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Full text of "Mein Dank an Freud. Offener Brief an Professor Freud zu seinem 75. Geburtstag."

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LOU ANDREAS-SALOMfi 
MEIN DANK AN FREUD 



M-ein Dank an Jreud 



Offener Brief 

an Professor Sigmund ireud 

>»JU*I* zu seinem y5. Geburtstag "**«»"• 



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Lou Andreas-Salome 



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Internationaler Psyckoanalytiscker Verlag 

Wien 



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biiüil ffß ^InüCL njfoxA. 



Alle Rechte, 
insbesondere die der Übersetzung vorbehalten 



Copyright 1951 

by „Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag, Ges. m. b. H.", Wien I 



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^tfiol-U^Z^'^W i? Austria ^ WoJ[ 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




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Druck: Christoph Reiuer'g Söhne, Wien V 



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W S t.3t4 V. 

Lieber Professor Freud, «*>■ 

im Aufsatz von Thomas Mann kommen Sie sehr gut weg! 
Aber — schien mir das mit Unrecht? — es ist auch in diesem 
Fall, wie zu geschehen pflegt, ein kräftiges Mißverständnis 
nicht ausgeschlossen. Denn ist es bei Thomas Mann nicht ein 
bißchen so, als entnehme er das Eigentlichste an Ruhm und 
Preis eher seinem Ebenbilde? Ist er doch seinerseits der Eiferer 
fürs Rationelle, Rationale nur dadurch, daß er auch noch 
als Dichter sich mit aller mögUchen Selbstbeherrschung von 
dem Einbruch romantischer Gelüste abhält: wenigstens scheint 
gg ^ij. so _ und heimlich liebe ich an ihm die dichterischen 
Durchbrüche mehr als seine Standhaftigkeiten. Ihnen aber 
kreidet er ganz unverdient eine erste Zensur an für solche 
Standhaftigkeit gegenüber dem von ihm diagnostizierten Zeit- 
geist wiederbeginnender Romantik — während Ihnen doch 
nur das Eine schwer fiele, ihr nachzugeben. Denn wir alle 
um Sie, wir wissen es doch besser, wissen, welch ein Opfer 
es für Sie bedeutet hat, sich mit dem Irrationalen so tief 
eingelassen zu haben, wie Ihre großen Funde es erforderten. 
Uns allen ist ja eben dies Ihre Lebens^ und Geistestat, daß 
Ihre Rationalität sich zwang zur Aufgrabung von Funden, 
die Sie ganz und gar nicht anzogen, sondern denen Sie 

— 5 — 



Hand aufs Herz! — oftmals am liebsten miteingestimmt 
hätten in das Mißfallen sämtlicher waschechtester Wissen- 
schaftler vom Ende vorigen Jahrhunderts. 

Entsinnen Sie sich wohl noch, wie Sie, im Münchner Hof- 
garten beim Tee, nach dem aufregenden Kongreß von 1 9 ] g, 
mir aus neuerlicher Praxis von angeblich „Telepathischem" 
erzählten und mit einer unverhohlenen kleinen Grimasse 
hinzufügten : 

„Sollte man forschungshalber auch noch wirklich in diesen 
Sumpf hineinsteigen müssen, so möge das möglichst erst nach 
meinem Ableben zu geschehen haben." 

Bei aller Anerkennung für Thomas Mann, „der nichts sage, 
was nicht Hand und Fuß habe", bemerken Sie in Ihrem 
Brief doch auch über sein Porträt von Ihnen: „er scheine 
eine Romantiker-Studie halb fertig gehabt und sie dann, wie 
die Tischler sich ausdrücken, mit Psychoanalyse furniert 
zu haben". :ia 3; j-j is anifi-:- 

Für uns nun verhält es sich so: weil es sich ungefähr 
umgekehrt verhält, als wie Thomas Mann es sehen will, darum 
gerade ist unser Vertrauen in Freudsche Funde so unerschütter- 
lich tief geworden, wie der Urgrund dieser Funde selber 
hegt. Oder darf ich das nur von mir aussagen? Nein! weil 
Ihre Forschungsergebnisse so gar nicht die Ihrer eigenen 
Wunschrichtungen waren, sicherte das nicht nur unser Ver- 
trauen in unvergleichlicher Weise, es sicherte auch ein mensch- 
hches Mittun über das rein forscherische Verhaken hinaus. 
Es schuf die menschlichen Vorbedingungen für unsere Nach- 
folge in der Arbeit an der Tiefenforschung. Ganz unwill- 
kürlich gedenkt man da der halb scherzhaften, aber mitunter 
von Gegnern auch ziemlich ernst gestellten Frage: „bei wem 
und wodurch denn der Schöpfer der Psychoanalyse selber 
analysiert sei, da er ein solches Verfahren für alle Mitglied- 
schaft als unerläßlich betrachtet?" Nun! zum Schöpfer wurde 



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er durch eben dieses Verfahren: durch seinen Kampf mit 
dem, was wir in unserer Sprache den „Widerstand" nennen, 
den Widerstand seiner Natur gegen das, was sie ebenso gern 
„verdrängt" erhalten hätte, gegen das, was ihrem Geschmack 
unbequem war, „widerstand" — und woran sie, in der Rei- 
bung mit sich selbst, Genietat wurde. 

Sie als Ihr erster Analysand waren es, der die Psycho- 
analyse schuf. 

Und deshalb war auch erst hiemit Grund und Boden ge- 
wonnen, auf dem der andere Widerstand fest fußen konnte: 
der wider Vorurteil und Verunglimpfung, Hohn und Empörung 
der Menschen. Der Standpunkt war damit gegeben, von dem 
aus Opfer um Opfer gebracht worden ist für eine Sache, die 
ja nicht nur geschändet und an den Pranger gestelh wurde 
in dem Sinn, wie es neuen Bewegungen meistens geschieht, 
sondern aus den geheimen Beweggründen einer Furcht und 
Flucht vor sich selber, wodurch der Mensch „hie^ offenbar 
durch ein besonderes Hindernis von der eigenen Person ab- 
gelenkt und an der richtigen Erkenntnis verhindert'' wird 

(Freud). 

Uns allen ist es seither leicht gemacht, )eder nur denk- 
baren Unbill zu begegnen — seit Aufgrabung des All- 
gemeinmenschlichen, zuerst aufgedeckt unter Preisgebung Ihrer 
selbst und des eigenen persönlichen Materials. Seitdem ist 
Selbsterkenntnis furcht- und fluchtlos durchführbar als Selbst- 
bekenntnis. Zugleich aber auch, an der einmalig für allemal 
vollzogenen lebendigen Tatsache durch Sie, sind uns Anderen 
für immer Forschungswille und Opferwille eins geworden, 
um uns zu weihen für den schönsten der menschlichen Berufe. 









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T,i Über dem schönsten Beruf steht Ihr Arztwort: 

„Der Kranke hat immer Recht! — Die Krankheit selbst 
darf ihm nichts Verächtliches sein, vielmehr ein würdiger 
Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute 
Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben 
zu holen gilt." ,uwoa-j> 

Dies Wort nimmt vom Kranken die Isolierung, worin er 
wie inmitten einer Leere dasteht, es nimmt das Mißverständnis 
einer Schande von ihm und öffnet den Kontakt von Mensch 
zu Mensch. Es begründet den Kontakt auf der Gleichheit 
menschlicher Beschaffenheit und verneint ihn deshalb gleich- 
zeitig in jedem Sinn individueller Bindung. 

Vom Analysanden her erscheint diese allerdings individuell 
begründet: ruht doch die ganze Analyse auf der „Übertragung". 
Um deren Sondercharakter sicherzustellen, haben Sie, von 
Beginn an beinahe, darauf aufmerksam gemacht, daß der 
Analysand seine Affekte, sowohl die pro wie die kontra den 
Analytiker, auf ihn nur „überträgt" aus der eigenen ältesten 
Affektvergangenheit, ihn mit diesen Stücken nur behängt wie 
einen ihm bereitwillig hingehaltenen Kleiderständer, und daß 
er dies Verfahren bis zuletzt auf zweierlei Weise übe: teils 
an der Hand seiner, analytisch aus Verdrängungen herauf- 
gehobenen Erinnerungen, teils, wo diese stocken, in un- 



— 8 — 



wissentlichen und unwillkürlichen Aktionen pro und kontra 
— somit indirekt, in agierendem Verhalten — das Unter- 
drückte zur Kenntnis des Andern bringe. Aber auch darauf 
haben Sie ja hingewiesen, wie etwas von diesem Ursprung 
unsern Affekten und Bindungen überhaupt eigne, wie ihr i 

Wurzelgrund am Frühesten und Ältesten unserer Eindrücke -i 

hafte und aus dieser Vergangenheit auch die Gegenwart noch ■: 

aufbaue — wie demzufolge das letztlich Unterscheidende der 
Übertragung während der Analyse erst gegeben sei durch das _ 

Reagieren des Analytikers darauf; indem er sie nicht zu er- = 

widern, sondern zu verwenden hat, auszubeuten hat als Heil- 
mittel, gleichviel ob sie sich störend dagegen einstellt: sei es 
durch ein Schönfärben des Erinnerungsmaterials im Werben - 

um Zuneigung, sei es im gegnerisch gesinnten „Widerstand". 
Erst mit zunehmender Einsicht des Analysanden in diesen 
Innern Tatbestand beginnt die voUe Gemeinsamkeit der Arbeit, ^ 

die Erforschung von Zusammenhängen im Unbewußten, also 1 

dessen, was Beiden sich erst daran erschließt. 

Dies Moment ist es ja, was die Tiefenforschung so voll- 
gültig von den Praktiken der Beichte einerseits, der Hypnose 
(von der sie ursprünglich ausging) andererseits trennt — von 
dem, was auf bewußte Motive des Handelns fahndet, um sie 
erziehlich zu beeinflussen, sowie von dem, was seelische Auto- 
matie herzustellen strebt, bis die Suggestibilität gegenüber 
dem Hypnotiseur das Bewußtsein überrumpeh hat. Von beiden, 
Hypnose wie Beichte, kann fälschlich was in die Tiefenfor- 
schung hineingeraten, sobald ihre Methodik nicht streng genug 
befolgt wird, sobald der Wunsch, suggestiv zu wirken, die 
innern Bewegungen, die im Analysanden vor sich gehen, ver- 
wischt — undeutUch macht, was daran selbsttätig oder ein- 
geflüstert sei. Solche Überaktivität geschieht leicht ohne jede 
Absicht dazu, je nachdem ob im Analytiker allzuviel „Führer- 
tum" vorherrschen möchte, oder auch allzuviel drängende 



— 9 



Teilnahme: denn die „mit dem goldenen Herzen" verwechseln 
nicht minder irrtümlich Psychoanalyse mit Samaritertum. Aber 
auf der andern Seite müssen wir uns auch sagen, daß der 
Bogen der Neutralität und Objektivität ebenfalls überspannt 
werden kann und es nicht selten auch wird: in einer ganz 
vorwiegend intellektuellen Einstellung, die auf Schonung der 
Nerven vor dem Aufreibenden des Berufes abzielt und darüber 
zu vergessen geneigt ist, bis zu welchem Grade bereits das 
Hineinhorchen und Sich-Ein fühlen in die fremden Seelen- 
äußerungen ein volles Hinhalten des eigenen Unbewußten 
voraussetzen, und daß „aktiv" und „passiv", beides, sich dafür 
zusammentun müssen, was nicht gelingt, wo wir mit uns 
„sparen". Nicht weniger als unserer ganzen Zusammenfassung 
zu solchem Dienst bedarf es, damit Helfer und Hilfsbedürftiger 
sich tief genug treffen in ihrem beiderseitigen Mühen, nämlich 
dort, wo wir uns ja bloß darum treffen und helfen können, 
weil wir gleichen Menschentums sind. 

Denn das wollen wir uns doch klar machen, wir alle 
Arbeitenden an diesem Beruf, an dieser Berufung: unsere 
Überlegenheit besteht von Fall zu Fall doch nur in einem 
Doppelten: einmal in dem uns durch die Freudsche Methodik 
erarbeiteten Wissen und sodann in der simplen Tatsache, daß 
wir der Zweite sind, der dem Münchhausen beisteht, sich am 
eigenen Schopf aus dem Wasser zu ziehn, und dessen, gegebenen 
Falles, auch der gewiegteste Analytiker nicht entraten könnte. 
Dies gewinnt noch an größter Wichtigkeit dadurch, daß der 
Erkrankte seine Krankheit ja gleichsam selber wie einen Zweiten 
in sich trägt, als eine Abspaltung von seiner Person Hchkeit, 
die ihm in seinem Genesungswillen dreinspricht, seine bewuß- 
testen Bemühungen, ihm unbewußt, wie ein listiger Betrüger, 
ausnutzt und hintertreibt. Im Kampf dieses Zweierlei in ihm 
kommt es erst allmählich wenigstens bis zu der Einsicht: 
mit dem Leiden nicht identisch, sondern damit nur behaftet, 



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ablösbar verknüpft zu sein; aber noch mitten in letzter Ab- 
lösung bleibt jede krankhafte Reaktion von der gleichen feind- 
sehgen Tücke — ein Patient beschrieb es lebhaft: wie in einem 
in hundert Splitterchen zerschmetterten Spiegel erkennt man 
noch im letzten Splitter das ganze Antlitz des Feindes voll- 
ständig. Bis der Haß wider diesen Eindringling sich ebenfaUs 
so kondensiert hat, am Glück der Genesung zu ebenso un- 
geteiltem Zorn wird, als einst passives Gewährenlassen statt- 
hatte. Denn mit den lösenden Erinnerungen steigt auch die 
an die Urängste auf, an deren Unentrinnbarkeit die Neurose 
sich ansetzte, und läßt sie gegenüber der nun freigelegten 
Realität in ihrer grausigen Gespenstigkeit erscheinen. Auch 
dies äußerte ein Patient wie eine neue, ihn stark ergreifende 
Erwägung: zu denken, daß dergleichen hinter dem Menschen 
liegt — hinter jedem Menschen, in der Hilflosigkeit erster 
Erlebnisse, und vor der Entscheidung, ob sie sich gesund be- 
wältigen lassen würden, — das ergäbe ein Grundwissen 
Menschlichem gegenüber, das jeden Einzelnen, möge er uns 
später als noch so trivial vorkommen, der bloßen Banalität 

enthöbe. 

In der Tat scheint es mir von Analyse ebenso unabtrenn- 
bar, daß sie den Einzelnen zerpflückt und zerfasert, wie auch, 
daß sie ihm eine Grundbedeutung, jenseits von Scham wie 
von Stolz, zur Fühlbarkeit bringt, die auch durch Krankheit 
nicht zweifelhaft, sondern von ihr nur bestätigt wird. Ein 
Zufall wars ja nicht, daß es der Arzt gewesen, der zur Tiefen- 
forschung den Weg fand. Vor Ihnen nahmen Psychologen zum 
Ausgangspunkt fast nur den sogenannten gesunden Menschen, 
oder das Pathologische wurde dem Mystischen angenähert. Es 
war meistenteils etwa so, als ob, am Rande eines Gewässers, 
über die darin unsichtbar schwimmenden Fische Meinungen 
getauscht würden: entweder philosophisch über sie fabelnd oder 
aber was davon herausangelnd, um es toter Beute zuzuwerfen, 



11 



die schon bereitlag zur exakt vor sich gehenden Zerlegung, 
Erst jetzt wird der wunde Fisch vom Angelhaken genommen, 
um so — untersuchbar an seiner Verwundung wie ein Totes — 
dennoch vom Fiscli-Wesen zu künden, ehe er wieder unter- 
geschlijpft ist in sein Element. Das ist, wie mir vorkommen 
will, bedeutungsvoll geworden für unsere Art, überhaupt die 
Begriffe von Gesetzmäßigkeit und Kausalität praktisch anzu- 
wenden. Daß mit der Determinationsfrage die Psychoanalyse 
stehe oder falle, ist Ihre klare Äußerung darüber. Aber es 
vollzog sich daran von selbst das Determinieren in einem 
Doppelsinn: zugleich in Anwendung der verstandesgemäßen 
Diagnose am Einzelstück, und auch von immer neuen Be- 
gründungen und Bedingungen angeschlossen ans Gesamte 
lebendigen Wesens, je tiefer hin es sich noch der Verstandes- 
methode nähern läßt. Am frappantesten hatte es sich Ihnen 
in der Traumwelt aufdrängen müssen, wie, von Schicht zu 
Schicht, an den jeweilig sich ändernden Lageverhältnissen der 
Einzelheiten das kausal Erfaßte sich „überdeterminiert" sah, 
indem Bewirkendes und Bewirktes sich immer tiefer kreuzten: 
schier unerschöpfHch selbst für die Deutungsarbeit eines ganzen 
Menschenlebens. Was aber nahmen Sie da mit Ihrem „Über- 
d et erminierungs" begriff einfach vorweg? Etwas von dem, was 
seither im wissenschaftlichen Betrieb längst anstatt der „Kausali- 
tätsreihe' den „Konditionalismus" einführte und weiter der 
Auffassung Raum gab, daß nur in willkürlich geschlossen 
gedachten Systemen mit erkannten Bedingungen auszukommen 
sei. Denn unsere, logisch zu bewältigenden Außenerfahrungen, 
sich wissenschaftlich mehrend und ausnutzbarer von Tag zu 
Tag, mögen sich ebensoweit erstrecken ins noch Unerfindliche, 
wie unsere Innenerfahrungen tief und tiefer gehen. 

Für uns Psychoanalytiker folgt daraus aber drum auch genau 
dieselbe Notwendigkeit nur um so determinationsstrengerer 
Handhabung unserer Technik und Methodik, wie für die 



12 



Naturwissenschaft die ihre. Lediglich am jeweilig erschlossenen 
Stück schützen wir uns vor dem Unzulässigen und Unzuver- 
lässigen subjektiver Mutmaßungen, die sich in die Wissenschaft 
nisten wollen, und wiederum sie hemmend hineinmischen m 
dieVoraussetzungslosigkeit frei flutender Erlebniseindrücke. Wo 
unsere Gegner - oder uns bloß „Wohlwollende" - so gern 
mit ihrer Synthetik anrücken, womit sie die Psychoanalyse 
ergänzt wissen möchten, begehen sie damit nur derartige Ver- 
unreinigungen — indem sie sich als Ratgeber pädagogischer, 
moralischer, religiöser oder sonst welcher Sorte hinzugesellen. 
Anstatt des überheblichen Vertrauens, das sie damit sich selber 
zollen, sollten sie Heber dem unbewußten Besserwissen eines 
wahrhaft Gesundeten vertrauen, der, wie der seinem Element 
zurückgegebene Fisch, keinen Wegweiser im Wasser braucht, 
und den man damit nur auf fremdem Boden aufhält. Noch 
ganz abgesehen davon, wie sehr damit wieder angeknüpft würde 
an die Ursachen seiner Erlaankung: an die eben erst abge- 
tragene Hörigkeit seiner Infantilität. -- — — - 

Mit Recht haben Sie darauf hingewiesen, wie normal es 
sei, wenn der Analysand seines Analytikers nicht mehr viel 
gedenke, so wie der Gesunde seiner Medizinflasche nicht weiter 
anhänge. Hingegen kann ich es mir nur schwer vorstellen, 
daß dies sich umkehre: schwerlich vergäße der Analytiker 
seines gewesenen Analysanden, eben wegen des unwiederhol- 
baren Schauspiels, das er ihm bot. Denn worin besteht, ge- 
nauer betrachtet, das jedesmal Einzige der seelischen Situation? 
Darin, daß nur innerhalb ihrer dem Forscher in uns sich ein 
Material bietet, wie es, so intim und lebensnahe, selbst dem nächst- 
stehenden Freunde noch entginge, und daß dennoch gerade 
seiner rein forscherischen Zuwendung dazu sich die Tiefe unseres 
Allmenschentums auftut, als ob sie sich seiner eigenen Selbst- 
erkenntnis erschlösse. So handelt es sich um ein Doppelergebnis 
von Geben und Nehmen, indem das Forschungsziel nur er- 



— i3 - 



I 



reichbar wird auf Grund eines Erlebens von Mensch zu 
Mensch, und dies Erleben seinerseits doch nur als der Erfolg 
forscherischer Objektivität. Sieht der Analytiker dann, am Ende 
seiner Arbeit, wenn sie wahrhaft erfolgreich war, den Davon- 
schreitenden vor dem eröifneten Tor, das ins Leben des Tages 
zurückführt, dann steht er sich wohl einmal die stille Frage: 
„würdest auch du das haben überwinden und leisten können?" 
um so mehr, als ihm aufgehen mußte, wie oft ein Sturz ins 
Neurotische seine Voraussetzungen in feinsten seelischen Ehr- 
geizen und Überanstrengungen hat. Im letzten Gruß bei der 
Trennung hegt deshalb zugleich etwas vom ernstesten Respekt, 
den der Mensch dem Menschen schuldet. ■.- 

Wissen Sie aber, woran mich dies auf das stärkste erinnert? 
An ein Kolleg von Ihnen aus dem Wintersemester 1913. Daran 
wie Sie, nachdem Sie uns einen Neurosefall ein paarmal rückwärts 
Schicht um Schicht, klargelegt hatten, — ihn plötzlich, mit leichter 
Hand, fast wie man einen Kuchen aus seiner Blechform stülpt 
mit einem Griff in unversehrter Ganzheit vor uns zur Sicht- 
barkeit hoben. Was in jenem Augenblick mich — uns — er- 
schütterte, war die unausweichhche, von Ihnen absolut nicht 
beabsichtigte, Empfindung, Gewißheit: Menschenleben — ach! 
Leben überhaupt — ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben 
wir es, Tag um Tag wie Stück um Stück, in seiner unan- 
tastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns. Weit, weitab 
von der alten Phrase vom „Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk- 
machen" (von welcher Selbstbespiegelung am sichersten, ja 
eigentlich allein, Psychoanalyse heilt); wir sind nicht unser 
Kunstwerk. 

Aber mir wurde daran vollends klar, was sich mir schon 
oft aufgedrängt hatte: warum in der erwähnten Gegenüber- 
tragung des Analytikers auf den Analysanden, in der Art 
semes Interesses für ihn, etwas überraschend Analoges sich 
findet vom Verhältnis des Dichters zu seinen Gestaltungen. 



— 14 — 



Es ist jener Grad von Objektivität, Neutralität, bei restloser 
Drangabe, die, unterirdisch, unwissentlich, ganz und gar auf 
letzter menschlicher Gleichheit beruht. Deshalb unberührt 
bleibt vom Umstand, ob sich da etwas gestaltet, was, bei 
individueller Wahlfrage, abgelehnt würde, ob nicht geradezu 
abstoßende Züge, eifrig aufgedeckt und eingezeichnet, sich 
daran kundtun, — von uns selber, ganz rücksichtslos in bezug 
darauf, bleibt jene affektlose Verbundenheit, die z. B. macht, 
daß man empört Jemandem an die Gurgel springen möchte, 
der von einer so geschaffenen, beschaffenen Gestalt angewidert, 
äußern wollte, sie sei ihm lediglich verächtlich. Man könnte 
die zwei Arten der Bezogenheit zum Objekt — bei Ana- 
lytiker und Dichter — als unvergleichbar ansehen, trotz 
diesem gleichen Absehen vom „bitte recht freundlich" des 
Photographen, trotz diesem zuversichtlichen Sichhineinver- 
setzen in die innere Lage eines Menschen, gleichviel wie 
sie sei, als läge sie in jedem Fall richtig zu einem selber; 
man könnte an der Gegensätzlichkeit der beiden Methoden 
Anstoß nehmen, als einer möglichst analytisch und einer 
möglichst synthetisch gerichteten. Und dennoch besagt deren 
GegensätzUchkeit im wesentlichen nur, daß das eine Mal ein 
Gewebe nach seiner Linksseite betrachtet wird, auf den Ver- 
lauf der einzelnen Fäden, deren Verschlingungen und Knoten- 
punkte — und das andere Mal auf das Totalmuster der 
Rechtsseite und dessen übersichtlichen Eindruck. ' 

Nicht nur im Erkrankungsfall ist es, daß das „Muster 
rechts", der Gesamteindruck, nicht voll sichtbar wird, es 
gibt auch eine Art des Gesundseins, die davon abhält, indem 
jemand mit einem zu Wenigen seiner Wesensmöglichkeiten 
vorlieb nahm. Nicht ganz selten, z. B. bei „Lehranalysen", 
im Suchen nach dem persönlichsten Punkt, woran die „Lehre" 
praktisch aufgehen kann, kommt einem die Frage: „Hiebst du 
nicht zu gesund?" anstatt der gewohnteren: „woran erkranktest 

— i5 ~ 



du?' Und da kann man an Stelle der zwei üblichen 
„Widerstände" in der Analyse — dem Festhalten am Ver- 
drängerischen und dem Festhalten an der Symptomatik des 
Verdrängten — einen dritten Widerstand erfahren, der zu- 
nächst sehr berechtigt erscheint, so sehr, wie die wohlbewahrte 
Gesundheit des Betreffenden selber: gilt sie doch der Unlust . 
Einbrüche in sein wohlgezimmertes untadeliges Häuschen und 
seine Siebensachen darin, gutzuheißen ~ gewissermaßen die 
Einheitlichkeit seiner Person antasten zu lassen. Es handelt 
sich dabei um die u neingestandene Furcht, die allzu früh 
und fest um uns gebauten vorsichtigen Gewöhnungen könnten 
plötzlich gleichsam transparent werden unter der Durchleuch- 
tung weiterer, größerer Bauumrisse, als wir bei unserm zu 
engen Plan berücksichtigten, — ja, sie könnten in ein Grenzen- 
loseres verzittern, als wir jemals riskiert hätten. Gesund und 
„gesund" ist deshalb wohl zu unterscheiden, will man nicht 
der Mißdeutung Vorschub leisten, die uns manchmal vor- 
wirft, wir überschätzten das Gesundmachen, und manche 
Krankhaftigkeit erschlösse die fruchtbareren Möglichkeiten. 
Krank heißt uns das Funktionsgestörte, gesund kann aber falsch 
definiert werden als das an Substanz Verkürzte, innerhalb 
davon aber Intakte. Was man „Masse Mensch" zu nennen 
pflegt und vor individuell Vorragenden abzuheben, fällt mit 
diesem Begriff nicht zusammen j der an individueller Ent- 
wicklung durch Umstände Behinderte kann den vollen Zugang 
zu seinem Urgrund haben, als zu dem, was vom Unbewußten 
lebensschöpferisch in ihm emporströmt j andererseits kann der 
Entwickelteste diesen Zugang mißachtet haben, als unvorteil- 
haft für das, was Verstand und Praktik aus seinem Schicksal 
machen möchten. Solche bloße Ausnutzung und bewußte 
Kombinierbarkeit des Allgemeinsamen, anstatt des Sichüber- 
lassens der eigenen Tiefe, stellt ihn als um vieles Verkürzten 
dar, trotz aller Erfolge auf der Oberfläche. 



— a6 — 



Wo eine Analyse sich voll auswirkte, da wird sie deshalb 
dem Genesenen zu einer verstärkten Vision von seiner eigenen 
Gestaltungsinöghchkeit. Die Heimkehr zu sich vollzieht sich 
ihm als zu etwas, was wohl er ist, aber auch mehr ist als 
er: das erhebt sich ihm gestalthaft, um aus Vergessen stem, 
Urvertrautestem, in ihm nun erst Auftrieb zu werden zu 
persönlichem Eigenleben. Darum anders, als bloßer Vorsatz' 
fühlbar würde, oder Entschluß, bloße Einsicht ins Krank- 
machende oder nur dessen Verurteilung — nein, befreiter 
Triebausbruch muß sich darin wandeln zu erneuter Liebes- 
seUgkeit. Mit Bedacht wähle ich dies starke Wort: Genesung 
ist eine Liebesaktion. Einkehr in sich wird erst Heimkehr 
im Gefühl eines Empfangenwerdens, Beschenktwerdens im 
Insgesamten; wird erst daran eigener Impuls zur Betätigung, 
an Stelle des alten In-sich-Stecken-Bleibens und Ins-Leere- 
Gehens. Durch Psychoanalyse wurde ]a nichts — wie ein 
aus der Luft gegriffenes Ausgedachtes — geschaffen, es wurde 
nur etwas aufgegraben, ent-deckt, aufgedeckt, bis — wie unter- 
irdisches Gewässer, das man wieder raunen hört, wie auf- 
gehaltenes Blut, das man wieder pulsen spürt, — Zusammen- 
hang sich uns lebendig bezeugen kann. Psychoanalyse ist 
nichts als das Entblößungsmanöver, das, vom noch Kranken 
als Entlarvung gemieden, vom Gesunden als Befreiung erlebt 
wird? deshalb sogar dann noch, wenn die inzwischen unver- 
ändert gebhebene Außenrealität ihn mit Schwierigkeiten noch 
so umdrängt: denn zum ersten Male gelangen Wirklichkeit und 
Wirklichkeit damit zueinander, anstatt Gespenst zu Gespenst. 



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Andreai-Salomf 1 ^ 



U-.-i-:-^*:. IV. 



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■ ;-v-> t. 



Ich denke, Sie könnten finden, daß ich reichlich emphatisch 
von den möglichen Erfolgen voll durchgeführter Analyse 
rede (also von einer solchen, bei der die Zeit zur Vollendung 
nicht abgeschnitten wurde, und die Ausdauer des Genesungs- 
wunsches nicht versagte). Dennoch gründete sich, was ich 
da behaupte, auf Ihre Feststellung von dem, bis wohin alle 

Analyse gelangen sollte, um Erneuerung zu veranlassen 

nämlich bis zu jenem Urgrund in uns selber, den Sie den 
„narzißtischen" getauft haben: der letzt-erkennbaren Grenze 
unserer Zuständlichkeit, über die hinaus „unsere grobe Ana^ 
lyse" nicht mehr reicht. Wovon Sie mir 1912 zuerst mündlich 
sagten, und was dann als „Einführung des Narzißmus" 
einen so entscheidenden Vorstoß in die psychoanalytische 
Weiterforschung bedeutete, das ist mir allerdings dauernd vor- 
gekommen wie eine nie genügend ausgebeutete Einsicht: und 
zwar darum, weil von unseren Autoren meistens das Narziß- 
tische unscharf mit „Selbsthebe" umschrieben wird. Auf meine 
Klage darüber geben Sie schrifthch einmal zu, es würde 
vielleicht bewußte und unbewußte Selbstliebe da nicht genau 
genug unterschieden; aber enthält nicht eben dies den Punkt, 
wo „Selbst" sich in seinen Gegensatz herumgedreht sieht? 
Das heißt, wo die Liebe zu sich noch unabgehoben mit- 
enthält — selbst-los — den urtümlichen Zusammenhang mit 

— 18 — 



allem ? Dieser Nabelstrang, der unvernichtbar im Hintergrunde 
unserer bewußten Trieb erregungen wirksam bleibt — am 
unverkennbarsten eingewurzelt unserer Körperlichkeit, unserm 
eigenen unabtrennlichen „Außen", das wir dennoch selber sind, 
— machte doch den neuen Terminus erst notwendig. 
Im Gebiet des Körperlichen kann am ehesten Verwechslung 
von „Selbstliebe" (im üblichen Wortgebrauch) mit solcher, 
das Selbst noch nicht vereinzelt heraushebenden AUes-in-eins- 
Umfassung stattfinden, sofern ja an unserer Physis sich uns 
Innen und Außen dauernd so widerspruchsvoll gemeinsam 
darstellt. Veranlaßte Sie dies doch, fürs Narzißtische das Bild 
von den Moneren anzuwenden, die Scheinfüßchen aussenden, 
um sie stets wieder im eigenen Protoplasmaklümpchen auf- 
zulösen — so wie wir vor jeder neuen Objektbesetzung unsere 
Libido in uns selbst zurücknehmen wie in ein Reservoir 
noch ungegliederter Ichwelt und Umwelt. (Übrigens kann 
ich nicht umhin, hier, als Einschiebsel, ketzerisch heraus- 
zusagen, daß der voll ausgebeutete Narzißmus begriff den Ihres 
spätem ,}Es" erfreulich überflüssig zu machen scheint, dem 
ich nicht gut gesonnen bin. Denn das Es schildert keine Zu 
ständlichkeits grenze mehr, sondern erstreckt sich darüber 
hinaus in philosophische Begriffsbestimmungen, deren es drum 
bald schon so viele Esse wie Philosophen gibt, was psycho 
analytisch beirrend bleibt, als setzten wir uns da schon an über- 
besetzten Tisch.) 

Ich sehe einen Grund, warum man der großen Bedeut- 
samkeit des primär Narzißtischen nie voll gerecht wird, darin, 
daß uns Menschen unwillkürlich das spätere bewußte Selbst 
lediglich von der Seite des errungenen Gewinnes über den 
urhaften Zustand inne wird. Uns bleibt nicht recht gegen- 
wärtig, inwiefern jenes im Vergleich zu diesem doch auch 
notgedrungene Beeinträchtigung in sich begreift. Unsere volle 
Individualisierung und Bewußtheit von uns selber wäre ja 

— 19 — 



nicht nur ein Mehr, eine Zutat, Zunahme von — sozusagen — - 
Vorhandenheit, sondern gleichzeitig auch eine Einbuße, ein. 
Abstrich an unteilbar Wirklichem. Abgesetzt sein zu Geson- 
dertem, Eigenem heißt stets doppeldeutig: abgehoben und: 
beiseite gesetzt. Und dieses Umstandes eingedenk zu bleiben, 
erscheint umso wichtiger, als das „Grenz- Narzißtische" lebens- 
länglich in einer Doppelrolle aufzutreten hat: sowohl als Grund- 
reservoir aller seelischen Äußerungs weisen bis ins Individualisierte 
oder Subtilste hinein, wie auch als Stätte jedes Zurückrutschens, 
jeder regressiven Tendenz, vom Ichentwickelten weg zu dessen. 
Anfangsäußerungen durch pathologische „Fixierung" an die 
Infantilität. Gleichwie unsern Organen, mögen sie sich noch, 
so differenziert haben, eine Protoplasmareserve verbleibt, aus der 
sie ihre Lebensfähigkeit beziehen, und wie andererseits dennoch, 
in der Fähigkeit zur Differenzierung bis ins einzelste ihr Leben 
sich erweist. Ist doch dies die eigentliche Aufgabe der Psycho- 
analyse, die Voraussetzung für ihr praktisches Meisterstück: 
den Angriff gegen das Pathologische, Zurückgebildete zu 
leisten, zwecks Freilegung des schöpferisch Lebendigen im 
selben „Narzißmus". 

Jenseits dessen, was noch als Zuständlichkeit erhaschbar wird, 
entlang narzißtischer Grenzbekundungen, verbirgt sich seelisches 
Erleben unserm bewußten Nachprüfen schon in Vorgänge 
biologischer Natur — d. h. von da ab vollziehen wir schon 
den Umschwung, wonach seelisch Benanntes uns nicht mehr 
seelisch begleitbar ist, sondern nur von außen her untersuch- 
bar, unserer Bewußtheit gegenübergestellt als Körperlichkeit. 
Nur an einem Punkt können wir vermeinen, den Umschwung 
selber noch mit Händen zu greifen: als etwas, das gleich- 
zeitig in seelische Erregung umgesetzt und doch auch als 
physiologischer Vorgang, d. h. „von außen her", zu verfolgen ist: 
im sexuellen Vorgang. Fast dünkt es einen merkwürdig, warum, 
gerade hieran das blöde Anti-Freud- Geschrei wegen Über- 



»o 



Schätzung des Sexuellen sich erhob: muß man denn nicht, 
um die Sprossen einer Leiter zu besteigen, diese zuvor am 
Boden, von dem sie aufsteigt, in Augenschein nehmen? d. h. 
also da, wo Leiter und Boden sozusagen noch ein und das- 
selbe gelten? Noch bei den „beseeltesten" Kundgebungen fällt 
die ganze Leiter um, wenn sie von ihrem Grund und Boden 
verrückt wird (es müßte denn die bekannte Himmelsleiter 
sein). Und insofern bleibt es sich dafür gleich, an welcher 
ihrer Sprossen man sie auf ihren „sublimierten" oder körper- 
krassesten Befund untersuchte. Ja im Gegensatz zum sonst 
üblichen und löblichen Brauch, die Dinge, von denen man 
reden will, zuvor säuberlich zu definieren, würde man deshalb an 
diesem Punkt noch am besten die Benamsungen durcheinander- 
werfen (wie Sprossen eben Sprossen bleiben und auswechselbar 
sind), ob nun die Rede geht von Sexuahtät, Wollust, Ge- 
schlechtlichkeit, Eros, Liebe, Libido oder sonst was davon. 
Denn das Leibliche, das Trennende von Ding zu Ding, 
von Person zu Person, steht ja in dem „offenbaren Geheimnis", 
das zugleich die Innenvorgänge und die des Außen durchaus 
und allein Einigende zu sein: ist unser eigener Leib ja doch 
nichts als unser nächstbenachbartestes Stück Außerhalb — uns 
untrennbar intim, identisch, und doch auch von uns dermaßen 
geschieden, daß wir ihn gleich allem Übrigen der Dinge von 
außen her kennenlernen und studieren müssen. So ist er auch 
in unsern Objektbeziehungen gleichzeitig trennende Schnitt- 
fläche zu allem wie auch Treffpunkt mit jeglichem — unser Ab- 
grenzendstes wie unser Allgemeinsamstes — bis in die chemische 
Formel hinein, die uns noch dem Anorganischen als Dasselbige 
angleicht. Dieser Umstand stelh unsere Leiblichkeit so genau 
in den Mittelpunkt allen Liebesgetriebes zwischen den Objekten, 
mitten auf die Triebbrücke, die, von unserer Isoherung durch 
den leibpersonalen Umriß, hinüberführt zum Allverwandtsein 
durch die Leiblichkeit, als verwahre sich in ihr, und nur in 



31 



ihr, die Urerinnerung an unser Aller Gleichheit, von der 
unsere Liebesaritriebe des einen zum andern sozusagen noch 
einen Restbestand bilden. Doch andrerseits erwächst in Jedem 
auch eine Leibfeindlichkeit infolge dieses Widerspruchs der 
Urtendenzen zur eigenen Ichentwicklung, die ja, in ihrer Per- 
sonalbegrenzung, ebenfalls was auf sich hält, also viel dagegen 
hat, überrannt zu werden und sich einigend aufzugeben. Dies 
doppeldeutige Verhalten zum Leiblichen, diese „Ambivalenz" 
unserer seelischen Einstellung dazu, hat der Schöpfer des Ter- 
minus (unser alter Freund imd Widersacher Bleuler) mit Recht 
vermerkt; auch ohne jede „ethisch" gerichtete Erklärung ist 

solches hemmendes Prinzip in unsere Struktur eingebaut ■ 

als Festung gegen das Üb erranntw erden. Denn wie man das 
darunter Befürchtete auch nennen mag — ob Sexualrausch 
Triumph des Eros, Liebesmacht oder Stachel der Wollust oder 
mit anderen seiner vielen Taufnamen, es bleibt in jedem Fall 
Teilhaberschaft am Unbewußten und deshalb ein Gewaltaus- 
bruch gegenüber den geordneten Befestigungen unseres Ich- 
bewußtseins. 

Nichts erscheint dafür bezeichnender als die Tatsache, daß 
unsere frühsten Sexualphasen zugleich eine passive und eine 
aktive Komponente aufweisen, eine des Hin gegebensei ns und 
eine der sich wehrenden oder bemächtigen wollenden Aggres- 
sion, daß also in Gegensatzpaaren hervortritt, was an infan- 
tilen Partialtrieben sich an den erogenen Zonen des Leibes 
entfaltet (wie es nach Ihrer Feststellung unser unersetzlicher 
Abraham des nähern ausgeführt hat). Es macht den Eindruck, 
wie wenn das untmterschieden und unbewußt noch AUes- 
enthaltende sich, wenigstens in diesem Einbegreifen selbst seines 
Gegensätzlichen, noch durchsetzen wollte beim Übertreten ins 
Bewußte (wie es am Speziellsten der — drollig-persönlich 
so genannte — Sadomasochismus in sich vereint). Wenn daher 
C. G. Jung die Freudschen „Partialtriebe" ganz insbesonders 



32 



■ i! 



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beanstandete, als fielen Sie damit zurück in die alte Schul- 
psychologie der einzelnen „Vermögen", so kann man umge- 
kehrt finden, nichts sei einleuchtender als diese Auffächerung, 
Auffaltung des Urdrangs ins leibhch Einzelne - gerade wie eine 
letzte Liebesverkündigung vom ganzen Rand des Leibes, ehe 
sie sich, mit dessen Ausreifung, zusammenzieht in ein Extra- 
behältnis am selbständigen Individuum. Man meint zu sehen, 
wie uranfänglich die gesamte Hautdecke sich sehnsüchtig 
streckt nach der abgerissenen Fortsetzung vom Mutterinnern, 
die noch keines Triebdranges bedurfte, um einverleibt zu sein 
im Ganzen^ orale Wollust schlürft mit der Brustmilch noch 
sich selbst — einen Augenblick lang noch wahrhaft auto- 
erotisch, bis mit dem Durchbruch des Zahnens schon aggres- 
sivere Bemächtigung den „Andern" dahinter vorhanden ahnt 

als den zu Unrecht einem selber entrissenen Eigenteil^ 

in der Liebesreife kommen wir am allerhebsten auf diese 
Vorlust" der Mundzone zurück, wo, wie in den Gepflogen- 
heiten ältester Volksstämme, sich Leibhaftes mit Sinnbild- 
lichem, Kannibalismus mit Sakraldienst bindet. Ein Mächtiges 
ist überhaupt an diesen frühinfantilen Sexualphasen, daß Leib- 
haft und Seelenhaft noch so ineinandergesammelt bestehen, 
weil mit dem noch geringen Von-sich-selbst- Wissen des Men- 
schen auch dasjenige noch fehlt, was später die „zwei Seelen 
in seiner Brust" entzweit: nämfich die Verpönung. Mir ist 
das am stärksten aufgefallen an dem am frühsten verpönten 
der Sexualtriebe, dem analen, dessen verächtliche Benennungen 
geradezu lebenslänghch von der Verpönung alles Unmorali- 
schen übernommen werden: wie „Auswurf", „Schmutz", „Ekel- 
erregendes", „Niedrigstes", in „übelstem Geruch Stehendes" etc. 
Darüber wird, oft auch von uns fast, außer acht gelassen, ein 
wie ungeheuer Wichtiges auch positiv sich am Erlebnis des 
Analen vollzieht in Hinsicht auf unsere geistige Einstellung 
zur Welt; im Kampf um die erste Reinlichkeit erfährt das 

— aS — 



Kleinkind seine körperlichen Ausscheidungen zugleich als einen 
Teil Draußen, als Fremdobjekte, die entfernt, verworfen werden, 
und doch auch noch als sich selbst, als seinen Eigenteil, den 
es in und um sich behalten möchte; unterschieden und selbst- 
bezogen erfährt es daran, an Stelle der autoerotischen Ver- 
wechslung, eine Überbrückung von Innen und Außen gerade 
an deren Unterscheidung: und eben dies ist ja der Auftakt 
zu unserm lebenslänglichen geistigen Tun — zu dem Zusammen- 
wirkenlernen der immer weiter gehenden Unterscheidungen 
und der triebstarken Umklammerung, die das Weltgegenüber 
mit uns inein and erhält. Subjekt und Objekt in ihrer ewigen 
Problematik geraten deshalb von dort aus nicht nur bis in 
die philosophischen Spekulationen der erwachsenen Leute 
sondern werden auch noch einmal Person und reifstes Gefühls- 
erlebnis: in der glorreichen Befähigung der Mutter, ihr Ge- 
borenes gleichermaßen als sich wie als Teil außerhalb ihrer 
zu empfinden — letzte Quelle jegHcher Bindung, wie auch 
für uns Bewußtseinsmenschen, jeghcher geistigen Bewußt- 
machung des Weltgegenübers, das sich an der Enge unseres 
Einzeltums abgrenzt. 

Sind die frühen Sexualphasen — etwa das verlangende 
Tastgefühl, der orale Einverleibungs- oder anale Entäußerungs- 
trieb — dem Liebesobjekt entgegenkommend gerichtet, so 
gibt es auch noch eine infantile Wendung, die sich charakte- 
ristisch davon abhebt; einerseits schon ganz auf das Genitale 
vorausgerichtet, trotzdem das ja erst mit der Pubertät zu 
seinem Vollzug am Objekt zu kommen hat, andrerseits zu 
etwas Autoerotischem zurückgebogen, das doch schon im 
Frühesten aufhört, in sich selbst steckenzubleiben. Daraus 
erklärt sich ein wenig von der ehemals einmütigen Verpönung, 
von der das menschliche Onanieverfahren noch verdammender 
betroffen wurde als irgend eine sonstige Kinderwollust — wenn 
auch durch die Vielfältigkeit ihrer Techniken ziemlich verschmitzt 



— 24 — 



verborgen, jedenfalls nur allzu gern übersehen. Denn man 
muß schon bis auf die Antike zurückgehen, um auf eine Ge- 
sinnung zu stoßen (wie die von Ihnen vermerkte), die den 
Liebestrieb als solchen feiert und nicht speziell seine Bezogenheit 
auf sein Liebesobjekt, auf die Treue zum Partner, die Opfer 
für ihn, alles in allem also zugleich eine ethische Bezugnahme, 
bis endlich in der Liebesirage sich „Leib" und „Seele" vollends 
streitend gegenübersteh n. Das äußert sich förmlich erbittert 
an der Onaniefrage, so daß verschiedenartige Tendenzen darin 
nicht einmal unterschieden wurden — wie z. B. die physio- 
logisch veranlaßte frühinfantile masturbatorische Reizung, oder 
Masturbation als unverbindhcher Notbehelf bei realen Ver- 
sagungen im Lebensschicksal, oder eigentlicher Onanismus als 
Bevorzugung des masturbatorischen vor dem partnerischen 
Sexualziel, was pathologische Hintergründe zu haben pflegt. 
Während wirklich schädigend in allen drei Fällen nur das 
(allerdings im Unpartnerischen besonders naheliegende) Zuviel 
ist, bringt moralistische Androhung und Strafe bekannthch 
erst die wahre Schädigung zustande durch die dabei geweckten 
Schuld- und Angstauswirkungen, die folgenschwer bleiben 
weit über diese aufgebauschte Angelegenheit hinaus. Daß 
Schuld- und Angstgefühle hierbei so erstaunlich stark reagieren 
wie bei keiner sonstigen Strafandrohung, weist hin auf ein 
Wesentlichstes bei diesem infantilen verpönten Tun: auf die 
es begleitenden Phantasien. Im Kampf zwischen der ur- 
sprünghch festgehaltenen „Allmacht der Gedanken" unserer 
Infantilität und deren Nichtbeachtung durch enttäuschende 
Realität fällt der Phantasie ein Ausgleich zu, ebenso empfänglich 
und empfindlich gemacht für das real Strafdrohende wie für 
das heiß Ertrotzte des Ersehnten. Beides aber vollzieht sich mit 
jener Gewalt, wie sie nur die Leidenschaftlichkeit der Früh- 
erregungen aufbringt, die noch keinerlei dämpfender Auseinander- 
setzungen mit Praktik und Logik fähig ist Im kleinen Kinde 



-1 



— »5 — 



Il 



allein ist noch ein Ineinanderfließen von Wirklichkeit und 
Phantasie möglich, wie später höchstens der geborene Künstler 
es wiedererfährt, der aus dieser Quelle für die Traum- 
wirklichkeit seines Werkes schöpft, oder wie sie dem Kranken 
widerfährt, der darin, ertrinkt. 

Ich erinnere mich der alten Diskussion zwischen Ihnen und 
C. G. Jung, wo es um das Problem ging (vermerkt in der 
„Infantilneurose"): „Urerlebnis oder Phantasie" bei den ersten 
Sexualreminiszenzen, und wo sich mir ganz stark aufdrängte: 
es handle sich nicht um das eine oder das andere, sondern 
um den Umstand, daß beide einander gemeinsam fördern — - 
ja ermöglichen. Im Kinde allein bleibt dazu noch genügendes 
Überbleibsel von seiner „autoerotischen Verwechslung" her, von 
Schwäche der Abgrenzung zwischen real aufgenommen und 
hineinphantasiert; die Welt, die das Kind als alleinige nächste 
umsteht, bietet sich diesen doppelten Bezugnahmen so intensiv 
als raffe es die gesamte Bedeutung des unbekannten Weltganzen 
noch in sich^ der gehebteste Elternteil ist so traumüberschüttet, 
wie später der gehebteste Mensch nur annähernd für uns 
zum überschwänglichen Inbegriff von Himmel und Erde 
werden kann — andrerseits aber ist er die Realität selber 
unverkürzt, auf das Rind zustürzend und es in sich reißend. 
Erst an den erfahrenen Enttäuschungen klaffen faktisch Innen- 
vorgang und Außengeschehnis allmählich auseinander. Das 
Liebesobjekt kann gar nicht genug traumgewendet und gar 
nicht genügend real-bezogen gedacht werden, um sich diese 
frühe Erfüllung vor den Lebensenttäuschungen, die uns dann 
so klug machen, zu vergegenwärtigen. Der Ödipuskomplex 
wird damit irgendwann, in solcher Morgendämmerung des 
Bewußtseins, erlebt, wird heimUch erfüllte Tatsache, und 
deren Abgleiten ins durchaus Unerfüllbare — man möchte 
sagen: aus Nachtheimlichkeit in den Tag — muß zu den 
gewaltigsten Nachwirkungen der Frühzeit in das ganze spätere 

— »6 — 



.'A.^ 



"( 



Dasein gehören. Der Kontrast von dem gleichsam stumm und 
nachtdunkel ReaHsierten und dem Hineingestelltsein vor dies 
hell von Tagesnüchternheit Beleuchtete muß für das Kind 
zwischen seinen Eltern oder Pflegern unaussprechlich bestürzend 
sein; es bleibt drum auch „unaussprechlich", bleibt zweierlei 
Welt, verschwiegen, bis es dem Kinde, wortlos geblieben, in 
sänftigende „Verdrängung" entgleitet, und das umso eher, je 
sorgfältiger auch die Eltern das einst von ihnen selbst Durch- 
gemachte verdrängten als das, „wovon man nicht spricht". 
Hinter jedem Kinde liegt das Geheimnis einer verhehlten 
Vergangenheit", un eingestandener als irgend etwas, was man 
später zu vergessen trachtet oder vor sich selber zu verleugnen 
sucht. An diesem Ereignis wird die große Probe gemacht 
auf das Gesundbleiben: hier hängt alles Spätere davon ab, 
ob man sich die geheimnisvollen Glückserfüllungen, die erst- 
maligen Liebesaktionen, die entscheidende Umarmung mit dem 
Dasein, hat gönnen können und ob trotz alledem, an Stelle 
dieses Allzuvergänglichen, mit der Zeit Übertragungen auf „ich- 
gerechtere" Anpassungen an Umwelt und Mitmenschen sich 
ermöghchen oder nicht. Hier entscheidet sich also Krankheit 
und Gesundheit fürs ganze Leben, das Steckenbleiben im 
Infantilen statt der Weiterentwicklung in die menschliche Reife 
oder die am Infantilerlebnis gewonnene Fähigkeit zum Über- 
stehen alles Weitern. . - 

Doch auch wo ein Mensch diesen Gefahren entging, geschieht 
das Scheitern seiner allmachtsüchtigen Wunscheinstellung nicht, 
ohne daß sich ein Zug der Resignation, der vernunftgeborenen 
Ergebung — Ergebung in das Menschentum! — seinem 
seelischen Antlitz einzeichnet. Ist es doch dies, was ihn den 
Erkrankten verstehen lehrt, wenn es auch nur eine gleiche 
Spur, eine verheilte Narbe, keine dauernde Verwundung in 
ihm selber bedeutet hat. Wenn wir an Kindern, wenigstens 
ehemals, zu selten was davon bemerkten, so kommt es namentUch 



— 37 



davon her, daß die kleinen Kinder so vorwiegend nur körper- 
begreiflich aber seeUsch noch unentdeckt dastehen, man ihre 
Schmerzen und Urwünsche daher unwillkürlich harmlos 
nimmt — während der Erwachsene von uns dafür um so 
leichter ins Dämonische übertrieben wird, obschon die Dämonie, 
die noch am Werdenden schafft, in ihm schon zur Angleichung ans 
Praktisch-Logische gelangte : d. h., was er erlebt, schon ein Sekun- 
däres ist. Denn was wir vollbewußt erleben, geschieht schon wie 
zu Füßen gigantischer Urformationen, zu denen erstmalig die 
Erdmassen ins Ungeheure vorstürzten, bis ihre Gliederung 
zu der uns vertrautern Landschaft von Vorbergen und Seen, 
Wäldern und Wegen werden mag. Nur wer sich im Un- 
wegsamen des Primären verirrte, in den uralten Vergletsche- 
rungen des Gebirges, weiß — ohne daß er die Mitteilung 
davon herabbringen konnte — noch davon. Aber den Charakter 
und die Art der Belichtung empfängt auch unsere vermenschlichte 
Landschaft durchaus noch von jenem Gigantenmäßigern, das 
dem Blick von untenher ins fast Unsichtbare entschwebt, ver- 
schwimmend mit dem Unkonsistenten traumähnlicher Wolken- 
züge. Auf harmlose Idyllik oder nutzbare Praktik allein ein- 
gerichtetes Dasein ist eine Selbsttäuschung ^ das Sekundäre, 
Menschbewußte daran voll durchleben, heißt schon es er- 
leben angesichts von Hochdarüberragendem, das es ganz und 
gar umfängt. 

Was Sie vom zweimaligen Ansetzen der Sexualität sagen, 
als von einer Wesenseigentümlichkeit des Menschengeschlechts, 
gehört für mich auch noch hierher. Das noch sexual All- 
seitige, wie es von den erogenen Zonen in Partialtrieben 
sich ausbreitet, ebbt ab mit dem Heranfluten der Genitalität, 
worein es sich dann sammelt: nur noch als „Vorlust" in ihrem 
Dienst vonnöten, wie auch seinerseits das Genitalprimat auch 
bereits in den frühzeitlichen Sensationen anspruchsvoll auf- 
taucht (zwischen diesem sich begegnenden Ab- und An- 



— aS — 



s\ 



steigen bildet sich in der Mitte wohl der, sexuell verhältnis- 
mäßig „tote Punkt", den Sie • Latenzzeit nannten — eine Art 
von Raumbelassung für die menschliche Ichentwicklung sowie 
für die erziehlichen Kultvireinflüsse). Aber auch hinterdrein 
bleibt unsere erotische Menschenarl gekennzeichnet nach allen 
beiden Richtungen, sie beeinflussen einander dauernd, in- 
soweit schon, als wir auch innerhalb unserer Reife nicht ganz 
eingeschlechtlich werden können, weil wir von zwei Elternteilen 
Geborene sind. Am stärksten in die Augen fallend daher im 
Gebiet der Inversion — der Homoerotik, um Ferenczis Aus- 
druck zu gebrauchen (an Stelle des nachgerade greuhch ver- 
pöbelten der Homosexualität). Daß sie nicht den Perversionen bei- 
zuzählen sei, den im Infantilen steckengebUebenen Abbiegungen 
vor dem Sexualziel, betonen Sie energisch, und auch, daß sie ein 
Naturgegebenes sein kann durch entsprechende Verstärkmig 
der gegengeschlechthchen Komponenten, leiblich wie seelisch: 
■wie auch daß sie als pathologisch angesehen werden müsse und 
als unter Umständen heilbar, wo sie sich zwangsneurotisch 
charakterisiert — als Schwankung zwischen Mannes- und Weib- 
tum mit Überkompensierungen zu ultraaktiv und ultrapassiv. 
Was ich jedoch auch unter uns nicht immer genügend 
hervorgehoben finde (neben Betonung der Mängel nach beiden 
Inversionsrichtungen), ist das nebenbei Positive, das sie auch 
vor der üblichem Heterosexualität voraus haben. Ich meine 
in dem, was den Homoerotiker gewissermaßen hindert, den 
letzten Schritt zu tun, um sich heterosexuell zu vereinheit- 
hchen — in diesem Zaudern vor dem endgiltig Gereiftsein — , 
trägt er noch etwas vom erotischen Grundcharakter mit 
sich, den sonst nur der frühe Eros hat, aber so gesammelt 
und bewahrt, wie die einzelnen Frühabläufe der infantilen 
Sexualität es noch nicht zuwege bringen. Indem er sie bei- 
einander hält, erfahren sie daran eine eigene Art von Reife, 
die er wieder preisgeben müßte, wenn er zu eingeschlecht- 



a9 



lieber „Hälfte" würde. Mir kommt es vor, als würde für das 
Homoerotische, mindestens hie und da, an den frühen Sexual- 
äußerungen etwas von ihrer infantilsten Materiahtät gleich- 
sam abgestreift ( — etwa nach dem Beispiel, wie laut unserer 
Auffassung sich aus ihnen künstlerische oder forscherische 
oder sonstige erotisch- geistige Antriebe „heraussublimieren" 
können — ). Man hat ja oft den besonderen Schwung, schwär- 
merischen Überschwang, an homoerotischen Menschenbünd- 
nissen vermerkt, diese — man möchte es fast nennen 

Hingerissenheit nach einem Dritten, Einigenden, gemeinsam 
Vergötterten, worin beide sich wie in gemeinsamer Mutter 
erst vollends finden (wenn gerade dieser Zug auch fraglos 
besonders zwangsneurotisch verdächtig erscheinen kann). Nebst- 
bei bemerkt: nach meinem Dafürhalten kennzeichnet auch dies 
das eigentliche Wesen der sogenannten Freundschaft, von der 
mit gewissem Recht bezweifelt wurde, ob sie zwischen ver- 
schiedenen Geschlechtern vor dem Alter durchführbar sei: auch 
sie ist das nur in einem Dritten, woran beide Freunde ihre 
erotische Ergriffenheit anbringen (gleichviel auf welchem Niveau 
es kann ebenso eine Sportbesessenheit wie der liebe Gott der 
einigende Mittler sein). Dadurch gerät am leichtesten in die 
Freundesbindung überpersonell Leidenschaftliches und dadurch 
wieder eine einigermaßen entkörpernde Komponente. In ver- 
wandter Weise enthält die Homoerotik gleichsam ein über- und 
entsinnlichtes Element in sich selbst, nicht erst in „subli- 
mierender" Höhenrichtung, also durch Icherziehung, sondern 
eben elementar; wo nicht diesem Element das entscheidende 
Moment zukommt, wo personelle Sexualbindung statt dessen 
die Zweisamkeit heterosexueller Liebe nachahmt, so gut es geht, 
da begibt sie sich des Vorzugs, den sie vor dieser voraus hat 
— einer gewissen Außerordentlichkeit des Erlebnisses, das 
darauf beruht, daß sich darin noch etwas von der unzer- 
splitterten Ganzheit des Infantilem mit um so verstärkteren, 



— 3o — 



vergeistigungsfähigen Ichstrebungen zusammentut. Aber zu- 
gleich muß gesagt werden, inwiefern auch eine sonderliche 
Gefahr darin sich auftut, gerade wo die feinen positiven Vor- 
züge des „kosmogonischen Eros" am verständnisvollsten ver- 
kündet werden: nämlich daß eine Leere mystischer Exaltation 
kaum umhin kann, ihn taumeln zu machen. Dann ist es, als 
gehöre er überhaupt keinem natürlichen Sexualverband an, 
während er doch gerade aus dem infantil-allgerichtetern Wesen 
seine Hingabe an menschheitliche Entwicklung, seine sachlichere 
Hingegebenheit, bezieht. Seine große Bedeutsamkeit für alle 
menschlichste Kultur (was auch immer wieder einmal anerkannt 
wird) wendet sich damit zu einer kulturverdächtigenden, geist- 
verkennenden Überschw anglich keit, einer Verwechslung dessen, 
was infantil schöpferischer Elan darin ist, mit seiner eigenen 
Menschenreife. i."^ - ,^. -«:_,...... 

Es wäre interessant zu erwägen, wodurch auch hei der 
heterosexuellen Liebe in ihrer vollen Machtäußerung eine 
Triebsublimation unwillkürlich zustande kommt — nämlich 
infolge ihrer Objektidealisation. Mir scheint, dies geschieht 
dadurch, daß die eigene gegengeschlechtliche Wesensseite, 
vom Liebesspiel abgeschoben, sich in eine sehnsüchtig verklärte 
Ferne, in die Schönheit des TJnerreichlichen entrückt und 
diese schöne Erotik und erotische Schönheit in der Projektion 
auf den Partner genießt. Womit freilich die Enttäuschung, 
im. realen Liebeskampf mit dem vorgetäuschten Objekt, un- 
ausweichlicher wird als für den Homoerotiker, der über das per- 
sonell Objektivierte hinaus sozusagen in seinen eigenen Wesens- 
grund zurückgreift. 

Für die Hälfte der Menschheit, nämhch für das Weib, 
erledigen sich im normalen Fall diese Schwierigkeiten von 
selbst durch Natur Gnaden. Denn ihm, dem Weibe, wb-d im 
Muttertum das geschenkt, was zugleich auch männliches 
Geschlecht miteinbegreift; als der Zeugenden, Ernährenden, 

— 3i — 



Führenden, Schützenden. Und nur um so ausgeprägter, als 
das Weibtum gegenüber dem Mann an die Rolle des Passiven, 
gebunden ist, sowohl biologisch wie auch seelisch, indem nuj- 
so das spezifisch weibliche Glück sich erotisch voll entfalten 
kann — (ach, wie wohltuend ist es, daß auch unter uns 
endlich diese Einsicht durchbricht — Einsicht in die Glücks- 
anstatt in die Kesignationsbedingungen des weiblichen Ge- 
schlechts). Die männliche Hälfte der Menschheit ist nirgends 
durch sich selbst herausgehoben aus dem Zwiespalt, mehi* 
als nur Hälfte sein zu wollen; der Mann, der, voll-hetero- 
sexuell, den letzten Schritt tut, den endgiltigen Griff ins 
Fremdgeschlecht als das ihn ergänzende, verdammt sich damit 
zur männlichen Einseitigkeit, zur Konkurrenz zwischen Hin- 
gabe an das Familienhafte und der sachlichen, beruflichen 
allgemeinmenschlichen Hingebung. Nur er bleibt gebannt in 
die Gegensätzlichkeit von selbständiger Ichentwicklung und 
dem ihrer spottenden erotischen Urdrang. Aber freilich nimmt 
damit auch nur er die ganze Schwere der Paradoxie des 
Menschentümlichen auf sich; nur er löst, von Fall zu Fall 
mit vollem Einsatz am Unlösbaren des Problems herum: „Ich- 
behauptung oder Liebesverlangen". Wahrscheinlich darf nur 
er lachen zu den vielen Rezepten von heutzutage, worin die 
Herrichtung der schönsten Ehen und Liebesbündnisse durch 
Zutaten von schärfstem Salz und Pfeffer allerselbständigster 
Eigenwahl erklärt werden^ er weiß gut, warum einem dabei 
erst recht der Geschmack daran vergehen kann. Mann und 
Frau, das Menschenpaar, macht allein die volle Probe auf das 
Liebeserleben, das allein jedes letzte „Palhos der Distanz" 
vernichtet, das sich also auf Gedeih und Verdirb der Realität 
der Partnerschaft preisgibt — wie es auch, zeugend und 
verantwortlich und etwas tollkühn, das neue Menschlein 
weitergibt an unser fragwürdiges Dasein. 

Wie einer aber nun auch sein oder wählen mag, in den 



— 32 — 



Schwankungen erotischer Schicksale ist die tiefste Unterschei- 
dung nicht erst in irgendwelchen Vermählungsmethoden mit 
dem Partnerisühen gegeben. Zuvor müssen wir uns wiederum 
weit bis ins Urhafteste zurückgenommen haben, d. h. in die 
ursprüngliche, noch voraussetzungslose Grundeinheit leiblich- 
seelischer Äußerungsweisen in uns selbst. Denn nur vom 
Erotischen geht jederzeit eine Wegspur dahin, oder richtiger; 
nur im Erotischen bleiben wir letztlich dort jederzeit und 
strecken nur, gleich den eingangs erwähnten Moneren, Schein- 
füßchen aus, deren Außentum deshalb nicht ganz ernst zu 
nehmen, deren Inneres dafür jedoch auch kein total Außen- 
unterschiedenes zu besagen hat. Lediglich so überwinden sich 
ja in uns die entgegengesetzt gerichteten Tendenzen des Leib- 
und des Seelenbezogenen. In allem Sonstigen gelangen wir 
niemals heraus aus irgend einer Unter- oder Überlegenheit 
beider, sei's auch, daß wir uns Leibesgenüsse geistig gestatten, 
Toleranz dafür erübrigen, oder sei's umgekehrt, daß Sinnen- 
freude uns als ungehemmte Gier in unserer „Beseelung" 
bedrängt und beirrt. Lediglich im töricbtweisen Überschwang 
der erotischen Stunde schlägt beides in eine, in dieselbe 
Glut zusammen, gewährt eine Tiefe des Ausatmens, wie sie 
unserm Grundwesen nur uranfänglich noch gerecht werden 
konnte^ vom Eros aufgerissen bis zum Urboden, stürzen wir uns 
erlöst aus am Partnerischen und feiern in der Liebesumarmung 
ein festliches Symbolum dessen, was sich im Bewußtseins- 
bezirk nur wie in täuschender Außenspiegelung festhalten läßt 
und wovon wir nur erfahren wie aus einem Traum, j tiA 
Um deswillen kreist die Leibhaftigkeit überall im Zentrum 
des Erotischen, von seinen primitivsten bis in seine bewußt- 
seinsdurchtränktesten Sehnsuchten — und auch wer ihm 
durchaus eine „göttlichere" Basis sucht, muß sich damit ab- 
finden: weil wir jedenfalls nicht umhin könnten, dem Leib- 
haften und dem Gotthaften überall zugleich entgegenzugehn. 

Andreag-Salome — 33 — ^ 



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IV 



iYr -- 



Der „Eros hört nimmer auf": wo seine leidenschaftlichen 
Überstürze nicht hochwallen, da setzt sich dennoch seine Aus- 
wirkung durch in demjenigen, was uns mit allem zusammen- 
hielt im großen Mutterbauch, und nie erfährt der Nabelstrang 
den allerletzten Schnitt. Hinter aller Eigenentwicklung und 
Ichabgrenzung, ob von ihr auch noch so zurückgehalten und 
gedämpft, rührt an uns dauernd die Gesamtbreite der Um- 
welt. Nur deshalb kann man das überraschende Phänom erleben 
daß in Fällen, wo ein Liebesbündnis sich auflockert, nicht ganz 
selten diese abgeschwächte Verbundenheit eine Zunahme an 
Verständnis für den losgelassenen Partner bewirkt: indem er 
nicht mehr, in erotischem Überschwang, mißbraucht wird als 
bloßes Transparent für jede durchschimmernde Herrhchkeit 
sondern man sachlicher einsichtsvoll seiner Besonderheiten inne 
wird — außerhalb der eigenen Sonderabsichten und Liebes- 
ansprüche an ihn. Daraus kann gewissermaßen eine erneute 
Art von Ehrfurcht sich ergeben, etwas, was ihn willig wieder 
anheimgibt seinen, von uns unterschiedenen, Welten und Weiten, 
und ihn damit wohl „zurückstellt", doch zugleich in dem Sinne 
von anheimstellen einer größeren Heimat als nur der unseres 
individuell engsten Umkreises. Dieser allgemeiner gerichtete 
Gefühlsbereich, der die Einzelnen weniger eng und vehement 
bindet und um so gefahrloser einigt, könnte im Durcheinander 

- 34 - 



unserer Triebansprüche an die Realität fast die Bedeutung 
einer letzten kleinen — Paradieseswiese gewinnen, wo sogar 
Lamm und Löwe einander noch ein wenig Platz belassen. 
Was etwa der gewohnte Phrasenschwulst „allgemeine Menschen- 
liebe" zu titulieren pflegt, dem dürfte auch nur an diesem be- 
scheidenen Ort irgendwelcher greifbarer Sinn zukommen, sollen 
am bequemen Abstraktum „Menschheit" sich nicht lediglich 
unsere persönlichsten Gefühlswirrnisse austummeln. Denn dicht 
benachbart dem genannten friedlichen Wiesengrund wohnt schon 
unsere vielfordernde Selbstbetonung und nimmt ihn zur eigenen 
Basis und in alleinigen Besitz: für ihre Verwechslungen und 
Schein Übertragungen, die nur um so subjektiver selbstversunken 
bleiben, je erhitzt exaltierter sie sich hinausbegeben. 

Gut verdeutlicht sich dies an unsern außermenschlichen 
Bezogenheiten, seis zu Tier, Pflanze oder gar zu gegenständ- 
lichen und landschafthchen Eindrücken — welche ja schon 
ganz von selbst unserm Gefühl zu bloßen Sinnbildern werden, 
um desto störungsloser daneben in unsern Nutz- und Vorurteils- 
zwecken aufzugehn. Auch bei der Pflanzenliebe überwiegt dies 
bloße „ästhetische" Nebeninteresse unserer Empfindsamkeit, ja 
sogar die lust- und schmerzfähige Kreatur findet oft gerade bei 
kühlgearteten Menschen ihren Anhang ( — wie ein kleines Mäd- 
chen von sich aussagte: — ) „bei Tierhebern anstatt Menschen- 
liebern". Denn der menschliche Partner erweist sich als das un- 
geheuer anspruchsvollere Objekt, bei dem man keineswegs so bilhg 
und geizig davonkommt wie bei der Kreatur, die sich mit Bro- 
samen der Liebesnahrung abspeisen läßt und uns dennoch schon 
dafür in ihre unfaßlich ergänzende und fabelhafte Welt auf- 
nimmt (was an aller Tierbeziehung das eigentliche große Er- 
eignis ist). Eben dadurch, durch dies ungemischt Wenigere, 
wird unser Gefühl so rein ergriffen, im annähernden Umriß 
der Ähnlichkeit von allem mit allem, während die Kompli- 
kationen des allzu Menschhchen es aus bloßem Mitfreuen und 



— 35 — »• 



Mitleiden in zu vieles reißen, was sich über den kleineren 
Unähnlichkeiten von Mensch zu Mensch erkalten fühlt. Des- 
halb besagt es also nicht allzuviel, — so ungern man es selber 
als „Tierlieber" hört, — wenn Schwerverbreclier in ihrer Kerker- 
zelle von der kargen Brotration die berühmte Ratte noch mit- 
ernähren — und deshalb besagt sogar das noch nicht viel 
was Rosa Luxemburg in einem ihrer wundervollen Briefe be- 
schreibt: wie sie ameisen zerfressenen Maikäfern (oder was es 
war) ein leidenschaftliches Erbarmen weiht. Denn der Mai- 
käfer profitiert hier unmäßig vom reaktiven Haß der Revo- 
lutionärin, und der Verdacht liegt nicht sehr fern, daß es sich 
da um einen recht neurotischen Ausgleichsversuch handle, durch 
den allerlei dicke Maikäfer sich an ihr rächten. 
, Aber im allgemeinen stellt die Sachlage sich einfach so dar: 
daß uns insbesondere an den individuell abgelegenen und außer- 
menschlichen Bezogenheiten ja allein die nötige Ruhe gelassen 
wird, sie haßlos auszuleben. Denn wo unsere Individualität 
mit in die Liebesbindung an eine andere Individualität sich 
gedrängt sieht, da hat sie sofort den Kampf um ihre Ich- 
behauptung zu riskieren, und zwar genau so dringend und 
radikal, als Leidenschaftlichkeit und Ausschließlichkeit ihre 
Ichbewahrung bedroht. Das Angewiesensein von Haß und Liebe 
aufeinander, das Sie stets vermerkt haben, ergibt sich schon 
beim ersten Schritt, den wir aus einem gewissen wohlwollenden 
Gleichmut — der noch allem und auch uns ohne Übertreibung 
gilt — heraus tun. Nur ganz uneigentlich nennen wir „Haß", 
was, seis noch so brutal, roh oder kaltsinnig, auf eigenen Nutzen 
und Vorteil bedacht ist, doch ohne triebhafte Verstrickung mit 
dem dabei hindernden Andern selber — also ohne Wollust 
an seiner Schädigung. Haß, im Triebsinn, überrennt nicht nur, 
auf rücksichtslosem Weg zum Ziel, das Hindernis unterwegs, 
sondern verweilt, grausam genießend, bei ihm: erst die Wol- 
lustkomponente, dem Ichzweck verlötet, macht den Hasser 



— 36 ~ 



aus, der jeder Mensch manchmal ist. Wir sind uns gar nicht 
so leicht bewußt, zu hassen, sind der Meinung, gesteigerte 
Abneigung habe uns erfaßt, während hinter diesem ichhaft und 
sachlich Rationalisierten der unheimhchste Abgrund menschlicher 
Widersprüche aufklafft — wenn auch nur sichtbar wie durch 
einen schmalen, dunklen Spalt. Gegenständen der Abneigung 
begegnet man am liebsten, weil am kürzesten, korrekt, sogar 
höflich; Ungeliebtes grausam zu quälen ist nur — quälend 
und hält die Ichzwecke auf: das erotisch Anziehende weckt 
erst die Grausamkeit, der Liebestrieb wird vom Machttrieb 
eingeschluckt und pervertiert ihn zu einem Wollustmittel. 
Diese gegenseitige Verkrampfung — die nur im Uranfäng- 
hchsten der Infantilität noch, in der Selbstununterschiedenheit, 
zu Recht besteht, — kann später den echten Grausamen der- 
art wundreiben durch das sensationell Miterlebte seiner Leid- 
zufügungen, daß er umschlägt in ÜberempfindUchkeit gegen- 
über allem fremden Leid. Hier stehen wir an der Stelle der 
reaktiven" Eigenschaften, die Sie so wunderbar überzeugend 
am Menschen aufgriffen als Gegensatz zu den positiv auf- 
gearbeiteten, also „sublimierten". Das Reaktive bleibt dem 
pathologisch Gefährdeten so unabweishch nahe, weil sein infantil 
Zurückschlagendes — inmitten schon erreichter Ordnungen 
der übrigen Entwicklung — erneut die Ich- und Dubezogen- 
heiten durcheinandermengt. 

Aber wie sollte es auch nicht bisweilen so kunterbunt zu- 
gehen in uns, die wir lebenslang einerseits in uns selber stecken- 
bleiben und andrerseits alles uns mit Außenwelt Umfangende 
mit einbeziehen müssen, weil es desselben Stoffes ist wie auch 
wir, und also alle Getrenntheit davon wie auch alle Vereinigung 
damit sich in ewigem Widerspruch zu durchkreuzen hat. Ist 
doch diese unlösliche Verbündelung von beidem vom aller- 
ersten Lebenstag mit dem Menschenkinde in die Welt gesetzt; 
von der Vereinzelung, in die seine wunschlose AUhaftigkeit 

- 37 - 



sich hinausgeworfen sieht, bricht der Mensch sehr rasch nach 
beiden Seiten, „liebend" wie „hassend", in die Übertreibungen 
dessen aus, was wir fortan seine „Seele" nennen. An dem 
ersten Schock, der uns mit dem Geborenwerden zustößt, tauchen ' 

wir unter in die Angst vor einer Fremdexistenz, die uns selber ■ 

in Verlust geraten, aus dem Alles ins Nichts fallen, läßt (Freud : 
„Die Geburtsangst das Vorbild jeder späteren Angst"), wie aus 
Leben in Tod. Doch gleichzeitig muß ja, mit den ersten ver- | 

änderten Lebensbewegungen, dieser Heimdrang ins Mutter- \ 

dunkel auch bereits ein unentrinnbarer Antrieb werden, das 
so verstümmelte Überbleibsel, das man nur noch ist, zu retten 
es nicht noch mehr reduzieren zu lassen, so daß Tod und 
Leben sich ineinander vertauschen. Beides begegnet sich in 
dem, was Sie die Urkastration tauften, worin sich bereits aus- 
drückt, daß sich diesem Urereignis ein Am-Leben-bleiben- Wollen 
entringt, dem unser geburtsreifer Körper ja entgegengedrängt 
wurde. Beides, Gewinn und Verlust, verschlingen sich darin 
dermaßen von vornherein, daß von unsern Seelenregungen 
tatsächhch nichts andres gelten kann als: am Anfang war die 
Ambivalenz. 

Aus dem Unbewußten brechend wächst der Seelenstamm — 
wie unter der ersten Berührung von Außenluft — so zwei- 
geteilt: beides sekundärer Ausdruck des hinter dem Augenschein 
in der Tiefe noch Geeinten. Diese innere Tatsache ist es ja, 
an der A. Adler von uns abirrte; indem er die erotischen 
Triebe auf den Geltungstrieb aufpfropfte, ihnen ihr Vollrecht ' 

bestritt, indem er sie, wie man Blumen von der Wurzel schneidet, 
von ihrer Wurzel abgetrennt, in lockerer Hand gleichsam, zu 
allerhand Vasenarrangements verwendete. Ich wurde anfäng- 
lich betroffen, als seit kurzem Ihre Auffassung vom Doppel 
paar „Liebe und Haß", Hingebung und Aggression, in Einer 
Linie mindestens, weniger als ehemals von der Adlerschen sich 
abhob: dadurch, daß Sie als Ausgangspunkt für die aggressive 

— 38 — 



Komponente nicht mehr, wie früher, das selbstbehauptende 
Sich-Raum-Schaffen nach außen gelten ließen, das erst ver- 
innerlicht zu einer Vergewaltigung wider uns selbst werde — 
bis allmählich das seelenraffinierteste Kunststück gelingt: die 
„Wendung gegen die eigene Person". Statt dessen gebührt 
jetzt bei Ihnen dem Aggressionstrieb ein Grad der Selbständig- 
keit, der nicht erst der Steigerung durch Außenbedrängnis 
bedarf, sondern sich an seiner eigenen Destruktionstendenz in 
die Höhe treibt. Statt des Einigenden beider Triebrichtungen 
in der Wurzel, entzieht der destruktionslustige Machttrieb sich 
jener gemeinsamen letzten Motivierung, die vom noch unter- 
schiedlichen Alles-sein- und Alles-haben -Wollen stammt (und 
bisher sogar auch die Wendung gegen die eigene Person noch mit 
plausibel erscheinen ließ an der Irritation, gegen die eigenenlnnen- 
grenzen zu stoßen). Mich macht es stutzig, wie schwer sie 
doch einleuchtet, diese Selbstherrlichkeit solchen Aggressions- 
triebes an sich — empirisch und analytisch ist sie kaum zu 
verfolgen. (Auch erinnere ich mich der Arbeit von Federn, 
der im Bemühen, ihr so lange nachzugehen, bis der Trieb 
in nuce erwischt ist, bis ins Psychotische hinunter muß, bis 
dahin wo die Melancholiepsychose — in ihrer stumpfen Gleich- 
gültigkeit, also lustlos-unmotiviert — sich zwanghaft destruierend 
gegen sich wie andere verhält: ist es denn aber angängig, aus 
Psychotischemi, das charakterisiert ist durch gerade die vollste 
Entmischung unserer Triebe, eine Allgemeingültigkeit der- 
artiger Verkrankung und Verkrampfung herauszudeuten, als 
läge sie, nur verdeckter, auch hinter unserer triebgeeinteren 
Normalität?) «<u ...i..». i. 

Allerdings mußte ich dann aus meiner Erinnerung der 
frühen Jahre unserer psychoanalytischen Bewegung zugeben: 
daß trotz Ihrer damals viel geringern Betonung eines ver- 
selbständigten Zerstörungstriebes gegenüber dem konservieren- 
den Trieb in uns, wir alle ehemals doch schon stark unter 

- 39 - 



dem niederdrückenden Zugeständnis seiner Macht standen 
weil, je weiter es gelang, die Menschenseele aufzugraben, desto 
mehr von ihm zum Vorschein kam. Der Gegensatz von wilder 
haßvoller Ungebändigtheit zu dem, was Kuhur und Sozialität 
erstreben, erschien nach rückwärts zu immer krasser — aber 
wir wtißten doch auch, daß nur die „Erbsünde" der Indi- 
viduation selber es so aussehen macht, daß sie die große 
darüber ruhende Unschuld nur für unsern Blick unsichtbar 
macht, weil die Analysierbarkeit des Menschen erst mit ihr 
anhebt, und daß die beiden Erzfeinde doch geboren sind aus 
Bruderschaftim Blut. Ist denn nicht übrigens auch dies die 
Schlichtung der jetzt Öfter unter uns aufgegriffenen Diskussion 
über die Extreme: Verbrecher und Heihger? (Es gilt wirklich 
nicht nur, wie Sie erwähnen, vom extrem-nähern russischen 
Typus.) Der Verbrecher, wenn gemeint als infantil beein- 
flußter (oder gar fixierter) Triebmensch, hätte sozusagen nur 
eine verkürzte Strecke zurückzulegen bis dorthin, wo seine 
Ichhaltung noch gelöst wäre in eine so bewußtseinslabile, daß 
sie ihm selbst noch gar nicht vollends gälte — eher noch 
dem, wohin der Heilige sich zurückwirft, „selbst-loser" ausstürzt 
in das ihn Mitumfangende. Sowohl würde damit der „Ver- 
brecher" ein wenig von Scheusalität, Unmenschlichkeit ent- 
bürdet, wie der „Heilige" ein wenig aus dem Übermensch- 
hchen auf plattern Boden gestellt — beides ein wenig nur, 
denn der Kontrast bleibt groß. Der kultivierte Bürger ver- 
harrt in der Mitte dazwischen, seine Kultur selber ist gegen 
solche Gewaltschritte und heftige Gebarung; mit den vielen 
kleinern Schritten, die ihn beschwichtigend weiterbringen, 
gibt er die anfanghche Kraft zum Außerordentlichen aus 
Darum die „kriminahstische" Urgewalt bei primitiven Völkern 
und Kindern^ die Getriebenheit der Kindlichem ermöglicht 
ihre jähen Umwandlungen und Verjüngungen. Was aus noch 
Unbewußterm mit der ersten Sturzkraft bricht, nachdem es 

- 40 - 



aus unendlichen Rissen und Quellchen und unterirdischen 
Durchsickerungen an eine bewußtseinnahe Sammelstelle zu- 
sammengekommen ist, kann nicht umhin, sich so ungestüm 
zu gebärden als die neuen Schranken es irgend zulassen; ge- 
waltsam der Uferdämme ledig werdend, vertropft es sich erst 
spät immer sanfter in irgendeinen breiten Meeresspiegel. - 
Natürlich haben die beiden Triebrichtungen innerhalb des 
menschhch Analysierbaren, wie weit man ihnen auch folgen 
möge, scharf auseinandergehalten zu werden. Aber seit der 
Souveränität, die Sie dem Destruktionstrieb insbesondere zu- 
sprechen, hat sein Gegentrieb mit ziemhch viel von der seinen 
bezahlen müssen; er bietet nicht mehr den Eindruck wie 
ehemals, wo beide sich unserm Blick in den Ausgleich des 
Unbewußten hinein verloren, sondern er muß, um sichtbar 
zu werden, gewissermaßen auf die Schultern des andern 
klettern er erscheint dem triebstärkeren Aggressionswillen 
eher aufgehalst. Es ergibt sich beim Stückchen Mythologie 
(- auf das wir jederzeit angewiesen sind, sobald wir über- 
haupt übers empiristisch Vorliegende zusammenfassen und ver- 
muten — ) diese Illustration: Urzustand und Ziel ist das An- 
organische, die Todesruhe all dessen, was unterwegs, im Ab- 
lauf der organischen Entwicklung, etwa durch irgendwelchen 
Notzustand, zu einem Umweg zwischen Tod und Tod, ge- 
zwungen wurde, zu einer Scheinlebendigkeit sozusagen, zu 
einer Art von Totentanz, dem die erotischen Triebe dienen. 
Damit wird ein vereinheitlichender Stil wiederum erreicht: 
doch entgegen Ihrem bisherigen, mit vollem Recht betonten, 
psychologischen Dualismus bleiben die zwei Richtungen — ■ 
wie mir scheinen will ^ nicht lange genug dualistisch ge- 
schieden. Ich will gleich hinzufügen, daß ich gegen die „Todes- 
richtung" als solche nicht nur nichts habe, sondern im Gegen- 
teil linden muß, auch sie sei darin nicht genügend weit vorge- 
trieben. Nämlich alles, vom logisch Begrifflichen aus — also 

— 41 — 



auch die Auffrozzelung zum erotisch Scheinlebendigen noch — 
ist ledighch als „tot", als bloß physikalisch, „materialistisch", 
mechanisch, zerstückend und zergliedernd, faßbar für unsern 
Verstand, denn nur so kennt er sich dai-in aus, d. h. orientiert 
er sich am Wegweiser seiner eigensten Methode. Alles darüber- 
hinaus, jeder Versuch, dem „Lebendigen", Inkommensurablen, 
auch ein wenig gerecht zu werden, verunreinigt ja nur diese 
Methode, ohne irgend etwas zu verlebendigen — es tötet 
nur erst recht. Wissen wir doch bereits aus der Praxis der 
Psychoanalyse: wie mechanisierte, zerstückende Aufräumungs- 
arbeit fürs „Lebendig- Verschüttete" dieses wohl allein zu be- 
freien, an ihm selber aber nichts zu tun vermöchte: man 
kann insoweit nichts Richtigeres tun, als darin ganz und gar 
Dualist zu bleiben. Aber nun auch andersherum betrachtet: 
im Erleben dieses Befreiten gibt es keinerlei Todesablatif — ■ 
nur eine Lebensintensität für uns: durch die Ähnlichkeit mit 
unsern eigenen Erlebensvorgängen von uns miterfaßt. Wir 
tun dabei, anthropomorphisierend, nicht mehr von uns hinzu, 
als wir bei zergliedernder Mechanik von den Eindrücken ab- 
tun, um sie in unser ßewußtseinsschema hineinzupressen. 
Auch was wir „anorganisch" nennen, will dann nichts anderes 
besagen, als dies Ende unserer Begleitfähigkeit, also gewisser- 
maßen den Beweis unserer Dummheit andeuten, die dafür ihre 
begriffliche, große und ertragreiche Klugheit eingetauscht hat. 
Etwas als tot oder als lebendig erblickt, heißt doch nur: vom 
Gesichtspunkt des uns Mechanisierten oder des uns Psychi- 
sierten her erbUckt, und beides kann nicht duahstisch geniag 
seine selbsteigene Linie beibehalten: bis wir, auch auf der des 
psychischen Eindrucks, an das natürliche Ende unserer Be- 
gleitfähigkeit gelangen, ganz so, wie wir es gegenüber dem 
uns Fremdesten, „Anorganischen" erfahren — und beide Linien 
mögen wohl für uns Menschen gleich weit auslangen. 

Dies andere Ende nennen wir ja unsern Anschluß ans Un- 

~ 4« ~ 



bewußte, das weiterträgt als wir „wissen" können^ und nur 
das Eine können wir wissen — weil die psychoanalytische 
Arbeit am Lebenden es uns verrät — , wie sehr das am grabes- 
tiefsten Verdrängte, das am abgestorbensten Verschüttete, das 
vom Bewußtsein Allerausgeschaltetste, gerade deshalb nicht 
sterben" und zu wirken nicht aufhören kann, sondern das 
fast „zeitlos" Konservierte darstelh^ eben die „tote" Ruhe hält 
es fest im „Lebensreservoir", wenn es am Bewußtwerden nicht 
„verpuffen" (Freud) kann. Äußert es sich uns erkennbar „trieb- 
haft", dann rechnen Verstand und Sinne es dem Leben zu, 
und sie müssen das folgerichtig auch dann tun, wenn der 
Inhalt solchen Antriebes noch so destruierend sich ausnimmt. 
Mag jemandem noch so „sterberig" zumute sein, oder mag 
sein Haß und Zorn, oder mag seine Hingabe an entirdischt 
Übersinnhches, noch so sehr dem Daseienden in den Rücken 

fallen in jedem Fall zielt das Stück Affekt, das sich darin 

kundtut, auf lebendige Befriedigung (und zwar auch abseits 
noch von den halb oder ganz pathologischen Verwechslungen, 
die so oft zu Glücksniörderischem — bis Selbstmörderischem — 
antreiben durch unbewußt vorgetäuschte WunscherfüUun- 
gen). Gewiß nehmen ja Krankheit, Erschöpfung, Müdigkeit, 
Enttäuschung, Gram höchst „todesfreundliche" Gesichter 
an bei Anlaß sowohl von physischen Zuständlichkeiten wie 
von psychischem Verhalten; doch spricht sich damit nicht 
weniger eine „Lust zu etwas", ein Sichbefriedigen, aus, min- 
destens des Friedens als Wonne Vorstellung^ schließHch deckt 
ja auch noch das Nirwana des Buddhisten lauter Bejahung 
infolge des Umslandes, alle Verneinungen in sich selbst voll- 
zogen zu haben — worauf überhaupt viel von der freudig 
gelassenen Todesbereitschaft des Asiaten beruht, verghchen mit 
europäischer Unsicherheit vor dem Tode, als dem gewaltsamen 
Mäher. Aber auch am westindischen Menschen verdeutliclit 
das sich hie und da, wenn man von Verzückungen, Verklä- 

- 43 - 



rungen in oder vor der Agonie berichtetj vielleicht werden 
sie manchmal zu voreilig von uns bloßen Einflüssen solider 
Gläubigkeit zugeschrieben. Denn in der Tat wird uns ja das 
Sterben nicht nur angetan, sondern wir selbst sind es; am 
vergehenden Körper sind wir die es psychisch Vollziehenden 5 
sind nicht nur Widerstand dagegen Erleidende, sondern Wider- 
spruchslose, sind nicht nur ein Gegenstand des Zusammenbruchs 
gefestigter Verknüpfungen in uns, sondern auch Wiederher- 
steller dessen, was nie aufgehört hatte uns mitzuumfangen 
hinter allem bewußten, davon hinweggerichteten Erleben. 

Bezeichnend dafür erschien mir immer, wann und wo- 
durch ein Kind zur ersten Todesfurcht kommt. Am häufigsten 
bemerkte ich es in der Wendung, die es, noch mit der „All- 
macht der Gedanken" spielend, in den Wunsch macht, das 
Hmdernis dabei „fortzutun", zerstört, vernichtet zu wissen. Da 
ist es, als habe es sich nun erst selber als sterblich in die 
Weh gesetzt, seitdem es den Tod überhaupt zuließ, einheß. Von 
da aus kommt ihm des Todes Grauenhaftes und kann gar 
nicht stark genug vorgestellt werden vom Bewußtsein. Mit der 
ausreifenden Persönlichkeit tritt dies drohende mystische Gerippe 
nicht nur als fleischern bekleideteres zurück ins Übrige, — 
es löst sich einfach darin auf als Ausdruck desselbigen 
Lebens; ja dies kann sogar zunehmen im Maße von Körper- 
schwäche, als ob, wo sie für volle Bewußtseinsschärfe nicht 
mehr auslange, sie sich unabgeblendeter im Allheimatdunkel 
orientiere ( — wenn nicht unerledigt gebliebene Verdrängungen, 
die deshalb ins Bewußtsein zurückdrängen, sie irrlichtergleich 
schrecken — etwa wie die fromme Mutter Dürers, von deren 
Sterbelager er klagt, daß grausame Schrecknisse die Gute, 
Edle plagten). 

Je nachdem wir gerade der einen oder der andern Er- 
lebnisresonnanz seehsch zugeneigter sind, hallt das Echo als 
„Tod oder als „Leben" an sie anj je nachdem benutzen wir 

— 44 — 



die Wörter, die Benennungen, vorwiegend im negativen Sinn 
der begrifflichen Außenbetrachtung oder des Innenereignisses. 
(Darum konnte es ja auch nur geschehen, daß Ihre Aufstel- 
lung der Todes- und Lebenstriebe von zwei so Gleichdenken- 
den wie S. Ferenczi und A. Stärcke fast gleichzeitig die um- 
gekehrte Benamsung erfuhren, wobei das Leben als Tod, der 
Tod als Leben zu fungieren hatte: wobei das Ichlösende, Be- 
wußtseinslöschende des Eros tödlicher Tendenz diente, die ich- 
gerichtete, machtgierige Sonderung der einzelnen voneinander 
der Durchsetzung des Lebens diente.) Es bleibt eben not- 
wendigerweise unverbindlich, wie man Namen setzt, die, über 
ein gegeben Zuständliches hinaus, auf dessen Gesamtbedeutung 
für uns hinzuweisen haben; wir bleiben, auch sogar als Änti- 
philosophen, eben zur Philosophie geboren — d. h. zur Nöti- 
gung, begrifflich Betrachtetes und Innenerlebtes zu bildhaftem 
Ausgleich zu bringen, der Denken und Fühlen ineinander- 
drängt. ich erinnere mich aus Abenden des Winters von 1912 
an Gespräche (die ein kleines rotledernes Büchlein treu festhält), 
wo Sie und ich — so lange, lange vor Ihren heutigen Formu- 
lierungen — über dasselbe Thema uns verbreiteten j wo wir 
uns gegenseitig zugestanden, daß auch bei gleicher begriff- 
ücher Einstellung die Dinge (nicht minder als wie in der 
Kunst etwa) verblieben vu a travers un temperament. Damals 
aber schon warfen Gegner und Halbgegner der Psychoanalyse 
vor, sie mache sich gleichsam zum „Anwalt des Todes", sie 
schaffe eine Art neurotischer Situation, die sie doch gerade 
zu heilen vorgäbe — nämlich im Nichtgerechtwerden den 
glaubenden, hoffenden Voraussetzungen, die das Leben erst zum 
Leben machten. Dies Mißverständnis hat sich nun wohl 
endlich geklärt. Dafür kam ein anderes zur Abwechslung auf: 
auf Grund Ihrer späteren Schriften — trotzdem Sie ja doch 
das gleiche wie früher vertreten — nämlich eine trübe Aus- 
sicht auf Kulturierung des Triebmenschen, indem er, gleich- 

- 45 - 



sam bei lebendigem Leibe, sich abtöten muß, um das Trieb- 
chaos zu lichten und dem „Primat des Intellekts" folgen zu 
lernen. Ein großes Bravo nämlich kam auf, aus dem Munde 
all derer, die Ihnen Ihre Triebenthüllungen übel genommen 
hatten: der Mensch erwies sich als das, von Bestimmung her, 
zur „Askese geleitete Tier", und alles „Höhere im Menschen" 
erschien damit endlich bei Ihnen anerkannt und gerettet. 
In einer Ihrer letzten Schriften ist erwähnt, anfänghch 
hätten Sie nur zum vorläufigen Versuch, sozusagen probe- 
weise, die Souveränität der Todestriebe betont, allmählich sei 
es Ihnen unmöglich geworden, anders darüber zu denken. 
Nun ist es wichtig, zu überlegen, warum das wohl so kam: 
oder richtiger — mir ist das sehr wichtig geworden. Denn 
ich sehe darin ganz was anderes, ja fast das Gegenteil von 
dem darin wirksam, was die Leute salien, die ehemals drauf 
schalten und die jetzt Bravo drauf rufen. Und zwar gerade 
weil ich das vu a travkrs un temperament^ das unwillkürlich 
Philosophische, als ein höchst Persönliches herausfühle. Das, 
wodurch Sie sich zur Partei des Todes zu schlagen scheinen, 
ist mir keine Todesfreundhchkeit, weder des Alters noch irgend 
einer müden Lebenshaltung, es ist vielmehr, wie früher, die 
Resolutheit Ihrer Parteinahme für alle lebendige Wirklich- 
keit; es ist dies, daß nichts Sie so abstößt wie optimistische 
Schönfärbung der "Wirklichkeit, ihre Fälschung durch wahn- 
hafte Wünschbarkeiten, als sei sie nur dann unseres Er- 
lebens wert. Nur wo wir sie selber uns vor Augen halten, 
ohne Vortäuschungen und Vorspiegelungen, findet Wirklich- 
keit sich mit uns zusammen zu mehr als einem bloßen. 
Scheinerlebnis: zu einer Erfahrung, an der ihre und unsere 
letzte Urgemeinsamkeit sich durchwirken mag — wie un- 
zugänglich dies auch der begrifflichen Gegenüberstellung von 
real und subjektiv bleibe. Von mir aus kenne ich die Gefahr, 
daß subjektive Lebensfreudigkeit sich unwillkürlich selber 

- 46 - 



hineinporträtiere in das Gegenüber der faktischen Ergeb- 
nisse^ von mir aus schrieb oder sagte ich Ihnen daher auch 
schon: nichts gefäüt mir besser, als an Ihrer führenden Leine 
laufen — nur eine richtig lange Leine muß es sein — , so 
daß, sobald ich mich irgendwo zu weitab verkraxele, Sie 
sie nur aufzuwickeln brauchen, damit ich dicht bei Ihnen 
auf demselben Boden stehe. Denn „bei Ihnen" heißt für mich 
dort, wo ich Sie immer aller Tiefe nahe weiß: beim Nächst- 
liegenden. ,, .,,-,^ 



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1 . 



Wie ganz es darauf ankommt, sich aufs real Gegebene, 
tatsächlich Vorliegende zu beschränken, davon überzeugte mich 
nicht nur die Vorbildlichkeit Ihrer Arbeitsweise, sondern, von 
Schritt zu Schritt, die psychoanalytische Praxis während der 
eigenen Arbeit. Denn zu meinen stärksten Eindrücken — ■ 
die nie veralten, immer neu aufleben, — gehört da, daß es 
jedesmal ist, als entdecke man die gesamte Psychoanalyse noch 
einmal, als würde sie nun erst Ereignis, unmittelbar erlebt 
an dem, was subjektive Zutaten von uns aus nur schmälern 
könnten. Der Kern des Erfahrbaren am Menschen legt sich 
frei am treuen, zurückhaltenden Hin wegarbeiten seiner Ver- 
schalungen, setzt dagegen erneut dünne Schale von außen 
an — fremde, verun deutlichende, — bei geringstem Außer- 
achtlassen der Methodik und Technik, die sich bei solchem 
Hilfstun bescheidet, ohne überhebliches Hinzutun von sich 
aus. Man begreift das, wenn man bedenkt, woran jemand 
erkrankte: an der Gewalttätigkeit jener Überschalungen, die 
ihm die Macht der Erwachsenen und der Lebenseindrücke 
vorzeitig (als allzu guten Selbstschutz) wachsen ließ, und die 
sein Inwendigstes damit hilflos in sich selber zurückscheuchen 
mochte. Definition des Gesundbleibens könnte nicht besser 
umschrieben werden als im: „Natur ist weder Kern noch 
Schale", oder „was ist innen, was ist außen" — nur daß 

- 48 - 



f. 



Vollkommenheit des Intaktbleibens lediglich in theoretischen 
Konstruktionen existiert, und wir wahrlich nicht erst als 
Neurotiker herumlaufen müssen, um zwischen Verschalung 
und Entkernung zu geraten, zwischen die Gefahr der Ab- 
sperrung von Außen oder des Hinausfallens ins Leere. Ja, man 
kann sich nur schwer vorstellen, wie Triebgeschöpfe, zur 
Bewußtheit begnadet oder verurteilt ( — wie man's nennen 
will! — ) sich anders benehmen sollten in den ihnen zu- 
stoßenden Abenteuern. Denn für jedermann muß ja, je länger, 
je mehr, die ur-infantile Erwartung, die sich noch mit dem 
Inbegriff des Universums selber verwechselte, enttäuscht werden, 
also in Versuchung kommen, entweder das erwartungsvoll 
Maßlose sich zu verhelilen und zu verdrängen, oder aber sich 
ihm anstatt der umgebenden Realität, ä fond perdu, preis- 
zugeben. 

Alle und jede Neurose enthält dieses Stück Selbstbetrug, 
dieses allzu früh-gelungene Kunststück gefälschter Orientie- 
rung, die verlorene Ökonomie des geraden, kürzesten Weges, 
die befolgte Einladung zu scheinbar sicherern Umwegen, die 
immer weiter abführen. Alle und jede Neurose täuscht das 
begehrte Sichvertragen von Innen- und Umwelt vor, indem 
wechselseitig das eine dem andern scheinbar Platz läßt — 
Platz macht: sei es, daß Innenvorgänge eine Konsistenz be- 
kommen, wie wenn die gesamte Realität sich in ihnen plaziere, 
und dafür alles Außen sich in ein gespensterndes Nichts auf- 
löst sei's, daß an der Überlegenheit der Außenvorgänge und 
deren Forderungen die eigene Wesenheit sich Ängsten und 
Zweifeln hilflos überantwortet sieht. Wer denkt da nicht Ihrer 
tiefgründigen Klarlegung des „Unheimlichen": als dessen, was 
Verdrängungen des uns Urvertrautesten, ursprünglich In- 
timsten entsteigt, und deshalb, ein erschreckend wirkender 
revenant aus eingesargter Vergangenheit, gespenstisch ver- 
bergen muß, daß unsere preisgegebenen ältesten Wonnen und 

AndreaiSalomö ^g — 4 



► 



Erwartungen hinter ihm geistern. Unheimhchkeit ist es, die 
sich dem Neurotiker über alles Erleben breitet, bis sich dieser 
Platzwechsel in einem Taumeln und Irregehen ausdrückt 
worin sich das „was ist innen, was ist außen" in seinen 
Widersinn umgedreht hat. Denn in die Schmälerungen an 
„gesunder Realerfahrung", in die Risse und Lücken, die in 
sie einreißen, drängen sich sofort die gespenstischen Lücken- 
büßer, indem sie bald Oberfläche vorspiegeln, wo abgründiges 
Nichts lauert, bald das letzte Wegweisende verdächtig machen, 
als sei es eben dies, was Bodenlosem entgegenführe. 
, Unsere beiden großen Neurosenarten — noch kennthch 
und unterschieden in sämtlichen seelischen Erkrankungen, — 
Hysterie und Zwangsneurose, — teilen sich brüderlich in die 
Doppel-Unheimlichkeit auf, die schon Gesunde vorübergehend 
anfallen kann und den Kranken so umstellt, daß er nicht 
mehr weiß, ob sie nicht seine Existenz selber sei. Bei der 
Hysterieanlage schien mir immer wieder, als schheße sie sich 
mit verblüffender Unmittelbarkeit an die Wunschzuversicht 
der Urerwartungen (d. h. an deren noch ungebrochen natür- 
liche Stärke), so als hätten sie sich erfüllt und es gelte nur, 
dies als ein fait accompli der leugnenden Realität entgegen- 
zuhalten (wie ja auch die hysterische Symptomatik das positiv 
Wunscherfüllte darstellt, wenn auch notgedrungen durch Um- 
kehrung ins Negative, Abzuwehrende). Deshalb ist Hysterie 
wie eine Art ertrotzter Wirklichkeit, behauptet durch be- 
ständige Wiederholung bei jedem Anlaß, als enthielte jeder 
immer wieder in sich den Beweis des Vollzogenen — und 
zugleich wird diese innere Behauptung ermöglicht durch 
Ignorierung der Realität, durch so totale Absperrung von 
realen Vollzügen, als existierten sie gar nicht; weshalb solche, 
unter größter Angstentbindung, allein als Tod und Grauen, als 
gar nicht dem Leben zugehörig, wahrgenommen werden können. 
Deshalb das scheinbare Fehlen von Schuldgefühlen, die sich 

+ — So — ' imi.; 



oft erst dem schon Genesenden erinnernd entblößen (wo ihnen 
bereits mehr interessantes als bedrückendes Material inne- 
wohnt). Deshalb so oft die unbekümmerte Vorliebe für Krimi- 
nelle, denen es gelang, für Räuber und Diebe, die Erfolg 
hatten, sowie überhaupt die schwärmenden Idealisierungen, 
die selbst Unvereinbarstes sich nicht entgehen lassen, und so 
auch Männliches und Weibliches, oder ätherisch und kraß- 
sexuell Empfundenes mühelos ineinander koppeln. Der hysteri- 
sche Ausbruch bemächtigt sich deshalb um so totaler der 
Leiblichkeit, als an diesem, allein ihm verbleibenden Real- 
stück, er einzig über seinen Illusionismus sich täuschen kann, 
und zwar speziell an dessen körperlicher Reife — für die 
darum die Inanspruchnahme infantilerer Sexualverwendungen 
nur Notersätze bleiben, insofern der Hysteriker ins Partnerische 
draußen nicht mehr weiterkommt. Von daher ja auch die 
Nachbarschaft von Angst- und Konversionshysterie: die Über- 
Iragbarkeit der Angsterregungen, des Eingeklemmtseins in sich 
selbst, auf Körpervorgänge, so daß etwa Lähmungen, Schmerzen, 
Krämpfen usw. stellvertretend die ganze verfahrene Angelegen- 
heit überlassen wird — zu einer seelisch- unwissentlichen 
gemacht wird. Begreiflich, daß gern in lauten Abfuhren, leib- 
haften Äußerungsweisen, auch Angsthysterie noch aus dem 
Menschen fährt: — in jener „Katharsis", die Sie ehemals als 
unumgänglich betonten, und die ich in zwei Fällen, mit fast 
psychotisch lärmenden Trieb durchbrüchen, sich einstellen sah. 
Dies akut überzeugende am entscheidenden „Genesungsschub", 
wie man fast sagen möchte, zeigt noch so ganz das Voll- 
gültige, Unverkürzte hysterischer Illusionsstärke auf, wie der 
Ausgangspunkt des Erkrankens selber, so daß man zu spüren 
meint, wie dicht Erkrankung angrenzt an die, dem konflikt- 
reichen Menschentum mitgegebene naturkräftige Lebenszuver- 
sicht. Dicht beieinander angesiedelt, Ausdruck des Normalen 
und Ausdruck des Pathologischen, stürzen sie ineinander ohne 

-- 5i — 4* 



■weiteres über, wo Neurose Jemanden umwarf — oder, wo dies 
nur zeitweilig ihr gelang, weichen sie auch wieder einander 
aus in unterschiedenen Richtungen. 

Was wir Zwangsneurose nennen, auch wo sie nur erst 
sporadisch aufzutreten beginnt, läßt sich demnach viel weniger 
akut aufgehoben denken, weil weniger dem Urnormalen oder 
sagen wir: dem Kreatürlicheii, dem nur gerade bewußt ge- 
wordenen Menschentum, einverleibt. Der Mensch ist in ihr 
gleichsam um ein Stück weiter, ist aber daher auch in der 
Neurose um ein Stück schlimmer, vorgerückt — trotzdem er 
der Hysterie schlimmsten Vollzug: die Tiefe der Verdrängung 
bis in die uranfänghche Ununterschiedlichkeit von real und 
illusionshaft, halluzinationshafl, nicht mitmacht. Diese geringere 
Verdrängungstiefe, die zwar Auseinandersetzungen mit der je- 
weiligen Realität Raum läßt, hat das Übel, das Unheil, daß 
diese weder nach der einen noch nach der andern Seite voll 
überzeugen können. Der Wunschcharakter der Triebe verbleibt 
trotz der Anpassung an die Macht und Autorität der Außen- 
forderungen, aber er verbleibt nicht unverdächtigt^ zwischen 
der empfundenen Unterordnung und ihrer triebgewünschten 
Abwehr bleibt ein Gegensatz bestehen, der sich in jedem Augen- 
bhck neu ausgleichen müßte, um das zu gewährleisten, was 
dem norm.alen Menschen dieser Wesensart einen hohen Vor- 
zug vor dem kreatürlich Emheitli ehern einbrächte. Die Ge- 
fahr, auch innerhalb der Normalität, ist eine Schwankung, ein 
Pendeln von Selbstüberschätzungstendenzen zu Minderwertig- 
keitsbefürchtungen, von aktiv zu passiv — wie es ja, den be- 
drohlichen Lebens Wirklichkeiten gegenüber, für unser Trieb- 
verlangen nur zu natürlich ist: aber auch zugleich etwas ist, 
was im Gesundesten dafür zu einem Reiz, einer Reibung gegen- 
seitiger prachtvoller Förderung werden kann. Beinahe beant- 
wortet sich dies mit der Frage, inwieweit Schuldgefühle aus- 
geschlossen werden konnten, scheint mir. Der Hysteriker ent- 

X — 5a — 



schlägt sich ihrer ja durch seine Absperrung von aller Wirklich- 
keitserinnerung: im andersgearteten, gleichsam weitergediehenen 
Menschentypus aber sind sie ja wurzelhaft infolge der bloßen 
Grundtatsache schon, daß, mit unserer Bewußtwerdung der 
das reale Weltgegenüber aufgeht, unsere Triebwünsche eo ipso 
ins Unrecht gesetzt sind. Wir suchen sie nun zurückzudrängen 
und zu beschwichtigen, wodurch sie aber nur zu unentfalteterm, 
um so heimlicherm Dasein gelangen, oder aber wir ent- 
schlagen uns ihrer zu um so abstinenterm Gehorsam, wodurch 
unsere empörte Aggressionslust dawider akut aufbegehrt und 
uns vollends mit unserer Triebmenschlichkeit entzweit. Da bleibt 
nur das Kompromiß eines „sowohl als auch", um sich dem 
ToUen Eingeständnis der Schwierigkeiten und Entscheidungen 
zu entziehn; auch wo es noch kein Kompromiß im neuroti- 
schen Sinn zu sein braucht, nämlich noch keins, das an Stelle 
realitätsbewußter Entscheidung eine vermittelnde Konstruktion 
setzt, ein Zwischending, das, ohne Ansehen der wechselnden 
Realfälle, sich selbst zu ewiger Wiederholung bringt. „Schon 
krank" oder „noch gesund" ergibt sich hieraus, trotz der 
fließenden Linie der Übergänge; es ergibt sich an dem Punkt, 
von dem aus die Zwangsneurose ihren Namen bezogen hat: 
wo zum Schiedsrichter inmitten der beiden Schwankungen 
eine Zwangsvermittlung konstruiert wurde. Das Zustande- 
kommen dieses Mechanismus erklärt sich mir daraus, daß der 
krankhafte Zweifel ja selber bereits ein zwangsmäßiger war; 
genau das Gegenteil des vernünftigen, sachlich gerichteten 
Überlegens vor einem Entschluß — und deshalb sich mehr 
und mehr zuspitzend zur Zwangsidee. Man kennt im Kleinen 
schon an Kindern eine Art des Aberglaubens, wonach zweifel- 
hafte Fälle am Hebsten durch den Zufall, durch wahrsagende 
Anzeichen, Wahl der Pflastersteine beim Gehen, Zahlenbestim- 
mungen, Rechts oder Links usw., entschieden werden; von da 
weiter gelangen abergläubisch gebliebene Erwachsene zu Zwangs- 

- 55 — 



Vorstellungen einer überirdischen Hilfe, Das Überirdische ist 
hier das krankhaft Wesentliche daran, denn eben weder aus 
der Realität noch aus der eigenen Entschlußkraft kann dem 
Zweifel Hilfe kommen, weder vom Außenbezug noch vom 
Innenbezug, sondern von nirgendwoher, d. h. oberhalb von 
beiden her, jenseits des Menschenmöglichen. Ein solches 
Herausreißen aus der Zweifellage kann natürlich selber nur 
Zwangshaft toter, sinnlos-übersinnlicher Weise vor sich gehen 
gleichsam unerfahrbar, unerlebbar: deshalb die bekannten, 
festgelegten Zeremonielle, die bis ins Geringste unabgeändert 
wiederholt werden müssen, eigentlich gar nicht überschreitbar 
sind — was dann ausgedrückt würde durch katastrophale Ver- 
nichtung der gesamten Welt sowie des Übeltäters und alles 
ihm Heiligsten^ denn schon steht ja nicht nur Verbotenes auf 
dem Spiel, sondern ein Zwang als Glaubenszwang. 

Das Übereinstimmen von Zwangsneurose und Religion haben 
Sie, zum lebhaften Mißfallen der Menschen, im einzelnen er- 
örtert, bereits bevor Sie noch in „Totem und Tabu" dem 
Glaubenszeremonial und den „magischen" Gebräuchen im Ver- 
halten primitiver Völker nachgingen. Bezüglich der Hysterie 
war man schon gewohnter, ihren Exaltationen allerhand Ähn- 
hchkeit mit religiös veranlaßten Zuständen einzuräumen. In 
der Tat nimmt das meiste von dem, was man Religion zu 
nennen pflegt, in ungeheurer Breite und Tiefe den Mittel- 
platz zwischen Krankheit und menschlicher Normalität ein: 
nur da dürfte sie auf ihrem eigenen Boden untersuchbar 
werden, weil nur da sich erkennen läßt, wie normal uns 
zunächst eingeboren sei, was sich religiös ins Krankhafte ver- 
wachsen mag, und wie andererseits es auch dann noch von 
unserer menschlichen Normalität mitenthäh — und eben 
deshalb im Prinzip heilbar bleibt. Rehgiös bringen es Ent- 
täuschungen — d. h. mit vergeblicher Wunschkraft nach Er- 
füllungen strebende Triebe in uns — unter Umständen fertig, 

- 54 - 



ohne die gefährlichen Privatanstrengungen zu einer Neurose, 
sich durch bloßes Für-wahr-Hahen des Ersehntesten zu helfen: 
falls diese Schein wahrheit nämlich genügend allgemeingültig 
geglaubt ist, und dies wiederum genügend garantiert ist durch 
ihr Hinabreichen bis in Vorzeiten, wo eine lockerere Unter- 
scheidung von Innen- und Außen-Wahrgenommenem noch 
allgemeiner sein konnte. Mir scheint es zweifellos, daß so 
manche Neurose dank solcher günstigen Wendung unterbleibt, 
wie uns ja auch aufging (in den von „Totem und Tabu" 
veranlaßten, von G. Roheim u. a. geförderten Studien), daß 
uns heute nur als krankhaft bekannte Zustände einstmals 
Ausdruck normaler Allgemeinverfassungen waren. So entlastet 
sicher nicht selten die Schar von Mitgläubigen den heutigen 
neurotisch Disponierten von der drohenden pathologischen 
Isolierung, in die ihn sein privates Wahnschaffen werfen würde^ 
die wahnhaft korrigierte und verschönte Welt existiert ihm 
damit wirklich, ohne daß er sich dazu in eine Enge zurück- 
ziehen müßte, um gewaltsam einbrechender Reaütät zu ent- 
gehen; er befindet sich statt dessen sozusagen in einem unter 
Sanktion gestellten Naturschutzpark, wo die Raubtiere sich 
noch freundhch geben müssen — wie nahe diese beschützte 
Domäne auch, hie und da, hegen mag der unheimlichsten 
Wildnis. Man möchte insofern Propaganda machen für Gläubig- 
keit, wenn die Kehrseite davon nicht um so bedenklicher 
stimmte. Denn nämhch genau wie verdrängerisches Verfahren 
zwecks rosiger Übermalung realer Schrecknisse sich rächt 
durch verwirrende Unheimlichkeiten, so rächt sich dies — 
und sei's auch noch so allerseits mitbeglaubigte — fälschende 
Verfahren am Rest der nichteinbezogenen Reahtät: was an 
ihr von sich aus lebenswert und liebenswürdig hätte sein 
können, wird entfärbt. Mit jeder Verleumdung des Irdischen 
wird Teuflisches geboren, jedes himmlische Licht wirft höllische 
Schlagschatten, weil, ohne dies, das Göttliche nicht über- 



— 55 — 



zeugend abstäche, zu einem schattenlosen Gott-Schlemihl würde 
die Unnatur des Geglaubten verriete. Immer ist ja Satanisieren 
und Vergöttlichen aufeinander angewiesen; reich werden Gott- 
heiten durch die freiwilhge menschhche Verarmung, und erst 
das götthche Almosen macht diese Verarmung total, fälscht 
sie zu einer sozusagen naturgesetzHchen. Es gibt keine Selig- 
keitsanwartschaft ohne diese latente Tragödie und keine Auf- 
erstehungen im Glauben ohne die Kreuzesstunde dahinter. 
Der Sachverhah gibt sich allerdings etwas verschieden, je 
nachdem man diejenigen menschhchen Dispositionen dabei 
im Auge hat, die mehr zum hysterischen oder zum zwangs- 
neurotischen Habitus neigen. Ja, für Einen wendet sich da 
gar nichts ins Tragische: für. den, der etwa den Glaubens- 
anschluiB nur gefunden hat, weil er, durch den jeweihgen 
Standpunkt der Zeit oder der Erziehungseinflüsse, ihm nahe- 
gelegt war, und es einfach seinem Optimismus entsprach, von 
vornherein die angenehmsten Wahrheiten am liebsten für- 
wahr-zu-halten. Es entspricht ihm daher auch oft, sich in 
diesem bequemen Sessel zur Ruhe zu setzen, und aus derartig 
„Sitzengebhebenen" besteht vielleicht die ziffernmäßig größte 
Gemeinde der Gläubigen in der ganzen Welt, denn bei jedem 
Notstand werden sie sich ihrer Zugehörigkeit sehr bewußt 
und steigern sich gern und leicht in beträchtliche Gefühls- 
höhe von Natur aus, auch ohne irgendwelcher Hysterie ver- 
dächtig zu sein. Der Untergrund bleibt ein somit banaler: 
eme Art von ungewolltem Mißbrauch beim Gebrauch dessen, 
was andere durch ihre Glaubenskraft so allgemeingültig be- 
festigt und handlich gemacht haben. Von diesem Warenhaus- 
gang, bei dem man nicht allzu teuer ein Schlummerkissen 
oder eine Krücke erwirbt — von dieser fröhhchen Banalität 
mit immer noch roten Backen der Gesundheit, entfernt sich 
die andere Art der Glaubensseligkeit sehr weit. Denn der 
gehören die an, die wohl vorwiegend die Schaffenden in der 



— SG — 




tür-wahr-haltenden Gemeinschaft waren. Der Gott und sein 
Wohltun und Helfen entsteht erst durch die Inbrunst, womit 
er erhöht, geschmückt, verherrlicht wird, so wie etwa ein 
unscheinbarer Ikon von Blech oder Messing erst stattlich wird 
durch sein goldenes Kleidchen oder die Juwelen, die ihm 
angetan werden. Wer so seines Schöpfers Schöpfer wird, so 
seine seelische Produktionskraft daran entbindet, empfängt 
durch seinen Glauben Wesenthcheres, als alle praktische Gebets- 
erhörung gewähren könnte: der Zwiespalt in ihm — das 
Andrängen der Triebe, der asketische Ehrgeiz ihrer Herr zu 
werden — wird schaffend geschlossen, und zwar im Pro- 
duktivvorgang selber, im Umstand selbst, daß ein solcher sich 
einigend ermöghchte. Streng genommen gehören nur Menschen 
solcher Art in die religiöse Welt. Nur von ihnen läßt sich nicht 
schlankweg sagen: unsere Wünsche machen sich halt ihren 
Gott zurecht, wie sie ihn haben wollen: ist hier doch ganz 
und gar das Wesentliche die Tiefe einer Unbewußtheit, welche 
gleichsam erst durch den Eindruck vom Gott aus, den 
Menschen sich selber ermöglicht. Sich selber erschlossen 
wird er erst in dieser Rückwirkung der Göttlichkeit auf ihn; 
der menschentümlich gegebene Zwiespalt von kreatürlicher 
Sicherheit und weiterschreitendem Drang ins immer Bewußtere 
erlebt in solchen Seelen seine Bewältigung in einem unbe- 
wußten Akt, der den Menschen gerade kraft seiner Schöpfer- 
gaben zum Empfänger macht. 

Aber damit ist nur erst die eine Hälfte davon ausgesagt. 
Etwas Erschütterndes ist noch dabei, indem nämlich diese 
allein unmißbrauchte, absolut vollzogene Gläubigkeit nur eignet 
dem Menschen des Zweifels. Das will besagen: was ihn 
so glaubend seinem Eigenschöpferischen unterwirft als einem 
unbewußt Erzeugten, das muß ein wenig künstlich der Be- 
wußtseinsnähe entzogen bleiben, trotzdem es für sie Wort 
und Form fand gleich den bewußt kritisierten Objekten; sonst 

- B7 - 



würde — anstatt etwa der Beseligung des Künstlers an Werk 
und Werkschaffen — die grausame Ahnung vom wahren Sach- 
verhalt überhandnehmen. Kann doch im Umkreis sämtlicher 
Vorstellungen nichts anderes als Irdisches zum Bilde dienen 
kann der Gott sich doch nur vorstellen als eine Art Riesen- 
nachbar von phantastisch oder real Vorhandenem, ein gigan- 
teskes Nocheinmal, auch in der Seele empfangen nur hindurch 
durch ihre menschlichsten Zuständlichkeiten^ alles, was man 
Gott zuschreibt, ist ja nochmals irdisch da: wie die Hostie 
aus einer Bäckerei, der Abendmahlswein aus dem Weinberg 
gekeltert, die Offenbarung als höhnisches Teufelsspiel: so daß 
man das wie eine Kränkung an dem Gott spüren kann, ob 

man ihn nicht mit etwas Irdischem, Menschenhaftem verwechsle, 
vertausche. Alle sonstigen Zweifel, wie sie in der gemischten 
Gesellschaft der sogenannten Religiösen aufkommen mögen, 
sogar auch noch die gutbürgerlich besorgte Seelenangst um 
das Heil, nehmen sich klein und belanglos aus neben der 
Grandiosität dieses Einen, des Zweifels von ganz großem Stil: 
dem Argwohn, Gott ausgetauscht, ihn kränkend ans Irdische 
preisgegeben, seinen Widersacher statt seiner umfangen zu 
haben. Denn dieser Zweifel ist der Glaube selbst; Glaube 
ist nur, was diesen Zweifel zart umhüllt: nämlich ein Inne- 
werden dessen, daß es einen Augenblick, wo der Gott 
angerufen werden müßte — sich vorstellen müßte wie ein 
Mensch dem andern, — vorhanden werden müßte wie irgend- 
ein nicht allgegenwärtiges Ding, — daß es einen solchen 
Fall und Augenblick gar nicht geben dürfe. Ein Inne- 
werden ist es, daß Gottesdienst schon ein Name sei für ein 
Loch, für eine Lücke im Froramsein, worin schon Verlust 
und Entbehrung wohnt, ein Gottbenötigen, weil Nichtbesitzen, 
während, letztlich ausgedrückt, Gott als Gott nur da sein 
könnte, wo man ihn nicht „braucht", — daß aber, was ihn 
gebrauchen wollte, nicht mehr „Gott" wäre, sondern etwas, 



— 58 — 



worauf man mit dem Finger zeigt, um es irgendwie zu einer 
irdisch verwechselbaren Sichtbarkeit zu drängen. 

So käme ReUgion in ihrer Eigenschaft als Lebenserleichte- 
rung und Wahntröstung, sobald ganz Ernst mit ihr gemacht 
wird, zu einem ungeheuersten Anspruch an Menschen, einem 
Anspruch, der mit jeder Gabe, mit der er den Gott beschenkt, 
nur noch zunehmen müßte, und allenfalls insofern nur die 
Lebensnöte darüber vergessen Ueße. Für den also Frommen, 
Offenbarungsbereiten, näht Gott ständig an seiner eigenen 
Tarnkappe; um unverraten, verhüllt, zu verharren und nur 
eben dadurch seiend. Was sich da abspielen mag, ist das 
tiefste Erlebnis vielleicht auf dem Urgründe, am Abgrunde, 
der Mensclienseele, aber immer noch am Rande der Gesund- 
heit: der Glaube als Zweifelsnähe, der Besitz als Abschiedsnähe, 
und damit das Wahnhafte unbewußt zugleich überwunden. 
Niemals könnte dergleichen verharmlost werden durch auf- 
klärerische Helle, der „Wahn" durch „Wahrheit" im begrift- 
Hchen Sinn. Was da vor sich geht, ist so sehr Ergebnis des 
Unbanalsten in uns Menschen, daß wir heim Anblick davon 
unwillkürlich schweigend zulassen würden die Behauptung 
eines alten Kirchenvaters: Nemo contra Deum nisi Deus ipse. 






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Trotzdem für mich das Problem „der fromme Mensch" zu 
meinen ältesten, beinahe lebenslänglichen Interessen gehört, 
für Sie hingegen fast zu etwas, was Sie nicht ohne MißbilU- 
gung zu betrachten pflegen, sind wir doch darüber — for- 
scherisch angesehen — völhg einig (wie Sie erst kürzlich 
mal schrieben, „einig wie in alter Zeit"). Aber ich meine 
doch manchmal Ihr argwöhnisches Bedenken zu vernehmen; 
geht die Übereinstimmung nicht vorwiegend nur auf die 
„Rehgion des gemeinen Mannes", auf die, mit der Ihre Schrift: 
„Die Zukunft einer Illusion" so radikal wie möglich auf- 
räumt? Wurden doch in unserm eigenen Lager Stimmen laut, 
die davor warnten, nicht so weit zu gehen, d. h. grobe Wunsch- 
projektionen ins Göttliche nicht in eins zu setzen mit dessen 
„Vergeistigungen" — ach nein — : sogar Verwissenschaft- 
lichungen, mit philosophischen und ethischen Verklärungen 
rehgiöser Inhalte. Von mir wissen Sie ja aber gut, daß mir 
kaum etwas stärker widersteht, als den lieben Gott aus seiner 
gewohnt gewordenen Haustracht in eine salonfähigere zu 
stecken, worin er auch noch den Prominenten vorgestellt 
werden könnte. Es ist ein so törichtes Beginnen, weil nichts 
Frommes uns von Gnaden unserer aufgeklärtesten Ansichten 
kommt, sondern allemal nur von der Gewalt unserer infan- 
tilsten^ weil der roheste Fetisch seinen Platz in hohen Ehren 

— 60 - 



behauptet neben der ganzen Esoterik religionsgeschichtlicher 
Entwicklung (oder Verwicklung), die, indem sie den Gott 
immer raffinierter unsern immer zweckhafter angepaßten Be- 
grifflichkeiten einreiht, um so hoffnungsloser ihn mit uns 
selber verwechselt. 

Bedauerlich ist es daher, daß die freiheitlichsten unter den 
theologischen Richtungen — und neuerdings auch wieder 
modern-philosophischen — an eben diesem Punkt stecken bleiben. 
Indem der liebe Gott ihnen zu entschwinden droht, nicht 
mehr recht deutUche Vorhandenheit behält — sofern er weder 
naiv mit Irdischem paktieren, noch es in einem Jenseitigen 
grobwirkhch wiederholen darf — , irrt er in der Suche nach 
Substanz zwischen den gottleugnenden Illusionisten und dem, 
Verstandesoberhoheit leugnenden, Für-wahr-halten hin und 
her. Bis er sich entschließen muß, unterwegs zu bleiben: 
nämlich es umgekehrt zu machen, als wie Sie es ihm vor- 
geschlagen, wenn Sie ihm die Illusion lassen, aber die Zu- 
kunft nehmen^ er lehnt ab, daß er bloße Illusion sei, denn 
er sei, wenn auch noch nicht Gottgegenwart, so doch Gott- 
zukunft. Dieser werdende, allmählich erst sich gestaltende Gott, 
der von der menschlichen Vernunft das erwartet, was diese 
bisher gerade von ihm emphng, hat viel vom ältesten Hegel 
modernisiert in sich: er muß dereinst wirkhch werden, weil 
er so hochgradig vernünftig ist, wie das Menschengeschlecht 
sich einbildet zu sein. Die Einbildungskraft, die jeder Gläubig- 
keit Voraussetzung ausmacht, ist hier in ungeheuer schmeichel- 
hafter Aufblähung auf das Menschengeschlecht zurückgeworfen 
worden: was im echten Glaubensvorgang so tief unbewußt 
nur vorgehen kann, das unvermeidliche Anthropomorphisieren, 
ist hier in eine angenehme Helle des Bewußtsems gehoben, 
vor ein angenehm entgegenlächelndes Selbstporträt. Damit 
schwenkt auch der Frömmigkeit Wesenssinn in sein Gegenteil 
um: das Ruhen in etwas, das uns mitumfängt, mögen wir 



— 61 - 



klein oder groß, in unserer wachen Ichheit gefestigt oder 
angefcnaxt sein, wandelt sich zu hastigem Schritt in alle 
Selbstgenügsamkeit — bedarf doch Gott unserer Herrlichkeit 
um zu existieren, folglich existiert diese eben, wenn schon 
noch kein Gott. Die ständige Betonung, wie heroisch und 
grandios wir zu leben haben, auf daß Gott werde, macht nur 
noch deutlicher, wie stetig wir uns bei diesem Kompromiß 
zwischen Glauben und Denken vom Ausgangspunkt aller 
Frömmigkeit entfernen: vom Einblick in uns selber, der zu 
gewaltsamem Aufbhck zu uns selber wird, und damit — mag 
dies Letzte auch dem einzelnen nicht bewußt werden — sein 
innerstes Motiv verrät — sich schon verriet im berühmten 
Schrei Nietzsches: „Gäbe es einen Gott, wie ertrüge ich den 
Gedanken, kein Gott zu sein!" 

Aber nur ein Nachklang dieses Aufschreis ist die genannte 
Richtung, denn von wie viel tiefer her, weil um so viel 
tiefer-eingestehend, war das, was Nietzsches Gedanken um- 
trieb: das Martyrium seiner lebenslänglichen Gottersatz-Suche, 
In Nietzsche legt sich die Wahrheit bloß: daß der seiner 
scharfbewußten Begrifflichkeit überantwortete heutige oder 
gestrige Mensch erst langsam auch nur zu bemerken beginnt, 
was er da tat, als er „Gott tötete", daß er erst kaum den 
„Leichengeruch" davon spürt und seiner Tat noch gar nicht 
fähig ward. Nietzsche zog, wie in allem, die äußerste seehsche 
Konsequenz: er verwarf, brandmarkte diesen vaterfixierten und 
dadurch vatermörderischen Menschen, und mit ihm alle mensch- 
liche Schwäche (seine Schwäche, als übernähme er die der 
Menschheit). Es griff noch mit ein in die Konsequenzen seiner 
Philosophie, brachte sie zu dem einzigen Punkt, wo er aus 
dem psychologisch gerichteten Aphorismus es zu einer Lehre 
bringt: nämlich zur Prophetie des Wiederkunftgedankens. 
Denn was tat er damit? er überbietet damit das schwerste 
Menschenschicksal (sein Schicksal) durch das einzigmögliche 

— 6s, - 



noch Schwerere: daß das Schwere in alle Ewigkeit, nie über- 
standen, wiederkehrt. Er war derjenige, der das gleichsam 
dekretierte, der damit seine Hand „auf Jahrtausende" legen 
wollte, wie „auf Wachs" — denn mui3te, wer so tat, wer 
solche Gedanken trägt und erhärtet, nicht ein Übermensch 
sein? Hier schnellt die Not, woran man zu so schwerstem 
Tun sich entschließt, zu so schwindelndem Übermut auf, daß 
sie sich nur an einem Gott messen könnte — man ist damit 
der Gott. Bewährt als der Herr, bewährt am dazu verworfenen, 
zerschmetterten, umsonst Hilfe heischenden Menschen, der 
man ebenfalls ist. (Noch in Nietzsches Verunglimpfung des 
Christentums macht sich sein entsetztes Wissen um diesen 
hilflosen Bettler Luft, wie in seiner verehrten „blonden Bestie" 
sein Neid, in Triebsicherheit ohne Gott auskommen zu können, 
ohne den ungeheuerlichen Aufwand der Gottsuche, die schließ- 
lich das Nichts predigen muß, um daran das Nichts zu über- 
schreien. Billiger wird man nicht zum „Produzenten Gottes", 
und darum ist es verhängnisvoll, solche Ambitionen zu propa- 
gieren. 

Das Wunderbare ist nun: was in solchen Großen durch 
die Größe ilirer Aufrichtigkeit geniehaft vom menschlichen 
Innersten kündet, diese Geheimnisse unbewußten Erlebens, 
das redet auch schon, träumt und tastet, in den Äußerungen 
der Einfältigen, von aller Vorzeit her bis jetzt; sobald sie sich 
an ihren Gott wenden. Die Naivität, die Unmittelbarkeit, 
womit sie dem Gott ihr Wünschen und Wähnen darbringen, 
macht sie so beredt über sich selbst, wie es sonst, es sei denn 
im wirklichen Traum, kaum vorkommt. Die gleichen Bil- 
dungen aus der Tiefe, wenn sie in Spätzeiten bei den „Gebildeten" 
von erhöhtem Bewußtsein her geformt sind, bleiben unter- 
wegs stecken zwischen genial und infantil vertieft, und wenn 
ihre ärgsten Widersprüche auch vor der bewußtem „Reali- 
tätsprüfung" gemildert, geglätteter erscheinen, so bleibt dafür 

— 63 — 



doch fast nur der Rest von Widersprüchen von ihrem Gehalt 
übrig. Mit großem Recht schöpft unsere psychoanalytische 
Forschungsweise deshalb wie aus einer rinnenden Quelle, aus 
religiösen Erfahrungen und Darstellungen sowohl im Leben alter 
Völker wie des einzelnen noch heute ( — ich muß an erster 
Stelle Th. Reiks „Der eigene und der fremde Gott" nennen — 
sowie seine Blasphemiestudien) und noch ist dieser Arbeit 
längst nicht genuggetan. Im „Zwiegespräch mit der Gottheit", 
möchte man es nennen, schlägt sich ja allein, wie in einem 
Bilderbuch, die erste und letzte Seite menschlicher Wünsch- 
barkeit unretouschiert vor uns auf, bis wir, Betrachter, mit 
einem Erinnerungsschauer, wiederzuerkennen meinen, was 
aus unserer eigenen Frühzeit her einmal ebenso arglos und 
verräterisch unsere Seele ausdrückte: kraß und simpel, wie 
Gegenstände auf Kinderzeichnungen, das Wunschbild unserer 
Innenwelt bloßgelegt. Kleinstes übergroß. Großes gering ge- 
worden, alles unperspektivisch übereinand ergeschichtet, um 
gleicher Nähe zu sein zum Vaterherzen, zum erhörenden 
Ohr, und alles ohne hindernde Scham, unter Sanktion 
gestellt, die es moralischen Bedenken entzieht. In solcher 
Sprechweise zum Gott erweist sich manchmal noch deutlich 
die Gottprojektion als naiv-unwillkürlicher Reflex aus der 
Heilszuversicht des Kindmenschen — aus der kreatürlichen 
Zuversicht, die sich bejahend gläubig zu ihrem Da-sein ver- 
hält^ hundertmal enttäuscht und widerlegt von Drangsal jeder 
Art, bleibt alle Kreatur doch beheimatet, wo unsere allzu 
bewußte Gegenüberstellung von Welt und Ich uns beirrt. 
Fragt man nach dem letzten Punkt, von wo wir unsere 
analoge menschentüraliche Urzuversicht bezogen, so liegt er 
ja ebenfalls darin, daß wir kreatürlich muttergeboren sind 
und dadurch, ununterschieden, die Welt als uns selber emp- 
fangen, um dann, aus diesem Sich-damit-identisch-Nehmen, 
die immer fühlbarem Distanzen „liebend" zu überbrücken. 

- 64 - 



Auch die Gottesvorstellung ist ganz und gar eine solche 
erotische Projektion. Geliebte Eltern sind nur deshalb in solchen 
Riesenmaßen von Macht und Güte angeschaut, weil wir noch 
unabgeteilt von ihnen uns zur Welt finden: nur deshalb 
sind sie schon, wie Vorgänger des Gottes, der sie hinterdrein 
ersetzen soll, so anbetend Gehebte. Anbetung ist gar nichts 
anderes als eine Deckerinnerung aus jenem Dunkel, worein unsere 
Ureindrücke entglitten, ehe wir allmählich immer sauberer 
Ich und Welt zu scheiden lernten. Drum ist von je und je 
Anbetung dem Geliebtesten zuteilgeworden, und sogar nach dem 
raschen Rausch der Sinne heimlich als sein seelischer Grund- 
gehalt eingekernt. Denn, wie unsere Geburt als ein Leibes- 
faktum uns erst zu uns selber macht, so bleibt im Leiblichen 
allein dasjenige Urfaktum in uns aufbewahrt, von dem aus wir 
liebend zum „Du" gelangen, am Menschengleichsten entlang 
bis zur letzten kosmischen Umfassung. Es ist bezeichnend, wie 
sehr auch noch jegliche Gottesvorstellung sich dagegen sträubt, 
ganz abstrakt gefaßt zu werden, weil sie damit aus dem Eroti- 
schen glitte — weil nur dieses sie zur Fühlbarkeit bringt am 
Leiblichen ihres Urwuchses. Nicht zufällig haben oft gerade die 
frommsten unter den Menschen auf die Tiefe der Verbindung 
zwischen Religion und Geschlechthchkeit hingewiesen. Trotz 
der furchtbaren Verpönung solcher Verwandtschaft ^ trotzdem 
Feindschaft für und für zwischen beides gesetzt ist, enthält 
die Wollust doch weder bloß eine verunreinigende Zutat zum 
Religiösen noch auch eine bloße Primitivität der Auffassung, 
vielmehr bündelt es zu tiefst, und für immer voneinander 
abhängig. Gebet und Geschlecht. Hängt doch dies damit zu- 
sammen, daß gerade Exaltationen, die in ihrer Gefühlsstärke 
unsere bewußte Vernünftigkeit am gewaltigsten sprengen, 
nirgends anderswo sich entladen können als über die Grenze 
zum Körperhchen hin. Nur wo wir ein Mittelmaß der Affek- 
tivitat nicht übersteigen, fügt sichs dem System ein, das 



AadreBS'Salome 65 



geistige Eindrücke, seelische Ergriffenheiten, ordentUch von 
einander sondert; sonst fängt der Körper das Allzuviele, freund- 
höh gewährend, in jenen Doppelerlebnissen in sich auf, die 
■wir vom Geschlechtlichen her kennen, wo leibliche und seelische 
Bewegung zusammentreffen. Gerade also, wo wir des „Leibes 
ledig" zu werden wähnen, in unserm Außer-uns-Geraten 
empfängt uns die arglose Treuherzigkeit unserer Leiblichkeit 
die blutwarme Einheit von beidem, und gibt uns noch in sich 
eine ganze Strecke Raum. Daher erscheinen Vorstellungen 
geistlicher Art am allerwenigsten entsexualisiert, aber doch 
nur, weil auch Sexualität von tiefer her quillt, als aus den 
dünnen Einzelrinnsalen dessen, was uns davon bewußt werden 
kann. Der Wortsinn von „oben" und „unten" gilt dann nicht 
mehr, noch auch von hoch und tief, das eine wird immer 
zugleich das Wurzelwerk des andern; ob wir steigen oder 
fallen, ob wir in Anbetung oder Wollust eingehen, ist im v o 1 1- 
gültigen Erlebnis nur für den Außenbetrachter fragwürdige 
der auf Unterscheidung eingestellt ist als auf einzige bewußt 
mögliche Abrechnung, statt auf Innewerdung: diese läuft in 
einem Ring. 

Faktisch treten wir aus dem Zusammenhang des einen mit 
dem andern nie heraus, und wir „wissen" deshalb davon 
neben all unsern bewußten Unterscheidungen. Das treuher- 
zige Füreinanderstehen, das noch miteinander für Identisch- 
genomraen-Werden, wie es der Kreatur, dem Kinde, dem 
Beginn des Menschengeschlechts einen langen Augenblick 
zu eigen ist, macht das Wort von Novalis wahr: der erste 
Mensch sei der erste Geisterseher gewesen — nämlich ein 
Wesen tapfern Unglaubens an die bloße Unterschiedlichkeit 
des Außen und nur am Außen zunehmend Erfahrbaren. Erst 
allmählich reißt die geschärfte Bewußtheit das in zwei Stücke: 
Identifikation tritt zurück hinter den Notbehelf des Symbol- 
bildes. („Symbol", im Sinn unserer psychoanalytischen Auf- 

— GG — 



Fassung, für die es bedeutet: eine in Verdrängnis geratene 
Erinnerung präsentativ zu machen durch ein Nebenstück, 
worin ihre Bedeutsamkeit durchzuschimmern sucht.) Auf diese 
indirekte Weise bleibt für den Menschen (analog wie aus patho- 
logischen Gründen für den Verdränger und den Kranken, bei 
dem wir „Symptom" für „Symbol" setzen) die Einheitlich- 
keit des bewußten und des unbewußt agierenden Lebens nach 
wie vor bestehen; immer noch begegnet er auf einem schmäleren 
Streifen neutralen Bodens den zweierlei Erfahrungen, wie fremd 
oder feindlich sie auch sonst voreinander tun. Man möchte da 
Ferenczi erwähnen, der (wie immer) am tiefsten trifft, wenn 
er sagt, unsere Freude am Symbolbilden sei: „nicht nur Er- 
sparnis an intellektuellem Aufwand an die Seite zu stellen" 
(also nicht nur, wie z. B. bei Ihrer Witztechnik, ein kraft- 
ökonomischer Vorteil, sondern) „es sei möglicherweise eine 
besondere Wiederfindungslust dahinter . . . Die Tendenz, das 
Liebgewordene in allen Dingen der Außenwelt wiederzufinden, 
ist wahrscheinlich auch die Quelle des Symbolbildens". Längst 
urteilen wir nicht mehr (wie noch M. Pelletier bei Jung tut): 
le Symbole nest qu'une forme tres inferieure de la pensee" — 
wir gestehen ihm sozusagen seine eigene Logik zu, was am 
besten der Schwede L Lindquist mal in die Worte faßt: daß 
im Gleichnishaften der Satz „A. ist nicht non A." zwar seine 
logische Gültigkeit verliere, aber nur, sofern die vielen Ähn- 
lichkeiten zwischen den verschiedentlichen A.s ihn Lügen 
strafen würden, nähme man ihn alleiniglich ernst. 

Solange das Symbol ganz unmittelbarer Nachfolger der darin 
gewissermaßen aufbewahrten Identifikationen ist, kann man 
noch kaum von Religion sprechen, sie ist dann zu sehr an 
ihre Vorform, an Magie, gebunden, die in Riten und Gebräuchen 
verwirklicht sieht, was als selbstverständliche Voraussetzung noch 
im. Menschen ruht: letzthche Zusammengehörigkeit der gegen- 
übergestellten Fremdwelt mit all ihren schreckhaften Möglich- 

— 67 — 5- 



keiten, und des Menschen. Religiöser Ritus und Gebrauch 
einigen beide de facto, sind Vollzug dieser Einigkeit — nicht 
Theorie oder Lehre. (Wieder möchte ich zitieren, S. Reinachs 
hübsches Wort; Les rites tendent a diviniser Vhomme . . . Gräce 
a la Magie, Vhomme prend Voffensive contre les choses, ou, plutot^ 
il deuient Le chef d'orchestre dans le grand concert des esprits 
qui bourdonnent ä ses oreüles) Wo ist der eigentliche Anfang 
aller Religion anzusetzen? Man hält ihn für gegeben mit Spezi- 
fikation der magischen Mensch- Gotthafiigkeit zu irgend objekti- 
vierter Götterbildung. Doch eben dies ist der Beginn zugleich 
zu allem Fragwürdigen der Religionsentwicklung. Denn was 
geschieht im Grunde da? Die am Weltgegenüber allmählich 
geschärfte Erkenntnis und Erfahrung vollbringt ihr Gott- 
gestalten durch Einbeziehen realer Eindrücke, nimmt das Außen 
dafür zum Bild, gleicht die Götter dem an, was vom Außen 
gewünscht und ersehnt wird. Die Unwillkürlichfceit der — 
sagen wir: noch kreatürhchen, noch vom Außen nicht vollends 
abgehobenen ~ Lebenssicherheit wird ersetzt durch ein Für- 
wahrhalten, durch etwas, das bewußten Glaubens bedarf, dessen 
Objektivierungen nicht mehr nur unwillkürliche Widerspiege- 
lungen sind, sondern Einprägung vermittelnder Konsistenzen. 
Wie sollte es auch anders sein? Die steigende Weltkenntnis, 
so überaus wichtig und unabweisbar, bekommt eine Neben- 
aufgabe: in ihren Formen und Farben außerdem verwendet 
zu werden für eine Überweltkermtnis, die dem „bloß Magi- 
schen" insofern fast sogar entgegen ist, als sie höchst unmagi- 
sche Garantien bietet — eben deshalb bietet, weil es dabei 
nicht mehr nur um Symbolwirkung, noch weniger um vor- 
ausgesetztes Noch-identisch-Sein geht, sondern um „real und 
reell" vermittelnde göttliche Sachwalter außerhalb davon. 

Allein, was damit Verhängnisvolles geschehen ist, bleibt viel- 
leicht nicht einmal das Beirrendste an diesem unaufhaltsam 
weitergehenden Prozeß. Denn nämlich ebenso, wie die Gott- 

— 68 — 



heilen sich an den ühersteigerten Hilfserwartungen der Wünsche 
immer starker verdeutHchen, so auch das Gegenbild mensch- 
licher Wünsche: die Angst vorm Unheil, dem Tode, der Ver- 
nichtung. Tritt das Kind mit einer Mutterschoßsehnsucht ins 
neue Dasein und doch auch mit erwachendem Lebensbegehr, 
sich nun dennoch zu behaupten, nicht wieder der „Welt" 
entnommen zu werden, so nehmen wir, im Normalfall, an, 
daß beides, von Tag z\x Tag, sich gegenseitig zu fördernder 
Gemeinschaftlichkeit aufhebt, — daß das aus der Mutter- 
existenz gesammelte Leben sich umsetzt in das der Einzel- 
existenz. Werden jedoch, wie in den Religionen, wo die Wunsch- 
gölter zu Gestalten werden, auch die Befürchtungen ins Positive 
gestaltet, so steigt aus dem Mutterdunkel das Grauen vor der 
Vernichtung^ „dunkel" heißt da nicht, der Farben nicht be- 
dürftig unsichtbar-sicher im Rückhalt stehen, sondern ein- 
gesetzt zum Gegenspieler wider alles Helle und Farbige. Zweierlei 
Gottheiten stehen sich da einander gegenüber. Wie dort unsere 
Wünsche tummeln sich hier unsere Ängste aus^ wie die Götter 
ihre üppigen Versprechungen nicht halten, so bedrohen die 
Gegengottheiten das bereits Vorhandene mit Vernichtung. Er- 
schienen in den Rehgionen stets die urältesten der Götter- 
o-ebilde als die gefürchtetsten, dunkelsten, grausamsten, so 
nicht nur deshalb, weil sie von den Gottnachfolgern ent- 
thront, somit erniedrigt und verunghmpft sind, sondern weit 
mehr noch steckt darin überhaupt die fortschreitende Wen- 
dung zum Daseinshellen, Bewußtseinsmäßigern, von dem erst 
die spätem Götter ganz ihre Wesenstönung beziehen. Durch 
den Umstand jedoch, daß das Beiderlei begrifflich ins Unge- 
heure hineinkonstruiert wird, sich in Göttliches überschlägt, 
kommt es auch im Menschen zu einem sich befehdenden 
Zweierlei der Wirklichkeit gegenüber^ der, sozusagen, zwei- 
malige Ansatz zum Leben, worin er mit der Geburts- 
stunde das Menschentum antritt, befehdet sich, anstatt sich 

- 69 - 



auszugleichen, weil gegenüber dem Über- und Außermensch- 
lichen seine Hilflosigkeit immer absoluter wird. 

Dies ist wohl der Punkt, wo Rehgionsbildung als solche 
dem Pathologischen am weitesten entgegenkommt. Der Mensch 
zwischen schmale Bewußtheit und die Breite der Unbewußt- 
heit gestellt, verengt sich diese Breite in eine enge Todes- 
pforte und verdoppelt sich andererseits täuschend das bewußt 
Begrenzte zu einem Daneben götthcher Gegenständlichkeiten. 
Damit wechselt ein jedes verwirrend ins andere hinüber 
wechselt gegenseitig seinen angestammten Platz und setzt den 
Menschen, wie er sich auch wenden, wie er auch wählen 
mag, eben als Menschen ins Unrecht. Denn daraus gibt es 
keinen Ausweg, außer den, in den die Rehgionen allmählich 
münden: der Erlösungssehnsucht, Erlösungslehre. Die 
Stifterreligionen erhoffen in ihrem Stifter den magischen Men- 
schen, der von dem befreit, was natürhchen Mitteln nicht 
mehr zugänglich ist. Der Erlöser ist der in ihm autbewahrte — 
nur vom Beginn oder vom Ende her angeschaute, — alte 
Magier; der verzweifelte Zwiespah greift in ihm zur äUesten 
Rettung zurück: zum ursprünglichen Zusammenschluß des 
Menschlichen mit seinem Urschoß. Was da auf Erlöserschultern 
abgeladen wird, ist eine Hilflosigkeit, die schließlich nur noch 
als Verschuldung, als letztliches Wesensmanko gefühlt werden 
konnte — als die Schuld, Mensch geworden zu sein, als die 
Vorwitzigkeit der menschlichen Situation, das Verzweifeln 
an dem, wovon man doch nach wie vor umfangen bleibt. 
Was da als Erlösungssehnsucht aufbegehrt, reicht so tief wie 
die untergründigsten Konfliktlagen des Menschentums über- 
haupt, und ist darum von nirgends her durch Verstandes- 
entwicklung total abzustellen j wo es zu fehlen scheint, ist 
das oft nur scheinbare „Oberfläche", wörtlich genommen, in 
Wirklichkeit ist es tiefer hin ersetzt durch Verdrängungsver- 
suche der Lebensangst, durch Abgötter statt Gottbildungen, 



70 



durch all das, was ( — wie bei praktischen oder erotischen 
Übertreibungen — ) so tut, als rissen sie helfend in andere, ge- 
fühlsablenkende Sphären. Menschliche Erlösungsnot lächelnd 
Überhören, als gelte sie äußerhchern Nöten, denen man nun 
einmal ausgesetzt sei und denen Vernunft, nicht Aberglaube, 
abhülfe, ist deshalb selber oft eine täuschende Gebärde, nicht 
anders als die Schutzgeste des Religiösen. Käme jemand wirklich 
aus mit Oberflächenstimmung, ohne Blick für die Tiefen des 
Daseins, so käme er fast schon dem nahe, wovon Schopen- 
hauer sprach als vom „ruchlosen Optimismus". ^■-■- 

Aber auch das andere bleibt daneben bestehen: das Un- 
behagen am Phänomen der Rehgion, insofern sie gerade an 
der Lebensbewältigung, die sie leisten möchte, verhindert. 
Denn nicht so sehr „Wissen" und „Glauben" stehen einander 
da entgegen, sondern Verlangen nach Wirkhchkeit und Ver- 
langen nach der Selbsttäuschung, die, weil sie die Bewälti- 
gung vorwegnimmt und fromm vergegenständlicht, uns vom 
zu bewältigenden, überwältigenden Urerlebnis des Daseins 
getrennt hält. Nur das Erlebte selber reicht bis in jene Schichten, 
wo Leben und Tod an einander rühren, wo sie „gegen- 
ständUch" belanglos werden. Hie und da, in therapeutischen 
Analysen, läßt sich darum ein Eindruck gewinnen von Auf- 
lösung anerzogener oder auch selbstgebauter Glaubensannahmen 
mittels der Genesung. Da ist es, wie wenn dem Analysanden 

und zwar gerade infolge seiner Pietät für das Geglaubte 

— beschämend klar werde, daß er es lediglich mißbraucht 
habe zu Zwecken seiner Krankhaftigkeiten, — daß er es in 
die Bedürftigkeiten seiner Neurose hineingezerrt habe als em 
Stück von ihr. Außerordentliche Not wirkte da als förmlicher 
Zwang zu geglaubten Wunscherfüllungen — und es gibt keine 
außerordentlichere Not als die neurotische, — aber gerade 
darum bewirkt sie zugleich den Widerstand gegen Genesung: 
denn sie braucht, vice versa, die Verzweiflung zur Beglau- 



— 71 



bigung ihres Wahnschaffens. Mit dem Abtun davon geschieht 
nicht nur ein Negatives, sondern das freiwerdende Positive 
einer gefaßtem und bereitem Stellung zum Dasein, dessen 
Not und dessen Glanz sich nicht künsthch voneinander scheiden 
lassen, weil in beidem wir selber sind. ,. ;; 

Damit erledigt sich auch die Frage, wie religiöse Differenzen 
zwischen Analysand und Analytiker zum Austrag zu bringen 
seien: nämlich gar nicht. Je redlicher sie dem Ziel der Ge- 
sundung in gemeinschaftlicher Arbeit zugehen, um so gewisser 
stehen sie auf Einem Boden, und die Bedeutung solcher 
Fragen entsinkt damit. In der Härte oder Dürre der Lebens- 
wanderung, führe sie auch noch so weit in getrennte Rich- 
tungen, stillt sich ihr Durst dennoch aus demselben Quell, 

wie am gleichen Oasenrand die Tiere der Wüste einander 
begegnen, wenn es tagt oder Abend werden will. 



72 



.,:;,.■!,■■ ■ ■■•-'.■' l .1- li ■ i-- ' 



VII 



, i. - . r . -». 



Wo im Glaubensvorgang Bilder aus dem Religiösen naiv- 
poetisch aufsteigen, grenzt er an den künstlerischen Schaffens- 
voreang aus einem ursprünglichem Stadium beider, das sie, 
mit allen menschlichen Betätigungsarten noch ineinandergerollt, 
unspezifiziert, in sich enthält; ebenso wie Kunst ihrerseits an 
Magie und Religion grenzt — eine Art der Beschwörung 
dessen worüber man verwirklichende Macht zu haben glaubte. 
Kunst im davon schon getrennten Sinn entsteht erst als Er- 
satzschöpfung unserer Resignation bezüglich solcher magischen 
Mächte: im Verzicht auf solche Beeinflussung der umgebenden 
Wirklichkeit — als eine zweite Wirklichkeit neben der be- 
harrenden ersten. Allem Kunstwerk gestehen wir Eindrücke 
zu, die wir so von keiner Außenrealität empfangen können, 
und die uns dennoch etwas vermitteln, was objektiv begründet, 
nicht lediglich subjektiv hinzugetan erscheint. Ist es doch 
eben dies, wodurch in den philosophischen Systemen die 
„Ästhetik" so hoch ins Metaphysische auffliegt^ den realen 
Darstellungsmitteln, deren die Kunst sich bedienen muß, wird 
vom Übersinnlichen her die nötige Bedeutung wieder an- 
gehängt, die ihrem Ursinn verlorengehen mußte. Wenn ich 
nun sage: mir scheint durch die Psychoanalyse diese geheime 
Absicht aller Metaphysik nicht nur berichtigt, sondern auch 
einigermaßen — wenn auch andersherum — befriedigt, so 

- 73 - 



werden Sie, bitte, nicht argwöhnisch, als ob ich etwa der 
Psychoanalyse etwas aufhalsen möchte, was sie zu tragen gar 
nicht gewillt ist. Ich bekenne: mir ist's herrlich, ihr dies 
aufzuhalsen, weil es von Ihren eigenen Hinweisen ausgeht, 
die Sie vor einem Jahrzehnt bereits in Ihrem „Jenseits des 
Lustprinzips" uns gaben und die, von einem vertieften Unter- 
halb her, das fingierte Oberhalb der Metaphysik gleichsam 
überschüssig machten. Ihnen war bei der Deutung von Träumen 
aufgefallen, daß es neben denjenigen, die in der bedenken- 
losem Freiheit des Schlafes unsern Wünschen erfüllungsbereit 
sind (sofern dreinfunkende Bewußtseinsmahnung sie nicht in 
Angstträume verkehrt), es auch Träume gibt, die bis in Ur- 
türahches hineinreichen, in eine Art Vorzeit des Träumens 
wo noch gar keine Rücksicht auf „uns", auf unsere Lust- 
oder Unluststellung genommen scheint, wo sich gleichsam 
in reiner Wiederholungsautomatie noch einfach wiederspiegeh, 
was sich innen begab. Diese tiefergelegene Schicht hinter 
unserer schon ichbezogenem — diese immer vorhandene 
Schicht, wenn auch nur hie und da von uns vermerkte (wie 
ja auch unsere lust- und unlustbezogenen Träume hinter dem 
i periodischen Wachsein in uns unbewußt weiterträumen), scheint 

doch einen Fingerzeig zu geben in die Sphäre dessen, was 
wir das Schöpferische im Menschen zu nennen pflegen. Denn 
in ein Urtümlicheres, noch Kreatürhcheres muß sein An- 
satz reichen, um dem Personellen entwundener zu bleiben 
als die bewußte Entwicklung zu unserm praktisch-logischen 
Dasein; der schaffende Künstler wäre ein Bewahrer von Ur- 
|. eindrücken, die sich nicht unterdrücken lassen von der Ent- 

\ Wicklung, aber auch Einengung, in alles übrige, sondern 

sozusagen eines Wiederholungszwangs sich noch bedienen. 
Was man „künstlerische Begabung", Schöpf er fäliigkeit über- 
haupt nennt, würde die Umstülpung davon ins Werk sein, 
in eine zweite, neu angebahnte Art der Wirklichkeit. Und, 

— 74 - 



indem jedermann in der gleichen Tiefenschicht letztlich 
beheimatet ist, wäre er vom Werk des Schaffenden mit- 
berührt, erlebte er ein Mittun davon in dessen Wirkung. 

Bezweiflern der Psychoanalyse gewährte es eine — wie 
stets ein bißchen mißverständhche — Genugtuung, als Sie 
jenseits des Lust- und Unlustprinzips etwas zugaben, wenn- 
schon nach tiefer statt nach höher zu, aber interessant ist es, 
daß auch alles, was man etwa „hohe Lust" zu titulieren 
pflegt, für uns diesen Charakter aufzeigt. Es bedeutet jedes 
Mal: jenseits unserer Mittelzustände des Ichberechenbaren, 
Persongerichteten, also eine Grenzerweiterung — ja oftmals 
etwas, wodurch „Glück und Schmerz" einander einbegreifen, 
oftmals ein „Außer-sich-Sein", das wie ein Heimkommen 
zu sich selbst sich anfühlt. Neben masochistischer Selbstpreis- 
gebung oder sonstigem Pathologischen, das zu infantilster 
Personlosigkeit zurückrutscht, beruht es einfach schon auf 
dem Umstand, daß wir aus breiterem Dunkel anheben, als 
wir bewußterweise wissen, und wo diese ursprünglichste 
Passivität sich in um so verstärktere Aktion umsetzt, reden 
wir von schöpferischen Fähigkeiten. Aus dem Unbewußten 
stellt sich ein Stück inmitten das bewußte Gegenüber der 
Realitäten, greift sie gierig auf als Ausdrucksmittel für diese 
neue, andere Wirklichkeit, ja besteht ganz und gar im leiden- 
schafthchen Auftrieb zu solcher Verwirklichung. Daß im 
Künstlerischen Unbewußtes derartig hochtreibt, ist das, was i 

uns Form heißt. Sie ist nichts als die Unbewußtheit des ' 

Inhalts selber, der uns sonst (außer in pathologischer Ver- 
kehrung) unzugänglich bleibt, sie ist nichts neben ihm: des- 
halb von solcher Verletzhchkeit durch geringsten Eingriff in 
sie, durch kleinste Abänderungen, weil die „Vorhandenheit" 
des Inhalts mit ihr aufhört. Sie bemächtigt sich alles Realen, 
an dem unser sichtbares oder begriffliches Weltgegenüber sich 
uns hinstellt, und zwingt es — für jeden verwandt Fühlenden, 

- 75 - 



— etwas anderes auszudrücken als dieses selbst, als diese 
praktisch sichlbarliche und logisch begreifliche Welt. 

Weil mir vorkommt, als werde das hier bloß Angedeutete 
von der Psychoanalyse nicht ganz anerkannt, bin ich in bezug 
auf drei Punkte ihrer Kunstauffassung ketzerisch gestimmt. 
Erstens bezüglich ihrer Überschätzung des Tagtraums — der 
sich natürlich auch beim Künstler besonders plastisch ein- 
finden mag, dem aber trotzdem am wenigsten über das Kunst- 
problem zu entnehmen ist, gerade weil er am meisten von 
sich zu erzählen weiß. Denn bei ihm ist in der Tat Form 
und Inhalt zweierlei: was sein Traum ersehnt, ist die reale 
ErfüUung seiner verschiedenen Wünsche, und nur weil diese 
Erfüllung versagt oder sich verzögert, werden sie zum Not- 
behelf phantasiemäßig geformt. Dies trennt ihn nicht nur 
dem Grade, sondern dem Wesen nach vom Kunstwerk: ja, 
wo in einem Kunstwerk dergleichen irgendwo durchschlug, 
läßt sich ein künstlerisch toter Punkt oder Blindfleck aufspüren 
{wegweisend und wichtig für des Werkes Analysierbarkeit, 
eben weil sie hier merkbar auf den persönlichen Triebunter- 
grund auftrifft). So sind Kunstwerke durchströmt von aller 
Wollust, und doch, wo nur ein Tropfen davon nach außen 
sickert aus dem geschlossenen Kreislauf, wird es bezahlt wie 
mit einem abgestorbenen Ghed am Gesamtorganismus. Und 
ebenso muß fürs Gelingen nicht nur das Stoffliche des An- 
lasses in Vergessenheit gesunken sein, sondern verbraucht: 
ja gleich Begrabenem verwest und verwandelt zu Anderem, 
Pflanzlichem; so sehr anders ist dies Stück Erde 1 lebend - 
neu umfangen im Kunstwerk, und dennoch mütterlich noch 
zum letzten der Knöchelchen. 

Zweitens leuchtet mir, im Zusammenhang hiermit, die Her- 
leitung des Künstlerischen, des menschhch Schöpferischen über- 
haupt, aus den Verdrängungen nicht ein: wenngleich diese 
noch so oft, eventuell immer, ais mittelbare Veranlassung beteiligt 

- 7(; - 



sein mögen, durch den zu Ausdruck treibenden Druck von Sehn- 
sucht und Nichtbefriedigung. Hauptsache bleibt dennoch immer 
das, was letztUch nicht reale Wunscherfüllung intendiert 
— eher könnte davon noch gesagt werden: es kommt von 
Erfüllungen her, von der Macht unwillküriicher, unabweis- 
hcher Realisation des noch gar nicht Personellen. Es bildet 
dadurch geraden Gegensatz zum Pathologischen, das ins Infan- 
tile „regrediert", von Verdrängungen dorthin ins Absperrende 
zurückgescheucht: es verhilft einem Ursinn des Erlebens hinauf 
ins Bewußtseinsfähigere, verbindet gleichsam Oben und Unten 
innerhalb einer neuartigen Bahnung, die auf der sonst üblichen 
Wunschbahn gar kein Ziel damit erstrebt. Ist dies denn nicht 
auch der Grund dafür, warum für den so Schaffenden — 
sowie die rezeptiv das Geschaffene Genießenden — aufgehoben 
scheint, was sonst ihre Wünschbarkeiten mit Verboten und 
Geboten unterband, und was außerhalb dieser Feierstunde, 
dieses sozusagen wunsch-luftleeren Raumes, sie auch wieder 
bedrängt? Sie schildern es selber: „Das Unbewußte wird für 
diese eine Konstellation ichgerecht, ohne daß sonst etwas an 
seiner Verdrängung abgeändert würde. Der Erfolg des Un- 
bewußten ist bei dieser Kooperation unverkennbar; die ver- 
stärkten Strebungen benehmen sich doch ganz anders als die 
normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener Leistung". 
Das schlichtet auch die ahe kitzliche Streitfrage, ob dem 
Schöpfer für sein Werk alles mögliche menschlich Fragwürdige 
erlaubter und eher statthaft sei: die Inanspruchnahme dadurch 
beeinträchtigt tatsächlich die Hingabe an sonstige Menschen- 
ziele und tut das obendrein nicht allzu selten auf einiger- 
maßen tragische Weise, indem gerade der so beschaffene 
Mensch, ein „Vollkommenheitsbesessener" möchte man sagen, 
auch doppelt leidensfähig und empfindhch ist gegenüber den 
UnvoUkommenheiten des Lebens und seiner selbst. 

Und daran knüpft sich mein drittes Ketzertum: an die 



77 



Überwerlung des Sozialen in der Kunstleistung. Natürlich 
liegt sie in der Sache mit drin, etwa wie uranf'änglich auch 
die Voraussetzungen von Magie, von Religion sich noch ein- 
heitlich, ungetrennt darin dokumentieren. Aber, die Spezifi- 
zierung der menschlichen Betätigungsarten schon angesetzt, 
scheidet das Soziale als Kunstzweck aus, eint sich ihm nicht 
anders als auch sonstige menschliche Beweggründe sich hinzu- 
mischen, wie Ruhmsucht, Erwerbslust oder anderes mehr. 
Schöpfer ist jemand allein vom Jubel und Drang seines Werkes 
her, und, wäre er im übrigen noch so sehr auf den Mit- 
menschen eingestellt, sei es „ethisch" oder „erotisch", ist beides 
nicht mitschaffend an dem, was Werk davon wurde, es nur 
vermittelnd, „zwischen Phantasiewerk und Außenrealität". Es 
ist wesentlich, sich dies auch in Hinsicht auf das Erotische 
. zu sagen — obwohl dies das Einzige ist, das vom PubUkum 
dem Künstler allenfalls bereitwillig zugestanden wird. Man 
denkt dabei aber an Erotik im objektlibidinösen Sinn, wäh- 
rend die Quellen, die so nahe seiner Produktivität rinnen, 
ja viel, viel weiter zurück entspringen und uns am ehesten 
noch deuthch aufzugraben sind innerhalb der frühen Sexual- 
phasen. Unserer psychoanalytischen Auffassung nach sind stets 
starke Beziehungen, von sogenannten „Talenten" aus, zur 
Haut-, Oral-, Anal- und auch sadomasochistischen Ausdrucks- 
weise der Erotik zu finden, und wir nehmen an, daß sie 
sich schon dort abbiegt von den Tendenzen zum sexuellen 
Reifeziel, um sich, wenigstens zu einem Teil, statt dessen 
geistgerichtet aufzuarbeiten, zu „subHmieren" (die „Sublimation 
nimmt den Weg über das Ich", Freud). Noch weiterhin, als 
wir sie begleiten können, behält sie wohl ihren eigentlichen 
Rückhalt im Uranfänglichsten, dem sich Subjekt und Objekt 
noch nicht unterschied, und läßt den Künstler dauernd als 
sehr primär „narzißtisch" disponiert erscheinen. Anstatt der 
Liebeskraft als bloßer Not-Brücke übers Unterschiedliche hin- 

- 78 - 



weg wäre die erotische Grundbefähigung also ein Mangel an 
Distanz, eine bloBe Vorform der Liebe, ein besonders dauer- 
haftes Funktionieren des Identifikationsmechanismus — während 
daran vorüber seine übrige Weiter-Entwicklung dem Objekt- 
libidinösen zugeht. u<. 

In dieser Aufeinanderbeziehung des Früherotischen zum 
schon geistgerichtet Bewußten unseres Ichs liegt füi- den 
schöpferischen Menschen ein bestürzend asketisches Moment: 
seiner Erotik entgeht zu einem Teil die leibliche Zieb:ichtung 
und Entwicklung. Das Werk ist ihre Verleiblichung, er be- 
zahlt damit sozusagen die fragwürdige Gottkonkurrenz, die 
er als WirkUchkeitsschöpfer treibt. Durch dies Reiche und 
Bereichernde, das er sich vorbehält — trotz auch seiner 
Einengung ins Bewußtgewordene, — ist er auf Verzicht ge- 
stellt wie einer, der in undurchdringlicher Taucherrüstung 
Schätze vom Meeresboden aufliest und heraufbringt ^ nur 
durch einen Atmungsschlauch mit der Oberwelt verbunden, 
solange er daran schafft. Denn wo das nicht gelungen 
ist der Verzicht nicht voll stattgefunden hat, da entsinkt das, 
was zur Produktivkraft werden wollte, ins leibhch Infantile 
der Erotik. Zwischen diesem leibhchen Ablauf und der aus ihm 
erlösenden Produktion erstreckt sich gern das ganze Gebiet 
des Pathologischen, gleich einem Spinngewebe, das auf die 
ermattende Fliege lauert. Man gedenkt dabei der Ausführungen 
Ferenczis über die gewissermaßen „magische" Äußerungs- 
weise hysterisierter Zustände, die „aus im Körper verfügbaren 
MateriaUen" Symbole für etwas zu nehmen weiß, was, infolge 
verdrängerischer Absperrung vom Bewußtsein, „unsere erotische 
Triebkraft innerhalb der Leibesgrenzen produktiv werden laßt" : 
Die normale Scheidung des Realitätsorgans von denen des 
erotischen Zentralorgans wird — aufgehoben und infolge 
dieser Vermengung sind die Hysterischen zu Mehrleistungen 
befähigt ... Es kommt dabei auch das Stück der organischen 



79 



r 



Grandlage, auf die die Symbolik im Physischen aufgebaut 
ist, zum Vorschein . . . Die Materialisationsphänome werfen 
auch ein Licht auf das physiologische Korrelat des künstle- 
rischen Schaffens." Das Schwanken an dieser Grenze zwischen 
künstlerischer Produktion und Abgleiten in leibliches Erlebnis 
gewinnt einmal einen eindrucksvollen Beleg an der von 
R. M. Rilke geschilderten kurzen Episode 1913 in Duino 
(ursprünglich im Inselalmanach von 1919, betitelt „Erlebnis"): 
als er, in die „schulterhohe Gabelung eines strauchartigen 
Baumes gelehnt", gleichsam des Baumes Wesenheit in sich 
übergleiten fühlte. Es bleibt „erlebt" ohne, in diesem logi- 
L sierenden Bericht, zu einem dichterisch Erfahrenen zu werden, 

l es bleibt leiblich, gleichsam somnambul erlebt, ohne sich 

ins entpersönhcht Werkhafte umzusetzen, und beschäftigt den 
Dichter deshalb, noch nach der ersten Notizniederschrift in 
Spanien, sehr viel später in einem, dem Erlebten nachgrübelnden 
l Briefe. Verwandte Vorkommnisse zwischen Produktion und 

subjektivem Befinden, wie sie hier ausnahmsweise vorfielen, 
kennzeichnen z. B. auch viele Exaltationen, die sich ins Mystische 
oder Romantische verschlagen glauben und doch im rein 
Illusionären eigner Bedürftigkeit stecken blieben. Dann hefem 
sie die besten Einwände für alle Kunstverächter, welche arg- 
wöhnen: Künstler sein hieße, sich hinüberschwindeln über 
das kalte tote Chaos der Dinge, das wir uns praktisch-logisch 
zu ordnen mühten, statt solcher bequemern Selbsttäuschung 
darüber zu erliegen. Doch jeglichem Werkgelungenen gegen- 
über schlägt dieser Einwand fehl: der Künstler greift seine 
Sensationen aus Ureindrücken dessen, worin ihm Welt und 
Mensch noch ungeschieden die Wirklichkeit ausmachten, 
und diese ist es, die sich im Werklichen nochmals ver- 
' wirklicht. 

!;. Ein anderer Einwand ist gewichtiger. Er beruht auf der 

Tatsache, daß es auf diesem Wege schöpferischer Gestaltung 

1 I 

— 80 — 



eine Grenze gibt, die zwar nicht zurückscheucht in halb- 
leibliche Zwischenzustände infantiler Provenienz, aber dafür 
in den Gegensatz hinaustreibt: über die Grenzen menschlicher 
Voraussetzungen und Lebenseinstellungen außerhalb des Werkes. 
Im Normalerleben sind wir von den Eindrücken des Realen 
abhängig und unterworfen, zugleich aber ihrer mächtig infolge 
einer verhältnismäßigen Unzerspaltenheit unserer selbst von 
dem unbewußtesten Andrängen bis in die klar disponierendste 
Bewußtheit. Nahezu dreht sich diese Sachlage im künstleri- 
schen Schaffen um, indem die Werk Wirklichkeit verlangt, daß 
das Reale für sie selber rückhalt- und rücksichtslos zum bloßen 
dienenden Ausdrucksmittel werde — daß andrerseits aber dieser 
herrische Künstler zum Geschöpf werde des eigenen Unbe- 
wußten, und passiv dessen Einflüsterungen Folge leiste. Mit 
einem gewissen Recht erscheint die Kunst in ihrer Speziali- 
sierung, also nach ihrer Entziehung aus der ursprünglichsten 
Menschenganzheit und emanzipiert zu sich selbst, irgendwie 
menschlich-gefährdend — keinesfalls so harmlos, wie sie uns 
nur da vorkommen kann, wo wir es nicht sonderhch wichtig mit 
ihr nehmen. Beinahe vollzieht sich damit ja ein ähnliches Ver- 
hängnis wie das des Eros, dessen Selbstverständlichkeit im ur- 
sprünglichen Bunde mit allem übrigen Menschentum, mit „hoch 
und niedrig", durch seine Spezialisierung (unter reUgiösen 
Verboten) aufschnellte zu romantischen Zuspitzungen, die sehr 
schön und auch recht gefährlich sind für seine Einordnung 
in die Gesamtheit des Lebens, indem sie den Eros, der das 
Leben doch, wie nichts anderes, zentral auszudrücken hat, in ein 
Außenseitertum drängen neben der simplen Sättigung physio- 
logischer Bedürfnisse. 

Die Drangabe des Schöpferischen im „reinen Kunstwerk" — 
in dem keimfrei zum Künstlerischen destillierten sozusagen — 
kann so weit gehen, daß der es Schaffende in seinem Mensch- 
sein selber sich von seinem menschlichen Standpunkt mit 

Andreas-Salom^ ^— 8 1 ® 



abgerückt sieht, des Fußbreites Erde beraubt, von dem aus er 
sich doch nur soweit vorwagen konnte. Habe ich vorhin 
Rainer Maria Rilkes Schilderung einer kleinen Episode für 
ein Noch-nicht-Kunst-Gewordenes angeführt, so soll er hier 
als wahrer Kronzeuge gelten für die Gefahr des Allzuweit. 
Denn mag noch so viel Sonderliches seinen Fall charakteri- 
sieren, er bleibt dennoch eine Abwandlung des Menschen- 
schicksals in der Kunst als zu einer dahinter drohenden Menschen- 
tragik. Ihm erschloß sie sich an der Grenzstelle, wo der Engel 
ihm seine Elegien diktierte. Der Boden der Kunst erscheint 
damit zu tief aufgeschürft, im sehnsüchtigen Verlangen zutiefst auf 
eine letzte Gemeinsamkeit beider „Wirklichkeiten" zu stoßen. 
Die Existenz des Engelbereiches — nicht mehr nur geschaffen 
als vollkommen schöner Schein eines Seins — wird in eigene 
Existenzialität hin eingerissen, er gerät in Gottexistenz, ohne 
aber auch, wie diese es täte, das Menschenheil mit zu ver- 
bürgen j er ist und muß sein — obschon nur erreichbar via 
Religion — eine nichtwiederliebende Gottheit: denn nur so 
indem der Mensch aller Habe und aller Rechte entkleidet, 
als verlorener Sohn vor ihm steht, beglaubigt der Engel seine 
Eigenwirklichkeit, als eine nicht menschengeschaffene bloßen 
Scheines. 

Der „Engel" entwertet den Menschen derartig weit, daß 
er ihn damit auch entwirklicht. Nicht bloß bleibt beim Ent- 
werten lediglich d as primitiv Untergründlichste für den Menschen 
übrig, wie ein Hefenboden unter dem aufsteigenden Duft des 
Lebensweines, sondern das Leben selber ist daraus ausgesogen, 
als genüge der geringste Reahtätsanspruch eines Engels bereits, 
um der menschlichen Realität ihre gesamte abzustreiten. Ihr 
warmer natürlicher Triebgrund wird darunter seinerseits zu 
etwas Scheinhaftem entleert, gezwungen zu einer Art von 
Imitation des geistigen, auf das Engelhafte gerichteten Ver- 
haltens, zu einem bloßen Nachäffen davon — des Dichters 

— 8» — ',(•>;« 



schwerste Klage gilt diesem „Affen des Geistes", der ihm auf 
den Schultern hocke und nicht anders abzuwerfen sein würde, 
als mit der Physis selber, die auf die Erde niederdrückt. Alle 
Hingebung gilt dem wirklichkeitsusurpierenden Engel, der, 
gleichsam empfangen und gezeugt im verkehrten Mutterleib, 
das Liebeszentrum mit sich verstrickt hält: der Engel 
ward zum Liebespartner. 

Leise nur läßt sich reden von so Hintergründlichem, wie 
diesem schmerzvollen Durchbruch der Elegien, der ein Jahr- 
zehnt währte, als sträube sich dagegen, wie gegen einen sich per- 
vertierenden Produktionszwang, der Mensch, der sich dazu als 
dessen ungeheuerliches Opfertier darzubringen hatte; „denn 
jeder Engel ist schreckhch". „Es gelang", die Form verkündete 
das Letzte, sie hielt — der Mensch ging in Scherben. Still 
steht ein Kunstwerk in lauter Frieden und Verheißung, doch 
nur dünn hängt darüber der transparente Schleier, der seine 
letzten Ermöglichungen verbirgt und die furchtbare Nichtharm- 
losigkeit dessen, was wir, so freundlich interessiert, „Ästhetik" 

heißen. 

Daran erfand Rainer Maria Rilke sich jene Definition des 
Schönen, worin — kaum noch hoffend — doch eine zaghafte 
Fürbitte für die Menschen vorweggenommen ist: ' 

1 - - ■ . I 

— „Denn das Schöne ist nichts 
als des Schrecklichen Anfangs den wir noch grade ertragen 
und wir bewundern es so, weil es gelassen ■verschmäht 
uns zu zerstören. ' 



— 83 — 6- 



. . -'■V;',I.l ■ i.,^ 

■T ■■ ■ : : i ■ t ' r ' - 



VIII 



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Alles „Schöne" ist uns „unvergleichlich", als hätte die 
„Allmacht der Gedanken", womit wir zum Leben erwachen 
in noch ungebrochener Zuversichtlichkeit des Urseins selber 
im Schönen für immer das Kunststück vollbracht, Allseitiges 
festzulegen auf Erscheinungen, die es als einzelne doch gar 
nicht fassen können. Dadurch bleibt es, von diesen aus, ein 
Schein bei all dem Sein, ein Hinweis drauf, statt des Real- 
besitzes dran; es bleibt ein Bhck durch die Tür in eine er- 
strahlende Weihnachtsstube, nicht ein Griff in die ausgebreiteten 
Weihnachtsgaben unter dem leuchtenden Baum, um sie in 
praktische Einzelverwendung zu nehmen^ um deswillen bleibt 
der Frieden und Glanz darüber liegen, der das Ganze für 
uns zum ewigen Abbild eines nicht zu übertreffenden, voll- 
kommen Erreichten, Unvergleichlichen macht. 

Betrachten wir unsere sonstige Menschenweise, uns über 
die Unvollkommenheiten und Enttäuschungen unserer Um- 
welt oder Innenwelt zu erheben, so stoßen wir dagegen in 
jeder Beziehung auf Vergleichung, auf Rangordnung, auf das, 
was damit zwar im Getriebe des Ungenügenden stecken bleiben 
muß, aber dafür sich am Gegenständlichen real beglaubigt. 
Das ist die Welt der Werte. Auch sie entstammen der Ur- 
situation, worin wir uns als Bewußte, Vereinzelte gleichsam 
abgeschnitten finden vom Nabelstrang mütterlichen Allseins 

- 84 - 



und in dieser Not eine Wieder Vereinheitlichung anstreben: 
von der Historie des Säuglings an, die uns bereits gute Illu- 
stration für diesen lebenslänglichen Zustand wird, bis in alle 
unsere spätesten Idealbildungen hinein ^ nicht zum wenigsten 
in die von unserer eignen Unübertrefflichkeit, welche uns 
ursprünghch ja noch mitgarantiert erschien an unserer Un- 
abgehobenheit vom Weltgrunde selbst. In Ihrer „Einführung 
des Narzißmus" stand es 1915 schon: „Der Mensch hat 
sich hier, wie überall auf dem Gebiet der Libido, unfähig 
erwiesen, auf die einmal gewonnene Befriedigung zu ver- 
zichten. — Diesem Idealbild gilt nun die Selbsthebe, die 
in der Kindheit das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus 
scheint auf dieses neue Ideal verschoben, welches sich, wie 
das infantile, im Besitz wertvoller Vollkommenheiten befindet." 
Der primäre Narzißmus des unabgehobenen Ruhens in einer 
noch mittragenden UrfüUe ist gewissermaßen zu einer Streck- 
bewegung, einem Erlangenwollen, geworden, an Stelle selbst- 
verständlichen Da-seins als eines fraglos alles enthahenden. 
Ich habe es mir in einem Bilde ausgedrückt: der Aufrichtung 
einer Horizontalen zu einer Vertikalen, deren Erhöhung genau 
aufzukommen hat für die Breite, die sie aufgab. Wie die Breite 
unendüch erschien, so steigt die Hochrichtung von nun ab 
ruhelos ins Unbeendbare, aber von Moment zu Moment immer 
wieder eine Teil Verwirklichung, Realisation von neuen Stufen, 
verghchen mit den anfänglich erstiegenen. 

Ich möchte hier sehr gern etwas nachdrücklich machen, 
was, wie mir scheint, stets zu Unrecht keine Aufmerksamkeit 
an sich zieht. Mir scheint nämlich im eben Erwähnten ganz 
prinzipiell ein urtümliches Stück Menschenglück, ja Menschen- 
iubel zu liegen, den man über den Nöten des Strebens 
meistens überhört. Man „soll" ja nicht nur, sondern man 
möchte" auch dies Kräftespiel üben zwischen Sichgehenlassen 
und Sichhemmen, dies Steigenlernen. Es steckt ein gesunder, 



— 85 — 



r 

\ 



natürlicher Zusammenhang zwischen dem Erwerbensollen und 
allem Festlichen, nicht nur allem Arbeitsschiiftenden. Mir 
ist es persönlich stark in Erinnerung aus der Kindheit, wie 
der allererste Anspruch, alles möge „vollkommen" sein, sich 
in Tätigkeit umsetzt für etwas fast Feierliches, wofür man 
sich gleichzeitig anspannt und schmückt, worüber Freude und 
Erwartung Hegt, welche das Sollen dran fast auslöscht, ieden- 
falls nicht streng und kalt zur Isolierung kommen läßt. Der 
ursprüngliche Zusammenhang vom „horizontal" und vom 
„vertikal" Betrachteten erhält sich so gewiß, wie ja unser 
bewußtes Dasein sich auf dem nur scheinbar losgelassenen 
Urboden des Unbewußten weiter abspielt, und nur dieser Um- 
stand schenkt dem menschlichen Erleben seine immer frischen 
Glücksmöglichkeiten. Wir wollen mit Entspannung ja zugleich 
Raum für erneute Reizwirkung, sobald wir aus dämmerndem 
Sein in Bewußtseinsgerichtetes, Werdendes gehoben wurden; 
wir wollen mit unserm Lebenskahn weder kentern noch 
auch uns den Wind aus den Segeln nehmen lassen. Von Haus 
aus formt sich ja ein Kompromiß von Beharren- und Sich- 
wandelnwollen, das gesunde, natürliche Kompromiß im an- 
hebenden Doppelspiel von bewußt und unbewußt (das in 
den Neurosen so unglücklich verschoben ist, seiner pracht- 
vollen Ökonomik gegenseitiger Förderung beraubt ist, und 
drum an aller Erlebnis wirkhchkeit vorbei seine vernichtende 
Vergeudung treibt). Der Zug zur „Wiederherstellung des 
Frühern" — will sagen: des faktisch immer im Unbewußten 
weiter Wirkenden — dieser Urausdruck unserer Triebkräfte 
überhaupt, drückt sich auch in der Werdelust aus, in der 
veränderten, gewechselten Form unserer Seinsbejahung. Das Kind, 
unter Angst- und Geburtsnöten zum Dasein in diese Werde- 
Welt geweckt, erfährt schon gleich darauf die andere Angst: 
vernichtet zu werden (Jones' Aphänisis), und aus beidem er- 
wächst der gesunde Mensch erst, der zugleich Wurzel und 

~ 8G — 



Emporstreben ist, zugleich feststeht und in Holz und Laub 
und Blüten aufschießt. Wenn Sie, mit so viel Recht, einen 
extra VervoUkommnungsdrang beim Menschen ausschließen, 
so doch nur infolge von dessen moralischer Verballhornierung : 
denn sein Auftrieb ist zutiefst nichts anderes als zugleich sein 
Wiederumfangen wollen dessen, worein er von je gehört. 

Aber aus einem besonderen Grunde schleicht sich eine 
„moralische Verballhornierung" in diese innern Sachlagen sehr 
leicht ein: weil wir so schwer umhin können, das bei unserm 
Werden Erreichte an vergleichenden Wertungen abzuschätzen. 
Sicher kann man den Beginn davon nicht früh genug an 
setzen, — weit früher als mit den uns von Eltern und Er- 
ziehern aufgedrängten Verantwortlichkeiten. Mir scheint 
Jones das in neuerlichen Arbeiten sehr gut beobachtet zu 
haben, wenn er findet, daß bereits die Hilflosigkeit des ganz 
kleinen Menschen, seine unabweislichen Enttäuschungen als 
solche genügen, um ihn ins Unrecht gegenüber dem neuen 
Dasein zu setzen. („Nichtbefriedigung bedeutet ursprünghch 
Gefahr, die das Kind in die äußere Welt projiziert, wie es 
alle, seine innern Gefahren zu tun pflegt, und dann jedes 
moralische Entgegenkommen zum Stärken seines Gefahrgefühls 
und zum Errichten von Schutzwehren dagegen ausnützt." 
Internat. Zeitschr. f. PsA. XIV, 1938.) Das Ungeheuer Ofen 
etwa, woran das herankriechende Kind sich verbrennt, macht 
in der Tat ja den Ofen nicht nur zu einem hassens würdigen 
Schädiger, sondern auch zu einer unbez weifelbaren Autorität, 
der gegenüber das gebrannte Kind sich als das Minderwertigere, ^ 
Zuo-ehorchenhabende, empfindet: der Ausbund von Macht-Voll- 
kommenheit der man ist, empfängt einen zurückschlagenden 
Stoß. Wie es dann weitergeht, in den Abenteuern der Fremd- 
welt, hat sich uns aus Ihren Feststellungen in allen Fällen 
unserer Praxis stets erneut eingeprägt: in der Bindung an 
die Eltern oder ihre Vertreter mildert sich das Ungeheuer 

- 87 - 



Ofen (im Glücksfall) in einen wenn auch strengen Freund- 
diejenigen Züge verwischen sich dran ins Freundliche, die 
durch die kindhche Angst und Hilflosigkeit und den Haß 
besonders grauslich und grausam ausfielen j ihnen zu gleichen, 
wird allmählich nicht nur Gebot, das zu strafen ermächtigt 
ist, sondern auch Wunsch, der fast schon einen Ansatz zu 
erneuter Wiederherstellung der Einheit mit dem mütterlichen 
Schoß oder des väterlichen absoluten Machtbereichs in sich 
schheßt. Indem aus dieser „sekundären" Identifikation mit den 
Eltern und Erziehern Liebe wird, entsteht im Kinde eine 
selbsttätig strafende oder lobende Reaktion auf sein Tun und 
Lassen, die innere Stimme wird laut, das berühmte Gewissen 
konsolidiert sich. w.v.-rfc-^«, / 5«r:. 

Von jeher entfernten Sie sich mit Ihrer Auffassung dieser 
Vorgänge von der utilitaristischen, die Ihnen so gern vor- 
geworfen wurde, vom enghschen Positivismus etwa, der die 
Gewissensfunktion herzuleiten hebte aus praktischen Veran- 
lassungen, deren Gründe allmähhch „vergessen" und um so 
leichter hinterher sanktioniert würden. (Man braucht nur 
daran zu denken, was, psychoanalytisch angesehen, schon bloßes 
„vergessen" heißt! wie tief es dem Zufall enthoben, wie wenig 
es bloß historisch, anekdotisch, praktisch erklärbar wird.) Ihre 
Definition der Gewissensinhalte als „Niederschlag der Vor- 
fahrenreihe" hätte nie jemanden darin beirren dürfen, daß 
deren Quelle im Libidinösen floß, im Drang und Zwang 
des Menschen zur Identität mit dem Gegenüber der Welt, 
und hierin seine Tiefe hatte, nicht seichtem Urgrund folglich 
als die Libido selbst. Aber nicht nur das; obgleich, bis vor 
etwa einem Jahrzehnt, Ihr Forschungsgegenstand sich einst- 
weilen auf die Libidoprobleme vorzugsweise erstrecken mußte, 
griff Ihr Interesse schon damals über auf die „ethischen" und 
„Ideal"fragen als solche^ ich erinnere mich, daß unter unsern 
Nachtgesprächen von 1912 und 1915 eins war, worin Sie 



— &8 -^ 



mir zugaben, auch schon im „Unbewußten" (damals noch 
ausschließlicher terminus fürs „Verdrängungsreservoir"), ja bis 
tief ins Somatische hinein" könnten schon Idealformungen 
nachwirken. Stand doch schon Ihr Satz da: daß zum „Un- 
bewußten" auch gehören kann: „ein Teil der unser Ich be- 
herrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegen- 
satz des Verdrängten". (Auch Ferenczi arbeitete daran, ßewußt- 
seinsschätzungen schon im Unbewußten nachzuweisen, und 
fühlte sich darin einig mit Ihnen, wie ein Brief von ihm mir 
deutlich betont.) Und die Erforschungen darüber wuchsen 
sich immer mehr zum Hauptproblem aus, bis beim Kongreß 
von 192s sie von Ihnen zusammengefaßt wurden — wie 
ein neues Programm — in dem Wort: „wir sind nicht nur 
unmoralischer, sondern auch moralischer, als wir wissen^\ 

Der Widerhall davon schuf für die nächsten Jahre ein aller- 
dino-s ergötzliches Mißverständnis. Die alten Vorwürfe ver- 
stummten, und Lob floß aus dem Munde aller derer, die im 
Namen von Moral und Ideal sich an Ihrer Gleichgültigkeit 
für das „Höhere im Menschen" gekränkt hatten. Nur wenig 
■wurde es bemerkt, daß die Gewissensstimme dadurch nicht 
zu einem Sprecher für das „Hohe und Höhere" gemacht war, 
daß sie nur von noch ursprünghcher her als vorhin, zum An- 
walt und Fürsprecher unserer Triebe geworden war. 
Je weiter hinein in die Untersuchung unseres Trieblebens, 
desto mehr fanden sich, schon dorthin abgesunken, Teile auch 
unserer Ichstruktur: Ichbemühungen, das Weltgegenüber un- 
schädhch und willig zu machen durch Übernahme von dessen 
Wertungen, oder es, mit steigendem Vertrautwerden, hebend 
in sich einzubeziehen. Für den Morahsten oder Metaphysiker 
erklingt die Gewissensstimme um so mystischer, von je ferner 
her sie ohne reale Momentbegründung hörbar wird, das ans 
„Ubw" Gebundene gibt ihr, in der Tat, eine wie von Schicht 
zu Schicht durch tausend Echos vervielfachte Wirkung, die 

- 89 ~ 



zugleich von den uns nächst umstehenden drohenden Schranken 
und Felswänden wie aus dem Unendlichen zu kommen scheint 
und uns ins Nichts unserer frühesten Hilflosigkeit zurück- 
schickt. (Sehr treffend vermerkt A. Stärcke den wahren Sach- 
verhalt: „Das Ideal, nach dem man zu streben scheint, ist 
das — Bild der introji zierten Reizvergangenheit: es Hegt 
hinter uns und lockt nicht, sondern treibt." Und so ist „der 
kategorische Imperativ des Gewissens der unveränderte Impe- 
rativ der Triebe".) Namentlich Alexander hat die Aufgabe 
des Tugendmentors in uns mehrmals näher beleuchtet: diese 
Aufgabe, der Tugend die Stange zu halten, damit wir uns 
nicht triebhaft zu unsern Ungunsten verfahren. Genau wie in 
der ursprünglich hilflosen Angst, suggeriert sie uns Gehorsam, 
aber auch wo er sich uns noch so verinnerlicht, noch so sehr 
einer befehlenden Instanz in uns selber zu gelten scheint, stellt 
er doch nur den vernunftgemäßen Umweg vor, wie wir noch 
am ehesten zu unsern Erfüllungen gelangen können. Das 
ergibt eine solche Zweideutigkeit, daß Alexander ganz richtig 
von einem Spitzeltum sprechen kann, von einem „alten in- 
trojizierten Gesetzbuch", das Abwehrmechanismen zu dienen 
scheint und doch nur, um den Trieb wünschen Hilfe zu leisten. 
Er betont damit die ganze Verwandtschaft davon mit dem 
neurotischen Mechanismus, worin uns Leiden auferlegt erscheint 
als Bußgeld, vorwegbezahlt für die Ermöglichung, erneute 
Schulden zu häufen. Der Verursacher des Schuldgefühls wie 
des Straf bedürfnisses in uns ist so Hehler und Polizist in einer 
Person, weil auch unsere ethischen Ideale sich aus dem Kampf 
unserer inneren Selbstbehauptung mit den Lebenshemmnissen 
erst ergeben. (Vgl. Schilders Einverständnis damit in seiner 
„Psychiatrie": „Die Stimme des Gewissens zeigt gleichzeitig 
unsere eigenen Vorlieben und Neigungen an: das Ideal-Ich 
ist also in ähnlicher Weise gebaut wie das neurotische Symptom. 
— Das Ideal-Ich ist also nach einer Kompromißformel gebaut.") 






Diese Nähe des Pathologischen zu unsern gesteigertsten 
I Wertungen entwurzelt am raschesten das Mißverständnis, als 
hätten wir daran geheiligte Imperative vor uns. Der Zwangs- 
neurotiker beispielsweise, der etwa den Waschzwang ad absurdum 
führt indem er unsere Methoden der Reinlichkeit als erbärm- 
liche Laxheit enthüllt, müßte uns sonst der einzig konsequente 
Lehrer im Ernstnehmen eines Gebotes werden; und wie hier- 
mit, ist es mit der Durchführung aller „Solls" bestellt, daß 
sie in Verzweiflung und Lebensunfähigkeit auslaufen müßten» 
erhielten wir nicht unser inneres Gleichgewicht durch schwache 
Abschlagszahlungen statt des vollen Betrags. Mir ist dabei eine 
Erinnerung unvergessen gebheben, die ich dann noch mehr- 
mals an andern Kindern bestätigt fand: wie tief kränkend 
und verwirrend es ist, wenn man als Kind gewahr wird, 
daß die Eltern viel weniger rigoros denken, als sie ihre Kinder 
glauben machen, ja sogar über etwas allzu streng Befolgtes 
gerührt lächeln, für das man sich doch so bitter an- 
gestrengt hatte. Sie wollen ja nicht „Musterknaben" heran- 
ziehen der Name enthält schon das Lächeln in sich; durch 
die zu strenge Fassung wollen sie nur wenigstens ein gewisses 
Maß des unumgängHch Nötigen sichern. Blaue Linien im 
Schulheft sind bestimmt, später auszubleiben, jedes Gängelband 
dazu, von selbständiger Marschroute beiseite geworfen zu werden. 
Wird anfängliche, doch höchst zweckvoll gerichtete Autorität 
nicht rechtzeitig abgebaut, so verfehlt sie nicht nur ihren 
Zweck, sondern führt am schon gelungenen Teil unseres 
Wesensauf baus zu den geheimnisvollsten Gebrechlichkeiten: 
was anfangs natürhche Außenwirkung war. Stütze und Gerüst 
fürs noch Unvollendete, das nistet sich dann im Fertigen wie 
heimlicher Hausschwamm ein, dessen Versteck man nicht 
kennt; an die Instanzen beim Gewissensprozeß, dem über 
nommenen „Über-Ich" und „Ichideal", hängt sich ein „Schuld- 
gefühl" und „Strafbedürfnis", die, aus der Dämmerung des 



Infantilen her, mystischer zu wirken wissen eben durch ihren 
Abstand von der nüchternen Helle des eigenen Urteils. Dazu 
kommt noch, daß diese die Folgsamkeit gegenüber ihren Ge- 
boten geradezu — so weit sie hie und da etwa nützlich sein 
möchten — verhindern: denn kein Trieb in uns weicht als 
solcher einem S0II5 mögen wir, ihn eingestehend und ver- 
urteilend, unsere Handlungen noch so triebabstinent gestalten, 
so bleibt er in uns doch nur umso kräftiger, als wenn wir 
ihm, gutmütiger, eine gewisse Gewährung lassen — was auch 
Sie betonen. Diese „Mördergrube" in unsern Herzen wird 
nur ausgeräumt und zu friedhcherm Aufenthaltsort, wenn 
die Triebrichtung sich selbsttätig, an ihrer eignen Lust, 
aufgearbeitet, sich gewandelt hat an den ihr einwohnenden 
Triebmöglichkeiten; nur so bewirkt ja Analyse „Sublimation", 
und nur diese positive Wendung dürfte so heißen — diese 
Aufarbeitung (nach dem Terminus von Tausk, der die Gefahr 
ausschließt, in das „Subhmieren" einen Wertbegriff schon 
rein sprachlich einzuschieben) aus eigner Wesenheit: oder nach 
dem Spinozawort aus dessen Ethik, daß wir nicht glücklich 
seien, weil wh- unsere Leidenschaften zügeln, sondern daß 
diese abfielen an unserm Glück; und nach dem noch herr- 
lichem Spinozawort, daß die einzige Vollkommenheit — 
Freude sei. 

Ich weiß nicht, ob ich mich darin täusche, aber mir scheint, 
wie wenn unsere Psychoanalyse nicht die vollen Konsequenzen 
aus diesem Sachverhalt zöge. Alexander, zumeist noch, hat 
auf das Gesundheitsproblem hingewiesen, im richtigen 
Gefühl, daß wir, in der Untersuchung am Kranken, die Innern 
Tatbestände nur wegen ihrer grelleren pathologischen Deuthch- 
keit so begrifflich scharf zerlegt fixieren müssen. Aber auch 
ihm bebaken sie noch zu viel Konsistenz als gegebene Tat- 
bestände. Gewiß ist auch hier die Linie von gesund und krank 
fließend, doch es bleibt von unendlicher Wichtigkeit, ob wir 

— ga — 



z. ß. unser Strafverlangen, wenn es einmal aufkonnmt, als ein 
totes Anhängsel — eine hängen gebliebene Knospenhülse an 
der wachsenden Pflanze — nehmen, oder als eine Bedrohung 
ihrer, zurückzuverkümmern. im normal ausreifenden Menschen 
haben naturgemäß die Infantilismen ihre Logik, ihr Gepräge 
zu verlieren; sie haben in des Lebens Mittagsbeleuchtung 
schließlich zu entschwinden wie schwankende Streifen des 
Morgennebels. Was an Restbeständen davon bleiben mag, darf 
niclit als eine Tabelle mit endgültig starrer Inschrift impo- 
nieren. Das „Über-Ich", uns eingepflanzt von den Forderungen 
des Außen, hat abzuwelken in dem Grade, als das, was wir 
davon libidinös und mit reifendem Urteil vom Ich aus be- 
jahten, in uns selbständig Blüte treibt; das ist aber zu sehr 
in unsere eignen Wachstum und Frucht treibenden Säfte auf- 
genommen, um als ein „Ichideal" über uns schweben zu 
bleiben und unsere Minderwertigkeit entweder niederzudrücken 
oder in Überanspannung aufzupeitschen. Gewiß können wir 
nicht umhin, in tausenderlei „Schuldgefühlen" zu stecken, 
die notwendig aus unserm reichhaltigen Bestand an Fehlern 
und Schwächen sich ansammeln, aber im Grunde besehen 
unterscheidet diese ehrliche Reue sich nicht prinzipiell von 
dem Bedauern, keine genügend griechische Nase oder keine 
Schmelingschen Armmuskeln zu besitzen; was man auch über- 
zeugend am Umstand merkt, daß sie stets nur nach „selbst- 
süchtigen" Handlungen oder Erwägungen als „Reue" aner- 
kannt wird, während sich ebenso starkes Bedauern nach so- 
genanntem „selbstlosen" Handeln einstellen kann, wenn es 
inmitten anderer Triebansprüche zu deplaciert, ungehemmt 
sich, in seiner Triebselbstsucht, gehen ließ. Natürlich findet 
unausgesetzt ein Kampf der verschiedenen Triebansprüche in 
uns statt, und je reicher ein Mensch mit ihnen bedacht ist, 
desto ärger, und natürlich steht es ganz richtig davon schon 
in der Bibel, daß unsere Gedanken „sich gegenseitig anklagen 

- 93 - 



und beschuldigen", ~ das ist einfach ihr normales Erziehungs- 
werk untereinander, ähnlich wie eine Überzahl an Kindern 
sich gegenseitig erzieht, den Platz untereinander anweist. Ihre 
Anpassung aneinander — wie im Organismus Lunge oder 
Milz oder Leber sich jeden Übergriff mit Schmerz und Krank- 
heit erkaufen müßte — geht psychisch stets erneut über in 
rechthaberischen Tumult widereinander; ein gekränkter Trieb 
stürmt gegen den siegreichen, bis dieser, gründlich ver- 
wundet, zum „reuigen" wird; aber all dies ist Folge von 
Leben und Gesundheit, nicht von Schulden und Schäden; 
des Lebens große Unschuld hegt darüber — krasses Gegen- 
bild etwa zum Kleinmut und Hochmut des Zwangskranken, 
der seine Bestrafung dermaßen wichtig überheblich voraus- 
setzt, daß nach seiner Überzeugung ein Eiseubahnzug ent- 
gleisen und allen Insassen Verderben bringen muß, wenn er 
mit drin sitzt. 

Wo moralische Imperative allzu rigoros und unpraktikabel 
über unsere Triebnatur hinweggehen, da streitet die intakt 
gesunde sogar trotz vollem Autoritätsglauben noch siegreich 
dagegen an, wie gegen Verleumdungen (man vergleiche dazu 
etwa in altserbischen Gesängen den Lobpreis des Helden, der, 
obwohl nach der Christianisierung der Himmelsstrafe wie einer 
unvermeidlichen Naturfolge gewiß, sie — um die geliebten 
Sünden weiter zu wagen — eben „auf sich nimmt"). Man 
darf nicht vergessen, wie sehr die Verunglimpfungen und Über- 
redungen vom „Über-Ich" und „Ichideal'* her gleichzusetzen 
sind unerledigten Restbeständen aus Infantileindrücken, Infantil- 
ängsten, und insofern das Unterwegs zu Schuldgefühl und Be- 
reuen nur allzuleicht eine Schwenkung macht in neurotische 
Abwege. Wird Gehorsam gegen anerkannte Autorität zu er- 
folgreich, dann liegt die Grenze zum Pathologischen nicht mehr 
sehr fern — das will besagen: die Triebunterdrückung drückt 
selber schon, nur versteckt, Wiederkehr der verdrängten Trieb- 

~ 94 — 



haftigkejten aus, da auch der geleistete Gehorsam seine Leistungs- 
fähigkeit nirgends anders hernehmen kann, als aus der von ihm 
infizierten und gekränkten Triebkraft. Ganz entsprechend Ihrem 
„Reahtätsprinzip" als bloßem Umweg, auf dem das „Lustprinzip" 
normalerweise doch nur sich selber wieder einholt, verbleiben 
uns die Ansprüche, nach denen wir angetreten; keineswegs 
verlassen wir unsern Grund und Boden — wir können das 
nur wähnen in pathologischer Flucht vor uns selber. 

Um deswillen vermögen letzte Wertungen, verabsolutierte, 
wie die ethischen, unmöglich auszukommen, ohne mit dem 
Endwert aller Werte, dem religiösen, zu paktieren (Eckehart: 
,es gibt nur Einen Wert: Gott"). Denn irgendwo muß ihre 
Autorität gleichsam dingfest gemacht sein außerhalb ihrer je- 
weiligen Inhalte. Wie Elternstrenge sich mit Elternzärtlichkeit 
mengt, um die Strenge ins Wirksame zu retten, so wurde 
es in der Menschheitsgeschichte Aufgabe aller Religion, dem 
Ruhelosen der sittlichen Anforderungen ein stabiles Gottes- 
reich untergeschoben zu halten. Das gilt von dutzendmäßiger 
Schulmoral an bis in die philosophischesten Abstraktionen, von 
groben Hilfsmitteln der Belohnungen und Bestrafungen bis zur 
asketischesten Hingabe an angebetete Imperative. Nur schwer 
kann man verstehen, wie Ethiker jemals meinen konnten, ihr 
Absolutnehmen des Sollens sei ohne religiös verankertes Haben 
und Besitzen durchzuführen, ihr rastloses Fordern ohne be- 
gnadetes Beschenktsein. Um so mehr, als es sich ja im Ethi- 
schen nicht etwa nur um irgendein Extragebot oder -verbot 
handeln kann, zu dem man alles Autoritative mal übertrieben 
zusammenkratzt aus der Metaphysik des Gewissens, sondern 
ganz und gar um die Verantwortung des Menschen vor seinem 
Leben — vor der gesamten Breite des Daseins, einbegriffen 
alle dessen Vielfältigkeiten und Geringfügigkeiten j denn darin 
wenigstens müßte man dem Ethiker zustimmen, darin hätte 
er recht: nichts bleibt lediglich praktisch oder augenblicklich 

- 95 - 



von Wichtigkeit, alles miteinander in unübersehbarem Zu- 
sammenhang ergibt unsere Haltung zum Leben — enthält 
uns und hält uns. Jeder wohlgeratenste — was heißen will ; gesund 
verbliebene — Glaubensmensch ist auch stets ganz durchdrungen 
davon gewesen, daß ethische Forderung ihn vor eine endlose 
und unaufhörliche Aufgabe stellt, der er deshalb innerhalb seiner 
menschlichen Zuständlichkeit niemals total, sondern nur durch 
die „schenkende Gnade Gottes" gerecht zu werden vermöchte. 
Zieht man davon die Drastik religiöser Sprache ab, — die 
aus dem uns Unbewußten gotlprojizierende, — so bleibt, daß 
wir unausweichlich in den Strudel aller Reahtät geworfen 
sind und nichts anderes zu tun haben, als uns damit einzu- 
lassen. Bedeutet das zweifellos: auf schwankem Boot einen 
Ozean zu durchqueren, so ists doch unsere Menschenlage — 
der nicht abhülfe, sich vorzuspiegeln, man führe am Schlepp- 
tau des mächtigsten aller Dampfer unvorhandenen Ziellandungen 
entgegen: dies könnte kaum umhin, die Schärfe unserer Auf- 
merksamkeit für Wind und Wetter zu schmälern. Je unver- 
kürzter wir hineingehen in die „Forderung der Stunde", den 
vorliegenden Tatsachenmoment, in die Bedingungen von Fall 
zu Fall, statt am Bande von Vorschriften, von ( — menschen- 
geschriebenen! — ) Direktiven, desto verbundener dem Ganzen 
gerade handeln wir, lebendig getriebener von dem, was alles 
und auch uns ineinandergreift — mag es in unserer heraus- 
tastenden Bewußtheit auch alle Irrtümer und Mißgriffe mit 
umgreifen. Heißt das Jemandem unmorahsch überhebliche 
Willkür, so hieße mit mehr Recht die infantil-hörige Be- 
folgung von erleichternden Vorschriften eine bequeme morali- 
sche Schlamperei! Denn was tat denn der Mensch, als er 
überhaupt wagte zu entscheiden, zu wählen, zu werten? Er 
tat seine strengste, gebundenste, weil autonome Tat — keine 
rechnerische trotz der Methodik ihres Zustandekommens, sondern 
seine schöpferisch in ihm aufflutende Aktion quand meme, auf 

- qS - 



jedes Risiko hin. Legitimiert durch seine über ihn selbst hinaus- 
reichende All wesentlichkeit, welche besagt: ich gehöre mit dazu, 
nicht nur gegenübergestellt zu feindlichem Kampf — . 
Zu keck gesagt? — Ja, denn das Keckste, was wir uns er- 
funden haben, ist unser Menschgewordensein: und damit den 
wertenden Menschen als die subUmste Abenteuerei des Lebens. 






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AndreaS'SaloitJÖ 



97 



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Betrachtet man sich den Wertungsvorgang, der allen übrigen 
Bewußtseinsvorgängen mit innewohnt, so in seiner Besonderheit, 
so spiegelt er deutlich den spezifischen Charakter des Bewußt- 
werdens selber: als eines Gescheliens, das uns nur in Doppe- 
lung — als eines von außen wie von innen gleichsinnig 
Geschehenden — erfaßbar wird. Fast ist es insofern gleich- 
gültig, wie wir es uns — notgedrungen von einer Einseitigkeit 
her — illustrieren mögen: ob wir beim Problem des Bewußt- 
werdens von etwas reden, wobei auf einen Widerstand von 
außen aufgestoßen wurde, oder andersherum: ob eine 
Uraktion dessen, was später „wir" sind, ihrerseits das übrige 
von sich abstieß wie ein Zuviel und sich an solchem 
Vorgang als etwas für sich gegenüberstellte. Unsere Sprech- 
weise, an der sich vollziehenden Bewußtheit erwachsen, kennt 
das nur als zweierlei Begriff, aber schon wo wir von bewußt- 
seins-unbeteihgtern Vorgängen sprechen, einigt sich beides 
unwillkürlich: (z. B. unterscheiden wir Anorganisches vom 
Organischen sowohl als fehlende Keizsamkeitf „irritabilitx"], 
wie auch als fehlende Reaktion auf Eindrücke, und verstehen 
darunter durchaus das Gleiche.) Erst im Kompliziertem (unserm 
eigenen Bewußtsein schon Angeähneltem) trennt sich uns 
beides von neuem; in allen Mittellagen des psychischen Er- 
lebens ist es eingefangen in seine logische Gegensätzlichkeit, 

- 98 - 



Unüberbrückbarkeil, und höchstens erst in den exaltierten 
Zuständen in den „Überstiegenen" des Pathologischen oder 
aber schöpferisch das persönliche Ichgefühl Überragenden, hebt 
sich das eine vom andern nicht mehr ab, faßt einander in 
Unbewußtheit. Wiederum erinnert man sich am ehesten bei 
diesem ganzen Tatbestand an das erotische Problem, an die 
Frage, warum wir nicht „narzißtisch" bei uns bleiben, sondern 
in Liebesabflüssen, Gefühlsausgaben, in die Objeklbezogenheit 
hinausstürzen: der Einzelngewordene entledigt sich auch dort 
des — auf seine Vereinzelung gerichtet — Zuvielgewordenen, 
und äußert das doch gleichzeitig und gleichsinnig im Zwang, 
das nun Gegenüberstehende sozusagen umarmend sich noch 
einzuverleiben. Denkend wie liebend vermögen wir ja nur 
an unsern ZuständUchkeiten entlang diesen Vollzug zu ver- 
folgen — diese nach Ihrem Wort: „höchst merkwürdige und 
immer noch nicht genügend anerkannte Gegensatzrelation 
im Unbewußten", welche macht, daß uns letzten Endes das 
bewußt Erfaßte wie das unbewußt dahinter Verbleibende 
gleichermaßen undm-chforschhch bleiben . . . („das Unbewußte 
ist uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig 
gegeben, wie die Außenwelt durch die Daten der Sinnes- 
organe", und „Wie das Physische, so braucht auch das Psychi- 
sche nicht in Wirklichkeit zu sein, wie es uns erscheint" [Freud]). 
Die Bewußtheit, aus der Überwältigung durch das Unbewußte, 
aus der Gefahr des Aufgelöstbleibens im Allhaften, gewisser- 
maßen nach vom heraus flüchtend, entläßt sich daraus, ohne 
es nach hinten zu doch zu verlassen: es ist nur ein Aus- 
einanderhalten einer W^elt vor und hinter uns. 

Zwischen beiden läuft dieser Trennungsstrich j die Furt 
zwischen den Wassern, wodurch sie nicht bemerken, wie zu- 
sammengehörig sie sind, und ohne die sie einfach wieder 
durcheinanderstürzen würden; ein Pfad durch den Urwald, 
der anscheinend vom Urwald selbst nichts hat, da er auf 



99 



S* 



seiner schmalen Spur ihn gänzlich ausroden mußte. Indem 
unsere Welt auf diesem Pfad, mit eifriger Vorwärtsarbeit 
im Ausroden, vor uns entsteht, entwirklicht sie zugleich das, 
was zu beiden Seiten andrängend uns umsteht. Denkakt ist 
an sich ja ein Akt des Abrückens, Distanzschaffens, ohne den 
wir nicht Aufmerksamkeit konzentrieren könnten, ein Akt 
der Kälte und Negierung von allem Sonstigen, zugunsten 
einer ausgesparten Einzelheit, die somit überbesetzt, libidinös 
betont, überwertet erscheint. Wir verständigen uns darüber 
mit allen in irgend einem Grade bewußtseinsfahigen Wesen, 
ohne deren Vorhandensein es eine Außenrealität, wie wir sie 
uns menschlich vorstellen, nicht gäbe, sondern nur jenes 
■ wiederhergestellte Einssein von Innen und Außen, Selbst und 
Umwelt, das wir an den — - für uns — „unkompliziertesten" 
Lebewesen zu bemerken glauben, und so gern für eine Stufung 
des „Niedersten bis zu uns hinauf" ansehen. Um uns in dieser 
Würde zu behaupten, suchen wir denkend möglichst diejenigen 
Fehlerquellen zu vermeiden, die aus unseres Wesens gleicher 
Grundlage störend sich hineinmischen könnten, entrinnen 
dieser Urwirklichkeit durch Aufrichtung unseres begrifflichen 
Weltbildes, das dadurch die Fiktion des Zweierlei zwischen 
ihm und uns wach erhält, aber doch nur den Spielraum 
fürs Bewußtsein darstellt innerhalb des unbewußt Umfassenden. 
Schon aus frühen Briefen erinnere ich mich, mit welcher Freude 
ich Ihre Auffassung dahin glaubte verstehen zu dürfen, daß 
das Ubw (trotzdem Sie es damals noch lediglich als Ver- 
drängungsreservoir, noch nicht als Teil des erweiterten termino- 
logisch vornehmeren „Es" ansprachen) nicht nur als Rudi- 
mentäres zu gelten habe, als Nachbleibsel einer Entwicklung, 
sondern als die „psychische Wirklichkeit", die umgreifende, 
die dem Bewußtsein im Rücken bleibt. Denn Bewußtwerden 
heißt nicht nur, ihm ent-, sondern auch wieder-entgegen- 
laufen in abschwächenden Bildern : immer weiter abgeschwächten 



lOO 



in ihrer Begrifflichteit und doch nur gültig innerhalb dieses 
von ihnen Geflohenen, scheinbar im Rücken Gelassenen, was 
darin sozusagen zu einer fremden Vorderansicht herumgestülpt 
wird. Damals (im April 1916) schrieb ich Ihnen: „Für mich 
liegen hier Punkte, wo ich eine Gemeinsamkeit der Ansichten 
spüre, die ich vor ein bis zwei Jahren noch nicht vorauszu- 
setzen gewagt haben würde^ ich will auch jetzt sehr, sehr 
vorsichtig Schritt für Schritt mitgehen, um mir nichts zu 
,verinterpretieren' und mich so um die Freude wirkUcher 

Begegnung zu bringen." 

Wenn man sich den Denkvorgang psychologisch zu schildern 
versucht, sind es wieder, wie bei sonstigen Vorgängen, patho- 
logische Verdeutlichungen, an denen er ablesbarer wird, 
sozusagen Lapidarschrift gewinnt. „Wenn wir die Ursachen 
gewisser Sinnesempfindungen nicht, wie andere, in uns selbst 
suchen, sondern sie nach außen verlegen, so verdient auch 
dieser Vorgang den Namen einer Projektion", sagen Sie bei 
Gelegenheit der Beschreibung des Paranoikers, der, in der 
Flucht vor seinen uneingestandenen Antrieben, diese in Gestalt 
von ihn verfolgenden Feinden in die Außenwelt projiziert sieht. 
(Ganz in Ihrem Sinne vermerkt einer Ihrer Schüler — Wälder: 
Mechanismen und Beeinflussungsmöglichkeiten der Psychosen, 
Internat. Zeitschr. f. PsA. X, 1924, ^ ^aß unser „ganzes Be- 
wußtsein nichts anderes sei als Rationalisierung. Nicht nur 
komplexbedingt irriges, sondern auch unser wahres Urteil und 
die richtige Erkenntnis müssen als RationaUsierung und Pro- 
jektion verstanden werden"). Diese Nähe des Pathologischen 
dazu läßt nie vergessen, wie sehr es eigentUch nur Akte der 
Vor- und Umsicht sind, durch die wir uns denkend in der 
„Normalität" festhalten, — wie zwischen Absturzandrohungen 
rechts und links. Hören wir von den Abrutschungen Geistes- 
kranker, von ihren Neologismen, Negativismen, Stereotypien, 
Perseverationen usw., so weht uns nicht zu Unrecht ein Schauer 



101 



an, denn diese Worte umschreiben nur eine um weniges 
zu weit gehende — teils im Stocken, teils im Hemmungs- 
losen — Benutzung der Denkaktivität, eine etwas unbedachtere 
Handhabung auch unserer Balanzierstange dabei. Ungefähr 
wie im Moralischen erst der Zwangsneurotiker uns darüber 
belehrt, wie lax und kompromißhaft, wie unernst unsere Be- 
mühungen um Befolgung von Verboten und Geboten seien, 
so schützt uns auch hier nur das Kompromiß, das Mittel- 
wegs- glückende; es führt zum Denksystem zwecks Verständi- 
gung und Übereinkunft mit Unseresgleichen, zur „Wahrheit" 
als zur Gleichheit der Wertbesetzungen dessen, was wir aus 
dem Unbewußten projizieren, — d. h. (Preud) aus den Sach- 
vorstellungen, die sich dort bilden, in Wortvorstellungen, be- 
griffliche Verdünnungen, abstrahierende Abbilder fassen. Drum 
betonen Sie auch, daß ebenfalls, was wir Gedächtnis nennen, 
„scharf zu scheiden ist von den Erinnerungsspuren", d. h. 
dem noch nicht ganz denk-konventionell Bearbeiteten j die Be- 
wußtheit entstehe „an Stelle der Erinnerungsspur", ~ durch 
die Besonderheit ausgezeichnet, daß der Erregungsvorgang in ihr 
nicht — eine dauernde Veränderung seiner Elemente hinter- 
läßt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewußtwerdens 
verpufft". So erreichen wir durch unsere Denkkonventionen, 
daß wir die tiefere Wirkhchkeit nicht nur beliebig ignorieren 
können, sondern sogar an unserm Weltbild alle sich ergebenden 
Lücken, Schiefheiten, Hinzufügungen und Ausschaltungen uns 
als positiv, als zur „Wahrheit" zugehörig erscheinen. Nur wenn 
wir allzu „abstrakt" denken, werden wir der Gefahr etwas 
inne: „die Beziehungen der Worte zu den unbewußten Sachvor- 
stellungen zu vernachlässigen, und es ist nicht zu leugnen, daß 
unser Philosophieren dann eine unerwünschte Ähnlichkeit in 
Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise des Schizophrenen 
gewinnt". 

Selbstverständlich soll auch nicht einmal von ferne die 



109 



psychologische Wendung des Problems der Realität ins Er- 
kenntnistheoretische gestreift werden, aber psychologisch ver- 
merkt kann doch werden, ob nicht in uns allen eine Ahnung 
lebt vom Fluchtcharakter des Denkens vor tiefer gründender . 
Wirklichkeit, der wir nur deshalb so arrogant sicher, als 
bewußte Einzelwesen vor einem „realen" Weltgegenüber, 
entsteigen, weil wir auch da eine „Urverdrängung" verübten, 
oder, von außen gesehen: von ihr erfaßt wurden. Man beachte 
die ungeheure Überbetonung, Über Wertigkeit, die dem Begriff 
„real" praktisch und faktisch in uns anhängt: „real" in einem 
Gegensinn zu bloß „subjektiv", das als weniger „real" dahinter 
zurückzutreten hat^ mir wollte es immer scheinen, als drücke 
sich darin so etwas wie ein schlechtes Gewissen aus, — nämlich 
ein „verheimlichtes Wissen" um den Umstand, daß wir — 
ein und dasselbe mit diesem Außen, — es doch von uns 
abgeteilt und uns gegenüber gesteht habenj unsere Über- 
betonung erstattet dem Gegenübergestellten mit dem Sinn 
von „real" etwas von dem ihm Fortgenommenen an Wirk- 
lichkeit zurück; wir haben etwas gleichsam dran wieder 
gut zu machen. Auch beim sogenannten „naiven Realisten" 
mag ein Letztes davon noch mitsprechen, warum ihm das 
Auflösen der Realität in Schein, sei es philosophisch in Berkeley- 
schem usw. Geist oder in der Vorstellung der Inder vom 
bloßen „Schleier der Maja" oder sonstwie als „handgreiflicher 
Unsinn" nicht eingeht; vielleicht ist es ein unbewußt bleibender, 
begrifflich falsch rationalisierter, aber heimlich wirkender Un- 
wille, um die Ganzheit betrogen zu werden, die wir mit- 
samt dem Realen darstellen, und die ebenso scheitert, wenn 
wir es, als wenn wir uns zum allein Positiven machen. Eine 
uneingestandene Art von Ehrfurcht steckt in unserm Real- 
nehmen auch noch vor dem geringsten Ding der Realität, 
eine Ehrfurcht wie vor einem bloß verwunschenen Prinzen, 
dessen Königlichkeit sonst ihn mit uns als von gleichem 



— io3 — 



Range erwiese — von absoluter Ebenbürtigkeit. Und ist die 
geheime Zuversicht, — in diese dem Bewußtsein nicht er- 
schließbare, }a dem Bewußtsein als dem Trennungsstrich 
zwischen Innen und Außen geradezu prinzipiell absurde, 
Wesensgleichheit von subjektiv und real — ist diese Zuversicht 
denn nicht selbstverständlich bei Wesen, die ihr eigenes „reales" 
Dasein nicht umhin können als Körper zu haben? Die alles 
was sie triebhaft, subjektiv, veranlaßt und durchströmt, doch 
auf der Blutbahn ihrer Leibhchkeiten ins Bewußtsein erst 
empfangen? Die ihr Denken selbst nur 7,u seinen Unterschei- 
dungen und Projektionen befähigt wissen infolge der Trieb- 
kraft und Unterheizung, die wir nicht weiter als bis ins 
körperliche Behältnis davon bewußt verfolgen können? Wie 
sollten wir das, was uns die Wahrnehmung unserer Sinnes- 
werkzeuge zuführt, — sowohl am gesamten Außen wie an 
unserm eigenen kleinen, — nicht einerseits gutschreiben über- 
subjektiver Wirklichkeit, andererseits wiederum einer darin 
mitenthaltenen überrealen unserer selbst? Wie sollten wir 
während wir das eine Mondviertel schauen, es nicht in die 
Rundung des vollen Mondes eingereiht fühlen? Nach beiden 
Seiten ist es uns ja sowohl doppelt gegeben als auch total 
entnommen (im Goetheschen Wort ausgedrückt: „Im Subjekt 
ist, was im Objekt ist, und noch etwas mehrj im Objekt ist, 
was im Subjekt ist, und noch etwas mehr." Naturwiss. Schriften). 
Was Sie (im „Jenseits") vom Bewußtsein als dem „Reiz- 
schutz" schreiben, das uns vor dem Durchbruch der Außen- 
eindrücke zu bewahren hat, indem es die allzu starken ent- 
spannen und zurückwerfen hilft, zeigten Sie uns ja auch für 
den Reizschutz nach innen zu, der das Triebhafte, das uns 
über den eignen Körper hin wahrnehmbar wird, tonisch bindet 
und in — uns unzugänglichen — Tiefen verwahrt. Wo es 
sich also um unsere subjektive, personelle Intaktheit so wenig 
kümmert wie um die im Bewußtseinsprozeß „verpufften" 



Außeneindrücke: dort ist es weder Bewußtheit noch „unser" 
Trieb. Was wir mit „Trieb" bezeichnen, leidet zwar an einer 
besonderen Schwierigkeit, die dem rein Formahstischen des 
Bewußtseinsbegriffs nicht anhaftet; Trieb ist das Inhahliche, 
das gegenüber dem formalen Trennungsstrich der Bewußtheit 
in einer unangenehmen Schwebe bleibt, nicht hüben und nicht 
drüben fest und alleinig angesiedelt. Sie nennen es drum 
auch mißbilligend einen „Grenzbegriff zwischen Physischem 
und Psychischem", und tatsächlich haben, bis heute wenigstens, 
Biologen und Psychologen nichts Besseres zu tun gehabt, als 
sich den „Trieb" einander zuzuwerfen, wobei er, so oft man 
hinsieht und ihn fixieren will, in der Luft bleibt, außerstande, 
irgendwo ganz auf den Boden zu gelangen. Ich erinnere mich, 
daß ich Ihnen einmal, fasziniert davon, schrieb, „es sei eigent- 
hch ein Thema wie für ein Märchen". Denn der Luftsprung, 
den der „Trieb" zwischen real und subjektiv machen muß 
— als für unser Denken dem Leibe unlösbar zuständig, und 
als zugleich unser innerlich Letztes, Ausgangspunkt alles Psy- 
chischen, — ist ein Kunststück unserer Bewußtseinsmethode, 
das wohl nachdenklich machen kann. An und in ihm kehrt 
sich Innen und Außen unkontrolUerbar um sich selber herum 
wie eine Drehtür, und wenn wir weiter folgen, dreht er sich 
deshalb in reine ich-lösende Dämonie um, die in dem Ur- 
tümlichsten, Gedankenfernsten eine Abgehobenheit von All- 
sein und Ichsein schon nicht kennt. Und erneut landen wir, 
innerhalb der Menschenwelt, wiederum beim bewußtseins- 
entrutschten Psychoten, der, so bezeichnenderweise, in seinen 
Besserungsschüben, an einer „Organsprache" — an seinen 
Körperorganen entnommenen Wortbildungen, — sich ver- 
ständigen lernt mit den „Ichen" der Andern. 

Aber auch im Bereich der vollsten Normalität ist es ja so, 
daß das Triebhafte sich in unsere Bewußtseins weit notwendig 
ein wenig deplaciert hinsetzt. Es gehngt uns nicht, „triebrein" 

— io5 — 



zu denken, abseits der Fehlerquellen, die unsere Triebhaftig- 
keit hineintröpfeln läßt, affektfrei zu Verstand und Wahr- 
nehmung gestellt: denn diese Gegensätzlichkeit zum Affektiven 
ist ja, widersinnig genug, eben ans Affektive gebunden, um 
vonstatten zu gehen, und wiederum können wir andrerseits bei 
unsern Triebbetätigungen und Tendenzen nicht umhin, sie uns 
denkend vorzustellen. Diese wechselseitige Gebundenheit der 
fremdtuenden Gegensätze verrät so deutlich ihre Verwandt- 
schaft, daß die „Ambivalenz" auf dem Urgrund der Dinge 
sich doch nur am Rand der Bewußtseinsoberfläche so endlos 
tiefreichend ausnehmen mag. Unsere Triebbetätigungen müssen 
sich allerdings — wollen sie nicht aus der Welt fallen — , 
die „Realitätsprüfung" durch die Strenge der Bewußtseins- 
ordnungen gefallen lassen, jedoch unsere Denkkategorien be- 
nehmen sich dabei nicht ganz unähnlich dem erwähnten 
Spitzel tum unserer moralischen Vorschriften: sie fahren ihr 
schwerstes Geschütz schließlich und endlich doch nur auf, 
um sich auf dem Entscheidungsfeld zu verbrüdern. Denn die 
Realitätsprüfung erweist sich auch hier als bloßer notgedrungener 
Umweg, um sich ein angestrebtes Lustziel dennoch irgendwie 
zu ermöglichen. Ja, man darf gut sagen: unser Denkverfahren 
— verghchen mit unsern triebbedingter n Lebensmethoden, 
die unbedachter mit der Tür ins Haus fallen und sich dabei 
empfindlicher stoßen, — entspricht sogar einer noch naivern 
Methodik: sie tut, als entspräche sie in ihren strengern Ord- 
nungen einem Mehr an Erfassen, während sie, sozusagen, von 
vornherein eine Hälfte des zu Erfassenden zm-ückläßt, um 
sich die andere zu künstlicher Ganzheit auszurufen. Im Hinaus- 
halten des Realen als eines Außerhalb-unser, ist das Bemühen 
nur versteckt, sich seiner begriffhch wiederzubemächtigen, es 
zugleich aus der Zerstückelung zurückzunehmen, etwa wie 
ein Kind im Mosaikspiel eine Landschaft fehlerlos vor sich 
„legt". Die im Denkakt provozierte Zerreißung in Einzel- 

I 

— 106 — 






heilen befindet sich bereits in seinem eigenen Verfahren in 
einem erneuten Vernäht werden der Rissej wir machen den 
denkerischen Prozeß zu einem dem Liebesvollzug ähnhchen: 
uns die verlorenen Zusammenhänge begrifflich einverleibend 
— wie man auch vom Denkergehirn als dem „erotisierten 
Organ" nicht nur illustrativ redet. Ebenso enthält logisch- 
kritische Untersuchung, obwohl Gegenpol zur künstlerischen 
Phantasie, dennoch Analoges zu deren Gestaltungstendenzen, 
denen sich noch das abgetrennt Winzigste, wie Wasser im 
Tropfen, zum Gesamtbild, zur Gestalt, rundet^ ist denn nicht 
unsere Begriffssprache selber nur wie ein Noch-weiter-ausein- 
anderschauen des Getrennten, bis es sich ihr irgendwo doch 
„dingfest" verbildlicht, um ins logische Schema preßbar zu 
werden? Noch frappierender aber gleichen sich unsere erkenneri- 
schen Verfahren in einem dritten Punkt unsern triebgerichteten 
an — obwohl sie gerade dort am prinzipiellsten Geschiedene 
bleiben sollen ; nämlich unsern am unwillkürlichsten wertenden. 
Nichts gibt es, was unserer Wertung unausweichlicher sicher- 
stände als das, was „Wahrheit" und deren Erforschung heißt. 
Und das beruht weder allein auf dem praktisch Notwendigen 
und Wichtigen daran, noch auch nur auf metaphysisch 
geltender Uberwertung, sondern auf unwillkürlichem Ab- 
hängigkeitsgefühl unserer Menschenwürde davonj lieferten 
nicht sogar Sie selbst den Beweis dafür, indem Ihnen der 
Ausdruck „beschämend" entfuhr, bei Ihrer Erörterung von 
Illusionen, durch die wir aller Einsicht in Verstand und Ver- 
nunft ins Gesicht schlügen — obschon wohl nie Jemandem 
ferner liegen könnte, den Werlsinn irgend welcher „Wahr- 
heit" anders als sachlich-nüchtern anzusetzen. Was ist es denn 
nun mit dieser unserer Wahrheitsbewertung in Hinsicht atif 
unsern „Menschenwert"? Nichts ist uns ja geläufiger als gerade 
die grundsätzlich schärfste Trennung von Denken und Werten, 
Erkennen und Wünschen — so scharf, wie sie bewußterweise 

— 107 — 



überhaupt möglich sei. Jedoch, indem wir das, um des 
reinlichen Erkenntnisergebnisses willen zur Voraussetzung 
machen, sagen wir ja damit nichts anderes aus als wiederum 
den überragenden Wert des Erkennens für uns: für unsere 
Menschenschätzung des Erkennenden selbst. Während wir 
unsere sonstigen triebhaften Beurteilungen vom Erkenntnis- 
akt beiseite zu halten suchen, ist seine Wertung an sich keine 
gemiedene Fehlerquelle, sondern ihr entquillt gerade der Eifer 
des erkennerischen Verhaltens als solchen. 

Mir scheint nun diese Verwicklung von Denken und Werten 
auf eine sehr erfreuliche Lösung geradezu angewiesen: nämlich 
darauf, daß für uns — zum Bewußtsein geborene Wesen, — 
auch unser übriges triebmäßigeres Verhalten erst dadurch zur 
menschlichen Vollbetätigung kommt — für unsere Erlebnis- 
art zu Worte kommt. Es ist deshalb eine ganz ernste Sache 
damit, wenn — wie es neuerdings manchmal verstärkt geschieht, 
— die denkerische Einstellung vorwurfsvoll als Schädiger des 
wahrhaft Lebendigen angeschwärzt wird, wie wenn dieses 
dran verkümmere. Jemand, der, auf Gang organisiert, sich 
der Beine entschlüge, würde damit ja nicht nur aufs Gehen, 
sondern aufs gesunde Funktionieren seines gesamten Organis- 
mus Verzicht leisten. Im Gegenteil: wir sind durch unser 
Gesamtwesen veranlaßt, nur um so kräftiger auszuschreiten 
im realen Gegenüber der denkgegebenen Welt, weil auch die- 
jenigen Tendenzen in uns, die das lieber überfliegen würden, 
auf keinem andern Wege ans Endziel ihrer eigenen Welt 
sich heimfinden. Ist es nicht ergreifend, sich darauf zu besinnen, 
wie wir erst an der denkbegrenzten, reaLveräußerlichten Wirk- 
lichkeit unserer verlangenden innern Welt zu Verwirklichungen 
verhelfen? Wie z. B. der erotische Überschwung sich am be- 
schränkten, unzureichenden Einzelobjekt allein voll ausstürzen 
muß, um sein Erlebnis zur Reife zu bringen; oder wie die Auf- 
schwünge schöpferischer Phantasie alle innigste Kraft um den 

— aoS — 



exakten Dienst am spröden Material sammeln müssen — 
wie ihre Vision dem Geringsten davon restlos gerecht zu 
werden hat, auf daß sie lebe? 

Wir sind eben nicht nur Kompromißler wie in der Neurose 
— wir sind nicht nur, wie in der Normalität, Ergänzende 
und Hinzuerwerbende zu unsern Einseitigkeiten, — wir selber 
„sind" der „Mensch mit seinem Widerspruch", der an seiner 
Reibung erst sich fruchtbar selbst erlebt als Bewußter. Als 
ich vor Sie hintrat, da kam mir an Ihrer Tiefenforschung 
dieses Erleben erst zum Vollzug. Denn Ihnen hatte es sich 
an Ihrer eigenen Schöpfung so gewaltig vollzogen, daß wir 
Alle es daraus empfangen konnten als Ihr Geschenk. Ihnen 
hatte sich, am Rationalen Ihrer Denkweise, durch deren un- 
entwegte Konsequenz der Forschereinstellung — durchaus 
dadurch! — gerade das bisher Unbewußtverborgene zu Be- 
wußtwerdungen unerhörter Art entblößt. Mir, die von der 
andern Seite her unterwegs war, wurde infolgedessen durch 
Sie die entgegengesetzte Lage zu innerra Ereignis: in der Nach- 
folge Ihrer erst, ergab sich mir das Bewußtgewordene als 
Sinn und Wert des unbewußt Angestrebten. 

Was hier steht, bringt all das freilich nur zu einem Not- 
behelf-Ausdruck, und zwar nicht nur, weil es so zurücksteht 
hinter Ihrer Ausdruckskraft, welche die Worte wohl zwänge, 
sondern auch deshalb, weil etwas ganz Starkes mir dabei die 
Stimme verschlägt, so daß Worte sich fast erübrigen und 
nichts mehr bleibt — nichts, nichts, nichts — als Dank. 

Göttingen, Frühling ItjJl 

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AusfüorlicDe Prospekte über die 
Gesammelten ddirilten von Sigmund FreuJ 

und über die vier piyaioanalytisdieii Zeitsainitea. 

Interaalioaale 2eitscurift für Psyjioanalyse 

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psycnoanalytüme Literatur 

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Internationaler Fsymoanalytismer Verlag 

V'ien I, In aer Börse 





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