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Full text of "Huldreich Zwingli : sein Leben und Wirken nach den Quellen dargestellt"

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CENTRE 
for 
REFORMATION 
and 
RENAISSANCE 
STUDIES 

VICTORIA 
UNIVERSITY 

TORONTO 



Huld.r,ich Zwingli, 

Sein Leben und Wirken. 



Scb weighauserische Bucholruckerei. 



Vorw  }rt. 

Eine Neubearbeitung der Biographie Zwinglis wil'd angesichts 
des reichhaltigen Materials, das wiihrend der letzten zwanzig .lah'e 
dariiber neu ver)fiintlicht worden ist, keiner besonde'en Rechtte-ti- 
gmg bedfil'fen. /)urch die Herausgabe uml Bearbeitung der Eid- 
genSssischen Abschiede und die daran anschliessende Aktensammluug 
zm" schweizerischen Reformationsgeschichte von J. St'ickler, sowie 
durch das von katholischer Seite herausgegebene Archiv lh- schwei- 
zerische Reformationsgeschichte ist das gesamte Urkundenmaterial 
aus der Reformationszeit namenflich tiir die politische Entwicklung 
der schweizerischen Reformation in iibersichtlicher O'dnung der 
Forschung zugfinglich gemacht worden; und was Strickler fib" 
die Reformationsgeschichte de- ganzen Schweiz, das hat 
Ziirich E. Egli in seiner 1879 erschienenen Aktensammlung zur 
Ziirche" Refornmtionsgeschicbte geleistet. Andererseits ist auch die 
genauere Kenntnis der persSnlichen Entwicklung und der theologi- 
schen Eigenart Zwinglis dutch die Arbeiten von G. Finsler, 
A. Schweizer, M. Usteri und besonders dutch die umfassende 
Darstellung der Theologie Zwinglis von A. Barn" in erheblicher 
Weise gefOrdert worden, so dass auch nach dieser Seite hin zu 
einer Ergiinzung Raum gegeben ist, um so mehr, als ge'ade der 
Theologe und der Denker in den bishe'igen Biographien Zwinglis 
ungebiirlich hinter den Mann des pmktischen und politischen 
Wirkens zuriickgestellt erscheint. 



VIII 

Die Beschaffenheit des neu verSffentlichten Materials brachte 
es mit sich, dass gerade die Anf':inge sowohl der Entwick]ung als 
auch der Wirksamkeit Zwinglis mit besonderer Ausffihrlichkeit 
erzhlt werden mussten, b'amentlich schien es gefordert, class die 
entscheidende Bedeutung des Jahres 1522 mit seiner grundlegenden 
litemrischen und kirchlichen Arbeit dutch die Verwertung der you 
Egli gesammelten Akten in ein helleres Licht gestellt werde. 
die spiitere Zeit dagegen kann sich die Darstelhmg mehr an fihere 
Arbeiten anschliessen und datum auch ki;u'zer fasseu. 
Das Werk wird demgemss in vier ungeFhr gleich starken 
Halbbfmden erscheinen. Die zweite Hiilfte des ersten Bandes, in 
welcher die Refoanat.ion yon Ziirich und das Auftreteu der Wiedero 
tfiufer behandelt vird, ist bereits unter der Presse und wird in 
unmittelbarem Anschluss an das Vorliegende verffentlicht werden. 
Auch der zweite Band, der unter dem Titel: Ausbau und Kampf 
die Ergebnisse der in dem ersten geschilderten Entwickluug t'" 
Kirche und Theologie, sowie die dadurch veranlassten theologischen 
und po]itischen Kiimpfe darzustellen hat, ist soweit vorbereitet, 
dass der Druck unges:,iumt fortgehen kann und mithiu die Volleu- 
dung des Ganzen in nicht allzulanger Zeit in Aussicht steht. 

Basel, 1. Oktober 1894. 

R. Staehelin. 



-- 7 -- 

neue Versuche gemacht, das Reislaufen zu verbieten und die Jahr- 
gelder aufzuheben, und wiederholt vereinigten sich namentlich in 
den Stdten Yolk md Obrigkeit zu dem Bescbluss, ,der fl'emden 
Herren miissig zu gehen und allen Pensionen, Miet und Gaben 
abzuschw6ren." Abet die Bemiihungen waren umsonst. Selbst der 
yon der Tagsatzung 1503 erlassene und yon allen Often besiegelte 
Pensionenbrief, del" die Annahme yon Geschenken fiir ein Ver- 
brechen erkl/irte und den Verlust der mter und Ehren darauf 
setzte, blieb wirkungslos, und ebenso wenig Effolg hatten voriiber- 
gehende Volkserhebungen, wie diejenige zu Bern 1513, wo das 
Landvolk in seiner Erbitterung fiber die landesverr/iterische Haltung 
der in franz6sischem Sold stehenden Ratshel'ren die H/iuser der- 
selben pliinderte, die Haaptschuldigen t6tete und ein erneutes Ver- 
bot der ti'emden Jahrgelder yon der Regierung el'zwang. Es blieb 
Zwingli vorbehalten, das Volksgewissen in nachbaltiger Weise ftir 
die Erkenntnis des Schadens zu wecken und zu" entscheidenden 
(4egenwil'kung zu veranlassen. Abet in jenen Vol'bel'eitenden K/hn- 
pfen sammelte sieh doch an verschiedenen Punkten des Vaterlandes 
eine patriotische Partei, in welcher der Reformator den ersten 
Riickhalt und das erste Verstiindnis fiir sein Wirken und seine 
Plane finden konnte. 
Bei dem Vorwalten der kiegerischen Interessen md Gewohn- 
heiten konnte die geistige Bildung im allgemeinen nut geringe 
Pflege finden. Der wichtigste Ausgangsp(mkt derselben war his 
zum Beginn des 16. Jalu'hundes Basel, teils durch seine Univer- 
sitat, teils dutch die seit 1480 dort arbeitenden Buchdruckerpressen. 
Doch bewegte sich der Verkeln- der Stadt lange Zeit fhst aus- 
schliesslich nach Norden, wahrend deiienige mit der Schweiz erst 
durch die Aufnahme in den Bund 1501 grSssere Regsamkeit er- 
hielt. Ausserhalb Basels hat sich der Buchdruck fast iiberall erst 
im Zusammenhang mit der reformatorischen Bewegung eingebfirgert. 
Allerdings liisst sich auch hier gegen Ende des 15. Jahrhundel'ts 
ein wachsendes Bedfirfnis nach Unterricht deutlich wahrnehmen. 
Nicht nut schiebt der Humanismus, wie die bald nach 1490 yon 



u 12 -- 

sowie zu dem neu aufkommenden Kultus der heiligen Anna trug 
besonders die Lehre yon der unbefleckten EmpFingnis bei, die yore 
Konzil zu Basel ausdrficklich sanktioniert und spfiter dutch den 
neuen Aufschwung des Nominalismus und dutch devote Humanisten 
wie Sebastian Brant und Wimpheling zu allgemeiner hnerkennung 
gebracht wurde. Die Pfiege der Kunst mochte dutch diese Stei- 
gerung der Superstition gefSrde werden; der Aufschwung, den 
,lie religiSse Malerei und die kirclfliche Baukunst erhielten, 
sich auch in der Schweiz zu Stadt und Land fiberall wahrnehmen: 
die wirklit.he Frammigkeit dagegen schwand unter diesen vermeint- 
lichen Mitteln. sie zu heben, immer mehr dahin oder drohte in 
Paganismus zu versinken. 
Von offenem Widerspruch gegen diesen Werkdienst oder gegen 
inzelne Teile der kirchlichen Lehre ertihren wit wenig. Dass er 
trotzdem in der Stille an manchem Orte sich regte und dass neben 
tier herrschenden .i, usserlichkeit auch eine reinere Fr(immigkeit sich 
lebendig erhielt, zeigen Miinner wie Zwinglis Oheim und Erzieher. 
,let Pfarrer yon Wesen, und tier Vater Bullingers, der als Dekan 
zu Bremgarten in Anseheu stand und fiir seinen Sohn die entlegene 
Schule ,ter Brfider des gemeinsamen Lebens zu Emmerich aus- 
wiihlte. Von dem Mssmer der St. Lorenzkirche zu St. Gallen 
erz/ihlt der Clu'onist Kessler. dass er sich ofln gegen den Ablass 
attssprach und yon keiner andern Inade und Vergebung etwas 
wissen wollte als dutch Christus allein. .Wenn tier Priester das 
Weihwasser fiber die versammelte Gemeinde hinsprene, behielt 
er seinen Hut auf dem Kopf und sae: 'Wenn alas Wasser durch 
rabsteine und Erdboden his ins Fegefeuer dringen kann, so wird 
es wohl auch dutch meinen Filzhut und Tschopen hindurchdrin- 
gen." Solches redete er frei und unverholen, abet dieweil man 
ihn als einen treuen Bfirger kannte, ging es ibm ungestraft hin." 
Der entschiedenste Worfffihrer tier reformatorischen Richtung in 
der Schweiz war im 15. Jahrhundert tier Chorherr Felix Hemmerlin 

Kessler, Sabbata, [, 19. 



yon Ziirich. Er missbilligte nicht nut die Laster des Klerus, son- 
de auch den iusserlichen Werkdienst, und verlane eine Ver- 
mindermg der kirchlichen Feste und die Freigebung der Priester- 
ehe, welche nach ihm erst tausend Jahre nach Christus durch 
menschliches Verbot zur Siinde gemacht worden sei. Seine Sc]n-if- 
ten wurden urns Jahr 1500 mehrfach gedruckt und auch ins Deutsche 
iibersetzt, und _ben diese wiederholte Authahme in die Zahl der 
ersten Druckverke ist ein Zeugnis, dass auch schon in fi[iherer 
Zeit tier Umfang ihres Leserkreises und ihr Einfiuss kein gel-inger 
gewesen ist. ) Abet solche oppositionelle .usserungen blieben ohne 
wirksamen Erfolg und liessen, auch wo sie an Einze]nem Kl-itik 
doch die Grundlage des hierarchischen Systems unangetastet; auch 
fiir einen Hemmerlin ist die Kirche in ihrer Lehl'e wie ill ihrem 
Kultus schlicsslic]l fibera|l die wn >tt gestiftete Institution. und 
er weiss fiir den Zwiespalt zwischen der ihr schuldigen Pfiicht der 
Unterwerfing und dor si.h ibm auflriingendcn Erkenntnis ihres 
Verderbens keine andere Ausgleiclmllg als ,lie Erwartung des hal= 
digen letzten [+erichts. 
Ungleich krfiftiger und li'cimiitiger als auf dean Gebiet der 
Lehre war yon Alters ]le- in ,lel- S']lweiz die Opposition an den 
Punkten hervorgetreten, wo dutch die Kirchc ,lie politischcn oder 
die mate-iellen Intercssen des Volkes geffillrdet zu we'den ,lrehten. 
Die demokratischc Reerungsforln. all welche nlall gewShnt war, 
sowie der angestammte Freiheitssinn des alemannis(.hen Volksgeistes 
fiihrten yon selbst auch im Vel'hfiltnis ZUl" geistlichen (bgkeit eine 
grSssere Unabh/4ngkeit herbei, die gerade anl En,le des 15. und 
am Anfang des 16. Jahrhunderts in zahllosen Komp_tenzstrcitigkeiten 
der Tagsatzung oder einzclner )brigkeiten mit den Bischifen zum 
Ausdruck kam. huch in den Dcpescllen Aleandel's aus Worlns 
begegnen wir d+ Klage, dass die Autoritfit der BischSfc in dcr 
,qchweiz nut eine schwache sei, und Zwingli selbst hat den mit 
dem Baun drheuden Bischof daran erinnert, ,lass die 

) Vgl. Reber, Felix Hemme,'lin, Ziiri(.h 1846. 



-- 15 -- 

Pfaffen aus der Eidgenossenschaft nachsenden, damit die gewiinschte 
Zahl voll werde. I) 
Wie in Deutschland, so werden denn auch in der Schweiz mit 
dem ausgehenden Mittelalter die Falle immer zahlreicher, dass die 
Obfigkeiten angesichts der Unfithigkeit der kirchlichen Organe die 
yon diesen versaumten hufgaben in die eigene Hand nehmen. 
Sittenmandate wurden yon ihnen erlassen, die teilweise wie das- 
jenige yon Bern 1477 und das von Ziifich 1481 tief in das biirger- 
liche Leben eingrifi'en; ) K1Oster, die dutch Verfall der Sittenzucht 
oder durch Verschleudermg ihrer Giiter rgernis gaben, wurden 
durch energische Visitationen reforlniert und unter obrigkeitliche 
Verwaltung gestellt, etwa auch tiichtige Geistfiche vom Rat fiir 
eine Zeit lang mit der Predigt beauffra, um dem sittlichen Leben 
aufzuhelfen. 3) huch die Tendenz zur Sfikularisation geistlicller l;iitel- 
und zur husdehnung der staaflichen Hohoitsrechte auf die kirchlichen 
Verhaltnisse macht sich gegen das Ende des 15. Jahrhunderts in 
steigendem Masse geltend. Die Berner Reerung zog 1485 die 
Verwaltung der Einkiinfte des Mihsters, welehe bisher tier Deutsch- 
orden besessen hatte, an sich, um die Pfriinden nach eigenem 
Ermessen an einheimische Chorherren zu verteilen. *) Auch in der 
Schweiz war ,die hufinerksamkeit auf (lie kirchlichen Dinge eine 
Pfiicht des obrigkeitlichen Amtes geworden, ") und sein Verfahren 
in der Reformation erscheint in dieser Hinsicht nur als die ent- 
schieden und kraftvoll durchgefiihrte Fortsetzuug eines Verhaltens, 
das es schon lange vorher beobachtet und als Grundsatz festge- 
halten hatte. 
Mit dem hnfang des 16. Jahrhunderts begalm, wenigstens in 
einzelnen Gebieten der Schweiz, auch der Humanismus, verbunden 

t) Gieseler, Kirchengeschichte. IIA, 1, 130. 
"-') Vgl. Anshelm, Berner Chronik I, 162. Wirz a.a.O. III, 266, 276, 417. 
3) Klosterreformationen: Wirz a. a. O., 367, 410. limber die Anstelluug 
yon De Lapide s. Job. yon Mfillers Schweizergeschichte, V, 1, 363. 
*) Miiller a. a. O., S. 359. 
) Maurenbrecher, Gesehichte der katholischen Retbrmation, 1, S. 1. 



Erstes Buch. 

Zwinglis Jngendentwicklnng 
nnd seine erste Kirksamkeit in Glarus nnd 
Einsiedeln. 

1484--1518. 



-- 23 -- 

genommen batten. Von Kindesbeinen an, bezelgte .r spiite', habc 
ich eine so grosse und starke Liebe zu gemeiner Eidgenossenschatt 
gehabt, dass ich, um ihr zu dienen, mich yon Jugend auf in allerlei 
Kunst und Klugheit geiibt habe. Auch seinen k'iiftigen Sinn fiir 
Recht und Wahrheit und seinen Widerwillen gegen jede Art yon 
Heuchelei und Liige, der ibm gleichfalls yon Jugend auf eigen 
war, werden wit auf die Einwirkung des Elternhauses zurfickfiihren 
diirin, und mehr als einmal mag er in demselben wiihrend seincr 
Kindheit yon seinem aut' strenge Einfachheit und Rechtlichkoit 
haltenden Vater die Klage iiber den zunehmenden Luxus und tiber 
das mit den fi'emden Kriegsdiensten sich ve'breitende Sittenve'- 
del'ben vernommen haben. ) 
ll)er die Sitte und die 'eligi,ise D,.nkweise des Zwinglischen 
Hauses liegen keine solchen Erinnerungen vor, wie sie aus 01era 
Vaterhause Luthers autbehalten sind. Die nahe Verwandtschatt 
sowohl des Vaters als der Mutter mit Geistlichen ud Ordensvor- 
stehern, sowie der Umstand. dass auch yon den l(indern 01rei 
Sihne sich dem geistli:hen ,qtand widmeten, liisst auf einen ausser- 
gewiihnlich entwickelten kirchlichen Sinn schliessen, und es wird 
auch als Zeugnis ciner friihe in ibm geweckten frommen Natm'- 
betmchttmg erwiihnt werden diirfen, wenn er in der S'hrit't iil)er 
die Vorsehung die Vorsicht und Klugheit des Mm'meltieres bim 
Herannahen einer Gefahr oder die Kunst des Eichhi_irnchens, sich 
aus einem Holzstfickchen ein S:hifl" zum ()bergang iiber einen 
Bach zu bauen, als Beweise fiir ihr Walten anffihrt. ) Abet wit 
wissen doch auch, dass der alte Zwingli sich aufs entschiedenste 
widersetzte, als die Dominikanerm6nche in Bern die Absicht an 
den Tag legmen, den Sohn wahrend seines dortigen Aufenthalts in 
ihr Kloste" zu ziehen. Auch die Stellung des Valets als Ammaun 
seine" Gemeinde war geeignet, die Unabhangigkeit des Urteils in 
Bezug auf die kh'chlichen Zustinde zu siirken und die Unzutriig- 

a) Zwingli 11. 2. 30. VII. 238. V. 680. 
) Zwingli IV. 92. 



-- 25 -- 

land Zwinglis war neben Appenzell eines der ersten Gebiete der 
Eidgenossenschaft, die sich fiir die Freiheit der evangehschen 
Predigt entschieden, und der sofol'tige Ansch|uss yon Zwinglis 
Familie sowie die zustimmende Haltung der beiden mit ihm ver- 
wandten .bte llisst mit Sicherheit darauf schliessen, dass schon im 
Vaterhaus neben dem Ernst der Arbeit und der Strenge der sitt- 
lichen Zucht auch etwas yon jener Freiheit des Urteils und yon 
jenem gestmden Bhck in die kirchlichen Verhiiltnisse, wie sie 
sptter aus seinem reformatorischen Handeln hervorleuchteten, ge- 
walter hat. 
Das deutlichste und fiir die Entwicklung Zwinglis wi,:htigste 
Zeugnis des in seiner Familie lebenden Sinnes war abet die Er- 
ziehung, welchc dem schon frfih dutch seine Begabung sich aus- 
zeichnenden Knaben zu Tell wurde. Die Leitung derselben iiber- 
nahm atff die Bitte des Vaters der Olleim Bartholomius Zwingli, 
der 1487 yon Wildhaus als Dekan nach Wesen, einem Flecke am 
untern Ende des Walensees, gew'hhlt wurde. Er nahm den Neff'on 
bald nach seiner 0bersiedehmg in sein Haus auf, und liess ihn, da 
in dem ansehnlichen Orte bereits eine Schule erSfi'net war. yon 
dem dortigen Lehrer in den Anfangsgriinden des Wissens unter- 
richten. Bartholomfius Zwingli gehSrte zu den Geistlichen, die, 
olme selbst an der neuerwachenden humanistischen Bildung grossen 
Anteil zu nehmen, doch die Verbreitung derselben mit Freuden 
begriissten und das jiingere Geschlecht mit ihr vertraut zu machen 
suchten. Fh" seinen freien Blick und seine pl'aktische und menschen- 
fi'eundliche Gesinnung zeu neben der planm'ssigen Erziehung, 
durch die el" seinen Neffen zu den wichtigsten Pfianzsttten der 
neuen Bildung hinfihrte, auch die urns Jahr 1500 yon ibm vel'- 
anstaltete Stiftung einer Bru,lerschaft. welche ,lie Unterstfitzung yon 
Kindern verungliickter Schiffer und Holzhauer zum Zweck hatte und 
an welcher er selbst sich mit einem namhaften Beitrag beteilie.q 
Zwingli blieb ibm auch spater enge v,bunden, und es leuchtet ein. 

) MSrikofer, Ulrich Zingli 1567. I. 6. 344. 



-- 27 -- 

kenntnis, zu der er dutch seinen Umgang und seine Briet geffihrt 
werde, und meint, er k6nnte jetzt mit Tobias ausrufen: Welche 
Freude ftir mich, der ich in der Finsternis sitze und das Licht 
nicht sehen kann! Zwingli nennt ihn 1523 der Gemeinde 
Glarus als einen yon denen, die er als h'eue Lehrer des Evangeliums 
kennt und an deren Beleh'ung sie sich halten soll. 1) 
Den besten Beweis seiner Liebe gab indessen Biinzli denl 
Schiiler dadurch, dass er ihn, als er die Unzulfinglichkeit del" 
eigenen Kenntnisse zu dessert weiterer Frd,ung einsah, na'h 
Hause zurfickschickte und seine Augehirigen auf die Notwendig- 
keit tines seinen Fiihigkeiten besser entsprechenden Unter-ichts 
hinwies. Die Wahl ficl auf die humanistische Schu|e, welche dcr als 
Gelehrter und auch als Dichtcr berfihmte Heinrich Wilfiin, genannt 
Lupulus, vor kurzeln in Bern erSffnet hatte. Mvkonius nennt sic 
die erste eigentliche humanistische Unterrichtsanstalt in der ,qchweiz. 
Mit dcr Kirche stand dicse Schule llO.|l im besten Einverncllmen. 
Ihr Leiter gehirte dcm iltern Humanismus an, bei dem die Bc- 
geisterung fiir das Altertum noch mit der mfi)eschriinkten Unter- 
wiirfigkeit unter den (lauben und den Abcrglauben dot Kirche 
vcrbunden war. Auf seinem Gebiet ein griindli:h gelehrte" und 
selbstandiger Forscher, wie die Schweiz nach Bullingcrs Urteil 
keinen zweiten besass, nahm er doch an allen Bethitigungen der 
damaligen l'eligiSsen ]evotion den eifi'igst_n Ateil. Er machtc die 
jithl'lichen Bittgtnge nach Einsiedeln mit und unternahm noch 152 
eine von ihm selbst beschriebene Pilge'fahrt zum hviligen h'abe, 
und es wurde bereits erwtbnt, wie sogar die ])q)minikaner in 
dem berfichtigten Jetzerhandel eine Zeit lang bei ibm Glauben 
finden und der Ablasskramer Samson seine Unterstiitzung erhalten 
konnten. Um so melu- spricht es ffir seine Lauterkeit und seinen 
Wahrheitssinn, dass er, sobald das Licht der evangelischen Wahl-- 
heir ihm aufging, noch im vorgeriickten Alter mit seiner Ver- 
gangenheit gebrochen und ohne Iiicksicht auf die damit verbundene 

) I. 174. VII. 111. vgl. 5. 6. 567. 



-- 29 -- 

Fiir die Fortsetzung der Studien wurde, wieder nach dem Rat 
des Oheims, die Universitiit Wien gewfihlt, wo der blame Zwinglis 
im Sommersemester 1500 in der Matrikel der Artisienfakult/it ein- 
getragen ist. lber den nicht ganz zwei Jahre dauernden Aufent- 
halt daselbst fehlen die lachrichten. Was neuere Bio'aphen iil)er 
sein Zusammenleben mit Vadian und [larean, Eck und Faber zu 
berichten wissen, beruht auf leeren Vermutungen, die zmn Tei| mit 
d,n historisch sicheren Angaben iiber ihren Aufenthalt in Wien 
Widerspruch stehen. Nur im allgemeinen erfahren wit, dass er. 
ohne sich yon den studentischen Briim'hen fern zu halten, die 
philosophischen Wissenschaften eifi'ig und narh ihrem ganzen Urn- 
fang sich aneignete und schon damals unter seinen Studiengenossen 
eine hervorragende Stellung einnahm, wobei wieder seine Lust und 
Geschick|ichkeit im Disputieren hervorgehob, wird. ) Doch |assen 
sich diese allgemeinen Nachrichten einigermassen ergfinzen 0hm.h 
das, was teils yon den Zust/inden .iener Universitfit iiberhaupt, teil. 
yon den spfiteren Beziehungen Zwinglis zu ihr bekannt ist. 
die artistische Faku|t/it, dcr er angeh;irte, stand in ihrer hSchsten 
Bliite. Minner wic Cuspinianus und Celt,s batten den Sinn fiir 
die Schiinheit der klassischen Litteratur uml 0las Streb,n, ihr nach- 
zuahmen, bei vielen geweckt, und auch yon Seite ,l,s Kaisers 
land diese humanistische Richtung kr/iftig, Unterstiitzung, indem 
er 14.q9 dutch eine besondere Verordnung die humanistischen 
Studien an der Universitfit liir obligate, risch erklih'en liess und I)ald 
darauf 15ltl ,lie vier haultsiichlichen Lelrer derselben unter dem 
:Namen des Kollegiums der Dichter und Mathematiker mit der 
Volhuacht der Ilichterkr,inung ausstattete, .urn', ie es im 

im Berner Taschenbuch 1853. 60 f. ,tammler, Der katholisehe Hmnanist 
un01 ('horherr Heinrich Wi;lflin genannt l.upulus in Bern. Katht, list'he 
S.hweiz,rbl/itter Ill. lST. Vgl. Archly des hist,)ri'hen Vereins des Kau- 
tons Bern X. 545 f. Zwingli VII. 207. 
t) Mykoniu. a. a. ). vgl. VII. 151. E. Egli, Zwingli in Wien. 
Theol. Ztschr. a. d. Schweiz. 184. 92. 16. Die Z-itbe.timmung ergiebt si'h 
aus der Basler Matrikel. na'h weh'her Zwingli im Friihjahr 150" ieder in 
Basel war. 



deutenden Vertreter verloren, und die scholastische Methode, ,lie 
wieder die Oberhand erhielt, konnte mit ihrem pedantischen und 
gehaltlosen Formalismus dem an eine lebensvollere Betrachtung 
gewShnten Geist Zwinglis nicht mehr geniigen. Er betrieb 
schon damals, wie Mykonius berichtet, seine Studien in der Vor- 
aussicht, dass es bald zum entscheidenden Bruch mit der Scholastik 
kommen werde, und zu dem Zweck, dutch die griindliche Bekannt- 
schatt mit ihr den Feind, den er wiirde zu bekiimpfen haben, 
kennen zu lernen. Auch unter seinen Lehrern finden wit mit Aus- 
nahme von Thomas Wyttenbach, der sich erst am Ende yon Zwinglis 
Studium in Basel niederliess, nut einen einzigen, Johannes Wentz, 
mit welchem der Verkehr auch iiber die Studienzeit hinaus auf- 
recht erhalten 'urde. 
Fiir das, was die Schule an richtiger Wegleitung zu einem besseren 
Ziele Zwingli vorenthidt, gab es fibrigens gerade vihrcnd seines 
damaligen Aufenthalts in Basel Ersatz genug. Die humanistische 
Richt.ung, die an der Universitiit keinen Vertreter mehr hatte, war 
doch in den ihr nahe stchenden Kreisen nicht ausgestorben und 
wurde gerade jetzt in den mit Basel eng verbundnen Nachbar- 
liindern, im Elsass und in Freibm'g, die herrschende Macht. Auch 
eine Schrift, wie alas viel gelesene Narrenschiff vein Sebastian 
Brant, konnte Zwingli nicht unbekannt bleiben. Sie leitete dazu 
an die El'scheinungen des sittlichen Lebens unahhlingig von den 
hergebrachten Massstaben der Kirche nach ihrer eigenen Ver- 
niinftigkeit oder Thorheit zu bearteilen und neben der kirchlichen 
Satzung auch in dem eigenen sittlichen Bewusstsein und in den 
edeln Gestalten des Altertums die (nmds/itze und Vorbilder t'iil- 
ein richtiges Handeln zu suchen. 
In Basel selbst zeichneten sich besonders ,lie Buchdrucker 
durch wissenschaftliche Regsamkeit aus und bil,leten mit ihrem 
Kreis ein heilsames .4egengewicht gegen die an der Universit/it 
herrschenden Zustiinde. Bei Amerbach wurde an der grossen 
Ausgabe des Augustinus gearbeitet, welche 150i unter der Mit- 
wh'kung mehrerer in Basel wohnen,ler Gelehrter. wie des Franzis- 
3 



sucht und dergleichen mehr, und dass yon ihr unmSglich eine ge- 
sundvLehre erwai-tet werden diirfe. 
Einfiussreicher als die Vorlesungen an tier Universitiit war 
auch tiir die Bildung you Zwinglis theologischer Erkenntnis 
jedenfalls die allgemeine geistige StrOmung, die wiihrend seiuer 
Studienzeit in Basel tells dutch die Litteratur, tells aus dem Kreis 
seiner pers_inlichen Bekanntschaft auf ihn einwirkte. Schon dalnals 
scheint er sich mit den Schriften des sparer yon ihm so hochge- 
schtzten Johannes Pious yon Mirandula befasst zu haben, die 1504 
im bemchbartvn ,qtrassburg mit Wimphelings Empfehlung heraus- 
gegeben wurden. Mykonius erwhnt, dass er runs Jahr 1505 
einige der Thesen, ,lie Picus aufgestellt hatte und die ibm in 
als ketzerisch zum Vorwurf gemacht wurden, gut geheissen und 
dadurch yon Seite belw)lleudv auch f(ir seine Person den Ver- 
dacht ketzvischer Gesinnung sich zugezogen babe. Aber auch in 
,let sonstigen Litteratur .iener Jahre machte sich immer deutlicher 
die Hinwendung yon dem Abgeleiteten zu dem Urspriinglichen und 
yon ,let Scholastik zu den bihlischen und pah'istischen :rundlagen 
der Lehre geltend, deren konsequente Verfolgung spater fiir die 
ref,)rmatorische Richtung Zwm,hs ent.cheidend werden sollte, und 
ebenso deutlich ist ds Bestreben si&tbar, den yon der Kirche 
verkindien (lauben durch deutsche Erbauuugssclu'iften und durch 
die (bersetzung der liturschen Gebete den Laien geistig niiher 
zu bringen. Das bedeutendste Wvk in diesem Sinne war das 1507, 
erschiemm, Handbuch fiir Pfarrer, das yon dem Basler Prediger 
Surgant verfasst war un,l yon ,lessen veit reichendem Einfluss die 
sechs Autlagen zeugen, die iu den ersten drei .lahren uarh seinem 
Erscheinen niJtig wurden. Deutlich konnte bier Zwingli den Weg 
zu der gesunden Leh'e hezeiclmet fin,ten, ,ion er bei ,ler herr- 
scheden .qchdtbeologie vergebens suchte, worm der zweifelhaften 
Lehre ,let Meuscheu die heilige Schrift als ,lie allein uutriigliche 
Wahrheit gegeniibergestellt und der Geistliche fiir seine Predigt 
auf sie allein, in der alles zum Heil Notwendige enthalten sei, 
hingewiesen war. . ott hat hoisst es z. B., .einmal in del" .qchrdt 



-- 41 -- 

Zu einer Heilserkenntnis im refc)rmatorischen Sinne, einem 
wirklichen Durchbruch zu der im Evangelium erschlossenen Wahr- 
heir und Freiheit war jedenfalls Zwingli auch dutch Wyttenbach 
wiiln'end seiner Studienzeit in Basel nicht geffihrt worden. Vielmehr 
sah sich der letztere noch achtzehn Jahre sptter, nachdem er an 
der Hand des ihm vorangeeilten Schiilcrs diese evangelische Wain'- 
heir ihrem ganzen Inhalt nach kennen gelernt hatte, wrallasst, 
diesem seine Reue dariiber auszusprechen, dass sie beide ihre 
Jugendzeit in der Beschfiftigung mit den Thorheiten der schola- 
stischen Sophisten so tram'ig vergeudct htttten, und Zingli selbst 
weiss zu erztthlen, dass er eine Zeit lang .dem Thomas yon 
Aquino ergeben gewesen war und seinen Ansichten si,_-'h ange- 
schlossen hatte." ') Wie also bei Wyttenbach, dem Lehrer, Scho- 
lastik und Humanismus noch fl'iedlich mit einander verl,unden 
waren, so war sein Unterricht auch fiir Zwingli noc]l keine Ver- 
anlassung, mit jener theolo,dscllen Ric]ltung zu brechen, dic el" 
vielmehr durch ihn zuerst recht versteh[,n und schiitzen lernte. } 
Wohl aher erupting er yon seinem Lehrer gleichzeitig mit dieser 
Einfiihrung die Befi'eiung yon ihrel" Autoritat durch die Erkenut- 
his, dass auch ihr eine Erneuerung und Umgestaltung dutch einen 
fihnlichen Riickgang zu den quellen Not thue, wie er ihn auf dem 
Gebiet der Philosophie als heilsam und lebenerweckend 
hatte, und vor allem die bestimmte Hinleitung zu diesen quellen 
selbst, die Anregung zu einem selbstiindigen und unbetigenen 
Studium der heiligen Schrift und des kirchlichen Altertums. 
wurdcn ilml," fahrt Leo Jud an der oben angefii]n-ten telle fort, 
,gewisse Samenkiil'ner mitgeteilt und der Antieb in ihm geweckt, 
ohne weitere Riicksicht auf die sophistischen Thorheiten dem Lesen 
der Schrift selbst sich zuzuwenden." Iusbesondere wird yon diesem 
Gewiihrsmann das Studium der griechischen Sprache, dessert Be- 
ginn nach den Andeutungen der Briefe Zwinglis allerdings erst 

IV, 113. 
Vgl. Usleri, Initia Zwinglii a. a. )., S. 619 f. 



Zweites Kapitcl. 

Zwinli als lq'arrer uml Ilmnanistischer Lehrer in 6larus. 
eine patriolischen tedichle. 
1506--1510. 

Die Last war keine leichte, elcbe dem noeh nicht tire|undo 
zwanzikihrigen Zwingli durch seine Berufung zum .K]lchherrn 
larus  auf d]c S,-hultr gclgt wur. Das Kirchspiel, das er zu 
venvaltcn hatte, umfasste beinahc den drittea Tel! des Lan,|cso 
eben dem Hauptort _larus noch drei ansehnlicbe DSrfer in einer 
zum Tell nicht unbetrfichtlchen Eatfernung. Der Hauptort selbst 
war in tier ]etzten Zeit tells durcb seine Beteiligung an der Veto 
vaitung der eidgenSssiscben Vogteien, teils dureh die fremden 
Kriegsdenste und sonstige Beziehungen zum Ausland zu Wohlstand 
und Ansehen gelan, yon den Gesandten fremder Ffirsten hiufig 
besucbt und auch ]n geistiger Beziebung der itz e]ner kritig auf- 
strebenden, mit den allgcmeinen Bewegungen der Zeit Ffihlung 
suchenden BevSlkerung; ein Chronist jener Zeit nelmt ihn einen 
.iwrrlieben. wohlgebauten, stattliehen Fleeken-. 1 
Der junge Priester ging mit dem vollen Bewusstsein yon tier 
Gr6sse tier auf ibm liegenden Verantwortung an seine Aufgabe. 
.Alle me|he Tage," bezeu er selbst. ,so iange ieh Priester ge- 
wesen bin, habe ich mieh vor me|nero Amte geftirehtet. So jung 
bin ieh nieht gewesen, dass reich alas Wiehteramt nieht ungleieh 

 Her, tJottfr., Ulrich Zwingli als Platter yon Glarus, 18,1. 



-- 45 -- 

mehr in me|nero Gewissen gefingstet als el'fi'eut hat, weil ich weiss, 
dass das Blut der Sch/iflein, die aus me|net lachliissigkeit um- 
kommen, yon me|hen Hfinden gefordert wird.-) Be| einer solchen 
Aulthssung des Amtes |st die Entschiedenheit um so bedeutsamer, 
womit Zwingli yon Aufang an die Predigt als diejenige Th/itig- 
keit in den Vordergrund gestellt hat, dutch welche vor allem 
dieser Verantwol'tung Geniige gethan md das W/ichteramt recht 
verwaltet werden miisse. Sich in ihr auszubilden und |miner h(ihel" 
zu vervollkommnen, war, wie Mykonius wiede'holt hervorhebt. ,las 
am eifi'igsten und am unverdrossensten verfole Ziel seiner A'l,eit. 
.Er widmete sich," berichtet derselbe, ,diesen Studien mit solchem 
Fleiss, wie ich ihn in vielen Jahren be| keinem andern kennen ge- 
lernt habe." Alles, die humanistische Litteratm- so gut wie das 
his dahin als unfi-uchtbares Gedankenspiel vernachlissie Stud|urn 
der Theologie, gewinnt ihm yon diesem Gesichtspunkt aus neuen 
Weft und neues Interesse. Er lernte die Geschichten des Valerius 
Maximus auswendig, um sie als Beispiele in seinen Redcn vel'werten 
zu k0nnen: ,denn er wusste," fiigt Mvkonius hinzu, ,wie vieles der- 
jenige zu wissen nStig hat, welchem das Amt anvertraut |st, die 
Hel'de Christi zu lehren." Aber er war sich auch bewusst, dass 
diese Belehrung nicht der weltlichen Neugie_-de dienen, 
die Erkenntnis Gottes zum Inhalt ]laben soll. und so vertiefte er 
sich -- wit schliessen uns auch hier umnittelbar an den Bericht 
des Freundes an -- gleichfalls yon fi'iih an in ,las Stu,lium der 
heiligen Sch-ift und eioete sich auch ihren lnhalt iu so um- 
fassender Weise an, dass er ihn, noch ehe er sich mit dem G'un,1- 
text bekannt machte, zum grossen Teil seinem Ged/i-htnis wirt- 
lich eingepriigt hatte. Auch der tusseren und formalen Seite 
der rhetorischen Ausbildung, sowie der (bung im volkstiimlichen 
sprachlichen Ausdruck widmete er grossen Flei.s, .ficht als ein 
Nachahmer Ciceros ode_r anderer alter Vorbilder. sondern so wie 
es die eigene Zeit und das eigene Volk erfe, l',l'ten, damit er ,ii_ 

) 1, 353. 



-- 53 -- 

sagt, dass er seine Zeit und seine Arbeit nicht in den l)ienst ,ler 
ErgStzung, sonde:n des sittlichen Nutzens stellen wolle; was sie 
geistig verbindet, ist schon jetzt ein Humanismus, der nicht bloss 
der Erheiterung des Lebens und der Affkliirung des Verstandos, 
sondern vor allem tier Veredlung der Sitten und der F',rd:rung 
der FrSmmigkeit im Vaterlande dienen soll. 
In iihnlichen, wenn am:h damals noch weniger intimen Bc- 
ziehungen stand Zwingli mit dem St. Galler Joachim yon Watt, 
Vadian genannt, ,let in Wien als angesehener Lehrer ,let alten 
Sprachen wirkte un,1 spiiter, nach seiner lii.kkehr nach St. Gallen, im 
Unterschied zu dem zaghaften Zuriicktreten Glareans. als einer seiner 
vertrautesten Genossen trod thtigsten Mitarbeiter am schweizeri- 
schen Reformationswerk ibm zm- Seite stehcn sollte.) Die Bekannt- 
schaft scheint dutch gemeinsame Schiiler, welche in Wien studier- 
ten, angebahnt worden zu sein. Auch hier bewe sich der Brief 
wechsel anfangs noch fast ausschliesslich um litteraris(.he und 
wissenschaftliche Interessen. Zwingli bitter den gelehrten Freund 
um Rat und Hilimittel zur Erlernung der griechischen Sprat.he, 
oder er sender ibm eine yon ibm ve'fasste Besclu'eihung des italie- 
nischen Feldzugs der Schweizer im Jahr 1512 un,1 wafter gespannt 
auf das Urteil, das Vadian iibe" die schrifstellerische Form ,ler- 
selben fllen werde. :Namentlich abet empfiehlt er ihm befreun- 
dete Jiinglinge, die in Wien ihre Studien machen wollten, danfit 
e" sie, wie es in Bezug auf den eigenen Bruder heisst, ,in das 
Heiligtum der Philosophie einweihe und je uach Bediirfnis dutch 
Hobel, Sige oder Kelle au Geist und Sitteu m,_iglichst aushild,- 
und der gefeierte Lebrer dcr Wiener Hochschule hfi.lt den Freund 
weft genug, um auch seinerseits, als er nach dem fi'iihen Tod 
eines dieser Jiinglinge zwei yon diesem verfasste Redcn vcr,ttint- 
]ichte. seinen Namen in ehrenvoller Widnnmg an deren ,pitzc zu 
setzen. 

) Vgl. R. Sthelin, Die reibrmatorische Wirksamkeit des st. Galler 
Humanisen Vadian: Beitr/ige zur vate,'liindischon (;,schi.hte. X[. Bas,.l 1,2, 
191 ft. 



-- 54 -- 

Auch in Basel, der zweiten Stttte seiner Universitiitsstudien, 
waren es tst ausschliesslich die dem Humanismus zugewandten 
Kreise, mit denen wir Zwingli im Verkehr stehen und die fi'iiher 
angekniipfte Verhindung unterhalten sehen. Er besass zwar bier, 
wahrseheinlich yon seinem Studienaufenthalt her, noch ein kleines 
Beneficium am Stifl zu St. Peter, scheint sich abet um dasselhe 
wenig gekiimmert und den damit verbundenen Verpflichtungen nach 
und nach entzogen zu haben: er wurde deshalb, wie ibm der 
ihm gdinstig gesinnte Propst dieses Stiftes, Job. Weutz, sein friiherer 
I'romotor in der artistischen Fakultiit, in einem Briefc berichtet, 
scclls Sonntage hinter einander iifl'entlic]l yon der Kanzel zur Ver- 
antwortung vorgeladen und liess sich erst, als ,lie Exkommunikatiou 
schon schriftlich gegen ihn ausgefertigt war und ihre Ver@bnt- 
lichmlg ihm Unannehmlichkeiten zu bringen drohte, dazu bewegen, 
sich in Basel zu stellcn und seine Beziehung zum Stitt, wahr- 
scheinli,:h ,lurch Aufli)sung dersclhcn, zu regeln. ) Zur Wieder- 
anknfipfimg eines i.bhat'ten Verke, hrs mit Basel scheint es erst ge- 
kommen zu sein, ds mit dm Jahre 1514 Glarean sich in Basel 
niede.rliess uud in Erasmus die humanistische Richtung ihren be- 
lebenden Mittelpunkt und zugleich ihren tieferen reformatorischen 
Gehalt empfangen hatte; as fiir tin Ansehen aber Zwingli in diesem 
Kreise genoss und wie sehr er selbst in seinem Verhiiltnis zu dem- 
selben noch (le humauistischen Geist hervortreten liess, zeigt ein 
Brief seines fi'iihcrn Studienfreundes Dingnauer, worin dieser ilm 
auf Anfa.ng 1515 in scherzhaftem Tone zur Teilnahme an seiner 
Iagisterpromotion und dem darauf folgenden Schmause einladet 
und in der hu|chrii ihm den Titel gibt: Dem apollischen Lauten- 
schlitger und anerkannten Cicero unserer Zeit. 
Neben diesem Verkehr mit den Freundcn und seiner kirch- 
lichen und wissenschaftlichen Arbeit setzte Zwingli auch in Glarus 
yon Antng an die Thfitigkeit eines humanistischen Lehrers fort, 
die er schon in Basel mit so grossem Erfo!ge begonnen hatte. 
l) Vgl. die Briefe 3 und 4: 1511, dio der chronologischen Folge nch 
umzustellen sin& 



Drittes Kapitel. 

Di,' italienis('heu F'hlziie mid ,lie 'eligiiise Ent.''heidmg. 
1511--1516. 

Bald sollte Zwingli die Gelegenheit erhalten, mit den fi'emden 
Kriegsdiensten, die er in seinen Gedichten noch aus der Ferne 
schildert hatte, in unmittelbarer Weise sich bekannt zu machen. 
In den JahJ'en 1512 und 1513 erfochten die Eidgenossen als die 
Verbiindeten des Papstes ihre glfinzenden Siege bei Pavia und bei 
Novarra, die das Gechick Oberitaliens in ihre Hiinde zu legen 
schienen und mit der Erhiihung ihres Kriegsruhmes auch den Weft 
ihrer Freundschaft und Bundesgenossenschaft in ungeahnter Weise 
steigerten. ,Tfiglich'. so schildert Zwingli selbst in einem Brief 
vom 23. Februar 1513 das Treiben an den eidgenSssischen Tag- 
satzungen. werden Gesandte angehih't, bald vom Papst, bahl yore 
Kaiser, bahl yon Mailand. yon Venedig, yon Savoyen, yon Frank- 
reich, oder es werden solche dahiu abgeordnot." und er wurde 
Zeuge, wie seine Landsleute. deren Leben dort yon ilu'en Obrig- 
keiten wie aff einem Markt den Meistbietenden verkauft wurde, 
auf den italienischen Schlachtfeldern zu Tausenden fiir die [ntero 
essen der fremden Fiirsten ihr Blut vergossen. ) 

) VII, 9. Die Stelle kann nut auf die eidgenSssische Tagsatzung 
nicht, wie sie meist verstanden wird, a" Glarns bezogen werden. [%er die 
italienischen Feldziige: Gisi, Der Anteil der Eidgenossen an der eur-piischen 
Pvlitik in den Jahren 1512 bis 1516. 1866. 



-- 65 -- 

'hristi". geschehen sind. Der franz)sische KSnig hat ,aus Anti-ieb 
des bSsen Geistes die Kirche Christi bekampft" und seinen Namen 
des allerchristlichsten KSnigs dadurch verwirkt, dass er dem Papst 
den Krieg erkliirte, einen Gegenpapst gegen ihn aufstellte und Bo- 
loggia, .die Mutter der Studien und die Pfiegerin des geistlichen 
Rechts", ihm wegnahm. Ihn zu bekiimpfen und der rimischen 
Kirche als der .gemeinsamen Mutter aller Gliiubigen ", der ,Braut 
des Gekreuzigten" beizustehen war der Eidgenossen selbstverstfind- 
liche und heilige Pfiicht. Dankbar wird es auch am Sclfluss als 
Beweis einer besonderen Gunst erwiihnt, dass de" Papst den Eid- 
genossen die Ermachtgung gegeben habe, das Bild des ekreuzgten 
in ihr Banner aufzunehmen, wobei abet Zingli hinzuffi, dass die 
Glarner, wohl auf seinen Rat bin, da ibm eine sol,'he Verwendung 
unpassend erscheinen mochte, das Bi|d des Auferstandenen erwh|t 
hiitten. 
Die warme Begeisterung md die fi'ische Anschauli.hkeit, 
welche die nach Zwinglis Aussage in einer Stunde hingeworfene 
Erzhlung auszeichnet, hat zm" Annahme -e'anla..t. dass er darin 
als Augenzeuge geredet und den geschilde'ten Kriegszug selbst 
mitgemacht babe. ) Indessen bieten lfieffir weder die sonstigen 
Quellen noch die Erzfihlung selbst einen Anhaltspukt. Von einer 
persSnlichen Beteiligung des Schreibenden ist nirgends die Rede, 
und auch bei Bullinger, der fiber die yon Zwingli mitgemachten 
Feldziige am ausfihrlichsten berichtet, wird gerade der Pavierzug 
nicht genannt. In der Erziihlung selbst werdon mehrfach die 
Namen der Fliisse, die das Heer zu passieren hatte, mit ein- 
ander verwechselt oder sind dem Verfasser ganz unbekannt, und 
dem fi'anzSsischen Heerffihrer wird eine Rede in den .hmd gelegt, 
in der sich ein Citat aus Demosthenes finder. 
Dagegen nennt Bullinger zwei andere Schlachten, denen 
Zwingli beiwohnte, indem er die im Dienst .ts Papstes kiimpfn- 
den glarneischen Truppen als Feldprediger nach Italien begleitete. 

) So noch M;)rikofe," 1, 17. 



-- 66 -- 

Es sand ,lie Schlachten yon Novan'a und yon Marignano 1513 und 
1515. ,Ira Heel'lager". ffigt Bullinger bei, ,hat er fieissig ge- 
predi und in den Schlachten sich redlich und tapfer gestellt lnit 
Raten, Worten und Thaten." Auch auf diesen Feldziigen zeigte 
sich Zwingli noch als entschiedener Anhiinger der papstlichen Partei; 
el" hat sparer selbst bekannt: ,Vow" dem Jahre 1516 hangete ich 
noch etwa viel an des Papstes Oberkeit". ) Besonders w:,lu'end 
des zweiten Zuges yon 1515 war el" eikig bemiiht, den schmah- 
lichen Abfall vom Papst zu verhindern, dessert sich ein Tell des 
eidgenSssischen Heere.s in Folge der franzJsischen Bestechltng 
st.huldig machte. Er liess sich an dieser Haltung selbst dadurch 
nicht irre machen, dass der Papst, wihrend die feindlichen Heel'e 
in der Nihe yon Mailand zlr Entscheidungsschlacht einander ent- 
gegen l'ii[:kten, in treuloser Weiso den mat ihm vel'biindeten Eidge- 
uossen den versprocllcnen Zuzug verweigerte lind datiir mat den Fran- 
zosen in geheime Unterhundlungen sich einliess. Als die eidge- 
n6ssischen Hauptleute in dem nordSstlich yon Mailand gelegenen 
Stidtchen ]lonza sich dariibel" berieten, ob sie dora Papst Treue 
halten oder dutch die verlockenden Anerllietungen Frunkreichs sich 
zum Abfull yon ihm wollten bewegen lassen, hielt Zwingli am 
7. September auf dean Rathausplatz jener Studt eino Predigt, WOl'ill 
er mat eindringlichen Worten zur Einigkeit lind zm" Erfiillung der 
gegebenen Zusuge mulmte. Ein ZuhSrer, tier junge Werner Steiner 
aus Zug, der spiiter zu den eifi'igsten Anlaiingern Zwinglis gehiirte, 
schreibt da-fibe': ,Halle man ibm geibl, viel Blurs ware weniger 
gefiossen, und die Eidgenossen hiitten sich selbst vor grossenl 
Schuden bewahrt". Zwingli llutte wenigstens die Genugthuung, 
dass seine Glarner Landsleute lnit den Urkantonen am treuosten 
an dem Biindnis ti)sthielten. Abet ein grosser Tell des Heeros 
liess sich Zlln Friedensschluss mat F'anka'eich bewegen, und der 
durch ihren Abzug geschwachte Rest erlitt am 13. und 14. Sup- 
tember die Niedel'lage yon Marignano, in welcher mehr als der 

) I, 354. 



-- 68 -- 

So sehr abor auch nach aussen hin das Verhiltnis Zwinglis 
zum Papst wiihrend seines Aufenthalts in Glarus sich gleich blieb, 
so bezeichnet er doci, selbst an mehr als einer Stelle gerade die 
.lahre 1514 md 1515, in denen er in Krieg und Frieden am 
eifrigsten fiir seine Intcressen eintrat, als die Zeit, in der seine 
Autoritit z,terst in entscheiden,ler Weise ffir ihn erschfittert und 
,las Bewusstsein eines lwinzipiellen (_e.ensatzes gegen das bestehende 
Kirchontum in ibm geweckt wor,len sei. Schon die itahenischen 
Feldzfige wuen in ,lieser Beziehung sowohl fib" seine innere Ent- 
wi,:klung wie fib" sein spiiteres reformatorisches Wirken yon nicht 
zu unterscl,iitzender Be,leutmg. Seine Freundlichkeit im Verkehr, 
,lie Macht seiner Redo, sein tap/'eres Aulreten auf der Kanzel wie 
in ,ler S,'hlacht mussten ,lie Auihmrksamkeit auf ihn lenken und 
it, weiten Kreisen Achtmtg und Vertrauen ffir ihn erwecken. 
Wie der Zuge," Werner Steiner, so scbeint auch der angesehene 
Bfirgermeister yon Ziiricb, Marx l(iiust, dessen Freundschaft ihm 
in don erston .lahren seines do'tigen Wirkens so wichtig werden 
sollte, in .jenen Tagen zu Monza die e'ste Zuneigung zu ibm ge- 
thsst zu haben. RSust stand an der Spitze derer, die um der 
s'hweizeriscben Elm" und Treue willen yore Frieden mit Frankreicb 
abrieten, u,,d el" musste sich freuen, in den t'em'igen und ent- 
s'hied.nen Worten des Glar,,er P'edigers seine eigenen Grund- 
siitze ausgesprochen zu finden. Anderseits zeigt die Lebhaftigkeit 
u,,d Wiirmc. womit in Zwinglis spiiteren Schriften die fi'emdon 
Kriegsdienste mit ihre, verwiistenden und entsittlichenden Wirkungen 
geschildert sind, wie tier das Bild dcrselben seiner Seele. sich ein- 
priie und wie michtig sein Wi,lerwille gegen das Siildnerwesen 
din'oh diese tmmittelbare Wahrnehmung seiner Wh'kungen bestarkt 
und geschiirft wurde. Endlich konnte auch seine innere Stellung 
zum Pal:sttum ,hu'ch das. was er in Italien sah und er]ebte, nicht 
unberiibrt bleilen. Wohl kehrte er noch aus der Sclflacht von 
Maritano mit ungebrochener Treue fiber die Alpen zuriick, 
wahrend so vi,.le sich dutch das fi'anz6sische ]eld zum Abfall ver- 
Iiihret, liessen, um dan,, spiter meist, aus ,lem gleic.hen Beweg- 



-- 78 -- 

Sehilern, die teilweise ku'z vorher den Unterrieht Zwinglis er- 
halten batten, in Basel nieder und wurde yon Erasmus ,sowohl 
wegen seiner vorziiglichen und mannialtigen Kenntnisse als wegen 
der seltenen Lauterkeit und Re_inheit seines Waudels und Charakters" 
bMd einer vertraute.n Freundschatt gewiirdigt. Damit war aueh fiir 
Zwingli der Weg zu einer pers_6nlichen Annherung geebnet. Schon 
in einem Brief yore D,zember 1514 lesen wit, dass ein yon ihm 
verfasstes Gesprfich, drssen Inhalt nicht mehr bekaunt ist, yon den 
Freunden in Basel Erasmus zur Beurteilung vorgelegt wurde, und 
antings 1515, ,noeh ehe der Frfilfling ret'ht angebrochen war", 
eilte Zwingli selbst, vielleicht der friher erwibnten Einladung 
Dingnauers zur Teilnabme an dessert Magisterpromotiou tblgend. 
naeh Basel, um Erasmus persOnlicb kennen zu lernen. Fir die 
leundliche Aufnabme, die er bei ibm land, starter Zwingli bald 
darauf am 29. Ap-il 1515 you Glarus aus seinen begei.terten 
Dank ab. und Erasmus wusste dafiir zu sorgen, dass dieses Zeug- 
his der ibm entgegengebraehten Huldigung fiir die ]gaehwelt er- 
lalten blieb: mter allen yon Zwingli an Erasmus gescbriebenen 
Briefen ist diesel" der v.inzige, der in ,lessen Briefwechsel Aufnahme 
gefunden hat. Er ist in der That ein Denkmal dankbarer 
ehrung, wie es der grosse Humanist nieht gliinzender winschen 
konnte. Nach einer pathetischen Sclihlerung des yon Erasmus ihm 
erzeigten ti'eundlichen Entgegenkommeas entschuldigt sich Zwingli, 
dass er ihn besucht babe, obne fiir irgend eine bestimmte Frage 
yon ihm Aat,chluss zu begehre.n was ihn zu ihm hingefiihrt habe, 
sei hen alas Bediirthis gewesen, seine persinliche _eistesmacht 
ke.nneu zu l_rnen, und diese habe er denn auch in Verbindung mit 
der Anmut seiner Sitten md seiner barmonischen Lebenshaltung, 
ohne ein Auge abzuwenden, dtrgestalt bewundernd beobachtet, dass 
er jetzt, wenn er etwas yon ibm lese,, iberall itm unmittelbr redeu 
zu hSren und in seiner kleinen, abet zierlichen Gestalt lebendig vor 
sich z sehen glaube. ,Denn du bist mir wie ein Geliebter, mit 
welchem man sich unterhalten haben muss, um einschlafen zu 
k6nnen." Ftir Erasmus, den Mann, der wie kein anderer um die 



 86  

Gemeinde yon larus als .seinen fi'fiheren Schfiflein. jetzt aber 
gnfidigen Herren und lieben Brfide in Cbristo." um ihnen damit 
,seine Erkenntlichkeit ffir die ibm erzeigte Treue und Ehre" kund 
zu thun. ) 

 I, 1"/2 vgl. VII. 211. 238. Usteri Initia Zwinglii a. a. O. 626. 



-- 89 -- 

nicht da sein, dann wehe mir, wenn icll Brot fiir Gott dem armen 
Volk aufheben und zum Anbeten ffirhalten sollte." Wenn die 
Theologen fiber Fragen der Glaubenslehre mit einander disputier- 
ten, konnte er ds Gespriich mit den Worten unterh'echen: .Ich 
gebe euch nichts fiir euvr Iisputieren. [ch werde an meinem 
letzten Ende allezeit mit David zu Gott sagen: erbarme dich mei- 
net nach deiner grossen Barmherzigkeit und gehe nicht ins Ge- 
rich mi deinem Knechte. Allen anderen Dingen fl'age ich nichts 
nach." _his Zwingli nach Einsiedeln kam, hatte er die Leitung 
der Geschfifte schon 1/ingst seinem Administl'atvr Diebold yon 
Geroldseck iibergeben, einem Manne, der nach Zwingli zwar nicht 
besonders geleh-t, abet ein oifi-iger Liebhaber der Wissenschaft 
und ein Freund lind GOnner der Gelehl'ten war aud namentlich 
mit Zwingli bald in ein herzli[:hes Freundschaftsverhiiltnis trat. 
Unter seiner Verwaltung win'de das Kloster Einsiedeln ein Sammel- 
punkt der humanistischen Aufklirung in der Schweiz, an welchem 
die Freunde dvrselben aus Ziirich, aus Basel, aus Freibm'g sich 
zusammenfanden. 
In anderer Beziehung musste der Verkehr mit dem Kloster 
und die tiigliche Beobachtung des sittlichen und des gottes- 
dienstlichen Lebens in demselben ilia" die Bildung yon Zwinglis 
refonnatorischen lerzeugungen yon Bedeutung sein, und es ist 
ohne Zweffel eine Folge der dort empfangenen Eindriicke. wenn 
seine spiitere Polemik vor allem gegen den Bilderdienst und gegen 
das miissiggiingerische MOnchstum sich wandte. Die Erfahrungen, 
zu denen ihm der Aufenthalt im Klostel" zu Einsiedeln Veranlas- 
sung gab, machten ihn innerlich yon den Vorurteilen des mittel- 
alterlichen Lebensideals frei and brachten ihm die lerlegenheit 
der biirgerlichen Arbeit und Pflichterfiilhmg iber dessert vermeint- 
lich hShere Forderungen zum klaren und sicheren Bevusstsein. Er 
hat in seinem Exemplar des Hieronymus zu einer Stelle, in der 
vor dem Wein and vor leckeren Speisen als vor gei'fihrlichen Reiz- 
mitteln zur Sinnlichkeit gowarnt wird. die Worte an den Rand 
geschrieben: ,das m(gen die Benediktiner sich merken," und es 



erziihlten, michtig dazu beitragen, dass sein Name, lange bevor er 
durch seine Schriften in die 0ffentlichkeit zu treten begann, in 
immer weiteren Kreisen bekannt trod geachtet wurde. 
Ebenso wichtig als dul'ch diese Erweiterung seines Wi'kungs- 
kreises erwies sich far Zwingh der Aufenthalt in Einsiedeln dur'h 
den neuen geselischaftlichen und wissenschaftlichen Verkehr, tier 
sich ihm bier er)flhete. Mit seinen nlichsten Vorgesetzten. ,lem Admi- 
nistrator Diebold yon (_eroldseck und dessen Kaplan Franz Zingg, 
stand er in einem Verhiiltnis innigster Freundschaft und ['berein- 
stimmtmg, so dass er noch 152:, als er dem ersteren seine Sclu'ift 
tiber den Messkanon widmete, nicht Worte genug tin,ten kann. urn 
das :lfick dieser Freundschaft zu schildern und namentlich Ge- 
roldseck far das mehr als viiterhche Wohlwollen zu danken, mit 
welchem er ihn ,nicht nut in seine Freundschaft, sondern in alas 
innerste Heiligtum seines Herzens aufgenommen" babe. Er durfte 
es denn auch erleben, dass beide Miinner yore ersten Beginn der 
reformatorischen Krisis an sich entschieden auf seine Seite stellten 
und dass infolge dieser Haitung des Administrators die evangehsche 
Bewegung in ihren ersten Jahren gera,le in Einsiedeln, dem an- 
gesehensten und reichsten Kloster in der Eidgenossenschaft. ihren 
krfiftigsten Stiitzpunkt ausserhalb Ziirichs t'an,1. Als sie dort unter- 
driickt wurde, gab (_eroldseck, um seinem t;lauben treu bleiben 
zu knnen, freudig seine Stellung und Wiil'de auf; er hess sich in 
Ziirich nieder und hat zu Kappel an tier Seite des alten Freundes 
den Tod gefitnden. Auch der Abt, Konrad yon Rechherg, ist im 
(41auben an die evangelische Wahrheit gestorben, ,christlich und 
ohne des heiligen Oles, noch des Sakraments, noch keiner andern 
papsthchen Ceremonien zu begehren." ') Eine Zeit lang gehrte auch 
Johann 0chsli, der spiiter als einer der eifi'igsten Befhrderer tier Re- 
formation im Thurgau thiitig war. als Heifer zu Einsiedeln ,tiesem 
engeren Freundeskreise an. Mit welcher Liebe und Verehrung er 
an Zwingli hing, zeigt der Brief, den einer seiner Freunde. 
) Zwingli Ill, 80. 86; I, 491. Leo Juds Lebensbeschreibuug in 
Iisc. Tig., III, 28 f. 



-- 102 -- 

.Neuen Testaments. Zwingli scheint sich schon in (41arus ein 
Exemplar derselben verschaitt zu haben, 1) benfitzte abet haupt- 
sfichlich die 'issere Musse in Einsiedeln, um den kOsflichen Schatz 
nach seinem ganzen Inhalt sich anzueignen. Wfihrend des Winters 
1516 auf 1517 machte er sich sogar eine eigenhandige Abschrift 
der paulinischen Briefe, die auch fiusserlich durch die Zierlichkeit 
und die Regelm'ssigkeit der Schiftziige zeigt, wie ernst el" es mit 
dieser Arbeit nahm und welche Bedeutung er ihr beilegte. Wit 
erfaln-en yon Mykonius, dass er diese Briefe gleichzeitig in ihrem 
g-iechischen Wortlaut auswendig gelernt hat, und Zwingli selbst 
konnte spiter Luther gegenfiber auf diese Thatsache zum Zeugnis 
seiner Unabhingkeit sich berufen: Ich verdanke meine Kenntnis 
vom Wesen und Inhalt des Evangeliums dem Studium des Johannes 
und des Augustinus und vor allem dem fieissigen Lesen der Bl-iefe 
des Paulus, die ich vor elf Jahren mit eigenen Hinden abgeschlieben 
habe, wthrend Du erst seit acht Jahren zu herschen angefangen 
hast." 
Der Absch-ift ffigte Zwingli teils gleichzeitig, teils sp'hter zahl- 
l'eiche Randbemerk-ungen bei, die entweder eigene Gedanken ent- 
halten, oder den exegetischen Schriften der Kirchenvfiter und des 
Erasmus entnommen sind. Die letzteren zeigen, welchen Welt und 
welche Bedeutung diese Sch-iften noch immer ffir sein biblisches 
Studium batten md wie sorgf'iltig er sich alles aus ihnen aneig- 
here, was ihn in seiner Erkenntnis der evangelischen Wahrheit 
fsrdern konnte. Als eine Frucht dieser bewussten Konzentration auf 
(lie heilige Schrift w0a'de auch die yon Zwingli einmal erwihnte 
,Summe des Evangeliums" anzusehen sein, wenn damit wil'ldich, 
wie man auzunehmen pfiegt, eine in dieser fi'ftheren Zeit yon ibm 
verfasste, abet verloren gegangene theologische Arbeit gemeint 
write. Doch ist der Aus(h'uck aller Wahrscheinlichkeit nach auf 
die spfiter verSffentlichten Schriften, besonders auf den Kommentar 
fiber die wahre und falsche Religion zu beziehen, h[it grSsserer 
) vii. 15. 
 III, 543. 



-- 102, -- 

Sicherheit sind die aus dem gleMen Interesse hervorgegangenen 
Ant.nge des hebriischen Sprachstudiums in den Aufenthalt zu Ein- 
siedeln zu verlegen. Als das Hilfsmittel, dessen sich Zwingli dazu 
bediente wird die Grammatik Reuchlins erwahnt; vielleicht, dass 
auch die Anregungen, die damals von Capito in Basel dm'ch 
seine Lehrbficher, sowie durch seine nachdrtickli.he Aufforderung 
zur Erlernung des Hebriischen ausgingen, auf den Entschluss, sicl 
mit dieser Sprache zu beschiiftigen, nicht ohne Einfluss waren. 
Doch scheint die Arbeit bald wieder aufgegeben und erst in Ziirich 
mit bleibendem Erfolg neu aulenommen worden zu sein. ) 
Trotz dem stiirkeren Hervortreten des theologischen Interesses 
setzte Zwingli auch in Einsiedeln seine klassischen Studien mit un- 
geschwfichtem Eifer fort, und es ist eben diese freie Einfiigung 
der antiken Biidungselemente in ,lie theologische und insbesondere 
die exegetische Arbeit, was seiner Aufi'assung des Schriftinhalts uad 
des Evangeliums die ihr eigeatiimliche Unabhtngkeit und Neu- 
heir gegeniiber ,|er Vergangenheit verliehen hat. |hr ver,lankt er 
die innige Beziehung, in wolche sich ibm 01as Evangelium und das 
wahre Gesetz un01 wiederum der im Christentum geotlnba%e Gottes- 
wille und das angeborene sittliche Bewusstsein des Menschen, die 
hufgaben der Kirche uwl ,lie des Lobens zu eiaander stellten, und 
ebenso das VermSgen, Lehren wie ,lie yon dcr Taufe und vom 
Abendmahl unbeeinflusst nicht blos durch die scholastische, sondern 
auch durch die gesamte patristische ['lerliefermg in freier 
methodisch sicherer Schriftauslegung neu zu gestalten. 
Von dem politischen Leben scheint sich Zwingli in Einsiedeln, 
wo keine berufliche Pflicht ihn zum Eingreifen nStigte, fern ge- 
halten zu haben. Doch blieb er ein entschiedener Gegner des 
fi'anzSsischen Biindnisses, md wenn er aach 01n Riickhalt gegen 
dasselbe zuniichst noch im Anschluss an die kaiserliche un01 piipst- 
fiche Partei suchte, so war es doch sein au.gesprochenes Ziel. die 

z) Die Summa erwihnt: lIl, 543. Stadium des Hebriischen : VII, 145. 
Vgl. Usteri, Initia Zwinglii a. a. O. 1836. S. 96. Bantu. Capito and Butzer, 
S. 24. 



104  

Eidgenossenschaft ganz yon dem Dienst und dem Geld des Aus- 
landes zu 16sen und sie mit der Herstellung der alten Unab- 
hingigkeit auch zu ihrer fi'iihern Eintracht und Sittenreinheit zm'iick- 
zuffihren. Beatus Rhenanus schilde in einer Schrift yon 1518 den 
Zusammenhang, in welchem diese patriotischen Bestrebungen mit 
dem Geist des Humanismus standen, sowie die Hoffnungen. die 
nach beiden Seiten hin damals auf Zwingli gesetzt wurden. ,Nach- 
dem man angefangen, der zanksiichtigen Theoloe, welche Christus 
unter die Herrschaft des Aristoteles zu bgen versuchte, die Maske 
abzuziehen, ist der Sinn ffir den Frieden in den Schweizern allgemein 
erwacht, und sie beginnen den Krieg als etwas verderbliches und 
eines Christen unwiirdiges zu verfiuchen, wozu sie namentlich dtu'ch 
Mgtnner wie Huldreich Zwingli, Thomas Wyttenbach. Konrad Schmied, 
Gregorius Binzli. Nikolaus Baier, Johann Frey, Heimch Lupulus 
und andere Lehrer der evangelischen Wahrheit, nicht der mensch- 
lichen berlieferung, ermahnt werden.  ) 
I)er Kirche gegeniiber vermied Zwingli noch jeden Schritt, 
der ibm als Auflehnung gegen iin'e Ordnungen gedeutet werden 
konnte. Wie bei Luther und bei Calvin, so fehlt es allerdings auch 
in seinem Leben nicht an Erziihlungen, in denen der reformatorische 
Kampf schon in die Anl:J, nge seines Wirkens verlegt wird und nach 
denen insbesondere die Zeit in Einsiedeln als der Beginn desselben 
anzusehen wiire. Allein alle diese Erzfihlungen sind tefls Erzeug- 
nisse der frei dichtenden Sage, teils bertragungen yon nach- 
weislich sparer Geschehenem auf eine frtihere Zeit. So beruht es 
aff einer durcbaus unglauhwih'digen, yon den Zeitgenossen nirgends 
bestitigten Nachricht. dass Zwingli die fiber der Klosterpforte 
stehende Inschrift: Hier ist fiir alle Siinden roller Erlass der 
Schuld trod dcr Strafe -- babe wegnehmen und die bis dahin aus- 
gestellten Reliquien babe begraben lassen.:) Einer spateren Zeit 
in Zwinglis Leben geh,rt ferner an, was yon seiner Polemik 

) Briefwechsel des Beatus Rhenanus, S. 124. 
) So noch Gieseler, Kirchengeschichte III, 1. 138. Baur a. a. {I. 
S. 59. Die (4uellen fiir die Erzfihlung bei Hottinger, Heir. Kgsch. Ill, 26 f. 



108  

Aber gerade wie auf diesem Reichstag zu Augsburg. yon den 
wenigsten noch beachtet, in dem Zusammentreffen Luthers mit 
Cajetan ein Gegensatz sich ankiindie, welcher in kurzer Zeit das 
in mklarer Mischung Verbundene auseinandel'eissen und neue Wege 
fiir die l%formation der Kirche er01lhen sollte, so bereitete sich 
ungefiihr gleichzeitig auch in Zwinglis Lebensgang eine Wendung 
or, die seinem bisherigen Zuwaten ein Ende gemacht und an der 
Hand der ibm gestellten neuen Aufgaben ihn den wahren Zielen 
seiner bisherigen Entwicklung entgegengefiihrt hat. Es war seine 
Wahl zum Leutpriester am rossmiinster zu Ziirich. 
Schon im ktober 1517 war Zwingli die Gelegenheit geboten 
worden, seine Stelle zu Einsiedcln mit einem grSsseren Wirkungskreis 
zu vertauschem indcm ihn der Rat yon Winterthur zum Prediger 
dieser Stadt uml zugleich zum L_iter der dortigen Schule zu ge- 
winnen suchte. Er hatte damals unter Hinweisung auf seine noch 
nicht gelssten Verpfiichtungen gegen Glarus den Antrag abgelehnt. 
Anders aher wurde sein Verhliltnis zu der Frage, als im Herbst 
1518 die Stelle eines Leutpriesters am Grossmiinster zu Ziirich in- 
fo|ge des Zul'iicktretens ih-es bisherigen Inhabe's erledigt wurde 
und sich ihm die Aussicht er=iffncte, an dieselbe gew-hblt zu werden. 
Die Stadt und ihre Bewohner waren ilm nicht fi'emd, da Zwingli 
in Ziirich nahe Freunde hatte und der Verkhr der Stadt mit Ein- 
siedeln sear lebhaft war. Was er yon ihrem Treiben wahrnahm, 
hatte ihn, wie er spiter eimnal in einer Predigt zu Ziirich bezeu 
hat, im Blick auf das dort iln Schwange gehende schlindliche Leben 
zu ott beten la.sen, dass er ihn davor bewahren m;ge, jemals als 
Pfarrer untr ihnen wirken zu miissen. Abet er sah auch ein, welche 
Bedeutung es haben wiirde, wenn gerade in dieser Stadt der wahre 
Ernst und Inhalt des gSttlichen esetzes verkfindigt und die wahre 
Kraft des Evangeliums zur Erkenntnis gebracht werden kSnnte. 
Wih-de einmal, meinte er, an einem Ort yon solcher Beriihmtheit 
die Gnade Christi gepredigt und angenommen werden, so kSnne es 
nicht anders sein, als dass auch die iibrige Schweiz diesem Beispiel 
lblgen und sich zur Besinmmg bringen lassen werde. Als datum 



-- 109 -- 

bei einem Besuch in Ziirich die Frage an ihn gerichtet win'de, ob 
er zm" gbernahme der erledigten Stelle bereit ware, gab er ohne 
Ziigern seine Zusage, zumal er auch das Chorherrnstift, yon 
welchem die Besetzung abhing war, dutch die eben erfole 
Neuwahl des lropstes unter eine seinen Absichten fSrderliche 
Leitung gestellt sah. Am 28. Oktober erhielt er daraufbin 
yon seinem Freund Mykonius, der seit 1516 Lehrer an der 
Grossmiinsterschule war, die bestimmte Aufforderung, seine 
werbung einzm'eichen. Zwingli antwortete, dass er in wenigen 
Tagen zu miindlicher Besprechung der Angelegenheit sich in Ziirich 
einfinden werde. Bis dahin mSge der Freund sich et'kundigen, mob 
der Geistliche die Verpfiichtung habe Beichte zu h0ren und die 
Kranken zu besuchen, welche Behiirde fiber ihn gesetzt sei, welche 
Einnahme ihm zugewiesen sei" u. dgl.; je nach dem Ausfall dieser 
Erkundigungen und dem Rat des Freundes werde er dann die 
Sache entweder welter betreiben oder fallen lassen. Bald darauf 
vernahm er, dass unter den vielen sonstigen Bewerbern besonders 
ein schwiibischer Priester Namens Fabula gleichfalis Aussicht 
auf die Stelle habe, und diese Mitbewerbung eines in jeder B - 
ziehung unwiirdigeu Fremden liess i[u ttm so eifriger darauf 
bedacht sein, fiir seine Berufung zu arbeiten. Am 2. Dezember 
bitter er Mykonius, seiner Sache dieseln Menschen gegeniiber sich 
anzunehmen, und man fiihlt es dem Briefe ab, wie er es nicbt 
blos als einen Schaden fiir die gute Sache, sonde'n auch als eine 
pers0nliche Krinkung und Demiitigung wii'de empfinden ha}el, 
wenn der ,aufgeblasene und windige Schwabe" ihm, dem aner- 
kanuten Gelehrten uad geborenen Schweizer, sollte vorgezogen 
werden. ,Jetzt erst, da ich yon dieser Bewerbung hSre, beginllt 
reich die Stelle recht anzuziehen, und ich wiirde jetzt das, was ich 
fi'iiher mit Gleichmut aufgenommen hiitte, als ein Unl'echt gegen 
die Grundsiitze des Paulus ansehen, welcller die Zankischen zu den 
Fleischlichen rechnet." Dabei kiindigt er dem Freund auch bereits 
an, dass er im Fall seiner Erwihlung im Sinn habe -- ,ein bei 
den Deutschen unerhSrtes Unternehmen" -- iil)er das ganze Evan- 



-- 110 -- 

gelium des Matthius zu predigen. Er erhielt auch bald yon 
Mykonius die Nachricht, dass jener Fabula eine Fabel bleiben 
wiirde, da er schon dm'ch sein ausschweifendes Leben und seine 
Pfriindenjiigerei sich unmiiglich gemacht habe, und dass, wcnn auch 
die Feinde gegen Zwingli gesch/iftig seien, doch die Gutgesinnten 
auf seiner Seite stiinden. 
Abet in dem gleichen Briefe, in dem Mykonius dem Freund 
diese Beruhigmig giebt, macht er ibm noch yon einem andern 
Hindernis Mitteilung, das seinem ZieI sich entgegen zu stellen 
drohte, und beriihrt damit eine Seite in Zwinglis Leben, deren 
Aufdeckmg uns gerade in diesem Zeitpunkt einer neu gewonnenen 
Glaubenserkennt.nis und einer neu sich erSffnenden verantwortungs- 
vollen Berufsthiitigkeit vor einen noch viel schwerer zu ltsen- 
,h,n Zwiespalt stellt, als ihn der oben besprochene Gegensatz 
zwischeu innerer Entwickhmg und fiusserer kirchlicher Haltung in 
sich schliesst. Er habe, schreibt Mykonius, unter den Vorziigen, 
welche er in seiner Fiirsprache fiir Zwingli bei den Chorherren in 
die Wagschale legte, auch die Eh.rbarkeit und Keuschheit seines 
Lebens hervorgehoben: abet da sei ihm das unglaubliche Ge- 
riit'ht eutgegeu gehalten wordeu, dass Zwingli eines unerlaubteu 
Umgangs mit der Tochter eines angesehenen Mannes sich schtfldig 
gemacht babe und yon dent letztern wegen der daraus erwachsenen 
F,dgen zu einem Abkommen genStigt worden sei; wenn er uuch 
fiir seine Person in diesem Geriicht nut One Verleumdung er- 
blicken kOnue, so bitte er doch Zwingli, sich bei denen, die iiber 
die Wahl zu entscheiden hiitten, darfiber zu rechtfertigen. Zwingli 
gab diese Rechtfertigung gleich am folgenden Tag in einem Brief 
au den ibm beti'eundeten Chorherrn Heinrich Uttinger, worin er 
neben tier Richtigstelluug dieses einen Falles zugleich iiber seine 
ganze sittliche Lebens|'iihrung ein offenes Bekenntnis ablegte. Er 
erzfihlt, dass er vor ungef'/ihr drei Jahren sich fest vorgenommen 
babe, nach der Malmung des Apostels Paulus kein Weib mehr zu 
herihren, dass er abet" diesem Vorsatz nicht liinger als ein halbes 
Jahr t.reu geblieben und in die alte Siinde zuriickgefallen sei, da 



-- 115  

schweizerischen leformationswerk hineingezogen wurde. Von deln 
Rat yon Schwyz mit einem ehrenvollen Zeugnis iiber seine Amts- 
ffthrung versehen, traf er am 27. Dezember, dem Tag des Evan- 
gelisten Johannes, ,ehrlich und wohl empfangen', in Zirich ein. 1} 

t) Bullinger I, 11. Joh. Heinrich Tschudi, Besehreit, ung des 
Libl. Orths und Lands {ilarus, 1714, S. 741. Vgl. Zwin,,.,li VII, 61. 63. 



Zweite, Buch. 

I)ie Anfiinge dcr Reformation in Ziirich. 

1519--1522. 



124  

Doch gab es auch eine Partei des Widerstandes, in der sich 
die Bessergesinnten zusammenschlossen. Eine Frucht ilu'er Bemii- 
hungen war die Annahme des sog. Pensionenbriefs 1503, der jeden 
Empfang fremder Pensionen und Gaben verbot und in der Stadt und 
Landschaft als rechtskrfiftig betrachtet wurde.') Ein weiterer Erfolg 
war die Ablehnung des Biindnisses mit Frankn'eich, dessert Bekimpftmg 
Zwingli zum Aufgeben seiner Stelle in Glarus veranlasst hatte. 
Ihr Fiihrer war der Bfirgermeister Marx R6ust, der es sich zmn 
Ziel setzte, die Eidgenossenschaft aus tier durch die fremden 
Kriege erzeugten Demoralisation zu retten und vor allem in der 
eigenen Yaterstadt mit der Unabhfingkeit yore Auslad auch die 
alte Einfachheit und Ehrbarkeit der Sitten wiederberzustellen. Aucb 
bei einem Teil der Geistlichkeit fanden seine Bestrebungen Unter- 
stiitz,ng, so werden der Leutpriester Konrad Hofmann und der 
Prior des hugustinerklosters als eifrige Bek'ampfer tier fremden 
Jahrgelder genannt?) 
Allerdings hatte die Abwendmg yon Frankreich zuniichst einc 
mn so grOssere Ann'aherung an den Papst zur Folge, desscn 
Untcrstiitzung yon vielen, ihnlich wie es yon Zwingli in seiner 
Beschreibung des Pavierzugs ausgesprochen war als eine reli6se 
Pfiicht angesehen wurde und auch yore politischen Gesichtspunkt 
aus als ein Mittel sich zu empfehlen schien, die sonstige Unab- 
hiingigkeit yore Ausland aufi'echt zu halten. Leo X. that denn auch 
sein M6glichstes, um dieses Verhfi]tnis zu beniitzen und sich die 
Bundesgenossenschaft des mitchtigen und einfiussreichen Vororts zu 
sMern. ,chon beim Antritt seines Pontifikats versicherte er die 
Stadt in einem hu|dvollen Schrviben seines besondern Wohlwollens, 
da sie ,,on Gott zur Vollstreckerin seines Willens ausersehen" sei. 
Seine Agenten, der Kardinal Schinner und die Legaten Ennius und 

) Fenner, a. a. O., S. 12. (Jerold Edlibachs Chrouik, herausgeg. 
von Usteri 1847, S. 275. 
s) Hottinger, Archiv fiir chweizergesebichte I 1827, . 97. 
Bluntschli, a. a. O., II, 209. 235. Glutz-BIotzheim in J. yon Mfillers 
Geschichte der Eidgenossen, V, 2, 441. 



-- 127 -- 

worben zu sehen..Wenn ich auth." iiusserte er sich in heuchlefischer 
Bescheidenheit, ,nicht selber gelehrt bin, so werde ich doch stets 
bereit sein, die gelehrten Studien zu untersttitzen." So trat e" 
denn auch gleich nach seinem Amtsantfitt mit den Humanisten 
seiner Umgebung, einem Beatus Rhenanus, Vadian, Zwingli, in 
freundschaftliche Verbindung. Als Zwingli in Z(h-ich zu predigen 
begann, sprach er einem Freunde seine Freude dariiber aus, dass 
jetzt in Ziirich das Wort Gottes durch einen Mann yon ausgezeichneter 
Gelehrsamkeit verkiindigt werde. Abet fiir den waha'en Sinn dieser 
Predi fehlte ihm alles Verstiindnis. In seinen Streitschriften gegen 
Luther und Zwingli tritt iiberall der roheste Werkdienst und die 
vSllige Unkenntnis dessert. as christliche Religion und Sittlichkeit 
ist, zu Tage. Er verta'at gegen Zwingli die Ansicht, dass das Gebet 
als leibliche Tbtmg betrachtet werden miisse, und konnte es den 
Evangelischen zum Vorwurf machen, dass er wiiln'end der Badener 
Disputation keinen {)kolampadianer ein Paternoster babe beten 
sehen. In seiner Scln'ift yon 1529: Chfistlicher Unterricht iiber et- 
liche Punkte der Visitation wird der Satz ausgesprochen, dass mit 
der Lehre yon der Gerechtigkeit aus dem Glauben ,lr Ilnpuls ZUln 
guten Handeln aufhSre und nfit den kirchlichen Ceremonien das 
Gebet iiberhaupt ein Ende nehmen miisse. Auch gegen seinen 
sittlichen Lebenswandel wurden schwere Vorwiiffe erhoben, lber 
die Art seines persSnlichen Verkeln's re'refit der ihm nahe stehende 
Konstanzer Prediger Ambrosius Blaurer: .lle seine Worte sind 
Schmeicheleien: immer verzieht er den Mtmd ein wenig zum 
Lficheln; er ist ein Allerweltsfi-eund. au,:h derer, die er durch heim- 
liches Angeben bei dem Bischof als Erzketzer anklagt.') 
l'-ber die kirchlichen Zustiinde in Ziirich selbst m'teilt ein 
katholischer Geschichtschreiber: .Wit linden eine zahh'eiche und 
wold dotierte Geistlicllkeit" -- der Cln'onist Edlibach ziihlt :2 
Weltpfiester, 30 MOnche und 92 Sonnen,  .ein neuer Eifer fib" 
Kirchenbauten macht sich geltend, sowie f(ir Hebung tier Kirchen- 
') Zwingli VII. 69. 592, vgl. I[, 2, 8; lII, 5. Briefwe.hsel des 
Beatus I4henanu% S. 132. 306. Wirz a. a.O., V 75 f. 



-- 129  

Leutpriester am Grossmiinster gewesen war und spliter dieses Amt 
mit einer Chorherrenstelle vertauscht hatte, dass er in seiner 
dreissigjiihfigen Predigtthiitigkeit 5fientlich gegen die bischSfiichen 
und piipstlichen Missbriiuche gepredigt habe. Abet sein Auftreten 
geen Zwingli zeigt, dass diese Polemik jedenfalls sehr zahm 
war und sich in engen Schranken hielt; sein :Nachfolger in Leut- 
priesteramt, Erhart Battmann, dessen Riicktritt die Wahl Zwinglis 
veranlasst hatte, war ein eifriger BefSrderer des Wallfahrts- und 
hblasswesens, und selbst der freicr denkende HeimSch Utinger 
zeigt in den Ablassbriefen, die er als bisch,ifiicher Kommissar aus- 
zustellen hatte, den unverholenen Glauben auch an die exorbitan- 
testen pipstlichen Dispensationsrechte. Unbehelligt konnten die 
MSnche, besonders die Dominikaner, die Pietiit der Bth'ger ftir ihre 
habsiichtigen Zwecke ausbeuten, iudem sie den Kindern beim Tod 
ihrer Eltern einredeten, dass deren Seele so lange als ruheloses 
Gespenst im Hause umgehen miisse, his sie ihr dutch die Stiftung 
einer miiglichst ga'ossen Zahl yon Seelenmesscn wieder Frieden ver- 
schatft hiitten. ) 
Dagegen trat auf dem Gebiet des Unterrichts seit dcm Ende 
des 15. Jahrhunderts eine grOssere Regsamkeit ein, die wenigstens 
auf einzelne Kreise der Bih'gerschaft und der Geistlichkeit yon 
wohlthitigem Einfiuss war. Der Besuch fi'emder Schulen und 
Universititen wurde hiiufiger, besonders seit er durch die Errich- 
tung der Universitiit Basel erleichtert war und yore Papst und 
anderen Fiirsten Stipendien zu diesem Zweck bewilligt wurden. Die 
gelehrten Schflen, die yon Alters her sowohl mit dem Grossmiinstel'- 
wie mit dem Fraumiinsterstit in Verbindung standen, erhielten 
durch einige tiichtige Leiter und Lehrer einen neuen Aufschwung; 
so durch die Chorhen'en Felix Frey und Heinrich Utinger, die beide 
eine Zeit lang alas Amt eines Scholarchen an tier Grossmiinster- 
schule be'ldeideten, namentlich aber dutch Oswald Mykonius, tier 
seit 1516 als Lehrer an derselben angestellt war. Kurz vor 

) Hottinger, Hist. eccl. VII. 87 f. 34 f. Egli, A. S. Nr. 363. 



-- 133 -- 

Worte der I'ropheten wie des Herrn selbst halle er gelernt, dass 
das Evangelium nicht nut der einze]nen Seele, sondern tier Gesamt- 
heir des Volkes als die rettende Gotteskraft geschenkt und aucb 
in das .ifl'entliche Leben als erneuernder Sauerteig hineingebracht 
sein will, und class der eigentliche Zweck desselben nicht in der 
Aufrichtung einer dem Volksleben gegenfiberstehen,len Kirche mit 
besondern Gnaden und Aufgaben, sondern in de1" inneren Iturch- 
dringung und Heiligung dieses Lebens fiir Gott im Glauben und 
tehorsam, in der Herstellung einer yore Geiste I;ottes erfiillten 
und regierten Gcmeinde besteht, und ebenso halle er in Bezug auf 
sein Volk die (berzeugung, dass dessen Existenz und Wohltahrt 
nur in der riickhaltlosen Unterwerlhng unter das Vort Gottes und 
in der allseitigen hnnahme der im Evangelium geoffenbarten ,;aben 
und Krfte gesichert sei. ,Ich babe', bezeugt er spiiter, ,nacb der 
Sorge des Gottesworts ffir kein Volk ernstlichere Begierde. ,lass 
es in Gottes Huld gebracbt werde und lebe, als ffir eine 1,)blit-he 
Eidgenossenschaft, mit der ich etwa auch in Gefahr gestanden und 
noch bereit bin zu stehn, wo es die Nothdurft erbeischte." ) 
Nocb lag ihm der Weg zu diesem Ziele und seine pers6nli.bc 
Stelhmg und Aufgabe ihm gegenfiber vielfach im lunkeln und die 
Hoffnung war nicht aufgegeben, es aut" dem Wege einer h'iedlicb,.,n 
Umgestaltung und unter Mitwirktug der mit der Leituug yon Staat 
und Kirt.he betrauten ewalten zu erreicben. Abet eines war ibm 
gewiss, dass das Mittel flit eine solche Erneuerung nach beiden 
Seiten bin kein anderes als ,lie Verkiindigung des Wortes Gottes 
sein kiinne, und class es mit tier tbernahme des Leutpriesteramtes 
an der Hauptkirche yon Zfirich seine Aulabe gewor,len sei, zu- 
nitchst wenigstens diese Stadt unter die Wirkung des gOttlichen 
Wortes zu stellen und zu einer wahren Kirche in dem ibm vor- 
schwebenden Sinne umzugestalten. ) 

) II, 2, 302. Vgl. I, 356; vii. _08. 
) Hundesha gen. Beitrfige zkr Kirchnverfassun.,__,sgeschi,.hte und 
Kirchenpolitik, 1564, S. 125 ft.: Das Reformationswerk Ulrich Zwinglis o,ler 
die Theokratie in Zth'i('h. 



-- 135 -- 

Zwingli ist diesem (rundsatz einer zusammenhangenden Schrit- 
auslegung wMrend seiner ganzen Predihiitigkeit treu geblieben. 
Zu Einsiedeln hatte er sich noch darauf beschrfinkt, unter Fest- 
haltung des kirchlichen Perikopensystems die vorgeschriebenen 
Texte nach ihrem biblischen Sim und nicht nach der 'berlieferung 
auszulegen; in Ztirich dagegen sagt er sich gl,ich Aniangs yon 
dieser ganzen Perikopenordnung als yon einem willkiirlich auf- 
erlegten Zwang los und will yon nun an alas Evangelium in seiner 
Ganzheit und nach seinen eigenen Zusammenhang tier Gemeinde 
darbieten. Die Xnderung fan,1 bald in Zfirich und anderwiirts 
Nachahmung, so dass auch in St/idten wie Basel und Bern die 
Auslegung der Schrift im Zusammenhang als ein entscheidendes 
Kennzeichen fiir ,lie reformatorische Predi gait. 
ber den planmiissigen Gang dieser Schriftauslegung und die 
Reihenfolge tier in seiner Predigt behandelten biblis,:hen Bii,-h,r 
hat Zwingli selbst in seinem Rechtfertigungsschreiben an den 
Bischof yon Konstanz 1522 einen eingehenden Bericht gegeben. 
Er habe. sagt er bier. mit dem Evangelium des Matthaus be- 
gonnen, um die Gemeinde mit dem Inhalt der Lehre und des 
Werkes Jesu bekannt zu machen. Dann habe er ihr dutch ,lie 
Erklaruno der Apostelgeschichte alas Bild der wahren yore i_est 
(ottes reerten Kirche vor Augen stellen wollen, daraufhin ,lie 
Briefe an die Galater und an Timotheus vorgenommen, um ihr 
die Lehre des Paulus darzulegen, sodann ,lurch die Auslegung der 
Briefe des Petrus gezei, wie die yon Paulus verkiindigte 
auch yon Petrus bezeu und gelehrt werde. Im Sommer 1522. 
als er diesen Bericht niederschrieb, war er mit ,let Erkliirung des 
Hebriierbriefs beschiiftigt, damit die Gemeinde .zu Christus als dem 
wahren Hohenpriester und dem einzigen Mittler zwischeu ;ott und 
den Menschen hingeleitet und yon seiner Wohlthat un,1 Eln'e noch 
deutlicher unterrichtet werde'. Im Herbst 1523 predigte er tiber 
Lucas und im Jahre 1525, gleichzeitig mit tier Vollendung der 
neuen Kanzel im (rossmfinster, waren die siimtlichen Bicher 
des neuen Testaments beendct un,1 Zwingli begann, mit tier Aus- 



136 -- 

legung des ersten Buchs Mosis dem alten Testament sich zuzu- 
wenden.') 
Von den Predigten jener ersten Jahre sind keine in ihrer m'- 
sprfinglichen Gestalt auf uns gekommen. Zwingli pfiee frei und 
ohne schriiliche Aufzeichnung zu predigen, so dass er wiederholt 
die Bitte auswfirtiger Freunde, ihnen din'oh die Mitteilung seines 
Manuska-ipts in ihrer eigenen Arbeit behilfiich zu sein, abweisen 
musste. Selbst in Marburg hat er ohne Concept gepredi.') Doch 
dih-fen wenigstens im allgemeinen die ersten deutschen Schriffen 
aus den Jahren 1522 und 1523 als Zeugnisse ffir seine P'edigt- 
weise beh'achtet werden, insofe-n darin seiner eigenen Versicherung 
nach der wesentliche Inhalt seiner 6ffentlichen Verkiindigung zu- 
sammengestellt ist und mehrere derselben auch unmittelbar aus 
wirklich gehaltenen Predien hervorgegangen sind. Ausserdem 
sind yon einem Zuh6rer Ausziige aus seiner Erklrung des Matthfius 
lateinisch und deutsch vorhanden, die, wenn sie auch manche Elemente 
aus spaterer Zeit enthalten, doch wenigstens formell die Art und 
Weise seiner Textbehandlung zu veranschaulichen geeignet sind. 
Gewisse Anhaltspunk-te bieten ferner die yon ihm benfitzten 
Kommentare des Origenes und Clu'ysostomus, die yon Zwingli nach 
seiner Gewoimheit mit zahlreichen Raudstrichen und Bemerkungen 
versehen worden sind. Dieselben zigen, wie eingehend diese 
patfistische Exegese auch jetzt noch yon ibm zu Rate gezogen 
wurde und auf welche Punk-te hauptsfi, chlich sein Interesse gerichtet 
war. a) Endlich besitzen wh- fiber den Inhalt und die Wirkung 
gerade der ersten in Z(n-ich gehaltenen Prdien aufiihrliche Be- 
richte yon Mfinne-n. welche yon Anfang an Zwinglis Zuh_6rer waren 
und deshalb in erster Linie als Zeugen der yon ihm ausgehenden 
Wirkung in Betracht kommen dfirfen. 
Nach diesen Berichten war der Eindruck yon Zwinglis Predigt 
ein iiberw,ltigender. Obschon ihm keine starke Stimme zu Hilfe 

 Vgl. Ill, 15. 4.: [, 27. 4,5: Balliager I, 365. 
, VH. 121. loo. 134. 152. 187: IV, 80. 
 Vgl. Usteri, Intia Zwiag[ii 1, ,'i. 6b3. 



146 -- 

Missbriiuche wandte, seine Autoritiit und Unterstiitzung zu leihen. 
Auch sein Generalvikar .lohannes Faber, spfiter der erbittertste und 
eifi'igste unte" Zwinglis Gegnern, schreibt ihm bei dieser Gelegen- 
heir noch ganz als Gesinnungsgenosse, freilich nicht ohne vorsichtig 
abgewartet zu haben, bis die pfipstlic, he Entscheidung gegen Samson 
einget'ott'en war, und in Ausdrticken, die trotz den tiberschweng- 
lichen Freundschaftsversicheungen das im Hinterga'unde lauernde 
Misstrauen und die sich vorbereitende Scheidung deutlich genug 
verrieten. ,Was den himmelverheissenden Ablassbruder betrifi, so 
hat mir mein Gnius den Ausgang 6chtig vorhergesagt. Denn ich 
bin nicht so kaltherzig um zu glauben, dass ein so ungeheuerlicher 
Ablass yon dem apostolischen Stuhl ausgegangen sein kJnnte. Die 
Antwort des heiligen Vaters hat meine hSchste Bewunderung. Die 
W:drheit kann wohl bedrfingt und belfistigt werden, aber sie wird 
niemals unterliegen, da sie st'arker als alles ist." 
Abe- wenn dergestalt auch der Friede mit dem Bischof durch 
diese Episode nich gestSrt wurde, so ,iiente sie doch dazu, die 
reformato'ische. Haltung Zwinglis klarer zu bestimmen und das 
Vertrauen, vrelches die Freunde tier evangelischen Wahrheit auf 
ihn setzten, zu befestigen. Was er iiber den Ablass predigte, fand 
nicht allein ant' den yon Rom preisgegebenen Samson seine An- 
wendung. ,Man ring an'. sa Bullinger, ,die Biiberei zu me'ken'. 
Auch fiir die Bildung einer evangelischen Partei unter der Geist- 
lichkeit hatte le- Streit eine gewisse Bedeutung. Der Dekan yon 
13remgartcn, Hcinrich Bullinger. der Vate" yon Zwinglis gleich- 
namigem Nachfolger. welches" am offensten dem Ablasshandel sich 
widersetzt hatte, wurde yon Zwingli dafiir belobt, dass er seine 
Schiifiein vor dem Wol/'geschi'mt babe, und dazu ermahnt, ,tapfer 
fotzutalu'en und nichts auf dem hi)lass zu halteu'. Die evaugelische 
I(ichtung land und schloss sich in dern Gegensatz gegen den Ab- 
lass zum ersten Mal enger zusammen, und der ganze Handel 
braclte, wie Bullinge" erziihlt, . dem Zwingli und der evangelischen 
Predigt ein gr(isseres Ansehen". 
) Vll, 7. 



-- 148 -- 

unser, sondern Christi ist. eine Teufelslehre nennen, ist recht; 
denn darin eben bewiihrt es sich, dass es die Lehre Christi ist und 
dass wir ihre wahren Verk0ndiger sind. So sagten auch die Pha- 
risiier yon Christo. dass er den Teufel habe, und glaubten recht 
damit zu thun. Es besteht keine Freundschaft zwischen dieser 
Welt und dem Evangelium, und die Teuibl ktnnen nicht stmnm 
bleiben, wo Chfistus gegenwiirtig ist. Auch ich stehe in einem 
bestiindigen Kampf mit den BSsen; nicht weil sie an meinen 
Sitten Austoss nehmen kSnnten, sondern well sie das Evangelium 
und ('hfistus in mir zu verfolgen trachten." 
Diese Verketzerungen hinderten indessen uicht, dass tier Ver- 
kehr mit den bereun,leten kirchlichen Wiirdentriigern wiihrend des 
Jahres 151! noch in uugetriibter Weise fortdauerte. Als der obcn 
,rwihnte MSnch seine Schmiihschrift in Basel wollte drucken lassen, 
verwandton sich der Probst Felix Frey und der Kardinal Schinner 
bei dem dortigen Bischof dafiir, dass tier Druck verhindert wurde, 
und ein Freund aus Basel schreibt Zwingli bei dieser elegenhet: 
.Der Kardinal liebt Dich aus vielen Griinden, abet hauptsiichlich 
doch wegen Deiner evangelischen %sinnung und weil Du es wagst, 
die zarten Ohren mit tier herbert Wahrheit zu verletzen. Er hat 
in meiner Gegenwart mit hohen Lobspriichen yon Dir gesprochen 
,rod unter Anderem gesagt: Jener MSnch kann es nicht ertragen, 
dass unser Prediger die scholastischen Lehrer Dornen nennt: daher 
die ganze hufregung. 
wenig er solchcn Freundschaftsversicherungen Vel'trauen schenken 
durfte. Schon ehe er nach Ziirieh kam. hatte ihn Beatus Rhenanus 
vor tier Unzuverlitssigkeit des Kardinals gewarnt, und in Zfirich, 
wo Schinuer in tier niichsten h'iihe Zfinglis, tier Probstei, seinen 
Aufi.nthalt zu nehmen pflegte, hatte r Gelegenheit genug, diese 
Warming dutch die eigene Beobachtung sich bestiitigen zu lassen; 
abcr so lange ibm sein Verdacht nicht yon .qeiten Schiuuers selbst 
durch sichere Thatsachen gewiss gemacht und dessert b, tzte Ent- 

*) Vll. 7,S. 98. 102. 10-1. 



-- 156 -- 

Fl"oschauer i Ziirich nieder, der bald unter den Vorkiimpfern 
der leformation dutch sein offenes ttervortreten wie dutch seine 
D'uckerpresse eine he'-orragende Stellung einnehmen sollte. In 
St. Gallcn nahm ungef/ihr gleichzeitig der alte Freund Zwinglis, 
Vadian, der in Wien als Lehrer gewirkt hatte, seinen bleibenden 
hufenthalt, um zuniichst als Stadtarzt seiner "'aterstadt zu dienen 
und bald auch im Rat die leitende Stellung zu fibernehmen. Mit 
Zfirich brachte ihn schon seine Verheiratung mit der Tochter des 
Pah-iziers Jakob Grebel in lebhaften Verk(,hr, wie denn auch yon 
diesem Zeitpunkt an die Briefe Zwinglis an Vadian einen vertrau- 
lichern Ton anschlagen und die (emeinsamkeit der religii3sen 
gberzeugungen bestimmte" als fi'iiher hervortreten lassen. 
Unter den sonstigen auswirtigen Beziehtmgen Zwinglis waren 
noch immer diejenigen zu Basel, inslesondere zu den do'tigen Buch- 
druckern trod dem Humanisten Beatus lhenanus die lebhaftesten. 
Auch bier traten den alten Freunden neue und noch wert,ollere an 
die Seite. Es waren die beiden spite'n Strassburger Reformatoren 
Caiito und Hedio, yon denen der erstere damals am Miinster, dcr 
zweite an der St. Theodorskirche zu Basel als Prediger angestellt 
varen. Sic b,gannen bahl nach dem Vorbild Zwinglis statt der 
Perikopen das Evangelium des Matthfius im Zsammenhang auszu- 
legen und ihn auch sonst als ihren Fiihrer und Be'ater in 'eli6sen 
Frage_n z },etrachten. Als Capito im Fr(ihling 1520 einem Ruf als 
Hofprediger des Erzldschofs yon Mainz gefolgt war, schreibt Hedio 
an Zwingli, dass er jetzt ganz auf seinen Beistand und auf die 
,tlirkung dutch seine B'iefe angewiesen sei, und riihmt auch bald 
darauf dem M)'konius dankbar die Aufmunterung, die er yon Zvingli 
i einem fiir uns verloren gegangenen Brief empfangen hatte. ) 
1.):z0 in Bcgleitung seines alten 
Ein Besuch, den Zwingli Anfangs ') 
Lehrers Biinzli in Basel machte, stiirkte und vertiefte diese Freund- 
schaft, die namentlich mit Capito immer inniger und vertrauter 
wurde. Etwas spiiter wandte sich auch de" dritte der Strass- 
) VII, 95. 121. 137. Erichson, Ulrich Zwingli und die elsiissischen 
Retbrmatoren, 1884. 



-- 157 -- 

burger Reformatoren, Martin Butzer, von seinem Landsmann Beatus 
Rhenanus dazu ermutigt, an Zwingli, zuuichst um diesem einen 
Freund, der gleich ibm als Anhlinger Luthers aus dem Kloster 
hatte fiiehen mfissen, zur Versorgung zu empfehlen; es war gleich- 
falls der Anfang einer Verbindung, die yon da an ununterbrochen 
fortdauern und fib" die evangelische Kirche yon hichstem Segen 
sein sollte. 
So kniipfen sich nach aussen wie nach innen alhnfihlich die 
Beziehungen, die fiir den sp/itel'en Gang des Reformationswerks 
entscheidend geworden sind, und man sieht auch aus den spfirlichen 
Resten yon Zwinglis Briefwechsel, wie es iiberall die anziehende 
Kraft seiner Pers(nlichkeit und das ihm entgegengebrachte Be- 
diirfnis und Vertrauen war, was jene Gemeinschaft yon Gleichge- 
sinnten um ihn sich salnmeln hess, aus deren Zusalnmenwirken dor 
neue Bau einer evangelischen Kirche in immer bestimmteren 
Umrissen und festel'em Gefiige sich erheben sollte. Noch war sich 
Zwingli nicht bewusst, in diesen Kreisen die Fiihrerstelhmg ein- 
nehmen zu miissen: was abet die Freunde yon ihm erwarteten. 
zeigen die Worte, welche der Luzerner Niklaus Hagen im April 
1520 an ihn richtete: ,Bis jetzt hat die Schweiz ihre Scipionen, 
ihre Cisare, ihre Brutus sich erzogen, abet kaum einen oder den 
andern, der Christum wahrhaft erkannt und das Evangelimn gepredigt 
htte. Jetzt we dutch die Vorsehung Gottes Zwingli ihr geschenkt 
worden ist, wird die Ehrbarkeit und die Gerechtigkeit in ihr wieder 
aufbliihen und aus dem Dunkel, in welchelu sie 1)isher yea'bergen lag, 
hervoreten". ) Als Zwingli diese Worte el'hielt, war auch bereits 
in seinem eigenen Leben wie in den 6ffentlichen Zustiinden die 
Krisis eingetreten, welche den hier ihm beigolegten reformatorischen 
Beruf zur Reife bringen sollte: seine Erkrankung an der Pest uud 
die yon Luther ausgeheude kirchliche Scheidung. 

VII, 127. 



-- 165 -- 

ehe ich den Luther je nennen gehSrt babe, und babe zu diesem 
Zweck schon vor zehn Jahren angefangen griechisch zu lemon, da- 
mit ich die Lehre Christi aus ihrem eigenen Urspruag erlcrnen 
mSchte. Luther hat reich nicht unterwiesen, des Name mir noch 
zwei Jahre laug unbekannt gewesen ist, nachdem ich reich allcin 
an die heilige Schrift gehalten habe'. Wenn er in seiner Lehre 
mit ibm iibereinstimme, so sei der Grund kein anderer, als dass 
sie beide ihre Predigt aus Christus und Paulus geschipft hfitten. 
,Also will ich nicht, dass reich die Pipstl_r lutherisch nennen: 
denn ich babe die Lehre Christi nicht yon Luther gelernt, sondcrn 
aus dem Selbstwort Gottes, und will keinen anderen Nmien tragen 
als meines Hauptmanns Christus, des Kriegsmann ich bin und in 
dessen Dienst ich stehe." hnlich fiussert er sich in einer Schrift 
yon 1.527 gegen Luther selbst, als uuch diesel" ibm vorgehalten 
hatte, dass er ohne ihn nicht zur Erkenntnis des im Tode Christi 
beschlossenen Hells gelangt wiire: ,Ich habe von jeher meine 
Lehre" wie meine Eltern geehrt un01 vor allen diejenigen, die reich 
in der Erkenntnis der g0ttlichen und mcnschlichen Wahrheit ge- 
fSrdert haben. Wa'um sollte ich es also nicht eingestehen, wenn 
yon dem Reichtum, den Dir Gott geschenkt lint, auch auf reich 
etwas gekommen v're? Abet ich will Dir zeigen, wie sich die 
Sache verhtlt. Schon ehe Luthers Name anfieng bcriihmt zu 
werden, hat es viele und treffiiche Mfinner gegeben, die erkannten, 
worauf es in der Religion ankommt, und die yon ganz anderen 
Lehrern, als Du meinst, ihre Erkenntnis empfangen haben. Von 
mir selbst bezeuge ich vor Gott: ich babe die Kraft und das 
Wesen des Evangelimns tells aus dcm Studium des Johannes uud 
des Augustinus, tells aus dem giechischen Text der Briefe des 
Paulus gelernt, die ich bereits vor eli' Jahren mir abgeschrieben 
babe, wiihrend Du erst seit acht Jahren zu herrschen ange- 
fangen hast." ) 
Zwingli wusste sich also allerdings in der Bihlung seiner 
evangehschen 0berzeugung yon tier a|lgemeinen geschichtlichen 
) I, 254 f. vgl. 38 III, 543, vgl. 4. 



167 -- 

dankt am 22. Februar 1519 Beatus Rhenanus dafiir, dass er ibm 
so fleissig von Luther berichte, und liisst sich dessert Schriften, 
sobald sie erscheinen, zuschicken. ,Luther und das Compendium 
des Erasmus," schreibt er, ,finden bei allen Gelehrten in Zfirch 
Billigung." Einen Brief Luthers an h_delmunn liess Beatus 
Rhenanus ffir ihn abschreiben, well er fiberzeugt sei, dass er .an 
dem miinnlichen und tapfern Geiste Freude haben werde" .Es ist 
nun nichts mehr yon Luther vorhanden," schreibt man ibm am 
17. Juli 1519 aus Basel, ,was Du nicht kennst, ausser einem 
deutschgeschriebenen Sermon fiber die Ehe; sobald derselbe zu 
Strassburg gedruckt sein wird, soil er Dir zugeschickt werden." 
Beatus Rhenanus forderte ihn auf, einen Boten nach Basel zu 
schicken, der womSglich keine anderen Schriften als die Bicher 
Luthers von dort mitnehme, um sie zu Stadt und Land, ja yon 
Doff zu Doff und yon Huus zu Haus zum Verkauf anzubieten. 
Als bald darauf eine neue Ausgabe der Predien fiber das Vater- 
Unser in hussicht war, schickte Zwingli aus eigenem Antrieb einen 
berittenen Knecht nach Basel, um sich durch die Yermittlung des 
Freundes einige hundert Exemplare fiir Ziiricla kommcn zu lassen. ) 
Man sieht aus ailem: es war ffir Zwingli eine hohe Genugthutmg 
und ein michtiger Antrieb zum eigenen Vorwirtsschreiten, einen 
solchen Bundesgenossen sich zur Seite treten zu selaen and in den 
Schriften Luthers flit seine in der Stiile gereiften berzeugungen 
den geistesmichtigen Widerhall zu vernehmen, dutch den er zu- 
gleicla seine bisher vereinzelten Bestrebungen in den Zusammenhang 
einer 8a'ossen Kampfgenossensclaaft durfte gestellt sehen. Fiir Zwingli 
fiel zudem die nihere Bekanntschaft mit Luther gerade in die Zeit, 
wo ibm das Yerhalten des Papstes bei der deutsclaen Kaiserwahl 
die Verlogenheit seiner Politik und das Widerchristliche seiner 
ganzen kirchliclaen Stellung besonders deutlich zum Bewusstsein 
brachte und auch unter seinen Freunden die Entrfistung darfiber lauter 
als je sich iiusserte. Schon am 21. Mirz 1519, ehe Luther noch 

VII, 71. 74. 77. 81. 3. Suppl. S. 15. 23. 



-- 171 -- 

alle fi'iiheren zu fibertreffen scheint." Bald darauf heisst es in 
einem Brief an Vadian mit Bezug auf die eben sich verbreitende 
lqachricht yon Ecks Reise nach Rom: ,Mag Eck immerhin in Rom 
seine Bullen und Verfolgungen ins Werk setzen; sie Wel'den Bullen. 
d. h. Wasserblasen bleiben, auch wenn sie sich gegen die rb-hten, 
die sie am wenigsten verdient hahen, weil eben diese die, welde 
den Leib tSten, zu verachten wissen . An den Humanisten Sa- 
pidus in Schlettstadt richter er die Mahnung, sich jetzt in keine 
mderen Streitigkeiten einzflassen als in die fiir die evangelische 
Wahl'heir, und f" sie zu kiimpfen, so lange das Blur noch warm 
ist und die Kraft zum Siegen besitzt. Wenn er dies thue, werde 
er in die Zahl der wahren Bisch;:fe geh;iren, wie sie Origenes ge- 
schildert habe, die ihre Autoritat nicht dem Titel und dm Salbl 
wrdanken, sondern ihrem Gehorsam gegen ('hristus und der Aus- 
riistung mit seinen Gaben. die immer auf ,let Warte stehend das 
Heil des Volkes im Auge haben, das drohende Schwert abwenden 
und das (hite f0rdern. Neben Luthers Schriften sin,1 auch die- 
jenigen Huttens sowie einige hussitische Abhandlungen iiber die 
Kirche in seinen Handen. Er ist darauf bedacht, die letztern auch 
bei seinen Freunden zu verbreiten, und bezeichnet Hus selbst als 
einen Mann, der sein Zeitalter an Erkenntnis iiberragt habe.q 
Im Juli 1520 wurde die Bannbulle in der Schweiz bekannt. 
Zwingli suchte sowohl den ibm befreundeten p'iipstlichen Kommissar, 
Wilhelm a Falconibus, als auch den Bischof yon Konstanz dazu 
zu veranlassen, tier VerSffentlichung des verhingnisvollen Akten- 
stiicks entgegenzuwirken, und es gelang ihm, sie wenigstens in 
Ziirich zu hintertreiben. An andern Orten dagegen verfehlte der 
yon Rom gefiihrte Schlag, besonders in Folge der Belniihungen 
des Legaten Pucci, seine Wirkung nicht. Auf der Tagsatzung zu 
Baden im Oktober 1520 wurde der Antrag gestellt, die Schriften 
Luthers auch in der Schweiz verbrennen zu lassen. In Luzern erlfielt 
Mykonius die Weisung, das Lesen derselben mit seinen Schiilern 
) "VII, 94. 96. 114. 12o. 13. 136. 13. 139. Suppl. S. 26 f. Kolde, 
Analecta Lutherana I, 11 f. 



-- 173 -- 

kennt er doch ,lessen Wirkung zu gut, um nicht wenigstens fiir 
einzelne Kreise der Kirche trod insbesondere fiir denjenigen der 
Schweiz den Ausbruch einer Yerfolgung yon ibm zu erwarten. Er 
sieht voraus dass dieser Bann aucb ihn treffen wer,le. Abr elwn 
mit dieser Anfechtung soll der Freund in Erfiillung gehen sehen, 
was Christus den Seinen als Kennzeichen ihrer Jiingerschal vorau.- 
gesagt hat. .Das Gold muss dutch das Feuer glfiutert un,1 das 
Silber yon seinen Schlacken gereini werden. Itas Leben eines 
('hl'isten ist ein Kriegsdienst auf Erden. Hat Cbristus nicbt ver- 
sichert, class er gekommen sei, ein Feuer anzuziin,len auf Erden? 
Un,t was ist dieses Feuer. yon ,lem Jesus wfinschte, dass es iiberall 
brennen mfchte, anders als die Stan,lllaftket in der Anfechtung, 
die uns sogar die Eltern, wenn sie uns zur Untreue verlocken wollen. 
llassen, oder vielmehr den Bruder, der tins zum Tode schleppt, lichen 
lsst? Ist dieses nicht das Feuer, ,las eines jeden Werk ofl'enbar 
macht und es an den Tag bingt, ob er liir seine eigene oder fiir 
Christi Ehre in den Kampf geht? Kfimpft er fiir jene. so wird 
er ,lem Stroll gleichen, alas in ]lau,:h aufgeht, sobald alas Feuer 
tier Priifung ihm nahe kommt; kfimpft er fiir diese, so wir,i er 
sein Haus auf den Felsen bauen, der Cln'istus ist und der, wenn 
die Flammen dariiher hingehen, unversehrt bleibt." 
I_,lechzet, mit dieser bestimmteren Erfassung einer reh, r- 
matorischen Affgabe macbt sich auch in der Lehrbildung Zwinglis 
ein Fortschritt bemerkbar, tier gleichfalls mit tier yon Luther 
empfangenen Einwirkung in unverkennbarem Zusammenbang stebt. 
Bis dahin hatte er trotz seiner AblSsung yon tier Scholastik 
doch noch an gewissen Voraussetzungen derselben festgehalten, die 
ihn alas Wesen des Christentums mehr im Sinne der griechischen 
Viiter und des Erasmus als in dem des Evangelimns auflissen 
liessen. Er lehrte die Freiheit des menschlichen Willens gegentiber 
Gott und sah demgemiiss auch im Evangelium mehr alas vollkommene, 
geistig gedeutete Gesetz als die mit (_,oft versShnende, die ewssen 
reinigende Offenbarung der gSttlichen Gna,le. Abet eben bier ebt 
sich wlihrend tier Jahre 1519 und 1520 eine entscheidende Wendung 



177 -- 

gelischer Lehrbildung hat werden lassen. In der Auffassung des 
Saaments hatte er sich schon vor der Bekanntschaft mit Luther viel 
entschiedener als dieser von den altldrchlichen Traditionen los gemacht. 
Er erziihlt, dass ihn schon Wyttenbach dutch seine usserung fiber 
den Ablass dahin gefiihrt habe, die Gewissheit der Siindenvergebung 
start auf die Schlfisselgewalt des Priesters auf den Glauben an den 
Tod Christi zu griinden, und dass ibm die wahre Bedeutmg des 
Abendmahls als des Gedfichtnisses des Todes Christi durch die 
Schriften des Erasmus aufgegangen sei, dessen Paraphrase zum 
ersten Korintherbrief 1518 erschienen ist. Ebenso wird aus der 
ersten Zeit yon Zwinglis Aufenthalt in Ziirich berichtet, dass er 
in einer Predigt die Verdammnis der ungetauften Kinder geleugnet 
babe, womit auch der Taufe ihre bisherige Bedeutung als eines 
Gnadenmittels im augustinischen Sinn abgesprochen ist. ) Anderer- 
seits verfiocht sich flit Zwingli die Erkenntnis des in Chfisto 
geoffenbarten Heils viel unmittelbarer, als es bei Luther der Fall 
war, mit den Aufgaben des bih'gerlichen und gesellschaftlichen 
Lebens. Die Vorbilder antiker Tugend, wie sie ibm in den Scha'iften 
der Alten entgegengetreten waren und in seinen ersten patriotischen 
Kiimpfen vorgeleuchtet hatten, fanden auch in dem neuen, aus dem 
vollen Verstfindnis des Evangeliums ihm aufgegangenen Glaubens- 
bewusstsein Raum und Riickhalt. Er beth'achtete die Khche, eben 
weil sie neben dem Wort yon der VersShnung auch den in Christus 
offenbar gewordenen guten und vollkommenen Gotteswillen der 
Menschheit vermittelt, zugleich als eine soziale Institution, 
welche der Korl'upfion des Staatswesens und den Notstfinden des 
Volkes im qamen Gottes entgegen zu wirken hat und deren 
Reformation erst mit der Hiniiberleitung des christlichen Geistes 
in die allgemeinen Ordnungen des Lebens ihre ganze Vervh'klichung 
finder. 
Bei aller yon Luther empfangenen FSrderung hatte Zwingli also 
das volle Recht, das Schiilerverhiiltnis ihm gegeniiber yon sich 

a) 1II, 544. A. Baur, Zwiuglis Theologie ii, 81. 281. 
12 



-- 180 -- 

an lehrt und ausbildet und dabei genSti ist, wie ein Prophet die 
Gestalt der Tugenden auch an sich erscheinen zu lassen, die er 
so oft in seinen Worten ausma]t. Solche Leute ziehe ich in unserer 
Zeit selbst vielen Propheten vor, obschon man gewiss, wenn man alles 
recht erwligt, dem wahren Propheten vor dem mit der Gabe der Aus- 
legung oder der Sprachen Ausgesteten den Vorzug zu geben hat. 
Niemals wird man ihnen fiir ihre Leistungen Geniigendes vergelten 
kannen, einem Melanchthon, Glareanus, Petrus Mosellanus, Mykonius, 
apidus und so vielen anderen, die uns Tag fiir Tag die Scharen 
hoflhungsvoller Jiinglinge heranziehen und, wenn sie auch yon der 
Mehrzahl der Priester verachtet werden, doch die einzigen sin& 
welche die wilden Gemiiter dutch die Einpflanzung der Tugend 
wandeln." ) So ist dutch die Erkenntnis der Glaubensgerechtigkei* 
im paulinischen Sinn das humanistische Lebensideal wohl vertieft, 
abet nicht verdrngt worden. Vielmehr ist es gerade die Einigung 
des Evangelischen und des Humanen und die Einfiigung des christ- 
lichen ErlSsungsglaubens in die allgemeinen Aufgaben der Wissen- 
schaft, des Staats und des Lebens, was sowolfl der Theoloe, als 
auch dem Reformationswerk Zwinglis ihre Eigentiimlichkeit und ihre 
geschichtliche Bedeutung verliehen hat; aus der langen dognatischen 
Erstarrung ist der altchristliche Gedanke wieder lebendig gewordem 
dass in Christus und seinem Heil das Prinzip des Verniinftigen, des 
Guten und Wain'en iiberhaupt zur Offenbarung gekommen ist und 
dem Einzelnen wie dem Volke als die Kraft zur wahren Lebensge- 
stalt(mg dargeboten wird. 

VII, 13; .Suppl. S. 27. 



-- 185 -- 

die unanstindige Kleidung erlassen, und noch deutlicher kam 
der neue Geist, der dutch Zwinglis Wirken die Verhaltnisse um- 
zugestalten begann, in dem Entwurf einer Armenordnung zum Aus- 
druck, der am 8. September 1520 unter dem Titel: Satzung 
vom Almosen dem Rat vorgelegt wurde. 1) Seine Urheber waren, 
wie in der Einleitung gesagt wird, ,etliche geistliche und weltliche 
Personen, die da glaubten, dass unsere gnidigen und lieben Herren 
Biirgermeister und ein Rat gar ein gutes und gliickliches Werk 
thiten, wenn sie eine Ordnung einrichteten dass jeder der seine 
Hilfe und sein Gut den Bediirftigen zuwenden wollte, dieselben am 
geeigneten Orte zur richtigen Verteilung niederlegen kSnnte," 
und zur Empfehlung wird die Erwigung vorangestellt, .dass das 
den Nebenmenschen aus Liebe gespendete Ahnosen ein iibertrcff- 
liches gutes Werk ist, um Gnade, Tugend und alle guten Dinge 
zu bewirken und dem al]machtigen Gott wohlget:,illig zu machen". 
Im scharfen Gegensatz gegen die bisher bestehende Praxis wird 
zunichst eine feste Grenze zwischen wfi,'diger und unwiirdiger Ar- 
mut aufgestellt und sodann der Vorschlag gemacht, dass yore Rat 
zvei Pfleger ernannt werden sol]ten, welche die Einsammlun uud 
Verteflung des Allnosens zu besorgen uud zu diesem Behuf yon der 
Bediirftigkeit der Empfiinger eine genaue Kenntnis sich zu ver- 
schaffen hatten. Um die Spenden in Empfang zu nehmen, sol]ten 
am Eingang in die drei Pfarrkirchen ehrbare Frauea den Eintretenden 
Biichsen zum Einlegen entgegenhalten oder auch OpferstScke auf- 
gestellt sein und die Leutpliester dazu angehalten werden, der 
Gemeinde in regelmiissiger Wiederkehr ihre Pfiicht zur Mildthiitig- 
keit eilzuschiirfen. Zum Schlusse werden diejenigen namhaft ge- 
macht, die vom Almosen ausgeschlossen sein sollten: die Betfler 
und Miissiggiinger, die Verschwender, Kuppler und Trinker, sowie 
solche, weh'he das Vaterunser, das Ave Maria, den Glauben und die 
zehn Gebote nicht auswendig wfissten, den Kh'chenbesuch oder die 
jahrliche Beichtc versiumten oder als Flucher, Gottesl/isterer und 

z) Egli, A. S. Nr. 132; vgl. MSrikofer I, 82. 



-- 187 -- 

sich der Unterstfitzung der Eidgenossen zu versichern suchte. Ver- 
gebens schickte der Papst, der sich aus Furcht vor der drohen- 
den bermacht Franz I. dem Kaiser angeschlossen hatte, seine ge- 
wandtesten Unterhndler, um die Schweizer, wie Bullinger sagt, 
,seinem Stuhl anzuhenken und yon den Franzosen abzuziehen-. 
Durch das fi'anzOsische Geld gewonnen, nahm die Tagsatzung zu 
Luzern am 5. Mai 1521 ein Biindnis an, welches dem KiJnig yon 
Frankreich das leeht gab, im Fall eines Krieges im eidgenOssisehen 
Gebiet Truppen bis zu seehzehntausend Mann anzuwerben und nach 
Gutfinden unter Hauptleuten seiner Wahl im Felde zu verwendcn. 
Zwingli hatte sich durch den Eifer, mit dem er die Verbindung 
mit Frankreieh bekimpfte, der fi'anzSsischen Partei sowohl in 
Zfirich als auch in der fibfigen Schweiz schon lange verhasst 
gemacht. In Ziifich beschwerte man sich fiber die tyrannische 
Anmassung des yon auswarts gekommenen Fremdlings und belauerte 
argw(ihnisch jeden seiner Schritte; als im Juli 1519 ein kaiser- 
licher Rat, mit welchem er um seines Charakters und seiner wissen- 
schaftlichen Bildung willen gerne in niiheren Verkehr gctreten ware, 
in Zfirich sich aufhielt, wae Zwingli es nicht, ihn zu besuchen, 
weil er fiirchten musste, dass ihm dieser Umgang als ein Zeichen 
geheimer Konspiration mit 0streich ausgele4 wfirde. ) Ebenso 
berichtet ihm im Laufe des Jahres 1520 ]Ivkonius yon Luzern aus, 
dass auch deft an der Tagsatzung und sonst leidenschaftliche Reden 
gegen ihn gefiihrt und seine in Ziirich gehaltenen Predigten zum 
Gegenstand heftiger Anklagen gemacht wiirden und dass man ihm 
vorwerfe, sich unbefigter Weise in politische Angelegenheiten zu 
mischen, statt seiner Gemeinde das Evangelium zu verkfindigen und 
sic zum Guten zu ermahnen. Friiher, fii der Freund scherzhaft 
hinzu, sei seine St-imme so leise gewesen, dass man sic kaum dvei 
Schritte weir habe vernehmen kSnnen: jetzt dagegen hOre man 
sie in der ganzen Schveiz. Ob wohl der saute Ziircherwein auf 
seine Kehle so eingewirkt habe, dass er jetzt iiber eine solche 

Suppl. S. 2-t. 



188 -- 

Stentorstimmo verfiigo? 1) Die Verhandlungen fiber den Abschluss 
des fi'anzOsischen Bandnisses veranlassten Zwingli, den Kampf auch 
auf tier Kanzel mit verstarktem lqachdi'uck wieder aufzunehmen. 
Den Inbalt der damals in Zfirich gehaltenen Predigten hat er 
in einer Schrif yore Jahr 1522 : Gittliche Ermahnung an die Eid- 
genossen zu Schwyz noch einmal zusammengef'asst. 5Iit erga'eifender 
Anschaulichkeit zeigt er darin die Schuld deter, welche den Jammer 
des Krieges fiber ein fi-emdes Land bringen, sowie das moralische 
Verderben, welches auch im eigenen Volk dutch die auswttrtigen 
Kriegsdienste und die Duldung fremder Gabon gross gezogen wird. 
Er bringt die Drohungen der Propheten gegen die Rtuber und 
[_ewaltth'atigen in Erinnerung und weist auf die Vorfabren bin, die 
immer nut zur Verteidigung ihrer Freiheit, niemals um fremden 
Sold Krieg gef'fihrt, dafiir abet auch durch die Kraft [_ottes alle- 
zeit den Sieg erhalteu h:,ttten, wihrend den Kriegsziigen im Dienste 
ffemder Ffirsten iiberall Verlust und Elend gefolgt sei. Auchjetzt 
werde ott an denen, die sich in Vertrauen und Gehorsam an ihn 
halten, seine Verheissung erfillen. ,Lasset uns nicht uns kiimmern 
iber den Abgang fi'emdcr Hilfe, sondern sprechen mit dem heiligen 
Paulus: wenn -_ott uns zur Seite steht, wet mag wider uns sein 
In tier That gelang es Zwingli mit tier Unterstiitzung patriotisch 
gesinnter hi/inner wie des Birgermeisters 5Iarx Rfiust, Ziirich yon 
,lem franzfsischen Biindnis fen zu halten. Aber tier Kampf, den 
er zu fiihren hatte, win'de dadurch nur mn so schwerer. Das 
Biindnis mit Frankreich gait, nachdem es yon den samtlichen 
St/inden ausser Ziirich angenommen worden war, als eine nationale 
Sache, deren Ablehnung leicht als selbstsfichtige Absonderung und 
als eine Preisgebung der vaterl/indischen Interessen gedeutet werden 
konnte, und die eidgenfssischen Stande, denen tier Beitritt des 
rniichtigen Vororts zur Verstirkung ihres Heeres yon h6chster 
Wichtigkeit war, boron alles auf, um aucb die Ziircher mit dieser 
Autthssung zu befi'eunden mad noch nachtraglich zum Anschluss zu 
) VII, 136. 156. 
t II, :, :56 ft. Bullinger 1, 41. 



189 -- 

bewegen. Sie wussten, dass auch in Ziifich die hnhiinger ihrer 
laolitik noch immer zahlreich waren. Das Haupt der Berner Re- 
gierung, Albrecht yon Stein, erschien persSnlich in der Stadt. um 
die Biirger bald durch die Aussicht auf die franzSsischen Geld- 
spenden, bald durch die Hinweisung auf den Schutz, den die 
Freundschaft mit Frankreich der Schweiz gegeniiber der drohenden 
Haltung des Kaisers gewfihren wfirde, zur Umstimmung zu bewegen, 
und noch mehJ- hoffte man von der Wh-kung einer dutch die Tag- 
satzang abgeordneten Gesandtschaft, die um Pfingsten 1521 in 
Zfiich erschien und sowohl dem Rat und der Bfi'gerschaft der 
Stadt als auch den Gemeinden der Landschaft noch einmal die Vor- 
teile des Biindnisses darlegte. 
Aber eben in dieser Entscheidungszeit zeigte es sich, dass 
Zwinglis bisherige Aussaat nicht vergeblich gewesen und der yon ihm 
gepfiegte Geist der Freiheit und der Gottesfurcht im Volk zu einer 
Macht geworden war, die gegen die vereinten Einflfisse des Aus- 
landes und der Miteidgenossen sich sie-eich zu erweisen vermochte. 
Lauter und krfiftiger als je h'at er auf der Kanzel ffir die Selb- 
stiindigkeit des Vaterlandes ein, brandmarkte das abgesclflossene 
Biindnis als einen Verrat an seiner Freiheit und erneuerte die For- 
derung, dass die Eidgenossen die Fiirsten Fiirsten sein lassen und 
start neue Bfindnisse abzuschliessen im Vertrauen auf Gottes Schutz 
zur alten Sittenreinheit zuriickkehren sollten. Seine Mahmmg siegte. 
Albrecht yon Stein win'de als ,des fi'anzSsischen KSnigs besoldeter 
und 5ffentlicher Diener" aus demKanton verwiesen, das Verbot des 
Reislaufens erneuert und an die Gemeinden der Landschaft ein aus- 
fiihrliches Rechffertigungsschreiben gerichtet, in welchem der von 
Zwingli geweckte Geist klar und kraftvoll zum Ausdruck gelangte. 
Es lautet wie ein Wiederhall aus seiner Predigt, wenn in dieser 
Botschaft des Rats als Haupt'und gegen das Biindnis die Pflicht 
genannt wird, die yon den Viitern mit Blur erkaufte Freiheit dem 
Vaterland zu bewahren, oder wenn der Hinweisung auf den von 
Franlo'eich zu hoffenden Schutz und Riickhalt entgegnet wird: 
,Gleich als ob in der Menge der Bundesgenossen, Kfiegsleute, 



195 -- 

wieder an mir selbst irre und finde meinen Trost nur in der 
Erkenntnis, dass alles dies dm'ch gSttliche Fiigung geordnet ist, 
damit diejenigen, welche es nicht fiber sich bringen, dm'ch den 
Glauben an Gott sich zu wenden, dutch den verzweffelten Zustand 
der Dinge gezwungen werden, bei ihm ihre Zuflucht zu suchen, und 
wir so, yon aller menschlichen Hilfe im Stich gelassen, bei ihn 
als dem letzten Bergungsort unsere Rettung finden." Dabei unter- 
lfisst Zwingli nicht, daran zu erinnern, wie ganz anders die ,wilden 
Btren" in Bern behandelt werden miissten, als das Volk in 
Ziirich: ,Streichelu muss man diese Tiere und mit sanfter Zuriick- 
haltung behandeln, bis sie dutch unsere Geduld und Standhaftig- 
keit endlich sich (iberwinden lassen und zahm werden." ,Fahre fort 
Christus bei den Deinigen zu bekennen und suche allen alles zu 
werden, damit nicht Christus mit Dir ausgetrieben werde.  
Tl'otzdem vermied es Zwingli noch immer, sich dm'ch eigene 
Schriften in die kirchlichen Kfimpfe einzumischen., h:h will viel lieber", 
st-hreibt er ein Jahr sp,ter, als die Verhltnisse ihn in dieselben hinein- 
gezogen hatten,, die meiner Treue anbefohlenen Schafe in luhe mit ihrer 
himmlischen Nahrung versorgen, als reich aus meiner sissen littera- 
rischen Arbeit in den Streit hineinlocken lassen." 1} Das in dem Brief 
an Haller gegebene Versprechen, ibm einige Predigten iiber den 
Glauben und die Heiligenverehrung gedruckt zuzusenden, vurde niclt 
erfillt. Ebenso waren zwei polemische Traktate ungedruckt geblieben, 
die Zwingli schon 1519 verfasst trod den Freunden in Basel mitgeteilt 
hatte. Zwingli hat sie nicht aufbewahrt, und wit wissen bloss aus 
seinen Briefen, dass der eine gegen die Gelder des Papstes und 
der Kardinale gerichtet war, und der andere, ein Dialog, unter dem 
Titel ,Die Pest , das sittliche und kirchliche Verderben mit den 
Verheerungen der eben witenden Krankheit in Vergleichung brachte 
und zur Beantwortung einer Schmfihschrift best.iramt war, die ein 
St. Galler Prediger, :Namens Kas, gegen Luther und Zwingli in den 
Druck gegeben hatte. Zwingli zog beide Schriften wieder zurick, 

1) llI, 29 f. 



-- 205 -- 

hSrte man die letzteren die Predigt Zwinglis ein Ketzerwerk schelten 
und die Drohung gegen ihn ausstossen, dass er in kurzer Zeit 
werde hinweggefiihrt und vor das bischSfiiche Gericht zur Verant- 
woe'tung gestellt werden. Der Rat liess ihn indessen nicht nur 
wiilig unbehelligt, sondern ordnete auch sowohl gegen die, welche 
ihn geschmiiht hatten, wie gegen die )el'treter der Fasteno'dnung 
eine Untersuchung an, in der die lautesten seiner Gegner zu einer 
Geldbusse verurteilt wurden, und fiir seine Anhfinger war die yon 
ihnen verlangte Verantwortung eine erwiinschte Gelegenheit, sicb iiber 
ihr Verhalten 5ffentlich zu rechtfertigen. Besonders mannhaft und 
wiirdig war die Verantwo'tung des Buchdruckers Christoph Froschauer. 
Er babe, el'klfite er dem Rat, den Druck der Episteln des Paulus in 
Arbeit und miisse ihn bis zur Frankfm'ter Messe vollenden, was 
viel Zeit und Miihe in Anspl'uch nehme. Da k)nnten er und seine 
Gesellen sich nicht allezeit mit Mus begniigen; auch wisse er aus 
dem Worte Gottes, dem er allein zu vertrauen und zu gehorchen 
entschlossen sei, dass ein christliches Leben nicht in Speis und 
Trank, ja in keinen auswendigen Wel'ken stehe, sondern all,in in 
einem rechten Glauben, Vertrauen und Liebe, damit wit mit ein- 
ander wahrhaftig, gerecht, fi'eundlich und einfiltig leben. ,Zu Euch, 
meine Herren, babe ich ein solches Vetrauen, dass ich meine, Ihr 
werdet uns bei dem gSttlichen Recht schirmen und beschiitzen, 
wenn uns die Geistlichen, ohne dass wit wider Gott und die gStt- 
liche Schrift gehandelt hfitten, wollten gestraft haben." ) 
Es war das erste 5[aI, dass aus dem Kreise Zwinglis die Obrig- 
keit als die Beschiitzel'in der evangelischen Freiheit gegeniiber der 
kirchlichen Autoritfit angerufen wurde. Sie wies die Angelegenheit 
an die drei Leutpriester und den Propst am Grossmiinster, die 
iiberhaupt in derartigen Ffillen als kirchliche Bhrde zu funeren 
pfiegten, und liess sich yon ihnen ein Gutachten einreichen. Das- 
selbe zeigt sich deutlich als ein Kompromiss, an dem neben Zwingli 
auch der noch zuriickhaltende Propst Frey seinen Anteil hatte. Es 

) I, 3. 525. E gli, A. S. Nr. 234. 238. 



207 -- 

vor dem Rat zu verantworten, abgeschnitten wfirde. In der That 
beschloss der Rat, dass die Sache am folgenden Tage vor die 
Zweihundert gebracht und der Leutpriester nach dem Wunsch 
seiner Ankliiger nicht gehSrt werden sollte. Alle Bemiihungen 
Zwinglis, den Rat zu ether nderung dieses Beschlusses zu ver- 
anlassen, schienen umsonst, und ebenso fi'uchflos war ein Gespriich, 
das er Abends mit den bischSflichen Abgeordneten hatte. Seine 
einzige Zuflucht war, wie er erzihlt, ,das Gebet zu dcm, der die 
Seuier der Gefangenen hSrt, dass er seine Wahrheit nicht ver- 
lassen und selbst seines Evangeliums sich annehmen m,ige". Sein 
Gebet wurde erhSrt. Als am Morgen des .% April der Rat der 
Zweihundert zusammen trat, fasste er mit ether flit Zwingli selbst 
(iben'aschenden Mehrheit den Besch|uss, dass der Leutpriester an- 
gewiesen werden sollte, den Verhandlungen beizuwohnen und sich 
gegen die Anklage der bischSflichen Gesandten zu verantworten. Nocll 
einmal wiederholte der Weihbischof seine Klage fiber die in Zfirich 
verkiindigte widerwiirtige und aufrfihrerische Lehre, suchte zu zeigen, 
wie die (bertrctung der Fastengebote mit der evangelischen Schrift, 
den Ausspriichen der V-hter und dem filtesten Brauch der Kirche 
in Widerspruch stehe und wie die Ceremonien der -on Gott ge- 
wiesene Weg seien, am das christliche Volk zur Tugend und zur 
Erkenntnis des Heils hinzuleiten, und forderte s'hliesslich den Rat 
auf, dutch Beschiitzung dieser Ordnungen sich als ein lebendiges 
Glied der Kirche, ausser der kein Hell set, zu erweisen. Die Ab- 
geordneten glaubten mit dieser Rede die Verhandlungen beendigt 
und wollten sich entfernen. Aber Zwingli trat ihnen entgegen, um 
die hnklagen des Weihbischofs Punkt ffir Punkt vor dem Rat zu 
widerlegen. Er nahm die )ertretung tier Fastengebote als durch 
die Schrift gerechtferti un,l aus der Freiheit des ch%tlichen 
(laubens hel'vorgegangen often in Schutz und stellte dem Vorwurf 
ether Ve'achtung tier Ceremonien die ,qchilderung der unertrfig- 
lichen Lasten entgegen, welche die Kirche dm'ch ihre Fastengebote 
und Feiertage dem christlichen Volke auferle habe, sowie die 
Klage fiber den Schaden, den die Ceremonien thatsachlich in ,ler 



-- 215 -- 

Weise die Warnungen Zwinglis vor den fremden Kriegsdiensten be- 
stiitigte. Die Schrift musste in kfirzester Frist abgefasst werden. 
Erst am Mittwoch wurde ihm berichtet, dass am folgenden Sonntag 
die Landsgemeinde zu Schwyz, derer sie widmen wol!te, abge- 
halten werden sollte, so dass ihm zur Abfassung, zum Daack und 
ztu" Versendung nicht mehr als drei Tage zu Gebote standen. ) 
Trotzdem gehSrt sie in ihrem herzlichen und eindringlichen Ton, 
ihrer reichen biblischen und geschichtlichen BegTiindung und ihrer 
klaren Zusammenfassung religiSser und patriotischer Motive zu den 
wertvollsten Zeugnissen seines Geistes und zeigt, in welch leben,tiger 
Einheit sein Eifer flit die Wohlfahrt und die sittliche Erneuerung 
des Vaterlandes mit seinem biblischen Offenbarungsglauben stand. 
An der Erschaffung allor 5[enscllen aus d,r Einen Erde und dem 
Einen Stammvater, der ErlSsung Aller dutch den Einen Chfistus 
wird die Bestimmung zur Einigkeit und zum Fried_n nachgewiesen, 
in dem Hochmut und der Gottenffl'emdung der Urspnmg aller 
Entzweiung und aller Kriege aufgezeigt und mit geschi,-kter An- 
kniipfung an die fi-ischen Eindrficke des jiingstvergangenen Fel,1- 
zuges in ergreifender Weise tier 5konomische und moralische Ruin 
geschfldert, den ,tie fremden Kriegsdienste dutch den Eigennutz ein- 
heimischer und auswlirt-iger Machthaber fiber das Vaterland gebracht 
haben. Wohl htten auch die alten Eidgenossen tapfer gekfimpft, 
abel" sie hfitten es gethan, um ihre Freiheit, ihr Leben und ihre 
Kinder vor dem Mutwillen eines iippigen Adels zu schfitzen, und 
darum habe ihnen auch Gott den Sieg gegeben, wfihrend er sie 
jetzt yon den Feinden habe iibermannt werden lassen, eben wie 
er die Israeliten aus der Knechtschaft /]'ptens erl6st, aber auch 
ihr Selbstvertrauen und ihre l'berta-etung allezeit zu ,qchanden ge- 
macht habe. So lange es noch Zeit sei, sollon die Eidgenossen 
sich hiiten, dass sie sich nicht yon den Herren, die sie mit Eisen und 
Hellebarden nicht iiberwinden konnten, mit weichem Gold iiber- 
winden lassen, vielmehr der Bestechung derselben entsagen, zur 

1) lI, 2, 87. 



-- 217 -- 

dazt her, ihre Oberhoheit in dem vom Bischof gewiinschten Sinne 
auszuiiben: sie iibel'lieferte im :November 1522 einen Pfarrer aus 
der unfed- eidgenSssischer Vogtei stehenrlen Grafschaft Baden, Urban 
Wyss von Fislisbach, der gegen die Anbetung de Maria gepredigt 
hatte, dem bischSfiichen Gericht in Konstanz, wo derselbe lange 
gefangen gehalten und schliesslich dutch die Folter zum Widerruf 
genStigt win'de. ,Das war", sagt Bullinger, ,der Anfang, dass die 
Eidgenossen sich wider das Evangelium gelegt und es zu verfolgen 
angefangen haben, und dies auf Autrag uud Austifen der Geist- 
lichen, welche zu allen Zeiten Christum dem Pilatus und Herodes 
tiberantwortet haben." ) 

t) Bullinge," I, 79 f. Eidg. Absch. IV, la, S. 2t7. 250. 



-- 223 -- 

der Rat yon Zfiricb dariiber zur Rechenschaft zog, Abbitte thun 
und seine Worte zurficknehmen. ) 
Dennoch ist es nicbt zufiillig, dass solcbe Verleumdugen 
gerade im Sommer 1522 gegen Zwingli auftaucbten, wiihrend his 
zu diesem Zeitpunkt jede Andeutung fehlt, dass auch nut gerficht- 
weise ein deraiger Vorwurf gegen seinen Wandel in Zfirich 
erboben worden wre. Zwingli hat in der That damals eine 
gewisse Handhabe dazu geboten; aber was er that, war gerade 
der Schritt, dm'ch welchen er seinen entschlossenen Bruch mit dem 
ganzen widernatih'lichen CSlibatsgesetz und dem damit verbundenen 
Siindenwesen vollzogen hat. Es war dies die in jenem Jahr yon 
ihm eingegangene heimliche Vermfihlung mit Anna Reinhard, 
der Witwe des 1517 verstorbenen Edehnanns Hans Meyer yon 
Knonau. Sie stammte aus bh-gerlicher Familie und war deshalb 
von den Eltern ihres hlannes, die ihn lieber mit einer [4attin aus 
dem eigenen Stande verbunden geseben h-iitten, unfi'eundlich bebandelt 
und von allem Umgang ausgeschlossen worden. Sach dem Ted 
ihres (atten, der dreizehn Jahre mit ihr in der Ehe gelebt hatte, 
wohnte sie in einem der Leutpriesterei am Grossmfinster benach- 
batten Hause. Ibr Sohn Gerol,1 besuchte die mit dem Stilt in 
Verbindung stehende lateinische Schule. Er wurde im Frtibjahr 
1521 wie andere Zfircher Jfinglinge mit ahnlicher Vorbildung von 
Zwingli ztu" Fortsetzung seiner Studien nacb Basel geschickt un,l 
bei einem ihm befreundeten Lehrer untergebracht, und der scherz- 
hafte und vertrauliche Ton, in weh'hem er Zwingli von deft aus 
fiber sein Ergehen Nacln'icht giebt, lasst darauf schliessen, dass 
schon in Ziirich ein freundschaftliches Verhaltnis zwisehen ihnen 
bestanden hatte, das den Jfingling mit unbefangenem Vertrauen 
zu Zwingli autblicken liess und -on diesem wohl aucb dazu 
beniitzt wurde, die veto Vater ererbte iibersprudelnde Lebenslust 
des jungen Patriziers in die nStigen Schranken zu weisen."-I 

VII, 271. Egli, A. 8. Nr. 335. 34t-342. 
VII, 169. 181. 



-- 225 -- 

erschien es befremdlich, dass Zwingli mehr als zwei Jahre lang 
mit der 5ffentlichen Vermihlung zSgerte, und den Feinden gab sie 
die Veranlassung zu Verleumdungen, welche die tadellose Haltung 
Zwinglis wfihrend der vorangegangenen drei Jahre nicht hatte auf- 
kommen lassen, wihrend sic ibm selbst die Freiheit nahm, seine 
Unschuld so, wie cr sich ihrer bewusst war, zu verfechten. Er 
bricht z. B. den Brief an einen Freund, der ihn um Auskunft fiber 
die gegen ibn ausgestreuten bSswilligen Gerfichte gebeten hatte, 
gerade da ab, wo er auf die erwihnten Verleumdungen zu reden 
kommt, offenbar um nicht dazu gen_tigt zu werden, den wahren 
Sachverhalt, den eL" noch wollte geheim gehalten haben, in die 
/)ffentlichkeit zu b'ingen. ') So gehh-t die Eheschliessung Zwinglis 
in ihrem ersten Bestand noch zu dem vielen Unvollkommenen 
und Unfertigen, welches der Kampf zwischen der neuen sitflichen 
Lebensgestaltung und den alten Ordnungen mit sich ffihrte; abet 
gerade die yon ihm veranstalteten beiden Bittschriften sind der 
Beweis, wie sehr es ibm mit dcr lberwindung dieser Unvoll- 
kommenheit Ernst war: batten sie doch eben den Zweck. sei es 
yon Seiten des Bischofs oder der eidgenSssischen Tagsatzung, dem 
yon ihm gemachten Schritt dutch den Nachweis seiner christlichen 
Berechtigung seine gesetzliche Sank-fionierung und damit zugleich 
eine ffir den gesamten Klerus giiltige Anerkennung zu verschaffen. 
Es war ihm nicht genug, ffi" die yon ibm eingegangene Verbindung 
bei der eigenen Obrigkeit auf Duldung rechnen zu kSnnen. Er 
wollte auch fiir andere die FaLlstricke beseitigen, welche die Kirche 
ihren Dienern in kevelhafter berhebung fiber die yon Gott ein- 
gesetzte Naturordnung gelegt hatte. Wo er um sich blickte, sah 
er seine Genossen den gleichen Versuchungen ausgesetzt and von 
der gleichen Gewissensnot gedrfickt, unter deren Banne er selbst 
gestanden und gelitten hatte; n.ber indem er angesichts dieser 
Notlage die gleichgesinnten Freunde um sich sammelte und im 
bamen aller das Wort er'iff, um gerade an dem am meisten 

VII, 233. 177. 238. 

15 



-- 229 -- 

Dominikaner. stand der Generalvikar als Ordensgenosse in naher 
pel'snlicher Verbindung. Bitter beschwerten sich die MSnche bei 
ihren Freunden fiber die AngTiffe, die Zwingli in seinen Predien 
sich gegen sie erlaubte; sie drohten, falls ihm nicht Schweigen 
geboten wiirde, auch ihrerseits den Kampf auf der Kanzel gegen 
ihn aufzunehlnen, und als sich einige seiner Anhfinger dazu hin- 
reissen liessen, einen M'inch in seiner Predi zu unterbrechen, 
gelang es ihnen, den Iat, wenn auch nur mit geringem Mehr, zu 
dem Beschluss zu veranlassen, dass der Streit auf den Kanzeln 
verboten sein solle und lfiemand mehr gegen die M;inche predigen 
oder disputicrcn diirfe. Allein der Sta'eit dauerte fort und wurdc 
yon beiden Teilen noch leidenschaftlicher als vorher gefiihrt, so 
dass der Rat sich geniti sah, noch einmal ins Mittel zu treten. 
Am 22. Juli mussten sowohl die drei Leutp'iester als die Lese- 
meister der drei Klster in der Propstei des Grossmfinsters 
zusammentreten md vor dem Biil'germeister Riust und drei der 
angesehensten Iatshe-ren ihre Beschwerden gegen einander vor- 
bringen. Die Schiedsrichtcr ve'suchten zucrst, die streitenden 
Teile nochmals zur Vertrfiglichkeit zu mahnen und sie fiir ihre 
ferncren Streitigkeiten an das Kapitel der Chorhel'ren zu weisen. 
Allein Zwingli wollte yon einer solchen -ichterlichen Befugnis 
dicser Beh,h'de nichts wissen. ,Ich bin in dieser Stadt Zii-ich 
Bischof und Pfal'rherr und mi" ist die Seelsorge anbefohlen. 
Ich habe dafiir den Eid geleistet und nicht die Minche: nicht sie 
sollen reich beaufsichtigen, sonde ich sie, md wenn sie die 
Unwahrheit predigen, so will ich es widel-fechten und solltc ich 
auch an ihrer cigcnen Kanzel stehen und gegen sie reden lnfissen." 
Frei und mverdin, wie sein Eid laute und wie das Mandat ibm 
gebiete, werde er das Evangelium predigen; knne man ihm abet 
nachweisen, dass er etwas wider die Schrift lehre, das dem Evange- 
lium zuwiderlaufe, so wolle er sich nicht nur yore Kapitel. sondel'n 
yon einem jeden Biirger weisen lassen und der Strafe der Obrigkeit 
sich unterwerfen. Als auch der Leut-pfiester Engelhard und der Komtur 
Schmid in gleichem Sinn gesprochen hatten, die M;inche dagegen 



-- 233 -- 

Der Inhalt der Verteidigungsschrift hat trotz der aphoristischen 
Haltung seine innere Einheit in der Darlegung und Begrfindung 
des evangelischen Schriftplinzips und seiner lberordnung fiber die 
Autoritiit der Kirche. Gleich in der vorangestellten Zuschrift an 
den Bischof schildert Zwingli, wie er allmfihlich der Ungenfige 
aller auf blos menschliche Autoritt gegrfindeten Erkenntnis inne 
geworden und zum Entschluss gekommen sei, sich allein yon dcr 
heiligen Schrift leiten zu lassen. Er babe die Wahrnehmung ge- 
macht, dass auf die Grundfrage des menschlichen Hcrzens nach 
dem wahren Weg zum Leben und zur Seligkeit sowohl die Philo- 
sophen als die Theologen nut unsichere und widerspruchsv,lle 
Antwort gilbert:, als el" abet in dieser Unschlfissigkeit Gott 
um Erleuchtung })at, sei er an die Stellen efinnert worden: die 
Wahrhcit des Herrn bleibt inEvigkeit; Himmel und Erde werden 
vergehen, abet mine Worte werdn nicht vel'gehen; vergebens 
ehren sie reich mit menschlichen Lehren und Satzungen u. s. w. 
Da sei es ibm klar geworden, dass es nicht auf das ankommt, 
was wit Menschen SchSnes und Grosses und Herrliches ersinnen, 
um Gott zu ehren, sondern darauf, dass wit mit ganzem Hcrzn 
an ihm hangen und seinen Willen zu erforschen und zu thun uns 
befieissen. .So liess ich denn endlich alles dahinten und gelangte 
dahin, dass ich auf kein Ding und kein Wort reich mehr verliss, 
als auf das, welches aus Gottes Mund hervorgegangn ist; 
dieses wurde der Prfifstein, nach welchem ich alle menschliche 
Lehre prfifte, und wenn ich sah, dass Beides zusammen stimmte 
und die menschliche Lchre des Steines Klarheit aushielt, so nahm 
ich sie an, wenn nicht, so verwarf ich sie. Auf diesem Wege 
gelangte ich endlich dahin, dass ich gleich bei dcr ersten Bcrfihrung 
es inne wurde, wenn etwas hinzugethan and beigemischt war, und 
ich habe reich dta-ch keine Gewalt und keine Drohungen jemals 
bewegen lassen, dem, was menschlich ist, ob es auch noch so stolz 
und glfinzend aussehen mochte, den gleichen Glauben mit dem. 
was gSttlich ist, zu schenken. Wenn deswegen meine Feinde 
reich bei deiner Herrlichkeit als Verfichter menschlicher 



-- 237 -- 

deren Leben die Wollust und deren Gott der Bauch ist, die 
nicht nur ihre Zimmerdecken, sondern auch ihl'e Maultiere und 
ihre Geschirre vergolden lassen, je zu einer solchen Gesinnung 
bekehrt werden, dass sie etwas zugestfmden, wodurch ihren Schfis- 
seln und Schriinken Abbruch geschehen k,Jnnte!  ,Nm- der ein- 
miitige Wille der Fiirsten kOnnte sie dazu zwingen; aber diese 
werden dutch die Geisthchen verfiih." Aber Zwinghs Hoffnung 
und Stfirke ist Christus, unter dessert Schirm und Urteil er dcss- 
halb auch am Schlusse der Sclu'ift sich und sein Werk betend stellt. 
Er ruff Christus zum Zeugen an, dass er yon Kindheit an allem Streit 
und Aufruhr abhold gewesen sei und sich nut mit Viderstreben 
in den Kampf habe fiihren lassen. ,Datum darf ich mich nun 
abet auch an Dich wenden, dass Du das gute Werk, welches Du 
angefangen, zu Ende fiiln'en, das, was ich ungeschickt und unrecht 
gebaut habe, wieder weguehmen und wo ich einen andern Orund 
als Dich gelegt habe, ilm zerstren mSgest, damit Dein Volk, 
durch Deinen Geist geleitet, in Deiner E'kenntnis dahin gelange, 
dass es weiss, es werde ihm nichts fe]flen, wenn es yon Dir als 
seinem Hirten und Bischof sich leiten und weiden liisst. Denn 
Du, der Sohn Gottes, bist der Besclliitzer und Beistand Aller, die 
auf Dich hoffen. Du, der edle Weinstock, dessert Weing5rtner 
der Vater ist und dessert Schosse wir sind, verlass Dcine Pfianzung 
nicht! Gieb rechte Rede in den Mund Aller, die Deine Ehre 
suchen und Deinen Namen heiligen, damit sie vor dem Fiirsten 
dieser Welt das reden, was Dir wolflgeffillt und was den armen 
Menschen nfitzlich ist. So wird es dann mOglich sein, dass wit 
in Dh', dem einen und ewigen Haupt, Einen Leih bilden und als 
Deine Braut uns vereinigen, die Paulus Dir verlobt hat olme 
Flecken und Runzeln, und dass die Kirche verlassen werde, die 
nichts anderes als Flecken und Runzel ist, weil der Name Gottes 
dm'ch sie verl/istert wird. * 



Sicbentes Kalitel. 

Die Rechtfertigung, zu der sich Zingli dutch das huft'eten 
des BischoE in der Fastenfi'age genSti sah, war zur offenen 
Lossaguug geworden. Fiir ihre Wh'kung nach aussen ist nichts 
bczeichnender, als der Schre.cken, den sie Erasmus eintlJsste. Die 
Erwahlung des Papstes Hadrian Vl. hatte ihn mit neuer Hoflhung 
auf eine fi'iedliche Beilegung des kirchlichen Streites e'iillt. ,Wit 
haben einen Theologen zum Pal)st", schreibt er am 3. Septemher 
an Z-ingli: .bald wer,len wh" sehen, was es mit tier christlichen 
Sachc fiir eine Wendung nimmt. Kfimpfe nicht bloss tapfer, 
sondern auch klug; dann wird Dir Christus verleihen, auch glfick- 
li.h zu kampfen.  Abet als ibm unmittelbar darauf der Archeteles 
bekannt wurde, schickte er seinem Brief schon am 8. September 
einen zweiten nach, worin er Zwingli unverholen seinen Unwillen 
zu fihlen gab und im Namen des Evangeliums ihn beschwor, in 
Zuku't dcr evange]ischen Bescheidenheit und Klugheit besser ein- 
gedenk zu sein und ffir seine weiteren Ver,iffentlichungen doch ja 
vorher mit gelehrten Fretmden zu Rate zu gehen. Aber Zwingli 
wusste sich yon einem H(iheren beraten und geleitet. ,Ohne das 
Vertrauen ant den Schutz des Herrn', schreibt er in jener Zeit an 
Mykonius, .h'tte ich schon langst das Steuerruder aus den Handen 
gegeben; aber da ich sehe, dass Er die Taue befestigt mad die 



243  

der Gewissheit der trSstlichen Hoffnung; die wolle Gott in uns 
mehren und nimmer lassen uns verloren gehen. Amen." 
Die zweite Predi: Von der reinen Magd Maria widmete 
Zwingli seinen Briidel'n im Toggenburg. In der Zuschrift lobt el- 
sie, dass sie in ihrem Bauernstand geblieben seien und so ,en 
Ariel, yon dem sie als S6hne Adams geboren seien, wohl auf- 
halten", und rtigt es hart, dass sich einige yon ihnen aus diesem 
fi-ommen Geschlecht der Bauern uud Arbeiter hinweg zur Teil- 
nahme an den fremden Kriegsdiensten hiitten verlocken lassen. 
,Auch zu mir sollt Ihr euch dessen versehen, dass ich die Arbeit, 
zu d.r reich Gott berufen hat, treulich ausrichten will, unbe- 
kiimmert um die grossen uniiberwindlichen Dinge und Menschen 
dieser Welt, welche sich dutch das heilige Wort Gottes nicht 
wollen beugen und demiitigen lassen; gehe es mir dabei wie Gott 
will. Ich weiss wohl, dass mein VermSgen allein nichts ist, ich 
weiss au:h ebenso wolff, wie stark die sind, gegen die ich mit tier 
Lehre Gottes streite. Aber ich vermag, wie auch Paulus sagt, 
alle Dinge in Christo, der reich stiirkt; denn was ware meine 
Rede, wie kSnnte sie jemanden auf den Weg Gottes bringen, wo 
nicht der Geist und die Kraft Gottes alle Dinge wirkten?" .Iass 
das Wort Gottes sich jetzt aufthut inmitten aller Bosheit, sehen 
wit da nicht, dass es der Handel Gottes ist, tier seine GeschSpfe. 
die er gekauft und bezahlt hat mit seinem eigenen Blur, nicht 
will so jlimmerlich und haufenweise verloren werden lassen?" 
Man mahne ihn, im Bestrafen der yore Worte Gottes verurteilten 
Bosheit weniger scharf zu sein. Abet er fragt, ob denn die 
jetzigen Laster so klein seien, dass seine Worte dafiir zu rauh 
waren, oder ob er, um sein Leben zu erhalten, dutch Verschweigen 
der Wahrheit seine Seele 'erderben sol]e? .Wer zu Gott kommen 
will, muss nm" ansehen, was Er will, nicht was die Menschen, die 
ihn nicht selig, wohl abet verdammt machen knnen. Sie m,)gen 
den Leib tSten, abet die Seele nicht. Das Evangelium 'hristi hat 
yon dem Blute Christi her die Natur an sich, dass es mit der 
Verfolgung am meisten zmimmt, und der ist ein schlechter Kriegs- 



-- 249 -- 

ermutigend dieses Entgegenkommen fiir ihn war und wie Grosses 
er sich yon dem dadurch geschlossenen Freundschaftsbmd fiir die 
Zukunft versprach. Er sieht in dem Brief des ihm persSnlich 
noch Unbekannten eine yon Gott ibm geschenkte (laubensstiirkung, 
und wenn sich Oekolampad im Vergleich mit ihm, dem im Kampfe 
stehenden, bescheiden einen beim Gepiick sitzenden genannt hatte, 
der doch wenigstens dem Kiimpfenden seinen aufmunternden Gliick- 
wunsch zurufen diirfe, so versichert ihn Zwingli, dass er seit Langem 
ihn anders zu schiitzen und yon seiner FrSmmigkeit und seiner 
gelehrten Bildung Anderes zu erwaen gewohnt sei. ,Ich babe 
dich", fiigt er mit einem leichtverstlindlichen Seitenblick auf E-s- 
mus hinzu, ,allezeit hSher geachtet, als gewisse selbstgeffillige 
Pfauen, welche um der Schminke ihrer prunkenden Rede willen sich 
allein flit weise halten und auf die anderen hochmiitig herabsehen." 1) 
Den festesten Stiitzpunkt ausserhalb ZfiHchs tanden die refor- 
matorischen Bestrebungen noch immer in dem Kloster Einsiedcln, 
dessert Administrator auch angesichts der sich meln'enden Bed,'o- 
hung nicht aufhSrte, fiir ihre F()rderung thlitig zu sein. Als im 
September 1522 das alle sieben Jahre wiederkehrende, yon weir- 
her besuchte Fest der Engelweihe gefeiert werden sollte, mussten 
Zwingli und der Komtur Schmid die dabei iiblichen Predien 
iibernehmen. Zwingli beniitzte die Gelegenheit, die herbeige- 
strSmten Pilgerscharen yon seiner alten Kanzel herab aufzufor- 
dern, dass sie bei Christus start bei Maria ihren Trost suchen 
und ihn als einzigen Mitt]er am'ufen sollten. Selbst in Luzern 
ve'nahm Mykonius yon dem tiefen Eindruck, welchen die Predigt 
sowohl dutch ihre redne-ische Vollendung als auch durch ihren 
kiihnen Freimut auf die ZuhSrer gemacht hatte. Ebenso scheint 
Zwingli gelegentlich mit der Visitation einzelner yon Einsiedcln 
abhingiger KlSster und Kitchen beauftrag worden zu sein.'-') 

) VII, 261. 
) VII, 2"27. 242. 458. Vgl. ,ben S. 105. Nach Misc. Tig. [I 653 war 
tier dabei mitbeteiligte M. Zink seit 1523 als Pt're" in einem Dog am 
Zfi'che- See th/itig. 



Drittes Buch. 

Die Durchfiihrung der Reformation in Z11ch. 

1523---1525. 

17 



Erstes Kalitel. 

Zwinglis Schl,,ssrc,h.n mid das e,'.le t',elii,,nsr.,'spr:,ich z,, Zii'i,'h. 
1523. 

Schon im Archeteles hatte Zwingli den edanken ausge- 
sprochen, dass der kirchliche St'eit am besten durch ein iffent- 
fiches, vor dem Grossen :Rat un,1 ,ler Bh'gers.haft abzuhalten,les 
l.elionsgesprich zm" Entscheidung geb,'acht wiirde (o. S. 2:6). 
Eine solche vor der ganzen Gemeinde gehaltene Disputation er- 
schien ibm als das beste Mittel, sowohl den verstecktn hngriffen 
und Verd/ichtigungen der Gegner ein Ende zu machen als auch 
seine eigene aus der Schrift gewonnene Anschauung yore Wesen 
des Ch'istentums und der Ki'che in umfassender Weise darzu- 
legen und zu be'iinden. Auch die Haltung der eidgen6ssischen 
Stfinde mahnte immer &'ingen,ler zur Entscheidung. Sie fassten 
am 15. Dezember 1522 den Beschluss, dassjeder Oft .solch neue 
Predi" anterdrficken und dass namentlich Zfirich und Basel 
dazu angehalteu werden sollten, das Dt'ucken .solch neuer Bfi'h- 
lein" in iht'em Gebiet abzustellen; .d,:nn es ist zu besorgen, wo 
man solchen nicht tapfern Widerstand thun wiirde, dass daraus oT0SSe 
Um'uhe und Schaden entstehen werde . ) 
Die unmittelbare Veranlassung zur Disputation gab ein stih'- 
mischer Attritt in der Augustine'kirche, indem Leo Jud die P'e- 
di eines M;:nches wiederholt unterbrach, so dass es beinahe zum 
Handgemenge gekommen wii'e. Zwingli, welcher schon friiher auf 

) Absch. lV, 1 a, 247. 255. 



-- 266 -- 

riihrten, wie er ihnen spfiter Vol-hfilt, okeine der Schlussreden auch 
nur mit einem Finger'. ) Faber, welcher auf Zwinglis Rede das 
Wort eroiff, el'klih'te, bloss zum Zuh(ren nicht zum Disputieren 
gekommen zu sein, und sprach iiberhaupt der Versammlung das 
lecht ab. die kirchliche Lehl'e und Ol"dnung ihrer Beurteilung zu 
unterziehen. I_)b man ibm zumuten wolle, vor Handwerkern iiber 
laubensfl-agen zu diskutieren? Man solle die Entscheidung den 
hohen Schulen yon Paris, C(iln und LSwen oder dem in Kurzem 
zusammentretenden Konzil fiberlassen und inzwischen die entstandene 
Zwietracht in Frieden auszugleichen suchen. So sah sich Zwingli 
veranlasst, auf den Begriff d_r Kirche nfiher einzugehen. El- er- 
innee an die  erhessun _ht'st: Wo zwei oder d'ei in meinem 
Namen versammelt sind. da bin ich mitten unter ihnen, und sprach 
die Zuversicht aus. dass einer Versammlung. die, wie die gegen- 
wfi'tige, das aufrichtige Vedangoa babe, die Wain'heir zu hSren 
und zu fSrdel-n, die Erkenntnis derselben yon dem allmfichtigen 
;ott nicht werde abgeschlagen werden, wenn sie mit l'echtem 
Glauben und Herzen. ibm zur Ehre, darnach verlaage. Das Konzil, 
(uf welches der Vikar verSste, sei, wie er aus sicheren Nach- 
'i,:hton wisse, wohl yon der deutschen Nation verlangt, abet noch 
keineswegs yore Papst zugestanden worden und wiirde, auch wenn 
es zusammentrite, niemals das Wort Gottes zm" Richtschnur 
nehmen. .Ffirwahr, ihr frommen Brfider, es ist kein k]eines Ding! 
;ott wid nicht yon uns fordern, was Papst. Bischof Konzilium 
statuiert und geboten haben, auch nicht, wie lange dieses oder jenes 
in l::)lichem altem Geb'auch gewesen ist. sondern er wird uns 
fi'agcn wie sein gSttlicher Wille, sein Wol und sein Gebot ge- 
halten worden sei." Was den Richter betreffe, den der ]:[err 
Vikal-ius ausserhalb der hohen Schulen nicht glaube finden zu 
kSnnen, so seien nicht diese, sondel'n die heilige Schl-ift der un- 
fchlbare und unparteiische Richter, der nicht lfigen noch trfigen 
kann; .dieselbe haben wi- zugegen in hebl'fiischer, g'iechischer und 

 I. 171. 



-- 269 -- 

hfrte man vonder Thiire her yon einem bekannten ,ql-,assmacher 
die hihnischen Worte: Wo sind nun die grossen Hansen, die atff 
den Gassen so tapfer pochen? sie sollen hervortreten, bier ist der 
Mann! Hinter dem Wein kiSnnt ihr alle wohl reden, abet hier 
will sich keiner regen." Ein ande'mal, als Zwingli wiederum vor- 
gebens nach den Schriftg-iinden gefi'agt hatte, mit denen Faber den 
Pfarrer Weiss wollte iiberwunden haben, fief der Bfirgermeister 
spOttisch: Das Schwert, damit der Pfarrer zu Fislisbach erstochen 
worden ist, will nicht heraus." Unter den Anhfingern Zwinglis 
traten die beiden Barfiisser MSnche, S_bastian H,,fineister aus 
Schafihausen und Sebastian Meyer aus B_'n, sowie der neugewahlte 
Leutpriester zu St. Peter, Leo Jud, fiir Zwingli in die Sch'anken. 
Der letztere gab die Erklfirung ab, dass er in dcm yon ihm zu 
x'erwaltenden Amt die menschlichen Statuten und alten Gewohn- 
heiten wenig achten, sondern allein das lautere Evangelium, wie er 
es mit gSttlicher Schrilt wahrhalt darbfingen m,ge, vortragen und 
lehren werde. Sebastian Meyer ermahnte den Rat, auf dcm be- 
gonnenen Weg furchtlos vorwarts zu gehen. ,Achtet es nicht, 
dass euer ein kleiner Hatffe und Wenige sind, sondern gedenket, 
dass Gott immer dm'ch die Klcinen und Schwchsten sein gSttlich 
Wort und Willen hat lassen in die Welt kommen. Datum ffirchtet 
die nicht, die den Leib verderben kSnnen, der Seele mSgen sie 
nichts schaden. Achtet es nicht, dass Bischof. Papst und Sophisten 
sich wider die Wahrheit setzen. So ist es yon Gott geordnet, 
dass er die Weisen dieser Welt unwissend macht und die Wain'heir 
durch ,lie Einl'/iltigen er,'fiet wird." 
Zur Mittagsstunde wurden die Verhandlungen abgebrochen. 
Nm" der Grosse Rat blieb zur Entscheidung im Saale zm'iick. 
Sein Beschluss, der am Nachmittag der Versammlung mitgeteilt 
wurde, lautete: Da his jetzt der Bischof yon Koustanz sein Ver- 
sprechen, zur Beilegung der kirchlichen Wirren eine Beratung zu 
veranstalten, noch nicht erffillt babe und da auch in der Dispu- 
tation Zwingli keiner Ketze'ei iiberfiihrt worden sei, so solle Meister 
Uh'ich Zwingli fortfahren und wie bisher das heilige Evangelium 



-- 270 -- 

und (lie rechte gSttliche Schrift nach dem Geiste Gottes, wie es 
in seizlem Vermagen stebe, vel'kiindigen, so lange, bis er eines 
Besseren be4chtet werde, und ebenso sol]ten die anderen Leutpriester 
und Pt-iidikanten in ihren Gemeinden nichts Anderes vornehmen 
und predigen, als was sie mit dem heiligen Evagelium oder sonst 
re,-hter gattlicller Scbrift bewiihren k;innten, und alle Schmiihworte 
und Vel'ketzel'ung gegeneinander unterlassen. Als der Bescheid 
verlesen war, brach Zwingli in die Worte aus: ,Gott sei Lob und 
Dank. dr sein heiliges Weft im Himmel und auf E'den will 
herrschen lassen !" ) 
Es folen nocb einige Wechselreden zwischen Faber u. Zwingli, 
indcm der erstere nun nachtriglich nocb atff die Schlusssfitze, yon 
denen er inzwischen Kenntnis genommen hatte, sich einliess und 
i|lnen gegeniiber die Notwendigkeit menschlicher Tradition, sowie 
,lie Auffassung der Messe als eines Opfers in Schutz zu nehmen 
suchte. Fiir ,lie letztere fiihrte er sogar die hebriiische Sprache 
an, in welcher das Weft missa pfer bedeute. Zwingli hielt sich 
bei alva" Widerlegung dral'tiger Einf':ille nicht lange auf. sondel] 
liihrte auch jetzt wieder den Streit auf die Grundfi'age nach dr 
eltung desWortes Gottes zuriick. Als der Tfibinger Theologe Blansch 
bemerkte, dass die Vieldeutigkeit der Schrift eine Auslegung dutch 
die Kirche n:tig mache, hielt illm Zwingli entgegen: .Die gStt- 
liche Schrift ist sich selbst allenthalben so gleich, der Geist Gottes 
fiicsst so rei:hlich spaziez't in ih" so lustig, dass ein jeglicher 
fleissiger Loser. sofel'U er mit dcmfitigem Hel'zen zu ilia" kommt, 
die Wahrheit finden kann, gelehl't veto Geiste Gottes." Zugleich 
erinncrte er an die Verbreit(mg, welche in jiingster Zeit das Evan- 
gelium dutch den Druck, namentlich yon Basel aus, erhalten habe, 
so dass jetzt jcder fi'omme Christenmensch lateinisch oder deutsch 
es lesen kSnne, ja ,lie Laien und Weiber mehr yon de gSttlichen 
Schrift wiissten: als manche Priester und Pfaffen. Da'um sol]ten 
die Predigcr Fleiss thun sich eiu Neues Testament zu kaufn und 

 Egli, -. S. Nr. 327. Zwingli I. 144. 



274 -- 

winnen suchte. Capito bezeichnet ihn schon im Sommer 1523 
als den hauptsfichlichen Verfolger der Evangelischen: ,Er schleppt 
Viele zm" Folter, disputie't heftig und sch'eibt weitschweifig gegen 
Luther." J) 0be'haupt stand er yon da an im Reich und in der 
Eidgenossenschaft iiberall im Hinte'grund der gegen Zwingli 
ri'hteten Intt'iguen, indem er bald alte Freunde wie Zasius yon 
ihm abwendig machte, bahi die eidgeniissischen Machthaber zu 
gewaltsamem Einscla'eiten gegen ihn antrieb und zur Bundesge- 
nossenschaft mit )streich vemnlasste, und es ist zum grSssten 
Teil auf seine Machinationen zm'iickzufiihren, dass die ki'chliche 
Entzweiung auch in die politischen Beziehungen unter den Eidge- 
nossen eine unheilbare Spaltung hineingeb-acht hat. 
Ha'mloser als tier Kampf mit dem einfiussreichen General- 
vikar war der St'eit mit dem Basler Theologen Johann Gebwilcr, 
der Zwingli im Unmut fiber den Ausgang der Disputation einen 
Ketzer nannte und des Ehebruchs beschuldie. Zingli liess dutch 
seine Obrigkeit eine Klage bei dem Rat yon Basel einreichen; 
die Sac-he win'de sowoh] yon dem Domkapitel als yon dem Pro- 
fessoreukollegimn untersucht und Gebwiler schliesslich geniitigt, 
Zwingli wegen seiner Verleumdung um Verzeihung zu bitten. ) 
Die erhaltene Eh'enrettung brachte Zwingli zugleich den 
Vorteil, dass er ande-e Ve-dlichtigungen iihnlicher Art um so 
ruhige" unberiicksichti lassen und seine Zeit ungeteilt den hSheren 
Aufgaben, die ihm dutch den errungenen Sieg gestellt wurden, 
widmen konnte. Er wandte jetzt seine Sorge besonde's den 
K[Sstern zu, um ihre Einfiigung in die neue, auf das Evau- 
gelium gegriindete Kircheno'dnung einzuleiten, s) Abet auch 
fiir die bedriinen Freunde in Luze hat er trSstenden Zuspruch 
und klugen Rat; e" beruhi sic fiber die Schmach, die ihm mit 
dcr Verbrennung seines Bildes angethan wa', dutch die Ve'siche- 

) 6. Juli 1523 3Iscr. in Ant. eccl. bas. I, p. 57. 
', VII, 267. Egli, A.S. Nr. 335. 34D342. er Gebwiler vgl 
V i  c he r, Geschichte der Universit;,it Basel. S. 224 f. 
-') VII, 27. 28O. 282f. Egli, ,_. S. N. 328. 



-- 275 -- 

rung, dass er noch hie eine Widerw:,irtigkeit so gleichmiitig auf- 
genommen babe, und schliesst den ernsten Brief mit dem scherz- 
haien Gruss: ,Gott schiitze euch saint euren Rippen, denen ich 
gleichialis alles Wohlergehen wiinsche." ,Selig bist du in Christo", 
schreibt ihm Oekolampad am 27. April, ,der du der stolzen Tochter 
Babylon ihren Lohn gibst und zugleich mit fi'ommem Eifer die 
Kleinen auf den Feisengrund stellest.'L) 
In den kirchlichen Verhiltnissen zu Ziirich verm'sachte die 
Disputation zuniicllst noch keinerlei Veriinderung. Docb zeigte 
das allmthliche Fallenlassen einzelner Briim:he und die Haltung 
einzelner K15ster, dass das Gotteswol-t seine Wirkung ausiibte und 
die Umwandlung im Stillen sich vorbereitete. Besonders entschie- 
den war das Vorgehen des Cisterzienserklosters Kuppel. Der 
Abt desselben, Wolfgang Joner, veranlasste schon am 17. Januar 
seine Monche, in der heiligen Schrift und den alten Spl'aCllen Unter- 
richt zu nehmen, und berief als Lehrer dafiir den jungen Heim'icll 
Bullinger, den Sohn des mit Zwingli befreuudeten Platters zu 
Bremgarten, der, trotzdem er noch nicht 19 Jahre alt war, schon 
die volle Entschiedenheit einer selbstndig erworbenen evangeli- 
schen berzeugung in diese Stellung mitbrachte und zugleich als 
friiherer ZSgling tier Briider des gemeinsamen Lebens zu Emmerich 
deren tl'effliche Unterrichtsmethode in seiner Lehrthiitigkeit zu verwer- 
ten im Stande war. Anfangs blieben auch hier die alten Ordnungen 
des Messelesens, des Horengesangs u. s. w. noch in bung; 
abet daneben win'den yon Bullinger, tier yon vornherein jede 
Beteiligung an diesen kirchlichen Funktionen yon sich ablehnte, 
am Morgen die biblischen Biicher und am Nachmittag die rSmischen 
Schriftsteller erkllirt, und seine reformatorische Entschiedenheit 
teilte sich bald tier gesamten Hausgenossenschaft in so kriiftiger 
Weise mit, dass schon im Juli 1523 der Scllaffner des Klosters, 
Jakob Leu, an Zwingli schrieb: ,Wir sind dm-ch Gottes Gnade 
alle mit dem Abt einhellig, das heilige gSttliche Wort anzunehmen 

) VII, 27. '293. 



-- 278 -- 

aus die Anstellung eines solchen in Aussicht stellte. ) (ber die 
Wirkung der e'angelischen Predigt in der Gemeinde schreibt 
Zwingli im Soraraer 1523: ,Ich da'f wahl-lich sagen yon Vielen 
(Gott sei ewig Lob und Dank), dass sie krtiftig zunehraen in der Liebe 
Gottes, ira Frieden mit dem 'iichsten, in der Erkenntnis des Evan- 
geliums, in einfiiltigera Wandel, in gt)ttlicher Weisheit, in Mild- 
thtitigkeit und Hilfe gegen die Al'men, in Niederung des Hoch- 
rautes, ira Verzeihen gegen die Feinde, in Sorgliltigkeit ffir die 
Lehre Ch-isti, in Sor'hltigkeit fiil" die Gefangenen Chl-isti, in 
Sorfiltigkeit ffir die ganze chJ'istliche Menge. Haben sie kein 
Gefallen mehr an Lichtel-n und Rauchwerk, an Plappergebet, 
Messklang und Telnpelglanz, an den Kutten de" M;Snche und den 
schSnen Gewtindern der Pfaffen. so haben sie ura raehr Wohl- 
gefallen an dera, was Gott gefdlt. Sie lassen ihren Zinsleuten 
nach, sie lohnen dera A'men reichlicher, als er vel'langen darf, 
sie nehraen die Arraen in ihre Hiuser auf, enthalten sich des 
Spielens, des Fluchens und der Eitelkeit dieser Zeit und fieissigen 
sich, sich zu rfisten auf das ewige Leben."-') 

) Egli, A. S. Nr. 354. 359f. 384f. 
) I, 193. 



Zweites Kapitel. 

Die Schrift: Aush.gung uud Begl'i'mduug tier Schlu..l'edeu. 

Die Hauptarbeit Zwinglis wiihrend der verhfiltnisnfissig ruhigen 
Zeit his zun Sonmer 1523 war der Ausarbeitung einer Schrift 
gewidnet, in welcher das in den Schlussreden aufgestellte Bekenntnis 
als den Worte Gottes und den ctu'istlichen Glauben entsprechend 
gerechtfertigt und das Wesen der danit eingeleiteten Refornation 
nach allen Seiten hin dargelegt werdrn sollte. ,Ich arbeite', 
schreibt er schon am 19. Februar seinem Freund Werner Steiner, 
,Tag und Iqacht an der Auslegung neiner Artikl. Bitte auch 
Du mit mir Christun, dass er nich dabei in keinen Irrtun fallen 
lasse. Sie soll eine Sannlung aller in der Kirche obschwebenden 
Streitpunkte enthalten." 1) Die Schrift erschien an 14:. Juli unter 
den Titel: Auslegung und Begriindung der Schlussreden. Sie ist 
unter allen von Zwingli verfassten Schriften die umfangreichste und 
auch inhaltlich unter den in deutscher Sprache gesclu'iebenen die 
bedeutendste. 
Eine durchgefiihrte systenatische Anlage wiirde man allerdings 
auch hier wie in Archeteles vergeblich suchen. Wie dort die Ge- 
danken an die einzelnen Stze des Hi-tenbriefs angeknfipft sind, so 
werden dieselben bier in einfachen Anschluss an die ffir die Dis- 
putation aufgestellten Thesen aneinandergereiht. Es kan vor, dass 
sich Zwingli noch wfihrend des Druckes veranlasst sah, Aus- 

VII, 275. Vgl. I, 172. 



-- 281 -- 

,Wet ein Dogma lehren will," sagt er auch hier zusammenfassend, 
.d.i. eine Meinang, welche die giittliche Weisheit und Wahrheit 
anbetrifl, da hilft keine Heiligkeit, keine Kunst, kein Geschwfitz, 
wo man die nicht mit der heiligen SchiSt bewiihren mag." 1) Nut 
ist es auch hier wie in den Thesen nicht die Schrift als iiusseres 
Lehrgesetz, sonde'n in ihrer Zusammenfassung als Evangelium und 
in ihrer lebendigen Beglaubigung dutch den ihr innewohnenden 
Geist, wofffr dieser Gehorsam des Glaubens in Anspruch genommen 
wird. ,Kein Herz noch Gemfit mag das Wort and den Handel 
Gottes verstehen, es werde denn -on Gott erluchtet and gelehrt." 
.Der sichere Verstand des Evangeliums steht an keinem Menschen, 
sondern allein an dem Ziehen und Erluuchten Gottes." hber eben 
als Gottes Wort besitzt es auch eine aller menschlichen Bestiiti- 
gang iiberlegene gSttliche Gewissheit und macht den Menschen ,so 
sicher and tapfer und gewiss a das Wort Gottes, dass er sich 
auf seine Wahrheit sicherer verliisst als auf alle Siegel und Briefe'. 
Zwingli hat allerdings unterlassen, bestimmte Grandsitze auf- 
zustellen, nach denen das sich selbst beglaubigende Wol-t Gottes 
yon der SchLft als solcher unterschieden werden kann, und 
in Folge dessert leidet seine Stellang zur Schrfft wie die aller Refor- 
matoren an einer inneren Unklarheit, die ihn bald die innere Be- 
lehrung dutch den Geist der iiusseren durch die Schrift gegenfiber- 
stellen und bald wieder den hussagen der Schrift schon auf Grand 
ihrer ausserlichen ZugehSigkeit zu ihr die Geltung einer gStflichen 
Offenbarung zuerkennen liisst. Allein in der praktischen Anwendung 
des Schriftprinzips ist ihm doch fihnlich wie Luther iiberall Christus 
,der Goldstein, an welchem aller Menschen Ansehen, Ratschlag 
und Urteil gesh'ichen werden soll; ffirbt es ihn, so ist es aus dem 
Geist Gottes". ,Smnma, Alle, die Jesum Christum recht erkennen, 
sind yon Gott, nicht yon Menschen gelehrt; sie h0ren und lernen 
vom Vater die in ihren Herzen yon ihm erleuchtet and gezogen 
werden." ') Es ist die Sprache eigenster Erfahrang, wenn in immer 
') I, 295. 
) I, 176. 177. 17. 



282 -- 

neuer Wendung das Elend der in ihrer Siinde verlorenen Meusch- 
heir and ihr UnvermSgen zum Guten geschildert und wiederum 
die tr6stende und beseligende Kraft tier in Christo erschienenen 
Gnade dieser Not der Sfinde gegenfibergestellt wird. Zwingli er- 
zlllt, wie ibm am Beten des Unser Vaters die Tiefe seiner Sfinde 
aufgegangen sei, indem er sich babe sagen miissen, class er, ob- 
wohl ,yon Gottes Gnade allweg yon fl'Ohlichem verzeihendem Ge- 
mit', dennoch die dort aufgestellte Bedingung der S(indenvergebung 
nicht erfiillen und dem Schulduer in dem Masse, in welchem er 
selbst der Verzeihung Gottes bediirftig sol, vergeben kSnne. ,Und 
nach viel Anklagens and Verantwortens meiner armen Conscienz 
zog ich iiberwunden and gefangen ab, dass ich reich Gott ergeben 
musste: Herr, ich kann reich nicht darauf einlassen, dass du mir 
nach meinem Verzeihen auch verzeihest. Herr, ich bin ein ge- 
fangener Mann." So erkennt sich der Mensch als ,Gottesschelm', 
sobald dcr wahre Sinn des Willeus Gottes ibm aufgeht, und alle 
menschliche Gerechtigkeit erscheint ibm als Heuc|lelei, die mit 
iiusserem Thun den inneren Widerstreit des Fleisches gegen das 
Gesetz und das bestindige Ankimpfen der siindlichen Triebe gegen 
den heiligen Gotteswillen zu verdecken suc]lt. .Sieh, wenn in 
soh'her Angst und Not uns die Barmherzigkeit Gottes begnadete, 
also dass uns das Gesetz nicht beschwerte, sondern freute, und 
das, was wit nicht erfiillen k6nnen, dm'ch einen Andern ersetzt 
und gebessert wfirde, wiire das nicht eine iibertreffliche Freund- 
schaft? wiire das nicht die beste Botschaft, deren wit je inne ge- 
worden sind? Sieh hie Uln dich und recke das Haupt auf und 
sieh, wie das heilige Evangelium herscheinet, das die Beschwer- 
nisse alle hinwegnimmt." .0 barmherziger, gerechter, tr6stficher 
Gott, wie hast du uns verworfene Diebe und Schiilke, die dir und 
deinem Reich zuwidergehandelt haben, so mildiglich begnadet! zu 
welch sicherer Hoffmmg hast du uns aufgerichtet! zu welch grosset 
Ehre hast du uns in deiuem Sohne gebracht!" ') 

i) I, 185. 16. 



-- 283 -- 

hber das Evangelium wiire fiir Zwingli nicht die Kraft der 
ErlSsung, wenn es neben dem Trost der Siindenvergebung nicht 
auch die Kraft zur aktiven Hingabe an Gott und zur Er[fillung 
seines Willens in sich schlSsse, durch welche zugleich die wahrhaft 
menschliche Ordnung und Lebensgestaltung vel'wirklicht wird. Von 
einem Gegensatz zwischen Gesetz und Evangelium, wie er schon 
damals aus der falsch verstandenen evangelischen Gnadenlehre ge- 
folgert wurde, will Zwingli nichts wissen, da ibm derselbe iiber- 
haupt rim" vom Standpunkt des katholischen Werkdienstes aus ver- 
stiindlich ist. ,Die minchischen Piipstlel- haben die Mildigkeit 
Gottes in Ungnade verkehrt und aus einem milden und gniidigen 
Vater einen Tyrannen und zornigen Gebieter gemacht." Dem 
Frommen dagegen, der durch den Glauben mit 4ott versShnt ist, 
dem ,Gotteshulden", ist auch das Gesetz zum Evangelium ge- 
worden. ,Wen sollte es nicht fl'euen, wenn ibm Gott seinen Willen 
aufthut?" .Wenn ich nun festiglich glaube und weiss, welch 
grosses Hell mh" in Christo gesiche't ist, so driickt reich das Gebot 
nicht mehr: du sol]st Gott lieben aus allen Kriiften und aus allem 
Gemiit, obschon ich weiss, dass ich es nicht erfiil]e; denn alle 
meine Bresten ersetzt Christus. Sondern 01as Gebot richter mich 
auf in eine heilige Verwunderung der gSttlichen Giite, dass ich in 
mir selber spreche: siehe, so hochwert und gut ist das hichste 
Gut, Gott, dass alle unsre Be#erden sich nach ihm sehnen sol]en, 
und das al]ein uns zu gut. Dabei trSstet allezeit nebenher die gute 
Botschaft: was du nicht vermagst, wie du ja wahrlich nichts ver- 
magst, das thut alles Christus, der erste und der letzte in allen 
Dingen." ;Wer im Evangelium gefreit ist, der steht unter 
keinem Gesetz; sondel'n der Geist Gottes, der ihn in die Er- 
kenntnis der evangelischen Freiheit geffihrt hat, ist auch seine 
Richtschnm'; er macht ihn lustig zu allem, was Gott will, und 
was ihm geboten oder verboten wh-d. kriinkt ihn nicht; denn der 
Geist Gottes, der ihn zuvor schon angehaucht hat, der zeigt ihm 
an, was Gott will, und sobald er sieht, was Oott will, freut ihn 
dasselbe, wenn es gleich gegen sein Fleisch ist; denn er weiss in 



-- 285 -- 

dem dm'ch ihn erSffneten Kampf nachzufolgen bereit ist, eben wie 
er Christus schon in den Thesen als den ,einzigen Wegfiihrer und 
Hauptmann, yon Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht ver- 
ordnet und auch gegeben," bezeichnet hatte. 
Itn-e abschliessende Bega'itndung erhiilt endlich diese ganze 
Gedankenreihe in einer Betmchtung, die in dieser Schrift zuerst als 
ein entscheidender Grundgedanke in der Theologie Zwinglis her- 
vorta'itt und von da an immer mehr die Bedeutung eines Alles 
bestimmenden Prinzips in ihr erhalten sollte; es ist die Hinweisung 
auf die Allwirksamkeit Gottes in der Welt und im Menschen. 
Auch diese E'kenntnis ist fib" Zwingli nicht ein Ergebnis des hattie'- 
lichen Denkens, sondern die Wirkung der Otlenba-ung und das Vor- 
recht des Glaubens. ,Dass der Mensch sich selber nichts zu- 
schreibt, sondern glaubt, dass alle Dinge dm'ch die Vorsehung 
Gottes verwaltet und geordnet werden, das kommt alles davon, 
dass er vSllig in Gott gelassen und vertraut ist, dass er im Glauben 
festiglich weiss, dass Gott alle Dinge thut, ob wit- ihn gleich nicht 
wah'nehmen." ,Wit" ha)en das starke Wort Gottes zu (mserer 
Seite stehen, dass Gott alle Dinge in uns wirkt und wi- nichts 
sind als die Werkzeuge, dm'ch welche Gott wirkt und welchc er 
sich selbst gemacht hat. Wie das Eisen am Pfiug nicht des 
Hammers, sondern des Schmiedes ist, der diesen wie jenen gemacht 
hat, so sind auch unsere Werke und wit selbst Gottes, der das 
Werk und uns, seine Insta-umente, gemacht hat." ) Abet diese 
Erkenntnis Gottes als des allmichtigen Urhebers alles Geschehens 
schliesst fiir den, der Gott in Christo als das hSchste Gut und als 
den schSpferischen Willen des Guten erkannt hat, den Tl-ieb und 
die Kraft zur eigenen Verwi-klichung des Guten nicht aus, son- 
dern ein. Wo man aut Gott sich verlisst, da ist Gott; wo Gott 
ist, da ist auch itngstlicher Fleiss zu allcm Guten." ,Wo der 
Geist Gottes ist, da werden gute Werke nicht unterlassen; denn 
wie jene" ein ewig wiihrendes (:Jut ist und eine Ursache und Antrieb 

278. 



289  

geduldigem Leiden Christo sein Kreuz nachtriigst." ) Das Wesen 
des heil. Abendmahls wird nach den Einsetzangsworten und nach 
Job. 6 als Wiedergediichtnis des Leidens und Sterbens Christi be- 
stimmt. ) ,Wenn wir es geniessen, than wir nichts Anderes, als 
class wir festiglich glauben, dass Jesus Christus, der unschuldige 
und gerechte, durch seinen Opfertod unsere Siinde vor Gott ver- 
sShnt und auf ewig bezahlt hat." ,Siehe frommer Christ, wie 
Leib and Blur Christi nichts Anderes sind, als das Wort des 
Glaubens, nfi.mlich class sein Leib, fiir uns getStet, und sein Blur, 
fib- uns vergossen, uns e'lSst und mit Gott versShnt h,he. Wo 
wir das festiglich glauben, ist unsere Seele gespeist und getriinkt 
mit dem Fleisch und Blur Christi. Abet damit dieses wesentliche 
Testament noch begreiiiicher werde, so hat Christus den Einfiiltigen 
eine speisliche Gestalt seines Leibes und Blutes gegeben, das Brot 
und den Kelch, damit sie in dem Glauben mit einem sichtbaren 
Haudel versichert wih-den, gleich wie iu der Taufe das Unter- 
tauchen die Siinde nicht abwa.scht, es sei denn, der Getaufte glauhe 
dem Heil des Evangeliums, das ist der gniidigen ErlSsung Christi. 
,Was die Theologen yon der Verwandlung des Leibes und Blutes 
erdichtet haben, lass ich mir nicht kiimmern. Ich babe genug, 
dass ich dm'ch den Glauben festiglich weiss, dass er meine ErlSstmg 
ist und Speise und Trost der Seele." s) 
Im Zusammenhang dieser ErSrterang bespricht Zwingli auch 
zum ersten Mal ausfiihrlicher sein Verhiiltnis zu Luther. Sowohl 
in Bezug auf die Lehre yore Abendmahl wie in der Auffassung 
des Evangeliums iiberhaupt weiss er sich noch ganz mit ihm eins und 
will kein Gewicht dara.uf legen, dass alas Wesen des Abendmahls 
yon Luther mehr unter den Begriff des Sakraments, yon ihm unter 
den eines Testaments gestellt werde. Aber er verwahrt sich aufs 
entschiedenste dagegen, class ibm diese (bereinstimmung als Ab- 
hiingigkeit ausgelegt werde, und riigt es, dass Luther in gewissen 

) I, 243. 
) I, 247. 249. 
) I, 252. 

19 



-- 293 -- 

das die Ehe verbietet, ihr alle, die ihr aus Unglauben in solchen 
ha-turn gekommen seid, so schnell, wie Lot aus Sodom geflohen 
ist. Denn der Orden des Glaubens halber ist der gr(isste und 
beste Orden, der je auf Erden gekommen ist." ) 
Gegeniiber dieser scharfen, prinzipiellen Beurteilung zeigen 
die in der Schrift gemachten praktischen Reformvorschliige die 
entschiedene Tendenz, das Bestehende so viel als m(iglich zu 
schonen und der erneuerten Kirche ihren Zusammenhang mit 
den friiheren Zustiinden, so weir es immer zuliissig ist, zu erhalten. 
Wiederholt legt Zwingli den P'edigern ans Herz, dass sie der 
Schwachheit der ZuhSrer Rechnung tragen und lieber den Irrenden 
noch etwas nachlassen, als durch allzugrosse Schrofiheit der Lehre 
Christi den Weg verschliessen sollten. Selbst die Anrufimg der 
Heiligen will er, so scharf er sie verurteilt, nicht der hbg(tterei 
gleichgestellt wissen, und er weist auf sein eigenes Beispiel bin, 
wie er noch in Zfirich in den ersten Jahren die Gebete an die 
Heiligen nachgelassen habe, bis die ZuhSrer selbst dutch die Ver- 
kiindigung des Evangeliums gelernt hiitten, ihre Zuversicht allein 
auf Gott dm'ch Christmn zu setzen und die Siissigkeit des alten 
Weines dem neuen vorzuziehen. ,So rate ich auch jetzt denen, 
die das Gotteswort verkiinden, dass sie das Heil eigentlich predi- 
gen aus dem klaren eigentlichen Worte Gottes. So wird der Trost 
in den einigen Gott vohl wachsen und tier Betrug der falschen 
Hoffnung hiniallen. ") Der kirchliche Bann ist yon Gott selbst 
eingesetzt, wenn er gegen die Laster wie die VSllerei, den Ehebruch, 
den Miissiggang gehandhabt wird; aber er ist verwefiich, wenn er, 
wie gew(hnlich geschieht, mit liicherlichem Gaukelspiel die armen 
Seelen, die der Kirche ihre Zinsen nicht zahlen, dem Teufel zu- 
weist und wenn er start als Sache der Gemeinde und des Pfarrers 
als Von'echt der Bisch(fe betrachtet wird. huch in Bezug auf 
die Umgestaltung des Kultus wird zwischen dem, was nach 
Gottes Wort zuliissig ist, und dem, was ibm bestimmt widerspricht, 
) I, 334. 
) I, 269. 



295 -- 

weft sie als fiusserliches, vielfach unverstiindliches, ja bezahltes 
Andachtwerk die wahre Andacht zu Gott unmSglich machen. ,Was 
wiirde wohl der biiuerische Prophet Amos thun, wenn er die 
mancherlei Masik mit ihren Trillern und Hopsertiinzen in unsern 
Tempeln siihe und dazwischen die zarten Chorherren in ihren 
seidenen Hemdlein zum Altar hingehen, um auf ihm zu opfern?" 
,Die Andacht briillt nicht vor den Menschen, sondern sucht die 
Stille auf. Da kann sie sich am allerbesten mit Gott bespl'echen; 
denn sie wil'd durch kein Gesicht und kein GehSr yon der guten 
Betrachtung abgezogen. Es ist wider aller Menschen Vernunft, 
dass man in grossem GetSn und GetSr sinnig oder andiichtig sein 
k0nnte. Dazu ist des IIenschen Andacht so kurz und schnell, class 
er mit Wort und Herz nicht lange andiichtig sein kann; abet mit 
dem innersten Sinn und Gedanken im Herzen kann er die Andacht 
liinger aushalten." Start des Psalmenmurmelns sollen die Psalmen 
und iiberhaupt die heilige Schrift der Gemeinde vorgelesen und 
ausgelegt wel'den; ,damit wfirde der Mensch tiiglich gespeist und 
wfirden die, welche zu dem Amt des Predigens gezogen werden, 
tier Schrift berichtet, dass sie nicht mehr mit ungewaschenen 
Hiinden und Ftissen darin herumkneten". ,Um das Tempelge- 
murmel soll dir nicht leid sein. Abet sei gegrtisst, du frommes 
inwendiges Gebet, welches im Herzen des gliiubigen Menschen yore 
Gotteswort erweckt wird, und seist du auch nur ein kleiner Seufzel', 
tier kurz andauert und sich selber erkennt und bald weiter aufmerkt. 
Sei gegrtisst, du gemeines Gebet, das alle Christenmenschen ftir 
einander thun, es sei 6ffentlich im Tempel oder im Kiimmerlein, 
aber frei und ohne Lohn! Ich weiss, class du alas Gebet bist, 
dem Gott geben will, was er verheissen hat. "I) 
Die Zahl tier kirchlichen Feiertage soll ,uf wenige mit be- 
stimmtem biblischem Inhalt beschrankt werden. Ausser den auf 
die evangelischen Heilsthatsachen beziglichen will Zwingli noch 
etwa den Stephanstag beibehalten, ,urn deter zu gedenken, die um 

) I, 372 f. 



setzt ". ,Ein Geistlicher sollte nicht an seiner Tonsur und seiner 
Kleidung, sondern an seiner Liebe zu allen Menschen, seinem Mit- 
leid mit ihrer :Not, seinem Eifer in der Predigt des Wortes 
Gottes und seiner allen zugewandten Hilfsbereitschaft erkannt wer- 
den." :Nicht in irgend welcher iiusseren Ausnahmestellung, sondern 
in der treuen Ausfibung ihres Dienstes und im Weiden der Seelen 
dutch Wort und Vorbild soil ,die 1)faffheit" ihre hutoritiit zu ge- 
winnen suchen. Die BischSfe sollen sich ihrer weltlichen Herr- 
schaft begeben oder mit Verzicht auf ihren geistlichen Charakter 
sich zu weltlichen Herren einsetzen lassen. ,Ich wiirde es ihnen 
nicht verargen, wenn sie als weltliche Herren Land und Leute be- 
siissen. Aber dass sie sich fiir BischSfe, fiir Wiichter und Predi- 
get des Wortes Gottes ausgeben und doch wie Junker sich ge- 
berden, durch K,'ieg, Wucher und Betrug allen ein rgernis geben, 
yon einer Partei zur andern fallen und fi'ommen Leuten ihre Kinder 
schiinden, das mag niclt mehr gelitten werden." Der 1)apst zu 
Rom soil sich das Wort Christi an Petrus gesagt sein lassen: 
Stecke dein Schwert in die Scheide. ,Nimm dts Schwert des 
Geistes; predige das Wo Gottes. So lauge du uoch eiserne Waffen 
scbmiedest, werden wfi" alle sehen, class du nicht ein Nachfolger 
des Petrus, sondern des Teufels bist, der wahre Antichrist." Die 
Geistlichen, die bei dieser Aufhebung ihrer Privilegien uu,1 des 
ganzen geistlichen Besitzstandes fiir ihr weiteres Auskommen be- 
sorgt waren, triistet er: ,Lass dichs nicht bekmmern, christlicher 
Pfaffe, ob man dir die Imm(mitiit wegnimmt. Halte dich zu allen 
Christen als Briidern, so werden sie dich wiederum b,-iiderlich 
halten." l) 
hls das Organ, drch welches diese Reformation der Kirche 
ztu-husffihrung kommen soil, denkt sich Zwingli im Gegensatz 
gegen die auf dem Reichstag zu Niirnberg laut gewordenen kirch- 
lichen Reformpliine die einzelnen weltlicheu Ob'igkeiten, insbesondere 
die Stiidte, die eben auf jenem Reichstag als der feste Hort des 

') [, 415. 275. 320. 344. 351. 357. 



-- 298 -- 

evangelischen Glaubens sich erwiesen batten. Sie sollen zunachst 
die redlichen Verkfindiger des Wortes Gottes vor den WSlfen 
schfitzen, indem sie den Bisch(fen die Auslieferung vor ihre Ge- 
richte verweigern und dieselben vielmehr dazu anhalten, ihre An- 
klagen vor den Gemeinden aus tier Schrift zu beweisen. Abet der 
Gedanke Zwinglis geht noch welter. Ohne sich dadurch beirren 
zu lassen, dass er .in diesem Stiicke noch keinen Vorganger hatte", 
beweist er aus Matthlius 18, 1 f. und I. Petri 5, 1--3, dass iiber- 
haupt im Reiche Christi yon keiner Rangordnung und iiusseren 
Herrschaft die Retie sein kSnne und demgemiiss auch ,die Pfaff- 
heir gar nicht hen'schen solle ". Das einzige Amt des Geistlichen 
ist, zu weiden und zu lehren und dutch seine chistlichen Sitten 
den anderen ein Vorbild zu sein. Die yon Gott eingesetzte Obrig- 
keit ist lediglich die weltliche, und ihr geh(rt also yon Gottes 
und Rechts wegen Alles zu, was die Geitlichen in Bezug auf 
Gerichtsbarkeit und Besitzstand sich zugesprochen haben. Alle 
Regimente werden um so fi'iedsamer, wenn sie keinen Kapiteln 
oder Konventen mehr zu richten gestatten, sondern alle Gerichts- 
hiindel an sich ziehen md den Kapiteln und Konventen nicht er- 
lauben, etwas fiir sich zu handeln: es sei denm dass sie zusammen- 
kommen, um zu lchren oder zu hSren." .Die Schlussrede steht 
fest, dass alle Pfaffen und Kutten der weltlichen Obrigkeit yon 
gSttlichen Rechten schuldig sind, gehorsam zu sein. Und hat sic 
sie einst fi'ei gemacht, so kann die nachkommende ihnen die Frei- 
heir wieder nehmen."l) 
Die unerlissliche Bedingung fiir die dem weltlichen Re,merit 
zugesprochene reformatorische Befugnis ist nach Zwingli freilich 
die, dass seine Inhaber sich nach dem Gesetze Gottes richten 
und der umgestaltenden Wirkung desselben sich unterziehen. Im 
gleichen Zusammenhang, in welchem er .al|e Pfaffen und Kutten 
aus gSttlichem Recht der weltlichen Obt'igkeit gehorsam zu sein" 
verpflichtet, werden auch die weltlichen Fiirsten eindringlich auf 

) I,_342. 347. 351. 357. 



-- 299 -- 

ihre Pflicht hingewiesen, das Gesetz Christi, das ja nichts anderes als 
das Gesetz der :Natur ist, zur Beschirmtmg des Evangeliums trod 
zur Abwehr der Ungerechtigkeit sich zur Richtschnur zu machen. 
Sie sollen auch da, wo nicht geklagt wird, der Armen und Unter- 
driickten sich annehmen und darauf sehen, dass die starken fetten 
BScke die armen blSden Schafe nicht umbringen; namentlich sollen 
sie den ungerechten Schatzungen ein Ende machen und die 5Iono- 
pole aufheben, die sie zur Befriedigung ihrer (ppigkeit und ihrer 
Kriegslust an die Wucherer und J uden verkauft haben, ,so class 
es jetzt in der ganzen Welt keine arme Kiudbetterin mehr giebt, 
die nicht diesen WSlfen yon einem jeden Lot Pulver einen Kreuzer 
oder mehr zur Schatzung geben mfisste" .Diese Eigenkiiufer sollte 
eine ganze Christenheit velreiben und abstellen, gleich als einen 
Bundschuh." Aber auch die Fiirsten werden dann erinnert, class sie 
ihre Gewalt nicht zur Befiiedigung ihrer Willkfir. sondeln zur Aus- 
iibung der Gerechtigkeit empfangen haben. .Ich kehre reich nicht 
an das heidnische Recht, auf welches sie sich berufen, als diirften 
sie, auch wo sie ungerecht tSten, nicht wie einer aus dem Volk 
gestraft werden. Der Teufel hat sie dieses Recht gelehrt; sie 
haben es yon Gott nicht." .Wird der KSnig oder Herr yore Volke 
erwhlt und thut iibel, so thue ihn die gemeine Hand wieder yon 
dannen." ,So die ganze Menge des Volkes, um Unheil zu verhiiten, 
einhellig oder ihrer Melu-zahl nach dn Tyrannen abstSsst, so ist 
es mit Gott. Hiitten die Israeliten den Manasse abgestossen, so 
hiitte sie Gott nicht mit ihm gestraft." amentlich soll dieses 
lecht da gelten, ,wo man die unnfitzen Biiuche, die miissigen 
Pfaffen, MSnche und h'onnen schh'mt bei ihrem Mutwillen, Huren 
und Brettspiel, Geiz, Hochmut und Pracht". .Hfitet euch, ihr 
Tvrannen! das Evangelium wird fi'omme Leute ziehen. Werdet 
auch fi'omm! so wird man euch aff den Hfinden tragen. Thut 
ihr alas nicht, sondern w0.tet uud pocht, so werdet ihr mit Ffissen 
getreten." ) 

1) I, 367 f. 371. 



Drittes Kapitel. 

ler lle,imt der ki'chlichen Neterm.en. Zwialis Schril'te 
iibe[' die E]'ziehun Cdh.r ,limlinge und fber den )iesskanoll. 

So bestimmt auch Zwingli in allen seinen Kundgebungen au[ 
del" Forderung bestanden hatte, dass alle nderungen im Gottes- 
dienst wie in den kirchlichel Verhiltnissen der Obrigkeit vorbe- 
halten sein und a(ff streng gesetzlichem Wege vorgenommen werden 
sollten, so war doch die religiSse Erregung zu michtig und e" 
selbst hatte in Schrift und Predigt das Unhaltbare und Seelenge- 
fiihrli.he tier bestehenden Zustiinde u klar aufgedeckt, als dass 
sicl del" in de" Gemeinde geweckte rcfo'matorische Trieb auf die 
Dauer iu diese Schanken hiitte k(nnen barmen lassen, uud es zeugt 
gerade flit die lebenweckende K'aft der you ibm ausgegangenen 
Eiuwirkung, dass die e'sten Anfinge kirchlicher Neugestaltung meist 
ohne seine unmittelbare Initiative, fiiiher und anders als er selbst 
es beabsichtigte ins Leben getreten sind. 
Die erste tbatsiichlicbe Verinderung des Bestehenden vollzog 
sicb in den Nonnenkl6stern, del'en Zustinde am meisten eine]" 
Besserung bediirftig erschienen und ffir die der Rat schon im 
Hcl'bst 1522 dm'ch seine Antwort an die onnen am 0tenbach 
eine Entscheidung in Aussicht gestellt hatte. In diesem Kloster 
wurde am 7. Mirz den Dominikanern die bisher yon ihnen ausge- 
iibte Seelsorge weggenommen und Leo Jud zum einzigen Prediger 
des Klosters bestellt, und als im Sommer einige 'onnen in die 



303  

Ehe zu treten begehten, erfolgte am 17. Jani der Beschluss, dass 
denen, die es verlangten, der Ausia-itt aus dem Kloster und die 
Zuriicknahme des mitgebrachten Gutes gestattet werden sollte; 
die Zurfickbleibenden wurden angehalten, ihr Klostergewand abzu- 
legen und zu besserer Belehrung den Predigten Leo Juds beizu- 
wohnen. Bald darauf verheiratete sich ein Zfircher Biirger mit einer 
Nonne aus dem Kloster Selnau und verlangte gleichfalls ffir seine 
Frau die Herausgabe des ihr gehirenden Gutes. Als das Kloster 
Schwierigkeiten machte, wandte er sich an den Rat, md dieser 
traf die Entscheidang, ,dass alle Kloste,frauen des Landes wie 
die am 0tenbach gehalten and ihnen ihr Gut verabfolgt werden 
sollte". ) 
Von besonderem Weft fir Zwingli war die Bereitwilligkeit, 
mit der das Chorherrenstift, dem er selbst angeh(rte, sich ibm an- 
schloss und auf seine Plane einging. Wohi fehlte es in dieser 
BehSrde nicht an erbitterten Gegnern. Ein Chorhcrr kla den 28. 
Juni 1523 in einem B'ief an einen auswirts wohnen,ln Kollegen, 
class der kirchliche Werkdienst in Abnahme gekommen sei, die 
Pfriinden tfiglich geschmilert wiirden und auch das fi'iihere unge- 
bundene Leben, das tiigliche leiten und Jagen fiber die Feid.r 
for sie aufgehSrt babe. Auch Konrad Hofmann flhr fort, fiber 
den eingedrungenen Velfall des Glaubens und der kirchlichen Zucht 
Beschwerde zu fiilu'en. Abet die einfiussreicheren Mitglieder hielten 
zu Zwingli. Schon im Jahr 1522 waren eifrige Anlrnger de" 
kh'chlichen leuerang wie Wilhelm RSubli Simon Stumpf und 
Johann BrStli, die sich durch ihre leidenschaftliche Polemik in ih'en 
fi-fihern Stellungen unmSglich gemacht batten, an einigen yore Stift ab- 
h/ingigen Gemeinden zu Pfarrrn ernannt word,n, and als, teilweise in- 
folge ihrer Predigt, im ommer 1523 eine Anzahl dieser (emeinden 
beim Rat um eine Efleichterung der Zehnten und Stolgebfihren einge- 
kommen waren, tn'aten nicht nur Zwingli, sondern auch audere ihm be- 
fi'eundete Chow'herren often auf ihre Seite. Sie anerkannten das Miss- 

) Bullinge" I, 110. Egli, A. S. Nr. 3661 vg|. 346. 399. 428. 434. 
Ftisslin Beitr. II, 22 ft. Zwingli VIII, 167. 



-- 304 -- 

verhfiltnis zwischen dem g'ossen Einkommen des Stiffs und seinen 
wh'ldichen Leistungen und ve'langten, class die kirchlichen Funk- 
tionen, um deretwil]en die Gebiihren gefordert wurden, namentlich 
die stille Messe und der Chol'gesang, abgeschafft wfu'den. In den 
Verhandlungen, die im Schoss des Kapitels darfiber stattfanden, 
gewann diese reformh'eundliche 1ichtung den Sieg. Unter Zwinglis 
Ftihl'ung trat gegen Ende September eine yon Propst und Kapitel 
abgeordnete Botschaft vor den Rat und erkllirt sich bereit, .aus 
gutem Gemiit und durch das gSttliche Wort dazu gereizt", die 
vorhandenen Missbrauche abzustel]en und die ganze Ordmtng des 
Stiftes ,mit :I:Iilfe und Unterrichtung eines ehrsamen Rats und auch 
mit der Regel der heiligen Schrift" zu andern. Del" :Rat dankte 
fiir das willige Entgegenkommen und wahlte vier seiner an- 
gesehensten Mitglieder zu Delegierten fiir die weiteren Ver- 
handlungen, die in km'zer Zeit zum Ziele fiihrten. :Nach dem 
Vorschlag der hbgeordneten erliess der Rat den 29. September 
im Einverstfindnis mit dem Kapitel ffir das letztel'e ,Ein chist - 
liches .nsehen und Ordnung , das in seinen hauptsichlichsten Be- 
stimmungen durchaus dem Sinn Zwinglis entsprach und den hu- 
manen und ve'edelnden Geist seiner Reformation zu veranschau- 
lichen geeignet ist. Zuntchst wurdea alle Gebiihren, welche das 
Stilt bisher f" Taufe, Sakramentsspendung und Beerdigung bezogen 
hatte, fiir aufgehoben erkli't und den Inhabern der Pfrfinden 
die Verpfiichtung aufrlegt, die yore Stift abhiingigen Pfarr- 
stel]en, so weit Alter und Gesundheit es erlaubten, zu bedienen. 
Ffir die Zukunft win-de fel'ner eine namhafte Ve'ingerung der Stifts- 
geistlichen in Aussicht genommen, indem die dm'ch Tod erledigten 
Stellen vorl':iufig unbesetzt gelassen, daft:h" aber aus ihrem E'ag 
,wohlgelehrte, kunstreiche und sittige 5[finner" bestellt werden 
sol]ten, die tiiglich eine Stunde die heilige Schift nach den Grund- 
sprachen zu erklaren hfitten. Ebenso sollten auch die vorbereiten- 
den Schulen aus dem Etrag des Stiffs gehoben and dutch die 
Einlichtung unentgeltlicher Lektionen und die ]terstel]ung passen- 
der Wolmungen den Befihigten die Miiglichkeit geschaffen werden, 



-- 311 -- 

und mannigfach abgefindel ausweisen und mit den Grundlehren des 
Evangeliums im schreiendsten Widerspruch befinden. Der angeb- 
liche Kanon so lautet das Ergebnis, ,ist roll Gottlosigkeit". ,Du hofi'st 
in ibm eine Anregung zur Friimmigkeit zu finden und findest in 
ihm einen Drachen. Er enthiflt so viel Gottlosigkeiten als Gebete." 
Von selbst gestaltet sich dabei die Kritik der Messliturgie zu einer 
umfassenden Widerlegung der mittelalterlichen Heftslehre fiberhaupt; 
namentlich aber wird in Bezug auf das heilige hbendmahl derGrund- 
inum derselben, die hufiissung der Messe als eines Gott darge- 
brachten Opfers, ans Licht gestellt. Clnistus habe nicht gesagt: gehet 
bin und opfert reich, sondern: esset und tnket. ,Die einzige Speise. 
welche die hungrige Seele sittigt, ist das Wort yon Gottes ErlSsung 
und Erbarmen. Das Wort Gottes ist mithin das Brot der Seele, 
und zwar, nach Joh. 6, eben das Wo und die Thatsache, dass 
Christus seinen Leib und sein Blur hingegeben hat zur Erwerbung 
des ewigen Lebens. Wenn also das Wort uns nfiln't und das 
Wort nichts hnderes ist als das Fleisch Christi. welches ftir 
das Leben der Welt dahingegeben worden ist, so folgt daraus, 
dass, wie wit nur durch das Wort gcnih't werden, so auch die 
Kraft und Wirkung dieses Wortes yon seinem Opfer allein abhfingig 
ist. Wenn wir also das glauben, dass Christus, einmal ffir uns 
geopfe-t, alle unsere Siinden yon uns hinweggenommen hat., so sind 
wir gesfittigt und unseres Hefts sicher. Datum kann auch das 
Abendmahl keinen anderen Inhalt und Zweck haben, als dass es 
uns mit diesem Erliisungswerke Gottes in Christo in Gemeinschaft 
bringt, und schon die Vfiter haben gein't, wenn sie es in einem 
andern Sinne Eucharistie nannten als in dem yon Clnistus und Paulus 
selbst bezeichneten eines Wiedergediichtnisses oder eines Testaments." 
Allerdings ist diese ganze Ausfiihrung zuniichst gegen die Opfer- 
idee, nicht gegen den Glauben an die leibliche Gegenwart Christi 
im Abendmahl gerichtet. [ber den letztern iiussert er sich noch 
mit fihnlicher Zm'iickhaltung, wie in der Auslegung der Schlusssiitze, 
abet doch so, dass die schfifer Blickenden fiber seine wahre Meinung 
nicht im Ungewissen sein konnten. Das Konsekrationsgebet, dass 



312  

das Brot zum Leib und Blur des geliebten Sohnes GoRes rerde, 
will er zwar .nicht unbedingt als gottlos verwerfen', abet doch 
nur in dem Sinn als zulassig gelten lassen, dass ,das Brot und 
der Wein denen, die sie im Glauben geniessen, zum Leib mad 
Blur Jesu Christi werden, auf welche Weise auch immer dies 
geschehen mOge', und der Bericht des Paulus hat ibm .mit den 
deutlichsten Worten gezeigt, dass die ganze Feier nichts Anderes 
ist als die Erinnerung an das Leiden des Helm". 1) 
Noch deutlicher l[tsst Zwingli die rein geistige Auffassung in 
den Gebeten hervortreten, die er am Schluss als Ersatz fiir den 
verworfenen Messkanon vorschlfi mad die fiberhaupt for seine 
Theologie ho-chst charakteristisch sin& hls das Wesentliche im 
Empfang der gSttlichen Gabe wird die bestfindige Speisung dua'ch 
das Wort Gottes, als das Entscheidende in der hneignung Clnisti 
die Umgestaltmag in sein Bild und die thatige :achfolge in 
seiner Weltflberwindung hingestellt. .Vergebens werden wir das 
Fleisch and Blur deines Sohnes essen und trinken, wenn wit nicht 
vor allem dutch den Glauben fest dara(ff vertrauen, dass dieser dein 
Sohn am Kreuze die SOnde der ganzen Welt gesOhnt hat:. denn 
er selbst hat gesagt., dass das Fleisch nichts nfitzt mad nut tier 
Geist lebendig macht. Vergebens r0hmen wir mas sein Gedfichtnis 
zu feiern, wenn wit es nut mit Worten them. Datum verleih, 
barmherziger Vater, dass wit ihn auch in der That nachahmen 
mad auf diesem Wege dein Bild, das in Adam verwischt ist, wieder 
seine Gestalt empfange. Und damit dies um so besser geschehe, 
so gieb auch, dass, so iele win- yon dieser Speise gcniessen, wit 
eines Sinnes seien und in dem. der mit dir eins ist, eins werden." 
In tier an Diebold yon Geroldseck gefichteten Vorrede spricht 
Zwingli das ]dare Bewusstsein aus, dass er mit diesem offenen 
AngTiff auf den Mittelpunkt des mittelalterlichen Glaubens mad 
(ottesdienstes die bisher beobachtete ZurOckhaltmag aufgegeben 
mad den entscheidenden Kampf erOffnet babe. ,Jetzt gilt es 

x) III, 90. 92. 104. 106. 



-- 317  

einem solchen Geist ihren Gefallen haben. Jedermann weiss, dass, 
was in jenem Buche yon Wutausbrtichen enthalten ist, dich zum 
Urheber hat, so sehr du dich auch wenden magst." Zum Schluss 
klingt allerdings der Brief wieder in etwas freundlicherem Tone 
aus; der Vorwurf, dass Zwingli allein den Druck des Buches 
mSglich gemacht habe, wird als Vermutung Glareans, nicht als 
eigene Ansicht bezeichnet. Aber man fiihlt durch das Ganze den 
immer heftiger aufkochenden Groll; auch in der Sprache ist der 
sonst so sanft und glatt sich bewegende ledefiuss zu kurz abge- 
brochenen, bald heftig anklagenden, bald versteckt anschuldigenden 
Siitzen geworden, die wie Sturmwellen einander jagen md im Drang 
des Unmuts auch bereits gesagtes fast wrtlich wiederholen. 
Der B-ief musste Zwingli die letzte Hoffnung auf eine VersShnung 
wegnehmen. Er war trotz aller Versicherung, nicht im persinlichen 
Interesse, sondern in dem der guten Sache geschrieben zu sein, 
in seinem gereizten und leidenschaftlichen Ton die beste Bestati- 
gung fiir das, was utten in seiner Streitsch'ift fiber die kleinliche 
Gesinnung des Erasmus und seine Verstindnislosigkeit fiir das Wesen 
der evangelischen Wahrheit gesagt hatte. 
Erasmus hat die in dem Briefe angekiindie und unmittel- 
bar darauf e'schienene Rechtfertigungsschrift, der er den Titel 
gab: Schwamm gegen die Bespritzungen Huttens Zwingli ge- 
widmet und mit einer Zuschrift an ihn begleitet. Jedoch diese 
Widmung war im Sinn ihres Urhebers nichts weniger als eine 
Freundschafts- oder Ehrenbezeigung. Es fehlt jede Andeutung, dass 
friiher fretmdschaftliche Beziehungen zwischen ihnen gewaltet batten; 
die Zuschrift beginnt vielmehr mit dem gehissigen Satz: .Da das 
Gift von deiner Gegend her zu uns gebracht worden ist, hochge- 
lehrter Zwingli, so erschien es passend, dass auch das Gegengift 
zuerst dorthin ginge." Und sie schliesst mit einer noch gehfissigeren 
politischen Verdichtigung, in welcher Zwingli als Beschiitzer eines 
todeswiirdigen Verbrechers und die dem Verfolgten gewfihe Zufiucht 
als Gefahr ftir den Frieden und die Sicherheit der Schweiz hin- 
gestellt wi'd. ,Ich will ibm die Gfite der Schweizer nicht neiden, 



327 -- 

iiber das Wort Gottes und christliche Freiheit gesetzt," .darf sich 
an das Wort Gottes gar nicht setzen." .Es steht nicht in ihrer 
Ehre und Gehorsam, dass sie fiber die Seelen und (',ewssen" der 
Menschen herrschen soll, denn sic vermag es nicht." W'hhrend 
aber bie', wo es sich um das Verhiiltnis der Seele zu Gott handelt, 
das Gewissen fi'ei gelassen sein muss und jede Einmischung der 
Obrigkeit verwerflicb ist. bleibt aff dem Gebiet des fiusseren, biir- 
gerlichen Lebens jeder ohne Ausnahme tier Obrigkeit zum Gehorsam 
verpflichtet, und es ist eine Verwirrung der Gewissen, die dem 
Evangelium entnommenen idealen Massstfibe christli,-ber Vollkom- 
menbeit auf ihr Gebiet zu fibertragen. Zwingli leugaet nicht, ,lass 
vieles sowohl in den rechtlichen Institationen wie in der Art tier 
Gerechtigkeitspflege dem Wesen des Christentums widerspricbt und 
der Besserung bedarf. Er unterwirft besonders die bestehenden 
Besitzverbfiltnisse, die Zinsgesetze und die Zchntpflichtigkeit einer 
scharfen Kritik. in der er im wesentlichen die wirtschaftlichen Ideen 
dr Kirchenviiter reproduziert. 1) Dass die Frfichte und Giiter dcr 
Erde, die Gott den Menscben frei und obne Kauf gegeben hat, 
zum Eigentum Einzelner geworden sind. ist eine Folge der Sfinde; 
die Unterscbiede des Besitzes, die Verpflichtung zu Zins und Zehnten 
sind vor Gott eine Ungerechtigkeit. Trotzdcm bleibt fiir jeden 
das Gesetz, dass er allen Menschen geben soll, was er ihnen schuhlig 
ist, Steuer, dem Steuer gebfihrt, und Zins, dcm Zins gebfihrt; un,! 
selbst der kirchlicbe Zehnten wird, sofern ihn die Obrigkeit nicbt 
mit einer gebiihrenden Entschiiding abkauft, gerechtfertigt, da 
seine Verweigerung yon Seiten deter, ,lie ihre Giiter unter seiner 
Voraussetzung gekauft haben, ein Faub wih'e. Es ist nicht die 
Sache des Einzelnen, sich zu widcrsetzen: wohl abet ist es ffir die 
Obrigkeit dringende Pflicht, auf dem Weg der Gesetzoebung die Be- 
schwerden abzustellen und. soweit es der menschlichen ,chwachhet 
nSglich ist, die Forderungen der gSttlichen Gerechtigkeit in das 
Gesetz herfiberzuleiten. In Bezug auf das Zinsnebmen insbesondre 
giebt Zwingli den ]lat, dass die Wuche'zinse ganz unterdrfickt, 
) Vg|. Uhlhorn, Christ[iche Liebesthiitigkeit. I, 293. 377. 



329 -- 

dieser Beiugnis durch das Wesen des chistlichen Glaubens gesteckt 
ist, und dessert Freiheit und lnnerlichkeit auch gegen die stihmischen 
Zumutungen seine" eigenen Anhiinger sicher zu stellen, h'icht dutch 
Zwang, sondern dutch die an die F'eiheit sich wendende P'edigt des 
Wo'ts soll der laube gepfianzt und ve'breitet werden; die Obrig- 
keit hut diese Predigt zu schirmen und zu unterstiitzen, uhe" im 
iibrigen ihre Auiabe nicht theok'atisch in der Pfianzung der FrSm- 
migIeit, sondern in der Ermiiglichung eines rechtlich geordnetcn 
bih'gerlichen Verkehrs und Gemeinschaftslebens zu erblicken und 
soll es der freien Einwirkung des Wortes Gottes iiberlassen, dass 
die Formen dieses biirgerlichen Lebens dutch den neuen cist des 
Evangeliums christlich bestimmt und ghcili werdn, -- d;ts sind 
die Grundsiitze, die er fib" das Verhiiltnis zwischen Stuut und Kir,:he 
aufstellt,, und wenn er spiite" unter dvm Druck der Ve-hiiltnisse 
diese G'undsitze modifizie-t und die ki'chenregimcttliche Autabe 
d- b-igkeit weir iiber ihr Mass hinaus gesteige't hat, so darf um 
so weniger dv" hies" gegebene ursp'iingliche A,.sgangspunkt iibc-- 
sehen und der in ibm sich darstellend_ wah'e eist seinc" tlcfor- 
mation verkannt we'den. 
Zwingli musste sich a|le'diugs buld davon (ibe'zugeu, duss 
fiir die yon ihm gehoffte Dm'chlith'ung diesr (h-undsiitze ausser- 
halb Ziirichs die Zeit noch nicht reif wa'. In Begn, das die 
meisten Aussichten zu bieten schien, gewann die clerical-aristok'a- 
tische Reaktion bald wieder die Ob'hand. und die idgenissischen 
Stiinde sagten sich auf der Tagsatzung vom 30. September dm'ch 
den Beschluss, dass die Anh/inger des neuen Glaubens, gleichviel 
ob Gvistliche odes" Weltliche, nach Ve'dienen gest'aft ,erden 
sollten, von der lcibrmation entschiedvn los, so dass Zwingli zm" 
Durchftilu'ung dcrselbcn zunichst auf das Gebit s:iner eigcnen 
Stadt sich angexicsen sah. 



-- 331 -- 

dass ibm nichts lieber ware, als wenn man mit einer Stange 
die GStzen vom Altar herunterschlagen dfirfte. Bei einer solchen 
Stimmung konnte dvr thiitlich Angriff nicht lange mehr aus- 
bleiben. In der Kirche yon St. Peter fand man um Mitre 
September einige Bilder und andere Gotteszierdcn beschtidigt; im 
Fraumfinster rissen bald darauf einige leidenschaftliche Anhiinger 
der Refoanation die Ampeln herunter und besprengten einander 
mit dem Weihwasser; auf oftener Strasse und am hellen Tage wurde 
ein grosses Krucifix, das unmittelbar vor der Stadt, zu Stadelhofen. 
aufgestellt war, umgestiirzt und die Siiule, an welcher es hing, 
aus dem Boden gegraben. In dem nahe bei Ziirich gelegenen 
Doff H0ngg forderte der Prediger yon der Kanzel aus seine Ge- 
meinde auf, mit den G0tzen ein Ende zu machen; noch in der 
Kirche drohte, unmittelbar nach der Predigt, ein allgemeiner Stta'm 
auf die Bildcr loszubrechen; derselbe konnte zwar durch die Be- 
mfihungen des Untervogts gestillt werden, abet bald darauf dragen 
einige der Eifrigsten des Nachts nach cinem Hochzeitsmahl in eine 
bvnachbarte Kirche, t'ugen die Bilder heraus und warren sie in 
Stiicke zerschlagen in den See. ) 
Diese Vorf:,ille n0tigten zu einer Entscheidung. Zwingli hat 
spSter erkltirt, er hitte ,wolff m,igen leiden, dass de" ttandel, mit 
den GStzen beschehen, wlire erspart worden". Jtzt abet, wo die 
Frage aufgeworfen sei, kSnne er nicht anders ais 5fiintlich bekennen, 
dass die GStzen und Bilder abgetban werden miissten und dass 
die Messe kein Opfer sei.") Als die Thiiter ins Geffingnis gelegt 
wurden, nahmen sich Zwingli und die iil)rigen Leutpriester often 
ihrer an und erkliirten ihr Verfahren fiir ein gutes und christliches 
Werk, das nut insofern strafbar sei, als es ,hinter der OI)rigkeit und 
aus eigener Gewalt" unternommen worden sei. Von einem Priester 
aus dem Thurgau, Ludwig Hetzer, erschien eine volkstiimlich ge- 
schriebene Flugschrift: Ein Urteil Gottes, unseres Ehgemahls, wie 
man sich mit allen GStzen und Bildnissen halten soll, welche eine 
) Egli, A. S. Nr. 414--416. 421--423. 
) I, 55. 



-- 3.3 -- 

Iesse wieder in einer allgemeinen Disputation im Rathaus zum 
hust'ag zu bringen. Es entsprach durchaus dem Sinne Zwinglis, 
welcher yon Anfang an die :Reformation als eine nicht bloss lokale, 
sondern allgemein schweizerische hngelegenheit aufgefasst hatte, 
dass ausser den Geistlichen des Kantons, die wiedel"um siimtlich 
zur Teflnahme aufgefordert wurden, auch die Bischiife yon Konstanz, 
Chur und Basel, die Basler Universitiit und die eidgeniissischen 
Stinde eingeladen wurden. Sie sollten, heisst es in dem Iatsbe- 
schluss, der Bilder und Messe halb Rede halten und einen Beschluss 
fassen helfcn, tier Gott dem hllmfichtigen wohlgefalle und den 
christgliiubigen Menschen am heilsamsten write, diewefl bisher 
da'in viel Missbrauch gewesen sei. Noch bestimmter wi'd der Zweck 
de" Zusammenberufung und die eigene Stellung des Iats zu der 
F'age in dem Ausschreiben an die Geistlichen des Kantons ausge- 
sprochen. Aus der gSttlichen Lehre, welche jetzt allenthalben klarer 
und lautere" als vorher verkiindi werde, sei die Erkenntnis he'- 
vorgegangen, dass die Bilder nicht sein sollten und dass auch die 
Messe anders, als Christus sie einsetzte, gehandhabt und mit vielen 
Missb'iiuchen geiibt werde. Da aber in dieser Beziehung noch 
Zank und Zwietracht he'rsche, so habe die Obrigkeit das Gespr/ich 
angeo'dnet, damit jeder, der jene htikel zu beschirmen oder zu 
bekiimpfen willens sei, seine Grfinde in deutscher Sprache anzeige 
und aus der heiligen Schrii't rechtfertige. Sic selbst wolle mit 
etlichen Gelehrten fleissig aufme'ken und nach dem, was sich aus 
der Schrift als Wahl'heir erfinde, handln. 
Das Gespriich nahm am festgesetzten Tage, dem 26. Okt.ober, 
in friiher Morgenstunde seinen Anfang. Die Hof[hung auf eine 
weitere Beteiligung yon auswirts hatte sich nm" in ge'ingem Masse 
erfiillt. Die eingeladenen Bischi)fe lehten in ih'em Antwo- 
sch'eiben jede Beteiligung ab und spl"achen ihre entschiedene 
Missbilligung des Unternehmens aus, da Gott unmSglich in zwei 
so wichtigen hrtikeln seine ch'istliche Kh'che so lange Jahre 
hiitte kSnnen irregehen und des Beistandes des heiligen Geistes 
entbehren lassen, und da jedenfalls irgend eine .'inderung in den-- 



-- 335 -- 

Ortsgemeinde, die Kilchh0re", abet in keinem Falle fiir die hierar- 
chische Vertretung im Papst oder in den BischSfen, welcher die 
Gegner die Entscheidung fiber die Glaubensfi'agen zweisen wollten. 
Vor [rrtum bewahrt sei bloss die Kirche, die in Gottes Wort 
gegrfindet ist, und weft die gegenwfirtige Versammlung nut den 
Zweck habe, die Meinung dieses Wortes Gottes an den Tag zu 
bringen, so kSnne ihr yon niemandem tier Vorwm'f einer Benach- 
teiligung anderer Christen gemacht werden. Das lange Still- 
schweigen, welches auf diese Darlegung bin erfolgte, zeigte, class 
die Gegenpartei ihre Sache yon vorn herein als verloren ansah 
und dass auf eine eigentliche Diskussion nicht mehr gerechnet 
werden durfte. :Nut tier alte Leutpriester Hofmann wae einige 
Worte der Entgegnung, indem er dazu mahnte, an dcm alten 
Glauben und an den alten Autoritfiten festzuhalten und die Ent- 
scheidtmg fiber den Glaubensstreit dem in Aussicht gestellten 
Konzil zu fibedassen. Aber er wta'de zum Schweigen verwiesen, 
weft die heflige Schfift alas einzige Schwert sein sollte, nfit welchem 
gekfimpft werden dfirfte, und Zwingli verstieg sich in seiner Erwide- 
rung his zu dem Satze, dass HSngg und Kfissnacht eine gewissere 
Kirche seien als alle Zusammenrottungen der BischSfe und der Pfipste. 
Nach dieser Einleitung begann Leo Jud die eigentlichen Ver- 
handlungen mit tier Begrfindung tier yon ihm aufgestcllten These 
fiber die Bilder. Sie lautete: ,[)ass die Bilder yon Gott in der 
heiligen Schrift verboten seien und deshalb unter den Christen nicht 
gemacht noch geehrt, sondern abgethan werden sollten.  Auch hier 
stellte sich Zwingli auf einen sehr extremen Standpunkt, in,tern er 
nicht nut die in der Kirche aufgestellten, sondern fiberhaupt alle 
Bilder als dutch das Wort Gottes verboten verwarf und keinerlei 
Unterschied zwischen der alttestamentlichen und der neutestament- 
lichen Offnbarungsstufe in dieser Beziehung gelten liess. Es 
fehlte auch auf der evangelischen Seite nicht an Zeugnissen 
ffir eine gemissigtere und freiere Auffassung. Der Komtur Schmid. 
der iiberhaupt am klarsten auI den inneren Zusammenhang der 
Bilde-frage mit dem evangelischen Heilsglauben eingieng, erklirte: 



lang treulich nachgekommen, so dass es nun wohl an der Zeit sei, 
die erkannte Wahrheit zur That zu machen. 
Auch von den Gegnern wagte es keiner, der eigentlichen 
Verehrung der Bilder das Wort zu reden. Sie wurden mit Namen 
aufgefordert, ihre Einwiirfe gegen die aufgestellten Thesen oder 
auch andere Klagen, die sie gegen Zwingli und seine Lehre 
vorzubringen hfitten, auszusprechen. Aber sie entschuldigten sich 
alle. Sie hfitten nichts gegen das Evangelium gepredigt und 
wiissten auch jetzt nichts einzuwenden. Der Degen im Heft, meinte 
einer, sei ibm zerbrochen under k(nne nicht mehr fechten. Ein 
anderer erklfirte, er hfitte fi'iiher den alten Glauben gehabt; jetzt 
miisse er den neuen haben und wolle nicht dawider sein. So konnte 
ohne namhaften Widerspruch das Ergebnis der Beratung zu Handen 
des Rats dahin zusammengethsst werden, dass die G(itzen und 
Bilder als dem Wort Gottes widersprechend hinweggethan werden 
sollten und dass demzulblge die Obrigkeit kein Bedenken haben 
diirfe, sie zu beseitigen, sofern es ohne Zerriittung des Friedens 
und dem Nebenmenschen unfirgerlich geschehen kOnne. Fiir die 
,frommen armen Leute". die wegen tier Zerst(rung des 'rucifixes 
im Geffingnis lagen, wurde unter Missbilligung ihres eigenmiichtigen 
Vorgehens Fiirbitte eingelegt und yon dem Biirgermeister auch 
eine schonende Behandhmg verheissen. 
Schwieriger waren die Verhandlungen der beiden folgenden 
Tage, fiir welche Zwingli selbst die These aufgestellt hatte, dass 
die Messe kein Opfer, sondern das Wiedergedfichtnis des Todes 
Christi sei. In den einleitenden Worten, mit denen er die Ver- 
handlung erSflhete, nannte er diese Frage einen besonders schweren 
Handel, gegen den das gestrige Gesprfich fiber die i3tzen und 
Bilder nut ein Kinderspiel gewesen sei. Doch verwahrte er sich 
dagegen, dass dutch seine These die Wahrheit von Christi Fleisch 
und Blut in Frage gestellt sein sollte; nm" die Aufl'assung des 
heiligen Abendmahls als eines Opfers miisse als dem Glauben und 
der Schrift zuwiderlaufend aufgegeben werden. Der Reihe nach 
wurden dann die Anwesenden, zuniichst die .bte und Vorge- 



-- 339 -- 

mahlsfeier nicht um eine Gabe an ott hand,dr, sondern dass wh" 
darin Vergebung der Sfinden. Gnade. Barmherzigkeit und ewiges 
Leben empfangen, dass das wahre Essen seines Fleisches und das 
Triuken seines Blutes in der glfiubigen Aneignung seiner Vers:;hnung 
und ErlSsung besteht und die Iarbietung derselben in der Gestalt 
yon Brot und Wein nut das Siegel und Wah'zeichen dieser Gnade 
frir den inwendigen Menschen ist. und er forderte deshalb glei'h- 
falls, dass jeder Feicr der Messe die Verkiindigung dessen voran- 
gehen solle, was dutch Christus darin geboten werde. Abet cr 
tadelte, dass die Evangelischen nun ohne weiteres die Stilung 
tier Messe wit, auch des MSnchstums vom Toufel herleiteten, und 
meinte, es wiirde nichts schaden, wenn man weniger ungeschickt 
und li'eventlicb davon redete. Zwingli. der ,iiesen Vorwurf. besonders 
was di Po]emik gegen das M:nchstmn betraf, als auch gegen ihn 
gerichtet ansehen mussfe, rechtfertigte sich. Er kSnne in der That 
das mSnchische Heuchelwesen. well aus dem Fleisch und Eigennutz 
hervorgegangen, mu" yon dem Teufel herleiten, lbrigens meine 
auch er, dass in diesen Stricken oft in ungeziemender Weise ge- 
predigt werde und dass, wenn nm" alle Piester den einigen Christum 
hervorh'rigen, mit der Zeit am:h alle Sekten, Rotten und ,trdon mit 
den anderen Missbrfiuchen dahinfallen wiirden. Abet es seien vie]e, 
die yon seinen Worten nut die Schiirfo festhielten, gerade wie auch 
viele yon dem wohlgelehrten Mann Madtin Luther nur seine Schii(-i'e 
annfihmen, abet das tromme treue Herz, das el" zur g6ttlichon 
Wahrheit babe, ibm nicht aldernen vollen. 
Die Erinnerung Zwinglis war nicht unbegriindet. Wiihrend 
die Einen zu grSsserer Schonung mahnten, gab es Andere, denen 
im Gegenteil der bisher innegehaltene Gang nicht rasch genug 
schien und die nun das Relionsgesprlich beniitzten, um mit ihren 
Forderungen einer sofortigen und gewaltsamen Beseitigung der 
Missb'uche hervorzutreten. Es waren die spiiteren Fiihrer tier 
wiedertuferischen Partei. die hier zum ersten Mal als geschlossene 
Ih-uppe sich bemerklich machten. Der eine yon ihnen, Balthasar 
Hubmeyer on Waldshut, verlangte, indem er auf die vorherge- 



341 -- 

da er dariiber be'ichtet word_n sei, dass sie der alttestamentlichen 
Priesterkleidung nachgebildet seien und demgemfiss auch der huf- 
fassung der Messe als eines Opfers Vorschub leisteten. Abet fiber 
alle diese usserlichkeiten hatten sich die Gemeinden zu verstiin- 
digen, da die Entscheidung darfiber ihnen freigelassen sei, und den 
nderungen masse erst ,lie Belehrung dutch das Wort vorangehen, 
damit kein Aufrubr und Unfi'ieden entstcbe. .Denn der Teufel 
f/ingt und hintergeht uns oft mit spSttlichen Dingen." [m gleichen 
Sinne wiederholte der Komtur Schmid sein Veflangen, dass vor 
dem Abthun der Bilder den Gemeinden noch weiterer Bericht 
gegeben werden solle, wie sie Christus in ihren Herzen bilden und 
wes sie sich zu ihm versehen sollten. Er schlug vor, ,lie Ob'ig- 
keit solle in ihrem Gebiet eine christliche Unterweisung fiber die 
wahre Anbetung Gottes ausgehen lassen und die Pfarrer zu ihrer 
Verkffudigung anhalten. :Nach solcher Belehrung wth'de die That 
leichter geschehen und die Missbrauche ohne Unruhe und Wider- 
willen geande't werden ksnncn. Wohl ware es die Pfli,:ht der 
BischSfe, ffir diese Belehrung zu sorgen; aber da sie dieser Pfiicht 
nicht nachkommen, so mfisse die Obrigkeit an ihre Stelle treten. 
,Wenn die Geistlichen nicht dazu helfen a'ollen, dass C}istus 
wieder aufgerichtet werde, so wird es Not sein, dass die Weltlichen 
die Hand ans Werk legen." Auch der Abt Joner yon Kappel 
unterstfitzte den Vorschlag. Die Piin'er, welche meist ungelehrte 
Leute seien, bediirften einer Anleitung zur rechten Predigt des 
Evangeliums. Er wolle gem selbst nach VermSgen dazu mithelfen; 
die Obrigkeit sollc nur unerschrocken sich der Sache des Evan- 
geliums annehmen. Zwingli war fief bewegt. Er mahnte, indem 
die Thranen seine Stimme hemmten: .Lasset euch nicht erschrecken, 
liebe Herren! Gott steht an unsrer Seite, der wird das Seine wohl 
beschirmen. Wohl habt ihr Grosses unternommen, und um des 
lauteren Wortes Gottes willen steht euch vieles entgegen, das nur 
Wenige richtig bedenken. Geht daran im Namen GoRes. Man 
muss den Herrn walten lassen; der wird die Seinen in Evigkeit 
nicht in der :Not verlassen." 



-- 343 -- 

Vorbild Christi als unablassiger Streit mit allem Fleisch, mit sich 
selbst und allem, was wider Gott ist, sich zu bethfitigen hat, abet 
in dieser treuen Pfiichterftillung auch des Sieges tiber die Welt 
sicher ist. ,lichts ffirchten ist der Harnisch." ,Wo die rechte 
ggttliche Liebe ist, da mag kein irdisches Feuer sie auslischen." 
,Welcher die Liebe Gottes haben ill, der bitte Gott, dass er ihm 
die rechte Erkenntnis yon dem Handel seines Sohnes und das rechte 
Vertrauen gebe; so ist die Liebe schon da: er wird dankbar auc:h 
seinen Leib zu seiner Elu'e dahingeben, und wenn das Fleisch sich 
strfiubt, so wird es mit dem starken Feuer des Vertrauens und 
der Liebe Gottes erweckt, dass es nachfolgen muss. So n0tig ist 
die Liebe und da finder man sic." Der zweite Teil: yon den falschen 
Hirten zeigt den schreienden Widerspruch zwischen diesen dem 
Evangelium entnommenen :Normen ud Vorbild-rn des Hirtenamts 
und der bisherigen Amtsfiihrung der Bisch;fe und dt.r teistlit.hen. 
,Hat Chfistus seine Jiinger in die Welt gesandt wit Schafe unter 
die W0h'e, so sind die jetzigen Hirten wie die WOlfe unter den 
Sehafen." Die Gemeinden haben die Pflicht, diese falschen Lehrer 
aus ihrer Mitre zu entfernen. ,Wenn die WOlfe nicht mit Frieden 
verjagt wiirden, so k0nnte Gott leieht einen Elias erwecken, der 
mit einem Male Hunderte yon Baalspfaffen t0ten wiia'de." Darum 
sollen die guten Hirten im Vertrauen auf die sie beschiitzende 
alhnfichtige Hilfe Christi bei ihrem Werk treulich aueh in der 
Anfechtung ausharren, die falschen Hirten aber im Blick auf die 
sieher erfolgende Strafe die unbil/igen Lasten yon den christliehen 
V01kern wegnehmen und sieh selbst zur eigenen Rettung der Er- 
kenntnis I'hristi zuwenden und unter sein Kreuz demiitigen. 
So wird der Geistliehkeit gleichzeitig mit der Beseitigung der 
ausserlichen und toten Formen der Gottesverehrung auch ein neues 
Berufsideal vor Augen gestellt, welches sie in die wahre Nachfolge 
dessen, dem sie dienen sollte, zu ziehen bestimmt war. 



-- 345 -- 

wort in denselben zu verkfindigen. 1) Wie wenig der Rat eigemniichtige 
Stiirungen der kirchlichen Ordnung zu begfinstigeu gewillt war. 
zeigt das Urteil, das er bald nachher fiber die geiangenen Bilder- 
stiirmer iallte. Die beiden Hauptschuldigen bei der ZerstSrung 
des C-ucifixes. Claus Hottinger und Lorenz Hochrfitiner, wurden 
aus dem Ziircher Gebiet verbannt und auch der Pfarrer yon HSngg. 
Simon Stumpf, der durch seine Predigten zu dem dortigen Bilder- 
sturm Anlass gegeben hatte, trotz der Ffirsprache der Gemeinde. 
seiner Stelle entsetzt und zum Wegziehen genStigt. -) 
Die Ausarbeitung der durch das Mandat in Aussicht gestellten 
Schrfft wurde Zwingli fibertragen. Er vollendete sie in der kurzen Zeit 
yon vierzehn Tagen, so dass sie schon am 9. November 1523 dem Rat 
vorgelesen und am 17. im Druck herausgegeben werden konnte. Schon 
im Titel ist ihre Bestimmung ausgesprochen: ,Eine kurze christ- 
liche Einleitung, die ein ehrsamer Rat der Stadt Zfirich den Seel- 
sorgern und Predigern zu Stadt und Land zugeschickt hat, damit 
sie die evangelische Wahrheit tbrtan einhellig verkfindigen und 
ihren Unterthanen predigen. "') Sie wurde den simtlichen (eist- 
lichen des Kantons zugeschickt und diese in einem der Schrift 
vorangestellten Mandat aufgefordert, dass sie .diese Anleitung und 
Einfiihrung treulich lesen und die evangelischen Schriften mit Fleiss 
und nach ihrer ganzen Lfinge mit ihr vergleichen" sollten, ,damit 
die wahre Erkenntnis und Ehre Gottes. die christliche Liebe und 
Einigkeit und die Besserung der Sitten aus dem Worte Gottes 
gelernt werden und ffir und ffir zunehmen". .Denn es ist je unsere 
Meinung: dass euere Lehre mit dem Evaugelium in unserem G- 
biete allenthalben gleichfOrmig und einhellig sei. Ob aber unter euch 
jemand wre, der s-aumig und widerspenstig sein und ohne Grund 
der gOttlichen Scb3"ift handeln wollte, so wfirden wit wider die- 
selben uns dermassen erzeigen, class sie erkennen, unrecht wider 

 (:'her das yore Egli zu friih angesetzte Datum ,lieses .Man,lat.- vgl. 
Baur. Zwinglis Theoogie I. 342 f. 
 Egli, A. S. Nr. 4tl. 44"_'. 446. Zwingli VII. 314. 
 I. 541 ft. 



-- 347 -- 

ist, da streitet man iiir und fiir mit dem Fleisch. da wacht man 
und kreuzigt das Fleisch mit seinen Anfechtungen." So wird gerade 
die demiitige Erkenntnis del" eigenen Ohzmaclt. die keine andel'e 
Zufiucht als Gottes Erbarmen kennt, zur Quelle der wahren sittlichen 
Kraft. ,Dies emsige zu Gott Laufen und Klagen wehrt allen 
Lastern mehr als irgend eine andere Hut oder Vorsicht. Denn 
die Hofihung auf Gott zeigt alle Siinde an, ve,Tiit den heimlichen 
Schalk im Herzen, dass er sich nicht daft ffir fi'omm ausgeben, 
und macht ihn mehr und mehr schamhaft, mit den alten Laster 
immer wieder vor Gott zu kommen. Sieh" da den emsigen nStigen 
Wfichtel', den (lauhen.- So sol| dutch die Predigt des Evangeliums 
start des toten Werkdienstes ein Leben aus (ott gepfianzt werdn, 
in welchem sich der rechtfertigende Glaube zugleich als die 
Kraft zum Guten und zur Erfiillung des Wi|lens Gottes erweist, 
und an den zahlreichen Schriftstellen. die zur Begriindung augefiihrt 
werden, erhalten die Prediger eine Anleitung, wie sie ihrerseits die 
Erkenntnis des Evangeliums aus der Sch,'ift weiter entwickeln 
fib- die Erbauung ihrer Gemeinden ti-uchtl)ar machen keinnen. Denen. 
die (rater dem Vorwand, dass sie zu ungerecht seien, um selbst 
zu Gott zu komlnen, sich an die Heiligen wenden, tuft Zwingli zu: 
,Srst du nicht das Zeugnis Gottes, ,lass Christus mse,'e Weisheit 
und unsere Gerechtigkeit ist? HSrst du nicht, dass er tins ru|t, 
wenn wit schwer beladen sind? Das gebricht di,', dass du ihn nicht 
kennst. Du versiehst dich zu ihm nicht als zu eineln Vater." 
Abet ebenso bestimmt werden die zm'fickgewiesen, welche die 
evangelische Freiheit darein setzen, dass sic Andere richten und 
unfed- Berufizng auf den Glauben sich ihren hiirgerlichen Verpfiich* 
tungen zu entziehen smhen. Die Vorenthaltung des Zelmtens wird 
ein Diebstahl genannt, der tim so schwerere Siinde sei, weil dadurch 
Christus zum Deckmantel der Bosheit gemacht werde. , Die Pfarre,'". 
heisst es am Schluss, ,ollen im Worte Gottes reich sein und das 
Evangelium, das ohne alas Gesetz nicht verstan,len werden kann, 
in der Gestalt vortragen, dass Gute und BSse wissen, auf welchem 
Weg man zu Gott komme. 



verlustig giengen". I) Zwingli wurden die Gemeinden an der 
Grenze gegen Thurgau und Schaffhausen zugewiesen. Dber den 
Erfolg sowohl dieses pers(inlichen Wirkens als der an die Pfarrer 
iibersandten schiftlichen Belehrung erziihlt Bullinger. dass viele 
dadurch zum fieissigen Studieren veranlasst worden und je liinger 
je geschickter im Predigen geworden seien. 
Auch die praktiscben Wirkungen dieses Vorgehens blieben 
nicht lange aus. Die noch immer fortdauel'nde 5ffentliche ,chau- 
stellung der Bilder in den Kir,-hen erscbien nach der dariiber aus- 
gesprochenen Verurteilung als ein l'gernis, welches nicht fi'iihe 
genug ahgestellt werden kSnne, und auch das Abhalten der Messe 
wtu'de als unetriigliche Gewisseusbelastung empfunden, nachdem 
sie mit klaren Worten als Schmfihung Gottes war bezeichnet worden. 
Eine Anzahl Priester, besonders unter den Helfern und Kaplfinen 
am Grossmiinster. erkliirten, sich aus Gewissensbedenken dem Mess- 
dienst nicht lfinger unterziehen zu kSnnen. Das Kapitel der Chor- 
herren, vor welches sie ihr hnliegen brachten, konnte sich nicht 
einigen, indem ein Teil derselben die Frage als noch nicht erledigt 
ansah und deshalb die betreffenden Priester noch weiter zur Aus- 
iibung ihrer Funktionen verpflichten wollte. Am 10. Dezember kam 
die hngelegenheit vo" den :Rat. und dieser forderte die zur -)rdnung 
der kirchlichen Verhiiltnisse eingesetzte BehSrde auf. ibm fiber das 
einzuschlagende Verihhren einen neuen latschlag einzureichen, e) 
Die Meinungen innerhalb der Kommission waren namentlich in 
Bezug auf die Messe geteilt. Die drei Leutpriester befiirworteten 
in einem von Zwinglis Hand geschriebenen Gutachten. dass die 
stiftungsgemfisse Spendung des heiligen Abendmahls unter beiderlei 
Gestalt sofort eingefiihrt und an der niichsten Weihnacht der Anfang 
damit gemacht werde, und dass an die Stelle der tiiglichen Messe 
eine tiigliche kurze Predigt in Gestalt einer Scluiftauslegung treten 
solle. Es sei besser, dass die Priester, welche his dahin im Messe- 

VII, 314. 
Egli, A. S. Nr. 456. 



-- 353 -- 

Edlibach, der sich als ein frommer und pietiitsvoller Sobn der alten 
Zeit in das neue Wesen nicht mehr zu iinden veznochte, mteilt 
in seiner Chronik, dass zwischen Weihnacht 1523 und Lichtmess 
1524 die Welt roh und ungottesfiirchtig geworden sei. Schon auf 
Weihnacht habe man ,viele Gesfinge abgestellt, als zur Metre, 
Vesper und anderen Zeiten, die vormals 7u Zitrich und in der 
ganzen Christenheit in lbung und Ehre gestanden, Gott dem 
HelTn und seiner wih'digen Mutter, tier Jungh-au Maria, zu Lob" 
Die Feier der Lichtmesse sowie anderer Heiligentage hSrte auL 
ebenso die Prozessionen am 1)almtag und zu Pfingsten und die im 
Mai stattfindenden Kreuzgfinge nach Einsideln und auf den Zihich- 
berg; dagegen win'den 5ffentliche Schriftauslegungen angeordnet, 
die abwechselnd in einer tier Kh'chen fi'iih um nf Uhr statt- 
finden sollten, und jedem Haus zum Ersatz fiir die bisher dem Kul- 
tus gespendeten Gaben die Entrichtung eines Batzens fiir die Armen 
auferlegt. Der Schutz, welchen der Rat den Bildern noch angedeihen 
liess, hindel-te nicht, dass einzelne derselben heimlicher Weise aus 
der Kirche genommen und im :Notfall selbst zur Feuerung ver- 
wendet wurden. Die Beobachtung der Fasten wurde trotz dem 
erneuten Verbot vielfach unterlassen und auch andere kirchliche 
Gebrfiuche wie das Lfiuten tier Totenglocken, die letzte/hmg, die 
Darreichung des Sakraments an die Sterbenden in Abgang gebracht. 
Edlibach klagt, am Griindonnerstag seien Mfinner und Weiber in 
weltlichem Schmuck, ohne die bisher an diesem Tage gebriiuchlichen 
Kragen und Mfintel zur Kirche gekommen, als wollten sie zum 
Tanze gehen; am Charfi'eitag sei das Bild Christi nicht mehr zu 
Grabe getragen und die Fiirbitte fiir die Stfitten der Christenheit 
unter]assen worden; auch den Himmelfatn'tstag ud den 1)fingsttag 
babe man nicht anders geehrt als jeden anderen schlechten Sonntag. 
lfaffen, MSnche und Nonnen nahmen alle einander zur Ehe und 
liessen ihre I)latten verwachsen, zogen sich einen Bart und be- 
kleideten sich wie die Laien mit Schwertern, nicht als Priester." 
Nur die Messe, der Mittelpunkt des alten Kultus, blieh noch in 
Kraft und ic den beiden Hauptkh-chen auch in voller (buag, wenn 
23 



363 -- 

hiiltnisse verband, damit nicht bloss fOr sich. sonde for die gesell- 
schaftliche Anerkennang der Priesterehe fiberhaupt den Kampf 
fiihrte und dass die ihr damit errungene bfirgerliche and sittliche 
Ehrenstellung die Verdriesslichkeiten and Missdeutungen, denen er 
sich aussetzte, reichlich aufwiegen werde. 
Es war nicht die Art Zwinglis, fiber die Vorkommnisse und 
das Glfick seines hiuslichen Lebens viel zu reden. Von der 
gemfitvollen Poesie, welche das Haus Luthers umgiebt, fehlt des- 
halb jede Spur. Auch in den Briefen an die Freunde wia-d der 
Frau nur selten Erwihnung gethan, und der briefliche Verkehr 
mit ihr selbst zeigt in dem einzigen Schreiben, das sich von dem- 
selben erhalten hat, gerade das Gegenteil der herzlichen Iitteil- 
samkeit, die Luther seiner Kithe gegenfiber an den Tag zu legen 
wusste. Es ist ein kurzes, in knappem Geschiftston gehaltenes 
Briefchen, das er ihr wfihrend der Disputation zu Bern am 11. 
Januar 1528 zukommen liess, als er die Nachricht yon der wtihrend 
seiner Abwesenheit erfolen Geburt seines zweiten Sohnes Huldreich 
empfangen hatte. Eine kta'ze Danksagung gegen Gott fiir die ihr 
verliehene fr5hliche Geburt, einige huftrige und Grfisse, die Auf- 
forderung, fth- ihn and alle, die mit ihm seien, zu beten und in der 
biachschrift die Bitte um Zusendung seines ,Tolggenrocks', 1} -- 
das ist alles, was er seiner Gattin zu schreiben hat, ohne dass 
fiber das eigene Ergehen und den Verlauf des Gesprfichs ixgend 
welche Mitteilung gemacht oder auch nut eine entschuldigende 
Hinweisung auf den Drang de Geschiifte beigefiigt wiire. ) 
Dennoch lisst auch dieser kurze Brief erkennen, wie bei 
aller Schlichtheit and Trockenheit der Sprache eine feste und 
herzliche, in gemeinsamer Glaubens- und Gebetse'fahrung stark 
gewordene Liebe die beiden Gatten verbanden hielt. Zwingli 
beginnt mit: Liebe, liebste Hausfi'au! und schliesst mit den 
Worten: ,Bitte Gott fgu" reich and uns alle." Den gleichen Ein- 

*) Tolggen heisst Tintenklecks, Toiggenrock also Hausrock, Arbeitsrock. 
) VIII, 134. Genauer Abdruck des Originals: Theologische Zeitschrift 
a. d. Schweiz 184. I, 191. 



367 -- 

Rudolf Gwalter, welcher die erste Ausgabe yon Zwinglis Werken 
veranstaltete. Der filtere Sohn, Wilhelm, starb fiinfzehnjlihrig 
wfihrend eines Aufenthalts zu Strassburg 1541, der jfingere, 
Huld'eich, wurde Pfarrer an der Predigerkirche und Professor 
der Theologic in Zirich und heiratete Bullingers Tochter huua. 
Mit seinem Sohn, der gleichfalls Huldreich hiess, ist im Jahr 1600 
die mlinnliche Nachkommenschaf des Reformators ausgestorben. 1) 

a) Vgl. II, 1, 320 Anm. Iber Anna Reinhard: Hess, Anna Reinhard, 
attin und Witwe von Ulrich Zwingli. 



Siebentes Kapitel. 

In der idgenossensehaft wurde die Stimmg gegen die e- 
tbrmation immer feindseliger. lit wachsender Efl)itterung saben 
die Anhnger des alton Glaubens, e nicht nut in Zfirich, sodern 
ach in den benachbm'ten Gebieten, dem Thurgau und dcm Rhein= 
thal, tier evangelische Glaube welter vordrang, trod sie rchteten 
nicht ohne Gnmd, dass mit der krchlichen Annherung an Zfirich 
auch dessen politische Machtstefimg in der nord6stlichen Schweiz 
cine den alten Rechtsbestand gehrdend+ Ausdehng gennen 
kSnnte. Besoders in den Urkantoncn, deren regierende Geschlechter 
neben dem Sold und den Jahrgeldern der auswargen Ffirsten die 
Verwaltung der eidgenSssischen Vogteien als i'e hauptscche 
Einnahmequee zu betrachten pflegten, machte sich diese Besorgnis 
geltend. Man erblick%e in Zwingli nicht nut den Bekampfer des 
christlicben Glaubcns und der krchlichen Autoritat, sondern auch 
den Feind der staatliche[ Orung und den ZerstOrer der eigenen 
5konomischen Wohffa-t (rod glaubte sich dadurch beredtigt, im 
Kalnpf gegen seine Person und sere Lehre alle irgend erreichbm'en 
Mittel  Anwendung zu brgen. Auf der Kanzel wurde gepredi, 
man babe den T(irken  nachster Nahe und wet Stab und Stange 
tl'agen k0nne, sofie wider ihn ziehen. ) 
Auf der Tagsatzung hatte, namentch so lange das machtige 
Bern streng am alten Glauben festhielt, die ppstche Pa'tei die 
 Strickler, A. S. 1, Nr. 723. EidgenSssische Abschiede IV, la, 364. 



374 -- 

I)er Entwurf ztt diesem .Ratschlag yon den Bildern und 
der Messe" ist yon Zwingli verfasst. Er wiederholt die iu dem 
friiheren Gutachten yore 19. Dezember 1523 ausgesprochenen Grund- 
siitze und fordert namentlich in Bezug attf die Messe die entschiedeue 
:Riickke]n" zu der yon ('hristus selbst eingesetzten Ordnung. Dic 
stille Messe soll als mit diesel" Einsetzung unvereiubar abge- 
s'hafi't und start ihrer titglich ffiihmorgens yon den Predige' 
eine kurze Schriiauslegung gehalten werden. Ebenso soll an de 
Sonntagen und Feiertagen die Predigt ganz an die Stelle der 
Messe treten und nach ihrer Beendigung jedem, der es begebr[, 
das Sakrument na-.h tier Einsetzung ('lcristi in verstiindliche" 
Sprache gereicht werden. Die Bilder soll man an allen Often. 
wo sie geehrt werden, als yon Gott verboten 1)eseitigen, abet 
ohne Ge,,ltsamkeit ,lurch besondere, yon der Obrigkeit duzu 
'ero'dnete Mfinner. In den einzelnen Gemeinden soil das Meln" 
entsc]eiden, ob sie beibehalten oder eggethan werden sollen. 
Keine soll kit Gewalt dazu gezwungen, auch keine Schmhung 
nd St6rung der Gegenpurtei geduldet werden; ,wohl abet 
ziemt es der Obrigkeit, die Prediger dazu anzuhalten, dass 
sie ihre Gemeinden uus dem Wort Gottes da'iiher heriehten". 
Zur Rechtfertigung des Vorgehens wird du'auf hingewiesen, wie 
m sich vcrgebens zuerst an die Bisch61 um Belehrung aus 
dem Wo'te Gottes gewandt habe und wie ihr Sti]lschweigen 
keinen andern (h'und habeD kOnne, als dass sie aus dem Wort 
Gottes nichls d,gegen einzuwenden wiissteu. Der Forderung, 
,lass kirchliche .,nde'ungen nut dutch ein Konzil vorgenomme 
werden diirfen, wird tier Grundsutz entgegen gehalteu, class das 
Won't Gottes alles zu entscheiden und aller Menschen Conscienzen 
zu urteilen babe; was nach seiner Anweisung vorgenommen we'de, 
kiinne nicht zum rgernis, sondern nm- zur Erhauung der Gemeinde 
dienen. ,Denn es ziemt olme Zweffel nicht ullein einer gunzen Stadt. 
sondern uuch jedem einzelnen Menschen, alle seine Ir'tiimer und 
Missbriiuche tfiglich, sobald ihn Gott ermahnt, nach der Fork des 
giittlicie Worts ohne jcmandes Einrede zu nde'n und zu besse'n. 



-- 376 -- 

handschriftlich mitgeteilt, abet unmittelbar darauf auch dutch den 
Druck verOffentlicht und den Geistlichen mit der hutlbrderung zur 
Unterverfimg im Namen des Bischofs zugeschickt. Ihr Titel lautete: 
.Christliche Unterfichhmg des hochwiirdigen Herrn Hugo, Bischvfs 
yon Konstanz, die Bildnisse und das Opfer der Messe bett'eiibnd." 
Sie war yon Faber verfasst and suchte, wie es in der Vorrede 
heisst, ,jedermann zu belehren, dass Bilder und Mosse in der heil. 
Schrift genugsam hegriindet und deshalb yon der Kirche bisher 
christlich und wohl gebraucht vorden" Die Rechtfertigung war 
besonders in Bezug auf die Bilder nicht ungeschickt und vusste 
dutch ein kluges Masshalten der herrschenden Stimmung Reclmung 
zu tragen. Sie gab zu, dass die Bilder vielfach der religiSsen Weihe 
ermangelten und meh" die Sinnlichkeit als die Andacht reizten, und 
bezeichnet es gerade als den Untersvhied tier christlichen yon tier 
heidnischcn Gottesverehruug, dass in dieser die Andacht an den 
Bildern haften bleibe, in jener abet yore ussern und Sichtba,'en 
zum Ewigen und Unsichtbaren sich erhebe. 
Alleia tier Rat erblickto in der Zusendung an die Geistlichea 
den Yersuch, a die ihm untergebene Geistlichkeit einen Druck 
auszuiiben, und hielt desswegen nut um so entschiedener an seinem 
kirchlichen Hoheitsrecht fest. Die bischSfliche Entgegnung wurde 
zwar einer Kommission yon neun geistlichen und acht veltlichen 
Mitgliedern zm" Priifung iibergeben und, trotzdem sie fiinfzig Bogen 
umfasste, in ihrem ganzen Umfang sowohl vor dieser Kommission 
als auch vor dem Rat der Zweihundert zur Verlesung gebrachf. 
Zugleich abet vurde beschlossen, unter Vorbchalt einer spiiteren 
5fl'entlichen Widerlegung vorl/iufig yon alle" weiteren Verhandlung 
mit dem Bischof abzusehen und ohne ZSgern die Beseitigung der 
Bilder an die Hand zu nehmen. 
Selbst der plStzlich eriblgte Tod der beiden Biirgermeister 
Schmid und RSust am 13. und 15. Juni, der die Stadt in Be- 
stiirzung versetzte und mit einer kurz vorher beobachteten Himmels- 
erscheinung in Verbindung gebracht wurde, ve-mochte diesen 
Entschluss nicht zu /indern. Am 15. Juni, dem Todestag 



-- 377 -- 

Marx Riiust, wurde von den beiden Riten unter Gutheissung des 
yon der Kommission eingereichten Ratschlags der Beschluss gefasst, 
dass ,die Gi3izen und Bi]der hinveggetba werden sollten, damit 
dem Woe Gottes Start gegeben werde', und dieser Beschluss 
am gleichen Tage auch den Vi3gten in der Landschaft dutch ein 
ausfiihrliches Mandat mitgeteilt. ,Gott zu Lob und Ehren und 
dam.it er allein in den tterzen geehrt und angebetet werde', sollien 
die Bilder und GStzen iiberall, wo sie geehlt wfirden, entfernt 
werden, damit sich jedermann yon den Gstzen zu dem lebendigen 
Gott kehre und bei ibm alleiu Hflt und Trost dutch Jesum 
Chfistum suche, ihn allein anrufe und ibm Ehre erweise. Die 
Gfiter und Kosten, die bisher an die Bflder gelegt worden seien, 
sollten an die armen beditrftigen Menschen gewendet werden, die 
in Wahrheit Gottes Bfld seien. Doch wurde denen, we]che einel" 
Kirche ein Bfld geschenkt batten, gestattet, dasselbe wieder an sich 
zu nehmen, und es blieb jeder einzelnen Gemeinde iiberlassen, 
durch Mehrheitsbeschluss sicb fiir die Beseitigung oder die Bei- 
behaltung der Bflder zu entscheiden. Wo die Mehrheit sich fiir 
Abschatfung aussprache, sollte man sie gemeinschaftlich, in Beisein 
des Pfa'rers und anderer dazu verordneter ehrbarer Miinner, in 
Ordnung und Zucht hinwegthun. ) 
Die Verordnung fand fast allgemeine Zustimmung. Von der 
Landschaft erzfihlt Bullinger: ,Der Mehrteil der Kflchh6rinen 
waren willig und verbl'annten frShlich den ganzen (Stzenfluch. so 
dass sich nirgends Aufruhr und Zwiespalt zutrug, und alles fried- 
lich vollendet ward und jedermann sagte, des httte sich kein 
Mensch versehen, dass eine solche Sache so ruhig und ohne Auli'uhr 
und Kampf vor sich gehen wiirde." In der Stadt dauerte der 
,G(itzenkfieg" zwei Wochen yore 2. his zum 17. Juli; unter Beisein 
der Leutpriester und einiger dazu verordneter latsmitglieder und 
unter der Aufsicht des Stadtbaumeisters wurden die Bilder in den 
Kitchen durch Handwerker weggenommen und hinausgetragen und 

) Egli, A. S. Nr. 544. 56. Bullinger 1, 173. 



-- 381 -- 

nichtendem ,arkasmus blosgestellt wird. ,ie besteht ihrem 
Hauptinhalt nach in einer klaren Darlegung der dogmatischen 
G'undbeg-ifl'e, die fiir die Auffassung der Messe entscheidend sind. 
der Lehre von der Kirche, yon der Ffirbitte der Heiligen. vom 
Verdienst, vom Opfer Christi und vom Fegefeuer, und wird dadurch 
zu einer wertvollen Erginzung der mehr populist gehaltenen hus- 
ffihrungen in der hntwort an den Bischof von Konstanz. huch 
hier wird der Gedanke ausgesprochen, dass das Wesentliche der 
Abendmahlsfeier in ihrer Bedeutung fiir die Gemeinschaft besteht. 
,Das Abendmahl mag eine geistliche Speise genannt werden, insofern 
darin diejenigen, welche im Ted Ch'isti des Lebens teilhaft geworden 
zu sein glauben, sich gegenseitig als der Eine Leib Christi ver- 
binden und zusammenschliessen. Es ist dazu gestift.et, dass wir, 
indem wir alle zumal die gleiche Speise geniessen, d. h. durch 
den Glauben an Christus zu Einem Leib zusammenwachsen, dutch 
diese heilige Weihe zu einer Heerschar und zu dcm Eigentumsvolk 
Gottes vereinigt werden." Ebenso belangreich ist in dieser Sc.hrift 
die husfiihrung fiber die Kirche. Sie besteht nicht in den paar 
Pfipsten oder BischSfen, welche gegenwfirtig an ihrer Spitze stehen, 
auch wenn dieselben wirklich heilig und unbefieckt wfiren, sondern 
aus allen denen, welche sich dutch das Blur Christi erlSst und ibm 
als seine Braut sich verbunden glauben, lhre Heiligkeit liegt nicht 
in ihr, sonde'n in ihrem Haupte Christus, ihre Einheit und Unfehl- 
barkeit im Gehorsam gegen sein Weft, das sich nicht nut ausser- 
lich im Buchstaben, sondeln auch inne'lich im (eist als die g6tt- 
liche Wahrheit bewihrt. Ih'e Teile sind die einzelnen dm'ch den 
Glauben an Clnistus verbundenen Gemeinden, und diese besitzen, 
so weir sie sicb yon dem Worte Gottes leiten lassen, die Befugnis, 
verm6ge dieses den Glfiubigen ins He'z gescln'iebenen Wortes 
Gottes auch ihre Hirten und deren Wo-t zu richten. Der Sieg 
dieser aus Gottes Weft geborenen Kirche ist gewiss. ,Die Herr- 
schaft der l(imlinge", heisst es am Schluss, ,ist in dem Masse 
unhaltbar geworden, dass, wenn sie auch yon den Waffen aller 
Ffil'sten beschfitzt wiirde, ehe" Beschfitzer und Beschfitzte unte'- 



verkeh'te Lehre" in allen ihren Gebieten zu unterdriicken. Ihre 
Hoflhung war, dass durch dieses Vorgehen auch die iibrigen Stande 
zta" Nachfolge veranlasst und die Ausrottung der Ketzerei zur 
eidgenSssischen Sache gemacht werde. Es gelang ihnen auch in 
der That, auf der Tagsatzung zu Luzern am 20. April die smt- 
lichen Stande mit Ausnahme yon Ziirich und Schaffhausen zu dem 
Beschluss zu vereinigen, nicht nut fiir sich bei dem Glauben der 
Altvorde-n zu bleiben und die ihm Zuwiderhandeluden zu bestrafen, 
sonden auch denen, die nicht dazu Hand bieten wollten, die Gemein- 
schaft aufzusagen. Allerdings win'de diesel" Beschluss nachtriiglich 
von Bern in milderem Sinn gedeutet und die Absicht eine" eidge- 
nSssischen Einmischung in die Angelegenheiten der verbiindeten 
Stande in Abrede gestellt; aber er blieb doch fib" die unter eidge- 
nSssische Verwaltung gestellten gemeinen Herrschaften in sta'enger 
Geltung, und die ffinf Oe machten kein Hehl da'aus, dass sie 
seine Durchfiihrung in dem ganzen Gebiet der Eidgenossenschaft 
als heilige Glaubenspfiicht ansahen. 
Zu diesem kirchlichen Zerwiirfnis gesellte sich die A ufi'egung 
iiber den traurigen Ausgang des italienischen Feldzugs. Das grosse 
Heer, das im Solde Frankreichs im He'bst 1523 iiber die Alpen ge- 
zogen war, hatte teils dutch die Ungeschicklichkeit des fanzSsischen 
Heeffiihrers, teils durch verheerende Krankheiten schwere Einbussen 
e'fahren, und ein neuer Zuzug yon iiber sechstausend Mann, der 
ihm im April 1524 zu Hfli'e geschickt wurde, erlitt unmittelba" 
nach seiner Vereinigung mit den Frauzosen das gleiche Schicksal. 
Im klglichsten Zustand, hungernd und barfuss, kam das auf 
den dritten Teil zusammengeschmolzene I]eer Anfang Mai in sein 
Vaterland zuriick.') 
Zwingli beniitzte, wie zwei Jaln'e vorher nach der Schlacht 
bei Biccoca, das nationale Ungliick zu einer neuen patriotischen 
Gewissensmahnung. Er gab in den ersten Tagen des Mai, als die 
Landsgemeinden in den verschiedenen Kantonen sich wieder ver- 

t) H o t t i n g e t" in M||et's Gesehichte det" Eidgenou.en VI, 1, 141 f. 



386 -- 

sich dutch eine eidgenSssische Botschaft an ,lie Gemeinden der 
Landschaft zu wenden und sie gegen ihre Obfigkeit aufzuwiegeln. 
Doch verhinderte der Widerspruch Berns und der mit ibm verbun- 
denen Stfin,le Glarus, Basel und Solothurn die Ausfiihrung dieses 
Planes, und man beschloss, dass noch einmal der Weg eines 
fl'iedlichen ZUSpl'uchs versucht und die ketzerische Stadt durch 
eine gemeinsame Abordnung zur Zurficknahme der begonnenen 
Neuerungen aulefordert werden sollte.') 
Die Zin'cher Regierung that ihrerseits alles, was ohne Ver- 
leugnung des Olaubens gethan wel'den konnte, um den Frieden 
mit den Eidgenossen zn erhalten und ihre Autoritfit gegeniiber 
,lea" eigenen Landschaft zu sichern. Sie mtel'handelte dm'ch die 
Abordnung yon Yertrauensmfinnel'n mit den velzaittelnden Stfinden 
und erhielt yon Bern m)d Solothm'n die bestimmte Zusicherung. 
,lass nichts Unfi'eundliches und Gewaltthiitiges mit Ziirich vorgenom- 
men und keinerlei Zwang in Anwendung gebracht werden sollte. An 
die Gemeinden der Landschaft sandte dvr Rat am 7. Juli eine 
ausfiihrliche Rechtfertigung seines bisherigen Yerfahrens und sprach 
ihnen die Zuversicht aus, dass sie in dem, was die Ehre Gottes. 
das Gewissen und die Seligkeit betaeft'e, sich wie bisher treu zu 
,let Stadt halten und in der Beschirmung des Gottesworts mit ihr 
einig gehen wiirden. Die Gemeinden antwol'teten mit der einlntitigen 
El'klfil-Ung. dass sie der evangelischen Wabrheit treu bleiben und 
Leib und Gut an ihre Verteidigung setzen wollten. -) 
Die eidgenOssische Abordnung richtete, als sie am 16..lull 
in der .qtadt eintraf, ihren Angl'iff hauptsichlicb auf Zwingli und 
die evangelischen Prediger und suchte sie als unlauter und eigen- 
niitzig zu verdfichtigen. Sebastian yon Stein aus Bern sagte: ,Wo 
fibergeben jetzt die neuen Lehrel-. wie es die alten Lehrer ll),l ,lie 

) Eid,..,. Abschiede IV, la, 453. Kessler, Sabbatha 1. 218 fl: 
% Bullinger I, 177f. vgl. Zwingli I, 56f. Egli, A.S. Nr. 553. 
557. Die Antworten der Gemeinden, die Hottinger (,Huldreich Zwingli und 
seine Zeit, .% 239 t:1 mitteilt, gehSren z dem piteren V,rtra,_, yore 20. 
vember 15:2L Vgl. E g I i, .Nr. 



-- 397 -- 

stellt wurden, ohne dass auf seine Einsprache geachtet worden 
ware. Man machte ibm sogar die Zumutung, sich selbst an der 
Verfolgung des evangelischen Glaubens zu beteiligen, und in der 
Anordnung des Religionsgespriichs schien bereits der erste Schritt 
gethan zu sein, um die katholische Restauration auf ,lie ganze 
Eidgenossenschaft auszudehnen und schliesslich auch in Ziirich 
selhst die evangelische Lehre auszurotten.') 
hToch ernster win'de ,tie Lage durch die Verwicklungen, welche 
,let Beitritt der am Rhein gelegenen Stadt Waldshut zur Ref,_,r- 
mation veranlasste. Der dortige Pfarrer, Balthasar Hubmeyer, 
hatte durch seine feurige Predigt die Bargerschaft far die Refor- 
mation gevonnen, nd als die Stadt infolge dessert yon Seite 
/)streichs mit einem Angriff bedroht wurde, eilte ihr yon Ztirich 
her eine bewaffnete Freischar zu Hilfe, die sich auch dutch die 
dringliche Mahnung der Obrigkeit nicht zm" Rfickkehr bewegen 
liess. Die streichische legierung klagte daraber bei der Tag- 
satzung als tiber einen Friedensbruch, und beide verlangten yon 
Ztirich, dass die Zuzagler, iiber deren Zahl die tibertriebensten 
Gerficbte im Umlauf waren, sofort zurackgerufen und strenge 
bestraft warden. Der lat erreichte es in tier That dm'ch erneute 
und verschfirfte Aufforderung, dass die Mchrzahl seiner Unterthanen 
Waldshut wieder verliess. Doch blieb ein Tell tier Freiwilligen, 
namentlich tauferisch Gesinnte, in Waldshut zm'fick. Die feste 
Entschlossenheit, mit welcher die kleine Stadt der 5streichischen 
f3bermacht Trotz hot, erschien auch besonnenen Burteilern wie 
Butzer als ein beschamendes Vorbild evangelischer Glaubenstreue 
und als ein wunderhares Beispiel, wie der Herr die Niedrigen 
erhebe, ) und in Ziirich war die Sympathie mit dcn gef/ihrdeten 
(+laubensgenossen so gross, dass das Volk trotz der abwehl'enden 
Haltung der Regierung den Kampf far sie wfirde aufgenommen 
haben, wenn nicht die 5streichischen Regenten mit dem gedrohtu 

t) VgI. Eidg. Absch. IV, I a, 54t. 557. 
*) VII. 36s. 



Neuntes Kalitel. 

Die Aufhel;ung der Kliister. Zwinglis Krier, splan und seine 
Terleidigungsschril'len gegcn die Eidgeuosseu. l;as eidge- 
uiissisrhe Relrmationsmandat. 

Die entschiedene Zustimmung, die der Rat fiir sein reforma- 
torisches Vorgehen bei der BevSlkerung fand, ermSglichte es ibm 
trotz den Drohungen yon aussen, nocb vor dem Ende des Jahres 
1524 diejenige Massregel zur Durchfiihrung zu bringen, die nach 
der Beseitigung der Bilder als tier zweite entscheidende ,qcln'itt 
in der beuordnung der kircblichen Verlgiltnisse bezeichnet werden 
kann, die Aufhebung der K15ster in Ziirich. Der Plan dazu 
war schon lange gefasst und dutch eine am .% Mai eingesetzte 
Kommission nach allen Seiten in Erwfigung gezogen worden; seine 
Ausfiihrung schien um so notwendiger, als die t(15ster fort und 
fort den Hauptherd des Widerstandes bildeten und ihr Fortbestand 
im Fall eines eidgeniissischen Krieges fiir die Stadt geffihrlicb 
werden konnte. 
Am 3. Dezember einigte sich der Rat zu dem Beschluss, 
dass simtliche in der Stadt befindlichen MSncbe im Barfiisserkloster 
untergebracht und die iibrigen K15ster der Stadt yon der Obrig- 
keit in Besitz genommen und allgemeinen Zwecken dienstbar gemacht 
werden sollten. Infolge dieses Beschlusses begab sich eine Anzahl 
von Vertretem des Rats und der Ziinfte, ohne dass die MSnche 
vorher yon dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt worden waren, in 
die K15ster der Dominicaner und der Augustiner und fiihrten die 
26 



402  

Minche in dasjenige der Barfiisser, wo sie unter eine gemeinsame 
Aufsicht gestellt wurden. Die meisten entschlossen sich, dutch 
Erlernung eines Handwerks oder dutch sonstige Arbeit in alas 
1,'irgerliche Leben zuriickzutreten; die verlassenen Gebiiude und 
Teil tier Einnahmen wurden zur Armen- und Krankenpflege bestimmt 
und alle den K16stern gehirenden Giiter und Einkfinfte einer 
besonderen BehSrde, den yore Rat ernannten Klosterpfiegern, zur 
Verwaltung iibergeben. ') 
Auch die beiden Stite am Grossmiinster und am Fraumiinster 
wurden jetzt vollstfindig aufgehohen und damit der letzte Rest welt- 
lichor l-IerrschatL den die Kirche in Ziirich noch besass, beseiti. Die 
Jibtissin des Fraumiinsters, Katharina yon Zimmern, iibergab selbst 
am 5. Dezember dem Rat ihr Stilt mit aller ibm verliehenen Gevalt 
und Ierichtsbarkeit, auch dem ibm zustehenden Schultheissenamt 
und Miinzrecht unter der Bedingung, dass ,ein ehrsamer Rat 
Alles zu Gottes Ehre, der Seelen Heil und zu Trost und Hilfe der 
Armen reformiere". Wenige Tage daraut: am 2o. Dezember, 
erkllirte sich auch das Grossmiinsterstift durch einen yon Zwingli 
vor dem Rat gehaltenen Vortrag dazu bereit, seiue Gerichtsbarkeit 
in die Hfinde der Obrigkeit zu legen. Zwingli fiihrte aus, wie der 
Zweck des Stiffs yon Anfaug an die Erhaltung des geistlichen Amts 
und die Heranbildung einer tiichtig geschulten Priesterschat 
gewesen sei, und folgerte daraus die Notwendigkeit, seine Einkfinfte 
in einer diesem Zweck entsprechenden Weise zu verwenden, indem 
der Ertrag fiir die Griindung einer gelehrt, en Schule bestimmt und 
der Rest. den Bedii'igen ausgeteil vfirde. Der Einzug seiner 
Zinse und Zehnten wurde einem welthchen Beamen iibergeben, 
abet dem Stiff das Recht zuerkannt, seine Einkfinfte selbstfindig 
nacb ihren bestimmungsgemlissen Zwecken, namentlich zur Pfiege 
des hShern Unte]3"ichts zu verwenden. ) 
) If, 2, 327. Bullinger 1, 228f. Egli A. S. Nr. 603. 
) Bullinger ], 119/'. 125. 366. Egli, A. S. Nr. 595. Der Vrtrag 
Zwinglis II, 2, 340: Vgl. P. Schweizer, Die Behandlung tier ziircherischen 
Klostergfiter in der ReformationszeiL Theol. Zeitschr. a. d. Schweiz I|. 185. 
S. 161 f. 



-- 403 -- 

In iihnlicher Weise wurde mit den KlSstern auf dem Lande 
verfahren. Ihre Einkfinfte wurden unter einheitliche Verwaltung 
gebracht und unter schonender Behandlung der Insassen ffir die 
Hebung der Scbule und die Krankenpflege verwendet. Eine Armen- 
ordnung, die am 15. Januar 1525 erlassen win'de, gab die Anweisung, 
wie ein Tell der Einkiinfte zu einer regelmssigen Versorgung der 
Armen zu Stadt und Land gebraucbt werden sollte, und dem 
gleichen Zweck wurden die den KlSstern gemachten Geschenke 
sowie die in ihnen gefundenen :Messgewiinder und Kostbarkeiten 
zugewiesen. ,Alle", heisst es in einer Verordnung yore 5. Januar 
1525, ,so b die KlSster Messgewfinder oder andere Ornate, ebenso 
Jahrzeiten, Vigilien und dergleichen gestiftet, sollen ihrer Ansprfiche 
darauf verlustig gehen, und sollen solche Gottesgaben yon meinen 
Herren zum Besten armer Leute verwendet und sonst niemand 
etwas herausgegeben werden. "1) 
Fiir die piipstliche Partei in der Eidgenossenschaft war die 
Affhebung der K15ster in Zfirich ein Anlass zu neuer Erbitterung. 
Die fiinf Orte schickten noch in den letzten Tagen des Jahres 1524 
eine Gesandtschaft an die Stfidte, welche die yon Zwingli geleitete 
Reformation als die Quelle alles Aufi'uhrs und Ungehorsams und 
als die Zerst51-ung a||er Ehrbarkeit und FrSmmigkeit darste|lte und 
die Stinde aufforderte, gemeinsame Entschliisse zu fassen, wie man 
das (bel und den Ungehorsam strafen und abstellen mSge. Auf 
diese Anklage hin sah sich Ziirich veranlasst, auch seinerseits seine 
Beschwerden gegen die Eidgenossen und sein Begehren nach einer 
seiner Bundesstellung wiirdigen Behandlung 5fl'entlich auszusprechen. 
Es richtete am 4. Januar 1525 an die eidgenSssischen Stiinde eine 
gedruckte Zuschrift, wofin die Vergewa|tigungen der Evangelschen 
im Thurgau, in Stammheim und anderswo aufgezih|t, die vorge- 
nommenen mderungen uls nacb dem klaren Woe Gottes geschehen 
gerechtfertigt und die verbiindeten St/inde mit Berufung auf die 
gemeinsamen Waffenthaten der fi'iiheren Zeit gemahnt werden, die 

) Bullinger I. 230. 235f. Egli, A. S. Nr. 611. 612. 619. 



-- 407  

Aber auch neue Verbiuduugen kniiple Zwingli an, mn dem 
verstfirkten Angrifl" der Geg-ner gegeniiber die geeigneten Stfitzpunkte 
zur Verteidigung zu gewinnen. So richtete er am 14. Januar 1525 
ein Sendschreiben an die Hiiupter des ratischen Bundes, auch hier 
auf die alten Beziehtmgen sich berufend, durch welche er sicll Ms 
frfiherer Angeh(iriger des Bistums Chin" mit illnen verbunden wusste. 
Er tritt den Verleulndungen entgegen, die auc]l in Irauhfinden 
gegen ihn und sein Reformationswerk wa'en ausgestreut worden, 
erinnert an die alte Freundschaft des Landes mit Zfirich und die 
aus dieser Verbindung ibm erwachsenen Vorteile und fordert die 
Landesherren aut; die Predig des Gotteswortes, das schon in einer 
so gTossen Zahl ihrer Gemeinden mit reichem Segen verkfindigt 
werde, gegen die Unterdrfickungsversuche der kirchlichen Gewalt- 
haber zu schfitzen. Auch dieses Schreiben blieb nicht wfl'kungslos. 
Start der yon den fiinf Orten geplanten Coalition heizutl'cten, verliell 
der Bundestag ein Jahr darauf der yon Zwingli verlangen Glaubens- 
ti'eiheit die gesetzliche Anerkennung. ) 
Eine Vel'bindung anderer Art, die gleichihlls ffir Zwinglis 
Ieformationswerk von Bedeutung werden sollte, war seine pers(hl- 
liche Bekanntschaft mit dem Herzog Ulrich yon Wfirttemberg. 
Dieser Fiirst war 1519 von dem schwfibischen Bund aus seineln 
Lande vertrieben worden und liess sich im Winter 1524 mit den 
schweizerischen Stfidten in Unterhandlungen ein, um mit ihrer Hilfe 
wieder in dessert Besitz zu gelangen. Im Blick auf sein fi'fiheres 
ziigelloses und tyrannisches Treiben wollte ihm Zwingli anfangs 
kein Vertrauen schenken. Abet dutch die l'ot seiner Verbannung 
war der Herzog gedemiitigt und dutch den Verkehr mit reforma- 
to'ischen Minnern wie Oekolampad, zu dem ihm dieselbe (elegenheit 
gab, ffir den evangelischen Glauben gewonnen worden. Am 9. Oktober 
schxeibt Zwingli an Oekolampad: ,Es geht das Gerficht, dass der 
Hel'zog von Wfirttemberg dich als Verkiindiger des Evangeliums 
an sich gezogen habe. Ich hatte bis dahin gegen ihn einen heftigen 
Widerwillen; abet wenn aus dem Saulus ein Paulus geworden ist, 
) VII, 378. Eidg. Absch. IV, 1 a, 541. 50. 



Auseinandersetzung mit den Eidgenossen waren zunichst zwei 
kleinere Schriften gewidmet: (:utachten im Ittinger Handel und: 
Dber die Gevatterschaft, yon denen die erstere im Dezember 
1524, die letztere im Januar 1525 tier Tagsatzung vorgelegt Wul-de. 
In jener wird zunachst die yon der Tagsatzung verlxetene Ansicht 
widerlegt, dass gottesdienstliche ,nderungen wie das Abthun der 
Bilder als malefizisch, d. h. als Verbrechen behandelt und dem- 
gemass vor das Blutgericht gezogen werden darken, wie dies die 
Tagsatzung im lttinger Prozess gethan hatte, und gezeigt, wie iu 
jedem Fall die Verhaftung des Pfarrers Oechsli, die zu dem ganzen 
Handel den Anlass gegeben hatte, ein Rechtsbruch gewesen sei, 
dem gegenfiber die Bevt)lkerung das voile Recht zur (4egenwehr 
gehabt babe. Bei dieser (:elegenheit wird die Frage nach der 
Zulfissigkeit der Bilder und der lIesse fiberhaupt noch einmal kurz 
erfrtert. Von den ersteren heisst es: ,Es ist wahr. man mag sie 
recht brauchen, wenn man ihnen keine Ehre entbietet und sie an 
keinem Oft hat, wo man ihnen Ehre entbieten kann. Abet in den 
Kirchen und Tempeln entbietet nan ihnen Ehre." Als Inhalt der 
Messe bezeichnet Zwingli die Vereinbarung der G1/iubigen und ,las 
Wiedergedachtnis des Leidens Cha-isti. ,Wie die Eidgenossen alle 
JaIu'e am Tag der zehntausend Ritter (ott Lob und Dank sagen 
um den Sieg, den er den Unsern zu 5Iurten verliehen hat, also 
soil man auch in diesem Sakrament Gott Lob und Dank sagen, 
dass er uns dutch den Tod seines eigenen Sohnes sehg gemacht 
und yore Feind erlSst hat." ') In der Schrift ber ,lie Gevatter- 
schaft rechtferti sich Zwingli gegen den bei der Tagsatzung ihm 
gemachten Vorwurf, dass er die Ehe eines thurgauischen Bauern 
mit seiner (:evatterin eingesegnet babe. Er bemerkt zunchst, 
dass die Einsegnung der Ehe fiberhaupt nicht seines Amts sei, dass 
sie attch im vorliegenden Fail nicht yon ibm vollzogen worden 
sei, zeigt dann aber grundsitzhch die Willkfirlichkeit des yon der 
Kirche atffgestellten Ehehindernisses und verwahrt sich dagegen, 

t) 11, 2, 329 f. 



-- 412 -- 

wird. m,,l solle, deshalb aufhSren, dutch Zwang einen Glauben zu 
unterdcken, der bereits in so weitem Umfang der Friede und 
Trost der Gemiiter geworden ist. ,Wie k(innen sie nach zwanzig 
Jahren dem (otteswort wehren, wenn sie schon jetzt, da es erst 
aufbliiht, ibm nicht wehren kSnnen?" .Die Christen fragen ihren 
gesalbten Pfaffen nichts mehr nach, und die Kuh- und Giiasehh'ten 
sind jetzt gelehrter als ihre Theologen. Eines jeden Bauern Haus 
ist eine Schule, darinnen man neues und altes Testament, die 
h;ichste Weisheit, lesen kann.  Datum verlangt Zwingli yon den 
Fiirsten lichts anderes als die Freilassung der evangelischen Predigt. 
Er ist iiberzeugt, dass sie auch ohne iiussere Unterstiitzung im Stande 
sein werdt., dcm Papsttum und allen uncbristlichen Institutionen 
,.in Ende zu machen, und sagt den Fiirsten voraus, dass, wend 
sie wie Ahab und Isabel die wabren Propheten umbringen, es 
geviss auch an einem Elias nicht fehlen werde, um den Baals- und 
Bergpfaffen ein Ende zu machen. Abet wihrend so [iir die evan- 
gelische Predigt nichts als die Freiheit verlangt wird, nimmt Zwingli 
um so ,lringender auf 0konomischem _ebiet die Mitwirktmg der 
brigkeiten in Anspruch uid mahout sie, dutch gesetzlicbe Ein- 
schriinkung der Kapitalwirtschaft, dutch eine billige Regelung des 
Zinswesens und dcr Zehntlv_flichtigkeit und 'or allem durch (lie 
Aufhebung der dem Papst zufliessenden Steuern ihren Unterthanen 
die dringen,i notwendigen Erlcichterungen zu gewhren. ,Seid Viiter 
cueres Volks. Bedenkei, was zum Frieden und zur Erbauung dienet. 
Lasset die '.hristen im F'ieden bei dem siissen Worte Gottes leben 
und erbauct die l)inge, die zu der Ehrc _ottes dienen; denn aller 
andere ]Jail mtiss abgebrochen werden.- Die Gliubigen abet sollen 
sich dutch die Not, mit der sie zu kmpfen haben, nicht zur Ungeduld 
oder zur Verzagtheit reizen lassen, sondern sich an den Beispielen 
der Sch'ift in der Geduld und im Vertrauen stiirken. Sie sollen 
an einem Moses, der nach so langen Jahren des Harrens und der 
Arbeit sein Volk endlich zur Freiheit fiilu'en durfte, einem David, 
der erst bach elf Jahren in den Besitz des ihm zugesprochenen 
Kbnigtums gelangte, Ausdauer und Besonnenheit lernen und durch 



-- 423 -- 

Der Grundgedanke der ganzen Schrift wird in einem beigeffigten 
Epilog in folgenden Sfitzen zusammengefasst. Was den Menschen 
vom Tier unterscheidet, ist lediglich das Gottesbewsstsei,. Die 
Triebe der Selbsterhaltung, der Lust, der Geselligkeit, selbst der 
Fiirsorge fib- die Nachkommen teilt der ]Iensch mit jenem; was 
ihm Gott Besonderes mitgeteilt hat, ist, dass er ihm seine Erkenntnis 
verliehen, ihn zu seiner Gemeinschaft und zu einem ewigen Leben 
bestimmt und dutch fortdauernde Offenbarung das menschliche 
Geschlecht diesem Ziel entgegengefiihl hat. Das Ziel dieser 
Offenbarung ist, dass wir bier auf Erden unschuldig leben und 
dereinst der ewigen Seligkeit in Gott teilhaft werden. Aber eben 
aus der Erkenntnis dieses Ziels und dem Streben, es zu ea'eichen, 
erwiichst dem Menschen der Kampf zwischen Fleisch und Geist, die 
Erkenntnis seines Unvel"m6gens, die Verzweifiung. Er write verloren, 
wenn ibm nicht Gott die Baanherzigkeit als sein innerstes Wesen 
geoffenbart hfitte. Sie zu offenbaren und zum Ve'trauen auf sie zu 
erwecken, hat Gott seinen Sohn gesandt, damit er die aus der 
Ohnmacht des Fleisches hervorgehende Verzweifiung Allen hinweg- 
niihme und das Vorbild des wahren Lebens darb6te. Denn eben 
diese beiden Stiicke schfirft Cln'istus iiberal] als die Hauptsache 
ein, dass die Erl6sung bei ibm zu finden ist und dass die, welche 
durch ihn erl6st sind, ihr Leben nach seinem Vorbild zu gestalten 
haben. .Der ist ein Christ, der auf den Einen und wahren Gott 
vertraut, sich durch Christus, seinen Sohn, auf seine Baznherzigkeit 
verliisst und sich nach seinem Xrorbild gestaltet, tiiglich stirbt, sich 
tfiglich verleugnet und darauf allein bedacht ist, nichts zu thun, 
was seinen Gott beleidigen k6nnte." Was Gott als die wahre 
Religion ve'langt, ist also nichts als Glaube und Unschuld; abet 
eben deswegen giebt es auch kein iirge'es rerderben fiir die Mensch- 
heir als die selbstersonnene Gottesvereln'ung, die Christus dm'ch 
einen Stellvertreter verdriingt und th.fichter Weise Gott durch Dinge, 
an denen er kein Gefallen hat, befiiedigen will. ,Wartun wollen 
wir immer Kinder bleiben? Wenn wir sehen, dass Gott durch ganz 
ande'e Dinge erfi'eut wh'd als die, mit denen wh" ihn bisher ermiidet 



-- 428 -- 

sond(.l'n auch solchen M/innern entgegentrete, ,welche in unserer 
Zeit in Ansehen stehen und dutch ihre Schriften der Welt eine 
andere und veredelte Gestalt scheinen gegeben zu haben'. Abet er 
ist si(-h bewusst, dass das, was er lehrt, nicht seine eigene Meinung 
ist, sonderl yon dem ewigen Gott selbst stammt und deshalb 
auch al]ein dem Wesen des christlichen Glaubens und den Zeug- 
nissen der heiligen Schrift entsprechend ist, und el" bitter, dass 
man seine Ansicht mit Ernst und Unbefangenheit prfen und 
aus keinem andern Beweggrund als dem der aufrichtigen Wahr- 
],eitsliebe herleiten midge. .Ich bezeuge bei dem Einen all- 
michtigen Gott, Valet. Sohn und heiligen Geist, der Aller Herzen 
kennt, class, was ich jetzt vorbringen werde, aus keinem andern 
run(l als zur Ermittlung tier Wahrheit yon mir vorgebracht wird." 
.Hat der himmlische K(inig Anderen vide Talente anvertraut, mit 
denen sie fiir ihn arbeiten, so hat er auch mir mein Pfund gegeben, 
zu dssen Verwaltung er reich unablitssig ant.reibt." Der Vorwurf 
tier Ketzerei und des Unglaubens schreckt ihn nicht. Er ist ibm 
schon so oft zugerufen worden, class er dafiir stumpf geworden ist. 
,Auch Noah und Elias haben in ihrer Zeit alloin gestandeu, und 
(lie Wahrheit ist iiberhaui)t zu allen Zeit.en nut yon Wenigen aner- 
kannt worden. So handeln vielleicht auch die nicht unbedacht., welche 
iiber das Brot im Abendmahl anders, als herkt)mmlich ist, denken." ) 
Schon aus der ursprfinglichen Bedentung des Wortes Sakrament, 
meint Zwingli, sollte hervorgehen, class es sich bei den damit bezeich- 
helen Handlungen nicht um eine geheimnisvolle l%inigung yon tier 
Siind oder Unl eine Beruhigung des 14ewissens handelt, sondern um 
eine Einweihung und eine @ntliche Verpfiichtung. Noch viel be- 
stimmter abel" ist jenc Deutung dutch das Wesen des christlichen 
IHaubens selbst ausgeschlossen. Es giebt nach Zwingli keine ver- 
k+hrtel'e Aufl'assung des Glaubens als die, welche ihm das Miraculfse 
als solches zum Inhalt giebt und unter dieser Voraussetzung, sei es 
seine Entstehung oriel" auch nut seine Festigkeit und Gewisslleit 

) [[1. 228. 251. 



Leib, ,ist" den Sinn yon ,bedeutet" hat, und Christus hat mit 
diesem Wort so wenig eine substantielle Gleichheit ausdriicken 
wollen, als er sich mit dem Ausspruch: ich bin die Thiire, 
der rechte Weinstock, in Wh'ldichkeit als eine Thfire oder als 
einen Weinstock bezeichnet hat. Vielmehr weisen sowohl die 
Worte wie der ganze Zusammenhang dahin, dass Christus bei 
dieser Handlung nichts anderes im Sinne hatte, als ffir seine Kirche 
ein Gedfichtnis seines Vers6hnungstodes zu stiften, das ihr denselben 
in symbolischer Veranschaulichung immer ffisch vor Augen stellen 
und dessen Feier ffir sie die Veranlassung sein sollte, ihren dank- 
baren Glauben an diese VersShnung und ihre darin gegTfindete 
Gemeinschaft unter einander ;-;ffentlich zu bezeugen. Zwingli schliesst 
auch diesen auf das Abendmahl bezfiglichen Tell seiner Schrift mit 
dem Wunsch: ,Gott m6ge uns schenken, dass wir Alle als die 
wahre Religion diejenige erkennen mfgen, in welcher der Geist 
ihm allein anhan, ibm allein nachzufolgen und zu gefallen begehrt 
und von ihm allein abhfing ist. Dann werden wit. was wir bishel" 
aus Unwissenheit auf Gold, Steine und andere Kostbarkeiten ver- 
wendet haben, dem Dienst der Armen weihen, mit welchem wir 
Christum wahrhaft ehren, und werden unsern Geist, der bis jetzt 
dutch falsche Hoffnungen hin- und hergeworfen worden ist, mit dem 
Einen Gott durch sein ewiges Pfand, seinen Sohn, in Gemeinschaft 
bringen." 
Der Name Luthers ist in der ganzen Ausfiihrung nirgends 
genannt, und auch die Polemik ist in erster Linie gegen die rSmisch- 
katholische Lehre gerichtet. Trotzdem musste es auch Luther als 
einen Angriff gegen ihn und das Heiligtum seines Glaubens empfinden, 
wenn im Namen des Glaubens selbst alas Festhalten an einer leib- 
lichen Gegenwart Christi als Verleugnung der christlichen Wahrheit 
und das Beditrfnis nach einem darauf sich stttzenden Gewissenstrost 
als seelengefihrliche Verinng verworfen und der ganzen Anschauung 
neben mancherlei sarkastischen Bemerkungen der Vorwuff gemacht 
wird, sie sei nicht nur der Fr6mmigkeit zuwider, sondern auch 
thOricht und ungeheuerlich und kOnne nur etwa bei Menschenfi'essern 



-- 435 -- 

borenen Sohn". Es ist Christus selbst, wie er tins von Gott zum 
sicheren Pfand seiner Barmhel"zigkeit, zum Heiland mid Bezahler 
fiir unsere Siinden gemacht ist. An das Evangelium glauben, heisst 
datum nichts anderes als Christo glauben, Christo vertrauen, auf 
die Gnade Chl"isti sich verlassen. Dieser Glaube ,kommt nieht 
aus menschlicher Vernunft, Kunst und Erkenntnis, sondern allein 
yon dem elleuchtenden und ziehenden _est ' " 
-' " I_ottes . Er ist Gottes 
Werk im Menschen, und die, welche das Evangelium in solchem 
Glauben als das Gnadenpfand Gottes angenommen haben, wissen 
sich nicht von M,schen, sondern yon Gott gelehrt und ,verlachen 
alle die, welche ihren Glauben erst bew/ihren wollen, den sie vorher 
in ihrem Herzen haben". Die Gemeinschaft diesel- wahrhat I_lau- 
benden ist die Kirche. ]linen, denen Gott sein Ges,tz ins ]-Ierz 
geschrieben, nicht den Bischffen oder dem Papst, yon dem das 
christliche Altertum iiberhaupt nichts weiss, steht es zu. ,aus dem 
inneren Glauben und Kunst den fiusseren Buchstaben zu bewhren, 
ob er der waln'en g6ttlichen Leht'e gleichf0rmig sei oder nicht". 
,Denn welcher in Gott vertraut ist, der ve'steht alle Dinge, ob 
sie mit Gott seien oder nicht. Sieh, hier muss-je der innere Mensch 
das fiussere Wort erkennen und m'teilen, ob es de- gfttlichen 
Wahrheit gleichf,_rmig sei odet" nicht, und vermag das iiussere 
Wort, wenn auch yon viel Tausenden bewehrt, den Glliubigen 
nicht zu zwingen, dass er es annfihme. ") .Kin'z, das iiussere 
Wort muss yon dem inneren, das (ott ins Herz geschrieben hat. 
geurteilt werden, und migen uns keine Bisch;fe das Wort urteilen 
und zu ihrem Verstand zwingen; sondern alles was sie vor uns 
b-ingen, muss von uns, das ist von der Gemeinde, gem'teilt we'den. 
Denn wir sind die Kirche, nicht sie." Zm" Verdeuthchung bedient 
sich Zwingh de" dem Gedankenkreis des Iegners entnommenen 
Vergleichung mit einem alten gesetzeskundigen Landmann, welcher 
bei der Abfassung des Lamtrechts geholfen hat und welches-, wenn 
x) II, 1, 16. Nach dem Originaldruck ist start des in den Text yon 
S'huler und St.hulthe aufgenommenen: |ewii't |ewe't" im .qinn wn |e- 
st'hiitzt zu lesen. 



-- 437 -- 

Gleichnisse, bei deren Inhalt man nichts sucht, und denen man 
keine Ehre erweist, so ist der Streit schon geschlichtet. Denn 
man streitet nicht wegen der Bilder, welche die wahre Gottes- 
verehrung nicht antasten, sondern wit streiten allein wegen deter, 
die man verehrt und die dem Glauben an den einigen Gott Abbruch 
thun." Im Hause soll einem jeden, der keine aberglaubische 
Verehrung damit verbindet, die Aufstellung eines Christusbildes 
gestattet sein, und selbst in den Kitchen will sich Zwingli nicht 
um die Bilder bekfimmern, wo die Gefahr der AbgStterei nicht 
vorhanden ist; als Beleg ffihrt er die Erhaltung der lasgemlilde 
in den Kirchenfenstern yon Zfirich an und erinnert daran, wie 
diese Fenster gegenfiber denen, die sie zerst0ren wollten, yon der 
Obrigkeit in Schutz genommen worden seien. 
Was also die Bilder zu GStzen macht, ist nach Zwingli nicht 
die Darstellung heiliger Gegenstinde an sich, sondern die ihnen 
erwiesene religi0se Verehrung. Aber eben diese hat sich, wie er 
dem Gegner nachweist, in der Kirche ausnahmslos an den Gebrauch 
der Bilder geheftet, und um ihretwillen bleibt das alttestamentliche 
Bilderverbot, das yon Zwingli bier noch im Anschluss an die alte 
Einteilung des Dekalogs zum ersten Gebot gerechnet wird. in seiner 
vollen Kraft. ,Wenn Gott seinem Volk das Gebot giebt: Ich bin 
der Herr. dein Gott, der dich aus _gypten geffihrt hat, du sollst 
keine anderen GStter neben mir haben, so will er ibm damit sagen: 
Ich, der hSchste Herr, bin dein Gott, das ist dein einziger Trost 
und Gut, zu welchem du dich allein versehen sollst in allem, was 
dir anliegt; denn ich bin dein Vater, Haushalter, Sorgtrager, Helfer, 
Triister, alles zusammen. Wie kann aber unser Glaube, das ist 
unser Vertrauen auf Gott, ganz sein, wenn wit bei einem anderen 
als bei ibm Hilfe, Trost, Zufiucht und Gutes suchen? Daraus 
folgt, dass alle, die bei einer Kreatur, wet sie auch sei, das suchen, 
das bei dem ewigen Gott soll gesucht werden, nicht mehr Glfiubige 
noch Christen sind." 
Von diesem Gesichtspunkt aus werden nun der Reihe nach 
alle die einzelnen Griinde widerlegt, die yon Compar und Anderen 



439 -- 

sondern dm'ch das Wort zu lehren geboten. ,Ich glaube wohl, 
dass das Papsttum immer die Bilder lieber hatte als das Wort. 
Sie liessen das Leiden Christi genug an die Wfinde malen und 
abbilden und uns arme b:irrlein Silber und old daran hingen 
und die steinernen Fiisse kiissen, nut damit man nicht erlernte, 
was das Leiden Christi vermSchte. Denn sobald man das erlernt, 
dass er unser ErlSser und Gnadenpfand ist und einiger Weg, uf 
dem wir zu Gott kommen, so kauft man das Himmeh'eich nicht 
mehr so bahl yon dem Papsttum. Aus den Gemiilden erlcrnt man 
mr die fiusseren Z(ige und gleichsam die Gliedmassen tier Geschichte ; 
abet die Kraft des Leidens erlernt man nut dutch das Wort und 
inl Velrauen auf ihn, das yon dem erleuchtenden und ziehenden 
Gott kommt." ,Rechte wahre tapfere und feste Gottesverehrung 
ist, wo tier Mensch Gott im Herzen mit sich herumtriigt, wo er 
auch wandle, und wenn er auch gleich nirgends einen GStzenstock 
siihe. Abet ein solches Herz kommt nicht yore auswendigen Ansehen, 
sondern yon dem einigen erlcuchtonden (oit. Unsere Voffahren 
in tier Eidgenossenschaft haben yon Gemiilden und Bildern noch 
wenig gewusst; ein lnfissig alter Mann mag sich erinnern, dass 
nicht der hundcrtste Tell der Bilder in den Kitchen war, als jetzt 
darin sind; wer hat aber dem gSttlichen Villen besser nachgelebt, 
sie oder wir? Wet den Glauben in seiner Wahrheit kennt und 
hat, der weiss, dass eine solche blaue lahme blinde liederliche 
Andacht nichts ist als iiusserliche Gleissnerei, die nicht Stand hiilt, 
sobald die wirkliche Anfechtung yon Teufel, Welt und Fleisch 
oder die grossen starken Werke, die Gott yon uns erfordert, an 
uns herantreten." Was Zwingli den Bildea gegeniiber zu tier ihm 
eigentiimlichen, schroff abweisend.n Stelhmg bestimmt hat, ist also 
nicht, wie ibm Compar und nach ibm viele andere vorgeworfen 
haben, die gesetzliche Autoritit des Schriftbuchstabens, sondern 
seine Grundanschauung yon dem Wesen der wahren Gottesgemein- 
schaft und seine auf Erfahrung gegriindete Erkenntnis yon der 
Unzuliinglichkeit alles Menschenwerks zu ihrer Verwh'klichung. Wie 
wenig er auch in dieser Ausfiihrung das verleugnet, was er im 



-- 441 -- 

was eine Eidgenossenschaft umbringen mag. Dem wehre ich, so 
viel ich kann mit Hand und Fuss. Meine Absicht ist, Gottesfta-cht 
zu pfianzen, und was auch alle meine Feinde gegen reich reden, 
so wird sich doch bei allen Frommen nichts anderes erfinden, 
als dass ich den Dingen, die einer Eidgenossenschaft schaden, 
krfiftiger als irgend ein Pfaffe zu meiner Zeit gewehrt habe. Auch 
euch zu Uri wlire ich bereit, mit dem Evangelium zu dienen; denn 
es ist dee ewige Trost der lnenschlichen Seele. Es le die Wahr- 
heir an den Tag; es lehrt Gott recht erkennen, recht licit haben, 
recht ihm vertrauen. Es macht Frieden, aber g6ttlichen Frieden. 
Dagegen zieht es die Untreue hel'vor, 5finer den Unglauben, zeigt 
die fi'evelhafte Schalkheit, die Gleissnerei und den falschen Geist 
an. Datum, fi'omme getreue Eidgenossen yon Uri, was man jetzt lehrt, 
mag keinem Volk willkommener und niitzlicher an Leib und Seele 
sein als einer Eidgenossenschaft. Es ist kein neuer Glaube, sondet'n 
dee alte, wie ihn Gott dutch die heiligen Propheten geleln't hat. Gott 
erleuchte uns alle und bewahre euch. dass ihr in seinem Willen 
fahret und unserer Altvordern Ehre unbefieckt erhaltet. Amen." 
So stellt sich auch in dieser Schrit dee Kampf Zwinglis gegen 
den Aberglauben und gegen die sittliche Corruption, seine patriotische 
und seine kirchlich-refot-matorische Atffgabe als etwas Einheitliches 
dar. Fort und fort bleibt er sich des Zusammenhangs bewusst, 
in welchem er yon Anfang an das Atffrichten dee eigenen Gerech- 
tigkeit und der falschen Gnadenpffinder mit dem Zerfall des sittlicheu 
Lebens und dem Gewiihrenlassen des BSsen im Vaterlande gesehen 
hatte, und hielt darmn auch lest an dee Hoffnuug, dass mit der 
Wiederherstellung dee walu'en (otteserkenntnis und des wahren 
Gottesdienstes in der Kirche auch dem Vaterland dee Weg zur 
wahren Freiheit und zur gedeihlichen Entfaltung seiner Krfiite 
werde er6ffnet werden. 



443 -- 

schlossen, dieselbe erst dann ins Werk zu setzen, wenn sie dutch 
latsbeschluss im Namen der gesammten Kirche vollzogen werden 
k/nnte, lm Friihjahr 1525 schien endlich der Zeitpunkt dafiir 
gekommen zu sein. Im Rat hatten die Freunde der kirchlichen 
Umgestaltung schon liingst die Oberhand, und namentlich standen 
die neuen Biirgermeister, Diethelm l'iust, der Sohn des 1524 ver- 
storbenen Marx RSust, und Heinrich Walder, entschieden auf 
Zwinglis Seite. Am ll. April, dem Dienstag in der Charwoche, 
begab sich Zwingli in Begleitung der beiden an,leren Leutpriester 
sowie des Spitalpfarrers Megander und des Schulmeisters Mykoniu. 
vor den iat der Zweihundert und forderte ihn auf, die Messe als 
abg/ttisch abzuthun und start ihrer das Kachtmahl des Herrn. wie 
es yon den Evangelisten und Paulus beschrieben worden sei, auf- 
zurichten. 
Allein auch jetzt noch stand Zwingli in dieser Frage einer 
starken und entschiedenen Gegnerschaft gegeniiber, die besonders 
an dem Unterschreiber Joachim am Griit einen gewandten Wort- 
fiihrer hatte. Derselbe hatte fi'iiher mit Zwingli in freundschai- 
lichen Beziehungen gestanden, abet auch mit Faber heimlich 
korrespondiert und im Dienst des Kardinals Scl,inner die pipstlichen 
Werbuugen unterstiitzt.') Jetzt nahm er in einer langen r, ede 
vor dem Rat die Verwandlungslehre in Schutz und warf Zwingli 
vor, in seiner Ausleguug der Einsetzungsworte der gleichen sophi- 
stischen Abweichung yon der einfachen liblischen Wahrheit sich 
schfidig gemacht zu haben, die er anderw:,irts selbst mit vollem 
Rechte bekmpft habe. Fiir Zwinglis Auffassung sprach dagegen 
der Leutpriester am Fraumiinster, Heim'ich Engelhard, indem er 
die UnmSglichkeit zeie, die Worte: Dies ist mein Leib angesichts 
der geschichtlichen Lage, in welcher sie gesprochen vurden, sei 
es yon dem natiirlichen, sei es yon dem auferstandenen Leib ('hristi 
zu verstehen, und da'aus den Schluss zog, dass sie yon Jesus selbst 
nut in tropischem Sinne gemeint sein k,.innten. Der Rat beauftrae, 

VII, 1;9: [I. "2. 450. Bullinger I. 53. 



-- 445 -- 

Wiederholung der beim letzten Mahle gehaltenen teden so voll- 
stiindig als mtiglich die Erinnerung an dasselbe aufzufi'ischen. Aus 
dem gleichen Grunde war auch das kurze Dankgebet, womit die 
Feier schloss, dem 113. Psalm entnommen, der einen Teil des 
beim Passahmahl gesungenen Lobgesanges bildete. Nach dem 
Formular Zwinglis sollten sowohl die in die Liturgie aufgenom- 
menen Teile des Messkanons, wie auch das apostolische Glaubens- 
bekenntnis und die Lobpreisung am Schluss yon der ganzen Gemeinde 
in Form von Respousorien zwischen den Miinnern und den Frauen 
gesprochn werden; doch 'erfiigte der Rat, dass die Worte yon 
den AdministJ'ierenden vorgelesen wiirden, und es blieb bei seiner 
Anordnung. Die Feier wui-de an dl-ei Tagen, Donnerstag, Char- 
freitag und Ostern, wiederholt, indem zuerst ,das jfingste Volk, das 
jetzt glfiubig geworden und zur Erkenntnis Gottes gckommen ist,  
dann die Leute mittleren Alters und zuletzt die Alten zur Tcilnahme 
aufgefordert wurden. 
So war, trotzdem sich Zwingli in der Liturgie so eng als 
mtiglich an die alten Formen anschloss, doch der Inhalt und 
die Symbolik der Feier eine villig andere geworden. Aus einer 
Wiederholung des Opfers Christi dutch den Priester und einer 
sakramentalen Darreichung seines gegenwartig gedachten Leibes 
win'de sie zm" dankbaren Erinnerung an die dul'ch das Todesopfer 
Ch'isti vollbrachte Vers5hnung, durch welche die Gemeinde ihren 
Glauben an ihn bezeu und den Bund ihrer briidcrlichen Liebe 
erneuert. Die Feier, die yon Zwingli dutch eine Prcdi iiber das 
Wesen des heiligen Abendmalfls eingeleitet win'de, war so crhebend, 
dass Viele, die fi'iiher widersprochen hatten, mit ihr vers5hnt wurden. 
,Die Beteiligung", erziihlt Zwingli sell)st, ,war grsser als ich sie 
je vorher gesehen hatte, und die Zahl deter, die nach den Fleisch- 
tSpfen gyptens zuriickschauten, weir geringer, als ich erwa'tete." ) 
Zwingli hatte dem Ul-spriinglichen Entwurf der Abendmahls- 
ordnung noch einen Vorschlag zur Handhabung des Bannes beigefiigt, 
nach welchem fiil" grobe Siinden wie Hurerei, Gottesliisterung, 
) I![, 341. Bullinger [. 263. 



451 -- 

auch die Heibe'nahme einzelner Gedanken aus jenem Entwurf 
schliessen lasst, gleichfalls aus seiner Feder gefiossen. Es stellt 
dem Vorwuff des Glaubensabfalls ein festes Bekenntnis zu der 
in der Schrift geoffenbarten tteilswah'heit entgegen und spricht 
nochmals das Verlangen aus, dass der Papst den Ziirchern das 
mit so grosset Miihe und schweren Verlusten verdiente Geld nicht 
liinger um eines so nichtigen Vorwandes willen vorenthalten mSge. 
,Wit sind yon Christo, seiner Lehre und Gebot hie abgewichen 
und haben auch dem apostolischen Stuhle allezeit das, was wir ihm 
schuldig waren, treu gehalten. Denn bei uns ist ja ja und nein 
nein, so dass wit zu dem stehen, was wir versprechen, sowohl 
gegeniiber den Christen wie gegeniiber den Tiirken und jedermann." 
In Bezug auf die yore Papst angebotene Disputation wird die 
Bereitwilligkeit ausgesprochen, inne'halb der eigenen Mauern jedem, 
den der Papst zu diesem Zweck senden werde, unter Zusicherung 
vollstiindiger Freiheit und Sicherheit Rede zu stehen, dagegen seine 
Citation an einen fi'emden Oft als der Stadt unwiirdig abgelehnt. 
,lqachdem friiher so viele Jalu'e hindurch unsere Stadt dem aposto- 
lischen Stuhl immer als Aufenthalt ffir seine Gesandten wohlgef/illig 
und geeignet erschienen und treu und ge'echt gedient hat, wiirde 
es wie Misstrauen aussehen, wenn jetzt Em'e Heiligkeit vor ihr 
zuriickschrecken wollte. Ausserdem ziemt es sich, dass sie als ein 
guter Vater die Laster und Krankheiten an den O'ten aufsuche 
und ausreute, wo der h'rtum vorhanden ist; denn die Arznei kann 
nur helfen, wenn sie da angewendet wird, wo die Wunde ist." 
So schliesst der Verkehr Ziirichs mit Rom yon Seiten der 
Stadt mit einem krfiftigen Bekenntnis ihres Glaubens, das sie dutch 
keinerlei Aussicht auf iusseren Gewinn oder Verlust zm'iickzunehmen 
sich bewegen liisst. Es war vergebens, dass der Papst noch einmal 
die Ziircher in einem vom 26. Januar 1526 datierten Briefe mit 
nachdriicklicher Betonung de" ihm iibe'tragenen Lehrgewalt vor den 
,eiteln Verfiihrern" wa'nte, ,die, wiihrend sie selbst um die 
Volksgunst buhlen, ihre Seelen in das Verderben hineinziehen und 
sie dazu ntigen, den Glauben ihrer Viter und Vorfahren als Abfall 



-- 456 -- 

hbschluss erreicht. Der :Rat der Zweihundert hat nicht nut in 
bereinstimmung mit dem schon in den Schlussreden aufgestellten 
Grundsatze Zwinglis alles an sich gezogen, was die Kirche noch 
yon weltlichen Rechten und Befugnissen innegehabt hatte, sondern 
er erklih't seine Aufgabe dahin erweitert, dass auch die geist- 
lichen Funktionen des bisherigen Kirchenregiments seiner Leitung 
unterworfen sind und dass er als der gesetzliche Vertreter der 
christlichen Gemeinde neben der Ffirsorge fiir das iiussere 
Wohl und der Handhabung des Rechts auch die Pflege des sift- 
lichen und religiSsen Lebens der Unterthanen als ibm anvertraut 
betrachtet. 
Zwingli konnte sich allerdings nicht verhehlen, class diese 
Gestaltung des Kirchenwesens den yon ibm selbst aufgestellten 
Postulaten nicht in allen Teilen entsprach. Er hatte in seinen 
fi'fiheren Schriften nicht die Obrigkeit, sondern die Gemeinde als 
Trgerin der kirchlichen Gewalt hingestellt und namentlich in seinem 
Traktat yon der gSttlichen und menschlichen Gerechtigkeit das 
Verhiiltnis zwischen der staallichen und der kirchlichen hufgabe 
in einer Weise bestimmt, die an nichts weniger denken liess, als 
dass das Ziel seiner kirchlichen Organisation die unmittelbare 
lbe'h'agung der geistlichen Gewalt auf die Obrigkeit sein wiirde. 
Er sah sich denn auch veranlasst, in der Schrift: Nachhut fiber 
das Abendmahl diese der Obrigkeit eingerfiumte Stellung aus- 
drficklich zu rechtfertigen, indem er daratff hinwies, dass der 
:Rat als die legitime Vertretung der ganzen Gemeinde betrachtet 
werden miisse. Von einem Zwang kSnne schon deshalb nicht 
geredet werden, well die Gemeinden fiber alle vom Rat beschlossenen 
kirchlichen :Neuerungen vorher dm'ch die Predigt belehrt worden 
seien und well die Wflligkeit, womit sie sich seinen Anordnungen 
gefiigt hfitten, als stillschweigendes Zeugnis ihrer Zustimmung 
betrachtet werden dth'fe. Der gfinstige Erfolg zeige, dass es dutch 
Gottes Willen so gekommen sei. Auch die Gemeinde zu Antiochia 
babe sich in Jerusalem durch Paulus und Ba'nabas ve'treten lassen, 
weil sie wusste, dass die Gefahr des Zwiespalts um so grSsser 



-- 457 -- 

werde, je grosset die Versammlungen seien. Abet er fiigt hinzu, 
er und die iibrigen Prediger hlitten der Gemeinde das Versprechen 
gegeben, dass sie, sobald die Obligkeit anfangen wiirde, die Vor- 
schrift des Wortes Gottes zu verachten, sie ihr dies yon Stund an 
anzeigen und als Hiten und Wiichter dawider schreien wih-den. 
In der That war die obrigkeitliche Leitung der Ki'che nicht 
nut der folgerichtige Abschluss einer Entwicklung, die sich schon 
lange vor der Rei'omation immer deutlicher angebahnt hatte, sondern 
sie hot auch nach der beharrlichen Abweisung der reformatorischen 
Forderungen dutch die Bischife die einzige MSglichkeit, die ki'chliche 
Umgestaltung in einer rechtlich geordneten und das Ganze des 
Volks umfassenden Weise durcbzufiih'en. Ohne sie bat sich 
sonst in der Reformationszeit die evangelische Ki'che nirgends als 
lebensfiihig erwiesen, und vor allem entsprach sie in Ziirich dem 
Gang der bisherigen Entwicklung. Wie nirgends sonst war hier 
die Reformation das Ergebnis eines fi'eien, yon gemeinsame" (ber- 
zeugung getragenen Zusammenwirkens des weltlichen und des 
geistlichen Elements. Wohl waren es die Gedanken Zwinglis, 
die in der neuen Gesetzgebung zur Ausftihrung gelangten, abet 
die Obrigkeit eignete sich dieselben e'st an, nachdem sie sich in 
selbstandiger und sorg,ltiger Prfifung yon ih'er Wahrheit iiberzeugt 
hatte; sie war bereit, Gut und Leben tiir sie einzusetzen, und in 
einem Manne wie dem Btirgermeister Marx R0ust, der noch im 
vorgeriickten Alter dem evangelischcn Glauben beitrat und die 
entscbeidenden beiden leligionsgespriicbe in so wth'dige- 
besonnener Weise leitete, tritt deutlich vor Augen, wie e'nst nnd 
verstiindnisvoll die der Ob'igkeit zugewiesene neue Aufgabe gerade 
yon ihren einfiussreichsten Vertrete'n erfasst worden war. Mit dem 
Beg-iff der ch'istlichen Obrigkeit wurde diese Mitbeteiligung des 
Staats an den ki'chlichen Aufgaben ausdriicklich ane'kannt. Abet 
ebenso bestimmt war dadurch auch dem geistlichen Amt die 
'ichtige Stellung zugewiesen. Dm'ch die Beschriinkuug seiner Auf- 
gabe auf den Dienst am Wort wurde ibm im Gegensatz gegen 
die ti'iihere Her-scherstIIung sein geistlicher Charakter zurtick- 



-- 458 -- 

gegeben und zu gleicher Zeit doch auch seine Selbstiindigkeit 
gegenfiber der obrigkeitlichen Gewalt zur Anerkennung gebracht, 
wie sie in dem yon Zwingli betonten Beruf des Geistlichen als 
Wiichter seines Volks und als bachfolger der alttestamentlichen 
Propheten geibrdert ist. Der lange Kampf, den geistliche und 
weltliche Gewalt mit einander um die Herrschaft geffihrt batten, 
war zu Gunsten der letzteren entschieden. Abet die Entscheidung 
ertblgte nicht nur aus Beweggriinden weltlicher Politik, sondern aus 
dem Selbsterhaltungsh%b des yore Evangelium neu erweckten 
christlichen Geistes; sie ersetzte das bishe'ige auswlirtige Regi- 
ment des Papstes und tier BischSfe durch eine einheimische Leitung 
der Kirche, die dazu genStigt war, sich mit den Bedfirfnissen und 
tier Entwicklung des Volks in lebendiger Fiihlung zu halten, md 
indem sie dieselbe der Obrigkeit fibert'ug, gab sie dieser zugleich 
in dem tier Geistlichkeit anbefohlenen Ootteswo die Macht zur 
Seite, dutch die sich die Kirche auch unter den neuen Verhilt- 
nissen in ihrer Selbstindigkeit behaupten und das Volksleben unbe- 
schadet seiner Freiheit unter die Herrschaft des christlichen Geistes 
stellen konnte. So bewiihrt sich eben in der Art, wie sich die 
leformatoren mit ihrer Kirchenbildung an die gegebenen Verhilt- 
nisse anschlossen, ihr gesunder Sinn und ihr Verstindnis ftir das 
geschichtlich :Notwendige, und Zwingli insbesondere musste sich 
sagen, dass dm'ch diese Einfiigung tier Kirche in den Organismus 
des Staates seine Reibrmation am erfol'eichsten gegen die sie 
bedrohenden usseren und inneren Gcfahren geschfitzt und in der 
ihr eigentiimlichen Verbindung ldrchlich religiOser und biirgerlich 
sittlicher Ziele veiter ausgebaut werden konnte. 



Viertes Buch. 

Die Wiedertufer und der Bauernkrieg. 



Erstes Kalitel. 

l)as Auflreten der Wiedertiufer in Ziirich Iris 1525. 

Es war eine gewaltige, bis ins Innerste des religiSsen Lebens 
hineinreichende Umwiilzung, durch welche in einem Zeitraum yon 
weniger als zwei Jahren die Zfircher Kirche yon ihren bisherigen 
Grundlagen abgel(ist und aus der bunten und phantasiereichen 
Pracht des Mittelalters zu der Strenge und Einfachheit der neuen 
Glaubensweise hiniibergeffihrt wurde. Abet musste diese Verinner- 
lichung des Glaubens und des Gottesdienstes an dem Ziele stehen 
bleiben, an dem die Reformation unter Zwinglis Leitung anlangte? 
Es gab in Zfirich wie in Wittenberg eine Gruppe yon Unzufriedenen, 
denen gerade die massvolle Besonnenheit, mit tier sie an die bestehen- 
den Verhiltnisse anknfipfte, als Halbheit und Unentschiedenheit er- 
schien und die im :Namen des Evangeliums einen noch vollstindigeren 
Bruch mit dem geschichtlich Gewordenen und eine reinere Dar- 
stellung der urchristlichen Lebensformen glaubten fordern zu mfissen. 
Auch die Aufrichtung der Staatskirche konnte im Blick auf die 
Anfinge der christlichen Kirche oder auf die Entstehung der 
waldensischen und husitischen Gemeinschaft beanstandet werden 
und die Frage hervorrufen, ob ein solcher unmittelbarer Zusam- 
menschluss tier bi'a'gerlichen und der religi(isen Geneinschaft auch 
wirklich dem Wesen der letzteren gerecht zu werden verm(ige, 
ob er aus der Schrift, deren allein massgebende Autoritit gerade 
dutch die Reformation so bestimmt geltend gemacht wurde, sich 
begriinden und mit der leinheit und Unmittelbarkeit des christ- 



-- 465 -- 

und wenn durch nichts Anderes, doch durch Geduld die Achtheit 
ihres Christentums zu bewhren." ') Als die hauptschlichen Unruh- 
stifter werden in den Gerichtsakten zwei Briider Kamens Jukob und 
liklaus Hottinger, ein Bcker tteinrich Aberle sowie einige andere 
Handwerker genannt. Sie waren die eigentlichen Urheber des 
Fastenstreits und betonten auch sonst die christliche Freiheit und 
Briiderlichkeit sowohl gegeniiber der weltlichen 0brigkeit wie 
gegeniiber den kirchlichen Satzungen. Den Priestern warren sie 
vor, dutch die Vorenthaltung des Kelchs im Abendmahl den Laien 
das Blur Christi zu stehlen. Zu einer engeren Verbindung scheint 
besonders die Lelnhfitigkeit eines aus Graubiinden gekommenen 
Biicherverkfiufers Anlass gegeben zu haben, der nach seiner Heimat 
der Castelberger oder nach seiner fiusseren Erscheinung Andreas 
auf der Stiilzen oder Krucken genannt wurde. Er hielt im Friihjahr 
1522 in einem Privathaus, das deshalb im Volksmund als die 
Ketzerschule bezeichnet wurde, Versammlungen, in denen er einigen 
Freunden auf ihr Begehren den RSmerbrief auslee, doch so, dass 
nach der Aussage der ZuhSrer seine Lehre mit der Zwinglis iiberein- 
stimmte und beide ,auf einen Schrot hinausliefen'. Der Inhalt 
seiner Vortrfige war nach den vor dem Rat dariiber abgegebenen 
Aussagen vorwiegend praktisch, und was daran auffiel, war besonders 
die schaffe Bekmpfung der conventionellen sittlichen Begriffe. Er 
sagte, dass eine Ehefrau, die sich ihrer FrSmmigkeit fiberhebe, 
nicht besser sei als eine Dime, wenn sich diese gegen Gott als 
Siinderin erkenne, stellte Ansammlung yon Reichtiimern dutch 
Wucher oder Pfrfndenhaufung dem Stehlen gleich, das aus Armut 
geschehe, und nannte denjenigen einen 5ISrder, der trotz vterlichen 
Erbes und Gutes in den Soldkrieg ziehe, um fremde Biederleute 
zu Tode zu schlagen. Die Versammlungen wurden lange Zeit 
geduldet und auch yore Rat gegen feindselige Angriffe geschiitzt; es 
mussten um des sich mehrenden Andrangs willen wiederholt grSssere 
Rfiume dafih" aufgesucht werden, und sie win'den erst verboten, 

') III, 57. 

3O 



-- 470 -- 

Die Unzufiiedenen schlossen sich, als sie die Hoffnung auf 
Zwinglis ]Iitwirkung aufgeben mussten um so enger zusammen 
und begannen, wie fi-iiher dutch deu Bruch der Fastenordnung, so 
jetzt dutch die gewaltsame ZerstOrung einzelner Bilder ihre Ziele selbst 
zur Verwirklichung zu bringen. Das zweite Religionsgesprlich yore 
Oktober 1523, das hauptsfichlich um ihretwillen angeordnet win-de, 
brachte den Bruch zur Vollendung. Die Fiihrer der Paei vcr- 
langten aufs Neue, dass sich die Glfiubigen, ohne auf die Entscheidung 
der Obigkeit zu waen, als das Volk Gottes zusammenschliessan 
und den Gottesdienst ganz nach dem Vorbild der apostolischen Zeit 
eimichten sol]ten, indem z. B. bei der Abendmahlsfeier das Brot, 
start in den Mund gesteckt, mit den Hfinden genommen und als 
Zeit fgu- dieselbe der Abend gewhlt v-erden sollte. Zwingli ent- 
gegnete treffend, dass man dann auch die gleichen Kleider, wie 
sie Christus and die Apostel getragen hfitten, anziehen und vor 
dem Mahl sich gegnseitig die Fiisse waschen mfisste. Mit Erbit- 
terung sahen seine Gegner, wie Zwingli entschiedener als je ihre 
Forderungen zm-iickwies und ffir die alle umfassende Volkskirche 
und deren Leitung durch die Obigkeit eintrat, und Gl'ebel und 
Manz warden ausserdem auch dadurch gegen ihn verstimmt, dass 
ihre Hoffnung, bei der Besetzung de" Lehrstellen an der Gross- 
mfinsterschule die griechische und die hebrfiische Professur zu 
erhalten, nicht in Erfiillung ging. Vergebens mahnte Vadian seinen 
Schwager Grebel zu Geduld und Vertrauen und zu einem ,schick- 
licheren und nicht so kampfigen" Benehmen gegen Zwingli. Grebel 
fiussele sich im Dezember 1523, auf der Disputation sei das Wort 
Gottes yon seinen gelehrtesten :Predigel'n verkehrt, zurfickgestossen 
und gebunden worden. Der Ratschlag fiber Bflder und Messe 
sei ein mit teutlischer Kqugheit ausgedachtes Mittelding. Wet 
yon Zwingli sage, class er die Ptiicht eines Hirten erfiille, glaube 
trod sage etwas Gottloses. Ibm und seinen Genossen galt Zwingli 
yon jetzt an als der ,Endchaist am Grossmfinster , wahrend in 
ihnen selbst das Bewusstsein eines fibernatfirlichen Geistesempfangs 
und eines 'on Gott verliehenen hSheren Bertffs his zum Fanatismus 



-- 47 -- 

festzuhalten, und fiihren bittere Klage, wie in der Ziircher Kirche 
durch Schuld ihrer Prediger noch immer im alten Scheinglauben fort- 
gelebt werde ,ohne die rechten christlichen Brliuche, den Tauf der Ver- 
suchung und Probierung und den Brauch des Nachtmahls Christi".) 
Man wu'de bei diesem Verhliltnis auch ohne die ausdrfickliche 
Versicherung Bullingers zu der Vermutung berechti sein, dass 
wiihrend der hnwesenheit Miinzers am Rhein yon den Briidern 
auch persSnlich mit ihm verkehrt und der .einste Verkiindiger 
der gSttlichen Wabrheit', wie er in dem Brief genannt wird, nicht 
unbesucht gelassen wurde. ber die mit Miinzer gepfiogenen 
Verhandlungen fehlt allerdings jede Nachricht, und ebenso wenig 
ist fiber den Verkehr der Briider mit Carlstadt wlihrend seines 
Aufenthalts in Ziirich im November 1524 Genaueres bekannt. ) 
Abet die Wirkungen dieses Einfiusses lassen sich doch in dem 
keckeren Auftreten der Partei deutlich genug erkennen. Zwar mit 
der Einfiihrung der Wiedertaufe wurde noch ZUl'iickgehalten, dagegen 
die Kindertaufe und die sonstige bisherige Taufpraxis lauter und 
ofliner als vorher verworfen. Man erklfirte die Kindertafe fiir eine 
yon dem Papsttum, ja veto Teufel stammend Einrichtung. ,Die, 
welche die g0ttlicho Wahrheit verstanden haben yon dem Tauf", 
schreibt Grebel den 15. Dezember 1524 an Vadian, wollen ihre 
Kinder nicht mehr taufen lassen." In der Kirche zu Zollikon 
wurde dor Taufstein gewaltsam zerst0rt, und auch wlihrend der 
Predigt kam es zu lautem Wortwechsel. a) Gleichzeitig zeigten 
einzelne usserungen, wie auch die communistischen Ideen Mfinzers, 
seine Verwerfung des Eigentums und der obrigkeitlichen ewalt bei 
seinen Zih-cher Freunden Beifall fanden. Von Zwingli redeten sie 

1) Der Brief abgedruekt bei C o r n e I i u s, Geschichte des Mfinsterschen 
Aufruhrs. II, 240 ft. Vgl. Erbkam, Geseh. der protestantisehen Sekten im 
Zeitalter der Reformation. 148. S. 510 f. Bullinger, Ursprung BI. 2. Dio 
von Baur a. a. O. II. 62, geltend gemaehten Grfinde sind nieht entseheidend, 
um die bestimmte Aussage des den Ereignisseu nahestehenden Bullinger fiber 
den Ursprung der Viedertaufe entkr'aften zu kSnnen. 
) Vgl. o. S. 417. Zwingli III, 330: VII, 469. 
a) Zwingli II, 1, 231. Egli A. S. Nr. 604. 



-- 475 -- 

kfimen." i) Auch jetzt noch war er weir davon entfernt, sei es der 
Kinde'taufe, sei es der Taufe fiberhaupt eine besondere Wirkung 
auf das innere Leben und die Wiedergeburt zuzuschreiben. ,Wer 
unerschrocken auf das Blur Chisti vertraut", schreibt er am 
20. Oktober 1524 an den Pfarrer Fridolin Lindauer, ,der erlangt 
die Vergebung der Siinden. Wenn das Sakrament binzutritt, so 
geschieht dies mehr zur Be|ehrung des fiusseren als des inneren 
5Ienschen; denn wie write es mSglich, dass eine unkSrperliche 
Substanz dutch ein kSrperliches Element abgewaschen wfirde! "-) 
Abet in dem vorliegenden Fall war es ibm klar, dass fiir die 
Gegner die dogmatische Frage nut ein Vorwand war, und dass 
ihr Widerspruch seinen letzten Grund in ihrem Ehrgeiz und ihrem 
Absondemngsh-ieb hatte. Gerade weil der Streitpunkt ein verhfiltnis- 
miissig untergeordneter war, erschien ibm die Leidenschaft um so 
unentschuldbarer, womit sie sich auf denselben warfen und um des 
geringfiigigen Ptmktes wfllen sich nicht scheuten, Uneinigkeit und 
Zwiespalt in die Kirche zu bringen. 3) In der Schrift: Wer Ursache 
gebe zu Aufl-uhr, in welcher der Streit gegen die Kindel"taufe zuerst 
(iffentlich yon ihm besprochen wurde, sagt er: an sich sei ibm an 
der Taufe der Kinder nicht so viel gelegen, und er wiirde, wenn 
er irgend welchen Nachteil des christlichen Lebens damit verbunden 
sfihe und sie nicht vielmehr um der menschlichen B15digkeit willen 
fth" heilsam hielte, gerne bereit sein, seine Meinung zu findern. 
Um so weniger sei es zu billigen, dass man gegen sie streite, wie 
wenn es sich um die ganze Summe des Glaubens handelte und wie 
wenn in ihrer Vollziehung die grSsste Sfinde, die geschehen kSnnte, 
begangen wiirde. Viel schiirfer a|s der dogmatische Irrtum wird 
die diinkelhafte Anmassung und Sh'eitsucht verurteilt, womit sie 
sowohl 5ffentlich als auch in ihren ,Kampfhusern" ihre Geer 
,mit solcher Bitterkeit ausspfilen, dass einer im lberfluss der Galle 

) II, 1, 245. Egli A.S. Nr. 655, "2. A. Baur. ZwinglisTheologie I. 
228; II, 52. 55. 
) VII, 365; vgl. 298; III, 620. 
) VII, 398; III, 317. 



-- 477 -- 

auf Zwingli nur, dass er dabei die Grfinde dargelegt habe, die 
spiter in seiner Schrift fiber die Taute yon ihm entwickelt worden 
seien. Zwingli selbst erzfihlt Vadian, er habe ,so darfiber gesprochen, 
wie es his dahin sicher noch niemand gethan habe", und die ZuhSrel" 
hielten es ffir notwendig, dass er seine Ansicht auch in die )ffent- 
lichkeit gebe. Die Wirkung des Gespriichs t'itt in dem Mandat 
hervor, welches am Tage dara(ff yore Rat erlassen wurde, dass die 
Kinder wie bisher gleich nach ihrer Gebm-t getauft werden sollten, 
und dass die Eltern, die das unterlassen hfitten, bei Strafe sofortiger 
Landesverweisung die noch nicht getauften Kinder binnen acht 
Tagen zm-Taufe zu bringen hfitten. Am 21. Januar wurden auch 
die Privatversammlungen verboten und RSubli, BrStli, Ludwig Hctzer 
und Andreas auf der Stfilzen aus dem Ziircher Gebiet wrbannt. ) 
Abet eben dieses 5ffentliche Gespr/ich und das ibm tblgende 
Mandat, das den Streit beendigen sollte, wurde die Vel'anlassung 
zu seinem prinzipiellsten und heftigsten Ausbruch, der thatsiichlichen 
Einfiihrung der Wiedertaufe. Bis dahin fehlt noch sowohl in der 
Praxis wie in tier Lehre jede Spur derselben, und auch in der 
obl-igkeitlichen Anordnung des Religionsgesprfichs ist lediglich das 
Unterlassen der Kindertaufe als Veranlassung erwfihnt. Jetzt abel', 
in der Aufi-egung fiber die erlittene 5ffentliche :Niederlage und den 
yon tier Obrigkeit erfahrenen Zwang wurde das Zeichen aufgerichtet, 
welches die Gemeinschaft der wahren Glubigen der vel-folgenden 
Weltkirche gegeniiberstellen und auch fiusserlich als die Gemeinde 
der wahrhaft Wiedergeborenen kennzeichnen sollte. Auch jetzt 
ging die erste Anregung yon Conrad Grebel aus. Er ta(ffte zuerst 
den fl-iiheren MSnch Georg Blaurock, und dieser, der iibel'haupt 
in diesen Wochen dm'ch seine schwfirmerische Leidenschaft und 
seinen Bekehrungstrieb als der thfitigste unter seinen Genossen her- 
vo-tritt, vollzog gleich darauf die Taufe an fiinfzehn anderen, indem 
er sie nach einer eindringlichen Predigt zur Ablegung eines Sfinden- 
bekenntnisses veranlasste und zur Versicherung ihrer Begnadigung 

) Builinger I, 238. Zwingli VII, 385. Egli A. S. Nr. 622.62i. 



482 -- 

Auch Vadian giebt ibm in einem Brief yore 8. Juni 1524 das Zeugnis, 
dass er das Evangelium mit Christi Hilfe aufs beste lehre, ) und 
der tapfere Widerstand, zu dem er in diesem Sommer die Bfirger- 
schaft yon Waldshut gegen den Angriff 0sh'eichs entttammte, gaben 
ibm unter den evangelisch Gesinnten ein hohes Ansehen. Abet 
eben die Aufregung dieser Kampfeszeit erzeue in Hubmeyer eine 
Leidenschaflichkeit und ein Selbstgeffihl, die ihn bald ganz 
der bisher innegehaltenen kirchlich refot'matorischen Arbeit zum 
Separatismus hinfiberffihrten. Schon in dem Sendsctn'eiben, in welchem 
die Bfirgerschaft yon Waldshut im He'bst 1524 die benachbarten 
Schweizerstfidte um Beistand bat, ta-itt ein Geist schwfirmerischer 
Aufregung hervor. 2} Der Zuzug auswfirtiger Efferer, die der be- 
dr,ngten Stadt zu Hilfe kamen, diente dazu, denselhen zu steige. 
sodass alas yon 0stn'eich angegriffene Waldshut immer mehr der 
Vereinigungspunkt ffir die separatistische Richtung wurde. Auch 
mit Mfinzer trat Hubmeyer wfihrend dessert hufenthalts am Rhein 
in persSnlichen Verkehr, und nach dem Gespr,ch zu Zfiich am 
17. Januar 1525 stellte er sich 6ffentlich als Anwalt tier yon 
Zwingli bekmpften Lehre dar, indem er sich am 2. Februar in 
einem gedruckten Flugblatt dazu anbot, jedem, der ihm entgegen- 
treten wolle die In'tfimlichkeit der Kindertaufe aus der Schrift zu 
beweisen. Bald darauf suchte tier aus Zfirich vertriebene Wilhelm 
RSubli in Waldshut Zufiucht, und dutch ihn erst wurde Hubmeyer 
seinem eigenen Gestndnis nach zum v611igen Anschluss an die 
Patei veranlasst. Er liess sich zr Osterzeit mit sechzig anderen 
yon RSubli taufen und e-teilte gleich darauf selbst dreihundert 
seiner Gemeindeglieder die Wiedertaufe. indem er gleichzeitig auch 
dn Tisch des Herrn ffir sie aufiichtete. ) Den Kampf mit Zwingli 
erSffnete er am 6. Jali 1525 durch die Streitschift: Von dem 
chistlichen Tauf der Glfiubigen, und richtete bald darauf, am 10. Juli. 
eine Zusctn'i.ft an den Rat yon Zfirich, wo-in er diesen um freies 

) Mscr. in Variae Antiquitates ecclesiae Basil. 1, S. 73. 
s) S t r i c k I e r, Akten-Sammlung I.. Nr. 932,. 
) Egli A.S..N'r. 911. Bullingr, l_-rsprung BI. 12b. 



-- 483 -- 

Geleit bat, um sich in ether Disputation mit Zwingli fiber die Taffe 
zu unterreden. Abet eben diese verstarkte Gegnerschaft niitigte 
Zwingli, auch seinet'seits den Kampf mit schlirferen Waffen zu 
fiihren und der erfolglos gebliebenen miindlichen Belehrung eine 
griindliche und umfassende schriftliche Widerlegung folgen zu 
lassen. 



Zweites Kapitel. 

I)ie lileral'is'le gekiimphmg der Wiederl:,iufer im Jalrc 1525. 

Zwingli hat, abgesehen yon den kfirzeren Auseinandersetzungen 
in der Schrift Wet Ursach gebe zu Aufi'uhr etc. und im Commentar 
iiber die wahre und falsche Religion, der Widerlegung der Wieder- 
t/iufer wfihrend des Jahres 1525 nicht weniger als drei umfangreiche 
Schrifteu gewidmet: zuerst die Schrfft Vom Tauf, vom Wiedertauf 
und yore Kindertauf, die er am 27. Mai erscheinen liess und die 
als seine doguatische Hauptschrift iiber die Tauffl'age bezeichnet 
werden kann, bald darauf, 30. Juni, die gleichfalls gegen die Wieder- 
tiiufer gerichtete Schrift Vom Predigtamt und einige Monate spiiter, 
im :November, zur Widerlegung Hubmeyers: Wahrhafte und 
gegrfindete Antwort auf Doktor Balthasars Taufbiichlein. ) Er 
war sich bewusst, ge'ade in diesel" Lehre ,anders als i'gend einer 
der alten oder der neuen Schriftsteller zu denken", und ffihl/e deshalb 
um so mehr das Bedfirfifis, sich nicht nut den Wiederttufern, sondern 
auch den kirchlichen Freunden gegeniiber so ausfiih'lich und grfindlich 
als miiglich fiber sie auszusprechen. 
Vor dem Ausbruch des Streits war, wie bereits erwiihnt wtu-de, 
die Stellung Zwinglis in Bezug auf die Kindertaufe noch schwankend 
gewesen. Mit ihren Gegnern war er einverstanden, dass ihr in der 
kirchlichen Lehre a(ff Grund eines falschen SakramentsbegriEs eine 

) II, 1, 230ff. 304ff. 337ff. Vgl. hi. Usteri, Dar.tellung der 
Taufiehre Zwinglia. Theol. Stud. und Krit. 1882, II, 205 ft. 



-- 487 -- 

nahme in die Gemeinschaft der Kirche setzte. ,Es sell uns genug 
sein, dass wir getauft sind; das Wichtigste ist, dass wir neue 
/Ienschen sind, unter dem Kreuze Christi wandeln und tiglich 
dem alten lIenschen absterben, das geschieht aber alles mit der 
Kl"aft Gottes." 
Der Gegensatz, in welchen er sich damit zu der gesamten 
kirchlichen l)berlieferung stellte, entging ihm nicht. Er sagt in der 
Schrift fiber die Taufe, dass in der Lehre vonder Taufe alle Lebrer 
seit der hpostel Zeit im Irrtum gewesen seien und dem Wasser 
eine Kraft ztu" Reinigung und Siindenvergebung zugeschrieben hiitten, 
die ibm nicht zukomme; es sei dies ein g'osses Wort, under spreche 
es ungern aus, wfirde es auch gerne sein Lebetg verschwiegen und 
sich mit der einfachen Bezeugung der Wahrheit begnfigt haben, wenn 
ihn nicht die Ziinkischen gezwungen hfitten, damit hervorzut'eten. 
Aber ebenso fest stand ihm auch die 0berzeugung, dass er mit 
diesem Widerspruch den wahren Sinn der chisflichen Taufe wieder- 
hergestellt und das unterscheidende Wesen des Christentums als der 
Religion des Wortes und des Geistes wieder zur Geltung gebracht 
babe. Die Taufe ist fiir ihn blos ein ,anheblich Zeichen', das auf 
Gott verzeichnet und verpfiichtet, die fiussere Einweihung in das 
christliche Leben, ";ihnlich etwa ,wie wenn ein Eidgenosse sich ein 
weissos Kreuz annfiht, um damit auszusagen, dass er ein Eidgenosse 
sein wolle". Die exegetische Begriindung diesel" Auffassung ezn5g- 
lichte er sich dadm'ch, dass er jeden Unterschied zwischen der Taufe 
des Johannes und der christlichen leugnete und alle Stellen, in 
welchen die letztere mit der Wiedergebm't in ursichliche Verbindung 
gebracht ist, als bildlich gemeint und auf das innere Erleuchten und 
Ziehen des heiligen Geistes gehend deutete. So wurde es ibm leicht, 
zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Wassertaufe ein blesses ,cere- 
monisches Zeichen sei, an welches die Seligkeit nicht gebunden ist", 
wie ja auch viele, ohne seiner teilhaft geworden zu sein, die Selig- 
keit erlangt hfitten. Er erinnert an Nikodemus, Joseph yon Arimathia, 
den Schficher am Kreuz. Aber er gab auch dutch die Gezwungen- 
heir mancher soiner Auslegungen den Gegnern das Recht, ibm eine 



 4ftO  

and Kirche, die zuncbst das Ergebnis der geschichtlichen Ver- 
hltnisse gewesen war, auch als etwas innerlich Notwendiges 
erscheinen zu lassen. Fiir beides war ibm die Kindertaufe de" 
einfachste Ausdruck und zugleich die yon Gott selbst gegebene 
Bestitigung. Wie die Einsetzung tier Beschneidung fiir Abraham 
das Zeichen war, dass nicht nur er als Einzelner, sondern auch 
seine Nachkommenschaft dem Bunde Gottes angeh0ren sollte, so 
hat auch die Kindertaufe die Bedeutung, class die, welche an den 
wahren Gott glauben, auch ihre Kinder als demselben einverleibt 
and zum Volke Gottes gehOrend betrachten drfen, and zwar in 
um so hSherem Masse, je hSher tier neue Bund tier Gnade fiber 
dem alten steht and je mehr in Christo die Allgemeinheit des gSttlichen 
Erbarmens and Gnadenwillens zur Ofl'enbarung gekommen ist. Am 
Schluss tier Widerlegungsschrift gegen Hubmeyer sagt Zwingli: 
Die Kinder sind mit ihren Eltern im Bunde Gottes, sie gehren 
wie sie zur Kirche Gottes und sind deshalb auch Kinder Gottes. 
Sollte m3n denen, die Kinder Gottes sind, die Wassertmffe weigern ? 
Dazu ist die Kindertaufe eine Wurzel der Eintr/ichtigkeit and ein 
helles h'stliches Zeichen tier Versicherung, dass unsere Kinder aus 
der Kraft des Bundes gewisse Kinder Gottes sind. ") Auch auf 
die segensreichen Folgen der Kindertaufe ffir die christliche Er- 
ziehung wird 3ufmerksam gemacht. Ist sie auch an sich bloss di 
Eingliederung in die aussere Kirche und geschieht die Aufnahme 
in den wahren Band Gottes nicht dutch sie, sondern durch Gottes 
E'wfihlung und das innere Ziehen seines Geistes, so ist sie doch 
fiir die Eltern die Mahnung, dass auch ihre Kinder Christo ange- 
hSren and durch christliche Erziehuag seinem Reiche zugeffihrt 
werden sollen, ebenso wie auch die Pfarrer dutch sie angeleitet 
werden, die Kinder zu gewissen Zeiten zm" Unterweisung im 
Glauben zusammenzurufen. Doch bleibt Zwingli auch nach dieser 
lechffertigung dabei, dass die Kindertaufe zu den iusseren Dingen 
gehSrt, um deretwillen eine Entzweiung nicht eintreten sollte, and 

) [[, 1, 369. 



-- 491 -- 

schliesst seine Hauptschrift mit der Mahnung: ,Lasset uns auf die 
Dinge sehen, die Frieden bringen und Eintracht, damit wir das 
wiedergriinende Gotteswort nicht dutch Zank wiederum verlieren." ) 
Man mag in der Lehre Zwinglis yon der Taufe auch yore refor- 
mierten Standpunkt aus Manches unvollkonlmen finden, wie seine abs- 
trakte Scheidung zwischen usserem und Innerem, sein scharfes Aus- 
einanderhalten der Erwahlten von den dutch das fiussere Bundes- 
zeichen Berufenen und die damit zusammenhangende Unterschatzung 
nicht bloss des sakramentalen Gnadenmittels, sondern auch der Wir- 
kungskraft des Wortes und der Kirche. In der spiiteren Entwick- 
lung der reformierten Theologie haben diese Unvollkommenheiten 
zum grossen Teil ihre Berichtigung und ihre Ergfinzung gefunden. 
Was abet in der Lehre Zwinglis wertvoll und grundlegend bleibt, ist 
die scharfe Grenzlinie, welche sie gegen alles Magische im Kultus 
und gegen alle naturhaft und unpers(inlich vorgestellte Vermittlung 
der g(ittlichen Gnade gezogen hat. Sie trat einem Begriff vom 
Wesen der Erl(isung und der Kirche gegeniiber, in welchem die 
geschichtliche Heilsvermittlung im Sinn einer knechtenden Abhfing- 
keit von menschlicher Gnadenspendung umgedeutet und das Symbol 
zum magisch wirkenden Sakrament verselbstfindigt worden war, und 
im Gegensatz gegen diesen Sak'amentsbegrif erkliirt es sich leicht, 
dass auch die im Glauben empfangene Freiheit in Gott zu einseitig 
betont und die Unterordnung des Sakraments unter das Wort bis 
zur Verwischung seines eigentiimlichen Wertes durchgefiihrt wurde. 
Selbst die einseitige Betonung der Taufe als eines Pfiichtzeichens 
wird, so wenig mit ihr das ganze Wesen der chrisflichen Taufe 
bezeichnet ist, yon diesem Gegensatz aus als eine wohlberechtigte 
Reaktion des christlichen Geistes gegen den eingedxungenen Paga- 
nismus beh'achtet werden diirfen. Wenn Zwingli auf Grund der ibm 
zugfinglichen Kenntnis des kirchlichen hltertums sich veranlasst sah. 

) Vgl. den ihnlit.hen tandpunkt Oekolampads in dem Brief an Zwingli 
VIII, 86: ,Ich babe hie gewagt, yon einem Befehl f-fir die Kindertaufe zu 
reden, sondern bloss behauptet, dass das Festhalten an derselben den Frommen 
dutch die Liebe zur Pflicht gemacht sei." 



493 -- 

husdruck erhalten hat. Gerade gegeniiber den Wiedeiiufern und 
ihrem anmasslichen Vorgeben eines auf unmittelbaren Geistesempfang 
gegrfindeten Predigtberufs konnte Zwingli die Bedeutung und das 
biblische Recht eines geordneten und auch fiusserlich dutch feste 
Anstellung gesicherten geistlichen Amtes um so besser ins Licht 
stellen, und ebenso bot ibm ihre schwiirmeische Lossagung yore 
bfirgerlichen Leben die beste Veranlassung, die botwendigkeit 
eines organischen Einbaus der Kirche in die bestehenden Ver- 
hiiltnisse und das gute lecht ihrer Eingliederung in das staatliche 
Leben sich und ande'n zum ldaren Bewusstsein zu bringen. Es 
bleibt for alle Zeiten beachtenswert, was Zwingli in dieser Schfift 
fiber die Unstattbafigkeit einer auf freivillige Leisiungen gefindeten 
geistlichen Amtsverwaltung und fiber die damit verbundene Gefahr 
eines Zurficksinkens in das fi'fihere Bettelwesen ausfiihrt: ,Die 
Pfiinden sind gestiftet, damit der Bettel nicht statthabe. Auch 
mir wtu'de yon besonderen Leuten weir fiber hundert Gulden 
zugesagt, wenn ich meine Pfi'finde aufgeben wollte, und wie viel 
eintrfiglicher wii-e mir dies gewesen als eine Pfrfinde! Abet was 
write daraus erwachsen? Dass auch meine :Nachkommen den 
gleichen Bettelweg gegangen wfiren und dass alle Tapferkeit der 
Lehre zu einem Schmeicheln verkehrt worden wire." z) 

1) II, 1, 318 f. 



501  

bleibe, trod welch unordentliches und trostloses Leben aus ihrer Ver- 
drfingung der ganzen Landschaft erwachsen wfirde. Datum ist es 
auch billig, dass ihr uns solc]le Sorgen und Gefahren, Kosten und 
Arbeit helfet tragen."l) 
Trotz dieser fi'eundlichen Ansprache und dem yore Rat ge- 
machten Zugestandnis, dass die Leibeigenschaft als mit der christ- 
lichen Freiheit unvertrliglich aufgehoben werden sollte, verharrten 
die unzufiiedenen Gemeinden in ihrer Aufiehnung. Sie liessen die 
Zuschrift des Rats unbeantwortet und veranstalteten den 5. Juni 
eine allgemeine Volksversammlung zu Tiiss, an der etwa vier- 
tausend Miinner, teilweise bewaffnet und yon Trommlel'n und 
Pfeife'n begleitet, sich einfanden. Der Bii'germeister Walder be- 
gab sich selbst mit sechs Iatsmitgliede'n in ihre Mitte, um zm" 
Unterwerfung zu mahnen. Aber es gelang weder ihm noch dem 
Landvogt Ludwig Lavater yon Kybul'g, eine versiihnliche Stimmung 
herbeizuffihren. Man h,rte yon Seite der Bauern die Rede: Heute 
seien sie die Herren und wollten reiten, die Herren aber miissten 
zu Fuss gehen. Einige verlangten, dass die Grundzinse und Zehn- 
ten abgeschafft werden sollten; andere wollten das Kloster T6ss 
stih'men und in Asche legen. Doch wurde die Aufi'egung dm'ch 
das kluge Entgegenkommen der Klosterfi'auen zu Tiss und der 
Bih-gerschaft yon Winterthur fih- den hugenblick beschwichtigt. 
Die ersteren sc.hickten der Versammlung Wein und Brot in grossen 
K6l'ben, und die Biirger yon Winterthur bewil'teten sie in ihren 
Trinkstuben und gaben ihnen fiir die 'acht Hel'berge in ihren 
Hiiusern. Dutch diese fi'eundliche Behandlung wurde die Gefihr 
eines neuen Klosterstul'ms abgewandt und die Menge veranlasst, 
ohne Thlitlichkeiten wieder auseinanderzugehen. Doch wurde die 
Verabredung getroffen, dass am 15. Juni eine neue Volksversamm- 
lung zu Kloten stattfinden und die unerledien Fragen entscheiden 
sollte. Der Rat musste angesichts der drohenden Haltung der 

) II, 2, 362 ft. Eg|i, A. S. Nr. ':t4--26. 'ber die Bestimmung 
des Schriftstiicks II, 2, 369 f. s. Egli, S. 339. 



er aus dem Jahre 1530 yon einer Predigt, in welcher er das Luxus- 
und Lasterleben des hdels angega'iffen und gezeigt babe, wie der- 
selbe, wenn er, um in seiner Ty'annei nicht gest0rt zu weden, 
das Evangelium abweise, um nichts weniger verwerfiich sei als die 
Bauern, welche das Evangelium zum Vorwand brauchten, um sich 
ihrer Schulden und Verbindlichkeiten zu entschlagen. Er betonte 
es imme" aufs :Neue, dass die Pfarrer nicht bloss die Ve'kiin- 
digung des g0ttlichen Wortes, sondern auch die Fiirsorge tilt" die 
Ged'iickten uud die Erleichterung ilu'er Lage als hufgabe ihres 
Amtes anzusehen hiitten. ,Ich will', sagte eL', als er sich da'um 
bemiihte, die [;erner Regierung zu einigen Erleichterungen in Be- 
zug auf das Jagdrecht zu bewegen, ,mit der Begehr|ichkeit und 
Ubotmfissigkeit der Bauern nichts zu thun haben, aber es muss 
in ihre" Behandlung ein Mass innegehalten werden." Dass Luther 
in seinen Sch'iften gegen die Bauern dieses Mass nicht innege- 
halten, hat er meh'fach ausgesprochen; er nennt jene noch vor dem 
Ausbruch des Abendmahlstreites ,einen unzeitigen und wiitenden 
Anriff, womit er die doppelt ungliicklichen Menschen nicht nut 
verfolgt, sonde'n geradezu den 'ilden Tieren rorgeworfen hat". 
Ein besonderes Anliegen blieb ibm die billige Iegelung des Zins- 
wesens. El" komrnt immer wieder darauf zuriick, dass dem Wucher 
ein Ende gemacht und dass de" auf Grtmdstiicken lastende Zins 
nach dem jeweiligen Bodenert'ag bestimmt und nicht in schlech- 
t.en Jahren so hoch als in guten angesetzt werden sol]re. Abet 
ebenso beharrlich widersetzt er sich auch den kommunistischen 
Postulaten der Wiedertfiufer, die mit Berufing auf falsch ange- 
wandte Bibelstellen alles Zinsnehmen fiir unzullissig erklih'en und 
auf die Herstellung einer christlichen Giitergemeinschaft drangen. 
Die Wi'kung seiner Bemiihungen war der Erlass einer allgemeinen 
Zinsordnung yore 9. Oktober 1529, welche den Zins auf fiinf vom 
Handert besch'iinkte und auch sonst das Verhiiltnis des Schuldners 
zum Glaubige- unfed" bessere Kontrole stellte. ) 
) VIII, 5(7. 461; VII, 417: VIII, 22. Egli, A. 8. Nr. 1612. 
).. Baud', a. a. O. lI, 40. 



Im Blick auf diese Entscheidung sagt Zvingli in seinem bald 
dan'auf erschienenen Kommentar zu Jcremia: 
,Wold ware es am meisten der christlichen Liebe ent- 
sprechend, wenn ein freier Austausch der Giiter durch die Liebe 
stattfiinde. Abet die menschliche Begehrlicllkeit macht das un- 
m(iglich, und die gleiche Liebe, welche dem Besitzenden gebietet, 
seine Giitel" den Armen mitzuteilen, gebietet auch, dass, wenn mir 
ein Bruder seine Hiilfe erwiesen hat, ich ibm auch meinerseits 
seine Wohlthat vergelte. Ausserdem wih'de, wenn niemand mchr 
etwas fiir das Empfangene geben wollte, die Lust zum I)arleihen 
bald aufh/)l'en. Diesem Zustand kommt die elende menschliche 
Gerechtigkeit entgegen und setzt del" iibel''eifenden Begehrlichkeit 
wie dem unverschfimten Undank ihre Schl'anke, indem sie nur den 
zwanzigsten Teil als Zins vorschreibt. So haben auch der Rat und 
das Volk yon Zih-ich gehandelt. Man wirft ihnen VOl'. dass sie die 
jfihrlichen Einkiinfte des Adels und der Kil'che gemindert hfitten. 
Aber sie haben dieselben nut auf das Mass zuriickgefiihrt, welches 
auch die Heiden ilia" gerecht ansahen, indem sie sie a(ff eins yon 
zwanzig beschriinkten. Wie viel unse'er StadL sowohl dem ffent- 
lichen als dem privaten VermOgen, dutch diese .'nderung abgeht, 
ist kaum glaublich; aber der lat hat dadurch der Verleumdung 
VOl-gebeugt, wie wenn er aus Eigennutz gchandelt hfitte, da doch 
die Vol'nehmen der Stadt dem Lande el)enso viel bezahlen, als sic 
an Zins yon ibm empfangen. ) 
Der wohlwollende Sinn und die staatsmfinnische Weisheit, die 
Zvingli in der Behandlung dieser Fragen an den Tag legte, sein 
klarel" Blick in die geschichflichen Ve-hiltnisse und seine klugen 
Vorschliige zu ihrer gedeihlichen Weiterentwickhmg dienten dazu, 
das Verauen gegen ihn sowohl beim lat als bei dem Landvolk 
zu befestigen. Es ist auffallend, wie ott in den Erlassen des lats 
die Zusichelung einer sofol'tigen Beratung mit Zwingli und den 
Leutpriestern wiederholt wird. So erwuchs ihm aus seiner Thatig- 

) VI, I) 157 f. 



-- 510 -- 

keit zur Beschwichtigung des Bauernaufstandes yon selbst die 
Vertrauensstellung, die ihm yon da an in steigendem Masse in 
der Behandlung and Leitung der polifischen Yerhiiltnisse einge- 
riiumt worden ist. Auch bei den auswfirtigen Regierungen, be- 
sonders der yon Bern, machte sein festes und besonnenes Auftreten 
und sein Verstindnis fiir die staatliche Ordnung und Wohffahrt in 
einer Zeit allgemeiner sozialer Gfihrung tiefen Eindruck. Der Vor- 
wurf politischer Aufreizung, der seiner Reformation gemacht 
worden war, wurde durch die That widerlegt und damit ein Haupt- 
bindernis beseitigt, das ibrem weiteren Vordringen noch entgegen- 
gestanden hatte. 



Viertes Kapitel. 

Die splcren Kmpfc mit den Wiedertiiufern. Zwiu.lis Wider- 
legungsschrif! und seine Verteidigun der Kinderlaufe een 
Schwenkfeld. 

Wiihrend so auf sozialcm Gebiet die Unruhen verhiiKnismfissig 
schnell und leicht beschwichtigt werden konnten, wussten die Wiedor- 
tfiufer die unzufi'iedene Stimmung zu benfitzen, um sich in den yon 
ihr ergriffenen Gebieten aufs -eue festzusetzen (rod die im doffma- 
tischen Kampf verlorene Kraf des Widerstandes wiedcr zu befesfigen. 
]hre angesehensten Fiihrer, Grebel, Manz und Blaurock. begaben sich 
nach ihrer Ausweisung aus Zfirich in die Horrschaft [_runmoen, wo 
der Aufstand seinen Anfang genommen hatte und die hufregung am 
heftigsten war und wo auch mehrere Platter sich often zu ihren 
hnschauungen bekannten. Grebel beteilige sich lebhaft an der 
politischen Agitation. Er scheint einer der hnstifter bei der Volks- 
versammlung zu TSss gewesen zu sein und hetzte auch in seincn 
Vortrigen die Bauern dutch iible Nachreden gegen Zvingli aui . 
Er warf ibm vor, den Rat gegeben zu haben, dass man die Bauern 
vor die Stadt kommen lassen und dann das Geschiitz auf sie ab- 
feuern sollte damit drei- oder vierhundert yon ihneu togeschossen 
wiirden, und dass es am besten wire, drci odor vier der Hauptaufi'iihrer 
hinrichten zu lassen, damit die hnderen daran dchten. ) In den 
Beschwerden der Gemeinden wird neben der hbschaffnng des Zehnten 

) Eli, ltie Ziircher T/4ufer S. 41 f. A... Nr. 7.97. 



-- 513 -- 

einem a-men Gesellen sin Red nit im Hals ersticke, damit die 
Sach eigentlich erdurt werde." Der Rat gieng auf den Wunsch ein 
und erliess, nachdem die Gefangenen nach Zfi'ich gebracht worden 
waren, die Verordnung, ,class Alle, welche mit rechter gSttlicher 
Schrift bewlihren wollten, dass die Kindertaufe yore Teufel erdacht 
und die Wiedertaufe recht sei, auf den 6. November zur Ve'teidi- 
gung ihrer Lehre sich im Ratsaal zu Zfirich einfinden sollten". ) 
So erhielt Zwingli die Aufgabe, gegeniiber dem aufs H,ichste 
gesteigerten Fanatismus noch einmal das te Recht einer Alle 
umfassenden kirchlichen Gemeinschaft und die .Notwendigkeit der 
sie bedingenden Ordnungen aufzuzeigcn. Er stellte fiir die Vor- 
handhmgen die drei Thesen auf: 
1. Die Clnistenkinder sind nicht wenigcr Gottes Kinder als 
ihre Eltern, und wenn sie Gottes Kinder sind. wet will ihnen die 
Wassertaufe wehren ? 
2. Die Beschneidung ist, was das Zeichen betrifft, den Alten 
das gewesen, was uns die Taufe ist. Wic also jene den Kindeu 
gegeben wurde, so soll auch die Taufe den Kindern gegeben werden. 
3. Die Wiedertaufe hat keine Lehre noch Bcispiel noch 
Bewihrung in Gottes Wort. Wer sich also wieder taufen 1/isst, 
tier kreuzigt Ch-istus aufs Neue entweder aus Eigensinn oder aus 
Neuerungssucht. 
Das Gesprfich land am 6. November unfed" grosser Teilnahme 
start und dauerte, wie das im Miirz abgehaltene, drei Tage. Auch 
auswfirtige Tiiufer, yon St. Gallen und anderswo her, hatten sich 
eingefimden, und unter den P'fisidenten waren neben dem Abt 
Joner yon Kappel und dem Komtur Schmid auch Sebastian Hof- 
meister yon Schaffhausen und Vadian yon St. Gallen. Aus der 
Herrschaft G'iiningen waren auf Veffiigung des Rats zwSlf Abge- 
ordnete zugegen, um selbst auf Grund der Verhandlungen (iber 
das Recht oder das Unrecht de" Tufer urteilen zu k;_nnen. Die 
hauptsfichlichen Wo'tfiihrer aut" Seite der letzteren waren rebel, 

) Egli, A. S. Nr. 844. ;53. 

33 



der Wiedertiiufer nannte, ffir immer zum Schweigen gebracht. Die 
Stadt Waldshut wurde den 6. Dezember 1525 yon den 0streichern 
erobert. Hubmeyer fiiichtete nach Zfirich und wurde hier einige 
Tage yon seinen Freunden versteckt gehalten. Doch win'de sein 
Aufenthalt bald entdeckt und yon i)streich durch eine besondere 
Gesandtschaft seine Auslieferung verlangt. Der Rat lehnte dieselbe 
ab, liess aber Hubmeyer. um neue Unruhen zu verhfiten, in 
Gewahrsam bringen und n6tigte ihn auf Grund seines fi'fiher 
gemachten Anerbietens, dass er Zwingli in einer Disputation des 
In'tums in Bezug auf die Kindertaufe fiberffihren wolle, sich fiber 
seine Lehre zu rechtfertigen. Nachdem er sich in einer Unter- 
redung mit Leo Jud, Sebastian Hofmeister und Mvkonius nachgiebig 
gezeigt hatte, wurde er im Beisein des Rats Zwingli gegeniiber- 
gestellt. Beide Teile standen unter dem fi-ischen Eindruck des 
fiber Waldshut hereingebrochenen Unglficks. Zwingli gesteht, dutch 
den Gedanken an das, was Hubmeye" dabei verschuldet hatte, zur 
Heftigkeit gereizt worden zu sein. Hubmeyer seinerseits war in 
seiner Widerstandskraft gebrochen. Er erldiirte sich nach langem 
Hin- und Herreden ffir fiberwunden und erbot sich zum Widerruf, 
den er auch am folgenden Tage in Gegenwart angesehener Rats- 
mitglieder ablee. Abet als er denselben 5ffentlich yon der Kanzel 
der Fraumiinsterkirche wiederholen sollte, hielt er start dessen eine 
Verteidigungsrede fgu" die Wiedertaufe, so dass Zwingli hervortreten 
trod ihm antworten musste. Der Rat liess ihn aufs Neue ins ef-/ingnis 
werfen und verurteilte ihn zur Strafe fiir seine Wortbrfichigkeit zur 
Folterung. Unter den Qualen gestand er, dass er sich dutch den 
Teffel babe vefffihren lassen. Er verdammte den Irrtum und die 
Hartniickigkeit der Wiedertiiufer und erkliirte, dass er der Lehre 
Zwinglis in allen Stricken beistimme. Um seine Freiheit zu erlangen, 
leistete er am 6. April einen 6ffentlichen Widerruf, den er in der 
Kirche zu Gossau, dem ttauptsitz des Anabaptismus im Grfininger 
Amt, wiederholen musste. Da ihn eine sofoige Verbannung 
aus dem Gebiet yon Zfirich der Gefahr ausgesetzt h/itte, yon den 
0streichern aufgegriffen zu werden, so erlaubte ihm der Rat auf 



-- 517 -- 

musste die Kirche verlassen, ohne den Tumult stillen zu k6nnen, 
und als er drohte, das Vorgefallene der Obrigkeit zu berichten, 
fief man ibm nach: er babe sie nun genug verklagt; man solle 
ihn hinwegthun. Um die Aufregung zu beschwichtigen, erliessen 
die Amtleute des Bezirks eine Erkliirung an die Gemeinden, welche 
die Verhandlungen Zwinglis mit den Tiiufern schilderte und die 
Ve'sicherung gab, dass man die Tiiufer in den Ve'handhmgen 
ruhig und treulich habe reden lassen und keinem yon ihnen die 
Rede im Hals erstickt habe, und ford,s'ten alle Anhfinger der 
Wiedertaufe bei Eid und Gehorsam aul; sich am 21. Novelnher 
in Griinigen zu elmer Besp'echung mit ihnen einzufinden, hllein 
die Besp'echung fiihrte zu keinem Ergebnis. l,'ur dreizehn fiigten 
sich; die grosse ]Iehzahl, etwa neunzig, weigerten die Unte'werfung 
und erklfirten, sie vermeinten, des Taufs halber nichts ungerecht 
gethan zu haben, und seien entschlossen, dabei zu verha'ren his 
in den Tod. Der Landvogt forderte den Rat d'ingend zu gr6sserer 
Stl'enge gegen die Widerspenstigen auf: ,Seid handlich und tapfer", 
schreibt er am 28. lovember, ,denn ich bin des Sinnes, welm ihr 
nut E'nst zeigt ihr Gemfit we'de sich indel'n.") 
Der Rat erliess den 31). November" 1525 al die Herrschat't 
G'iiningen eiu Mandat, in welcheln er mit Berufung auf das 
vorangegangene Gespriich die weitere Ausiibung der Wiedertaufe 
:mfs strengste verbot und alle die, welche ihre jungen Kinder 
lficht zur Taufe bringen wiirden, zur Zalflung einer Mark Silber 
vermeilte. Bei der Disputation habe es sich dm'ch die wah-e 
g(ttliche Schrift des hlten und :Neuen Testaments erfunden, dass 
Meister Ulrich Zwingli mit seinen hnhfingern die Wiedl-ttui'er frei 
iiberwunden, den Wiedertauf widerlegt und den Kindertauf behalten 
hfitte, und dass ,die Anfinger, Rotter, Sekte" und Zanker des 
Wiede'taufs" ih'e Handhmgen aus fi'evlem, x'ermessenem, hoch- 
fiirtigem und unverschlimtem Gemiit und keinem guten Geist 
gefiihrt llfitten, um damit ,eine besondere Sekte und Rotte wider 

) Egli, A. S. N r. 856. 69. 870. 



-- 518  

das Geheiss Gottes zur Verachtung der zeitlichen Obrigkeit un,t 
zur Pflanzung des Ungehorsams und der ZerstSrung christlicher 
Liebe anzufangen und an sich zu ziehen". 1) Abet die Strafdrohung 
richtete wenig us. Der Landvogt klagte, class dutch sie die 
armen verfiihrten Leute lmrt betroffen wfirden, dagegen die grossen 
Verfiihrer, Ungliickmacher und Winkelprediger strafios ausgiengen. 
,Wahrlich, ich weiss nicht, wo ich wehren soll; so viol Unruhe 
tillt auf mich." Vergebens wurden die Hartniickigsten getiirmt 
und neue Verhandhmgen mit ihnen veraustaltet. ,Je mehr man 
sie bitter und ihnen nachliisst', schreibt der Landvogt am 10. Januar 
1526, .je bSser wird es. ]lan muss ihnen den Ernst zeigen und 
die Sache tapfer und gewalt.ig an die Hand nehmen. Denn es hilft 
diesen Leuten keine 
Die Exaltation win'de noch vermehrt, als Grebel, Manz und 
Blaurock, die nach einem vergeblichen Versuch, sie din'oh eine 
neue Unterredung mit Zwingli zur Unterwerfimg zu bringen, 
vieder in Freiheit gesetzt wurden, gleich nach ihrer Befi'eiung 
ihre Propaganda dutch Predigt und Wiedertaufe erneuerten. Bei 
ihnen wie bei ihren Anhlingern steigerte sich das Gefiihl des 
mit der Wiedertaufe empfangenen Geistesbesitzes zur schroffsten 
Absondertmg von der Kirche und zu den abenteueflichsten religiSsen 
Wahnvorstellungen. Hatten die Wiedertliufer anfangs die Kinder- 
taufe verworfen, weil sie als ein fiusserliches Ding nicht auf die 
Seele zu wirken verm5ge, so wurde Zwingli nun umgekeln't eiu 
falscher Prophet genannt, weil er die Taufe nut als ein auswcndiges 
Zeichen, als Wasser ohne Wirkung betrachte, wfihrend sie doch 
yon Jesus eine Gerechtigkeit und ein lt Gottes genannt worden 
sei, und yon dem Empfang der Wiedertaufe ohne Weiteres der 
Besitz der Wiedergebm't, ja der Sdlosigkeit abgeleitet. Manz 
erkllirte in einem Verh0r, dass kein Christ ein obrigkeitliches Amt 
bekleiden oder einen anderen mit dem Schwert richten ditffe, und 
behauptete, dass ibm im Gefingnis ein- oder zweimal Briefe des 
) Egli. A. S. Nr. 873. 
") Egli, A. S. Nr. 878. 879. 91.9. 



519 -- 

Apostels Paulus geoflinbart worden seien, ,dergestalt, als ob sie 
ihm augenscheinlich zugegen gewesen wiiren". Blaurock sagte 
yon sich: ,Ich bin eine Tfir, welcher dutch reich eingeht, finder 
Weide; der aber anderswo eingeht, ist ein Dieb und ein M;rder. 
Mein Leib im Turin und mein Leben im Schwert oder Feuer oder 
mein Blur aus meinem Fleisch gepresst wie Christus am Kreuz." 
Er sei der gute Hirte, der sein Leben fiir die Schafe gebe, dagegen 
Zwingli und seine Anhanger ebenso gut Diebe und MSrder wie 
der Papst. Bei Anderen fiihrte die reliSse llberspannung zu 
'oben sinnlichen Ausschweifungen. Zwingli fiihrt in seiner Wider- 
legungsschrift eine Reihe yon Thatsachen an, wie in den tliuferischen 
Kreisen Ehebruch getrieben und die Ausfibung der Fleischeslust in 
liisterlicher Weise mit der Einheit dcr Gliiubigen in Gott und der 
Freiheit des dutch die Wiedertaufe empfangenen eistes entschuldigt 
wurde. 1) 
Manche Anhfinger der Wiedertaufe wurden allerdings auch 
yon reineren Motiven geleitet. Xeben den biblisch exegetischen 
Einwendungen gegen die Kindertaufe, die namentlich in der viel- 
gelesenen Schrift Hubmeyers mit Geschick gegen Zwingli ins Feld 
geftibrt sind, imponierte die Entschiedenheit, womit die evangelischen 
Grundsiitze der Schriftautoritfit, des allgemeinen Priestertums, der 
Welt,erleugnung durchgefiihrt zu sein schienen, und ebenso ]agen 
in der Unfertigkeit und den sittlichen +ebrechen der kirchlichen 
Zust/inde hntriebe genug, welche die Verbreitung der sektiererischen 
tiichtung begthstigten. Als der Ptarrer yon Biilach sich darriber 
beschwerte, dass seine Gemeindegenossen sich yon der Predigt und 
vom Abendmahl fern hielten und die Versamlnlungen der Wieder- 
t'/iufer besuchten, entschuldigten sich die Angeklagten: sie ktinnten 
die Predigt nicht besuchen, da ihr Pfaffe allezeit auf der Kanzel 
write und schreie, so dass keiner wisse, was er sage. Er lehre 
sie und rrihre doch keines yon dem an, was er predige, gebe 
vielmehr der Gemeinde l'gernis dutch SchwOren, Wucher, Geiz, 
t) III, 360. 383f. Vgl. Eidg. Absch. IV, la, 1141. Kessler, Sabbata I, 
281ff. Egli, A. S. Nr. 933. 1109. l"01. 



520 -- 

Spiel und andere Laster und stebe an der Kanzel in seinem 
seidenen Wamms und den roten Hosen wie der Herzog yon 
Wiirttemberg. 1) 
Die Strafen, die zur Unterdriickung der Wiedertaufer angewandt 
wurden, varen besonders im Vergleich mit der Behandhmg, die 
sie in den umliegenden katholischen Liindern zu erfahren hatten, 
verhiiltnismiissig milde. Bis zum Jahr 1526 win'den auch bei 
wiederholtem Riickfall keine anderen als Gefingnis, Geldbussen und 
Verbannung in Anwendung gebracht, und Zwingli konnte noch im 
September 1527 die Erkllirung geben: ,So oft man im Iat fiber 
sie verbandelte, habe ich denseIben dfingend fiir sie gebeten und 
es erlangt, dass man schonend mit ihnen verfuhr. Es giebt keine 
Obrigkeit, die so milde wire als die unsrige, so dass man ihr 
hfiufig vorwirft, gegen die Verbrecher nicht entscblossen genug 
vorzugeben. "') Erst der offene Trotz, womit namentlich in tier 
Herrschaft Grfiningen den obrigkeitlichen Verordnungen entgegen- 
gehandelt wurde, sonie die Ausbeutung der politischen Unzufi'iedenheit 
fiir die Zwecke des tauferischen Separatismus veranlasste den Rat 
zu schirfe'en Massregeln. Den Wendcpunkt bezeichnet das Urteil, 
das am 7. Mfirz 1526 fiber |_rebel, Manz, Blaurock und fiinfzehn 
ihrer Genossen ausgesprochen ta'de, als sie aai Iqeue wegeu 
fortgesetzter Asiibung der Wiedertaufe verhafet worden waren. 
Es wurde besch]ossen, sie sollten ,bei Wasser und Brot aufStroh 
in den Turin gelegt werden und niemand zu noch yon ihnen wandeln, 
und also soil man sie im Turin ersterben und faulen lassen . 
Dieses _rteil sollte allentbalben dutch ein Mandat verkiindigt und 
auf die lrnere Ausfibung der Wiedeaufe die Strafe des Ertrinkens 
glegt werden. Mit der gleichen Strafe win'den auch die bedroht, die 
einem Tiffer Vorschub oder Unterkunft geben wiirden, beides mit 
der Motivierung, dass die Wiedertaufe dem gemeinen Regiment 
und Obrigkeit nachteilig sei und zur ZerstSrung des gemeinen 

F, gli, A. S. Nr. 1358. 1369. 
VII, 536:, VIII, 91: vgl. lI, 2. 450. 



521 -- 

Nutzens und rechten christlichen Wesens gereiche.') Doch dauerte 
es noch lange, his das Urteil, das die gotlage des Rats gegeniiber 
den hartnackigen Verichtern seiner Gebote sichtlich genug kenn- 
zeichnet, in seiner ganzen Schaffe vollzogen wurde. Die gefangenen 
Tiiufer wurden, trotzdem sie jede Unterwerfung verweigerten, bald 
nachher unter nochmaliger Verwarnung wieder in Freiheit gesetzt 
und des Landes verwiesen und nut fiir den Fall fernerer Wider- 
setzlichkeit mit Ertrfinken bedroht. ) Zur Kontrole fiber die, welche 
ihre Kinder nicht taufen liessen, wurden am 30. Mai 1526 auf 
Zwinglis Vorschlag Kirchenbficher eingefiihrt, in die jeder Pfarrer 
die yon ihm vorgenommenen Taufen und Eheschliessungen einzu- 
tragen hatte?) Der erste, an welchem die angedrohte Strafe wh'klich 
vollzogen wurde, war Felix Manz, als er trotz der empfangenen 
Verwarnung und Ausweisung seine tiiuferische Propaganda aufs 
eue im Gebiet yon Ziirich aufgenommen hatte. Er wurde am 
3. Dezember 1526 in Gesellschaft Blaurocks und zweier anderer 
Taufer in einem Walde gefangen und dutch den Vogt nach Ziirich 
gebracht, und als er bei der Erklarung beharrte, dass er die 
Wiedertaufe auch ferner jedem, der sie begehre, crteilen wfirde. 
wurde ihm am 7. Januar 1527 das Urteil gesprochen, dass er 
mit zusammengebundenen Handen und Fiissen ins Wasser gewoffen 
werden ,und also ersterben und verderben" solle. Sein Genosse 
Blaurock wurde als huswiirtiger ,aus Gnaden" zur Stadt hinaus- 
gepeitscht, ,dergestalt, dass das Blut nachgieng', und unter 
Androhung der gleichen Todesstrafe fiir immer aus dem Lande 
verbannt?) Er ist 1529 zu Innsbruck verbrannt worden. In 
Zfirich wurde nach der Hinrichtung yon Manz die Todesstrafe 
wiihrend Zwinglis Lebzeiten noch dreimal vollzogen, aber immer an 
solchen, die schon mehrfach bestraft und als ,Hauptsiicher und 
RedliffiIu'er des Handels" bekannt waren und auf keinem anderen 

a) Egli, A. S. Nr. 93-t. 936. 937. Zwing!i VII, 477. 
) Eg!i, A. S..Nr. 953. 
) Egli, A. S. Nr. 982. Derselbe, Ziircher Wiedertiiufer ,. 5,. 
*) Egli, A. S. Nr. 1109. 1110. 



-- 523 -- 

Ausserungen den Vorwurf einer besonderen Hfirte zu machen. 
Auch Melanchthon hat die Obrigkeiten dazu aufgefordert, die 
Anffihrer der Wiedertaufer dutch Him-ichtung unschfidlich zu 
machen; yon dem Kaiser, dem schwabischen Bund und dem 
Reichstag yon Speyer wurden wiihrend der Jahre 1528 und 1529 
nicht nut die Fiihrer, sondern alle Anhfinger der Wiedertaufe des 
Todes schuldig erkliirt, nnd man weiss, in was fiir einem Umfang 
und mit welcher Grausamkeit besonders die katholischen Obrigkeiten 
diesen Mandaten Folge gegeben haben. In Ziirich dagegen blieb 
die Todesstrafe nut auf Wenige beschriinkt, nachdem jedes andere 
Mittel, sie zur Unterwerfung zu bringen, erfolglos geblieben war. 
Ebenso haben sich die unter Zwinglis Einfluss stehenden auswfirtigen 
Obrigkeiten, wie Strassburg und der Land'af yon Hessen, im 
Gegensatz gegen die sonsfige Pras dutch eine milde Behandhmg 
der Tfiufer ausgezeichnet, so dass man yore Standpunkt der damaligen 
]echtsanschauung aus dem Verhalten Zwinglis die Vereinigung yon 
Festigkeit und Milde nicht wird absprechen k,_nnen, die er in einem 
bald zu erwfihnenden Schreiben den Predigern yon Bern ffir den 
gleichen Kampf empfohlen hat. 
Von den Tiiufern liess sich nur ein geringer Teil dutch die 
yore Rat verhiingten strengen Straiin zur Unterwerfung bewegen. 
Sie waren zwar ihrer bedeutendsten Ffihrer beraubt, da auch Grebel 
schon im Sommer 1526 zu Maienfeld an der Pest gestorben war. ) 
Abet gerade das Martyrium, das sie erduldeten, gab ihrer Sache 
neue Kraft. Felix Manz bestieg das Schifi', das ihn zum Tode 
ffihrte, mit einer Iauten Lobpreisung Gottes, dass er um seiner 
Wahrheit willen zu sterben gewfirdigt sei, und behan-te bis ans 
Ende dabei, class tier Wiedertauf recht und im Worte Gottes 
gega-iindet sei. Seine Mutter und seine Briider, die ihn begleiteten, 
mahnten ihn zur Standhaftigkeit, und noch auf dem Schiff, unmittelbar 
ehe er ins Wasser geworfen wurde, sang er mit lauter Stimme: 
In deine Hiinde, Herr, befehle ich meinen Geist. Aueh Blaurock 

VII, 565. Kessler, Sabbata I, 304. 



-- 531 -- 

schon eine Scheidung zwischen ihnen zu vollziehen. Deswegen ist 
es ebenso sehr ein Unrecht, den Kindern der Christen, welchen die 
Verheissung gegeben ist, die Aufnahme in die Gnadenanstalt zu 
verwehren, wie es unstatthaft wih-e, den Act dieser Aufnahme, die 
Taufe, als den Empfang des Heilsgutes selbst aufzufassen. Wohl 
hat die Taufe ihr hohes Geheimnis. Es besteht darin, dass Christus 
dutch sein Blur die Kirche gereinigt hat und dass der, welcher 
sie empffingt, ein Glied dieser Kircbe ist. Abet n'as die Kirche 
geben kann, ist bloss das Sakrarnent, nicht die Sache. Nicht sie, 
sondern Christus allein kann wit dem heiligen Geist taufen. Die 
Taufe ist eine fiussere Ceremonie, welche die Sache bedeutet, abet 
nicht darreicht. Sie ist ein Sywbol der Wahl-heir, abet nicht 
dadurch, dass in dew, der getaui wird, die yon ihr bedeutete 
Wahrheit ohne weiteres da wiire, sondern weil sie bezeugt, dass 
Christus in Wahrheit die Kirche dutch sein Blur gereinigt hat, was 
abet nur fiir die Er'fihlten zur Gen'issheit werden kann.") 
Diese Heilsgewissheit der Erwiihlten, die nicht iw Sichtbaren, 
sondern in der fi'eien Gnade Gottes und dew inneren Zeugnis seines 
Geistes ihren Halt finder, bleibt fiir Zwingli die Hauptsache. Abet 
andererseits hat ihn doch. wie diese letzte Kundgebung fiber die 
Tauflelu'e zeigt, die spitualistische Entwertung des Historischen, 
zu welcher der Anabaptismus in dieser spiiteren Zeit fortschtt, 
auch dazu veranlasst, die Abhiingigkeit des Glaubens yon der Person 
und dem Werk Christi und die Beziehung des Sakrawents zm" ge- 
schichtlichen VersShnung krfiftiger zu betonen. Er hilt den Wieder- 
tiiufern vor, dass sie Christus dutch die Leugnung seiner Gottes- 
sohnschaft md seiner VersShnung zmn Liigner wachen und eine 
neue Gerechtigkeit aus den Werken einfiihren, und erweitert die Be- 
deutung des Sakraments zu der eines Gnadenzeichens, das dem Ein- 
zelnen sein Heil allerdings nicht verbfirgen oder vermitteln, abet 
doch zur symbolischen Veranschaulichung bringen soll. Die erfolg- 
reic]le Art endlich, mit dcr Zwingli nicht nut in Z(h-ich, sondern 

]) tuar.sti,ne de acramento bal,tismi 11I, 563 fi. Vgl. VIII, 291. 



-- .532 -- 

in der ganzen evangelischen Schweiz den Kampf gegen die Wieder- 
tauter fiihrte, stiirkte aueh naeh aussen sein Ansehen und seinen 
Einfluss. Deutlieher als je x'orher empfand man die Abhiingigkeit, 
in die man ibm gegeniiber gestellt war. In St. Gallen, in Bern, 
in Strassburg sah man in ihm den Einzigen, der hqarheit in die 
Verwirrung zu bfingen vermochte, und so diente auch dieser Streit 
dazu, die Stelhmg vorzubereiten, die Zwingli bald darauf dureh die 
Disputation zu Bern als Leiter der sehweizerisehen Gesamtkirehe 
einnehnaen sollte. 



534 -- 

Sechstes Kapitel. Die Bittsehrifl um Freigebung der Priester- 
ehe und Zwinglis Vermihlung mit Anna Reinhard. Der 
Streit mit den 3ISnchen und die Entscheidung des Rats. Der 
Archeteles. Sommer 1522 ....... 218 
Siebentes Kapite[. Die Predigten 'on der Klarheit des Wortes 
Gottes und yon der reinen Magd 3Iaria. Fortschritte der 
Reformation im IIerbst 1522 238 

Orittes Buch. 
Die Durchfiihrung der Reformation in Ziirich. 
1523-- 1525. 
Erstes Kapitel. Zwinglis Schlussreden und das erste Religions- 
gespr'iich in Zfirich. 1523 . 259 
Zweites Kapitel. Die Schrift: Aus|egung und Begriindung der 
Schlussreden 279 
Drittes Kapitel. Der Beginn der kirchlichen Neuerungen. 
Zwinglis Schriften fiber die Erziehung edler J(mglinge und 
fiber den Messkanon. Die Aufiahme ttuttens und der Bruch 
mit Erasmus 302 
Viertes Kapitel. Die Beziehungen Zwinglis zu andern Kantonen 
und die Schrift yon der gSttlichen und menschlichen Ge- 
rechtigkeit 320 
Ffinftes Kapitel. Das zweite Religionsgesprich und die Pre- 
digt: Der Itir[ . 330 
Sechstes Kapi(el. Die christliche Einleitung und die ersten 
Kultusinderungen. Zwinglis Thtigkei his zum Sommer 
15_'24. Seine Verheiratung und sein hiusliches Leben 344 
Siebentes Kapitel. Die ZerstSruug der Bilder und die eid- 
genSssische Einmischung 368 
Achtes Kapi/el. Die Glaubensverfolgung im Thurgau und der 
erste Versuch eines eidgenSssischen Religionsgespriches . 389 
.Neuntes Kapitel. Die Aufhebuug der K15ster. Zwingli. Kriegs- 
plan und seine Verteidigtmgsschriften gegen die Eidgenossen. 
Das eidgenSssische Reformationsmandat 401 
Zehntes Kapitel. Der Commentar iiber die wahre und falsche 
Religion und die Antwort an Valentin Compar 410