 Taf . 30 Fig. 1 a, b 


Calymene reperta Oehl. 




+ 






,, 448 30 4 


Harpes venulosus 












Cord a 


+ 


+ 






449 30 4 


Cyphaspis hydrocepha- 












lus A. ROEMER 


+ 






Schee- 
renstieg 












(Harz) 




Bronteus sp. 










Acidaspis sp. 












Proetus cf. orbitatus 












Barr. 












Proetus sp. 












Cheirurus gibbus Beyr. 


+ 






G a 




, , Sternbergi Barr. 


+ 


+ 




G x Harz 


„ 450 33 ,, 4a, b 


Phacops Sternbergi 
Barr. 











399 







Bohmen 


Erbray 


Ural I 


A ink' re 
Fund- 
punkte 










CJej) h (i I oj) o (let 










s. 


450 Taf. 30 Fig. 3 


C yrtoceras pugio Barr. 


— 


— 


— 






450 


30 




Orthoceras discretum 


















Barr. 


+ 


— 


— 






452 


„ 30 


, 5a, b 


volajae Frech 



















fjrClStVOpOClCl 










* X )S. 118 


Taf. 11 Fig. 2 a, b 


Palaeoscurria ? capuli- 


















formis Spitz 








— 


*s. 


119 






Philhedra epigonus 












473 


„ 36 


, 4a, b 


Frech 








— 


* 


121 


„ 11 


,, 4a, b 


Bellerophon altemon- 


















tanus Sp. 








— 


* 


120 


„ 11 


, 13a, b 


angustomphalus 


















Spitz 








— 


* 


120 


„ 11 


, 6a, b 


equisitus Spitz 








— 


* 


119 


11 


„ 8, 9 


heros nov. nom. 


















Spitz 








— 


* 


122 


„ 11 


„ 14 


telescopus 












461 


„ 33 , 


, 6a, b 


Frech 








— 




4G0 


33 


, 7a-d 


Hintzei nov. 


















nom. Frech 








— 


* 


121 


11 


, 12a, b 


,, iners Spitz 








— 


* 


125 


11 


, 5 


Zonidiscus carnicusSp. 








— 


* 


125 


11 


, 7 


,, Geyeri nov. 








— ■ 




403 


„ 34 , 


, 2a — c 


nom. Frech 








— 


* 


123 


„ 11 , 


, 15-17 


/oriis Barr. var. 








— 










alpina Spitz 










* 


122 


„ 11 


, 10a, b 


,, parvus Spitz 








— 




462 


33 


, 3a — b 


,, involutus 


















Frech 








— 




462 


33 


, la-d 


insectus Frech 








— 


* 


130 


,, 12 


, 9a-b 


Pleurotomaria carnica 


















Frech 








— 


* 


130 


„ 12 


, 10-11 


,, euomphaloides 


















Spitz. 










* 


134 


„ 12 


, 1-3 


,, Frechi Spitz 










* 


130 


„ 12 


, 8 


coluber Barr. 


















var. alpina 


















Spitz 










* 


128 


„ 12 


, 6-7 


, , Grimb ur giF~KE.cn 












452 


,, 30 


, 2a-b 












* 


132 


12 , 


, 4 


,, italica Spitz 










* 


131 


12 


, 12-13 


evoluta Frech 











x ) Die mit einem Storn bezeichneten Arton stammcn aus der 
SpiTZschon Monographic: Dio Gastropoden dos karnischen Untor- 
devons. Beitrage zur Palaontologie und Geologie Osterreich-Ungarns 
und des Orients, 42, 1907. 



400 







Bohme.i 


| Erbray 


Ural 1 


Andere 
Fund- 
punkte 




455 Taf. 31 


r lg. o a — Q 












* 


126 




OA 

,, Z4 


rleurotomaria labrosa 


















Hall var. alpina 


















Spitz 










* 


134 


, , YZ 


14 — lO 


, , par ado xa 












459 


34 


6a — e 


Frech 










* 


132 


11 


oo 
, , zz 


, , quadrata Spitz 










* 


126 


„ 11 


Zo 


„ Taramellii 


















Spitz 










* 


L6Z 


,, 11 


,, 19 


,, trochiformis 


















Spitz 










* 


1 O A 

134 


lo 


,, Z 


Euomphalopterus bi- 


















carinatus Spitz 










* 






11 1Q 

, , 11 — lo 


E uomphalus ater Spitz 










* 


138 


13 


A K 
>5 4, 


carnicus Frech 











* 


IOC 

loO 


1 o 
lo 


io on 


Kokeni Spitz 








- 




137 


,, lo 


fi o 

b — 8 


, , lituites Spitz 










* 


137 


„ 13 


>> 1 / 


, , monticola Spitz 










* 


136 


,, 13 


, , 14 


solutus Spitz 










* 


142 


13 





Cyclonema immersum 


















Spitz 










* 


141 


13 


1 


, , per simile Spitz 










" 


A CKA 
404 


OK 

, , oO 


la — a 












* 


143 






Trochus alpinus Frech 












A CKCX 


„ <54 


la — D 












*" 


143 


14 


6 — 8 


Pinnae Frech 












466 


,, 34 


,, oa — e 












* 


145 


14 


i/i ik 
14 — 10 


,, conspicuus 


















Spitz 










* 


144 


)> 14 


j? 3 


Scupini Spitz 










* 

J > 


144 


„ 14 


12 


,, btacnei Spitz 










* 


144 


„ 14 


z 


, , vilis Spitz 










* 


151 


15 




Murchisonia altevittata 


















Spitz 










* 


148 


„ 14 




, , concava Spitz 










* 


150 


„ 14 


13 


,, convexa Spitz 










* 


147 


„ 15 


„ 1-2 


Davyi Barr. 


















var. alpina 


















Spitz 










* 


146 


„ 15 


„ 8 


9^ Jti.Lt/ Wot// v k/i J.1/J 










* 


150 


„ 14 


18-19 


, , fornicata Spitz 










* 


149 


„ 14 


„ 10 


rotundata nov. 


















nom. Spitz 










* 


146 


14 


,, 20 


semiornata Sp. 










* 


152 


14 


„ 17 


Loxonema ingens 












466 


„ 35 


2a — b 


Frech 










* 


152 


14 


„ 16 


magnificum Sp. 










* 


151 


„ 15 


3, 4 


rectangular e Sp. 











401 







Bohmen 


Erbray 


! Ural 


Andere 
Fund- 
punkte 


*s. 


153 






Macrochilina Frechi 












468 Taf. 35 Fig. 4 a 


-b 


Spitz 








— 




153 






? subtilis Spitz 








— 




468 „ 35 , 


, 6a 


— c 














154 ,, 14 , 


, 23 


-26 


Holopella enantiomor- 










> > 


467 35 , 


, 3a 


— c 


pha Frech 








— 




155 14 , 


, 4, { 




? incerta Spitz 








— 


*,, 


154 ,, 14 , 


, 22 




dilatata Spitz 








— 


* 


156 15 , 


, 17- 


-19 


Naticopsis ? gracilis 


















Spitz 








— 




156 15 , 


, 29 




? minima Spitz 








— . 


* 


156 






Turbonitella Verae 












476 36 , 


, la 


— c 


Frech 








— 


* 


167 16 , 


10 




Hercynella bohemica 


















Barr. var. 


















,, plana Spitz 








— 


* 


168 16 , 


2 — 


o 

6 


, , carnica Spitz 








— 




159 15 , 


10 




Strophe-stylus decipiens 


















Spitz 








— 




159 ,, 15 , 


30 




, , Perneri Spitz 








— 




161 15 , 


, 24 




Platyceras Holzapfeli 


















Spitz 








— 


* 


160 „ 15 , 


35 




,, Oehlerti Spitz 








— 


* 


162 15 , 


33 




Orthonychia nuda 


















Spitz 








— 


* 


165 15 , 


20 




, , obliquestriata 


















Spitz 










* 


166 15 , 


40 




,, obliques ulcata 


















Spitz 










* 


166 „ 15 , 


39 




obliques ulcata 


















Spitz var. sca- 


















biosa Spitz 










*,, 


166 ,, 15 , 


38 




planidorsata Sp. 








— 


* 


168 16 , 


11, 


12 


Tubina Geyeri Spitz 








— 


* 


169 16 , 


1 




Guniaria uneca Spitz 








— 










Vermes 










s. 


169 Taf. 34 Fig. 7 




Cornulites devonicus 


















Frech 













Bd. 57 






JLJlAjllVtsVVt/%J 1 lli 1 Vis 1 1 IWVW' 










s. 


93 Taf. 5 Fig. 


22 




Aviculopecten (Pterino- 


















pecten) Niobe Barr. 


















var. 


+ 










94 „ 5 „ 


9 




Avicula scala mut. 


















devonica Frech 












95 5 „ 


7, 8 




palliata Barr. 


+ 






Unter- 
Helder- 




96 ,, 5 


4, 5 




Pie tinea (?) post- 
















costatula Scupiist 








terg. 



Zeitschr. d. D. Geol. Ges. 1914. 



402 







Bohmen 




QQ 


1 ai. Jb lg. A 


Amphicoelia europaea 










Frech 






Q8 


J» " >J ° 


Myalina declivis SCU- 










PIN 




>» 


QQ 

yy 


-Lextiigur 1 


Myalinoptera alpina 










Frech 








lai. D x 1 lg. 6, 4 


Ctenodonta Frechi Scu- 










pin 








ft 11 


Cypricardella discoidea 










Barr. sp. 


1 

-r 




101 


Textfigur 2 


Cypricardinia aff. 










squamosa Bake. 


- 


» > 


102 


lai. b Jjig. 8 


Praelucina Beushau- 








seni Scupin 






1 A/I 


lextiigur 6 


Chaenocardiola Holz- 








nnipli Spttptnt 










Conocardium bohemi- 










cum var. longula 










Bare. 


1 


»» 


1 Aft 


Taf ft T?ifT 1 A 

x ai . o Jc lg. lu 


,, micella Bare. 






1 AT 


ft o 

>> 6 9 


,, artifex Bare. 


1 

■+■ 




i r»n 

iuy 


»> « »> 9 


,, quadrans Bare. 


1 

~~r 




l no 
iuy 


ft ft 
O D 


,, volaicum Scupin 




»» 


1 1 n 

J. i. V 


ft 7 


,, Stachei Scupin 








Bd. 58 


X>i 11 CfilOjJOllll 




Q 
O, 


ZiLO 


Textfigur 4 


Chonetes subgibbosa 










Scupin 




»» 


91 K 


± ai. 1 1 J: lg. / , 


,, embryo Barr. 


O Cf 


>» 




„ 2 ,, 7, 8 


Strophomena rhomboi- 










dalis Wilck. 


1 


> » 


216 




,, Stephani Barr. 


1 




Ol fi 


it i 

11 ,, 1,2 


,, Phillipsi Barr. 






1 


,, 11 ,, 3,4 


,, Frechi Scupin 


~~ 


» > 


918 


Textfigur 5 


,, cf. convoluta 










Barr. 


4_ 




220 


„ 12 Fig. 9 


Dalmanella praecursor 










Barr. sp. 


+ 


»» 


221 


„ 12 „ 6,8 


,, praecursor var. 










sulcata Scupin 




»» 


221 


12 4 


,, occhisa Barr. 


+ 




222 


„ 12 „ 7 


,, palliata Barr. 


+ 




223 


„ 11 „ 6 


, , Fritschi Scupin 






223 


Textfigur 7 


,, aff. subcarinata 










Hall 




»> 


224 


8 


,, nov.spec. Scupin 






226 


9 


Rhynchonella ? Thetis 










Barr. sp. 


ei-g 3 




228 


Taf. 11 Fig. 9, 10 


,, pentagonalis Sc. 





Andere 
Fund- 
punkte 



+ 



Harz 
Harz 
Harz 



Harz 



Cabrie- 
res? 

Greifen- 
stein 



403 







Bohmen 


Erbray 


S. 229 


Taf. 12 


Fig. 2 


Rhynchonella cognata 
















Barr. 


+ 


+ 


230 


> > 


13 


2 




aff . monas Barr. 






„ 231 


9 9 


13 


„ 1 




lynx Barr. sp. 


e 2 





„ 232 


Textfigur 10 




aff. sifnulcLTis 
















Barr. 








„ 233 


Textfigur 11, 12 




carinthiaca Spitz 







„ 234 






13, 14 




Spitzi Sctjpin 


— 


- 


,, 236 






15 


" 


volaica Scupin 






„ 236 


Taf. 11 


Fig. 12, 13 


9 9 


nympha Barr. 






„ 236 




12 


„ 3,5 




et var. 


e 2— gl 


+ 


„ 238 


5 9 


13 


,. 6 


> J 


Proserpina 
















Barr. 


+ 





,, 239 








J» 


Amalthea, Barr. 


+ 





„ 239 




12 


„ 1 




Latona Barr. 


+ 





„ 240 




13 


3-5,7 




postmodica Scu- 
















PIN 





_ 


„ 243 


9 9 


13 


„ 8 




pseudopugnus 
















Scupin 


_ 





244 


J » 


14 


„ 1,2 




nov.spec. Scupin 


— 




„ 245 




14 


„ 3 




princeps Barr. 


e 2 -gi 


+ 


„ 246 




14 


,, 6, 8, 12 




carnica Scupin 






,, 248 




14 


„ 10 




carnica var. ? 


— 


- 


„ 248 


99 


14 


„ 4, 7, 9 




Bureaui Bar- 
















ROIS 




1 


„ 250 


Textfigur 16 




nov. spec. Scu- 
















pin 


— 


— 


251 








Pentamerus galeatus 
















Dalm. 




+ 


„ 251 


Taf. 15 Fig. 5 




pelagicus Barr. 


e 2 




„ 252 




14 


„ 5 


> > 


pseudogaleatus 
















Hall 





_ 


„ 252 




14 


„ 11 




optatus Barr. 


e 2 -f 2 




,, 254 




15 


„ 4 




Sieberi v. Buch 


+ 


+ 


„ 254 




15 


„ 2 




Janus Barr. 






„ 256 




15 


„ 1 


9f 


integer Barr. 






„ 257 




15 


93 3 


9 > 


integer Barr. 
















var. 






„ 257 




15 


„ 6 




procerulus Barr. 


+ 




,, 258 




15 


7 




procerulus Barr. 
















var. gradualis 
















Barr. 


+ 




„ 258 




15 


„ 14 


Megalanteris inornata 














d'Orb. sp. 




+ 



Andere 
Fund- 
punkte 



Harz 



+ 



Harz 



Harz 
Cabrie- 

res? 
Keller- 

wald 



Harz 



Unter- 
Helder- 

berg 

Greifen- 
stein 

Cabrie- 
res 
Harz 

Greifen- 
stein 



Harz? 



26 s 



404 







c 


>-. 
a 




A n t\ prA 






S 






Fund- 






:0 






punkte 


S. 262 Taf. 11 Fig. 11 


DidciStnCl T&CtdYiQuXoLtCL 












SCUPIN 










263 ,, 16 ,, 6 


,, cuneata Scupin 


- 




- 




„ 265 Textfigur 20 


,, Barroisi Scupin 




— 






265 ,, 21 


,, pumilio Scupin 








Harz 


269 Taf. 15 Fig. 8, 9, 17 


KcLvpinsTczcb conjugulct 

TSCHERNYSCHEW 






4- 




,, 270 15 „ 10, 11 


,, Tschernyschewi 

SCUPIN 










271 


Atrypa reticularis L. 


4- 


4- 


4- 


Harz 




, , retic ularis L . 
var. aspera 








Cabrie- 

res 
Harz 




SCBXOTH. 






4- 




271 „ 15 13 


,, semiorbis Bare,. 


+ 




+ 




272 15 ,, 20 


comata, Barr. 


4- 


4- 
i 






273 ,, 15 15, 18 


sublepida 












M. V. K. 






4- 






insolita Barr. 










,, 274 15 ,, 16, 20 


, , paradoxa Scu- 










„ 16 „ 1 


pin 


- 


- 


- 




,, 27b lexttigur 22 


,, Arachne Barr. 


+ 








,, 277 Taf. 16 Fig. 5 


Atliyris a£f. Campo- 
manesii d'Arch. 












Vern. 











„ 277 16 ,. 8—11 


M crista herculca 












*Ra"R~p var 








Greifen- 










stein 


,, 279 ,, 16 ,, 3 


Hecata Barr. 


— 


_ 


— 


Greifen- 
stein 


279 


, , passer Barr. 






4- 


Greifen- 


,, 281 16 ,, 7 


Meristella recta Bar- 




4- 




stein 
Cabrid- 




ROIS 


4_ 




res? 


,, 282 ,, 16 4 


Nucleospira concen- 












trica Hall 








Unter- 


,, 282 Textfigur 24 


,, nov.spec. Scupin 








Helder- 
berg 


283 Taf. 16 Fig. 2 


Freclii Scupin 








284 ,, 16 9, 10 


Retzia H aidincj eri 










284 Textfigur 25 


Barr. 


4- 


4- 






285 Taf. 16 Fig. 15 


pnYialUprrt Sptt. 












PIN 










,, 285 Textfigur 26 


Spirifer togatus Barr. 






+ 




,, 286 Taf. 16 Fig. 12 


superstes Barr. 








Harz 


,, 287 16 ,, 13,16,17 


Geyeri Scupin 






9 


Cabrie- 


„ 289 ,, 16 ,, 14 


pseudoviator 








res 




Scupin 










Textfigur 27,28 












,, 290 Taf. 16 Fig. 18 


Stachei Scupin 










„ 17 „ 6 












Textfigur 29 













405 



S. 292 Taf. 17 Fig. 3 



292 



293 
293 
294 

295 



17 



17 
17 
17 

17 



7, 8 



4 

1, 2 
14, 15 

5, 13, 16 



„ 296 Textfigur 30, 31 
„ 297 Taf. 17 Fig. 9-12 
„ 299 

Bd. 66 

S. 331 Taf. XXVIII Fig. 1 

„ 333 Taf. XXVIII Fig.2— 7 

Textfigur 1 
„ 335 Taf. XXVIII Fig. 8 
„ 337 Taf. XXIX Fig. 1 

Textfigur 2 
„ 339 Taf. XXIX Fig. 2 

Textfigur 3 
,,341 Taf. XXIX Fig. 4 

Textfigur 4 
„ 343 Taf. XXIX Fig. 3 

Textfigur 5 
„ 345 Taf. XXVIII Fig. 9 



S. 349 Taf. XXX Fig. 6 
„ 351 



„ 351 


„ XXXI „ 


3a, b 


,, 354 


„ XXX „ 


2, 3 


„ 352 


„ XXX „ 


la, b 






4, 5 


,, 356 


,, XXXI „ 


2a,b,c 


„ 357 


„ XXXI „ 


5 



Spirifer cf. inchoans 
Barr. 
, , Bischofi 
A. Roem. 



,, Theidis Barr. 
,, volatus Scupin 
,, Koegeleri Scu- 
pin 

,, carinthiacus Fr. 
,, tiro Barr. 
,, sub tiro Scupin 
Cyrtina heteroclita 
Defr. 

Crinoidea 

Cyathocrinus carnicus 
n. sp. 

Hexacrinus Rosthorni 
Frech 
,, Frechi n. sp. 
Megistocrinus devoni- 

cus n. sp. 
Melocrinus prostellaris 

Frech 
Rhipidocrinus prae- 
cursor Frech 
,, alpinus n. sp. 

Eucalyptocrinus ex af f . 
rosaceo Goldf. 

Tetracoralla. 

Petraia confinensis n. 
sp. 

Amplexus sp. indet. 
ex af f . irregularis 
Kayser 
,, Frechi n. sp. 
Zaphrentis alpina n. sp. 
Aspasmophyllum lige- 

riense Barrois 
Columnaria symbiotica 

n. sp. 
Gyathophyllum heli- 
anthoides Goldf. 



+ 



+ 



+ 



Andere 
Fund- 
punkte 



Harz 
Unter- 
Devon 
sslten. 

Ober- 
coblenz 

Greifen 
stein 
Kalk 



Greifen- 
stein 



Harz 



+ 



Deut- 
sches 
Mittel- 
devon 



406 







Bohmen 


Erbray 


Ural 


S.358 Taf.XXXII Fig.6a,b 


Cyathophyllum vermicu- 














lare Gf. mut. n. 














cctmic urn 








360 


XXXI 


8 


,, sp. 










YYYT 


, , 


cf. heterophyl- 














lum M. Edw. et 














H. 








„ 361 


YYYT 
,, A A. A 1 


A 


,, cf. hallioides 














Fbjech 








,, ooZ 


V "V Y T 
AAA1 


n in 
,, i), 1U 


,, volcticutn n. sp. 








„ 363 


XXXI 


7, 8 


, , dianthus Goldf. 








„ 364 


„ XXXII 


„ io 


,, alpinum n. sp. 








365 


XXXII 


9a, b 


,, n. sp. ex aff. di- 














anthus Goldf. 


- 


- 


— 


,,366 


„ XXXI 


,, la, b 


, , s yringoporoides 














n. sp. 








„ 367 


,, XXXII 


„ 7 


, , mdcvocystis Fr. 


— 


— 


— 


„ 367 


„ XXXIII 


2 


Hallia? sp. 


— 


— 


— 


,,368 


„ XXXII 


5 , 1 


[Endophyllum cami- 














cutn n. sp. 











„ 369 


„ XXXII 


„ 5 


,, sp. ex aff. acan- 












ihicum Frech 


_ 


_ 


_ 


,, 369 


„ XXXII 


„ 3 


Gystiphyllum interme- 












dium Tschern. 

















var. n. densum 








„ 371 


,, XXXII 


„ 4 


,, vesiculosum Gf. 


_ 





_ 


,,372 


„ XXXII 


„ 2 


cristatum ? Fr. 







- 








Alcyonaria 








S. 372 Taf. XXXIII Fig. 4 


Heliolite8 confineYi8is 














n. sp. 


— 


— 


— 








Tabulatci 








S. 373 Taf. XXXIII Fig. la,b 


F civosites procisteriscus 














n. sp. 








„ 375 


„ XXX 


,, 9 


reticulatus 














Blainv. mut. n. 














praecursor 








,,375 


„ XXXIII 


,, 5a,b 


, , Goldfussi 














M. Edw. et 














Haime 






+ 


„ 377 


„ XXXIII 


„ 3 


Favosites polymorphous 












Goldf. 




+ 


+ 


„ 378 


„ XXX 


„ 7,8 


Striatopora volaica n. 














sp. 









Andere 
Fund- 
punkte 



Deut- 
sches 
Mittel- 
devon 

Deut- 
sches 
Mittel- 
devon 

Siid- 
Yiinan 
Deut- 
sches 
Mittel- 
devon 



Cultri- 
jugatus- 
Schicht 



D. M.i) 
D. M. 



D. M. 

Astu- 
rien, 

Harz 

D. M. 
Astu- 
rien, 
Bre- 

tagne. 



1 D. M. == Deutsches Mitteldevon. 



407 



S.379Taf.XXXIV Fig. 7 
,, 380 „ XXXIV „3a,b 

,,381 „ XXXIV „la,b 
„ 381 „ XXXIV ,, 11 



,, 382 „ XXXIV „ 10 
„ 382 ,, XXXIV „ 9 



S,384 Taf . XXXIVFig. 5a,b, 
6 

„ 386 „ XXXIV „ 8 
,, 386 ,, XXXIV „ 4a,b 



Striatopora subaequalis 

M. Edw. et Haime 
Alveolites suborbicula- 
ris Lam. mut. 
n. volaicus 
,, (Caliapora) 
Frechi n. sp. 
Thecia Swinderenana 
Goldf. mut. n. de- 
vonica 
Monticulipora sp. 
Syringopora alpina 
n. sp. 

Stromatoporoidea 

Stromatopora celloni- 

ensis n. sp. 
Stromatoporella vola- 

ica n. sp. 
Clathrodictyon carni- 

cum n. sp. 



408 



9. Uber Vorkommen und Entstehung eines 
Talkscliiefers in Uruguay und uber seine 
partielle Verkieselung. 

Von Herrn K. Walther in Montevideo. 

Hierzu Tafel XXXV und 2 Textfiguren. 

Das im folgenden zu besprechende Vorkommen befindet 
sich in dem der argentinischen Hauptstadt am La Plata gegen- 
uberliegenden uruguayischen Departernent Colonia und zwar 
auf der Westseite eines Hohenriickens, genannt Cuchilla de 
San Juan, der sich in ungefahr nordsudlicher Richtnng gegen 
den genannten Strom zieht und die Wasserscheide zwischen den 
Arroyos (Bachen) de las Conchillas und Miguelete bildet (siehe 
die Skizze Figur 1). Man erreicht die nachstgelegene Ortschaft, 




Fig. 1. 



die am gleichnamigen Bache gelegene engliscbe Ansiedlung 
Concbillas, entweder you Buenos Aires zu Schiff oder von 
Montevideo zunachst mit der Babn bis zur Departenientshaupt- 
stadt Colonia, von wo taglich Postverbindung. 

Der geologische Bau des Departements ist ein verhaltnis- 
maBig einfacber und besteht aus einem krystal linen Grund- und 



409 



einem jungtertiaren 1 ) bis diluvialen Deckgebirge. Ersteres 
erstreckt sich bei Puerto del Sauce, Conchillas und Carmelo 
nahezu und bei Colonia vollig bis an den La Plata 2 ) und ist 
wegen der reichlich in ihm vorhandenen Biotitgranite (aus- 
gedehnte Steinbriiclie an den erstgenannten drei Orten) von 
praktischem Interesse. Die Ausfuhr des genannten Gesteines 
zum gegeniiberliegenden Buenos Aires ist deshalb recht be- 
deutend. 

Als diesen Graniten zugehorig zu betrachten ist einerseits 
ein dickbankig abgesonderter, schrnutzig grauer, sehr feinkorniger 
Granitporphyr, der das zubeschreibende Talkvorkommenbegleitet. 
Es handelt sich, wie u. d. M. zu erkennen, um ein durcli 
Quarz und Feldspat porphyrisches Gestein, dessen mikro- 
granitische Grundmasse aus Quarz, Ortho- und Plagioklas und 
reichlichem Magnetit besteht. Weiterhin sind nocli larnpro- 
phyrische Nachschiibe bemerkenswert, die teils in der Form von 
geringmachtigen Gangen, teils in groBeren Massen in den Granit- 
briichen von Conchillas gut aufgeschlossen sind. Sie haben ein 
durchaus basaltartiges Aussehen und verwittern stark. Die 
Untersuchung des Schliffes zeigt, dafl ein Hornblende- 
Spessartit vorliegt. Die panidiornorphe Struktur macht ver- 
einzelt einer durch Feldspat porphyrischen Platz. Letzteres 
Mineral ist iiberwiegend ein zwillingsgestreifter Plagioklas. Die 
Krystalle der Hornblende treten in zwei Generationen auf, 
wovod die der extratellurischen Etappe zu feinen Nadelchen 
herabsinken. Das Mineral setzt sich aus braunen und griinen 
Inclividuen in unregelmaSiger Verwachsung zusammen und hat 
das Absorptionsschema c > b > a. Geringe Mengen von Quarz 
bilden das letzte Fullmaterial. 

liber das Alter dieser Eruptivgesteine laJSt sich nur soviel 
sagen, daB es analog sein diirfte dem der Bilduiigen in der 
Umgebung von Montevideo, wo die krystallinen Schiefer von 
den Eruptivmassen durchdrungen werden 3 ). 

Von krystallinen Schiefern unbekannten Alters seien Amphi- 
bolite und Hornblendeschiefer genannt, die am Strande bei 
Colonia anstehen und ganz den Bildungen bei Montevideo ent- 
sprechen. AuBerdem finden sich noch steil bis senkrecht stehende 
phyllitische, chloritische und quarzitische Schiefer, die, mit 



J ) Hiervon soil an anderer Stelle die Rede sein. 

'-) Die geologische Ubersichtskarte der Republik Uruguay bei 
C. Guillemain (N. Jb. f. M. B. B. 33, S. 208) entspricht hier nicht der 
AVirklichkeit. 

3 ) K. Walther, diese Zeitschr. 63, 1911, Monatsbericht S. 88; siehe 
auch C. Guillemain, a. a. 0. S. 260. 



410 



einem Streichen von NO — SW bis fast NS, vermutlich hoheren 
Horizonten des Grundgebirges entsprechen. Letztgenannte plat- 
tige und ebenflachige Gesteine weisen an einzelnen Stellen 
Anreicherungen yon kobliger Substanz auf, die zu Spekulationen 
auf Graphit und sogar Steinkohle AnlaB gegeben haben. Fossilien, 
etwa Pflanzenreste oder Graptolithen, konnten bis jetzt nicht 
festgestellt werden. 

I. Beschreibung der Aufschliisse. 

In der obigen, infolge ungeniigender Kenntnis der regionalen 
Geologie des Landes naturlich noch unvollstandigen Zusaminen- 
stellung wurde eines Yorkommens von T alks chief er noch 
nicht gedacht, das zugleich von praktischem wie wissenschaft- 
lichem Interesse ist. Den eingangs gemachten Angaben iiber 
seine Lage ist noch hinzuzufiigen, daJ3 es sich im Kamp des 
Herrn Manuel Narancio (ehemals Newton) befindet 1 ). Die 
praktische Bedeutung des Vorkommens erklart sich aus der auf- 
fallenden Reinheit des schneeweiBen Materials 3 ), eine Reinheit, 
die durch die untenstehende Analyse bestatigt wird, wahrend 
zugleich das wissenschaftliche Interesse dadurch erweckt wird, 
daB es — wie ich hoffe zeigen zu konnen — moglich ist, die 
Entstehung des Yorkommens festzustellen. 

Diese Untersuchungen wiirden sich nicht vornehmen lassen, 
wenn das Gestein nicht an einer Stelle kiinstlich freigelegt 
ware, und anderseits wiirden die hier gewonnenen Resultate 
ohne das Studium eines benachbarten, noch nicht aufgeschlossenen 
im gleichen Streichen gelegenen Yorkommens unbefriedigend 
bleiben. 

a) Das nordliche in Ausbeutung stehende Vorkommen. 

Die Abbildung auf Tafel XXXY zeigt die ausgeschachtete 
Partie, und zwar stellt die linke Halfte dieOstwand dar, wahrend 
man auf der rechten Halfte in die Richtung desStreichens, SWbis 
S, schaut. DieBreite derGrube betragt 15 — 20, ihreLange30 — 40 
und ihre Tiefe 16 — 20 m. Yermutlich setzt sich das abbau- 
wiirdige Gestein in sudlicher Richtung fort, wahrend man quer 
zum Streichen das Nachbargestein beiderseitig nahezu oder 

J ) Es sei mir gestattet, an dieser Stelle nochmals fur die Bereit- 
willigkeit zu danken, mit welcher der Genannte mir sein Besitztum 
zuganglich machte. 

8 ) Es wird in Buenos Aires teils zu kosmetischen Zwecken (zu dem 
„Polvo de Mennen", einem Puder), teils bei der Papier- und Seifen- 
fabrikation verwendet. 



411 



ganz erreicht haben diirfte. Es besteht auf der Ostseite in 
hellen plattigen, senkrecht stehenden Quarzitschiefern, die an 
der Siidostecke des Bruches 1 ) anstehen, wahrend auf der West- 
seite das beherbergende Gestein nicht aufgeschlossen ist. DaB 
man aber sich diesem nahert, darauf weist hier wie auf der 
gegeniiberliegenden Seite das Auftreten einer Art Ubergangs- 
gesteines hin. 

Wahrend namlich der zentrale, technisch wertvolle Teil 
des Bruches ein schneeweiBes, teilweise wenig geschichtetes, 
auBerordentlich feinfaseriges Material von stark fettigem Anfiihlen 
zeigt, spricht sich nach und W die Schichtung deutlicher 
aus, wobei gleichzeitig mit eintretender schmutzig graugruner 
Farbung eine VergroBerung der Fasern schon im Handstuck 
sich bemerkbar macht. 

Eine Fortsetzung des Talkschiefers nach N in der Richtung 
auf ein ungefahr senkrecht zum Streichen verlaufendes nahes 
Talchen ist zu vermuten, doch wird hier die sich auflagernde 
Lehmdecke dem Abbau Schwierigkeiten bereiten. Schon an der 
tiefsten Stelle des Talchens und namentlich auf der nordlichen 
Seite desselben findet sich wieder fremdes Gestein, namlich 
der oben genannte druckgebankte Granitporphyr. Mehr Aussicht 
hat vielleicht dieYerfolgung nach der entgegengesetzten, siidlichen 
Seite, obwohl hier yon den das Yorkommen begleitenden 
Bildungen — die bei der Besprechung des zweiten Aufschlusses 
erwahnt werden sollen und in gleicher Weise, wie ich hore, 
bei der Anlage des Bruches an der Oberflache beobachtet 
wurden — nichts mehr zu sehen ist. 

So handelt es sich also um eine verhaltnismaflig gering- 
machtige linsenformige Einschaltung von Talk in krystal- 
line Schiefer und nicht etwa um ein normales Glied dieser 
Gesteinsgruppe. 

Hid sich tlich der petrographischen Beschaffenheit des Ge- 
steines muB noch hervorgehoben werden, dafi nicht alle Teile 
innerhalb des technisch wichtigen Materiales die gleiche rein 
weitfe Farbe und die namliche Weichheit und Fettigkeit bei 
wirr-feinfaseriger Struktur aufweisen. Es zeigen sich vielmehr 
Einschaltungen harter, sehr feinkorniger marmorahnlicher Sub- 
stanz von ofters blafi apfelgriiner, sonst weifier Farbe, die aber 
gleichwohl gemahlen werden und praktische Anwendung finden. 
Wahrend die Partien eine GesetzmaBigkeit in der Anordung 
nicht aufweisen, sondern unregelmafiig mit dem Talk alternieren, 



! ) Auf unserer Abbildung am oberen Rande ein wenig rechts von 
der Mitte erkennbar. 



412 



zeigt es sich, daB bis tiber kopfgroBe Brocken 1 ) in vertikalen 
Zonen parallel mit eitier vielfach verdeckten, bisweilen aber 
erkennbaren, schichtigen Teilung des Talkes auftreten. 

Sie bestehen zum Teil aus kieseliger Substanz, bilden 
andernteils aber hiibsche Geoden, deren innere Wandungen mit 
sehr flachenreichen Kalkspatkrystallen bedeckt sind, wahrend 
sie nach auBen durch Zunahme yon talkiger Substanz in das 
sie beherbergende Gestein ubergehen. Es folgt dabei, die Unter- 
lage der Druse bilden d und yielfach den unteren Teil der 
Krystalle farbend, zunachst eine unregelmaBige, unterbrochene 
1 — 2 mm starke schwarze Zone und dann ein krystallinisches 
Gemenge yon marmorartigem weiBen Kalk mit einem schwach 
rosaroten carbonatischen Mineral. DaB es sich hierbei um 
M an g an spat handelt, geht aus jener dunkeln Zone sowie aus 
zablreichen das betreffende Material sprenkelnden, dunklen 
Flecken und Putzen heryor, die mit konzentrierter Salzsaure 
erwarmt Cblor entwickeln, also einem sesqui- oder superoxy- 
dischen, aus dem Himbeerspat entstandenen Manganerz ent- 
sprecben. 

Aber nicht nur in unregelmaBigen Klumpen und Brocken 
findet sich die erwabnte kieselige Substanz, sondern man beobach- 
tet auch, wie sie das Gestein in Bandern und yon diesen aus- 
gehenden feinen baumformig yerzweigten Adern stellenweise 
formlich impragniert. Und auch hierbei schiebt sich die fremde 
Masse mit Yorliebe zwischen die Teilungsflachen des Talk- 
schiefers. 

b) Das siidliche Vorkommen. 

Durch eine schatzungsweise 800 bis 1000 m lange aufschluB- 
freie Gelandestrecke yon dem Talkbruch getrennt und in der 
Streichrichtung der dortigen Gesteine gelegen, beobachtet man 
wieder naturliche Aufschliisse in Gestalt yon yereinzelten Blocken, 
die sich auf den ersten Blick als nicht normale, durch spatere 
Vorgange umgewandelte Bildungen erweisen. Ihre weiter unten 
zu schildernde Beschaffenheit laBt yermuten, daB man auch an 
dieser Stelle auf Talkschiefer stoBen wird, wie ja schon oben 
gesagt wurde, daB analoge Gesteine bei Anlage des Talkbruches 
zutage anstanden. 

Besonders auffallend sind unregelmaBige Blocke eines wul- 
stigen, ungeschichteten Gesteines mit eigenartig, wie zerfressen 
aussehender Oberflache. Wahrend sie teilweise lediglich aus 



J ) In der Abbildung auf Tafel XXXV sind einige dieser Brocken er- 
kennbar, z. B. in einer von der mit einem Pfeil bezeichneten Stelle 
nach rechts unten verlaufenden Zone. 



413 



kieseliger Masse bestehen, die dem Gestein in frischem Bruche 
einen wachsartigen Glanz verleiht und es in unregelrnaBigen 
Putzen, Streifen und Adern durchzieht, weisen sie an anderen 
Stellen Nester eines schuppigen Minerals und cine gleichniaflige 
Yerteiluug feiner glanzender Glimmerschiippchen in der richtungs- 
losen, durch Eisenoxyde rotlich gefarbten Gesteinmasse auf. 
Man geht wohl nicht fehl, wenn man die locherige Oberflache 
durch Auswittern der genannten Nester des weicheren Minerales 
entstanden erklart. Die Blocke ragen wegen ihrer Harte in 
kleinen Felsmassen aus dem Boden und werden von einander 
durch aufschluBfreie Gelandestrecken getrennt. 

In diesen ragen hier und da schwache Grate eines ziemlich 
harten, wenig geschichteten dichten Gesteines hervor, das an der 
Oberflache mit einer schmutzig braunenRinde von eingedrungener, 
limonitischer Substanz bedeckt, im Innern blaB griinlich bis fast 
weiB gefarbt ist. Man mochte es im Handstuck am ehesten mit 
einem Kalksilikathornfels vergleichen, doch erfolgtbeim Betupfen 
mit HC1 kein Aufbrausen. Man sieht auch weiterhin, wie das 
Gestein dort, wo man es mit dem Hammer bearbeitet hat, in 
ein feines Mehl von seidigem Anfiihlen zerfallt. Die genaue 
Bestimmung des vorliegenden Produktes kann erst im Diinn- 
schliff erfolgen. 

Zum Schlusse dieses Teiles sei noch auf ein kleines Yor- 
kommen eines dunkeln, stark verwitterten Eruptivgesteines hin- 
gewiesen, das sich in nachster Nahe der zuletzt besprocheneu 
Aufschliisse fiudet und — wie weiter unten gezeigt werden soli — 
auf die Herkunft des Talkes schlieBen laflt. 

II. Ergebnisse der mikroskopischen und cheinischen 
Untersuchung. 
a) Das nordliche Vorkommen. 

Die sowohl dem Talkschiefer als auch den harten, blafl 
grunlichen Einlagerungen und den randlichen, graugrunlich ge- 
farbten Talkschiefern 1 ) gemeinsamen Mineralien sind Talk und 
ein u. d. M. fast isotrop erscheinendes Mineral, dessen Bestimmung 
weiter unten folgen soli. Die Beteiligung der beiden Mineralien 
ist derartig, dafi in dem zuerst genannten Gestein der Talk 
vorherrscht, wiihrend er in den beiden anderen, besonders in 
c, auf Kosten des gering doppelbrechenden Minerales zuriick- 
tritt, dem sich in b noch reichlich Quarz zugesellt. Letzteres 
Mineral erklart die Harte des betrelfenden Gesteins. 



') Im folgendeu sollen diese drei Gesteine abgekiirzt mit den 
Buchstaben a, b und c bezeichnet werden. 



414 



Die (yon mir ausgefubrte) cbemiscbe Analyse lafit demgemaB 
das Gestein a, wie nach seiner rein weiBen Farbung und dem 
petrographischen Habitus zu erwarten, als das technisch wicb- 
tigste Gestein, als ein Material von ganz auBergewobn- 
licher Reinheit, erkennen. Es ergaben sich folgende Zahlen: 

Si0 2 62,44 % 

A1 2 3 , Fe 2 3 , Mn 3 <V) . . . 1,24 „ 

CaO Sp. 

MgO 31,99 „ 

Gliihverlust 2 ) 5,07 „ 

Summe 100,74 % 

Dieser Talk ist also noch reiner als der durch H. Michel 3 ) 
von Hozsuret (Ungarn) bescbriebene und saintlicbe bei H. Rosen- 
busch und TJ. Grubenmann namhaft gemacbten Gesteine. Er 
komint demgemaB der Zusammensetzung des rein en Silikats 
entspr. 63,5% Si0 2 , 31,8% MgO und 4,7% H 2 sehr nabe. 

Ein ganz anderes Bild erbalten wir, wie nacb dem mikro- 
skopiscben Befunde zu erwarten, aus der Analyse des Gesteines c, 
die gleicbfalls von mir vorgenommen wurde. Man erbalt: 

Si0 2 41,56 % 

A1 2 3 14,87 „ 

Fe 2 3 2,69 „ 

FeO , . 0,56 „ 

MnO 0,34 „ 



CaO 0,91 

MgO 20,63 

3,54 



93 



K 2 
Na 2 

H 2 unter 110° 0,51 „ 

H 2 uber 110° . . . . . . 14,82 , 

Summe 100,43 % 

Der Talk bietet nacb seinem mikroskopiscben Bilde wenig 
bemerkenswertes. Er erscbeint in dem analysierten rein weiBen 
Gestein in regellos angeordneten feinen Fasercben, die lebbafte 
Interferenzfarben (bei normaler Scbliffdicke bis zum Brillant- 
griin der 3. Ordnung) und positiven Cbarakter der Hauptzone 



: ) Mit Ammoniak und Ammoniumpersulfat zusammen gefallt 
(siehe Hillebrand-Wilke-Dorfurt, Analyse der Silikat- und Carbonat- 
gesteine S. 99). Die Natronschmelze war lebhaft griin gefarbt. 

,J ) Bei einer Temperatur unter 110° entwicben nur Spuren von 
Wasser; zur Gewichtskonstanz muBte stark gegliiht werden. 

3 ) Tschermak's Min.-Petr. Mitt. 31, 1912, S. 331. 



415 



aufweisen. In b und c zeigt sich lineare Verteilung der hier 
erheblich grofieren Faserchen, bei c in zwei annahernd senkrecht 
zueinander stehenden Systemen. Man erkennt dabei an ver- 
schiedenen Stellen des Schliffes, wie die eine Richtung iiber 
die andere herrscbt. Dies gebt darans bervor, daB die Talk- 
indiyiduen der letzteren Gruppe an denen der ersteren abstoBen, 
wobei diese ausgebogen oder geknickt sind. Vermutlicb bandelt 
es sich bier urn ein Sichtbarwerden von Scbicbtung und Schiefe- 
rung des Gesteines. 

Limonitiscbe eingedrungene Substanzen siedelten sich mit 
Yorliebe in groBeren Talkindiyiduen an. 

Die Deutung des zweiten wichtigen Bestandteiles der yor- 
liegenden Gesteine, der oben yorlaufig als „schwach doppel- 
brecbendes Mineral" bezeicbnet wurde, stoBt auf Schwierig- 
keiten. Es erweist sicb u. d. M. als fast isotrop, so daB, wenn 
man zur Betracbtung des Talkes den Beleucbtungsapparat ein 
wenig gesenkt bat, man bei + Nicols vermeint, einen stark 
locherigen Schliff yor sicb zu baben. Bei genauerem Studium 
zeigt sicb jedocb, daB es sicb um farblose, unregelmaflig 
oder annabernd secbseckig begrenzte, teils yollig isotrope, 
teils scbwacb in normalen Farben doppelbrecbende Blattcben 
bandelt, deren Licbtbrecbung wenig starker ist als die des 
Kanadabalsams. Sie ergeben im konvergent polarisierten Licbte 
fast ausnabmslos ein Acbsenbild, das bier und da verwaschen, 
baufig aber recbt deutlicb ist. Beim Dreben des Objekttiscbes 
offnet es sicb nicbt oder nur um einen geringen Betrag und 
zeigt negatiyen Cbarakter. Dabei stebt im Falle ganzlicher 
Isotropic des Blattcbens die Bisectrix senkrecbt, wabrend sie 
bei scbwacb doppelbrecbenden Indiyiduen scbief austritt. 

Wie groB die Menge des in Rede stebenden Minerales ist, 
erkennt man am besten daraus, daB, wenn man den Scbliff im 
konyergenten polarisierten Licbte bewegt, man fast stets das 
gescbilderte Acbsenbild beobacbten kann. Bei der Zuweisung 
der Substanz zu einer bestimmten Mineralart kann man zwiscben 
Blatterserpentin (Antigorit) und Pennin scbwanken, die sich 
bekanntlicb in ihren optiscben Eigenscbaften sehr nahe steben. 
Die obige Analyse des Gesteines c entscheidet: es enthalt neben 
Talk und etwas Sericit, der im Einzelfalle optisch mit Sicber- 
heit iiicht yon Talk zu unterscheiden ist (siebe aber den 
Alkaligebalt der Analyse), nur noch das fraglicbe Mineral, auf 
das der weitaus groiBere Teil der Tonerde entfallt. Wir baben 
es also mit einem Gliede der Cbloritfamilie zu tun, dem Pennin 
oder dem Procblorit. Letzteres Mineral ist durch seine Helminth 
genannte charakteristische Anhaufung der Blattchen bekannt; 



416 



eine derartige Bildung wiirde in unserem Falle das oben mit- 
geteilte stetige Sichtbarwerden des Achsenbildes erklaren. Die 
betreffenden Schliffe sind ganz beliebig gerichtet. 

Dort, wo das chloritische Mineral nicht primarer Bestand- 
teil ist, diirfte es sich von Biotit ableiten, wie aus einigen in 
a und b vorkommenden groBeren Blattchen hervorgeht. Es 
handelt sich um auBerbasische Scbnitte, deren innerer Teil 
graue Interferenzfarben bei negativern Charakter zeigt, wahrend 
die Peripherie optisch isotrop erscheint. Die zahlreichen Spalt- 
risse — mit denen die Ausloschung parallel geht — sind ver- 
einzelt schwach deforrniert und aufgeblattert, wobei sich eine 
schwache Abscheidung rotlicher Kornchen bemerkbar macht, Er- 
scheinungen, die bei der Chloritisierung des Biotits bekannt sind. 

Ein dem Pennin sehr nahe stehendes, wenn nicht mit ihm 
zu vereinigendes wichtiges Mineral der Gesteine a und b ist 
der De.lessit. Hinsichtlich niedriger Licht- und Doppelbrechung 
verhalt er sich gleich, doch unterscheidet ihn zunachst die 
manchmal ziemlich dunk el gelblich-braunliche Farbung und, 
beim naheren Studium, der niorphologische Charakter von dem 
genannten Vertreter der Orthochlorite. Das Mineral konnte mit 
Sicherheit erst dann bestimmt werden, nachdem es in der 
Erscheinungsform beobachtet war, die beweisend ist: als erste 
Auskleidung von spiiter durch kieselige Mineralien ausgefiillten 
Hohlraumen. Hieriiber siehe weiter unten. 

Ich stelle mir vor, daB die Anhaufungen des Pennins sowohl 
wie des Delessits diejenigen Stellen im Gestein bezeichneu, 
durch deren Zerstorung und Wegfuhrung die fiir die Eindringung 
der kieseligen Losungen notigen Raume geschaffen wurden. Wie 
das erstere Mineral, so verrat sich auch das zweite beim 
Betrachten u. d. M. in isotropen dunkel bleibenden Stellen, 
scheinbaren Lochern im Schliff, mit unregelmafiig gelappten und 
ausgefransten Randern. Die Struktur dieser scheinbar isotropen 
Flecken lafit entweder ein maschiges Netzwerk von Faden und 
feinen Fasern erkennen, oder sie zeigt (in seltenen Fallenj 
schuppig ubereinandergelagerte, winzige unregelmafiig-gerad- 
linig, hier und da auch sechseckig begrenzte Blattchen. Ihr 
Studium erleichtert sich dort, wo sie vereinzelt auftreten, und 
zeigt zunachst die bemerkenswerte Erscheinung einer zonaren 
Struktur mit dunklerem Kern und hellerer TJmrandung, wie es 
von gewissen Chloritoiden 1 ) bekannt ist (siehe Figur 2) 2 ). 

•) Rosenbuscu-Wuelfing, Mikrosk. Phjsiogr. I, 2, S. 277, Taf: VIII, 
Fig. 6. 

3 ) Mit dem AiiBE'schen Apparate bei 375facher Vergrufierung 
gezeichnet und auf das Doppelte vergroBert. 



417 



Der Anblick dieser basal en Blattchen im konvergenten 
polarisierten Lichte gibt ein Bild, das dem des Pennins analog 
ist: ein haufig verwaschenes, sich wenig offnendes Kreuz von 
negativem Charakter der Doppelbrechung. 




Fig. 2. 

Welches Mineral zur Bildung des Delessits AnlaB gegeben 
hat, daB laBt sich nach der Betrachtung der basischen Schnitte mit 
Sicherheit nicht beantworten. Man beobachtet namlich lediglich 
geringe, unregelrnaBig gestaltete Reste eines starker doppel- 
brechenden, mehrfach etwas griinlich gefarbten Minerales, viel- 
leicht eines Mitgliedes der Orthochlorite. Klarheit iiber diese 
Frage erhalten wir erst durch Schnitte, die den Charakter 
der Hauptzone des Minerals erkennen lassen, wie es in zwei 
Schliffen der Gesteine a und b der Fall ist. 

Es erscheinen hier bis fast y a mm lange, teils miteinander 
znsammenhangencle und yerfilzte, teils selbstandige ausgefranste, 
faserige Stengel ohne gesetzmaBige terminale Begrenzung, die 
parallel angeordnet und vereinzelt sekundar geknickt und ver- 
bogen sind. Pleochroismus ist nicht vorhanden; die sehr niedrige 
Doppelbrechung zeigt positiven Charakter, dabei wechseln haufig 
isotrop erscheinende Fasern mit ganz schwach doppelbrechenden, 
die im gewohnlichen Lichte betrachtet blafi griinlich gefarbt 
sind. Die Ausloschung geht, wie mit dem Gipsblattchen zu 
erkennen, parallel mit der Hauptzone. 

Auch bei diesen stengeligen Individuen zeigt sich ver- 
einzelt eine Art Zonarstruktur, indem sich zwischen die Fasern 
der Stengel, und zwar ihrer Achse genahert, dunkler gefarbte 
feine Zwischenlagerungen einschalten. Man darf sie in Analogie 
mit der Erscheinung an basalen Blattchen vielleicht eher als 
dunkle Teile des Minerals denn als Einlagerungen eines fremden 
ansehen. Leicht zu unterscheiden hiervon und viel -haufiger sind 
kleine Korner eines starker licht- und doppelbrechenden Minerals, 
das ich fur Quarz halte. Die ausgesprochen langfaserige Natur 
Zeitschr. d, D. Geol, Qes. 1914, 27 



418 



der bescbriebenen Krystalle laflt darauf scblieBen, dafl der 
Delessit bier pseudoniorpb nacb einem Mineral der Strabl- 
steingruppe auftritt. 

Wir seben also, daB die scbwacb griinlicbe Farbung der 
Gesteine b und c Yon ibreui Gebalt an cbloritiscbem Mineral 
berriibrt, das in dem randlicben Talkscbiefer (c) in Menge vor- 
banden ist, wabrend es in dem barten, z. T. ungescbicbteten 
Gesteine b mit Yorliebe an den Quarz gebunden ist nnd mit 
ibm das Gestein durcbziebt. Der reicblicbe Gebalt an diesem 
Mineral ist fur die Entstebungsgescbicbte unseres Yorkommens 
— wie weiter unten gezeigt werden soli — yon Wicbtigkeit. 

Yon den durcb spatere Yorgange eingedrungenen carbo- 
natiscben und kieseligen Mineralien soil erst im iibernacbsten 
Abscbnitte die Rede sein. 

b) Das siidliche Vorkommen. 

Das Studium der bier beobacbteten Gesteine erganzt inso- 
fern die obigen Betracbtungen, als es die Mineralien, die dort 
den Wirt fur den Talk bilden und auf dessen Kosten oft stark 
zuriicktreten, in groflerer Menge und Deutlicbkeit zeigt. Es 
sind Glieder der Glimmer-, Cblorit- und Ampbibolfamilien, 
wabrend der Talk, wie scbon gesagt, an der Erdobernacbe mit 
Sicberbeit nicbt nacbzuweisen ist. 

Als Ampbib olasb estf els stellt sicb nacb der mikro- 
skopiscben Untersucbung das auf Seite 413 genannte Gestein 
beraus, Yon dem scbon gesagt wurde, daB es an den Yom 
Hammer bearbeiteten Stellen sicb in ein seidig anzufiiblendes 
Pulver auflost. U. d. M. erkennt man, wie das Gestein sicb fast 
ausschliefllicb aus zabllosen farblosen faserigen Nadelcben zu- 
sammensetzt, die unregelmaBige Querbriicbe aufweisen und 
nabezu 2 mm, meist jedocb bedeutend weniger lang sind. 
Basale Scbnitte konnten bei der Schlankbeit der IndiYiduen 
nirgends mit Sicberbeit als solcbe erkannt werden. 

Der optiscbe Cbarakter der Nadelcben ist positiY, ibre 
Doppelbrecbung nicbt bedeutend, die Ausloscbungsschiefe bleibt 
unter 20°. 

Aufler dem Strablstein und ein wenig Erz tritt nur nocb 
etwas Sericit in unregelmafiig begrenzten, stark doppelbrecbenden 
Blattcben in dem Yorliegenden Scbliff auf. 

In den durcb wulstige Oberflacbe ausgezeicbneten Gesteinen 
(s. o.) ist der Glimmer teils Sericit, teils Biotit, und zwar 
treten beide mebrfacb miteinander Yerflochten auf, wobei ersterer, 
der durcb seine lebbaften Interferenzfarben gekennzeicbnet ist, 
ein feinscbuppiges Gemenge bildet, wabrend der Magnesia- 



419 



glimmer in grofieren, gewundenen und zersplissenen Blattern 
erscbeint. Wenigstens mocbte ich auf letztgenanntes Mineral 
einen Teil jener meist farblo^en, nicht pleochroitischen ineinander- 
gefaserteri Blattcben zuriickfubren, die bei niedriger Doppel- 
brechung yorberrscbend negativen Cbarakter der Hauptzone 
zeigen und dem Cblorit zugeboren. Yereinzelt weisen sie 
gelblicb-braunlicbe Farben auf, womit scbwacber Pleocbroismus 
(braunlicb-gelblicb parallel, farblos senkrecbt zur Spaltbarkeit), 
bobere Interferenzfarben und positiyer Zonencbarakter verbunden 
sind. Abscheidung yon Limonit- und Klinozoisitkornern — 
letztere an den lebbaft gelben und blauen Interferenzfarben 
leicbt kenntlicb — begleiten die Umwandlung. 

Wieviel yon dem in den yorliegenden Scbiefern auftretenden 
Quarz primaren Ursprungs und wieyiel auf Recbnung der 
spateren Infiltration zu setzen ist, laJt sicb scbwer sagen. 

Yon weiteren Mineralien ist in erster Linie das in einem der 
Gesteine reicblicbe Vorkommen yon Epidot zu erwabuen, der 
auBer in wenigen kleinen, durcb die wecbselnden Interferenz- 
farben gekennzeicbneten gelblicbgriinen, eckigen Kornern in In- 
diyiduen erscbeint, welcbe durcb den bocbsten Grad yon 
Krystallisationskraft augezeicbnet sind. Die Erscbeinungsform 
des Minerales sind lange, an den Enden zerspaltene und will- 
kiirlicb begrenzte, aucb haufig sicb yerjiingende, stengelige 
Krystalle und Brucbstiicke sowie wirre Haufwerke yon solchen. 
Parallel mit der Langsricbtung der Individuen laufen deutlicbe, 
aber nicbt zablreicbe Blatterbriicbe, quer zu ibnen unregel- 
maBige Risse, langs denen die Krystalle fast insgesamt zer- 
brocben sind. In die entstandenen Liicken scbieben sicb mebr- 
facb Glimmerblattcben ein, deren Orientierung durcb den ganzen 
Scbliff ungefabr einen recbten Winkel mit der des Epidots 
einscblieflt. Aucb bier (s. o.) vermag man also zwei Ricbtungen 
in der Anordnung der Gesteinskomponenten zu erkennen, yon 
denen bier die des Epidots die urspriinglicbe, die der Glimmer- 
blattcben die spatere, vermutlicb durcb den Gebirgsdruck er- 
folgte ist. 

Dai3 die eindringenden kieseligen Losungen die durcb 
Zerbrecbung der Epidotstengel gescbaffenen Wege benutzten, 
ist begreiflich ; ibre Intrusion wird ja das Zerbrecben in 
yielen Fallen verursacbt baben. 

Starke Licbtbrecbung und normale fleckige Interferenzfarben 
in Tonen der I. und II. Ordnung bei positiyer Doppelbrecbung 
der Hauptzone cbarakterisieren einen Teil der Krystalle. Im 
allgemeinen sind die erwabnten Interferenzfarben relatiy selten 
zu beobacbten , da sie groBtenteils durcb fremde, kornige, 

27* 



420 



nainentlich ferritische Substanzen yerdeckt werden. Es sieht 
so aus, als ob diese bei der Verwitterung des Minerals aus- 
geschieden wurderj, ein Yorgang, der sonst noch nicht beobachtet 
ist. Bei naherern Studium der yon dunkeln, teilweise zu 
limonitischen Substanzen yerwitterten Kornern oft formlicb 
iiberwucherten Krystalle stellt man jedoch fest, daB die Frernd- 
korper yerdrangungspseudomorph auftreten und sicli allenthalben 
zwischen die Langs- und Querrisse einscliieben. Hiermit wiirde 
auch die Beobachtung uberemstiminen, daB zusamnien mit dem 
Auftreten der geuannten Produkte die Starke der Doppelbrechung 
nicht abnimmt, wie bei einer Ausscheidung zu erwarten ware. 

Die Ausloschung der Stengel ist schief zu ihrer Langs- 
erstreckung, mit Ausnahme einiger weniger Exemplare, yon 
clenen eins im konyergenten polarisierten Lichte den Austritt 
einer negatiyen Bisectrix gab, entsprechend einem groBen 
Winkel der in einer Ebene senkrecht zu den Langsrissen ge- 
legenen optischen Achsen. Dieser Charakter der Doppelbrechung 
weist auf Pistazit hin, was aber wieder mit den niedrigen 
Interferenzfarben der schief ausloscheuden Schnitte nicht uber- 
einstimmen wiirde. 

Es wird sich hiernach wohl um ein Zusammenvorkommen 
der beiden wichtigsten Glieder der Epidotfamilie handeln. 

Zum Schlusse dieses Abschnittes sei noch auf das 
reichliche Vorkommen limonitischer Substanzen hingewiesen. 
die sich groBenteils yon Pyrit herleiten, einem Mineral, dessen 
regulare Formen yielfach erhalten blieben. Er diirfte das erste 
Glied der krystalloblastischen Reihe bilden. 

Feldspat scheint in den yorliegenden Gesteinen nirgends 
yorhanden, so daB der Ca-Gehalt des urspriinglichen Materiales 
in Strahlstein und Epidot umgewandelt wurde. Da jedoch das 
letztere Mineral, wie es scheint, durchaus nicht uberall ein 
Hauptgemengteil ist, und der Strahlsteinschiefer — soweit die 
Aufschliisse ein Urteil dariiber zulassen — nur raumlich be- 
schrankte Einlagerungen bildet, so hat man als das leitende 
Gestein einen Chlorit - Glimmers chief er bzw. Phyllit an- 
zusehen. 

Am Schlusse des yorliegenden Abschnittes sei noch des 
auf S. 413 kurz erwahnten dunkeln, stark verwitterten Eruptiy- 
gesteins gedacht, das man im Handstiick als „Basalt" bestimmen 
mochte. Die mikroskopische Betrachtuug zeigt jedoch, daB es 
sich wie bei dem S.409 erwahnten Vorkommen um ein dem Grund- 
gebirge zugehoriges lamprojDhyrisches gaDgformiges Spaltungs- 
gebilde, einen Spessartit haudelt. Jdi Gegeusatze zu dem 
obigen Gesteine wird hier das basische Mineral durch Augit 



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gebildet. Der Feldspat ist leistenformiger Plagioklas, nicht 
selten in granophyrischer Yerwachsung mit Quarz. Magnetit 
ist reichlich vorhanden. 

c) Die spatere Impregnation der Gesteine durch carbonatische 
und kieselige Losungen. 

Hinsichtlich der Carbonate Kalk- und Manganspat sowie 
der Art des Zusammenhanges init den kieseligen Mineralien 
konnte dureh die mikroskopische Untersuchung nichts Neues 
mehr zu den Beobachtungen am geologischen Aufschlusse bei- 
getragen werden. Und auch jetzt soil noch nicht von der 
Herkunft und dem Alter der Verkieselung die Rede sein, 
sondern es sollen nur die eingangs mitgeteilten Feststellungen 
durch die am Dunnschliff gemachten erweitert werden. 

Was hier zunachst auffallt, ist der intensive Grad der 
Yerkieselung, die gewisse Teile sowohl des Talkschiefers im 
nordlichen wie des Phyllites im siidlichen Vorkommen betroffen 
hat. Noch mehr als im Handstiick zeigt sich die starke Yer- 
zweigung der mit kieseligen Mineralien erfullten Hohlraume; die 
nestartigen Injektionen zerteilen sich in ein formliches Netzwerk 
feinster Adern, dergestalt, daB es — wie schon oben gesagt — 
ofters schwer ist, den primar im Gesteine vorhandenen von 
dem sekundar zugefiihrten Quarze zu unterscheiden. 

Hinsichtlich der an der Ausfiillung der Hohlraume be- 
teiligten kieseligen Mineralien und ihrer Anordnung macht 
sich eine groBe Ahnlichkeit mit einem analogen uruguayischen 
Yorkommen , das in Nr. I dieser Yeroffentlichungen behandelt 
wurde, geltend 1 ). Auch hier werden die Rander der unregel- 
maBig gestalteten Hohlraume zunachst durch Deles sit einge- 
saumt, ein Yorgang, der ihnen jene charakteristisch bogenformige 
und gelappte Gestalt giebt, wie sie a. a. 0. Fig. 3 und 4 abgebildet 
wurde, wo sie aber schon durch die spharolithische Struktur des 
Gesteines. vorgezeichnet war. Im vorliegenden Falle kommt 
also der spharische Bau und die dadurch bedingte knollig- 
wulstige Oberflache der ersten Auskleidungssubstanz ganz auf 
Rechnung des Delessits, dessen Faserchen senkrecht zu dem 
bogigen Rande des mikroskopischen Bildes stehen und positive 
sehr schwache Doppelbrechung zeigen. Es ist bekannt, dafl 
diese Faserchen in Bandera augeordnet sind, doch diirfte es 
neu sein, daB das Innnere der Spharokrystalle dunkler gefarbt 



J ) Neues Jahrb. f. M., B. B. 31, S. 604. Es ist hier (S. 605 unten) 
das Wort „Opal" durch Delessit zu ersetzen. 



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ist, als die an das kieselige Fiillsel des Hohlraumes stoBende 
periphere Zone. 

Wie erklart sich diese erste anscheinend gesetzmaBige 
Austapezierung der Hohlraume durch das chloritischeplineral? 
Denn daB hier eher etwas GesetzmaBiges als etwas „mehr Zu- 
falliges" vorliegt,wie R.E.Liesegang vermatet 1 ), scheintmir sicher. 
Bei den in Rede stehenden Gesteinen, die nichts anderes als 
umgewandelte Glimmer- Chlorits chief er darstellen, ist die An- 
wesenheit des Delessits ohne weiteres verstandlich ; sahen wir 
ja schon oben, daB der Raum fur die Kieselinfiltrationen durch 
Zerstorung und Wegfiihrung von Chloritputzen geschaffen 
wurde. Wie erklart sich aber die Anwesenheit des Lepto- 
chlorits in dem a. a. 0. geschilderten Effusivgestein? 

Ich mochte aus diesen Beobachtungen eine Bestatigung 
des bekannten Satzes herauslesen, daB in vielen Fallen die durch 
Zufuhr yon Magnesium-Losungen erfolgte Chloritisierung 3 ) ein 
postyulkanischer hydrothermaler Yorgang ist. Und auf die 
hierbei herrschende gesteigerte Warme wiirde die partielle 
dunklere Farbung der Einzel- (s. o.) und Spharokrystalle des 
Delessits zuriickzufiihren sein. Ihr yielfach tiefbraunes Innere 
bildete sich unter hoherer Temperatur als die randlichen, gelb- 
lich braunen bis fast farblosen Teile. DaB der Pleochroismus, 
der sonst die chloritischen Mineralien auszeichnet, ganzlich 
verschwunden ist, begreift sich hiernach leicht. 

Die eigentliche Fullsubstanz der Hohlraume 3 ) ist die 
Kieselsaure, und zwar wie bei dem friiher beschriebenen Vor- 
kommen in der Form des optisch als solcher zu definierenden 
Chalcedons. Zwischen gekreuzten Nicols betrachtet, giebt die 
Anordnung der Fasern (sofern sie nicht eine wirre ist, was 
besonders bei kleinen Indiyiduen der Fall) dasselbe eisblumen- 
artige Bild, wie es a. a. 0. Fig. 3 abgebildet wurde. 

Was jedoch.den yorliegenden Fall auszeichnet, ist die 
Beobachtung, daB an einzelnen Stellen zwei weitere Modi- 
fikationen der Kieselsaure erscheinen, namlich Quarz und 
Tridymit. Es ist bekannt, daB das erstgenannte Mineral 
haufig das Innere der Achatmandeln bildet. Hiermit stimmt 
die an unseren Schliffen zu machende Feststellung iiberein, 
daB yielfach ein Kornermosaik yon Quarz rings yon faserigem 



J ) „Die Achate" in C. Doelters Handbuch der Mineralchemie II, 
S. 186. 

2 ) Siehe z. B. die Verdrangungspseudomorphosen von Chlorit nach 
Feldspat. 

3 ) Diese entstanden untergeordnet auch durch Auswittern groBerer 
Glimmerblattche