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Full text of "Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II 1913 Heft 1"

AGO 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNa 
PER. P5VCHOAKALYSE AUF DIE 
aElSTESWlSSENSCH AFTE N 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 
T)£ OTTO RANK u. DE HANNS SACHS 

E JAHRGANG / 1913 
HEFT 1. FEBRUAR 




1913 

HUGO HELLER &,Q1 

LEIPZIG U.WIEN- 1- BAUERNMARKT 3 



"T~^cr über Erwarten günstige Erfolg des abgelaufenen ersten Jahrgangs hat uns vor 
I 1 allem des Interesses Jener versiAert, an die stA die Zelts Arift lunäAsl wandle, 
^ ' ^ ^ niAt minder aber die Hoffnung bestätigt^ dafl audi weitere Kreise an den ProUemeii 
and Ergebnissen unserer jungen Wissensdiaft Anteil nehmen werden/ endlldt hat ün£ 
«tte rege Mitarbeit der Vertreter vcrsAicdcner FaAgebiere das Bewußtsem gegeben, daß 
tmaer Unternehmen auA imstande war^, der Anregung geistiger Prcnluktionstätigkeit 
£u dienen. 

Die reiAc und vielseitige Arbeit des abgelaufenen Jahrgangs ^cigt die Inbaftsüber- 
siAt und wir dürfen hoffen, mit der Festhaltung und Ausgestaltyng unso'es Programms 
auA unsicren Erfolg siAem und steigern zu können. 

Soweit es durAführbar ist, sollen alle jene Zweige der Geistes Wissens Aaften, für 
die die PsyAoanalyse Bedeutung gewonnen hat, lu Wort kommen/ auA sod weiterhin 
neben Sonderproblemcn der IndividualpsyAobgie besonders die VötkerpsyAologie einen 
breiten Raum einnehmen, die ja am deuttiAstcn den Wert und die FruAtbarkeit der am 
Einzelnen gewonnenen Seelenkenntnis erweist- 

ÄSTHETIK. LITERATURGESCHICHTE, PHILOLOGIE, PÄDAGOGIK, 
MORALTHEORIE, KULTUR- UND REHGIONSGESCHICHTE. ETHNO- 
GRAPHIE UND FOLKLORE, die im I. Jahrgang bereits vertreten waren, sollen 
sorgrältig weiter gepflegt werden/ andere Wissens Aaften, besonders die MyTHEN* 
FORSCHUNG, dann auA PHILOSOPHIE und METAPHySlK, soweit sie einer 
psyAotogtsAen BetraAtungswetsc zugängliA sind, werden hinzukommen, so daft Jeder, 
der an wissen sAaftliAer ForsAung Anteil nimmt, die Probleme, die ihn vorzügliA 
interessieren, unter neuen GesiAtspunkten behandelt finden wird. Die EinheitliAkeit wird 
durA Ae gemeinsame Beziehung zut PsyAoanalyse gewahrt werdenr durA die }edes 
Problem in neue Zusammenhänge eingefügt wird. 

Von Beitragen, die der II. Jahrgang bringen sollj. seien hier genannt: 

Prof- Freud; Ober einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der 
Ncurotiker (Fortsetzung der J^ike(serie aus dem ersten Jahrgang)/ Dr. Fcrenczit Die 
ontogenetis Ae Wunel des kapitalistisAen Triebcsy Dr. E, Hitschmann; SAopenhauer/ 
Dr. Rank: Über das Motiv der NaAthcit in Sage und DiAtung/ Dr. Sachs i bAnitders 
Motive und Gestalten/ Dr. A. Sperber: Dante^ Dr* AJfr, PrL v, Winteritein: PfeyA<j- 
analyttsAe Anmerkungen zur GcsAtAte der Philosophie u. a, m. 

SAließÜA sei noA darauf hingewiesen, dal) der bisherige Erfolg es uns erm5gIiAt, 
im IL Jahrgang die angekündigte Bogenzahl (etwa 30 DruAbogen im Jahr) zu 
erhöhen, ohne daß damit dnc Erhöhung des Abonncmentspreises (von Mk* 15*-^ — 
K 18.—) verbunden wäre. 

AuA wird ein gemeinsames Abotitietnent auf „Ittiago" und die „Ititer- 
ttatJonale Zeitschrift für Irztllche Psychoatialrse" zum ermiBlgten Gesamt- 
jahresprets von Mk. 30.— = K 36,— eröffnet. 

REDAKTION UND VERLAG. 

Für die REDAKTION bestimtntc Euschriften und Sendungen wollen an 
Dr HANNS SACHS, Wien XIX/l, Pcter^ordangasse 76 adressiert werden. 

»IMAGO« ersdieint SECHSMAL jährlidi im Gesamtumfang von 
über 36 Bogen und kann für M* 15, — = K 18. — pro JahrgatT| durdi 
jede gute Budihandlung sowie direkt vom Verlage HUGO HELLER 
'S) ClE. in Wien L^ Bauernmarkt % abonniert werden. Einzelne Hefte 
werden nirfit abgegeben. 

Die wenigen noch verfügbaren Exemplare des nunmehr ab^e" 
sdilossen vorliegenden L Jahrgangs werden im Preise erhöht, so daß 
der komplette 1 Jahrgang nunmehr M. 18. — = K 21.60, gebunden 
M. 22,50 = K 27-— kostet, 

Gesdima^volle ORIGINAL- EINBANDDECKEN mit Leder- 
rüAcn sind zum Preise von M. 3. — = K 3,60 durdi jede gute BuA- 
Handlung, sowie direkt vom Verlage zu beziehen* 

Copyrigfit 1913, HUGO HELLER ® CIE,, Wien L, Bauernmarkt 3. 



Inhaltsübersicht des H. Jahrganges 1913. 

Abhandlungen : Seite 

Lou Andreas-Salome <Göttingen>: Von frühem Gottesdienst. 457 
Adalbcrt Bcrny <Wicn>: Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs 

der Spradie 537 

Dr. S. Fcrenczi (Budapest); Aus der »Psychologie« von Her» 

mann Lotze 238 

Prof. Dr. Sigm, Freud <Wien>: Über einige Übereinstimmungen 

im Seelenleben der ^X^ilden und der Neurotiker: 

III. Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken . 1 

IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus .... 357 

— Das Motiv der Kästdienwahl 258 

Dr. Eduard Hitschmann <Wien>; Schopenhauer. Versudi einer 

Psydioanalyse des Philosophen 101 

Prof. Dr. Ernst Jones (London): Andrea del Sartos Kunst und 

der Einfluß seiner Gattin 468 

Dr. Emil Franz Lorenz (Wien); Das Titaneni^Motiv in der alU 

gemeinen Mythologie 22 

Dr. Oskar Pfister (Züridi): Die Entstehung der künstlerisdien 

Inspiration 481 

Dr. Otto Rank (Wien): Die NaAtheit in Sage und Dichtung . 267, 409 
Dr. Theodor Rcik (Wien): Die »Allmacht der Gedanken« bei 

Arthur Sdinitzler 319 

-^ Psydioanalytisdie Bemerkungen über den zynischen Witz . 573 
Dr. Hanns Sachs (Wien): Carl Spitteler 73 

— Die Motivgestaltung bei Schnitzler 302 

Dr. J. Sadger (Wien): Über das Unbewußte und die Träume 

bei Hebbel 336 

Dr. S, Spielrein (Berlin): Die Schwiegermutter 589 

Dr. Karl Weiß (Wien): Von Reim und Refrain 552 

Dr. Alfr, Frh. v. Winterstein (Wien): Psychoanalytisdie An* 

merkungen zur Geschichte der Philosophie 175 

Vom wahren Wesen der Kinderseele. Redigiert von 
Dr. H. V. Hug-Hellmuth. 

Dr. J. Härnik (Budapest): Dostojewski, »Njetotschka Neswanowa«, 

Bruchstück eines Romans 531 

Dr. H. V. Hug-rHellmuth (Wien): Über erste Kindheits* 

erinnerungen 78 

— Ciaire Henrika Weber: »Liddy« 521 

Dr. Werner Klette (München); Alfred Machard: »Les cent 

gosses« 525 

— Louis Pergaud: »La guerre des boutons« 527 

Dr. Emil Franz Lorenz (Wien): Leo N. Tolstois Kindheit. 

Autobiographische Novelle 93 

— Die Kindheitserinnerungen des Baron de la Motte Fouque 513 
Dr. Otto Rank (Wien): Multatuli über Wißbegierde .... 535 
Dr. Theodor Reik (Wien): »Von der Kinderseele« 89 

— Aus dem Leben Guy de Maupassants 519 

Dr. S. Spielrein (Berlin): Mutterliebe 523 



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Besprechungen : Seite 

Dr. Max Brod und Dr. Felix Wcltsch: Anschauung und Begriff. 

Grundzüge eines Systems der Begriffsbildung <G. Rosen;* 

stein) 253 

Die Grimmschen Märchen. Grimms Deutsche Sagen <Dr. Rank) 594 
Dr. Paul Häberlin: Wissenschaft und Philosophie, ihr Wesen 

und ihr Verhältnis. IL Bd.: Philosophie <Dr. Lorenz) . . 243 

Gerhard Heinzelmann: Animismus und Religion <Dr. Rank) . 596 
August Horneffer: Der Priester. Seine Vergangenheit und Zu* 

kunft <Dr. Reik) • . . . 249 

H. Jennings; Die Rosenkreutzer (Herbert Silberer) .... 593 

Vom Judentum, Ein Sammelbuch <Dr. Reik) 597 

Walter Lippmann: A preface to politics <Jones) . . • . . 452 

S. Reinach: Le gendre et la belle^mere <Dr. Reik) . . . . 605 
Die Sagen der Juden, Gesammelt und bearbeitet von Micha bin 

Gorion <Dr. Präger) 602 

Max Schlesinger: Geschichte des Symbols (Dr. Rank) . . . 254 
Dr. Ludwig Staudenmaier: Die Magie als experimentelle Natur^r 

Wissenschaft (Herbert Silberer) 447 

Prof. Adolf Stöhr: Psychologie der Aussage (Dr. Reik) . . . 247 

Übersicht der Leistungen der auf die Geisteswissen- 
schaften angewandten Psychoanalyse: 

Für das Jahr 1912 97 

* » * 1913 609 

Büchereinlauf (Besprechung vorbehalten): 

Für das Jahr 1912 99 

» * * 1913 611 

Kunstbeilagen : 

Max Klinger: Der Philosoph 101-102 

Textbeilagen 480-481 



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IM AGO 

ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSVCHO- 
ANALySE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 

SCHRIFTLEITUNG: 
IL 1. DR. OTTO RANK /DR. HANNS SACHS 1913 



Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 

Von SIGM. FREUD. 

III. 

Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken. 

1. 

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, weldie Gesidits^ 
punkte der Psycnoanalyse auf Themen der Geisteswissen^ 
sdiaften anwenden wollen, daß sie dem Leser von beiden 
zu wenig bieten müssen. Sie besdiränken sidi darum auf den 
Charakter von Anregungen, sie madien dem Fadimanne Vorsdiläge, 
die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser Mangel 
wird sidi aufs äußerste fühlbar madien in einem Aufsatz, weldier 
das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behan- 
deln wilP. 

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelen* 
Vorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man 
untersdieidet nodi Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der 
uns unbelebt ersdieinenden Natur, und reiht hier den Animalismus 
und Manismus an. Der Name Animismus, früher für ein bestimmtes 
philosophisdies System verwendet, sdieint seine gegenwärtige Be- 
deutung durdi E. B. Tylor erhalten zu haben 2. 

Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat, ist 
die Einsidit in die hödist merkwürdige Natur- und Weltauffassung 

^ Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt audi den Verzidit 
auf eingehende Literatumadiweise mit sich. An deren Stelle stehe der Hinweis auf 
die bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. Frazer, A. Lang, E. B. Tylor 
und W. Wundt, aus denen alle Behauptungen über Animismus und Magie cnt*' 
nommen sind. Die Selbständigkeit des Verfassers kann siA nur in der von ihm 
getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben. 

2 E. B. Tylor, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903. — 
W. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Sigm. Freud 



der uns bekannten primitiven Völker, der historisdien sowohl wie 
der jetzt nodi lebenden. Diese bevölkern die Welt mit einer Unzahl 
von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt sind,- 
sie sAreiben diesen Geistern und Dämonen die Verursadiung der 
Naturvorgänge zu und halten nidit nur die Tiere und Pflanzen, 
sondern audi die unbelebten Dinge der Welt für durdi sie belebt. 
Ein drittes und vielleidit widitigstes Stüd^ dieser primitiven »Natura 
Philosophie« ersdieint uns weit weniger auffällig, weil wir selbst nodi 
nidit weit genug von ihm entfernt sind, während wir dodi die Exi= 
stenz der Geister sehr eingesdiränkt haben und die Naturvorgänge 
heute durdi die Annahme unpersönlidier physikalisdier Kräfte erklären. 
Die Primitiven glauben nämlidi an eine ähnlidie »Beseelung« audi 
der mensdilidien Einzelwesen. Die mensdilidien Personen enthalten 
Seelen, weldie ihren Wohnsitz verlassen und in andere Mensdien 
einwandern können,- diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätige 
keiten und bis zu einem gewissen Grad von den »Leibern« unab^ 
hängig. Ursprünglidi wurden die Seelen als sehr ähnlich den Indi^ 
viduen vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwid^lung 
haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad 
von »Vergeistigung« abgestreift ^ 

Die Mehrzahl der Autoren neipt zu der Annahme, daß diese 
Seelenvorstellungen der ursprünglidie Kern des animistisdien Systems 
sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entspredien, 
und daß audi die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Ana= 
logie mit den Mensdienseelen gebildet wurden. 

Wie sind die primitiven Mensdien zu den eigentümlidi dua^ 
listisdien Grundansdiauungen gekommen, auf denen dieses animistisdie 
System ruht? Man meint, durdi die Beobaditung der Phänomene 
des Sdilafes <mit dem Traum) und des ihm so ähnlidien Todes, 
und durdi die Bemühung, sidi diese jeden Einzelnen so nahe 
angehenden Zustände zu erklären. Vor allem müßte das Todes^ 
problem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden sein. Für 
den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens — die Unsterblidi^ 
keit — das Selbstverständlidie. Die Vorstellung des Todes ist etwas 
spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja audi für uns nodi 
inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den andere Beobadi^ 
tungen und Erfahrungen an der Gestaltung der animistisdien Grunde 
lehren gehabt haben mögen, die über Traumbilder, Sdiatten, SpiegeU 
bilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu keinem Absdiluß gelangte 
Diskussionen stattgefunden ^. 

Wenn der Primitive auf die sein Nadidenken anregenden 
Phänomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und 
diese dann auf die Objekte der Außenwelt übertrug, so wird sein 
Verhalten dabei als durdiaus natürlidi und weiter nidit rätselhaft 

* Wundt, I. c, IV. Kapitel »Die Seelenvorstellungcn«. 

* Vgl. außer bei Wundt und H. Spencer die orientierenden Artikel der 
Encydopcdia Britannica 1911 (Animism, Mythology usw.). 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



beurteilt. Wundt äußert angesichts der Tatsache, daß sich die näm* 
liehen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern 
und zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, dieselben »seien 
das notwendige psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Be^ 
wußtseins und der primitive Animismus dürfe als der geistige Aus^ 
druck des menschlichen Naturzustandes gelten, insoweit dieser 
überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist«^ Die Rechtfertigung 
der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume in seiner »Natural 
History of Religion« gegeben, indem er schrieb: »There is an uni^ 
Versal tendency among mankind to conceive all beings like themselves 
and to transfer to every object those qualities with which they are 
familiarly acquainted and of which they are intimately conscious«^. 

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die 
Erklärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das 
Ganze cler Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem 
Punkte, zu begreifen- Die Mensdiheit hat, wenn wir den Autoren 
folgen wollen, drei soldier Denksysteme, drei große Weltanschauungen 
im Laufe der Zeiten hervorgebradit: Die animistische (mythologische), 
die religiöse und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erst- 
geschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und 
erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt. Diese 
erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psychologische 
Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wie viel 
von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder 
entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grund-* 
läge unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. 

Es greift auf jene Stufenfolge der drei Weltanschauungen 
zurück, wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine 
Religion ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich später 
die Religionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der Mythus 
auf animistischen Voraussetzungen ruht,- die Einzelheiten der Be^ 
ziehung^ von Mythus und Animismus erscheinen aber als in wesent^ 
liehen Punkten ungeklärt. 

2. 

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle ein^ 
setzen. — Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus 
reiner spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Welt-^ 

fuems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der 
elt zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung haben. 
Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem animisti^ 
sehen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine Anweisung, 
wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere und Dinge, 
respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung, welche 
unter dem Namen »Zauberei und Magie« bekannt ist, will 

1 1. c, p. 154. 

« Bei Tylor, Primitive Culture, I. Bd., p. 477. 



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4 Sigm. Freud 

S. Reinach ^ die Strategie des Animismus heißen,- idi würde es vor^ 
ziehen, sie mit Hubert und Mauß der Tedinik zu vergleidien ^. 

Kann man Zauberei und Magie begrifflidi voneinander 
trennen? Es ist möglidi, wenn man sidi mit einiger Eigenmäditigkeit 
über die Sdiwankungen des Spradigebraudies hinwegsetzen will. 
Dann ist Zauberei im wesentlidien die Kunst, die Geister zu beein^ 
Aussen, indem man sie behandelt wie unter gleidien Bedingungen 
die Mensdien, also indem man sie besdiwiditigt, versöhnt, sidi geneigt 
madit, sie einsdiüditert, ihrer Madit beraubt, sie seinem Willen 
unterwirft, durch dieselben Mittel, die man für lebende Mensdien 
wirksam gefunden hat. Magie ist aber etwas anderes,- sie sieht im 
Grunde von den Geistern ab und sie bedient sidi besonderer 
Mittel, nidit der banalen psydiologisdien Methodik. Wir werden 
leidit erraten, daß die Magie das ursprünglidiere und bedeutsamere 
Stüd< der animistischen Tedinik ist, denn unter den Mitteln, mit 
denen Geister behandelt werden sollen, befinden sidi audi magisdie^ 
und die Magie findet ihre Anwendung audi in Fällen, wo die Ver- 
geistigung der Natur, wie uns sdieint, nidit durdigeführt worden ist. 

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absiditen dienen, die 
Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Indivi^ 
duum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht 
peben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber, auf deren 
Voraussetzung das magische Tun beruht — oder vielmehr das 
Prinzip der Magie — ist so augenfällig, daß es von allen Autoren 
erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man von 
dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. Tylors 
ausdrücken: »mistaking an ideal connexion for a real one«. An zwei 
Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter 
erläutern. 

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind 
zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem 
Material zu machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei wenig an. 
Man kann auch irgendein Objekt zu seinem Bild »ernennen«. vC^as 
man dann diesem Ebenbild antut, das stößt auch dem gehaßten 
Urbild zu, an welcher Körperstelle man das erstere verletzt, an 
derselben erkrankt das letztere. Man kann dieselbe magische Technik 
anstatt in den Dienst privater Feindseligkeit auch in den der Frömmig^ 
keit stellen und so Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. 
Ich zitiere nach Frazer*: »Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra <im 
alten Ägypten) zu seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, 
hatte er einen bitteren Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu 



* Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introductioii, p. XV, 1909. 

* Annee sociologique, VII. Bd., 1904. 

' Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist dies 
eine rein zauberische Handlung,- Njrenn man ihn zwingt, indem man sich seines 
Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht. 

* The magic art. II, p. 67. 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



bestehen, die ihn unter der Führung des Erzfeindes Apepi über- 
fielen. Er kämpfte mit ihnen die ganze Nadit und häufig waren die 
Mädite der Finsternis stark genug, nodi des Tages dunkle Wolken 
an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft sdiwäditen und 
sein Lidit abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in seinem 
Tempel zu Theben täglidi folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde 
aus >X^adis ein Bild seines Feindes Apepi gemadit, in der Gestalt 
eines sdieußlidien Krokodils oder einer langgeringelten Sdilange und 
der Name des Dämons mit grüner Tinte darauf gesdirieben. In 
ein Papyrusgehäuse gehüllt, auf dem eine ähnlidie Zeidinung an- 
gebracht war, wurde dann diese Figur mit sdiwarzem Haar um* 
wid^elt, vom Priester angespud^t, mit einem Steinmesser bearbeitet 
und auf den Boden geworfen. Dann trat er mit seinem linken Fuß 
auf sie und endlidi verbrannte er sie in einem von gewissen Pflanzen 
genährten Feuer. Nadidem Apepi in soldier Weise beseitigt worden 
war, gesdiah mit allen Dämonen seines Gefolges das nämlidie. 
Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden 
mußten, wurde nidit nur morgens, mittags und abends wiederholt, 
sondern audi jederzeit dazwisdien, wenn ein Sturm wütete, wenn 
ein heftiger Regenguß niederging oder sAwarze Wolken die Sonnen* 
sdieibe am Himmel verded^ten. Die bösen Feinde verspürten die Züdi* 
tigung, die ihren Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten 
hätten,' sie flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem. ^« 
Aus der unübersehbaren Fülle ähnlidi begründeter magisdier 
Handlungen will idi nur nodi zweierlei hervorheben, die bei den 
primitiven Völkern jederzeit eine große Rolle gespielt haben und 
zum Teil im Mythus und Kultus höherer Entwicklungsstufen er* 
halten geblieben sind, nämlidi die Arten des Regen- und des 
FruAtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen auf magisdiem 
Wege, indem man ihn imitiert, etwa audi nodi die ihn erzeugenden 
Wolken oder den Sturm nadiahmt. Es sieht aus, als ob man »regnen 
spielen« wollte. Die japanisdien Ainos z. B. madien Regen in der 
Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen Sieben ausgießt, 
während ein anderer eine große Sdiüssel mit Segel und Ruder aus* 
stattet, als ob sie ein Sdiiff wäre, und sie so um Dorf und Gärten 
herumzieht. Die Fruditbarkeit des Bodens sidierte man sidi aber auf 
magisdie Weise, indem man ihm das Sdiauspiel eines mensdilidien 
Gesdileditsverkehres zeigte. So pflegen — ein Beispiel anstatt un* 
endlidi vieler — in mandien Teilen Javas zur Zeit des Heran* 
nahens der Reisblüte Bauer und Bäuerin sidi nadits auf die Felder 
zu begeben, um durdi das Beispiel, das sie ihm geben, den Reis 
zur Fruditbarkeit anzuregen-. Dagegen fürditete man von ver* 

* Das biblisdie Verbot, sirfi ein Bild von irgend etwas Lebendem zu maAen, 
entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden Kunst, sondern 
sollte der von der hcbraisAen Religion verpönten Magie ein Werkzeug entziehen. 
Frazer, 1. c, p. 87, Note. 

- The magic art. 11, p. 98. 



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Sigm. Freud 



tönten inzestuösen Geschlechtsbeziehungen, daß sie Mißwuchs und 
Infruditbarkeit des Bodens erzeugen würden ^ 

Auch gewisse negative Vorschriften — magisdie Vorsiditen 
also — sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der 
Bewohner eines Dayakdorfes auf Wildsdiweinjagd ausgezogen ist, 
so dürfen die Zurüci^gebliebenen unterdes weder öl nodi Wasser 
mit ihren Händen berühren,- sonst würden die Jäger weidie Finger 
bekommen und die Beute aus ihren Händen sdilüpfen lassen -. Oder, 
wenn ein Gilyakjäger im Walde dem Wilde nachstellt, so ist es 
seinen Kindern zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz oder im 
Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald könnten sonst so 
versdilungen werden wie die Linien der Zeichnung, so daß der Jäger 
den Weg nach Hause nidit findet^. 

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen 
magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie 
also als selbstverständlidi hingenommen wird, so wird auch uns das 
Verständnis dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit 
bereiten. 

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als 
das Wirksame betrachtet wird. Es ist die Ähnlichkeit zwischen 
der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer 
nennt darum diese Art der Magie imitative oder homöo- 
pathische. Wenn ich will, daß es regne, so brauche ich nur etwas 
zu tun, was wie Regnen aussieht oder an Regnen erinnert. In einer 
weiteren Phase der Kulturentwicklung wird man anstatt dieses magi^ 
sehen Regenzaubers Bittgänc;e zu einem Gotteshaus veranstalten 
und den dort wohnenden Heiligen um Regen anflehen. Endlidi 
wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und dafür versudien, 
durch weldie Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen erzeugt 
werden kann. 

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt 
das Prinzip der Ähnlichkeit nidit mehr in Betradit, dafür ein anderes, 
weldies sidi aus den nadistehenden Beispielen leicht ergeben wird. 

Um einem Feinde zu schaden, kann man sidi audi eines anderen 
Verfahrens bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, 
Abfallstoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit 
diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als 
hätte man sich der Person selbst bemäditigt, und was man den von 
der Person herrührenden Dingen angetan hat, muß ihr selbst wider* 
fahren. Zu den wesentlichen Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört 
nach der Anschauung der Primitiven ihr Name,- wenn man also den 
Namen einer Person oder eines Geistes weiß, hat man eine gewisse 
Madit über den Träger des Namens erworben. Daher die merk^ 
würdigen Vorsiditen und Beschränkungen im Gebrauche der Namen, 

> Davon ein Nadiklang im König Oedipus des Sophokles. 
* The magic art. I, p. 120. 
3 I. c, p. 122. 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden sind^ Die 
Ähnlidikeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt durdi Zu^ 
sammengehörigkeit. 

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Moti^ 
Vierung in ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer 
Person durdi den Akt des Verzehrens in sidi aufnimmt, eignet man 
sidi audi die Eigensdiaften an, weldie dieser Person angehört haben. 
Daraus erfolgen dann Vorsiditen und Besdiränkungen der Diät unter 
besonderen Umständen. Eine Frau wird in der Gravidität vermeiden, 
das Fleisch gewisser Tiere zu genießen, weil deren unerwünschte 
Eigensdiaften, z. B. die Feigheit, so auf das von ihr genährte Kind 
übergehen könnten. Es macht für die magische Wirkung keinen 
Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits aufgehobener 
ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger, bedeutungsvoller 
Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein magisches Band, 
welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe verknüpft, 
durch welche sie hervorgerufen wurde, unverändert durch Jahr- 
tausende zu verfolgen, wenn ein Melanesier sich des Bogens be^ 
mächtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorg* 
fältig an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der 
Wunde niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde 
geblieben, so wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers auf- 
gehängt werden, damit die Wunde nur ja recht entzündet werde 
und brenne. Plinius rät in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man 
bereut, einen anderen verletzt zu haben, solle man auf die Hand 
spucken, welche die Verletzung verschuldet hat,- der Schmerz des 
Verletzten werde dann sofort gelindert. Francis Bacon erwähnt 
in seiner Natural History den allgemein giltigen Glauben, daß das 
Salben einer Waffe, welche eine wunde geschlagen hat, diese Wunde 
selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem 
Rezept handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, 
das Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde 
nicht in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtet eine 
lokale englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda 
Henry in Norwich zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne 
die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf aus^ 
zuziehen, hieß sie ihre Tochter den Nagel gut einölen, in der Er^ 
Wartung, daß ihr dann nichts geschehen könne. Sie selbst starb 
einige Tage später an Wundstarrkrampf^ infolge dieser verschobenen 
Antisepsis. 

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was Frazer als 
kontagiöse Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen 
als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern 
der Zusammenhang im Raum, die Kontiguität, wenigstens die 
vorgestellte Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da 



* Imago, I, p. 317 und ff. 
- Frazer, The magic art. I, 



p. 201-203. 



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8 Sigm. Freud 

aber Ähnlichkeit und Kontiguität die beiden wesentlidien Prinzipien 
der Assoziationsvorgänge sind, stellt sidi als Erklärung für all die 
Tollheit der magisdien Vorsdiriften wirklidi die Herrsdiaft der 
Ideenassoziation heraus. Man sieht, wie zutreffend sidi Tylors 
oben zitierte Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal 
connexion for a real one, oder wie es fast gleidilautend Frazer 
ausgedrückt hat: men mistook the order of their ideas for the order 
of nature, and hence imagined that the control which they have, 
or seem to have, over their thoughts, permitted them to exercise 
a corresponding control over things. ^ 

Es wird dann zunädist befremdend wirken, daß diese ein* 
leuditende Erklärung der Magie von manAen Autoren als unbefrie* 
digend verworfen werden konnte^. Bei näherer Überlegung muß 
man aber dem Einwand Redit geben, daß die Assoziationstheorie 
der Magie bloß die Wege aufklärt, weldie die Magie geht, aber 
nidit deren eigentlidies Wesen, nämlidi nidit das Mißverständnis, 
weldies sie psydiologisdie Gesetze an die Stelle natürlidier setzen 
heißt. Es bedarf hier offenbar eines dynamisdien Moments, aber 
während die Sudie nadi einem soldien die Kritiker der Frazersdien 
Lehre in die Irre führt, wird es leidit, eine befriedigende Aufklärung 
der Magie zu geben, wenn man nur die Assoziationstheorie der* 
selben weiterführen und vertiefen will. 

Betraditen wir zunädist den einfadieren und bedeutsameren 
Fall der imitativen Magie. Nadi Frazer kann diese allein geübt 
werden, während die kontagiöse Magie in der Regel die imitative 
voraussetzt'. Die Motive, weldie zur Ausübung der Magie drängen, 
sind leidit zu erkennen, es sind die Wünsdie des Mensdien. wir 
braudien nun bloß anzunehmen, daß der primitive Mensdi ein groß* 
artiges Zutrauen zur Madit seiner Wünsdie hat. Im Grund muß 
all das, was er auf magisdiem Wege herstellt, dodi nur darum 
gesdiehen, weil er es will. So ist anfänglidi bloß sein Wunsdi das 
Betonte. 

Für das Kind, weldies sidi unter analogen psydiisdien Be* 
dingungen befindet, aber motorisdi nodi nidit leistungsfähig ist, 
haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine 
Wünsdie zunädist wirklidi halluzinatorisdi befriedigt, indem es die 
befriedigende Situation durdi die zentrifugalen Erregungen seiner 
Sinnesorgane herstellen läßt*. Für den erwadisenen Primitiven ergibt 
sidi ein anderer Weg. An seinem Wunsdi hängt ein motorisoier 
Impuls, der Wille, und dieser — der später im Dienst der Wunsdi* 
berriedigung das Antlitz der Erde verändern wird — wird jetzt 

* The magic art. I, p. 420 ff. 

« Vgl. den Artikel Magic <N. W. T.) in der 11. Auflage der Encyclo-' 
pedia Britannica. 

3 I. c, p. 54. 

* Formulierungen über die zwei Prinzipien des psydiisdien Gesdiehens. 
lahrb. f. psydioanalyt. Forsdiungen, III. Bd., 1912, p. 2. 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 



dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so daß man sie 
gleidisam durdi motorisdie Halluzination erleben kann. Eine soldie 
Darstellung des befriedigten Wunsdies ist dem Spiele der Kinder 
völlig vergleidibar, weldies bei diesen die rein sensorisdie Tedinik 
der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative Darstellung dem 
Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nidit ein Zeidien 
von Besdieidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge 
Erkenntnis ihrer realen Ohnmadit, sondern die wohl verständlicne 
Folge der überwiegenden Wertung ihres Wunsdies, des von ihm 
abhängigen Willens und der von ihm eingesdilagenen Wege. Mit 
der Zeit versdiiebt sidi der psydiisdie Akzent von den Motiven 
der magisdien Handlung auf deren Mittel, auf die Handlung selbst. 
Vielleicht sagen wir riditiger, an diesen Mitteln erst wird ihm die 
Übersdiätzung seiner psydiisdien Akte evident. Nun hat es den 
Ansdiein, als wäre es nidits anderes als die magisdie Handlung, 
die kraft ihrer Ähnlidikeit mit dem Gewünsditen dessen Gesdiehen 
erzwingt. Auf der Stufe des animistisdien Denkens gibt es nodi 
keine Gelegenheit, den wahren Sadiverhalt objektiv zu erweisen, 
wohl aber auf späteren, wenn alle soldie Prozeduren nodi gepflegt 
werden, aber das psydiisdie Phänomen des Zweifels als AusdruA 
einer Verdrängungsneigung bereits möglidi ist. Dann werden die 
Mensdien zugeben, aaß die Besdiwörungen von Geistern nidits 
leisten, wenn nidit der Glaube an sie dabei ist, und daß audi die 
Zauberkraft des Gebets versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter 
wirkt ^. 

Die Möglidikeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden 
kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sidi die psydiisdie 
Wertsdiätzung vom Wunsdi und vom Willen her auf alle psydii* 
sdien Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es 
besteht also jetzt eine allgemeine Übersdiätzung der seelisdien Vor*' 
gänge, d. h, eine Einstellung zur Welt, weldie uns nadi unseren 
Einsiditen in die Beziehung von Realität und Denken als soldie 
Übersdiätzung des letzteren ersdieinen muß. Die Dinge treten gegen 
deren Vorstellungen zurüd^/ was mit den letzteren vorgenommen 
wird, muß sidi audi an den ersteren ereignen. Die Relationen, die 
zwisdien den Vorstellungen bestehen, werden audi zwisdien den 
Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Entfernungen kennt, 
das räumlidi Entlegenste wie das zeitlidi Versdiiedenste mit Leiditig^ 
keit in einen Bewußtseinsakt zusammenbringt, wird audi die magisme 
Welt sidi telepathisdi über die räumlidie Distanz hinaussetzen und 
ehemaligen Zusammenhang wie gegenwärtigen behandeln. Das Spiegel- 
bild der Innenwelt muß im animistisdien Zeitalter jenes andere Welt- 
bild, das wir zu erkennen glauben, unsiditbar madien. 

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der 
Assoziation — Ähnlicnkeit und Kontiguität — in der höheren Ein^^ 

^ Der König in »Hamlet« <I1I, 4.): »My words fly up, my thoughts 
remain bclow; Words without thoughts ncver to hcavcn go«. 



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10 Sigm. Freud 

heit der Berührung zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation ist 
Berührung im direkten, Ahnlidikeitsassoziation soldie im übertragenen 
Sinne. Eine von uns nodi nidit erfaßte Identität im jpsydiisdien 
Vorgang wird wohl durdi den Gebraudi des nämlidien Wortes für 
beide Arten der Verknüpfung verbürgt. Es ist derselbe Umfang 
des Begriffes Berührung, der sidi bei der Analyse des Tabu heraus^ 
stellte ^ 

Zusammenfassend können wir nun sagen : das Prinzip, weldies 
die Magie, die Tedinik der animistisdien Denkweise regiert, ist das 
der »Allmadit der Gedanken«. 



Die Bezeidinung »Allmacht der Gedanken« habe idi von einem 
hodiintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne ange* 
nommen, dem es nadi seiner Herstellung durdi psydioanalytisdie 
Behandlung möglidi geworden ist, audi seine Tüditigkeit una Ver* 
ständigkeit zu erweisen^. Er hatte sidi dieses Wort geprägt zur 
Begründung aller jener sonderbaren und unheimlidien Gesdiehnisse, 
die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu verfolgen 
sdiienen. Dadhte er eben an eine Person, so kam sie ihm audi sdion 
entgegen, als ob er sie besdiworen hätte,- erkundigte er sidi plötz- 
lidi nadi dem Befinden eines lange vermißten Bekannten, so mußte 
er hören, daß dieser eben gestorben sei, so daß er glauben konnte, 
er habe sidi ihm telepathisdi bemerkbar gemadit,- stieß er gegen 
einen Fremden eine niAt einmal ganz ernst gemeinte Verwünsdiung 
aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf starb und ihn 
mit der Verantwortlidikeit für sein Ableben belastete. Von den 
meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst 
mitteilen, wie der täusdiende Ansdiein entstanden war, und was 
er selbst an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sidi in seinen 
abergläubisdien Erwartungen zu bestärken ^. Alle Zwangskranken sind 
in soldier Weise, meist gegen ihre bessere Einsidit, abergläubisdi. 

Der Fortbestand der Allmadit der Gedanken tritt uns bei 
der Zwangsneurose am deutlidisten entgegen, die Ergebnisse dieser 
primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nädisten. Wir 
müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeidinenden Charakter 
dieser Neurose zu erbliAen, denn die analytisdie Untersudiung deAt 
das nämlidie bei den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nidit 
die Realität des Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptom^ 
bildung maßgebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, 
in weldier, wie idi es an anderer Stelle ausgedrüd^t habe, nur die 

* Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe, Imago, I. 

- Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f. psydioanalyt. 
u. psyAopath. Forsdiungen, I. Bd., 1909. 

^ Es sdieint, daß wir den Charakter des »Unheimlichen« soldien Eindrücken 
verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistiscte Denkweise über-' 
haupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben. 



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Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken 11 

»neurotische Währung« gilt, d. h. nur das intensiv Gedadite, mit 
Affekt Vorgestellte ist bei ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung 
mit der äußeren Realität aber nebensäd^lidi. Der Hysteriker wieder^ 
holt in seinen Anfällen und fixiert durdi seine Symptome Erlebnisse, 
die sidi nur in seiner Phantasie so zugetragen haben, allerdings in 
letzter Auflösung auf wirklidie Ereignisse zurüd^gehen oder aus 
soldien aufgebaut worden sind. Das Sdiuldbewußtsein der Neuron 
tiker würde man ebenso sdiledit verstehen, wenn man es als unbe* 
reditigt abweisen, wie wenn man es auf reale Missetaten zurüd^^ 
führen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem Sdiuldbewußt*' 
sein gedrüd^t sein, das einem Massenmörder wohl anstünde,- er wird 
sidi dabei gegen seine Mitmensdien als der rüd^siditsvollste und skru* 
pulöseste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen 
haben. Dodi ist sein Sdiuldgefühl begründet,- es fußt auf den inten* 
siven und häufigen Todeswünsdien, die sidi in ihm unbewußt gegen 
seine Mitmensdien regen. Es ist begründet, insoferne unbewußte 
Gedanken und nidit absidididie Taten in Betradit kommen. So 
erweist sidi die Allmadit der Gedanken, die Übersdiätzung der 
seelisdien Vorgänge gegen die Realität, als unbesdiränkt wirksam 
im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden 
Folgen. Unterzieht man ihn aber der psydioanalytisdien Behandlung, 
weldie das bei ihm Unbewußte bewußt madit, so wird er nidit 

f glauben können, daß Gedanken frei sind, und wird sidi jedesmal 
ürditen, böse Wünsdie zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung 
in Erfüllung gehen müßten. Durdi dieses Verhalten wie durch 
seinen im Leben betätigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe 
er dem Wilden steht, der durdi seine bloßen Gedanken die Außen^ 
weit zu verändern meint. 

Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind 
eigendidi durdiaus magisdier Natur. Sie sind, wenn nidit Zauber, 
so dodi Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, 
mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft idi das Geheim* 
nis zu durdidringen vermodite, zeigte es sidi, daß diese Unheils* 
erwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nadi 
Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie,- wir haben gehört, 
daß audi die Bildung der Seelenvorstellungen und des Dämonen* 
glaubens, die den Animismus kennzeidinen, auf den Eindrud^ zurüA* 
geführt wird, den der Tod auf den Mensdien madit. Ob diese ersten 
Zwangs* oder Sdiutzhandlungen dem Prinzip der Ähnlidikeit, 
respektive des Kontrastes folgen, ist sdiwer zu beurteilen, denn sie 
werden unter den Bedingungen der Neurose gewöhnlidi durdi die 
Versdiiebung auf irgendein Kleinstes, eine an sidi hödist gering* 
fiigige Aktion entstellt ^ Audi die Sdiutzformeln der Zwangsneurose 
finden ihr GegenstüA in den Zauberformeln der Magie. Die Ent* 
widtlungsgesdiidite der Zwangshandlungen kann man aber besdireiben, 

^ Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Aktion wird 
sidi aus den nadistehcndcn Erörterungen ergeben. 



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12 Sigm. Freud 



indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen möglidist weit ent^ 
fernt, als Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als Ersatz 
für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglidist getreu nadiahmen, 
zu enden. 

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwidclungsgesdiidite der 
mensdilidien Weltansdiauungen annehmen, in weldier die animi^ 
stisdie Phase von der religiösen, diese von der Wissenschaft^ 
liehen abgelöst wird, wird es uns nidit sdi wer, die SdiiAsale 
der »Allmadit der Gedanken« durdi diese Phasen zu verfolc^en. 
Im animistisdien Stadium sdireibt der Mensdi sidi selbst die All- 
madit ZU/ im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, aber 
nidit ernstlidi auf sie verziditet, denn er behält sidi vor, die Götter 
durdi mannigfadie Beeinflussungen nadi seinen Wünsdien zu lenken. 
In der wissensdiaftlidien Weltansdiauung ist kein Raum mehr für 
die Allmadit des Mensdien, er hat sidi zu seiner Kleinheit bekannt 
und sidi resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendig^ 
keiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Madit des 
Mensdiengeistes, weldier mit den Gesetzen der Wirklidikeit redinet, 
lebt ein StüA des primitiven Allmaditglaubens weiter. 

Bei der RüAverfolgung der EntwiAlung libidinöser Strebungen 
im Einzelmensdien, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den 
ersten Anfängen der Kindheit, hat sim zunädist eine widitige 
Untersdieidung ergeben, die in den »Drei Abhandlungen zur SexuaU 
theorie 1905« niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexuellen Triebe 
sind von Anfang an zu erkennen, aber sie riditen sidi zuerst nodi 
auf kein äußeres Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der 
Sexualität arbeiten jede für sidi auf Lustgewinn und finden ihre 
Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium heißt das des 
Autoerotismus, es wird von dem der Objektwahl abgelöst. 

Es hat sidi bei weiterem Studium als zwed^mäßig, ja als 
unabweisbar gezeigt, zwisdien diese beiden Stadien ein drittes ein^ 
zusdiieben, oder, wenn man so will, das erste Stadium des Auto- 
erotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwisdienstadium, dessen 
Bedeutsamkeit sidi der Forsdiung immer mehr aufdrängt, haben die 
vorher vereinzelten Sexualtriebe sidi bereits zu einer Einheit zusammen- 
gesetzt und audi ein Objekt gefunden,- dies Objekt ist aber kein 
äußeres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das eigene, um 
diese Zeit konstituierte Idi. Mit Rüd^sidit auf später zu beob^ 
aditende pathologisdie Fixierungen dieses Zustandes heißen wir 
das neue Stadium das des Narzißmus. Die Person verhält sidi 
so, als wäre sie in sidi selbst verliebt, die Iditriebe und die libidi^ 
nösen Wünsdie sind für unsere Analyse nodi nidit voneinander zu 
sondern. 

Wenngleidi uns eine genügend sdiarfe Charakteristik dieses 
narzißtisdien Stadiums, in weldiem die bisher dissoziierten SexuaU 



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Animismus, Magic und AllmaAt der Gedanken 13 

triebe zu einer Einheit zusammentreten und das Idi als Objekt 
besetzen, noA nidit möglidi ist, so ahnen wir dodi bereits, daß die 
narzißtisdie Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der 
Mensdi bleibt in gewissem Maße narzißtisdi, audi nadidem er 
äußere Objekte für seine Libido gefunden hat,- die Objektbesetzungen, 
die er vornimmt, sind gleidisam Emanationen der beim Idi ver^ 
bleibenden Libido und können wieder in dieselbe zurückgezogen 
werden. Die psydiologisdi so merkwürdigen Zustände von verliebt^ 
heit, die Normalvorbilder der Psydiosen, entspredien dem hödisten 
Stande dieser Emanationen im Vergleidi zum Niveau der Idiliebe. 

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hodisdiätzung 
der psydiisdien Aktionen — die wir von unserem Standpunkt aus 
eine Übersdiätzung heißen — bei den Primitiven und Neurotikern 
in Beziehung zum Narzißmus zu bringen und sie als wesendidies 
TeilstüA desselben aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist 
bei den Primitiven nodi in hohem Maße sexualisiert, daher rührt 
der Glaube an die Allmadit der Gedanken, die unersdiütterlidie 
Zuversidit auf die Möglidikeit der ^X^eltbehe^rsdlung und die Unzu^ 
gänglidikeit gegen die leidit zu madienden Erfahrungen, weldie den 
Mensdien über seine wirklidie Stellung in der Welt belehren könnten. 
Bei den Neurotikern ist einerseits ein beträditlidies Stüd^ dieser 
primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird 
durdi die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuerlidie 
Sexualisierung der Denkvorgänge herbeigeführt. Die psydiisdien 
Folgen müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglidier, 
wie bei regressiv erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: 
intellektueller Narzißmus, Allmadit der Gedanken ^ 

Wenn wir im Nadiweis <Ier Allmadit der Gedanken bei den 
Primitiven ein Zeugnis für deren Narzißmus erblidten dürfen, so 
können wir den Versudi wagen, die Entwidtlungsstufen der mensdi* 
lidien Weltansdiauung mit den Stadien der libidinösen Entwid^lung 
des Einzelnen in Vergleidi zu ziehen. Es entspridit dann zeitlidi 
wie inhaldidi die animistisdie Phase dem Narzißmus, die religiöse 
Phase jener Stufe der Objektfindung, weldie durdi die Bindung an 
die Eltern diarakterisiert ist, und die wissensdiafdidie Phase hat ihr 
volles Gegenstüd^ in jenem Reifezustand des Individuums, weldier 
auf das Lustprinzip verziditet hat und unter Anpassung an die 
Realität sein Objekt in der Außenwelt sudit^. 

Nur auf einem Gebiete ist audi in unserer Kultur die »AlU 
madit der Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In 



* It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort of 
Solipsism or Berkleianism <as Professor SuKy terms it as he finds it in thc 
Child) operates in the savage to make him refuse to recognise death as a fact. — 
Marett, Pre^animistic religion, Folklore, XI. Bd., 1900, p. 178. 

* Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprünglidie Narzißmus des 
Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakterentwicklung ist und die 
Annahme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt. 



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14 Sigm. Freud 



der Kunst allein kommt es nodi vor, daß ein von Wünsdien ver^ 
zehrter Mensdi etwas der Befriedigung ähnlidies madit, und daß 
dieses Spielen — dank der künstlerisdien Illusion — Affektwirkungen 
hervorruft, als wäre es etwas Reales. Mit Redit spridit man vom 
Zauber der Kunst und vergleidit den Künstler mit einem Zauberer. 
Aber dieser Vergleidi ist vielleidit bedeutsamer, als er zu sein be^ 
ansprudit. Die Kunst, die gewiß nidit als Tart pour Tart begonnen 
hat, stand ursprünglich im Dienste von Tendenzen, die heute zum 
großen Teile erlosdien sind. Unter diesen lassen sidi mandierlei 
magisdne Absiditen vermutend 



Die erste Weltauffassung, weldie den Mensdien gelang, die 
des Animismus, war also eine psydiologisdie. Sie bedurfte nodi 
keiner Wissensdiaft zu ihrer Begründung, denn Wissensdiaft setzt 
erst ein, wenn man eingesehen hat, daß man die Welt nidit kennt 
und darum nadi Wegen sudien muß, um sie kennen zu lernen. 
Der Animismus war aber dem primitiven Mensdien natürlidi und 
selbstgewiß/ er wußte, wie die Dinge der Welt sind, nämlidi so wie 
der Mensdi sidi selbst verspürte. Wir sind also vorbereitet darauf, 
zu finden, daß der primitive Mensdi Strukturverhältnisse seiner 
eigenen Psydie in die Außenwelt verlegte ^ und dürfen anderseits 
den Versudi madien, was der Animismus von der Natur der Dinge 
lehrt, in die mensdilidie Seele zurüd^zuversetzen. 

Die Tedinik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deut^ 
lidisten und unvermengtesten die Absidit, den realen Dingen die 
Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister nodi keine 
Rolle spielen müssen, während audi Geister zu Objekten magisdier 
Behandlung genommen werden können. Die Voraussetzungen der 
Magie sind also ursprünglidier und älter als die Geisterlehre, die 
den Kern des Animismus bildet. Unsere psydioanalytisdie Betradi^ 
tung trifft hier mit einer Lehre von R. K. Marett zusammen, 
weldie ein präanimistisches Stadium dem Animismus vorher^ 
gehen läßt, dessen Charakter am besten durdi den Namen Anima^ 
tismus <Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. 

^ S. Rein ach, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et 
Religions, I. Bd., p. 125 bis 136. — Rein ach meint, die primitiven Künstler, weldie 
uns die eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den Höhlen Frankreidis hinter* 
lassen haben, wollten nidit »Gefallen erregen«, sondern »besAwören«. Er erklärt 
es so, daß sich diese Zeidinungen an den dunkelsten und unzugänglidisten Stellen 
der Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefurditeten Raubtiere unter 
ihnen fehlen. »Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de !a magie du 
pinccau ou du ciseau d'un grand artiste et, en general, de la magie de l'art. 
Entendu au sens propre, qui est celui d'une contrainte mystique cxercee par la 
volonte de Thomme sur d'autres volontes ou sur les dioses, cette expression n'est 
plus admissible,- mais nous avons vu qu'elle etait autrefois rigouresement vraie, 
du moins dans Topinion des artistes« <p. 136). 

* Durdi sogenannte cndopsychisme Wahrnehmung erkannte. 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 15 

Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus zu 
sagen, da man nodi kein Volk angetroffen hat, weldies der Geister*^ 
Vorstellungen entbehrte ^ 

Während die Magie nodi alle Allmadit den Gedanken vor-^ 
behält, hat der Animismus einen Teil dieser Allmadit den Geistern 
abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer Religion einge* 
sdilagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser ersten Verzimt* 
leistung bewogen haben? Kaum die Einsidit in die Unriditigkeit 
seiner Voraussetzungen, denn er behält ja die magisdie Tedinik bei. 

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle ange^ 
deutet wurde ^ nidits als die Projektionen seiner Gefühlsregungen^,- 
er madit seine Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen 
die Welt, und findet nun seine inneren seelisdien Vorgänge außer 
seiner wieder, ganz ähnlidi wie der geistreidie Paranoiker Schreber, 
der die Bindungen und Lösungen seiner Libido in den Sdiid^salen 
der von ihm kombinierten »Gottesstrahlen« gespiegelt fand^. 

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse^ dem Pro- 
blem ausweidien, woher die Neigung überhaupt rührt, seelisdie 
Vorgänge nadi außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen 
wir uns aber getrauen, dal) diese Neigung dort eine Verstärkung 
erfährt, wo die Projektion den Vorteil einer psydiisdien Erleiditerung 
mit sidi bringt. Ein soldier Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, 
wenn die nadi Allmadit strebenden Regungen in Konflikt mitein- 
ander geraten sind, dann können sie offenbar nidit alle allmäditig 
werden. Der Krankhettsprozeß der Paranoia bedient sidi tatsädilidi 
des Medianismus der Projektion, um soldie im Seelenleben ent^ 
standene Konflikte zu erledigen. Nun ist der vorbildlidie Fall eines 
solchen Konfliktes der zwisdien den beiden Gliedern eines Gegen^ 
satzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, den wir in der 
Situation des Trauernden beim Tode eines teuern Angehörigen 
eingehend zergliedert haben ^. Ein soldier Fall wird uns besonders 
geeignet sdieinen, die Sdiöpfung von Projektionsgebilden zu moti^ 
vieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren 
zusammen, weldie die bösen Geister für die erstgeborenen unter 
den Geistern erklären und die Entstehung der Seelenvorstellungen 
aus dem Eindrudc des Todes auf die Überlebenden ableiten. Wir 
madien nur den einen Untersdiied, daß wir nidit das intellektuelle 



^ R. R. Marctt, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd., Nr. 2, London 
1900. — Vgl. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 171 und ff. 

' Imago, I. Bd., Tabu, p. 324. 

' Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtisAen Stadium Besetzungen 
aus libidinöscr und anderen Erregungsquellen vielleidit nodi ununtersdieidbar mit- 
einander vereinigt sind. 

^ Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. — Freud, 
Psydioanalytisdic Bemerkungen über einen autobiographisdi beschriebenen Fall von 
Paranoia, Jahrb. f. psyAoanalyt. Forsdi., III. Bd., 1911. 

* Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, p. 59. 

* Abhandlung über das Tabu, Imago, I. Bd., p. 322 und ff. 



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16 Sigm. Freud 

Problem voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, son* 
dem die zur Erforsdiung treibende Kraft in den Gefühlskonfliikt 
verlegen, in weldien diese Situation den Überlebenden stürzt. 

Die erste theoretisdie Leistung des Mensdien — die Sdiöpfung 
der Geister — würde also aus derselben Quelle entspringen wie die 
ersten sittlidien Besdiränkungen, denen er sidi unterwirft, die Tabu^ 
vorsdiriften. Dodi soll die Gleidiheit des Ursprungs nidits für die 
Gleidizeitigkeit der Entstehung präjudizieren. Wenn es wirklidi die 
Situation des Überlebenden gegen den Toten war, die den primi^ 
tiven Mensdien zuerst nadidenklidi madite, ihn nötigte, einen Teil 
seiner Allmadit an die Geister abzugeben und ein Stück der freien 
Willkür seines Handelns zu opfern, so wären diese Kultur^ 
sdiöpfungen eine erste Anerkennung der 'AvayKi], die sich dem 
mensdilidhen Narzißmus widersetzt. Der Primitive würde sich vor 
der Überiiiadit des Todes beugen mit derselben Geste, durch die 
er diesen zu verleugnen sdieint. 

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraus^ 
Setzungen haben, können wir fragen, weldies wesentlidie Stück 
unserer psydiologisdien Struktur in der Projektionssdiöpfung der 
Seelen und Geister seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist 
dann sdiwer zu bestreiten, daß die primitive Seelenvorstellung, soweit 
sie audi noch von der späteren völlig immateriellen Seele absteht, 
dodi das Wesen derselben teilt, also Person oder Ding als eine 
Zweiheit auffaßt, auf deren beide Bestandteile die bekannten Eigene 
Schäften und Veränderungen des Ganzen verteilt sind. Diese Ursprünge 
lidie Dualität — nadi einem Ausdruck von H. Spencer^ — ist 
bereits identisch mit jenem Dualismus, der sidi in der uns geläufigen 
Trennung von Geist und Körper kundgibt, und dessen unzerstör^ 
bare spradilidie Äußerungen wir z. B. in der Besdireibung des 
Ohnmäditigen oder Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen*. 

Was wir so, ganz ähnlidi wie der Primitive, in die äußere Rea^ 
lität projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines 
Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein 
gegeben, präsent ist, neben weldiem ein anderer besteht, in dem 
dasselbe latent ist, aber wiederersdieinen kann, also die Koexistenz 
von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, 
die Existenz unbewußter Seelenvorgänge neben den bewußten^. 
Man könnte sagen, der »Geist« einer Person oder eines Dinges redu* 
ziere sidi in letzter Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt 
zu werden, wenn sie der Wahrnehmung entzogen sind. 

Man wird nun freilich weder von der primitiven, nodi von 
der heutigen Vorstellung der »Seele« erwarten dürfen, daß ihre 

1 Im I. Band der »Prinzipien der Soziologie«. 

2 H. Spencer, I. c, p. 179. 

3 Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in Psydio-Analysis 
aus den Proceedings of the Society for PsyAical Researdi, Part LXVI, vol. XX VI, 
London 1912, 



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Animismus, Magic und Allmacht der Gedanken 17 

Abgrenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, weldie unsere 
heutige Wissensdiaft zwisdien der bewußten und der unbewußten 
Seelentätigkeit zieht. Die animistisdie Seele vereinigt vielmehr Be^ 
Stimmungen von beiden Seiten in sidi. Ihre Flüditigkeit und Bewege 
lidikeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, dauernd oder 
vorübergehend von einem anderen Leib Besitz zu nehmen, dies 
sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußtseins 
erinnern. Aber die Art, wie sie sidi hinter der persönlidien Ersdiei- 
nung verborgen hält, mahnt an das Unbewußte,- die Unveränder- 
lidikeit und Unzerstörbarkeit sdireiben wir heute niAt mehr den 
bewußten, sondern den unbewußten Vorgängen zu, und diese 
betraditen wir audi als die eigendidien Träger der seelisdben Tätigkeit. 

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die 
erste vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der 
psydioanalytischen Auffassung eines soldien Systems gewisse FoU 
gerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die 
Haupteigensdiaften des »Systems« immer von neuem vorführen. 
Wir träumen in der Nadit und haben es erlernt, am Tage den 
Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur zu ver^ 
leugnen, wirr und zusammenhangslos ersdieinen, er kann aber audi 
im Gegenteil die Ordnung der Eindrüd^e eines Erlebnisses nadi* 
ahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stüd< 
seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies sdieint ihm besser 
oder sdilediter gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so voll- 
kommen, daß nidit irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge 
zum Vorsdiein käme. Wenn wir den Traum der Deutung unter^ 
ziehen, erfahren wir, daß diese inkonstante und ungleidimäßige An- 
ordnung der Traumbestandteile audi etwas für das Verständnis des 
Traumes redit Unwiditiges ist. Das Wesendidie am Traum sind 
die Traumgedanken, die allerdings sinnreidi, zusammenhängend und 
geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine g^nz andere als die 
von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang 
der Traumgedanken ist aufgegeben worden und kann dann entweder 
überhaupt verloren bleiben oder durdi den neuen Zusammenhang 
des Trauminhalts ersetzt werden. Fast regelmäßig hat, außer der 
Verdiditung der Traumelemente, eine Umordnung derselben statte 
gefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder weniger unab^ 
hängig ist. Wir sagen absdiließend, das, was durdi die Traumarbeit 
aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine neue 
Beeinflussung erfahren, die sogenannte »sekundäre Bearbeitung«, 
deren Absioit offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resuU 
tierende Zusammenhangslosigkeit und Unverständlidikeit zugunsten 
eines neuen »Sinnes« zu beseitigen. Dieser neue, durdi die sekun^ 
däre Bearbeitung erzielte Sinn ist nidit mehr der Sinn der Traum^ 
gedanken. 

Die sekundäre Bearbeitung des Produktes der Traumarbeit ist 



Imago II'l 



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18 Sigm. Freud 



ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüdie eines 
Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheit^ 
lidiunp, Zusammenhang und Verständlidikeit von jedem Material 
der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen sie sidi bemäditigr, 
und sdieut sidi nidit einen unriditigen Zusammenhang herzustellen, 
wenn sie infolge besonderer Umstände den riditigen nidit erfassen 
kann. Wir kennen soldie Systembildungen nidit nur vom Traume, 
sondern audi von den Phobien, dem Zwangsdenken und den Formen 
des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Paranoia) ist die 
Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrsdit das Krankheitsbild, 
sie darf aber audi bei den anderen Formen von Neuropsydiosen 
nidit übersehen werden. In allen Fällen können wir dann nadiweisen, 
daß eine Umordnung des psydiisdien Materials zu einem neuen 
Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde redit gewaltsame, wenn 
sie nur unter dem Gesiditspunkt des Systems begreiflidi ersdieint. 
Es wird dann zum besten Kennzeidien der Systembildung, daß 
jedes der Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen auf^ 
ded^en läßt, eine Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems 
— also eventuell eine wahnhafte — und eine versted^te, die wir aber 
als die eigentlidi wirksame, reale, anerkennen müssen. 

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Ab- 
handlung über das Tabu erwähnte idi eine Kranke, deren Zwangs- 
verbote die sdiönsten Übereinstimmungen mit dem Tabu der Maori 
zeigend Die Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann geriditet,- 
sie gipfelt in der Abwehr des unbewußten Wunsdies nadi seinem 
Too. Ihre manifeste, systematisdie Phobie gilt aber der Erwähnung 
des Todes überhaupt, wobei ihr Mann völlig ausgestaltet ist und 
niemals Gegenstand bewußter Sorge wird. Eines Tages hört sie den 
Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf gewordenen Rasiermesser 
sollen in einen bestimmten Laden zum odileifen gebradit werden. 
Von einer eigentümlidien Unruhe getrieben, madit sie sidi selbst 
auf den Weg nadi diesem Laden und fordert nadi ihrer Rüd^kehr 
von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese Messer 
für alle Zeiten aus dem vC^ege räumen, denn sie habe entded^t, 
daß neben dem von ihm genannten Laden sidi eine Niederlage von 
Särgen, Trauerwaren u. agl. befindet. Die Messer seien durch seine 
Absidit in eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den 
Tod geraten. Dies ist nun die systematisdie Motivierung des Ver-- 
bots. Wir dürfen sidier sein, daß die Kranke audi ohne die Enr^ 
ded\ung jener Nadibarsdiaft das Verbot der Rasiermesser nadi 
Hause gebradit hätte. Denn es hätte dazu hingereidit, daß sie auf 
dem Wege nadi dem Laden einem Leidienwagen, einer Person in 
Trauerkleidung oder einer Trägerin eines Leidienkranzes begegnete* 
Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die 
Beute in jedem Falle zu fangen,- es lag dann an ihr, ob sie es 



> Imago, Bd. l p. 221. 



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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken 19 



zuziehen wollte oder nidit. Man konnte mit Sicherheit feststellen, 
daß sie für andere Fälle die Bedingungen des Verbots nidit aktivierte. 
Dann hieß es eben, es sei ein 5>besserer Tag« gewesen. Die wirklidie 
Ursadie des Verbots der Rasiermesser war natürlidi, wie wir mit 
Leiditigkeit erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der Vor^ 
Stellung, der Mann könne sidi mit dem gesdiärften Rasiermesser 
den Hals absdineiden. 

In ganz ähnlidier Weise vervollständigt und detailliert sidi eine 
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem 
Symptom einmal gelungen ist, sidi zur Vertretung eines unbewußten 
Wunsdies oder der Abwehr gegen denselben aufzusdiwingen. Was 
sonst nodi an unbewußten Phantasien und an wirksamen Reminis^ 
zenzen in dem Kranken vorhanden ist, drängt diesem einmal eröff^ 
neten Ausweg zum symptomatisdien Ausdruck zu und bringt sich 
in zweci^mäßiger Neuordnung im Rahmen der Gehstörung unter. 
Es wäre also ein vergebliches, eigentlidi ein töridites Beginnen, 
wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. 
einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen 
wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist 
doch nur scheinbar. Schärfere Beobaditung kann, wie bei der Fassaden- 
bildung des Traumes, die ärgsten Inkonsequenzen und Willkürlidi* 
keiten der Symptombildung aufdecken. Die Einzelheiten einer soldien 
systematisdien Phobie entnehmen ihre reale Motivierung versteckten 
Determinanten, die mit der Gehhemmung nidits zu tun haben müssen, 
und darum fallen audi die Gestaltungen einer solchen Phobie bei 
versdiiedenen Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus. 

Sudien wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden 
System des Animismus, so schließen wir aus unseren Einsiditen 
über andere psychologisdie Systeme, daß die Motivierung einer ein* 
zelnen Sitte oder Vorschrift durdi den »Aberglauben« auch bei den 
Primitiven nidit die einzige und die eigentlidie Motivierung zu sein 
braudit und uns der Verpflichtung nidit überhebt, nach den ver* 
steckten Motiven derselben zu sumen. Unter der Herrschaft eines 
animistischen Systems ist es nidit anders möglidi, als daß jede Vor* 
sdirift und jede Tätigkeit eine systematisdie Begründung erhalte, 
weldie wir heute eine »abergläubisdie« heißen. »Aberglaube« ist wie 
»Angst«, wie »Traum«, wie »Dämon«, eine der psydiologisdien 
Vorläufigkeiten, die vor der psydioanalytisdien Forschung zergangen 
sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie Wandschirme 
abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben und 
der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bis* 
her vorenthalten wurde. 

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreiditen 
Kulturniveaus, so muß man zugestehen, ciaß audi unter dem animisti* 
sdien System Fortschritte und Entwidtlungen vorgefallen sind, die 
man mit Unredit ihrer abergläubischen Motivierung wegen geringe 



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20 Sigm. Freud 

schätzt. Wenn wir hören, daß Krieger eines wilden Volksstammes 
sidi die größte Keusdiheit und Reinlidikeit auferlegen, sobald sie 
sidi auf den Kriegspfad begeben \ so wird uns die Erklärung nahe^ 
gelegt, daß sie ihren Unrat beseitigen, damit sidi der Feina dieses 
Teiles ihrer Person nidit bemäditige, um ihnen auf magisdie Weise 
zu sdiaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen wir analoge aber^ 

fläubisdie Motivierungen vermuten. Niditsdestoweniger bleibt die 
atsadie des Triebverzidites bestehen, und wir verstehen den Fall 
wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde Krieger sidi soldie 
Besdiränkungen zur Ausgleidiung auferlegt, weil er im Begriffe 
steht, sidi die sonst untersagte Befriedigung grausamer und feinde 
seliger Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt 
für die zahlreidien Fälle von sexueller Besdiränkung, solange man 
mit sdiwierigen oder verantwortlidien Arbeiten besdiäftigt ist^. Mag 
sidi die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magisdien 
Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durdi Verzidit 
auf Triebbefriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt dodi unver^ 
kennbar, und die hygienisdie Wurzel des Verbots ist neben der 
magisdien Rationalisierung derselben nldit zu vernadilässigen. Wenn 
die Männer eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fisdifang, 
zum Krieg, zum Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen 
sind, so bleiben ihre Frauen unterdes im Hause zahlreichen 
drüd^enden Besdiränkungen unterworfen, denen von den Wilden 
selbst eine in die Ferne reidiende, sympathctisdie Wirkung auf das 
Gelingen der Expedition zugesdirieben wird. Dodi gehört wenig 
Sdiarfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die Ferne wirkende 
Moment kein anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsudit der 
Abwesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die gute 
psydiologisdie Einsidit sted^t, die Männer werden ihr Bestes nur 
dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsiditigten Frauen 
vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magisdie 
Motivierung ausgesprodien, daß die ehelidie Llntreue der Frau die 
Bemühungen des in verantwortlidier Tätigkeit abwesenden Mannes 
zum Sdieitern bringt. 

Die unzähligen Tabuvorsdiriften, denen die Frauen der Wilden 
während ihrer Menstruation unterliegen, werden durdi die aber^ 
gläubisdie Sdieu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl 
audi eine reale Begründung. Aber es wäre unredit die Möglidikeit 
zu übersehen, daß diese Blutsdieu hier audi ästhetisdien und hygieni^ 
sdien Absiditen dient, die sidi in allen Fällen mit magisdien 
Motivierungen drapieren müßten. 

Wir täusdien uns wohl nidit darüber, daß wir uns durdi soldie 
Erklärungsversudie dem Vorwurf aussetzen, daß wir den heutigen 
Wilden eine Feinheit der seelisdien Tätigkeiten zumuten, die weit 
über die Wahrsdieinlidikeit hinausgeht. Allein idi meine, es könnte 

^ Frazer, Taboo and the perils of the soiil, p. 158. 
' Frazer, 1. c, p. 200. 



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Animismus, Magie und Allmadit der Gedanken 



21 



uns mit der Psydiologie dieser Völker, die auf der animistisdien 
Stufe stehen geblieben sind, leidit so ergehen wie mit dem Seelen^ 
leben des Kindes, das wir Erwadisene nidit mehr verstehen, und 
dessen Reidihaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr untere 
sdiätzt haben. 

Idi will nodi einer Gruppe von bisher unerklärten Tabu^ 
vorsdiriften gedenken, weil sie eine dem Psydioanalytiker vertraute 
Aufklärung zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter ver^ 
sdiiedenen Verhältnissen verboten, sdiarfe Waffen und sdineidende 
Instrumente im Hause zu haltend Frazer zitiert einen deutsdien 
Aberglauben, daß man ein Messer nidit mit der Sdineide nadi oben 
liegen lassen dürfe. Gott und die Engel könnten sidi daran ver* 
letzen. Soll man in diesem Tabu nidit die Ahnung gewisser 
»Symptomhandlungen« erkennen, zu denen die sdiarfe Waffe durdi 
unbewußte böse Regungen gebraudit werden könnte? 

* Frazer, I. c, p. 237. 




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22 Emil Franz Lorenz 



Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie. 

Darstellung und Analyse. 
Von Dr. EMIL FRANZ LORENZ. 

Der Zielpunkt unseres wissenschaftlichen Bemühens um die 
genetisdie Erklärung der Produkte des geistigen Lebens ist 
der Nachweis des Zusammenhangs, in dem sie mit den biolo^ 
gisch bedingten Zu- und Abneigungen eines lebenden menschlichen 
Wesens stehen. Schlagen wir auf diese Weise eine Brücke zwischen 
geistigem und physischem Geschehen, so widersetzt sich anderseits 
das geistige Leben dennoch einer Betrachtungsweise, die in ihm nur 
eine Fortsetzung des Naturgesdiehens erblicken will. Wir sehen ganz 
ab von der generischen Unvergleichbarkeit/ der Unterschied, der uns 
hier beschäftigt, liegt darin, daß das Naturgeschehen durch eine 
Gesetzlichkeit geleitet wird, deren Rationalisierung nur unseren In^ 
tellekt betrifft, während die Wirklichkeit selbst schon immer rational, 
d. i. gesetzlich, war. Das geistige Leben bietet uns ein völlig anderes 
Bild/ nicht etwa in dem Sinne, als ob es nicht auch gesetzlich wäre,- 
seine Eigentümlichkeit liegt vielmehr darin, daß hier das Natur^ 
geschehen zwar einerseits fortgesetzt wird durch die lebendige Akti^ 
vität geistiger Wesen, die Wirklichkeit aber, die durch deren Tun 
gestaltet wird, bei weitem nicht in dem Maße von jenem Bewußtsein 
beleuchtet ist, das zu einer geradlinigen Fortsetzung des bewußtlos^ 
rationalen Geschehens erforderlich wäre. Der Geist wirkt vielmehr 
auf diese vermöge eines oft lächerlidi geringen Vorrates von halben 
Einsichten und kurzerhand gebildeten Fiktionen, deren Inkongruenz 
mit der Wirklichkeit, auf die sie Bezug zu haben vorgeben, nach^ 
zuweisen leichte Mühe ist. Obwohl nun unser geistiges Leben fast 
zur Gänze aus Komplikationen und Sublimierungen solcher Illusionen 
besteht, ist unserem Handeln der Erfolg in der überwiegenden Zahl 
der Fälle dennoch nidit versagt. Wir dürfen daraus schließen, daß 
das eigentlich Handelnde dabei nicht dieser bewußte Vordergrund 
der Seele war, sondern ein in dem handelnden Wesen wirksamer 
Teil eben jener bewußtlos^rationalen Gesetzlichkeit, deren Nachweis 
die Aufgabe der Naturwissenschaft ist,- ein Schluß, den wir um so 
eher ziehen dürfen, als uns die Erfahrung die Wirkungslosigkeit 
der bewußten Motive in einwandfreier Weise kundtut. Als solche 
Ausflüsse oder Besonderungen der unbewußten, in den organischen 
Wesen wirksamen Gesetzlichkeit sind nun die Triebe anzusehen. 
Die Erkenntnis, daß sie auch im Menschen das Leitende und letzte 
hin Ausschlaggebende sind, bringt unsere Schätzung des bewußten 
geistigen Lebens in eine Bedrängnis, aus der wir nur durch die nidit 
mehr wissensdiaftliche Erkenntnis, sondern philosophische Tat der 
Wertbetrachtung des geistigen Lebens einen Ausweg finden, indem 
wir mit der Freiheit, die vom Wesen einer philosophisdien Wert^ 
betrachtung unabtrennbar ist, eine Umkehrung des genetischen Her* 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 23 

gangs vornehmen und dem Außergeistigen die Rolle des begrifFlidi 
Akzessorisdien zuweisen. Wenn ferner aus der Tatsadie der funk* 
tionellen Bedeutung der Vorstellung als Lustquelle für die Trieb* 
Befriedigung in Abwesenheit des realen Objekts ein Argument für 
die — nidit genetisdie, sondern begriff lidie — Superiorität des Triebes 
gezogen werden sollte, so wird man sidi gegenüber dieser ja gewiß 
zutreffenden Beobaditung nidit der Erkenntnis verschließen dürfen, 
daß der reine Trieb etwas ganz Leeres und Einförmiges und mit 
der Mannigfaltigkeit der Welt der Vorstellungen durmaus Inkon* 
gruentes ist. Eben jene Vielheit der Elemente, die Kompliziertheit 
der bewußten Gebilde, an deren Gestaltung sidi der Geist betätigt, 
ist es aber, die wir als den Sinn des ganzen Getriebes anzusehen 
genötigt sind. Nadi Voraussdiickung dieser aphoristisdien Betradi^ 
tungen, die unseren Standpunkt in der Frage über Trieb und Vor* 
Stellung gegenüber der seit Thaies bei den Philosophen beliebten, 
im Grunde sehr unphilosophisdien Illusion in der Höhersdiätzung 
des Primären, der »Ursprünge« der Dinge, kennzeidinen sollen, 
obliegt es uns, die Bereditigung des — nur nadi dieser einen 
Riditung eingesdiränkten — »Voluntarismus« klarzulegen und unsere 
Grundüberzeugung von der triebhaften Bedingtheit audi der ent^ 
wid^eltsten psydiisdien Gebilde für die Erklärung des Mythus 
fruditbar zu madien. 

Eine aus der unmittelbaren Beobaditung gezogene und nidit 
nur für den ersten Gebraudi praktisdie Einteilung untersdieidet die 
beiden Grundtriebe der Selbsterhaltung und der Arterhaltung oder 
den Gesdileditstrieb. So angezeigt ihre Auseinanderhaltung zum 
Zwed^e der Übersidit ersdieint, so sehr empfiehlt sidi für eine ein^ 
heitlidie Erkenntnis des Seelenlebens der Versudi einer Reduzierung. 
Da wird uns denn, ganz abgesehen von den einzelnen Argumenten, 
die uns die Psydianalyse oder audi nur eine genauere Betraditung 
des organisdien Lebens für die Superiorität des Sexualtriebs liefert, 
eine Reduktion der beiden Triebe audi durdi die Überlegung ermög^ 
lidit, daß das Individuum nidit für sidi steht, sondern ein Glied 
der Generationsreihe ist, die als überragende Einheit seine Existenz 
mit unentrinnbarer Sidierheit bestimmt, daß demgemäß audi der 
Trieb, der die einzelnen Glieder der Reihe aneinanderkettet, der 
superiore sein muß gegenüber dem, der nur auf die Erhaltung eines 
einzigen geriditet ist, mit anderen Worten, daß dieser letztere nur 
der Spezialfall des allgemeinen ist, dessen Allgemeinheit uns eben 
durdi die individuelle Lustbetonung, mit der verbunden er stets auf=^ 
tritt, verdunkelt wird. Wir werden sehen, daß im Mythus beide 
Triebe — um sie wieder gesondert zu nennen — gestaltend gewirkt 
haben. Ersdidi wissen wir — und das ist keine neue Erkenntnis — 
daß in ihm ein Element der Naturdeutung enthalten ist, das bald 
deudidi zutage liegt, bald durdi andere Faktoren verded^t ist. Wir 
kennen die Beziehungen einer großen Zahl von Mythen auf die 
Ersdieinungen des (gestirnten Himmels, auf Witterungsvorgänge, 



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24 Emil Franz Lorenz 



schließlich auf alle Teile der belebten und unbelebten Natur. Hier 
hat sich das im Dienste der Selbsterhaltung stehende Orientierungs^ 
bestreben naive Antwort auf naive Fragen ersonnen. Zweitens ist 
neuerdings in vielversprechender Weise die hinter bestimmten Sym- 
bolen verhängte sexuelle Bedeutung einer Reihe von Mythen auf^ 
gedeckt worden. Es war indes keiner von diesen beiden Trieben, 
zu dem das menschliche Nachdenken den Mythus zuerst in Beziehung 
setzte. Der sehr abgeleitete Trieb nach Ausfüllung des Bewußtseins, 
die menschliche Phantasie war es, aus der nach Abstreifung des 
Vorurteils, das in ihm den symbolischen Ausdruck uralter Priester^ 
Weisheit erblicken wollte, der Mythus hervorgegangen sein sollte. 
Man gab sich aber keine tiefere Rechensdiaft über die primären 
Triebe, aus denen diese mythenschafFende Phantasie ihre Tätigkeit 
ausübe, so sehr wir natürlich heute auf Grund einer genaueren 
Einsicht in das Wesen der Phantasie uns dieser Erklärung anschließen 
dürften. Das war im wesentlichen der Standpunkt unserer klassischen 
Zeit und der Kupferstiche des achtzehnten Jahrhunderts. Die ver^ 
gleichende Mythologie eröffnete dann die Einsicht in die auf Natur- 
beachtung und Verklärung begründeten Bestandteile der Mythen. 

Diese naturmythische Theorie ist nach mancherlei Wandlungen, 
die sie seit ihrer Begründung durch Adalbert Kuhn und Max 
Müller erfahren hat, im Wesen die herrschende geblieben. Die 
englisch glatten Erklärungen der anthropologischen Methode Andrew 
Längs vermochten das Wasser nicht zu trüben. Neben der jetzt etwas 
aus der Mode gekommenen Blitz- und Donnermythologie ist die 
Zahl derjenigen, die in den Erscheinungen der Sonne und des 
Mondes den Urquell aller Mythen erblicken, keineswegs gering. 
Leo Frobenius (Das Zeitalter des Sonnengottes, I. Bd., p. 35) 
findet, daß es in der Natur kein so großartiges Schauspiel gibt wie 
Sonnenauf^ und -Untergang für eiq Volk in den Tropen. In ihm 
müsse auch der Mythus wurzeln. Ebenso findet P. Ehren reich 
<Die allgemeine Mythologie etc.), der mythologischen Erzählung 
müsse ein anschauliches Substrat von allgemeinem Interesse zugrunde- 
liegen, eine Forderung, der die Himmelskörper in besonderem Maße 
genügten. 

Die große Menge der trotz oder vielmehr wegen zu großen 
Scharfsinnes bei der Erklärung unaufgehellt gebliebenen Tatsachen, 
die dieser Theorie zur Last fallen, lassen den Versuchen eine günstige 
Zukunft prophezeien, die eben jene Elemente des Mythus, an deren 
Erklärung die Naturmythologie gescheitert war, in erster Linie auf^ 
zuhellen mit Erfolg bemüht war. Diese Arbeit leistete die Psycho 
analyse. Wenn es z. B. ein Naturmythologe wie Frobenius* 
einen verrückten Schluß nennt, daß es in der Jonasmythe heißt, es 
sei im Bauche des Fisches so heiß gewesen, daß dem Helden die 
Haare ausgingen, und dieses in mannigfachen Variationen in allen 



* Zeitalter des Sonnengottes, I. Bd., p. 36. 



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Das Titanen*Motiv in der allgemeinen Mythologie 25 



Walfisdhmythen vorkommende Motiv dahin zu erklären sudit, daß 
unter den Haaren die Sonnenstrahlen zu verstehen seien, die angebliA 
am Äquator, wohin er die Entstehung dieses Mythus verlegt, bei 
Sonnenaufgang nidit wahrgenommen würden, so ist angesidits einer 
so gekünstelten Erklärung die Lösung der Psydianalyse weit befrie* 
digender, wenn sie in den Walfisdimythen Geburtsphantasien erbliAt, 
die der Erzählung von den SdiiAsalen des Sonnenhelden untere 
geschoben worden sind. Die Haarlosigkeit des aus dem Fisdibaudi 
befreiten Helden ist nadi ihr gleidizusetzen der Kahlheit des Neu^ 
geborenen. (Weiteres über Walfisdimythen unten p. 38 ff.) Unter 
dieser Annahme haben wir es nidit nötig, bei der Erklärung einer 
in allen Zonen verbreiteten Erzählung uns auf eine am Äquator zu 
beobaditende Naturersdieinung zu berufen, die von Frobenius 
merkwürdigerweise sehr sdiledir verbürgt wird, und zur weiteren 
Erklärung der Übereinstimmung eine wunderbare Leistung der Ge* 
däditniskraft anzunehmen. Dasselbe gilt u. a. von der Ratlosigkeit, 
mit der das beharrlidi wiederkehrende Motiv behandelt wird, daß 
der Held des Mythus das jüngstgeborene Kind ist, wie der poly^ 
nesisdie Maui und Kronos und Zeus in den Mythen, die uns unten 
besdiäftigen werden. Andrew Lang <MythoIogy in Encycl. Brit., 
vol. 17) berief sidi dafür auf das sogenannte Jüngstenredit, das 
aber zur Zeit der Mythenbildung sidier nidit bestanden hat. Umge^ 
kehrt ist vielmehr das ursprünglidiere Ältestenredit der Boden, auf 
dem dieses Motiv vom Helden des Mythus als dem jüngsten Sohn 
entstehen konnte, und es heißt speziell in England, dem klassisdien 
Lande des Privilegs des Erstgeborenen, den Wald vor lauter Bäumen 
nidit sehen, wenn man diesen eklatanten Zug der Wunsdierfüllungs* 
tendenz des Mythus übersieht. Die großen Männer Englands sind, 
mit Ausnahme der Staatsmänner, selten Erstgeborene gewesen,- 
ebenso waren z. B. die Sänger der homerisdien Epen nimt durdi 
Geburt bevorreditete Mensdienkinder. Es sdieint, daß äußere Privi^ 
legien nidit danadi angetan sind, ideelle Werte zu sdiaffen und 
unerfüllte Wünsdie auf die Lippen zu zwingen. Das dürfte in den 
ältesten Zeiten in nodi höherem Maße der Fall gewesen sein, so 
daß der jüngste Sohn des Mythus in Wahrheit der Mythendiditer 
selbst ist, der sidi in einer Wunsdiphantasie mit dem Helden identi* 
fiziert. Dieser Zug ist demgemäß den Größenideen, die von Rank 
in der »Geburt des Helden« nadigewiesen wurden, vollständig 
parallel. 

Bekanntlidi war es der ödipusmythus, an dem zuerst diese 
psydiologisdie Deutung erprobt wurde ^ Das Gelingen des Versudies, 
in diesem Mythus die Erfüllung verdrängter sexueller Wünsdie 
nadizuweisen, war der Ausgangspunkt für die Analyse einer Anzahl 
anderer Mythen, Märdien una oagen, Bemühungen, durdi die die 
Wirkung dieses psydiologisdien Faktors des Mythus eine eingehende 

' Freud, Traumdeutung, 2. Aufl., p. 185 fF. 



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21i Emil Franz Lorenz 



Würdigung fand. Die Verknüpfung dieser Probleme mit denen der 
Traumdeutung, die ihren Grund darin hat, daß die in den Mythen 
wirksamen wünsdie als soldie erst durdi die Analyse der typisdien 
Träume, in denen sie ebenfalls zum Ausdrud; gelangen, erkannt 
worden sind, hat indes für das Verständnis dieser psydiologisdien 
Mythentheorie nidit vorteilhaft gewirkt. Eine nidit geringe Anzahl 
ihrer Kritiker hat sidi die Sadie so zureditgelegt, als würde »dabei 
an Träume als letzte Quellen der Mythenbildung gedadit« ^ eine 
Fassung der Theorie, deren Braudibarkeit für die Zwed^e einer 
sdineidigen Polemik ja gewiß nidit abgeleugnet werden soll. Traum 
und Mythus sind vielmehr, kurz gesagt, parallele Entwid^lungen 
einer und derselben wunsdierfüllenden Tendenz, jener in der Indivi^ 
duaU, dieser in der Massenpsydie. 

Die Versudie zur Aufcleckung dieser psydiologisdien Bedeutung 
des Mythus mußten naturgemäß zu der herrsdienden naturmytho- 
logisdien Deutungsweise Stellung nehmen. Im Besitze der gewonnenen 
Einsiditen glaubte man dieser zunädist jedes Redit zur Erklärung 
der Mythenentstehung abspredien zu dürfen. Dabei ging man vor*^ 
zugs weise von zwei Grünaen aus,- erstens sdiien sidi im allgemeinen 
eine Deutungsmethode zu empfehlen, die die inneren seelisdien Fak* 
toren mehr zur Geltung bradite. Man glaubt ja nodi heute zum 
Teil, daß uns die »Seele« näher liege als die »äußere« Natur. 
Zweitens waren es die anstößigen, inzestuösen Bestandteile einer 
auffallend großen Zahl von Mythen, deren Deutung als Natura 
Vorgänge den älteren Mythologen redit unbefriedigend gelungen 
war, während die psydiologisdie Methode gerade in der Erklärung 
dieser Faktoren ihre Stärke erprobte, ja eigentlidi davon ausgegangen 
war. Die Tatsadie, der die Naturmythologen ratlos gegenüberstanden, 
den Immoralismus des Mythus, erklärte sie einwandfrei durdi den 
Nadiweis der uns unbewußten psydiisdien Realität der bezüglidien 
Vorstellungen und Wünsdie. So konnte Rank die Vermutung aus*' 
spredien, daß die Verbindung dieser Ideen mit Natur-, im besonderen 
den Himmelsersdieinungen sekundär sei,- als reine Wunsdiphantasien 
entstanden, seien sie im Zusammenhang mit der Verdrängungsabwehr 
an den Himmel projiziert und so in sinnfälliger Weise von den 
mensdilidien Dingen abgelöst worden,- vgl. »Geburt des Helden«, 
p. 8: »Wir sind nun . . . überzeugt, daß die Mythen, ursprünglidi 
wenigstens, Gebilde der mensdilidien Phantasietätigkeit sind, die ein^ 
mal aus gewissen Gründen an den Himmel projiziert und sekundärer^ 
weise auf die Himmelskörper mit ihren rätselhaften Ersdieinungen 
übertragen wurden.« Neuerdings wird von Rank <Inzestmotiv, 

J). 278 f.) innerhalb gewisser Grenzen die Bereditigung naturmytho^ 
ogisdier Deutung zugegeben. Die Mythenforsdier, heißt es dort, 
>>bczogen alle diese Mythen, sidierlidi mit einer weitgehenden Beredi^ 
tigung auf Vorgänge in der Natur oder am Himmel und erreiditen 

^ Vgl. Vierkandt im Literaturben cht des ArA. f. d. gcs. Psydiol., XXIH. Bd. 



C^ nonl^ Orrginaf fnora 

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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie 27 



dadurch, wie einer ihrer Hauptvertreter naiv eingesteht, die Beseitig 
gung einiger der empörendsten Züge der klassisdien Mythologie«. 
Indessen zeigen die näheren Ausführungen daselbst keinen wesent^ 
lidien Fortsoiritt gegenüber dem im )^Mythus von der Geburt des 
Helden« eingenommenen Standpunkt, wenn es weiterhin heißt: »Nun 
ist es ja nimt zu verkennen, daß eine Reihe mythologisdier Über^ 
lieferungen oder wenigstens einzelner Elemente clurdi ZurüAführung 
auf Natura oder Himmelsvorgänge neben ihrer mensdilidien Bedeu^ 
tung oft nodi einen guten naturmythologisdien Sinn erkennen lassen, 
der zweifellos einmal genau so in die fertigen Mythen hineingelegt 
wurde, wie es heute die Natura oder Astralmythologen tun, die 
damit nur eine Entwicklungsphase der Mythenbildung wiederholen, 
woraus sidi eben die Bereditigung ihrer Deutung ableitet . . . 
Zweifellos ist aber dodi, daß . . . der Mythus in dieser mensdi^ 
lidien Einkleidung niemals vom Himmel heruntergelesen werden 
konnte ohne eine entsprediende psydiisdie Vorstellung, die gewiß 
audi — wie bei den heutigen Mythologen — bereits zur Zeit der 
Mythenbildung eine unbewußte gewesen sein kann. Psydiologisdi 
wahrsdieinlidier ist es jedodi, daß der Mythus ursprünglidi, wie die 
Traumerfahrung, rein mensdilidi gedadit war und erst zu einer 
Zeit, wo der Mensdi anfing, die ihn umgebende Natur und das 
All zu sexualisieren, durdi Unterlegung des Himmelsvorgangs, ganz 
wie von unseren Mythologen seiner Anstößigkeit beraubt und clamit 
in seiner Existenz gereditfertigt wurde.« Eben jene Vorstellung von 
einem ursprünglidi rein mensdilidi gedaditen Mythus sdieint nun 
ganz und gar nidit so einleuditend, wenn man den Versudi madit, 
sie zu realisieren. Sie stellt an uns das Ansinnen, uns eine Zeit in 
der Entwid^lung der Mensdiheit zu denken, in der diese nidit 
genötigt gewesen sei, sidi in der Natur zu orientieren und sie — 
in natürlidi primitiver Weise — zu deuten, also wie die Tierwelt 
vorwiegend durdi Instinkte geleitet wurde, während sie anderseits 
das dringende Bedürfnis fühlte, in rein mensdilidien Inzestfabeln für 
ihre bereits damals verfemten Neigungen eine vorgestellte Erfüllung 
zu sudien. Dieser Gedanke enthält starke Unbegreiflidikeiten. Er 
übersieht, daß audi die primitivste Phantasie und gerade sie am 
meisten, der äußeren Anregung bedarf, wenn sie audi nidit aus^ 
sdiließlidi durdi diese bestimmt wird. Zudem ist das Motiv der 
Naturdeutung so alt wie der bewußt gewordene Selbsterhaltungs^ 
trieb und das Bewußtsein selbst nur eine Sublimierung dieses Triebes. 
Das Motiv der Naturdeutung hat genügende Intensität, um 
als ursprünglidi gelten zu können. Das soll keine Beeinträditigung 
jenes anderen in Frage stehenden Faktors sein. Dieser erweist seine 
psydiisdie Realität und Durdisdilagskraft eben dadurdi, daß die im 
Dienste des Selbsterhaltungstriebes vor sidi gehende Deutung der 
Naturvorgänge auf Grund der herrsdienden Apperzeptionsmasse 
von Erfüllung begehrenden inzestuösen Wünsdien zustande kommt. 
Der Mythus, sdion in seiner primitiven Form, wird dadurdi zu 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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28 Emil Franz Lorenz 



einem sehr komplizierten Gebilde, nicht komplizierter indessen, als 
der Mensdi selbst, der ihn gebildet hat,- von den oben angeführten 
Grundtrieben finden wir nämlidi beide an seiner Entstehung beteiligt, 
worauf bereits oben hingewiesen wurde: der Trieb der Selbsterhaltung 
sdiafft die Naturdeutung, der Sexualtrieb die Erfüllung typisdier 
Sexualwünsdie, und in dem bunten Kleid, das diesen Stoff des 
Mythus phantastisdi umhüllt, findet das Verlangen nadi angemessener 
Ausfüllung des Bewußtseins immer erneute Nahrung. Diese Aus^ 
druAsweise verziditet auf den oben angedeuteten Versudi der Redu* 
zierung der Triebe auf den Sexualtrieb, der hier so weit gefaßt 
werden müßte, daß die Einzelheiten der Untersudiung versdiwimmen 
würden. Audi glauben wir das für unseren Zusammenhang wesent* 
lidie Charakteristikum dieses Triebes in seiner relativen Unvergleidi* 
barkeit zu erkennen, die darin besteht, daß er viel triebhafter, teils 
durdi Natur, teils durdi die inzestuöse Wahl seiner Objekte und 
dem Bewußtsein entrüd^ter ist als der Selbsterhaltungstrieb. Aber 
eben jene Eigensdiaft ist es nun im Verlauf der Entwid^lung des 
Mythus, die seine Bedeutung immer mehr anwadisen läßt. Jene 
Stauung ist die Ursadie, daß er in dem Bestreben, ans Lidit des 
Bewußtseins zu gelangen — hödiste Lust zugleidi und audi der 
Anfang seines Absdiwellens — die viel bewußteren Produkte 
des Triebes der anderen Instanz, der Selbsterhaltung, mehr 
und mehr durchdringt und in ihrer Gestaltung beeinflußt. 
Der Mythus wird so in steigendem Maße zu einer Palästra sexueller 
Wünsdie/ die eine seiner Komponenten, die naturmythische, 
schwindet dahin und aus der sub specie sexualitatis gebildeten 
Naturdeutung entwiAelt sidi ein Mythus menschlicher Leiden^ 
Schaft. Soviel zur Theorie des Mythus, vielleidit zu abstrakt und 
gedrängt, aber in wenig Worten ein Programm enthaltend, zu dessen 
Ausführung die nadifolgende Analyse des Titanen-Motivs einen Bei^ 
trag von paradigmatisdier Bedeutung zu liefern beabsiditigt. 

Bei der Vorführung des Materials kann es nidit meine Absidit 
sein, in der Reihenfolge der aufzuzählenden Mythen etwas über ihre 
historisdie Entstehung, Übertragung, Wanderung präjudizieren zu 
wollen. Die Anordnung wird vielmehr vom praktisdien Gesiditspunkt 
eingeriditet sein, in der Weise, daß sie dem Leser soviel Einsidit 
in das Wesendidie des Stoffes übermittelt, als es durdi die bloße 
Wiedergabe desselben möglidi ist. Wir verziditen also im voraus 
auf jeden Versudi, die äußere Gesdiidite und die Verwandtsdiaft der 
Mythen zu zeidinen. Unsere Absidit geht auf die Klarlegung der 
inneren gedanklichen Entwicklung. Idi will darum mit einem 
für unser Genus typisdien Beispiel beginnen, das uns die Orientierung 
für alle folgenden, bald einfadieren, bald verwid^elteren Gebilde 
vermitteln soll. 

In der polynesischen Überlieferung findet sidi ein nahezu 
vollkommenes Gleidigewidit zwisdien den naturmythisdien und 
psydiologisdien Faktoren, die nadi unseren vorausgegangenen Aus* 



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OrfgfrTaffrom 
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Das Titanen*Motiv in der allgemeinen Mythologie 29 



einandersetzungcn, den ursprünglidien Mythus konstituieren. Diesem 
Mythus werden sidi auf Grund inhaltlicher Beziehungen eine Reihe 
anderer ansdiließen, in denen bald der eine, bald der andere Faktor 
überwiegt. Die griechische Überlieferung wird uns die nahezu 
vollständige Zurüd^drängung des Naturmytnisdhen und die breiteste 
Entfaltung des Psydiologisdhen erkennen lassen. In ihr erreidit der 
mythisdie Gedanke den Höhepunkt seiner Entwid^lung. Es werden 
dann soldie Mythen folgen, die ihr Lidit erst durdi die Analyse 
vorausgehender erhalten. Idi beginne mit der ein wenig gekürzten 
Wiedergabe der Erzählung von den Kindern des Himmels und der 
Erde, die sidi im Eingang von George Greys Polynesian mytho- 
logy (London 1855) findet. 

Die Mensdien hatten nur ein einziges erstes Elternpaar,- sie 
entsprangen von dem weiten Himmel, der sidi über unseren Häupten 
erstredet und von der Erde, die unter uns liegt. Finsternis lagerte 
damals auf dem Himmel und auf der Erde und sie waren nodi 
beide eng aneinander gesdilossen, denn man hatte sie nodi nidit 
getrennt, und die Kinder, die sie bekommen hatten, daditen immer- 
tort bei sidi nadi, was wohl der Untersdiied sein mödite zwisdien 
Finsternis und Lidit . . . Ermüdet durdi die andauernde DunkeU 
heit, berieten sie sidi sdiließlidi untereinander, indem sie spradien: 
:<>Laßt uns nun bestimmen, was wir tun sollen mit Rangi und 
Papa, ob es besser wäre, sie zu ersdilagen oder voneinander 
zu trennen.« Da spradi Tumatauenga, der stärkste unter den Kindern 
des Himmels und der Erde: »Gut, wir wollen sie ersdilagen.« 
Hierauf spradi Tanemahuta, der Vater der Wälder und aller 
Wesen, die sie bewohnen oder aus Bäumen verfertigt werden: 
>^Nein, nidit so,- es ist besser, sie zu trennen und den Himmel hodi 
über uns stehen und die Erde unter unseren Füßen liegen zu 
lassen. Lassen wir den Himmel uns gleichsam fremd werden, 
die Erde aber nahe bei uns bleiben, als unsere nährende 
Mutter.« Die Brüder stimmten alle seinem Vorsdilage bei, mit Aus^ 
nähme von Tawhiri^ma^tea, dem Vater der Winde und Stürme, 
und aus Furdit, sein Reidi werde von Verniditung bedroht, betrübte 
er sidi gewaltig bei dem Gedanken, daß seine Eltern getrennt werden 
sollten. Fünf von den Brüdern stimmten bereitwilligst der Trennung 
ihrer Eltern bei, nur einer wollte sidi nidit ansdiließen . . . Doch 
sdiließlidi einigte man sidi und siehe, Rongo-ma^tane, der Gott und 
Vater der Kulturpflanzen, erhebt sidi, auf daß er trennen möge den 
Himmel und die Erde,- er strengt sidi an, dodi bringt er sie nidit 
auseinander. Siehe, es erhebt sidi hierauf Tanga^roa, der Gott und 
Vater der Fisdie und Reptilien, auf daß er trennen möge Himmel 
und Erde,- audi er strengt sidi an, aber er bringt sie nidit aus^ 
einander. Siehe, es erhebt sidi hierauf Haumia^tikitiki, der Gott und 
Vater der mensdilidien Nahrungsmittel, die ohne Pflege aufwadisen, 
und strengt sidi an, aber ohne Erfolg. Siehe, es erhebt sidi dann 
Tumatauenga, der Gott und Vater der kraftvollen mensdilidien 



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30 Emil Franz Lorenz 



Wesen, er strengt sich an, dodi auch er hat Mißerfolg bei seinen 
Bemühungen. Langsam erhebt sich schließlich Tanemahuta, der Gott 
und Vater der Wälder, der Vögel und Insekten, und ringt mit seinen 
Eltern/ umsonst bemüht er sich, sie mit seinen Händen und Armen 
auseinander zu bringen. Siehe, jetzt hält er inne: sein Haupt ist 
jetzt fest aufgesetzt auf seiner Mutter, der Erde, seine Füße hebt 
er empor und stützt sie gegen seinen Vater, den Himmel, seinen 
Rücken und seine Lenden spannt er an mit gewaltiger Kraftent^ 
faltung. Jetzt sind getrennt Ranpi und Papa und mit Schreien und 
Wehklagen kreischen sie laut: >>Warum schlagt ihr eure Eltern 
so? Warum begeht ihr ein so schreckliches Verbrechen, 
uns zu schlagen, eure Eltern zu trennen?« Aber Tanemahuta 
hört nicht auf, er beachtet nicht ihr Gekreische und Schreien, weit, 
weit unter sich drückt er die Erde hinab, weit, weit über sich stößt 
er den Himmel hinauf. - Tawhiri^ma^tea stürzte zurecht herbei, 
um seine Brüder Rongo^ma^tane und Haumia^tikitiki anzugreifen, 
die Götter und Erzeuger der kultivierten und wildwachsenden 
Nahrungspflanzen,- doch Papa <die Erde), um diese für ihre anderen 
Kinder zu erhalten, nahm sie zu sich und verbarg sie an einem 
sicheren Ort und so gut waren diese ihre Kinder von ihrer Mutter, 
der Erde, versteckt, daß Tawhiri^ma^tea umsonst nach ihnen suchte. 
— Es folgt nun eine von guter Naturbeobachtung zeugende SchiU 
derung des Kampfes, den der Windgott gegen seine Brüder 
führt, in dessen Verlauf sich diese entzweien und voneinander 
getrennt werden, indem die Vögel sich in die Wälder flüchten, 
die Reptilien sich in die Erde verkriechen, die Amphibien imd Fische 
ins Wasser flüchten. Die Erzählung schließt mit folgenden Worten: 
Bis zu dieser Zeit ist der weite Himmel noch immer getrennt ge^ 
blieben von seiner Gattin, der Erde, doch ihre gegenseitige Liebe 
dauert noch fort, die weichen, warmen Seufzer ihres liebenden 
Busens steigen noch immer zu ihm empor und erheben sich von den 
bewaldeten Bergen und Tälern und die Menschen nennen sie Nebel,- 
und der weite Himmel, wenn er die langen Nächte hindurch die 
Trennung von seiner Geliebten beweint, läßt zahllose Tränen auf 
ihren Busen herabfallen und die Menschen sehen sie und heißen sie 
Tautropfen. 

Eine Variante dieses Berichts scheint Taylor, New Zea^ 
land <p. H9> zu bieten: statt des bloßen Zurückdrängens findet 
sich hier ein Abtrennen der Sehnen, welche Himmel und 
Erde verbinden, was wohl auf Entmannung zu deuten ist. Die 
Schamteile des Himmels fallen dabei zur Erde und werden zu 
Bimsstein. — W. W. Gill, Myths and songs of the South^ 
Pacific <p. 59) führt die auf Mangaia heimisdie Anschauung an, 
wonach der Gott Ru den als blaues Steingewölbe gedachten Himmel 
emporstößt und ihn noch jetzt als Himmelsträger in dieser Stellung 
erhält. — Auf Samoa sind es Pflanzen, die den Himmel empor- 
drücken, nach George Turner, Ninetcen years in Polyncsia 



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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie 31 

<p. 245). — Auf den Gilbertinseln hat der Gott Rigi den 
Himmel emporgehoben, um den Mensdien und Tieren Existenz* 
möglidikeit zu versdiaffen <Leo Proben ius, Weltansdiauung der 
Naturvölker, p. 360). — Nadi der Mythe der Wamba war das 
Firmament einst der Erde viel näher, bis die Sonne einem Baume 
zu nahe kam <Frobenius, ibid., p. 355). — Nadi australischem 
Mythus ruhte einst der Himmel auf der Erde. Da kam ein Mann 
mit einem Stod^e und sdiob ihn in die Höhe <ibid., p. 362>. 
Allen diesen Vorstellungen ist gemeinsam: 

1. Erde und Himmel sind die Eltern der Lebewesen. 

2. Am Anfang der Dinge liegen sie in geschlechtlicher 
Vereinigung eng aufeinander. 

3. Feindselige Haltung ihrer Kinder gegen sie, zumin-r 
desten gegen den Vater, der immer der cigentlicne Leidtragende ist. 

4. Trennung (Entmannung) durdi die Kinder (»Titanen* 
Motiv«). 

Diese Motive sind innerlidi zusammengehörig und stützen sich 
gegenseitig in der Weise, daß wir die ihnen zugrundeliegende natur* 
mythisdie und psydiosexuelle Grundansdiauung audi dann postu* 
lieren dürfen, wenn das eine oder das andere verkümmert ist. 

Wir gehen nadi Afrika über und treffen dort auf einen 
Mythus, der, seltsam genug, in mandiem Betradit auffallende Bezie^ 
hungen mit der Überlieferung des klassisdien Altertums aufweist. 
Es ist der Mythus der yoruba, eines Negerstammes an derSklaven^ 
küste, unter dem Gesiditspunkt des dem Titanen-Motiv komplemen* 
tären Inzestmotivs, wie der griediisdie und ägyptisdie Mythus, 
bereits von Rank in dem gleidinamigen Werke (p. 277 fF.) behandelt. 

Obatala (Frobenius, 1. c, p. 348 ff.), der Gott des weißen 
Gewandes, ist der Hauptgott der Yoruba. Er ist von Olorun 
gesdiaffen/ dieser übergab ihm das Firmament und die Welt und 
zog sich zurück. Er lebt mehr im Spridiwort als in der An^ 
sdiauung und im Kultus. Er ist zu weit entfernt, zu gleidigiltig, zu 
groß, um sidi um die Mensdien zu bekümmern. Obatala führt 
das Regiment, er hat die Mensdien gesdiaffen und schenkt das 
Kind der Mutter. Frauen, die sidi nadi der Muttersdiaft sehnen, 
riditen ihr Gebet an ihn. Wir haben hier dasselbe Verhältnis vor 
uns, wie es im griediisdien Mythus zwisdien Zeus und dem alten 
Kronos, oder zwisdien Kronos und Uranos besteht. Das soll unten 
nodi klarer werden. Obatala ist vermählt mit Odudua, der Göttin 
der Liebe, die mit Olorun gleichaltrig ist. Das deutet vielleidit 
darauf hin, daß sie Oloruns Sdiwester oder Gattin und darum in 
Wahrheit Obatalas Mutter ist. Dann würde Oloruns Verzidit nidit 
als ein freiwilliger anzusehen, sondern das titanisdie Motiv der 
Überwältigung durdi seinen Sohn, das wir ja sdion kennen, anzu* 
nehmen sein. — Obatala und Odudua sind am Anfang der Welt 
in der Dunkelheit einer großen Kalebasse eingesdilossen. Odudua 
begann zu sdielten. Im streit reißt ihr Obatala beide Augen aus. 



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32 Emil Franz Lorenz 

Die Kalebasse wird getrennt und der Himmel steigt empor. Dies 
wird in den Tempeln symboIisA durdi zwei weiße, untertassenförmige, 
eng aufeinandergefügte, und so eine abgefladite Kugel bildende, 
Kalebassen zur Ansdiauung gebradit. Die obere repräsentiert das 
Himmelsgewölbe, die untere, sidi diesem am Horizont ansdimiegende, 
die Erde <Frobenius, 1. c, p. 350). Ihrer Vereinigung entspringen 
Aganju <Land> und Yemaja (Wasser),- aus deren Geschwister^ 
ehe entsteht Orungan, die Höhe des Himmels. Orungan verliebt 
sich in seine Mutter und da sie sidi weigert, seiner LeidensAaft 
zu willfahren, verfolgt und vergewaltigt er sie. yemaja springt gleidi 
darauf wieder auf die Füße und rennt jammernd von dannen. Der Sohn 
verfolgt sie, um sie zu besdiwiditigen und als er sie endlidi fast 
erreidit hat, stürzt sie rittlings zu Boden. Ihr Körper beginnt zu 
sdiwellen. Zwei Wasserströme quellen aus ihren Brüsten und ihr 
Körper zerberstet. Ihrem zerklüfteten Leibe entspringen 15 Götter . . . 
Rekonstruieren wir den Fall, so werden wir ein einziges Götterpaar 
zu setzen haben, nämlidi den Gott des Himmels und die Göttin 
der Erde. Der Sohn ist der trennende Gott <Frobenius, Zeit- 
alter des Sonnengotts, I. Bd., p. 268 ff.). Was uns an diesem Mythus 
auffällt, ist die Stufenfolge der Generationen, der »stammbaumartige 
Aufbau« der mythisdicn Personen, die im Gegensatze steht zu der 
primitiven, »auf einer Ebene sidi ausdehnenden« Mythologie der 
sonstigen Naturvölker. Diese Aufeinanderfolge vonGöttergesdileditern 
kann versdiiedene Ursadien haben. Äußerlidier Art ist die, wenn einem 
Volk durdi fremde Eroberer deren Götter aufgedrängt werden, 
wodurdi zufolge einer Kompromißbildung Altes und Neues neben^ 
einander zu stehen kommt. Derartiges scheint bei einigen Stämmen 
Ostafrikas unter dem Einfluß des Mohammedanismus stattgefunden 
zu haben. Die inhaltlidi enge Verbindung, in der die Gestalten 
unseres Mythus zueinander stehen, sdieint diese Annahme auszu^ 
sdiließen und eine andere Möglidikeit nahezulegen, daß diesem 
Mythus eine relativ hohe Stufe ethisdi^religiöser Entwid^lung zu^ 
gründe liegt, in der Weise, daß die Vielheit der Generationen das 
Ergebnis eines religionsgesdiiditlidien Prozesses ist, der gewisse 
Göttergestalten, die dem ethisdien Bedürfnis nidit mehr genügten, 
durdi andere zu verdrängen sudite. Freilidi übersah man es, wie 
bei diesem Unternehmen die mythenbildende Phantasie wieder im 
Geheimen von Motiven kommandiert wurde, die mit der Absidit 
dieser Konstruktion in sdiroffstem Widersprudi standen. Die Väter 
und Urväter, die man den ihre Eltern trennenden titanisdien Helden 
entgegensetzte, bekamen unentrinnbar dieselben inzestuösen Züge 
wie ihre Nadikommen und am Anfang der neugebildeten Generations- 
reihe steht wieder der Mutter^ oder Sdiwesterinzest, den wir für 
den »guten« Gott Olorun hier ersdilossen haben und bei dem 
griediisdien Uranos wiederfinden werden. Man sieht aber audi hier 
wieder, wie sehr das »Ethisdie<^ am Vordergrund verweilt, im 
Grunde nidit mehr ist als eine sdiöne Geste. 



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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie 33 

In der babylonischen Überlieferung drängt sidi zwisdien 
die Welteltern Apsu und Tiamat ihr Sohn Mummu und 
verbindet sich mit seiner Mutter <nadi Winckler, Die babylo*^ 
nisdie Geisteskultur, p. 92). Ferner findet sidi bei dem byzantini^ 
sdien Kirdiensdiriftsteller Synkellos, p. 28 B <= FHG. II, p. 491) 
eine durdi Vermittlung des Alexander Polyhistor <1. Jahrhundert 
V. Chn> auf den babylonisdien Tempelsdireiber Berosos zurüA* 
gehende Kosmogonie, die eine von der eben erwähnten abweisende 
Fassung aufweist, im übrigen aber speziell für das Titanen-Motiv 
von Bedeutung ist. Es ist dort die Rede von einem Urwesen weib- 
lidien Gesdiledits, Thalatth oder Homoroka, das an Stelle der 
ursprünglidien Vereinigung von Himmel und Erde zu stehen kommt. 
»Kap. 5: Als das Ganze so geordnet dastand, sei Bei hervor^ 
gekommen, habe das Weib in der Mitte gespalten, aus ihrer einen 
Hälfte die Erde, aus der anderen den Himmel gemadit und habe die 
Lebewesen in ihr verniditet . . . Kap. 6: Bei, den man mit Zeus 
identifiziert, zerteilte die Finsternis, trennte Himmel und Erde und 
ordnete die Welt. Die Lebewesen aber, die der Gewalt des Lidits 
nidit gewadisen waren, gingen zugrunde. Als Bei sah, wie die Erde 
verlassen dalag und dabei dodi Früdite hervorbradite, befahl er 
einem der Götter, ihm den Kopf abzusdilagen und mit dem strömenden 
Blut befruditete er die Erde und bildete Mensdien und Tiere, die die 
Luft ertragen konnten, audi madite Bei die Sterne, Sonne, Mond und 
die fünf Planeten.« Das Blut ist hier wie so oft jedenfalls = Sperma,- 
mit der Entmannung^ des Uranos stellt die Erzählung zusammen 

0. Gruppe ^ der Untersdiied bestehe nur darin, »daß bei Berosos 
die Verstümmelung des Gottes auf einem freiwilligen Entsdiluß 
beruht, während nadi der griediisdien Version sidi Uranos vergebens 
gegen sein Sdiid^sal sträubt«. Übrigens ist dieses Absdilagen des 
»Hauptes« unsdiwer als Verlegung nadi oben deutbar, die Frei- 
willigkeit der Tat als Absdiwämung der »titanisdien« Handlung zu 
betraditen <gleidi dem Entsdiluß des ägyptisdien Ra,- vgl. unten 
p. 46). Bei wäre demgemäß selbst das Opfer eines titanisAen An* 
griffs geworden (Vergeltung) oder es wäre das Absdilagen des 
»Hauptes« in Parallele zu stellen mit der Selbstentmannung des 
Attis als Strafe für den wirklidien oder beabsiditigten Mutterinzest 
(vgl. die »Blendung« des ödipus). Natürlidi schließen sidi diese 
Möglidikeiten nidit aus und wir hätten in der Überdeterminierung 
eine Folge der Verdiditungsarbeit des Mythus zu erblid^en, wie sie 
uns aus dem Traumleben ganz geläufig ist^. Was den erwähnten 
Mutterinzest betrifft, so sdieint Bei tatsädilidi der Sohn des weib^ 
lidien Urwesens zu sein, denn im griediisdien Text steht ijtavs?.i)'övTay 

^ Die griecfiisdien Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zum Orient, 

1. Bd., p. 589, 

^ Der geschilderte Vorgang des KopfabsAlagens wäre übrigens unseres 
EraAtens naturmythologisdi dahin zu deuten, daß Bei die Sonne ist, die sidi 
während des befruchtenden Regens hinter den Wolken verbirgt. 



Imago II/l 



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84 Emil Franz Lorenz 



von unten heraufgekommen, wobei wohl an eine Art Erdgeburt 
zu denken ist <oonnenaufganp?). Er zerschneidet das Weib 
<nadi der zweiten Version in Kap. 6 die Finsternis) in der Mitte,- 
hier kreuzen sidi zwei Motive, die infantiUsadistische Geburts^ 
theorie <vgl. Rank, Völkerpsydi. Parallelen zu den infantilen SexuaU 
theorien. Zentralbl. f. Psydioan., II. Bd., p. 426) und das sdion bekannte 
titanische Motiv von der Trennung des Himmels und der 
Erde, hier in der speziellen Ausprägung, daß die /tm jüloq^Y], die 
eine ungeteilte Urgestalt <Euripicles Melanippe, Frg. 484 N^ aus 
einem einzigen weiblidien Urwesen besteht, ein Umstand, der eben 
das Zusammenfließen der beiden Motive ermöglidit. Diese babylo^ 
nisdie Überlieferung sdieint mir darum ein ganz besonders hohes 
Alter aufzuweisen. Sie weiß nodi nidits von einem Vater und 
nähert sich darum vielmehr den primitivsten infantilen Theorien. 
Durdi jenen titanisdi^sadistisdien Akt entsteht die in Himmel und 
Erde geteilte Welt. Die Erinnerung an den polynesisdien Mythus 
verleitet uns nun, jene Handlung in unserer Erwartung als segen^ 
bringend für die Lebewesen zu betraditen. Dodi das Gegenteil trifft 
zu, sie gehen zugrunde und erst eine neue Sdiöpfung ist erfordert, 
um die Welt zu bevölkern. Der WiderspruA ist nur sdieinbar. 
Man erinnere sidi, daß ein hilfreidier Gott immer zwei Seiten hat, 
daß insbesondere die Gottheit, die man darum bittet, sie möge die 
Geburten ans Lidit befördern <vgl. oben Obatala, p. 31 und unten 
Kronos, p. 37 fF.), naturgemäß audi als diejenige angesehen werden 
mußte, die sie, im Falle, daß sie das Gebet unerhört läßt, im 
Dunkel zurüd^hält oder dem Tode weiht. Da dieser Janusdiarakter 
in der Natur einer Sondergottheit liegt, vermag idx nicht einzusehen, 
warum Bels zugleidi gute und böse Natur in Chantepie de la 
Saussayc's Lehrbudi der Religionsgesdiidite, I. Bd., p. 76, als edbt 
semitisdi bezeidinet wird. Es wird viel Unfug mit derlei Etiketten 
getrieben. Sdiließlich mag nidit unerwähnt bleiben, daß die ver^ 
sengende Kraft des Lidits gerade in dem Mythus eines Ursprünge 
lidien Wüstenvolkes in leidit erklärbarer Weise zum Ausdruck 
gelangen konnte. 

Im hellenischen Pantheon tritt uns das Titanen^Motiv in einer 
großen Anzahl von Parallelgestalten entgegen, deren Zusammen^ 
gehörigkeit freilidi nidit immer auf den ersten Blid^ erkennbar ist. 
Denn im griediisAen Geiste hat eine übermäditige Phantasie gewaltet, 
osgebunclen von der Lebensnot, die der Ausbildung des Natura 
mythus ursprünglidi zugrunde lag, desto mehr befähigt, die dem 
Unbewußten angehörigen affektiven Faktoren des Mythus zu rest^ 
loser Entfaltung zu bringen. Das für uns älteste Kompendium der 
hieher gehörigen Mythen ist die Theogonie des böotisdien Diditers 
Hesiod, ein Werk von über 1000 Hexametern, etwa 700 v. Chr. 
entstanden, keineswegs einheitlidi dem Stoffe nadi, aber, wie man 
sidi immer mehr überzeugt hat, von späteren Beimisdiungen ziemlidi 
freigeblieben. Das Verhältnis, in dem der Diditer zu seinem Stoffe 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 35 

Steht, ist wesentlidi ethischer Natur. Er will die Madit und Herrlidi^ 
keit des Zeus verkütiden helfen und führt unter diesem Gesidits^ 
punkt den Sdiatz theogonisdier Weisheit seiner gläubigen Zuhörer^ 
sdiaft vor Augen. Nidfit im Inhalt, dessen — wirklidie und sdiein^ 
bare — Widersprüdie nadizuweisen zahlreidie Philologengenerationen 
besdiäftigt hat, liegt darum die Einheit des Werks,- Hesiod ist kein 
Fabulierer wie Homer,- nidit die Phantasie ist es, die ihn von Bild 
zu Bild trägt/ »die Begründung einer moralisdien Weltordnung, das 
ist der leitende, das Ganze zusammensdiließende Gedanke« <E. Bethe). 
Bei dem Umstand, daß unser Diditer eine lebendige Persönlidikeit 
von Fleisdi und Blut ist, deren eigenste Nöte wir aus seiner zweiten 
größeren Diditung, dem Lehrgedidit von den Werken und Tagen, 
uns vergegenwärtigen können, ist es keine sdiwierige Sadie, den 

fersönlimen Faktor in seiner Darstellung der Mythen nadizuweisen. 
Im so besser wird dann das allgemein Religionsgesdiiditlidie und 
Psydiologisdie zu würdigen sein. Es widersteht mir, hier Dinge anzu^ 
führen, über die sidi der gerade nidit informierte Leser aus jeder 
Gesdiidite der griediisdien Literatur Rat erholen kann, ich weise 
darum nur darauf hin, daß die Emporhebunp des Zeus zur 
monardiisdien Gewalt in der Götterwelt in den Lebenserfahrungen 
des Diditers insofern begründet ist, als sie der wirklidien Welt einer 
ausgearteten Aristokratie, unter deren Bedrückungen er und seine 
Landsleute zu leiden hatten, das tröstende Wunschgebilde einer 
moralisdien Weltordnung unter der Herrschaft eines obersten Gottes 
gegenüberstellt. 

Das Titanen*^ Motiv ersdieint in der Theogonie verbunden 
mit den eigentlich so genannten Titanen, unter denen Kronos der 
hervorragendste ist, mit den Kyklopen, den Hekatoncheiren 
und den Japetiden Atlas und Prometheus. 

Aus dem Chaos, dem gähnenden Sdilund <makrokosmisdies 
Symbol der vagina) entsteht die Erde <Gaia>,- diese zeugt ohne 
Liebesumarmung den gestirnten Himmel <Uranos> und bringt aus 
der Vereinigung mit ihm <Inzestmotiv) zuerst den Ozean, dann die 
Titanen hervor, deren Namen lauten wie folgt: Koios, Krios, 
Hyperion, Japetos, Theia, Rheia, Themis, Mncmosyne, Phoibe, 
Tethys/ nach ihnen wurde als Jüngster geboren der listenreiche 
Kronos, das gewaltigste unter den Kindern,- er faßte Haß gegen 
seinen blühenden Vater (Theogonie, v. 137 f.). Weiters sind 
Söhne des Uranos und der Gaia die Kyklopen Brontes, Steropes 
und Arges <v. 139 bis 146), dem Namen nadi Gewitterriesen, und 
die hundertarmigen Riesen <v. 147 bis 153) ,- es heißt dann weiter 
in der Theogonie <nach der Übertragung von Peppmüller): 

Alle, welche von Himmel und Erde entsprossen, der Söhne 
Sdirecklichste, waren verhaßt von Anfang dem eigenen Vater. 
Jener, sobald nur einer geboren ward, wüßt' er sofort auch 
Alle zu bergen — und keinen hervor zum Lidite der Sonne 



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Ließ er — im Sdioße der Erde,- es hatte am sdimählidien Werke 
Uranos Freude/ dodi drinnen erseufzte die riesige Erde, 
Elend bedrängt: und listige Kunst ersann sie voll Klugheit. 
Denn von sdiimmerndem Stahl alsbald eine Waffe bereitend, 
Sdiuf sie die mäditige Sidiel und wies sie den teueren Kindern. 
Also spradi sie ermunternd, im lieben Gemüte beängstigt: 
»Kinder von mir und dem frevelen Vater, wenn ihr gehordien 
Wolltet, dann rädien wir wohl an dem Vater, der eudi 

gezeugt hat, 
Kränkung und Sdimadi, denn zuvor hat er schreckliche 

Werke ersonnen.* 
Spradi's, dodi Furdit hielt alle zurüd^ und keiner von ihnen 
Spradi ein Wort: da faßte sidi Mut der versdilagene Kronos 
Und er erwiderte drauf mit Worten der sorglidien Mutter: 
»Mutter, idi will es versudien, das Werk und will es vollenden. 
Denn idi kümmere midi nidit um den Vater unsagbaren Namens, 
Der uns gezeugt, denn zuvor hat er sdired^lidie Werke 

ersonnen.« 
Spradi's, hodi freute sidi d'rob die riesige Erde im Herzen. 
Heimlidi barg sie im Hinterhalt ihn: Scharfzahnige Sidiel 
Gab sie ihm dann in die Hand und lehrte ihn jeglidie Arglist. 
Nadit herführend ersdiien darauf Uranos, voll von Verlangen 
Hielt er die Erde umfaßt, nadi allen Teilen sidi dehnend. 
Aus dem Versteh sprang darauf sein Sohn, mit der Linken 

ihn fassend, 
Dodi mit der Rediten ergriff er die Sidiel, die riesige, lange, 
Sdiarf und gezahnt, und mähte die Sdiam des eigenen Vaters 
Eilig ihm ab. Dann warf er sie hinter sidi, daß sie nadi rü Awärts 
Flog <V. 154 bis 182). 

Nadi rüci^wärts wirft Kronos das Glied, um der Zauber* 
Wirkung seines Anblid^s zu entgehen <Penis apotropaeus). Es folgt 
die Sdiilderung von der Geburt der Aphrodite, die sidi im abge^ 
sdinittenen, jetzt im Meere sdiwimmenden Zeugungsglied des Uranos 
bildet, entsprediend der weiter unten zu würdigenaen Ansdiauung, 
daß Kinder, die ohne Begattung gezeugt werden, immer das von 
ihrem Erzeuger versdiieaene Gesdiledit haben <Zeus — Athene, 
Hera — Hephaistos). Dann folgen <V. 207 bis 210) vier abge* 
rissene Verse, weldie sdieinbar die durdi die Aphrodite-Episode 
unterbrodiene Darstellung fortsetzen: 

Jene, die anderen, aber benannte Titanen der Vater 
Uranos, der sie erzeugte, der Mäditige, sdieltend die Kinder, 
Da sie mit frevelndem Sinne die Hand zu entsetzlidiem Werke 
Damals erhoben,- dodi rädien, so sagte er, werd' es die Zukunft. 

Wir werden uns mit diesen Versen gleidi zu besdiäftigen haben. 

Daß unser Kronosmythus den oben vorgeführten Überliefe^ 

rungcn an die Seite zu stellen ist und besonders mit dem an die 



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Das Titancn^Motiv in der allgemeinen Mythologie 37 

Spitze gestellten polynesisdien Mythus bedeutsame Berührungen 
zeigt, dürfte selbst soldien Forsdiern gegenüber, die sidi noA bis 
vor kurzem mit einer Art religiöser Scheu derartigen orientierenden 
Ausblid^en versdilossen haben, nadizuweisen nidit mehr erforderlidi 
sein. Die Vergleidiung ist zuerst durdigeführt worden von Andrew 
Lang in »Custom and myth», später audi in »Myth, ritual and 
religion«/ vgl. audi desselben Autors Artikel »Mythology« in 
»Encycl. Brit.«, vol. 17, ferner »Rosdiers Lexikon der Mythologie«, 
11 1, Artikel Kronos. 

Kronos war audi eineKuItgotthcit: seiner kosmogonischen 
Funktion als — s. v. v. — obstetrix naturae tritt aufs glüA^ 
lidiste zur Seite seine kultisdie Verbindung mit Eileithyia, die der 
römisdien Lucina entspridit, und mit Aphrodite, wofür die literari^ 
sdien Na Aweise bei K. Bapp in RLM. 11, 1, col. 1475 f., der 
indes diese eigentliA reAt naheliegende Beziehung niAt bemerkt 
hat/ vgl. auA die von O. Gruppe <GrieA. Kulte und Mythen, 
I. Bd., p. 516) in einem anderen Zusammenhang angeführte Stelle 
aus einer gnostisAen SArift, den peratisAen Iloodarstot <= Philo* 
sophumena 16, p. 199, Cr.): Töv Koovov ovöng rCov kv -/Fveast xaO^ 
sarecbtcov dtarpvysTv dovarat* jtdayj yäo ysvsast jrgog rö vJtoji&asTv 
xfj q)d'OQg, atrtog ifp^arrixsv ö Koövog xal ovx äv yevotto y^iffoi^, 
h y Koövog ovk if^utoöi^r)- »Prinzip des Todes ist er aber augen^ 
sAcinliA nur deshalb, weil naA der Mystik der Peraten der Tod 
unmittelbare Folge des Geborenwerdens, ja mit diesem eigentliA 
identisA ist.« AuA liegt, wie die VergleiAung mit der Stelle aus 
Berosos <s. oben p. 33) lehrt, die Hervorkehrung der sAlimmen 
Seite seiner Tätigkeit in seiner Natur als Sondergottheit des Kultus. 
»Apollodor von Athen <bei Macrob., I, 8,5) bezog die Fußbinden 
des römisAen Saturn und ihre Lösung auf Geburt und Entbindung 
im zehnten Monat. Die Illyrier bringen ihrem Gott Kronos die 
Pferdeopfer alle neun Jahre, neunjährig ist das große Jahr der 
Alten und dem Kronos ist das Jahr geweiht.« <RLM. 1. c.>. — 
PlutarA Is. et Os, 69, p. 378 E.: t>c Kooifov kcü 'A(pQodtT)ig 
ysvväodai mivra: aus Kronos und Aphrodite werde alles erzeugt. 
Kronos wurde sAon von den Alten mit dem semitisAen MoloA 
identifiziert. Die Anhaltspunkte dazu fanden siA teils im Mythus, 
teils im Kultus. Was den ersteren anlangt, so ist auf die wiederum 
durA Hesiod aufbewahrte Überlieferung hinzuweisen, daß Kronos, 
dem geweissagt wurde, daß seine Kinder ihn der HerrsAaft berauben 
würden, wie er es dem Uranos getan, dieselben, sobald sie aus dem 
Mutterleib kamen, versAlang: 

Diese versAlang nun Kronos, der starke, sowie nur ein jeder 

Aus dem gesegnetem SAoß zu den Knien der Mutter 

gelangte K 

* Theog., V. 459 f/ Peppmöllers unriditigc tlbersctzung von Vers 460 
habe idi geändert. 



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38 Emil Franz Lorenz 



Rheia bringt dann auf Rat des Uranos und der Gaia ihren 
jüngsten Sproß nadi Kreta und gibt dem Kronos einen Stein zu 
versdilingen. Zeus wädist dort auf und bereitet das Werk der RaAe. 

Das Kinderverschlingen des Kronos betradite idi als 
Kultlegende oder ätiologischen Mythus. Rank^ sieht darin 
einen Geburtsmythus <Umkehrung!> und stellt die Erzählung zu 
den deutsdien Märdien vom Rotkäppdien und vom Wolf uncf den 
sieben jungen Geißlein/ diese beiden Märdien sind nun wieder nadi 
Frobenius' Nadiweis <Zeitalter des Sonnengottes, I. Bd., 1. Kap.: 
Der Sonnengott im Fisdibaudi) Varianten der Walfisdimythen, in 
denen das Landtier, der Wolf, wie öfter in der germanisdien Über^ 
lieferung, für den Fisdi steht. Die Walfisdimythen sind aber, wie 
die Psydianalyse nadiweist, samt und sonders ihrem latenten Inhalt 
nadi Geburtsmythen, manifester Weise jedodi Astralmythen. Der 
Walfisdi ist das Symbol des Mutterleibes, das Herzabsdineiden im 
Innern des Fisdies symbolisiert die intrauterinale Ernährung, das 
Ausspeien die Geburt, die auf die Hitze im Walfischkörper zurüd^^ 
geführte Tatsadie des Haarausfalles ist ein deutlidier Hinweis auf 
die Kahlheit, wie im Märdien vom Rotkäppdien die Atemlosigkeit 
der Großmutter auf die Asphyxie des Neugeborenen <vgl. Rank, 
I. c.>. Dem Versdllingen durch den Walfisdi wohnt eine doppelte 
Bedeutung inne. Von geringerer Wichtigkeit ist die kindliche Annahme, 
daß das r^eugeborene dort irgendwie hineingekommen sein muß, 
wo es herauskommt/ vielmehr scheint eine Reihe von Zügen darauf 
hinzudeuten, daß wir es dabei mit einer Inzestphantasie zu tun 
haben. Erstens wird der Held keineswegs immer wider Willen von 
dem Untier verschlungen, er stürzt sich auch freiwillig hinein <vgl. 
Frobenius, p. 83, 84, 85, 87, 92, 93, auch 67 ff. in der Legende 
von Maui, der seiner Ahnin in den Leib kriecht und dabei den 
Tod findet)/ auch wird der Held in der Mehrzahl der Fälle von 
dem Tier nicht feindlich behandelt, sondern erhält die Erlaubnis, 
sich von dem Fleisch desselben zu nähren <vgl. 1. c, p. 81: Ihr 
könnt von meinem Fleische essen, aber hütet euch, meinen Magen 
zu verletzen, denn sonst müßt ihr sterben,- ebenso p. 83: Ich habe 
viel Fleisch . . . Nehmt nur, soviel ihr wollt, aber schneidet meine 
Kehle nicht durch, denn sonst müßt ihr sterben). In einer Mythe 
der Eskimo <p. 85) bittet der Rabe den Walfisch, das Maul zu 
öffnen,- im Innern desselben findet er ein schönes, von einer Lampe 
erleuchtetes Zimmer, in dem ihn ein schönes junges Mädchen 
empfängt. Man sieht, die Geschichte ist ear nicht so schlimm wie 
sie aussieht und nach der unbewußten Tendenz des Mythus soll 
sie es auch nicht sein, wenn wir sie an der Hand ihrer sehr eindeutigen 
Symbolik als Inzestphantasie erklären (vgl. Stekel, Zur Symbolik der 
Mutterleibsphantasie, Zentralbl. f. Psychoan., I. Bd., p. 102). Interessant 
ist es, daß in den Verschlingungsmythen, die eine rein menschliche 

' Völkerpsych. Parallelen etc., Zentralbl. f. Psydioan., II. Bd., p. 427. 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 39 

Form angenommen haben, die Zensur in anderer Weise gewalter 
hat, indem sie den gutmütigen Walfisdi durdi die mensdienfresserisdie 
Mutter ersetzt, die ihren eigenen Kindern nadistellt, wie in der Sage 
der Zulu (bei Frobenius, p. 110)/ audi unser gutes altes Märdien 
von Hansel und Gretel muß hieher gestellt werden. 

Die Verbindung dieses ersten, eine Inzestphantasie enthaltenden 
Teiles der Walfisdimythen, mit dem zweiten, der die eigentlidie 
Geburtsphantasie enthält, gesdiieht in den meisten Mythen in der 
Weise, daß die im Baudie des Fisdies befindlidien Gäste das Verbot 
ihres Wirtes übertreten und sidi solange Fleisdi heruntersdineiden, 
bis das Tier zugrundegeht/ dann kommen sie wieder ans Lidit 
<Geburt>, meistens in der Weise, daß das Tier ans Land treibt und 
dort aufgesdinitten wird <infantil-sadistisdie Vorstellung,- vgl. oben 
p. 34). In der Zulumythe begegnet die Mensdienfresserin, nadidem 
sie ihre Kinder eingeholt und versdilungen hat, auf dem Rüd^weg 
einem Vogel, der immer größer wird, sdiließlidi so groß wie 
ein Haus. Er nimmt ihr die Axt weg, sdilägt ihr Arme und Beine 
ab und reißt ihren Leib auf. In einem anderen Mythus <1. c, 
p. 109) wird der Held zu deutsdi »Kleinrotleib« genannt. Falls es 
jemand vorzieht, diesen AusdruA auf die auf^ und untergehende 
Sonne zu beziehen, die indes erfahrungsgemäß beim Auf^ und 
Untergang größer ersdieint als untertags, so weisen wir darauf 
hin, daß die neugeborenen Kinder aller Rassen von rödidier Haut* 
färbe sind und daß audi das Prädikat klein auf sie unbestrittene 
Anwendung finden dürfte. 

Audi Kronos, zu dem wir uns jetzt nadi diesem längeren 
Exkurs zurüd^wenden wollen, versdilingt seine Kinder, bekommt 
statt des letzten einen Stein, ganz wie dem Wolf des deutsdien 
Märdiens Steine in den endeerten Wanst genäht werden,- audi er 
muß sie sdiließlidi wieder ausspeien. Es ernebt sidi nun die Frage, 
ob dieses Motiv hier als ursprünglidi anzunehmen ist, was idi glaube 
verneinen zu müssen. Erstens fehlt hier offenbar die den anderen 
Versdilingungsmythen eigene inzestuöse Tendenz, da die Kinder 
von dem Vater versdilungen werden,- einen zweiten Grund gibt 
uns folgende Überlegung an die Hand, die erweisen wird, daß hier 
das Versdilingungsmotiv an die Gestalt des Kronos angeheftet 
wurde, um einen kuldidien Braudi zu erklären. Dem Kronos 
wurden nämlidi in den ältesten Zeiten Kinderopfer gebradit, 
wofür wir die Beweise nidit bloß in der lebendigen Erinnerung der 
Griedien der historisdien Zeit erblid^en dürfen, die ihn mit dem 
phönizisdien Moloch identifizierten, wir besitzen vielmehr Zeug^ 
nisse dafür, daß sidi Spuren dieser Kinderopfer nodi bis in die 
spätesten Zeiten des Griedientums erhalten haben. Mannhardt 
<Antike Wald- und Feldkulte, p. 336 flF.) beriditet von soldien 
Kinderopfern in Lykaia in Arkadien, die dem Kronos dargebradit 
wurden, um Mißwadis abzuwenden. Er bezeidinet zusammenfassend 
<p. 340> als den wahrsdieinlidien Sadiverhalt folgendes: »Alle neun 



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40 Emil Franz Lorenz 



oder zehn Jahre fand an der Sommersonnenwende von Seite eines 
bestimmten Gesdiledits <der Anthier) in dem für gewöhnlidi und 
für jeden anderen unnahbaren Hain des Zeus, allein oder mit anderen 
Opfern vermisdit, das wirklidie oder symbolische Opfer eines Kindes 
statt. Die Vermutung, daß das Fest zur Zeit der Sonnenwende 
stattfand, mithin ein Gottesdienst war, weldier wahrsdieinlidi gleidi 
den anderswo entzündeten Mittsommerfeuern den Zwed< hatte, 
Seudie und Mißwadis fernzuhalten und das Gedeihen der Pflanzen 
zu fördern, wird verstärkt durdi den in denselben Ideenkreis fallenden 
Regenzauber an der Quelle Hagno.« Folgt die Besdireibung des 
Regenzaubers, der durdi Eintaudien eines Zweiges in das Wasser 
der Quelle vorgenommen wurde. Das Opfer wurde im Hain des 
Zeus dargebradit, ist aber, wie Mannhardt <p. 346) ausführt, an 
Stelle der verdrängten EUKronos^Kinderopfer getreten. Sein ange^ 
gebener ZweA, Seudie und Mißwadis fernzuhalten und das Ge^ 
deihen der Pflanzen zu fördern, läßt uns mit einem Male einen 
BliA tun in die naturmythisdie Bedeutung des Kronos, die in der 
griediisdien literarisdien Überlieferung nahezu unerkennbar geworden 
ist, im Kult aber, wie so oft, sidi mit Zähigkeit erhalten hat. 
Erinnern wir uns, daß es Vegetationsgötter sind, die sidi im 
polynesisdien Mythus zur Zurüd^drängung des Himmels vereinigen 
und daß ihren Parallelgestalten im griediisdien Mythus, den Titanen 
mit Kronos an der Spitze, dieselbe Tat zugesdirieben wurde. Nur 
lehrte uns der griediisdie Mythus nidits darüber, ob wir audi in 
den Titanen Vegetationsgötter zu erblidcen haben,- erst das arkadisdie 
Opfer gibt uns darüber Aufsdiluß. Die Titanen müssen demgemäß 
als sdiützende Dämonen des vegetativen und animalisdien Lebens 
betraditet werden. Sie erzwingen sidi durdi die Beseitigung des 
Uranos Lidit und Leben und werden darum sinngemäß im Kult 
angerufen, um das Gedeihen der Pflanzen zu befördern. Da ferner 
der Parallelismus zwisdien den Früditen der Erde und den Geburten 
der Mensdien der griediisdien Volksansdiauung wie audi der 
anderer Völker <vgl. Deuteron, 6,13) ganz vertraut ist <vgl. Soph. 
K. öd. 25 ff., 268 ff. und im allgemeinen Dieterich, Mutter 
Erde, p. 46ff.>, so ist es ganz folgeriditig, wenn Kronos sowohl 
als Gott des AAerbaues, wie audi als Geburtsgott <s. oben, p. 37 ff.) 
angerufen und durdi Opfer verehrt wurde, wie er die im Sdioße 
der Erde eingesdilossenen Geburten ans Tageslidit sdiafft, so rufen 
ihn die Frauen in ihrer sdiweren Stunde, audi den Früditen ihres 
Leibes gnädig ans Lidit zu helfen. Daß ihm dafür gerade Kinder 
geopfert wurden, bedarf ebensowenig einer weiteren Erklärung als 
die neunjährige Periode des illyrisdien Roßopfers und des arkadisdien 
Opfers zu Lykaia. Nun besitzen wir aus dem Altertum einige 
Schilderungen des Molodiopfers, die in RLM. II. 1, 1501 in folgender 
Weise zusammengefaßt werden: »Eine eherne Figur, die man sidi 
als kolossal denken muß, stand oder saß also gänzlidi in der Grube, 
hödistens mit dem Kopf hervorragend, indem die sdiräg empor und 



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Das Titanen-^Motiv in der allgemeinen Mythologie 41 



vorwärts gestreckten Arme mit den Enden den Erdboden berührten, 
zwisdien und unter ihnen aber das Feuer loderte, sei es daß sldi 
dafür in der Grube eine besondere Vorriditung befand, oder der 
unsiditbare und plastisdi wohl gar nidit ausgeführte Unterkörper in 
den feurigen Ofen überging.« Ahnlidi wie dieser Molodi hat wohl 
audi der von den Griedien selbst mit ihm identifizierte Kronos 
ursprünglidi sein Opfer empfangen, was dann zur Veranlassung 
wurde, auf ihn in ätiologischer Absicht die Verschlingungs^ 
mythe zu übertragen. Einen Anhalt hatte man bei diesem Vor^ 
pang darin, daß der zweite Teil dieses Mythus zur Eigensdiaft des 
Kronos als Geburtsgott zusammenstimmte, während die, wie oben 
ausgeführt, inzestuöse Bedeutung seines ersten Teiles ihren Sinn bei 
dieser späten Übertragung vollständig eingebüßt hat. Also kurz 
zusammengefaßt: dem Kronos-Molodi werden Kinder geopfert, damit 
er die Geburten der Mensdien und der Felder befördere,- dazu ist 
er berufen, weil er es war, der am Anbeginn der Dinge den Lebe^ 
wesen durdi die titanisAe Tat zum Lidite verholfen hat. Als 
gnädig-ungnädiger Helfer fordert er aber seinen bestimmten Opfer^ 
tribut, den man ihm in Gestalt von Kindern darbringt, die in das 
Innere seines ehernen Abbildes versenkt werden. Die letztere Sitte 
ist dann der Grund, daß auf ihn das Versdilingungsmotiv über- 
tragen wird. Kronos verschlingt unsere Kinder,- er hat auch 
seine eigenen verschlungen. 

An Kronos reiht sidi Atlas an. Seine Funktion als Himmels- 
träger stellt ihn in unmittelbare Nähe zu dem Gott, der den 
Himmel weggerüd^t hat. Seine Parallele hat er in dem sdion er^ 
wähnten Gott Ru des Mangastammes <siehe oben, p. 30>. Audi 
Tantalos gehört hieher <vgl. M. Mayer, Die Giganten und Titanen, 
p. 88 f>, wegen des Steines über seinem Haupte, den man für 
die Sonne hält. Diese heißt nämlidi im Kretisdien rrtArog <vgl. 
Tdvrakog}, 

Atlas ist neben Menoitios, Prometheus und Epimetheus Sohn 
des Titanen Japetos. Die Darstellung, dieHesiod von diesen Titanen^ 
sprossen gibt, wird im zweiten Teil der Arbeit ihre Würdigung 
finden. Von Menoitios erfahren wir lediglidi, daß ihn Zeus in den 
Tartaros gestürzt hat, »wegen seines Frevelmutes und seiner unbän^ 
digen Kraft«. Von Atlas heißt es: »Atlas steht an den Enden der 
Erde, bei den hellstimmigen Hesperiden, und hält den breiten Himmel 
unter mäditigem Zwange mit dem Haupt und den unermüdliAen 
Händen/ denn dieses Los hat ihm zugeteilt der Rat ersinnende Zeus« 
<v. 517 bis 520>. Auf dieselbe kategorisdie Weise ist Prometheus 
durA Zeus verurteilt worden. Er band den Überklugen an eine 
Säule mit sdimerzlidien Fesseln und sandte einen Adler, der an 
der unsterblidien Leber fraß,- dodi diese wudis immer wieder des 
Nadits nadi, so viel audi der fittidispannende Vogel tagsüber weg^ 
fraß <v. 521 bis 525>. Die Gründe folgen erst v. 535 ff. : 1. Die Opfer^ 
teilung von Mekone. Bei dieser übervorteilt Prometheus die Götter 



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42 Emil Franz Lorenz 



zugunsten der Menschen, indem er durdi Trug den Zeus verleitet, 
sidi die sdilediteren Stücke zu nehmen. Die Erzählung ist ein ätio*^ 
logisdier Mythus und soll erklären, wieso es kommt, daß bei den 
Opfern das Fett und die Knodien den Göttern dargebradit werden, 
während das FleisA von den Mensdien genossen wird. Diese Über* 
vorteilung wird von Zeus bezeidinenderweise nidit an Prometheus, 
sondern an den Mensdien gerädit, indem er den Esdien die Kraft 
des Feuers entzieht <v. 563/ der folgende Vers ist meines Eraditens 
zu tilgen). 2. Der Feuerraub. Prometheus entwendet es in einem 
gehöhlten Narthexrohr. Nodimals ergrimmt Zeus, bestraft aber diese 
Übeltat wie zuvor wieder an den Mensdien, und zwar, wie der 
ungalante Böotier behauptet, durdi die Ersdiaffung des Weibes <571 
bis 612) ^ Aber audi Prometheus wird diesmal bestraft und zwar 
in der sdion oben gesdiilderten Weise, worauf jetzt v. 612 ff. 
zurüd^weist. Diese ganze Sdiilderung des Sdiid^sals der Japetos^ 
söhne ist hödist bemerkenswert. Man beadite, um zu einem riÄtigen 
Verständnis dieses Teiles der Hesiodisdien Titanenmythologie zu 
gelangen, daß die Frevelhaftigkeit, in der diese Gestalten vom 
Diditer gezeidinet werden, nur der Darstellung angehört und in 
ihren für die Mensdiheit segensvollen Taten gar nidit begründet ist. 
Die Würdigung dieser Erscheinung müssen wir uns für später auf^ 
sparen. 

Die Drohungen, die der entmannte Uranos gegen seine 
Kinder ausgestoßen hatte, gehen durdi seinen Enkel Zeus in 
Erfüllung. Das gesdiieht im sogenannten Titanenkampf. Der Ver* 
sdilingung durdi Kronos entronnen und mit großer Schnelligkeit 
herangewachsen <Theog. v. 492 f.), bereitet er sidi zum Kampf 
gegen seinen Vater. Zu diesem Ende gewinnt er zu seinen 
Gesdiwistern, die Kronos wieder hatte ausspeien müssen, als 
Bundesgenossen die Hekatoncheiren hinzu. Söhne des Uranos 
und der Gaia, die dieser gleidi nadi ihrer Geburt aus Furdit vor 
ihrer Kraft in die Tiefen der Erde verbannt hatte <v. 146ff.>, ohne 
daß nadi der Tat des Kronos ihre Befreiung^ erfolgt wäre. Diese 
sdireAlidien Gestalten, Nebenfiguren zu den Titanen, deren Brüder 
sie sind. Kottos, Briareos und Gyes genannt, sollten ihrer Natur 
nadi auf Seite der Gegner des Himmelsgottes stehen, mag dieser 
nun Uranos oder Zeus heißen. Man hat es darum dem Hesiod 
als Sdiiefheit vermerkt, daß er sie zu Bundesgenossen des letzteren 
madit und verweist auf die kyklische Titanomachie, in der sie 
auf Seite der Aufrührer stehen <vgl. RLM. II, 1, col. 1454 f.). Ein 
glüd^Iidier Zufall hat es nämlidi gewollt, daß uns von dem Inhalt 
dieses verloren gegangenen Epos der einzige Punkt, der uns hier 
interessiert, durdi eine Nadiridit der Sdiol. Laur. ad Apoll. Rhod. I, 
1165 erhalten blieb. Dort lesen wir (= Epic. Graec. Frgg. coli. 

^ Was es mit dem :iL^og (der Tonne) der Pandora, des ersten Weibes, auf 
siA hat, dürfte wohl jedem Psydianalytiker klar sein, das Deutsdie spridit in 
dhneodem Verstehen von der Büdise der Pandora. 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 43 



Kinkel, p. 6>: Evfitjkog ds h rf) Tiravo{.iayjia xov Alyaicova Fi^i^ 
xai növtov q)rjoi Jtalda, xatotxovvra de kv rfj d^akdoori xoXq Tixäoi 
avj.ifia/Hv, zu deutsdi: »Eumelos madit in seiner Titanomachie den 
Aigaion (anderer Name für Briareos) zum Sohn der Gaia und des 
Pontos und läßt ihn im Meere wohnen und auf der Seite der 
Titanen kämpfen.« Wenn diese Hekatondieiren mit Aigaion^Briareos 
an der Spitze jetzt bei Hesiod gegen die ihnen nadi Geburt und 
Sdiidisalen nahestehenden Titanen kämpfen, so ist diese Tatsadie 
jedenfalls der Untersudiung wert,- die wissensdiaftlidie Methode 
erfordert es jedodi, zuvor alle Erklärungsmöglidikeiten zu erwägen, 
ehe man sie für eine sinnwidrige Versdiiebung erklärt. Es zeigt 
sidi nämlidi, wie so oft, daß die berannte Einzelheit mit vielen 
anderen in sehr feiner Weise zusammenhängt. Erstens herrsdit 
zwisdien den beiden Gesdileditern der Titanen und Hekatondieiren 
nadi der Hesiodischen Darstellung tatsädilidi ein viel älterer 
Zwiespalt, der darin zum Ausdrud^ kommt, daß die letzteren nadi 
der Entmannung des Uranos nidit aus ihrer Gefangensdiaft erlöst 
werden. Wir dürfen hier wohl das Motiv des Bruderzwistes als 
wirkend annehmen. Dieser Gegensatz der Hekatondieiren zu den 
Titanen ermöglidit es dem Zeus, sie zu Bundesgenossen zu gewinnen, 
da er gegen die Titanen, seine Feinde und ihre, zu Felde zieht. 
Man amte aber wohl darauf, daß dies nidit die ursprünglidie Fassung 
der Sage ist, die uns durdi die oben zitierte Notiz aus dem Inhalt 
der kyklisdien Titanomadiie erhalten ist, sondern eine von der 
späteren Zeit, meinetwegen von Hesiod selbst eingeführte Neuerung, 
deren Tendenz wir dem allgemeinen Charakter der religiösen Welt^ 
ansdiauung Hesiods gemäß dahin ausdrüd^en dürfen, daß durdi eine 
derartige Umkehr der Gesinnung im Lager der Feinde des Himmels* 
gottes die versöhnende Kraft des Zeus ins hellste Lidit gestellt wird. 
Das von uns ersdilossene Motiv des Bruderzwistes liefert die äußere 
Bedingung für dieses Zusammensdiließen. Indes wird sidi der eigent* 
lidiste, tiefste psydiologisdie Grund, der die Hesiodisdie Darstellung 
endgiltig reditfertigen soll, erst aus dem Zusammenhang des zweiten 
Teiles entwid^eln lassen. 

Die Gewinnung der Hekatondieiren bedeutet die entsdieidende 
Wendung des zehnjährigen Kampfes, den die Olympier mit den 
Titanen führen. Der Himmelsgott Zeus gewinnt den Sieg und ver* 
bannt die Titanen in die unterirdisdien Tiefen, die ihr Aufenthalts^ 
ort gewesen waren, ehe Kronos die Hand gegen seinen Vater erhob. 

Als eine Nebenform der Titanensage ist die Erzählung von 
dem riesenhaften Brüderpaar der Aloaden anzusehen, die zuerst 
im Unterweltsbudi der Odyssee ersdieint <11, 305 bis 320): Hierauf 
sah idi Iphimedeia, die Gattin des Aloeus, weldie vorgab, sie habe 
in Poseidons Armen geruht/ und sie gebar zwei Kinder, denen kein 
langes Leben besdiieden war, den gottgleidien Otos und den weit*^ 
berühmten Ephialtes. Sie waren die größten, die je die nahrung^ 
sprossende Erde hervorgebradit hat, und weitaus die sdiönsten 



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44 Emil Franz Lorenz 



nach dem herrlichen Orion. Schon mit neun Jahren maßen sie 
neun Fäuste in der Breite und ihre Länge betrug neun Ellen. 
Und sie drohten sogar den Unsterblichen, das Getümmel des 
stürmischen Kampfes in den Olymp hineinzutragen, den Ossa 
wollten sie auf den Olymp setzen, auf den Ossa jedoch den blättere 
schüttelnden Pelion, damit der Himmel ersteigbar sei. Und sie hätten 
es auch ausgeführt, wenn sie zur Vollkraft der Jugend gelangt wären, 
doch es streckte sie nieder der Sohn des Zeus, den die sdiön^ 
haarige Leto geboren, ehe ihnen die Milchhaare sproßten und mit 
Flaum die Kinnbacken bedeckten. — Außer der bedeutungsvollen 
Wiederholung der Zahl 9, die wir bereits im Kronosmythus ge^ 
troffen haben, von den neun Monaten des Intrauterinallebens her^ 
genommen und immer in Verbindung mit Geburt und schnellem 
Aufwachsen,^ bemerken wir, daß hier das titanische Motiv des 
Himmelstürmens in großer Klarheit ausgeprägt ist. Das war, wie 
weiter unten gezeigt werden isoll, auch die Ursache, daß an dieser 
Version zuerst der Versuch der Vergleichung mit außergriechischen, 
das Titanen^Motiv enthaltenden Überlieferungen vorgenommen wurde 
<S. u. p. 49f.>.« 

* j^Das Problem der Zeit ist das tragisdie Problem des Kindes« <Stekel, 
Die Beziehungen des Neurotikers zur Zeit. Zbl. f. Psychoan., II. Bd., p. 248 f.)/ es 
ureiß, daß es seine Eltern nie erreichen kann, sein sehnlidister Wunsch ist, groß 
zu werden wie diese. Dieser Wunsch tritt im Mythus zutage, indem der Held 
mit wunderbarer Sdinelligkeit aufwädist. So Zeus nach Hesiod <Theog. 492> Hermes 
nach dem gleichnamigen homerischen Hymnus und dem Fragment der Ixvevrai, 
in der durchsichtigsten Symbolik aber in unserem AIoaden*Mythus. Auf über- 
raschende Weise löst den schweren Knoten der indische Mythus, wenn er be- 
richtet, Indra habe sich Vater und Mutter aus seinem eigenen Leibe geschaffen 
(vgl. Macdonald, Vcdic mythology, p. 12). Siehe auch Rank, Geb. d. Helden, 
p. 70, 2. 

- Die Etymologie des Wortes Tiinveg ist im Dunkeln,- die Vermutungen 
sind zahlreich. Vgl. O. Gruppe, GrieA. Mythologie und Religionsgesch., p. 411, 8 
und 1286. Aus dem Altertum stammen Ableitungen, wie die hesiodische <Theog. 
210), die das Wort erklärt als liöavreg zov naiioa (Bestrafer ihres Vaters), oder 
CS mit Tiiaiveiv (spannen, anspannen) in Verbindung bringt, was wohl auf ihre 
kosmogonische Funktion im Hinwegdrüdccn des Himmels zurückweist (vgl. den 
polynesischen Mythus). Mehr Gewähr haben die Angaben bei Nikander, Frg. 4, 
wo die Titanen als :iotan:a)detg deoC erklärt werden, und bei Lukian de saltu 
nymph., wo Priapus Tirdv genannt wird. Demgemäß leitet auch Kaibel (Gott, 
gel. Nachr. 1901, p. 492) das Wort von itioi, einem Ausdrudi für das membrum 
virile, ab. Da die Titanen, wie aus unserer Analyse hervorgeht, segenbringendc 
Fruditbarkeitsdämonen waren, wäre diese Etymologie auch sachlidi gerechtfertigt. 
Daneben läuft jedoch eine zweite Reihe. Sie geht davon aus, daß Titan auch ein 
Beiname des Sonnengottes ist. Als soldier fehlt er allerdings nach dem Zeugnis 
Gruppes (1. c, p. 421,3) im Kult und in der gesamten älteren Literatur und wird 
erst später, namentlich in der orphischen Literatur, häufig. Es ist ja möglirfi, daß er 
innerhalb dieser auf Grund der hesiodischen Ableitung von zivsiv (rächen) zur Be- 
zeichnung des allrädienden Sonnengottes aufgekommen ist, dodi hat das Wort 
Titdv an sich eine etymologische Beziehung zum Licht. 

So kommt nadi Prell witz, Etymolog. Wörterbuch d. griech. Spr. 2. Aufl., 
463, bei Kallimachos (Frg. 206) t^tw als Bezeichnung für Tag, genauer eine Göttin, 
die den Tag heraufführt, vor/ vgl. ai. titha^s Feuer, Glut,- tithis lunarer Tag, 
lat. titio Feuerbrand/ Ik. titnagas Feuerstein (?). Merkwürdigerweise fügt sich audv 



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Das Titaneii'Motiv in der allgemeinen Mythologie 45 

Im Anschluß an die griechischen Berichte führe ich die Nach* 
richten vor, die uns aus der ägyptischen Mythologie in Hinsicht 
auf das Titanen^Motiv erhalten sind. Ich tue das an dieser Stelle des* 
halb, weil die Philologen gewöhnlich das anstößige Motiv der Ent^ 
mannung des Uranos auf Ägypten zurückführen in der schlecht ver* 
hüllten Absicht, es damit von den Griechen wegwälzen zu können 
<vgl. A. Dieterich, Abraxas, p. 76, 4, Preller- Robert, Griech. 
Mythologie, p. 52 f. RLM. II, 1, 1543f.>. Sie beziehen sich dabei 
auf eine Stelle im ägyptischen Totenbuch, die bei Brugsch (Religion 
und Mythologie der Ägypter, p. 225) folgendermaßen lautet: >Ich bin 
es, ich, nämlich Osiris, idi habe eingeschlossen meinen Vater Queb 
und meine Mutter Nut an jenem Tage der großen Verstümmelung. 
Mein Vater ist Queb, meine Mutter Nut, ich bin Horus der Ältere, 
der Sohn.« Diesen Worten des Osiris liegt §ewiß eine primitive 
Form des Titanen^Motivs zugrunde, aber die Übereinstimmung mit 
dem Kronosmythus ist doch sicher nicht so groß, daß darum eine 
Abhängigkeit der griechischen von der ägyptischen Überlieferung 
konstruiert werden dürfte. Übrigens ist diese Stelle des Totenbuches 
nicht die einzige Quelle für unsere Kenntnis des Welteltern* und 
Titanenmythus auf ägyptischem Boden. Queb und Nut, in der Rede 
des Osiris offenbar die Welteltern, sind nach H. Schneider ein 
Geschwistergattenpaar, das sidi umschlungen hält, bis es schließlich 
getrennt wird. Doch zeigt die Ausführung des Gedankens im ein^ 
zelnen eine Reihe \on Abweichungen gegenüber der Mehrzahl der 
übrigen Titanenmythen. Erstlich ist Queb, die irdische Gottheit 
männlich, Nut, die himmlische, weiblich gedacht/ dann geschieht 
die Trennung nicht durch ihre eingeschlossenen Kinder, sondern durch 
die Eltern Schu <die Luft) und Tefent <das Wasser der Luft). 
Schu und Tefent selbst stammen von Re, dem Sorfnengott, der sie 



diese Etymologie dem von uns erschlossenen Charakter der Titanen, da diese in 
enger Verbindung mit ihrer Natur als Vegetations* (phallische) Götter, zugleich 
Heraufbringer des Lichtes sind, ein Zug, der in allen Titanenmythen, vorzüglich 
aber im polynesischen Beridite zutage tritt. Wer nicht direkt Linguist ist, wird 
sich natürlich nicht anmaßen, hier eine Entscheid: ng treffen zu wollen, zumal die 
Forscher, wie Fick (vgl. Wörterb. d. indogerm. Spr, L Bd., 4, 62>, keine Bedenken 
tragen, in modifizierter Weise auf die hesiodische Etymologie zurückzugreifen und 
die Titanen als die eidrächenden Götter von liveiv abzuleiten, während F. Solmsen 
(Indogerm. Forsdiungen, XXX. Bd., 1912, p. 36f.> sie naA Preller mit iiiög 
»geehrte verbindet, ein blasses Vokabel, für das eine ähnliche Ausdruckslosigkeit 
mehrerer anderer Götternamen aus der mykenischen Periode als Stütze heran- 
gezogen wird. Doch wage ich die Vermutung, daß die oben erwähnten etymo* 
logischen Ausgangspunkte: ihoi = membrum virile und Titcu = Tag (Feuer, Glut, 
Feuerbrand im ai. und lat.) vielleicht gar nichts ursprünglich Verschiedenes be- 
deuten. Indes muß ich eine tiefere Begründung dieser Vermutung für einen anderen 
Zusammenhang aufsparen. Es sei nur noch enx^ähnt, daß die bis jetzt ungelöste 
Frage, wie Helios zu dem Beinamen Titan gekommen sei, eine Lösung in dem 
Sinne zuläßt, daß Helios- Apollon mit der Funktion der verdrängten vorolympischen 
Lichtgötter auch deren Namen an sich gerissen hat, wie Athene (nach Festus 220) 
den des Pallas, eine Lösung, die ganz unabhängig davon ist, ob in dem Namen 
Titan auch ein Hinweis auf die Lichtnatur des Gottes enthalten ist. 



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4H Emil Franz Lorenz 



nach der einen Theorie ungeschlechtlich hervorbringt, nach der anderen 
in die Hohlhand zeugt und aus dem Munde gebiert. Mit den an^ 
geführten Vorstellungen steht in nächstem Zusammenhang der Mythus 
von der Himmelskuh, der nach Brugsch^ auf der Hinterwand einer 
Seitenkammer im Grabe des Königs Seti I. zu Biban el Moluk in 
Wort und Bild dargestellt ist. »Die Inschrift erzählt in ausführlicher 
Weise, wie das Menschengeschlecht sich im Aufruhr gegen seinen 
alt und schwach gewordenen Schöpfer, den Lichtgott Ra, erhoben hat, 
wie er sich, überclrüssig ihrer Bosheit, mit den versammelten Göttern, 
an ihrer Spitze der Vater Nun, beraten hat, was zu tun sei, und 
wie man einstimmig die Vernichtung des Menschengeschlechts be- 
schlossen habe.« Die Göttin Hathor erhält den Befehl zur Aus^ 
fuhrung des Beschlusses. Da faßt Ra den Entschluß, von der Erde 
zu scheiden. »Mein Leib wird zunehmen an der begonnenen Schwäche, 
wenn ich nicht hingehe, wo mich kein anderer erreichen kann.« Der 
Urvater Nun habe hierauf dem Gotte Schu den Auftrag gegeben, 
als Auge seines Vaters auf der Erde zu dienen, d. h., sie als Sonnen^ 
strahl zu erhellen, während die Göttin Nut in eine Kuh verwandelt 
worden sei, um den Lichtgott Ra auf ihrem Rücken zu tragen. Ra 
befiehlt dem Luftgott Schu, den Leib der Kuh auf seinem JKopf zu 
tragen. — Nach dieser Überlieferung entsteht somit eine neue Welt^ 
Ordnung, nach welcher der Bildung der Erde die Sdiöpfung des 
Himmels und der Luftsphäre folgte, ersterer vertreten durdh die Ge* 
stalt der Himmelskuh Nut, letztere durch den Gott Schu. »Er hing 
die Himmelsdecke auf ihren vier Säulen auf, indem er sie als Luft 
stützte, er hing das Himmelsgewölbe auf und lieh sich her als seinen 
Träger in Gestalt einer großen Luftsäule im Angesicht der Stadt 
Esne. Schu der Himmels träger wird darum Seine Majestät ge*^ 
nannt und kein anderer übertrifft ihn unter diesem Namen. Er hat 
den Himmel versehen mit herrlicher Höhe und seine Herrlichkeit ge*^ 
webt. Das ist der Gott Chnum, bei dessen Anblick man lebt und 
welcher die Erde erleuchtet durdi den Glanz seines Auges.« <Brugsch, 
p. 209.) 

Sehr instruktiv ist die Abbildung auf p. 210: auf dem Boden 
eine männliche Figur, Queb, der Erdgott, in halb liegender Stellung, 
auf den rechten Arm gestützt und das Haupt zur Seite geneigt,- 
über ihn eine weitaus größere weibliche Gestalt, Nut, die HimmeTs- 
göttin, halbkreisförmig in der Weise darüber gebeugt, daß ihre Füße 
den Boden seitlich von der Stelle berühren, wo Queb den Arm auf^ 
stützt, während ihre Hände in der Nähe von Quebs Füßen auf^ 
liegen. Zwischen den beiden Figuren ist ein weiter Raum frei, innere 
halb dessen eine dritte Figur sichtbar ist, die in aufrechter Stellung 
mit beiden Händen Nut emporzudrängen sucht. 

Die befremdlichen Abweichungen dieser Mythe verhalten sich 
einem Reduktionsversuch gegenüber nicht so spröde, als es auf den 



Religion und Mythologie der Ägypter <p. 206 fF.). 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 



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Nach Heinrich Brugsch, Religion und Mythologie der alten Äg>'pter. 
Hinrichs, Leipzig 1888, p. 210. 



ersten Anblick scheinen will. Wir bedienen uns des scfion lange mit 
Erfolg in der mythologischen Forschung wie in der Traumdeutung 
angewendeten Kunstgriffes der Umkehrung der Relationen. Queb 
rüd^t nach oben, Nut nach unten, eine der beiden Figuren dreht 
sich um zwei rechte Winkel, schließlich ist Schu nicht mehr der Vater, 
sondern der Sohn des Weltelternpaares und wir haben Himmel und 
Erde, deren Liebesvereinigung clurdi ihren Sohn, den titanischen 
Helden, getrennt wird. Die Tendenz dieser vom Mythus vor^ 
genommenen Verschiebung ist klar,- das Bild der durch den Sohn 
getrennten elterlichen Cohabitatio sollte aus Gründen, die wir später 
einsehen werden, beseitigt werden,- das wird bewirkt durch die ge* 
schilderte dreifache Inversion: die Eltern werden zu Kindern, der 
Sohn zum Vater, das Oben zum Unten, aus Rechts wird Links. 
Anstoß nehmen wird an dieser Lösung nur, wer mit den ganz ana* 
logen Fällen aus der Traumtechnik unbekannt ist und sich nicht aus 
der Betrachtung des Bildes die Einsicht in die wirklich naive und 
ungekünstelte Art dieser Umkehrung verschafft. Eine weitere Ver^ 
Schiebung des Mythus liegt in folgendem Umstand. Aus dem An^ 
fang der obigen Erzählung, der deutlich an den Sintflut^ und Turm^ 
baumythus anklingt, läßt sich erkennen, daß es nicht Queb und Nut 
sind, gegen die sich ursprünglich die Ernpörung riditet, sondern der 
lammergreis, der ihr übrigens durch die Selbsterkenntnis einer lichten 
Stunde die Spitze abbricht. Die Einschiebung von Queb und Nut, 
zu der Re selbst die Anregung gibt, dient demgemäß zur Ab^ 
Schwächung der gegen den Himmelsgott gerichteten titanischen Hand^ 
lung. Der feststehende, in der Volksüberlieferung begründete Punkt in 
diesem Sagengewebe ist Schu, der Himmelsträger und Begründer 
einer neuen Weltordnung <= Tane^mahuta, Ru, Kronos, Atlas). 



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48 Emil Franz Lorenz 



NaA der nordischen Überlieferung entsteht im Abgrund 
Ginnungagap aus dem Zusammenfließen der Eisströme Niflneims 
mit den glühenden Funken Muspelheims Ymir <der Brauser), der 
Stammvater der Jötune, der Reifriesen. Als zweigesdileditlidies 
Wesen zeugt er aus sidi selbst Söhne und Töditer. In dieser Be- 
ziehung ist er in Parallele zu stellen zu den beiden gesdileditlidi 
differenzierten Gestalten, die in den anderen Mythologien als Welt^ 
eitern auftreten. Am nädisten verwandt ist er dem ägyptisdien Ra 
<s. o.) und der babylonisdien Thaletth des Berosos <s. o., p. 33). 
Die Riesentoditer Bestia ehelidit Borr, den Sohn des Buri, der aus 
den Eisblöd^en entstanden war, an denen sidi die Kuh Audumla 
Nahrung leckte. Borrs Söhne sind Odin, Vili und Ve. Sie erheben 
sidi gegen Ymir <titanische Empörung) und ertränken in seinem 
Blute das Gesdiledit der Jötune. ymir wird getötet (Variation der 
Entmannung), aus seinem Körper wird die Welt gebildet (Tren- 
nung von Himmel und Erde). Sein Blut gibt Seen und Gewässer, 
sein Fleisdi das Land, seine Knodien die Berge, seine Haare die 
Wälder, sein Sdiädel den Himmel, sein Gehirn die Wolken. (Vaf^ 
thrüdnis^mäl 21, Grimnis^mäl 40 f). — Die Annahme sdieint gegen^ 
wärtig die herrsdiende zu sein, daß »diese Darstellung der v7elt^ 
sdiöpfung unter dem Einfluß antiker Beridite entstanden sei, die den 
Mikrokosmus aus denselben Dingen entstanden sein läßt, die hier 
dem Riesenleib zur Weltsdiöpfung entnommen werden«. So Mogk 
in Pauls Grundriß der german. Philologie, I. Bd., p. 1113. Audi 
E. H. Meyer ist sehr geneigt, in der eddisdien Kosmogonie fremde 
Einflüsse anzunehmen. Mit Unredit, wie idi für diesen Fall glaube 
erweisen zu können. Diese Art der Weltentstehung findet sidi nämlidi 
mit vielen übereinstimmenden Zügen nodi an zwei anderen Stellen 
der Erde und es wird wohl nidit angehen, die nordisdie Darstellung 
auf abstrakte Spekulationen des Altertums zurüd^zuführen, wenn sie 
in ihrer Primitivität eine deutlidie Verwandtsdiaft mit Mythen aus 
weitentlegenen Völkerkreisen aufweist. Idi meine hiemit zuerst die 
sogenannte purusa^sukta des Rigveda (10, 90). A. A. Macdonald^ 
sagt darüber folgendes: »Though several details in this myth point 
to the most recent period of the RV., the main idea is very primi* 
tive, as it accounts for the formation of the world from the body 
of a giant. With him the gods performed a sacrifice when his head 
become the sky, his navel the air, and his feet the earth. From his 
mind sprang the moon, from his eye the sun, from his mouth Indra 
and Agni, from his breath wind. The four castes also arose from him.* 

Erst in der Mundaka^Up. 2, 1 ^ erhält diese ursprünglidi primi^ 
tive Idee eine philosophisdie Interpretation im Sinne der Brahman* 
lehre. — Eine weitere Parallele treffen wir auf Sumatra. Dort er*^ 
zählt man, daß die Welt aus einem Huhn gebildet wurde. »Sein 
Kopf wurde zu einem Götzenbild, sein Sdinabel eine Goldschmied^ 

' Vedic mythology in Bühlcrs Grundriß der indo*arisAen Philologie. 
- Deussen, 60 Up. \ p. 550 f. 



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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie 4*J 



Zange, sein Magen Gold und Silber, seine Federn Bäume, Blätter 
und allerlei Pflanzen, sein Sdiwanz zu Zud\er, seine Eingeweide 
Gewächse, sein Fleisdi Erde, sein Blut ^X^asser. Damit war die 
Erde fertig.«^ Das für unseren Zwedi aussdilaggebende Motiv der 
Weltbildung aus den Bestandteilen eines Lebewesens ist deutlidi genug 
zu erkennen. Überdies haben wir in dieser Mythe von Sumatra eine 
interessante Versdimelzung vorliegen, zwisdien den uns sdion bekannten 
indisdien und germanisdien Vorstellungen und der weitverbreiteten, 
aus der Spekulation der Orphiker geläufigen Ansdiauung von dem 
kosmogonisdien Ei <Parodie in Aristophanes' Fröschen, v. 693 f.), das 
von dem über dem Urgewässer sdiwebenden Vogel bebrütet wird. Zu 
letzterem vergleidie man den Anfang der Genesis, wo zu übersetzen 
ist: Der Geist Gottes brütete über den Wassern. Hermann Gunkel 
im Kommentar zur Genesis, p. 92^ bemerkt dazu: »Die Gottheit, 
die das Chaos zur Welt entwickeln soll, wird ursprünglidi als ein 
brütender Vogel vorgestellt sein.« Vgl. audi Chantepie, II. Bd., 
p. 324. In der Encycl. Brit,, VI. Bd., p. 447, übersetzt Rev. Prof. 
Cheyne statt »Geist« »der Wind Elohims« und knüpft daran 
folgende Bemerkung: The peculiar expression »the wind of Elohim 
was hovering« suggests different comparisons,- thus, on a far Iower 
stage of religious progress, the Polynesians often describe the heaven^ 
and air^god Tangaroa as a bird hovering over the waters. Waitz 
(Anthropologie der Naturvölker), VI. Bd., p. 241. In the carliest form 
of the narrative in Gen. I it may have been ^> the bird of Elohim«, 
»wind« seems to be an interpretation. 

Die Nadiweisung dieser Parallelen zum Vmir-Mythus dürfte 
genügen, um der Ansidit derjenigen den Boden zu entziehen, die in 
ihm Beeinflussung von Seite antiker Philosophie zu erkennen glauben. 
Wir haben vielmehr eingesehen, daß in ihm gar nidits Abstraktes 
vorhanden ist, sondern eine zwar etwas monströse, aber keineswegs 
vereinzelt stehende Form des allbekannten Titanen^^Motivs^. 

Den oben <p. 43ff^.> angeführten Mythus von den Aloaden 
hat man in alter und neuer Zeit mit dem Turmbau von Babel 
in Parallele gesetzt. Das ist zuerst gesdiehen durdi Philo in der 
Sdirift über die Spradien Verwirrung <Kap. 4>, ferner bei Origenes 
contra Celsum <Kap. 4). Dasselbe gesdiieht — immer ohne tiefere 
Begründung — bei M. Mayer, Giganten und Titanen <p. 74) und 

^ F. C. M. Plcyte, Zur Kenntnis der religiösen Anschauungen der Bataks, 
Globus, B. 60, p. 290/ Frobenius, Weltanschauung etc., p. 10. 

- Handkommentar zum Alten Testament, herausgegeben von W, Nowack, 
I. Bd., Gott. 1902. 

^ Indes hat Mogk, wie hier bemerkt werden muß, in der 2. Auflage des 
Paulsdien Grundrisses seinen Standpunkt geändert, indem er unter Berufung auf 
eine Arbeit Chantepics seiner von uns kritisierten früheren Ansicht die Worte 
folgen läßt: ^^Nichtsdestoweniger kann die nordische Weltschöpfung recht wohl 
nationalen Ursprungs sein, wenn auch in dem detaillierten Bericht der Vafthr. 
und Grtmn. die voneinander abhängig sind, fremder Einfluß mitgewirkt haben 
mag« <in. Bd., p. 377). 



Imago II 1 



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60 Emil Franz Lorenz 



bei Preller^Robert, Griedi. Mythologie <p. 104) von Seite der 
griediisdien Überlieferung aus. Am bedeutsamsten für unseren Zweck 
sind nodi die freilidi ebenfalls spärlidien Bemerkungen bei Eduard 
Reuß, Das Alte Testament, IIL Bd., p. 233; »Wir wagen sogar die 
Vermutung, daß die Gesdiidite vom Rebellen Nimrod <»marad« 
heißt »sidi empören«) und die vom Turmbau zu Babel, so ver^ 
sdiieden sie audi hier lauten, dodi im Grunde nur zwei Formen 
der audi den Griedien bekannten Mythe sind von den Riesen, die 
den Himmel stürmen wollten . . . Die Gottheit ist der Unternehmung 
feindlidi gesinnt, die Ursadie dieser Gesinnung wird nidit angegeben, 
audi dies mag die Annahme bestätigen, daß wir hier nur eine sehr 
abgesdiwädite Gestalt der weitverbreiteten Mythe haben, von den 
himmelstürmenden Mensdien, auf weldie ja die letzten Worte Jahwes 
anzuspielen sdieinen.« Es wird sidi indes empfehlen, den Wortlaut 
der Genesis selbst hieherzusetzen <11, 1 — 9>: Nun spradien alle 
Mensdien dieselbe Spradie und gebrauditen dieselben Worte. Als 
sie auf ihren Wanderungen von Osten her im Lande Sdiinear eine 
Ebene entdediten und sidi daselbst angesiedelt hatten, spradi einer 
zum anderen: »Auf, wir wollen eine Stadt bauen und einen Turm, 
der bis an den Himmel reidit, und uns einen Namen madien, so daß 
wir nidit auf der Erde zerstreut werden. Aber Jahwe kam herab, 
um sidi die Stadt und den Turm zu besehen, welchen die Mensdien* 
kinder bauten. Und Jahwe spradi: Seht dodi, sie sind ein einziges 
Volk auf Erden und reden alle dieselbe Spradie! Jetzt madien sie 
sidi ans Werk und fortan wird ihnen nidits verwehrt werden können, 
was sie audi unternehmen mögen. Auf, wir wollen hinabkommen 
und ihre Spradie verwirren, so daß keiner mehr die Rede des anderen 
versteht! So zerstreute sie Jahwe von dort über die ganze Erde 
und sie unterließen den Bau der Stadt. Daher heißt ihr Name Babel, 
weil der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Spradie und sie 
zerstreuet von dannen in alle Länder. — Der Vergleidi mit den 
zuvor behandelten Mythen setzt uns nun, wie idi glaube, in den 
Stand, dieses von versdiiedenen Händen mit zaghafter Sdieu an^ 

Berührte Problem einer, wenigstens in ihren Grundzügen, absdiließenden 
.ösung zuzuführen und so unsere Kenntnis von dem mythisdien 
Untergrund der biblisdien Erzählungen ein Stüd^dien zu erweitern. 
Die Handhabe dazu bietet uns ein Motiv des Turmbaumythus, das 
in dem biblisdien Beridit zwar nidit enthalten ist, aber mit aller 
wünsdienswerten Klarheit als der ältesten Überlieferung angehörig 
ersdilossen werden kann. Wir besitzen nämlidi eine Darstellung des 
Turmbaues von Babel im dritten Budi der jüdischen Sibylle, v. 
99fF., die idi gleidi in der Übersetzung von Friedridi Blas s^ zitiere: 
Aber wenn die Drohungen des großen Gottes erfüllt werden, 
die er einstmals den Sterblidien androhte, als sie den Turm bauten 
im assyrisdien Land/ die waren aber alle von gleidier Spradie und 

' In Emil Kautzsch' Apokryphen und Pseudepieraphen des Alten Testaments, 
II. Bd., p. 187. 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 51 



wollten emporsteigen zum gestirnten Himmel. Alsbald aber 
legte der Unsterblidie den Winden mäditigen Zwang auf und da 
warfen die Stürme den großen Turm hodi hinab und erregten 
den Sterblichen Streit miteinander. <Im Vers 100 findet sidi 
ein Anklang an den Aloadenmythus der Odyssee,- man vergleidie 
die Worte Kai ßovXovv' ävaßrjvcu ig ovoavöv äorsgöevra mit 
Od. 11,615: IV ovQavög äfißatög m],) 

Die Paraphrase, die der im ersten Jahrhundert v. Chr. 
in Rom lebende Alexander Polyhistor, der Vielwisser, von A^n 
sibyllinisdien Versen gegeben hat, ist nadi O. Gruppe^ in fünf 
Versionen erhalten, nebeneinandergestellt, ebenda p. 678. Merk^ 
würdigerweise haben so orthodoxe Leute wie Josephus Flavius 
<Antiqu. Jud., I, 4> und Eusebius (Chron., I, 33) statt des 
Singulars Gott den Plural, so daß jener von den Göttern spridit, 
die die Winde sandten, dieser von den Winden, die den Göttern 
zu Hilfe kamen. Indes sdieint <vgl. ibid., p. 683) Alexander Poly^ 
histor nidit den alten jüdisdien Kern unseres 3. Sibyllenbudies und 
sehr wahrsdieinlidi überhaupt keine jüdisdie Sibyllensammlung benützt 
zu haben, »vielmehr ist anzunehmen, daß seine Sibylle die Turm^ 
baulegende aus babylonisdien Quellen sdiöpfte und sidi daher und 
zwar mit besserem Redit als unsere Sibylle <III, 808) eine Babylo^ 
nierin nannte«. Sei dem wie immer, so lassen jene außerbiblisdien 
Nadiriditen auf eine Volksüberlieferung sdiließen, nadi der der 
Turm von den Winden im Dienste Gottes oder der Götter 
umgestürzt wurde. Jahwe ist audi sonst Herr über die Winde,- 
vgl. Gen. 8,1 »ließ Winde über die Erde kommen und die Wasser 
fielen«/ Exod. 15,10: »da ließest du deinen Wind wehen und sie 
sanken unter wie Blei im mäditigen Wasser.« Neben anderen 
Stellen 2 besonders mehrere bei Jeremias in der Prophezeiung vom 
Untergang Babels. Diese sollen nämlidi zur Beruhigung derjenigen 
dienen, die etwa in der Erzählung von dem durdi die w inde um- 
gestürzten Turm eine spätere rationalistisdie Deutung vermuten. 
Jerem. 51,1: Siehe, idi will einen sdiarfen Wind erwed^en wider 
Babel und wider seine Einwohner, die sidi wider midi gesetzt haben. 
51,51: Siehe, idi will an didi, du sdiädlidier Berg, der du alle 
Welt verdirbst, spridit der Herr, idi will meine Hand über didi 
stredten und didi von dem Felsen herabwälzen und will einen 
verbannten Berg aus dir madien. — Anspielungen an den himmeU 
hohen Turm von Babel 51,9: . . . denn ihre Strafe reidit bis an 
den Himmel und langt hinauf bis an die Wolken. — Das Motiv 
der Winde, die dem Himmelsgott zu Hilfe kommen und durdi die 
Zerstörung des Turmes die Zerstreuung der Mensdien bewirken, 
führt uns mit leiditer Hand an den Ausgangspunkt unserer Betradi^ 
tung zurüd^. Erinnern wir uns, wie im polynesischen Mythus 

* Die griechischen Kulte und Mythen. I. Bd., p. 677 ff. 
«Aufgezählt bei E. Böklen, Die Sintflutsage, Arch. f Relgwsdi. 6, 1903, 
p. 37 ff. 



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Emil Franz Lorenz 



der Windgott Tawhiri'^ma^tea die Partei des Himmelsgottes 
ergreift/ wie in der darauf ausbredienden Windflut die Gesdiöpfe 
sim entzweien nadi allen RiAtungen zerstreut und auf diese 
Weise für ihr Unterfangen gestraft werden. Alle diese Motive 
finden wir im Turmbaumythus wieder, ohne der Überlieferung die 
mindeste Gewalt anzutun. Der Trennung des Himmels von der 
Erde, durdi den Vater der Wälder, durdi aufeinandergetürmte 
Berge im Aloadenmythus entspridit die Erbauung des Turmes, an 
dem die Mensdien zum Himmel emporsteigen wollten, der Wind* 
gott Tawhiri-ma^tea ist durdi die Winde Jahwes vertreten, die 
Bestrafung der titanisdien Helden besteht hier wie dort in aus^ 
brediender Uneinigkeit und Zerstreuung. Die gefundenen Übercin* 
Stimmungen werden uns audi helfen, die Gründe für die versdiiedene 
Gestaltung des äußeren Bildes des Mythus in der Bibel darzulegen. 
Für den, der den Charakter dieses BuAes erkannt hat, das durdi- 
gehends räumlidi und zeitliA unbesAränkte mythisdie Erzählungen 
historisdi und geographisdi festzulegen und seiner theologischen 
Tendenz dienstbar zu madien bestrebt war, hat nämlich die Tatsadie, 
daß sidi im vorliegenden Falle der mythisdie Gedanke an ein ein* 
zelnes auffallendes Bauwerk geheftet hat, nidits Ungewöhnliches an 
sidh. Nidit ganz Recht kann idi darum Holzinger geben, wenn er 
sagt: t^Wenn je ursprünglidi die Vorstellung himmelstürmender 
Titanen zugrunde lag <Reuß, III, 233>, so ist diese jetzt so völlig 
getilgt, daß sie für die Erklärung ganz außer Betracht bleiben muß, 
die vorliegende Erzählung redet nur von einer mensdilidien Unter* 
nehmung und von mensdilichen Schicksalen. << ' Der Leser, der meinen 
bisherigen Ausführungen über das Titanen^Motiv gefolet ist, wird 
mir, glaube idi, beistimmen, wenn idi behaupte, daß die Auf* 
deckung der mythisdien Grundlage der Erzählung nidit nur für 
die allgemeine Mythologie, sondern auch für die Erkenntnis der 
religionsgeschiditlichen Stellung des alten Testaments von Bedeu* 
tung ist. 

Eine noch weitergehende Verdünnung unseres Motivs glaube 
idi in der Erzählung vom Falle Jerichos zu erkennen. Deuteron, 
1,28 lesen wir: Es ist ein Volk da, größer als wir und hodi* 
gewadisen, und Städte, groß und fest, bis an den Himmel/ audi 
Riesen haben wir da gesehen. Ibid. 9, 1 : Höret, Israeliten, ihr seid 
im Begriffe, heute den Jordan zu übersdireiten und Völker zu be-» 
zwingen, die größer und stärker sind als ihr, große Städte, deren 
Mauern bis an den Himmel reichen, ein großes und riesiges 
Volk, die Enakiter. Die Städte und Mauern des kanaanitisdien 
Landes werden also mit ganz ähnlichen Ausdrüd^en besdirieben 
wie der Turm von Babel <Gen. 11,4). Das würde an sidi nidit 
soviel zu bedeuten haben, vielleicht mochte diese Besdireibung ja in 
metaphorischer Übertreibung wirklidie Verhältnisse widergespiegelt 

' Kommentar zur Genesis im Handkommeiitnr zum alten Test., herausgcj^eben 
von Karl Marti/ 1. Heft, p. 110. 



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Das Titaneri'Motiv in der allgemeinen Mythologie 58 

haben. Immerhin ist die Übertreibung im Munde der Leute auf^ 
fallend zu nennen, die, da sie bekanntlidi keine vierzig Jahre in der 
Wüste umhergezogen sind, sidi einige Monate zuvor dem Frondienst 
beim Baue der ägyptischen Pyramiden entzogen hatten. - Dodi 
verfolgen wir das Motiv weiter. Das Budi Josua erzählt die be^ 
kannte Gesdiidite vom Falle einer dieser kanaanitisdien Städte, 
leridios, mit folgenden Worten <6, 20): Da madite das Volk ein 
Feldgeschrei und bliesen die Posaunen. Denn als das Volk 
den Hall der Posaunen hörte, madite es ein großes Feldgesdirei. 
Und die Mauern fielen um und das Volk erstieg die Stadt, ein 
jeglidier straAs vor sidi. So gewannen sie die Stadt. 

Holzinger im Kommentar zu Josua ^ bemerkt dazu: Falls die 
Erzählung einen Kausalzusammenhang zwisdien dem Blasen des 
Signals und dem Sturz der Mauern im Auge hätte, so könnte an 
das siebenmalige sdiweigende Umkreisen als an eine Art voraus- 
gehender Besdiwörung gedadit werden. Indessen, bei Wundern wird 
nadi dem Zusammennang nidit gefragt. Die Legende könnte ent^ 
standen sein, wie die vom Stillstand der Sonne und Mond in der 
Sdiladit bei Gibeon <10, 12> aus wörtlidiem Verständnis einer hyper^ 
bolisdien Wendung,- daß es eine poetisdie Überlieferung von dem 
Ereignis gab, legt v. 26 ohnehin nahe. Der letztausgesprodienen 
Vermutung des Kommentators vermag idi nidit beizupfliditen, sie 
erinnert zu stark an Max Müllers Mythentheorie. Erklärt sidi der 
vorliegende Beridit des Budies Josua nidit einfadier durdi die An^ 
nähme, daß es, wie beim Turm von Babel, ursprünglidi ein von Jahwe 
gesandter Sturm war, der die Mauern niedergelegt hat? Erinnern 
wir uns nur noch an die oben aus dem Deuteron, angeführte Be-«^ 
sdireibung der Städte Kanaans und ihrer Ahnlidikeit mit der 
des Turms von Babel! In beiden Mythen werden es die Winde 
Jahwes gewesen sein, die die ihm selbst oder seinen auserwählten 
Sdiützlingen feindlidien Bauwerke zerstörten: für den Turm von 
Babel wissen wir es durdi die in der Sibylle erhaltene Tradition, 
für die Mauern Jeridios dürfen wir es auf Grund eines wohU 
fundierten Analogiesdilusses vermuten. In Wirklidikeit ist der Zug 
ja nidit einmal ganz versdiwunden, denn das Wehen der Winde ist 
offenbar ersetzt durdi das Blasen der Posaunen, das nadi der Dar^ 
Stellung der Bibel zweifellos in einem Kausalzusammenhang mit dem 
Umsinken der Mauern steht. 

Wir sind am Ende des historisdien Teils unserer Untersudiung 
angelangt. Es harrt nun unser die Aufgabe, die treibenden Kräfte 
in der Entstehung und Gestaltung unseres Motivs ans Lidit zu 
stellen. Es ist ein gewaltiger Abstand zwisdien der Gestalt, die das 
Titanen^Motiv in der zuletzt behandelten Jeridio^Legende besitzt, und 
der runenhaft^rätselhaften, der äußeren Realität mit einer verwegenen 
Freiheit gegenübertretenden Kosmogonie der Edda, zwisdien der un- 

^ Handkomm. zum Alten Test., her.Tusg. v. KnrI Marti, Abt VI, p. 18. 



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OrfgfrTaffrom 
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5-1 Emil Franz Lorenz 



lebendigen, sich jeder Weiterbildung versagenden australisdien Mythe 
von dem namenlosen Mann mit dem Stod^e, der die Sonne zurüdk^ 
stieß, und der fast beängstigenden Mannigfaltigkeit von Parallel^ 
gestalten des griediisdien Mythus, an denen sidi heilig^^ernste ethisdi* 
religiöse Wertung im Bunde mit einer iiberstarken Phantasie in Haß 
und Liebe gestaltend bestätigt hat. 

Die Zusammengehörigkeit der im vorausgehenden behandelten 
Überlieferungen ist durdi innerlidie Kriterien verbürgt. Dennodi 
wollen wir es nidit unterlassen, uns audi über die Gründe für die 
Versdiiedenheit ihrer äußeren Gestalt wenigstens im allgemeinen 
ReAensdiaft zu geben. Mit der Anführung folgender zwei Punkte 
glauben wir nidits Neues zu sagen : 1 . Versdiiedenheit der geistigen 
Anlagen der mythenbildenden Gemeinsdiaft. Demgemäß wird ihr 
Produkt, der Mythus, bald dürftig wie bei den Australiern, bald 
belebt und bereidiert durdi eine lebendige Naturansdiauung, wie bei 
den Polynesiern, uns entgegentreten. 2. versdiiedenheit der äußeren 
Lebensbedingungen und demgemäß der vorherrsdienden Interessen 
des Volkes. Es ist klar, daß diese Untersdiiede audi auf die Ge^ 
staltung des ersten Punktes ihren Einfluß ausüben werden,- eine reidie 
Natur wird das ingenium viel mehr befruditen als die Einsamkeit 
der Wüste. Trotzdem wird niemand den Milieustandpunkt so weit 
treiben, daß er hier eine Reduktion fordern würde. Was hier gesagt 
wurde, sind sozusagen Selbstverständlidikeiten. 

Wir finden nun, wenn wir die Mythen genauer durdimustern 
und besonders die griediisdie Überlieferung eingehender ins Auge 
fassen, die uns bereits oben, vornehmlidi in der GesAidite der Jape* 
tiden, durdi eine eigentümlidie Färbung aufgefallen ist, noch ein 
Drittes als Variationsfaktor wirksam, nämlidi die Veränderung, die 
der Mythus — wir wissen nodi nidit warum — durdi einen rein 
psychologischen Faktor erleidet, nämlidi durdi die Ver- 
schiebung der Anteilnahme, die der Mythenerzähler an den 
überlieferten Gestalten nimmt. Die Gründe für diese Ver* 
Schiebung aufzuweisen, deren Hin^ und Widerspielen, wie wir 
wiederum in Hinblid^ auf den griediisdien Mythus erkennen werden, 
fürderhin einzig aussdilaggebend für seine Weiterbildung war, heißt 
aber den Finger legen auf die psych isch-affektiven Wurzeln 
dieser Gedankengebilde. 

Diese Untersudiung kann jedodi nidit vorgenommen werden 
ohne eine genaue Analyse des mythischen Stoffes selbst, an 
dem sidi diese Affekte betätigt haben. Wenn wir hier von Affekten 
reden, wiederholen wir zugleidi, daß nadi unserer Überzeugung der 
Mythus — wie alle natürlidi gewadisenen mensdilidien Vorstellungs* 
gebilde — sidi nidit in einem unpersönlidien Fürsidisein auf Grund 
rein logisdier Gesetze aus sidi selbst herausspinnt, daß vielmehr in 
dem psydiologisdien Medianismus der Triebe und Begehrungen der 
Grund für die Gestaltung des Vorstellungslebens zu sudien sei. 
Der lebendig wollende Mensdi ist für uns der Mittelpunkt der Llnter- 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 55 

sudiung, der Mythus selbst ein dem Traum vergleidibares gedank* 
lidies Surrogat, das sidi die irgendwie am vollen Erleben gehinderten 
Wünsdie als sekundäre Lustquelle sdiafFen. Wir haben bereits in 
der Analyse der Gestalt des Kronos den Zusammenhang der 
mythischen Erzählung mit der kult liehen Handlung dargelegt. 
Die kulriidie Handlung gehört nun, wie jeder weiß, restlos der 
Willenssphäre des Mensdien an. Der durdi antezipierte Gefahren 
geängstigte Wille versdiafFt sidi in ihr durdi symbolisdie Vor-^ 
beugungsmaßregeln Hoffnung und Beruhigung, was um so voll- 
kommener erreidit wird, je mensdiengestaltiger die Ausgangspunkte 
der Bedrohung gedacht werden, weshalb wir die Vermensdilidiung 
der dämonisdien Wesen als in diesem Bedürfnis begründet anspredien 
dürfen. Kronos, der am Anfang der Dinge die Geburten aus dem 
Sdioße der Erde befreit, wird vorzüglidi geeignet sein, audi den 
Mensdien in dieser Beziehung seine Hilfe angedeihen zu lassen. 
Nehmen wir nodi hinzu, daß ein gewisses theoretisches 
Interesse, als Entwid^lungsform des dem Willen dienstbaren 
Orientierungsbestrebens, gepaart mit der wiederum affektiv betonten 
intellektuellen Funktionslust, Auskünfte über den Hergang bei 
der Entstehung der Dinge verlangt, so haben wir einen weiteren, 
den naturmythischen Faktor bei der Entstehung unseres Mythus. 
Dodi bleibt nodi immer die Frage übrig, ob diese beiden 
Momente die uns vorliegende Gestalt desselben ihrem wesentlidien 
Inhalt nadi erschöpfen. 

Diese Frage ist ohne Zweifel zu verneinen, gerade das Wesent^ 
lidie bleibt dabei unerledigt: keine Interpretationskunst vermag aus 
der Betraditung der Natur Vorstellungen wie die von der Empörung 
der Kinder des Himmels und der Erde gegen ihren Vater, dessen 
Entmannung, den Inzest mit der Mutter herauszulesen. Was darüber 
bislang gescnrieben wurde, erbaulidie und rührende Gedanken, wie 
man zugeben muß, ist dodi kaum ernst zu nehmen. 

Preller^Robert <Griedi. Mythol. ^, p. 44> finden als Grund- 
gedanken der Titanen^MythoIogie den »tief begründeten Erfahrungs- 
satz, daß das Vollkommene sidi immer nur auf Unkosten des weniger 
Vollkommenen geltend madien kann und daß alle höhere Ordnung 
das Resultat des Streites widerstrebender Kräfte ist«. — NaA 
Welcker <Theogonie, p. 118> bedeutet die Entmannung des Uranos 
)^die Vollendung der Schöpfung, die in der Zeit abgesdilossene Er^ 
Zeugung, ein Symbol, entstanden bei der Betraditung der unend* 
lidien Mannigfaltigkeit der Gesdiöpfe«. - Man sollte meinen, wenn 
jemand »die unendlidie Mannigfaltigkeit der Gesdiöpfe« betraditet, 
sollte er wohl auf alles andere eher kommen als auf den Gedanken 
der »abgesdilossenen Erzeugung«. Die Beispiele ließen sidi aus 
den Sdiriften mandier empfindsamer Naturmythologen beliebig ver^ 
mehren. 

Es ist ganz ausgesdilossen, daß die primitiven Völker, die sich 
diese Gesdiicnten erzählt haben, sie anders als wörtlidi verstanden 



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oG Emil Franr Lorenz 

hätten. Wer sich heute, um ein Verhältnis zu ihnen zu gewinnen, 
zur Annahme einer symbolischen Bedeutung entschließt, tut dies aus 
keinem anderen Grunde, als weil er an dem wörriidi verstandenen 
Inhalt zu starken Anstoß nimmt, als daß er ihn der »Volksseele«, 
die einem demokratisdien Zeitalter bekanntlidi als die Sdiöpferin 
alles Sdiönen und Guten auf dieser Welt gilt, in Ernst zuzusdireiben 
sich getraute. Gelingt uns nun auf irgendwelchem Wege der Nach-^ 
weis, daß diesen Erzählungen eine psychische Realität zu* 
grundeliegt, so entfällt jedes Redit zur Annahme einer symboli-' 
sehen Bedeutung. 

Unser Mythus ist zunächst ein primitiver Versuch der Natur* 
erklärung, er gibt Gründe an für cfie Entstehung des Lidits, die 
auch für den Naturmenschen ein Problem ist, weil es in der Er»^ 
sdieinung von Tag und Nadit mit der Finsternis abwediselt, ferner 
Gründe für das Emporwachsen und Gedeihen der Pflanzen, schließlich 
audi für die Mannigfaltigkeit der Naturwesen (durch das Motiv der 
Zerstreuung). Jede Erklärung aber geht auf Grund einer herr- 
schenden Apperzeptionsmasse vor sidi, die zufolge ihrer Be* 
Stimmung als vorbereitendes Glied einer Handlung stets mehr oder 
weniger affektiv betont ist und eine gewisse psychische Energie für 
ihre Durdiführung entfaltet. Zugleidi ist sie sAon ihrem Ursprung 
nach als triebhaft zu charakterisieren: nur was irgendeinem — für 
uns eine letzte Tatsadie bildenden — Triebe gemäß ist, ist fähig, 
sidi zu einer apperzeptiven Vorstellungsmasse zusammenzuschließen. 

Es würde also daraus folgen, daß den in unserem Mythus 
zum Ausdruck gelangten Vorstellungen eine gleichgeriditete, affekt- 
betonte Apperzeptionsmasse entspricht,- mit anderen Worten, daß 
Haßgedanken gegen den Vater, Inzestgedanken gegen die Mutter im 
Mytnenerzähler wie in seinem Publikum in irgendwelcher Weise 
lebendig sind. Daß man diesen Schluß nidit schon lange aus einer 
Reihe von Mythen gezogen hat, erklärt sich daraus, daß unser Be- 
wußtsein normalerweise nidits von diesen Dingen weiß und deshalb 
immer wieder zur symbolisdien Deutung seine Zufludit genommen 
hat. Der UntersuAun§ eines der mensdilidien Erkenntnis bisher ver- 
sdilossen gebliebenen Teils des Seelenlebens ist es nun gelungen, 
nadizuweisen, daß diese vom wadien Bewußtsein verabsdieuten 
Regungen einerseits auf einer gewissen Entwicklungsstufe des Indi- 
viduums real vorhanden waren, anderseits noch immer fortwirken 
im Traume, in der Neurose und in den dichterisdien Phantasie- 
gebilden, denen allen die Bestimmung durch das Unbewußte wesentlidi 
ist. Mit einer Sidierheit, die sidi mit derjenigen der Mehrzahl der 
Ergebnisse historischer und philologischer Untersuchungen getrost 
messen kann, läßt sich behaupten: 

1. Der Kindheit sind die Regungen der Libido nicht fremd,- sie 
gewinnt sie aus einer Reihe von Körperfunktionen, an den so- 
genannten erogenen Zonen,- aus diesen entwid\elt sich später der 
Primat der Genitalzoncn. 



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Das Titanen-'Motiv in der allgemeinen Mythologie n7 

2. Die Objektwahl, die ein normales Gesdileditsleben kenn^ 
zeidinet, gesdiieht zuerst in der Kindheit in der Weise, daß sidi der 
Knabe mehr zur Mutter, das Mäddien zum Vater hingezogen fühlt,- 
die Objektwahl des Erwadisenen bleibt durdi diese infantile Ein^ 
Stellung dauernd -beeinflußt. 

3. Aus der erwähnten Einstellung zum gegengesdileditlidien 
Elternteil ergibt sidi eine Abneigung gegen den gleidigesdileditlidien, 
der einerseits in dem Wunsdie nadi seiner Beseitigung gipfelt, ander* 
seits den Wunsdi zeitigt, nur von dem andersgesAledhtlidien Teil 
abzustammen ^ 

4. Diese Regungen unterliegen während der sogenannten sexu-^ 
eilen Latenzperiode, die bis zur Pubertät dauert, einer teils physio'^ 
logisdi, teils psydiologisA begründeten Verdrängung. 

5. Diese Kegungen verschwinden wie alles Verdrängte nidit 
vollständig aus der Psydie,- sie kommen in den Träumen, in der 
Neurose, im diditerisdien Phantasieren, wozu audi der Mythus ge^ 
hört, zum Ausdrud^ und können an der Hand einer Methode, die 
den Namen der Psydianalyse führt, in diesen Gebilden nadigewiesen 
werden. 

Wenn wir an der Hand dieser Grundeinsiditen an die Analyse 
des Titanen^Mythus herantreten, so wird sidi zeigen, daß alle Elemente 
sowohl seiner Grundform als audi seiner Entwidilungsformen ein 
sinnvolles Ganzes bilden, daß audi in diesen »silly, savage and sen^ 
seless elements of mythology«;, über die sidi einst Max Müller so 
aufgeregt hat, eine Art Vernunft nadizuweisen ist. Damit hätten 
wir dann unsere wissensdiaftlidie Aufgabe erfüllt, nämlidi den Bereidi 
des Rationalen immer weiter auszudehnen und Vernunft audi in 
dem aufzuzeigen, was bisher als sinnlose Verkettung phantastisdier 
Wahnvorstellungen betraditet wurde. 

Die Erde als Mutter aller Lebendigen ist, wie A. Dieterich 
<Mutter Erde, Leipzig 1905) nadi gewiesen hat, eine Vorstellung von 
weitester räumlidier und zeitlidier Verbreitung, deren Wirkung auf 
Sitten und kultlidie Bräudie von ungeheurer Intensität ist. Der 
Mensdi stammt aus der Erde, kehrt im Tode zu ihr zurüd^, um zu 
neuer Geburt emporzusteigen,- ein ununterbrodiener Lebensstrom, 
ein Kreislauf der Geburten quillt aus ihrem dunklen Sdioß ans Licht 
und vom Lidit wieder hinab in die Dunkelheit. Die Erde ist es im 
eigentlidien Sinne, die die Mensdien gebiert, die Frauen haben es 
der Erde nadigemadit, nidit umgekehrt, wie es in Piatons Mene^ 
xenos heißt. Dieser Vorstellung gegenüber ist die des Vaters, der 

^ Als soldic Paare haben vtir bereits oben <p. 36) Uranos* Aphrodite, 
ZeuS'Athene, Hera-Hephaistos er\3rähnt. Die Geburt der Athene aus dem 
Haupt des Zeus <Hes., Theog., 924) ist ein bekannter Zug der griechisdien Mytho* 
logie. Weniger bekannt ist die ebenfalls bei Hesiod <v. 886 ff.) sidi findende Ver- 
sion, daß Zeus die im Schöße der Metis, seiner ersten Gattin, sidi bildende Athene 
heimlidi entfernt und in seinem eigenen Schoß verbirgt/ begründet wird diese 
Handlung durch die Prophezeiung, die Zeus erhalten hatte, das Kind der Metis 
NT'ürde stärker sein als er <Titancn^Motiv). 



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58 Emil Franz Lorenz 



dieser Mutter entspricht, viel unbestimmter und vielfadi gar nidit 
ausgebildet. Sie ist auf jeden Fall ein späteres Produkt und spiegelt 
so den Fortsdiritt wieder, den die allmählidie Erkenntnis des KausaU 
Zusammenhangs zwisdien Gesdileditsverkehr und Empfängnis ge^ 
bradit hat, eine volkskundlidie Tatsadie, auf die man, wie es sdieint, 
erst in der letzten Zeit aufmerksam geworden ist^ 

Als Zeugnis für jene »primäre Unkenntnis« könnte vielleidit 
nur die sdion erwähnte Tatsadie angesehen werden, daß das männ^ 
lidie Gegenstüdi zur Mutter Erde bei der Mehrzahl der Völker in 
auffallender Unbestimmtheit gelassen wird. — Uns besdiäftigt vor^ 
zugsweise dasjenige, was die mensdilidie Phantasietätigkeit aus den 
Ersdieinungen von Himmel und Erde gemadit hat, nachdem man 
sie zum Range der Welteltern erhoben hatte. Doch müssen wir uns 
auch über die Gründe Rechenschaft geben, aus denen man überhaupt 
dazu kam, sie zu Vater und Mutter der Lebewesen zu machen. Da 
wird nun gewiß mit Recht darauf hingewiesen, welche Rolle dabei 
die Beobachtung des Zusammenhangs zwischen Aussaat des Samens 
und Emporsprießen der Frucht für ein ackerbautreibendes Volk zu 
spielen vermag. 

Auch kennt man die befruchtende Kraft des vom Himmel 
herabströmenden Regens. Zur Nachtzeit, wo sich die Menschen vor* 
zugsweise begatten, scheint auch der Himmel an die Brust seiner 
Braut herabzusinken <vgl. den polynesischen Mythus), so daß es 
dunkel wird zwischen den beiden, er scheint es cien Menschen nach^ 
zutun <Platon würde sagen, die Menschen tun es ihm nach). Schließ* 
lieh sind vielleicht alle diese Vorstellungen überhaupt erst ermöglicht 
durch die sexualisierende Deutung der Lage des Himmels oberhalb 
der Erde. Ehe man eine solche Erklärung als mutwillig oder fanatisch 
beschränkt bezeichnet, lese man außer den Hesiodversen, die oben 

^ Als Vermutung ausgesprochen von A, Dieterich, p. 32, von W. Foy, 
Arch. f. Relg>x'sch., VIII. Bd., durch einen Bericht über die Australier bestätigt, zuletzt 
behandelt von Freih. v. R ei tzen stein, Zeitschr. f. Ethn., XLI. Bd., wo der Nachweis 
geführt wird, daß diese mangelnde Erkenntnis des Zusammenhangs ihren Ausdruck 
in vielen Bräuchen gefunden hat, auch das ius primae noctis gehöre hieher. Die 
ersten Nächte der Neuvermählten waren danadi ursprünglich einem Gotte reser* 
viert. Freilich sind meines Erachtens viele der angeführten Tatsachen vielleicht 
sekundären Ursprungs. Wenn z. B. die ersten drei Nächte dem Gott reserviert 
waren, damit er die befruchtende Cohabitatio vollziehe, während die von Seite des 
Mannes als emprängnisstörend angesehen wurde, so sieht man wohl ein, daß hier 
dennoch ein Kausalzusammenhang angenommen wird. Der Gott ist es, der be*^ 
fruchtet, und nicht der menschliche Gatte. Es liegt die Vermutung nahe, daß uns 
aus der gewiß einmal bestandenen Periode, die den Kausalzusammenhang nicht 
kannte (reine Parthenogenese annahm), viel geringere Spuren vorhanden sind, 
während die Zeugnisse, die an Stelle natürlicher Cohabitatio die Befruchtung durch 
göttliche Wesen oder durch Speise, Trank, Regen, Wind, Sonnenstrahl lehren (un- 
reine Parthenogenese) einer sekundären, auf irgendwelcher Art der Verdrängung 
beruhenden Stufe des menschlichen Denkens angehören. Daß in dem letzteren Falle 
die befruchtenden Substanzen sehr oft den Charakter von Sexualsymbolen tragen, 
dürfte dieser Ansidit nur zur Stütze dienen. <V gl. Rank,VöIkerps.ParalI. Zbl., II. Bd., 
p. 372 ft.). 



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Das Titancn-Motiv in der allgemeinen Mythologie 59 



auf Seite 36 zitiert sind, das Äsdiylusfragment 44N^ bei Dieter ich, 
p. 40, die Lucrezstelle, II, 991 ff. und sdiließlidi Vergil Georg. 11, 
j24ff. samt seiner Nadiahmung ^ durdi Simon Dach durA <letztere 
zitiert bei Dieteridi, p. 41>^. 

Betraditete der Mensdi sidi <wie alle anderen Lebewesen) ein- 
mal als Kind des Himmels und der Erde und begann er seine 
Phantasie mit der weiteren Ausmalung dieses Verhältnisses zu be- 
sdiäftigen, so mußte er naturnotwendig das Verhältnis, in dem er 
zu seinen wirklichen Eltern stand, auf das neue imaginierte 
Weltelternpaar übertragen. Welcher Art dieses Verhältnis 
ist, zeigen uns die Titanen^Mythen mit sdiöner Deutlidikeit. Wir 
kommen damit auf unsere obigen Ausführungen zurüA. Dort haben 
wir festgestellt, daß in den Titanen-^Mythen gewisse auffällige und 
anstößige Elemente enthalten sind,- daß ferner eine ernsthafte Psydio- 
logie das Vorhandensein eben dieser Elemente im Unbewußten des 
Mensdien nadigewiesen hat. Jetzt sind wir auf einem anderen Wege, 
von unten herauf, durdi die Betraditung der Entstehung der dem 
Mvthus zugrundeliegenden Vorstellungen, zu demselben Ergebnis 
geKommen. Wir wissen nun sehr gut, daß das in Rede stehende 
Verhältnis nidit das des entwickelten Mensdien ist. Es ist, wie wir 
sagten, eine infantile Periode, die sidi darin widerspiegelt. 

Dieser WiderspruA, daß der erwadisene Mythenerzähler in- 
fantile Wünsdie in den Mythus hineinlegt, löst sidi durdi dieselbe 
Überlegung, mit der Freud in seiner Abhandlung über den Diditer 
und das Phantasieren die infantilen Wurzeln des didhiterisdien Sdiaffens 
erklärt: »Ein starkes aktuelles Erlebnis wed^t im Diditer die Er-^ 
innerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis 

' Vgl. meinen Hinweis darauf im Ardi. f. Reigwsch., XVI. Bd., p. 306 f. 

* Einen Einblick in das lebendige Naturgefühl, das der Mythenbildung zur 
ersten Voraussetzung dient, vermittelt sdiließlidi eine Stelle aus der olympisdien 
Rede des kynisierenden Wanderpredigers Diov. Prusa <1. Jahrh. n. Chr.). Es 
heißt dort etwa: Wie sollten die Mensdien nidit zur Erkenntnis Gottes gelangen, 
»da sie auf der Erde wohnen und das Lidit am Himmel sehen und Nahrung in 
Fülle besitzen, die ihnen Gott, ihr Ahnherr, reidilidi gewährt und vorsorglidi zu-' 
bereitet, zuerst für die ersten aus der Erde geborenen Mensdien die erdartige 
Nahrung/ denn da die Erdkrume damals nodi weidi und fett war, ledtten sie an 
der Erde wie an der Mutterbrust und sogen, wie nodi jetzt die Pflanzen, aus ihr 
den Saft heraus,« als sie sidi dann bereits weiter entwidielt hatten, gewährte er 
ihnen die andere Nahrung, die aus wildwadisenden Früditen und weidien Kräutern 
besteht, zugleidi mit süßem Tau und trinkbarem Wasser vom Quell der Nymphen. 
Und zugleidi fühlen sie sich getragen von der umgebenden Luft und am Leben 
erhalten durdi deren ununterbrodienes Zuströmen, die beweglidie Luft einziehend, 
wie unwissende Kinder, denen es nie an Mildi mangelt, da ihnen immer die Mutter* 
brüst nahe ist. Denn fast dürften wir audi diese mit größerem Redit als die erste 
Nahrung bezeidinen, in gleidier Weise für die frühere und spätere Lebenszeit. 
Wenn nämlidi das sdiwadie und hilflose Mensdienkind aus dem Leibe der Mutter 
herausgleitet, empfängt es die Erde, seine eigentlidie Mutter, die Luft aber bläst 
es auf und kühlt es ab, erwedct es sofort mit ihrer Nahrung, die viel flüssiger ist 
als Mildi und preßt ihm den ersten Sdirei aus,- man dürfte sie darum mit Redit 
die erste Mutterbrust nennen, die die Natur dem Neugeborenen darreidit.« (Dio 
von Prusa, XII, 29 bis 31). 



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HO Emil Franz Lorenz 

auf, von weldiem nun der Wunsch ausgeht, der sidi in der Diditung 
seine Erfülking sdiafft. . . Soweit die Stoffe aber gegeben sind, ent-^ 
stammen sie dem Volkssdiatze an Mythen, Sagen und Märdien. 
Die Untersudiung dieser völkerpsydiologisdien Bildungen ist nun 
keineswegs abgesdilossen, aber es ist z. B. von den Mythen durdi^ 
aus wahrscheinlidi, daß sie den entstellten Überresten von Wunsdi* 
Phantasien ganzer Nationen, den Säkularträumen der jungen Mensdi* 
neit entspredien« ^ 

Die stufenmäßigen Übergänge, durdi die wir im Laufe unserer 
individuellen geistigen Entwicklung dazu gelangen, jene Regungen 
für gewöhnlidi gänzlidi zu vergessen, ja zum Teil ins Gegenteil zu 
verwandeln, finden nun ihr genaues Widerspiel in der Fortbildung 
des Titanen^Motivs. 

In der Grundform des Mythus identifiziert sich der Mythen-- 
bildner vollständig mit der Tat und Gesinnung der titanischen Helden. 
Diese Stufe ist am reinsten erhalten in den Mythen, die eine relativ 
dürftige Gestalt haben <Mangaia, Gilbert^^Inseln, Samoa). Der poly* 
nesische und griechische Mythus zeigt dem schärferen Auge bereits 
die Beimischung von Abwehrelementen : in jenem bleibt die Tat nicht 
unwidersprochen,- es findet sich einer, der sich auf die Seite des 
Himmelsgottes schlägt. Trotzdem wird sie unter Hervorhebung ihrer 
Notwendigkeit ausgeführt. Indessen folgt ihr die Strafe auf dem 
Fuße. Diejenigen, die sich gegen ihren Vater aufgelehnt 
haben, sind nicht imstande, unter sich Ordnung zu halten, 
als der Rächer eben dieses Vaters gegen sie anstürmt (vgl. oben p. 30). 
Sie büßen ihre Tat mit völliger Zerstreuung. — Im griediisdien 
Mythus wird die titanische Tat ursprünglich als ein Akt gerechter 
Notwehr hingestellt und werden die infantilen Haßgedanken mit 
Hilfe des bekannten Projektionsmechanismus auf den Vater über^ 
tragen. »Zuerst übte er sdiändliche Werke« <Theog. v. 166)/ trotz- 
dem schred^en alle Kinder mit Ausnahme des jüngsten, der Ver* 
wegenheit genug besitzt, um die Tat auszuführen, vor dem Rate 
nach Beseitigung des Vaters zurück, den der Mythus — in mehr 
als einer Richtung wunscherfüllend — der eigenen Mutter in den 
Mund legt. Nur einer führt die Tat aus <im polynesischen 
Mythus hat nur einer widersprochen). 

Gerade hier ist es uns indes möglidi, eine ältere griechische 
Form des Titanen^Mythus zu erschließen, nach der alle Kinder des 
Uranos an der Tat Beteiligt waren. Die Handhabe dazu bieten uns 
die vier abgerissenen Verse, die nach der Geschichte von der Geburt 
der Aphrodite den Faden der Erzählung wieder aufnehmen. Bereits 
oben ist auf die Bedeutung dieser Verse hingewiesen worden <p. 36). 
Nachstehend seien sie an dieser Steile wiederholt: 

Jene, die anderen aber benannte Titanen der Vater 

Uranos, der sie erzeugte, der Mächtige, scheltend die Kinder, 

* ^.ul)^llun^^ Meiner Schrificii zur Xeuroscnlchre, IL Reihe, p, 205. 



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Das Titanen*Motiv in der allj^^cmeinen Mythologie 61 

Da sie mit frevelndem Sinn die Hand zum entsetzlidien Werke 
Damals erhoben, dodi rädien, so sagte er, würd' es die Zukunft. 

(Theog. 207 ff.> 

Sdion Gruppe <Griedi. Kulte u. Mythen, I. Bd., p. 584fF.> hat 
daraus ersdilossen, daß ursprünglidi nidit Kronos allein, sondern eine 
Mehrheit von Titanen an der Tat beteiligt gewesen sein müssen. 
Dadurdi gewinnt nun der griediisdie Mytlius eine Gestalt, die ihn 
der polynesisdien Überlieferung um ein Bedeutendes näher rückt. 
Audi können wir daran eine sehr lehrreidie Beobaditung madien. 
Einerseits müssen nämlidi die Bedenken gegen die Tat nidht so groß 
gewesen sein, wenn alle Brüder an ihr beteiligt waren, anderseits 
ist aber auA dieser älteren Form ethisdie Reflexion insofern bei* 
gemengt, als sidi in diesen Versen eine Verurteilung der titanisdien 
Tat ausgesprodien findet, die zwar dem angegriffenen Teil in den 
Mund gelegt wird, aber dennodi ein mehr oder weniger objektives 
Gepräge besitzt. Halten wir hier ein wenig inne. Aum in der indi* 
viduellen geistigen Entwid^lung tritt im Laufe der Zurüd^drängung 
der den Ödipuskomplex zugehörigen Neigungen eine soldie »Ver* 
urteilung« derselben ein, unter dem suggestiven Einfluß des ethisdien 
Milieus und der physiologisdien Umbildungen der Latenzperiode. 
In derselben Entwid^lungsphase stehen die Formen des Mythus, die 
uns eben besdiäftigen. Die ursprünglidien Wunsdigedanken, ins Lidit 
geläuterter Einsidit gerüd^t, werden mit Abwehrgefühlen bedadit, 
was selbstverständlidi nidit hindert, daß der Mythus audi in dieser 
neuen Gestalt den verdrängten Wunsdiphantasien nod\ weiter dienst^ 
bar ist, im Gegenteil, diese moralisdie Verlarvung dient zu ihrer 
Reditfertigung die Moral ist der Trikot des Mythus. — Diese 
Gestalt ist es im allgemeinen, in der sidi uns die Titanen^Mythen 
auf griediisdiem Boden darbieten. Das gilt vornehmlidi von Hesiods 
Zeimnung der Japetossöhne. Idi verweise auf Seite 41 f., wo idi als 
besonders bemerkenswert hervorgehoben habe, daß bei der An^ 
führung ihrer Sdiid^sale die Strafen, weldie Zeus über sie verhängt 
hat, an erster Stelle stehen, während wir von ihren Übeltaten zum 
Teil bezeidinenderweise gar nidits wissen wie bei Menoitios und 
Atlas. Die Gründe, die für Prometheus' Bestrafung angeführt werden, 
sind wieder samt und sonders für das Mensdiengesdiledit segens^ 
reidie Taten. Woher also mit einem Male diese Verdammung, die 
ganz den Charakter einer damnatio indicta causa trägt? Unsere voran- 
gehenden Ausführungen geben uns die Antwort an die Hand: diese 
Taten enthalten sämdidi das titanisdie Motiv einer Bereidierung des 
Mensdien zu Ungunsten des Gottes in sidi und mußten der Äditung 
verfalfen, als die der individuaUpsydiologisdien Entwicklung parallele 
Verdrängung der Sympathie mit dem gepen den Vater (Himmels^ 

!jott> sich auflehnenden Helden auch im Mythus zur Geltung ge- 
angt war. Atlas trägt als Himmelsträger den titanischen Charakter 
nod) ziemlich offen an sich. Mit ihm geschieht nidits weiter als 



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62 Emil Franz Lorenz 



daß diese seine segensreidie Tätigkeit in eine von dem Himmels* 

fott Zeus verhängte Strafe umgewandelt wird <Äsdi. Prom. 355, 
lesiod, Theog., 517ff.>. Andere Titanen, die sdion früher in Bergen 
vulkanischen Charakters lokalisiert gewesen waren, verbleiben dort, 
aber ihr Aufenthaltsort gilt jetzt als Ort der Verbannung. Auf Typhon 
<Hesiod, Theog. 820 ff., Asch. Prom. 359 ff.) hat Zeus ciie Insel Sizilien 

festürzt/ sie erbebt, wenn der Riese, von Sdimerzen gepeinigt, seine 
.age zu verändern sucfit. Typhon war indes seiner Beschreibung 
nadb jedenfalls ursprünglicfi ein vulkanischer oder Gewitter-^ 
dämon und hat den titanischen Charakter erst erhalten, als die ur^ 
sprünglidien ältesten Titanen der Sympathieverdrängung unterworfen 
worden waren. — Über Prometheus soll weiter unten gehandelt 
werden. 

Die individuelle psychische Entwicklung, die wir oben zu 
schildern begonnen haben, nimmt nun ihren Fortgang in der Weise, 
daß die ursprünglichen Affekte des Hasses und der Wunsch nadi 
Beseitigung des Vaters nicht nur mit Abwehrgefühlen umsponnen 
werden, sondern vielmehr noch eine Umkehrung in ihr Gegen-' 
teil erfahren, an Stelle des Hasses tritt Liebe und Pietät, die nor^ 
malen Gefühle, mit denen wir schließlidi und für die Dauer die 
Person des Vaters und weiterhin die fürstliche Autorität bedenken. 
Audi diese Entwicklungsstufe spiegelt sidh im Mythus wieder. In 
der Gesdiichte der Japetiden ist Zeus nichts als der strenge Gott 
der Rache. Ohne Mitleidsregung werden die Freunde des Menschen* 
geschlechtes ihrer Strafe überantwortet, o>g ovk sotl zleog xHipat 
vöov ovds jtaQsX^eiv <Theog., v. 613). Diese Stufe wird überwunden 
in der Hesiodischen Darstellung des Titanenkampfes. Wohl tritt 
in ihr Zeus, der Enkel des Uranos, und als solcher mit ihm in 
mythischer Identität verbunden \ als Vollbringer der Rache, die 
dieser den Titanen nach seiner Mutilation angedroht hatte, ihren 
Reihen entgegen — wir sehen diese Darstellung folgt der Version 
von der Mehrheit der an der Tat beteiligten Uranoskinder — jedoch 
enthält sie die bedeutsame Episode von der Gewinnung der 
Hekatoncheiren für die Partei des Zeus. Dieser erlöst sie aus 
ihrer unterirdischen Gefangenschaft, führt sie ans Licht und zum 
Danke hiefür helfen sie ihm den Sieg gewinnen. Die alten Feinde 
des Himmelsgottes treten auf seine Seite, des uranfänglichen titanisdien 
Trotzes entkleidet. 

Mit dieser Umwandlung der feindlichen Gefühle in Liebe und 
Pietät hat der seelische Prozeß seinen natürlichen Absdiluß erreicht. 
Im Mythus legt diese letzte Konversion den Grund zur Welt^ 
macht des Zeus, wie in seinem realen Urbild, dem aus egoistischer 
Vereinzelung zum Gesellschaftswesen sich entwickelnden Individuum 
die Unterordnung des Einzelnen unter die autoritative Gewalt so* 
zialer Instanzen, die sämtlich Umwandlungen und Überbietungen der 



^ zu Enkel = Großvater vgl. Dietcridi, I. c, p. 25. 



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Das Titancfi'Motiv in der allgemeinen Mythologie 63 

väterlidhen Autorität sind, den Kulturfortsdiritt wesentlidi bedingt. 
Erst durdi die Opfer an persönlidier Freiheit und eigenmäditigem 
Lustgewinn, die das Ganze dem Einzelnen abfordert, werden die 
Kräfte frei, aus deren Zusammenwirken sidb eine Welt objektiver 
Werte aufbaut. 

Mit der Erreidiung dieses Standpunktes madit die Entwidilung 
bei der Mehrzahl der Individuen halt. Eine Weiterbildung, die in^ 
soferne nidit notwendig genannt werden kann, weil sie nur in einer 
besdiränkten Anzahl besonders organisierter Einzelner zur Er* 
sdieinung kommt, besteht darin, daß der anfänglidie Zustand der 
Auflehnung gegen die Autorität zwar überwunden wird, aber nadiher 
wieder zum Durdibrudi kommt und mit demjenigen, den die sozialen 
Medien mit suggestiver Madit dem Einzelnen aufzudrängen bemüht 
waren, zusammenstößt und einen Willenskonflikt entfadit. Diese neue 
Phase einer Entwülung, die wir bereits abgesdilossen wähnten, ist 
nur möglidi durdi eine allgemeine Steigerung der seelisdien Ver^ 
mögen überhaupt, im besonderen durdi eine größere Stärke sowohl 
der auf die eigene Person geriditeten Erhaltungstendenzen als audi 
der Wudit, mit der die Forderungen der autoritativen Mädite 
empfunden werden. Dieser Konflikt hat alle Merkmale des Tragisdien 
an sidi, wenn die Persönlidikeit, in der er sidi abspielt, einen hohen 
Eigenwert besitzt, so daß sie gerade durdi ihr Bestes und Edelstes 
in Kämpfe hineingezogen wird, die wie aus einer Versdiwörung der 
Weltordnung gegen den hervorzuwadisen sdieinen, der die letzten 
Konsequenzen seiner Natur zu ziehen gewillt ist. Es ist die Gestalt 
des Prometheus, an der die Tragik dieses Konfliktes ihren für alle 
Zeiten giltigen Ausdrud^ finden soTlte,- wir haben ihre Behandlung 
bis hieher versdioben, weil sie bestimmt war, in künstlerisdier Sub* 
limierung die letzten Möglidikeiten in der Gestaltung des titanisdien 
Motivs in sidi erstehen zu lassen. 

Die Konversion der infantilen Haßgefühle in Liebe und Pietät 
ist für die prometheisdie Natur bloß ein vorläufiger Absdiluß. Es 
kommt der Tag, an dem sie die bange Frage erhebt, was sie selbst 
durdi diese Hingabe gewonnen hat/ ob es nidit besser wäre, für 
sidi aus dem Vollen resolut zu leben als sidi dem imaginären Ge* 
bilde einer Weltordnung aufzuopfern, die den Einzelnen zu ihrer 
Verwirklidiung bedürfe,- ob hier nidit Gewinn und Verlust in allzu 
sdiarfem Mißverhältnis stünden. — Dieses Problem wird mit der 
dem antiken Mensdien eigentümlidien Reserve im Prometheus des 
Asdiylus abgehandelt. 

Dieser Prometheus hat bereits jenen Sdiritt getan, den wir als 
Aufgabe der feindseligen Einstellung gegen die väterlidie oder gött^ 
lidie Autorität gekennzeidinet haben. Im Kampfe des Zeus mit den 
Titanen hatte er seine Brüder zur Vernunft gemahnt und als seine 
Bemühungen fruditlos geblieben waren, sidi mit seiner Mutter der 
Erde, die ihm die Zukunft geoff^enbart, auf die Seite des Olympiers 
gesdilagen <Äsdi. Prom., v. 205ff.>. Dodi mit Undank wurde ihm 



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^»4 Emil Franz Lorenz 



seine Ergebenheit von Zeus gelohnt. Zeus will die Menschen, deren 
SAöpfer und Repräsentant Prometheus ihm gegenüber ist, von der 
Erde vertilgen und ein neues GesAledit pflanzen. Hier verbindet 
ÄsAylus, nidit ohne eine Parallele im ägyptischen Mythus <vgl. oben, 
p. 46) das aus dem Sdiuldbewußtsein des Empörers gegen die 
Autorität hervorgewadisene Motiv der Sintflut mit der Titanensage, 
um die sidi darauf einstellende Sinneswandlung des Prometheus zu 
begründen. Zeus will die Mensdien von der Erde vertilgen und ein 
neues Gesdiledit pflanzen. Der Grund für diese Absidit des Zeus, 
den Asdiylus nidit angibt, wird kein anderer sein, als daß dieses 
Gesdiledit im Grunde seiner Natur stets titanisch geblieben ist 
und in der neuen Weltordnung nidit weiter bestehen darf. Dodi 
Prometheus durdikreuzt des Zeus Pläne und bewahrt die Mensdien 
vor dem Untergang. Wider den Willen der Götter leben sie weiter. 
Darob erzürnt Zeus und bestraft den Prometheus für seine Mensdien* 
liebe. — Die durdi Zeus repräsentierte Gemeinsdiaft, der sidi audi 
Prometheus in einer Periode seines Lebens angesdilossen hatte, ist 
in ihren Ansprüdien an den Einzelnen unersättlidi und verlangt seine 
unbedingte Unterwerfung unter die <auf das Mittelmaß zugesdinittene) 
Autorität. 

Dodi Prometheus weiß, daß er sidi nidit völlig hingegeben hat/ 
er ist im Besitze des Geheimnisses, auf dem Zeus' Macht 
beruht, und vermag darum den Sdiergen des Olympiers zu trotzen, 
die ihn in den Einöden Skythiens an einen Felsen sdimieden. Zeus 
ist es bestimmt, von einem nodi ungeborenen Sohn der Herr^ 
Schaft entsetzt zu werdend 

Damit kehrt das alte titanische Motiv der Verdrängung 
des Vaters durch den Sohn wieder, aber in einer Ausweitung, 
die seinen Sinn um ein Bedeutendes vertieft. Der Bestand der Welt*^ 
Ordnung beruht immer nodi darauf, daß jeder Rüd^fall in den vor 
der Konversion der unbewußten infantilen Einstellung bestandenen 
Zustand vermieden wird. Es ist überaus lehrreidi, in diesem von 
sdiwerwiegender Reflexion gesdiwängerten Gedankengewebe, wie es 
das Äsdiyleisdie Drama ist, die Wiederkehr all der uns wohU 
bekannten Züge vermerken zu können, durdi die sidi die älteste 
Art von Auflehnung gegen autoritative Mädite kennzeidinet. 

Unsere Überzeugung von der infantilen Bestimmtheit der 

^ Nach Weck lein in der Einleitung zu seiner Ausgabe des Prometheus, 
p. 16, die Herbeiziehung eines Mythus, der ursprünglidi mit der Prometheussage 
in keinem Zusammenhang stand. Asdiylus benützte die bei Pindar Isthm. VII 60 
noA in ihrer älteren Gestalt vorliegende Sage, Themis habe, als Zeus und Po- 
seidon um Thetis freiten, den Ratsdbluß des Sdiicksals verkündet, daß die Meeres- 
göttin einen Sohn gebären solle, der mächtiger als seinVater sein, und, wenn 
Zeus oder Poseidon sidi mit ihr verbinden, »eine Waffe sAwingcn werde, ge- 
waltiger als Wetterstrahl und Dreizack<<. Asdiylus ließ die Beziehung der Sage 
auf Poseidon fallen, legte die Kunde von jener Sdiidtsalsbestimmung, weldic der 
Schidxsalsgöttin Themis zukommt, dem Prometheus bei und madit zu dem Zwecke 
tien Sohn der KIvmene zum Sohne der Themis. 



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Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie 65 

diditerisdicn Phantasie erhält durch diese Beobaditung eine neue 
Stütze. — Die Umstände, unter denen die Offenbarung des Geheim* 
nisses der Madit des Zeus vor einer dem Prometheus ergebenen 
und darum versdiwiegenen Zuhörersdiaft vor sidi geht, sind wiederum 
in mehr als einer Beziehung bemerkenswert. Jo, die in eine Kuh ver^ 
wandelte ehemalige Geliebte des Zeus, kommt auf ihrer qualvollen 
Wanderung zu Prometheus in die skythisAe Einöde und wird dort 
deutlidi dem männlidien Opfer der Tyrannei des Zeus als weib^ 
lidies GegenstüA gegenübergestellt. Mit Hinblid^ auf den Charakter 
des Dritten, dem sie gegenübergestellt werden, ist es uns nidit mehr 
unklar, was diese drei Figuren zu bedeuten haben. Zwar hat nidit 
die Sage sie zu nädisten Verwandten gemadit, aber die individuelle 
Phantasie des Diditers hat sie mit allen Zügen ausgestattet, die der 
psydiosexuellen Familienkonstellation eigen sind. Der Sohn, der sid\ 
als Opfer väterlidier Tyrannei betrachtet, erblickt auch in der Mutter, 
zu der er sich am nädisten hingezogen fühlt, ein Opfer, das er aus 
der Gewalt des Vaters erretten möchte. Dieser drängende Gedanke 
läßt den Dichter eine weitere Brücke zwischen den beiden Gestalten 
sdilagen, die sidi das erstemal im Leben gegenüberstehen: nadi der 
Prophezeiung, die Prometheus der sdieidenden ]o auf den Weg mit^ 
gibt, ist ihr bestimmt, in der dreizehnten Generation^ die Stamm^ 
mutter des Herakles zu werden, der ihn aus seiner Gefangensdiaft 
befreien würde. Audi hier fand eine Rettungsphantasie statt, aber 
unter Berücksichtigung der Verhältnisse in einer der gewöhnlidien 
entgegengesetzten Ridhtung. 

Im Besitze dieser Geheimnisse, die ihrer Natur nadi, wie man 
leicht einsieht, infantile Wunschphantasien sind, vermag der Titanen^ 
sproß dem Sdiicksal zu trotzen,- vergeblich sind demgemäß die An^ 
strengungen des Hermes, der auf Zeus' Befehl ersdieint, um ihm das 
Geheimnis abzudrängen. Zeus bestraft ihn, soweit er es einem Un^ 
sterblidien gegenüber vermag, und Prometheus unterliegt am Ende 
dieses Mittelstücks der Trilogie dem typisAen Titanensdiicksal und 
versinkt unter Blitz und Donner in die Tiefe, auch in diesem zeit- 
weiligen Unterliegen noch die Madit seines Besiegers in den Händen 
haltend. 

»Und dodi, du stolzer Zeus, bestehst du nidit! 
Ein Ehebündnis wirst du dir bereiten. 



' Obwohl ich befürchten muß, der Spielerei mit den Zahlen bezichtigt zu 
werden, weise idi darauf hin, daß der Diditer die Zahl 13 in 10 und 3 auS' 
einanderlegt. Prometheus sagt zu }o, es werde ihn befreien loiiog ye yevrav :TQÖg 
ör/ ä/,?,a(atv yovalg der dritte Sproß nadi zehen anderen <793>. Die Zahl 3, die 
ihren mystisdien Zauber, den sie auf das Denken der Völker ausübt (vgl. H. Usener, 
Dreizahl) nicht minder dem psydiosexuellen Familien-Dreiedt als der Beobaditung 
einer organischen Erscheinung verdankt, ist hier verbunden mit der Zehnzahl, von 
der wir vermuten dürfen, daß sie auf die Geburt im 10. Monat hinweist. Es 
braudhtc wohl nicht eigens hervorgehoben zu werden, daß diese »unbewußte Zahlen- 
behandlungc <vgl. E. Jones, Zbl., II, Bd., p. 241 ff.) vom Diditer in keiner Weise 
b^absiditigt war. 



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<>6 Emil Franz Lorenz 



Das dir das Szepter deiner Macht zerknickt! 

Dann geht der ganze Vaterfliudi des Kronos, 

Den er, gestürzt vom alten Throne, spradi 

Dir in Erfüllung und der Götter keiner 

Weist dir den Rettungsweg als idi allein! 

ld\ kann's, \d\ weiß den Weg! So thron' er denn 

Mit seinem Donner durdi die Lüfte prahlend 

Und sdiüttle ked^ sein feuriges Gesdioß, 

Nidits kann ihn vor dem sdiweren Fall bewahren. 

Mit Sdiande sinkt er unaufhörlidi hin. 

Und einen Gegner wird er sich bewappnen, 

Ein hehres Wunder unbesiegter Kraft, 

Der einen Funken mädit'ger als der Blitzstrahl 

Und einen Sdiall, der Donner übertäubt. 

Ja, der Poseidons erdersdiütterndem 

Dreizack im Meer Verniditung wird erfinden. 

In seinem Unglück wird er dann erkennen. 

Wie anders Herrsdien dodi und Dienen sei.« 

Chor der Okeaniden: 
Mit deinen Wünschen, dünkt mich, drohst du Zeus. 

Prometheus: 
Nur was gesdiehen wird. Freilidi wünsdi' idi's audi. 

<Prom., V. 928ff.> 

Über die psydiologisdie Entwicklung des »Gelösten Prometheus« 
sind wir wenig unterriditet. Wir wissen nur, daß der Chor am 
Anfang des Stückes aus den Titanen bestand, die Zeus also aus 
ihrer Gefangensdiaft unter der Erde, in der sie seit ihrer Besiegung 
im Titanenkampf sdimaditeten, nodi vor der Befreiung des Prometheus 
ans Lidit gesandt haben muß. Diese Tat der Versöhnung bildet den 
Hintergrund für die Handlung des Stückes, in dem Herakles mit 
Willen des Zeus ersdieint und den Dulder durdi Erlegung des 
Adlers aus jahrhundertelanger Gefangensdiaft erlöst, wogegen Pro* 
metheus sein Geheimnis offenbart, Zeus möge sidi vor einer Ver^ 
bindung mit Thetis hüten, der Sohn aus dieser Ehe würde stärker 
sein als er. Es läßt sidi vermuten, daß bei der Lösung dieses 
Konfliktes im Sinne der Asdiyleisdien Weltansdiauung ein Kom= 
promiß gesdilossen wurde, auf Grund gegenseitiger Anerkennung 
der Redite. — Durdi die Sdiliditung des Gegensatzes auf Grund 
des Prinzips der Hodiaditung der Persönlidikeit von Seite der Autorität 
hat die oben behandelte Konversion ihre Probe bestanden und ihre 
letzte Festigung erhalten. Nidit auf dem starren Festhalten des 
Autoritätsprinzips von Seite der älteren Generation und auf dem Ver^ 
harren bei dem lähmenden (asthenischen) Affekt der Ehrfurdit beruht 
die Möglichkeit eines gedeihlidien Fortsdireitens, sondern auf der 
willigen Anerkennung des Eigenrechts der werdenden Gesdilediter. 



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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen Mythologie C7 

Es liegen, wie uns die angewandte Psydiologie in der Analyse 
des Mythus gelehrt hat, die Wurzeln für die bedeutsamsten späteren 
Konflikte, die der Einzelne mit einer wie immer gearteten Autorität 
auszufediten hat, in der Stellung, die der Sohn dem Vater gegen^ 
über einnimmt. Wir beobaditeten im Mythus das Ineinandersdilingen 
der affektiven Mädite, die gestaltend auf die Entwid^lung dieses 
Verhältnisses gewirkt haben und konnten ihre positiven und nidit 
minder ihre negativen Seiten als riditunggebend für die mensdilidie 
Kultur erweisen. Die Gegenrede derjenigen, die uns zwar den 
Widerstreit der alten und jungen Generation als manifeste Tatsadie 
des geistigen Lebens zugeben, seine Verankerung jedodi in seelisdien 
Erlebnissen der Kindheit mit dem Hinweis zu widerlegen vermeinen, 
daß sidi in ihrem Erinnerungsbestand keine Spuren der von uns 
angesetzten Konflikte vorfänden, können wir nidit als zutreff^end 
bezeichnen. Gegenüber den auf Untersudiung des Unbewußten be^ 
ruhenden Ergebnissen beweist die von dieser Seite als Gegeninstanz 
aufgeführte Tatsadie nidits als eben ein gründlidies Vergessen der 
in Rede stehenden seelisdien Inhalte. Freud hat diese, wie er sagt, 
hödist eigentümlidie Ersdieinung als infantile Amnesie bezeidinet 
<vgL 3 Abhandlungen, p. 36> und uns aufgefordert, wir sollten es 
lernen, uns darüber redit ausgiebig zu verwundern. Die Verwunderung 
ist aber allemal der Anfang der Philosophie. Wir dürfen annehmen, 
daß eben jene von uns oben gekennzeidinete Verdrängung der 
infantilen Auflehnung die Ursadie dieses Vergessens ist,- wie über^ 
haupt die ganze infantile Amnesie, die sidi ja audi auf indifl^erente 
Gegenstände erstred^t, möglidierweise mit den sexuellen Regungen 
der Kindheit in Zusammenhang steht. (Freud, ibid.) Nur der 
eigentümlidien Illusion, die uns die eigene Kindheit wie ein ent^ 
smwundenes Paradies ersdieinen läßt, wollen wir nodi unsere Aufmerk- 
samkeit zuwenden. Wir wissen, wie gesagt, sehr gut, daß sie von 
nidit minder heftigen Krisen erfüllt war, als die spätere Lebenszeit 
und kennen audi die Art dieser Krisen. Nidit nur vergessen haben 
wir demgemäß, sondern überdies gefälsdit, wenn wir von der 
goldenen Kindheit spredien. Dodi gerade der letzte Ausdrud^ ist 
es, der uns wiederum den Weg zum Mythus und weiterhin audi 
zum Verständnis der Ersdieinung bahnt. 

Die weitverbreitete Vorstellung von einem goldenen Zeit^ 
alter als Abglanz des Paradieses kann man mit Freud als Massen^ 
phantasie von der Kindheit des Einzelnen bezeidinen. Daß sidi das 
Glüdcseligkeitsstreben unterdrüdter Sdiiditen mittels der Phantasie 
eine Befriedigung in Vergangenheit und Zukunft sudit, die, mit 
allen Wunsdiprädikaten ausgestattet, der Gegenwart Unredit geben 
und ein Ende verheißen, ist sdiließlidi ein Gedanke, der sidi audi 
einem minder angestrengten Nadidenken ersdiließt. Was bedeutet 
aber die eigentümlidie Tatsadie, daß dieses Wunsdigebilde der 
seligen Zeit im antiken Mythus mit der Dauer vonKronos' 
irdischer Herrschaft in eins gesetzt wurde? Desselben Kronos, 

5* 



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68 Emil Franz Lorenz 



der seinen Vater entmannt und der Herrschaft entsetzt hat. FoU 
gendes ließe sidi zur Erklärung vorbringen: Die Verbindung der 
beiden Funktionen als JtatQaXoiac, und König der goldenen Zeit 
entstammt der Periode, in der Kronos' Tat nodi nidit der Äditung 
verfallen war. Kronos als König der goldenen Zeit ist der Aus^ 
drudt für den Segen, der der Erde und ihren Früditen aus der 
Entfernung des Uranos, aus der Befreiung ihrer Geburten erwudis 
<vgL Kronos als Gott des Ad^erbaues und der Geburten, p. 37 f>. 
Wahrend dann die Sympathieversdiiebung in der Beurteilung der 
ersteren Funktion eintrat, sei kein Grund gewesen, das Wunsdi^ 
gebilde der goldenen Zeit, das ja nodi andere widitigere Aufgaben 
zu erfüllen hatte <s. o.>, in die Verdrängung mit hineinzuziehen. 
Eben jene anderen Aufgaben hatten die Fixierung bewirkt, so daß 
jetzt der Kronos .TarofiAoms und der Kronos der goldenen Zeit 
als zwei im Grunde inkonsistente Figuren nebeneinander stehen, 
wie es bei Hesiod tatsädilidi der Fall ist. Wir leugnen nidit die 
Mitwirkung dieser äußeren Gründe, unsere psydiologisAe Grund* 
Überzeugung von der mehrdimensionalen Bestimmtheit des geistigen 
Gesdiehens verleitet uns jedodi, audi nadi inneren Gründen für 
diese Ersdieinung zu sudien. Da ist nun vor allem darauf hinzu^ 
weisen, daß die zwei Überlieferungen von Kronos dem Titanen^ 

S rossen und Gegner des Uranos auf der einen und Kronos als 
errn des goldenen Zeitalters auf der anderen Seite, außer in 
mythologisdien Handbüdiern immer streng getrennt voneinander 
stehen. Hesiod erzählt die titanisdie Tat in der Theogonie, seine 
Herrsdierstellung im goldenen Zeitalter in den Werken und Tagen, 
ohne die beiden Tätigkeiten irgendwie zu verknüpfen. Meines Wis-^ 
sens gesdiieht das audi sonst nirgends in der antiken Literatur,- 
nie heißt es: Kronos, der König des goldenen Zeitalters, erhob sidi 
gegen seinen Vater. Sollten diese beiden, einer keineswegs unleben^ 
digen, abstrakt^begrifFlidien Gestalt zugewiesenen Motive trotz ihrer 
manifesten Inkongruenz nidit dodi aur einen einheitlidien Ursprung 
zurüd^deuten,- sollte ihre strenge Getrenntheit in der Überlieferung 
nidit etwa den Grund darin haben, daß das eine die negative DeA* 
oder Verdrängungsform des anderen ist, woraus sidi leidet ihr Nidit^ 
nebeneinanderbestehen erklären würde? Unsere Betraditungen der 
Individualpsydie setzen uns in den Stand, diese Fragen mit Bestimmt^ 
heit zu bejahen. Die goldene Kinderzeit ist die Ersatzbildung für 
die verdrängten Krisen, die aus der psydiosexuellen Familien-^ 
konstellation hervorgewadisen sind,- Kronos ist, wie wir nadi-- 

fx^iesen haben, das mythisdie Spiegelbild eben dieser infantilen 
ünsdie,- der Mythus, dessen Verdrängungsarbeit wir ebenfalls 
ausgiebig kennengelernt haben, hat sidi als Ersatzbildung für seine 
erste verdrängte Entwid^lungsstufe genau dieselbe Vorstellung einer 
seligen, goldenen Zeit gewählt. Die Psydianalyse in der ihr eigenen 
Unversdiämtheit tut nodi ein übriges und weist in den Eigensdiaften 
des goldenen Zeitalters unter der Maske der Inversion die WünsAe 



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Das Titanen-^Motiv in der allgemeinen Mythologie 69 

nach unbedingter licentia nadi, was, wie in jeder Ersatzbildung, als 
Wiederkehr des Verdrängten zu betraditen ist. 

Nadi dieser eingehenden Analyse der griediisdien Überlieferung 
nur einige Hinweise auf die mannigfadi abgewandelte Art und Weise, 
wie Zensur und Verdrängung in den anderen Titanenmythen 
gewaltet haben. 

Unübertroffen ist die geniale Naivetät, mit der das Motiv 
der Zerstreuung der titanismen Helden im polynesisdien Mythus 
angewandt wird, um sowohl die Sympathie des Mythenerzählers 
zu markieren als audi mit bedeutungsvollem Mahnen die allgemein 
mensdilidien, sozialen Folgen einer derartigen Empörung gegen die 
väterlidie Autorität zu kennzeidinen,- diejenigen, die sidi gegen ihren 
Vater aufgelehnt haben, sind nidit imstande, unter sidh Ordnung 
zu halten, sagten wir bereits oben. Einen Sdiritt weiter geht 
der biblisdie Turmbaumythus, indem er von Anfang an jede 
Sympathie mit dem titanisdhen Unterfangen ablehnt. Hier sind aller^ 
dings audi theologisdie Einflüsse im Spiele, die von der geraden 
Linie der Wirklidikeit immer etwas abseits führen. Sdiließlidi wird 
man an den Zügen, die wir im unmittelbaren Ansdiluß an die 
Anführung der übrigen einzelnen Mythen im historisdien Teil der 
Arbeit herausgearbeitet haben, unsdiwer das Wirken der Zensur 
erkennen, so besonders in der ägyptischen und in der yoruba- 
mythe. 

Nur die germanische Überlieferung erfordert aus mehreren 
Gründen ein längeres Verweilen. Wie stellt sidi dort die Sympathie 
zu dem riesenhaften Urwesen Ymir, aus dessen Leib die Welt ge^ 
bildet wurde? In der Snorra^Edda stoßen wir am Ende der Be^ 
sdireibung Ymirs auf die überrasdiende Frage: War Ymir ein Gott? 
und erhalten die Antwort: Wir halten ihn durdiaus nidit für einen 
Gott, denn er war böse wie alle seine Nadikommen. E. H. Meyer 
<Germanisdie Mythologie, p. 446) bemerkt dazu: »Diese ernste, 
ethisdie Frage hatte dem volkstümlidien Riesentum gegenüber keinen 
Sinn, aber sie versetzt uns plötzlidi wiederum mitten in die dirist- 
lidie Gedankenwelt, denn seit Plato bis auf den heutigen Tag war 
man geneigt, in der Urmaterie, die dodi Ymir vertritt, das Grunde 
böse zu erkennen.« Audi hier sdieint wieder wie oben <p. 48 f.) ganz 
überflüssigerweise Christlidies gewittert zu werden, wie jeder zu^ 
geben wird, der unserer Einreihung der Gestalt des Ymir unter 
die Welteltern seinen Beifall gesdienkt hat. Das Schauspiel ist 
keineswegs erfreulidi, daß unsere Gelehrten den beklagenswerten 
Umstand, daß die mythologisdie Überlieferung unserer eigenen Vor- 
zeit erst aus nadidiristlidier Zeit stammt, dazu benützen, das Ur- 
sprünglidie, das sie nodi enthält, vor unseren Augen zu versdiütten. 
ymir und seine Nadikommen, die Jötune, sind durdi Bestla, die 
Gattin des Borr, die Vorfahren der titanisdien Helden, der Äsen 
Odin, Vili und Ve und darum vermöge des Afifektmedianismus, 
den wir anläßlidi des griediisdien Mythus kennen gelernt haben, 



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70 Emil Franz Lorenz 



böse, wie Rangi und Uranos ursprünglidi böse sind (Projektion der 
Haßgefühle auf das Objekt des Hasses). Wir erkennen daraus, 
daß in der nordisdien Überlieferung die EntwiAIung auf der ersten 
von uns Aarakterisierten Stufe stehen geblieben ist: dem ange^ 
griffenen Teil hat sidi nodi nidit die oympathie zugewendet, die 
Angreifer sind nodi nidit geäditet worden. Trotzdem würde man 
fehlgehen, wenn man nidit audi hier Wirkungen der Verdrängung 
annehmen wollte. Man betradite nur, auf weldies Seitengeleise die 
Abstammung der titanisdien Helden von Ymir gesdioben ist. Sie 
stammen nur mütterlidierseits von den Tötunen ab. Das ist dasselbe 
Verhältnis wie in der Jugendgesdiidite aes Kyros, wie aus folgender 
Gleidiung hervorgeht: Kyros : Mandane : Astyages ^ Äsen : Besria : 
Jötune. Die Verdrängung äußert sidi hier wie dort in der 
Einsdiiebung des weiblidien Zwisdiengliedes und die Übertragung 
des titanisdien Aktes auf die Aszendenz der Mutter. Diesen ein^ 
zigen Zug ausgenommen, zeigt die nordisdie Überlieferung eine 
beneidenswerte Freiheit von moralisierender Übermalung und eine 
stolze Offenheit im Einbekennen ihrer verwegenen Angriffslust, die 
es versdimäht, sidi hinter die Draperien der Entrüstung zu ver^ 
bergen und im stillen zu genießen, was sie offen nidit haben kann. 
In dem völligen Mangel des Selbst^Desaveus der Reue erkennen 
wir den verwandten Geist der isländisdien Sagas wieder, Ahnlidies 
gilt von der indisdien purusa-sükta, während in der babylonisdien 
Erzählung des Berosos, die in mandiem Betradit Berührung mit 
der germanisdien zeigt, die Ausbildung der spezifisdi »titanisdien« 
Affekte dadurdi gehemmt war, daß das Urwesen nidit männlidi, 
sondern weiblidi war. So blieb als die weitaus stärkere von den 
Komponenten dieses Mythus die infantil-sadistisdie Geburtstheorie 
über <vgl. oben, p. 34) und diese ist der affektiven Ausgestaltung 
lange nidit in dem Maße fähig wie die psydiosexuelle Einstellung 
zum Vater, in deren Abwandlungen wir Ethik und Kulturgesdiidite 
sidi abspiegeln sehen. 

Unserer in der Einleitung aufgestellten Frage, in weldiem 
Verhältnis auf den einzelnen Entwid^lungsstufen der Titanen*- 
mythologie der naturmythisdie und psydiologisdie Faktor zuein=^ 
ander stehen, dürfen wir jetzt eine zusammenfassende Antwort ent^ 
gegensetzen. Diese hätte zu zeigen, wie weit die Bearbeitung des 
Materials unseren in der Einleitung entwid^elten programmatisdien 
Aufstellungen über Ursprung und Entwid^lung des Mythus Redit 
gibt. Es wurde dort, wie man sidi erinnert, dargelegt, wie der 
Mythus ein affektives Gedankengebilde ist, an dessen Gestaltung 
das ganze Triebleben des Mensdien beteiligt sei. Der Trieb der 
Selbsterhaltung, sagten wir dort, sdiafft sidi in der mythisdien Er^ 
Zählung eine primitive Naturerklärung zum Zwed^e einer — aller^ 
dings über das notwendige Maß hinausgehenden — Orientierung in 
der dinglidien Welt. Diese Erklärung gesdiieht unter der herr^ 
sdienden Apperzeptionsart sub specie sexualitatis und gewährt auf 



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Das Titanen^Motiv in der allgemeinen M>^hologie 



diese Weise den typisdien Sexualwünsdien des Individuums durdi 
ihre Hineinlegung in die »große Welt« eine Erfüllung und RediU 
fertigung. Was man weiterhin als den Trieb nadi angemessener Aus* 
ftillung des Bewußtseins bezeidmet, ist, wie man daraus leidit ent^ 
nehmen kann, nidits anderes als eine sublimierte Form der beiden 
anderen Triebe,- nur fälsdilidi nimmt man ihn als formal an, denn 
ohne Inhalte von bestimmter Umgrenzung ist er undenkbar. Die 
kann er sidi aber nidit selbst liefern. — oind unsere Aufstellungen 
riditig, so müssen die ursprünglidieren Formen der in Rede stehenden 
Gebilde das naturmythisdie Element in stärkerem, vielleidit aus^ 
sdiließlidiem Maße erkennen lassen. Das sdieint nun tatsädilidi der Fall 
zu sein. In den ansprudislosen kurzen Gesdiiditen, wie sie uns etwa 
der australisdie <p. 31) und der Wamba^Mythus bieten, steht sexuelle 
Symbolik und Wunsdibefriedigung dodi gewiß an zweiter Stelle. 

Darum können sie audi ihrer Sympathiestellung nadi nahezu 
indifferent sein. Natürlidi wäre es verfehlt zu behaupten, diese primi* 
tiven Mythen seien ohne Mithilfe sexueller Apperzeption entstanden. 
Das Naturbild der Nadit bietet keinesfalls eine ausreidiende Er^ 
klärung für die mythisdie Vorstellung, daß der Himmel einst auf 
der Erde gelegen sei. Die Vorstellung von der Mutter Erde und 
dem befruditenden, vom Himmel herabströmenden Regen, die Beob^ 
aditung des Wadisens der Pflanzen, dieser nädisten Kinder der 
Mutter Erde, mußte vorausgegangen und sexuell gedeutet worden 
sein. Der Untersdiied dieser primitiven Stufe von der nadifolgenden 
liegt vielmehr darin, daß man es nodi nidit verstand, die Lustquelle, 
die in der unbeabsiditigt eingeführten sexuellen Naturdeutung liegt, 
gehörig auszunützen. War einmal diese Entded^ung gemadit, so hatte 
audi der Mythus, um mit Aristoteles zu reden, riiv tavrov (pvaiv 
erreidit^ 



^ Diese Auffassung wird zweifellos Widerspruch erregen, sie erhält aber 
eine Stütze durch eine Beobachtung, die an der Entwidtlung der ödipusfabel ge- 
macht werden kann. Bei Homer <Od. 11, 271 ff.) wird der Mutterinzest gleich 
nach der Hochzeit ruchbar, Epikaste <~ Jokaste) nimmt sich das Leben, ödipus 
herrscht weiter in Theben und vermählt sich mit Euryganeia, die ihm vier Kinder 
gebiert. <Das letztere nacfi der Ödipodie des Kinaithon.) Die folgenden Dichter ge- 
fielen sich nun in der Steigerung der inzestuösen Züge, indem sie die Erkennung 
auf viele Jahre hinausschoben und die vier Kinder Eteokles und Polyneikes, Anti= 
gone und Ismene zu Kindern des Ödipus mit seiner eigenen Mutter machten. Das 
geschieht zuerst bei Äscfiylus. Da sidi vornehme Geschlechter Thebens von den 
vier Kindern des ödipus ableiteten, ist es unwahrscheinlich, daß die Überlieferung 
bei Homer (und Kinaithon) eine Abschwächung zu bedeuten hätte. — Ahnlich steht 
es mit der Orestessage. »Bei Homer ist Mörder Agamemnons Aigisthos allein, 
wenn auch unter Beihilfe der Klytaimnestra, und von Orestes wird nur gesagt, 
daß er den Aigisthos ermordet habe,- wie Klytaimnestra umkam (Od. 3, 309 f.), wird 
nicht angegeben. Pindar Pyth. 11, 38 ist der erste, der den Orestes deutlich als 
Muttermörder bezeichnet.« (Christ-Schmid, Griech. Literaturgesch., I^ p. 283*) 
Orestes ist aber (wie Hamlet) der Oedipus inversus. — Diese Tendenz der Über^ 
bietung der inzestuösen Elemente ist für den Mythus durchaus charakteristisch, 
mag ihr auch in der damit Hand in Hand gehenden Verdrängungsabwehr ein schein* 
bares Paroli geboten werden. 



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Emil Franz Lorenz 



Aber eben jene Erfahrung vom Mythus als einer Lustquelle 
ist sdiuld an der geänderten Darstellungsweise auf dieser zweiten 
Stufe der Entwid^lung. Wir wissen, daß die Wunsdigedanken, die 
auf die Befriedigung in der Phantasie angewiesen sind, inzestuöser 
Natur und darum im Traum wie im Mythus einer Zensur untere 
worfen sind. Diese vollzieht sidi im allgemeinen in Form der Ver^ 
drängungsabwehr. Der Mythenerzähler, der sidi im Grunde mit 
seinem Helden identifiziert, nimmt nun eine Sympathiever* 
Schiebung zugunsten des angegriffenen väterlidien Teiles vor. Damit 
ist aber audi der erste bedeutsame Sdhritt zur Loslösung des 
Mythus von seiner äußeren Naturgrundlage getan, denn jene 
Sympathieversdiiebung ist in den zugrundeliegenden Fakten, mit 
deren Erklärung sidi der Mythus zuerst besdiäftigte, in gar keiner 
Weise gegeben. Diejenigen, die im Mythus nur die Naturgrundlage 
gelten lassen wollen, müßten erwarten, daß jetzt, wo ihm diese 
Grundlage entzogen ist, sein Verfall eintreten müßte. Daß diese Er* 
Wartung nidit zutrifft, vielmehr gerade jetzt seine eigendidie Blüte 
anhebt, indem das Für und Wider der ausgelösten Affekte in sinn^ 
voller Weiterentwidilung zu immer neuen Gestaltungen treibt, mag 
als ein neuer Beweis dafür gelten, daß eben dieser affektive Faktor 
von Anfang in ihm gesdilummert haben muß. Andernfalls wäre 
diese WeiterentwiAlung keine organisdie, sondern die Gesdiidite des 
Mythus bestünde gleidisam aus zwei Studien, die durdi irgend^ 
weldie äußerlidie Momente aneinandergefügt worden wären. Daß 
dies nidit der Fall ist, dürfte aus der Analyse unseres Mythus mit 
hinlänglidier Deudidikeit hervorgehen. 

Wir haben bis jetzt das Motiv der Naturdeutung als ein 
selbständiges neben dem des sekundären Lustgewinns sexueller Natur 
bestehen lassen, jedodi immer deudidier herausgearbeitet, weldi be* 
deutsame Rolle das letztere audi dort spielt, wo jenes als das primum 
agens ersdieint. Nidit bloß die Rüd^sicht auf das »Einheitsbedürfnis 
der mensdilidien Natur« ist es, die uns bewegt, hier, wenn sdion 
keine Reduktion, so dodi eine Annäherung der beiden Motive an* 
zustreben/ es verleitet uns dazu vielmehr die Einsidit in die Ge* 
lungenheit des Versudis, der von Sachs ^ gemadit wurde, aus der 
nadi ungesdiiedenen Einheit primärer narzissistisdien Libidoerfülltheit 
des am Anfang der Entwid^Iung befindlidien Seelenlebens die Ent* 
stehung des Animismus als einer durdi Verdrängung der auteroti* 
sdien Libido entstandenen hetererotisdien Ersatzbildung zu begreifen. 
Hat demgemäß nadi den Ergebnissen dieses Versudis die natura 
mythisdie Komponente eine auterotisdie Wurzel und liegt der von 
uns gesdiilderten sexuellen Apperzeption die Hetererotik zugrunde, 
die Entwid^Iungsform der Auterotik, so hätten wir das gesudite 
einigende Band: Libidogewinnung auf versdiiedenen Stufen der Sub^ 
limierung. 



^ »Über NaturgefühU, Image, I. Bd., 2. Hft. 



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Carl Spitteler. 73 



Carl Spitteler. 

Von HANNS SACHS <Wien>. 

In dieser Welt von Übeln krank, von Blute rot. 
Tut Geist und SAönheit, tut ein Flecklein Himmel not. 
Ein Glücklidier, der nidits vom Pfuhl des Jammers weiß. 
Ein Edler, rein von Sdiuld, ein Held des HelmbusA weiß. 
(»Olympisdier Frühling«, II. Teil.) 

Ist die Annahme der Psydioanalyse riditig, daß die sdiöpferisdie 
Phantasie des Künstlers, wie jede andere, ihre tiefste und mäditigste 
Quelle im Unbewußten habe, so muß in der Brust jener, die sidi 
die Phantasie zum Lebensinhalt gemadit haben, der Kampf zwisdien 
Begierde und Verbot, Wunsdi und Angst mit besonderer Heftigkeit 
entbrannt sein. Was den Künstler von den übrigen Phantasie*' 
mensdien, Träumern und Narren, besonders unterscheidet ist seine 
Fähigkeit, trotz der Gewalt dieser inneren Kämpfe den Weg von 
sich weg zu finden. Er muß sidi vergessen können, während er seine 
Leiden ausspridit und formt: »Aber sidi so verlieren, ist mehr sidi 
finden«, dies Wort des Mystikers gilt nicht nur für die religiöse, 
sondern für jede Form der Inspiration. 

Wenn wir Psychoanalytiker nun audi hoffen dürfen, gründlidier 
als die bisherige Psydiologie das seelische Material nachweisen zu 
können, aus dem die poetischen Meisterwerke geformt wurden, wenn 
wir es auch versuchen dürfen, den Wegen dieser Umformung, den 
Medianismen der dichterischen Produktion nachzuforsdien, eines wird 
uns doch voraussididich immer unfaßbar bleiben: das Maß der 
geistigen Kraft, die dazu nötig war, den Widerstand der Materie 
völlig zu überwinden und in scheinbar schrankenloser geistiger Frei- 
heit zu schaffen. Darin wird sich das Genie wohl nie der wissen^ 
schaftlichen Analyse preisgeben, das Geheimnis seiner Größe sdieint 
schicksallos, außerhalb der Reihe von Ursachen und Folgen zu 
stehen. An keinem aber ist die Verleihung dieses Wundergeschenkes 
siditbarer geworden als an Carl Spitteler, dem großen Schweizer 
Diditer und unwissendichen Paten clieser Zeitschrift. Ihm gegenüber 
wäre eine Analyse ein zu hohes Wagnis,- nur auf einige Stellen, 
wo seine Intuition mit den Forsdiungsresultaten Freuds zusammen* 
trifft, sei bescheidendich hingewiesen. 

»Imago« ist die Geschichte einer aus der Verdrängung wieder^ 
kehrenden Liebe, die zuerst als Abneigung und Verachtung ver^ 
kleidet auftritt, dann im Traum und durdi »Konversion ins Somati- 
sche« nach Ausdruck ringt, bis sie sich wieder im Bewußtsein durchs 
setzt. Aber nicht die — übrigens in allen Einzelheiten wundervolle 
— Sdiilderung dieses Kampfes mit dem Widerstand ist das Einzig* 
artige des Buches, sondern die Gestaltung der Idee, daß für den 
in inneren Konflikten Befangenen nicht mehr die geliebte Person 
alleiniges Liebesobjekt ist, sondern daneben und darüber auch die 
Gestalten, die sich seine Phantasie nach ihrem Ebenbilde erschaffen 



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7-1 Hanns Sachs 



hat. Wohl war uns der Mechanismus der »Zerlegung« einer Person 
in mehrere als d^arakteristisdies Symptom einer Geisteskrankheit <der 
Paraphrenie oder Sdiizophrenie) bekannt und wir wußten audi, daß 
die rsydiosen nur das verzerrte Bild eines normalen Vorganges bieten. 
Damit war aber nur eine äußerlidie Betraditungsweise gewonnen, 
den Einblick ins Innere hat uns erst der Diditer eröffnet und zugleidi 
den treffenden Terminus geliefert. Die Widitigkeit dieser Erfahrung 
kann kaum übersdiätzt werden, denn nur durdi sie gelangt man 
dazu, das Kernproblem der Psydioanalyse, den Ödipuskomplex, 
riditig zu werten. Es sdiien weder erträgliA, nodi glaubhaft, daß 
alle Mensdien ein auf ihre nädisten Verwandten geriditetes ver^ 
botencs Begehren ihr ganzes Leben lang in der Brust versdilossen 
tragen sollten. Erst wenn wir einsehen, daß es im letzten Grunde 
nidit Vater und Mutter des aktuellen Lebens sind, denen jene Ge- 
fühle gelten, sondern des Vaters und der Mutter »Imago«, ihr in 
unbewußter Phantasie bewahrtes Erinnerungsbild aus der »Parusie« 
— die wir zu psydioanalytisdiem Gebraudi mit »Kindheit« über^ 
setzen — dann begreifen wir den Sinn jener durdis ganze Leben 
fortwirkenden Ödipuseinstellung. Für den Normalen wird die 
Imago Vorbild seiner Liebeswahl und nur für den ins Infantile 
zurüd^geworfenen Neurotiker fließt sie mit dem Urbild wieder 
zusammen, woraus dann Seelenpein und Gewissensnöte entstehen 
müssen. Victor, der Held des Budies, bildet aus allen seinen Ge^ 
danken und Wünsdien Gestalten, die für ihn selbständiges Leben 
gewinnen, ein Wahnsinniger also, wenn er nidit ein Diditer wäre. 
So aber weiß er immer nodi die Oberhand über seine Kreaturen 
zu gewinnen und statt sie fälsdilidi in die Realität zu versetzen, 
wie es ihm die Versudiung nahelegt, gründet er für sie eine neue 
Welt, in der sie frei wirken und walten können, »das Reidi, weldies 
reiner ist als das Reidi der Wirklidikeit, aber wesenhafter als das 
Reidi der Träume« — sein Kunstwerk. 

Spittelers Diditung will nidits ^x^eniger sein als ein Kompen^ 
dium für Psydio- und Neurologen. Ihre Bestimmung ist keine andere, 
als die jedes meisterlidien Kunstwerkes: andäditigen Genuß zu be^ 
reiten. Aber ohne sidi diesen zu sdimälern, kann man daraus die 
wertvollsten Erkenntnisse erlangen. So läßt sidi die Wiederkehr des 
Verdrängten aus den im Dienste der Verdrängung gesdiaffenen Maß^ 
regeln nidit sdiöner ansdiaulidi madien als durdi Victors Entsdiluß, 
Theudas Nähe nidit mehr zu fliehen, sondern aufzusudien, um 
dadurdi sein Phantasiebild von ihr leichter zu bekämpfen und zu 
entwerten. Die unbegreiflidie Vorliebe, die mandimal für ganz reizlose 
Orte oder einen gleidigiltigen Mensdien erwadit, wird völlig durA- 
siditig, wenn man die Gesdiidite von Victors Reise nadi Sengen^ 
dorf und seiner Freundsdiaft mit dem »sdieuledernen Andreas« 
liest. Seine Veranstaltung bei dieser Reise, das sdieinbar unsinnige 
Fragen nadi der Frau Direktor Wyss, ist die beste Aufdedtung 
eines neurotisdien Medianismus, nur daß freilidi der Neurotiker 



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Carl Spitteler 75 



völlig aus dem Unbewußten heraus so handelt, wie Victor in halb^ 
bewußter Selbstironie. 

Ein kleines Beispiel zeigt, wie wohl der Diditer die Bedeute 
samkeit der Fehlhandlungen zu würdigen versteht, die Freud als 
erster wissensdiaftlidi nachgewiesen hat. Victor kehrt heim, um die 
Treulose als »Riditer« zu bestrafen. Vor seinem Gang versidiert 
er sidi ihrer Adresse: Münstergasse sedis. »Hausnummer vierzehn,- 
da bin idi in Gedanken vorübergegangen. Rückwärts denn: Nummer 
zwölf, zehn/ jetzt kommt es näher,- adit — also das nädiste Haus. 
Nidit übel das Häusdien,- wie reinlidi, wie wohnlidi mit den weißen 
Spitzenvorhängen und dem weit ausladenden Erker,- wer würde 
ihm von außen die Falsdiheit ansehen, die es birgt. Einen Kanarien- 
vogel hört man audi,- und Kinderladien. Ein Kind? Wie kommt das 
Kind da hinein? Sollte idi midi in der Hausnummer getäusdit 
haben? Nein, es ist riditig Nummer sedis. Nun, es können ja 
mehrere Familien in einem Hause wohnen.« Victor bemüht sidi 
deutlidi, audi nadidem er seinen Irrtum gutgemadit und das riditige 
Haus gefunden hat, das Kinderladien so spät wie möglidi, erst nach^ 
dem er von den nebensädilidisten Einzelheiten Notiz genommen 
hat, zu hören. Auf die gemadite Wahrnehmung reagiert er dann 
sofort mit dem Zweifel an der Riditigkeit der Hausnummer und 
beruhigt sidi erst mit dem Gedanken, daß das Kind einer anderen 
Familie angehören könne. Das gibt uns den Sdilüssel zum Ver* 
ständnis für sein Vorübergehen. Er hat offenbar sdion beim ersten^ 
mal die riditige Hausnummer gesehen, dabei aber audi bereits 
das Kind gehört. Der Gedanke an das Kind war ihm jedodi so 
peinlidi, daß er seine Wahrnehmung unbewußt verfälsdite und 
weiterging, um das Haus zu sudien, wo die ehemals Geliebte — 
aber ohne Kind — wohne. Durdi diesen kleinen Zug weiß uns der 
Diditer einzugeben, daß der Gedanke, Theuda habe von einem 
anderen Manne ein Kind empfangen, für Victor unerträglidi ist, 
daß also hinter seinem Absdieu nodi unverändert seine alte Liebe 
steAt. Daß aber die Leser diesen Zug verstehen, audi wenn sie 
Freuds »Psydiopathologie des Alltagslebens<ic eben so wenig gelesen 
haben, wie der Diditer selbst, beweist, daß die empfangenden 
Organe, die sie der Diditung entgegenstredcen, nidit dem Bewußtsein 
angehören, sondern dem Unbewußten. 

Die Darstellung »Konrad der Leutnant« entrollt die Konflikte 
in der Seele eines durdiaus wohlgeratenen Mensdien, der an der 
Auflehnung gegen seinen Vater und der Liebe seiner Sdiwester 
zugrunde geht. Die eine verbittert ihm jedes freie Wirken und 
Sdiaffen, die andere madit ihm die Ablösung von der Familie und 
die selbständige Liebeswahl unmöglidi. Der gegen den Vater geridi^ 
tete Todeswunsdi, das aus Widerwillen und Abhängigkeit gemisdite 
Gefühl, das ihm der Sohn entgegenbringt, wird mit vollendeter 
Klarheit ausgeführt: »Da, während er ziellos hinbrütete, taudite 
unversehens der frevelhafte Sprudi seiner Sdiwester in seinem Ge^ 



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76 Hanns Sachs 



däditnis auf: »»Wer weiß denn, wie lange er überhaupt nodi lebt?«« 
Ob er das Wort norfi so heftig verbannte, es kam wieder und 
hüpfte unablässig in seinem Ohr, Gewiß nidit als Wunsdi und 
Hoffnung — pfui! — sondern einfadi als Frage. Und sdiließlidi 
im Grunde, warum sollte er sie nidit beantworten? Eine unbe^ 
zwingbare Neugierde wudis in ihm heran, so daß er sidi eine 
Sdirittlänge seitwärts am Fenster zurüdstahl, bis sein Blidi durdi 
die Türspalte streifend den Vater erreidite, die redite Seite des 
Körpers und je nadidem jener sidi bewegte, audi den Kopf. Und 
nun begann er ihn verhaltenen Atems zu beobaditen, wie er ihn 
nie beobaditet hatte, mit dem lauernden Blid^e des Spions, welAer 
nadi des Feindes Sdiwädien späht. Im einzelnen prüfte er ihn, von 
oben bis unten, um es sdiließlidi zusammenzuredinen: Das sdired^* 
lidie Anditz glatt und bartlos, mit braunen Fled^en sdiauerlidi ge^ 
tigert, die fürditerlidien, rot unterlaufenen Doggenaugen, den gedun* 
senen Leib . . . Und heimlidi zählend überflog er sein Alter: vier^ 
undsedizig im Herbst. Jedesmal, wenn zufällig sein Blidi den des 
Vaters kreuzte, sdinellte er den seinigen zurüÄ, während der Vater 
geräusdivoll sdinurfelnd ausspud^te.« In einer glüd^lidien Stunde 
gelingt ihm denn beides, die Überwindung des Vaters, der sidi 
gutwillig dazu versteht, ihm die Herrsdiaft abzutreten und die 
Brautwahl. Aber der Rausdi des Erfolges geht vorüber und der 
Arme muß einsehen, daß er seine Konflikte niemals los werden, 
sein Leben statt in fröhlidier Wirksamkeit in Haß und Zank ver- 
bringen muß. Das wird ihm in vollster Deutlidikeit vor Augen 
gestellt, während er sidi aufmadit, um einen Niditswürdigen zu 
züditigen. Er hört den Vater lamentieren, sein Sohn habe ihm den 
Todesstoß versetzt, und die Eifersudit zwisdien Sdiwester und Braut 
flammt wild auf, da die eine ihm von seinem LInternehmen abrät, 
die andere ihr zum Trotz ihn dazu anstadielt. Im Kampfe mit 
dem weit sdiwädieren Gegner erhält er den Todesstoß, nidit als 
Opfer eines unglüd^lidien Zufalls, sondern weil er mit unbewußtem 
Wunsdie selbst den Tod sudit. Die Tatsadie, daß hinter einer 
UngesdiiAlidikeit das unbewußte Streben nadi Selbstbesdiädigung, ja 
nadi Selbstmord verborgen sein kann, die Freud mit den Mitteln 
der psydioanalytisdien Tedinik nadigewiesen hat, ist für den Diditer 
nidits Paradoxes,- sie ergibt sidi vielmehr aus seiner Darstellung mit 
der Notwendigkeit und Selbstverständlidikeit, die jeder Kunstvoll*- 
endung innewohnt. 

Der kleine Gerold in »Die Mädchenfeinde« wiederholt sidi 
selbst stets eine und dieselbe Phantasie. Sie beginnt mit einem 
großen Sdiladitgemälde, wobei er selbst natürlidi Anführer der 
siegenden Partei ist. »Sdion war der Sieg entsdiieden, der Feind 
floh, sämtlidie Kanonen im Stidie lassend, siehe, da stürzte der 
Obergeneral der feindlidien Kadetten, ein engelsdiöner Knabe in 
weißer Uniform mit goldener Sdiärpe und goldgestiAten Aufsdilägen 
verwundet vom Pferde. Er, rüd^siditslos durdi Freunde und Feinde 



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Carl Spirteler 77 



sidi Bahn brechend, stürmisch zu ihm hin, half ihm sich aufriciiten, 
tröstete ihn liebreich, nahm ihm sein Ehrenwort ab und versprach 
ihm Pflege und großmütige Behandlung. Und süß war der Dankes^ 
blick aus den blauen Augen des Gefangenen.« Es kann nicht zweifeU 
haft sein, daß es die ersten Regungen der ihres Objekts noch nicht 
kundigen Sexualität sind, denen diese Phantasie entsprungen ist. So 
deutet es aucfi der Psydiolog des Buches, der Narrenstudent: »Neun 
Jahre und zwei Monate! Und schon Engeleien im Kopf! Gerold, 
du bist ein Phänomen . . . Um aber auf deinen holden Kadetten* 
general zurückzukommen, so will ich dir, weil du mir dein Geheimnis 
anvertraut hast, auch etwas Geheimnisvolles verraten, glaub's oder 
glaub's nicht, aber merk dir's und behalt es: Der Kadettengeneral 
verwandelt sich später, mag sein in fünf, mag sein in sieben oder 
acht Jahren, in ein lebendiges Mädchen, das du sehen kannst, und 
das »»Gerold«« mit einem langen, langen e zu dir sagen wird, wie 
wenn ein h dahinterstände.« Es ist kaum möglich, für eine so zarte 
und treue Darstellung so grobschlächtige Worte zu gebrauchen wie 
»Deutung der Sexualität im Sinne des eigenen Aggressionstriebes« 
oder »infantile Inversionsneigung«. Nur darauf sei verwiesen, daß 
ganz im Sinne der Theorie Freuds hier geschildert wird, wie sich 
die Sexualität beim Kinde schon regt, längst bevor sie hinreichend 
gereift ist, um das richtige Sexualziel und Sexualobjekt zu erkennen. 

Auffallend ist übrigens die Ähnlichkeit zwischen dem Götti 
Statthalter und seiner Frau mit dem Elternpaar in »Konrad, der 
Leutnant«. Der Vater laut, tyrannisch und willkürlich, die Frau zart 
und leidend. Bei der unendlich reichen Gestaltungskraft Spittelers, 
die sich sonst in keinem, auch nicht dem kleinsten Zuge wiederholt, 
muß man wohl vermuten, daß hier unauslöschlich eingedrückte Vor^ 
bilder wirksam waren. 

Verstreute Bemerkungen, wie die mitgeteilten, können einer 
Persönlichkeit, wie es Spitteler ist, selbstverständlich nicht genüge 
tun,- um so weniger, als der Versuch gar nicht gemacht wurde, ihn 
als das zu werten, was er rein und ausschließlich ist: als Künstler. 
Da jedoch gerade in diesem Punkte der größte Mut vonnöten wäre, 
um ihm ins Einzelne zu folgen, so sei nur das eine als sicherste 
Überzeugung ausgesprochen: Von allen Lorbeeren, die unsere Zeit 
austeilt, ist keiner, dem unverwelkliche Frische so gewiß ist, wie 
dem, der seine Stirne bekränzt. 




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78 H. V. Hug-Hellniuth. 



Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

Redigiert von Dr. H. v. HUG-HELLMUTH. 

I. 

Über erste Kindheitserinnerangen. 

Von Dr. H. v. HUG^HELLMUTH. 

Es ist eine eigentümliche Tatsache, daß der Erwachsene, rückschauend in seine 
Jugendzeit, meist schon im siebenten Lebensjahr auf das große »schwarze 
Loch in seinen Erinnerungen« stößt, wie Otto Ernst die Gedächtnislücken des 
kleinen AsmusSemper nennt. Hinter diesem dunklen Nichts leuchten dann noch 
wenige helle Gebilde mit scharf umrissenen Konturen aus dem nebelhaften Chaos des 
frühesten Kinderdaseins. Es sind Erinnerungsbrocken von seltsamer Klarheit, aber 
weil dem Erwachsenen jeder Zusammenhang derselben mit dem übrigen Geschehen 
entschwunden ist, so weiß er mit ihnen nichts anzufangen. Ja, er verlegt sie, in dem 
dunklen Bewußtsein, daß sie für ihn einst eine große Bedeutung gehabt haben, 
in spätere Jahre, obwohl sie ihm dort nicht am rechten Platze scheinen,- aber diese 
bewußten und unbewußten Erinnerungstäuschungen sind nicht imstande, jenen 
Resten infantilen Geistes- und Gemütslebens etwas von ihrer fast visionären 
Klarheit zu rauben. Neben diesen »poetischen Naturen, bei denen die Er* 
innerungen der Kindheit bis ins höchste Alter lebendig bleiben und zuletzt 
die jüngeren EindrüAe ganz und gar verdrängen« ^ sind andere — und es ist 
vielleicht die Mehrzahl — die wenige oder gar keine Erinnerungen an die Frühzeit 
ihrer Seele bewahrt haben. Und es gibt Forscher, »die es mit Freude begrüßen, in 
der Zeit, da die Auffrischung frühester Jugenderinnerungen Mode geworden, einmal 
einem zu begegnen, der gesteht, nichts zu erinnern«. Wenn wir an diese Be- 
hauptung die psychoanalytische Sonde legten, so würde sich dartun, daß diese 
Personen viel von dem, was in ihrer Kindheit eine wichtige Rolle spielte, nicht 
wirklich vergessen, sondern bloß gut ins Unbewußte verdrängt haben. Wenn 
Compayre- sagt: »Es würde natürlich erscheinen, wenn die Erinnerungen an 
die Anfänge unseres Lebens dunkel wären,- in Wahrheit aber sind sie gar nicht 
vorhanden«, so kann man, auf psychoanalytischem Boden stehend, dem Gelehrten 
bloß im ersten Teil seiner Meinung beipflichten. Denn die Psychoanalyse gibt uns 
das Mittel, die Spuren seelischen Geschehens zu verfolgen bis in die ersten Lebens- 
jahre. Träume und kritikloses Wach-Erinnern führen uns in die Zeit, da die Seele 
ihre Tore öffnete zum Einzüge von Freude und Schmerz und unter dem Eindruck 
der ersten Gefühle sich ihrer selbst bewußt wurde. 

Nach Freuds genialer Lehre hat das Nicht-Erinnern der Großen einen 
seiner Hauptgründe in der Amnesie der Kleinen. Sie ist teils durch die große 
Beweglichkeit der Elemente des infantilen Geistes bedingt, teils trägt die durch 
Erziehung und Herkommen geübte absichtliche Unterdrückung gewisser Gedanken- 
gänge schuld daran, daß uns die Erinnerung an Erlebnisse schwindet, welche ihrem 
Charakter nach zum dauernden Besitz unserer Seele geeignet wären. Die Wertung 
der Ereignisse vollzieht sich beim Kinde in weit höherem Maße als beim Er- 



* Bogumil Goltz, Buch der Kindheit, p. 165. 

- Compayre. Die Entwicklung der Kindessccie, p. 165. 



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über erste Kindheitserinnerungen. 79 



wactsenen unter dem Einflüsse sexuellen und erotisdien Empfindens, denn ihm 
fehlt jede ethisAc und ästhetisAe Würdigung. Sowie diese sidi zum Worte 
meldet, wird das Ursprünglidiste des infantilen Gedanken-^ und Gefühlslebens aus 
dem Bewußtsein gedrängt und ins Unbewußte verwiesen. SolAe gewaltsame 
Unterdrückung erfährt nidit selten gerade der Teil der Erinnerung, um dessent-- 
willen ein Vorkommnis dem GedäAtnis siA eingeprägt hat/ der verpönte sexuelle 
Inhalt wird vergessen und harmlose Dinge treten in den Vordergrund. So kommen 
jene Erinnerungsbrodcen zustande, die uns unerklärlidi oder barer Unsinn dünken, 
solange wir nidit die psyAoanalytisdie Forsdiung zu Redit gelten lassen. 

In dem autobiographisdien Roman »Asmus Sempers Jugendland« 
beriditet Otto Ernst als früheste Erinnerung des kleinen Helden, daß dieser sidi 
in einem weißen Kleiddien auf dem Treppenabsatz sitzen sieht, während seine 
Mutter über das Geländer der Treppe hinweg mit einer NaAbarin plauderte. War 
es befriedigte Eigenliebe, die siA an dem weißen KleidAen freute, war es ein 
Teil des GespräAs, den der kleine Knabe mit besonderem Interesse auffing und 
in seine junge Seele einsAloß als geheimnisvollen SAatz, siAer war es die Gefühls^ 
Seite, die ihm dies an siA unsAeinbare Erlebnis so wertvoll gestaltete, daß ers 
dauernd behielt. Und dann folgt eine Erinnerung, in der die erotisAe Verknüpfung 
mit der Gestalt des heißgeliebten Vaters klar hervortritt: »Das näAste große Er^ 
eignis, das seine Spuren für immer in sein GedäAtnis grub, war ein BarbierbeAen. 
Es hing über einer Tür an der Straße. Es funkelte herrliA, wenn der Wind es 
bewegte, und war wohl das SAönste, was es auf der Welt gab. Und eines Sonntags 
ging Ludwig Sem per, der Vater, in das Haus mit dem herrliAen BeAen hinein, 
und seinen Sohn Asmus trug er auf dem Arm. Ein Mann der immerfort 
redete, legte Asmus die Hand auf den Kopf, und dann wisAte er dem Vater 
einen weißen SAaum ins GesiAt. Wenn der Mann redete, sah ihn der Vater 
immer ganz ruhig mit seinen großen Augen an und sagte: Hm! Und dann faßte 
der Mann den Vater bei der Nase und kratzte den SAaum wieder ab. Und als 
der Vater mit seinem Asmus wieder draußen war, kamen sie gleiA auf einen Platz. 
Da war es sehr sAön, weil es so frei war. Und da standen mehrere Männer in 
sauberen RöAen/ mit denen spraA der Vater, Die Männer in ihren sauberen 
RöAen waren auA sAön, überhaupt war an dem Tage die ganze Welt 
wunderschön, weil überall Sonntag war.« Sonntag war's aber in der Seele 
des Kindes, weil es beim Vater war, »der gleiA naA dem lieben Gott kam«, und 
dem die erste heiße Liebe seines jungen Lebens gehörte. Mit ihm allein zu sein, 
ihn ganz und ungeteilt für siA zu haben, war in der kinderreiAen Familie Semper für 
den kleinen Asmus gewiß eine seltene, und darum reAte Sonntagsfreude. Und weil in 
ihr die unbewußte EifersuAt des Kinderherzens auf die GesAwister loderte, die in 
späteren Jahren künstliA eingedämmt und niedergehalten wird als unbrüderliAes Gefühl, 
deshalb ist die Erinnerung von der verpönten Regung versAoben auf das harmlose 
BarbierbeAen, die Prozedur des Stillhaltens des Vaters beim Rasieren u. dgl. 
Freilich trägt zu diesem Teil der Erinnerung niAt wenig das kindliAe Staunen 
bei, daß ein fremder Mann es wagt, dem gottähnliAen Vater »SeifensAaura ins 
GesiAt zu wisAen« und ihn gar bei der Nase zu fassen,- gewiß lauter Dinge, die 
Frau Rebekkas, der Mutter rasAe Hand, bald zu unterbreAen verstand, wenn die 
GesAwister siA also traktierten. Und nun ließ der herrliAe Vater dies sAweigend 
über siA ergehen! 



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80 H. V. Hug-Hellmuth. 



Finden wir in diesen Erinnerungen das sexuelUerotisdie Moment nur leise 
angedeutet, so spridit es umso klarer aus den frühesten Reminiszenzen Ganghof er s^ 

Aus seinem zweiten Lebensjahre: »Ein entsetzIiAes Spektakel mit Geklirr und 
Gerassel — grelles LiAt — dann finstere Nadit, in der ich sAreien mußte vor 
Angst. Das ist die älteste unter den Erinnerungen an meine Kinderzeit in Kauf* 
beuren. Als ich vor vielen Jahren meiner Mutter einmal sagte, daß 
diese Erinnerung in mir wäre, mußte sie sich lange besinnen, bevor 
sie das Rätsel lösen konnte.« Der kleine Junge war an einem Winterabend, 
indes die Mutter in die KüAe gegangen, auf den TisA geklettert und hatte dabei 
die Stehlampe auf den Boden geworfen. In seiner Herzensangst tat er, was jedem 
Kinde als reAtes Mittel in der Not ersAeint: er sArie, »als war' er an einen Spieß 
gebohrt«, naA der Mutter, die ihn aus der plötzliAen Finsternis befreien sollte,- 
denn eine Mutter weiß ja immer zu helfen — in den Augen des Kindes. 

»Eine zweite Erinnerung: lA friere sAreAliA, obwohl die Sonne sAeint/ 
viele MensAen sind um miA her,- iA laufe sAnell und habe SAmerzen an den 
Sohlen/ und die vielen MensAen laufen mir naA und laAen immer. Da hatte 
meine Mutter miA als dreijährigen Jungen, an einem Märzmorgen, ins Bad gehoben. 
Sie wurde abgerufen, kam zurüdt — und fand die Badewanne leer. In der Wohnung 
war der nasse Ausreißer niAt zu finden. Meine Mutter rannte über die Treppe 
hinunter, guAte durA die Haustür auf den KirAplatz hinaus — und da rief ihr 
eine NaAbarsfrau mit LaAen zu: ,Frau Aktewar, uier Ludwigle isA buzelnaAet 
über'n Marktplatz gloffe!' Die Mutter jagte hinter mir her, vergnügte Leute wiesen 
ihr den Weg, und sAließliA er^J^'isAte sie miA draußen vor der Stadt im Forst* 
amte, in dessen Kanzlei mein Vater als Aktuar unter dem Forstmeister Thoma 
diente.« Wer erwägt, welA unendliAe Lust ein kleines Kind aus der eigenen 
NaAtheit und ihrer SAaustclIung sAöpft, wie es gleiAzeitig durA das heimliAe 
Fortlaufen aus dem Hause dem mütterliAen Zwange beim Baden siA entzieht und 
strebt, dem geliebten Vater zu ungewohnter Stunde siA in ZärtliAkeit anzu* 
sAmiegen, der versteht, warum Aeses HeldenstüAAen so treu im GedäAtnis haftete. 

Neben der Erinnerung an ein Kinderfest, das für den kleinen Dreijährigen 
mit heller Freude an Musik und Karussel begonnen und mit SAmcrz und Bewußt- 
losigkeit geendet, lebt in der DiAterseele eine andere, deren Bedeutung der Autor 
mit dem Verständnis einer tiefen Poetennatur erfaßt hat. Er sAreibt: »NoA eine 
andere Erinnerung reiAt in mein viertes Lebensjahr zurüA. IA glaube, daß iA sie 
niAt übergehen darf. Denn sie hilft die Frage beantworten, in welchem 
Lebensalter die unbewußten Ahnungen des Blutes beginnen und die 
Kinderseclc zum ersten Male berührt werden kann von jenem Ewig^^ 
keitsgeheimnis, das zwischen Männchen undWeibchen seine unsicht* 
baren, aber sicher bindenden Fäden spinnt. 

Meine Eltern waren mit einer Familie befreundet, in der zwei TöAter von 
aAtzehn und neunzehn Jahren das Haus mit Frohsinn und LaAen füllten. Diese 
MädAen waren meine zwei anderen MüttcrAen. NamentliA die jüngere von den 
beiden, das Theresle, verhätsAelte miA über Gebühr. IA war viel in diesem 
Hause. Und einmal blieb iA da über NaAt ~- ich weiß niAt weshalb — vieU 
leiAt, weil siA daheim bei den Eltern etwas ereignete, wobei man die zwei- 



* L. Ganghof er, Lebenslauf eines Optimisten. BuA der Kindheit, p. 1 fF. 



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über erste Kindheitserinnerungen 81 

jährigen Augen meines SAwesterdiens noch nicht scheute, aber schon meine vier- 
jährigen, immer in Neugier spähenden GuAer. Idi vermute das, weil mir aus jener 
Zeit ein Wort im Gedächtnis bheb, das irgend jemand über mich sprach: »Das 
Lausbueble spitzt überall hin, x^'o's vorbeischaue sollt!« Und damals wurde ja auch 
mein Brüderchen geboren, das Fritzele, das nach wenigen Monaten die Augen 
wieder schließen mußte, mit denen es die Welt nodi gar nicht recht gesehen hatte. 

Da sprechen nun die beiden Kontraste durcheinander: Der Tod, der das 
Leben endet — und das Geheimnis, aus dem alles Leben quillt. Und zwischen 
diesen beiden Gegensätzen zittert ein erschrockenes Kinderseelchen. 

Das Theresle behielt mich damals über Nacht und bescherte mir ein lindes 
Winkelchen in seinem Bett. Idi wurde wohl schon mit Anbruch des Abends in 
dieses große Nest gesteckt. Und als dann das Theresle schlafen ging, wurde ich 
wieder munter, tollte nach meiner Art, trieb allerlei Ungezogenheiten und warf 
die Kissen so unmanierlich durcheinander, daß meine achtzehnjährige Schlaf kameradin 
unser Lager wieder in Ordnung bringen mußte. Sie legte das Federbett und die 
Kissen auf den Boden heraus, und während ich mir's auf dieser linden Unterlage 
gemütlich machte, strich das Theresle mit flinken Händen das Leintuch glatt. Und 
wollte beim Tisdi, auf dem die Lampe brannte, etwas holen. Und stieg im Hemde 
über mich weg — und wie ein ahnungsloser Schläfer von Alpdrücken befallen wird, 
nur weil er auf dem Rücken liegt, so wurde ich da plötzlich von einem atem* 
beklemmenden Schreck überfallen, so tief und wunderlich, daß er sich für Lebens- 
zeit in meinem Erinnerungsvermögen festnistete. 

Als mich das Mädel in das frischgemachte Bett hineinhob, blieb ich still 
und zitterte. Und niemals wieder ließ ich mich vom Theresle küssen oder hätscheln. 
Ich fing zu schreien an, wenn sie mich in die Arme nahm. Und seit damals blieb 
in mir durch ein Dutzend Jahre ein grober Widerwille gegen alles, was Mädchen hieß. 

Warum dauerte gerade diese Erinnerung so fest und deutlich? Und vieles 
andere, das sich meinem Gedächtnis hätte einprägen müssen, ist erloschen in mir.^ 

Das feinbesaitete Dichtergemüt gibt dem kritischen Verstände, der das 
ahnungsvolle Schauern der Kinderseele nidit wahrhaben will, selber die rechte Ant^ 
wort. Das vom Kinde ewig belauschte und nie ergründete Geheimnis der Ge^ 
schlechter und ihrer Beziehungen zueinander regt das infantile Gemüt in seinen 
Tiefen auf und gräbt in die verborgensten Winkel der Seele seine rätselhaften 
Zeichen in unauslöschlicher Schrift. Und dies Geheimnisvolle umfängt in erster 
Linie die eigenen Eltern, für den Knaben zumal die Mutter, das Weib y.m* Icoxiiv- 
Der brennende Wunsch jedes kleinen Jungen, das Rätsel des Geschlechtes an der 
Mutter selbst zu lösen, birgt sidi bald hinter Mutwillen, bald hinter scheinbarer 
Ungeschicklichkeit, beides Mittel des Unbewußten, Verpöntes zu erspähen. Und 
nun bietet sich dem Kinde unerwartet an einem Weibe, das ihm trotz aller Zu*^ 
neigung doch um so viel ferner steht als die Mutter, der Anblick, den seine unbe^ 
wußte Libido an ihr allein ersehnte. Weil aber »die reinliche Erziehung, die das 
Kind empfing«, solche Begierden bereits verdrängt hatte, so empfindet es in dieser 
Situation nur zitternde Angst und Ekel. Gefühle der Abwehr gegen das Weib 
nehmen seine Seele für Jahre in Beschlag. Nur das fünfjährige Elsbethic, das zwei 
Jahre später seine Spielgefährtin ist, macht eine Ausnahme,- denn »an ihr war 
nichts von den dunklen Unerklärlichkeiten des Theresle zu entdecken«. Von ihr erzählt 
Ganghofer: 

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S2 H. V. Hug-Hellmuth 



'^Unter jener hartnäckigen Abneigung, die mir seit dem Abenteuer mit dem 
Theresle gegen alles geblieben war, >ras »»Mädele«« hieß, hatte auch das Elsbethic 
im Anfang unserer Bekanntsdiaft viel zu leiden. Aber das wurde plötzliA anders. 
An einem heißen Sommertage spielten wir am Ufer des Badies, und da kam idi 
auf den Einfall, midi abzukühlen und ein Bad zu nehmen. Das Elsbethle maAte 
das natürÜA gleidi mit. Und da konnte idi zu meiner Qberrascfcung bemerken, 
daß an dem Elsbethle nidit die geringste Übereinstimmung mit den dunklen Un* 
erklärlidikeiten des Theresle zu entdecken war. Lag's in meiner Natur oder war's 
ein Resultat der reinlichen Erziehung, die ich als Kind empfing, . . . idi hatte 
immer einen heftigen Abscheu vor allem, was mit den unsauberen Notwendigkeiten 
des menschlichen Körpers zusammenhing. Und nun denkt euch, wie hoch ich das 
Elsbethle über den durchschnittlichen Bubenwert zu stellen begann, als ich ge* 
wahren konnte, daß dieses feine Dingelchen nicht nur jeder Ähnlichkeit mit dem 
schauerlichen Theresle entbehrte, sondern auch vom lieben Gott noch viel appetit* 
licher gebildet war, als ich und die anderen Buben. Ich fing da wahrhaftig zu 
glauben an, daß das Elsbethle eine Art Idealgeschöpf wäre, dem jede Veranlassung 
fehlte, sich mit niederen Lebensfunktionen zu befassen. 

Ganz deutlich erinnere ich mich noch, daß damals während jener plätschern- 
den Badestunde etwas unsagbar Schönes und Freudiges in meinem sechsjährigen 
Gehirnchen war.« 

Wenn wir der Sexualität im Leben des Kindes die Rolle zugestehen, die 
ihr tatsächlich zukommt, so kann uns die Intensität der Erinnerung an Erlebnisse 
sexuellen Charakters nicht befremden. Unter allen Trieben der menschlichen Natur 
ist keiner so stark und erfährt keiner eine so heftige Unterdrückung in der Kind' 
heit als der, welcher dereinst dem Menschen das höchste Glück spenden soll. Es 
ist nur natürlich, daß jene zwei Faktoren dem stillen Festhalten an allem, was 
irgendwie im sexuellen Boden wurzelt, gewaltig Vorschub leisten. Perez erzählt, 
daß er sich aus seinem zweiten Lebensjahre gut einer rohen und dummen Wärterin 
erinnert, die ihn zum Fenster hinaushielt und tat, als wenn sie ihn hinauswerfen 
wollte. Es ist natürlich, daß den kleinen Knaben heftige Angst befiel. Nun löst 
aber Furcht nicht selten sexuelle Gefühle, bei Knaben direkt Erektionen aus,- es 
ist daher die Annahme berechtigt, daß diese die wahre Ursache der Erinnerung 
sind, wenn schon sie später als verpönt betrachtet, unterdrückt und die Roheit der 
Wärterin allein im Gedächtnis bewahrt wurde. 

Von Pierre Loti berichtet Compayre^ daß er sich genau seiner ersten 
Springs und Laufversuche aus dem Beginn des zweiten Jahres erinnert. Es braucht 
kaum einer besonderen Erwähnung, daß die Muskelbetätigung bei diesen Kraft- 
leistungen für das Kind außerordentlich lustvoll betont ist. Ehrgeiz und Sucht, 
bewundert zu werden, begegnen dem Lustgefühle, das durch die Reizung der beim 
Springen beteiligten Muskulatur ausgelöst wird, und diese doppelte Befriedigung 
erotischer Bedürfnisse fixiert das Erlebnis in der Seele des Kindes. Wenn sich, 
wie derselbe Autor anführt, eine fünfunddreißig jährige Person aus ihrem dritten 
Lebensjahre einer Kindstaufe und eines geräuschvollen Jahrmarkts in Paris erinnert, 
so ist die Vermutung naheliegend, daß die nachhaltige Wirkung dieser Erlebnisse 
auf besonderen Eindrücken sexueller Natur beruhe,- wie leicht ist es möglich, 
daß sich vor den Augen und Ohren des Kindes von den geräuschvollen Jahrmarkt* 

^ CompayrC/ I. c. p. 164. 



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über erste Kindheitserinnerungen 83 



Szenen mehr entrollt hatte, als seinem Alter angemessen war, und audi bei einer 
Kindstaufe fehlt es für ein Kind nidit an Gelegenheit, derbe Sdierze mit halbem 
Verständnis aufzunehmen. 

Eine Reihe loser Erinnerungsstücke aus der frühesten Kindheit erzählt 
Bogumil Goltz ', die trotz ihrer fast dürftigen Schlichtheit eine beredte Sprache führen 
und die er, aus der Poesie seines tiefen Gemütes sdiöpfend, »Seelen von Kiader- 
erlebnissen« nennt: »Es sind in Traum und Nebel zerfließende Erinnerungen, 
Nadiklänge ... In solcher ätherisdien und überirdischen Weise dämmern vor 
meiner Seele mehrere Bilder und Lebensempfindungen aus dem frühesten Be- 
wußtsein.« Eines derselben möge hier Platz finden: 

»In einer Sommernacht im mystischen Helldunkel auf einem offenen 
Wagen unterwegs. Kaum weiß idi, ob allein oder mit anderen. Zum ersten Male 
hab' ich da die tiefere sittliche Empfindung von Ruhe und Schlaf. Die ganze 
Welt ist in Stille und Sdiweigen, die Natur liegt in Träumen, es ist mir, als hör' 
idi den Erdboden leise atmen und mit den Seufzern heben sidi die Sandhügel, 
zwischen denen der Weg führt, wie der Busen der Nacht selbst. Ihre Schöne 
und Poesie umwebt mir die Sinne, ihre heiligen Mysterien schauern in mein Da- 
sein.« Der Dichter spricht selbst die Personifikation der näditlich ruhenden Erde 
als sdilafendes Weib aus,- es ist die uralte Identifikation mit der Allmutter der 
irdisAen Lebewesen, wie sie dem Märchen- und Sagenschatz keines Volkes fehlt. 
An den Busen der Mutter schmiegt sich in der Nacht das Kind, wenn sdireckhafte 
Träume es quälen, und früher als der Erwachsene es ahnt, keimt in seiner Seele 
ein leises Begreifen des näditlichen Mysteriums zwischen den Eltern. Solche Ge- 
dankengänge, deren verbotener Charakter erkannt und um dessentwillen sie aus 
dem Bewußtsein verdrängt werden, knüpfen sich dann an ungewohnte Erlebnisse, 
mit denen sie harmlose Merkmale teilen,- und in dieser Maske behaupten sie ihren 
Platz im Erinnerungsleben. 

An dieser Stelle möchte idi auch zwei der frühesten Erinnerungen aus 
meinem eigenen Leben einschalten: Eine starke Frau mit aufgebundenem 
Rocke — offenbar eine Wäscherin — füllt mir beim Hausbrunnen 
kleine irdene Töpfchen mit Wasser. Zu dieser Frau, der Hausbesorgerin 
im Hause meiner Eltern, hatte ich von früh an eine besondere Zuneigung, weil 
sie meinen Gelüsten des Wasserplantschens stets Vorschub leistete, obwohl mir 
dasselbe streng verboten war. Es ist bekannt, daß das Spiel mit Wasser für 
Kinder in naher Beziehung zu den Lebensfunktionen steht und eben deshalb zu 
ihren liebsten Beschäftigungen gehört. Möglicherweise sind auch die stattlichen 
Formen dieser Frau von besonderem Eindruck für mich gewesen,- wenigstens 
konnte ich mir lange Wäscherinnen und Hausbesorgerinnen nicht ohne dieses 
Attribut vorstellen. 

Ein zweites Bild: Eine düstere mit Efeu umsponnene Laube^ 
in der meine Mutter mit uns Kindern, etwas erwartend, sitzt. Es 
stammt gleich dem vorigen aus meinem vierten Lebensjahre und knüpft an die 
Übersiedlung aus der Wohnung, in der ich geboren und bis dahin aufgewachsen 
war. Die Wände des Gartenhäuschens waren mit Bildern aus Familienblättern 
und Modejournalen beklebt und das Interesse, das ich in späteren Jugendjahren 



> B. Goltz, Buch der Kindheit, p. 227 ff. 



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OrfgfrTaffrom 
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84 H. V. Hug-Hellmuth 



stets derart gesdi muckten Lusthäusern entgegenbrachte, läßt vermuten, daß jene Dar- 
stellungen irgendwie eine sexuell nachhaltige Wirkung auf mich gehabt haben, 
vielleicht durch die dekolletierten Kleider der Damen, Nst'as ja wieder in einem ge^ 
wissen Zusammenhange mit der ersterwähnten Erinnerung stände. Sicher spielt aber 
bei dieser deutlich bewahrten Reminiszenz noch eine Gcfühlsbetonung anderer Art 
mit. Jedem Kinde erscheint die Zeit der Übersiedlung in eine neue Wohnung — 
zumal wenn es die erste ist, die das Kind mitmacht — als eine aufregende ,- 
mancherlei kleine Abweichung von der gewohnten Tagesordnung, weniger strenge 
Überwachung, das Aufstöbern längst vergessener SpieU und Gebrauchssachen, der 
Besuch 6cs Bodenraums sind für das Kind so neue eigenartige Eindrücke, daß sie 
sein Gemütsleben in eine lustvolle Spannung, in die Erwartung von etwas Be- 
sonderem versetzen. Und in der Tat blieb mir dies erwartungsvolle Harren in der 
Laube am Tage der Übersiedlung gut im Gedächtnisse. 

Es entspricht nur dem Intellekt und dem natürlichen Frohsinn des gesunden 
Kindes, daß es ungewöhnliche Vorkommnisse, zumal freudiger Art, leiditer im 
GedäAtnisse bewahrt als düstere. Da aber auch diesen häufig nicht das Merkmal 
fehlt, das vielleicht allein hinreicht, ein Erlebnis dem Erinnerungsschatz einzu^ 
verleiben, nämlich eine Lustbetonung irgendwelcher Art, so finden wir bei 
Kindern und Erwachsenen oft ein überraschend genaues Bild soldier frühesten 
Eindrücke,- ich meine die Gedächtnisbildpr von Krankheit und Tod, von denen 
ja selten eine Jugend ganz verschont bleibt. Übt auch der Tod von Familien- 
mitgliedern, selbst von Vater oder Mutter, im allgemeinen auf das kleine Kind 
keine nachhaltige Wirkung aus, so bewahrt dieses doch häufig eine Erinnerung 
an den Tag des Begräbnisses, weil das Bewußtsein, die Familie oder gar das 
eigene kleine Ich stehe im Mittelpunkt der allgemeinen Teilnahme, der kindlichen 
Eigenliebe entgegenkommt. Ein achtjähriges Bauernmädchen erinnerte sidi lebhaft 
der »vielen Stritzel und Kuchen«, die es vor fünfeinhalb Jahren beim Begräbnisse 
der Großmutter gab, und zwei Offizierssöhne, die ihren Vater im Alter von drei 
und vier Jahren verloren, bewahrten sich bis tief in die Sdiulzeit hinein das Bild 
»der vielen Generäle mit Federbusch und Tschako«, die sich zur Leichenfeierlich- 
keit eingefunden hatten. 

Selma Lagerlöf bezeichnet den Tod der Großmutter, der Märchen- 
erzählerin ihrer ersten Kinderjahre, als eine der frühesten Erinnerungen: »Als ich 
fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß kaum, ob idi seit- 
dem einen größeren gehabt habe. 

Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf 
dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt. 

Ich weiß es nicht anders, als daß Großmutter da saß und erzählte, vom 
Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten zu. 
Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut ging wie 
uns . . . 

Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine schwache, 
unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere ich mich so gut, daß 
ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine Geschichte von Jesu Geburt. 

Seht, das ist beinah alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß, außer 



^ Lagerlöf, Christuslegenden, Gcsamm. Werke, X. Bd., p. 1 bis 2. 



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über erste Kindheitserinnerungen 86 



dem, woran ich midi am besten erinnere, nämlidi den großen SAmerz, als sie 
dahinging. 

Idi erinnere midi an den Morgen, an dem das EAsofa leer stand und es 
unmöglidi war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen sollten. 
Daran erinnere idi midi. Das vergesse idi nie. 

Und idi erinnere midi, daß wir Kinder hineingeführt wurden, um der Toten 
die Hand zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte uns jemand, 
daß V. ir nun zum letztenmal Großmutter für alle die Freude danken könnten, die 
sie uns gebradit hatte. 

Und idi erinnere midi, wie Märdien und Lieder vom Hause wegfuhren, in 
einen langen, sdiwarzen Sarg gepadtt, und niemals wiederkamen. 

Idi erinnere midi, daß etwas aus dem Leben versdiwunden war. Es war, 
als hätte sidi die Tür zu einer ganzen sdiönen, verzauberten Welt gesdilossen, 
jn der wir früher frei aus^ und eingehen durften. Und nun gab es niemand mehr, 
der sidi darauf verstand, diese Tür zu öffnen.« 

Hier wie dort sind es die lustbetonten Nebenumstände — dem Kinde eben 
um dieser psydiisdien Note willen die widitigsten — die das Haften der Ereig' 
nisse im Gedäditnis bewirkten. 

Die Sehnsudit nadi dem Märdienzauber, der zugleidi mit dem Lebenslidite 
<ler Großmutter unwiederbringlidi erlosdi, ist ebenso Bürge für das stete Andenken 
an sie, wie Zudterwerk als Liebesgabe, die Widitigkeit der Familie und die dem 
toten Vater gezollte Ehrenbezeigung für das Kind bedeutungsvolle Faktoren sind. 
Ja, diese versdieudien, da ihm das riditige Verständnis für den Tod in so frühem 
Alter nodi mangelt, bald das düstere Bild,- und das Kind bewahrt vom traurigen 
Ereignis, dessen Eindrudt es sidi im Augenblidte des Erlebens nidit ganz ent* 
ziehen konnte, dodi nur die liditvollen Momente, ohne daß wir es deshalb herzlos 
nennen dürften. 

Die Erinnerung Lagerlöfs entbehrt neben der erotisdien nidit der rein 
sexuellen Komponente. Sie entsinnt sidi nadi vierzig Jahren besonders deutlidi der 
kleinen Gesdiidite von Jesu Geburt,- daß gerade diese Legende für das phantasier 
reidic Kinderherz voll des intimsten Reizes ist, bedarf kaum eines Wortes. Birgt 
sie dodi das Geheimnis der Geburt und verrät, weil das Neugeborene Gottes 
Sohn ist, mehr von dem Mysterium, als sonst vor Kinderohren davon laut wird. 
Vielleidit ist es hier zum erstenmal, daß das Kind vernimmt, wie dem Weibe die 
Rolle des Gebarens zufällt, aus den Worten des Mannes: »Mein Weib hat eben 
ein Kindlein geboren.« Soldie Worte prägen sidi der nadi Wahrheit dürstenden 
jungen Seele fest ein, denn sie lüften ein wenig den Sdileier, der ihr das Rätsel 
des Werdens verhüllt. 

Eine besondere Rolle im Erinnerungssdiatz des Individuums kommt den in 
der Kindheit überstandenen Krankheiten zu. Es sdieint hier die Behauptung, daß 
einem Erlebnis eine lustvolle Note anhaften muß, damit es in der Seele sidi ein* 
nisten könne, nidit zuzutreffen. Nun bedeuten aber Krankheiten gerade für ein 
Kind nidit allein Leidensstationen, sondern sie bringen ihm gewöhnlidi audi ein 
überreidies Ausmaß an Liebe und zärtlidier Fürsorge von Seiten der Eltern wie 
der übrigen Mitglieder des Hauses. Die volle Befriedigung des kindlidien Liebes* 
bedürfnisses fixiert das Bild der Krankheit und der Genesung auf dem Grunde 
der Seele. Charakteristisdierweise vergißt der, weldier soldie Reminiszenzen aus 



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86 H. V. Hug-Hellmuth 



frühen Kindertagen auffrischt, selten hervorzuheben, wie die Fürsorge der ganzen 
Familie sidi auf seine Person konzentrierte, wie näditelang das mütterlidie Lager 
unberührt geblieben, wie in der Genesung »alle so gut und lieb« zu ihm gewesen. 
Die dauernde Bedeutung sdiwerer Erkrankungen in der Kindheit sdiildert Goltz' 
aus seiner eigenen ersten Jugendzeit: »An überstandene Krankheiten knüpfen sidi 
in der Regel die frühesten Erinnerungen. So hab' idi dunkel aus meinem zweiten 
oder dritten Lebensjahre behalten, daß iA mit Greinen und Sdireien meinem Vater 
bei Tisdie auf dem SAoße saß, während er mir, so oft Vdi losblökte, einen Bissen 
in den Hals sdiob, und es soll Puterbraten gewesen sein. Dann wieder lag idi 
zum Tode an der Ruhr und sdimaditete Tag und Nadit im Wadien und Traum 
nadi einem Labetrunk kalten Wassers,- eines Tages aber trat der Vater an mein 
Bett, indem er mit kläglidier Stimme zu mir sagte: »Na Junge, willst du denn 
wirklich sterben? In diesen Worten tönte die Liebe herüber zu meinem tot- 
sdiwadien Leben,- vielleidit erstarkte es magnetisdi und die Worte behalte idi bis 
in den Tod.« 

Das Erlebte und Erdadite in einem Mensdienleben wandelt sich in der 
Fludit der Jahre oft zu einem unentwirrbaren Chaos, in dem der alternde Geist 
sich sdiwer mehr zurechtfindet. Erlebnisse späterer Jahre werden zurückdatiert, 
frühere rücken an spätere Zeitpunkte,- aber die Marksteine aus dem Erinnerungs- 
schatze der ersten Kindheit bleiben unverrückt stehen, ja sie heben sich immer 
leuchtender und greller ab von dem dunklen Hintergrund der halb vergessenen 
Lebensbilder. Wir sehen darin einen schönen Beweis dafür, daß die Gefühls^ 
Fähigkeit in keinem Alter die gleiche Stärke erreicht wie in den ersten Kinder- 
jahren, und gleichzeitig, daß eben die Intensität der Gefühle entsdieidend für 
Erinnern und Vergessen ist. Die Kindheitserinnerungen gleichen den letzten 
Strahlen der untergehenden Sonne,- sie lassen die Vergangenheit noch einmal in 
verklärtem Lichte aufleuchten, ehe die Todesnacht ihre Schatten über sie breitet. 

Die Erinnerungen, die uns in späteren Jahren an die entschwundene Kind- 
heit mahnen, sind nicht immer identisch mit denen, welche die ersten Erinnerungen 
in der Kindheit selbst ausmachen,- sie tauchen oft plötzlich auf, um fortab unsere 
treuen Begleiter zu bleiben, ja sie tauchen auf und verschwinden gleich einer Stern- 
schnuppe am Nachthimmel. Die Reminiszenzen, die wir nach Überlieferung unserer 
Familie in der Frühzeit des Lebens reproduzierten, gehen zum größten Teil ver- 
loren in dem bunten Gcwoge der Lebenseindrücke. Sic bezeichnen in der Ent- 
wicklungsgeschichte der Kindersecle eine wichtige Stufe: Intellekt und Gemüt be- 
ginnen ihre gemeinsame Arbeit, Assoziationen reichend und die Erlebnisse wertend 
nach Lust und Unlust, die sie der Seele bereiten. Und die Phantasie krönt die 
Leistungen der beiden durch schmüdcenden Zierat. So kommen die frei steigenden 
Erinnerungen zustande, die dem Erwachsenen einmal Funken verborgener 
Genialität, dann wieder Dokumente kindlichsten Unverständnisses zu sein scheinen. 
Der Zusammenhang solcher infantilen Geistesarbeit bleibt uns in der Regel 
dunkel, weil ein gutes Stück des Innenlebens der kindlichen Seele dem nüchternen 
Blick der Großen entzogen ist. Wir haben ja meist verlernt, uns in den Wegen, 
welche die Seele am Morgen ihres Daseins wandelt, zurechtzufinden, und dem 
Kinde fehlt wieder nicht allein die Fähigkeit, uns in die Geheimnisse seines 
Herzes einzuweihen, sondern es wahrt sie nicht selten, sobald es durch den Druck 

• Goltz, I. c, p. 199. 



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über erste Kindheitserinnerungen 



der Erziehung unfrei geworden in seinen Äußerungen, sorgsam als Geheimgut auf 
dem Grunde der Seele. Nur in besonderen Situationen, sei es gesteigerten Wohl- 
behagens, sei es des Erstaunens oder der Furdit, läßt das Kind die Großen einen 
BliA tun in sein Innerstes. 

C. und W. Stern* beriAten von ihrem Söhndien Günther: »Anläßlidi 
einer Mandeloperation lag Günther <mit fünf Jahren, fünf Monaten) während der 
folgenden Nacht im Sdilafzimmer der Eltern. Als er nun gut ausgesdiiafcn er- 
waAte und sich durch die ungewöhnliche, ihm sehr behagliche Situation 
in trefflicher Stimmung befand, kramte er spontan Erinnerungen an 
die drei letzten Geburtstage der Mutter aus.« Familienfeste sind dem 
Kinde mit soviel Lust verbunden, daß es nur eines geringen Anlasses bedarf, die 
Erinnerung an sie wadizurufen. Die erhöhte Freudigkeit im Hause ist und bleibt 
für das Kind ein integrierendes Merkmal von Festtagen. Aus ihr leitet es nebst 
der Erwartung materiellen Gewinns an Leckereien, Ausflügen etc. häufig audi 
das Redit auf Straflosigkeit bei kleinen AussAreitungen ab. Darin besteht ja ein 
Hauptreiz der Festtage, daß die Kinderseele die Herzen der Erwadisenen zugäng- 
lidier für Zartlirfikeit und Nadisidit weiß als in den Stunden des Alltags, Und 
wegen dieses ungewöhnlidien Ausmaßes an Liebe prägen die Festzeiten ihr Bild 
dem Kindergemüte dauernd ein,- unter ihnen behauptet wieder das Fest der Feste, 
die ChristbesAerung, die vornehmste Stelle. Bringt auA der erste WeihnaAts- 
abend bloß ein vorübergehendes Staunen des jungen Erdenbürgers, und werden 
auA die Eindrücke der folgenden durA die Periodizität des Zeitablaufs häufig 
vermisAt und unklar, so zeugt doA das Gefühl der Vereinsamung, das der Er- 
waAsene, der fern von Heimat und Sippe lebt, nie stärker empfindet als zur Fest- 
zeit dafür, wie tief jene Abende voll Liebe und Glanz ihre Spuren in die infantile 
Seele gegi^ben haben. 

Neben den Erlebnissen, denen erhöhte Liebesbeweise einen besonderen 
Wert verleihen, spielen für das Zustandekommen erster Erinnerungen in der 
Kindheit selbst ebenso Ereignisse sexuellen Charakters — im weitesten Sinne des 
Wortes — eine hervorragende Rolle, wie wir sie ihnen im GedäAtnissAatze der 
ErwaAsenen niAt abspreAen können. 

Hiezu findet siA in den AufzeiAnungen Sterns- ein interessantes Bei- 
spiel: »Mit drei Jahren, einem Monat erinnert siA Hilde an einen fast fünf Monate 
zurückliegenden Eindruck. Sie sah, wie die Mutter siA den Oberkörper wusA und 
fragte: »»Kommt da die MilA raus?«« Das BrüderAen war seit viereinhalb Monaten 
abgesetzt und Hilde hatte niemals in der ZwisAenzeit anderweitig das Stillen be= 
obaAtet.« Daß das Kind in dem Säugen instinktiv einen Liebesakt der Mutter 
ahnt, zeigt das eifersüAtige Verhalten derer, die selbst noA diesen Liebesdienst 
genießen, gegen einen vermeintliAen Nebenbuhler. Und über die Säuglingszeit 
hinaus bewahrt das Kind in seinem Unbewußten offenbar eine treue Erinnerung 
an die i-ust, die ihm die mütterliAe Brust niAt nur als Nahrungsquelle, sondern 
auA in sexueller HinsiAt spendete. Deshalb bleibt dem Kinde der Anblick der 
Frauenbrust viele Jahre hindurA ein besonders reizvoller, ohne daß es siA der 
wahren Motive bewußt ist. 



1 C. und W. Stern, Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kind- 
heit, p. 66. 

- Stern, I. c, p. 19. 



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^58 H. V. Hug-Hellmuth 



Sexuelle Lustgefühle bedingen GedäAtnisleistungen der Kleinsten, die unser 
Erstaunen erregen. Tiedemann^ berichtet von seinem ein jähr, elf Monate alten 
Knaben: »Am 20. Juli kam er an einen Ort im Hause, wo er vor vier Wodien 
etwa gestraft worden war, weil er ihn verunreinigt,- sogleich sagte er ohne anderen 
Anlaß, wer die Stube beschmutze, bekäme Sdiläge, nicht in vollständigen Worten, 
aber doch deutlich genug, um diese seine Meinung zu erkennen zu geben. Es 
waren also schon Vorstellungen von solcher Zeit zurückgeblieben.« Es ist eine 
irrige Annahme, das Kind wisse seine körperlichen Bedürfnisse nicht rechtzeitig zu 
melden,- es zieht vielmehr aus dem Hinausschieben des Geschäftes einen Lust- 
gewinn dadurch, daß es sich auf diese Weise angenehme Spannungsgefühle in der 
crogenen AnaU und Urethralzone erzeugt. Und auch die Bestrafung, die gewöhn- 
lich in einem nicht allzu heftigen Klaps auf die ihr benachbarten Körperstellen be* 
steht, bringt bei entsprechender masochistischer Veranlagung neue Lust, so daß 
di ese Verknüpfung hinreichend gefühlsbetont ist, um ein zum Erinnern geeignete 
Material zu liefern. 

Deutliche Erinnerungsspuren an Erlebtes, wenngleich nicht in Worte gefaßt, 
sprechen aus mancherlei Spielen der Kinder, z. B. dem allgemein verbreiteten 
»Doktorspiel«, das seinen analerotischen Ursprung nicht verleugnen kann, dem 
»Vater- und Mutter«'Spielen, das die spärlichen oder reichlichen Wahrnehmungen 
der Kinder über die Beziehungen zwischen den Eltern verwertet. 

Es muß auffallen, daß Kinder oftmals Personen und Tiere in ihrer Um- 
gebung, an denen sie sehr hängen, vergessen, sowie eine Trennung stattfindet, um 
sich ihrer zu einem späteren Zeitpunkte spontan zu entsinnen. Wir begehen 
keinen Irrtum, in diesem Falle von einem gewissen Alter an eine absichtliche un^ 
bewußte Verdrängung anzunehmen, die später wieder aus äußeren und inneren 
Gründen aufgehoben wird. In den tagebuchartigen Aufzeichnungen über die Ent- 
wicklung ihres Söhnchens schreiben G. und E. Scupin-: Im zweiten Lebensjahre 
habe der Kleine mit großer Zuneigung an einem weißen Kaninchen gehangen, 
dasselbe aber kurz nach seiner Entfernung im achtundzwanzigsten Monat so voll- 
ständig vergessen, daß er am Ende des dritten Lebensjahres, um diesen Spiel- 
gefährten befragt, zum Erstaunen seiner Eltern nichts vorzubringen wußte. Erst 
im zehnten Monate des vierten Jahres erinnerte er sich spontan desselben. Welche 
sind die Gründe zu diesem auffallenden Verhalten? Zur Zeit, als das Kanindien 
Hausgenosse der Familie Scupin war, berichtete der kleine Ernst Wolfgang ge* 
treulich mit gut gespielter Entrüstung alle Vergehen des Tierchens, besonders jede 
Unsauberkeit oder sonstige Beschädigung der Möbel und der Tapeten. Da zu 
dieser Zeit dem kleinen Jungen selbst noch gelegentlich ein solches Malheur 
passierte, mag manchmal ein Zweifel an der Urheberschaft laut geworden oder 
irgendwelche halb ernste, halb scherzhafte Beziehungen gemacht worden sein, für 
die zarte Seele eines Kindes Grund genug, alles was an die peinliche Sache 
erinnern könnte, aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Erst wenn diese selbst in 
der Praxis überwunden ist, wird die unterdrüci^tc Erinnerung freigegeben. 
Das scheinbare Vergessen beim Kinde entspricht genau dem des Erwachsenen und 

^ Dietr. Tiedemann, Beobachtungen über die EntwicJilung der Seelenfähig- 
kciten bei Kindern, p. 34. 

- E. und G. Scupin, Bubis erste Kindheit und Bubi vom vierten bis zum 
sechsten Jahre. 



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Von der Kinderseele 89 



hat seinen Ursprung in einer Abwehrtendenz/ das Kind will sidi einer Begeben- 
heit nicht entsinnen, weil ihr eine peinlidie Note anhaftet, die die lustvolle an 
Intensität übertrifft. 

Die Erinnerungsrähigkeit des mensdilidien Geistes ist die unbedingt not* 
wendige Voraussetzung einer Erziehungsmöglidikeit. Das eingehende Studium der 
Erinnerungsbilder, die aus frühen Kindertagen stammen, gäbe uns ein wertvolles 
Mittel an die Hand zur EinsiAt in das Zustandekommen von Kinderfehlern, 
von Eigenheiten, die uns beim Kinde, wie beim Erwadisenen abstoßend oder 
lädierlirfi und zugleich oft unerklärlich erscheinen. In unbewußter Anlehnung an 
früheste Jugendeindrücke seitens einer heißgeliebten Person nimmt das Kind Ge- 
wohnheiten an, die abzulegen es sich in Trotz oder Unvermögen wehrt, so lange 
ihm selber die Kenntnis des inneren Zusammenhangs fehlt. Und deshalb ist 
Forschern, wie Preyer^ nicht beizupflichten, der die Pflege der ersten Erinnerungen 
ein unnützes Experiment nennt. Durch sie unterstützt, ließe sich mancher Abirrung 
in der Entwicklung des Charakters vorbeugen. Aber auch dem psychoanalyti- 
schen Arzte wäre die Behandlung psychisch Erkrankter wesentlich erleichtert durch 
die Bewahrung der frühesten Kindheitseindrücke/ denn er fände bereit, wonach er 
derzeit mit unendlichem Aufwand an Zeit und Mühe suchen muß. 

II. 

y>Von der Kinderscele.« 

Gertrud Bäum er und Lily Droescher haben gemeinsam dieses Buch- 
verfaßt, das für jeden, der für das Seelenleben des Kindes Interesse hat, eine reiche 
Fundgrube darstellt. Es ist in erster Linie eine Sammlung von dichterischen und 
biographischen Beiträgen zur Kinderpsychologie und dient vornehmlich pädagogi* 
sehen Zwecken. Die angeführten Beispiele wirken auch gewiß für den Lehrer 
stärker als viele abstrakte Gesetze, welche die wissenschaftliche Psychologie formu- 
lierte. Der Wert des Buches wird kaum in dem, was es bringt beruhen, sondern 
in dem, was es anregt und fordert: in der angewandten Seelenkunde. Es stellt in 
musterhafter Gruppierung viele Beispiele des kindlichen Seelenlebens zusammen. 
Man vermißt manches Wertvolle (Geyerstams Romane, Flauberts »Madame Bovary«, 
George Sands Selbstbiographie und *Le Üvre de mon ami« von Anatole Franke 
beispielsweise), doch man staunt über den Reichtum des Werkes. 

Es wäre angezeigt gewesen, wenn die Autorinnen statt dürftige und unzu^ 
längliche Anmerkungen anzubringen, die Mühe nicht gescheut hätten, an diesen 
Beispielen selbst die Kunst der Seelendeutung anzuwenden, das Typische aus allen 
diesen individuellen Zügen herauszuholen. Die kurzen Anmerkungen am Schlüsse 
<Ies Bandes geben fast nur das Oberflächliche der Erklärung: das Triebleben des 
Kindes wird in seinem ganzen Umfang und seiner Tiefe nicht gewürdigt, zu dem 
Verhältnis von Kindern und Eltern wird nur das Alltägliche bemerkt,- der Ein- 
druck des Todes, die Bildung der Begriffne, das Entstehen der Gottesvorstellung 
bieten Gelegenheit genug, tiefer zu den verborgenen Gängen der Kinderseele 
hinabzusteigen. 



' W. Preyer, Die Seele des Kindes, p. 223. 

- Gertrud Bäumer und Lily Droescher, Von der Kinderscele. Leipzig 1908. 



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90 Theodor Reik 



Einige Beispiele mögen diese Forderung erläutern: Otto Ernst erzählt^: 
»Außer diesen Dingen und Forderungen war aus dieser Zeit nur ein Ereignis am 
Leben geblieben, nämlidi das, wie Ludwig Scmper, der Vater, auf einem dunklen 
Vorplatz in eine offenstehende Kellerluke gestürzt war. Der Vater war mit einer 
unbedenklichen Rippensdirammung davongekommen, aber dem kleinen Asmus 
sAien dies ein großes und schier unbegreifliches Unglück und es drücl^te ihm 
schwer aufs Herz, wenn er den Vater leiden sah. Unbegreiflich war es ihm, daß 
jemand seinem Vater ein Leid zufügen konnte, sei es nun ein Mensch oder eine Keller- 
luke. Denn sein Vater war doch genau wie der liebe Gott, den er auf einem 
Bilde gesehen hatte.« 

Warum machte gerade dieses Ereignis in der Seele des Kleinen einen so 
tiefen Eindruck? Wir wissen, daß in der Kinderzeit die Person des Vaters mit der 
größten Machtfüllc ausgestattet wird. Sie steht, wie ja auch Asmus selbst bemerkt, 
gleich neben Gott. Ja, es ist dem Kinde sogar nur durch Analogie des Vaterbegriffes 
möglich, zu der so abstrakten Vorstellung Gottes zu gelangen. Gott ist ein 
potenzierter Vater. Diesem für die Phantasie des Kindes allmächtigen Vater ge- 
schieht ein Unglück. Wie ist das nur möglich? Tausend Fragen und tausend 
Zweifel werden dadurch wachgerufen. Ist der Vater auch nur ein »gewöhnlicher 
Mensch« mit seinen Schwächen und Fehlern? Die Psychoanalyse hat aufgedeckt, 
daß diese Zweifel ins Unbewußte verdrängt werden und verstärkt durch den 
sexuellen Neid des Kindes gegen den Vater, oft zum religiösen Zweifel, zum 
Skeptizismus, zum nachträglichen Trotz führen und in allen Neurosen als wichtiger 
Bestandteil aufzuzeigen sind. 

Dieses Verhältnis zum Vater, das zwischen Zärtlichkeit, Achtung und Neid, 
Haß schwankt, ersieht man am schönsten in Leo Tolstois »Lebensstufen«. 

»Das kindliche Gefühl bedingungsloser Achtung vor allen älteren und be- 
sonders vor Papa, war so mächtig in mir, daß mein Verstand sich unbewußt da* 
gegen sträubte, aus dem, was ich sah, Schlüsse zu ziehen. Ich hatte das Gefühl, 
Papa müsse in einer ganz besonderen, für mich unnahbaren und unerreichbaren 
Sphäre leben, und daß der Versuch, die Geheimnisse seines Lebens zu durchs 
dringen, für mich etwas wie eine Tempelschändung war.« Und trotzdem wird diese 
Tempelschändung unternommen, was das Vorhandensein der starken, unbewußten 
Gegenströmung beweist. Derselbe Roman von Tolstoi enthält eine Szene, in 
welcher fast alle Triebfedern des kindlichen Seelenlebens an die Oberfläche treten. 
Freilich muß auch zu ihrem Verständnis, zur Aufdeckung ihrer Verkleidungen und 
Symbole die psychoanalytische Methode angewendet werden. Ein Knabe schlägt 
nach dem Lehrer, der ihn durch eine Demütigung zur sinnlosen Wut gereizt hat. 
Der Lehrer, St. Jerome mit Namen, sperrt ihn darauf in die Bodenkammer. 

». . . Ich weinte nicht, aber es lag mir etwas wie ein Stein auf der Brust. 
Gedanken und Vorstellungen gingen mit beschleunigter Schnelligkeit in meiner 
wirren Einbildung hin und her,- aber die Erinnerung an das Unglück, das mich 
betroffen, unterbrach beständig ihre Kette und ich verfiel wieder in das endlose 
Labyrinth der Unsicherheit über mein Schicksal, in Angst und Verzweiflung . . . 
Bald kommt mir in den Sinn, es müsse irgendeine unbekannte Ursache meiner all- 
gemeinen Unbeliebtheit, ja selbst Verhaßtheit geben. (Damals war ich fest über- 
zeugt, daß alle von der Großmutter bis zu dem Kutscher Philipp midi hassen 

' Asmus Sempers Jugendland. Leipzig. 



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Von der Kinderseele Dl 



und an meinen Leiden Genuß Finden.) Ich bin wohl nicht der Sohn meines 
Vaters und meiner Mutter, nidit Wolodjas Bruder, sondern eine unglücklidie 
Waise, ein Findlinjj, den man aus Barmherzigkeit aufgenommen hat, sage ich zu 
mir selber,- und dieser töridite Gedanke gewährte mir nidit nur einen gewissen 
wehmutigen Trost, sondern sdiien mir sogar ganz wahrsdieinlidi. Es war mir eine 
Wonne, zu denken, daß ich unglücklirfi sei, nicht weil ich schuldig war, sondern 
weil es mein Geschick so war von Geburt an . . . Warum aber soll dies Ge- 
heimnis nodi länger verborgen bleiben, wenn ich selbst es durchschaut habe, sage 
ich zu mir selber — schon morgen will ich zu Papa gehen und ihm sagen: »Papa, 
umsonst verbirgst du mir das Geheimnis meiner Geburt, ich kenne es.*< Er 
wird sagen: »Was ist zu tun, liebes Kind, früher oder später hättest du es doch 
erfahren, du bist nicht mein Sohn/ ich habe dich aber an Sohnes statt angenommen 
und wirst du dich meiner Liebe würdig erweisen, so werde ich dich nie verlassen v. 
und ich werde ihm antworten: »Papa, obgleich ich nicht das Recht habe, dir diesen 
Namen zu geben, spreche ich ihn doch jetzt dieses eine Mal aus, ich habe dich 
immer geliebt und werde dich lieben, ich werde nie vergessen, daß du mein Wohl- 
täter warst, aber ich kann nicht länger in deinem Hause bleiben. Hier liebt mich 
niemand und St. Jerome hat sich verschworen, mich zu vernichten. Er oder ich 
muß dein Haus verlassen, denn ich kann nicht für mich einstehen, ich hasse diesen 
Menschen so sehr, daß ich zu allem fähig bin. Ich töte ihn. Ja, ich sags: Papa, 
ich töte ihn.« Papa redet mir zu, aber ich wehre mit der Hand ab und sage zu 
ihm: »Nein, mein Lieber, mein Wohltäter, wir können nicht unter einem Dache 
leben, laß mich gehen« und ich umarme ihn und sage zu ihm, ich weiß nicht warum, 
auf französisch: »Oh mon pere, o mon bienfaiteur, donne moi pour la dernierc 
fois la benediction et cjue la volonte de Dieu soit faite.« 

»Und ich sitze auf meinem Kasten in der dunklen Bodenkammer und weine 
laut aufschluchzend bei diesem Gedanken . . . Bald sehe ich mich schon in Frei- 
heit, fern von unserem Hause. Ich werde Husar und gehe in den Krieg. Von 
allen Seiten drängen Feinde auf mich ein, ich führe einen Streich mit dem Säbel 
und töte einen, ich töte den zweiten, den dritten. Endlich sinke ich von Wunden 
und Mattigkeit erschöpft zu Boden und rufe: »Sieg!« . . . Und der Kaiser be-^ 
gegnet mir und fragt: »Wer ist dieser verwundete Jüngling?« Man sagt ihm: der 
berühmte Held Nikolay. Der Kaiser tritt auf mich zu und spricht; '^Ich 
danke dir. Erbitte dir, was du willst. Ich will alles gewähren.« Ich verneige mich 
ehrerbietig, stütze mich auf meinen Säbel und spreche: »Ich bin glücklich, groß- 
mächtigster Kaiser, daß ich mein Blut für mein Vaterland vergießen durfte, ich 
wäre bereit, ihm auch mein Leben zu opfern,- da du aber so gnädig bist, mir eine 
Bitte zu gewähren, so bitte ich um eins — gestatte mir, meinen Feind, den 
Ausländer St. Jerome, zu vernichten.« Ich trete drohend vor St. Jerome hin 
und sage zu ihm: »Du hast mein Unglück verschuldet, ä genoux !« . . . 

»Bald kommt mir der Gedanke an Gott und ich richte herausfordernd an 
ihn die Frage, wofür er mich straft. Ich habe doch nicht verabsäumt, jeden Morgen 
und Abend zu beten, wofür also leide ich? Ich kann es bestimmt sagen, daß der 
erste Schritt zu religiösen Zweifeln, die mich in meinen Kinderjahren beunruhigt 
haben, in diesem Augenblick geschah, nicht etwa, weil das Unglück mich zu 
Murren und Unglauben antrieb, sondern weil der Gedanke an die Ungerechtigkeit 
der Vorsehung, der mir in diesen Stunden völliger geistiger Verwirrung und vier- 



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\^2 Theodor Reik 



undzwanzigstündiger Einsamkeit in den Kopf kam, wie ein schlechtes Korn, das 
nach dem Regen in lockeren Boden gefallen ist, schnell aufschoß und Wurzel faßte. 
Bald bildete ich mir ein, daß ich sicher sterben würde und stellte mir lebhaft 
St. Jeromes Erstaunen vor, wenn er statt meiner in der Kammer den leblosen 
Körper finden würde. Ich erinnerte midi der Erzählungen Nataija Sawischnas, daß 
die Seele eines Dahingeschiedenen vor vierzig Tagen das Haus nicht verläßt und 
ich schwebe in Gedanken nach dem Tode ungesehen in allen Zimmern des Hauses 
und höre Ljubotschkas herzliches Weinen, die Klagen der Großmutter und wie 
Papa mit August Antonowitsch spricht: »Es war ein braver junge,« wird Papa 
mit Tränen in den Augen sagen. — *Ja,« sagt St. Jerome, »aber ein großer 
Sdilingel.« — »Sie sollten Achtung vor dem Toten haben,« sagt Papa, »Sie waren 
die Ursache seines Todes, Sie haben ihn eingeschüditert, er konnte die Demütigung 
nidit ertragen, die Sie ihm angetan . . . Aus meinem Hause, Elender!« Und 
St. Jerome sinkt in die Knie, weint und bittet um Verzeihung. 

»Nun sind vierzig Tage vorüber und meine Seele fliegt zum Himmel,- idi sehe 
dort etwas wunderbar Schönes, Weißes, Durchsichtiges, Langes und fühle, daß es 
meine Mutter ist. Dieses Weiße umfließt, liebkost mich, aber ich empfinde eine 
Unruhe und ich weiß nicht, ob sie es wirklich ist! »Wenn du es in Wahrheit 
bist, dann zeige dich besser, damit ich dich umfassen kann.« Und ihre Stimme 
antwortet mir: »Hier sind wir alle so, ich kann dich nicht besser umfassen. Ist dir 
dabei nicht wohl?« »Gewiß, sehr wohl, aber du kannst mich nicht kitzeln und ich 
kann deine Hände nicht küssen . . .« »Das ist nicht nötig, hier ist es auch so 
sehr schön,« sagt sie und ich finde, daß es wirklich sehr schön ist und wir 
schweben zusammen immer höher und höher. Und in diesem Augenblick ist mir's 
als erwachte ich, und ich finde mich wieder auf dem Kasten in der dunklen Boden* 
kammcr, die Wangen von Tränen feucht, und ich wiederhole gedankenlos die 
Worte: »Und wir schweben zusammen immer höher und höher.« ... Ich be^- 
mühe mich, diese wonnigen, glücklichen Phantasiebilder zurückzurufen, die das Be- 
wußtsein der Wirklichkeit unterbrochen haben,- aber sobald ich die Kette von 
f^hantasiebildern von vorhin wieder aufnehme, sehe ich zu meinem Erstaunen, daß 
es mir unmöglich ist, sie fortzuspinnen, und was noch erstaunlicher ist, daß es 
mir keinen Genuß mehr bereitet . . . 

»Ja, es war das echte Gefühl des Hasses, nicht jenes Hasses, den man nur 
in Romanen liest und an den ich nicht glaube, eines Hasses, der darin Genuß 
finden soll, den Mensdien Böses zuzufügen, sondern jenes Hasses, der uns einen 
unüberwindlichen Widerwillen einflößt, der anderseits unsere Achtung verdient, der 
uns sein Haar, seinen Hals, seinen Gang, den Klang seiner Stimme, alle seine 
Gliedmaßen, alle seine Bewegungen widerwärtig macht und der uns doch wieder 
mit einer unbegreiflichen Kraft zu ihm zieht und uns mit rastloser Aufmerksam* 
keit jede seiner Handlungen zu beobaditen zwingt. Dieses Gefühl empfand ich 
gegen Jerome.« 

Dieser Tagtraum des kleinen Nikolay enthüllt uns alles, was er fühlt und 
ersehnt. Er tröstet sich durch diese Phantasiebilder über die ihm erteilte Strafe. 
Das Gefühl des Hasses gegen den Lehrer findet darin seine vollste Befriedigung. 
Dieser Haß ist, worauf er selbst hinweist, seltsam mit Achtung und Anziehung 
verbunden. Wir wissen, daß dies die typisch »ambivalente« seelische Einstellung 
zum Vater ist. Dem Unbewußten des Kindes gehen Vater, Lehrer, Kaiser und 



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Leo N. Tolstoi- Kindheit 



Gott ineinander über. Der eine kann in seiner Phantasie den anderen vertreten. 
Wir werden annehmen, daß ein guter Teil des Hasses, den Nikolay dem Lehrer 
zuwendet, eigentlich der anderen Autorität, dem Vater, gilt. Er nimmt audi im 
Tagtraum Radie an dem Vater und erfüllt darin seine stärksten Wünsdie: er ist 
gar nidit der wirkliche Sohn, er ist ein angenommenes Kind. Diese Phantasie 
zeigt sich in fast allen Träumen der Neurotiker,- sie ist aber auch, wie Rank 
gezeigt hat ^ ein Grundzug der Mythen* und Sagenbildung. Es ist der typische 
^Familienroman« des Kindes, des Neurotikers und des Volkes. Der Todeswunsch 
gegen Jerome richtet sich auch gleichzeitig gegen den Vater, denn der Lehrer stellt 
ja eigentlich nur den Ersatz des gehaßten und zugleich geliebten Vaters vor. Der 
Ehrgeiz des Kleinen wird vom Tagtraum erfüllt: er wird ein berühmter Krieger. 
Er imponiert dem Kaiser <- Vater) ,• dieser muß ihm danken, er ist ihm verpflichtet. 
Bald aber richtet sich Nikolays Auflehnung auch gegen Gott, der ihn so ungerecht be* 
handelt hat. Wir wissen, daß auch Gott in diesem Tagtraum die ehrwürdige 
Figur des Vaters vertritt. Wir sehen hier, wie der religiöse Zweifel aus der 
eigentümlichen Stellung des Kindes zu seiner Familie erwächst. Nikolay sieht sich 
schon tot, jetzt sieht der Vater erst sein LInrecht ein. Und jetzt, nach dieser 
grimmigen Rache, kommt die stärkste und kühnste Wunscherfüllung des Träumers. 
Er sieht sich von der Mutter umfaßt und spürt das köstliche Gefühl, mit ihr zu- 
sammen immer höher zu schweben. Die Psychoanalyse lehrt, daß sich hinter diesem 
Traumbild der symbolische Ausdruck innigster Vereinigung verbirgt. Freud 
rechnet den Flugtraum zu den »typischen Träumen«, d. h. zu denen, welche fast 
immer dieselbe sexuelle Bedeutung haben*. Die Phantasien des Kleinen haben 
seine zwei stärksten Wünsche verraten: Rache an dem Vater zu nehmen und ihn 
zu besiegen und von der Mutter geliebt zu werden. 

Ich denke mir, daß das Buch Bäumers und Droeschers bei soldier Be- 
trachtung eine reiche Materialsammlung angewandter Kinderpsychologic gäbe. Aber 
erst durch die tiefere Seelenforschung der Psychoanalyse, welche bei jedem einzelnen 
Beispiele angewendet werden müßte, könnten alle Dunkelheiten und Tiefen der 
Kinderseele, welche bisher der Psychologie verschlossen blieben, erfolgreich erforsdit 
werden. Dr. Theodor Reik. 

HL 

Leo N. Tolstoi. Kindheit. Autobiographische Novelle. 
<Reclam, Leipzig 1912.) 
Die Schopenh au ersehen Worte von der intuitiven Antizipation des 
Künstlers kommen einem oft in den Sinn, wenn man sich in psychanalytischer Ab^ 
sieht mit Werken der Dichtkunst beschäftigt. Liest man nun diese Toi stoische 
Novelle, mit der Genugtuung, allenthalben den Spuren der typischen Familien- 
konstellation zu begegnen, und erfährt erst nachher, daß der Dichter seine Mutter 
im zartesten Kindesalter verloren hat und daß auch sein Vater früh gestorben ist, 
so steht man wieder vor dem durch Schopenhauer metaphysisch gedeuteten 
Faktum, daß sich die dichterische Phantasie an einer bloßen Möglichkeit geschwängert 
und typische, der Wirklichkeit in keinem Punkte nachgebende Gebilde aus sich 
herausgestellt hat. 

' Der Mythus von der Geburt des Helden. 1909. 
^ Traumcieutung. 



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^>4 Emil Franz Lorenz 



Die in der Novelle behandelten Ereignisse fallen in Tolstois elftes Lebens* 
jähr. Die Eltern des Diditers sind nodi als lebend gedadit. Eine ubersdiwänglidie 
Neigung zur Mutter tritt an mehr als einer Stelle zutage. »Mama spridit mit je* 
mandem, ihre Stimme klingt so lieb, so xinbesdireiblidi freundlidi. Der bloße Klang 
sagt meinem Herzen so unendliA viel! Mit sdilafbesrfiwerten Augen blidte ich 
unverwandt in ihr Gesicht und plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, 
ganz klein, ihr Gesicht nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz 
deutlich, wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein ist« 
<S. 89 f.). Wir kennen die psychologische Bedeutung, die hier dem physiologischen 
Ermüdungsphänomen untergelegt wird und wissen, daß sie nur das Komplement 
ist zu den Größenwünschen des Knaben. In demselben Jahre übersiedelt der junge 
Tolstoi mit seinem Bruder und Vater zu seiner weiteren Ausbildung nach Moskau. 
Dort stellt er sich auf einem Familienball durch Ungeschicklichkeit bloß und fühlt 
sich in seiner peinlichen Lage von den Seinigen im Stich gelassen,- und wie in un- 
seren Träumen schießt seine Erinnerung in sehnsüchtigem Verlangen in die engere 
Kindheit, zur Mutter zurück: 

»Warum ist Papa rot geworden und hat mich an der Hand gefaßt? Warum 
hat Wolodja <sein Bruder) mir Zeichen gemacht, die alle sehen und die mir nicht 
helfen konnten? Hätte er das nicht getan, würde niemand etwas bemerkt haben. 
Er hat es absichtlich getan, um mich zu blamieren,- niemand, niemand hat mich hier 
lieb. Mama wäre sicherlich meinetwegen nicht errötet! . . . 

Und meine Phantasie folgte diesem Bilde weit, weit in die Ferne,- ich dachte 
an Mama, an die Wiese vor dem Hause, die hohen Linden im Garten, den reinen 
Teich, über dem Schwalben hin und her schössen,- an duftende Heudiemen, den 
blauen Himmel, an dem durchsichtige weiße Wolken standen,- an einem stillen, 
heiteren Abend, und viele andere, ruhigfreudige Erinnerungen hielten Einzug in 
mein aufgeregtes Gemüt« <S. 143). 

Sehr interessant, aber auch nur an der Hand der Erkenntnis von der Ambi- 
valenz der Neigungen deutbar ist der auf p. 9 erzählte Traum: »Ich sagte Karl 
Iwanowitsch (sein Lehrer), ich hätte geträumt, Mama stürbe. Und als er mich 
freundlich zu trösten und zu beruhigen suchte, kam es mir vor, als hätte ich wirk- 
lich diesen schrecklichen Traum gehabt, obgleich ich entschieden nichts mehr wußte — 
und meine Tränen flössen nun schon aus einem anderen Grunde. Karl Iwanowitsch 
ging ins Klassenzimmer,- ich zog schluchzend meine Strümpfe an und dachte über 
den schrecklichen erfundenen Traum nach.« 

Man darf über diesen Traum nicht hinweggehen, ohne den Anlaß zu be- 
trachten, bei dem ihn der Kleine seinem Lehrer erzählt. Er war nämlich — damit 
beginnt die Novelle — durch eine unsanfte Bewegung, die Karl Iwanowitsch mit 
der Fliegenklappe über seinem Bette ausführte, aus dem Schlafe geweckt worden 
und hatte allerhand unfreundlichen Gedanken gegen diesen in seinem Innern Raum 
gegeben, während er sich weiter schlafend stellte. Der Lehrer will ihn durch ein 
Kitzeln an den Fußsohlen wecken. Da kippt auf einmal die Stimmung des Knaben 
um. »Wie ist er gut und wie hat er uns lieb. Und ich konnte so schlecht von ihm 
denken! jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, schob den Kopf neben dem Kissen 
hervor und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, lassen Sie, Karl Iwanowitsch!« 

Teilnahmsvoll fragt er ihn, ob er etwas Schlimmes geträumt habe. 

»Ich schämte mich,- begriff nicht, wie ich eine Minute vorher solch unschöne 



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Leo N. Tolstoi. Kindheit 95 



Gedanken hatte hegen, seinen Sdilafrock, die Zipfelmütze und Troddel hatte wider^ 
vrärtig finden können. Jetzt erschien mir im Gegenteil alles sehr lieb und sogar die 
Troddel war mir ein klarer Beweis seiner Güte.« — Um seine Tränen zu erklären, 
erzählt er dem Lehrer den Traum vom Tode der Mutter. 

VielleiAt ist in dem ambivalenten Verhältnis zum Lehrer der psydiologisdie 
Keim oder mindestens eüj Anhaltspunkt für die Gestaltung des Verhältnisses zu 
den imaginären Eltern zu erblidcen. 

Bewundern wir an dieser und an ähnlidien Stellen die wunderbare Kraft 
materialer Antizipation, so dürfen wir in anderen Äußerungen psydiologisdi sehr 
wertvolle Bekenntnisse wirklidier Erlebnisse vermuten. Das gilt vor allem für die 
Erzählung von dem ersten Kuß, 

»Das Kleid mit dem Halsaussdinitt rutsdite den Mäddien beim Büdtcn von 
der Schulter. Sie brachten es dadurch wieder in die richtige Lage, daß sie die 
Schulter senkten und schnell hoben. Über die Raupe gebeugt, madite Katja eben 
diese Bewegung, als ich ihr über die Schulter blidae. Der Wind hob das Busentuch 
von ihrem weißen Halse. Ich blickte schon nicht mehr auf die Raupe, sondern auf 
die nur zwei Finger breit von meinen Lippen entfernte nackte Schulter. Ich sah 
und sah und preßte dann meine Lippen so heftig darauf, daß Katja zurückwich, 
und empfand dabei solchen Genuß, daß ich am liebsten nie aufgehört hätte. Katja 
Nxandte sich nicht einmal um,- aber ich bemerkte, daß nicht nur die Stelle, die ich 
geküßt, sondern ihr ganzer Hals rot wurde. Wolodja sagte verächtlich : »»Was sind 
das für Zärtlichkeiten!«« und beschäftigte sich weiter mit der Raupe. Mir aber traten 
vor Lust und Scham Tränen in die Augen. Dieses Lustgefühl war für mich ganz 
neu/ nur einmal, als ich meinen bloßen Arm betrachtete, hatte ich etwas Ahnliches 
empfunden.« — Eindrucksvoller läßt sich der Übergang von der Auterotik zur 
Hetererotik gar nicht beschreiben. — Das Mädchen Katja wird in Moskau durch 
den Knaben Scrjoscha abgelöst. 

»Seine ungewöhnliche Schönheit überraschte und fesselte mich. Ich fühlte eine 
unbezwingliche Neigung zu ihm, vielleicht, weil sein Gesicht einen kühnen, spöttischen 
Ausdruck zeigte,- vielleicht, weil ich, mein Äußeres verachtend, an anderen den 
Vorzug der Schönheit übermäßig schätzte,« vielleicht — was ein sicheres Zeichen 
wahrer Liebe, weil ich mir einbildete, er müsse sehr stolz sein und würde mich 
niemals lieben. So fürchtete ich ihn ebenso, wie ich ihn liebte. . . . Ihn sehen war 
für mich schon genügend, um glücklich zu sein und eine Zeitlang waren all meine 
Scelenkräfte darauf gerichtet. Wenn ich sein hübsches Gesicht drei oder vier Tage 
nicht gesehen hatte, härmte ich mich und wurde bis zu Tränen traurig. 

All meine Träume betrafen ihn. Wenn ich schlafen ging, hatte ich den 
Wunsch, von ihm zu träumen/ wenn ich die Augen schloß, sah ich ihn vor mir 
und liebkoste dieses Phantasiegebilde mit höchstem Genuß. Niemandem machte ich 
von diesem Gefühl Mitteilung und das vermehrte seine Bedeutung und Stärke« 
<S. 115 f.). »Er hatte eine üble Angewohnheit: wenn er nachdenklich war, richtete 
er die Augen starr auf einen Punkt und blinzelte unaufhörlich, mit der Nase und 
den Augenbrauen zuckend. Alle fanden diese Angewohnheit sehr entstellend,- mir 
aber schien sie so unaussprechlich lieb, daß ich unwillkürlich das gleiche tat,- einige 
Tage nach unserer Bekanntschaft fragte Großmutter mich, ob mir die Augen weh 
raten, da ich mit ihnen klapperte wie eine Eule« <S. 117), 

Diese, wie man sieht, sehr intensive gleichgeschlechtliche Neigung findet aber 



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I>G Emil Eranz Lorenz 



ein jähes Ende durch die BekanntsAaft, die der Knabe auf dem Hausball mit der 
kleinen Sonja maAt. 

»Beim Abschied von Iwins spradi idi sehr frei, ungezwungen und sogar 
etwas kalt mit Serjosdia und drückte ihm die Hand. Diese Veränderung in meinem 
Benehmen überrasdite ihn wahrsdieinlidi unangenehm, denn er sah midi fragend 
Uüd nidit gerade freundlidi an. Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf midi mit 
dem heutigen Abend sein Ende erreidit hatte, tat ihm das sidier leid, obgleidi er 
sidi bemühte, ganz gleidigiltig zu ersdieinen. — Zum erstenmal im Leben war idi 
treulos in der Liebe und zum erstenmal empfand idi die Süßigkeit dieses Gefühls. 
Es war mir eine wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit 
gegen ein frisdies Liebesempfinden voll Heimlidikeit und Ungewißheit einzutausdien. 
Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue beginnen doppelt 
lieben* <S. 149). 

Wie eine wehmütig tiefe Symbolik wirkt es, wenn der Diditer an die Ge* 
winnung dieses Standpunktes der »normalen« erotisdicn Neigung den Tod der 
Mutter sidi anschließen läßt, in den dieses Wahrheit und Dichtung vermengende 
Stück seiner Autobiographie ausklingt. 

Durch die Aufnahme der von der russischen Zensur ursprünglich unter^ 
drückten, aber von der Gräfin Tolstoi in die neueste russische Gesamtausgabe 
an der Hand der Manuskripte wieder eingearbeiteten Stellen erweist sich die Über- 
setzung der Universalbibliothek als die einzige, die derzeit ernstlich in Betradit 
kommt. Dr. Emil Franz Lorenz. 



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Bibliographie 97 



Übersicfit der Leistungen der auf die Geisteswissen^ 
schaffen angewandten Psychoanalyse, 

soweit sie im Jahre 1912 außerhalb von »Imago« ersdiienen: 

BURROW Trigant, M. D., Ph. D. (Baltimore) : Psychoanalysis and Society <)ourn. 

of abnorm. Psydiology, Dez. 1912, Vol. VII, Nr. 5). 
CORIAT J. H.: The Hysteria of Lady Macbeth (New^york 1912). 
EMERSON: Psydioanalysis and social service <Physician and surg. XXXIII). 
FURTMQLLER, Dr. Karl: PsyAoanalyse und Ethik <MünAen 1912, E.Reinhardt). 
JONES, Prof. Ernest (Toronto): Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen 

Formen des mittelalterlidien Aberglaubens. Deutsdi von Dr. E. H. Sadis 

(Sdiriftcn z. angew. Seelenkunde, Heft 14). Leipzig und Wien 1912, 

F. Deuticke. 

— PsydiO'Analysis and Education: The value of sublimating processes for cdu* 

cation and re-education (Journal of Educational Psyrfiology, May 1912). 
Aufgen. in »Papers on Psydio-rAnalysis«, London 1913, diapt. XX. 
JULIUSBURGER, Dr. Otto (Berlin): Vom Philosophen Philipp Mainländer (Zbl. f. 
Psa. II, S. 35 f.). 

— Alte und neue Ethik vom Standpunkte des Arztes (Sep.'A.?). 

JUNG, Doz. Dr. C. G. (Zuridi): Wandlungen und Symbole der Libido. Ein 

Beitrag zur Entwidtlungsgesdiichte des Denkens. II. Teil (Jb. f. psa. ForsAg. 

Bd. IV, 1912). 
KÖRBER, Dr. Hcinr. (Berlin): Sexualpädagogik und Sexualabstinenz (Die neue 

Generation, VIII. Jahrg., Hft. 7, Juli 1912,- daselbst audi Diskussionsberidit 

über das Thema). 
KOSTyLEFF: La psydioanalyse appliquee ä Tetude objective de Timagination 

(Rcv. philos., Avril 1912). 
KOVACS, Dr. S. (Budapest): Introjektfon, Projektion und Einfühlung (Zbl. f. 

Psa. Bd. II, 253 bis 263; 316 bis 327). 
MESSMER, Prof. Dr. Oskar (RorsdiaA): Die PsyAoanalyse und ihre pädagO' 

gische Bedeutung (Berner Seminarblätter Bd. V, Hft. 9). 

— Die Psydianalyse und Ihre Entwicklung (ebenda, VI. Jahrg. 1912, Hft. 12 u. ff.), 
PAUL W. E., M. D.: Freud's Psydiology as applied to cfiildren (Boston Medic. 

and Surg. Journ. April 1912). 
»PSyCHOANALySE UND PÄDAGOGIK« mit Beiträgen von Pfarrer Dr. 

Oskar Pfister (Zürich), Dr. med. Alphonse Maeder (Züridi), Lehrer Dr. 

Otto Mensendiedc (Zürich), Seminardirektor Dr. Ernst Schneider (Zürich), 

Seminarlehrer Prof, Oskar Messmer (Rorschach) und einer Diskussion (Berner 

Seminarblätter, VI. Jahrg. 1912, Hft. 10 bis 12). 
RANK, Dr. Otto (Wien): Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Grundzüge 

einer Psychologie des diAterisdien Schaffens (Leipzig und Wien 1912, 

F. Deuticke). 

— Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. Zugleich ein 

Beitrag zur Sexualsymbolik (Zbl. f. Psa. Bd. II 372 bis 383/ 425 bis 437). 

— Die Symbolschichtung im Wecttraum und ihre Wiederkehr im mythischen Denken 

(Jb. f. psa. ForsAg. Bd. IV, 1912, S. 51 bis 115). 

Imago IM 7 



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98 Bibliographie 



REIK, Dr. Theodor (Wien) : Flaubcrt und seine » Versu diung des heiligen Antonius« 
(Minden 1912, J. C. Bruns). 

— Dirfitung und Psydioanalysc <Pan, 21. März 1912). 

SCHRECKER Paul: Henri Bergsons Philosophie der PersönliAkeit. Ein Essay 

über analytisdic und intuitive Psydiologie (Mündien 1912, E. Reinhardt). 

SCHRÖTTER, Dr. Karl (Wien): Experimentelle Träume (Zbl. f. Psa. 11, S. 638 ff.). 

— Zur Psydiologie und Logik der Luge (Sep.-Ab. aus der wissensdi. Beil. z. 

24. Jahresberidit 1912 der PhilosophisAen Gesellsdiaft an der Universität 
zu Wien (Leipzig 1912, J. A. Barth). 
SILBERER Herbert (Wien): Über die Symbolbildung (Jb. f. psa. ForsAg., Bd. III, 
S. 661 u. ff.). 

— Ober die Behandlung einer Psydiose bei Justinus Kerner (ebenda, S. 724 ff.). 

— Lekanomantisdie Versudie (Zbl. f. Psa. Bd. II). 

STEKEL, Dr. Wilh. (Wien) : Die Träume der Di diter. Eine vergleidicndc Unter- 

sudiung der unbewußten Triebkräfte bei Diditem, Neurotikern und Vcr- 

brediern (Wiesbaden 1912, J. F. Bergmann). 
STÖCKER Lydia: Mystik und Erotik (Die neue Generation, 8. Jahrg., Hft. 2, 

Februar 1912). 
STORFER A. J. (Frankfurt): Zwei Typen der Märdienerotik (Sexual-Probleme, 

April 1912). 

— Jungfrau und Dirne. Ein vöIkerpsydioIogisAer Beitrag zur Sdileiersymbolik 

(Zbl. f. Psa. Bd. II, S. 200 ff.). 




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BüAcr 99 

Büdiereinlauf. 

<BcsprcAung vorbehalten.) 

Bohn Georges: Die neue Tierpsychologie. Autor, deutsche Qbers. von Dr. R. 

Thesing. (Leipzig 1912. Veit ^ Co.) 
Boldt Ernst: Sexualprobleme im Lidhte der Natur^ und Geisteswissenschaft- 

(Leipzig 1912. Max Altmann.) 
Bon Gustave le: Psychologie der Massen. Autor. Übers, von Dr. R. Eisler. 

Zweite, verb. Aufl. (Leipzig 1912. Dr. W. Klinkhardt.) Philos.-soziol. 

Büdierei II. 
Christiansen Broders: Von der Seele. Bd. I: Vom Selbstbewußtsein. (Berlin 

1912. B. Behrs.) 
Dauthendey Max: Der Geist meines Vaters. (Mönchen 1912. Albert Langen.) 
Ebbinghaus Hermann: Abriß der PsyAologie. 4. Aufl. Durchges. von Prof. E. 

Dürr. (Leipzig 1912. Veit «) Co.) 
Flaubert Gustave: Gesammelte Werke. Bd. VII— X: Briefe. (Verlag }. C. C. 

Bruns, Minden i. W.) 
Gerland Georg: Der Mythus von der Sintflut. (A.Marcus ® E. Weber, Bonn 

1912.) 
Haeberlin P.; Wissensdiaft und Philosophie. Bd. II. (Basel 1912. Kober.) 
Hör and F. M.: Cesare Monti, Feldhauptmann von Savona. Trauerspiel in fünf 

Aufz. (Verl. D. F. Munter, Halle a. S.) 
Horneffer August: Der Priester, seine Vergangenheit und seine Zukunft. 

2 Bände. (Jena 1912. Eugen Dieterichs.) 
Jennings H.: Die Rosenkreuzer. Ihre Gebräuche und Mysterien. Mit zirka 

300 Illustr. u. 12 Tafeln. 2 Bände. (Berlin 1912. H. Barsdorf.) 
Langer Felix: Mageion. Die Geschidite eines nervösen Mäddiens und andere 

Novellen. (Berlin 1911. Bruno Cassirer.) 
Leadbeater C. W.: Träume. Eine theosophische Studie. (Leipzig 1912. Max 

AJtmann.) 
Michel Robert: Der steinerne Mann. Roman. (Berlin 1909. S. Fischer.) 

— Das letzte Weinen. Novellen. (Wien 1912. Deuts A^österr. Verlag.) 
Mo reck Curt: Jokaste, die Mutter. (Leipzig 1912. E. Rowohlt.) 

Musil Robert: Die Vcrirrungen des Zöglings Törlcß. Roman. 2. Aufl. (München, 
Georg Müller.) 

— Vereinigungen. Zwei Novellen. (Ebenda.) 

Reik Dr. Theodor: RiAard Beer^Hofmann. (Leipzig 1912. R. EiAler.) 

Rcitzcnstein, Prof. Dr. RiA.: Zur SpraAe der lateinisAen Erotik. Sitzungsber. 
d. Heidelberger Akad. d. Wiss., phiUhist. Kl. Jhrg. 1912, 12. Abt. (Heidel- 
berg 1912. C. Winter.) 

Rohfeder Dr. Herrn.: Monographien über die Zeugung beim MensAen. Bd. IIs 
Die Zeugung unter Blutsverwandten (Konsanguinität, InzuAt, Inzest). Eine 
naturwissensAaftliA'kulturhistorisAe Sexualstudie. (Leipzig 1912. Georg 
Thieme.) 

Schlesinger Max: GesAiAtc des Symbols. Ein VersuA. (Berlin 1912. L. Simion. 
Nfg.) 



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100 Büdier 

Schnitzicr Arthur: Gesammelte Werke. In zwei Abteilungen, I. DEc erzählenden 

Sdiriften (m 3 BA), IL Die Theaterstücke <iii 4 M.y (Berlin 1912. S. 

Fisdier-) 
Schröder^ Prof. L, v. (Wien): Die Vollendufig des arisAen Mysteriums in 

Bayreuth. (München 1912- J, F. Lehmann.) 
Staudenmaier Dr, Ludw*: D[e Magie als experimentelle Naturwissens Aäft. 

(Leipzig 1912- Akad. VerlagsgesellsA.) 
St Öhr Prof. Dr. Adolf: Psychologie der Aussage. »Das Redit.c Sammig. v, At* 

handig, für Juristen u. Laien. Bd. IX— X, (Berlin 1912. PTittkammer 'S> 

Mühtbrefht,) 
Wreschncr, Prof. Dr- Arthur: Die Spradjc des Kindes. (EüriA 1912. Oref 

FüssIL) 




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